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-Project Gutenberg's Geschichte der Mathematik im Altertum, by Max Simon
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Geschichte der Mathematik im Altertum
- In Verbindung mit antiker Kulturgeschichte
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-Author: Max Simon
-
-Release Date: May 14, 2020 [EBook #62131]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER MATHEMATIK IM ALTERTUM ***
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-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | [**symbol] oder [**symbols] bedeuten Symbole im Text, die nicht |
- | als Text wiedergegeben werden können. [**arc] steht für einen |
- | Kreisbogen über dem folgenden Text, [**vector] für einen Pfeil |
- | über dem Text. |
- | n [**ueber] k ist der Binomialkoeffizient »n über k«. |
- | 1-1/2 steht für den Bruch 1½, bei Subtraktionen ist ein |
- | Leerzeichen vor und nach dem Minuszeichen, wie bei 1 - 1/2. |
- | Hostgestellte Buchstaben und Text werden als n^k oder n^{k+1} |
- | dargestellt, tiefgestellte Buchstaben und Text als n_{k} oder |
- | n_{k+1}. Gesperrter Text ist als ¨gesperrt¨ dargestellt, |
- | Kursivschrift als ¯kursiv¯ und Fettschrift als $fett$. |
- | |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
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- GESCHICHTE
- DER
- MATHEMATIK IM ALTERTUM
-
- IN VERBINDUNG MIT
- ANTIKER KULTURGESCHICHTE
-
- VON
-
- D^{R.} MAX SIMON
-
- HONORARPROFESSOR DER UNIVERSITÄT STRASSBURG
-
- [Illustration]
-
- VERLAG VON BRUNO CASSIRER
- BERLIN 1909
-
-
- Theodor Reye
-
- IN
- DANKBARKEIT UND VEREHRUNG
- GEWIDMET
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Diese Schrift ist im wesentlichen eine Drucklegung der Vorlesung,
-welche ich 1903 in Strassburg gehalten habe, nur der Abschnitt über
-Babylon musste infolge der raschen Arbeit des Spatens in Mesopotamien
-stark erweitert werden. Die Vorlesung sollte der Ausführung des
-Satzes aus meiner Didaktik und Methodik in ¨Baumeisters¨ Handbuch der
-Erziehungs- und Unterrichtslehre dienen, dass, wie jeder Oberlehrer, so
-besonders der Mathematiker möglichst allgemein gebildet sein müsse.
-
-Für Ägypten hatte ich an ¨Wilhelm Spiegelberg¨ einen stets bereiten
-Führer und Helfer, für Indien konnte ich mich auf meinen langjährigen
-Freund ¨Ernst Leumann¨ stützen. Beiden Herren hier meinen herzlichen
-Dank auszusprechen, möge mir erlaubt sein.
-
-Leider hat die Universitas litterarum Argentoratensis eine empfindliche
-und schwer begreifliche Lücke, ¨es fehlt der Assyriologe¨, und so war
-ich hier auf mich selbst angewiesen, da die Hoffnung sich zerschlug
-einen Kritiker in ¨W. Bezold¨ zu finden, dessen höchst anziehende
-Monographie »¨Babylon und Ninive¨« mich in dies Gebiet eingeführt
-hatte, wie ¨Ermans¨ klassisches »Ägypten« in jenes.
-
-Bei der Korrektur hat mich der Dozent der Philosophie an der
-Universität Berlin ¨Dr. E. Cassirer¨, der Verfasser des Werkes »das
-Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit«
-freiwillig unterstützt, wofür ich um so dankbarer bin als meine Augen
-nicht mehr die besten sind.
-
-Meinem Schüler und jüngeren Freund Herrn Diplomingenieur ¨Ernst Frank¨
-bin ich für die mühsame und schöne Federzeichnung ¨Gudeas¨ und eine
-ganze Anzahl Photographien verpflichtet, aber die meisten Photographien
-hat mein langjähriger Kollege der Maler und Zeichenlehrer Herr ¨Chr.
-Kneer¨ in liebenswürdigster Weise mir geliefert.
-
-Zum Schluss ist es mir Bedürfnis, der Verlagshandlung ¨Bruno Cassirer¨,
-für welche die Drucklegung dieses Werkes mit ausserordentlicher Mühe
-verknüpft war, für ihre Sorgfalt und Opferwilligkeit meinen Dank
-auszusprechen.
-
- Strassburg i. E., Nov. 1908.
-
- ¨Max Simon¨
-
-
-
-
- Meine Herren!
-
-
-Die zusammenhängende Geschichte der Mathematik auf strenger Grundlage
-ist einer der jüngsten Zweige unserer Wissenschaft; sie datiert
-eigentlich erst seit dem grossen Werke ¨Jean Etienne Montucla¨'s:
-Histoire des Mathématiques von 1758 oder richtiger vom 7. August 1799,
-an welchem Tage die beiden ersten Bände der zweiten Auflage erschienen.
-Es liegt dies in der Natur der Sache, eine Geschichtsschreibung setzt
-immer einen gewissen Abschluss voraus, es müssen die ihrer Zeit
-treibenden Gedanken -- damals die Prinzipien der Infinitesimalrechnung
--- ausgebeutet sein, sie müssen ihre treibende Kraft verloren haben,
-um einer objektiven Darstellung Raum zu gewähren. Ganz analog schrieb
-der Aristoteliker ¨Eudemos¨ sein leider grösstenteils verlornes
-Geschichtswerk, als die Mathematik der Pythagoreer und Platoniker ihre
-Kodifikation durch ¨Eudoxos¨ und andere gefunden hatte. Man darf auch
-nicht vergessen, dass die Weltgeschichte selbst erst Wissenschaft
-geworden ist, seitdem am Ende des 17. Jahrhunderts ¨Leibniz¨ auf
-die Urkunde, auf die Forschung in den Archiven als ihre Grundlage
-hingewiesen hat.
-
-So grossartig die Leistung Montuclas war, so hat doch nur ein geringer
-Teil seiner Darbietungen die Kritik bestanden. Einerseits war sein
-Plan zu gross für einen einzelnen Menschen angelegt, er sollte nicht
-bloss Geometrie, Algebra, Infinitesimalrechnung umfassen, sondern
-auch Astronomie, Mechanik und die bis zur französischen Revolution
-zur Mathematik gezählten Disziplinen, Optik, Nautik, Chronologie und
-Gnomonik. Dann aber sind erst im 19. Jahrhundert die Quellen für die
-ägyptische, babylonische, arabische und indische Mathematik erschlossen
-worden, und selbst die Mathematik der Griechen und Römer erscheint
-uns heut in ganz anderem Lichte. Der Neuhumanismus von den grossen
-Philologen Friedrich August Wolf und Gottfried Hermann ausgehend, schuf
-eine Schule von Philologen, ich nenne nur Diels, Heiberg und Hultsch,
-welche mit einer vorher unbekannten Schärfe und ungeahntem Erfolge
-die mathematischen Werke der Alten, Euklid, Ptolemeus, Pappus, Heron,
-Archimedes, Vitruv etc. edierten.
-
-Der grosse Aufschwung, den das Interesse für Geschichte der Mathematik
-im 19. Jahrhundert, besonders seit der Mitte desselben, genommen,
-erklärt sich aber auch allgemeiner. Mit Kants Kritik der reinen
-Vernunft setzt die kritische Strömung ein, die in erster Linie das
-Geistesleben des 19. Jahrhunderts beherrscht hat. Sie unterwarf sich
-durch Bolzano, Gauss, Kummer, Weierstrass, auch die Mathematik und
-drängte dazu, alles Überlieferte auf seine Wahrheit und seinen inneren
-Zusammenhang zu prüfen.
-
-Dazu kam dann die stärkere Betonung des geschichtlichen Elements für
-die Ausbildung der Methode des mathematischen Unterrichts. Er hat
-seine Geschichte und seine Koryphäen für sich. Ich verweise auf die 2.
-Auflage meiner Didaktik und Methodik des Rechnens und der Mathematik
-(München 1908). Aber die Lehrer begriffen doch allmählich, wie die
-zahlreichen l. c. erwähnten Programme, denen ich als neuestes das
-Programm von Dr. ¨M. Gebhart¨ Ostern 1908 hinzufüge, beweisen, dass für
-den Unterrichtserfolg der Einblick in das historische Werden durchaus
-nötig sei. Denn der Einblick in das historische Werden der Erkenntnis
-vermittelt zugleich das beste Verständnis für die gewordene. Es sei
-hingewiesen auf ¨E. Cassirer¨, das Erkenntnisproblem in der Philosophie
-und Wissenschaft der neueren Zeit Bd. I 1906, Bd. II 1908.
-
-Für den Lehrer ist dieser Einblick ganz besonders wichtig, weil nur
-die Geschichte Aufklärung gibt über die Schwierigkeiten, welche der
-Geist bei der Bewältigung der einzelnen Probleme zu überwinden hat.
-Dazu kommt noch ein anderer Umstand, der für die Schule ganz besonders
-zu betonen ist, der Hinweis nämlich auf den Zusammenhang aller
-Kulturarbeit, das ist kurz auf die Einheit des menschlichen Geistes.
-Logarithmen und Wahrscheinlichkeitsrechnung haben die Statistik und
-die Sozialgesetzgebung geschaffen. »Die stille Arbeit des grossen
-Regiomontan in seiner Kammer zu Nürnberg berechnete die Ephemeriden,
-welche Kolumbus die Entdeckung Amerikas ermöglichten.« (¨F. Rudio.¨)
-
-Der kritische Geist des Jahrhunderts zeitigte noch eine Blüte, die
-der historischen Forschung zugute kam, so wenig erfreulich sie sonst
-ist. -- Ich meine die Prioritätsstreitigkeiten, wobei allerdings die
-historische Wahrheit nicht selten durch die ebenfalls ganz moderne
-Ausbildung des Nationalitätsgefühls getrübt wird.
-
-Dazu kommt noch ein weiteres wichtiges und treibendes Moment der
-historischen Forschung, das ist die nur historisch zu begreifende
-Wandlung, welche die Begriffe im Laufe der Zeit durchmachen, die
-Umwertung aller Werte, um mit Nietzsche zu reden. Nehmen Sie z. B.
-den Funktionsbegriff, den wichtigsten und weittragendsten von allen;
-¨Leibniz¨ und die ¨Bernoulli¨, die diesen Begriff zuerst als einen
-selbständigen ausgeprägt haben, nahmen das Wort von der gemeinsamen
-Bezeichnung der verschiedenen Potenzen von x her und bezeichneten y
-als Funktion von x, wenn ein analytischer Ausdruck, eine Gleichung
-vorlag, durch welche die Änderung des y an die des x gebunden wurde.
-Die Fourierschen Reihen, d. h. die nach dem sinus oder cosinus der
-multiplen eines Argumentes x fortschreitenden Reihen, welche eine
-einzige Darstellung für eine ganz willkürliche Veränderliche lieferten,
-zwangen dann Dirichlet den Begriff umzuprägen. Heute fasst man z. B.
-√x nicht als Funktion von x auf, wohl aber einen Dezimalbruch, dessen
-x-Stellen in x-Würfen ausgewürfelt werden. Hierher gehört die ganze
-Lehre vom Flächen- und Körperinhalt, sowohl die Flächenvergleichung
-als die Inhaltsbestimmung krummlinig begrenzter Flächen, überhaupt
-die ganze räumliche Messung. Noch ¨Christoffel¨ stützte in seinen
-Vorlesungen die Lehre vom bestimmten Integral darauf, dass das Integral
-den Flächeninhalt angibt. Er versprach zwar an dieser Stelle immer den
-arithmetischen Beweis dafür, dass Σ(y_{K∓1} y_{K}) (x_{K∓1} x_{K}) eine
-bestimmte Grenze habe gelegentlich zu liefern, aber die Gelegenheit
-fand er nicht. Jahrhunderte hindurch wurde die Integralrechnung
-Quadratur genannt, heute wird umgekehrt der Flächeninhalt durch das
-bestimmte Integral definiert. Der naive Mensch verbindet mit der
-Strecke sofort ihre Länge, aber 1892 wurde diese Länge definiert als
-die bestimmte transfinite Anzahl der Linienelemente. Und die Lehre von
-den Polyedern und dem Eulerschen Satze! Welche Wandlung hat da schon
-der Begriff Polyeder durchgemacht bis ¨C. Jordan¨ und ¨C. K. Becker¨
-den Zusammenhang mit der Riemannschen Zahl p, dem Geschlecht der
-Abelschen Funktionen, der Ordnung des Zusammenhanges erkannten. Und der
-Begriff der Fläche, -- man denke an die einseitigen Flächen ¨Listings¨
-und ¨Möbius'¨, ferner an die stetigen aber nicht differenzierbaren
-Funktionen, ja an den Begriff der Geometrie selber, der sich in den
-letzten 50 Jahren vollkommen verschoben hat. All diese Entwicklungen
-können nur historisch oder gar nicht erfasst werden.
-
-Allmählich aber hat sich auch in weiteren Kreisen ein reines Interesse
-an der historischen Forschung als solcher entwickelt. Es gewährt eine
-hohe Befriedigung, das grosse Gesetz der Kontinuität, das sich wie
-ein roter Faden durch alle menschliche Geistesarbeit hindurchzieht
-und alle menschlichen Generationen verknüpft, auch in der Mathematik
-blosszulegen und gewissermassen diesen Faden aufzurollen.
-
-Das Standardwerk des Säkulums ist das Riesenwerk ¨Moritz Cantors¨ in
-Heidelberg, die Vorlesung über Geschichte der Mathematik in 3 Bänden.
-Band 1 erschien 1880, Band 3 wurde 1899 fertig und noch ehe das Werk
-vollendet war, 1894, erschien die 2. Auflage des 1. Bandes, 1901 schon
-die des 3. Diese rasche Folge ist wohl der sprechendste Beweis dafür,
-wie sehr das historische Interesse unter den Mathematikern erstarkt
-ist. Das Werk Cantors ist eine staunenswerte Leistung und wird es
-bleiben, auch wenn es ihm ergangen sein wird, wie seinem Vorgänger,
-dem Montucla; die von diesem grossen Werke ausgehende Einzelforschung
-wird vieles, ja sehr vieles was im Cantor steht, berichtigen. Für
-indische, ägyptische, babylonische, hellenische Mathematik ist diese
-verdienstliche Maulwurfsarbeit bereits stark im Gange.
-
-Wenn ich mich nun zu meinem Gegenstande wende, so ist es klar, dass ich
-nicht mit der Erfindung der Mathematik beginnen kann. Die Mathematik
-ist nie und nirgends erfunden worden und wenn die Ägypter die Erfindung
-ihrem Gott Thot zuschrieben, so ist damit auch nichts anderes gesagt.
-Mathematische Vorstellungen sind ja keineswegs auf den Menschen
-beschränkt; die Henne, die all ihre Küchlein, der Hirtenhund, der alle
-Tiere seiner Herde kennt, haben Zahlvorstellungen. Die Spinne, wenn
-sie ihr Netz anlegt, bedient sich ihres eigentümlich gebauten Fusses,
-wie eines Masszirkels, die Bienen haben beim Bau ihrer sechseckigen
-Zellen eine schwierige Maximumsaufgabe gelöst. Ja selbst der Regenwurm
-dreht den Grashalm um und schleppt ihn mit der Spitze voran in seine
-Röhre, und Proklus erzählt uns, dass auch der Esel in gerader Linie
-auf sein Futter ziele. Es ist eine lange durch ungezählte Jahrtausende
-fortgesetzte und durch Vererbung erhaltene Arbeit, welche von den
-dunkelsten Reaktionen auf Kontaktreiz etwa in den verschiedenen Wimpern
-der Aktinien bis zur bewussten dreidimensionalen Reaktion auf Tast- und
-Hautreiz führt und unsere Geometrie geschaffen hat und fortwährend an
-ihr schafft.
-
-Wie überall, so geht auch der geschichtlichen Mathematik eine schier
-unendlich lange prähistorische Zeit voraus, in der die wichtigsten
-Begriffe geschaffen werden: der des Masses, der Zahl, der geraden
-Linie, des Abstands, der Richtung, des Winkels, des Punkts, der Fläche,
-des Körpers etc.; in dieses Dunkel kann höchstens die Sprachforschung
-einiges Licht bringen. Wir sehen, dass die Masse überall vom eigenen
-Körper hergenommen werden, von der Puruscha, der Menschenlänge der
-Inder, der Elle Mah und Handbreite der Ägypter bis zum Fusse der
-Griechen, Römer und Germanen. Die Finger, gelegentlich auch die Zehen
-bilden die natürlichen Komplexe für die Zählung; 20, 10, 5 bilden
-die Abschnitte. Wenn die Griechen die Ebene επιπεδον nennen, d. h.
-das, worauf der Fuss steht, so können wir schliessen, wie sich ihnen
-der mathematische Begriff Ebene aus dem der Ebenheit entwickelt
-hat und ευθεια, was ich als die ohne Zeitverlust darauflosgehende
-interpretiere und mit θυνω zusammenbringe, bezieht sich auf die Gerade
-als kürzeste Verbindung, wie das lateinische recta mit Richtung
-zusammenhängt. Sinnesreize, Sinneswahrnehmungen sind es, aus denen sich
-die mathematischen Vorstellungen entwickelten und man kann sich den
-Ursprung und die Anfangsepoche der Mathematik gar nicht grobsinnlich
-genug vorstellen. Die Mathematik, die Arithmetik wie die Geometrie
-ist eine Experimentalwissenschaft bis Archimedes gewesen. Ja sie ist
-es noch heute, man denke an die Seifenblasen und die Gelatineflächen,
-die sich Kummer herstellte, an viele zahlentheoretische Sätze Fermats
-und Eulers, an Gauss' Zahleninduktion; und wenn man die Mathematik
-rubrizieren will, so gehört sie historisch zu den Naturwissenschaften,
-wenn sie auch allmählich mehr und mehr den Übergang zur reinen
-Geisteswissenschaft vollführt, und grade die gegenwärtige, durch
-¨Veronese¨ und ¨Hilbert¨ gekennzeichnete Phase einen rein logischen
-Charakter trägt.
-
-Wenn aber irgendwo der experimentelle Charakter der Mathematik
-hervortritt, so ist es bei den Ägyptern, deren Mathematik ganz und
-gar auf dem Wege des Experimentes zustande gekommen ist. ¨Heron¨ aus
-Alexandrien, der Mechanikus, wie ihn ¨Proklus¨ nennt, der grosse
-Feldmesser und Ingenieur, der wahrscheinlich 100 v. Chr. gelebt hat,
-ist in Form und Inhalt stark von altägyptischer Mathematik beeinflusst.
-In seinen 1903 von ¨Schöne¨ edierten Metrika sagt er: Nachdem die
-Körper, welche ein bestimmtes Gesetz befolgen, gemessen sind, ist es
-folgerichtig, auch die regellosen wie Baumstümpfe und Felsblöcke zu
-besprechen, da einige berichten, dass sich ¨Archimedes¨ dafür eine
-Methode ausgedacht hat. Falls nämlich jener Körper leicht transportabel
-wäre, sollte man eine hinlänglich grosse, vollkommen rechtwinklige
-Wanne machen, sie mit Wasser füllen und den unregelmässigen Körper
-hineintauchen. Es ist nun klar, dass soviel Wasser überfliessen
-wird, als jener Körper enthält. Soweit Archimedes, und nun schlägt
-Heron vor, den betr. schwer transportablen Körper mit Wachs oder
-Lehm zu bestreichen und zwar so, dass er mit der Umhüllung zu einem
-balkenförmigen Körper wird, dann den Lehm abzukratzen und gleichfalls
-in Balkenform zu kneten.
-
-Man sieht, wie äusserst wahrscheinlich es ist, dass Archimedes, der in
-Alexandrien studiert hat, seine Formel über den Inhalt der Kugel auf
-physikalischem Wege gefunden hat.
-
-Diesen experimentellen Charakter hat nun die gesamte Mathematik der
-Ägypter besessen, die ein Bauernvolk waren und sind, deren ganze Natur
-eine durch und durch realistische war, wie der Totenkultus und die
-Kunst bezeugen; waren doch ihre Säulen Nachbildungen der Lotos und
-Papyrosstauden, ihr Fussboden Nachahmung der Erde; ihr Leben nach dem
-Tode ganz nach dem Diesseits gemodelt, von allem andern zu schweigen.
-
-¨Handel und Verwaltung¨ zwangen zur Ausbildung der Rechenkunst. Der
-Handel wurde schon vor unvordenklicher Zeit von Staats wegen getrieben;
-grosse Handelsexpeditionen nach Punt (Somaliküste) und Kusch (Nubien)
-ausgesandt. Die Verwaltung war bis aufs kleinste organisiert. Ein Heer
-von Hofbeamten, ein Heer von Beamten der Lehnsbarone, sie ist in China
-und in Deutschland nicht bureaukratischer gewesen. Wir haben genug
-Denkmäler von dem Hochmut der Beamten und dem selbstverständlich noch
-grösseren ihrer Schreiber. Die ¨Feldmessung¨ aber und die Baukunst
-entwickelten die Geometrie. Die ¨Baukunst¨, die jene Denkmäler
-geschaffen, vor denen der grosse Napoleon seinen ¨Soldaten¨ zurief:
-Songez que du haut de ces monuments quarante siècles vous contemplent;
-und die gewaltigen Kanäle, Stau- und Schleusenwerke und Nildämme, die
-sich bis heute erhalten haben. Die ¨Feldmessung¨ aber musste in hohem
-Ansehen stehen bei dem komplizierten auf den Landbesitz gegründeten
-Steuersystem und dem hohen Werte des schmalen Kulturstreifens längs
-des Niles. ¨Herodot¨, dem wir die erste Kunde von Ägypten verdanken,
-berichtet, dass Sesostris -- in dieser sagenhaften Figur hat sich die
-Erinnerung an 2 Pharaonen, den mächtigen Pharao Sen-wos ret der XII.
-Dynastie etwa um 2200 und Ramses II erhalten -- das Land in Quadrate
-geteilt und wenn der Nil in seiner Überschwemmung Land ab- oder
-angespült hatte, Nachmessungen der staatlichen Feldmesser stattfanden,
-zum Zwecke der richtigen Steuerveranlagung. Daraus ist dann
-schliesslich bei ¨Strabo¨ die Erzählung geworden, dass das ganze Land,
-weil der Nil die Grenzzeichen jährlich fortgerissen hätte, jährlich neu
-vermessen wurde.
-
-Die historische, d. h. die auf Urkunden gestützte Zeit beginnt mit
-den Ägyptern und Babyloniern. Wenn wir mit den Ägyptern beginnen, so
-geschieht es nicht deswegen, weil wir heute noch die Vorstellung haben,
-wie sie von den Griechen ausgehend bis weit über die Mitte des 19.
-Jahrhunderts geherrscht hat, dass die Mathematik sich von Ägypten aus
-auf die übrigen Völker etwa wie eine Art Infektionskrankheit verbreitet
-habe. In seiner Festrede von 1884 sagt ¨Emil Weyr¨, der vor wenigen
-Jahren verstorbene Wiener Mathematiker: »Es muss als feststehend
-angenommen werden, dass ¨jedes¨ Volk in seinem Entwicklungsgange
-schon durch praktische Bedürfnisse gezwungen war, sich geometrische
-Kenntnisse anzueignen. Die Höhe dieser Kenntnisse richten sich nach
-der Grösse der praktischen Bedürfnisse, zu denen auch die religiösen
-gezählt werden müssen.«
-
-Wie wesentlich, wie entscheidend diese letzteren z. B. für die indische
-Mathematik gewesen sind, wusste Weyr selbst nicht, als er die Worte
-aussprach.
-
-Die Originalität der Ägypter ist gerade seit den letzten 30 Jahren
-keineswegs mehr unbestritten, in den letzten 30 Jahren ist auf den
-uralten Kulturzusammenhang zwischen Ägyptern und Babyloniern mehrfach
-hingewiesen worden, doch ist hier im einzelnen noch alles unklar. Für
-die Wägekunst und die Messkunst hängen die Ägypter direkt von Babylon
-ab. Die wunderbaren Funde von Tel Amarna zeigten uns kürzlich, dass um
-die Zeit des mittleren Reiches syrische Kleinkönige, die unter ägypt.
-Oberhoheit standen, in Asien an ihren Hof babylonisch berichteten, so
-etwa wie im 18. Jahrhundert unsere Gesandten französisch berichteten.
-Und was das Alter betrifft, so ist das ägyptische Papier, ja selbst
-das Leder nicht älter als die Ziegelsteine Babylons. (Die neuesten
-Forschungen ¨L. W. Kings¨ für Babylon [Chronicles Concerning early
-Babylonian Kings, 2. voll. 1907] und ¨Eduard Meyers¨ [Ägypten zur Zeit
-der Pyramidenerbauer, Leipzig 1908] geben allerdings dem ägyptischen
-Staate ein um mehrere Jahrhunderte höheres Alter.) Aber es gibt bis
-jetzt kein anderes Volk, für das die historische Überlieferung so
-wenig Lücken bietet wie das ägyptische. Erman in Berlin, der durch
-seine und seiner Schule Arbeit eigentlich erst die Ägyptologie auf
-wissenschaftliche Grundlage gestellt hat, sagt: Von der Zeit des Königs
-Snofru bis Alexander dem Grossen und von der griechischen Epoche her
-bis zum Einbruch der Araber und von diesem wieder bis auf unsere Tage
-liegt eine ununterbrochene Kette von Denkmälern und Schriftwerken vor,
-die uns die Verhältnisse dieses Landes kennen lehren.
-
-Über 6000 Jahre können wir die Geschichte dieses Volkes und nur dieses
-verfolgen. Darum und nur darum beginne ich mit den Ägyptern.
-
-
-
-
-I. Kapitel.
-
-Ägypten.
-
-
-Ägyptische Geschichte.
-
-Eine genaue ägyptische Chronologie existiert zurzeit nicht, obwohl im
-letzten Dezennium, insbesondere durch die Ausgrabungen der deutschen
-Orient-Gesellschaft unter Leitung von ¨Borchardt¨, wichtige Ansätze
-gewonnen sind. Nach dem Vorgange des ägyptischen Priesters Manetho,
-der in griechischer Sprache eine Königstafel gab, von der einiges
-erhalten ist, hat man die Geschichte bis auf Alexander in 30 Dynastien
-geteilt. Ich gebe hier die Epochen nach ¨Ed. Meyer¨ (Ägypt. Chronologie
-1904, Nachträge 1907) und ¨W. Spiegelberg¨, und zugleich nach diesem
-die der Kunstgeschichte. Der ursprüngliche Zustand in einer Zeit, die
-sich unserer Berechnung entzieht, ist wohl der einer Besiedlung des
-Landes durch einzelne selbständige Gaue gewesen; diese Gauverbände
-haben sich während des ganzen Altertums erhalten. Aber sehr früh muss
-der Riesenstrom, der nur durch vereinte Kräfte nutzbar zu machen war,
-namentlich in Unterägypten ein straff zentralisiertes Reich geschaffen
-haben, das bereits vor 4000 ein Kulturland war. Nach Meyer hat es
-das ägyptische Kalenderjahr geschaffen, »das vom 19. Juli 4241 an
-4000 Jahr unverändert in Ägypten bestanden hat, -- das älteste feste
-Datum, welches die Geschichte der Menschheit kennt.« Der Tag ist
-durch den Heliakischen Aufgang des Sothis (Sirius) festgelegt, denn
-das ägyptische Jahr mit 365 Tagen sollte mit diesem Aufgang beginnen,
-und der verschob sich alle 4 Jahre um einen Tag. Es folgten dann zwei
-politisch getrennte, religiös und kulturell gleichartige Reiche, Unter-
-und Oberägypten, von denen jenes die Fischer und Schiffer des Delta,
-dieses die Ackerbauer des oberen Stromlaufs umfasste, bis etwa um 3400
-Menes von Thinis, mit Königsname vielleicht ¨Namarê¨, Wahrheit eignet
-dem Re, Unterägypten unterwarf und die beiden Reiche vereinigte. Diese
-Vereinigung war eine wirtschaftliche Notwendigkeit; die Ackerbauer
-Oberägyptens mussten sich die freie Ausfuhr ihres Kornüberschusses in
-die Länder des Mittelmeerbeckens sichern.
-
-Die folgende Tabelle hat ¨W. Spiegelberg¨ seiner Vorlesung über die
-ägyptische Kunstgeschichte vom Winter 1906|7 zugrunde gelegt und
-mir die Publikation gestattet. Als Zentren der Frühzeit kamen neben
-Hierakonpolis (äg. Nechen) noch Buto (äg. Pe) in Betracht sowie Abydos.
-Als Könige der Kunstblüte des alten Stils sind Sahurê und Neweserrê zu
-nennen (Ausgrabungen der deutschen Orient-Gesellschaft ¨L. Borchardt¨;
-vergl. ¨Ed. Meyers¨, des um die ägypt. Chronologie hochverdienten
-Forschers Vortrag: Ägypten zur Zeit der Pyramidenerbauer, Leipzig,
-J. C. Hinrichs, 1908.) (Siehe Abb.)
-
-
-Die Epochen der ägyptischen Geschichte und Kunst.
-
- I. ¨Prähistorische Zeit¨.
-
- II. ¨Frühzeit¨ -- Archaische Kunst. Etwa 3400-2900 v. Chr. Dynastie
- I-III.
-
- III. ¨Altes Reich¨ -- Pyramidenzeit. Etwa 2900-2500 v. Chr.
-
- 1. Dynastie IV -- Die Pyramidenerbauer Cheops, Chephren und
- Mykerinos -- Entwicklung des neuen Stils.
-
- 2. Dynastie V -- Blütezeit des neuen Stils. Kunstzentrum:
- ¨Memphis¨.
-
- Erste Übergangsperiode -- Dynastie VI-XI -- Etwa 2500-2000 v.
- Chr. -- Zerfall des Reiches in Gaustaaten.
-
- IV. ¨Mittleres Reich¨ -- Der klassische Stil -- Dynastie XII. Um
- 2000-1800 v. Chr. -- Sen-wosret (das Urbild des Sesostris) und
- der Labyrintherbauer Amenemhet-Labares (Moeris). Kunstzentrum:
- ¨Fajum¨.
-
- Zweite Übergangsperiode -- Dynastie XIII-XVII. Um 1800-1580 v. Chr.
- -- Hyksosherrschaft.
-
- V. ¨Neues Reich¨ -- 1580-1100 v. Chr. Dynastie XVIII bis XX.
-
- 1. Wiederbelebung des klassischen Stils -- König Thutmosis III.
- und Königin Hatschepsowet. Um 1560 bis 1470 v. Chr.
-
- 2. Blütezeit -- Der freiere Stil. Beziehungen zu der
- mesopotamischen und mykenischen Kunst. -- Amenophis II. III.
- Thutmosis IV. -- Um 1470-1370 v. Chr.
-
- 3. Sonderkunst des Ketzerkönigs Chinatôn (= Amenophis IV.) --
- Ausartung des freieren Stils. -- Um 1375-1350 v. Chr.
-
- 4. Die Restauration -- (Haremheb, Sethos I.). Um 1313-1292 v. Chr.
-
- 5. Ramessidenkunst -- (Ramses II.). Impressionistische Richtung
- in der Architektur. -- Um 1292-1100 v. Chr.
-
- Dritte Übergangsperiode -- Dynastie XXI-XXV. Um 1100-663 v. Chr.
-
- Niedergang der Kunst und Beginn des Archaismus unter der
- libyschen und äthiopischen Fremdherrschaft. -- Schischak.
- Kunstzentrum ist im ganzen neuen Reich ¨Theben¨, mit Ausnahme
- der Regierung des Chinatôn, wo es ¨El-Amarna¨ ist.
-
- VI. ¨Die Spätzeit¨ -- Um 663-532 v. Chr.
-
- 1. Saitenzeit -- Dynastie XXVI. Psammetich, Amasis, Archaismus
- und Renaissance. Blütezeit der Porträtkunst. -- Um 663-525 v.
- Chr.
-
- 2. Perserzeit -- Verfall der Kunst während der persischen
- Fremdherrschaft (Herodot). Kunstzentrum ist ¨Sais¨.
-
- 3. Letzte Blüte unter den letzten einheimischen Dynastien --
- (XXVIII-XXX -- Nektanebos) -- 525-332 v. Chr. Kunstzentrum:
- ¨Philä¨.
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- VII. ¨Hellenistische Zeit¨ -- Ausleben und Erstarren der ägyptischen
- Kunst -- 332 v. Chr.-395 n. Chr.
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- 1. Ptolemäerzeit -- 332-30 v. Chr.
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- 2. Römische Kaiserzeit -- 30 v. Chr.-395 n. Chr. Zentrum der
- Kunst und Wissenschaft ist ¨Alexandria¨.
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-Die ersten 6 Dynastien bilden das alte Reich, etwa von 3400-2500. Die
-Hauptstadt ist Memphis, gegründet vom Könige ¨Menes¨, dem Men Herodots,
-der lange völlig sagenhaft war, bis vor kurzem sein Grab bei Negade in
-Oberägypten mit der Leiche gefunden wurde. Das Grab, eine gewaltige
-Kammer aus Ziegelsteinen, ist eine sogenannte ¨Mastaba¨, ein arabisches
-Wort, das eine grosse Bank bezeichnet. Das Grab, eine Nachbildung des
-Palastes, ist vorbildlich geworden, aus ihm sind die Gräber der Grossen
-und die Pyramiden, die Gräber der Könige, zunächst die der dritten und
-vierten Dynastie, hervorgegangen. Die Stufenpyramide von ¨Sakkara¨
-(siehe Abb.) zeigt, wie sich die Pyramide aus aufeinandergesetzten
-Mastabas entwickelt hat. Nur durch ihre Höhe und Masse konnten die
-Gräber vor der Verwehung durch den Wüstensand geschützt werden.
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-Vor der Scheintür in der westlichen Mitte, aus der der Tote oder
-vielmehr seine Seele, der Ka, mit der Welt verkehren sollte, waren die
-Opfersteine und später die Opfertempel, wo die Angehörigen dem Ka ihre
-Gaben darbringen konnten. Die vollständige Anlage des Königsgrabes
-zeigten die Funde ¨Borchardts¨ bei Abusîr, der aus ihnen die Gräber der
-Könige der V. Dynastie, des Sahurê und des Neweserrê rekonstruiert hat.
-Zuerst der Empfangsraum, in den die Königsleiche aus dem Kahn getragen
-wird, dann ein sehr langer gedeckter Gang, mit vielen Reliefs geziert,
-der zum Totentempel führt, in dessen Hintergrund sich der Eingang
-in die Pyramide, die Scheintür der Mastaba, befand. Die Pyramide
-enthält viele Kammern und viele Kostbarkeiten, aber Statuen, wie in den
-Mastabas, sind dort nicht gefunden worden. Die vielen Kostbarkeiten
-entwickelten eine eigene Zunft der Gräberdiebe, uns sind die Akten
-eines grossen Prozesses unter Ramses IX. erhalten, und durch einen
-sonderbaren Zufall haben Northampton, Spiegelberg und Newberry bei
-ihren Ausgrabungen in der Gräberstadt (Nekropole) von Theben diese
-Akten verifizieren können (excavations in the Theben necropolis, London
-1908).
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-Aus Furcht vor den Dieben sind die Königsgräber später in die schwer
-zugänglichen Felsentäler von Biban el Moluk gelegt, deren Zugänge
-polizeilich überwacht wurden, trotzdem sind sie geplündert worden.
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-¨Menes¨ hat nach der Tradition die beiden Reiche Ober- und Unterägypten
-vereinigt, aber die Verwaltung war noch lange getrennt, es gibt zwei
-Silberkammern (Reichsbank), zwei Oberrichter oder Vorsteher des Südens
-und des Nordens. Der König trägt die beiden Kronen von Ober- und
-Unterägypten. Der König ist zugleich Oberpriester, geniesst göttliches
-Ansehen, er ist Sohn des Amon oder des Re, des Sonnengottes, ist Horus,
-d. h. Frühlingsgott.
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-Die Verwaltung ist aufs genaueste organisiert, das Land ist in Gaue
-verteilt, denen Gaufürsten mit eigenem Hofstaat vorstehen. Es ist die
-Zeit jugendlicher Kraft, des Erblühens von Kunst und Wissenschaft, die
-Glanzzeit ist die der V. Dynastie; riesige Tempelbauten, Mastabas,
-Steinkammern, dann die Riesenpyramiden des Cheops, des Chephre und des
-Mykerinos; sie fallen in die IV. Dynastie. Die Bautätigkeit tritt so
-in den Vordergrund, dass die Prinzen den Titel eines Vorstehers der
-Arbeiten des Königs tragen. Um den Syenit, das vorzügliche Baumaterial,
-zu gewinnen, hat sich das Reich bis an die Katarakten, bis nach Syene
-ausgedehnt. Aber nach der VI. Dynastie, nach Pepi III. geriet die
-Königsmacht in Verfall. Die Gaugrafen werden selbständig und erblich,
-im östlichen Delta um Tanis setzen sich libysche Stämme fest. Schon zur
-Zeit Pepis treten neben der Totenstadt, der Nekropole, von Memphis
-andere Nekropolen auf, die Gaufürsten lassen sich in ihrer Heimat
-begraben und viele Vornehme auch auf dem heiligen Boden von Abydos
-neben der Grabstätte des Osiris. Es bildet sich dann in Theben eine
-neue Dynastie heran, die in der XI. Dynastie das Land vereinigt und es
-beginnt mit der XII. Dynastie das mittlere Reich, dessen erster König
-¨Amenemhet¨ I. gründlich Ordnung stiftet. Es muss wirr genug in Ägypten
-ausgesehen haben als Amenemhet das Land mit seinem Heere durchzog. In
-der uns erhaltenen Inschrift des Chnemhôtep eines sehr hohen Beamten
-heisst es: Damit er die Sünde vernichte, er, der wie der Gott ¨Atum¨
-glänzte, da musste er auch wieder herstellen, was er zerstört fand. Er
-trennte eine Stadt von der anderen; er lehrte jede Stadt ihre Grenze
-gegen die andere kennen und stellte ihre Grenzsteine fest wie den
-Himmel auf. Er unterrichtete sich über die Wassergebiete der einzelnen
-Städte aus dem was in den Büchern stand und verzeichnete sie nach dem
-was in alten Schriften stand, weil er die Wahrheit so sehr liebte.
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-Das mittlere Reich geht bis etwa 1800. Gewaltige Bauten an Tempeln
-und Gräbern besonders in Theben, daneben auch nützliche Arbeiten
-wie Nildämme und besonders das grosse Staubecken des Mörissee, von
-¨Amenemhet III. Labares¨, dem Erbauer des Labyrinths angelegt, das
-sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat und die Landschaft Fajum
-erst fruchtbar machte. Zum ersten Mal wirkliche Eroberungskriege;
-Nubien, »Das elende Kusch«, wird der Goldminen in seiner Wüste halber
-nach langem Kampfe endgültig von Sen-wosret erobert, der im Herzen des
-Landes bei Semneh die Grenzfestung anlegt; auch mit Syrien und Arabien
-tritt Ägypten in Verbindung. Doch nach den 200 Jahren Blütezeit unter
-der XII. Dynastie zerrütten Thronstreitigkeiten, dieser Krebsschaden
-aller orientalischen Länder, ausgehend von den mächtigen Gaufürsten,
-das Land. Es erliegt dem Ansturm semitischer Nomadenstämme, den
-Hirtenfürsten, den Hyksos der Griechen, die von Nordosten her, von
-Suez eindringen und zweifelsohne von den Gaufürsten unterstützt werden.
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-Ihre Herrschaft nahm den Verlauf, den der Einbruch der Mongolen in
-das Kalifenreich und den der Germanen in das Römerreich genommen
-hat. Mit unwiderstehlicher Gewalt werfen die Barbaren das zerrüttete
-Reich über den Haufen, schaffen Ruhe und sehen dann, dass sie einen
-solchen Grossstaat zwar erobern aber nicht verwalten können. Die
-alte Regierungsmaschine arbeitet weiter und nur Garnisonen in den
-Grossstädten erinnern an die Fremdherrschaft. Nach einigen Generationen
-nivellieren sich die Fürsten und Vornehmen, und die späteren
-Hyksoskönige sind so gut Ägypter wie die Nachkommen Dschingis Khans
-gute Moslems wurden. Aber mit der Zivilisation, die sie gewinnen,
-verlieren die Barbarenfürsten ihre Kraft und so wurden die Hyksos
-allerdings nicht ohne Kampf nach etwa 300 Jahren von Theben aus durch
-Amose I. vertrieben.
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-Es beginnt das neue Reich, 1580-1100. Die Zeit der Thutmosen und
-Ramessiden, Ägypten wird Weltmacht. Noch der Urenkel des grossen
-Eroberers Thutmose III., Amenhôtep III. herrschte über Nubien, Libyen,
-Ägypten, Arabien, Palästina und Syrien, bis an den Euphrat und die
-Ramessiden behaupteten dieses Reich noch gegen die mächtige semitische
-Grossmacht der Chetafürsten. Aber das neue Reich ist ganz vom alten
-verschieden. Der Feudaladel wird systematisch vernichtet, etwa wie der
-französische durch Richelieu; es ist ein Militär- und Priesterstaat.
-Libysche und semitische und hellenische Söldner schlagen die Kriege;
-denn der ägyptische Bauer, tapfer wie jeder Bauer, wenn er sein
-Eigentum schützt, ist für Eroberungskriege nicht zu brauchen. Der
-König ernährt die Heere und die Priester, alles Land, soweit es nicht
-den Göttern gehört, d. h. den Priestern, die durch immer grössere
-Geschenke gewonnen werden, gehört dem König, der es den Bauern gegen
-eine Abgabe von 20 % des Ertrages vermietet. Aber in Wahrheit sind die
-Söldnerführer und der Hohepriester mächtiger als der König. Es ist die
-bekannte Verbindung von Thron und Altar, wobei gewöhnlich dem Altar
-der Löwenanteil zufällt.
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-Sehr lehrreich ist hierfür der grosse Papyrus ¨Harris¨, über den uns
-¨Erman¨, Berl. Ber. XXI, 1903, aufgeklärt hat. Man glaubte vorher,
-dass es sich um ins Ungeheuerliche gehende Schenkungen Ramses III.
-an die Tempel handle, E. hat gezeigt, dass es sich um eine für die
-Begräbnisfeier dieses Königs in grösster Eile zusammengestellte
-Lobschrift handle, und dass die sogen. Geschenke die Bestätigung des
-Tempelbesitzes durch den König bedeuten. Aber wir erfahren auch, dass
-dieser Besitz mässig geschätzt ein Zehntel des ganzen Landes umfasste.
-Insbesondere war der Besitz und damit die Macht der Priester des Amon
-zu Theben ins Riesenhafte angeschwollen, daneben Heliopolis, äg. On,
-mit dem Tempel des Atum, der Abendsonne, und Memphis mit dem Tempel des
-Weltschöpfers Ptah.
-
-Ich füge hier gleich einiges über die Religion und den Kultus an.
-Das ursprüngliche Negervolk hatte Fetischdienst, jeder Ort und Gau
-seinen Lokalgott, wie z. B. das Seenland Fajum den in Krokodilsgestalt
-verehrten Sokk. Mit dem Eindringen der sehr stark religiös veranlagten
-Semiten wurden aus den Fetischen im wesentlichen Lichtgötter,
-insbesondere wird die Sonne Gegenstand der Verehrung, bald als
-Abendsonne Atum, als Frühlingssonne Horus, als Mittagssonne Rê, als
-sich stetig erneuerndes Gestirn Osiris, als Lebenspenderin Amon. Mit
-der straffen Zentralisation des Reiches zentralisierte sich auch der
-Olymp, die Hausgötter der Dynastien wurden Herrscher in der Götterwelt,
-und werden mehr und mehr zu einer Gottheit, im wesentlichen die
-Sonne. Am frühesten sind Amon und Rê zum Amon-Rê verschmolzen. Längst
-musste die Geheimlehre der Priester monotheistisch gewesen sein, als
-Amenophis IV. sich entschloss, alle Machtmittel des Königs daran zu
-setzen, den Monotheismus zur Volksreligion zu machen. Zweifelsohne
-haben politische Motive mitgewirkt, der König erkannte die Gefahr,
-welche die Macht der Amonspriester zu Theben für die Dynastie
-barg, und versuchte sie zu brechen. Mit wahrhaft fanatischem Eifer
-bekämpfte er den Dienst des Amon, aus allen Denkmälern tilgte er den
-verhassten Namen, seinen eignen Namen, der Amon enthielt, änderte er
-in ¨Chinatôn¨, »Verkörperung der Sonnenscheibe«, und seine Residenz
-verlegte er aus Theben nach El-Amarna. Ebendort wurde 1888 von Arabern
-seine Korrespondenz mit den asiatischen Tributfürsten in Keilschrift
-auf Tontäfelchen gefunden, sie bewies, dass er es vorzog, Jerusalem
-dem Ansturm der Chabiri (Hebräer) preiszugeben und das Anwachsen der
-Chetamacht zu dulden als seine Truppenmacht für die Durchführung der
-religiös-politischen Revolution zu schwächen.
-
-Die Macht des Chetareiches ist es wohl auch gewesen, welche bald nach
-Chinatôns Tode den energischen ¨Haremheb¨ bewog, seinen Frieden mit
-den Priestern zu machen und den alten Zustand rücksichtslos wieder
-herzustellen. Er ermöglichte es so seinen Nachfolgern Sethos I. und
-Ramses II. den Kampf mit den Cheta mit Erfolg aufzunehmen. Der Kult
-der Götter war ein Herzensbedürfnis des Volkes, im Opferzeremoniell
-steht der König, der der eigentliche Hohepriester ist, obenan, wie
-es denn überhaupt anfänglich ein Laienpriestertum der hohen Beamten
-gab, neben dem aber auch eine eigene Priesterkaste stand, die später
-den Kult ausschliesslich leitete. Der Gott bewirtet das Volk und ein
-grosser Teil der Einkünfte der Priesterschaft ging für Brot und Bier
-zur Speisung des Volkes an den Festen auf, wie uns die zahlreich
-erhaltenen, sehr detaillierten Tempelrechnungen beweisen. Bei Erman
-findet man S. 388 die Beschreibung und S. 389 die Abbildung des
-grossartigen Tempels der Sonnenscheibe von Tell el Amarna.
-
-Etwa ein Jahrhundert nach der Zeit Ramses III., der als der letzte das
-Weltreich im vollen Umfang besass, nahm der Hohepriester von Theben den
-Thron ein, um 100 Jahre später dem gewaltigen Scheschonk (Schischak),
-dem Führer der libyschen Söldner Platz zu machen. In den Kämpfen, die
-das Reich zerrütten, beginnt der Vorstoss oder Rückstoss der Assyrer,
-nur noch einmal von 625-525 bis auf Kambyses gelingt es der libyschen
-Dynastie, Psammetich, Nekao, Amasis, aus Herodot uns wohlbekannt, eine
-kurze Blüte ägyptischer Kultur, die absichtlich an das alte Reich
-anknüpft, herbeizuführen. Dann wird Ägypten persisch und wird mit
-Persien von Alexander dem Grossen erbeutet. Nach dessen Tode regiert
-300 Jahre lang die Diadochenfamilie der Ptolemäer. Die hellenistische
-Kultur dringt ein, berührt aber nur die Vornehmen, unter Kleopatra wird
-30 v. Chr. Ägypten römische Provinz. Die Kultur dieser Zeit verwächst
-mit der griechisch-römischen als hellenistische.
-
-
-Ägyptische Sprache und Schrift.
-
-
-Die ägyptische Sprache gilt heute als verwandt mit dem Semitischen, dem
-Arabischen, Babylonischen und Hebräischen. Wir können sie verfolgen von
-4000 v. Chr. bis 1650 n. Chr. Wir unterscheiden:
-
- 1. Das Altägyptische, die Sprache der Pyramidentexte, die als
- gelehrte Literatursprache bis in die römische Zeit unter Kaiser
- Decius fortlebt.
-
- 2. Die Volkssprache des mittleren und neueren Reiches, das
- Neuägyptische.
-
- 3. Das Demotische, die Volkssprache der griechischen Zeit.
-
- 4. Das Koptische, die Sprache der christlichen Ägypter.
-
-Das Demotische knüpft unmittelbar an das Altägyptische an. Das
-Koptische zeigt zwar grosse lautliche Veränderungen durch den Einfluss
-des Griechischen, gewährt aber generaliter die beste Hilfe für die
-Entzifferung des Altägyptischen, denn die ersten drei Sprachen wurden
-ohne Vokale geschrieben.
-
-Hinsichtlich der Schrift sind 4 Epochen zu konstatieren.
-
- 1. Die Periode der Hieroglyphen, welche von 4000 v. Chr. bis 250
- n. Chr. reicht, obwohl in den letzten 1000 Jahren nur noch zu
- dekorativen Zwecken, wie Tempelinschriften und feierlichen Urkunden.
-
- 2. Die Periode der hieratischen Schrift, welche die Periode der
- Hieroglyphen von 2500, von der XI. Dynastie an, begleitet bis zu
- Psammetich. Sie hat sich aus Abkürzung der Hieroglyphen entwickelt.
- Sie ist die Geschäftssprache und Schrift und aus ihr entwickelt sich:
-
- 3. Die demotische Sprache und Schrift, welche dann aber, als nach
- Diokletian die ägyptische Religion dem Christentum erlag, durch
-
- 4. die koptische Schrift verdrängt wurde, die griechisch ist, bis auf
- einige Zeichen, die demotisch blieben, weil sie Laute bezeichnen,
- die das Griechische nicht hat. Das Koptische ist eine tote Sprache,
- es erlag dem Arabischen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, genauer
- noch 1673 starb der nachweislich letzte Mann der Koptisch sprach, der
- 80jährige Muallim Athanasios. Nur noch im koptischen Kultus hat es
- sich als Sprache der koptischen Bibel gehalten, wie etwa das Latein
- in der katholischen Kirchensprache.
-
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-Ägyptische Kultur.
-
-
-Meine Herren! Mit der Schätzung der ägyptischen Kultur ist es seltsam
-gegangen. Im ganzen Kulturgebiet des Mittelmeeres stand ägyptische
-Weisheit seit der Zeit der Hellenen bis in die Mitte des 19.
-Jahrhunderts im höchsten Ansehen, während ihre Kunst als seltsam und
-barbarisch gering geschätzt wurde. Die geheimnisvolle Weisheit der
-Priester, die vielen Inschriften in der wunderbaren Bilderschrift der
-Hieroglyphen -- vielleicht ein griechisches Wort, das Einmeisselung in
-den heiligen Stätten bedeutet --, die unentzifferbaren Papyrosrollen,
-der einzig dastehende Totenkult, alles das trug dazu bei, den Gedanken
-an tief verborgene geheimnisvolle Weisheit zu erwecken. Welchen
-Eindruck Ägypten auf die Hellenen gemacht, erfahren wir aus Herodot,
-der ersten und der besten alten Quelle. Er, der Ägypten etwa um die
-Mitte des 5. Jahrhunderts bereiste, schreibt: Wie der Himmel bei ihnen
-von sonderlicher Art, wie ihr Strom eine andere Natur hat, als die
-übrigen Flüsse, so sind auch fast alle Sitten und Gebräuche der Ägypter
-entgegengesetzt der Weise der anderen Menschen. Bei ihnen sitzen die
-Weiber auf dem Markt und handeln, die Männer bleiben zu Hause. Lasten
-tragen die Männer auf dem Kopf, die Frauen auf den Schultern. Ihre
-Notdurft verrichten sie in den Häusern, die Speisen aber nehmen sie auf
-der Strasse zu sich und sagen dazu: Im Verborgenen müsse man tun, was
-unziemlich sei, aber notwendig, öffentlich aber, was nicht unziemlich
-sei etc.
-
-In jeder Hieroglyphe sah man ein Bild oder Symbol irgend eines tiefen
-Gedankens und suchte sie wie einen Rebus zu erraten. So las der
-bekannte viel wissende Jesuit ¨Athanasius Kircher¨, der von 1601-1680
-lebte und die Laterna magica u. a. erfunden hat, die sieben Zeichen:
-
-[Illustration]
-
-welche in Wahrheit autkrtr heissen und den Titel αυτοκρατως,
-Selbstherrscher, bezeichnen, der den Titel Imperator des römischen
-Kaisers wiedergibt, in folgender Weise: Osiris ([**symbol] = a) ist
-Urheber der Fruchtbarkeit und aller Vegetation, ([**symbol] = u). Seine
-Zeugungskraft ([**symbol] = tk) zieht aus dem Himmel ([**symbol] = r)
-der heilige Mophta ([**symbol] = tr[*]) in sein Reich, und in einem
-andren Falle las Kircher die 17 Buchstaben kasrs Tmitins sbsts d. h.
-Kaiser Domitianus Sebastos so: Der wohltätige Vorsteher der Zeugung
-der im Himmel vierfach mächtige übergibt durch den wohltätigen Mophta
-die luftige Feuchtigkeit an den Amon, der in der Unterwelt mächtig
-ist und durch seine Statue und geeignete Zeremonien veranlasst wird,
-seine Macht auszuüben. ¨Kircher¨ hat übrigens um die Kenntnis des
-Koptischen wirkliche Verdienste. Er hat zuerst das Koptische als die
-altägyptische Volkssprache bezeichnet (lingua aegyptiaca restituta
-1645). Während Kircher metaphysische und theosophische Spekulationen
-in die Hieroglyphen hineinlas, fand der Abbé Pluche meteorologische
-Beobachtungen in ihnen und ein Anonymus sogar Davidische Psalmen.
-
-[*] Der Löwe ist ein spätes Zeichen, das eigentlich dazu dient, r und
-l, die in alter Zeit das gleiche Zeichen haben, zu unterscheiden.
-
-Meine Herren! Sie können sich denken, dass durch solche Spielereien
-die ganze Beschäftigung mit Hieroglyphen in Verruf kam und wir
-blieben für die wirkliche Kunde von Ägypten auf die griechischen
-Quellen, insbesondere auf Herodot, Eusebios, Horapollo, Plutarch,
-Diodor und die jüdischen Erzählungen in der Bibel angewiesen. Das
-wurde mit einem Schlage anders, als ¨Napoleon¨ im Jahre 1798 seinen
-Zug nach Ägypten unternahm, um von da aus die Engländer in Indien zu
-bedrohen. Grossartig wie der Plan und der Mann nahm er einen ganzen
-Stab hervorragender Gelehrten unter Vorsitz von ¨Fourier¨ mit, die
-mit der Erforschung des Landes beauftragt wurden, für welche Napoleon
-durch des Mathematikers ¨Karsten Niebuhrs¨ Reise in Arabien (voyage en
-Arabie) 1761-67 angeregt worden war. Sie haben ihre Aufgabe glänzend
-gelöst und ihr grosses Material in der description de l'Egypte, dem
-Fundament der Ägyptologie, niedergelegt. Statt der wenigen nach Rom und
-Byzanz verschleppten Inschriften lag jetzt eine Fülle von Texten vor
-und die Entzifferung wäre, wenn auch langsam, gelungen, wie die der
-Keilschriften Assyriens gelungen ist, auch ohne den glücklichen Zufall
-des Fundes von Rosette.
-
-»Im August 1799, als die Lage des französischen Heeres schon recht
-misslich war, fand man beim Ausheben von Schanzen im Port St. Julien
-(Raschêd), 7,5 km N. W. von ¨Rosette¨ in der Nähe der westlichen
-Nilmündung eine schwarze Granittafel, deren Vorderseite mit drei
-Inschriften bedeckt war. Die oberste in Hieroglyphen, die mittlere in
-der ägyptischen Volksschrift zur Zeit der Ptolemäer, dem Demotischen,
-und die unterste in griechischer Schrift und Sprache. Im griechischen
-Text stand: Man solle dieses Dekret der Priester von Memphis zu
-Ehren des Königs (Ptolemäus Epiphanes, 196) in heiliger Schrift,
-in Volksschrift und in griechischer schreiben. Es war also kein
-Zweifel, dass die beiden ägyptischen Texte des Steines von Rosette die
-Übersetzung des Griechischen enthielten. In dem Dekret war mehrfach
-von König Ptolemäus die Rede, es war unwahrscheinlich, dass für diesen
-fremden Namen die Hieroglyphen als Symbolik dienen sollten. Die
-Vermutung lag nahe, dass die Hieroglyphen eine Lautschrift seien.«
-
-Sie wurde 1816 von dem grossen englischen Physiker ¨Thomas Young¨
-ausgesprochen, welcher an der durch die Kapitulation von Alexandria
-1801 nach England gesandten Tafel i, n, p, t, f entzifferte und
-unabhängig von ihm kam der junge französische Gelehrte ¨Jean François
-Champollion-le Jeune¨ auf den gleichen Gedanken. Champollion muss
-als der eigentliche Entzifferer der Hieroglyphen angesehen werden.
-Wer sich genau für ihn und seine Taten interessiert, findet alles
-denkbare Material in dem höchst fesselnden Werke von ¨H. Hartleben¨:
-Champollion, sein Leben und sein Werk 1906, in dem mit der ganzen
-liebevollen Sorgfalt, deren nur eine Frau fähig ist, und mit
-glänzendem Erfolg in vieljähriger unermüdlicher Arbeit alle überhaupt
-beschaffbaren Urkunden verwertet sind. Dass Young und Champollion
-Vorläufer hatten, ist selbstverständlich, so erwiesen sich z. B. die
-Angaben des Kirchenvaters ¨Clemens Alexandrinus¨ über das altägyptische
-Schriftsystem bedeutend zuverlässiger als die des Herodot und Diodor.
-Ganz bedeutend muss der Däne ¨Georg Zoëga¨ hervorgehoben werden, der
-sich von 1783 an mit Hieroglyphik beschäftigte. Zoëga, geschulter
-Philologe, -- er war der Lieblingsschüler des berühmten Göttinger
-Philologen ¨Ch. G. Heyne¨ --, hat den Lautcharakter der Hieroglyphen
-erkannt. Er hat vermutet, dass der Ring: [**symbol], die alphabetisch
-geschriebenen Namen des Königs und der Königin umschlösse und was
-die Hauptsache war, er hat die ägyptische Kunst richtig beurteilt.
-¨Winckelmann¨ hatte die ägyptische Kunst als völlig stabil hingestellt.
-Demgegenüber zeigte Zoëga, dass es in ihr Entwicklung, Blüte und
-Verfall gibt, kurz Bewegung. Heute wissen wir, dass das alte Reich
-eine Zeit der Entwicklung durchmachte von kühner, aber technisch
-unvollkommener Nachahmung der Natur aufsteigend bis zu Meisterwerken
-wie: »der Dorfschulze, der Schreiber«, und der gewaltigen Sphinx',
-das Abbild der vollen Majestät des Königs (siehe Abbild.). Auf diese
-Zeit folgte ein Beharren und ein Stabilwerden im mittleren Reich,
-ein Verfall in der Hyksosperiode, bis dann im neuen Reiche die neue
-grossartige Kunstepoche herbeigeführt wurde dadurch, dass die aus dem
-Verkehr mit Syrien und Babylonien gewonnenen neuen Motive der Eigenart
-des ägyptischen Volkes gemäss entwickelt wurden. In dem Werke von
-H. Hartleben finden Sie, meine Herren, wie Champollion von frühester
-Jugend an die Entzifferung des ägyptischen Geheimnisses als sein
-Lebensziel erkannte und wie unentwegt er diesem Ziel trotz Krankheit
-und Not nachgestrebt. Von besonderem Einfluss ist das Interesse, das
-¨Fourier¨, der Verfasser der Théorie de la Chaleur, dem genialen Knaben
-entgegenbrachte, der 12jährig im Herbst 1802 dem Präfekten von Grenoble
-durch den älteren Bruder, den ebenfalls bedeutenden Gelehrten Jacques
-vorgestellt wurde. Aber wir sehen aus dem Buche auch, wie gross die
-Arbeit, wie mannigfaltig die Schwankungen und Irrtümer waren, bis es
-1822 Champollion gelang, die grundlegenden Sätze auszusprechen:
-
- 1. Die drei altägyptischen Schriftformen, Hieroglyphen,
- Hieratisch, Demotisch, stellen im Grunde dasselbe einheitliche
- System dar.
-
- 2. Das System besteht aus einem Gemisch von etwa 19 teils
- »figurativer«, teils »symbolischer« Zeichen.
-
-Champollion ging wie Young vom Stein von Rosette aus. Dort kam an der
-Stelle, wo der griechische Text von Ptolemäus spricht, derselbe Ring
-vor, den man von den Bildern der Tempel neben dem Haupt des durch
-die Doppelkrone bezeichneten Königs her kannte und in diesem Ring
-[**symbol] finden sich die Zeichen:
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Champollion hatte bemerkt, dass auf einem Obelisken aus Philä, der
-wichtigen Grenzstadt in Unterägypten, neben demselben Königsring ein
-anderer stand, der 5 von den Zeichen des ersten Ringes enthielt. Aus
-der griechischen Inschrift an der Basis des Obelisken liess sich
-entnehmen, dass es der Name Kleopatra sei und er musste es sein, denn
-von den drei in der Königsfamilie üblichen Frauennamen: Arsinoe,
-Berenike, Kleopatra enthält nur der letzte 5 Buchstaben, die auch in
-Ptolemäus vorkommen. So wurden die Zeichen für die Laute a, e, l, m, o,
-p, r, s, t gefunden und bald fand Champollion Bestätigungen, die ihn
-weiter führten, so an dem Königsnamen Aleksentros, id est Alexander.
-Dazu kam dann bald als der schlagendste Beweis, dass, wenn man nach
-dieser Deutung Worte las, die phonetisch geschrieben, hinter denen
-aber, was sehr häufig ist, ein Deutungszeichen stand, wie z. B.
-
-[**symbols] Eh und: [**symbols]
-
-erp, man auf wohl bekannte koptische Worte ehe der Ochse und erp, der
-Wein stiess.
-
-Diese Determinative oder Deutungszeichen waren unentbehrlich und
-wurden immer zahlreicher. Dieselben beiden Zeichen [**symbols]
-konnten noch bedeuten: Weinen, dann war ein tränendes Auge dahinter
-[**symbol]; Feld, dann war ein Markstein dahinter, wenn es Strick
-bedeutete [**symbol]. Wenn es Loben, Preisen, Rufen, kurz einen Ausruf
-bedeutete, ein sitzender Mann, wenn es Bedrohen, Bedrängen bedeutet,
-ein bewaffneter Arm: [**symbol], der überall vorkommt, wo Energie
-ihren Ausdruck findet. Es sind diese Determinative Überreste der
-ältesten Zeit, wo die Hieroglyphen wirklich Bilderschrift war, wie es
-die chinesische Schrift noch heute ist. -- Ich nehme als Beispiel die
-Hieroglyphe [**symbol] per das Haus, der rohe Grundriss eines Hauses,
-wie es noch heute der ägyptische Bauer bewohnt. Aber das Zeichen für
-Haus der ältesten Zeit wurde im Laufe der Zeit zum ¨Zeichen¨ der
-Silbe per. Dies kann dann sehr verschiedenes bedeuten: [**symbols]
-hinausgehen, [**symbols] hineingehen.
-
-Als Champollion 1832 schon 10 Jahre nach seiner Entdeckung starb,
-war es ihm gelungen, das ganze Schriftsystem der Hieroglyphen zu
-entziffern. Dieser eine Mann hatte in einem Jahrzehnt das grosse Rätsel
-gelöst und ein ganzes Volk wieder in die Weltgeschichte eingeführt.
-
-Nach den Hieroglyphen wurde die hieratische Schrift entziffert, die
-Priesterschrift, in der die meisten Papyri geschrieben sind, und
-die aus Zusammenziehung der Hieroglyphen, sogenannten Ligaturen,
-entstanden, sich zu jener verhält, wie unsere Schreibschrift zur
-Druckschrift und nach dieser von Brugsch das Demotische. Es konnte
-eine ägyptische Grammatik geschrieben werden, ägyptische Literatur
-gelesen werden und eine glänzende Bestätigung erhielten die Arbeiten
-der Ägyptologen als ¨Lepsius¨, der 1842 die berühmte, so erfolgreiche,
-sogenannte preussische Expedition geleitet hatte und die Gräber des
-alten Reiches aufgedeckt hatte, 1867 auf dem Trümmerfelde der alten
-Stadt Tanis eine andere Trilingue fand, von sehr bedeutender Länge und
-ganz vollkommen erhalten: Das Dekret von Canopus, das sich auf eine
-Kalenderverbesserung bezog.
-
-Aber als nun die ägyptische Literatur entziffert war, machte sich
-zunächst eine grosse Enttäuschung geltend. An Stelle der erwarteten
-tiefsinnigen Weisheit fand man eine wirre Mythologie, aus der nur die
-schon durch Plutarch, de Iside, bekannten Gestalten des Osiris, der
-Isis, des Seth oder Typhon, und des Horus oder besser Hor deutlicher
-sich abhoben. Man lese Erman S. 365 ff. Daneben Haarspaltereien,
-wie etwa die rabbinischen Untersuchungen über die Jakobsleiter,
-Zaubersprüche und eine tolle Dämonologie. Die Papyri entpuppten sich
-meist als Schülerhefte oder als Briefe, die zum Unterricht geschrieben
-waren und etwas mehr Inhalt boten eigentlich nur die Totenbücher,
-buchstäblich Reisehandbücher für den Ka, die Seele des Verstorbenen,
-auf seiner Reise in das Reich des Osiris, in die Totenwelt.
-
-Die Medizin, die Herodot solchen Respekt einflösste, lernten wir
-aus dem grossen Papyrus Ebers kennen, eine ausserordentliche,
-reiche Sammlung von Rezepten, deren vornehmster Bestandteil Kot der
-verschiedenartigsten Tiere, überhaupt die ekelerregendsten Elemente
-sind. Beiläufig gesagt ist auch für die mathematische Tradition die
-Bemerkung nicht unwichtig, dass ein Teil dieser Rezepte noch heute
-unverändert einen Bestandteil der Volksapotheke in Europa bildet. --
-So schlug denn die Ehrfurcht in ihr Gegenteil um. Man unterschätzte
-die ägyptische Wissenschaft, wie man sie überschätzt hatte. Aber etwa
-seit 1880 trat eine Wandlung ein, die genaue Detailforschung, gefundene
-Briefe, Rechnungen, Steuerquittungen, Prozessakten zeigten, dass man
-es mit einer seit 4000 v. Chr. grossartig organisierten Verwaltung
-und mit einem ausserordentlich klaren und verständigen Volke zu tun
-hatte. In die Geschichte, in die Mythologie kam Licht, Lyrik, ein
-reicher Märchenschatz, wie ihn noch heute die Fellah lieben; auch die
-Kunst zeigte sich zum Teil auf erstaunlicher Höhe. Vergl. die kurze
-Kunstgeschichte von ¨W. Spiegelberg¨. Man denke an die Statuen des
-Pepi und Ramses II., die herrlichen Statuen von Gizeh im Louvre etc.
-Ferner an Architekturwerke, Meisterwerke, wie die Tempel von Karnak
-und Luxor. Papyri, wie die älteren, auf Leder geschriebenen, z. B.
-der Papyrus Prisse, zeigten wirklich hohe Weisheit auf ethischem
-Gebiet 2500 v. Chr. Ausserordentlich früh war das Barbarentum, wie
-Menschenopfer, Tötung der Frauen und Sklaven, die es bei den Griechen
-noch im Homerischen Zeitalter gab, abgeschafft. Auch die Stellung der
-Frau zeigt die ethische Reife, sie war weit höher als bei irgend einem
-orientalischen Volke, vielleicht die Hebräer ausgenommen, selbst der
-Adel der Herkunft richtet sich nach der Mutter. Wir haben Kunde von
-der bedeutenden Rolle, welche z. B. Tye, die Mutter des Chinatôn,
-spielte, deren wundervoller Goldschmuck vor kurzem gefunden wurde, wir
-wissen von der zwanzigjährigen kraftvollen Regierung der Hatschepsowet,
-der Mutter des grossen Thutmosis III., welche u. a. eine grosse
-und erfolgreiche Expedition nach Punt sandte und dort ihre Statue
-aufstellen liess. Die Ehe war sehr früh im wesentlichen monogamisch,
-und das Familienleben ausserordentlich innig. Vielleicht hat die
-Schwesterehe der Ägypter zu dieser Wertung der Frau beigetragen.
-Anfänglich Sitte der Vornehmsten, wohl um Erbteilungen zu vermeiden,
-verbreitete sie sich rasch über das ganze Land, und die Ägypter haben
-für Schwester und Geliebte das gleiche Wort. -- Die Rechtspflege war
-sehr früh geordnet, Richter von Fach führten die Untersuchung, die
-Strafen bestimmte der König, sie waren nicht grausamer, als sie bei uns
-bis ins 19. Jahrhundert hinein gebräuchlich waren.
-
-
-Ägyptische Mathematik.
-
-
-Was nun die Mathematik der alten Ägypter betrifft, so waren wir bis
-1868 auf sehr dürftige Quellen angewiesen. Dass die Ägypter schon
-früh im Besitze nicht geringer mathematischer Kenntnisse gewesen,
-geht schon aus den gewaltigen Bauten hervor. Die Gräber der Grossen
-waren genau orientiert. Stets stand die Statue des Toten, die dem Ka,
-der Seele, Gelegenheit geben sollte in seinen Leib zurückzukehren,
-so dass sie genau nach Westen schaute. Die grossen Pyramiden waren
-auf das Genaueste orientiert, so dass die wunderbarsten Vermutungen,
-und zwar vor noch nicht langer Zeit, über ihre eigentliche Bedeutung
-gemacht wurden. Ich nenne nur die des Ingenieurs Price Smith über die
-Pyramide des Cheops. Im allgemeinen standen die Tempel im Meridian.
-Diese Orientierung war Aufgabe einer besonderen Priestergruppe, der
-Harpedonapten id est der Seilspanner. Der König selbst beteiligte sich
-dabei. Man vergleiche die von dem früheren Strassburger Ägyptologen
-¨Dümichen¨ veröffentlichte Baugeschichte des Tempels von Denderah;
-der Tempel wird genau nach dem Eintritt der Plejaden in den Meridian
-orientiert. Dort ist der König abgebildet an einem Pflock stehend, und
-diesem gegenüber steht Să̇fchet, die Göttin der Wissenschaft und der
-Bibliotheken; beide schlagen gleichlange Pflöcke mit einer Keule in
-den Erdgrund und halten gemeinsam ein Seil. Die Inschrift sagt: Ich
-habe gefasst die Holzpflöcke und den Stiel des Schlegels, ich halte
-das Seil gemeinsam mit der Göttin Să̇fchet. Mein Blick folgt dem Gange
-der Gestirne; wenn mein Auge an dem Sternbilde des Siebengestirns
-angekommen ist und erfüllt ist der mir bestimmte Abschnitt der Zahl
-der Uhr, stelle ich die Pflöcke auf die Eckpunkte deines Gotteshauses.
-Die Stelle: wenn mein Auge usw. wird dadurch verständlich, dass die
-Himmelskarte so angelegt wurde, dass unter der Mitte des Himmels ein
-Mensch aufrecht sitzt und nun wird der Gang der Sterne angegeben. Uns
-sind mehrere solcher Listen erhalten. Da heisst es z. B.: Am 16. Phaopi
-steht in der 8. Stunde die Fingerspitze des Sternbildes Sa'h id est
-Orion über dem linken Auge etc. Ich will hier nur kurz bemerken, dass
-auch unser Kalender im wesentlichen auf die Ägypter bezw. Babylonier
-zurückgeht.
-
-An Werkzeugen war ihnen schon in ältester Zeit der rechte Winkel, das
-Richtscheit, bekannt, das man u. a. in einer Tischlerwerkstatt gefunden
-hat; die Orientierung im Felde geschah durch das Spannen des Seiles mit
-den Knoten 3, 7, 12. Dass danach das pythagoreische Dreieck mit den
-Seiten 3, 4, 5 den Ägyptern bekannt war, steht unzweifelhaft fest. Auch
-Zirkel verschiedener Art können nicht gefehlt haben. Ein eigentümliches
-Instrument zum Ebenmachen, unserem Hobel entsprechend, ist ebenfalls
-gefunden worden. An Massstäben etc. hat es auch nicht gefehlt. Das
-Richtscheit kommt des öfteren auf Bildern in der Hand des Königs vor,
-wie etwa der Pflug in der des Kaisers von China. In der Ornamentik
-findet sich eine Reihe geometrischer Figuren, ihre Wagenräder
-verlangen die Kreisteilung, anfangs sind sie viergeteilt, später nach
-Zusammenstoss mit den Chaldäern oder Babyloniern sind sie sechsgeteilt.
-In der grossen Schenkungsurkunde des Tempels von Edfu haben wir eine
-ganze Reihe von Flächenberechnungen; einzelne Rechenexempel finden sich
-in den Papyri, aber im grossen und ganzen waren wir auf sehr dürftige
-Nachrichten der Klassiker, in erster Linie auf Proklus angewiesen.
-
-Fest steht, dass ¨Thales¨, der Milesier, etwa um 600 einige Kenntnisse,
-die ihm ägyptische Priester vielleicht wegen ihrer Geringfügigkeit
-mitgeteilt hatten, nach Jonien brachte, darunter den Satz von den
-Basiswinkeln im gleichschenkligen Dreieck, den 2. Kongruenzsatz
-und die Konstruktion des gleichseitigen Dreiecks. Weit länger und
-fruchtbarer scheint der Aufenthalt des ¨Pythagoras¨, dem es allem
-Anscheine nach gelang in die schwierige Sprache und in das noch
-schwierigere Vertrauen der ägyptischen Priester einzudringen, gewesen
-zu sein. Pythagoras brachte vermutlich auch die Form, in welche die
-Ägypter Sätze und Aufgaben kleideten, nach Europa, die sich bei
-Euklid und Heron erhalten hat. Sicher bezeugt ist der Aufenthalt des
-Mathophilosophen ¨Eudoxos¨ und der des Oinopides, der die Konstruktion
-des Lotes aus Ägypten importierte. Wahrscheinlich der des Platon
-von Sizilien aus, sicher wiederum der des Eudemos, wahrscheinlich
-der des ¨Demokrit¨, der sich rühmte, dass ihn im Konstruieren nicht
-einmal die Ägypter überträfen. Die ägyptische Reisskunst hatte den
-höchsten Ruf. Ägyptische Feldmesser und Baumeister waren in der
-ganzen Welt des Mittelmeeres bis tief in die römische Kaiserzeit die
-gesuchtesten. Einen hohen Ruf hatten ihre astronomischen Kenntnisse
-und Beobachtungen, die sehr lange fortgesetzt waren. Man muss freilich
-sagen, dass die eigentümlichen, ganz neuerdings von ¨L. Borchardt¨
-erklärten Instrumente mit unseren astronomischen Präzisionsinstrumenten
-keinen Vergleich zulassen, ja nicht einmal mit denen der Babylonier.
-
-Eine direkte altägyptische Urkunde sprach zum ersten Male zu uns im
-Papyrus Rhind, über welchen 1868 der Engländer ¨Birch¨ im Lepsius einen
-kurzen Bericht gab. 1872 erhielt ¨August Eisenlohr¨ in Heidelberg eine
-lithographische Abschrift des Textes und in fünfjähriger mühevoller
-Arbeit entzifferte er denselben, unterstützt von seinem Bruder, dem
-Mathematiker ¨Friedrich Eisenlohr¨ und vor allem von ¨Moritz Cantor¨.
-Die Ausgabe ist jetzt veraltet, besonders die Namen, aber auch die
-Zahlworte und Masse sind falsch gelesen. So ist z. B. psd 9 mit paut
-Kreis verwechselt und eine neue Ausgabe vom Standpunkte der heutigen
-Ägyptologie wäre sehr zu wünschen.
-
-Der Papyrus beginnt mit den Worten: »Vorschrift zu gelangen zur
-Kenntnis aller dunklen Dinge, aller Geheimnisse, welche sind in den
-Dingen. Verfasst wurde diese Schrift im Jahre 33, im vierten Monat
-(Mesori) der Überschwemmungszeit unter König Raa-us lebenspendend
-nach dem Muster alter Schriften in der Zeit des Königs .......at vom
-Schreiber Aahmesu.« Der König heisst nicht Raa-us, sondern mit seinem
-Horusnamen Apophis, wie die furchtbare Schlange des Typhon. Es ist der
-Hyksoskönig mit seinem Königsnamen A-vose-re, gross ist die Macht des
-Re. Re, nicht Ra, ist die heisse Mittagssonne, deren Gewalt nirgends
-sich fühlbarer machte als in Ägypten, und deren Kult im alten und
-im mittleren Reich alle übrigen überbot. Der König des Musters ist
-Amenemhet III., etwa um 2200. Die Muster sind, wie es scheint, gefunden
-worden von Flinders Petrie in Kahun im Jahre 1889, die Papyri hat
-Griffith 1897 herausgegeben, wenigstens stimmt Papyrus Ames mit denen
-von Kahun genau überein.
-
-¨Eisenlohr¨ und mit ihm ¨Cantor¨ bezeichnen den Papyrus als ein
-mathematisches Handbuch der alten Ägypter, Cantor nennt es gelegentlich
-sogar »Vademecum eines ägyptischen Feldmessers«, dem gegenüber erklärte
-¨Eugène Revillout¨, der Herausgeber der Revue égyptologique, in einer
-Note, die Cantor, wie es scheint, entgangen ist, ist sie doch dem
-so rührigen und so viel jüngeren ¨L. Borchardt¨ entgangen, das Heft
-ganz kurz und klar für das Heft eines mässigen Schülers, das einige
-Jahrhunderte später von einem Schreiber ohne alle mathematische
-Bildung, und solcher gab es schon im alten Ägypten, dem Jamesu, Sohn
-des Mondes, abgeschrieben und an einen schlichten Landmann verkauft
-ist. Dieser Ansicht Revillouts schloss sich Weyr in seinem Festvortrag
-in der Wiener Akademie an; ¨Borchardt¨, dessen Autorität sehr schwer
-ins Gewicht fällt, teilte gleichfalls diese Ansicht und auch ich
-kann ihr nur beipflichten. Das Heft wimmelt geradezu von groben
-Rechenfehlern, die oft vom Lehrer mit roter Tinte tout comme chez
-nous korrigiert, öfter nur generaliter bemerkt sind. So kommt z. B.
-ein Exempel vor, wo der Schüler durchgehend 14 mit 9 verwechselt hat,
-das war leicht möglich, die Schrift ist althieratisch, ganz ähnlich
-wie beim Papyrus Ebers, unserer Hauptquelle für die Geschichte der
-ägyptischen Medizin. Das Hieratische verhält sich, wie schon gesagt,
-zu den Hieroglyphen, die nur in prähistorischer Zeit wirkliche
-Bilderschrift waren, wie unsere Schreibschrift zur Druckschrift, es
-entsteht durch Ligaturen. Der Lehrer schreibt nur eine 14 an den Rand;
-er lässt, wenn die Exempel falsch sind, Proben machen, gibt auch
-gelegentlich dasselbe Exempel mit anderen Zahlen, manchmal gibt er
-selbst die Lösung an, die mitunter ganz anderen Gebieten der Mathematik
-angehörte. Daneben kommen auch Fehler genug auf Rechnung des Schreibers
-Jamesu.
-
-Die Ansicht ¨Revillouts¨ ist schon an und für sich wahrscheinlich,
-da die grosse Mehrzahl der auf uns gekommenen Papyri Schülerhefte
-waren. Es gab schon im alten Reiche ein ausgebildetes Schulwesen. Die
-Schulen a-sbo waren teils staatliche, teils private. Sie waren ganz
-und gar realistisch. Ihr Zweck war nicht die formale Geistesbildung,
-an toten Sprachen abgezogen, sie übersetzten nicht ihren Julius Cäsar
-Shakespeares ins Lateinische, um denselben den Römern zugänglich zu
-machen, sondern sie hatten Fachschulen, Schulen für Ackersleute,
-für Baumeister, für Feldmesser, für Intendanten, für Kaufleute etc.
-Unser Heft entstammt einer landwirtschaftlichen Schule. Der Schreiber
-schliesst es mit den Worten: Fange das Ungeziefer und die Mäuse,
-vertilge das Unkraut aller Art. Bitte Gott Re um Wärme, Wind und hohes
-Wasser.
-
-Das letzte war die Hauptsache. Ägypten, sagt Herodot, ist ein Geschenk
-des Niles, wurde doch die ganze straffe Zusammenfassung des Volkes
-unter ¨einen¨ König durch die Notwendigkeit dem gewaltigen Strom mit
-vereinten Kräften zu wehren, unabweisbar; damit das Jahr gut war,
-musste die Nilhöhe am Pegel von Memphis 16 Ellen, à 0,538 m, betragen.
-Bei 18 Ellen war es ein gesegnetes, was darüber war, war schädlich.
-Aber auch abgesehen von dem Spruche, bezeugt es der Inhalt des Heftes;
-die Beispiele sind zum weitaus grössten Teil direkt für den Gebrauch
-des Landmanns bestimmt. Ein nicht unwichtiges Argument für Revillouts
-Ansicht gab mir Herr ¨Spiegelberg¨ an. Der Papyrus soll nämlich
-vorzüglich erhalten sein, was äusserst unwahrscheinlich ist bei einem
-viel gebrauchten Handbuch.
-
-
-Ägyptische Arithmetik.
-
-
-Das Zahlensystem der Ägypter ist dekadisch. Die Ziffern sind für die
-Einer Striche [**symbol], für die Zehner [**symbol], für die Hunderter
-[**symbol], für die Tausender [**symbol], für die Zehntausender
-[**symbol], für die Hunderttausender [**symbol]. Die grössere Zahl geht
-der kleineren vor, z. B.
-
-[Illustration]
-
-gleich 212,635.
-
-In den Stundenangaben und Datierungen werden die Einer auch noch durch
-horizontale Striche bezeichnet.
-
-[Illustration]
-
-In monumentalen Einmeisselungen stehen die Zahlen auch vertikal, wie
-z. B. die Zahl 7551, die in der Schenkungsurkunde auf der Tempelmauer
-von Edfu vorkommt. Für 5 kommt auch in hieroglyphischen Ziffern
-[**symbol] vor.
-
-Die lautliche Bezeichnung, soweit sie feststeht, ist für 1 wa, für
-zwei meist die Dualform vom Stamme sen Bruder, nämlich der eins. Die
-5, dua, heisst Hand, wie im Indischen und Mexikanischen und wird auch
-meist durch eine Hand determiniert. Umgekehrt wird z. B. Handwerker
-dargestellt durch fünf Striche, dahinter Mann und Frau. Die 10 (met)
-wird durch den Phallus [**symbol] geschrieben, der denselben Lautwert
-met hat. Das Zeichen für 100 (vielleicht schent), eine Schlinge,
-ist vom zusammengerollten Seil von 100 Ellen hergenommen, 1000
-(cha) ist die so häufige Lotosblume, deba, d. i. 10000, ist Finger,
-Zeichen und Wort für 100000 ist die Kaulquappe hafen, welche nach der
-Überschwemmung im Nilschlamme in ungeheuren Mengen vorkommt. Als der
-Handel im Delta ausserordentlich entwickelt war, im neuen Reiche gab es
-auch Zeichen für Millionen und Zehnmillionen. Die Zeichen kommen schon
-früher vor, sie werden dann aber meist, wie das griechische Myrioi, für
-unendlich gebraucht. Der Gott verspricht dem Könige nicht Millionen
-Jahre, sondern ewiges Leben.
-
-Es gab seit der ältesten Zeit ein Zeichen für 0 nen, nichts.
-
-Nen ist zugleich die grammatische Negation, die Hieroglyphen
-[**symbols] stellen vielleicht eine im Gleichgewicht befindliche Wage,
-vielleicht zwei gleichmässig ausgestreckte Arme, [**symbol] auch
-Schulter, Arme und abwinkende Hände. Determiniert wird nen durch das
-Zeichen des Bösen, richtiger des Ungemütlichen, ein Vogel, der unserem
-Spatz ähnelt [**symbol]. Ob die 0 vor der Ptolemäer Zeit als Zahl
-angesehen wurde, steht nicht fest, als Ziffer war sie überflüssig, und
-als Zahl der Zahlenreihe, wie wir gleich hervorheben, nicht möglich.
-
-¨Die Ordinalzahlen¨ werden gebildet durch Anhängen der Silbe nu
-[**symbol] an die Kardinalzahl und später durch Vorsetzen von mh
-vollmachen, also der die 5 vollmacht, d. i. eben der fünfte; im
-Koptischen die ausschliessliche Ableitung.
-
-Zu der aufsteigenden Zahlenreihe bildeten die Ägypter auch die
-absteigende 1/2, 1/3, 1/4 usw., indem sie über die Kardinalzahl die
-Partikel ro [**symbol] setzten. (Eine Ausnahme bildet 1/2, welches
-mit Hälfte [**symbol] geschrieben wird.) Ro ist das Zeichen für Mund,
-das zur Präposition geworden ist und in etwas hinein etc. bedeutet,
-auch distributiv pro Tag etc. bedeutet. Im Hieratischen ist es zu
-einem einfachen Punkt verkürzt worden, es sind ganz ähnliche Gedanken,
-und wunderbarerweise auch im Hieratischen dieselbe Bezeichnung wie
-bei den Indern, die die absteigende Reihe als Reihe der negativen
-Zahlen gebildet haben. Der Ägypter fasst 3 auf als 3 × 1 und dem
-entspricht die Zahl, welche dreimal genommen 1 gibt. Mit dieser
-Auffassung der Zahlenreihe hängt die so eigentümliche und gänzlich
-missverstandene ägyptische Bruchrechnung, mit der der Papyrus Ames
-beginnt, aufs innigste zusammen. Da heisst es z. B. noch in einer
-grossen Abhandlung von 1895 eines um die Geschichte der Mathematik
-sehr verdienten Philologen, nämlich bei ¨F. Hultsch¨: die Ägypter
-kannten keine gemeine Bruchrechnung, sondern nur eine Teilung in
-der Einheitsreihe. Die Rechnung war für die Ägypter erst zu Ende
-geführt, wenn sie den Quotienten in Zahlen ihrer Zahlenreihe, d. h.
-in ganze Zahlen oder Stammbrüche aufgelöst hatten. Ihre Zahlenreihe
-war ihnen so geläufig, wie uns die unsrige und wie wir scheinbar immer
-mit Brüchen, mit konstantem Nenner 10 rechnen und die Resultate nur
-übersehen, wenn sie uns in Dezimalbruchform vorliegen, so rechneten
-die Ägypter scheinbar nur mit Brüchen, mit dem konstanten Zähler
-1. Dass aber dem Ägypter gemeine Bruchrechnung samt Generalnenner,
-reduzieren, erweitern etc., völlig vertraut war, geht aus den Papyri
-Ames, denen vom Kahun, von Achmin aufs klarste hervor. Sie scheuten
-nicht einmal vor Doppelbrüchen. -- Eine Ausnahme bildet der Bruch 2/3,
-der auch bei den Griechen sein eigenes Zeichen hat. Er heisst neb
-[**symbol] oder [**symbol]. Griffith fasst ihn als 1/1½. Hier war die
-Zusammensetzung aus ½ und 1/6 eben jedem ägyptischem Kinde geläufig.
-Aber ich bin hier schon bei der Division. Die Addition wird bezeichnet
-durch vorwärtsschreitende Beine [**symbol], die Subtraktion durch 2
-rückwärtsschreitende Beine [**symbol], es werden auch verba gebraucht,
-die addieren, hinzulegen, hinzufügen bezw. zurückkehren, ausgehen
-bedeuten; bei mehreren Summanden wird die Summe durch eine eigene
-Hieroglyphe bezeichnet: [**symbol], eine Papyrusrolle, das Determinativ
-für alles Abstrakte.
-
-[Sidenote: Arithmetik der Ägypter, Abschnitt 1 des Papyrus Ames.]
-
-Die Multiplikation wird durch das Wort uah = vervielfältigen,
-eingeleitet; die Division durch nis = teilen, richtiger künden,
-klarmachen. Die Division war wie die unsrige ein Einschliessen
-in Grenzen und wird durch Multiplikation und Kenntnis des 1 × 1
-erleichtert. Die 1 × 1-Tabelle kommt im Ames nicht vor, sie wird
-als bekannt vorausgesetzt. ¨Hultsch¨ hat das kleine 1 × 1 nach den
-Andeutungen des Ames rekonstruiert. Der Papyrus lehrt zunächst die
-Bruchrechnung und beginnt mit der Zerlegung der Brüche von 2/3 bis 2/99
-in Stammbrüche inklusiv 2/3.
-
-Regeln werden weder hier noch sonst irgendwo im Buche angegeben; eine
-Ausnahme macht nur die eine Regel in N. 61a: 2/3 zu machen von einem
-Bruch (gebrochenen Teil). Wenn dir gesagt ist: Was ist 2/3 von 1/5, so
-nimm seine Hälfte und seinen 6. Teil, das ist sein 2/3: Also ist es zu
-machen in gleicher Weise für jeden gebrochenen Teil, welcher vorkommt.
-Cantor hat den Schlusssatz missverstanden, er meint, er bezieht sich
-darauf, dass 2/3 durch irgend einen andern Stammbruch ersetzt werden
-könne, während die Verallgemeinerung sich auf 1/5 bezieht, C. sieht
-hierin die allgemeine Vorschrift 2/u, wo u eine ungerade Zahl ist,
-zu zerlegen in 1/(u/2 + 1/2) + 1/((u/2 + 1/2)u), die unzweifelhaft,
-darin hat er recht, zur Zeit des Papyrus bekannt war. Aber es werden
-auch andere Formeln für das an sich unbestimmte Problem benutzt, z. B.
-wenn p und q ungerade Zahlen sind, also 1/2 (p + q) eine ganze Zahl n:
-2/(p · q) = 1/(pn) + 1/(qn). Meist wird dafür gesorgt, dass der erste
-Bruch einen geraden Nenner hat, weil dies die nötige Zusammenfassung
-bei grösseren Dividenden als 2 erleichtert. Die Tabelle enthält nur
-ungerade Zahlen, weil eben den Ägyptern die Reduktion völlig bekannt
-war.
-
-[Sidenote: Zerlegung in Partialbrüche.]
-
-Ferner wird möglichst dafür gesorgt, dass die Zahl der Stammbrüche so
-klein als möglich. Im Papyrus Ames werden als Anfangsnenner ausser 2
-und 3 nur teilbare Anfangsnenner der Reihe zugelassen, nur einmal kommt
-5 vor. Im Papyrus von Achmin ist diese Beschränkung aufgehoben, um
-die Zahl der Stammbrüche zu verkleinern. Jede Zerlegung ist von einer
-Probe, smot -- der ¨Beweis¨ genannt, begleitet. Der Beweis, d. h. die
-Probe, zeigt hier schon, wie völlig die Beherrschung der Bruchrechnung
-war, z. B. 2/17 (Anfang der 2. Kolumne) nis son chent, d. h. mache
-deutlich 2 durch, z. B. 17, hieroglyphisch: (nis son chent met sefech)
-
-[**symbols]
-
- Verdeutliche 2/17: 1/12 1/51 1/68
-
- smot 1-1/3 1/12 1/3 1/4 (NB. 17/12 i. 1-1/3 + 1/12)
-
-Der Beweis -- smot [**symbols] genannt --, besteht darin, dass gezeigt
-wird, dass 1/12 der 17te Teil von 1-1/3 1/12 oder 1-1/4 1/6 ist und von
-dem was noch an 2 fehlt, nämlich 1/3 + 1/4, der 17te Teil 1/51 und 1/68
-ist.
-
-[Sidenote: Abschnitt 2: Zerlegung in Zehn-Teile.]
-
-Es folgen dann als 2. Abschnitt die Dezimalteilungen der Zahlen von
-1-9, eingekleidet als Verteilung von Broten; die Dezimalteilung war
-besonders für die Feldteilung wichtig, 1 3 6 7 8 9 werden geteilt,
-da 2/10, 4/10 und 5/10 schon in der vorigen Tabelle vorkommen. Nur
-das letzte der Beispiele ist vollständig erhalten: Geben Brote 9 an
-Personen 10. Verfahre wie geschieht, vervielfältige 2/3 1/5 1/30 mit 10.
-
-Brot hot statt t [**symbol]. Um mit 10 zu multiplizieren wird mit
-2 multipliziert, das zweifache mit 2, und das wieder mit 2 und das
-zweifach und achtfache addiert.
-
- [**symbols]
- /..| [**symbols] (1-2/3 1/10 1/30 als zweifaches von 2/3 1/5 1/30)
- (4.) 3 1/2 1/10
- / (8.) 7 1/5
-
-Zusammen 9 Brote, welche es sind; für zusammen [**symbol]
-
-M. H. es dauert eine ganze Weile bis wir die Zerfällungen in 2 und 4
-ausführen. Der Ägypter zerlegt 4/3 in 1-1/3 und 2/5 + 1/15 = 1/3 + 2/15
-und 2/15 = 1/10 + 1/30.
-
-Die Ägypter wussten in ihren Tabellen vorzüglich Bescheid, genau wie
-wir mit unserm Einmaleins. Wenn man sich übt, findet man, dass der
-Unterschied mit unsern Methoden keineswegs so gross ist.
-
-[Sidenote: 3: Sequem- oder Ergänzungsrechnung.]
-
-Die Tabelle verlangt nun vielfach Subtraktion einer Anzahl von Brüchen
-und Division einer Zahl durch eine Summe von Brüchen. Dazu dient die
-im 3. Abschnitt gegebene Sequemrechnung -- von quem = vollenden -- das
-Causativ also: Vollende, ergänze; quem allein kommt auch vor in No. 21
-b, 22 b, 37 e 1.
-
-Ich greife die beiden letzten Beispiele heraus, No. 22:
-
- [** symbols] (30 ist m' b [** symbol];
- sequem mā neb ro sa em uā statt mā ist richtiger mi)
-
- Ergänze 2/3 1/30 zu 1.
-
- 20 1
-
-(zu ergänzen ist der gemeinsame Nenner 30, die Ägypter beherrschten
-die Bruchrechnung vollständig, samt Gleichnamigmachung, Kürzen etc.)
-lege zu seinen Unterschied, nämlich 9; Zeichen des Unterschieds ist
-[**symbol] gelesen chomt, vervielfältige die Zahl 30 zu vollenden 9.
-
- 30
- 1/10 3
- 1/5 6
- -------
- zusammen 9
-
-Es sollen hier 2/3 und 1/30 zu 1 ergänzt werden; es sind auf den Nenner
-30 gebracht 20 und 1 Dreissigstel; es fehlen also 9 und 9/30 sind dann
-zerlegt in 1/10 und 1/5 womit das Resultat eben aussprechbar, d. h.
-deutlich für den Ägypter gemacht ist.
-
-No. 23:
-
- [**symbols]
- 1/4 1/8 1/10 1/30 1/45 sequem em neb
-
- [**symbols]
- cher em uah hi--f ir neb
-
- und 1/9 1/40 im Hinzufügen zu ihm macht 2/3.
-
-Als Generalnenner wird 45 gewählt und die Zähler der Doppelbrüche
-werden in Stammbruchform geschrieben, wobei noch 1/8 hinzugefügt wird.
-
- 1/4 1/8 1/9 1/10 1/30 1/40 1/45 1/3 [**symbol] 1
- 11-1/4 5-1/2 1/8 5 4-1/2 1-1/2 1-1/8 1 15 macht 1
-
-
-4. Abschnitt.
-
-[Sidenote: Abschnitt 4: Gleichung ersten Grades (Hau-Rechnung).]
-
-Die Haurechnung oder die Lösung von Gleichungen ersten Grades. No.
-24-38.
-
-Die Nummern 24-34 sind Zahlengleichungen; die vier letzten Aufgaben
-beziehen sich auf Teilung des Getreidemasses auit. Die Unbekannte
-heisst hau, d. h. Haufen, also eine unbestimmte Menge, analog dem cosa
-irgend ein Ding der italienischen Mathematiker der Renaissancezeit.
-Über die Lösung der Gleichungen entstand ein Streit zwischen
-¨J. Rodet¨, dem bekannten französischen Orientalisten, speziell
-Sanskritisten und ¨M. Cantor¨, in dem, wie so häufig beide recht und
-beide unrecht haben. Rodet meint, die Ägypter hatten die regula falsi
-benutzt, Cantor sagt, sie hätten gerade so wie wir operiert. C. selbst
-bemerkt ganz richtig, dass bei den Gleichungen ersten Grades beide
-Methoden schwer zu unterscheiden sind. Ich nehme das erste Beispiel:
-
-Haufe, sein Siebentel, sein Ganzes, es macht 19; also x/7 + x = 19.
-Es ist schwer zu sagen, rechnet der Ägypter x(1/7 + 1) = x 8/7 = 19;
-x/7 = 19/8 · x = 19/8 · 7 oder setzt er probeweise für x 7, wonach er
-als Summe 8 statt 19 bekommt und somit den Proportionalitätsfaktor 19/8
-erhält und damit seinen Probewert multipliziert.
-
-Die Rechnung sieht so aus:
-
- /. 7 . 8 / 1/4 2 /. 2-1/4 1/8 (n. b. 19/8 das ist der
- / 1/7 1 /.. 16 / 1/8 1 /.. 4-1/2 1/4 Proport.-Faktor)
- 1/2 4 / 4. 9-1/2
-
-nun kommt die stehende Formel:
-
- [**symbols] ȧrt mȧ cheper, tue wie folgt:
- Der Hau 16-1/2 1/8 (Probe) 1/7 : 2-1/4 1/8 [**symbol] (zusammen) 19.
-
-Vom Beispiel No. 28 an kann man aber nicht mehr gut von einem
-unmittelbaren Probieren reden zum Beispiel No. 32: x/3 + x/4 + x = 2.
-Es wird 1 1/3 1/4 multipliziert bis das Ergebnis 2 ist, d. h. es wird x
-ausgeklammert und mit 1 1/3 1/4 in 2 dividiert.
-
-Unter den Beispielen sind einige recht komplizierte, z. B. No. 28
-und sie liefert zugleich ein Beispiel für die Schwierigkeit der
-Entzifferung. Die Aufgabe lautet:
-
- [**symbols]
- neb em iw ro chomt em ān met uta
- 2/3 im hinzugehen 1/3 im weggehen 10 sind aufzubewahren.
-
-Gemeint ist: (x + 2/3x) - 1/3(x + 2/3x) = 10.
-
-Die Rechnung ist falsch, das Resultat 9 ist richtig; die Probe zeigt,
-wie die Aufgabe gemeint ist. Noch komplizierter ist No. 29. Ein
-wahres Muster von Kompliziertheit und nicht minder von ägyptischer
-Bruchrechnung sind No. 31 und 33: Haufe sein 2/3, sein 1/2, sein 1/7,
-sein Ganzes, es beträgt 37. Es wird die Division mit 1 2/3 1/2 1/7 ganz
-direkt durchgeführt.
-
-Die Aufgabe 30 übersetze ich abweichend von Eisenlohr und Cantor:
-
-Wenn dir der Schreiber (id est Lehrer) sagt: 10 ist das Ergebnis von
-2/3 und 1/10, lass mich den Grund hören.
-
-Um die Division von 10 durch 2/3 + 1/10 auszuführen, wird dies zunächst
-mit 13 multipliziert, das gibt 9-29/30; man muss dann noch 1/30
-dividieren und findet zum Schluss 13-1/23 als sogenannten Hau.
-
-No. 35: Um die Masseinheit zu erreichen, bin ich dreimal genommen
-und 1/3 von mir zu mir, dann bin ich zur Einheit vervollständigt.
-Diese Aufgabe 3x + 1/3 x = 1 ist das textliche Vorbild zu einer
-Menge von eingekleideten Gleichungen, die sich noch bis heute in
-den Rechenbüchern finden. Die Einheit ist das Hequatmass. Die
-Verteilungsaufgaben der Fruchtmasse bedurften sämtlich einer genauen
-Revision, die durch ¨Erman¨ 1902 und ¨Schack-Schackenburg¨ 1904
-vollzogen ist.
-
-[Sidenote: Arithmetische Reihe (Tunnu-Rechnung).]
-
-Es folgen dann zwei Aufgaben, die als »Tunnu«-Rechnung bezeichnet
-werden, zu denen sich sachlich noch Aufgaben aus einem späteren
-Abschnitt gesellen, der eine Anzahl praktischer Beispiele enthält und
-vielleicht einem ¨zweiten¨ Schülerheft entnommen ist. Von besonderer
-Bedeutung ist No. 40: Brode 100 an Personen 5; 1/7 der 3 ersten an die
-2 letzten Personen, was ist der Unterschied? Die Rechnung lautet: Tue,
-wie folgt: (die stehende Formel) der Unterschied 5-1/2 / 23, 17-1/2,
-12, 6-1/2, 1 [**symbol] zusammen 60. Vervielfältige diese Zahlen 23,
-17-1/2 etc. mit 1-2/3, das gibt dann 38-1/3, 28-1/6 ... zusammen 100.
-
-Hier haben wir a) Gleichungen mit mehreren Unbekannten, b) die
-arithmetische Reihe, c) unzweifelhaft regula falsi. Ist der Tunnus d
-und der Anteil des letzten a, so bekommen die Personen 4d + a, 3d + a,
-2d + a, d + a, a, und es ist: 9d + 3a = 7 (d + a); also 2d = 11a; d =
-5-1/2 a. Es wird nun als falscher Ansatz a = 1 gesetzt, also d = 5-1/2
-und da 100 = 60 + 2/3 · 60 ist, mit dem Proportionalitätsfaktor 1-2/3
-multipliziert.
-
-Hierhin gehört No. 64, die darauf hinausläuft eine arithmetische Reihe
-von 10 Gliedern zu bilden, deren Summe 10 und deren Differenz 1/8 ist.
-Es wird wieder zuerst das höchste, das letzte Glied bestimmt. Wir haben
-aus den bekannten Formeln:
-
- s = n/2(a + u) und u = a + (n-1)d; u = s/n + (n - 1)d/2,
-
-d. h. also um das letzte Glied zu bestimmen, muss man den
-Durchschnittswert s/n bilden und dazu (n-1) · d/2 addieren, und ganz
-genau so verfährt der ägyptische Rechner.
-
-Ich teile in der Mitte, gibt 1; ziehe 1 von 10 ab Rest 9, halbiere den
-Unterschied: 1/16, nimm es 9 mal, gibt 1/2, 1/16, lege es hinzu zum
-Durchschnittswert, gibt für u 1 1/2 1/16 etc. Ja, m. H. hier ist jeder
-Zweifel an der Kenntnis der allgemeinen Formeln ausgeschlossen.
-
-[Sidenote: Geometrische Reihe.]
-
-Und das gleiche gilt von der geometrischen Reihe. Der fünfte und
-zugleich letzte Teil enthält unter No. 62-84 eine Sammlung praktischer
-Beispiele, welche sich auf Landwirtschaft beziehen, Aichung von
-Bierkrügen, Futterverbrauch auf dem Geflügelhof und in Stallungen,
-Mehlverbrauch beim Backen, Lohnzahlung etc. Solche Aufgaben kommen
-auch in Tempelrechnungen sehr vielfach vor, denn die ägyptischen
-Priesterschaften hatten wie die mittelalterlichen Klöster grosse
-Ausgaben um das Volk an den Festtagen zu beköstigen. Mitten hinein
-schneit dann die Aufgabe 19. Die Aufgabe war nach Eisenlohr völlig
-rätselhaft. Es ist von einer Sutek (vielleicht Leiter? unsre Skala) die
-Rede, deren Sprossen
-
- 7, 49, 343, 2401, 16807
-
-sind, und bei diesen Zahlen stehen Worte, welche bedeuten: Person,
-Katze, Maus, Gersten, Ähre, Mass.
-
-Eisenlohr meinte, dass dies die Namen der 5 ersten Potenzen seien,
-während doch erst ganz vor kurzem bei Heron dynamo-dynamis für die 4.
-Potenz konstatiert ist.
-
-Die Rechnung sieht so aus:
-
- 7
- /. 2801 49
- /.. 5602 343
- /... 11204 2402
- [**symbol] 19607 16807
- [**symbol] 19607
-
-Das Rätsel hat ¨Rodet¨ in der schon erwähnten Abhandlung gelöst.
-Er fand dieselbe Aufgabe bei ¨Leonardo Pisano¨ um 1200 in dem
-epochemachenden Liber abaci, das aus Afrika stammt, aus Bugia, einer
-Pisaner Handelsstation, der westlichsten von Nordafrika.
-
-Die Aufgabe heisst: 7 Personen haben je 7 Katzen, jede Katze frisst
-7 Mäuse, jede Maus 7 Ähren Gerste, jede Ähre bringt 7 Mass ? ist die
-Summe, und sie ist berechnet nach der richtigen Formel:
-
- (a^n - 1)/(a - 1) · a, da (7^5 - 1)/(7 - 1) = 16806 : 6 = 2801 ist
-
-wo also die Multiplikation mit 7 gut ägyptisch vollzogen ist und durch
-Addition geprüft wird. Nicht vielleicht, wie Cantor meint, sondern
-unzweifelhaft war die Summenformel der geometrischen Reihe um 2000 v.
-Chr. bekannt. Wir sehen über 3000, wahrscheinlich über 4000 Jahre hat
-sich die Aufgabe in den Schulen Afrikas gehalten, ein Seitenstück zur
-Bruchrechnung.
-
-Aber die arithmetischen Kenntnisse der alten Ägypter gingen noch
-weit darüber hinaus, was Cantor freilich auch bei der 2. Auflage
-vom Dezember 1893 nicht wissen konnte. In den von ¨Griffith¨ 1897
-herausgegebenen mathematischen Papyri der Funde Petries in Kahun fand
-sich das erste Beispiel einer quadratischen Gleichung.
-
-
-Die quadratische Gleichung der Ägypter.
-
-Als Griffith die Petriepapyri 1897 herausgab, fand sich dort das erste
-Beispiel einer quadratischen Gleichung auf Tafel 8 des Papyrus. 1900
-hat Schack im Berliner Papyrus 6619 ein zweites gefunden. Der Papyrus
-ist vermutlich aus dem mittleren Reiche und lautet folgendermassen: Ein
-ferneres | Beispiel der Verteilung einer gegebenen Fläche auf mehrere
-Quadrate | wenn dir gesagt wird | 100 Quadratellen auf zwei unbekannte
-Grössen zu verteilen und | 3/4 der Seite der | einen Grösse für die
-andere | zu nehmen | bitte gib mir | jede der unbekannten Grössen an |.
-
-Die Ausrechnung geschieht mit der regula falsi, der Verfasser drückt
-sie so aus: Mache ein Rechteck von immer 1 (d. h. also ein Quadrat)
-und nimm 3/4 | der Seitenlänge | der einen für die andere | dies gibt
-3/4 |. Multipliziere dies mit 3/4 das gibt 9/16. Wenn so die eine
-Grösse zu 1 die andere mit 3/4 genommen ist, so vereinige diese beiden
-Grössen, das gibt 25/16. Nimm die Quadratwurzel daraus, das gibt 5/4.
-Nimm die Wurzel der gegebenen von 100 das gibt 10. Teile 10 durch 5/4,
-der Quozient ist 8 (Zeichen: [**symbol] auch Zeichen der Differenz).
-Der Rest ist zerstört, doch ist noch soviel zu erkennen: Nimm 3/4 von
-diesen 8 das gibt 6. Hier haben wir also
-
- x^2 + y^2 = 100; x : y = 1 : 3/4.
-
-Das Beispiel des Kahun Papyrus bezieht sich darauf, 120 kubische
-Ellen in 10 Körper von der Höhe einer Elle so zu zerlegen, dass die
-Grundflächen Rechtecke sind, deren Seiten sich wie 1 : 3/4 verhalten.
-
-Hier würde die Anwendung der regula falsi auf die irrationale
-Quadratwurzel aus 3/4 führen. Der Verfasser verfährt also ganz anders.
-Er geht davon aus, dass der Inhalt des Rechtecks mit 4/3 multipliziert
-das Quadrat der grossen Seite gibt.
-
-[Illustration]
-
-Die Rechnung lautet: Dividiere 1 : 3/4, das gibt 1-1/3, multipliziere
-12 mit 1-1/3, das gibt 16, die √ ist 4, das ist die Länge der einen
-Seite. Nimm 3/4, das ist 3. Hier haben wir also xy = 12-x/y = 1 : 3/4.
-Man sieht, beide Male haben wir das Dreieck 3, 4, 5 bezw. 6, 8, 10, das
-also schon um 2200 den Ägyptern bekannt war.
-
-Das dritte Beispiel hat Schack 1903 aus demselben Papyrusfragment
-entziffert.
-
-Es handelt sich um:
-
- x : y = 2 : 1-1/2 und x^2 + y^2 = 400.
-
-Wird dann probeweise x = 2, y = 1-1/2 gesetzt, so gibt es 6-1/4, die √
-ist 2-1/2, dies ist 1/8 von 20, also ist x = 16, y = 12
-
- [16, 12, 20 ~ 3, 4, 5 ~ 8, 6, 10]
-
-Das Zeichen der Quadratwurzel ist dem unsrigen nicht unähnlich
-[**symbol] To-Erdreich, Grund, auf dem etwas ruht?
-
-In Mitteilungen zur Gesch. der Med. u. Naturw. vom 18. April 1908 p.
-337 wird diese Hieroglyphe als ¨Gnomon¨ erklärt, und den alten Ägyptern
-damit eine Kenntnis des Quadratwurzelausziehens nach der Formel
-(a + b)^2 supponiert. Einem Sprachforscher von Fach wäre die äussere
-Ähnlichkeit, ich verweise auf Max Müller, ein Grund das Zeichen nicht
-vom Gnomon abzuleiten. Es ist bisher auch keine Spur einer Ausziehung
-von Wurzeln aus Nicht-quadratzahlen bei den alten Ägyptern gefunden, so
-wie die Babylonier haben sie die Quadratwurzeln (tabellarisch?) durch
-Multiplikation von 1 × 1, 2 × 2 etc. gefunden.
-
-Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Pythagoras den Ägyptern schon
-um jene frühe Zeit bekannt war.
-
-
-Geometrie.
-
-[Sidenote: Geometrie der Ägypter.]
-
-Ich komme zur Geometrie, sie findet sich im Abschnitt 3 und 4 des
-Papyrus Ahmes, daneben ist für uns die Schenkungsurkunde des Tempels
-von Edfu von Wichtigkeit, die allerdings 1500 Jahre nach Ahmes zu
-datieren ist; aber auch die 500 Jahre älteren Papyri von Kahun kommen
-in Betracht. Vor allem muss ich die Quadratur des Zirkels erwähnen,
-No. 41, No. 48 und No. 50. Sie setzen den Kreis, der bald teben,
-bald paut, bald k d heisst gleich einem Quadrat, dessen Seite 8/9
-des Durchmessers, d. h. sie setzten π gleich 256/81 = 3,1605; eine
-Übereinstimmung mit dem alten indischen √10 = 3,162, die zu denken
-gibt. Die Frage, wie sie zu diesem erstaunlich genauen Näherungswert
-gekommen sind, scheint mir unschwer zu beantworten.
-
-[Sidenote: Quadratur des Zirkels.]
-
-Sie nahmen einen Zylinder mit der Höhe h und dem Durchmesser d des
-Grundkreises und gossen Wasser hinein und dieses Wasser in ein
-balkenartiges Gefäss mit dem Grundquadrat a^2. Das Wasser stieg bis zur
-Höhe η, dann hatten sie xd^2h = a^2η und x = a^2/d^2 · η/h, falls a =
-d, x = η/h und fanden für das Verhältnis η/h, oder x den Wert 64/81.
-
-Wie selbstverständlich es war, dass man das Volumen eines Gefässes von
-konstantem Querschnitt seiner Höhe proportional setzte, das kann man
-bei Heron lesen. Der Begriff des (rationalen) Verhältnisses war ihnen,
-wie schon die Rechenaufgaben des Ahmes zeigen, völlig geläufig.
-
-[Sidenote: Volumenbestimmung.]
-
-Die Geometrie beginnt mit der Bestimmung des Volumens von
-Fruchtspeichern mit kreisförmiger, bezw. krummliniger und rechteckiger
-Grundfläche, z. B.: Ein rundes Fruchthaus von 9 Ellen Höhe in der
-grössten Ausdehnung und 6 Ellen Breite, wieviel Getreide geht hinein?
-Es wird, wenn statt 9 l und statt 6 h gesetzt wird, gerechnet nach der
-Formel
-
- (4/3 · 8/9 l)^2 · 2/3 h.
-
-[Sidenote: Halbkugel.]
-
-Es lässt sich mit diesen Beispielen nicht allzuviel anfangen, die
-Abbildungen fehlen und alle näheren Angaben über die Beschaffenheit der
-Haufen. Aber schon ¨Eisenlohr¨ bemerkt: sollte unserm Rechner die zur
-Bestimmung der Halbkugel nötige Formel πr^2 2/3 r vorgeschwebt haben?
-
-Ich komme damit auf die Berechnung der Kugel, bezw. Halbkugel.
-
-Im ersten Hefte der Kahunpapyri auf Tafel 8 ist eine Figur gezeichnet,
-die der Herausgeber der Petriepapyri Griffith richtig umschrieben und
-gelesen hat, deren Deutung er aber nicht gefunden zu haben bekennt. Er
-sagt, es scheint sich um den Inhalt eines kreisförmigen Fruchthaufen zu
-handeln, dessen Höhe 12 und dessen Durchmesser 8 ist. Er hat sich durch
-eine Zahl 12, welche über der Figur steht, und die zur Rechnung gehört,
-täuschen lassen, sonst wäre er wohl selbst darauf gekommen, dass
-wir hier die Zahlenrechnung zur Ermittelung eines halbkugelförmigen
-Getreideschobers von 8 Ellen Durchmesser vor uns haben. Die Figur zeigt
-einen Kreis, neben dem links 8, der Durchmesser in Ellen, steht, und in
-dem 1365-1/3 der Inhalt zu lesen ist.
-
- 12
-
- [**symbol]
-
- [1] 1365-1/3 / 1 . 256 In unserer Rechnung:
- 8 2 .. 512 8 . 3/2 = 12
- 2/3 8 / 4 . 1024 12 . 4/3 = 16
- / 1/3 4 / 1/3. 85-1/3 16 . 16 = 256
- zusammen 16 [**symbol] 1365-1/3 256 . 5-1/3 = 1365-1/3
- / 1 16
- /10 160
- / 5 80 Heute d^3π/12 = 134,041 Kubikellen = 1340,41.
- zusammen 256
-
-Abgesehen von dem Fehler für π ist also der Inhalt in 1/10 Kubikellen
-ausgedrückt. Was dieses Mass betrifft, so ist es eine ganz natürliche
-Übereinheit. Das Haupthohlmass ist das Hin; die Kubikelle = 320 Hin,
-die Elle = 0,526^m ergibt für das Hin 0,455 Liter, 32 Hin sind 14,61
-Liter, ungefähr 1/2 Scheffel. Das Hin wurde geteilt in 1/2 1/4 1/8 1/16
-1/32, es ist also 32 Hin als Übereinheit durchaus gerechtfertigt.
-
-Die Rechnung ist:
-
- (d-3/2 . 4/3)^2 . 2/3 d = 32d^3/12.
-
-[Sidenote: Ausmessung eines grossen Haufens durch kleines Mass.]
-
-Der Fehler bleibt unter 2%, für π ergibt sich 3,2. Dies ist ungenauer
-als im Handbuch, wo π = 3,16 ist, aber ¨Borchardt¨, der Erklärer,
-setzt ganz richtig hinzu: Dies Resultat ist durch häufiges wirkliches
-Ausmessen solcher halbkugeligen Haufen gewonnen worden. Dabei waren
-viele Beobachtungsfehler unvermeidlich. Die mathematische Form
-der Haufen war kaum herzustellen, die Hohlmasse (32 Hin) waren
-recht ungleich gefüllt und endlich lassen sich von einem grossen
-Getreidehaufen infolge des grösseren Druckes und dadurch veranlassten
-dichteren Lagerung in seinem Innern in praxi mehr kleinere Hohlmasse
-füllen als man theoretisch rein nach der Volumenvergleichung erwarten
-sollte, da sich im kleineren Masse die Körner naturgemäss loser lagern.
-
-Die Aufgabe zu ermitteln, wieviel kleine Masse sich aus einem gegebenen
-grossen füllen lassen, gibt ¨so¨ gefasst noch unsern heutigen
-Mathophysikern Rätsel auf. Davon können Sie sich überzeugen, wenn Sie
-z. B. die Correspondence ¨Quetelet¨ nachlesen, wo das Problem öfter
-behandelt wird. Daher ist es gar nicht zu verwundern, dass die Ägypter
-sie nicht aufs Haar lösen konnten. Ich weise aber noch auf einen
-Umstand hin, der mir ganz besonders wichtig scheint: der Näherungswert
-3,2 für π passt vorzüglich für die Übereinheit 32 Hin.
-
-[Sidenote: Ausmessung der Dreiecke und Trapeze.]
-
-Der 3. Abschnitt des Ahmes, der eigentlich geometrische Teil,
-handelt von der Ausmessung der Felder, kreisförmiger, dreieckiger,
-trapezförmiger, und solcher, die in Dreiecke und Trapeze zerlegt
-werden. ¨Eisenlohr¨ fasst auf Grund der Autorität M. Cantors und des
-grossen Ägyptologen ¨Rich. Lepsius¨, was mir beinahe unfassbar ist,
-die Dreiecke und Trapeze als gleichschenklige, und vindiziert den
-Ägyptern den groben Fehler, das gleichschenklige Dreieck zu bestimmen
-als halbes Produkt der Grundlinie und des ¨Schenkels¨, und das Trapez
-als Produkt der Mittellinie mit dem Schenkel statt der Höhe, und diesen
-Fehler sollten sie bis nach Christi, hunderte von Jahren nach Euklid
-und Heron begangen haben, und ¨Cantor¨ hat mit dem Starrsinn des Alters
-an seiner Auffassung festgehalten, trotz der Kritik ¨Revillout's¨
-in der Revue égyptologique von 1882 und der davon ganz unabhängigen
-¨Borchardt's¨, die darauf hingewiesen haben, dass die Figuren ganz rohe
-Handzeichnungen sind, wie Sie z. B. bei Nr. 48 (Figur) sich überzeugen
-können, wo statt des Kreises ein rohes Achteck gezeichnet ist. Die
-Dreiecke sind (Figur), wie Sie ebenfalls sehen, mindestens so gut
-rechtwinklig wie gleichschenklig.
-
-[Illustration]
-
-M. H., es ist an sich unwahrscheinlich, dass die Ägypter solche groben
-Fehler begangen haben. Aus den von ¨Wilke¨ mit unendlichem Fleiss
-gesammelten Ostraka, d. s. im wesentlichen Steuerquittungen auf dem
-billigsten Material, auf Tonscherben, wissen wir, dass es eine eigene
-Steuer gab. περι γεομετριας.
-
-[Sidenote: Widerlegung der Lepsius-Cantor'schen Formel.]
-
-Die Ägypter besassen nachweislich im alten Reich eine Reichsbank,
-sie hatten eine Plankammer, sie hatten statt des Tabakmonopol das
-Ölmonopol. Jedes Fleckchen, wo ein Ölbaum stand, wurde vermessen, jedes
-Stückchen Weizenland, von dem eine Naturalabgabe für die Ernährung
-der Truppen erhoben wurde, desgleichen. Sie haben von den jährlichen
-Nachmessungen unter Sesostris gehört; und dann sollen solche groben
-Irrtümer begangen worden sein! Ich kann Ihnen für Revillouts und
-Borchardts Auffassung einen schlagenden Beweis geben; hier sehen
-Sie die Figur im Codex konstantinopolitanus, der 1903 von Schöne
-edierten Metrica des Hero, da haben Sie zwei Figuren zur Ableitung
-des sogenannten erweiterten Pythagoras. Die Höhen sind gefällt und
-die Winkel der Figur weichen vom rechten Winkel weit erheblicher ab
-als die des Ahmes. Man kann gegen die Ostraka einwenden, sie stammen
-grösstenteils aus der Zeit der Ptolemäer; ja, m. H. wer den Charakter
-der Ägypter kennt, und nicht nur den der Ägypter, dem wird klar sein,
-dass die Steuergesetzgebung so wenig wie der Totenkult und das Erbrecht
-geändert werden konnte.
-
-Wenn Alexander sich zum Sohn des Amon machen liess, so tat er es
-wahrlich nicht aus Grössenwahn, sondern genau so wie vor ihm die
-Hyksoskönige, weil das Volk seinen Pharao nur als Sohn des Gottes
-anerkannte.
-
-Und was die Steuern betrifft, als wir 1870 die elsässische Verwaltung
-einrichteten, sagte der Oberpräsident von ¨Möller¨ die Fenstersteuer,
-das Enregistrement, das ganze Steuersystem ist miserabel, aber wir
-rühren nicht daran, die Leute sind daran gewöhnt.
-
-Cantor stützte sich bei seinem Widerstand, ich möchte sagen
-ausschliesslich, auf die Schenkungsurkunde des Tempels von Edfu, dessen
-Grundlegung, wie ¨Dümichen¨ nachgewiesen am 23. Aug. 237 v. Chr. von
-Ptolemäus XI, Alexander I, Philometor genau in der schon geschilderten
-Weise vollzogen ist. Die Schenkungsurkunde nimmt einen grossen Teil der
-Aussenwand der östlichen Umfassungsmauer des Tempels ein. Der gesamte
-Text 164 Kolonnen ist auf 8 grössere Felder verteilt, von denen,
-als ¨Cantor¨ seine erste Auflage schrieb, nur die drei ersten durch
-¨Lepsius¨ publiziert waren. Es werden von den Feldern von 60 Kolonnen
-die Masse angegeben, z. B.
-
- 22 + 23 4 + 4 oder 90 etc.
- 15 + 15 3-1/2 + 2-1/2 1/4 1/16 1/32 oder 47-1/2 1/8 1/16.
-
-(nicht stimmend 47, 1/2 . 1/16 1/64) richtiger Wert 47,566425.
-
-[Sidenote: Lepsius-Cantor'sche Formel.]
-
-Lepsius hat nun gefunden, dass diese Vierecke nach der Formel
-(a + b)/2 · (c + d)/2 berechnet wurden, wo a und b das eine Paar
-Gegenseiten, c und d das andere Paar ist. Es kommen, wie es
-scheint, ein ganzer Teil Rechtecke vor, ein anderer Teil sind
-Trapeze, dazwischen Dreiecke, die als Vierecke, deren eine Seite 0
-ist, aufgefasst werden. In dieser Auffassung liegt soviel von der
-Philosophie der Null, die hier als Grenzbegriff gefasst ist, dass ich
-Cantor nicht zustimmen kann, wenn er sagt: an eine Zahl 0 ist in keiner
-Weise zu denken.
-
-[Sidenote: 0 als Grenze.]
-
-Gewiss, eine Ziffer 0 hatten sie nicht, brauchten sie auch nicht;
-aber dass sie mit 0 rechneten, dass ihnen der Zahlencharakter der
-Null bekannt war, samt dem Grenzbegriff und dem sogen. Arbogast'schen
-Prinzip, das geht doch zur Evidenz aus der Urkunde hervor. Als Cantor
-aber seine zweite Auflage schrieb, da waren schon die übrigen 98
-Colonnen durch ¨Brugsch Pascha¨ publiziert, und da stellt sich die
-Sache sehr anders; die Lepsius'sche Formel, welche übrigens schon für
-das zweite Beispiel, das sich bei Lepsius findet, ¨nicht¨ passt, ist
-häufig genug nicht angewandt. Sieht man näher zu, so bemerkt man, dass
-es sich um ¨angenäherte Quadratwurzelausziehung¨ handelt. Ich habe fast
-alle nachgerechnet, die Fehler sind sehr gering und alle Angaben etwas
-zu gross z. B. auf Tafel 6: 2 + 1-1/2; 1 + 0 als Inhalt 7/8, während
-der richtige Inhalt noch nicht 6/8 ist. Natürlich, der König hatte ja
-ein Interesse daran dem Gott, oder was dasselbe ist, seinen Priestern
-die Schenkung möglichst gross darzustellen. Ich bemerke, dass nach
-meiner Erkundigung nicht nur die römischen Agrimensoren, wie Cantor
-angibt, sondern auch unsere heutigen, und zwar gerade diejenigen,
-welche über mathematische Bildung verfügen, sich das Wurzelziehen
-tunlichst sparen, indem sie z. B. für:
-
- √(α^2 + ε) α + 1/2·ε/α setzen.
-
-Aus dem Text der ägyptischen Aufgabe hat ¨Revillout¨ die
-Unwahrscheinlichkeit der Cantor'schen Auffassung nachgewiesen, die
-mit allen Traditionen des Altertums in Widerspruch steht. Ägyptische
-Baumeister wurden in der ganzen Welt des Mittelmeeres geholt, und als
-Augustus das römische Reich vermessen liess, nahm er dazu ägyptische
-Feldmesser.
-
-[Sidenote: Ägyptische Trigonometrie.]
-
-Ich komme nun zu dem Bedeutsamsten und zugleich zu dem Seltsamsten, was
-sich im Papyrus Ahmes (2. Schülerheft) und, muss ich leider sagen, bei
-Cantor-Eisenlohr findet. Der 4. Teil des Papyrus enthält die ägyptische
-¨Trigonometrie¨: Aufgabe Nr. 56-60, Aufgabe 59 ist doppelt. In den fünf
-ersten Aufgaben heisst die Pyramide, die stets quadratische Grundfläche
-hat, mr (nicht smr) in der 6. Aufg. Nr. 60, die von einer viel
-steileren Pyramide handelt -- ¨Borchardt¨ vermutet einen Monolithen --
-heisst sie in. Es kommen zwei Abmessungen in Betracht, in den Aufgaben
-56-59;
-
- a) die Pir--m--s Pirems, woher vielleicht der Name Pyramide.
-
- b) die ucha--tebet.
-
-und in Nr. 60 a) k^3y --n--h r w. b) Snti: Das Verhältnis zwischen 1/2
-b : a heisst überall Sqd.
-
-Z. B. Nr. 56. Berechnung einer Pyramide. Die uchatebet ist 360, ihre
-Pirems 250. Lass mich ihren Seqd wissen. Nimm die Hälfte von 360, macht
-180, dividiere mit 250 in 180 macht 1/2 + 1/5 + 1/50 von einer Elle.
-Eine Elle hat 7 Spannen, multipliziere mit 7: ihr Skd ist 5-1/5 Spannen.
-
-Nr. 57. Eine Pyramide, 140 ist die uchatebet, 5-1/4 Spannen ihr Skd,?
-die Pirems. Antwort: 93-1/3.
-
-Nr. 58. Pirems 93-1/3, uchatebet 140,? Sqd. -- Antwort: 5-1/4 wiederum.
-Die Rechnung enthält wieder einen groben Fehler des Schreibers.
-
-Nr. 59 a. Pirems ist 12, uchatebet 8? Sqd. Antwort wieder 5-1/4.
-
-und Nr. 59 b. Kontrollaufgabe, uchatebet gefragt, ganz verworren
-abgeschrieben. Resultat 4 statt 8, wenn die eine Linie 12 und der Sqd
-5-1/4.
-
-Nr. 60. Ein In von 15 Ellen an seinem Snti und 30 an seinem k^3y--n h r
-w. Lass mich seine Skd. wissen. Multipliziere 15; 1/2 davon ist 7-1/2,
-multipliziere 7-1/2 mit 4 um 30 zu erhalten. Sein Rhi ist 4.... Das ist
-sein Skd.
-
-¨Eisenlohr¨ bemerkt Rhi ist unklar, was jedoch ohne Einfluss auf die
-Rechnung ist.
-
-¨Eisenlohr¨ und ¨Cantor¨ erklären nun die Pir--m--us als die
-Seitenkante und die ucha tebet als die Diagonale des Grundquadrates,
-während sie durch das Koptische gezwungen sind die Kaienharu als die
-Höhe und die snti als die Grundlinie aufzufassen; sie erklären also den
-Sekt in den fünf ersten Aufgaben als den Cosinus des Neigungswinkels
-der Kante und Grundfläche und in der letzten als die Cotangente des
-Böschungswinkels!
-
-Dagegen wenden sich nun ganz unabhängig voneinander ¨Revillout¨ und
-¨Borchardt¨ und schon ¨Weyr¨ trat ihnen bei, beide zunächst vom
-Standpunkt des Steinhauers und Architekten; beide bemerken, dass der
-Neigungswinkel für den Steinhauer ganz wertlos.
-
-[Illustration]
-
-Die Pyramide wurde in geraden Absätzen gebaut, die dann mit
-mächtigen Steinplatten ausgefüllt wurden. Kannte der Arbeiter den
-Böschungswinkel, der an allen Quadern derselbe, dann konnte er jedes
-Stück richtig behauen; der Neigungswinkel ergab sich dann ganz von
-selbst. (Figur.)
-
-Eisenlohr erklärt Piremus als die aus der Säge heraustretende und
-seqet leitet er von qd -- ähnlich machen -- ab und übersetzt es mit
-Ähnlichkeit, besser wäre wohl Verhältnis. Revillout sagt, piremus
-bedeutet hinausgehen in die Breite oder aus der Breite und beides passt
-für die Höhe der Pyramide, die Linie, welche die Spitze mit der Mitte
-der Grundlinie verbindet; uchatebet ist die Basis, und beide Worte
-sind Synonyma für Kainharu und senti. ¨Cantor¨ noch in dem Brief an
-Weyr und in der 2. Auflage mutet den Ägyptern die Ungeheuerlichkeit zu
-zwei verschiedene Funktionen mit demselben Namen bezeichnet zu haben.
-¨Revillout¨ und ¨Borchardt¨ sagen, es sei stets die Cotangente des
-Böschungswinkels und nun erinnern Sie sich daran, dass Ägypten aus
-zwei verschiedenen Ländern mit verschiedener Sprache zusammengewachsen
-ist. Synonyma sind häufig, wie wir aus analogen Gründen die ähnliche
-Erscheinung im Englischen haben. Die Pyramide heisst smr und in, der
-Kreis Deben und kd, der Vater heisst ¨if¨ und atef, der König bjty und
-hk^3 usw.
-
-[Sidenote: Koordinaten.]
-
-Die Höhe ist als Summe der Schichtenhöhen, ev. auch aus der
-Schattenlänge und die Seite des Grundquadrats ganz direkt messbar. Die
-Diagonale muss aber berechnet werden, und zwar mit dem Pythagoras.
-
-Eisenlohr hat die Winkel der Pyramiden γ und β (siehe Figur S. 50)
-berechnet aus
-
- cos β entweder 5-1/4 Sp oder 5-1/25 und damit
- cos β = 3/4 oder = 126/175 = 18/25
-
-und sie stimmen so ziemlich mit den Winkeln der erhaltenen Pyramiden,
-was für den, der weiss, wie oft grobe Fehler der Schüler geringe Fehler
-im Resultat geben, nicht wunderbar ist.
-
-Aber Borchardt hat die Neigungswinkel aus der Cotangente berechnet. Es
-sind dies Winkel von 54° 14′ 16″; 53° 7′ 48″ (kommt 4 mal vor) und in
-No. 60, 75° 57′ 50″.
-
-Von diesen Neigungswinkeln gleicht der erste ¨genau¨ bis auf die
-Sekunde dem Winkel an der südlichen Steinpyramide von Daschur (untere
-Hälfte), der zweite stimmt, ebenso haarscharf mit dem von Petrie an Ort
-und Stelle gemessenen Winkel der zweiten Pyramide von Giseh überein und
-der letzte ist ebenso ¨genau¨ der von Petrie 1892 nachgewiesene Winkel
-aus der Mastaba von Meidum. Und dass die Werkleute wie die unsrigen
-nach solchen Vorschriften, sogenannten Leeren, arbeiteten, das zeigen
-die von Petrie aufgedeckten Winkelmauern an den Ecken der Mastaba No.
-17 zu Meidum.
-
-Diese Eckwinkelmauern zeigen wie die Erbauer der Mastaba sich die
-anzulegende Neigung der Winkel ¨genau¨ nach der in No. 60 gegebenen
-Vorschrift aufgezeichnet haben. Damit ist die Seqtfrage entschieden.
-Sekt ist die Cotangente, rhi vermutlich nichts anderes als die
-¨Tangente¨, die also den Ägyptern auch schon bekannt war.
-
-Das Wort seqd aber leitet Revillout von kd -- bewegen ab und aus dem
-hapt -- Richtscheit, das ein unentbehrliches Werkzeug war; seine
-aufrechtstehende Kathete ist 1 Elle, die untere ist in 7 Spannen und
-4 Finger geteilt, und eine Schnur wurde nach dem unteren beweglichen
-Punkte geknüpft und gab dem Arbeiter damit durch den sekd unmittelbar
-den Winkel, nach dem er seinen Stein zurichtete.
-
-Ein ganz entscheidendes Moment liegt aber in der Natur der Sache; der
-königliche Bauherr der Pyramide der sagt einfach, meine Pyramide soll
-so und so viel im Geviert haben und so und so hoch soll sie sein, die
-Ausführung überlässt er seinem Architekten.
-
-Dass die Ägypter aber mit der Proportionalitäts- und Ähnlichkeitslehre
-ganz vertraut waren, das zeigen ihre Abbildungen. Sie teilten die Wand
-durch Linien in ein Netz von Quadraten, ganz wie unsere Ingenieure ihr
-Zeichenpapier, und trugen in die einzelnen Quadrate die Figuren in
-entsprechendem Massstab ein. In dem sogenannten Grabe Belzoni zu Biban
-el Moluk ist ein solches Coordinatensystem erhalten in einer unfertig
-gebliebenen Grabkammer König Sety I., des gewaltigsten der Bamessiden
-nächst seinem Sohne Ramses II.
-
-[Sidenote: Darstellende Geometrie bei den Ägyptern.]
-
-Nun zeigen die Bilder und Inschriften, ähnlich wie die japanischen,
-keine Perspektive, und man nahm an, dass den Ägyptern die Perspektive
-unbekannt gewesen sei. Aber vor etwa 10 Jahren wurden in Fayum, vom
-trockenen Wüstensand geschützt, eine grosse Anzahl Totenmasken,
-Porträts der Verstorbenen, gefunden, allerdings aus hellenistischer
-Zeit, die meisten Handwerksarbeiten, aber auch eine ganze Anzahl
-Kunstwerke ersten Ranges, die unsern besten Porträts nicht nachstehen.
-Und dazu noch eins, was ich Ihnen nicht vorenthalten darf, oben auf
-dem Pylon des Isis-Tempels von Phile, den Ptolemeus IX. Euergetes II.
-150 v. Chr. erneuert hat an der Stelle, von wo der Werkmeister seinen
-Bau am besten übersehen konnte, sind in Stein geritzt zwei Zeichnungen
-erhalten.
-
-M. H. Nicht Menge, nicht Lambert, nicht Dürer sind die Urheber der
-darstellenden Geometrie, hier sehen sie eine Werkzeichnung in dem
-Sandstein der Plattform des Pylon, welche Borchardt 1878 aufgenommen
-hat, mit beigeschriebenen Massen, ¨Grundriss¨ und ¨Aufriss¨, und noch
-steht die Säule, welche genau danach gearbeitet ist.
-
-[Sidenote: Résumé.]
-
-Resumieren wir die ägyptische Mathematik so weit wir jetzt davon wissen.
-
-In der Arithmetik hatten sie eine entwickelte Fingerrechnung und
-Rechenbretter, auf denen sie mit Steinen rechneten, kannten alle vier
-Spezies mit ganzen und gebrochenen Zahlen, wussten mit Gleichungen 1.
-und 2. Grades, arithmetischen und geometrischen Reihen Bescheid und
-hatten Näherungsmethoden für die Ausziehung der Quadratwurzeln.
-
-In der Geometrie war ihre Konstruktions- oder Reisskunst hoch
-entwickelt. 420 v. Chr. rühmte sich der grosse Demokrit, dass ihn in
-der Reisskunst nicht einmal die ägyptischen Harpedonapten überträfen;
-sie hatten eine sehr achtenswerte Quadratur des Kreises, kannten
-Symmetrie und Proportion, waren mit der Kreisteilung vertraut, hatten
-Ähnlichkeitslehre und Anfänge der Trigonometrie und Elemente der
-darstellenden Geometrie.
-
-
-
-
-II. Kapitel.
-
-Babylonien -- Assyrien.
-
-Ich wende mich nun dem Zuge der semitischen Völkerwanderung folgend
-nach dem uralten Kulturland, zwischen den grossen Strömen Euphrat
-und Tigris, zum Zweistromland, dem mâtu Pur Pur, nach Mesopotamien,
-Babylonien, Assyrien. Hier kam zu den schon für Ägypten fliessenden
-Quellen noch ¨Berossos¨ hinzu, und die Bibel in weit reichlicherem
-Masse. Berosus, ein Babylonischer Priester des Bel der im 3. Jahre v.
-Chr. in griechischer Sprache schrieb, hat sich als mit den Traditionen
-seines Volkes in Mythos und Geschichte sehr vertraut erwiesen, und es
-ist zu bedauern, dass von seinem grossen Werke nur Fragmente durch
-Alexander Polyhistor und danach von Josephus und Eusebios erhalten
-sind. Verdanken wir doch Berossos die Kunde von dem Babylonischen
-Weltschöpfungsmythus, die Sintflut eingeschlossen, der Quelle des
-mosaischen, eine Kunde, welche durch die Funde von Kujundschik-Ninive
-so glänzend bestätigt und erweitert wurde. Aber auch die Bibel hat sich
-als eine nicht zu unterschätzende Geschichtsquelle erwiesen, und unter
-dem Einfluss der Ausgrabungen in den letzten 30 Jahren ist »Babel und
-Bibel« (¨P. Delitzsch¨) zu einem Schlagwort geworden. Aber erst im
-letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gelang es durch Entzifferung der
-rätselhaften Keilschrift, die Geschichte Vorderasiens auf urkundliche
-Grundlage zu stellen. So bedeutend aber die Leistungen der Schüler
-¨Eberhard Schraders¨ im letzten Dezennium gewesen sind, so sagt doch
-einer der berufensten unter ihnen ¨P. Jensen¨: »Ein jedes Werk von
-Assyriologen auch der besten ist und wird auf lange noch vergleichbar
-bleiben einem Feld mit Hopfenstangen, von denen sehr viele zwar
-annähernd oder durchaus korrekt und gerade, viele aber, nach allen
-Richtungen hin, schief stehen.«
-
-Im Gegensatz zu Ägypten, wo wir ein und dasselbe Volk bis zum heutigen
-Tage vor uns haben, sind im Zweistromland zwei der Rasse nach
-verschiedene Völker zu unterscheiden, die beide langsam kulturell
-zusammengeschmolzen sind. Vom Nordosten her, möglicherweise vom Altai
-und dem Pamirplateau kamen als Nomaden in einzelnen Schwärmen die
-¨Sumerer¨, ein Volk, das bis dato für sich steht, die sich vorzugsweise
-in Südbabylonien in Sumer ansiedelten, vielleicht vom Meere aus in
-die Mündungen des Euphrat und Tigris eindringend. Vom Nordwesten her
-in gleicher Weise die ¨Semiten¨, die sich, zugleich oder früher,
-vorzugsweise in Nordbabylonien, Accad (Agade) festsetzten. Naturgemäss
-mussten beide Völker zusammenstossen, und in hin und her schwankenden
-Kämpfen drangen Sumerer in Accad und Accader in Sumer ein, bis seit
-¨Chammurabi¨ die Sumerer endgültig den Semiten unterlagen, die an
-den Beduinen Arabiens immer frischen Nachschub hatten. Gehörte doch
-nach ¨Ed. Meyer¨, welcher sich dabei stützt auf ¨Ranke¨, Early
-Babyl. personal names (p. 33, Band VI, 1 des grossen Hilprecht'schen
-Sammelwerkes über die Amerik. Ausgrabungen in Nippur) und noch mehr
-auf die Monumente, Chammurabi selbst einem solchen frischen Schwarm
-Amoriter Beduinen an.
-
-[Sidenote: Sumerische Frage.]
-
-Die sogen. Sumerische Frage gehörte zu den dunkelsten; während
-anfangs der Siebziger die Sumerer als die Kulturträger, die Semiten
-als rohe Nomadenhorden hingestellt wurden, hat später ein so
-bedeutender Semitologe, wie Halévy, die ganze Existenz der Sumerer
-geleugnet und ihre Schrift und Sprache für eine Art Stenographie der
-Semitisch-Babylonischen erklärt. Gestützt auf die genaue Untersuchung
-der ihm zugänglichen plastischen Denkmäler, hat ¨Eduard Meyer¨ in
-seiner Abhandlung »Sumerier und Semiten in Babylonien« [Abh. d. Kön.
-Preuss. Akad. d. W. 1906 phil-hist.] die Frage aufgehellt. An der
-Existenz der Sumerischen Sprache konnte, wie Meyer mit Fug bemerkt,
-nach der Auffindung der griechischen Übersetzungen bilinguer Syllabare,
-das sind Listen von Schriftzeichen mit Angabe ihrer Sumerischen und
-Assyrischen Silben- und Wortwerte, nicht mehr gezweifelt werden. Man
-vgl. die Abhandlung von ¨T. G. Pinches¨ in den Proc. Bib. Arch. 24, p.
-108 und ¨A. H. Sayce¨ ibid. p. 120, in denen die Aspiration des p, k
-und t durch die Griechische Übertragung konstatiert ist.
-
-[Sidenote: Sumerer und Semiten.]
-
-Die Rassenfrage wurde durch die bildlichen Darstellungen im
-wesentlichen auf Grund der Ausgrabungen ¨de Sarzecs¨, die von
-¨Heuzey¨ vortrefflich ediert sind, und denen von Nippur, die seit
-20 Jahren ununterbrochen fortgesetzt sind, unzweifelhaft zugunsten
-eines selbständigen Volks der Sumerer entschieden, wie es ¨Bezold¨,
-¨Winkler¨, ¨Hilprecht¨ etc. angenommen hatten. Abgesehen von der
-Kleidung, dem sumerischen Mantel und dem semitischen bunten Plaid, sind
-scharfe und stereotype Unterschiede vorhanden. Zunächst zeichnen sich
-die Semiten wie noch heute durch üppig wucherndes Bart- und Haupthaar
-aus, während die Sumerischen Köpfe bis auf die Augenbrauen völlig ohne
-Haar sind. Die Nase ist von der semitischen scharf verschieden, ebenso
-Mund, Backe und Stirn. Auch die Frauenköpfe aus Tello sehen durchaus
-nicht semitisch aus. »So lehren die Denkmäler mit unwiderleglicher
-Evidenz, dass es zwei verschiedene Rassen in Babylonien gegeben hat,
-eine semitische [vorzugsweise] im Norden, und eine nicht semitische
-[vorzugsweise] im Süden, [die Sumerer]. Zu diesen beiden Rassen kamen
-dann als drittes Element die Beduinischen Westsemiten Chammurabis, die
-das Haupthaar kurz schneiden und die Lippen rasieren.«
-
-[Sidenote: Anteil der Sumerer und der Semiten an der Kultur.]
-
-Die dritte Frage, die von ¨Meyer¨ naturgemäss nicht so entscheidend,
-wie die beiden ersten beantwortet wird, ist die Frage nach dem Anteil
-der beiden Rassen an der Kultur. Da hat nun Meyer nachgewiesen, dass
-die ¨Sumerer der Zeit Gudeas¨ (etwa um 2600), ¨ihre Götter nicht mit
-ihrem eignen sumerischen Typus, sondern in Gesichtsbildung, Bart, Haar
-und Gewandung als Semiten gebildet haben¨. Danach haben auf religiösem
-Gebiete die Semiten entschieden die Führung gehabt, wenn naturgemäss
-auch ihre Religion durch die der Sumerer beeinflusst ist, bis sich
-eine einheitliche Religion heranbildete. Meyer glaubt die Sagen von
-Gilgamesch, dem Herkules der Babylonier, der Sintflut etc. den Semiten
-zuweisen zu können, während besonders die Verbindung der Götter mit den
-Sternen, insbesondere die Astrologie, der Hexen- und Dämonenglauben
-sumerisch seien, der sich ja von Babylon aus insbesondere durch das
-spätere Judentum und das Christentum über die ganze Welt verbreitet hat.
-
-Die Semiten scheinen auch auf dem Gebiet der Kunst die Führenden
-gewesen zu sein, und sehr früh haben sie eine hohe Stufe der Kunst
-erreicht, wie die unübertroffene Siegesstele des Naramsin (s. u.)
-beweist (vgl. Abbildung).
-
-[Illustration: Siegesstele des Naramsin.]
-
-Über einen Punkt aber herrscht unter den Assyriologen volle
-Übereinstimmung, ¨die Erfindung der Babylonischen Schrift, der
-Keilschrift, ist Eigentum der Sumerer¨. Zwar ist die von ¨Hilprecht¨
-als sumerisch angesprochene vorsargonische Periode Nippurs schriftlos,
-und wir haben aus der Zeit wo in dieser Stadt, dem uralten
-Stammesheiligtum der Babylonier, der Sumerische Sturmgott En-lil,
-dessen Idiogramm später als Bel gelesen wird, seinen Kult hatte, keine
-Tafeln mit Schriftzeichen gefunden, aber der Beweis liegt darin, dass
-die semitischen Silbenzeichen ursprünglich sumerische Worte bedeuten.
-Meyer weist mit Recht darauf hin, dass die Semiten als Erfinder der
-Schrift, alle Konsonanten ihrer Sprache bezeichnet hätten, und weist
-auf den entscheidenden Einfluss hin, den die sumerische Schrift und
-Sprache auf das Semitische der Babylonier für Phonetik und Satzbau
-geübt hat.
-
-[Sidenote: Gudea und die Fürstpriester von Telloh.]
-
-Durch die Ausgrabungen de Sarzecs wissen wir, dass nach dem Tode der
-grossen Semitischen Fürsten Sargon und Naramsin die Sumerer auch in
-Accad vorübergehend zur Macht gelangten in dem Königreich von Sumer
-und Accad der Fürsten von Ur; wir kennen durch die so erfolgreichen
-Ausgrabungen ¨E. de Sarzecs¨ aus wunderbaren Statuen, denen leider der
-Kopf fehlte (vgl. Abbildung) und einer Reihe von Schriften, genauer
-Vertonungen ihren König oder richtiger Fürstpriester, pateïssi, denn
-nie nennt er sich König, ¨Gudea¨; nach ¨Winkler¨ war er Vasall des
-¨Urengur¨ von Ur, König von Sumer und Accad, und Gudeas Vorgänger
-Urnina, Entemena etc. Ihre Residenz war Schirpurla auch Lagasch,
-heute Telloh geheissen; und die Urkunden aus jenen ältesten Zeiten
-sind für die Entwicklung der Schrift ganz besonders wichtig. Der Plan
-und der Massstab Gudeas (vgl. Abb. S. 62) ist für die Metrologie
-beinahe unschätzbar; wie die p. 105 besprochene Arbeit ¨Borchardts¨
-beweist, ist er zirka 3000 Jahr in Gültigkeit geblieben, und stimmt
-nach der ¨Borchardt¨'schen Messung mit ¨Lehmanns¨ Hypothesen (p. 106)
-vortrefflich.
-
-[Illustration: Gudea mit Plan und Massstab.]
-
-[Illustration: Plan der Gudeastatue, 1/2 der nat. Grösse.]
-
-[Illustration: Massstab der Gudeastatue, 1/2 der nat. Grösse.]
-
-[Sidenote: Statuen des Gudea.]
-
-Durch einen merkwürdigen Zufall ist uns jetzt auch der ¨Kopf Gudeas¨
-bekannt geworden. Der Nachfolger de Sarzecs in den Ausgrabungen von
-Tello (Sirpurla), der Kapitän ¨G. Cros¨, fand unweit der Stelle,
-wo jener einen prächtig gearbeiteten Kopf aus Diorit ausgegraben
-hatte, eine kleine ganz disproportionierte Statue ohne Kopf, die laut
-Inschrift als die der Gudea bezeichnet wurde, von ihm seinem speziellen
-Schutzgott, dem er auch den neuen Tempel in Tello gebaut hatte, dem
-Ningiszida, dem Sohn des Nin-a-zu (nach Meyer ein anderer Name für
-den Götterkönig Anu, den Himmelsgott) gewidmet. ¨Léon Heuzey¨, der
-ausgezeichnete Leiter der Assyrischen Abteilung des Louvre, bemerkte,
-dass die Brüche des Kopfes und des Torso zu einander passten, er
-setzte den Kopf auf den Torso und ohne jeden Kitt sass er fest (vgl.
-Rev. d'Assyr. Bd. VI, 1907 p. 19). Dadurch besitzen wir jetzt 4 Köpfe
-des Gudea, darunter der von Hilprecht in seinem Vortrag über die
-Ausgrabungen im Bêl-Tempel zu Nippur S. 52 wiedergegebene »Marmorkopf
-von feinster Arbeit«. Die Köpfe tragen sämtlich die sogenannte Kappe
-der Sumerischen Fürsten, die wir bei Chammurabi (s. u.) wiederfinden,
-und drei davon den Turban, der also uralt sumerischen Ursprungs ist.
-Die scheinbare Plumpheit und Disproportioniertheit der Körper der
-Statuen aus Tello hat Heuzey m. E. sehr zutreffend erklärt. Der Körper
-diente nur als Sockel für den Kopf, falls der schwer zu bearbeitende
-Dioritblock für eine ganze Statue zu klein war, und ¨Heuzey¨ bemerkt
-sehr richtig, dass unsere Büsten mit ihrer abgespalteten Brust den
-Sumerern, so sonderbar vorgekommen waren, wie uns die ihren.
-
-[Illustration: Kopf des Gudea, Federzeichnung nach dem Funde des Cap.
-Cros.]
-
-[Sidenote: Semitische Einwanderung in Vorderasien.]
-
-Und von der entgegengesetzten Seite her, wie heute ziemlich feststeht,
-von Nordafrika her, drangen nomadische Semitenschwärme, in verschiedene
-Volksstämme, richtiger Clane gespalten in das reiche Zweistromland, und
-siedelten sich in der 13 Meridian breiten, paradiesisch fruchtbaren
-Ebene an. ¨Delitzsch¨ versetzt geradezu das Paradies in die Gegend
-von Babylon, den Euphrat und Tigris nennt die Bibel selbst und die
-beiden andern Ströme erklärt er für Kanäle, was nicht unmöglich, da
-die Babylonier für Kanal und Fluss dasselbe Wort nâru haben. An der
-jetzigen grauenhaften Verödung dieses Paradieses erklärt Delitzsch
-die Türken für unschuldig, und sicher haben Beduinen und Islam vor
-den Türken die Versandung der Kanäle und damit die Verödung des
-Landes auf dem Gewissen. Wir hegen die begründete Hoffnung, dass
-die deutsche Bagdadbahn und das deutsche Kapital in wenig mehr als
-einem Menschenalter die jetzige Wüste wieder zu einem grossen Garten
-umgeschaffen haben wird.
-
-[Sidenote: Sargon und Naramsin.]
-
-Die Unterwerfung der Sumerer gelang um so leichter, als sie keinen
-Grossstaat hatten, sondern nur einzelne grosse Städte, in denen
-sich nach und nach die Semiten ansiedeln. Die Städte standen unter
-sogenannten Fürstpriestern, Pateissi, die sich gegenseitig unter
-einander befehdeten, wie wir aus den Inschriften ¨Gudeas¨ erfahren, und
-aus dem von ¨Cros¨ vor kurzem ausgegrabenen Bericht über die Verwüstung
-Tellos durch Lugalzaggissi, den Pateissi der Nachbarstadt Gishu, bis
-sie unter die Oberherrschaft Semitischer »Grosskönige« gerieten, wie
-Tello unter die des grossen Semitenfürsten ¨Sargon I.¨, Besitzer
-von Argade (Accad), der von Nordbabylonien, dem Lande Accad aus,
-auch Südbabylonien (Sumer) unterwarf. Sargons und seines ebenfalls
-bedeutenden Sohnes ¨Naramsin¨ Existenz war lange sagenhaft, -- die
-Moses-Mythe wird auch von Sargon erzählt -- bis Nabonahid und die Funde
-der Amerikaner in ¨Nippur¨, dem Sitz eines uralten Tempels des Bêl,
-ihre historische Existenz bewiesen. Dort ist sogar der Stempel des
-Sargon (vgl. Abb.) mit seinen altertümlichen Schriftzeichen gefunden
-worden.
-
-¨Nabonahid¨, der letzte König von Babylon, war das, was wir heute einen
-Romantiker nennen würden, seine Interessen wurzelten in der Vorzeit, er
-wollte den uralten Dienst des Schamasch, der Sonne, und des Sins, des
-Mondes, wiederherstellen und geriet so in Konflikt mit der mächtigen
-Priesterschaft des Marduk-Bel in Babylonien, deren Unterstützung Cyrus
-mehr für seinen Erfolg verdankte als der Macht seiner Waffen. Im
-Grundstein des Tempels von Sippar, den Nabonid erneuern wollte, fand
-er die Urkunde Naramsins, des Sohnes des Sar-u-ukin. Die Gelehrten
-des Königs berechneten nach den Königslisten die Regierungszeit des
-Naramsin auf 3200 Jahre früher, wodurch Sargon auf 3800 v. Chr. gerückt
-wurde, und mit ihm Gudea. Trotz mancher Bedenken, welche gegen dieses
-hohe Alter geltend gemacht wurden, insbesondere von ¨H. Winkler¨ und
-¨C. F. Lehmann¨, nahm doch noch ¨Bezold¨ 1903 diese Daten als richtig
-an. Aber der Fund der neuen Königsliste von Nippur, aus dem Ende des
-3. Jahrtausend der Schrift nach, durch ¨Hilprecht¨ 1906 im XX. Bd.
-der Berichte publiziert und interpretiert, bewies, dass Lehmann mit
-seiner Vermutung, dass die Gelehrten des Nabonid sich um etwa 800 Jahre
-geirrt hatten, im Recht war und die neue Chronologie von ¨L. W. King¨
-(Chronicles conc. early Babyl. kings 2 vol 1907) setzt Sargon von Akkad
-auf 2500 v. Chr. auf Grund der Arbeiten ¨H. Rankes¨.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Babylonisch-Assyrische Chronologie.]
-
-Über die Chronologie sei gleich hier bemerkt, dass der Hang der
-Babylonier zum genauen Datieren, insbesondere auch die zahllosen
-Geschäftsurkunden, die wir von Gudea bis Nabonid besitzen, uns über
-die Chronologie der Assyrer weit besser als über die der Ägypter
-unterrichtet haben. In Kürze werden uns die Ausgrabungen, besonders
-die der Pennsylvania Universität in Nippur bis ins 4. Jahrtausend
-hinein eine völlig gesicherte Zeitfolge der Geschichte gewähren, von
-Chammurabi bis Kyros, von 2000 bis 539 steht sie schon jetzt auf
-sicherem Boden. Vom 15. Jahrhundert bis zum Jahr 1000 können wir uns
-auf die sogen. ¨synchronistische¨ Geschichte stützen. Nach ¨H. Winkler¨
-(die Keilinschr. u. das alte Test. 3. Aufl. 1903 p. 47) ist es ein
-Dokument, in welchem ¨Adad-nirari¨ III. von Assyrien (812-783) die
-Vereinigung Assyriens und Babyloniens als im Interesse beider Völker
-hinstellt, nach ¨Bezold¨ ein Staatsvertrag beider Länder. Jedenfalls
-wird darin in Kürze die Geschichte beider Länder chronologisch erzählt.
-Die synchron. Geschichte ist immerhin nicht ganz einwandfrei, sie
-enthält gewissermassen den persönlichen Fehler Adad-niraris. Von
-diesen sind für Assyrien die ¨Eponymenkanones¨, für Babylonien die
-¨Königslisten¨ frei. Das Jahr wurde von Adad-nirari II., etwa um 900
-an, zunächst nach dem die Regierung antretenden Herrscher und dann
-der Reihe gemäss, nach den höchsten Beamten benannt, wie in Athen
-nach den Archonten. Beide Listen sind Chroniken zum Zweck genauer
-Datierung von Rechtshandlungen. Die Vergleichbarkeit des Kanons mit
-unserer Zeitrechnung wurde möglich durch Erwähnung der Sonnenfinsternis
-im Monat Sivan bei Gelegenheit eines Aufstands gegen Assur-daja. Die
-Astronomische Berechnung ergab den 15. Juni 763. Eine weitere Kontrolle
-ergab dann der völlig zuverlässige Kanon des grossen Astronomen
-Ptolemaios (vgl. Hellas), der uns hilft bis zur ¨Seleuciden¨-Ära
-(Berossos), deren Beginn zwischen 312 und 311 schwankt und die
-Arsaciden-Ära von 248, welche neben der Seleucidenära hergeht.
-
-Die Semiten überschwemmten ganz Westasien, längs der Küste des
-Mittelmeeres zogen die Phönizier, besser Kanaanäer, zu denen die
-Chabiri, die wir jetzt als Hebräer bezeichnen, gehören, die, wie es
-scheint, noch im Anfange der historischen Zeit nicht sesshaft waren,
-und erst zur Zeit Chinatôns ihre Stammesgenossen angriffen.
-
-Arvat, Byblos und vor allem Sydon und Tyrus sind Städte der Phönizier.
-Die zweite Sammelgruppe der Beduinenschwärme bilden die Aramäer, mit
-dem Hauptzweig der Syrer, die südlich von den Kanaanäern hielten
-und sich weit nach Norden und Osten vorschoben. Hier kam es nur in
-Damaskus, der alt berühmten noch heute blühenden Handelsstadt zu einer
-Staatenbildung. Am ausgedehntesten war die Wanderung des an Zahl
-stärksten dritten Zweiges, der Babylonier und Assyrer, die sprachlich
-und genealogisch nahe verwandt sind. Doch sind nach den Abbildungen die
-Babylonier weit stärker mit den Sumerern blutgemischt als die Assyrer.
-
-[Sidenote: Geschichte der Babylonier und Assyrer.]
-
-Die Assyrer sind sprachlich und auch dem Rassentypus nach mit den
-Babyloniern so nahe verwandt, dass die Annahme ihrer Abzweigung von
-diesen, etwa um 1150, nach einem siegreichen Einfall der Elamiten, sehr
-wahrscheinlich ist. Sie waren ein Krieger- und Herrenvolk, das den
-Priestern einen weit geringeren Einfluss einräumte als die Babylonier.
-Ihre Kämpfe, wie die der Babylonier, gelten, wie leicht begreiflich
-ist, dem Bestreben, sich die grossen Handelsstrassen nach Indien und
-nach dem Kulturzentrum, dem Mittelmeerbecken offen zu halten. Wird
-ihnen, durch das Aufkommen einer nicht semitischen Grossmacht ein
-Handelsweg im Westen verlegt, so erkämpfen sie sich einen neuen im
-Osten. Sehr bald gingen sie gegen Babylonien aggressiv vor, und der
-grausame aber tüchtige ¨Assurnassirpal¨ bringt Babylon völlig unter
-seinen Einfluss. Der eigentliche Begründer der Assyrischen Weltmacht
-¨Tiglat Pileser¨ III. besteigt dann 744 unter dem Namen Pulu (Phul
-der Bibel) den Thron Babels und nennt sich König von Sumer und Accad.
-Diese Glanzzeit Assyriens hält unter Sargon II. und seinem Sohn
-¨Sanherib¨ an, aber kurz nachdem Sanherib Babylon zerstört hatte (689)
-und nach der erfolgreichen Regierung ¨Assurbanipals¨ (Sardanapal) wird
-auch Ninive, die Residenz seit Sanherib von den Medern unter Kyaxares
-zerstört und zwar weit gründlicher als Babel.
-
-Bis an die Hochebene Mediens in Nordosten, Elams oder Susa in Südosten,
-im Süden bis an die Sümpfe der Mündung des Euphrat und Tigris in
-den persischen Busen drangen die Semiten, auch hier zunächst kein
-Grossstaat, sondern Städte, die das Stammesheiligtum bargen als Zentren
-des Kultus, des Marktverkehrs und Sitz der Fürsten. Nach Agade und
-Sirpurla nenne ich Kis, Ur (deren Fürsten sich seit ¨Urengur¨ Könige
-der vier Weltgegenden nannten und Nordbabylonien in Abhängigkeit
-brachten), Nippur, Larsam und Babel, die mehr oder minder zentrale
-Bedeutung gewannen bis Chammurabi (vielleicht der Amraphel der
-Bibel) Babel zur Hauptstadt des Grossstaats Babylon machte, der nun
-Nordbabylonien (Accad) und Südbabylonien (Sumer) durch Eroberung von
-Larsam im Süden und Absetzung des dortigen Königs einte.
-
-Babel war eigentlich eine Doppelstadt, an einem Ufer Babel -- das
-Tor Gottes, am andern Borsippa (Birs) -- die Stadt des Mondgottes
-Sin, dessen Kult in Sumer, insbesondere in Ur blühte, während in
-Nordbabylonien der Dienst der Sonne (Schamasch und Marduk) in den
-Vordergrund trat.
-
-[Sidenote: Chammurabi.]
-
-[Illustration: Ḫammurabi empfängt von Schamasch seine Gesetze.]
-
-Wir kennen ¨Chammurabi¨ wie wenige Fürsten des Altertums, und wenige
-Regenten dürften ihn in alter und neuer Zeit an Kraft und Weisheit,
-und wenn wir seinen Gesichtszügen (s. Abb.) und den zahlreichen
-Rechtsschriften Glauben schenken, auch an Gerechtigkeit und Milde
-übertroffen haben. Was er für die Stadt Babel getan, berichtet er uns
-selbst sumerisch und babylonisch: »Chammurabi, der mächtige König, der
-König von Babylon, der König der vier Weltgegenden, der Begründer des
-Landes, der König, dessen Taten dem Fleische des Gottes Schamasch und
-des Gottes Marduk wohltun, bin ich. Die Spitze der Mauer von Sippar
-habe ich mit Erdreich wie einen Berg erhöht, mit Rohrgeflecht habe ich
-sie umgeben. Den Euphrat grub ich ab gen Sippar zu und liess einen
-Damm dafür aufwerfen. Chammurabi, der Begründer des Landes, dessen
-Taten etc. wohltun, bin ich. Sippar und Babel habe ich auf immerdar zu
-behaglichen Wohnstätten gemacht. Chammurabi, der Günstling des Gottes
-Schamasch, der Liebling des Gottes Marduk bin ich. Was seit uralten
-Tagen kein König dem Herrn der Stadt (dem Schutzgott) gebaut hat, das
-habe ich für Schamasch, meinen Herrn, grossartig ausgeführt.«
-
-[Illustration: Chammurabi.]
-
-[Sidenote: Codex des Ḫammurabi.]
-
-Hatte ¨C. Bezold¨ in Ninive und Babylon schon ¨Chammurabi¨ in der
-eben zitierten Weise gewürdigt, so wurde die Gestalt dieses grossen
-Fürsten in noch weit helleres Licht gerückt durch die Erfolge der
-französischen Ausgrabung unter ¨G. de Morgan¨ in Susa, der Hauptstadt
-von Elam. In drei Stücken wurde dort im Dezember 1901 und Januar 1902
-die Standsäule mit der Gesetzsammlung Ḫammurabis gefunden, welche
-1903 von ¨V. Scheil¨ zum ersten Male ediert und in französischer
-Sprache erklärt wurde und 1904 von ¨H. Winkler¨ deutsch und von
-¨R. Harper¨ englisch ebenfalls 1904, und vom juristischen Standpunkt
-von ¨J. Köhler¨ und ¨E. Peiser¨ 1904. Der Codex Hammurabis steht auf
-einer ethischen Höhe, welche dem mosaischen vom Sinai nichts nachgibt,
-und ist das erste uns erhaltene Corpus juris. Sie genoss, Winkler
-zufolge, viele Jahrhunderte das höchste Ansehen -- wie die Gesetze des
-Moses sind sie von Gott gegeben, das Bild der Säule zeigt, wie der
-König die Gesetze von Schamasch empfängt, leider ist das Antlitz des
-Königs, der Kappe und Stab trägt, verstümmelt, der Sonnengott ist mit
-¨Turban¨ und Faltenrock bekleidet -- sie hat das griechische Recht,
-dieses das römische und dieses das unsrige in hohem Grade beeinflusst.
-Die Strafe ist natürlich wie bei den Hebräern und Römern Vergeltung,
-bei Sittlichkeitsvergehen Abschreckung. Im Zivilprozess spielt der Eid,
-grade wie bedauerlicherweise noch heute, eine hervorragende Rolle. Die
-Sammlung weist der Frau eine rechtliche Stellung an, welche sie noch
-heute in der Türkei nicht errungen hat, sie schränkt die väterliche
-Gewalt, ich nenne nur § 168, die Ausweisung des Sohnes betreffend,
-erheblich ein, und das Erbrecht ist in sehr zu billigender Weise
-geregelt, denn auch hier ist die Frau und die Tochter geschützt. Das
-Handelsrecht hat er wohl kaum modifizieren können, denn das war ja
-zugleich international, aber das sogenannte Sumerische Familienrecht
-zeigt, dass dieser Schutz der weiblichen Familienglieder so recht
-dem eigenen Sinn des grossen Königs entsprungen ist. Und so können
-wir den Worten, mit denen er auf der Säule sich seiner Taten nach
-orientalischer Sitte rühmt -- Einleitung und Schluss -- wohl Glauben
-schenken. Die Stele kam nach Susa als Trophäe zugleich mit anderen
-wichtigen steinernen Urkunden im 12/11 Jahr v. Chr., als die Elamiten
-unter Sutruk-Nahunte Sippar und Babylonien erobert hatten. Es sei hier
-auch erwähnt, dass von dem Kampfe Abrahams zur Befreiung Lots auch eine
-Urkunde Chammurabis berichten soll. Die Stele mit der Gesetzsammlung
-zeigt am Anfang das Relief, welches die Übergabe des Codex an den König
-durch Schamasch schildert, das Relief ist verstümmelt; (Abbild. S. 69)
-die Legende ist um so deutlicher.
-
-[Sidenote: Babylonisch-Assyrische Kultur.]
-
-Die Geschichte Babyloniens und Assyriens kann ich hier nicht erzählen,
-sie ist z. T. in der Bibel und bei Herodot und später bei Arrian,
-Diodor, und vor allem bei Berossos etc. wenigstens von 2000 ab erzählt;
-sie ist jetzt bis 4000 v. Chr. so ziemlich aufgehellt; sie wurde in
-grossen Zügen durch die verschiedenen Schichten der einwandernden
-nomadischen Semitenschwärme und durch die geographische Lage im
-einzelnen bedingt. Nach Westen und Südosten Kämpfe mit den Aramäern
-und weiter nördlich mit den Kanaanäern, Phöniziern und Hebräern, die
-an dem nahen Ägypten Rückendeckung hatten. Im nördlichen Syrien auch
-Kämpfe mit dem uralten vermutlich von Kappadocien her eingedrungenen
-vielleicht indogermanischen Stamm der Cheti oder Hetiter, die sich
-später mit den Hebräern vermischt haben und mit den Mitani, die noch
-ziemlich rätselhaft sind. Im Norden, Osten oder Südosten ist es die
-indogermanische Wanderung, die unausgesetzt das babylonisch-assyrische
-Reich bedroht; im Norden zusammengefasst als Skythen, im Osten die
-Meder, in Südosten die Elamiter mit der Hauptstadt Susa. Im Süden
-wieder hemmten die Chaldäer, die im sogenannten neubabylonischen
-Reiche nach jahrhundertelangen Kämpfen schliesslich die Herrschaft an
-sich rissen. Und hinter den Medern und Elamitern wieder Indogermanen,
-deren bedeutsamster Stamm, die Perser, das ganze babylonische Reich
-zerstörten.
-
-[Sidenote: Grotefend und die Entzifferung der Keilschrift.]
-
-¨Die Erschliessung der babylonisch-assyrischen Kultur¨ verdanken wir
-in erster Linie dem Lehrer am Gymnasium zu Göttingen: ¨Georg Friedrich
-Grotefend¨. Aus den Ruinen von Persepolis, der von Alexander dem
-Grossen in der Trunkenheit in Brand gesteckten Hauptstadt Persiens,
-waren im Laufe der Zeit einige Inschriften in eigentümlichen
-keilförmigen Zeichen bekannt geworden, und ¨Carsten Niebuhr¨, der
-Vater des berühmten Historikers hatte 1770 äusserst sorgfältige und
-ausführliche Kopien mitgebracht, welche die allgemeine Aufmerksamkeit
-auf die Keilschrift lenkten; er hatte auch schon bemerkt, dass die
-Inschriften drei verschiedenen Schriftsystemen angehörten und von
-links nach rechts zu lesen waren. Zufällig wurde Grotefend auf einem
-Spaziergang im Juli 1802 veranlasst, sich mit der Entzifferung zu
-beschäftigen und schon am 4. September 1802 legte er die Resultate
-seiner Forschung der Göttinger gelehrten Gesellschaft vor. Er ging
-davon aus, dass die in drei verschiedenen Keilschriften und also
-auch wohl in drei verschiedenen Sprachen verfassten Inschriften
-von den Erbauern der Paläste, den persischen Achämeniden Darius,
-Xerxes, Artaxerxes etc. herrührten; dass also vermutlich die erste
-der drei Sprachen die persische, dass die Texte wahrscheinlich auch
-die Namen der Könige enthielten, dass endlich die Schrift des ersten
-Systems wegen der geringen Anzahl der Zeichen eine Buchstabenschrift
-sein musste; danach verglich Grotefend die ihm aus der Bibel und
-den Klassikern und aus der Zendsprache in den heiligen Büchern
-Zarathustras bekannten Namen dieser Könige auf ihre Länge und die
-Wiederkehr gewisser Zeichen und kam zu folgendem Schluss: Eine häufig
-wiederkehrende Gruppe von Zeichen musste König oder verdoppelt König
-der Könige bedeuten, und in den dieser Gruppe vorangehenden Zeichen
-war der Name des Königs enthalten; so fand er Darius oder vielmehr
-die altpersische Form Dārheūsch, und ein zweiter Name liess sich als
-Xerxes-Khschêrsche, ein dritter als Hystaspes-Gôschtaspähe deuten
-und ebenso bekam er das Wort Sohn heraus. Die Göttinger gelehrte
-Gesellschaft verfuhr mit der Abhandlung Gr. ähnlich wie die dänische
-mit der Kaspar Wessels über die geometrische Darstellung der Complexen
-Zahlen und die Pariser Akademie mit ¨Abels¨ grösster Arbeit: sie
-lehnte es ab, die Abhandlung zu veröffentlichen. »Erst neunzig Jahre
-später (1893) ist seine Originalabhandlung von Prof. Wilhelm Meyer in
-Göttingen wieder aufgefunden und in den »Gelehrten Nachrichten« der
-Akademie veröffentlicht worden.« (¨H. V. Hilprecht¨, die Ausgrabungen
-in Assyrien und Babylonien 1904).
-
-Aber die Entdeckungen Grotefends wurden vor dem Schicksal der
-Wessel'schen und Abel'schen bewahrt, dadurch dass sie Aufnahme fanden
-in das s. Z. epochemachende Werk von ¨A. Heeren¨, Ideen über Politik,
-den Verkehr und den Handel der alten Welt 4. Aufl. I, 2 S. 345. So war
-die Grundlage geschaffen, auf der dann die anderen, ich nenne ¨Benfey¨,
-¨Hinks¨, ¨Oppert¨, ¨Spiegel¨ weitergebaut haben, so dass jetzt die
-bisher bekannten derartigen Texte, mit voller Sicherheit gelesen werden.
-
-In der zweiten Schrift entdeckten ¨Norris¨ und ¨Oppert¨ eine aus
-Silbenzeichen und einigen Wortzeichen konstruierte Schrift, in der,
-wie heute feststeht, die susische oder elamitische Sprache ausgedrückt
-wurde; sie enthält gegen 100 Zeichen.
-
-Weit grössere Schwierigkeit bot das dritte System, das über 300
-verschiedene Keilschriftzeichen enthielt. Die Entzifferung war schwer
-möglich und sie gelang Grotefend nicht. Da entdeckte ¨James Rich¨, ein
-geborener Franzose, aber Resident der ostindischen Kompagnie in Bagdad
-im Jahre 1820-21 gegenüber der blühenden Handelsstadt Mossul (Musselin)
-auf dem linken Tigrisufer die Ruinen von Ninive und fand zahlreiche
-Inschriften des dritten Systems. Bemerkenswert ist es, dass schon im
-12. Jahrhundert der spanische Rabbi ¨Benjamin von Tudela¨ den Ort von
-Ninive bestimmt bezeichnete.
-
-Fast gleichzeitig wurde die sogenannte grosse Dariusinschrift, eine
-sehr lange dreisprachige Inschrift am Felsen von Behistun, einer 100
-Meter steilen Felswand, an der Grenze des alten Mediens gefunden und
-1835 von ¨Henry Rawlinson¨ vermittelst hoher Leitern auf ungeheueren
-Papierabklatschen aufgenommen unter grosser Lebensgefahr --, man nennt
-die Dariusschrift den Babylonischen Stein von Rosette --. Von nun ab
-wuchs die Menge der ausgegrabenen Inschriften rapide, besonders durch
-die Arbeiten von Sir ¨Henry Layard¨ und ¨Rassam¨, im Auftrage des
-British Museum, in Nimrud, 25 Kilometer von Mossul, die alte Residenz
-¨Kelach¨.
-
-[Sidenote: Die wichtigsten Ausgrabungen.]
-
-Im Jahre 1881 entdeckte ¨Hormuz Rassam¨ die Ruinen von Sippar. R.
-hatte schon 1878 in Balawat, die für die assyrische Kunst- und
-Kulturgeschichte gleich wichtigen Bronzetüren Salmanassars II.
-gefunden. Von grösster Bedeutung sind die Ausgrabungen der Franzosen in
-Tello gewesen, schon dadurch dass die wunderbaren Funde ¨E. de Sarzecs¨
-Franzosen, Engländer, Amerikaner, Deutsche, ja selbst die hohe Pforte
-zu weiteren Arbeiten anspornte. Vor de Sarzec hatten schon im Auftrage
-der französischen Regierung ¨Botta und Place¨ in Korsabad den Palast
-Sargons II. gefunden und mit Glück gearbeitet, und den Grund zu der
-grossen Sammlung im Louvre gelegt.
-
-¨De Sarzecs¨ »Découvertes en Chaldée« von ¨Léon Heuzey¨ 1868 auf Kosten
-der Regierung herausgegeben, wie schon die Prachtwerke, welche über
-Bottas und Places Arbeiten berichteten: Monument de Ninive découvert
-et décrit par ¨E. Botta¨, mesuré et dessiné, par ¨E. Flandin¨, Paris
-1846-50 und ¨V. Place¨, Ninive et l'Assyrie 1866-69, haben der modernen
-Assyriologie den stärksten Impuls gegeben. Die Franzosen setzen die
-Ausgrabungen von Tello bis heute fort, daneben hat die Expedition
-nach Elam (Susa) unter ¨De Morgan¨, deren Resultate der hochverdiente
-¨V. Scheil¨ mitgeteilt hat, u. a. den Kodex des Chammurabi aufgefunden.
-Die Engländer ihrerseits haben fleissig unter Budge und King in
-Kujundschik, das Layard seinerzeit den Franzosen weggenommen,
-gearbeitet. Die ¨Deutsche Orientgesellschaft¨ arbeitet seit 1899
-unter ¨R. Koldwey¨ und ¨L. Borchardt¨ mit grossem Erfolg in Babylon
-und besonders in Assur. Aber mit den Riesensummen, welche der Staat
-Pennsylvanien und seine Universität Philadelphia auf die Ausgrabungen
-in Nippur verwandt hat, ist keine Konkurrenz möglich. Von den Leitern
-¨J. P. Peters¨, ¨H. V. Hilprecht¨, ¨J. H. Haynes¨ ist besonders der
-Deutsche Hilprecht der eigentliche Assyriologe, unter dessen Leitung
-die Excavations in Assyria and Babylonia die Resultate der seit 1879
-bis jetzt fortgesetzten Ausgrabungen der Mit- und Nachwelt zugänglich
-machen.
-
-[Sidenote: Die Keilschrift.]
-
-Es gelang vier grossen Forschern ¨Rawlinson¨, ¨Oppert¨, ¨De Saulcy¨
-und dem scharfsinnigen Irländer ¨Hinks¨ die dritte Schrift und die
-Sprache zu entziffern. Die Schrift war eine Verbindung von Wort und
-Silbenzeichen, die Sprache eine der arabischen und hebräischen nahe
-verwandte, es war die babylonisch-assyrische Sprache. Die Schrift war
-ursprünglich eine ziemlich rohe Bilderschrift, zeigt aber schon in
-ihren ältesten Formen das Bestreben, Bogen durch Striche zu ersetzen,
-aus denen sich dann die Keilschrift entwickelte. So sind z. B. die
-ältesten Formen für »Stern«, »Sonne«, »Rohrpflanze«:
-
- [**symbol] [**symbol] für [**symbol] [**symbol], später [**symbols]
-
-und weiterhin vereinfacht:
-
- [**symbols]
-
-und analog haben sich aus den Bildern [**symbols] für Fuss und Weib die
-betreffenden Keilschriftzeichen entwickelt.
-
-Diese Keilschriftzeichen lassen sich im wesentlichen auf drei
-Grundelemente: den horizontalen Keil [**symbol], den vertikalen Keil
-[**symbol] und den schrägen Keil [**symbol] zurückführen, selten
-sind die umgekehrten Keile, der Winkelhaken [**symbol] ist wohl aus
-Vereinigung zweier Keile hervorgegangen. Die Keile konnten durch
-Wiederholung, Neben- und Übereinanderstellung und Kreuzung zu den
-mannigfachsten, oft äusserst komplizierten Gruppen vereinigt, sowohl
-Worte als Silben im Assyrischen bezeichnen. Dabei zeigte sich aber eine
-anfangs äusserst rätselhafte Erscheinung, die sogenannte Polyphonie.
-Dasselbe Zeichen bedeutet sehr oft ein oder mehrere Worte und daneben
-noch ein oder mehrere Silben. So bedeutet das Zeichen [**symbol]
-nicht nur »Stern«, assyrisch Kakkabu, sondern auch Himmel schami und
-Gott ilu und hatte die Silbenwerte an und il. Das Zeichen [**symbol]
-hatte nicht nur die Wortbedeutungen »Land« (matu) »Berg« (schadu),
-erreichen, erobern Kaschādu; aufgehen (von der Sonne, napāchu), sondern
-konnte auch ausserdem als Silbenzeichen in seinen verschiedenen
-Zusammenstellungen mit andern Zeichen noch kur, mad, mat, schad, schat,
-lat, nad, nat, kin oder gin gelesen werden.
-
-Das Rätsel löste sich mit einem Schlage als ¨Rawlinson¨ aus einer
-Anzahl sehr alter Keilschrifttexte eine neue Sprache in genau derselben
-Schrift entdeckte, die Sprache der Sumerer.
-
-Die Beduinenhorden der Babylonier hatten sich mit dem Lande zugleich
-der ¨Schrift¨ der Sumerer bemächtigt, [**symbol] der Himmel hiess
-sumerisch an, hoch und wurde im Babylonischen Zeichen für den Begriff
-Himmel und für die Lautsilbe an, Wortzeichen und Determinativ für Gott
-und ebenso wurde [**symbol] Land; Berg, sumerisch kur als Wortzeichen
-und Determinativ für Land und Berg und Silbenzeichen gebraucht.
-
-Diese Erklärung wurde später durch die Auffindung einer grossen
-Menge zweisprachiger Texte, babylonisch und sumerisch, in derselben
-Schrift bestätigt. (¨E. Bezold¨: Ninive und Babylon, Monographien zur
-Weltgeschichte XVIII 1903.)
-
-[Sidenote: Entwicklung der Keilschrift nach Delitzsch.]
-
-Über die Entwicklung der Schrift oder den Ursprung der Keilinschriften
-hat ¨Fr. Delitzsch¨, dem wir Wörterbuch und Grammatik des Assyrischen
-verdanken, 1897 ein Werk veröffentlicht, das, mögen auch Einzelheiten
-verbesserungsfähig sein, die Prinzipien völlig einleuchtend festlegt,
-nach denen die Sumerischen Priesterfürsten die Schrift als Verbindung
-von Wortzeichen -- Idiogrammen -- und Silbenzeichen geschaffen haben.
-Und wenn die ¨Schrift¨ planmässig mittelst weniger aber wirksamer
-Grundgedanken aus der Bilderschrift entstanden ist, so wird damit
-auch meine Ansicht, dass das ¨Zahlsystem¨ eine planmässige und mit
-Überlegung ausgeführte Schöpfung derselben Gelehrten ist, im höchsten
-Grade wahrscheinlich. Gestützt auf die Formen der Schrift aus Telloh
-und die noch älteren aus Nippur, die Geierstele, die Vase Entemenàs,
-die Vase Lugat-šug-engur, welche sicher bis gegen 4000 (3700)
-heraufreicht, und, anknüpfend an des grossen 1905 verstorbenen Jules
-Oppert Expédition en Mésopotamie 1859 Kap. I, schied D. zunächst
-37 Urzeichen aus, welche sich aus 21 Urbildern und 16 Urmotiven
-zusammensetzen. Ich gebe hier die wichtigsten an: [**symbol] Stern
-etc., [**symbol] Sonne, aufgehend, Tag, Licht, hell sein, [**symbol]
-untergehende Sonne, schwach werden, niedergehen. [**symbol] Zunehmender
-Mond (Horn), zunehmen, voll werden, [**symbol] schwinden, zurückkehren
-(abnehmender Mond), [**symbol] penis = Mann, männlich, [**symbol] Mann,
-Diener, [**symbol] (volva) = Weib, [**symbol] Auge aus [**symbol];
-[**symbol] Hand, [**symbol] (Fuss) gehen, stehen. [**symbol] Herz,
-[**symbol] Ochse, [**symbol] Werkzeug zum Öffnen, daher öffnen,
-auflösen, Tod, [**symbol] Netz, Geflecht, Gefüge, [**symbol]
-Umschliessung, [**symbol] Raum, [**symbol] Kreis (aus [**symbol]),
-[**symbol] das Richtungsmotiv, dessen Ecken die 4 Kardinalpunkte und
-dessen Axe die Nord-Südlinie verbildlicht; [**symbol] oder [**symbol]
-Spitze, daher [**symbol] Gebirge, [**symbol] Kopf, [**symbol] Bogen,
-Kurve etc.
-
-Aus diesen Grundelementen werden dann durch Zusammensetzung gleicher
-oder verschiedener Zeichen beliebig viele neue Wortzeichen abgeleitet,
-welche sich häufig als Definitionen der dargestellten Begriffe erweisen
-und auf die Psyche und die Kultur des Volkes der Sumerer ein so helles
-Schlaglicht werfen, dass D. daraufhin den Versuch wagen konnte, ihren
-Kulturzustand zur Zeit der Schrifterfindung zu rekonstruieren.
-
-Die Verdoppelung, im Altbabylonischen auch als Kreuzung sichtbar
-gemacht, dient zunächst als Pluralzeichen und Iterativum wie das
-hebräische Piël, dann aber auch zu Neubildungen. Aus [**symbol] geben
-wird durch [**symbol] hinzugeben, addieren tab, dap; aus [**symbol]
-gross (nun-rabû) wird [**symbol] Herr d. i. Grösster (Grossmann
-der Hottentotten), mit doppelten Zeichen des Umschliessens wird
-die Summe bezeichnet: [**symbol] entwickelt zu [**symbol]. Für die
-Zusammensetzung ungleicher Zeichen greife ich aus den Beispielen von D.
-die folgenden heraus: berufen, erwählen = Auge + werfen, König = gross
-+ Mensch, Hirt, [**symbols] bei Gudea = Stab + Träger. Fügte man in
-das Zeichen für Mund das Zeichen für Brot ein, so erhielt man: essen,
-und das eingefügte [**symbol] (Wasser) ergab trinken und tränken. Die
-»Schlacht« wird dargestellt als »Handwerk des Kriegers«, der Regen als
-[**symbols] gleich Wasser des Himmels, die Tränen als Wasser des Auges
-[**symbols]; Vater als Schützer des Hauses zu erklären unter Hinweis
-auf das entsprechende lateinische pater familias scheint allerdings
-zweifach fehlerhaft, insofern das Zeichen im Haus den Feind bedeutet
-und das sanscrit paṭar schützen mit piter Vater gar nichts zu tun
-hat. Die Verkürzung des a zu i in Jupiter und der Komposition (z. B.
-suscipio) ist eine ganz spez. lateinische Eigentümlichkeit. Eins der
-schlagendsten Beispiele ist Mond oder Monat, das durch Tag und 30
-bezeichnet wird; [**symbol] und [**symbol] also [**symbol].
-
-[Sidenote: Die Gunierung.]
-
-Ein ebenso einfaches wie weittragendes Mittel der Weiterbildung ist die
-von den Babylonisch-Assyrischen Grammatikern gunû, d. i. Beschwerung,
-genannte Steigerung. Sie besteht in der Hinzufügung von 4 Strichen oder
-Keilen, d. h. also Paare von Paaren, die aus Rücksicht auf den Raum
-mitunter auf drei reduziert werden. So wird aus [**symbol] Wohnung,
-Wohnraum durch Gunierung [**symbol] Palast, Residenz, Grossstadt, und
-damit das Determinativ für die Sitze der Pateissi. Aus [**symbol] dem
-Bilde des Unterschenkels mit Fuss, das zugleich gehen, stehen, stellen
-etc. bedeutet, wird durch Gunierung [**symbol] »Fundament«. Zu den
-von den Babylonischen Grammatikern, insbesondere von dem so äusserst
-wichtigen Syllabar b der Bibliothek Sardanapals (s. u.) gegebenen hat
-D. eine ganze Reihe neuer Gunû Idiogramme abgeleitet, von denen ich
-erwähne das Schwert als grosser Dolch; der Vollmond ist der gunierte
-Mond, d. h. der grosse, volle, Mond, die Monatsmitte, die vom Neulicht
-(s. u.) gezählt wurde und dann Mitte schlechtweg, archaisch [**symbol],
-und das Neulicht selbst wird als der ¨grosse¨ Eingang des Tages oder
-als Anfang einer Tagesreihe guniert geschrieben. Es ist D. gelungen,
-für einen sehr grossen Teil der Idiogramme meist recht einleuchtende
-Ableitungen zu geben, auf Grund derer er es eben wagen konnte ein Bild
-des Kulturzustandes der Sumerer nach Erfindung der Schrift zu geben.
-Und selbst Erklärung wie die des Zeichen für Mensch [**symbol] als des
-auf das Antlitz geworfenen Knechts oder »¨Hundes¨« der Götter sind in
-Anbetracht, dass es Priester waren, welche die Schrift erfanden, nicht
-unglaubwürdig, und recht einleuchtend ist die Erklärung für Ehemann
-oder Frau als Verbindung von [**symbol] und [**symbol] durch das
-Vereinigungszeichen [**symbol] p. 161 (vgl. Abb.).
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Die Determinative und das phonetische Komplement.]
-
-Die Schwierigkeiten, welche die Vieldeutigkeit der Wort- und
-Silbenzeichen boten, wurden durch zwei Mittel wesentlich vermindert,
-erstens durch die Determinative, welche wie im Ägyptischen nicht
-mitgelesen wurden, und zweitens durch das sogenannte Phonetische
-Komplement (Delitzsch Grammatik 1907, § 33 a). Die gebräuchlichsten
-Determinative sind [**symbol] ilu Gott sum. an, das nur vor An(u)
-fehlt, dem Himmelsgott, der ja selbst mit an bezeichnet ist, [**symbol]
-vor Ländern und Gebirgen, Fluss Kanal [**symbol] (Euphrat), Baum
-[**symbol], Gerät altertümlich Holz [**symbol]. Mitunter wurden die
-Determinative wie bei den Ägyptern nachgesetzt, so hinter Städten Ki
-und hinter Fischen ḫa.
-
-Das phonetische Komplement besteht in der Hinzufügung einer oder auch
-zwei Silben »um durch Bestimmung der Schlusssilbe (n) die richtige
-Lesung zu sichern. Das sumerische Silbenzeichen [**symbol] für kur
-bedeutet als Wortzeichen Berg šadu, Land mâtu, erobern kaṣadu etc.
-Folgt auf kur, u, a, i, plur-e. -- Pluralzeichen nachgesetztes
-[**symbol], vielleicht gunierte eins -- so sichert dies šadu -- a --
-i, etc., während Kur-ti, Kur plur-ti auf mâti, mâtati (Länder) und
-Kur-ud auf aksud (ich eroberte) hinführt.«
-
-[Sidenote: Babylonisch-Assyrische Ausgrabungen.]
-
-In unerwarteter Weise haben wir über die Kultur, der diese Sprache
-diente, Aufschluss erhalten durch die Ausgrabungen einer ganzen Anzahl
-von Tempelbibliotheken. Im Jahre 1854 entdeckten ¨Rassam¨ und ¨Layard¨
-im Trümmerhügel von Kujundschik, einem Dorf gegenüber Mossul, die
-Bibliothek Assurbanipals, das ist Sardanapal, in dem Nordpalast dieses
-vielleicht grössten assyrischen Fürsten zu Ninive, dessen Regierung von
-668-626 fällt. Über 22000 sorgfältig gebrannte Tontäfelchen oder Stücke
-solcher Tafeln sind allein im British Museum geborgen. Es sind Tafeln,
-deren Fläche von 37 × 22 und 2,4 × 2 variiert bei einer mittleren Dicke
-von 2,4. Vorder- und Rückfläche, ja vielfach auch die Seitenwände sind
-mit sorgfältiger Schrift beschrieben; die Tafeln enthalten Löcher
-zur Aufnahme kleiner Holzpflöcke, mit denen die Tafeln zu Büchern
-aufgereiht wurden. Die Zusammensetzung ist vielfach dadurch ermöglicht,
-dass, ähnlich wie bei unsern Akten, das letzte, für sich stehende, Wort
-einer Tafel das Anfangswort der folgenden ist. Eine Anzahl Tafeln ist
-durch ein mit Adresse versehenes Kuvert, natürlich aus Ton, geschützt;
-wir haben hier den Ursprung unserer Briefkuverts. Es ist die älteste
-eigentliche Bibliothek, d. h. absichtliche Sammlung zur Bewahrung
-der Literatur und zu wissenschaftlichen Zwecken. Sehr vielfach sind
-sorgfältige Abdrücke älterer Schriften erhalten.
-
-[Sidenote: Die Ausgrabungen von Nippur.]
-
-1874 fanden Araber in Babylon mehr als 3000 beschriebene Tontafeln
-geschäftlichen Inhalts, 1881 entdeckte ¨Rassam¨ die Ruinen von
-Sepharwaim und fand bei Ausgrabungen des Sonnentempels das Archiv, das
-aus Tonzylindern und über 50000 allerdings sehr schlecht gebrannten
-Tontafeln bestand. Und die Ausgrabungen der Pennsylvania Universität
-Philadelphia von 1889 an haben bereits zwei grosse Bibliotheken in
-Nippur zutage gefördert, wo das älteste grosse Landes-Heiligtum des
-Bel matâti, des Herrn der Länder, ¨ekur¨, das Haus des Berges, stand.
-Die bedeutendere über 3 Jahrtausende v. Chr. alte, ist durch den
-schon erwähnten Einfall der Elamiten gewaltsam zerstört, während die
-jüngere auf schlecht gebrannten Tafeln, neubabylonisch, allmählich in
-Verfall geraten ist. Über 23000 Tafeln sind geborgen und dabei sind
-erst 80 Zimmer oder etwa 1/12 der Bibliothek ausgegraben worden. Aus
-einer Reihe von Anzeichen im Boden schliesst ¨Hilprecht¨, der Leiter
-der Ausgrabungen, dass in der untersten Schicht der Hügel noch eine
-ältere vor Sargon, d. h. vor 3000 entstandene Bibliothek verborgen
-liegt. Hilprecht bezeichnet die Bibliothek geradezu als Universität,
-die sogar nach Fakultäten gegliedert war; eine Anzahl Säle enthielt die
-philologische Abteilung, eine andere die astrologisch-astronomische,
-wieder eine andere die technische etc. Im untersten Grund des
-Tempelturmes fand Hilprecht vorzüglich erhalten aus dem 5. oder 4.
-Jahrtausend v. Chr. eine Kanalisations-Einrichtung, die die unseren
-beschämt. In mächtigen ¨Tonnengewölben¨, die noch den Römern unbekannt
-waren, eingebettet in eine Art Zement, zwei Tonrohrleitungen mit Knie-
-und T-Stücken, so dass jede Reparatur ohne Belästigung des Publikums
-vorgenommen werden konnte.
-
-[Illustration: Turm zu Borsippa.]
-
-[Sidenote: Tempelanlage, Priesterausbildung.]
-
-Eine solche Tempelanlage bestand aus dem in Terrassen gelegentlich auch
-mit Rampen in 7 Etagen aufgeführten hohen Turme; ich erinnere an den
-Turm zu Borsippa (vgl. Abbildung), zu Babel, den Esagila, auf dessen
-Höhe der Gott wohnt, in dessen Mitte die Menschen verkehrten und der
-unten mit der Unterwelt zusammenhing. Daran schloss sich der Palast der
-Priesterfürsten und die besonderen Gebäude der Unterrichtsanstalten,
-das Archiv, die Verwaltungsgebäude. Ein solcher Tempel war nicht nur
-Kultstätte, nationales Heiligtum, Sitz der Fürsten, sondern Landgut und
-Fabrik, Bank, Archiv und Handelshaus. Die Tempel waren stets nach den 4
-Himmelsgegenden genau ausgerichtet, daher bedeutet das Richtungszeichen
-(s. o.) auch Tempelfundament und das ¨gunierte¨ Zeichen [**symbol]
-die Erde selbst als das grosse Fundament, da nach der Babylonischen
-Weltschöpfungssage die Erde nach den 4 Kardinalpunkten ausgerichtet ist.
-
-[Illustration: Tonnengewölbe der Kanalisation von Nippur.]
-
-Wie sorgfältig der Unterricht war, und wie mühsam die Vorbereitung
-eines jungen Priesters, davon können wir, die über Überbürdung
-klagen bei unserm bisschen Unterricht, uns kaum eine Vorstellung
-machen. Schrift und Sprache allein würden kaum von uns heutigen
-bewältigt; hunderte von Schriftzeichen, die zusammen in mehr denn
-12000 verschiedenen Anwendungen gebraucht wurden, die alle den
-Adepten geläufig sein mussten; das Schreiben selbst schon so viel
-umständlicher. -- Zu den wichtigsten Entdeckungen gehören auch die bei
-Ägypten besprochenen Funde von Tell Amarna 1888.
-
-[Illustration: Hochrelief Urnina, König von Telloh und seine Familie.]
-
-[Sidenote: Babylonisch-Assyrische Kunst.]
-
-Die ¨Kunst¨ zeigt ganz analoge Entwicklung wie die ägyptische.
-Von naturalistischen Anfängen wo die Kalamones, das Rohrgeflecht
-der Euphrat- und Tigrismündung als Vorbild dienten, eine rasche
-Entwicklung; dann ein Sinken, und wieder ein Emporblühen. Die erste
-Blütezeit entwickelt sich etwa in 200 Jahren; altsumerisch bezeichnet
-den Anfang etwa das Hochrelief ¨Urnina¨, König von Telloh etwas vor
-3000, und seiner Familie; der verhältnismässig riesengrosse König,
-links, trägt auf dem Kopf in einem Korbe Erde zum Bau seines Tempels
-herbei (vgl. Abb.). Die genauere Erklärung bei E. Meyer l. c. p. 77 ff.
-Die nächste Stufe wird verdeutlicht durch die berühmte ¨Geierstele¨
-(vgl. Abb.), welche den Sieg eines Vorgängers von Gudea, des Eannatum
-über die feindlichen Nachbarn von Gishu darstellt, vgl. Meyer p.
-82. ff. Es wird die Hilfe des Lokalgottes von Telloh, des Ningirsu,
-verherrlicht, das Relief zeigt grosse Fortschritte, sowohl in der
-Komposition als in der Technik des Hochrelief. Unter semitischem
-Einfluss erhebt sich die Kunst zu der Höhe, welche sie unter Sargon
-und Naramsin erreicht, wofür die herrliche Siegesstele des Naramsin,
-von den Franzosen unter de Morgan in Susa gefunden, der vollgültige
-Beweis ist, vgl. Meyer p. 10 ff. Diese Blüte semitischer Kunst
-beeinflusst auch die sumerische, wofür die Fundstücke aus der Periode
-Gudeas zeugen. Im Gegensatz zu dem Mangel an Proportionen bei den
-Sumerern sind die Gestalten schlank und proportional, und die Technik
-des Relief steht auf grösster künstlerischer Höhe.
-
-[Illustration: Rückseite der Geierstele.]
-
-[Illustration: Vorderseite der Geierstele.]
-
-[Illustration: Relief von den Bronzetüren aus Balawat.]
-
-Diese Blüte hält an bis auf ¨Chammurabi¨ und seine nächsten Nachfolger,
-die Könige von Sumer und Accad. Aber mit dem Sinken der Macht dieses
-altbabylonischen Reiches sinkt auch die Kunst, um dann unter der
-Assyrischen Macht neu emporzublühen, etwa von Nebukadnezar I., von
-1150 an, sie erreicht unter Sargon II. und Sanherib ihre Höhe, und
-hält sich auf dieser bis Sardanapal bis etwa 600. Ich führe als
-Beispiel hier die Bronzetüren Salmanassar II. aus Balawat (vgl. Abb.),
-ferner den Urkundenstein ¨Kudurru¨, aus dem Berliner Museum, der die
-Belehnung des Magnaten Bel-ache-irbâ seitens des Königs Mardukbaliddin
-II. 715 darstellt (vgl. Abbildung). Meyer findet in diesem Stein den
-semitischen Typus am reinsten ausgeprägt. Dazu die Dämonen (vgl.
-Abbildung), Engel- und Tierkolosse, die wunderbaren Mosaiken der
-Fussböden in den Palästen von Khorsabad (vgl. Abb.), und vor allem die
-herrlichen Tiergestalten in bunter Mosaik aus der Zeit Nebukadnezar
-II., Sargons etc.
-
-[Illustration: Mosaik aus dem Palaste Sargon II.]
-
-[Sidenote: Babylonisch-Assyrische Wissenschaft.]
-
-Wie es mit der Wissenschaft steht, bleibt noch zu untersuchen. Von
-der Rechtswissenschaft wissen wir, dass sie sich bedeutend entwickelt
-hatte, insbesondere das Handelsrecht stand auf einer Höhe, die dem
-römischen nichts nachgibt. Wir kennen die Siegel und Namen grosser
-Handelsfirmen wie Egibi und Söhne am Euphrat zur Zeit Nebukadnezars
-und die Firma Maraschi Söhne zu Nippur zur Zeit Ezras und Nehemias.
-Wir wissen, dass sie Filialen in allen Grossstädten hatten, und dass
-der Schekverkehr, unsere neueste Errungenschaft, bei den babylonischen
-Grossfirmen gang und gäbe war.
-
-[Illustration: Belehnung des Belacheirba durch König Mardukbaliddin II.]
-
-[Sidenote: Medizin, Mathematik.]
-
-Aus den Beiträgen zur Kenntnis der assyrisch-babylonischen Medizin
-von ¨F. Küchler¨ (Assyrische Bibliothek von Delitzsch und Haupt XVIII
-1904) sehen wir, dass die Priesterärzte, abgesehen von den üblichen
-Beschwörungen, Omina etc. über eine sehr ausgedehnte Pharmazie
-geboten. Es ist bekannt, dass die griechische Heilkunst stark von der
-babylonischen beeinflusst ist, und auf Hippokrates geht unsere Medizin
-zurück. Unser altes Apothekergewicht Gran, Skrupel geht auf Babylon
-zurück (vgl. Küchler S. 84 ši'u). Geht doch auch Stab und Ring unserer
-Bischöfe auf altbabylonische Götterdarstellungen zurück (Winkler, die
-Gesetze Hammurabis 1904 p. VI).
-
-Eine neue Ausgabe des Theophrast ist in Vorbereitung und hoffentlich
-wird man auf dem Umweg über die Griechische einigen Aufschluss über die
-Babylonische Pharmakologie erhalten.
-
-Wenden wir uns nun zur Mathematik der Babylonier, so müssen wir
-sagen, dass von reiner Mathematik bis jetzt verhältnismässig wenig
-entziffert ist. Das wichtigste sind die sogenannten ¨Tafeln von
-Senkereh¨ (Larsa) aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., de facto eine in zwei
-Stücke zerbrochene Tafel; die astronomischen Bücher aus der königlich
-Sardanapalschen Bibliothek und die 1 × 1 Tabellen von Nippur. Hilprecht
-sagt: »in geradezu staunenswerter Weise wurde das 1 × 1 geübt.«
-
-[Illustration: Dämon mit Flügeln.]
-
-M. H. In unserer Kulturgeschichte wird es als hohes wissenschaftliches
-Verdienst des Petrus de Dacia, Rektors der Sorbonne vom Jahre
-1328 gerühmt, das 1 × 1 bis zu 50 × 50 fortgesetzt zu haben, und
-¨Hilprecht¨ versichert, dass er in der im 3. Jahrtausend zerstörten
-Bibliothek Tafeln des 1 × 1 bis 1350 in der Hand gehabt hat. Das kleine
-1 × 1 ging bis zur 60 (s. p. 113 ff.).
-
-[Illustration: Bruchstücke der Geierstele, Vorderseite.]
-
-[Sidenote: Münz-, Mass- und Gewichtssystem.]
-
-Uns sind zwei Zahlsysteme bekannt; das eine ist rein dekadisch,
-das andere, ältere, ist sexagesimal und hängt auf das genaueste
-mit dem babylonischen Gewichts-, Münz- und Masssystem zusammen,
-dessen Einteilung uns in der Tafel von Senkereh und in zahlreichen
-griechischen, römischen und jüdischen Quellen enthalten ist. Es ist
-ja die Bibel erst nach der babylonischen Gefangenschaft redigiert und
-zeigt in allen Namen der Masse und Gewichte babylonischen Einfluss.
-Seit der grosse Philologe ¨August Boeckh¨ das Münz- und Gewichtssystem
-der Römer erschlossen und in der vergleichenden Betrachtung der
-Masse ein wichtiges Mittel erkannt hat um den Handels- und sonstigen
-Verkehr der Völker zu erkennen, haben eine Reihe von Forschern, ich
-nenne ¨Brandis¨, ¨Ginzel¨, ¨Lehmann¨ und vor allen ¨Boeckh¨ selbst
-dargetan, dass die Wiege der Messkunst in Babylon steht, und die Masse
-der Babylonier in ausgedehntester Weise bis zum Metersystem Gültigkeit
-hatten, ja, zum Teil heute noch gelten. (cf. ¨C. F. Lehmann¨, das
-altbabylonische Mass- und Gewichtssystem als Grundlagen des antiken
-Gewichts-, Münz- und Masssystem. 8. intern. Orient. Kongress,
-Bastiansche Zeitschrift für Ethnologie 1889. Verh. der Berl. anthrop.
-Gesellschaft 1889. Als selbst. Schrift Leiden 1893.)
-
-[Illustration: Gewicht in Löwenform.]
-
-Die Babylonier hatten vor 5000 Jahren ein geschlossenes Masssystem, das
-in seiner Anlage unserm metrischen System sehr ähnlich war. Wie bei uns
-das Zehntel des Meters die Kante des Würfels bildet, der ein ¨Liter¨
-fasst und der mit destilliertem Wasser von 4° C. gefüllt bei der Wägung
-das ¨Kilogramm¨ gibt, so ist das Zehntel der babylonischen Doppelelle
-die Basis des Hohlmasses, dessen Wassergewicht die Mine gibt. Es sind
-uns künstlerisch geformte Gewichte in Eisen- und Bronzearbeit mit
-Entenform und Eberköpfen und besonders in Löwenform und ausserdem
-einige justierte Gewichte erhalten.
-
-a) Früher Eigentum des Dr. Blau: Ein sehr harter dunkelgrüner
-Stein sehr sorgfältig geglättet, oval, der in altbabylonischer
-Keilschrift und in sumerischer Sprache (die ja auch idiographisch als
-babylonisch-assyrisch gelesen werden kann) die Inschrift hat:
-
- 1/2 ma na gina -- gal (mulu) dingir igi ma na
- Mensch Gott Auge Mine
-
-d. h. 1/2 Mine richtig, der Diener des Gottes, der das Auge auf der
-Mine hat.
-
-[Sidenote: Metrologie.]
-
-Die Masse unterstanden göttlichem Schutz; in Athen waren die
-Normalmasse auf der Akropolis; in Rom auf dem Kapitol und im Tempel der
-Juno moneta verwahrt (Generalaichamt).
-
-[Illustration]
-
-b) In der Vorderasiatischen Abteilung des Berliner Museums aus
-demselben Material 1/6 Mine, Inschrift unentzifferbar.
-
-c) Das Gewicht der amerikanischen Wolfe Expedition 1885 (Americ.
-Orient. Soc. Proceedings at New York 1885), das die bei den sogenannten
-Zylindern mit Bau- und Weihinschriften übliche Fässchenform hat, aus
-gleichem Material, es wiegt fast genau doppelt soviel wie b, ist also
-1/3 Mine und das bestätigt die Inschrift:
-
-[Illustration]
-
-1) 1/3 Ṭu gina, 2) e--kal^m Nabû -- sum -- esir (?), 3) abli^m Da--lat
-(?), 4) .... pāte--is--si ili Marduk
-
-d. i. 1/3 [Mine in] Schekel [n] [ausgedrückt] Palast des Nab., Sohnes
-des D., Fürstpriester des Marduk (Lehmann, Verh. der Berl. anthrop.
-Gesellschaft 1891; J. Oppert, L'étalon des mesures assyr., Extrait du
-journal asiat. Paris 1875).
-
-Die Gewichte in Entenform sind erheblich ungenauer, aber als
-Durchschnittsgewicht ergibt sich 491,2 Gramm für die leichte Mine,
-982,4 für die schwere. Indem man die Kubikwurzel aus 982,4 zieht,
-ergibt sich für die 10fache Wurzel, das ist die Doppelelle 992,35
-mm. Nun ist die Länge des Sekundenpendels für den 31. Breitengrad
-992,35 mm, und nach der Hypothese Lehmanns, welche Helmholtz plausibel
-erschien, hatten die Babylonier zur Zeit Gudeas den Gedanken Huygens,
-die Länge des Sekundenpendels als natürliches Längenmass zu verwerten,
-schon vorweggenommen. Als Bestätigung der von Lehmann gegebenen
-sogenannten »gemeinen Norm« dient dann eine Ende des Jahres 1893 in
-Babylon zum Vorschein gekommene ganze Mine, die nach ihrer Legende
-eine Kopie aus der Zeit Nebukadnezar II. 607-561 nach einer Mine aus
-der Regierungszeit Dungis ist, des ältesten erreichbaren Königs eines
-grossen Teils von Babylon etwa um 3200; die Mine, welche sich jetzt im
-British Museum befindet, hat ein Gewicht von 979,2 Gramm.
-
-Die meisten und wichtigsten antiken Gewichte sind direkte Abkömmlinge
-der babylonischen gemeinen Norm, bezw. der daraus gebildeten
-Silbermine, welche 10/9 der Gewichtsmine ist.
-
- schwer leicht
- Teilbetrag 60/60; Gewichtsmine 982,4 491,2
- " 50/60; Goldmine 818,6 409,3
- " 50/45; babyl. Silbermine 1091,5 545,8
- " 100/135; phöniz. Silbermine 727,6 363,8
- ägypt. Goldmine 409,31
- babyl. Silbermine = 6 ägypt. Pfund à 10 Lot.
-
-Die römisch-athenische Elle = 10/9 der babylonischen gemeinen Elle,
-der Fuss = 2/3 Elle und der Schritt = 5 Fuss = 1-2/3 Elle = 1-1/2
-babylonischen Elle.
-
-Wir rechnen heute 114 Schritt in der Minute für die deutsche Armee, die
-Babylonier 120 Schritt = 180 Ellen, ¨also auf die Doppelminute¨ $360
-Ellen$.
-
-¨J. Brandis¨: das Münz-, Mass- und Gewichtssystem in Vorderasien
-bis auf Alexander den Grossen, Berlin 1866. Brandis setzt das
-Wertverhältnis des Goldes zu Silber bei den Babyloniern wie 40:3 =
-360:27 (wie Jahr:Monat).
-
-¨Die Tafel von Senkereh und das Zahlsystem.¨
-
-[Sidenote: Die Tafel von Senkereh.]
-
-Im Jahre 1854 fand der Ingenieur ¨W. K. Loftus¨ in den Ruinen von
-Larsam beim heutigen Senkereh eine leider stark verstümmelte Tafel,
-die aber doch für die Kenntnis des Zahl- und Masssystems von grösster
-Wichtigkeit geworden ist.
-
-Die Tafel von Senkereh enthält auf der Rückseite drei Kolonnen: a)
-die Zahlen von 1-39 mit ihren Quadraten, b) die Zahlen der Quadrate
-mit ihren Wurzeln 1-39, c) die Kubikzahlen von 1-39. Zu b ist in
-Kujundschik, der Residenz Salmanassars eine Ergänzung gefunden, welche
-die Quadrate der Zahlen von 44-60 enthält. -- Auf der Vorderseite ist,
-stark verstümmelt in Kolonne I und II eine Tabelle, die nach Finger,
-Ellen und deren Vielfachen bis zu 2 Kaspu fortschreitet; Kol. III und
-IV enthält dann eine Tabelle, die zwei Masssysteme vergleicht, deren
-erstes die gewöhnlichen Bezeichnungen des Längenmasses trägt, während
-die zweite nur in unbenannten Zahlen fortschreitet.
-
-[Sidenote: Zahlsystem.]
-
-Ehe ich auf die Erklärung der Tabelle eingehe, muss ich über das
-babylonische Zahlsystem sprechen. Es sind zwei Zahlsysteme in Gebrauch,
-das eine dekadisch, das andere ältere sexagesimal, das bei Massen und
-in der Astronomie sich erhalten hat. Es ist möglich, dass die dekadisch
-Zählenden die Semiten, und die Sexagesimalen die Sumerer waren.
-Nach Lehmanns Angaben über die sumerischen Zahlzeichen, die z. B. 7
-als 5 + 2 wiedergeben, kann ein Fünfer-System das ursprüngliche der
-Sumerer gewesen sein, und das Sexagesimalsystem sich von den grossen
-wissenschaftlichen Zentren aus als ursprünglich gelehrte Schöpfung
-zunächst auf die Gebildeten und die Priester verbreitet haben, aus
-denen sich die Schreiber (Staatsbeamten) und Handelsherren rekrutierten.
-
-Sie hatten nur zwei Ziffern, den einfachen Keil für eins, istan, isten
-als Zahlwort ist, aus dessen Häufung die Einer gebildet werden, und
-[**symbol] 10 esru, Plural esrit; dazu kommt später das gemeinsame
-semitische (auch ägyptische) Zahlwort me 100 geschrieben [**symbol].
-
-[**symbol] ist eins und die Einer werden durch den betreffenden Haufen
-von Keilen gebildet; z. B. [**symbol] si-ba sibista, die Zehner durch
-eben solche Haufen der Zahl 10 [**symbol] esru esertu, eserte esrit,
-also 11 [**symbol] isten ésrit.
-
-1 isten, 2 sina, 5 hamsu, 100 mê [**symbol], 1000 für das wir bislang
-kein Zahlwort haben als 10 · 100 [**symbol]. Dies ist aber zu einem
-eignen Zahlzeichen geworden, [**symbol] ist nicht 2000 sondern
-10 · 1000 = 10000 und [**symbol] würde 100000 sein.
-
-Das zweite System hat zur Einteilungszahl 60 und seine Übereinheiten
-wie 60^2, 60^3, seine Untereinheit ist 1/60, deren Untereinheit
-(1/60)^2, die Eins wird, wie sie bei uns als 10^0, so hier als
-60^0 angesehen. Alle diese Zahlen drückt dasselbe Zeichen aus, der
-einfache Keil, und die Bedeutung ergibt sich wie in unserm sogn.
-indisch-arabischen System durch ¨Position¨.
-
-Die 60 heisst sussu (Schock), σωσσος der Hellenen, soss assyrisch,
-[**symbol], die 60^2 heisst Sar, Saros der Hellenen [**symbol].
-
-Daneben gibt es Einheiten II. Klasse, wie sie ¨Lehmann¨ nennt.
-
- 60^3| |60^2| |60| | |1/60| |(1/60)^2|
- |36000|sar |600| |10|1/6| |1/360| |1/21600
- | | | | oder| | | | |
- | | |ner| | 6| | | | |
-
-
-für 600 ist ein eignes Zahlwort [**symbol] ner durchaus belegt und
-volkstümlich gewesen; so ist
-
- [**symbol] = 672 = 11 · 60 + 12.
-
-[Sidenote: Das magische Quadrat.]
-
-Als interessantestes Beispiel altchaldäischer Rechnung gebe ich Ihnen
-die Bildung des Quadrats von 653 nach einer von ¨J. Oppert¨ edierten
-magischen Tafel, welche aus der gleichen Zeit stammt (Zeitschrift für
-Assyriologie 1903 Bd. 17 pag. 60). Die Zahl 653 ist unter dem Namen
-Sulbâr = Ewigkeit die magische Zahl κατ' εξοχήν;
-
-5 · 653 = 3265 ist die Phönixperiode; 653 ist gleich 292 + 361
-und 5 · 292 = 1460 ist die Sothisperiode; 5 · 361 = 1805 ist die
-Lunarperiode. Ich bemerke, dass die hohe Wertung der Zahl 653 ein
-Argument für ein ursprüngliches Fünfersystem (wie bei den Azteken) ist.
-
-Die Rechnung gestaltet sich wie folgt:
-
- 1) [**symbols] [**symbols]
-
- 6 Soss 40 idem (400^2) 44 Sar 26 Soss 40 = 160000
-
- 2) [**symbols] [**symbols]
-
- 2 Soss 2 · 2 Soss 2 = 122^2 4 Sar 8 Soss 4 = 14884
-
- 3) [**symbols] [**symbols]
-
- 30 30/60 · 30 27/60 15 Soss 29 = 929
-
- 4) [**symbols] [**symbols]
-
- 1 Soss 54 · 14 Soss 24 27 Sar 21 Soss 36 = 98496
-
- 5) [**symbols] [**symbols]
-
- 6 Soss 30 idem 42 Sar 15 Soss = 152100
-
- 6) [**symbols] [**symbols]
-
- Summe 2 Soss minus 2 Sar 2 Ner 6 Soss 49 von welcher Zahl ist es
- das Quadrat.
-
- Also: 118 · 60^2 + 2 · 600 · 6 · 60 + 49 = 426409.
-
- 7) [**symbols] [**symbols]
-
- (Von) 6 5 3 (ist es das) Quadrat.
-
-Also: 653^2= 426409 ist zerlegt in:
-
- 400^2 = 160000
- 122^2 = 14884
- 30-1/2 · 30-9/20 = 929
- 114 · 864 = 98496
- 390^2 = 152100
-
-[Sidenote: Die Tafel von Senkereh.]
-
-Ehe ich diese Rechnung weiter bespreche, möchte ich Ihnen die Tafel
-von Senkereh in 4facher Vergrösserung aus dem grossen und kostbaren
-Rawlinson'schen Werke vorführen und Sie auf gewisse Eigentümlichkeiten
-der Tafel aufmerksam machen. Leider steht mir nur die erste Auflage
-und nicht die wesentlich veränderte zweite Auflage zur Verfügung.
-Sie sehen in der Tabelle No. 2 die Tafel der Quadrate der Zahlen von
-1-60 mit einer Lücke von 25-44, so dass das Quadrat voransteht, d. h.
-also die Tabelle ist zum Wurzelziehen eingerichtet und daneben zum
-Quadrieren. Die Tabelle, welche die Überschrift Reverse trägt, ist eine
-Tafel der Kubikzahlen von 1-32. Die wichtigste Tafel, die (irrtümlich)
-die Überschrift Obverse trägt, ist die rechte Tabelle, die für die
-Metrologie von entscheidender Bedeutung geworden.
-
-Nun sehen Sie, bitte, mal hier [**symbol] (3) und dort [**symbol]
-(121) und bedenken Sie die 4fache Vergrösserung, dann werden Sie
-sehen, welche Übung und Schärfe nötig war um die, wie Sie schon an dem
-Beispiel 653 gesehen haben und wie bei der Besprechung der Astronomie
-noch deutlicher hervorgehen wird, recht komplizierten Rechnungen
-auszuführen mit einem System von 2 Ziffern; es ist klar, dass sehr
-ausgedehnte Tabellen diesen Rechnern völlig geläufig sein mussten.
-Kritisch würde die Sache bei 61 sein, aber ich vermute, denn die Zahl
-ist m. W. nicht gefunden, sie würden ebenso wie sie dort [**symbol] 120
-sehen, ganz ruhig geschrieben haben [**symbol] und es dem Scharfsinn
-des Lesers überlassen haben darin 60 + 1 oder 1 + 1 zu sehen.
-
-[Sidenote: Die magische Rechnung.]
-
-Ich komme nun auf unsere magische Tafel und die Rechnung zurück.
-Berossus und Eusebios von Cäsarea berichten uns, dass die Chaldäer
-ihre heroische Zeit auf 60 · 653 geschätzt haben, die Bibel gibt
-von Erschaffung der Welt bis auf Abraham 292 Jahre und von Abraham
-bis zum Ende der Genesis 361, macht 653 Jahre. Gerade diese beiden
-Bestandteile der Zahl sind das, was sie zur magischen Zahl gemacht
-hat. 5 · 292 = 1460 ist die Sothisperiode, die Anzahl der Jahre, die
-vergeht bis der Anfang des bürgerlichen Jahres zu 365 Tagen mit dem
-heliakischen (heliakisch = Aufgang in der Morgendämmerung) Aufgang des
-Sirius zusammenfällt und 1805 oder 5 · 361 Jahre ist die Lunarperiode,
-die Zahl der Jahre, nach welcher der Mond immer wieder die gleiche
-Stellung einnimmt sowohl im Vergleich zu den Jahreszeiten als auch in
-seinem Abstand von der Sonne (Phasen), in bezug auf das Eintreten der
-Finsternisse als auch in seiner Beziehung zu den Sternen.
-
-Nimmt man das tropische Jahr der Babylonier zu 365^d 2475, so sind:
-
- 1805^a = 659271^d ferner:
-
- 22325 synod. Monate = 659270^d (Neulicht zu Neulicht)
- 24227 draconische Mon. = 659271^d (Rückkehr zum Knotenpunkt)
- 24130 Siderische Mon. = 659271 (Rückkehr d. Mondes z. Fixstern).
-
-Ich will auf das Exempel noch weiter eingehen, es ist nach ¨Oppert¨
-ein klassisches Beispiel altchaldäischer Zahlenmystik, die unter
-dem Namen der Kabbala bis in die neueste Zeit, ja noch heute unter
-den Juden Galiziens im Schwange ist. Die Zahl und Rechnung spielten
-im Kulturleben der Babylonier eine enorme Rolle, jeder Gott hat
-seine eigene Zahl, z. B. Bel das Symbol [**symbol], d. h. Gott, dem
-die 20 zukommt, Marduk als Stier des Tierkreises repräsentiert die
-[**symbol], die Zahl der Zeichen die er anführt. Sin des Mondes Gott
-hat die [**symbol] vielleicht weil er in ältester Zeit der Hauptgott,
-wahrscheinlich wegen des Monats von 30 Tagen, die Engel-Brüche etc. Die
-Horoskope, die ja auch babylonischen Ursprungs sind, sind ein Ausfluss
-solcher Zahlenmystik, die sich von Babylon aus über die ganze Welt
-verbreitet hat. Wer unter Ihnen bibelfest ist, wird sich an die Kabbala
-im Daniel erinnern (s. u. Pythagoräer).
-
-Wir haben bereits eine grosse Anzahl solcher magischer Tafeln und
-sehen, wie wir auch an unserm Beispiel nachweisen können, darin die
-Anfänge der wissenschaftlichen Zahlentheorie, man vergleiche Astronomie
-und Astrologie.
-
-Unter den wenigen aus Khorsabad geretteten Inschriften haben wir
-glücklicherweise die Angabe des Sargon II. über die von ihm gegründete
-Stadt Dar Sarkim- (Khorsabad von E. Botta 1842-45). Die Mauer war
-rechteckig, sie hat 1647 auf 1750^m. Keine Halle, kein Zimmer, kein
-Stadtplan durfte aus religiöser Scheu rein quadratisch sein; dies
-scheint als eine Verletzung der Ehrfurcht gegen den Gott gegolten zu
-haben, bei dem Allerheiligsten war eine sehr enge Annäherung an das
-Quadrat gestattet. In der Inschrift von Khorsabad gibt Sarkin nun an,
-dass der Umfang der Mauer die Zahl seines Namens sei; dieser Name ist
-sar Fürst und kin das wir allenfalls mit mächtig wiedergeben können;
-sar entsprach der Zahl 20 und kin 40; und misst man den Umfang aus,
-so findet sich, dass er 20 · 3265 + 40 · 1460 Spannen, d. h. also die
-Stadt sollte 20 Phönix- und 40 Sothisperioden überdauern.
-
-»In unserer Tafel haben wir es nun mit einem zyklischen Flächenraum zu
-tun, 653^2, und dies ist in Quadrate zerlegt bis auf 99425, das in zwei
-Rechtecke zerlegt ist, das ist auffallend, da doch
-
- 99425 = 311^2 + 52^2; 305^2 + 80^2; 292^2 + 119^2; 284^2 + 137^2;
- 280^2 + 145^2; 247^2 + 196^2
-
-und keine dieser Möglichkeiten den Chaldäern unbekannt sein konnte,
-die mit der Zerlegung von Quadraten vollkommen vertraut waren.« Ich
-halte es für äusserst wahrscheinlich, dass der Pythagoras bereits den
-Chaldäern bekannt war und von ihnen nach Indien gekommen ist. Die
-Ausschliessungen aller der Zerlegungen muss also ihren guten Grund
-gehabt haben.
-
-[Sidenote: Die Zahlenmystik auf Tempel-Grundrisse angewandt.]
-
-Es handelt sich um ein schwieriges arithmetisches Problem: »Ein
-heiliges Quadrat von 653 so zu zerlegen, dass der Umfang der Figur
-eine Zahl von Phönix- und Sothisperioden und die Tiefe eine ganze
-Lunarperiode darstellt.« Demgemäss würde der Tempel folgendermassen
-angelegt (nach Oppert). Ein Vorhof von 400 Ellen im Geviert, mit
-einer Öffnung von 16 Ellen, einer Vorhalle desgleichen von 122, eine
-kleine heilige Stelle von 30-1/2 auf 30-9/20, danach ein langer Gang
-von 869 auf 114, eine quadratische Endhalle von 390. Die Tiefe ergibt
-1806, was unmerklich von 1805, der Lunarperiode, abweicht, den Umfang
-findet Oppert, mittelst der Öffnung zu 5086 = 6 · 653 + 4 · 292. Meine
-Berechnung ergibt aber nur 5071 und für das gesamte Mauerwerk 5429.
-Die erste Zahl kann mit 2 Öffnungen hinten und vorn auf die Summe von
-5 Phönix- und 6 Sothis-Perioden reduziert werden, wodurch die heilige
-Zahl des Marduk ihre Ehrung findet, die letztere (unwahrscheinlichere)
-auf 1 Phönix- und 3 Sothisperioden mit Zusatz von 8 Ellen für einen
-Eingangsvorbau.
-
-[Illustration: Tempel-Grundriss des Sargon.]
-
-Als sehr interessantes Beispiel der Zahlenschreibung hebe ich Zeile
-6 aus der von J. Oppert 1903 behandelten magischen Quadrattafel
-hervor, wo sich vorne das von Oppert ergänzte Summenzeichen tab
-[**symbol] findet, die 118 sar geschrieben werden als 120 - 2,
-mit dem Minuszeichen lal, die beiden ner nicht [**symbol] sondern
-[**symbol] wiedergegeben sind, und das Wortzeichen für ¨Ibdi¨, Quadrat,
-[**symbol], welches selbst in seiner neuassyrischen Form deutlich die
-Kombination von Zusammenfassung und Zwei bekundet, wie das Zeichen von
-Kubus, Badie, sich durch drei innere Striche kennzeichnet.
-
-[Sidenote: Über das Vorkommen der 0; Entstehung des Sexagesimalsystems.]
-
-Es drängt sich hier die Frage auf nach der 0, denn das ist ja noch das
-einzige, was für die Inder zu retten wäre, da der Gedanke die Potenzen
-der Grundzahl durch den Stellenwert der Ziffer zu kennzeichnen, wie
-Sie gesehen haben, altbabylonisch ist und auf die ältesten Zeiten der
-Völker von Sumer und Accad zurückgeht. Da geben nun die Tafeln von
-Senkereh keinen Aufschluss, denn weder unter den Quadratzahlen noch
-unter den Kubikzahlen der Tafel kommt eine Zahl vor, welche die 0
-in der Mitte verlangte. Aber in den Stimmen von Maria Laach haben
-die beiden Patres ¨S. J. Strassmaier¨ und ¨Epping¨ eine sehr schöne
-Arbeit veröffentlicht »Astronomisches aus Babylon« oder »Das Wissen
-der Chaldäer über den gestirnten Himmel«; hier kommt der Fall der 0
-des öfteren vor, da ist nun meist die 0 aus der Lücke zu erkennen wie
-auch sonst, aber es kommt auch dafür das Zeichen [**symbol], genannt
-der ¨Trenner¨, vor. Mit diesem Zeichen für die Null ist die Möglichkeit
-näher gerückt, dass die 0 babylonisch ist. Es spricht allerdings
-wieder manches dagegen, so schreibt der Babylonier 2 meist [**symbol]
-und nicht [**symbol] und 61 wird durch (soss) d. h. [**symbol]
-wiedergegeben und z. B. 120 kommt bis dato nicht in der Form [**symbol]
-vor, statt [**symbol] oder [**symbol].
-
-[Sidenote: Ursprung des Sexagesimalsystems.]
-
-Nun, meine Herren, lassen Sie uns die allerinteressanteste Frage
-berühren: wie ist das Sexagesimalsystem entstanden?
-
-Da waren nun bis vor kurzem alle Autoritäten, vor allen ¨M. Cantor¨
-darin einig, dass es vom Himmel stamme, d. h. nicht bildlich sondern
-physisch, und dass es auf das Engste mit der Teilung des Kreises in
-360 Teile, die als altbabylonisch feststeht, zusammen hänge. Nach dem
-Vorgang eines Italieners ¨Formaleoni¨ von 1788 nahm auch M. Cantor
-100 Jahre später an, die Quelle der Kreisteilung in 360 sei ein
-uralter grober Irrtum der Babylonier über das Sonnenjahr gewesen.
-Diese schärfsten aller Himmelsbeobachter, deren ganzes Leben seit
-uralter Zeit unter dem Einfluss der himmlischen Konstellationen stand,
-deren ganzer Kult ein Kult der Sonne, des Mondes und der Sterne, der
-Naturerscheinungen insgesamt war, die hätten einen Irrtum, der so grob
-war, dass er in 8 Jahren 42 Tage betrug, nicht eher gemerkt, als bis
-sie ihr ganzes Mass-, Münz- und Gewichtssystem darauf zugeschnitten.
-Cantor meint nun, sie seien zur 60 gekommen von der Kreisteilung aus,
-auf der Suche nach einer passenden Untereinheit hätten sie den Radius
-als Sehne in den Kreis getragen und dabei gefunden, dass er 1/6 des
-Kreises gleich 60 Grad spanne, und da hätten wir ja glücklich die 60!
-
-Wenn ¨Letronne¨, Journal des savants étrangers 1817 diese Hypothese
-aufstellte, so konnte man diesen Versuch anerkennen.
-
-Bis etwa 1900 nahmen die Assyriologen diese Erklärung gedankenlos
-hin; sie hatten so viele schwierige Probleme, dass sie das geringe
-mathematische Material zunächst beiseite liessen. Wurde doch das
-Sexagesimalsystem erst nach 1854 von ¨E. Hincks¨ entdeckt. In dem von
-ihm behandelten Mondtäfelchen (Irish academy) handelt es sich um die in
-15 auf den Neumond folgenden Tagen sichtbar werdenden Teile des Mondes.
-
-Es seien, heisst es, an diesen 15 Tagen der Reihe nach sichtbar:
-
- |5 |10 |20 |40 1|20
- 1|36 1|52 2|8 2|24 2|40
- 2|56 3|12 3|28 3|44 4|
-
-Hincks nahm an, dass die Mondscheibe in 240 Teile zerlegt gedacht sei
-und die weiter nach links stehende Zahl 1.60 2.60 etc. bedeutete und
-die Beobachtungszahlen in den ersten 5 Tagen einer geometrischen, in
-den folgenden 10 Tagen einer arithmetischen Reihe folgen. Nebenbei
-bemerkt ist es nicht unwichtig hier eine Kreisteilung in 4 Quadranten
-und jeden Quadranten in 60 Teile geteilt zu finden, denn damit ist der
-astronomische Ursprung des Grades verurteilt. Die Erklärung Hincks
-wurde dann zuerst 1854 durch die Tafeln von Senkereh und dann immer
-mehr bestätigt. Um 1900 wendeten sich gleichzeitig drei Assyriologen
-¨Mahler¨, ¨Ginzel¨, ¨Lehmann¨ gegen den Ursprung des Systems aus der
-Jahresbewegung. ¨Mahler¨ machte höchst zutreffend darauf aufmerksam,
-dass das Jahr sich überhaupt nicht zum Massentnehmen eigene, die
-Babylonier schon so lange die Denkmäler reichen mit der Zahl 365,2(4)
-der Tage vertraut waren und wie auch die Ägypter ein eigenes Fest der 5
-Extratage feierten. Er wies darauf hin, dass die tägliche Bewegung den
-Lichttag als Hälfte und Vor- und Nachmittag einen Vierteltag ergäbe.
-
-[Illustration]
-
-Noch ansprechender war die Hypothese ¨Lehmanns¨, dass die Babylonier
-beobachtet hätten, dass der Sonnendurchmesser 1/720 der Ekliptik und
-jedes Tierkreisbild 1/12 und damit das Verhältnis 1/60 gewonnen sei.
-Leider stimmt die Sache nicht. Die Wasseruhr war den Babyloniern
-bekannt und mit ihrer Hilfe wurde der Sonnendurchmesser zu 32′ 6″
-bestimmt. Nebenbei bemerkt, ist die genaue Bestimmung eines der
-diffizilsten astronomischen Probleme, man vgl. die Arbeiten ¨Auwers¨ in
-den Berliner Sitzungsberichten.
-
-Der Tierkreis ist allerdings unzweifelhaft babylonischen Ursprungs;
-Sie sehen hier in der schon erwähnten Arbeit Eppings Abbildungen.
-Die Gleichheit aber der 12 Zeichen ist nicht ursprünglich. Lehmann
-fand auch in der Festsetzung der Gold- und Silberwährung 40 : 3 etwas
-Himmlisches, nämlich das Verhältnis der Tage des Jahres 360 und deren
-des Monats 27. Alles dies wäre sehr schön, wenn es nur richtig wäre.
-Das Verhältnis des Sonnendurchmessers zum Vollkreis ist ungefähr
-1/673, das des Jahres zum Monat keineswegs 40 : 3. Auch die 12 Monate
-zu 30 Tagen stimmen nicht, denn nie hat ein Monat volle 30 Tage. Das
-erlösende Wort hat 1904 wieder ein Lehrer der Mathematik, diesmal ein
-pensionierter, gesprochen, ¨Kewitsch¨ in Freiburg. Er hat den, man
-sollte meinen, selbstverständlichen Satz ausgesprochen: erst Zählen,
-dann Messen; 6, 60, 360, 3600 waren runde Zahlen bei den Babyloniern
-und sind von ihnen an den Himmel versetzt, in die Natur hineingelegt.
-
-Damit ist freilich die Frage wie die 6 und die 60 zu Grundzahlen
-wurden, nicht gelöst. Kewitsch leitet sie von der Fingerrechnung
-ab; er gibt zwei Wege an; den ersten hält er selbst für nicht sehr
-wahrscheinlich; dem zweiten zufolge sollen sie, nachdem alle fünf
-Finger benutzt, noch einmal die Hand mit weggestrecktem Daumen als 6
-gezählt haben und in Verbindung mit den 10 Fingern zu 6 · 10 = 60 als
-Grundzahl gelangt sein. Kewitsch führt den Umstand, dass das Zeichen
-für Hand ursprünglich 6 Striche gehabt hat, als Beweis an: Quat-Hand
-[**symbol], später [**symbol]; andrerseits ist die natürliche Stellung
-der ausgestreckten Hand doch die, dass der Daumen nicht angedrückt
-wird. Ausserdem scheint mir Kewitsch einen Umstand nicht beachtet zu
-haben, nämlich den, dass das Sexagesimalsystem der Sumerer ein durchaus
-künstliches ist, das mit einer ausserordentlichen Übung im Rechnen mit
-grossen Zahlen verknüpft ist und dass das Zählen an den Fingern bei
-Entwicklung dieses Systems ein längst überwundener Standpunkt gewesen
-ist. Ausserdem ist die älteste Form des Idiogrammes für Hand, (s. o.),
-ein ganz deutliches Bild der 5 Finger mit der Handwurzel und zugleich
-Name für fünf.
-
-Ich halte die Frage für nicht geklärt und wage nur Vermutungen wie
-die, dass es sich um eine ganz bewusste von den Gelehrten, d. h. den
-Priestern ausgehende Wahl der 6 als teilbar durch 2 und 3 gehandelt
-haben kann. Diese Teilung war auch technisch leicht durchführbar, man
-vergleiche die Elle des Gudea bei ¨Borchardt¨ (Berliner Berichte 1888,
-I); diese Wahl kann sehr wohl astronomisch beeinflusst gewesen sein.
-Die 60 empfahl sich als Grundzahl, weil sie durch die ersten 6 Zahlen
-teilbar ist und sich sowohl ins Fünfer- als Zehner- als Zwölfer-System
-einfügt. In den Mondtafeln von Hincks kommen so ziemlich alle Faktoren
-von 60, sogar die Mandel vor.
-
-Die Beobachtung der Gestirne durchdrang das ganze Leben des Volkes,
-denn vom Himmel holten sie die Omina, die Vorbedeutungen, nach denen
-sie ihre Handlungen einrichteten. Ein Wechsel des Beobachters alle
-4 Stunden, später alle 2 Stunden ist durchaus praktisch; (lösen wir
-doch unsere Posten alle 2 Stunden ab) und wir wissen jetzt, man
-vergleiche ¨Epping¨, dass vom Anbeginn an bis in die Seleuciden- und
-Arsacidenzeit die Chaldäer den vollen Tag in 6 Teile oder Kas. pu
-geteilt haben, und die eigentliche Bedeutung des Wortes Su-su (Schock)
-ist 1/6. Die Unterteilung der Doppelstunden in 10 Teile ist dann zu
-genauer Ortsbestimmung durchaus praktisch, und die Zehnteilung ist am
-System unserer Finger vorgebildet. Erst später trat die Halbierung
-der Doppelstunde und damit die Stunde als 24stel des Tages ein. Der
-Tag, d. h. die Dauer der Rotation ist und bleibt die einzige wirklich
-in der Natur gegebene Masseinheit, und selbst wenn die Achsendrehung
-der Erde nicht völlig konstant ist, sind wir ausserstande die kleinen
-Schwankungen zu konstatieren. Nachdem die 360-Teilung des Tages
-durchgeführt, lag es nahe zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs das
-¨Geschäftsjahr¨, wie auch heute auf 360 Tage und den Monat auf 30 Tage
-abzurunden. Sie wissen ja, dass noch heute unsere Soldaten für den 31.
-keinen Sold bekommen.
-
-[Sidenote: Die Tafeln von Senkereh.]
-
-Ich komme nun auf die Tafel von Senkereh zurück, von der wir erst
-seit 1870 durch ¨Georg Smiths¨ wissen, dass wir darin Zahlentabellen
-haben, und die erst ¨Hincks¨, wohl des geistig bedeutendsten
-Keilschriftentzifferers Entdeckung des Sexagesimalsystems bestätigte.
-¨R. Lepsius¨, der grosse Ägyptologe, hat die Tafel 1877 in der Berliner
-Akademie in einer längeren Arbeit behandelt. Abgesehen davon, dass ihm
-die mathematische Bildung mangelte um einzusehen, dass eine Tabelle der
-Quadratzahlen zugleich eine der Wurzeln ist, hat er in der Tabelle,
-deren linke Kolonne benannte, deren rechte unbenannte Zahlen enthält,
-einen Vergleich sumerischer und assyrischer Längenmasse gesehen. In
-seiner Arbeit: Beiträge zur alten Geschichte, 1902, hat ¨C. F. Lehmann¨
-nachgewiesen, dass es sich hier um eine Vergleichung von Zeitmass
-und Längenmass handelt und dass wir hier strikte Durchführung
-des Sexagesimalsystems vor uns haben. Lehmann hat nachgewiesen,
-dass während wir 114 Schritt auf die Minute rechnen, Römer und
-Babylonier 120 Schritt à 1-1/2 Ellen, also 180 Ellen, und somit auf
-die Doppelminute 360 Ellen und auf den Zeitgrad, auf 1/360 Tages,
-360 Doppelellen gehen. Dass aber die Doppelelle das ursprüngliche
-Längenmass ist, das zeigen uns die beiden Massstäbe der Gudea, von
-denen ich hier Ihnen ein Exemplar vorführe.
-
-[Illustration: Massstab der Gudeastatue, 1/2 der nat. Grösse.]
-
-Ich gebe nun die Tafel von Senkereh in Umschreibung wieder:
-
- Kolonne III.
-
- Zeit | Zeit- | Grade |Zeiteinheit| Raum-
- |Doppelelle| | |doppelelle
- ------------------+----------+-------+-----------+----------
- 1 Zeit-Finger | 1/60 |1/21600| 1/90 Sek.| 1/60
- 5 | 1/12 | 1/4320| 1/18 " | 1/12
- 1 Elle | 1/2 | 1/720| 1/3 " | 1/2
- 1/2 Gar | 3 | 1/120| 2 " | 3
- 1 Gar | 6 | 1/60| 4 " | 6
- ------------------+----------+-------+-----------+----------
- 5 Gar | 30 | 1/12| 20 " | 30
- 1 Soss = 60 Gar | 360 | 1| 4 " | 360
- 1 Kas-pu = 30 Soss| 10800 | 30| 2 Std.| 10800
- 2 Kas-pu | 21600 | 60| 4 " | 21600
-
-Darin scheint nun Lehmann recht zu haben, dass die Zeiteinteilung die
-ursprüngliche gewesen und dass die experimentelle Beobachtung, dass
-zirka 480 Schritt auf den Taggrad kommen, bezw. 120 auf die Minute,
-dahin geführt hat, das Längenmass auf die Länge des Sekundenpendels zu
-gründen.
-
-[Sidenote: Astrologie.]
-
-Welche ausserordentliche Rolle die Astrologie und die sich aus ihr
-entwickelnde Astronomie für das religiöse und praktische Leben der
-Babylonier spielte, darüber belehren uns schon die jetzt entzifferten
-Denkmäler auf das genaueste. In dem schon erwähnten Werk Sargons I.,
-das nach seinen Anfangsworten genannt wird: »Wenn der Bel-Stern,«
-sind bereits 66 ganze oder gebrochene Tafeln und teilweise in
-mehreren Exemplaren bekannt. Wir haben ein anderes Werk: »Wenn der
-Mond bei seinem Erscheinen;« hunderte von Tafeln mit astrologischen
-Berichterstattungen meist an den König sind im British Museum. Ich gebe
-ein paar Beispiele:
-
-1) Am 15. Tage des Nisan (März-April) halten sich Tag und Nacht die
-Wage; sechs Doppelstunden war Tag, sechs Doppelstunden Nacht. Mögen
-Nebo und Merodach meinem Herrn König gnädig sein. Nebo, Gott der
-Weisheit, Sohn von Merodach, der als Gott der Frühlingssonne Sohn Bêls,
-des Gottes der Luft gedacht wird. Merodach wurde zum Hauptgott in
-Babylonien und verschmolz mit Bêl.
-
-2) An den König, meinen Herrn Ischtarnadinapal, der oberste der
-Astronomen der Stadt Arbela; Friedensgruss dem König (Salem aleikon)
-meinem Herrn. Ischtar (Astarte, Aphrodite) von Arbela sei dem Könige,
-meinem Herrn gnädig; am 29. Tag machten wir eine Beobachtung, aber
-die Sternwarte war umwölkt und wir sahen den Mond nicht. Am 1. Tag
-des Monats Schebat (Januar-Februar) im Eponymat (s. u. S. 66) des
-Bilcharranschadua.
-
-3) Der Mond ist sichtbar am 1. Tag wie am 28.: Unglück für das
-Westland. Der Mond ist am 28. Tage sichtbar: Glück für das Land Akkad
-(Babylonien), Unglück für das Westland; Bericht des Oberastronomen.
-
-[Sidenote: Babylonische Kosmologie.]
-
-Aus derselben Zeit etwa dem 8. Jahrhundert stammen auch mehrere
-Fragmente von Festkalendern, welche für jeden einzelnen Tag des Monats
-Angaben enthielten, welchem Gott der Tag geweiht und welche Opfer in
-den Tempeln dargebracht werden sollten. Diese Fragmente lassen uns
-erkennen, dass damals ein ausgebildeter Kalender in Assyrien bestand,
-und wenn wir damit den Eponymenkanon in Verbindung bringen, so ist
-der Schluss berechtigt, dass dieser Kalender bis zum Anfang dieses
-Kanons heraufreicht, d. h. bis in das 10. Jahrhundert v. Chr. Aus der
-Astrologie hat sich die Astronomie der Babylonier entwickelt, wie aus
-der Kabbala, den magischen Rechnungen, die Anfänge der Zahlentheorie.
-Der Hauptstern ist der Nordpol der Ekliptik, der dem Anu (Himmel)
-geweiht war. Als Gegenpol ist der Ea-Stern (Ozean) = η Argus. (?)
-
-Die drei Regionen des Himmels, welche vom Nordpol ausgehen, sind die
-Region des Anu: Stier, Zwillinge, Krebs und Löwe, und, beginnend mit
-dem Aldebaran, die Regionen des Bel (Luft): Jungfrau, Wage, Skorpion,
-Schütz; die Regionen des Ea (Ozean): Steinbock, Amphora (Wassermann),
-Fische, Widder.
-
-Die Milchstrasse, mit ihren beiden Verzweigungen wird als Euphrat
-und Tigris aufgefasst. Die Ekliptik ist die Furche des Himmels; die
-Milchstrasse erscheint auch unter dem Begriff des Hirtenzeltes, woher
-auch unser poetisches »Himmelszelt«. Entstanden ist der babylonische
-Tierkreis zu einer Zeit als der Frühlingspunkt, der jährlich etwa
-um 50″ zurückweicht, im Stier lag; also etwa 3000-4000 v. Chr.,
-der dann im Laufe der Zeit mannigfache Veränderung erlitt bis die
-völlige Gleichteilung durchgeführt wurde. Besonders wichtig ist die
-Untersuchung der alten Grenzsteine (Kudurru) geworden, von denen
-Hommel 14 untersucht hat. Die Abbildung des Tierkreises auf diesen
-Steinen geschah vielleicht zum Zweck Konstellationen zur Datierung
-festzuhalten. Auf keinem der Steine fehlt die grosse Schlange als Bild
-der Milchstrasse und schon auf dem ältesten, der auf 1070 datiert ist,
-sind die 12 Zeichen. Die Bilder sind die bei den Griechen und zum Teil
-noch heute üblichen.
-
-Das neueste Werk über diese Grenzsteine ist A new Boundary Stone
-of Nebuchadnezzar I. von ¨W. M. J. Hinke¨, Bd. IV der Serie D des
-grossen Hilprechtschen Sammelwerks the Babylonian Expedition of the
-Univ. of Pennsylvania 1907. Hier ist auch der Zusammenhang mit dem
-¨tibetanischen¨ und indischen Tierkreisen besprochen.
-
-[Sidenote: Astronomie.]
-
-Die Untersuchung der Namen etc. zeigt, dass der Tierkreis
-babylonisch-sumerischen Ursprungs ist und sich von den Babyloniern zu
-Ägyptern, Griechen, Indern, Chinesen und zu uns verbreitet hat. Das
-gleiche gilt von den Mondstationen oder Häusern, ihre Zahl schwankte
-zwischen 24-36, und sie haben sich ebenfalls nach China, Indien
-(naxatra) und Arabien verbreitet. Die helleren Sterne waren ihnen in
-sehr alter Zeit bekannt. Aus der Arsakidenzeit der Jahre 122 v. Chr.
-und 110 sind uns vollständige Ephemeridentafeln, Bestimmungen der
-Abstände der Sterne von festen Sternen der Ekliptik, erhalten. Sie
-hatten ganz bestimmte Regeln für die Berechnung des Neumondes und
-Neulichtes, die von ¨J. Epping¨, S. I. unter Beihilfe des Assyriologen
-Strassmaier, S. I. 1889 in den Stimmen aus Maria Laach unter dem Titel:
-Astronomisches aus Babylon mitgeteilt sind; es finden sich darin auch
-Tabellen des heliakischen Auf- und Untergangs der Planeten und einer
-Anzahl von Fixsternen, vor allem des Sothis, id est Sirius und des
-»Kakkab mišre« des Orion. Sie kannten die Periodizität der Finsternisse
-und konnten deren Sichtbarkeit für Babylon annähernd vorausbestimmen.
-Sie hatten Instrumente, die unserem Astrolabium und Planetarium
-entsprechen; sie kannten die mittlere Geschwindigkeit des Mondes,
-d. h. den Bogen, den der Mond durchschnittlich während eines Tages
-in der Ekliptik beschreibt, die grösste Geschwindigkeit des Mondes,
-ebenso die der Sonne und das Gesetz, nach dem die Geschwindigkeit
-der Sonne in der Ekliptik sich ändert, sie kannten die Jahresdauer,
-die Durchschnittsdauer des Monats von Neumond zu Neumond, also des
-sogenannten mittleren synodischen Monats, den sie nur um 0,4 ¨Sekunden¨
-länger als wir ansetzten, sowie die Durchschnittsdauer von einer
-Erdnähe des Mondes zur andern, d. i. also den sogenannten mittleren
-anomalistischen Monat, den sie nur um 3,6 ¨Sekunden¨ zu lang ansetzten.
-Dabei ist erst ein kleiner Teil des aufgefundenen Materials entziffert
-und dieser aufgefundene ein verschwindender Teil des vorhandenen.
-Hilprecht berechnet die Zeit, die für Nippur nötig ist bei 400
-Arbeitern auf etwa 100 Jahre!
-
-Über die Instrumente, deren sich die Babylonier zu ihren Beobachtungen
-bedienten, ist wenig bekannt; wir wissen, dass sie die Zeit durch die
-Wasserwage massen und durch die Sonnenuhr, mittelst des Gnomon und aus
-der Schattenlänge die Meridiane, bezw. den längsten und kürzesten Tag
-bestimmten. Aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. sind aber durch ¨Kugler¨
-eine ganze Reihe sehr feiner Positionsbestimmungen festgestellt worden,
-die nur mit Hilfe von Instrumenten wie der sogenannten Armillarsphäre,
-dem Diopter etc. möglich war. Der Diopter setzt dann allerdings die
-Ähnlichkeitslehre für rechtwinklige Dreiecke, kurz eine Sehnenrechnung
-voraus und damit wird es wahrscheinlich, dass die Sehnenrechnung, die
-bis dato dem Bessel des Altertums, Hipparch von Rhodus zugeschrieben
-wurde, babylonischen Ursprungs ist. Soviel steht fest, wenn auch
-anfangs die Astrologie zur Himmelsbeobachtung insbesondere der Sonnen-
-und Mondfinsternisse trieb, seit etwa 300 Jahren v. Chr. gab es an
-den Sternwarten eine vollkommen wissenschaftliche Astronomie, und die
-Beobachtungen der Babylonier sind oder werden für unsere Mondtafeln
-noch wertvoll.
-
-¨Kugler¨ hat seiner »babylonischen Mondrechnung« von 1900, der
-pietätvollen Vollendung des ¨Strassmeier-Epping¨schen Werkes, 1907
-den ersten Band seines grossen auf 4 Bände berechneten Werkes
-»Sternkunde und Sterndienst in Babel« folgen lassen, unter dem Titel
-»Entwicklung der Babylonischen Planetenkunde von ihren Anfängen bis
-auf Christus.« Wenngleich, wie Oefele (Mitteilungen zur Gesch. d.
-Med. u. Naturw. 29. Juni 1908) schon hervorgehoben hat, dieser Titel
-nicht glücklich gewählt ist, so ist das Buch doch reich an wichtigen
-Resultaten: Der unbezweifelbare Nachweis des Babylonischen Ursprungs
-des Tierkreises und seiner 12 Zeichen, die Kenntnis der Namen für die
-Planeten und die Masisterne, die hellen Sterne der Ekliptik, welche zur
-Positionsbestimmung dienten, in Fortsetzung der Leistungen ¨P. Jensens¨
-aus seinem Hauptwerke, die Kosmologie der Babylonier 1890, die Kunde
-der technischen Sprache der Babylonischen Astronomie, die Tatsache
-der Ekliptikkoordinaten, die Feststellung des Bogenmasses und der
-Richtungen, Festsetzung des Bogens von 22° 3′ zwischen dem festen
-Koordinatenanfangspunkt 0° arietis der Babylonier und dem 0-Punkt,
-dem Frühlingsäquinoktium von 1800 n. Chr., die Planetenephemeriden
-infolge Auffinden von grossen und kleinen Perioden, z. B. für Mars 71
-und 41 Jahre, für Venus 8 Jahre (Fehler nur 3′ 13,3″) etc. Freilich
-hebt Kugler hervor, dass im 2. Jahrh. v. Chr. die wissenschaftliche
-Astronomie der Babylonier sehr grosse Fortschritte gegen die früheren
-Zeiten aufweist, und wie weit dabei hellenischer Geist insbesondere der
-grosse Hipparch in Betracht kommt, müsste erst noch untersucht werden.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Geometrie.]
-
-Über die Geometrie der Babylonier müssen wir uns zurzeit kurz fassen
-bis grösseres Material vorliegt. Ein Bauplan, eine Tempelanlage
-von so vorzüglicher Ausführung wie der von ¨L. Borchardt¨ l. c.
-veröffentlichte, in dem die Türleibungen und die Mauerstärke
-berücksichtigt ist (siehe Fig. auf S. 112), Beobachtungen, wie die
-von ¨Kugler¨ mitgeteilten, sind nicht ohne bedeutende geometrische
-Kenntnisse möglich, aber was uns direkt übermittelt ist, beschränkt
-sich auf ganz wenige Zeichnungen wie die bei Cantor abgedruckten aus
-¨A. H. Sayce¨ Abhandlung: Babylonian augury by means of geometrical
-figures. In der hier beigegebenen Kopie scheinen mir mehrfach ¨alte
-Idiogramme¨ wie N 15 etc. vorzuliegen. ¨Bezold¨ bemerkt (Z. A. XVII p.
-95), dass ein grosser Teil z. B. der in Kujundschik gefundenen Figuren
-analoge Bedeutung besitzen, wie die Oppert'sche Konstr. s. Fig. S. 100
-und sich auf kabbalistische Rechnung beziehen z. B. 10 und 3.
-
-[Illustration: Bruchstück des Bauplanes.]
-
-[Illustration: Borchardt'scher Bauplan.]
-
-[Sidenote: Babylonische Kreisteilung.]
-
-Feststeht aus ägyptischen und babylonischen Abbildungen, dass den
-Babyloniern die Teilung des Kreises in 6 Teile bekannt gewesen sei,
-d. h. de facto. Vom Hereintragen des Radius ist bisher keine Spur
-gefunden. Wenn Cantor meint, die 6-Teilung ist ohne diese Kenntnis
-nicht möglich, so irrt er sehr. Man braucht nichts zu wissen als die
-Tatsache, dass das Rad, bezw. der Kreis in sich drehbar ist, also zu
-gleichen Bogen gleiche Sehnen etc. gehören, u. v. v., dies reicht aus
-den Kreis experimentell zu vierteln und zu sechsteln. Im höchsten Grade
-wahrscheinlich ist allerdings, dass sie bei einem gesechsteilten Kreise
-gesehen haben, dass die Sehne gleich dem Radius ist. Die im Buche
-der Könige erwähnten fünfeckigen Pfosten, können genau so auf einer
-experimentellen Teilung des Kreises in fünf gleiche Teile beruhen, wie
-sie meine Quartaner ohne allen goldenen Schnitt sehr exakt ausführen.
-
-Es ist ausserdem eine Tafel bekannt geworden, aber leider zurzeit nicht
-auffindbar, in der ein in drei gleiche Teile geteilter rechter Winkel
-vorkommt, und das ist fast alles, was wir zurzeit von der babylonischen
-Geometrie wirklich wissen; vermuten müssen wir sehr viel mehr; wäre
-der Pythagoras, was nach den Beispielen der quadratischen Gleichungen
-ganz gut möglich, den Ägyptern bekannt gewesen, so wäre er sicher den
-Babyloniern nicht unbekannt geblieben, aber hier heisst es abwarten.
-
-[Sidenote: Babylonische Rechentabellen.]
-
-Von grosser Bedeutung für die Auffassung der Babylonischen Arithmetik
-ist Band XX part. 1 Serie A des ¨Hilprecht¨schen Werkes The Babyl.
-Expedition of the Univers. of Pennsylv. 1906 (mir erst vor kurzem
-zugänglich geworden). Es sind hier, abgesehen von Wiederholungen, 31
-math. Tafeln veröffentlicht; Multiplikationstafeln, Divisionstafeln,
-Tafeln von Quadratzahlen und -Wurzeln, eine geometrische Progression.
-Auf Tafeln, welche dazu dienen, die Rechnungsresulate rasch in das
-Sexagesimalsystem einzureihen, hat H. hingewiesen, deren eine (s.
-Bild) er schon in seinem Vortrag von 1903 Bild 45 veröffentlicht hat.
-Es hat nun Hilprecht bemerkt, dass ¨sämtliche bis jetzt bekannten 46
-Multiplikationstafeln sich auf Divisoren der Zahl 60^4 beziehen¨, inkl.
-der 2 aus Sippar und Kujundschik, und zwar gehen sie bis 180000×1.
-Dazu konstatierte er das Multiplikationszeichen A-R A z. B. 2×1 (=)
-2: [**symbols], Plan 1, N. 1, das wie das unsrige, oft weggelassen
-wird, das Divisionszeichen Igi-Gal, habend Auge gelegentlich mit
-hinter dem Quotienten folgenden Distributivzeichen a-an»je«. Hilprecht
-konstatierte, dass ¨alle diese Divisionstabellen sich wiederum auf 60^4
-beziehen¨, es sind Tafel N. 20, 21, 24, auf denen das Divisionszeichen
-fehlt, und Tafel 22 obv., wo es gesetzt wird. Mit Hilfe der wichtigsten
-Tafel 25 ergänzt H. Tafel 22:
-
-[Illustration]
-
- Igi-1-Gal-Bi = 8640000
- Igi-2-Gal-Bi = 6480000
- Igi-3-Gal-Bi = 4320000
-
-etc., das »Bi« »dessen« bezeichnet den gemeinsamen Dividend 60^4. Ich
-gebe hier als Beispiel die Multiplikationstabelle 15 (Obv. und Bev.),
-das 1×1 mit 540, es ist zunächst eingerichtet wie die anderen, d. h.
-es fehlt das Zeichen, und es enthält 1a bis 20a, und dann 30a, 40a,
-50a, so dass also 23a berechnet wird als 20a + 3a, wofür es ja auch
-Tabellen gab. Diese Tafel ist aber besonders interessant, weil sie
-eine derjenigen ist, in denen die Zweideutigkeit durch die Zusatzlinie
-am Schluss gehoben wird. Die Tafel lässt es zweifelhaft, ob man es mit
-dem 1 × 9 oder 1 × 9.60 zu tun hat, die Schlusszeile (colophon) gibt
-die nächstniedrige Tabelle der Serie an und lautet hier 8.60 + 20 mal 1
-ist 8.60 + 20 id est 500 × 1 = 500, somit ist die [**symbol] in unserer
-Tafel 9.60. Sehr bedeutsam ist die Tabelle 25, welche in Hilprechts
-Übertragung lautet:
-
- Linie 1: 125 720
- 2: Igi-Gal-Bi 103680
- 3: 250 360
- 4: Igi-Gal-Bi 51840
- 5: 500 180
- 6: Igi-Gal-Bi 25920
- 7: 1000 90
- 8: Igi-Gal-Bi 12960
- 9: 2000 18
- 10: Igi-Gal-Bi 6480
- 11: 4000 9
- 12: Igi-Gal-Bi 3240
- 13: 8000 18
- 14: Igi-Gal-Bi 1620
- 15: 16000 9
- 16: Igi-Gal-Bi 810
-
-[Sidenote: Babylonische Divisionstafeln.]
-
-H. erkannte darin unschwer Divisionen von 60^4 durch eine aufsteigende
-Reihe von Divisoren, für die Bedeutung der Zahlen 720; 360 etc. bis
-9 wandte er sich an Mathematiker, diese brachten heraus dass, wenn
-man die Divisoren in die Form a šar + b ner + r schreibt, dann 60^2/r
-diese Zahlen ergibt. Hiernach erscheint es allerdings als im hohen
-Grade wahrscheinlich, dass wir es hier mit einer kabbalistischen
-Rechnung zu tun haben, und wir sehen dass hier wieder 60^4 seine
-Rolle spielt. ¨Hilprecht¨ selbst zitiert aus dem Literaturverzeichnis
-von ¨Bezold¨: »Die Mathematik stand bei den Babyloniern-Assyriern,
-soviel wir bis jetzt wissen, vornehmlich im Dienste der Astronomie und
-letztere wiederum in dem einer Pseudowissenschaft, der Astrologie, die
-wahrscheinlich in Mesopotamien entstand, sich von dort aus verbreitete.«
-
-[Sidenote: Die goldene Zahl des Platon.]
-
-Ich möchte aber doch bemerken, dass wie der Mangel an beglaubigender
-Unterschrift der Tafeln aus Nippur beweist, und nicht minder die
-zahlreichen Fehler, dass wir es auch hier, ähnlich wie in Ägypten,
-vielfach mit Schülerübungen zu tun haben. Ebenso sorgfältig wie das
-Schreiben und Lesen, wurde auch die Elementarkunst des Rechnens
-geübt, selbstverständlich vorzugsweise an »heiligen« Zahlen, von denen
-60^4, wie es scheint, im Vordergrund stand. H. hat sicher mit Recht
-auf die Abhängigkeit ¨Platons¨ von Babylon hingewiesen. In die Stelle
-Republik VIII, 546 B-D hat zuerst der grosse, kürzlich verstorbene
-Philologe ¨Fr. Hultsch¨, der Herausgeber des Pappos, Licht gebracht,
-er hat, Schlömilch XXVII hist. lit. Abt. S. 41, in der sehr dunkel
-beschriebenen Zahl des Platon die Zahl 60^4 erkannt und hervorgehoben,
-dass ihre Teiler von glückbringendem Einfluss auf die Geburten und
-Schicksale der Menschheit sein sollten, wie denn tatsächlich die nach
-der kürzesten Fötalperiode von 216 Tagen geborenen 7 Monatskinder
-bessere Lebenschance besitzen als die 8 Monatskinder. Wesentlich
-ist hier der Nachweis des Einfluss Babylonischer Kultur auf die
-Hellenische, den übrigens m. W. niemand mehr bestreitet. Gegenüber
-¨Hommel¨ führe ich an, dass die Babylonische Phönixperiode 653 Jahre
-und nicht 500 betrug, und gegenüber Hilprecht, dass nach ¨Censorinus¨,
-wie Hultsch erwähnt, Plato das Alter der Menschen nicht auf 100,
-sondern auf 81 setzte. Dass dabei 36000 eine Rolle gespielt hat, ist
-nicht unwahrscheinlich, denn noch Ptolemäos gibt in der μεγαλη συνταξις
-36000 als Cyclus der Präzession an, und Berosus dieselbe Zahl als
-altbabylonische Präzessionszahl.
-
-Dass aber nicht nur die Inder, wie bekannt, in Riesenzahlen schwelgten,
-sondern auch die alten Babylonier, beweist die von Hilprecht mit Glück
-restaurierte Tafel ¨Bezold¨, Katalogue Kujundschik Vol. I N. 2069,
-von denen Bezold l. c. die folgenden 4 Zeilen (2 bis 5 der Tablette)
-veröffentlicht hat:
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Babylonische Riesenzahlen; Quadratwurzeln.]
-
-H. hat überzeugend nachgewiesen, dass diese Tafel aus der Bibliothek
-Asurbanipals mit ihren 28 Zeilen dieselbe Bedeutung hatte wie die
-Tabellen No. 20, 21, 22, 24 Hilprecht's auf S. 21, es ist eine
-Divisionstabelle, aber Divisoren und Quotienten beziehen sich
-auf [**symbol] -- -- -- -- -- -- d. h. auf 60^8 + 10.60^7 id est
-195,955,200,000000 also 195 Billionen 955200 Millionen! Zu dieser
-Erkenntnis wurde H. in den Stand gesetzt durch die Bemerkung, dass
-die längste Zahl links vorn Teilungsstrich vor [**symbol] drei
-Ziffergruppen von je zwei Ziffern hat, also mit 60^3 zu multiplizieren
-ist, und die längste Zahl rechts hat hinter ihrer Ziffergruppe vier
-andere, ist also mit 60^4 zu multiplizieren.
-
-Tabellen von Quadratzahlen bezw. Wurzeln sind ziemlich zahlreich in
-Nippur gefunden, die Quadrierung ist teils durch das A-Ra »mal«, teils
-durch das Idiogramm für Ibdi das aber etwas von der Rawlinsonschen
-Tafel IV, 40 abweichende Gestalt hat. Am leichtesten lesbar ist Pl. 16,
-No. 28, Quadrate der Zahlen von 31-39, die dadurch interessant ist,
-dass sie sich an die Tafel des Berliner Museums genau anschliesst.
-H. hat aus ihr die Kenntnis der Formel für (a + b)^2 gefolgert, da
-diese Formel in Indien bekannt war, vgl. S. 161, so ist sie höchst
-wahrscheinlich auch den Babyloniern-Assyriern bekannt gewesen. Ein
-irgendwie zwingender Beweis ist aber, da mir die Resultate gegeben
-werden, ¨nicht¨ erbracht.
-
-Sehr dürftig ist wenigstens die bisherige Ausbeute für die Geometrie,
-der Inhalt des geraden Prisma und des geraden Zylinders ist zu allen
-Zeiten ohne weiteres als Grundfläche mal Höhe angenommen worden. Das
-einzige was von Interesse, ist, dass nach einer Veröffentlichung von
-¨Thureau-Dangin¨ schon unter der 2. Dynastie von Ur, also rund 3000 v.
-Chr. man in Babylonien den Inhalt des Trapezes als Mittellinie mal Höhe
-berechnen konnte.
-
-[Sidenote: Vase mit geometrischer Zeichnung.]
-
-Wie hoch entwickelt aber schon in unvordenklicher Zeit die
-geometrische Zeichenkunst war, beweist die von ¨Kapitän Cros¨ 1903 in
-Telloh gefundene Vase, mit deren Bild ich diesen Abschnitt schliesse.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Hellas
-
-Unser Werdegang müsste uns nun eigentlich nach Indien und China
-führen, aber die Kultur der Inder und Chinesen ist so abhängig von
-Babylon, oder, was richtiger ist, ganz Asien bildete von 4000 v.
-Chr. bis etwa 100 n. Chr. ein einziges Kulturgebiet, Ägypten bis
-zum Nil eingeschlossen, dass wir uns zunächst gleich nach ¨Hellas¨
-wenden. Die Hellenen sind das erste Volk, das die Wissenschaft um der
-Wissenschaft willen getrieben hat, das Volk, von dem man wohl sagen
-kann, dass ihm an Begabung für Kunst und Wissenschaft kein anderes je
-gleichgekommen ist, und unter ihnen erwuchs im 6. Jahrh. v. Chr. aus
-den Handwerksregeln ägyptischer und babylonischer Priester die reine
-Mathematik als Wissenschaft.
-
-Wohl steht seit den Ausgrabungen ¨Heinrich Schliemanns¨ fest, dass
-die Hellenische Kultur und Kunst sich unter starkem orientalischen
-Einflusse, Ägypten eingeschlossen, entwickelt hat, aber schon für
-¨Kreta¨, ja selbst für ¨Cypern¨ ist auch die selbständige Entfaltung
-Hellenischen Geistes deutlich. Die Aufeinanderfolge ist wohl diese.
-¨Cypern¨ fast völlig unterm Einfluss Babyloniens (Phöniziens);
-¨Kreta¨: Ägypten und Babylon vereint. Für Kreta sind epochemachend
-die Ausgrabungen von ¨Evans¨ zu ¨Knossos¨, Annalen der brit. Schule
-in Athen 1899 ff. bes. 1902 (Bd. 8) u. ff. Daneben die der Italiener
-in ¨Phaistos¨, Acad. dei Lincei Bd. XII (1902) ff. Das von Evans in
-Knossos gefundene herrliche Kunstwerk des becherkredenzenden Epheben
-(Jüngling, Page) geht über die Orientalischen Vorbilder schon hinaus,
-auch Architektur und Kleinkunst, z. B. die ¨polychromen Vasen¨ (sogen.
-Kamaris-Stil) ist selbständig.
-
-Es folgt dann die durch ¨Schliemanns¨ Ausgrabungen in Mykene, Tyrinz,
-Troja zeitlich früher bekannte »¨Mykene-Periode¨«. Auch sie bekundet
-starken Verkehr mit dem Orient durch kretische Vermittlung, aber sie
-zeigt auch Kreta gegenüber eigenartige Entwicklung. Die Palastanlage
-ist ganz verschieden, sie ist genau die von Homer beschriebene. Was
-die Kleinkunst betrifft, so genügt es an die Becher von ¨Vaphio¨ zu
-erinnern. Für die Mykeneperiode verweise ich auf ¨C. Schuchhardts¨
-Wertung der Schliemann'schen Funde (2. Aufl.). Die Beziehung zwischen
-Mykene und Kreta ist zurzeit eine brennende Streitfrage. ¨Dörpfeld¨,
-kret. u. hom. Paläste, Athen. Mitteilungen Bd. 30 (1905 p. 257),
-unterscheidet für die kretischen Paläste zwei Perioden, a) eine
-ältere genuin-kretische, b) eine jüngere, in der Mykenische Eroberer
-ihre Paläste auf den zerstörten Resten der älteren erbaut hätten.
-Gegen Dörpfeld hat ¨Mackenzie¨, Annals of brit. School XI u. XII
-die Einheitlichkeit und Selbständigkeit der kretischen Paläste mit
-triftigen Gründen behauptet. Dörpfeld hat 1907, Athen. Mitt. 32 p. 576
-erwidert. Die Herkunft der altkretischen Schrift ist zurzeit noch nicht
-entschieden, möglicherweise ist sie hetitisch.
-
-Die politische Geschichte der Hellenen und die Geschichte der
-Hellenischen Kunst zu schildern, muss ich den Historikern und
-Archäologen von Fach überlassen.
-
-[Sidenote: Mathematikerverzeichnis des Proklos.]
-
-Die wichtigste Stelle für die Geschichte der hellenischen Mathematik
-ist das sogenannte Mathematikerverzeichnis bei ¨Proklos¨. Es ist
-vermutlich ein bei ¨Geminus¨, einem Schriftsteller des ersten Jahrh. v.
-Chr. erhaltener Auszug aus der Geschichte der Mathematik des ¨Eudemos¨,
-von der leider nur wenige Fragmente, z. B. in dem Kommentar des
-¨Simplicius¨ zu Aristoteles uns erhalten sind.
-
-[Sidenote: Thales von Milet.]
-
-Beginnen wir also mit ¨Thales von Milet¨. Herodot sagt in seinem ersten
-Buch, dass Thales von phönizischer Abkunft gewesen, unzweifelhaft
-lebte er im 7. Jahrh. v. Chr. und war ein Zeitgenosse des Krösos und
-Solon. Proklos gibt p. 250 der ¨Friedlein¨'schen Ausgabe an, dass
-er den Satz von der Gleichheit der Basiswinkel im gleichschenkligen
-Dreieck gefunden habe und zwar habe er die Winkel nicht ἴσας sondern
-ὁμοιας genannt; p. 299 Satz von der Gleichheit der Scheitelwinkel;
-p. 157 Satz, dass die Durchmesser den Kreis halbieren, und p. 352
-sagt Proklos, nach Eudemos, dass Euclid I, 26 der sogenannte 2.
-Kongruenzsatz von Thales herrühre, der sich seiner notwendig bedienen
-musste bei seiner Methode die Entfernung der Schiffe im Meere zu
-bestimmen.
-
-¨Marcus Junius Nipsus¨, ein römischer Agrimensor, gibt (¨M. Cantor¨)
-folgende alte Methode, die so ziemlich die einzige sein kann, die mit
-den geringen Kenntnissen, welche nach Proklos dem Thales zur Verfügung
-standen und zugleich mit der Angabe des Eudemos stimmt:
-
-Die Dreiecke ASD und DCB (s. Fig.) sind nach den 2 Congr. congruent und
-damit ist CB die gesuchte Entfernung.
-
-[Illustration]
-
-Ausser Proklos haben wir Angaben von ¨Plutarch¨ (100 n. Chr.
-Neuplatoniker, ziemlich zuverlässig), in septem sapient. conviv.,
-wonach Thales die Höhe der Pyramide durch Messung ihres Schattens
-bestimmt habe; aber die Quelle dieses Berichtes ist nach ¨Diogenes
-Laertios¨ (Kompilator des 3. Jahrh. n. Chr.) Hieronymos von Rhodos,
-welcher sagt, er mass die Pyramiden aus dem Schatten, wenn der Schatten
-der Pyramidenhöhe gleich, d. h. bei einer Sonnenhöhe von 45°. Noch weit
-unsicherer ist die Angabe bei Diogenes Laertius: ¨Pamphila¨ (Ende des
-1. Jahrh. n. Chr.) erzählt uns, dass er als der erste, den Halbkreis
-in den rechten Winkel einschrieb, und dass er bei dieser Gelegenheit
-einen Ochsen opferte. Andere, z. B. ¨Apollodoros¨, der Rechenmeister,
-schreiben diesen Zug den Pythagoräern zu. Da Proklos den Satz
-ausdrücklich erst den Pythagoräern zuschreibt und eine bei Eutokios
-erhaltene Stelle dies bestätigt, so verliert die Nachricht der Pamphila
-ihren Wert.
-
-Auch als Astronom wird Thales gerühmt; im Theätet des ¨Platon¨ p. 174
-lesen wir die Anekdote, dass, als er, den Blick nach oben gerichtet
-um den Himmel zu schauen, in den Brunnen fiel, eine thracische Magd
-ihn verspottet habe: das was am Himmel vorginge, wäre ihm bekannt,
-aber was vor seinen Füssen läge, das sähe er nicht. (¨Socrates¨ setzt
-bekanntlich hinzu, dass man mit diesem Spott noch immer gegen die
-ausreiche, die in der Philosophie leben.) Die von ihm vorausgesagte
-Sonnenfinsternis ist, wie Herodot berichtet, die vom 28. Mai 585
-bei der Schlacht zwischen Medern und Lydern. Nach ¨Eudemos¨ hat er
-auch die Ungleichheit der Jahreszeiten gekannt. Beides würde auf
-babylonische Bildungsquellen deuten; und das wird ganz sicher durch
-ein Missverständnis des ¨Diogenes Laertius¨, er habe die Sonne als
-720 mal Mond angegeben, während der eigentliche Autor ¨Apulejus¨
-klar und deutlich sagt, er habe den Sonnendurchmesser als 1/720 der
-Ekliptik gefunden. Soviel steht fest durch das einwandfreie Zeugnis
-von ¨Herodot¨, ¨Platon¨, ¨Aristoteles¨, ¨Eudemos¨ und wohl auch
-von ¨Xenophanes¨, des zeitlich ersten Eleaten: sein Ruhm war sehr
-bedeutend, er steht stets an der Spitze der sieben Weisen, und nach
-Aristoteles ist er der Begründer der ionischen oder physikalischen
-Philosophenschule, des (fälschlich) sogenannten ¨Hylozoismus¨.
-Aristoteles sagt, dass Thales im Wasser die eigentliche Urmaterie
-gesehen habe und setzt hinzu, er vermute, dass er dazu durch die
-Beobachtung geführt sei, dass die Nahrung aller Tiere feucht ist und
-dass alles aus Samenfeuchtigkeit entstehe.
-
-[Sidenote: Thales von Milet, Anaximander.]
-
-¨Aristoteles¨ (περί Ψυχής, de anima) fügt hinzu, Thales habe vielleicht
-angenommen, dass alles voll Götter sei; beispielsweise habe er gesagt,
-dass der Magnet eine Seele habe. Noch müssen wir seinen Schüler oder
-wohl richtiger jüngeren Stadtgenossen ¨Anaximander¨ erwähnen, obwohl
-das Mathematikerverzeichnis ihn nicht nennt. Anaximander markiert
-in der Geschichte des Erkenntnisproblems die Stelle, in der das
-Mathematisch-Unendliche auftritt. Er lehrte, der Weltstoff müsse
-unendlich sein, damit er sich nicht in der Erzeugung erschöpfe. Er darf
-daher nicht unter den empirisch gegebenen Stoffen gesucht werden, und
-es bleibt nur das Merkmal der zeitlichen und räumlichen Unendlichkeit
-übrig. Daher sagte er αρχη εστι το απειρον. Anaximander erklärte also
-die sinnliche Welt durch ein Gedachtes, er sagt: απειρον ist αιδιον,
-und ist somit ein Vorläufer der Pythagoräer, und er hat auch eine
-Vorstellung davon, dass gegen das Unendliche die Endliche Anzahl
-verschwindet.
-
-[Sidenote: Pythagoras.]
-
-Die dem ¨Thales¨ zugeschriebenen Schriften sind alle Fälschungen; der
-nach ihm von Proklos genannte Mamerkos samt seinem Bruder, dem Dichter
-Stesichoros, sind spurlos verschollen, nicht aber der zu dritt genannte
-¨Pythagoras¨, der einzige Mathematiker, der in den ganz und halb
-gebildeten Schichten aller Kulturnationen populär geworden ist. Und
-doch ist in dem Fabelmeer, in dem er geradezu ertrunken ist, sehr wenig
-wirklich festes Land zu finden.
-
-¨E. Zeller¨ sagt: »Unter allen Philosophenschulen, welche wir kennen,
-ist keine, deren Geschichte von Sagen und Dichtungen so vielfach
-umsponnen und fast verhüllt, deren Lehre in der Überlieferung mit
-einer solchen Masse späterer Bestandteile versetzt wäre wie die der
-Pythagoräer.«
-
-[Sidenote: Pythagoräer.]
-
-Die Schriftsteller vor ¨Aristoteles¨ erwähnen des Pythagoras und seiner
-Schüler nur selten. Aus dem 5. Jahrh. haben wir einzelne Angaben von
-Xenophanes, Heraklit, Empedokles, Jon aus Chios, Herodot, Demokrit; aus
-dem 4. Jahrh. von Platon, Isokrates, Anaximander II, Andron, Heraklid,
-Eudoxos, Lyko, dem Pythagoräer. ¨Platon¨, der doch in die Schule der
-Pythagoräer ging, ist sehr zurückhaltend mit historischen Nachrichten.
-¨Aristoteles¨ hat zwar die pythagoräische Philosophie in eigenen
-Schriften behandelt; was uns erhalten ist, ist wenig und besonders
-was die Zahlenlehre betrifft, nicht frei von Unklarheiten. Pythagoras
-selbst spielt dabei nur eine geringe Rolle. Unter den Schülern des
-Aristoteles beginnt schon die Sage das Leben des Pythagoras zu
-umspinnen, aber erst in der Zeit des Neupythagoreismus vom 1. Jahrh.
-v. Chr. ab sind Romane wie die des ¨Apollonios von Thyana¨ und des
-¨Porphyrios¨ und des ¨Jamblichos¨ entstanden.
-
-Feststeht durch das Zeugnis ¨Herodots¨, IV., 95, der ganz beiläufig
-dort den ¨Pythagoras¨ erwähnt, dass er als Sohn des Mnesarchos in
-Samos geboren, feststeht, dass er um die Mitte des Jahrhundert, etwa
-von 580-500 gelebt hat, als reifer Mann 530 etwa nach Unteritalien
-ausgewandert ist, in Kroton eine Kongregation, die etwa nach Art der
-Freimaurer organisiert war, gegründet hat, und hochbetagt in Metapont
-gestorben ist. Vorher soll er zu seiner Bildung lange Jahre Reisen in
-so ziemlich alle Länder des orbis terrarum gemacht haben, und dies
-scheint nicht unwahrscheinlich. Ganz besonders lange soll er in Ägypten
-verweilt haben; aber dann wäre es im höchsten Grade auffallend, dass
-¨Herodot¨, der etwa 100 Jahre nach ihm Ägypten bereist hat, und der den
-Spuren des Hellenentums dort sehr sorgsam nachgegangen ist, kein Wort
-davon erwähnt.
-
-Der Bund der Pythagoräer war ein religiös ethischer; er sollte eine
-Pflanzschule der Mässigkeit, der Tapferkeit, der Ordnung, des Gehorsams
-gegen Obrigkeit und Gesetz, der Freundestreue, überhaupt aller jener
-Tugenden sein, die zum griechischen und insbesondere zum dorischen
-(Spartaner) Begriff eines wackeren Mannes gehören. Neben den religiösen
-Beweggründen, die sich aus dem Walten der Götter und vor allem aus
-des Stifters Lehre von der Seelenwanderung für das sittliche Ideal
-ergaben, wurde von ihm auch als Bildungsmittel in erster Linie auf die
-Beschäftigung mit Mathematik, Musik, auch auf Diätetik und Beschwörung
-mittelst Zahl und Musik zur Heilkunst hingewiesen. Da der Bund seiner
-ganzen Natur nach sehr bald politisch oligarchisch wurde und die
-Regierungsgewalt in den grossen unteritalienischen Kommunen Kroton,
-Tarent, Metapont etc. an sich riss, so richtete sich die demokratische
-Strömung gegen ihn und in den Kämpfen, die um die Wende des 5. Jahrh.
-die Aristokratie der Städte stürzten, wurde der Bund gesprengt, ein
-grosser Teil der Pythagoräer getötet, darunter vielleicht ¨Pythagoras¨
-selbst, die andern vertrieben.
-
-Diese Vertreibung hatte eine Wirkung, die wir mit der durch die
-Eroberung von Constantinopel geweckten ¨Renaissance¨ vergleichen
-können. Die mathematischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen
-Kenntnisse, die bisher auf einen kleinen Kreis beschränkt waren, wurden
-nach Griechenland, Kleinasien, Sizilien verbreitet und bewirkten dort
-das Aufblühen der mathematischen Wissenschaften.
-
-Von den Lehren der ¨Pythagoräer¨ ist am bekanntesten die Lehre von der
-Seelenwanderung (Metempsychose) und die Anschauung, dass das Wesen
-der Dinge die Zahl sei, dann ihre Kosmologie mit der Ordnung der
-Sphären, dem Zentralfeuer, der Sphärenmusik, und dann die Harmonielehre
-gestützt auf die Auffindung der Intervalle mittelst des Monochords.
-Ihre ganz hervorragende Pflege der Mathematik ist unbestreitbar und
-ebenso, dass sie zuerst das Bedürfnis nach Systematik und wirklichen
-Beweisen empfanden und befriedigten. Wie weit aber die Kenntnisse
-der Pythagoräer selbst reichten, ist ganz unmöglich zu bestimmen
-und schwierig ist es auch den Stand des Wissens in der Schule der
-Pythagoräer, die wir bis zu ¨Platon¨ und ¨Archytas¨ rechnen, zu
-skizzieren.
-
-[Sidenote: Philolaos.]
-
-Die ersten wirklichen Nachrichten über die Lehre des Pythagoras rühren
-von ¨Philolaos¨ her, einem älteren Zeitgenossen des Sokrates und
-Demokrit, der nach der Vertreibung aus Unteritalien sich nach Theben
-geflüchtet hatte. Es scheint, dass ¨Platon¨ seine Schrift von den Erben
-in Sizilien gekauft und daraus seine Kunde des Pythagoreismus und auch
-viele Anregung für seine eignen mathematischen und philosophischen
-Gedanken geholt hat. Sein Neffe und Nachfolger in der Leitung der
-Akademie, ¨Speusippos¨, hat die Schrift geerbt und dessen Bibliothek
-hat ¨Aristoteles¨ gekauft, der das Werk veröffentlichte, d. h.
-mehrfach abschreiben liess. Nicht unbedeutende Fragmente dieses
-Glaubensbekenntnisses der Pythagoräer haben sich erhalten und ¨Aug.
-Boeckh¨ hat ihre Echtheit dargetan. Ausserdem besitzen wir eine geringe
-Anzahl echter Bruchstücke des Archytas und haben an guten Quellen die
-Dialoge des ¨Platon¨: Philebos, Theätet, Timäos, der ganz besonders
-wichtig ist, und die Physik und Metaphysik des absolut zuverlässigen
-¨Aristoteles¨, sowie einige Stellen des ¨Eudemos¨, die uns besonders
-durch Proklos erhalten sind.
-
-¨Philolaos¨ bezeichnet die Zahl als das Gesetz und den Zusammenhalt der
-Welt, als herrschende Macht über Götter und Menschen, die Bedingung
-aller Bestimmtheit und Erkenntnis. ¨Das Begrenzende aber und das
-Unbegrenzte, diese zwei Bestandteile der Zahlen, sind die Dinge, aus
-denen alles gebildet sei.¨ Die Zahl ist nicht bloss die Form, durch
-welche der Zusammenhang der Dinge bestimmt wird, sondern auch die
-Essenz, das Wesen, (nicht etwa die Materie), aus welcher sie bestehen,
-oder vielleicht richtiger ¨das Gesetz¨, welches die Dinge erschafft.
-In Fortbildung des auf Naturerkenntnis gerichteten Gedankengangs der
-Ionier erkannten sie die Bedeutung der Zahl, insbesondere der relativen
-Zahl, für eben diese Erkenntnis. Philolaos braucht die Ausdrücke ουσια,
-Wesen, und αρχη, Grundlage. ¨Aristoteles¨ und ¨Philolaos¨ selbst geben
-als Grund an, dass alle Erscheinungen nach Zahlen geordnet sind, dass
-namentlich die Verhältnisse der Sphärenharmonie und der Töne, alle
-ästhetischen, alle räumlichen Bestimmungen, von gewissen festen Zahlen
-und Zahlenverhältnissen beherrscht sind. (Symbolische Rundzahlen
-z. B. 40. Kabbala der Chaldäer), und dass unsre Erfahrung nur in der
-Feststellung der Zahlenverhältnisse besteht (vgl. Diels, Fragmente der
-Vorsokratiker p. 250).
-
-Die Zahlen zerfallen in gerade und ungerade und die gerad-ungeraden
-2 (2n + 1). Eins, die unteilbare monas, steht ausser oder richtiger
-über den Zahlen; in der reinen Eins, die geradezu mit der Gottheit
-identifiziert wird, sind die Gegensätze vereinigt, und so wird auch
-die Eins als gerad-ungerad bezeichnet.
-
-Zunächst möchte ich die scheinbaren Widersprüche, die sich bei
-Aristoteles in seinem Bericht über die Grundlagen der Pythagoräischen
-Philosophie finden, rechtfertigen. Zwischen der »phantastisch
-orakelnden, grossartig erhabenen« Sprache des ¨Philolaos¨ und der
-Darstellung bei ¨Archytas¨, dem grossen Mathematiker, sind sicher
-nicht bloss zeitliche, sondern auch sachlich bedeutende Differenzen.
-Ich zweifle gar nicht, dass Archytas der Pythagoräer gewesen, dessen
-einfache Klarheit ¨Dionysios von Halikarnassos¨ rühmt (Boeckh l. c. p.
-43). Und zwischen beiden gab es sicher zahlreiche Nuancen. Übrigens
-interpretiere ich die Stelle Metaph. XIII, 8, 1083b so: »Die Körper
-bestehen auf Grund von Zahlen (Verhältnissen).« Auf chemische Ideen der
-Pythagoräer habe ich schon in meinem Aufsatz »Über Mathematik«, Bd.
-II, Heft 1 der Cohen-Natorp'schen Hefte hingewiesen. Die Pythagoräer
-haben die Tonempfindungen durch den Monochord in Zahlenverhältnisse
-umgewandelt, und so sind sie es gewesen, welche zuerst den Schritt von
-ungeheurer Tragweite getan, Qualitäten in Quantitäten umzusetzen und
-so die Welt der äusseren Erscheinungen, die Physik, in die Welt der
-inneren Verknüpfungen, die Mathematik, umzuwandeln. Und so kommen sie
-naturgemäss darauf als ουσια, als Substanz, nicht als ὑλη, Materie, der
-Dinge, das Bleibende in der Vergänglichkeit, die Zahl zu setzen, d. i.
-das math. Gesetz. Als Belag für diese Auffassung genügt es auf die von
-Boeckh p. 141 angeführte Stelle aus ¨Stobäos¨ zu verweisen; Boeckh hat
-sie frei in dem eben angeführten Sinne übersetzt, und den Vergleich mit
-dem Gnomon meisterhaft interpretiert: »Das Erkannte (die Dinge) wird
-von dem Erkennbarmachenden (der Zahl) umfasst und ergriffen, wobei eine
-ursprüngliche Übereinstimmung und Anpassung, wie des ¨Gnomon¨ um sein
-Quadrat herum vorausgesetzt wird.«
-
-Das Gnomon ist die ungerade Zahl 2a + 1, welche durch ihr Hinzukommen
-aus a^2 das Quadrat von (a + 1) liefert und zwar in der geometrischen
-Form des Winkelhaken.
-
-[Illustration]
-
-Eine nähere Ausführung zeigt die Analogie mit den Chaldäern noch
-deutlicher, die Zuordnung von Zahlen an die Planeten und an bestimmte
-Begriffe. Die Gerechtigkeit z. B. entsprach dem ισακις ισος, dem
-Gleichmal gleichen, d. h. der 4 oder der 9, als der ersten geraden,
-bezw. ungeraden Quadratzahl; 5 als Verbindung der ersten männlichen mit
-der ersten weiblichen Zahl gleich Ehe, die Einheit Vernunft, weil sie
-unveränderlich, die 2 Meinung, weil sie veränderlich etc.
-
-Das Männliche und Weibliche bezieht sich auf die bekannten 10
-Gegensätze des ¨Philolaos¨: 1) Grenze und Unbegrenztes. 2) Ungerade und
-Gerade. 3) Einheit und Vielheit. 4) Rechts und Links. 5) Männliches und
-Weibliches. 6) Ruhendes und Bewegtes. 7) Gerades und Krummes. 8) Licht
-und Finsternis. 9) Gutes und Böses. 10) Quadrat und Rechteck.
-
-¨Aristoteles¨ berichtet uns auch in der Metaphysik über das dekadische
-System. Die Zahlen über 10 sind nur Wiederholungen der ersten 10. (Eine
-¨Art arithm. Kongruenzidee¨.) Die Dekas umfasst alle Zahlen und alle
-Kräfte der Zahlen; sie heisst daher bei ¨Philolaos¨ gross, gewaltig,
-alles vollbringend, Anfang und Führerin des göttlichen wie des
-irdischen Lebens, sie gilt ihm nach Aristoteles als das Vollkommene,
-welches das ganze Wesen der Zahl einschliesst. Wir danken es nur ihr,
-dass uns ein Wissen überhaupt möglich ist.
-
-Eine ähnliche Bedeutung hatte die 4heit nicht als 2^2, sondern
-weil 1 + 2 + 3 + 4 = 10, so wird in der Tetractys, dem Schwur der
-Pythagoräer, die Zehn, d. h. die Zahl selbst als Wurzel und Quelle der
-ewigen Natur gefeiert.
-
-Auch von den anderen Zahlen hat jede ihre eigene Wesenheit, z. B. 3 ist
-die erste vollkommene, denn sie hat nur Anfang, Mitte und Ende (|||
-älteste Zahlenschreibung); 6 die zweite gleich der Summe ihrer Teiler
-1 + 2 + 3; 3, 4, 5 sind die Zahlen des vollkommensten rechtwinkligen
-Dreiecks.
-
-Sie sehen in dieser »Zahlenspielerei« den Ernst der Zahlentheorie,
-und wenn Aristoteles uns erzählt, dass der Pythagoräer Eurytos die
-Bedeutung der einzelnen Zahlen dadurch beweisen wollte, dass er
-die Figuren der Dinge, denen sie äquivalent gesetzt wurden, aus
-der entsprechenden Zahl von Steinchen (Kinderspiel: Pythagoras)
-zusammensetzen wollte, so sehen Sie hier die Richtung gewiesen, welche
-die griechische Arithmetik (nicht die Logistik, die Rechenkunst)
-während der ganzen klassischen Epoche eingehalten hat; man vergleiche
-die Kapitel des Hauptarithmetikers ¨Nikomachos von Gerasa¨ über die
-figurierten Zahlen.
-
-Ich komme damit auf die Anwendung der Zahlenlehre auf die geometrischen
-Figuren. ¨Aristoteles¨ sagt, sie haben die Linie durch die Zahl 2
-erklärt. ¨Philolaos¨ nennt 4 die Körperzahl, ¨Platon¨ scheint die 3-
-und 4-Zahl als Flächen- und Körperzahl von ¨Philolaos¨ entnommen zu
-haben. Die Pythagoräer setzten die Einheit den Punkten gleich, weil die
-μόνας (Leibniz' Monade) unteilbar; die gerade Linie als 2, weil sie
-durch 2 Punkte bestimmt sei, das Dreieck durch 3 Punkte, der einfachste
-Körper durch 4 Punkte bestimmt seien.
-
-Der Körper ¨besteht¨ ihm zufolge auf Grund der ihn umschliessenden
-Linien und Flächen, wie die Linien und Flächen durch Punkte und Linien
-determiniert werden. Von den 4 Elementen weisen sie nach ¨Philolaos¨
-der Erde den Kubus, dem Feuer das Tetraëder (eine Ableitung von
-Pyramide), der Luft den Oktaëder, dem Wasser den Ikosaëder zu, dem
-fünften alles umfassenden Element, dem Äther, den Dodekaëder, d. h. sie
-nahmen an, dass die kleinsten Teile dieser Elemente die betreffende
-Form hätten. (Hier haben wir also schon den Grundgedanken der
-Stereochemie, nur kommt der Tetraëder dem Feuer statt der Kohle zu.)
-Daher heissen diese Körper oft die kosmischen, und, da sich ¨Platon¨ im
-Timäus von ¨Philolaos¨ diese Zueignung angeeignet hat, so heissen sie
-auch oft die platonischen.
-
-Es scheint nicht unglaubhaft, dass der fünfte Körper, der Dodekaëder,
-eine Entdeckung der Pythagoräer gewesen und im Zusammenhang damit steht
-die Konstruktion des regelmässigen Fünfecks und damit des goldenen
-Schnittes.
-
-[Sidenote: Boeckh's Interpretation des Philolaos.]
-
-In der Geschichte des Erkenntnisproblems, das die eigentliche
-Geschichte der Kultur ist, bezeichnen die Pythagoräer einen grossen
-Fortschritt gegenüber den Ioniern, da sie zum ersten Mal nicht in
-religiöser sondern in philosophischer Form die Erkenntnis haben, dass
-die sinnliche Erscheinung der Welt nicht das letzte, sondern dass ein
-geistiges Prinzip dahinterstehe. Sie fanden es in der Mathematik, die
-ja auch Plato als zwischen den Dingen und den Ideen stehend auffasst;
-und nicht weil sie sich mit Mathematik beschäftigten, sahen sie in der
-Zahl die Substanz der Dinge, sondern umgekehrt, weil sie nach einem
-die Erscheinungswelt beherrschenden Gesetz der Vernunft ¨suchten¨,
-¨fanden¨ sie dies in Mass und Zahl. Das Hauptwerk für die Philosophie
-der Pythagoräer ist neben ¨Brandis¨ und ¨Zeller¨, die Geschichte der
-Phil. von ¨Ritter¨ 1828, wozu die Kritik von ¨Ernst Reinhold¨ (Jena)
-im Jahrb. für wiss. Kritik 1828 p. 358 zu vergleichen ist. Am tiefsten
-scheint mir der grosse Philologe ¨August Boeckh¨ in den Geist der
-Pythagoräer eingedrungen zu sein in seiner Schrift: ¨Philolaos¨ des
-Pythagoräers Lehren etc., Berlin 1819. Gegenüber Zeller, dem Klassiker
-der griechischen Philosophie, der aber auch m. E. nach den Pythagoräern
-nicht gerecht geworden ist, ist ¨W. Kinkel¨ in seiner Geschichte
-der Philosophie als Einleitung in das System der Philosophie Bd. 1,
-1906 neben eigenen Auffassungen vielfach auf ¨Ritter¨ und ¨Boeckh¨
-zurückgegangen. Bei dieser Sachlage sei mir ein näheres Eingehen auf
-den Kern des Pythagoreismus gestattet.
-
-Auch über den dunkelsten Punkt der Lehre des Philolaos hat Boeckh
-mit bewunderungswürdig genialem Instinkt Licht verbreitet: Es ist
-die Stelle Metaphysik I, 5 des Aristoteles: Του δε αριθμού στοιχεια
-το τ' αρτιον και το περιττόν, τούτων δε το μεν πεπερασμενον το δε
-άπειρον, το δ' ἑν εξ αμφοτέρων ειναι τουτων [και γαρ αρτιον ειναι
-και περιττον], τον δ' αριθμον εκ του ἑνος. »Grundlegungen der Zahlen
-sind das Gerade und das Ungerade, das erste begrenzt, das andere
-unbegrenzt. Die Eins besteht aus beiden. Die Zahl aber stammt aus
-der Eins.« Was zunächst die Gegensätze begrenzt (bei Philolaos und
-Platon richtiger begrenzend oder Grenze) und Unbegrenztes, und Gerade
-und Ungerade, wie überhaupt die 10 Gegensatzpaare der Pythagoräer
-betrifft, so stimme ich Ritter bei, dass sie den einen Heraklitischen
-Gedanken verkörpern, der Streit (id est die Polarität) ist der Vater
-der Dinge. Gerade in der Ausgleichung dieser Gegensätze besteht nach
-Philolaos die pythagoräische ¨Harmonie¨. Dann aber hat Boeckh es
-hervorgehoben, dass hier in andrer Form in der Bildung der Zahl aus
-Grenze und Unbegrenztem, auch Unbestimmtem, eigentlich schon von den
-Pythagoräern genau dasselbe ausgedrückt wird, was ich 1884 chemisch
-rein von Kenntnis des Pythagoreismus auf S. 1 meiner »Elemente der
-Arithmetik als Vorbereitung auf die Funktionentheorie«, sub 4, d gesagt
-habe: »d) wird die erzählte Zahl als Anzahl des abgezählten Komplexes
-erhalten durch eine eigne Tätigkeit, welche den Zählprozess abschliesst
-(begrenzt).« Und 1906 fügte ich hinzu: Hierin haben wir die erste
-Äusserung des so entscheidend wichtigen ¨Grenzbegriffs¨ (Meth. der
-elem. Arithm. p. 9 u.). Und ganz analog dem was bei Boeckh S. 55 über 1
-und die unbestimmte Zweiheit, die erst durch Anwendung der begrenzenden
-Eins zur zwei wird, gesagt wird, habe ich l. c. gesagt, dass zwei im
-Grunde die einzige Zahl sei, und die Drei eine neue Zwei. In diesem
-doppelten Zusammentreffen sehe ich wieder eine Bestätigung meines
-Lieblingssatzes: Nie hat irgendwer irgendwas gefunden.
-
-Der Grund, weshalb in sekundärer Weise die ungeraden Zahlen dem
-Begrenzenden zugeordnet werden und die geraden dem Unbegrenzten,
-scheint mir darin zu liegen, dass aufgelöst in Einheiten die ungeraden
-Anfang, Mitte und Ende haben, die geraden nur Anfang und Ende, und die
-Mitte unbestimmt ist. Ausserdem hat Boeckh wohl auch darin recht, dass
-im Volke eine Bevorzugung der ungeraden Zahl herrscht: (Aller guten
-Dinge sind 3, 1001 Nacht etc.).
-
-Auch der Zusammenhang der Zahl mit der Zeit findet sich angedeutet.
-Zeit und Raum verlegen sie an die Peripherie der Welt, von wo aus sie
-in die Welt eintreten, und indem sie sich mit der schöpferischen Eins
-verbinden die Erzeugung des Seienden bewirken. Hier liegt, wenn auch
-bildlich verschleiert, die Ahnung von Zeit und Raum als Bedingung der
-Erfahrung vor und zugleich davon, dass die Kategorie Zeit mittelst der
-Kategorie Zahl die Welt der Erscheinungen realisiert d. h. begreiflich
-macht.
-
-[Sidenote: Kosmogonie und Pantheismus der Pythagoräer.]
-
-Die Kosmogonie der Pythagoräer ist von ¨Boeckh¨ l. c. und in seinen
-Arbeiten zum ¨Timäos des Platon¨ erschöpfend behandelt, sie ist voll
-tiefer Gedanken und der des Aristoteles entschieden überlegen. Aber die
-gewaltige Autorität des Aristoteles, dem sich ¨Poseidonios¨ anschloss,
-hat die Entwicklung heliozentrischer Ideen wie sie sich schon bei
-Philolaos und noch mehr bei ¨Hiketas¨ finden auf Jahrtausende gehemmt,
-bis infolge der Renaissance ¨Kopernikus¨ auf die Pythagoräer zurückging.
-
-Nur noch ein paar Bemerkungen, welche für die Frage nach der Priorität
-des Pythagoräischen Satzes wichtig sind. Der bei Philolaos (vgl. Boeckh
-und Ritter) scharf ausgesprochene ¨Pantheismus¨ und die ¨Weltseele¨
-weisen deutlich auf Indien, wie die Zahlenmystik, das grosse Weltjahr
-auf Babylon. Wie die Babylonier den einzelnen Göttern einzelne
-Zahlen zuordnen, so werden hier den einzelnen Göttern, d. h. den
-Personifikationen von Kräften des Einen einzelne Winkel zugeordnet.
-Möglicherweise können auch die ¨Orphiker¨ mit ihrer Geheimlehre die
-Vermittler zwischen dem Orient und den Pythagoräern gewesen sein.
-
-[Sidenote: Mathematische Kenntnisse der Pythagoräer.]
-
-Nach diesem Exkurs fahre ich in dem Bericht über die rein
-mathematischen Kenntnisse der Pythagoräer fort.
-
-Es ist sehr glaubhaft, dass ihnen das Sternfünfeck, das Pentalpha oder
-pentagramma bekannt gewesen und dass sie sich desselben als Symbol für
-»sei gesund« bedienten, wofür die bekannte Stelle aus Lukianos (pro
-lapsu in salut.) angeführt wird (s. Fig.).
-
-[Illustration]
-
-Das Θ statt des Diphtonges ει, die Figur als Anfang der Briefe statt
-des sonst üblichen: »sei gegrüsst«.
-
-In Verbindung damit steht die Kenntnis von den Proportionen, der
-arithmetischen a - b = c - d, der geometrischen a : b = c : d, und der
-Spezialfälle a - b = b - c, a : b = b : c, d. h. des arithmetischen
-und geometrischen Mittels, dem sie als drittes das harmonische Mittel
-anreihten: (a - b)/(b - c) = a/c; (2/b = 1/a + 1/c); harmonisch, weil
-die Seitenlängen des Grundtones c der Quinte g der Oktave C 1, 2/3, 1/2
-diese Proportion bilden, denn 1 - 2/3 : 2/3 - 1/2 = 1/(1/2). Dass sie
-diese Verhältnisse kannten, bezeugt ¨Philolaos¨ ausdrücklich und ebenso
-¨Eudemos¨, und sie fanden sie auch am Würfel anschaulich vor.
-
-In der Geometrie schuldet man ihnen nach dem Zeugnis des Eudemos bei
-Proklos den Beweis des Satzes von der Winkelsumme im Dreieck durch
-Ziehen der Parallele und den Satz von den Wechselwinkeln.
-
-Nach der durch Geminos, dem Eudemos vorlag, verbürgten Notiz im
-Kommentar des ¨Eutokios¨ zu den Kegelschnitten des Apollonios bewiesen
-»die Alten den Satz für jede besondere Form des Dreiecks einzeln,
-zuerst für das gleichseitige aus der Sechsteilung des Kreises, dann für
-das gleichschenklige und zuletzt für das ungleichseitige.«
-
-Diese Notiz ist für die ¨Geschichte des Parallelenaxioms¨ von grösster
-Bedeutung, sie beweist, dass der vielleicht neueste Weg das Axiom zu
-begründen, von der Sechsteilung des Kreises aus, zugleich der älteste
-ist.
-
-Wir haben ferner das Zeugnis des Eudemos, Proklos I prop. 44, dafür
-dass die Pythagoräer sich schon mit den drei Aufgaben beschäftigten,
-welche die Grundlage der Kegelschnitte enthalten: An eine gegebene
-Strecke einen gegebenen Flächenraum zu entwerfen (παραβαλειν) bezw.
-die Aufgabe (Euclid 1, 44 Eucl. 3, 28, 29) so zu verallgemeinern, an
-eine gegebene Strecke AB einen gegebenen Flächenraum als Rechteck
-Ay so anzulegen, dass ein Quadrat By übrig bleibt (ελλειψις) oder
-überschiesst υπερβολή. Man sieht in der Tat (s. Fig.), wir haben: ax =
-y^2; ax - x = y^2; ax + x^2 = y^2.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Das Irrationale bei den Pythagoräern.]
-
-Nehmen wir dazu noch die Kenntnis der Pythagoräer von der
-¨Irrationalität der √2¨ und damit die Entdeckung des Irrationalen,
-oder, wie es zuerst weit passender genannt wurde, des ἄρρητον, so fehlt
-uns nur noch der Pythagoräische Lehrsatz selbst.
-
-Von der ungeheueren Revolution, die diese Entdeckung des Irrationalen
-in den Köpfen der griechischen Mathematiker hervorbrachte, haben wir
-noch deutliche Spuren. Es wird uns erzählt, dass sie diese Kenntnis
-als das Hauptgeheimnis behandelten und dass ein Pythagoräer, der es
-unter die Leute gebracht, zur Strafe ertrunken sei. Man denke sich
-nur den Eindruck! Die Zahl, die das Mass aller Dinge, die Grundlage
-aller Ordnung und damit Erfahrung, hier versagte sie, und Grössen,
-deren Verhältnis in der Potenz, έν δυνάμει, im Quadrat, das denkbar
-Einfachste, haben in der Linie kein Verhältnis. Die ganze Grundlage des
-Gebäudes wankte, alle Satze, wie z. B. die Streckenteilung, mussten neu
-geprüft werden. ¨Aristoteles¨ hat uns den mutmasslich ältesten Beweis
-erhalten:
-
-»Wenn eine √2 existierte, so müsste Gerades gleich Ungeradem sein.«
-
-Wir wissen aus dem Theätet, dass dann geometrische Beweise gegeben
-sind; der für 2 ist im Euclid erhalten, der für ist vermutlich der,
-den Bretschneider und ich selbst unabhängig von ihm gegeben, für 5 ist
-er selbstverständlich. Theätet erzählt bei Plato, dass der Pythagoräer
-Theodoros von Schritt zu Schritt bis zu 17 solche einzelnen Beweise
-gegeben und dann den allgemeinen auf arithmetischer Grundlage, indem er
-die Zahlen in Quadratzahlen und in Rechteckzahlen geteilt, d. h. in
-solche die nicht in zwei gleiche Faktoren zerlegt werden können. Der
-Beweis war also arithmetisch:
-
-n = p^2q, √n = λ, λ^2 = p^2q, λ = p√q, √q = ν, q = ν^2 gegen die
-Voraussetzung.
-
-Resumieren wir, so waren den Pythagoräern im wesentlichen die
-geometrischen Sätze bekannt, die auf Gleichungen ersten und zweiten
-Grades führten; das erste und zweite Buch des Euclid, ein grosser
-Teil des dritten und des zwölften; und ihre Ausläufer insbesondere
-¨Archytas¨ und ¨Hippokrates¨ haben schon die Probleme dritten Grades in
-Angriff genommen.
-
-[Sidenote: Der Pythagoräische Lehrsatz.]
-
-Ich wende mich nun zu dem Satz, der den Namen des Pythagoras seit über
-2 Jahrtausenden trägt.
-
-Über diesen grossen Satz, den magister matheseos, auf den die
-Flächenrechnung und die Trigonometrie sich stützen, drückt sich
-¨Proklos¨ sehr vorsichtig so aus: »Wenn wir auf die, welche alles
-erzählen wollen, hören, so finden wir, dass sie diesen Satz auf
-Pythagoras zurückführen und sagen, bei der Auffindung habe er einen
-Ochsen geopfert.« Der erste Schriftsteller, welcher ganz bestimmt
-Pythagoras nennt, ist der römische Architekt ¨Vitruv¨, und nur
-in Verbindung mit der Hekatombe wird die Sache erzählt. ¨Hankel¨
-sagt: »Doch möchte ich nicht so weit gehen, den Satz dem Pythagoras
-abzusprechen, obwohl keine einzige nur einigermassen glaubwürdige
-Nachricht darüber vorhanden ist.« ¨Cantor¨ plädiert für Pythagoras
-selbst, und er hat darin wohl recht, dass die Schule durch den Meister
-den Satz kennen gelernt; den Satz selbst aber hat Pythagoras aus Asien
-und mit ausserordentlicher Wahrscheinlichkeit aus Indien. Auf Babylon
-weist die Zahlenmystik, die Symbolisierung der Begriffe in Zahlen, und
-auf Indien der Lehrsatz und die Lehre von der Seelenwanderung.
-
-[Sidenote: Die Geometrie der Inder.]
-
-¨M. Cantor¨ hat noch in der 2. Aufl. die indische Geometrie als nicht
-original erklärt, er hat es wiederholt, dass wir die Geometrie nur
-auf indischer Grundlage nicht begreifen können, ja, er hat sie von
-Heron von Alexandria, dessen Blüte zwischen 100 v. Chr. und 100 n.
-Chr. schwankt, abhängen lassen, und das, obwohl er die Existenz der
-¨Sulba-sutras¨, d. i. der ¨Schnurregeln¨, der Zimmermannsregeln für
-die Herstellung der Opferstätte aus ¨Thibauts¨ schöner Arbeit in
-der Asiatic society of Bengal von 1875 kannte. Dabei hat 1884 der
-Sanskritist ¨Leopold v. Schröder¨ ein Buch geschrieben: »Pythagoras und
-die Inder,« in welchem er bereits ziemlich entscheidende Beweise für
-die Beeinflussung der Pythagoräer durch die Inder beigetragen hat.
-
-Ich schiebe hier einiges aus meinem Vortrag im mathem. Kolloquium
-vom 2. Febr. 1903 ein. -- Als ich für die Enzyklopädie den Artikel
-Pythagoras abschliessen wollte, machte mich unser Indologe ¨Leumann¨
-auf die damals gerade erschienene Arbeit von ¨A. Bürk¨ über das
-Apastamba Sulba-sutra (Zeitsch. d. Deut. Morgenl. Ges. Bd. 55,
-1901, p. 543) aufmerksam. ¨Leumann¨ gab mir auch die Schrift
-¨L. v. Schröders¨ »Pythagoras und die Inder« Dorpat 1884. Auf Grund
-dieser Arbeiten inkl. Thibauts trat ich den Ansichten Schröders und
-Bürks, dass der Pythagoras bei den Indern weit älter als bei den
-Hellenen und vermutlich von den Indern her entlehnt sei, bei und
-machte die Mathematiker auf die Arbeit ¨Bürks¨ aufmerksam, ¨Hoffm.
-Ztsch.¨ 33, S. 183, 1902. Wie ¨Bürk¨ legte auch ich besonderen Wert
-auf das Auftreten des Satzes vom ¨Gnomon¨, d. i. von der Gleichheit
-der Ergänzungsparallelogramme, bei den Indern. Etwa ein Jahr später
-erschien, auf Verlangen ¨Cantors¨ beschleunigt, im Archiv ein Artikel
-desselben, in dem er ebenfalls von der Arbeit Bürks Notiz nahm. Aber
-statt dass nun Cantor die Selbständigkeit oder wenigstens die relative
-Selbständigkeit der Inder, d. h. die Unabhängigkeit ihrer Geometrie
-von den Griechen zugegeben, drückt er sich äusserst gewunden aus, ja
-selbst seine Heron-Hypothese gab er nicht auf, indem er sie hinter
-der zweifelnden Frage am Schluss versteckt, ob nicht am Ende in
-den Sulba-sutras verhältnismässig moderne Einschiebsel seien. Das
-Auftreten von Stammbrüchen bei den erstaunlich genauen Näherungswerten
-von √2 sollte auf Heron und Ägypten hinweisen; aber sieht man näher zu,
-so liegt gerade hier ein entscheidender Unterschied. Während bei den
-Ägyptern die gemeinen Brüche als Summe von Stammbrüchen erscheinen,
-haben wir bei den Indern auch Differenzen oder genauer Aggregate; und
-die Stammbruchform rechtfertigt sich als Bruchteilung der Massschnur.
-
-Kulturzusammenhänge bezweifle ich so wenig wie jeder der sich nicht
-bloss mit der Kultur eines einzigen Volkes beschäftigt hat. Angesichts
-der babylonischen Zahlenzerlegungen und der quadratischen Gleichungen
-der Ägypter glaube ich persönlich, dass der Pythagoras Babyloniern wie
-Ägyptern vielleicht schon vor 3000 v. Chr. bekannt war. ¨Aber Glauben
-ist kein Beweis.¨
-
-Und was den Einschub in das Sulba-sutra nach Apastamba betrifft, so
-wäre der gleiche Einschub bei Taittirīya, Baudhāyana, Maitrāyana,
-Katyāyana und Mānava, und im Satapatha-Brāhmana gemacht worden!
-
-Als ich Heft 9 des ¨Bühler¨'schen Grundrisses der Indo-Arischen
-Philologie, Astronomie, Astrologie und Mathematik von ¨G. Thibaut¨
-las, wunderte ich mich, wie befangen sich dieser hervorragende Kenner
-des indischen Wissens auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften der
-Autorität ¨Cantors¨ gegenüber zeigte. Derselbe Mann, der 1875 so
-treffend geschrieben hatte: »Was nur immer fest mit altindischer
-Religion verknüpft ist, muss betrachtet werden, als bei den Indern
-selbst entsprungen, wenigstens so lange bis das Gegenteil erwiesen«,
-der liess sich verblüffen durch Argumentationen von solcher
-Ungeheuerlichkeit, wie die rhetorische Frage: »Kann unmittelbare
-Anschauung zur Erfindung neuer Satze führen?« Ich sehe von ¨Jakob
-Steiner¨ ganz ab, von dem es ja notorisch ist, wie viele seiner
-Sätze, gelegentlich auch unrichtigen, er der unmittelbaren Anschauung
-verdankt, sondern weise nur auf ¨E. E. Kummer¨ hin, gewiss ein reiner
-Mathematiker wie nur einer, und doch der eigentliche Urheber der
-Modellgeometrie für Flächen. Herr ¨Bürk¨ hat sich dann auch nicht
-geniert, die Schwäche der Cantor'schen Argumente auch bezüglich der
-Seilspannung beim Tempel von ¨Edfu¨ -- nebenbei bemerkt erst 237 v.
-Chr. -- aufzudecken, und er wies mit Recht auf ¨H. Hankel¨ hin, dessen
-dünnleibige Fragmente von einem fast prophetischen, wahrhaft genialen
-Verständnis für die Seele der Völker zeugen. Angesichts einiger
-Bemerkungen möchte ich hier sagen, dass ich von Bewunderung für die
-beinahe übermenschliche Arbeitsleistung Cantors erfüllt bin, aber die
-betreffenden Äusserungen in meiner Entwicklung der Elementargeometrie
-aufrecht halte. Das Recht zur Kritik, das mir ¨Weierstrass¨ zugestand,
-lasse ich mir von niemandem und niemand gegenüber rauben, und wenn an
-irgend einer Stelle, so gilt für die Wertung der indischen Mathematik
-durch Cantor das Horazische:
-
- Interdum bonus dormitat Homerus,
- Nec semper arcum tendit Apollo.
-
-Übrigens ist die indische Verwandlung des Rechtecks in ein Quadrat
-ohne eine schulgerechte Analyse unmöglich, und bei der Ausmessung der
-Saumiki vedi findet sich derselbe Beweis, den wir heute noch für die
-Flächenformel des Trapezes geben.
-
-Erklärlich wird das Verhalten Cantors durch sein Dogma, dass die
-Hellenen speziell für Geometrie, die Inder für Arithmetik, insbesondere
-für Rechnen begabt waren. Leider ist dies in dem Umfange, wie es
-Cantor annimmt, falsch. Der leitende Gesichtspunkt der Entwicklung
-der griechischen Mathematik war ein rein arithmetischer. Sie haben
-erst die Gleichungen ersten Grades in Form der Proportion gelöst, dann
-die der zweiten vermöge der Satzgruppe des Pythagoras und dann die
-Gleichungen dritten Grades angegriffen, wie man absolut deutlich aus
-den beiden sogenannten Delischen Problemen, der Verdoppelung, bezw.
-Vervielfachung des Würfels und der Trisektion des Winkels erkennt,
-an die sie sich unmittelbar nach der im zweiten Buch des Euclid
-ausführlich behandelten Lösung der quadratischen Gleichungen machten.
-Und die Inder, welche im Anfang ihrer Geschichte in der Astronomie und
-damit in der Rechenkunst durchaus abhängig von Babylon waren, haben
-höchst wahrscheinlich ihre Geometrie infolge ihres Kultus selbständig
-entwickelt.
-
-[Sidenote: Abhängigkeit der Pythagoräer von den Indern.]
-
-Für die Abhängigkeit der Pythagoräer von den Indern hat ¨v. Schröder¨
-auf die Lehre von der Seelenwanderung hingewiesen; sie war ein
-Hauptbestandteil der Pythagoräischen Lehre, unzweifelhaft, schon
-Xenophanes berührt sie; Philolaos trägt sie vor; Aristoteles bezeichnet
-sie als pythagoräisch; Plato hat seine poetische Darstellung von dem
-Zustand nach dem Tode den Pythagoräern nachgebildet. Philolaos sagt,
-die Seele sei an den Körper ¨zur Strafe¨ gefesselt und gleichsam im
-Körper begraben. Diese Anschauung hat ¨Platon¨ in dem durch und durch
-von Philolaos beeinflussten ¨Timäos¨ angenommen, im Gegensatz zu seiner
-früher z. B. im Phädon aufgestellten Ansicht.
-
-¨Herodot¨, der die Seelenwanderung als durchaus unhellenisch
-bezeichnet, schreibt sie den Ägyptern zu, aber die Denkmäler der
-Ägypter, soviel sie sich auch mit dem Tode und dem Leben nach dem
-Tode beschäftigen, weisen keine Spur der Metempsychose auf. Und was
-für einen Zweck hätten dann die riesigen Opfer, welche die Ägypter
-für die Behaglichkeit des Kha brachten, ihre Pyramidenbauten, ihre
-Einbalsamierung gehabt? Ein einziges ägyptisches Märchen, das von den
-drei Brüdern, könnte allenfalls herangezogen werden, doch das gehört
-unzweifelhaft in den Kreis der Osirissage.
-
-[Sidenote: Altindischer Kulturzustand.]
-
-Aber in Indien da beherrschte und durchdrang gerade um diese Zeit
-die Lehre von der Seelenwanderung das ganze Volk. Wir wissen mit
-Bestimmtheit, dass gerade um diese Zeit der Buddhismus hereinbrach,
-als dessen Ziel einzig und allein die Befreiung von dem Kreislauf
-der Geburten, von der Wanderung der Seelen durch immer neue
-Existenzen bezeichnet werden muss. Und nicht Buddha Gautama war der
-erste (¨Oldenberg¨ 1881, Buddha, sein Leben, seine Lehre, seine
-Gemeinde), sondern vor und mit ihm durchzogen schon Asceten, Mönche,
-Wanderpriester teils einzeln, teils schon Orden und Kongregationen
-bildend das Land, um in Busse das Ziel der Erlösung zu suchen.
-
-Buddhas Erfolg beruht gerade darauf, dass er den Zug nach Erlösung von
-der sich immer wiederholenden Qual des ¨Sterbens¨ durch seine Lehre
-befriedigte.
-
-[Sidenote: Der Rigveda und der Yajurveda.]
-
-Die Lehre von der Seelenwanderung entwickelte sich in Indien
-naturgemäss im Zusammenhange mit der Lehre vom All-Einen, deren Wurzeln
-schon in dem Rigveda, der Sammlung der uralten heiligen Lieder, die
-die Inder zum Teil beim Einwandern aus Afghanistan mitbrachten, zu
-finden sind. Wohl sind auch ein paar weltliche Lieder dabei, aber sie
-finden sich erst im 10. Buch des anerkannten Textes, der Redaktion der
-Çakalaschule, das erst etwa um 1000 v. Chr. den übrigen 9 Büchern oder
-mandala zugefügt ist, wenngleich ihr Ursprung natürlich viel älter
-ist. Wenn wir uns den Kulturzustand der Inder, der Arya zurzeit der
-Entstehung des Rigveda vergegenwärtigen wollen, so brauchen wir nur die
-Germania des Tacitus zu lesen, nicht einmal der Spieltrieb fehlt, wie
-10, 34 bekundet: »Nach seinem Weibe greifen fremde Hände, indes mit
-Würfeln er auf Beute ausgeht.« Auch hier ein freies Volk, der König
-eigentlich nur Herzog, d. h. Heerführer im Kampfe, der Hausvater,
-der Sippenälteste, Herr und König in seinem Hause und zugleich auch
-Priester. Eine eigentliche Priesterkaste, ein Bramanentum gab es noch
-nicht, überhaupt kein Kastenwesen, auch keine Witwenverbrennung. Das
-alles hat sich erst in der folgenden Periode entwickelt und hängt mit
-der Ausbildung des Opferrituals eng zusammen. Wohl spielt auch im
-Rigveda das Opfer, insbesondere das des Agni und noch mehr des Soma
-eine bedeutende Rolle, aber im Vordergrund steht doch der Hymnus.
-Übrigens ist die Periode des Rigveda nicht mehr die altindogermanische,
-wie aus dem Zurücktreten des indogermanischen Lichtgottes Djaus, Zeus,
-des Tiu der Germanen, angerufen als Djaùs-pitar, Griech. Ζευ πατερ,
-umbrisch Dispiter, Lat. Jupiter (vgl. A. Kaegi, der Rigveda Anm. 112),
-des Lichtgottes, des Himmelsvaters, und der Gäa, der ¨Mutter¨ Erde,
-Prithivi, hervorgeht.
-
-Auch die Götter des Rigveda müssen in der Brahmanen-Periode dem
-Dreigestirn Brāhman, Vishnu, Çiva weichen. Der erstere eine
-priesterliche Abstraktion der Weltseele, die beiden anderen, in den
-Veden erwähnt, aber doch erst später hervortretend gegen ¨Varuna¨, den
-Himmel, und ¨Indra¨, den Kriegsgott, den eigentlichen Nationalgott
-des Rigveda. Namentlich der Kult des schrecklichen Zerstörers Çiva
-entstammt so recht eigentlich dem Grund der einheimischen Volksseele,
-welche die Gewalt der Naturmächte oder Götter als schwer versöhnliche
-Feinde der Menschheit empfindet. Im übrigen sei für die altindische
-Kultur zur Vedenzeit auf ¨H. Zimmers¨ klassisches Werk: Altindisches
-Leben (1879) verwiesen.
-
-[Sidenote: Die Bedeutung des Opfers.]
-
-In der auf die Rigvedazeit folgenden Periode, der des Yajurveda,
-der Lehre vom Opfer, und der Brāhmana-Texte, der Kommentare der
-einzelnen hervorragenden Weisen, nimmt der Zug nach Erlösung von der
-Qual des Wiedersterbens seinen Anfang. Und auf der andern Seite in
-der Flucht der Erscheinungen bildet nur eins den ruhenden Pol, der
-Kern aller Wesen, der Atman Brahman, der in allem ist, die heilige
-Weltseele. Seelen, die in der Hölle der Existenz wandern, werden durch
-Busse erlöst zu einem seligen Sein auf dem Monde, aber die gleiche
-Vorstellung findet sich bei den Pythagoräern, nur dass an Stelle des
-Mondes die Sonne tritt, wie im Satapatha Brāhmana die seligen Seelen
-als Sonnenstäubchen erscheinen.
-
-Gemeinsam ist auch in der Buddha- und Pythagorassage die Erinnerung an
-den früheren Seelenzustand.
-
-¨v. Schröder¨ sagt in Pythagoras und die Inder:
-
-»Wer nun mit dieser durch mehrere Jahrhunderte sich erstreckenden
-Epoche der indischen Kulturgeschichte vertraut ist, der nur eigentlich
-vermag es ganz zu ermessen, welch eine Rolle zu jener Zeit das Opfer
-mit seinen unzähligen Details im Geistesleben der Inder spielte.
-Das gesamte Sinnen und Trachten des hochbegabten Volkes ist in
-diesem Jahrhundert auf das Opfer, seine Vorbereitung und Ausführung
-gerichtet. Die umfangreiche Literatur, die als Zeuge jener Zeiten
-zu uns redet, handelt vom Opfer und immer nur vom Opfer. Dem Opfer
-in allen seinen Einzelheiten wird die höchste Bedeutung beigelegt,
-die Kraft Götter und Welten zu zwingen, Natur und Menschen zu
-beherrschen. Wunderbar übernatürliche Macht wohnt ihm inne und selbst
-die Kosmogonie geht auf das Opfer zurück. Aus Opfern sind alle Welten
-und Wesen, alle Götter und Menschen, Tiere und Pflanzen entstanden.
-Das Zeremoniell des Opfers, wie schon die Yajurveden zeigen, ist ein
-ungeheuer kompliziertes und die kleinste Äusserlichkeit wird mit
-einem Nimbus von Wichtigkeit umgeben, der für uns nicht selten das
-Lächerliche streift. Die Vorbereitung zum Opfer, die Fertigstellung
-des Opferplatzes etc. spielt hier eine hervorragende Rolle. Dabei
-ist natürlich die ¨Konstruktion der Altäre¨ von allerhöchster
-Bedeutung. Jede Linie, jeder Punkt, jedes Formverhältnis war hier von
-entscheidender Wichtigkeit und konnte nach dem indischen Glauben jener
-Zeit, je nachdem es ausgeführt war, Segen oder Unheil bringen. Über
-die ¨Gestalt¨ und ¨Grösse¨ der ¨Altäre¨, ihr Verhältnis zueinander und
-zu ihren einzelnen Teilen, zu den mannigfachsten abstrakten Begriffen,
-ihre symbolische Bedeutung und die richtige, nicht bloss gottgefällige,
-sondern selbst Götter ¨zwingende¨ Art ihrer Herstellung haben
-Generationen eines hochbegabten, für Spekulation und Abstraktion und
-namentlich für rechnerische Leistung sehr beanlagten Volkes gegrübelt
-und immer wieder gegrübelt.«
-
-Und ¨Bürk¨ und ¨Leumann¨ stimmen dem zu.
-
-Es mussten daher die Inder schon in jener sehr frühen Zeit gezwungen
-werden, wenigstens auf dem Opferplatze eine Feldmesskunst auszubilden.
-¨Cantors¨ Ansicht ist um so unbegreiflicher als er selbst sagt, dass
-die Sulba-sutras Schriften von geometrisch-theologischem Charakter
-sind; wie sie abgesehen von einigen ägyptischen Inschriften in keiner
-Literatur sich wiederfinden.
-
-[Sidenote: Konstruktion der Opferstätten und Altäre.]
-
-Wenn nun ¨Pythagoras¨ in Indien war, so konnte er nicht nur, so musste
-er von dort den Satz über das Quadrat der Hypotenuse mitbringen. Selbst
-¨Cantor¨ hat sich dem, wie erwähnt, nicht ganz verschliessen können.
-
-Das Apastamba-Sulbasutra, die Lehre von der Messschnur nach Apastamba,
-gehört in den Ausgang der Brāhmana-Literatur, der Zeit, die auf die
-Veden folgt.
-
-Die Veden, von Veda (Lehre, Wissenschaft), enthalten die ältesten
-religiösen Satzungen: den Rigveda, soweit sie sich in Liedern
-formulieren, und den (schwarzen und weissen) Yajurveda, der vom Opfer,
-seiner Zurüstung, den Zeremonien etc. handelt. Die Veden sind kurz und
-dunkel. Die riesige Brāhmana-Literatur bestand in Kommentaren zu den
-Veden, die die Veden selbst als bekannt voraussetzen. Gehören die Veden
-der Zeit von 1200-1000 an, so gehen die Brāhmanas bis etwa 600, der
-Zeit vor dem Auftreten Buddhas.
-
-Die Sulba-sutras bilden in den verschiedenen Lehrbüchern der Schulen
-ein Kapitel der Kalpa-Sutras oder Çrauta-Sutras, deren Aufgabe es ist
-das Opferritual übersichtlich darzustellen, und ihr Sulba-Sutra gibt
-die Regeln für die genaue Abmessung des Opferplatzes, der verschiedenen
-Altäre etc.
-
-Diese Schulen entsprechen den Babylonischen Tempelhochschulen, und wie
-die Fürstpriester Babylons stehen die altindischen Weisen, die rishi,
-an genialer Begabung für religiöse und philosophische Spekulation
-keinem Platon und Aristoteles nach.
-
-Die Anfänge des indischen Opferwesens reichen bis in die Zeit des
-Rigveda zurück; schon in ihm werden die Altar-Stätten (vedi) und der
-dreifache »tri-schadhastha« Sitz des Agni, des Feuers (= lat. igni-s),
-des sozusagen irdischen Gottes im Rigveda, die drei geschichteten
-Altäre erwähnt: der Altar des Hausherrn, der garhapatya -- der
-ahavanīya -- Opferaltar -- und der daksinagni -- Südaltar. Nach den
-Angaben des Yajurveda handelte es sich bei dieser Dreiteilung um
-Quadrate, Kreise und Halbkreise, die von gleicher Fläche sein mussten.
-
-[Sidenote: Altindische Geometrie.]
-
-Das Verfahren wird selbstverständlich in dem Rigveda, den wir auf
-1200 v. Chr. setzen, nicht erwähnt, doch heisst es: »kundige Männer
-massen den Sitz des Agni aus.« Die eigentliche Blütezeit des indischen
-Opferwesens war die Periode der Brahmanas, welche nach ¨Leumann¨ sich
-bis ins 7. Jahrhundert vor Chr. erstreckt. ¨L. v. Schröder¨ sagt in
-»Pythagoras und die Inder«, was ¨Bürk¨ und ¨Leumann¨ akzeptieren: »Auf
-Grund dieser Sulba-Sutras und unter Berufung auf noch bedeutend ältere
-Werke wie die Taittirīya-Samhita (Sammlung) und das so hochbedeutende
-Satapatha-Brāhmana (die hundertpfadige Lehre) lassen sich nun die
-geometrischen Kenntnisse bestimmen, welche die Konstruktion der Altäre
-erforderte,« und ich werde hier also Gelegenheit nehmen auf die
-altindische Geometrie näher einzugehen.
-
-Bei den Altären unterscheidet man die vedi, d. h. das Altarbett, und
-den Agni, d. h. den beim Agni-Opfer und beim Soma- (dem heiligen
-Trank-) Opfer aus meist quadratischen Backsteinen geschichteten
-Feueraltar. Das Somafest wurde zu Ehren Indras, des Kriegsgottes,
-gefeiert. Der Gott und die Krieger sollten sich berauschen an dem
-Somatrank, der aus einer stark milchsafthaltigen Pflanze bereitet
-wurde. Es hatte so hohe Bedeutung, dass der Somatrank selbst zum Gott
-gemacht wurde.
-
-I. ¨Vedi.¨ Die Inder legten grossen Wert auf genaue rechtwinklige
-Herstellung ihrer Altäre, und Apastamba lehrt zu diesem Zwecke bei
-der Vedi für das Somafest mehrere $ganzzahlig$ rechtwinklige Dreiecke
-anzuwenden, deren Masse zum Teil schon im Taittirīya- Text und im
-Satapatha-Brāhmana vorkommen. Und auf diese bei der Saumiki vedi
-gelehrte Methode der Ausmessung weist er bei einer Reihe andrer Vedis
-zurück. Unter diesen ist erstens noch die Vedi der Sautramani-Zeremonie
-hervorzuheben, welche nach einer alten Vorschrift 1/3 der Saumiki vedi
-messen soll (¨Thibaut¨). Es handelt sich dabei um das Opfer für Indra
-Su-trāman (Ζευς σωτηρ). Ihre Konstruktion geschah entweder mit Hilfe
-der tri-karani oder trtīya-karani (der drei oder 1/3 machenden), d. h.
-entweder mittelst der geometrischen Konstruktion von √3 oder √1/3,
-und das geht nicht ohne Pythagoras (denn √1/3 = 1/3√3). Apastamba
-Kap. II, 2 steht die Figur (s. S. 158), natürlich ohne Buchstaben.
-Ferner die vedi beim asvamedha (Rossopfer); da diese doppelt so gross
-als die Saumiki vedi sein soll, wird sie mit der dvi-karani; der √2,
-ausgemessen.
-
-[Sidenote: Grundriss des Normalaltar.]
-
-Damit ist auch die trtīya-karani erklärt: das Quadrat über der
-tri-karani ist in 9 Teile zu teilen (Fig. S. 158).
-
-Nur wenn die Vedi genau den Vorschriften entsprach, war das Opfer Gott
-wohlgefällig, im andern Fall eine Beleidigung. Die genannten Arten der
-Vedi und die meisten andern hatten die Form eines Achsentrapez; dies
-musste zuerst in ein Rechteck verwandelt werden (Ap. V, 7), dessen
-Berechnung, z. B. Ap. S. V 7 und 9 gelehrt wird.
-
-II. ¨Agni -- geschichteter Feueraltar.¨ Alle in den Brāhmanas und
-Sutras vorkommenden Vorschriften beziehen sich, wenn nicht anders
-angegeben wird, auf den catur-asra syena-cit, auf den viereckig
-falkenförmigen. Der atman (Wesen, Seele, Körper) des Altars, der die
-Gestalt eines Falken in rohen Umrissen nachahmte, bestand aus vier
-Quadraten über dem purusa (Menschenlänge) und der Schwanz und jeder
-Flügel aus einem Quadrat-purusa; um der Gestalt des Vogels noch näher
-zu kommen wird jeder Flügel um 1 aratni (Elle = 1/5 purusa) und der
-Schwanz um 1 pradesa (= 1/10 purusa) verlängert (s. Fig.). Gemäss
-seiner Zusammensetzung heisst dieser Altar auch agni saratni-pradesa
-saptavidha (z. B. Ap. Sulb. s. XV, 3.).
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Altindische Geometrie zur Konstruktion der Altäre.]
-
-Bei der Anlage der Grundfläche handelt es sich nun um die Konstruktion
-von Quadraten, wofür Apastamba zwei Methoden überliefert. Die erste
-Ap. VIII, 8 bis IX, 2 beschrieben, ist höchst altertümlich und
-primitiv (Fig. 2), sie ist älter als die bei Thibaut beschriebene von
-Baudhāyana zum caturasra-karana. Für alle vier Quadrate sieht sie aus
-wie Fig. 3, aus der sich dann die von Baudhāyana beschriebene Fig. 4
-entwickelt hat.
-
-[Illustration]
-
-Die zweite jüngere ist die mittelst des visesa, d. h. mit einem Rest,
-d. h. der Näherungswert 17/12 (Thibaut) für die √2, also 1,417, Fehler
-< 0,003; sie setzt den Pythagoras voraus für den Spezialfall. (Ap.
-Sulba sutra IX, 3), bei Apastamba 577/408 = 1,4142156; der Bruch ist
-auf 5 Dezimalen richtig
-
- 1 + 1/3 + 1/(3·4) - 1/(3·4·34); √2 = 1,414213; Fehler < 3/10^6.
-
-Wenn der Inder durch das Opfer besondere Wünsche erzielen wollte, so
-traten an die Stelle der Normalform die Kamyas, d. h. es gibt besondere
-agnis für solche Zwecke. Dahin gehört der agni in Gestalt eines Falken
-mit eingebogenen Flügeln und ausgebreitetem Schwanze, der in Form eines
-gleichschenkligen Dreiecks praüga-cit, vordere ochsenjochförmig, eines
-Doppeldreiecks, eines Wagenrads, rathacakra-cit, eines Troges etc. Aber
-so mannigfach die Gestalten der Kamyas waren, so musste die Grundfläche
-¨genau so gross¨ sein wie bei der Normalform. Man musste also schon zur
-Zeit der Taittirīya Samhita verstehen, eine geometrische Figur in eine
-andere ihr flächengleiche zu verwandeln.
-
-Die Aufgabe zu diesem Zwecke war:
-
-1. Beim kreisförmigen hatte man zunächst ein Quadrat = der 7-1/2
-Quadrat-purusa messenden Grundfläche des caturasra syena-cit zu
-zeichnen, was ohne Pythagoras nicht möglich, und ¨das Quadrat in einen
-Kreis zu verwandeln¨.
-
-2. Beim praüga-cit musste man das Quadrat 7-1/2 verdoppeln, also die
-dvi-karani konstruieren; die Hälfte des Quadrats über der √2 gab dann
-das gesuchte gleichschenklige Dreieck. Nun kommt das für die Geometrie
-eigentlich Wesentlichste: Nach Satapatha-Brāhmana, Baudhāyana Sulb.
-Sutra; Ap. S. und Ap. Sulba S. war der agni, wenn er das zweite Mal
-konstruiert wurde, um einen Quadrat-purusa grösser als beim ersten Mal,
-ebenso beim dritten um einen Quadrat-purusa grösser als das zweite Mal
-und so fort. Also mussten die Inder spätestens schon zur Zeit der Sat.
-Brāh. verstehen eine Figur zu konstruieren, die einer gegebenen ähnlich
-ist und zu derselben in bestimmtem Verhältnis steht.
-
-a) War nun der erstmals konstruierte agni der »einfache« (eka-vidha)
-gleich ein Quadrat-purusa -- was Apastamba nebenbei noch zulässt,
-während Satapatha Brāhmana es verbietet -- so hatte man den zweiten
-ebenfalls quadratischen doppelt so gross herzustellen, den dritten
-dreimal und Apastamba geht bis zum sechsfachen, d. h. der Reihe nach
-√2 √3 bis √6 zu konstruieren, d. h. die Summe zweier Quadrate zu
-¨addieren¨, also Pythagoras.
-
-b) War aber der erste agni der sapta-vidha wie meist, so konnte man bei
-den folgenden Malen entweder, wie Baudhāyana vorschreibt, alle Teile
-der Normalform proportional vergrössern und dann das, was hinzukam
-zunächst in 15 gleiche Teile teilen, oder, wie Apastamba nach älterer
-Tradition lehrt, nur die 7 purusas, nicht aber auch die beiden aratnis
-und den pradesa des caturasra syena-cit zunehmen lassen und dann
-den Zuwachs in 7 gleiche Teile teilen. Ein solches Siebentel musste
-dann, wenn es zunächst als Rechteck gezeichnet war, in ein Quadrat
-verwandelt werden (Apast. S. S. II. 7) und hierbei tritt bei Apastamba
-die ¨Subtraktion¨ von ¨Quadraten¨ als Hilfskonstruktion auf, und
-dieses Quadrat musste dann mit jedem der sieben zu einem neuen Quadrat
-vereinigt werden.
-
-3. Beim asva-medha musste der sapta-vidha von vornherein mit 3 oder
-21 multipliziert werden, und beide Vorschriften sind nach Angabe des
-Baudhāyana Sulba Sutra durch Brāhmana-Stellen belegt.
-
-[Sidenote: Pythagoras bei den Indern.]
-
-Wir sehen also, dass der Pythagoras und seine Satzgruppe eine geradezu
-prominente Rolle beim indischen Opferkult spielt.
-
-Wir kommen nun zu der Frage, wie alt ist der Pythagoras?
-
-Ausgesprochen ist der Satz bei Baudhāyana, Katyāyana, Apastamba,
-z. B. Ap. Sulba S. I, 7: Die Diagonale eines Rechtecks bringt beides
-hervor, was die längere und die kürzere Seite desselben jede für sich
-hervorbringen, und I, 5: Die Diagonale eines Quadrates bringt eine
-doppelt so grosse Fläche des Quadrates hervor samasya dvi-karani (die
-das Doppelte hervorbringende). Der Satz ist also jedenfalls so alt als
-die genannten Sulba Sutras. Die des Apastamba bildeten den 24. Prasna
-(Buch) des Srauta Sutra, und dieses kann nach der Untersuchung der
-Sanskritisten nicht nach dem Anfang des 4. Jahrh. v. Chr. entstanden
-sein. Damit ist die Heron-Hypothese Cantors ohne weiteres beseitigt.
-
-Aber der Pythagoras ist den Indern, musste den Indern viel länger
-bekannt sein. Zunächst ist das Baudhāyana S. S. wahrscheinlich
-mindestens 200 Jahre vor dem Apastamba Sulba Sutra redigiert; und
-dann ist klar, dass die Vorschriften selbst weit älter sind als ihre
-schriftliche Fixierung. Insbesondere scheint das Apast. Sulba Sutra
-durchaus die ältere Tradition festgehalten zu haben. Dann aber finden
-sich Vorschriften über die Vergrösserung z. B. des Asvamedha- und
-Sutrāmani-Altars und über die Konstruktion der Kamyas in der Taittirīya
-Samhita und über die Vergrösserung des falkenförmigen Normalaltars im
-Satapatha-Brāhmana, die ohne Pythagoras unmöglich sind. Nun ist die
-Taittirīya S. noch etwas älter als das Satapatha, und beide gehören zu
-einer Klasse von Werken, von denen Oldenberg (Buddha 3. Aufl. S. 19)
-sagt: »Wir werden schwerlich fehlgehen, wenn wir ihre Entstehung vom
-10.-8. Jahrh. setzen.« Übrigens wird dieses Minimal-Alter durch Bürk
-l. c. nachgewiesen mittelst zweier Stellen, je eine aus der Taitt.
-Samh. und aus dem Sat. Brāh. Taitt. Samh. 6. 2, 4, 5 heisst es von der
-Vedi für das Somaopfer: Die westliche Seite ist 30 padas lang, die
-¨praci¨ 36; die östliche Seite 24, und genau dasselbe sagt die Stelle
-im Satapatha-Brāhm. 10, 2, 3, 4.
-
-[Illustration]
-
-Bei Baudhāyana erscheint der allgemeine Pythagoras an zweiter Stelle,
-und er setzt hinzu: diesen zweiten Fall erkennt man aus den Rechtecken
-mit den Seiten 3 und 4, aus 12 und 5, aus 15 und 8, aus 7 und 24, aus
-12 und 35, aus 15 und 36, und Cantor selbst sagt 2. Aufl. S. 398:
-»Das ist nun offenbar der Pythagoräische Lehrsatz, erläutert an
-Zahlenbeispielen.« Das Fehlen der Hypotenuse darf nicht auffallen.
-Die Taittirīya- und die anderen Srauta-sutras sind die Yajurveden in
-der Redaktion der betreffenden Schule und diese enthalten »diejenigen
-Sprüche oder Verse, welche der die eigentliche Opferhandlung
-verrichtende Priester, der Adhvaryu, zu sprechen oder zu murmeln hatte.«
-
-Auch die Brāhmanas bieten keine fortlaufende Darstellung des Opfers,
-sondern vielmehr Erläuterungen zu demselben. Im Sulba Sutra bei
-Apastamba, da wird die wirkliche Konstruktion gegeben und da tritt denn
-auch z. B. beim Dreieck 30 : 15 die ganzzahlige Hypotenuse 39 auf.
-
-[Sidenote: Das Alter des Pythagoras bei den Indern.]
-
-Somit ist der ¨Pythagoras bei den Indern aus dem 8. Jahrh. sicher
-konstatiert¨, aber höchst wahrscheinlich den Indern schon viele
-Jahrhunderte vorher bekannt gewesen. (¨H. Hankel.¨) -- »Was nun
-das Alter der Sulba-Sutras betrifft, so weiss jeder, der sich mit
-indischer Literatur beschäftigt hat, dass jedes Erzeugnis nach seinem
-Zusammenhange mit der ganzen Literaturgruppe, zu der es gehört,
-beurteilt werden muss.« (¨E. Leumann.¨) Da kann nun kein Zweifel
-darüber sein, dass die Sulbas, sie mögen niedergeschrieben sein wann
-sie wollen, zur Yajurveden-Literatur gehören, d. h. zum Opferkult,
-sie bilden ein durchaus nötiges Kapitel des Srauta Sutra, der bis
-aufs i-Pünktchen detaillierten Lehre vom Opferzeremoniell und damit
-ist entschieden, dass ihr Inhalt bis etwa 900 v. Chr., vielleicht
-sogar noch höher hinaufreicht, und insbesondere zeichnen sich die
-Apastamba- wie die Taittirīya-Schule durch Bewahrung alter Tradition
-aus. Nun sind noch zwei Punkte zu besprechen. Indische Manuskripte sind
-verhältnismässig jung. Baumrinde kann sich an Dauerhaftigkeit nicht
-mit Papyrus, noch weniger mit gebrannten Tontafeln messen, zudem tritt
-die Schrift im eigentlichen Sinne bei den Indern verhältnismässig spät
-auf und ist nicht original. Dasselbe würde ja auch für das gewaltig
-umfangreiche Heldengedicht des ¨Mahabharata¨ gelten. Aber abgesehen
-davon, dass Zeichen analog den Runen der Germanen vermutlich auch bei
-den Indern uralt waren, so war das Gedächtnis eben durch den Mangel
-an Schrift enorm entwickelt. Leute, die täglich ein Kapitel auswendig
-lernten, etwa wie die arabischen Geistlichen die Suren des Koran,
-die kannten bald ganze Werke auswendig, und auch heute sind solche
-Gedächtniskünstler nicht selten unter den Brahmanen.
-
-Ein zweiter Einwand klingt einleuchtender. Die erstaunlich
-verklausulierten Vorschriften der Kalpasutras sollen Zeichen der
-Erstarrung und des Verfalls sein. Ganz abgesehen davon, dass die
-Indologen von Fach die Blüte des detaillierten Opferkults zwischen
-1000 und 800 setzen, ist darauf folgendes zu erwidern: Das richtig
-vollbrachte Opfer hat die Macht, die Götter unter den Willen des
-Opferers zu beugen; ich habe ja schon bei Babylon darauf hingewiesen,
-dass die Arier sich der Gottheit nicht annähernd so knechtisch
-gegenüberstellten wie die Semiten. Ein durch Germanen, Hellenen und
-Inder, kurz durch die ganze Arische Welt hindurchgehender Zug ist
-das Misstrauen gegen die Götter, die Furcht vor ihrem Neide, die
-Teufelslehre knüpft hier an, und der Stammbegriff des Wortes Teufel ist
-das Sanskritische Wort für Gott. Grade aus der ältesten Zeit tiefster
-Religiosität stammt dies Gefühl und jene Genauigkeit ist grade ein
-Zeichen der naiven Periode, es darf dem Gott auch nicht die leiseste
-Handhabe geboten werden, seinem Unwillen über den auf ihn ausgeübten
-Zwang Ausdruck zu verleihen.
-
-Ich glaube nicht, dass irgend ein heutiger Indologe bezweifeln wird,
-dass das Alter der Sulba-Sutras dem Inhalt nach bis mindestens 1000
-heraufgeht, und dass sich die indische Geometrie auf dem Boden der
-Opferlehre, des Aufbaues der Altäre entwickelt hat.
-
-[Sidenote: Der Satz vom Gnomon.]
-
-Was aber die Entlehnung des Pythagoras von den Indern seitens des
-Pythagoras noch viel sicherer macht, das ist das Auftreten des
-sogenannten Gnomon, des Satzes von dem Ergänzungsparallelogramm. Schon
-¨Bretschneider¨ sagt, dass die Kenntnis dieses Satzes dem Pythagoras
-mutmasslich zur Auffindung des Satzes gedient hat, und Hankel sagt
-l. c. mit ahnungsvollem Scharfblick, diese Herleitung erscheine
-wahrscheinlich. Aber eben dieser Gnomon war den Indern auch bekannt.
-¨Baudhāyana¨ geht mittelst desselben vom Quadrat mit der Seite 16 zu
-dem mit der Seite 17; er sagt z. B.: Wenn man aus 256 quadratischen
-Backsteinen ein Quadrat gebildet habe, so soll man nun 33 Backsteine
-hinzufügen. Und ¨Apastamba¨ sagt II, 7, es folgt nun eine allgemeine
-Regel: Man fügt: 1. das [Rechteck], welches man mit der jedesmaligen
-Verlängerung (und mit den Seiten des gegebenen Quadrates) umzieht
-[d. h. herstellt], an den zwei Seiten des Quadrates, nämlich an der
-östlichen und an der nördlichen hinzu, und 2. an der nördlichen Ecke
-das Quadrat, welches durch die Verlängerung hervorgebracht wird; dazu
-die Figur und das ist klipp und klar
-
- (a + b)^2 = a^2 + 2ab + b^2.
-
-Der Satz konnte ihnen, da sie meist mit Backsteinen arbeiteten, gar
-nicht entgehen.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Die Pythagoräischen Dreiecke bei den Indern.]
-
-Dass die Inder den Satz gefunden haben, ist natürlich nicht bewiesen,
-aber so lange babylonische und ägyptische ältere Quellen uns nicht zur
-Verfügung stehen, sind sie diejenigen, die am frühesten nachweisbar den
-Satz besessen haben und die Auffindung kann ganz gut so wie ¨Bürk¨ es
-angibt, geschehen sein; sie kann aber auch ganz leicht direkt erfolgt
-sein, zunächst für das Dreieck 3, 4, 5 durch Drehen der Schnur, was
-ja eine ihnen ganz geläufige Operation war. Es kommen im Apastamba
-Sulba-Sutra 5 »erkennbare«, d. h. ganzzahlige rechtwinklige Dreiecke
-vor, die Inder sagen: Rechtecke.
-
- 3 4 5
- 5 12 13
- 7 24 25
- 8 15 17
- 12 35 37
- 15 36 39, letzteres
-
-das wichtigste für die Vedi. Davon fallen die ersten 3 auch unter
-die von Proklos ausdrücklich dem Pythagoras, bezw. seinen Schülern
-zugeschriebenen Formeln 2a + 1; 2a^2 + 2a; 2a^2 + 2a + 1; die beiden
-folgenden sind platonisch 2a; a^2 - 1; a^2 + 1.
-
-[Illustration]
-
-Das letztere ist dem zweiten ähnlich; aus Apastamba V, 4 folgt, dass
-diese Ähnlichkeit ihm völlig klar war. Angesichts von ¨Thibauts¨
-Darstellung in ¨Bühlers¨ Grundr. ist es nicht uninteressant an der
-Hand der Sulba-Sutras nachzusehen, was den Indern jedenfalls um 800 v.
-Chr. an geom. Kenntnissen zur Verfügung stand. Ich benutze ¨Thibauts¨
-Übersetzung des Baudhāyana und ¨Bürks¨ Übers. des Ap. S. S. im 56.
-Bande der Zeitschrift der D. Morgenländischen Gesellschaft. Das
-Werkzeug, dessen sie sich für ihre Konstruktionen bedienten, war die
-Schnur (sulba oder rajju), und gelegentlich auch ein Bambusstab. Ich
-beginne mit der Konstruktion des einfachen Quadrats, Ap. Kap. VIII,
-5-10, IX, 1.
-
-[Illustration]
-
-»Man schneide an einem Bambusrohr in einer Entfernung gleich der Höhe
-des Opferers mit emporgehobenen Armen (der purusa, Menschenlänge,
-später war das Mass die babylonische Doppelelle) zwei Zeichen (A
-und B) ein, und in der Mitte ein drittes (die Mitte wird durch die
-zusammengelegte Schnur bestimmt). Man lege das Bambusrohr westlich
-von der Grube des Opferpfostens längs der prsthya (d. i. Rückenlinie,
-die schon zuvor ein für allemal von Westen nach Osten prak gezogen
-war, daher sie auch oft praci heisst). Schlage an den Einschnitten
-Pflöcke ein (D, E, F), mache (das Rohr) von den beiden westlichen
-(Pflöcken E und F) los und beschreibe (von F aus) in der Richtung nach
-Südosten einen Kreisbogen bis zu dem (östlichen) Ende (des zu konstr.
-Quadrats).« Entsprechend verfährt man von F aus, legt das Rohr von
-E über G nach H, schlage in H einen Pflock ein, befestige in H das
-mittlere Zeichen des Rohrs, lege die beiden andern an die Enden der
-beiden Linien und schlage in die beiden Zeichen zwei Pflöcke.
-
-[Sidenote: Altindische Geometrie.]
-
-Hier haben wir die Konstruktion des Lotes mittelst der
-¨Symmetrieachse¨, und die gemeinsame Tangente zweier Kreise im
-speziellen Falle und die Quadratkonstruktion, die wir mit 4 Kreisen
-ausführen, zugleich eine Art mechanischer Konstruktion, die bei den
-Hellenen Neusis heisst (s. unter Apollonius).
-
-Diese Methode gilt als die älteste für die »Quadratmachung«, das
-Catur-asra-karana, älter als die des Baudhāyana, welche die Figur auf
-S. 148 zeigt. Von der einfachen Quadratform war dann der Agni vom
-einfachen bis zum 6fachen des Grundquadrats, es musste also mittels
-Pythagoras das Quadrat mit 2, 3, 4, 5, 6 multipliziert werden. Dann kam
-der Saratni-pradesa saptavidha, d. h. also der caturasra syena-cit,
-der viereckig falkenförmige, und dann die Vorschrift: Was beim 8fachen
-und den folgenden von den 7 verschieden ist, teile man in 7 Teile, und
-lasse in jedes purusa einen Teil eingehen, weil die Veränderung der
-Gestalt nicht schriftgemäss wäre. Auch hier hat Apastamba weitaus die
-ältere Methode, während B., wie oben gesagt, die Zunahme auf alle 10
-Flächen gleichmässig verteilt, da auch paksa und puccha, Flügel und
-Schwanz, berücksichtigt werden, was schon recht komplizierte Teilungs-
-und Messungsoperationen voraussetzt. A. geht bis zum 101fachen des
-Quadratpurusa.
-
-I, 2 Konstruktion der Achsentrapez-förmigen Opfergrube, Vedi, mittelst
-des rechtwinkligen Dreiecks 36, 15, 39.
-
-[Illustration]
-
-Man nimmt eine Massschnur (pramāna, A^1B^1 = 36, Fig. 1), verlängert
-sie um ihre Hälfte (bis G), macht dann am westlichen Drittel (d. h.
-also von G aus) weniger 1/6 desselben ein Zeichen (H). Man befestigt
-die beiden Enden (der verlängerten Schnur) an den Enden der prsthya,
-zieht an dem Zeichen nach Süden (daksina), ebenso verfährt man im
-Norden (uttara), und nachdem man vertauscht hat, nämlich die in A
-und G befestigten Enden, nach beiden Seiten (im Osten). Denn die
-Fertigstellung durch diese wird eine Verkürzung oder eine Verlängerung
-(12, 17) herbeiführen.
-
-[Illustration]
-
-I, 3 wird dann zur Konstr. des rechten Winkels das Dreieck 3, 4, 5
-analog benutzt (Fig. 2).
-
-I, 4 und 5 ¨der Pythagoras¨.
-
-Bei Apastamba zuerst in 4 der allgemeine:
-
-Die Querschnur (aksnaya-rajju, Diagonale) eines Rechtecks, was die
-längere und kürzere jede für sich hervorbringt, das bringt sie zusammen
-hervor. Mittelst dieser und zwar solcher, die »erkennbar« sind, ist die
-Konstruktion (in § 2 u. 3) gelehrt worden. (jneya würde wohl besser mit
-»feststellbar« d. h. als ganzzahlige rechtw. Dreiecke wiedergegeben.)
-
-5. Die Diagonale des Vierecks erzeugt die zweifache Fläche
-(ausdrücklich das Wort bhumi Fläche, dvis-tāvati bhumi), sie des
-Quadrats Doppeltes hervorbringende (dvi-karani). Viereck, schlechtweg
-catur-asra, ist wie das griechische τετραγωνον das Quadrat, um aber
-ganz deutlich zu sein, wird es im Nachsatz sama »das mit gleichen
-Seiten« genannt. Katyāyana unterscheidet sogar die beiden Arten
-gleichseitiger Vierecke.
-
-[Sidenote: Wurzel aus 2.]
-
-6. ¨Konstruktion des besseren Näherungswertes der √2.¨
-
-[Illustration]
-
-Man verlängere das Mass A B um seinen dritten Teil und diesen wieder
-um seinen vierten Teil weniger einem 34stel dieses vierten Teils (Fig.
-3). Die √2, die dvi-karani von karana »machen«, heisst (sa-visesa)
-d. h. ¨die Zahl mit dem Rest¨. Die Verlängerung ist der visesa; √2 ist
-also 1 + 1/3 + 1/(3·4) - 1/(3·4·34) = 577/408 = 1,4142156; da √2 =
-1,414213, so ist der Fehler kleiner als 3 Einheiten der 6. Dezimale.
-Der Näherungswert des Baudhāyana ist 17/12 = 1,417, also genau bis
-auf 0,003. ¨G. Thibaut¨ hat ganz richtig (bis auf einen kleinen
-Rechnungsfehler) angegeben, wie sie zu beiden Näherungswerten gekommen
-sind. Sie suchten zunächst nach einem Quadrat, das doppelt so gross wie
-ein anderes sei, und fanden, dass 2·12^2 annähernd gleich 17^2, und
-setzten daher √2 = 17/12, wodurch der Gott ja nicht zu wenig erhielt.
-Da sie aber genauer verfahren wollten, so setzten sie (17 - x)^2 =
-288. Dass ihnen der Satz vom Gnomon bekannt, wird gleich aus dem
-Text nachgewiesen werden. Das ergab 34x - x^2 = 1, und indem sie das
-ersichtlich sehr kleine x^2 vernachlässigten, setzten sie 34x = 1, also
-x = 1/34 und somit die Dvi-karani (rajju) gleich 17/12 - 1/12 · 1/34,
-was ja immer noch eine Zugabe enthielt.
-
-Hervorzuheben ist hier zunächst die ¨intuitive Erfassung¨ der
-Ähnlichkeit. Sodann setzt die Konstruktion die Teilung der Strecke im
-vollen Umfang voraus, aber auch Ansatz und Lösung einer Gleichung.
-Ausserdem geht aus der Bezeichnung der √2 als der Zahl mit dem Rest
-hervor, dass sie sich bewusst waren, die √2 zwar ¨geometrisch¨, aber
-nicht arithmetisch genau konstruieren zu können, d. h. also, dass sie
-bis zu einem gewissen Grade in diesem einen Falle die Erkenntnis der
-¨Irrationalen¨ hatten. Ob sie den ¨Begriff¨ des Areton, des Alogon
-gehabt haben, bleibt freilich durchaus zweifelhaft; aber, und darauf
-ist der Hauptwert zu legen, ¨diese Näherungskonstruktion kann keine
-Frucht des Zufalls sein, sondern sie musste eine Folge zielbewusster
-Tätigkeit sein¨.
-
-Kap. II, 1 wird dann die eben konstruierte Savisesa-Grösse
-zur Konstruktion des Quadrats benutzt. Sehr hübsch ist das
-Sama-caturasra-karana in I, 7, wo gleich alle 4 Quadrate des Atman des
-Falkenförmigen konstruiert werden mittelst der Raute, die aus zwei
-gleichseitigen Dreiecken besteht. (Euklid I, prop. 1. Die Figur wird
-wohl genügen.)
-
-[Illustration]
-
-II, 2 wird dann, wie schon oben S. 156 beschrieben, die dvi-karani und
-mit ihr nach I, 4 die tri-karani und mittelst ihrer in II, 3 die √(1/3)
-als 1/3√3 konstruiert.
-
-[Sidenote: Anwendungen des Pythagoras.]
-
-II, 4 wird der Pythagoras zur Addition zweier Quadrate verwandt, II,
-5 dann zur Subtraktion; es wird ein ¨regelrechter Beweis¨ in N 6
-¨mittelst des Pythagoras gegeben¨. Wir sehen, dass die Bedeutung des
-Pythagoras für die Flächenrechnung vollkommen klar erkannt ist; es wird
-systematisch multipliziert, addiert, subtrahiert und dann dividiert,
-wozu es erforderlich ist, ein Rechteck in ein Quadrat zu verwandeln;
-dies lehrt I, 7. Das Rechteck heisst dirgha-caturasra, directum
-quadrangulum, die Aufgabe das sama-caturasra-cikirsana. Wünscht man das
-Rechteck in ein Quadrat zu verwandeln, so schneide man mit der kürzeren
-Seite ab, teile den Rest, füge an beiden Seiten hinzu, fülle den leeren
-Platz mit einem zugefügten Stück, dessen Subtraktion gelehrt worden ist.
-
-[Illustration: Addition zweier Quadrate.]
-
-[Illustration: Subtraktion zweier Quadrate.]
-
-[Illustration]
-
-M. H. Diese Verwandlung ¨setzt notwendig die Analysis¨ voraus a(a + b)
-= a^2 + ab = a^2 + 2(ab)/2 = a^2 + 2(ab)/2 + (b/2)^2 - (b/2)^2 =
-(a + b/2)^2 - (b/2)^2.
-
-¨Sie kommt m. W. bei den Hellenen nicht vor.¨
-
-III, 1. Will man ein Quadrat in ein Rechteck verwandeln, so mache
-man eine Seite so lang als man das Rechteck wünscht. (Es ist ganz
-klar, dass hier die Rechnung xy = a^2 die Analyse gibt, und dass sie
-wissen, dass eine Seite unbestimmt bleibt, also »so lang sein kann als
-man wünscht«.) Darauf füge man den Rest zu dem Rechteck hinzu wie es
-passt. Die Methode wird dann von dem Kommentator Sundara des Baudh.
-an dem Beispiel des Quadrats mit der Seite 6 erläutert (s. Fig.), das
-in ein Rechteck mit der Seite 4 verwandelt werden soll 36 = 4 . 6 +
-4 . 2 + 4 . 1 = 4(6 + 2 + 1) = 4 . 9.
-
-[Illustration]
-
-Hochinteressant ist es, dass hier die ¨Inhaltsgleichheit¨ wie bei
-¨Wolfgang Bolyai¨ aufgefasst wird. Der Kommentator des Baudh.,
-¨G. Thibaut¨ 1875 l. c. 247, gibt dann unsere auf den Satz von den
-Ergänzungsparallelogrammen gegründete Kegel, doch kommt dies für die
-altindische Geometrie nicht in Betracht.
-
-[Sidenote: Verwandlung des Quadrats in den Kreis und v. v.]
-
-III, 2. ¨Verwandlung eines Quadrats in einen Kreis¨ (nötig für den
-Aufbau des rathacakra-cit, s. Fig.), denn »so viel als verloren geht,
-kommt hinzu«. Der Kreis hat den Radius MN = MG + 1/3 GE und wenn MG =
-1 gesetzt wird, so ist MN = 1 + 1/3 des visesa = 1 + 0,414213 : 3 =
-1,138071, also 1,138071^2π = 4, also π = 3,0883 = 18(3 - 2√2) = 105/34.
-Die Regel scheint durch Probieren gewonnen, die halbe Seite ist zu
-klein, und die halbe Diagonale zu gross.
-
-[Illustration]
-
-III, 3. ¨Kreis-Quadratur¨, nötig für Vervielfältigung des
-»Wagenradförmigen«. Als Seite wird 13/15 des Durchmessers genommen,
-also π = 169 . 4/225 = 3,004. Baudhāyana hat genau den vorhin
-ermittelten Wert für π nämlich 105/34 und gibt als Regel an
-7/8 + 1/(8 . 29) - 1/(8 . 29 . 6) + 1/(8 . 29 . 6 . 8) vom Durchmesser.
-Dies setzt erstens eine ¨sehr bedeutende Gewandtheit in der
-Bruchrechnung¨ voraus, zweitens die Auflösung einer reinquadratischen
-Gleichung, d. h. die Ausziehung der Quadratwurzel, da der Wert λ =
-√(π/4) = √(105/136) = √0,77205882353 = 0,878668[8=] mit seiner Zahl
-9785/11136 = 0,878682 übereinstimmt bis auf 13 Einheiten der 6 Dezimale!
-
-III, 7. Eine Schnur bringt jedesmal soviel Reihen hervor als sie Masse
-enthält, d. h. ein Quadrat über a Längeneinheiten enthält a Reihen von
-Flächeneinheiten zu a; also die Inhaltsformel des Quadrates, die in §
-4, 6, 8, 10 spezialisiert ist.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Der Satz vom Gnomon.]
-
-III, 9. ¨Der Satz vom Gnomon¨: Es folgt nun eine allgemeine Weise
-(nämlich ein Quadrat zu vergrössern, s. Fig.). Man fügt das (Rechteck),
-welches man mit der jedesmaligen Verlängerung umzieht, an zwei Seiten
-(Norden und Osten) hinzu und an der (nordöstlichen) Ecke das Quadrat,
-welches durch die betreffende Verlängerung hervorgebracht wird. --
-D. h. also nichts anderes als (a + b)^2 = a^2 + 2ab + b^2.
-
-Der Satz vom Gnomon konnte ihnen, da sie ihre Quadrate vergrösserten
-und meist mit quadratischen Backsteinplatten arbeiteten, nicht
-entgehen, und dass in ihm die Quelle des Pythagoras liegt, haben
-Bretschneider und Hankel gesehen. Der durch die punktierte Linie
-angedeutete Beweis, der sich bei Bhaskara findet, heisst noch heute der
-indische und beruht vermutlich auf uralter Tradition.
-
-[Sidenote: Dreieck und Trapez.]
-
-Kap. IV, 4 wird gelegentlich der Anlage der drei Feueraltäre (S. 145)
-die Konstruktion des Dreiecks aus den drei Seiten gelehrt.
-
-Man teilt eine Schnur gleich dem Abstand zwischen garhapatya und
-ahavanīya (der, falls der Opferpriester ein brāhmana war, 8 Schritt
-betrug) in 5 oder 6 Teile, fügt einen 6. bezw. 7. Teil hinzu, teilt
-das Ganze in 3 Teile und macht am westlichen Drittel ein Zeichen, dann
-befestigt man die beiden Enden am garh. und ahav., zieht die Schnur
-an dem Zeichen nach Süden und macht ein Zeichen; das ist, gemäss der
-Schrift, die Stätte des daksinagni.
-
-Sie wissen, wie man sieht, dass 2 Seiten eines Dreiecks zusammen
-grösser sind als die dritte.
-
-[Illustration]
-
-Kap. V ist von besonderer Bedeutung. Zuerst § 1 die Konstruktion der
-grossen Vedi für das Somaopfer aus I, 2, nur dass statt des Rechtecks
-das Achsentrapez gezeichnet wird; das rechtw. Dreieck oder nach
-indischem Sprachgebrauch das Rechteck ist das mit den Seiten 36 und 15
-und der Diagonale (Hypotenuse) 39. Ganz besonders ist § 3 interessant.
-Es heisst da: [Sind] die beiden Seiten eines Rechtecks 3 und 4, so
-ist die Diagonale 5. Mit diesen legt man die beiden amsa (Schultern),
-nachdem man sie je um ihr Dreifaches verlängert hat, fest, und nachdem
-sie um ihr Vierfaches verlängert worden sind, die beiden sroni (die
-Schenkel).
-
-[Sidenote: Ähnlichkeit.]
-
-Hier leuchtet ein, dass sie mit dem Begriff der Ähnlichkeit vertraut
-gewesen sind. Das gleiche gilt bei No. 4. Die beiden Seiten 12 und 5,
-die Diagonale 13. Mit diesen die beiden Amsa und nachdem sie um ihr
-Doppeltes verlängert sind, die sroni.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-V, 5. Das Dreieck 15, 8, 17 gibt die sroni; sind die Seiten 35 und 12,
-so ist die Diagonale 37, mit diesen die amsa.
-
-So viele »(als rational) feststellbare« Konstruktionen der vedi gibt es.
-
-[Illustration]
-
-V, 7. Die grosse Vedi (d. h. die sub 2-5 konstruierte Saumiki
-Vedi) misst 972 (Quadrat) pada (Fuss). Man ziehe vom südlichen
-Amsa zur südlichen sroni hin zu 12 (s. Fig.). Darauf drehe man das
-abgeschnittene Stück um und füge es auf der Nordseite hinzu. ¨So erhält
-die Vedi die Gestalt eines Rechtecks.¨ In dieser Form berechne man den
-Inhalt 27 . 36 = 972.
-
-Hier haben wir einen vollgültigen Beweis, denselben, den wir heute noch
-geben,
-
-V, 8. Für die Sautrāmani-Zeremonie wird gelehrt: Man opfere in dem 3.
-Teil der vedi des Soma-Opfers; hier tritt die trtīya-karanī an Stelle
-des pramana (des Grundmasses). Oder man konstruiere mit der tri-karani
-(√3). ¨Hierbei sind die kürzeren Seiten 8 und 10 und die prsthya¨ (¨die
-Rückenlinie¨) das 12fache desselben. (Ich vermute, dass die Vedis den
-Querschnitt durch einen menschlichen Rumpf darstellen sollten.) Hier
-ist die Ähnlichkeit sogar erfasst als ¨Abänderung des Massstabs¨!
-
-Und das wird durch die Vorschriften in V, 10 und VI, 1 bestätigt. In
-V, 10 heisst es: Die Vedi des asva-medha, des Rossopfers, soll das
-Doppelte der saumiki vedi sein und in VI, 1 heisst es: Es tritt die
-dvi-karani des Masses an Stelle desselben!
-
-Es folgen nun in den Sulba-Sutras die detaillierten Vorschriften für
-den Aufbau der verschiedenen Kamyas; sie sind alle in Beziehung auf
-die speziellen Wünsche gedacht, der falkenförmige Agni z. B. für den,
-der die himmlische Welt zu erlangen wünscht, weil der Falke sich dem
-Himmel am nächsten aufschwingt. Die Vorschriften für die Anfertigung
-der Ziegel offenbaren ein ganzes Teil mathematischer Kenntnisse,
-insbesondere der Flächenteilung, wie beim Anblick der Figur das
-vakra-paksa-syena-cit des Falken mit den krummen Flügeln klar wird.
-
-[Illustration: vakra-paksa-syena-cit.]
-
-Aber das hier Mitgeteilte genügt, um den Standpunkt der indischen
-Weisen etwa um 900 v. Chr. zu beurteilen. Zunächst ist es Ehrenpflicht,
-des Mannes zu gedenken, der zuerst auf die Sulba-Sutras als Schlüssel
-zur Geometrie der Inder hingewiesen. Es war ¨A. C. Burnell¨, der in
-seinem »Catalogue of a Collection of Sanscrit Manuscripts« 1869 p. 29
-gesagt hat: »Wir müssen die Sulba-Teile der Kalpa-sutras ansehen als
-die ersten Anfänge der Geometrie unter den Brahmanas.« Die Kenntnisse
-selber sind achtbar genug; sie umfassen so ziemlich das ganze erste
-Buch des Euklid inkl. I, 47 (der Pythagoras), Streckenteilung,
-Flächenberechnung, Ähnlichkeit und die Kenntnis einer Anzahl
-ganzzahliger rechtwinkliger Dreiecke.
-
-[Sidenote: Altindische Arithmetik.]
-
-[Sidenote: Die Null bei den Indern.]
-
-Auch die arithmetischen Kenntnisse der Sulba-sutras sind keineswegs
-unbedeutend; sie kennen Quadratwurzelausziehung, auch Auflösung
-von Gleichungen, sind mit der Bruchrechnung vertraut. Gegen die
-Rigveda-Zeit zeigen die Yajur-veden sehr erhebliche Fortschritte.
-H. Zimmer l. c. p. 348 gibt an, dass die höchste bestimmte Zahl im
-Rig-veda 100000 sata sahasra ist; aber schon in der Yajurveden-Zeit,
-wie z. B. in der Taitt. Samh. und im Satapatha-Brahmana finden sich
-Zahlworte bis zu 10 Billionen, und im Mahabhārata Zahlworte für
-die Potenzen von 10 bis 10^{17}. Im Rig-veda kommen nur wenig Brüche
-vor; ardha halb, auch sami, pada ein Viertel (der Fuss des Rindes),
-tri-pad drei Viertel, sapha ein Achtel (Halbhuf der Kuh), kala ein
-Sechzehntel. Als eine Grosstat, wozu sich zwei gewaltige Götter,
-Indra und Vishnu, vereinigen müssen, gilt die Teilung von 1000 durch
-3. Dagegen finden sich schon im Satapatha-Br. eigene Namen bis zu
-15^{-4}30^{-1} als Zeitmass, und die Sulbas, insbesondere Baudh.,
-haben hoch entwickelte Bruchrechnung. Was das indische Positionssystem
-betrifft, kann höchstens noch, vgl. Babylonien, die Einführung der
-Null in Frage kommen. Nun kommt die Null vor in dem Manuskript von
-¨Bakhshali¨. In Bakhshali (im nordwestlichen Indien) wurden 1881
-Bruchstücke eines Manuskripts auf Birkenrinde ausgegraben. Da die
-Indologen das Alter dieses Manuskriptes oder seines Inhaltes jetzt auf
-den Beginn unserer Ära setzen, so müssen wir es hier besprechen. Es
-enthält Textgleichungen, auch diophantische, und die Kuttaka- d. h.
-Zerstäubungs- id est ¨Kettenbruch¨methode; diese würde damit vermutlich
-schon 500 Jahre vor ¨Aryabhata¨ indischer Besitz gewesen sein; ferner
-Summation arithmetischer Reihen, ein eigenes Subtraktionszeichen;
-und was für uns das Bedeutsamste ist, es enthält die Null in Form
-eines Punktes . als Zeichen für das leere Feld und als Bezeichnung
-der Unbekannten, die ja auch vorläufig leer ist. Die erste sonstige
-Erwähnung der Null, auch in Form eines Punktes, findet sich in
-Subandhu's Vasavadatta, wo die Sterne mit Nullen verglichen werden, die
-der Schöpfer bei der Berechnung des Wertes des Alls wegen der absoluten
-Wertlosigkeit des Samsara (Weltgetriebe) mit seiner Kreide -- der
-Mondsichel -- überall auf das Firmament einzeichnete. (¨G. Bühler¨,
-Grundriss der Indo-Arischen Philol. u. Altertumskunde II, 11 p. 78.)
-Die Null in Kreisform kommt zuerst in den Cicavole Kupferplatten vor.
-Ihr Name ist eigentlich sunya-bindu und wird abgekürzt zu sunya oder
-bindu. Über die verschiedene Bezeichnung der Zahlen und Ziffern vgl.
-Bühler l. c. Kap. VI, die Zahlenbezeichnung.
-
-[Sidenote: Eleaten: Xenophanes, Parmenides.]
-
-Wenden wir uns nun aus Indien nach Hellas zurück und zunächst zu den
-Eleaten.
-
-¨Xenophanes¨ aus Kolophon, ein jüngerer Zeitgenosse des Pythagoras, ist
-ihr Stifter. Das Weltganze als unvergängliches, ewig unveränderliches,
-ewig gleichartiges Sein ist sein Gott, er ist der erste wirkliche
-Pantheist. Wenige Fragmente seiner Lehrgedichte sind erhalten, aus
-denen ich die Stellen anführe:
-
- ἑις θεος εν τε θεοισι και ανθρωποισι μεγιστος,
- ουτε δεμας θνητοισιν ὁμοιιος ουτε νοημα.
-
-Ein Gott unter den Göttern und unter den Menschen der Grösste, nicht an
-Gestalt den Menschen vergleichbar noch auch an Denkkraft.
-
-Und an einer andern Stelle sagt er, nachdem er gegen den
-Anthropomorphismus geeifert: »Wenn die Pferde und Ochsen ihre Götter
-malen könnten, so würden sie dieselben ohne Zweifel als Pferde und
-Ochsen darstellen.« Xenophanes ist der Urheber der Lehre vom ἑν
-και παν, von der Einheit aller Dinge, wie Platon und Aristoteles,
-Theophrast und Timon übereinstimmend bezeugen. Ob der Pantheismus des
-Xenophanes von den ¨Pythagoräern¨ beeinflusst ist, ob beide von den
-¨Orphikern¨, und diese wieder von den ¨Indern¨ hierin beeinflusst sind,
-wage ich nicht zu entscheiden.
-
-¨Xenophanes¨, der sich in Elea in Lukanien niedergelassen hatte, ist
-für uns besonders wichtig, als Lehrer des ¨Parmenides¨ aus Elea, des
-eigentlichen Hauptes der ¨Eleaten¨, welche noch weit schärfer als
-die Pythagoräer, ja bis zum Extrem, die Priorität der Begriffe vor
-den Erscheinungen gelehrt haben. Geboren etwa um 515 aus vornehmer
-Familie, fällt seine ακμή, seine Blütezeit, etwa um 480. Die Lehre
-der Pythagoräer war ihm vertraut; ohne der Schule anzugehören, hat
-er sich die Sittenlehre der Pythagoräer zur Richtschnur genommen,
-während er als Philosoph die Lehre des Xenophanes, welche hauptsächlich
-theologischen Charakter hatte, weiterbildete. Er hat seine Ansichten
-in seinem Lehrgedicht περί φύσεως niedergelegt, von dem uns nicht
-unbedeutende Bruchstücke erhalten sind, welche zuletzt von ¨Diels¨
-mit dem ganzen Rüstzeug philologischer Schärfe herausgegeben sind.
-(H. Diels, P. Lehrgedicht, griech. und deutsch, Berl. 1891.)
-
-[Sidenote: Eleaten: Parmenides, Zenon.]
-
-¨Parmenides¨ ging weit über Xenophanes hinaus. Es gibt, ihm zufolge,
-nur ein einziges unteilbares lückenloses Kontinuum des Seienden,
-unveränderlich, nicht werdend, nicht geworden, unbeweglich, zeitlos.
-Es ist klar, dass die Eleaten mit der Veränderung auch das Zeitproblem
-ausschalteten. Die Zeit, mitsamt der Vielheit der Dinge, ihr Werden
-und Vergehen, wird uns durch die Sinne vorgetäuscht (die ¨Maja¨ der
-Inder!), als Bleibendes, als einziges Sein erkannten sie nur das des
-Begriffes, und das enthält die Zeit nicht mehr. Indem Parmenides
-aussprach, dass wahres bleibendes Sein nur dem Begriffe zukommt,
-identifizierte er Denken und Substanz. Das für uns interessanteste ist,
-was Parmenides über den Raum sagt. Da zitiere ich l. c. Vers 42 ff. die
-Stelle:
-
- αυταρ επει πειρας πυματον, τετελεσμενον εστι
- παντοθεν, ευκυκλου σφαιρης εναλιγκιον ογκωι
- μεσσοθεν ισοπαλες παντηι· το γαρ ουτε τι μειζον
- ουτε τι βαιοτερον πελεναι χρεον εστι τηι η τηι.
-
-»Aber da es eine letzte Grenze gibt, so ist er von allen Seiten aus
-abgeschlossen, der wohlgerundeten Kugel ähnlich an Gestalt, von der
-Mitte aus an Kräften gleich überall, denn da darf es kein Mehr oder
-Weniger, Hier oder Dorten geben.« Hier also bei Parmenides treffen
-wir Jahrtausende vor ¨Riemann¨ die Hypothese von der Endlichkeit des
-Raumes an und zugleich das Axiom von der Gleichförmigkeit des Raumes.
-Parmenides hat auch das Verdienst, auf das ¨Problem¨ der ¨Kontinuität¨
-weit deutlicher hingewiesen zu haben als die Pythagoräer, die das
-Problem allerdings auch in ihrer geometrischen Veranschaulichung der
-Zahlenbeziehungen gestreift haben. Und ¨Zeno¨, der dritte grosse Eleat,
-hat grade durch diese Frage seine bleibende Stelle in der Geschichte
-der Mathematik:
-
-[Sidenote: Die Paradoxien des Zenon.]
-
-¨Zenon¨ (Ζηνων) aus Elea, der Sohn des Teleutagoras, ist ungefähr
-500 geboren und seine Reife fällt um 450. Es ist sein Verdienst, die
-Schwierigkeiten und Widersprüche, welche der Begriff der Bewegung,
-wie überhaupt der der Veränderung enthält, aufgedeckt zu haben,
-Widersprüche, welche zu ihrer Auflösung den ¨Grenzbegriff¨, diesen
-wichtigsten aller mathematischen Begriffe erfordern. Eine Geschichte
-der ¨Differentialrechnung¨ wird stets von Zeno und seinen berühmten
-¨Paradoxien¨ auszugehen haben. Von Zeno aufgestellt, um einerseits
-die Einheit und Unveränderlichkeit des Seins und andrerseits die
-Unbeweglichkeit des Seienden zu beweisen, sind sie uns in der Fassung
-des ¨Aristoteles¨, Physik 202a, 210b erhalten und die Beweise
-insbesondere durch den Kommentar des ¨Simplicius¨ zur Physik des
-Aristoteles.
-
-A) Beweise gegen die Vielheit des Seienden.
-
-1. Wenn das Seiende Vieles wäre, so müsste es zugleich unendlich klein
-und unendlich gross sein. Unendlich klein, denn jede Vielheit ist Summe
-von Einheiten, diese selbst aber unteilbar (Pythagoräer), also hat sie
-keine Grösse, ist nichts, also ihre Summe desgleichen. Andrerseits muss
-jede solche Vielheit, um zu sein, Grösse haben, ihre Teile voneinander
-entfernt sein, die Teile der Teile desgleichen und so fort, also müssen
-sie unendlich gross sein.
-
-2. Zeigt Zeno, dass das Viele auch der Anzahl nach begrenzt und
-unbegrenzt zugleich sein müsste. ¨Begrenzt¨, denn es ist so Vieles als
-es ist, nicht mehr und nicht weniger. ¨Unbegrenzt¨, denn zwei Dinge
-sind nur dann zwei, wenn sie voneinander getrennt sind; damit sie
-getrennt sein, muss etwas zwischen ihnen sein usw.
-
-Als konsequenter Denker und ausgezeichneter Dialektiker ¨leugnet¨ Zeno
-in Numero 3 den ¨Raum¨.
-
-3. Die Dinge scheinen sich im Raum zu befinden, aber das ist nicht
-wahr, es gibt gar keinen Raum. Denn jedes Ding ist in einem andern; ist
-nun der Raum wirklich, so ist auch er in einem andern Dinge, und muss
-doch wohl in einem andern Raume sein; von diesem gilt nun dasselbe wie
-vom ersten, es ist also kein letzter Raum denkbar, mithin auch kein
-erster und überhaupt keiner. (Dies ist wörtlich Kants Antinomie.)
-
-4. Ein fallendes Korn macht kein Geräusch, aber der Scheffel, also auch
-das Korn, denn 0 + 0 wäre 0; also täuscht uns das Gesicht, wenn es uns
-eine Vielheit von Körnern vorspiegelt.
-
-B) ¨Beweise gegen die Bewegung.¨
-
-1. Der sich bewegende Körper, der durch unzählig viele Punkte
-hindurchgehen müsste, was nicht möglich.
-
-2. Der ¨Achilleus¨; Achilleus, der 100mal schneller als die Schildkröte
-ist, kann diese, wenn sie einen Vorsprung von einem Stadion hat, nicht
-einholen, denn während er das Stadion zurücklegt, kommt die Schildkröte
-um 0,01 vorwärts, und so fort in inf.
-
-3. Der fliegende Pfeil müsste in einem bestimmten Augenblick an einem
-bestimmten Orte sein und nicht sein.
-
-Ein vierter Beweis bezieht sich auf die Relativität der Bewegung.
-(Einem ruhenden Körper gegenüber scheint die relative Bewegung zweier
-sich mit gleicher aber entgegengesetzter Geschwindigkeit bewegender
-Körper verdoppelt.) Sie sehen, wie bei Zeno der Begriff der unendlichen
-Reihe nach Gestaltung ringt; den infinitären Prozess hat er erfasst,
-aber noch nicht seinen Abschluss, den ¨Grenzbegriff¨, auf dem die
-¨Konvergenz¨ der Reihe beruht, und der zugleich das ¨Differential¨
-liefert. Den hat erst ein grösserer als Zeno, den hat ¨Demokrit¨
-erkannt. Aber Sie sehen auch, dass die ganze Lehre von der Bewegung,
-von der Veränderung überhaupt, von der Stetigkeit, von der Grenze
-ihre Quelle bei ¨Zeno¨ hat, der seinerseits in der Erfassung des
-Widerspruchs an die Pythagoräer anknüpft.
-
-Die Bearbeitung der Paradoxien des Zeno hat sehr viel Gedankenarbeit
-hervorgerufen, ist doch nach ¨Hegel¨ die Auflösung des Widerspruchs
-die Hauptarbeit des menschlichen Geistes. Die Paradoxien des Zeno
-kehren in anderer Form immer wieder. Es genügt, an ¨Berkeley¨ zu
-erinnern und seine Kritik des infiniment petit. Aber sie haben noch
-heutigen Tages ihre Geltung für nicht hinlänglich philosophisch
-durchgebildete Mathematiker, erst vor wenigen Wochen las ich in einer
-mir zur Durchsicht gegebenen pädagogischen Arbeit so ziemlich dieselben
-Einwände.
-
-Insbesondere haben sich, wie in der Natur der Sache liegt, die
-Scholastiker mit Zenon beschäftigt, und namentlich der grösste der
-Scholastiker und einer der grössten Denker überhaupt, ¨Thomas von
-Aquino¨, hat die Paradoxien mit grossem Scharfsinn kritisiert.
-Die völlige Überwindung der Schwierigkeiten danken wir ¨Galilei¨,
-¨Leibniz¨, ¨Bolzano¨, an den ¨Kerry¨ in Versuch eines Systems der
-Grenzbegriffe anknüpft. Aber vor allen diesen, insbesondere auch
-vor ¨G. Cantor¨, hat ¨Aristoteles¨ das schwierigste Paradoxon, B 1,
-aufgeklärt. Die einzelnen Punkte der Raum- und Zeitstrecke zwischen
-Anfang und Ende der Bewegung lassen sich gegenseitig eindeutig einander
-zuordnen, d. h. in der Sprache ¨G. Cantors¨: die Raum- und Zeitstrecke
-sind von gleicher ¨Mächtigkeit¨, und dieser so hochmoderne Begriff hat
-seine Quelle bei ¨Aristoteles¨, der Zeno gradezu als den ¨Erfinder der
-Dialektik¨ bezeichnet.
-
-Was den Achilleus betrifft, so bildet er heutzutage eins der typischen
-Beispiele der Grenze, indem die Differenzen zwischen den Reihenzahlen
-1,[=01] und [1-1/9] eine ¨Nullreihe¨ bilden.
-
-Mit den Paradoxien des Zeno haben sich auch ¨Bayle¨, ¨Descartes¨
-und ¨Leibniz¨ beschäftigt, von Neueren nenne ich ¨Ch. L. Gerling¨
-(Marburg). ¨Ed. Wellmann¨, Prgr. Frankf. a. O. 1870, ¨P. Tannery¨,
-Rev. philos. B. X, 1885. ¨Tannery¨ behauptet, dass Zeno nur habe
-beweisen wollen, dass der Raum nicht aus Punkten, die Zeit nicht
-aus Augenblicken bestehe, aber ohne Beweise für seine Behauptung
-beizubringen. Diese Sätze selbst sind von ¨Aristoteles¨ Phys. VI, 1,
-231 a 24 bewiesen. Ich erwähne noch ¨J. H. Loewe¨, Böhm. Gesellsch. d.
-Wiss. VI. Folge 1. Bd. 1867, und ¨Überweg¨, System d. Logik 5. Aufl.
-1882 S. 245 ff.
-
-[Sidenote: Paradoxien des Zenon; Anaxagoras, Oinopides.]
-
-Das Mathematikerverzeichnis des ¨Proklos¨ erwähnt den Zeno
-nicht, es wertet die »Begriffsmathematiker« nicht, sondern grade
-so wie noch heute, zählt es nur die doch gegen jene sekundären
-»Problemmathematiker«, die geschickten Handwerker der Mathematik, zu
-den wirklichen Mathematikern. Zunächst wird ¨Anaxagoras¨ erwähnt, aber
-nicht als Philosoph, nicht wegen des monotheistischen Prinzipes, der
-Vernunft, des νους, der die Welt geordnet hat, sondern weil er sich
-im Gefängnis mit der Quadratur des Zirkels beschäftigt hat. Danach
-wird ¨Oinopides¨ genannt, der die Konstruktion des zu fällenden Lotes
-aus Ägypten importiert haben soll, und es fährt dann mit Hippokrates
-aus Chios fort, den man nicht mit Hippokrates aus Kos, dem Vater
-der Medizin, verwechseln darf. Proklos sagt: »Nach diesen wurden
-¨Hippokrates der Chier¨, der die Quadratur der Möndchen fand, und
-¨Theodoros¨ aus Kyrene in der Mathematik berühmt.«
-
-[Sidenote: Hippokrates von Chios und seine Möndchen.]
-
-¨Hippokrates¨ gehörte dem Pythagoräischen Kreise an, ¨Aristoteles¨
-erwähnt seiner als eines Menschen, der im gewöhnlichen Leben unbeholfen
-und stumpfsinnig gewesen, »βλαξ και άφρων,« und doch ein tüchtiger
-Mathematiker. (Übrigens auch heute noch nichts Seltenes.) Nach Verlust
-seines Vermögens soll er in Athen von mathematischem Unterricht gelebt
-haben. Ob er wirklich Mitglied des Bundes war, ist nicht sicher,
-jedenfalls knüpft seine Beschäftigung mit der Quadratur und der
-Winkelteilung an den Gedankenkreis der Pythagoräer an. Seine Blütezeit
-fällt etwa um 430 v. Chr.
-
-[Sidenote: Lunulae Hippocratis.]
-
-Ihnen allen sind ja die Lunulae Hippocratis bekannt. Sie haben den Satz
-gelernt in der Form: die beiden Halbmonde, begrenzt von den Halbkreisen
-über den Katheten nach aussen und dem über der Hypotenuse nach innen
-sind gleich dem rechtwinkligen Dreieck. Und dieser Satz steht als
-Satz des Hippokrates selbst in der 6. Aufl. des einzigen in bezug auf
-historische Angaben zuverlässigen Elementarbuches, das ich kenne, »die
-Elemente der Mathematik« von ¨R. Baltzer¨, ja selbst im ¨Rouché¨ von
-1900.
-
-¨Hippokrates¨ hat nur einen Mond (Meniskos, lunula) quadriert und
-zwar zuerst den, dessen äusserer Bogen der Halbkreis, dessen innerer
-der Quadrant ist. Den allgemeinen Satz von den Lunulae gleich dem
-rechtwinkligen Dreieck fand ich weder bei ¨Heron¨, noch ¨Pappos¨, noch
-bei Cardano, Vieta, Clavius, Gregorius a. St. Vincentio, und Sturm,
-wohl aber in der Ausgabe des ¨Taquet¨ von ¨Whiston¨ und zwar schräg
-gedruckt, also nicht von Taquet herrührend, und noch früher in der 4.
-Ausgabe der Elemente der Geometrie von 1683 bei ¨Pardies¨, Soc. Jesu.
-Der Satz ist aber zweifelsohne erheblich älter. -- Die Arbeit des
-Hippokrates ist durch einen Glücksfall erhalten.
-
-¨Simplicius¨ aus Kilikien, der Neuplatoniker, der zu den von Justinian
-529 vertriebenen Professoren der Hochschule Athen gehörte, hat einen
-umfangreichen Kommentar zur Physik des Aristoteles verfasst und uns
-darin ein Bruchstück aus des ¨Eudemos¨ Geschichte der Mathematik
-aufbewahrt. Es ist zuerst von ¨Bretschneider¨ griechisch und deutsch
-1870 publiziert nach der lateinischen Ausgabe ¨L. Spengel's¨: »Eudemi
-Rhodii Peripatetici Fragmenta quae supersunt.« Berlin 1865, 2. Aufl.
-1870, während der Kommentar des Simplicius schon 1526 bei Aldus
-Manutius in Venedig gedruckt ist und 1882 in dem grossen Kommentar der
-Aristoteles-Ausgabe der Berliner Akademie von ¨H. Diels¨.
-
-Die wichtigste neuere Arbeit zur Simpliciusfrage ist die von ¨Rudio¨
-1902 in der Bibliotheca mathematica von Eneström: »Der Bericht des
-Simplicius über die Quadraturen des Antiphon und des Hippokrates.«
-
-Aristoteles bekämpft in seiner Physik im 1. Buch an einer Stelle die
-eleatische Weltanschauung, die das Seiende als eins und unwandelbar
-auffasste, und erklärt dabei, dass man nicht alle falschen Sätze
-widerlegen müsse, sondern nur solche, die nicht schon von vornherein
-gegen die Prinzipien verstossen, und als Beispiel gibt er an: So ist
-zum Beispiel der Geometer verpflichtet, die Quadratur (sc. des Zirkels)
-mittelst der Segmente zu widerlegen, die des Antiphon aber nicht. Und
-hierzu gibt Simplicius einen Bericht über die genannten Quadraturen,
-der für uns vorn historischen Standpunkt aus gradezu unschätzbar ist.
-
-Es ist ¨Rudio¨ gelungen, nach Vorarbeiten von ¨P. Tannery¨, dem
-vor kurzem gestorbenen grossen Kenner hellenischer Mathematik und
-hellenischer Wissenschaft, und ¨Allman¨, seinem englischen Nebenbuhler,
-den Text des Eudemos wohl so ziemlich endgültig festgestellt zu haben.
-Rudio hat durch eine einzige, ganz nahe liegende, schlagend einfache
-Konjunktur Licht und Klarheit in den ganzen Bericht und zugleich in den
-Gedankengang des Hippokrates gebracht und zugleich sein Urteil über
-Simplicius als eines durchaus tüchtigen Mathematikers, wie dies ja
-von Simplicius dem Philosophen schon feststand, begründet. Es handelt
-sich um das Wort τμήμα, das von τεμνω schneiden herkommt und allgemein
-irgend einen Abschnitt, im speziellen Kreissegment, bezeichnet, aber
-auch, wie Rudio bemerkt, den Sektor und an der entscheidenden Stelle
-kann es nur Sektor heissen; dann lautet die Stelle nach Rudio:
-
-»Aber auch die Quadraturen der Möndchen, die als solche von nicht
-gewöhnlichen Figuren erschienen wegen der Verwandtschaft mit dem
-Kreise, wurden zuerst von Hippokrates beschrieben und schienen nach
-rechter Art auseinandergesetzt zu sein, deshalb wollen wir uns
-ausführlicher mit ihnen befassen und sie durchnehmen. Er bereitete sich
-nun eine Grundlage und stellte als ersten der hierzu dienenden Sätze
-den auf, dass die ähnlichen Segmente der Kreise dasselbe Verhältnis
-haben wie ihre Grundlinien in der Potenz (δύναμις), d. h. im Quadrat.
-Dies bewies er aber dadurch, dass er zeigte, dass die Durchmesser in
-der Potenz dasselbe Verhältnis haben wie die Kreise. Wie sich nämlich
-die Kreise verhalten, so verhalten sich auch die ähnlichen Sektoren
-(τμήματα). Ähnliche Sektoren nämlich sind die, die denselben Teil des
-Kreises ausmachen wie z. B. Halbkreis und Halbkreis und Drittelkreis
-und Drittelkreis; deswegen nehmen die ähnlichen Segmente auch gleiche
-Winkel auf. Und zwar sind die aller Halbkreise rechte und die der
-grösseren kleiner als rechte, und zwar um so viel, um wie viel die
-Segmente grösser als Halbkreise sind, und die der kleineren grösser und
-zwar um so viel, um wie viel die Segmente kleiner sind.«
-
-Sie sehen, Hippokrates kannte die Sätze vom Peripheriewinkel
-ganz genau; er hat den wichtigen Satz Euklid, Elem. XII, 2;
-k : k´ = d^2 : d´^2 bewiesen, vermutlich wie Euklid, ihm war
-die Ähnlichkeitslehre völlig vertraut wie allerdings schon den
-Pythagoräern, er kannte, wie aus dem folgenden hervorgeht, auch den
-sogenannten ¨erweiterten¨ Pythagoras.
-
-Was nun die Quadratur der Halbmonde betrifft, so kann es keinem Zweifel
-unterliegen, dass Hippokrates von folgender von Tannery, aber auch
-schon einige Jahrhunderte früher von ¨Vieta¨, angegebenen Erwägung
-ausgegangen ist:
-
- ε : i = p : q z. B. 5 : 3; ε/5 = i/3 und ε/p = i/q
-
-Dann sind die Segmente e_{1} und i_{1}, welche von den kleinen
-Sehnen abgeschnitten werden, ähnlich und es ist e_{1} : i_{1} =
-r_{e}^2 : r_{i}^2. Wenn nun r_{e}^2 : r_{i}^2 gleich q : p gemacht
-wäre, so wäre e_{1} : i_{1} = q : p (hier 3 : 5) und damit pe_{1} =
-qi_{1}, d. h. aber ¨der Sehnenzug im äusseren Bogen schneidet so viel
-an Fläche ab, als der des inneren hinzubringt¨ und das Möndchen ist
-gleich der von des beiden Sehnenzügen begrenzten geradlinigen Figur.
-Damit aber der Halbmond quadrierbar sei, ist nötig, dass die Figur mit
-Zirkel und Lineal konstruiert werden könne, und dies tritt ein für p/q
-= 2/1; 3/1; 3/2; 5/1; 5/3.
-
-Sie sehen aus der Gleichung Winkel ε/i = p/q = r_{i}^2/r_{e}^2 oder
-r_{e}^2 . ε = r_{i}^{2}i, dass die Sektoren AEB und AJB flächengleich
-sein müssen, dazu ist AB = AB, also r_{e} sin ε/2 = r_{i} sin i/2, also
-haben wir die entscheidende Gleichung: √p . sin i/2 = √q . sin ε/2.
-
-[Illustration]
-
-Die elementare Behandlung findet sich bei ¨Vieta¨ (Variorum de rebus
-mathem. responsorum liber VIII 1593). ¨Hippokrates¨ hat die Fälle 2/1,
-3/1, 3/2 erledigt; die Fälle 5/1 und 5/3 von ¨Th. Clausen¨, Crelle 21
-(1840). Sämtliche 5 quadrierbare Möndchen finden sich aber schon in
-der Dissertation von M. ¨J. Wallenius¨ (Abveae 1766). Vgl. den Artikel
-6 bei ¨M. Simon¨, Über die Entwicklung der El. Geom. im 19. Jh. p. 73
-(1906). Der Fall 2/1 ist der bekannteste, er sichert Hippokrates das
-Verdienst, die erste krummlinige Figur quadriert zu haben. Den Fall
-3/2 findet man ausführlich bei ¨F. Enriques¨ Questioni riguardanti
-la Geom. elem. (1900) p. 518, er bietet, trigonometrisch behandelt,
-keinerlei Schwierigkeit. Den Fall 4/1 behandelt ¨Vieta¨. Er führt auf
-eine reine Gleichung 3. Grades und damit auf die ¨Verdoppelung des
-Würfels¨, und dass Hippokrates diesen Weg gegangen, das geht klar
-daraus hervor, dass er nach dem Zeugnis des ¨Proklos-Geminos¨ und
-dem wichtigeren des ¨Eratosthenes¨ das Problem auf die Einschiebung
-zweier mittleren Proportionalen zwischen a und 2a zurückgeführt hat,
-a : x = x : y = y : 2a und so Proklos zufolge das erste Beispiel einer
-απαγωγή, einer Zurückführung eines Problems auf ein anderes, noch
-dazu in einem über das Elementare hinausgehenden Fall geliefert hat.
-¨Hippokrates¨ ist auch der erste Grieche, der »¨Elemente¨« geschrieben
-hat, wie Proklos im Mathematikerverzeichnis angibt, und sie können nach
-dem Muster von Hippokrates Darstellung aus des Simplicius Kommentar in
-der Form nicht sehr wesentlich vom Euklid verschieden gewesen sein,
-wenn nicht Eudemos (oder Simplicius) redigiert haben. Hippokrates hat
-dann auch noch, wie wir bei Simplicius lesen, die Summe eines Mondes
-und eines Kreises quadriert, den Zirkel selbst natürlich nicht, obwohl
-er höchstwahrscheinlich bei der Suche nach dieser Quadratur auf seine
-Monde gekommen ist.
-
-[Sidenote: Antiphon.]
-
-[Sidenote: Bryson.]
-
-Der gleichzeitig erwähnte ¨Antiphon¨, ein Sophist, Zeitgenosse des
-Sokrates, glaubte die Quadratur des Zirkels dadurch gefunden zu
-haben, dass er in den Kreis ein reguläres Polygon, z. B. ein Quadrat
-einschrieb, dann über die Seiten gleichschenklige Dreiecke u. s. f.,
-und annahm, dass eines dieser Polygone dem Kreise gleich sein müsste.
-Wenn nun auch Aristoteles die Annahme des Antiphon als gegen die
-Prinzipien der Logik verstossend scharf getadelt hat, so hat doch
-¨Hankel¨ vollständig recht, wenn er sagt: er verdient einen ehrenvollen
-Platz in der Geschichte der Geometrie, denn er hat, als der erste, den
-völlig richtigen Weg betreten, um den Flächeninhalt eines krummlinigen
-Raumes zu ermitteln, indem er ihn durch Vielecke von immer wachsender
-Seitenzahl zu erschöpfen (exhaurire) suchte. Der gleichzeitig mit ihm
-genannte ¨Bryson¨ hat dann das umgeschriebene Polygon hinzugefügt;
-lächeln wir auch heute über seinen Schluss, »weil der Kreis zwischen
-dem ein- und umgeschriebenen Quadrate 2r^2 und 4r^2 so schön in der
-Mitte liege, wie 3 zwischen 2 und 4, so müsste der Kreis gleich 3r^2
-sein,« so haben doch Antiphon und Bryson den Weg gewiesen, auf dem dann
-¨Archimedes¨ gegangen und der das Riesenproblem beherrscht hat, bis er
-schliesslich Vieta zu dem unendlichen Produkt für π/2 führte.
-
-Auf Hippokrates und seine Elemente folgt bei Proklos unmittelbar
-¨Platon¨, aber eine Geschichte der Mathematik, welche zugleich auf die
-Begriffsbildung Wert legt, darf an den beiden ihm an Tiefe ebenbürtigen
-Vorgängern ¨Heraklit¨ und ¨Demokrit¨ nicht vorübergehen.
-
-[Sidenote: Heraklit.]
-
-¨Heraklit¨, Ηράκλειτος, aus Ephesos in Kleinasien, aus der angesehenen
-Familie des Gründers von Ephesos, des Kodriden Androklos, war ein
-Zeitgenosse des Xenophanes, er hat seine Blütezeit um 500. Wir haben
-als Hauptquellen für seine Lehre die Fragmente seiner einzigen Schrift
-περι φύσεως (Von der Natur, ed. von ¨H. Diels¨ 1901) und Platons
-Dialog ¨Kratylos¨, ferner ¨Aristoteles¨ und seine Kommentatoren.
-Daneben kommen ¨Plutarch¨ und ¨Diogenes Laertios¨ in Betracht. Eine
-für ihre Zeit ausgezeichnete Darstellung gab der bekannte ¨Ferdinand
-Lassalle¨ in seiner Schrift »Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln,«
-Bd. 2, Berlin 1858, aus neuester Zeit nenne ich ¨W. Kinkel¨, l. c.
-1906. ¨H. Diels¨, Her. von Eph., Berl. 1901, ¨P. Natorp¨, Neue
-Heraklitforschung, Ph. Monatsh. 24. Heraklit, der Dunkle, ὁ σκοτεινός,
-war kein Systematiker, aber vor seinen tiefsinnigen, orakelhaften
-Weisheitssprüchen stand das ganze Altertum voll staunender Ehrfurcht.
-Er erinnert an ¨Nietzsche¨, der formaliter und materialiter sehr viel
-von Heraklit entlehnt hat. Am bekanntesten ist das πάντα ῥεῖ, alles
-fliesst; πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει, alles weicht und nichts bleibt;
--- πόλεμος πατήρ πάντων, der Streit ist der Vater der Dinge. In der
-Kosmologie knüpft Heraklit zunächst an seine Ionischen Landsleute, an
-Anaximander und besonders an dessen schwächeren Nachfolger Anaximenes
-an, der die Luft als Grundstoff (ὑλη) ansah. Heraklit nimmt das Feuer
-als Substanz aller Dinge an, aber ein ideales Feuer, das zugleich die
-Weltvernunft, der ¨Logos¨, die Weltseele ist. Im bewussten Gegensatz
-zu den Eleaten, insbesondere zu Xenophanes, denn Parmenides ist
-jünger, leugnet er alles Sein, und erfasst die Welt als in beständiger
-Veränderung, in ewigem Wechsel befindlich. »Wir steigen nicht zweimal
-in denselben Strom.« Ein Schein des Beharrens wird nur dadurch erzeugt,
-dass Abfluss und Zufluss des Feuers annähernd gleich ist. Er ist in
-noch höherem Masse und mit voller Klarheit Pantheist als Xenophanes.
-Das Urfeuer oder die Gottheit, ist, in beständiger Umwandlung
-begriffen, in allem, soweit es überhaupt ist. »Dieses Weltganze
-(Kosmos) hat keiner von allen Göttern und keiner von allen Menschen
-geschaffen, sondern es war, ist und wird sein ein ewig lebendiges
-Feuer, das sich entzündet und verlöscht nach bestimmter Ordnung.« Man
-sieht, es ist die ¨Kategorie Bewegung¨, die er, etwa wie seinerzeit
-¨Ad. Trendelenburg¨, als das Bleibende im Wechsel setzt, während die
-Eleaten grade die Bewegung leugneten. Und indem ihm der Widerspruch im
-Begriff des Werdens, das zugleich ein Sein und Nicht-sein ist, nicht
-entging, fasste er eben diesen Widerspruch als »Vater der Dinge«.
-¨Hegel¨ hat in seiner Logik an Heraklit angeknüpft, der Widerspruch,
-überall vorhanden und doch für uns undenkbar, erfordert seine Auflösung
-und Versöhnung als unsere geistige Arbeit. Die späteren Stoiker
-schliessen sich direkt an Heraklit an wie auch ¨Philon¨ von Alexandria
-in seiner Logos-Lehre. Für uns kommt vom Standpunkt der exakten
-Wissenschaft besonders in Betracht, dass sich bei ihm der erste Gedanke
-eines ¨physikalischen Kreisprozesses¨ findet. »In dieselben Ströme und
-aus denselben steigen wir.«
-
-Rein mathematisch ist von Bedeutung die grosse Betonung der
-Veränderlichkeit aller Werte und Grössen; auffallend ist es, dass er,
-der kein Entstehen und Vergehen der Materie, sondern eine beständige
-Bewegung gelehrt hat, das Zeitproblem, wie es scheint, nie gestreift
-hat.
-
-Die Dunkelheit des Heraklit erklärt sich zum Teil daraus, dass er für
-seine tiefe Lehre vom Logos keine termini technici vorfand, welche
-begriffliches Denken mitteilsam machen, immerhin ist er der erste
-Philosoph, welcher das Problem der Erkenntnis als solches empfunden
-hat, »εδιζησαμην εμαυτον« (ich suchte mir mich selbst zu verschaffen).
-
-[Sidenote: Empedokles, Sophisten.]
-
-Ich übergehe ¨Empedokles¨ aus Agrigent, so wichtig er auch für die
-Physiker und Chemiker ist, denn er hat zuerst die 4 Elemente, Feuer,
-Wasser, Luft und Erde, als qualitativ und quantitativ unveränderliche
-Urstoffe aufgestellt, um mich zu den sogen. Atomikern zu wenden zum
-Leukipp und seinem grossen Schüler ¨Demokrit¨. Vorher aber noch
-ein paar Worte über die so übel berüchtigten »¨Sophisten¨«, deren
-Bekämpfung das Leben des Sokrates galt, und zugleich der Tod. Denn
-dadurch, dass er jene mit ihrer eignen Waffe, der Dialektik, bekämpfte,
-hielt ihn das Volk für den Hauptsophisten, und er fiel dem Aufbäumen
-des Volksgeistes gegen die unsittliche Lehre der Sophisten zum Opfer.
-
-Das geistige Haupt der Sophisten ist ¨Protagoras¨ aus Abdera, von
-480-410; von Zeno, Heraklit und Leukipp beeinflusst, war er an sich von
-durchaus ernster, wissenschaftlich nicht unbedeutender Beschaffenheit,
-so schildert ihn auch der gleichnamige Dialog des Platon, ein Kunstwerk
-ersten Ranges.
-
-Indem Protagoras ganz wie ¨Kant¨ empfand, dass wir das Ding an
-sich nicht erkennen, sondern nur unsere Wahrnehmung, kam er zu dem
-Faustischen: »Seh ein, dass wir nichts wissen können,« wenigstens
-nichts von allgemeiner, sondern nur etwas von subjektiver Wahrheit. Und
-indem er ausspricht, dass ¨unsere¨ Wahrnehmung, für ¨uns¨ wahr ist,
-formulierte er den Satz: »¨Der Mensch ist das Mass der Dinge.¨« Von
-diesem Standpunkt aus kamen seine Nachfolger Gorgias, Hippias etc. zu
-einer Verwerfung aller sittlichen Normen und von allen Wissenschaften
-blieb nur die Dialektik übrig oder die Rhetorik, die Kunst, den eignen
-Willen, das eigene Mass, den anderen aufzuzwingen. Zeitlich traf ihre
-Blüte mit dem grossen Aufschwung des öffentlichen Lebens in Hellas
-nach den Perserkriegen zusammen, wodurch eine zweckmässige Vorbildung
-der Staatsmänner nötig wurde. Die Sophisten fanden daher als Lehrer
-der Redekunst gewinnreiche Tätigkeit, Protagoras selbst war ein sehr
-geschätzter Wanderlehrer. So haben die Sophisten, die prinzipiellen
-Gegner des Wissens, dennoch die Wissenschaft der Satzbildung, der
-Grammatik, des Wohlklangs gradezu geschaffen, und was sie für uns
-Mathematiker wichtig macht, sie haben die Lehre vom Beweis mächtig
-gefördert.
-
-Ich komme zu den Atomikern. Vom ¨Leukipp¨ wissen wir so wenig, dass
-¨Epikur¨ meinen konnte, er habe gar nicht existiert. Das Zeugnis des
-¨Aristoteles¨ ist aber unanfechtbar. Leukipp ist wohl der Urheber des
-Grundgedankens, aber in der überragenden Persönlichkeit seines Schülers
-¨Demokrit¨ ist er verschwunden. Zeller fasst beide zusammen als
-Atomiker.
-
-[Sidenote: Demokrit.]
-
-¨Demokrit¨ ist in ¨Abdera¨ etwa um 470 geboren, und ist zwischen 90
-und 100 Jahre alt geworden. An umfassender Bildung nur dem Aristoteles
-vergleichbar, hat er das Wissen, das er auf vielen Reisen, insbesondere
-nach Ägypten und Babylonien, erworben, in einer Reihe von Schriften
-niedergelegt, von denen leider zurzeit nur wenige Bruchstücke,
-meist ethischen Inhalts, erhalten sind. Glücklicherweise hat sich
-¨Aristoteles¨ sehr viel mit Demokrit beschäftigt, während Platon in
-auffallender Weise über ihn schweigt. Platon neigt überhaupt nicht
-zu literarischen Angaben in seinen Dialogen, und wird wohl in seinen
-Vorlesungen sich genügend mit Demokrit beschäftigt haben, auch konnte
-er die Lehre des Demokrit zu seiner Zeit als bekannt voraussetzen.
-Jedenfalls ist beim Charakter Platons irgendwelche böswillige
-Absichtlichkeit zurückzuweisen. Soviel steht fest, je tiefer die
-Quellenforschung ging, um so höher ist die Gestalt des Demokrit
-emporgewachsen, den wir jetzt neben Platon und Aristoteles als den
-dritten grossen Hellenischen Philosophen werten. Trotz des geringen
-Umfangs der erhaltenen Fragmente können wir uns von der Fülle und
-Kühnheit seiner Gedanken ein ziemlich deutliches Bild machen.
-
-Mit den ¨Eleaten¨ hat er die Ewigkeit und Unveränderlichkeit des
-Seienden gemeinsam, die Überzeugung von der Unzerstörbarkeit der
-Materie. Aber ¨Heraklit¨ missverstehend, fassten jene sein »Werden«
-als ein Vergehen und Entstehen der Materie und nicht als einen Wechsel
-der Form im Kreisprozess, und da sie den Unterschied zwischen »Werden«
-und »Veränderung« verfehlten, leugneten sie schlankweg die Bewegung
-und damit die ganze erkenntnistheoretische Physik der Erscheinung,
-welche ja in der reinen Bewegungslehre besteht. Hier setzen Leukipp
-und ¨Demokrit¨ ein, sie müssen den Begriff der Materie umarbeiten, um
-die Bewegung begreiflich zu machen. Das Seiende ist ihnen nicht, wie
-dem ¨Parmenides¨, die kugelförmig gedachte, lückenlose Masse alles
-reell Existierenden, sondern es sind die unteilbaren, αδιαιρητα,
-Atome, ὁι ατομοι, die er hochmodern als der ουσια, dem Wesen nach,
-ganz gleich denkt, nur mathematisch, d. h. in bezug auf Figur, Grösse
-und Zahl verschieden. Leukipp und Demokrit haben den Begriff des Atoms
-geschaffen, diesen Hilfsbegriff, den Physik und Chemie bis auf den
-heutigen Tag und in alle Zukunft nicht entbehren können; ein sehr
-bekannter Chemiker sagte mir: »Was ¨Demokrit¨ über die Atome gesagt,
-bildet die beste Einleitung zu einem modernen Lehrbuch der Chemie.«
-
-Und von ¨Heraklit¨ entnahm er den Gedanken der beständigen Bewegung
-und Veränderung in der Zusammensetzung der Atome zu Molekülen. Die
-Atome bewegen sich ewig und anfangslos, weil das in ihrem Wesen liegt,
-nach einem Grund dieser Bewegung zu fragen, erklärt er für töricht,
-wie etwa die Frage, warum ein Löwe Fleisch frisst. Dass aber die Atome
-sich ¨bewegen können¨, das liegt daran, dass sie voneinander durch den
-¨leeren Raum¨ getrennt werden, und auch dieser für die Mathematik so
-entscheidend wichtige Grenzbegriff des leeren Raumes und der Porosität
-hat bei Demokrit seine Formulierung gefunden, denn »das Leere« (το
-κενόν) der Pythagoräer ist wohl nur ein Synonym für Raum überhaupt,
-obwohl selbstverständlich Keime für Demokritische Gedanken bei den
-Pythagoräern liegen.
-
-Dieser leere Raum, von dem er mit ironischer Anpassung an des
-Parmenides »ἔστι γὰρ εἶναι, μηδὲν δ΄ οὐκ ἔστι« (Es gibt ein Sein, ein
-Nichtsein gibt es nicht) sagt, dass er das Nichts ist, ermöglicht alles
-wirkliche Sein der Aussenwelt. ¨Aristoteles¨, Metaph. I, 4, 985b:
-Λευκιππος δε και ὁ ἑταιρος αυτου Δημοκριτος στοιχεια μεν το πληρες και
-το κενον ειναι φασι, λεγοντες τι μεν ον το δε μη ον, το 'των δε τι μεν
-πληδες και στερεον το ον, το δε κενον γε και μανον το μη ον, αιτια δε
-των οντων ταιτα ως ὑλην. Leukipp und Demokrit, sein Genosse, erklären
-das Volle und das Leere als die Elemente und nennen jenes das Seiende,
-dieses das Nichtseiende, und diese beiden sind die Ursache, der Stoff,
-alles Wahrnehmbaren. Ja mit bewundernswerter Kühnheit der Spekulation
-sagt Demokrit: »το δεν ον μαλλον εστι η το μηδέν.« Das Nichts ist
-ebenso existenzberechtigt als das »Ichts«.
-
-Wie das Atom nichts anderes ist als das ¨Differential, der Ursprung der
-Masse¨, so ist dieses »μηδέν« nichts anderes, als das ¨Differential,
-der Ursprung des Raumes¨. Dass dies keine leere Vermutung ist, dass
-¨Demokrit¨ als der erste erreichbare Urheber der ¨Differentialrechnung¨
-anzusehen ist, dafür haben wir jetzt einen Beweis in dem 1907 von
-¨Heiberg¨ aus dem Palimpsest entzifferten »εφόδιον« (so viel wie
-Methode) des ¨Archimedes¨, welche ¨H. Zeuthen¨ übersetzt hat. Die
-Formel für das Volumen der Pyramide und des Kegels, die nach der Angabe
-des Archimedes von ¨Eudoxos¨ streng d. h. euklidisch bewiesen, die
-habe, steht im Ephodion, ¨Demokrit¨ gefunden aber nicht bewiesen d. h.
-nicht streng, grade so wie Archimedes seine mit Differentialrechnung
-gefundenen Formeln nur für wahrscheinlich aber nicht für streng
-bewiesen erachtet. Das Verfahren des Demokrit kann kein anderes gewesen
-sein als das des ¨Cavalieri¨, das Volumen ist das Integral, die Summe
-der unzählig vielen unendlich kleinen Prismen, deren Grundflächen
-die veränderlichen Querschnitte sind. Man vergleiche dazu die Angabe
-Plutarchs, Diels Fragmente 155 (auch Anmerkung S. 723): »Es machte ihm
-nämlich die Frage Schwierigkeiten, ob, wenn man einen Kegel parallel
-der Basis durchschnitte, die so entstehenden Schnittflächen einander
-gleich seien oder nicht. Schon ¨Aristoteles¨ hat darauf hingewiesen,
-wie stark mathematisch durchtränkt die Lehre des Demokrit gewesen, der
-sich, Plutarch zufolge, rühmte, selbst die Ägyptischen Harpedonapten
-in der Reisskunst zu übertreffen. Bisher schwebte diese Angabe in
-der Luft, jetzt ist sie durch den Palimpsest bestätigt worden. Ich
-mache auch auf den uns erhaltenen Titel der Schrift: περι διαφορης
-γνωμης η περι ψαυσεως κυκλου και σφαιρας und auf seinen Einfluss auf
-¨Archimedes¨ und dadurch auf ¨Galilei¨ aufmerksam. Dass sich Demokrit
-eingehend mit dem Problem der Kontinuität beschäftigt hat geht aus dem
-erhaltenen Titel der verlorenen Schrift: περι αλογων γραμμων και ναστων
-(über irrationale Strecken und das Kontinuum) hervor.
-
-¨Demokrit¨ ist von Grund aus Naturforscher im Gegensatz zu ¨Platon¨,
-dem Dichter und Metaphysiker, er hat zum ersten Male versucht ernsthaft
-eine mechanische Welttheorie durchzuführen. Seine Wirbelbewegung
-treffen wir bei ¨Descartes¨ wieder, wie auch seine Unterscheidung
-der primären Qualitäten (Schwere, Härte, mathematische Gestalt
-etc.), der Eigenschaften der Atome, von den sekundären, wie Farbe,
-Geschmack etc. Die Zahl und die Figur der Atome ist es, welche die
-wesentliche Verschiedenheit der Dinge bewirkt, mit der Trias, Atom,
-leerer Raum, Bewegung haben Leukipp und ¨Demokrit¨ die mathematische
-Naturerkenntnis geschaffen. Das Atom sowohl wie der leere Raum sind
-¨Ideen¨, das Wort rührt von Demokrit her, und an Demokrit knüpft die
-Platonische Ideenlehre an. ¨H. Cohen¨ zählt in seinem vorzüglichen
-Marburger Programm Demokrit mit vollem Recht zu den Idealisten und
-zum recht eigentlichen Vorgänger von Platon. Wie dieser bezeichnet
-er die Sinneswahrnehmung als dunkele, die logische als klare
-Erkenntnis; ¨W. Kinkel¨ sagt, es ist schwer begreiflich wie man ihn
-hat zum Materialisten stempeln können. Ich möchte aber bemerken, dass
-der Idealismus sowohl des Demokrit als der übrigen idealistischen
-Philosophen im Grunde eine Doppelnatur besitzt, eine ¨skeptische¨,
-insofern er die Realität der Sinneswahrnehmung leugnet, und eine
-supranaturalistische, insofern er die Realität des Geistigen lehrt.
-Daher ist es ganz begreiflich, dass von Demokrit eine Schule der
-Materialisten ausgehen konnte, wie von Platon Skeptizismus und
-insbesondere Mystizismus (Plotin, Augustin). Jedenfalls ist die
-»tyche« D.'s nicht der blinde Zufall, sondern das Schicksal als eine
-durchaus vernünftige Gesetzmässigkeit des in Erscheinung tretenden
-(der Phänomena). Nicht bloss auf metaphysischem Gebiet ist Demokrit
-ein Vorläufer des Platon, sondern auch auf ethischem Gebiet, in der
-Auffassung des Menschen als μικρόκοσμος -- das Wort ist demokritisch
--- in der Wertung der Erziehung berührt er sich mit Platon. Ich
-nenne hier ausser Zeller und Kinkel noch ¨P. Natorp¨, Forsch. z.
-Gesch. des Erkenntnisproblems im Altertum; ¨G. Hart¨, Zur Seelen-
-und Erkenntnislehre des Dem., Progr. Mühlhausen (im Elsass) 1886;
-¨P. Natorp¨, Die Ethik des Dem., Marburg 1893.
-
-[Sidenote: Platon.]
-
-¨Platon¨, der Göttliche, wie ihn Schopenhauer bezeichnet, ist im
-Todesjahre des Perikles 429 aus vornehmster Familie geboren, mit ihm
-erreicht die Hellenische Philosophie ihren Höhepunkt. Wie in einem
-Brennpunkt fasst er alle bedeutenden Gedanken seiner Vorgänger, der
-Pythagoräer, der Eleaten, des Heraklit und vor allem des Demokrit
-zusammen, um sie als Bausteine seiner Theorie des Erkennens zu
-verwenden. Es ist das Kennzeichen der Allergrössten, dass sie über
-den Parteien stehen, oder richtiger, wie ¨Lange¨ in der Geschichte
-des Materialismus sagt, dass sie die Gegensätze ihrer Epoche in sich
-zur Versöhnung bringen. Er ist mit ¨Kant¨ der grösste Idealist aller
-Zeiten, und keiner hat auf Kant solchen Einfluss geübt, nicht einmal
-Hume, wie Platon.
-
-Ich verstehe aber unter ¨Idealismus¨ in der Philosophie diejenige
-Weltanschauung, welche die Welt der Dinge nur insofern als seiend
-auffasst, als sie Gegenstand oder Objekt der Erkenntnis eines
-erkennenden Subjektes ist. Sagt doch ¨Platon¨ oft gradezu (z. B. Rep.
-529, Phaed. 833, Tim. 513) das Seiende ist das Unsichtbare, das von
-uns nicht Wahrnehmbare, sondern nur Gedachte, das was das Bewusstsein
-selbst bei sich selbst sieht. Unter ¨Realität¨ der Erscheinung
-versteht man im idealistischen Sinne diejenige Eigenschaft derselben,
-vermöge derer sie zu in Zeit und Raum geordneten Gegenständen der
-Erfahrung werden. Es ist Platons ewiges Verdienst, dass er das Problem
-des Erkennens als das eigentliche Grundproblem der Philosophie in diese
-Wissenschaft eingeführt hat, die er mit der Frage τι εστι επιστήμη, was
-ist Wissen, eigentlich erst als Wissenschaft geschaffen hat.
-
-¨Kant¨ trifft auch darin mit ¨Platon¨ zusammen, dass beide für ihre
-Erkenntnistheorie von der Frage nach dem Erkenntniswert der Mathematik
-ausgingen. Ich nehme hier Gelegenheit den Dank auszusprechen, den
-ich für das Verständnis des Philosophen Platon der trefflichen
-Jugendschrift ¨H. Cohens¨, Plato und die Mathematik, Marburg 1878
-schulde. Platon den Dichter und Gottsucher schildert eine Broschüre
-¨Windelbands¨ in hervorragender Weise.
-
-Viel schuldete er seinem Lehrer ¨Sokrates¨, sowohl in bezug auf das
-Interesse an der Ethik, an den sittlichen Gesetzen und Idealen der
-Menschheit, als besonders hinsichtlich des Bestrebens die einzelnen
-Begriffe scharf zu definieren. Nach dem Tode des Sokrates floh er aus
-Athen, und brachte etwa 10 Jahre auf Reisen zu, überall den Verkehr
-mit den geistigen Grössen suchend. In Cyrene hat er beim Pythagoräer
-¨Theodoros¨, dessen wir schon bei Gelegenheit des Theätet gedacht
-haben, sich das mathematische Wissen der Pythagoräer angeeignet, in
-Unteritalien den grossen ¨Archytas¨ von Tarent kennen gelernt, und in
-Sizilien ebenfalls viel mit Pythagoräern verkehrt; dass er von Sizilien
-aus Ägypten besucht hat, ist sehr wahrscheinlich.
-
-Nach Athen zurückgekehrt, gründete er dort den Freund- und Schülerbund
-der ¨Akademie¨, ein Gymnasium bei Athen, nach dem attischen Heros
-Ακάδημος benannt, wo Platon ein Landgut besass. Ein glücklicher Zufall
-hat uns das Testament des Platon erhalten, es findet sich bei ¨Diogenes
-Laertios¨ und ist von ¨U. v. Wilamowitz¨ und Kiessling Phil. Unters.
-IV. ediert.
-
-Schon 2000 Jahre vor den Amerikanischen Multimillionären hat hier
-ein Privatmann aus seinen Mitteln eine Universität gegründet, die
-Universität Athen, die bedeutendste des Altertums, an der Euklid und
-Cicero studierten, welche etwa 900 Jahre blühte, bis sie Justinian
-529 n. Chr. aufhob, teils um sich ihren Besitz anzueignen, teils weil
-die Professoren auf Seiten der Gemahlin des Kaisers, der ¨Theodora¨,
-standen, und das Heidentum oder richtiger den Neuplatonischen
-Mystizismus unterstützten, während der Kaiser das Christentum oder das
-Gottesgnadentum des Monarchen als Staatsreligion durchführen wollte.
-
-Eine zweite Reise nach Sizilien 367 ist wohl von Dion, dem Freunde
-des Platon und Schwager des Dionys I., der s. Z. Platon seiner
-Freimütigkeit wegen als Sklaven verkaufen liess, veranlasst.
-Platon sollte den jungen Dionysios II. nach den in der »Republik«
-niedergelegten ethischen und politischen Prinzipien erziehen.
-
-Aber wie fast alle Theoretiker der Pädagogik war er kein glücklicher
-Praktiker. Noch einmal 361 unterbrach eine zugunsten des Dion
-unternommene Reise seine im höchsten Grade erfolgreiche akademische
-Lehrtätigkeit, die bis zu seinem 347 im 80. Jahre eingetretenen Tode
-angehalten haben soll.
-
-Was nun Platon als Mathematiker von Fach betrifft, so ist die Legende
-von Platons Leistungen in der speziellen Problemmathematik schon von
-¨C. Blass¨ in seiner Dissertation »de Platone mathematico«, Bonn 1861,
-zerstört worden; als reinen Mathematiker haben ihn seine Zeitgenossen
-¨Archytas¨, ¨Theätet¨ und besonders der grosse ¨Eudoxos¨ von ¨Knidos¨
-sicher weit übertroffen, er ist von der Philosophie zur Mathematik
-gekommen und nicht umgekehrt. Platon hat nicht die Philosophie der
-Mathematik geschaffen, wie M. Cantor sagt, -- das würde weit eher
-auf Demokrit und Eudoxos passen --, aber was eben so wertvoll ist,
-er hat die Bedeutung der Mathematik für die Philosophie erfasst, und
-es bedarf nicht des seit ¨Melanchthon¨ immer wieder zitierten μηδεις
-αγεωμετρητος εισιτω μου την στεγην, »Kein der Mathematik Unkundiger
-betrete meine Schwelle«, aus der zweifelhaften Quelle des ¨Tzetzes¨, um
-uns darüber zu belehren. Platon erkannte, dass die Mathematik für die
-Philosophie dieselbe Bedeutung als Hilfswissenschaft hat, welche der
-Physik für die Mathematik zukommt. Einerseits liefert sie für die Logik
-die einfachsten und schlagendsten Beispiele, wie uns denn Aristoteles
-den Beweis der Pythagoräer für die Irrationalität der Wurzel aus 2 als
-Beispiel eines indirekten Beweises erhalten hat, andrerseits liefert
-sie für die Erkenntnistheorie die Probleme, an deren Lösung sich die
-Philosophie entwickelt hat. Und Platon gab mit der Betonung dieser
-Bedeutung der Mathematik den mächtigen Impuls, der die Blütezeit der
-Hellenischen Mathematik im 3. Jahrhundert herbeiführte. Ganz besonders
-sind die erkenntnistheoretischen Probleme, welche die inkommensurabeln
-Streckenbrüche geben, von Platon und seinen Schülern und Mitarbeitern,
-von ¨Theätet¨ und insbesondere von ¨Eudoxos¨ bearbeitet worden.
-
-[Sidenote: Platon und die Mathematik.]
-
-Und noch in einer zweiten Richtung sind wir Platon den grössten Dank
-schuldig; ohne ihn und die scharfen Worte, mit denen er den gewaltigen
-Wert der Mathematik für die Bildung der Jugend dargelegt hat, würde
-wahrscheinlich die Mathematik ihre Stellung als Hauptfach in unseren
-Gymnasien weder erhalten noch behauptet haben. In seiner Schrift vom
-Staate, der »πολιτεια«, der bedeutsamsten Utopie, die je geschrieben,
-in der er als der Erste den grossen Plan einer idealen staatlichen
-Erziehung der Jugend ¨ins Einzelne¨ durchgeführt, entwirft, sogar
-bis auf die Schulzimmer, vergleicht er die Bedeutung, welche die
-Mathematik in seiner Zeit hat, mit der, welche sie haben sollte. Er
-geht in seiner Wertung der Mathematik als Bildungsmittel von dem
-Fundamentalsatz aus: die Wahrnehmungen zerfallen in zwei Klassen, die
-einen finden eine Ergänzung durch das reine Denken, die andern nicht.
-Politeia 523 heisst es: »Ich zeige dir also, wenn du es (ein)siehst,
-einiges was gar nicht die Vernunft herbeiruft, es wird schon durch die
-Wahrnehmung hinlänglich beurteilt, andres hingegen, was auf alle Weise
-die Wahrnehmung zu untersuchen auffordert. (Ähnlich Timäos § 46.) Und
-diese Untersuchung der Wahrnehmung, welche sie umprägt in Erfahrung
-im Kantischen Sinne, bewirkt in erster Linie die Mathematik. Sie ist
-ihm der »Paraklet«, der Wecker der reinen, vernünftigen, der wahren
-Erkenntnis.
-
-Zunächst die Arithmetik, d. h. nicht die praktische Rechenkunst, die
-Logistik, sondern die wissenschaftliche Zahlenlehre, deren Hauptteil
-die Lehre von der relativen Zahl, von den Verhältnissen, bildet, die
-»θεά«, die innere Schau, der Zahlenverhältnisse. Und dasjenige in der
-Wahrnehmung, was solche Verhältnisse liefert, das ist dadurch, das
-es uns veranlasst, über die Gründe dieser Verhältnisse nachzudenken,
-der Herbeirufer, der Paraklet, der reinen Vernunft. Die Betonung der
-dritten Quelle, aus der unser Zahlbegriff fliesst, der Kategorie oder
-Konstituente des Bewusstseins Relation, bildet ein grosses Verdienst
-Platons um die Begriffsbildung in der Mathematik. Aus zahlreichen
-Stellen (man vgl. auch Theon Smyrneus trad. du Grec en Français p.
-J. Dupuis 1892) geht hervor, dass ihm die Zahl vorzugsweise relative
-Zahl oder Masszahl ist, auf der alle Erweiterungen des Zahlbegriffs
-beruhen, da die Cardinalzahl, die Vieleinheit, und die Ordinalzahl, die
-Reihungszahl, eine Begriffserweiterung nicht zulassen.
-
-Die gleiche Bedeutung wie der Arithmetik erkennt er der ¨Geometrie¨
-zu. Er weiss sehr wohl, dass ihr Ursprung, der Veranlassung nach,
-die Wahrnehmung, d. h. der sinnliche Eindruck ist, und spricht dies
-nicht nur in der Republik, sondern auch im Timäos ganz unumwunden
-aus. Aber, sagt er, der Begriff des Gleichen, die ¨Idee¨ Gleichheit,
-steckt nicht in der Wahrnehmung gleicher Steine, obwohl wir ihn ohne
-diese Wahrnehmung nicht hätten. [Die gleichen Steine dienten als
-Rechenpfennige, daher ψηφιζειν lat. calculare für »rechnen«.] Und er
-warnt nachdrücklich davor, die Wertung der Geometrie von ihrem Nutzen
-für die Praxis abhängig zu machen, sondern sie lehrt und erleichtert
-uns die Erkenntnis »του οντως οντος« des Wahrhaft-Seienden, der Idee,
-ja sie bewirkt, dass die höchste Idee, die Idee des Guten leichter
-geschaut werde.
-
-[Sidenote: Platonische Ideen.]
-
-Da es Platon ist, der zuerst die Bedeutung der Idealisierung für die
-reine Geometrie erkannt hat, wird es nötig auf die so viel umstrittene
-Platonische Ideenlehre näher einzugehen. Sie ist der Grundstein
-seiner Philosophie, und zugleich von Anfang an grade durch seinen
-bedeutendsten Schüler, durch ¨Aristoteles¨ missverstanden, verspottet
-und entwertet worden. Nur aus dem Verständnis der Platonischen Idee
-lässt sich einsehen wie viel Kant für seine transzendentale Ästhetik
-des Raumes aus Platon entnommen hat. Über die Beziehung zwischen Kant
-und Platon verweise ich auf einen kleinen Aufsatz in den Philos.
-Arbeiten, her. von ¨H. Cohen¨ und ¨P. Natorp¨ Bd. 2 Heft 1 1908 »Über
-Mathematik«.
-
-Vom Sokrates nahm er die Betrachtung, dass dem allgemeinen (Gattungs)
-Begriff jeder einzelne Gegenstand, von dem er abstrahiert wird,
-zukommt. Von den Pythagoräern das Interesse für die geistigen
-Prozesse der Mathematik, von den Eleaten den Grundgedanken, dass nur
-dem durch die Vernunft erkannten bleibendes Sein zukommt, von den
-Atomikern die Erkenntnis, dass die Zahl- und Raumbegriffe, grade weil
-sie vom sinnlichen Standpunkt aus Nichts sind, das wirkliche Sein
-repräsentieren und schmolz alles zusammen in seiner Idee. Durch eine
-wahrhaft göttliche Eigenschaft der Vernunft wird dieselbe, und zwar
-am leichtesten durch Vermittlung der Mathematik, angeregt, in den
-einzelnen Erfahrungen, die das Daseiende (τὰ όντα) liefert, das dauernd
-Seiende (το οντως ον), die Urbilder, die Ideen zu erschauen, Hypothesen
-oder Grundlegungen der reinen Vernunft. Von ihnen als dem ewig
-Seienden, obwohl in keiner einzelnen Erscheinung verkörpert, empfängt
-das Daseiende sein Sein, seine Essenz, seine Substanz.
-
-Sind die Ideen wie die des Gleichen, des Schönen, des Wahren, und
-die höchste Idee, welche alle andern trägt, die des Guten erschaut,
-denn Idee, ἰδέα, kommt von ιδείν (schauen), so werden ihnen die
-Erscheinungen untergeordnet, und nun wird im einzelnen die Idee
-geschaut, im breiten Strich die Gerade, im Ball die Kugel etc. Beim
-reifen Menschen geht die Idee der sinnlichen Erscheinung voraus. »Ehe
-wir also anhuben zu sehen und zu hören und die Aussenwelt wahrzunehmen,
-mussten wir in uns, irgend woher genommen, die Erkenntnis des
-Gleichen angetroffen haben, das, worauf wir die aus den Wahrnehmungen
-stammenden Gleichheiten beziehen können« (Phaedon p. 758, Theätet p.
-186 c). Die Platonische Idee nähert sich, wie aus dieser Darstellung
-hervorgeht, der (idealistisch aufgefassten) Kategorie der ¨Substanz¨
-einerseits, und berührt sich andererseits mit dem Begriff der ¨Kraft¨,
-denn z. B. die Idee des Guten ist die Ursache aller Vollkommenheit,
-sie ist gradezu die göttliche schöpferische Vernunft. Die Idee, wie
-z. B. Sophist 248 A beweist, hat Bewegung, Leben, Seele, wie die
-¨Leibniz¨sche Monade, sie wird öfters gradezu ἑνας oder μόνας, Einheit
-genannt.
-
-Die Stellung, welche Platon der Mathematik anweist, erinnert
-unwillkürlich an Kant, auch bei Platon hat die Mathematik eine
-Zwischenstellung zwischen Sinnlichkeit und Logik, auch bei ihm ist
-sie »reine Sinnlichkeit a priori«, die in das Objekt der sinnlichen
-Wahrnehmung, Zahl und Gestalt hineinsieht und als Ewig-Seiendes, die
-»im barbarischen Schlamme der Sinnlichkeit« steckende Seele hinleitet,
-im Abbilde das Urbild das wahrhaft Seiende zu sehen. In der Republ.
-529 D, 520 C, im Timäos 28 heisst es: Das, was ihr Wirklichkeit
-nennt, die bunten Gestalten am Himmel und auf Erden, sind nur die
-Abbilder von den Urbildern in der Erkenntnis und dem Bewusstsein.
-In seiner Lehrtätigkeit, welche der Hauptfaktor seines Einflusses
-auf seine Zeitgenossen war, unterschied er Empfindung; Anschauung;
-Hinzuziehung von Mass und Zahl -- διάνοια; und Hinzuziehung der Idee,
-die transzendentale Erkenntnis, die νόησις.
-
-[Sidenote: Raum bei Platon.]
-
-Platon hat das Kategorische des Raumbegriffes oder besser die Idealität
-des Raumes, die ja schon die »richi« der Inder empfunden haben,
-scharf hervorgehoben, während er Zeit und Bewegung nicht hinlänglich
-geschieden hat. Die bekannteste Stelle findet sich 50-52 des Timäos,
-des schwierigsten Dialogs, welcher beweist, wie völlig Platon im Alter
-unter den Bann pythagoräischer Gedankenkreise geraten war (vgl. den
-zitierten Aufsatz von 1908). Es heisst da: Der Raum ist die aufnehmende
-¨Mutter¨, die Idee, das reine Erzeugnis der Vernunft, der ¨Vater¨ der
-Gegenstände der Wahrnehmung der Natur (50 D). Er bildet die 3. Art
-der Erkenntnis, der ewige unvergängliche Raum (52 B), der uns durch
-nichtsinnliche Wahrnehmung (μεθ' αναισθησιας) durch eine Art von
-unechter Vernunfttätigkeit mühsam klar wird, den wir ¨mit offenen Augen
-träumen¨. Das ist nichts anderes als der ideale Raum Kants, die reine
-Form des äusseren Seins für das erkennende Bewusstsein als solches,
-losgelöst von aller Individualität.
-
-Seit Aristoteles und durch Aristoteles ist die Meinung verbreitet,
-dass Platon Raum und Materie identifiziert hat, und ¨Fr. Ast¨ hat
-dies 1816, Plat. Leben und Schriften Note p. 362 in feiner Weise
-aus dem Gedankengang Platons abzuleiten versucht. Dass ich anderer
-Meinung bin, habe ich schon in dem erwähnten Aufsatz der Marburger
-philosophischen Arbeiten von 1908 gesagt, es handelt sich bei der
-Ableitung der Körperwelt im Timäos im wesentlichen um eine Kombination
-Pythagoräischer und Demokritischer Gedanken. Auf Demokrit weist auch
-die so wichtige Auffassung des Punktes als ¨Streckendifferential¨,
-als »αρχή γραμμής«, Ursprung der Linie. ¨Proklos¨ (Friedlein S. 88)
-sagt, »aber es liegt in ihm verborgen eine unbegrenzte Macht Längen zu
-erzeugen.«
-
-So hoch das Verdienst Platons um die erkenntniskritische Untersuchung
-des Raumbegriffs zu veranschlagen ist, so muss doch auch die Sage
-von Platon als dem Erfinder stereometrischer Sätze als unbegründet
-zurückgewiesen werden. Er hat dies selbst, so drastisch als man es nur
-wünschen kann, getan. In der bekannten Stelle der Republik heisst es:
-»Ausserdem aber legen sie (die Griechen) hinsichtlich der Messung von
-allem was Länge, Breite, Tiefe hat eine bei allen Menschen vorhandene,
-eben so lächerliche als schmähliche Unwissenheit an den Tag.«
-
-Kleinias fragt: Welche und wie beschaffene meinst du?
-
-¨Sokrates-Platon¨: Mein lieber Kleinias, habe ich doch selbst ¨erst
-spät¨ davon gehört, wie es mit uns in dieser Hinsicht bestellt ist,
-nämlich meiner Ansicht nach, nicht wie es sich für Menschen gehört,
-sondern für ¨Schweine¨.
-
-Wie es mit den Griechen in dieser Hinsicht bestellt war, erfahren wir
-aus Thukydides, wo die Griechen den Inhalt einer Insel dem Umfang
-proportional setzen. Platon ist sicher kein Erfinder stereometrischer
-Sätze gewesen, sein Verdienst ist auch hier ein methodisches. Durch
-seinen Umgang mit ¨Archytas¨ und ¨Eudoxos¨ hat er die Bedeutung der
-Stereometrie erkannt, und die ihm zuteil gewordene Anregung auf seine
-Schüler übertragen, die denn auch nicht ermangelten die Stereometrie zu
-fördern.
-
-[Sidenote: Platon als Mathematiker.]
-
-Eben so falsch ist es, dass Platon die sogen. ¨Analysis¨ zur Lösung
-der Konstruktionsaufgaben erfunden habe. Dass Platon die analytische
-Methode gekannt hat, geht unwiderleglich aus ¨Menon¨ S. 87 bei der
-Frage, ob ein gegebenes Dreieck in einen gegebenen Kreis eingetragen
-werden könne, hervor. ¨Proklos¨ p. 58: Sie überlieferten die
-trefflichste Methode, und zwar die, welche durch die Analyse das
-Gesuchte auf ein anerkanntes Prinzip zurückführt, welche auch ¨Platon,
-wie sie sagen¨, dem Laodamas hinterliess, mit der dieser vieles in der
-Geometrie gefunden haben soll, dann aber auch jene, die auf genauer
-Einteilung beruht, welche Platon ebenfalls stark betonte. (Für letztere
-Methode denke man an die Untersuchungen über die Beziehungen zwischen
-Gerade und Gerade, Gerade und Kreis etc.) Bei ¨Diogenes Laertios¨ III,
-25 heisst es:
-
- Πρωτος ὁ Πλατων τον κατα την αναλυσιν της ζητησεως τροπον εισηγησατο
- Λεωδαμαντι τω Θασιω
-
-Aber Pappos, der im Buch VII seiner Kollektaneen, diesem Inventar
-Hellenischen Könnens, sehr ausführlich über die Analysis gehandelt
-hat, erwähnt mit keinem Wort des Platon. Die Sage liebt es eben, alle
-Heldentaten auf das Haupt des Haupthelden zu häufen.
-
-Aber die Sache ist an sich klar, in dem oben erwähnten Überrest der
-Arbeit des ¨Hippokrates¨ ist die analytische Methode angewandt,
-und jede Gleichung ist ein Beispiel derselben, die Verwandlung des
-Rechtecks in ein Quadrat bei den Indern (S. 159) ist ohne Analyse
-unmöglich, und im Grunde verfährt jeder Künstler analytisch. Erst muss
-das Kunstwerk, der Plan des Architekten, im Kopfe fix und fertig sein,
-ehe der erste Pinselstrich, der erste Spatenstich erfolgen kann. Die
-Definition von Analysis findet sich Euklid XIII, 5 und sie rührt, wie
-¨Bretschneider¨, Geometrie und Geometer vor Euklides, bemerkt hat, von
-¨Eudoxos¨ her: Analysis ist die Annahme des Gesuchten als zugestanden
-durch die Folgerung hindurch bis zu einem als wahr Bekannten.
-
-¨Platon¨ hat als ¨Philosoph¨ auf die Bedeutung der analytischen Methode
-für die Konstruktion und als Beweismittel in jeder Wissenschaft
-aufmerksam gemacht und grade an der angeführten Stelle Menon S. 87
-wird die mathematische Anwendung als Beispiel gebraucht, weil sie
-besonders einfach ist und Plato sagt selbst: Ich brauche den Ausdruck
-»Aus der Voraussetzung« so, wie oft die Geometer argumentieren. Ebenso
-apokryph ist die unter Platons Namen gehende Lösung des ¨Problems der
-Würfelverdoppelung¨. In meinem Urteil über Platon den Mathematiker
-schliesse ich mich völlig ¨Blass¨ an, der seine Dissertation de Platone
-Mathematico also beendet: nam si amicus Plato, amicior tamen veritas:
-et is quoque, qui scientiae amorem aliis iniecit, de scientia bene est
-meritus.
-
-
-Die Würfelverdoppelung.
-
-[Sidenote: Würfelverdoppelung (Delisches Problem).]
-
-Dies Problem, das sogen. erste Delische Problem, ist eins der drei
-grossen Probleme: Würfelverdoppelung, Winkel- oder Bogenteilung
-(Kreisteilung), Quadratur des Zirkels, an deren Bewältigung sich die
-Hellenische Mathematik zu ihrer bewundernswerten Höhe entwickelt
-hat. Die beiden ersten Probleme sind von den Pythagoräern und ihren
-Ausläufern, unmittelbar nachdem sie durch die nach Pythagoras genannte
-Satzgruppe die Probleme, welche auf Gleichungen zweiten Grades führen,
-bewältigt hatten, in Angriff genommen worden. Diese Tatsache liefert
-einen klaren Beweis, dass der eigentlich leitende Gesichtspunkt der
-Hellenen der arithmetische war und dass die Griechen schon zu jener
-Zeit klar den Satz des ¨Vieta¨ erkannten, dass mit der Vervielfältigung
-des Würfels und der Trisektion des Winkels die Gleichung dritten (und
-vierten) Grades allgemein gelöst sei.
-
-In drei aufeinanderfolgenden Programmen von Linz hat ¨Ambros Sturm¨
-1895, 96, 97 eine vortreffliche Geschichte »des Delischen Problems«
-geliefert, im Anschluss an ¨Montuclas¨ Quadrature du cercle. Über
-den Ursprung unseres Problems berichtet ein Brief das ¨Eratosthenes¨
-(s. u.), den ¨Eutokios¨, Bischof von Askalon, geb. 480 n. Chr., in
-seinem Kommentar zu Archimedes Kugel und Zylinder überliefert hat.
-
-»¨Eratosthenes¨ wünscht, dass es dem Könige Ptolemaios wohlergehe.
-Es wird erzählt, dass ein alter Tragiker, den Minos eingeführt habe,
-der dem Glaukos ein Grabmal erbauen lassen wollte, und als er dabei
-bemerkte, dass es nach allen drei Dimensionen 100 Fuss mass, soll er
-gesagt haben:
-
- Zu klein hast du des Königs Grab mir angelegt,
- Drum dopple es, doch nicht vergiss der schönen Form,
- Verdopple jede Kante schnell des Grabs.
-
-Er schien aber sich geirrt zu haben, denn durch Verdopplung der Seiten
-wird das ebene Feld vervierfacht, der Raum verachtfacht. Seitens der
-Geometer wurde nun geforscht, wie man einen Körper unter Beibehaltung
-seiner Gestalt verdoppeln könne und man nannte dies Problem die
-Würfelverdopplung (κυβου διπλασιασμός), denn vom Würfel ausgehend
-suchten sie diesen zu verdoppeln. Während aber alle lange Zeit nicht
-aus noch ein wussten, wurde es zuerst dem ¨Hippokrates von Chios¨ klar,
-dass der Würfel verdoppelt werden würde, wenn zwischen zwei Strecken,
-von denen die grössere das Doppelte der kleineren ist, zwei mittlere
-Proportionalen in stetiger Proportion gefunden wären. So verwandelte er
-diese Schwierigkeit in eine andere nicht geringere.
-
-Nach einiger Zeit sollen einige Delier, welche durch einen Orakelspruch
-zur Verdoppelung eines Altars gedrängt wurden, in dieselbe Verlegenheit
-geraten sein. Und sie sollen die Geometer aus der Umgebung des ¨Platon¨
-in der Akademie gebeten haben das Gesuchte zu finden. -- Die letztere
-Version war im ganzen Altertum verbreitet, z. B. ¨Theon von Smyrna¨
-(aus einer andern nicht weiter bekannten Schrift des Eratosthenes
-»Πλατωνικός« (Ambros Sturm), Plutarch an 2 Stellen »De genio Socratis«
-VII; De ει apud. Delphos VI, Joh. Philopömos, (Commentator des
-Aristoteles; Προλεγόμενα της πλάτωνος φιλοσοφίας), Vitruv, Valerius
-Maximus. Wir sehen hier einen der deutlichsten Beweise für ¨den
-Zusammenhang der hellenischen Mathematik mit der indischen¨, nur dass
-die Inder, entsprechend der früheren Entwicklungsstufe die Fläche
-verdoppeln, d. h. sich mit der quadratischen Gleichung begnügen,
-während die Pythagoräer, das kulturelle Problem von den Indern
-aufnehmend, das Volumen verdoppeln, d. h. zur Gleichung 3. Grades
-fortschreiten.
-
-[Sidenote: Archytas.]
-
-Die älteste Lösung zufolge Eutokios Bericht aus Eudemos (nach
-¨P. Tannery¨ aus ¨Sporus¨, der etwa um 300 n. Chr. Eudemos benutzt
-hat) ist die des ¨Archytas¨ aus Tarent, den ¨Horaz¨ in der Ode 28 des
-Buch I erwähnt »te maris et terrae numeroque carentis arenae mensorem
-cohibent, Archyta«, der etwa 430 bis 365 zu setzen ist, wo er durch
-Schiffbruch am Kap Matinum den Tod fand. ¨Platon¨ hatte bei seiner
-ersten Reise nach Sizilien die Bekanntschaft des als Staatsmann,
-Philosoph und Mathematikers gleich ausgezeichneten Pythagoräers
-gemacht, und stand mit ihm in Briefwechsel. Archytas soll seinerseits
-den Platon in Athen wiederbesucht haben. Von den Schriften, die unter
-seinen Namen auf uns gekommen sind, ist fast alles als unecht erwiesen.
-Seine Lösung des Delischen Problems, die bedeutendste von allen, zeigt
-ihn als erstklassigen Mathematiker. Ich gebe den Wortlaut (s. Figur).
-
-[Illustration]
-
-ΑΛ und Γ mögen die beiden gegebenen Strecken darstellen, verlangt
-zwischen ΑΛ und Γ zwei mittlere Proportionalen zu finden. -- Um die
-grössere, nämlich ΑΛ, möge der Kreis ΑΒΛΖ beschrieben werden und ihm
-werde die Γ gleiche [Sehne] ΑΒ eingefügt, und ausgezogen soll diese
-mit der in Λ berührenden [Linie] des Kreises in Η zusammentreffen.
-Neben [παρά d. h. parallel] ΗΛΟ möge ΒΕΖ geführt werden, auch ein
-Halbcylinder ersonnen werden senkrecht auf den Halbkreis ΑΒΛ und ein
-senkrechter Halbkreis auf ΑΛ, welcher in dem Parallelogramm (dem
-Achsenschnitt) des Cylinders liegt.
-
-Wird nun der Halbkreis herumgeführt in der Richtung von Λ nach Β,
-während der Endpunkt Α des Durchmessers fest bleibt, so wird er die
-cylindrische Fläche schneiden und in ihr eine Linie einzeichnen. Und
-wenn wiederum herumgedreht wurde [und zwar] bei beharrender [Linie] ΑΛ
-das Dreieck ΑΒΛ, in dem Halbkreis entgegengesetzter Bewegung, wird es
-für die Strecke ΑΗ eine Kegelfläche erzeugen. Und diese wird bei der
-Drehung die Linie auf dem Cylinder in einem gewissen Punkte treffen,
-und zugleich wird auch [Punkt] Β einen Halbkreis in der Kegelfläche
-beschreiben. An dem Orte des Zusammentreffens der Linien habe nun der
-bewegte Halbkreis eine Lage wie etwa Λ′ΚΑ, das entgegengesetzt gedrehte
-Dreieck die von ΑΗ′Λ, und der Punkt des besagten Zusammentreffens sei
-Κ. Und der von Β beschriebene Halbkreis sei ΒΜΖ und sein Schnitt mit
-ΒΛΖΑ sei die [Sehne] ΒΖ. Und es werde von Κ auf die Ebene des Halbkreis
-ΒΛΑ das Lot gezogen, so wird es auf die Peripherie des Kreises fallen
-wegen des Senkrechtstehens des Cylinders. Es falle also und sei ΚΙ und
-die von Ι an Α geknüpfte Linie treffe ΒΖ in Θ, und ΑΗ′ den Halbkreis
-ΒΜΖ in Μ. Es möge auch ΚΛ′, ΜΙ, ΜΘ gezogen werden. Da nun jeder der
-Halbkreise ΛΚΑ und ΒΜΖ senkrecht steht zur Grundebene, so steht auch
-ihr gemeinsamer Schnitt senkrecht zur Ebene des Kreises, daher steht
-auch ΜΘ senkrecht auf ΒΖ, das heisst das Rechteck aus ΘΑ und ΘΙ ist
-gleich dem Quadrat über ΜΘ. Folglich ist das Dreieck ΑΜΙ jedem der
-Dreiecke ΜΙΘ, ΜΑΘ ähnlich, und ist rechtwinklig. Aber auch das Dreieck
-Λ′ΚΑ ist rechtwinklig; folglich sind die [Linien] ΚΛ′ und ΜΙ parallel,
-und es wird das Verhältnis bestehen wie ΛΑ zu ΚΑ, ebenso ist ΚΑ zu ΑΙ
-und so auch ΙΑ zu ΑΜ wegen der Ähnlichkeit der Dreiecke, also sind die
-4 (Strecken) ΛΑ, ΑΚ, ΑΙ, ΑΜ der Reihe nach in Proportion und ΑΜ ist
-gleich Γ, da sie gleich ΑΒ ist. Zu den beiden gegebenen ΑΛ und Γ sind
-also die beiden mittleren Proportionalen gefunden worden ΑΚ u. ΑΙ.
-
-Analytisch geometrisch ist diese Konstruktion, welche ein glänzendes
-Zeugnis von dem Können des Archytas ablegt, sehr leicht zu
-verifizieren. Wählt man ΑΛ als Abscissenaxe, Α als Anfangspunkt, und
-die Tangente in Α an den Kreis ΑΒΛ als Ordinatenaxe, so ist, wenn Κ {
-x, y, z; ΑΛ = a und Γ = ΑΒ = b gesetzt wird, da Κ auf Zylinder, Kegel
-und Wulst liegt:
-
-1) x^2 + y^2 = ax (Gleichung des Cylinders); 2) x^2 + y^2 + z^2 =
-(a^2/b^2)x^2 (Gleichung des Kegels durch doppelten Ausdruck des Cosinus
-des konstanten Öffnungswinkels) 3) x^2 + y^2 + z^2 = ắ√(x^2 + y^2)
-(Gleichung des Wulstes). Daraus für Punkt Κ: ắ√(ax) = a^2x^2 : b^2 und
-a^3x = a^4x^4 : b^4; x^3 = b^4 : a; x = b∛(b : a), √(x^2 + y^2) = ΑΙ =
-∛(ab^2) und √(x^2 + y^2 + z^2) = ΑΚ = ∛(a^2b), also ΑΛ : ΑΚ = ΑΚ : ΑΙ =
-ΛΙ: ΑΒ.
-
-Dass ¨Archytas¨ seine Konstruktion analytisch d. h. von der gelösten
-Aufgabe aus rückwärts gehend gefunden, unterliegt keinem Zweifel und
-ebensowenig die Ansicht ¨Bretschneiders¨, dass er vom rechtwinkligen
-Dreieck ΑΚΛ′ ausging und ΑΙ auf ΑΚ projizierte.
-
-Die Lösung des Archytas wird bestätigt durch den oben besprochenen
-Brief des Eratosthenes, durch Vitruv und Diogenes Laërtios (200
-n. Chr.). Wir sehen hier wie hoch etwa um 400 die Kenntnisse der
-Pythagoräer stehen; der Potenzsatz (der zweite Hauptsatz vom
-Kreise), die Sätze vom rechtwinkligen Dreieck und ihre Umkehr, die
-Ähnlichkeitslehre, die Anwendung der Bewegung zur Konstruktion,
-allerdings nach dem Vorgang des ¨Hippias¨ von ¨Elis¨ und seiner
-Quadratrix (s. u.)
-
-Der Satz: »Stehen 2 Ebenen auf einer dritten senkrecht, so steht ihre
-Schnittgerade auch auf dieser senkrecht«, die Kenntnis und Benutzung
-der geometrischen Orte; Schnitt eines Cylinders und eines Kegels, und
-damit die erste ¨Raumkurve¨, der Wulst und sein Schnitt, die erste
-von Proklos »¨spirische¨« benannte Linie, und überhaupt so grosse
-stereometrische Kenntnisse, dass es klar wird, dass die Pythagoräer,
-vor allem ¨Archytas¨ die Lehrer des Platon gewesen sind, und ¨nicht¨
-umgekehrt, wie das ja die oben zitierte Stelle der Gesetze bestätigt.
-
-[Sidenote: Eudoxos.]
-
-Die nächste Lösung führt uns auf den grössten Mathematiker und Astronom
-zur Zeit des Platon, auf ¨Eudoxos¨ von ¨Knidos¨, dessen Ruhm durch
-den des Platon lange verdunkelt ist und den die zusammenfassende
-Geschichte der Mathematik bisher zu stiefmütterlich behandelt hat. Die
-Programme von ¨H. Künssberg¨, Dinkelsbühl 1888-90, der Astron., Math.
-und Geograph E. v. Knidos, werden ihm gerecht. ¨Eudoxos¨ auf allen
-drei Gebieten und auch auf dem der Gesetzgebung gleich bedeutend,
-ist etwa um 410 zu Knidos, einer dorischen Stadt in Karien, an der
-Küste von Kleinasien, aus armer Familie hervorgegangen, früh kam er
-in das ebenfalls dorische Tarent und genoss dort in Mathematik und
-Astronomie den Unterricht des grössten Pythagoräers, des ¨Archytas¨.
-Etwa 23 Jahre alt ging er nach kurzem Aufenthalt in Athen, wo er
-Platon gehört haben soll, nach Ägypten, vermutlich als Begleiter eines
-Arztes Chrysippos, mit Empfehlung des Sparterkönigs ¨Agesilaos¨ an
-Nektanebos (Necht-Harebhēt). Die Reise fällt gegen 380, da etwa von
-394-380 Nektanebos den Aufruhr seiner Ägypter bekämpfen musste. Dort
-verkehrte er in Heliopolis mit den Priestern insbesondere mit dem
-Priester Chonuphis und indem er völlig ihre Sitten annahm (ξυρομενος τε
-ιβην και οφρυς, geschoren am Scham und Augenbrauen) bekam er Einblick
-in das riesige astronomische Beobachtungsmaterial und dort schrieb er
-seine Octaëteris etwa um 375, vergl. ¨A. Boeckh¨: Über die vierjährigen
-Sonnenkreise der Alten 1863. Die Octaëteris ist eine 8jährige Periode
-zum Ausgleich des Mond- und Sonnenjahres. 8 · 354 + 3 · 30 = 2922 =
-8 · 365-1/4.
-
-Etwa um 370 in der Akme gründete er in Kyzikos in Mysien (Panorma am
-Marmorameer) eine Hochschule, die rasch zu grosser Blüte gelangte,
-aber schon nach wenigen Jahren trieb ihn sein rastloser Bildungseifer
-in die Weite. Zunächst zog er nach Athen und führte eine grosse Anzahl
-seiner Schüler dem Platon zu, darunter die bedeutendsten Mathematiker
-der Akademie, wie ¨Menaichmos¨, den eigentlichen Entdecker der
-¨Kegelschnitte¨, ¨Dinostratos¨, der den Nutzen der Kurve des Hippias
-von Elis für die Quadratur des Zirkels erkannte und ihr den Namen
-Quadratrix, τετραγωνίζουσα, verschaffte, Athenaios, Helikon etc. Von
-Athen zog er nach Sizilien und studierte dort unter dem italischen
-Lokrer ¨Philistion¨, vermutlich auch ein Pythagoräer, Medizin. Dann
-kehrte er von Knidos zurück, mit grossen Ehren empfangen, und schuf für
-die Stadt neue Gesetze.
-
-Unsere fast einzige Quelle über Eudoxos ist Diogenes Laertios, die
-sich aber auf gute Autoritäten wie Kallimachos, Sotios, Nikomachos,
-Eratosthenes stützt. Sonst haben wir nur eine kurze Notiz in der
-Ethik des Aristoteles 172, b. 15, wonach er Hedoniker etwa im Sinne
-Demokrits war und in dem bekannten Lexikon des Suidas, der zwar die
-drei sehr gelehrten Töchter des Eudoxos mit Namen nennt, aber über ihn
-selbst so gut wie nichts sagt. Doch gibt Aristoteles seinem Charakter
-ein günstiges Zeugnis. Aber über die wissenschaftliche Bedeutung des
-Mannes war das ganze Altertum einig, und ich kann dafür auf ¨Cicero¨
-verweisen, den ich, wie sehr Sie auch sein Cato major, sein Lälius,
-seine Officien gelangweilt haben mögen, als ¨Historiker¨ nicht zu
-unterschätzen bitte. Diogenes Laertios berichtet, dass er in Knidos
-statt »Eudoxos« in »Endoxos« umgetauft wurde, d. h. der Anerkannte
-und Eratosthenes nennt ihn, den Astronomen, Mathematiker, Geographen,
-Philosophen, Mediziner, Staatsmann, der an die »Allmenschen« des
-Cinquecento an Leonardo da Vinci und Michelangelo erinnert, den
-»Göttergleichen« in dem Epigramm: »θεουδεος Ευδοξοιο καμπυλον εν
-γραμμαις ειδος.«
-
-Auch Platon hatte die höchste Achtung vor Eudoxos als Mathematiker, wie
-aus seiner 13. Epistel hervorgeht und aus der Angabe bei Plutarch, dass
-er die Delier an den Eudoxos verwiesen habe. Er starb 53 Jahre alt um
-356.
-
-[Sidenote: Lösung des Delischen Problems von Eudoxos.]
-
-Seine Lösung des Delischen Problems übergeht Eutokios, die kurze
-Andeutung bei Eratosthenes war ihm unverständlich, und die ihm
-vorliegende Lösung fehlerhaft überliefert. Eratosthenes sagt in dem
-zitierten Briefe: »Während nun diese (die Geometer der Akademie)
-sich arbeitsfreudig drangaben und zu zwei gegebenen zwei mittlere
-zu fassen suchten, soll sie Archytas der Tarentiner mittelst des
-Halbcylinders gefunden haben und Eudoxos von Knidos mittelst der
-bogenförmig (καμπύλον) genannten Linien. Das Wort Kampylos bedeutet
-»gekrümmt« insbesondere gekrümmt nach Art des Kriegsbogens der Griechen
-[**symbol], den ¨Homer¨ stets mit diesem epitheton ornans bezeichnet.
-
-Es ist ¨P. Tannery¨ gelungen (Sur les solutions du problème de Delos
-par Archytas et par Eudoxe, Mém. de Bordeaux Ser. 2, T. II Paris
-1878 p. 277), die naturgemäss eng an Archytas anschliessende Lösung
-des Eudoxos wiederherzustellen, dadurch dass er erkannte die Kurve
-müsse ein dem griechischen Kriegsbogen ähnliches Aussehen haben und
-daraufhin, nicht wie V. Flauti, Geom. di sit. Napol. 1842, 3. Aufl.
-die Projektion der Schnittkurve des Wulstes und des Kegels auf die zx
-Ebene, sondern auf den Grundkreis, auf die xy Ebene, untersuchte.
-
-[Illustration]
-
-Eudoxos betrachtete die Schnittkurve des Wulstes und des Kegels, d. h.
-also er sah zunächst davon ab, dass Punkt Ι der Figur[*] auf der
-Peripherie des Grundkreises liegt, immer ist: ΑΘ^2/(ΑΜ^2) = ΑΙ^2/(ΑΚ^2)
-= ΑΙ/ΕΔ oder I: ΑΘ^2 = b^2/aΑΙ.
-
-[*] In der Figur ist Θ durch Q, ξ durch ζ, und Ι durch S ersetzt.
-
-Dadurch ist die Projektion eines Punktes Κ der Schnittkurve und
-damit ihre Projektion auf die xy Ebene, die Ebene des Grundkreises,
-definiert. Sowohl ihre Gleichung wie ihre Konstruktion ist nun ohne
-weiteres klar, sobald man noch nachgewiesen, dass Αξ = ΑΘ, wo Αξ die
-Abscisse x von Ι (und Κ).
-
-Es ist: ΑΘ/ΑΕ = ΑΙ/Αξ oder ΑΘ . x = ΑΕ . ΑΙ = b^2/a . ΑΙ also nach
-Ι x = ΑΘ also die Gleichung der Kurve ΑΙ^2 = x^2 + y^2 = a^2x^4/b^4
-d. h. also eine durch die Substitution ξ = x^2, η = y^2 transformierte
-Parabel, welche Tannery analytisch untersucht hat. Ihre geometrische
-Konstruktion ist äusserst einfach vergl. die Fig. 1 und das richtige Ι
-der Punkt wo diese Kurve den Halbkreis schneidet.
-
-Es ist nach Konstruktion: ΑΘ^1 = Αξ^1 und ΑΙ^1/(Αξ^1) = ΑΘ^1/ΑΕ, oder
-ΑΘ′^2 = ΑΙ′ . ΑΕ und da ΑΒ^2 = a . ΑΕ so ist ΑΘ′^2 = ΑΙ′b^2/a somit Ι′
-ein Punkt des Ortes.
-
-[Sidenote: Mechanische Lösung von Eudoxos (Platon).]
-
-Vom Eudoxos rührt m. E. auch die Konstruktion her, welche Eutokios dem
-Platon zuschreibt. ΑΒ und ΒΓ, s. Fig., seien die gegebenen Strecken;
-man verlängere sie nach Δ und Ε, so dass ΑΕΔ und ΓΔΕ rechte Winkel
-sind, dann ist nach der Satzgruppe des Pythagoras ΓΒ : ΒΔ = ΒΔ : ΒΕ =
-ΒΕ : ΑΒ.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Die Punkte Δ und Ε lassen sich auf mechanischem Wege leicht
-finden mittelst zweier aufeinander verschiebbarer rechten Winkel
-(Winkelhaken); es wurde ein eigenes Hilfsinstrument (siehe Figur)
-angefertigt, durch einen beilförmigen Einschnitt β in die Lineale
-(κανών, Kanon) wurde dafür gesorgt, dass sich ΚΔ nur parallel zu
-ΗΘ bewegen konnte, die nähere Beschreibung siehe man bei A. Sturm
-l. c. p. 50. Die ganze Konstruktion ist so unplatonisch wie möglich,
-wir wissen dass gerade auf Platon die strenge Beschränkung der
-geometrischen Hilfsmittel auf Zirkel und Lineal zurückgeht, dass er die
-sogenannte Neusis, die Einschiebung von Strecken auf mechanischem Wege
-verpönte. Ausserdem berichtet Plutarch ganz ausdrücklich Quaest, conv.
-VIII p. c. 1: Platon ¨tadelte¨ Eudoxos, Archytas und Menaichmos, weil
-sie die Verdoppelung eines Körpers auf instrumentale und mechanische
-Apparate zurückführten. Dagegen passt sowohl die Anwendung des
-Satzes von der Höhe im rechtwinkligen Dreieck, den auch ¨Archytas¨
-anwandte und die Lösung mittelst eines Instrumentes sehr gut auf
-Eudoxos, der als leidenschaftlicher Astronom mit Apparaten durchaus
-vertraut war. Ich schliesse hier gleich den Bericht über ¨Eudoxos¨
-Gesamtleistungen an. Von Eudoxos rührt fast sicher das ganze 5. Buch
-der Elemente des Euklid her, die so diffizile Lehre vom Streckenbuch,
-und zwar wörtlich; man vergl. ¨Proklos¨, ed. Friedlein p. 68 und s. u.
-Euklid. Und ein Scholion der lat. Ausgabe der 6 ersten Bücher Basel
-1550 zum 5. Buch des »Adelos« und im prächtigen Codex des Euklid aus
-der Sammlung Mazarin ist von ¨Knoche¨ als von ¨Proklos¨ herrührend
-erkannt, es heisst da: Einige sagen dass dieses Buch die Erfindung des
-Eudoxos sei, -- und das wird direkt bestätigt durch weitere Scholien
-(¨Knoche¨ 1865) und indirekt dadurch, dass Buch 7 der Elemente die
-Lehre von den Proportionen für ganze Zahlen noch einmal aufnimmt,
-ohne irgend eine Rücksicht auf das 5. Buch. Von Eudoxos rühren die
-fünf ersten Sätze des XIII. Buchs samt der Definition von Analysis
-und Synthesis her, vermutlich auch ein ganzer Teil der weiteren Sätze
-über die 5 Platonischen Körper. Eudoxos, der als grosser Astronom auf
-das genaueste mit der Sphärik vertraut war, ist wohl der eigentliche
-Schöpfer der später von Theodosios bearbeiteten Sphärik.
-
-Für eine Anzahl wichtigster Sätze der Stereometrie haben wir das
-schwerwiegende Zeugnis des ¨Archimedes¨, der in seiner Quadratur der
-Parabel, der ersten grossen Leistung der Integralrechnung, das nach
-ihm benannte jetzt so viel besprochene Prinzip älteren Geometern
-vindiziert, welche damit bewiesen, dass Kreise sich wie die Quadrate,
-Kugeln wie die Kuben ihrer Durchmesser verhalten, ferner dass jede
-Pyramide der dritte Teil des Prisma von gleicher Grundfläche und Höhe,
-jeder Kegel der dritte Teil des Cylinders von gleicher Basis und
-Höhe sei. Alles das haben sie durch Annahme des aufgestellten Lemma
-bewiesen. Hier wurde Eudoxos Name nicht genannt. Aber in der Einleitung
-zum ersten Buch seiner Schrift: περι σφαιρας και κυλινδρου. heisst
-es: »Ebenso verhält es sich mit vielen von ¨Eudoxos¨ über die Körper
-aufgefundenen Sätzen, die Beifall erhalten haben z. B. dass jede
-Pyramide etc., jeder Kegel etc. Denn obgleich diese Sätze über diese
-Gebilde schon früher experimentell bekannt waren, so traf es sich doch,
-obgleich es vor Eudoxos viele erwähnenswerte Geometer gab, dass sie von
-keinem begrifflich erkannt und auch von keinem folgerichtig bewiesen
-wurden.«
-
-Demnach hat Eudoxos auch einen bedeutenden Anteil am XII. Buch der
-Elemente. Im besonderen sind die wertvollen Beweise XII, 2 -- XII, 10
-Eigentum des Eudoxos, und indem sie sich eng an die Definitionen und
-Sätze des 5. Buches anschliessen, geben sie wie ¨L. Ofterdinger¨
-bemerkt hat, zugleich einen Beweis für das Eigentumsrecht des Eudoxos
-auf Buch V. Freilich müssen wir das mathophilosophische Verdienst des
-Eudoxos jetzt nach dem Ephodion erheblich einschränken. Das Prinzip
-der Exhaustionsmethode des Euklid ist im Grunde nichts weiter als das
-unendlich kleine des ¨Demokrit¨, das Eudoxos den Hellenen mundgerecht
-gemacht hatte, welche vor der rücksichtslosen Kühnheit, mit der
-Demokrit seine Differentiale der Masse und des Raumes einführte,
-scheuten. Es ist so ziemlich derselbe Vorgang, welcher sich in der
-Neuzeit abspielte, als die Fluxion, das Moment des ¨Newton¨, das
-»infiniment petit« des Leibniz von Lagrange durch die Ableitung ersetzt
-wurde.
-
-[Sidenote: Das Weltsystem des Eudoxos.]
-
-So gross die Leistungen des Eudoxos auf mathematischem Gebiete waren,
-so bedeutend er als Geograph war durch seine »γης περιοδος«, eine
-umfassende Länder- und Völkerkunde, am grössten steht er doch als
-Astronom da. So leidenschaftlich war seine Liebe zur Sternkunde,
-dass er wie Plutarch erzählt, geäussert hat »Ich wünschte auf die
-Sonne zu kommen um die Gestalt und Grösse des Gestirnes kennen zu
-lernen und wäre es auch um den Preis, wie Phaëton zu verbrennen«.
-An den verschiedensten Punkten des Orbis terrarum hat er die Sterne
-beobachtet, noch ¨Strabo¨ wurde seine Warte bei Heliopolis gezeigt,
-auch eine eigentümliche Sonnenuhr αραχνη (Spinne, wohl von der
-Ähnlichkeit mit dem Netze einer Spinne) hat er konstruiert. Wir
-verdanken die Kunde seines Weltsystems, ¨des ersten¨, das ¨streng
-mathematisch¨ die Bewegungen der Gestirne zu erklären suchte,
-Aristoteles in der Metaphysik und besonders dem so wichtigen
-Commentar des Simplicius zu Aristoteles de coelo, auf den gestützt
-¨I. K. Schaubach¨ in seiner klassischen Geschichte der griech.
-Astron. bis auf Eratosthenes Gött. 1802 und der grosse Chronologe
-¨Chr. L. Ideler¨ 1806 und besonders 1828, 29 Eudoxos als Astronom
-würdigen konnten. Die völlige Aufklärung gab der hervorragende
-italienische Astronom ¨G. V. Schiaparelli¨ in Le sfere omocentriche
-di Eudosso, di Calippo e di Aristotele (Mil. 1875), gelesen bei
-Gelegenheit des 400. Geburtstags des Copernicus zu Mailand 20. Febr.
-1875, deutsch von W. Horn im Supplementband des Schlömilch von 1877.
-Er konnte dabei schon einen von ¨Brunet de Presle¨ aus dem Nachlass
-des bedeutenden Historikers der Mathematik ¨Letronne¨ in den Not.
-et extraits des Manscr. de la bibl. imp. T. 18, p. I Par. 1865
-veröffentlichten Papyrus des Louvre benutzen, der vermutlich ein aus
-190 v. Chr. stammendes Kollegienheft einer alexandrinischen Vorlesung
-über Astronomie ist. Ich folge hier im Wesentlichen Schiaparelli und
-¨Künssberg¨ Th. I 1889.
-
-Das Prinzip von dem Eudoxos ausging, war dasselbe, dem wir ¨Kepler's¨
-harmonice mundi verdanken und das bewusst oder unbewusst jeder annimmt,
-das Prinzip: der Kosmos ist nach einem einzigen allgemeinen Gesetze
-geordnet. Schiaparelli sagt: »den griechischen Astronomen fehlte das
-physikalische Gesetz der allgemeinen Schwere, sie mussten sich daher
-an geometrische Gesetze halten«. Nun aber bot der tägliche Umschwung
-des Fixsternhimmels eine gleichförmige Kreisbewegung dar und ebenso
-schienen die monatlichen und jährlichen Bewegungen des Mondes und der
-Sonne gleichförmig in Kreisbahnen vor sich zu gehen. Die Planeten,
-besonders die oberen, zeigten zwar grosse Unregelmässigkeiten, sie
-beschrieben ja ganz verwickelte Schleifenlinien, aber man entnahm aus
-dem obigen Prinzip das Axiom, es müssten sich alle diese Abweichungen
-aus dem Zusammenwirken von mehreren gleichförmigen Kreisbewegungen
-erklären lassen. Dies Axiom soll nach Gemīnos (Géminus), isagoge
-eis phaenomena Cap. I, von den ¨Pythagoräern¨ herrühren und hat die
-theoretische Astronomie bis Galilei und Newton beherrscht.
-
-¨Schiaparelli¨ sagt: »Eine andere Bedingung, der sich die, welche
-zuerst über den Bau des Universums nachdachten, fügen mussten, war
-diese, für denselben die grösste Einfachheit und Symmetrie anzunehmen.
-Da bildeten im System des Philolaos (s. Pythagoräer) die Bahnen der
-Himmelskörper ein System von Kreisen, die um ein gemeinsames Zentrum
-beschrieben wurden, und dieselbe Regel oder wenigstens eine ähnliche
-ist in den verschiedenen Systemen des Platon beobachtet. [Timaios 11].
-An dieser Grundanschauung hielt auch Eudoxos fest und stellte sich
-vor, dass alle seine Sphären konzentrisch um die Erde gleichmässig
-beschrieben seien, weshalb ihnen später der Name homozentrische
-Sphären beigelegt wurde. Durch diese Anschauung wurde das Problem viel
-schwieriger, weil dadurch diesen Sphären jede fortschreitende Bewegung
-genommen wurde und dem Geometer zur Erklärung ihrer Bewegung nichts
-anderes übrig blieb als die Kombination ihrer Rotationsbewegung, aber
-dem Bau der Welt wurde dadurch eine Eleganz bewahrt, von welcher die
-Konstruktionen des Hipparch [von Rhodos], des Ptolemaios und alle
-andern, selbst des Copernicus weit entfernt blieben und die bis Kepler
-ihresgleichen nicht wiederfand.« --
-
-¨Eudoxos¨ dachte sich ungefähr wie Platon, dass jeder Himmelskörper
-von einer um zwei Pole in gleichförmiger Rotation drehbaren Sphäre
-in kreisförmige Bewegung versetzt würde. Er nahm ausserdem an, dass
-derselbe in einem Punkt des Äquators dieser Sphäre befestigt sei.
-Zur Erklärung der Planetenbewegung genügte diese Hypothese nicht,
-Eudoxos setzte deshalb fest, dass die Pole der den Planeten tragenden
-Sphäre nicht unbeweglich bleiben, sondern von einer grösseren, der
-ersten konzentrischen getragen würden, welche gleichförmig und mit
-einer ihr eigentümlichen Geschwindigkeit um zwei von den vorigen
-verschiedene Pole rotiere. Da auch dies noch nicht genügte, so liess
-er die Pole der zweiten auf einer dritten konzentrischen grösseren
-Kugel fest sein; welche wieder ihre besonderen Pole und ihre besondere
-Geschwindigkeit besass. Und wo drei Sphären nicht ausreichten, nahm
-er noch eine vierte hinzu, welche die drei ersten umschloss und die
-zwei Pole der dritten enthielt, und mit eigener Geschwindigkeit um
-ihre Pole rotierte. Für Sonne und Mond fand er 3 Sphären bei passender
-Wahl der Geschwindigkeiten, der Pole und der Neigungswinkel genügend,
-für die 5 anderen Planeten fand er 4 Sphären nötig. Die bewegende
-Sphäre eines jeden Planeten machte er völlig unabhängig von denen der
-anderen. Für die Fixsterne genügte eine einzige Sphäre um die tägliche
-Bewegung hervorzubringen. Für die Sonne hätte er mit zwei Sphären
-auskommen können, da er die sogen. Anomalie, die ungleiche Dauer der
-Jahreszeiten, d. h. die Ungleichförmigkeit der Geschwindigkeit nicht
-berücksichtigte, aber er glaubte an eine geringfügige Veränderung der
-Sonnenbreite in bezug auf die Ekliptik. Somit hatte er 27 Sphären nötig.
-
-[Illustration]
-
-Hier die Figur, das Abbild eines von Künssberg nach Eudoxos
-konstruierten Planetolabium ist durchaus geeignet das System klar zu
-machen. Kreis I dient dazu die tägliche, Kreis II die Bewegung in der
-Ekliptik, Kreis III die Abweichung von der Ekliptik, Kreis IV die
-Ungleichförmigkeit des Planeten in Bezug auf Geschwindigkeit und
-Richtung zu erklären. Ich hebe hervor, dass Eudoxos den Neigungswinkel
-von etwa 5° der Mondbahn gegen die Ekliptik kannte und damit dem
-¨Babylonischen Saros¨ von 6585-1/8 Tagen und dass auch die Reihenfolge
-der Planeten die ¨Babylonische¨ ist. Ich muss für weiteres auf
-¨Schiaparelli¨ und ¨O. Tannery¨ [Note s. le syst. astron. d'Eudoxe,
-Mém. de Bordeaux, Ser. II T. 1 (1876) und T. 5 (1883)] verweisen,
-welche beide erklären, dass das System nach der Verbesserung durch
-Kallippos ebenso gut die Bewegung von Sonne und Mond darstelle,
-sowie die hauptsächlichen Unregelmässigkeiten der Planetenbahnen wie
-die Epicykeln des Ptolemaios. Nur noch einige Bemerkungen über die
-eigentliche Bahn der Planeten, welche durch die beiden innersten Kugeln
-3 und 4 hervorgebracht wird, die sogen. ¨Hippopede¨ (Pferdefessel)
-des Eudoxos, die erste sphärische Raumkurve, welche Schiaparelli sehr
-richtig als ¨Lemniskate¨ bezeichnet.
-
-Eudoxos hat nur auf die Elementargeometrie gestützt das folgende
-schwierige Problem gelöst: um zwei feste Pole dreht sich eine Kugel
-gleichförmig, um zwei Pole auf dieser dreht sich ebenso eine zweite
-mit derselben aber entgegengesetzt gerichteten Geschwindigkeit,
-welche Bahn beschreibt ein Punkt des Äquators. Die Kurve ist dadurch
-ausgezeichnet, dass ihre Bogenlänge wie die der ebenen Lemniskate
-durch ein elliptisches Integral 2. Gattung dargestellt wird. Die
-elementargeometrische Behandlung der Kurve wäre eine vorzügliche
-Übungsaufgabe.
-
-Die grossen Verdienste des Eudoxos um Geographie und Kalender sind
-neben Schaubach auch von ¨A. Boeckh¨ in der cit. Schrift 1863 voll
-gewürdigt.
-
-[Sidenote: Lösung des Delischen Problems durch Menaichmos.]
-
-Ich verlasse Eudoxos, den grössten Mathematiker seiner Zeit, der
-vermutlich ebenso nüchtern war wie Platon phantastisch war, berichtet
-doch Cicero in De Divinatione, dass er die Astrologie der Babylonier
-für Unsinn hielt und dies, obwohl er unzweifelhaft von Babylonischer
-Astronomie beeinflusst war, wie schon aus seiner Festsetzung des
-Verhältnisses von Sonnen- und Monddurchmesser hervorgeht und wende
-mich zum Delischen Problem zurück. Knüpfte Eudoxos an seinen Lehrer
-Archytas an, so folgte ihm wieder sein Schüler ¨Menaichmos¨, den er
-seinerzeit dem Platon zugeführt hatte. Menaichmos, der um die Mitte
-des 4. Jahrh. lebte, wird von den Alten einstimmig als der Erfinder
-der Kegelschnitte bezeichnet. Eratosthenes nennt sie in dem Briefe,
-die Menächmischen Triaden »man braucht nicht die Men. Triaden aus dem
-Kegel zu schneiden«. ¨Proklos¨ (oder Gemīnos) beziehen sich auf diese
-Stelle (Friedl. p. 111). Und aus des Eutoxios Excerpt aus Eudemos oder
-Geminos sehen wir dass die Delische Aufgabe und der Weg des Archytas
-und Eudoxos den Menaichmos geleitet haben. Es heisst bei Eutokios:
-
-[Illustration]
-
-»So wie Menaichmos: Es seien die gegebenen Geraden (die Alten kannten
-den Ausdruck »Strecke« nicht) Α und Ε, gefordert zwischen Α und Ε zwei
-mittlere Proportionalen zu finden. Es sei geschehen und sie sollen
-Β und Γ sein, uns möge die im Punkte Λ begrenzte Grade (d. h. der
-Strahl) ΛΗ gezeichnet vorliegen [εκκεισθω θεσει.] und bei Λ liege [auf
-ihr] die Γ gleiche Strecke ΛΖ, und senkrecht [dazu] werde ΘΖ gezogen
-(als Strahl) und ΘΖ [als Strecke] (s. Figur) gleich Β gemacht. Da nun
-die drei Geraden Η, Β, Γ, proportional so ist das Rechteck aus Α und
-Γ gleich dem Quadrat über Β.« Es ist also ΑΓ = Β^2 = ΘΖ^2 = Α . ΛΖ,
-folglich liegt Θ auf der Parabel mit dem Scheitel Λ, der Axe ΛΗ und dem
-Parameter A/2. Da auch das Rechteck ΓΒ oder ΛΖ . ΖΘ gegeben ist, weil
-es gleich Α . Ε ist, so liegt Θ auch auf der gleichseitigen Hyperbel
-mit den Asymptoten ΛΚ und ΛΗ, also ist Θ gefunden. Es folgt dann bei
-Eutokios nach dieser Analyse auch die Synthese, ausdrücklich als solche
-bezeichnet, und darauf eine zweite Lösung des Menaichmos; von der ich
-auch nur die Analysis (s. Figur) gebe.
-
-Es seien die auf einander senkrechten Strecken ΑΒ und ΒΓ die gegebenen,
-ΒΛ und ΒΕ die gesuchten, so dass ΓΒ : ΒΛ = ΒΛ : ΒΕ = ΒΕ : ΒΑ. Man ziehe
-die Normalen ΛΖ, ΕΖ, so ist ΓΒ . ΒΕ = ΒΛ^2 = ΕΖ^2, also Ζ auf eine
-Parabel, deren Achse ΒΕ, deren Parameter 1/2 ΓΒ. Da aber auch ΒΑ . ΒΛ =
-ΒΕ^2 = ΛΖ^2 ist, so liegt Ζ auch auf der Parabel, deren Axe ΒΛ, deren
-Parameter 1/2ΑΒ ist.
-
-[Illustration]
-
-Die Darstellung ist jedenfalls von Eutokios oder schon von Geminos
-redigiert, denn die Namen Parabel, Ellipse, Hyperbel sind erst von
-¨Apollonios¨ von ¨Pergae¨ (s. u.) im 3. Jahrh. eingeführt, ebenso wie
-das Wort Asymptote.
-
-[Sidenote: Menaichmos, Kegelschnitte.]
-
-Den Gedankengang des Menaichmos hat Bretschneider, Geom. und Geometer
-vor Euklides 1870 p. 156 ff., wiederhergestellt. Derselbe Eutokios
-erzählt in seinem Kommentar zu des Apollonius Kōnika, dass die Alten
-den Kegel nur erzeugten durch Rotation eines rechtwinkligen Dreiecks um
-eine seiner Katheten. Je nachdem nun der Öffnungswinkel spitz, recht
-oder stumpf war, erhielt Menaichmos Ellipse, Parabel, Hyperbel, wenn
-er den Kegel durch eine Ebene, welche auf einer Seitenkante senkrecht
-stand, durchschnitt. Die Ellipse war übrigens als Cylinderschnitt
-schon den Ägyptern (vergl. die Säulen des Tempels von Luxor) und auch
-den Hellenen vor Menaichmos bekannt, ihr alter Name war ἡ (γραμμή)
-του θυρεού. [vielleicht die Schildförmige Linie, das Oval, obwohl das
-ovale Schild gew. ἀσπίς und nicht θυρεός heisst]. Die Erzeugung des
-Menaichmos gab sofort die Hauptachsen des Kegelschnitts. Men. erkannte
-die ¨Verwandtschaft¨ seiner Kurven mit dem Kreise, da er sah dass
-dieselben ¨Projektionen¨ des Kreises waren, und suchte daher nach
-einem Analogon zum Potenzsatz, im Anschluss an Archytas und Eudoxos,
-und fand es auch. Der ¨Begriff¨ der ¨Verwandtschaft¨ gehört zu denen,
-welche sich den Geometern von selbst aufdrängen, man vergleiche die
-Ähnlichkeitslehre bei Ägyptern und Indern, wenn auch Theorien der
-Verwandtschaften als solcher modernen Ursprungs sind. Als Beispiel
-nehme ich die Parabel, den »Schnitt des rechtwinkligen Kegels« wie sie
-noch bei ¨Archimedes¨ heisst und sogar noch bei Proklos. Es ist ¯LAD¯,
-s. Fig. rechtwinklig bei ¯A¯, der Schnitt ¯MIDKN¯ normal gegen die
-Kante ¯AC¯ geführt, also ¯ID¯ || ¯AB¯. Es ist ¯IG¯/¯LD¯ = ¯DI¯/¯AL¯
-also gleich ¯IG¯ . ¯HI¯ : ¯LD¯^2 = ¯IK¯^2 : ¯DL¯^2 (Potenzsatz des
-Kreises). Ferner wenn ¯LM¯ ⟘ ¯LD¯, ist ¯MD¯ : ¯LD¯ = ¯LD¯ : ¯AL¯,
-¯LD¯^2 = ¯MD¯ . ¯AL¯ oder ¯IK¯^2 : ¯MD¯ . ¯AL¯ = ¯DI¯ : ¯AL¯, also
-¯IK¯^2 = ¯MD¯ . ¯DI¯, dies ist die Grundeigenschaft (Gleichung) der
-¨Parabel¨. Analog ist die Herleitung für Ellipse und Hyperbel.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Parabel; Trisektion (Dinostratos).]
-
-Da die nächste Lösung, die des Eratosthenes selbst ist, so unterbreche
-ich hier die Geschichte des Delischen Problems um mit ¨Dinostratos¨,
-den Bruder des Menaichmos der ebenfalls Schüler des Eudoxos und Platon
-ist, auf die beiden andern grossen Probleme, welche die Pythagoräer
-in die Hellenische Wissenschaft einführten, überzugehen. Zunächst die
-Trisektion, die Dreiteilung des Winkels. Das Problem ist unzweifelhaft
-von den Pythagoräern gestellt worden, und geradezu im Zusammenhange mit
-dem Delischen Problem. Wie die mittlere Proportionale der Natur nach
-zusammenhing mit der Halbierung des Bogens, so glaubte man würden die
-beiden Medianen mit der Dreiteilung zusammenhängen und indem man die
-reinkubische Gleichung lösen wollte, kam man auf die gemischte, es ist
-also kein Zufall, dass dies Problem das zweite Delische genannt wurde.
-Dass die Kenntnisse der Pythagoräer zu der Aufstellung der Gleichung
-ausreichten, ist leicht zu zeigen vergl. Figur. Man muss nur sehen,
-dass ¯ABC¯ ≅ αβγ ist. Es werde bezeichnet: αβ = ¯AB¯ = z, ¯A¯α = 2αγ
-= y, ¯AD¯ = s, ¯AF¯ = σ, ¯MF¯ = p, ¯BC¯ = u = βγ, dann ist 1) s/y =
-(y + z)/z, 2) u^2 + 1/4y^2 = z^2, 3) weil ¯MFB¯ ~ ¯ABC¯, 2up = y(σ - z)
-4) σ^2 + p^2 = r^2.
-
-[Illustration]
-
-Setzt man u = zτ, so ist nach 2) y^2/4 = z^2(1 - τ^2) und nach 3)
-gleich z^2τ^2p^2/(σ - z)^2 also 5) 1 - τ^2 = τ^2p^2/(σ - z)^2 aus 1)
-und 3) folgt 6) s(σ - z)/(2τpz) = 2τp/(σ - z) + 1.
-
-Aus 5) folgt σ - z = τp : μ wo μ = √(1 - τ^2) ist, also z =
-σ - τp : μ, also geht 6) über in 7) s = (2μ + 1)2μ(σ - τp : μ); s =
-(2μ + 1)(μs - 2τp) woraus nach leichter Rechnung 4τ^3 - 3τ + ps : r^2 =
-0 und da ps = ηr, wenn die Höhe des Dreiecks ¨AMD¨ von D aus η genannt
-wird, 8) 4τ^3 - 3τ + η/r = 0.
-
-Das ist die bekannte Gleichung für sin φ/3 da η : r = sin φ ist.
-
-Es gewannen also die beiden Delischen Probleme die Bedeutung der
-Auflösung der kubischen Gleichung, [da sich für y die Gleichung 4.
-Grades y^4 + sy^3 - 3y^2r^2 - 2ysr^2 + s^2r^2 = 0 ergibt, so ist damit
-zugleich die Lösung der Gleichung des 4. Grades angebahnt].
-
-[Sidenote: Hippias von Elis, Dinostratos (Quadratrix).]
-
-Das arithmetische Problem vermochten die Pythagoräer nicht zu lösen,
-und das geometrische nicht mittelst Zirkel und Lineal, d. h. elementar,
-doch scheuten sie sich wie wir bei Archytas gesehen haben, keineswegs
-vor Bewegungsgeometrie und so erfand denn der seiner Zeit ziemlich
-übel berüchtigte Sophist ¨Hippias¨ von ¨Elis¨ im letzten Drittel des
-5. Jahrh. eine mechanische Lösung und damit die erste uns bekannte vom
-Kreise verschiedene nach bestimmten Gesetz erzeugte Kurve, die später
-vermutlich durch oder doch ¨nach¨ Archimedes, nachdem ¨Dinostratos¨
-ihren Gebrauch zur Rektifikation (Streckung) und damit auch zur
-Quadratur des Zirkels gelehrt hatte, den Namen τετραγωνίζουσα lat.
-Quadratrix erhielt. Es sind sogar gegen die Autorschaft des Hippias von
-Elis Bedenken erhoben (Blass, Friedlein) und ¨H. Hankel¨ der genialste
-Historiker der Mathematik hat sich sehr scharf gegen die Autorschaft
-des Hippias von Elis ausgesprochen, aber Gründe hat er nicht angegeben
-und ich muss ¨Cantor¨ beipflichten, der aus der ständigen Gewohnheit
-des Proklos nur bei der ersten Erwähnung die Herkunft anzugeben und
-sie später als schon genannt wegzulassen, mit grösster Energie sich
-für den Hippias von ¨Elis¨ aussprach. Proklos kann nur diesen Hippias
-meinen und wenn auch der Hippias major des Platon vermutlich unecht, so
-genügt doch der Hippias minor um zu beweisen, dass Hippias seinerzeit
-für einen hervorragend tüchtigen Mathematiker galt. Pappos, dem wir
-die Kenntnis der Kurve verdanken, erwähnt den Namen des Hippias nicht.
-Die Kurve und ihre Konstruktion finden sich Buch IV prop. 25 p. 253
-der ¨Hultschen¨ Ausgabe. Während der Radius αβ, vergl. die Fig., sich
-gleichförmig um α bis αδ dreht, verschiebt sich ebenfalls gleichförmig
-βγ bis αδ, unsere Kurve ist der Ort des Schnittpunktes ζ der beiden
-sich bewegenden Strecken. Die Grundeigenschaft ist: βκ/αβ = (Bogen
-βε)/(Bogen βεδ) = Θ/(π/2). Damit ist nicht nur die ¨Trisektion¨ sondern
-sogar die ¨Multisection¨ vollzogen, denn nichts hindert αβ oder irgend
-ein Stück von αβ in beliebig viele gleiche Teile zu teilen. Es folgt:
-(αβ - βκ)/αβ = (π/2 - Θ)/(π/2) oder 1) y . π/2 = [**arc]εδ, daraus
-y_{1} : y_{2} = [**arc]ε_{1}δ : [**arc]ε_{2}δ und als Gleichung der
-Kurve 2) x = y cot yπ/2. Die Proportion 1, kann auch heissen Quadrant/r
-= [**arc]εδ/ζυ. Dinostratos, der mit Demokritischen Gedanken vertraut
-war, bemerkte nun, dass der Bruch rechts auf der Grenze, wenn αε
-unendlich nahe bei αδ ist, weil der Sektor dann in ein Dreieck übergeht
-gleich δε′ : ηη′ = αδ : αη gleich r : x_{0} ist, womit zwar nicht
-die Quadratur aber doch die Rektifikation des Kreises mittelst der
-gezeichnet vorliegenden Kurve vollzogen ist. Der Beweis des Dinostratos
-den Pappos l. c. mitteilt, rechnet selbstverständlich nicht mit dem
-Unendlich kleinen, sondern ersetzt die Differentialrechnung durch
-die Grenzmethode, wie das auch Archimedes selbst noch getan, obwohl
-wir aus dem Ephodion sehen, wie genau er sich der Tragweite der
-Infinitesimalrechnung bewusst war. Man braucht ja nur an des Cavalieri
-»geometria indivisibilium« zu denken, die er umarbeiten musste, weil
-seine Zeitgenossen an dem nackten Unendlich kleinen und grossen, am
-Differential und Integral des Volumens, Anstoss nahmen. ¨Newton¨ der
-Urheber des selbständigen Differentialkalküls hat in den Prinzipien
-und in seinen geometrischen Werken ängstlich die Methode verschleiert
-und noch heute gibt es Mathematiker genug, welche vor dem »infiniment
-petit« scheuen, wie etwa Pferde vor einem Automobil.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Theaítetos und Theudios.]
-
-Sind Menaichmos und Dinostratos die produktivsten Mitglieder des
-Platonischen Kreises, »derer um Platon,« so sind Theaítetos der
-Athener und Theudios der Magnesier, (wohl in Karien) diejenigen,
-welche die methodische Seite der Akademie am energischsten vertreten.
-Von Θεαίτητος, dem schon oft genannten, rührt ein grosser Teil der
-selbst für uns Heutige nicht leichten Sätze des X. Buchs der Elemente
-des Eukleides her, das selbst ein Petrus Ramus, obwohl ein genauer
-Kenner von Proklos' Kommentar zum I. Buch, nicht verstand, und
-Θευδιος ὁ Μαγνης hat das Lehrbuch der Akademie verfasst. Von ihm sagt
-Proklos: Er brachte gute Ordnung in die Elemente und verallgemeinerte
-vieles in den einzelnen Abschnitten (Friedl. p. 67, wenn ὁρικων, was
-Friedlein bezweifelt, richtig ist, so kann es auch vielleicht besser
-als »begrenzt« d. h. »zu eng gefasst« übersetzt werden, »er machte die
-Begrenzungen weiter«).
-
-[Sidenote: Aristoteles.]
-
-Die Elemente des Theudios gehen denen des Euklid unmittelbar voran, und
-auf sie beziehen sich die mathematischen Angaben bei ¨Aristoteles¨.
-
-[Sidenote: Zeit bei Platon.]
-
-Dieser weltumfassendste Geist nicht bloss des Altertums, der
-Wissenschaft und Kunst fast 2000 Jahre lang beherrscht hat und die
-formale Logik sogar bis auf ¨Sigwart¨, d. h. bis zum letzten Drittel
-des 19. Jahrhunderts, hat noch weit mehr als Platon die Mathematik
-nur als Hilfswissenschaft der Philosophie insbesondere für die Lehre
-vom Schluss und von den Beweisen betrachtet, und allenfalls für die
-Astronomie, in der er wie ¨Kant¨ den stärksten Beweis des für sein
-System ganz unentbehrlichen Gottesbegriffes sah. Es steht nicht einmal
-fest, ob Aristoteles auf der vollen Höhe der mathematischen Bildung
-seiner Zeit gestanden hat, von höheren Problemen streift er eigentlich
-nur einmal ganz gelegentlich in de coelo die Quadratur des Zirkels.
-Dass er die Kegelschnitte nicht beachtet hat, versteht sich von selbst,
-da sie ja gerade zu seiner Zeit von seinem Mitschüler ¨Menaichmos¨
-gefunden wurden. Aber um so grösser ist seine Bedeutung für die
-Grundbegriffe der Mathematik. Während ¨J. L. Heiberg¨ (Teubner Abh.
-z. Gesch. der Math. Wiss. Heft 18, 1904) das spez. Mathematische bei
-Aristoteles gesammelt hat, ähnlich wie Theon Smyrneus die Mathematik
-bei Platon, ist ¨A. Görland¨ in seiner Dissertation und besonders
-in dem Werke: Aristoteles und die Mathematik, Marburg 1899 auch der
-begrifflichen Seite gerechter geworden. Aristoteles ist auch der
-erste der Hellenen der sich genauer mit dem Begriff Zeit beschäftigt
-hat. ¨Platon¨, wie er den Aristoteles an schöpferischer Kraft der
-Phantasie weit überragt, übertrifft ihn auch in der Erkenntnis gerade
-der tiefsten Quellen unserer Erkenntnis, aber dass die Zeit auch eine
-Idee sei, wie das Gute, ist dem Idealisten κατ ἐξοχήν entgangen. Die
-Hauptstelle findet sich Timäos 366-370. Gott schuf die Welt als Abbild
-der ewigen Ideen (personifiziert durch die einzelnen Götter), und in
-der Freude über seine Schöpfung beschloss er sie dem Urbilde noch
-ähnlicher zu machen und schuf dazu die Zeit als ¨bewegliches¨, nach
-Zahlenverhältnissen fortschreitendes, ewiges Abbild. Denn Tage und
-Nächte und Monate und Jahre gab es nicht, bevor der Himmel geschaffen,
-sondern damals als dieser zusammengesetzt wurde, bewirkte er zugleich
-auch ihre Entstehung. Alle diese (die Tage etc.) sind Teile der Zeit,
-und das »¨Es war¨« und das »¨Es wird sein¨« sind entstandene Formen
-der Zeit, die wir ¨unvermerkt¨ auf das ewige Wesen übertragen, und
-mit ¨Unrecht¨. Denn wir sprechen von einem »es war, es ist, es wird
-sein« jener aber kommt in Wahrheit nur das »Es ist« zu, das »war«
-und das »wird sein« aber ziemt es sich von der in der Zeit sich
-bewegenden Entstehung auszusagen. Wenn hier auch die transzendentale
-Idealität der Zeit gestreift ist, so sind doch Zeit und Bewegung nicht
-scharf geschieden, und insbesondere scheint die Zeit selbst als Dauer
-aufgefasst zu sein, was schon eine Anwendung der Kategorie Raum auf die
-Zeit einschliesst.
-
-[Sidenote: Aristoteles über Zeit.]
-
-¨Aristoteles¨ hat sich besonders in der Physik mit der Zeit
-beschäftigt, er hat den Zusammenhang der Zeit mit der Zahl erkannt und
-im direkten Gegensatz zu Kant die Zeit auf die Zahl zurückgeführt. Im
-Buch IV der Physik heisst es: die Zeit ¨scheint¨ die Bewegung einer
-Kugel zu sein, weil durch sie die übrigen Bewegungen (Rotationen)
-¨gemessen¨ werden. -- Ganz ähnlich heisst es in der Naturphilosophie
-¨Lorenz Oken's¨, des Vorgängers von Darwin, die Zeit ist gleichsam
-eine fortrollende Kugel, die immer in sich selbst wiederkehrt. -- An
-anderer Stelle nennt er die Zeit die ¨Zahl des Kontinuums¨, und die
-Zahl der Bewegung in bezug auf ¨vorher¨ und ¨nachher¨, Mass der Ruhe
-und Bewegung. Wichtig ist, dass er Phys. 10 auseinandersetzt, dass die
-Zeit nicht aus Momenten bestehe und ganz des Aristoteles würdig ist die
-Stelle Phys. IV Kap. 10: Ob das Jetzt, das Vergangenheit und Zukunft
-trennt, immer ein und dasselbe sei, oder anderes und anderes, das ist
-nicht leicht zu entscheiden.
-
-[Sidenote: Aristoteles (vita).]
-
-¨Aristoteles¨, der ¨Stagirite¨, wie er oft genannt wird, ist 384 in
-Stageira einer Stadt der athenischen Landschaft Chalcidice geboren.
-Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des Königs Amyntas von Macedonien,
-des Vaters Philipps der die entzweiten Hellenen unter das Macedonische
-Joch einte. Im 18. Jahre kam er nach dem Tode beider Eltern als ein
-wohlhabender und wohlerzogener Hellene nach Athen vermutlich um
-Platons willen, dessen Schule er bis zum Tod Platons, zwanzig Jahre
-lang angehörte. Daneben muss der Sohn des Arztes mit dem Fleiss und
-der ungeheuren Arbeitskraft eines grossen Genius geschafft haben um
-sich auf naturwissenschaftlichem und politisch-historischem Gebiete
-das Riesenmaterial von Kenntnissen anzueignen, das in seinen Schriften
-verarbeitet ist. Zwei Strömungen von ganz ungewöhnlicher Stärke sind in
-Aristoteles vereinigt, einerseits ist er der erste grosse ¨Biologe¨,
-der mit gleicher Sorgfalt das grösste wie das kleinste Lebewesen
-beobachtet, er hat es ja selbst ausgesprochen, dass es für den
-Forscher nichts Grosses und nichts Kleines gebe, -- andererseits ein
-Systematiker von extremer Nüchternheit und Klarheit.
-
-Dass der über dreissigjährige Mann in den letzten Jahren seines Lehrers
-dem Platonismus schon mit kritischem Geiste gegenüberstand, ist an sich
-im höchsten Grade wahrscheinlich, auch wenn es nicht durch den Klatsch
-der Schule bezeugt wäre. Insbesondere richtete sich seine Kritik wohl
-damals schon gegen die Ideenlehre. Aristoteles hat hier wohl von
-Anfang an dem Schwunge des Dichters nicht folgen können, vermöge einer
-Schwäche seiner Begabung gerade auf dem Gebiete der Phantasie. Und
-dann muss gesagt werden, dass Platon selbst seine eigene grossartige
-Auffassung der Idee, des reinen ewigen Urbilds, die über den Dingen
-stehend, die Kraft ist, welche die Dinge schafft, mit zunehmendem
-Alter mehr und mehr verdunkelt und abgeschwächt hat, man vergleiche
-die »νόμοι«, die Gesetze, auch den Zusatz, die επινομις. So erklärt es
-sich, dass in der Darstellung des Aristoteles die Ideenlehre in die
-Zahlenmystik der Pythagoräer überging.
-
-Doch war und blieb er Platoniker, wie schon daraus hervorgeht, dass er
-unmittelbar nach dem Tode des Meisters Athen für lange Zeit verliess,
-und zwar in Gemeinschaft mit dem leidenschaftlichsten Verehrer Platons,
-dem ¨Xenokrates¨, der nach dem Tode von Platons Neffen Speusippos
-der Leiter der Akademie war. Aristoteles brachte die nächsten drei
-Jahre bei seinem Bundesbruder Hermias, dem Fürsten von Atarneos und
-Assos zu, und heiratete nach dessen Tode die Schwester oder Nichte
-desselben. Im Jahre 343 (oder 342) übernahm er die Ausbildung des
-damals dreizehnjährigen ¨Alexander¨, und diese Verbindung, obwohl sie
-nur 3 Jahre dauerte, da Alexander schon mit 16 Jahren die Vertretung
-seines Vaters Philipp in Macedonien übernahm, wurde für beide grosse
-Männer von höchster Bedeutung. -- Aristoteles ging zunächst in seine
-Heimatstadt Stageira, er blieb aber bis kurz vor Alexanders Tode, bis
-er durch die Torheit seines Neffen Kallisthenes jenem entfremdet wurde,
-in innigster Verbindung mit dem Könige. Mit königlicher Freigebigkeit
-gewährte Alexander die Mittel, welche er zu seinen Arbeiten brauchte,
-alle fremden Tiere und Pflanzen wurden ihm zugesandt, und die Summen,
-derer er zu seiner grossen Bibliothek bedurfte, verdankte er wohl auch
-zum grossen Teil dem Könige. Aristoteles ist der erste Gelehrte, von
-dem wir wissen, dass er sich eine grosse Büchersammlung angelegt hat,
-und das war damals ein noch weit kostspieligeres Vergnügen als heute,
-um so mehr als er auch dafür sorgte, dass die wichtigsten Werke durch
-Abschriften weiteren Kreisen zugänglich gemacht wurden. Die Sammlung
-hat er seinem bedeutendsten Schüler, dem ¨Theophrast¨ hinterlassen.
-
-Dreizehn Jahre nach dem Tode Platons kehrte er nach Athen zurück, nahm
-den Unterricht in der Rhetorik, den er schon bei Lebzeiten Platons sehr
-erfolgreich geführt hatte, wieder auf, und eröffnete jetzt ebenfalls
-bei einem Gymnasium, dem Lyceum, eine eigene Philosophenschule und
-begründete den dazu gehörigen Freundschaftsbund. In den Parkanlagen des
-Lyceums auf- und abgehend, disputierte er mit seinen Schülern und von
-dieser Gewohnheit erhielten die Jünger den Namen der »Peripatetiker.«
-Übermenschliches hat er in den 12 Jahren seiner Lehrtätigkeit
-geleistet. Abgesehen von einzelnen Dialogen, welche schon zu
-Platons Zeiten veröffentlicht waren, sind fast alle seine grossen
-Lehrschriften, die ja im wesentlichen Vorlesungshefte für seinen und
-seine Schüler Gebrauch waren, hier entweder entstanden oder doch wenn
-nicht konzipiert, so doch redigiert. Aristoteles starb 332 zu Chalcis
-auf Euboea, wo er ein Landgut besass, an einem Magenleiden.
-
-[Sidenote: Aristoteles, Werke.]
-
-Ich erwähne zuerst seine grossartigen naturwissenschaftlichen Werke,
-als Systematiker beginnt er mit der unorganischen Natur. Zunächst die
-¨Physik¨, φυσικη ακροασις, 8 Bücher, zu denen uns der sehr wichtige
-Kommentar des Simplicius erhalten ist. Dies Werk hat bis an das 18.
-Jahrh. heran den Stoff für die Vorlesungen über Physik gegeben. Dann
-die Astronomie, περι ουρανου de coelo, 4 Bücher (dazu Kommentar des
-Simplicius). Er kritisiert die Pythagoräer, den Hiketas, den Aristarch
-von Samos, welche die zentrale Stellung der Erde im Weltsystem
-aufgegeben; und seine Autorität hat bis auf Kopernikus den Weg zum
-Fortschritt versperrt. In de coelo β 13, 293 lesen wir: δειν τη γη του
-μεσου χωραν αποδιδοναι. Man muss der Erde die Stelle des Mittelpunktes
-wiedergeben: denn χώρα Raum steht bei Aristoteles häufig für τόπος
-Ort. Weiter nenne ich die Schrift über Entstehen und Vergehen, περὶ
-γενέσεως καὶ φθορᾶς 2 Bücher, die Meteorologie 4 Bücher, woran sich
-auch ein Werk über Mathematik im engeren Sinne angeschlossen haben
-soll, was aber nicht gerade wahrscheinlich ist. Es schliessen sich dann
-die Werke über die lebenden Wesen an, beschreibende und untersuchende.
-Zunächst die grossartige ¨Zoologie¨, περὶ τα ζῷα ἱστορια. 9 Bücher,
-dann 7 Bücher ¨Anatomie¨, dann die (physiologische) ¨Psychologie¨,
-περὶ ψυχής, Wahrnehmen und Wahrgenommenes, Gedächtnis und Erinnerung,
-Traum und Wachen. -- Ferner über Kurz- und Langlebigkeit, Leben
-und Tod, und damit verbunden, über das Atmen. Über die Teile der
-Tiere, die Erzeugung und den Gang der Tiere (wahrscheinlich unecht).
--- Die 2 Bücher über die Pflanzen sind verloren, weil sie von der
-reichhaltigeren Schrift des ¨Theophrast¨ aufgesaugt und verdrängt
-sind, eine im Altertum häufige Erscheinung. -- An die Zoologie, welche
-mit dem Menschen endet, reihen sich dann folgerichtig die grossen
-Werke über das sittliche Handeln des einzelnen Menschen, und über
-sein Leben im Staate an, Ethik und Politik. Von den drei Ethiken ist
-die grosse sog. ¨Nikomachische Ethik¨ unbezweifelt das echte Werk
-des Aristoteles, während die andere die Eudemische ein Kollegienheft
-des Eudemos ist, und die dritte, die sog. grosse Moral ein Auszug
-aus dem Eudemos ist. Die Ethik handelt von dem höchsten Gut, von der
-Tugend, von der Freundschaft etc. Das höchste Gut sieht sie in der
-reinen Denktätigkeit; die wissenschaftliche Arbeit um ihrer selbst
-willen, diese ist göttlich. Ihr zunächst steht im Werte die Tugend, die
-ethische Tugend ist auf den ¨Willen¨ gerichtet, der lernen muss, um es
-kurz auszudrücken, die richtige Mitte zwischen zwei Lastern zu halten.
-Tief empfunden und wahrhaft beredt ist, was Aristoteles über die
-¨Freundschaft¨ sagt, ohne die ihm zufolge keine Gemeinschaft bestehen
-kann.
-
-Von den ¨staatswissenschaftlichen¨ Werken ist uns die Politik
-erhalten, 8 Bücher, unvollendet, aber wie ¨Zeller¨ sagt, eins von
-den reifsten und bewundernswertesten Erzeugnissen seines Geistes.
-Verloren sind bis auf wenige Bruchstücke, die sog. πολιτείαι, eine
-wahrscheinlich lexikalisch geordnete Sammlung der Verfassung von 158
-Staaten oder Städten, anfangend mit Athen. Vor wenigen Jahren ist
-gerade die Verfassung Athens in der Leichenbinde einer ägyptischen
-Mumie gefunden und von ¨Keibel¨ und ¨Kiessling¨ meisterhaft
-übersetzt worden. Sie zeigt uns was wir verloren haben und ist
-unschätzbar für die Beurteilung des Aristoteles. Während dieser in
-den exakt-wissenschaftlichen und philosophischen Schriften in Sprache
-und Form meist trocken, nüchtern und knapp ist, -- er hat ja die
-philosophische Fachsprache, ich möchte sagen, den Jargon geschaffen,
-der die meisten philosophischen Werke so ungeniessbar macht, --
-begreifen wir hier wie ¨Cicero¨ sagen konnte, Aristoteles habe die
-alten Rhetoren »suavitate et brevitate dicendi,« durch Anmut und
-treffende Kürze der Sprache, weit hinter sich gelassen.
-
-Zugleich aber bekommen wir auch zum ersten Male ein genaues Bild vom
-alten Athen und sind imstande die Anziehungskraft zu begreifen, welche
-Athen auf die Hellenen ausübte. Wir sehen hier eine Verfassung von
-solchem echten Liberalismus und von solcher Humanität, wie sie noch nie
-zum zweiten Male existiert hat. Selbst die Staatssklaven der Athener
-erfreuten sich einer Freiheit, die in vieler Hinsicht grösser war als
-die der heutigen Staatssklaven, der Beamten. Interessant ist auch die
-Rolle, welche die Erbtochter schon damals spielte.
-
-Die Anschauung des Aristoteles über ¨Kunst¨ kann ich hier nur flüchtig
-streifen, erhalten ist nur die ¨Poëtik¨, und auch sie nur als
-Fragment, aber Sie wissen, welchen langdauernden Einfluss die sog.
-drei Einheiten, welche Aristoteles für das Drama forderte, die Einheit
-des Orts, der Zeit und der Handlung, gerade weil die Forderungen
-missverstanden wurden, insbesondere auf das klassische Drama der
-Franzosen gehabt haben.
-
-Nun zu den eigentlichen philosophischen Schriften des Aristoteles.
-Zuerst bereitet er sich den Boden für das Verständnis seiner Gedanken
-dadurch, dass er die Gesetze, denen unser Denken unterworfen ist,
-die Lehre vom Schluss und vom Beweise, die formale Logik, als der
-Erste genau formulierte. Die Logik des Aristoteles zerfällt in 2
-grosse Abteilungen, die ¨Topik¨ und die Analytik, zusammengefasst
-als ¨Organon¨ id est Werkzeug. Ich nenne hier ¨F. Kampe¨, die
-Erkenntnistheorie des Aristoteles Leipz. 1870, ¨R. Eucken¨, die
-Methode der arist. Forschung Berl. 1872. Von neuen Ausgaben seien die
-der Berliner Akademie von 1831-70 in 5 Bänden und die auf 35 Bände
-berechnete der griech. Kommentare hervorgehoben, darunter die ¨Physik
-des Simplicius¨ von ¨H. Diels¨ 1882 und eben desselben Astronomie von
-¨J. L. Heiberg¨ 1894.
-
-Die Grundlagen jeder wissenschaftlichen Arbeit sind im Organon für ewig
-gelegt. Die Logik wird als wissenschaftliche Technik aufgefasst, er
-will keine vollständige Erkenntnistheorie geben, etwa wie ¨H. Cohen¨'s
-Logik der reinen Erkenntnis, sondern zunächst eine Untersuchung über
-die Formen und Gesetze der wissenschaftlichen Beweisführung. Die Topik
-beschäftigt sich mit der Dialektik, der Lehre vom Beweisbaren und
-dem Wahrscheinlichen; von den Analytiken beschäftigt sich die erste
-mit dem Schlusse, die andere mit der Beweisführung gestützt auf den
-Syllogismus. Die Syllogistik hat es mit der Erkenntnis derjenigen
-Denkformen zu tun, denen zufolge mit Hilfe eines Zwischenbegriffs,
-der im einen Urteil Prädikat, im anderen Subjekt ist, entschieden
-werden soll, ob ein Begriff unter einem andern subsumiert werden soll,
-ganz oder teilweise, oder nicht. Aristoteles hat die Urteile nach
-Quantität und Qualität eingeteilt, und zwar nach Quantität: generelle,
-partikuläre, singuläre, (allgemeine, besondere, einzelne) und nach
-Qualität: affirmative und negative (bejahende und verneinende).
-
-Ein Punkt der für Mathematiker besonders wichtig ist muss betont
-werden. Nicht ¨Schopenhauer¨ hat zuerst die Forderung erhoben: der
-wahre Beweis muss nicht nur dass etwas ist, sondern warum es ist,
-aufdecken, sondern ¨Aristoteles¨ hat περι ψυχής II, 2 mit grösster
-Schärfe das nämliche gefordert.
-
-[Sidenote: Aristoteles Philosophie.]
-
-An die Logik, die Wissenschaftslehre, schliesst sich die ¨Metaphysik¨
-an. Aristoteles setzt die Platonische Philosophie voraus, und indem
-er sie umbildet, verbildet und fortbildet, ist er der Vollender der
-Begriffsphilosophie. Die Metaphysik beginnt mit der berühmten Tafel
-der ¨Kategorien¨, der irreduzibeln Stammbegriffe der Vernunft, die
-Grundformen aller Aussagen. Sie sind bei ihm nicht völlig das was ich
-¨Konstituenten¨ des Intellekts nenne, Methoden grosse Gruppen von
-Erkenntnissen zusammenzufassen und zu ordnen.
-
-[Sidenote: Aristoteles über Grösse.]
-
-Er unterscheidet: 1) Substanz (ουσία, Wesenheit) 2) Grösse, Quantität,
-ποσόν., 3) Beschaffenheit, Qualität, ποιόν, 4) Beziehung, Relation,
-πρός τι., 5) Worin, Raum, χώρα., 6) Wann, Zeit, πότε., 7) Lage, θέσις,
-8) Haben, ἕξις, 9) Wirken, ποιεῖν, 10) Leiden, πάσχειν. Lage und
-Haben scheinen nur aufgestellt, um die Zehnzahl der Pythagoräer voll
-zu machen, er lässt sie im Laufe der Untersuchung fallen. Doch wird
-die θέσις die Lage von ihm als Grundeigenschaft des Raumes erkannt.
-Uns interessiert am meisten was er über Grösse sagt. Alles was sich in
-substantielle Teile teilen lässt, ist eine Grösse (dieselbe Definition
-gab ¨Weierstrass¨ im Colleg.). Sind die Teile zusammenhängend, so ist
-die Grösse ¨stetig¨ (συνεχές), die Lehre von der kontinuierlichen
-Grösse geht wie beinahe jede scharfe begriffliche Untersuchung auf
-Aristoteles zurück, der auch die recht eigentlichen mathematischen
-Probleme, die Zusammensetzung und Trennung des Kontinuums erfasst
-hat. Ausführlicher spricht er sich über Kontinuität in der Physik c.
-3, 227 und 10 aus: Es sei etwas stetig, wenn die Grenze eines jeden
-zweier aufeinander folgenden Teile, in der dieselben sich berühren,
-¨ein und dieselbe ist¨, und sie, wie es auch das Wort bedeutet, (συν
-zusammen, έχω halten) zusammengehalten werden. Sind die Teile in einer
-bestimmten ¨Lage¨, so sind die Grössen extensive oder Raumgrössen,
-das ¨Ungeteilte¨ oder die ¨Einheit¨, mit der sie gemessen wird, und
-die ¨Messbarkeit¨, dass sie ein Mass hat, ist das unterscheidende
-Merkmal der Grössen. Auch die für die Ausbildung des Integralbegriffs
-grundlegenden Probleme der Zusammensetzung und Trennung des Kontinuums
-sind von ihm gestellt. Und wenn auch περι ατομων γραμμων vielleicht
-wie Tannery meint, nur ein Schülerheft, so ist doch περι φύσεως
-unbestritten. Das Argument mit dem Aristoteles bewies, dass Raum und
-Zeit nicht aus Punkten bestehen (es hätten sonst z. B. Seite und
-Diagonale des Quadrats gleichviel Punkte und wären gleich) haben die
-Arabischen Aristoteliker, (wie Averroës), gegen die Mutakallimun
-(Logiker) gebraucht.
-
-Für die Qualitäten werden zwei Hauptarten unterschieden, diejenigen,
-welche sich auf einen substantiellen Unterschied und diejenigen, welche
-sich auf Bewegung und Tätigkeit beziehen. Als ein charakteristisches
-Merkmal der Qualität wird der Gegensatz des Ähnlichen und Unähnlichen
-betrachtet; zu bemerken ist hier, dass Kategorien der Anschauung von
-Aristoteles nicht aufgestellt werden, wie z. B. Abstand, Richtung.
-
-Der wichtigste Stammbegriff ist der der Substanz, der der Träger der
-Übrigen ist, und so ist es die Untersuchung über das Seiende als
-Seiendes von der die Philosophie, welche den Zweck hat die Erfahrung
-zur Einheit zusammenzufassen, ausgehen muss. Ich führe hier als den
-wichtigsten Satz an das berühmte: το δ' ειναι ουσια ουδενι., der
-widerspruchsfreie Begriff begründet keine Existenz des Definierten, mit
-dem z. B. der ontologische Beweis des Daseins Gottes und die Grundlage
-¨Spinozas¨ zusammenbricht. Die erste und höchste Philosophie hat die
-Aufgabe die letzten (A. sagt richtiger die ersten) und allgemeinsten
-Gründe der Dinge zu erforschen, sie gewährt das umfassendste Wissen,
-dasjenige, welches am schwersten zu erlangen ist, da die allgemeinsten
-Prinzipien von der sinnlichen Erfahrung am weitesten abliegen, das
-sicherste, weil sie es mit den irreduziblen Begriffen und Axiomen zu
-tun hat, das was am meisten Selbstzweck ist, weil es die Zwecke, denen
-alles dient, feststellt. Sie muss alles Wirkliche schlechthin umfassen,
-denn die letzten (πρώτας) Gründe sind nur die, welche alles Seiende als
-Solches erklären. Andere Wissenschaften, wie Medizin und Mathematik,
-beschränken sich auf ihr Gebiet, das sie nicht weiter definieren, die
-Wissenschaft von den letzten Gründen muss die Gesamtheit der Dinge
-auf ihre ewigen Ursachen und in letzter Instanz auf das Unbewegte und
-Unkörperliche, d. h. auf ¨Gott¨ zurückführen, von dem alle Bewegung
-und Gestaltung des Körperlichen ausgeht. Er nennt diese Wissenschaft,
-die Metaphysik, erste Philosophie auch Theologie. Angesichts des
-Schwungs der Sprache und der Wucht der Gründe mit denen Aristoteles
-den Gottesbegriff stützt, wird es begreiflich, wie die Scholastik, wie
-ein Thomas von Aquino im Gegensatz zu Platon, mehr und mehr sich auf
-Aristoteles stützen musste, der fast zu einem Heiligen der katholischen
-Kirche geworden ist. Verbot doch im Jahr 1624 das französische
-Parlament jeden Angriff gegen seine Autorität bei Todesstrafe.
-
-[Sidenote: Aristoteles und die Ideenlehre.]
-
-Indem er nun näher auf dasjenige eingeht, was allen Seienden als
-solchem zukommt, untersucht er den Satz vom Widerspruch, der ja in der
-Mathematik eine so entscheidende Stelle im indirekten Beweis einnimmt,
-denken Sie nur an die grosse Menge stereometrischer Sätze, welche sich
-auf den Widerspruch gegen das Parallelenaxiom zurückführen lassen. Er
-knüpft an seine Untersuchung den Satz vom »ausgeschlossenen Dritten«
-(aut est, aut non est, tertium non datur). Ich muss für Aristoteles'
-Metaphysik auf Bonitz, Windelband, Zeller etc. verweisen, nur seine
-Gestaltung der Ideenlehre muss ich besprechen, denn in ihr besteht
-ja seine Emanzipation von ¨Platon¨. Aristoteles hat die Idee Platons
-missverstanden, vielleicht weil Platon sich nicht mit Konsequenz dahin
-ausgesprochen, dass seine Idee auf der Ausschaltung des Zufälligen
-beruht. Letzteres ist für uns unbefriedigend und indem wir es auffassen
-als etwas, was sein oder nicht sein kann, verstösst es gegen den Satz
-vom Widerspruch. Die Platonische Idee, als zeitlose Norm aus wenigen
-Erfahrungen vermöge eines Grundtriebs unseres Intellekts geschaffen,
-steht ¨über¨ den Dingen, Aristoteles und vermöge seiner Autorität fast
-alle Nachfolger fassen sie als ¨neben¨ den Dingen, ἑν παρα τα πολλα.,
-als ausserhalb der wirklichen Welt und in keinem Zusammenhange mit
-ihr stehend, wie die ¨praestabilierte Harmonie des Leibniz¨, wo ihre
-Wirkung dann allerdings unerklärlich ist. Aristoteles fasst die Idee
-als ἑν κατα πολλα, als in jedem Dinge, jedes Ding existiert eigentlich
-nur insoweit, als es seine Idee ausdrückt. Man sieht, dass er Platon
-missversteht, um im Grunde auf ihn zurückzugreifen. Aristoteles
-unterscheidet die ὑλη, den Stoff, die Materie, die gestaltlos, nur die
-Möglichkeit, die δύναμις, zum Wirklichen, zur ενεργεια hat, das ihnen
-allein durch die Idee εἶδος, die Form zugeführt wird. Die Idee ist
-zugleich die ¨Zweckursache¨, der gemäss die Wesen sich entwickeln, sie
-ist die Seele jedes einzelnen Dinges.
-
-[Sidenote: Aristoteles, Stoff und Form.]
-
-Man darf den aristotelischen Begriff der Form nicht mit unserm Wort
-verwechseln, ein toter Mensch ist der Idee nach kein Mensch, noch ein
-gefällter Baum ein Baum. Stoff und Form wechseln, Bauholz ist in Bezug
-auf den lebenden Baum Stoff, in Bezug auf den unbehauenen Stamm Form,
-Erz für den Bildhauer Stoff, für den Erzgiesser Form etc. So stellt
-sich die Gesamtheit alles Seienden als eine Stufenleiter dar, deren
-unterste Stufe, die erste Materie oder πρωτη ὑλη, unterschiedslos,
-unbestimmt und formlos, deren oberste eine letzte Idee, der mit gar
-keinen Stoff behaftete absolute göttliche Geist. Der Gottesbegriff des
-Aristoteles hat etwas Überwältigendes. Er hat den ontologischen, den
-kosmologischen, den teleologischen, den moralischen Beweis für das
-Dasein Gottes geschaffen, er beherrscht die katholische Theologie nicht
-nur durch das ganze Mittelalter, sondern noch heute und Metaphysik
-XII finden Sie in einen bei Aristoteles ganz ungewöhnlichen fast
-dichterischem Schwung die Schilderung des Wesens der Gottheit.
-
-In dem Verhältnis des Stoffs zur Form hat nun Aristoteles die beiden
-für sein System und für die ¨Mathematik¨ gleich wichtigen Begriffe
-des Potentiellen und Aktuellen, der δυναμις und ενεργεια (auch
-εντελεχεια Vollendung), Möglichkeit und Wirksamkeit geschaffen, denken
-Sie nur an die potentielle und aktuelle (kinetische) Energie der
-heutigen Mechanik. In der Auffassung der Bewegung als Übergang des
-Potentiell-Seienden zum Aktuell-Seienden hat er die Schwierigkeit die
-der Begriff des Werdens seinen Vorgängern machte überwunden; es ist
-ein und dasselbe Sein, um das es sich handelt, nur auf verschiedener
-Entwicklungsstufe. Potentiell, κατα δυναμιν ist das Samenkorn ein Baum,
-der ausgewachsene Baum ist es aktuell, κατ' ενεργειαν. Potentieller
-Philosoph ist Aristoteles, wenn er schläft, der bessere Feldherr Sieger
-vor der Schlacht, potentiell ist der Raum ins Unendliche teilbar, die
-Zahl ins Unendliche zählbar, potentiell ist Alles, was sich gemäss der
-in ihm liegenden Idee entwickeln kann, wenn möglich zur Vollendung, zur
-Entelechie, zur vollendeten Darstellung seiner Idee.
-
-[Sidenote: Aristoteles, das Unendliche.]
-
-Diese beiden fundamentalen Unterschiede des Seins, das Potentielle
-und das Aktuelle, hat Aristoteles auch im Begriff des Unendlichen
-hervorgehoben; von ihm rührt die bis auf den heutigen Tag, ich nenne
-¨Georg Cantor¨, herrschende Unterscheidung des infinitum potentia
-et actu, des Unendlichen im Werden und des Unendlichen im Sein. Es
-ist unmöglich die Scholastiker oder Cusanus zu verstehen, ohne diese
-Unterscheidung zu kennen. Aristoteles hat zuerst und bis auf ¨Galilei¨
-als der Einzige wissenschaftlich den Begriff Unendlich untersucht. Wohl
-hat Zeno den Integralbegriff gestreift, Demokrit diesen ganz bewusst
-benutzt, aber hier handelt es sich um eine logische Untersuchung,
-denn Unendlichkeitsbetrachtungen sind an sich so alt wie der Mensch.
-Schon in den Veden kommt die Göttin des Unendlichen, ¨Aditi¨, vor
-und Max Müller sagt in seiner ersten Strassburger Vorlesung »alle
-Religion entspringt aus dem Druck, den das Unendliche auf das Endliche
-ausübt«. Ich habe l. c. auf den Ursprung des Unendlichkeitsbegriffs
-aus dem Werkzeug unseres Intellekts: Zeit hingewiesen, bezw, darauf,
-dass wir uns ein Ende unserer Erlebnisse nicht denken können. Wenn
-¨Frege¨ in seinen Grundlagen der Arithmetik von 1884 den Versuch macht
-die Existenz von (n + 1) mittelst des Schlusses von n auf n + 1 zu
-beweisen, so halte ich dagegen die Unendlichkeit der Anzahlenreihe für
-das Prius, das unmittelbar durch den Zusammenhang der Ordinalzahl mit
-der Zeit gegeben ist. Mit jedem neuen Erlebnis ist eben auch eine neue
-Einheitssetzung und damit eine neue Ordinal- und Kardinalzahl gegeben.
-Aristoteles kommt wie ¨Gauss¨ zu dem Schluss, dass das Unendliche im
-Sein, das infinitum actu oder κατ' ενέργειαν, das ἄπειρον, das wovon
-es kein Jenseits gibt, in der Natur nicht existiert, ἡ φυσις φευγει
-το απερον, also als sinnlich wahrnehmbar existiert keine unendliche
-Grösse. Nur in Gott als der unendlichen Kraft, welche die unendliche
-Bewegung der Welt hervorbringt, existiert das infinitum actu. Wohl
-aber gibt er zu, dass es ein infinitum potentia (κατά δύναμιν) gibt.
-Die Raumgrösse ist unbegrenzt teilbar, aber ein unendlich kleines gibt
-es nicht, sondern das ἄπειρον ist nur im Entstehen und Vergehen. Und
-die Zeit und mit ihr die Zahl ist unendlich gross im Werden, aber auch
-hier ist die Zunahme endlich, die grosse Zahl entsteht und vergeht, und
-macht der grösseren Zahl Platz, eine unendlich grosse Zahl existiert
-nicht. Aber dieser grosse Denker streift doch schon die Lösung, er
-sagt in der Physik Cap. 5, 204: »Vielleicht ist die Untersuchung ob
-das Unendliche auch in der Mathematik und in dem Denkbaren und in
-demjenigen was keine Grösse hat, existiere, eine weit allgemeinere.«
-Die Lösung liegt eben darin, dass das mathematisch Unendliche
-überhaupt keine Grösse besitzt. Es genüge hier auf ¨B. Bolzano¨'s
-klassische »Paradoxien des Unendlichen« zu verweisen. Bolzano, auf
-den ¨Weierstrass¨ und ¨G. Cantor¨ ganz unmittelbar fussen, hat den
-Hauptanstoss hinweggeräumt, allerdings wörtlich nach ¨Galilei¨, als
-er hervorhob, dass der Begriff des Ganzen keineswegs durch alle seine
-Teile hindurchzugehen braucht. Ich verweise hier auf einen Vortrag im
-internationalen Kongress zu Rom.
-
-[Sidenote: Raum und Zeit.]
-
-Mit dem was Aristoteles über das ἄπειρον sagt, hängen seine
-Betrachtungen über Raum und Zeit und Bewegung eng zusammen. Der Raum
-kann wohl unbegrenzt verkleinert, aber nicht unbegrenzt vergrössert
-werden, auch gegen den Demokritischen Begriff des leeren Raumes (und
-des Atoms) polemisiert er, dagegen nähert er sich der Auffassung
-¨Kants¨ und noch mehr der von ¨H. Cohen¨ beträchtlich und führt die
-Zeit auf die Bewegung des Jetzt (το νύν) zurück und bemerkt, dass
-sie ohne das erkennende Subjekt nicht existiere. Sehr wichtig ist
-das, was er vom Zeit- und Raumpunkt sagt: das zeitlich und räumlich
-nicht mehr Teilbare ist niemals an und für sich (actu) gegeben,
-sondern nur potentiell in der ¨stetigen¨ Grösse enthalten, und wird
-nur durch ¨Verneinung¨ d. h. durch negative Prädikate (limitierende
-Urteil Cohens) erkannt. Und einigermassen erstaunt war ich, als ich
-die Auffassung der Ruhe als Grenze der sich stetig verlangsamenden
-Bewegung, welche ich mir vor 30 Jahren ohne noch ¨Leibniz¨ zu kennen
-gebildet hatte, dem Wesen nach bei ¨Aristoteles¨ fand, der sagt, dass
-es in einem Zeitpunkt weder Ruhe noch Bewegung gibt, sondern nur einen
-Übergang und der Körper, wenn er von der Bewegung zur Ruhe übergeht,
-noch in Bewegung ist.
-
-¨Aristoteles¨ der heute nach mehr als 2000 Jahren noch lebendig
-fortwirkt, der auf Christentum, Judentum, ja selbst auf den Islam
-auf das tiefste eingewirkt hat, -- ist doch Moses ben Maimon,
-der auf Thomas von Aquino so bedeutenden Einfluss übte, durch
-seine Schule gegangen -- der abstrakteste Denker und zugleich der
-exakteste Beobachter, der grösste Empiriker und zugleich einer der
-grössten Idealisten, hat eigentlich erst die einzelnen Disziplinen
-geschaffen. Bis zu ihm gibt es eine Gesamtwissenschaft τα μαθήματα,
-von ihm ab und durch ihn existieren die einzelnen Disziplinen. Sein
-Schüler Medon schrieb nach seinem Plan die Medizin »Ιατρικα.«, seine
-Physik, Astronomie, Zoologie, Psychologie bilden den Inhalt der
-Universitätsvorlesungen bis in die Neuzeit, Botanik, Meteorologie,
-ja selbst Chemie wie Rhetorik, Poetik etc. werden selbständig, wie
-Mathematik und die Philosophie selbst, der er die besondere Aufgabe
-zuwies, die Erfahrung zur Einheit zusammenzufassen. Und nicht minder
-die Geschichte, das erste Buch seiner Metaphysik ist die erste und
-zugleich mit die beste Geschichte der Philosophie und überall hat
-er Geschichte und ¨Kritik¨ hineingewoben. Von ihm an beginnt eine
-500 Jahre andauernde Periode der Einzelforschung, die erst bei den
-Neuplatonikern zur Zusammenfassung führt.
-
-[Sidenote: Aristoteles: Theophrast, Eudemos.]
-
-Die beiden bedeutendsten Peripatetiker, ¨Theophrast¨, der Freund und
-Schüler des Aristoteles, der die Botanik seiner Zeit kodifiziert hat,
-und ¨Eudemos¨ der Rhodier haben beide eine Geschichte der Mathematik
-geschrieben. Die des Theophrast ist spurlos verschwunden, von der
-des Eudemos sind spärliche Fragmente durch Proklos, Eutokios und
-Simplicius erhalten, sowie eine Notiz aus dem Buch über den Winkel,
-περί γωνίας, bei Proklos. Das wichtigste ist das oft erwähnte
-Mathematikerverzeichnis bei Proklos. Friedl. Prolog II p. 65 ff., das
-aber ¨Tannery¨ zufolge nicht direkt aus Eudemos stammt, sondern aus
-einer Verarbeitung des Eudemos durch ¨Geminos¨ im 1. Jahrh. n. Chr. Es
-endigt unmittelbar vor ¨Euklid¨.
-
-[Sidenote: Euklid, vita.]
-
-Von dem Verfasser der »Elemente«, des Werkes, das unter allen
-mathematischen Werken für die Bildung der Menschheit weitaus das
-wichtigste gewesen ist, kennt man weder Ort noch Zeit der Geburt
-und des Todes, γενέσεως και φθοράς. Seinen Zeitgenossen und der
-nächstfolgenden Generation war Euklid einfach der »στοιχειοτης«,
-der Verfasser der Elemente und bald ging die Kenntnis seiner Person
-verloren. Viele Jahrhunderte ist er mit dem Philosophen Euklid von
-Megara verwechselt worden, der nach dem Tode des Sokrates die Schule
-zusammenhielt, und dieser Irrtum findet sich schon bei Valerius
-Maximus um 30 v. Chr. und ist dort aus einer falschen Auffassung einer
-Stelle bei Geminos (Prokl. p. 60) entstanden. -- Das Wenige, was wir
-von ihm wissen, verdanken wir zumeist ¨Proklos¨, einem Neuplatoniker
-und Nachfolger (Diadochos) des Plato in der Leitung der Akademie,
-d. h. also Rektor der Universität Athen, der um 450 n. Chr. einen
-Kommentar zum Euklid verfasst hat, von dem uns die beiden Prologe und
-der Kommentar des ersten Buchs der Elemente erhalten sind. Die Stelle
-(Friedl. S. 68) lautet: »Nicht viel jünger als diese (Hermotimos, der
-Kolophoner und Philippos, der Schüler Platons) ist Eukleídēs, der die
-Elemente [τα στοιχεία] verfasste, wobei er vieles was vom ¨Eudoxos¨
-herrührte, in zusammenhängende Ordnung brachte, vieles was Theaitet
-begonnen, vollendete und ausserdem so manches was früher ohne rechte
-Strenge bewiesen war, auf unantastbare Beweise zurückführte. Und
-dieser Mann lebte unter Ptolemaios dem ersten, denn ¨Archimedes¨,
-dessen Lebenszeit sich an die des ersten Ptolemaios anschliesst,
-erwähnt des Euklid [in περί σφαίρας και κυλίνδρου, Heib. I, 2, p. 14]
-und zwar erzählt er: Ptolemaios frug einmal den Euklid, ob es nicht
-zur Geometrie einen bequemeren Weg gebe als die Elemente. Jener aber
-antwortete: Zur Geometrie gibt es für Könige keinen Privatweg [ουκ εστι
-βασιλικη ατροπος επι γεωμετριαν]. Er ist also jünger als die [direkten]
-Schüler des Platon und älter als Eratosthenes und Archimedes, denn
-diese waren Zeitgenossen, wie Eratosthenes irgendwo sagt. Aus Grundsatz
-war er Platoniker und in der Platonischen Philosophie zu Hause.«
-
-Danach ergibt sich für Euklid etwa 300 v. Chr. als Zeit seines
-Mannesalters (der ακμή, der Zeit blühendster Körper- und Geisteskraft,
-welche die Hellenen in das vierzigste Jahr verlegten), und dass er
-in Athen an der Akademie gehört hatte und dem engeren Kreise der
-Akademiker angehörte.
-
-Zur Charakterisierung des Euklid haben wir noch eine Stelle bei
-Stobaios. »Ein Mensch, der bei Euklid Unterricht in der Geometrie zu
-nehmen begonnen hatte, frug, nachdem er den ersten Satz der Elemente
-kennen gelernt hatte, was habe ich nun davon, dass ich das weiss?
-Euklid rief seinen Sklaven und sagte: Gib dem Manne drei Obolen, da er
-studiert um Profit zu machen.« Und schliesslich schildert ihn ¨Pappos¨
-in der Vorrede zum 7. Buch der Kollektaneen wie folgt: Erat ingenio
-mitissimus et erga omnes, ut par erat, benignus qui vel tantillum
-mathematicas disciplinas promovere poterant, aliisque nullo modo
-infensus, sed summe accuratus. »Er war von mildester Gesinnung und wie
-es sich geziemt wohlwollend gegen jeden, der und wär's noch so wenig,
-die mathematischen Disziplinen zu fördern vermochte, in keiner Weise
-anderen gehässig, sondern im höchsten Grade rücksichtsvoll.« Sie sehen,
-dass Euklid in der Tradition seines Volkes als hochgesinnter, reiner
-wissenschaftlicher Tätigkeit hingegebener Mann fortlebte.
-
-Gelehrt hat er für reife Leute, ganz in der Weise unserer
-Universitätsprofessoren, an der Universität (Museum) ¨Alexandria¨,
-wie uns l. c. Pappos berichtet. Unter der den Wissenschaften überaus
-ergebenen Diadochen-Dynastie der Ptolemäer entwickelte sich des grossen
-Alexander Stadt zur Zentrale des Hellenischen Geisteslebens. Man nennt
-diese Periode die ¨Hellenistische¨. Es ist lange Zeit Mode gewesen die
-Alexandriner zu verspotten als Pedanten, wegen ihrer grammatischen,
-auf die einzelnen Worte gerichteten Untersuchungen, haben sie doch
-z. B. die Akzente eingeführt. Aber auf dem Gebiete der exakten
-Wissenschaften ist die Hellenistische Periode erstklassig. Euklid grade
-hat den Schwerpunkt von Athen nach Alexandrien verlegt, ¨Archimedes¨,
-¨Apollonios¨, ¨Eratosthenes¨ sind aus der Alexandrinischen Schule
-hervorgegangen. --
-
-[Sidenote: Euklid, Schriften: die Data.]
-
-Die Euklidischen Schriften kennen wir durch die Angaben der Proklos
-p. 68 f. und Pappos l. c. Von den Elementen abgesehen sind im
-griechischen Urtext erhalten a) die Data, δεδομενα, »Gegebenes,« mit
-einer Vorrede des ¨Marinos¨ von Neapolis in Palästina, einem Schüler
-des Proklos. Die Echtheit des Textes wird durch die Inhaltsangabe
-bei Pappos (300 n. Chr.) bestätigt, welche im Wesentlichen mit dem
-Text der Codices übereinstimmt. Die Schrift enthält 95 Sätze (Pappos
-90) welche aussagen, dass wenn gewisse geometrische Gebilde gegeben
-sind, andere dadurch mit bestimmt sind, also eine Art ¨geometrischer
-Funktionentheorie¨. Beispiele: Satz 2: Wenn eine gegebene Grösse zu
-einer zweiten Grösse ein gegebenes Verhältnis hat, so ist die zweite
-ebenfalls gegeben. Satz 33: In einem gegebenen Streifen ist durch die
-¨Winkel¨, welche eine Querstrecke mit den Grenzen bildet, die ¨Länge¨
-der Querstrecke bestimmt. Dem Inhalt nach gehen die »Data« nicht über
-die »Elemente« hinaus, doch war und ist eine solche Zusammenstellung
-praktisch im hohen Grade wertvoll für die Anwendung der seit und durch
-Platon sich immer mehr ausbreitenden analytischen Methode, deren Wesen
-gerade darin besteht, die durch die gegebenen Stücke mit bestimmten
-Punkte, Linien, Figuren aufzusuchen, bis man zu einer konstruierbaren
-Nebenfigur gelangt. Die Data sind daher eine sich eng an die Elemente
-anschliessende Anleitung zum Konstruieren nach der analytischen
-Methode, etwa entsprechend ¨Petersen's¨ bekannten »Methoden und
-Theorien«.
-
-[Sidenote: Astronomie.]
-
-Erhalten ist unter dem Titel »Phaenomena« eine Schrift über Astronomie
-(lectio sphaerica) mit den Anfangsgründen der Sphärik. Die Schrift
-geht bedeutend über die kurz vorhergehende des ¨Autolykos¨ hinaus. Ich
-bemerke beiläufig, das die lectio sphaerica bis in die Neuzeit hinein
-der Schrittmacher für die Geometrie gewesen, die sich im Lehrplan der
-Gymnasien erst aus ihr entwickelt hat. Die Schrift beginnt mit dem
-Satz: »Die Erde liegt in der Mitte der Welt und vertritt in bezug auf
-dieselbe die Stelle des Mittelpunkts« (Aristoteles) und schliesst mit
-dem Satz: »Von zwei gleichen Bogen des Halbkreises zwischen dem Äquator
-und dem Sommerwendekreis durchwandelt der eine, beliebig genommen in
-längerer Zeit die sichtbare Halbkugel als der andere die unsichtbare.«
-Das Wort »¨Horizont¨« stammt aus der Schrift, welche von Pappos im
-6. Buch seiner Kollektaneen erläutert und ergänzt wurde. (¨A. Nokk¨,
-deutsche Übersetzung Prgr. Freiburg i. Brg. 1850). ¨Heiberg¨ hat
-nach einer Bemerkung Nokks bewiesen, dass diese Schrift des Euklid
-einen sehr wesentlichen Bestandteil der für unsere elementare Sphärik
-grundlegenden Schrift des ¨Theodosios von Tripolis¨ (etwa 100 v. Chr.)
-gebildet hat (siehe ¨M. Simon¨, ¨Euklid¨ und die sechs planim. Bücher,
-Leipzig 1901).
-
-[Sidenote: Optik.]
-
-Echt Euklidisch sind auch die »Optica«, deren Text Heiberg restituiert
-hat. Der sonst gebräuchliche Text geht vermutlich auf ein Kollegienheft
-nach ¨Theon¨ von Alexandrien, dem Vater der ¨Hypatia¨, der ersten uns
-bekannten ordentlichen Professorin. Sie ist mutmasslich der Autor
-unserer Quadratwurzelausziehung und bekannt durch ihre Schönheit
-und ihr unglückliches Schicksal. Von dem bestialischen christlichen
-Mönchspöbel Alexandriens zerrissen, wurde sie nach ihrem Tode zu
-Professorenromanen ausgeschlachtet. Die Schrift Euklids gehörte zu der
-Sammlung, welche unter dem Titel »μικρος αστρονουμενος,« der kleine
-Astronom, neben den »Elementen« das Rüstzeug des Astronomen bildete,
-ehe er an das grosse Lehrbuch des Ptolemaios, die μεγαλη συνταξις
-(der Almagest) gehen konnte. Die Schrift gibt die Anfangsgründe der
-Perspektive.
-
-Dagegen ist die andere Schrift über Optik, welche unter Euklids Namen
-ging, die ¨Katoptrik¨ unecht. ¨Heiberg¨ macht es sehr wahrscheinlich,
-dass die von Proklos unter diesem Titel erwähnte Schrift des Euklid
-rasch durch das inhaltreiche Werk des ¨Archimedes¨ über den gleichen
-Gegenstand verdrängt wurde.
-
-[Sidenote: Euklid, Schriften: Musik.]
-
-Noch über einen anderen Zweig der angewandten Mathematik haben
-wir eine Schrift des Euklid, die καταιομη κανονος, die Lehre von
-den musikalischen Intervallen, 20 Sätze, wissenschaftlich auf dem
-Standpunkt der Pythagoräer. Eine zweite musikalische Schrift, die
-Harmonielehre, εισαγωγή ἁρμονική, rührt wie schon ¨Hugo Grotius¨
-1599 erkannte von dem Aristoxenianer Kleonides her. [¨Aristoxenos¨,
-direkter Schüler des Aristoteles als Philosoph, setzte der auf die
-arithmetischen Intervalle gegründete Harmonielehre der Pythagoräer die
-Lehre von den harmonischen Sinneseindrücken entgegen].
-
-[Sidenote: Über Teilung.]
-
-Aus ¨Arabischen Quellen¨ besitzen wir durch ¨Dee¨ 1563 eine Bearbeitung
-und durch ¨Woepcke¨ 1851 eine Übersetzung der von ¨Proklos¨ zweimal
-erwähnten Schrift περὶ διαιρέσεων, über Teilungen, welche wertvolle
-Aufgaben über Flächenteilung enthielt. Dort findet sich die noch
-heute im Schulunterricht stets vorkommende Aufgabe: ein Dreieck durch
-Gerade von gegebener Richtung in Teile zu teilen, welche ein gegebenes
-Verhältnis haben; ferner Teilung von Vierecken, von Kreisen, von
-Figuren die von Kreisbogen und Geraden begrenzt sind. Euklid zeigt sich
-hier als sehr gewandter Konstrukteur, er benutzt ausser den Sätzen der
-Elemente nur solche, welche sich mühelos aus ihnen ergeben.
-
-[Sidenote: Euklid, Verlorene Schriften.]
-
-¨Verloren¨ sind die Schriften, welche sich auf die eigentliche höhere
-Mathese seiner Zeit beziehen. Zunächst die zwei wichtigen Bücher τόποι
-πρὸς ἐπιϕάνειαν, Oberflächen als geometrische Orte, welche Proklos und
-Pappos erwähnen. Der Begriff des geometrischen Ortes wird schon von
-Pappos gerade so wie heute definiert als die Gesamtheit aller Punkte,
-denen ein und dieselbe bestimmte Eigenschaft (Symptoma) zukommt, und je
-nachdem diese Gesamtheit eine Linie oder eine Fläche bildete, heissen
-die Orte Linien- oder Flächenorte. Davon verschieden sind »körperliche
-Orte« (στερεοι), dies sind Linien, welche durch den Schnitt von
-Körpern entstehen, wie die ¨Kegelschnitte¨. Die Schrift des Euklid
-hat nach Pappos vermutlich Ortseigenschaften der Kugel-, Kegel- und
-Zylinderflächen behandelt und scheint in der bedeutenderen Arbeit des
-¨Archimedes¨ über Konoide und Sphäroide aufgegangen zu sein.
-
-[Sidenote: Porismata.]
-
-[Sidenote: Elemente.]
-
-Mehr wissen wir von den 3 Büchern »Porismata«, da Pappos den Inhalt
-so ausführlich angegeben hat, dass ¨Michael Chasles¨ danach eine
-Rekonstruktion versucht hat, nach Vorarbeiten von ¨R. Simson¨, dessen
-Euklidbearbeitung von 1756 noch heute für England massgebend ist.
-Allerdings hat ¨P. Breton de Champ¨ zuerst erkannt, dass die 29
-Sätze in der Vorrede des VII. Buches bei ¨Pappos¨ ein Résumé der 171
-Sätze des Euklid enthalten. Das Wort Porisma selbst bildet noch eine
-Streitfrage. Es hat 2 Bedeutungen, erstens Zusatz, so kommt es vielfach
-in den Handschriften der Elemente vor, zweitens bedeutet es ein
-Mittelding zwischen einem gewöhnlichen Lehrsatz und einem sogenannten
-Ortssatz, d. h. einem Satz der ausspricht, dass eine bestimmte Kurve
-eine bestimmte Eigenschaft hat. Als Beispiel diene der Satz: Der
-Ort der Punkte, deren Abstände von zwei festen Punkten ein festes
-Verhältnis haben ist der Kreis (des ¨Apollonios¨) dessen Durchmesser
-die Strecke zwischen den beiden in diesem Verhältnis zu den gegebenen
-Punkten harmonischen auf der gegebenen Graden ist. Ein Porisma wäre
-demzufolge in der Geometrie etwa das, was man in der Arithmetik
-einen Existenzbeweis nennt, es spräche aus, dass ein bestimmter Ort
-existiert, ohne ihn direkt zu konstruieren. Die Porismata bildeten
-vermutlich für die synthetische oder direkte Konstruktionsmethode
-ein Seitenstück zu den »Data« als Hilfsmittel für die analytische
-Methode. Nach dem Résumé bei Pappos gingen sie weit über die Elemente
-hinaus und mit ¨Chasles¨ und ¨H. Zeuthen¨ müssen wir annehmen, dass
-sie die Grundlagen für die ¨projektive¨ Behandlung der ¨Kegelschnitte¨
-enthalten.
-
-Auch über diese zu seiner Zeit höchste Mathematik hat Euklid
-geschrieben, vier Bücher Konika. Ebenso wie Euklid die Arbeiten seiner
-Vorgänger insbesondere des Theudios für seine Elemente benutzte und
-verdrängte, wurden seine Konika nach dem Zeugnis des Pappos von dem
-grossartigen Werk der 8 Bücher Konika des ¨Apollonios¨ verdrängt, in
-dessen erste 4 Bücher sie vermutlich vollständig Aufnahme gefunden
-haben. Sie werden daher auch schwerlich aus arabischen Quellen je
-wieder zum Vorschein kommen, wenn sie nicht zufällig als Leichenbinde
-einer Mumie gefunden werden.
-
-Verloren ist auch eine Schrift mathophilosophischen Charakters
-ψευδαρια, »Trugschlüsse« genannt und zwar sind absichtliche
-Falschschlüsse gemeint. Proklos nennt die Schrift »καθαρκεικον και
-γυμναστικον«, reinigend und übend durch Anstrengung d. h. die Schrift
-war zur Geistesgymnastik der Schüler bestimmt.
-
-Und nun zu dem Werke das den Namen des Euklid unsterblich gemacht hat,
-zu den Elementen, die »στοιχεία«, wozu ich meine Schrift Euklid etc.
-von 1901 heranzuziehen bitte.
-
-
-Die Elemente des Euklid.
-
-[Sidenote: Die Elemente des Euklid.]
-
-Den 13 Büchern der Elemente des Euklid wurden schon früh zwei Bücher
-angehängt. Das 14. Buch ist eine tüchtige Arbeit des in Alexandrien
-etwa 150 v. Chr. lebenden Mathematikers und Astronomen ¨Hypsiklēs¨,
-über die fünf regulären (platonischen) Körper; das 15. Buch ist
-eine weit schwächere Arbeit und hat nach ¨Tannery¨ und ¨Heiberg¨,
-beides grosse Kenner der hellenischen Mathematik, einen Schüler des
-¨Isidoros¨, des Erbauers der Sophienkirche um 530 n. Chr. zum Verfasser.
-
-Den Zweck der Elemente gibt Proklos S. 72 an: Elemente nennt man
-das, dessen Theorie hinreicht zum Verständnis von allem anderen, und
-mittelst dessen man im Stande ist die Schwierigkeiten, welche das
-andere bietet, aus dem Wege zu räumen. Stoicheion bedeutet eigentlich
-Buchstabe und l. c. sagt Proklos gradezu: die Elemente enthalten
-die Sätze, welche als Bestandteile aller folgenden auftreten, wie
-die Buchstaben im Wort. Die Grundbedeutung von Stoichos ist eine
-militärische es bedeutet das, was wir einen Zug nennen, also auch die
-Grundlage der Formation.
-
-Der Zweck und die Notwendigkeit der Euklid'schen Elemente folgt aus der
-Entwicklung der hellenischen Mathematik. Die Pythagoräer (s. d.) waren
-bei den Problemen zweiten Grades auf die √2, die Savisescha gestossen
-oder gestossen worden und damit auf die Irrationalzahl und die
-Inkommensurabilität. Damit wurden alle früheren Beweise über Teilung,
-Ähnlichkeit, Flächenmessung hinfällig. Das 4. Jahrhundert, ¨Platon¨,
-Theaitet, Eudoxos und die Schüler des Platon und Eudoxos, widmeten
-sich der methodischen Arbeit die neuen Grundlagen festzustellen. Boten
-doch die mathematischen Definitionen Platon vortreffliche Beispiele
-seinem sokratischen Hang zur Definition der Begriffe zu folgen. Von
-¨Eudoxos¨ rührt das ganze fünfte Buch der Elemente, die Lehre von
-den Proportionen in, ich möchte sagen, Weierstrass'scher Strenge,
-her, er ist der eigentliche Schöpfer der Exhaustionsmethode, die
-vermutlich durch ihn schon bei ¨Aristoteles¨ erwähnt ist, und die
-sich später, befruchtet mit dem Demokritischen Differentialbegriff,
-bei Archimedes und Apollonios zur Infinitesimalrechnung auswuchs. Von
-¨Theaitet¨ wissen wir, dass er die Einteilung der Irrationalzahlen oder
-genauer die Lösung von Gleichungen 4. Grades, welche auf quadratische
-Gleichungen reduzierbar sind, jedenfalls begonnen hat. Wahrscheinlich
-von ¨Platon¨ selbst, jedenfalls aus seiner Schule, rühren die Fassungen
-vieler Definitionen und Axiome bei Euklid her, welche Aristoteles (vgl.
-¨Heiberg¨, Teubnersche Abh. z. Gesch. etc. Heft 18, 1904) nach den
-Elementen des Magnesiers Theudios zitiert. Nach einem Jahrhundert waren
-die methodischen Arbeiten zum Abschluss reif und den gab Euklid, bei
-dem das methodische Gefühl bereits in so eminenten Grade ausgebildet
-ist, dass er mit dem Beweise schliesst: ¨Mehr als fünf regelmässige
-Körper kann es nicht geben.¨
-
-Die Aufgabe die er sich setzte auf Grund der notwendigsten
-Voraussetzungen die Geometrie und in geometrischer Einkleidung auch die
-Arithmetik als ein zusammenhängendes Ganzes unantastbar darzustellen,
-hat er in einer Weise gelöst, die alle Vorgänger spurlos verschwinden
-liess und die, niemals übertroffen, die Bewunderung aller Zeiten und
-aller Völker erregt hat.
-
-Daran schliesst sich die Frage, inwieweit Euklid in den Elementen
-Eigenes gegeben. Die Frage ist nur summarisch zu beantworten.
-¨M. Cantor¨ sagt: »Ein grosser Mathematiker wird auch da, wo er
-anderen folgt, seine Eigentümlichkeit nicht verleugnen, und so war
-es sicherlich auch bei Euklid.« Gewiss, denn so ist es ja bei jedem
-Schullehrer, der seine Elemente gedruckt oder ungedruckt traktiert.
-Aber ebenso klar ist es auch, dass ein Werk wie die Elemente die Kräfte
-eines einzelnen übersteigt, und eine ganze Reihe von Vorarbeiten
-erfordert, von Hippokrates, Leōn, der die Fülle der Sätze und Strenge
-der Beweise erhöhte (Proklos 66 unten) bis auf Theudios, der sich auch
-in den anderen Wissenschaften auszeichnete. Die von ¨Heiberg¨ l. c.
-gesammelten Zitate aus seinen Elementen zeigen vielfach wörtliche
-Übereinstimmung. Ebenso sicher ist die Form des Vortrags die zum Teil
-schon von den Ägyptern überkommene gewesen, samt den so berühmten
-Schlussformeln »quod erat demonstrandum«, was zu beweisen war, ὅπερ
-ἔδει δεῖξαι, und quod erat faciendum, was zu machen war, ὅπερ ἔδει
-ποιῆσαι. Euklid gehört wohl vor allem die Auswahl der Definitionen an,
-die Forderungen (Erfahrungstatsachen) sind sein Eigentum, wie Heiberg
-l. c. festgestellt hat, oder wenigstens ihre Trennung von den Axiomen,
-und dann die strenge Durchführung des Prinzips keinen früheren Satz
-mittelst eines späteren zu beweisen, kein Gebilde zu benutzen, dessen
-Existenz nicht vorher durch geforderte oder gegebene Konstruktion
-gesichert ist.
-
-Ferner gehört ihm ein grosser Teil des zehnten Buches, die Vollendung
-der Einteilung der Irrationalitäten durch Theaetet. Dem Euklid
-gehört der elementare Beweis (ohne Integralrechnung) des Satzes,
-dass die Pyramide gleich dem dritten Teil des Prisma ist, dass mit
-ihr gleiche Grundfläche und Höhe hat; sodann viele Sätze des 13.
-Buches über die Bestimmung von Stücken der regulären Körper und mit
-grösster Wahrscheinlichkeit der schon erwähnte Schlusssatz. Etwa 420
-war das Dodekaëder den Hellenen bekannt geworden, wenig früher war
-überhaupt erst das logische Element in der Geometrie, die Forderung
-nach dem Beweise, zur Geltung gekommen. Die Ausbildung des logischen
-Sinnes bis zum Bedürfnis eines solchen Existenzbeweises erforderte
-sicher ein Jahrhundert. Der einzige, der noch in Frage kommen konnte
-wäre ¨Eudoxos¨, doch überwog bei ihm auf der Höhe seiner Kraft das
-astronomische Interesse.
-
-[Sidenote: Parallelentheorie.]
-
-Wenn ich aber trotz der verhältnismässig geringen »Produktivität«
-Euklids doch ¨M. Cantor¨ beipflichte, der ihn zu den drei Heroen der
-griechischen Mathematik im 3. Jahrh. zählt, so tue ich es mit Rücksicht
-auf Euklids Behandlung des Parallelenproblemes, dass er so recht
-eigentlich in die Welt geworfen hat und das bis auf den heutigen Tag,
-ja heute noch mehr als je im Zentrum des Interesses steht. Der gesamte
-Aufbau des grundlegenden ersten Buches wird vom Parallelenproblem
-beherrscht. Euklid hat rund 2000 Jahre vor ¨Saccheri¨ und ¨Legendre¨
-den Zusammenhang des Problems mit dem Satz über die Winkelsumme
-im Dreieck erkannt. Schon Proklos hat bemerkt, dass das berühmte
-und berüchtigte sogen. »11. Axiom«, richtiger die 5. Forderung,
-hervorgegangen ist aus dem vergeblichen Bemühen den Satz: »In jedem
-Dreieck sind zwei Winkel zusammen kleiner als 2 Rechte« umzukehren; und
-so kam er zu der Forderung in der Fassung: »Und wenn eine, zwei Geraden
-schneidende, Gerade mit ihnen innere an derselben Seite liegende Winkel
-bildet, die zusammen kleiner sind als 2 Rechte, so schneiden sich jene
-beiden Geraden bei unbegrenzter Verlängerung an der Seite, auf der
-diese beiden Winkel liegen.«
-
-[Sidenote: Die Elemente des Euklid, Ausgaben.]
-
-Von der Bibel abgesehen, ist niemals ein Werk in so vielen Auflagen und
-Bearbeitungen verbreitet gewesen, als die 13 »βιβλία« des Eukleídes,
-dessen Namen geradezu mit der Geometrie identifiziert wird. Eine
-sehr vollständige Zusammenstellung findet sich in Mem. d. R. Acad.
-d. Sc. d. Ist. di Bologna Serie IX, T. VIII und X 1887 und 1890 von
-¨P. Riccardi¨; ¨R. Bonola¨, Bull. d. ¨Loria¨ und Festschr. f. Joh.
-Bolyai 1902 zählt gegen 1700 Ausgaben. Im Mittelalter und bis in die
-Neuzeit wird die Professur für Geometrie häufig als die des Euklid
-bezeichnet, die Studenten lasen den Text, sei es ganz, sei es im
-Auszug, und der Professor kommentierte, wobei selten mehr als das
-erste Buch erledigt wurde. ¨Savile¨, der die noch heute in ¨Oxford¨
-bestehende Professur des Euklid stiftete, kam bis zum 8. Satz des
-ersten Buches, nur ¨Petrus Ramus¨, dessen Bedeutung in erster Linie auf
-seiner Lehrtätigkeit und seiner grossen literarischen Bildung beruht,
-rühmte sich die ganzen Elemente in einer Vorlesung erledigt zu haben.
-Es war selbstverständlich, dass der Text im Laufe der Jahrhunderte
-entstellt, verdorben, erweitert wurde. Letzteres gilt besonders für die
-schwierigen Teile des zehnten bis letzten Buches.
-
-[Sidenote: Euklid, Übersetzungen der Elemente.]
-
-Ich verweise auch für die Bibliographie der Elemente auf meine Schrift
-von 1901, hervorzuheben ist die Bearbeitung des ¨Theon v. Alexandria¨,
-der etwa 350 n. Chr. lebte und lehrte, sie muss die früheren fast
-völlig im Buchhandel verdrängt haben, obwohl sie keinen Fortschritt
-bedeutete. Alle bis 1808 bekannte Codices, deren Zahl sehr gross ist,
-alle Drucke und Übersetzungen sind, wenn man von ¨arabischen Quellen¨
-absieht, aus dieser Ausgabe hervorgegangen. Erst 1808 fand ¨F. Peyrard¨
-in einer durch ¨Napoleon¨ dem Vatikan geraubten Handschrift (Vatic.
-190, 1814 zurückgegeben) die bis jetzt einzige vollständige
-Handschrift, welche auf eine ältere und bessere Ausgabe zurückgeht. Aus
-diesem Codex konnte man die Änderungen des Theon feststellen und die
-Codices kritisieren, eine Arbeit, welche von ¨E. F. August¨ 1826-29 in
-seiner griechischen und noch gründlicher von ¨J. L. Heiberg¨ in der
-griech.-lat. Ausgabe von 1882-88 geleistet ist. Ausser dem Vat. 190
-geht auch der Palimpsest Bologna M. 1721 (¨Heiberg¨, Cant.-Schlöm. 29)
-auf ältere Quellen als Theon zurück.
-
-Neben dürftigen Auszügen die, von oder nach ¨Boëtius¨ (etwa 500 n.
-Chr.) verfasst, sich in den Klöstern und Klosterschulen hielten und
-besonders durch ¨Gerbert¨ den nachmaligen Papst Sylvester II. von
-Wichtigkeit wurden, verdankt Europa die Kenntnis der Elemente den
-arabischen Übersetzungen und Bearbeitungen. Auf sie geht die erste
-gedruckte Ausgabe zurück, die dem ¨Giovanni Campano¨ aus Novara
-zugeschrieben wird, der um die Mitte des 13. Jahrh. gelebt hat, und
-1482 bei ¨Erhard Ratdolt¨ in Venedig erschienen ist. Die Ausgabe
-ist sehr selten, sie ist von ¨A. G. Kästner¨ Gesch. der Math. Bd. I
-S. 289 f. genau beschrieben.
-
-Als der hellenische Geist zum zweiten Male für die europäische Kultur
-fruchtbar wurde in jener Glanzepoche, die man die ¨Renaissance¨ nennt,
-erschienen zunächst lateinische Ausgaben gestützt auf griechische
-Codices. Die erste Originalausgabe ist die des Simon Grynaeus des
-älteren, sie erschien 1533 bei ¨Herwagen¨, der auch in Strassburg eine
-Druckerei besass, leider verarbeitet diese Ausgabe zwei sehr schlechte
-Handschriften.
-
-[Sidenote: Euklid-Commentatoren.]
-
-Indem ich wieder auf meine zitierte Schrift verweise, erwähne ich
-nur noch die beiden wichtigsten lateinischen Ausgaben, die des
-¨Commandinus¨ Pisa 1572, der zuerst unseren Euklid von dem Megarenser
-schied, und die des ¨Clavius¨ von 1574. Die Arbeit dieses für seine
-Zeit hoch bedeutenden Jesuiten ist von allen Historikern der Mathematik
-von ¨Montucla¨ und ¨Kästner¨ bis auf ¨M. Cantor¨ gleich hoch gewertet
-worden; Kästner nennt sie die Pandekten der Mathematik, sie soll 22
-Auflagen gefunden haben.
-
-¨Die Commentatoren des Euklid¨, vergl. Euklid 1901 p. 16 ff.
-
-Der festgefügte Bau der Elemente hat, wie er seinerseits die höchste
-Bewunderung erregte, andererseits die Versuchung erweckt die
-Geometrie auf andere Weise ebenfalls zu begründen. Dazu kommt, dass
-der Euklid in seinem ersten Buch einen mathophilosophischen Teil
-enthält, der die Grundbegriffe der Geometrie und die nötigen und
-hinreichenden Voraussetzungen angibt, von denen die ersteren ihrer
-Natur nach unauflöslich, die anderen variabel sind. So haben die
-Elemente des Euklid, und das ist vielleicht sein grösstes Verdienst,
-eine staunenswerte Geistesarbeit hervorgerufen, die besonders in der
-Geschichte des Parallelenaxioms zutage tritt. Hier will ich nur (Euklid
-1901) einen Überblick über die hervorragendsten Interpretationen geben,
-welche zeigen, wie Recht ¨Gino Loria¨ hat, wenn er als Prinzip seiner
-schönen Arbeit »Della varia fortuna di Euclide, Roma 1893« das ¨Gesetz
-der Kontinuität¨ ausspricht. Es geht ein ununterbrochener Zusammenhang
-von Archimedes und Apollonios bis Veronese und Hilbert.
-
-Von ¨Apollonios¨ sind Spuren eigener »Elemente« erhalten; darunter eine
-ganz allgemeine Definition des Winkels (Heiberg V S. 88).
-
-¨Archimedes¨ gab eine von Euklid abweichende mechanische
-Grundeigenschaft der Geraden (ebenfalls auch der Ebene) an und neue
-Prinzipien, darunter das nach ihm benannte, obwohl von ¨Eudoxos¨
-oder vielleicht ¨Demokrit¨ stammende für die Exhaustionsmethode, die
-er zur Integralrechnung umbildete. Ihm schliesst sich ¨Heron¨ von
-Alexandrien, der grösste Mechaniker des 1. Jahrh. an; von seinem
-Kommentar sind uns Fragmente durch Proklos und ¨An-Narizi¨ (s. u. bei
-Heron) überliefert.
-
-Aus der Zusammenstellung der Euklidstellen bei ¨Heron¨ durch Heiberg
-geht klar hervor, dass die Definitionen des Euklid schon zu Herons
-Zeit die uns überlieferte Form hatten, Euklid also damals schon, wie
-¨Tannery¨ sagt, der unantastbare Klassiker der Elemente war.
-
-Es ist das Parallelenaxiom und die Definitionen, überhaupt die ganze
-Anordnung der ersten Bücher, dann gewisse Inkongruenzen zwischen dem
-sechsten und den beiden letzten Büchern, der sonderbare Umstand,
-dass Euklid die Lehre von den Proportionen ganz allgemein im fünften
-Buch begründet, und dann die elementare Lehre von den Verhältnissen
-ganzer Zahlen noch einmal im siebenten Buche gibt, was von jeher die
-Kommentatoren in Tätigkeit gesetzt hat.
-
-Die Inkongruenz bezieht sich besonders auf die Bewegung. In den
-sechs planimetrischen Büchern wird sie ängstlich vermieden; nur zum
-Beweis des 4. Satzes (ersten Kongruenzsatz) und seiner Umkehrung wird
-sie herangezogen, dagegen scheut sich Euklid im 11. und 12., den
-stereometrischen Büchern, absolut nicht die Definition der Körper auf
-die Bewegung zu stützen.
-
-Man hat daraus schliessen wollen, »einen Homeros gab es nie, sondern
-acht bis zehn«, aber Euklid war Platoniker, und nach Platon und
-Aristoteles setzt der Begriff der Bewegung einen körperlichen Raum
-voraus.
-
-Auf Heron folgt Gemīnos, bezw. Géminus, von dem Proclus berichtet,
-er habe die Verschiebbarkeit in sich der Schraubenlinie auf dem
-Rotationscylinder, wenn nicht gefunden, so doch gekannt. Es folgt
-eine Ära, in der die zusammenfassende eigentlich philosophische
-Geistesrichtung unter dem Einfluss des Aristoteles gegen die Ausbildung
-der einzelnen Spezialwissenschaften zurücktritt. Aus dieser Zeit, in
-der sich von mathematischen Disziplinen die Trigonometrie (ebene und
-sphärische) im Anschluss an die Astronomie entwickelt, wissen wir von
-besonderen Kommentaren nichts, aber von den Elementen, dass sie für
-unentbehrlich zur Ausbildung der angewandten Mathematiker galten.
-
-Als gleichzeitig mit dem Christentum gegen diese nüchterne Periode
-in Anlehnung an den Theosophen Platon zunächst der Neupythagoreismus
-sich erhob, war es anfangs die arithmetische Seite des Euklid, die
-Bücher 7, 8, 9, die in Nikomachos von Gerasa um 100 n. Chr. dem
-»Elementenschreiber der Arithmetik« (¨M. Cantor¨) und in Theon von
-Smyrna ihre Kommentatoren fand. Um 300 lehrte dann zu Alexandria
-¨Pappos¨, dessen Kollektaneen von unschätzbarer Bedeutung sind. Pappos
-hat sicher einen Kommentar zum zehnten Buch geschrieben, von dem Reste
-im Vaticanus erhalten sind und der uns nach Heiberg wahrscheinlich ganz
-in einem noch unedierten Leydener Manuskripte erhalten ist.
-
-Mit dem ¨Neuplatonismus¨, jener seltsamen Mischung christlicher und
-platonischer Mystik, nimmt auch die Mathematik die platonische Richtung
-auf die Probleme, welche die geometrischen Grundbegriffe und die
-Methodik bieten energisch auf. Ich nenne ¨Jamblichos¨, ¨Porphyrios¨,
-von denen uns Spuren ihrer Scholien erhalten sind, ¨Theon¨ und
-¨Proklos¨, dessen Kommentar zum ersten Buch uns fast ganz erhalten ist.
-Der Kommentar, der bis 1873 nur in der Ausgabe von ¨Simon Grynäus¨
-1533 bei Herwagen gedruckt war, ist für die Geschichte der Mathematik
-bei den Hellenen einzig; Tannery, der zuverlässigste Detailforscher
-hellenischer Mathematik, nennt sein Verständnis geradezu das Problem
-der Geschichte der Mathematik.
-
-Die Ausgabe von ¨Friedlein¨ 1873 ist philologisch sehr bedeutend, wenn
-auch nach ¨Heiberg¨ noch nicht das letzte Wort über Proklos, aber
-griechisch; es existiert nur die lateinische Übersetzung des ¨Barocci¨
-von 1560, welche oft nur eine Wortübersetzung ist und von Taylor
-ebenso wörtlich ins Englische übertragen ist.
-
-Als ¨Justinian¨ 529 die Schule von Athen, mit der die hellenische
-Kultur begann und schloss, aufhob und die Lehrer vertrieb, kam ¨Euklid¨
-mit ihnen nach Persien und so an die Araber, wo er, wie schon gesagt,
-im 8. und 9. Jahrh. an Haggag und Ishaq Übersetzer fand. Sehr bald
-darauf muss es auch arabische Kommentare gegeben haben, wie aus
-der Ausgabe des Campanus hervorgeht; der schon erwähnte ¨Nasir ed
-Din¨ im 13. Jahrh. ist keineswegs unbedeutend, der auch zuerst die
-Trigonometrie als eigenen Zweig behandelt hat.
-
-Die Renaissance macht Proklos bekannt, an ihn schliesst sich
-¨Commandinus¨ und ¨Clavius¨ an. Der erstere wirkte besonders auf
-die Engländer, auf ¨Savile¨, der die Professur des Euklid in Oxford
-begründete, wodurch ¨Wallis¨ und wohl auch ¨Barrow¨ (erste Ausgabe
-1652) und durch diese Newton auf Euklid und die Beschäftigung mit den
-Grundlagen hingewiesen wurden.
-
-Vor allem haben wir ¨Robert Simson¨ zu nennen, der direkt Commandinus
-zugrunde legt und der besonders auf die englische Schulmathematik vorn
-allerwesentlichsten Einfluss gewesen ist. Der Kommentar erschien 1756,
-Titel: die sechs ersten Bücher des Euklid mit Verbesserung der Fehler,
-wodurch Theon und Andere sie entstellt haben etc. mit erklärenden
-Anmerkungen (aus dem Englischen übersetzt von Rieder. Herausg. von
-Niesert, Paderborn 1806).
-
-¨Clavius¨ kennt den Proklos ganz genau; auch er harrt noch der
-deutschen Herausgabe, der er in hohem Grade wert ist; er hat neben
-¨Borelli¨ (Euklides restitutus 1658) sicher auf seinen Ordensbruder
-¨Saccheri¨ gewirkt, von dessen: Euklides ab omni naevo vindicatus
-(Mediol. in 4. 1733), die heutige sogenannte nicht-Euklidische
-Geometrie gezählt wird. Es ist wahrscheinlich, dass ¨Lambert¨ in
-Chur den Saccheri kennen lernte und fast sicher, dass ¨Gauss¨ wieder
-Lamberts Abhandlung im Hindenburg'schen Archiv von 1786 gelesen.
-Gauss wirkte dann auf seinen Jugendfreund ¨Wolfgang Bolyai¨ und durch
-ihn auf seinen Sohn ¨Johann¨ und durch Vermittelung von Bartels auf
-¨Lobatscheffski¨.
-
-Für Frankreich ist ausser Clavius noch ¨Petrus Ramus¨, der
-sogenannte »Besieger der Scholastik«, von Bedeutung. Ramus, dem es
-an philosophischer Tiefe fehlte, war nicht imstande den Euklid zu
-würdigen wie ganz besonders seine Kritik des zehnten Buches beweist,
-aber seine revolutionäre Anfechtung der Autorität kommt in Frankreich
-im 18. Jahrh. zur Geltung. Hier geht der Weg von Clavius über Tacquet
-1659 und Arnauld durch Zurückgreifen auf Ramus zu ¨Clairaut¨ 1741 und
-¨Legendre¨ 1794 und ¨Bertrand¨ 1810. ¨Clairaut¨, dessen wahrhaft kühne
-Elemente der Geometrie vom Rechteck als der unmittelbar anschaulichen
-Figur ausgeht, hat sich auch auf die deutschen Ritterakademien, z. B.
-Ilfeld verbreitet. Es scheint, als ob auch ¨Lambert¨ ihn gekannt hat;
-doch ist der Ausgangspunkt vom Rechteck ein so natürlicher, dass ich
-selbst um 1880 ohne eine Ahnung von Clairaut oder Lambert zu haben, im
-Unterricht einen ganz ähnlichen Weg einschlug. Der ausserordentliche
-Erfolg und die grosse Verbreitung der »¨Elements¨« ¨Legendres¨ (1794)
-ist bekannt und berechtigt; noch heute beeinflussen sie den Unterricht
-auf den Mittelschulen nicht nur Frankreichs sondern Spaniens, Hollands
-und Deutschlands.
-
-[Sidenote: Euklid-Gegner.]
-
-Was die deutschen Schulen betrifft, so möchte ich auf eine Schrift
-¨Hubert Müller's¨ aus Metz aufmerksam machen: »Besitzt die heutige
-Schulgeometrie noch die Vorzüge des Euklid-Originals?« Ich kann meine
-Kritik in der deutschen Literaturz. 1887 No. 37 nur dahin ergänzen: die
-deutsche Schulgeometrie hat sie nie besessen. Weder Johannes Vogelin,
-bekannt durch die Vorrede Melanchthons in der Ausgabe von 1536, noch
-des Conrad Dasypodius Volumen I und II, noch die Mathesis juvenilis
-Sturms oder Wolffs oder Kästners Anfangsgründe oder Thibauts Grundriss,
-von Kambly, Mehler, Henrici und Treutlein ganz zu schweigen, sind
-jemals dem Gange Euklids gefolgt. Dagegen waren die Studenten und die
-Lehrer bis etwa um 1860, wie die rasch auf einander folgenden Ausgaben
-beweisen, völlig mit dem Euklid vertraut. Von da an ändert sich die
-Sache, und ich bin sicher, dass es nur eine minimale Anzahl von Lehrern
-gibt, die den Euklid gelesen haben.
-
-Einen Teil der Schuld an dem Sinken der Autorität Euklids tragen
-auch die Angriffe ¨Schopenhauers¨ gegen die »Mausefallenbeweise des
-Euklid«. Schopenhauer hatte als Künstler, der er war, für die intuitive
-Erkenntnis vollstes Verständnis, aber bar aller mathematischen Bildung,
-fehlte ihm jedes Verständnis für die logische Erkenntnis, die oft
-ebenso unmittelbar wie jene ist. Nun ist aber die euklidische Geometrie
-als Wissenschaft eine chemische Verbindung von Anschauung und Logik,
-und darum musste der Versuch, den z. B. ¨Kosak¨ in dem Nordhäuser
-Programm anstellte die Geometrie nur auf Anschauung zu begründen,
-gerade so scheitern wie der noch berühmtere ¨Bolzanos¨ von 1804 die
-Geometrie rein logisch zu begründen. ¨Bolzano¨ hat übrigens viel mehr
-von Leibniz entlehnt als bekannt ist. Der grosse »aemulus« Newtons
-zeigt sich auch in der Auffassung der Grundlagen als Widerpart.
-
-Während Newton in der Vorrede der Principia phil. nat. ausdrücklich
-auf den Ursprung der mathematischen Grundgebilde aus der Mechanik
-hinweist: »Gerade Linien und Kreise zu beschreiben sind Probleme, aber
-keine geometrischen,« ist Leibniz bemüht der Anschauung so wenig als
-möglich einzuräumen. Es scheint wenig oder gar nicht bekannt, dass
-schon bei Lebzeiten Leibniz' Ansichten desselben über die Grundlagen
-der Geometrie veröffentlicht sind bei ¨La Montre¨ 1691: Les 47 propos.
-du I livre des Elém. d'Euclide avec des remarques de G. G. Leibniz.
-
-Ähnlich wie in Deutschland liegt die Sache in Frankreich und Italien,
-nur in England folgt Ausgabe auf Ausgabe und noch ist der sogenannte
-Syllabus nicht zustande gekommen, der den Euklid verdrängen sollte,
-doch ist das Festhalten an Euklid mehr Schein als Wirklichkeit s. mein
-Referat von 1906, No. 4 p. 26. Auch in Schweden und Norwegen scheint
-sich Interesse für Euklid dauernd erhalten zu haben. Für Deutschland
-und Italien ist mit dem Ende des 19. Jahrh. ein Umschwung eingetreten,
-man kann geradezu sagen, dass die Kenntnis des Euklid durch die neueste
-Richtung, deren Haupt in Deutschland ¨Hilbert¨, in Italien ¨Veronese¨
-ist, wieder unentbehrlich wird.
-
-[Sidenote: Euklid's Elemente: Definitionen.]
-
-Über den Inhalt des Euklid muss ich sehr kurz sein, von meinen Hörern
-kann ich erwarten, dass sie den Euklid selbst lesen. Nur wenige Worte
-über das Wichtigste des Wichtigsten, die ὁροι, αιτηματα, κοιναι
-εννοιαι, die Definitionen, Postulate und Axiome des ersten Buches. Eine
-Bibliothek ist gleich über die ersten Worte geschrieben: σημειον εστι
-ὁυ μερος ουθεν (oft auch οὐδὲν).
-
-Punkt ist das, dessen Teil nichts ist oder das keinen Teil hat. In
-beiden Fällen ist klar, dass Euklid, der seinen Platon und Aristoteles
-kannte, hiermit ausdrücklich gesagt hat, dass der Punkt nicht unter die
-Kategorie Grösse fällt; so klar dies ist, ist es doch niemals gedruckt
-worden, ausser bei Kant (Kritik d. reinen Vernunft p. 169), wo es frei
-nach ¨Aristoteles¨ heisst: Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, der
-Raum besteht nur aus Räumen, die Zeit aus Zeiten.
-
-Die Definition ist sicher platonisch; Aristoteles sagt der Punkt ist
-μονας θεσιν εχουσα eine Einheit, welche Lage hat. Definition 4: ευθεια
-γραμμη εστιν, ἡτις εξ ισου τοις εφ' ἁυτης σημειοις κειται. Die Gerade
-ist diejenige Linie, welche gleichmässig durch ihre Punkte gesetzt
-ist. Auch über diese Definition existiert eine ganze Literatur. Man
-hat nicht berücksichtigt, dass Euklid die gerade Linie erst völlig
-definiert durch die Forderungen 1 und 2. Es soll gefordert werden
-1) dass sich von jedem Punkte bis zu jedem Punkte eine und nur eine
-Strecke führen lasse, 2) und diese Strecke sich kontinuierlich auf
-ihrer Geraden (vielleicht richtiger bis zur Vollendung der Geraden)
-ausziehen lasse. Mit Definition 4 zusammen definiert sie die Gerade
-völlig, natürlich nicht anschaulich, denn die Anschauung der Geraden,
-die psychologisch ist und experimentell gewonnen wird, setzt Euklid bei
-seinen Hörern voraus. Euklid sagt, die Gerade ist eine unterschiedslose
-und unendliche Linie, die durch zwei ihrer Punkte völlig bestimmt ist.
-
-Def. 7) Ein ebener Winkel entsteht, wenn zwei Linien der Ebene
-zusammentreffen, welche nicht in derselben Geraden liegen, durch die
-Biegung von der einen Linie zur andern. Die Definition des Winkels
-ist oft und mit Recht getadelt worden. In Schottens vergleichender
-Planimetrie füllen die Abänderungen 40 Seiten aus; die von mir
-herrührende »der Winkel ist die Grenze des Kreissektors bei über jedes
-Mass wachsendem Radius«, ist für den Unterricht ungemein zweckmässig,
-aber ich fand sie nachträglich schon 70 Jahre vor mir bei ¨Stein¨ in
-Gergonnes Annales Bd. XV (1824) p. 77. --
-
-Das Wort κλισις. »Neigung« kann Richtungsänderung bedeuten, kann
-Drehung bedeuten etc. Proklos (Eudemos) setzt daher κλασις in περί
-γωνίας. d. h. Brechung. Apollonius definiert: der Winkel ist die
-Verengerung der Ebene oder des Raumes an einem Punkte infolge der
-Biegung von Linien oder Flächen.
-
-Dass Euklid den gradlinigen Winkel ¨abc¨ im Wesentlichen als eine
-Flächengrösse auffasst, das folgt aus der Definition 9 des gradlinigen
-Winkels, wo περιεχουσαι »enthaltend« gebraucht wird, und aus der
-ständigen Anwendung der Winkel ὑπὸ αβγ d. h. περιεχομενη, der von dem
-gebrochenen Linienzug αβγ umschlossene und besonders da er unmittelbar
-vom Winkel als der nicht völlig begrenzten Fläche auf die ¨Figur¨
-»οχημα« übergeht als der völlig begrenzten.
-
-[Sidenote: Euklid's Elemente: Forderungen.]
-
-Nun zu den fünf Forderungen:
-
-¨Proklos¨ sagt, dass die Forderungen von den Grundsätzen sich
-unterscheiden wie die Aufgaben von den Lehrsätzen. Die ersteren
-verlangen Konstruktionen, die jeder leicht ausführen kann, die andern
-Sätze, die jeder leicht zugibt.
-
-¨Aristoteles¨ sagt: die Forderung ermangelt des Beweises, den man gern
-geben möchte, wenn man nur könnte, während der Grundsatz von jedem ohne
-Weiteres als richtig anerkannt wird.
-
-Die Unterscheidung des Proklos passt aber nur auf das schon genannte
-1. Petitum und das 3. »Und um jedes Zentrum und mit jedem Abstand
-sich ein und nur ein Kreis zeichnen lasse«, d. h. dass vom gegebenen
-Zentrum aus durch jeden Punkt der Ebene ein und nur ein Kreis geht. Es
-enthalten aber No. 1 und 3 Forderungen, die, ich erinnere an Newton,
-von der angewandten Mechanik ihre Lösungen empfangen haben. Es darf
-daher nicht überraschen, wenn in den Handschriften eine ziemliche
-Verwirrung herrscht und sich z. B. in sehr vielen No. 5, das schon
-erwähnte Parallelenaxiom, als 11. Grundsatz findet und das schon vor
-Theon rezipierte unechte »zwei Gerade schliessen keinen Raum ein« sich
-im Vaticanus als Forderung 6 und in andern Codices als Grundsatz 9
-findet. Der richtige Unterschied ist der: die Forderungen enthalten
-Grundtatsachen der Anschauungen und die Axiome Grundtatsachen der Logik.
-
-Forderung 4: »Und alle rechte Winkel einander gleich seien«.
-
-Sie ist nach Proklos von Geminos und anderen angegriffen als beweisbar.
-Ich gebe hier den Beweis des Geminos: Wäre αβγ < δεζ und ¨legte¨ man
-δεζ auf αβγ, so dass δε u. αβ zusammenfallen, so fiele εζ als βη
-innerhalb und dann wäre κβα das nach Definition des rechten Winkels
-= αβη ist > θβα > αβγ, also δεζ zugleich kleiner und grösser als αβγ
-(Fig.).
-
-[Illustration]
-
-Der Beweis setzt voraus, dass die Verlängerung von ηβ sich nicht mit
-θβ deckt, d. h. also, dass eine Strecke sich nur auf ¨eine¨ Weise zu
-einer Geraden verlängern lasse. Darin hat ¨H. Zeuthen¨ recht, aber
-dies zu sagen wäre die Forderung eine seltsame Form und Euklid hat
-eine ganze Reihe stillschweigender Voraussetzungen ohne die keine
-geometrische, d. h. anschauliche Geometrie existieren kann, und die
-genannte Forderung hat er in No. 1 und 2 ausgesprochen.
-
-Dem Geminos und den andern, vermutlich den Mechanikern Heron und
-Archimedes ist die strenge Aristotelische Auffassung der Bewegung
-verloren gegangen; der Beweis verlangt ja auch die Verschiebbarkeit und
-Drehung der Ebene in sich selbst, bezw. die dritte Dimension und die
-will und kann Euklid von seinem Standpunkte aus hier nicht zu Hilfe
-nehmen; so bleibt ihm nur übrig zur Forderung seine Zuflucht zu nehmen.
-
-[Sidenote: Euklid's Elemente: Grundsätze.]
-
-Über die 5. und letzte Forderung, das Parallelenaxiom, und dem was drum
-und dran hängt, kann ich auf ¨F. Engel¨ und ¨P. Stäckel¨, Theorie d.
-Parallellinien (1895) und auf meine früheren Schriften verweisen. So
-gehe ich zu den Grundsätzen. Von Proklos sind als echt bezeichnet:
-
-1) Was demselben (zu ergänzen: dritten) gleich ist, ist unter sich
-gleich.
-
-2) Und wird Gleiches zu Gleichem hinzugesetzt, so sind die Ganzen
-gleich.
-
-3) Und wird von Gleichem hinweggenommen, so sind die Reste gleich.
-
-8) Und das Ganze ist grösser als sein Teil.
-
-7) Und einander Deckendes ist gleich.
-
-Euklid sagt: χοιναι εννοιαι. Allen Vernünftigen gemeinsame Einsicht.
-
-Proklos sagt: Axiome eigentlich »Meinungen«, aber nach dem
-Sprachgebrauch des Aristoteles allgemein angenommene logische Sätze,
-die man nicht beweisen kann, weil sie die logischen Grundlagen des
-Beweises sind. Proklos hat nur die 5 angeführt, richtig 8 vor 7, da
-7 nicht rein logisch ist, sondern von dem Zusammenfallen in der
-Anschauung ausgeht um daraus den logischen Schluss der Gleichheit zu
-ziehen.
-
-Das Axiom 7 ist von ¨Schopenhauer¨ »die Welt als Wille und Vorstellung«
-T. 2 S. 144 angegriffen, weil es entweder eine Tautologie ist oder eine
-Bewegung voraussetzt. Es ist von ¨Bolzano¨ und ¨Grassmann¨ (¨Leibniz¨)
-durch das Prinzip ersetzt worden: »Dinge, deren bestimmende Stücke
-gleich sind, sind gleich« (eine andere Fassung für »gleiche Ursachen
-gleiche Wirkungen«).
-
-Schopenhauer hat Euklid gar nicht verstanden; Euklid braucht
-Axiom 7 zuerst beim Beweis des ersten Theorems, Satz 4, der
-erste Kongruenzsatz, und dort im Grunde nur als Axiom von der
-Gleichförmigkeit des Raumes, bezw. in dem Sinne Bolzanos und
-Grassmanns. Ich halte es für einen Fehler, dass Euklid nicht den 1. und
-3. Kongruenzsatz in die Forderungen aufgenommen hat.
-
-[Sidenote: Technologie der Elemente.]
-
-Es folgen nun die 48 »Protasis« (Propositionen d. i. Sätze) des ersten
-Buches. Die Sätze zerfallen in »Probleme«, Aufgaben, die zur Erzeugung
-eines Gebildes führen und »Theoreme« Lehrsätze. Den Unterschied
-definiert Proklos S. 201, wo er, um mit P. Tannery (Géométrie
-grecque S. 87) zu sprechen, von der Technologie der Elemente handelt
-wie folgt: Bei den Problemen handelt es sich darum sich Fehlendes
-zu beschaffen, anschaulich hinzustellen und mit den Kunstmitteln
-(Lineal und Zirkel) zu erzeugen. Im »Theorem« nimmt man sich vor das
-Vorhandensein einer Eigenschaft bezw. das Nichtvorhandensein zu sehen,
-zu erkennen, zu beweisen. Jedes Problem aber und jedes Theorem, das
-aus seinen vollständigen Teilen zusammengesetzt ist, muss folgendes
-in sich enthalten: 1) ¨Vorlage¨ (προτασις). 2) Feststellung des
-Gegebenen (εκθεσις.) Voraussetzung. 3) ¨Feststellung des Geforderten¨
-(διορισμός.) Behauptung. 4) Konstruktion (κατασκευη.). 5) Beweis
-(απόδειξις.) 6) Schluss (συμπέρασμα).
-
-Die Protasis sagt aus, was gegeben und was gefordert wird; denn die
-vollständige Protasis besteht aus beiden.
-
-Die Ekthesis setzt das Gegebene an und für sich, (d. h. ohne Rücksicht
-auf das Geforderte) genau auseinander und arbeitet dadurch der
-Untersuchung vor.
-
-Der Diorismos aber macht das Gesuchte, es sei, was es sei, an und
-für sich deutlich. Der Ausdruck Diorismos wird hier bei Proklos
-anders gebraucht als bei Pappos; Peyrard hat Prodiorismos: Bei Pappos
-bezeichnet Diorismos genau das, was wir heute Determination nennen,
-d. h. die Angabe derjenigen Einschränkungen in bezug auf die gegebenen
-Stücke, welche zur Ausführbarkeit der Konstruktion nötig sind.
-
-Die Kataskeuē fügt das hinzu, was dem Gegebenen zur Erlangung des
-Gesuchten mangelt. Proklos sagt zur »Jagd« θηραν und braucht das Bild
-wiederholt, so alt ist das Bewusstsein des Kampfes des Mathematikers
-mit seinem Problem.
-
-Die Apodeixis leitet das Vorliegende logisch von dem, was bereits
-feststeht, ab.
-
-Das Symperasma aber kehrt wieder zur Vorlage zurück, indem es den
-bewiesenen Satz klar und deutlich ausspricht. Und dies sind alle Teile
-sowohl der Probleme als der Theoreme.
-
-
-1) πρότασις.
-
-[Sidenote: Technologie, Beispiel.]
-
-Ich gebe ein Beispiel (S. 5): Im gleichschenkligen Dreieck sind die
-Winkel an der Basis einander gleich, und werden die gleichen Schenkel
-verlängert, so sind die Winkel unterhalb der Basis einander gleich.
-
-[Illustration]
-
-
-2) εκθεσις.
-
-ΑΒΓ sei das gleichschenklige Dreieck mit ΑΒ gleich ΑΓ und es mögen auf
-ihrer Geraden ΑΒ und ΑΓ verlängert werden um ΒΔ und ΓΕ.
-
-
-3) διορισμός.
-
-Ich behaupte etc.
-
-
-4) κατασκευή.
-
-Man nehme auf ΒΔ einen beliebigen Punkt Ζ an, von ΑΕ nehme man ΑΗ
-gleich ΑΖ weg und ziehe ΖΓ und ΗΒ. (Fig.)
-
-
-5) αποδειξις.
-
-Dann ist ◁ΑΖΓ ≅ ΑΗΒ (Satz 4), folglich ◁ΑΓΖ = ΑΒΗ und ∢ΑΖΓ = ΑΗΒ,
-und da ΑΖ = ΑΗ und ihr Teil ΑΒ und ΑΓ auch gleich, so ist (Ax. 3) ΒΖ
-= ΓΗ; und, da bereits bewiesen, dass ΖΓ = ΒΗ und ∢ΒΖΓ = ΒΗΓ, so ist
-(4) Dreieck ΒΖΓ ≅ ΒΗΓ, folglich ∢ΖΒΓ = ΗΓΒ, und ΒΓΖ = ΓΒΗ. Da nun
-der ganze Winkel ΑΒΗ = dem ganzen Winkel ΑΓΖ erwiesen wurde, und die
-Teile ΓΒΗ und ΒΓΖ gleich, so ist (Ax. 3) ∢ΑΒΓ = ΑΓΒ und dies sind die
-Basiswinkel. Die Gleichheit aber von ΖΒΓ und ΗΓΒ wurde schon gezeigt
-und sie liegen unterhalb der Basis.
-
-
-6) συμπέρασμα.
-
-Also sind im gleichschenkligen Dreieck etc.
-
-M. H.! ich habe dies Beispiel absichtlich gewählt, weil es zeigt, wie
-turmhoch Euklid über den Beweisen unserer geometrischen Lehrbücher
-steht, und weil aus Heibergs zitierter Arbeit über die Mathematik
-bei Aristoteles folgt, dass hier ein bedeutender Fortschritt des
-¨Eukleides¨ über den ¨Theudios¨ vorliegt. Es fällt Euklid gar nicht
-ein den Satz zu benutzen: wenn die Winkel gleich sind, so sind ihre
-Nebenwinkel gleich.
-
-¨Proklos¨ fährt fort: Am notwendigsten aber und in allem vorhanden
-sind die Vorlage, der Beweis und der Schluss. Denn man muss a)
-vorher wissen, was zu suchen ist und b) es durch eine Kette von
-Schlüssen beweisen und c) das Resultat einsammeln. Die andern Teile
-fehlen mitunter wie Diorismos und Ekthesis bei dem Problem: Ein
-gleichschenkliges Dreieck zu konstruieren, worin jeder Basiswinkel
-das Doppelte des Winkels an der Spitze. Dies Fehlen tritt ein, sagt
-Proklos, wenn die Vorlage kein Gegebenes enthält (d. h. wenn es
-ausgelassen ist) wie in dem zitierten Beispiel die Basis des Dreiecks
-wie in B. X S. 20 eine 4. Wurzel zu konstruieren (nämlich bei gegebener
-aber nicht erwähnter Einheitsstrecke).
-
-[Sidenote: Technologie der Elemente, Lemma, Porisma.]
-
-Die Konstruktion aber fehlt in weitaus den meisten Theoremen, da
-die Ekthesis hinreicht um ohne einen Zusatz (nämlich von Zeichnung)
-das Vorgesetzte (d. i. die Figur, um die es sich handelt) sichtbar
-zu machen. Hin und wieder findet sich ein Hilfssatz, Lemma, (von
-λαμβάνω) und Zugaben, Porisma. Lemma ist eigentlich in der Geometrie
-ein Satz, der noch des Beweises bedarf, den wir für eine Konstruktion
-oder einen Beweis einstweilen annehmen vorbehaltlich des Beweises,
-und der sich durch diesen Vorbehalt von den Axiomen und Forderungen
-unterscheidet, welche wir ohne dass sie bewiesen, zur Rechtfertigung
-anderer Sätze herbeiziehen. Porisma ist ein Zusatz, der sich beim
-Beweis eines anderen als eine »Gottesgabe« ungewollt von selbst ergibt,
-im wesentlichen also eine andere Fassung des bewiesenen Satzes.
-Übrigens sind die meisten, ich möchte sagen alle Lemmata und vielleicht
-auch die Porismata verdächtig, so fehlt z. B. das Porisma zu I, 15:
-(Scheitelwinkel sind gleich) »Wenn zwei Gerade einander schneiden, so
-sind die vier Winkel vier Rechten gleich«, obwohl es sich bei Proklos
-findet in den besten Handschriften.
-
-Zu bemerken ist, dass in den guten Handschriften sich weder
-Überschriften noch Bezeichnungen der einzelnen Teile finden. Die
-Sätze sind numeriert und dies ist sicher nicht original, da Euklid
-nicht auf die betreffende Nummer verweist, sondern den einschlagenden
-Satz vollständig angibt. Dies Schleppende der Darstellung veranlasste
-vermutlich die Bezifferung und zwang zu Abkürzungen. Übrigens erklärt
-sich die Breite, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Original zu
-mündlichem Vortrag im Kolleg vor Studenten der Universität Alexandria
-bestimmt war. Und dies ist ein Umstand, der bei der Klage über Euklid
-und Euklids Methode viel zu wenig berücksichtigt ist; das Buch war für
-reife Männer bestimmt nur die Torheit der Scholarchen hat aus einem der
-tiefsinnigsten Werke aller Zeiten ein Buch für Schulknaben gemacht.
-
-[Sidenote: Euklids Elemente, Buch 1 bis 5.]
-
-Die Inhaltsangabe sei ganz kurz als Schluss angefügt. Buch 1, das
-bedeutendste, zerfällt in drei der Ausdehnung nach sehr ungleiche
-Teile. Satz 1-26 die wichtigsten Sätze über Dreiecke und Winkel mit
-den drei Kongruenzsätzen und unabhängig vom Parallelenaxiom; Satz
-27-33 Parallelentheorie mit Satz 32 Winkelsumme; Satz 34-48 die
-Flächenvergleichung, (47 Pythagoras, 48 seine Umkehrung).
-
-Das 2. Buch ist längst als geometrische Algebra erkannt, in
-Ausführung des Pythagoras wird das Rechnen mit Flächen gelehrt, z. B.
-√(a^2 + b^2), √(a^2 - b^2), dann die Multiplikation von Aggregaten,
-es geht bis zur Auflösung quadratischer Gleichungen in geometrischer
-Einkleidung, zunächst nur im speziellen Fall und endet mit dem
-geometrischen Existenzbeweis der Quadratwurzel durch die Verwandlung
-des Rechtecks in ein Quadrat.
-
-Das 3. Buch handelt vom Kreis, aber die Kreisberechnung wird nicht
-gelehrt.
-
-Buch 4 handelt von den dem Kreis ein- und umgeschriebenen Figuren,
-speziell von der Kreisteilung; es geht bis zur Konstruktion des
-regulären 15Ecks (ebenso wie wir: 2/15 = 1/3 - 1/5) S. 16; der dadurch
-merkwürdig ist, dass sogar die Analyse in die Konstruktion verwebt ist.
-Das 4. Buch hat seine Fortsetzung im Anfang des 12. Buches, wo in Satz
-2: »Kreise verhalten sich wie die Quadrate ihrer Durchmesser«, alles
-steht, was bei Euklid über die Quadratur des Zirkels vorkommt.
-
-[Sidenote: Euklids Elemente, Buch 5 und 6.]
-
-Das 5. Buch enthält die Lehre vom Verhältnis und der Gleichheit der
-Verhältnisse (Proportionen) gleichartigen Grössen in vollständiger
-Allgemeinheit. Es ist mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Werk des
-¨Eudoxos¨ und scheint nur wenig von Euklid überarbeitet zu sein, da
-wo statt λέγεται steht καλεισθω. Auf sein höheres Alter deutet noch
-das Ringen mit dem Ausdruck und die oft schwer verständliche Fassung
-der Sätze hin. Es fehlt die Definition des Begriffes »kontinuierliche
-Grösse«, sie war aber durch ¨Aristoteles¨ gegeben, vermutlich auch
-von Eudoxos. Clavius (Ausgabe von 1607 p. 436) hebt wie Campanus
-S. 3 hervor, dass dem 5. Buch ein Axiom zugrunde liegt, welches
-Clavius formuliert: Quam proportionem habet magnitudo aliqua ad aliam,
-eandem habet quaevis magnitudo proposita ad aliquam aliam, et eandem
-habebit quaepiam alia magnitudo ad quamvis magnitudinem propositam.
--- »Das Verhältnis, das irgend eine Grösse zu einer andern hat, das
-wird jede beliebige ¨gegebene¨ Grösse zu irgend einer andern haben
-und eben dasselbe wird irgend eine Grösse zu jeder gegebenen Grösse
-haben«. Es ist das Axiom im Grunde nichts anderes als die Umkehrung
-des Weierstrass'schen Axioms: Zu jedem Punkt in der Zahlenreihe gibt
-es eine Zahl. ¨Es wird zwar immer behauptet, die Hellenen hätten in
-der Irrationalzahl keine Zahl gesehen, aber aus dem 5. Buch geht
-unwiderleglich hervor, dass sie den Zahlbegriff in voller, fast
-wörtlich mit der Weierstrass'schen Auffassung sich deckender Schärfe
-besassen und dass Euklid wie Eudoxos im Verhältnis zweier gleichartiger
-Grössen nichts anderes sahen als eine Zahl.¨ Und das erhellt schon aus
-dem Kunstausdruck »λόγος« für Verhältnis; denn Logik ist die Rechnung,
-Logistik die Rechenkunst und Logos heisst im Grunde nichts anderes als
-Masszahl einer Grösse in bezug auf eine andere.
-
-6. Buch: Ähnlichkeitslehre. Mit dem 6. Buch schliessen die eigentlichen
-planimetrischen Bücher; wohl kommen noch einzelne planimetrische
-Sätze in den stereometrischen Büchern vor, wie z. B. die auf die
-stetige Teilung bezüglichen Sätze XIII, 1-12 und besonders der Satz
-XII, 1 und 2, aber sie werden doch nur zum Zweck ihrer Verwendung für
-stereometrische Konstruktionen und Satze gegeben.
-
-Nachdem so die Planimetrie zu einem gewissen Abschluss gekommen war,
-sind die Bücher 7, 8, 9 der Arithmetik oder eigentlich besser der
-Zahlentheorie gewidmet.
-
-Das 7. Buch knüpft geistig an die Lehre von den Verhältnissen an und
-lehrt den Algorithmus des Aufsuchens des grössten gemeinsamen Teilers,
-auf dem unsere ganze Zahlentheorie ruht, gerade so wie wir noch heute,
-durch die Kette von Teilungen.
-
-[Sidenote: Euklid, Elemente, Buch 8 bis 12.]
-
-Buch 8 behandelt die Proportionen noch ausführlicher, d. h. die Lehre
-von den Gleichungen ersten Grades.
-
-Das 9. Buch beschäftigt sich besonders mit den Primzahlen und
-enthält den Satz, der der ganzen Entwicklung nach für Eigentum
-des Euklid gehalten werden muss, den einfachen Beweis, dass die
-Menge der Primzahlen unendlich: Entweder 1 · 2 · 3 · ... p + 1
-ist keine Primzahl, dann ist sie durch eine Primzahl > p teilbar
-oder sie ist prim. Die erste Zahl die keine Primzahl ist, gibt
-2 · 3 · 5 · 7 · 11 · 13 + 1 = 30031, die zweite das Produkt der
-Primzahlen von 2 bis 17 + 1, welche schon durch 19 teilbar ist.
-
-Das 10. Buch zum Teil von Theätet herrührend, handelt ausführlich
-von den Irrationalzahlen, welche mit Zirkel und Lineal konstruierbar
-sind, d. h. im Grunde von den Gleichungen 4. Grades, welche sich auf
-quadratische reduzieren, dabei kommt auch die allgemeine Lösung des
-Pythagoras gleichzeitig vor durch die Formeln: αβγ; (αβ^2 - αγ^2)/2;
-(αβ^2 + αγ^2)/2. Der letzte Satz gibt dann den geometrischen Beweis von
-der Inkommensurabilität von Seite und Diagonale des Quadrats.
-
-Das 11., 12., 13. Buch sind dann die stereometrischen Bücher. 11. Buch
-die Anfangsgründe, der granitne Satz vom Lote auf der Ebene, dann die
-dreiseitige Ecke, das Parallelepipedon, das Prisma.
-
-Das 12. Buch enthält im wesentlichen Körperberechnung, d. h. es gibt
-nicht die wirklichen Formeln, sondern beweist nur, dass Pyramide bezw.
-Kegel 1/3 vom Prisma bezw. Cylinder sind, beweist als Lemma mittelst
-des Exhaustionsbeweis, den er Buch 10 formuliert hat: »Sind zwei
-ungleiche Grössen gegeben und nimmt man von der grösseren die Hälfte
-weg und so fort, so kommt man zu einem Reste, welcher kleiner ist als
-die gegebene kleinere Grösse« dass Kreise sich wie die Quadrate ihrer
-Durchmesser verhalten und damit dass Kugeln sich wie die Kuben ihrer
-Durchmesser verhalten.
-
-[Sidenote: Euklid, Elemente Buch 13.]
-
-Buch 13 behandelt die platonischen Körper und gibt einleitend 12 Sätze,
-die das Thema von Buch 6, die Kreisteilung oder die Konstruktion
-regulärer Polygone, noch einmal aufnehmen und geht dann auf die
-regulären Körper ein; es schliesst mit dem schon hervorgehobenen Beweis
-der Nichtexistenz eines sechsten regulären Körpers. Wir könnten auf
-Euklid denselben Schlusssatz wie bei Platon anwenden, Euklid hat das
-unscheinbare aber unerschütterliche Fundament geschaffen, auf dem
-sich der stolze Bau des Archimedes erheben konnte, dem wir uns jetzt
-zuwenden.
-
-[Sidenote: Archimedes (vita).]
-
-An Euklid, dem »Stoicheiotes«, schliesst sich ¨Archimedes¨ an, der
-Erzdenker, wie ich seinen Namen übersetze, der princeps matheseos des
-Altertums und vielleicht aller Zeiten, der nur an Galilei, Gauss,
-Newton und Fermat seines Gleichen hat. Gleich gross als Mathematiker,
-Physiker, Mechaniker und Astronom. Auch von ¨seinem¨ Leben wissen wir
-wenig, eine Biographie seines Zeitgenossen Herakleides, welche dem
-Eutokios noch vorlag, ist völlig verloren. Das Todesjahr steht fest, er
-fiel bei der Einnahme seiner Vaterstadt Syrakus durch. Marcellus der
-Roheit eines Soldaten zum Opfer; also 212, und zwar hochbetagt; zum
-Schmerz des Marcellus, der ausdrücklich befohlen hatte des Archimedes
-zu schonen. ¨Tzetzes¨ sagt, (chiliad. II, 36, 105) im Alter von 75
-Jahren, dann war er 287 geboren, jedenfalls hochbetagt. Sein Vater soll
-der Astronom Pheidias gewesen sein und dann wäre auch Archimedes gleich
-wie Aristoteles auf die exakten Wissenschaften erblich hingewiesen.
-¨Plutarch¨ erzählt im Leben des Marcellus, dass er dem Könige Hiero II.
-dem trefflichsten Regenten, den Syrakus besessen, nahe verwandt gewesen
-und jedenfalls war er ihm und seinem Sohne Gelon eng befreundet. Eine
-andere Version lässt ihn durch Missverständnis einer Stelle bei Cicero
-in den Tusculanen V, 23 aus armer Familie und von niedriger Geburt
-sein. Der »humilis homunculus« bezieht sich nur auf das traurige Ende
-des Archimedes. Diese andere Version ist so gut wie ausgeschlossen, wir
-wissen, dass er jede gewinnbringende Tätigkeit geringschätzte, ja sogar
-jede praktische, und nur auf Bitten des Hiero und schliesslich bei
-der Verteidigung seiner Vaterstadt sein technisches Genie betätigte.
-In den tiefsten rein wissenschaftlichen Spekulationen fand er seine
-Befriedigung und im ganzen späteren Altertum wurde ein schwieriges
-Problem Archimedeon problema genannt vergl. ¨Cicero¨ ep. ad Atticum 12,
-4; 13, 28 etc. (¨Bunte¨, Progr. Leer 1877, ¨Heiberg¨, Quaest. Archim.
-1879). Und auch sein Tod soll nach mehrfach beglaubigter Angabe eine
-Folge seiner Vertiefung in die Wissenschaft gewesen sein. Jedenfalls
-war er nach dem schmucklosen und glaubhaften Bericht des ¨Livius¨ so
-tief in Gedanken versunken, dass er die Einnahme von Syrakus nicht
-bemerkt hat. Das »Noli turbare circulos meos« (Störe ja nicht meine
-Kreise) geht auf Tzetzes zurück oder richtiger auf Diodor., die andere
-Version, die G. Valla nach Zonaras berichtet, lautet: παρα ταν κεφαλάν
-και μα παρα ταν γραμμάν (Verletze den Kopf, aber nicht meine Linie).
-
-Niemals ist das Wesen des Archimedes treffender verkündet worden, als
-es Schiller, Dichter und Prophet im Horazischen Sinne, mit dem Epigramm
-»Archimedes und der Schüler« vermocht hat.
-
- Zu Archimedes kam ein wissbegieriger Jüngling,
- Weihe mich, sprach er zu ihm, ein in die göttliche Kunst
- Die so herrliche Frucht dem Vaterlande getragen
- Und die Mauern der Stadt vor der Sambuca beschützt.
- Göttlich nennst du die Kunst? Sie ist's, versetzte der Weise,
- Aber das war sie, mein Sohn, eh' sie dem Staat noch gedient.
- Willst du nur Früchte von ihr, die kann auch die Sterbliche zeugen,
- Wer um die Göttin freit, suche in ihr nicht das Weib.
-
-Die Sambuca war eine von Marcellus mit grossen Kosten erbaute gewaltige
-Maschine, durch welche die Mauern der Achradina, der Seefestung von
-Syrakus, in der vermutlich Archimedes selbst wohnte, zertrümmert werden
-sollte. Archimedes zerstörte die Sambuca durch drei hintereinander
-folgende Würfe. Seine Maschinen (organa), Wurfmaschinen -- Katapulte
-und Ballisten --, und eiserne Krane, die mit ihrem Arm die Schiffe der
-Römer ergriffen, hochhoben und mit furchtbarer Gewalt fallen liessen,
-wirkten derart, dass die Römer, sobald nur ein Seil sichtbar wurde,
-davonliefen. Plutarch lässt Marcellus sagen: Sollten wir nicht aufhören
-gegen den mathematischen Briareus, den hundertarmigen Giganten zu
-kämpfen. Und er hob tatsächlich die Belagerung auf und schloss die
-Stadt nur ein, welche erst durch Verrat und Überrumpelung in seine
-Hände fiel.
-
-Aus dem Leben des Archimedes steht soviel fest, dass er, vermutlich
-im Mannesalter, in Alexandria war, und dort wenn auch nicht unter
-Euklid selbst aber unter Schülern des Euklid studierte. Es ist nicht
-unwahrscheinlich, dass er bei dem ausgezeichneten Mathematiker und
-Astronom ¨Konon¨ aus Samos hörte, mit dem er befreundet war und dem
-er später seine Entdeckungen zusandte, wie er selbst berichtet. Nach
-Pappos (Collect. I p. 234) ist ¨Konon¨, von dessen Schriften nichts
-erhalten ist, der Entdecker der ¨Archimedischen Spirale¨ gewesen
-(s. u.). Auch mit ¨Eratosthenes¨ muss Archimedes dort verkehrt haben,
-das berühmte »Rinderproblem« ist an jenen gerichtet, und wenn auch die
-Verse des Epigramm nicht echt sein mögen, das Problem selbst und die
-Sendung an den Alexandriner zu bezweifeln liegt kein Grund vor. Seit
-Sommer 1906 ist der Verkehr zwischen beiden Mathematikern durch das
-von ¨J. L. Heiberg¨ entdeckte »Ephodion« (s. u.), erwiesen. Dort in
-Alexandria hat er die berühmte Schraube erfunden, die κοχλιας, nach
-der Schnecke mit gewundenem Gehäuse, der Purpurschnecke Kochlos, aber
-auch Helix genannt wurde, mit der das Wasser aus dem Nil auf die Felder
-gehoben wurde.
-
-Zurückgekehrt beschäftigte er sich mit den subtilsten mathematischen
-Untersuchungen, insbesondere mit Ausbildung der infinitesimalen
-Methoden und nur zu seiner Erholung mit praktischer Mechanik. Berühmt
-sind die von Cicero in de republica beschriebenen Globen, von denen
-namentlich die Hohlkugel, ein gewaltiges, mit Wasserkraft getriebenes
-Planetarium für ein Wunderwerk galt. Es war das einzige Beutestück, das
-Marcellus aus Syrakus für sich nahm. Auch die einzige Schrift, welche
-Archimedes über Technik verfasst hat, ist nach dem Zeugnis des Plutarch
-die Schrift über Anfertigung von Globen, περι σφαιροποιαν.
-
-Von Archimedes werden zwei Züge autoritär berichtet und besonders der
-erste so gut beglaubigt, dass er wahr erscheint. König Hiero liess
-unter Leitung des Archimedes ein prächtig ausgerüstetes Riesenschiff
-bauen, etwa unsern Salondampfern vergleichbar, das Athenaios (2 Jahrh.
-nach Chr., Alexandriner, der uns Auszüge aus sehr vielen verlorenen
-Werken in seinen Deipnosophistae-Gastmahle Gelehrter -- erhalten
-hat; siehe Details über das Schiff bei ¨Bunte¨ l. c.) ausführlich
-beschreibt. Hiero bezweifelte ob man das Riesenschiff vom Stapel lassen
-könne, da zog Archimedes mit dem von ihm erfundenen ¨Flaschenzug¨
-allein ein beladenes Schiff, Proklos sagt sogar ¨das¨ Schiff, ans Ufer
-indem er sagte: δός μοι πᾷ στῶ καὶ τὰν γᾶν κινήσω. (Gib mir einen
-festen Punkt, und ich will die Erde bewegen.) Proklos (Friedlein p. 63)
-berichtet weiter: »Απο ταυτης, εφη, της ἡμερας περι παντος Αρχιμηδει
-λεγοντι πιστευτεον«. Und der erstaunte Hiero sagte: Von heute ab mag
-Archimedes behaupten was es sei, man muss ihm Glauben schenken. Das
-¨Hebelgesetz¨, die Grundlagen der Statik hat unbezweifelt Archimedes
-bewiesen vergl. Pappos VIII, 19.
-
-Die andere Anekdote knüpft an seine Auffindung des Hydrostatischen
-Grundgesetzes von der gleichmässigen Fortpflanzung des Druckes in
-Flüssigkeiten an, des Archimedischen Prinzip: »Der Auftrieb ist gleich
-dem Gewicht der verdrängten Wassermasse«. Sie wird uns von ¨Vitruv¨,
-dem bedeutendsten Römischen Baumeister, dem Lehrmeister unserer
-Architekten und Ingenieure, in de Architectura IX mitgeteilt. Es ist
-die bekannte in jeder Aufgabensammlung stehende Gleichung von der Krone
-des Hiero, Proklos nennt l. c. ¨Gelon¨, doch hat ¨H. Heiberg¨ höchst
-wahrscheinlich recht, dass richtiger Hieron zu lesen ist, da Proklos zu
-Gelon nichts hinzusetzt. Der König glaubte sich von seinem Goldschmied
-betrogen, der Silber unter das Gold gemischt, und stellte die Aufgabe,
-ohne die Krone aufzulösen, herauszubringen, wieviel Gold und wie viel
-Silber die Krone enthalte. Archimedes habe sich im Bade mit dem Problem
-beschäftigt und als er das Steigen des Wassers in der Wanne beobachtet,
-sei er mit dem Ausruf, εύρηκα, εύρηκα, ich hab's (gefunden) ich hab's,
-nackt aus dem Bade gesprungen. Die ganze Badegeschichte fehlt bei
-Proklos, der nur angibt, dass jener die ihm gestellte Aufgabe gelöst
-habe.
-
-Sicher steht dagegen die Tatsache, dass Archimedes den Wunsch
-ausgesprochen, man möge ihm auf sein Grab eine von einem Cylinder
-umschlossene Kugel setzen, mit der Angabe des Verhältnis der Volumina
-2 : 3, denn auf diese Entdeckung legte er den grössten Wert, (man
-denke an ¨Newton¨ und den Binom). Marcellus hat den Wunsch erfüllt,
-Cicero berichtet l. c. dass er, der 75 v. Chr. als Quästor auf Sicilien
-seines Amtes waltete, an dieser Inschrift das verfallene Grabmal des
-Archimedes erkannt und das Grab wieder in Stand gesetzt habe.
-
-[Sidenote: Archimedes' Werke.]
-
-Und nun zu dem, was unsterblich an Archimedes ist, seine Leistungen
-und Schriften. Die grosse Bedeutung seiner Entdeckungen für die reine
-und angewandte Mathematik haben bewirkt, dass nur ein verhältnismässig
-kleiner Bruchteil wirklich verloren gegangen ist, wenn uns auch die
-Originalfassungen vielfach fehlen. Archimedes sprach und schrieb im
-dorischen Dialekt und seine Schriften sind erst später attisiert. Einen
-Teil kennen wir aus arabischen Quellen und lateinischen Übersetzungen.
-
-Archimedes verdankte seine Leistungen der so seltenen Verbindung
-des höchsten experimentellen mit höchstem spekulativen Scharfsinn.
-Schon in der Einleitung habe ich das Citat aus ¨Herons¨ Metrika
-angeführt und die Auffindung des Kugelvolums, und ebenso ruht, wenn
-nicht die Einführung, doch sicher die Benutzung des Schwerpunktes
-auf experimenteller Grundlage. Aber was er auf dem Wege des
-Experimentes gefunden, das vermochte er zu beweisen mit Hilfe von
-Infinitesimalbetrachtungen, die er sehr früh mit vorbildlicher Klarheit
-und Schärfe ausgebildet haben muss. Es scheint mir ganz sicher zu
-sein, dass sein erster rein mathematischer Vorwurf das Problem der
-Bogenteilung und Quadratur des Zirkels, welche ja schon ¨Dinostratos¨
-zusammengezogen hatte, gewesen ist, wenn auch die Kreismessung später
-redigiert ist. Dies geht daraus hervor, dass die an ¨Konon¨ gesandten
-Sätze über die »Archimedische Spirale« zeitlich so ziemlich das Erste
-sind, was er veröffentlicht hat. Die Spirale selbst soll ja Pappos
-zufolge Konon und nicht Archimedes gefunden haben, die Benutzung
-derselben zur Winkelteilung und Kreismessung und die Auffindung
-ihrer Eigenschaften sind sein Eigentum. Die Beweise der Sätze fand
-er mit Hilfe des Infinitesimalen, auf Differentialrechnung beruht
-seine Konstruktion der Tangente an die Spirale, die nichts anderes
-ist als die ¨Roberval-Torricelli¨'sche Methode, auf Integration die
-Flächen- und Volumenbestimmung. Freilich sah auch er sich durch die
-Rücksicht auf seine Leser genötigt, die Differentialrechnung hinter dem
-sogenannten ¨Archimedischen Prinzipe¨ (s. u.) zu verstecken, wie wir
-das schon bei ¨Eudoxos¨ konstatierten, sind doch m. E. die Schriften
-des ¨Demokrit¨ nur deswegen verloren gegangen, weil sie mangels
-Konzessionen an die Beschränktheit nicht verstanden wurden. Eine
-der frühesten Anwendung muss der Hauptsatz der κύκλου μέτρησις, der
-Kreismessung, gewesen sein, und die Auffassung des Kreises als Grenze
-der regulären Polygone.
-
-[Sidenote: Archimedes' Werke (Ephodion).]
-
-Wie klar sich Archimedes über die Tragweite der Infinitesimalrechnung
-gewesen und wie scharf er den Grenzbegriff erfasst hat, ist jetzt
-durch die Wiederauffindung des bis 1907 verloren geglaubten Ephodion
-(εφοδιον) erwiesen. ¨J. L. Heiberg¨ hat durch die Entzifferung
-des Palimpsest [publiziert in deutscher Übersetzung Eneström Folge
-III, 7, 1907 S. 31 ff. und griechisch ¨Hermes¨ 42 Heft 2] auf den
-ihn ¨H. Schoene¨, der Auffinder der Metrika des Heron hingewiesen
-hatte, seinen ohnehin schon überreichen Verdiensten um die Geschichte
-Hellenischer Wissenschaft die Krone aufgesetzt. Er hatte dabei die
-Freude die Vermutung die er in dem Quaestiones Archimedeae über den
-Inhalt des εφοδιον.εφοδιον 1879 ausgesprochen hatte, 1907 vollbestätigt
-zu sehen. Es heisst da: Potius crediderim, εφοδιον esse librum methodi
-mathematicae scientiam complectentem ...; εφοδος enim post Aristotelem
-significat methodum.
-
-Die Schrift mag »druckfertig« gemacht sein wann sie will, ihr
-wesentlicher Inhalt fällt nicht nur vor Kugel und Cylinder, sondern
-bildete mit dem Begriffe des ¨statischen Moments¨ den Ausgangspunkt,
-gewissermassen das Leitmotiv seiner ganzen wissenschaftlichen
-Tätigkeit, wenigstens soweit Mechanik und Geometrie in Betracht kommen.
-In einem Vortrag zu Frankfurt auf der Naturforscherversammlung 1893
-sagte ich schon, dass ¨Galilei¨ so genau an Archimedes anknüpfe, als
-habe er bei ihm gehört. Das Ephodion zeigt, dass selbst die Form
-Galileis und noch mehr ¨Cavalieris¨, seines Schülers, merkwürdig mit
-Archimedes übereinstimmt. Die Renaissance besass gewiss ein ganz
-Teil Originaltexte die inzwischen verloren gingen, wie das von der
-Sammlung ¨Regiomontans¨ feststeht und von des Archimedes-Schrift
-περι οχουμενων., von der übrigens ein grosses Stück sich im selben
-Palimpsest vorgefunden hat und es scheint mir wahrscheinlich, dass
-ein Exemplar des εφοδιον Galilei und Cavalieri vorgelegen hat. So
-ist der Kunstausdruck für das Integral, den auch Leibniz zuerst von
-Cavalieri entnommen, »omnia«, eine Übersetzung des »παντα« aus dem
-Ephodion, so die Stelle Hermes S. 250 Z. 15-19 von και bis τμημα. und
-254, 21 von συμπληχθεντος bis κώνου., welche den Archimedes, der doch
-seinen Aristoteles genau genug kannte, wie seiner Zeit Cavalieri dem
-Verdacht aussetzten die Fläche als Summe von Linien, den Körper als
-Summe von Flächen anzusehen. Die Identität der Exhaustionsmethode
-mit der Differentialrechnung hat kein Geringerer als Wallis zuerst
-hervorgehoben; ich verweise hierfür auf die 2. Auflage meiner Didaktik
-und Methodik, Baumeisters Handbuch IX pg. 168 (1907).
-
-[Sidenote: Archimedes' Werke (Ausgabe).]
-
-Archimedes' gesammelte Werke sind griechisch und lateinisch zuerst
-1544 bei Herwagen in Basel, der auch in Strassburg eine Druckerei
-besass, gedruckt worden, der Herausgeber Thomas Grechauff nennt sich
-auf dem Titelblatt nicht. Der lateinische Text ist weit besser als
-der griechische, Heiberg macht es wahrscheinlich, dass wir es hier
-mit den Verbesserungen Regiomontans zu tun haben und ausserdem hat
-noch der von Nürnberg aus 1529 nach Strassburg berufene ¨Christian
-Herlin¨ wesentlichen Anteil. Das Exemplar, welches nach mannigfachen
-Schicksalen jetzt die Bibliothek des Lyceums ziert, kann sehr wohl
-Herlins eigenes Exemplar gewesen sein, der ursprünglich als Städtischer
-Rechenmeister, dann als erster Mathematiker des ¨Sturmschen¨ (jetzigen
-Protestantischen) Gymnasium bis 1562 in Strassburg wirkte. Die nächste
-Gesamtausgabe griechisch und lateinisch ist die Oxforder Ausgabe in
-Riesenformat des Giuseppe Torelli von 1792, sie wäre ein Meisterstück
-geworden, wenn nicht der 1781 im 61. Lebensjahr erfolgte Tod des
-hervorragenden Gelehrten die endgültige Ausgabe in die Hand des
-Engländers Abraham Robertson gelegt hätte, der sie vergl. ¨Heiberg¨,
-Quaest. Arch. p. 110 und ¨E. Nizze¨ p. IX verdorben hat. Heiberg
-erwähnt noch wenig rühmend die Ausgabe des Rivaltus Paris 1615 fol.,
-sie ist aber durch gute Figuren bemerkenswert. ¨Torelli¨ hat das
-Verdienst, durch Benutzung der ¨Begleitbriefe¨ mit denen Archimedes die
-meisten Werke in die Welt gesandt, und der eignen Zitate die Schriften
-in chronologisch richtigere Reihenfolge gebracht zu haben, als sie
-der ¨Codex Florentinus¨, der wichtigste aller, da der »Archetyp« der
-Codex des ¨Georg Valla¨ (Heib. Praef.) seit 1544 noch nicht wieder zum
-Vorschein gekommen ist, und mit ihm die andern enthalten.
-
-Es folgt als letzte und beste die Ausgabe von ¨I. L. Heiberg¨ Teubner
-1880-81, ebenfalls mit dem Kommentar des Eutokios, griechisch und
-lateinisch, Heiberg bereitet auf Grund des von ihm entzifferten
-Palimpsest (s. o.) eine zweite Auflage vor.
-
-[Sidenote: Archimedes' Werke (Übersetzungen, Kommentare).]
-
-Von Übersetzungen hebe ich hervor die lateinische des Federico
-Commandino Venedig 15., der schon als Euklidübersetzer gerühmt werden
-musste; die deutsche des Altdorfer Professor ¨Chr. Sturm¨, den ich in
-der Didaktik und Methodik so vielfach erwähnen musste, den Verfasser
-der Mathesis juvenilis, die ¨französische¨ von ¨F. Peyrard¨ 1807 mit
-einem Anhang ¨Delambres¨ über griechisches Zahlenrechnen (Logistik) und
-die vortreffliche des Stralsunder ¨Ernst Nizze¨ von 1824 mit wichtigen
-kritischen Anmerkungen, in denen auch der Kommentar des Eutokios
-»des einzigen, der aus dem Altertum selbst rührt« (Nizze p. VII)
-berücksichtigt ist. Über ihn sagt die Florentinus (Heiberg, Quaest. p.
-113):
-
- Ευτοκιου πινυτου γλυκερος πονος, ὁν ποτ' εκεινος
- γραψεν, τοις φθονεροις πολλακι μεμψαμενος.
-
- Treffliche Arbeit des weisen Eutokios, einstens geschrieben,
- Welche die Neider des Manns öfter [mit Unrecht] geschmäht.
-
-Ich wage es übrigens zu sagen, dass die einleitenden Worte Heib. B. 3,
-p. 2 zu frei übersetzt sind, ich würde »η δια την δυσκολιαν οκνησας«
-wiedergeben: »obwohl die Schwierigkeit mich zaudern liess«, den
-Superlativ »verisimillimum« als Übersetzung von πανυ εικος mit »nicht
-unwahrscheinlich« und das reizende »ει τι και παρα μελος δια νεοτητα
-φθενξομαι.« »und wenn ich auch meiner Jugend wegen ab und an falsch
-singen würde« etc. Leider hat ¨Eutokios¨ nur No. 1, 3, 4 der Schriften
-kommentiert.
-
-[Sidenote: Archimedes' Werke (Reihenfolge).]
-
-Die jetzt festgehaltene Reihenfolge der Schriften ist:
-
-1) επιπεδων ισορῥοπιων α, Buch I vom Gleichgewicht der Ebenen
-(Flächen).
-
-2) τετραγωνισμος τας ορθογονιου τομας, Quadratur der Parabel.
-
-Über die Dorischen Eigenarten s. Heibergs Quaest. Arch. Cap. V.
-
-3) επιπεδων ισορροπιων β, Buch II vom Gleichgewicht der Ebenen
-(Flächen) oder vom ¨Schwerpunkt¨ derselben.
-
-4) περι σφαιρας και κυλινδρου αβ, 2 Bücher von der Kugel und dem
-Cylinder.
-
-5) περι ἑλικων, über die Schneckenlinien (Archimedische Spirale).
-
-6) Über Konoide und Sphäroide (Über Rotationsflächen 2. Grades).
-
-7) κυκλου μετρησις, die Kreismessung.
-
-8) ψαμμιτης, der Sandzähler, lateinisch arenarius.
-
-9) περι οχουμενων, über schwimmende Körper. 2 Bücher, bis vor kurzem
-nur lateinisch erhalten.
-
-10) προβλημα βοων, das Rinderproblem, bis vor kurzem (bis vor
-Entdeckung des Pariser Codex) bezweifelt.
-
-11) εφοδιον, Methodik, das oben besprochene, jetzt erst wieder zum
-Vorschein gekommene Werk, welches ¨H. Zeuthen¨ l. c. vor No. 4 ansetzt,
-ich vermute, dass Heiberg in seiner neuen Ausgabe mit dem εφοδιον
-beginnen wird, da er jetzt schon die Schriften nach ihrem sachlichen
-Zusammenhang geordnet hat, ohne sich weiter über seine Gründe in der
-Vorrede zu äussern.
-
-Aus dem arabischen Manuskript des ¨Thabit ibn Qurrah¨, der die
-Euklidübersetzung des Ishaq ibn Hunein wesentlich verbessert hat, ist
-von ¨S. Foster¨ 1659 eine angeblich von Archimedes herrührende Sammlung
-von 13 Sätzen herausgegeben unter dem Titel liber assumptorum Λημματα,
-Wahlsätze. Dass ein Teil sicher auf ihn zurückgeht, wird durch Pappos
-bezeugt.
-
-Dass der grosse Mann auch ein Kinderspiel »loculus Archimedis« unter
-dem Namen στομαχιον., von ¨Drachmann¨ mit Neckspiel (¨Heiberg¨,
-Hermes 42, 240) wiedergegeben, ersonnen hatte, wird von ¨Heiberg¨ auf
-Grund des Palimpsest von 1906 bestätigt, es bestand (Quaest. Archim.
-43, 2) aus 14 teils quadratischen teils dreieckigen Plättchen aus
-Elfenbein und hat sich bis heute als das »¨Pythagoras¨« genannte
-Zusammensetzspiel erhalten.
-
-Aus einer verlorenen Schrift hat uns Pappos, Buch V, Kap. 33-36 die
-13 sogen. »Archimedischen Körper« erhalten, das sind halbreguläre
-Polyëder, begrenzt von abwechselnden regelmässigen Polygonen zweier
-Gattungen, worüber man ¨R. Baltzers¨ klassische Elemente nachsehen
-möge. Aus dem Umstand, dass Archimedes diese Körper, abgesehen von den
-Prismaten, vollständig aufgestellt hat, geht klar hervor, dass er den
-sogen. ¨Euler'schen¨ Satz e + f = k + 2 kannte, wie es ja auch ziemlich
-sicher ist, dass er die bei Pappos gegebene sogen. ¨Guldinsche¨ Regel
-vom Volumen der Rotationskörper kannte.
-
-Bis auf minimale Spuren verloren sind περι ζυγων, über Wāgen,
-κεντροβαρικα. κατοπτρικα περι σφαιροποιας, welche von Pappos, Theon und
-Proklos erwähnt werden.
-
-
-Analyse der Schriften des Archimedes.
-
-[Sidenote: Analyse der Schriften des Archimedes.]
-
-Dieselbe wird dadurch erleichtert, dass sie Archimedes selbst gleich in
-der Einleitung gibt.
-
-Ich beginne mit der Quadratur der Parabel von Archimedes (s. o.)
-»Schnitt des rechtwinkligen Kegels« genannt. Aus Euklids Konika
-schickt er 3 Sätze als bekannt voraus. I. Wenn ¯ABC¯ eine Parabel,
-die Gerade ¯BD¯ entweder der Axe (Durchmesser) parallel oder die Axe
-selbst ist, und wenn ¯ADC¯ der berührenden an dem Punkte Β der Parabel
-(Scheiteltangente des Durchmessers) parallel ist, so wird ¯AD¯ = ¯DC¯
-sein, und wenn ¯AD¯ = ¯DC¯ ist, so werden ¯ADC¯ und die berührende an
-dem Punkt Β der Parabel parallel sein.
-
-II. Die Tangente im Endpunkt einer Sehne schneidet den konjugierten
-Durchmesser so weit hinter dem Scheitel wie die Sehne vor.
-
-III. Die Quadrate zweier paralleler Sehnen verhalten sich wie ihre
-Abstände vom Scheitel des konjugierten Durchmessers.
-
-Es folgt dann die Quadratur mittelst der Sätze der Statik aus dem 1.
-Buch des »Gleichgewicht der Ebenen« ¨unter Bildung des statischen
-Moments¨ und dann von Satz 18 bis 24 die Quadratur in bekannter Weise
-als: Σ 1/4^n wobei der strenge Beweis durch das Archimedische Prinzip
-gegeben wird. Das Interessanteste ist wohl die Vorrede:
-
-Archimedes wünscht dem Dositheos Wohlergehen. Mit der Nachricht von
-dem Tode des ¨Konon¨, der mir aus dem Freundeskreise noch übrig
-geblieben war, verband sich die, dass du sein Vertrauter gewesen und
-ein geschickter Geometer bist. In der Trauer über den Verstorbenen,
-der mir lieb war und ein bewunderungswürdiger Mathematiker, fasste ich
-den Entschluss, wie sonst mit ihm, so jetzt mit dir in schriftliche
-Verbindung zu treten und dir ein bisher nicht aufgestelltes
-geometrisches Theorem zu senden, das jetzt von mir bewiesen ist und
-zwar wurde es zuerst statisch gefunden, dann aber auch geometrisch
-bewiesen.
-
-[Sidenote: Quadratur der Parabel.]
-
-Einige von denen, welche sich früher mit Geometrie beschäftigten,
-unterfingen sich zu schreiben es sei möglich eine geradlinige Figur zu
-finden, welche einem gegebenen Kreise oder Kreisabschnitt gleich sei.
-Danach versuchten sie auch die Ellipse zu quadrieren [Ellipse gleich
-ολα τομα του κωνου., die beiden andern ατελής d. h. unvollendbar]
-unter Annahme von Sätzen, die man ihnen nicht wohl zugestehen konnte.
-Doch hat meines Wissens keiner von den früheren versucht den von
-dem Schnitt des rechtwinkligen Kegels [= Parabel] und einer Geraden
-umschlossenen Raum zu quadrieren, was jetzt von uns aufgefunden ist.
-Denn es wird gezeigt, dass jedes Parabelsegment 4/3 des Dreiecks ist,
-das mit ihm gleiche Grundlinie und Höhe hat, unter Annahme folgenden
-Hilfssatzes: ¨Der Unterschied zweier Flächen einer grösseren und einer
-kleineren kann durch Vervielfältigung jede vorgelegte begrenzte Fläche
-übertreffen.¨ --
-
-[Sidenote: Archimedes' Werke (Prinzip; Kugel und Cylinder).]
-
-Dies ist also das ¨Archimedische Prinzip¨ in Originalfassung.
-
-Es kommt noch einmal vor am Schluss der Einleitung zu der Spirale Heib.
-II, 14, wörtlich wie hier, nur dass es auch noch auf lineare Grössen
-ausgedehnt ist; in Kugel und Cylinder Heib. 1, 10, ε ist es auch auf
-Körper ausgedehnt, vergl. darüber Eudoxos.
-
-II. Kugel und Cylinder.
-
-»Archimedes grüsst den Dositheos. Früher habe ich dir brieflich das
-damals mehrfach behandelte Theorem, dass jedes Parabelsegment 4/3 des
-Dreiecks ist, das mit ihm gleiche Grundlinie und Höhe hat, mit den
-Beweisen zugesandt. Danach bin ich auf einige noch nicht bewiesene
-Sätze gestossen und habe die Beweise ausgearbeitet. Es sind folgende:
-Erstens, dass die Oberfläche der Kugel das Vierfache ihres grössten
-Kreises ist, sodann, dass der Fläche jedes Kugelsegments ein Kreis
-gleichkommt, dessen Radius[1] gleich der Verbindungslinie des Scheitels
-mit einen Punkt des Grundkreises ist; dazu kommt der Satz, dass jeder
-Cylinder der den grössten Kreis zur Basis und den Kugeldurchmesser zur
-Höhe hat, das anderthalbfache der Kugel ist, wie seine Oberfläche von
-der der Kugel«.
-
-[1] Der Radius heisst ἡ ἐκ τοῦ κέντρου; zu ergänzen ist γραμμή die
-Linie aus dem Zentrum, das Wort Radius ακτις kommt, vergl. ¨Simon¨
-Euklid 1901, p. 80 Anmerk. 1 zuerst bei Cicero. Timaeus cap. VI vor.
-
-Es folgt dann die schon bei Eudoxos erwähnte Stelle über die Sätze mit
-denen dieser die Demokritische Formel über die Volumina der Pyramiden
-und Kegel bewiesen hatte. Wichtig sind die Annahmen, die sich an die 6
-Axiome der Einleitung anschliessen.
-
-1) Von den Linien, welche dieselben Endpunkte haben, ist am kürzesten
-die Gerade.
-
-¨Archimedes hat auch nicht im mindesten die Absicht mit dieser
-Forderung eine Definition der Geraden zu geben.¨
-
-2) Von zwei nach denselben Seiten hohlen (gekrümmten) Verbindungslinien
-zweier Punkte ist die umschlossene die kleinere.
-
-3) Ebenso ist von den Flächen, welche dieselben Grenzen haben, falls
-diese Grenzen in einer Ebene liegen, die Ebene die kleinste.
-
-4) Von zwei solchen Flächen, welche nach derselben Seite hohl sind, ist
-die umschlossene die kleinere.
-
-5) Auch ist bei ungleichen Linien, Flächen oder Körpern der Unterschied
-so beschaffen, dass es durch Vervielfältigung desselben möglich ist
-jede Grösse derselben Art zu übertreffen.
-
-¨No. 5 ist das Archimedische Prinzip in allgemeinster Fassung.¨
-
-Es folgt dann die Integration oder Quadratur der Kugelfläche in der
-auch in unsern Elementarbüchern leider noch oft gegebenen Weise als
-Grenze einer Summe von Kegelmänteln und die des Kugelvolumens durch
-den Satz eine von Kegelflächen begrenzte Figur die in eine Kugel
-eingeschrieben ist, ist gleich einem Kegel, dessen Grundfläche die
-Fläche der eingeschriebenen Figur ist, und dessen Höhe gleich dem Lot
-vom Zentrum auf die Kante eines der Kegel ist; also als Grenzfall:
-Kugel = Kegel dessen Grundfläche die Kugel, dessen Höhe der Radius ist.
-
-[Sidenote: Archimedes' Kreismessung.]
-
-Im Ephodion II hat Archimedes dann uns verraten, dass er erst das
-Kugelvolumen mittelst Integration (durch geschickte Benutzung des
-Hebelsatzes, die heute überflüssig ist) gefunden hat und dann die
-Kugelfläche wie wir, durch den Satz, dass die Kugel eine Pyramide ist,
-welche die Fläche zur Grundfläche und den Radius zur Höhe hat, der
-heute jedem mit Grenzbetrachtung vertrauten Primaner einleuchtet.
-Zugleich berichtet er uns in der Anmerkung, dass die ¨Kreisberechnung¨
-ihn auf diesen Gang geführt und man sieht, dass die Kreisberechnung
-faktisch der Kugelberechnung voranging, was ich schon in der Vorlesung
-von 1903 gesagt hatte.
-
-Archimedes hat wohl mit Fug und Recht das Buch I der Sphaira als
-seine bedeutendste Leistung angesehen, obwohl er u. a. im zweiten
-Teil unter No. 5 die Aufgabe löste von einer Kugel durch einen ebenen
-Schnitt einen gegebenen Bruchteil abzuschneiden, die auf eine Gleichung
-dritten Grades und zwar auf den casus irreducibilis führt und in enger
-Beziehung zur Winkelteilung steht.
-
-Das Eindringen in die Prinzipien der Integralrechnung und seine
-Kenntnis der Integrale rationaler Integranden tritt am deutlichsten
-in der Abhandlung No. 4 über Konoide und Sphäroide hervor, d. h.
-über Rotations-Paraboloide und -Hyperboloide (Konoide) und
-Rotations-Ellipsoide (Sphäroide). Hier quadriert er auch die Ellipse,
-den Schnitt des spitzwinkligen Kegels, und zeigt, dass er die Gleichung
-der auf ihre konjugierten Axen bezogenen Ellipse und Hyperbel kennt.
-
-Ich komme zur κυκλου μετρησις, sie ist dem Wesen nach schon vor der
-sphaera entstanden, aber später redigiert. (Vorlesung 1903.) Sie
-beginnt mit dem wieder auf das Prinzip gestützten Nachweis, dass der
-Kreis gleich einem Dreieck, dessen Grundlinie die Peripherie und dessen
-Höhe der Radius ist. Es wird wohl niemand mehr bezweifeln, dass er das
-gleichschenklige Dreieck, dessen Grundlinie das Bogenelement ist, als
-Differential und die Kreisfläche selbst als Integral ansah, wodurch
-es sich auch erklärt, dass er die Existenz eines solchen Dreiecks bei
-seiner Verkleidung der Infinitesimalrechnung stillschweigend annahm.
-Durch diesen Satz I hat Archimedes die Probleme der Quadratur und
-Rektifikation des Kreises vereinigt. Die beiden Sätze, welche gestatten
-die Kette der ein- und umgeschriebenen regulären 2^k n Ecke beliebig
-weit fortzusetzen, sind heute Inventar unserer Schulgeometrie. Die
-Arbeit gipfelt in dem berühmten Satz III, den ¨Ulrich v. Wilamowitz¨ in
-sein Übungsbuch aufgenommen hat:
-
-Παντος κικλου ἡ περιμετρος της διαμετρου τριπλασιων εστι, και ετι
-ὑπερεχει ελασσονι μεν η ἑβδομω μερει της διαμετρου, μειζονι δε η δεκα
-ἑβδομηκοστομονοις., wo dann in den griechischen Zahlwörtern und den
-Dativen ελασσονι etc. jedes Philologenherz schwelgen kann. »Jedes
-Kreises Umfang ist des Durchmessers Dreifaches und geht darüber hinaus
-durch einen Teil des Durchmessers der geringer ist als ein Siebentel
-und grosser als 10 Einundsiebzigstel.« Ausgegangen wird vom 6 Eck,
-als Grenze dient das ein- und umgeschriebene 96 Eck. Wie er die
-Quadratwurzeln mit solcher Genauigkeit gezogen, steht noch nicht fest,
-doch hat er sich vermutlich eines Kettenbruch ähnlichen Algorithmus
-bedient und vermutlich auch die Formel gekannt
-
- a ± b/(2a) > √(a^2 ± b) > a + b/(2a ± 1)
-
-[Sidenote: Spirale.]
-
-Für Kreismessung und Kugel-Cylinder sind die Handschriften am
-verdorbensten. Eng an die Kreismessung schliesst sich die Schrift περι
-ἡλικων, ¨über die Archimedische Spirale¨, erzeugt durch einen Punkt
-Μ, der sich gleichförmig auf einem sich gleichförmig drehenden Radius
-bewegt. Da die Gleichung der Kurve in Polarkoordinaten r = a . Θ, wo
-a2π gleich der Strecke ΑΘ ist, welche Μ auf dem Radius während eines
-vollen Umlaufs zurücklegt, so gibt die Kurve sowohl den Kreisumfang als
-auch jede beliebige Bogen- oder Winkelteilung. Sie wird mit den denkbar
-einfachsten geometrischen Mitteln behandelt, noch elementarer als in
-der kleinen analytischen Geometrie, Sammlung ¨Göschen¨ No. 65, auch der
-Flächeninhalt durch Integration des Polarflächenelements 1/2 r^2 dΘ
-ermittelt. Die Einleitung ist für die Datierung der Werke wichtig, sie
-wiederholt die vor langen Jahren an Konon gesandten Sätze, darunter
-zwei Vexiersätze, es heisst: Es trifft sich, dass darunter zwei Platz
-gefunden haben, welche eine Erfüllung (nämlich der Forderung sie zu
-beweisen) vermissen lassen, damit die Leute, welche behaupten, sie
-könnten alles finden, während sie doch keinen Beweis herausbringen,
-überführt werden, dass sie hier mal eingestanden haben, das Unmögliche
-zu finden.
-
-[Sidenote: Archimedes: Ephodion.]
-
-Über das ἐφόδιον habe ich schon Einiges gesagt. Es führt im Palimpsest
-¨Heiberg¨, Hermes 42 p 243 den Titel Archimedous peri tōn mechanikōn
-Theōrematōn pros Eratosthenen ephodos; seine Existenz war bis 1903 nur
-durch eine Stelle des Lexikographen ¨Suidas¨ bekannt, und 1903 durch
-ein Zitat in dem von Schoene herausgegebenen Codex Constantinopolitanus
-der Metrika des Heron von Alexandria. Die beiden von Heron angeführten
-Sätze über die kubierbaren Körper, den Cylinderhuf und den Schnitt
-zweier im selben Würfel eingeschriebener Cylinder mit aufeinander
-senkrechten Achsen werden gleich in der Einleitung als Hauptleistungen
-des έφοδος, der Methode, angeführt. Den ersten Satz habe ich als
-Primaner unter ¨Bertram¨, der ihn wohl durch ¨Schellbach¨ kannte,
-selbst bewiesen, und seit 1873 meinen Primanern fast regelmässig
-vorgesetzt. Wer ihn wieder aufgefunden weiss ich nicht, vielleicht
-¨Luca Valerio¨ »der zweite Archimedes«. Als Beispiel der Methode gebe
-ich die Kugelberechnung, aus der sowohl die Kunst des Archimedes als
-auch die eigenartige Verquickung von Statik und Differentialrechnung in
-der Methode auf das deutlichste hervorgeht.
-
-[Sidenote: Archimedes: Ephodion, daraus Kugelberechnung.]
-
-[Illustration]
-
-II. Dies (die Parabelquadratur) ist zwar durch das jetzt Gesagte nicht
-voll bewiesen, aber es gibt doch gewissermassen den Nachweis, dass die
-Schlussfolge richtig sei etc. Dass aber jede Kugel das vierfache (im
-Text fehlt der Doppellängsstrich über das δ von διπλασια) des Kegels
-ist, der zur Basis den grössten Kugelkreis und zur Höhe den Kugelradius
-hat und von dem Cylinder, der den grössten Kugelkreis zur Basis und
-eine Höhe gleich dem Kugeldurchmesser hat, das anderthalbfache ist,
-wird folgendermassen nach dieser Methode erschaut. Gegeben eine
-Kugel, in welcher ein grösster Kreis αβγδ (s. Fig.) αγ u. βδ seine
-zwei aufeinander senkrechte Durchmesser, und um den Durchmesser βδ
-sei der auf den Kreis αβγδ senkrechte Kreis gezogen und von diesem
-senkrechten (Kreis) aus, sei ein Kegel beschrieben der seinen Scheitel
-im Punkte α habe und nachdem seien Oberfläche ausgezogen soll der
-Kegel geschnitten worden sein von einer Ebene durch γ parallel zur
-Basis. [Sie wird aber einen Kreis schaffen senkrecht auf] αγ, und
-sein Durchmesser [ist ζε]. Und von diesem Kreis aus soll ein Cylinder
-angeschrieben worden sein, der eine Achse hat (άξονα) welche αγ
-gleich ist, und Kanten des Cylinders solle ελ und ζη sei. Und γα ist
-verlängert worden (eig. weiter geworfen, vom Seil mit dem die Gerade
-ursprünglich konstruiert wurde) und es wurde ihr gleich gesetzt αθ
-(κειμαι ist hier nicht liegen, sondern wie häufig Passiv von τιθημι
-setzen), und es werde γθ als Wagebalken gedacht dessen Mitte Punkt α,
-und es sollte irgend eine Parallele gezogen werden zu βδ, die Linie μν
-(wörtlich die für βδ vorhanden seiende), und sie soll den Kreis αβγδ
-schneiden in den Punkten ξ und ο [Punkt wird durch den Strich über ξ
-und ο angedeutet] und den Durchmesser αγ in σ und die Gerade αε in π,
-und αρ in ρ und von der Geraden μν aus soll eine Ebene senkrecht zu
-αγ gestellt worden sein. Diese wird nun in dem Cylinder als Schnitt
-bewirken [den Kreis dessen Durchmesser μν sein wird und in der Kugel
-αβγδ] den Kreis dessen Durchmesser ξο sein wird und in dem Kegel αερ
-den Kreis dessen Durchmesser πρ sein wird. Weil nun das Rechteck aus μσ
-und σπ -- denn αγ ist gleich σμ und ασ gleich πσ -- und das Rechteck
-aus γα und ασ gleich ist den Quadrat über αξ, das heisst ξσ^2 plus
-σπ^2, so ist folglich das Rechteck aus μσ und σπ gleich ξσ^2 + σπ^2.
-[Ich bemerke dass Zeile 22 am Schluss statt α gelesen werden muss
-ὑ.] Und weil γα : ασ wie μσ : σπ und γα gleich αθ, folglich θα : ασ =
-μσ : σπ, d. h. gleich μσ^2 : μσ . σπ. Das Rechteck aus μσ und σπ wurde
-gleich erwiesen ξσ^2 + σπ^2; also αθ : ασ wie μσ^2 : (ξσ^2 + σπ^2)
-wie μν^2 : ξο^2 + πρ^2. Sowie μν^2 : ξο^2 + πρ^2 so verhält sich der
-Kreis im Cylinder mit dem Durchmesser μν zu der Summe der Kreise, des
-im Kegel mit Durchmesser πρ und des in der Kugel dessen Durchmesser
-ξο. Also θα : ασ so wie der Kreis im Cylinder zu den (beiden) Kreisen
-(zusammen) dem in der Kugel und dem im Kegel. ¨Wegen dieses Verhältnis
-von θα : ασ wird der Cylinderkreis in bezug auf Punkt α den beiden
-Kreisen zusammen mit den Durchmessern ξο und πρ, fortgetragen und so
-zu θ gesetzt, dass θ der Schwerpunkt jedes der beiden Kreise ist,
-das Gleichgewicht halten¨ etc. ... »Nachdem nun der Cylinder von dem
-angenommenen Kreise ¨ausgefüllt¨ ist«. Wegen dieser selbstverständigen
-Abkürzung, die auch heute noch wohl jeder, der den Satz und Beweis in
-der Prima vorträgt, gebrauchen wird, ist ¨ein Archimedes beschuldigt¨
-worden, den Körper gleich der Summe von Flächen, wie aus gleichem
-Grunde bei Satz I, der Parabelquadrierung, die Fläche als Summe von
-Linien angesehen zu haben, hundert Jahre nach Aristoteles und noch dazu
-wohl kurz nach seinem Weggang aus Alexandrien, wo doch wahrlich ein
-strenger Dogmatismus herrschte! Heranzuziehen ist aus der Einleitung
-des Arenarius die Stelle 63. 2, επει γάρ το τάς σφαιρας κέντρον
-ουδέν έχει μέγεθος etc.) wird der Cylinder im Punkte α der Kugel und
-dem Kegel zusammen das Gleichgewicht halten. Da der Schwerpunkt des
-Cylinders im Punkte κ liegt und der der beiden andern Körper in θ,
-so wird nach dem Hebelgesetz, das in ἑπιπεδων ἱσορροπιων I bewiesen
-ist, der Cylinder doppelt so gross sein, als die beiden andern Körper
-zusammen. Mit diesem Nachweis ist das Theorem, da der Kegel nach
-¨Demokrit¨ und ¨Eudoxos¨ 1/3 des Cylinders ist, der mit ihm gleiche
-Grundlinie und Höhe hat, im wesentlichen bewiesen. Man sieht auch,
-dass das Buch I vom Schwerpunkt ebener Flächen der Ausgangspunkt für
-Archimedes gewesen und dass er um Buch II schreiben zu können seine
-Differentialrechnung ausbilden musste, ich setze daher das Ephodion
-gleich hinter Buch I der Konzeption nach. --
-
-[Sidenote: Archimedes: Die zwei Bücher vom Schwerpunkt.]
-
-¨Buch I der Schrift über den Schwerpunkt¨ ist die erste von Archimedes
-veröffentlichte Schrift, ¨Nizze¨ vermutet wohl richtig, dass sie dem
-¨Konon¨ gewidmet gewesen, sie ist auch inhaltlich wohl die erste
-gewesen. Sie ist vermutlich kurz nach des Archimedes Rückkehr in die
-Heimat verfasst worden, denn er war unter dem Einfluss der stark auf
-angewandte Mathematik gerichteten Alexandrinischen Schule, wie auch aus
-der Erfindung der κοχλιας hervorgeht, viel mit Mechanik beschäftigt.
-Es ist vom Standpunkt der reinen Mathematik zu bedauern, dass er seine
-Differentialrechnung von vornherein mit statischen Ideen belastet hat.
-Der Inhalt dieses ersten Buches fehlt in keinem elementaren Schulbuch
-der Physik, das Hebelgesetz selbst ist in Satz 6 und 7 auseinander
-gezogen, da es für kommensurable und inkommensurable Massen gesondert
-bewiesen wird, es wird Buch II, 1 noch einmal bewiesen, mit Hilfe der
-einfachsten Sätze über den Schwerpunkt des Parallelogramms I, 9 und 10.
-Den Begriff Schwerpunkt definiert er nicht, da er ihn als dem Konon
-bekannt voraussetzt.
-
-[Sidenote: Schwerpunkt II.]
-
-Buch II beschäftigt sich im wesentlichen mit parabolischen Flächen,
-es zeigt vor allem eine ausserordentliche Vertrautheit mit dem
-Proportionenkalkül, sicher ein Rüstzeug aus der Alexandrinischen
-Schule, doch ist es von geringerer Wichtigkeit wie Buch I. Die beiden
-Bücher über ¨schwimmende Körper¨ gehören zu seinen grössten Leistungen,
-sie enthalten die unverrückbare Grundlage der Hydrodynamik, auch ¨ihr¨
-Inhalt ist uns in succum et sanguinem übergegangen. Annahme I, Satz
-6 und 7 enthalten die eigentlichen Prinzipien und werden heute als
-¨Archimedisches¨ Prinzip bezeichnet. Unter Gewicht ist, wie Nizze
-bemerkt, immer das spezifische Gewicht zu verstehen. Buch II wiederholt
-das Prinzip und geht dann auf die speziellen Fälle in Flüssigkeiten
-eingetauchter Umdrehungsparaboloide ein. Die Annahme 11 von Buch I
-ist keine genügend klare Fassung des Prinzips von der gleichmässigen
-Fortpflanzung des Druckes in Flüssigkeiten. Buch II ist für die
-Beurteilung der vis mathematica des Archimedes von hohem Wert und seine
-Theorie der Hydrostatik ist auch für beliebige Körper anwendbar.
-
-Das Werk hat ein eigentümliches Schicksal gehabt. Der Dominikanermönch
-Wilhelmus de Morbeca hat es um die Mitte des 13. Jahrh. aus
-griechischem Text lateinisch übersetzt; ob dem Verfasser des general
-trattato, Nik. Tartaglia, ein griechischer Codex vorgelegen, ist
-nicht sicher, er gab Buch I lat. 1543 (Venedig) heraus und aus seinem
-Nachlass veröffentlichte Trojanus Curtius 1565 das zweite Buch. Jetzt
-berichtet ¨Heiberg¨ dass der Palimpsest den Text von περι οχουμενων
-fast vollständig enthält und konnte daraufhin schon die Unechtheit des
-von ¨A. Mai¨ aus Vatikanischen Codices edierten Fragments, Forderung 1
-und die 8 ersten Sätze, feststellen.
-
-[Sidenote: Wahlsätze.]
-
-Von den ¨Wahlsätzen¨, dem liber assumptorum sind als echt erwiesen
-die Sätze über den Arbēlos, das Schustermesser und über die
-fälschlich Wogenfläche, richtiger Eppigblatt genannte Fläche σέλινον.
-Meine Didaktik und Methodik weist die Lehrer auf diese bei der
-Kreisberechnung in Secunda so erwünschten Aufgaben hin. Für den Arbēlos
-verweise ich auf meine Entwicklung der Elementar-Geometrie (1906) No.
-9 p. 87 f. Die 15 Sätze sind aber alle miteinander für den Unterricht
-sehr verwendbar, sie machen übrigens durchaus nicht den Eindruck, als
-ob sie von verschiedenen Autoren herrühren und können ganz wohl aus
-einem Buch des Archimedes über Kreisberührungen stammen.
-
-[Sidenote: Archimedes: Arenarius (Sandzähler).]
-
-Von arithmetischen Werken ist unzweifelhaft in der Fassung des
-Archimedes nur ein einziges erhalten, der ψαμμίτης, ¨arenarius, der
-Sandzähler¨. Die Einleitung der an den König Gēlon, den Sohn des Hiero
-gerichteten Schrift lautet:
-
-»Es glauben manche, König Gēlon, des Sandes Zahl sei unendlich der
-Menge nach, ich spreche aber nicht nur von dem um Syrakus und das
-übrige Sizilien, sondern auch von dem auf jedem Raum, bewohnten wie
-unbewohnten.
-
-Es gibt aber auch Leute, welche zwar nicht annehmen, dass derselbe
-unendlich sei, aber doch, dass keine aussprechbare Zahl existiere,
-welche die Menge des Sandes überträfe. Wenn diejenigen, welche solche
-Ansicht haben eine aus Sand zusammengesetzte Kugel sich denken würden,
-so gross im übrigen wie die Erdkugel, aber so, dass auf dieser alle
-Meere und Höhlungen bis zur Höhe der höchsten Berge ausgefüllt würden,
-so würden sie noch viel mehr der Meinung sein, dass keine Zahl genannt
-werden könne, welche die Menge des Sandes ihrer Kugel überträfe.
-Ich aber will versuchen dir durch mathematische Beweise, welchen du
-beipflichten wirst, zu zeigen, dass unter den von mir benannten Zahlen,
-welche sich in meiner Schrift an den Zeúxippos finden, einige nicht
-nur die Zahl des Sandes übertreffen, der die Grösse der Erde hat,
-ausgefüllt so wie wir gesagt haben, sondern auch dessen, der die Grösse
-des Weltalls hat.
-
-Du weisst ja, dass die meisten Astronomen unter Kosmos eine Kugel
-verstehen, deren Zentrum das Zentrum der Erde ist und deren Radius
-vom Zentrum der Erde bis zum Zentrum der Sonne reicht. Denn dies wird
-gewöhnlich geschrieben, wie du von den Astronomen erfahren hast.
-¨Aristarch von Samos¨ dagegen gab schriftlich einige Hypothesen
-heraus, aus denen, nach dem Vorliegenden hervorgeht, dass die Welt
-vielmal grösser sei als die eben genannte. Er nimmt nämlich an, dass
-die Fixsterne und die Sonne unbeweglich seien, die Erde aber sich
-in einer Kreislinie um die Sonne, welche mitten in der Bahn steht,
-herumbewege. Die Kugel der Fixsterne nun, mit der Sonne um dasselbe
-Zentrum liegend, habe eine solche Grösse, dass der Kreis, in welchem
-nach seiner Annahme die Erde sich bewegt, zur Entfernung der Fixsterne
-ein solches Verhältnis hat wie das Zentrum der Kugel zur Oberfläche.
-Dies ist nun in seiner Unmöglichkeit ganz offenkundig [Archimedes setzt
-nun auseinander, dass Aristarchos das Verhältnis der Erde zur Welt
-dem der Kuben der Radien des Erd- und Fixsternkreises gleich erachte,
-ein wie Nizze mit Recht hervorhebt absichtliches Missverstehen der
-eigentlichen Meinung, dass die Erde gegen die Welt als verschwindend zu
-betrachten sei]. Der Schluss lautet: Ich behaupte nun, dass wenn auch
-eine Kugel aus Sandkörnern existieren sollte von der Grösse welche nach
-der Annahme des Aristarch die Fixsternsphäre hat, auch dennoch von den
-in den »Anfangsgründen« (Αρχαι) benannten Zahlen sich einige aufweisen
-lassen würden, welche an Fülle die Zahl des Sandes überträfen, der
-eine Grösse hat gleich der besagten Kugel, und zwar auf folgenden
-Grundlagen.«
-
-Kulturhistorisch wichtig ist besonders Paragraph 3 und 4, sie zeigen,
-wie grundlos das Vorurteil ist, dass die Alten nicht experimentiert
-hätten, was z. B. noch ¨Ch. Thurot¨ in den Recherches hist. sur le
-princ. d'Arch., Rev. d'Archéol. 1868 B. 18 etc. ausspricht; es ist
-dies Vorurteil ebenso unausrottbar wie die Anschauung, dass sie die
-Brüche etc. nicht als Zahlen angesehen, oder die Bewegung nicht als
-Hilfsmittel für die Konstruktion zugelassen.
-
-Die »Archai« sind eine verlorene Schrift an den Ζεύξιππος, der wohl zum
-Freundeskreis aus der Studierzeit gehörte, sie handelte vermutlich von
-der Zahl und dem Zählen.
-
-
-Exkurs über das elementare Rechnen der Griechen.
-
-[Sidenote: Exkurs über das elementare Rechnen der Griechen (Logistik).]
-
-Hier ist nun die Stelle, wo ich gezwungen werde auf die griechischen
-Zahlzeichen und die praktische Rechenkunst, die Logistik, einzugehen.
-Als Quellen führe ich Ihnen an: ¨J. B. J. Delambre¨, Arithm. d. Grecs,
-Anhang zu Peyrards Übersetzung des Archimedes von 1807 und noch in
-Hist. de l'astron. anc. Par. 1817, ¨Nesselmanns¨ treffliche Algebra der
-Griechen nach den Quellen bearbeitet Berl. 1842, leider nur ein Band,
-¨G. Friedlein¨ die Zahlzeichen und das elementare Rechnen der Griechen
-und Römer, Erl. 1869; ¨F. Hultsch¨ script. Graec. metrol. 1864,
-¨S. Günther¨ Gesch. der Math. und Naturw. im Iwan Müller, und dann die
-Geschichtswerke.
-
-Anfänglich sind wie überall Striche die Zahlzeichen, dann zur Zeit
-des ¨Solon¨ etwa, bezeichnete man die Zahl mit den Anfangsbuchstaben
-des Zahlworts: Π war πεντε (τα) fünf, Δ war δεκα zehn, Η war 100, sie
-heissen Herodianisch nach einem späteren Alexandrinischen Grammatiker,
-so findet sich z. B. auf der Tafel von Salamis ΗΗΗΔΔΔΔΠΙΙΙΙ = 349. Von
-hier aus war zur Annahme des Semitischen Gedankens die Zahlen mit den
-Buchstaben des Alphabets zu bezeichnen, nur ein kleiner Schritt, und
-diese Methode verbreitet sich von 500 ab. Dabei nahmen sie 3 Buchstaben
-des phönicischen Alphabets die Lautabstufung bezeichneten, die
-Hellenischer Zunge oder Kehle unaussprechbar waren als sogen. επισημα
-(Zusatzzeichen) auf; es sind das ϛ Bau oder Wau für 6, ϙ Koppa für 90
-und sampi ein liegendes ϡ für 900. Sie schreiben also:
-
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9
- α β γ δ ε ϛ ζ η Θ
- ι κ λ μ ν ξ ο π ϟ
- ρ σ τ υ φ χ ψ ω ϡ
-
-Die untereinander stehenden Zahlen unterscheiden sich durch den Faktor
-10 also 349 gleich τμΘ.
-
-Sollten die Buchstaben Zahlen bedeuten, so bekamen sie meistens einen
-wagerechten Strich oberhalb z, B. ᾱ (die jetzigen Grammatiken ἁ). Die
-9 Tausender werden durch die betreffenden Einer mit einem kleinen
-Strich darunter dargestellt, also ᾳ...Θι. Das Zeichen für 10000 war M
-oder Μυ von Μυριοι Myrioi) 10000 z. B. ϛ/M für 60000. Häufig wird nur
-ein Punkt gesetzt z. B. δ.γιυνη ¨gleich¨ 43458. So konnte man bis 9999
-Μυ + 9999 also 10^8 - 1 kommen, griech. ΘιϡϟΘ.ΘιϡϟΘ. Die Brüche wurden
-meist nach ägyptischem Vorbild in Stammbrüche zerlegt und dann nur der
-Nenner mit einem Akzent geschrieben, also ἡ = 1/8, besondere Zeichen
-gab es (Ägypten) für 1/2: ϙ und 2/3: Κ. Wurde der Bruch unzerlegt
-hingeschrieben, so deutete man den Zähler durch einen Akzent an und
-schrieb den Nenner doppelt mit 2 Akzenten also λδ′ ωπη″ ωπη″ = 34/888.
-¨Addition¨ und ¨Subtraktion¨ waren von der unsrigen nicht verschieden,
-man schrieb die gleich benannten Zahlen unter einander, addierte sie
-und behielt die überschiessenden Einheiten im Kopf, und entsprechend
-verfuhr man bei der Subtraktion, wofür das Beispiel aus Eutokios
-Kommentar zur κυκλου μετρησις entnommen ist.
-
- Θ.γιχλϛ 93636
- β.γιυ Θ 23409
- ------- -----
- ζ. σκζ 70227
-
-Auch die Multiplikation vollzog sich unschwer, nach dem Schema des
-Eutokischen Beispiels.
-
- φοα 571
- φοα 571
- --------- -------
- κεγ.εφ 25....
- ΜΜ ' 35...
- 5..
- γεδϡο 35...
- Μ'' 49..
- 7.
- φοα 571
- --------- -------
- λβ.ϛμα 32^m6041
- Μ '
-
-
- αθϛ' 1009-1/6
- '
- αθϛ' 1009-1/6
- '
- ρθρξϛϙϛ' 1009166½ + 1/6
- Μ'
- θπααϙ 9081
- ' 1½
- ρξϛϙϛ'ακλϛ' 166½ + 1/6
- 1½ + 1/36
- --------------- --------------------
- ραηυιζγλϛ' 1018417-1/3 + 1/36
- Μ'
-
-¨Delambre¨ sagt mit Recht sie ist leichter als unsere, weniger Fehlern
-ausgesetzt, nur etwas länger. Für die Division haben wir bei Eutokios
-kein ausgeführtes Beispiel, aber in ¨Theon¨ des Alexandriners Kommentar
-zum Almagest findet sich eine Anleitung zum Rechnen mit Astronomischen
-Brüchen d. h. mit Sexagesimalzahlen (s. Babylon) welche genau unsern
-Dezimalbrüchen entsprechen, der Algorithmus der Division bei Theon
-ist nur etwas zeitraubender, während das Quadratwurzelausziehen vom
-unsrigen nicht verschieden ist.
-
-[Sidenote: Archimedes, Arenarius.]
-
-Im ¨Sandzähler¨ nimmt ¨Archimedes¨ das einzelne Sandkorn so klein an,
-dass 10^4 auf ein Mohnkorn gehen.
-
-Dann weist er nach, dass 64000 Mohnkörner ein Volumen liefern, grösser
-als eine Kugel von 1 Zoll (Finger) Durchmesser, also ist die Zahl der
-Sandkörner, welche diese Kugel fassen kann < 64 . 10^7 also < 10^9,
-also die Sandzahl der Kugel von 100 Zoll kleiner als 10^6 . 10^9 oder
-10^{15} und die der Kugel von 10^4 Zoll Durchmesser < 10^{21}. Aber
-ein ¨Stadion¨ zu 600 Fuss hat nur 9600 Zoll, also ist die Sandzahl
-der Kugel vom Durchmesser eines Stadion kleiner als die Zahl 10^{21},
-und die von 100 Stadien kleiner als 10^{27} und die von 10000 Stadien
-kleiner als 10^{33} und die Sandzahl der Kugel vom Durchmesser 10000
-Millionen Stadien kleiner als 10^{51}.
-
-Nun hat auf Grund der experimentellen Untersuchung des Gesichtswinkels,
-in § 3 und § 4 erzählt, Archimedes festgestellt, dass der
-Sonnendurchmesser grösser sei als die Seite eines reg. Tausendecks, das
-in einen grössten Kreis der Weltkugel eingeschrieben ist, also ist der
-Umfang dieses Tausendecks kleiner als 1000 Sonnendurchmesser. Setzt
-man nun den Sonnendurchmesser nicht grösser als 30 Monddurchmesser
-und den Monddurchmesser kleiner als den des Erddurchmessers, so ist
-der Umfang des Tausendecks kleiner als 30000 Erddurchmesser, also der
-Durchmesser des Welthauptkreis kleiner als 10000 dieser. Archimedes
-setzt nun, was für seinen Zweck möglichst hohe Zahlen abzählbar
-zu machen, ein Vorteil, den Erdumfang auf weniger als 3 Millionen
-Stadien, (eine gegen die fast gleichzeitige Eratosthenessche Messung
-auffallende Überschätzung) und kommt so für den Weltdurchmesser zu der
-oberen Grenze von 10000 Millionen Stadien, deren Sandzahl kleiner als
-10^{51} war. -- ¨Archimedes¨ zählt nun zunächst in gewöhnlicher Weise
-bis zur oberen Grenze, d. h. also Myrio Myriaden -- 1. ΘιϡϟΘ.ΘιϡϟΘ =
-99,999,999. Diese Zahlen nennt er ¨erste¨, d. h. ¨erster Ordnung¨,
-und macht nun 10^8 zu einer neuen Einheit, die er ¨zweite¨ nennt, und
-kann nun bis Myrio Myrioi Myriaden d. h. 10^{16} - 1 zählen, dann
-kommen die Zahlen dritter Ordnung von 10^16 bis 10^24 - 1, und so
-fort, d. h. also er teilt die Zahlen ab nach ¨Oktaden¨. Aber auch
-die Ordinalzahlen, die er zur Abzählung der Oktaden braucht, werden
-mit der 100 Millionsten weniger Eins erschöpft, er fasst also die
-bisher benannten Zahlen zusammen als Zahlen der ¨ersten Periode¨, er
-gelangt so zu einer Zahl welche wir mit 799,999,999 Neunen schreiben
-würden, die Zahl 99,999,999 der 99,999,999sten Ordnung, er macht nun
-(10^8)^{(10^8-1)} oder (10000^2)^{(10000^2-1)} zu einer neuen Einheit
-und zur zweiten Periode und gelangt so schliesslich zur Zahl 10^8, der
-Ordnung 10^8 der Periode 10^8 welche wir mit 1 und 80000 Billionen
-Nullen schreiben würden.
-
-Der Paragraph 9 der Nizzeschen Übersetzung (Heiberg 268 f.) zeigt
-dass Archimedes keineswegs wie Nesselmann meint, nur neue Zahlworte
-geschaffen hat, sondern tatsächlich das Positionssystem gefunden und
-ebenso zeigt § 10 wie dicht er an ¨Potenz¨ und ¨Logarithmenrechnung¨
-gestreift hat. Er führt darin den Begriff des Abstands ein, und nur
-dadurch, dass er der Einer-Ziffer den Exponent 1 statt 0 gibt, wird
-seine Regel 10^{n+1} . 10^{m+1} = 10^{n+m+1} von unsern Fundamentalsatz
-10^a . 10^b = 10^{a+b} abweichend.
-
-Die gefundene Zahl 10^{51} ist die 3. Stelle der 7. Oktade, steht also
-ziemlich am Anfang der ersten Periode, welche 100 Millionen Oktaden
-weniger einer enthält, aber selbst wenn er statt der Weltkugel die
-Fixsternkugel wie er sie dem Aristarch zuschreibt, annimmt, deren
-Durchmesser kleiner ist als 10^4 Weltdurchmesser, so wird die Sandzahl
-kleiner als 10^{63} d. h. als die 8. Stelle der 8. Oktade.
-
-[Sidenote: Archimedes: Rinderproblem, Eratosthenes.]
-
-An den Psammites schliesst sich das Rinderproblem, προβλημα βοων an, es
-ist in Distichen abgefasst und an Eratosthenes gesandt; gefunden wurde
-es von ¨Gotthold Ephraim Lessing¨ als Bibliothekar in Wolfenbüttel
-und 1773 ediert. Wenn auch die Echtheit der Verse zweifelhaft sein
-mag, so ist es jedenfalls ein »Archimedisches Problem« und Heiberg
-sagt, dass kein Grund vorliegt, es Archimedes selbst abzusprechen.
-Die Einkleidung des Problems schliesst an Odyssee V. 7 an: νηπιοι οἱ
-κατα βους Ὑπεριονος Ἡελιοιο ἡσθιον, es soll die Zahl der Rinder des
-Sonnengotts auf Trinakria (Sizilien, nach seiner dreieckigen Gestalt
-genannt), berechnet werden. Es handelt sich um weisse (w), blaue
-(b), gelbbraune (g) und scheckige (s); Stiere und Kühe durch Striche
-unterschieden. Zur Bestimmung der 8 Unbekannten hat man 7 Gleichungen
-ersten Grades, es handelt sich also um eine sogen. Diophantische
-Aufgabe. Dazu kommen noch zwei Bedingungen w + b soll eine Quadratzahl,
-g + s eine Dreieckszahl, d. h. von der Form (n [**ueber] 2) sein. M. E.
-hat Nesselmann und nach ihm Struve etc. den Text ganz missverstanden,
-nach meiner Auffassung lauten die sieben Gleichungen:
-
- w = 5/6 b + g + g′ w′ = 7/12 (b + b′) und: w + b = n^2
- b = 9/20 s + g + g′ b′ = 9/20 (s + s′) g+s = n(n-1)/(1·2)
- 11/20 s = 13/42 w + g + g′ s′ = 11/30 (g + g′)[4]
- g′ = 13/42 (w + w′)
-
-Heiberg ist mit Fug und Recht der Ansicht, dass die Behandlung eines
-solchen Systems die Kräfte eines Archimedes nicht überstieg, dessen
-im Sinne ¨H. Webers¨ spezifische mathematische Begabung ihresgleichen
-nicht gefunden hat. Übrigens ist die Weglassung des Faktors [4]
-(τετραχη) bei der Gleichung für s′ unberechtigt. Zur Durchführung fehlt
-es mir an Zeit.
-
-Der zweite der Heroen des 3. Jahrhunderts, wenn auch in weitem Abstand
-von Archimedes ist ¨Eratosthenes¨. Quellen: ¨F. Susemihl¨, Geschichte
-der griechischen Literatur in der Alexandrinerzeit; ¨Bernhardy¨,
-Artikel Eratosthenes im Ersch und Gruber; ¨Berger¨, Die geographischen
-Fragmente des Eratosthenes, Leipzig 1880; Quellen über sein Leben;
-¨Suidas¨ und ¨Strabon¨.
-
-[Sidenote: Eratosthenes (vita).]
-
-Eratosthenes wurde 276 in Kyrene geboren, zuerst in seiner Heimat durch
-den Grammatiker Lysanias unterrichtet, studierte dann in Alexandria
-unter ¨Kallimachos¨, dem berühmten Dichter und Leiter der Ptolemäischen
-Bibliothek, ging dann nach Athen, wo er bei den der stoischen Richtung
-angehörigen Philosophen ¨Ariston¨ und ¨Arkesilaos¨ sich philosophisch
-aber auch besonders mathematisch bildete und eigene bedeutende
-Schriften verfasste. Er folgte etwa um 235 einem Rufe des Ptolemäos
-Euergetes als Nachfolger des Kallimachos und blieb bis zu seinem Tode
-Leiter der Bibliothek. Da er infolge seiner angestrengten Arbeit
-zu erblinden fürchtete, so tötete er, der Stoiker war, sich durch
-Nahrungsverweigerung im 80. oder 82. Lebensjahre etwa um 196 v. Chr.
-
-Ein hervorragender Zug des Eratosthenes ist seine Freiheit von
-nationalen Vorurteilen; im Gegensatz zu ¨Aristoteles¨ hat er Alexanders
-grossartige Idee Orient und Okzident zu verschmelzen, voll gewürdigt,
-und ist so ziemlich der erste, wenn nicht einzige Hellene, der fremde
-Kultur objektiv zu beurteilen vermochte.
-
-Wie erzählt wird, ward er β genannt nach einer Version, weil er es
-in allen Künsten und Wissenschaften zum Rang des zweiten gebracht,
-nach andern als zweiter Platon; auch πενταθλος wird er genannt, der
-Fünfkämpfer, denn er war in der Tat einer der vielseitigsten Gelehrten
-aller Zeiten. Am bedeutendsten war er wohl als Geograph und Astronom,
-wenn ihn auch auf letzterem Gebiet Hipparch von Nicaea (Bithynien) der
-auch nach Rhodos genannt wird, übertroffen hat. Wir haben von seinen
-drei Büchern Γεωγραφικα bedeutende Fragmente, und ihr Inhalt ist uns
-durch Strabon und durch die Kritik Hipparchs erhalten.
-
-[Sidenote: Eratosthenes: Geographie.]
-
-Eratosthenes hat besonders die sogenannte mathematische und
-physikalische Geographie als Wissenschaft im heutigen Sinne geschaffen,
-allerdings Vorarbeiten des Dikaiarchos benutzend. Im 1. Buch gibt
-Eratosthenes eine kritische Geschichte der geographischen Kenntnisse
-der Hellenen bei Homer und Hesiod, wobei er sich nicht im geringsten
-scheute die Unwissenheit des homerischen Zeitalters zu betonen, dann
-wandte er sich zu der Geographie, beginnend mit ¨Anaximander¨, dem
-Schüler und Freunde des Thales.
-
-Das 2. Buch enthält sodann die mathematische und physikalische
-Geographie nebst dem Bedeutendsten der eigenen Leistungen; die
-Grundlage bildet seine Gradmessung. Eratosthenes hatte bemerkt, dass
-am längsten Tage in Syēne die Sonne um Mittag den Boden eines Brunnens
-bescheint, d. h. im Zenith steht, also Syēne unterm Wendekreis des
-Krebses liegt, und glaubte, dass Alexandria und Syēne auf demselben
-Meridiane lägen. Er mass nun am längsten Tage in Alexandria die
-Kulminationshöhe der Sonne, bezw. die Zenithdistanz mittelst eines
-¨Skaphion¨, einer hohlen Halbkugel, und bestimmte dadurch im Gradmass
-die Distanz Siene-Alexandria, dann mass er, allerdings auf Grund der
-ägyptischen nomen oder der Gaueinteilung, die direkte Entfernung und
-bestimmte so die Länge des Grades.
-
-Die Methode ist im Prinzip die noch heute angewandte, nur irrte sich
-Eratosthenes darin, dass Alexandria und Syēne auf demselben Meridian
-lägen. Weil aber auch die alten nomen ziemlich fehlerhaft waren, so
-glichen sich die Fehler so ziemlich aus und die Angabe des Eratosthenes
-auf 109 kil. statt 111 ist merkwürdig genau. Die Gradmessung scheint
-er nach Makrobios schon vorher in einer eignen Schrift mitgeteilt
-zu haben. Den Umfang der Erde bestimmte er auf rund 250000 Stadien,
-genauer 252000.
-
-Der 3. Teil enthält eine kurz gefasste Einteilung und Beschreibung der
-bewohnten Erde. Er teilte die bewohnte Erde durch einen Parallelkreis
-von Gibraltar bis China in nördliche und südliche Hälfte und jede
-Hälfte durch Striche zwischen je zwei Meridiane in »σφραγιδες« d. h.
-wörtlich: Siegelabdrücke, die er dann topographisch und ethnographisch
-beschrieb und kartographisch aufnahm.
-
-[Sidenote: Chronographie.]
-
-Nicht minder bedeutend waren seine zwei andern Hauptwerke:
-
-1) περι χρονογραφιων vermutlich eine Kritik der bisherigen
-Zeitbestimmungen und eine Anweisung einen chronologisch richtigen
-Abriss der Geschichte inkl. der Literaturgeschichte zu schreiben.
-Wahrscheinlich ist Eratosthenes der Urheber der Einführung des
-Schalttages bei den Ägyptern durch das Edikt von Kanopus, das bei
-Ägypten erwähnt ist.
-
-Er beschränkte sich nicht auf die politische Geschichte, er bevorzugte
-die Kulturgeschichte, Philosophen, Dichter etc. und hat ein eigenes
-Werk: »Ολυμπιονικαι« geschrieben. In der Schrift περι της αρχαίας
-κωμωδιας. zeigte er sich als feinster Kritiker und wissenschaftlich
-recht bedeutender Philologe und als Kenner alles dessen, was zur
-Bühnentechnik gehört, auch gibt er eine Menge geschichtlicher
-Notizen z. B. über Einrichtung bei den Olympischen und anderen
-Spielen. Übrigens war er auch selbst kein unbedeutender Dichter, vide
-¨E. Hiller¨, Er. carminum reliquiae Leipzig 1872.
-
-[Sidenote: Würfelverdopplung.]
-
-Von seinen mathematischen Werken ist nur wenig erhalten, das
-meiste in dem schon erwähnten Brief an den Ptolemaios III über die
-Würfelverdoppelung im Kommentar des Eutokios zu περι σφαιρας etc.
-¨Heiberg¨, Arch. p. III S. 102-114.
-
-Nach dem historischen Bericht gibt Eratosthenes seine eigene Lösung
-mittelst eines Instruments das nach Pappos und Vitruv »Mesolabos« (von
-den mittleren Proportionalen) hiess. Es bestand aus drei massiven
-kongruenten Rechtecken, welche zwischen zwei mit je drei Nuten
-versehenen Linealen übereinander geschoben werden konnten.
-
-[Illustration]
-
-Die Anfangslage ist bei Eutokios die der Figur. War nun ΑΕ die grössere
-ΔΘ die kleinere Strecke, so musste man die Rechtecke so verschieben,
-dass das erste einen Teil des zweiten, dieses einen Teil des dritten
-verbarg, und zwar so, dass die Linie ΑΔ durch die Punkte Β und Γ ging,
-an denen die Diagonalen sichtbar wurden; siehe Figur. ΒΖ und ΓΗ sind
-dann die mittleren Proportionalen, da ΑΖ, ΒΗ, ΓΘ einander parallel sind.
-
-[Illustration]
-
-Der Brief ist von ¨E. Hiller¨ angezweifelt, insbesondere erklärt er
-das Epigramm am Schluss für zweifelsohne unecht. Aber Proklos hat
-p. 111 Z. 23 den Vers von den Menächmischen Triaden zitiert und das
-Missverständnis des »ολιγου« im ersten Vers wirft auf den Scharfsinn
-des Herausgebers kein günstiges Licht. Die von ¨Ambros Sturm¨ l. c.
-angeführte Begründung Hillers ist sehr schwach, noch dazu gegenüber
-Eutokios und Proklos und ¨Heiberg¨ fertigt sie mit den Worten »nulla
-idonea causa adlata« ab.
-
-Auf diesem allerdings mechanischen Wege »¨organica¨ mesolabi ratione«
-(Vitruv) konnte man wie Eratosthenes selbst angab, beliebig viele
-Mittlere erhalten, d. h. durch n + 1 Täfelchen die n-Wurzel ziehen.
-
-Verloren ist eine Schrift »über Mittelgrössen« περι μεσοτητων auch
-»Orte in bezug auf Mittelgrössen, τόποι προς μεσοτητας« genannt,
-von der wir durch Pappos Kunde haben. ¨Zeuthen¨ vermutet in seinem
-ausgezeichneten Werke: ¨die Lehre¨ von den Kegelschnitten im Altertum,
-deutsche Ausgabe 1886, dass es sich, in Ergänzung der harmonischen
-Polare eines Punktes als Pol für einen gegebenen Kegelschnitt, um die
-Orte des arithmetischen und geometrischen Mittels der Sehnenschaar des
-Pols gehandelt habe. Es ist leicht zu zeigen, dass die beiden Orte
-Kegelschnitte sind, welche dem gegebenen ähnlich sind.
-
-Vielleicht aus einer verlorenen grösseren arithmetischen Schrift
-ist uns in der Arithmetik des Nikomachos (s. u.) die noch heute
-gebräuchliche Methode erhalten die Primzahlen unter p »herauszusieben«,
-die noch heute Sieb (κοσκινον, cribrum) des Eratosthenes heisst. Völlig
-verloren sind die rein philosophischen Schriften, deren bedeutendste
-die von ¨Strabon¨ genannte über Gutes und Böses, περι αγαθων και
-κακων gewesen sein soll, darunter bedauerlicherweise auch die Schrift
-Πλατωνικός, ein Kommentar zu der Pythagoräischen Kosmologie in
-¨Platons¨ Timaeos.
-
-[Sidenote: Apollonios von Pergae (vita).]
-
-[Sidenote: Konika (Kegelschnitte).]
-
-Der eigentliche »Aemulus«, der Nebenbuhler des Archimedes im Ruhme der
-Alten, ¨Apollonios von Pergae¨ in Pamphylien war erheblich jünger als
-jener, er ist frühestens um 265 unter Ptolemaios Euergetes geboren
-und hatte seine Blütezeit unter Ptolemaios Philopator. Gestorben ist
-er gegen 190. Er studierte in Alexandria bei den Schülern des Euklid
-Mathematik, Hultsch P. III S. 678 oder nach Hultsch ein Scholiar des
-Pappos sagt: συσχολασας τοις ὑπο Ευκλειδου μαθηταις εν Αλεξανδρεια
-πλειστον χρονον ὁθεν εσχε και την τοιαυτην ἑξιν ουκ αμαθη. Die ganze
-nicht gerade geschmackvolle Stelle lautet eigentlich wörtlich: Da er
-die Schule teilte mit den Schülern des Euklid in Alexandrien sehr
-lange Zeit, woher er auch ein solches nicht unmathematisches Verhalten
-hatte. (!) Demnach würde Apollonios ein direkter Schüler des Euklid
-gewesen sein von mässiger mathematischer Begabung! Aber im eigentlichen
-Hauptkodex steht nur σχολασας und das heisst mit dem Dativ bei jemanden
-in die Schule ging, und so ist die lateinische Übersetzung von Hultsch
-zutreffend, die Konjektur dagegen scheint mir nicht glücklich. Dann
-lebte er in Pergamon und in Ephesos befreundet mit einem Eudemos, dem
-er sein grosses Werk über die Kegelschnitte, die »κωνικα« widmete.
-Eudemos starb aber vor der Vollendung des Werkes und daher gab
-Apollonios dem vierten Buch einen Widmungsbrief an den König Attalos
-I. von Pergamon mit, in welchem er den Tod des Eudemos beklagte. Dem
-Attalos sind dann auch die folgenden Bücher gewidmet. Von dem Werke,
-das dem Verfasser nach dem Zeugnis des Geminos (¨Eutokios¨, Heiberg
-S. 170) den Beinamen des grossen Mathematikers μεγας γεωμετρης eintrug,
-sind nur die vier ersten Bücher mit dem Kommentar des ¨Eutokios¨
-erhalten, die drei folgenden in arabischer Übersetzung. Das letzte
-Buch ist verloren, doch haben wir eine Inhaltsangabe bei Pappos, auf
-Grund derer der durch seinen Komet noch heute viel genannte ¨Halley¨
-1710 eine Rekonstruktion versuchte. Die vier ersten Bücher wurden
-zuerst von Joh. Baptist Memus schlecht ins ¨Lateinische¨ übersetzt
-und von seinem Sohn 1537 ediert. Weit besser ist die Übersetzung von
-¨Federico Commandino¨, dessen wir schon bei Euklid und Archimed rühmend
-gedenken mussten, sie enthielt auch den Kommentar des Eutokios und
-die Lemmata des Pappos. Ins ¨Arabische¨ wurden die 7 ersten Bücher
-schon unter Al Mamun, 830 übertragen, aber diese Übersetzung ist
-bisher nicht aufgefunden. Dagegen kam eine zweite von ¨Abulphat¨ von
-¨Ispahan¨ 994 verfasste, im 17. Jh. durch den Leydener Orientalisten
-und Mathematiker Golius nach Europa, der das Exemplar dem Grossherzog
-von Toskana verkaufte. Es wurde von dem Orientalisten Abraham v.
-Echelles in Gemeinschaft mit dem bedeutenden Mathematiker ¨Borelli¨
-(s. Euklid) 1671 Lateinisch ediert, und bestätigte glänzend die kurz
-vorher von ¨Viviani¨ (einer der bedeutendsten Schüler Galileis, der
-Urheber des »Florentiner« Problems der Quadrierung einer durchbrochenen
-Kugelkappe) versuchte Restitution des 5. Buches. Der Anfang des 5.
-Buches, wohl das bedeutendste, ist nach dem Arabischen des mehrfach
-genannten ¨Thabit ibn Qurrah¨ 1899 von Nix in Leipzig herausgegeben.
-Die einzigen Griechischen Ausgaben sind die von ¨Halley¨, Oxford
-1710 Folio mit Eutokios und der Divinatio libri octavi und die von
-¨Heiberg¨ mit Eutokios Kommentar und Fragmentensammlung Teubner
-1890-93. Von besonderer Bedeutung für Apollonios Wertung ist das oben
-genannte Werk von ¨Zeuthen¨. Eine freie Bearbeitung der Konika gab
-¨H. Balsam¨, Berlin 1861. Die Kegelschnitte des Apollonios haben die
-Eigenschaften der Kurven in solcher Vollständigkeit aufgedeckt, dass
-eigentlich nichts Neues im Laufe der Jahrtausende gefunden ist. Selbst
-der Satz von ¨Desargues¨ und seine selbstverständliche Anwendung, der
-Satz von ¨Pascal¨, sind eigentlich schon bei Apollonios. Involution,
-Brennpunktseigenschaften, Erzeugung durch projektive Punktreihen,
-Asymptoten, konjugierte Hyperbel etc., alles findet sich bei ihm.
-Dass er nun seine Vorgänger, insbesondere Archimedes und Euklid und
-Aristaios benutzt hat, das ist selbstverständlich, aber es bleibt doch
-ein gewaltiges Quantum selbständiger Arbeit, und Pappos selbst sagt,
-dass er die 4 Bücher κωνικα des Euklid stark vermehrt habe (αναπληρωσας
-και προσθεις) und dann noch die 4 weitem Bücher hinzugefügt habe. Vor
-allem hat Apollonios zuerst bewiesen, dass die Triaden des Menaichmos
-aus jedem beliebigen Kegel 2. Grades herausgeschnitten werden können.
-Er hat die vollständige Hyperbel d. h. beide Äste in welche sie
-zerfällt betrachtet, er hat die Kurven aus den Bestimmungsstücken
-konstruiert, nachdem schon Euklid die ebene Konstruktion aus Leitlinien
-und Brennpunkten gekannt hatte. Für Genaueres, insbesondere auch die
-Werke des Aristaios, verweise ich auf ¨Zeuthens¨ mehrfach zitiertes
-Werk über die Kegelschnitte im Altertum; nur die Vorrede mochte ich
-Ihnen nicht vorenthalten.
-
-Apollonios sendet dem Eudemos Grüsse. Es wäre schön wenn es dir
-körperlich gut ginge und alles übrige nach Wunsch stände. Mir selbst
-geht es ja auch ziemlich. Als wir seinerzeit in Pergamos beisammen
-waren, bemerkte ich, dass du dich lebhaft für meine Arbeiten über die
-Kegelschnitte interessiertest. Ich schicke dir nun das völlig richtig
-gestellte erste Buch; das übrige werde ich senden, sobald es mich
-befriedigt haben wird. Ich glaube aber du erinnerst dich noch wohl von
-mir gehört zu haben, weshalb ich diese Arbeit unternahm. Naukrates
-der Geometer hatte mich dazu aufgefordert, als er bei mir während
-seines Aufenthalts in Alexandria weilte und deswegen gab ich sie ihm,
-in 8 Büchern behandelt, von dort aus mit, und weil er im Einschiffen
-begriffen war, konnte ich sie nicht sorgfältig bereinigen, sondern
-schrieb alles gerade so hin wie es mir unterlief, indem ich mir eine
-letzte Durcharbeitung vorbehielt. Und da ich jetzt dazu Zeit gefunden,
-so gebe ich was eben ganz richtig gestellt ist, heraus. Da es sich
-aber traf, dass auch einige andere meiner Genossen vom ersten und
-zweiten Buch vor der Verbesserung Kenntnis gewonnen haben, so wundere
-dich, bitte, nicht, wenn dir abweichende Fassungen begegnen.
-
-Von den 8 Büchern fiel den vier ersten die Einführung in die
-Elemente zu. Es enthält aber das erste Buch die Erzeugung der 3
-Schnitte und der gegenüberliegenden sowie deren Grundeigenschaften
-vollständiger und umfassender ausgearbeitet im Vergleich mit den
-früheren Bearbeitungen. Und das zweite enthält die Eigenschaften der
-Durchmesser, Axen, Asymptoten und anderes, was zum Gebrauch für die
-Konstruktionsbedingungen nötig und hinreichend ist. Was ich unter
-Durchmesser und Axe verstehe, wirst du aus diesem Buche ersehen.
-
-Das dritte Buch enthält viele und auffallende Sätze, welche brauchbar
-sind für die Konstruktionen der körperlichen Orte und für die
-Existenzbedingungen, von denen die meisten und schönsten neu sind.
-Und nachdem ich sie ersonnen hatte, sah ich ein, dass von Euklid der
-Ort zu drei und vier geraden Linien nicht aufgestellt sei, sondern
-nur ein zufälliger Teil desselben und auch dieser nicht gerade gut
-getroffen. Es ist auch gar nicht möglich ohne die von mir gefundenen
-Sätze die Synthesis durchzuführen. Das 4. Buch gibt an, auf wie
-vielerlei Art die Kegelschnitte mit einander und der Peripherie des
-Kreises zusammentreffen, und anderes darüber hinaus, worüber von meinen
-Vorgängern nichts geschrieben worden ist, z. B. in wieviel Punkten ein
-Kegelschnitt und eine Kreislinie zusammentreffen. Der Rest geht noch
-weit darüber hinaus. Da handelt ein Buch ausführlich über Minima und
-Maxima, ein anderes über gleiche und ähnliche Kegelschnitte, noch ein
-anderes über Satze, welche Existenzbedingungen angeben, und das letzte
-bringt Probleme über Bestimmungen von Kegelschnitten. Und fürwahr, dann
-erst wenn alles herausgegeben ist, ist es denen die darauf stossen
-erlaubt es zu beurteilen wie es wohl jeder von ihnen für richtig hält.
-Gehab dich wohl.
-
-Was zunächst des Aristaios τοποι στερεοι betrifft, so ist nach
-Zeuthen diese Schrift noch vor des Euklids 4 Bücher κωνικα erschienen,
-sie behandelte zweifelsohne Aufgaben über geometrische Orte, welche
-sich als Kegelschnitte herausstellten. Die Alten unterschieden die
-körperlichen Orte, das sind die Kegelschnitte, von den ebenen Orten,
-das sind Gerade und Kreis, und später noch die linearen Orte, zu denen
-alle andern und auch die Raumkurven gehörten. Hiervon verschieden sind
-die 2 verlorenen Bücher des Euklid die τοποι προς επιφανειαν, das sind
-Flächen als geometrische Orte.
-
-[Sidenote: Apollonios, Ort zu 3 und 4 Geraden.]
-
-Sodann der Ort zu 3 und 4 Geraden. Man nennt ihn gewöhnlich nach Pappos
-die Pappos'sche Aufgabe. Es handelt sich im allgemeinen Falle um den
-Ort der Punkte, deren Abstände in gegebener Richtung gemessen von vier
-gegebenen Geraden der Gleichung genügen xy/zu = c. Dabei werden die
-Linien x = 0, z = 0, und y = 0, u = 0 als gegenüberliegend bezeichnet.
-Apollonios hat die Aufgabe vollständig gelöst und den Nachweis, dass
-der Ort ein Kegelschnitt ist, direkt geführt. Für das Nähere, den
-Zusammenhang mit der projektiven Geometrie, Newtons Wiederherstellung
-der Apollonischen Lösung etc. verweise ich auf Zeuthen bezw. auf meine
-analytische Geometrie in der Sammlung Schubert. Soviel steht fest, so
-unberechtigt es ist, von einer Erfindung der Differentialrechnung durch
-einen der Neueren, es sei nun Galilei, Fermat, Leibniz oder Newton
-zu sprechen, angesichts der Werke des Archimedes, so unberechtigt
-ist es auch, den Alten angesichts der Werke des ¨Archimedes¨ und des
-¨Apollonios¨ die analytische Geometrie abzusprechen. Apollonios hat
-nicht nur Koordinaten, sondern auch Koordinatentransformation und
-Archimedes analytische Geometrie dreier Dimensionen.
-
-[Sidenote: Apollonios, Verhältnisschnitt.]
-
-Auch die andern geometrischen Schriften des Apollonios hängen eng
-mit der Theorie der Kegelschnitte zusammen. Da kommen zunächst die
-beiden Schriften: De sectione rationis, die αποτομη του λογου, der
-Verhältnisschnitt, und De sectione spatii die αποτομη του χωριου,
-der Flächenschnitt. Die 2 Bücher der ersten Schrift sind nach einer
-arabischen Handschrift, welche der Prof. ¨Bernard¨ in Oxford gefunden,
-1706 von ¨E. Halley¨ herausgegeben. Die Aufgabe besteht darin, durch
-einen Punkt P (s. Fig.) eine Linie so zu ziehen, dass sie auf zwei
-gegebenen Linien ¯L¯ und ¯L¯_{1} von zwei gegebenen Punkten ¯A¯ und
-¯A¯_{1} aus Strecken ¯AM¯ und ¯A¯_{1}¯M¯_{1} abschneidet, welche in
-einem gegebenen Verhältnis stehen. Die Aufgabe wird im zweiten Buch auf
-den im ersten behandelten speziellen Fall zurückgeführt, wo ¯A¯_{1}
-mit dem Schnittpunkt ¯A¯_{1}^1 der beiden Geraden zusammenfällt. Diese
-Aufgabe wird gelöst durch Ziehen der Parallelen ¯PB¯ zu ¯A¯_{1}¯M¯_{1}
-und desgleichen durch den Schnittpunkt ¯A¯_{1}^1 von ¯L¯ und ¯PA¯_{1},
-welche ¯PMM¯_{1} in ¯M¯_{1}^1 schneidet und Annahme eines Hilfspunktes
-¯C¯ auf ¯L¯, der so gelegen, dass ¯BP¯/¯AC¯ = ¯A¯_{1}^1¯M¯_{1}^1/¯AM¯
-= λ, dann folgt durch Umstellung ¯AM¯/¯AC¯ = ¯A¯_{1}^1¯M¯_{1}^1/¯BP¯
-= ¯A¯_{1}^1¯M¯/¯BM¯ -- und durch Subtraktion: ¯BM¯ · ¯MC¯ =
-¯BA¯_{1}^1 · ¯AC¯ = gegebener Fläche.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Sectio spatii und determinata (Involution).]
-
-Die Aufgabe ist, wie man leicht sieht, identisch mit der Aufgabe:
-von einem gegebenen Punkt aus an eine durch zwei Tangenten und deren
-Berührungspunkte gegebene Parabel die Tangenten zu ziehen (Simon,
-Parabel 1878). Das 3. Buch Satz 41 handelt von der Parabeltangente,
-Satz 42 und 43 von den entsprechenden Aufgaben: Von einem gegebenen
-Punkte aus an eine durch konjugierte Durchmesser gegebene Ellipse oder
-Hyperbel die Tangenten zu ziehen und zeigt, dass dies spezielle Fälle
-der Aufgabe sind von einem gegebenen Punkt P eine Gerade zu ziehen,
-welche auf 2 gegebenen Geraden von gegebenen Punkten aus Strecken
-abschneidet, deren Rechteck gegeben ist. Diese Aufgabe hat Apollonios
-in den beiden Büchern der Schrift de sectione spatii behandelt, welche
-¨Halley¨ nach der Inhaltsangabe bei Pappos und der Angabe ihrer
-Übereinstimmung mit der ersten Schrift in der Form gleichzeitig
-rekonstruiert hat. Zu diesen beiden Schriften gesellt sich als dritte
-die von ¨Rob. Simson¨ nach Pappos wiederhergestellte de sectione
-determinata, της διωρισμενης τομης βιβλια β, über den involutorischen
-Schnitt. Wenn ¯ABCD¯ gegebene Punkte einer Geraden ¯l¯ sind, soll ein
-Punkt ¯P¯ auf ¯l¯ so bestimmt werden, dass ¯AP¯ . ¯CP¯/(¯BP¯ . ¯DP¯) =
-λ ist d. h. also die Theorie der Involution, welche er wie wir mittelst
-der Theorie des Kreisbüschels und der Zentrale des Büschels gelöst
-hat; und er hat sie benutzt um den Schnitt einer Geraden mit einem
-durch 5 Punkte gegebenen Kegelschnitt zu bestimmen. Die Halley'schen
-und die Simson'sche Bearbeitungen sind frei wiedergegeben von ¨Ad.
-Diesterweg¨, ganz besonders lesenswert ist das Programm des um die
-Elementarmathematik hochverdienten ¨v. Lühmann¨, weiland Subrektor zu
-Königsberg in der Neumark, von 1882: die Sectio rationis, sectio spatii
-und sectio determinata des Apollonios.
-
-[Sidenote: Taktionsproblem.]
-
-Es geht aus diesen Schriften hervor, dass Apollonios die Erzeugung der
-Kegelschnitte als Enveloppe der Verbindungsgeraden zweier projektiven
-Punktreihen kannte, die sich erst wieder findet in ¨Newtons¨ principien
-lib. I L. 25. Die Brennpunktseigenschaften und die Konstruktionen bei
-gegebenem Brennpunkt haben dann, wie Zeuthen hervorhebt, Apollonios auf
-die Beschäftigung mit dem nach ihm genannten Taktionsproblem geführt.
-Ist doch schon die Aufgabe, den Schnitt einer Geraden mit einer durch
-Leitlinie und Brennpunkt gegebenen Parabel zu bestimmen identisch mit
-der Aufgabe, einen Kreis zu konstruieren, der durch zwei gegebene
-Punkte geht und eine gegebene Gerade berührt, also zwei 0-Kreise und
-einen unendlich grossen. Nach ¨Pappos¨, Hultsch S. 848 hat Apollonios
-die Lösung auf den Spezialfall des ¨Castillon'schen¨ Problemes
-zurückgeführt, in dem alle 3 gegebenen Punkte auf derselben Graden
-liegen. Die Geschichte des Taktionsproblems siehe ¨Simon¨, Entwicklung
-der Elem. Geom. Das Problem selbst gehört heute zur eisernen Ration
-der Gymnasiasten, mit den Lösungen aus ¨Fr. Vietas¨ Apollonius Gallus,
-und zugleich hat Apollonios sich in der Schrift περι πυριου über
-Brennspiegel, der Brennpunktseigenschaften der Umdrehungsflächen 2.
-Grades bedient. Zeuthen vermutet, und ich glaube mit Recht, dass der
-Parabolische Spiegel, der praktisch wichtigste, schon von ¨Archimedes¨
-erfunden sei und dass die Sage, er habe mit Brennspiegeln die Römische
-Flotte verbrannt, hier ihren Ursprung habe.
-
-Ausserdem hat Apollonios auch eine Schrift geschrieben περι νευσεων.
-»Über Einschiebungen auf mechanischem Wege«, dadurch dass ein Lineal
-oder ein Streifen meist von gegebener Strecke so bewegt wird -- häufig
-durch Drehung der zu ihr gehörigen Geraden um einen festen Punkt --
-dass sie zwischen zwei gegebene Linien fällt. Die Neusis galt sowohl
-den ältern Mathematikern als auch dem Archimedes, der sich ihrer
-bei der Arbeit über die Spirale wie überhaupt zur Winkeldrittelung
-bedient hat, als auch dem Apollonios und überhaupt den angewandten
-Mathematikern für ein durchaus erlaubtes Hilfsmittel, wie sie ja auch
-¨Newton¨ gebilligt hat, erst die Neuplatoniker strikter Observanz
-wie Pappos missbilligten sie und ersetzten sie durch Kegelschnitte,
-was stets möglich, sobald die gegebenen Linien den zweiten Grad
-nicht übersteigen. Die Schrift des Apollonios ist nach Pappos
-wiederhergestellt von dem Ragusischen Patrizier Marino Ghetaldi 1607.
-
-[Sidenote: Würfelverdoppelung.]
-
-Sie enthielt vielleicht die von ¨Eutokios¨ l. c. mitgeteilte
-Würfelverdoppelung auf welche Pappus I p. 56 hingewiesen hat
-(Heiberg 3, p. 78.) Es sei aus den beiden gegebenen Strecken ΑΒ und
-ΑΓ das Rechteck ΑΒΘΓ konstruiert, dann ist die Gleichung des ihm
-umgeschriebenen Kreises wenn ΑΓ = a und ΑΒ = b gesetzt wird x^2 -
-ax + y^2 - by = 0, oder (x - a) : (b - y) = y : x. Die Gleichung
-einer Hyperbel, welche durch Θ geht und ΑΒ und ΑΓ zu Asymptoten
-hat, ist aber xy = ab also haben wir für den zweiten Schnittpunkt M
-nach leichter Rechnung a : x = x : y = y : b. Zur Konstruktion des
-Schnittpunkts M benutzt Apollonios den Umstand, dass die Abschnitte
-einer Hyperbelsehne zwischen Asymptote und Kurve gleich sind, und dass
-die Kreissehne vom Mittelpunktslote halbiert wird. Es braucht also nur
-ein Lineal so um Θ gedreht werden, dass die Punkte Δ und Ε in denen es
-die Axen schneidet vom Zentrum des Rechtecks gleich weit entfernt sind.
-S. Fig. unten.
-
-In einer verlorenen Schrift περι κοχλιου hat Apollonios sich mit der
-Schraubenlinie auf dem Cylinder beschäftigt.
-
-Der »grosse Geometer« hat sich aber auch mit den einfachsten Elementen
-der Geometrie beschäftigt, wie wir schon bei Euklid erwähnt haben,
-u. a. danken wir ihm die Halbierung der Strecke mit den beiden gleichen
-Kreisen um die Endpunkte, Proklos Friedl. S. 276: »Απολλωνιος δε ὁ
-Περγαιος τεμνει την δοθεισαν ευθειαν πεπερασμενην διχα τουτον τον
-τροπον.«
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Apollonios, Arithmetische Schriften.]
-
-Auch auf arithmetischem Gebiete hat der Pergaier Grosses geleistet.
-Eutokios erzählt Heib. 3 S. 300: Man soll auch wissen, dass Apollonios
-der Pergaier in seinem Okytokion (Schnellgeburt, Schnellrechner)
-dasselbe durch andere Zahlen gezeigt hat, die einander noch näher
-kommen, d. h. er hat die Zahl π in noch engere Grenzen als Archimedes
-eingeschlossen. Ob der Okytokion dieselbe Schrift war, von der Pappos
-im 2. Buch grosse Stücke uns aufbewahrt hat, wird von den besten
-Kennern, von Nesselmann und Hultsch stark bezweifelt, doch spricht der
-Titel eigentlich dafür. Auch jene zweite Schrift hat im wesentlichen
-die Abkürzung des Algorithmus insbesondere der Multiplikation zum
-Gegenstande. Die Schrift schloss an den Sandzähler des Archimedes an,
-nur dass Apollonios statt der Oktaden die den Griechen geläufigen
-Tetraden, die Myriaden, setzte, die er als erste, zweite, dritte
-u. s. w. bezeichnete, die er durch Μβ, Μγ etc. bezeichnet und deren
-Ordnungsziffer er durch Division mit 4 bestimmte. So ist z. B,
-4444444444444 = 4 . 10^{12} + 4 . 10^{11} + .. = Μγ υμδ και Μβδ_{1}
-υμδ και Μαδ_{1} υμδ. Auf Grund seiner Ordnungszahlen lieferte er dann
-ein Verfahren zur Multiplikation, das im Grunde das unsrige ist;
-die Ordnungszahlen werden addiert und die Πυθμενες, d. h. unsere
-Einerziffer, die aber hier aus dem Tableau von α bis ϡ genommen werden
-konnten, multipliziert. Auch Apollonios, und er fast noch mehr als
-Archimedes, hat die Grundgedanken des Positionssystemes, und wie
-¨R. Baltzer¨ in seinem Brief an ¨Hultsch¨ auf den ich noch zurückkommen
-werde, sehr richtig bemerkt, sind beide an Buchstabenrechnung und
-Dezimalrechnung nur dadurch gehindert worden, dass die Hellenen von
-den Kanaanäern die Buchstaben als Zahlzeichen übernommen hatten. Die
-aller Wahrscheinlichkeit nach bedeutendste Leistung des Apollonios auf
-arithmetischem Gebiete ist leider bis dato nur ganz fragmentarisch
-erhalten, sie war vermutlich Pappos entweder selbst zu schwierig oder
-schien ihm auf einen zu geringen Interessenkreis rechnen zu können. Die
-Schrift war eine Weiterführung der Theorie der Irrationalzahlen, wie
-sie für quadratische und biquadratische durch das X. Buch des Euklid
-gegeben war. Aus einem Kommentar zum X. Buch, von dem ¨F. Woepcke¨
-eine Arabische Übersetzung durch Abu Ottmân den Damascener aufgefunden
-hat und von dem er die auf Apollonios bezüglichen Stellen Arabisch und
-Französisch herausgegeben hat, geht hervor, dass dieser in die Theorie
-der algebraischen Zahlen, soweit sie durch Radicale darstellbar sind,
-sehr tief eingedrungen war. Den Kommentar selbst vindiziert Woepcke dem
-Griechisch schreibenden Römer ¨Vettius Valens¨ (5. Jh. n. Chr.) und die
-Übersetzung würde etwa ins 9. Jh. fallen.
-
-[Sidenote: Apollonios als Astronom.]
-
-Ob Apollonius mit dem unter dem Namen Epsilon berühmten
-zeitgenössischen Astronomen, der sich besonders mit der Mondtheorie
-beschäftigt hat, identisch ist, ist nicht unwahrscheinlich, aber steht
-nicht fest. Dass der grosse Geometer ein hervorragender Astronom war,
-wissen wir aus Ptolemaios megale syntaxis XII, 1, wo er den Stillstand
-und die Rückläufigkeit der Planeten mit der Theorie der Epizyklen
-mathematisch ableitet und dabei eine Maximumsaufgabe löst, welche den
-grossen Leistungen des 5. Buches der Konika nicht nachsteht.
-
-[Sidenote: Elementarmathematik.]
-
-Noch ist für seine Leistungen auf dem Gebiete der Elementarmathematik
-nachzuholen, dass der Satz X des sogen. 14. Buches der Elemente des
-Euklid: »Die Volumina des derselben Kugel eingeschriebenen regulären
-Ikosaëders und Dodekaëders verhalten sich wie die Oberflächen,« von
-ihm herrührt, laut der Vorrede des Verfassers des 14. Buches, des
-¨Hypsikles¨. Hypsikles knüpfte daran die Folgerung, dass die Umkreise
-der Seitenflächen beider Körper gleich sind.
-
-Mit Eudoxos, Archimedes und Apollonios hat die reine Mathematik der
-Griechen ihren Höhepunkt erreicht, die Theorie des Irrationalen und des
-Kontinuums, die Prinzipien der Infinitesimalrechnung, die analytische
-Geometrie, die rechnende und projektive Geometrie, sind geschaffen
-und neue Methoden, die auf allgemeine Problemklassen anwendbar sind,
-treten nicht mehr auf. Der eben erwähnte ¨Hypsikles¨ schliesst sich
-wohl unmittelbar an Apollonios an, M. Cantor setzt das 14. Buch um 180
-an, er war ein tüchtiger Mathematiker, der auch noch eine uns erhaltene
-Schrift über die Aufgänge der Gestirne, im Anschluss an ¨Autolykos¨
-und ¨Euklid¨ geschrieben hat. Sie ist vergl. ¨M. Cantor¨ I p. 344
-dadurch merkwürdig, dass sich in ihr zum ¨ersten¨ Male auf Hellenischem
-Boden die ¨babylonische Teilung des Kreises in dreihundertsechzig
-Grade¨ findet. Auch auf arithmetischem Gebiete haben wir Hypsikles als
-Vorgänger des ¨Nikomachos¨ (s. u.) für die Theorie der figurierten
-Zahlen zu erwähnen.
-
-Die theoretische Mathematik sinkt nun im 2. Jahrh. langsam von ihrer
-Höhe oder richtiger das Interesse der bedeutenden Geister wendet sich
-den angewandten Disziplinen zu; Astronomie und in ihrem Gefolge die
-Trigonometrie, Mechanik, Medizin etc. nehmen ihre Stelle ein. Dazu kam
-für Hellas das Anwachsen der bildungsfeindlichen römischen Macht und
-für Alexandrien das mörderische Regiment des Ptolemaios VII. Physcōn
-(Schmerbauch, auch Euergetes II.) 141-116, der nach Ermordung seines
-Neffen Eupator sich des Thrones bemächtigt hatte und die bedeutendsten
-Gelehrten und Künstler von Alexandria vertrieb. Da nun der Unterricht
-im wesentlichen auf dem Vortrag im Kolleg beruhte -- Archimedes und
-Apollonios hatten gewissermassen nur zufällig an ihre auswärtigen
-Freunde Schriftstücke gerichtet -- so machte sich jetzt der Mangel
-an Büchern und damit an einer festen Formelsprache geltend und man
-kann annehmen, dass schon im Laufe des Jahrhunderts manches von den
-Leistungen der Heroen verloren ging. Das Entscheidende sind wohl die
-Brände der Alexandrinischen Bibliothek unter Cäsar und vor allem in
-den wüsten Emeuten des fanatischen Mönchpöbels und seiner würdigen
-Patriarchen. Die Sage von der Vernichtung der grossen Bibliothek durch
-¨Omar¨ gehört zu den böswilligsten Fälschungen der Weltgeschichte. Auch
-die grosse Bibliothek von ¨Pergamon¨, das sich zur Konkurrenzstadt
-Alexandriens unter Attalos und Eumenes entwickelt hatte, ging verloren,
-nachdem sie Antonius an Kleopatra geschenkt hatte.
-
-[Sidenote: Nikomedes.]
-
-[Sidenote: Die Konchoide.]
-
-Dort in Pergamon war vermutlich wenn nicht die Wiege, so doch das
-¨Domizil¨ des Nikomedes, den M. Cantor vorsichtig ins 2. Jahrh.
-verweist, während P. Tannery ihn nicht ohne triftigen Grund zwischen
-Eratosthenes und Apollonios einschiebt. Dass er der Erfinder der
-¨Konchoide¨, der Muschellinie gewesen, unterliegt keinem Zweifel,
-¨Proklos¨ sagt Friedlein S. 272 im Anschluss an die Winkelhalbierung
-bei Euklid: ¨Nikomedes¨ drittelte mit der Konchoide, deren Erzeugung,
-Gestalt und Eigenschaften er überlieferte, jeden geradlinigen Winkel,
-und er selbst war es der ihre Eigenart gefunden hat. ¨Pappos¨ und
-¨Eutokios¨ haben ihre Anwendung zur Lösung des (ersten) Delischen
-Problemes durch Nikomedes ausdrücklich bezeugt, und da sie genau
-übereinstimmen, so ist es sicher, dass die Lösung sowohl wie ihr Beweis
-ganz auf das Konto des Nikomedes zu setzen ist. In der Stelle Hultsch
-246 oben nimmt Pappos die Winkeldrittelung durch die Konchoide nicht
-für sich in Anspruch, er sagt nur, dass er die Kurve dabei gebraucht
-habe, dagegen sagt er 246 unten (§ 42) ganz bestimmt er habe zur
-Konstruktion des Nikomedes für die Würfelverdoppelung den Beweis
-geliefert, was der Angabe des Eutokios widerspricht. Dass Nikomedes
-sich des Zusammenhangs beider Probleme, die er mit der einen Kurve
-löste, klar bewusst war, scheint mir völlig sicher, es entspricht das
-dem ganzen historischen Gange der Griechischen Mathematik. Nikomedes
-kannte die Winkeldrittelung des Archimedes durch die Neusis, die
-Einschiebung, und wie dem Archimedes der Zusammenhang zwischen der
-Kugeldrittelung und der Winkeldrittelung nicht hat entgehen können, so
-hat auch Nikomedes gesehen, dass es sich bei Würfelverdoppelung und
-Trisektion um Probleme 3. Grades handelte.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Trisektion.]
-
-Die Kurve selbst ist eine ebene Kurve, sie wird erzeugt durch Drehung
-einer Geraden um einen festen Punkt, so dass sie eine gegebene
-Leitlinie schneidet und beschrieben durch einen Punkt Κ der sich
-drehenden Geraden, der von dem Schnittpunkt Ε einen unveränderlichen
-Abstand hat. Nikomedes hat das ¨abgebildete¨ einfache Instrument zur
-mechanischen Erzeugung angegeben, es besteht aus einem Richtscheit, in
-dessen horizontalem Lineal ein Schlitz in der Mitte ist, während das
-vertikale den Pol durch einen Nagel angibt. Ein drittes Lineal ist fest
-mit den beiden verbunden und hat in Ε einen Zapfen der in dem Schlitz
-des zweiten Lineals gleitet, während ΕΚ der gegebene Abstand ist. Legt
-man die x-Axe durch den Pol Δ nennt den Abstand b und den Abstand des
-Pols vom horizontalen Lineal a so ist die Gleichung der Kurve r : b
-= y : (y - a), also quadriert und multipliziert (x^2 + y^2)(y - a)^2
-= b^2y^2. Die Kurve ist also vom 4. Grade, geht durch die imaginären
-Kreispunkte im Unendlichen, und hat in Δ einen Doppelpunkt. Die
-vollständige Kurve, welche Nikomedes auch betrachtet zu haben scheint,
-da er die hier konstruierte als erste Konchoide bezeichnete, besteht
-aus der oberhalb der Axe und der unterhalb der Axe beschriebenen.
-Ausser den in ¨Wölffings¨ so höchst dankenswerter Bibliographie
-angegebenen Monographien verweise ich auf ¨G. de Longchamps¨ cours de
-Math. spec. und auf das Journal von ¨Bourget¨.
-
-Nikomedes hat gezeigt, dass ΑΒ eine Asymptote ist, und dass jede Gerade
-zwischen ΑΒ und der Kurve diese schneidet, ¨Eutokios¨, Heiberg Archim.
-3 S. 118 und 120 findet sich der Beweis, während Pappos l. c. nur die
-Tatsache angibt.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Trisektionen bei Montucla.]
-
-Die Anwendung zur Winkeldrittelung ist uns von Pappos p. 275
-überliefert, sie ist, wie ¨Montucla¨ in der noch heute lesenswerten
-Histoire des recherches sur la quadrature du cercle Nouv. Edition (par
-¨Lacroix¨) 1831 p. 240 sagt, fast selbstverständlich, und stimmt im
-Prinzip mit der des Archimedes überein.
-
-Ist αβγ (s. Figur) der gegebene Winkel, so ist nur nötig, von β
-als Pol aus eine Strecke δε zwischen αγ und der verlängerte ζα so
-einzuschieben, dass δε gleich 2αβ ist, dann ist εβγ = 1/3αβγ. Man
-findet also ε durch den Schnitt von ζα mit der Konchoide, deren Pol β,
-deren Axe αγ und deren Abstand 2αβ ist.
-
-¨Montucla¨ gibt l. c. 243 an, dass auch die Konstruktion des Archimedes
-mittelst der Konchoide gelöst werden kann, nur muss ihr Zweig unter
-der Axe benutzt werden. Ist ¯ABC¯ der gegebene Winkel, (Figur) so
-beschreibt man mit ¯C¯ als Pol, ¯BA¯ als Axe und ¯BC¯ als Abstand die 2
-(untere) Konchoide, welche den Kreis um ¯B¯ mit ¯BC¯ in ¯D¯ schneidet,
-so ist ¯DBE¯ = 1/3 ¯CBA¯.
-
-[Illustration]
-
-Montucla gibt auch den Hinweis auf den Appendix ¨Newtons¨ zur
-Arithmetica universalis, der so recht deutlich zeigt, wie innig Newton
-mit der hellenischen Geometrie vertraut war. Nachdem ¨Vieta¨ (Oper. ed.
-van Schooten 1615) gezeigt hatte, dass die Gleichung dritten Grades
-sich auf die Würfelvervielfältigung und die Trisektionsgleichung
-zurückführen lasse, hat Newton l. c. für alle Arten gemischter
-kubischer Gleichungen den zu trisezierenden Winkel und die Lage
-des Pols und die Grösse des Abstands angegeben (berechnet). Er hat
-ausgesprochen, dass zur Lösung von Gleichungen dritten Grades die
-Konchoide des Nikomedes das bequemste Mittel ist; dass dieser sich des
-Vorzugs seiner leicht konstruierbaren Kurve vor der Probiermethode des
-Eratosthenes voll bewusst war, kann man bei Eutokios nachlesen.
-
-[Sidenote: Würfelverdopplung nach Nikomedes.]
-
-Schwieriger gestaltet sich die Anwendung der Kurve für die
-Würfelverdoppelung, die Lösung der reinen kubischen Gleichung oder die
-Auffindung der beiden Mittleren. Eutokios beginnt den Bericht also:
-
-Nachdem dies bewiesen (nämlich dass ΑΒ Asymptote, das Wort fehlt,
-was auch für höheres Alter als Apollonios spricht, etc.) seien die
-gegebenen Strecken ΑΔ und ΓΛ senkrecht aufeinander, zu denen es den
-beiden kontinuierlich proportionalen (δυο μεσας αναλογον κατα το
-συνεχες) zu finden gilt. Mache das Rechteck ΑΒΓΔ fertig, halbiere ΑΒ
-in Δ und ΒΓ in Ε. Verlängere ΛΔ und ΓΒ bis sie sich in Η schneiden,
-errichte in Ε auf ΒΓ die senkrechte ΕΖ, mache ΓΖ gleich ΑΔ und verbinde
-Ζ mit Η und ziehe zu ihr parallel ΓΘ. Und nun konstruiere man die
-Konchoide von Ζ als Pol, ΓΘ als Leitlinie und ΔΑ = ΓΖ als Abstand,
-welche ΗΓ in Κ schneidet, ziehe ΚΛ, schneidet ΒΑ in Μ so behaupte ich,
-dass ΓΛ : ΚΓ = ΚΓ : ΜΑ = ΜΑ : ΑΛ ist.
-
-[Illustration]
-
-Die Pointe ist, dass ΘΖ gleich ΜΑ ist. Sei ΜΑ = x und ΚΓ = y, ΑΛ = a
-und ΓΛ = b so ist x : a = b : y, und ΖΘ : (1/2 b) = 2a : y also ΖΘ : a
-= b : y also ΖΘ = x, ferner weil ΖΕΓ und ΖΕΚ rechtwinklige Dreiecke
-mit der gemeinsamen Kathete ΕΖ, so ist (x + 1/2 b)^2 - (y + 1/2 a)^2
-= (b/2)^2 - (a/2)^2 oder x(x + b) = y(y + a), x/y = (y + a)/(x + b) =
-ΒΚ/ΜΒ = ΓΚ/ΓΔ. Die Lösung des Nikomedes ist von Newton l. c. wesentlich
-vereinfacht worden. Die Konchoide auf zirkulärer Basis ist von
-¨Roberval¨ Limaçon de Pascal, Pascalsche Schnecke, genannt worden, sie
-ist vielfach im Journ. élém. (v. ¨Bourget¨) behandelt worden.
-
-[Sidenote: Diokles: Kissoide.]
-
-[Sidenote: Würfelverdopplung mit Kissoide.]
-
-Mit Nikomedes wird stets, infolge des Kommentars des Eutokios,
-¨Diokles¨ genannt, von dessen Lebensführung uns zwar so gut wie nichts
-bekannt ist, der aber nach seiner Kugelteilung welche Eutokios,
-Heib. 3, S. 188 ff. mitteilt, und ebenfalls nach seiner Lösung der
-Würfelverdoppelung, ib. S. 78, ein sehr achtbarer Geometer gewesen
-ist. Nach dem gedanklichen Inhalt der beiden Fragmente aus seiner
-Schrift περι πυρ(ε)ιων halte ich ihn für ziemlich gleichzeitig mit
-Nikomedes und für nur wenig jünger als Apollonios. Das Fragment über
-die Kugelteilung enthält zwar schon die Apollonischen Benennungen
-Ellipse, Hyperbel, Asymptote, aber es ist sicher von ¨Eutokios¨
-überarbeitet, der wie ¨Heiberg¨ S. 207 anmerkt, die Konstruktion der
-Hyperbel, wenn die Asymptoten und ein Punkt gegeben worden sind »de
-suo« hinzufügte. Das Problem der Würfelverdoppelung löste Diokles
-mittelst der ¨Kissoide¨, die er wie folgt konstruierte. Man zeichne
-einen Kreis um ¯M¯, den Leitkreis, mit Radius ¯r¯, ziehe darin den
-Durchmesser ¯SS′¯ gleich ¯d¯. Ziehe ¯BC¯ und ¯B′C′¯ senkrecht zu ¯SS′¯
-und symmetrisch zu ¯M¯. Ziehe ¯SB′¯ welche ¯BC¯ in ¯P¯ schneidet,
-so ist die Kurve der Ort des Punktes ¯P¯ wenn ¯B′C′¯ sich von ¯S′¯
-nach ¯S¯ bewegt (die allgemeine Kurve entsteht: wenn man ¯A′B′¯ sich
-unbegrenzt in der Richtung ¯S′S¯ und daher ¯AB¯ von ¯S¯ nach ¯S′¯
-zu bewegen lässt). Nimmt man als 0-Punkt ¯S¯ und als + x-Axe den
-Strahl [**vector](¯SS′¯), zieht ¯AC¯ und nennt es z, so ergeben die
-elementarsten Sätze die Proportion (d - x) : z = z : x = x : y d. h. x
-und z sind zwischen d - x und y die Mesoteten. Will man nun zwischen
-a und b die mittleren einschalten, so braucht man der Symmetrie wegen
-nur auf dem zu ¯SS′¯ senkrechten Durchmesser einen Punkt ¯K¯ so zu
-bestimmen, dass ¯S′M¯ : ¯MK¯ = a : b ist und ¯S′K¯ auszuziehen, bis es
-die Kissoide in ¯P¯ schneidet, so ist nur noch d - x und y proportional
-in a und b zu verwandeln.
-
-[Illustration]
-
-Da aus dem grundlegenden Streifensatz folgt, dass ¯SP¯ = ¯B′D′¯ ist
-(entsprechende Querstrecken), so lässt sich die Kurve auch bequemer so
-erzeugen, dass man von ¯S¯ aus nach allen Punkten des Leitkreises die
-Strahlen zieht und das Stück zwischen der festen Tangente in ¯S′¯ und
-dem Kreise von ¯S¯ aus auf den Leitstrahlen bis ¯P¯ abträgt.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Newton'sche Erzeugung.]
-
-Aus der ersten Erzeugung durch Diokles lässt sich ebenso elementar
-(vgl. a. Samml. Göschen 65 p. 148) die mechanische Herstellung der
-Kurve von Newton (l. c.) ableiten, welche Montucla l. c. S. 139
-beschreibt. Er bedarf dazu nur noch eines Richtscheites, dessen einer
-Schenkel d ist, Endpunkt ¯B″¯, und der in der Mitte einen Stift ¯P¯
-hat. Dreht man das Richtscheit um den Pol ¯M′¯, so auf ¯SS′¯ gewählt,
-dass ¯M′S¯ = r ist, so dass ¯B″¯ auf dem konjugierten Durchmesser zu
-¯SS′¯ gleitet, so beschreibt ¯P¯ die Kissoide.
-
-[Sidenote: Diokles.]
-
-[Sidenote: Zenodoros.]
-
-[Sidenote: Isoperimetrie.]
-
-Die Kurve hat die Gleichung (x^2 + y^2)x = dy^2, ist also eine Kurve
-3. Grades, geht auch durch die beiden unendlich fernen imaginären
-Kreispunkte, hat die Kreistangenten ¯S′¯ zur Asymptote, ist
-Fusspunktenkurve, Rollkurve, durch reciproke Radien transformierte
-der Parabel. Sie ist elementar behandelt l. c., auch vielfach im
-Journal de Math. spec. Dass die Kurve in ¯S¯ eine Spitze hat wusste
-schon Proklos, der die Kurve viel erwähnt, Friedl. S. 126 sagt: »ὁταν
-δε αι κισσοειδεις γραμμαι συννευουσαι προς ἑν σημειον, ὡσπερ τα
-του κισσου φυλλα -- και γαρ την επωνυμιαν εκειθεν εσχον -- ποιωσιν
-γωνιαν«. Wenn die Kissoidenlinien sich nach einem Punkt zu neigen,
-wie die Blätter des ¨Efeu¨ -- und sie hat ja davon ihren Namen -- so
-bilden sie einen Winkel. Sehr auffallend ist, dass Proklos trotz der
-häufigen Erwähnung der Kurve den ¨Diokles¨ nicht nennt, so wenig wie
-Pappos, der ihrer zweimal gedenkt. Aber wenigstens bei Proklos ist im
-Zusammenhang des Textes die Auslassung des Autornamens ganz sachgemäss,
-S. 111, 6 z. B. wird von der Einteilung der Kurven durch Gemīnos
-geredet, wobei die Kissoide (Kittoide) nur als Beispiel einer Figur
-bildenden Kurve erwähnt wird, woraus übrigens hervorgeht, dass Gemīnos
-schon die Asymptote der Kurve kannte. So liegt kein Grund vor, dass
-zuverlässige Zeugnis des Eutokios zu bezweifeln. Und dies um so weniger
-als Pappos auch den Namen des dritten hervorragenden Mathematikers
-verschweigt, der um 200 anzusetzen ist, den des ¨Zēnodoros¨, von
-dessen Lebensumständen nichts weiter feststeht, als dass er nach
-Archimedes und vor Quintilian gelebt hat, also ein Spielraum von fast
-400 Jahren. Aber ¨Hultsch¨ und ¨Cantor¨ setzen ihn auf Grund seiner
-Sprache und seines engen Anschluss an den Gedankenkreis des Euklid und
-Archimedes gewiss mit Recht in die Nähe des Archimedes, vergl. dazu
-noch ¨W. Schmidt¨ Enestr. 1901 S. 8. Und man kann wohl hinzusetzen,
-dass der Gegenstand, den er sich zum Vorwurf nahm, auch auf Vorangang
-des Apollonios schliessen lässt. Mit dem Namen des ¨Zenodoros¨ sind
-die Probleme, welche wir heute als pars pro toto, isoperimetrische
-nennen, für immer verknüpft. Er selbst hat zwar seine Schrift, wie
-¨Hultsch¨, Papp. III, 1189 hervorgehoben über Inhalte von gleichen
-Massen, περι ισομετρων σχηματων genannt, aber man versteht heute
-unter Isoperimetrie sowohl Untersuchungen über Konfigurationen, die
-bei gleichen Massen der Begrenzung den grössten Inhalt haben, als
-diejenigen, welche bei gleichem Inhalte grösste Begrenzung bieten. Es
-ist jene hochwichtige Problemklasse aus der sich im 18. Jahrh. die
-¨Variationsrechnung¨ entwickelte. Die Notiz des ¨Simplicius¨ welche
-W. Schmidt, Eneström 1901 S. 5 anführt, bezieht sich m. E. nur auf die
-Kreis- und Kugelmessung durch ¨Archimedes¨, welcher ja de facto in
-sehr vielen Fällen den Beweis für die Isoperimetrie des Kreises und
-der Kugel liefert. Die Schrift selbst ist uns inhaltlich auf dreierlei
-Art erhalten, a) sowie es scheint, wörtlich, durch den Kommentar des
-¨Theon¨ von Alexandrien zum Almagest (Pariser Ausgabe 1821 ¨Halma¨,
-33 ff.), b) freier aber völlig zu a) stimmend durch Pappos, Buch V,
-S. 308 ff.) c) Abhandlung eines Anonymos über die isoperimetrischen
-Figuren, welche ¨Hultsch¨, Papp. III 1138-1165 herausgegeben hat,
-ebenfalls vielfach wörtlich zu Theons Mitteilung stimmend.
-
-Die Arbeit zerfällt in einen planimetrischen und einen stereometrischen
-Teil, sie gipfelt in den Sätzen, dass unter allen ebenen Figuren von
-gleichem Umfange der Kreis den grössten Inhalt hat und unter allen
-räumlichen Gebilden von gleicher Oberfläche die Kugel das grösste
-Volumen hat. Dass beide Sätze nicht streng bewiesen sind, braucht
-kaum bemerkt zu werden, hat doch ¨Jacob Steiner¨ nicht vermocht,
-den planimetrischen Satz streng zu beweisen, und der Satz über die
-Isoperimetrie der Kugel ist erst 1884 von ¨H. A. Schwarz¨ mit den
-Mitteln der höchsten Analysis bewiesen worden.
-
-[Illustration]
-
-Der ebene Teil des Werkes ist deutsch bearbeitet von ¨A. Nokk¨,
-Programm Freiburg 1860. Nokk hat dort Zenodoros, der bis dahin als
-Zeitgenosse des Oinopides also auf 500 v. Chr. geschätzt war, als
-Epigonen des Archimedes erwiesen, auch auf die Bestätigung der
-Authentizität von ¨Theons¨ Wiedergabe durch ¨Proklos¨ hingewiesen;
-Friedlein S. 165 Z. 24: εστι γαρ τριγονα τετραπλευρα, καλουμενα
-παρ' αυτοις ακιδοειδη παρα δε τω Ζηνοδωρω κοιλογωνια. »Es gibt eine
-dreiwinklige (Figur) mit vier Seiten, von Jenen (Theudios und Euklid?)
-[Lanzen] spitzenförmig geheissen, vom Zenodoros aber ¨hohlwinklig¨. Und
-dieser Ausdruck kommt bei Theon vor. Zu bemerken ist, dass die Winkel
-auf solche, welche kleiner als der gestreckte, beschränkt waren, d. h.
-auf solche die im Dreiseit vorkommen konnten und dies noch bei Proklos,
-der allerdings wie die Neuplatoniker überhaupt, archaistisch ist. Die
-Figur galt also dem Euklid und Proklos als dreiwinklig, trotz ihrer 4
-Ecken und 4 Seiten. Der Ausdruck ¨hohlwinklig¨ ist sehr auffallend, es
-scheint aus ihm hervorzugehen, dass ¨Zenodoros¨ die Figur schon für
-vierwinklig ansah und seine Lebenszeit würde dadurch noch herabgedrückt
-werden, wenn es nicht wahrscheinlicher wäre, dass ein literarisch so
-gebildeter Autor wie Proklos den Ausdruck eben aus ¨Theons¨ Kommentar
-entlehnt hat; wodurch dann wieder sein Zeugnis für die Echtheit von
-Theons Wiedergabe entkräftet würde.
-
-[Sidenote: Zenodoros' Satz: Der Kreis ist grösser als das
-isoperimetrische regelmässige Vieleck.]
-
-Als Probe gebe ich Ihnen den Beweis des zweiten Satzes nach ¨Nokk¨.
-Wenn ein reguläres Polygon mit einem Kreise gleichen Umfang hat, so hat
-der Kreis den grösseren Flächeninhalt.
-
-[Illustration]
-
-Der Kreis sei ¯ABG¯, das reguläre Polygon von gleichem Umfange ¯DEZ¯.
-Das Zentrum des Kreises sei ¯H¯, das des Polygons sei ¯T¯, man
-beschreibe um den Kreis ¯H¯ das dem Polygon ¯DEZ¯ ähnliche, (Fig.).
-Verbinde ¯H¯ mit ¯B¯, fälle von ¯T¯ auf ¯EZ¯ das Lot ¯TN¯ und ziehe
-¯HL¯ und ¯TE¯. »Da nun der Umfang des Vielecks ¯KLM¯ grösser ist als
-der Umfang des Kreises ¯ABG¯, ¨wie es vom Archimedes in seiner Schrift
-über Kugel und Cylinder unterstellt wird¨, der Umfang des Kreises
-¯ABG¯ aber, dem des Vielecks ¯DEZ¯ gleich ist, so ist auch der Umfang
-des Vielecks ¯KLM¯ grösser als der von ¯DEZ¯. Allein die Vielecke
-sind ähnlich, mithin ¯BL¯ grösser als ¯NE¯ und ¯HB¯ > ¯NT¯. Also
-das Rechteck aus dem Umfang des Kreises und ¯HB¯ > als das Rechteck
-aus dem Umfang des Vielecks und ¯NT¯. Allein das erste Rechteck ist
-»¨wie Archimedes¨ gezeigt hat« das doppelte der Kreisfläche und das
-zweite das doppelte der Fläche des Polygon und somit der Satz bewiesen
-(allerdings mit Hilfe des Axiom: Archimedes Kugel und Cylinder Annahme
-2).
-
-[Sidenote: Hipparch von Rhodos.]
-
-In diese Epoche der durch Archimedes, Eratosthenes und Apollonios
-herbeigeführten Erweiterung des mathematisch-physikalischen
-Gesichtskreises der Hellenen, fällt auch der grösste Beobachter des
-Himmels unter den Hellenen, ¨Hipparch¨ von ¨Nicaea¨ oder auch von
-¨Rhodos¨. Hipparch ist allerdings beim geozentrischen Weltsystem
-stehen geblieben, obwohl kurz vorher ¨Seleukos¨, der Kopernikus des
-Altertums wie ihn ¨Susemihl¨ nennt, das Weltsystem des ¨Aristarch¨ von
-¨Samos¨, dessen wir beim Psammites gedachten, auf wirkliche Beweise
-stützte. ¨Seleukos¨ hat auch als der erste auf den Einfluss des
-Mondes für Ebbe und Flut hingewiesen und als Grund für die Annahme
-der Rotation der Erde darauf, dass die Flut am Äquator am stärksten
-ist. ¨Hipparchos¨ muss etwa um 190 geboren sein, seine Beobachtungen
-von 161 bis 126 sind uns durch Ptolemaios erhalten, seine letzten
-Beobachtungen, Mondbestimmungen, sind vom Juni 126 aus Rhodos.
-Ptolemaios nennt ihn Almagest III, 2 p. 140, einen Mann von Arbeits-
-und Wissenstrieb. Von seinen Schriften ist uns nur eine einzige
-erhalten, eine Exegese zu den Phainomena des Eudoxos (und Aratos) in
-3 Büchern, von ¨Vettori¨, Florenz 1567 Folio, herausgegeben, kritisch
-und mit deutscher Übersetzung 1894 Leipz. von ¨Manutius¨. Es war
-vermutlich eine Jugendarbeit, weil er darin noch nicht die vielen
-Abweichungen der Beobachtungen des Eudoxos von den seinen auf die
-Präzession zurückgeführt hat, die er später genau feststellte und damit
-die Dauer des Jahres von 365,25 Tagen um 5′ reduzierte. Er berechnete
-ferner die Exzentrizität der Sonnenbahn, wenn auch etwas zu gross,
-desgleichen die der Mondbahn, legte sowohl die Sonnenbahn als die
-Mondbahn durch Beobachtung der Fixsterne, welche ihre obere Kulmination
-hatten wenn jene ihre untere, genau fest, gab die Entfernungen der
-Sonne und des Mondes weit genauer, (namentlich letztere) an, als seine
-Vorgänger, kritisierte die bisherigen Planetentheorien, und erklärte
-die Ungleichheit der Jahreszeiten durch die Annahme der ¨exzentrischen
-Kreisbahn¨, welche ¨Kepler¨ vielleicht die Anregung zur Auffindung
-seines ersten Gesetzes gab. Hipparchs Methode die Sonnendistanz
-(Parallaxe, d. h. der Winkel unter dem der Erdradius von der Sonne
-aus gesehen erscheint) mittelst der Mondparallaxe zu bestimmen durch
-den von ihm gegebenen Satz: »Die Summe der Parallaxen von Sonne und
-Mond ist gleich der Summe der scheinbaren Halbmesser der Sonne und des
-Schattenkegels der Erde«, ist theoretisch richtig. -- Das Auftreten
-eines neuen Fixsternes im Jahre 134 brachte ihn auf den Gedanken einer
-möglichen Eigenbewegung derselben, und er soll (vgl. ¨Gartz¨ und
-¨Schaubach¨) mittelst von ihm erfundener Instrumente, Astrolabien, und
-verbessertem Visierrohr oder ¨Diopter¨ (Archimedes im Psammites) die
-Position und scheinbare Grösse des Sternes genau festgestellt haben.
-Jedenfalls nahm er hier Veranlassung einen ¨Sternkatalog¨ anzulegen und
-verzeichnete Ptolemaios zufolge selbst 1080 Fixsterne. Aus der Arbeit
-von ¨Frz. Boll¨ 1901 in München entnehme ich, dass der Sternkatalog
-des Hipparch zufolge des Fundes von A. Olivieris 1898 höchstens 850
-Sterne umfasste, so dass die Meinung ¨Tannerys¨ und ¨Delambres¨ der
-Ptolomäische Katalog sei der des Hipparch gewesen, hinfällig wird.
-
-Sein Beweggrund war, späteren Astronomen die Erkenntnis zu ermöglichen,
-nicht nur ob Sterne verschwänden und neue entständen, sondern auch, ob
-sich die Lage der Fixsterne gegen einander nicht ändere und ob ihre
-scheinbare Grösse nicht zu- oder abnähme. Diese Beobachtungen führten
-ihn eben zur Auffindung der Präzession; denn als er die seinigen
-mit etwa 100 Jahre älteren verglich, fand er, dass sich zwar die
-Breiten, die sphärischen Abstände von der Ekliptik oder Sonnenbahn,
-nicht geändert, wohl aber die Längen um den konstanten Betrag von
-1-1/3° vergrössert hatten, d. h. also, dass die Äquinoktialpunkte
-auf der Ekliptik gegen die Bewegung der Sonne hin fortrückten. Wir
-verdanken auch diese Kunde dem Almagest, die theoretische Erklärung der
-Präzession durch die Rotation der Erdaxe um die Axe der Ekliptik aus
-der Anziehung von Sonne, Mond, Jupiter etc. auf dem Wulst des Äquators
-gab erst D'Alembert.
-
-[Sidenote: Heron von Alexandria.]
-
-¨Hipparch¨ wird aber auch als der Begründer der ¨Trigonometrie¨
-angesehen, wenn überhaupt von einem solchen (vgl. Ägypten) die Rede
-sein kann. ¨Theon¨ teilt uns in dem schon erwähnten Kommentar zum
-Almagest mit, dass jener in einem grösseren Werke περι της πραγματειας
-των εν τω κυκλω ευθειων eine Sehnentafel gegeben. Siehe hierzu die
-Bestätigung bei ¨Heron¨ in der Metrik S. 58, 3. 19, wo der Titel (s. u.
-Heron) angegeben ist. Es steht jetzt so ziemlich fest, dass die ganze
-Sexagesimalbruchrechnung inkl. Wurzelausziehung Eigentum des ¨Hipparch¨
-war (cf. ¨Hultsch¨, die Sexagesimalrechnungen in den Scholien zu
-Euklids Elementen, Biblioth. Math. 5, 1904, 225).
-
-Nach arabischen Nachrichten hat er auch über quadratische Gleichungen
-geschrieben und durch Strabon sind wir über seine Schrift προς
-Ερατοσθενην gut unterrichtet. In den beiden ersten Büchern gab er
-eine scharfe und nicht immer gerechte Kritik, denn genaue Längen- und
-Breitebestimmungen waren dem Eratosthenes nicht möglich, im dritten
-die Begründung seines eigenen Systems und die Tabellen der Breiten von
-12 Städten und Bestimmung der Finsternisse. Wenn man von Eratosthenes
-Sphragides absieht, ist Hipparch auch als Begründer des ¨sphärischen
-Koordinatensystems¨ anzusehen.
-
-An Hipparch, den Astronomen, schliessen wir Heron, den Mechaniker an; ὁ
-μηχανικος nennt ihn ¨Proklos¨, Fried. 305, 24; 346, 13, und in der Tat
-ist er in Mechanik und Technik geradeso der Lehrer der Welt gewesen wie
-Euklid für Geometrie. Ob Heron Nachfolger oder Vorläufer des Hipparch
-gewesen ist, steht nicht einmal absolut fest. Doch wird in der Metrik
-die von Theon erwähnte Schrift unter dem Titel περι των εν κυκλω
-ευθειωνπερι των εν κυκλω ευθειων als vollkommen bekannt zitiert.
-
-[Sidenote: Lebenszeit.]
-
-Die sogen. ¨Heronische Frage¨ ist eine der diffizilsten, die Ansichten
-der berühmtesten Historiker schwanken zwischen dem 3. Jahrh. v. Chr.
-und dem zweiten Jahrh. n. Chr. Ein Forscher von dem Range ¨Diels¨
-setzt ihn um 100 n. Chr., ¨De Vaux¨ und ¨Paul Tannery¨ sogar um 200,
-der Herausgeber der neuesten Gesamtausgabe ¨W. Schmidt¨ setzt ihn etwa
-auf 56 v. Chr. Dem gegenüber stehen ¨Susemihl¨, der genaue Kenner der
-Hellenistik, der ihn um 200 v. Chr. ansetzt und ¨M. Cantor¨, der ihn
-um 100 v. Chr. setzt. Ich glaube, dass Cantor im ganzen das Richtige
-getroffen und neige dazu Herons Geburt etwa um 150 zu setzen und
-stimme der Beweisführung ¨Edmund Hoppes¨ im Programm des Hamburger
-Wilhelm-Gymnasiums von 1902 bei, welche ich noch bekräftigt finde durch
-die von ¨H. Schoene¨ 1903 zum ersten Mal herausgegebene »Metrika«,
-deren Handschrift ¨R. Schoene¨ 1896 im Codex Constantinopolitanus
-aufgefunden hatte. Da Programme bekanntermassen wenig bekannt zu werden
-pflegen, so setze ich den Schluss der ¨Hoppe¨'schen Arbeit hierher, und
-um so lieber, als ich bedauerlicherweise vergessen habe, diese tüchtige
-Arbeit in der 2. Aufl. meiner Methodik von 1907 unter den historischen
-Programmen anzuführen, obwohl sie mir seit 1903 bekannt war. Hoppe
-schliesst: Wenn er den älteren Poseidōnios zitiert hat, rückt Heron
-gänzlich in das zweite Sec. v. Chr. »Dahin passt er auch seinem ganzen
-Inhalte nach durchaus. Heron steht ausschliesslich auf den Schultern
-des Archimedes und Ktesibios in seiner Mechanik und Pneumatik, in der
-Philosophie und Mathematik ist er abhängig von Aristoteles, Platon,
-Pythagoras und Euklid, welche er alle zitiert. Alles Spätere ist
-für Heron nicht vorhanden. Heron aber geht über seine Quellen weit
-hinaus. Die physikalischen Anschauungen, welche er in der Einleitung
-zur Pneumatik darlegt, hat vor ihm keiner und auch nach ihm keiner.
-Wohl in Einzelheiten finden sich bei früheren Anklänge, aber ein solch
-umfassendes Wissen von der Mechanik der Gase, von der Elastizität etc.
-hat keiner seiner Vorgänger. Nach ihm hat man dies alles nicht mehr
-verstanden, die römischen Epigonen griechischer Kulturwelt konnten
-wohl Automaten und Wasserorgeln nachmachen, aber seine physikalischen
-Gedanken begriffen sie nicht. Das charakterisiert Heron als den letzten
-einer untergehenden Schule. Darum muss man Heron ansetzen zu einer
-Zeit, wo Ägypten vor einer Katastrophe stand, nach einer Periode der
-Blüte. Diese Blüte war unter den Ptolemäern, die Katastrophe war das
-Einsetzen der Römerherrschaft. Somit spricht alles für den Ausgang des
-zweiten sec. a. Chr. Macht man, wie Schmidt es will, Philon von Byzanz
-und Ktesibios zu Zeitgenossen des Archimedes, so wäre möglich für Heron
-die Zeit am Anfang des zweiten sec. anzunehmen. Setzt man Ktesibios
-an das Ende des zweiten sec., so bleibt für Heron die Zeit um 100 n.
-Chr., wie Cantor annimmt, bestehen; ein weiterer Spielraum scheint
-ausgeschlossen.«
-
-Zu den von Heron benutzten Autoren kommt nach Metrik S. 58 Z. 19 noch
-¨Hipparch¨ hinzu und ¨Apollonios¨ de sectione spatii (ἡ του χωριου
-αποτομη) Schöne S. 162, sowie ¨Dionysodoros¨ dessen Kugelteilung
-Eutokios gegeben. Auch die Heronische Würfelverdoppelung zeigt den
-Einfluss des Apollonios. Ungelöst ist auch noch die Frage inwiefern
-Heron für seine Geschützlehre und seine Lehre vom Luftdruck aus
-¨Philon¨ von ¨Byzanz¨ (Φιλων ὁ βυζαντιος.) geschöpft hat. Die
-Vorstellung, dass schwere Körper schneller fallen müssen als leichte
-findet sich z. B. bei Beiden. Die Zuverlässigkeit der Literaturangaben
-des ¨Eutokios¨ ist durch die Auffindung der Mechanik wieder bestätigt
-worden, Eutokios überschreibt die Lösung mit den Worten »wie ¨Heron¨
-in der Einführung in die Mechanik und in den Belopoiika (Anfertigung
-von Geschützen)« und sie hat sich auch in der Mechanik, Ausgabe von Nix
-S. 24 gefunden.
-
-Ich möchte zu den Datierungsfragen allgemein bemerken, dass was für
-Indien gilt mutatis mutandis auch für alle diese Streitfragen gilt.
-Der gedankliche Zusammenhang, die Darstellung, die Hilfsmittel sind
-der wichtigste Anhaltepunkt, und der spricht für Heron entschieden für
-engen Anschluss an Archimedes, wie es insbesondere die Metrika zeigen
-und für die ¨Cantorsche¨ Auffassung, welche auch von ¨Hultsch¨ geteilt
-wurde. Auch die sehr sorgfältige Dissertation von ¨R. Meier¨ de Herone
-aetatis, Leipz. 1905 kommt zum gleichen Resultat. Wie die Heronische
-Frage hat entstehen können, darüber spricht sich ¨Cantor¨ völlig
-zutreffend aus. Für 1-1/2 Jahrtausend ist wie Euklid für Mathematik so
-Heron Lehrer für Geodäsie und angewandte Mechanik. Überaus zahlreich,
-griechisch, lateinisch, arabisch, sind die Codices, Excerpte,
-Bearbeitungen und ebenso zahlreich sind die Entstellungen und Zusätze,
-Verschlimmbesserung der Abschreiber und Ausschreiber.
-
-[Sidenote: Heron, Werke.]
-
-Während die physikalischen Schriften Herons ab und an ediert sind,
-ist die erste kritische Ausgabe der unter seinem Namen gehenden
-mathematischen Schriften von ¨Fr. Hultsch¨, der bei seiner grossen
-Arbeit über die Schriftsteller der Alten, welche sich mit Messkunst
-beschäftigten, sich mit Heron beschäftigen musste. Die Hultsche Ausgabe
-von 1864, für ihre Zeit mustergiltig, gibt uns den griechischen
-Text möglichst bereinigt, sie enthält die Heronischen Definitionen,
-die jetzt noch oder wieder für teilweise echt gelten, die Geometria
-und als Anhängsel einige an sich wichtige Tafeln der Masse, die
-aber grösstenteils unecht sind, dann die Stereometrie, ein Buch
-über Flächen- und Raummessung, dann das liber geoponicus, das ein
-ziemlich dürftiges Excerpt ist, wie der 8. Abschnitt ein ungenaues
-Excerpt aus der unten zu besprechenden Dioptra, und dann vergleichende
-Zusätze. Aber nach etwa einem Menschenalter machten grossartige neue
-Funde (s. u.) eine neue Ausgabe nötig. Sie ist von ¨W. Schmidt¨,
-einem Hultsch ebenbürtigen Kenner der antiken math. Schriftsteller,
-unternommen, als Gesamtausgabe Herons und mit ¨deutscher Übersetzung¨.
-Erschienen sind: Band 1, 1899 von ¨W. Schmidt¨, die »Druckwerke« und
-»das Automatentheater«, mit einem Supplementheft: die Geschichte der
-Textüberlieferung und Griech. Wortregister.
-
-Bd. II, 1900 die Mechanik und Katoptrik, erstere von ¨L. Nix¨ aus
-dem Arabischen, letztere von ¨W. Schmidt¨; -- B. III 1903, die
-Messungslehre (Metrika) und die Dioptra »Vermessungslehre« von
-¨H. Schöne¨. Leider ist der verhältnismässig jugendliche ¨W. Schmidt¨
-Hultsch im Tode vorausgegangen. Aber schon das jetzige genügt um sich
-von Herons wirklicher Bedeutung ein Bild zu machen, und zeigt, dass der
-grösste Teil der von Hultsch edierten Schriften höchstens inhaltlich
-auf Heron zurückgeht. ¨W. Schmidt¨ konnte die Ansicht Hultschs
-bestätigen, wonach sich Herons Schriften vermutlich auf drei grosse
-Werke verteilten: 1. Über Feldmesskunst, von denen die grosse Arbeit
-über die Dioptra die wichtigste ist. 2. Über Mechanik. 3. Über Metrik,
-d. h. die Lehre vom Inhalt der Flächen und Körper.
-
-[Sidenote: Heron, Leben.]
-
-Von den Lebensumständen Herons scheint noch festzustehen, dass er in
-Alexandrien ähnlich wie Pappos einen zahlreichen Schülerkreis um sich
-gesammelt hatte, sodass seine Werke als Lehrbücher für seine Schüler
-vielleicht im Auftrage der Regierung entstanden sind. Es ist nicht
-unwahrscheinlich, dass Heron selbst ägyptischer Nationalität war, was
-auch seinen Stil erklären würde. Jedenfalls hat er auf ägyptische
-Feldmesser als Leser und Hörer gerechnet, und war mit den ägyptischen
-Methoden völlig vertraut. Rätselhaft war lange Zeit die Methode mit
-der Heron besonders in Metrik und Dioptra die auffallend genauen
-Quadratwurzeln gezogen und in der Metrik sogar die Kubikwurzel aus 100
-(S. 78). ¨G. Wertheim¨ einer der tüchtigsten Schüler ¨M. Cantors¨ hat
-das Rätsel gelöst. Die kurze Notiz steht Cantor-Schlömilch Hist. litt.
-Abt. Band 44, 1899 S. 1, es ist so ziemlich das letzte Vermächtnis des
-Diophantherausgebers.
-
-[Sidenote: Herons Wurzelausziehung.]
-
-Heron will ∛100 bestimmen. Die Kuben zwischen denen 100 liegt sind 64
-und 125, die erstere ist um 36 zu klein, die letztere um 25 zu gross.
-Die ∛ sind bezw. 4 und 5. Daher wird ∛100 gleich 4 + einem Bruche sein.
-Um den Zähler zu finden multipliziert er 36 mit 5, gibt 180. Der Nenner
-ist 100 + 180. Der Bruch ist also 9/14 und so ergibt sich ihm der
-Näherungswert 4-9/14.
-
-Wertheim nimmt nun nicht wie ¨M. Curtze¨, der Freund und Genosse
-¨M. Cantors¨, die 5 als √25 sondern als ∛125 und 100 sieht er nicht wie
-¨Curtze¨ als den gegebenen Radikand an, sondern als das Produkt von 4
-als ∛64 mit 5^3 - 100.
-
-ȬAuf diese Weise stellt sich Herons Verfahren als ein dem doppelten
-falschen Ansatz analoges dar.¨«
-
-Ich erinnere, dass schon die ältesten Ägypter die Regula falsi
-benutzten. Wertheim zeigt, dass die ebenso rätselhaften Näherungswerte
-des ¨Archimedes¨ für die Quadratwurzeln mit der gleichen Methode
-gefunden werden können und weist dies an den Grenzwerten des der √3 aus
-der Kreismessung 265/153 und 1351/780 nach. Dieser Nachweis macht die
-Erklärung Wertheims wahrscheinlicher als die sachlich einfachere der
-am selben Ort mitgeteilten von ¨A. Kerber¨ sub. 9. Nov. 1897 an Curtze
-gesandt.
-
-Sei die zu kleine Wurzel a, und die um 1 grössere schon zu grosse a^1,
-so ist (x^3 - a^3) = f = (x - a)(x^2 + ax + a^2) annähernd gleich
-(Zeichen ~): (x - a)3ax. Ebenso ist -f^1 ~ 3a^1x, und durch Division
-erhält man f/-f^1 ~ (x - a)a/((x - a^1)a^1), wenn man x - a = z setzt,
-so ist x - a^1 = z - 1 und z = (fa^1)/(a^1f + af^1) und dies ist die
-Korrektion des Heron.
-
-Die Methode würde für die Quadratwurzel ergeben z = f/(a + a^1) also
-für √63; z = 14/15 aber Heron setzt sie gleich 7-1/2, 1/4, 1/8, 1/16,
-(gut ägyptisch), das ist 7-15/16, welches genauer ist als 7-14/15 und
-für √67500 statt 259 den Wert 259-419/515, was bedeutend genauer als
-Herons Wert, der auffallend ungenau; es ist seltsam, dass Heron nicht
-260 gewählt hat. Aber auch der vierfache falsche Ansatz passt für √63
-nicht. Denkt man aber an die alte ägyptische Unterteilung und bedenkt,
-dass die Näherungsformel √(a^2 + ε) ~ a + ε/(2a + 1) zunächst 7-14/15
-gab, so liegt es nahe, dass probeweise 7-15/16 gesetzt wurde. Übrigens
-findet sich bei ¨Theon¨ von Smyrna ein Kettenbruchverfahren für √2, und
-dieses oder ein sehr ähnlicher Algorithmus ist vermutlich Archimedes
-und Heron auch bekannt gewesen.
-
-[Sidenote: Heron als Schüler des Ktesibios.]
-
-Dass ¨Heron¨ nicht nach ¨Caesar¨ gelebt haben kann, das geht schon
-aus der Abhängigkeit ¨Vitruvs¨ von Heron hervor, die ich schon um
-deswegen nicht bezweifle, weil Vitruv den Heron nicht erwähnt. Als
-sein Lehrer gilt ¨Ktesibios¨, weil ein Werk des Heron die βελοποιικα,
-Geschützverfertigung, in einigen Handschriften darunter die beste,
-überschrieben ist Ἡρωνος Κτησιβιου βελοποιικα. ¨Wilhelm Schmidt¨, der
-verdienstvolle Neubearbeiter des Heron, verwirft diese Begründung, und
-mit Recht, spricht sich aber über die Tatsache selbst nicht weiter
-aus. Mir scheint das Faktum richtig. Dass auch Heron ein Alexandriner,
-Αλεξανδρευς, gewesen wie Ktesibios steht fest, und dass Ktesibios der
-ältere war, ebenfalls, und gerade in den »Pneumatika« der Lehre von
-der mechanischen Anwendung des Luftdrucks, schliesst sich Heron eng an
-Ktesibios an. Und sehr spricht für das Schülerverhältnis die Stelle
-bei ¨Proklos¨, Friedl. S. 41: και ἡ θαυματοποιικη τα μεν δια πνων
-φιλοτεχνουσα, ὡσπερ και Κτησιβιος και Ἡρων πραγματευονται.
-
-[Sidenote: Der Dampf als Motor.]
-
-Nach ¨Susemihl¨ lebte Ktesibios unter Ptolemaios Philadelphos und
-Euergetes I in Alexandrien und zeichnete sich durch Erfindung
-schwerer Geschütze, die er mit komprimierter Luft trieb, aus. Wohl
-war die Triebkraft der gepressten Luft schon dem ¨Aristoteles¨
-bekannt, aber die Windbüchse hat jener konstruiert, der nicht mit dem
-anderen Ktesibios, der eine Wasserorgel konstruiert hat »dem Sohn
-des Bartscherers« zu verwechseln ist. Ktesibios konstruierte auch
-einen Apparat zur Mauerersteigung, sowie Automaten und schrieb eine
-theoretische Mechanik. An ihn schliesst sich Heron als praktischer
-Mechaniker zunächst an, in der Schrift »πνευματικα,« Druckwerke, in
-2 Büchern, welche besonders den Luftdruck verwertet, allerdings ohne
-die heutige Theorie. Die in der Einleitung erwähnte Schrift über die
-Wasseruhren (wörtlich Stundenzeiger mittelst Wassers) in 4 Büchern ist
-bis auf ein ganz winziges Fragment verloren. Neben vielen ergötzlichen
-Spielereien findet sich darin der Heber (Philon) der Heronsbrunnen, der
-Heronsball, das Gesetz der kommunizierenden Röhren, die Druckpumpe,
-die Feuerspritze, ¨die nachweislich erste Anwendung des Dampfes als
-Triebkraft¨, ein Dampfkessel mit Innenfeuerung und Schlangenrohr als
-Badeofen etc. Unter den Automaten ist die sich selbst regulierende
-Lampe, das automatische Restaurant etc.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Anwendungen des Dampfes.]
-
-Ich gebe hier II, VI die erste konstatierte Anwendung des Dampfes
-als Motor, nach ¨W. Schmidts¨ neuer Ausgabe wieder. »Ferner Kugeln,
-welche sich auf Luft bewegen. Ein Kessel mit Wasser, der an der Mündung
-verstopft ist, wird unterfeuert, s. Fig. Von der Verstopfung aus
-erstreckt sich eine Röhre, mit welcher oben eine hohle Halbkugel durch
-Bohrung in Verbindung gesetzt worden ist. Werfen wir nun ein leichtes
-Kügelchen in die Halbkugel, so wird es sich ergeben, dass der aus dem
-Kessel durch die Röhre getriebene Dampf das Kügelchen in die Luft
-emporhebt, so dass es darauf getragen wird.«
-
-Ist hier der Dampf nur zur Spielerei benutzt, so leistet in II 34 in
-dem Badeofen, nach seiner Form die einem römischen Meilenstein ähnelt,
-Miliarion genannt, der Dampf nützliche Dienste. Die Figur bedarf keiner
-Erläuterung. Wir haben hier einen ¨Dampfkessel mit Innenfeuerung¨ und
-den Anfang des kupfernen Schlangenrohres, welches etwas später daraus
-hervorging. Der Dampf steigt durch eine Röhre, welche in das den Deckel
-durchsetzende Rohr eingeschlossen und darin drehbar ist, in den Mund
-des kleinen Genius, der nur als Blasebalg für die Kohlenfeuerung dient.
-Hier wird man wohl wieder sagen müssen, dass es nichts Neues unter der
-Sonne gibt.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Automatentheater.]
-
-An die Pneumatika schliesst sich das »Automatentheater« wie
-¨W. Schmidt¨ sinngemäss den eigentlichen Titel Περι αυτοματοποιητικης
-übersetzt; auch hier wie Heron selbst angibt, in der Einleitung zu
-den stehenden Automaten, Schmidt I, S. 404, Z. 12, stützt er sich auf
-¨Philon¨. Die Automaten, die heute bei uns nur noch auf den Jahrmärkten
-und zu Reklamezwecken in den Schaufenstern dienen, abgesehen von den
-grässlichen Musikautomaten, spielten im 17. und 18. Jahrh. eine sehr
-grosse Rolle in den Belustigungen auch der Hochgestellten, -- ganz wie
-zur Zeit des Philon und Heron. Ich gebe hier den Bericht des Heron über
-die Aufführung der Pantomime Nauplios (durch Philon). Der Sage nach war
-Nauplios der Vater des Palamedes, der den Tod seines Sohnes Palamedes,
-an den Argivern rächte, den Odysseus um seinen Konkurrenten in der
-Klugheit zu beseitigen, verursacht hatte. Athene stand ihm bei, sie
-zürnte besonders Ajax dem Lokrer, der ihr Palladion geschändet hatte.
-Also: auf der Bühne war das auf Nauplios bezügliche Stück vorbereitet
-(das Stück selbst: μύθος, vermutlich von Sophokles), das Einzelne
-verhielt sich so: Zu Anfang öffnete sich die Bühne, dann erschienen
-zwölf Figuren im Bilde, diese waren auf drei Reihen verteilt. Sie
-waren als Danaer dargestellt, welche die Schiffe ausbessern und
-Vorbereitungen treffen um sie ins Meer zu ziehen. Diese Figuren
-bewegten sich, indem die einen sägten, die andern mit Beilen zimmerten,
-andere hämmerten, wieder andere mit grossen und kleinen Bohrern
-arbeiteten. Sie verursachten ein der Wirklichkeit entsprechendes,
-lautes Geräusch. Nach geraumer Zeit wurden aber die Türen geschlossen
-und wieder geöffnet, und es gab ein anderes Bild. Man konnte nämlich
-sehen, wie die Schiffe von den Achäern ins Meer gezogen wurden.
-Nachdem die Türen geschlossen und wieder geöffnet waren, sah man
-nichts auf der Bühne als gemalte Luft und Meer. Bald darauf segelten
-die Schiffe in Kiellinie vorbei. Während die einen verschwanden, kamen
-andere zum Vorschein. Oft schwammen auch Delphine daneben, die bald
-im Meere untertauchten, bald sichtbar wurden, wie in Wirklichkeit.
-Allmählich wurde das Meer stürmisch und die Schiffe segelten dicht
-zusammengedrängt. Machte man wieder zu und auf, war von den Segelnden
-nichts zu sehen, sondern man bemerkte Nauplios mit erhobener Fackel
-und Athene, welche neben ihm stand. Dann wurde über der Bühne Feuer
-angezündet, wie wenn oben die Fackel mit ihrer Flamme leuchtete. Machte
-man wieder zu und auf, sah man den Schiffbruch und wie Ajax schwamm.
-Athene wurde auf einer Schwebemaschine und zwar oberhalb der Bühne
-emporgehoben, Donner krachte, ein Blitzstrahl traf unmittelbar auf der
-Bühne den Ajax und seine Figur verschwand. So hatte das Stück, nachdem
-geschlossen war, ein Ende.
-
-[Sidenote: Heron, Euthytonos (Geradspanner).]
-
-[Illustration]
-
-Es folgen dann die genauen Vorschriften zur Anfertigung der Automaten.
-
-Die Pneumatik zeigt zugleich, wie falsch die Vorstellung ist, dass das
-Experimentieren erst etwa durch Bacon erfunden sei, z. B. Pneum. 28,
-29, aber nicht nur Heron war ein tüchtiger Experimentator, sondern
-schon ¨Demokrit¨ hat seine physikalischen Theorien auf Experimente
-gestützt, indem er z. B. Versuche über Filtrierung von Meerwasser
-angestellt hat.
-
-[Sidenote: Geschützverfertigung.]
-
-Es folgt die βελοποιικά, den Titel hat H. Degering nicht ohne Geist
-erklärt als Herons Bearbeitung von Ktesibios Geschützverfertigung;
-die Frage nach den antiken Geschützen, für die bisher das grosse
-Werk von ¨Köchly¨ und ¨Major Rüstow¨ ausschlaggebend war, ist durch
-die Versuche von ¨E. Schramm¨ in Metz in ein neues aber noch nicht
-abgeschlossenes Stadium getreten. Dass Griechen und Römer über ein
-sehr hochentwickeltes Geschützwesen verfügten und eigene kaiserliche
-Waffentechniker, armamentarii imperatoris, besassen ist bekannt; soll
-doch nach Athenodoros der Winkelspanner des Archimedes einen 12elligen
-Balken auf die Weite eines ¨Stadions¨ geworfen haben.
-
-Die Figur S. 323 stellt den ¨Geradspanner¨ (Euthytonos) des Heron dar.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Das Delische Problem.]
-
-Der Schluss des Werkes enthält die von Eutokios mitgeteilte
-Konstruktion für das Delische Problem, welche mit der des Apollonios
-im Prinzip und mit der des ¨Philon¨, der als 4. Buch seiner Mechanik
-ebenfalls über Geschützbau ausführlich gehandelt hat, übereinstimmt.
-Sollte die Kraft der Geschosse verdreifacht werden, so musste der
-Cylinder, der den Spanner aufnahm, verdreifacht werden und damit war
-das Delische Problem gegeben, dessen Lösung sich von der des Apollonios
-und besonders der des Philon nur sehr wenig, und im Prinzip gar nicht
-unterscheidet.
-
-Der Bericht des Eutokios ist überarbeitet, der des Pappos III p. 62
-scheint fast genau mit dem Original zu stimmen, bis auf geringfügige
-Zusätze, wie z. B. gleichen Umfang παραλληλογραμμον. Das Original
-ist zum Schluss vollständig verworren, und ich folge der von Köchly
-jedenfalls mit Benutzung von Pappos gegebenen Sanierung und nicht der
-in der Mechanik S. 24 aus dem Arabischen übertragenen. Die Konstruktion
-des Philon die bei Eutokios sich anschliesst findet sich Köchly S. 238
-skizziert.
-
-[Illustration]
-
-Heron: Es seien αβ, βγ die gegebenen Strecken, senkrecht zu einander,
-es soll das Rechteck αβγδ vollendet und δγ, δα verlängert worden sein.
-Du sollst an Punkt β ein Lineal anlegen, das die verlängerten Strecken
-schneidet und das besagte Lineal bewegen bis die zwei ε mit den
-Schnitten verbindenden einander gleich sind. Es habe nun das Lineal die
-Lage der Geraden ζβη und die beiden andern Geraden seien εζ und εη, so
-behaupte ich, dass αζ, ηγ die mittleren Proportionalen der Strecken αβ,
-βγ sind.
-
-Der Beweis mittelst (a + b)(a - b) gleich a^2 - b^2 (oder auch mit dem
-Potenzsatz) ist ohne weiteres klar.
-
-Die Konstruktion des Philon führt die Gleichheit von ζε und ηε auf die
-von ζβ und ηθ zurück, was mittelst geteilten Drehlineals praktisch
-vorteilhaft ist.
-
-[Sidenote: Katoptrik.]
-
-Ebenfalls experimenteller Physik gehört Herons ¨Katoptrik¨, die Lehre
-vom reflektierten Licht an, die Lehre vom Spiegel, Winkelspiegel,
-Vexierhohlspiegel, Spiegel zu Geistererscheinungen etc. Sie ist jetzt
-unter den Werken Herons von W. Schmidt 1901 (Bd. II) herausgegeben,
-nach einem lat. Manuskript des Wilhelm von Mörbeck, den wir schon bei
-Archimedes als Übersetzer erwähnten. Das griech. Original wird sich
-vermutlich im Vatikan finden, jedenfalls hat es sich dort befunden. Die
-Schrift war unter dem Titel Claudii Ptolemei de Speculis 1518 gedruckt
-worden. Als die weit über Heron hinausgehende Optik des ¨Ptolemaios¨
-in einer aus dem Arabischen übersetzten Optik des Admirals Eugenius
-Siculus (vgl. die Einleitung W. Schmidts S. 303) erkannt war, bewiesen
-¨H. Martin¨, ¨Rose¨ und ¨Schmidt¨ dass jene frühere Schrift eine
-verkürzte und verstümmelte Wiedergabe der Katoptrik des Heron sei, von
-der Kunde existierte.
-
-[Sidenote: Reflexionsgesetz.]
-
-Heron legt die Emissionstheorie zugrunde, die Sehstrahlen sind eine Art
-Äthermoleküle, die vom Auge aus mit unendlicher Geschwindigkeit gesandt
-werden. Seine mathematischen Ableitungen beruhen auf dem Satz: das
-Licht bewegt sich auf kürzestem Wege (wie s. Z. ¨Fresnel¨). Ich gebe
-die Einleitung wörtlich und die Ableitung des Reflexionsgesetzes aus
-Kp. IV und V dem Sinne nach. Einleitung:
-
-»Da es zwei Sinne gibt, durch welche man nach Platon zur Weisheit
-gelangt, nämlich das Gehör und das Gesicht, so hat man sein Augenmerk
-auf beide zu richten. Von dem, was in das Gebiet des Gehörs fällt,
-beruht die Musik auf der Kenntnis der wohlklingenden Tonbildung und
-ist, um es kurz zu sagen, die Theorie von dem Wesen der Melodie und
-den Gesetzen der Tonlehre. Was die Möglichkeit betrifft, dass die
-Welt entsprechend der musikalischen Harmonie geordnet sei, so stellt
-die Theorie viele verschiedenartige Behauptungen darüber auf. Wenn
-man nämlich den ganzen Himmel der Zahl nach in acht Sphären einteilt,
-nämlich in die der 7 Planeten und in diejenige, welche alle (sieben)
-umfasst und welche nur die Fixsterne tragt, so ist die Folge, dass bei
-den Planeten das Vorrücken der Gestirne melodiös und harmonisch wird
-wegen der gleichmässig starken Bewegungen unter ihnen, wie auch auf dem
-Instrumente der Leier die Saiten melodisch erklingen. Denn wie man
-sich vorstellen muss, vernimmt man infolge des Vorrückens der Gestirne
-durch die Luft gewisse Töne und zwar bald tiefere, bald hellere, je
-nachdem die einen sich langsamer, die andern sich schneller bewegen.
-Wie wir also nach dem Anschlagen der Saite die Luftschwingungen
-erkennen, so gewährt, wie man sich denken muss, uns die Luft dadurch,
-dass sie infolge der Bewegung der Gestirne durch den Tierkreis
-ununterbrochen sich verändert und verwandelt (in Schwingungen versetzt
-wird) einen Akkord.« (Die Sphärenmusik der Pythagoräer.)
-
-
-Ableitung des Reflexionsgesetzes.
-
-Für den Planspiegel genügt die Figur hier. Es sei ¨ab¨ ein ebener
-Spiegel, g der Augenpunkt, d das Gesehene. Es ist da g_{1} symmetrisch
-zu g, klar, dass der Weg ¨gad¨ da er gleich der Geraden ¨g_{1}ad¨
-kürzer ist als ¨gbd¨, welcher gleich der gebrochenen Linie ¨g_{1}bd¨
-ist.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Man denke sich dann einen gekrümmten (Convex) Spiegel, bei dem ¨ab¨
-die Peripherie, g das Auge, d das Gesehene sei. Und es sollen ¨ga¨ und
-¨ad¨ unter gleichen Winkeln einfallen, ¨gb¨ und ¨bd¨ unter ungleichen.
-Dann ist nach vorigen Beweis ¨ga¨ + ¨ad¨ < ¨gz¨ + ¨zd¨ und dies <
-¨gz¨ + ¨zb¨ + ¨bd¨ < ¨gb¨ + ¨bd¨ (2 Seiten zusammen länger als die
-dritte).
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Dioptrik (Feldmessung).]
-
-Heron selbst berichtet in der Katoptrik, dass er ihr die ¨Dioptrik¨,
-sein Hauptwerk über Feldmesskunst, vorausgeschickt habe; sie ist,
-in der Schmidtschen Ausgabe von ¨H. Schöne¨ mit der Metrik zusammen
-nach dem Codex Constp. herausgegeben. Zuerst wird die von Heron
-sehr wesentlich verbesserte Dioptra beschrieben und dann die grosse
-Anzahl mittelst ihrer vorgenommenen Vermessungsaufgaben. Die Dioptra
-hatte ¨Hipparch¨ nach einer Anregung die er der Bestimmung des
-Sonnendurchmessers im Psammites des Archimedes verdankte, eingeführt.
-Sie bestand, vgl. ¨Hultsch¨, Winkelmessung durch die Hipparchische
-Dioptra Festschrift f. M. Cantor 1899 aus einem soliden Richtscheit,
-auf dessen Oberfläche senkrecht zu derselben ein kleines Plättchen
-verschiebbar war, dessen Ränder von einer kleinen Öffnung an einem
-Plättchen, das fest mit dem oberen Ende des Richtscheits verbunden war,
-abvisiert werden können. Hipparch hat mit diesem primitiven Instrument
-die scheinbaren Monddurchmesser bewunderungswürdig genau gemessen. Die
-Dioptra des Heron, s. Abbild., ist ein sehr vollkommenes Instrument,
-ihr fehlte wie man sieht zu unserm Theodoliten nichts als die Linsen,
-und zugleich diente sie als Kanalwage, als Nivellierinstrument, wozu
-die Plinthe ¯KL¯ abgehoben und das Nivellierlineal, s. Abbildung,
-aufgesetzt wurde. Ebenso sind die zum Gebrauch des Visierinstruments
-nötigen Schiebelatten mit allem Raffinement ausgeführt. ¨W. Schmidt¨
-und ¨H. Schöne¨ haben die Einrichtung festgestellt, ersterer Eneström
-1903, 7-12, Schöne, Jahrb. arch. Instit. 14, 1899, S. 91-103. Unter
-den Messungen erwähne ich den Bau der Mole und den Tunnelbau, sowie
-die allerdings von der Dioptra unabhängige Bestimmung der Entfernung
-von Rom und Alexandria. Die Methode für diese Messung ist noch heute
-giltig, es wird aus der Zeitdifferenz, die durch Eintreten der
-Mondfinsternis festgelegt ist, der Längenunterschied zwischen beiden
-Orten bestimmt und dadurch die Entfernung, wenn der Erdradius bekannt
-ist. Dabei hat ¨Hoppe¨ schon darauf hingewiesen, dass die Annahme des
-Erdumfanges von 252000 Stadien, also des Wertes von Eratosthenes und
-nicht die von 240000, welche Ptolemaios nach Poseidonios dem Rhodier
-gibt, zeigt, dass Heron älter ist als jener.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Tunnelbau.]
-
-Ich gebe hier den Tunnelbau wieder, Herodot hat III, 60 (W. Schmidt
-l. c.) schon den Tunnel von Samos des Eupalinos zu den Wunderwerken
-der Hellenischen Baukunst gerechnet. Die Tunnelbauten dienten
-den Wasserleitungen. Dioptra XV, »Einen Berg in gerader Linie zu
-durchgraben, wenn die Mündungen des Grabens im Berg gegeben sind. Man
-denke sich als des Berges Grundriss (ἑδρα nicht βασις, die Fläche, auf
-der der Berg ruht) die Linie ΑΒΓΔ s. Fig. S. 330, und als die Mündungen
-durch welche gegraben werden muss Β und Δ. Ich zog (weil er eine
-wirklich ausgeführte Arbeit beschreibt) von Β aus auf dem Boden die
-[Strecke] ΒΕ nach Belieben, und mit der Dioptra von Ε aus rechtwinklig
-ΕΖ, und dazu von dem beliebigen Ζ mit der Dioptra zu ΖΕ rechtwinklig
-ΖΗ. Ferner vom beliebigen Η zu ΖΗ rechtwinklig ΗΘ; schliesslich vom
-beliebigen Θ zu ΘΗ rechtwinklig ΘΚ, und zu ΘΚ rechtwinklig ΚΛ. Nun
-führte ich die Dioptra längs der Graden ΚΛ bis durch Einstellung
-des Visierlineals im rechten Winkel der Punkt Δ erschien, er möge
-erschienen sein als die Dioptra in Μ war. Nun denke man sich ΕΒ
-verlängert bis Ν und bis zu ihr hin ΔΝ als Lot.« -- Da jetzt ΔΝ als
-ΕΖ + ΗΘ + ΜΚ und ΒΝ als ΒΕ + ΖΗ - (ΘΚ + ΜΔ) bestimmt sind, so ist auch
-ihr Verhältnis und damit die Richtung des Grabens bestimmt.
-
-[Illustration]
-
-»Entsteht der Graben auf diese Weise, werden die Arbeiter einander
-begegnen.« (Was bei dem Tunnel auf Salamis nicht der Fall war.) Heron
-braucht rechtwinklige Coordinaten nicht nur hier, sondern vielfach
-z. B. No. 24 und No. 25, auch hier im Grunde altägyptischer Tradition
-folgend. Die Dioptra enthält jetzt auch die berühmte Heronische
-Dreiecksberechnung aus den 3 Seiten unverstümmelt und übereinstimmend
-mit der Metrik, von der Hultsch noch 1864 berichtete: Infinitum paene
-laborem mihi attulit gravissimum illud theorema, quo areae triangularis
-mensura ex tribus lateribus efficitur. Hultsch hielt sie für in die
-Dioptra eingeschoben, jetzt sieht man, dass sie ganz naturgemäss dort
-hingehört im Anschluss an Flächenteilungen; dem Feldmesser ist es
-durchaus bequem die Seiten zu messen und wenn er geübt ist, sie auch so
-abzustecken, dass die Differenzen konstant sind.
-
-[Sidenote: Mechanik.]
-
-Ich komme nun zu dem theoretischen Hauptwerk ¨Herons¨ »des
-Mechanikers«, die Mechanik. Lange Zeit galten die bei Pappos im 8.
-Buch als Heronisch angegebenen Fragmente aus dem sogen. βαρουλκος, dem
-Lastenzieher und der Mechanik für Teile zweier verschiedenen Schriften.
-Da wurde von ¨Carra de Vaux¨ 1893 in Leyden eine arabische Handschrift
-gefunden und im Journal Asiatique Ser. 9, 1 und 2 herausgegeben, welche
-bewies, dass die Fragmente bei Pappos zu einem Werke, der Mechanik,
-gehören. Da in kurzer Zeit noch drei andere zum selben Archetyp
-wie die Leydener gehörenden Handschriften gefunden wurden, und die
-Handschriften sich gegenseitig ergänzten, so nahm Schmidt die arabisch
-und deutsche Ausgabe der Mechanik von ¨L. Nix¨ als Band 2 in die
-neue Edition der Heronischen Werke auf. Die Übersetzung ist laut den
-Handschriften von ¨Kosta ben Luka¨ auf Befehl des Chalifen Abul Abbâs
-(862-866), Nachfolger Harun al Raschids, angefertigt, gehört also zu
-den frühen Aneignungen Hellenischen Wissens seitens der Araber. Das
-Leydener Manuskript ist durch den schon bei Apollonios erwähnten Golius
-dorthin gebracht worden.
-
-Die Schrift zeigt, dass Heron keineswegs der blosse Praktiker war,
-sondern die theoretische Mechanik im Anschluss an ¨Aristoteles¨ und
-Archimedes vollständig beherrschte. Er hat das statische Moment scharf
-hervorgehoben, das Grundgesetz formuliert: was an Kraft gewonnen wird,
-geht an Zeit verloren. Er gibt die vollständige Theorie der 5 einfachen
-Maschinen; Wellrad, Rolle, Flaschenzug, Keil, Schraube, alle auf den
-Hebel zurückgeführt, (für die Rolle mit einem Fehler in bezug auf feste
-und lose Rolle), er streift auch die schiefe Ebene. Das dritte Buch ist
-wieder vorzugsweise praktisch, es handelt von den Mitteln zur Bewegung
-von Lasten auf Ebenen, und finden wir auf S. 267 den Vorläufer unserer
-Drahtseilbahnen: die Bergseilbahn zum Transport von Steinblöcken, und
-daran schliessend die Fruchtpressen, über deren Zusammenhang bezw.
-Abweichung von den bei Vitruv beschriebenen ¨Hoppe¨ l. c. ausführlich
-gehandelt hat. Die Schrift enthält in den beiden ersten Büchern auch
-ein ganzes Teil mathematisch Interessantes, so bei Gelegenheit der
-Aufgabe zu einem gegebenen Körper einen ähnlichen zu konstruieren,
-die schon mitgeteilte Lösung der Würfelvervielfältigung auf S. 24, so
-auf S. 28 die Einführung des ¨Ähnlichkeitspunktes¨, so auf S. 32 den
-¨Proportionalzirkel¨, auf S. 188 den geom. Beweis, dass die Medianen
-des Dreiecks sich im Verhältnis 2:1 schneiden und auf S. 196 die
-Bestimmung eines Punktes aus seinen ¨baryzentrischen Koordinaten¨.
-
-Die physikalischen Kenntnisse Herons sind in einer vortrefflich
-übersichtlichen Weise zusammengestellt von ¨Franz Knauff¨, Progr. des
-Sophien G. zu Berlin Ostern 1900, für die Druckwerke konnte er schon
-¨W. Schmidts¨ Arbeit verwerten.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Heron, reine Mathematik.]
-
-Ich komme nun zu den eigentlich mathematischen Schriften und beginne
-mit den Horoi, den Definitionen. Es scheinen überarbeitete Reste seines
-Euklidkommentars zu sein. Dass sich Heron mit den Elementen stark
-beschäftigte, geht aus Proklos unzweifelhaft hervor. Ich gebe hier
-den hübschen direkten Beweis des Satzes: Stimmen 2 Dreiecke in zwei
-Seiten überein und sind die dritten Seiten ungleich, so sind die ihnen
-gegenüberliegenden Winkel in derselben Weise ungleich. Die Dreiecke
-seien αβγ und δεζ und βγ > εζ. Man schneide auf εζ die Strecke βγ ab
-bis η und schlage um δ mit δζ einen Kreis der εδ in θ trifft und um
-ε mit εη. Dieser Kreis muss den ersten schneiden und zwar zwischen ζ
-und θ, da η ausserhalb liegt und εθ > εη. (Summe zweier Seiten.) Der
-Schnitt sei κ. Man ziehe δκ und εκ, so ist εδκ ≅ βαγ und Winkel εδκ
-> εδζ d. h. α > δ. Die Schlussformel lautet nicht q. e. d. sondern
-wiederholt die Behauptung. Hinweisen will ich auf den Ausdruck εν
-ῥυσει. und auf das öfter gebrauchte Wort »fliessen«. Es unterliegt wohl
-keinem Zweifel, dass Cavalieri seinen Ausdruck fliessen (fluere), aus
-Heron entnommen hat, der vielleicht auf Demokrit zurückgeht. Seltsam
-hat es mich berührt, als ich mein Beispiel für den Begriff Fläche aus
-den Elem. der Geom. von 1891 bei ¨Heron¨ fand in »Περι επιφανειας.«
-Hultsch S. 10 Z. 19 »η το ὑδωρ ποτηριω«, nur dass Heron wie es scheint
-abstinenter war. Der Satz lautet vollständig: der Begriff (Fläche)
-wird erfasst da wo sich Luft mit Erde oder einem andern festen Körper
-mischt, oder Luft mit Wasser, oder Wasser mit einem Trinkgefäss oder
-irgend einem andern Behälter.
-
-Eine deutsche Übersetzung des planimetrischen Teils ist 1861 von Prof.
-Val. Mayring als Programm von Neuburg a. d. D(onau) verfasst, leider
-noch vor der Hultschen Sanierung des Textes.
-
-[Sidenote: Euklid-Kommentar (An-Nairizi).]
-
-In der lateinischen Übersetzung des Kommentars An-Nairîzî (Al-Neirizi)
-zu den 10 ersten Büchern von Gherardus Cremonensis aus dem 12. Jh.
-welche M. Curtze 1896 in Krakau auffand, ist der Kommentar des Heron
-wie es scheint fast vollständig erhalten, und demnach hat Heron nur die
-acht ersten Bücher kommentiert, und besonders ausführlich das erste
-und zweite Buch. Auch der Kommentar zeigt, dass Heron ein tüchtiger
-Geometer ist, unter den vielen Sätzen, die Heron hinzufügt, ist wohl
-der interessanteste der ohne Ähnlichkeitslehre mit drei Hilfslinien
-gegebene Beweis des Satzes, dass die drei Hilfslinien, welche der
-Euklidische Beweis des Pythagoras erfordert, sich in einem Punkte
-schneiden.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Metrik.]
-
-[Sidenote: Beweis der Heronischen Formel.]
-
-Das Hauptwerk Herons für reine Mathematik sind die »Metrika«. In einem
-schon lange bekannten Codex in Konstantinopel aus dem XII. Jh., fand
-R. Schöne neben der Dioptra auch eine vollständige Handschrift der
-Metrika, die sein Sohn H. Schöne als Band III des Schmidtschen Werkes
-1903 herausgab. Das Werk zerfällt in 3 Bücher, Buch I Flächenmessung,
-Buch II Körpermessung, Buch III Teilung von Flächen und Körpern. Es
-zeigt, dass die von Hultsch herausgegebene Geometrie, Stereometrie,
-liber geoponicus, stark überarbeitete Teile dieses Werks sind. Das
-Buch »Geoponicus« (über Erdarbeit) erinnert sehr stark an den Papyrus
-Aames und spricht am stärksten für das Wurzeln Herons in ägyptischer
-Tradition. Buch I findet sich auf S. 20 ff der Beweis der Heronischen
-Formel wie in der Dioptra: s = √(s(s - a)(s - b)(s - c)) und zwar
-sehr elegant und zunächst an dem sog. Heronischen Dreieck 13, 14,
-15 exemplifiziert, das aus den beiden ganzzahligen (Pythagoräischen)
-rechtwinkligen Dreiecken 15, 12, 9 und 13, 12, 5 zusammengesetzt ist;
-und dann an dem nicht rationalen Dreieck 8, 10, 12. Es wird gefordert
-sich dann den Inhalt zu verschaffen, ausser der Höhe. Das gegebene
-Dreieck sei ΑΒΓ und jede der (Strecken) ΑΒ, ΒΓ, ΓΑ sei gegeben: den
-Inhalt zu finden. Es soll in das Dreieck der Kreis ΔΕΖ eingeschrieben
-sein, dessen Zentrum Η ist, und in die Verbindungslinie ΑΗ, ΒΗ, ΓΗ,
-gezogen werden ... Es ist also das Rechteck aus dem Umfang des Dreiecks
-ΑΒΓ und ΕΗ, dem Radius des Kreises ΔΕΖ, das Doppelte des Dreiecks.
-ΓΒ werde ausgezogen und ΒΘ dem ΑΔ gleichgesetzt. Es ist also ΓΘ die
-Hälfte des Umfangs des Dreiecks ... Folglich ist das Rechteck aus ΓΘ
-und ΕΗ gleich dem Dreieck ΑΒΓ. Das Produkt aus ΓΘ und ΕΗ ist die Wurzel
-(Pleura d. h. Seite) des Quadrats von ΓΘ und ΕΗ Quadrat; also ist das
-mit sich selbst multiplierte Dreieck ΑΒΓ gleich Γθ^2 mal ΕΗ^2. Es soll
-einerseits zu ΓΗ rechtwinklig ΗΛ, andrerseits zu ΓΒ rechtwinklig ΒΛ
-gezogen worden sein, und Γ mit Λ verbunden. Da nun ein Rechter jeder
-der Winkel ΓΗΑ und ΓΒΛ so ist ΓΗΒΛ ein Viereck im Kreise [Satz vom
-Peripherienzirkel auf dem Halbkreis]. Es sind folglich ΓΗΒ (+) ΓΛΒ
-zweien Rechten gleich. Es ist aber auch ΓΗΒ + ΑΗΔ gleich 2 Rechten
-... Also ist ΑΗΔ gleich ΓΛΒ. ... Also ist das Dreieck ΑΗΔ ähnlich dem
-Dreieck ΓΒΛ, folglich ΒΓ zu ΒΛ wie ΑΔ zu ΔΗ d. h. wie ΒΘ zu ΕΗ und
-umgekehrt ΓΒ : ΒΘ wie ΒΛ : ΕΗ wie ΒΚ : ΕΚ ... Und durch Zusammensetzung
-ΓΘ : ΒΘ wie ΒΕ : ΕΚ so dass auch ΓΘ^2 : ΓΘ . ΘΒ = ΒΕ . ΓΕ : ΓΕ . ΕΚ
-= ΒΕ . ΓΕ : ΕΗ^2. Denn im rechtwinkligen Dreieck wurde vom rechten
-das Lot ΕΗ gezogen. Daher wird ΓΘ^2 . ΕΗ^2, dessen Wurzel der Inhalt
-des Dreiecks ΑΒΓ war, gleich ΓΘ . ΘΒ . ΕΒ . ΓΕ sein [d. h. also J^2 =
-s(s - a)(s - b)(s - c)].
-
-Die Form des Beweises ist von der Euklids und Archimedes nicht
-verschieden. Der Beweis selbst sollte von allen Lehrern gekannt sein.
-
-Der Inhalt des Dreiecks 8; 10; 12 ist √1575, Heron bestimmt sie zu
-39-1/2 1/8 1/16 d. h. 39-11/16 und das Quadrat weicht von 1575 um noch
-nicht 0,1 ab.
-
-Es folgt die Ausmessung des Trapezes, das von ¨Heron¨ vielfach zu
-Aufgaben verwertet wird und neuerdings wieder als Quelle hübscher
-Elementaraufgaben erkannt ist. Es werden dann die regelmässigen
-Polygone bis zum 12Eck inklusive einzeln ausgemessen, im Grunde
-mit den Cotangenten von 180/n, die aber ¨geometrisch¨ und nicht
-¨trigonometrisch¨ abgeleitet werden, was einerseits wieder an den Skd
-der Ägypter erinnert, andererseits für das Alter Herons spricht.
-
-Heron geht dann zur Kreismessung und erwähnt, dass Archimedes in einer
-(bis dato) verlorenen Schrift: περι πλινθιδων και κυλινδρων zwischen
-die Grenzen 211875 : 67441 und 197888 : 62351 eingeschlossen habe,
-d. h. π bis etwa 1/14000 bestimmt hat. Es folgen dann Formeln für die
-Kreissegmente, Näherungsformeln für Bogen und Flächen. Paul Tannery
-hat sie mit Hilfe der Integralrechnung, Mem. de Bordeaux 2 V. S. 347,
-geprüft und sie teilweise von erstaunlicher Genauigkeit gefunden. Er
-behandelt auch, als Vorläufer von ¨Diophant¨ (s. u.) Quadratische
-Gleichungen rein arithmetisch, er scheut sich nicht Kreisfläche und
-Peripherie zu addieren und hat bereits für die 4 Potenz den terminus
-technicus δυναμοδυναμις d. h. biquadratisch. Zylinder- und Kegelmantel
-berechnet er wie wir, durch Aufrollen, und für die Kugelfläche hält er
-sich an Archimedes. Wenn man die Metrik liest, hat man den Eindruck,
-dass Archimedes zur Zeit des Heron in voller, alles andre überragenden
-Bedeutung gewesen sei und wird geneigt, Heron nicht mehr als zwei
-Menschenalter nach ihm anzusetzen.
-
-Das 2. Buch ist der Körpermessung gewidmet, hier kommen die bei
-Archimedes erwähnten Zitate aus dem »εφοδικον« vor, leider ohne die
-Beweise.
-
-Den Schluss dieses zweiten Buches habe ich einleitend bei Ägypten auf
-S. XV angeführt. Der 3. Teil enthält Flächen- und Körperteilungen, es
-sind Aufgaben die uns meist noch heute als Schüleraufgaben geläufig
-sind. Ich erwähne die Aufgabe 18: Einen Kreis annähernd in drei gleiche
-Teile zu teilen. Es wird die Seite des regulären Dreiecks eingetragen,
-durch das Zentrum die Parallele gezogen, so ist das Segment ΓΔΖΒ ~
-1/3. »Da das Stück, um welches das Segment ΔΓΒ grösser ist als dieses,
-(¨nämlich das Drittel¨, und nicht wie Schöne versehentlich übersetzt,
-als sie), unerheblich ist im Verhältnis zum ganzen Kreis«. Der
-Schlusssatz bestätigt, dass ¨Archimedes¨ im 2. Buch περι σφαιρας και
-κυλινδρου die Kugel im gegebenen Verhältnis geteilt hat.
-
-Wenn ich bei ¨Heron¨ langer verweilt habe, als Ihnen vielleicht
-wünschenswert erscheint, so tat ich es einerseits weil Heron häufig
-unterschätzt wurde und andrerseits weil er für die Geschichte der
-Kultur als Techniker sich würdig Euklid dem reinen Geometer an die
-Seite stellt, und unter anderen einer der Riesen der Renaissance
-¨Leonardo da Vinci¨ die deutlichsten Spuren seines Wirkens zeigt.
-
-[Sidenote: Theodosios, Sphärik.]
-
-Ich erwähne kurz einige historisch wichtige Namen. Ich nenne
-¨Theodosios¨, möglicherweise aus einem Tripolis, wahrscheinlich aus
-Bithynien, den Cantor als Zeitgenossen des Geminos ansetzt, während
-Tannery in seiner Untersuchung über antike Astronomie ihn als
-Zeitgenossen des Hipparch und als Bithynier ansieht. Seine Sphärik
-in 3 Büchern ist eine reine ¨Geometrie¨ auf der Kugel, und hat erst
-im 18. und 19. Jahrh. Nachfolger gefunden, sie hat den Inhalt von
-Euklids Phänomenen aufgenommen. ¨E. Nizze¨ hat sie 1826 in Stralsund
-ins Deutsche übertragen mit Erläuterungen und Zusätzen. Sie ist
-interessant insbesondere auch für die Geometrie des ¨Riemann¨schen
-endlichen Raumes. Nizze hat die Sphärik dann 1852 in Berlin griechisch
-und lateinisch ediert, nachdem ¨A. Nokk¨ darüber ein Programm 1847 in
-Bruchsal geschrieben. Das griechische Originalwerk ist zuerst 1558
-von ¨Joh. Pena¨ mit lateinischer Übersetzung ediert. Schon im 11.
-Jahrh. wurde durch Platon von Tivoli (nächst Gherard von Cremona der
-fleissigste Übersetzer) eine arabische Bearbeitung der Sphairika, der
-Kugelschnitte durch Ebenen, ins Lateinische übersetzt, und 1558 von
-Maurolycus desgleichen. Aus den vielen Zusätzen des oder der Araber
-erwähne ich: wenn die gerade Linie aus dem Pole eines Kugelkreises
-nach dessen Umfange gleich ist der Seite des in diesen Kreis
-eingeschriebenen Quadrats, so ist der Kreis selbst ein grösster Kreis.
-Es ist dies die Umkehr des von Theodosios I, 16 gegebenen Satzes. --
-Eine tüchtige, kritische und sachliche Arbeit über die Sphärik ist
-das Programm von ¨A. Nokk¨. Die Arbeit des Theodosios lässt sich noch
-heute ganz vortrefflich für den Unterricht in der Prima eines Real-
-oder humanistischen Gymnasiums verwerten. Nokk zeigt wie sich die
-Kenntnis der Geometrie auf der Kugel ¨kontinuierlich¨ von ¨Autolykos¨
-über ¨Euklid¨ zu Theodosios und von da zu ¨Ptolemaios¨ entwickelt. Da
-neben und vielleicht auch vor der Feldmessung die Astronomie die Quelle
-der Mathematik ist, so war die Geometrie auf der Kugel schon früh eine
-Notwendigkeit. Und mit Nokk und Nizze muss man Theodosios, wenn auch
-als keinen Geometer ersten Ranges, so doch als einen sehr tüchtigen
-Geometer zweiten Ranges ansehen, dessen Schrift nach Inhalt und Form
-auf die Zeit des Hipparch oder die nächstfolgende Generation hinweist.
-
-[Sidenote: Geminos.]
-
-In gleiche Zeit mit Theodosios setzt Cantor Geminus oder Geminos
-(Γεμινος). Mit ihm beginnt ¨Loria¨ das »¨silberne Zeitalter¨« der
-griechischen Geometrie, das Zeitalter der »Commentatoren«. Von dem
-grossen Werk ¨Gino Lorias¨ »Le science esatte nell' antica Grecia«
-standen mir leider nur die drei letzten Bände von 1902 zur Verfügung,
-und auch diese nur italienisch, da bedauerlicherweise eine deutsche
-Übersetzung von dem Werke dieses als Mathematiker wie als Historiker
-der Mathematik gleich hervorragenden Gelehrten noch nicht erschienen
-ist. Proklos erwähnt den Geminos 18mal, (den Platon 39mal). Besonders
-wichtig ist 38 das grössere Zitat und 112, 24; 113, 26.
-
-Demnach hat Geminos ähnlich wie in unseren Tagen ¨Papperitz¨ eine
-Einteilung der mathematischen Disziplinen gegeben, ebenso eine
-Einteilung der Kurven.
-
-[Sidenote: Poseidonios.]
-
-[Sidenote: Stoa.]
-
-[Sidenote: Zenon.]
-
-[Sidenote: Chrysippos.]
-
-[Sidenote: Stoiker.]
-
-[Sidenote: Epikuräer.]
-
-Das Citat 112 vindiziert dem Geminos den Nachweis der Verschiebbarkeit
-des Kreises, der Geraden, und der Schraubenlinie auf dem geraden
-Kreiszylinder und den Satz: wenn von einem Punkt aus an zwei in sich
-verschiebbare (ὁμοιομερεις) Linien zwei Geraden unter gleichen Winkeln
-gezogen werden, so sind sie gleich lang. Ich vermute aber, dass diese
-Betrachtungen aus dem Werke des ¨Apollonios¨ über die Schraubenlinie
-auf dem Zylinder herrühren. In derselben Schrift hat Geminos auch
-nach Proklos, Friedl. 113, Z. 4 und 5 die Erzeugung der Spirischen
-Linien (Schneckenlinien und Wulstschnitte) und der Konchoïden und
-Kissoïden gelehrt. Besonderen Wert lege ich auf die Stelle S. 176
-f., dort erwähnt Proklos, dass Poseidónios, gemeint kann nur der
-Rhodier sein, die Euklidische Definition: Parallelen sind Asymptoten,
-dahin umgeändert, dass es Abstandslinien sind, und Geminos hat diese
-¨Auffassung¨ akzeptiert. Dies scheint mir für die Datierung des
-Geminus entscheidend, Poseidónios war der Lehrer des Cicero, um 75 und
-vermutlich auch des Geminus, so kann dieser nicht gut vor 70 angesetzt
-werden, was Cantor auch tut. Die Persönlichkeit des ¨Poseidónios¨,
-der, obwohl aus Apamea in Syrien nach seinem Wirkungsort meist der
-Rhodier genannt wird, tritt im Laufe des letzten Dezenniums immer
-mehr hervor; auch die Philosophie der Mathematik bei Geminus stammt
-vermutlich ihrem gedanklichen Inhalt nach von ihm vergl. Proklos 80,
-20 f., 143, 8 f., 199 und 200. Und dass er auch mit Unterscheidungen
-und Einteilungen sich beschäftigte, zeigt Proklos S. 170. Aus 200
-und besonders aus dem Exkurs zur Konstruktion der Symmetrieaxe geht
-hervor, dass sich Poseidónios sehr eingehend gerade mit den Elementen
-der Geometrie beschäftigt hat. Dass Poseidónios als Stoiker sich
-besonders gegen Epikur richtet ist erklärlich. Die Stoa ist für das
-Verständnis des römischen Lebens der letzten Zeit der Republik und des
-Kaiserreichs von grösster Bedeutung, da sie aber für die Geschichte der
-Naturerkenntnis nur von geringem Wert ist, so will ich mich auf ganz
-kurze Notizen beschränken. Der Gründer war Zēnon der in der bekannten
-»bunten Halle« Stoa Poikile lehrte, etwa um 340-325. In engem Anschluss
-an die Cyniker, an Antisthenes und an seinen Lehrer Krates hielt auch
-Zēnon Bedürfnislosigkeit für die erste Bedingung zur Glückseligkeit,
-aber er enthielt sich alles Cynismus. Auch er stellte die Forderung
-auf, der ¨Natur¨ zu gehorchen, aber diese Natur ist ihm das von der
-Vernunft gegebene Gesetz. Als das einzige Gut gilt den Stoikern die
-Tugend und als diese die Herrschaft der Vernunft über die Erregung der
-Seele. Nie darf der Weise sich hinreissen lassen Lust oder Schmerz zu
-empfinden, sein Ideal ist etwa der Zustand einer völligen Apathie.
-Fühlt die Vernunft, dass sie der Affekte nicht Herr werden kann, so
-hat sie das Mittel durch Selbstmord die Niederlage zu vermeiden. So
-soll Zenon selbst in hohem Alter durch Selbstmord geendet haben. Der
-Gegensatz zu Platon und Aristoteles in der älteren Stoischen Schule
-liegt hauptsächlich in der Ausbildung des Egoismus, zu der die Lehre
-notwendig führen musste; eine enthusiastische Hingabe an den Staat, an
-die Gottheit, an die reine Erkenntnis verstiess gegen die Forderung
-der Affektlosigkeit. Das geistige Haupt der älteren Stoa ¨Chrysippos¨
-aus Soloi in Kilikien, der etwa um 240 blühte, hat die Lehren des
-Zenon, die er schon wesentlich in ihrer praktischen Seite mässigte,
-streng wissenschaftlich verteidigt. Von seiner ausserordentlichen
-schriftstellerischen Tätigkeit, durch die er der Stoa erst ihre
-Verbreitung gegeben nicht nur nach Rom, sondern auch nach Alexandrien,
-wo er selbst einen ¨Eratosthenes¨ gewann, sind uns nur wenige
-Bruchstücke durch Plutarch erhalten. Die Hauptquellen über die Stoiker
-sind ¨Diogenes Laertios¨ und ¨Cicero¨ (De Officiis, Timaeus und vor
-allem de finibus). Ihre Hauptbedeutung liegt in ihrer Ethik, die sie
-als praktische Wissenschaft systematisch erfassten. Die Lehre des
-Chrysipp von den Affekten war von der des Spinoza in der Ethik nicht
-wesentlich verschieden. Wenn Chrysipp, das Haupt der älteren Stoa, sich
-stark polemisch gegen den Idealismus wandte, so suchten die Häupter der
-mittleren Stoa, ¨Panaitios¨ und ¨Poseidónios¨ um so mehr zu vermitteln,
-sie sind die Begründer des besonders von Cicero, aber auch sonst
-von der späteren römischen Zeit vertretenen ¨Eklekticismus¨ der ein
-mixtum compositum so ziemlich aller Schulen, vielleicht mit Ausnahme
-der Skeptiker (vergl. oben die Sophisten) war. Panaitios aus Rhodos
-der mit den vornehmsten Römern seiner Zeit insbesondere mit Lälius
-und dem jüngeren Scipio befreundet war, trägt durch sein Werk περι
-του καθηκοντος »über das Geziemende« die moralische Schuld an Ciceros
-Officien. Panaitios und Poseidónios, der bei ihm gehört hat, erhoben
-schon die Forderung »die Waffen nieder«, indem sie in dem (Römischen)
-Weltreich eine moralische Forderung erblickten. Übrigens sehen wir aus
-Proklos, dass Poseidónios scharf genug gegen die Epikuräer geschrieben
-hat. Über ¨Epikur¨ und die ¨Epikuräer¨ will ich mich kurz fassen, sie
-waren besser als ihr Ruf, wenn sie es auch nicht liebten sich über die
-schwierigen Probleme der Erkenntnistheorie die Köpfe zu zerbrechen.
-Wenn sie auch im Prinzip an die Lustlehre des Aristippos anknüpften,
-so war das Ideal der Lust des Epikur und seiner Genossenschaft nicht
-die rohe Sinnenlust, sondern jene althellenische Tugend der Σωφροσυνη,
-der temperantia, des Masshaltens. Freilich müssen sie sich in praxi von
-dieser temperantia ziemlich entfernt haben, ich verweise auf ¨Horaz¨
-Epist. I, s. u. besonders I, IV an den Dichter ¨Tibull¨:
-
- Me pinguem et nitidum bene curata cute vises,
- Cum videre voles ¨Epicuri de grege porcum¨.
-
- »Wenn du fettglänzend mich mit wohlgepflegetem Bäuchlein
- Sehen wirst, willst du beschaun ein Schwein Epicurischer Herde.«
-
-[Sidenote: Stoiker.]
-
-Die Stoiker knüpfen in ihrer Physik ganz direkt an ¨Heraklit¨ und
-sein Urfeuer an; die neuere Stoa, deren Hauptvertreter ¨Epiktet¨,
-¨Seneca¨ und der treffliche Kaiser Marc Aurel waren, knüpften auch
-in ihrer Ethik an ¨Heraklit¨ und seine Lehre von der Vergänglichkeit
-der Dinge und an seinen Pantheismus an, für die praktische Moral und
-die Weisheitslehre im engeren Sinne gehen sie auf Chrysipp zurück und
-verwerfen den Eklekticismus des Panaitios und Poseidónios, welche
-die Lehren der Stoa stark mit platonisch-aristotelischen Gedanken
-durchsetzt hatten. Poseidónios muss übrigens dem stoischen Ideal
-des Weisen, der vermöge der Hegemonie der Vernunft alles weiss,
-fast vollständig entsprochen haben, er wusste so ziemlich alles,
-was seinerzeit zu wissen war. Dass er nicht nur als Philosoph der
-Mathematik bedeutend war, sondern auch als Astronom wissen wir aus
-Ptolemaios, der durch seinen Einfluss beim geozentrischen System stehen
-blieb, er berechnete die Entfernung der Erde von der Sonne richtiger
-als ¨Newton¨. Dass er auch als Meteorologe bedeutend war, wissen wir
-durch eine Anzahl bei späteren Schriftstellern mitgeteilter Fragmente.
-Da ich für Poseidónios nicht über Studien der Originale verfüge, so
-verweise ich auf ¨W. Chapelle¨, die »Schrift von der Welt« περι κοσμου,
-Neue Jahrb. für das klass. Altertum etc. B. XV, 1905 p. 529 ff. und
-zitiere daraus:
-
-[Sidenote: Poseidonios.]
-
-»Von der umfassenden Schriftstellerei des Poseidonios ist uns kein Werk
-erhalten. Aber seine Nachwirkung in der griechischen und römischen,
-auch der altchristlichen Literatur ist einzig in ihrer Art, seine
-überragende Bedeutung in ihrem Einfluss auf die Folgezeit nur der des
-Aristoteles vergleichbar.«
-
-[Sidenote: Jüngere Stoa, Marc Aurel.]
-
-Wie die Stoiker an Heraklit und sein Feuer für ihre Physik, oder
-wie es Aristoteles richtiger nennt, für ihre Physiologie anknüpfen,
-so tun sie das auch in ihrer Metaphysik. Der ¨Logos¨ des Heraklit
-ist die Weltvernunft, das dem Feuer als Träger des Geschehens, der
-Veränderung, gegenüberstehende gemeinsame ewige ¨Gesetz¨, das besonders
-auf ethischem Gebiet das Werden bestimmt, und eben dieselbe Rolle hat
-der Logos bei den Stoikern. Ist Heraklit kurz, aphoristisch dunkel, so
-verweilen die Stoiker sehr ausführlich bei dem Logosbegriff, der dann
-später, wenn auch stark modifiziert, eine so grosse Rolle bei ¨Philon¨
-(s. u.), den Neuplatonikern und den christlichen Gnostikern spielt.
-Freilich wird, gemäss eines stark materialistischen Zuges der Stoa,
-auch der Logos materialisiert, verkörperlicht, und die weltgestaltende
-Kraft wird zum Logos spermatikos, zum Weltsamen, aus dem das
-Welt-Lebewesen (Zoon) hervorwächst. Ganz an ¨Giordano Bruno¨ erinnert
-die Stelle bei Marc Aurel, dem philosophischen Kaiser: Der Kosmos ist
-vorzustellen, wie ¨ein¨ Lebewesen, das im ununterbrochenen Zusammenhang
-¨ein Sein¨ und ¨eine¨ Seele hat. --
-
-Um auf Geminos zurückzukommen, so ist von ihm noch ein astronomisches
-Lehrbuch εισαγωγή εις τα φαινόμενα erhalten, ich werte es höher wie
-Cantor, schon deswegen, weil darin eine sehr klare Schilderung des
-Sonnensystems des ¨Hipparch¨ erhalten ist.
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Menelaos.]
-
-[Sidenote: Ptolemaios.]
-
-In die Zeit des Trajan, also vielleicht noch vor Geminos, fällt
-¨Menelaos¨, Mathematiker und Astronom; auch er, wie Heron, aus
-Alexandria, aber durch Ptolemaios steht fest, dass er auch in
-Rom im Jahre 98 observiert hat. Denn Ptolemaios hat zwei seiner
-Fixsternbeobachtungen aufgenommen, während es sehr wahrscheinlich ist,
-dass er sehr viele und gewissenhafte Beobachtungen von Fixsternen
-ausgeführt hat, welche Ptolemaios für seinen Katalog zurechtgemacht
-hat, vgl. A. A. Björnbo, Eneström 1901, S. 196. Proklos teilt uns
-S. 345 den einfachen Beweis des Satzes mit: der grösseren Seite
-liegt der grössere Winkel gegenüber, s. ¨Heron¨, welchen: Μενελαος
-ὁ Αλεξανδρευς ανευρεν και παρεδωκεν. Menelaos muss also auch über
-die Stoicheia der Geometrie geschrieben haben. Wenn αβγ und δεζ die
-Dreiecke sind und αβ = δε, αγ = δζ und βγ > εζ, so trage man εζ auf βγ
-auf bis η und Winkel δεζ an βη und mache βθ gleich δε, so ist (nach bc,
-α) βθη ≅ δεζ, und θη gleich δζ gleich αγ, somit im Dreieck θακ Seite
-θκ > ακ also θακ > αθκ, somit da αβθ gleichschenklig ∢ βαγ > als ∢ βθη
-also auch als εδζ.
-
-Das Werk des Menelaos über die Geraden im Kreise, d. h. über
-Sehnenberechnung oder doppelte Sinustafeln, in 6 Büchern, ist als
-selbständiges Werk verloren gegangen, weil es vermutlich Aufnahme in
-die Tafel des ¨Ptolemaios¨ gefunden hat. Dagegen sind seine 3 Bücher
-¨Sphärik¨ in arabischer und hebräischer Übersetzung erhalten, sie
-stellen die älteste uns erhaltene sphärische Trigonometrie dar. Die
-Sphärik enthielt die meisten elementaren Sätze über das sphärische
-Dreieck, und darunter auch den noch heute nach Menelaos genannten Satz
-über die Transversale im planen und sphärischen Dreieck, wonach die
-Produkte der Wechselabschnitte bezw. deren Sinus einander gleich sind.
-Chasles hat es als wahrscheinlich hingestellt, dass der Satz (für das
-plane Dreieck) schon in den Porismaten des Euklid gestanden habe.
-Ptolemaios hat aus diesem Satz die sphärische Trigonometrie mühelos
-abgeleitet.
-
-[Sidenote: Almagest.]
-
-Der Zeit nach müssten wir an Menelaos den Arithmetiker Nikomachos
-anschliessen, aber sachlich fügt sich an ihn der weitaus bekannteste
-und lange Zeit für den bedeutendsten gehaltene Astronom ¨Klaudios
-Ptolemaios¨ an. Nach einer aus Arabischer Quelle stammenden Nachricht
-des zuverlässigen Gherard von Cremona stammt auch er aus Alexandrien.
-Sein Hauptwerk ist die μεγαλη συνταξις, die grosse Zusammenstellung,
-die Kodifikation der antiken Astronomie, inkl. der Babylonischen, das
-wie heute etwa die Theoria motus von Gauss das wesentliche Rüstzeug
-des Astronomen bildete, von den Arabern schon unter Harun al Raschid
-und dann gut unter Al-Mamûn von Haggag (siehe Euklid) übersetzt, und
-gewöhnlich mit latinisierter arabischer Bezeichnung Almagest genannt.
-Mehr und mehr wird es klar, dass das Werk, so bedeutsam es für die
-Kulturgeschichte ist, doch im grossen und ganzen tatsächlich nur eine
-grosse Zusammenstellung gewesen ist. Das Ptolemäische Weltsystem hat
-sich eigentlich bis Kepler gehalten. Denn ¨Kopernikus¨ sah sich noch
-wegen der Annahme der Kreisbahnen gezwungen vielfach auf Ptolemaios
-zurückzugreifen. Freilich ist das was Ptolemaios selbst ersonnen hat,
-gewiss nicht sehr viel gewesen. ¨Die Exzentrische Sonnenbahn¨ rührt von
-¨Hipparch¨, der ¨Epizykel¨ von Apollonios her, der damit Stillstand
-und Rückläufigkeit der Planeten (s. o.) befriedigend erklärte.
-Ptolemaios kombinierte zur Planetenbewegungstheorie die Epizykel des
-Apollonios mit dem Exzenter des Hipparch und liess die Planeten sich
-gleichförmig bewegen auf einem Kreise, der in einem Deferenzkreise
-rollte, dessen Zentrum sich in einem zur Erde exzentrischen Kreise
-bewegte. Der Almagest ist im höchsten Grade wertvoll, einerseits durch
-die systematische Durchführung der mathematischen Theorie für die
-Himmelsbewegungen, andrerseits durch die Nachrichten über die Arbeiten
-des Hipparch, durch die vollständige ebene Trigonometrie und die fast
-vollständige Sphärische Trigonometrie des rechtwinkligen Dreiecks, --
-es fehlt nur die Formel des Djabir (¨Geber¨) 11. Jahrh.: cos α = cos a
-sin γ und cot α cot γ = cos b. Die Ableitung des Additionstheorems für
-den (doppelten) Sinus, das Verhältnis der Sehne zum Radius, gründete er
-auf den nach ihm benannten Satz vom Kreisviereck für den Spezialfall,
-dass die eine Seite der Durchmesser ist. Von meinem subjektiven
-Standpunkt aus genügt mir schon die Tatsache, dass der Satz (Halma
-113) nach Ptolemaios heisst, um dessen Autorschaft zu verwerfen. Er
-wird vermutlich in des Hipparchs Geraden im Kreise gestanden haben.
-Auch als Beobachter ist die Wertung des Ptolemaios in jüngster Zeit
-stark herabgegangen, vgl. den zit. Aufsatz von ¨Björnbo¨ über die
-fehlerhafte Beobachtung der Präzession und die tadelnswerte Korrektion
-der älteren Beobachtungen. Doch ist seine Entdeckung der Präzession
-des Mondes, der Evektion, nicht bestritten. Für sein Geographisches
-Werk war er jedenfalls auch dem Poseidonios verschuldet, dagegen ist
-seine ¨Katoptrik¨ das bedeutendste was das Altertum auf diesem Gebiet
-aufzuweisen hat.
-
-[Sidenote: Parallelentheorie.]
-
-Durch Proklos p. 191 wissen wir, dass Ptolemaios ein Werk über
-Parallelentheorie geschrieben hat, es ist, wenn nicht das erste, so
-doch eins der ersten aus der Bibliothek, welche die 5. Forderung ins
-Leben gerufen hat. Der Beweis des Parallelenaxioms, den Proklos Friedl.
-S. 365-66 gibt, ist von Proklos fehlerhaft kritisiert. Er ist nur in
-der Form mangelhaft, man muss bedenken, dass Ptolemaios wie Poseidónios
-die Parallelen als Abstandslinien auffasst, womit der zweite
-Kongruenzsatz (a, b, c) die Gleichheit des Wechselwinkel ohne weiteres
-gibt. Sein Beweis S. 362 des vom Parallelenaxiom unabhängigen Satzes:
-»wenn ein Paar innerer Winkel zwei Rechte beträgt, so sind die Linien
-parallel« ist leider noch immer in den deutschen Lehrbüchern üblich,
-während von Euklid I, 27 so schlagend einfach mit I, 16 bewiesen wird.
-
-[Sidenote: Nikomachos von Gerasa.]
-
-Wir kehren jetzt zur Zeit des Menelaos zurück und wenden uns zu
-¨Nikomachos von Gerasa¨, vermutlich nahe bei der im alten Testament
-erwähnten Stadt Bozra. Wir sehen hier recht deutlich, wie genau die
-Entwicklung der Mathematik mit den allgemeinen die Zeit beherrschenden
-Geistesströmungen zusammenhängt.
-
-Um die Zeit des Beginns der christlichen Ära waren die tiefer
-angelegten Naturen der Nüchternheit der Stoischen und Epikureischen
-Lehren satt, die sich im Skeptizismus bis zum unvernünftigen Extrem
-überschlagen hatten. Schon ¨Aristoteles¨ hat verglichen mit Platon,
-den ich meiner Auffassung des Grenzbegriffs gemäss, als die Vollendung
-des Pythagoreismus definieren könnte, einen rationalistischen
-Einschlag, auf den sich die Entwicklung der Naturwissenschaften und der
-angewandten Mathematik aufbaute, und in den genannten Philosophischen
-Schulen trat das ideale Element im Geistesleben der Menschheit immer
-mehr in den Hintergrund, bis es von den Skeptikern geradezu geleugnet
-wurde. Gegen diese Verflachung des Seelenlebens erhub sich nun in
-mächtiger Reaktion der neubelebte Idealismus. Während die trostlosen
-realen, die wirtschaftlichen und sozialen Zustände -- man denke nur
-an den zum Ding im römischen Recht gewordenen Sklaven -- die grossen
-Massen des römischen, von Prätoren und Prätorianern ausgesogenen
-Weltreichs für die Essäischen Lehren empfänglich machte und sich
-das Juden-Christentum infolge seines Sozialismus rapide unter ihnen
-verbreitete, suchten die Gebildeten in der Rückkehr zum Idealismus
-der alten Schulen, der Pythagoräer und des Platons, die Befriedigung,
-welche sie im wirklichen Leben und in der Philosophie, die sich den
-faktischen Zuständen angepasst hatte, nicht fanden.
-
-Mit dem Pythagoreismus lebt zugleich das Interesse für Zahlentheorie,
-für Arithmetik und für Zahlenmystik, Zahlentheologie -- Θεολογουμενα
-της αριθμητικης. -- genannt, wieder auf, und findet in ¨Nikomachos¨
-seinen wichtigsten Vertreter.
-
-[Sidenote: Nikomachos, Introductio.]
-
-Die Theologoumenen sind in dem fälschlich Nikomachos zugeschriebenen
-Sammelwerke nur fragmentarisch erhalten, das 1543 in Paris gedruckt
-ist. Weil das Werk von äusserster Seltenheit, ich glaube nur in
-einem Exemplar vorhanden, und doch von höchster Bedeutung für den
-Pythagoreismus und die Philosophie oder richtiger Theologie der
-Neupythagoräer ist, hat Fr. ¨Ast¨, der verdienstliche Platoforscher,
-es 1817 zugleich mit dem Hauptwerk des Nikomachos, der Einführung in
-die Arithmetik, εισαγωγη αριθμητικη. 1817 herausgegeben, die 1538 in
-Paris vom selben Verlag ediert war und ebenfalls sehr selten geworden.
-Gestützt auf einen neuen Codex aus Zeitz hat dann 1866 ¨R. Hoche¨ die
-Eisagoge ediert, höchst bedauerlicher- und schwer begreiflicherweise
-ohne deutsche oder lateinische Übersetzung.
-
-Das Verdienst, die jetzigen Mathematiker auf Nikomachos hingewiesen
-zu haben, hat sich ¨G. F. H. Nesselmann¨ in seiner trefflichen
-»Algebra der Griechen« Berl. 1842 erworben, der ihm 34 Seiten des
-knapp gehaltenen Buches widmete. Er hat mit Recht hervorgehoben, dass
-die »Einführung in die Arithmetik« eine neue Epoche der Mathematik
-bezeichnet, es ist eine wirkliche »Arithmetisierung der griechischen
-Mathematik« welche nach Nesselmann vom 2. Jahrh. n. Chr. bis zum 14.
-[Maximus Planudes] gedauert hat. Wie bedeutend das Werk des Nikomachos
-den Zeitgenossen erschien, erhellt daraus, dass es schon im 2. Jahrh.
-ins Lateinische von ¨Apulejus¨ aus Madaura übersetzt ist, eine Schrift
-die fast spurlos verloren gegangen ist, vermutlich weil sie durch die
-Bearbeitung des Boëtius aus dem 6. Jahrh. verdrängt ist. Apulejus
-ist für uns insofern von Wert, als er uns die reizende Erzählung
-von Amor und Psyche, ein Märchen auf orientalisch-mythologischer
-Grundlage erhalten hat. Ob Boëtius wirklich nach dem Original oder
-nach der Bearbeitung des Apulejus gearbeitet, scheint mir trotz der
-an den Patrizier Symmachos, seinen Erzieher, gerichteten Einleitung
-zweifelhaft. Boëtius hat auch die Musikalische Theorie der Pythagoräer
-ebenfalls nach ¨Nikomachos¨ der die Tonleiter bis zur zweiten
-Oktave ausgedehnt hatte, gegeben; vergl. ¨G. Friedleins¨ Ausgabe
-der Arithmetik, der »Institutio musica« nebst der sogen. Geometrie
-des Boëtius, dessen Abacus (Rechentisch) mit den »Apices«, den
-»Staubziffern« der Westaraber so viel Staub aufgewirbelt hat.
-
-Die vom Mathematischen Standpunkt aus minderwertige Arbeit des Boëtius
-ist schulgeschichtlich von höchster Bedeutung, denn sie ist es gewesen,
-welche dem arithmetischen Unterricht der Klosterschulen zugrunde lag.
-
-Schon ¨M. Cantor¨ hat sich der Ansicht des Isidorus von Sevilla, der
-600 Bischof von Hispalis war und 636 gestorben ist, angeschlossen, dass
-wir in der Isagoge im wesentlichen das Wissen der Pythagoräer und zwar
-der Alt- und Neupythagoräer kodifiziert und systematisiert vor uns
-haben, und in diesem Sinne wird ¨Nikomachos¨ richtig als der ¨Euklid¨
-der ¨Arithmetik¨ gekennzeichnet. Der Vergleich mit Philolaos und dem
-oben zit. Werk des Theon von Smyrna zeigt, dass es der Gedankenkreis
-der Pythagoräer ist, der uns hier übermittelt wird, wenn auch das
-Material durch einen an Archimedes und den anderen Grossen gebildeten
-Mathematiker vermehrt ist.
-
-[Sidenote: Nikomachos, Einleitung der Introductio.]
-
-Die Einleitung ist sowohl von ¨Nesselmann¨, als von ¨Cantor¨ und
-¨Loria¨ übergangen und doch ist sie vielleicht das interessanteste.
-Ich werde sie an anderer Stelle ganz geben, hier hebe ich aus ihr
-hervor: Cap. IV, Hoche p. 9; die Arithmetik, ist dies [die Mutter der
-anderen Wissenschaften] nicht allein, weil wir sagten, dass sie in dem
-Intellekt des göttlichen Künstlers den übrigen vorangegangen sei, wie
-ein die Welt ordnender und vorbildlicher Plan, auf den gestützt der
-Werkmeister das Ganze etwa wie auf eine Vorlage und ein erstgeprägtes
-Vorbild das aus Materie Geschaffene in schöne Ordnung brachte und
-bewirkte, dass es den richtigen Zweck erreichte, sondern auch weil sie
-von Natur den anderen vorangeht, insofern sie die andern aufhebt, aber
-nicht von ihnen aufgehoben wird. (¨Archytas.¨)
-
-Also eine in Zahlen gegebene ¨Praestabilierte Harmonie¨. -- Ferner:
-Nikomachos unterscheidet Grössen und Mengen, Cap. II. Grössen sind
-in einer Vorstellung zusammengefasst (ἡνωμένα) und ¨kontinuierlich¨
-(αλληλουχουμενα ein Synonym für συνεχη), Mengen sind ¨diskret¨
-(διηρημενα) und in Nebeneinanderstellung (παραθεσει.) wie ein Haufen.
-Dann fährt er fort: da die Menge, (Anzahl) und die Grösse ihrer Natur
-nach notwendigerweise unendlich ist, (die Menge von einer bestimmten
-Wurzel [der Eins] ausgehend, lässt sich ins Unendliche fortsetzen, die
-Grösse von einer bestimmten Ganzheit aus geteilt, hat keinen letzten
-Teil und erstreckt sich dadurch ins Unendliche) die Wissenschaften aber
-durchaus Wissen vom Endlichen und niemals vom Unendlichen sind, so
-ist wohl klar, dass es von der Grösse und der Menge schlechthin keine
-Wissenschaft geben würde (denn unbestimmt sind beide, die Menge in
-bezug auf Vermehrung, die Grösse in bezug auf Verminderung) sondern nur
-in bezug auf etwas von beiden Abgegrenztes, und zwar von der Menge als
-begrenzter Vielheit und von der Grösse als begrenzter Grösse.
-
-Hier sieht man, wie klar das Kontinuitätsproblem erfasst ist.
-
-Noch bemerke ich, dass der so berühmte Ausdruck: Quadrivium, für die 4
-Wissenschaften Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie (σφαιρικη ist
-nicht, wie Nesselmann sagt, Trigonometrie, sondern Astronomie), der
-von Boëtius aus das Ideal höherer Bildung bezeichnete, eine wörtliche
-Übersetzung von Kap. IV, Hoche 9 των τεσσαρων μεθοδων ist. [¨Archytas¨,
-Harmonik.]
-
-Es schliesst sich an die Einleitung die Definition der Zahl an, welche
-wiederum zeigt, dass die Dreiteilung des Zahlbegriffs alt pythagoreisch
-(platonisch) ist. Die Zahl ist entweder Anzahl (Kardinalzahl, πληθος
-ὡρισμενον) oder Ordnungszahl (μοναδων συστημα) oder Masszahl (relative
-Zahl, ποσοτητος χυμα εκ μοναδων συγκειμενον der aus Einheiten
-zusammengesetzte Strom der Wievielheit).
-
-[Sidenote: Nikomachos, Introd. Buch 1.]
-
-Das 1. Buch wiederholt nur von Philolaos, Euklid und Eratosthenes
-gegebenes, Kap. XIII wird das Sieb des Eratosthenes beschrieben. Das
-Diagramm im Codex von Zeitz ist nicht nur eine Primzahlen- sondern
-zugleich eine Faktorentabelle, Kap. XIX, Hoche p. 51, findet sich dann
-das erste Diagramm des kleinen Einmaleins in der uns geläufigen Form:
-
- μήκος
- +----+----+----+----+----+----+----+----+---------+
- | α | β | γ | δ | ε | ϛ | ζ | η | θ | ι |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | β | δ | ϛ | η | ι | ιβ | ιδ | ιϛ | ιη | κ |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | γ | ϛ | θ | ιβ | ιε | ιη | κα | κδ | κζ | λ |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | δ | η | ιβ | ιϛ | κ | κδ | κη | λβ | λϛ | μ |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | ε | ι | ιε | κ | κε | λ | λε | μ | με | ν |
- βάθος +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | ϛ | ιβ | ιη | κδ | λ | λϛ | μβ | μη | νδ | ξ |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | ζ | ιδ | κα | κη | λε | μβ | μθ | νϛ | ξγ | ο |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | η | ιϛ | κδ | λβ | μ | μη | νϛ | ξδ | οβ | π |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | θ | ιη | κζ | λϛ | με | νδ | ξγ | οβ | πα | ϟ |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
- | ι | κ | λ | μ | ν | ξ | ο | π | ϟ | ρ |
- +----+----+----+----+----+----+----+----+----+----+
-
-
-[Sidenote: Nikomachos, Introd. Buch 2.]
-
-Weit bedeutender ist das zweite Buch, es enthält eine ganz achtbare
-Zahlentheorie auf altpythagoreischer Grundlage, wie sich Nikomachos,
-man vgl. ¨A. Boeckhs¨ Philolaos, durchaus auch in seiner Philosophie
-ganz eng an Philolaos anschliesst. Zunächst kommen Betrachtungen über
-gewisse, schon den Altpythagoräern geläufige Beziehungen zwischen
-Ketten von geometrischen Reihen desselben Exponenten, die im Kap. 4
-aber nichts Geringeres enthalten als den ¨Binomischen Satz¨, und zwar
-im Grunde nach demselben Bildungsgesetz, welches im sog. Pascalschen
-Dreieck angewandt wird.
-
-Es folgt dann die Lehre von den figurierten Zahlen, von denen die
-Dreieckszahlen (n [**ueber] 2) und die Viereckszahlen, die Quadrate,
-sowie die Tetraederzahlen (n [**ueber] 3) und Würfelzahlen, Kuben,
-jedenfalls allbekannt waren. Aber die Lehre von den figurierten Zahlen
-(σχηματιζοντες) ist bei Nikomachos, der an ¨Hypsikles¨ einen Vorgänger
-hatte, sehr ausführlich behandelt, und sie spielte, man sehe das so
-wichtige Werk ¨R. Baltzers¨, Elem. d. Math., von da ab bis ¨in die
-Mitte des 19. Jahrh¨. eine grosse Rolle auch im Elementarunterricht.
-Die p-te Polygonalzahl ist von der Form n + (p - 2)(n [**ueber] 2) und
-der Gnomon im Heronschen Sinne der von n auf (n + 1) überführt ist
-1 + (p - 2)n; die Figur zeigt die 5-Ecke der Seiten 1, 2, 3, 4, 5.
-
- x-----x-----x-----x-----x
- / \
- / \
- / \
- x x
- / \
- / x-----x-----x-----x \
- / / \ \
- x / \ x
- / / \ \
- / x x \
- / / \ \
- x / x-----x-----x \ x
- / / / \ \ \
- / x / \ x \
- / / / \ \ \
- x / x x \ x
- / / \ \
- x / x-----x \ x
- / / \ \
- x / \ x
- / \
- x x
-
- x
-
-Die n-te (p + 1)-Eckzahl ist gleich der n-ten p-Eckzahl vermehrt
-um die (n - 1)te Dreieckszahl. Es handelt sich, wie man sieht, um
-Summation arithmetischer Reihen erster Ordnung. Interessant ist der
-Satz Kap. 20: n^3 = Σn(n - 1) + 2k - 1 wo k von 1 bis n geht. Nicht
-minder interessant ist Kap. 7, wo die Definitionen des ¨Platon¨ und
-¨Aristoteles¨ über Punkt, Linie, Fläche, zwar vereinigt werden, aber
-die Platonische benutzt wird, um aus dem ¨Ursprung¨ der vorhergehenden
-die folgenden Zahlen zu definieren; die Flächenzahl ist Summe der
-(vorhergehenden) Linienzahlen, bezw. Reihe von ihnen, die Körperzahl
-wiederum von Flächenzahlen.
-
-[Sidenote: Proportionenlehre.]
-
-Mit Kapitel 21 beginnt dann die ganz ausführliche Lehre von den
-Proportionen, neu ist vielleicht die Lehre von der vollkommensten, der
-musikalischen a : (a + b)/2 = 2ab/(a + b) : b z. B. 6/9 = 8/12 welche
-Pythagoras, wie ¨Jamblichos¨ sagt, aus ¨Babylon¨ nach Griechenland
-gebracht hat. Mit Unrecht tadelt Nesselmann die Definition des
-Verhältnis bei Nikomachos; sie heisst: Verhältnis (λογος, ratio) ist
-das gegenseitige Enthaltensein zweier bestimmter Grössen, denn σχεσις
-ist bei Nikomachos und allgemein der technische Ausdruck für die σχεσις
-κατα πηκλικοτητα für die Messung der einen durch die andere.
-
-Aus dem Résumé Nesselmanns hebe ich No. 1 hervor: »Bei Nikomachos
-erscheint die Arithmetik zum ersten Mal frei von den Fesseln
-geometrischer Vorstellungen, mit denen sie bei Euklides noch behaftet
-ist.« (Aber kaum mehr bei ¨Heron¨.)
-
-[Sidenote: Theon.]
-
-Auch Nikomachos teilt die altpythagoräische Ansicht, dass die
-unzerlegbare Eins keine Zahl sei. Diese Ansicht hat sich von Boëtius
-bis in die Rechenbücher des 18. Jahrh. gehalten, wenn Nikomachos sie
-auch nicht so klar ausgesprochen hat, wie der vielleicht etwas ältere
-Astronom ¨Theon¨ von Smyrna in seinem schon mehrfach erwähnten Werk
-»των κατα το μαθηματικον χρησιμων εις την του Πλατωνος αναγνωσιν;
-was man an Mathematischem wissen muss, um Platon zu verstehen.
-Erhalten sind grosse Fragmente der Arithmetik, der Musik, d. h. der
-theoretischen Lehre von den Intervallen und dem Kontrapunkt, sowie der
-Astronomie, 1892 von ¨J. Dupuis¨ Griechisch und ¨Französisch¨ ediert.
-In der Astronomie hängt er von dem Peripatetiker Adrastos ab, der u. a.
-einen Kommentar zum Timaios verfasst hat. Erwähnung verdient Theon nur,
-weil sich bei ihm die ¨Kettenbruchentwicklung¨ der √2 findet, die sich
-auch mit einer Nikomachischen Formel berührt, die selbst wieder seltsam
-an f(x + 2dx) = f(x) + 2f′(x)dx + f″(x)dx^2 erinnert, die ihrerseits
-wieder den Keim zu einer elementaren, wenn auch nicht strengen
-Ableitung der Taylorschen Reihe birgt. Einen Weg der weder für Theon
-noch einen andern Pythagoräer gangbar war, der aber geistvoll ist, hat
-der Norweger ¨T. Bergh¨, Schlöm-Cantor 31, S. 135 angegeben. Geht man
-von einem gleichschenklig rechtwinkligen Dreieck aus, dessen Katheten
-α_{n-1} und δ_{n-1} sind und verlängert beide Katheten um δ_{n-1} und
-verbindet die freien Endpunkte, so ist α_{n} = α_{n-1} + δ_{n-1} und
-d_{n} = 2α_{n-1} + δ_{n-1} und dies sind die Präkursionsformeln für die
-Näherungswerte des Kettenbruchs √2 = (1|2), wenn man α_{1} = δ_{1} = 1
-setzen könnte wie Theon tut. Viel wahrscheinlicher ist es, dass wir es
-hier mit altem Gut der Pythagoräer zu tun haben, bezw. der Platoniker
-und dass sie nach Auflösung der Diophantischen Gleichung x^2 + y^2 =
-z^2 sich an die Gleichung x^2 - 2y^2 = ±1 gemacht haben.
-
-[Sidenote: Jamblichos, Thymaridas.]
-
-Ich schliesse hier gleich ¨Jamblichos¨ geboren etwa 330 in Chalkis in
-Coelesyrien an, der als Philosoph der Stifter der sogen. Syrischen
-Abart des Neupythagoreismus oder Neuplatonismus ist, und der ein
-grosses Werk in 10 Büchern συναγωγή των πυθαγορείων δογμάτων, Sammlung
-der Pythagoräischen Lehren, geschrieben, deren erstes Buch der Roman:
-das Leben des Pythagoras, ist und deren 4. Buch die Erläuterungen
-zu Nikomachos Arithmetik wichtig ist, erstens für das Verständnis
-des Nikomachos und zweitens weil darin beiläufig das »Epanthema«
-d. h. Blüte des ¨Thymaridas¨ überliefert wird, möglicherweise eines
-Altpythagoräers, obwohl der Name »Blüte« ¨indische¨ Reminiscenzen
-weckt, wo poetische und phantastische Bezeichnungen gang und gäbe
-waren, und ferner das gänzliche Fehlen jeder geometrischen Einkleidung
-auf eine erheblich d. h. mindestens 3 bis 4 Jahrhunderte spätere Zeit
-weisen. Die Regel selbst ist von ¨Nesselmann¨, trotz des schlechten
-Textes und der schlechten Übersetzung des Tenulius der 1668 den
-Kommentar ediert hat, völlig richtig gestellt »Sind x y^I y^{II}
-y^{III} y^{IV} etc. eine Anzahl ¨unbestimmter¨ (Grössen), αοριστων
-und ist x + Σ y_{k} = a d. h. bestimmt (ωρισμενος), und x + y_{k} =
-b_{k}, so ist x = (Σ (b_{k} - a_{k}))/(n - 1). Das von mir mehrfach als
-Gesetz für Datierungen angeführte Prinzip auf den ganzen gedanklichen
-Zusammenhang zu sehen, bestimmt mich auch den Thymaridas in die Zeit
-der Arithmetisierung der Mathematik zu setzen. Von eigener Mathematik
-des Jamblichos wären etwa die Sätze n^2 = n + 2(1 + 2 + ... n - 1)
-zu erwähnen. Eine moderne, philologische Ausgabe des Kommentars ist
-1894 von ¨I. Pistelli¨ gemacht worden, den als arithmetisches Werk
-Nesselmann sehr ausführlich S. 236-242 behandelt hat.
-
-[Sidenote: Plotin.]
-
-Auch die Philosophie des Jamblichos, obwohl ihn Proklos im Kommentar
-zum Timaios den Göttlichen nennt und obwohl der Kaiser Julianus
-Apostata für ihn schwärmte, ist nur eine phantastische und vielleicht
-absichtlich unklar gehaltene Ausführung der Lehren des Porphyrios oder
-vielmehr des Plotin, interessant wäre es allerdings, den babylonischen
-und besonders den ¨indischen¨ Einflüssen bei Jamblichos nachzugehen,
-z. B. für die Rolle, welche Opfer und Gebet in seiner Lehre spielen.
-¨Plotin¨ den man vielleicht statt Neuplatoniker den neuen Platon
-nennen könnte, ist das geistige Haupt der Schule und durch seinen
-Einfluss auf ¨Augustinus¨, den grossen kirchlichen Neuplatoniker, den
-Plotins Lehre vom Sünder zum Heiligen wandelte, kulturgeschichtlich
-von grösster Bedeutung, und ich bedaure aufrichtig m. H., dass ich für
-Plotin zur Zeit nicht über Quellenstudien verfüge. Plotin war aber auch
-mathematisch gebildet und gab in Rom mathematischen Unterricht, und
-Augustins ungeheurem Einfluss auf die Abendländische Kirche wenigstens
-von 400-1200 danken wir die Berücksichtigung der Arithmetik als
-Wissenschaft in den Kathedralschulen.
-
-¨Plotin¨ ist 202 oder 205 in Lykopolis in Ägypten (Siwet = Assiut)
-geboren, seine philosophische Bildung hat er in Alexandrien erhalten,
-dem Brennpunkt des wissenschaftlichen Lebens in der Schlussperiode der
-antiken Welt. Dort weilte er vom 18. bis 28. Lebensjahre als Schüler
-des Neuplatonikers Ammonios, Saccas, d. h. der Lastträger genannt.
-Dieser hat wie es scheint nichts geschrieben, aber wie bedeutend er
-war, zeigen seine Schüler, Longin, Origenes und Plotin, der von allen
-anderen Lehrern unbefriedigt, zehn Jahre in seiner Schule blieb.
-
-[Sidenote: Philon von Alexandria.]
-
-Mehr noch als dem Ammonios verdankte Plotin den Schriften ¨Philons¨.
-Philon, etwa von 28 v. Chr. bis 50 n. Chr. war zwar äusserlich strenger
-Israelit, aber er hatte in die heiligen Schriften des Judentums eine
-Symbolik hineininterpretiert, welche seiner eigenen Philosophie
-oder richtiger Religion entsprach. Unter dem Einfluss stoischer
-(Heraklitischer) essäischer und christlicher Lehren, kann man die seine
-als eine Lehre von der Zweieinigkeit Gottes und des Logos, der zugleich
-Heiliger Geist und Gottes Sohn, bezeichnen. Die Symbolische Deutung
-der heiligen Schriften, welche sich im gewissen Sinne schon bei Platon
-und Aristoteles und ihren Schülern findet, die den Konflikt mit der
-Volksreligion vermeiden wollten, hat sich von Philon ab bis heute in
-der Theologie erhalten. Von ¨Philon¨ hat ¨Plotin¨ die Askese und die
-Ekstase, d. i. die Vereinigung mit Gott oder Erfassung (αφή) Gottes.
-Dieses Gottwerden der Menschen durch Kasteiung, Gebet und Busse, weist
-wiederum nach Indien, wo solche gottgewordene Menschen noch heute
-verehrt werden. Und auch in der Allgemeinheit und damit Leerheit des
-eigentlichen Gottesbegriffs wurzelt Plotin in Philon.
-
-[Sidenote: Plotin.]
-
-Um 243 nahm ¨Plotin¨ an dem Feldzug Gordian III. gegen die Parther
-teil, wozu ihn das Interesse an der persischen Religion, an dem was
-Zarathustra sprach, antrieb. In der Askese und Ekstase und auch in dem
-Dualismus zwischen Ormuz und Ahriman fanden sich enge Beziehungen zu
-seinen eigenen Gedanken. Nach dem unglücklichen Ausgang des Feldzugs
-ging er nach Rom, und er muss schon damals berühmt gewesen sein, da er
-in der Weltstadt zahlreichen Zulauf fand und den Kaiser Galienus selbst
-zu seinen Schülern zählte. In Rom lehrte er von 244-268, dann zog er
-sich schwer leidend auf ein Landgut bei Minturnae in Campanien zurück,
-wo sich seine Seele aus ihrem Körper befreite. Die Vorlesungsnotizen,
-welche Plotin etwa mit 60 Jahren niedergeschrieben, wurden in seinem
-Auftrag von seinem Lieblingsschüler ¨Porphyrios¨ redigiert und in 6
-Enneaden d. h. in 6 Büchern zu 9 Abschnitten herausgegeben.
-
-Der wesentliche Unterschied zwischen Plotin und Platon liegt in der
-Ideenlehre. Die Ideen, die bei Platon aus der Erfahrung der Einzelnen
-abstrahierte grundlegende Konzeptionen der gesamten Vernunft der
-Menschheit sind, welche als solche ewige Dauer und regulative Kraft
-besitzen, werden zu Ideen oder Gedanken a priori der von der Gottheit
-ausstrahlenden Vernunft, des Logos bei Philo, des Noūs (νοῦς) bei
-Plotin. Die Emanation stellt sich Plotin etwa vor, wie wir die
-Radiumemanationen.
-
-Die Gottheit selbst bleibt unbewegt und ohne Teilnahme, an dem was sie
-ausstrahlt, sie ist das Eine schlechtweg, das $το εν$ der Pythagoräer
-und steht so hoch über uns, dass wir eigentlich gar nichts von ihr
-aussagen können als jene Ausstrahlung. Bei den späteren Neuplatonikern,
-insbesondere bei Proklos ist der Begriff der Gottheit so leer geworden,
-dass er besser als mit der Eins mit der Null verglichen werden könnte.
-Der Noūs selbst aber zeigt schon eine Entzweiung, eine Trennung in
-Denkkraft und Gedanken. Abbild und Erzeugung des Noūs, der von Gott
-emanierenden Weltvernunft, ist die Psyche und sie, die Seele, erzeugt,
-mittelst des Substrats der Materie, der Hyle, die sie durchdringt
-wie etwa das Licht ein Medium, die Körperwelt, an deren Leiden oder
-richtiger Reizungen die wahrnehmende Empfindung eigentlich keinen
-Anteil hat. Da die Psyche Funktion der Vernunft und diese wieder
-Funktion Gottes ist, so ist es dem Menschen gegeben nach Ähnlichkeit
-mit Gott zu streben und darin liegt die ¨Tugend¨. Ja durch Abtöten des
-Sinnlichen und völliges Versenken in die religiöse Betrachtung des
-Einen kann es gelingen zur Ekstase, d. h. zur Vereinigung mit Gott zu
-kommen und in diesem Zustand war ¨Plotin¨ nach Angabe des Porphyrios
-viermal. Die späteren Neuplatoniker, wie Apollonios von Thyana und
-Jamblichos, knüpften an diesen Zustand, der etwa dem entspricht,
-was die heutigen Mystiker »Trans« nennen an, um die Möglichkeit des
-Prophezeiens und der Wundertaten zu begründen.
-
-Ich möchte noch hervorheben, dass die Quelle der ¨Schopenhauerschen¨
-Ästhetik eigentlich bei ¨Plotin¨ liegt. Nach jenem liegt das Wesen
-der Kunst in der intuitiven Erfassung der im Objekt zur Erscheinung
-kommenden Idee, d. h. der bestimmten Abstufung des Willens an sich,
-losgelöst von jeder Beziehung auf das individuelle erkennende Subjekt,
-und der Wert der künstlerischen Betrachtung darin, dass »das Ixionsrad«
-des eigenen Wollens stille steht und wir vor dem Schönen und durch
-das Schöne zum ¨reinen¨ willenlosen Subjekte der Erkenntnis werden.
-¨Plotin¨ sagt, Enneade V, 81: Nicht in der blossen Symmetrie, sondern
-in der Herrschaft des Hohen über das Niedere, der ¨Ideen¨ über den
-Stoff, der Seele über den Leib, der Vernunft und des Guten über die
-Seele, liegt das Wesen der Schönheit.
-
-[Sidenote: Porphyrios.]
-
-¨Porphyrios¨ hat bei Plotin auch Mathematik gelernt, er wird von
-Proklos des öfteren erwähnt, ich führe S. 311 den Beweis von I 18
-an: Der grösseren Seite liegt der grössere Winkel gegenüber, den ich
-unsern Schulen wieder gewinnen möchte: Wenn αβγ das Dreieck und αβ <
-αγ, so mache man αβ mit βε gleich βγ, dann ist αεγ gleichschenklig und
-Winkel ε = εγβ + γ und ε noch kleiner als β nach I, 16, dem Satz vom
-Aussenwinkel.
-
-[Sidenote: Diophant.]
-
-Den Schluss und zugleich den Gipfel der Hellenistischen
-Arithmetisierung der Mathematik bildet ¨Diophantos¨ von Alexandrien.
-
-Seine αριθμητικά bedeuten den durch eine weite Kluft von allem anderen
-getrennten Höhepunkt dessen, was die Griechen auf arithmetischem Gebiet
-geleistet haben. Sein Werk ist so einzigartig, dass es keineswegs
-ausgeschlossen ist, dass Indische und Babylonische Einflüsse wirksam
-gewesen sind. Seine Lebenszeit ist wahrscheinlich das Ende des 4.
-Jahrhunderts nach Christi, wie ¨Nesselmann¨ l. c. festgestellt hat.
-Dass Pappos ihn nicht erwähnt, kann ich mir nur dadurch erklären, dass
-er nach Pappos geschrieben. Alles was wir von ihm wissen, steht im
-Epigramm 19 der von ¨Maximus Planudes¨, einem byzantinischen Mönch, aus
-älteren Exzerpten gesammelten Anthologie:
-
- Hier das Grabmal deckt Diophant, ein Wunder zu schauen,
- Durch arithmetische Kunst lehrt sein Alter der Stein.
- Knabe zu sein gewährte ein Gott ihm ein Sechstel des Lebens;
- Noch ein Zwölftel dazu, spross auf der Wange der Bart.
- Und ein Siebentel mehr, sieh Hymens Fackel entbrannte,
- Fünf der Jahre darnach, teilt er ein Söhnlein ihm zu.
- Ach unglückliches Kind! Halb hatte das Alter des Vaters
- Es erreicht, da nahm's Hades der Schaurige auf.
- Noch vier Jahre ertrug er den Schmerz, der Wissenschaft lebend,
- Und nun künde das Ziel, welches er selber erreicht.
-
-Also mit 33 Jahren verheiratet und mit 84 gestorben.
-
-[Sidenote: Fermatsche Satz.]
-
-So berühmt Diophant als Arithmetiker heute ist, so wenig wurde sein
-Werk von den Griechen der folgenden Zeit verstanden, nur ganz wenige
-und verstümmelte Handschriften seines Werkes sind erhalten, alle,
-auch die jüngst gefundenen vom selben Archetyp stammend. Ein einziger
-Grieche, der schon genannte ¨Maximus Planudes¨, der in der ersten
-Hälfte des XIV. Jahrh. lebte, hat Scholien zu den beiden ersten
-Büchern geschrieben. Dagegen haben sich die Araber verhältnismässig
-früh des Diophant bemächtigt und kein geringerer als ¨Abul Wafa¨, der
-die Mondvariation festgestellt hat, übersetzte die Schrift gegen Ende
-des 10. Jahrh. Das bisher noch nicht aufgefundene Werk findet sich
-vielleicht auch noch in Leyden. In Europa hat zuerst ¨Regiomontan¨,
-decus Germaniae, wie ihn Petrus Ramus nennt, 1464 zu Venedig einen
-Diophant-Codex gesehen. Die erste zwar mangelhafte, aber vollständige
-Übersetzung ins Lateinische veröffentlichte 1575 ¨Wilhelm Xylander¨
-oder Holzmann zu Augsburg, sie ist eine bibliographische Rarität. Die
-erste Textausgabe mit lateinischer Version und vielen Zusätzen und
-Erläuterungen rührt von ¨Gaspard Bachet¨, sieur de ¨Méziriac¨ her,
--- Paris 1622, der durch seine »Problèmes plaisants et délectables«
-(1612) so bekannt ist. Eine zweite Ausgabe von Bachets Arbeit
-veranstaltete S. Fermat; die Ausgabe ist an sich sehr mangelhaft,
-aber sie enthält die berühmten Randbemerkungen seines Vaters ¨Pierre
-Fermat¨, Frankreichs grössten Mathematikers, darunter den berühmten
-¨Fermatschen Satz¨: Die Gleichung x^n + y^n = z^n ist wenn n > 2
-nicht in ganzen (rationalen) Zahlen lösbar. Diese Anmerkungen haben
-die moderne Zahlentheorie, die Arithmetica sublimior wie ¨Gauss¨ sie
-nannte, geschaffen. Eine neue sehr sorgfältig redigierte Ausgabe
-ist von ¨P. Tannery¨ 1893 geschaffen. ¨G. Wertheim¨ hat 1890 eine
-tadellose deutsche Übersetzung der Arithmetik und der Schrift über
-Polygonalzahlen des Diophant und der Anmerkungen Fermats gegeben.
-
-Von den 13 Büchern, welche Diophant selbst in dem Einleitungsschreiben
-an einen gewissen Dionysios erwähnt, sind uns in den Handschriften
-nur 6 erhalten, aber die allgemeine Ansicht geht dahin, dass das
-Verlorene sich im wesentlichen nur auf die Behandlung der gemischt
-quadratischen Gleichungen bezogen habe und wissenschaftlich der
-Verlust zu verschmerzen. Dagegen scheint der Verlust eines andern
-Werkes der »Porismata« (vergl. Euklid) schwerer zu wiegen, wenigstens
-nach dem Satz zu urteilen, den Diophant selbst zitiert: die Differenz
-zweier (rat.) Kubikzahlen (a und b) ist stets die Summe zweier (rat.)
-Kubikzahlen. Von ¨Vieta¨ gelöst: x = a(a^3 - 2b^3)/(a^3 + b^3); y =
-b(2a^3 - b^3)/(a^3 + b^3).
-
-Das erste was wir aus den Arithmetica hervorheben, ist dass bis auf
-eine einzige vermutlich eingeschobene Aufgabe V, 13, Wertheim S. 209
-niemals die Zahlen seiner Aufgaben durch Linien oder sonst geometrisch
-versinnlicht sind. Er spricht zwar oft von rechtwinkligen Dreiecken,
-aber er meint stets drei Zahlen a, b, c, welche der Gleichung a^2 + b^2
-= c^2 genügen. Zweitens gehen auf ¨Diophant¨ die nach ihm genannten
-Aufgaben der unbestimmten Analytik zurück, obwohl eine diophantische
-Gleichung in unserem Sinne bei ihm nicht vorkommt. Erst ¨Bachet¨
-hat die Gleichung ax + by = c allgemein in ganzen Zahlen aufgelöst.
-Diophant begnügt sich mit rationalen Zahlen und was die Hauptsache,
-er gibt immer nur eine Lösung. Das was speziell an indischen Einfluss
-denken lässt, liegt erstens in der Systemlosigkeit und zweitens darin,
-dass eigentlich, wenn man vom ersten Buch absieht, der Lehre von den
-gewöhnlichen Gleichungen ersten Grades, nirgends allgemeine Methoden
-vorkommen, sondern jede Aufgabe durch eigene oft sehr merkwürdige
-Kunstgriffe gelöst wird. Oft ist die Aufgabe allgemein gefasst und wird
-durch willkürliche Annahmen eingeschränkt.
-
-Ganz eigenartig ist auch die Bezeichnung bei Diophant; vergl.
-¨Nesselmann¨ l. c. Kap. 7. Für die Unbekannte die bei ihm αριθμός »die
-Zahl« heisst, hat er ein Zeichen ϛ oder auch ϛο, das man früher für das
-Schlusssigma hielt. ¨T. L. Heath¨, Diophantos of Alex. Cambr. 1885 hat
-mit guten Gründen behauptet, dass es die Abbreviatur von αριθμός ist.
-Das Quadrat der Unbekannten, unser x^2 heisst wie gewöhnlich δύναμις,
-Zeichen δ^ῡ; x^3 desgleichen κύβος, Zeichen κ^ῡ, x^4 bei ihm wie
-durch die Metrika nachgewiesen bei ¨Heron¨: δυναμοδύναμιν [Biquadrat]
-δδ^ῡδ, x^5 δυναμοκυβος δκ^ῡ, x^6 κυβοκυβος, κκ^ῡ. Bestimmte Zahlen
-(ὡριζομενοι) heissen μοναδες, Zeichen μ^ο, zum Unterschiede von den
-αοριστοι den zunächst unbestimmten, also wie bei Jamblichos, 1/x heisst
-αριθμοστον; 1/x^2 δυναμοστον u. s. f.
-
-Kein Zeichen bedeutet die ¨Addition¨, welche damals also noch als
-die Hauptoperation galt, sie heisst ὑπαρξις; die Subtraktion heisst
-λειψις, Zeichen ein umgekehrtes ψ also [**symbol] oder ⬆. Bei
-(x - a)(x - b) findet sich die Regel: Minus × Minus ist plus (λ.λ ist
-ὑπαρξις), doch schliesst Diophant negative Zahlen wie auch irrationale
-Zahlen prinzipiell aus. Cantor sagt mit Recht, dass sich bei Diophant
-schon eine hoch entwickelte Buchstabenrechnung findet. Immerhin ist ihr
-die ¨Vieta'sche¨ sehr überlegen.
-
-Ich gebe nach Cantor die Gleichung 10x + 30 = 11x + 15.
-
-ςς^{οι} αρα ῑ μ^ο λ ἱσοι εισιν ςς^{οις} ῑᾱ μονασι ῑε (Unbekannte
-nun zehn und Einheiten 30 sind gleich Unbekannten 11 und Einheiten
-15.) M. H. Cantor hat wiederum recht, wenn er sagt dies ist eine
-Stenographie aber noch keine Symbolik.
-
-Die Gleichheit wird übrigens oft nur durch ἱ ausgedrückt.
-
-[Sidenote: Diophant, Beispiele.]
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-Als Beispiel N. 1 gebe ich Ihnen I, 9 Werth. 15. Von zwei gegebenen
-Zahlen eine und dieselbe Zahl zu subtrahieren, so dass die erhaltenen
-Reste in einem gegebenen Verhältnis stehen.
-
-Es muss jedoch dieses Verhältnis ¨grösser sein¨ als das in welchem die
-grössere der beiden gegebenen Zahlen zur kleineren steht.
-
-Die Bedingung ist nötig damit x > 0 wird.
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-Es soll [z. B.] von 20 und 100 dieselbe Zahl abgezogen werden und so
-gewählt werden, dass der grössere Rest das 6fache des kleineren ist.
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-100 - x, 20 - x die Reste, 120 - 6x = 100 - x die Gleichung.
-
-Wird die abzuziehende Grösse auf beiden Seiten addiert und sodann
-Gleiches vom Gleichen subtrahiert, so erhält man 5x = 20, x = 4.
-
-Es folgt die Probe, man kann wohl sagen bedauerlicherweise.
-
-Beispiel 2: I, 32, W. 37. Zwei so beschaffene Zahlen zu finden, dass
-ihre Summe 20 und die Differenz ihrer Quadrate 80, (auch diese Aufgabe
-ist allgemein gestellt und wird am Beispiel allgemein gelöst).
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-Wir setzen die Differenz beider Zahlen 2x, so wird die grössere x + 10,
-die kleinere 10 - x betragen. Nun ist noch zu bewirken, dass die
-Differenz ihrer Quadrate 80 ist, sie ist aber 40x, also die grössere
-12, die kleinere 8.
-
-II, 9. W. 52. Zweite Lösung der Aufgabe eine gegebene Quadratzahl (16),
-in zwei Quadrate zu zerlegen.
-
-x sei die eine Seite, die andere gleich einem um die Seite des
-gegebenen Quadrats verminderten ¨beliebigen¨ Vielfachen von x, etwa
-2x - 4, x = 16/5, y = 12/5.
-
-Zu dieser Aufgabe bemerkt ¨Fermat¨ am Rand:
-
-Dagegen ist es ganz unmöglich, einen Kubus in zwei Kuben, ein Biquadrat
-in 2 Biquadrate und ¨allgemein irgend eine Potenz ausser dem Quadrat
-in zwei Potenzen von demselben Exponenten¨ zu zerfällen. Hierfür habe
-ich einen ¨wahrhaft wunderbaren Beweis¨ entdeckt, aber der Rand ist zu
-klein ihn zu fassen. --
-
-M. H. es gibt seit 200 Jahren wohl keinen wirklichen Mathematiker, der
-nicht versucht hatte, den ¨Fermatschen Satz¨ zu beweisen, aber es ist
-selbst ¨Euler¨, ¨Dirichlet¨ und ¨Kummer¨ nicht gelungen. Kummer hat
-mit der ad hoc geschaffenen Theorie der idealen Primzahlen den Satz
-bewiesen, mit Ausnahme der sogn. ¨Bernoullischen¨ Zahlen. Aber dass
-Fermat sich getäuscht habe, ist beinahe ausgeschlossen.
-
-III, 22. Vier Zahlen der Beschaffenheit zu finden, dass das Quadrat
-ihrer Summe ein Quadrat bleibt, wenn jede der vier Zahlen zu ihm
-addiert oder von ihm subtrahiert wird.
-
-D. h. also s^2 ± x; s^2 ± y; s^2 ± z; s^2 ± u sollen Quadrate sein.
-
-Ich gebe die Lösung dieser wahrlich nicht leichten Aufgabe, die sich
-zu stellen schon Mut erfordert, nach Wertheim 110 ff., sie hat wie der
-Zusatz Fermats beweist sein Interesse in hohem Grade erregt und ihn
-u. a. zu dem Satz geführt: eine Primzahl von der Form 4n + 1 ist nur
-einmal Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks, ihr Quadrat ist es
-zweimal, ihr Kubus dreimal, ihr Biquadrat viermal usw. in inf. Lösung:
-In jedem rechtwinkligen Dreieck bleibt das Quadrat über der Hypotenuse
-ein Quadrat, wenn man das doppelte Produkt beider Katheten zu demselben
-addiert oder subtrahiert. Daher suche ich zunächst vier rechtwinklige
-Dreiecke mit gleichen Hypotenusen; das ist aber dasselbe wie die
-Aufgabe: ein beliebiges Quadrat viermal in je 2 Quadrate zu teilen und
-wir haben schon (II, 10) gelernt, ein gegebenes Quadrat auf unzählig
-viele Arten in zwei Quadrate zu zerlegen.
-
-Wir nehmen also zwei rechtwinklige Dreiecke, deren Seiten in den
-kleinsten Zahlen ausgedrückt sind, wie etwa 3, 4, 5 und 5, 12, 13.
-Multiplizieren wir jetzt alle Seiten eines jeden mit der Hypotenuse des
-andern, so wird das erstere die Seiten 39, 52, 65 haben und das zweite
-die Seiten 25, 60, 65, und wir erhalten zwei rechtwinklige Dreiecke mit
-gleichen Hypotenusen.
-
-Ihrer Natur nach lässt sich ferner die Zahl 65 in je 2 Quadrate zweimal
-zerfällen, nämlich in 16 und 49 sowie in 64 und 1. ¨Dies rührt daher,
-dass 65 durch Multiplikation von 13 und 5 entsteht von denen jede sich
-in 2 Quadrate zerlegen lässt.¨ [: (a^2 + b^2)(c^2 + d^2) = (ac + bd)^2
-+ (ad - bc)^2 = (ad + bc)^2 + (ac - bd)^2, diese Formel aus der
-Theorie der quadratischen Formen, das ist die Quelle der Aufgabe]. Ich
-nehme nun die Seiten der Quadrate 49 und 16 nämlich 7 und 4 und bilde
-vermittelst dieser das rechtwinklige Dreieck, dasselbe hat die Seiten
-33, 56, 65 [a^2 - b^2; 2ab; a^2 + b^2]. Ebenso nehme ich die Seiten
-der Quadrate 64 und 1 nämlich 8 und 1, das rechtwinklige Dreieck hat
-die Seiten 16, 63, 65. Nun habe ich vier rechtwinklige Dreiecke mit
-gleichen Hypotenusen.
-
-Indem ich jetzt zu der ursprünglich gestellten Aufgabe schreite,
-setze ich die Summe der 4 gesuchten Zahlen gleich 65x, jede einzelne
-derselben aber gleich x^2 mit einem Koefficienten, der das Vierfache
-der Fläche eines der 4 Dreiecke ist [2ab], also die erste Zahl gleich
-4056 x^2, die zweite gleich 3000 x^2, die dritte gleich 3696 x^2, die
-vierte gleich 2016 x^2. Es ist dann die Summe der vier Zahlen 12768
-x^2 = 65 x, und daraus ergibt sich x = 65/12678. Daher werden die vier
-Zahlen Brüche mit dem gemeinschaftlichen Nenner 163021824 sein und zwar
-hat die erste Zahl den Zähler 17136600, die zweite 12675000, die dritte
-15615600, die vierte 8517600.
-
-Diese Aufgabe gehört mit zu denen, welche es am begreiflichsten
-erscheinen lassen, dass ein Mathematiker solchen Ranges von einem
-Zeitalter des Verfalles nicht mehr begriffen wurde.
-
-IV, 11. x^3 + y^3 = x + y. Diophant findet durch ein Verfahren, dass
-nur zu begreifen ist, wenn man annimmt, dass er die allgemeine Lösung x
-= ±(1 - k^2)/((1 + k)^2 - k); y = ±(1 + 2k)/((1 + k)^2 - k) kannte, x =
-5/7; y = 8/7, er setzte k = 1/4 in der ersten (+) Lösung und nicht wie
-Wertheim S. 129 angibt k = 1/2; (auch k = -3/2 in der zweiten negativen
-Lösung ist richtig), merkwürdig ist, dass auch x = 3/7 und y = 8/7
-eine richtige Lösung ist, da 4 - 4p + 2r = o ist. V 34, W. 233: Drei
-Quadratzahlen zu finden, so dass das Produkt derselben, wenn es um jede
-der Zahlen vermehrt wird, ein Quadrat bildet.
-
-Wir setzen u^2v^2w^2 = x^2 und suchen dann drei Quadrate, von denen
-jedes, wenn es um 1 vermehrt wird, wieder ein Quadrat gibt. Das kann
-vermittels jedes rechtwinkligen Dreiecks geschehen. Ich wähle also drei
-rechtwinklige Dreiecke 3, 4, 5; 5, 12, 13; 8, 15, 17; so wird das eine
-Quadrat 9/16 x^2, das zweite 25/144 x^2, das dritte 64/225 x^2 sein,
-und jedes derselben bleibt ein Quadrat, wenn es um eins vermehrt wird.
-Nun soll noch das Produkt der drei Zahlen gleich x^2 sein. Das Produkt
-ist aber 14400/518400 x^6. Das soll gleich x^2 sein. Wird alles durch
-x^2 dividiert so folgt 14400/518400 x^4 = 1, also 120/720 x^2 = 1.
-Nun ist die Einheit eine Quadratzahl. Wenn daher auch 120/720 x^2 ein
-Quadrat wäre, so würde die Aufgabe gelöst sein. Dem ist aber nicht so.
-
-Diophant führt die Aufgabe nicht durch, seine Lösung ist 25/4;
-256/81; 9/16. Die Aufgabe ist von ¨Fermat¨ wieder hergestellt.
-Diophant nimmt drei rechtwinklige Dreiecke a_{1} b_{1} c_{1};
-a_{2} b_{2} c_{2}; a_{3} b_{3} c_{3} und setzt u = a_{1}/b_{1}
-x; v = a_{2}/b_{2} x; w = a_{3}/b_{3} x. Dann hat man nur noch
-zu sorgen, dass (a_{1}a_{2}a_{3})/(b_{1}b_{2}b_{3}) oder auch
-a_{1}a_{2}a_{3}b_{1}b_{2}b_{3} gleich a_{1}b_{1}a_{2}b_{2}a_{3}b_{3}
-eine Quadratzahl ist, was keine Schwierigkeit macht.
-
-VI 3. Ein rechtwinkliges Dreieck zu finden, so dass die Zahl, welche
-den Flächeninhalt ausdrückt, eine Quadratzahl wird, wenn sie um eine
-gegebene Zahl vermehrt wird.
-
-Diese recht schwierige Aufgabe ist in Wertheim S. 256 und 257 allgemein
-und ihre Erweiterung durch ¨Vieta¨ (Zetetica V, 9) angegeben.
-
-VI 26. Die letzte Aufgabe Diophants: Ein rechtwinkliges Dreieck von der
-Beschaffenheit zu finden, dass die eine seiner Katheten ein Kubus, die
-andere die Differenz zwischen einem Kubus und seiner Seite, und die
-Hypotenuse die Summe eines Kubus und seiner Seite sei.
-
-Hypotenuse x^3 + x, Kathete x^3 - x, die andere ist dann 2x^2 und soll
-gleich einen Kubus sein. Es sei 2x^2 = x^3, so ist x = 2, also ist 6,
-8, 10 eine Lösung.
-
-An die Weiterführung dieser Aufgabe durch ¨Bachet¨ hat ¨Fermat¨ eine
-Reihe wichtiger zahlentheoretischer Sätze geknüpft, wie z. B. x^4 ± y^4
-ist niemals ein Quadrat, und n(n + 1)/2 nur wenn n gleich 2 ist gleich
-p^2, welche beide von Euler bewiesen sind. (Werth. S. 294.)
-
-Die Schrift über die Polygonalzahlen, so interessant sie an sich ist,
-steht doch an Bedeutung der Arithmetik unvergleichlich nach, so dass
-ich auf sie nicht näher eingehe, wertvoller als sie sind ¨Fermats¨
-Anmerkungen.
-
-Die Beispiele aus der Arithmetik genügen, um zu zeigen, wie gross
-Diophant als Arithmetiker dasteht, dabei ist er, soweit unsre Kenntnis
-bis jetzt reicht, fast ohne Vorläufer, von dem einzigen Heron etwa
-abgesehen. Nikomachos verschwindet gegen Diophant vollständig, und
-sein Ruhm beruht nur darauf, dass sein Verständnis verglichen mit
-Diophant nur die geringe Bildung erforderte, welche sich in den Stürmen
-der Völkerwanderung mit ihren politischen und religiösen Umwälzungen
-erhalten konnte.
-
-[Sidenote: Pappos aus Alexandria.]
-
-Von dem letzten und grössten Arithmetiker der Hellenen gehen wir
-zu ihrem letzten grossen Geometer zurück, zu ¨Pappos¨, auch er
-Alexandreus. Auch von seinen Lebensverhältnissen wissen wir so gut
-wie nichts, doch macht die Äusserung des Proklos ὁι περι Ἡρωνα και
-Παππον es wahrscheinlich, dass er als Lehrer in Alexandrien tätig war
-und das wird noch mehr als durch diese immerhin der Auslegung fähige
-Stelle, durch den Inhalt und Zweck seines Hauptwerkes gesichert,
-das ganz und gar in der Absicht geschrieben ist, Studierenden eine
-richtige und tüchtige Ausbildung für reine und angewandte Mathematik
-zu sichern. Auseinandersetzungen wie die über Analysis und Synthesis,
-Kritiken, wie die allerdings nicht ganz gerechtfertigte, über das
-Näherungsverfahren zur Lösung des Delischen Problems (III, Anfang),
-die Auswahl der Schriften, an die er seine eigenen Lemmata anknüpft,
-zeigen hohes pädagogisches Interesse und Erfahrung. ¨Hultsch¨ und
-¨Cantor¨ setzen seine Lebenszeit auf das Ende des dritten Jahrhunderts,
-gestützt auf eine Notiz, auf welche der bekannte Philologe ¨Usener¨
-hingewiesen hat, dass er unter Diokletian gelebt habe. Für diese
-Datierung spricht der ganze Inhalt seiner Werke, insbesondere zeigt
-das höchst lebhafte Interesse, das er für Sphärik und Astronomie,
-speziell für Klaudios Ptolemaios bekundet, dass er nicht mehr als etwa
-100 Jahre nach diesem anzusetzen ist. Zur Syntaxis und zwar höchst
-wahrscheinlich zur ganzen und nicht nur zu den vier ersten Büchern hat
-er einen Kommentar (Scholion) geschrieben, von dem ein Teil, der sich
-auf das 5. und 6. Buch bezieht, in der an Schätzen reichen Laurentiana
-zu Florenz gefunden und eine Einleitung, welche die Dimensionen der
-Erde, Umfang und Inhalt behandelt und eine Definition der Astronomie
-gibt im Vaticanus 184. Hultsch macht es im hohen Grade wahrscheinlich,
-dass der Ptolemaios-Kommentar des von nur öfter erwähnten ¨Theon¨ von
-Alexandrien, etwa 100 Jahre später, wesentlich aus dem des Pappos
-geschöpft sei.
-
-¨Pappos¨ hat auch Kommentare zu den Daten und den Elementen des
-Euklid geschrieben, von denen Fragmente bei ¨Eutokios¨ und ¨Proklos¨
-erhalten sind, und die auch von ¨Marinos¨ aus ¨Neapolis¨ (Sichem in
-Palästina), einem Schüler und Nachfolger des Proklos im Rektorat der
-Akademie, dem wir die Erhaltung von Euklids Daten verdanken, erwähnt
-werden. Ich nenne hier Friedl. S. 249-50 den Beweis der Gleichheit der
-Basiswinkel im gleichschenkligen Dreieck, weil der auf die Symmetrie
-des gleichschenkligen Dreiecks begründete Beweis meist ¨Bolzano¨
-(Betrachtungen etc. p. 17 § 25) zugeschrieben wird, der Quellenangaben
-noch nicht für erforderlich hielt. Der Beweis bei Proklos zeigt
-allerdings, dass auch ¨Pappos¨ den leitenden Grundsatz des Euklid, die
-dritte Dimension in der Planimetrie zu vermeiden, nicht recht erfasst
-hat.
-
-[Sidenote: Pappos, Collectiones.]
-
-Erhalten ist uns, obwohl nirgends von den späteren hellenistischen
-oder römischen Autoren erwähnt, sein Hauptwerk die Synagoge (συναγωγή,
-nicht συναγωγαι) in 8 Büchern, von denen das erste und ein grosser
-Teil des zweiten verloren ist. Die Reste des zweiten Buches hat
-1688 ¨Wallis¨ herausgegeben. Unter dem Titel: Pappi Alexandrini
-mathematicae collectiones hat ¨Federico Commandino¨ 1588 die Bücher
-3-8 lateinisch herausgegeben, wie alle Arbeiten dieses Mannes für
-ihre Zeit ausgezeichnet. Die einzige Gesamtausgabe Griech. und Lat.
-hat ¨Fr. Hultsch¨ 1876-78 geschaffen, sie ist geradezu vorbildlich
-geworden, ¨Cantor¨ sagte in der Besprechung des letzten Bandes
-(Cantor-Schlömilch 1873): Hultsch hat uns mit einer klassischen
-Ausgabe eines klassischen Schriftstellers beschenkt. An dem index
-graecitatis, der 125 enggedruckte Seiten umfasst, hat er ein ganzes
-Jahr lang gearbeitet, nachdem er viele Jahre auf die Collation der
-Codices verwandt hat und im Vaticanus graecus 218 aus dem 12. Jahrh.
-den Archetyp sämtlicher anderen festgestellt hatte. Rudio nennt den
-Index geradezu ein Lehrbuch der griechischen mathematisch-technischen
-Sprache. Die Verdienste des am 6. April 1906 verstorbenen Philologen
-um die Geschichte der Mathematik hat ¨F. Rudio¨, Eneström Ser. III,
-Bd. VIII meisterlich geschildert, und in diesem Nachruf findet sich
-auch eine Analyse der Synagoge (= Sammlung), welche an Klarheit nichts
-zu wünschen übrig lässt, und die einfach abzuschreiben vielleicht
-das zweckmässigste wäre. Trotz dessen halte ich es angezeigt, was
-ich 1903 gesagt, hier zu wiederholen. Die Sammlung des ¨Pappos¨
-ist für uns die Hauptquelle der griechischen Geometrie, sie zeigt,
-dass Pappos einerseits im höchsten Grade literarisch gebildet war
-und vielleicht noch vor oder zur Zeit ¨Caracallas¨ anzusetzen wäre,
-andererseits aber selbst ein produktiver Geometer von hohem Range
-war, wie z. B. seine Quadrierung des von der sphärischen Spirale
-abgeschnittenen Stück der Halbkugel (Hultsch S. 682) und seine Lösung
-der Proprosition 43 des IV. Buches zeigen. Insbesondere ist schon so
-ziemlich die ganze ¨Steinersche¨ Geometrie, die Arbeiten Steiners über
-Isoperimetrie eingeschlossen, in nuce bei Pappos zu finden, vor allem
-der grundlegende Satz von der Constanz des anharmonischen Verhältnisses
-und die vollständige Theorie der Involution. Die im Altertum so viel
-umworbene Lehre von den Proportionen id est die Auflösung der Gleichung
-ersten Grades hat er unter einem einzigen einfachen Gesichtspunkt
-dargestellt. Er gibt den Inhalt fast aller bedeutenden mathematischen
-Werke bis auf seine Zeit mit grosser Gewissenhaftigkeit und unter
-Angabe der Namen und hat uns so, wie wir ja gesehen haben, in Stand
-gesetzt, eine ganze Anzahl verlorener Werke der Heroen entweder ganz
-oder teilweise zu rekonstruieren. Ich nenne nur die Porismata und die
-Topoi pros Epiphaneian des Euklid, das 8. Buch der Konika und das
-Taktionsproblem des Apollonios, die Schrift des Zenodoros über die
-Isoperimetrischen Figuren, die Archimedischen halbregulären Körper
-etc. Höchst wichtig ist auch, dass wir durch ihn in Stand gesetzt
-sind, die Arabischen Quellen auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen, wobei
-sich die ersten islamitischen Jahrhunderte als durchaus zuverlässig
-erwiesen haben, z. B. für die Mechanik des Heron, die Wahlsätze des
-Archimedes. Dabei begleitet er diese Schriften überall mit wertvollen
-eigenen Bereicherungen. Im VI. Buch sehen wir, wie tief die Griechen
-auch in die Theorie der krummen Flächen eingedrungen waren, bei der
-stereometrischen Erzeugung der Quadratrix, die an ¨Archytas¨ erinnert
-aber weit über ihn hinausgeht. Buch IV, Prop. 30 Hultsch p. 264 findet
-sich die Quadrierung der Spiralfläche, worauf ich schon in einem
-Frankfurter Vortrag hingewiesen habe.
-
-[Sidenote: Kugelspirale.]
-
-Wie man einsieht, dass in der Ebene eine Spirale erzeugt (γινομένη
-ist durch existere nicht sinngemäss wiedergegeben) wird wenn ein
-Punkt sich auf einem, einen Kreis beschreibenden Strahl bewegt und
-in der Stereometrie [z. B. auf den Cylinder- oder Kegelflächen ist
-unnötige Konjektur von H.] wenn ein Punkt sich auf einer die Oberfläche
-beschreibenden Kante bewegt, so lässt sich auch eine auf der Kugel sich
-ergebende Spirale begreifen, beschrieben auf folgende Weise.
-
-Auf einer Kugel gehöre zum Pol Θ der grösste Kreis ΚΛΜ und von Θ aus
-soll der Viertelkreis eines Hauptkreises ΘΝΚ beschrieben worden sein
-und der Kreis ΘΝΚ, um den ruhenden [Punkt] Θ auf der Oberfläche [der
-Kugel] gedreht, möge in sich selbst wieder zurückversetzt worden sein
-und irgend ein Punkt auf demselben von Θ aus in Bewegung gesetzt, möge
-nach Κ gelangt sein; er beschreibt nun auf der Oberfläche eine gewisse
-Schneckenlinie wie es ΘΟΙΚ ist, und welchen Umfang eines grössten
-Kreises man auch von Θ aus beschreiben möge, so hat er zum Bogen ΚΔ
-das Verhältnis, welches ΘΔ [siehe Figur] zu ΘΟ hat. Ich behaupte nun,
-dass wenn ausserhalb [nämlich als Nebenfigur] der Quadrant ΔΒΓ eines
-Hauptkreises auf der Kugel gelegt wird um das Zentrum Δ und [die
-Sehne] ΓΔ gezogen wird, so geht daraus hervor [der Satz]: wie die
-Halbkugel [sich] zu [dem] zwischen der Spirale ΘΟΙΚ und dem Bogen ΚΝΘ
-abgeschnittenen [Stück der Kugel]fläche [verhält], so der Sektor ΑΒΓΔ
-zu dem Segment ΑΒΓ.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Pappos'sche Aufgabe.]
-
-Der Beweis, dass die Fläche (2π - 4)r^2 ist, kann mit Integralrechnung
-ohne weiteres geführt werden, aber der Beweis des Pappos, obwohl
-an Archimedes gebildet, ist doch ein beredtes Zeugnis für seine
-Veranlagung. Das IV. Buch und die im VII. Buch gegebene »¨Guldin¨sche«
-Regel: das Volumen des Rotationskörpers ist gleich dem Produkt der
-Meridianfläche in den Weg ihres Schwerpunktes zeigt uns, dass die
-Griechen in der Theorie der krummen Oberfläche ungefähr so weit
-gekommen sind, wie wir durch Euler und Gauss; vermutlich infolge
-verlorener Werke insbesondere von Archimedes und Apollonios (περι
-κοχλιου). Ebenfalls im VII. Buch, dem bedeutsamsten für die Wertung
-des Pappos als Geometer, löst er die sogen. ¨Castillon¨sche Aufgabe,
-ein Dreieck zu konstruieren, dessen Seiten durch je einen festen Punkt
-gehen und das einem gegebenen Kreise einbeschrieben ist, die später von
-¨Giordano da Ottajano¨ auf ein beliebiges n-Eck erweitert wurde, in
-dem speziellen Falle, dass die drei Punkte auf einer Geraden liegen.
-Hier im VII. Buch kommt er bei Besprechung des Ortes zu drei und vier
-Geraden (Apollonios) auf die noch heute nach ¨Pappos¨ benannte Aufgabe:
-wenn eine Anzahl Geraden gegeben sind, den Ort des Punktes zu bestimmen
-der so beschaffen ist, dass die von ihm nach den Geraden unter
-gegebenen Winkeln gezogenen Strecken in zwei Gruppen eingeteilt werden
-können, so dass die Produkte der Gruppen ev. mit Wiederholung oder mit
-gegebenen Hilfsfaktoren, zu einander ein bestimmtes Verhältnis haben.
-Dabei ist die Bemerkung wesentlich, dass wenn die Zahl der Linien 6
-übersteigt, eins oder beide Produkte keinen geometrischen Sinn haben,
-aber »οι βραχύ προ ημών«, die kurz vor ihm lebenden Mathematiker,
-interpretierten ihn. Die Aufgabe wird dann für beliebig viele Geraden
-von Pappos völlig als geometrisch klare aufgestellt. Und nun fügt er
-hinzu: weil er sich (der ungenauen Arbeiten) seiner Vorgänger schäme
-und selbst sehr viel Wertvolleres und Nützliches bewiesen habe, und
-um zu zeigen, dass wenn er dieses von sich »ausposaune« (φθεγξάμενος)
-er kein leerer Prahler sei, gibt er die »¨Guldin¨sche Regel«. Die
-Buchstabenrechnung im Rest des zweiten Buches ist schon bei Apollonios
-erwähnt; wir können den Eindruck der Synagoge des ¨Pappos¨ dahin
-zusammenfassen, dass wir jedenfalls in der Geometrie nicht wesentlich
-über die Griechen hinausgelangt sind, selbst die Konstruktionen mit
-¨einer¨ Zirkelöffnung, die sogen. ¨Mascheroni¨-Konstruktionen finden
-sich bei Pappos.
-
-[Sidenote: Niedergang der Hellenischen Kultur.]
-
-Mit Pappos und Diophant endet die Entwicklung der Hellenischen
-Mathematik jäh und in den folgenden Jahrhunderten sind es nur einige
-wenige Kommentatoren, deren ich schon im Laufe der Vorlesung wiederholt
-gedacht habe, welche noch ein Verständnis für die Leistungen der
-Vorfahren besassen und übermittelten. Da war aus dem 4. Jahrh.
-¨Theon¨ von ¨Alexandrien¨ und seine Tochter ¨Hypatia¨ zu nennen, aus
-dem fünften ¨Proklos¨, dessen produktive Befähigung nach dem Beweis
-des Parallelenaxioms und der wirren Kosmologie in keinem günstigen
-Lichte erscheint. Im 6. Jahrh. sammelte sich um den Baumeister der
-Sophienkirche in Konstantinopel ¨Isidoros von Milet¨ eine Schar
-eifriger Freunde der Mathematik, aus der ¨Eutokios¨ von ¨Askalon¨,
-der Kommentator des Archimedes und Apollonios auch als Mathematiker
-hervorragt. Ebenfalls im 6. Jahrh. lebte ¨Simplikios¨, der wichtigste
-Kommentator des Aristoteles, dessen wir bei den Lunulae Hippocratis
-gedachten. Er gehörte zu den Lehrern der Akademie Athen, welche mit
-dem Rektor ¨Damaskios¨ nach Persien zu Kosroë wanderten und Euklid
-zu den Persern und damit zu den Arabern brachten. Nicht unbedeutende
-Spuren einer Eukliderklärung des Simplikios hat uns ¨Al-Neirizi¨
-aufbewahrt. Von da ab sank das Hellenentum rapide; hatten schon vom 4.
-Jahrhundert ab Christentum, Völkerwanderung, das im Gegensatz zu dem
-auf freie Individualität der Gebildeten gegründeten Hellenismus, mit
-einen starken Tropfen demokratischen Öles gesalbte Cäsarentum höchst
-ungünstig eingewirkt, so wurden von nun ab die Hellenen in Asien
-geistig von den Moslimen und in Europa geistig und körperlich von den
-Slaven aufgerieben. Aber meine Aufgabe ist es nicht den Untergang der
-Götter Griechenlands zu schildern.
-
-[Sidenote: Römer.]
-
-Ich müsste mich nun zu den Römern wenden, aber Rom hat eine Kultur im
-hellenischen Sinne nie besessen. Ihre Verdienste um die praktischen
-Wissenschaften, um das bürgerliche Recht und das Verwaltungsrecht,
-sind gewiss nicht zu unterschätzen. Ist doch das Napoleonische Préfet
-und Souspréfet noch heute nichts anderes als der römische Prätor und
-Proprätor. Als Wegebauer haben die Römer ihresgleichen nicht gehabt,
-und gross stehen sie in Kriegs-Kunst und -Wissenschaft da. Aber auf
-geistigem Gebiet besteht ihr Verdienst darin den konzentrierten
-griechischen Geistesextrakt so verwässert zu haben, dass Germanen und
-Kelten ihn in dieser Form vertragen und assimilieren konnten, und so in
-jener grossen Epoche, die wir ¨Renaissance¨ nennen, für das wirkliche
-Hellenentum empfänglich wurden.
-
-Das einzige Gebiet der Mathematik, auf dem die Römer eine gewisse, wenn
-auch stark von Ägypten beeinflusste Selbständigkeit zeigten, war die
-Feldmesskunst, aber die römischen Agrimensoren oder wie sie nach ihrem
-ziemlich rohen Massinstrument hiessen, ¨die Gromatiker¨ hat ¨M. Cantor¨
-in seinen Agrimensoren und daraus in seinen Vorlesungen erschöpfend
-behandelt.
-
-[Sidenote: Schluss.]
-
-Ich ziehe es vor, hier am Schluss noch einmal auszusprechen, dass über
-die Hellenen hinaus nur der eine ¨Galilei¨ einen wahrhaft weittragenden
-neuen Gedanken in die mathematische und philosophische Erkenntnis
-der Natur hineingetragen hat, als er durch schärfere Erfassung des
-Kontinuitätsproblems zur Geschwindigkeit die Beschleunigung, zur Statik
-die Dynamik hinzufügte.
-
-Zur Stütze meiner Ansicht zitiere ich aus dem Briefe ¨R. Baltzers¨ an
-¨F. Hultsch¨ (Hultsch Pap. p. 1231-32) die Stelle: »Sie werden staunen
-über diese Leistung der Griechen: ich bin auch nicht wenig erstaunt,
-als ich diese Wahrnehmung machte, um so mehr als dies wirkliche
-»analytische« Geometrie ist. Aber die Griechen dürfen dieselbe
-doch nicht gehabt haben, sonst hätte Descartes die Erfindung der
-analytischen Geometrie nicht machen können!«
-
-(Heute nach Auffindung des Ephodion kann man diesen Satz noch einmal
-hinschreiben, und statt »analytische Geometrie« Differentialrechnung
-setzen und für »Descartes« Newton oder wen man sonst will.)
-
-Und damit m. H. glaube ich meine Aufgabe gelöst zu haben.
-
-
-
-
-Nachwort.
-
-
-Um die starke Betonung der Hellenischen Philosophie zu motivieren,
-möchte ich hier nachträglich noch den folgenden Eröffnungsvortrag
-hinzufügen.
-
-Meine Herren! Wenn ich Hellenische Philosophie und Mathematik
-gewissermassen in ¨einen¨ Begriff zusammengezogen habe, analog
-dem Mittelalterlichen Musica et Arithmetica, so rechtfertigt
-sich dies dadurch, dass gerade in der schöpferischen Periode der
-griechischen Philosophie und Mathematik, von Thales an bis Aristoteles
-eingeschlossen, die beiden Wissenschaften nicht getrennt werden
-können und grade für die Elementare Mathematik, -- ich möchte sie die
-¨bildende¨ Mathematik nennen -- meines Erachtens nach bis auf den
-heutigen Tag nicht getrennt werden dürfen.
-
-Wenn ich nun systematischer Philosoph wäre, so müsste ich damit
-beginnen Ihnen des längeren und breiteren auseinanderzusetzen,
-was Philosophie ist, aber m. H., in Scheffels Ekkehard sagt der
-Hunnenführer auf die Frage was Philosophie sei: es ist auf hunnisch
-schwer zu erklären. So will auch ich mich kurz fassen und nur sagen,
-dass ich in der Philosophie die Methode sehe die Welt der äusseren
-und inneren Erfahrung in ihrer ¨Notwendigkeit¨ zu begreifen, oder wie
-Spinoza sagt, diese Welt zu erfassen sub specie aeterni. ¨H. Cohen¨
-bezeichnet in seiner grossartigen Ethik des reinen Willens von 1901,
-welche in 5 Jahren die zweite Auflage erlebt hat, die Aufgabe der
-Philosophie dahin: die Wissenschaft selbst und die Kultur überhaupt
-zum Verständnis ihrer Voraussetzung zu bringen. Dabei ist unter Kultur
-allerdings etwas anderes zu verstehen als die »Bezwingung der rohen
-Energie der Natur für die Nutzbarmachung unserer Kräfte«. Kultur ist
-viel mehr; alle drahtlose Telegraphie, Röntgenstrahlen und Luftballons,
-geben noch keine Gesittung, welche im wesentlichen in der Freimachung
-der ethischen Werte besteht, darin, dass im einzelnen, und gerade
-über je mehr Kräfte er verfügt um so stärker, das Bewusstsein seiner
-Verantwortlichkeit der Allgemeinheit gegenüber, gegenüber dem Staate
-und der Menschheit geweckt und ausgebildet wird.
-
-Der von mir betonte Gesichtspunkt der Notwendigkeit, das Streben
-nach zwingender Folgerichtigkeit, ist es gerade was Mathematik und
-Philosophie verbindet, und von Anfang bis Ende die Mathematik zum
-Hauptgegenstand philosophischer Betrachtung gemacht hat, wenigstens
-soweit es sich um den ältesten ihrer Hauptzweige, die Erkenntnistheorie
-handelt. Erst viel später hat sich die Methode, das heisst die
-Zusammenfassung grosser Gruppen von Erkenntnissen unter einen
-Gesichtspunkt, den Trieben und Gesetzen des menschlichen Handelns
-zugewandt, es musste erst die Theorie der Unsittlichkeit, wie sie
-von den Sophisten ausgebildet war, praktisch in dem Regiment der 30
-Tyrannen und theoretisch durch Sokrates zerstört werden, es musste und
-zwar zumeist bei den Römern eine juristische Wissenschaft erwachsen,
-ehe eine systematische Philosophische Ethik, insbesondere bei den
-Stoikern möglich wurde. Freilich findet sich eine wissenschaftliche
-Behandlung der Ethik, die sich aber nur auf einzelne Fragen, wie
-Tugend, Gerechtigkeit, Freundschaft bezieht, schon bei Platon und
-nicht minder bei Aristoteles und vor beiden schon bei Demokrit. Was
-uns von den sogenannten 7 Weisen -- es sind ihrer beiläufig gesagt,
-wenn man nachzählt 22 -- überliefert ist, sind meistens sprichwörtliche
-oder besser »geflügelte« Worte, welche sich auf vernunftgemässes
-praktisches Handeln beziehen, wie das bekannte des Chilon oder Solon
-»μηδέν άγαν, Alles mit Mass«; und »Ηρεμια χρω, Nutze die Zeit;« das
-Delphische »γνωθι σαυτον, Erkenne dich selbst.« »Mit der Notwendigkeit
-kämpfen auch die Götter vergebens.« (Schiller hat die Anagke durch die
-»Dummheit« ersetzt, die ja auch Zwangsvorstellungen liefert). Periander
-und Hesiod haben beide den Spruch geliefert: das Halbe ist mehr als das
-Ganze, was besonders für Festreden zu beherzigen wäre. Aber auch die
-grossen Dichter der Hellenen wie Homer und besonders Hesiod erkannten
-es an, dass der Mensch zum Unterschied vom Tier sittlichen Gesetzen
-untertan sei. Ich zitiere nach der Übersetzung von ¨F. Blass¨ aus
-Hesiod die Stelle:
-
- Also hat ja den Menschen bestimmt der Kronide die Satzung: Zwar den
- Fischen und Tieren des Felds und geflügelten Vögeln Setzt er einander
- zu fressen, denn Recht ist nicht unter ihnen. Aber den Menschen
- verlieh er das Recht.
-
-Der dritte Zweig der Philosophie ist ganz modern, die Philosophie
-der Kunst, welche die allgemeinen und notwendigen Gesetze des
-Ästhetisch-Wirksamen aufzustellen hat. Die Poëtik des Aristoteles
-ist eigentlich mehr eine Technologie für den Dichter, der Laokoon
-Lessings legt praktisch den Unterschied zwischen der bildenden und
-beschreibenden Kunst fest. Erst bei Kant, Schiller, der gerade hier
-seine selbständige Stellung als Philosoph, Vischer und vor allem bei
-Schopenhauer haben wir eine reine Ästhetik.
-
-Hängen Mathematik und Philosophie in und durch den Trieb ihren
-Gegenstand unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit zu fassen, also
-so recht in der Wurzel zusammen, so sehen wir beide in ihren Anfängen
-mit der Theologie auf das innigste verwachsen. Bei den Indern ist wie
-im europäischen Mittelalter, die Philosophie aus dieser Verbindung
-eigentlich nie gelöst worden, so tiefsinnig auch die philosophischen
-Gedanken gerade der indischen Theologen sind, da man den Buddhismus in
-seiner reinen Form eigentlich geradezu als ein philosophisches System
-bezeichnen könnte. Der Druck, den das Unendliche auf das Endliche
-ausübt, die Übermacht der kosmischen Erscheinungen, denen der Mensch
-hilflos, machtlos, gefesselt, religatus gegenübersteht, erzeugen
-das religere, die ehrfurchtsvolle Achtung, die Religion, und die
-Welt bevölkert sich mit Personifikationen der Naturkräfte, wie denn
-Zeus, der Nationalgott der Hellenen, wie ursprünglich aller Arier,
-die Personifikation des Tageslichtes ist. Bei den rohen Naturvölkern
-wie z. B. auch ursprünglich bei den Ägyptern entwickelt sich der
-Fetischdienst, dann bei den begabteren eine Mythologie und im Laufe
-der Zeit eine Theologie, welche nichts anders ist als eine untrennbare
-Verbindung der Religion mit der Philosophie. Ich wage zu sagen, dass
-die Religion bis auf den heutigen Tag die einzige Form ist, in der die
-ethischen Errungenschaften der Philosophie dem Volke nutzbar gemacht
-werden können, von den 10 Geboten der Israeliten, dem tat twam asi,
-dieses [Andere] bist du, der Inder, bis zu dem »Liebe deinen Nächsten
-wie dich selbst« des Christentums. Und auch für die Mathematik, die
-angewandte wie die reine, ist der mit der Ausbildung der Theologie
-sich entwickelnde Gottesdienst von höchster Bedeutung gewesen, Kultus
-und Kultur sind nicht nur wortverwandt. Der Dienst der die Welt
-regierenden Gottheit, die Formen in denen der Mensch seine Unterwerfung
-unter die Götter zum Ausdruck bringt, ihre Gunst zu erringen, ihren
-Zorn abzuwenden sucht, Opfer und Gebet, sind hervorgerufen durch
-die unbewusste Erkenntnis, dass der einzelne und wäre er der König
-der Allheit untersteht, und in eben dieser Erkenntnis sahen wir das
-Wesen des Sittlichen. Der Tempel der Gottheit muss orientiert werden,
-das Eigentum das sie schützt, wenn es im Schweisse des Angesichts
-erworben (Gesetze des Manu), muss abgegrenzt, vermessen werden. Die
-Astronomie der Babylonier steht in engster Beziehung zur religiösen
-Verehrung der Gestirne, die wichtigen Probleme der Flächenmessung und
-Vervielfältigung und der Würfelverdoppelung knüpfen bei Indern und
-Griechen unmittelbar an das Opfer an, ebenso wie das arithmetische
-Problem der Zahlenzerlegung in Quadrate ein uralt chaldäisches ist,
-das mit der Zahlenmystik, selbst ein Ausfluss astrologischen Kultus,
-gesetzt ist.
-
-Eine weitere Verbindung zwischen Philosophie, Mathematik und Theologie
-besteht in ihrer gemeinsamen Beziehung zu Poesie und Kunst. Die älteste
-Poesie ist die religiöse, die Veden, die Edda, die Hymnen Homers, die
-Psalmen der Hebräer. Andrerseits haben Homer und Hesiod den Griechen
-zwar nicht ihre Götter aber doch ihren Olymp gegeben. Und an die
-religiösen Gedichte knüpfen die Lehrgedichte der Philosophen an, die
-schwungvolle Einleitung des Parmenideischen Lehrgedichts ist die
-Quelle von Goethes Zueignung. Ein grosser Dichter ist ohne eine grosse
-einheitliche Weltanschauung überhaupt nicht denkbar, und wie es Dichter
-gab welche Philosophen waren, ich nenne Schiller und Shakespeare, hat
-es auch Philosophen gegeben, welche Dichter waren, wie Platon und
-Schopenhauer.
-
-Ihrerseits steht auch die Mathematik, die reine wie die angewandte,
-in ganz direkter Beziehung zur dichterischen Phantasie und zur
-ästhetischen Schönheit. Ich sehe ganz von der grossen Bedeutung ab,
-welche Symmetrie und Eleganz für die Gebilde der Algebra und Geometrie
-haben, sondern verweise auf die Rolle, welche die schöpferische
-Phantasie für die Produktion der grossen Mathematiker gehabt und
-bemerke dass Perspektive und darstellende Geometrie von Künstlern
-wie ¨Alberti¨, ¨Leonardo¨, ¨Dürer¨, für die Kunst geschaffen sind.
-Ich erinnere auch an ¨Schiaparellis¨ Ausspruch: Das Grundprinzip
-aller Astronomischen Systeme von Pythagoras bis Kopernikus ist die
-Überzeugung von der Schönheit und Einfachheit des Kosmos gewesen.
-
-Und in der einzig dastehenden Befähigung für das Schöne liegt der
-Grund, warum gerade die Hellenische Philosophie und Mathematik der
-Träger der Bildung gewesen ist und sein wird. Wie die Hellenen
-politisch besiegt, das Barbarentum der Römer niedergezwungen, so
-hat in der Renaissance das erneute Hervorsprudeln der hellenischen
-Quellen das Mittelalter hinweggespült, und drei Jahrhunderte später ist
-es wieder das Hellenentum gewesen, welches verbunden mit dem tiefen
-sittlichen Ernst der Germanen im Neuhumanismus die seichte Periode,
-welche wir Aufklärungszeit nennen, überwunden hat, und ohne dass
-Kant und Goethe nicht zu verstehen sind. Denn auch die Schönheit der
-Wahrheit ist weder vorher noch nachher, je so tief empfunden worden,
-wie von dem Volke, für das das καλον καγαθον καλεθες, das Schöne,
-Gute, Wahre, ein einziger Begriff gewesen. Gerade in der Jetztzeit,
-in der die sich häufenden Entdeckungen auf physikalischem und
-chemischem Gebiete die Macht des Menschen und sein Selbstbewusstsein
-ins Ungemessene steigernd, eine rohe Anbetung des materiellen Genusses
-grossgezogen haben, da hat sich wieder der Hellenische Geist mächtig
-erhoben, der mit Platon, Aristoteles, Lessing das Streben nach der
-Wahrheit um der Wahrheit willen als das höchste als das befriedigendste
-Gut empfindet.
-
-M. H.! Das Gesetz der Kontinuität, wie es nicht nur die griechische
-sondern jede Wissenschaft beherrscht, gilt auch für die Hellenische
-Kultur. Von Anfang an durch die grosse Küstenentwicklung und die vielen
-Häfen ihres Landes auf das völkerverbindende Meer hingewiesen, haben
-sie regsamsten Geistes von den Ägyptern und durch Vermittlung der
-Phönizier von den Babyloniern gelernt und den Einfluss des Orients
-auf allen Gebieten des Wissens und der Kunst erlitten, aber ebenso
-sicher ist es, dass sie diese Einflüsse von Anfang an selbständig
-verarbeiteten, »dass sie,« um mit Ostwald zu reden, »diese fremden
-Kulturen nicht kopierten«, wohl aber verwerteten. Insbesondere gilt
-diese Selbständigkeit für die Hellenische Philosophie und Mathematik.
-Die Philosophie anfänglich auf Naturerklärung gerichtet, nimmt
-schon mit ¨Anaximander¨ scharf den Weg zur Naturerkenntnis, die bei
-¨Demokrit¨ ihren Höhepunkt erreicht, um mit ¨Platon¨ und ¨Aristoteles¨
-die Erkenntnistheorie und Wissenschaftslehre überhaupt zu bemeistern.
-Aus Ägypten und Babylonien haben wir bisher keine Spur davon gefunden,
-dass der Menschengeist selbständig der Natur gegenübergetreten, die
-Semiten begnügen sich ihrer eminent religiösen Veranlagung nach mit der
-Tatsache: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« In Betracht könnten
-nur die Inder kommen, besonders die Vaisesikaphilosophie; aber m. E.
-liegt die Sache gerade umgekehrt, und sowohl der Atomismus derselben
-als z. B. die Einführung des Äther als fünftes Element, das die
-Schallwellen fortlenkt, sind Hellenischem Einfluss zuzuschreiben.
-
-Die wichtigste Quelle für die Geschichte der Hellenischen
-Philosophie ist das erste Buch der Metaphysik des Aristoteles und
-für Mathematik der Kommentar des Proklos, besonders das sogenannte
-Mathematikerverzeichnis. Beide beginnen mit Thales dem Milesier, so
-beginnt denn die Geschichte der Philosophie wie der Mathematik mit
-Thales dem Jonier.
-
-
-Ergänzung zur Lehre der Pythagoreer.
-
-Da mir bis vor kurzen die gründliche Dissertation von ¨W. Bauer¨,
-der ältere Pythagoreismus, Bern 1897, entgangen war, so sehe ich
-mich veranlasst, den Abschnitt über die Pythagoreer zu ergänzen. Zu
-diesem Zwecke muss ich etwas näher auf ¨Anaximander¨ den Jonischen
-»Physiologen« eingehen, sowie auf die ¨Orphiker¨. Anaximander hat
-sicher eine Schrift peri physeos geschrieben, welche noch dem
-Theophrast vorlag. Ob er sein Apeiron als Stoff oder als Kraft
-gedacht hat oder was das wahrscheinlichste, als beides zugleich,
-ist zweifelhaft. In der sehr merkwürdigen Stelle Aristoteles
-Phys. 14. 203^b 6 (Diels Frag. S. 14) werden fünf Quellen seines
-Unendlichkeitsbegriffs angegeben: die Zeit, die Auflösung des
-Continuums, der Fortgang in der Begrenzung des Begrenzten (die
-Compositio continui), die Zahl, der Raum (»das ausserhalb des
-Himmels«). Nicht minder interessant ist die Stelle bei Simplicius
-(Diels 13 oben): Anaximander nennt das Unendliche ¨Prinzip und
-Element¨ der Dinge. Nicht das Wasser oder ein anderes der sogenannten
-(vier) Elemente, sondern ein anderes Wesen, das Apeiron, sei das
-Prinzip, aus dem alles entstanden sei, die ¨Welten¨ und ihre
-¨Ordnungen¨. Woraus aber den Dingen die Entstehung stammt, eben
-dahin geht auch ihr Untergang nach Notwendigkeit; ¨denn sie zahlen
-einander Strafe und Busse¨ der Zeitfolge gemäss. In diesem Satz ist
-a) die Unveränderlichkeit des Unendlichen dem Endlichen gegenüber
-ausgesprochen, b) in dem Nebeneinanderstellen von Prinzip und Element,
-arche und stoicheion, wird gesagt, dass etwas vom Unendlichen
-Bestandteil der Dinge sei und c) in dem letzten Satz, der bei Diels
-gesperrt gedruckt ist, liegt eine Ahnung von dem Gesetz der Erhaltung
-der Energie. Jedes Entstehende entsteht auf Kosten anderer und büsst
-dafür durch seinen Untergang.
-
-Wie aus dem Urstoff, dem Unendlichen, die vier Elemente hervorgegangen,
-darüber fehlen bestimmte Angaben. Nach Aristoteles und Theophrast
-scheint das Apeiron qualitätslos gedacht und die Elemente sind durch
-Bewegung ausgeschieden. Zuerst trennten sich das Warme und Kalte, wie
-etwa Glas- und Harz-Elektrizität durch Reibung. Zum Unterschiede von
-Thales hat Anaximander den ernsthaften Versuch gemacht den Kosmos und
-die Naturerscheinungen wissenschaftlich zu erklären, dabei bekunden
-die Angaben, dass er die Schiefe der Ekliptik gekannt habe und die
-Gestirne als Götter betrachtet, Babylonischen Einfluss. -- Die Erde
-selbst dachte er sich in Form eines Cylinders, dessen Höhe 1/3 des
-Durchmessers, im Mittelpunkte des Kosmos ruhend, vermutlich infolge
-einer Ahnung der sich gegenseitig aufhebenden Wirkungen, denn der
-Kosmos ist bei ihm vielleicht zuerst als Kugel gedacht. Geworden ist
-die Erde infolge der fortgesetzten Austrocknung durch das umgebende
-Feuer, insbesondere die Sonne, weshalb auch die Meere allmählich
-austrocknen. (Aristoteles Meteorol. II, 1, 353^b 6). Aus dem Urschlamm
-sind dann durch die belebende Wirkung der Sonne die Organismen
-entstanden, und hier ist also diese Wandlung der Sonnenenergie zuerst
-verwertet. Mit das interessanteste ist, dass, wie ¨Zeller¨ zuerst
-hervorgehoben, Anaximander als Vorläufer Darwins angesehen werden kann.
-Er wies darauf hin, dass ein so hilfloses Wesen wie das Menschenkind
-sofort hätte zugrunde gehen müssen und so meinte er, dass die Menschen
-sich aus alligatorähnlichen Tieren entwickelt hätten (was ja so manchen
-Zug in der Menschennatur erklären würde) bis ihre Entwicklung soweit
-gediehen, dass sie ihre Panzer abwerfen und am Lande leben konnten.
-
-Aristoteles erwähnt in der historischen Übersicht in der Metaphysik den
-grössten der Physiologen nicht, sein Apeiron passt eben in keine der
-vier Archai des Kapitel III, obwohl das Wort von ihm herrührt, aber
-der ausserordentliche Fortschritt gegen Thales ist dem Aristoteles
-nicht entgangen. Die grossen Probleme der Materie und der Substanz sind
-hier in voller Deutlichkeit erfasst, um nie wieder aus der Philosophie
-zu verschwinden, und in seinem Apeiron ist noch vor den Pythagoreern
-der Versuch gemacht vom unmittelbar gegebenen Stoff zu abstrahieren
-und ihn durch eine gedankliche Hypothese zu ersetzen. Das Apeiron des
-Anaximander ist eine der Quellen der Pythagoreischen Kosmogonie. Nicht
-minder wichtig ist die eigentümliche theologisch-poetische Bewegung
-welche man als ¨Orphische¨ bezeichnet, für deren Verständnis ich
-¨Erwin Rohdes¨ klassischer »Psyche« (1894) den meisten Dank schulde.
-Das Jahrhundert von 620 etwa bis 520 kann man als die griechische
-Sturm- und Drangperiode bezeichnen. Neben jonischen Denkern ein
-nicht minder stürmischer Drang nach religiöser Vertiefung. Die
-eleusynischen Mysterien, deren Inhalt der Unsterblichkeitsgedanke oder
-richtiger das Fortleben der Seele nach dem Tode bildete, gewannen
-zahlreiche Teilnehmer aus dem ganzen Hellas und es entwickelte
-sich eine philosophisch-theologische Spekulation welche zu einem
-abgeschlosseneren systematischeren Kultus führte, als ihn die vielfach
-lokalisierte Volksreligion darbot, eben die Orphik.
-
-Die ¨Orphiker¨, nach dem durch die Sage von Orpheus in der Unterwelt
-bekannten Thrakischen Sänger benannt, verehrten auch Thrakiens Gott
-den Bakchos oder Dionysos. Das älteste Zeugnis über sie gibt Herodot
-(2, 81) der die Übereinstimmung ägyptischer Priester-Vorschriften mit
-den »orphischen und bakchischen« Geheimdiensten hervorhebt, die in
-Wahrheit ägyptisch und pythagoreisch seien, d. h. nach ägyptischem
-Vorbilde von Pythagoras eingeführt seien, etwa um die Mitte des 6.
-Jahrhunderts. Orphische Gemeinden bildeten sich in Griechenland
-und Gross-Griechenland (Unteritalien) mit ganz festen heiligen
-Schriften und festem Kult. ¨Rohde¨ sagt: »Die Verbindung von Religion
-und einer halbphilosophischen Spekulation war eine kennzeichnende
-Eigentümlichkeit der Orphiker und ihrer Schriftsteller,« von denen ich
-als den wichtigsten ¨Pherekydes¨ von der Insel Syros erwähne, bekannt
-durch seine Theologia, einem Seitenstück zu der ¨Hesiod¨ Theogonie. Die
-ganze Lehre trägt einen allegorischen Charakter, ich erwähne nur den
-Abschluss.
-
-Am Ende der sich in Geschlechterfolge entwickelnden Götterreihe steht
-der Sohn des Zeus und der Persephone, Dionysos, der als Unterweltgott
-Zagreus genannt ist. Der Name bedeutet »starker Jäger«, -- das ζα
-ist eine Nebenform von δια welches in der Komposition gleich dem
-lateinischen per die Bedeutung des Simplex tunlichst verstärkt --
-und bezieht sich auf den Tod, den Hades. Dem Zagreus hat Zeus (Zas)
-schon als Kind die Herrschaft über die Welt anvertraut, ihn überfallen
-die Feinde des Zeus und der sittlichen Ordnung, die Titanen und
-nach heftigen Kampfe wird er zerrissen. Nur das Herz rettet Athene,
-überbringt es dem Zeus, der es verschlingt. Aus ihm entspringt der neue
-Dionysos, des Zeus und der Semele Sohn, in dem Zagreus wieder auflebt.
-Die Titanen stellen die Urkraft der Bösen dar, sie zerrissen den Einen
-in viele Teile, durch ¨Frevel¨ breitet sich das Eine, die Gottheit,
-in die Vielheit der Dinge dieser Welt aus (Anaximander!). Aber die
-Gottheit entsteht wieder als Einheit im Dionysos. Zeus zerschmettert
-die Titanen durch seinen Blitzstrahl, aus ihrer Asche entsteht das
-Geschlecht der Menschen, die also ihrem Ursprung nach eine Spottgeburt
-von Dreck und Feuer sind, von Gutem aus Zagreus, von Bösem aus dem
-Titanischen Elemente. Damit ist dem Menschen sein Weg vorgezeichnet,
-er soll sich von dem titanischen Elemente befreien und zurückkehren
-zu Gott von dem ein Teil in ihm lebendig ist. Oder was dasselbe, der
-Mensch soll sich frei machen von den Banden des Körpers in dem die
-Seele gefesselt ist wie in einem Kerker. Aber der Weg ist lang, der
-Tod trennt zwar Seele und Körper, aber die Seele, die beim Austritt
-aus ihrem Leibe frei in der Luft schwebt, wird in einen neuen Körper
-eingeatmet und so durchwandelt sie den weiten Kreis der Notwendigkeit.
-Ja sie kann sogar wie ein periodischer Dezimalbruch immer dieselben
-Zustände in derselben Reihenfolge durchlaufen. Nur eine Hilfe gibt es,
-die Askese in der gänzlichen Versenkung in die Gottheit.
-
-Wie man sieht sind zeitlich und inhaltlich die indischen buddhistischen
-Einflüsse unverkennbar. ¨Pythagoras¨ nun trat, Rohde zufolge, dem
-ich völlig beipflichte, in die orphische Gemeinde von Kroton, die er
-reformierte. Und zwar ist der Modus der stets befolgte und einzig
-Erfolg verheissende, die Sitten, Gebräuche, den Kult liess er
-unangetastet, die Dogmatik änderte er; Askese, Seelenwanderung, ja
-Musik und Heilkunst übernahm er von den Orphikern.
-
-Die ursprüngliche Lehre selbst zu erkennen, wird dadurch erschwert,
-dass wir den Pythagoreismus zuerst in der verhältnismässig späten
-Darstellung des ¨Philolaos¨ besitzen. Philolaos aber zeigt nicht nur
-den Einfluss des ¨Anaximander¨ und zwar positiv im Apeiron und negativ
-in der Betonung der Einzigheit des Kosmos, sondern auch den des
-Heraklit für die Rolle die das Feuer im Kosmos, einem pythagoreischen
-Ausdruck, spielt. Dass Heraklit in Unteritalien schon kurz nach
-500 bekannt war, ist ja erwiesen. Aber auch die vier Elemente des
-¨Empedokles¨ und Momente aus der Weltschöpfung des ¨Anaxagoras¨ nahm
-Philolaos auf. Ob das formgebende Prinzip oder der ordnende Nous von
-einem Zentralpunkt dynamisch wirken, ist dasselbe. Allerdings lagen
-dem ¨Aristoteles¨ vermutlich auch noch ältere Quellen als Philolaos
-vor. Was nun die sehr dankenswerte Dissertation von ¨W. Bauer¨
-(1897) betrifft, so scheint mir die Argumentation etwas durch die
-vorgefasste Meinung des Verfassers beeinflusst, der die Quellen je
-nach dieser wertet, um z. B. gegen Zeller einen eignen pythagoreischen
-Gott zu konstruieren, der dann von dem Nous des Anaxagoras nicht
-wesentlich verschieden wäre. Von Aristoteles nimmt er weg, Syrion
-und Stobaios legt er zu, das umfassende Feuer ist keineswegs als ein
-zusammenfassendes gekennzeichnet, periecho ist nicht synecho, und die
-»Lauterkeit der Elemente« selbst bezieht sich nicht auf Materie und
-Form sondern auf die vier Elemente selbst. Das umgebende Feuer erklärt
-sich einerseits durch die Auszeichnung die Anfang und Ende besitzen und
-»Anfang und Ende reichen einander die Hände«. Das von der zentralen
-Hestia zur Erhaltung des Kosmos verbrauchte Feuer wird von da aus
-ersetzt, durch den »Atemzug des Weltalls«.
-
-Darin pflichte ich Herrn Bauer bei, dass die Betonung der Gegensätze,
-die orphisch ist, vielleicht das ursprüngliche ist. Man muss aber
-unterscheiden zwischen dem Apeiron, dem Peras und dem Perainon, d. h.
-zwischen Stoff und Form und Formgebung und das formgebende Prinzip, die
-Seele wie des Menschen so der Welt, ist, wenn man das Wort brauchen
-will, der eigentliche »Gott« der Pythagoreer, nämlich die ¨Harmonie¨,
-welche die Gegensätze zur Vereinigung zwang und darin erhält. Auch für
-sie lagen orphische vielleicht auch Heraklitische Anregungen vor.
-
-Von der Harmonie zur ¨Zahlenlehre¨ der Aristotelischen Darstellung
-ist aber nur ein kleiner Sprung, denn wenn die Ordinalzahl, wie ich
-an anderer Stelle gesagt habe, der major domus der Zeit ist, so ist
-es die relative, die Verhältniszahl, für die Harmonie, die eben nur
-in Verhältniszahlen zum Ausdruck kommt. Die Erfindung des Monochords
-ist von diesem Prinzip geleitet worden; jedes Kind, das an einer Saite
-klimpert, weiss, dass die kürzere den helleren Ton gibt, aber nur wer
-den Gedanken erfasst hat, dass die Harmonie in Zahlenverhältnissen
-ihre Objektivierung finden muss, wird versuchen messend einfache
-Verhältnisse herzustellen. So sind es die Pythagoreer, die sicher noch
-vor ¨Platon¨ die Bedeutung der relativen Zahl erkannt haben, und hier
-liegt vielleicht ihr grösstes Verdienst um die Mathematik. Hiermit
-hängt auch die ihnen eigentümliche Auffassung der Einheit zusammen, die
-keine Zahl ist, wie wir das ja noch in den Rechenbüchern des 18. Jahrh.
-nach Chr. lesen können, sondern eine Grösse, und ich weise hier auf den
-Zusammenhang mit ¨Galilei¨ hin und auf die Stelle Aristoteles Metaph.
-XIII 6, 1080, 6, 16.
-
-Zum Schluss noch ein paar Worte über das »Kenon,« das Leere, der
-Pythagoreer, denn hier liegt die Grundlage für den wichtigen Begriff
-des »μή ὄν« des Nichtseienden, das schliesslich bei Demokrit und Platon
-geradezu positiven oder besser konstruktiven Inhalt empfängt.
-
-Dieses Leere scheint mir nichts anderes zu sein als eine Vermischung
-von Zeit und Raum, die im »Kenon« zwar noch ungeschieden, aber doch
-schon als Sonderungsprinzipien (principia individuationis nach
-Schopenhauer) erkannt sind. Sie werden aus dem Apeiron jenseits
-der zehnten Sphäre, der des umgebenden Feuers, eingesogen um die
-im Kosmos zur ordnungsgemässen Trennung und Bewegung der Sphären
-verbrauchte Zeit und Raum zu ersetzen. Die Polemik des ¨Parmenides¨
-gegen das Nichtseiende ist also noch mehr gegen die Pythagoreer
-als gegen Heraklit gerichtet, denn sie ist gegen Zeit und Raum
-und Bewegung gerichtet. Aber dieses Kenon, dieses me on ist dann
-von ¨Demokrit¨ aufgenommen, der in dem Leeren der Pythagoreer,
-den Poren des ¨Empedokles¨ und den unzählig vielen unendlich
-kleinen Elementen des ¨Anaxagoras¨ die Bausteine fand, aus denen er
-mittelst der Differentiale der Masse, des Raumes und der Bewegung,
-die unerschütterlichen Grundlagen der physikalisch-chemischen oder
-richtiger der mathematischen Naturbeschreibung geschaffen hat.
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-Autoren-Register
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-Die Römischen Zahlen bedeuten die Kapitel, Vorwort = V, Einleitung
-= E, Nachwort = N. Namenfehler im Buche bitte nach dem Register zu
-verbessern.
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- Aahmes(-Ames)-Jamesu I 27 Z 7, 16, 27; 33 Z 5, 7, 32; 43 Z 2, 26; 47
- Z 5; 49 Z 6.
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- Abel N. H. II 73 Z 15, 23.
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- Abulphat v. Ispahan III 291 Z 12.
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- Abul Wafa III 358 Z 32.
-
- Adrastos III 353 Z 3.
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- Ahmes s. Aahmes.
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- D'Alembert J. III 313 Z 15.
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- Alexander Polyhistor II 57 Z 11.
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- Allman G. J. III 172 Z 17.
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- Ammonios III 355 Z 8.
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- Anaxagoras III 170 Z 15 N 386 Z 3 12; 388 Z 1.
-
- Anaximander III 124 Z 32 f; 125 Z 5, 27; 176 Z 24; 278 Z 2; N 380 Z
- 30; 381 Z 24; 382 Z 1, 22; 383 Z 3, 20; 384 Z 34; 385 Z 30.
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- Anaximenes III 176 Z 25.
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- Andron III 125 Z 27.
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- Anthiphon III 172 Z 1, 10; 175 Z 12, 18.
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- Antisthenes III 340 Z 6.
-
- Apastamba III 139 Z 16; 145 Z 6; 147 Z 32; 148 Z 15; 149 Z 4, 24, 29;
- 150 Z 8, 14, 21; 151 Z 19; 153 Z 18; 154 Z 2; 155 Z 30; 156 Z 24.
-
- Apollodoros III 123 Z 31.
-
- Apollonios von Pergae III 209 Z 10, 15; 231 Z 11; 234 Z 30; 235 Z 14;
- 236 Z 31; 241 Z 27; 248 Z 19, $290-300$; 301 Z 1; 306 Z 9; 311 Z
- 16; 315 Z 27, 30; 324 Z 24; 339 Z 10; 343 Z 5; 369 Z 4; 370 Z 28;
- 371 Z 21; 372 Z 6.
-
- Apollonios von Thyana III 126 Z 3; 135 Z 23; 357 Z 8.
-
- Apulejus III 124 Z 15; 348 Z 5 f.
-
- Aratos III 311 Z 33.
-
- Archimedes E X Z 9; XIV Z 21; XV Z 7; III S. 175 Z. 30; 181 Z 18, 20,
- 23; 182 Z 6; 202 Z 28; 210 Z 1; 211 Z 29; 213 Z 3; 229 Z 34; 230 Z
- 6; 231 Z 11, 233 Z 10; 234 Z 13; 236 Z 31; 241 Z 25, 30; 250 Z 9,
- 258-285; 290 Z 5; 291 Z 8; 292 Z 4; 294 Z 27; 297 Z 6, 15; 298 Z
- 23, 30; 299 Z 6; 300 Z 12; 301 Z 6; 302 Z 10; 303 Z 34; 304 Z 7;
- 308 Z 21; 309 Z 4; 311 Z 3, 11, 15; 312 Z 26; 315 Z 1, 22; 316 Z
- 12; 319 Z 18; 326 Z 2; 328 Z 7; 331 Z 27; 335 Z 33; 336 Z 13, 25,
- 31; 337 Z 9; 348 Z 33.
-
- Archytas III 128 Z 4; 129 Z 7, 10; 137 Z 10; 184 Z 26; 185 Z 26; 191
- Z 16; 194 Z 29; 195 Z 2; 197 Z 5, 24; 198 Z 5; 199 Z 29; 200 Z 3;
- 202 Z 1, 5; 208 Z 2, 11; 209 Z 29; 211 Z 24; 369 Z 14.
-
- Aristaios III 292 Z 5, 16; 293 Z 34.
-
- Aristarch (von Samos) III 218 Z 12; 279 Z 26; 280 Z 3; 284 Z 25; 311
- Z 22.
-
- Aristippos III 341 Z 22.
-
- Ariston III 286 Z 4.
-
- Aristoteles III 124 Z 18, 28; 125 Z 23, 30; 127 Z 33; 128 Z 7, 22;
- 129 Z 4; 130 Z 17; 131 Z 12; 132 Z 32; 134 Z 14; 136 Z 24; 141 Z
- 10; 167 Z 18; 169 Z 28; 170 Z 6, 27; 171 Z 24; 172 Z 3; 175 Z 17;
- 176 Z 9; 179 Z 5, 16, 24; 181 Z 1, 33; 186 Z 6; 188 Z 8; 190 Z 18;
- 199 Z 8; 204 Z 9; 213 Z 31, $214-228$; 232 Z 13; 236 Z 30; 242 Z
- 26, 33; 247 Z 17, 20, 23; 249 Z 1; 250 Z 9; 253 Z 19; 255 Z 33; 258
- Z 28; 286 Z 13; 315 Z 3; 320 Z 6; 331 Z 27; 340 Z 18; 342 Z 26; 346
- Z 29; 352 Z 4; 355 Z 23; 372 Z 8. N 375 Z 9; 376 Z 29; 377 Z 19;
- 380 Z 15, 30; 381 Z 12, 29; 382 Z 17, 33; 383 Z 10, 14; 386 Z 12;
- 387 Z 15.
-
- Aristoxenos III 233 Z 18.
-
- Arkesilaos III 286 Z 4.
-
- Arnauld A. III 245 Z 12.
-
- Arrian II 71 Z 26.
-
- Ast Fr. III 190 Z 20; 347 Z 21.
-
- Athenodoros III 324 Z 18.
-
- August E. F. III 240 Z 8.
-
- Augustinus III 183 Z 3; 354 Z 29.
-
- Autolykos III 232 Z 8; 300 Z 22; 338 Z 14.
-
- Auwers Ar. II 103 Z 22.
-
- Averroës III 222 Z 28.
-
-
- Bachet G. III 359 Z 8; 360 Z 10; 365 Z 28.
-
- Bacon III 324 Z 4.
-
- Balsam H. III 291 Z 30.
-
- Baltzer R. III 171 Z 8; 268 Z 10; 299 Z 8; 351 Z 16; 373 Z 18.
-
- Baudhāyana III 139 Z 17; 148 Z 1; 149 Z 4; 150 Z 7, 20; 151 Z 5; 153
- Z 14; 154 Z 20; 155 Z 20; 157 Z 18; 159 Z 26; 160 Z 15.
-
- Barocci Fr. III 243 Z 34.
-
- Barrow Ph. Soc. J. III 244 Z 16.
-
- Bartels J. M. C. III 245 Z 4.
-
- Bauer W. N 381 Z 21; 386 Z 7, 23.
-
- Bayle P. III 169 Z 33.
-
- Becker C. K. E XII Z 17.
-
- Benfey Th. II 73 Z 27.
-
- Berger Hg. III 285 Z 30.
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- Bergh T. III 352 Z 11.
-
- Berkeley G. III 169 Z 9.
-
- Bernardy Gtf. III 235 Z 2.
-
- Bernhardy III 285 Z 29.
-
- Bernoulli J. E XI Z 23.
-
- Berossos II 57 Z 6; 71 Z 26; 97 Z 29; 116 Z 20.
-
- Bertram H. III 274 Z 18.
-
- Bertrand L. III 245 Z 13.
-
- Bezold W. V VII Z 26; II 59 Z 13; 65 Z 25; 66 Z 14; 70 Z 3; 77 Z 7;
- 112 Z 4; 115 Z 25; 116 Z 25.
-
- Birch S. I 26 Z 25.
-
- Björnbo A. A. III 343 Z 23; 345 Z 28.
-
- Blass Fr. III 185 Z 24; 192 Z 27; 211 Z 34. N 377 Z 11.
-
- Boeckh A. II 90 Z 13; 91 Z 4; III 128 Z 2; 129 Z 11, 26; 132 Z 20,
- 27, 31; 133 Z 11, 22, 34; 134 Z 12, 22; 198 Z 16; 207 Z 27; 351 Z
- 1.
-
- Boëtius III 240 Z 14; 348 Z 7 f; 350 Z 3; 352 Z 27.
-
- Boll F. III 312 Z 30.
-
- Bolyai J. III 159 Z 32; 245 Z 3.
-
- Bolyai W. III 245 Z 2.
-
- Bolzano B. E X Z 16; III 169 Z 20; 227 Z 15; 246 Z 18; 251 Z 5, 13;
- 367 Z 20.
-
- Bonitz H. III 224 Z 12.
-
- Bonola R. III 239 Z 15.
-
- Borchardt L. I 3 Z 4; 4 Z 14; 6 Z 28; 26 Z 19; 27 Z 24, 30; 45 Z 9;
- 46 Z 10, 34; 49 Z 12; 50 Z 16; 51 Z 11, 30; 53 Z 17; II 61 Z 23,
- 26; 75 Z 12; 105 Z 1; 111 Z 22; 112 Z 34.
-
- Borelli J. III 244 Z 29; 291 Z 16.
-
- Botta E. II 74 Z 29; 75 Z 2; 99 Z 5.
-
- Brandis J. II 91 Z 3; 93 Z 28; III 132 Z 16.
-
- Bretschneider C. A. III 136 Z 30; 153 Z 9; 171 Z 26; 192 Z 13; 197 Z
- 7; 209 Z 12.
-
- Brugsch H. K, I 48 Z 15.
-
- Brunet de Presle III 204 Z 20.
-
- Bruno G. III 343 Z 8.
-
- Bryson III 175 Z 25.
-
- Budge E. A. W. II 75 Z 10.
-
- Bühler G. III 154 Z 16; 164 Z 34; 165 Z 5.
-
- Bunte Brh. III 259 Z 11; 261 Z 17.
-
- Bürk A. III 138 Z 14, 19, 22; 140 Z 2; 144 Z 28; 146 Z 7; 150 Z 34;
- 153 Z 33; 154 Z 20.
-
- Burnell A. C. III 163 Z 24.
-
-
- Campano G. III 240 Z 20; 244 Z 9; 256 Z 1.
-
- Cantor G. III 169 Z 22, 26; 226 Z7; 227 Z 17.
-
- Cantor M. E XII Z 33; I S. 26 Z 29; 27 Z 18; 33 Z 15; 36 Z 26, 28; 37
- Z 32; 40 Z 12; 45 Z 33; 46 Z 7; 47 Z 20, 27; 48 Z 14; 49 Z 7; 50 Z
- 7; 51 Z 8; II 101 Z 20, 24, 33; 113 Z 2; III 123 Z 11; 137 Z 25,
- 32; 138 Z 25, 28; 139 Z 24; 140 Z 3 f; 144 Z 31; 145 Z 3; 151 Z 11;
- 185 Z 30; 212 Z 4; 237 Z 19; 238 Z 24; 241 Z 5; 243 Z 11; 300 Z 19,
- 22; 301 Z 21; 308 Z 20; 314 Z 20; 316 Z 13, 17; 318 Z 2, 14; 337 Z
- 21; 338 Z 24; 339 Z 27; 343 Z 14; 348 Z 24; 349 Z 2; 361 Z 4, 11;
- 366 Z 27; 368 Z 1; 373 Z 7.
-
- Cardano H. III 171 Z 14.
-
- Cassirer E. V Z 31; E X Z 31.
-
- Castillon E. III 296 Z 31.
-
- Cavalieri B. III 181 Z 26; 213 Z 6; 264 Z 21, 28, 34; 333 Z 11.
-
- Censorinus II 116 Z 17.
-
- Champollion J. F. I 18 Z 5, 6, 14; 19 Z 15, 22; 20 Z 1, 10; 21 Z 14.
-
- Chapelle W. III 342 Z 19.
-
- Chasles M. III 234 Z 16; 235 Z 7; 344 Z 15.
-
- Christoffel Br. E XII Z 4.
-
- Chrysippos III 340 Z 23; 341 Z 1; 342 Z 5.
-
- Cicero III 199 Z 10; 207 Z 31; 258 Z 34; 259 Z 10; 263 Z 20; 270 Anm.
- 1; 340 Z 32; 341 Z 6, 13.
-
- Clairaut A. C. III 245 Z 12, 19.
-
- Clausen Th. III 174 Z 18.
-
- Clavius Ch. III 171 Z 15; 241 Z 2; 244 Z 13, 27; 245 Z 5, 11; 255 Z
- 34; 256 Z 2.
-
- Clemens Alexandrinus I 18 Z 16.
-
- Cohen H. III 182 Z 24; 184 Z 13; 188 Z 14; 221 Z 1; 227 Z 28; 228 Z
- 1. N 375 Z 22.
-
- Commandino F. III 241 Z 1; 244 Z 13, 20; 266 Z 6; 291 Z 7; 367 Z 32.
-
- Copernicus N. III 205 Z 31.
-
- Cros G. II 61 Z 34; 64 Z 28; 118 Z 10.
-
- Curtius T. III 278 Z 16.
-
- Curtze M. III 318 Z 14, 30; 333 Z 27.
-
- Cusanus N. III 226 Z 10.
-
-
- Darwin G. III 215 Z 18. N 383 Z 3.
-
- Dasypodius K. III 245 Z 32.
-
- Dee J. III 233 Z 21.
-
- Degering H. III 324 Z 9.
-
- Delambre J. B. J. III 266 Z 11; 280 Z 32; 282 Z 26; 312 Z 33.
-
- Delitzsch Fr. II 57 Z 19; 64 Z 11; 77 Z 9 f; 78 Z 9; 80 Z 20.
-
- Demokrit I 26 Z 12; III 127 Z 26; 168 Z 34; 176 Z 2; 178 Z 4; [88 ,?]
- $179-183$; 185 Z 31; 199 Z 5; 203 Z 22; 212 Z 28; 226 Z 13; 236 Z
- 31; 263 Z 25; 270 Z 32; 241 Z 33; 276 Z 34; 324 Z 6; 333 Z 12. N
- 376 Z 30; 380 Z 31; 387 Z 20, 33.
-
- Desargues G. III 291 Z 33.
-
- Descartes R. III 169 Z 34; 182 Z 14; 373 Z 23, 28.
-
- Diels H. E X Z 16; III 128 Z 29; 166 Z 9; 171 Z 32; 176 Z 9, 16; 181
- Z 29; 220 Z 30; 314 Z 14. N 381 Z 30, 34; 382 Z 13.
-
- Diesterweg A. III 296 Z 13.
-
- Dikaiarchos III 286 Z 31.
-
- Dinostratos III 138 Z 27; $210-211$; 212 Z 28, 34; 213 Z 14; 263 Z 9.
-
- Diodor I 17 Z 2; II 71 Z 26; III 259 Z 18.
-
- Diokles III 306 Z 1, 20; 307 Z 15; 308 Z 6.
-
- Dionysios von Halikarnassos III 129 Z 11.
-
- Dionysodoros III 315 Z 28.
-
- Diophant III 336 Z 20; $358-366$; 371 Z 27.
-
- Dirichlet P. G. E XI Z 37; III 362 Z 22.
-
- Dörpfeld W. III 122 Z 11.
-
- Drachmann III 267 Z 34.
-
- Dümichen J. I 24 Z 21; 47 Z 22.
-
- Dupuis J. III 187 Z 19; 353 Z 1.
-
-
- Echelles Abraham v. III 291 Z 16.
-
- Eisenlohr A. I 26 Z 26; 27 Z 18; 37 Z 31; 39 Z 19, 25; 44 Z 2; 45 Z
- 32; 49 Z 7; 50 Z 5, 7; 51 Z 1, 22.
-
- Eisenlohr Fr. I 26 Z 29.
-
- Empedokles III 125 Z 25; 177 Z 33. N 386 Z 2; 387 Z 34.
-
- Engel E. III 250 Z 16.
-
- Enriques F. III 174 Z 24.
-
- Epicur III 179 Z 4; 339 Z 33; 341 Z 18.
-
- Epiktet III 342 Z 1.
-
- Epping Js. II 101 Z 3; 105 Z 12; 109 Z 20; 110 Z 29.
-
- Eratosthenes III 174 Z 31; 193 Z 19; 194 Z 16; 197 Z 11; 199 Z 3,
- 15, 25; 208 Z 6; 210 Z 15; 230 Z 7; 231 Z 11; 260 Z 22; 284 Z 30;
- $285-289$; 301 Z 23; 304 Z 29; 311 Z 15; 313 Z 29, 32, 34; 329 Z
- 19; 340 Z 29; 350 Z 13.
-
- Erman Ad. V Z 29; E XVII Z 24 I 10 Z 4, 6; 22 Z 5; 38 Z 11.
-
- Eudemos E IX Z 20; III 122 Z 28; 123 Z 6, 15; 124 Z 10, 18; 128 Z 7;
- 135 Z 16, 21, 31; 171 Z 24; 175 Z 7; 208 Z 10; 219 Z 6 u. 7; 228 Z
- 33; 229 Z 1, 6; 248 Z 18.
-
- Eudoxos E IX Z 22; I 26 Z 9; III 125 Z 27; 181 Z 20; 185 Z 27, 31;
- 186 Z 16; 191 Z 17; 192 Z 15; 197 Z 28, 33; $199-210$; 229 Z 30;
- 236 Z 21, 26; 238 Z 21; 241 Z 33; 255 Z 28, 34; 256 Z 17; 263 Z 24;
- 270 Z 11, 27; 276 Z 34; 300 Z 12; 311 Z 33; 312 Z 3.
-
- Eucken R. III 220 Z 26.
-
- Euklid E X 9; I 26 Z 7; 46 Z 6; III 123 Z 6; 136 Z 1, 29; 137 Z 8;
- 141 Z 1; 173 Z 16, 17; 175 Z 6; 185 Z 4; 192 Z 13; 202 Z 10 u. 12;
- 203 Z 21; 213 Z 20, 29; $229-258$; 260 Z 15; 268 Z 27; 290 Z 19;
- 291 Z 7; 292 Z 4, 7; 293 Z 17; 294 Z 1, 8; 299 Z 19; 300 Z 6, 27;
- 301 Z 26; 308 Z 21; 309 Z 33; 310 Z 5; 313 Z 26; 314 Z 6; 315 Z 4;
- 316 Z 18; 335 Z 33; 337 Z 15, 26; 338 Z 15; 339 Z 16; 344 Z 16, 30;
- 346 Z 13; 348 Z 29; 350 Z 13; 352 Z 24; 359 Z 30; 367 Z 12, 23; 369
- Z 3.
-
- Euler L. E XIV Z 24; III 362 Z 22; 365 Z 32; 370 Z 27.
-
- Eurytos III 131 Z 3.
-
- Eusebios I 17 Z 1; II 57 Z 11; 97 Z 29.
-
- Eutokios III 123 Z 33; 135 Z 22; 193 Z 19; 194 Z 28; 199 Z 24; 201 Z
- 12; 208 Z 10, 13; 209 Z 8, 14; 229 Z 2; 258 Z 20; 266 Z 2, 13, 29;
- 282 Z 11, 29; 288 Z 19, 27; 289 Z 11; 290 Z 31, 34; 291 Z 9, 27;
- 297 Z 25; 298 Z 17; 301 Z 30; 302 Z 5; 303 Z 24; 304 Z 29, 32; 306
- Z 1, 14; 308 Z 14; 315 Z 29; 316 Z 24; 324 Z 13; 325 Z 3, 10; 367 Z
- 13; 372 Z 5.
-
- Evans III 121 Z 27.
-
-
- Fermat P. E XIV Z 24; III 258 Z 17; 294 Z 23; 359 Z 13, 22; 362 Z 12,
- 25, 33; 365 Z 7, 29; 366 Z 3.
-
- Fermat S. III 359 Z 11.
-
- Flandin E. II 75 Z 3.
-
- Flauti V. III 200 Z 7.
-
- Flinders Petrie I Z 15; 40 Z 2; 52 Z 2, 4, 7.
-
- Formaleoni V. A. II 101 Z 24.
-
- Foster S. III 267 Z 29.
-
- Frege G. III 226 Z 23.
-
- Fresnel A. J. III 326 Z 17.
-
- Friedlein G. III 123 Z 1; 190 Z 28; 202 Z 11; 208 Z 9; 212 Z 1; 213 Z
- 25; 229 Z 5, 26; 243 Z 31; 261 Z 23; 281 Z 2; 298 Z 13; 301 Z 25;
- 307 Z 34; 309 Z 29; 314 Z 4; 319 Z 34; 339 Z 12; 346 Z 5; 348 Z 16;
- 367 Z 17.
-
-
- Galilei III 169 Z 22; 182 Z 7; 205 Z 11; 226 Z 11; 227 Z 18; 258 Z
- 17; 264 Z 19, 29; 291 Z 19; 294 Z 23; 373 Z 12. N 387 Z 15.
-
- Gartz III 312 Z 24.
-
- Gauss E X Z 16; XIV Z 24; III 226 Z 30; 244 Z 34; 245 Z 1; 258 Z 17;
- 344 Z 27; 359 Z 18; 370 Z 27.
-
- Geber, (Dschâbir) III 345 Z 18.
-
- Gebhart M. E X Z 27.
-
- Geminos III 122 Z 26; 135 Z 21; 174 Z 30; 205 Z 9; 209 Z 9; 229 Z
- 7, 20; 242 Z 28; 249 Z 23; 250 Z 8; 290 Z 31; 308 Z 10; 337 Z 21;
- $388-339$; 343 Z 11.
-
- Gerling Ch. L. III 170 Z 1.
-
- Gherardus von Cremona III 338 Z 1; 344 Z 24.
-
- Ghetaldi Marino III 297 Z 24.
-
- Ginzel F. K. II 91 Z 3; 102 Z 28.
-
- Golius Jb. III 291 Z 13; 331 Z 24.
-
- Gorgias III 178 Z 23.
-
- Görland A. III 214 Z 17.
-
- Grassmann H. G. III 251 Z 6, 13.
-
- Grechauff Th. III 265 Z 9.
-
- Gregorius a. St. Vincentio III 171 Z 15.
-
- Griffith J. I 27 Z 15; 32 Z 25; 40 Z 21; 41 Z 1; 44 Z 8.
-
- Grotefend G. F. II 72 Z 15, 24; 73 Z 2f; 74 Z 2.
-
- Grotius H. III 233 Z 17.
-
- Grynäus Simon III 240 Z 29; 243 Z 25.
-
- Günther S. III 281 Z 4.
-
-
- Haggag III 244 Z 6; 344 Z 30.
-
- Halévy J. II 58 Z 26.
-
- Halley Edm. III 291 Z 3 u. 25; 295 Z 2, 33; 296 Z 12.
-
- Halma N. B. III 309 Z 9.
-
- Hankel H. III 137 Z 22; 140 Z 6; 151 Z 26; 153 Z 11; 175 Z 19; 212 Z
- 1.
-
- Harper R. II 70 Z 15.
-
- Hart G. III 183 Z 11.
-
- Hartleben H. I 18 Z 9; 19 Z 5.
-
- Haynes J. H. II 75 Z 17.
-
- Heath T. L. III 360 Z 23.
-
- Heeren A. II 73 Z 24.
-
- Hegel G. W. F. III 169 Z 6; 177 Z 13.
-
- Heiberg J. L. E X Z 7 III 181 Z 17; 214 Z 14; 220 Z 31; 232 Z 20, 26;
- 233 Z 7; 236 Z 1; 237 Z 4, 29; 238 Z 3; 240 Z 9; 241 Z 29; 242 Z 6;
- 243 Z 15, 32; 253 Z 18; 259 Z 11; 260 Z 27; 262 Z 3; 264 Z 1; 265
- Z 10, 24, 33; 266 Z 1, 16, 23; 267 Z 3, 22; 268 Z 1; 270 Z 9, 11;
- 274 Z 8; 278 Z 16; 284 Z 13, 34; 285 Z 19; 288 Z 20; 289 Z 12; 290
- Z 31; 291 Z 27; 297 Z 27; 298 Z 17; 303 Z 24; 306 Z 15.
-
- Helmholtz H. II 92 Z 33.
-
- Henrici J. III 245 Z 34.
-
- Heraklit III 125 Z 25, 27; 133 Z 8; $176-177$; 178 Z 13; 179 Z 31;
- 180 Z 17; 183 Z 20; 258 Z 20; 341 Z 33; 342 Z 2, 28, 31. N 385 Z
- 34; 387 Z 30.
-
- Herlin Ch. III 265 Z 13.
-
- Hermann G. E X Z 5.
-
- Hermotimos III 229 Z 27.
-
- Herodot E XVI Z 10; I 15 Z 13; 17 Z 1; 22 Z 13; 28 Z 28; II 71 Z 25;
- III 122 Z 30; 124 Z 9, 17; 125 Z 26; 126 Z 5, 16; 329 Z 22. N 384 Z
- 4.
-
- Heron E X Z 9; XIV Z 33; XV Z 12; I 26 Z 8; 43 Z 24; 47 Z 2; III 138
- Z 1, 32; 139 Z 2; 171 Z 14; 242 Z 1, 5, 28; 250 Z 9; 263 Z 34; 264
- Z 4; 274 Z 13; 313 Z 22; $314-337$; 343 Z 26; 351 Z 19; 352 Z 24;
- 360 Z 28; 366 Z 7; 369 Z 10.
-
- Hesiod N 377 Z 8, 11; 379 Z 8; 384 Z 15.
-
- Heuzey L. 59 Z 10; 62 Z 7; 64 Z 1, 4; 74 Z 33.
-
- Hieronymos v. Rhodos III 123 Z 24.
-
- Hiketas III 134 Z 18; 218 Z 13.
-
- Hilbert D. E XIV Z 28; III 241 Z 26; 247 Z 7.
-
- Hiller E. III 288 Z 15; 289 Z 4, 10.
-
- Hilprecht H. V. II 58 Z 20; 59 Z 13; 60 Z 28; 62 Z 12; 65 Z 27; 73 Z
- 20; 75 Z 17; 82 Z 8; 90 Z 1; 110 Z 8; 113 Z 23 f; 114 Z 6, 24; 115
- Z 8, 24; 116 Z 17, 24; 117 Z 1 f.
-
- Hinke W. M. J. II 109 Z 4.
-
- Hinks E. II 73 Z 27; 75 Z 23; 102 Z 9, 18, 25; 105 Z 31 f.
-
- Hipparch v. Rhodos II 110 Z 21; 205 Z 30; 286 Z 24; $311-314$; 315 Z
- 27; 328 Z 6, 17; 337 Z 23; 338 Z 22; 343 Z 15; 345 Z 6, 16.
-
- Hippias III 178 Z 23; 197 Z 17; 198 Z 28; 211 Z 27, 34.
-
- Hippokrates aus Chios III 137 Z 10; $170-175$; 192 Z 6; 194 Z 3; 237
- Z 26.
-
- Hippokrates aus Kos III 170 Z 21.
-
- Hoche R. III 347 Z 26; 349 Z 4.
-
- Hommel E. II 116 Z 15.
-
- Hoppe E. III 314 Z 22, 28; 329 Z 17; 332 Z 5.
-
- Horapollo I 17 Z 2.
-
- Horn W. III 204 Z 19.
-
- Hultsch Fr. E X Z 7; I 32 Z 9; 33 Z 6; II 116 Z 6, 17; 212 Z 15; 281
- Z 3; 290 Z 11, 22; 296 Z 30; 298 Z 26; 299 Z 8; 301 Z 34; 308 Z 19,
- 28; 309 Z 12; 313 Z 25; 316 Z 13, 25; 317 Z 17, 19; 328 Z 8; 330 Z
- 32; 333 Z 15, 23; 334 Z 10; 366 Z 27; 367 Z 7, 34; 368 Z 2; 373 Z
- 18.
-
- Hume D. III 183 Z 27.
-
- Huygens Ch. II 92 Z 34.
-
- Hypatia III 232 Z 29; 371 Z 33.
-
- Hypsikles III 235 Z 33; 300 Z 9, 18; 351 Z 14.
-
-
- Ideler Ch. L. III 204 Z 13.
-
- Jon von Chios III 125 Z 26.
-
- Ishaq ibn Hunein III 244 Z 7; 267 Z 29.
-
- Isidorus von Sevilla III 348 Z 24.
-
- Isidoros von Milet III 372 Z 3.
-
- Isokrates III 125 Z 27.
-
- Jamblichos III 126 Z 4; 243 Z 22; 352 Z 14; $353-354$; 357 Z 8.
-
- Jensen P. II 57 Z 25; 111 Z 7.
-
- Jordan C. E XII Z 17.
-
- Josephus II 57 Z 11.
-
-
- Kaegi A. III 142 Z 34.
-
- Kaibel G. III 219 Z 25.
-
- Kallimachos III 199 Z 2; 286 Z 1, 7.
-
- Kambly L. III 245 Z 34.
-
- Kampe F. III 220 Z 25.
-
- Kant E X Z 14; III 168 Z 11; 178 Z 16; 183 Z 25, 26; 184 Z 3; 187 Z
- 4; 188 Z 11; 189 Z 20; 190 Z 15; 214 Z 5; 215 Z 13; 227 Z 27; 247 Z
- 19. N 380 Z 5.
-
- Kästner A. G. III 240 Z 23; 241 Z 5; 245 Z 33.
-
- Katyayana III 139 Z 18; 150 Z 7; 157 Z 5.
-
- Kepler J. III 204 Z 29; 205 Z 31; 312 Z 15; 345 Z 1.
-
- Kerber A. III 318 Z 29.
-
- Kerry B. III 169 Z 20.
-
- Kewitsch G. II 104 Z 4 f.
-
- Kiessling Ad. III 184 Z 34; 219 Z 25.
-
- King L. W. E IX Z 19; II 65 Z 31; 75 Z 10.
-
- Kinkel W. III 132 Z 24; 176 Z 14; 183 Z 10.
-
- Kircher A. I 16 Z 2, 25.
-
- Kleonides III 233 Z 17.
-
- Knauff F. III 332 Z 18.
-
- Knoche J. H. III 202 Z 15.
-
- Köchly H. III 324 Z 12; 325 Z 7, 11.
-
- Köhler J. II 70 Z 17.
-
- Koldwey R. II 75 Z 12.
-
- Konon III 260 Z 17, 20; 263 Z 12, 14; 269 Z 12; 273 Z 34; 277 Z 9.
-
- Kopernikus III 134 Z 19; 218 Z 14; 345 Z 1. N 379 Z 27.
-
- Kosak R. III 246 Z 15.
-
- Krates III 340 Z 6.
-
- Ktesibios III 315 Z 2, 21; 319 Z 23, 30; 320 Z 10; 324 Z 10.
-
- Küchler F. II 88 Z 9.
-
- Kugler Fz. X. II 110 Z 15, 28; 111 Z 15, 25.
-
- Kummer E. E X Z 16; E XIV Z 22; III 362 Z 22.
-
- Künssberg H. III 197 Z 32; 204 Z 26; 206 Z 27.
-
-
- Laertius Diogenes III 123 Z 23, 27; 124 Z 13; 176 Z 12; 184 Z 33; 191
- Z 32; 197 Z 11; 199 Z 1, 13; 340 Z 32.
-
- Lagrange J. L. III 203 Z 28.
-
- Lambert J. H. III 244 Z 33; 245 Z 17.
-
- Lange F. A. III 183 Z 23.
-
- Lassalle F. III 176 Z 13.
-
- Layard H. II 74 Z 18; 81 Z 7.
-
- Legendre A. M. III 138 Z 32; 245 Z 13, 22.
-
- Lehmann C. F. II 61 Z 27; 65 Z 24, 29; 91 Z 3, 7; 92 Z 33; 94 Z 20;
- 95 Z 21; 102 Z 28; 103 Z 4, 30; 106 Z 7; 107 Z 1.
-
- Leibniz G. W. E IX Z 25; E XI Z 23; III 131 Z 16; 169 Z 20, 34; 189 Z
- 16; 203 Z 27; 224 Z 26; 228 Z 4; 246 Z 19, 25; 251 Z 6; 264 Z 29;
- 294 Z 23.
-
- Leon III 237 Z 26.
-
- Leonardo da Vinci III 337 Z 17.
-
- Lepsius R. I 21 Z 27; 45 Z 34; 47 Z 28; II 105 Z 33.
-
- Lessing G. E. III 284 Z 31. N 380 Z 15.
-
- Letronne J. A. II 102 Z 4; III 204 Z 22.
-
- Leukipp III 178 Z 3, 13; 179 Z 3, 5; 180 Z 4, 11; 181 Z 5; 182 Z 20.
-
- Leumann E. V Z 19; III 138 Z 14, 16; 144 Z 28; 146 Z 5, 7; 151 Z 30.
-
- Listing J. B. E XII Z 20.
-
- Livius III 259 Z 15.
-
- Lobatscheffsky N. III 245 Z 4.
-
- Loftus w. K. II 93 Z 33.
-
- Longchamps G. de III 303 Z 20.
-
- Longin III 355 Z 11.
-
- Loria Gino. III 241 Z 22; 338 Z 25, 27; 349 Z 2.
-
- Löwe J. H. III 170 Z 7.
-
- Lühmann F. v. III 296 Z 15.
-
- Luka Kosta ben III 331 Z 20.
-
- Lukianos III 135 Z 2.
-
- Lyko III 125 Z 27.
-
-
- Mahler G. II 102 Z 28 f.
-
- Mai A. III 278 Z 19.
-
- Maitrayana III 139 Z 18.
-
- Makrobios III 287 Z 22.
-
- Mamercos III 125 Z 11.
-
- Manava III 139 Z 18.
-
- Manutius III 312 Z 1.
-
- Marinos v. Neapolis III 231 Z 16; 367 Z 13.
-
- Mark Aurel III 342 Z 1.
-
- Martin H. III 326 Z 9.
-
- Maurolycus III 338 Z 4.
-
- Mayring V. III 333 Z 22.
-
- Medon III 228 Z 18.
-
- Mehler F. G. III 245 Z 34.
-
- Melanchthon Ph. III 245 Z 31.
-
- Memus J. B. III 291 Z 5.
-
- Menaichmos III 198 Z 26; 202 Z 1; $208 Z 3 f$; $209 Z 19 f$; 213 Z
- 14; 214 Z 12; 292 Z 11.
-
- Menelaos III 343 Z 17, 28; 344 Z 4, 12; 346 Z 15.
-
- Meier R. III 316 Z 14.
-
- Meyer E. E XVII Z 21; I 3 Z 8, 17; 4 Z 15; II 58 Z 18, 30, 34; 59 Z
- 28; 60 Z 4, 34; 62 Z 6; 85 Z 2, 7; 86 Z 3; 87 Z 19.
-
- Meyer W. II 73 Z 18.
-
- Möbius A. E XII Z 21.
-
- La Montre? III 246 Z 29.
-
- Montucla J. E. E IX Z 11, 28; E XIII Z 6; III 193 Z 17; 241 Z 4; 303
- Z 28; 304 Z 6; 307 Z 17.
-
- Morbeca Wilhelmus de III 278 Z 11; 326 Z 2.
-
- Morgan G. de II 70 Z 6; 75 Z 7.
-
- Müller H. III 245 Z 26.
-
- Müller M. II 42 Z 25; III 226 Z 17.
-
-
- Nasir ed Din III 244 Z 9.
-
- Natorp P. III 176 Z 15; 183 Z 10, 13; 188 Z 14.
-
- Naukrates III 292 Z 27.
-
- Nesselmann G. F. H. III 280 Z 34; 284 Z 14; 285 Z 12; 298 Z 26; 347 Z
- 30; 348 Z 2; 349 Z 1; 350 Z 2; 352 Z 15, 21; 354 Z 4, 17; 358 Z 9;
- 360 Z 21.
-
- Newberry Percy E. I 7 Z 6.
-
- Newton III 203 Z 27; 205 Z 11; 213 Z 9; 244 Z 16; 246 Z 22; 249 Z 10;
- 258 Z 17; 262 Z 19; 294 Z 19, 23; 296 Z 21; 297 Z 19; 304 Z 17; 307
- Z 17; 342 Z 16; 373 Z 28.
-
- Niebuhr K. I 17 Z 9; II 72 Z 19.
-
- Nietzsche F. III 176 Z 19.
-
- Nikomachos v. Gerasa III 131 Z 10; 199 Z 3; 219 Z 4; 243 Z 9; 289 Z
- 30; 300 Z 27; 344 Z 20; 346 Z 16; $347-352$; 353 Z 29; 366 Z 7.
-
- Nikomedes III 301-305.
-
- Nipsus III 123 Z 10.
-
- Nix L. III 291 Z 23; 316 Z 6; 317 Z 11; 331 Z 18.
-
- Nizze E. III 265 Z 25; 266 Z 12; 277 Z 8; 280 Z 5; 284 Z 13; 337 Z
- 32; 338 Z 19.
-
- Nokk A. III 232 Z 19; 309 Z 25; 310 Z 16; 337 Z 31; 338 Z 10, 19.
-
- Norris Ed. II 73 Z 30.
-
- Northampton Marquis of I 7 Z 5.
-
-
- Ofterdinger L. F. III 203 Z 17.
-
- Oinopides I 26 Z 9; III 170 Z 18.
-
- Oldenberg H. III 150 Z 31.
-
- Olivieri A. III 312 Z 32.
-
- Onken L. III 215 Z 17.
-
- Oppert J. II 73 Z 27, 30; 75 Z 22; 92 Z 25; 95 Z 33; 98 Z 17; 99 Z
- 34; 100 Z 17; 112 Z 10.
-
- Origines III 355 Z 11.
-
- Ottajano G. da III 370 Z 33.
-
- Ottmân Abu III 299 Z 21.
-
-
- Panaitios III 341 Z 5, 10; 342 Z 6.
-
- Pamphila III 123 Z 27, 34.
-
- Papperitz E. III 339 Z 1.
-
- Pappos E X Z 9; III 171 Z 14; 192 Z 1; 212 Z 11; 213 Z 1; 230 Z 27;
- 231 Z 1, 14; 232 Z 18; 234 Z 2, 10, 15, 21; 235 Z 13; 243 Z 12; 252
- Z 6; 260 Z 19; 261 Z 28; 263 Z 14; 267 Z 32; 268 Z 7, 19; 243 Z 12;
- 252 Z 6; 288 Z 22; 289 Z 20; 290 Z 12; 291 Z 2, 9; 292 Z 8; 294 Z
- 11; 295 Z 34; 296 Z 3, 30; 297 Z 20, 26; 298 Z 24; 299 Z 15; 301 Z
- 30; 302 Z 1; 303 Z 27; 308 Z 7, 15; 309 Z 10; 317 Z 25; 325 Z 3, 8;
- 331 Z 8; 358 Z 9; $366-371$.
-
- Pardies J. G. III 171 Z 17.
-
- Parmenides III $165 Z 30 ff$; $166 Z 11 f$; 176 Z 9; 180 Z 6, 32. N.
- 387 Z 29.
-
- Pascal Bl. III 291 Z 34.
-
- Peiser F. E. II 70 Z 18.
-
- Pena J. III 337 Z 33.
-
- Peters J. P. II 75 Z 17.
-
- Petersen J. III 232 Z 3.
-
- Peyrard F. III 240 Z 3; 253 Z 6; 266 Z 10; 280 Z 39.
-
- Pheidias III 258 Z 27.
-
- Pherekydes N. 384 Z 14.
-
- Philippos III 229 Z 28.
-
- Philolaos III 127 Z 25; 128 Z 9, 22; 129 Z 6; 130 Z 12, 21; 131 Z 13,
- 23, 30; 132 Z 21, 30; 133 Z 4, 10; 134 Z 17, 22; 135 Z 15; 141 Z 9,
- 12, 15; 205 Z 16; 348 Z 30; 350 Z 13; 351 Z 1. N. 385 Z 29; 386 Z
- 3, 6.
-
- Philon v. Alexandria III 177 Z 18; 343 Z 3; $355 Z 14 f$; 356 Z 19.
-
- Philon von Byzanz III 315 Z 20, 32; 321 Z 31; 322 Z 1; 324 Z 26; 325
- Z 1.
-
- Philopömos J. III 194 Z 17.
-
- Pinches T. G. II 59 Z 5.
-
- Pisano L. I 40 Z 2.
-
- Pistelli L. III 354 Z 16.
-
- Place V. II 74 Z 29; 75 Z 3.
-
- Planudes M. III 358 Z 12, 29.
-
- Platon I 26 Z 11; II 116 Z 4, 18; III 124 Z 2, 17; 125 Z 26, 28; 127
- Z 22; 128 Z 5; 131 Z 14; 132 Z 10; 133 Z 5; 134 Z 13; 136 Z 32; 141
- Z 10, 14; 175 Z 34; 176 Z 9; 178 Z 16; 179 Z 17, 21, 24; 182 Z 12,
- 26; 183 Z 2, 7, 15 f; 184 Z 4 ff; 185 Z 14 f; $186-192$; 194 Z 33;
- 195 Z 3; 197 Z 25, 29; 199 Z 20; 201 Z 13, 31; 202 Z 1; 205 Z 19,
- 32; 207 Z 30; 208 Z 4; 210 Z 18; 212 Z 9; 214 Z 2, 17, 21; 215 Z
- 34; 216 Z 21; 224 Z 15; 231 Z 31; 236 Z 21; 237 Z 2; 242 Z 26; 243
- Z 7; 258 Z 10; 290 Z 3; 315 Z 3; 326 Z 20; 338 Z 33; 340 Z 18; 346
- Z 25; 347 Z 7; 352 Z 4, 32; 355 Z 23; 356 Z 13. N. 376 Z 29; 379 Z
- 16; 380 Z 15, 30; 387 Z 9, 20.
-
- Platon v. Tivoli III 338 Z 1.
-
- Plotin III 183 Z 2; $354-357$.
-
- Plutarch I 17 Z 2; 22 Z 3; III 123 Z 20; 176 Z 10; 181 Z 29; 182 Z 1;
- 194 Z 16; 199 Z 22; 201 Z 34; 203 Z 33; 258 Z 29; 260 Z 8; 261 Z 8;
- 340 Z 31.
-
- Porphyrios III 126 Z 3; 243 Z 22; 354 Z 23; 356 Z 11; 357 Z 37, 26.
-
- Poseidonios III 134 Z 16, 314 Z 32; 329 Z 20; 339 Z 15 f; 341 Z 5,
- 14, 17; 342 Z 6, 8; 345 Z 33; 346 Z 7.
-
- Proklos E XIII Z 25; E XIV Z 34; I 25 Z 30; III 122 Z 26, 34; 123 Z 6
- f; 125 Z 11; 128 Z 8; 135 Z 31; 137 Z 16; 170 Z 10, 22; 174 Z 30,
- 33; 175 Z 3, 33; 190 Z 28; 191 Z 23; 197 Z 22; 202 Z 11, 15; 208 Z
- 8; 210 Z 2; 212 Z 5, 8; 213 Z 22, 24; 229 Z 2, 5, 21; 231 Z 14; 233
- Z 8, 23; 234 Z 2; 235 Z 22; 236 Z 5; 237 Z 27; 238 Z 33; 242 Z 3,
- 28; 243 Z 23, 33; 244 Z 12, 27; 248 Z 18, 31; 249 Z 5, 24; 250 Z
- 19, 30; 251 Z 19; 252 Z 6, 12; 253 Z 23; 261 Z 20; 262 Z 3, 13; 268
- Z 19; 389 Z 6, 11; 298 Z 13; 301 Z 25; 307 Z 33; 308 Z 6; 309 Z 29;
- 310 Z 4, 11; 314 Z 4; 319 Z 34; 338 Z 33; 339 Z 12, 15, 27; 341 Z
- 17; 343 Z 24; 346 Z 1, 5; 354 Z 19; 356 Z 26; 357 Z 27; 366 Z 16;
- 367 Z 13, 22; 371 Z 34. N. 381 Z 13.
-
- Protagoras III 178 Z 12 f.
-
- Ptolemäus E X Z 9; II 116 Z 19; III 205 Z 29; 207 Z 11; 299 Z 33; 311
- Z 28, 30; 312 Z 30; 326 Z 8; 329 Z 20; 338 Z 15; 342 Z 13; 343 Z
- 18; 344 Z 7, 17, 22; 345 Z 3, 21; 346 Z 1,7; 366 Z 33; 367 Z 8.
-
- Pythagoras I 26 Z 3; III 125 Z 13, 23, 33; 126 Z 1, 6 f; 127 Z 2, 25;
- 137 Z 12 f; 138 Z 7; $145 Z 1$; $153 Z 7$; 315 Z 4; 352 Z 14; 353 Z
- 29. N. 379 Z 27; 384 Z 8; 385 Z 20.
-
-
- Ramus Petrus III 213 Z 21; 239 Z 22; 245 Z 5; 359 Z 3.
-
- Ranke H. II 58 Z 19; 65 Z 33.
-
- Rassam H. II 74 Z 18, 21; 81 Z 7, 28.
-
- Rawlinson H. II 74 Z 13; 75 Z 22; 76 Z 27; 117 Z 26.
-
- Regiomontan III 264 Z 24; 265 Z 12; 359 Z 2.
-
- Reinhold E. III 132 Z 18.
-
- Revillout E. I 27 Z 21; 28 Z 14; 29 Z 4; 46 Z 8, 33; 48 Z 33; 50 Z
- 16; 51 Z 11; 52 Z 15.
-
- Rhode E. N 383 Z 24; 384 Z 11; 385 Z 21.
-
- Riccardi p. III 239 Z 14.
-
- Riche J. II 74 Z 3.
-
- Rieder gleich Reder J. M. III 244 Z 25.
-
- Riemann B. III 166 Z 32.
-
- Ritter H. III 132 Z 17, 27; 133 Z 7; 134 Z 22.
-
- Rivaltus III 265 Z 27.
-
- Robertson Abr. III 265 Z 24.
-
- Roberval G. P. de III 263 Z 20; 305 Z 32.
-
- Rodet J. I 36 Z 25, 28; 40 Z 1.
-
- Rose Val. III 326 Z 9.
-
- Rouché E III 171 Z 9.
-
- Rudio F. E XI Z 11; III 171 Z 34; 172 Z 15, 29; 368 Z 8, 11.
-
- Rüstow (Major) W. III 324 Z 12.
-
-
- Saccheri Gir. III 238 Z 31; 244 Z 30, 33.
-
- Sarzec E. de II 59 Z 9; 61 Z 5, 9, 32; 74 Z 26, 33.
-
- Saulcy F. C. de II 75 Z 23.
-
- Savile H. III 239 Z 20; 244 Z 14.
-
- Sayce A. H. II 59 Z 5; 111 Z 28.
-
- Schack-Schackenburg I 38 Z 12; 41 Z 3; 42 Z 11.
-
- Schaubach J. K. III 204 Z 11; 207 Z 27; 312 Z 24.
-
- Scheil V. II 70 Z 11; 75 Z 8.
-
- Schellbach K. H. III 274 Z 19.
-
- Schiaparelli G. V. III 204 Z 16, 26, 31; 205 Z 12; 207 Z 5. N. 379 Z
- 26.
-
- Schliemann H. III 121 Z 19; 122 Z 1, 9.
-
- Schmidt W. III 308 Z 23; 309 Z 2; 314 Z 16; 315 Z 20; 317 Z 5 f; 319
- Z 26; 320 Z 29; 321 Z 23; 326 Z 1, 9; 328 Z 33; 329 Z 23; 331 Z 17;
- 332 Z 19.
-
- Schöne H. E XV Z 3; I 47 Z 2; III 264 Z 3; 274 Z 12; 314 Z 24; 315 Z
- 28; 317 Z 14; 328 Z 2, 33; 337 Z 7.
-
- Schöne R. III 314 Z 25; 334 Z 5.
-
- Schopenhauer A. III 221 Z 17; 246 Z 8; 251 Z 3, 9; 357 Z 12. N 379 Z
- 16; 387 Z 25.
-
- Schotten H. III 248 Z 11.
-
- Schrader E. II 57 Z 23.
-
- Schramm E. III 324 Z 13.
-
- Schröder L. v. III 138 Z 7, 17; 141 Z 7; 143 Z 29; 146 Z 6.
-
- Schuchhardt C. III 122 Z 8.
-
- Schwarz H. A. III 309 Z 22.
-
- Seleukos III 311 Z 21, 24.
-
- Seneca III 342 Z 1.
-
- Siculus E. III 326 Z 8.
-
- Sigwart C. W. III 213 Z 34.
-
- Simon M. III 174 Z 21; 232 Z 24; 270 Anm. 1; 273 Z 31; 294 Z 20; 295
- Z 24; 296 Z 33.
-
- Simplicius III 122 Z 29; 167 Z 19; 171 Z 21; 172 Z 1 f; 175 Z 5, 7;
- 204 Z 10; 218 Z 6, 11; 220 Z 30; 229 Z 2; 309 Z 2; 372 Z 7. N 381 Z
- 34.
-
- Simson R. III 234 Z 18; 244 Z 19; 296 Z 3.
-
- Smiths G. II 105 Z 30.
-
- Smiths P. I 24 Z 11.
-
- Socrates III 124 Z 6; 127 Z 26; 178 Z 6; 184 Z 17, 21; 188 Z 16; 191
- Z 7. N 376 Z 23.
-
- Sotios III 199 Z 2.
-
- Spengel L. III 171 Z 27.
-
- Speusippos III 127 Z 32.
-
- Spiegel F. (v.) II 73 Z 28.
-
- Spiegelberg W. V Z 17; I 3 Z 9; 4 Z 8; 7 Z 6; 22 Z 30; 29 Z 4.
-
- Spinoza III 223 Z 11; 341 Z 1. N 375 Z 21.
-
- Sporos III 194 Z 28.
-
- Stäckel P. III 250 Z 17.
-
- Stein J. P. W. III 248 Z 15.
-
- Steiner J. III 309 Z 20; 368 Z 25.
-
- Stesichoros III 125 Z 12.
-
- Stobäos III 129 Z 27; 230 Z 17. N 386 Z 12.
-
- Strabo E XVI Z 18; III 204 Z 4; 285 Z 32; 286 Z 27; 289 Z 34; 313 Z
- 28.
-
- Strassmaier J. N. II 101 Z 3; 109 Z 21; 110 Z 29.
-
- Struve J. u. K. L. III 285 Z 13.
-
- Sturm Ambros III 193 Z 15; 194 Z 16; 201 Z 28; 289 Z 10.
-
- Sturm Ch. III 171 Z 15; 245 Z 33; 266 Z 8.
-
- Subandhu III 164 Z 29.
-
- Suidas III 274 Z 11; 285 Z 31.
-
- Sundara III 159 Z 27.
-
- Susemihl F. III 285 Z 28; 311 Z 21; 314 Z 18; 320 Z 3.
-
- Syrion N 386 Z 12.
-
-
- Tâbit ibn Quorrah III 267 Z 28; 291 Z 23.
-
- Tacitus III 142 Z 18.
-
- Tacquet A. III 171 Z 15; 245 Z 11.
-
- Tannery P. III 170 Z 2; 172 Z 15; 173 Z 23; 194 Z 28; 200 Z 1; 201 Z
- 3; 207 Z 5; 222 Z 23; 229 Z 5; 236 Z 1; 242 Z 8; 243 Z 27; 251 Z
- 20; 301 Z 22; 312 Z 33; 314 Z 15; 336 Z 17; 337 Z 22; 359 Z 19.
-
- Tartaglia N. III 278 Z 13.
-
- Taylor Th. III 244 Z 1.
-
- Teleutagoras III 167 Z 7.
-
- Tenulius III 353 Z 5.
-
- Thales I 25 Z 30; III 122 Z 30; 123 Z 7, 14, 21; 124 Z 1, 23; 125 Z
- 10; 187 Z 3. N 375 Z 8; 381 Z 15; 382 Z 21; 383 Z 14.
-
- Theätet III 136 Z 28, 31; 185 Z 26; 186 Z 16; 213 Z 16, 18; 229 Z 31;
- 236 Z 21, 32; 238 Z 9; 257 Z 15.
-
- Theodoros III 136 Z 32; 170 Z 24; 184 Z 23.
-
- Theodosios III 202 Z 25; 232 Z 23; 337 Z 20; 338 Z 8 f.
-
- Theon v. Alexandria III 232 Z 28; 239 Z 31; 240 Z 7; 268 Z 19; 282 Z
- 30; 309 Z 8, 13, 28; 310 Z 1, 12; 313 Z 18; 314 Z 9; 367 Z 9; 371 Z
- 33.
-
- Theon Smyrneus III 187 Z 18; 194 Z 15; 214 Z 16; 243 Z 11, 23; 244 Z
- 24; 249 Z 15; 319 Z 17; 348 Z 31; 352 Z 29; 353 Z 4, 10.
-
- Theophrast III 217 Z 22; 218 Z 32; 228 Z 31. N 381 Z 26; 382 Z 17.
-
- Theudios III 213 Z 16, 22; 235 Z 12; 237 Z 27; 253 Z 20; 309 Z 32.
-
- Thibaut G. III 138 Z 5, 19; 139 Z 22; 146 Z 32; 148 Z 1, 13; 154 Z
- 17, 19; 157 Z 18; 159 Z 33; 245 Z 34.
-
- Thomas v. Aquino III 169 Z 18; 223 Z 31; 228 Z 12.
-
- Thureau-Dangin Frc. II 118 Z 5.
-
- Thurot Ch. III 280 Z 17.
-
- Thymaridas III 353 Z 32; 354 Z 12.
-
- Torelli G. III 265 Z 21, 28.
-
- Torricelli Ev. III 263 Z 20.
-
- Trendelenburg F. A. III 177 Z 8.
-
- Treutlein P. III 245 Z 34.
-
- Tudela B. v. II 74 Z 8.
-
- Tzetzes III 186 Z 2; 258 Z 25; 259 Z 17.
-
-
- Überweg Fr. III 170 Z 8.
-
- Usener H. III 366 Z 29.
-
-
- Valens Vettius III 299 Z 27.
-
- Valerio Luca III 274 Z 21.
-
- Valerius Maximus III 229 Z 18.
-
- Valla G. III 259 Z 19; 265 Z 33.
-
- Vaux Carra de III 314 Z 15; 331 Z 10.
-
- Veronese G. E XIV Z 28; III 241 Z 26; 247 Z 7.
-
- Vettori P. III 311 Z 33.
-
- Vieta Fr. III 171 Z 14; 173 Z 34; 174 Z 14, 26; 175 Z 32; 297 Z 1;
- 304 Z 20; 359 Z 34; 361 Z 6; 365 Z 18.
-
- Vitruv E X Z 9; III 137 Z 21; 194 Z 19; 197 Z 11; 261 Z 33; 288 Z 22;
- 289 Z 15; 315 Z 21; 332 Z 5.
-
- Viviani V. III 291 Z 19.
-
- Vogelin J. III 245 Z 30.
-
-
- Wafa s. Abul Wafa.
-
- Wallenius M. J. III 174 Z 21.
-
- Wallis J. III 244 Z 15; 265 Z 3; 367 Z 29.
-
- Weber H. III 285 Z 21.
-
- Weierstrass C. E X Z 17; III 223 Z 6; 227 Z 17; 256 Z 10.
-
- Wellmann E. III 170 Z 1.
-
- Wertheim G. III 318 Z 1 f; 359 Z 20; 360 Z 3; 362 Z 32; 365 Z 17.
-
- Wessel K. II 73 Z 14, 23.
-
- Weyr E. E XVI Z 28; XVII Z 2; I 27 Z 29; 50 Z 16; 51 Z 8.
-
- Whiston W. III 171 Z 15.
-
- Wilke = Wilcken Ul. I 46 Z 21.
-
- Wilamowitz U. v. III 184 Z 34; 273 Z 2.
-
- Windelband W. III 184 Z 15; 224 Z 12.
-
- Winkel W. III 182 Z 28.
-
- Winckelmann J. J. I 18 Z 25.
-
- Winkler H. II 59 Z 13; 61 Z 13; 65 Z 24; 66 Z 10; 70 Z 14, 23.
-
- Wolf F. A. E X Z 5.
-
- Wolff Chr. (v.) III 245 Z 33.
-
- Wölffing E. III 303 Z 18.
-
- Wöpcke F. III 233 Z 22; 299 Z 20, 26.
-
-
- Xenokrates III 216 Z 32.
-
- Xenophanes III 124 Z 18; 125 Z 25; 141 Z 9; $164-166$; 176 Z 29; 177
- Z 1.
-
- Xylander W. (Holtzmann) III 359 Z 5.
-
-
- Young Th. I 18 Z 2, 14; 19 Z 22.
-
-
- Zeller E. III 125 Z 18; 132 Z 16; 179 Z 8; 183 Z 10; 219 Z 18; 224 Z
- 12. N 383 Z 2; 386 Z 10.
-
- Zenodoros III 308 Z 17, 26; 309 Z 25, 33; 310 Z 8; 369 Z 4.
-
- Zenon von Elea III 167-170; 178 Z 12; 226 Z 13.
-
- Zenon von Kittion 340 Z 4 f.
-
- Zeuthen H. III 181 Z 18; 235 Z 7; 250 Z 3; 267 Z 21; 289 Z 21; 291 Z
- 29; 292 Z 17; 294 Z 1, 20; 296 Z 23; 297 Z 4.
-
- Zeúxippos III 279 Z 19.
-
- Zimmer H. III 143 Z 13; 164 Z 2.
-
- Zoëga G. I 18 Z 18.
-
- Zonaras III 259 Z 19.
-
-
-Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | Aahmesu -- Aahmes -- Ahmes -- Ames |
- | Abel'schen -- Abelschen |
- | Achse -- Axe |
- | Al Mamun -- Al-Mamûn |
- | anderen -- andern -- andren |
- | Anonymos -- Anonymus |
- | Apollonios -- Apollonius |
- | Arsacidenzeit -- Arsakidenzeit |
- | asva-medha -- asvamedha |
- | Bêl -- Bel |
- | Bel-ache-irbâ -- Belacheirba |
- | Berossos -- Berossus -- Berosus |
- | catur-asra -- caturasra |
- | Chammurabi -- Hammurabi -- Ḫammurabi |
- | Commentar -- Kommentar |
- | Coordinaten -- Koordinaten |
- | Copernicus -- Kopernikus |
- | Cylinder -- Zylinder |
- | eigene -- eigne |
- | Einer-Ziffer -- Einerziffer |
- | Elementar-Geometrie -- Elementargeometrie |
- | Epicykeln -- Epizyklen |
- | Eukleídēs -- Euklides |
- | Euklid-Kommentar -- Euklidkommentar |
- | Fajum -- Fayum |
- | Fünfer-System -- Fünfersystem |
- | Giseh -- Gizeh |
- | gerade -- grade |
- | geradlinigen -- gradlinigen |
- | Grynaeus -- Grynäus |
- | Holtzmann -- Holzmann |
- | irreduzibeln -- irreduziblen |
- | Kaienharu -- Kainharu |
- | Kalpa-Sutras -- Kalpa-sutras -- Kalpasutras |
- | Laërtios -- Laertios -- Laertius |
- | Larsa -- Larsam |
- | Lobatscheffski -- Lobatscheffsky |
- | Mamerkos -- Mamercos |
- | Metrica -- Metrika |
- | Mönchpöbel -- Mönchspöbel |
- | Mykene-Periode -- Mykeneperiode |
- | Nabonahid -- Nabonid |
- | Orient-Gesellschaft -- Orientgesellschaft |
- | Pappos -- Pappus |
- | Papyros -- Papyrus |
- | Phaenomena -- Phänomena |
- | Proklos -- Proklus |
- | Ptolemaios -- Ptolemäos -- Ptolemäus -- Ptolemeus |
- | pythagoräisch -- pythagoreisch |
- | Quadrat-purusa -- Quadratpurusa |
- | Rê -- Re |
- | Rig-veda -- Rigveda |
- | Seleucidenära -- Seleuciden-Ära |
- | Seqd -- Sqd |
- | Sphaira -- sphaera |
- | Soma-Opfer -- Somaopfer |
- | Sothis-Perioden -- Sothisperioden |
- | Sporos -- Sporus |
- | Stobaios -- Stobäos |
- | Sulba-sutra -- Sulba-Sutra |
- | Tello -- Telloh |
- | Theaetet -- Theätet -- Theaitet |
- | unseren -- unsern |
- | Verdoppelung -- Verdopplung |
- | vermittels -- vermittelst |
- | Vermittelung -- Vermittlung |
- | Woepcke -- Wöpcke |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. VII »Methotik« in »Methodik« geändert. |
- | S. X »ungeahnten Erfolge« in »ungeahntem Erfolge« geändert. |
- | S. XI »Anderung« in »Änderung« geändert. |
- | S. XII »Christophel« in »Christoffel« geändert. |
- | S. XII »X_{K}« in »x_{K}« geändert. |
- | S. XVII »Babylonias« in »Babylonian« geändert. |
- | S. 4 »folgenden Tabelle« in »folgende Tabelle« geändert. |
- | S. 4 »Newesserrê« in »Neweserrê« geändert. |
- | S. 7 »Bibanelmoluk« in »Biban el Moluk« geändert. |
- | S. 9 »Dschingiskans« in »Dschingis Khans« geändert. |
- | S. 9 »Lybien« in »Libyen« geändert. |
- | S. 9 »libysche« in »libysche« geändert. |
- | S. 10 »Ammon« in »Amon« geändert. |
- | S. 10 »Ermann« in »Erman« geändert. |
- | S. 11 »libyschen« in »libyschen« geändert. |
- | S. 14 »Diocletian« in »Diokletian« geändert. |
- | S. 16 »Jaques« in »Jacques« geändert. |
- | S. 16 »ägyptiaca« in »aegyptiaca« geändert. |
- | S. 18 »Winkelmann« in »Winckelmann« geändert. |
- | S. 19 »dem man« in »den man« geändert. |
- | S. 26 »dem 2. Kongruenzsatz« in »den 2. Kongruenzsatz« |
- | geändert. |
- | S. 27 »Eugen Revillout« in »Eugène Revillout« geändert. |
- | S. 27 »Flynders Petrie« in »Flinders Petrie« geändert. |
- | S. 27 »Revue Egyptologique« in »Revue égyptologique« |
- | geändert. |
- | S. 27 »Griffiths« in »Griffith« geändert. |
- | S. 27 »Uberschwemmungszeit« in »Überschwemmungszeit« |
- | geändert. |
- | S. 32 »F. Hultzsch« in »F. Hultsch« geändert. |
- | S. 32 »Griffiths« in »Griffith« geändert. |
- | S. 32 »Substraktion« in »Subtraktion« geändert. |
- | S. 38 »Schack von Schackburg« in »Schack-Schackenburg« |
- | geändert. |
- | S. 38 »29-1/6« in »28-1/6« geändert. |
- | S. 40 »Griffiths« in »Griffith« geändert. |
- | S. 40 »papiri« in »Papyri« geändert. |
- | S. 41 »Griffiths« in »Griffith« geändert. |
- | S. 42 »Qadratwurzeln« in »Quadratwurzeln« geändert. |
- | S. 42 »Phythagoras« in »Pythagoras« geändert. |
- | S. 44 »Petripapyri« in »Petriepapyri« geändert. |
- | S. 44 »Griffiths« in »Griffith« geändert. |
- | S. 44 »8-3/2« in »8 . 3/2« geändert. |
- | S. 46 »περι γεομετςιας« in »περι γεομετριας« geändert. |
- | S. 52 »Biban el Moleck« in »Biban el Moluk« geändert. |
- | S. 59 »Ubersetzungen« in »Übersetzungen« geändert. |
- | S. 59 »Bilinguer« in »bilinguer« geändert. |
- | S. 59 »Sumerier« in »Sumerer« geändert. |
- | S. 60 »Ubereinstimmung« in »Übereinstimmung« geändert. |
- | S. 64 »Sumeriern« in »Sumerern« geändert. |
- | S. 64 »festeht« in »feststeht« geändert. |
- | S. 64 »paradisisch« in »paradiesisch« geändert. |
- | S. 64 »Grosstaat« in »Grossstaat« geändert. |
- | S. 65 »Adadniranis« in »Adad-niraris« geändert. |
- | S. 67 »Assyrier« in »Assyrer« geändert. |
- | S. 67 »Kanaanern« in »Kanaanäern« geändert. |
- | S. 68 »Chamurabi« in »Chammurabi« geändert. |
- | S. 70 »C. Betzold« in »C. Bezold« geändert. |
- | S. 70f »bedauerlicher Weise« in »bedauerlicherweise« |
- | geändert. |
- | S. 71 »Chamurabis« in »Chammurabis« geändert. |
- | S. 71 »Kananäern« in »Kanaanäern« geändert. |
- | S. 75 »Assyrilogie« in »Assyriologie« geändert. |
- | S. 75 »Chamurabi« in »Chammurabi« geändert. |
- | S. 75 »Exkavations« in »Excavations« geändert. |
- | S. 75 »Pensylvanien« in »Pennsylvanien« geändert. |
- | S. 76 »Ubereinanderstellung« in »Übereinanderstellung« |
- | geändert. |
- | S. 77 »der Assyrischen« in »des Assyrischen« geändert. |
- | S. 77 »niedergehn« in »niedergehen« geändert. |
- | S. 78 »Alt-Babylonischen« in »Altbabylonischen« geändert. |
- | S. 79 »Determiniativ« in »Determinativ« geändert. |
- | S. 79 »Juppiter« in »Jupiter« geändert. |
- | S. 80 »in Ägyptischen« in »im Ägyptischen« geändert. |
- | S. 81 »Kujundschick« in »Kujundschik« geändert. |
- | S. 81 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert. |
- | S. 82 »T-stücken« in »T-Stücken« geändert. |
- | S. 83 »bischen« in »bisschen« geändert. |
- | S. 87 »Chamurabi« in »Chammurabi« geändert. |
- | S. 88 »Schekverkehr« in »Scheckverkehr« geändert. |
- | S. 89 »astromonischen« in »astronomischen« geändert. |
- | S. 91 »Gewichtsystem« in »Gewichtssystem« geändert. |
- | S. 93 »Gewichtsystem« in »Gewichtssystem« geändert. |
- | S. 94 »Kujundschick« in »Kujundschik« geändert. |
- | S. 94 »der Quadraten« in »der Quadrate« geändert. |
- | S. 96 »396^2 = 152100« in »390^2 = 152100« geändert. |
- | S. 99 »Khorsabat« in »Khorsabad« geändert. |
- | S. 99 »98425 =« in »99425 =« geändert. |
- | S. 100 »Offnung« in »Öffnung« geändert. |
- | S. 100 »Offnungen« in »Öffnungen« geändert. |
- | S. 102 »E. Hinks« in »E. Hincks« geändert. |
- | S. 104 »keinesweges« in »keineswegs« geändert. |
- | S. 104 »Gudeah« in »Gudea« geändert. |
- | S. 104 »Kewitzsch« in »Kewitsch« geändert. |
- | S. 105 »Sexagisimalsystems« in »Sexagesimalsystems« geändert. |
- | S. 106 »Gudeah« in »Gudea« geändert. |
- | S. 107 »8)« in »3)« geändert. |
- | S. 108 »Eponymen Kanon« in »Eponymenkanon« geändert. |
- | S. 108 »mit den Aldebaran« in »mit dem Aldebaran« geändert. |
- | S. 108 »Fischer« in »Fische« geändert. |
- | S. 109 »thibetanischen« in »tibetanischen« geändert. |
- | S. 109 »univ.« in »Univ.« geändert. |
- | S. 109 »Nebuckadnezzar« in »Nebuchadnezzar« geändert. |
- | S. 115 »Mesepotamien« in »Mesopotamien« geändert. |
- | S. 117 »Kenntniss« in »Kenntnis« geändert. |
- | S. 122 »zn« in »zu« geändert. |
- | S. 124 »Diagones Laertius« in »Diogenes Laertius« geändert. |
- | S. 125 »gegebnen« in »gegebenen« geändert. |
- | S. 126 »Neupythagorismus« in »Neupythagoreismus« geändert. |
- | S. 126 »Pythagorismus« in »Pythagoreismus« geändert. |
- | S. 128 »Aug. Boekh« in »Aug. Boeckh« geändert. |
- | S. 131 »Nikomachus von Gerasa« in »Nikomachos von Gerasa« |
- | geändert. |
- | S. 132 »Pythagorismus« in »Pythagoreismus« geändert. |
- | S. 133 »Heraclitischen« in »Heraklitischen« geändert. |
- | S. 133 »Pythagoräismus« in »Pythagoreismus« geändert. |
- | S. 133 »Lieblingsatzes« in »Lieblingssatzes« geändert. |
- | S. 134 »Kopernicus« in »Kopernikus« geändert. |
- | S. 139 »Indo-Arischen-Philologie« in |
- | »Indo-Arischen Philologie« geändert. |
- | S. 139 »Maassschnur« in »Massschnur« geändert. |
- | S. 140 »Ubrigens« in »Übrigens« geändert. |
- | S. 142 »Juppiter« in »Jupiter« geändert. |
- | S. 142 »Afganistan« in »Afghanistan« geändert. |
- | S. 145 »Meßschnur« in »Messschnur« geändert. |
- | S. 146 »Maasse« in »Masse« geändert. |
- | S. 148 »+ 1/3 . 4 - 1/3 : 4 . 34« in »+ 1/(3·4) - 1/(3·4·34)« |
- | geändert. |
- | S. 151 »Sulvas« in »Sulbas« geändert. |
- | S. 156 »rechwinkligen« in »rechtwinkligen« geändert. |
- | S. 166 »γας« in »γαρ« geändert. |
- | S. 171 »Lunulae Hippokratis« in »Lunulae Hippocratis« |
- | geändert. |
- | S. 171 »Pardis« in »Pardies« geändert. |
- | S. 171 »Hypothenuse« in »Hypotenuse« geändert. |
- | S. 171 »Kilicien« in »Kilikien« geändert. |
- | S. 171 »Fragmente« in »Fragmenta« geändert. |
- | S. 171 »super sunt« in »supersunt« geändert. |
- | S. 173 »ε_{1}« in »e_{1}« geändert. |
- | S. 175 »Brison« in »Bryson« geändert. |
- | S. 180 »ἁι ατομοι« in »ὁι ατομοι« geändert. |
- | S. 184 »U. v. Willamowitz« in »U. v. Wilamowitz« geändert. |
- | S. 189 »transcendentale« in »transzendentale« geändert. |
- | S. 189 »transscendentale« in »transzendentale« geändert. |
- | S. 190 »aus den Gedankengang« in »aus dem Gedankengang« |
- | geändert. |
- | S. 191 »gegebnen« in »gegebenen« geändert. |
- | S. 191 »gegebnes« in »gegebenes« geändert. |
- | S. 192 »amicicior« in »amicior« geändert. |
- | S. 192 »injecit« in »iniecit« geändert. |
- | S. 194 »διαπλασιασμός« in »διπλασιασμός« geändert. |
- | S. 194 »numero« in »numeroque« geändert. |
- | S. 195 »gegebnen« in »gegebenen« geändert. |
- | S. 196 »Abscrissenaxe« in »Abscissenaxe« geändert. |
- | S. 196 »verificieren« in »verifizieren« geändert. |
- | S. 197 »Daß« in »Dass« geändert. |
- | S. 198 »Nektanabos« in »Nektanebos« geändert. |
- | S. 198 »8 · 357« in »8 · 354« geändert. |
- | S. 200 »ΗΔ« in »ΕΔ« geändert. |
- | S. 202 »15 50« in »1550« geändert. |
- | S. 202 »ganz Teil« in »ganzer Teil« geändert. |
- | S. 204 »klassisischen« in »klassischen« geändert. |
- | S. 206 »Eudoxes« in »Eudoxos« geändert. |
- | S. 208 »Méneichmos« in »Menaichmos« geändert. |
- | S. 208 »Eutoxios« in »Eutokios« geändert. |
- | S. 209 »deren Ache« in »deren Axe« geändert. |
- | S. 211 »= o« in »= 0« geändert. |
- | S. 213 »Unendlich-kleinen und -grossen« in |
- | »Unendlich kleinen und grossen« geändert. |
- | S. 216 »naturwissenschaftlichen« in »naturwissenschaftlichem« |
- | geändert. |
- | S. 217 »auf und abgehend« in »auf- und abgehend« geändert. |
- | S. 218 »Znnächst« in »Zunächst« geändert. |
- | S. 219 »bewunderswertesten« in »bewundernswertesten« geändert. |
- | S. 223 »wiederspruchsfreie« in »widerspruchsfreie« geändert. |
- | S. 224 »praestabilitierte Harmonie« in |
- | »praestabilierte Harmonie« geändert. |
- | S. 226 »unserer Intellekts« in »unseres Intellekts« geändert. |
- | S. 226 »uud« in »und« geändert. |
- | S. 227 »τονύν« in »το νύν« geändert. |
- | S. 228 »auf die Islam« in »auf den Islam« geändert. |
- | S. 228 »Metereologie« in »Meteorologie« geändert. |
- | S. 228 »500 Jahr« in »500 Jahre« geändert. |
- | S. 231 »Alexandrischen Schule« in »Alexandrinischen Schule« |
- | geändert. |
- | S. 231 »gegebenene« in »gegebene« geändert. |
- | S. 232 »lectio sphärica« in »lectio sphaerica« geändert. |
- | S. 233 »Katoptik« in »Katoptrik« geändert. |
- | S. 234 »bedeuterenden« in »bedeutenderen« geändert. |
- | S. 234f »Resumé« in »Résumé« geändert. |
- | S. 235 »Appollonios« in »Apollonios« geändert. |
- | S. 238 »Dodecaëder« in »Dodekaëder« geändert. |
- | S. 240 »festellen« in »feststellen« geändert. |
- | S. 242 »Anarizi« in »An-Narizi« geändert. |
- | S. 243 »Neupythagoräismus« in »Neupythagoreismus« geändert. |
- | S. 244 »Ishak« in »Ishaq« geändert. |
- | S. 245 »Konrad Dasypodios« in »Conrad Dasypodius« geändert. |
- | S. 245 »Mathesis juvenalis« in »Mathesis juvenilis« geändert. |
- | S. 245 »Melanchtons« in »Melanchthons« geändert. |
- | S. 245 »Rechtek« in »Rechteck« geändert. |
- | S. 246 »ententlehnt« in »entlehnt« geändert. |
- | S. 246 »garnicht« in »gar nicht« geändert. |
- | S. 249 »Vatikanus« in »Vaticanus« geändert. |
- | S. 257 »2 · 3 · 5 · 7 · 9 · 11 · 13 + 1 = 30031« in |
- | »2 · 3 · 5 · 7 · 11 · 13 + 1 = 30031« geändert. |
- | S. 257 »Königo« in »Könige« geändert. |
- | S. 261 »δός μοι πᾷ βῶ καὶ τὰν γᾶν κινῶ« in |
- | »δός μοι πᾷ στῶ καὶ τὰν γᾶν κινήσω« geändert. |
- | S. 262 »Gélon« in »Gelon« geändert. |
- | S. 264 »complectantem« in »complectentem« geändert. |
- | S. 265 »Prostestantischen« in »Protestantischen« geändert. |
- | S. 265 »Archityp« in »Archetyp« geändert. |
- | S. 266 »Federigo Commandino« in »Federico Commandino« |
- | geändert. |
- | S. 267 »Thâbit ibn Quorra« in »Thabit ibn Qurrah« geändert. |
- | S. 272 »sphära« in »sphaera« geändert. |
- | S. 273 »√(a^2 ± b) < a ± b/(2a + 1)« in |
- | »√(a^2 ± b) > a ± b/(2a ± 1)« geändert. |
- | S. 378 »Kopernicus« in »Kopernikus« geändert. |
- | S. 282 »κυκλου μετρησις« in »κυκλου μετρησις« geändert. |
- | S. 282 »γεδϡοϛι« in »γεδϡο« geändert. |
- | S. 282 »76.« in »7.« geändert. |
- | S. 282 »1009116½« in »1009166½« geändert. |
- | S. 283 »ΘιϡϛΘ.ΘιϡϛΘ« in »ΘιϡϟΘ.ΘιϡϟΘ« geändert. |
- | S. 283 »dis er« in »die er« geändert. |
- | S. 284 »Eratosthemes« in »Eratosthenes« geändert. |
- | S. 285 »Erathostenes« in »Eratosthenes« geändert. |
- | S. 286 »Kalimachos« in »Kallimachos« geändert. |
- | S. 286 »Helene« in »Hellene« geändert. |
- | S. 287 »Erathostenes« in »Eratosthenes« geändert. |
- | S. 287 »etnographisch« in »ethnographisch« geändert. |
- | S. 288 »αρχειας« in »αρχαίας« geändert. |
- | S. 289 »Es ist ist« in »Es ist« geändert. |
- | S. 290 »frühstens« in »frühestens« geändert. |
- | S. 291 »Federigo Commandino« in »Federico Commandino« |
- | geändert. |
- | S. 291 »Tabit ibn Quorrah« in »Thabit ibn Qurrah« geändert. |
- | S. 293 »Mimina« in »Minima« geändert. |
- | S. 293 »x = o, z = o, und y = o, u = o« in |
- | »x = 0, z = 0, und y = 0, u = 0« geändert. |
- | S. 295 »Hyberbel« in »Hyperbel« geändert. |
- | S. 296 »¯O¯-Kreise« in »0-Kreise« geändert. |
- | S. 297 »Hyberbel« in »Hyperbel« geändert. |
- | S. 297 »Patricier« in »Patrizier« geändert. |
- | S. 299 »υμδκαι« in »υμδ και« geändert. |
- | S. 299 »Woepke« in »Woepcke« geändert. |
- | S. 299 »Appollonios« in »Apollonios« geändert. |
- | S. 299 »vindiciert« in »vindiziert« geändert. |
- | S. 300 »Problemenklassen« in »Problemklassen« geändert. |
- | S. 303 »Irisektion« in »Trisektion« geändert. |
- | S. 303 »x Axe« in »x-Axe« geändert. |
- | S. 303 »Wölfings« in »Wölffings« geändert. |
- | S. 303 »angegebnen« in »angegebenen« geändert. |
- | S. 306 »von von« in »von« geändert. |
- | S. 306 »¯O¯-Punkt« in »0-Punkt« geändert. |
- | S. 307 »Querstecken« in »Querstrecken« geändert. |
- | S. 309 »Autentizität« in »Authentizität« geändert. |
- | S. 310 »regelmäßige« in »regelmässige« geändert. |
- | S. 311 »des erste« in »das erste« geändert. |
- | S. 314 »schliesen« in »schliessen« geändert. |
- | S. 316 »Exerpte« in »Excerpte« geändert. |
- | S. 334 »liber geoponikus« in »liber geoponicus« geändert. |
- | S. 318 »69 und 125« in »64 und 125« geändert. |
- | S. 318 »Verfahfahren« in »Verfahren« geändert. |
- | S. 318 »Näherungwerte« in »Näherungswerte« geändert. |
- | S. 318 »265/133« in »265/153« geändert. |
- | S. 318 »1351/180« in »1351/780« geändert. |
- | S. 320 »Ktesebios« in »Ktesibios« geändert. |
- | S. 326 »Katatoptrik« in »Katoptrik« geändert. |
- | S. 339 »grader« in »gerader« geändert. |
- | S. 331 »Appollonios« in »Apollonios« geändert. |
- | S. 334 »liber geoponikus« in »liber geoponicus« geändert. |
- | S. 335 »wie ΑΔ zu ΑΗ« in »wie ΑΔ zu ΔΗ« geändert. |
- | S. 335 »ΓΒ : ΒΓ wie ΒΛ : ΕΗ« in »ΓΒ : ΒΘ wie ΒΛ : ΕΗ« |
- | geändert. |
- | S. 336 »terminus technikus« in »terminus technicus« geändert. |
- | S. 336 »271875 : 67441« in »211875 : 67441« geändert. |
- | S. 336 »Kotangenten« in »Cotangenten« geändert. |
- | S. 337 »Spärik« in »Sphärik« geändert. |
- | S. 338 »Ubersetzer« in »Übersetzer« geändert. |
- | S. 338 »science« in »scienze« geändert. |
- | S. 339 »graden« in »geraden« geändert. |
- | S. 341 »nitidam« in »nitidum« geändert. |
- | S. 342 »Seneka« in »Seneca« geändert. |
- | S. 342 »Eklecticismus« in »Eklekticismus« geändert. |
- | S. 342 »geocentrischen« in »geozentrischen« geändert. |
- | S. 342 »Metereologe« in »Meteorologe« geändert. |
- | S. 343 »vg.« in »vgl.« geändert. |
- | S. 346 »Parellelentheorie« in »Parallelentheorie« geändert. |
- | S. 348 »Isidoros von Sevilla« in »Isidorus von Sevilla« |
- | geändert. |
- | S. 348 »594« in »600« geändert. |
- | S. 350 »δ« in »κδ« geändert (1-mal-1 Tabelle). |
- | S. 351 »A. Boecks« in »A. Boeckhs« geändert. |
- | S. 351 »R. Balzers« in »R. Baltzers« geändert. |
- | S. 353 »Fransösisch« in »Französisch« geändert. |
- | S. 353 »πυθαγορικων« in »πυθαγορείων« geändert. |
- | S. 355 »Philosopie« in »Philosophie« geändert. |
- | S. 355 »Zarathusthra« in »Zarathustra« geändert. |
- | S. 360 »δυναμοκιβος« in »δυναμοκυβος« geändert. |
- | S. 360 »heist« in »heisst« geändert. |
- | S. 362 »giebt« in »gibt« geändert. |
- | S. 363 »rechtwinklingen« in »rechtwinkligen« geändert. |
- | S. 367f »Vatikanus« in »Vaticanus« geändert. |
- | S. 367 »Federigo Commandino« in »Federico Commandino« |
- | geändert. |
- | S. 372 »Moslemin« in »Moslimen« geändert. |
- | S. 373 »Geschwindigheit« in »Geschwindigkeit« geändert. |
- | S. 377 »Aryer« in »Arier« geändert. |
- | S. 379 »Hellenentnm« in »Hellenentum« geändert. |
- | S. 379 »befriedigenste« in »befriedigendste« geändert. |
- | S. 380 »den Milesier« in »dem Milesier« geändert. |
- | S. 381 »Metereol.« in »Meteorol.« geändert. |
- | S. 382 »abgeschlossneren« in »abgeschlosseneren« geändert. |
- | S. 384 »vom Bösem« in »von Bösem« geändert. |
- | S. 388 »Amonios« in »Ammonios« geändert. |
- | S. 388 »Appolodoros« in »Apollodoros« geändert. |
- | S. 389 »Baudhayana« in »Baudhāyana« geändert. |
- | S. 389 »Berosos« in »Berossos« geändert. |
- | S. 390 »Boetius« in »Boëtius« geändert. |
- | S. 391 »Copernikus« in »Copernicus« geändert. |
- | S. 391 »Dupnis« in »Dupuis« geändert. |
- | S. 391 »Erathosthenes« in »Eratosthenes« geändert. |
- | S. 391 »Ermann« in »Erman« geändert. |
- | S. 392 »Euken« in »Eucken« geändert. |
- | S. 392 »Flynders Petrie« in »Flinders Petrie« geändert. |
- | S. 393 »Griffiths« in »Griffith« geändert. |
- | S. 393 »Halevy« in »Halévy« geändert. |
- | S. 393 »Hieronymus« in »Hieronymos« geändert. |
- | S. 394 »Isidorus von Milet« in »Isidoros von Milet« geändert. |
- | S. 395 »Kopernicus« in »Kopernikus« geändert. |
- | S. 396 »Northhampton« in »Northampton« geändert. |
- | S. 396 »Ottojano« in »Ottajano« geändert. |
- | S. 398 »Revillont« in »Revillout« geändert. |
- | S. 398 »Schack v. Schackburg« in »Schack-Schackenburg« |
- | geändert. |
- | S. 398 »Schelbach« in »Schellbach« geändert. |
- | S. 399 »Tâbit ibn Quorrah« in »Thabit ibn Qurrah« geändert. |
- | S. 400 »Vaux Cara de« in »Vaux Carra de« geändert. |
- | S. 400 »Willamowitz« in »Wilamowitz« geändert. |
- | S. 400 »Wöpke« in »Wöpcke« geändert. |
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER MATHEMATIK IM ALTERTUM ***
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