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-The Project Gutenberg EBook of Leben und Meinungen des Herrn Andreas von
-Balthesser, eines Dandy und Dilettanten, by Richard Schaukal
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
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-this ebook.
-
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-
-Title: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten
-
-Author: Richard Schaukal
-
-Release Date: May 3, 2020 [EBook #62006]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND MEINUNGEN ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
- dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch
- nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht
- vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich
- oft im Text vorkommen.
-
- Die Nummer des Buchexemplars (414) wurde im Original von Hand
- auf die Buchseite gestempelt. Das Inhaltsverzeichnis wurde der
- Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter an den Anfang des Texts
- verschoben.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Kapitälchen: ~Tilden~
-
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-
- _ANDREAS VON BALTHESSER_
-
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-
- LEBEN UND MEINUNGEN
- DES
- HERRN ANDREAS VON BALTHESSER
- EINES DANDY UND DILETTANTEN
-
- MITGETEILT VON
- RICHARD SCHAUKAL
-
- ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE
-
- [Illustration]
-
- MÜNCHEN UND LEIPZIG
- BEI GEORG MÜLLER
-
- 1907
-
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-
-Die erste Auflage dieses Buches war in 830 numerierten Exemplaren,
-davon 30 auf Bütten, hergestellt worden. Diese zweite veränderte
-Auflage umfaßt 1010 numerierte Exemplare, davon 10 vom Autor signierte
-Exemplare auf echt van Geldern. Der Preis eines solchen gebundenen
-Luxusexemplares beträgt 15 Mark.
-
-Dieses Exemplar trägt die Nummer 414
-
-
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-
- CARL BARON BAMBERG
-
- in aufrichtiger Freundschaft
-
- Wien, im Sommer 1906
-
- R. Sch.
-
-
-
-
-A vrai dire, je ne suis rien moins que sûr d’avoir quelque talent pour
-me faire lire. Je trouve quelque fois beaucoup de plaisir à écrire,
-voilà tout.
-
- Henri Beyle (1835).
- (Vie de Henri Brulard.)
-
-
-
-
-_INHALT._
-
-
- Seite
-
- Ouvertüre: Herr von Balthesser hält einen Vortrag
- vor wißbegierigen jungen Leuten (nach der offenbar
- ironischen Schilderung eines wohl nicht ganz objektiven
- Zeugen) 1
-
- Selbstbiographie Herrn von Balthessers 15
-
- Andreas von Balthesser über den „Dandy“ und Synonima 19
-
- Andreas von Balthesser an die Gräfin F. 31
-
- Andreas von Balthesser spricht mit einem Literaten über
- die Gesellschaft, die Künstler und ihr Gehaben und das
- Selbstverständliche 43
-
- Andreas von Balthesser spricht mit einem andern
- Literaten über das Monokel, über Witze, liebenswürdige
- Sonntagsplauderer und die deutsche Prosa 57
-
- Herr von Balthesser spricht mit einem bescheidenen
- jungen Schriftsteller über Bücher 67
-
- Andreas von Balthesser über die Betrachtung von Gemälden 75
-
- Was Andreas von Balthesser gelegentlich über das
- Gespräch zu bemerken hatte 83
-
- Glossen zur Psychologie der Kleidung 87
-
- Herr von Balthesser gibt seine Anschauungen vom Verkehr
- zum besten 93
-
- Über Vernünftige, Snobs und Beflissene 103
-
- Antibarbarus. (Eine ungedruckte „Erwiderung“, die sich
- in Herrn von Balthessers Papieren vorgefunden hat.
- Anlaß dazu mag irgend ein Zeitungsartikel gegeben
- haben, der das Recht des deutschen Touristen, in
- Touristenkleidung an der Hoteltafel zu erscheinen,
- etwas herausfordernd zu verteidigen unternommen haben
- dürfte) 107
-
- Herr von Balthesser phantasiert über das Thema „Die Dame“ 119
-
- Einiges aus Andreas von Balthessers leider nicht
- gesammelten Sinnsprüchen und Glossen 133
-
- Vom Aristokratischen 165
-
- Andreas von Balthessers unrühmliches Ende 173
-
-
-
-
-OUVERTÜRE
-
-HERR VON BALTHESSER HÄLT EINEN VORTRAG VOR WISSBEGIERIGEN JUNGEN LEUTEN
-
-(NACH DER OFFENBAR IRONISCHEN SCHILDERUNG EINES WOHL NICHT GANZ
-OBJEKTIVEN ZEUGEN)
-
-
-Herr Andreas von Balthesser, der im geheimen sehr berühmte Dichter
-des „Perseus“, der „Androgyne“, des „Korybanten“, eingeladen, in
-dem akademischen Zirkel der „Intelligenten“ einen seiner geneigten
-Wahl überlassenen Vortrag zu halten, erschien in dem verräucherten
-Klublokal des Hotels Pinsch, mit der ihm eignen nachlässigen Eleganz
-gekleidet, um die schmalen rasierten Lippen das ein wenig moquante
-und gleichzeitig hilflose Lächeln, das er an sich so liebte, leicht
-vornübergebeugt, hastig und verspätet.
-
-Er hatte einen Freund mitgebracht, den er mit stark auswärts gedrehtem
-Daumen der Linken dem Vorsitzenden präsentierte, Viktor Grafen
-Melinges, Gesandtschaftsattaché, einen bei ungewöhnlich hohem Wuchs
-fabelhaft magern, mit der farblosen verlebten Miene und den eckigen
-Bewegungen der Gliedmaßen an einen Knaben gemahnenden Menschen, der
-nun, die linke Hand in der Hosentasche, einen leutseligen Rundgang um
-die nicht eben sauber gedeckte Tafel mit kurzen raschen Schritten
-und knappen ruckweisen Verbeugungen vor den zumeist von ihren Sitzen
-emporschnellenden Konviven absolvierte. --
-
-Andreas von Balthesser, vom Vorsitzenden an seine Seite gebeten, hob
-das Monokel aus der rechten Augenhöhle, hielt es einen Moment mit
-steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin, faßte das dünne Glas dann
-zwischen zwei Finger der Linken, entnahm mit der Rechten dem Frack --
-die beiden waren, wie man flüsternd auffing, unmittelbar von einem
-Diner gekommen -- ein ungeheuer großes Taschentuch, entfaltete es,
-putzte das Monokel umständlich blank, und indem er sich, sein Glas
-wieder vorm Auge, mit einer leichten Verbeugung gegen die ihm voll
-schlecht verhehlter Neugier zugekehrten Gesichter wendete, sagte er
-halblaut und etwas näselnd:
-
-„Meine Herren! Sie haben mich durch Ihren sehr geehrten Vorsitzenden,
-Herrn Dr. Robert Schaffer, in liebenswürdigster Weise eingeladen, Ihnen
-in einem sogenannten Vortrag etwas über Kunst zu sagen. Das heißt,
-nicht wahr, Sie hatten, aus ebenso liebenswürdiger Artigkeit gegen
-meine dem Fixierten nicht eben geneigte Natur, meiner Stimmung die
-Wahl des Gegenstandes dieses sogenannten Vortrages überlassen. Aber
-Sie meinen mit Fug erwarten zu dürfen, daß ich über das Thema Kunst zu
-sprechen nicht geringe Lust verspüren würde. Nun könnte ich Ihnen ja
-in der bei Ihnen beliebten Weise einen Exkurs über Stephane Mallarmé
-oder Emile Verhaeren oder Oskar Wilde oder Tooroop abspinnen. Es wäre
-mir die, wie Sie annehmen, erwünschte Gelegenheit geboten, mein durch
-die Erfassung der flüchtigsten Nüancen gesteigertes Wissen um diese
-oder jene Erscheinung der Kunst oder Literatur vor Ihnen als der
-urteilsfähigsten Hörerschaft glänzen zu lassen. Ich gestehe gern, daß
-ich an derlei Sermonen ein nicht wohl abzuleugnendes Gefallen hatte,
-als ich mich noch in jenem Stadium der Referentenlust befand, die Ihrer
-Periode, der des beflissenen Studiums, -- denn ich sehe doch zumeist
-Juristen der letzten drei bis vier Semester vor mir -- so wesenhaft ist.
-
-Und fast war ich“ -- er nahm das Monokel aus der rechten Augenhöhle,
-hielt es mit steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin und setzte es
-nach einer Pause wieder ein; der Vorsitzende rückte höflich seinen
-Stuhl noch ein wenig weiter links von ihm ab -- „fast war ich, als ich
-mich Ihrer Einladung in diesen Tagen entsann, entschlossen, ein solches
-Thema, vielleicht um mir Ihre Sympathien zu sichern, heute hier zu
-tradieren.
-
-Da ich Sie nun aber vor mir sehe, junge Leute mit Brillen und Zwickern,
-mit wüsten Bärten und übernächtigen Augen, mit ungesunder gelber
-Gesichtsfarbe, und Sie mir im Geiste verhundertfacht denke als eine
-Herde von eifrigen Bücherlesern und eine lebendige Nomenklatur von
-allerlei sogenannten modernen Doktrinen und Termini, bin ich von einer,
-wie Sie sagen würden, perversen Lust angewandelt, über die Dichtkunst,
-von deren Beherrschung ich manche nicht unerhebliche Proben geliefert
-zu haben glaube, einige wenige offenbar sakrilegische Worte zu sagen.
-
-Meine Herrn“, -- er lehnte sich zurück, schlug langsam ein Bein über
-das andre und starrte in die zuckende Gasflamme auf dem gußeisernen
-Arm vor ihm, so daß das Monokel wie ein toter Stein glänzte -- „meine
-Herrn, diese Ihre Beschäftigung mit der Dichtkunst und den Dichtern
-erscheint mir als ein Zeichen, ein jämmerliches Zeichen von Unkultur.
-Sie werden jetzt in Ihrem Innern heftig erschrecken oder sich entrüsten
-oder mit vermeintlicher Ironie sich mir entziehen. Ich versichere Ihnen
-ehrlich, daß mich das nicht im geringsten berührt.“ Das Auditorium
-rückte mit verlegen lächelnden Mienen an den Stühlen. Man konnte
-bemerken, daß einer den andern gleichsam niedriger einschätzte.
-
-„Ich bin nämlich Ihrer Auffassung dessen, was Sie Kultur zu nennen
-belieben, so fern wie ein Gestirn. Ich weiß nicht, ob Sie recht
-haben oder ob ich recht habe. Es ist mir auch nicht darum zu tun, zu
-erfahren, wer ‚recht hat‘. Ich empfinde in diesem Moment nur die durch
-nichts niederzuhaltende Lust, Ihnen zu sagen, daß das alles, was Sie
-in Anspruch nimmt, aufregt, das, in dessen Besitz Sie sich über die
-andern erhaben fühlen, mir im Grunde so gleichgültig ist wie dieses --
-übrigens äußerst unappetitliche halb geleerte Bierglas vor mir.“ Er
-stellte das Glas energisch vor seinen linken Nachbar, dessen Auge an
-dem Rande des Glases wie bezaubert haften blieb.
-
-„Ob einer von Ihnen ein Gedicht, das ist eine willkürliche und offenbar
-eitle Zusammenstellung von unzulänglichen Worten des sogenannten
-Sprachschatzes, in einer vom Herkömmlichen abweichenden Weise zustande
-bringt oder nicht, ob er seine minderbemittelten Wünsche an das Leben
-in gleich langen oder verschieden langen Verszeilen in einer obskuren
-Revue drucken läßt oder sie seiner Hausbesorgerin, während er der
-Verschlafenen das Sperrgeld einhändigt, in kürzerer Fassung mitteilt:
-die Kultur hat mit dem einen so wenig zu schaffen wie mit dem andern.
-Sie sind heute noch immer, dank der bequemen und einschläfernden
-Werkelei unsrer ‚führenden Geister‘, als da sind: Gelehrte, Dichter,
-Zeitungschreiber, in einer Art von Traumwandelei befangen. Es ist
-nicht meine Sache, den öffentlichen Anrufer zu spielen. Ich fände das
-wie alles Laute geschmacklos. Ich sage daher diese unfreundlichen
-Dinge fast wie Salonaperçus, und ich sage sie Ihnen, da ich ganz
-genau weiß, ich werde Ihnen zum Schlusse doch nur eine angenehme
-Stimulation bereitet haben, und Sie werden, jeder in seiner Weise, als
-von etwas Merkwürdigem und Interessantem über meine Worte Bekannten
-und Unbekannten gegenüber sprechen, meist sehr willkürlich und ohne
-jeglichen Zusammenhang mit Ihren wahren Empfindungen, weil Sie sich
-das ja bereits zur chikanösen Manier herangebildet haben. Kurz, ich
-halte diese meine Aperçus für durchaus ungefährlich, hier in einem
-Kreise von unverbesserlichen Bücherlesern, deren keiner aus innerer
-Unfähigkeit heraus das wahre Wesen meiner Anschauungen auch nur zu
-ahnen, geschweige zu erfassen selbständig genug ist.“ --
-
-Hier entstand ein Gemurmel die Tafel entlang. Man war verlegen, im
-Grunde sogar ein wenig ungehalten, hinwiederum aber doch des Eindrucks
-dieser eigenartigen Worte nicht sicher und befand, es wäre jedenfalls
-geschmackvoller, sich solcher malitiösen Witze zu freuen, als sich
-darüber zu ärgern.
-
-Andreas von Balthesser wechselte gelassen die Stellung seiner Beine,
-strich sich mit der Linken leise, leicht, fast zärtlich über das
-sorgfältig geglättete dunkle Haar seines Hinterhauptes, bat plötzlich
-mit einem höflichen Lächeln, wobei er ihn kaum anblickte, den
-Vorsitzenden, Herrn Dr. Schaffer, um die Erlaubnis, sich eine Zigarette
-anzünden zu dürfen, erhielt diese Erlaubnis, kam ihr nach, wobei aller
-Blicke auf die schmale fein gerippte silberne Zigarettenbüchse mit dem
-aufgesetzten gräflichen Doppelwappen gerichtet waren, und fuhr, sich
-zurücklehnend und nur von Zeit zu Zeit der über den langgeschlitzten
-beweglichen Flügeln leicht gebogenen Nase duftige Rauchschleier
-entlassend, die Augen wieder an die Gasflamme gehängt, in seinen
-halblauten, an Worten kaum verweilenden Erörterungen also fort:
-
-„Wenn ein schlanker Mensch mit stahlharten elastischen Sehnen,
-bekleidet mit einem roten Frack aus weichem Tuch und schneeweißen
-Bridges, die vom Knie abwärts keine einzige Falte werfen, die Arme
-eng und doch leicht an den Leib gehalten, in den Bügeln eines
-galoppierenden Jagdpferds steht, oder wenn eine junge Dame sich
-während eines unbefangenen Gespräches -- Sie, meine Herrn, wissen
-freilich nicht, was ein unbefangenes Gespräch ist, und wenn ich Sie
-jetzt darum fragte, würden Sie mir irgend einen dänischen Autor nennen,
-bei dem Sie eines gefunden zu haben meinten, -- wenn eine solche junge
-Dame von großer Familie (denn nur +die+ haben die natürliche Begabung
-zu den Ihnen gänzlich versagten unbefangenen Gesprächen); sie ist
-ohne Apprehension +gekleidet+ (die jungen Damen, die Sie kennen, sind
-erstens keine Damen, zweitens sind sie nicht gekleidet, sondern mehr
-oder weniger geschmacklos kostümiert) -- wenn eine junge Dame“ (er
-schloß das linke Auge, das Monokel stand starr und leuchtete) „sich
-während eines unbefangenen Gespräches erhebt, ihrem Gegenüber Tee
-einzuschenken, den der lautlos eingetretene schwarz livrierte Bediente,
-in weißem Porzellan auf silberner Platte angerichtet, mit behutsam
-auseinanderlegenden Handgriffen vor sie niedergesetzt hat, -- sehen
-Sie, das zum Beispiel sind Dinge, die mir Kultur bedeuten. Solche Dinge
-zu zeigen, mit notwendigerweise aufdringlichen Worten, sie Menschen zu
-zeigen, denen sie nichts Verwandtes anregen, ist -- Unkultur.
-
-Und, sehen Sie, wenn einer sich an seinen Schreibtisch setzt oder sich
-im Bette neben einer zuckenden Kerzenflamme aufrichtet, um mit einer
-Stahlfeder oder mit einem Taschencrayon auf ein Stück Papier, auf
-einen Briefumschlag ein Gedicht zu schreiben, sei es nun eine tastende
-Mitteilung oder eine absichtliche Verschleierung seiner Gefühle oder
-gerade gegenwärtigen Gedanken, das ist -- Unkultur. Und Menschen, die
-derlei oft und mit Beifall zuwege gebracht haben, gewöhnen sich daran,
-hierin eine außerordentlich merkwürdige Sache zu sehen, und das ist
-Unkultur in Permanenz.
-
-Was aber die Leute betrifft, die in mit um einiger Gedichte willen
-etwas wie einen Gleichgesinnten voraussetzen zu dürfen glauben: ich
-versichere Ihnen, unter tätowierten Insulanern ist mir wohler... Ich
-bekomme täglich Briefe von allerlei Skribenten des In- und Auslandes,
-die mich auf verschiedentliche, mit ihren Meinungen angefüllte Revuen
-und Bücher aufmerksam machen. Ich aber lese beileibe nicht diese Bücher
-und Revuen, sondern z. B. die Bekenntnisse des heiligen Augustinus
-oder in einer vergleichenden Grammatik der romanischen Sprachen, und
-dann gehe ich in einen Klub von angenehmen Sportsleuten, die bei
-Wagneraufführungen ihre Logen leer stehen lassen, oder ich reite
-stundenlang in den Praterauen. Daß mir dabei vielleicht Alexander
-der Große einfällt, wie er im Bade liegt oder wie ihn ein Feldherr
-reizt mit Einwürfen oder wie er sich von zwei Mädchen die Künste
-der Liebe mit anmutigen Bewegungen aller Gliedmaßen vorführen läßt,
-dafür kann ich nichts. Es ist so, als ob ich, der ich einen Reiz der
-Nasenschleimhaut verspürte, zu meinem Taschentuche griffe, wie jetzt“,
-(er tat es) „und mich schneuzte“ (er tat es). „Und eigentlich sollte
-man, wenn man gut und lange geschlafen und sich darauf, nach einem
-lauwarmen Bad in einer glänzend weißen Wanne, mit der liebenswürdigen
-Sorgfalt angekleidet hat, die eines der zehn Gebote der Selbstachtung
-ausmacht, wohlgepflegten Kindern zusehen, die Reifen schlagen, oder
-im Garten die Bäume bewundern, die Blüten treiben, oder am gleitenden
-Wasser liegen auf einer weichen englischen Decke und sein Spiegelbild
-in den Wellen haschen wie weiland Adonis. Aber man muß jedenfalls
-tadellos rasiert sein.“
-
-Hier ließ Herr von Balthesser eine Pause eintreten, die sich so sehr in
-die Länge zog, daß einige der Versammelten in aller Bescheidenheit und
-mit möglichster Vermeidung von Geräuschen etwas Weniges von den längst
-erkalteten Fleischspeisen zu verzehren unternahmen, die man schon vor
-geraumer Frist vor sie hingestellt hatte.
-
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-
-_SELBSTBIOGRAPHIE HERRN VON BALTHESSERS_
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-
-Herr von Balthesser, der Dichter der „Androgyne“, von einer
-großen polyglotten Revue aufgefordert, sein Leben in einer Skizze
-niederzuschreiben, lieferte auf drei mit dem kleinen aufgesetzten
-weißen Wappen geschmückten zartlila Briefbogen in enger steiler Schrift
-nachstehende Mitteilungen:
-
-„Ich bin in Rom geboren, als mein verstorbener Vater dort bei der
-Botschaft war. Man sagt mir, daß ich einen mit dünnem blondem Haar
-bedeckten spitz auslaufenden Schädel besessen und, ohne zu schreien,
-wie das bei den Kindern üblich ist, mich in die Welt gefunden hätte.
-Ich habe mich von den landläufigen Gymnasialstudien nicht abhalten
-lassen, die Dichter und Philosophen der vorzüglich in Betracht
-kommenden Sprachen, die Kirchenväter und die großen Historiker
-zu lesen. Mit 15 Jahren schrieb ich eine kleine Studie über den
-Neuplatonismus, die von der schwedischen Akademie preisgekrönt wurde.
-Mein um ein Jahr älterer Bruder war damals mit der so amüsanten
-Lektüre des Cooperschen Lederstrumpf beschäftigt, die ihm in einer
-Ausgabe für die reifere Jugend von unsrer guten Mama zu Weihnachten war
-geschenkt worden.
-
-Sonst wüßte ich nichts aus meinem Leben zu berichten, das für Leser
-Ihres Journals von Interesse sein könnte. Denn daß ich einige größere
-Reisen unternommen, bei einem Dragonerregiment gedient habe, im
-auswärtigen Amte mich auf die diplomatische Carrière vorbereite und im
-Winter fast täglich außer Haus speise, dürfte Ihnen nicht von Belang
-scheinen, was ich vollkommen billige.“
-
-
-
-
-_ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DEN „DANDY“ UND SYNONIMA_
-
-
-Man nennt mich einen Dandy. Die Bezeichnung will ich gelten lassen.
-Aber die Meinung ist falsch. Ich +bin+ ein Dandy. (Freilich noch
-einiges mehr; aber das Äußerlichste an mir, die für die Menschen
-sichtbare ‚Zwiebelschale‘ meiner Persönlichkeit ist das Dandytum.)
-Die Leute fassen jedoch den Begriff ganz oberflächlich auf; dies ist
-wörtlich zu nehmen: sie begreifen nur seine Oberfläche. Man verwechselt
-den Dandy mit dem Gecken, dem fat. Wenn Kurzsichtige in mir einen
-Gecken zu erblicken meinen und ihre primitive Erfahrung in dem Begriffe
-Dandy endgültig festzulegen, also zu begraben unternehmen, -- denn
-Begriffe begraben das Leben der Erscheinung, während sie anderseits den
-Gedanken gleichsam erstarren machen, und man braucht solche Krystalle
-zu Zwecken des vereinfachten Verkehrs -- dann sehen die Menschen an
-mir nichts als etwa den tadellos geschnittenen Rock, den niemals
-gesprungenen Lack meiner Schuhe, den täglich frisch gebügelten Zylinder
-und dergleichen Zeichen, die ihren vom empörten Gefühl des Unvermögens
-getrübten Augen als die Merkmale eines Gecken gelten müssen, weil
-sie selbst nicht imstande sind, sich auch nur menschlich zu kleiden,
-geschweige denn die Nüancen der guten Toilette zu begreifen. Daß
-sorgfältige Kleidung ihren Träger keineswegs zum Gecken stempelt,
-wird man Menschen von so dürftiger Anschauung niemals klar zu machen
-vermögend sein. Der Mann, der etwas auf sich hält, im Geistigen wie
-im Physischen, wird ebenso seinen Intellekt wie seine Nägel pflegen,
-seine Wäsche ebensowenig wie seine Gedanken vernachlässigen, aber bei
-all seiner Korrektheit -- denn dies ist das gültige Wort -- niemals das
-Impromptu mißachten. Es ließe sich natürlich, pathetisch ausgedrückt,
-ein Eid darauf schwören, daß die Leute, die den Korrekten mit dem
-Elegant zu verwechseln blöde genug sind, keine Ahnung davon haben, was
-es heißt, das Impromptu nicht außer acht zu lassen, und hierin gerade
-liegt das Wesen des Dandisme. In diesem Sinne sage ich, daß man, wenn
-man mich einen Dandy nennt, etwas Richtiges ausspreche und doch etwas
-Falsches darunter verstehe. Ich bin ein Dandy, nicht weil ich korrekt
-bin, sondern weil ich bei aller Korrektheit niemals das Impromptu außer
-acht lasse. Der Korrekte, der es außer acht läßt, ist der +Gentleman+.
-
-Der Dandy ist sich seiner Korrektheit bewußt. Auch der Gentleman ist
-nicht naiv. Aber der Dandy ironisiert sein Bewußtsein. Der Gentleman
-ironisiert weder sein Bewußtsein noch irgend etwas auf der Welt. Der
-Gentleman ist so korrekt, daß er der Ironie einfach unfähig ist, wie
-einer, der zum Beispiel -- nicht schwimmen kann. Der Gentleman „kann
-nicht schwimmen“: er würde entweder untergehen -- höchst korrekt
-untergehen -- oder auf dem Wasser obenauf bleiben, wenn er sehr
-substanziös ist. Der Dandy ist jederzeit bereit zu schwimmen. Aber
-+er trifft niemals Anstalten+ dazu. ‚Anstaltentreffen‘ heißt: der
-Beobachtung zugängliche Anstalten treffen, und der Dandy ist überhaupt
-nicht zugänglich, am allerwenigsten der Beobachtung.
-
-Es ist selbstverständlich, daß der Dandy sein Bewußtsein über
-alles stellt. Man wird einen Dandy niemals berauscht sehen, was
-dem korrektesten Gentleman, wenn das Getränk für ihn zu stark ist,
-passieren kann. Der Dandy vermeidet zu starke Getränke, womit nicht
-gesagt sein soll, daß er starke Getränke, sogar die stärksten,
-ausschlüge, -- wenn er sie verträgt, was er weiß. Der Dandy weiß immer,
-was er verträgt. Der Dandy weiß auch immer, was der andre verträgt.
-Aber das hält ihn nicht ab, dem andern Dinge zuzufügen, die dieser
-nicht verträgt, was der Gentleman unfehlbar vermeidet.
-
-Der Dandy ist kein Poseur. Dieser Ausdruck stammt von der Bühne,
-ist also etwas Grelles, Lautes, Minderwertiges. Er ist dann in die
-Literatur gekommen und hat dort nicht an Erziehung gewonnen, wie denn
-überhaupt durch die Literatur die besterzogenen Begriffe verdorben
-werden. Mit dem Worte Poseur bezeichnet eine ‚höhere‘ Art von brutalen
-Beobachtern jene Seite des Dandytums, die ich +Bewußtsein+ nenne.
-Eine Pose aber ist etwas Starres, etwas, das gewissermaßen nur von
-einer Seite gilt: auf der andern ist die Pose schon „Rückseite“,
-Soffittenquerholz, Futter. Der Dandy ist von allen Seiten gleich
-unverdächtig. Verdächtig ist er nur im Innern, -- dem nämlich,
-der selbst die Seele eines Dandy hat. Den andern, Gentlemen und
-Nichtgentlemen, ist er nicht verdächtig, sondern entweder unangenehm
-oder angenehm. Das ist, wie alle Geschmacksachen, etwas ganz
-Persönliches.
-
-Was dem brutalen Beobachter am Dandy unangenehm auffällt, ist seine
-+Vielfältigkeit+, die Rundheit, die ihn reizt, weil er eben einseitig,
-einfältig, eckig ist. Der Dandy ist geschliffen. Er kann alle seine
-Facetten, indem er sich langsam dreht, erglänzen lassen. Er kann sie
-funkeln machen und -- auslöschen. Aber sie bleiben immer geschliffen.
-
-Der Ungeschliffene haßt instinktiv den Dandy. Der Joviale möchte ihn
-hänseln, gutmütig ‚aufziehen‘. Von dem Dandy gleitet alles ab. Er
-ist glatt und +immer höflich+. Höflichkeit ist glatter als polierter
-Stahl. Gegen Höflichkeit kann selbst Freundlichkeit nicht ankämpfen.
-Freundlichkeit haucht die Facetten des Dandy an. Sie werden trüb. Aber
-nur für einen Moment.
-
-Der Dandy ist vor allem +gegen sich selbst+ höflich. Er weiß, daß nur,
-wer sich selbst artig behandelt, zu leben versteht. Man darf nicht
-gegen sich selbst unartig sein, ist ein Prinzip des Dandy, -- soweit
-ein Dandy etwas so Eckiges wie Prinzipien überhaupt an sich duldet.
-
-Der Dandy ist als Dandy nicht „auffallend“. Der Gentleman und der
-Dandy können auffallen. Auffälligkeit ist etwas Relatives. Wenn ein
-weißer Bäckerbursch unter Rauchfangkehrern erscheint, fällt er auf. Ein
-Reiter, der sich aus der Nobelallee in den Wurstelprater verirrt, fällt
-auf. Es ist sogar möglich, daß man ihn steinigt.
-
-Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. Es ist
-überhaupt nicht oft genug zu betonen, daß die Kleidung -- in einem
-höhern Sinn freilich, als die meinen, die davon nichts verstehen,
--- wenig in diesen Unterscheidungen besagt. Die meisten Leute, die
-sich über den Gecken entrüsten, der zu unpassender Gelegenheit z. B.
-einen grauen Zylinder und weiße Handschuhe trägt, ahnen nicht, daß
-der unscheinbare Herr daneben ein Dandy ist und mit ihnen den Gecken
-verachtet, sie selbst aber noch viel mehr, weil sie auch ihn als einen
-Gecken ansprechen würden, wenn er zufällig -- in Renntoilette unter sie
-geriete.
-
-Wer einem jungen Mädchen die Hand küßt, darf als ein Mensch von
-schlechten Manieren gelten. Aber nicht jeder, der das unterläßt, ist
-ein Mensch von guten Manieren. Der Dandy hat die besten Manieren. Der
-Gentleman muß nicht unbedingt gute Manieren haben. Der Grandseigneur --
-ein Begriff der alten Zeit, der heute noch sehr gut anwendbar bleibt,
-leider aber nur noch selten würdige Repräsentanten findet -- hat
-immer gute Manieren, und zwar einigermaßen pompöse. Der Grandseigneur
-kühlt die Luft ab. Es ist nur an ihm gelegen, sie wieder zu erwärmen.
-Und dies vermag der Grandseigneur wie kein andrer. Der Grandseigneur
-muß kein Gentleman, er mag ein Dandy sein, nie wird er ein Geck sein
-+können+.
-
-Der Dandy läßt niemals das Impromptu außer acht. Das +Impromptu+ ist
-das Flüchtigste, Feinste, gewissermaßen der Hauch einer Äußerung.
-Unter „Äußerung“ will ich nicht notwendigerweise eine Äußerung durch
-Worte verstanden wissen. Man kann sich durch Blicke und Handlungen,
-durch Unterlassungen „äußern“. Das Impromptu hat Ehrfurcht vor dem
-Moment. Es weiß ihm so zu begegnen, daß er liebenswürdig sich fügt.
-Ein Tausendstel einer Sekunde später -- und der Moment hätte sich
-bereits zurückhalten lassen müssen, was unbedingt respektlos und sehr
-unliebenswürdig ist, wenn es auch sehr „herzlich“ sein mag. +Der Dandy
-verfehlt nie den richtigen Moment.+ Er betont ihn nie, betont überhaupt
-nichts (am allerwenigsten seine Gegenwart), er läßt den Moment sogar
-verschleiert vorbeigehen, aber er verkennt ihn nie.
-
-Der Enthusiast verkennt häufig den Moment. Stößt er auf ihn, dann ist
-er unbedingt Sieger. Daß der Besiegte knirscht, ist dem Enthusiasten
-gleichgültig. +Der Dandy ist niemals Enthusiast.+ Und seine Siege
-demütigen den Besiegten nie. Freilich sehen sie auch niemals nach einer
--- Niederlage aus, was dem Enthusiasten manchmal passieren kann. Denn
-der Enthusiast ist zumeist „gleich darauf“ niedergeschlagen. Diesen
-jähen Szenen- und Mienenwechsel kennt der Dandy nicht, das heißt +an
-sich+ nicht. +An den andern kennt er alles+ und richtet sich darnach
-ein.
-
-Wenn er keine andern Beziehungen hat, unterhält der Dandy um so
-freundlichere zu seinem Kammerdiener.
-
-„Dandy“ ist ein Begriff der ästhetischen, „Gentleman“ einer der
-ethischen Wertung.
-
-
-
-
-_ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE GRÄFIN F._
-
-
-Gnädigste Gräfin!
-
-Sie verlangen in Ihrer beneidenswerten ländlichen Einsamkeit von mir
-einen Bericht über Abenteuer. Hier ist einer, und zwar von der mir
-sympathischesten, der ironischen Sorte.
-
-Gestern abend -- ich hatte um vier Uhr bei Trautensteins diniert, um
-sechs meinen Tee getrunken und wollte mich eben zum Besuch der Oper
-umkleiden -- trat mein Bedienter ein, und da ich mich unwillig (ich
-liebe keine Überraschungen, und Benedikt respektiert meinen strengen
-Befehl, mich ungerufen so selten als möglich mit seiner Anwesenheit zu
-belästigen) ihm entgegen wendete, meldete er in der steifen Haltung,
-die ich ihm mit einem unsäglichen Aufwande von Geduld beigebracht
-habe, Herr von Haller wünsche mich sogleich zu sprechen. Nun wußte
-ich zunächst, ich würde eine unbequeme, weil beobachtete Toilette
-machen, die notwendigerweise in meinem Sinn unvollkommen geraten
-müßte, des weitern mindestens die Ouvertüre zu Carmen versäumen und
-bei bereits verdunkeltem Hause, was ich um der Orientierung in der
-Umgebung willen durchaus verabscheue, in meine Loge treten, endlich,
-Ernst Haller, der überlaute, in seinen Mitteilungen auf eine peinliche
-Art unbeholfene Mensch, werde mich beunruhigen, vielleicht um die
-ganze, mühsam aus einem nicht allzu bequemen Tage gerettete Stimmung
-bringen. Ich war äußerst ungehalten und herrschte den geradezu delikat
-rasierten und mich dadurch nur um so unerwünschter an mein gestörtes
-Vorhaben gemahnenden Bedienten, indem ich die Hand von der Klinke
-des Ankleidezimmers sinken ließ, in einem mir selbst widerwärtigen
-überhasteten Tonfall an: „Und du hast gesagt, ich wäre zu Hause?“
-
-„Euer Gnaden haben mir nicht befohlen, Euer Gnaden zu verleugnen!“
-
-„Esel, immer sollst Du mich verleugnen!“
-
-Sofort auch ärgerte ich mich schon dieser nicht überlegten, nur durch
-den tyrannischen Widerspruchsgeist des Befehlenden hervorgereizten,
-kommenden Tages mit aller mir zu Gebote stehenden Macht
-niederdrückender Überzeugungssicherheit füglich zu widerrufenden Worte.
-
-Aber Ernst von Haller stand bereits in der Tür. (Er hat eine Art,
-Türen aufzureißen, die nach der Reitpeitsche verlangt.) Ich sammelte
-mich mühsam. „Guten Abend,“ sagte ich und wandte mich voll ihm zu.
-Mir fiel die Unordnung in seinem Anzug auf. Er, der sicherlich zu den
-an den Fingern einer Hand geläufig herzuzählenden Menschen gehört,
-die sich hier zu kleiden wissen, erschien da mit einer an Künstler
-und Examinanden gemahnenden zerrütteten Haartracht, geöffnetem
-Wintermantel, geöffnetem Gehrock; der Zylinder war -- ich sah es an
-den Spiegellichtern seiner Flächen -- aufgerauht. Benedikt verharrte,
-sichtlich erbleicht, da Haller ohne Aufforderung eingetreten war, in
-abwartender Stellung. Ich wollte ihn nicht allsogleich sich entfernen
-lassen, um wenigstens die Einleitung der mir unliebsam zu gewärtigenden
-Unterredung -- denn eine Unterredung (wie ich das Wort hasse!) sollte
-da natürlich sich abspinnen -- von ihrer jedenfalls überwältigenden
-Maßlosigkeit auf das Niveau gesellschaftlichen Nebenbei-Tones
-herabzustimmen. Doch Ernst Haller ließ mich dieses Mittel gar nicht
-erst in Betracht ziehen. Er begann unvermittelt und mit einem fast
-theatralischen Heranschreiten: „Ich bitte dich in einer dringenden
-Angelegenheit....“
-
-„Du kannst gehen“, hatte ich noch Zeit, meinem Diener winkend
-zuzurufen, sonst hätte der Kerl aus dem Repertoir von Tagesblättern und
-Lieferungsromanen eine willkommene Gratisgabe erhalten.
-
-Als er sich rasch und lautlos -- er darf nie frisch besohlte Schuhe
-tragen (wie er das anstellt, ist seine Sache) -- hinwegbegeben hatte,
-nötigte ich Haller, dem ich meine für den Abend noch nicht behandelte
-Hand reichte (wenn ich einmal meine Finger kultiviert habe, lasse ich
-sie nur in Handschuhen anrühren), auf den einen der beiden mächtigen
-Lederlehnstühle zu Seiten des mit einem schmiedeeisernen Gitter diskret
-geschmückten Kamins. Er warf sich zwar so, daß die Federn stöhnten, auf
-die breite Sitzfläche zwischen den hohen Armstützen, sprang aber auch
-sofort, als ob es ihn nicht litte, wie ein Gaukler auf und mir fast ins
-Gesicht. Ich bot ihm -- er sprudelte schon eine Menge vager Worte --
-Zigaretten an. Es wies sie ab.
-
-Kurz, -- ich hatte es ja längst geahnt -- er hat mich, brüsk und vor
-mir aufgepflanzt wie bei einer Fechtakademie, nach meinen Beziehungen
-zu seiner Schwester gefragt. „Ich weiß alles!“ schrie er. (Das ist die
-dümmste Art, mir beikommen zu wollen.) Und dann ergab sich wie ein
-gelöst rollender Knäuel Bindfaden die ganze umständliche Geschichte.
-Es ist zwar bekannt, daß er seine Schwester seit je beargwöhnt hatte.
-Ich habe auch immer die, wie ich nunmehr sah, gegründete Überzeugung
-gehegt, daß er uns mindestens beobachten ließe. Aber mich verdroß die,
-wie gesagt, theatralische Manier, mit der er dieses höchst zwecklose
-Gespräch in Szene setzte.
-
-Die Baronin Alice Sigmar-Bouvelle ist eine jener Damen, die -- wie
-soll ich mich ausdrücken? -- einfach nicht anders können. Sie ist
-sehr schön, groß, gut gebaut und von dieser unersättlichen blonden
-Rasse, die so reizend hinter einem müden -- darf ich sagen: „Sehnen“?
--- eine stete, sehr amüsante Glut zu verbergen weiß. Sie ist mir im
-Grunde so gleichgültig wie meine Uhrkette. Aber die Grazie, mit der
-sie eine glimmende Zigarette, den Arm leicht über ein Polster gelegt,
-mit fast geschlossenen Augenlidern betrachtet oder wie sie mit einem
-federnden Schwung sich von der Handfläche, die man ihrem kleinen Fuß
-unterschiebt, in den Sattel hebt und niedergleiten läßt, gefällt mir
-über alle Maßen. Und einmal hatte ich, als sie mir die Hand bot, diese
-Hand von unten nach oben gedreht und über dem etwas gepreßten Ballen
-durch den kleinen Ausschnitt im Handschuh geküßt. Dann hat sich alles
-sehr einfach arrangiert. Es war keine besonders mühsame Geschichte.
-Und bald langweilte mich die Sache, so leid es mir tat, die bequeme
-Situation zu verlassen. Kam mir da der Bruder mit dem unangemessenen
-Aufwande!
-
-Ich zündete mir -- es war vorauszusehen, daß ich ja nun doch zu
-spät ins Theater kommen würde, und die Zähne hatte ich mir nach all
-dem Gerede, das folgen sollte, gründlichst von neuem zu putzen --
-ich zündete mir gelassen (wenn ich auch allmählich von der Brust
-aufwärts gegen den Hals hin leise zu zittern begann) eine Zigarette
-an und sagte -- ich weiß genau die langsamen Worte --, sagte nichts
-als: „Willst du dich mit mir schlagen?“ Das wirkt immer famos. Er
-hielt in seiner unablässigen Wanderung zwischen dem Kamin und meinem
-Schreibtisch, Gott sei Dank, für einen Augenblick inne und sah mich an
-(ich bemerkte, daß sein Schnurrbart heute nicht gestutzt worden war).
-
-„Ich will Gewißheit,“ sagte er sehr laut. Wieder so ein Wort der
-Theaterstückeschreiber! „Was für eine ‚Gewißheit‘?“ fragte ich, mich
-zurücklehnend und den dünnen blaugrauen Rauch in kurzen Stößen aus der
-Nase entlassend. „Daß du mit meiner Schwester...“ Es kam ihm nicht von
-der Zunge. Ich begreife das. Mir wäre das auch höchst fatal. „Lieber
-Freund,“ sagte ich und richtete mich etwas auf (ich hatte den Nacken
-zu fest an den Hemdkragen gedrückt), „sei nicht böse, aber du bist --
-entschuldige schon -- komisch.“
-
-„Reize mich nicht noch mehr!“ polterte der alberne Mensch wieder.
-
-Ich mußte unwillkürlich lächeln. Er, diese knarrende Windfahne, sprach
-von „reizen“! „Übrigens hast du gesagt, du wüßtest alles.“ Er beging
-nun (natürlich!) die große Unvorsichtigkeit, zu entgegnen: „Also doch!“
-
-Da stand ich auf. Ich steckte beide Hände in die Taschen meiner
-Beinkleider und erhob ein wenig die Stimme: „Lieber Alter, verzeih,
-wenn ich jetzt etwas sehr Unanständiges mir zu -- flüstern erlaube: Ich
-wollte fast -- du wüßtest ‚alles‘; dann -- wüßte ich es auch...“ Er war
-augenscheinlich überrascht. Ich aber, jetzt gut eingefahren, setzte
-hinzu: „Und die Baronin hat doch einen +Mann+.“ Er schwieg. Ich bot ihm
-eine Zigarette an. Er nahm sie geistesabwesend.
-
-„Schau, Ernst, (ich riskierte jetzt den Vornamen, gleichzeitig
-überlegte ich, ob ich Benedikt rufen sollte, daß er Kognak
-hereinbrächte), schau Ernst, du bist -- du verzeihst schon --, du bist
-ein Narr. Blamier’ dich nicht! Der Fredi (Alfred Baron Sigmar-Bouvelle
-ist der glückliche Besitzer meiner ‚Passion‘), der Fredi würde ‚sich
-kugeln‘“, (ich wählte diese ‚gemütliche‘ Ausdrucksweise, da ich nun die
-Gewißheit hatte, noch einen Teil der Ouverture von Carmen zu retten,
-die ich so gerne höre), „wenn wir ihm diesen Besuch erzählten.“ Ernst
-Haller setzte sich. Ich ließ Kognak bringen. Wir rauchten schweigend.
-
-Endlich bat er mich um Verzeihung. Ich verzieh ihm großartig. Dann
-begleitete er mich in das Ankleidezimmer. Ich mußte schon ein übriges
-tun und gnädig sein. Und da ich ihn einlud, mit mir die Oper zu
-besuchen, verlangte er Kamm und Bürsten und richtete sich etwas
-menschlicher her...
-
-Ist das nicht ein Abenteuer? Ich gestehe, daß ich es gegen keinen der
-berühmten Postwagenüberfälle in den noch immer so beliebten, weil im
-Aussterben begriffenen romantischen Gegenden auszutauschen Lust hätte.
-Sie werden sich wundern, daß ich die vollen Namen der agierenden
-Persönlichkeiten genannt habe; noch mehr jedoch, daß Sie diese Namen
-heute zum ersten Male vernehmen, da Sie, Gräfin, was die hiesige
-Gesellschaft betrifft, immerhin einige Personen- und Sachkenntnis zu
-besitzen meinen. Nun denn, verzeihen Sie mir, daß ich Sie -- nicht
-entrüste: sie sind erfunden.
-
- Stets in Verehrung der Ihre
-
- +Andreas Balthesser+.
-
-
-
-
-_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM LITERATEN ÜBER DIE
-GESELLSCHAFT, DIE KÜNSTLER UND IHR GEHABEN UND DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE_
-
-
-~Andreas von Balthesser~: Der Hauptgrund der nicht wohl abzuleugnenden
-Verwirrung, in der sich bei den Deutschen heute die Literatur befindet
--- ich meine das Gemenge von Echtem und Falschem, vor allem aber die
-beängstigende Übermacht des verrucht täuschenden Falschen, dichterisch
-Unerlebten -- der Hauptgrund dieser bösen Unkultur unsres Schrifttums
-scheint mir die einigermaßen fragwürdige soziale Stellung des
-Schriftstellers gerade bei uns und gerade heute. (Anderseits freilich
-dürfte wiederum die Masse, wie überhaupt im sozialen Leben, den Stand
-drücken.) Erst wenn ein Autor sehr großen Ruhm und natürlich auch sehr
-viel Geld erworben hat, duldet ihn die Gesellschaft, und auch dann nur
-mit jener unverschämten Neugierde, wie man sie sogenannten farbigen
-Rassen entgegenbringt. Als voll nimmt sie ihn ja doch nicht. Deshalb
-darf der Schriftsteller, der etwas auf sich hält, während man von ihm
-noch nicht entsprechend viel hält, das Schreiben gewissermaßen nur
-incognito ausüben, geschehe dies auch noch so -- öffentlich. Er muß
-etwas „daneben“ sein, mindestens ein Herr X, Sohn des Herrn Y. Ein
-Mensch, der „+nur+“ Schriftsteller ist und noch nicht den großen Ruhm
-und sehr viel Geld erworben hat, trachtet, sich für seine Stellung
-außerhalb der Gesellschaft durch allerlei Mittelchen auf seine Weise
-zu entschädigen. Er macht aus der Not die bekannte Tugend. Er sucht
-aufzufallen. Er setzt sich in Szene. Wenn er schon nicht mit den
-Menschen leben kann als einer ihresgleichen (und es ist sein heimlicher
-Neid), so sollen wenigstens möglichst viele um ihn herum stehen und ihm
-verwundert zusehen.
-
-~Der Literat~: Was Sie da von dem Schriftsteller sagen, ist eine
-grausame Wahrheit, die die wenigsten von uns einsehen mögen, wie man
-eben immer gerade das nicht „einsehen“ will, was man am besten weiß.
-Sie haben aber bei Ihrer „Soziologie“ vergessen oder übersehen, daß
-das „Soziale“ ein dehnbarer Begriff ist, zumindest wie alle Begriffe
-relativ.
-
-~Andreas von Balthesser~: Ich finde nicht, daß Begriffe dehnbar seien.
-Dehnbar, das heißt doch wohl elastisch, sind die von den Begriffen
-zugedeckten Dinge. Der Begriff aber ist immer sehr hart, sehr hölzern,
-sehr „Deckel“. Doch dies nebenbei. Sie meinen, ich hätte übersehen, daß
-der Schriftsteller soziale Beziehungen hat und pflegt. Ja, gewiß, zu
-andern Farbigen: Schauspielern, Virtuosen, Malern...
-
-~Der Literat~: Nicht der schlechteste Umgang.
-
-~Andreas von Balthesser~: Warum die Betonung? Gewiß nicht, aber „an
-sich“ kein Umgang im „sozialen“ Sinn.
-
-Sprechen wir darüber ohne Gereiztheit. Es ist doch selbstverständlich,
-daß ein kluger Schauspieler, ein geistreicher und begabter Maler,
-ein erfahrener und lebendiger Schriftsteller ein besserer „Verkehr“
-sind als etwa ein dummer, oder wie die Demokraten unentwegt zu sagen
-pflegen, ein vertrottelter Sportsmann. Aber -- wir streiten ja auch
-nicht darüber, ob es angenehmer sei, mit hübschen und zugänglichen
-Balletteusen zu soupieren als mit steifen alten Herzoginnen, sondern,
-nicht wahr, wir sprechen von der „sozialen Stellung“ und den
-Gesetzen der „Gesellschaft“. Und in der „Gesellschaft“, darüber sind
-wir uns doch ganz klar, zählt weder der Klaviervirtuose noch „der
-Schriftsteller“ noch „der Maler“. Er „zählt“ wohl, aber ich möchte
-nicht gern so „zählen“, das gestehe ich unumwunden: er zählt als
-Bestandteil der „Bühne“.
-
-In der Gesellschaft -- Sie denken dabei hoffentlich nicht an einen
-„Jour“? -- gibt es immer eine Bühne und -- das lächelnd zurückgelehnte
-Parkett. Ob auf der „Bühne“ einer im Schweiße seines Angesichts Klavier
-spielt oder -- ohne Schweiß -- seinen mehr oder weniger berühmten
-Namen als Schriftsteller oder Maler vorzeigt oder vorzeigen läßt von
-einem Impresario, der sich meinetwegen im Parkett erhebt, das ist
-im Grunde dasselbe. „Soziale Stellung“ im Sinne der „Gesellschaft“
-hat der Schriftsteller „als solcher“ nicht. Und ebensowenig der
-Schauspieler. Daran werden alle Tiraden über „Demokratisierung der
-Gesellschaft“ nichts ändern. Sie verstehen: Ich spreche vom +Titel+,
-vom Anspruch, nicht von einzelnen Tatsachen, die sich scheinbar gegen
-das „Prinzip“ auflehnen. Es gibt ja anderseits auch Gräfinnen, die
-ganz und gar nicht zur „Gesellschaft“ zählen. Es gibt nur +eine+
-Gesellschaft. Auch dies ist ein Axiom, das die nicht anerkennen
-wollen, die nicht dazu gehören. Man „gehört“ zur Gesellschaft oder --
-nicht. An der Zugehörigkeit zur Gesellschaft kann einem der Verkehr
-mit Schriftstellern nichts rauben -- ebensowenig wie der Verkehr
-mit Balletteusen. Wer aber mit Balletteusen -- verwandt ist, der
-gehört nicht zur Gesellschaft, und ein veritabler Schriftsteller in
-der Familie ist auch keine Annehmlichkeit, verstehen Sie mich? Wenn
-der Schriftsteller sehr berühmt und sehr reich ist, so schadet er
-einem nichts, hören Sie, im besten Fall +schadet+ er nicht. Auch ein
-Strumpfwirker in der Familie schadet nicht, wenn er -- Millionär ist.
-Und das hat Sinn. Ja, dieser Unsinn, wie die Leitartikler sagen, hat
-Sinn. Denn es ist klar, daß der Strumpfwirker, der Millionär ist,
-sich in irgend etwas von dem Strumpfwirker, der sich 2000 Gulden
-im Jahr verdient oder noch weniger, unterscheiden wird, und zwar
-durch +Lebensgewohnheiten+. Sehen Sie, darauf kommt es an. Dem
-Strumpfwirker-Millionär erlaubt man sogar, sich seine „Gewohnheiten“
-erst anzugewöhnen. Man drückt ein Auge zu und blinzelt verliebt zur
-Million hinüber. Das mag kleinlich sein, aber es ist sehr natürlich und
-wie alles Natürliche „echt“. (Nicht alles „Echte“ anderseits ist --
-natürlich.)
-
-Also noch einmal, es gibt nur +eine+ Gesellschaft. Das ist eine
-Tatsache, die man angreifen oder beklagen kann, aber nicht
-hinwegdekretieren. Freilich machen die Gesellschaft nicht die aus, die
-sich unbefugt selbst dazu zählen, auch nicht die, die von beflissenen
-oder -- verwandten Reportern auf dem geduldigen Papier dazu gezählt
-werden. Nicht die Leute etwa, die ein Wohltätigkeitsfest gelegentlich
-in Verkaufsbuden vereint, gehören zur Gesellschaft. Sie sind arme
-Teufel, wenn sie sich’s darum einbilden... Ich bin neulich auf der
-Straße einem mir nach Abbildungen in illustrierten Zeitschriften
-bekannten Komponisten begegnet. Er ging mit seiner Frau. Sie trug
-natürlich die entsetzliche Reformtracht. (Haben Sie schon jemals eine
-„Dame“ auf der Straße in Reformtracht gesehen? Ich nicht; und das
-hat wiederum Sinn und ist sehr begründet.) Er den Künstlerhut und
-die liebliche Mähne aller Komponisten. Ich möchte wissen, weshalb
-Komponisten immer Mähnen haben? Warum sie immer schlecht gekleidet
-sind, weiß ich sehr genau: weil sie sich über derlei Dinge erhaben
-fühlen, oder, wie ich es mir auszudrücken erlaube, davon keine Ahnung
-haben. Aber ich frage Sie, warum tragen Komponisten immer Mähnen? Es
-ist scheußlich, aber „künstlerisch“. Muß also nicht der „Künstler“ als
-öffentliche Erscheinung für den wohl erzogenen, den lautlosen Menschen
-ein Greuel sein. Wer sorgt dafür? Die Künstler mit ihren Sammetjacken
-und -baretten, mit ihrer Löwenmähne und den Reformkleidern ihrer
-Frauen. Und das sind die Menschen des „höhern Seins“, die Menschen der
-Kunst, der „Blüte der Kultur“.
-
-Hat nicht der „gigerlhafte“ Aristokrat mit seinen engen Beinkleidern
-und dem fabelhaft gut gemachten Rock (nicht nur der Schneider macht
-gute Röcke, das ist ein Irrtum: der Träger macht den guten Rock oder --
-läßt ihn machen), hat er nicht mehr Kultur im Leibe?
-
-Also, um auf meinen Komponisten zu kommen: Er trug seine Löwenmähne
--- es war ein nicht eben sonderlich warmer Frühlingstag -- ungekämmt
-zur Schau, nämlich den Hut in der Hand oder auf seinem Spazierstock,
-glaube ich, ja, ja, auf seinem Spazierstock. Ich frage: Tut so
-etwas ein andrer Mensch als ein „Künstler“? Sie werden mir da
-natürlich den göttlichen Übermut dieses ungebundenen Völkchens und
-die berühmte rote Weste Gautiers zitieren usw. Erstens aber ist
-damit gar nichts „bewiesen“, denn die rote Weste Gautiers, wenn sie
-auch vielleicht die Philister reizte -- und eben darum eine arge
-Geschmacklosigkeit bedeutete: es ist geschmacklos, den Philister zu
-reizen --, war immerhin, da sie die Farbe betonte, im Gegensatze,
-sagen wir: zur Nüchternheit der Philisterumgebung, etwas Malerisches,
-ein (grobes) Symbol, aber was ist an der ungekämmten Mähne eines
-Komponisten malerisch? Und dann: die ganze Sache ist ja +gemacht+.
-Alles aber, was gemacht ist, ist geschmacklos. Der „gigerlhafte“
-Aristokrat ist nicht „gemacht“. Es ist das eine Sache der angeerbten
-Unnatur, vielmehr: der +natürlichen+ Unnatur, also doch Natur,
-ein Cachet, das nicht aufgeklebt ist, sondern aus dieser seiner
-„unnatürlichen Natur“ fließt. Daß aber der Dirigent seinen Hut, seinen
-„Künstler-Schlapphut“, auf seinem Spazierstock vor sich her trägt,
-neben seiner Frau, die in Reformtracht, Lilien über der Sitzfläche,
-durch die Stadt zieht („zieht“ ist das Wort), ist Mache, riecht nach
-dem Theater, ist ekelhaft prononciert, im besten Fall unerträglich
-lächerlich. Darin, daß sich jemand „auffallend gut“ kleidet, kann
-ich nichts Lächerliches finden. Die bizarre Erscheinung dieser
-schlanken Arabeske nimmt sich, meine ich, sehr gut aus. Ich fühle
-Kultur, die +Kultur der Gepflogenheit+, in dieser Art, sich ein wenig
-auffällig zu kleiden. Selbstverständlich ist höchste Vornehmheit
-unauffällig. Aber ich wette um den Lockenkopf des liebenswürdigsten
-„Gesellschafts“-Zeilen-Plauderers, daß dieser Löwe der literarischen
-„Jours“ an ihr immer wieder vorbeisieht. Dieser naseweise Herr,
-der sich, literarisch bis in die abgebissenen Fingernägel, für
-Gautiers rote Weste begeistert und sich in einem frischgebügelten
-Waschleinenanzug für Oscar Wilde hält, ist bei all seiner Belesenheit
-oder -- Angelesenheit ein Mensch, der, was den Geschmack betrifft,
-meist tief unter dem kleinsten Kavallerie-Kadetten aus gutem Hause
-steht, als welcher außer dem Wallenstein -- in der Kadetten-Schule --
-von den Klassikern wenig erfahren hat und lieber das kleine Witzblatt
-liest und die Personalnachrichten des Salon- und Sportblatts als das
-„Textbuch“ zu „Tristan“. Jener fade Enträtsler der unter den Falten
-ihres Reformgewandes verborgenen Psyche des modernen Weibes hat
-keine Ahnung von der Kultur der Gepflogenheiten. Was er „Elegantes“
-tut oder besser: „vollführt“, denn es ist falsches Pathos in seiner
-Beflissenheit, ist Surrogat. Aber weil er „unterm Strich“ den wehrlosen
-Barbey d’Aurevilly zitiert, dünkt sich der Federstilgewandte mehr als
-jener harmlose Kavalleriekadett aus guter Familie. Er ist rührend,
-dieser Trugschluß. Nein, er ist nicht rührend, denn er ist allzu
-unbescheiden. Die Vernunft, das Wissen, das Schreiben ist gar nichts.
-+Das Selbstverständliche ist alles.+
-
-Ob einer „selbstverständlich“ malt wie Velasquez oder
-„selbstverständlich“ dichtet wie Shakespeare oder „selbstverständlich“
-ein Pferd reitet, im Grunde sind das alles Äußerungen einer einzigen
-Kraft, der Natur. Wenn aber der „unterm Strich“ Vauvenargues -- „man
-kennt die sublime These „„des““ Vauvenargues“ (natürlich hat er sie
-soeben erst in der gestern als Rezensionsexemplar ihm zugewiesenen
-Übersetzung gelesen) -- zitiert und gewohnheitsmäßig zu diesem Behuf
-seine walzenrunden Manschetten auszieht und vor sich auf den Tisch
-stellt, so ist das ein Produkt der „Bildung“, ein Exkrement der Bildung
-sozusagen, eine häßliche und übelriechende Sache.
-
-
-
-
-_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM ANDERN LITERATEN ÜBER DAS
-MONOKEL, ÜBER WITZE, LIEBENSWÜRDIGE SONNTAGSPLAUDERER UND DIE DEUTSCHE
-PROSA_
-
-
-Manchmal fragt mich einer, warum ich ein Monokel trüge. Ich antworte
-mit der größten Offenheit, weil es mir gefiele. Das kann der andre
-nicht begreifen. Er lächelt mitleidig oder boshaft oder ungläubig, und
-endlich spielt er seinen höchsten Trumpf aus, wenn er nämlich sehr gut
-mit mir ist: es sei doch „eine ganz gewöhnliche Fexerei“.
-
-Ich gebe ihm das natürlich zu. Nun ist er erstaunt. „Du siehst das also
-ein?“ „Natürlich. +Einzusehen+ ist doch keine Kunst. Ich sehe ein und
-tue doch, was mir gefällt. Ich trage zum Beispiel ziemlich hohe Stöckel
-und sehr enge Beinkleider. Es gefällt mir. Vielleicht gefällt es mir
-morgen nicht mehr. Dann werde ich sie nicht mehr tragen.“
-
-„Aber du machst dich lächerlich.“ „Wer macht sich nicht lächerlich?
-Der eine, indem er Gedichte schreibt, -- vor einem Zuckerraffineur;
-der andre, indem er seinen ergrauenden Schnurrbart färbt,
-Töchterschülerinnen gegenüber. Sich lächerlich zu machen, ist
-unvermeidlich. Denn jedermann findet Kritiker. Jedermann. Und wer
-+vor andern+ kritisiert, wird gern einen Witz anbringen. Man kann
-Witze machen über die Tatsache, daß Goethe die „Iphigenie“ geschrieben
-hat. Daran ist nichts zu verwundern. Ärgerlich und zwar für den, der
-sie anzuhören gezwungen ist, sind nur +schlechte+ Witze. Gute Witze
-läßt man sich gelegentlich immer gefallen, -- besonders wenn sie auf
-Abwesende gemünzt sind. Also wenn du einen guten Witz über mein Monokel
-machen willst, so mach’ ihn ungescheut. Aber nur einmal! Oder wenn
-du ihn unbedingt ein zweites und ein drittes Mal anbringen mußt --
-eine Geschmacklosigkeit, die ein Zeichen von Armut ist, da du mit dir
-selbst wucherst -- dann mach’ ihn, bitte, das zweite und dritte Mal vor
-andern. Es wäre dir hoffentlich selbst unangenehm, wenn ich ihn zweimal
-von dir anhören müßte.“
-
-Es gibt meines Erachtens nichts Beschämenderes, als wenn einer einen
-Witz -- das Unmittelbarste, Blitzähnlichste, was sich denken läßt
--- zweimal vor demselben Publikum anbringt. Ich erinnere mich eines
-Professors, der seine „Witze“ in seinem Kollegienheft notiert hatte
-und sie Jahr für Jahr „vortrug“. Man konnte sich Tag und Stunde
-ausrechnen, wann sie fallen würden. Es gab „Liebhaber“, die solche
-Stunden immer wieder aufsuchten. Ich habe das von den Liebhabern
-womöglich noch geschmackloser gefunden als von dem Professor. Bei ihm
-war immerhin ein klein wenig Verachtung dabei.
-
-Einer der bei Provinzabonnenten und hauptstädtischen Provinzialen so
-beliebten Sonntagsplauderer irgend eines Tageblattes schwelgte neulich
-einmal in der Mitteilung, daß ein kürzlich verstorbener Krösus, der
-doch ein so fürstlicher Wohltäter gewesen sei, mit dem Kellner um
-ein unrichtiges Plus von 20 Kreuzern habe feilschen können und nicht
-nachgegeben hätte, des verächtlichen Lächelns des Kellners unerachtet.
-Der anmutige Chroniqueur fühlt sich in diesem Punkt dem Nabob verwandt.
-Auch er feilscht um 20 Kreuzer mit dem Kellner und gibt nicht nach.
-Und das verächtliche Lächeln stellt sich unfehlbar ein... Es ist ein
-„feiner“ Unterschied da, den der liebenswürdige Plauderer nicht merkt.
-Der Nabob konnte sich das erlauben. Er blieb der Nabob. Es ist so, als
-ob es ihm beliebt hätte, mit durchlöcherten Schuhen spazieren zu gehen.
-Wenn einer um 20 Kreuzer feilscht, weil ihr Verlust ihn schädigt, ist
-das sehr natürlich, aber keineswegs eine interessante Perversität...
-Jener Krösus, der um 20 Kreuzer gefeilscht haben soll, ist mir
-übrigens nicht einmal interessant. Er konnte sich das erlauben. Ist
-das interessant, was man sich erlauben kann? Ein andrer kann sich so
-etwas nicht erlauben. Das ist aber nicht jener charmante Glossator, dem
-es tatsächlich ein Bedürfnis ist, zu feilschen, weil er das Bedürfnis
-hat nach dem -- Objekt des Feilschens, beziehungsweise seinen Mangel
-peinlich empfindet. Ich meine den Unnatürlichen, der seine Unnatur
-fühlt, sie bekämpft und -- ihr unterliegt.
-
-Von einem andern Zeitungsschreiber habe ich neulich lesen müssen:
-Niemals habe die deutsche Prosa auf einer ähnlichen Höhe gestanden wie
-heute. Es hat deutsche Schriftsteller gegeben vom Range der Schlegel,
-Grimm, Hoffmann, Kleist, Novalis, Hölderlin, Platen, Stifter, Goltz,
-Keller! Und der Unglückselige findet, die deutsche Prosa sei heute
-auf einer Höhe angelangt „wie noch nie“! Heute schreiben sie und „tun
-so“, „als ob“. Und dieser armselige Festredner glaubt es ihnen. Dabei
-ist die Grammatik abhanden gekommen. Unter hundert heute landläufigen
-Schriftstellern kann kaum einer Deutsch. Sie machen Fehler wie die
-Buben in der ersten Gymnasialklasse und +merken+ es +nicht+. Sie merken
-es nicht einmal bei andern: ein Zeichen, daß ihre „stilistischen
-Ohren“ verstopft sind. Und Dumme und Kluge lassen sich heute so leicht
-blenden! Es braucht einer nur seine Worte einige Jahre hindurch anders
-zu stellen, als es die Syntax gebieterisch fordert: er imponiert; zumal
-wenn ihn die andern „Verbrecher aus verlorner Ehre“ vielfach darum
-preisen. Seine Unarten werden von unzähligen Schmieranten nachgeahmt;
-so wird man heute Klassiker.
-
-Ich sage: es ist einfach unglaublich, wie schlecht bei uns geschrieben
-wird. Kein Volk auf der ganzen Erde mißhandelt seine Sprache so wie
-das deutsche. Es sollte ein Grimm heute versuchen, sein Wörterbuch mit
-Beispielen aus der „schreibenden Gegenwart“ zu belegen, er könnte fast
-nur fehlerhafte Wendungen verzeichnen. Gesetzt, ein Grimm von heute
-hätte ein Gefühl für die Fehler seiner schreibenden Zeitgenossen.
-
-Denn das macht es aus, nicht nur in der Schriftsprache, im Leben
-überhaupt sind wir um allen Stil gekommen und +merken es nicht+. Wie
-wäre es sonst möglich, daß sich die Menschen nicht zusammenrotteten
-und die große Mehrzahl ihrer Architekten, ihrer Baumeister, ihrer
-Schriftsteller, vor allem ihrer Schriftsteller erschlügen? Man müßte
-heute, um zum Tauglichen wenigstens wieder -- „instradiert“ zu werden,
-alle Städte niederreißen, bis auf den Grund, und so ziemlich alle
-„gebildeten“ Einwohner dieser Städte töten. Nur so wäre es möglich, mit
-einer ausgewählten Zucht von jungen Menschen -- die man im Wachstum
-wieder dezimierte --, durch gute Lehrer und treffliche Beispiele
-unterstützt, etwas Kulturähnliches zu erzielen.
-
-Der Literat hat schweigend zugehört. Jetzt sagt er: „Aber +Sie+, nicht
-wahr, Herr von Balthesser, Sie blieben uns doch erhalten? Das heißt, --
-den andern natürlich, denn ich würde ja wohl auch ausgerottet. Da ich
-jedoch noch am Leben bin, darf ich mir die Frage erlauben, ob ich Sie,
-Herr von Balthesser, ‚unterm Strich‘ behandeln kann.“
-
-
-
-
-_HERR VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM BESCHEIDENEN JUNGEN
-SCHRIFTSTELLER ÜBER BÜCHER_
-
-
-Man sollte, sagte Herr Andreas von Balthesser, seine Bücher in
-höchstens 100 Exemplaren drucken lassen, die man verschenkte. Das
-Papier müßte fest und holzfrei, vorzüglich Bütten sein, die Textsäule
-ungefähr ein Sechstel der großen Seite einnehmen. Kein Buch wäre zu
-binden: das bliebe dem Eigentümer und seinem persönlichen Geschmack
-überlassen. Wenn man, wie dies heute leider noch immer der Fall ist,
-seine Bücher durch einen Verlag veröffentlichen und sie an den Türen
-der Redaktionen um ein gütiges Geleitwort bitten läßt, verdient der
-Autor eigentlich gar nicht, daß ein zärtlicher Schätzer seines Werkes
-die Gabe ihm mit Dank quittiere. Wozu geht ein Dichter, der etwas
-auf sich hält, auf den Markt? Um des Ruhmes willen? Den verleiht
-die Mitwelt nicht. Und er kann dem stillsten Buche zuteil werden,
-das vergessen in dem Winkel einer kleinen Bibliothek steht. Um des
-Geldes willen? Wie selten hat ein wirklich vortreffliches Buch seinem
-Schöpfer Geld eingetragen! Aus Eitelkeit, das heißt des zweifelhaften
-Vergnügens wegen, sein Werk unter zahllosen unberufenen nach einem
-berufenen Beurteiler auf der deplorabeln Suche zu sehen?
-
-Sie vergessen, Herr von Balthesser, erlaubte sich der junge bescheidene
-Schriftsteller zu bemerken, daß man ein Buch wohl ins Ungewisse
-flattern läßt, gleichwie ein dem Käfig entronnener Vogel, der aus
-fremden Zonen stammt, ins Ungewisse flattert, daß aber liebevolle
-Aufnahme ihm zuteil werden kann, von der sein Schöpfer niemals erfährt.
-Ist das nicht schön? Und bietet der +eine+ Leser, dem Ihr Werk ein
-süßes Ereignis der Seele geworden ist, Ihrer Einbildung nicht Ersatz
-für hundert andre, die ihm nicht gewachsen sind?
-
-~Balthesser~: Das ist eine zärtliche Idylle in Wachs, gewickelt in
-Watte, die mit Rosenwasser befeuchtet ist und verschämt duftet.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ist das ein Einwand, Herr von
-Balthesser?
-
-~Balthesser~: Nein, nur eine spöttische Bewegung der Mundwinkel.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Die ich also nur als
-ehrfürchtiger Beobachter Ihres interessanten Mienenspiels zu werten
-habe.
-
-~Balthesser~: Wie Sie wollen. Ich jedenfalls werde meine Bücher nicht
-mehr herausgeben, wenn ich überhaupt noch den Heroismus aufbringen
-sollte, Bücher zu schreiben.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie werden gewiß noch Bücher
-schreiben, Herr von Balthesser, und Sie werden sie auch herausgeben.
-
-~Balthesser~: Woher wissen Sie das?
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich erlaube mir das daraus zu
-schließen, daß Sie so gegen das Herausgeben von Büchern perorieren.
-
-~Balthesser~: Sie sind ein malitiöser Partner. Aber ich liebe das.
-Nichts ist langweiliger als Zustimmung... O doch: eines ist noch
-langweiliger: eben dieses, Bücher zu schreiben.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie müssen es wissen.
-
-~Balthesser~: Sie verblüffen mich angenehm.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~ verneigt sich.
-
-~Balthesser~: Ich habe sonst bei „zeitgenössischen Autoren“ wenig Geist
-verspürt.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Um so bequemer für Sie, Herr
-von Balthesser.
-
-~Balthesser~: Wieso?
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Weil Sie sich sicherlich die
-Mühe genommen hätten, ihn zu negieren.
-
-~Balthesser~: Sie meinen doch nicht etwa, daß ich etwas ähnliches wie
-Kritik geübt hätte?
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich müßte mich sehr täuschen,
-wenn Sie nicht oftmals bereits „Kritik geübt“ hätten.
-
-~Balthesser~: Man spricht niemals von gestern.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich werde mich bemühen, diese
-Lebensregel zu befolgen.
-
-~Balthesser~: Man soll sich niemals bemühen.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sondern andre. Sehr richtig.
-
-~Balthesser~: Gewiß. Wer andre bemüht, ist der Herr seiner Wünsche.
-
-~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Aber der Sklave seiner Launen.
-Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr von Balthesser.
-
-
-
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-_ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DIE BETRACHTUNG VON GEMÄLDEN_
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-
-Vor Gemälde vermeide ich mit Bekannten zu treten. Es wird dann immer
-höchst überflüssigerweise „geredet“. Und sobald man vor Gemälden über
-sie redet, entziehen sie sich einem. Es ist, als ob es sie verdrösse.
-Sie verhüllen sich gleichsam von innen heraus. Man kann über Gemälde
-nur in ihrer Abwesenheit sprechen. (Das Gegenteil hat bei Menschen
-statt. Ich finde, daß man über Menschen nur mit ihnen selbst sprechen
-kann. Natürlich auch brieflich, denn der richtige Briefschreiber
-spricht zu einem Anwesenden. Es gibt wohl auch Briefschreiber, die
-zu Abwesenden sprechen, solche aber werden immer schlechte Briefe
-schreiben, uninteressante, unpersönliche.)
-
-Gemälde soll man nur in Stimmung betrachten. Es ist nicht wahr, daß
-sich die Stimmung einstelle. Man muß Sehnsucht nach Gemälden empfinden,
-sogar Sehnsucht nach bestimmten Gemälden. Spürt man unbestimmte
-Sehnsucht nach Gemälden, dann mag man es versuchen, sich gleichsam
-magnetisch mit dem in Rapport zu setzen, das sein Antlitz im Nebel
-dieser unbestimmten Sehnsucht verschleiert hält. Will es sich nicht
-entschleiern, dann unterlasse man es, an dem Schleier zu zupfen. Es
-schneidet sonst plötzlich eine Grimasse, die lange nachwirkt. Aber jede
-unbestimmte Sehnsucht birgt einen bestimmten Gegenstand. Unbestimmte
-Sehnsucht ist nur ein vorläufiger, ein Verlegenheitsausdruck.
-
-Etwas anders ist gemeint, wenn ich hinzufüge, daß man sich in der
-Betrachtung von Gemälden reinigen kann. Das soll nicht heißen, daß
-man ohne Stimmung sei. Im Gegenteil: man hat gerade dann, wenn man
-dieses Reinigungsbedürfnis empfindet, eine sehr starke Stimmung zu
-künstlerischen Eindrücken. Eben ihre Stärke bedingt die Unlust, die
-einem das „andre“ bereitet. Man wäre aber zum Beispiel nicht in der
-Stimmung zu künstlerischer Betrachtung, wenn man sich in sinnlicher
-Erregung befände. Wer von der Dame seiner Sinne endlich die verheißende
-Andeutung erhalten hat, der darf nicht vor Gemälde treten. Er wird
-geneigt sein, eine Nudität von Allegri über Reitergruppen von Mollyn
-zu stellen, beziehungsweise, was noch schlimmer ist, vor Rubens an die
-zu gewärtigenden Alkovenbewegungen seiner Dame denken.
-
-Ich habe es ferner immer äußerst uninteressant gefunden, mit Malern vor
-Bildern zusammenzutreffen. Fachsimpelei ist der Tod der künstlerischen
-Empfindung, die unmittelbar in der +Seele+ wirksam ist und so von
-seelischer Wirkung zeugt. Die Seele eines Künstlers spricht durch
-ein Bild zu meiner Seele. Ihr muß ich mit meiner Seele zu begegnen
-trachten. Da hält technische Kennerschaft nur auf. Man mag ihre
-Betätigung geruhig den nur allzu häufigen Stunden der künstlerischen
-Ernüchterung überlassen.
-
-Damit will ich durchaus nicht gesagt haben, daß die Erfassung
-des Technischen, die restlose Bewältigung des Technischen durch
-die Anschauung, nicht nötig wäre, als Basis gleichsam jener
-Seelenzwiesprache. Man lernt die Seele eines Bildes erst allmählich
-und auf vielen technischen Umwegen kennen, wenn sie auch beim ersten
-Zusammentreffen ihre Anwesenheit der verwandten noch so deutlich
-verrät. Ich meine nur, daß das Reden über technische Dinge am besten
-hinterm Rücken eines Bildes geschehen sollte. „Hinterm Rücken eines
-Bildes“, das kann sich sehr gut vertragen mit dem vollsten Betrachten.
-Aber es ist ein andres Betrachten als das, bei dem alle Vernunft
-schweigt, abstirbt sozusagen, erlischt wie ein Licht in einer Lampe,
-das noch eben eine leuchtende und wärmende Flamme war und alle
-entfernten Ecken eines Raumes erhellte und -- mit eins fort, aus der
-Welt ist, niemals da war.
-
-Bilder sind der schwierigste Umgang. Sie sind voll Launen und äußerst
-empfindlich. Manchmal kommen sie einem entgegen mit einer Offenheit,
-einer Freundlichkeit, daß man nicht weiß, wie man sich zu fassen hat.
-Manchmal gehen sie von einem so schnell und weit fort, daß man ihnen
-nicht zu folgen imstande ist. Auch haben sie sehr wechselnde Stimmen.
-Bald sind sie überlaut, bald so leise, daß man sie kaum versteht und
-immer „wie“ fragen möchte.
-
-Nebenbei gesagt: Bilder sind ein gefährlicher Umgang. Sie können einen
-geradezu verzaubern. Es gibt Bilder, die man niemals mehr aus seinem
-Leben bringt. Sie können das Schicksal eines Lebens werden... Man
-besucht eine Stadt zum erstenmal, man begibt sich unter andern Fremden
-in eine ihrer öffentlichen Sammlungen. Man tritt in einen Saal. Milde
-Oktobersonne liegt darin oder ein warmer Frühlingschein, eine Dame
-in grünem Reiseschleier steht über ein rot gebundenes Buch geneigt.
-Ein Aufseher wandelt auf knarrenden Sohlen an dir vorbei... Du siehst
-auf. Ein Bild. Noch kaum ein Name, hat es plötzlich Gewalt über dich
-bekommen, deine Weltauffassung, ohne daß du es noch ahnst, im Kerne
-geändert. Vielleicht hat es der Zukunft deines von einer fremden Frau
-noch ungeborenen Kindes die Bahn gewiesen.
-
-
-
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-_WAS ANDREAS VON BALTHESSER GELEGENTLICH ÜBER DAS GESPRÄCH ZU BEMERKEN
-HATTE_
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-
-Wenn mich die Leute nur mit ihren „Ansichten“ in Ruhe ließen! Ich bin
-aus Höflichkeit genötigt, ihnen zu antworten, und, will ich mich nicht
-überflüssigerweise mit Lügen anstrengen, muß ich ihnen mindestens etwas
-Ähnliches wie „eigene Ansichten“ sagen, die leider immer anders lauten,
-als ihre Fragestellung will.
-
-Das Gespräch erzogener Menschen meidet jegliche Auseinandersetzungen.
-Es bewegt sich leicht, spielend, gewissermaßen mit fröhlicher Ironie,
-die jedermann zugänglich ist, tändelnd auf Wandelwegen im duftigen
-Schatten beschnittener Hecken. Es mag manchmal langweilen, aber es will
-keinen „sachlichen“ Ernst. Es bietet keine groben Handhaben, wie sie
-die stämmigen Dauerredner überall angebracht sehen wollen, sich mit der
-Wucht ihrer Überzeugungen dranzuhängen. Es ist nicht ohne das feine
-Parfüm des Mißtrauens. Es hat vor allem keinerlei jeder Behaglichkeit
-so gefährliche Individualität.
-
-Wir sind zusammengekommen, uns in leichtsinniger Stimmung mit heitern,
-an sich völlig belanglosen Worten zu vergnügen. Es steht bei den
-einzelnen, sich zu beteiligen oder mit verbindlichem Lächeln zeitweilig
-außer den Kreis der „Aktiven“ zu treten.
-
-Gute Gesellschaft ist ohne Meinung. Der Causeur referiert nicht -- ein
-Referat ist der plumpe Grabstein der Konversation --, noch weniger
-urteilt er. Urteile in der Causerie sind ein Zeichen schlechter
-Erziehung.
-
-
-
-
-_GLOSSEN ZUR PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG_
-
-
-Gut gekleidet sein, heißt vor allem +nicht auffallend+ gekleidet sein.
-Alles Vollkommene ist unbefangen, selbstverständlich.
-
-Das zweite Gesetz lautet: +Solidität+. Auch dieses wird seine Anwendung
-überall im Leben bestätigen, wo etwas Vollendetes vorliegt.
-
-Es ist zum Beispiel durchaus nicht selbstverständlich, die Manschetten
-und Kragen an das Hemd anzuknöpfen. „Selbstverständlich“ ist das
-Hemd aus +einem+ Stück. Sparsamkeit aber, womit man allenfalls die
-Teilung zu rechtfertigen sucht, ist ein Begriff aus einem andern
-Reich, der in das „künstlerische“ Gebiet der Kleidung hineingetragen
-wird, wie man in die Dichtung das moralisierende Element, die Tendenz,
-hineingetragen hat als ein wesensfremdes. Tendenzen wie „angeknöpfelte“
-Manschetten und Kragen sind sicherlich „zielbewußte“, aber darum nicht
-eben schönere Dinge. Stil lehnt jedes Kompromiß ab. Das Kompromiß
-bringt den Stil um. Es ist stillos, an das Hemd einen Teil durch
-mechanische Mittel anzufügen, der mit ihm ein Ganzes vorzustellen hat
-und -- darin liegt das Unreelle, also Gemeine der Sache -- dieses
-Resultat vorzutäuschen beabsichtigt. Die vollkommenste Täuschung bleibt
-eben als Täuschung ein armseliger Kniff der Unzulänglichkeit, die
-das Zulängliche kennt, schätzt und -- den Schein der Zulänglichkeit
-erschleicht.
-
-Noch eines: Wer Manschetten und Kragen aus „Schonung“ an das Leibstück
-anknüpft, trachtet im Grunde nur über die Tatsache hinwegzutäuschen,
-daß er ein bereits gebrauchtes Hemd nicht zu wechseln pflegt. Er
-verschweigt sein verschmutztes Hemd, indem er die sichtbaren Ausläufer
--- Kragen und Manschetten -- durch reine Stücke ersetzt. Man darf das
-gebrauchte Hemd nicht ein zweites Mal anziehen. Das mag kostspielig
-sein, aber -- sich gut zu kleiden, ist eben nicht wohlfeil. Daran ist
-nichts zu ändern.
-
-Über die „Fasson“ des Anzugs entscheidet natürlich die Mode. Aber nur
-bis zu einem gewissen Grade. Einem Menschen, der sich mit Verständnis
-und Geschmack zu kleiden weiß, hat die Mode nichts zu befehlen.
-Nie wird er sich ihr blind unterwerfen, aber auch nie gegen sie
-demonstrieren. Eines ist ebenso geschmacklos wie das andre.
-
-Kreationen freilich mag man geruhig einem tonangebenden König
-überlassen.
-
-So wie ein wohlerzogener Geschmack nicht „Leder“-Tapeten oder ein
-Gips-Gebälk in der Wohnung duldet, ebenso wird er das angefertigte
-„Flüchtige“, die steif gefaltete und „fertig“ genähte Krawatte und den
-unwandelbar mit „Bug“ versehenen Strohhut verabscheuen. Sicherlich
-auch wird der Mensch von Geschmack seine Schuhe selbst schließen, also
-entweder zuknöpfen oder zuschnüren, nicht in ein durch Gummiteile
-gefügig gemachtes Stiefelgehäuse schlüpfen, auch nicht wie ein
-Negerhäuptling über einem Wolleibchen ein „Vorhemd“ -- schon der Name
-riecht nach Kannibalentum -- baumeln lassen. Derlei Dinge sind auch nur
-noch in deutschen Landen „diskutabel“, wo man allen Ernstes erwägt, ob
-man an der Hotel-Abendtafel in Kniehosen und Wollhemd teilnehmen dürfe
-oder nicht, und wo das Messer ebenso unfehlbar zur -- Torte gehört wie
-das Tellerchen aus gepreßtem Glas mit neckisch untergelegtem gesticktem
-Tüchlein samt dem Miniaturlöffelchen zum „Eis“...
-
-Das sind die Axiome. Alles übrige ist „Nuance.“ Doch wer wird von
-den „letzten Dingen“ -- den wechselseitigen zarten Beziehungen der
-einzelnen Kleidungsstücke untereinander -- zu Honoratioren und
-sonstigen Unsäglichen sprechen, die den Abend-Gesellschaftsanzug, den
-Frack, als des brav aufwartenden Bürgers Vormittagsfestgewand ansehen,
-die das Straßen- und Besuchskleid, den Gehrock, aus dem Verließ des
-Garderobeschrankes hervorholen, wenn sie mit der seidestarrenden
-Ehehälfte zur -- Sommersonntagsfahrt ins Grüne sich rüsten, die etwa
-gar den zeremoniellen Zylinder mit dem bequemen gelben Schuh in
-Geberlaune zum farbigen Akkord zwingen und dem Gehrock durch die --
-Frackweste und die schwarze Smokingschleife größere Feierlichkeit zu
-verleihen meinen!
-
-
-
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-_HERR VON BALTHESSER GIBT SEINE ANSCHAUUNGEN VOM VERKEHR ZUM BESTEN_
-
-
-Menschen und Bücher, die immer von der Aristokratie des Geistes reden,
-sind mir tief verdächtig. Ganz abgesehen davon, daß ich nach meinem
-persönlichen Geschmack die Aristokratie der Geburt weitaus der des
-Geistes vorziehe, im Umgange, heißt das. An den Verkehr stelle ich
-hohe Anforderungen, die der gebürtige Aristokrat mühelos erfüllt,
-der „geistige Aristokrat“ leider zumeist ganz unerfüllt läßt. Ich
-verlange zum Verkehr nicht Menschen, die immer das letzte Werk des
-neuesten Norwegers schon gelesen haben, sondern Menschen, die sich
-mit Unbefangenheit gut zu benehmen imstande sind. Wer da glaubt, das
-seien bescheidene Ansprüche, der täuscht sich gewaltig. Es ist viel
-„leichter“, einen geistreichen Essay zu schreiben, als ein tadelloses
-Benehmen zu entwickeln. Denn einen geistreichen Essay zu schreiben,
-das erfordert außer Technik des Handwerks und einiger Bildung noch den
-sogenannten Geist, beziehungsweise -- sein Spiegelbild. Tadelloses
-Benehmen aber ist lautloser Lebensrhythmus.
-
-Tadelloses Benehmen ist kein Additionsergebnis. Es läßt sich durchaus
-nicht in einem Anstandsbüchlein auseinandersetzen, wie es pomadisierte
-Ladenjünglinge der Konfektionsbranche in den Pausen ihres schwierigen
-„Verkehrs“ mit den Damen der Hauptstadt voll Beflissenheit studieren.
-Tadelloses Benehmen ist überhaupt nicht erlernbar, sondern eine
-„Rasse“eigentümlichkeit, etwa wie die Hautausdünstung der Schwarzen.
-Das „Aristokratische“ ist keineswegs immer tadellos. Aber sicherlich
-haben von 100 Aristokraten 90 ein sicheres Benehmen. Unter 100
-Nichtaristokraten hingegen sind 98 in ihrem Benehmen ganz und gar
-unmöglich. Und ich ziehe es entschieden vor, mit weniger geistreichen
-Leuten, die sich „benehmen“ können, zu verkehren, als mit Leuten ohne
-Benehmen, sie mögen im übrigen das Gebildetste auf der Welt sein.
-
-Diese schreiben ja heutzutage zumeist Bücher. Und es ist doch weitaus
-bequemer und amüsanter, in ihren Büchern zu blättern, die man jederzeit
-weglegen kann, als sich die Last eines Verkehrs aufzuhalsen, der aus
-vollen Schüsseln der Intelligenz mit -- ästhetischer Roheit spendet. Es
-ist aber leider zehn gegen eins zu wetten, daß der scharfsinnige Autor
-eines lesenswerten Buches im „Leben“ ein unästhetischer Mensch sei.
-Deshalb vermeide ich auch lieber persönliche Bekanntschaften aus dem
-„Reiche des Geistes“, die mir höchstens den guten Eindruck eines Buches
-verderben könnten.
-
-Entrüsteten Ausrufzeichen aber begegne ich mit einer Darstellung
-dessen, was ich unter einem „unästhetischen Menschen“ verstehe.
-Die Entrüsteten denken natürlich zuerst an das Nasenbohren
-und Kopfhautkratzen, als welches sie sich doch schon seit dem
-Gymnasium abgewöhnt hätten; sie denken, wenn sie auf weitere
-Fortschritte in der Schule des Benehmens stolz sind, an das
-Ausspucken und Mit-dem-Messeressen. Aber das sind die allergröbsten
-„Handgreiflichkeiten“. Sich über derlei aufhalten, hieße Spucknäpfe
-in Bureaulokalitäten tragen. Ich meine ganz andre Dinge. Ich habe es,
-als ich in jüngern Jahren nicht umhin konnte, manchmal „Picknicks“ der
-sogenannten gebildeten Stände aufzusuchen, z. B. stets im höchsten
-Grade unästhetisch gefunden, wenn ein junges Mädchen bei der Quadrille
-mir von Maeterlinck zu sprechen anhub. Es ist mir tausendmal lieber,
-wenn ein junges Mädchen zu ihrem Tänzer sagt: „Finden Sie nicht, daß
-es heute sehr heiß ist?“ Auf mein Wort, mir ist das tausendmal lieber.
-Aber das Mädchen, das mit mir, in dem sie den Dichter sah (ich hasse
-alle Leute, die „in mir den Dichter sehen“), bei der Quadrille von
-Maeterlinck zu sprechen anhub und sich wunder was darauf einzubilden
-imstande war, hat dem nächsten Herrn doch gesagt: „Finden Sie nicht,
-daß es heute sehr heiß ist?“ Diese Tochter der gebildeten Stände
-+richtet nämlich ihr Benehmen ein+. Ein Mensch von Benehmen aber
-richtet niemals sein Benehmen ein. Er +hat+ ein Benehmen, und das geht
-von ihm aus wie der Heugeruch vom Stallburschen.
-
-Der unästhetische Mensch ist entweder befangen oder ungeniert. Beides
-ist gleich peinlich. Der Befangene ist immer um einen halben Takt
-voraus oder zurück; er stört jede Situation und bittet beständig um
-Entschuldigung, flüstert hinter der hohlen Hand und behandelt Bediente
-mit Ehrerbietung, wofür ihn diese natürlich gebührendermaßen verachten.
-Der Ungenierte ist von aufreizender Kordialität. Er drückt alten Damen
-die Hand, nimmt mit vorgespreizter Handfläche „das Wort aus dem Mund“,
-tritt aufgeräumt zu Spieltischen alter Herrn, denen er in den Nacken
-hustet, wendet sich mit unpassender Vertraulichkeit an den servierenden
-Bedienten. Niemals wird ihm in seiner Gottähnlichkeit bange, er hat
-keinerlei Menschenfurcht: ihm kann nichts geschehen, man müßte ihn denn
-niederschießen.
-
-Eine der schrecklichsten Sorten unästhetischer Menschen sind die
-noch in der Entwicklung begriffenen „Elegants“. Sie haben Bewegungen
-des Rückgrats, die verstimmend auf die Magennerven wirken. Ihre
-abgezirkelte „Nonchalance“ könnte unter Umständen humoristisch wirken,
-wenn sie nicht mit Ernst quittiert werden müßte! Die Art, wie sie Bein
-über Bein schlagen, während sie den Zucker in der Tasse schwarzen
-Kaffees umrühren, ist geeignet, den umgänglichsten Menschen zu ihrem
-Todfeind zu machen. Sie spielen immer den Überlegenen, und eine ihrer
-reizendsten Kombinationen ist die arrogante Verlegenheit, mit der sie
-angebliche Indiskretionen vorbringen, um die sie niemand ersucht hat.
-
-Das Ekelhafteste auf der Welt aber ist der „Schöngeist“ in seinen
-verschiedenen Spielarten, als da wären: die leicht chokierte ältliche
-Dame aus geachteter Beamtenfamilie, der im Cönakel „gefeierte“
-Schriftsteller, der den Weltmann spielt und auf Schritt und Tritt
-Nüancen fallen läßt wie Knallerbsen, endlich der „Unberechenbare“,
-der durch eigenartige Auffassungen der solidesten Lebensverhältnisse
-zu verblüffen bestrebt ist, z. B. plötzlich das Recht auf Blutschande
-verteidigt und mit schamlosen Geständnissen nicht geizt.
-
-Es gibt Menschen, die regelmäßig ins Kaffeehaus gehen. Sie können ja
-nichts dafür, daß es ihnen angenehm ist. Solche Menschen meide ich „von
-vornherein“. Es ist unmöglich, daß ein Mensch, der täglich durch einige
-Stunden im Kaffeehause sitzt, ein wünschenswerter Verkehr wäre. Das
-setzt eine Unempfindlichkeit gegen eine ganze Reihe höherer Taktfragen
-voraus, die für mich zu den Unerläßlichkeiten gehören.
-
-Es gibt Menschen, die auf sogenannten städtischen Promenaden auf und
-ab ziehen. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Das sind Leute,
-die gegen Staub, Gestank und Lärm, die größten Plagen der heutigen
-Menschheit, unempfindlich sind.
-
-Es gibt Leute, die jede Première sehen müssen. Solche Menschen meide
-ich von vornherein. Kritiker, die durch den Besuch der Theater ihren
-Beruf ausüben, sind auf das tiefste zu bedauern, jene „Amateurs“
-aber sind verächtlich, da sie Sinne wie Taue und einen Geschmack wie
-Feuerländer haben müssen.
-
-
-
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-_ÜBER VERNÜNFTIGE, SNOBS UND BEFLISSENE_
-
-
-Es gibt „vernünftige“ Menschen, die sich an Wagners „Texten“ stoßen.
-Sie behaupten, die Musik zu schätzen, den Text aber zu verabscheuen.
-Sie „weisen das nach“. Es gibt Schwärmer, die behaupten, daß die Bühne
-den Zweck habe, Illusionen zu erzeugen. Diesen Kerzlweiberstandpunkt
-hat der Prunk der sogenannten szenischen Darbietungen verschuldet.
-
-Ich kenne „Vertreter geistiger Interessen“, die Shakespeare mit
-Wildenbruch, Hölderlin mit Hamerling, Maupassant mit Tovote, Terborch
-mit Grützner, Ibsen mit Sudermann verwechseln. Da ist nichts zu
-machen. Solchen Leuten geht man am besten behutsam aus dem Wege,
-und wenn man ihnen nicht ausweichen kann, stellt man sich grinsend
-schwerhörig. Es sind dieselben Menschen, die von „unsympathischen
-Charakteren“ bei Dostojewski sprechen oder E. T. A. Hoffmann
-einen Gespenstergeschichtenerzähler nennen. Das ist eine Gruppe
-von „Kunstfreunden“. Sie zählt nach Millionen. Wenn sie zufällig
-„akademische Bildung genossen“ haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß
-sie eine Deutsche Literaturgeschichte „verfassen“.
-
-Eine zweite Gruppe hat immer die Meinung des Nächststehenden. Es gibt
-Menschen, die ihre Meinung mit dem Abonnement ihrer Zeitungen ändern,
-ja, mit dem Wechsel der Feuilletonredakteure. Das sind die Leute des
-„neuen Stils“, die, wenn sie bei Mitteln sind, alle 10-12 Jahre ihre
-Hauseinrichtung von Grund aus ändern, und wenn der letzte Band Ebers an
-die heranwachsende Nichte verschenkt ist, mit dem ersten Band -- Ruskin
-beginnen. Sie führen Goya und -- Sascha Schneider im Munde, tragen
-heute hochgeschlossene und morgen tief ausgeschnittene Westen, je nach
-dem, was der Schneider ihnen als die letzte Mode empfiehlt, und geben
-ungebeten die neuesten Verhaltungsmaßregeln. Sie sind immer bereit, mit
-fliegenden Fahnen überzugehen. Wenn sie „Dichter“ sind, schreiben sie
-heute à la Maeterlinck und morgen à la D’Annunzio. Sie wissen nie, wer
-sie im Grunde sind. Sie könnten sich über Nacht gestohlen werden. Ihre
-Vertreter in der Generation der heute fünfundzwanzigjährigen sind durch
-die Bank „moderne Lyriker“.
-
-
-
-
-_ANTIBARBARUS_
-
-_(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS
-PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL
-GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN
-TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND
-ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)_
-
-
-Auf die Gefahr hin, wieder einmal intra et extra montes mit
-Kopfschütteln, bedenklichem sowohl als wohlwollend-mißbilligendem,
-zu den Unverbesserlichen gezählt zu werden, die sich, während sie
-doch „Wichtigeres“ zu tun hätten, die Finger an heißen Platten
-und platten Hitzigkeiten zu versengen allzu lüstern scheinen, muß
-ich auf die Schafwollverwogenheiten des aus seiner Pseudonymität
-weiter nicht zu lüftenden „Montanus“ erwidern, wies der Geist mir
-eingibt. Ich habe das trutzige Stückchen vom frisch-froh-freien
-Lodengermanen auf der Heimreise von St. Moritz gelesen, zufällig
-gerade diesen abgegriffenen Fehdefäustling von einem Zeitungsjungen
-zur Fahrt-Verkürzung und Rückkehrtrübsalströstung erwerben müssen.
-Nunmehr, da ich in Gletschergedanken und Firnenträumen seufzend
-wieder städtisches Pflaster trete -- die nach bescheidenen Begriffen
-„boshafte“ Anspielung sei etwaigen Duplikanten gratis dahingegeben --
-und nachgerade etliche Zeit verstrichen ist, als innerhalb welcher
-Herrn „Montanus“ zu entgegnen andern Bewohnern dieses Teils der leider
-zeitunglesenden Welt freigestanden hätte, drängt’s mich, in einer
-unbeschäftigten halben Stunde mit der Abermeinung aufzuwarten. Noch
-steht mir der Geruch in der Nase -- idealiter heißt das --, der die
-Lektüre begleitete. Keineswegs, wie man füglich, doch aber voreilig
-annehmen könnte, war’s der mit brav aufsaugender, konservierender
-Wolle unzertrennlich verbundene männiglich bekannte, sondern Veltliner
-Geruch, beizendes Weinparfüm nämlich und dieser zähe Odeur, ein in zwei
-Wechselhemden heimtückisch aus zerbrochener Flasche eingeflossener,
-Hemden, die ich in der Handtasche aus Bahnfahrtreinlichkeitsgründen
-für 26 Stunden (außer dem frischen auf dem lesenden Leibe) bereit
-hielt: ein also freventlich umkleidsamer Antibarbarus bin ich,
-hört es, Silvani! Zunächst nun die „oben beregte“ Frage der
-„Wichtigkeit“. Ich kann nicht einsehen -- ein typisches Merkmal des
-Unverbesserlichen --, daß es minder „wichtig“ sein sollte, über
-Fragen der „äußern“, der ästhetischen Kultur zu diskutieren denn
-über reimtechnische etwa oder Fragen der Bühnenpraxis oder solche der
-hochnotpeinlichen Politik von Fragmentfraktiönchen. Und Menschen,
-die es partout nicht begreifen wollen, beziehungsweise als unwürdig
-verschreien, wenn ein Dichter, nach ihrer Meinung also ein Mensch
-mit einem unverrückbaren „Poetenstandpunkt“, sich „ernstlich“ um
-andre Dinge bekümmert als um sogenannte „dichterische“, vermag ich
-nur als betrübliche Scheuklappenstelzbeine zu bedauern. Für mich,
-Andreas von Balthesser, dekadenten Autor der „Androgyne“, ist ein
-„Dichter“ ein Mensch mit dichterischer Begabung, im übrigen aber
-ein Mitmensch, Weltbürger und Zeitkind mit mehr oder weniger großem
-Welthirn und mehr oder weniger hellen Zeitaugen. Sein „Vorzug“ vor
-„Nichtdichtern“ liegt, wenn überhaupt vorhanden, im größern Reichtum
-an Persönlichkeit, nützliche Mitglieder der Gesellschaft sattsam
-aufregender Eigentümlichkeit, in der Fülle seiner unausschöpfbaren
-Wesenhaftigkeit, in der kompliziertern Kontur. Ein beliebiger Bedichter
-beliebiger Dichtbarkeiten scheint mir um dieser seiner unfreiwilligen
-Merkwürdigkeit willen noch lange nichts Wunderbares. Dagegen sind mir,
-seitdem ich das zweifelhafte Vergnügen habe, bewußter Nebenmensch
-Nächster zu sein, Kultur, Stil, vollendete Form, blutvolle Rasse,
-alles Ganze, Echte, Runde als herrliche, leider nur allzu spärlich
-ausgestreute Besitztümer erschienen.
-
-Dies also wäre die Einleitung. Und nun in medias res, wie minder
-beherzte Schreiber sich anzufeuern pflegen. „Montanus“ schmäht mit
-der -- Ausschließlichkeit des unverkennbaren Spreeatheners alle
-Bergfahrer, die in ihrem Koffer die ihnen unumgänglich dünkenden
-Abendtoiletteutensilien mitführen. Ihm gilt nur der als ein der
-großen Natur, die auch er alljährlich per Rundreisebillett mit seiner
-Gegenwart beehrt, würdiger Reisender, der sie, die nackende Natur
-nämlich, mit Vermeidung alles ekeln „städtischen“ Rüstzeugs aufsucht.
-Das Ideal -- wozu die Betonung? -- des Alpenwanderers ist sonach der
-weidlich bekannte Loden- und Schafwolldeutsche, der um keinen Preis
-„angesichts“ von Gletschern und Spitzen in weißer gesteifter Wäsche
-und gebügelten Beinkleidern sich zu Tische setzen mag. Dies ist nun
-freilich wieder einmal Geschmacksache. Keineswegs jedoch ist das stolz
-verkündete Programm der verschwitzten Freizügigkeit ein Dokument von
-Deutschlands größerer Reise- und Tourentüchtigkeit. Ich, Andreas
-von Balthesser, der Dandy, stelle des unentwegten Lodenapostels
-entrüstunglodernder Beteuerung die zwischen zwei Zigarettendampfstößen
-dem Gehege meiner blankgeputzten Zähne entlassene, nicht minder von
-sich selbst überzeugte Behauptung entgegen, daß die trefflichsten,
-ausdauerndsten und erfolgreichsten Hochtouristen sich unter dem von
-Montanus und Stilgenossen verschrienen Lackschuhpöbel finden, der
-es aus Kultur der Gepflogenheit für geschmackvoller hält, an der
-Abendtafel eines komfortabeln Hotels nicht in verstaubten Kniestrümpfen
-und durchnäßter Joppe Platz zu nehmen. Montanus aus -- Athen stellt
-die Sache fast so dar, als wäre das Mitführen eines Frack- oder
-Smoking-Anzuges körperlichen Leistungen nicht nur mechanisch-physisch,
-sondern geradezu moralisch hinderlich, als wäre es ein Zeichen
-verächtlicher Städterei, in die Berge den Teil der Garderobe
-mitzubringen, den man -- auf Bergen nicht anzulegen pflegt.
-
-So hingeklebt äfft die Karikatur ihren leider sehr befriedigten
-Bildner. Es handelt sich gar nicht darum, ob jemand mit Lackschuhen
-Gletscher betritt oder im Tennisanzug Felsen erklimmt. Wer solche
-Unverträglichkeiten zusammenstellt, um sie dann hohnlachend
-niederzukartätschen, kämpft lärmend gegen Windmühlen vor einem
-Publikum von Blindgebornen. Es handelt sich auch nicht darum, ob
-jemand aus Gründen des Geldbeutels lieber einfache Herbergen aufsucht
-als Engadin-Palasthotelbauten. Das sind Fragen nicht der Kultur und
-Sitte, sondern der finanziellen Verhältnisse oder der persönlichen
-Vorlieben. Wenn man aber, wie es der Berg- und Talgermane tut, sich
-breit aufpflanzt und den Nationen des der Tageszeitung lauschenden
-Erdballs mit Donnerstimme den Wilden als den bessern Menschen
-verkündet, dann darf der durchaus Andersgläubige immerhin der Frage auf
-den geschwollenen Leib rücken und, seinerseits alle Modifikationen
-ablehnend, sich absolut versteifen.
-
-Und dieses meint der rettungslos Versteifte -- den Dank begehrt er
-nicht --: Notlage entschuldigt, rechtfertigt aber kaum. Wenn ein
-Tourist, der -- sei’s nun „aus Prinzip“ oder aus Bedürfnislosigkeit
--- ohne Gepäck reist, bergmäßig angetan in einen lichterhellen
-Table-d’hôte-Saal gerät, wird man den Versprengten nicht abweisen
-dürfen. Sicherlich hat auch er das „Recht“, in verschwitzter Wäsche
-und bestaubten Kleidern gleich den gereinigten Genossen sein Mahl
-zu genießen, das er ebenso wie sie bezahlt. Unfug aber wäre es,
-Terrorismus vor allem gegenüber wehrlosen Nachbarn, wollte die
-Phalanx der wilden Männer durch die brutale Mehrzahl die löbliche
-Sitte sprengen, der sich gerne fügt, wer auch +Gehorchen+ zu den
-Kulturerrungenschaften des „Gebildeten“ zählt. Die abendliche
-Speisetracht unter Menschen von Geschmack ist nicht der Lodenrock,
-sondern eben der abendliche Gesellschaftsanzug. Dies zu bestreiten, ist
-kein Heldentum, sondern Eigensinn. Wer, wenn er von drei Uhr morgens
-bis zum späten Nachmittag gewandert und geklettert ist, nicht das
-Bedürfnis fühlt, Wäsche und Kleidung zu wechseln, ist um den Mangel
-dieses Bedürfnisses wahrlich nicht zu beneiden. Wer aber, wenn er’s
-empfindet und ihm nachgibt, geflissentlich andre Kleidungsstücke
-anlegt, als im weltbürgerlichen Europa die erprobte diskrete
-Gepflogenheit verlangt, mag sich Revolutionär dünken, darf sich aber
-nicht wundern, wenn ihn der andre Teil der Welt -- der diesseits aller
-Hinterwäldler und Hinterweltler -- stillschweigend oder halblaut als
-einen -- sagen wir artig-neutral Outsider nimmt und also traitiert. Es
-ist keine Kunst, sich gegen Regeln irgend eines Milieus aufzulehnen.
-Aber es ist mehr als „Kunst“, es ist +Gnade+, sich unbefangen,
-+selbstverständlich+ in einem erlauchten Milieu zu bewegen. Und wenn
-der deutsche, zumal norddeutsche Reisende leider noch immer dafür
-bekannt ist, daß er gegen die Gesetze des gesellschaftlichen Taktes und
-der konventionellen äußern Kultur (Ästhetik) unangenehm zu verstoßen
-pflegt, so scheint mir, Andreas von Balthesser, Autor der „Androgyne“,
-dies nicht eben ein Moment, das trotzig-selbstbewußt zu betonen,
-das vielmehr in bescheidener Erziehungsarbeit mit allem Aufwand an
-deutschem Fleiß und deutscher Energie allmählich endlich -- schon aus
-„Humanität“ -- zu +beseitigen+ wäre.
-
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-_HERR VON BALTHESSER PHANTASIERT ÜBER DAS THEMA „DIE DAME“_
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-Eine Dame ist eine virtuelle Vollkommenheit, die Mängel nicht
-ausschließt. Man kann eine Dame sein und muß keine Rasse haben. Man
-kann eine Dame und rührend oder unverzeihlich dumm sein. Man kann eine
-Dame sein und sich sogar -- schlecht kleiden. Jedenfalls kann man eine
-Dame sein ohne die Spur von Eleganz, ohne die Spur von Geist. Man kann
-tugendhaft wie ein englischer Gouvernantenroman und nichtsdestoweniger
-eine Dame sein. Man kann Bücher schreiben und doch eine Dame bleiben,
-man kann Kinder haben, sogar viele Kinder, und eine Dame sein. Es
-gehört nicht Geld dazu, und Millionen müssen die Gnade nicht erdrücken.
-Man darf kokett, sogar sehr kokett sein und kann doch eine unantastbare
-Dame bleiben.
-
-An eine Dame kann niemand heran. Eine Dame wird sich nichts „vergeben“.
-Eine Dame wird über ihr Benehmen nie im Zweifel sein. Sie wird aber
-nichts affektieren, was ihre Wesenheit zu umschreiben dienen könnte.
-Eine Dame darf Launen und Passionen verraten. Sie mag versteckt, sogar
-borniert, bigott, adelstolz, hochmütig, frei und großzügig, leutselig,
-liebenswürdig, zuvorkommend, mürrisch, schlagfertig, jähzornig,
-sentimental, melancholisch, unterhaltungssüchtig, ehrgeizig, kindisch
-sein. Sie kann eine Königin der Mode, sogar eine Zierpuppe, eine
-Pretieuse, eine Zimperliche (prüde) sein. Sie hat aber keinen Hang
-zum Snobismus oder -- läßt ihn sich niemals anmerken. Sie mag hassen,
-verachten und spotten, sie wird aber nicht maulen, raunzen, greinen,
-tratschen und klatschen.
-
-Sie gestattet Schmeicheleien, aber sie glaubt nicht daran. Sie ist
-nicht laut, aber auch nicht schüchtern. Sie ist nicht grell, aber
-auch nicht farblos. Sie muß nicht platt und banal, sie kann glatt,
-schwierig, sie darf sogar ein unauflösliches Rätsel sein. Sie muß nicht
-das Wort führen, wird es sich aber nicht nehmen lassen. Sie wird nicht
-„lauschen“, aber beileibe keine Rede halten. Sie wird sich nicht in
-Szene setzen, sich jedoch niemals übersehen lassen, nie dominieren
-wollen und doch leise den Ton stimmen. In ihrer Nähe wird man nicht
-immer Ehrfurcht empfinden, gewiß aber nicht Unverschämtheit betätigen.
-Man muß sie nicht vergöttern, wird sie aber niemals überhören. Sie
-wird nicht diktieren, und man wird sich ihr doch fügen. Sie braucht
-nicht verführerisch, nicht anmutig zu sein, aber sie kann nicht
-geringgeschätzt werden. Eine Dame respektiert man. Eine Dame kann
-erwärmen und -- abkühlen. Denn eine Dame hat +Takt und immer wieder
-Takt+. Dame kann man nicht +werden+.
-
-Eine junge Dame aus bürgerlichster Familie heiratet einen
-Vollblutaristokraten und „wird“ Aristokratin --: sie ist es längst
-+gewesen+. Aber hätte sie einen Schnittwarenhändler geheiratet, wäre es
-nicht aus ihr „herausgekommen“.
-
-Die „Dame“ ist nicht an eine Kaste gebunden. Aber nicht in allen
-Schichten ist ihr Nährboden; unterhalb einer gewissen Sphäre ist der
-Begriff nicht anwendbar, bleibt die Erscheinung unerkannt. Es ist
-theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß eine Ehefrau,
-die ihrem Gatten, dem Papierhändler, hinter der Budel hilft oder ihm
-die Bücher führt, alle Eigenschaften einer Dame besitze, dennoch
-bleiben sie sozusagen unfruchtbar.
-
-Eine Dame kann sehr gut einen Omnibus benützen, wenn sie nicht in
-der Lage ist, einen Fiaker zu bezahlen, sie kann in der Küche selbst
-das Essen zubereiten, das sie ihren Gästen selbst vorzusetzen den
-anmutigen Stolz besitzt, sie kann eine Gewinn erzielende Tätigkeit
-entwickeln, Stunden geben, Handarbeiten anfertigen, aber -- Kunden
-bedienen kann sie nicht. Es gibt Damen, die Ammen sind, große Damen
-sogar (der Säugling ist freilich ein Prinz des Herrscherhauses), es
-gibt Damen, die den Dienst von Kammerfrauen versehen und sich eine Ehre
-daraus machen (der Geschmack daran ist Erziehungssache), aber keine
-Dame wird an einem Schauturnen sich beteiligen oder öffentlich einer
-sozialethischen Doktrin huldigen, während es hinwiederum vorkommen
-soll, daß sich unter Schauspielerinnen Damen finden (der Geschmack
-daran ist -- Talentsache).
-
-Die Dame muß durchaus nicht amüsant, braucht aber auch nicht
-langweilig zu sein. Sie wird den Anspruch nicht verlieren, wenn sie
-von Vergangenheiten umflüstert und wechselnden Gegenwarten geneigt
-ist. Dieser Punkt ist freilich einigermaßen heikel. Aber nicht die
-Brille eines Obmanns des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit wird man
-aufsetzen dürfen, um hier klar zu sehen, sondern es gilt, Ohren zu
-spitzen, die das Gras über Begebenheiten wachsen zu hören begabt sind.
-Es gibt eine tönerne Schale des Begriffs „Dame“, die tausend Risse, und
-nicht nur feine Haarrisse, sondern recht derbe Sprünge aufweisen kann,
-ohne zu zerscherben. Man wird innerhalb eines Gesellschaftskreises
-aus tausend Gründen der Eitelkeit, Rücksicht, Klugheit die Augen mit
-Gewalt verschließen Tatsachen gegenüber, die der Mund nicht nur nicht
-in Abrede zu stellen versucht, sondern sogar ganz behaglich wiederholt.
-Und es gibt „Damen“, die, zum gesellschaftlichen Tod verurteilt, ein
-hohes Alter der äußern Reputation erreichen. Es gibt „Damen“, über die
-man sich nicht genug entrüsten kann und denen man doch nicht ernsthaft
-auf den leichten Fuß zu treten wagt oder imstande ist. Die moralische
-Heuchelei verträgt sich mit fader Prüderie ebensogut wie mit der
-(angesagten) Inkognito-Debauche. Auch ist der Ehebruch zum Beispiel,
-wenn er selbst in Permanenz erklärt ist, nach der strengen Auffassung
-maßgebender Kreise noch lange nicht so verdammenswert als die
-eklatante Mißheirat, und der Gatte, der eine „unmögliche“ Frau in die
-Gesellschaft bringen wollte, die -- Maitressen duldet, würde bald in
-Zweifel ausschließender Deutlichkeit an die Naivetät seines ungehörigen
-Vorgehens sich erinnert finden.
-
-Die Dame des Hauses ist die Seele des von ihr geladenen Kreises.
-Sie weiß Harmonie hervorzuzaubern aus ungefügen Elementen, weiß
-sie zu erhalten. Nichts ist bezeichnender für ein Haus als seine
-Geselligkeit. Nicht so sehr die Personen, die man heranzieht oder
-die sich einfinden, als ihre Stimmung. Das ist, so wenig man auch
-dem Hausherrn seine Rolle verkürzen mag, den ihm gebührenden Einfluß
-mindern will, Sache der Dame. Daß der Stil ihres Hauswesens sie
-ausdrückt, ist selbstverständlich. Die Dame des Hauses lebt in ihrer
-Tischordnung, ihrem Gerät, der Verteilung der Lichteffekte. Aber die
-Dame belebt nicht nur stumme Mittel, sie dirigiert lebendige. Niemals
-wird eine Dame ein Stocken des allgemeinen Gesprächs oder eine Stauung
-in der Zirkulation der Mitglieder ihres Kreises dulden. Niemals werden
-Längen eintreten, niemals wird ein unpassendes Presto-staccato die
-Leistungsfähigkeit ihres Orchesters vor der Zeit schwächen dürfen.
-Sie wird sie vielmehr zu beleben trachten, wird eine Art von Rausch
-in Permanenz erhalten, der beschwingt, aber ja nicht lastende
-Ernüchterung zurückläßt. Gesellschaften, denen man mit Gewissensbissen
-nachhängt, sind schlecht geleitet gewesen. Es ist Sache der Dame, die
-ihr zur Verfügung gestellten Talente nicht abzubrauchen. Sie muß zu
-gruppieren, nicht nur Situationen, sondern auch Skalen der Beziehungen
-zu schaffen wissen. Und darum muß sie zuerst unbedingt ihrer selbst
-sicher sein. Worin besteht die Sicherheit des Benehmens, das die Dame
-auszeichnet? Es sind nur Züge anzudeuten, die man nicht etwa summieren
-darf. Summen sind immer brutal. Sicherheit ist nicht mit Ungeniertheit
-zu verwechseln. Man kann geniert sein durch einen Lümmel, der sich
-im Eisenbahncoupé Rock und Schuhe auszieht, durch einen Roßknecht,
-der im Freien badet, durch einen Trunkenen (es muß nicht gerade ein
-Trunkener sein), der an der Hauswand sein Wasser abschlägt, durch eine
-Chansonette, die sich in gewagten Entblößungen gefällt. Es ist außer
-Frage, daß solche „Gêne“ hier nicht gemeint ist. Das Befangensein, das
-durch gesellschaftliche Situationen hervorgerufen wird, denen man sich
-nicht gewachsen fühlt, aus Mangel an gesellschaftlicher Bildung, ist
-der Makel, der die Kleinbürgerin von der Dame unterscheidet.
-
-(Das große Kapitel der schlechten Manieren überschlagen wir.)
-Aber nicht nur die Befangenheit, auch, ja noch mehr fast die --
-Unbefangenheit ist hier von Übel.
-
-Die Leute, die es „reizend“ finden, wenn ein Negerfürst die Mundschale
-austrinkt, halten solche „Unbefangenheit“ mit Recht bei übertünchten
-Europäern für anstößig.
-
-Eine Frau, die nur Herrn bei sich sieht, ist keine Dame. (Sie mag eine
-+gewesen+ sein.) Eine Frau, die nur Frauenbesuch empfängt, muß aber
-darum noch keine Dame sein. Im Gegenteil: dies ist sogar ein (immerhin
-grobes) Zeichen für den Mangel der den Begriff konstituierenden
-Eigenschaften. Frauen, die miteinander „verkehren“, während die Männer
-einander nur im Kaffeehause oder „Geschäft“ begegnen, sind keine Damen.
-Solcher „Stil“ schließt die Neigungen einer Dame von vornherein aus.
-
-Man kann sehr zurückgezogen leben und sogar eine +große+ Dame sein
-(obwohl dies einigermaßen schwer ist, jedenfalls muß man, um den
-Titel mit Fug behaupten zu dürfen, eine Zeitlang wenigstens -- nicht
-zurückgezogen gelebt haben).
-
-Die „große“ Dame ist vor allem Aristokratin. Zu ihrer „Größe“ gehört
-nicht nur ein großer Titel, sondern auch eine lang nachflutende
-Schleppe von Ahnen. Sie ist in glänzenden Geldverhältnissen, und sie
-weiß sie großartig zu nutzen. Man irrt, wenn man in der Gattin eines
-hohen Funktionärs mit historischem Namen bereits eine große Dame
-zu erblicken wähnt. Nicht die Stellung, nicht der Name, nicht der
-Reichtum, sondern alles zusammen ergibt die große Dame -- und dies
-erst dann, wenn sie in ihrer Persönlichkeit +die Musik dazu+ hat. Man
-„wird“ ebensowenig eine große Dame, wie man ein Grandseigneur „wird“.
-Aber es ist sehr gut denkbar, daß man eine große Dame „gewesen ist“
-und aufgehört hat, es zu sein. Da man weder Persönlichkeit noch Namen
-aufgeben kann, wäre der Schluß naheliegend, die Verwandlung bloß auf
-das materielle Moment zu beziehen; und sicherlich, wenn eine große Dame
-ihr Geld einbüßt, ihre Besitzungen verkauft, ihre Juwelen verpfändet,
-ihre Pferde losschlägt, ihre Lakaien entläßt, ist sie bereits
-depossediert. Aber doch liegt es nicht in diesen aufzählbaren Fakten,
-sondern in ihrer „Melodie“. Man kann nicht sagen, diese und jene
-Verengerung des gewohnten Rahmens sei die Grenze, hinter der sich die
-Züge der Erscheinung plötzlich verwandeln. Sonst wäre es ja denkbar,
-daß jemand sein ganzes Leben -- sich an die Grenzbalken lehnte. Und es
-ist +nicht+ denkbar, denn eine solche angelehnte große Dame ist nur für
-Kurzsichtige noch „groß“.
-
-Wer sich unter einer „großen“ Dame die sogenannte majestätische
-Erscheinung vorstellt, wird höflich ersucht, seinen Portiersstandpunkt
-nicht zur Diskussion beisteuern zu wollen.
-
-
-
-
-_EINIGES AUS ANDREAS VON BALTHESSERS LEIDER NICHT GESAMMELTEN
-SINNSPRÜCHEN UND GLOSSEN_
-
-
-Ich nenne mich, wenn das große Wort erlaubt ist, -- für große Worte
-sollte man immer um Verzeihung bitten und dazu lächeln -- „stolz“ einen
-Dilettanten. Nur der Dilettant ist der Freie. Alles, was Uniform trägt
-(ich meine die unsichtbare; die sichtbare ist -- eine Sichtbarkeit,
-eine Äußerlichkeit, im Grunde genommen eine Bequemlichkeit, oft sogar,
-was freilich so verallgemeinert als Ironie wirkt, -- ein Zeichen der
-Freiheit), alles, was Uniform trägt, ist irgendwie eingeschworen. Über
-Eingeschworene und Eingeborene hat der Reisende das Übergewicht der
-Leichtigkeit. Eingeborene bleiben zurück.
-
- * * * * *
-
-Zu den Aufdringlichsten gehört ein Mensch, der sich rechtfertigt.
-
- * * * * *
-
-Das Geheimnis der guten Beziehungen ist das Vermögen, sich außer allem
-Bezug zu erhalten.
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- * * * * *
-
-Der große Meßmer hat ein halbes Jahr lang ohne Worte gedacht. Die
-meisten Menschen behelfen sich ein Leben lang mit Worten ohne Gedanken.
-
- * * * * *
-
-Das Gesetz der Welt ist das Gleichgewicht. Im Körperlichen, Moralischen
-und Geistigen rührt alles Unbehagen von seinem Verluste her. Tragisch
-heißen Menschen, die ihn eintreten fühlen und vergeblich dagegen
-ankämpfen. Moralisch ist jedes Streben, es wieder zu gewinnen. Die
-japanischen Akrobaten erlösen die Seele des moralischen Zuschauers
-auf Augenblicke von ihrem Leiden. Auch die beseligende Wirkung der
-vollkommenen Schönheit beruht auf jenem Gesetze.
-
- * * * * *
-
-Es gibt Leute, die so selten wahre Affekte haben, daß sie ihre seltnen
-erst posieren müssen, um daran glauben zu können.
-
- * * * * *
-
-Verträglichkeit ist ein Zeichen der Gleichgültigkeit.
-
- * * * * *
-
-Gegensätze soll man nicht auszugleichen trachten, sondern produktiv
-gestalten.
-
- * * * * *
-
-Ein einheitlicher Mensch sein, heißt Gegensätze in sich zu erhalten
-wissen.
-
- * * * * *
-
-Viele Menschen lernt man auch in jahrelangem Verkehr nicht kennen, weil
-sie sich immer „geben“, niemals „sind“.
-
- * * * * *
-
-Der vornehme Mensch empfängt ohne Bedenklichkeit.
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- * * * * *
-
-Geben kann man lernen, nehmen muß man können.
-
- * * * * *
-
-Rasse ist ein andres Wort für Gleichgewicht.
-
- * * * * *
-
-Man sieht den Menschen, wenn man ruhiger geworden ist, sich
-geistig-seelisch „gesetzt“ hat, gar so leicht hinter ihre Masken,
-und wenn man überdies nicht mehr jung genug ist, sich hinterdrein
-darüber zu ärgern, daß man immer wieder versucht gewesen war, sich
-täuschen zu lassen, wird eine Art von stillem Ekel das Ergebnis dieser
-unwillkürlichen Erfahrung abgeben. Auch ich habe, gesteh ich’s nur,
-einst geschwärmt für andre Menschen, andre Meinungen, für neue, noch
-nicht erhörte Dinge. Das war die Zeit der geistigen Pubertät, --
-die bei manchen Menschen niemals endet. Bei mir hat sich der Staub
-aufwirbelnde Frühlingssturm sehr bald, vielleicht zu bald gelegt. Die
-ironischen Mundwinkel sagen „zu bald“. Zwei, drei grobe Enttäuschungen
--- für mich grob, für robuster Fabrizierte wären sie vielleicht gar
-nicht in Betracht gekommen -- haben genügt, mich zu ernüchtern.
-Enttäuschungen hinterlassen einen starken Schweißgeruch. (Wer beschämt
-wird, fühlt den Schweiß am ganzen Körper hervorbrechen.) Man schreitet
-schnell hindurch in reinere Atmosphären. Heute täusche ich mich so
-leicht nicht mehr. Auch bin ich mir meiner eigenen Schwächen und
-Unwahrheiten -- jeder Mensch hat deren nur allzuviele; die wenigsten
-gestehen sie sich ein (andern sie einzugestehen, ist ganz und gar
-unnötig) -- allzusehr bewußt, als daß mir die der andern entgehen
-könnten: sie gleichen einander alle ja auffallend. Anderseits gibt es
-Irrtümer, die man lieb hat, lieb behält. Man weiß, es sind Irrtümer,
-man hat sie auch längst von sich abgetan, aber man sieht sie noch immer
-gern -- an andern.
-
- * * * * *
-
-Takt ist unhörbare Harmonie.
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- * * * * *
-
-Takt ist richtige Empfindung, Regel erstarrte Übung.
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-Geist ist wenig, Tiefe ist alles.
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-Jede große Tiefe hat eine spiegelnde Oberfläche.
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- * * * * *
-
-Erziehen ist eine Aufgabe für Musiker. Der Erzieher soll der Dirigent
-der Seele sein. Unmusikalische Menschen taugen nicht zu Erziehern.
-Bildung kann man einem Kaffer vermitteln, erziehen heißt Vorhandenes
-entwickeln.
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-
-Rasse ist Erziehung in Permanenz.
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-
-Es gibt viele „Wahrheiten“, die den Umgang mit der Vernunft als einen
-zu schlechten Verkehr ablehnen.
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-
-Wenn man sich über die Dummheit der andern nicht aufregt, sondern dazu
-lächelt, nennen sie einen herzlos.
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- * * * * *
-
-Diplomat sein, heißt den andern nicht zum Bewußtsein kommen lassen, daß
-man sie getäuscht habe. Die meisten Diplomaten glauben ein Übriges
-getan zu haben, wenn sie „beobachten“ und über Beobachtungen berichten.
-Dann wäre, theoretisch gesprochen, eine Tarnkappe das unentbehrlichste
-Requisit des Diplomaten. Nach demselben Trugschluß könnte die
-vervollkommnete Photographie in Farben den -- Maler ersetzen.
-
- * * * * *
-
-Man erzählt von einem erschrecklich raffinierten Kirchenfürsten,
-der dem Besucher im vollen Sonnenlicht seinen Platz angewiesen
-habe, während er selbst im Schatten verblieben sei, um unbeobachtet
-beobachten zu können. Ich vermag leider nur zu konstatieren, daß der
-schlaue Kirchenfürst keine Manieren besessen haben muß. Sicherlich
-hätte ich in dieser Situation meinen Fauteuil vom blendenden Licht
-gelassen abgerückt.
-
- * * * * *
-
-Etwas, was die „Gebildeten“ in ihrem gefrornen Dünkel nicht ahnen, ist
-die unsichtbare Gemeinschaft der Gläubigen an den heiligen Geist und
-ihre Hierarchie (Stufen und Grade der Nähe).
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- * * * * *
-
-Wer kein Gehör hat, wird unfehlbar von Freiheit und Gleichheit
-deklamieren, sobald er sich zu Menschen einer höhern Tonart verirrt hat.
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- * * * * *
-
-Auf dem Glatteis der schönen Sitte muß alle Prinzipienflegelei Arme und
-Beine brechen.
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- * * * * *
-
-Wer sich bewegen kann, ist nicht verpflichtet, Meinungen zu widerlegen.
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- * * * * *
-
-Meinungen sind ein Auskunftsmittel für Leute ohne Gehör.
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- * * * * *
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-Es gibt Leute, die sich dafür entschuldigen, daß sie auf der Welt sind.
-Und immer wieder findet man es wirklich -- unverzeihlich.
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- * * * * *
-
-Wer nicht fühlen kann, muß hören, was andre sagen.
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- * * * * *
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-Wer sprechen gelernt hat, glaubt schon reden zu können.
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- * * * * *
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-Man kann ein durchaus ehrlicher Mensch sein und doch ganz unmaßgeblich.
-Man kann Staubfäden zu klassifizieren imstande sein und braucht
-deshalb doch kein Gesicht zu haben.
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- * * * * *
-
-Fülle des Herzens, der Goethesche „Mittelpunkt“ („Glüh’ entgegen...“).
-Die „Grenze“ zwischen der Albernheit des Enthusiasmus und seiner
-hinreißenden flammenden Schönheit ist keine Linie, sondern ein halber,
-ein Achtel-Ton.
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- * * * * *
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-Es sind nicht gerade die Verständigsten, die alles „verstehen“ wollen.
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- * * * * *
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-Das kollernde Bleistück der Bürgerlichkeit läßt einen der eigenen
-Genialität vertrauen.
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- * * * * *
-
-Constantin Somoffs Theaterzettel für das kaiserlich russische
-Hoftheater: russisches Rokoko, das entzückendste. Puschkins Novellen.
-Sein eleganter Tod. Und die plumpe Komödie der „modernen“ Konstitution.
-Druckerschwärze, Petroleumlampen, Schnaps, staubige Röhrenstiefel über
-Fußlappen.
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- * * * * *
-
-Die geniale „Idee“ der katholischen Kirche. Ihre erlauchten
-Symbole. Die göttliche Gnade und ihre geadelten Träger. Dagegen
-Pastorenliberalismus, Kompromißlerschweifklemmerei.
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- * * * * *
-
-Choderlos de Laclos, Fragonard, Boucher, Miniaturporträts, Lawrence,
-Beardsley -- reimt das auf fraternité, égalité usw.? Sumpfgegend der
-modernen „Kultur“. Hügelzüge von Abfall und Scherben. Garküchengeruch.
-Und „unentwegte“ Dickhäuter in numerierten Tümpeln watend.
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- * * * * *
-
-Ein glücklicher Bräutigam ist dem „Nächsten“ ebenso langweilig wie
-ein verzweifelter Witwer. -- Zwischen zwei „Nächsten“ dehnt sich die
-unabsehbare Fremde.
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- * * * * *
-
-Takt ist im Grund nur ein andres Wort für -- Herz.
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- * * * * *
-
-Gutmütigkeit ist nicht mit Herz zu verwechseln.
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- * * * * *
-
-Es kann einer das Herz „auf dem rechten Fleck“, aber eben nur dort,
-nicht -- überall haben.
-
- * * * * *
-
-Gourmandise ist ein Zeichen von feinen Sinnen. Der Gourmand ist nichts
-weniger als ein Schlemmer. Er ist der „Eßkünstler“. Ich kenne Leute,
-die in ihrem langen Fresserleben noch niemals den Genuß des Essens
-empfunden haben.
-
- * * * * *
-
-Es gibt Menschen, die sich selbst verhöhnen, um ganz zu bleiben oder
-vielmehr um sich selbst ein Ganzes vorzustellen.
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- * * * * *
-
-Bornierte Menschen soll man nicht widerlegen wollen. Widerspruch ist
-immerhin ein Zeichen von Anerkennung.
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- * * * * *
-
-Man erkennt den Philister daran, daß er niemals um Gründe verlegen ist
-und immer Zwecke fordert. Der Dilettant ist der unbegründet Zwecklose.
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- * * * * *
-
-Das (unausgesprochene) Ideal des „modernen“ Menschen ist seine
-„Steigerung“ zur Maschine. Man teilt die nützlichen Mitglieder der
-Gesellschaft -- in Funktionäre ein.
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- * * * * *
-
-Es klingt heute schon wie ein Märchen, daß es Völker, Kulturen gegeben
-habe, die Organismen vorstellten.
-
- * * * * *
-
-Symptomatisch für die Kultur der Gegenwart ist die Vervollkommnung der
-Surrogate.
-
- * * * * *
-
-Wenige Menschen wüßten sich anders denn durch ein Legitimationspapier
-zu legitimieren.
-
- * * * * *
-
-Visitenkarten sind oft das Einzige, was von einem Menschen „aussagt“.
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- * * * * *
-
-Nimm dem Menschen die Pose (wie man, als Vorsehung auf den Wolken
-thronend, dem Ahnungslosen zum Beispiel -- ein Lieblingsgedanke des
-unter dem Geschwätz der Nachbarn Leidenden -- einen bestimmten Vorrat
-an Worten abgezählt zumessen könnte: plötzlich ginge ihm, wenn er
-nicht haushälterisch mit seinem Besitz umgegangen wäre, das letzte
-Wort aus: er schnappte wie ein Fisch und klapperte im Leeren wie die
-Schatten Homers), nimm dem Menschen die Pose: er wird verwelken,
-verkümmern, eingehen, absterben. Was ist Alexander, der Asien Tribut
-auferlegt, gegen einen Bureauchef, der seinen Hilfsarbeitern den Urlaub
-mit der großen Papierschere beschneidet! Ratsch! Zwei Tage ringeln
-sich im Staube. Diesem Machtbewußtsein gegenüber kann nur -- der Riese
-Prokrustes standhalten oder sonst etwas Mythisches.
-
-Das erste Gesetz der Sozietät lautet: Du mußt dir in irgend einer
-Hinsicht wichtig dünken!
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- * * * * *
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-Es gibt Leute, die sich geehrt fühlen, wenn man sie verkennt, in
-schmeichelhafter Weise verwechselt.
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- * * * * *
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-Es gibt Leute, die gern „leutselig“ danken. Sie danken oft, ehe sie
-gegrüßt werden.
-
- * * * * *
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-Die Menschen sind so leicht zufrieden gestellt. Sie müssen nur wissen,
-+was einer ist+, z. B. er ist ein Staatsanwalt, ein Millionär, ein
-Dramatiker. Das genügt.
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-Und ist es denn im allgemeinen anders? Begnügen sich die Menschen
-nicht überhaupt mit Benennungen? Sind die Worte, mit denen wir uns
-„verständigen“, nicht auch nur „Benennungen“ „abgekürztes Verfahren“?
-
- * * * * *
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-Der Wahnsinn des „Fortschritts“ zertrampelt die nährenden Wurzeln der
-Vergangenheiten.
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- * * * * *
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-Unter „Fortschritt“ verstehen die meisten -- unbewußt -- die
-Unfähigkeit, Wurzel zu fassen.
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- * * * * *
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-Das Vorhandensein unwürdiger Repräsentanten erweist die Lebensfähigkeit
-einer Organisation.
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-Man hört heute immer wieder von Festversammlungen. Und doch kennt diese
-Zeit nur -- angesagte.
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-Nicht alle, die Bücher schreiben, haben Bücher -- gelesen.
-
- * * * * *
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-Wer ein Buch gemacht hat, meint, über -- Menschen urteilen zu können.
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-Der Kabarettist, der seine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse vorn
-Podium herab vorträgt, fühlt sich mir überlegen, der ich ihm, Sekt
-trinkend, zuhöre (oder mit meinem Nachbar plaudere). Mein Nachbar fühlt
-sich dem Kabarettisten überlegen, der seine ernsthaften dichterischen
-Erzeugnisse vom Podium herab vorträgt, während er, der Nachbar, Sekt
-trinkt und ihm zuhört (oder mit mir plaudert). Ich fühle mich meinem
-Nachbar überlegen, weil er sich dem Kabarettisten überlegen fühlt, und
-fühle mich dem Kabarettisten überlegen, weil er sich mir und meinem
-Nachbar überlegen fühlt... Eine Frage: Würde ich mich als Kabarettist
-einem überlegen fühlen, der mir, Sekt trinkend, zuhörte, während ich
-meine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse usw.?
-
- * * * * *
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-Kostümierte Affekte sind Snobismen der Seele.
-
- * * * * *
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-Der unrettbare Kleinstädter als „Weltmann“: es gibt kaum etwas
-Kläglicheres. Aber immer wieder finden sich Leute, denen auch er
-imponiert. Und Literaten schreiben auf Grund solcher Eindrücke „Bilder
-aus der Gesellschaft“.
-
- * * * * *
-
-Der Bauchredner, der seine Puppen auf den Knieen hält und mit peinlich
-wirkender Gewaltsamkeit den Verblüffer spielt -- für Unteroffiziere
-und Kindermädchen: ein Bild für manchen großen Mann unter den heutigen
-Literaten.
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- * * * * *
-
-Es gibt eine Übergangsperiode im Leben, die man mit dem Wort altklug
-nicht übel bezeichnet. Ein großer Teil unsrer Literaten kommt über
-dieses kindische Stadium niemals hinaus.
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- * * * * *
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-Nur +der+ Leser und Hörer heißt mir ein mit Urteil begabter, der
-keinerlei Doktrinarismus, auch nicht dem -- revolutionären huldigt.
-
- * * * * *
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-Wir leiden heute an Autoren, die mehr können, als sie -- sind.
-
- * * * * *
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-Es ist ein großer Mangel der deutschen Literatur, daß ihr das
-Weltmännische abgeht.
-
-Der deutsche Schriftsteller „übt den schriftstellerischen Beruf aus“.
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- * * * * *
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-Unsre bessere Literatur riecht nach ungelüfteten Stuben, die
-schlechtere nach dem Kaffeehaus.
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- * * * * *
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-Unter literarischen Snobs muß man den Dandy hervorkehren. Das ist die
-einzige Rettung gegen die üble Ausdünstung dieses Milieus. Man macht
-sich gleichsam durch eine Schlangenhaut unempfindlich.
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- * * * * *
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-Nur der heißt mir ein Redender, ein Schreibender, der jedem Wort neues
-Leben einflößt, +sein+ Leben.
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- * * * * *
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-Schreiben ist Unterwerfung des Wortes. Die größten Schöpfungen sind
-die, deren Dasein das Wort überhaupt vergessen macht, Schöpfungen gegen
-das Wort.
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- * * * * *
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-Die meisten Schriftsteller schreiben im Taglohn des Wortes, eines
-Chefs, den sie niemals zu Gesicht bekommen.
-
- * * * * *
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-Stil im Schreiben (wie Geschmack im Leben) ist nur Vorläufigkeit, nicht
-Erfüllung. Größe bedarf keines Erkennungszeichens.
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- * * * * *
-
-Er ist wahrhaftig schrecklich, dieser gute Ton, der es einem verbietet,
-das jeweils einzig richtige Wort anzuwenden. Bin ich wirklich
-verpflichtet, bis ans Grab die Komödie der Höflichkeit mitzumachen?
-
-Wie unerhört ist die Anmaßung eines Herrn X-Y, der „auch“ Bücher
-schreibt (hätt’ ich es doch nie getan!), einen Menschen, der wahrlich
-nichts dafür kann, um deswillen als „Gleichgesinnten“ zu begrüßen. Sie
-halten’s für Pose, diese Armseligen, wenn ich verlauten lasse, daß mich
-Hundeausstellungen weitaus mehr interessierten als die „Anschauungen“
-des „gleich“- oder andersgesinnten Herrn Y-Z über Ibsen oder Meunier.
-
- * * * * *
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-Schlechte Manieren werden nur Leuten verziehen, die sie nicht nötig
-hätten.
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- * * * * *
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-Wer „fürstliche“ Trinkgelder gibt, bekundet ein ängstliches Bewußtsein
-mangelnder Selbstachtung.
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- * * * * *
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-Es gibt ernsthafte Männer, die ihre „geistigen Interessen“ nicht mit
-ihrer Frau teilen, wohl aber -- mit dem „Stammtisch“.
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- * * * * *
-
-Es gibt naive Gemüter, die von Zeit zu Zeit ausspucken und sich immer
-wieder dafür entschuldigen, -- daß sie keine Manieren haben.
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- * * * * *
-
-Damen soll man nur dann voll anschauen, wenn sie lächeln. Dann
-verlangen sie es.
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- * * * * *
-
-Ich empfinde es immer als Anmaßung, wenn ein Jemand zu mir „auf
-Wiedersehen“ sagt. Es ist ein Wunsch, der mit der Gegenseitigkeit
-rechnet.
-
- * * * * *
-
-Der Gesellschaftston legt den Zwang auf, zwanglos zu erscheinen. Wer
-das Bewußtsein der Tatsache verloren hat, daß dieser Zwanglosigkeit
-Zwang zum Grunde liegt, heißt ein Gesellschaftsmensch.
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- * * * * *
-
-Eine Frau, die weiße Wollstrümpfe und dazu -- Zugstiefeletten trägt,
-sollte man um einen Fuß kürzer machen dürfen.
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- * * * * *
-
-Germania in Zwirnhandschuhen und Konfektions-„Nouveautés“: ein
-Vorwurf für einen naturalistischen Bildner. Nicht zu vergessen die
-höchst praktischen, „der Touristin unentbehrlichen“ mechanischen
-Klapp-Rockschürzer.
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- * * * * *
-
-Wenn einer eine Reise tut, glaubt er davon erzählen zu dürfen!
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- * * * * *
-
-Zu rechter Zeit aufhören, heißt genußfähig sein. Armer Teufel, der
-ein bezahltes Gericht, eine halbgeleerte Flasche Sekt nicht -- stehen
-lassen kann, ohne Reue zu empfinden.
-
- * * * * *
-
-Fortschritt, Kulturkampf, Freimaurertum, Emanzipation der Frau usw.:
-armselige Selbstgefälligkeit taubstummer „Weltbürger“, die sich nur
-durch eine konventionelle Gebärdensprache miteinander „verständigen“
-können.
-
- * * * * *
-
-„Von vornherein“ miteinander per Du sind bei uns in Österreich die
-Aristokraten und -- anderseits -- die Fiakerkutscher, „Wasserer“,
-Taglöhner. Oben und unten die -- Selbstverständlichen. Die
-Mittelklasse: Professoren, Beamte, Kaufleute sind auf konventionellem
-Fuß miteinander. Sie haben einander immer nur etwas zu +sagen+,
-können nie auf +freiem+ Fuß miteinander verkehren wie die
-Aristokraten und -- die Fiakerkutscher.
-
- * * * * *
-
-Die geschmackvolle Geselligkeit als unbewußte Äußerung
-kulturgesättigter Organisationen ist heutzutage fast gänzlich
-ausgestorben. Es gibt einen traditionellen Stil der großen Welt,
-der eine gewisse natürliche Grazie hat, aber leeres Arabeskenspiel
-bleibt, wenn er nicht mit Unsittlichkeit gewürzt ist. Es gibt
-ferner einen Kompromißstil der verschiedenen Zwischenreiche, der
-sogenannten „zweiten Gesellschaften“, in denen man sich relativ am
-besten unterhält, weil viel „Abwechslung geboten“ und -- meist recht
-gut gegessen wird. In diesen Kreisen findet man auch hin und wieder
-versprengt einen harmlosen Menschen, dem diese mühsamen Lustbarkeiten
-wirklich noch ein Vergnügen zu bereiten imstande sind.
-
-Die große Welt hat ihre eigenen Gesetze, hinter denen der Mensch
-verschwindet. Aber wenn diese Bande einigermaßen nachlassen -- in der
-intimen Häuslichkeit --, weiß ich überhaupt nichts, das reizender wäre.
-Hier herrscht Freiheit, Maß, Sicherheit, Ruhe. Die bürgerlichen Kreise
-sind sehr mannigfacher Art, aber fast durchaus unerfreulich. Entweder
-wird ein Stil kopiert, oder es ist ein Stil im Begriffe, verlustig zu
-gehen.
-
-Die größte gesellschaftliche Roheit herrscht in den Kreisen der
-„ausübenden“ Künstler aller Art; vor allem mangelt das, was jeder
-höhern Geselligkeit den anmutigsten Reiz verleiht: Achtung vor dem
-Alter und den Kindern und Ritterlichkeit und Dezenz gegen die Frau.
-
- * * * * *
-
-Die Prüderie der hohen Gesellschaftskreise, die Heuchelei ist, kann
-man sehr leicht parieren: man vermeide Verstöße. Meist klagt der über
-Prüderie, der es an Takt ermangeln läßt.
-
- * * * * *
-
-Ein Blick in den Zuschauerraum eines modernen Varietétheaters, der
-dann zur Bühne gleitet, wo Neger brüllend Cake-walk tanzen oder ein
-bunt gekleideter Radfahrer, auf einer elektrisch bewegten Drehscheibe
-gegen die Drehrichtung tretend, seine Lunge vor biertrinkenden
-Handlungsreisenden aufbraucht, sollte den Schwärmern für die Kultur
-des konstitutionellen Europa Erleuchtung zu verleihen imstande sein
-über die unrettbare Barbarei dieser ordinärsten aller „geschichtlichen
-Epochen“.
-
- * * * * *
-
-Es ist ein großer Unterschied zwischen schäbiger Eleganz und eleganter
-Schäbigkeit. Diese ist ein rührendes, Hochachtung einflößendes Zeichen
-des Widerstandes der Rasse gegen das herbe Schicksal, jene der
-unwiderlegliche Beweis abenteuerlicher Gemeinheit.
-
- * * * * *
-
-Der gesellschaftliche Snob ist ein Held von großer Bravour. Er erleidet
-täglich Demütigungen seiner Eitelkeit, die bis aufs Blut gehen. Aber
-er verschmerzt sie immer wieder und erklimmt auf Händen und Füßen die
-nächste Etappe.
-
- * * * * *
-
-Es gibt Menschen, die ihre unerbetenen Einladungen so lange
-zurückweisen lassen, bis man neugierig wird, den Träger einer derart
-jedes erlaubte Maß übersteigenden Schamlosigkeit zwischen seinen vier
-Wänden kennen zu lernen: dann ist ihr Zweck erreicht.
-
- * * * * *
-
-Wenn sich junge Leute aus guter Familie in einem Hause, wo sie zu
-Gast sind, ungezogen benehmen, ist immer das Haus daran schuld. Der
-besterzogene Mensch, gar ein junger, wird übermütig, wenn er sieht,
-daß er sich alles erlauben darf, und versucht aus Trotz gegen diese
-hündische Observanz immer von neuem, ob er in seiner Unart nicht noch
-weiter gehen könne. Es sollte zu denken geben, daß in den Häusern der
-Snobs und Parvenus gerade die jungen Leute sich am ungezogensten geben,
-die in ihren Kreisen auf das sorgfältigste den Anstand wahren.
-
- * * * * *
-
-Der typische Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts -- des Jahrhunderts
-der Lüge -- ist der geadelte „Bürger“. Die Söhne spielen bereits die
-Aristokraten, und den Enkeln glaubt man es -- aus Bequemlichkeit.
-
- * * * * *
-
-Man kann die Menschen nach ihrem sichtbaren Wesen, dem, was ihren
-natürlichen Stil ausmacht, in zwei Klassen scheiden: die einen und
-die andern. Die einen sind die von der Natur begünstigten, die andern
-die nichtbegünstigten. Es ist nur ein Glück, daß die Nichtbegünstigten
-es nicht merken. (Im Grunde gefällt sich eigentlich jeder Mensch,
-täuscht sich jeder gern über sich selbst, wenn er auch Momente der
-Selbstbesinnung und Selbstverachtung hat.)
-
-Das „Geistige“ freilich ist ein ganz andrer Einteilungsgrund und
-scheidet die Menschen in ganz andre Lager.
-
- * * * * *
-
-Wenn man Fragen des gesellschaftlichen Anstands ernsthaft traitiert,
-rumoren „Freigeister“ gleich über Engherzigkeit. Als ob solche
-Nadelköpfchen mit der Schlosserzange anzufassen wären! Wer wird sich
-mit diesen Nichtigkeiten abgeben, deklamiert ein „Großzügiger“....
-„Abgeben“? Mit nichten. Sobald derlei Niaiserien mit Gewicht behandelt
-werden, sind sie auch schon erdrückt. Man kann sie nicht in Paragraphen
-„erschöpfen“, kann keine Normalien für Anstand herausgeben. Alle
-solchen Wegweiser und Handbüchlein sind von niederschmetternder
-Lächerlichkeit.
-
-Überhaupt hat die Vernunft in solchen Dingen nichts dreinzureden.
-Sie wird sich da immer sehr schwerfällig, plump und abgeschmackt
-gebärden. Und ebensowenig hat die Ethik mit den zierlichen Sächelchen
-zu schaffen. Beileibe auch nicht das berühmte „Gemüt“. Empfindsamkeit
-in seinem Achtzehnten-Jahrhundert-Sinn schon viel eher. Es führt eine
-vielfach verschnörkelte Linie vom Pretieusentum über die Empfindsamkeit
-zum Chik. Der Chik aber ist nicht wie ein Stück Skulptur aus einer
-Barockdeckenmalerei „täuschend“ hervorgezerrt (sehr handgreiflich
-„gezerrt“), sondern eine Arabeske +im Material des gesellschaftlichen
-Anstandes+, einer Welt der „andern“ Dimensionen, ebensowenig an der
-Ethik wie die Ethik am Dienst-Reglement zu messen. (Die Gerade und die
-Kugel -- zwei „Welten“.)
-
- * * * * *
-
-Unverkennbar ist die Gleichmäßigkeit der Temperatur im
-gesellschaftlichen Verkehr der mehr als „Wohlgeborenen“ nicht eine
-„Geschmacks“frage der leeren „Zeichen“, sondern ein musikalisches
-Aufeinandergestimmtsein. Ein fremdes Element muß dem Musikalischen
-sofort auffallen. Stufenweise Fortgeschrittene behalten immer etwas
-beamtenhaft Rangsklassenhaftes, dessen „ärarischer“ Geruch unaustilgbar
-scheint.
-
- * * * * *
-
-Gibt es wohl etwas Geschmackloseres als ein Festmahl, veranstaltet von
-Frauen zu Ehren eines Sexualethikers?
-
- * * * * *
-
-Das „arrogante Gesicht“ vor Portiers und Kammerdienern. Man weiß
-darum, lächelt, höhnt sogar darüber, spielt aber doch immer wieder die
-mediokre Komödie. Und die Leute brauchen das. Das „liebe Gesicht“ des
-jungen unter ältern Kollegen. Die charmante Bereitwilligkeit. Alles
-Humbug natürlich, aber sowohl erzieherisch als wirksam ... Das gerührte
-Gesicht, das ergriffene Gesicht, das nachdenkliche, das blasierte, das
-unbefangene, naive Gesicht (dieses übrigens äußerst wohlfeil), das
-dämonische, das faszinierende Gesicht.
-
- * * * * *
-
-„Er ist ein Schwein.“ Schlagende, totschlagende Kürze. Ein Spruch,
-gegen den es keine Einrede mehr gibt. Wenn einmal jemand irgend
-wen vor andern so gekennzeichnet hat, dann ist kein Beschönigen
-mehr möglich, kein Abmildern, geschweige denn ein Zurücknehmen. Das
-„Schwein“ deckt ihn ein für alle Male zu. Den Unglückseligen, der uns
-einmal irgendwo als „Schwein“ vorgestellt worden ist -- in absentia
-natürlich --, kann jedermann als „Schwein“ weitergeben.
-
-Wer ist ein „Schwein“? Besser: wie +wird+ man ein „Schwein“? Nicht
-der Zotenjäger ist gemeint, nicht aus Studentenbierkneipen stammt das
-Wort, das wie ein Peitschenhieb über einer moralischen Physiognomie
-sitzt, diese „soziale“ Bezeichnung hat hochgebornen Ursprung und
-verliert sofort an Gewicht, wenn sie außerhalb ihrer Sphäre angewendet
-wird. Es gibt Leute, die einfach niemals „Schweine“ werden +können+.
-Das verächtliche Wort will unter Gentlemen besagen: Der und der ist
-gänzlich „unmöglich“.
-
-Es ist mancher längst ein „Schwein“, ohne es zu wissen, wenn er’s auch
--- ahnt. Aber erst der erfüllt den Begriff „voll und ganz“, wie die
-Festredner mit Vereinsabzeichen sagen, der genau weiß, daß er durch
-diese Handlung, jene Unterlassung ein „Schwein“ geworden ist. Manchmal
-versucht er es noch, sich wieder an die Oberfläche zu bringen. Es
-geschieht zitternd. Der Anblick eines einzigen Menschen, bei dem er
-„Wissen“ voraussetzt, macht seine Kräfte schwinden. Endlich gibt er es
-auf, flieht in die böhmischen Wälder der Vogelfreien, außerhalb der
-Gesellschaft, fristet unter Masseusen und Revolverblattreportern ein
-gasflammenübergossenes scheues Dasein, wird etwa, wenn er noch Ehrgeiz
-besitzt, eine -- Nachtkaffeegröße. Aber sein Herz ist gebrochen.
-Oder er avanciert zum Lumpen, wird frech, selbstbewußt-schamlos. Und
-vielleicht kommt er noch als „Idealist“ wieder ans Tageslicht und
-eifert gegen Klassenvorrechte.
-
- * * * * *
-
-Warum schlagen mich die Kohlenträger nicht tot, denen ich auf der
-Treppe begegne, wenn ich in Lackschuhen mit der Zigarette um halb elf
-in mein Bureau im Auswärtigen Amt spaziere? Ich könnte es ihnen nicht
-verdenken. Vorher aber würde ich mich doch wahrscheinlich noch zu
-rechtfertigen versuchen: Meine sehr geehrten Herren Totschläger, wir
-haben nämlich wirklich so späte Bureaustunden im auswärtigen Amt.
-
- * * * * *
-
-Die sozialen Differenzen äußern sich vorzüglich in manuellen
-Verrichtungen, die der eine Teil ebenso +selbstverständlich+ von
-dem andern beansprucht, wie dieser sie ihm ohne Bedenken leistet.
-Die Utopisten einer Sozialisierung der Gesellschaft meinen diese
-Differenzen -- die das Unbewußte in der Organisation der menschlichen
-Verbände ausmachen -- dadurch auszugleichen, daß jeder jeweils sein
-eigener Herr und Diener zugleich, wenn auch nicht gleichzeitig zu sein
-hätte. Es soll also alles bewußt, alles Fundament Oberfläche werden.
-Als ob ein Bau ohne +verdeckte+ Basis möglich wäre.
-
- * * * * *
-
-Kriege haben nur zwischen Rassen Sinn. Kriege zwischen „Begriffen“
-sind sinnlos. Verständlich sind auch Sprachen- und Religionskämpfe,
-aber auch sie sind nicht so tief organisch begründet wie Rassenkämpfe,
-Rassenverfolgungen, Rassenkriege.
-
-
-
-
-_VOM ARISTOKRATISCHEN_
-
-
-Was ist das +Aristokratische+? Eine gewisse Leichtigkeit einerseits,
-eine gewisse Gewichtigkeit anderseits. Nicht mehr. Äußerlich wohl auch
-ein sozusagen charakteristisches Gepräge, ein unverkennbarer Habitus.
-(Aristokratische Maler: Van Dyck, Lawrence.)
-
-Das Aristokratische an einer Frau ist eine schamhafte Freiheit.
-Grobsinnige Beurteiler wollen es auf gewisse exzentrische Manieren
-reduziert wissen, die jede Kokotte aufbringt. Man verwechselt da wieder
-einmal die Frechheit mit der Freiheit. Auch nicht wie man ißt, geht,
-sitzt, reitet, spricht, sich kleidet usw., nicht eine Summe, sondern
-das in sich selbst geschlossene runde Ganze ist das Wesentliche.
-„Aristokratie des Geistes“ sei hier energisch beiseite geschoben.
-Dieses von „Opponenten“ aufgebrachte liebliche Schlagwort verbreitet
-einen ranzigen Vernunftgeruch. Liberalismus und Doktrinarismus
-überhaupt haben in diesem Gebiet der Musik aber auch gar nichts zu
-schaffen. Das Aristokratische ist eine Tonart, kein Programm.
-
-Aristokraten sind komisch, wenn sie sich ernsthaft geben, und können
-vor dem Ehrfurchteinflößenden eine frivole Auflehnung gegen das wider
-Willen Imponierende sich nicht versagen. Sie haben eine Anzahl niemals
-einer Überprüfung unterzogener Vorurteile, denen gegenüber sie von
-Zeit zu Zeit eine feierliche rituelle, geradezu hieratische Haltung
-einnehmen, worauf sie allsogleich, ohne jeden Übergang, in ihren
-natürlichen leichtfertigen Lebensrhythmus sich zurückfallen lassen.
-Dieser Rhythmus, in dem sich ihre wohlgebildeten Erscheinungen so
-fabelhaft zu Hause fühlen, ist das unbeschreiblich Schöne an ihnen. Es
-ist sicherlich Kultur. Aber man darf, unwiderstehlich angezogen von
-dieser erlauchten Taktmäßigkeit, nicht übersehen, daß die Kultur der
-Aristokraten keinerlei geistige Errungenschaften, kaum dumpfe seelische
-Werte enthält. Ihre Erziehung ist bei aller dem Bürger fremden Freiheit
-im Lebensstil eine sogar mit Worten (aus Mangel) haushälterische
-Schablone. Ihre Kinder verlieren die andachteinflößende reine
-Kindlichkeit früher als die Kinder mancher in Traditionen anmutiger
-Wohlhabenheit aufgewachsener Bürgerfamilien. Sie sind allzubald dem
-kindlich unbefangenen Leben und Erleben entfremdet, indem der im Blut
-sitzende Achtung einflößende Stil der Erwachsenen sie bei der schönen
-freien großzügigen Familiengemeinschaft, so wie sie nur zu beobachten
-anfangen, ohne auf Widerstände zu treffen, überzeugt.
-
-Die jungen Leute sind alle frühreif, sie spielen immer ihre kommenden
-Jahre: wenn sie fünfzehn sind, das achtzehnte, wenn sie achtzehn sind,
-das zweiundzwanzigste, mit 23 Jahren den Mann von dreißig. Die Mädchen
-sind dagegen weit über ihre Jahre hinaus jung oder vielmehr kindisch,
-da ihr Geist nicht geweckt, sondern systematisch im Halbschlaf erhalten
-wird. Bei den Jünglingen besorgen die sexuell vor der Zeit erfahrenen,
-nur um weniges älteren Standesgenossen und das timide Benehmen der
-Hofmeister, als abschreckendes Beispiel, die geistige Erziehung. Die
-Wissenschaften sind von vornherein ein Deridendum, gut genug für
-Kandidaten, die nichts Besseres zur Verfügung haben. Die Mädchen
-werden von einem prädestinierten Gouvernantengeschlecht in einem
-verhalten kichernden Respekt auf Distanz erzogen. Sie gedeihen alle zu
-mütterlichen Frauen, die Jünglinge selten zu väterlichen Männern. Ein
-gebildeter Standesgenosse ist ein mit scheuer Hochachtung betrachteter
-Fremder von Distinktion. Halbwegs tiefer gehende Bildung -- die immer
-noch oberflächlich genug bleibt -- äußert sich zunächst immer in einem
-äußerst wohlfeilen Demokratismus, der vom geborenen Plebejer mit
-bedientenhafter Verehrung vor dieser leutseligen Herablassung quittiert
-wird.
-
-Wenn aber ein Aristokrat echte Seelenbildung genossen und einem
-gesunden Ingenium einverleibt hat, ist seine geistig-moralische
-Erscheinung ein kaum übertreffliches Ganze. Die angeborene ergibt
-mit der erworbenen Freiheit ein wunderbares, ununterscheidbares
-Durchdrungensein. Und die vom leeren Formalismus der standesgemäßen
-Bigotterie entbürdete Christgläubigkeit, das dem (vom schalen
-Liberalismus unrettbar verderbten) Bürgerlichen nahezu unzugängliche
-große Religiöse an einer solchen harmonischen Bildung ist ein unbedingt
-Verehrungswürdiges. Wahre „verfassungsmäßige“ Freiheit kann einem
-bürgerlichen Staat nur ein bedeutender aristokratischer Staatsmann
-gewähren. Den Schwindel der falschen Freiheit, die verdummende Dogmatik
-des Zeitenliberalismus durchschaut nur ein großzügiger Aristokrat. Das
-Ritterliche im Soldatenhandwerk kann nur ein Aristokrat erweisen --
-unwiderleglich wie alles Natürliche.
-
-Das monarchistische Prinzip kann nur der die Lehnspflicht, die
-Lehnstreue im Blut tragende Aristokrat aus Überzeugung stützen. Ein dem
-väterlichen Boden nicht entfremdeter, aus dem geistigen Erleben nicht
-ausgeschalteter, national und religiös gesinnter Adel ist neben einer
-schollen- und sprachentreuen Bauernschaft noch immer das Wesenhafte
-eines festgefügten Staatswesens.
-
-
-
-
-_ANDREAS VON BALTHESSERS UNRÜHMLICHES ENDE_
-
-
-_ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE BARONIN DELLA SERRA._
-
-„Ich habe gestern mit dem kleinen Wartenberg gefrühstückt. Sie wissen,
-Baronin, daß er Sie sehr verehrt. Er hat mich gebeten, bei Ihnen für
-ihn ein günstiges Wort einzulegen. Ich entledige mich der heikeln
-Aufgabe auf diese sicherlich bequemste Weise. Wenn Sie gegen seine
-Verehrung nichts einzuwenden wissen, wird das der Sache nicht geschadet
-haben. Ich küsse Ihre Hände.
-
- A. B.“
-
-
-_DIE BARONIN DELLA SERRA AN ANDR. V. BALTHESSER._
-
-„Lieber Herr v. B.! Ihr originelles Briefchen werde ich dem kleinen
-Wartenberg zeigen. Das soll Ihre Strafe sein. Wenn Sie heute um 6 Uhr
-bei uns essen wollen, können Sie das Nähere von ihm selbst erfahren.
-
- Nina della Serra.“
-
-
-_ANDR. V. B. AN DIE BARONIN DELLA SERRA._
-
-„Gnädigste Baronin, Ihrem Befehle nachzukommen, wird mir ein besondres
-Vergnügen sein. Ein Diner bei Ihnen muß mir mein Leben wert sein.
-
- A. B.“
-
-
-+Zwei Wochen später.+
-
-_GRAF SERGES WARTENBERG AN ANDR. V. BALTHESSER._
-
-„Ich habe die peinliche Aufgabe, mein lieber Andreas, Dich im Namen
-einer Dame, die wir beide kennen, zu bitten, Deine Besuche in ihrem
-Hause einzustellen. Sie hatte geglaubt, daß es genügen würde, wenn sie
-sich dreimal verleugnen ließe. Nichts für ungut.
-
- Dein ergebener Serges W.“
-
-
-_ANDR. V. B. AN DEN GRAFEN SERGES WARTENBERG._
-
-„Ich nehme nach einiger Überlegung davon Abstand, Deinen freundlichen
-Brief dem Baron Eugen della Serra einzuschicken, der meines Erachtens
-dazu legitimierter gewesen wäre als der -- Unlegitimierte.
-
- A. B.“
-
-
-ZEITUNGSNOTIZ.
-
-„In der Reitschule des ....-Instituts hat gestern ein Duell zwischen
-zwei Herrn der Gesellschaft stattgefunden, das leider einen tragischen
-Abschluß fand. Herr A. v. B. hat im dritten Gang eine Kugel mitten in
-die Brust erhalten.“
-
-
-
-
-Im gleichen Verlage erschienen von
-
-Richard Schaukal:
-
-
- Kapellmeister Kreisler. Dreizehn Vigilien
- aus einem Künstlerdasein 1906
-
- Giorgione oder Gespräche über die Kunst 1906
-
- Literatur. Drei Gespräche 1906
-
- Meine Gärten. Einsame Verse 1897
-
- Vorabend. Ein Akt in Versen 1902
-
- Von Tod zu Tod und andre kleine Geschichten 1902
-
- Das Buch der Tage und Träume 1902
-
- Pierrot und Colombine oder das Lied von
- der Ehe 1902
-
- +In Vorbereitung+: Goltz, Buch der Kindheit.
- Neuausgabe 1907
-
- Schlemihle. Drei Novellen.
-
-
-Bei andern Verlegern:
-
- Heinebreviarium 1897
-
- Intérieurs aus dem Leben der Zwanzigjährigen 1901
-
- Mimi Lynx. Eine Novelle 1904
-
- Ausgewählte Gedichte 1904
-
- E. T. A. Hoffmann 1904
-
- Wilhelm Busch 1904
-
- Großmutter. Ein Buch von Tod und Leben 1906
-
- Verlaine-Heredia. Nachdichtungen 1906
-
- Eros-Thanatos. Novellen 1906
-
- Die Mietwohnung 1907
-
-
-Folgende früher erschienene Bücher sind im Buchhandel nicht mehr
-vorhanden:
-
- Gedichte 1893
-
- Rückkehr. Ein Akt 1894
-
- Verse (1892-1896) 1896
-
- Tristia. Neue Gedichte 1898
-
- Tage und Träume 1899
-
- Sehnsucht. Neue Verse 1900
-
- Einer, der seine Frau besucht, und andre
- Szenen 1902
-
-
-Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Meinungen des Herrn Andreas
-von Balthesser, eines Dandy und Dilet, by Richard Schaukal
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND MEINUNGEN ***
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