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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten - -Author: Richard Schaukal - -Release Date: May 3, 2020 [EBook #62006] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND MEINUNGEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber - dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch - nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht - vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich - oft im Text vorkommen. - - Die Nummer des Buchexemplars (414) wurde im Original von Hand - auf die Buchseite gestempelt. Das Inhaltsverzeichnis wurde der - Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter an den Anfang des Texts - verschoben. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - Kapitälchen: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - _ANDREAS VON BALTHESSER_ - - - - - LEBEN UND MEINUNGEN - DES - HERRN ANDREAS VON BALTHESSER - EINES DANDY UND DILETTANTEN - - MITGETEILT VON - RICHARD SCHAUKAL - - ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE - - [Illustration] - - MÜNCHEN UND LEIPZIG - BEI GEORG MÜLLER - - 1907 - - - - -Die erste Auflage dieses Buches war in 830 numerierten Exemplaren, -davon 30 auf Bütten, hergestellt worden. Diese zweite veränderte -Auflage umfaßt 1010 numerierte Exemplare, davon 10 vom Autor signierte -Exemplare auf echt van Geldern. Der Preis eines solchen gebundenen -Luxusexemplares beträgt 15 Mark. - -Dieses Exemplar trägt die Nummer 414 - - - - - CARL BARON BAMBERG - - in aufrichtiger Freundschaft - - Wien, im Sommer 1906 - - R. Sch. - - - - -A vrai dire, je ne suis rien moins que sûr d’avoir quelque talent pour -me faire lire. Je trouve quelque fois beaucoup de plaisir à écrire, -voilà tout. - - Henri Beyle (1835). - (Vie de Henri Brulard.) - - - - -_INHALT._ - - - Seite - - Ouvertüre: Herr von Balthesser hält einen Vortrag - vor wißbegierigen jungen Leuten (nach der offenbar - ironischen Schilderung eines wohl nicht ganz objektiven - Zeugen) 1 - - Selbstbiographie Herrn von Balthessers 15 - - Andreas von Balthesser über den „Dandy“ und Synonima 19 - - Andreas von Balthesser an die Gräfin F. 31 - - Andreas von Balthesser spricht mit einem Literaten über - die Gesellschaft, die Künstler und ihr Gehaben und das - Selbstverständliche 43 - - Andreas von Balthesser spricht mit einem andern - Literaten über das Monokel, über Witze, liebenswürdige - Sonntagsplauderer und die deutsche Prosa 57 - - Herr von Balthesser spricht mit einem bescheidenen - jungen Schriftsteller über Bücher 67 - - Andreas von Balthesser über die Betrachtung von Gemälden 75 - - Was Andreas von Balthesser gelegentlich über das - Gespräch zu bemerken hatte 83 - - Glossen zur Psychologie der Kleidung 87 - - Herr von Balthesser gibt seine Anschauungen vom Verkehr - zum besten 93 - - Über Vernünftige, Snobs und Beflissene 103 - - Antibarbarus. (Eine ungedruckte „Erwiderung“, die sich - in Herrn von Balthessers Papieren vorgefunden hat. - Anlaß dazu mag irgend ein Zeitungsartikel gegeben - haben, der das Recht des deutschen Touristen, in - Touristenkleidung an der Hoteltafel zu erscheinen, - etwas herausfordernd zu verteidigen unternommen haben - dürfte) 107 - - Herr von Balthesser phantasiert über das Thema „Die Dame“ 119 - - Einiges aus Andreas von Balthessers leider nicht - gesammelten Sinnsprüchen und Glossen 133 - - Vom Aristokratischen 165 - - Andreas von Balthessers unrühmliches Ende 173 - - - - -OUVERTÜRE - -HERR VON BALTHESSER HÄLT EINEN VORTRAG VOR WISSBEGIERIGEN JUNGEN LEUTEN - -(NACH DER OFFENBAR IRONISCHEN SCHILDERUNG EINES WOHL NICHT GANZ -OBJEKTIVEN ZEUGEN) - - -Herr Andreas von Balthesser, der im geheimen sehr berühmte Dichter -des „Perseus“, der „Androgyne“, des „Korybanten“, eingeladen, in -dem akademischen Zirkel der „Intelligenten“ einen seiner geneigten -Wahl überlassenen Vortrag zu halten, erschien in dem verräucherten -Klublokal des Hotels Pinsch, mit der ihm eignen nachlässigen Eleganz -gekleidet, um die schmalen rasierten Lippen das ein wenig moquante -und gleichzeitig hilflose Lächeln, das er an sich so liebte, leicht -vornübergebeugt, hastig und verspätet. - -Er hatte einen Freund mitgebracht, den er mit stark auswärts gedrehtem -Daumen der Linken dem Vorsitzenden präsentierte, Viktor Grafen -Melinges, Gesandtschaftsattaché, einen bei ungewöhnlich hohem Wuchs -fabelhaft magern, mit der farblosen verlebten Miene und den eckigen -Bewegungen der Gliedmaßen an einen Knaben gemahnenden Menschen, der -nun, die linke Hand in der Hosentasche, einen leutseligen Rundgang um -die nicht eben sauber gedeckte Tafel mit kurzen raschen Schritten -und knappen ruckweisen Verbeugungen vor den zumeist von ihren Sitzen -emporschnellenden Konviven absolvierte. -- - -Andreas von Balthesser, vom Vorsitzenden an seine Seite gebeten, hob -das Monokel aus der rechten Augenhöhle, hielt es einen Moment mit -steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin, faßte das dünne Glas dann -zwischen zwei Finger der Linken, entnahm mit der Rechten dem Frack -- -die beiden waren, wie man flüsternd auffing, unmittelbar von einem -Diner gekommen -- ein ungeheuer großes Taschentuch, entfaltete es, -putzte das Monokel umständlich blank, und indem er sich, sein Glas -wieder vorm Auge, mit einer leichten Verbeugung gegen die ihm voll -schlecht verhehlter Neugier zugekehrten Gesichter wendete, sagte er -halblaut und etwas näselnd: - -„Meine Herren! Sie haben mich durch Ihren sehr geehrten Vorsitzenden, -Herrn Dr. Robert Schaffer, in liebenswürdigster Weise eingeladen, Ihnen -in einem sogenannten Vortrag etwas über Kunst zu sagen. Das heißt, -nicht wahr, Sie hatten, aus ebenso liebenswürdiger Artigkeit gegen -meine dem Fixierten nicht eben geneigte Natur, meiner Stimmung die -Wahl des Gegenstandes dieses sogenannten Vortrages überlassen. Aber -Sie meinen mit Fug erwarten zu dürfen, daß ich über das Thema Kunst zu -sprechen nicht geringe Lust verspüren würde. Nun könnte ich Ihnen ja -in der bei Ihnen beliebten Weise einen Exkurs über Stephane Mallarmé -oder Emile Verhaeren oder Oskar Wilde oder Tooroop abspinnen. Es wäre -mir die, wie Sie annehmen, erwünschte Gelegenheit geboten, mein durch -die Erfassung der flüchtigsten Nüancen gesteigertes Wissen um diese -oder jene Erscheinung der Kunst oder Literatur vor Ihnen als der -urteilsfähigsten Hörerschaft glänzen zu lassen. Ich gestehe gern, daß -ich an derlei Sermonen ein nicht wohl abzuleugnendes Gefallen hatte, -als ich mich noch in jenem Stadium der Referentenlust befand, die Ihrer -Periode, der des beflissenen Studiums, -- denn ich sehe doch zumeist -Juristen der letzten drei bis vier Semester vor mir -- so wesenhaft ist. - -Und fast war ich“ -- er nahm das Monokel aus der rechten Augenhöhle, -hielt es mit steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin und setzte es -nach einer Pause wieder ein; der Vorsitzende rückte höflich seinen -Stuhl noch ein wenig weiter links von ihm ab -- „fast war ich, als ich -mich Ihrer Einladung in diesen Tagen entsann, entschlossen, ein solches -Thema, vielleicht um mir Ihre Sympathien zu sichern, heute hier zu -tradieren. - -Da ich Sie nun aber vor mir sehe, junge Leute mit Brillen und Zwickern, -mit wüsten Bärten und übernächtigen Augen, mit ungesunder gelber -Gesichtsfarbe, und Sie mir im Geiste verhundertfacht denke als eine -Herde von eifrigen Bücherlesern und eine lebendige Nomenklatur von -allerlei sogenannten modernen Doktrinen und Termini, bin ich von einer, -wie Sie sagen würden, perversen Lust angewandelt, über die Dichtkunst, -von deren Beherrschung ich manche nicht unerhebliche Proben geliefert -zu haben glaube, einige wenige offenbar sakrilegische Worte zu sagen. - -Meine Herrn“, -- er lehnte sich zurück, schlug langsam ein Bein über -das andre und starrte in die zuckende Gasflamme auf dem gußeisernen -Arm vor ihm, so daß das Monokel wie ein toter Stein glänzte -- „meine -Herrn, diese Ihre Beschäftigung mit der Dichtkunst und den Dichtern -erscheint mir als ein Zeichen, ein jämmerliches Zeichen von Unkultur. -Sie werden jetzt in Ihrem Innern heftig erschrecken oder sich entrüsten -oder mit vermeintlicher Ironie sich mir entziehen. Ich versichere Ihnen -ehrlich, daß mich das nicht im geringsten berührt.“ Das Auditorium -rückte mit verlegen lächelnden Mienen an den Stühlen. Man konnte -bemerken, daß einer den andern gleichsam niedriger einschätzte. - -„Ich bin nämlich Ihrer Auffassung dessen, was Sie Kultur zu nennen -belieben, so fern wie ein Gestirn. Ich weiß nicht, ob Sie recht -haben oder ob ich recht habe. Es ist mir auch nicht darum zu tun, zu -erfahren, wer ‚recht hat‘. Ich empfinde in diesem Moment nur die durch -nichts niederzuhaltende Lust, Ihnen zu sagen, daß das alles, was Sie -in Anspruch nimmt, aufregt, das, in dessen Besitz Sie sich über die -andern erhaben fühlen, mir im Grunde so gleichgültig ist wie dieses -- -übrigens äußerst unappetitliche halb geleerte Bierglas vor mir.“ Er -stellte das Glas energisch vor seinen linken Nachbar, dessen Auge an -dem Rande des Glases wie bezaubert haften blieb. - -„Ob einer von Ihnen ein Gedicht, das ist eine willkürliche und offenbar -eitle Zusammenstellung von unzulänglichen Worten des sogenannten -Sprachschatzes, in einer vom Herkömmlichen abweichenden Weise zustande -bringt oder nicht, ob er seine minderbemittelten Wünsche an das Leben -in gleich langen oder verschieden langen Verszeilen in einer obskuren -Revue drucken läßt oder sie seiner Hausbesorgerin, während er der -Verschlafenen das Sperrgeld einhändigt, in kürzerer Fassung mitteilt: -die Kultur hat mit dem einen so wenig zu schaffen wie mit dem andern. -Sie sind heute noch immer, dank der bequemen und einschläfernden -Werkelei unsrer ‚führenden Geister‘, als da sind: Gelehrte, Dichter, -Zeitungschreiber, in einer Art von Traumwandelei befangen. Es ist -nicht meine Sache, den öffentlichen Anrufer zu spielen. Ich fände das -wie alles Laute geschmacklos. Ich sage daher diese unfreundlichen -Dinge fast wie Salonaperçus, und ich sage sie Ihnen, da ich ganz -genau weiß, ich werde Ihnen zum Schlusse doch nur eine angenehme -Stimulation bereitet haben, und Sie werden, jeder in seiner Weise, als -von etwas Merkwürdigem und Interessantem über meine Worte Bekannten -und Unbekannten gegenüber sprechen, meist sehr willkürlich und ohne -jeglichen Zusammenhang mit Ihren wahren Empfindungen, weil Sie sich -das ja bereits zur chikanösen Manier herangebildet haben. Kurz, ich -halte diese meine Aperçus für durchaus ungefährlich, hier in einem -Kreise von unverbesserlichen Bücherlesern, deren keiner aus innerer -Unfähigkeit heraus das wahre Wesen meiner Anschauungen auch nur zu -ahnen, geschweige zu erfassen selbständig genug ist.“ -- - -Hier entstand ein Gemurmel die Tafel entlang. Man war verlegen, im -Grunde sogar ein wenig ungehalten, hinwiederum aber doch des Eindrucks -dieser eigenartigen Worte nicht sicher und befand, es wäre jedenfalls -geschmackvoller, sich solcher malitiösen Witze zu freuen, als sich -darüber zu ärgern. - -Andreas von Balthesser wechselte gelassen die Stellung seiner Beine, -strich sich mit der Linken leise, leicht, fast zärtlich über das -sorgfältig geglättete dunkle Haar seines Hinterhauptes, bat plötzlich -mit einem höflichen Lächeln, wobei er ihn kaum anblickte, den -Vorsitzenden, Herrn Dr. Schaffer, um die Erlaubnis, sich eine Zigarette -anzünden zu dürfen, erhielt diese Erlaubnis, kam ihr nach, wobei aller -Blicke auf die schmale fein gerippte silberne Zigarettenbüchse mit dem -aufgesetzten gräflichen Doppelwappen gerichtet waren, und fuhr, sich -zurücklehnend und nur von Zeit zu Zeit der über den langgeschlitzten -beweglichen Flügeln leicht gebogenen Nase duftige Rauchschleier -entlassend, die Augen wieder an die Gasflamme gehängt, in seinen -halblauten, an Worten kaum verweilenden Erörterungen also fort: - -„Wenn ein schlanker Mensch mit stahlharten elastischen Sehnen, -bekleidet mit einem roten Frack aus weichem Tuch und schneeweißen -Bridges, die vom Knie abwärts keine einzige Falte werfen, die Arme -eng und doch leicht an den Leib gehalten, in den Bügeln eines -galoppierenden Jagdpferds steht, oder wenn eine junge Dame sich -während eines unbefangenen Gespräches -- Sie, meine Herrn, wissen -freilich nicht, was ein unbefangenes Gespräch ist, und wenn ich Sie -jetzt darum fragte, würden Sie mir irgend einen dänischen Autor nennen, -bei dem Sie eines gefunden zu haben meinten, -- wenn eine solche junge -Dame von großer Familie (denn nur +die+ haben die natürliche Begabung -zu den Ihnen gänzlich versagten unbefangenen Gesprächen); sie ist -ohne Apprehension +gekleidet+ (die jungen Damen, die Sie kennen, sind -erstens keine Damen, zweitens sind sie nicht gekleidet, sondern mehr -oder weniger geschmacklos kostümiert) -- wenn eine junge Dame“ (er -schloß das linke Auge, das Monokel stand starr und leuchtete) „sich -während eines unbefangenen Gespräches erhebt, ihrem Gegenüber Tee -einzuschenken, den der lautlos eingetretene schwarz livrierte Bediente, -in weißem Porzellan auf silberner Platte angerichtet, mit behutsam -auseinanderlegenden Handgriffen vor sie niedergesetzt hat, -- sehen -Sie, das zum Beispiel sind Dinge, die mir Kultur bedeuten. Solche Dinge -zu zeigen, mit notwendigerweise aufdringlichen Worten, sie Menschen zu -zeigen, denen sie nichts Verwandtes anregen, ist -- Unkultur. - -Und, sehen Sie, wenn einer sich an seinen Schreibtisch setzt oder sich -im Bette neben einer zuckenden Kerzenflamme aufrichtet, um mit einer -Stahlfeder oder mit einem Taschencrayon auf ein Stück Papier, auf -einen Briefumschlag ein Gedicht zu schreiben, sei es nun eine tastende -Mitteilung oder eine absichtliche Verschleierung seiner Gefühle oder -gerade gegenwärtigen Gedanken, das ist -- Unkultur. Und Menschen, die -derlei oft und mit Beifall zuwege gebracht haben, gewöhnen sich daran, -hierin eine außerordentlich merkwürdige Sache zu sehen, und das ist -Unkultur in Permanenz. - -Was aber die Leute betrifft, die in mit um einiger Gedichte willen -etwas wie einen Gleichgesinnten voraussetzen zu dürfen glauben: ich -versichere Ihnen, unter tätowierten Insulanern ist mir wohler... Ich -bekomme täglich Briefe von allerlei Skribenten des In- und Auslandes, -die mich auf verschiedentliche, mit ihren Meinungen angefüllte Revuen -und Bücher aufmerksam machen. Ich aber lese beileibe nicht diese Bücher -und Revuen, sondern z. B. die Bekenntnisse des heiligen Augustinus -oder in einer vergleichenden Grammatik der romanischen Sprachen, und -dann gehe ich in einen Klub von angenehmen Sportsleuten, die bei -Wagneraufführungen ihre Logen leer stehen lassen, oder ich reite -stundenlang in den Praterauen. Daß mir dabei vielleicht Alexander -der Große einfällt, wie er im Bade liegt oder wie ihn ein Feldherr -reizt mit Einwürfen oder wie er sich von zwei Mädchen die Künste -der Liebe mit anmutigen Bewegungen aller Gliedmaßen vorführen läßt, -dafür kann ich nichts. Es ist so, als ob ich, der ich einen Reiz der -Nasenschleimhaut verspürte, zu meinem Taschentuche griffe, wie jetzt“, -(er tat es) „und mich schneuzte“ (er tat es). „Und eigentlich sollte -man, wenn man gut und lange geschlafen und sich darauf, nach einem -lauwarmen Bad in einer glänzend weißen Wanne, mit der liebenswürdigen -Sorgfalt angekleidet hat, die eines der zehn Gebote der Selbstachtung -ausmacht, wohlgepflegten Kindern zusehen, die Reifen schlagen, oder -im Garten die Bäume bewundern, die Blüten treiben, oder am gleitenden -Wasser liegen auf einer weichen englischen Decke und sein Spiegelbild -in den Wellen haschen wie weiland Adonis. Aber man muß jedenfalls -tadellos rasiert sein.“ - -Hier ließ Herr von Balthesser eine Pause eintreten, die sich so sehr in -die Länge zog, daß einige der Versammelten in aller Bescheidenheit und -mit möglichster Vermeidung von Geräuschen etwas Weniges von den längst -erkalteten Fleischspeisen zu verzehren unternahmen, die man schon vor -geraumer Frist vor sie hingestellt hatte. - - - - -_SELBSTBIOGRAPHIE HERRN VON BALTHESSERS_ - - -Herr von Balthesser, der Dichter der „Androgyne“, von einer -großen polyglotten Revue aufgefordert, sein Leben in einer Skizze -niederzuschreiben, lieferte auf drei mit dem kleinen aufgesetzten -weißen Wappen geschmückten zartlila Briefbogen in enger steiler Schrift -nachstehende Mitteilungen: - -„Ich bin in Rom geboren, als mein verstorbener Vater dort bei der -Botschaft war. Man sagt mir, daß ich einen mit dünnem blondem Haar -bedeckten spitz auslaufenden Schädel besessen und, ohne zu schreien, -wie das bei den Kindern üblich ist, mich in die Welt gefunden hätte. -Ich habe mich von den landläufigen Gymnasialstudien nicht abhalten -lassen, die Dichter und Philosophen der vorzüglich in Betracht -kommenden Sprachen, die Kirchenväter und die großen Historiker -zu lesen. Mit 15 Jahren schrieb ich eine kleine Studie über den -Neuplatonismus, die von der schwedischen Akademie preisgekrönt wurde. -Mein um ein Jahr älterer Bruder war damals mit der so amüsanten -Lektüre des Cooperschen Lederstrumpf beschäftigt, die ihm in einer -Ausgabe für die reifere Jugend von unsrer guten Mama zu Weihnachten war -geschenkt worden. - -Sonst wüßte ich nichts aus meinem Leben zu berichten, das für Leser -Ihres Journals von Interesse sein könnte. Denn daß ich einige größere -Reisen unternommen, bei einem Dragonerregiment gedient habe, im -auswärtigen Amte mich auf die diplomatische Carrière vorbereite und im -Winter fast täglich außer Haus speise, dürfte Ihnen nicht von Belang -scheinen, was ich vollkommen billige.“ - - - - -_ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DEN „DANDY“ UND SYNONIMA_ - - -Man nennt mich einen Dandy. Die Bezeichnung will ich gelten lassen. -Aber die Meinung ist falsch. Ich +bin+ ein Dandy. (Freilich noch -einiges mehr; aber das Äußerlichste an mir, die für die Menschen -sichtbare ‚Zwiebelschale‘ meiner Persönlichkeit ist das Dandytum.) -Die Leute fassen jedoch den Begriff ganz oberflächlich auf; dies ist -wörtlich zu nehmen: sie begreifen nur seine Oberfläche. Man verwechselt -den Dandy mit dem Gecken, dem fat. Wenn Kurzsichtige in mir einen -Gecken zu erblicken meinen und ihre primitive Erfahrung in dem Begriffe -Dandy endgültig festzulegen, also zu begraben unternehmen, -- denn -Begriffe begraben das Leben der Erscheinung, während sie anderseits den -Gedanken gleichsam erstarren machen, und man braucht solche Krystalle -zu Zwecken des vereinfachten Verkehrs -- dann sehen die Menschen an -mir nichts als etwa den tadellos geschnittenen Rock, den niemals -gesprungenen Lack meiner Schuhe, den täglich frisch gebügelten Zylinder -und dergleichen Zeichen, die ihren vom empörten Gefühl des Unvermögens -getrübten Augen als die Merkmale eines Gecken gelten müssen, weil -sie selbst nicht imstande sind, sich auch nur menschlich zu kleiden, -geschweige denn die Nüancen der guten Toilette zu begreifen. Daß -sorgfältige Kleidung ihren Träger keineswegs zum Gecken stempelt, -wird man Menschen von so dürftiger Anschauung niemals klar zu machen -vermögend sein. Der Mann, der etwas auf sich hält, im Geistigen wie -im Physischen, wird ebenso seinen Intellekt wie seine Nägel pflegen, -seine Wäsche ebensowenig wie seine Gedanken vernachlässigen, aber bei -all seiner Korrektheit -- denn dies ist das gültige Wort -- niemals das -Impromptu mißachten. Es ließe sich natürlich, pathetisch ausgedrückt, -ein Eid darauf schwören, daß die Leute, die den Korrekten mit dem -Elegant zu verwechseln blöde genug sind, keine Ahnung davon haben, was -es heißt, das Impromptu nicht außer acht zu lassen, und hierin gerade -liegt das Wesen des Dandisme. In diesem Sinne sage ich, daß man, wenn -man mich einen Dandy nennt, etwas Richtiges ausspreche und doch etwas -Falsches darunter verstehe. Ich bin ein Dandy, nicht weil ich korrekt -bin, sondern weil ich bei aller Korrektheit niemals das Impromptu außer -acht lasse. Der Korrekte, der es außer acht läßt, ist der +Gentleman+. - -Der Dandy ist sich seiner Korrektheit bewußt. Auch der Gentleman ist -nicht naiv. Aber der Dandy ironisiert sein Bewußtsein. Der Gentleman -ironisiert weder sein Bewußtsein noch irgend etwas auf der Welt. Der -Gentleman ist so korrekt, daß er der Ironie einfach unfähig ist, wie -einer, der zum Beispiel -- nicht schwimmen kann. Der Gentleman „kann -nicht schwimmen“: er würde entweder untergehen -- höchst korrekt -untergehen -- oder auf dem Wasser obenauf bleiben, wenn er sehr -substanziös ist. Der Dandy ist jederzeit bereit zu schwimmen. Aber -+er trifft niemals Anstalten+ dazu. ‚Anstaltentreffen‘ heißt: der -Beobachtung zugängliche Anstalten treffen, und der Dandy ist überhaupt -nicht zugänglich, am allerwenigsten der Beobachtung. - -Es ist selbstverständlich, daß der Dandy sein Bewußtsein über -alles stellt. Man wird einen Dandy niemals berauscht sehen, was -dem korrektesten Gentleman, wenn das Getränk für ihn zu stark ist, -passieren kann. Der Dandy vermeidet zu starke Getränke, womit nicht -gesagt sein soll, daß er starke Getränke, sogar die stärksten, -ausschlüge, -- wenn er sie verträgt, was er weiß. Der Dandy weiß immer, -was er verträgt. Der Dandy weiß auch immer, was der andre verträgt. -Aber das hält ihn nicht ab, dem andern Dinge zuzufügen, die dieser -nicht verträgt, was der Gentleman unfehlbar vermeidet. - -Der Dandy ist kein Poseur. Dieser Ausdruck stammt von der Bühne, -ist also etwas Grelles, Lautes, Minderwertiges. Er ist dann in die -Literatur gekommen und hat dort nicht an Erziehung gewonnen, wie denn -überhaupt durch die Literatur die besterzogenen Begriffe verdorben -werden. Mit dem Worte Poseur bezeichnet eine ‚höhere‘ Art von brutalen -Beobachtern jene Seite des Dandytums, die ich +Bewußtsein+ nenne. -Eine Pose aber ist etwas Starres, etwas, das gewissermaßen nur von -einer Seite gilt: auf der andern ist die Pose schon „Rückseite“, -Soffittenquerholz, Futter. Der Dandy ist von allen Seiten gleich -unverdächtig. Verdächtig ist er nur im Innern, -- dem nämlich, -der selbst die Seele eines Dandy hat. Den andern, Gentlemen und -Nichtgentlemen, ist er nicht verdächtig, sondern entweder unangenehm -oder angenehm. Das ist, wie alle Geschmacksachen, etwas ganz -Persönliches. - -Was dem brutalen Beobachter am Dandy unangenehm auffällt, ist seine -+Vielfältigkeit+, die Rundheit, die ihn reizt, weil er eben einseitig, -einfältig, eckig ist. Der Dandy ist geschliffen. Er kann alle seine -Facetten, indem er sich langsam dreht, erglänzen lassen. Er kann sie -funkeln machen und -- auslöschen. Aber sie bleiben immer geschliffen. - -Der Ungeschliffene haßt instinktiv den Dandy. Der Joviale möchte ihn -hänseln, gutmütig ‚aufziehen‘. Von dem Dandy gleitet alles ab. Er -ist glatt und +immer höflich+. Höflichkeit ist glatter als polierter -Stahl. Gegen Höflichkeit kann selbst Freundlichkeit nicht ankämpfen. -Freundlichkeit haucht die Facetten des Dandy an. Sie werden trüb. Aber -nur für einen Moment. - -Der Dandy ist vor allem +gegen sich selbst+ höflich. Er weiß, daß nur, -wer sich selbst artig behandelt, zu leben versteht. Man darf nicht -gegen sich selbst unartig sein, ist ein Prinzip des Dandy, -- soweit -ein Dandy etwas so Eckiges wie Prinzipien überhaupt an sich duldet. - -Der Dandy ist als Dandy nicht „auffallend“. Der Gentleman und der -Dandy können auffallen. Auffälligkeit ist etwas Relatives. Wenn ein -weißer Bäckerbursch unter Rauchfangkehrern erscheint, fällt er auf. Ein -Reiter, der sich aus der Nobelallee in den Wurstelprater verirrt, fällt -auf. Es ist sogar möglich, daß man ihn steinigt. - -Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. Es ist -überhaupt nicht oft genug zu betonen, daß die Kleidung -- in einem -höhern Sinn freilich, als die meinen, die davon nichts verstehen, --- wenig in diesen Unterscheidungen besagt. Die meisten Leute, die -sich über den Gecken entrüsten, der zu unpassender Gelegenheit z. B. -einen grauen Zylinder und weiße Handschuhe trägt, ahnen nicht, daß -der unscheinbare Herr daneben ein Dandy ist und mit ihnen den Gecken -verachtet, sie selbst aber noch viel mehr, weil sie auch ihn als einen -Gecken ansprechen würden, wenn er zufällig -- in Renntoilette unter sie -geriete. - -Wer einem jungen Mädchen die Hand küßt, darf als ein Mensch von -schlechten Manieren gelten. Aber nicht jeder, der das unterläßt, ist -ein Mensch von guten Manieren. Der Dandy hat die besten Manieren. Der -Gentleman muß nicht unbedingt gute Manieren haben. Der Grandseigneur -- -ein Begriff der alten Zeit, der heute noch sehr gut anwendbar bleibt, -leider aber nur noch selten würdige Repräsentanten findet -- hat -immer gute Manieren, und zwar einigermaßen pompöse. Der Grandseigneur -kühlt die Luft ab. Es ist nur an ihm gelegen, sie wieder zu erwärmen. -Und dies vermag der Grandseigneur wie kein andrer. Der Grandseigneur -muß kein Gentleman, er mag ein Dandy sein, nie wird er ein Geck sein -+können+. - -Der Dandy läßt niemals das Impromptu außer acht. Das +Impromptu+ ist -das Flüchtigste, Feinste, gewissermaßen der Hauch einer Äußerung. -Unter „Äußerung“ will ich nicht notwendigerweise eine Äußerung durch -Worte verstanden wissen. Man kann sich durch Blicke und Handlungen, -durch Unterlassungen „äußern“. Das Impromptu hat Ehrfurcht vor dem -Moment. Es weiß ihm so zu begegnen, daß er liebenswürdig sich fügt. -Ein Tausendstel einer Sekunde später -- und der Moment hätte sich -bereits zurückhalten lassen müssen, was unbedingt respektlos und sehr -unliebenswürdig ist, wenn es auch sehr „herzlich“ sein mag. +Der Dandy -verfehlt nie den richtigen Moment.+ Er betont ihn nie, betont überhaupt -nichts (am allerwenigsten seine Gegenwart), er läßt den Moment sogar -verschleiert vorbeigehen, aber er verkennt ihn nie. - -Der Enthusiast verkennt häufig den Moment. Stößt er auf ihn, dann ist -er unbedingt Sieger. Daß der Besiegte knirscht, ist dem Enthusiasten -gleichgültig. +Der Dandy ist niemals Enthusiast.+ Und seine Siege -demütigen den Besiegten nie. Freilich sehen sie auch niemals nach einer --- Niederlage aus, was dem Enthusiasten manchmal passieren kann. Denn -der Enthusiast ist zumeist „gleich darauf“ niedergeschlagen. Diesen -jähen Szenen- und Mienenwechsel kennt der Dandy nicht, das heißt +an -sich+ nicht. +An den andern kennt er alles+ und richtet sich darnach -ein. - -Wenn er keine andern Beziehungen hat, unterhält der Dandy um so -freundlichere zu seinem Kammerdiener. - -„Dandy“ ist ein Begriff der ästhetischen, „Gentleman“ einer der -ethischen Wertung. - - - - -_ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE GRÄFIN F._ - - -Gnädigste Gräfin! - -Sie verlangen in Ihrer beneidenswerten ländlichen Einsamkeit von mir -einen Bericht über Abenteuer. Hier ist einer, und zwar von der mir -sympathischesten, der ironischen Sorte. - -Gestern abend -- ich hatte um vier Uhr bei Trautensteins diniert, um -sechs meinen Tee getrunken und wollte mich eben zum Besuch der Oper -umkleiden -- trat mein Bedienter ein, und da ich mich unwillig (ich -liebe keine Überraschungen, und Benedikt respektiert meinen strengen -Befehl, mich ungerufen so selten als möglich mit seiner Anwesenheit zu -belästigen) ihm entgegen wendete, meldete er in der steifen Haltung, -die ich ihm mit einem unsäglichen Aufwande von Geduld beigebracht -habe, Herr von Haller wünsche mich sogleich zu sprechen. Nun wußte -ich zunächst, ich würde eine unbequeme, weil beobachtete Toilette -machen, die notwendigerweise in meinem Sinn unvollkommen geraten -müßte, des weitern mindestens die Ouvertüre zu Carmen versäumen und -bei bereits verdunkeltem Hause, was ich um der Orientierung in der -Umgebung willen durchaus verabscheue, in meine Loge treten, endlich, -Ernst Haller, der überlaute, in seinen Mitteilungen auf eine peinliche -Art unbeholfene Mensch, werde mich beunruhigen, vielleicht um die -ganze, mühsam aus einem nicht allzu bequemen Tage gerettete Stimmung -bringen. Ich war äußerst ungehalten und herrschte den geradezu delikat -rasierten und mich dadurch nur um so unerwünschter an mein gestörtes -Vorhaben gemahnenden Bedienten, indem ich die Hand von der Klinke -des Ankleidezimmers sinken ließ, in einem mir selbst widerwärtigen -überhasteten Tonfall an: „Und du hast gesagt, ich wäre zu Hause?“ - -„Euer Gnaden haben mir nicht befohlen, Euer Gnaden zu verleugnen!“ - -„Esel, immer sollst Du mich verleugnen!“ - -Sofort auch ärgerte ich mich schon dieser nicht überlegten, nur durch -den tyrannischen Widerspruchsgeist des Befehlenden hervorgereizten, -kommenden Tages mit aller mir zu Gebote stehenden Macht -niederdrückender Überzeugungssicherheit füglich zu widerrufenden Worte. - -Aber Ernst von Haller stand bereits in der Tür. (Er hat eine Art, -Türen aufzureißen, die nach der Reitpeitsche verlangt.) Ich sammelte -mich mühsam. „Guten Abend,“ sagte ich und wandte mich voll ihm zu. -Mir fiel die Unordnung in seinem Anzug auf. Er, der sicherlich zu den -an den Fingern einer Hand geläufig herzuzählenden Menschen gehört, -die sich hier zu kleiden wissen, erschien da mit einer an Künstler -und Examinanden gemahnenden zerrütteten Haartracht, geöffnetem -Wintermantel, geöffnetem Gehrock; der Zylinder war -- ich sah es an -den Spiegellichtern seiner Flächen -- aufgerauht. Benedikt verharrte, -sichtlich erbleicht, da Haller ohne Aufforderung eingetreten war, in -abwartender Stellung. Ich wollte ihn nicht allsogleich sich entfernen -lassen, um wenigstens die Einleitung der mir unliebsam zu gewärtigenden -Unterredung -- denn eine Unterredung (wie ich das Wort hasse!) sollte -da natürlich sich abspinnen -- von ihrer jedenfalls überwältigenden -Maßlosigkeit auf das Niveau gesellschaftlichen Nebenbei-Tones -herabzustimmen. Doch Ernst Haller ließ mich dieses Mittel gar nicht -erst in Betracht ziehen. Er begann unvermittelt und mit einem fast -theatralischen Heranschreiten: „Ich bitte dich in einer dringenden -Angelegenheit....“ - -„Du kannst gehen“, hatte ich noch Zeit, meinem Diener winkend -zuzurufen, sonst hätte der Kerl aus dem Repertoir von Tagesblättern und -Lieferungsromanen eine willkommene Gratisgabe erhalten. - -Als er sich rasch und lautlos -- er darf nie frisch besohlte Schuhe -tragen (wie er das anstellt, ist seine Sache) -- hinwegbegeben hatte, -nötigte ich Haller, dem ich meine für den Abend noch nicht behandelte -Hand reichte (wenn ich einmal meine Finger kultiviert habe, lasse ich -sie nur in Handschuhen anrühren), auf den einen der beiden mächtigen -Lederlehnstühle zu Seiten des mit einem schmiedeeisernen Gitter diskret -geschmückten Kamins. Er warf sich zwar so, daß die Federn stöhnten, auf -die breite Sitzfläche zwischen den hohen Armstützen, sprang aber auch -sofort, als ob es ihn nicht litte, wie ein Gaukler auf und mir fast ins -Gesicht. Ich bot ihm -- er sprudelte schon eine Menge vager Worte -- -Zigaretten an. Es wies sie ab. - -Kurz, -- ich hatte es ja längst geahnt -- er hat mich, brüsk und vor -mir aufgepflanzt wie bei einer Fechtakademie, nach meinen Beziehungen -zu seiner Schwester gefragt. „Ich weiß alles!“ schrie er. (Das ist die -dümmste Art, mir beikommen zu wollen.) Und dann ergab sich wie ein -gelöst rollender Knäuel Bindfaden die ganze umständliche Geschichte. -Es ist zwar bekannt, daß er seine Schwester seit je beargwöhnt hatte. -Ich habe auch immer die, wie ich nunmehr sah, gegründete Überzeugung -gehegt, daß er uns mindestens beobachten ließe. Aber mich verdroß die, -wie gesagt, theatralische Manier, mit der er dieses höchst zwecklose -Gespräch in Szene setzte. - -Die Baronin Alice Sigmar-Bouvelle ist eine jener Damen, die -- wie -soll ich mich ausdrücken? -- einfach nicht anders können. Sie ist -sehr schön, groß, gut gebaut und von dieser unersättlichen blonden -Rasse, die so reizend hinter einem müden -- darf ich sagen: „Sehnen“? --- eine stete, sehr amüsante Glut zu verbergen weiß. Sie ist mir im -Grunde so gleichgültig wie meine Uhrkette. Aber die Grazie, mit der -sie eine glimmende Zigarette, den Arm leicht über ein Polster gelegt, -mit fast geschlossenen Augenlidern betrachtet oder wie sie mit einem -federnden Schwung sich von der Handfläche, die man ihrem kleinen Fuß -unterschiebt, in den Sattel hebt und niedergleiten läßt, gefällt mir -über alle Maßen. Und einmal hatte ich, als sie mir die Hand bot, diese -Hand von unten nach oben gedreht und über dem etwas gepreßten Ballen -durch den kleinen Ausschnitt im Handschuh geküßt. Dann hat sich alles -sehr einfach arrangiert. Es war keine besonders mühsame Geschichte. -Und bald langweilte mich die Sache, so leid es mir tat, die bequeme -Situation zu verlassen. Kam mir da der Bruder mit dem unangemessenen -Aufwande! - -Ich zündete mir -- es war vorauszusehen, daß ich ja nun doch zu -spät ins Theater kommen würde, und die Zähne hatte ich mir nach all -dem Gerede, das folgen sollte, gründlichst von neuem zu putzen -- -ich zündete mir gelassen (wenn ich auch allmählich von der Brust -aufwärts gegen den Hals hin leise zu zittern begann) eine Zigarette -an und sagte -- ich weiß genau die langsamen Worte --, sagte nichts -als: „Willst du dich mit mir schlagen?“ Das wirkt immer famos. Er -hielt in seiner unablässigen Wanderung zwischen dem Kamin und meinem -Schreibtisch, Gott sei Dank, für einen Augenblick inne und sah mich an -(ich bemerkte, daß sein Schnurrbart heute nicht gestutzt worden war). - -„Ich will Gewißheit,“ sagte er sehr laut. Wieder so ein Wort der -Theaterstückeschreiber! „Was für eine ‚Gewißheit‘?“ fragte ich, mich -zurücklehnend und den dünnen blaugrauen Rauch in kurzen Stößen aus der -Nase entlassend. „Daß du mit meiner Schwester...“ Es kam ihm nicht von -der Zunge. Ich begreife das. Mir wäre das auch höchst fatal. „Lieber -Freund,“ sagte ich und richtete mich etwas auf (ich hatte den Nacken -zu fest an den Hemdkragen gedrückt), „sei nicht böse, aber du bist -- -entschuldige schon -- komisch.“ - -„Reize mich nicht noch mehr!“ polterte der alberne Mensch wieder. - -Ich mußte unwillkürlich lächeln. Er, diese knarrende Windfahne, sprach -von „reizen“! „Übrigens hast du gesagt, du wüßtest alles.“ Er beging -nun (natürlich!) die große Unvorsichtigkeit, zu entgegnen: „Also doch!“ - -Da stand ich auf. Ich steckte beide Hände in die Taschen meiner -Beinkleider und erhob ein wenig die Stimme: „Lieber Alter, verzeih, -wenn ich jetzt etwas sehr Unanständiges mir zu -- flüstern erlaube: Ich -wollte fast -- du wüßtest ‚alles‘; dann -- wüßte ich es auch...“ Er war -augenscheinlich überrascht. Ich aber, jetzt gut eingefahren, setzte -hinzu: „Und die Baronin hat doch einen +Mann+.“ Er schwieg. Ich bot ihm -eine Zigarette an. Er nahm sie geistesabwesend. - -„Schau, Ernst, (ich riskierte jetzt den Vornamen, gleichzeitig -überlegte ich, ob ich Benedikt rufen sollte, daß er Kognak -hereinbrächte), schau Ernst, du bist -- du verzeihst schon --, du bist -ein Narr. Blamier’ dich nicht! Der Fredi (Alfred Baron Sigmar-Bouvelle -ist der glückliche Besitzer meiner ‚Passion‘), der Fredi würde ‚sich -kugeln‘“, (ich wählte diese ‚gemütliche‘ Ausdrucksweise, da ich nun die -Gewißheit hatte, noch einen Teil der Ouverture von Carmen zu retten, -die ich so gerne höre), „wenn wir ihm diesen Besuch erzählten.“ Ernst -Haller setzte sich. Ich ließ Kognak bringen. Wir rauchten schweigend. - -Endlich bat er mich um Verzeihung. Ich verzieh ihm großartig. Dann -begleitete er mich in das Ankleidezimmer. Ich mußte schon ein übriges -tun und gnädig sein. Und da ich ihn einlud, mit mir die Oper zu -besuchen, verlangte er Kamm und Bürsten und richtete sich etwas -menschlicher her... - -Ist das nicht ein Abenteuer? Ich gestehe, daß ich es gegen keinen der -berühmten Postwagenüberfälle in den noch immer so beliebten, weil im -Aussterben begriffenen romantischen Gegenden auszutauschen Lust hätte. -Sie werden sich wundern, daß ich die vollen Namen der agierenden -Persönlichkeiten genannt habe; noch mehr jedoch, daß Sie diese Namen -heute zum ersten Male vernehmen, da Sie, Gräfin, was die hiesige -Gesellschaft betrifft, immerhin einige Personen- und Sachkenntnis zu -besitzen meinen. Nun denn, verzeihen Sie mir, daß ich Sie -- nicht -entrüste: sie sind erfunden. - - Stets in Verehrung der Ihre - - +Andreas Balthesser+. - - - - -_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM LITERATEN ÜBER DIE -GESELLSCHAFT, DIE KÜNSTLER UND IHR GEHABEN UND DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE_ - - -~Andreas von Balthesser~: Der Hauptgrund der nicht wohl abzuleugnenden -Verwirrung, in der sich bei den Deutschen heute die Literatur befindet --- ich meine das Gemenge von Echtem und Falschem, vor allem aber die -beängstigende Übermacht des verrucht täuschenden Falschen, dichterisch -Unerlebten -- der Hauptgrund dieser bösen Unkultur unsres Schrifttums -scheint mir die einigermaßen fragwürdige soziale Stellung des -Schriftstellers gerade bei uns und gerade heute. (Anderseits freilich -dürfte wiederum die Masse, wie überhaupt im sozialen Leben, den Stand -drücken.) Erst wenn ein Autor sehr großen Ruhm und natürlich auch sehr -viel Geld erworben hat, duldet ihn die Gesellschaft, und auch dann nur -mit jener unverschämten Neugierde, wie man sie sogenannten farbigen -Rassen entgegenbringt. Als voll nimmt sie ihn ja doch nicht. Deshalb -darf der Schriftsteller, der etwas auf sich hält, während man von ihm -noch nicht entsprechend viel hält, das Schreiben gewissermaßen nur -incognito ausüben, geschehe dies auch noch so -- öffentlich. Er muß -etwas „daneben“ sein, mindestens ein Herr X, Sohn des Herrn Y. Ein -Mensch, der „+nur+“ Schriftsteller ist und noch nicht den großen Ruhm -und sehr viel Geld erworben hat, trachtet, sich für seine Stellung -außerhalb der Gesellschaft durch allerlei Mittelchen auf seine Weise -zu entschädigen. Er macht aus der Not die bekannte Tugend. Er sucht -aufzufallen. Er setzt sich in Szene. Wenn er schon nicht mit den -Menschen leben kann als einer ihresgleichen (und es ist sein heimlicher -Neid), so sollen wenigstens möglichst viele um ihn herum stehen und ihm -verwundert zusehen. - -~Der Literat~: Was Sie da von dem Schriftsteller sagen, ist eine -grausame Wahrheit, die die wenigsten von uns einsehen mögen, wie man -eben immer gerade das nicht „einsehen“ will, was man am besten weiß. -Sie haben aber bei Ihrer „Soziologie“ vergessen oder übersehen, daß -das „Soziale“ ein dehnbarer Begriff ist, zumindest wie alle Begriffe -relativ. - -~Andreas von Balthesser~: Ich finde nicht, daß Begriffe dehnbar seien. -Dehnbar, das heißt doch wohl elastisch, sind die von den Begriffen -zugedeckten Dinge. Der Begriff aber ist immer sehr hart, sehr hölzern, -sehr „Deckel“. Doch dies nebenbei. Sie meinen, ich hätte übersehen, daß -der Schriftsteller soziale Beziehungen hat und pflegt. Ja, gewiß, zu -andern Farbigen: Schauspielern, Virtuosen, Malern... - -~Der Literat~: Nicht der schlechteste Umgang. - -~Andreas von Balthesser~: Warum die Betonung? Gewiß nicht, aber „an -sich“ kein Umgang im „sozialen“ Sinn. - -Sprechen wir darüber ohne Gereiztheit. Es ist doch selbstverständlich, -daß ein kluger Schauspieler, ein geistreicher und begabter Maler, -ein erfahrener und lebendiger Schriftsteller ein besserer „Verkehr“ -sind als etwa ein dummer, oder wie die Demokraten unentwegt zu sagen -pflegen, ein vertrottelter Sportsmann. Aber -- wir streiten ja auch -nicht darüber, ob es angenehmer sei, mit hübschen und zugänglichen -Balletteusen zu soupieren als mit steifen alten Herzoginnen, sondern, -nicht wahr, wir sprechen von der „sozialen Stellung“ und den -Gesetzen der „Gesellschaft“. Und in der „Gesellschaft“, darüber sind -wir uns doch ganz klar, zählt weder der Klaviervirtuose noch „der -Schriftsteller“ noch „der Maler“. Er „zählt“ wohl, aber ich möchte -nicht gern so „zählen“, das gestehe ich unumwunden: er zählt als -Bestandteil der „Bühne“. - -In der Gesellschaft -- Sie denken dabei hoffentlich nicht an einen -„Jour“? -- gibt es immer eine Bühne und -- das lächelnd zurückgelehnte -Parkett. Ob auf der „Bühne“ einer im Schweiße seines Angesichts Klavier -spielt oder -- ohne Schweiß -- seinen mehr oder weniger berühmten -Namen als Schriftsteller oder Maler vorzeigt oder vorzeigen läßt von -einem Impresario, der sich meinetwegen im Parkett erhebt, das ist -im Grunde dasselbe. „Soziale Stellung“ im Sinne der „Gesellschaft“ -hat der Schriftsteller „als solcher“ nicht. Und ebensowenig der -Schauspieler. Daran werden alle Tiraden über „Demokratisierung der -Gesellschaft“ nichts ändern. Sie verstehen: Ich spreche vom +Titel+, -vom Anspruch, nicht von einzelnen Tatsachen, die sich scheinbar gegen -das „Prinzip“ auflehnen. Es gibt ja anderseits auch Gräfinnen, die -ganz und gar nicht zur „Gesellschaft“ zählen. Es gibt nur +eine+ -Gesellschaft. Auch dies ist ein Axiom, das die nicht anerkennen -wollen, die nicht dazu gehören. Man „gehört“ zur Gesellschaft oder -- -nicht. An der Zugehörigkeit zur Gesellschaft kann einem der Verkehr -mit Schriftstellern nichts rauben -- ebensowenig wie der Verkehr -mit Balletteusen. Wer aber mit Balletteusen -- verwandt ist, der -gehört nicht zur Gesellschaft, und ein veritabler Schriftsteller in -der Familie ist auch keine Annehmlichkeit, verstehen Sie mich? Wenn -der Schriftsteller sehr berühmt und sehr reich ist, so schadet er -einem nichts, hören Sie, im besten Fall +schadet+ er nicht. Auch ein -Strumpfwirker in der Familie schadet nicht, wenn er -- Millionär ist. -Und das hat Sinn. Ja, dieser Unsinn, wie die Leitartikler sagen, hat -Sinn. Denn es ist klar, daß der Strumpfwirker, der Millionär ist, -sich in irgend etwas von dem Strumpfwirker, der sich 2000 Gulden -im Jahr verdient oder noch weniger, unterscheiden wird, und zwar -durch +Lebensgewohnheiten+. Sehen Sie, darauf kommt es an. Dem -Strumpfwirker-Millionär erlaubt man sogar, sich seine „Gewohnheiten“ -erst anzugewöhnen. Man drückt ein Auge zu und blinzelt verliebt zur -Million hinüber. Das mag kleinlich sein, aber es ist sehr natürlich und -wie alles Natürliche „echt“. (Nicht alles „Echte“ anderseits ist -- -natürlich.) - -Also noch einmal, es gibt nur +eine+ Gesellschaft. Das ist eine -Tatsache, die man angreifen oder beklagen kann, aber nicht -hinwegdekretieren. Freilich machen die Gesellschaft nicht die aus, die -sich unbefugt selbst dazu zählen, auch nicht die, die von beflissenen -oder -- verwandten Reportern auf dem geduldigen Papier dazu gezählt -werden. Nicht die Leute etwa, die ein Wohltätigkeitsfest gelegentlich -in Verkaufsbuden vereint, gehören zur Gesellschaft. Sie sind arme -Teufel, wenn sie sich’s darum einbilden... Ich bin neulich auf der -Straße einem mir nach Abbildungen in illustrierten Zeitschriften -bekannten Komponisten begegnet. Er ging mit seiner Frau. Sie trug -natürlich die entsetzliche Reformtracht. (Haben Sie schon jemals eine -„Dame“ auf der Straße in Reformtracht gesehen? Ich nicht; und das -hat wiederum Sinn und ist sehr begründet.) Er den Künstlerhut und -die liebliche Mähne aller Komponisten. Ich möchte wissen, weshalb -Komponisten immer Mähnen haben? Warum sie immer schlecht gekleidet -sind, weiß ich sehr genau: weil sie sich über derlei Dinge erhaben -fühlen, oder, wie ich es mir auszudrücken erlaube, davon keine Ahnung -haben. Aber ich frage Sie, warum tragen Komponisten immer Mähnen? Es -ist scheußlich, aber „künstlerisch“. Muß also nicht der „Künstler“ als -öffentliche Erscheinung für den wohl erzogenen, den lautlosen Menschen -ein Greuel sein. Wer sorgt dafür? Die Künstler mit ihren Sammetjacken -und -baretten, mit ihrer Löwenmähne und den Reformkleidern ihrer -Frauen. Und das sind die Menschen des „höhern Seins“, die Menschen der -Kunst, der „Blüte der Kultur“. - -Hat nicht der „gigerlhafte“ Aristokrat mit seinen engen Beinkleidern -und dem fabelhaft gut gemachten Rock (nicht nur der Schneider macht -gute Röcke, das ist ein Irrtum: der Träger macht den guten Rock oder -- -läßt ihn machen), hat er nicht mehr Kultur im Leibe? - -Also, um auf meinen Komponisten zu kommen: Er trug seine Löwenmähne --- es war ein nicht eben sonderlich warmer Frühlingstag -- ungekämmt -zur Schau, nämlich den Hut in der Hand oder auf seinem Spazierstock, -glaube ich, ja, ja, auf seinem Spazierstock. Ich frage: Tut so -etwas ein andrer Mensch als ein „Künstler“? Sie werden mir da -natürlich den göttlichen Übermut dieses ungebundenen Völkchens und -die berühmte rote Weste Gautiers zitieren usw. Erstens aber ist -damit gar nichts „bewiesen“, denn die rote Weste Gautiers, wenn sie -auch vielleicht die Philister reizte -- und eben darum eine arge -Geschmacklosigkeit bedeutete: es ist geschmacklos, den Philister zu -reizen --, war immerhin, da sie die Farbe betonte, im Gegensatze, -sagen wir: zur Nüchternheit der Philisterumgebung, etwas Malerisches, -ein (grobes) Symbol, aber was ist an der ungekämmten Mähne eines -Komponisten malerisch? Und dann: die ganze Sache ist ja +gemacht+. -Alles aber, was gemacht ist, ist geschmacklos. Der „gigerlhafte“ -Aristokrat ist nicht „gemacht“. Es ist das eine Sache der angeerbten -Unnatur, vielmehr: der +natürlichen+ Unnatur, also doch Natur, -ein Cachet, das nicht aufgeklebt ist, sondern aus dieser seiner -„unnatürlichen Natur“ fließt. Daß aber der Dirigent seinen Hut, seinen -„Künstler-Schlapphut“, auf seinem Spazierstock vor sich her trägt, -neben seiner Frau, die in Reformtracht, Lilien über der Sitzfläche, -durch die Stadt zieht („zieht“ ist das Wort), ist Mache, riecht nach -dem Theater, ist ekelhaft prononciert, im besten Fall unerträglich -lächerlich. Darin, daß sich jemand „auffallend gut“ kleidet, kann -ich nichts Lächerliches finden. Die bizarre Erscheinung dieser -schlanken Arabeske nimmt sich, meine ich, sehr gut aus. Ich fühle -Kultur, die +Kultur der Gepflogenheit+, in dieser Art, sich ein wenig -auffällig zu kleiden. Selbstverständlich ist höchste Vornehmheit -unauffällig. Aber ich wette um den Lockenkopf des liebenswürdigsten -„Gesellschafts“-Zeilen-Plauderers, daß dieser Löwe der literarischen -„Jours“ an ihr immer wieder vorbeisieht. Dieser naseweise Herr, -der sich, literarisch bis in die abgebissenen Fingernägel, für -Gautiers rote Weste begeistert und sich in einem frischgebügelten -Waschleinenanzug für Oscar Wilde hält, ist bei all seiner Belesenheit -oder -- Angelesenheit ein Mensch, der, was den Geschmack betrifft, -meist tief unter dem kleinsten Kavallerie-Kadetten aus gutem Hause -steht, als welcher außer dem Wallenstein -- in der Kadetten-Schule -- -von den Klassikern wenig erfahren hat und lieber das kleine Witzblatt -liest und die Personalnachrichten des Salon- und Sportblatts als das -„Textbuch“ zu „Tristan“. Jener fade Enträtsler der unter den Falten -ihres Reformgewandes verborgenen Psyche des modernen Weibes hat -keine Ahnung von der Kultur der Gepflogenheiten. Was er „Elegantes“ -tut oder besser: „vollführt“, denn es ist falsches Pathos in seiner -Beflissenheit, ist Surrogat. Aber weil er „unterm Strich“ den wehrlosen -Barbey d’Aurevilly zitiert, dünkt sich der Federstilgewandte mehr als -jener harmlose Kavalleriekadett aus guter Familie. Er ist rührend, -dieser Trugschluß. Nein, er ist nicht rührend, denn er ist allzu -unbescheiden. Die Vernunft, das Wissen, das Schreiben ist gar nichts. -+Das Selbstverständliche ist alles.+ - -Ob einer „selbstverständlich“ malt wie Velasquez oder -„selbstverständlich“ dichtet wie Shakespeare oder „selbstverständlich“ -ein Pferd reitet, im Grunde sind das alles Äußerungen einer einzigen -Kraft, der Natur. Wenn aber der „unterm Strich“ Vauvenargues -- „man -kennt die sublime These „„des““ Vauvenargues“ (natürlich hat er sie -soeben erst in der gestern als Rezensionsexemplar ihm zugewiesenen -Übersetzung gelesen) -- zitiert und gewohnheitsmäßig zu diesem Behuf -seine walzenrunden Manschetten auszieht und vor sich auf den Tisch -stellt, so ist das ein Produkt der „Bildung“, ein Exkrement der Bildung -sozusagen, eine häßliche und übelriechende Sache. - - - - -_ANDREAS VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM ANDERN LITERATEN ÜBER DAS -MONOKEL, ÜBER WITZE, LIEBENSWÜRDIGE SONNTAGSPLAUDERER UND DIE DEUTSCHE -PROSA_ - - -Manchmal fragt mich einer, warum ich ein Monokel trüge. Ich antworte -mit der größten Offenheit, weil es mir gefiele. Das kann der andre -nicht begreifen. Er lächelt mitleidig oder boshaft oder ungläubig, und -endlich spielt er seinen höchsten Trumpf aus, wenn er nämlich sehr gut -mit mir ist: es sei doch „eine ganz gewöhnliche Fexerei“. - -Ich gebe ihm das natürlich zu. Nun ist er erstaunt. „Du siehst das also -ein?“ „Natürlich. +Einzusehen+ ist doch keine Kunst. Ich sehe ein und -tue doch, was mir gefällt. Ich trage zum Beispiel ziemlich hohe Stöckel -und sehr enge Beinkleider. Es gefällt mir. Vielleicht gefällt es mir -morgen nicht mehr. Dann werde ich sie nicht mehr tragen.“ - -„Aber du machst dich lächerlich.“ „Wer macht sich nicht lächerlich? -Der eine, indem er Gedichte schreibt, -- vor einem Zuckerraffineur; -der andre, indem er seinen ergrauenden Schnurrbart färbt, -Töchterschülerinnen gegenüber. Sich lächerlich zu machen, ist -unvermeidlich. Denn jedermann findet Kritiker. Jedermann. Und wer -+vor andern+ kritisiert, wird gern einen Witz anbringen. Man kann -Witze machen über die Tatsache, daß Goethe die „Iphigenie“ geschrieben -hat. Daran ist nichts zu verwundern. Ärgerlich und zwar für den, der -sie anzuhören gezwungen ist, sind nur +schlechte+ Witze. Gute Witze -läßt man sich gelegentlich immer gefallen, -- besonders wenn sie auf -Abwesende gemünzt sind. Also wenn du einen guten Witz über mein Monokel -machen willst, so mach’ ihn ungescheut. Aber nur einmal! Oder wenn -du ihn unbedingt ein zweites und ein drittes Mal anbringen mußt -- -eine Geschmacklosigkeit, die ein Zeichen von Armut ist, da du mit dir -selbst wucherst -- dann mach’ ihn, bitte, das zweite und dritte Mal vor -andern. Es wäre dir hoffentlich selbst unangenehm, wenn ich ihn zweimal -von dir anhören müßte.“ - -Es gibt meines Erachtens nichts Beschämenderes, als wenn einer einen -Witz -- das Unmittelbarste, Blitzähnlichste, was sich denken läßt --- zweimal vor demselben Publikum anbringt. Ich erinnere mich eines -Professors, der seine „Witze“ in seinem Kollegienheft notiert hatte -und sie Jahr für Jahr „vortrug“. Man konnte sich Tag und Stunde -ausrechnen, wann sie fallen würden. Es gab „Liebhaber“, die solche -Stunden immer wieder aufsuchten. Ich habe das von den Liebhabern -womöglich noch geschmackloser gefunden als von dem Professor. Bei ihm -war immerhin ein klein wenig Verachtung dabei. - -Einer der bei Provinzabonnenten und hauptstädtischen Provinzialen so -beliebten Sonntagsplauderer irgend eines Tageblattes schwelgte neulich -einmal in der Mitteilung, daß ein kürzlich verstorbener Krösus, der -doch ein so fürstlicher Wohltäter gewesen sei, mit dem Kellner um -ein unrichtiges Plus von 20 Kreuzern habe feilschen können und nicht -nachgegeben hätte, des verächtlichen Lächelns des Kellners unerachtet. -Der anmutige Chroniqueur fühlt sich in diesem Punkt dem Nabob verwandt. -Auch er feilscht um 20 Kreuzer mit dem Kellner und gibt nicht nach. -Und das verächtliche Lächeln stellt sich unfehlbar ein... Es ist ein -„feiner“ Unterschied da, den der liebenswürdige Plauderer nicht merkt. -Der Nabob konnte sich das erlauben. Er blieb der Nabob. Es ist so, als -ob es ihm beliebt hätte, mit durchlöcherten Schuhen spazieren zu gehen. -Wenn einer um 20 Kreuzer feilscht, weil ihr Verlust ihn schädigt, ist -das sehr natürlich, aber keineswegs eine interessante Perversität... -Jener Krösus, der um 20 Kreuzer gefeilscht haben soll, ist mir -übrigens nicht einmal interessant. Er konnte sich das erlauben. Ist -das interessant, was man sich erlauben kann? Ein andrer kann sich so -etwas nicht erlauben. Das ist aber nicht jener charmante Glossator, dem -es tatsächlich ein Bedürfnis ist, zu feilschen, weil er das Bedürfnis -hat nach dem -- Objekt des Feilschens, beziehungsweise seinen Mangel -peinlich empfindet. Ich meine den Unnatürlichen, der seine Unnatur -fühlt, sie bekämpft und -- ihr unterliegt. - -Von einem andern Zeitungsschreiber habe ich neulich lesen müssen: -Niemals habe die deutsche Prosa auf einer ähnlichen Höhe gestanden wie -heute. Es hat deutsche Schriftsteller gegeben vom Range der Schlegel, -Grimm, Hoffmann, Kleist, Novalis, Hölderlin, Platen, Stifter, Goltz, -Keller! Und der Unglückselige findet, die deutsche Prosa sei heute -auf einer Höhe angelangt „wie noch nie“! Heute schreiben sie und „tun -so“, „als ob“. Und dieser armselige Festredner glaubt es ihnen. Dabei -ist die Grammatik abhanden gekommen. Unter hundert heute landläufigen -Schriftstellern kann kaum einer Deutsch. Sie machen Fehler wie die -Buben in der ersten Gymnasialklasse und +merken+ es +nicht+. Sie merken -es nicht einmal bei andern: ein Zeichen, daß ihre „stilistischen -Ohren“ verstopft sind. Und Dumme und Kluge lassen sich heute so leicht -blenden! Es braucht einer nur seine Worte einige Jahre hindurch anders -zu stellen, als es die Syntax gebieterisch fordert: er imponiert; zumal -wenn ihn die andern „Verbrecher aus verlorner Ehre“ vielfach darum -preisen. Seine Unarten werden von unzähligen Schmieranten nachgeahmt; -so wird man heute Klassiker. - -Ich sage: es ist einfach unglaublich, wie schlecht bei uns geschrieben -wird. Kein Volk auf der ganzen Erde mißhandelt seine Sprache so wie -das deutsche. Es sollte ein Grimm heute versuchen, sein Wörterbuch mit -Beispielen aus der „schreibenden Gegenwart“ zu belegen, er könnte fast -nur fehlerhafte Wendungen verzeichnen. Gesetzt, ein Grimm von heute -hätte ein Gefühl für die Fehler seiner schreibenden Zeitgenossen. - -Denn das macht es aus, nicht nur in der Schriftsprache, im Leben -überhaupt sind wir um allen Stil gekommen und +merken es nicht+. Wie -wäre es sonst möglich, daß sich die Menschen nicht zusammenrotteten -und die große Mehrzahl ihrer Architekten, ihrer Baumeister, ihrer -Schriftsteller, vor allem ihrer Schriftsteller erschlügen? Man müßte -heute, um zum Tauglichen wenigstens wieder -- „instradiert“ zu werden, -alle Städte niederreißen, bis auf den Grund, und so ziemlich alle -„gebildeten“ Einwohner dieser Städte töten. Nur so wäre es möglich, mit -einer ausgewählten Zucht von jungen Menschen -- die man im Wachstum -wieder dezimierte --, durch gute Lehrer und treffliche Beispiele -unterstützt, etwas Kulturähnliches zu erzielen. - -Der Literat hat schweigend zugehört. Jetzt sagt er: „Aber +Sie+, nicht -wahr, Herr von Balthesser, Sie blieben uns doch erhalten? Das heißt, -- -den andern natürlich, denn ich würde ja wohl auch ausgerottet. Da ich -jedoch noch am Leben bin, darf ich mir die Frage erlauben, ob ich Sie, -Herr von Balthesser, ‚unterm Strich‘ behandeln kann.“ - - - - -_HERR VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM BESCHEIDENEN JUNGEN -SCHRIFTSTELLER ÜBER BÜCHER_ - - -Man sollte, sagte Herr Andreas von Balthesser, seine Bücher in -höchstens 100 Exemplaren drucken lassen, die man verschenkte. Das -Papier müßte fest und holzfrei, vorzüglich Bütten sein, die Textsäule -ungefähr ein Sechstel der großen Seite einnehmen. Kein Buch wäre zu -binden: das bliebe dem Eigentümer und seinem persönlichen Geschmack -überlassen. Wenn man, wie dies heute leider noch immer der Fall ist, -seine Bücher durch einen Verlag veröffentlichen und sie an den Türen -der Redaktionen um ein gütiges Geleitwort bitten läßt, verdient der -Autor eigentlich gar nicht, daß ein zärtlicher Schätzer seines Werkes -die Gabe ihm mit Dank quittiere. Wozu geht ein Dichter, der etwas -auf sich hält, auf den Markt? Um des Ruhmes willen? Den verleiht -die Mitwelt nicht. Und er kann dem stillsten Buche zuteil werden, -das vergessen in dem Winkel einer kleinen Bibliothek steht. Um des -Geldes willen? Wie selten hat ein wirklich vortreffliches Buch seinem -Schöpfer Geld eingetragen! Aus Eitelkeit, das heißt des zweifelhaften -Vergnügens wegen, sein Werk unter zahllosen unberufenen nach einem -berufenen Beurteiler auf der deplorabeln Suche zu sehen? - -Sie vergessen, Herr von Balthesser, erlaubte sich der junge bescheidene -Schriftsteller zu bemerken, daß man ein Buch wohl ins Ungewisse -flattern läßt, gleichwie ein dem Käfig entronnener Vogel, der aus -fremden Zonen stammt, ins Ungewisse flattert, daß aber liebevolle -Aufnahme ihm zuteil werden kann, von der sein Schöpfer niemals erfährt. -Ist das nicht schön? Und bietet der +eine+ Leser, dem Ihr Werk ein -süßes Ereignis der Seele geworden ist, Ihrer Einbildung nicht Ersatz -für hundert andre, die ihm nicht gewachsen sind? - -~Balthesser~: Das ist eine zärtliche Idylle in Wachs, gewickelt in -Watte, die mit Rosenwasser befeuchtet ist und verschämt duftet. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ist das ein Einwand, Herr von -Balthesser? - -~Balthesser~: Nein, nur eine spöttische Bewegung der Mundwinkel. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Die ich also nur als -ehrfürchtiger Beobachter Ihres interessanten Mienenspiels zu werten -habe. - -~Balthesser~: Wie Sie wollen. Ich jedenfalls werde meine Bücher nicht -mehr herausgeben, wenn ich überhaupt noch den Heroismus aufbringen -sollte, Bücher zu schreiben. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie werden gewiß noch Bücher -schreiben, Herr von Balthesser, und Sie werden sie auch herausgeben. - -~Balthesser~: Woher wissen Sie das? - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich erlaube mir das daraus zu -schließen, daß Sie so gegen das Herausgeben von Büchern perorieren. - -~Balthesser~: Sie sind ein malitiöser Partner. Aber ich liebe das. -Nichts ist langweiliger als Zustimmung... O doch: eines ist noch -langweiliger: eben dieses, Bücher zu schreiben. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sie müssen es wissen. - -~Balthesser~: Sie verblüffen mich angenehm. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~ verneigt sich. - -~Balthesser~: Ich habe sonst bei „zeitgenössischen Autoren“ wenig Geist -verspürt. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Um so bequemer für Sie, Herr -von Balthesser. - -~Balthesser~: Wieso? - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Weil Sie sich sicherlich die -Mühe genommen hätten, ihn zu negieren. - -~Balthesser~: Sie meinen doch nicht etwa, daß ich etwas ähnliches wie -Kritik geübt hätte? - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich müßte mich sehr täuschen, -wenn Sie nicht oftmals bereits „Kritik geübt“ hätten. - -~Balthesser~: Man spricht niemals von gestern. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Ich werde mich bemühen, diese -Lebensregel zu befolgen. - -~Balthesser~: Man soll sich niemals bemühen. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Sondern andre. Sehr richtig. - -~Balthesser~: Gewiß. Wer andre bemüht, ist der Herr seiner Wünsche. - -~Der junge bescheidene Schriftsteller~: Aber der Sklave seiner Launen. -Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr von Balthesser. - - - - -_ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DIE BETRACHTUNG VON GEMÄLDEN_ - - -Vor Gemälde vermeide ich mit Bekannten zu treten. Es wird dann immer -höchst überflüssigerweise „geredet“. Und sobald man vor Gemälden über -sie redet, entziehen sie sich einem. Es ist, als ob es sie verdrösse. -Sie verhüllen sich gleichsam von innen heraus. Man kann über Gemälde -nur in ihrer Abwesenheit sprechen. (Das Gegenteil hat bei Menschen -statt. Ich finde, daß man über Menschen nur mit ihnen selbst sprechen -kann. Natürlich auch brieflich, denn der richtige Briefschreiber -spricht zu einem Anwesenden. Es gibt wohl auch Briefschreiber, die -zu Abwesenden sprechen, solche aber werden immer schlechte Briefe -schreiben, uninteressante, unpersönliche.) - -Gemälde soll man nur in Stimmung betrachten. Es ist nicht wahr, daß -sich die Stimmung einstelle. Man muß Sehnsucht nach Gemälden empfinden, -sogar Sehnsucht nach bestimmten Gemälden. Spürt man unbestimmte -Sehnsucht nach Gemälden, dann mag man es versuchen, sich gleichsam -magnetisch mit dem in Rapport zu setzen, das sein Antlitz im Nebel -dieser unbestimmten Sehnsucht verschleiert hält. Will es sich nicht -entschleiern, dann unterlasse man es, an dem Schleier zu zupfen. Es -schneidet sonst plötzlich eine Grimasse, die lange nachwirkt. Aber jede -unbestimmte Sehnsucht birgt einen bestimmten Gegenstand. Unbestimmte -Sehnsucht ist nur ein vorläufiger, ein Verlegenheitsausdruck. - -Etwas anders ist gemeint, wenn ich hinzufüge, daß man sich in der -Betrachtung von Gemälden reinigen kann. Das soll nicht heißen, daß -man ohne Stimmung sei. Im Gegenteil: man hat gerade dann, wenn man -dieses Reinigungsbedürfnis empfindet, eine sehr starke Stimmung zu -künstlerischen Eindrücken. Eben ihre Stärke bedingt die Unlust, die -einem das „andre“ bereitet. Man wäre aber zum Beispiel nicht in der -Stimmung zu künstlerischer Betrachtung, wenn man sich in sinnlicher -Erregung befände. Wer von der Dame seiner Sinne endlich die verheißende -Andeutung erhalten hat, der darf nicht vor Gemälde treten. Er wird -geneigt sein, eine Nudität von Allegri über Reitergruppen von Mollyn -zu stellen, beziehungsweise, was noch schlimmer ist, vor Rubens an die -zu gewärtigenden Alkovenbewegungen seiner Dame denken. - -Ich habe es ferner immer äußerst uninteressant gefunden, mit Malern vor -Bildern zusammenzutreffen. Fachsimpelei ist der Tod der künstlerischen -Empfindung, die unmittelbar in der +Seele+ wirksam ist und so von -seelischer Wirkung zeugt. Die Seele eines Künstlers spricht durch -ein Bild zu meiner Seele. Ihr muß ich mit meiner Seele zu begegnen -trachten. Da hält technische Kennerschaft nur auf. Man mag ihre -Betätigung geruhig den nur allzu häufigen Stunden der künstlerischen -Ernüchterung überlassen. - -Damit will ich durchaus nicht gesagt haben, daß die Erfassung -des Technischen, die restlose Bewältigung des Technischen durch -die Anschauung, nicht nötig wäre, als Basis gleichsam jener -Seelenzwiesprache. Man lernt die Seele eines Bildes erst allmählich -und auf vielen technischen Umwegen kennen, wenn sie auch beim ersten -Zusammentreffen ihre Anwesenheit der verwandten noch so deutlich -verrät. Ich meine nur, daß das Reden über technische Dinge am besten -hinterm Rücken eines Bildes geschehen sollte. „Hinterm Rücken eines -Bildes“, das kann sich sehr gut vertragen mit dem vollsten Betrachten. -Aber es ist ein andres Betrachten als das, bei dem alle Vernunft -schweigt, abstirbt sozusagen, erlischt wie ein Licht in einer Lampe, -das noch eben eine leuchtende und wärmende Flamme war und alle -entfernten Ecken eines Raumes erhellte und -- mit eins fort, aus der -Welt ist, niemals da war. - -Bilder sind der schwierigste Umgang. Sie sind voll Launen und äußerst -empfindlich. Manchmal kommen sie einem entgegen mit einer Offenheit, -einer Freundlichkeit, daß man nicht weiß, wie man sich zu fassen hat. -Manchmal gehen sie von einem so schnell und weit fort, daß man ihnen -nicht zu folgen imstande ist. Auch haben sie sehr wechselnde Stimmen. -Bald sind sie überlaut, bald so leise, daß man sie kaum versteht und -immer „wie“ fragen möchte. - -Nebenbei gesagt: Bilder sind ein gefährlicher Umgang. Sie können einen -geradezu verzaubern. Es gibt Bilder, die man niemals mehr aus seinem -Leben bringt. Sie können das Schicksal eines Lebens werden... Man -besucht eine Stadt zum erstenmal, man begibt sich unter andern Fremden -in eine ihrer öffentlichen Sammlungen. Man tritt in einen Saal. Milde -Oktobersonne liegt darin oder ein warmer Frühlingschein, eine Dame -in grünem Reiseschleier steht über ein rot gebundenes Buch geneigt. -Ein Aufseher wandelt auf knarrenden Sohlen an dir vorbei... Du siehst -auf. Ein Bild. Noch kaum ein Name, hat es plötzlich Gewalt über dich -bekommen, deine Weltauffassung, ohne daß du es noch ahnst, im Kerne -geändert. Vielleicht hat es der Zukunft deines von einer fremden Frau -noch ungeborenen Kindes die Bahn gewiesen. - - - - -_WAS ANDREAS VON BALTHESSER GELEGENTLICH ÜBER DAS GESPRÄCH ZU BEMERKEN -HATTE_ - - -Wenn mich die Leute nur mit ihren „Ansichten“ in Ruhe ließen! Ich bin -aus Höflichkeit genötigt, ihnen zu antworten, und, will ich mich nicht -überflüssigerweise mit Lügen anstrengen, muß ich ihnen mindestens etwas -Ähnliches wie „eigene Ansichten“ sagen, die leider immer anders lauten, -als ihre Fragestellung will. - -Das Gespräch erzogener Menschen meidet jegliche Auseinandersetzungen. -Es bewegt sich leicht, spielend, gewissermaßen mit fröhlicher Ironie, -die jedermann zugänglich ist, tändelnd auf Wandelwegen im duftigen -Schatten beschnittener Hecken. Es mag manchmal langweilen, aber es will -keinen „sachlichen“ Ernst. Es bietet keine groben Handhaben, wie sie -die stämmigen Dauerredner überall angebracht sehen wollen, sich mit der -Wucht ihrer Überzeugungen dranzuhängen. Es ist nicht ohne das feine -Parfüm des Mißtrauens. Es hat vor allem keinerlei jeder Behaglichkeit -so gefährliche Individualität. - -Wir sind zusammengekommen, uns in leichtsinniger Stimmung mit heitern, -an sich völlig belanglosen Worten zu vergnügen. Es steht bei den -einzelnen, sich zu beteiligen oder mit verbindlichem Lächeln zeitweilig -außer den Kreis der „Aktiven“ zu treten. - -Gute Gesellschaft ist ohne Meinung. Der Causeur referiert nicht -- ein -Referat ist der plumpe Grabstein der Konversation --, noch weniger -urteilt er. Urteile in der Causerie sind ein Zeichen schlechter -Erziehung. - - - - -_GLOSSEN ZUR PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG_ - - -Gut gekleidet sein, heißt vor allem +nicht auffallend+ gekleidet sein. -Alles Vollkommene ist unbefangen, selbstverständlich. - -Das zweite Gesetz lautet: +Solidität+. Auch dieses wird seine Anwendung -überall im Leben bestätigen, wo etwas Vollendetes vorliegt. - -Es ist zum Beispiel durchaus nicht selbstverständlich, die Manschetten -und Kragen an das Hemd anzuknöpfen. „Selbstverständlich“ ist das -Hemd aus +einem+ Stück. Sparsamkeit aber, womit man allenfalls die -Teilung zu rechtfertigen sucht, ist ein Begriff aus einem andern -Reich, der in das „künstlerische“ Gebiet der Kleidung hineingetragen -wird, wie man in die Dichtung das moralisierende Element, die Tendenz, -hineingetragen hat als ein wesensfremdes. Tendenzen wie „angeknöpfelte“ -Manschetten und Kragen sind sicherlich „zielbewußte“, aber darum nicht -eben schönere Dinge. Stil lehnt jedes Kompromiß ab. Das Kompromiß -bringt den Stil um. Es ist stillos, an das Hemd einen Teil durch -mechanische Mittel anzufügen, der mit ihm ein Ganzes vorzustellen hat -und -- darin liegt das Unreelle, also Gemeine der Sache -- dieses -Resultat vorzutäuschen beabsichtigt. Die vollkommenste Täuschung bleibt -eben als Täuschung ein armseliger Kniff der Unzulänglichkeit, die -das Zulängliche kennt, schätzt und -- den Schein der Zulänglichkeit -erschleicht. - -Noch eines: Wer Manschetten und Kragen aus „Schonung“ an das Leibstück -anknüpft, trachtet im Grunde nur über die Tatsache hinwegzutäuschen, -daß er ein bereits gebrauchtes Hemd nicht zu wechseln pflegt. Er -verschweigt sein verschmutztes Hemd, indem er die sichtbaren Ausläufer --- Kragen und Manschetten -- durch reine Stücke ersetzt. Man darf das -gebrauchte Hemd nicht ein zweites Mal anziehen. Das mag kostspielig -sein, aber -- sich gut zu kleiden, ist eben nicht wohlfeil. Daran ist -nichts zu ändern. - -Über die „Fasson“ des Anzugs entscheidet natürlich die Mode. Aber nur -bis zu einem gewissen Grade. Einem Menschen, der sich mit Verständnis -und Geschmack zu kleiden weiß, hat die Mode nichts zu befehlen. -Nie wird er sich ihr blind unterwerfen, aber auch nie gegen sie -demonstrieren. Eines ist ebenso geschmacklos wie das andre. - -Kreationen freilich mag man geruhig einem tonangebenden König -überlassen. - -So wie ein wohlerzogener Geschmack nicht „Leder“-Tapeten oder ein -Gips-Gebälk in der Wohnung duldet, ebenso wird er das angefertigte -„Flüchtige“, die steif gefaltete und „fertig“ genähte Krawatte und den -unwandelbar mit „Bug“ versehenen Strohhut verabscheuen. Sicherlich -auch wird der Mensch von Geschmack seine Schuhe selbst schließen, also -entweder zuknöpfen oder zuschnüren, nicht in ein durch Gummiteile -gefügig gemachtes Stiefelgehäuse schlüpfen, auch nicht wie ein -Negerhäuptling über einem Wolleibchen ein „Vorhemd“ -- schon der Name -riecht nach Kannibalentum -- baumeln lassen. Derlei Dinge sind auch nur -noch in deutschen Landen „diskutabel“, wo man allen Ernstes erwägt, ob -man an der Hotel-Abendtafel in Kniehosen und Wollhemd teilnehmen dürfe -oder nicht, und wo das Messer ebenso unfehlbar zur -- Torte gehört wie -das Tellerchen aus gepreßtem Glas mit neckisch untergelegtem gesticktem -Tüchlein samt dem Miniaturlöffelchen zum „Eis“... - -Das sind die Axiome. Alles übrige ist „Nuance.“ Doch wer wird von -den „letzten Dingen“ -- den wechselseitigen zarten Beziehungen der -einzelnen Kleidungsstücke untereinander -- zu Honoratioren und -sonstigen Unsäglichen sprechen, die den Abend-Gesellschaftsanzug, den -Frack, als des brav aufwartenden Bürgers Vormittagsfestgewand ansehen, -die das Straßen- und Besuchskleid, den Gehrock, aus dem Verließ des -Garderobeschrankes hervorholen, wenn sie mit der seidestarrenden -Ehehälfte zur -- Sommersonntagsfahrt ins Grüne sich rüsten, die etwa -gar den zeremoniellen Zylinder mit dem bequemen gelben Schuh in -Geberlaune zum farbigen Akkord zwingen und dem Gehrock durch die -- -Frackweste und die schwarze Smokingschleife größere Feierlichkeit zu -verleihen meinen! - - - - -_HERR VON BALTHESSER GIBT SEINE ANSCHAUUNGEN VOM VERKEHR ZUM BESTEN_ - - -Menschen und Bücher, die immer von der Aristokratie des Geistes reden, -sind mir tief verdächtig. Ganz abgesehen davon, daß ich nach meinem -persönlichen Geschmack die Aristokratie der Geburt weitaus der des -Geistes vorziehe, im Umgange, heißt das. An den Verkehr stelle ich -hohe Anforderungen, die der gebürtige Aristokrat mühelos erfüllt, -der „geistige Aristokrat“ leider zumeist ganz unerfüllt läßt. Ich -verlange zum Verkehr nicht Menschen, die immer das letzte Werk des -neuesten Norwegers schon gelesen haben, sondern Menschen, die sich -mit Unbefangenheit gut zu benehmen imstande sind. Wer da glaubt, das -seien bescheidene Ansprüche, der täuscht sich gewaltig. Es ist viel -„leichter“, einen geistreichen Essay zu schreiben, als ein tadelloses -Benehmen zu entwickeln. Denn einen geistreichen Essay zu schreiben, -das erfordert außer Technik des Handwerks und einiger Bildung noch den -sogenannten Geist, beziehungsweise -- sein Spiegelbild. Tadelloses -Benehmen aber ist lautloser Lebensrhythmus. - -Tadelloses Benehmen ist kein Additionsergebnis. Es läßt sich durchaus -nicht in einem Anstandsbüchlein auseinandersetzen, wie es pomadisierte -Ladenjünglinge der Konfektionsbranche in den Pausen ihres schwierigen -„Verkehrs“ mit den Damen der Hauptstadt voll Beflissenheit studieren. -Tadelloses Benehmen ist überhaupt nicht erlernbar, sondern eine -„Rasse“eigentümlichkeit, etwa wie die Hautausdünstung der Schwarzen. -Das „Aristokratische“ ist keineswegs immer tadellos. Aber sicherlich -haben von 100 Aristokraten 90 ein sicheres Benehmen. Unter 100 -Nichtaristokraten hingegen sind 98 in ihrem Benehmen ganz und gar -unmöglich. Und ich ziehe es entschieden vor, mit weniger geistreichen -Leuten, die sich „benehmen“ können, zu verkehren, als mit Leuten ohne -Benehmen, sie mögen im übrigen das Gebildetste auf der Welt sein. - -Diese schreiben ja heutzutage zumeist Bücher. Und es ist doch weitaus -bequemer und amüsanter, in ihren Büchern zu blättern, die man jederzeit -weglegen kann, als sich die Last eines Verkehrs aufzuhalsen, der aus -vollen Schüsseln der Intelligenz mit -- ästhetischer Roheit spendet. Es -ist aber leider zehn gegen eins zu wetten, daß der scharfsinnige Autor -eines lesenswerten Buches im „Leben“ ein unästhetischer Mensch sei. -Deshalb vermeide ich auch lieber persönliche Bekanntschaften aus dem -„Reiche des Geistes“, die mir höchstens den guten Eindruck eines Buches -verderben könnten. - -Entrüsteten Ausrufzeichen aber begegne ich mit einer Darstellung -dessen, was ich unter einem „unästhetischen Menschen“ verstehe. -Die Entrüsteten denken natürlich zuerst an das Nasenbohren -und Kopfhautkratzen, als welches sie sich doch schon seit dem -Gymnasium abgewöhnt hätten; sie denken, wenn sie auf weitere -Fortschritte in der Schule des Benehmens stolz sind, an das -Ausspucken und Mit-dem-Messeressen. Aber das sind die allergröbsten -„Handgreiflichkeiten“. Sich über derlei aufhalten, hieße Spucknäpfe -in Bureaulokalitäten tragen. Ich meine ganz andre Dinge. Ich habe es, -als ich in jüngern Jahren nicht umhin konnte, manchmal „Picknicks“ der -sogenannten gebildeten Stände aufzusuchen, z. B. stets im höchsten -Grade unästhetisch gefunden, wenn ein junges Mädchen bei der Quadrille -mir von Maeterlinck zu sprechen anhub. Es ist mir tausendmal lieber, -wenn ein junges Mädchen zu ihrem Tänzer sagt: „Finden Sie nicht, daß -es heute sehr heiß ist?“ Auf mein Wort, mir ist das tausendmal lieber. -Aber das Mädchen, das mit mir, in dem sie den Dichter sah (ich hasse -alle Leute, die „in mir den Dichter sehen“), bei der Quadrille von -Maeterlinck zu sprechen anhub und sich wunder was darauf einzubilden -imstande war, hat dem nächsten Herrn doch gesagt: „Finden Sie nicht, -daß es heute sehr heiß ist?“ Diese Tochter der gebildeten Stände -+richtet nämlich ihr Benehmen ein+. Ein Mensch von Benehmen aber -richtet niemals sein Benehmen ein. Er +hat+ ein Benehmen, und das geht -von ihm aus wie der Heugeruch vom Stallburschen. - -Der unästhetische Mensch ist entweder befangen oder ungeniert. Beides -ist gleich peinlich. Der Befangene ist immer um einen halben Takt -voraus oder zurück; er stört jede Situation und bittet beständig um -Entschuldigung, flüstert hinter der hohlen Hand und behandelt Bediente -mit Ehrerbietung, wofür ihn diese natürlich gebührendermaßen verachten. -Der Ungenierte ist von aufreizender Kordialität. Er drückt alten Damen -die Hand, nimmt mit vorgespreizter Handfläche „das Wort aus dem Mund“, -tritt aufgeräumt zu Spieltischen alter Herrn, denen er in den Nacken -hustet, wendet sich mit unpassender Vertraulichkeit an den servierenden -Bedienten. Niemals wird ihm in seiner Gottähnlichkeit bange, er hat -keinerlei Menschenfurcht: ihm kann nichts geschehen, man müßte ihn denn -niederschießen. - -Eine der schrecklichsten Sorten unästhetischer Menschen sind die -noch in der Entwicklung begriffenen „Elegants“. Sie haben Bewegungen -des Rückgrats, die verstimmend auf die Magennerven wirken. Ihre -abgezirkelte „Nonchalance“ könnte unter Umständen humoristisch wirken, -wenn sie nicht mit Ernst quittiert werden müßte! Die Art, wie sie Bein -über Bein schlagen, während sie den Zucker in der Tasse schwarzen -Kaffees umrühren, ist geeignet, den umgänglichsten Menschen zu ihrem -Todfeind zu machen. Sie spielen immer den Überlegenen, und eine ihrer -reizendsten Kombinationen ist die arrogante Verlegenheit, mit der sie -angebliche Indiskretionen vorbringen, um die sie niemand ersucht hat. - -Das Ekelhafteste auf der Welt aber ist der „Schöngeist“ in seinen -verschiedenen Spielarten, als da wären: die leicht chokierte ältliche -Dame aus geachteter Beamtenfamilie, der im Cönakel „gefeierte“ -Schriftsteller, der den Weltmann spielt und auf Schritt und Tritt -Nüancen fallen läßt wie Knallerbsen, endlich der „Unberechenbare“, -der durch eigenartige Auffassungen der solidesten Lebensverhältnisse -zu verblüffen bestrebt ist, z. B. plötzlich das Recht auf Blutschande -verteidigt und mit schamlosen Geständnissen nicht geizt. - -Es gibt Menschen, die regelmäßig ins Kaffeehaus gehen. Sie können ja -nichts dafür, daß es ihnen angenehm ist. Solche Menschen meide ich „von -vornherein“. Es ist unmöglich, daß ein Mensch, der täglich durch einige -Stunden im Kaffeehause sitzt, ein wünschenswerter Verkehr wäre. Das -setzt eine Unempfindlichkeit gegen eine ganze Reihe höherer Taktfragen -voraus, die für mich zu den Unerläßlichkeiten gehören. - -Es gibt Menschen, die auf sogenannten städtischen Promenaden auf und -ab ziehen. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Das sind Leute, -die gegen Staub, Gestank und Lärm, die größten Plagen der heutigen -Menschheit, unempfindlich sind. - -Es gibt Leute, die jede Première sehen müssen. Solche Menschen meide -ich von vornherein. Kritiker, die durch den Besuch der Theater ihren -Beruf ausüben, sind auf das tiefste zu bedauern, jene „Amateurs“ -aber sind verächtlich, da sie Sinne wie Taue und einen Geschmack wie -Feuerländer haben müssen. - - - - -_ÜBER VERNÜNFTIGE, SNOBS UND BEFLISSENE_ - - -Es gibt „vernünftige“ Menschen, die sich an Wagners „Texten“ stoßen. -Sie behaupten, die Musik zu schätzen, den Text aber zu verabscheuen. -Sie „weisen das nach“. Es gibt Schwärmer, die behaupten, daß die Bühne -den Zweck habe, Illusionen zu erzeugen. Diesen Kerzlweiberstandpunkt -hat der Prunk der sogenannten szenischen Darbietungen verschuldet. - -Ich kenne „Vertreter geistiger Interessen“, die Shakespeare mit -Wildenbruch, Hölderlin mit Hamerling, Maupassant mit Tovote, Terborch -mit Grützner, Ibsen mit Sudermann verwechseln. Da ist nichts zu -machen. Solchen Leuten geht man am besten behutsam aus dem Wege, -und wenn man ihnen nicht ausweichen kann, stellt man sich grinsend -schwerhörig. Es sind dieselben Menschen, die von „unsympathischen -Charakteren“ bei Dostojewski sprechen oder E. T. A. Hoffmann -einen Gespenstergeschichtenerzähler nennen. Das ist eine Gruppe -von „Kunstfreunden“. Sie zählt nach Millionen. Wenn sie zufällig -„akademische Bildung genossen“ haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß -sie eine Deutsche Literaturgeschichte „verfassen“. - -Eine zweite Gruppe hat immer die Meinung des Nächststehenden. Es gibt -Menschen, die ihre Meinung mit dem Abonnement ihrer Zeitungen ändern, -ja, mit dem Wechsel der Feuilletonredakteure. Das sind die Leute des -„neuen Stils“, die, wenn sie bei Mitteln sind, alle 10-12 Jahre ihre -Hauseinrichtung von Grund aus ändern, und wenn der letzte Band Ebers an -die heranwachsende Nichte verschenkt ist, mit dem ersten Band -- Ruskin -beginnen. Sie führen Goya und -- Sascha Schneider im Munde, tragen -heute hochgeschlossene und morgen tief ausgeschnittene Westen, je nach -dem, was der Schneider ihnen als die letzte Mode empfiehlt, und geben -ungebeten die neuesten Verhaltungsmaßregeln. Sie sind immer bereit, mit -fliegenden Fahnen überzugehen. Wenn sie „Dichter“ sind, schreiben sie -heute à la Maeterlinck und morgen à la D’Annunzio. Sie wissen nie, wer -sie im Grunde sind. Sie könnten sich über Nacht gestohlen werden. Ihre -Vertreter in der Generation der heute fünfundzwanzigjährigen sind durch -die Bank „moderne Lyriker“. - - - - -_ANTIBARBARUS_ - -_(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS -PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL -GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN -TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND -ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)_ - - -Auf die Gefahr hin, wieder einmal intra et extra montes mit -Kopfschütteln, bedenklichem sowohl als wohlwollend-mißbilligendem, -zu den Unverbesserlichen gezählt zu werden, die sich, während sie -doch „Wichtigeres“ zu tun hätten, die Finger an heißen Platten -und platten Hitzigkeiten zu versengen allzu lüstern scheinen, muß -ich auf die Schafwollverwogenheiten des aus seiner Pseudonymität -weiter nicht zu lüftenden „Montanus“ erwidern, wies der Geist mir -eingibt. Ich habe das trutzige Stückchen vom frisch-froh-freien -Lodengermanen auf der Heimreise von St. Moritz gelesen, zufällig -gerade diesen abgegriffenen Fehdefäustling von einem Zeitungsjungen -zur Fahrt-Verkürzung und Rückkehrtrübsalströstung erwerben müssen. -Nunmehr, da ich in Gletschergedanken und Firnenträumen seufzend -wieder städtisches Pflaster trete -- die nach bescheidenen Begriffen -„boshafte“ Anspielung sei etwaigen Duplikanten gratis dahingegeben -- -und nachgerade etliche Zeit verstrichen ist, als innerhalb welcher -Herrn „Montanus“ zu entgegnen andern Bewohnern dieses Teils der leider -zeitunglesenden Welt freigestanden hätte, drängt’s mich, in einer -unbeschäftigten halben Stunde mit der Abermeinung aufzuwarten. Noch -steht mir der Geruch in der Nase -- idealiter heißt das --, der die -Lektüre begleitete. Keineswegs, wie man füglich, doch aber voreilig -annehmen könnte, war’s der mit brav aufsaugender, konservierender -Wolle unzertrennlich verbundene männiglich bekannte, sondern Veltliner -Geruch, beizendes Weinparfüm nämlich und dieser zähe Odeur, ein in zwei -Wechselhemden heimtückisch aus zerbrochener Flasche eingeflossener, -Hemden, die ich in der Handtasche aus Bahnfahrtreinlichkeitsgründen -für 26 Stunden (außer dem frischen auf dem lesenden Leibe) bereit -hielt: ein also freventlich umkleidsamer Antibarbarus bin ich, -hört es, Silvani! Zunächst nun die „oben beregte“ Frage der -„Wichtigkeit“. Ich kann nicht einsehen -- ein typisches Merkmal des -Unverbesserlichen --, daß es minder „wichtig“ sein sollte, über -Fragen der „äußern“, der ästhetischen Kultur zu diskutieren denn -über reimtechnische etwa oder Fragen der Bühnenpraxis oder solche der -hochnotpeinlichen Politik von Fragmentfraktiönchen. Und Menschen, -die es partout nicht begreifen wollen, beziehungsweise als unwürdig -verschreien, wenn ein Dichter, nach ihrer Meinung also ein Mensch -mit einem unverrückbaren „Poetenstandpunkt“, sich „ernstlich“ um -andre Dinge bekümmert als um sogenannte „dichterische“, vermag ich -nur als betrübliche Scheuklappenstelzbeine zu bedauern. Für mich, -Andreas von Balthesser, dekadenten Autor der „Androgyne“, ist ein -„Dichter“ ein Mensch mit dichterischer Begabung, im übrigen aber -ein Mitmensch, Weltbürger und Zeitkind mit mehr oder weniger großem -Welthirn und mehr oder weniger hellen Zeitaugen. Sein „Vorzug“ vor -„Nichtdichtern“ liegt, wenn überhaupt vorhanden, im größern Reichtum -an Persönlichkeit, nützliche Mitglieder der Gesellschaft sattsam -aufregender Eigentümlichkeit, in der Fülle seiner unausschöpfbaren -Wesenhaftigkeit, in der kompliziertern Kontur. Ein beliebiger Bedichter -beliebiger Dichtbarkeiten scheint mir um dieser seiner unfreiwilligen -Merkwürdigkeit willen noch lange nichts Wunderbares. Dagegen sind mir, -seitdem ich das zweifelhafte Vergnügen habe, bewußter Nebenmensch -Nächster zu sein, Kultur, Stil, vollendete Form, blutvolle Rasse, -alles Ganze, Echte, Runde als herrliche, leider nur allzu spärlich -ausgestreute Besitztümer erschienen. - -Dies also wäre die Einleitung. Und nun in medias res, wie minder -beherzte Schreiber sich anzufeuern pflegen. „Montanus“ schmäht mit -der -- Ausschließlichkeit des unverkennbaren Spreeatheners alle -Bergfahrer, die in ihrem Koffer die ihnen unumgänglich dünkenden -Abendtoiletteutensilien mitführen. Ihm gilt nur der als ein der -großen Natur, die auch er alljährlich per Rundreisebillett mit seiner -Gegenwart beehrt, würdiger Reisender, der sie, die nackende Natur -nämlich, mit Vermeidung alles ekeln „städtischen“ Rüstzeugs aufsucht. -Das Ideal -- wozu die Betonung? -- des Alpenwanderers ist sonach der -weidlich bekannte Loden- und Schafwolldeutsche, der um keinen Preis -„angesichts“ von Gletschern und Spitzen in weißer gesteifter Wäsche -und gebügelten Beinkleidern sich zu Tische setzen mag. Dies ist nun -freilich wieder einmal Geschmacksache. Keineswegs jedoch ist das stolz -verkündete Programm der verschwitzten Freizügigkeit ein Dokument von -Deutschlands größerer Reise- und Tourentüchtigkeit. Ich, Andreas -von Balthesser, der Dandy, stelle des unentwegten Lodenapostels -entrüstunglodernder Beteuerung die zwischen zwei Zigarettendampfstößen -dem Gehege meiner blankgeputzten Zähne entlassene, nicht minder von -sich selbst überzeugte Behauptung entgegen, daß die trefflichsten, -ausdauerndsten und erfolgreichsten Hochtouristen sich unter dem von -Montanus und Stilgenossen verschrienen Lackschuhpöbel finden, der -es aus Kultur der Gepflogenheit für geschmackvoller hält, an der -Abendtafel eines komfortabeln Hotels nicht in verstaubten Kniestrümpfen -und durchnäßter Joppe Platz zu nehmen. Montanus aus -- Athen stellt -die Sache fast so dar, als wäre das Mitführen eines Frack- oder -Smoking-Anzuges körperlichen Leistungen nicht nur mechanisch-physisch, -sondern geradezu moralisch hinderlich, als wäre es ein Zeichen -verächtlicher Städterei, in die Berge den Teil der Garderobe -mitzubringen, den man -- auf Bergen nicht anzulegen pflegt. - -So hingeklebt äfft die Karikatur ihren leider sehr befriedigten -Bildner. Es handelt sich gar nicht darum, ob jemand mit Lackschuhen -Gletscher betritt oder im Tennisanzug Felsen erklimmt. Wer solche -Unverträglichkeiten zusammenstellt, um sie dann hohnlachend -niederzukartätschen, kämpft lärmend gegen Windmühlen vor einem -Publikum von Blindgebornen. Es handelt sich auch nicht darum, ob -jemand aus Gründen des Geldbeutels lieber einfache Herbergen aufsucht -als Engadin-Palasthotelbauten. Das sind Fragen nicht der Kultur und -Sitte, sondern der finanziellen Verhältnisse oder der persönlichen -Vorlieben. Wenn man aber, wie es der Berg- und Talgermane tut, sich -breit aufpflanzt und den Nationen des der Tageszeitung lauschenden -Erdballs mit Donnerstimme den Wilden als den bessern Menschen -verkündet, dann darf der durchaus Andersgläubige immerhin der Frage auf -den geschwollenen Leib rücken und, seinerseits alle Modifikationen -ablehnend, sich absolut versteifen. - -Und dieses meint der rettungslos Versteifte -- den Dank begehrt er -nicht --: Notlage entschuldigt, rechtfertigt aber kaum. Wenn ein -Tourist, der -- sei’s nun „aus Prinzip“ oder aus Bedürfnislosigkeit --- ohne Gepäck reist, bergmäßig angetan in einen lichterhellen -Table-d’hôte-Saal gerät, wird man den Versprengten nicht abweisen -dürfen. Sicherlich hat auch er das „Recht“, in verschwitzter Wäsche -und bestaubten Kleidern gleich den gereinigten Genossen sein Mahl -zu genießen, das er ebenso wie sie bezahlt. Unfug aber wäre es, -Terrorismus vor allem gegenüber wehrlosen Nachbarn, wollte die -Phalanx der wilden Männer durch die brutale Mehrzahl die löbliche -Sitte sprengen, der sich gerne fügt, wer auch +Gehorchen+ zu den -Kulturerrungenschaften des „Gebildeten“ zählt. Die abendliche -Speisetracht unter Menschen von Geschmack ist nicht der Lodenrock, -sondern eben der abendliche Gesellschaftsanzug. Dies zu bestreiten, ist -kein Heldentum, sondern Eigensinn. Wer, wenn er von drei Uhr morgens -bis zum späten Nachmittag gewandert und geklettert ist, nicht das -Bedürfnis fühlt, Wäsche und Kleidung zu wechseln, ist um den Mangel -dieses Bedürfnisses wahrlich nicht zu beneiden. Wer aber, wenn er’s -empfindet und ihm nachgibt, geflissentlich andre Kleidungsstücke -anlegt, als im weltbürgerlichen Europa die erprobte diskrete -Gepflogenheit verlangt, mag sich Revolutionär dünken, darf sich aber -nicht wundern, wenn ihn der andre Teil der Welt -- der diesseits aller -Hinterwäldler und Hinterweltler -- stillschweigend oder halblaut als -einen -- sagen wir artig-neutral Outsider nimmt und also traitiert. Es -ist keine Kunst, sich gegen Regeln irgend eines Milieus aufzulehnen. -Aber es ist mehr als „Kunst“, es ist +Gnade+, sich unbefangen, -+selbstverständlich+ in einem erlauchten Milieu zu bewegen. Und wenn -der deutsche, zumal norddeutsche Reisende leider noch immer dafür -bekannt ist, daß er gegen die Gesetze des gesellschaftlichen Taktes und -der konventionellen äußern Kultur (Ästhetik) unangenehm zu verstoßen -pflegt, so scheint mir, Andreas von Balthesser, Autor der „Androgyne“, -dies nicht eben ein Moment, das trotzig-selbstbewußt zu betonen, -das vielmehr in bescheidener Erziehungsarbeit mit allem Aufwand an -deutschem Fleiß und deutscher Energie allmählich endlich -- schon aus -„Humanität“ -- zu +beseitigen+ wäre. - - - - -_HERR VON BALTHESSER PHANTASIERT ÜBER DAS THEMA „DIE DAME“_ - - -Eine Dame ist eine virtuelle Vollkommenheit, die Mängel nicht -ausschließt. Man kann eine Dame sein und muß keine Rasse haben. Man -kann eine Dame und rührend oder unverzeihlich dumm sein. Man kann eine -Dame sein und sich sogar -- schlecht kleiden. Jedenfalls kann man eine -Dame sein ohne die Spur von Eleganz, ohne die Spur von Geist. Man kann -tugendhaft wie ein englischer Gouvernantenroman und nichtsdestoweniger -eine Dame sein. Man kann Bücher schreiben und doch eine Dame bleiben, -man kann Kinder haben, sogar viele Kinder, und eine Dame sein. Es -gehört nicht Geld dazu, und Millionen müssen die Gnade nicht erdrücken. -Man darf kokett, sogar sehr kokett sein und kann doch eine unantastbare -Dame bleiben. - -An eine Dame kann niemand heran. Eine Dame wird sich nichts „vergeben“. -Eine Dame wird über ihr Benehmen nie im Zweifel sein. Sie wird aber -nichts affektieren, was ihre Wesenheit zu umschreiben dienen könnte. -Eine Dame darf Launen und Passionen verraten. Sie mag versteckt, sogar -borniert, bigott, adelstolz, hochmütig, frei und großzügig, leutselig, -liebenswürdig, zuvorkommend, mürrisch, schlagfertig, jähzornig, -sentimental, melancholisch, unterhaltungssüchtig, ehrgeizig, kindisch -sein. Sie kann eine Königin der Mode, sogar eine Zierpuppe, eine -Pretieuse, eine Zimperliche (prüde) sein. Sie hat aber keinen Hang -zum Snobismus oder -- läßt ihn sich niemals anmerken. Sie mag hassen, -verachten und spotten, sie wird aber nicht maulen, raunzen, greinen, -tratschen und klatschen. - -Sie gestattet Schmeicheleien, aber sie glaubt nicht daran. Sie ist -nicht laut, aber auch nicht schüchtern. Sie ist nicht grell, aber -auch nicht farblos. Sie muß nicht platt und banal, sie kann glatt, -schwierig, sie darf sogar ein unauflösliches Rätsel sein. Sie muß nicht -das Wort führen, wird es sich aber nicht nehmen lassen. Sie wird nicht -„lauschen“, aber beileibe keine Rede halten. Sie wird sich nicht in -Szene setzen, sich jedoch niemals übersehen lassen, nie dominieren -wollen und doch leise den Ton stimmen. In ihrer Nähe wird man nicht -immer Ehrfurcht empfinden, gewiß aber nicht Unverschämtheit betätigen. -Man muß sie nicht vergöttern, wird sie aber niemals überhören. Sie -wird nicht diktieren, und man wird sich ihr doch fügen. Sie braucht -nicht verführerisch, nicht anmutig zu sein, aber sie kann nicht -geringgeschätzt werden. Eine Dame respektiert man. Eine Dame kann -erwärmen und -- abkühlen. Denn eine Dame hat +Takt und immer wieder -Takt+. Dame kann man nicht +werden+. - -Eine junge Dame aus bürgerlichster Familie heiratet einen -Vollblutaristokraten und „wird“ Aristokratin --: sie ist es längst -+gewesen+. Aber hätte sie einen Schnittwarenhändler geheiratet, wäre es -nicht aus ihr „herausgekommen“. - -Die „Dame“ ist nicht an eine Kaste gebunden. Aber nicht in allen -Schichten ist ihr Nährboden; unterhalb einer gewissen Sphäre ist der -Begriff nicht anwendbar, bleibt die Erscheinung unerkannt. Es ist -theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß eine Ehefrau, -die ihrem Gatten, dem Papierhändler, hinter der Budel hilft oder ihm -die Bücher führt, alle Eigenschaften einer Dame besitze, dennoch -bleiben sie sozusagen unfruchtbar. - -Eine Dame kann sehr gut einen Omnibus benützen, wenn sie nicht in -der Lage ist, einen Fiaker zu bezahlen, sie kann in der Küche selbst -das Essen zubereiten, das sie ihren Gästen selbst vorzusetzen den -anmutigen Stolz besitzt, sie kann eine Gewinn erzielende Tätigkeit -entwickeln, Stunden geben, Handarbeiten anfertigen, aber -- Kunden -bedienen kann sie nicht. Es gibt Damen, die Ammen sind, große Damen -sogar (der Säugling ist freilich ein Prinz des Herrscherhauses), es -gibt Damen, die den Dienst von Kammerfrauen versehen und sich eine Ehre -daraus machen (der Geschmack daran ist Erziehungssache), aber keine -Dame wird an einem Schauturnen sich beteiligen oder öffentlich einer -sozialethischen Doktrin huldigen, während es hinwiederum vorkommen -soll, daß sich unter Schauspielerinnen Damen finden (der Geschmack -daran ist -- Talentsache). - -Die Dame muß durchaus nicht amüsant, braucht aber auch nicht -langweilig zu sein. Sie wird den Anspruch nicht verlieren, wenn sie -von Vergangenheiten umflüstert und wechselnden Gegenwarten geneigt -ist. Dieser Punkt ist freilich einigermaßen heikel. Aber nicht die -Brille eines Obmanns des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit wird man -aufsetzen dürfen, um hier klar zu sehen, sondern es gilt, Ohren zu -spitzen, die das Gras über Begebenheiten wachsen zu hören begabt sind. -Es gibt eine tönerne Schale des Begriffs „Dame“, die tausend Risse, und -nicht nur feine Haarrisse, sondern recht derbe Sprünge aufweisen kann, -ohne zu zerscherben. Man wird innerhalb eines Gesellschaftskreises -aus tausend Gründen der Eitelkeit, Rücksicht, Klugheit die Augen mit -Gewalt verschließen Tatsachen gegenüber, die der Mund nicht nur nicht -in Abrede zu stellen versucht, sondern sogar ganz behaglich wiederholt. -Und es gibt „Damen“, die, zum gesellschaftlichen Tod verurteilt, ein -hohes Alter der äußern Reputation erreichen. Es gibt „Damen“, über die -man sich nicht genug entrüsten kann und denen man doch nicht ernsthaft -auf den leichten Fuß zu treten wagt oder imstande ist. Die moralische -Heuchelei verträgt sich mit fader Prüderie ebensogut wie mit der -(angesagten) Inkognito-Debauche. Auch ist der Ehebruch zum Beispiel, -wenn er selbst in Permanenz erklärt ist, nach der strengen Auffassung -maßgebender Kreise noch lange nicht so verdammenswert als die -eklatante Mißheirat, und der Gatte, der eine „unmögliche“ Frau in die -Gesellschaft bringen wollte, die -- Maitressen duldet, würde bald in -Zweifel ausschließender Deutlichkeit an die Naivetät seines ungehörigen -Vorgehens sich erinnert finden. - -Die Dame des Hauses ist die Seele des von ihr geladenen Kreises. -Sie weiß Harmonie hervorzuzaubern aus ungefügen Elementen, weiß -sie zu erhalten. Nichts ist bezeichnender für ein Haus als seine -Geselligkeit. Nicht so sehr die Personen, die man heranzieht oder -die sich einfinden, als ihre Stimmung. Das ist, so wenig man auch -dem Hausherrn seine Rolle verkürzen mag, den ihm gebührenden Einfluß -mindern will, Sache der Dame. Daß der Stil ihres Hauswesens sie -ausdrückt, ist selbstverständlich. Die Dame des Hauses lebt in ihrer -Tischordnung, ihrem Gerät, der Verteilung der Lichteffekte. Aber die -Dame belebt nicht nur stumme Mittel, sie dirigiert lebendige. Niemals -wird eine Dame ein Stocken des allgemeinen Gesprächs oder eine Stauung -in der Zirkulation der Mitglieder ihres Kreises dulden. Niemals werden -Längen eintreten, niemals wird ein unpassendes Presto-staccato die -Leistungsfähigkeit ihres Orchesters vor der Zeit schwächen dürfen. -Sie wird sie vielmehr zu beleben trachten, wird eine Art von Rausch -in Permanenz erhalten, der beschwingt, aber ja nicht lastende -Ernüchterung zurückläßt. Gesellschaften, denen man mit Gewissensbissen -nachhängt, sind schlecht geleitet gewesen. Es ist Sache der Dame, die -ihr zur Verfügung gestellten Talente nicht abzubrauchen. Sie muß zu -gruppieren, nicht nur Situationen, sondern auch Skalen der Beziehungen -zu schaffen wissen. Und darum muß sie zuerst unbedingt ihrer selbst -sicher sein. Worin besteht die Sicherheit des Benehmens, das die Dame -auszeichnet? Es sind nur Züge anzudeuten, die man nicht etwa summieren -darf. Summen sind immer brutal. Sicherheit ist nicht mit Ungeniertheit -zu verwechseln. Man kann geniert sein durch einen Lümmel, der sich -im Eisenbahncoupé Rock und Schuhe auszieht, durch einen Roßknecht, -der im Freien badet, durch einen Trunkenen (es muß nicht gerade ein -Trunkener sein), der an der Hauswand sein Wasser abschlägt, durch eine -Chansonette, die sich in gewagten Entblößungen gefällt. Es ist außer -Frage, daß solche „Gêne“ hier nicht gemeint ist. Das Befangensein, das -durch gesellschaftliche Situationen hervorgerufen wird, denen man sich -nicht gewachsen fühlt, aus Mangel an gesellschaftlicher Bildung, ist -der Makel, der die Kleinbürgerin von der Dame unterscheidet. - -(Das große Kapitel der schlechten Manieren überschlagen wir.) -Aber nicht nur die Befangenheit, auch, ja noch mehr fast die -- -Unbefangenheit ist hier von Übel. - -Die Leute, die es „reizend“ finden, wenn ein Negerfürst die Mundschale -austrinkt, halten solche „Unbefangenheit“ mit Recht bei übertünchten -Europäern für anstößig. - -Eine Frau, die nur Herrn bei sich sieht, ist keine Dame. (Sie mag eine -+gewesen+ sein.) Eine Frau, die nur Frauenbesuch empfängt, muß aber -darum noch keine Dame sein. Im Gegenteil: dies ist sogar ein (immerhin -grobes) Zeichen für den Mangel der den Begriff konstituierenden -Eigenschaften. Frauen, die miteinander „verkehren“, während die Männer -einander nur im Kaffeehause oder „Geschäft“ begegnen, sind keine Damen. -Solcher „Stil“ schließt die Neigungen einer Dame von vornherein aus. - -Man kann sehr zurückgezogen leben und sogar eine +große+ Dame sein -(obwohl dies einigermaßen schwer ist, jedenfalls muß man, um den -Titel mit Fug behaupten zu dürfen, eine Zeitlang wenigstens -- nicht -zurückgezogen gelebt haben). - -Die „große“ Dame ist vor allem Aristokratin. Zu ihrer „Größe“ gehört -nicht nur ein großer Titel, sondern auch eine lang nachflutende -Schleppe von Ahnen. Sie ist in glänzenden Geldverhältnissen, und sie -weiß sie großartig zu nutzen. Man irrt, wenn man in der Gattin eines -hohen Funktionärs mit historischem Namen bereits eine große Dame -zu erblicken wähnt. Nicht die Stellung, nicht der Name, nicht der -Reichtum, sondern alles zusammen ergibt die große Dame -- und dies -erst dann, wenn sie in ihrer Persönlichkeit +die Musik dazu+ hat. Man -„wird“ ebensowenig eine große Dame, wie man ein Grandseigneur „wird“. -Aber es ist sehr gut denkbar, daß man eine große Dame „gewesen ist“ -und aufgehört hat, es zu sein. Da man weder Persönlichkeit noch Namen -aufgeben kann, wäre der Schluß naheliegend, die Verwandlung bloß auf -das materielle Moment zu beziehen; und sicherlich, wenn eine große Dame -ihr Geld einbüßt, ihre Besitzungen verkauft, ihre Juwelen verpfändet, -ihre Pferde losschlägt, ihre Lakaien entläßt, ist sie bereits -depossediert. Aber doch liegt es nicht in diesen aufzählbaren Fakten, -sondern in ihrer „Melodie“. Man kann nicht sagen, diese und jene -Verengerung des gewohnten Rahmens sei die Grenze, hinter der sich die -Züge der Erscheinung plötzlich verwandeln. Sonst wäre es ja denkbar, -daß jemand sein ganzes Leben -- sich an die Grenzbalken lehnte. Und es -ist +nicht+ denkbar, denn eine solche angelehnte große Dame ist nur für -Kurzsichtige noch „groß“. - -Wer sich unter einer „großen“ Dame die sogenannte majestätische -Erscheinung vorstellt, wird höflich ersucht, seinen Portiersstandpunkt -nicht zur Diskussion beisteuern zu wollen. - - - - -_EINIGES AUS ANDREAS VON BALTHESSERS LEIDER NICHT GESAMMELTEN -SINNSPRÜCHEN UND GLOSSEN_ - - -Ich nenne mich, wenn das große Wort erlaubt ist, -- für große Worte -sollte man immer um Verzeihung bitten und dazu lächeln -- „stolz“ einen -Dilettanten. Nur der Dilettant ist der Freie. Alles, was Uniform trägt -(ich meine die unsichtbare; die sichtbare ist -- eine Sichtbarkeit, -eine Äußerlichkeit, im Grunde genommen eine Bequemlichkeit, oft sogar, -was freilich so verallgemeinert als Ironie wirkt, -- ein Zeichen der -Freiheit), alles, was Uniform trägt, ist irgendwie eingeschworen. Über -Eingeschworene und Eingeborene hat der Reisende das Übergewicht der -Leichtigkeit. Eingeborene bleiben zurück. - - * * * * * - -Zu den Aufdringlichsten gehört ein Mensch, der sich rechtfertigt. - - * * * * * - -Das Geheimnis der guten Beziehungen ist das Vermögen, sich außer allem -Bezug zu erhalten. - - * * * * * - -Der große Meßmer hat ein halbes Jahr lang ohne Worte gedacht. Die -meisten Menschen behelfen sich ein Leben lang mit Worten ohne Gedanken. - - * * * * * - -Das Gesetz der Welt ist das Gleichgewicht. Im Körperlichen, Moralischen -und Geistigen rührt alles Unbehagen von seinem Verluste her. Tragisch -heißen Menschen, die ihn eintreten fühlen und vergeblich dagegen -ankämpfen. Moralisch ist jedes Streben, es wieder zu gewinnen. Die -japanischen Akrobaten erlösen die Seele des moralischen Zuschauers -auf Augenblicke von ihrem Leiden. Auch die beseligende Wirkung der -vollkommenen Schönheit beruht auf jenem Gesetze. - - * * * * * - -Es gibt Leute, die so selten wahre Affekte haben, daß sie ihre seltnen -erst posieren müssen, um daran glauben zu können. - - * * * * * - -Verträglichkeit ist ein Zeichen der Gleichgültigkeit. - - * * * * * - -Gegensätze soll man nicht auszugleichen trachten, sondern produktiv -gestalten. - - * * * * * - -Ein einheitlicher Mensch sein, heißt Gegensätze in sich zu erhalten -wissen. - - * * * * * - -Viele Menschen lernt man auch in jahrelangem Verkehr nicht kennen, weil -sie sich immer „geben“, niemals „sind“. - - * * * * * - -Der vornehme Mensch empfängt ohne Bedenklichkeit. - - * * * * * - -Geben kann man lernen, nehmen muß man können. - - * * * * * - -Rasse ist ein andres Wort für Gleichgewicht. - - * * * * * - -Man sieht den Menschen, wenn man ruhiger geworden ist, sich -geistig-seelisch „gesetzt“ hat, gar so leicht hinter ihre Masken, -und wenn man überdies nicht mehr jung genug ist, sich hinterdrein -darüber zu ärgern, daß man immer wieder versucht gewesen war, sich -täuschen zu lassen, wird eine Art von stillem Ekel das Ergebnis dieser -unwillkürlichen Erfahrung abgeben. Auch ich habe, gesteh ich’s nur, -einst geschwärmt für andre Menschen, andre Meinungen, für neue, noch -nicht erhörte Dinge. Das war die Zeit der geistigen Pubertät, -- -die bei manchen Menschen niemals endet. Bei mir hat sich der Staub -aufwirbelnde Frühlingssturm sehr bald, vielleicht zu bald gelegt. Die -ironischen Mundwinkel sagen „zu bald“. Zwei, drei grobe Enttäuschungen --- für mich grob, für robuster Fabrizierte wären sie vielleicht gar -nicht in Betracht gekommen -- haben genügt, mich zu ernüchtern. -Enttäuschungen hinterlassen einen starken Schweißgeruch. (Wer beschämt -wird, fühlt den Schweiß am ganzen Körper hervorbrechen.) Man schreitet -schnell hindurch in reinere Atmosphären. Heute täusche ich mich so -leicht nicht mehr. Auch bin ich mir meiner eigenen Schwächen und -Unwahrheiten -- jeder Mensch hat deren nur allzuviele; die wenigsten -gestehen sie sich ein (andern sie einzugestehen, ist ganz und gar -unnötig) -- allzusehr bewußt, als daß mir die der andern entgehen -könnten: sie gleichen einander alle ja auffallend. Anderseits gibt es -Irrtümer, die man lieb hat, lieb behält. Man weiß, es sind Irrtümer, -man hat sie auch längst von sich abgetan, aber man sieht sie noch immer -gern -- an andern. - - * * * * * - -Takt ist unhörbare Harmonie. - - * * * * * - -Takt ist richtige Empfindung, Regel erstarrte Übung. - - * * * * * - -Geist ist wenig, Tiefe ist alles. - - * * * * * - -Jede große Tiefe hat eine spiegelnde Oberfläche. - - * * * * * - -Erziehen ist eine Aufgabe für Musiker. Der Erzieher soll der Dirigent -der Seele sein. Unmusikalische Menschen taugen nicht zu Erziehern. -Bildung kann man einem Kaffer vermitteln, erziehen heißt Vorhandenes -entwickeln. - - * * * * * - -Rasse ist Erziehung in Permanenz. - - * * * * * - -Es gibt viele „Wahrheiten“, die den Umgang mit der Vernunft als einen -zu schlechten Verkehr ablehnen. - - * * * * * - -Wenn man sich über die Dummheit der andern nicht aufregt, sondern dazu -lächelt, nennen sie einen herzlos. - - * * * * * - -Diplomat sein, heißt den andern nicht zum Bewußtsein kommen lassen, daß -man sie getäuscht habe. Die meisten Diplomaten glauben ein Übriges -getan zu haben, wenn sie „beobachten“ und über Beobachtungen berichten. -Dann wäre, theoretisch gesprochen, eine Tarnkappe das unentbehrlichste -Requisit des Diplomaten. Nach demselben Trugschluß könnte die -vervollkommnete Photographie in Farben den -- Maler ersetzen. - - * * * * * - -Man erzählt von einem erschrecklich raffinierten Kirchenfürsten, -der dem Besucher im vollen Sonnenlicht seinen Platz angewiesen -habe, während er selbst im Schatten verblieben sei, um unbeobachtet -beobachten zu können. Ich vermag leider nur zu konstatieren, daß der -schlaue Kirchenfürst keine Manieren besessen haben muß. Sicherlich -hätte ich in dieser Situation meinen Fauteuil vom blendenden Licht -gelassen abgerückt. - - * * * * * - -Etwas, was die „Gebildeten“ in ihrem gefrornen Dünkel nicht ahnen, ist -die unsichtbare Gemeinschaft der Gläubigen an den heiligen Geist und -ihre Hierarchie (Stufen und Grade der Nähe). - - * * * * * - -Wer kein Gehör hat, wird unfehlbar von Freiheit und Gleichheit -deklamieren, sobald er sich zu Menschen einer höhern Tonart verirrt hat. - - * * * * * - -Auf dem Glatteis der schönen Sitte muß alle Prinzipienflegelei Arme und -Beine brechen. - - * * * * * - -Wer sich bewegen kann, ist nicht verpflichtet, Meinungen zu widerlegen. - - * * * * * - -Meinungen sind ein Auskunftsmittel für Leute ohne Gehör. - - * * * * * - -Es gibt Leute, die sich dafür entschuldigen, daß sie auf der Welt sind. -Und immer wieder findet man es wirklich -- unverzeihlich. - - * * * * * - -Wer nicht fühlen kann, muß hören, was andre sagen. - - * * * * * - -Wer sprechen gelernt hat, glaubt schon reden zu können. - - * * * * * - -Man kann ein durchaus ehrlicher Mensch sein und doch ganz unmaßgeblich. -Man kann Staubfäden zu klassifizieren imstande sein und braucht -deshalb doch kein Gesicht zu haben. - - * * * * * - -Fülle des Herzens, der Goethesche „Mittelpunkt“ („Glüh’ entgegen...“). -Die „Grenze“ zwischen der Albernheit des Enthusiasmus und seiner -hinreißenden flammenden Schönheit ist keine Linie, sondern ein halber, -ein Achtel-Ton. - - * * * * * - -Es sind nicht gerade die Verständigsten, die alles „verstehen“ wollen. - - * * * * * - -Das kollernde Bleistück der Bürgerlichkeit läßt einen der eigenen -Genialität vertrauen. - - * * * * * - -Constantin Somoffs Theaterzettel für das kaiserlich russische -Hoftheater: russisches Rokoko, das entzückendste. Puschkins Novellen. -Sein eleganter Tod. Und die plumpe Komödie der „modernen“ Konstitution. -Druckerschwärze, Petroleumlampen, Schnaps, staubige Röhrenstiefel über -Fußlappen. - - * * * * * - -Die geniale „Idee“ der katholischen Kirche. Ihre erlauchten -Symbole. Die göttliche Gnade und ihre geadelten Träger. Dagegen -Pastorenliberalismus, Kompromißlerschweifklemmerei. - - * * * * * - -Choderlos de Laclos, Fragonard, Boucher, Miniaturporträts, Lawrence, -Beardsley -- reimt das auf fraternité, égalité usw.? Sumpfgegend der -modernen „Kultur“. Hügelzüge von Abfall und Scherben. Garküchengeruch. -Und „unentwegte“ Dickhäuter in numerierten Tümpeln watend. - - * * * * * - -Ein glücklicher Bräutigam ist dem „Nächsten“ ebenso langweilig wie -ein verzweifelter Witwer. -- Zwischen zwei „Nächsten“ dehnt sich die -unabsehbare Fremde. - - * * * * * - -Takt ist im Grund nur ein andres Wort für -- Herz. - - * * * * * - -Gutmütigkeit ist nicht mit Herz zu verwechseln. - - * * * * * - -Es kann einer das Herz „auf dem rechten Fleck“, aber eben nur dort, -nicht -- überall haben. - - * * * * * - -Gourmandise ist ein Zeichen von feinen Sinnen. Der Gourmand ist nichts -weniger als ein Schlemmer. Er ist der „Eßkünstler“. Ich kenne Leute, -die in ihrem langen Fresserleben noch niemals den Genuß des Essens -empfunden haben. - - * * * * * - -Es gibt Menschen, die sich selbst verhöhnen, um ganz zu bleiben oder -vielmehr um sich selbst ein Ganzes vorzustellen. - - * * * * * - -Bornierte Menschen soll man nicht widerlegen wollen. Widerspruch ist -immerhin ein Zeichen von Anerkennung. - - * * * * * - -Man erkennt den Philister daran, daß er niemals um Gründe verlegen ist -und immer Zwecke fordert. Der Dilettant ist der unbegründet Zwecklose. - - * * * * * - -Das (unausgesprochene) Ideal des „modernen“ Menschen ist seine -„Steigerung“ zur Maschine. Man teilt die nützlichen Mitglieder der -Gesellschaft -- in Funktionäre ein. - - * * * * * - -Es klingt heute schon wie ein Märchen, daß es Völker, Kulturen gegeben -habe, die Organismen vorstellten. - - * * * * * - -Symptomatisch für die Kultur der Gegenwart ist die Vervollkommnung der -Surrogate. - - * * * * * - -Wenige Menschen wüßten sich anders denn durch ein Legitimationspapier -zu legitimieren. - - * * * * * - -Visitenkarten sind oft das Einzige, was von einem Menschen „aussagt“. - - * * * * * - -Nimm dem Menschen die Pose (wie man, als Vorsehung auf den Wolken -thronend, dem Ahnungslosen zum Beispiel -- ein Lieblingsgedanke des -unter dem Geschwätz der Nachbarn Leidenden -- einen bestimmten Vorrat -an Worten abgezählt zumessen könnte: plötzlich ginge ihm, wenn er -nicht haushälterisch mit seinem Besitz umgegangen wäre, das letzte -Wort aus: er schnappte wie ein Fisch und klapperte im Leeren wie die -Schatten Homers), nimm dem Menschen die Pose: er wird verwelken, -verkümmern, eingehen, absterben. Was ist Alexander, der Asien Tribut -auferlegt, gegen einen Bureauchef, der seinen Hilfsarbeitern den Urlaub -mit der großen Papierschere beschneidet! Ratsch! Zwei Tage ringeln -sich im Staube. Diesem Machtbewußtsein gegenüber kann nur -- der Riese -Prokrustes standhalten oder sonst etwas Mythisches. - -Das erste Gesetz der Sozietät lautet: Du mußt dir in irgend einer -Hinsicht wichtig dünken! - - * * * * * - -Es gibt Leute, die sich geehrt fühlen, wenn man sie verkennt, in -schmeichelhafter Weise verwechselt. - - * * * * * - -Es gibt Leute, die gern „leutselig“ danken. Sie danken oft, ehe sie -gegrüßt werden. - - * * * * * - -Die Menschen sind so leicht zufrieden gestellt. Sie müssen nur wissen, -+was einer ist+, z. B. er ist ein Staatsanwalt, ein Millionär, ein -Dramatiker. Das genügt. - -Und ist es denn im allgemeinen anders? Begnügen sich die Menschen -nicht überhaupt mit Benennungen? Sind die Worte, mit denen wir uns -„verständigen“, nicht auch nur „Benennungen“ „abgekürztes Verfahren“? - - * * * * * - -Der Wahnsinn des „Fortschritts“ zertrampelt die nährenden Wurzeln der -Vergangenheiten. - - * * * * * - -Unter „Fortschritt“ verstehen die meisten -- unbewußt -- die -Unfähigkeit, Wurzel zu fassen. - - * * * * * - -Das Vorhandensein unwürdiger Repräsentanten erweist die Lebensfähigkeit -einer Organisation. - - * * * * * - -Man hört heute immer wieder von Festversammlungen. Und doch kennt diese -Zeit nur -- angesagte. - - * * * * * - -Nicht alle, die Bücher schreiben, haben Bücher -- gelesen. - - * * * * * - -Wer ein Buch gemacht hat, meint, über -- Menschen urteilen zu können. - - * * * * * - -Der Kabarettist, der seine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse vorn -Podium herab vorträgt, fühlt sich mir überlegen, der ich ihm, Sekt -trinkend, zuhöre (oder mit meinem Nachbar plaudere). Mein Nachbar fühlt -sich dem Kabarettisten überlegen, der seine ernsthaften dichterischen -Erzeugnisse vom Podium herab vorträgt, während er, der Nachbar, Sekt -trinkt und ihm zuhört (oder mit mir plaudert). Ich fühle mich meinem -Nachbar überlegen, weil er sich dem Kabarettisten überlegen fühlt, und -fühle mich dem Kabarettisten überlegen, weil er sich mir und meinem -Nachbar überlegen fühlt... Eine Frage: Würde ich mich als Kabarettist -einem überlegen fühlen, der mir, Sekt trinkend, zuhörte, während ich -meine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse usw.? - - * * * * * - -Kostümierte Affekte sind Snobismen der Seele. - - * * * * * - -Der unrettbare Kleinstädter als „Weltmann“: es gibt kaum etwas -Kläglicheres. Aber immer wieder finden sich Leute, denen auch er -imponiert. Und Literaten schreiben auf Grund solcher Eindrücke „Bilder -aus der Gesellschaft“. - - * * * * * - -Der Bauchredner, der seine Puppen auf den Knieen hält und mit peinlich -wirkender Gewaltsamkeit den Verblüffer spielt -- für Unteroffiziere -und Kindermädchen: ein Bild für manchen großen Mann unter den heutigen -Literaten. - - * * * * * - -Es gibt eine Übergangsperiode im Leben, die man mit dem Wort altklug -nicht übel bezeichnet. Ein großer Teil unsrer Literaten kommt über -dieses kindische Stadium niemals hinaus. - - * * * * * - -Nur +der+ Leser und Hörer heißt mir ein mit Urteil begabter, der -keinerlei Doktrinarismus, auch nicht dem -- revolutionären huldigt. - - * * * * * - -Wir leiden heute an Autoren, die mehr können, als sie -- sind. - - * * * * * - -Es ist ein großer Mangel der deutschen Literatur, daß ihr das -Weltmännische abgeht. - -Der deutsche Schriftsteller „übt den schriftstellerischen Beruf aus“. - - * * * * * - -Unsre bessere Literatur riecht nach ungelüfteten Stuben, die -schlechtere nach dem Kaffeehaus. - - * * * * * - -Unter literarischen Snobs muß man den Dandy hervorkehren. Das ist die -einzige Rettung gegen die üble Ausdünstung dieses Milieus. Man macht -sich gleichsam durch eine Schlangenhaut unempfindlich. - - * * * * * - -Nur der heißt mir ein Redender, ein Schreibender, der jedem Wort neues -Leben einflößt, +sein+ Leben. - - * * * * * - -Schreiben ist Unterwerfung des Wortes. Die größten Schöpfungen sind -die, deren Dasein das Wort überhaupt vergessen macht, Schöpfungen gegen -das Wort. - - * * * * * - -Die meisten Schriftsteller schreiben im Taglohn des Wortes, eines -Chefs, den sie niemals zu Gesicht bekommen. - - * * * * * - -Stil im Schreiben (wie Geschmack im Leben) ist nur Vorläufigkeit, nicht -Erfüllung. Größe bedarf keines Erkennungszeichens. - - * * * * * - -Er ist wahrhaftig schrecklich, dieser gute Ton, der es einem verbietet, -das jeweils einzig richtige Wort anzuwenden. Bin ich wirklich -verpflichtet, bis ans Grab die Komödie der Höflichkeit mitzumachen? - -Wie unerhört ist die Anmaßung eines Herrn X-Y, der „auch“ Bücher -schreibt (hätt’ ich es doch nie getan!), einen Menschen, der wahrlich -nichts dafür kann, um deswillen als „Gleichgesinnten“ zu begrüßen. Sie -halten’s für Pose, diese Armseligen, wenn ich verlauten lasse, daß mich -Hundeausstellungen weitaus mehr interessierten als die „Anschauungen“ -des „gleich“- oder andersgesinnten Herrn Y-Z über Ibsen oder Meunier. - - * * * * * - -Schlechte Manieren werden nur Leuten verziehen, die sie nicht nötig -hätten. - - * * * * * - -Wer „fürstliche“ Trinkgelder gibt, bekundet ein ängstliches Bewußtsein -mangelnder Selbstachtung. - - * * * * * - -Es gibt ernsthafte Männer, die ihre „geistigen Interessen“ nicht mit -ihrer Frau teilen, wohl aber -- mit dem „Stammtisch“. - - * * * * * - -Es gibt naive Gemüter, die von Zeit zu Zeit ausspucken und sich immer -wieder dafür entschuldigen, -- daß sie keine Manieren haben. - - * * * * * - -Damen soll man nur dann voll anschauen, wenn sie lächeln. Dann -verlangen sie es. - - * * * * * - -Ich empfinde es immer als Anmaßung, wenn ein Jemand zu mir „auf -Wiedersehen“ sagt. Es ist ein Wunsch, der mit der Gegenseitigkeit -rechnet. - - * * * * * - -Der Gesellschaftston legt den Zwang auf, zwanglos zu erscheinen. Wer -das Bewußtsein der Tatsache verloren hat, daß dieser Zwanglosigkeit -Zwang zum Grunde liegt, heißt ein Gesellschaftsmensch. - - * * * * * - -Eine Frau, die weiße Wollstrümpfe und dazu -- Zugstiefeletten trägt, -sollte man um einen Fuß kürzer machen dürfen. - - * * * * * - -Germania in Zwirnhandschuhen und Konfektions-„Nouveautés“: ein -Vorwurf für einen naturalistischen Bildner. Nicht zu vergessen die -höchst praktischen, „der Touristin unentbehrlichen“ mechanischen -Klapp-Rockschürzer. - - * * * * * - -Wenn einer eine Reise tut, glaubt er davon erzählen zu dürfen! - - * * * * * - -Zu rechter Zeit aufhören, heißt genußfähig sein. Armer Teufel, der -ein bezahltes Gericht, eine halbgeleerte Flasche Sekt nicht -- stehen -lassen kann, ohne Reue zu empfinden. - - * * * * * - -Fortschritt, Kulturkampf, Freimaurertum, Emanzipation der Frau usw.: -armselige Selbstgefälligkeit taubstummer „Weltbürger“, die sich nur -durch eine konventionelle Gebärdensprache miteinander „verständigen“ -können. - - * * * * * - -„Von vornherein“ miteinander per Du sind bei uns in Österreich die -Aristokraten und -- anderseits -- die Fiakerkutscher, „Wasserer“, -Taglöhner. Oben und unten die -- Selbstverständlichen. Die -Mittelklasse: Professoren, Beamte, Kaufleute sind auf konventionellem -Fuß miteinander. Sie haben einander immer nur etwas zu +sagen+, -können nie auf +freiem+ Fuß miteinander verkehren wie die -Aristokraten und -- die Fiakerkutscher. - - * * * * * - -Die geschmackvolle Geselligkeit als unbewußte Äußerung -kulturgesättigter Organisationen ist heutzutage fast gänzlich -ausgestorben. Es gibt einen traditionellen Stil der großen Welt, -der eine gewisse natürliche Grazie hat, aber leeres Arabeskenspiel -bleibt, wenn er nicht mit Unsittlichkeit gewürzt ist. Es gibt -ferner einen Kompromißstil der verschiedenen Zwischenreiche, der -sogenannten „zweiten Gesellschaften“, in denen man sich relativ am -besten unterhält, weil viel „Abwechslung geboten“ und -- meist recht -gut gegessen wird. In diesen Kreisen findet man auch hin und wieder -versprengt einen harmlosen Menschen, dem diese mühsamen Lustbarkeiten -wirklich noch ein Vergnügen zu bereiten imstande sind. - -Die große Welt hat ihre eigenen Gesetze, hinter denen der Mensch -verschwindet. Aber wenn diese Bande einigermaßen nachlassen -- in der -intimen Häuslichkeit --, weiß ich überhaupt nichts, das reizender wäre. -Hier herrscht Freiheit, Maß, Sicherheit, Ruhe. Die bürgerlichen Kreise -sind sehr mannigfacher Art, aber fast durchaus unerfreulich. Entweder -wird ein Stil kopiert, oder es ist ein Stil im Begriffe, verlustig zu -gehen. - -Die größte gesellschaftliche Roheit herrscht in den Kreisen der -„ausübenden“ Künstler aller Art; vor allem mangelt das, was jeder -höhern Geselligkeit den anmutigsten Reiz verleiht: Achtung vor dem -Alter und den Kindern und Ritterlichkeit und Dezenz gegen die Frau. - - * * * * * - -Die Prüderie der hohen Gesellschaftskreise, die Heuchelei ist, kann -man sehr leicht parieren: man vermeide Verstöße. Meist klagt der über -Prüderie, der es an Takt ermangeln läßt. - - * * * * * - -Ein Blick in den Zuschauerraum eines modernen Varietétheaters, der -dann zur Bühne gleitet, wo Neger brüllend Cake-walk tanzen oder ein -bunt gekleideter Radfahrer, auf einer elektrisch bewegten Drehscheibe -gegen die Drehrichtung tretend, seine Lunge vor biertrinkenden -Handlungsreisenden aufbraucht, sollte den Schwärmern für die Kultur -des konstitutionellen Europa Erleuchtung zu verleihen imstande sein -über die unrettbare Barbarei dieser ordinärsten aller „geschichtlichen -Epochen“. - - * * * * * - -Es ist ein großer Unterschied zwischen schäbiger Eleganz und eleganter -Schäbigkeit. Diese ist ein rührendes, Hochachtung einflößendes Zeichen -des Widerstandes der Rasse gegen das herbe Schicksal, jene der -unwiderlegliche Beweis abenteuerlicher Gemeinheit. - - * * * * * - -Der gesellschaftliche Snob ist ein Held von großer Bravour. Er erleidet -täglich Demütigungen seiner Eitelkeit, die bis aufs Blut gehen. Aber -er verschmerzt sie immer wieder und erklimmt auf Händen und Füßen die -nächste Etappe. - - * * * * * - -Es gibt Menschen, die ihre unerbetenen Einladungen so lange -zurückweisen lassen, bis man neugierig wird, den Träger einer derart -jedes erlaubte Maß übersteigenden Schamlosigkeit zwischen seinen vier -Wänden kennen zu lernen: dann ist ihr Zweck erreicht. - - * * * * * - -Wenn sich junge Leute aus guter Familie in einem Hause, wo sie zu -Gast sind, ungezogen benehmen, ist immer das Haus daran schuld. Der -besterzogene Mensch, gar ein junger, wird übermütig, wenn er sieht, -daß er sich alles erlauben darf, und versucht aus Trotz gegen diese -hündische Observanz immer von neuem, ob er in seiner Unart nicht noch -weiter gehen könne. Es sollte zu denken geben, daß in den Häusern der -Snobs und Parvenus gerade die jungen Leute sich am ungezogensten geben, -die in ihren Kreisen auf das sorgfältigste den Anstand wahren. - - * * * * * - -Der typische Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts -- des Jahrhunderts -der Lüge -- ist der geadelte „Bürger“. Die Söhne spielen bereits die -Aristokraten, und den Enkeln glaubt man es -- aus Bequemlichkeit. - - * * * * * - -Man kann die Menschen nach ihrem sichtbaren Wesen, dem, was ihren -natürlichen Stil ausmacht, in zwei Klassen scheiden: die einen und -die andern. Die einen sind die von der Natur begünstigten, die andern -die nichtbegünstigten. Es ist nur ein Glück, daß die Nichtbegünstigten -es nicht merken. (Im Grunde gefällt sich eigentlich jeder Mensch, -täuscht sich jeder gern über sich selbst, wenn er auch Momente der -Selbstbesinnung und Selbstverachtung hat.) - -Das „Geistige“ freilich ist ein ganz andrer Einteilungsgrund und -scheidet die Menschen in ganz andre Lager. - - * * * * * - -Wenn man Fragen des gesellschaftlichen Anstands ernsthaft traitiert, -rumoren „Freigeister“ gleich über Engherzigkeit. Als ob solche -Nadelköpfchen mit der Schlosserzange anzufassen wären! Wer wird sich -mit diesen Nichtigkeiten abgeben, deklamiert ein „Großzügiger“.... -„Abgeben“? Mit nichten. Sobald derlei Niaiserien mit Gewicht behandelt -werden, sind sie auch schon erdrückt. Man kann sie nicht in Paragraphen -„erschöpfen“, kann keine Normalien für Anstand herausgeben. Alle -solchen Wegweiser und Handbüchlein sind von niederschmetternder -Lächerlichkeit. - -Überhaupt hat die Vernunft in solchen Dingen nichts dreinzureden. -Sie wird sich da immer sehr schwerfällig, plump und abgeschmackt -gebärden. Und ebensowenig hat die Ethik mit den zierlichen Sächelchen -zu schaffen. Beileibe auch nicht das berühmte „Gemüt“. Empfindsamkeit -in seinem Achtzehnten-Jahrhundert-Sinn schon viel eher. Es führt eine -vielfach verschnörkelte Linie vom Pretieusentum über die Empfindsamkeit -zum Chik. Der Chik aber ist nicht wie ein Stück Skulptur aus einer -Barockdeckenmalerei „täuschend“ hervorgezerrt (sehr handgreiflich -„gezerrt“), sondern eine Arabeske +im Material des gesellschaftlichen -Anstandes+, einer Welt der „andern“ Dimensionen, ebensowenig an der -Ethik wie die Ethik am Dienst-Reglement zu messen. (Die Gerade und die -Kugel -- zwei „Welten“.) - - * * * * * - -Unverkennbar ist die Gleichmäßigkeit der Temperatur im -gesellschaftlichen Verkehr der mehr als „Wohlgeborenen“ nicht eine -„Geschmacks“frage der leeren „Zeichen“, sondern ein musikalisches -Aufeinandergestimmtsein. Ein fremdes Element muß dem Musikalischen -sofort auffallen. Stufenweise Fortgeschrittene behalten immer etwas -beamtenhaft Rangsklassenhaftes, dessen „ärarischer“ Geruch unaustilgbar -scheint. - - * * * * * - -Gibt es wohl etwas Geschmackloseres als ein Festmahl, veranstaltet von -Frauen zu Ehren eines Sexualethikers? - - * * * * * - -Das „arrogante Gesicht“ vor Portiers und Kammerdienern. Man weiß -darum, lächelt, höhnt sogar darüber, spielt aber doch immer wieder die -mediokre Komödie. Und die Leute brauchen das. Das „liebe Gesicht“ des -jungen unter ältern Kollegen. Die charmante Bereitwilligkeit. Alles -Humbug natürlich, aber sowohl erzieherisch als wirksam ... Das gerührte -Gesicht, das ergriffene Gesicht, das nachdenkliche, das blasierte, das -unbefangene, naive Gesicht (dieses übrigens äußerst wohlfeil), das -dämonische, das faszinierende Gesicht. - - * * * * * - -„Er ist ein Schwein.“ Schlagende, totschlagende Kürze. Ein Spruch, -gegen den es keine Einrede mehr gibt. Wenn einmal jemand irgend -wen vor andern so gekennzeichnet hat, dann ist kein Beschönigen -mehr möglich, kein Abmildern, geschweige denn ein Zurücknehmen. Das -„Schwein“ deckt ihn ein für alle Male zu. Den Unglückseligen, der uns -einmal irgendwo als „Schwein“ vorgestellt worden ist -- in absentia -natürlich --, kann jedermann als „Schwein“ weitergeben. - -Wer ist ein „Schwein“? Besser: wie +wird+ man ein „Schwein“? Nicht -der Zotenjäger ist gemeint, nicht aus Studentenbierkneipen stammt das -Wort, das wie ein Peitschenhieb über einer moralischen Physiognomie -sitzt, diese „soziale“ Bezeichnung hat hochgebornen Ursprung und -verliert sofort an Gewicht, wenn sie außerhalb ihrer Sphäre angewendet -wird. Es gibt Leute, die einfach niemals „Schweine“ werden +können+. -Das verächtliche Wort will unter Gentlemen besagen: Der und der ist -gänzlich „unmöglich“. - -Es ist mancher längst ein „Schwein“, ohne es zu wissen, wenn er’s auch --- ahnt. Aber erst der erfüllt den Begriff „voll und ganz“, wie die -Festredner mit Vereinsabzeichen sagen, der genau weiß, daß er durch -diese Handlung, jene Unterlassung ein „Schwein“ geworden ist. Manchmal -versucht er es noch, sich wieder an die Oberfläche zu bringen. Es -geschieht zitternd. Der Anblick eines einzigen Menschen, bei dem er -„Wissen“ voraussetzt, macht seine Kräfte schwinden. Endlich gibt er es -auf, flieht in die böhmischen Wälder der Vogelfreien, außerhalb der -Gesellschaft, fristet unter Masseusen und Revolverblattreportern ein -gasflammenübergossenes scheues Dasein, wird etwa, wenn er noch Ehrgeiz -besitzt, eine -- Nachtkaffeegröße. Aber sein Herz ist gebrochen. -Oder er avanciert zum Lumpen, wird frech, selbstbewußt-schamlos. Und -vielleicht kommt er noch als „Idealist“ wieder ans Tageslicht und -eifert gegen Klassenvorrechte. - - * * * * * - -Warum schlagen mich die Kohlenträger nicht tot, denen ich auf der -Treppe begegne, wenn ich in Lackschuhen mit der Zigarette um halb elf -in mein Bureau im Auswärtigen Amt spaziere? Ich könnte es ihnen nicht -verdenken. Vorher aber würde ich mich doch wahrscheinlich noch zu -rechtfertigen versuchen: Meine sehr geehrten Herren Totschläger, wir -haben nämlich wirklich so späte Bureaustunden im auswärtigen Amt. - - * * * * * - -Die sozialen Differenzen äußern sich vorzüglich in manuellen -Verrichtungen, die der eine Teil ebenso +selbstverständlich+ von -dem andern beansprucht, wie dieser sie ihm ohne Bedenken leistet. -Die Utopisten einer Sozialisierung der Gesellschaft meinen diese -Differenzen -- die das Unbewußte in der Organisation der menschlichen -Verbände ausmachen -- dadurch auszugleichen, daß jeder jeweils sein -eigener Herr und Diener zugleich, wenn auch nicht gleichzeitig zu sein -hätte. Es soll also alles bewußt, alles Fundament Oberfläche werden. -Als ob ein Bau ohne +verdeckte+ Basis möglich wäre. - - * * * * * - -Kriege haben nur zwischen Rassen Sinn. Kriege zwischen „Begriffen“ -sind sinnlos. Verständlich sind auch Sprachen- und Religionskämpfe, -aber auch sie sind nicht so tief organisch begründet wie Rassenkämpfe, -Rassenverfolgungen, Rassenkriege. - - - - -_VOM ARISTOKRATISCHEN_ - - -Was ist das +Aristokratische+? Eine gewisse Leichtigkeit einerseits, -eine gewisse Gewichtigkeit anderseits. Nicht mehr. Äußerlich wohl auch -ein sozusagen charakteristisches Gepräge, ein unverkennbarer Habitus. -(Aristokratische Maler: Van Dyck, Lawrence.) - -Das Aristokratische an einer Frau ist eine schamhafte Freiheit. -Grobsinnige Beurteiler wollen es auf gewisse exzentrische Manieren -reduziert wissen, die jede Kokotte aufbringt. Man verwechselt da wieder -einmal die Frechheit mit der Freiheit. Auch nicht wie man ißt, geht, -sitzt, reitet, spricht, sich kleidet usw., nicht eine Summe, sondern -das in sich selbst geschlossene runde Ganze ist das Wesentliche. -„Aristokratie des Geistes“ sei hier energisch beiseite geschoben. -Dieses von „Opponenten“ aufgebrachte liebliche Schlagwort verbreitet -einen ranzigen Vernunftgeruch. Liberalismus und Doktrinarismus -überhaupt haben in diesem Gebiet der Musik aber auch gar nichts zu -schaffen. Das Aristokratische ist eine Tonart, kein Programm. - -Aristokraten sind komisch, wenn sie sich ernsthaft geben, und können -vor dem Ehrfurchteinflößenden eine frivole Auflehnung gegen das wider -Willen Imponierende sich nicht versagen. Sie haben eine Anzahl niemals -einer Überprüfung unterzogener Vorurteile, denen gegenüber sie von -Zeit zu Zeit eine feierliche rituelle, geradezu hieratische Haltung -einnehmen, worauf sie allsogleich, ohne jeden Übergang, in ihren -natürlichen leichtfertigen Lebensrhythmus sich zurückfallen lassen. -Dieser Rhythmus, in dem sich ihre wohlgebildeten Erscheinungen so -fabelhaft zu Hause fühlen, ist das unbeschreiblich Schöne an ihnen. Es -ist sicherlich Kultur. Aber man darf, unwiderstehlich angezogen von -dieser erlauchten Taktmäßigkeit, nicht übersehen, daß die Kultur der -Aristokraten keinerlei geistige Errungenschaften, kaum dumpfe seelische -Werte enthält. Ihre Erziehung ist bei aller dem Bürger fremden Freiheit -im Lebensstil eine sogar mit Worten (aus Mangel) haushälterische -Schablone. Ihre Kinder verlieren die andachteinflößende reine -Kindlichkeit früher als die Kinder mancher in Traditionen anmutiger -Wohlhabenheit aufgewachsener Bürgerfamilien. Sie sind allzubald dem -kindlich unbefangenen Leben und Erleben entfremdet, indem der im Blut -sitzende Achtung einflößende Stil der Erwachsenen sie bei der schönen -freien großzügigen Familiengemeinschaft, so wie sie nur zu beobachten -anfangen, ohne auf Widerstände zu treffen, überzeugt. - -Die jungen Leute sind alle frühreif, sie spielen immer ihre kommenden -Jahre: wenn sie fünfzehn sind, das achtzehnte, wenn sie achtzehn sind, -das zweiundzwanzigste, mit 23 Jahren den Mann von dreißig. Die Mädchen -sind dagegen weit über ihre Jahre hinaus jung oder vielmehr kindisch, -da ihr Geist nicht geweckt, sondern systematisch im Halbschlaf erhalten -wird. Bei den Jünglingen besorgen die sexuell vor der Zeit erfahrenen, -nur um weniges älteren Standesgenossen und das timide Benehmen der -Hofmeister, als abschreckendes Beispiel, die geistige Erziehung. Die -Wissenschaften sind von vornherein ein Deridendum, gut genug für -Kandidaten, die nichts Besseres zur Verfügung haben. Die Mädchen -werden von einem prädestinierten Gouvernantengeschlecht in einem -verhalten kichernden Respekt auf Distanz erzogen. Sie gedeihen alle zu -mütterlichen Frauen, die Jünglinge selten zu väterlichen Männern. Ein -gebildeter Standesgenosse ist ein mit scheuer Hochachtung betrachteter -Fremder von Distinktion. Halbwegs tiefer gehende Bildung -- die immer -noch oberflächlich genug bleibt -- äußert sich zunächst immer in einem -äußerst wohlfeilen Demokratismus, der vom geborenen Plebejer mit -bedientenhafter Verehrung vor dieser leutseligen Herablassung quittiert -wird. - -Wenn aber ein Aristokrat echte Seelenbildung genossen und einem -gesunden Ingenium einverleibt hat, ist seine geistig-moralische -Erscheinung ein kaum übertreffliches Ganze. Die angeborene ergibt -mit der erworbenen Freiheit ein wunderbares, ununterscheidbares -Durchdrungensein. Und die vom leeren Formalismus der standesgemäßen -Bigotterie entbürdete Christgläubigkeit, das dem (vom schalen -Liberalismus unrettbar verderbten) Bürgerlichen nahezu unzugängliche -große Religiöse an einer solchen harmonischen Bildung ist ein unbedingt -Verehrungswürdiges. Wahre „verfassungsmäßige“ Freiheit kann einem -bürgerlichen Staat nur ein bedeutender aristokratischer Staatsmann -gewähren. Den Schwindel der falschen Freiheit, die verdummende Dogmatik -des Zeitenliberalismus durchschaut nur ein großzügiger Aristokrat. Das -Ritterliche im Soldatenhandwerk kann nur ein Aristokrat erweisen -- -unwiderleglich wie alles Natürliche. - -Das monarchistische Prinzip kann nur der die Lehnspflicht, die -Lehnstreue im Blut tragende Aristokrat aus Überzeugung stützen. Ein dem -väterlichen Boden nicht entfremdeter, aus dem geistigen Erleben nicht -ausgeschalteter, national und religiös gesinnter Adel ist neben einer -schollen- und sprachentreuen Bauernschaft noch immer das Wesenhafte -eines festgefügten Staatswesens. - - - - -_ANDREAS VON BALTHESSERS UNRÜHMLICHES ENDE_ - - -_ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE BARONIN DELLA SERRA._ - -„Ich habe gestern mit dem kleinen Wartenberg gefrühstückt. Sie wissen, -Baronin, daß er Sie sehr verehrt. Er hat mich gebeten, bei Ihnen für -ihn ein günstiges Wort einzulegen. Ich entledige mich der heikeln -Aufgabe auf diese sicherlich bequemste Weise. Wenn Sie gegen seine -Verehrung nichts einzuwenden wissen, wird das der Sache nicht geschadet -haben. Ich küsse Ihre Hände. - - A. B.“ - - -_DIE BARONIN DELLA SERRA AN ANDR. V. BALTHESSER._ - -„Lieber Herr v. B.! Ihr originelles Briefchen werde ich dem kleinen -Wartenberg zeigen. Das soll Ihre Strafe sein. Wenn Sie heute um 6 Uhr -bei uns essen wollen, können Sie das Nähere von ihm selbst erfahren. - - Nina della Serra.“ - - -_ANDR. V. B. AN DIE BARONIN DELLA SERRA._ - -„Gnädigste Baronin, Ihrem Befehle nachzukommen, wird mir ein besondres -Vergnügen sein. Ein Diner bei Ihnen muß mir mein Leben wert sein. - - A. B.“ - - -+Zwei Wochen später.+ - -_GRAF SERGES WARTENBERG AN ANDR. V. BALTHESSER._ - -„Ich habe die peinliche Aufgabe, mein lieber Andreas, Dich im Namen -einer Dame, die wir beide kennen, zu bitten, Deine Besuche in ihrem -Hause einzustellen. Sie hatte geglaubt, daß es genügen würde, wenn sie -sich dreimal verleugnen ließe. Nichts für ungut. - - Dein ergebener Serges W.“ - - -_ANDR. V. B. AN DEN GRAFEN SERGES WARTENBERG._ - -„Ich nehme nach einiger Überlegung davon Abstand, Deinen freundlichen -Brief dem Baron Eugen della Serra einzuschicken, der meines Erachtens -dazu legitimierter gewesen wäre als der -- Unlegitimierte. - - A. B.“ - - -ZEITUNGSNOTIZ. - -„In der Reitschule des ....-Instituts hat gestern ein Duell zwischen -zwei Herrn der Gesellschaft stattgefunden, das leider einen tragischen -Abschluß fand. Herr A. v. B. hat im dritten Gang eine Kugel mitten in -die Brust erhalten.“ - - - - -Im gleichen Verlage erschienen von - -Richard Schaukal: - - - Kapellmeister Kreisler. Dreizehn Vigilien - aus einem Künstlerdasein 1906 - - Giorgione oder Gespräche über die Kunst 1906 - - Literatur. Drei Gespräche 1906 - - Meine Gärten. Einsame Verse 1897 - - Vorabend. Ein Akt in Versen 1902 - - Von Tod zu Tod und andre kleine Geschichten 1902 - - Das Buch der Tage und Träume 1902 - - Pierrot und Colombine oder das Lied von - der Ehe 1902 - - +In Vorbereitung+: Goltz, Buch der Kindheit. - Neuausgabe 1907 - - Schlemihle. Drei Novellen. - - -Bei andern Verlegern: - - Heinebreviarium 1897 - - Intérieurs aus dem Leben der Zwanzigjährigen 1901 - - Mimi Lynx. Eine Novelle 1904 - - Ausgewählte Gedichte 1904 - - E. T. A. Hoffmann 1904 - - Wilhelm Busch 1904 - - Großmutter. Ein Buch von Tod und Leben 1906 - - Verlaine-Heredia. Nachdichtungen 1906 - - Eros-Thanatos. Novellen 1906 - - Die Mietwohnung 1907 - - -Folgende früher erschienene Bücher sind im Buchhandel nicht mehr -vorhanden: - - Gedichte 1893 - - Rückkehr. Ein Akt 1894 - - Verse (1892-1896) 1896 - - Tristia. Neue Gedichte 1898 - - Tage und Träume 1899 - - Sehnsucht. Neue Verse 1900 - - Einer, der seine Frau besucht, und andre - Szenen 1902 - - -Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Meinungen des Herrn Andreas -von Balthesser, eines Dandy und Dilet, by Richard Schaukal - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND MEINUNGEN *** - -***** This file should be named 62006-0.txt or 62006-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/0/0/62006/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten - -Author: Richard Schaukal - -Release Date: May 3, 2020 [EBook #62006] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND MEINUNGEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p>Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber -dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch -nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht -vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich oft im -Text vorkommen.</p> - -<p>Die <a href="#Nummerierung">Nummer des Buchexemplars (414)</a> wurde im Original -von Hand auf die Buchseite gestempelt. Das Inhaltsverzeichnis wurde -der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter an den Anfang des Texts -verschoben.</p> - -<p class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop5"><i>ANDREAS VON BALTHESSER</i></p> - -<h1 class="mtop3"><span class="rot">LEBEN UND MEINUNGEN</span><br /> -<span class="s7">DES</span><br /> -<span class="s6">HERRN ANDREAS VON BALTHESSER</span><br /> -<span class="s6">EINES DANDY UND DILETTANTEN</span></h1> - -<p class="s3 center mtop2"><i>MITGETEILT VON</i></p> - -<p class="s2 center"><i class="rot">RICHARD SCHAUKAL</i></p> - -<p class="s3 center mtop2"><i>ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE</i></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w6em padtop2" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s3 center mtop2"><i>MÜNCHEN UND LEIPZIG<br /> -BEI GEORG MÜLLER<br /> -1907</i></p> - -<p class="padtop5 break-before">Die erste Auflage dieses Buches war in 830 numerierten Exemplaren, -davon 30 auf Bütten, hergestellt worden. Diese zweite veränderte -Auflage umfaßt 1010 numerierte Exemplare, davon 10 vom Autor signierte -Exemplare auf echt van Geldern. Der Preis eines solchen gebundenen -Luxusexemplares beträgt 15 Mark.</p> - -<p id="Nummerierung">Dieses Exemplar trägt die Nummer -<img class="h1_2em" src="images/nummerierung.jpg" alt="414" /></p> - -<p class="s3 center padtop5 break-before"><i>CARL BARON BAMBERG</i></p> - -<p class="center"><i>in aufrichtiger Freundschaft</i></p> - -<p class="mtop2"><i>Wien, im Sommer 1906</i></p> - -<p class="right mright3"><i>R. Sch.</i></p> - -<p class="indent padtop5 break-before">A vrai dire, je ne suis rien moins que sûr d’avoir quelque talent pour -me faire lire. Je trouve quelque fois beaucoup de plaisir à écrire, -voilà tout.</p> - -<p class="right mright3"><span class="mright1">Henri Beyle (1835).</span><br /> -(Vie de Henri Brulard.) </p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="INHALT"><i>INHALT.</i></h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5" colspan="2"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Ouvertüre: Herr von Balthesser hält einen - Vortrag vor wißbegierigen jungen Leuten (nach der offenbar ironischen - Schilderung eines wohl nicht ganz objektiven Zeugen)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#OUVERTUERE">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Selbstbiographie Herrn von Balthessers</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#SELBSTBIOGRAPHIE_HERRN_VON_BALTHESSERS">15</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Andreas von Balthesser über den „Dandy“ - und Synonima</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#ANDREAS_VON_BALTHESSER_UEBER_DEN_DANDY_UND_SYNONIMA">19</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Andreas von Balthesser an die Gräfin F.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#ANDREAS_VON_BALTHESSER_AN_DIE_GRAEFIN_F">31</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Andreas von Balthesser spricht mit einem Literaten - über die Gesellschaft, die Künstler und ihr Gehaben und das - Selbstverständliche</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#ANDREAS_VON_BALTHESSER_SPRICHT_MIT_EINEM_LITERATEN_UEBER">43</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Andreas von Balthesser spricht mit einem andern - Literaten über das Monokel, über Witze, liebenswürdige Sonntagsplauderer - und die deutsche Prosa</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#ANDREAS_VON_BALTHESSER_SPRICHT_MIT_EINEM_ANDERN_LITERATEN_UEBER_DAS">57</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Herr von Balthesser spricht mit einem bescheidenen - jungen Schriftsteller über Bücher</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#HERR_VON_BALTHESSER_SPRICHT_MIT_EINEM_BESCHEIDENEN_JUNGEN">67</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Andreas von Balthesser über die Betrachtung von - Gemälden</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#ANDREAS_VON_BALTHESSER_UEBER_DIE_BETRACHTUNG_VON_GEMAELDEN">75</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Was Andreas von Balthesser gelegentlich über das - Gespräch zu bemerken hatte</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#WAS_ANDREAS_VON_BALTHESSER_GELEGENTLICH_UEBER_DAS_GESPRAECH_ZU_BEMERKEN">83</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Glossen zur Psychologie der Kleidung</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#GLOSSEN_ZUR_PSYCHOLOGIE_DER_KLEIDUNG">87</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Herr von Balthesser gibt seine Anschauungen vom - Verkehr zum besten</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#HERR_VON_BALTHESSER_GIBT_SEINE_ANSCHAUUNGEN_VOM_VERKEHR_ZUM_BESTEN">93</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Über Vernünftige, Snobs und Beflissene</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#UEBER_VERNUENFTIGE_SNOBS_UND_BEFLISSENE">103</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Antibarbarus. (Eine ungedruckte „Erwiderung“, die - sich in Herrn von Balthessers Papieren vorgefunden hat. Anlaß dazu - mag irgend ein Zeitungsartikel gegeben haben, der das Recht des - deutschen Touristen, in Touristenkleidung an der Hoteltafel zu - erscheinen, etwas herausfordernd zu verteidigen unternommen haben - dürfte)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#ANTIBARBARUS">107</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Herr von Balthesser phantasiert über das Thema - „Die Dame“</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#HERR_VON_BALTHESSER_PHANTASIERT_UEBER_DAS_THEMA_DIE_DAME">119</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Einiges aus Andreas von Balthessers leider nicht - gesammelten Sinnsprüchen und Glossen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#EINIGES_AUS_ANDREAS_VON_BALTHESSERS_LEIDER_NICHT_GESAMMELTEN">133</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Vom Aristokratischen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#VOM_ARISTOKRATISCHEN">165</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1">Andreas von Balthessers unrühmliches Ende</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#ANDREAS_VON_BALTHESSERS_UNRUEHMLICHES_ENDE">173</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="OUVERTUERE">OUVERTÜRE</h2> - -<p class="s2a center"><i>HERR VON BALTHESSER HÄLT EINEN VORTRAG VOR WISSBEGIERIGEN -JUNGEN LEUTEN</i></p> - -<p class="s3 center mbot2"><i>(NACH DER OFFENBAR IRONISCHEN SCHILDERUNG EINES WOHL NICHT GANZ -OBJEKTIVEN ZEUGEN)</i></p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - -<div class="initial">H</div> - -<p><span class="initial">H</span>err Andreas von Balthesser, der im geheimen sehr berühmte Dichter -des „Perseus“, der „Androgyne“, des „Korybanten“, eingeladen, in -dem akademischen Zirkel der „Intelligenten“ einen seiner geneigten -Wahl überlassenen Vortrag zu halten, erschien in dem verräucherten -Klublokal des Hotels Pinsch, mit der ihm eignen nachlässigen Eleganz -gekleidet, um die schmalen rasierten Lippen das ein wenig moquante -und gleichzeitig hilflose Lächeln, das er an sich so liebte, leicht -vornübergebeugt, hastig und verspätet.</p> - -<p>Er hatte einen Freund mitgebracht, den er mit stark auswärts gedrehtem -Daumen der Linken dem Vorsitzenden präsentierte, Viktor Grafen -Melinges, Gesandtschaftsattaché, einen bei ungewöhnlich hohem Wuchs -fabelhaft magern, mit der farblosen verlebten Miene und den eckigen -Bewegungen der Gliedmaßen an einen Knaben gemahnenden Menschen, der -nun, die linke Hand in der Hosentasche, einen leutseligen Rundgang um -die nicht eben sauber gedeckte Tafel mit<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> kurzen raschen Schritten -und knappen ruckweisen Verbeugungen vor den zumeist von ihren Sitzen -emporschnellenden Konviven absolvierte. —</p> - -<p>Andreas von Balthesser, vom Vorsitzenden an seine Seite gebeten, hob -das Monokel aus der rechten Augenhöhle, hielt es einen Moment mit -steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin, faßte das dünne Glas dann -zwischen zwei Finger der Linken, entnahm mit der Rechten dem Frack — -die beiden waren, wie man flüsternd auffing, unmittelbar von einem -Diner gekommen — ein ungeheuer großes Taschentuch, entfaltete es, -putzte das Monokel umständlich blank, und indem er sich, sein Glas -wieder vorm Auge, mit einer leichten Verbeugung gegen die ihm voll -schlecht verhehlter Neugier zugekehrten Gesichter wendete, sagte er -halblaut und etwas näselnd:</p> - -<p>„Meine Herren! Sie haben mich durch Ihren sehr geehrten Vorsitzenden, -Herrn Dr. Robert Schaffer, in liebenswürdigster Weise eingeladen, Ihnen -in einem sogenannten Vortrag etwas über Kunst zu sagen. Das heißt, -nicht wahr, Sie hatten, aus ebenso liebenswürdiger Artigkeit gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> -meine dem Fixierten nicht eben geneigte Natur, meiner Stimmung die -Wahl des Gegenstandes dieses sogenannten Vortrages überlassen. Aber -Sie meinen mit Fug erwarten zu dürfen, daß ich über das Thema Kunst zu -sprechen nicht geringe Lust verspüren würde. Nun könnte ich Ihnen ja -in der bei Ihnen beliebten Weise einen Exkurs über Stephane Mallarmé -oder Emile Verhaeren oder Oskar Wilde oder Tooroop abspinnen. Es wäre -mir die, wie Sie annehmen, erwünschte Gelegenheit geboten, mein durch -die Erfassung der flüchtigsten Nüancen gesteigertes Wissen um diese -oder jene Erscheinung der Kunst oder Literatur vor Ihnen als der -urteilsfähigsten Hörerschaft glänzen zu lassen. Ich gestehe gern, daß -ich an derlei Sermonen ein nicht wohl abzuleugnendes Gefallen hatte, -als ich mich noch in jenem Stadium der Referentenlust befand, die Ihrer -Periode, der des beflissenen Studiums, — denn ich sehe doch zumeist -Juristen der letzten drei bis vier Semester vor mir — so wesenhaft ist.</p> - -<p>Und fast war ich“ — er nahm das Monokel aus der rechten Augenhöhle, -hielt es<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> mit steifem Unterarm aufmerksam vor sich hin und setzte es -nach einer Pause wieder ein; der Vorsitzende rückte höflich seinen -Stuhl noch ein wenig weiter links von ihm ab — „fast war ich, als ich -mich Ihrer Einladung in diesen Tagen entsann, entschlossen, ein solches -Thema, vielleicht um mir Ihre Sympathien zu sichern, heute hier zu -tradieren.</p> - -<p>Da ich Sie nun aber vor mir sehe, junge Leute mit Brillen und Zwickern, -mit wüsten Bärten und übernächtigen Augen, mit ungesunder gelber -Gesichtsfarbe, und Sie mir im Geiste verhundertfacht denke als eine -Herde von eifrigen Bücherlesern und eine lebendige Nomenklatur von -allerlei sogenannten modernen Doktrinen und Termini, bin ich von einer, -wie Sie sagen würden, perversen Lust angewandelt, über die Dichtkunst, -von deren Beherrschung ich manche nicht unerhebliche Proben geliefert -zu haben glaube, einige wenige offenbar sakrilegische Worte zu sagen.</p> - -<p>Meine Herrn“, — er lehnte sich zurück, schlug langsam ein Bein über -das andre und starrte in die zuckende Gasflamme<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> auf dem gußeisernen -Arm vor ihm, so daß das Monokel wie ein toter Stein glänzte — „meine -Herrn, diese Ihre Beschäftigung mit der Dichtkunst und den Dichtern -erscheint mir als ein Zeichen, ein jämmerliches Zeichen von Unkultur. -Sie werden jetzt in Ihrem Innern heftig erschrecken oder sich entrüsten -oder mit vermeintlicher Ironie sich mir entziehen. Ich versichere Ihnen -ehrlich, daß mich das nicht im geringsten berührt.“ Das Auditorium -rückte mit verlegen lächelnden Mienen an den Stühlen. Man konnte -bemerken, daß einer den andern gleichsam niedriger einschätzte.</p> - -<p>„Ich bin nämlich Ihrer Auffassung dessen, was Sie Kultur zu nennen -belieben, so fern wie ein Gestirn. Ich weiß nicht, ob Sie recht -haben oder ob ich recht habe. Es ist mir auch nicht darum zu tun, zu -erfahren, wer ‚recht hat‘. Ich empfinde in diesem Moment nur die durch -nichts niederzuhaltende Lust, Ihnen zu sagen, daß das alles, was Sie -in Anspruch nimmt, aufregt, das, in dessen Besitz Sie sich über die -andern erhaben fühlen, mir im Grunde so gleichgültig ist wie dieses — -übrigens äußerst<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> unappetitliche halb geleerte Bierglas vor mir.“ Er -stellte das Glas energisch vor seinen linken Nachbar, dessen Auge an -dem Rande des Glases wie bezaubert haften blieb.</p> - -<p>„Ob einer von Ihnen ein Gedicht, das ist eine willkürliche und offenbar -eitle Zusammenstellung von unzulänglichen Worten des sogenannten -Sprachschatzes, in einer vom Herkömmlichen abweichenden Weise zustande -bringt oder nicht, ob er seine minderbemittelten Wünsche an das Leben -in gleich langen oder verschieden langen Verszeilen in einer obskuren -Revue drucken läßt oder sie seiner Hausbesorgerin, während er der -Verschlafenen das Sperrgeld einhändigt, in kürzerer Fassung mitteilt: -die Kultur hat mit dem einen so wenig zu schaffen wie mit dem andern. -Sie sind heute noch immer, dank der bequemen und einschläfernden -Werkelei unsrer ‚führenden Geister‘, als da sind: Gelehrte, Dichter, -Zeitungschreiber, in einer Art von Traumwandelei befangen. Es ist -nicht meine Sache, den öffentlichen Anrufer zu spielen. Ich fände das -wie alles Laute geschmacklos. Ich sage daher diese unfreundlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> -Dinge fast wie Salonaperçus, und ich sage sie Ihnen, da ich ganz -genau weiß, ich werde Ihnen zum Schlusse doch nur eine angenehme -Stimulation bereitet haben, und Sie werden, jeder in seiner Weise, als -von etwas Merkwürdigem und Interessantem über meine Worte Bekannten -und Unbekannten gegenüber sprechen, meist sehr willkürlich und ohne -jeglichen Zusammenhang mit Ihren wahren Empfindungen, weil Sie sich -das ja bereits zur chikanösen Manier herangebildet haben. Kurz, ich -halte diese meine Aperçus für durchaus ungefährlich, hier in einem -Kreise von unverbesserlichen Bücherlesern, deren keiner aus innerer -Unfähigkeit heraus das wahre Wesen meiner Anschauungen auch nur zu -ahnen, geschweige zu erfassen selbständig genug ist.“ —</p> - -<p>Hier entstand ein Gemurmel die Tafel entlang. Man war verlegen, im -Grunde sogar ein wenig ungehalten, hinwiederum aber doch des Eindrucks -dieser eigenartigen Worte nicht sicher und befand, es wäre jedenfalls -geschmackvoller, sich solcher malitiösen Witze zu freuen, als sich -darüber zu ärgern.</p> - -<p>Andreas von Balthesser wechselte gelassen<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> die Stellung seiner Beine, -strich sich mit der Linken leise, leicht, fast zärtlich über das -sorgfältig geglättete dunkle Haar seines Hinterhauptes, bat plötzlich -mit einem höflichen Lächeln, wobei er ihn kaum anblickte, den -Vorsitzenden, Herrn Dr. Schaffer, um die Erlaubnis, sich eine Zigarette -anzünden zu dürfen, erhielt diese Erlaubnis, kam ihr nach, wobei aller -Blicke auf die schmale fein gerippte silberne Zigarettenbüchse mit dem -aufgesetzten gräflichen Doppelwappen gerichtet waren, und fuhr, sich -zurücklehnend und nur von Zeit zu Zeit der über den langgeschlitzten -beweglichen Flügeln leicht gebogenen Nase duftige Rauchschleier -entlassend, die Augen wieder an die Gasflamme gehängt, in seinen -halblauten, an Worten kaum verweilenden Erörterungen also fort:</p> - -<p>„Wenn ein schlanker Mensch mit stahlharten elastischen Sehnen, -bekleidet mit einem roten Frack aus weichem Tuch und schneeweißen -Bridges, die vom Knie abwärts keine einzige Falte werfen, die Arme -eng und doch leicht an den Leib gehalten, in den Bügeln eines -galoppierenden Jagdpferds steht, oder wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> eine junge Dame sich -während eines unbefangenen Gespräches — Sie, meine Herrn, wissen -freilich nicht, was ein unbefangenes Gespräch ist, und wenn ich Sie -jetzt darum fragte, würden Sie mir irgend einen dänischen Autor nennen, -bei dem Sie eines gefunden zu haben meinten, — wenn eine solche junge -Dame von großer Familie (denn nur <em class="gesperrt">die</em> haben die natürliche -Begabung zu den Ihnen gänzlich versagten unbefangenen Gesprächen); -sie ist ohne Apprehension <em class="gesperrt">gekleidet</em> (die jungen Damen, die Sie -kennen, sind erstens keine Damen, zweitens sind sie nicht gekleidet, -sondern mehr oder weniger geschmacklos kostümiert) — wenn eine junge -Dame“ (er schloß das linke Auge, das Monokel stand starr und leuchtete) -„sich während eines unbefangenen Gespräches erhebt, ihrem Gegenüber Tee -einzuschenken, den der lautlos eingetretene schwarz livrierte Bediente, -in weißem Porzellan auf silberner Platte angerichtet, mit behutsam -auseinanderlegenden Handgriffen vor sie niedergesetzt hat, — sehen -Sie, das zum Beispiel sind Dinge, die mir Kultur bedeuten. Solche Dinge -zu zeigen, mit<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> notwendigerweise aufdringlichen Worten, sie Menschen zu -zeigen, denen sie nichts Verwandtes anregen, ist — Unkultur.</p> - -<p>Und, sehen Sie, wenn einer sich an seinen Schreibtisch setzt oder sich -im Bette neben einer zuckenden Kerzenflamme aufrichtet, um mit einer -Stahlfeder oder mit einem Taschencrayon auf ein Stück Papier, auf -einen Briefumschlag ein Gedicht zu schreiben, sei es nun eine tastende -Mitteilung oder eine absichtliche Verschleierung seiner Gefühle oder -gerade gegenwärtigen Gedanken, das ist — Unkultur. Und Menschen, die -derlei oft und mit Beifall zuwege gebracht haben, gewöhnen sich daran, -hierin eine außerordentlich merkwürdige Sache zu sehen, und das ist -Unkultur in Permanenz.</p> - -<p>Was aber die Leute betrifft, die in mit um einiger Gedichte willen -etwas wie einen Gleichgesinnten voraussetzen zu dürfen glauben: ich -versichere Ihnen, unter tätowierten Insulanern ist mir wohler... Ich -bekomme täglich Briefe von allerlei Skribenten des In- und Auslandes, -die mich auf verschiedentliche, mit ihren Meinungen<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> angefüllte Revuen -und Bücher aufmerksam machen. Ich aber lese beileibe nicht diese Bücher -und Revuen, sondern z. B. die Bekenntnisse des heiligen Augustinus -oder in einer vergleichenden Grammatik der romanischen Sprachen, und -dann gehe ich in einen Klub von angenehmen Sportsleuten, die bei -Wagneraufführungen ihre Logen leer stehen lassen, oder ich reite -stundenlang in den Praterauen. Daß mir dabei vielleicht Alexander -der Große einfällt, wie er im Bade liegt oder wie ihn ein Feldherr -reizt mit Einwürfen oder wie er sich von zwei Mädchen die Künste -der Liebe mit anmutigen Bewegungen aller Gliedmaßen vorführen läßt, -dafür kann ich nichts. Es ist so, als ob ich, der ich einen Reiz der -Nasenschleimhaut verspürte, zu meinem Taschentuche griffe, wie jetzt“, -(er tat es) „und mich schneuzte“ (er tat es). „Und eigentlich sollte -man, wenn man gut und lange geschlafen und sich darauf, nach einem -lauwarmen Bad in einer glänzend weißen Wanne, mit der liebenswürdigen -Sorgfalt angekleidet hat, die eines der zehn Gebote der Selbstachtung -ausmacht, wohlgepflegten Kindern zusehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> die Reifen schlagen, oder -im Garten die Bäume bewundern, die Blüten treiben, oder am gleitenden -Wasser liegen auf einer weichen englischen Decke und sein Spiegelbild -in den Wellen haschen wie weiland Adonis. Aber man muß jedenfalls -tadellos rasiert sein.“</p> - -<p>Hier ließ Herr von Balthesser eine Pause eintreten, die sich so sehr in -die Länge zog, daß einige der Versammelten in aller Bescheidenheit und -mit möglichster Vermeidung von Geräuschen etwas Weniges von den längst -erkalteten Fleischspeisen zu verzehren unternahmen, die man schon vor -geraumer Frist vor sie hingestellt hatte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="SELBSTBIOGRAPHIE_HERRN_VON_BALTHESSERS">SELBSTBIOGRAPHIE -HERRN VON BALTHESSERS</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<div class="initial">H</div> - -<p><span class="initial">H</span>err von Balthesser, der Dichter der „Androgyne“, von einer -großen polyglotten Revue aufgefordert, sein Leben in einer Skizze -niederzuschreiben, lieferte auf drei mit dem kleinen aufgesetzten -weißen Wappen geschmückten zartlila Briefbogen in enger steiler Schrift -nachstehende Mitteilungen:</p> - -<p>„Ich bin in Rom geboren, als mein verstorbener Vater dort bei der -Botschaft war. Man sagt mir, daß ich einen mit dünnem blondem Haar -bedeckten spitz auslaufenden Schädel besessen und, ohne zu schreien, -wie das bei den Kindern üblich ist, mich in die Welt gefunden hätte. -Ich habe mich von den landläufigen Gymnasialstudien nicht abhalten -lassen, die Dichter und Philosophen der vorzüglich in Betracht -kommenden Sprachen, die Kirchenväter und die großen Historiker -zu lesen. Mit 15 Jahren schrieb ich eine kleine Studie über den -Neuplatonismus, die von der schwedischen Akademie preisgekrönt wurde. -Mein um ein Jahr älterer Bruder war damals mit der so amü<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>santen -Lektüre des Cooperschen Lederstrumpf beschäftigt, die ihm in einer -Ausgabe für die reifere Jugend von unsrer guten Mama zu Weihnachten war -geschenkt worden.</p> - -<p>Sonst wüßte ich nichts aus meinem Leben zu berichten, das für Leser -Ihres Journals von Interesse sein könnte. Denn daß ich einige größere -Reisen unternommen, bei einem Dragonerregiment gedient habe, im -auswärtigen Amte mich auf die diplomatische Carrière vorbereite und im -Winter fast täglich außer Haus speise, dürfte Ihnen nicht von Belang -scheinen, was ich vollkommen billige.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="ANDREAS_VON_BALTHESSER_UEBER_DEN_DANDY_UND_SYNONIMA">ANDREAS -VON BALTHESSER ÜBER DEN „DANDY“ UND SYNONIMA</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<div class="initial">M</div> - -<p><span class="initial">M</span>an nennt mich einen Dandy. Die Bezeichnung will ich gelten lassen. -Aber die Meinung ist falsch. Ich <em class="gesperrt">bin</em> ein Dandy. (Freilich noch einiges -mehr; aber das Äußerlichste an mir, die für die Menschen sichtbare -‚Zwiebelschale‘ meiner Persönlichkeit ist das Dandytum.) Die Leute -fassen jedoch den Begriff ganz oberflächlich auf; dies ist wörtlich -zu nehmen: sie begreifen nur seine Oberfläche. Man verwechselt den -Dandy mit dem Gecken, dem fat. Wenn Kurzsichtige in mir einen Gecken -zu erblicken meinen und ihre primitive Erfahrung in dem Begriffe Dandy -endgültig festzulegen, also zu begraben unternehmen, — denn Begriffe -begraben das Leben der Erscheinung, während sie anderseits den Gedanken -gleichsam erstarren machen, und man braucht solche Krystalle zu Zwecken -des vereinfachten Verkehrs — dann sehen die Menschen an mir nichts als -etwa den tadellos geschnittenen Rock, den niemals gesprungenen Lack -meiner Schuhe, den täglich frisch gebügelten Zylinder und der<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>gleichen -Zeichen, die ihren vom empörten Gefühl des Unvermögens getrübten Augen -als die Merkmale eines Gecken gelten müssen, weil sie selbst nicht -imstande sind, sich auch nur menschlich zu kleiden, geschweige denn -die Nüancen der guten Toilette zu begreifen. Daß sorgfältige Kleidung -ihren Träger keineswegs zum Gecken stempelt, wird man Menschen von so -dürftiger Anschauung niemals klar zu machen vermögend sein. Der Mann, -der etwas auf sich hält, im Geistigen wie im Physischen, wird ebenso -seinen Intellekt wie seine Nägel pflegen, seine Wäsche ebensowenig wie -seine Gedanken vernachlässigen, aber bei all seiner Korrektheit — denn -dies ist das gültige Wort — niemals das Impromptu mißachten. Es ließe -sich natürlich, pathetisch ausgedrückt, ein Eid darauf schwören, daß -die Leute, die den Korrekten mit dem Elegant zu verwechseln blöde genug -sind, keine Ahnung davon haben, was es heißt, das Impromptu nicht außer -acht zu lassen, und hierin gerade liegt das Wesen des Dandisme. In -diesem Sinne sage ich, daß man, wenn man mich einen Dandy nennt, etwas -Richtiges aus<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>spreche und doch etwas Falsches darunter verstehe. Ich -bin ein Dandy, nicht weil ich korrekt bin, sondern weil ich bei aller -Korrektheit niemals das Impromptu außer acht lasse. Der Korrekte, der -es außer acht läßt, ist der <em class="gesperrt">Gentleman</em>.</p> - -<p>Der Dandy ist sich seiner Korrektheit bewußt. Auch der Gentleman ist -nicht naiv. Aber der Dandy ironisiert sein Bewußtsein. Der Gentleman -ironisiert weder sein Bewußtsein noch irgend etwas auf der Welt. Der -Gentleman ist so korrekt, daß er der Ironie einfach unfähig ist, wie -einer, der zum Beispiel — nicht schwimmen kann. Der Gentleman „kann -nicht schwimmen“: er würde entweder untergehen — höchst korrekt -untergehen — oder auf dem Wasser obenauf bleiben, wenn er sehr -substanziös ist. Der Dandy ist jederzeit bereit zu schwimmen. Aber -<em class="gesperrt">er trifft niemals Anstalten</em> dazu. ‚Anstaltentreffen‘ heißt: der -Beobachtung zugängliche Anstalten treffen, und der Dandy ist überhaupt -nicht zugänglich, am allerwenigsten der Beobachtung.</p> - -<p>Es ist selbstverständlich, daß der Dandy sein Bewußtsein über -alles stellt. Man wird<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> einen Dandy niemals berauscht sehen, was -dem korrektesten Gentleman, wenn das Getränk für ihn zu stark ist, -passieren kann. Der Dandy vermeidet zu starke Getränke, womit nicht -gesagt sein soll, daß er starke Getränke, sogar die stärksten, -ausschlüge, — wenn er sie verträgt, was er weiß. Der Dandy weiß immer, -was er verträgt. Der Dandy weiß auch immer, was der andre verträgt. -Aber das hält ihn nicht ab, dem andern Dinge zuzufügen, die dieser -nicht verträgt, was der Gentleman unfehlbar vermeidet.</p> - -<p class="indent">Der Dandy ist kein Poseur. Dieser Ausdruck stammt von der Bühne, -ist also etwas Grelles, Lautes, Minderwertiges. Er ist dann in -die Literatur gekommen und hat dort nicht an Erziehung gewonnen, -wie denn überhaupt durch die Literatur die besterzogenen Begriffe -verdorben werden. Mit dem Worte Poseur bezeichnet eine ‚höhere‘ -Art von brutalen Beobachtern jene Seite des Dandytums, die ich -<em class="gesperrt">Bewußtsein</em> nenne. Eine Pose aber ist etwas Starres, etwas, -das gewissermaßen nur von einer Seite gilt: auf der andern ist die -Pose schon „Rückseite“, Soffittenquerholz,<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Futter. Der Dandy ist von -allen Seiten gleich unverdächtig. Verdächtig ist er nur im Innern, -— dem nämlich, der selbst die Seele eines Dandy hat. Den andern, -Gentlemen und Nichtgentlemen, ist er nicht verdächtig, sondern entweder -unangenehm oder angenehm. Das ist, wie alle Geschmacksachen, etwas ganz -Persönliches.</p> - -<p class="indent">Was dem brutalen Beobachter am Dandy unangenehm auffällt, ist seine -<em class="gesperrt">Vielfältigkeit</em>, die Rundheit, die ihn reizt, weil er eben -einseitig, einfältig, eckig ist. Der Dandy ist geschliffen. Er kann -alle seine Facetten, indem er sich langsam dreht, erglänzen lassen. -Er kann sie funkeln machen und — auslöschen. Aber sie bleiben immer -geschliffen.</p> - -<p>Der Ungeschliffene haßt instinktiv den Dandy. Der Joviale möchte ihn -hänseln, gutmütig ‚aufziehen‘. Von dem Dandy gleitet alles ab. Er ist -glatt und <em class="gesperrt">immer höflich</em>. Höflichkeit ist glatter als polierter -Stahl. Gegen Höflichkeit kann selbst Freundlichkeit nicht ankämpfen. -Freundlichkeit haucht die Facetten des Dandy an. Sie werden trüb. Aber -nur für einen Moment.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p> - -<p>Der Dandy ist vor allem <em class="gesperrt">gegen sich selbst</em> höflich. Er weiß, daß -nur, wer sich selbst artig behandelt, zu leben versteht. Man darf nicht -gegen sich selbst unartig sein, ist ein Prinzip des Dandy, — soweit -ein Dandy etwas so Eckiges wie Prinzipien überhaupt an sich duldet.</p> - -<p>Der Dandy ist als Dandy nicht „auffallend“. Der Gentleman und der -Dandy können auffallen. Auffälligkeit ist etwas Relatives. Wenn ein -weißer Bäckerbursch unter Rauchfangkehrern erscheint, fällt er auf. Ein -Reiter, der sich aus der Nobelallee in den Wurstelprater verirrt, fällt -auf. Es ist sogar möglich, daß man ihn steinigt.</p> - -<p>Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. Es ist -überhaupt nicht oft genug zu betonen, daß die Kleidung — in einem -höhern Sinn freilich, als die meinen, die davon nichts verstehen, -— wenig in diesen Unterscheidungen besagt. Die meisten Leute, die -sich über den Gecken entrüsten, der zu unpassender Gelegenheit z. B. -einen grauen Zylinder und weiße Handschuhe trägt, ahnen nicht, daß -der unscheinbare Herr daneben ein Dandy ist und mit ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> den Gecken -verachtet, sie selbst aber noch viel mehr, weil sie auch ihn als einen -Gecken ansprechen würden, wenn er zufällig — in Renntoilette unter sie -geriete.</p> - -<p>Wer einem jungen Mädchen die Hand küßt, darf als ein Mensch von -schlechten Manieren gelten. Aber nicht jeder, der das unterläßt, ist -ein Mensch von guten Manieren. Der Dandy hat die besten Manieren. Der -Gentleman muß nicht unbedingt gute Manieren haben. Der Grandseigneur — -ein Begriff der alten Zeit, der heute noch sehr gut anwendbar bleibt, -leider aber nur noch selten würdige Repräsentanten findet — hat -immer gute Manieren, und zwar einigermaßen pompöse. Der Grandseigneur -kühlt die Luft ab. Es ist nur an ihm gelegen, sie wieder zu erwärmen. -Und dies vermag der Grandseigneur wie kein andrer. Der Grandseigneur -muß kein Gentleman, er mag ein Dandy sein, nie wird er ein Geck sein -<em class="gesperrt">können</em>.</p> - -<p>Der Dandy läßt niemals das Impromptu außer acht. Das <em class="gesperrt">Impromptu</em> -ist das Flüchtigste, Feinste, gewissermaßen der Hauch einer Äußerung. -Unter „Äußerung“ will ich<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> nicht notwendigerweise eine Äußerung durch -Worte verstanden wissen. Man kann sich durch Blicke und Handlungen, -durch Unterlassungen „äußern“. Das Impromptu hat Ehrfurcht vor dem -Moment. Es weiß ihm so zu begegnen, daß er liebenswürdig sich fügt. -Ein Tausendstel einer Sekunde später — und der Moment hätte sich -bereits zurückhalten lassen müssen, was unbedingt respektlos und sehr -unliebenswürdig ist, wenn es auch sehr „herzlich“ sein mag. <em class="gesperrt">Der -Dandy verfehlt nie den richtigen Moment.</em> Er betont ihn nie, betont -überhaupt nichts (am allerwenigsten seine Gegenwart), er läßt den -Moment sogar verschleiert vorbeigehen, aber er verkennt ihn nie.</p> - -<p>Der Enthusiast verkennt häufig den Moment. Stößt er auf ihn, dann ist -er unbedingt Sieger. Daß der Besiegte knirscht, ist dem Enthusiasten -gleichgültig. <em class="gesperrt">Der Dandy ist niemals Enthusiast.</em> Und seine Siege -demütigen den Besiegten nie. Freilich sehen sie auch niemals nach einer -— Niederlage aus, was dem Enthusiasten manchmal passieren kann. Denn -der Enthusiast<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> ist zumeist „gleich darauf“ niedergeschlagen. Diesen -jähen Szenen- und Mienenwechsel kennt der Dandy nicht, das heißt <em class="gesperrt">an -sich</em> nicht. <em class="gesperrt">An den andern kennt er alles</em> und richtet sich -darnach ein.</p> - -<p>Wenn er keine andern Beziehungen hat, unterhält der Dandy um so -freundlichere zu seinem Kammerdiener.</p> - -<p>„Dandy“ ist ein Begriff der ästhetischen, „Gentleman“ einer der -ethischen Wertung.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="ANDREAS_VON_BALTHESSER_AN_DIE_GRAEFIN_F">ANDREAS -VON BALTHESSER AN DIE GRÄFIN F.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - -<p class="mleft2 mbot1">Gnädigste Gräfin!</p> - -<div class="initial">S</div> - -<p><span class="initial">S</span>ie verlangen in Ihrer beneidenswerten ländlichen Einsamkeit von mir -einen Bericht über Abenteuer. Hier ist einer, und zwar von der mir -sympathischesten, der ironischen Sorte.</p> - -<p class="indent">Gestern abend — ich hatte um vier Uhr bei Trautensteins diniert, um -sechs meinen Tee getrunken und wollte mich eben zum Besuch der Oper -umkleiden — trat mein Bedienter ein, und da ich mich unwillig (ich -liebe keine Überraschungen, und Benedikt respektiert meinen strengen -Befehl, mich ungerufen so selten als möglich mit seiner Anwesenheit zu -belästigen) ihm entgegen wendete, meldete er in der steifen Haltung, -die ich ihm mit einem unsäglichen Aufwande von Geduld beigebracht -habe, Herr von Haller wünsche mich sogleich zu sprechen. Nun wußte -ich zunächst, ich würde eine unbequeme, weil beobachtete Toilette -machen, die notwendigerweise in meinem Sinn unvollkommen geraten -müßte,<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> des weitern mindestens die Ouvertüre zu Carmen versäumen und -bei bereits verdunkeltem Hause, was ich um der Orientierung in der -Umgebung willen durchaus verabscheue, in meine Loge treten, endlich, -Ernst Haller, der überlaute, in seinen Mitteilungen auf eine peinliche -Art unbeholfene Mensch, werde mich beunruhigen, vielleicht um die -ganze, mühsam aus einem nicht allzu bequemen Tage gerettete Stimmung -bringen. Ich war äußerst ungehalten und herrschte den geradezu delikat -rasierten und mich dadurch nur um so unerwünschter an mein gestörtes -Vorhaben gemahnenden Bedienten, indem ich die Hand von der Klinke -des Ankleidezimmers sinken ließ, in einem mir selbst widerwärtigen -überhasteten Tonfall an: „Und du hast gesagt, ich wäre zu Hause?“</p> - -<p>„Euer Gnaden haben mir nicht befohlen, Euer Gnaden zu verleugnen!“</p> - -<p>„Esel, immer sollst Du mich verleugnen!“</p> - -<p>Sofort auch ärgerte ich mich schon dieser nicht überlegten, nur durch -den tyrannischen Widerspruchsgeist des Befehlenden hervorgereizten, -kommenden Tages mit aller mir zu Gebote stehenden Macht -niederdrü<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>ckender Überzeugungssicherheit füglich zu widerrufenden Worte.</p> - -<p>Aber Ernst von Haller stand bereits in der Tür. (Er hat eine Art, -Türen aufzureißen, die nach der Reitpeitsche verlangt.) Ich sammelte -mich mühsam. „Guten Abend,“ sagte ich und wandte mich voll ihm zu. -Mir fiel die Unordnung in seinem Anzug auf. Er, der sicherlich zu den -an den Fingern einer Hand geläufig herzuzählenden Menschen gehört, -die sich hier zu kleiden wissen, erschien da mit einer an Künstler -und Examinanden gemahnenden zerrütteten Haartracht, geöffnetem -Wintermantel, geöffnetem Gehrock; der Zylinder war — ich sah es an -den Spiegellichtern seiner Flächen — aufgerauht. Benedikt verharrte, -sichtlich erbleicht, da Haller ohne Aufforderung eingetreten war, in -abwartender Stellung. Ich wollte ihn nicht allsogleich sich entfernen -lassen, um wenigstens die Einleitung der mir unliebsam zu gewärtigenden -Unterredung — denn eine Unterredung (wie ich das Wort hasse!) sollte -da natürlich sich abspinnen — von ihrer jedenfalls überwältigenden -Maßlosigkeit auf das Niveau gesellschaftlichen Nebenbei-Tones -herabzustim<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>men. Doch Ernst Haller ließ mich dieses Mittel gar nicht -erst in Betracht ziehen. Er begann unvermittelt und mit einem fast -theatralischen Heranschreiten: „Ich bitte dich in einer dringenden -Angelegenheit....“</p> - -<p>„Du kannst gehen“, hatte ich noch Zeit, meinem Diener winkend -zuzurufen, sonst hätte der Kerl aus dem Repertoir von Tagesblättern und -Lieferungsromanen eine willkommene Gratisgabe erhalten.</p> - -<p>Als er sich rasch und lautlos — er darf nie frisch besohlte Schuhe -tragen (wie er das anstellt, ist seine Sache) — hinwegbegeben hatte, -nötigte ich Haller, dem ich meine für den Abend noch nicht behandelte -Hand reichte (wenn ich einmal meine Finger kultiviert habe, lasse ich -sie nur in Handschuhen anrühren), auf den einen der beiden mächtigen -Lederlehnstühle zu Seiten des mit einem schmiedeeisernen Gitter diskret -geschmückten Kamins. Er warf sich zwar so, daß die Federn stöhnten, auf -die breite Sitzfläche zwischen den hohen Armstützen, sprang aber auch -sofort, als ob es ihn nicht litte, wie ein Gaukler auf und mir fast ins -Gesicht. Ich bot ihm — er sprudelte schon eine Menge vager<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> Worte — -Zigaretten an. Es wies sie ab.</p> - -<p>Kurz, — ich hatte es ja längst geahnt — er hat mich, brüsk und vor -mir aufgepflanzt wie bei einer Fechtakademie, nach meinen Beziehungen -zu seiner Schwester gefragt. „Ich weiß alles!“ schrie er. (Das ist die -dümmste Art, mir beikommen zu wollen.) Und dann ergab sich wie ein -gelöst rollender Knäuel Bindfaden die ganze umständliche Geschichte. -Es ist zwar bekannt, daß er seine Schwester seit je beargwöhnt hatte. -Ich habe auch immer die, wie ich nunmehr sah, gegründete Überzeugung -gehegt, daß er uns mindestens beobachten ließe. Aber mich verdroß die, -wie gesagt, theatralische Manier, mit der er dieses höchst zwecklose -Gespräch in Szene setzte.</p> - -<p>Die Baronin Alice Sigmar-Bouvelle ist eine jener Damen, die — wie -soll ich mich ausdrücken? — einfach nicht anders können. Sie ist -sehr schön, groß, gut gebaut und von dieser unersättlichen blonden -Rasse, die so reizend hinter einem müden — darf ich sagen: „Sehnen“? -— eine stete, sehr amüsante Glut zu verbergen weiß. Sie ist mir im -Grunde so gleichgültig wie meine Uhrkette. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> die Grazie, mit der -sie eine glimmende Zigarette, den Arm leicht über ein Polster gelegt, -mit fast geschlossenen Augenlidern betrachtet oder wie sie mit einem -federnden Schwung sich von der Handfläche, die man ihrem kleinen Fuß -unterschiebt, in den Sattel hebt und niedergleiten läßt, gefällt mir -über alle Maßen. Und einmal hatte ich, als sie mir die Hand bot, diese -Hand von unten nach oben gedreht und über dem etwas gepreßten Ballen -durch den kleinen Ausschnitt im Handschuh geküßt. Dann hat sich alles -sehr einfach arrangiert. Es war keine besonders mühsame Geschichte. -Und bald langweilte mich die Sache, so leid es mir tat, die bequeme -Situation zu verlassen. Kam mir da der Bruder mit dem unangemessenen -Aufwande!</p> - -<p>Ich zündete mir — es war vorauszusehen, daß ich ja nun doch zu -spät ins Theater kommen würde, und die Zähne hatte ich mir nach all -dem Gerede, das folgen sollte, gründlichst von neuem zu putzen — -ich zündete mir gelassen (wenn ich auch allmählich von der Brust -aufwärts gegen den Hals hin leise zu zittern begann) eine Zi<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>garette -an und sagte — ich weiß genau die langsamen Worte —, sagte nichts -als: „Willst du dich mit mir schlagen?“ Das wirkt immer famos. Er -hielt in seiner unablässigen Wanderung zwischen dem Kamin und meinem -Schreibtisch, Gott sei Dank, für einen Augenblick inne und sah mich an -(ich bemerkte, daß sein Schnurrbart heute nicht gestutzt worden war).</p> - -<p>„Ich will Gewißheit,“ sagte er sehr laut. Wieder so ein Wort der -Theaterstückeschreiber! „Was für eine ‚Gewißheit‘?“ fragte ich, mich -zurücklehnend und den dünnen blaugrauen Rauch in kurzen Stößen aus der -Nase entlassend. „Daß du mit meiner Schwester...“ Es kam ihm nicht von -der Zunge. Ich begreife das. Mir wäre das auch höchst fatal. „Lieber -Freund,“ sagte ich und richtete mich etwas auf (ich hatte den Nacken -zu fest an den Hemdkragen gedrückt), „sei nicht böse, aber du bist — -entschuldige schon — komisch.“</p> - -<p>„Reize mich nicht noch mehr!“ polterte der alberne Mensch wieder.</p> - -<p>Ich mußte unwillkürlich lächeln. Er, diese knarrende Windfahne, sprach -von „reizen“!<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> „Übrigens hast du gesagt, du wüßtest alles.“ Er beging -nun (natürlich!) die große Unvorsichtigkeit, zu entgegnen: „Also doch!“</p> - -<p>Da stand ich auf. Ich steckte beide Hände in die Taschen meiner -Beinkleider und erhob ein wenig die Stimme: „Lieber Alter, verzeih, -wenn ich jetzt etwas sehr Unanständiges mir zu — flüstern erlaube: Ich -wollte fast — du wüßtest ‚alles‘; dann — wüßte ich es auch...“ Er war -augenscheinlich überrascht. Ich aber, jetzt gut eingefahren, setzte -hinzu: „Und die Baronin hat doch einen <em class="gesperrt">Mann</em>.“ Er schwieg. Ich -bot ihm eine Zigarette an. Er nahm sie geistesabwesend.</p> - -<p>„Schau, Ernst, (ich riskierte jetzt den Vornamen, gleichzeitig -überlegte ich, ob ich Benedikt rufen sollte, daß er Kognak -hereinbrächte), schau Ernst, du bist — du verzeihst schon —, du bist -ein Narr. Blamier’ dich nicht! Der Fredi (Alfred Baron Sigmar-Bouvelle -ist der glückliche Besitzer meiner ‚Passion‘), der Fredi würde ‚sich -kugeln‘“, (ich wählte diese ‚gemütliche‘ Ausdrucksweise, da ich nun die -Gewißheit hatte, noch einen Teil der Ouverture von Carmen zu retten, -die ich so gerne höre), „wenn wir ihm diesen Besuch erzählten.<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>“ Ernst -Haller setzte sich. Ich ließ Kognak bringen. Wir rauchten schweigend.</p> - -<p>Endlich bat er mich um Verzeihung. Ich verzieh ihm großartig. Dann -begleitete er mich in das Ankleidezimmer. Ich mußte schon ein übriges -tun und gnädig sein. Und da ich ihn einlud, mit mir die Oper zu -besuchen, verlangte er Kamm und Bürsten und richtete sich etwas -menschlicher her...</p> - -<p>Ist das nicht ein Abenteuer? Ich gestehe, daß ich es gegen keinen der -berühmten Postwagenüberfälle in den noch immer so beliebten, weil im -Aussterben begriffenen romantischen Gegenden auszutauschen Lust hätte. -Sie werden sich wundern, daß ich die vollen Namen der agierenden -Persönlichkeiten genannt habe; noch mehr jedoch, daß Sie diese Namen -heute zum ersten Male vernehmen, da Sie, Gräfin, was die hiesige -Gesellschaft betrifft, immerhin einige Personen- und Sachkenntnis zu -besitzen meinen. Nun denn, verzeihen Sie mir, daß ich Sie — nicht -entrüste: sie sind erfunden.</p> - -<p class="center">Stets in Verehrung der Ihre<br /> -<em class="gesperrt">Andreas Balthesser</em>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="ANDREAS_VON_BALTHESSER_SPRICHT_MIT_EINEM_LITERATEN_UEBER">ANDREAS -VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM LITERATEN ÜBER DIE GESELLSCHAFT, DIE -KÜNSTLER UND IHR GEHABEN UND DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p> - -<div class="initial">A</div> - -<p><span class="initial">A</span><span class="smaller">NDREAS VON</span> -B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Der Hauptgrund der nicht wohl -abzuleugnenden Verwirrung, in der sich bei den Deutschen heute die -Literatur befindet — ich meine das Gemenge von Echtem und Falschem, -vor allem aber die beängstigende Übermacht des verrucht täuschenden -Falschen, dichterisch Unerlebten — der Hauptgrund dieser bösen -Unkultur unsres Schrifttums scheint mir die einigermaßen fragwürdige -soziale Stellung des Schriftstellers gerade bei uns und gerade heute. -(Anderseits freilich dürfte wiederum die Masse, wie überhaupt im -sozialen Leben, den Stand drücken.) Erst wenn ein Autor sehr großen -Ruhm und natürlich auch sehr viel Geld erworben hat, duldet ihn die -Gesellschaft, und auch dann nur mit jener unverschämten Neugierde, wie -man sie sogenannten farbigen Rassen entgegenbringt. Als voll nimmt -sie ihn ja doch nicht. Deshalb darf der Schriftsteller, der etwas auf -sich hält, während man von ihm noch nicht entsprechend viel hält, das -Schreiben gewissermaßen nur incognito ausüben, geschehe<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> dies auch noch -so — öffentlich. Er muß etwas „daneben“ sein, mindestens ein Herr X, -Sohn des Herrn Y. Ein Mensch, der „<em class="gesperrt">nur</em>“ Schriftsteller ist und -noch nicht den großen Ruhm und sehr viel Geld erworben hat, trachtet, -sich für seine Stellung außerhalb der Gesellschaft durch allerlei -Mittelchen auf seine Weise zu entschädigen. Er macht aus der Not die -bekannte Tugend. Er sucht aufzufallen. Er setzt sich in Szene. Wenn er -schon nicht mit den Menschen leben kann als einer ihresgleichen (und es -ist sein heimlicher Neid), so sollen wenigstens möglichst viele um ihn -herum stehen und ihm verwundert zusehen.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER</span> L<span class="smaller">ITERAT</span>: Was Sie da von dem Schriftsteller sagen, ist eine -grausame Wahrheit, die die wenigsten von uns einsehen mögen, wie man -eben immer gerade das nicht „einsehen“ will, was man am besten weiß. -Sie haben aber bei Ihrer „Soziologie“ vergessen oder übersehen, daß -das „Soziale“ ein dehnbarer Begriff ist, zumindest wie alle Begriffe -relativ.</p> - -<p>A<span class="smaller">NDREAS VON</span> B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Ich finde nicht, daß Begriffe dehnbar -seien. Dehn<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>bar, das heißt doch wohl elastisch, sind die von den -Begriffen zugedeckten Dinge. Der Begriff aber ist immer sehr hart, -sehr hölzern, sehr „Deckel“. Doch dies nebenbei. Sie meinen, ich hätte -übersehen, daß der Schriftsteller soziale Beziehungen hat und pflegt. -Ja, gewiß, zu andern Farbigen: Schauspielern, Virtuosen, Malern...</p> - -<p>D<span class="smaller">ER</span> L<span class="smaller">ITERAT</span>: Nicht der schlechteste Umgang.</p> - -<p>A<span class="smaller">NDREAS VON</span> B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Warum die Betonung? Gewiß nicht, aber -„an sich“ kein Umgang im „sozialen“ Sinn.</p> - -<p>Sprechen wir darüber ohne Gereiztheit. Es ist doch selbstverständlich, -daß ein kluger Schauspieler, ein geistreicher und begabter Maler, -ein erfahrener und lebendiger Schriftsteller ein besserer „Verkehr“ -sind als etwa ein dummer, oder wie die Demokraten unentwegt zu sagen -pflegen, ein vertrottelter Sportsmann. Aber — wir streiten ja auch -nicht darüber, ob es angenehmer sei, mit hübschen und zugänglichen -Balletteusen zu soupieren als mit steifen alten Herzoginnen, sondern, -nicht wahr, wir sprechen von der „sozialen Stellung<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>“ und den -Gesetzen der „Gesellschaft“. Und in der „Gesellschaft“, darüber sind -wir uns doch ganz klar, zählt weder der Klaviervirtuose noch „der -Schriftsteller“ noch „der Maler“. Er „zählt“ wohl, aber ich möchte -nicht gern so „zählen“, das gestehe ich unumwunden: er zählt als -Bestandteil der „Bühne“.</p> - -<p>In der Gesellschaft — Sie denken dabei hoffentlich nicht an einen -„Jour“? — gibt es immer eine Bühne und — das lächelnd zurückgelehnte -Parkett. Ob auf der „Bühne“ einer im Schweiße seines Angesichts Klavier -spielt oder — ohne Schweiß — seinen mehr oder weniger berühmten -Namen als Schriftsteller oder Maler vorzeigt oder vorzeigen läßt von -einem Impresario, der sich meinetwegen im Parkett erhebt, das ist im -Grunde dasselbe. „Soziale Stellung“ im Sinne der „Gesellschaft“ hat der -Schriftsteller „als solcher“ nicht. Und ebensowenig der Schauspieler. -Daran werden alle Tiraden über „Demokratisierung der Gesellschaft“ -nichts ändern. Sie verstehen: Ich spreche vom <em class="gesperrt">Titel</em>, vom -Anspruch, nicht von einzelnen Tatsachen, die sich scheinbar gegen -das „Prinzip“ aufleh<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>nen. Es gibt ja anderseits auch Gräfinnen, die -ganz und gar nicht zur „Gesellschaft“ zählen. Es gibt nur <em class="gesperrt">eine</em> -Gesellschaft. Auch dies ist ein Axiom, das die nicht anerkennen -wollen, die nicht dazu gehören. Man „gehört“ zur Gesellschaft oder — -nicht. An der Zugehörigkeit zur Gesellschaft kann einem der Verkehr -mit Schriftstellern nichts rauben — ebensowenig wie der Verkehr mit -Balletteusen. Wer aber mit Balletteusen — verwandt ist, der gehört -nicht zur Gesellschaft, und ein veritabler Schriftsteller in der -Familie ist auch keine Annehmlichkeit, verstehen Sie mich? Wenn der -Schriftsteller sehr berühmt und sehr reich ist, so schadet er einem -nichts, hören Sie, im besten Fall <em class="gesperrt">schadet</em> er nicht. Auch ein -Strumpfwirker in der Familie schadet nicht, wenn er — Millionär ist. -Und das hat Sinn. Ja, dieser Unsinn, wie die Leitartikler sagen, hat -Sinn. Denn es ist klar, daß der Strumpfwirker, der Millionär ist, -sich in irgend etwas von dem Strumpfwirker, der sich 2000 Gulden -im Jahr verdient oder noch weniger, unterscheiden wird, und zwar -durch <em class="gesperrt">Lebensgewohnheiten</em>. Sehen Sie, darauf kommt<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> es an. Dem -Strumpfwirker-Millionär erlaubt man sogar, sich seine „Gewohnheiten“ -erst anzugewöhnen. Man drückt ein Auge zu und blinzelt verliebt zur -Million hinüber. Das mag kleinlich sein, aber es ist sehr natürlich und -wie alles Natürliche „echt“. (Nicht alles „Echte“ anderseits ist — -natürlich.)</p> - -<p>Also noch einmal, es gibt nur <em class="gesperrt">eine</em> Gesellschaft. Das ist -eine Tatsache, die man angreifen oder beklagen kann, aber nicht -hinwegdekretieren. Freilich machen die Gesellschaft nicht die aus, die -sich unbefugt selbst dazu zählen, auch nicht die, die von beflissenen -oder — verwandten Reportern auf dem geduldigen Papier dazu gezählt -werden. Nicht die Leute etwa, die ein Wohltätigkeitsfest gelegentlich -in Verkaufsbuden vereint, gehören zur Gesellschaft. Sie sind arme -Teufel, wenn sie sich’s darum einbilden... Ich bin neulich auf der -Straße einem mir nach Abbildungen in illustrierten Zeitschriften -bekannten Komponisten begegnet. Er ging mit seiner Frau. Sie trug -natürlich die entsetzliche Reformtracht. (Haben Sie schon jemals eine -„Dame“ auf der Straße in Reformtracht gesehen? Ich nicht; und das<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> -hat wiederum Sinn und ist sehr begründet.) Er den Künstlerhut und -die liebliche Mähne aller Komponisten. Ich möchte wissen, weshalb -Komponisten immer Mähnen haben? Warum sie immer schlecht gekleidet -sind, weiß ich sehr genau: weil sie sich über derlei Dinge erhaben -fühlen, oder, wie ich es mir auszudrücken erlaube, davon keine Ahnung -haben. Aber ich frage Sie, warum tragen Komponisten immer Mähnen? Es -ist scheußlich, aber „künstlerisch“. Muß also nicht der „Künstler“ als -öffentliche Erscheinung für den wohl erzogenen, den lautlosen Menschen -ein Greuel sein. Wer sorgt dafür? Die Künstler mit ihren Sammetjacken -und -baretten, mit ihrer Löwenmähne und den Reformkleidern ihrer -Frauen. Und das sind die Menschen des „höhern Seins“, die Menschen der -Kunst, der „Blüte der Kultur“.</p> - -<p class="indent">Hat nicht der „gigerlhafte“ Aristokrat mit seinen engen Beinkleidern -und dem fabelhaft gut gemachten Rock (nicht nur der Schneider macht -gute Röcke, das ist ein Irrtum: der Träger macht den guten Rock oder — -läßt ihn machen), hat er nicht mehr Kultur im Leibe?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p> - -<p>Also, um auf meinen Komponisten zu kommen: Er trug seine Löwenmähne -— es war ein nicht eben sonderlich warmer Frühlingstag — ungekämmt -zur Schau, nämlich den Hut in der Hand oder auf seinem Spazierstock, -glaube ich, ja, ja, auf seinem Spazierstock. Ich frage: Tut so etwas -ein andrer Mensch als ein „Künstler“? Sie werden mir da natürlich den -göttlichen Übermut dieses ungebundenen Völkchens und die berühmte -rote Weste Gautiers zitieren usw. Erstens aber ist damit gar nichts -„bewiesen“, denn die rote Weste Gautiers, wenn sie auch vielleicht -die Philister reizte — und eben darum eine arge Geschmacklosigkeit -bedeutete: es ist geschmacklos, den Philister zu reizen —, war -immerhin, da sie die Farbe betonte, im Gegensatze, sagen wir: zur -Nüchternheit der Philisterumgebung, etwas Malerisches, ein (grobes) -Symbol, aber was ist an der ungekämmten Mähne eines Komponisten -malerisch? Und dann: die ganze Sache ist ja <em class="gesperrt">gemacht</em>. -Alles aber, was gemacht ist, ist geschmacklos. Der „gigerlhafte“ -Aristokrat ist nicht „gemacht“. Es ist das eine Sache der angeerbten -Un<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>natur, vielmehr: der <em class="gesperrt">natürlichen</em> Unnatur, also doch Natur, -ein Cachet, das nicht aufgeklebt ist, sondern aus dieser seiner -„unnatürlichen Natur“ fließt. Daß aber der Dirigent seinen Hut, seinen -„Künstler-Schlapphut“, auf seinem Spazierstock vor sich her trägt, -neben seiner Frau, die in Reformtracht, Lilien über der Sitzfläche, -durch die Stadt zieht („zieht“ ist das Wort), ist Mache, riecht nach -dem Theater, ist ekelhaft prononciert, im besten Fall unerträglich -lächerlich. Darin, daß sich jemand „auffallend gut“ kleidet, kann ich -nichts Lächerliches finden. Die bizarre Erscheinung dieser schlanken -Arabeske nimmt sich, meine ich, sehr gut aus. Ich fühle Kultur, -die <em class="gesperrt">Kultur der Gepflogenheit</em>, in dieser Art, sich ein wenig -auffällig zu kleiden. Selbstverständlich ist höchste Vornehmheit -unauffällig. Aber ich wette um den Lockenkopf des liebenswürdigsten -„Gesellschafts“-Zeilen-Plauderers, daß dieser Löwe der literarischen -„Jours“ an ihr immer wieder vorbeisieht. Dieser naseweise Herr, -der sich, literarisch bis in die abgebissenen Fingernägel, für -Gautiers rote Weste begeistert und<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> sich in einem frischgebügelten -Waschleinenanzug für Oscar Wilde hält, ist bei all seiner Belesenheit -oder — Angelesenheit ein Mensch, der, was den Geschmack betrifft, -meist tief unter dem kleinsten Kavallerie-Kadetten aus gutem Hause -steht, als welcher außer dem Wallenstein — in der Kadetten-Schule — -von den Klassikern wenig erfahren hat und lieber das kleine Witzblatt -liest und die Personalnachrichten des Salon- und Sportblatts als das -„Textbuch“ zu „Tristan“. Jener fade Enträtsler der unter den Falten -ihres Reformgewandes verborgenen Psyche des modernen Weibes hat -keine Ahnung von der Kultur der Gepflogenheiten. Was er „Elegantes“ -tut oder besser: „vollführt“, denn es ist falsches Pathos in seiner -Beflissenheit, ist Surrogat. Aber weil er „unterm Strich“ den wehrlosen -Barbey d’Aurevilly zitiert, dünkt sich der Federstilgewandte mehr als -jener harmlose Kavalleriekadett aus guter Familie. Er ist rührend, -dieser Trugschluß. Nein, er ist nicht rührend, denn er ist allzu -unbescheiden. Die Vernunft, das Wissen, das Schreiben ist gar nichts. -<em class="gesperrt">Das Selbstverständliche ist alles.</em></p> - -<p>Ob einer „selbstverständlich“ malt wie Ve<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>lasquez oder -„selbstverständlich“ dichtet wie Shakespeare oder „selbstverständlich“ -ein Pferd reitet, im Grunde sind das alles Äußerungen einer einzigen -Kraft, der Natur. Wenn aber der „unterm Strich“ Vauvenargues — „man -kennt die sublime These „„des““ Vauvenargues“ (natürlich hat er sie -soeben erst in der gestern als Rezensionsexemplar ihm zugewiesenen -Übersetzung gelesen) — zitiert und gewohnheitsmäßig zu diesem Behuf -seine walzenrunden Manschetten auszieht und vor sich auf den Tisch -stellt, so ist das ein Produkt der „Bildung“, ein Exkrement der Bildung -sozusagen, eine häßliche und übelriechende Sache.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="ANDREAS_VON_BALTHESSER_SPRICHT_MIT_EINEM_ANDERN_LITERATEN_UEBER_DAS">ANDREAS -VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM ANDERN LITERATEN ÜBER DAS -MONOKEL, ÜBER WITZE, LIEBENSWÜRDIGE SONNTAGSPLAUDERER UND DIE DEUTSCHE -PROSA</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> - -<div class="initial">M</div> - -<p><span class="initial">M</span>anchmal fragt mich einer, warum ich ein Monokel trüge. Ich antworte -mit der größten Offenheit, weil es mir gefiele. Das kann der andre -nicht begreifen. Er lächelt mitleidig oder boshaft oder ungläubig, und -endlich spielt er seinen höchsten Trumpf aus, wenn er nämlich sehr gut -mit mir ist: es sei doch „eine ganz gewöhnliche Fexerei“.</p> - -<p>Ich gebe ihm das natürlich zu. Nun ist er erstaunt. „Du siehst das also -ein?“ „Natürlich. <em class="gesperrt">Einzusehen</em> ist doch keine Kunst. Ich sehe ein -und tue doch, was mir gefällt. Ich trage zum Beispiel ziemlich hohe -Stöckel und sehr enge Beinkleider. Es gefällt mir. Vielleicht gefällt -es mir morgen nicht mehr. Dann werde ich sie nicht mehr tragen.“</p> - -<p>„Aber du machst dich lächerlich.“ „Wer macht sich nicht lächerlich? -Der eine, indem er Gedichte schreibt, — vor einem Zuckerraffineur; -der andre, indem er seinen ergrauenden Schnurrbart färbt, -Töchterschülerinnen gegenüber. Sich lächerlich zu machen,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> ist -unvermeidlich. Denn jedermann findet Kritiker. Jedermann. Und wer -<em class="gesperrt">vor andern</em> kritisiert, wird gern einen Witz anbringen. Man kann -Witze machen über die Tatsache, daß Goethe die „Iphigenie“ geschrieben -hat. Daran ist nichts zu verwundern. Ärgerlich und zwar für den, der -sie anzuhören gezwungen ist, sind nur <em class="gesperrt">schlechte</em> Witze. Gute -Witze läßt man sich gelegentlich immer gefallen, — besonders wenn sie -auf Abwesende gemünzt sind. Also wenn du einen guten Witz über mein -Monokel machen willst, so mach’ ihn ungescheut. Aber nur einmal! Oder -wenn du ihn unbedingt ein zweites und ein drittes Mal anbringen mußt — -eine Geschmacklosigkeit, die ein Zeichen von Armut ist, da du mit dir -selbst wucherst — dann mach’ ihn, bitte, das zweite und dritte Mal vor -andern. Es wäre dir hoffentlich selbst unangenehm, wenn ich ihn zweimal -von dir anhören müßte.“</p> - -<p>Es gibt meines Erachtens nichts Beschämenderes, als wenn einer einen -Witz — das Unmittelbarste, Blitzähnlichste, was sich denken läßt -— zweimal vor demselben Publikum anbringt. Ich erinnere mich eines -Pro<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>fessors, der seine „Witze“ in seinem Kollegienheft notiert hatte -und sie Jahr für Jahr „vortrug“. Man konnte sich Tag und Stunde -ausrechnen, wann sie fallen würden. Es gab „Liebhaber“, die solche -Stunden immer wieder aufsuchten. Ich habe das von den Liebhabern -womöglich noch geschmackloser gefunden als von dem Professor. Bei ihm -war immerhin ein klein wenig Verachtung dabei.</p> - -<p>Einer der bei Provinzabonnenten und hauptstädtischen Provinzialen so -beliebten Sonntagsplauderer irgend eines Tageblattes schwelgte neulich -einmal in der Mitteilung, daß ein kürzlich verstorbener Krösus, der -doch ein so fürstlicher Wohltäter gewesen sei, mit dem Kellner um -ein unrichtiges Plus von 20 Kreuzern habe feilschen können und nicht -nachgegeben hätte, des verächtlichen Lächelns des Kellners unerachtet. -Der anmutige Chroniqueur fühlt sich in diesem Punkt dem Nabob verwandt. -Auch er feilscht um 20 Kreuzer mit dem Kellner und gibt nicht nach. -Und das verächtliche Lächeln stellt sich unfehlbar ein... Es ist ein -„feiner“ Unterschied da, den der liebenswürdige Plauderer nicht merkt. -Der Nabob konnte sich das erlauben. Er blieb<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> der Nabob. Es ist so, als -ob es ihm beliebt hätte, mit durchlöcherten Schuhen spazieren zu gehen. -Wenn einer um 20 Kreuzer feilscht, weil ihr Verlust ihn schädigt, ist -das sehr natürlich, aber keineswegs eine interessante Perversität... -Jener Krösus, der um 20 Kreuzer gefeilscht haben soll, ist mir -übrigens nicht einmal interessant. Er konnte sich das erlauben. Ist -das interessant, was man sich erlauben kann? Ein andrer kann sich so -etwas nicht erlauben. Das ist aber nicht jener charmante Glossator, dem -es tatsächlich ein Bedürfnis ist, zu feilschen, weil er das Bedürfnis -hat nach dem — Objekt des Feilschens, beziehungsweise seinen Mangel -peinlich empfindet. Ich meine den Unnatürlichen, der seine Unnatur -fühlt, sie bekämpft und — ihr unterliegt.</p> - -<p>Von einem andern Zeitungsschreiber habe ich neulich lesen müssen: -Niemals habe die deutsche Prosa auf einer ähnlichen Höhe gestanden wie -heute. Es hat deutsche Schriftsteller gegeben vom Range der Schlegel, -Grimm, Hoffmann, Kleist, Novalis, Hölderlin, Platen, Stifter, Goltz, -Keller! Und der Unglückselige findet, die deutsche Prosa<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> sei heute -auf einer Höhe angelangt „wie noch nie“! Heute schreiben sie und „tun -so“, „als ob“. Und dieser armselige Festredner glaubt es ihnen. Dabei -ist die Grammatik abhanden gekommen. Unter hundert heute landläufigen -Schriftstellern kann kaum einer Deutsch. Sie machen Fehler wie die -Buben in der ersten Gymnasialklasse und <em class="gesperrt">merken</em> es <em class="gesperrt">nicht</em>. -Sie merken es nicht einmal bei andern: ein Zeichen, daß ihre -„stilistischen Ohren“ verstopft sind. Und Dumme und Kluge lassen sich -heute so leicht blenden! Es braucht einer nur seine Worte einige Jahre -hindurch anders zu stellen, als es die Syntax gebieterisch fordert: -er imponiert; zumal wenn ihn die andern „Verbrecher aus verlorner -Ehre“ vielfach darum preisen. Seine Unarten werden von unzähligen -Schmieranten nachgeahmt; so wird man heute Klassiker.</p> - -<p>Ich sage: es ist einfach unglaublich, wie schlecht bei uns geschrieben -wird. Kein Volk auf der ganzen Erde mißhandelt seine Sprache so wie -das deutsche. Es sollte ein Grimm heute versuchen, sein Wörterbuch mit -Beispielen aus der „schreibenden Gegenwart“ zu<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> belegen, er könnte fast -nur fehlerhafte Wendungen verzeichnen. Gesetzt, ein Grimm von heute -hätte ein Gefühl für die Fehler seiner schreibenden Zeitgenossen.</p> - -<p>Denn das macht es aus, nicht nur in der Schriftsprache, im Leben -überhaupt sind wir um allen Stil gekommen und <em class="gesperrt">merken es nicht</em>. -Wie wäre es sonst möglich, daß sich die Menschen nicht zusammenrotteten -und die große Mehrzahl ihrer Architekten, ihrer Baumeister, ihrer -Schriftsteller, vor allem ihrer Schriftsteller erschlügen? Man müßte -heute, um zum Tauglichen wenigstens wieder — „instradiert“ zu werden, -alle Städte niederreißen, bis auf den Grund, und so ziemlich alle -„gebildeten“ Einwohner dieser Städte töten. Nur so wäre es möglich, mit -einer ausgewählten Zucht von jungen Menschen — die man im Wachstum -wieder dezimierte —, durch gute Lehrer und treffliche Beispiele -unterstützt, etwas Kulturähnliches zu erzielen.</p> - -<p>Der Literat hat schweigend zugehört. Jetzt sagt er: „Aber <em class="gesperrt">Sie</em>, -nicht wahr, Herr von Balthesser, Sie blieben uns doch erhalten? -Das heißt, — den andern natürlich, denn<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> ich würde ja wohl auch -ausgerottet. Da ich jedoch noch am Leben bin, darf ich mir die Frage -erlauben, ob ich Sie, Herr von Balthesser, ‚unterm Strich‘ behandeln -kann.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="HERR_VON_BALTHESSER_SPRICHT_MIT_EINEM_BESCHEIDENEN_JUNGEN">HERR - VON BALTHESSER SPRICHT MIT EINEM BESCHEIDENEN JUNGEN SCHRIFTSTELLER ÜBER -BÜCHER</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p> - -<div class="initial">M</div> - -<p><span class="initial">M</span>an sollte, sagte Herr Andreas von Balthesser, seine Bücher in -höchstens 100 Exemplaren drucken lassen, die man verschenkte. Das -Papier müßte fest und holzfrei, vorzüglich Bütten sein, die Textsäule -ungefähr ein Sechstel der großen Seite einnehmen. Kein Buch wäre zu -binden: das bliebe dem Eigentümer und seinem persönlichen Geschmack -überlassen. Wenn man, wie dies heute leider noch immer der Fall ist, -seine Bücher durch einen Verlag veröffentlichen und sie an den Türen -der Redaktionen um ein gütiges Geleitwort bitten läßt, verdient der -Autor eigentlich gar nicht, daß ein zärtlicher Schätzer seines Werkes -die Gabe ihm mit Dank quittiere. Wozu geht ein Dichter, der etwas -auf sich hält, auf den Markt? Um des Ruhmes willen? Den verleiht -die Mitwelt nicht. Und er kann dem stillsten Buche zuteil werden, -das vergessen in dem Winkel einer kleinen Bibliothek steht. Um des -Geldes willen? Wie selten hat ein wirklich vortreffliches Buch seinem -Schöpfer Geld eingetragen! Aus Eitel<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>keit, das heißt des zweifelhaften -Vergnügens wegen, sein Werk unter zahllosen unberufenen nach einem -berufenen Beurteiler auf der deplorabeln Suche zu sehen?</p> - -<p>Sie vergessen, Herr von Balthesser, erlaubte sich der junge bescheidene -Schriftsteller zu bemerken, daß man ein Buch wohl ins Ungewisse -flattern läßt, gleichwie ein dem Käfig entronnener Vogel, der aus -fremden Zonen stammt, ins Ungewisse flattert, daß aber liebevolle -Aufnahme ihm zuteil werden kann, von der sein Schöpfer niemals erfährt. -Ist das nicht schön? Und bietet der <em class="gesperrt">eine</em> Leser, dem Ihr Werk ein -süßes Ereignis der Seele geworden ist, Ihrer Einbildung nicht Ersatz -für hundert andre, die ihm nicht gewachsen sind?</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Das ist eine zärtliche Idylle in Wachs, gewickelt -in Watte, die mit Rosenwasser befeuchtet ist und verschämt duftet.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Ist das ein Einwand, -Herr von Balthesser?</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Nein, nur eine spöttische Bewegung der Mundwinkel.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: -<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Die ich also nur als -ehrfürchtiger Beobachter Ihres interessanten Mienenspiels zu werten -habe.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Wie Sie wollen. Ich jedenfalls werde meine -Bücher nicht mehr herausgeben, wenn ich überhaupt noch den Heroismus -aufbringen sollte, Bücher zu schreiben.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Sie werden gewiß -noch Bücher schreiben, Herr von Balthesser, und Sie werden sie auch -herausgeben.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Woher wissen Sie das?</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Ich erlaube mir das -daraus zu schließen, daß Sie so gegen das Herausgeben von Büchern -perorieren.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Sie sind ein malitiöser Partner. Aber ich liebe -das. Nichts ist langweiliger als Zustimmung... O doch: eines ist noch -langweiliger: eben dieses, Bücher zu schreiben.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Sie müssen es wissen.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Sie verblüffen mich angenehm.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span> verneigt sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Ich habe sonst bei „zeitgenössischen Autoren“ -wenig Geist verspürt.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Um so bequemer für Sie, -Herr von Balthesser.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Wieso?</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Weil Sie sich sicherlich -die Mühe genommen hätten, ihn zu negieren.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Sie meinen doch nicht etwa, daß ich etwas -ähnliches wie Kritik geübt hätte?</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Ich müßte mich sehr -täuschen, wenn Sie nicht oftmals bereits „Kritik geübt“ hätten.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Man spricht niemals von gestern.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Ich werde mich bemühen, -diese Lebensregel zu befolgen.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Man soll sich niemals bemühen.</p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Sondern andre. Sehr -richtig.</p> - -<p>B<span class="smaller">ALTHESSER</span>: Gewiß. Wer andre bemüht, ist der Herr seiner -Wünsche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> - -<p>D<span class="smaller">ER JUNGE BESCHEIDENE</span> -S<span class="smaller">CHRIFTSTELLER</span>: Aber der Sklave -seiner Launen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr von -Balthesser.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="ANDREAS_VON_BALTHESSER_UEBER_DIE_BETRACHTUNG_VON_GEMAELDEN">ANDREAS -VON BALTHESSER ÜBER DIE BETRACHTUNG VON GEMÄLDEN</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<div class="initial">V</div> - -<p><span class="initial">V</span>or Gemälde vermeide ich mit Bekannten zu treten. Es wird dann immer -höchst überflüssigerweise „geredet“. Und sobald man vor Gemälden über -sie redet, entziehen sie sich einem. Es ist, als ob es sie verdrösse. -Sie verhüllen sich gleichsam von innen heraus. Man kann über Gemälde -nur in ihrer Abwesenheit sprechen. (Das Gegenteil hat bei Menschen -statt. Ich finde, daß man über Menschen nur mit ihnen selbst sprechen -kann. Natürlich auch brieflich, denn der richtige Briefschreiber -spricht zu einem Anwesenden. Es gibt wohl auch Briefschreiber, die -zu Abwesenden sprechen, solche aber werden immer schlechte Briefe -schreiben, uninteressante, unpersönliche.)</p> - -<p>Gemälde soll man nur in Stimmung betrachten. Es ist nicht wahr, daß -sich die Stimmung einstelle. Man muß Sehnsucht nach Gemälden empfinden, -sogar Sehnsucht nach bestimmten Gemälden. Spürt man unbestimmte -Sehnsucht nach Gemälden, dann mag man es versuchen, sich gleichsam -magne<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>tisch mit dem in Rapport zu setzen, das sein Antlitz im Nebel -dieser unbestimmten Sehnsucht verschleiert hält. Will es sich nicht -entschleiern, dann unterlasse man es, an dem Schleier zu zupfen. Es -schneidet sonst plötzlich eine Grimasse, die lange nachwirkt. Aber jede -unbestimmte Sehnsucht birgt einen bestimmten Gegenstand. Unbestimmte -Sehnsucht ist nur ein vorläufiger, ein Verlegenheitsausdruck.</p> - -<p>Etwas anders ist gemeint, wenn ich hinzufüge, daß man sich in der -Betrachtung von Gemälden reinigen kann. Das soll nicht heißen, daß -man ohne Stimmung sei. Im Gegenteil: man hat gerade dann, wenn man -dieses Reinigungsbedürfnis empfindet, eine sehr starke Stimmung zu -künstlerischen Eindrücken. Eben ihre Stärke bedingt die Unlust, die -einem das „andre“ bereitet. Man wäre aber zum Beispiel nicht in der -Stimmung zu künstlerischer Betrachtung, wenn man sich in sinnlicher -Erregung befände. Wer von der Dame seiner Sinne endlich die verheißende -Andeutung erhalten hat, der darf nicht vor Gemälde treten. Er wird -geneigt sein, eine Nudität von Allegri über Reitergruppen von<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Mollyn -zu stellen, beziehungsweise, was noch schlimmer ist, vor Rubens an die -zu gewärtigenden Alkovenbewegungen seiner Dame denken.</p> - -<p>Ich habe es ferner immer äußerst uninteressant gefunden, mit Malern vor -Bildern zusammenzutreffen. Fachsimpelei ist der Tod der künstlerischen -Empfindung, die unmittelbar in der <em class="gesperrt">Seele</em> wirksam ist und so -von seelischer Wirkung zeugt. Die Seele eines Künstlers spricht durch -ein Bild zu meiner Seele. Ihr muß ich mit meiner Seele zu begegnen -trachten. Da hält technische Kennerschaft nur auf. Man mag ihre -Betätigung geruhig den nur allzu häufigen Stunden der künstlerischen -Ernüchterung überlassen.</p> - -<p>Damit will ich durchaus nicht gesagt haben, daß die Erfassung -des Technischen, die restlose Bewältigung des Technischen durch -die Anschauung, nicht nötig wäre, als Basis gleichsam jener -Seelenzwiesprache. Man lernt die Seele eines Bildes erst allmählich -und auf vielen technischen Umwegen kennen, wenn sie auch beim ersten -Zusammentreffen ihre Anwesenheit der verwandten noch so deutlich -verrät. Ich meine nur, daß das<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Reden über technische Dinge am besten -hinterm Rücken eines Bildes geschehen sollte. „Hinterm Rücken eines -Bildes“, das kann sich sehr gut vertragen mit dem vollsten Betrachten. -Aber es ist ein andres Betrachten als das, bei dem alle Vernunft -schweigt, abstirbt sozusagen, erlischt wie ein Licht in einer Lampe, -das noch eben eine leuchtende und wärmende Flamme war und alle -entfernten Ecken eines Raumes erhellte und — mit eins fort, aus der -Welt ist, niemals da war.</p> - -<p>Bilder sind der schwierigste Umgang. Sie sind voll Launen und äußerst -empfindlich. Manchmal kommen sie einem entgegen mit einer Offenheit, -einer Freundlichkeit, daß man nicht weiß, wie man sich zu fassen hat. -Manchmal gehen sie von einem so schnell und weit fort, daß man ihnen -nicht zu folgen imstande ist. Auch haben sie sehr wechselnde Stimmen. -Bald sind sie überlaut, bald so leise, daß man sie kaum versteht und -immer „wie“ fragen möchte.</p> - -<p>Nebenbei gesagt: Bilder sind ein gefährlicher Umgang. Sie können einen -geradezu verzaubern. Es gibt Bilder, die man niemals<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> mehr aus seinem -Leben bringt. Sie können das Schicksal eines Lebens werden... Man -besucht eine Stadt zum erstenmal, man begibt sich unter andern Fremden -in eine ihrer öffentlichen Sammlungen. Man tritt in einen Saal. Milde -Oktobersonne liegt darin oder ein warmer Frühlingschein, eine Dame -in grünem Reiseschleier steht über ein rot gebundenes Buch geneigt. -Ein Aufseher wandelt auf knarrenden Sohlen an dir vorbei... Du siehst -auf. Ein Bild. Noch kaum ein Name, hat es plötzlich Gewalt über dich -bekommen, deine Weltauffassung, ohne daß du es noch ahnst, im Kerne -geändert. Vielleicht hat es der Zukunft deines von einer fremden Frau -noch ungeborenen Kindes die Bahn gewiesen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="WAS_ANDREAS_VON_BALTHESSER_GELEGENTLICH_UEBER_DAS_GESPRAECH_ZU_BEMERKEN">WAS -ANDREAS VON BALTHESSER GELEGENTLICH ÜBER DAS GESPRÄCH ZU BEMERKEN HATTE</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> - -<div class="initial">W</div> - -<p><span class="initial">W</span>enn mich die Leute nur mit ihren „Ansichten“ in Ruhe ließen! Ich bin -aus Höflichkeit genötigt, ihnen zu antworten, und, will ich mich nicht -überflüssigerweise mit Lügen anstrengen, muß ich ihnen mindestens etwas -Ähnliches wie „eigene Ansichten“ sagen, die leider immer anders lauten, -als ihre Fragestellung will.</p> - -<p class="indent">Das Gespräch erzogener Menschen meidet jegliche Auseinandersetzungen. -Es bewegt sich leicht, spielend, gewissermaßen mit fröhlicher Ironie, -die jedermann zugänglich ist, tändelnd auf Wandelwegen im duftigen -Schatten beschnittener Hecken. Es mag manchmal langweilen, aber es will -keinen „sachlichen“ Ernst. Es bietet keine groben Handhaben, wie sie -die stämmigen Dauerredner überall angebracht sehen wollen, sich mit der -Wucht ihrer Überzeugungen dranzuhängen. Es ist nicht ohne das feine -Parfüm des Mißtrauens. Es hat vor allem keinerlei jeder Behaglichkeit -so gefährliche Individualität.</p> - -<p>Wir sind zusammengekommen, uns in leicht<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>sinniger Stimmung mit heitern, -an sich völlig belanglosen Worten zu vergnügen. Es steht bei den -einzelnen, sich zu beteiligen oder mit verbindlichem Lächeln zeitweilig -außer den Kreis der „Aktiven“ zu treten.</p> - -<p class="indent">Gute Gesellschaft ist ohne Meinung. Der Causeur referiert nicht — ein -Referat ist der plumpe Grabstein der Konversation —, noch weniger -urteilt er. Urteile in der Causerie sind ein Zeichen schlechter -Erziehung.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="GLOSSEN_ZUR_PSYCHOLOGIE_DER_KLEIDUNG">GLOSSEN ZUR -PSYCHOLOGIE DER KLEIDUNG</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<div class="initial">G</div> - -<p><span class="initial">G</span>ut gekleidet sein, heißt vor allem <em class="gesperrt">nicht auffallend</em> gekleidet -sein. Alles Vollkommene ist unbefangen, selbstverständlich.</p> - -<p>Das zweite Gesetz lautet: <em class="gesperrt">Solidität</em>. Auch dieses wird seine -Anwendung überall im Leben bestätigen, wo etwas Vollendetes vorliegt.</p> - -<p>Es ist zum Beispiel durchaus nicht selbstverständlich, die Manschetten -und Kragen an das Hemd anzuknöpfen. „Selbstverständlich“ ist das -Hemd aus <em class="gesperrt">einem</em> Stück. Sparsamkeit aber, womit man allenfalls -die Teilung zu rechtfertigen sucht, ist ein Begriff aus einem andern -Reich, der in das „künstlerische“ Gebiet der Kleidung hineingetragen -wird, wie man in die Dichtung das moralisierende Element, die Tendenz, -hineingetragen hat als ein wesensfremdes. Tendenzen wie „angeknöpfelte“ -Manschetten und Kragen sind sicherlich „zielbewußte“, aber darum nicht -eben schönere Dinge. Stil lehnt jedes Kompromiß ab. Das Kompromiß -bringt den Stil um. Es ist stillos, an das<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> Hemd einen Teil durch -mechanische Mittel anzufügen, der mit ihm ein Ganzes vorzustellen hat -und — darin liegt das Unreelle, also Gemeine der Sache — dieses -Resultat vorzutäuschen beabsichtigt. Die vollkommenste Täuschung bleibt -eben als Täuschung ein armseliger Kniff der Unzulänglichkeit, die -das Zulängliche kennt, schätzt und — den Schein der Zulänglichkeit -erschleicht.</p> - -<p>Noch eines: Wer Manschetten und Kragen aus „Schonung“ an das Leibstück -anknüpft, trachtet im Grunde nur über die Tatsache hinwegzutäuschen, -daß er ein bereits gebrauchtes Hemd nicht zu wechseln pflegt. Er -verschweigt sein verschmutztes Hemd, indem er die sichtbaren Ausläufer -— Kragen und Manschetten — durch reine Stücke ersetzt. Man darf das -gebrauchte Hemd nicht ein zweites Mal anziehen. Das mag kostspielig -sein, aber — sich gut zu kleiden, ist eben nicht wohlfeil. Daran ist -nichts zu ändern.</p> - -<p>Über die „Fasson“ des Anzugs entscheidet natürlich die Mode. Aber nur -bis zu einem gewissen Grade. Einem Menschen, der sich<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> mit Verständnis -und Geschmack zu kleiden weiß, hat die Mode nichts zu befehlen. -Nie wird er sich ihr blind unterwerfen, aber auch nie gegen sie -demonstrieren. Eines ist ebenso geschmacklos wie das andre.</p> - -<p>Kreationen freilich mag man geruhig einem tonangebenden König -überlassen.</p> - -<p>So wie ein wohlerzogener Geschmack nicht „Leder“-Tapeten oder ein -Gips-Gebälk in der Wohnung duldet, ebenso wird er das angefertigte -„Flüchtige“, die steif gefaltete und „fertig“ genähte Krawatte und den -unwandelbar mit „Bug“ versehenen Strohhut verabscheuen. Sicherlich -auch wird der Mensch von Geschmack seine Schuhe selbst schließen, also -entweder zuknöpfen oder zuschnüren, nicht in ein durch Gummiteile -gefügig gemachtes Stiefelgehäuse schlüpfen, auch nicht wie ein -Negerhäuptling über einem Wolleibchen ein „Vorhemd“ — schon der Name -riecht nach Kannibalentum — baumeln lassen. Derlei Dinge sind auch nur -noch in deutschen Landen „diskutabel“, wo man allen Ernstes erwägt, ob -man an der Hotel-Abendtafel in Kniehosen und Wollhemd teilnehmen dürfe -oder nicht, und wo das Messer ebenso unfehlbar zur<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> — Torte gehört wie -das Tellerchen aus gepreßtem Glas mit neckisch untergelegtem gesticktem -Tüchlein samt dem Miniaturlöffelchen zum „Eis“...</p> - -<p>Das sind die Axiome. Alles übrige ist „Nuance.“ Doch wer wird von -den „letzten Dingen“ — den wechselseitigen zarten Beziehungen der -einzelnen Kleidungsstücke untereinander — zu Honoratioren und -sonstigen Unsäglichen sprechen, die den Abend-Gesellschaftsanzug, den -Frack, als des brav aufwartenden Bürgers Vormittagsfestgewand ansehen, -die das Straßen- und Besuchskleid, den Gehrock, aus dem Verließ des -Garderobeschrankes hervorholen, wenn sie mit der seidestarrenden -Ehehälfte zur — Sommersonntagsfahrt ins Grüne sich rüsten, die etwa -gar den zeremoniellen Zylinder mit dem bequemen gelben Schuh in -Geberlaune zum farbigen Akkord zwingen und dem Gehrock durch die — -Frackweste und die schwarze Smokingschleife größere Feierlichkeit zu -verleihen meinen!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="HERR_VON_BALTHESSER_GIBT_SEINE_ANSCHAUUNGEN_VOM_VERKEHR_ZUM_BESTEN">HERR -VON BALTHESSER GIBT SEINE ANSCHAUUNGEN VOM VERKEHR ZUM BESTEN</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - -<div class="initial">M</div> - -<p><span class="initial">M</span>enschen und Bücher, die immer von der Aristokratie des Geistes reden, -sind mir tief verdächtig. Ganz abgesehen davon, daß ich nach meinem -persönlichen Geschmack die Aristokratie der Geburt weitaus der des -Geistes vorziehe, im Umgange, heißt das. An den Verkehr stelle ich -hohe Anforderungen, die der gebürtige Aristokrat mühelos erfüllt, -der „geistige Aristokrat“ leider zumeist ganz unerfüllt läßt. Ich -verlange zum Verkehr nicht Menschen, die immer das letzte Werk des -neuesten Norwegers schon gelesen haben, sondern Menschen, die sich -mit Unbefangenheit gut zu benehmen imstande sind. Wer da glaubt, das -seien bescheidene Ansprüche, der täuscht sich gewaltig. Es ist viel -„leichter“, einen geistreichen Essay zu schreiben, als ein tadelloses -Benehmen zu entwickeln. Denn einen geistreichen Essay zu schreiben, -das erfordert außer Technik des Handwerks und einiger Bildung noch den -sogenannten Geist, beziehungsweise — sein Spiegelbild.<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> Tadelloses -Benehmen aber ist lautloser Lebensrhythmus.</p> - -<p>Tadelloses Benehmen ist kein Additionsergebnis. Es läßt sich durchaus -nicht in einem Anstandsbüchlein auseinandersetzen, wie es pomadisierte -Ladenjünglinge der Konfektionsbranche in den Pausen ihres schwierigen -„Verkehrs“ mit den Damen der Hauptstadt voll Beflissenheit studieren. -Tadelloses Benehmen ist überhaupt nicht erlernbar, sondern eine -„Rasse“eigentümlichkeit, etwa wie die Hautausdünstung der Schwarzen. -Das „Aristokratische“ ist keineswegs immer tadellos. Aber sicherlich -haben von 100 Aristokraten 90 ein sicheres Benehmen. Unter 100 -Nichtaristokraten hingegen sind 98 in ihrem Benehmen ganz und gar -unmöglich. Und ich ziehe es entschieden vor, mit weniger geistreichen -Leuten, die sich „benehmen“ können, zu verkehren, als mit Leuten ohne -Benehmen, sie mögen im übrigen das Gebildetste auf der Welt sein.</p> - -<p>Diese schreiben ja heutzutage zumeist Bücher. Und es ist doch weitaus -bequemer und amüsanter, in ihren Büchern zu blättern, die man jederzeit -weglegen kann, als<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> sich die Last eines Verkehrs aufzuhalsen, der aus -vollen Schüsseln der Intelligenz mit — ästhetischer Roheit spendet. Es -ist aber leider zehn gegen eins zu wetten, daß der scharfsinnige Autor -eines lesenswerten Buches im „Leben“ ein unästhetischer Mensch sei. -Deshalb vermeide ich auch lieber persönliche Bekanntschaften aus dem -„Reiche des Geistes“, die mir höchstens den guten Eindruck eines Buches -verderben könnten.</p> - -<p>Entrüsteten Ausrufzeichen aber begegne ich mit einer Darstellung -dessen, was ich unter einem „unästhetischen Menschen“ verstehe. -Die Entrüsteten denken natürlich zuerst an das Nasenbohren -und Kopfhautkratzen, als welches sie sich doch schon seit dem -Gymnasium abgewöhnt hätten; sie denken, wenn sie auf weitere -Fortschritte in der Schule des Benehmens stolz sind, an das -Ausspucken und Mit-dem-Messeressen. Aber das sind die allergröbsten -„Handgreiflichkeiten“. Sich über derlei aufhalten, hieße Spucknäpfe -in Bureaulokalitäten tragen. Ich meine ganz andre Dinge. Ich habe es, -als ich in jüngern Jahren nicht umhin konnte, manchmal „Picknicks“ der -sogenannten gebil<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>deten Stände aufzusuchen, z. B. stets im höchsten -Grade unästhetisch gefunden, wenn ein junges Mädchen bei der Quadrille -mir von Maeterlinck zu sprechen anhub. Es ist mir tausendmal lieber, -wenn ein junges Mädchen zu ihrem Tänzer sagt: „Finden Sie nicht, daß -es heute sehr heiß ist?“ Auf mein Wort, mir ist das tausendmal lieber. -Aber das Mädchen, das mit mir, in dem sie den Dichter sah (ich hasse -alle Leute, die „in mir den Dichter sehen“), bei der Quadrille von -Maeterlinck zu sprechen anhub und sich wunder was darauf einzubilden -imstande war, hat dem nächsten Herrn doch gesagt: „Finden Sie nicht, -daß es heute sehr heiß ist?“ Diese Tochter der gebildeten Stände -<em class="gesperrt">richtet nämlich ihr Benehmen ein</em>. Ein Mensch von Benehmen aber -richtet niemals sein Benehmen ein. Er <em class="gesperrt">hat</em> ein Benehmen, und das -geht von ihm aus wie der Heugeruch vom Stallburschen.</p> - -<p>Der unästhetische Mensch ist entweder befangen oder ungeniert. Beides -ist gleich peinlich. Der Befangene ist immer um einen halben Takt -voraus oder zurück; er stört jede Situation und bittet beständig um -Entschul<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>digung, flüstert hinter der hohlen Hand und behandelt Bediente -mit Ehrerbietung, wofür ihn diese natürlich gebührendermaßen verachten. -Der Ungenierte ist von aufreizender Kordialität. Er drückt alten Damen -die Hand, nimmt mit vorgespreizter Handfläche „das Wort aus dem Mund“, -tritt aufgeräumt zu Spieltischen alter Herrn, denen er in den Nacken -hustet, wendet sich mit unpassender Vertraulichkeit an den servierenden -Bedienten. Niemals wird ihm in seiner Gottähnlichkeit bange, er hat -keinerlei Menschenfurcht: ihm kann nichts geschehen, man müßte ihn denn -niederschießen.</p> - -<p>Eine der schrecklichsten Sorten unästhetischer Menschen sind die -noch in der Entwicklung begriffenen „Elegants“. Sie haben Bewegungen -des Rückgrats, die verstimmend auf die Magennerven wirken. Ihre -abgezirkelte „Nonchalance“ könnte unter Umständen humoristisch wirken, -wenn sie nicht mit Ernst quittiert werden müßte! Die Art, wie sie Bein -über Bein schlagen, während sie den Zucker in der Tasse schwarzen -Kaffees umrühren, ist geeignet, den umgänglichsten Menschen zu ihrem -Todfeind<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> zu machen. Sie spielen immer den Überlegenen, und eine ihrer -reizendsten Kombinationen ist die arrogante Verlegenheit, mit der sie -angebliche Indiskretionen vorbringen, um die sie niemand ersucht hat.</p> - -<p>Das Ekelhafteste auf der Welt aber ist der „Schöngeist“ in seinen -verschiedenen Spielarten, als da wären: die leicht chokierte ältliche -Dame aus geachteter Beamtenfamilie, der im Cönakel „gefeierte“ -Schriftsteller, der den Weltmann spielt und auf Schritt und Tritt -Nüancen fallen läßt wie Knallerbsen, endlich der „Unberechenbare“, -der durch eigenartige Auffassungen der solidesten Lebensverhältnisse -zu verblüffen bestrebt ist, z. B. plötzlich das Recht auf Blutschande -verteidigt und mit schamlosen Geständnissen nicht geizt.</p> - -<p>Es gibt Menschen, die regelmäßig ins Kaffeehaus gehen. Sie können ja -nichts dafür, daß es ihnen angenehm ist. Solche Menschen meide ich „von -vornherein“. Es ist unmöglich, daß ein Mensch, der täglich durch einige -Stunden im Kaffeehause sitzt, ein wünschenswerter Verkehr wäre. Das -setzt eine Unempfindlichkeit gegen eine ganze<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> Reihe höherer Taktfragen -voraus, die für mich zu den Unerläßlichkeiten gehören.</p> - -<p>Es gibt Menschen, die auf sogenannten städtischen Promenaden auf und -ab ziehen. Solche Menschen meide ich „von vornherein“. Das sind Leute, -die gegen Staub, Gestank und Lärm, die größten Plagen der heutigen -Menschheit, unempfindlich sind.</p> - -<p>Es gibt Leute, die jede Première sehen müssen. Solche Menschen meide -ich von vornherein. Kritiker, die durch den Besuch der Theater ihren -Beruf ausüben, sind auf das tiefste zu bedauern, jene „Amateurs“ -aber sind verächtlich, da sie Sinne wie Taue und einen Geschmack wie -Feuerländer haben müssen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="UEBER_VERNUENFTIGE_SNOBS_UND_BEFLISSENE">ÜBER -VERNÜNFTIGE, SNOBS UND BEFLISSENE</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - -<div class="initial">E</div> - -<p><span class="initial">E</span>s gibt „vernünftige“ Menschen, die sich an Wagners „Texten“ stoßen. -Sie behaupten, die Musik zu schätzen, den Text aber zu verabscheuen. -Sie „weisen das nach“. Es gibt Schwärmer, die behaupten, daß die Bühne -den Zweck habe, Illusionen zu erzeugen. Diesen Kerzlweiberstandpunkt -hat der Prunk der sogenannten szenischen Darbietungen verschuldet.</p> - -<p>Ich kenne „Vertreter geistiger Interessen“, die Shakespeare mit -Wildenbruch, Hölderlin mit Hamerling, Maupassant mit Tovote, Terborch -mit Grützner, Ibsen mit Sudermann verwechseln. Da ist nichts zu -machen. Solchen Leuten geht man am besten behutsam aus dem Wege, -und wenn man ihnen nicht ausweichen kann, stellt man sich grinsend -schwerhörig. Es sind dieselben Menschen, die von „unsympathischen -Charakteren“ bei Dostojewski sprechen oder E. T. A. Hoffmann -einen Gespenstergeschichtenerzähler nennen. Das ist eine Gruppe -von „Kunstfreunden“. Sie zählt nach Millionen. Wenn sie zufällig -„akademische Bildung genossen“ haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß -sie eine Deutsche Literaturgeschichte „verfassen“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> - -<p>Eine zweite Gruppe hat immer die Meinung des Nächststehenden. Es gibt -Menschen, die ihre Meinung mit dem Abonnement ihrer Zeitungen ändern, -ja, mit dem Wechsel der Feuilletonredakteure. Das sind die Leute des -„neuen Stils“, die, wenn sie bei Mitteln sind, alle 10–12 Jahre ihre -Hauseinrichtung von Grund aus ändern, und wenn der letzte Band Ebers an -die heranwachsende Nichte verschenkt ist, mit dem ersten Band — Ruskin -beginnen. Sie führen Goya und — Sascha Schneider im Munde, tragen -heute hochgeschlossene und morgen tief ausgeschnittene Westen, je nach -dem, was der Schneider ihnen als die letzte Mode empfiehlt, und geben -ungebeten die neuesten Verhaltungsmaßregeln. Sie sind immer bereit, mit -fliegenden Fahnen überzugehen. Wenn sie „Dichter“ sind, schreiben sie -heute à la Maeterlinck und morgen à la D’Annunzio. Sie wissen nie, wer -sie im Grunde sind. Sie könnten sich über Nacht gestohlen werden. Ihre -Vertreter in der Generation der heute fünfundzwanzigjährigen sind durch -die Bank „moderne Lyriker“.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="ANTIBARBARUS">ANTIBARBARUS</h2> - -<p class="s3 center mbot2"><i>(EINE UNGEDRUCKTE „ERWIDERUNG“, DIE SICH IN HERRN VON BALTHESSERS -PAPIEREN VORGEFUNDEN HAT. ANLASS DAZU MAG IRGEND EIN ZEITUNGSARTIKEL -GEGEBEN HABEN, DER DAS RECHT DES DEUTSCHEN TOURISTEN, IN -TOURISTENKLEIDUNG AN DER HOTELTAFEL ZU ERSCHEINEN, ETWAS HERAUSFORDERND -ZU VERTEIDIGEN UNTERNOMMEN HABEN DÜRFTE)</i></p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> - -<div class="initial">A</div> - -<p><span class="initial">A</span>uf die Gefahr hin, wieder einmal intra et extra montes mit -Kopfschütteln, bedenklichem sowohl als wohlwollend-mißbilligendem, -zu den Unverbesserlichen gezählt zu werden, die sich, während sie -doch „Wichtigeres“ zu tun hätten, die Finger an heißen Platten -und platten Hitzigkeiten zu versengen allzu lüstern scheinen, muß -ich auf die Schafwollverwogenheiten des aus seiner Pseudonymität -weiter nicht zu lüftenden „Montanus“ erwidern, wies der Geist mir -eingibt. Ich habe das trutzige Stückchen vom frisch-froh-freien -Lodengermanen auf der Heimreise von St. Moritz gelesen, zufällig -gerade diesen abgegriffenen Fehdefäustling von einem Zeitungsjungen -zur Fahrt-Verkürzung und Rückkehrtrübsalströstung erwerben müssen. -Nunmehr, da ich in Gletschergedanken und Firnenträumen seufzend -wieder städtisches Pflaster trete — die nach bescheidenen Begriffen -„boshafte“ Anspielung sei etwaigen Duplikanten gratis dahingegeben — -und nachge<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span>rade etliche Zeit verstrichen ist, als innerhalb welcher -Herrn „Montanus“ zu entgegnen andern Bewohnern dieses Teils der leider -zeitunglesenden Welt freigestanden hätte, drängt’s mich, in einer -unbeschäftigten halben Stunde mit der Abermeinung aufzuwarten. Noch -steht mir der Geruch in der Nase — idealiter heißt das —, der die -Lektüre begleitete. Keineswegs, wie man füglich, doch aber voreilig -annehmen könnte, war’s der mit brav aufsaugender, konservierender -Wolle unzertrennlich verbundene männiglich bekannte, sondern Veltliner -Geruch, beizendes Weinparfüm nämlich und dieser zähe Odeur, ein in zwei -Wechselhemden heimtückisch aus zerbrochener Flasche eingeflossener, -Hemden, die ich in der Handtasche aus Bahnfahrtreinlichkeitsgründen -für 26 Stunden (außer dem frischen auf dem lesenden Leibe) bereit -hielt: ein also freventlich umkleidsamer Antibarbarus bin ich, -hört es, Silvani! Zunächst nun die „oben beregte“ Frage der -„Wichtigkeit“. Ich kann nicht einsehen — ein typisches Merkmal des -Unverbesserlichen —, daß es minder „wichtig“ sein sollte, über -Fragen der „äußern“, der ästhetischen<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Kultur zu diskutieren denn -über reimtechnische etwa oder Fragen der Bühnenpraxis oder solche der -hochnotpeinlichen Politik von Fragmentfraktiönchen. Und Menschen, -die es partout nicht begreifen wollen, beziehungsweise als unwürdig -verschreien, wenn ein Dichter, nach ihrer Meinung also ein Mensch -mit einem unverrückbaren „Poetenstandpunkt“, sich „ernstlich“ um -andre Dinge bekümmert als um sogenannte „dichterische“, vermag ich -nur als betrübliche Scheuklappenstelzbeine zu bedauern. Für mich, -Andreas von Balthesser, dekadenten Autor der „Androgyne“, ist ein -„Dichter“ ein Mensch mit dichterischer Begabung, im übrigen aber -ein Mitmensch, Weltbürger und Zeitkind mit mehr oder weniger großem -Welthirn und mehr oder weniger hellen Zeitaugen. Sein „Vorzug“ vor -„Nichtdichtern“ liegt, wenn überhaupt vorhanden, im größern Reichtum -an Persönlichkeit, nützliche Mitglieder der Gesellschaft sattsam -aufregender Eigentümlichkeit, in der Fülle seiner unausschöpfbaren -Wesenhaftigkeit, in der kompliziertern Kontur. Ein beliebiger Bedichter -beliebiger Dichtbarkeiten scheint mir um<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> dieser seiner unfreiwilligen -Merkwürdigkeit willen noch lange nichts Wunderbares. Dagegen sind mir, -seitdem ich das zweifelhafte Vergnügen habe, bewußter Nebenmensch -Nächster zu sein, Kultur, Stil, vollendete Form, blutvolle Rasse, -alles Ganze, Echte, Runde als herrliche, leider nur allzu spärlich -ausgestreute Besitztümer erschienen.</p> - -<p>Dies also wäre die Einleitung. Und nun in medias res, wie minder -beherzte Schreiber sich anzufeuern pflegen. „Montanus“ schmäht mit -der — Ausschließlichkeit des unverkennbaren Spreeatheners alle -Bergfahrer, die in ihrem Koffer die ihnen unumgänglich dünkenden -Abendtoiletteutensilien mitführen. Ihm gilt nur der als ein der -großen Natur, die auch er alljährlich per Rundreisebillett mit seiner -Gegenwart beehrt, würdiger Reisender, der sie, die nackende Natur -nämlich, mit Vermeidung alles ekeln „städtischen“ Rüstzeugs aufsucht. -Das Ideal — wozu die Betonung? — des Alpenwanderers ist sonach der -weidlich bekannte Loden- und Schafwolldeutsche, der um keinen Preis -„angesichts“ von Gletschern und Spitzen in weißer<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> gesteifter Wäsche -und gebügelten Beinkleidern sich zu Tische setzen mag. Dies ist nun -freilich wieder einmal Geschmacksache. Keineswegs jedoch ist das stolz -verkündete Programm der verschwitzten Freizügigkeit ein Dokument von -Deutschlands größerer Reise- und Tourentüchtigkeit. Ich, Andreas -von Balthesser, der Dandy, stelle des unentwegten Lodenapostels -entrüstunglodernder Beteuerung die zwischen zwei Zigarettendampfstößen -dem Gehege meiner blankgeputzten Zähne entlassene, nicht minder von -sich selbst überzeugte Behauptung entgegen, daß die trefflichsten, -ausdauerndsten und erfolgreichsten Hochtouristen sich unter dem von -Montanus und Stilgenossen verschrienen Lackschuhpöbel finden, der -es aus Kultur der Gepflogenheit für geschmackvoller hält, an der -Abendtafel eines komfortabeln Hotels nicht in verstaubten Kniestrümpfen -und durchnäßter Joppe Platz zu nehmen. Montanus aus — Athen stellt -die Sache fast so dar, als wäre das Mitführen eines Frack- oder -Smoking-Anzuges körperlichen Leistungen nicht nur mechanisch-physisch, -sondern geradezu moralisch hinderlich, als<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> wäre es ein Zeichen -verächtlicher Städterei, in die Berge den Teil der Garderobe -mitzubringen, den man — auf Bergen nicht anzulegen pflegt.</p> - -<p>So hingeklebt äfft die Karikatur ihren leider sehr befriedigten -Bildner. Es handelt sich gar nicht darum, ob jemand mit Lackschuhen -Gletscher betritt oder im Tennisanzug Felsen erklimmt. Wer solche -Unverträglichkeiten zusammenstellt, um sie dann hohnlachend -niederzukartätschen, kämpft lärmend gegen Windmühlen vor einem -Publikum von Blindgebornen. Es handelt sich auch nicht darum, ob -jemand aus Gründen des Geldbeutels lieber einfache Herbergen aufsucht -als Engadin-Palasthotelbauten. Das sind Fragen nicht der Kultur und -Sitte, sondern der finanziellen Verhältnisse oder der persönlichen -Vorlieben. Wenn man aber, wie es der Berg- und Talgermane tut, sich -breit aufpflanzt und den Nationen des der Tageszeitung lauschenden -Erdballs mit Donnerstimme den Wilden als den bessern Menschen -verkündet, dann darf der durchaus Andersgläubige immerhin der Frage auf -den geschwollenen Leib rücken und, seinerseits<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> alle Modifikationen -ablehnend, sich absolut versteifen.</p> - -<p>Und dieses meint der rettungslos Versteifte — den Dank begehrt er -nicht —: Notlage entschuldigt, rechtfertigt aber kaum. Wenn ein -Tourist, der — sei’s nun „aus Prinzip“ oder aus Bedürfnislosigkeit -— ohne Gepäck reist, bergmäßig angetan in einen lichterhellen -Table-d’hôte-Saal gerät, wird man den Versprengten nicht abweisen -dürfen. Sicherlich hat auch er das „Recht“, in verschwitzter Wäsche -und bestaubten Kleidern gleich den gereinigten Genossen sein Mahl -zu genießen, das er ebenso wie sie bezahlt. Unfug aber wäre es, -Terrorismus vor allem gegenüber wehrlosen Nachbarn, wollte die -Phalanx der wilden Männer durch die brutale Mehrzahl die löbliche -Sitte sprengen, der sich gerne fügt, wer auch <em class="gesperrt">Gehorchen</em> zu -den Kulturerrungenschaften des „Gebildeten“ zählt. Die abendliche -Speisetracht unter Menschen von Geschmack ist nicht der Lodenrock, -sondern eben der abendliche Gesellschaftsanzug. Dies zu bestreiten, ist -kein Heldentum, sondern Eigensinn. Wer, wenn er von drei Uhr morgens -bis zum späten Nach<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>mittag gewandert und geklettert ist, nicht das -Bedürfnis fühlt, Wäsche und Kleidung zu wechseln, ist um den Mangel -dieses Bedürfnisses wahrlich nicht zu beneiden. Wer aber, wenn er’s -empfindet und ihm nachgibt, geflissentlich andre Kleidungsstücke -anlegt, als im weltbürgerlichen Europa die erprobte diskrete -Gepflogenheit verlangt, mag sich Revolutionär dünken, darf sich aber -nicht wundern, wenn ihn der andre Teil der Welt — der diesseits aller -Hinterwäldler und Hinterweltler — stillschweigend oder halblaut als -einen — sagen wir artig-neutral Outsider nimmt und also traitiert. Es -ist keine Kunst, sich gegen Regeln irgend eines Milieus aufzulehnen. -Aber es ist mehr als „Kunst“, es ist <em class="gesperrt">Gnade</em>, sich unbefangen, -<em class="gesperrt">selbstverständlich</em> in einem erlauchten Milieu zu bewegen. Und -wenn der deutsche, zumal norddeutsche Reisende leider noch immer dafür -bekannt ist, daß er gegen die Gesetze des gesellschaftlichen Taktes und -der konventionellen äußern Kultur (Ästhetik) unangenehm zu verstoßen -pflegt, so scheint mir, Andreas von Balthesser, Autor der „Androgyne“, -dies nicht eben ein Moment, das<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> trotzig-selbstbewußt zu betonen, -das vielmehr in bescheidener Erziehungsarbeit mit allem Aufwand an -deutschem Fleiß und deutscher Energie allmählich endlich — schon aus -„Humanität“ — zu <em class="gesperrt">beseitigen</em> wäre.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="HERR_VON_BALTHESSER_PHANTASIERT_UEBER_DAS_THEMA_DIE_DAME">HERR -VON BALTHESSER PHANTASIERT ÜBER DAS THEMA „DIE DAME“</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - -<div class="initial">E</div> - -<p><span class="initial">E</span>ine Dame ist eine virtuelle Vollkommenheit, die Mängel nicht -ausschließt. Man kann eine Dame sein und muß keine Rasse haben. Man -kann eine Dame und rührend oder unverzeihlich dumm sein. Man kann eine -Dame sein und sich sogar — schlecht kleiden. Jedenfalls kann man eine -Dame sein ohne die Spur von Eleganz, ohne die Spur von Geist. Man kann -tugendhaft wie ein englischer Gouvernantenroman und nichtsdestoweniger -eine Dame sein. Man kann Bücher schreiben und doch eine Dame bleiben, -man kann Kinder haben, sogar viele Kinder, und eine Dame sein. Es -gehört nicht Geld dazu, und Millionen müssen die Gnade nicht erdrücken. -Man darf kokett, sogar sehr kokett sein und kann doch eine unantastbare -Dame bleiben.</p> - -<p>An eine Dame kann niemand heran. Eine Dame wird sich nichts „vergeben“. -Eine Dame wird über ihr Benehmen nie im Zweifel sein. Sie wird aber -nichts affektieren, was ihre Wesenheit zu umschreiben dienen könnte. -Eine Dame darf Launen und Passionen ver<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>raten. Sie mag versteckt, sogar -borniert, bigott, adelstolz, hochmütig, frei und großzügig, leutselig, -liebenswürdig, zuvorkommend, mürrisch, schlagfertig, jähzornig, -sentimental, melancholisch, unterhaltungssüchtig, ehrgeizig, kindisch -sein. Sie kann eine Königin der Mode, sogar eine Zierpuppe, eine -Pretieuse, eine Zimperliche (prüde) sein. Sie hat aber keinen Hang -zum Snobismus oder — läßt ihn sich niemals anmerken. Sie mag hassen, -verachten und spotten, sie wird aber nicht maulen, raunzen, greinen, -tratschen und klatschen.</p> - -<p>Sie gestattet Schmeicheleien, aber sie glaubt nicht daran. Sie ist -nicht laut, aber auch nicht schüchtern. Sie ist nicht grell, aber -auch nicht farblos. Sie muß nicht platt und banal, sie kann glatt, -schwierig, sie darf sogar ein unauflösliches Rätsel sein. Sie muß nicht -das Wort führen, wird es sich aber nicht nehmen lassen. Sie wird nicht -„lauschen“, aber beileibe keine Rede halten. Sie wird sich nicht in -Szene setzen, sich jedoch niemals übersehen lassen, nie dominieren -wollen und doch leise den Ton stimmen. In ihrer Nähe wird man nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> -immer Ehrfurcht empfinden, gewiß aber nicht Unverschämtheit betätigen. -Man muß sie nicht vergöttern, wird sie aber niemals überhören. Sie -wird nicht diktieren, und man wird sich ihr doch fügen. Sie braucht -nicht verführerisch, nicht anmutig zu sein, aber sie kann nicht -geringgeschätzt werden. Eine Dame respektiert man. Eine Dame kann -erwärmen und — abkühlen. Denn eine Dame hat <em class="gesperrt">Takt und immer wieder -Takt</em>. Dame kann man nicht <em class="gesperrt">werden</em>.</p> - -<p>Eine junge Dame aus bürgerlichster Familie heiratet einen -Vollblutaristokraten und „wird“ Aristokratin —: sie ist es längst -<em class="gesperrt">gewesen</em>. Aber hätte sie einen Schnittwarenhändler geheiratet, -wäre es nicht aus ihr „herausgekommen“.</p> - -<p>Die „Dame“ ist nicht an eine Kaste gebunden. Aber nicht in allen -Schichten ist ihr Nährboden; unterhalb einer gewissen Sphäre ist der -Begriff nicht anwendbar, bleibt die Erscheinung unerkannt. Es ist -theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß eine Ehefrau, -die ihrem Gatten, dem Papierhändler, hinter der Budel hilft oder ihm -die Bücher führt, alle Eigen<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>schaften einer Dame besitze, dennoch -bleiben sie sozusagen unfruchtbar.</p> - -<p>Eine Dame kann sehr gut einen Omnibus benützen, wenn sie nicht in -der Lage ist, einen Fiaker zu bezahlen, sie kann in der Küche selbst -das Essen zubereiten, das sie ihren Gästen selbst vorzusetzen den -anmutigen Stolz besitzt, sie kann eine Gewinn erzielende Tätigkeit -entwickeln, Stunden geben, Handarbeiten anfertigen, aber — Kunden -bedienen kann sie nicht. Es gibt Damen, die Ammen sind, große Damen -sogar (der Säugling ist freilich ein Prinz des Herrscherhauses), es -gibt Damen, die den Dienst von Kammerfrauen versehen und sich eine Ehre -daraus machen (der Geschmack daran ist Erziehungssache), aber keine -Dame wird an einem Schauturnen sich beteiligen oder öffentlich einer -sozialethischen Doktrin huldigen, während es hinwiederum vorkommen -soll, daß sich unter Schauspielerinnen Damen finden (der Geschmack -daran ist — Talentsache).</p> - -<p>Die Dame muß durchaus nicht amüsant, braucht aber auch nicht -langweilig zu sein. Sie wird den Anspruch nicht verlieren,<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> wenn sie -von Vergangenheiten umflüstert und wechselnden Gegenwarten geneigt -ist. Dieser Punkt ist freilich einigermaßen heikel. Aber nicht die -Brille eines Obmanns des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit wird man -aufsetzen dürfen, um hier klar zu sehen, sondern es gilt, Ohren zu -spitzen, die das Gras über Begebenheiten wachsen zu hören begabt sind. -Es gibt eine tönerne Schale des Begriffs „Dame“, die tausend Risse, und -nicht nur feine Haarrisse, sondern recht derbe Sprünge aufweisen kann, -ohne zu zerscherben. Man wird innerhalb eines Gesellschaftskreises -aus tausend Gründen der Eitelkeit, Rücksicht, Klugheit die Augen mit -Gewalt verschließen Tatsachen gegenüber, die der Mund nicht nur nicht -in Abrede zu stellen versucht, sondern sogar ganz behaglich wiederholt. -Und es gibt „Damen“, die, zum gesellschaftlichen Tod verurteilt, ein -hohes Alter der äußern Reputation erreichen. Es gibt „Damen“, über die -man sich nicht genug entrüsten kann und denen man doch nicht ernsthaft -auf den leichten Fuß zu treten wagt oder imstande ist. Die moralische -Heuchelei verträgt sich mit fader<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Prüderie ebensogut wie mit der -(angesagten) Inkognito-Debauche. Auch ist der Ehebruch zum Beispiel, -wenn er selbst in Permanenz erklärt ist, nach der strengen Auffassung -maßgebender Kreise noch lange nicht so verdammenswert als die -eklatante Mißheirat, und der Gatte, der eine „unmögliche“ Frau in die -Gesellschaft bringen wollte, die — Maitressen duldet, würde bald in -Zweifel ausschließender Deutlichkeit an die Naivetät seines ungehörigen -Vorgehens sich erinnert finden.</p> - -<p>Die Dame des Hauses ist die Seele des von ihr geladenen Kreises. -Sie weiß Harmonie hervorzuzaubern aus ungefügen Elementen, weiß -sie zu erhalten. Nichts ist bezeichnender für ein Haus als seine -Geselligkeit. Nicht so sehr die Personen, die man heranzieht oder -die sich einfinden, als ihre Stimmung. Das ist, so wenig man auch -dem Hausherrn seine Rolle verkürzen mag, den ihm gebührenden Einfluß -mindern will, Sache der Dame. Daß der Stil ihres Hauswesens sie -ausdrückt, ist selbstverständlich. Die Dame des Hauses lebt in ihrer -Tischordnung, ihrem Gerät, der Verteilung der<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Lichteffekte. Aber die -Dame belebt nicht nur stumme Mittel, sie dirigiert lebendige. Niemals -wird eine Dame ein Stocken des allgemeinen Gesprächs oder eine Stauung -in der Zirkulation der Mitglieder ihres Kreises dulden. Niemals werden -Längen eintreten, niemals wird ein unpassendes Presto-staccato die -Leistungsfähigkeit ihres Orchesters vor der Zeit schwächen dürfen. -Sie wird sie vielmehr zu beleben trachten, wird eine Art von Rausch -in Permanenz erhalten, der beschwingt, aber ja nicht lastende -Ernüchterung zurückläßt. Gesellschaften, denen man mit Gewissensbissen -nachhängt, sind schlecht geleitet gewesen. Es ist Sache der Dame, die -ihr zur Verfügung gestellten Talente nicht abzubrauchen. Sie muß zu -gruppieren, nicht nur Situationen, sondern auch Skalen der Beziehungen -zu schaffen wissen. Und darum muß sie zuerst unbedingt ihrer selbst -sicher sein. Worin besteht die Sicherheit des Benehmens, das die Dame -auszeichnet? Es sind nur Züge anzudeuten, die man nicht etwa summieren -darf. Summen sind immer brutal. Sicherheit ist nicht mit Ungeniertheit -zu verwechseln. Man kann geniert sein durch<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> einen Lümmel, der sich -im Eisenbahncoupé Rock und Schuhe auszieht, durch einen Roßknecht, -der im Freien badet, durch einen Trunkenen (es muß nicht gerade ein -Trunkener sein), der an der Hauswand sein Wasser abschlägt, durch eine -Chansonette, die sich in gewagten Entblößungen gefällt. Es ist außer -Frage, daß solche „Gêne“ hier nicht gemeint ist. Das Befangensein, das -durch gesellschaftliche Situationen hervorgerufen wird, denen man sich -nicht gewachsen fühlt, aus Mangel an gesellschaftlicher Bildung, ist -der Makel, der die Kleinbürgerin von der Dame unterscheidet.</p> - -<p>(Das große Kapitel der schlechten Manieren überschlagen wir.) -Aber nicht nur die Befangenheit, auch, ja noch mehr fast die — -Unbefangenheit ist hier von Übel.</p> - -<p>Die Leute, die es „reizend“ finden, wenn ein Negerfürst die Mundschale -austrinkt, halten solche „Unbefangenheit“ mit Recht bei übertünchten -Europäern für anstößig.</p> - -<p>Eine Frau, die nur Herrn bei sich sieht, ist keine Dame. (Sie mag -eine <em class="gesperrt">gewesen</em> sein.) Eine Frau, die nur Frauenbesuch empfängt, -muß aber darum noch keine Dame sein. Im Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>teil: dies ist sogar -ein (immerhin grobes) Zeichen für den Mangel der den Begriff -konstituierenden Eigenschaften. Frauen, die miteinander „verkehren“, -während die Männer einander nur im Kaffeehause oder „Geschäft“ -begegnen, sind keine Damen. Solcher „Stil“ schließt die Neigungen einer -Dame von vornherein aus.</p> - -<p>Man kann sehr zurückgezogen leben und sogar eine <em class="gesperrt">große</em> Dame -sein (obwohl dies einigermaßen schwer ist, jedenfalls muß man, um den -Titel mit Fug behaupten zu dürfen, eine Zeitlang wenigstens — nicht -zurückgezogen gelebt haben).</p> - -<p>Die „große“ Dame ist vor allem Aristokratin. Zu ihrer „Größe“ gehört -nicht nur ein großer Titel, sondern auch eine lang nachflutende -Schleppe von Ahnen. Sie ist in glänzenden Geldverhältnissen, und sie -weiß sie großartig zu nutzen. Man irrt, wenn man in der Gattin eines -hohen Funktionärs mit historischem Namen bereits eine große Dame -zu erblicken wähnt. Nicht die Stellung, nicht der Name, nicht der -Reichtum, sondern alles zusammen ergibt die große Dame — und dies erst -dann, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> sie in ihrer Persönlichkeit <em class="gesperrt">die Musik dazu</em> hat. Man -„wird“ ebensowenig eine große Dame, wie man ein Grandseigneur „wird“. -Aber es ist sehr gut denkbar, daß man eine große Dame „gewesen ist“ -und aufgehört hat, es zu sein. Da man weder Persönlichkeit noch Namen -aufgeben kann, wäre der Schluß naheliegend, die Verwandlung bloß auf -das materielle Moment zu beziehen; und sicherlich, wenn eine große Dame -ihr Geld einbüßt, ihre Besitzungen verkauft, ihre Juwelen verpfändet, -ihre Pferde losschlägt, ihre Lakaien entläßt, ist sie bereits -depossediert. Aber doch liegt es nicht in diesen aufzählbaren Fakten, -sondern in ihrer „Melodie“. Man kann nicht sagen, diese und jene -Verengerung des gewohnten Rahmens sei die Grenze, hinter der sich die -Züge der Erscheinung plötzlich verwandeln. Sonst wäre es ja denkbar, -daß jemand sein ganzes Leben — sich an die Grenzbalken lehnte. Und es -ist <em class="gesperrt">nicht</em> denkbar, denn eine solche angelehnte große Dame ist -nur für Kurzsichtige noch „groß“.</p> - -<p>Wer sich unter einer „großen“ Dame die sogenannte majestätische -Erscheinung vor<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>stellt, wird höflich ersucht, seinen Portiersstandpunkt -nicht zur Diskussion beisteuern zu wollen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="EINIGES_AUS_ANDREAS_VON_BALTHESSERS_LEIDER_NICHT_GESAMMELTEN">EINIGES -AUS ANDREAS VON BALTHESSERS LEIDER NICHT GESAMMELTEN SINNSPRÜCHEN UND -GLOSSEN</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - -<div class="initial">I</div> - -<p><span class="initial3">I</span>ch nenne mich, wenn das große Wort erlaubt ist, — für große Worte -sollte man immer um Verzeihung bitten und dazu lächeln — „stolz“ einen -Dilettanten. Nur der Dilettant ist der Freie. Alles, was Uniform trägt -(ich meine die unsichtbare; die sichtbare ist — eine Sichtbarkeit, -eine Äußerlichkeit, im Grunde genommen eine Bequemlichkeit, oft sogar, -was freilich so verallgemeinert als Ironie wirkt, — ein Zeichen der -Freiheit), alles, was Uniform trägt, ist irgendwie eingeschworen. Über -Eingeschworene und Eingeborene hat der Reisende das Übergewicht der -Leichtigkeit. Eingeborene bleiben zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Zu den Aufdringlichsten gehört ein Mensch, der sich rechtfertigt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Geheimnis der guten Beziehungen ist das Vermögen, sich außer allem -Bezug zu erhalten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der große Meßmer hat ein halbes Jahr lang ohne Worte gedacht. Die -meisten Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> behelfen sich ein Leben lang mit Worten ohne Gedanken.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Gesetz der Welt ist das Gleichgewicht. Im Körperlichen, Moralischen -und Geistigen rührt alles Unbehagen von seinem Verluste her. Tragisch -heißen Menschen, die ihn eintreten fühlen und vergeblich dagegen -ankämpfen. Moralisch ist jedes Streben, es wieder zu gewinnen. Die -japanischen Akrobaten erlösen die Seele des moralischen Zuschauers -auf Augenblicke von ihrem Leiden. Auch die beseligende Wirkung der -vollkommenen Schönheit beruht auf jenem Gesetze.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt Leute, die so selten wahre Affekte haben, daß sie ihre seltnen -erst posieren müssen, um daran glauben zu können.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Verträglichkeit ist ein Zeichen der Gleichgültigkeit.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gegensätze soll man nicht auszugleichen trachten, sondern produktiv -gestalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein einheitlicher Mensch sein, heißt Gegensätze in sich zu erhalten -wissen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Viele Menschen lernt man auch in jahrelangem Verkehr nicht kennen, weil -sie sich immer „geben“, niemals „sind“.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der vornehme Mensch empfängt ohne Bedenklichkeit.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Geben kann man lernen, nehmen muß man können.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Rasse ist ein andres Wort für Gleichgewicht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man sieht den Menschen, wenn man ruhiger geworden ist, sich -geistig-seelisch „gesetzt“ hat, gar so leicht hinter ihre Masken, -und wenn man überdies nicht mehr jung genug ist, sich hinterdrein -darüber zu ärgern, daß man immer wieder versucht gewesen war, sich -täuschen zu lassen, wird eine Art von stillem Ekel das Ergebnis dieser -unwillkürlichen Erfahrung abgeben. Auch ich habe, gesteh ich’s nur, -einst geschwärmt für andre Menschen, andre Meinungen, für neue, noch -nicht erhörte Dinge. Das war die Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> der geistigen Pubertät, — -die bei manchen Menschen niemals endet. Bei mir hat sich der Staub -aufwirbelnde Frühlingssturm sehr bald, vielleicht zu bald gelegt. Die -ironischen Mundwinkel sagen „zu bald“. Zwei, drei grobe Enttäuschungen -— für mich grob, für robuster Fabrizierte wären sie vielleicht gar -nicht in Betracht gekommen — haben genügt, mich zu ernüchtern. -Enttäuschungen hinterlassen einen starken Schweißgeruch. (Wer beschämt -wird, fühlt den Schweiß am ganzen Körper hervorbrechen.) Man schreitet -schnell hindurch in reinere Atmosphären. Heute täusche ich mich so -leicht nicht mehr. Auch bin ich mir meiner eigenen Schwächen und -Unwahrheiten — jeder Mensch hat deren nur allzuviele; die wenigsten -gestehen sie sich ein (andern sie einzugestehen, ist ganz und gar -unnötig) — allzusehr bewußt, als daß mir die der andern entgehen -könnten: sie gleichen einander alle ja auffallend. Anderseits gibt es -Irrtümer, die man lieb hat, lieb behält. Man weiß, es sind Irrtümer, -man hat sie auch längst von sich abgetan, aber man sieht sie noch immer -gern — an andern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Takt ist unhörbare Harmonie.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Takt ist richtige Empfindung, Regel erstarrte Übung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Geist ist wenig, Tiefe ist alles.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Jede große Tiefe hat eine spiegelnde Oberfläche.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Erziehen ist eine Aufgabe für Musiker. Der Erzieher soll der Dirigent -der Seele sein. Unmusikalische Menschen taugen nicht zu Erziehern. -Bildung kann man einem Kaffer vermitteln, erziehen heißt Vorhandenes -entwickeln.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Rasse ist Erziehung in Permanenz.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt viele „Wahrheiten“, die den Umgang mit der Vernunft als einen -zu schlechten Verkehr ablehnen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn man sich über die Dummheit der andern nicht aufregt, sondern dazu -lächelt, nennen sie einen herzlos.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Diplomat sein, heißt den andern nicht zum Bewußtsein kommen lassen, daß -man sie ge<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>täuscht habe. Die meisten Diplomaten glauben ein Übriges -getan zu haben, wenn sie „beobachten“ und über Beobachtungen berichten. -Dann wäre, theoretisch gesprochen, eine Tarnkappe das unentbehrlichste -Requisit des Diplomaten. Nach demselben Trugschluß könnte die -vervollkommnete Photographie in Farben den — Maler ersetzen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man erzählt von einem erschrecklich raffinierten Kirchenfürsten, -der dem Besucher im vollen Sonnenlicht seinen Platz angewiesen -habe, während er selbst im Schatten verblieben sei, um unbeobachtet -beobachten zu können. Ich vermag leider nur zu konstatieren, daß der -schlaue Kirchenfürst keine Manieren besessen haben muß. Sicherlich -hätte ich in dieser Situation meinen Fauteuil vom blendenden Licht -gelassen abgerückt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Etwas, was die „Gebildeten“ in ihrem gefrornen Dünkel nicht ahnen, ist -die unsichtbare Gemeinschaft der Gläubigen an den heiligen Geist und -ihre Hierarchie (Stufen und Grade der Nähe).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wer kein Gehör hat, wird unfehlbar von Freiheit und Gleichheit -deklamieren, sobald er sich zu Menschen einer höhern Tonart verirrt hat.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Auf dem Glatteis der schönen Sitte muß alle Prinzipienflegelei Arme und -Beine brechen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wer sich bewegen kann, ist nicht verpflichtet, Meinungen zu widerlegen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Meinungen sind ein Auskunftsmittel für Leute ohne Gehör.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt Leute, die sich dafür entschuldigen, daß sie auf der Welt sind. -Und immer wieder findet man es wirklich — unverzeihlich.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wer nicht fühlen kann, muß hören, was andre sagen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wer sprechen gelernt hat, glaubt schon reden zu können.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man kann ein durchaus ehrlicher Mensch sein und doch ganz unmaßgeblich. -Man<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> kann Staubfäden zu klassifizieren imstande sein und braucht -deshalb doch kein Gesicht zu haben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Fülle des Herzens, der Goethesche „Mittelpunkt“ („Glüh’ entgegen...“). -Die „Grenze“ zwischen der Albernheit des Enthusiasmus und seiner -hinreißenden flammenden Schönheit ist keine Linie, sondern ein halber, -ein Achtel-Ton.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es sind nicht gerade die Verständigsten, die alles „verstehen“ wollen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das kollernde Bleistück der Bürgerlichkeit läßt einen der eigenen -Genialität vertrauen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Constantin Somoffs Theaterzettel für das kaiserlich russische -Hoftheater: russisches Rokoko, das entzückendste. Puschkins Novellen. -Sein eleganter Tod. Und die plumpe Komödie der „modernen“ Konstitution. -Druckerschwärze, Petroleumlampen, Schnaps, staubige Röhrenstiefel über -Fußlappen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die geniale „Idee“ der katholischen Kirche. Ihre erlauchten -Symbole. Die göttliche Gnade und ihre geadelten Träger. Dagegen -Pastorenliberalismus, Kompromißlerschweifklemmerei.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Choderlos de Laclos, Fragonard, Boucher, Miniaturporträts, Lawrence, -Beardsley — reimt das auf fraternité, égalité usw.? Sumpfgegend der -modernen „Kultur“. Hügelzüge von Abfall und Scherben. Garküchengeruch. -Und „unentwegte“ Dickhäuter in numerierten Tümpeln watend.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein glücklicher Bräutigam ist dem „Nächsten“ ebenso langweilig wie -ein verzweifelter Witwer. — Zwischen zwei „Nächsten“ dehnt sich die -unabsehbare Fremde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Takt ist im Grund nur ein andres Wort für — Herz.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gutmütigkeit ist nicht mit Herz zu verwechseln.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es kann einer das Herz „auf dem rechten Fleck“, aber eben nur dort, -nicht — überall haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gourmandise ist ein Zeichen von feinen Sinnen. Der Gourmand ist nichts -weniger als ein Schlemmer. Er ist der „Eßkünstler“. Ich kenne Leute, -die in ihrem langen Fresserleben noch niemals den Genuß des Essens -empfunden haben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt Menschen, die sich selbst verhöhnen, um ganz zu bleiben oder -vielmehr um sich selbst ein Ganzes vorzustellen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Bornierte Menschen soll man nicht widerlegen wollen. Widerspruch ist -immerhin ein Zeichen von Anerkennung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man erkennt den Philister daran, daß er niemals um Gründe verlegen ist -und immer Zwecke fordert. Der Dilettant ist der unbegründet Zwecklose.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das (unausgesprochene) Ideal des „modernen“ Menschen ist seine -„Steigerung“ zur Maschine. Man teilt die nützlichen Mitglieder der -Gesellschaft — in Funktionäre ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es klingt heute schon wie ein Märchen, daß es Völker, Kulturen gegeben -habe, die Organismen vorstellten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Symptomatisch für die Kultur der Gegenwart ist die Vervollkommnung der -Surrogate.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenige Menschen wüßten sich anders denn durch ein Legitimationspapier -zu legitimieren.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Visitenkarten sind oft das Einzige, was von einem Menschen „aussagt“.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nimm dem Menschen die Pose (wie man, als Vorsehung auf den Wolken -thronend, dem Ahnungslosen zum Beispiel — ein Lieblingsgedanke des -unter dem Geschwätz der Nachbarn Leidenden — einen bestimmten Vorrat -an Worten abgezählt zumessen könnte: plötzlich ginge ihm, wenn er -nicht haushälterisch mit seinem Besitz umgegangen wäre, das letzte -Wort aus: er schnappte wie ein Fisch und klapperte im Leeren wie die -Schatten Homers), nimm dem Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> die Pose: er wird verwelken, -verkümmern, eingehen, absterben. Was ist Alexander, der Asien Tribut -auferlegt, gegen einen Bureauchef, der seinen Hilfsarbeitern den Urlaub -mit der großen Papierschere beschneidet! Ratsch! Zwei Tage ringeln -sich im Staube. Diesem Machtbewußtsein gegenüber kann nur — der Riese -Prokrustes standhalten oder sonst etwas Mythisches.</p> - -<p>Das erste Gesetz der Sozietät lautet: Du mußt dir in irgend einer -Hinsicht wichtig dünken!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt Leute, die sich geehrt fühlen, wenn man sie verkennt, in -schmeichelhafter Weise verwechselt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt Leute, die gern „leutselig“ danken. Sie danken oft, ehe sie -gegrüßt werden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Menschen sind so leicht zufrieden gestellt. Sie müssen nur wissen, -<em class="gesperrt">was einer ist</em>, z. B. er ist ein Staatsanwalt, ein Millionär, ein -Dramatiker. Das genügt.</p> - -<p>Und ist es denn im allgemeinen anders? Begnügen sich die Menschen -nicht überhaupt<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> mit Benennungen? Sind die Worte, mit denen wir uns -„verständigen“, nicht auch nur „Benennungen“ „abgekürztes Verfahren“?</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Wahnsinn des „Fortschritts“ zertrampelt die nährenden Wurzeln der -Vergangenheiten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unter „Fortschritt“ verstehen die meisten — unbewußt — die -Unfähigkeit, Wurzel zu fassen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Vorhandensein unwürdiger Repräsentanten erweist die Lebensfähigkeit -einer Organisation.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man hört heute immer wieder von Festversammlungen. Und doch kennt diese -Zeit nur — angesagte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nicht alle, die Bücher schreiben, haben Bücher — gelesen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wer ein Buch gemacht hat, meint, über — Menschen urteilen zu können.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Kabarettist, der seine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse vorn -Podium herab<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> vorträgt, fühlt sich mir überlegen, der ich ihm, Sekt -trinkend, zuhöre (oder mit meinem Nachbar plaudere). Mein Nachbar fühlt -sich dem Kabarettisten überlegen, der seine ernsthaften dichterischen -Erzeugnisse vom Podium herab vorträgt, während er, der Nachbar, Sekt -trinkt und ihm zuhört (oder mit mir plaudert). Ich fühle mich meinem -Nachbar überlegen, weil er sich dem Kabarettisten überlegen fühlt, und -fühle mich dem Kabarettisten überlegen, weil er sich mir und meinem -Nachbar überlegen fühlt... Eine Frage: Würde ich mich als Kabarettist -einem überlegen fühlen, der mir, Sekt trinkend, zuhörte, während ich -meine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse usw.?</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Kostümierte Affekte sind Snobismen der Seele.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der unrettbare Kleinstädter als „Weltmann“: es gibt kaum etwas -Kläglicheres. Aber immer wieder finden sich Leute, denen auch er -imponiert. Und Literaten schreiben auf Grund solcher Eindrücke „Bilder -aus der Gesellschaft“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Bauchredner, der seine Puppen auf den Knieen hält und mit peinlich -wirkender Gewaltsamkeit den Verblüffer spielt — für Unteroffiziere -und Kindermädchen: ein Bild für manchen großen Mann unter den heutigen -Literaten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt eine Übergangsperiode im Leben, die man mit dem Wort altklug -nicht übel bezeichnet. Ein großer Teil unsrer Literaten kommt über -dieses kindische Stadium niemals hinaus.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nur <em class="gesperrt">der</em> Leser und Hörer heißt mir ein mit Urteil begabter, der -keinerlei Doktrinarismus, auch nicht dem — revolutionären huldigt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wir leiden heute an Autoren, die mehr können, als sie — sind.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist ein großer Mangel der deutschen Literatur, daß ihr das -Weltmännische abgeht.</p> - -<p>Der deutsche Schriftsteller „übt den schriftstellerischen Beruf aus“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unsre bessere Literatur riecht nach ungelüfteten Stuben, die -schlechtere nach dem Kaffeehaus.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unter literarischen Snobs muß man den Dandy hervorkehren. Das ist die -einzige Rettung gegen die üble Ausdünstung dieses Milieus. Man macht -sich gleichsam durch eine Schlangenhaut unempfindlich.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nur der heißt mir ein Redender, ein Schreibender, der jedem Wort neues -Leben einflößt, <em class="gesperrt">sein</em> Leben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Schreiben ist Unterwerfung des Wortes. Die größten Schöpfungen sind -die, deren Dasein das Wort überhaupt vergessen macht, Schöpfungen gegen -das Wort.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die meisten Schriftsteller schreiben im Taglohn des Wortes, eines -Chefs, den sie niemals zu Gesicht bekommen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Stil im Schreiben (wie Geschmack im Leben) ist nur Vorläufigkeit, nicht -Erfüllung. Größe bedarf keines Erkennungszeichens.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Er ist wahrhaftig schrecklich, dieser gute Ton, der es einem verbietet, -das jeweils einzig richtige Wort anzuwenden. Bin ich wirklich -verpflichtet, bis ans Grab die Komödie der Höflichkeit mitzumachen?</p> - -<p>Wie unerhört ist die Anmaßung eines Herrn X-Y, der „auch“ Bücher -schreibt (hätt’ ich es doch nie getan!), einen Menschen, der wahrlich -nichts dafür kann, um deswillen als „Gleichgesinnten“ zu begrüßen. Sie -halten’s für Pose, diese Armseligen, wenn ich verlauten lasse, daß mich -Hundeausstellungen weitaus mehr interessierten als die „Anschauungen“ -des „gleich“- oder andersgesinnten Herrn Y-Z über Ibsen oder Meunier.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Schlechte Manieren werden nur Leuten verziehen, die sie nicht nötig -hätten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wer „fürstliche“ Trinkgelder gibt, bekundet ein ängstliches Bewußtsein -mangelnder Selbstachtung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt ernsthafte Männer, die ihre „geistigen Interessen“ nicht mit -ihrer Frau teilen, wohl aber — mit dem „Stammtisch“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt naive Gemüter, die von Zeit zu Zeit ausspucken und sich immer -wieder dafür entschuldigen, — daß sie keine Manieren haben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Damen soll man nur dann voll anschauen, wenn sie lächeln. Dann -verlangen sie es.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich empfinde es immer als Anmaßung, wenn ein Jemand zu mir „auf -Wiedersehen“ sagt. Es ist ein Wunsch, der mit der Gegenseitigkeit -rechnet.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Gesellschaftston legt den Zwang auf, zwanglos zu erscheinen. Wer -das Bewußtsein der Tatsache verloren hat, daß dieser Zwanglosigkeit -Zwang zum Grunde liegt, heißt ein Gesellschaftsmensch.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eine Frau, die weiße Wollstrümpfe und dazu — Zugstiefeletten trägt, -sollte man um einen Fuß kürzer machen dürfen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Germania in Zwirnhandschuhen und Konfektions-„Nouveautés“: ein -Vorwurf für einen<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> naturalistischen Bildner. Nicht zu vergessen die -höchst praktischen, „der Touristin unentbehrlichen“ mechanischen -Klapp-Rockschürzer.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn einer eine Reise tut, glaubt er davon erzählen zu dürfen!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Zu rechter Zeit aufhören, heißt genußfähig sein. Armer Teufel, der -ein bezahltes Gericht, eine halbgeleerte Flasche Sekt nicht — stehen -lassen kann, ohne Reue zu empfinden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Fortschritt, Kulturkampf, Freimaurertum, Emanzipation der Frau usw.: -armselige Selbstgefälligkeit taubstummer „Weltbürger“, die sich nur -durch eine konventionelle Gebärdensprache miteinander „verständigen“ -können.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>„Von vornherein“ miteinander per Du sind bei uns in Österreich die -Aristokraten und — anderseits — die Fiakerkutscher, „Wasserer“, -Taglöhner. Oben und unten die — Selbstverständlichen. Die -Mittelklasse: Professoren, Beamte, Kaufleute sind auf konventionellem -Fuß miteinander. Sie haben einander immer<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> nur etwas zu <em class="gesperrt">sagen</em>, -können nie auf <em class="gesperrt">freiem</em> Fuß miteinander verkehren wie die -Aristokraten und — die Fiakerkutscher.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die geschmackvolle Geselligkeit als unbewußte Äußerung -kulturgesättigter Organisationen ist heutzutage fast gänzlich -ausgestorben. Es gibt einen traditionellen Stil der großen Welt, -der eine gewisse natürliche Grazie hat, aber leeres Arabeskenspiel -bleibt, wenn er nicht mit Unsittlichkeit gewürzt ist. Es gibt -ferner einen Kompromißstil der verschiedenen Zwischenreiche, der -sogenannten „zweiten Gesellschaften“, in denen man sich relativ am -besten unterhält, weil viel „Abwechslung geboten“ und — meist recht -gut gegessen wird. In diesen Kreisen findet man auch hin und wieder -versprengt einen harmlosen Menschen, dem diese mühsamen Lustbarkeiten -wirklich noch ein Vergnügen zu bereiten imstande sind.</p> - -<p>Die große Welt hat ihre eigenen Gesetze, hinter denen der Mensch -verschwindet. Aber wenn diese Bande einigermaßen nachlassen — in der -intimen Häuslichkeit —, weiß ich überhaupt nichts, das reizender wäre. -Hier<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> herrscht Freiheit, Maß, Sicherheit, Ruhe. Die bürgerlichen Kreise -sind sehr mannigfacher Art, aber fast durchaus unerfreulich. Entweder -wird ein Stil kopiert, oder es ist ein Stil im Begriffe, verlustig zu -gehen.</p> - -<p>Die größte gesellschaftliche Roheit herrscht in den Kreisen der -„ausübenden“ Künstler aller Art; vor allem mangelt das, was jeder -höhern Geselligkeit den anmutigsten Reiz verleiht: Achtung vor dem -Alter und den Kindern und Ritterlichkeit und Dezenz gegen die Frau.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Prüderie der hohen Gesellschaftskreise, die Heuchelei ist, kann -man sehr leicht parieren: man vermeide Verstöße. Meist klagt der über -Prüderie, der es an Takt ermangeln läßt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein Blick in den Zuschauerraum eines modernen Varietétheaters, der -dann zur Bühne gleitet, wo Neger brüllend Cake-walk tanzen oder ein -bunt gekleideter Radfahrer, auf einer elektrisch bewegten Drehscheibe -gegen die Drehrichtung tretend, seine Lunge vor biertrinkenden -Handlungsreisenden aufbraucht,<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> sollte den Schwärmern für die Kultur -des konstitutionellen Europa Erleuchtung zu verleihen imstande sein -über die unrettbare Barbarei dieser ordinärsten aller „geschichtlichen -Epochen“.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist ein großer Unterschied zwischen schäbiger Eleganz und eleganter -Schäbigkeit. Diese ist ein rührendes, Hochachtung einflößendes Zeichen -des Widerstandes der Rasse gegen das herbe Schicksal, jene der -unwiderlegliche Beweis abenteuerlicher Gemeinheit.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der gesellschaftliche Snob ist ein Held von großer Bravour. Er erleidet -täglich Demütigungen seiner Eitelkeit, die bis aufs Blut gehen. Aber -er verschmerzt sie immer wieder und erklimmt auf Händen und Füßen die -nächste Etappe.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es gibt Menschen, die ihre unerbetenen Einladungen so lange -zurückweisen lassen, bis man neugierig wird, den Träger einer derart -jedes erlaubte Maß übersteigenden<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> Schamlosigkeit zwischen seinen vier -Wänden kennen zu lernen: dann ist ihr Zweck erreicht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn sich junge Leute aus guter Familie in einem Hause, wo sie zu -Gast sind, ungezogen benehmen, ist immer das Haus daran schuld. Der -besterzogene Mensch, gar ein junger, wird übermütig, wenn er sieht, -daß er sich alles erlauben darf, und versucht aus Trotz gegen diese -hündische Observanz immer von neuem, ob er in seiner Unart nicht noch -weiter gehen könne. Es sollte zu denken geben, daß in den Häusern der -Snobs und Parvenus gerade die jungen Leute sich am ungezogensten geben, -die in ihren Kreisen auf das sorgfältigste den Anstand wahren.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der typische Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts — des Jahrhunderts -der Lüge — ist der geadelte „Bürger“. Die Söhne spielen bereits die -Aristokraten, und den Enkeln glaubt man es — aus Bequemlichkeit.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man kann die Menschen nach ihrem sichtbaren Wesen, dem, was ihren -natürlichen Stil aus<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>macht, in zwei Klassen scheiden: die einen und -die andern. Die einen sind die von der Natur begünstigten, die andern -die nichtbegünstigten. Es ist nur ein Glück, daß die Nichtbegünstigten -es nicht merken. (Im Grunde gefällt sich eigentlich jeder Mensch, -täuscht sich jeder gern über sich selbst, wenn er auch Momente der -Selbstbesinnung und Selbstverachtung hat.)</p> - -<p>Das „Geistige“ freilich ist ein ganz andrer Einteilungsgrund und -scheidet die Menschen in ganz andre Lager.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenn man Fragen des gesellschaftlichen Anstands ernsthaft traitiert, -rumoren „Freigeister“ gleich über Engherzigkeit. Als ob solche -Nadelköpfchen mit der Schlosserzange anzufassen wären! Wer wird sich -mit diesen Nichtigkeiten abgeben, deklamiert ein „Großzügiger“.... -„Abgeben“? Mit nichten. Sobald derlei Niaiserien mit Gewicht behandelt -werden, sind sie auch schon erdrückt. Man kann sie nicht in Paragraphen -„erschöpfen“, kann keine Normalien für Anstand herausgeben. Alle -solchen Wegweiser und Handbüchlein sind von niederschmetternder -Lächerlichkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p> - -<p>Überhaupt hat die Vernunft in solchen Dingen nichts dreinzureden. -Sie wird sich da immer sehr schwerfällig, plump und abgeschmackt -gebärden. Und ebensowenig hat die Ethik mit den zierlichen Sächelchen -zu schaffen. Beileibe auch nicht das berühmte „Gemüt“. Empfindsamkeit -in seinem Achtzehnten-Jahrhundert-Sinn schon viel eher. Es führt eine -vielfach verschnörkelte Linie vom Pretieusentum über die Empfindsamkeit -zum Chik. Der Chik aber ist nicht wie ein Stück Skulptur aus einer -Barockdeckenmalerei „täuschend“ hervorgezerrt (sehr handgreiflich -„gezerrt“), sondern eine Arabeske <em class="gesperrt">im Material des gesellschaftlichen -Anstandes</em>, einer Welt der „andern“ Dimensionen, ebensowenig an der -Ethik wie die Ethik am Dienst-Reglement zu messen. (Die Gerade und die -Kugel — zwei „Welten“.)</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unverkennbar ist die Gleichmäßigkeit der Temperatur im -gesellschaftlichen Verkehr der mehr als „Wohlgeborenen“ nicht eine -„Geschmacks“frage der leeren „Zeichen“, sondern ein musikalisches -Aufeinandergestimmt<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>sein. Ein fremdes Element muß dem Musikalischen -sofort auffallen. Stufenweise Fortgeschrittene behalten immer etwas -beamtenhaft Rangsklassenhaftes, dessen „ärarischer“ Geruch unaustilgbar -scheint.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gibt es wohl etwas Geschmackloseres als ein Festmahl, veranstaltet von -Frauen zu Ehren eines Sexualethikers?</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das „arrogante Gesicht“ vor Portiers und Kammerdienern. Man weiß -darum, lächelt, höhnt sogar darüber, spielt aber doch immer wieder die -mediokre Komödie. Und die Leute brauchen das. Das „liebe Gesicht“ des -jungen unter ältern Kollegen. Die charmante Bereitwilligkeit. Alles -Humbug natürlich, aber sowohl erzieherisch als wirksam ... Das gerührte -Gesicht, das ergriffene Gesicht, das nachdenkliche, das blasierte, das -unbefangene, naive Gesicht (dieses übrigens äußerst wohlfeil), das -dämonische, das faszinierende Gesicht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>„Er ist ein Schwein.“ Schlagende, totschlagende Kürze. Ein Spruch, -gegen den es keine<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> Einrede mehr gibt. Wenn einmal jemand irgend -wen vor andern so gekennzeichnet hat, dann ist kein Beschönigen -mehr möglich, kein Abmildern, geschweige denn ein Zurücknehmen. Das -„Schwein“ deckt ihn ein für alle Male zu. Den Unglückseligen, der uns -einmal irgendwo als „Schwein“ vorgestellt worden ist — in absentia -natürlich —, kann jedermann als „Schwein“ weitergeben.</p> - -<p>Wer ist ein „Schwein“? Besser: wie <em class="gesperrt">wird</em> man ein „Schwein“? Nicht -der Zotenjäger ist gemeint, nicht aus Studentenbierkneipen stammt das -Wort, das wie ein Peitschenhieb über einer moralischen Physiognomie -sitzt, diese „soziale“ Bezeichnung hat hochgebornen Ursprung -und verliert sofort an Gewicht, wenn sie außerhalb ihrer Sphäre -angewendet wird. Es gibt Leute, die einfach niemals „Schweine“ werden -<em class="gesperrt">können</em>. Das verächtliche Wort will unter Gentlemen besagen: Der -und der ist gänzlich „unmöglich“.</p> - -<p>Es ist mancher längst ein „Schwein“, ohne es zu wissen, wenn er’s auch -— ahnt. Aber erst der erfüllt den Begriff „voll und ganz“, wie die -Festredner mit Vereinsabzeichen<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> sagen, der genau weiß, daß er durch -diese Handlung, jene Unterlassung ein „Schwein“ geworden ist. Manchmal -versucht er es noch, sich wieder an die Oberfläche zu bringen. Es -geschieht zitternd. Der Anblick eines einzigen Menschen, bei dem er -„Wissen“ voraussetzt, macht seine Kräfte schwinden. Endlich gibt er es -auf, flieht in die böhmischen Wälder der Vogelfreien, außerhalb der -Gesellschaft, fristet unter Masseusen und Revolverblattreportern ein -gasflammenübergossenes scheues Dasein, wird etwa, wenn er noch Ehrgeiz -besitzt, eine — Nachtkaffeegröße. Aber sein Herz ist gebrochen. -Oder er avanciert zum Lumpen, wird frech, selbstbewußt-schamlos. Und -vielleicht kommt er noch als „Idealist“ wieder ans Tageslicht und -eifert gegen Klassenvorrechte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Warum schlagen mich die Kohlenträger nicht tot, denen ich auf der -Treppe begegne, wenn ich in Lackschuhen mit der Zigarette um halb elf -in mein Bureau im Auswärtigen Amt spaziere? Ich könnte es ihnen nicht -verdenken. Vorher aber würde ich<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> mich doch wahrscheinlich noch zu -rechtfertigen versuchen: Meine sehr geehrten Herren Totschläger, wir -haben nämlich wirklich so späte Bureaustunden im auswärtigen Amt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die sozialen Differenzen äußern sich vorzüglich in manuellen -Verrichtungen, die der eine Teil ebenso <em class="gesperrt">selbstverständlich</em> von -dem andern beansprucht, wie dieser sie ihm ohne Bedenken leistet. -Die Utopisten einer Sozialisierung der Gesellschaft meinen diese -Differenzen — die das Unbewußte in der Organisation der menschlichen -Verbände ausmachen — dadurch auszugleichen, daß jeder jeweils sein -eigener Herr und Diener zugleich, wenn auch nicht gleichzeitig zu sein -hätte. Es soll also alles bewußt, alles Fundament Oberfläche werden. -Als ob ein Bau ohne <em class="gesperrt">verdeckte</em> Basis möglich wäre.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Kriege haben nur zwischen Rassen Sinn. Kriege zwischen „Begriffen“ -sind sinnlos. Verständlich sind auch Sprachen- und Religionskämpfe, -aber auch sie sind nicht so tief organisch begründet wie Rassenkämpfe, -Rassenverfolgungen, Rassenkriege.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VOM_ARISTOKRATISCHEN">VOM ARISTOKRATISCHEN</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p> - -<div class="initial">W</div> - -<p><span class="initial">W</span>as ist das <em class="gesperrt">Aristokratische</em>? Eine gewisse Leichtigkeit -einerseits, eine gewisse Gewichtigkeit anderseits. Nicht mehr. -Äußerlich wohl auch ein sozusagen charakteristisches Gepräge, ein -unverkennbarer Habitus. (Aristokratische Maler: Van Dyck, Lawrence.)</p> - -<p>Das Aristokratische an einer Frau ist eine schamhafte Freiheit. -Grobsinnige Beurteiler wollen es auf gewisse exzentrische Manieren -reduziert wissen, die jede Kokotte aufbringt. Man verwechselt da wieder -einmal die Frechheit mit der Freiheit. Auch nicht wie man ißt, geht, -sitzt, reitet, spricht, sich kleidet usw., nicht eine Summe, sondern -das in sich selbst geschlossene runde Ganze ist das Wesentliche. -„Aristokratie des Geistes“ sei hier energisch beiseite geschoben. -Dieses von „Opponenten“ aufgebrachte liebliche Schlagwort verbreitet -einen ranzigen Vernunftgeruch. Liberalismus und Doktrinarismus -überhaupt haben in diesem Gebiet der Musik aber auch gar nichts zu -schaffen. Das Aristokratische ist eine Tonart, kein Programm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p> - -<p>Aristokraten sind komisch, wenn sie sich ernsthaft geben, und können -vor dem Ehrfurchteinflößenden eine frivole Auflehnung gegen das wider -Willen Imponierende sich nicht versagen. Sie haben eine Anzahl niemals -einer Überprüfung unterzogener Vorurteile, denen gegenüber sie von -Zeit zu Zeit eine feierliche rituelle, geradezu hieratische Haltung -einnehmen, worauf sie allsogleich, ohne jeden Übergang, in ihren -natürlichen leichtfertigen Lebensrhythmus sich zurückfallen lassen. -Dieser Rhythmus, in dem sich ihre wohlgebildeten Erscheinungen so -fabelhaft zu Hause fühlen, ist das unbeschreiblich Schöne an ihnen. Es -ist sicherlich Kultur. Aber man darf, unwiderstehlich angezogen von -dieser erlauchten Taktmäßigkeit, nicht übersehen, daß die Kultur der -Aristokraten keinerlei geistige Errungenschaften, kaum dumpfe seelische -Werte enthält. Ihre Erziehung ist bei aller dem Bürger fremden Freiheit -im Lebensstil eine sogar mit Worten (aus Mangel) haushälterische -Schablone. Ihre Kinder verlieren die andachteinflößende reine -Kindlichkeit früher als die Kinder mancher in Traditionen anmutiger -Wohlhabenheit auf<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>gewachsener Bürgerfamilien. Sie sind allzubald dem -kindlich unbefangenen Leben und Erleben entfremdet, indem der im Blut -sitzende Achtung einflößende Stil der Erwachsenen sie bei der schönen -freien großzügigen Familiengemeinschaft, so wie sie nur zu beobachten -anfangen, ohne auf Widerstände zu treffen, überzeugt.</p> - -<p>Die jungen Leute sind alle frühreif, sie spielen immer ihre kommenden -Jahre: wenn sie fünfzehn sind, das achtzehnte, wenn sie achtzehn sind, -das zweiundzwanzigste, mit 23 Jahren den Mann von dreißig. Die Mädchen -sind dagegen weit über ihre Jahre hinaus jung oder vielmehr kindisch, -da ihr Geist nicht geweckt, sondern systematisch im Halbschlaf erhalten -wird. Bei den Jünglingen besorgen die sexuell vor der Zeit erfahrenen, -nur um weniges älteren Standesgenossen und das timide Benehmen der -Hofmeister, als abschreckendes Beispiel, die geistige Erziehung. Die -Wissenschaften sind von vornherein ein Deridendum, gut genug für -Kandidaten, die nichts Besseres zur Verfügung haben. Die Mädchen -werden von einem prädestinierten Gouvernantengeschlecht in einem -verhalten<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> kichernden Respekt auf Distanz erzogen. Sie gedeihen alle zu -mütterlichen Frauen, die Jünglinge selten zu väterlichen Männern. Ein -gebildeter Standesgenosse ist ein mit scheuer Hochachtung betrachteter -Fremder von Distinktion. Halbwegs tiefer gehende Bildung — die immer -noch oberflächlich genug bleibt — äußert sich zunächst immer in einem -äußerst wohlfeilen Demokratismus, der vom geborenen Plebejer mit -bedientenhafter Verehrung vor dieser leutseligen Herablassung quittiert -wird.</p> - -<p>Wenn aber ein Aristokrat echte Seelenbildung genossen und einem -gesunden Ingenium einverleibt hat, ist seine geistig-moralische -Erscheinung ein kaum übertreffliches Ganze. Die angeborene ergibt -mit der erworbenen Freiheit ein wunderbares, ununterscheidbares -Durchdrungensein. Und die vom leeren Formalismus der standesgemäßen -Bigotterie entbürdete Christgläubigkeit, das dem (vom schalen -Liberalismus unrettbar verderbten) Bürgerlichen nahezu unzugängliche -große Religiöse an einer solchen harmonischen Bildung ist ein unbedingt -Verehrungswürdiges. Wahre „verfassungsmäßige“ Freiheit kann<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> einem -bürgerlichen Staat nur ein bedeutender aristokratischer Staatsmann -gewähren. Den Schwindel der falschen Freiheit, die verdummende Dogmatik -des Zeitenliberalismus durchschaut nur ein großzügiger Aristokrat. Das -Ritterliche im Soldatenhandwerk kann nur ein Aristokrat erweisen — -unwiderleglich wie alles Natürliche.</p> - -<p>Das monarchistische Prinzip kann nur der die Lehnspflicht, die -Lehnstreue im Blut tragende Aristokrat aus Überzeugung stützen. Ein dem -väterlichen Boden nicht entfremdeter, aus dem geistigen Erleben nicht -ausgeschalteter, national und religiös gesinnter Adel ist neben einer -schollen- und sprachentreuen Bauernschaft noch immer das Wesenhafte -eines festgefügten Staatswesens.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="ANDREAS_VON_BALTHESSERS_UNRUEHMLICHES_ENDE">ANDREAS -VON BALTHESSERS UNRÜHMLICHES ENDE</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p> - -<p class="s3 center mtop2 mbot1"><i>ANDREAS VON BALTHESSER AN DIE BARONIN DELLA SERRA.</i></p> - -<div class="initial"><span class="s7">„</span>I</div> - -<p><span class="initial3">I</span>ch habe gestern mit dem kleinen Wartenberg gefrühstückt. Sie wissen, -Baronin, daß er Sie sehr verehrt. Er hat mich gebeten, bei Ihnen für -ihn ein günstiges Wort einzulegen. Ich entledige mich der heikeln -Aufgabe auf diese sicherlich bequemste Weise. Wenn Sie gegen seine -Verehrung nichts einzuwenden wissen, wird das der Sache nicht geschadet -haben. Ich küsse Ihre Hände.</p> - -<p class="right mright1">A. B.“</p> - -<p class="s3 center mtop2 mbot1"><i>DIE BARONIN DELLA SERRA AN ANDR. V. BALTHESSER.</i></p> - -<p>„Lieber Herr v. B.! Ihr originelles Briefchen werde ich dem kleinen -Wartenberg zeigen. Das soll Ihre Strafe sein. Wenn Sie heute um 6 Uhr -bei uns essen wollen, können Sie das Nähere von ihm selbst erfahren.</p> - -<p class="right mright1">Nina della Serra.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p> - -<p class="s3 center mtop2 mbot1"><i>ANDR. V. B. AN DIE BARONIN DELLA SERRA.</i></p> - -<p>„Gnädigste Baronin, Ihrem Befehle nachzukommen, wird mir ein besondres -Vergnügen sein. Ein Diner bei Ihnen muß mir mein Leben wert sein.</p> - -<p class="right mright1">A. B.“</p> - -<p class="mtop2"><em class="gesperrt">Zwei Wochen später.</em></p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1"><i>GRAF SERGES WARTENBERG AN ANDR. V. BALTHESSER.</i></p> - -<p>„Ich habe die peinliche Aufgabe, mein lieber Andreas, Dich im Namen -einer Dame, die wir beide kennen, zu bitten, Deine Besuche in ihrem -Hause einzustellen. Sie hatte geglaubt, daß es genügen würde, wenn sie -sich dreimal verleugnen ließe. Nichts für ungut.</p> - -<p class="right mright1">Dein ergebener Serges W.“</p> - -<p class="s3 center mtop2 mbot1"><i>ANDR. V. B. AN DEN GRAFEN SERGES WARTENBERG.</i></p> - -<p>„Ich nehme nach einiger Überlegung davon Abstand, Deinen freundlichen -Brief dem Baron Eugen della Serra einzuschicken, der<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> meines Erachtens -dazu legitimierter gewesen wäre als der — Unlegitimierte.</p> - -<p class="right mright1">A. B.“</p> - -<p class="s3 center mtop2 mbot1">ZEITUNGSNOTIZ.</p> - -<p>„In der Reitschule des ....-Instituts hat gestern ein Duell zwischen -zwei Herrn der Gesellschaft stattgefunden, das leider einen tragischen -Abschluß fand. Herr A. v. B. hat im dritten Gang eine Kugel mitten in -die Brust erhalten.“</p> - -<div class="chapter"> - -<hr class="full" /> - -<div class="reklame"> - -<p class="s4 center">Im gleichen Verlage erschienen von</p> - -<p class="s3 center"><b>Richard Schaukal:</b></p> - -<table class="reklame" summary="Erschienen im gleichen Verlag"> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Kapellmeister Kreisler. Dreizehn Vigilien aus - einem Künstlerdasein</div> - </td> - <td class="vab"> - 1906 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Giorgione oder Gespräche über die Kunst</div> - </td> - <td class="vab"> - 1906 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Literatur. Drei Gespräche</div> - </td> - <td class="vab"> - 1906 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Meine Gärten. Einsame Verse</div> - </td> - <td class="vab"> - 1897 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Vorabend. Ein Akt in Versen</div> - </td> - <td class="vab"> - 1902 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Von Tod zu Tod und andre kleine Geschichten</div> - </td> - <td class="vab"> - 1902 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Das Buch der Tage und Träume</div> - </td> - <td class="vab"> - 1902 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Pierrot und Colombine oder das Lied von der Ehe</div> - </td> - <td class="vab"> - 1902 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1"><em class="gesperrt">In Vorbereitung</em>: - Goltz, Buch der Kindheit. Neuausgabe</div> - </td> - <td class="vab"> - 1907 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Schlemihle. Drei Novellen.</div> - </td> - <td class="vab"> - - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="tb" /> - -<p class="mleft2">Bei andern Verlegern:</p> - -<table class="reklame" summary="Bei anderen Verlegern erschienen"> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Heinebreviarium</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1897</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Intérieurs aus dem Leben der Zwanzigjährigen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1901</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Mimi Lynx. Eine Novelle</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1904</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Ausgewählte Gedichte</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1904</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">E. T. A. Hoffmann</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1904</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Wilhelm Busch</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1904</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Großmutter. Ein Buch von Tod und Leben</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1906</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Verlaine-Heredia. Nachdichtungen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1906</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Eros-Thanatos. Novellen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1906</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Die Mietwohnung</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1907</div> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="tb" /> - -<p class="mleft2">Folgende früher erschienene Bücher sind im Buchhandel -nicht mehr vorhanden:</p> - -<table class="reklame" summary="Nicht mehr erhältlich"> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Gedichte</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1893</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Rückkehr. Ein Akt</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1894</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Verse (1892–1896)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1896</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Tristia. Neue Gedichte</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1898</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Tage und Träume</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1899</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Sehnsucht. Neue Verse</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1900</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="hang-1 mright1">Einer, der seine Frau besucht, und andre - Szenen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right">1902</div> - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -</div> - -<p class="s5 center mtop3"><span class="bt">Druck von Oscar Brandstetter in -Leipzig.</span></p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Meinungen des Herrn Andreas -von Balthesser, eines Dandy und Dilet, by Richard Schaukal - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND MEINUNGEN *** - -***** This file should be named 62006-h.htm or 62006-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/0/0/62006/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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