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This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive. - - - - - - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke - - Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski - herausgegeben von Moeller van den Bruck - - Übertragen von E. K. Rahsin - - - Erste Abteilung: Fünfter und sechster Band - - - F. M. Dostojewski - - - - - Die Dämonen - - - Roman - - - R. Piper & Co. Verlag, München - - - R. Piper & Co. Verlag, München, 1921 - 11. bis 20. Tausend - - - Copyright 1921 by R. Piper & Co., - Verlag in München. - - - ............ - - >Herr, wir haben in dem Dunkel - uns verirrt. Was tun wir nun? - Jede Wegspur ist verloren! - Teufel haben ganz gewiß - uns hier auserkoren, -- - zerren jetzt und drehen uns - mit Dämonenmacht - wohl zickzack im Kreis herum, - in dem Schneesturm und der Nacht. - - ............ - - Wieviel sind's? Wohin die Hetze? - Und was singen sie im Trab? - Feiern sie heut Hexenhochzeit? - Oder tanzen sie ums Grab, - das sie grad' dem Hausgeist graben?< - - ............ - - _A. Puschkin._ - - Es war aber daselbst eine große Herde Säue an der - Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, daß er - ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er - erlaubte ihnen. - - Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und - fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich vom - Abhange in den See, und ersoffen. - - Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen - sie, und verkündigten's in der Stadt und in den - Dörfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da - geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den - Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren, - sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und - vernünftig, und erschraken. - - Und die es gesehen hatten, verkündigten's ihnen, - wie der Besessene war gesund worden. - - Evangel. Lukä, Kap. VIII, 32--37 - (nach der Übersetzung von Luther). - - - - - Inhalt - - - Seite - Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution. Von M. v. d. IX - B. - Vorbemerkung XXIII - Personen-Verzeichnis XXXI - - 1. Kapitel: Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus 1 - der Biographie des wohlachtbaren Stepan - Trophimowitsch Werchowenski - 2. Kapitel: Prinz Heinz. Die Brautwerbung 59 - 3. Kapitel: Fremde Sünden 110 - 4. Kapitel: Die Hinkende 175 - 5. Kapitel: Die »allwissende Schlange« 229 - 6. Kapitel: Die Nacht 304 - 7. Kapitel: Die Nacht (Fortsetzung) 384 - 8. Kapitel: Das Duell 426 - 9. Kapitel: Alle in Erwartung 446 - 10. Kapitel: Vor dem Fest 485 - 11. Kapitel: Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit 521 - 12. Kapitel: Bei den Unsrigen 595 - 13. Kapitel: Zarewitsch Iwan 636 - 14. Kapitel: Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde 654 - 15. Kapitel: Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen 670 - 16. Kapitel: Die Matinee 709 - 17. Kapitel: Das Ende des Festes 760 - 18. Kapitel: Ein beendeter Roman 813 - 19. Kapitel: Der letzte Beschluß 847 - 20. Kapitel: Die Reisende 887 - 21. Kapitel: Die mühevolle Nacht 940 - 22. Kapitel: Stepan Trophimowitschs letzte Reise 995 - 23. Kapitel: Der Schluß 1052 - - 1. Anhang: Material zum Roman »Die Dämonen«. Aus den 1073 - Notizbüchern F. M. Dostojewskis - 2. Anhang: Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten 1121 - Kapitel des Romans »Die Dämonen« - Anmerkung 1139 - - - - - Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution. - - -Der Keim des Nihilismus lag bereits im Sektenwesen. Die Raskolniki haben -zuerst durch das russische Volk eine revolutionäre Stimmung getragen und -religiösen Aufruhr verbreitet. Weil der Russe rechtgläubig bleiben -wollte, wurde er altgläubig, um andersgläubig und schließlich ungläubig -zu werden. Der Raskol war ursprünglich ein Kampf des Volkes um seine -einzige Bildung: die geistliche. Es war ein Kampf um das Wenige, das -Arme im Geiste besaßen, die an Vorstellungen nicht rühren lassen -wollten, in die sie sich durch Jahrhunderte eingewöhnt hatten: an -Ritual, Legende und Text. Es war ein Kampf, der zu keiner Reformation -führte, sondern zum Schisma, und schließlich zur Häresie. Aber in diesem -Kampfe standen Beschränkte wie Besessene, und standen wild bis zum -Fanatismus. Das Ende der Zeiten, das tausendjährige Reich, der -Antichrist auf Erden wurde von ihnen erwartet. Schon hier wird die -Verbindung von Apokalypse und Nihilismus, aber auch Konservativismus -deutlich, die in allen russischen Revolutionen irgendwie wiederkehrt. - -Der religiöse Nihilismus wurde allmählich zum politischen Nihilismus. -Als Peter erschien und um weltlicher Reformen willen die Kirche dem -Staate unterwarf, da sah man den Antichrist auch in ihm, dem Zaren. Ja, -schon wagten die Raskolniki in ihrem Kampfe gegen die Kirche auch den -Kampf gegen den Staat. Sie erfuhren Zuzug aus allen Kreisen, die in -Reibung mit der Obrigkeit lagen. Im Raskol sammelten sich die -Unzufriedenen des Landes. Es kam, wer ein schlechtes Gewissen hatte. Es -kam der Beamte, der veruntreut, und der Bauer, der aufbegehrt hatte. Es -kam der Soldat, der seiner Truppe entlaufen war. Es kamen Strelitzen, -denen dem Blutgerichte von Moskau zu entrinnen gelang. Es kamen -kosakische Freibeuter, aber auch ukrainische Patrioten, Leute aus der -Anhängerschaft schon des Stenka Rasin und wieder des Mazeppa. Es kamen -die Barfüßler. Es kamen Verbrecher. Es kamen Mörder, Räuber und Diebe, -sie alle, denen der Kettenweg nach Sibirien drohte. Sie alle kamen und -wurden hier Brüder vom Gesindel, doch Brüder in Freiheit. - -Die Form dieser Brüderschaft war noch nicht die der Verschwörung. Aber -die Taktik der Nihilisten kündigte sich schon unter den Sektierern an. -Geheime Beziehungen wurden zwischen den Gemeinden unterhalten, wie -hernach zwischen den »Gruppen«. Verfolgte wurden verborgen, falsche -Pässe wurden ausgefertigt, und wie man später Proklamationen zusteckte, -so wurden damals Hostien, Reliquien und verbotene Postillen -geschmuggelt. In den geläuterten Brüderschaften der Stundisten, der -Molokanen oder der Duchoborzen, deren Anhänger sich um ein -ausgeklügeltes Sonderideechen zu sammeln pflegten, wurde -dieser religiöse Nihilismus schließlich ganz brav, ehrbar und -pietistisch-tugendhaft. Aber auch von ihnen, freilich auch von den -Popenfamilien, in denen auf den orthodoxen Vater der problematische Sohn -folgte, ging die nihilistische Unterschichtung des russischen Volkes -weiter aus. Noch Raskolnikoff, in dessen Hirn statt der harmlosen -Beunruhigung, wie man den Namen des Heilandes richtig zu schreiben habe, -die gefährliche Frage nach Gut und Böse wühlte, trug von den Raskolniki -den Familiennamen und gehörte ihnen nicht nur nach der Abstammung -sondern auch in der Anlage an. - -Der Dämon des Nihilismus war in einer noch mittelalterlichen Zeit wie -ein unheimliches Tier gewesen. In der Zeit der Dekabristen sah man ihn -in byronischer Gestalt unter jungen Enthusiasten umgehen. Die -Dekabristen waren entzückte Jünglinge, die von der französischen -Revolution freisinnige Begriffe gelernt und aus den europäischen -Feldzügen fortschrittliche Vorstellungen mitgebracht hatten. Von ein -paar idealen Forderungen, Aufhebung der Zensur und Öffentlichkeit des -Gerichts, erhofften sie eine Besserung der schlechten russischen Welt. -Aber sie hatten keine bestimmte politische Idee. Daran scheiterten sie. -Die jungen Politiker und radikalen Ideologen der vierziger Jahre dagegen -kamen in Debattierklubs zusammen. Alle ernsten Elemente, die suchten, -die sich vorwärtstasteten, freilich auch alle, die in die Irre gingen, -sammelten sich in diesen Debattierklubs, deren einer unter dem Namen der -Petraschewzen deshalb berühmt geworden ist, weil Dostojewski in die -Geschichte der Verschwörung verwickelt wurde, die man seinen Mitgliedern -anhing. Dostojewski meinte diese Zeit der Unruhe in Rußland, des -Übergangs und der Ungewißheit, als er schrieb: »damals gab es unter den -jungen Leuten sehr, sehr viele, die von irgend etwas durchdrungen waren, -die irgend etwas erwarteten ...« Aber auch die Petraschewzen hatten noch -keine bestimmte politische oder soziale Idee. Sie beschäftigten sich nur -mit Ideen. Sie lasen die Bücher von Saint-Simon und Proudhon, von Owen -und Fourier. Sie bezogen die »Phalanstère«. Doch eine Einheitlichkeit -der Tendenz gab es in diesen Debattierklubs nicht. Unter die -Einheitlichkeit eines Programms hätte man die Petraschewzen nicht -bringen können. Und für eine Einheitlichkeit der Aktion fehlte jede -Voraussetzung. In seinem Rechtfertigungsschreiben merkte Dostojewski an: -»man kann sagen, daß man dort nicht drei Menschen fand, die in -irgendeinem Punkte über ein beliebig aufgegebenes Thema -übereinstimmten.« - -Es war die Zeit der literarisch-politischen Forderungen. Auch -Dostojewski hatte damals seine Forderungen. Und er hatte, er leugnete es -nicht, seine Klagen. Er sprach im Kreise der Petraschewzen für die -Aufhebung der Leibeigenschaft und hielt die Bauernbefreiung für -unumgänglich. Aber er tat es nicht als Liberaler aus einer Lehrmeinung, -die ihre Grundsätze liebt, sondern als Russe aus Liebe für das Volk. Er -wollte die Menschen befreien, aber er wollte es in Volklichkeit und -nicht durch Vergesellschaftung. Auch er las die Bücher der Sozialisten, -weil sie, wie er sagte, mit Begeisterung für das Wohl der Menschen -geschrieben seien. Aber den Fourierismus lehnte er ab, während -Petraschewski sich für ihn einsetzte. Das Wohl der Menschen schien ihm -in Rußland nur vom Volke aus durch den Staat sichergestellt werden zu -können. - -Auch Dostojewski war ein Revolutionär. Als Russe, als russischer Mensch -mit allen seinen russischen Möglichkeiten, die vom Orthodoxen bis zum -Nihilistischen reichen, teilte auch er in einem Winkel, in einer -verborgenen Abgründigkeit seines sehr zusammengesetzten Wesens diese -äußerste aller politischen Möglichkeiten. Als er einmal den Wunsch -äußerte, daß auch die Bauernbefreiung wieder »von oben« gemacht werden -solle, und als dagegengehalten wurde, daß dies wohl niemals geschehen -werde, da entschied er fast zögernd: »Ja -- dann mit Gewalt.« Er selbst -wird in dieser Zeit als ein Mensch geschildert, dessen ganzes Wesen sich -zum Verschwörer geeignet habe, still, wortkarg, nur fähig, unter vier -Augen sich auszusprechen, doch dann, wenn die Rede ihn hinriß, von -mächtiger Überzeugungskraft. Aber Dostojewski war Revolutionär nicht aus -Doktrin, sondern beinahe schon aus jener Pathologie, die es zu einer -Erlösung für den Russen macht, die Krankheit seines Mitmenschen zu -teilen, sie aus Wissen mitzuleiden, und aus Mitleid sich zu empören. -Dostojewski, der die Fähigkeit besaß, jedes Revolutionärtum -mitzuerleben, hatte als Russe vor allem das Erlebnis des Nihilismus, war -mit ihm seelisch vertraut, folgte ihm wahlverwandt. Aber diese -Vielseitigkeit, die nur ein Ausdruck seines Russentums war, schloß -zugleich die Möglichkeit ein, daß er auch den anderen Weg ging, nicht -unbedingt den reaktionären der Uwaroffschen Formel, doch den -konservativen eines wissenden Menschen, der schließlich zum -Großinquisitor führte. - -In Sibirien kam Dostojewski dem russischen Volke ganz nahe. In der -Katorga lernte er es in einem täglichen Umgange erst kennen. Und er -erkannte, wie tiefe und starke Menschen es doch in diesem Volke gab, die -voll von der eigenen Echtheit und schweren Ursprünglichkeit einer -besonderen russischen Natur waren. Sie hatten Verbrechen begangen: aber -Dostojewski war Psychologe und Amoralist genug, um den Verbrecher zu -verstehen. Wenn er sie prüfte, dann fand er heraus, daß sie im Grunde -alle gütig waren. Und wenn er die Menschen, mit denen er in der Katorga -zusammentraf, mit den Petersburger Doktrinären verglich, die von -europäischen Konstitutionen und Revolutionen redeten, dann fiel der -Vergleich sehr zuungunsten der Doktrinäre aus. Diese Verbrecher hatten -in ihrem analphabetischen Wesen die Schönheit der autochthonen Kraft vor -jenen voraus. Für diese autochthone Kraft trat Dostojewski in der -Folge ein, wobei er sowohl gegen die Uwaroffs wie gegen die -europäisch-radikalen Elemente zu kämpfen hatte. Mit diesem autochthonen -russischen Volke fühlte er sich verbunden und in der Gewißheit eins, daß -es auch dann, wenn es nicht geneigt sein sollte, das Bestehende zu -erhalten, in seiner Grundlage so unverstörbar sein werde, wie es seiner -noch dunklen Bestimmung sicher sein konnte. Er fühlte voraus, was heute -in Rußland Ereignis geworden ist, fühlte, daß Rußland durch Untergang -werde hindurch gehen müssen, und sagte: »Noch ist die zukünftige, -selbständige russische Idee nicht geboren, nur ist die Erde unheimlich -schwanger von ihr und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren -Qualen zu gebären.« - -Dostojewski liebte das russische Volk wegen seiner angeborenen -Empfänglichkeit für eine naive Sittlichkeit. Aber er erkannte auch, wie -unberechenbar in seinen Trieben, im Widerspruche seiner Leidenschaften, -in der Heftigkeit von Zuneigung oder Abneigung es war. Seine Gier, seine -Fleischlichkeit, seine verhängnisvolle Selbstverschwendung war wie eine -zweite Natur, die eine erste Natur ständig verschlang. Seine -Maßlosigkeit war die Gegenseite seiner Anspruchlosigkeit. Nicht anders -schien sein angeborenes Empörertum nur der Gegensatz zu sein, den ein -Volk, das so unausgeglichen war, ständig aus sich hervorzubringen und -von sich abzustoßen suchte. Dostojewski erkannte, daß ein solches Volk -konservativ gezügelt werden mußte. Und mit einem politischen Denken, das -auf Bindung nicht auf Auflösung gerichtet war, begann Dostojewski, als -er aus Sibirien zurückgekehrt war, in Rußland bewußt zu wirken: mit -einem konservativen Denken, das auf Menschenkenntnis beruhte und von -Volkskenntnis herkam, mit den Überzeugungen eines psychologischen -Konservativismus, der einem Volke entsprach, dessen Wesen selbst ein -ewig beunruhigter und doch wieder hergestellter Konservativismus ist. - -In Rußland fand Dostojewski eine völlig veränderte politische Lage vor. -Die Aufhebung der Leibeigenschaft sollte endlich erfolgen. Und manche -andere liberale Reform stand bevor. Aber gleichzeitig hatte unter der -Oberfläche des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens, in den -Winkeln, Mansarden und Schlupfwinkeln der Hauptstadt, in den -Verschwörerkreisen der Londoner und Züricher Emigration eine Bewegung -eingesetzt, von der die liberalen Forderungen der vierziger Jahre -bereits anarchisch überboten wurden: die nihilistische. Ihre -Erscheinungen reichten bis in die Zeit der Petraschewzen zurück. -Dostojewski selbst bestätigte den Nihilisten, daß sie von den -Petraschewzen herstammten, obwohl diese noch keine Nihilisten gewesen -seien. Zwar war der Untersuchungsrichter im Petraschewzenprozesse im -Unrecht gewesen, wenn er die wachsende Zahl der von ihren Bauern -erschlagenen Gutsbesitzer, oder die der Brandstiftungen auf dem Lande, -der Diebstähle und Einbrüche, auf die politische Rechnung der -Angeklagten schrieb. Das waren Erscheinungen, die sich ohne Zutun der -Petersburger Doktrinäre aus dem tumultuarischen Zuge der Bauernbewegung -ergaben, die der Aufhebung der Leibeigenschaft voranging und die nicht -mit ihr aufhörte. Nach wie vor traten Sektiererrevolten hinzu, und noch -immer kam es wie zu Nicolais Zeiten vor, daß die Alt- und -Andersgläubigen sich zu Tausenden zusammenrotteten, um ihre Kirchen vor -Niederlegung zu bewahren, und das Militär, das mit der Exekutive betraut -war, schimpflich davonjagten. Das religiöse Motiv im russischen -Empörertum verband sich mit dem sozialen Motive. - -Aber auch manche Vorformen des politischen Nihilismus waren Dostojewski -aus seiner ersten Petersburger Zeit bekannt. Ein Petraschewze hatte -zuerst die Idee der »Fünf« ausgeheckt, die Dostojewski hernach der -Komposition seiner »Dämonen« als Skelett zugrunde legte: die Idee eines -großen politischen Bundes, in dem Gruppen der Tat, die einander nicht -kannten, von geheimnisvoller Oberleitung abhingen. Der Bund nannte sich -die »Gesellschaft der Propaganda« und einer von den Mitgliedern hatte -gar eine »Brüderschaft der Leute von anarchischer Gesinnung zu -gegenseitiger Hilfe« vorgeschlagen. Entwürfe für die Organisation -solcher Verbände wurden ausgearbeitet. Die Aussichten eines Aufstandes -wurden erörtert. Nicht zuletzt gehörten die geheimen Druckereien als -rätselhafte Herkunftsorte massenhafter Flugschriften oder die heimlichen -Versammlungen der Petersburger Gesinnungsgenossen in ingermanländischen -Städten zu den Erscheinungen, die Dostojewski als »Dämonen«motive -herübernehmen und auf den terroristischen Schauplatz einer ungenannten -russischen Gouvernementsstadt verlegen konnte. In der Zeit seiner -Verbannung war die Taktik der Nihilisten ausgebildet worden. Man suchte -eine Verbindung mit Leuten aus dem Volke, um so in den Massen eine -Aufklärung über die Fremdform der russischen Zustände zu verbreiten. Die -Zeit kündigte sich an, in der die Studenten »ins Volk gingen«. Typ wie -Rolle der nihilistischen Studentin bereitet sich vor. In den Städten kam -es zu ersten Arbeiterstreiks. Und schon ging von ersten Attentaten der -Schrecken der nihilistischen Bewegung über das Land aus. - -Der Nihilismus hatte noch keine Idee. Als Turgenjeff das Wort und den -Begriff fand, die allmählich auf die ganze Zeitveranlagung und -Geistesverfassung übertragen wurden, da wollte er mit Nihilismus den -russischen Ausdruck des europäischen Positivismus bezeichnen. In der Tat -war der Nihilismus zunächst durchaus aufklärerisch. Er war zu -atheistisch, um religiös zu sein. Er war rein verneinend. Und es hat -lange gedauert, bis er das praktische Christentum Tolstois aufnahm, das -ihn endlich wenigstens mit russischen Gehalten erfüllte. Eine Idee aber -bekam er erst dann, als die Revolution die Klassentheorie für sich in -Anspruch nahm und Marx der Diktator der russischen Ideologen wurde. - -Die Nihilisten waren Märtyrer, solange sie um ihrer Ziele willen ihr -eigenes Leben zerstörten. Wie aber -- wenn sie das Leben der anderen -zerstörten! Wie aber -- wenn sie Rußland zerstörten! Auch Dostojewski -hatte, genau wie Tolstoi, und wie jeder Russe, schon aus altruistischen -Gründen in seiner apostolischen Lehre soziale Elemente. Aber das war das -Große an Dostojewski, und das unterscheidet ihn von der Einstellung der -Marxisten, daß er die ökonomischen Probleme eine Schicht tiefer faßte, -als der Sozialismus sie sah und noch heute sieht: nicht im -Wirtschaftlichen, sondern im Menschlichen. Man sollte dem Volke nicht -sein Volkstum nehmen, weil man ihm dann sein Menschentum nahm! Man -sollte nicht Hand an das Volk legen! Und das Volk sollte nicht Hand an -sich selbst legen! Um des Volkes willen nahm Dostojewski den Kampf gegen -den Radikalismus auf. In seinen politischen Schriften untersuchte er den -Urgrund, auf dem Rußland steht, und brachte dessen ewige Gegebenheiten -in eine Übereinstimmung mit seinen eigenen menschlichen Erlebnissen, die -ihn einmal sagen ließ, daß »wir Revolutionäre aus Konservativismus -sind«, d. h. Kämpfer für das urrussische Wesen, zu dem die europäische -Staatsauffassung, Liberalismus und Parlamentarismus, ebensowenig paßte, -wie etwa die europäische Tracht. In den »Dämonen« aber ließ er Schatoff, -den Russengläubigen, diesen Einzigen, dem er je die verhaltene -Begeisterung eines volksuchenden Helden gab und dessen Gestalt er wie -die eines Jüngers liebte, das Wort sagen: »Wer kein Volk hat, der hat -auch keinen Gott.« Dostojewski stand in seinem Kampfe mit der -Leidenschaft eines Eiferers, mit den ungeheuren Kräften, die der -schwächliche Mensch aus der Idee holt, von der er besessen ist. Als -Fanatiker hatte er die Massivität nicht, um das Volk durch Reform vor -der Revolution zu bewahren. Und als Erscheinung blieb Dostojewski in der -Reihe der großen Problematiker, die von Rousseau bis Nietzsche geht, -wenn er auch als Dichter die epische Form und als Denker das -apostolische Wort vor ihnen voraus hat. Aber als Mystiker wußte er, daß -der Mensch seiner Unvollkommenheit überantwortet ist. Als Politiker ging -er davon aus, daß jede Opposition, die der Mensch aus Doktrin an den -Unterbau und das Gefüge des Seienden setzt, nur die geringe Wichtigkeit -eines Endlichen haben kann, die von einem Unendlichen eingeschlossen -wird. Und als Russe verkündete er dem russischen Volke, in dessen -Glauben allein sich das Christentum unversehrt erhalten habe, daß es das -Gottesträgervolk der Erde sei, das dereinst dieses Christentum -verwirklichen und die Eigenliebe durch die Menschenliebe überwinden -werde. Es ist wahr, Dostojewski ging in seinem Kampfe, den er mit Hohn -und jeder geistigen Überlegenheit führte, mit einfachen Menschen -zusammen, mit echtrussischen Leuten, mit allzu russischen Leuten. Er -ging mit dem Inquisitor Pobjedonosszeff zusammen. Auch dieses Wissen war -in seiner Menschenkenntnis, in seiner Russenkenntnis, daß der russische -Mensch sogar für die Liebe zu schwach ist, die ihm gebracht wird, und -daß sich mit ihr, wenn man sie nicht an den Menschen verschwenden, -sondern ihn durch Liebe behaupten will, Macht über den Menschen -verbinden muß. - -Dostojewski erkannte früh, daß Radikalismus nicht Wurzelung sondern -Entwurzelung bedeutet. Was war es denn schließlich, das der Radikalismus -in Rußland entwurzeln wollte? War es nicht: die europäische Form? Um so -zorniger war daher sein Kampf gegen die halbgebildeten Radikalen und -europaverehrenden Westler, weil sie diese europäische Form auch noch in -ihren letzten und schalsten Äußerungen -- als Republik, als -Konstitutionalismus und Kapitalismus -- auf atheistischer Grundlage in -Rußland einführen wollten. Er fühlte, daß die russische Revolution -kommen werde. Dostojewski war kein Pazifist und fürchtete niemals den -Krieg. Er sagte: »Nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im -Frieden allein liegt die Erlösung -- die kann zuweilen auch der Krieg -bringen.« Aber er fühlte, daß diese Revolution die Erlösung noch nicht -bringen werde. Er fürchtete die Revolution um Rußlands willen. Er -fürchtete sie, weil er ihre Träger kannte, die er dann in den »Dämonen« -in einer Reihe von Karikaturen vorführte, von absonderlichen und -lächerlichen, aber gefährlichen Gestalten. Er deckte in den »Dämonen« -die Zusammenhangslosigkeit des gottlosen und volklosen Nur-Ich-Menschen -auf, die ihn aus seiner Natur reißt und in Tendenzen absondert. Er -deckte die Wurzellosigkeit auf. - -Die russische Revolution hat Dostojewski bis jetzt recht gegeben. Hinter -ihrem ersten Abschnitte stand Tolstoi. Sie kam aus der Aufklärung. Und -sie bedeutete die Auflösung. Aber in dem Augenblicke, in dem sich -entscheidet, daß auch sie nicht nur Zerfall bringt, sondern daß nach -grausamer Umschichtung ein Aufbau aus ihr hervorgeht, wird hinter ihrem -zweiten Abschnitte wieder Dostojewski stehen. Er bedeutet -Wiederanknüpfung. - - M. v. d. B. - - - - - Vorbemerkung - - -Von Dostojewskis fünf großen Romanen ist der dritte, »Die Dämonen«, in -den Jahren 1870 und 71 in Dresden geschrieben, in Petersburg beendet und -1871/72 in der konservativen Zeitschrift »Der russische Bote« -veröffentlicht worden. - -Die beiden Strophen des ersten Mottos hat Dostojewski der Ballade -»Bjéssy« von A. Puschkin entnommen und deren Titel auch zum Titel des -Romans gewählt: mit »Bjéssy« bezeichnet der Russe gewisse böse Geister, -Dämonen oder Teufel von der Art, die im zweiten, dem Evangelium Lucä -entnommenen Motto, in die Säue fährt; in der schönen Ballade Puschkins -(geschr. 1829), die eine Schneesturmnacht in der Steppe schildert, sind -es unzählige tolle Gespenster, von denen sich der Kutscher eines -reisenden Herrn wie von Troßbuben des Teufels genarrt und vom Wege -weggezerrt glaubt. Die Strophen des Mottos sind ein Teil der hilflosen -Antwort des Kutschers auf den Befehl des Herrn (des Dichters), doch -weiterzufahren. - -Im »Ersten Anhang« sind aus Dostojewskis Notizbuchaufzeichnungen -Entwürfe und Gedanken mitgeteilt, die Dostojewski ursprünglich in den -»Dämonen« zu entwickeln gedachte, sowie einige Skizzen zu den -Hauptpersonen, die von ihm später teils in starker Veränderung, teils -überhaupt nicht verwandt worden sind. - -Im »Zweiten Anhang« konnte nur der Anfang eines von Dostojewski nicht -veröffentlichten Kapitels mitgeteilt werden: der Besuch Stawrogins bei -dem Bischof Tichon. Das Manuskript des größeren Teiles dieses -wichtigsten Kapitels wird im Moskauer Dostojewski-Museum aufbewahrt: -sein Inhalt ist bisher nur der Familie und einigen alten Freunden -Dostojewskis bekannt. Wie Dostojewskis Tochter in ihrem (deutsch bei E. -Reinhardt, München erschienenen) Buch »Dostojewski« Seite 180 berichtet, -hat ihre Mutter dieses ganze Manuskript zu Anfang dieses Jahrhunderts -veröffentlichen wollen, doch die alten Freunde ihres Mannes hätten sich -der Veröffentlichung widersetzt. Das hat übrigens bald nach Dostojewskis -Tode 1881 auch sein konservativer Freund N. N. Strachoff getan. - -Nach Dostojewskis eigenen Angaben handelt es sich hier um eine Broschüre -Stawrogins von etwa 60 deutschen Druckseiten, also dem Umfange nach um -ein ähnliches Buch im Buche wie Iwan Karamasoffs »Legende vom -Großinquisitor«. Bekannt geworden ist sonst nur, daß in dieser Schrift -von Stawrogin die Vergewaltigung eines Mädchens mit unerträglichem -Realismus geschildert sei. Nun ist es aber Dostojewskis Art, bestimmte -Ideen -- seine stärksten und revolutionärsten -- immer in einer -ähnlichen, so auffallend vorsichtigen Form zu bringen, sei es als Traum -oder Halluzination, oder als Jugendwerk eines seiner Helden, mit der -Entschuldigung, der Betreffende sei damals noch sehr jung gewesen, wie -z. B. Iwan Karamasoff, oder krank, wie Hippolyt oder Stawrogin, er aber, -Dostojewski, teile nur als Chronist diese sonderbaren Gedanken einzelner -Menschen unserer Zeit mit. Man darf demnach wohl annehmen, daß es sich -auch in dieser noch geheimgehaltenen Broschüre Stawrogins, die -Dostojewski »eine Herausforderung der Gesellschaft« nennt, nicht nur um -die realistische Schilderung einer Episode handelt, sondern daß diese -Episode nur der Ausgangspunkt für ihn ist, um der Gesellschaft, den von -ihm so gehaßten _europäischen_ Gesellschaftsgesetzen, den -»Fehdehandschuh hinzuwerfen« (wie in der »Legende vom Großinquisitor« -die Legende nur die Kostümierung seines Kampfes gegen den Katholizismus -oder vielmehr gegen den alttestamentlichen Staats- oder Gesellschaftsbau -ist). Nach einem Überblick über das Gesamtwerk Dostojewskis ist es nicht -schwer zu erraten, worauf Stawrogin-Dostojewski in dieser -unveröffentlichten Schrift hinauswill, hinauswollen muß. Und es ist nur -zu verständlich, daß seine Freunde, wie Strachoff, dem er trotz aller -Freundschaft »doch viel zu unverständlich war«, und der Machthaber -Pobjedonószeff sich _gegen_ die Veröffentlichung dieser -»Herausforderung« aussprachen. Was aber trotzdem von diesem, allen -ehrlich konservativen Menschen »viel zu unverständlichen« Geist -Stawrogin-Dostojewskis in dem Roman »Die Dämonen« verblieben ist, das -sind -- nach dem Fortfall der erwähnten Kampfschrift Stawrogins -- fast -nur ein paar Worte von Schatoff und Drosdoff, die jetzt wie zwei kleine -Inseln daliegen, zwischen denen der Kontinent vorläufig noch versunken -bleibt. - -»Die Dämonen« sind auch sprachlich Dostojewskis geheimnisvollstes Werk. -Nicht nur, daß er sich nachlässig ausdrückt (Seite 1 sagt er z. B.: »die -Geschichte _be_schreiben«, statt »schreiben«), daß er wichtige -Satzglieder ausläßt, die unklarsten Sätze baut, -- er hat sich außerdem -noch vielfach der früheren Umschreibungen bedient, zu der die -Schriftsteller von der strengen Zensur unter Nikolai I. gezwungen worden -waren. Er treibt die Vorsicht so weit, daß er z. B. in den ersten -Kapiteln, wo sich fast alles um die innerpolitischen Verhältnisse dreht, -kein einziges Mal das Wort Politik oder politisch braucht. Damit nun die -unzähligen verschleierten Anspielungen dem unorientierten Leser nicht -völlig unklar bleiben, sind dem Text kleine erläuternde Fußnoten -beigefügt worden, eingehendere Erläuterungen dagegen in den »Ersten -Anhang« verwiesen. - -Einen Kommentar für sich würden dann noch die Ausfälle -Schatoff-Dostojewskis gegen Belinski und die sogenannten »Westler« -erfordern, d. h. gegen die Verehrer europäischer Kultur, die, im -Gegensatz zu den Slawophilen, zwischen Rußland und Europa keinen -Unterschied sahen und europäische Staatsformen auch für Rußland -erstrebten, während von den Slawophilen besonders Dostojewski hinter -allen parlamentarischen, liberalen Formen der Europäer sein -Schreckgespenst, die Plutokratie, den deshalb so verspotteten -»bürgerlichen« Gesellschaftsbau, nahen sah. Hierzu sei bemerkt, daß es -_vor_ der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland nur zwei Parteien -gab, eine kleine, aber allmächtige, und eine große, aber ohnmächtige, -wie es etwa in einer Korrektionsanstalt (mit der man den Staat Nikolais -I. verglichen hat) vom Standpunkt liberaler Individualisten nur wenige -Unterdrücker und viele Unterdrückte gibt. Mögen die letzteren unter sich -auch noch so verschieden sein, in ihrem Gegensatz zu den Machthabern der -Anstalt sind sie doch alle einig. Dieser einmütige Wille wurde damals -»die Richtung« genannt, von der Liputin Seite 44 spricht. Es gab nur -_eine_ »Richtung«, d. h. nur einen Willen: aus dieser Enge -hinauszukommen. Kaum aber hatte sich unter Alexander II. das Tor der -»Korrektionsanstalt« geöffnet, da zeigten sich sofort die großen -Unterschiede innerhalb der Schar der Herausdrängenden, und »_die_ -Richtung« begann sich zu verzweigen, zunächst in Slawophile und Westler, -dann aber in die verschiedenen Arten der Slawophilen und Westler -(Monarchisten, Republikaner, Radikale, Kommunisten gab und gibt es bei -diesen und bei jenen, und hinzu kommen dann noch die Unterschiede in der -Einstellung zur Orthodoxie). Die frühere geschlossene Front der einen -»Richtung« gegen Nikolai I., unter dem die Werke der orthodoxen -Slawophilen genau so verboten waren wie die der französischen -Revolutionäre und Atheisten, zerbröckelte zu einem Kampf untereinander, -in dem jeder nach mindestens zwei Seiten kämpfte, wenn nicht nach drei -oder vier Seiten. - -»Die Dämonen« sind das Buch der ersten Jahre dieser Kämpfe, in denen die -einzelnen Menschen sich wahrlich nicht nach Parteischlagworten -unterscheiden lassen, sondern nur nach einem inneren anständigen Kern -oder dem Fehlen eines solchen. - -Man hat dieses Werk Dostojewskis als ein »Pamphlet gegen alles -Revolutionäre« aufgefaßt, weil einzelne Vertreter einer der -revolutionären Gruppen, die an europäische Schlagwörter glauben, -verhöhnt und entlarvt werden. Doch nichts ist falscher, als den -Verfasser _deshalb_ gleich für konservativ zu halten. Die Konservativen -sind hier ja noch viel schlimmer karikiert. Richtig wäre es, über alles, -was Dostojewski voll Zorn und Spott über diese Art _unwissender_ -Revolutionäre geschrieben hat, die Worte zu setzen, mit denen er sich -einmal unbewußt verrät: »... ich ärgerte mich und ich schämte mich fast -für ihre Ungeschicktheit ...« (Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische -Schriften, Seite 170). - -Es war der Zorn darüber, daß diese »dummen Jungen« die Revolution oder -das »Neue russische Wort« durch ihre törichten Redereien und Taten nur -lächerlich machten, ihm _seine_ große Revolution verpfuschten. - -Nur aus dieser Kampfstellung nach links und nach rechts, nach rückwärts -und vorwärts sind die vielfachen sogenannten »Widersprüche« Dostojewskis -in den »Dämonen« zu verstehen oder das parteipolitische Chaos in seinen -Werken. Er schildert z. B. den Revolutionär Pjotr Werchowenski als -ungebildeten Flegel, als gewissenlosen Intriganten, Schurken und -schließlich Mörder, doch vor dem konservativen Vertreter der alten -Ehrbegriffe, Karmasinoff, der »auswandernden Ratte«, wird selbst dieser -»Betrüger« plötzlich zu einer nationalen Größe -- ganz zu schweigen von -den Konflikten, in die Dostojewski sich in den Entwürfen zu diesen -Gestalten (im Ersten Anhang) unverhofft, doch unvermeidlich hineinredet. -Es ist, als ob die kleinen törichten Geisterchen, die Troßbübchen des -Teufels in der tollen Sturmnacht der Revolution, in der keine Spur des -alten Weges mehr zu sehen ist, ihm unter der Hand und vor den Augen -zergingen und er hinter ihrem kleinen dämonischen Eigensinn plötzlich -die Umrisse eines riesigen Dämons zu spüren, zu begreifen beginne, wenn -er den alten Idealisten und Dichter ihnen ihre Torheiten verzeihen läßt. - -Inwieweit aber Dostojewski auch hier schon, nicht erst im letzten Bande -der Karamasoff, selber zu jenem riesigen Dämon wird, entzieht sich -vorläufig noch der Beurteilung. Man fasse es nicht als Zufall auf, daß -Stawrogins »Herausforderung« ein halbes Jahrhundert lang vergraben -geblieben ist. Vielleicht ist es selbst heute noch zu früh, die Menschen -aus dem so vielfach verhüllten, geheimnisvollen Becher Dostojewskis -schon _sehend_ trinken zu lassen. - -Über die Absicht der Witwe Dostojewskis, dieses Manuskript nunmehr zu -veröffentlichen, und über das vorläufige Scheitern dieses Planes an den -gegenwärtigen russischen Zuständen gibt das S. XXIV erwähnte Buch von -Aimée Dostojewskaja gleichfalls einigen Aufschluß. - -Eng verbunden mit Stawrogin ist »sein Schüler« Kirilloff. Dostojewski -hat wohl selbst nicht genau gewußt, warum er diesen so eigentümlich -»falsch« sprechen läßt; er hat wohl nur mit der Sicherheit des Künstlers -empfunden, daß diese Nuance zu dieser Gestalt gehört oder mindestens -paßt. - -Kirilloff spricht nicht in der Weise falsch, wie ein Ausländer oder wie -ein Kind. Seine Sprechart, die deutsch in unstilisierter Form wohl kaum -so wiederzugeben wäre, daß sie überhaupt glaubhaft bliebe, läßt sich -kurz nur durch eine Übertreibung charakterisieren: er spricht ungefähr -wie ein Mensch, der die Namen der Dinge nur im Nominativ kennt. Nur -spricht er so nicht mit Fleiß, nicht »stilisiert«, nicht bewußt, ja -vieles sagt er auch ganz richtig wie jeder andere Mensch in der Bindung -der Syntax, mit der richtigen Endung, die die Beziehung der Dinge -angibt; aber zwischendurch ist es immer wieder, als würden aus ihm ganz -unmittelbar nur Tatsachen laut, die das Gefühl hervorstößt, ohne daß das -Gehirn sie einkleidet. Vielleicht läßt sich der Gegensatz -veranschaulichen mit dem Gegensatz zwischen der »beugenden«, die -Beziehung angebenden Buchstabenschrift der Gegenwart und der starren -Bilderschrift der alten Ägypter oder der Chinesen. Wer Rassegesetzen -nachforscht, mag die Angaben über sein dunkles Äußere in Beziehung -bringen zu dem Geist, der diese alten Sprachen schuf; wer sich mit -Kirilloffs Philosophie als heutigem Ausdruck russischen Geistes befaßt, -wird in ihr und dieser Sprechart vielleicht eine Übereinstimmung finden: -nur das Wesentliche des Wortes zu geben, wie nur das Wesentliche der -Welt zu suchen, im Wesen Gottes als Mensch zu vergehn, um Gott auf die -Erde zu bringen. - - E. K. R. - - - - - Personenverzeichnis - (unter Angabe der Aussprache der Namen) - - - Warwára Petrówna S'tawrógina -- Witwe eines Generals. - Nicolaí Wsséwolodowitsch S'tawrógin -- ihr Sohn. - S'tepán Trofímowitsch Werchowénski -- Dichter und Hauslehrer. - Pjotr S'tepánowitsch Werchowénski -- sein Sohn. - Praskówja Iwánowna Drósdowa -- Witwe eines Generals. - Lisawéta Nicolájewna Túschina -- ihre Tochter aus erster Ehe. - Mawríkij Nicolájewitsch Drósdoff -- Offizier, Neffe des - verstorbenen Generals Drosdoff. - Iwán Óssipowitsch *** -- der frühere Gouverneur. - Andreí Antónowitsch von Lembke -- der neue Gouverneur. - Júlija Michaílowna von Lembke -- seine Frau. - Karmasínoff -- ein berühmter Schriftsteller. - Artémij Páwlowitsch Gagánoff -- Rittmeister a. D. - Lebäd'kin -- ein angeblicher »Hauptmann a. D.« - Márja Timoféjewna ... -- seine Schwester. - Iwán Schátoff } Kinder eines - Dárja Páwlowna Schátowa } verstorbenen Dieners der - (genannt Dá-scha) } Stawrógins. - Márja Ignátjewna Schátowa -- Schátoffs Frau. - Arína Próchorowna Wirgínskaja -- eine Hebamme. - Alexeí Nílytsch Kirílloff -- ein Ingenieur. - Schigáleff -- Verfasser einer Schrift über revolutionäre Theorien. - Tolkatschénko, Erkel und andere Anhänger revolutionärer Ideen. - Lipútin } - Wirgínski } Beamte. - Läm'schin } - Aljóscha Telät'nikoff -- ein ehemaliger Beamter. - Fédjka -- ein entsprungener Verbrecher. - Flibustjéroff -- ein Polizeioffizier. - Ssemjón Jákowlewitsch -- ein »Prophet«. - Tíchon -- ein im Kloster zurückgezogen lebender Bischof. - Alexeí Jegórytsch } - Nas-táß-ja } Dienstboten. - Agáfja } - - Ortsnamen: - -Skworéschniki, Dúchowo, Brýkowo; die Fabrik der Brüder Schpigúlin, -Matwéjewo. - - Näheres über die historischen Vorbilder einzelner Gestalten siehe - Seite 1118-1120. - -Namen einzelner Nebenpersonen hat Dostojewski im Laufe der Erzählung -manchmal unbewußt geändert. So nennt er z. B. den alten Gaganoff anfangs -_Pjotr_ Pawlowitsch, später dagegen _Pawel_ Pawlowitsch und folglich -seinen Sohn Artemij _Pawlowitsch_. Ferner heißt ein Kanzleibeamter des -Gouverneurs zuerst _Blümer_, später _Blüm_. Der Name Kirílloff ist bald -mit zwei, bald mit einem l geschrieben. Um Mißverständnisse infolge -solcher Flüchtigkeiten zu vermeiden, ist in der Übersetzung immer die -erste Form beibehalten worden. E. K. R. - - - - - Erstes Kapitel. - Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus der Biographie - des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski. - - - I. - -Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die -sich unlängst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt -zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu -helfen weiß, zunächst etwas weiter auszuholen und mit einigen -biographischen Einzelheiten über den talentvollen und wohlachtbaren -Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mögen diese Einzelheiten -nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte -selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst später. - -Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte -unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen bürgerliche[1] -Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, -- liebte sie sogar -so, daß er ohne sie wohl überhaupt nicht hätte leben können. Nicht, daß -ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bühne vergleichen wollte: Gott -behüte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte. -Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser -gesagt, die Folge einer immerwährenden, im Grunde edlen Neigung, einer -Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner -schönen bürgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine -Lage als »Verfolgter« und sozusagen »Verbannter«. Um diese beiden -Wörtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und -eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im -Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschätzung immer mehr erhöht zu -haben, bis er schließlich auf einem gewissen überaus hohen und für die -Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem -satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein -gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige -Zoll groß waren, so daran gewöhnt, sich als Riese zu fühlen, daß er auch -in den Straßen Londons unwillkürlich den Passanten und Equipagen zurief, -sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht -irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch für einen Riesen und -die anderen für jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und -die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war -das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die -Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben -Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur daß dieser Wahn sich bei ihm in -einer, wenn man sich so ausdrücken darf, unschuldigeren und -unverletzenderen Weise äußerte, denn schließlich war er doch ein -prächtiger Mensch. - -Ich denke es mir sogar so: daß man ihn in der Literatur mit der Zeit -allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewiß noch nicht -sagen, daß er auch früher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch -er einmal zu der berühmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der -letzten Generation gehört, und eine Zeitlang -- übrigens doch nur einen -allerkleinsten Augenblick lang -- war sein Name von manchen voreiligen -Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski, -Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4] -genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon -im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, -- es ward, wie er sich -ausdrückte, von einem »Wirbelsturm« zusammentreffender »Umstände«[5] -zerstört. Und was stellt sich nun heraus? Daß es nicht nur keinen -»Wirbelsturm«, sondern nicht einmal »Umstände« damals gegeben hat, -wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar -Tagen, zu meinem größten Erstaunen erfahren, dafür aber mit vollkommener -Glaubwürdigkeit, daß Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem -Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier -allgemein annahm, sondern daß er nicht einmal, gleichviel wann, unter -Aufsicht gestanden hat. Wie groß muß demnach seine Einbildungskraft -gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben -lang, daß man in gewissen Sphären beständig vor ihm auf der Hut wäre, -daß jeder seiner Schritte unablässig beobachtet und vermerkt werde, und -daß jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig -Jahre hier gehabt haben, schon bei der Übergabe des Gouvernements als -erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so -daß jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit -Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Hätte aber -jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten -Menschen beruhigen und überzeugen wollen, daß ihm nicht das Geringste -drohe, so würde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch -der klügste, der begabteste Mensch, war gewissermaßen sogar ein Mann der -Wissenschaft, obgleich er übrigens in der Wissenschaft ... nun, sagen -wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint, -überhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Rußland mit den Männern -der Wissenschaft durchgehends so zu sein. - -Nach seiner Rückkehr aus dem Auslande hatte er als Lektor auf dem -Lehrstuhl einer Universität geglänzt, bereits ganz am Ende der vierziger -Jahre. Es gelang ihm aber nur, ein paar Vorlesungen zu halten, ich -glaube, über die Araber; es gelang ihm auch noch, eine glänzende -Dissertation zu verteidigen: über die in der Epoche zwischen 1413 und -1428 aufkeimende kulturelle und hanseatische Bedeutung des deutschen -Städtchens Hanau und zugleich über jene besonderen und etwas unklaren -Gründe, weshalb es zu dieser Bedeutung dann doch überhaupt nicht -gekommen ist. Diese Dissertation traf mit einem feinen Stich geschickt -und schmerzhaft die damaligen Slawophilen und schuf ihm mit einem -Schlage unzählige und grimmige Feinde unter ihnen. Dann -- übrigens -schon nach dem Verlust des Lehrstuhls -- schrieb und veröffentlichte er -noch wahrscheinlich aus Rache und um zu zeigen, wen sie verloren hatten) -in einer fortschrittlichen Monatsschrift, die aus Dickens übersetzte und -George Sand verkündete, den Anfang einer tiefsinnigsten Untersuchung -- -ich glaube, über die Gründe der außergewöhnlich edlen sittlichen -Anschauungen irgendwelcher Ritter in irgendeiner Epoche, oder etwas -Ähnliches. Jedenfalls war es ein hoher, ungemein edler Gedanke, den er -darin durchführte. Nur wurde, wie man später erzählte, die Fortsetzung -dieser Untersuchung schleunigst verboten und sogar die fortschrittliche -Zeitschrift soll wegen der gedruckten ersten Hälfte zu leiden gehabt -haben. Das ist auch sehr gut möglich, denn was geschah damals nicht? In -diesem Falle aber ist es doch wahrscheinlicher, daß nichts Derartiges -geschah und nur der Autor selber die Mühe scheute, den Aufsatz zu -beenden. Seine Vorlesungen über die Araber jedoch stellte er deshalb -ein, weil ein von ihm an irgend jemanden geschriebener Brief mit der -Darlegung irgend welcher »Umstände« irgendwie von irgend jemandem -(offenbar von einem seiner reaktionären Feinde) aufgefangen worden war, -woraufhin irgendjemand irgendwelche Erklärungen von ihm verlangte[6]. -Ich weiß zwar nicht, ob es wahr ist, aber man behauptete außerdem, daß -gerade damals in Petersburg eine riesige, widernatürliche und -antistaatliche Gesellschaft, bestehend aus nahezu dreizehn Mann, -aufgespürt worden sei, eine Gesellschaft, die das Gebäude fast -erschüttert hätte. Man sagte, sie hätten nichts Geringeres vorgehabt, -als Fourier selber zu übersetzen[7]. Und ausgerechnet zur selben Zeit -mußte dann noch in Moskau eine Dichtung Stepan Trophimowitschs -beschlagnahmt werden, ein Poem, das er schon sechs Jahre zuvor in Berlin -geschrieben hatte, in seiner ersten Jugend, und dessen Abschriften, -unter der Hand weitergegeben, bei zwei Liebhabern der Dichtkunst und -einem Studenten gefunden wurden. Ein Exemplar davon liegt jetzt auch in -meinem Schreibtisch: erst im vorigen Jahre erhielt ich es von Stepan -Trophimowitsch persönlich, in eigenhändiger neuester Abschrift, mit -autographischer Widmung und in prachtvollem roten Saffianeinbande. Das -Poem ist übrigens nicht ohne Poesie, ja es ist nicht einmal ohne ein -gewisses Talent verfaßt, ist allerdings etwas sonderbar, aber damals (d. -h. richtiger in den dreißiger Jahren) wurde oft in dieser Art -geschrieben. Das Thema des Poems wiederzugeben, macht mir freilich -Schwierigkeiten, denn, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ich habe es -überhaupt nicht verstanden. Es ist irgend so eine Allegorie in -lyrisch-dramatischer Form, die an den zweiten Teil des Faust erinnert. -Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der -Männer, darauf ein Chor irgendwelcher Kräfte, und zum Schluß der Chöre -tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch -gar zu gern auch mal leben möchten. Alle diese Chöre singen von etwas -sehr Unbestimmtem, größtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen -es wie mit einem Schimmer höheren Humors. Doch plötzlich verwandelt sich -die Szene und es beginnt ein »Fest des Lebens«, auf dem sogar die -Insekten singen; dann tritt eine Schildkröte auf mit allerhand -lateinischen sakramentalen Worten und es singt irgend etwas, wenn ich -mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon ganz -unbelebter Gegenstand. Überhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie -aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber -wiederum wie mit einem Schimmer höherer Bedeutung. Schließlich, nach -einem abermaligen Szenenwechsel, sieht man eine wildromantische Gegend, -in der zwischen Felsen ein zivilisierter junger Mann umherirrt und -irgendwelche Gräser abreißt, an denen er dann saugt. Auf die Frage einer -Fee, warum er das tue, antwortet er, er suche Vergessenheit, weil er ein -Übermaß von Leben in sich fühle, und diese Vergessenheit im Safte dieser -Gräser finde, sein Hauptwunsch aber sei -- möglichst bald den Verstand -zu verlieren (ein Wunsch, der vielleicht schon überflüssig ist). Darauf -erscheint plötzlich auf einem schwarzen Pferde ein Jüngling von -unbeschreiblicher Schönheit und ihm folgen in fürchterlicher Menge alle -Völker. Der Jüngling stellt den Tod dar und die Völker lechzen alle nach -ihm. Und schließlich, in der allerletzten Szene, erscheint plötzlich der -babylonische Turm und irgendwelche Athleten bauen ihn nun schon zu Ende -und singen dazu einen Sang der neuen Hoffnung, und wie sie die höchste -Spitze vollenden, da läuft der Beherrscher, sagen wir des Olymps, in -komischer Form davon, und die Menschheit, die jetzt endlich begreift, -beginnt sofort, indem sie sich seines Platzes bemächtigt, ein neues -Leben mit vollkommenem Durchschauen der Dinge. Dieses Poem also wurde -damals für gefährlich befunden. Im vorigen Jahre schlug ich Stepan -Trophimowitsch vor, es nunmehr drucken zu lassen, da es in unserer Zeit -doch eine ganz unschuldige Dichtung sei, aber er lehnte den Vorschlag -mit sichtbarem Mißbehagen ab. Die Auffassung, daß es eine vollkommen -unschuldige Dichtung sei, gefiel ihm offenbar gar nicht, und diesem -Umstande schreibe ich auch die gewisse Kühle zu, die seinerseits mir -gegenüber volle zwei Monate andauerte. Doch siehe da! Plötzlich, und -fast zur selben Zeit, als ich ihm vorschlug, das Poem hier drucken zu -lassen, wurde unser Poem _dort_ gedruckt, d. h. im Auslande, und -erschien in einem der revolutionären Sammelbände, ohne daß Stepan -Trophimowitsch überhaupt etwas davon wußte. Er erschrak zunächst -nicht wenig, stürzte zum Gouverneur, entwarf einen hochedlen -Rechtfertigungsbrief für Petersburg, las ihn mir zweimal vor, schickte -ihn aber dann doch nicht ab, da er, wie sich herausstellte, gar nicht -wußte, an wen er ihn senden sollte. Kurz, er regte sich einen ganzen -Monat lang auf, doch ich bin überzeugt, daß er dabei in den geheimen -Buchten seines Herzens ungemein geschmeichelt war. Von dem ihm -zugestellten Exemplar des Sammelbandes trennte er sich überhaupt nicht -mehr, ja er schlief fast mit ihm, am Tage aber versteckte er es unter -die Matratze, weshalb er das Mädchen kaum noch das Bett aufbetten ließ, -und obschon er Tag für Tag ein gewisses Telegramm erwartete, schaute er -doch sehr von oben herab. Das Telegramm kam aber nicht. Da söhnte er -sich auch mit mir wieder aus, was wiederum von der großen Güte seines -sanften, nicht nachtragenden Herzens zeugt. - - - II. - -Ich behaupte ja nicht, daß er wirklich niemals zu leiden gehabt hat[8], -ich habe mich jetzt nur endgültig überzeugt, daß er die Vorlesungen über -seine Araber so lange hätte fortsetzen können wie er wollte, wenn er nur -die nötigen Erklärungen abgegeben hätte. Er aber warf sich damals gleich -in die Brust und schickte sich mit besonderer Eilfertigkeit an, sich -selber ein für allemal einzureden, daß seine Laufbahn vom »Wirbelsturm -der Umstände« für immer zerstört sei. Doch wenn man schon die ganze -Wahrheit sagen soll, so war der eigentliche Grund dieser Änderung seiner -Laufbahn die gerade jetzt in zartfühlendster Weise wiederholte Anfrage -der Gemahlin des Generalleutnants Stawrogin, einer sehr reichen Dame, ob -er die Erziehung und ganze geistige Ausbildung ihres einzigen Sohnes, -gewissermaßen als höherer Pädagoge und Freund, übernehmen wolle -- von -dem glänzenden Gehaltsangebot ganz zu schweigen. Dieses Angebot war ihm -schon früher einmal gemacht worden, in seiner Berliner Zeit, gleich nach -dem Tode seiner ersten Frau. Diese war ein etwas leichtsinniges junges -Mädchen aus unserem Gouvernement gewesen, übrigens nicht unsympathisch, -die er in seiner ersten Jugend, ohne sich besondere Gedanken zu machen, -geheiratet und mit der er dann viel Leid zu ertragen gehabt hatte, -erstens weil seine Mittel zu ihrem beiderseitigen Unterhalt nicht -ausreichten, und dann noch aus anderen, bereits sehr zarten Gründen. Sie -starb schließlich in Paris, nachdem sie die letzten drei Jahre getrennt -von ihm gelebt hatte, und hinterließ ihm einen fünfjährigen Sohn -- »die -Frucht der ersten freudevollen und noch ungetrübten Liebe«, wie sich der -trauernde Stepan Trophimowitsch einmal in meiner Gegenwart unversehens -äußerte. Das Kind war übrigens schon bald nach der Geburt nach Rußland -geschickt worden -- zu ein paar Tanten irgendwo in der Provinz, die es -erziehen sollten. Damals also, nach dem Tode seiner ersten Frau, hatte -er das Angebot der Warwara Petrowna Stawrogina nicht angenommen, sondern -noch vor Ablauf des Trauerjahres seine zweite Frau, eine schweigsame -kleine Berlinerin, geheiratet, und zwar, was das Auffallende war, -eigentlich ohne jede besondere Notwendigkeit. Doch außerdem hatte er -noch andere Gründe gehabt, das Angebot abzulehnen: ihn lockte der gerade -damals lauttönende Ruhm eines unvergeßlichen Professors und so wollte -auch er seine Adlerschwingen erproben. Jetzt aber, nachdem er sich die -Schwingen versengt hatte, war es nur natürlich, daß er, besonders -nachdem auch seine zweite Frau, kaum ein Jahr nach der Trauung, -gestorben war, dem wiederholten verlockenden Angebot nicht widerstand. -Das Entscheidende war also die glühende Anteilnahme, sowie die -unschätzbare und, wenn man so sagen darf, klassische Freundschaft, die -Warwara Petrowna Stawrogina ihm entgegenbrachte. So warf er sich denn in -die Arme dieser Freundschaft und die währte gute zwanzig Jahre. Ich habe -soeben den Ausdruck gebraucht »er warf sich in die Arme dieser -Freundschaft«, doch Gott behüte und bewahre einen jeden davor, deshalb -an etwas Überflüssiges und Müßiges zu denken. Nein, diese Umarmung ist -einzig in höchst moralischem Sinne zu verstehen. Es waren nur die -feinsten und zartesten Bande, die diese beiden so merkwürdigen Menschen -auf ewig miteinander verknüpften. - -Die Stellung eines Erziehers wurde auch noch deshalb angenommen, weil -das kleine Gütchen, das seine erste Frau hier in unserem Gouvernement -hinterlassen hatte, unmittelbar an Skworeschniki, das herrliche, nahe -der Stadt belegene Gut der Stawrogins grenzte. Und zudem war es ja immer -möglich, in der Stille des Kabinetts und bereits ohne von der -Riesenhaftigkeit der Universitätsarbeiten absorbiert zu werden, sich -ganz den Aufgaben der Wissenschaft zu widmen und die einheimische -Literatur mit den tiefsten Erforschungen zu bereichern. Solche -Erforschungen ergaben sich dann zwar nicht, doch dafür bot sich die -Möglichkeit, das ganze übrige Leben, mehr denn zwanzig Jahre lang, -sozusagen einen »Vorwurf zu verkörpern« -- buchstäblich nach dem -Dichterwort: - - »... Idealist und Liberaler, - Standest du vorm Vaterlande - Als verkörperter Vorwurf da!« - -Doch jener Typ[9], auf den sich diese Worte bezogen, hätte vielleicht -auch das Recht gehabt, zeitlebens in diesem Sinne zu posieren, -vorausgesetzt, daß er es wollte, obschon so etwas doch recht langweilig -sein muß. Unser Stepan Trophimowitsch aber war, wenn man schon die -Wahrheit sagen soll, nur ein Nachahmer im Vergleich zu jenen -Charakteren, ja und das Stehen ermüdete ihn auch, weshalb er denn oft -genug ein bißchen auf der Seite lag. Aber gleichviel, auch in liegender -Stellung verblieb er eine Verkörperung des Vorwurfs -- das muß man ihm -schon lassen --, um so mehr, als für die Provinz auch das vollauf -genügte. Oh, man hätte ihn sehen sollen, wenn er sich bei uns im Klub an -den Kartentisch setzte! Seine ganze Miene sprach dann förmlich: »Karten! -Ich spiele mit euch Jeralásch![10] Wie ist das vereinbar? Wer kann das -verantworten? Wer hat mein Wirken zertrümmert und es in Jeralásch -verwandelt? Ach, geh unter, Rußland!« und würdevoll spielte er aus, -- -selbstredend Coeur zuerst. - -Im Grunde aber liebte er sogar sehr, ein Partiechen zu machen, weswegen -er nicht selten, und besonders in der letzten Zeit, mit Warwara Petrowna -unangenehme Auseinandersetzungen hatte, zumal er im Spiel immer verlor. -Doch davon später. Ich will nur bemerken, daß er ein sogar -gewissenhafter Mensch war (d. h. manchmal) und darum oft trauerte. Im -Laufe der ganzen zwanzigjährigen Freundschaft mit Warwara Petrowna -pflegte er regelmäßig drei- bis viermal im Jahre seinem »Bürgergram«, -wie wir das nannten, zu verfallen, das heißt einfach einer Hypochondrie, -doch der Ausdruck »Bürgergram« gefiel der verehrten Warwara Petrowna. -Späterhin war es auch noch der Champagner, dem er ab und zu verfiel oder -zu verfallen begann, aber auch in der Beziehung schützte ihn die -feinfühlige Warwara Petrowna das ganze Leben lang vor allen trivialen -Neigungen. Er bedurfte ja auch wirklich einer Art Kinderwärterin, denn -mitunter konnte er sehr sonderbar sein: konnte mitten in der erhabensten -Trauer plötzlich auf die volkstümlichste Weise zu spotten anfangen. Ja, -es gab Augenblicke, wo er sich sogar über sich selbst in humoristischem -Sinne zu äußern begann. Nichts aber fürchtete Warwara Petrowna so, wie -humoristischen Sinn. Sie war eben eine klassisch empfindende Frau, war -als Frau eine Mäzenatin, die nur nach höheren Gesichtspunkten handelte. -Unschätzbar war denn auch der zwanzigjährige Einfluß dieser höheren Dame -auf ihren armen Freund. Doch von ihr müßte man eingehender sprechen, was -ich denn auch tun will. - - - III. - -Es gibt sonderbare Freundschaften; es gibt Freunde, die nur miteinander -streiten, das ganze Leben in Streit verbringen, und doch nicht -voneinander lassen können. Das Auseinandergehen ist ihnen sogar ganz -unmöglich: der Freund, der aus Eigensinn als erster die Verbindung -zerrisse, würde auch als erster krank werden und womöglich sterben, wenn -es darauf ankommt. Ich weiß genau, daß Stepan Trophimowitsch mehrere -Male, und zwar manchmal nach den intimsten Herzensergüssen unter vier -Augen mit Warwara Petrowna, plötzlich, nachdem sie ihn verlassen hatte, -vom Diwan aufsprang und mit den Fäusten an die Wand zu hämmern begann. -Nicht sinnbildlich, sondern ganz einfach und sogar so, daß er einmal den -Putz von der Wand losschlug. Vielleicht wird man nun fragen: wie ich -denn eine so zarte Einzelheit habe erfahren können? Wie nun, wenn ich -selbst Augenzeuge war? Wie, wenn er wiederholt an meiner Schulter -geschluchzt und mir dabei in grellen Farben seine letzten Geheimnisse -erzählt hat? (Und was, ja was kam dann nicht alles über seine Lippen!) -Doch nach solchem Geschluchze geschah fast immer Folgendes: am nächsten -Tage war er dann bereit, sich wegen seiner Undankbarkeit selber zu -kreuzigen; dann rief er mich eilig zu sich oder kam schnell selbst zu -mir, nur um mir mitzuteilen, daß Warwara Petrowna, »was Ehre und -Zartgefühl betrifft«, ein Engel sei, er aber sei »das absolute -Gegenteil«. Und nicht nur zu mir kam er dann, nein, er schrieb das alles -in wortreichen Briefen auch Warwara Petrowna, gestand ihr, ohne sich zu -scheuen, den Brief mit seinem vollen Namen zu unterzeichnen, daß er z. -B. erst gestern einem beliebigen Menschen erzählt habe, sie halte ihn -nur aus Ruhmsucht in ihrem Hause, doch im Grunde beneide sie ihn nur um -seines Wissens und seiner Talente willen; ja, sie hasse ihn sogar und -wage nur nicht, ihren Haß offen zu zeigen, aus Furcht, er könnte dann -weggehen und ihrem Ruf in der Literaturgeschichte schaden; infolgedessen -verachte er sich nun selbst und habe er beschlossen, eines gewaltsamen -Todes zu sterben; von ihr aber erwarte er nur noch ein letztes Wort, das -alles entscheiden werde usw., usw. in dieser Art. Nach diesem Beispiel -kann man sich ungefähr vorstellen, zu welch einer Hysterie die nervösen -Ausbrüche dieses unschuldigsten von allen 50jährigen Säuglingen manchmal -ausarteten! Einen dieser Briefe nach irgendeinem Streit zwischen ihnen -aus einem geringfügigen Anlaß, aber mit erbitterndem Ausgang, habe ich -selbst gelesen. Ich war entsetzt und beschwor ihn, den Brief doch nicht -abzusenden. - -»Ich kann nicht ... es ist ehrlicher ... es ist meine Pflicht ... ich -sterbe, wenn ich ihr nicht alles gestehe, alles!« antwortete er nahezu -fiebernd und sandte den Brief tatsächlich ab. - -Gerade darin aber lag der Unterschied zwischen ihnen, daß Warwara -Petrowna einen solchen Brief niemals abgesandt hätte. Freilich, er -liebte über alle Maßen zu schreiben, schrieb ihr selbst damals, als sie -noch in demselben Hause wohnten, schrieb in hysterischen Fällen sogar -zweimal am Tage. Ich weiß genau, daß Warwara Petrowna immer mit der -größten Aufmerksamkeit diese Briefe durchlas, auch wenn sie ihrer zwei -am Tage erhielt, um sie dann, nummeriert und sortiert, in einer -besonderen Schatulle aufzubewahren; außerdem aber hob sie sie noch in -ihrem Herzen auf. Und nachdem sie dann ihren Freund den ganzen Tag -vergeblich auf eine Antwort hatte warten lassen, benahm sie sich ihm -gegenüber am nächsten Tage, als wäre so gut wie nichts Besonderes -geschehen, als läge gar nichts vor. Auf die Weise hatte sie ihn -allmählich so zugestutzt, daß er schon von selbst nicht mehr an das -Vorgefallene zu erinnern wagte und ihr nur eine Weile in die Augen sah. -Doch vergessen tat sie nichts, er aber vergaß manchmal schon gar zu -schnell, und ermutigt durch ihre Ruhe, konnte er oft schon am selben -Tage wieder lachen und beim Champagner allen möglichen Unsinn treiben, -wenn ihn seine Freunde gerade an dem Tage besuchten. Mit welchen -verbitternden Gefühlen muß sie in solchen Augenblicken auf ihn gesehen -haben, er aber bemerkte überhaupt nichts! Es sei denn, daß ihm nach -einer Woche, einem Monat oder erst nach einem halben Jahr in einem -besonderen Augenblick zufällig irgendein von ihm gebrauchter Ausdruck in -so einem Brief einfiel und nach und nach der ganze Brief mit allen -Einzelheiten und Umständen, und dann verging er plötzlich vor Scham und -quälte sich mitunter dermaßen, daß er wieder an seinen Anfällen von -Cholerine erkrankte. Diese ihn heimsuchenden eigentümlichen Anfälle, die -an Cholerine erinnerten, waren in gewissen Fällen der gewöhnliche -Ausgang seiner nervösen Erschütterungen und stellten ein in ihrer Art -interessantes Kuriosum seiner Physis dar. - -Ja, Warwara Petrowna hat ihn gewiß und sogar sehr oft gehaßt; er aber -hat bis zum Schluß nur eines nicht an ihr erkannt: daß er nämlich zu -guter Letzt für sie zu einem Sohn geworden war, zu ihrem Geschöpf, ja -man kann sagen, zu einer Erfindung von ihr, daß er schon Fleisch von -ihrem Fleisch war und daß sie ihn keineswegs »aus Neid«, »um seiner -Talente willen« bei sich hielt und unterhielt. Und wie müssen solche -Verdächtigungen sie verletzt haben! In ihr verbarg sich eine gewisse -unerträgliche, unduldsame Liebe zu ihm, mitten unter ununterbrochenem -Haß, unter Eifersucht und Verachtung. Sie beschützte ihn vor jedem -Stäubchen, gab sich unermüdlich zweiundzwanzig Jahre lang mit ihm ab, -und die Sorge hätte ihr den Schlaf geraubt, wenn man seinen Ruf als -Dichter, als Gelehrter, sein Wirken im kulturbürgerlichen Sinne -angetastet hätte. Sie hatte ihn sich ausgedacht und war selber die -erste, die an die Wirklichkeit ihrer eigenen Dichtung glaubte. Er war so -etwas wie ihr Traumbild. Aber sie verlangte von ihm tatsächlich viel -dafür, manchmal geradezu sklavischen Gehorsam. Und nachtragend war sie -bis zur Unglaublichkeit. Übrigens werde ich doch lieber gleich zwei -Fälle erzählen. - - - IV. - -Einmal, gerade in der Zeit, als sich die ersten Gerüchte von der -Aufhebung der Leibeigenschaft im Lande zu verbreiten begannen, beehrte -ein Petersburger Baron, ein Mann mit den allerhöchsten Verbindungen, der -noch dazu von Amts wegen der mit Jubel erwarteten Neuerung sehr nahe -stand, auf der Durchfahrt Warwara Petrowna mit seinem Besuch. Sie liebte -und pflegte solche Bekanntschaften außerordentlich, zumal ihre -Verbindungen mit der hohen Gesellschaft nach dem Tode ihres Mannes -beträchtlich abgenommen hatten und schließlich ganz aufzuhören drohten. -Der Baron verweilte etwa eine Stunde bei ihr und trank Tee. Von ihren -Bekannten war sonst niemand zugegen, nur Stepan Trophimowitsch ward von -ihr eingeladen und sozusagen zur Schau gestellt. Der Baron hatte denn -auch richtig schon früher von ihm gehört, oder tat wenigstens, als habe -er von ihm gehört, doch wandte er sich beim Tee selten an ihn. Natürlich -hätte sich Stepan Trophimowitsch gesellschaftlich nie irgendwie -blamieren können, er hatte überhaupt die feinsten Manieren; obschon er, -glaube ich, nicht von hoher Herkunft war. Aber er war von der frühesten -Kindheit an in einem vornehmen Moskauer Hause aufgewachsen, also sehr -gut erzogen; Französisch sprach er wie ein Pariser. Der Baron mußte -mithin auf den ersten Blick erkennen, mit welchen Menschen Warwara -Petrowna sich umgab, wenn sie auch in der Provinz lebte. Allein, es -sollte anders kommen. Als nämlich der Baron die neuen Gerüchte von der -bevorstehenden großen Reform ausdrücklich bestätigte, da konnte Stepan -Trophimowitsch plötzlich nicht an sich halten und rief ein »Hurra!«, -wobei er mit der Hand noch eine Geste machte, die Begeisterung -ausdrücken sollte. Er rief es übrigens nicht laut und geradezu elegant; -ja, vielleicht war die Begeisterung sogar wohlüberlegt und die Geste -absichtlich vor dem Spiegel einstudiert, eine halbe Stunde vor dem Tee; -doch offenbar mißglückte ihm hierbei irgend etwas, so daß der Baron sich -ein kaum merkliches Lächeln erlaubte, wenn er auch sofort überaus -höflich eine Phrase über die allgemeine und erklärliche Ergriffenheit -aller russischen Herzen angesichts der großen Begebenheit einflocht. -Darauf empfahl er sich bald und vergaß dabei nicht, Stepan -Trophimowitsch zum Abschiede zwei Finger zu reichen. Als Warwara -Petrowna in den Salon zurückkehrte, schwieg sie zunächst etwa drei -Minuten lang und tat, als suchte sie etwas auf dem Tisch; doch plötzlich -wandte sie sich zu Stepan Trophimowitsch und stieß, bleich, mit -blitzenden Augen, halblaut zischelnd hervor: »Das werde ich Ihnen nie -vergessen!« - -Am anderen Tage verhielt sie sich zu ihrem Freunde als wäre nichts -geschehen, über das Vorgefallene verlor sie weiter kein Wort. Erst nach -dreizehn Jahren, in einem tragischen Augenblick, erinnerte sie ihn -plötzlich an diesen Vorfall und wieder erbleichte sie dabei genau so wie -damals. Nur zweimal in ihrem Leben hat sie zu ihm gesagt: »Das werde ich -Ihnen nie vergessen!« Der Fall mit dem Baron war schon der zweite Fall; -aber auch der erste war an und für sich so charakteristisch und hat, wie -mir scheint, im Schicksal Stepan Trophimowitschs so viel bedeutet, daß -ich mich entschließe, auch ihn zu erwähnen. - -Das war im Jahre 1855, im Mai, kurz nachdem man in Skworeschniki die -Nachricht vom Tode des Generalleutnants Stawrogin, des leichtsinnigen -alten Herrn, erhalten hatte, der auf der Reise nach der Krim zur -Übernahme eines Kommandos in der aktiven Armee unterwegs an einer -Magenerkrankung gestorben war. Warwara Petrowna war also nun Witwe und -ging in tiefstem Schwarz. Freilich, innerlich konnte ihre Trauer nicht -sehr groß sein, denn schon die letzten vier Jahre hatten die beiden -Gatten wegen der Charaktergegensätze vollkommen getrennt gelebt und sie -hatte ihm nur eine Art Pension ausgesetzt. (Der Generalleutnant besaß -selber nur 150 Seelen und sein Gehalt, außerdem seinen alten Adel und -Beziehungen; der ganze Reichtum dagegen und Skworeschniki gehörten -Warwara Petrowna, als der einzigen Tochter eines sehr reichen -Branntweinpächters.) Nichtsdestoweniger hatte die Plötzlichkeit der -Nachricht sie erschüttert und so zog sie sich denn in die Einsamkeit -zurück. Selbstredend befand sich Stepan Trophimowitsch ununterbrochen -bei ihr. - -Der Mai stand in voller Blüte; die Abende waren wundervoll. -Maulbeerbäume dufteten. Die beiden Freunde kamen allabendlich im Garten -zusammen, saßen bis in die Nacht hinein in einer Laube und breiteten -ihre Gefühle und Gedanken voreinander aus. Es gab manchen poetischen -Augenblick. Unter dem Eindruck ihrer Schicksalsänderung sprach Warwara -Petrowna mehr als gewöhnlich. Sie schmiegte sich gleichsam an das Herz -ihres Freundes, und das setzte sich so mehrere Abende fort. Plötzlich -kam Stepan Trophimowitsch ein eigentümlicher Gedanke: Wie? rechnete die -erschütterte Witwe jetzt vielleicht auf ihn? Erwartete sie etwa nach -Ablauf des Trauerjahres einen Heiratsantrag von ihm? -- Ein zynischer -Gedanke; aber gerade die Höhe der Organisation begünstigt doch mitunter -noch die Neigung zu zynischen Gedanken, schon allein durch die -Vielseitigkeit der Entwicklung. Er begann zu überlegen und fand, daß es -wirklich diesen Anschein gewann. Er wurde nachdenklich: »Ein riesiges -Vermögen, das ist allerdings wahr, aber ...« In der Tat, Warwara -Petrowna war nicht gerade das, was man unter einer Schönheit versteht: -sie war eine große, gelbe, magere Frau, mit einem übermäßig langen -Gesicht, in dem irgend etwas entfernt an einen Pferdekopf erinnerte. -Stepan Trophimowitsch schwankte immer mehr unter solchen Betrachtungen, -quälte sich mit Zweifeln und weinte sogar zweimal wegen seiner eigenen -Unentschlossenheit (er weinte ziemlich oft). An den Abenden, also in der -Laube, nahm sein Gesicht einen kapriziösen Ausdruck an, und zuweilen war -sogar etwas Ironisches, etwas Kokettes, und zugleich Hochmütiges darin. -Das geschieht ganz unwillkürlich, und sogar je edler der Mensch ist, -um so bemerkbarer wird es. Ob nun Stepan Trophimowitschs -Befürchtungen grundlos waren oder nicht, das ist schwer zu sagen: am -wahrscheinlichsten ist, daß Warwara Petrowna an eine Heirat überhaupt -nicht dachte -- jedenfalls hätte sie sich wohl niemals entschließen -können, ihren alten Namen, den der Stawrogins, mit dem seinen zu -vertauschen, selbst wenn sein Name in der Literatur noch so berühmt -gewesen wäre. Vielleicht war es von ihr aus nur ein weibliches Spiel, -der Ausdruck eines unbewußten weiblichen Bedürfnisses, das ja in manchen -weiblichen Fällen doch so natürlich ist. Übrigens kann ich mich für -nichts verbürgen, die Tiefe des Frauenherzens ist sogar bis heute noch -unerforschlich! Doch ich fahre fort. - -Es ist anzunehmen, daß Warwara Petrowna aus dem eigentümlichen -Gesichtsausdruck ihres Freundes bald erriet, was in ihm vorging; sie war -feinfühlig und verstand zu beobachten, er aber war manchmal schon gar zu -naiv. Trotzdem vergingen die Abende nach wie vor poetisch und bei -anregender Unterhaltung. Einmal jedoch, bei Anbruch der Nacht, trennten -sie sich nach einem besonders lebhaften, interessanten und poetischen -Gespräch mit einem heißen Händedruck an der Treppe des Gartenhauses, in -das Stepan Trophimowitsch in jedem Sommer aus dem riesigen Herrenhause -von Skworeschniki überzusiedeln pflegte. Als er eingetreten war, nahm er -zunächst, gleichsam zerstreut und doch wie in Gedanken versunken, eine -Zigarre, zündete sie aber noch nicht an, sondern trat ermüdet ans offene -Fenster und schaute regungslos den wie Flaum leichten, hellen Wölkchen -zu, die an dem klaren Monde vorüberglitten, als plötzlich ein leises -Geräusch ihn aufschreckte und er sich umsah. Vor ihm stand wieder -Warwara Petrowna, von der er sich vor kaum vier Minuten im Garten -getrennt hatte. Ihr gelbes Gesicht war fast bläulich, ihre Lippen -schienen sich krampfhaft zusammenzupressen und die Mundwinkel zuckten. -So sah sie ihm wohl volle zehn Sekunden lang schweigend in die Augen, -mit festem, unerbittlichem Blick, und plötzlich stieß sie in schnellem -Geflüster hervor: - -»Das werde ich Ihnen nie vergessen!« - -Als Stepan Trophimowitsch mir zehn Jahre später diese traurige -Geschichte erzählte, flüsternd, nachdem er zuvor die Tür verschlossen -hatte, versicherte er mir, er sei damals auf der Stelle so erstarrt, daß -er weder gehört noch gesehen habe, wie Warwara Petrowna wieder -verschwand. Und da sie später kein einziges Mal den Vorfall auch nur -erwähnt hatte und alles seinen Lauf ging, als wäre nichts geschehen, so -war er sein lebelang geneigt, anzunehmen, daß das Ganze nur eine -Halluzination vor der Erkrankung gewesen sei, zumal er tatsächlich noch -in derselben Nacht erkrankte und ganze zwei Wochen lang das Bett hüten -mußte, was denn auch, übrigens sehr zur rechten Zeit, den Gesprächen in -der Laube ein Ende machte. - -Doch ungeachtet seiner Idee von der Halluzination war es dennoch, als -erwartete er jeden Tag, während der ganzen Jahre, so etwas wie eine -Fortsetzung und sozusagen Erklärung dieses Geschehnisses. Er glaubte -nicht, daß es damit auch beendet sei! Und wenn er das nicht glaubte, wie -sonderbar muß er dann doch manchmal auf seinen »Freund« geschaut haben! - - - V. - -Sie hatte sogar das Kostüm für ihn erdacht, das er seitdem beständig -trug. Es war geschmackvoll und charakteristisch zugleich: ein langer -schwarzer Rock, fast bis oben zugeknöpft, der aber prachtvoll saß; ein -weicher Hut (im Sommer aus Stroh) mit breiter Krempe; eine Halsbinde aus -weißem Batist, mit großem Knoten und hängenden Enden; ein Stock mit -silbernem Knauf, dazu das Haar fast bis auf die Schultern. Er war -dunkelblond und erst in der letzten Zeit begann er ein wenig zu -ergrauen. Den Schnurrbart und Bart rasierte er. Man sagt, in seiner -Jugend sei er ein überaus schöner Mensch gewesen. Doch meiner Meinung -nach war er auch im Alter eine ungemein eindrucksvolle Erscheinung. Aber -kann man denn bei dreiundfünfzig Jahren überhaupt von Alter reden? Doch -aus einer gewissen »Bürger«-Eitelkeit machte er sich nicht nur nicht -jünger, sondern war sogar gleichsam stolz auf die Solidität seiner -Jahre, und in diesem Kostüm, hoch von Wuchs, hager, mit dem langen Haar -erinnerte er gleichsam an einen Patriarchen, oder noch besser: an das -Porträt des Dichters Kúkolnik[11], das in den dreißiger Jahren als -Lithographie in irgendeiner Ausgabe erschien, besonders wenn er im -Sommer im Garten saß, auf einer Bank unter blühendem Flieder, die Hände -auf den Stock gestützt, ein aufgeschlagenes Buch neben sich und in -poetisches Sinnen versunken beim Anblick des Sonnenuntergangs. Übrigens -in betreff der Bücher muß ich bemerken, daß er in der letzten Zeit das -Lesen gewissermaßen aufzugeben begann. Aber das geschah doch erst in der -allerletzten Zeit. Die Zeitungen und Zeitschriften dagegen, die Warwara -Petrowna in Menge sich zuschicken ließ, die las er beständig. Für die -Fortschritte der russischen Literatur interessierte er sich gleichfalls -unausgesetzt, freilich ohne dabei seiner eigenen Würde auch nur das -geringste zu vergeben. Eine Zeitlang befaßte er sich auch eifrig mit dem -Studium unserer inneren und äußeren Tagespolitik, doch alsbald gab er -das resigniert wieder auf. Es kam aber auch anderes vor: daß er z. B. -einen Band Tocqueville in den Garten mitnahm, in seiner Rocktasche aber -einen Paul de Kock versteckt hatte. Doch das sind übrigens -Belanglosigkeiten. - -Zu dem Porträt von Kúkolnik möchte ich hier nur in Klammern bemerken: -daß dieses Bild Warwara Petrowna zum erstenmal in die Hände geraten war, -als sie noch in Moskau in einem adeligen Mädchenpensionat erzogen wurde. -Sie verliebte sich sofort in dieses Bild, nach der Gewohnheit sämtlicher -jungen Mädchen in Pensionaten, die sich nun einmal in alles zu verlieben -pflegen, was ihnen nur zu Gesichte kommt, aber zugleich auch in ihre -Lehrer, und zwar vornehmlich in die der Schönschreibe- und Zeichenkunst. -Im vorliegenden Fall jedoch war das Bemerkenswerte nicht diese -Eigenschaft junger Mädchen, sondern lediglich der Umstand, daß Warwara -Petrowna die erwähnte Lithographie noch im fünfzigsten Lebensjahr unter -ihren teuersten Kostbarkeiten aufbewahrte, also vielleicht nur deshalb -auch für Stepan Trophimowitsch jenes besondere Kostüm erdacht hatte, das -dem auf diesem Bilde dargestellten zum Teil so ähnlich war. Aber auch -das ist natürlich nur eine Nebensache. - -In den ersten Jahren oder, genauer gesagt, in der ersten Hälfte seines -Aufenthalts bei Warwara Petrowna hatte Stepan Trophimowitsch immer noch -an schriftstellerische Tätigkeit gedacht und sich eigentlich jeden Tag -ernstlich vorgenommen, mit dem Werk, das ihm vorschwebte, zu beginnen. -In der zweiten Hälfte aber begann er offenbar, die früheren Vorstudien -schon zu vergessen. Immer häufiger sagte er zu uns: »Man sollte meinen, -jetzt könnte ich mit der Arbeit beginnen, das Material ist -zusammengetragen, und doch entsteht nichts! Es will einfach nicht in mir -arbeiten!« und wehmütig ließ er den Kopf hängen. Zweifellos sollte -gerade das ihn in unseren Augen noch mehr erhöhen, ihn als einen -Märtyrer der Wissenschaft hinstellen; aber im Grunde und für sich selbst -verlangte ihn doch nach etwas anderem. »Man hat mich vergessen, niemand -braucht mich!« entrang es sich ihm mehr als einmal. Diese gesteigerte -Schwermut bemächtigte sich seiner besonders ganz am Ende der fünfziger -Jahre. Warwara Petrowna begriff schließlich, daß die Sache ernst war. -Zudem konnte auch sie den Gedanken nicht ertragen, daß ihr Freund -vergessen sei und niemand ihn brauche. Um ihn zu zerstreuen, aber -zugleich auch um seinen Ruhm zu erneuen, reiste sie damals mit ihm nach -Moskau, wo sie mit einigen tadellosen Vertretern der Literaten- und -Gelehrtenwelt bekannt war; doch es erwies sich, daß auch Moskau nicht -zufriedenstellen konnte. - -Es war damals eine besondere Zeit[12]; etwas Neues brach an, etwas, das -der vorhergegangenen Stille schon gar zu unähnlich war, etwas schon gar -zu Seltsames, das jedoch überall gespürt wurde, selbst in Skworeschniki. -Verschiedene Gerüchte drangen auch dorthin. Die Tatsachen waren ja im -allgemeinen mehr oder weniger bekannt, aber es war klar, daß außer den -Tatsachen noch eigentümliche sie begleitende Ideen aufzutauchen -begannen, und zwar, was das Wichtigste war, Ideen in außergewöhnlicher -Menge. Gerade das aber wirkte verwirrend: es war ganz und gar unmöglich, -sich ein Urteil zu bilden und genau zu erfahren, was diese Ideen -eigentlich bezweckten. Warwara Petrowna wollte, infolge der weiblichen -Konstruktion ihrer Natur, unbedingt ein Geheimnis in ihnen verborgen -wissen. Sie begann nun zunächst selber die Zeitungen und Zeitschriften -zu lesen, dazu ausländische verbotene Ausgaben und sogar die damals -aufkommenden Proklamationen (alles das wurde ihr zugestellt); doch ihr -wurde davon nur schwindlig. Sie begann dann Briefe zu schreiben; man -antwortete ihr wenig und je weiter man ging, um so unverständlicher -wurde es. Stepan Trophimowitsch ward darauf feierlichst von ihr gebeten, -ihr »alle diese Ideen« ein für allemal zu erklären; doch seine -Erklärungen befriedigten sie entschieden nicht. Der Standpunkt, von dem -aus Stepan Trophimowitsch die allgemeine Bewegung beurteilte, war ein im -höchsten Grade hochmütiger; bei ihm lief alles darauf hinaus, daß man -ihn vergessen habe und niemand ihn brauche. Da aber geschah es, daß man -sich schließlich auch seiner erinnerte; zuerst in ausländischen -Zeitschriften[13] als eines verbannten Märtyrers, und danach sofort auch -in Petersburg, als eines ehemaligen Sternes in einem bekannten -Sternbilde; man verglich ihn aus irgendeinem Grunde sogar mit -Radischtscheff[14]. Darauf schrieb jemand in einer Zeitung, er sei -bereits gestorben, und stellte einen Nekrolog über ihn in Aussicht. -Stepan Trophimowitsch belebte sich nach diesen Erwähnungen seines Namens -im Nu wie ein Auferstandener, und nahm eine höchst würdevolle Haltung -an. Der ganze Hochmut in seinem bisherigen Verhalten gegenüber den -Zeitgenossen fiel im Handumdrehen von ihm ab und statt dessen erglühte -in ihm der Wunsch: sich der Bewegung anzuschließen und seine Kraft zu -zeigen. Warwara Petrowna begann sofort von neuem und an alles zu glauben -und war ganz Eifer für die Sache. Es wurde beschlossen, ohne den -geringsten Aufschub nach Petersburg zu reisen, alles an Ort und Stelle -in Erfahrung zu bringen, persönlich zu ergründen, und sich hinfort, -falls angängig, ganz und ungeteilt der neuen Aufgabe zu widmen. Unter -anderem erklärte sie sich bereit, eine eigene Zeitschrift zu gründen und -dieser von nun an ihr ganzes Leben zu weihen. Als Stepan Trophimowitsch -sah, wieweit es gekommen war, wurde er noch selbstbewußter, und begann -bereits unterwegs, sich zu Warwara Petrowna fast gönnerhaft zu -verhalten, -- was sie sich sofort merkte und in ihrem Herzen aufhob. -Übrigens hatte sie noch einen anderen sehr wichtigen Grund zu dieser -Reise, nämlich die Erneuerung ihrer Beziehungen zu den höheren Kreisen. -Man mußte sich, soweit das möglich war, in der Gesellschaft wieder in -Erinnerung bringen, mußte wenigstens den Versuch machen. Doch offiziell -war der Anlaß zu dieser Reise ein Wiedersehen mit ihrem einzigen Sohn, -der damals seine Studien im Petersburger Adelslyzeum beendete. - - - VI. - -Sie trafen in Petersburg ein und verlebten dort fast die ganze -Wintersaison. Allein zu den großen Fasten platzte alles wie eine -regenbogenfarbene Seifenblase. Die Illusionen verflogen, der geschwatzte -Unsinn aber klärte sich nicht nur nicht auf, sondern wurde noch -widerlicher. Doch zunächst: die Wiederanknüpfung der höheren Beziehungen -gelang fast gar nicht, oder nur in äußerst mikroskopischem Maße, und -selbst das nur mittels erniedrigender Bemühungen. Die gekränkte Warwara -Petrowna stürzte sich darauf ganz in die »neuen Ideen« und eröffnete -Abende in ihrem Salon. Sie lud Literaten ein und man führte ihr die -sogleich in Menge zu. Alsbald kamen sie schon von selbst auch -uneingeladen; einer brachte den anderen mit. Sie hatte noch nie solche -Literaten gesehen. Eitel waren sie bis zur Unglaublichkeit, aber sie -waren es ganz offen und ungeniert, wie wenn sie damit eine Pflicht -erfüllten. Manche (wenn auch längst nicht alle) erschienen sogar in -betrunkenem Zustande, aber auch das geschah in einer Weise, als wären -sie sich dabei einer besonderen, erst gestern darin entdeckten Schönheit -bewußt. Alle waren sie auf irgendetwas bis zur Seltsamkeit stolz. Auf -allen Gesichtern stand geschrieben, daß sie überzeugt waren, soeben erst -ein ungeheuer wichtiges Geheimnis entdeckt zu haben. Den Gebrauch von -Schimpfworten rechneten sie sich offenbar zur Ehre an. Was sie alle -eigentlich geschrieben hatten, war ziemlich schwer zu erfahren; aber es -gab da Kritiker, Romanschriftsteller, Dramatiker, Satiriker, Polemiker. -Stepan Trophimowitsch drang sogar in ihren höchsten Kreis ein, von wo -aus die ganze Bewegung geleitet wurde. Bis zu diesen Regierenden war es -unglaublich hoch, doch ihm kamen sie bereitwillig entgegen, obschon -natürlich kein einziger von ihnen etwas Näheres über ihn wußte oder -gehört hatte, außer daß er eine »Idee vertrete«. Er manövrierte dann so -um sie herum, daß er auch sie bewog, etwa zwei- oder dreimal in Warwara -Petrownas Salon zu erscheinen, trotz all ihrer olympischen Erhabenheit. -Diese Herren waren sehr ernst und sehr höflich; benahmen sich gut; die -übrigen hatten sichtlich Furcht vor ihnen; aber man sah ihnen an, daß -sie keine Zeit hatten. Es erschienen auch zwei oder drei ehemalige -literarische Berühmtheiten, die sich damals zufällig in Petersburg -aufhielten, und mit denen Warwara Petrowna schon lange die feinsten -Beziehungen unterhielt. Doch zu Warwara Petrownas Verwunderung waren -diese wirklichen und bereits zweifellosen Berühmtheiten unter ihren -Gästen stiller als Wasser, niedriger als Gras, manche aber von ihnen -schmiegten sich an dieses neue Gesindel geradezu an und suchten sich -schmählicherweise bei ihm einzuschmeicheln. Anfangs hatte Stepan -Trophimowitsch Glück; man griff sofort nach ihm und begann ihn in -öffentlichen literarischen Veranstaltungen zur Schau zu stellen. Als er -an einem öffentlichen literarischen Abende zum erstenmal als einer der -Vortragenden die Rednerbühne betrat, begrüßte ihn rasendes -Händeklatschen, das gute fünf Minuten lang andauerte. Neun Jahre später -gedachte er dieses Abends mit Tränen in den Augen, -- übrigens mehr -infolge seiner Künstlernatur als aus Dankbarkeit. »Ich schwöre Ihnen und -wette darauf,« sagte er zu mir (aber nur zu mir und als tiefstes -Geheimnis), »daß unter diesem ganzen Publikum niemand auch nur das -geringste von mir wußte!« Ein beachtenswertes Geständnis: also war in -ihm doch ein scharfer Verstand, wenn er schon damals auf der -Rednerbühne, trotz seines Rausches, seine wirkliche Stellung so klar zu -erkennen vermochte; und andererseits war doch wiederum kein scharfer -Verstand in ihm, wenn er sogar nach neun Jahren nicht ohne die -Empfindung einer Kränkung daran zurückdenken konnte. Unter anderem -veranlaßte man ihn, zwei oder drei Kollektivproteste (wogegen -- das -wußte er selbst nicht) gleichfalls zu unterschreiben; jedenfalls tat -er's. Auch Warwara Petrowna wurde zur Hergabe ihres Namens veranlaßt, -und auch sie unterschrieb einen Protest gegen irgendein »schändliches -Verhalten«. Übrigens hielt sich die Mehrzahl dieser neuen Leute aus -irgendeinem Grunde für verpflichtet, auf Warwara Petrowna, wenn sie auch -ihre Abende besuchten, doch mit Verachtung und unverhohlenem Spott -herabzusehen. Stepan Trophimowitsch deutete mir gegenüber später in -bitteren Augenblicken an, daß sie in eben jener Zeit begonnen habe, ihn -zu beneiden. Sie begriff natürlich, daß diese Leute kein Umgang für sie -waren, aber trotzdem empfing sie sie bei sich mit eigensinnigem Eifer, -mit aller weiblich-hysterischen Ungeduld, und hörte vor allem nicht auf, -etwas zu erwarten. An den Abenden in ihrem Salon sprach sie wenig, -obschon sie zu sprechen verstanden hätte; aber sie hörte um so -aufmerksamer zu. Man sprach über alles Mögliche: von der Abschaffung der -Zensur und des Buchstabens Jerr als harten Endzeichens, von der -Ersetzung der russischen Schriftzeichen durch lateinische, sprach über -die Tags zuvor erfolgte Verschickung irgend jemandes nach Sibirien, über -einen Skandal, der sich in der Passage zugetragen, über die Vorteile -einer Aufteilung Rußlands nach seinen Völkerschaften, unter freiem -föderativem Zusammenschluß, über die Abschaffung des Heeres und der -Flotte, über die Wiederherstellung Polens bis zum Dnjepr, über die -Bauernbefreiung und die Proklamationen, über die Abschaffung des -Erbrechts, der Familie, der Kinder und der Geistlichen, über die -Frauenrechte, über das Haus des Verlegers Krajewski, das niemand Herrn -Krajewski verzeihen konnte, usw. usw. Es war klar, daß sich in dieser -Kohorte der neuen Menschen viele Spitzbuben befanden, aber zweifellos -gab es auch viele ehrliche, sogar sehr anziehende Menschen unter ihnen, -trotz gewisser wunderlicher Nuancen. Die ehrlichen waren viel -unverständlicher als die unehrlichen und frechen; aber es ließ sich -nicht feststellen, welche Art die andere in der Hand hatte. Als Warwara -Petrowna ihre Absicht, eine Zeitschrift herauszugeben, ausgesprochen -hatte, strömten noch viel mehr Leute herbei. Doch sofort hagelten ihr -auch schon Beschuldigungen ins Gesicht, sie sei eine Kapitalistin und -beute die Arbeitenden aus. Der Unverfrorenheit der Anklagen kam nur ihre -Unverhofftheit gleich. Da geschah es aber, daß der hochbetagte General -Iwan Iwanowitsch Drosdoff, der ehemalige Freund und Regimentskamerad des -verstorbenen Generals Stawrogin, ein überaus ehrenwerter Mann (in seiner -Art) und den wir hier alle gekannt haben, ein bis zum Äußersten -starrköpfiger und reizbarer Mensch, der entsetzlich viel zu essen -pflegte und den Atheismus über alles fürchtete, -- daß dieser General an -einem der Abende bei Warwara Petrowna mit einem berühmten Jüngling in -Streit geriet. Und schon nach den ersten Worten warf ihm dieser ins -Gesicht: »Wenn das wirklich Ihre Ansicht ist, dann sind Sie ja ein -General,« in dem Sinne, als könne er ein noch stärkeres Schimpfwort als -die Bezeichnung »General« nicht finden. Iwan Iwanowitsch brauste maßlos -auf: »Jawohl, mein Herr, ich bin ein General und Generalleutnant und -habe _meinem_ Kaiser gedient, du aber, mein Bester, bist nur ein Bengel -und ein Gottesleugner!« Es kam zu einem höchst unstatthaften Skandal. Am -anderen Tage wurde der Fall in der Presse entsprechend behandelt, und -man begann Unterschriften zu einem Kollektivprotest gegen Warwara -Petrownas »schändliches Verhalten« zu sammeln, da sie dem General nicht -hatte die Tür weisen wollen, was sie sofort hätte tun müssen. Und in -einem illustrierten Blatt erschien eine Karikatur, die Warwara Petrowna, -den General und Stepan Trophimowitsch boshaft als drei reaktionäre -Freunde darstellte; dem Bilde waren auch Verse beigefügt, die der -»Dichter aus dem Volk« eigens zu diesem Ereignis verfaßt hatte. Ich -bemerke hierzu von mir aus, daß allerdings viele Personen im -Generalsrang die Gewohnheit haben, komischerweise zu sagen: »Ich habe -_meinem_ Kaiser gedient« ... also ganz als hätten sie nicht denselben -Kaiser wie wir einfachen Untertanen des Zaren, sondern einen eigenen, -besonderen für sich. - -Natürlich war es danach nicht möglich, noch länger in Petersburg zu -bleiben, zumal auch Stepan Trophimowitsch endgültig Fiasko machte. Er -hatte es schließlich doch nicht ausgehalten und von den Rechten der -Kunst zu reden begonnen, da aber war das Lachen über ihn noch lauter -geworden. Bei seinem letzten Vortrag gedachte er durch kulturfordernde -Redekunst zu wirken, da er sich einbildete, damit die Herzen rühren zu -können, doch rechnete er gleichzeitig auf den Respekt vor seinem -Märtyrertum als »Verbannter«. So gab er denn die Wertlosigkeit und -Lächerlichkeit des Wortes »Vaterland« ohne weiteres zu, erklärte sich -auch mit dem Gedanken, daß die Religion schädlich sei, einverstanden, -doch dafür verkündete er laut und mit Entschlossenheit, daß Stiefel -etwas Geringeres seien als Puschkin, und zwar etwas bedeutend -Geringeres. Er wurde erbarmungslos ausgepfiffen, so daß er auf der -Stelle, vor dem ganzen Publikum, ohne von der Rednerbühne -hinabzusteigen, in Tränen ausbrach. Warwara Petrowna brachte ihn halbtot -nach Hause. »_On m'a traité comme un vieux bonnet de coton!_«{[1]} soll -er nur noch wie benommen gestammelt haben. Sie pflegte ihn die ganze -Nacht, gab ihm Kirschlorbeertropfen und tröstete ihn unentwegt bis zum -Morgen mit den Versicherungen: »Sie sind noch wertvoll, Ihre Stunde wird -noch kommen, man wird Sie anerkennen ... an einem anderen Ort.« - -Am folgenden Tage aber erschienen bei Warwara Petrowna bereits früh -morgens fünf Literaten, von denen ihr drei ganz unbekannt waren, ja die -sie noch nie auch nur gesehen hatte. Mit strenger Miene teilten sie ihr -mit, sie hätten die Angelegenheit der von ihr geplanten Zeitschrift -geprüft und in der Sache einen Beschluß gefaßt. Warwara Petrowna hatte -entschieden niemanden beauftragt, diese Angelegenheit zu prüfen und über -ihre Zeitschrift etwas zu beschließen. Der Beschluß bestand darin, daß -Warwara Petrowna, nachdem sie die Zeitschrift gegründet, diese -unverzüglich mitsamt dem Kapital ihnen zu übergeben habe, mit den -Rechten einer freien Handelsgesellschaft; sie selbst aber solle nach -Skworeschniki zurückkehren und nicht vergessen, Stepan Trophimowitsch -mitzunehmen, der mit seinen Anschauungen »veraltet« sei. Aus Zartgefühl -erklärten sie sich bereit, ihr das Eigentumsrecht zuzuerkennen und ihr -alljährlich ein Sechstel des Gewinnes zuzusenden. Das Rührendste war -dabei, daß von diesen fünf Menschen vier ganz gewiß nicht die geringste -eigennützige Absicht hatten und nur um der »allgemeinen Sache« willen -diese Mühe auf sich nahmen. - -»Wir waren wie betäubt, als wir abfuhren,« erzählte Stepan -Trophimowitsch, »ich konnte noch überhaupt nichts fassen, und ich -erinnere mich, zum Rattern der Räder murmelte ich immer nur vor mich -hin: >Wjek, Wjek, Wjek ... Ljeff Kambeck--beck--beck ... Wjek, Wjek, -Wjek ...<[15] und der Teufel weiß was noch alles, bis wir in Moskau -eintrafen. Erst in Moskau kam ich wieder zu mir -- als hätte ich dort -tatsächlich etwas anderes gefunden? Oh, meine Freunde!« rief er vor uns -manchmal ergriffen aus, »Sie können sich ja gar nicht vorstellen, welch -eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele erfüllen, wenn die -große Idee, die Sie schon lange heilig halten, von Unwissenden -aufgegriffen und zu ebensolchen Dummköpfen, wie jene selbst sind, auf -die Straße hinausgeschleppt wird, und plötzlich begegnet man ihr schon -auf dem Trödelmarkt, wo sie kaum wiederzuerkennen ist, im Schmutz, -unsinnig aufgestellt, schief, ohne jede Proportion, ohne Harmonie, als -Spielzeug dummer Kinder! Nein! Zu unserer Zeit war es nicht so, unser -Streben ging nicht nach der Richtung. Nein, nein, ganz und gar nicht -nach der Richtung. Ich erkenne nichts wieder ... Aber unsere Zeit wird -von neuem anbrechen und wird alles Wackelnde, Gegenwärtige wieder auf -den festen Weg lenken. Denn was sollte sonst wohl werden? ...« - - - VII. - -Gleich nach ihrer Rückkehr aus Petersburg schickte Warwara Petrowna -ihren Freund ins Ausland: »zur Erholung«; aber es tat auch not, daß sie -sich für einige Zeit voneinander trennten, das fühlte sie. Stepan -Trophimowitsch fuhr mit Entzücken ab. »Dort werde ich auferstehen!« rief -er aus, »dort werde ich mich nun endlich der Wissenschaft zuwenden!« -Doch schon in den ersten Briefen aus Berlin begann wieder das alte Lied: -»Mein Herz ist zerrissen,« schrieb er an Warwara Petrowna, »ich kann -nichts vergessen! Hier in Berlin hat mich alles an das Alte erinnert, an -die Vergangenheit, an die ersten Begeisterungen und die ersten Qualen. -Wo ist sie? Wo seid ihr jetzt beide? Wo seid ihr, meine beiden Engel, -deren ich niemals wert war? Und wo ist mein Sohn, mein geliebter Sohn? -Und schließlich, wo bin ich, ich selbst, wo ist mein früheres Ich, das -stählern an Kraft und wie ein Fels unerschütterlich war, während jetzt -irgendein Andrejeff, _c'est à dire un_ rechtgläubiger Narr mit einem -Bart, _peut briser mon existence en deux_«{[2]} usw. usw. Was diesen -Sohn betrifft, so ist hierzu zu bemerken, daß er ihn in seinem ganzen -Leben nur zweimal gesehen hatte: das erstemal, als der Sohn geboren -wurde, und das zweitemal gerade jetzt in Petersburg, wo der junge Mann -sich zum Eintritt in die Universität vorbereitete. Erzogen worden war -der Knabe, wie bereits erwähnt, von Tanten im Gouvernement O..., 700 -Werst von Skworeschniki (auf Warwara Petrownas Kosten). Und was den -erwähnten Andrejeff betrifft, so war das ganz einfach unser hiesiger -Kaufmann, ein Ladenbesitzer, ein großer Sonderling, archäologischer -Autodidakt und leidenschaftlicher Sammler russischer Altertümer, der -manchmal Stepan Trophimowitsch in Kenntnissen zu überbieten suchte, doch -vor allem über Gesinnungsfragen mit ihm debattierte. Dieser achtbare -Kaufmann mit grauem Bart und in Silber gefaßter großer Brille schuldete -Stepan Trophimowitsch noch 400 Rubel für einige Dessjätinen Wald, die er -auf dessen kleinem (an Skworeschniki grenzenden) Gute zum Abholzen -gekauft hatte. Obschon nun Stepan Trophimowitsch von Warwara Petrowna -fast verschwenderisch mit Mitteln zu dieser Reise ausgestattet worden -war, hatte er auf diese 400 Rubel doch noch besonders gerechnet, -wahrscheinlich für seine geheimen Ausgaben, und er war fast in Tränen -ausgebrochen, als Andrejeff ihn bat, sich noch einen Monat zu gedulden. -Übrigens hatte Andrejeff durchaus ein Anrecht auf einen solchen -Aufschub, da er die ersten Raten alle fast ein halbes Jahr vor dem -Termin bezahlt hatte, weil das Geld damals von Stepan Trophimowitsch -gerade dringend benötigt worden war. Jenen ersten Brief Stepan -Trophimowitschs aus Berlin las Warwara Petrowna mit Spannung, -unterstrich mit dem Bleistift den Ausruf »Wo seid ihr jetzt beide?« -versah den Brief mit dem Datum und verschloß ihn in die Schatulle. Er -hatte natürlich an seine beiden verstorbenen Frauen gedacht. In dem -zweiten Brief aus Berlin gab es eine Variation des Liedes: »Ich arbeite -täglich zwölf Stunden,« (»wenn er doch wenigstens elf geschrieben -hätte,« murmelte Warwara Petrowna), »stöbere in den Bibliotheken umher, -vergleiche, mache Auszüge, scheue keinen Weg; war bei den Professoren. -Habe die Bekanntschaft mit der reizenden Familie Dundassoff erneuert. -Wie entzückend Nadjéshda Nikolájewna selbst jetzt noch ist! Sie läßt Sie -grüßen. Ihr junger Gatte und alle drei Neffen sind gleichfalls in -Berlin. Abends Unterhaltung mit der Jugend, meist bis zum Morgengrauen; -unsere Nächte sind nahezu attisch, jedoch natürlich nur was Feinheit und -Geschmack anlangt; alles Höhere; viel Musik, spanische Motive, Pläne -einer Erneuerung der Menschheit, die Idee der ewigen Schönheit, -sixtinische Madonna, Licht mit Durchbrüchen der Finsternis, aber auch -die Sonne hat Flecken! Oh, mein Freund, Sie mein edler, treuer Freund! -Mit meinem Herzen bin ich bei Ihnen und der Ihrige; mit Ihnen allein -ginge ich überall hin, _en tout pays_, und wäre es selbst _dans le pays -de Makar et de ses veaux_,{[3]} von welchem Lande wir in Petersburg vor -unserer Abreise, Sie erinnern sich wohl noch, so zitternd gesprochen -haben. Denke jetzt lächelnd daran zurück. Als ich die Grenze -überschritten hatte, fühlte ich mich in Sicherheit, ein seltsames, neues -Empfinden, zum erstenmal nach so langen Jahren ...« usw. usw. - -»Alles Unsinn!« urteilte Warwara Petrowna, indem sie auch diesen Brief -zu den anderen legte. »Wenn sie bis zum Morgenrot attische Nächte -verleben, dann wird er doch nicht zwölf Stunden über den Büchern sitzen. -War er etwa betrunken, als er das schrieb? Was fällt dieser Dundassowa -ein, mich grüßen zu lassen? Übrigens, mag er sich amüsieren ...« - -Der Satz »_dans le pays de Makar et de ses veaux_« sollte bedeuten: -»wohin Makar die Kälber nicht getrieben hat«[16]. Stepan Trophimowitsch -übersetzte manchmal auf die verdrehteste Weise russische Sprichwörter -und Redensarten ins Französische, obschon er sie zweifellos besser zu -deuten und zu übersetzen verstanden hätte; aber er tat das aus Vorliebe -zu einer gewissen Nonchalance und fand es witzig. - -Doch von dem »Amüsieren« hatte er bald genug, nicht einmal vier Monate -hielt er es aus und kam nach Skworeschniki zurückgeflogen. Seine letzten -Briefe bestanden fast ausschließlich aus Ergüssen der gefühlvollsten -Liebe zu seinem »abwesenden Freunde«, und waren buchstäblich von Tränen -der Sehnsucht verwischt. Es gibt Naturen, die außerordentlich am Hause -hängen, ganz wie die Stubenhündchen. Das Wiedersehen der Freunde war -eine freudige Hochspannung. Nach zwei Tagen aber verlief alles wieder -nach alter Art, und sogar noch langweiliger als früher. »Mein Freund,« -sagte Stepan Trophimowitsch nach vierzehn Tagen zu mir, aber als größtes -Geheimnis, »mein Freund, ich habe etwas für mich furchtbar ... Neues -entdeckt: _Je suis un_ einfacher Schmarotzer _et rien de plus! Mais -r--r--rien de plus!_«{[4]} - - - VIII. - -Darauf trat eine stille Zeit ein und dauerte fast diese ganzen neun -Jahre. Die hysterischen Ausbrüche mit dem Geschluchze an meiner Schulter -wiederholten sich zwischendurch zwar regelmäßig, störten aber sonst -keineswegs unser Wohlbehagen. Ich wundere mich eigentlich nur, daß -Stepan Trophimowitsch in dieser Zeit nicht dick wurde. Nur seine Nase -rötete sich ein wenig und seine Großmut nahm noch zu. Allmählich bildete -sich um ihn ein Kreis von Freunden, der übrigens immer klein blieb. -Warwara Petrowna kümmerte sich wohl nur wenig um diesen Kreis, aber wir -erkannten sie doch alle als unsere Patronesse an. Nach der Petersburger -Enttäuschung hatte sie sich endgültig in unserem Gouvernement -niedergelassen: im Winter lebte sie in ihrem großen Hause in der Stadt, -im Sommer draußen auf ihrem Gute. Nie vorher hatte sie eine solche -gesellschaftliche Bedeutung und soviel Einfluß gehabt, wie in diesen -Jahren, das heißt, bis zur Ernennung des neuen, unseres jetzigen -Gouverneurs. Dessen Vorgänger dagegen, der unvergeßliche, weiche Iwan -Ossipowitsch, war mit ihr nah verwandt, und nicht umsonst hatte sie ihm -manche Wohltat erwiesen. Seine Frau zitterte geradezu bei dem Gedanken, -sie könne Warwara Petrowna irgendwie mißfallen, und so grenzte denn, -nach ihrem Beispiel, die Ehrerbietung der städtischen Kreise vor Warwara -Petrowna fast schon an sündhaften Götzendienst. Bei solchen Zuständen -hatte es natürlich auch Stepan Trophimowitsch gut. Er war Mitglied des -Klubs, verlor würdevoll im Kartenspiel und erwarb sich die allgemeine -Achtung, wenn auch viele in ihm nur einen »Gelehrten« sahen. Späterhin, -als Warwara Petrowna ihm eine eigene Wohnung zu beziehen gestattete, war -unser Verkehr noch zwangloser. Wir versammelten uns etwa zweimal -wöchentlich bei ihm, und dann gab es lustige Abende, besonders wenn er -mit dem Champagner nicht kargte. Er bezog ihn von dem bereits erwähnten -Andrejeff und die Rechnungen wurden halbjährlich von Warwara Petrowna -bezahlt. Der Zahlungstag war dann allerdings fast immer auch ein Tag der -Cholerine. - -Das älteste Mitglied des Freundeskreises war Liputin, ein -Gouvernementsbeamter in nicht mehr jungen Jahren, sehr liberal; in der -Stadt galt er für einen Atheisten. Verheiratet war er zum zweiten Male, -mit einer jungen und sehr netten Frau, die sogar eine Mitgift in die Ehe -gebracht hatte. Außerdem hatte er drei halberwachsene Töchter. Diese -ganze Familie hielt er in Gottesfurcht und hinter Schloß und Riegel, war -sehr geizig und hatte sich von seinem Gehalt ein kleines Haus gekauft -und sogar ein Kapital erspart. Er war ein unruhiger Mensch, dazu als -Beamter nur von niedriger Rangklasse; in der Stadt wurde er nicht -sonderlich geachtet und die bessere Gesellschaft verkehrte nicht mit -ihm. Überdies war er ein berüchtigtes Klatschmaul und schon mehr als -einmal dafür bestraft worden, sogar schmerzhaft, das erstemal von einem -Offizier, ein anderes Mal von einem achtbaren Familienvater und -Gutsbesitzer. Wir dagegen liebten seinen scharfen Verstand, seine -Wißbegier, seine eigentümliche boshafte Lustigkeit. Warwara Petrowna -mochte ihn nicht, aber er verstand es immer irgendwie, sich ihr -anzupassen. - -Auch Schatoff, ein anderer aus diesem Kreise, der jedoch erst im letzten -Jahre in ihn eintrat, erfreute sich nicht der besonderen Zuneigung -Warwara Petrownas. Schatoff war früher Student gewesen, war aber nach -einem Studentenkrawall relegiert worden. Auf die Welt war er noch als -Warwara Petrownas Leibeigener gekommen, als Sohn ihres verstorbenen -Kammerdieners Pawel Fjodoroff, weshalb sie sich seiner besonders -angenommen und ihn als Knaben von Stepan Trophimowitsch hatte -unterrichten lassen. Sie mochte ihn nicht wegen seines Stolzes und -seiner Undankbarkeit und konnte es ihm nicht verzeihen, daß er nach -seiner Relegation nicht sofort nach Skworeschniki zurückgekehrt war. Ja, -auf ihren eigens deshalb geschriebenen Brief an ihn hatte er seinerzeit -überhaupt nicht geantwortet, sondern es vorgezogen, in der Familie eines -gebildeteren Kaufmanns Kinder zu unterrichten und mit ihr ins Ausland zu -fahren, mehr als Kinderwärter, denn als Erzieher. Zugleich jedoch fuhr -eine Gouvernante mit, ein junges, lebhaftes russisches Fräulein, und als -der Kaufmann diese nach zwei Monaten, wegen »freier Anschauungen« -wegjagte, zog es auch Schatoff vor, sich langsam davon zu machen, ihr -nach Genf nachzureisen und sich dort mit ihr trauen zu lassen. In Genf -verlebten sie ungefähr drei Wochen zusammen, dann aber trennten sie -sich, als freie Menschen, die durch nichts aneinander gebunden waren -- -nicht zuletzt auch deshalb, weil sie kein Geld hatten. Schatoff trieb -sich darauf noch eine Weile in Europa umher, lebte Gott weiß wovon: man -sagt, er habe auf der Straße Stiefel geputzt und sei in einer Hafenstadt -Lastträger gewesen. Schließlich aber kehrte er doch in seine Heimatstadt -zurück, vor knapp einem Jahre, und zog zu seiner alten Tante, die aber -bereits nach einem Monat starb. Zu seiner Schwester Dascha, Warwara -Petrownas Zögling und besonderem Liebling, die bei ihr wie eine -gesellschaftlich Gleichstehende lebte, hatte er nur seltene und -entfernte Beziehungen. Unter uns war er immer finster und schweigsam, -und nur zuweilen, wenn man an seine Überzeugungen rührte, war er von -einer krankhaften Reizbarkeit und dann sehr unvorsichtig in seinen -Äußerungen. »Schatoff muß man zuerst anbinden, wenn man mit ihm -disputieren will,« pflegte Stepan Trophimowitsch zu scherzen; aber er -liebte ihn. Im Auslande hatte Schatoff einige seiner sozialistischen -Überzeugungen vollständig geändert und war zum entgegengesetzten Extrem -übergegangen. Er war eines jener idealen russischen Geschöpfe, die -plötzlich von irgendeiner starken Idee getroffen und auf der Stelle -gleichsam zu Boden gedrückt werden von ihrer Schwere, manchmal sogar für -immer. Sie sind niemals imstande, mit ihr fertig zu werden, sondern -beginnen sogleich leidenschaftlich an sie zu glauben, und so vergeht -dann ihr ganzes Leben wie in den letzten Krämpfen unter einem auf ihnen -lastenden Steine, der sie halbwegs schon erdrückt hat. Schatoffs Äußeres -entsprach vollkommen seinen Überzeugungen: er war plump, blond, stark -behaart, von niedrigem Wuchs, mit breiten Schultern, hatte dicke Lippen, -sehr dichte, überhängende, weißblonde Augenbrauen, eine finstere Stirn, -unfreundlichen, hartnäckig gesenkten, und sich gleichsam wegen -irgendetwas schämenden Blick. Sein Haupthaar bildete an einer Stelle -einen Büschel, der sich um keinen Preis ankämmen ließ und daher immer in -die Höhe stand. Er war ungefähr sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt. -»Ich wundere mich nicht mehr darüber, daß seine Frau von ihm weggelaufen -ist,« meinte Warwara Petrowna einmal, nachdem sie ihn aufmerksam -gemustert hatte. Dabei bemühte sich Schatoff, trotz seiner großen Armut, -wenigstens immer sauber gekleidet zu sein. Nach seiner Rückkehr hatte er -Warwara Petrowna wieder nicht um Unterstützung gebeten, sondern sich -durchgeschlagen, so gut es eben gehen wollte; er arbeitete bei -Kaufleuten oder sonstwie. Einmal saß er in einem Laden; darauf sollte er -als Gehilfe des Transportführers mit einem Frachtschiff wegfahren, aber -da erkrankte er kurz vor der Abfahrt. Man kann sich kaum eine -Vorstellung davon machen, welch einen Grad von Armut Schatoff zu -ertragen fähig war, und sogar ohne es zu merken. Nach der Krankheit -übersandte ihm Warwara Petrowna heimlich und ungenannt hundert Rubel. Er -erfuhr aber schließlich, von wem die Summe stammte, sann lange nach, -nahm sie dann doch an und ging geraden Weges zu Warwara Petrowna, um -sich bei ihr zu bedanken. Sie empfing ihn herzlich, aber auch diesmal -enttäuschte er schmählich ihre Erwartungen: er saß ihr nur fünf Minuten -gegenüber, schwieg fast die ganze Zeit, sah zu Boden, lächelte blöde, -und plötzlich, gerade an der interessantesten Stelle des Gesprächs, -stand er auf, machte eine schiefe und ungeschickte Verbeugung, schämte -sich dabei zu Tode und -- krach! hinter ihm lag Warwara Petrownas -kostbares und kunstvolles Nähtischchen zerschlagen am Boden, und -Schatoff verließ das Zimmer mehr tot als lebendig. Liputin tadelte ihn -wegen der ganzen Geschichte heftig: einmal, weil er die hundert Rubel -von seiner früheren Herrin und Despotin nicht mit Verachtung -zurückgewiesen hatte und dann, weil er auch noch zur Danksagung -hingegangen war. Schatoff wohnte am äußersten Ende der Stadt und er sah -es nicht gern, wenn ihn jemand, selbst von uns, besuchte. Zu den Abenden -bei Stepan Trophimowitsch erschien er regelmäßig und lieh dann Bücher -und Zeitungen von ihm. - -Ein anderer aus unserem Kreise, ein gewisser Wirginski, erinnerte, -obgleich er scheinbar in allem Schatoffs vollständiges Gegenteil war, -innerlich doch sehr an ihn. Es war das ein hiesiger Beamter, gleichfalls -ein »Ehemann«, ein bedauernswerter junger Mensch von schon dreißig -Jahren, mit bedeutenden Kenntnissen, die er größtenteils auf -autodidaktischem Wege erworben hatte. Auch Wirginski war arm, dabei -verheiratet, und obendrein noch gezwungen, Tante und Schwester seiner -Frau zu ernähren. Diese drei Damen teilten die allerneuesten -Anschauungen, nur daß sie bei ihnen etwas vulgär herauskamen, gleich -»auf die Straße geschleppten Ideen«, wie sich Stepan Trophimowitsch -einmal bei einem anderen Anlaß ausdrückte. Sie schöpften alles aus -Büchern und waren jederzeit bereit, alles, was noch irgendwie unmodern -war, zum Fenster hinaus zu werfen -- wenn nur aus den fortschrittlichen -Winkeln der Hauptstädte das zu tun angeraten wurde. Madame Wirginskaja -hatte als Mädchen lange in Petersburg gelebt; jetzt war sie Hebamme in -unserer Stadt. Wirginski selbst war ein Mensch von seltener -Herzensreinheit, und nie in meinem Leben habe ich eine ehrlichere -Begeisterung gesehen. »Niemals, niemals werde ich von diesen lichten -Hoffnungen lassen,« sagte er zu mir mit leuchtenden Augen. Von diesen -»lichten Hoffnungen« sprach er stets nur leise mit Wonnegefühl und -flüsternd, wie von einem Geheimnis. Er war ziemlich hoch von Wuchs, aber -sehr dünn und schmal in den Schultern, blaß, mit sehr spärlichem, leicht -rötlichem Haar. Den oft recht hochmütigen Spott Stepan Trophimowitschs -über die eine oder andere seiner Meinungen ertrug er sanftmütig, doch -zuweilen widersprach er ihm sehr ernst und setzte ihn durch seine -Einwände in Verlegenheit. Im übrigen ging Stepan Trophimowitsch -freundlich mit ihm um, ja und überhaupt verhielt er sich zu uns allen -väterlich. - -»Alle seid ihr von den >unausgebrüteten<,« bemerkte er einmal scherzhaft -zu Wirginski, »wenn ich auch gerade an Ihnen, Wirginski, nicht diese -Be--schränkt--heit bemerkt habe, wie ich sie in Petersburg _chez ces -séminaristes_{[5]} angetroffen; aber trotzdem sind Sie unausgebrütet. -Schatoff möchte furchtbar gern ausgebrütet sein, aber auch er ist -unausgebrütet.« - -»Und ich?« fragte Liputin. - -»Sie, -- Sie sind einfach die goldene Mitte, die sich überall einlebt -... auf ihre Art.« Liputin schwieg gekränkt. - -Man erzählte sich von Wirginski, und leider war es nur zu glaubwürdig, -was man sich erzählte, seine Frau habe ihm bereits nach dem ersten Jahr -ihrer Ehe eines schönen Tages mitgeteilt, daß er von nun an abgesetzt -sei, und daß ein gewisser Herr Lebädkin seine Stelle einnehmen werde. -Dieser Herr Lebädkin, ein Zugereister, stellte sich später als eine sehr -fragwürdige Erscheinung heraus, die vor allem nicht das geringste Recht -auf den sich selber beigelegten Titel eines Hauptmanns a. D. hatte. Was -er verstand, das war lediglich den Schnurrbart zu drehen, zu trinken und -den größten Unsinn zu schwatzen. Er war dabei taktlos genug, sofort zu -Wirginskis überzusiedeln, freute sich hier vor aller Welt des freien -Tisches und begann zu guter Letzt noch, den Hausherrn von oben herab zu -behandeln. Man behauptete übrigens, daß Wirginski seiner Frau, nachdem -sie ihm jene Mitteilung gemacht, geantwortet habe: »Mein Freund, bis -jetzt habe ich dich nur geliebt, aber von nun ab achte ich dich.« In -Wirklichkeit wird wohl kaum ein so altrömischer Ausspruch gefallen sein, -und manche behaupten denn auch, daß er im Gegenteil schrecklich geweint -habe. Eines Tages, etwa zwei Wochen nach seiner Absetzung, begaben sie -sich alle, die ganze »Familie«, in das Wäldchen vor der Stadt, um dort -mit Bekannten Tee zu trinken. Wirginski war geradezu fieberhaft lustig -gestimmt und beteiligte sich am Tanz; doch plötzlich, und zwar ohne -jeden vorhergegangenen Streit, packte er den Hünen Lebädkin, der solo -einen Cancan tanzte, mit beiden Händen an den Haaren, riß ihn nieder und -begann ihn kreischend, schreiend und weinend zu zerren und zu hauen. Der -Hüne erschrak dermaßen, daß er sich nicht einmal wehrte, und solange der -andere ihn prügelte, fast nicht muckste; nachher freilich spielte er -dann mit dem ganzen Feuer eines edlen Menschen den Beleidigten. -Wirginski bat seine Frau die ganze Nacht auf den Knien um Verzeihung, -doch die ward ihm nicht gewährt, da er sich immerhin nicht bereit -erklärte, auch Lebädkin um Entschuldigung zu bitten; außerdem wurde ihm -Mangel an Überzeugungstreue und Dummheit vorgeworfen; letzteres deshalb, -weil er »während einer Auseinandersetzung mit einer Frau« vor dieser auf -den Knien gelegen. Der »Hauptmann« verschwand bald darauf und erschien -erst in allerletzter Zeit wieder in unserer Stadt, mit seiner Schwester -und mit neuen Absichten; doch davon später. Es war also kein Wunder, daß -der arme »Familienmensch« bei uns Ablenkung suchte und ein Bedürfnis -nach unserer Gesellschaft hatte. Von seinen häuslichen Angelegenheiten -sprach er bei uns übrigens nie. Nur einmal, als er mit mir von Stepan -Trophimowitsch heimging, war es, als wollte er etwas über seine Lage -verlauten lassen, doch schon im nächsten Augenblick rief er, indem er -meine Hand ergriff, flammend aus: »Aber das tut ja nichts, das ist ja -nur eine Privatangelegenheit; das stört doch die >allgemeine Sache< -nicht im geringsten, nicht im geringsten!« - -Es kamen auch noch andere, mehr zufällige Gäste zu unseren Abenden: -beispielsweise der kleine Jude Lämschin, ferner ein Hauptmann Kartusoff. -Vorübergehend kam manchmal auch noch ein wißbegieriger alter kleiner -Herr, aber der starb. Einmal führte Liputin einen verbannten polnischen -Geistlichen, Slonzewski, bei uns ein, und anfangs ließen wir ihn aus -Grundsatz an unseren Abenden teilnehmen, dann aber lehnten wir ihn doch -ab. - - - IX. - -Eine Zeitlang hieß es von uns in der Stadt, unser Kreis sei eine -Pflanzstätte der Freigeisterei, der Sittenverderbnis und der -Gottlosigkeit; ja eigentlich behauptete sich dieser Ruf sogar die ganze -Zeit. Und dabei gab es bei uns doch nur das allerunschuldigste, liebe, -echt russische, heitere, liberale Geschwätz. Der »höhere Liberalismus« -und der »höhere Liberale«, d. h. ein Liberaler ohne jedes Ziel, sind ja -nur in Rußland möglich. Stepan Trophimowitsch brauchte, wie jeder -wortwitzige Mensch, ganz einfach einen Zuhörer, und außerdem war ihm das -Bewußtsein unentbehrlich, daß er die höchste Pflicht, Ideen zu -verbreiten, erfülle. Und schließlich mußte man doch jemanden haben, mit -dem man Champagner trinken und so beim Glase eine gewisse Art heiterer -Gedanken über Rußland und den »russischen Geist«, über Gott im -allgemeinen und den russischen Gott im besonderen austauschen konnte. -Aber auch dem Stadtklatsch waren wir ganz und gar nicht abgeneigt und -gelangten manchmal zu strengen, hochmoralischen Verurteilungen. Wir -gerieten auch auf das Thema der Weltgeschichte, erörterten ernst das -zukünftige Schicksal Europas und der Menschheit; prophezeiten doktrinär, -daß Frankreich nach dem Cäsarismus mit einem Schlage auf die Stufe eines -Staates zweiten Ranges herabsinken werde, und waren vollkommen -überzeugt, daß das ungeheuer schnell und leicht geschehen könne. Dem -Papst hatten wir schon längst die Rolle eines gewöhnlichen Metropoliten -in dem geeinigten Italien vorausgesagt, und waren vollkommen überzeugt, -daß diese ganze tausendjährige Frage in unserem Jahrhundert der -Humanität, der Industrie und der Eisenbahnen nur eine Lappalie sei. Aber -der »höhere russische Liberalismus« verhält sich ja nun einmal nicht -anders zu der Sache. Manchmal sprach Stepan Trophimowitsch auch über die -Kunst, und zwar sehr gut, bloß leider ein wenig zu abstrakt. Hin und -wieder kam er auch auf seine Jugendfreunde zu sprechen -- lauter -Persönlichkeiten, die in der Geschichte unserer Entwicklung ihren Platz -haben --, er gedachte ihrer mit Rührung und Verehrung, aber ein wenig -auch wie mit Neid. Wurde es einmal gar zu langweilig, dann setzte sich -das Jüdchen Lämschin (ein kleiner Postbeamter), der meisterhaft Klavier -spielte, an das Instrument, und zwischen den Stücken, die er vortrug, -ahmte er in Tönen das Grunzen eines Schweines nach, oder ein Gewitter, -oder eine Entbindung mit dem ersten Schrei des Kindes usw., usw.; nur -deswegen wurde er auch eingeladen. Hatten wir stark getrunken -- und das -kam vor, wenn auch nicht oft --, so gerieten wir meist in Begeisterung, -und einmal sangen wir sogar im Chor, zu Lämschins Begleitung, die -Marseillaise, nur weiß ich nicht, ob das, was dabei herauskam, auch -wirklich die Marseillaise war. Den großen Tag des 19. Februar[17] -feierten wir natürlich mit Enthusiasmus, und gewöhnten uns diese Feier -mit Wein und Toasten auch in den folgenden Jahren noch lange nicht ab. -Übrigens: einige Zeit vor dem großen Tage hatte Stepan Trophimowitsch -sich angewöhnt, ein paar geschraubte Strophen vor sich hinzumurmeln, die -damals allen bekannt waren: - - »Es nahen die Männer, die Äxte geschärft, - Bereiten Schreckliches vor!« - -Als Warwara Petrowna das einmal vernahm, rief sie: »Was für ein Unsinn!« -und verließ erzürnt das Zimmer. Liputin aber, der gerade zugegen war, -bemerkte boshaft zu Stepan Trophimowitsch: »Aber es wäre doch schade, -wenn die früheren Leibeigenen den Herren Gutsbesitzern etwas -Unangenehmes bereiteten,« -- und er fuhr sich mit dem Zeigefinger um den -Hals herum. - -»_Cher ami_,«{[6]} erwiderte ihm hierauf Stepan Trophimowitsch gutmütig, -»glauben Sie mir, daß _dieses_« (er wiederholte die Geste um den Hals -herum) »nicht den geringsten Nutzen brächte, weder unseren -Gutsbesitzern, noch uns anderen insgesamt. Auch ohne Köpfe würden wir -nichts herzustellen verstehen, obschon gerade unsere Köpfe uns am -meisten hindern, etwas zu verstehen.« - -Ich muß bemerken, daß viele bei uns annahmen, am Tage des Manifestes -werde etwas Ungewöhnliches geschehen; etwas von der Art, wie es Liputin -andeutete. Es scheint, daß auch Stepan Trophimowitsch diese -Befürchtungen teilte, und sogar in solchem Maße, daß er kurz vor dem -großen Tage Warwara Petrowna plötzlich zu bitten begann, ins Ausland -reisen zu dürfen. Aber der große Tag verging, es vergingen noch mehr -Tage, und das hochmütige Lächeln erschien wieder auf Stepan -Trophimowitschs Lippen. Übrigens äußerte er damals einige bemerkenswerte -Gedanken über den Charakter des Russen im allgemeinen und des russischen -Bauern im besonderen. Er meinte schließlich: - -»Als hitzige Leute sind wir etwas voreilig gewesen mit unseren -Bäuerlein. Wir haben sie in Mode gebracht, und ein ganzer Zweig unserer -Literatur hat sich mehrere Jahre lang nur mit ihnen abgegeben, wie mit -einer neuentdeckten Kostbarkeit. Wir haben Lorbeerkränze auf verlauste -Köpfe gesetzt. Das russische Dorf hat uns im Laufe der ganzen tausend -Jahre nichts weiter gegeben als den Nationaltanz, den Kamárinski. Hat -doch ein hervorragender russischer Dichter, dem es überdies nicht an -Scharfsinn fehlte, ausgerufen, als er zum erstenmal die große Rachel auf -der Bühne sah: >Die Rachel tausche ich nicht gegen einen russischen -Bauern ein!< Ich bin bereit, noch viel weiter zu gehen: ich würde sogar -alle russischen Bauern für die eine Rachel hingeben. Es ist Zeit, -nüchterner zu urteilen und nicht unseren einheimischen unfeinen -Teergeruch mit _bouquet de l'impératrice_{[7]} zu verwechseln.« - -Liputin stimmte ihm sofort bei, meinte aber, daß sich zu verstellen und -die Bäuerlein zu verherrlichen damals immerhin um der Richtung[18] -willen notwendig gewesen sei; daß sogar die Damen der höchsten -Gesellschaftskreise bei der Lektüre des »Anton Pechvogel«[19] Tränen -vergossen hätten, und manche hätten sogar aus Paris an ihre -Gutsverwalter geschrieben, sie sollten von nun an mit den Bauern -möglichst human umgehen. - -Da geschah es eines Tages, und zum Unglück gerade nach den ersten -Gerüchten von Anton Petrowitsch[20], daß es auch in unserem -Gouvernement, und nur 15 Werst von Skworeschniki, zu einem gewissen -Mißverständnis kam, so daß man in der ersten Hitze ein Militärkommando -hinschickte. Über diesen Vorfall regte sich Stepan Trophimowitsch -ungeheuer auf. Im Klub schrie er, wir brauchten mehr Militär; er eilte -zum Gouverneur, um zu versichern, daß er mit diesen Umtrieben nichts zu -schaffen habe, und er bat, ihn nicht in diese Sache hineinzuziehen, auf -Grund der Erinnerung an Gewesenes. Zum Glück ging das alles bald vorüber -und löste sich in nichts auf; nur mußte ich mich damals doch über Stepan -Trophimowitsch wundern. - -Drei Jahre später[21] begann man, wie erinnerlich, vom Nationalismus zu -sprechen und es bildete sich eine »öffentliche Meinung«. Darüber -spottete er sehr. - -»Meine Freunde,« belehrte er uns, »sollte unsere Nationalität neuerdings -wirklich geboren oder >im Entstehen begriffen< sein, wie sie jetzt in -den Zeitungen behaupten, dann sitzt sie doch vorläufig gewiß noch in -irgend so einer Petrischule[22], über dem deutschen Buch und lernt ihre -ewige deutsche Lektion. Daß der Lehrer ein Deutscher ist, das lobe ich. -Doch am wahrscheinlichsten dürfte sein, daß nichts geschehen wird und -nichts >im Entstehen begriffen< ist, sondern alles so weitergeht wie -ehedem, nämlich einfach unter Gottes Schutz! Meinem Dafürhalten nach -genügt das auch für Rußland, _pour notre sainte Russie_.{[8]} Zudem sind -doch alle diese Nationalismen und das Allslawentum viel zu alt, um neu -zu sein. Die Nationalität ist doch bei uns, wenn Sie wollen, noch nie -anders in Erscheinung getreten, als in Gestalt eines Einfalls müßiger -Klubherren, und zum Überfluß noch eines Moskauer Klubs. Ich rede -natürlich nicht von den Zeiten Igors[23]. Und schließlich kommt doch -alles nur vom Müßigsein. Jedenfalls bei uns alles vom Müßigsein, auch -das Gute, auch das Schöne. Alles von unserem herrschaftlichen, lieben, -gebildeten, launenzüchtenden Müßigsein! Dreißigtausend Jahre lang -wiederhole ich das schon! Wir verstehen nicht, von eigener Arbeit zu -leben. Und was reden sie nur so viel von dieser öffentlichen Meinung, -die es bei uns jetzt auf einmal geben soll, -- so plötzlich, wie ohne -weiteres fertig vom Himmel gefallen? Begreifen die Leute denn wirklich -nicht, daß zur Erlangung einer eigenen Meinung vor allen Dingen Arbeit -gehört, eigene Mühe, eigener Versuch in der Sache, eigene Erfahrung! -Ohne eigene Mühe wird nie etwas erworben. Wenn wir arbeiten werden, -werden wir auch eine eigene Meinung haben. Da wir aber niemals arbeiten -werden, so wird auch immer die Meinung derjenigen maßgebend sein, die an -unserer Statt bisher gearbeitet haben, also die Meinung immer desselben -Europa, immer derselben Deutschen, die ja schon seit zwei Jahrhunderten -unsere Lehrer sind. Überdies ist Rußland ein viel zu großes -Mißverständnis, als daß wir allein es erklären könnten, ohne die -Deutschen und ohne Arbeit. Schon seit zwanzig Jahren läute ich die -Alarmglocke und rufe zur Arbeit! Ich habe mein Leben dafür hingegeben, -um aufzuwecken und zu rufen, und habe geglaubt, ich Tor, daß es nicht -vergeblich sei! Jetzt glaube ich das nicht mehr, aber ich werde trotzdem -bis zum Schluß läuten, bis man mir den Strang aus der Hand nimmt, um zu -meiner Seelenmesse zu läuten!« - -Leider stimmten wir ihm damals bei. Aber hört man denn nicht auch jetzt -noch oft genug genau solchen »lieben«, »klugen«, »liberalen«, alten, -russischen Unsinn? - -An Gott glaubte unser Lehrer. »Ich begreife nicht, warum mich hier alle -als einen Gottleugner hinstellen?«, sagte er manchmal. »Ich glaube an -Gott, _mais distinguons_:{[9]} ich glaube an ihn wie an ein Wesen, das -sich Seiner in mir nur bewußt wird. Ich kann doch nicht wie Nastassja -glauben« (sein Dienstmädchen), »oder wie irgend so ein begüterter Herr, -der nur >für alle Fälle< glaubt, oder wie unser lieber Schatoff, -- -übrigens nein, Schatoff kommt hier nicht in Frage. Schatoff glaubt -_gewaltsam_, wie ein Moskauer Slawophile. Was aber das Christentum -betrifft, so bin ich, bei all meiner aufrichtigen Hochachtung vor ihm, -doch kein Christ. Eher bin ich ein Heide der klassischen Vorzeit, wie es -der große Goethe war, oder ein antiker Grieche. Schon dieses Eine, daß -das Christentum für das Weib kein Verständnis hatte! -- wie das George -Sand in einem ihrer genialen Romane so glänzend auseinandergesetzt hat. -Und was den Ritus, Fasten und dergleichen betrifft, ja da begreife ich -nicht, wen das etwas angeht, wie ich mich dazu verhalte? Mögen unsere -hiesigen Denunzianten sich auch noch so sehr bemühen, zum Jesuiten will -ich deshalb doch nicht werden. 1847 schrieb Belinski aus dem Auslande an -Gogol seinen bekannten Brief, in dem er ihm heftig vorwarf, daß er an ->irgendeinen Gott< glaube. _Entre nous soit dit_,{[10]} ich kann mir -nichts Komischeres denken, als den Augenblick, da Gogol (der Gogol von -damals![24]) diesen Brief las! Ja, das waren doch Männer! Sie liebten -doch ihr Volk, sie waren imstande, um des Volkes willen zu leiden, ja -sogar alles fürs Volk zu opfern, und doch waren sie gleichzeitig Manns -genug, diesem Volk nicht beizupflichten, wenn es galt, die eigene -Überzeugung zu wahren, ihm nicht nachsichtig in gewissen Anschauungen zu -Gefallen zu reden. Ein Belinski konnte doch nicht in Fastenöl oder in -Rettich mit Erbsen das Heil suchen! ...« - -Doch hier ergriff Schatoff Partei: - -»Nie haben diese Ihre Männer das Volk geliebt, nie um des Volkes willen -gelitten und nichts haben sie fürs Volk geopfert, wie sehr sie sich das -auch eingebildet haben mögen!« brummte er unwirsch mit ungeduldigem -Ruck, doch gesenktem Blick. - -»Was, die sollen das Volk nicht geliebt haben!« rief Stepan -Trophimowitsch entrüstet. »Oh, und wie haben sie Rußland geliebt!« - -»Weder Rußland noch das Volk!« rief nun auch Schatoff erzürnt; seine -Augen funkelten. »Man kann nicht lieben, was man gar nicht kennt, sie -aber hatten ja vom russischen Volke überhaupt keinen Begriff! Alle diese -Männer haben das russische Volk einfach übersehen. Belinski hat genau -wie der Wißbegierige in der Kryloffschen Fabel den Elefanten im Museum -gar nicht bemerkt, da er ja seine ganze Aufmerksamkeit den französischen -sozialistischen Käferchen zuwandte; bei denen ist er auch ewig -geblieben. Und dabei war er doch noch der Gescheiteste von euch allen! -Und nicht nur übersehen haben Sie alle das Volk, Sie haben sich sogar -mit Ekel und Verachtung zu ihm verhalten, schon aus dem einen Grunde, -weil Sie sich unter einem Volk einzig das französische Volk vorzustellen -vermochten, und selbst von diesem nur die Pariser, und Sie schämten -sich, daß das russische Volk nicht ebenso war. Das ist die nackte -Wahrheit! Wer aber kein Volk hat, der hat auch keinen Gott! Seien Sie -versichert, daß alle die, die aufhören, ihr Volk zu verstehen, und die -Verbindung mit ihm verlieren, sofort auch den Glauben der Väter -verlieren und Atheisten oder Indifferente werden. Ich sage damit nur die -Wahrheit! Das ist auch der Grund, weshalb Sie alle und auch wir jetzt -alle entweder widerliche Atheisten oder indifferentes, verderbtes Pack -sind und nichts weiter! Sie gleichfalls, Stepan Trophimowitsch, ich -schließe Sie keineswegs aus, hab's sogar vor allem in bezug auf Sie -gesagt, damit Sie's wissen!« - -Nach einem solchen Monolog (und derartige Ausbrüche kamen bei ihm oft -vor) geschah es gewöhnlich, daß Schatoff nach seiner Mütze griff und -sofort zur Tür hinaus wollte, in der festen Überzeugung, daß nun alles -zu Ende sei und er seine freundschaftlichen Beziehungen zu Stepan -Trophimowitsch für immer zerstört habe. Doch der verstand es stets, ihn -rechtzeitig zurückzuhalten. - -»Ei, sollten wir nicht Frieden schließen, Schatoff, nach all diesen -netten Wörtchen?« pflegte er dann zu ihm zu sagen, indem er ihm von -seinem Lehnstuhl aus gutmütig die Hand hinstreckte. - -Der plumpe, doch leicht verlegen werdende und sich schämende Schatoff -war kein Freund von Zärtlichkeiten. Äußerlich war er ein rauher Mensch, -doch innerlich war er, glaube ich, unendlich zartfühlend. Wohl -überschritt er oft das Maß, aber er war selbst der erste, der darunter -litt. Auf Stepan Trophimowitschs versöhnliche Worte brummte er etwas vor -sich hin, trat wie ein Bär auf demselben Fleck von einem Bein auf das -andere, schmunzelte plötzlich ganz unvermittelt, legte die Mütze wieder -aus der Hand und setzte sich schließlich auf seinen alten Platz, den -Blick die ganze Zeit hartnäckig zu Boden gesenkt. Natürlich gab es dann -sofort Wein und Stepan Trophimowitsch brachte einen passenden Toast aus, -z. B. auf das Andenken eines jener früheren bedeutenden Männer. - - - - - Zweites Kapitel. - Prinz Heinz. Die Brautwerbung. - - - I. - -Außer Stepan Trophimowitsch gab es auf der Welt noch ein Wesen, an dem -Warwara Petrowna nicht weniger hing als an ihm: das war ihr einziger -Sohn Nicolai Wszewolodowitsch Stawrogin. Für ihn war seinerzeit Stepan -Trophimowitsch als Erzieher angenommen worden. Der Knabe war damals acht -Jahre alt und seine Eltern lebten bereits getrennt, so daß das Kind nur -unter der Obhut der Mutter heranwuchs. Man muß es Stepan Trophimowitsch -lassen: er verstand es, seinen Zögling an sich zu fesseln. Sein ganzes -Geheimnis bestand darin, daß er selbst noch ein Kind war. Ich war damals -noch nicht hier, er aber bedurfte ja beständig eines Freundes, und er -trug kein Bedenken, ein so junges Wesen zu seinem Vertrauten zu machen. -Ja, es machte sich ganz von selbst, daß zwischen ihnen nicht der -geringste Abstand fühlbar ward. Oft weckte er seinen zehn- oder -elfjährigen Freund in der Nacht auf, nur um ihm unter Tränen sein -gekränktes Herz auszuschütten oder ihm ein Familiengeheimnis zu -enthüllen, ohne gewahr zu werden, daß so etwas denn doch unzulässig war. -Sie fielen einander um den Hals und weinten. Von seiner Mutter wußte der -Knabe, daß sie ihn sehr liebte; doch er selbst liebte sie wohl kaum. Sie -sprach wenig mit ihm, tat ihm selten einen Zwang an, aber ihr aufmerksam -ihm folgender Blick wurde von ihm immer krankhaft intensiv gespürt. Den -Unterricht und die moralische Erziehung überließ sie übrigens ganz -Stepan Trophimowitsch. Damals glaubte sie an ihn noch ohne -Einschränkung. Es ist anzunehmen, daß der Lehrer die Nerven seines -Zöglings ein wenig angegriffen hat: als dieser mit sechzehn Jahren auf -das Lyzeum gebracht wurde, war er schwächlich und blaß, seltsam still -und nachdenklich. (Später zeichnete er sich durch außergewöhnliche -Körperkraft aus.) Anzunehmen ist ferner, daß die Freunde nachts nicht -immer nur über irgendwelche Familiengeschichten weinten. Stepan -Trophimowitsch hatte es verstanden, im Herzen seines Freundes die -tiefsten Saiten zu berühren, und in ihm das erste, noch unbestimmte -Empfinden jener ewigen, heiligen Sehnsucht hervorzurufen, die manche -auserwählte Seele, die sie einmal gekostet und erkannt hat, nachher -schon nie mehr gegen eine billige Zufriedenheit eintauschen mag. (Es -gibt auch solche Liebhaber dieser Sehnsucht, denen sie teurer ist als -die vollkommenste Zufriedenheit, selbst wenn eine solche für sie -wirklich erreichbar wäre.) Jedenfalls aber war es gut, daß der Zögling -und der Erzieher, wenn auch spät, voneinander getrennt wurden. - -Während der ersten zwei Jahre im Lyzeum kam der Jüngling in den Ferien -nach Haus. Als dann Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch sich in -Petersburg aufhielten, fand auch er sich manchmal zu den literarischen -Abenden im Salon seiner Mutter ein, hörte zu und beobachtete. Er sprach -wenig und war wie immer still und schüchtern. Zu Stepan Trophimowitsch -verhielt er sich mit der früheren zarten Aufmerksamkeit, war aber doch -etwas zurückhaltender: von hohen Dingen und Erinnerungen an Vergangenes -zu sprechen vermied er sichtlich. Als er das Lyzeum absolviert hatte, -trat er auf den Wunsch der Mutter beim Militär ein und wurde bald in -eines der angesehensten Garde-Kavallerieregimenter aufgenommen. Er kam -aber nicht zur Mutter, um sich ihr in der Uniform zu zeigen, und schrieb -aus Petersburg immer seltener. Geld schickte ihm Warwara Petrowna ohne -zu sparen, obschon die Einnahmen von ihren Gütern nach der Aufhebung der -Leibeigenschaft so zurückgegangen waren, daß sie in der ersten Zeit -nicht einmal die Hälfte der früheren Summen erhielt. Für die Erfolge -ihres Sohnes in der höchsten Petersburger Gesellschaft interessierte sie -sich sehr. Was ihr nicht gelungen war, gelang dem jungen, reichen und -hoffnungsvollen Offizier ohne weiteres. Er erneuerte Bekanntschaften, an -die sie nicht mehr hatte denken können, und überall wurde er mit dem -größten Vergnügen aufgenommen. Doch schon sehr bald begannen seltsame -Gerüchte ihr zu Ohren zu kommen: es hieß, der junge Mann habe ganz -plötzlich und geradezu sinnlos toll zu leben begonnen. Nicht, daß er -spiele oder trinke; aber man sprach von einer wilden Zügellosigkeit, von -Menschen, die er mit seinen Trabern überfahren hatte, von einer -grausamen Rücksichtslosigkeit gegen eine Dame der guten Gesellschaft, -mit der er in Beziehungen gestanden und die er dann öffentlich beleidigt -habe. Ja, in dieser Sache sei sogar etwas schon gar zu unverhüllt -Schmutziges hervorgetreten. Und überhaupt sei er, wie man hinzufügte, -ein herausfordernder Streitsucher, bändele an und beleidige dann einfach -aus Lust am Beleidigen. Warwara Petrowna regte sich auf und war -bekümmert. Stepan Trophimowitsch versicherte ihr, das seien nur die -ersten stürmischen Ausbrüche eines allzu reich Veranlagten, das Meer -werde sich schon wieder beruhigen, und alles das erinnere nur an die -Jugend des Prinzen Heinz, der mit Falstaff, Poins und Mrs. Quickly seine -Streiche vollführte. Diesmal rief Warwara Petrowna nicht »Unsinn, alles -Unsinn!« wie sie es sich in der letzten Zeit Stepan Trophimowitschs -Auseinandersetzungen gegenüber angewöhnt hatte; im Gegenteil, sie hörte -sehr aufmerksam zu, ließ sich alles ausführlich erklären, nahm dann -selbst den Shakespeare zur Hand und las überaus achtsam das unsterbliche -Werk. Doch die Lektüre beruhigte sie nicht, auch fand sie die -Ähnlichkeit nicht so groß. Fieberhaft erwartete sie die Antworten auf -mehrere Briefe. Die blieben auch nicht aus; bald traf die unheilvolle -Nachricht ein, Prinz Heinz habe fast zu gleicher Zeit zwei Duelle -gehabt, sei bei beiden der einzig Schuldige gewesen, habe den einen -Gegner auf der Stelle niedergestreckt und den anderen zum Krüppel -geschossen und infolgedessen sei er vor Gericht gestellt. Es endete -damit, daß er zum Gemeinen degradiert, seiner Rechte beraubt und -strafweise in eines der Linien-Infanterieregimenter versetzt wurde, und -das war noch als ein besonders gnädiges Urteil zu betrachten. - -Im Jahre 1863 gelang es ihm, sich auszuzeichnen; er erhielt das -Ehrenkreuz und wurde zum Unteroffizier befördert, dann aber merkwürdig -schnell auch zum Offizier. Inzwischen hatte seine Mutter wohl an hundert -Briefe mit Bitten und Beschwörungen nach Petersburg geschrieben und sich -um seinetwillen sogar manches Demütigende erlaubt. Nach seiner -Beförderung nahm der junge Mensch plötzlich seinen Abschied, kam aber -wieder nicht nach Skworeschniki und hörte sogar ganz auf, an die Mutter -zu schreiben. Man erfuhr schließlich auf Umwegen, daß er sich wieder in -Petersburg aufhalte, doch in der früheren Gesellschaft habe man ihn gar -nicht mehr gesehen; er habe sich irgendwo gleichsam versteckt. -Nachforschungen ergaben, daß er in einer sonderbaren Gesellschaft lebte, -sich dem Abschaum der Petersburger Bevölkerung angeschlossen hatte, -irgendwelchen stiefellosen Beamten, verabschiedeten Militärs, die in -angemessener Form um Almosen baten, Trunkenbolden, deren schmutzige -Familien er besuchte, Tage und Nächte in dunklen Spelunken und in Gott -weiß was für Winkelgassen zubrachte, heruntergekommen, verlumpt war, und -daß ihm das offenbar gefalle. Um Geld bat er seine Mutter nicht; er -besaß ja auch selbst ein kleines Gut (den früheren Dorfbesitz des -Generals Stawrogin), das immerhin etwas einbrachte und das er, wie -verlautete, an einen Deutschen aus Sachsen verpachtet hatte. Schließlich -bat ihn die Mutter doch sehr, zu ihr zu kommen, und Prinz Heinz erschien -in unserer Stadt. Damals sah ich ihn zum erstenmal. - -Er war ein sehr schöner junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, und -ich muß gestehen, seine Erscheinung überraschte mich. Ich hatte -erwartet, einen schmutzigen, verkommenen, von Ausschweifungen -ausgemergelten, nach Branntwein riechenden Menschen zu erblicken. Statt -dessen erblickte ich den elegantesten Gentleman, der mir je zu Gesicht -gekommen ist. Tadellos gekleidet und von einer Haltung, wie sie nur ein -Herr, der an den feinsten Anstand gewöhnt ist, haben kann. Ich war nicht -der einzige, der staunte: es staunte die ganze Stadt, der übrigens Herrn -Stawrogins Lebensgeschichte sogar mit solchen Einzelheiten bekannt war, -daß man sich kaum zu erklären vermochte, wie diese hier in die -Öffentlichkeit hatten gelangen können. Alle unsere Damen verloren den -Verstand vor Aufregung über den neuen Gast. Sie teilten sich in zwei -schroff entgegengesetzte Parteien: von der einen wurde er vergöttert, -von der anderen gehaßt bis zum Blutrachedurst; den Verstand freilich -hatten beide Parteien verloren. Für die einen hatte es einen besonderen -Reiz, daß sich in seiner Seele vielleicht ein schreckliches Geheimnis -barg; anderen gefiel es entschieden, daß er ein Mörder war. Es stellte -sich auch heraus, daß er eine überaus annehmbare Bildung und sogar -einige wissenschaftliche Kenntnisse besaß. Von letzteren war allerdings -nicht viel nötig, um uns in Erstaunen zu setzen; aber er konnte auch -über aktuelle und sehr interessante Fragen sprechen und sogar mit -auffallender Besonnenheit. Erwähnt sei noch als Seltsamkeit: alle fanden -hier, daß er ein überaus vernünftiger Mensch sei. Er war nicht sehr -gesprächig, formvollendet ohne Gesuchtheit, erstaunlich bescheiden und -dabei kühn und selbstbewußt, wie bei uns sonst niemand. Unsere Stutzer -sahen auf ihn mit Neid und kamen neben ihm überhaupt nicht in Betracht. -Auch sein Gesicht überraschte mich: das Haar war fast schon gar zu -schwarz, die hellen Augen fast schon zu ruhig und klar, die -Gesichtsfarbe fast schon zu zart und weiß, die Wangenröte ebenfalls wie -ein wenig zu grell und rein, die Zähne wie Perlen, die Lippen wie -Korallen, -- man sollte meinen, ein bildschöner Mann, und doch war diese -Schönheit gleichsam auch abstoßend. Manche sagten, sein Gesicht erinnere -an eine Maske; doch übrigens, was wurde nicht alles gesagt. Unter -anderem sprach man auch viel von seiner außergewöhnlichen Körperkraft. -Dabei war er von Gestalt beinahe hoch gewachsen. Warwara Petrowna -blickte mit Stolz auf ihren Sohn, aber immer auch mit Unruhe. Er lebte -bei uns etwa ein halbes Jahr -- träge, still, ziemlich verdrossen; er -verkehrte in der Gesellschaft, und erfüllte mit standhafter -Aufmerksamkeit alle Vorschriften unserer Gouvernementsstadt-Etikette. -Mit dem Gouverneur war er väterlicherseits verwandt und verkehrte in -seinem Hause wie ein naher Verwandter. So vergingen ein paar Monate, und -plötzlich zeigte das Tier seine Krallen. - -Nebenbei: unser lieber Iwan Ossipowitsch hätte in der guten alten Zeit -bei seiner Gastfreiheit einen vorzüglichen Adelsmarschall abgegeben, -aber zum Gouverneur in einer so mühevollen Zeit wie die unsrige paßte er -mit seiner Arbeitsscheu entschieden nicht. In der Stadt hieß es denn -auch immer, nicht er, sondern Warwara Petrowna verwalte das -Gouvernement. Das war freilich eine spitze Bemerkung, aber trotzdem eine -Unwahrheit. Warwara Petrowna hatte in den letzten Jahren konsequent und -bewußt jeden höheren Ehrgeiz aufgegeben und ihre Tätigkeit freiwillig -auf ein von ihr selbst streng umgrenztes Gebiet beschränkt. Sie begann -sich plötzlich mit der Bewirtschaftung ihres Gutes zu befassen, und in -zwei, drei Jahren hatte sie den Ertrag desselben nahezu wieder auf die -frühere Höhe gebracht. Statt sich literarischem Ehrgeiz hinzugeben, -begann sie zu sparen. Selbst Stepan Trophimowitsch wurde von ihr etwas -weiter entfernt, indem sie ihm jetzt endlich eine eigene Wohnung zu -mieten erlaubte. Allmählich begann er sie eine prosaische Frau zu -nennen, oder scherzhaft seinen »prosaischen Freund«. Selbstredend -erlaubte er sich solche Scherze nur in der respektvollsten Form und -nachdem er lange einen passenden Augenblick abgewartet hatte. - -Wir alle, die wir ihr nahestanden, begriffen natürlich, daß der Sohn für -sie gleichsam zu einer neuen Hoffnung, einem neuen Traum geworden war. -Ihre leidenschaftliche Liebe zu ihm hatte schon in der Zeit seiner -ersten Erfolge in der Petersburger Gesellschaft begonnen, und war dann -besonders seit dem Augenblick gewachsen, als sie die Nachricht von -seiner Degradation erhalten hatte. Und dabei fürchtete sie ihn doch -offensichtlich und schien vor ihm förmlich seine Sklavin zu sein. Man -merkte ihr an, daß sie etwas Unbestimmtes, Geheimnisvolles fürchtete, -etwas, das auch sie selbst nicht zu nennen vermocht hätte, und oft -betrachtete sie heimlich und unverwandt ihren _Nicolas_, als überlege -sie und als suche sie etwas zu erraten ... und siehe da: plötzlich -- -streckte das Tier seine Krallen aus. - - - II. - -Unvermutet erlaubte sich unser Prinz zwei, drei unmögliche Frechheiten -gegen verschiedene Personen. Das Empörendste an ihnen war gerade ihre -unerhörte Neuheit, ihre Unglaublichkeit; daß sie tatsächlich allen sonst -üblichen Dreistigkeiten so unähnlich waren in ihrer törichten -Bengelhaftigkeit, überdies weiß der Teufel wozu eigentlich begangen, so -vollständig ohne jeden Anlaß. Eines der ehrenwertesten Häupter unseres -Klubs, Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, ein bejahrter und sogar -verdienstvoller Mann, hatte die unschuldige Angewohnheit, zur -Bekräftigung jeder Behauptung heftig hinzuzufügen: »Nein, mich wird man -nicht an der Nase führen!« Nun, das hatte ja weiter nichts auf sich. -Aber als er eines Tages im Klub in der Hitze des Wortgefechts, inmitten -einer Schar ihn umstehender Klubherren (lauter angesehner -Persönlichkeiten) wieder einmal diesen Nachsatz anhing, trat Nicolai -Wszewolodowitsch, der am Gespräch ganz unbeteiligt und allein abseits -gestanden hatte, plötzlich auf Pjotr Pawlowitsch zu, faßte ihn -unerwartet aber fest mit zwei Fingern an der Nase und zog ihn ein paar -Schritte weit im Saal hinter sich her. Einen Groll konnte er gegen Herrn -Gaganoff nicht haben. Man hätte das für einen echten Schuljungenstreich -halten können, natürlich für einen ganz unverzeihlichen; indes war -Nicolai Wszewolodowitsch, wie man später erzählte, im Augenblick der Tat -geradezu nachdenklich, »ganz als wäre er nicht völlig bei Sinnen -gewesen«, aber das vergegenwärtigte man sich und erwog man erst später. -In der ersten Empörung dachten alle nur an den zweiten Augenblick, als -er alles bereits zweifellos richtig begriff, jedoch statt verlegen zu -werden, plötzlich boshaft und belustigt lächelte, »ohne die geringste -Reue«, wie es hieß. Es erhob sich ein schrecklicher Lärm; er wurde -umringt. Nicolai Wszewolodowitsch wandte sich um, sah ringsum alle an, -ohne jemandem zu antworten, und betrachtete interessiert die Gesichter -der erregt Durcheinanderschreienden. Schließlich war es, als werde er -plötzlich wieder nachdenklich -- wenigstens wurde später so erzählt --, -er runzelte die Stirn, trat dann festen Schrittes auf den beleidigten -Pjotr Pawlowitsch zu und sagte schnell, dabei sichtlich geärgert: - -»Sie entschuldigen natürlich ... Ich weiß wirklich nicht, weshalb mich -plötzlich die Lust anwandelte ... Es war eine Dummheit ...« - -Die Nachlässigkeit dieser Entschuldigung kam einer neuen Beleidigung -gleich. Es erhob sich ein noch größeres Geschrei. Nicolai -Wszewolodowitsch zuckte mit den Achseln und ging hinaus. Nun kannte die -Empörung keine Grenzen, und Herr Stawrogin wurde sofort einstimmig aus -der Zahl der Mitglieder des Klubs ausgeschlossen. Darauf wurde im Namen -des ganzen Klubs an den Gouverneur die Bitte gerichtet, mittels der ihm -anvertrauten Administrativgewalt den »schädlichen Unruhstifter zu zügeln -und damit die Ruhe der gesamten anständigen Gesellschaft unserer Stadt -gegen schädliche Anschläge zu sichern«. Mit boshafter Unschuld wurde -hinzugefügt, »vielleicht lasse sich auch gegen Herrn Stawrogin ein -Gesetz finden«, um dem Gouverneur wegen Warwara Petrowna einen Stich zu -versetzen. Der Gouverneur war gerade verreist, wurde aber bald -zurückerwartet. Inzwischen bereitete man dem beleidigten Pjotr -Pawlowitsch richtige Ovationen: man umarmte und küßte ihn, die ganze -Stadt machte bei ihm Visite. Man plante sogar ihm zu Ehren ein Diner im -Klub, auf Subskription, und gab es nur auf seine dringende Bitte hin -auf, -- vielleicht aber auch, weil man sich schließlich darauf besann, -daß der Mann ja immerhin an der Nase geführt worden war und mithin -eigentlich kein Grund zu Festlichkeiten vorlag. - -Indes, wie hatte das alles nur geschehen können? Bemerkenswert war -besonders der Umstand, daß kein Mensch diesen Streich auf zeitweiliges -Irresein zurückführte. Also traute man offenbar auch einem gesunden und -geistesklaren Nicolai Wszewolodowitsch Derartiges zu. - -Bemerkenswert erschien mir auch jener Ausbruch eines allgemeinen Hasses, -mit dem bei uns damals alle über den »Ruhestörer und großstädtischen -_bretteur_«{[11]} herfielen. Man wollte in jener Tat unbedingt die -»freche, wohlüberlegte Absicht« sehen, mit einem Schlage »die ganze -Gesellschaft zu beleidigen«. Jedenfalls hatte er niemanden für sich -gewonnen, sondern alle gegen sich in Harnisch gebracht, und wodurch nur? -Bis dahin hatte er noch niemanden gekränkt, höflich aber war er schon so -gewesen, wie ein Herr aus einem Modeblatt, wenn der nur sprechen könnte. -Ich nehme an, daß man ihn wegen seines Stolzes haßte. Selbst unsere -Damen, die mit seiner Vergötterung begonnen hatten, entrüsteten sich -jetzt über ihn noch ärger als die Männer. - -Warwara Petrowna war furchtbar betroffen. Später gestand sie einmal -Stepan Trophimowitsch, sie habe das schon lange, schon das ganze halbe -Jahr kommen fühlen, und sogar »gerade etwas in dieser Art«, ein -bedeutsames Bekenntnis von seiten einer leiblichen Mutter. »Es hat also -angefangen!« dachte sie erschauernd. Nach einer schlaflosen Nacht und -nachdem sie am Morgen Stepan Trophimowitsch um Rat gefragt und bei ihm -sogar geweint hatte, was ihr noch nie in Gegenwart anderer geschehen -war, wollte sie vorsichtig, aber entschlossen eine Aussprache mit ihrem -Sohn herbeiführen. Und doch zitterte sie davor. _Nicolas_, der stets so -höflich und ehrerbietig gegen die Mutter war, hörte sie eine Weile, die -Augenbrauen zusammengezogen, sehr ernst an; plötzlich stand er auf, ohne -ein Wort zu antworten, küßte ihr die Hand und ging hinaus. Am Abend -desselben Tages aber kam es dann gleich zu einem zweiten Skandal, der, -wenn er auch längst nicht so schlimm war wie der erste, die Entrüstung -in der Stadt doch noch sehr verstärkte. - -Diesmal traf es unseren Freund Liputin. Der erschien bei Nicolai -Wszewolodowitsch gerade als dieser seine Mutter verlassen hatte, und bat -ihn inständig, ihm die Ehre seines Besuchs zu erweisen: der Geburtstag -seiner Frau sollte durch eine kleine Abendgesellschaft gefeiert werden. -Warwara Petrowna hatte schon lange mit Sorge diese Neigung ihres Sohnes -wahrgenommen, Bekanntschaften selbst mit Leuten der dritten -Gesellschaftsschicht anzuknüpfen. Bei Liputin hatte er bisher noch nicht -im Hause verkehrt. Er erriet, daß dieser ihn jetzt wegen des Skandals im -Klub einlud, als Liberaler über diesen Skandal entzückt war und -aufrichtig meinte, gerade so müsse man mit allen Häuptern des Klubs -verfahren. _Nicolas_ begann zu lachen und versprach zu kommen. - -Die Gäste, von denen sich eine Menge eingefunden hatte, waren nicht -Honoratioren, aber gewitzte Leute. Der geizige Liputin pflegte nur -zweimal im Jahr Gäste einzuladen, dann aber einmal nicht zu knausern. -Der Ehrengast Stepan Trophimowitsch war diesmal krankheitshalber nicht -erschienen. Es wurde Tee gereicht, und es gab reichlich kalten Imbiß und -Schnäpse; gespielt wurde an drei Tischen, die Jugend aber begann, in -Erwartung des Abendessens, nach Klaviermusik zu tanzen. Nicolai -Wszewolodowitsch forderte Frau Liputin auf -- eine überaus nette kleine -Frau, der vor ihm schrecklich bange war --, tanzte mit ihr zwei Touren, -setzte sich dann neben sie, unterhielt sich mit ihr, brachte sie zum -Lachen. Als er da bemerkte, wie hübsch sie war, wenn sie lachte, faßte -er sie plötzlich vor den Augen aller Gäste um die Taille und küßte sie -mitten auf den Mund, wohl dreimal hintereinander, mit ganzer -Herzenslust. Die arme Frau fiel vor Schreck in Ohnmacht. Nicolai -Wszewolodowitsch trat zu dem Ehemann, der in der allgemeinen Verwirrung -wie betäubt dastand, wurde bei dessen Anblick selbst verlegen, und -nachdem er ihm hastig zugemurmelt: »Seien Sie nicht böse,« ging er -hinaus. Liputin aber lief ihm ins Vorzimmer nach, reichte ihm -eigenhändig den Pelz und geleitete ihn unter Verbeugungen die Treppe -hinunter. Doch schon am nächsten Tage gab es zu dieser verhältnismäßig -harmlosen Geschichte ein ganz ulkiges Nachspiel, das Liputin sogar ein -gewisses Ansehen verschaffte und das er sogleich zu seinem größten -Vorteil auszunutzen verstand. - -Gegen zehn Uhr morgens erschien im Hause der Madame Stawrogina Liputins -Magd Agafja, ein munteres, gewandtes, rotbackiges Weiblein von etwa -dreißig Jahren; sie war von Liputin mit einem Auftrage zu Nicolai -Wszewolodowitsch geschickt und wollte unbedingt »den Herrn selber -sehen«. Der hatte starke Kopfschmerzen, kam aber doch heraus. Warwara -Petrowna glückte es, die Ausrichtung des Auftrags mit anzuhören. - -»Sergei Wassiljitsch« (d. h. Liputin), begann Agafja wortgewandt zu -plappern, »hat mir anbefohlen, vorerst seine beste Empfehlung -auszurichten; und dann läßt er sich nach Ihrer Gesundheit erkundigen, -wie Sie nun eigentlich geruht haben, nach dem Gestrigen sozusagen, und -wie Sie sich nun eigentlich fühlen, eben nach dem Gestrigen, meint er?« - -Nicolai Wszewolodowitsch lächelte. - -»Bestelle meine Empfehlung, und ich ließe bestens danken. Und sage von -mir deinem Herrn, Agafja, er wäre der klügste Mensch in der ganzen -Stadt.« - -»Ja und auf diese Antwort sollte ich Ihnen dann antworten,« versetzte -Agafja noch wortgewandter, »daß er das auch ohne Sie schon selber weiß -und Ihnen ganz dasselbe wünscht, sozusagen.« - -»Was! ... aber wie konnte er denn wissen, was ich dir antworten würde?« - -»Ja, das weiß ich schon nicht, aber als ich schon hinausgegangen und -schon die ganze Gasse hinuntergegangen war, höre ich plötzlich, er läuft -mir nach, ohne Mütze, und: >Du,< sagte er, >Agafjuschka<, sagte er, ->wenn er dir nun sagt, bestelle deinem Herrn, daß er der Klügste in der -ganzen Stadt ist, dann sag' du ihm sogleich und vergiß das nicht, daß -wir das auch ohne ihn schon wissen und ihm bloß auch dasselbe wünschen<, -sozusagen ...« - - - III. - -Schließlich fand auch die Auseinandersetzung mit dem Gouverneur statt. -Nach der so heftigen Beschwerde des Klubs war es diesem ja sofort klar, -daß etwas geschehen mußte, aber was? Unserem gastfreundlichen alten -Herrn schien sein junger Verwandter ebenfalls nicht ganz geheuer zu -sein. Gleichwohl entschloß er sich endlich, ihm gütlich zuzureden, den -Klub und den Beleidigten um Entschuldigung zu bitten, falls nötig sogar -schriftlich; dann aber wollte er ihm wohlwollend nahelegen, z. B. zu -Bildungszwecken nach Italien zu reisen oder überhaupt ins Ausland, etwas -weiter weg von uns. In dem Raum, wo er diesmal _Nicolas_ empfing, war -wie zufällig noch sein Günstling und Sekretär Aljoscha Telätnikoff -anwesend und damit beschäftigt, an einem Tisch in der Ecke Postsachen zu -öffnen. Im Nebenzimmer aber saß in der Nähe der Tür ein dicker und -kräftiger Oberst, ein Freund und früherer Kamerad des Hausherrn, und las -die Zeitung »Die Stimme«, anscheinend ohne die Vorgänge im anderen Raum -zu beachten. Iwan Ossipowitsch begann vorsichtig, holte weit aus, sprach -fast flüsternd, verlor aber immer wieder den Faden. _Nicolas_ schaute -sehr unfreundlich drein, gar nicht wie ein Verwandter, war bleich, saß -mit gesenktem Blick da und hörte mit zusammengezogenen Brauen zu, wie -wenn er einen heftigen Schmerz unterdrückte. - -»Sie haben ein gutes Herz, _Nicolas_, ein edles Herz,« sagte unter -anderem der alte Herr, »Sie sind überaus gebildet, haben sich in den -höchsten Kreisen bewegt, haben sich auch bei uns bisher musterhaft -aufgeführt und dadurch das Herz Ihrer von uns allen verehrten Mutter -beruhigt ... Und nun beginnt das alles von neuem, und wieder in einem so -rätselhaften und für alle gefährlichen Kolorit! Ich rede zu Ihnen als -Freund Ihres Hauses, als ein Sie liebender, bejahrter Verwandter ... So -sagen Sie doch, was in aller Welt treibt Sie zu solchen Ausschreitungen, -die mit allen hergebrachten Formen und Sitten so unvereinbar sind?« - -_Nicolas_ hatte geärgert und ungeduldig zugehört. Plötzlich blitzte in -seinem Blick gleichsam ein verschlagener und spöttischer Ausdruck auf: -»Ich kann es Ihnen ja meinethalben sagen, was mich dazu treibt,« sagte -er unwirsch, sah sich um und beugte sich zum Ohr Iwan Ossipowitschs. -- -Der wohlerzogene Aljoscha Telätnikoff trat noch drei Schritte weiter zum -Fenster, der Oberst räusperte sich hinter seiner Zeitung. Der arme Iwan -Ossipowitsch hielt eilig und vertrauensvoll sein Ohr hin; er war äußerst -neugierig. Und da geschah denn abermals etwas ganz Unmögliches und doch -andererseits in einer Hinsicht nur zu Deutliches. Der alte Herr fühlte -auf einmal, daß _Nicolas_, statt ihm ein interessantes Geheimnis -zuzuflüstern, plötzlich den oberen Teil seines Ohres mit den Zähnen -faßte und ziemlich fest zubiß. - -»_Nicolas_, was ... soll das!« stöhnte er mechanisch mit einer ganz -fremdklingenden Stimme. -- Aljoscha und der Oberst begriffen nicht -recht, was da vorging; es schien ihnen bis zum Schluß, daß dem Alten -etwas zugeflüstert wurde, aber dessen verzweifeltes Gesicht beunruhigte -sie doch. Sie glotzten sich mit aufgerissenen Augen an und wußten nicht, -ob sie noch warten oder schon zu Hilfe eilen sollten, wie verabredet -war. _Nicolas_ erriet das wohl und biß noch ein wenig schmerzhafter zu. - -»_Nicolas, Nicolas!_« stöhnte das Opfer wieder, »nun ... genug ... mit -dem Scherz ...« -- Noch ein Augenblick, und der Arme wäre gestorben; -doch der Unmensch hatte Erbarmen und ließ das Ohr los. Diese ganze -Todesangst hatte eine volle Minute gedauert und der Alte bekam eine Art -Ohnmachtsanfall. Eine halbe Stunde später aber wurde _Nicolas_ verhaftet -und eingesperrt. Das war freilich eine schroffe Maßnahme, doch unser -weichherziger Regent war dermaßen erzürnt, daß er die Verantwortung -selbst Warwara Petrowna gegenüber zu übernehmen wagte. Und tatsächlich, -als diese sofort eilig und erregt zum Gouverneur gefahren kam, wurde ihr -erklärt, daß sie nicht empfangen werden könne, und ohne auszusteigen -fuhr sie heim. Sie konnte diese Absage zunächst überhaupt nicht fassen. - -Endlich aber fand alles seine Erklärung! Gegen zwei Uhr nachts begann -der Arrestant, der bis dahin erstaunlich ruhig gewesen war und sogar -geschlafen hatte, plötzlich zu toben, schlug mit den Fäusten gegen die -Tür, riß mit übermenschlicher Kraft das eiserne Gitter von dem Fenster -ab, zerschlug die Scheibe und zerschnitt sich dabei die Hände. Als der -wachhabende Offizier mit der Mannschaft herbeigeeilt kam und die Zelle -aufschließen ließ, stellte es sich heraus, daß der Gefangene sich im -stärksten Fieberdelirium befand; er wurde nach Hause zur Mutter -geschafft. Nun war ja alles klar. Unsere drei Ärzte äußerten sich dahin, -daß der Kranke sehr wohl schon vor drei Tagen in diesem Fieberzustande -wie benommen gewesen sein könne. Somit hatte Liputin als erster das -Richtige erraten. Der zartfühlende Iwan Ossipowitsch war nun sehr -betreten, auch im Klub schämte man sich und begriff nicht, wie man auf -diese einzig mögliche Erklärung nicht verfallen war. Natürlich gab es -auch Skeptiker, aber die konnten sich nicht behaupten. - -_Nicolas_ lag gute zwei Monate. Die ganze Stadt besuchte Warwara -Petrowna. Und sie verzieh. Als _Nicolas_ sich zum Frühling hin wieder -erholte und mit dem Vorschlag der Mutter, nach Italien zu reisen, -einverstanden war, da bat sie ihn, vorher doch überall seine -Abschiedsvisite zu machen und sich bei der Gelegenheit zu entschuldigen, -wo das nötig und soweit es möglich war. _Nicolas_ versprach ihr auch -das, und sogar mit großer Bereitwilligkeit. Und alsbald erfuhr man im -Klub, er habe mit Pjotr Pawlowitsch eine überaus zartfühlende Aussprache -gehabt, durch die dieser vollkommen zufriedengestellt worden sei. -Während dieser Visiten soll _Nicolas_ sehr ernst und sogar ein wenig -düster gewesen sein. Alle empfingen ihn anscheinend mit aufrichtiger -Teilnahme, doch im Grunde waren alle verlegen und nur froh, daß er nach -Italien reiste. Iwan Ossipowitsch weinte sogar, konnte sich aber aus -einem unbestimmten Grunde doch nicht entschließen, ihn zum Abschied zu -umarmen. Allerdings blieben bei uns manche doch überzeugt, der -Taugenichts habe alle nur zum Besten gehabt, die Krankheit aber sei eine -Sache für sich gewesen. Auch zu Liputin fuhr er zur Abschiedsvisite. - -»Sagen Sie mal,« fragte er ihn, »wie konnten Sie damals im voraus -wissen, was ich über Ihren Verstand sagen würde, und die Antwort darauf -schon mitgeben?« - -»Ganz einfach,« sagte Liputin lachend, »weil auch ich Sie für klug -halte, also war's nicht schwer!« - -»Immerhin ein seltsames Zusammentreffen. Aber erlauben Sie: dann hielten -Sie mich damals für gescheit und nicht für wahnsinnig?« - -»Für den gescheitesten und klügsten, und ich stellte mich nur so, als -glaubte ich, Sie wären nicht bei voller Vernunft. Und Sie haben mir ja -auch sofort den Beweis für die Ungetrübtheit Ihres Geistes -zurückgesandt.« - -»Übrigens irren Sie sich da doch ein wenig: ich war tatsächlich ... -krank,« sagte _Nicolas_ verstimmt. »Wie! glauben Sie denn wirklich, ich -wäre fähig, bei vollem Verstande Menschen zu überfallen? Wozu denn das?« - -Liputin wand sich betreten und wußte nicht recht, was er antworten -sollte. _Nicolas_ erblaßte ein wenig, oder vielleicht schien es Liputin -nur so. - -»Jedenfalls haben Sie eine sehr amüsante Denkweise,« fuhr _Nicolas_ -fort, »und ich begreife natürlich, daß Sie Ihre Agafja zu mir schickten, -um mich zu verhöhnen.« - -»Ich konnte Sie doch nicht zum Duell fordern?« - -»Ach, ja, richtig! Ich habe ja auch so etwas gehört, daß Sie Duelle -nicht lieben ...« - -»Wozu denn Französisches ins Russische übersetzen!« - -»Sie halten es mit dem Nationalismus?« - -Liputin wand sich noch mehr, antwortete aber nichts. - -»Was, was! Sehe ich recht!« rief _Nicolas_ plötzlich, als er mitten auf -dem Tisch, wie ein Prunkstück an der sichtbarsten Stelle, einen Band von -_Considérant_ erblickte. »Sind Sie etwa gar Fourierist? Das fehlte noch! -Aber ist denn das keine Übersetzung aus dem Französischen?« und er -klopfte lachend auf das Buch. - -»Nein, nicht aus dem Französischen!« Liputin sprang fast mit einem -gewissen Grimm vom Stuhl auf. »Das ist eine Übersetzung aus der Sprache -der ganzen Menschheit, und nicht bloß aus dem Französischen! Aus der -Sprache der universalen sozialen Republik und Harmonie, jawohl! Und -nicht aus dem Französischen allein!« - -»Sapperment! Aber so eine Sprache gibt es ja überhaupt nicht!« versetzte -_Nicolas_ immer noch lachend. - -Von Herrn Stawrogin soll zwar erst später die Rede sein, doch möchte ich -eines schon hier bemerken: daß von allen Eindrücken, die er damals bei -uns empfing, am grellsten sich seinem Gedächtnis die unscheinbare und -fast gemeine Gestalt Liputins eingeprägt hatte, dieses kleinen -Provinzbeamten, eifersüchtigen Ehemannes, rohen Familiendespoten, -Wucherers und Geizhalses, der selbst die Überbleibsel der Mahlzeiten und -Lichtstümpfchen verschloß, und doch gleichzeitig ein glühender Anhänger -Gott weiß was für einer zukünftigen »sozialen Harmonie« war, sich nachts -an den phantastischen Bildern der zukünftigen Phalanstere berauschte, an -deren baldige Verwirklichung in Rußland er so glaubte wie an sein -eigenes Vorhandensein. Und alles das dortselbst, wo er sich ein -»Häuschen« erspart, wo er zum zweitenmal geheiratet hatte, und wo es -vielleicht im Umkreise von hundert Werst keinen Menschen gab, der auch -nur annähernd ein Mitglied dieser »universalen sozialen Republik und -Harmonie« hätte sein können. - -»Gott mag wissen, wie es in solchen Menschen aussieht!« dachte _Nicolas_ -oft verwundert, wenn er sich dieses unvermuteten Fourieristen erinnerte. - - - IV. - -Unser Prinz reiste drei Jahre lang und noch länger, so daß er bei uns -fast ganz in Vergessenheit geriet. Unser Kreis freilich wußte durch -Stepan Trophimowitsch, daß er ganz Europa bereist hatte, sogar in -Ägypten und in Jerusalem gewesen war; dann hatte er sich mit einer -wissenschaftlichen Expedition auch nach Island begeben. Ferner hieß es, -er habe einen Winter an einer deutschen Universität Kolleg gehört. An -seine Mutter schrieb er nur selten, aber die fühlte sich dadurch nicht -mehr gekränkt. Die Beziehungen zwischen ihr und ihrem Sohn hatten nun -einmal diese Form angenommen, die sie wortlos hinnahm; im übrigen dachte -sie beständig an ihren _Nicolas_ und sehnte sich nach ihm. Doch davon -erfuhr kein Mensch etwas. Selbst von Stepan Trophimowitsch zog sie sich -anscheinend ein wenig zurück. Sie schmiedete heimlich Pläne, wurde noch -sparsamer und ärgerte sich immer mehr über Stepan Trophimowitschs -Verluste im Kartenspiel. - -Da erhielt sie im April dieses Jahres ganz unverhofft einen Brief aus -Paris, und zwar von ihrer Jugendfreundin, der Generalin Praskowja -Iwanowna Drosdowa. Diese schrieb ihr plötzlich nach acht Jahren, Nicolai -Wszewolodowitsch verkehre viel in ihrem Hause, habe mit Lisa (ihrer -einzigen Tochter) Freundschaft geschlossen und beabsichtige, sich ihnen -anzuschließen, wenn sie im Sommer nach der Schweiz reisten, obwohl er in -der Familie des Grafen K... (einer in Petersburg höchst einflußreichen -Persönlichkeit), die jetzt gleichfalls in Paris weile, wie ein -leiblicher Sohn aufgenommen werde, so daß er, man könne sagen, fast ganz -im Hause des Grafen lebe. Der Brief war kurz, doch sein Zweck deutlich. -Warwara Petrowna dachte denn auch nicht lange nach, entschloß sich -schnell und fuhr mit ihrer Pflegetochter Dascha Mitte April nach Paris -und dann nach der Schweiz. Im Juli kehrte sie allein zurück; sie hatte -Dascha bei Drosdoffs gelassen, die mit ihr Ende August heimkehren -sollten. - -Drosdoffs waren gleichfalls eine Gutsbesitzerfamilie unseres -Gouvernements, aber der Dienst des Generals hatte sie in letzter Zeit -verhindert, sich hier auf ihrem herrlichen Gut aufzuhalten. Nach dem -Tode des Generals im vorigen Jahre war dann die untröstliche Praskowja -Iwanowna mit ihrer Tochter ins Ausland gereist, unter anderem auch in -der Absicht, es im Spätsommer in der Schweiz, in Vernex-Montreux, mit -einer Traubenkur zu versuchen. Nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande -wollte sie sich dann endgültig in unserem Gouvernement niederlassen. In -der Stadt besaß sie ein großes Haus, das schon viele Jahre leer stand, -mit geschlossenen Fensterläden. Drosdoffs waren sehr reich. Praskowja -Iwanowna, in erster Ehe Frau Tuschina, war gleichfalls die Tochter eines -Branntweinpächters der alten Zeit und hatte gleichfalls eine große -Mitgift erhalten. Der Rittmeister a. D. Tuschin war aber auch selbst ein -vermögender Mann gewesen und kein unbegabter Mensch. Er hinterließ -seiner siebenjährigen Tochter Lisa ein bedeutendes Vermögen, zu dem -später noch das ganze Erbe ihrer Mutter hinzu kommen mußte, da diese aus -ihrer zweiten Ehe keine Kinder hatte. Warwara Petrowna war mit dem -Ergebnis ihrer Reise sehr zufrieden. Sie glaubte, mit Praskowja Iwanowna -übereingekommen zu sein, und teilte nach ihrer Ankunft alles, weit -offener als sonst, Stepan Trophimowitsch mit. Der rief »Hurra!« und -schnippte mit den Fingern. Seine Freude war um so aufrichtiger, als er -die Zeit ihrer Abwesenheit in größter Mutlosigkeit verbracht hatte. Vor -ihrer Abreise hatte sie ihm, »diesem Weibe«, nichts von ihren Plänen -mitgeteilt, vielleicht weil sie fürchtete, er könne ausplaudern. Doch -schon in der Schweiz hatte sie sich gesagt, daß sie den verlassenen -Freund nach ihrer Rückkehr besser behandeln müsse. Tatsächlich war ihre -plötzliche Abreise mit dem wortkargen Abschied für sein schüchternes -Herz der Anlaß zu qualvollen Zweifeln gewesen. Außerdem quälte ihn noch -eine bedeutende Geldverpflichtung, die er ohne ihre Hilfe unmöglich -decken konnte. Und dann war noch allerhand gerade während ihrer -Abwesenheit hinzugekommen: so hatte im Mai die Herrschaft unseres guten -Iwan Ossipowitsch ihr Ende gefunden und war der Einzug unseres neuen -Gouverneurs, Andrei Antonowitsch von Lembke, erfolgt. Danach hatte sich -das Verhalten unserer Gesellschaft zu Warwara Petrowna und damit -natürlich auch zu Stepan Trophimowitsch merklich zu ändern begonnen. Das -beeindruckte ihn um so mehr, als er natürlich schon wieder erregt -befürchtete, man habe den neuen Gouverneur bereits auf ihn als einen -gefährlichen Menschen aufmerksam gemacht. Er erfuhr auch, daß man sich -in der Stadt erzählte, die Gemahlin des neuen Gouverneurs und Warwara -Petrowna seien früher bekannt gewesen, doch hätten sie sich schließlich -verfeindet und den Verkehr abgebrochen. Als aber nun Warwara Petrowna -nach ihrer Rückkehr so munter und siegesgewiß seinen Bericht anhörte, u. -a. auch das Gerücht, demzufolge manche Damen es lieber mit der neuen -Gouverneurin halten wollten, die eine echte Aristokratin sei, und -folglich den Verkehr mit Warwara Petrowna aufzugeben beabsichtigten, da -richtete sich sofort auch Stepan Trophimowitschs gesunkener Mut wieder -auf. Er wurde im Nu wieder heiter und begann mit besonderem, freudig -dienstbeflissenem Humor die Ankunft des neuen Gouverneurs zu schildern. - -»Es wird Ihnen, _excellente amie_,{[12]} zweifellos bekannt sein,« -begann er kokett, die Worte geckenhaft in die Länge ziehend, »was ein -russischer Regierungsbeamter im allgemeinen, und was im besonderen ein -neuangestellter, ein neugebackener russischer Beamter ist. Dagegen -dürften Sie kaum Gelegenheit gehabt haben, praktisch zu erfahren, was -der _Machtrausch_ eines russischen Beamten bedeutet ...« - -»Machtrausch eines Beamten? Wie meinen Sie das?« - -»Das heißt ... _Vous savez, chez nous ... En un mot_,{[13]} stellen Sie -den erbärmlichsten Nichtsnutz als Verkäufer von, sagen wir, -irgendwelchen elenden Eisenbahnfahrkarten an, und dieser erbärmlichste -Wicht wird sich sofort für berechtigt halten, wie ein Jupiter auf Sie -herabzusehen, wenn Sie eine Fahrkarte lösen wollen, _pour vous montrer -son pouvoir_.{[14]} >Warte<, denkt er dann bei sich, >ich will dir meine -Macht zeigen!< Und das geht bei ihnen bis zur Selbstberauschung an -dieser ihrer Macht. _En un mot_ ...« - -»Ja, fassen Sie sich kürzer, wenn Sie können.« - -»_En un mot_, dieser Herr von Lembke hat also zunächst das Gouvernement -bereist. Er ist zwar ein Deutschrusse griechisch-katholischer Konfession -und sogar ein überaus schöner Mann in den vierziger Jahren ...« - -»Schöner Mann? Er hat Augen wie ein Schaf.« - -»Allerdings. Doch aus Höflichkeit will ich dem Urteil unserer Damen -nicht widersprechen ...« - -»Ich bitte Sie, reden wir von etwas anderem! Übrigens, Sie tragen eine -rote Halsbinde; schon lange?« - -»Das ... ich ... ich habe das nur heute ...« - -»Und sind Sie auch täglich sechs Werst spazieren gegangen, wie es Ihnen -der Arzt verordnet hat?« - -»Nicht ... nicht immer.« - -»Wußte ich's doch! schon in der Schweiz ahnte ich das!« rief sie -gereizt. »Jetzt werden Sie mir aber zehn Werst täglich gehen! Sie sind -ja geradezu heruntergekommen! Sie sind ja nicht nur alt, Sie sind ein -Greis geworden ... ich erschrak geradezu, als ich Sie wiedersah, trotz -Ihrer roten Halsbinde ... _quelle idée rouge_!{[15]} Erzählen Sie weiter -von diesem Lembke, wenn es wirklich etwas von ihm zu erzählen gibt, nur -kommen Sie bald zu einem Ende; ich bin müde.« - -»_En un mot_, ich wollte ja auch nur sagen, daß er einer von denen ist, -die erst mit vierzig Jahren anfangen Karriere zu machen, sei es dank -einer plötzlich erworbenen Gattin oder einem nicht minder verzweifelten -Mittel. Über mich hat man ihm natürlich sofort alles zugetragen: daß ich -die Jugend verdürbe und den Atheismus verbreite. Er hat auch sofort -Erkundigungen eingezogen. Und als man ihm von Ihnen berichtete, bisher -hätten eigentlich Sie das Gouvernement verwaltet, da hat er sich zu -äußern erlaubt, >so etwas werde hinfort nicht mehr vorkommen<.« - -»Hat er das wirklich gesagt?« - -»Wortwörtlich. Seine Gemahlin werden wir hier erst Ende August -erblicken; sie kommt direkt aus Petersburg.« - -»Nein, aus dem Auslande. Ich bin mit ihr dort zusammengetroffen. In -Paris und in der Schweiz. Sie ist mit Drosdoffs verwandt.« - -»Verwandt? Was für ein merkwürdiges Zusammentreffen! Man sagt, sie sei -ehrgeizig und ... habe durch Beziehungen gute Protektion?« - -»Unsinn, die paar Verwandten! Bis zum fünfundvierzigsten Jahr saß sie -als alte Jungfer da, ohne eine Kopeke, dann hat sie endlich diesen von -Lembke erwischt und nun ist ihr ganzer Ehrgeiz seine Karriere.« - -»Es heißt, sie sei zwei Jahre älter als er?« - -»Fünf Jahre. Ihre Mutter hat mich in Moskau umschmeichelt, damit ich sie -zu den Bällen einlud, damals zu Wszewolod Nicolajewitschs Lebzeiten. Die -Tochter aber saß dann ohne Tänzer da, bis ich ihr aus Mitleid nach -Mitternacht den ersten Kavalier zuschickte. Niemand wollte sie mehr -einladen ... Ich sage Ihnen, wie ich jetzt nach Paris kam, stieß ich -sofort auf eine Intrige. Sie haben doch soeben jenen Brief der Drosdowa -gelesen; was konnte noch klarer sein? Aber was fand ich? Diese dumme -Drosdowa -- sie ist immer dumm gewesen -- sieht mich fragend an: warum -ich denn gekommen sei? Sie können sich meine Verwunderung vorstellen! -Aber natürlich: da intrigiert diese Lembke und dann ist da dieser -Vetter, ein Neffe des seligen Drosdoff, -- da war mir alles klar! Ich -habe dann alles wieder zurechtgerückt; und Praskowja ist nun wieder auf -meiner Seite; aber es war eine richtige Intrige im Gange!« - -»Die Sie indes besiegt haben. Sie sind ein Bismarck!« - -»Auch ohne ein Bismarck zu sein, kann ich Falschheit und Dummheit -erkennen, wo ich ihnen begegne. Die Lembke ist falsch und Praskowja ist -dumm. Selten habe ich eine so verdrossene Frau gesehen wie die, dazu hat -sie noch geschwollene Füße und zum Überfluß ist sie noch gutmütig. Es -gibt wohl nichts dümmeres als einen gutmütigen Dummkopf!« - -»Doch, einen bösen Dummkopf, _ma bonne amie_,{[16]} ein böser Dummkopf -ist noch viel dümmer.« - -»Vielleicht haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an Lisa?« - -»_Charmante enfant!_«{[17]} - -»Aber jetzt nicht mehr _enfant_, sondern Weib, und ein Weib mit -Charakter. Ein edler und feuriger Mensch, und ich liebe es an ihr, daß -sie der Mutter nicht gehorcht, dieser leichtgläubigen Närrin. Wegen -dieses Vetters kam es da fast zu einem ganzen Drama.« - -»Ach richtig, er ist ja mit Lisa persönlich gar nicht verwandt[25] ... -Hat er denn Absichten?« - -»Sehen Sie, er ist ein junger Offizier, sehr schweigsam, sogar -bescheiden. Ich will immer gerecht sein. Ich glaube, er ist selbst gegen -diese Intrige und hat keine Wünsche, nur die Lembke scheint da -intrigiert zu haben. Er achtete _Nicolas_ sehr. Sie verstehen, die ganze -Sache hängt von Lisa ab. Als ich sie in der Schweiz verließ, stand sie -sich mit _Nicolas_ ausgezeichnet, und er hat mir versprochen, im -November herzukommen. Folglich war das nur eine Intrige der Lembke, und -Praskowja war einfach blind. Plötzlich sagt sie mir, meine Vermutungen -seien einfach Einbildung. Da habe ich ihr aber ins Gesicht gesagt, daß -sie eine Närrin ist. Wenn mich nicht _Nicolas_ gebeten hätte, es -vorläufig aufzuschieben, wäre ich nicht heimgereist, ohne dieses falsche -Frauenzimmer entlarvt zu haben. Sie hat sich durch _Nicolas_ beim Grafen -K. einzuschmeicheln, hat Mutter und Sohn zu entzweien versucht. Aber -Lisa ist auf unserer Seite und mit Praskowja habe ich mich verständigt. -Wissen Sie, daß Karmasinoff mit ihr verwandt ist?« - -»Was? Verwandt mit Frau von Lembke?« - -»Nun ja. Aber nur entfernt verwandt.« - -»Karmasinoff, der Novellist?« - -»Nun ja doch, der Schriftsteller, worüber wundern Sie sich? Natürlich -hält er sich selbst für eine Größe. Ein aufgeblasener Wicht! Sie wird -mit ihm zusammen herkommen, jetzt macht sie sich dort mit ihm wichtig. -Hier will sie literarische Abende veranstalten. Er kommt auf einen -Monat, um hier sein letztes Gut zu verkaufen. Fast wäre ich mit ihm in -der Schweiz zusammengetroffen, was ich durchaus nicht wollte. Übrigens -hoffe ich doch, daß er geruhen wird, mich wiederzuerkennen. Früher hat -er in meinem Hause verkehrt, hat Briefe an mich geschrieben. Es wäre mir -lieb, wenn Sie sich sorgfältiger kleideten, Stepan Trophimowitsch; Sie -werden mit jedem Tage nachlässiger ... Wissen Sie denn nicht, wie mich -das quält! Was lesen Sie jetzt?« - -»Ich ... ich ...« - -»Verstehe schon. Wie gewöhnlich die Freunde, die Gelage, der Klub, die -Karten und der Ruf eines Atheisten. Dieser Ruf gefällt mir nicht, -besonders jetzt möchte ich ihn nicht hören. Das ist doch alles nur -leeres Geschwätz. Das muß doch einmal gesagt werden.« - -»_Mais, ma chère_{[18]} ...« - -»Hören Sie mich an: in allen gelehrten Fragen bin ich natürlich -unwissend, ein Laie, im Vergleich zu Ihnen, aber auf der Heimreise habe -ich viel über Sie nachgedacht. Und ich bin zu einer Einsicht gelangt.« - -»Und zu welcher?« - -»Zu der, daß nicht wir beide die Klügsten auf der Welt sind, sondern daß -es auch noch klügere gibt als wir.« - -»Das ist sowohl scharfsinnig wie treffend gesagt. _Mais, ma bonne -amie_,{[19]} wenn ich auch das Rechte, nehmen wir an, nicht am besten -weiß und mich objektiv vielleicht irre, so habe ich doch mein allgemein -menschliches, ewiges, höheres Recht auf mein freies Gewissen? Ich habe -doch das Recht, kein Heuchler und Fanatiker zu sein, wenn ich das nicht -sein will, und dafür werde ich naturgemäß, solange die Welt steht, von -verschiedenen Leuten gehaßt werden. _Et puis, comme on trouve toujours -plus de moines que de raison_,{[20]} und da das ganz meine Meinung ist -...« - -»Wie, wie war das, was sagten Sie da? Das stammt gewiß nicht von Ihnen, -das haben Sie bestimmt irgendwo gelesen?« - -»Das hat Pascal gesagt.« - -»Das hab' ich mir doch gleich gedacht ... daß es kein Ausspruch von -Ihnen ist! Warum sagen Sie niemals etwas so kurz und treffend, sondern -ziehen alles immer so in die Länge? ...« - -»_Ma foi, chère_{[21]} ... warum? Erstens wahrscheinlich deshalb, weil -ich immerhin nicht Pascal bin, _et puis_{[22]} ... zweitens, weil wir -Russen in unserer Sprache nichts auszudrücken verstehen ... Wenigstens -haben wir bisher noch nichts in ihr ausgedrückt ...« - -»Hm! Darin haben Sie vielleicht doch nicht recht. Aber könnten Sie sich -denn nicht wenigstens solche Aussprüche aufschreiben oder merken, für -den Fall, wissen Sie, wenn das Gespräch ... Ach, Stepan Trophimowitsch, -ich habe mir unterwegs vorgenommen, einmal ernst mit Ihnen zu sprechen, -sehr ernst.« - -»_Chère, chère amie!_« - -»Jetzt, wo alle diese Lembkes und Karmasinoffs ... Oh Gott, wie sind Sie -heruntergekommen! Oh, wie Sie mich damit quälen! ... Ich möchte, daß -diese Menschen Hochachtung vor Ihnen empfänden, denn sie sind ja alle -nicht einmal soviel wert wie ein Finger von Ihnen, Ihr kleiner Finger, -aber Sie, wie halten Sie sich! Was werden diese Leute in Ihnen sehen? -Wen kann ich ihnen präsentieren? Statt vornehm als Zeuge dazustehn, ein -Beispiel zu sein, umgeben Sie sich mit solch einem Pack, Sie haben -unmögliche Gewohnheiten angenommen, sind alt geworden, können ohne Wein -und Karten nicht mehr leben, Sie lesen nur noch Paul de Kock und -schreiben selbst überhaupt nichts mehr, während die dort alle schreiben. -Ihre ganze Zeit vergeuden Sie im Geschwätz. Ist es denn möglich, darf -man sich denn das erlauben, sich mit solchem Gesindel anzufreunden, wie -es Ihr ewiger Liputin ist?« - -»Warum denn >mein ewiger Liputin<?« protestierte Stepan Trophimowitsch -schüchtern. - -»Und Schatoff? Ist er immer noch derselbe?« - -»_Irascible, mais bon._«{[23]} - -»Ich kann Ihren Schatoff nicht ausstehen; er ist böse und eingebildet!« - -»Wie geht es Darja Pawlowna?« - -»Sie fragen nach Dascha? Wie kommen Sie plötzlich darauf?« Warwara -Petrowna sah ihn forschend an. »Sie ist gesund. Ich habe sie bei -Drosdoffs gelassen ... In der Schweiz habe ich etwas über Ihren Sohn -gehört; Schlechtes, nicht Gutes.« - -»_Oh, c'est une histoire bien bête! Je vous attendais, ma bonne amie, -pour vous raconter_{[24]} ...« - -»Genug, Stepan Trophimowitsch, gönnen Sie mir Ruhe, ich bin ohnehin -erschöpft. Wir werden noch Zeit haben, uns auszusprechen, besonders über -das Schlechte. Wenn Sie lachen, spritzt jetzt von Ihren Lippen schon -Speichel, das ist ja bereits greisenhaft! Und wie sonderbar Sie jetzt -immer lachen ... Gott, wie viele schlechte Gewohnheiten Sie angenommen -haben! Karmasinoff wird Ihnen bestimmt keinen Besuch machen! Hier aber -sind alle schon ohnehin froh über ... Erst jetzt zeigen Sie sich in -Ihrer wahren Gestalt. Aber genug, genug, ich bin müde! Sie könnten doch -wahrlich endlich einmal auf einen Menschen Rücksicht nehmen!« - -Stepan Trophimowitsch nahm also »Rücksicht auf einen Menschen«, aber er -entfernte sich verwirrt. - - - V. - -Unser Freund hatte in der Tat nicht wenige schlechte Gewohnheiten -angenommen, besonders in der letzten Zeit. Er war sichtlich und schnell -heruntergekommen, und es war richtig, er vernachlässigte auch schon sein -Äußeres. Er trank auch mehr, wurde weinerlicher und nervöser; seine -Liebe zum Schönen aber war schon zu einer Übersensibilität geworden. -Sein Gesicht hatte die seltsame Fähigkeit erlangt, erstaunlich schnell -den Ausdruck zu wechseln, z. B. die feierlichste Miene im Nu in einen -komischen oder sogar dummen Ausdruck zu verwandeln. Einsamkeit ertrug er -überhaupt nicht mehr und wollte beständig unterhalten sein, sei es mit -Stadtklatsch oder Anekdoten, wenn es nur etwas Neues war. Kam längere -Zeit niemand zu ihm, so wanderte er trübselig durch die Zimmer, trat ans -Fenster, sah gedankenverloren hinaus, schob dabei die Lippen hin und -her, seufzte tief und schließlich begann er fast zu flennen. Er glaubte -immer, Vorahnungen zu haben, fürchtete etwas Unerwartetes, -Unabwendbares, wurde schreckhaft und achtete sehr auf seine Träume. - -Diesen Tag und den Abend verbrachte er sehr traurig. Er ließ mich zu -sich bitten, war sehr aufgeregt, erzählte viel, aber recht -zusammenhanglos. Es schien mir schließlich, daß ihn etwas Besonderes -bedrückte, etwas, das er sich vielleicht selber nicht erklären konnte. -Sonst hatte er bei solchen Gelegenheiten, wenn er mir vorzuklagen -begann, nach einer Weile immer ein Fläschchen bringen lassen, und alles -war dann bald in weit tröstlicherem Lichte erschienen. Diesmal aber -unterdrückte er sichtlich mehrmals den erwachenden Wunsch, eine Flasche -bringen zu lassen. -- »Und worüber ärgert sie sich denn eigentlich?« -klagte er wie ein Kind. »_Tous les hommes de génie et de progrès en -Russie étaient, sont et seront toujours des_ Kartenspieler _et des_ -Trinker _qui boivent_{[25]} anfallweise ... ich aber bin noch lange kein -so großer Spieler und Trinker ... Sie macht mir Vorwürfe, warum ich -nichts schreibe! Sonderbarer Einfall! ... Warum ich nichts tue! Sie -sagt, ich müsse als Beispiel und Vorwurf dastehen! _Mais entre nous soit -dit_,{[26]} was kann denn ein Mensch, dessen Bestimmung es ist, als -verkörperter Vorwurf dazustehen, anderes tun als Nichtstun, -- weiß sie -das denn nicht?« - -Und schließlich erriet ich auch jenen wichtigsten und besonderen Kummer, -der ihn diesmal so unablässig quälte. Er war schon mehrere Male vor dem -Spiegel stehen geblieben. Schließlich wandte er sich von ihm ab und -sagte in einer seltsamen Verzweiflung: - -»_Mon cher, je suis un_{[27]} heruntergekommener Mensch!« - -Ja, in der Tat, bis dahin, bis zu diesem Tage war er wenigstens von -einem beständig überzeugt geblieben, trotz aller »neuen Anschauungen« -und »Ideenänderungen« Warwara Petrownas, nämlich davon, daß er für ihr -weibliches Herz immer noch bezaubernd sei, d. h. nicht nur als -Verbannter oder als berühmter Gelehrter, sondern auch als schöner Mann. -Zwanzig Jahre lang hatte diese schmeichelhafte und beruhigende -Überzeugung tief verwurzelt in ihm gelebt, und vielleicht fiel ihm -nichts so schwer, wie daß er von allen seinen Überzeugungen ausgerechnet -diese aufgeben mußte. Ahnte er vielleicht an diesem Abend, welch eine -ungeheure Prüfung ihm schon in so naher Zukunft bevorstand? - - - VI. - -Ich komme jetzt zu der Wiedergabe jenes zum Teil vergessenen -Geschehnisses, mit dem meine Chronik eigentlich erst beginnt. - -Ende August kehrten Drosdoffs zurück. Sie trafen kurz vor ihrer -Verwandten ein, der lange von der ganzen Stadt erwarteten Gattin unseres -neuen Gouverneurs, und überhaupt machte ihr Erscheinen bei uns einen -auffallenden Eindruck in der Gesellschaft. Doch davon später; hier sei -nur bemerkt, daß Praskowja Iwanowna der sie ungeduldig erwartenden -Warwara Petrowna ein höchst beunruhigendes Rätsel mitbrachte: _Nicolas_ -hatte sich bereits im Juli von ihnen getrennt und war mit der Familie -des Grafen K. nach Petersburg zurückgekehrt. (_NB._ Der Graf hatte drei -heiratsfähige Töchter.) - -»Von Lisaweta habe ich nichts erfahren können, aus diesem stolzen -Trotzkopf ist ja nichts herauszubringen,« schloß Praskowja Iwanowna, -»aber ich habe ja selbst gesehen, daß zwischen ihr und _Nicolas_ etwas -vorgefallen ist. Die Ursache ist mir unbekannt, aber ich glaube, Sie -werden sich, meine Liebe, nach diesen Ursachen am besten bei Ihrer Darja -Pawlowna erkundigen. Meiner Meinung nach ist Lisa gekränkt worden. Ich -bin nur froh, daß ich Ihren Liebling Dascha endlich wieder Ihnen -abliefern kann. Gott sei Dank, nun bin ich sie los!« - -Doch mit diesen giftigen, offenbar absichtlich so vielsagenden Worten -geriet sie an die Falsche: Warwara Petrowna verlangte sofort streng eine -nähere Erklärung. Praskowja Iwanowna wurde hierauf sehr viel -kleinlauter, ja schließlich begann sie zu weinen und ihr Herz -auszuschütten. Es sei also zwischen Lisa und _Nicolas_ tatsächlich zu -einem Zerwürfnis gekommen, doch Gott weiß aus welchem Grunde. Ihre -Anspielung auf Darja Pawlowna nahm sie wieder zurück und bat sogar -ausdrücklich, ihre »in der Gereiztheit« gesprochenen Worte ganz zu -vergessen. Zu jenem Zerwürfnis hätte wohl der »trotzige und spöttische« -Charakter Lisas den Anstoß gegeben, und der »stolze« _Nicolas_ sei zwar -sehr verliebt gewesen, habe aber die Spötteleien doch nicht ertragen und -selbst zu spotten begonnen. Kurz, alle diese Erklärungen kamen sehr -unklar heraus. Und dann hätten sie noch Stepan Trophimowitschs Sohn -kennen gelernt, -- »Das war ein ganz gewöhnlicher junger Mann, sehr -lebhaft und frei, aber sonst nichts Besonderes.« Diesen jungen Mann habe -nun Lisa unrechterweise sehr bevorzugt, wohl um _Nicolas_ eifersüchtig -zu machen, nur sei ihr das nicht gelungen: statt eifersüchtig zu werden, -habe _Nicolas_ sich selbst mit dem jungen Manne befreundet, ganz als -bemerke er nichts oder als wäre ihm das ganz gleichgültig. »Nun und das -empörte Lisa. Der junge Mann reiste übrigens bald weiter, Lisa aber -begann nun bei jeder Gelegenheit Streit mit _Nicolas_. Sie bemerkte, daß -dieser manchmal mit Dascha sprach, und das ärgerte sie furchtbar. Da -gab's denn ewig Streit und für mich Aufregungen die aber hatten die -Ärzte mir doch so verboten! Und plötzlich erhielt _Nicolas_ von der -Gräfin einen Brief und reiste sofort ab. Ihr Abschied war wieder -freundschaftlich. Auf dem Wege zur Bahnstation, wohin wir ihn -begleiteten, war Lisa sehr lustig und lachte viel. Alles Verstellung -natürlich! Kaum aber war er weg, da wurde sie sehr nachdenklich, -erwähnte ihn überhaupt nicht mehr und ließ auch mich nicht einmal von -ihm sprechen. Meine Bemerkung über Dáschachen aber war falsch, nehmen -Sie es mir nicht übel, Mütterchen, verzeihen Sie mir schon die Sünde! Es -waren ja nur ganz gewöhnliche Gespräche, die laut geführt wurden. Mich -hat das alles nur so nervös gemacht. Aber auch Lisa verhält sich zu -Dascha jetzt wieder so freundlich, wie sie vorher verkehrten. Und mit -_Nicolas_ wird sie sich gewiß ebenso aussöhnen, wenn er nur bald herkäme -...« - -Warwara Petrowna sagte nur, sie kenne Darja und das sei alles Unsinn. An -_Nicolas_ aber schrieb sie noch am selben Tage und bat ihn sehr, doch -wenigstens einen Monat früher zu kommen als er versprochen hatte. -- Und -doch blieb für sie etwas Unklares in der ganzen Sache: »_Nicolas_ ist -nicht der Mann, der vor dem Spott eines Mädchens davonläuft ... Jenen -Offizier haben sie richtig mitgebracht und als Verwandten im Hause -einquartiert. Wie kam diese Praskowja darauf, Darja so zu verdächtigen? -Und dann diese schnelle Entschuldigung ... Sicher steckt etwas dahinter, -was sie nicht sagen wollte, aber zu plump angedeutet hatte« ... Warwara -Petrowna dachte die ganze Nacht darüber nach. Zum Morgen hin aber war -ihr Plan fertig, wie sie wenigstens _ein_ Hindernis beseitigen könnte. -Das war nun freilich ein sehr merkwürdiger Plan, und was in ihrem Herzen -vorging, als sie diesen Entschluß faßte, weiß ich nicht, noch werde ich -versuchen, alle Widersprüche, die er enthielt, zu erklären. Bemerken muß -ich nur, daß bis zum Morgen nicht der geringste Verdacht gegen Dascha in -ihr zurückgeblieben war. Aber sie hätte es ja auch nie für möglich -gehalten, daß ihr _Nicolas_ sich für diese ihre ... »Darja« lebhafter -interessieren könnte. Am Morgen, als Dascha am Teetisch hantierte, sah -Warwara Petrowna sie lange und prüfend an und sagte sich schließlich -wohl zum zwanzigsten Male überzeugt: »Alles Unsinn!« Es fiel ihr nur -auf, daß Dascha seltsam müde aussah und noch stiller war als gewöhnlich. -Nach dem Tee setzten sie sich beide wie immer an eine Handarbeit und -Warwara Petrowna ließ sich nun einen ausführlichen Bericht über die -Eindrücke erstatten, die Dascha im Auslande empfangen hatte, über die -Natur, die Menschen, Sitten, Kunstwerke, Gewerbe usw. Nur über Drosdoffs -und das Leben bei diesen stellte sie nicht eine Frage. Als Dascha eine -halbe Stunde mit ihrer gleichmäßigen, eintönigen, aber etwas schwachen -Stimme erzählt hatte, unterbrach sie sie plötzlich: - -»Darja, hast du mir denn nichts Eigenes zu sagen?« - -»Nein, ich habe nichts,« antwortete Dascha nach einem ganz kurzen -Nachdenken und sah Warwara Petrowna mit ihren hellen Augen an. - -»Auf der Seele, auf dem Herzen, auf dem Gewissen?« - -»Nichts,« wiederholte Dascha leise, doch wie mit einer finsteren -Festigkeit. - -»Wußte ich's doch! Damit du's weißt, Dascha, ich werde nie an dir -zweifeln. Aber setze dich hierher, auf diesen Stuhl, damit ich dich -besser sehen kann, und höre mich an. So. Also höre jetzt: willst du -nicht heiraten?« - -Dascha antwortete nur mit einem fragenden, langen, übrigens nicht einmal -allzu verwunderten Blick. - -»Wart; sei still! Erstens ist da ein Unterschied in den Jahren, ein sehr -großer sogar, aber das ist doch nur dummes Gerede. Du bist vernünftig, -in deinem Leben soll es keine Fehler geben. Übrigens ist er noch ein -schöner Mann ... Kurz, ich meine Stepan Trophimowitsch, den du immer so -geachtet hast. Nun?« - -Dascha sah sie noch fragender an, jetzt aber nicht nur erstaunt, sondern -auch sichtbar errötend. - -»Wart, sei still, überlege es! Meinem Testament zufolge hast du zwar -Geld. Aber wenn ich sterbe, was wird dann aus dir, selbst mit diesem -Gelde? Man wird dich doch betrügen, dich ums Geld bringen und dann bist -du verloren. Heiratest du aber ihn, so bist du die Frau eines -angesehenen Mannes. Und andererseits: sterbe ich, was wird dann aus ihm, -wenn ich auch seine Existenz sichergestellt habe? Auf dich aber kann ich -mich verlassen. Wart, ich habe noch nicht zu Ende gesprochen: er ist -leichtsinnig, träge, charakterlos, grausam, egoistisch, hat häßliche -Schwächen, aber du schätze ihn trotzdem, erstens schon deshalb, weil es -noch viel schlechtere gibt. Warum schweigst du und siehst nicht auf? -- -Warte, sei noch still! Er ist ein altes Weib, aber um so besser für -dich. Ein bemitleidenswertes Weib. Er verdiente es gar nicht, von einer -Frau geliebt zu werden. Aber wegen seiner Schutzlosigkeit verdient er es -schließlich doch; also liebe du ihn auch deswegen. Du verstehst mich -doch?« (Dascha nickte.) »Das wußte ich, habe auch nichts anderes von dir -erwartet. Er wird dich lieben, denn er muß es, er muß! Muß dich -vergöttern!« (Ihre Stimme klang seltsam gereizt und hart.) »Übrigens -wird er sich auch so schon in dich verlieben, ich kenne ihn doch. Zudem -werde ich ja selbst hier sein. Sei unbesorgt, ich werde schon nach dem -Rechten sehen. Er wird sich über dich beklagen, wird dich verleumden, -mit dem ersten besten über dich sprechen, wird dir Briefe schreiben aus -dem Nebenzimmer, sogar zwei am Tage, aber ohne dich wird er doch nicht -leben können, und das ist schließlich die Hauptsache. Zwinge ihn, dir zu -gehorchen; verstehst du das nicht, ist's dein eigener Schade. Er wird -sich erhängen wollen, wird dir damit drohen -- glaube ihm nichts; das -ist alles Unsinn; aber sei trotzdem vorsichtig, denn vielleicht ist die -Stunde verhängnisvoll und er tut es wirklich. Das kommt vor bei solchen -Menschen; nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche hängen sie sich auf; -und darum bringe ihn nie zum Äußersten, -- das ist der erste Grundsatz -in der Ehe. Und vergiß auch nicht, daß er ein Dichter ist. Höre, Darja: -es gibt kein größeres Glück als sich zu opfern. Und außerdem tust du mir -damit einen großen Gefallen, und das ist die Hauptsache. Denke nicht, -daß ich mich aus Dummheit soeben versprochen habe; ich weiß, was ich -sage. Ich bin egoistisch; sei du es auch. Ich will dich ja nicht -zwingen; alles hängt von dir ab; wie du entscheidest, so wird es sein. -Nun, warum sitzt du so da, sag' jetzt etwas!« - -»Mir ist alles gleich, Warwara Petrowna, wenn ich schon unbedingt -heiraten soll,« sagte Dascha mit fester Stimme. - -»Unbedingt? Was willst du damit andeuten?« Warwara Petrowna sah sie -streng und unverwandt an. Dascha schwieg und kratzte mit der Nadel am -Stickrahmen. -- »Du bist sonst zwar gescheit, jetzt aber irrst du dich -doch. Es ist mir jetzt doch nur seinetwegen in den Sinn gekommen, dich -zu verheiraten. Gäbe es keinen Stepan Trophimowitsch, so dächte ich gar -nicht daran, obwohl du bereits zwanzig Jahre alt bist ... Nun?« - -»Ich werde tun, was Sie wünschen.« - -»Also du bist einverstanden! Wart, sei still, wohin willst du? Ich bin -noch nicht fertig. In meinem Testament habe ich dir fünfzehntausend -Rubel vermacht. Die gebe ich dir aber schon jetzt sofort nach der -Trauung. Davon wirst du ihm achttausend geben, d. h. nicht ihm, sondern -mir. Denn er hat eine Schuld von achttausend, die ich bezahlen werde, -nur soll er wissen, daß es mit deinem Gelde geschieht. Siebentausend -behältst du demnach, davon gib ihm nichts, nicht einen Rubel. Bezahle -nie seine Schulden. Tust du es einmal, nimmt das Ausbeuten kein Ende. -Ihr werdet von mir fünfzehnhundert Rubel jährlich bekommen, außer der -Wohnung und Beköstigung, die ihr auch weiterhin von mir erhalten werdet. -Dieses Jahrgeld werde ich dir als ganze Summe auszahlen, in jedem Jahr, -unmittelbar in deine Hände. Aber sei auch gut zu ihm und gib ihm -zuweilen etwas, und auch seinen Freunden mußt du schon erlauben, ihn zu -besuchen, einmal wöchentlich. Kommen sie öfter, so wirf sie hinaus. Aber -ich werde ja immer hier sein. Sterbe ich, so bekommt ihr die Pension bis -zu seinem Tode, hörst du, bis zu _seinem_ Tode, denn es ist _seine_ und -nicht deine Pension. Dir aber werde ich außer den siebentausend, die du -dir, wenn du nicht dumm bist, unangebrochen aufheben kannst, noch -weitere achttausend testamentarisch vermachen. Aber mehr bekommst du -nicht von mir. Damit du's weißt. Nun, bist du einverstanden? Aber nun -antworte doch endlich!« - -»Ich habe schon geantwortet, Warwara Petrowna.« - -»Vergiß nicht, daß es dein freier Wille ist.« - -»Erlauben Sie nur, Warwara Petrowna, hat Stepan Trophimowitsch schon mit -Ihnen davon gesprochen?« - -»Nein, er hat nichts gesprochen und weiß überhaupt nichts davon, aber -... er wird sofort sprechen!« -- Sie stand hastig auf und nahm ihren -schwarzen Schal. Dascha errötete wieder ein wenig und sah ihr mit -fragendem Blick nach. Plötzlich wandte sich Warwara Petrowna mit -zornflammendem Gesicht zu ihr um und fuhr sie wie ein Habicht an: »Du -Törin! Du undankbare Törin! Glaubst du wirklich, daß ich dich auch nur -im geringsten bloßstellen werde? Auf den Knien wird er dich anflehen, er -wird vergehen müssen vor Glück, _so_ wird das geschehen! Oder glaubst -du, daß er dich um dieser Achttausend willen nehmen wird und ich jetzt -hinlaufe, um dich zu verkaufen? Törin, Törin, alle seid ihr undankbare -Törinnen! Gib mir meinen Schirm!« - -Und sie begab sich zu Fuß zu Stepan Trophimowitsch. - - - VII. - -In der Tat: sie glaubte aufrichtig, mit dieser Verheiratung Darja nichts -Böses anzutun; im Gegenteil, sie hielt sich jetzt erst recht für deren -Wohltäterin. Um so größer war daher ihr Unwille, als sie den unsicheren -und mißtrauischen Blick ihrer Pflegetochter bemerkte. Sie liebte sie -aufrichtig; ja, Praskowja Iwanowna hatte recht, wenn sie Dascha ihren -»Liebling« nannte. Warwara Petrowna hatte sich schon früh gesagt, als -Dascha noch ein Kind war, der Charakter dieses Mädchens gleiche -entschieden nicht dem ihres Bruders Iwan Schatoff, sie sei still, sanft, -sehr aufopferungsfähig, treu, überaus bescheiden, verständig und, was -die Hauptsache war, dankbar. »In diesem Leben werden keine Fehler -vorkommen,« sagte sie, als Dascha zwölf Jahre alt war, und da es ihre -Art war, sich für jeden Einfall, der ihr gefiel, eigensinnig und -leidenschaftlich einzusetzen, hatte sie dann sofort beschlossen, Dascha -wie eine leibliche Tochter zu erziehen. Sie legte für sie ein Kapital -beiseite und nahm eine Gouvernante ins Haus, Miß Criggs, die bis zu -Daschas sechzehntem Jahre bei ihnen blieb. Dann setzten Lehrer vom -Gymnasium, ein Franzose und eine arme adelige Dame, die Klavierstunden -gab, den Unterricht fort. Aber der Hauptpädagoge war doch Stepan -Trophimowitsch, der eigentlich Dascha »entdeckt« und das stille Kind -schon unterrichtet hatte, als es von Warwara Petrowna noch gar nicht -beachtet wurde. Ich weise nochmals darauf hin: es war erstaunlich, wie -Kinder an ihm hingen. Auch Lisa hatte er von ihrem achten bis elften -Jahre unterrichtet (selbstredend unentgeltlich). Er hatte sich in das -reizende Kind ganz verliebt und erzählte ihr wie schöne Dichtungen die -Einrichtung der Welt, die Geschichte der Menschheit und der ersten -Völker. Das war fesselnder als arabische Märchen. Lisa verging vor -Begeisterung für diese Geschichten, zu Hause aber kopierte sie ihren -Lehrer in einer höchst drolligen Weise. Als dieser sie einmal dabei -überraschte, flog sie ihm in ihrer Verlegenheit einfach an den Hals und -begann zu weinen. Er aber weinte gleich mit: vor lauter Entzücken. Bald -aber reiste Lisa weg und die kleine Dascha blieb allein. Später überließ -er den Unterricht den Lehrern, die ins Haus kamen, und kümmerte sich -lange Zeit gar nicht mehr um sie. Einmal aber, als Dascha bereits -siebzehn war, fiel ihm bei Tisch plötzlich ihre Lieblichkeit auf. Er -begann mit ihr zu sprechen, war ersichtlich sehr zufrieden mit ihren -Antworten und fragte sie zum Schluß, ob sie nicht mit ihm die Geschichte -der russischen Literatur durchnehmen wolle. Warwara Petrowna lobte ihn -für den guten Gedanken und dankte ihm. Dascha aber war selig. Doch als -er nach den ersten paar Stunden ankündigte, das nächste Mal würden sie -das Igorlied durchnehmen, erklärte plötzlich Warwara Petrowna, die wie -immer zugegen war, daß es weitere Stunden nicht mehr geben werde. Stepan -Trophimowitsch straffte sich, schwieg aber; Dascha wurde feuerrot. -- -Das hatte sich genau drei Jahre vor Warwara Petrownas jetzigem -unverhofften Einfall zugetragen. - -Der arme Stepan Trophimowitsch saß ahnungslos allein zu Hause und hielt -trübselig schon lange Ausschau, ob denn nicht ein Bekannter zu ihm -komme. Aber es wollte keiner kommen. Ein feiner Sprühregen fiel; es -wurde kalt. Er seufzte. Plötzlich sahen seine Augen eine erschreckende -Vision: Warwara Petrowna, bei diesem Wetter, auf dem Wege zu ihm! Und zu -Fuß! Er war so verblüfft, daß er alles vergaß und sie empfing wie er -war: in seiner fraisefarbenen wattierten Hausjacke. - -»_Ma bonne amie!_«{[16]} rief er ihr mit schwacher Stimme entgegen. - -»Sie sind allein, das freut mich. Ich kann Ihre Freunde nicht ausstehen. -Wie das hier wieder vollgeraucht ist! Und das Frühstück noch nicht -beendet, dabei ist es schon zwölf! Wahrhaftig: Unordnung ist doch Ihre -Seligkeit. Und Ihr einziges Behagen. Was sind das für Papierfetzchen auf -dem Fußboden? Nastassja, Nastassja! Mach' mir mal hier alle Fenster auf, -Mütterchen! Wir gehen in den Salon. Ich habe mit Ihnen zu reden. Du aber -fege hier doch wenigstens einmal im Leben aus! ... Schließen Sie gut die -Tür, Nastassja wird natürlich horchen. Setzen Sie sich und hören Sie zu. -Wohin, wohin? Wohin wollen Sie?« - -»Ich ... sofort ... ich bin sofort wieder da ...« - -»Ah, Sie haben den Rock gewechselt.« Sie musterte ihn spöttisch. »Der -paßt allerdings besser zu ... unserem Gespräch. Aber so setzen Sie sich -doch endlich, ich bitte Sie!« - -Sie erklärte ihm alles mit einem Schlage, scharf und einleuchtend. Sie -streifte auch die Achttausend, die er so nötig hatte. Sie sprach -ausführlich von der Mitgift. Er riß die Augen auf und begann zu zittern. -Er hörte alles, aber er konnte nichts klar erwägen. Er wollte etwas -entgegnen, aber die Stimme versagte. - -»_Mais, ma bonne amie_, zum _dritten_ Mal und in meinen Jahren, und mit -einem solchen Kinde!« brachte er schließlich hervor. »_Mais c'est une -enfant!_«{[28]} - -»Das schon zwanzig Jahre alt ist, gottlob! Sie sind ein sehr kluger und -gelehrter Mann, aber vom Leben verstehen Sie nichts. Sie werden ewig -eine Kinderfrau nötig haben. Sterbe ich, was wird dann aus Ihnen? Sie -aber ist ein bescheidenes, verständiges, charakterfestes Mädchen; zudem -werde ich ja selbst immer hier sein, ich sterbe ja nicht gleich. Sie ist -häuslich, ist ein Engel an Sanftmut. Dieser glückliche Gedanke kam mir -schon in der Schweiz. Begreifen Sie auch: ich selbst sage es Ihnen, daß -sie ein Engel ist!« rief sie plötzlich jähzornig. »Sie bilden sich wohl -ein, daß ich Sie noch bitten, alle Vorzüge aufzählen muß! Nein, Sie -müßten auf den Knien ... Oh, Sie leerer, leerer, engherziger Mensch!« - -»Aber ich ... ich bin doch schon ein Greis!« - -»Fünfzig Jahre sind nicht das Ende, sondern nur die Hälfte des Lebens. -Sie sind ein schöner Mann und wissen das selbst. Sie wissen auch, wie -sehr Dascha Sie verehrt. Und wenn ich sterbe, was wird dann aus ihr? Sie -haben einen angesehenen Namen, ein liebevolles Herz. Sie werden sie -bilden, werden sie retten, ja retten! Inzwischen wird auch Ihr Werk -fertig werden und das wird Ihren Ruhm erneuern ...« - -»Allerdings ... bin ich gerade im Begriff, meine >Skizzen aus der -spanischen Geschichte< vorzunehmen ...« - -»Nun sehen Sie, das trifft sich ja ausgezeichnet.« - -Stepan Trophimowitsch schwindelte der Kopf; die Wände drehten sich um -ihn herum. »_Excellente amie!_«{[12]} ... seine Stimme zitterte -plötzlich, »ich ... ich hätte nie gedacht, daß Sie mich je mit ... einer -anderen ... verheiraten könnten!« - -»Sie sind doch kein junges Mädchen, das man verheiratet, Sie heiraten -doch selbst,« stieß sie giftig hervor. - -»_Oui, j'ai pris un mot pour un autre ... Mais ... c'est égal_{[29]} -...« Er sah sie wie verloren an. - -»Das sehe ich, daß Ihnen das _égal_{[30]} ist,« sagte sie mit bissiger -Verachtung. »Herrgott, er wird ja ohnmächtig! Nastassja, Nastassja! -Wasser!« -- Aber er kam schon wieder zu sich. Warwara Petrowna nahm -ihren Schirm. »Ich sehe, daß man mit Ihnen jetzt nicht reden kann ...« - -»_Oui, oui, je suis incapable_{[31]} ...« - -»Aber bis morgen müssen Sie sich erholt und entschlossen haben. Bleiben -Sie zu Hause. Aber schreiben Sie mir keine Briefe; werde sie nicht -lesen. Morgen werde ich um dieselbe Zeit wiederkommen, allein, und ich -hoffe, daß Ihre Antwort eine befriedigende sein wird. Sorgen Sie dafür, -daß dann niemand hier ist und daß in den Zimmern Ordnung herrscht, denn -wie sieht das hier aus! Nastassja, Nastassja! ...« - -Natürlich war er am nächsten Tage einverstanden. Es blieb ihm ja auch -nichts anderes übrig, -- aus einem besonderen Grunde ... - - - VIII. - -Das Gut, das seine erste Frau hinterlassen hatte, gehörte nicht ihm, -sondern seinem Sohn. Stepan Trophimowitsch hatte es sozusagen nur -verwaltet und auf Grund einer Abmachung dem Sohn tausend Rubel jährlich -als Einnahme des Gutes zugesandt. Das heißt: diese Summe war regelmäßig -von Warwara Petrowna entrichtet worden, Stepan Trophimowitsch aber hatte -auch nicht einen Rubel dazu beigesteuert. Die ganze Einnahme vom Gut, -die übrigens nur fünfhundert Rubel im Jahre betrug, hatte er immer -selbst verbraucht, dazu das Gut schließlich noch ruiniert, da er es ohne -Warwara Petrownas Wissen an einen Händler verpachtet und den Wald, der -das Wertvollste war, nach und nach parzellenweise zum Abholzen verkauft -hatte, wenn er größere Spielverluste im Klub Warwara Petrowna doch nicht -zu gestehen wagte. Für diesen Wald, der etwa achttausend Rubel wert war, -hatte er im ganzen nur fünftausend erhalten. Sie knirschte natürlich, -als sie das schließlich erfuhr. Aber nun hatte der Sohn plötzlich -geschrieben, er werde kommen, um das Gut zu verkaufen, und den Vater -beauftragt, sich inzwischen nach Käufern umzusehen. Selbstredend schämte -sich nun Stepan Trophimowitsch bei seiner großzügigen und nicht -materialistischen Einstellung zu solchen Dingen vor _ce cher -fils_,{[32]} den er übrigens zuletzt vor neun Jahren in Petersburg als -Studenten gesehen hatte. Der Wert des Gutes war von etwa vierzehn- auf -kaum fünftausend Rubel gesunken. Wie sollte er das diesem Sohne nun -sagen? Freilich hätte er als offiziell Bevollmächtigter den Wald -verkaufen dürfen, und da dem Sohn jahrelang tausend Rubel statt etwa -fünfhundert geschickt worden waren, konnte er auch einer Abrechnung -ruhig entgegensehen. Doch Stepan Trophimowitsch war nun einmal ein -nobler Mensch, der Höheres im Sinne hatte. In seiner Phantasie stellte -er sich ein ganz anderes Bild vor: wie er diesem _cher fils_, wenn er -endlich kam, die _ganze_ Summe auf den Tisch legte, ohne die doppelt -gezahlten Jahresraten überhaupt zu erwähnen, wie er ihn unter Tränen -fest an seine Brust drückte und damit alle Abrechnungen für immer aus -der Welt schaffte. Vorsichtig hatte er auch Warwara Petrowna für dieses -schöne Bild zu gewinnen gesucht. Er deutete an, daß eine solche -Einstellung zu einer pekuniären Frage auch ihrer Freundschaft, der -»Idee« dieser Freundschaft noch eine besondere, edle Nuance verleihen -würde, sie, d. h. die Väter oder die frühere Generation überhaupt, als -so viel selbstloser und großmütiger im Vergleich zu der neuen -leichtsinnigen und sozialistischen Jugend hinstellen müßte. Er sprach -noch allerhand, aber sie schwieg. Schließlich teilte sie ihm nur trocken -mit, daß sie das Gut für siebentausend kaufen wolle. Doch von den -fehlenden Achttausend -- dem Wert des Waldes -- sprach sie kein Wort. -Das war etwa einen Monat vor dem Heiratsantrag geschehen. - -Was wir hier über diesen seinen Sohn wußten, waren eigentlich nur etwas -seltsame Gerüchte. Vor sechs Jahren hatte er das Studium an der -Universität beendet und sich dann ohne Beschäftigung in Petersburg -herumgetrieben. Plötzlich hieß es, er habe sich an der Abfassung einer -geheimen Proklamation beteiligt; und bald darauf verlautete, er sei -bereits in der Schweiz. Also geflüchtet. - -»Das wundert mich,« sagte damals Stepan Trophimowitsch, sichtlich -bestürzt »_Petrúscha -- c'est une si pauvre tête!_{[33]} ... Aber wissen -Sie, das kommt alles von eben diesem Unausgebrütetsein, und von der -Empfindsamkeit! Was sie fesselt, ist nicht der Realismus, sondern die -empfindsame, ideale Seite des Sozialismus, sozusagen seine religiöse -Färbung, seine Poesie ... ins Blaue hinein, natürlich. Und gerade mir, -mir muß das widerfahren! Ich habe hier schon so viele Feinde, _dort_ -noch mehr, man wird es also dem Einflusse des Vaters zuschreiben ... -Gott! Petrúscha ein Aufwiegler! In was für Zeiten leben wir!« - -Übrigens schickte »Petrúscha« aus der Schweiz sehr bald seine genaue -Adresse, damit ihm das Geld wie gewöhnlich zugesandt werde: also war er -doch kein Emigrant von jener Art. Und jetzt, nach etwa vierjährigem -Aufenthalt im Auslande, war er schon wieder im Vaterlande und kündete -sogar seinen Besuch an; somit konnte doch überhaupt keine Anklage gegen -ihn vorliegen. Ja, nicht nur das: es schien ihn jemand sogar zu -protegieren. Er schrieb jetzt aus Südrußland, wo er sich in jemandes -privatem Auftrage befand und etwas Wichtiges auszuführen hatte. Das war -ja alles sehr schön, aber woher nun die fehlenden Achttausend nehmen, um -den vollen Wert des Gutes auszahlen zu können? Wie nun, wenn es statt zu -jenem schönen Charakterbilde plötzlich zu einem Prozeß kam? Eine -unbestimmte Empfindung sagte Stepan Trophimowitsch, daß _ce cher fils_ -auf keines seiner Anrechte verzichten werde. »Woher kommt das,« fragte -er mich damals einmal halblaut, »daß alle diese fanatischen Sozialisten -und Kommunisten gleichzeitig so geizig, erwerbsbeflissen und besitzstolz -sind, ja je mehr einer Sozialist ist, je weiter er dabei geht, um so -mehr ist er selber gerade >Besitzer<. Sollte das wirklich auch von der -Empfindsamkeit herrühren?« Ich weiß nicht, ob an dieser Beobachtung -Stepan Trophimowitschs etwas Wahres ist. Damals wußte ich nur, daß -Petrúscha von dem Verkauf des Waldes bereits einiges erfahren hatte, und -auch Stepan Trophimowitsch wußte das. Und da kamen nun diese Achttausend -mit dem Vorschlage Warwara Petrownas plötzlich herbeigeflogen! Aber sie -gab auch deutlich zu verstehen, daß sie auf keinem anderen Wege -herbeifliegen würden. Selbstredend erklärte er sich einverstanden. - -Damals, nach ihrem ersten Morgenbesuch, ließ er mich sofort dringend zu -sich bitten. Er war sehr erregt, redete viel und gut, weinte -zwischendurch, dann gab es eine leichte Cholerine, kurz, alles verlief -wie gewöhnlich. Darauf holte er das Bild seiner zweiten Frau hervor, der -Deutschen, rief: »Kannst du mir verzeihen?«, weinte wieder und war -überhaupt wie aus dem Konzept gebracht. Vor Kummer tranken wir ein -bißchen. Übrigens schlief er bald und süß ein. Am folgenden Morgen band -er meisterhaft seine weiße Halsbinde, kleidete sich mit Sorgfalt an und -besah sich oft im Spiegel. Sein Taschentuch bespritzte er mit Parfüm, -übrigens nur ein wenig, doch als er Warwara Petrowna kommen sah, nahm er -schnell ein anderes und steckte das parfümierte unter ein Kissen. - -»Vortrefflich!« lobte ihn Warwara Petrowna, als sie die Erklärung seines -Einverständnisses vernommen hatte. »Endlich einmal sind Sie der Stimme -der Vernunft gefolgt. Es eilt übrigens nicht,« fügte sie hinzu, während -sie den Knoten seiner Halsbinde betrachtete. »Vorläufig schweigen Sie, -auch ich werde darüber schweigen. Bald ist Ihr Geburtstag, ich werde -dann mit ihr zu Ihnen kommen. Geben Sie eine kleine Abendgesellschaft, -nur Tee, keine Spirituosen, bitte; übrigens, ich werde das selbst -arrangieren. Dann können wir -- nicht eine Verlobung feiern, sondern es -nur zu verstehen geben, ohne alle Feierlichkeiten. Und zwei Wochen -später kann dann die Hochzeit stattfinden, gleichfalls ohne Lärm. Nach -der Trauung könnten Sie beide ein wenig verreisen, nach Moskau, zum -Beispiel. Vielleicht fahre ich mit. Doch die Hauptsache: bis dahin -schweigen Sie.« - -Stepan Trophimowitsch war erstaunt. Stotterte etwas von vorher mit der -Braut doch sprechen müssen usw. Doch zu seiner Verblüffung fiel sie ihm -gereizt ins Wort: »Wozu denn das? Vielleicht wird überhaupt nichts -daraus ...« Und auf seinen verständnislosen Blick aus aufgerissenen -Augen: »Nun ja. So. Ich werde noch sehen ... Übrigens wird alles so -geschehen, wie ich gesagt habe, seien Sie unbesorgt, ich werde Darja -selbst vorbereiten. Alles Nötige wird ohne Sie gesagt und getan werden, -Sie haben da überhaupt keine Rolle zu spielen. Und keine Briefe zu -schreiben! Und daß Sie nichts verlauten lassen. Ich werde gleichfalls -schweigen.« - -Sie wollte ihm offenbar nichts erklären und verließ ihn sichtlich -verstimmt. Eine solche Bereitwilligkeit seinerseits hatte sie doch wohl -überrascht. Er aber -- ach! -- er überschaute seine Handlungsweise ganz -und gar nicht, sah sie überhaupt nur von seinem Gesichtspunkt aus. Ja, -es stellte sich bei ihm sogar ein gewisser neuer Ton ein, etwas -Siegesgewisses und Leichtsinniges. Er _fühlte_ sich! - -»Das gefällt mir!« rief er aus und blieb aufgebracht und wichtig vor mir -stehen. »Haben Sie es gehört? Sie will es so weit treiben, daß ich -schließlich nicht mehr will. Denn ich könnte doch auch einmal meine -Geduld verlieren und ... nicht mehr wollen. >Wozu denn das?< fragt sie -mich. Aber warum muß ich denn unbedingt heiraten? Nur weil sie plötzlich -den lächerlichen Einfall hat? Aber ich bin doch ein ernster Mensch und -habe vielleicht gar keine Lust, mich den Launen einer unvernünftigen -Frau zu fügen! Ich habe Pflichten meinem Sohne gegenüber und ... und -gegen mich selbst! Ich bringe ein Opfer -- begreift sie das auch? -Vielleicht habe ich nur deshalb eingewilligt, weil das Leben mir -langweilig geworden und alles mir schließlich gleich ist. Aber wenn sie -mich reizt, könnte es geschehen, daß mir plötzlich nicht mehr alles -gleich ist! Ich kann mich beleidigt fühlen und mich weigern! _Et enfin -le ridicule_{[34]} ... Was werden die Menschen sagen! >Vielleicht wird -überhaupt nichts daraus< --! Das ist denn doch! ... Das ist der Gipfel! -Das ist ... ja was soll denn das heißen? _Je suis un forçat, un -Badinguet, un_{[35]} an die Wand gedrückter Mensch! ...« - -Und dabei blickte doch etwas launisch Selbstgefälliges, etwas -leichtfertig Spielerisches durch alle diese anklagenden Ausrufe hervor. -Am Abend tranken wir wieder ein wenig. - - - - - Drittes Kapitel. - Fremde Sünden. - - - I. - -Es verging ungefähr eine Woche und die Sache begann sich hinzuziehen. -Nebenbei bemerkt: ich hatte in dieser Zeit als sein einziger, ihm ewig -unentbehrlicher Vertrauter viel auszustehen. Er schämte sich, und das -war die Hauptursache seiner Qual. Er schämte sich vor allen Menschen, -glaubte, die ganze Stadt wisse es bereits, und so saß er denn nur zu -Hause und empfing keinen außer mir! Ja, er schämte sich sogar vor mir, -und je mehr er sich mir gegenüber aussprach, um so mehr ärgerte er sich -gleichzeitig über mich. Eine Woche war so vergangen, er aber wußte noch -immer nicht, ob er nun Bräutigam war oder noch unverlobt. Auch die Braut -hatte er noch nicht gesprochen, ja, war sie denn überhaupt seine Braut? -ja, war das Ganze überhaupt ernst gemeint? Aus einem ihm unbekannten -Grunde lehnte Warwara Petrowna es ab, ihn zu empfangen, und auf einen -seiner ersten Briefe (er schrieb natürlich wieder unzählige) hatte sie -ihm kurzweg geantwortet, sie müsse ihn bitten, sie für einige Zeit mit -Briefen, Fragen und Besuchen zu verschonen, da sie sehr beschäftigt sei; -sie habe ihm selbst viel Wichtiges mitzuteilen, warte dazu aber den -ersten freieren Augenblick ab und werde ihn dann schon wissen lassen, -wann er wieder zu ihr kommen könne. Weitere Briefe werde sie ihm -uneröffnet zurückschicken, denn das sei doch nur »Spielerei«. - -Doch selbst diese Kränkungen und die Ungewißheit waren noch nichts im -Vergleiche zu der Qual eines einzigen und _ganz bestimmten_ Gedankens, -der ihn unausgesetzt verfolgte und der die Hauptursache seiner Scheu vor -den Menschen war. Natürlich hatte ich die Richtung dieses Gedankens -schon längst erraten, und das merkte er, wie es ihm auch nicht entging, -daß mich die Häßlichkeit dieses _Verdachts_, der in ihm beim Suchen nach -einer Erklärung für Warwara Petrownas seltsamen Heiratsplan erwacht war, -aufrichtig empörte. Er wagte nicht, diesen Verdacht offen auszusprechen, -und doch schien er an ihm fast zu ersticken. Er konnte keine zwei -Stunden ohne mich auskommen, ließ mich immer wieder zu sich bitten, doch -wenn ich dann kam, sprach er wieder bloß von allem Möglichen, nur nicht -von dem, was ihn so qualvoll beschäftigte. Das ärgerte mich doppelt und -mein Ärger ärgerte wiederum ihn. Manches andere freilich erkannte er -sehr richtig und definierte es sogar sehr treffend. - -»Oh, wie hat sie sich verändert!« klagte er unter anderem über Warwara -Petrowna. »War sie denn damals so, als wir noch über hohe Dinge -diskutierten! Werden Sie es mir glauben, damals hatte sie Gedanken, -eigene Gedanken! Jetzt ist alles anders. Sie sagt, das sei alles nur -altmodisches Geschwätz! Sie verachtet das Frühere ... Jetzt ist sie so -ein Kommis, so ein Ökonom, ein erbitterter Mensch, und immer ärgert sie -sich ...« - -»Worüber kann sie sich denn jetzt noch ärgern, Sie haben doch ihren -Wunsch erfüllt und eingewilligt,« warf ich ein. -- Er sah mich mit einem -feinen Lächeln an. - -»_Cher ami_, hätte ich nicht eingewilligt, so hätte sie sich allerdings -furchtbar geärgert, furcht--bar! Aber immerhin weniger als jetzt, wo ich -eingewilligt habe.« - -Mit dieser Bemerkung schien er sehr zufrieden zu sein. Aber die -Zufriedenheit hielt nicht lange vor; bald war er wieder finsterer und -erregter als je. Was nun mich betrifft, so ärgerte ich mich vor allem -darüber, daß er noch immer nicht Drosdoffs seinen Besuch machte, obschon -diese ihn längst erwarteten. Dabei hatte er selbst eine Art Sehnsucht -nach Lisaweta Nicolajewna und schien zu hoffen, in ihrer Gegenwart -gewissermaßen eine Erleichterung seiner jetzigen Qualen und Klarheit -über seine Zweifel zu finden. Nach dem Entzücken zu urteilen, mit dem er -von ihr sprach, mußte er sie für ein außergewöhnliches Wesen halten. Und -doch ging er nicht hin, sondern schob den Besuch von Tag zu Tag auf. Ich -ärgerte mich darüber maßlos, denn: ich brannte darauf, ihr vorgestellt -zu werden, und diesen Dienst konnte nur er mir erweisen. Gesehen hatte -ich sie schon oft, aber natürlich nur auf der Straße, wenn sie in -Begleitung eines hübschen Offiziers, ihres sogenannten Verwandten, -spazieren ritt. Meine Verblendung dauerte zwar nur kurze Zeit und ich -sah ja die Aussichtslosigkeit meiner Schwärmerei sehr bald ein, aber -damals war ich doch empört über meinen Freund wegen seiner Scheu, -Drosdoffs seinen Besuch zu machen oder auch nur das Haus zu verlassen. -Und das alles wegen jenes häßlichen Verdachts! Unser Freundeskreis war -von ihm schon am ersten Tage brieflich benachrichtigt worden, daß die -Abende bei ihm zeitweilig ausfallen müßten, und später hatte ich noch -auf seine inständige Bitte hin, (damit nur ja niemand sich darüber -wundere und eine andere Ursache vermute) jeden einzeln aufsuchen und ihm -erklären müssen, daß Warwara Petrowna »unserem Alten«, wie wir ihn unter -uns nannten, eine große eilige Arbeit aufgetragen habe: einen -mehrjährigen Briefwechsel in Ordnung zu bringen und Ähnliches. Nur zu -Liputin war ich noch nicht gegangen und ich wollte es auch nicht recht; -ich wußte im voraus, daß er mir doch kein Wort glauben, vielmehr sofort -argwöhnen werde, daß man gerade vor ihm etwas geheimhalten wolle. Und -dann würde er natürlich in der Stadt überall herumlaufen, um sich zu -erkundigen, und dabei nur Klatsch verbreiten. Da traf ich ihn plötzlich -ganz zufällig auf der Straße. Ich begann mich zu entschuldigen, ich sei -noch nicht dazu gekommen, ihn gleichfalls aufzusuchen usw., doch er -unterbrach mich sogar und zeigte seltsamerweise gar keine Neugier, ja, -er ging selbst sofort auf ein anderes Thema über und begann seinerseits -die Neuigkeiten zu erzählen, die sich bei ihm inzwischen angesammelt -hatten. Zunächst berichtete er von der Ankunft der Gemahlin unseres -neuen Gouverneurs, die »neue Gesprächsthemata« mitgebracht habe, und von -der Opposition gegen diese Themata, die sich im Klub schon gebildet -habe; alle Welt rede jetzt von neuen Ideen, alle seien hinter ihnen her -usw. usw. Kurz, er erzählte eine gute Viertelstunde, und zwar so -amüsant, daß ich mich nicht loszureißen vermochte, obschon ich ihn -persönlich nicht ausstehen konnte. Er war in meinen Augen der geborene -Spion, der alle Stadtgeheimnisse wußte, besonders alle skandalösen, und -sein vorherrschender Charakterzug war, wie mir schien, der Neid. Als ich -Stepan Trophimowitsch von dieser Begegnung erzählte, regte er sich, zu -meiner Verwunderung, unglaublich auf und stellte die seltsame Frage: -»Weiß Liputin schon etwas davon oder weiß er noch nichts?« Ich suchte -ihn zu beruhigen und zu überzeugen, daß Liputin doch unmöglich von -Warwara Petrownas Plan etwas gehört haben könne; durch wen denn? Aber -sein Argwohn blieb und plötzlich sagte er: - -»Glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht, aber ich bin überzeugt, -daß ihm nicht nur _unsere_ Lage bereits bekannt ist, sondern daß er -außerdem noch etwas weiß, was weder ich noch Sie wissen, und was wir -vielleicht auch nie erfahren werden, oder erst dann, wenn es schon zu -spät ist, wenn es kein Zurück mehr gibt!« - -Ich schwieg, aber diese Worte deuteten doch vieles an. Er aber bereute -sichtlich schon im nächsten Augenblick, sie ausgesprochen und seinen -Verdacht verraten zu haben. - - - II. - -Eines Morgens -- es war am siebenten oder achten Tage nach Stepan -Trophimowitschs Einwilligung zu heiraten -- hatte ich, als ich wie -gewöhnlich gegen elf Uhr zu meinem bekümmerten Freunde eilte, unterwegs -ein kleines Erlebnis: ich begegnete Karmasinoff[26], dem »großen -Schriftsteller«, wie Liputin ihn zu nennen pflegte. - -Karmasinoffs Schriften hatten mich in meinen Jünglingsjahren entzückt, -begeistert. Seine späteren tendenziösen Novellen gefielen mir viel -weniger als seine ersten Werke, die noch viel Poesie enthielten; manche -aber sagten mir gar nicht mehr zu. Und zuletzt hatte ich eine Skizze von -ihm gelesen, die ungeheure Aussprüche darauf erhob, naive Poesie und -zugleich höchste Psychologie zu bringen. Diese Skizze sollte den -Untergang eines Schiffes irgendwo an der englischen Küste schildern, den -er als Augenzeuge miterlebt hatte, doch in Wirklichkeit schilderte sie -nur ihn, den Verfasser. Man las es förmlich zwischen den Zeilen: »So -seht doch auf mich, seht, wie ich in diesen Augenblicken war! Was geht -euch dieses Meer an, der Sturm usw., _ich_ bin es doch, der euch das mit -genialer Feder schildert!« Als ich damals Stepan Trophimowitsch meine -Meinung über diese Skizze sagte, stimmte er mir bei. Trotzdem hätte ich -Karmasinoff jetzt, während seines Besuches in unserer Stadt, gern -gesehen oder gar seine Bekanntschaft gemacht, was durch Stepan -Trophimowitschs Vermittlung möglich war; sie waren ja früher befreundet -gewesen. Und da begegnete ich ihm nun plötzlich an einer Straßenecke. -Ich erkannte ihn sofort; man hatte ihn mir schon vor drei Tagen gezeigt, -als er mit der Gouverneurin in einer Equipage vorüberfuhr. - -Er war ein sehr kleiner, gezierter alter Herr, übrigens wohl nicht über -fünfundfünzig Jahre alt, mit ziemlich frischem Gesichtchen, dichten -grauen Löckchen, die unter seinem runden Zylinderhut hervorquollen und -sich um seine kleinen, netten, rosafarbenen Ohren ringelten. Sein -sauberes Gesichtchen war nicht gerade hübsch, mit den dünnen, langen, -verschlagen geschlossenen Lippen, der etwas fleischigen Nase und den -stechenden, klugen kleinen Äuglein. Er war eigentlich etwas altmodisch -gekleidet, wenigstens erinnerte der Mantel, den er trug, an die Umhänge, -die bei Regenwetter etwa in der Schweiz oder in Oberitalien getragen -werden. Dafür aber waren alle die kleinen Sachen, wie Hemdknöpfchen, das -Krägelchen, die Schildpattlorgnette am schmalen schwarzen Bändchen, der -Ring am Finger unbedingt genau von der Art, wie sie von Leuten des -untadelig guten Tones getragen werden. - -Er blieb an der Straßenecke stehen und sah sich aufmerksam um. Als er -bemerkte, daß ich ihn neugierig ansah, wandte er sich an mich und fragte -mit honigsüßem, wenn auch kreischendem Stimmchen: - -»Gestatten Sie die Frage, wie komme ich auf dem nächsten Wege zur -Bykoffstraße?« - -»Zur Bykoffstraße? Hier ... hier geradeaus,« rief ich erregt, »und dann -die zweite Querstraße links.« - -»Ich danke Ihnen sehr.« - -Verwünscht sei dieser Augenblick! Er hatte aus meiner Verlegenheit und -Erregung natürlich sofort alles erraten, d. h. daß ich wußte, wer er -war, daß ich seine Werke verschlungen hatte und darum so befangen und so -dienstbeflissen war. Er lächelte, nickte und ging weiter. Ich weiß -nicht, warum ich ihm nachging. Da blieb er wieder stehen. - -»Und könnten Sie mir auch angeben, wo hier in der Nähe Droschken -stehen?« kreischte wieder seine Stimme. - -»Droschken? Hier ... bei der Kirche stehen immer welche!« und fast wäre -ich selbst nach einer Droschke gelaufen. Ich vermute, daß er gerade das -von mir auch erwartete. Natürlich kam ich sofort zur Besinnung und blieb -stehen, aber meine erste Bewegung hat er bestimmt bemerkt, da er mich -die ganze Zeit mit diesem schändlichen Lächeln scharf beobachtete. Da -aber geschah etwas für mich Unvergeßliches: er ließ plötzlich ein -Säckchen oder eine Art Täschchen fallen, das er in der linken Hand trug. -Und ich machte unwillkürlich eine Bewegung, um es aufzuheben. Natürlich -besann ich mich sofort und hob es nicht auf, nur wurde ich rot wie ein -Dummkopf. Er aber nutzte die Situation raffiniert zu seinen Gunsten aus. - -»Bemühen Sie sich nicht, ich kann ja selbst ...« sagte er in bezaubernd -liebenswürdigem Tone, aber erst, als kein Zweifel mehr darob bestand, -daß ich es nicht aufheben würde. Er hob es selbst auf, nickte mir zu und -ging weiter, indem er mich wie einen dummen Jungen stehen ließ. Das war -ebensogut, als hätte ich es aufgehoben. In den ersten fünf Minuten hielt -ich mich für lebenslänglich blamiert; doch als ich mich dem Hause Stepan -Trophimowitschs näherte, lachte ich plötzlich laut auf: die Begegnung -kam mir so komisch vor, daß ich sofort beschloß, sie meinem Freunde zur -Erheiterung zu erzählen. - - - III. - -Aber diesmal fand ich ihn zu meiner Verwunderung ganz verändert vor. Er -stürzte mir freilich mit einer gewissen Spannung entgegen und begann mir -zuzuhören, aber er war doch sichtlich so zerstreut, daß er meinen -Bericht anfangs gar nicht verstand. Kaum aber hatte ich den Namen -Karmasinoff ausgesprochen, als er plötzlich geradezu außer sich geriet. - -»Reden Sie nicht von ihm, nennen Sie ihn nicht!« rief er fast wie -rasend. »Hier, hier, sehen Sie, lesen Sie!« Er riß ein Schubfach auf und -warf mir drei kleine Zettel zu. Es waren drei Zuschriften Warwara -Petrownas an ihn, die sich alle auf Karmasinoff bezogen und deutlich -ihre Besorgnis verrieten, der »große Schriftsteller« könnte vergessen, -ihr seine Visite zu machen. Das erste Briefchen, das sie vor drei oder -vier Tagen geschrieben hatte, lautete: - -»Sollte er Sie heute endlich beehren, so bitte von mir kein Wort. -Erwähnen Sie mich überhaupt nicht und erinnern Sie ihn nicht daran. W. -S.« - -Der zweite Zettel vom vergangenen Tage lautete: - -»Sollte er sich heute endlich entschließen, Ihnen seine Visite zu -machen, so dürfte es das beste sein, ihn überhaupt nicht zu empfangen. -Das wäre meine Meinung. Wie die Ihre ist, weiß ich nicht. W. S.« - -Und den dritten hatte er vor einer Stunde erhalten: - -»Ich bin überzeugt, daß in Ihren Zimmern eine Fuhre Papierschnippel und -allerhand umherliegt und der Zigarrenrauch undurchdringlich ist. Ich -schicke Ihnen Marja und Fómuschka, die werden in einer halben Stunde -alles aufräumen. Stören Sie sie nicht, setzen Sie sich so lange in die -Küche. Ich sende Ihnen einen bucharischen Teppich und zwei chinesische -Vasen, die ich Ihnen schon lange schenken wollte, und außerdem meinen -Teniers (diesen aber nur für einige Zeit). Die Vasen könnte man aufs -Fensterbrett stellen und den Teniers hängen Sie rechts unter Goethes -Porträt, dort ist er sichtbarer. Wenn er endlich erscheint, so empfangen -Sie ihn mit vollendeter Höflichkeit, aber reden Sie nur von Belanglosem, -z. B. von irgendetwas Gelehrtem, und mit einem Gleichmut, als hätten Sie -sich erst gestern getrennt. Über mich kein Wort. Vielleicht komme ich am -Abend zu Ihnen, um zu sehen, wie es aussieht. W. S. - -_P. S._ Wenn er heute nicht kommt, so wird er überhaupt nicht kommen.« - -Ich las und wunderte mich im stillen, daß solche Kleinigkeiten ihn so -erregen konnten. Als ich aufsah bemerkte ich, daß er inzwischen seine -weiße Halsbinde mit einer roten vertauscht hatte. Hut und Stock lagen -auf dem Tisch. Er war blaß und seine Hände zitterten. - -»Ich will von ihren Besorgnissen nichts wissen!« schrie er empört als -Antwort auf meinen fragenden Blick. »_Je m'en fiche!_{[36]} Ihr fällt es -ein, sich wegen Karmasinoff aufzuregen, aber auf meine Briefe antwortet -sie mir nicht! Dort, sehen Sie, dort auf dem Schreibtisch liegt mein -Brief, den sie mir gestern uneröffnet zurückgeschickt hat! Was geht es -mich an, daß sie sich um _Ni--kó--lenka_ Sorgen macht! _Je m'en fiche et -je proclame ma liberté! Au diable le Karmazinoff! Au diable la -Lembke!_{[37]} Die chinesischen Vasen habe ich im Vorzimmer versteckt -und den Teniers in der Kommode untergebracht, von ihr aber habe ich -verlangt, mich sofort zu empfangen. Jawohl: _verlangt_, mich sofort zu -empfangen, sofort! Ich habe ihr genau solch einen mit Bleistift -geschriebenen Zettel unversiegelt durch Nastassja geschickt und warte -jetzt. Ich will, daß Darja Pawlowna mir persönlich sagt, was gesagt -werden muß, mit eigenem Munde und vor dem Angesicht des Himmels oder -wenigstens vor Ihnen. _Vous me seconderez, n'est-ce pas, comme ami et -témoin._{[38]} Ich will nicht erröten müssen, ich will nicht lügen -müssen, ich will keine Geheimnisse, in dieser Sache werde ich -Geheimnisse nicht dulden! Sie sollen mir alles gestehen, ehrlich, offen -und anständig, und dann ... dann werde ich vielleicht die ganze heutige -Generation durch meine Großmut in Erstaunen setzen! ... Bin ich denn ein -Schuft, mein Herr?« schloß er plötzlich und sah mich so drohend an, als -hätte gerade _ich_ ihn für einen Schuft gehalten. - -Ich bat ihn, zur Beruhigung ein wenig Wasser zu trinken. So erregt hatte -ich ihn noch nie gesehen. Er lief die ganze Zeit hin und her. Plötzlich -blieb er in einer ganz ungewöhnlichen Pose vor mir stehen. - -»Glauben Sie wirklich,« begann er mit krankhaftem Hochmute, mich vom -Kopfe bis zu den Füßen messend, »daß ich, Stepan Werchowenski, nicht so -viel sittliche Kraft in mir fände, um meine Habe -- mein armseliges -Bündel! -- auf meine schwachen Schultern zu laden, zum Tore -hinauszugehen und für immer von hier zu verschwinden, wenn das die Ehre -und das hohe Prinzip der Unabhängigkeit fordern? Es wäre nicht das erste -Mal, daß Stepan Werchowenski Despotismus durch Großmut zurückweist, -selbst wenn es sich um den Despotismus eines wahnsinnigen Weibes -handelt, also um den kränkendsten und grausamsten Despotismus, den es -auf der Welt überhaupt geben kann, wiewohl Sie soeben beliebten, über -meine Worte zu lächeln, mein Herr! Oh, Sie glauben natürlich nicht, daß -ich soviel Großmut aufzubringen vermöchte, um mein Leben lieber bei -einem Kaufmann als Hauslehrer zu beschließen oder hinter einem Zaune -Hungers zu sterben! Antworten Sie mir, antworten Sie sofort: trauen Sie -mir das zu oder trauen Sie's mir nicht zu?« - -Ich schwieg aber absichtlich. Ich tat sogar, als brächte ich es nicht -über mich, ihn durch eine verneinende Antwort zu kränken, und könnte -doch auch nicht bejahend antworten. In diesem ganzen Benehmen lag etwas, -was mich entschieden verletzte, nicht mich persönlich, o nein! ... Ich -werde das später erklären. Er wurde blaß. - -»Vielleicht langweilt Sie überhaupt der Umgang mit mir, G--ff« (dies ist -mein Familienname), »und Sie würden lieber ... den Verkehr mit mir ganz -aufgeben?« fragte er in jenem Tone bleicher Ruhe, die gewöhnlich einem -außergewöhnlichen Ausbruch vorhergeht. Ich sprang erschrocken auf; in -dem Augenblick kam Nastassja herein und übergab ihm schweigend einen -Zettel. Er warf einen Blick darauf und reichte ihn mir. Auf dem Papier -standen nur vier Worte von Warwara Petrowna: »Bleiben Sie zu Hause.« - -Stepan Trophimowitsch nahm schweigend Hut und Stock und ging zur Tür; -ich wollte ihm unwillkürlich folgen. Da hörten wir plötzlich Stimmen und -Schritte im Korridor. Er blieb wie vom Donner gerührt stehen. - -»Liputin! Ich bin verloren!« flüsterte er und packte mich am Arm. -- Da -trat Liputin schon ins Zimmer. - - - IV. - -Warum er durch Liputins Besuch verloren sei, wußte ich mir zwar nicht zu -erklären, aber sein Schreck war doch so auffallend, daß ich beschloß, -hier acht zu geben. Schon die Art, wie Liputin auftrat, sagte einem -sofort, daß er heute trotz aller Verbote ein besonderes Recht zum -Eintritt zu haben glaubte. Er brachte einen uns unbekannten Herrn mit, -offenbar einen Zugereisten. Als Antwort auf den leeren Blick des starr -dastehenden Stepan Trophimowitsch rief er sogleich laut: - -»Ich bringe einen Gast mit, einen besonderen! Ich wage es, Ihre -Einsamkeit zu stören. Herr Kirilloff, ein hervorragender Ingenieur der -Wegebaukunst. Doch das Wichtigste ist: er kennt Ihren Sohn, sogar sehr -gut, und hat einen Auftrag von ihm.« - -»Den Auftrag haben Sie hinzugefügt,« sagte der Gast schroff, »davon habe -ich nichts. Aber Werchowenski kenne ich. Das ist so. Ich habe ihn im -Gouvernement Ch. verlassen. Zehn Tage zurück.«[27] - -Stepan Trophimowitsch reichte ihm mechanisch die Hand und forderte ihn -auf, Platz zu nehmen. Dann sah er mich an, dann Liputin und plötzlich, -wie sich besinnend, setzte er sich selbst schnell hin, behielt aber Hut -und Stock, offenbar unbewußt, in der Hand. - -»Aber was sehe ich, Sie wollen selbst ausgehen!« rief Liputin. »Und mir -hat man doch gesagt, Sie seien vor lauter Arbeit ganz krank!« - -»Ja, ich fühle mich nicht wohl und wollte deshalb spazieren gehen. Ich -...« Stepan Trophimowitsch stockte plötzlich, warf schnell Hut und Stock -auf den Diwan und -- errötete. - -Ich sah mir inzwischen schnell den Gast näher an. Er war ein junger Mann -von ungefähr siebenundzwanzig Jahren, anständig gekleidet, gutgewachsen -und mager, brünett, mit blassem Gesicht von gleichsam ein wenig -erdig-brauner Hautfarbe und mit schwarzen glanzlosen Augen. Er schien -nachdenklich und zerstreut zu sein, sprach seltsam abgebrochen und -grammatisch geradezu falsch, wenigstens stellte er die Worte sehr -sonderbar zusammen und bei jedem längeren Satz gerieten sie ihm -anscheinend durcheinander. Liputin, dem Stepan Trophimowitschs Schreck -natürlich nicht entgangen war, hatte für sich einen Rohrstuhl fast bis -in die Mitte des Zimmers gezogen, um in gleicher Entfernung vom Gast und -vom Hausherrn sitzen zu können, die einander gegenüber jeder auf einem -Diwan Platz genommen hatten. Seine scharfen Augen fuhren neugierig im -Zimmer umher. - -»Ich ... ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen ... Haben Sie -ihn im Auslande getroffen?« brachte Stepan Trophimowitsch, zum Gast -gewandt, unsicher hervor. - -»Auch hier und auch im Auslande.« - -»Herr Kirilloff ist soeben nach vierjähriger Abwesenheit zurückgekehrt,« -bemerkte Liputin, »aus dem Auslande, wo er sich in seinem Fach -vervollkommnet hat, und jetzt ist er zu uns gekommen, da er Aussicht -hat, eine Anstellung beim Bau unserer Eisenbahnbrücke zu erhalten. Ihr -Sohn hat ihn in der Schweiz auch mit Drosdoffs bekannt gemacht, und er -kennt auch Nicolai Stawrogin!« - -»Ja?! ... Ich ... ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen ... und -habe eigentlich so wenig das Recht, mich Vater zu nennen ... _oui, c'est -le mot_.{[39]} Ich ... wie haben Sie ihn denn dort verlassen?« - -»Ja, so ... Er wird selbst kommen.« Herr Kirilloff beeilte sich -sichtlich, die Antwort los zu werden. Er war entschieden geärgert, saß -finster da und hörte ungeduldig zu. - -»Er wird herkommen! Endlich werde ich ... Ja, sehen Sie, ich habe -Petrúscha so lange nicht mehr gesehen!« Stepan Trophimowitsch kam von -diesem Satz nicht los. »Ich erwarte jetzt meinen armen Jungen, vor dem -... oh, vor dem ich so schuldig dastehe! Das heißt, ich wollte sagen, -daß ich ihn in Petersburg damals für nichts Besonderes hielt ... _ou -quelque chose dans ce genre_.{[40]} Der Junge war, wissen Sie, nervös, -sehr empfindsam, und ... ängstlich. Bevor er zu Bett ging, verneigte er -sich vor dem Heiligenbilde und bekreuzte sein Kopfkissen, um in der -Nacht nicht zu sterben, _je m'en souviens. Enfin_,{[41]} kein bißchen -Gefühl für das Schöne, das heißt für etwas Höheres, oder Tieferes, kein -einziger Keim einer zukünftigen Idee ... _c'était comme un petit -idiot_.{[42]} Übrigens, ich ... entschuldigen Sie, ich ... bin momentan -...« - -»Das Kissen bekreuzte, sagten Sie das im Ernst?« erkundigte sich Herr -Kirilloff plötzlich mit besonderem Interesse. - -»Ja, er bekreuzte es ...« - -»Nein, ich fragte nur so; fahren Sie fort.« - -Stepan Trophimowitsch sah Liputin fragend an. - -»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihren Besuch, aber ich muß gestehen, ich -bin jetzt nicht imstande ... Doch gestatten Sie die Frage, wo wohnen -Sie?« - -»In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.« - -»Ach, das ist ja dasselbe Haus, in dem auch Schatoff wohnt,« bemerkte -ich unwillkürlich. - -»Ja, eben, genau in demselben Hause,« rief Liputin schnell, »nur wohnt -Schatoff oben und er unten bei Lebädkin. Und er ist auch mit Schatoff -und Schatoffs Frau bekannt, mit dieser sogar besonders nah und gut.« - -»_Comment!_{[43]} So wissen Sie etwas von dieser unglücklichen Ehe _de -notre pauvre ami_{[44]} mit dieser Frau?« fragte Stepan Trophimowitsch -plötzlich lebhaft, mit aufrichtigem Mitgefühl. »Sie sind der erste, der -diese Frau persönlich kennt; und wenn nur ...« - -»Welch ein Blödsinn!« Kirilloff sah dabei, ganz rot vor Zorn, Liputin -ungehalten an. »Was Sie immer zu allem hinzufügen, Liputin! Ich kenne -Schatoffs Frau gar nicht ... habe sie nur einmal gesehen, von weitem ... -Was fügen Sie immer hinzu!« Und er machte eine schroffe Wendung auf dem -Diwan, griff schon nach seiner Mütze, legte sie aber wieder hin, und als -er wieder wie früher dasaß, richtete er plötzlich seine schwarzen -aufflammenden Augen mit einer gewissen Herausforderung auf Stepan -Trophimowitsch. Ich vermochte mir diese sonderbare Reizbarkeit überhaupt -nicht zu erklären. - -»Verzeihen Sie,« versetzte Stepan Trophimowitsch fein, »ich verstehe, -daß das eine sehr zarte Angelegenheit ...« - -»Gar keine zarte Angelegenheit, und das ist einfach schamlos ich habe -aber nicht zu Ihnen >Blödsinn< gesagt, sondern zu Liputin, weil er immer -hinzufügt. Entschuldigen Sie, wenn Sie es auf sich dachten. Ich kenne -Schatoff, aber seine Frau, nein, die gar nicht!« - -»Ich verstehe, oh, ich verstehe. Ich habe ja nur gefragt, weil ich -unseren armen Freund sehr liebe und mich immer für ihn interessiert habe -... Der junge Mann hat, meiner Meinung nach, etwas zu plötzlich, zu -schroff seine früheren, vielleicht noch unreifen, aber immerhin -richtigen Ansichten geändert. Er sagt jetzt dermaßen sonderbare Dinge -über _notre sainte Russie_,{[45]} daß ich diesen Umschwung in seinem -Inneren -- anders möchte ich's nicht nennen -- einer starken -Erschütterung seines Privatlebens zuschreibe, in erster Linie seiner -unglücklichen Ehe. Ich, der ich mein armes Rußland studiert habe und wie -meine fünf Finger kenne, und meinem Volke mein ganzes Leben geweiht -habe, ich versichere Ihnen, daß er das russische Volk nicht kennt, und -zudem ...« - -»Ich kenne das russische Volk auch gar nicht und ... um es zu studieren -ist auch gar keine Zeit da!« fiel ihm der Ingenieur wieder ins Wort und -wieder machte er eine schroffe Wendung auf seinem Platz. - -»Aber er studiert es, studiert es,« hakte Liputin flink ein, »er hat -schon damit begonnen und jetzt arbeitet er an einer ungemein -interessanten Abhandlung über die Ursachen der Zunahme der Selbstmorde -in Rußland und überhaupt über die Ursachen, die die Verbreitung des -Selbstmordes in der menschlichen Gesellschaft fördern oder hemmen. Er -ist auch schon zu ganz erstaunlichen Folgerungen gelangt!« - -Der Ingenieur geriet in schreckliche Erregung. - -»Dazu haben Sie gar kein Recht!« sagte er zornig. »Ich schreibe gar -keine Abhandlung. Ich will keine solche Dummheiten. Ich habe Sie unter -uns gefragt, nur versehentlich. Und nichts von einer Abhandlung; ich -veröffentliche nicht, Sie aber haben kein Recht ...« - -Liputin ergötzte sich augenscheinlich an diesem Zorn. - -»Ja dann verzeihen Sie schon, vielleicht habe ich mich falsch -ausgedrückt, wenn ich Ihre literarische Arbeit eine Abhandlung nannte. -Er sammelt nämlich nur Beobachtungen, aber an den Kern der Frage oder -sozusagen an ihre sittliche Seite rührt er überhaupt nicht, ja er lehnt -sogar die Sittlichkeit selbst ganz ab und hält sich dafür an den -neuesten Grundsatz der allgemeinen Zerstörung zum Zwecke der Erreichung -guter Endziele. Er verlangt über hundert Millionen Köpfe, um die gesunde -Vernunft in Europa zur Herrschaft zu bringen, also noch viel mehr, als -auf dem letzten Weltkongreß verlangt wurden. In der Beziehung geht er -viel weiter als alle anderen!« - -Der Ingenieur hörte mit einem geringschätzigen und blassen Lächeln zu. -Eine halbe Minute schwiegen wir alle. - -»Das ist so dumm, Liputin,« sagte Kirilloff schließlich, nicht ohne eine -gewisse Würde. »Ich habe Ihnen nur einige Punkte gesagt, und Sie haben -sie so aufgefaßt, das ist Ihre Sache. Aber Sie haben gar kein Recht -dazu, und ich spreche davon zu niemandem. Ich verachte das Sprechen. -Wenn ich Überzeugungen habe, so sind sie für mich klar. Ich -philosophiere nicht mehr über das, was schon ganz klar ist. Ich kann es -nicht ausstehen, zu philosophieren. Ich will niemals philosophieren.« - -»Und vielleicht tun Sie ganz recht daran,« konnte Stepan Trophimowitsch -sich nicht enthalten, zu bemerken. - -»Ich habe mich bei Ihnen entschuldigt, aber ich ärgere mich hier über -niemanden,« fuhr der fremde Gast schnell und erregt fort. »Ich habe vier -Jahre lang wenig Menschen gesehen. Vier Jahre habe ich wenig gesprochen -und mich bemüht, mit keinem Menschen zusammenzukommen, wegen meiner -Ziele, die weiter niemanden angehen. Liputin fand das zum Lachen. Ich -sehe das, aber ich beachte es nicht. Man kann mich nicht beleidigen, -aber ich ärgere mich nur über seine Ungeniertheit. Doch wenn ich Ihnen -nicht meine Gedanken erkläre,« schloß er unerwartet und sah uns alle der -Reihe nach mit festem Blick an, »so unterlasse ich das nicht deshalb, -weil ich eine Anzeige bei der Regierung fürchte, nein, bitte, denken Sie -nicht Dummheiten von der Art ...« - -Dazu sagte schon niemand mehr etwas. Wir sahen uns nur an. Sogar Liputin -vergaß zu spottlächeln. - -»Meine Herren, ich bedaure unendlich,« sagte Stepan Trophimowitsch -plötzlich entschlossen und erhob sich, »aber ich fühle mich nicht wohl. -Entschuldigen Sie mich.« - -»Ach, das ist, damit wir fortgehen!« rief Herr Kirilloff und sprang -sofort auf. »Gut, daß Sie es sagten, ich bin sonst vergeßlich.« - -Er trat mit gutmütigem Ausdruck und ausgestreckter Hand auf Stepan -Trophimowitsch zu. »Schade, daß Sie krank sind und ich gekommen bin.« - -»Ich wünsche Ihnen allen Erfolg bei uns,« sagte Stepan Trophimowitsch -wohlwollend und gab ihm langsam die Hand. »Ich verstehe schon, daß Sie, -der Sie so lange im Auslande ohne Verkehr gelebt haben, auf uns Urrussen -mit Erstaunen blicken müssen -- und wir natürlich desgleichen auf Sie. -_Mais ce a passera._{[46]} Nur eines macht mir Sorge: Sie wollen hier -unsere Brücke bauen, und erklären sich zu gleicher Zeit für das Prinzip -der allgemeinen Zerstörung? Dann wird man Sie unsere Brücke nicht bauen -lassen!« - -»Was?! Wie, was haben Sie gesagt?« rief Kirilloff bestürzt; bis er -plötzlich begriff: »Ach so!« und er brach in das heiterste und -harmloseste Lachen aus; dabei nahm sein Gesicht auf einen Augenblick -einen ganz kindlichen Ausdruck an, der ihm, wie mir schien, ungemein gut -stand. - -Liputin rieb sich die Hände vor Vergnügen über Stepan Trophimowitschs -gelungene Bemerkung. - -Ich aber fragte mich noch immer, warum Stepan Trophimowitsch ausgerufen -hatte, »ich bin verloren«, als er Liputin kommen hörte. - - - V. - -Wir waren alle aufgestanden. Es war jener Augenblick, in dem die Gäste -und der Hausherr noch die letzten liebenswürdigen Worte zu wechseln -pflegen, um dann zufrieden auseinander zu gehen. - -Da bemerkte plötzlich Liputin, der bereits an der Türe stand, wie -beiläufig: »Er ist ja nur deshalb so mürrisch, weil er mit dem Hauptmann -Lebädkin den Streit gehabt hat. Der schlägt seine schöne Schwester, die -Irrsinnige, jeden Morgen und jeden Abend mit der Nagaika, mit einer -echten Kosakenpeitsche, sage ich Ihnen! Herr Kirilloff aber ist deswegen -schon auf die andere Seite, in den Flügel des Hauses gezogen, um das -nicht täglich anhören zu müssen. Na ja, -- also auf Wiedersehen!« - -»Die kranke Schwester? Die Irrsinnige? Mit der Nagaika?« rief Stepan -Trophimowitsch, als sei er selbst von einem Peitschenschlage getroffen -worden. »Welch eine Schwester? Was für ein Lebädkin?« - -»Lebädkin -- na, dieser verabschiedete Hauptmann doch! Früher nannte er -sich >Stabskapitän<!« antwortete Liputin, indem er noch einmal ins -Zimmer zurücktrat. - -»Ach, was geht mich sein Rang an! Welche Schwester? Mein Gott ... Sie -sagen Lebädkin, aber -- bei uns war doch auch ein Lebädkin!« - -»Eben, eben, derselbe Lebädkin ist's ja auch! Erinnern Sie sich noch, -der damals bei Wirginski ...« - -»Aber der fiel doch mit seinen falschen Papieren herein?!« - -»Nun ja, damals, jetzt aber ist er zurückgekehrt, schon vor drei Wochen, -und zwar unter den allersonderbarsten Umständen.« - -»Aber das ist doch ein ganz nichtswürdiger Mensch!« - -»Mein Gott, als ob es solche bei uns nicht geben könnte!« gab Liputin -plötzlich spottlächelnd zur Antwort und dabei sahen seine listigen -Äuglein Stepan Trophimowitsch an, ihn gleichsam betastend, befühlend. - -»Ach Gott, darum handelt es sich doch nicht ... Übrigens, Nichtswürdige --- darin stimme ich mit Ihnen vollkommen überein, besonders mit Ihnen! -Aber was weiter? Was wollten Sie damit sagen? Sie wollten doch unbedingt -etwas damit sagen!!« Stepan Trophimowitsch bestand auf einer Antwort. - -»Ach, das sind ja lauter Dummheiten und sonst nichts! ... Dieser ->Hauptmann< hat uns damals allem Anscheine nach nicht wegen falscher -Papiere verlassen, sondern einzig und allein, um sein verrücktes -Schwesterlein aufzusuchen, das sich an einem unbekannten Orte versteckt -hielt. Na, und jetzt hat er sie eben hergebracht. Und das ist alles. Was -ist denn dabei? Warum regen Sie sich denn so darüber auf, Stepan -Trophimowitsch? Ich erzähle doch nur, was ich von ihm selber in seiner -Betrunkenheit erfahren habe. Wenn er nüchtern ist, schweigt er darüber. -Ein reizbarer Mensch übrigens, na, und so ... na, so ein dichtender Mars -mitunter, wenn der Geist über ihn kommt, doch meist von üblem Geschmack. -Und das verrückte Schwesterlein, das dabei noch hinkt, scheint mir von -irgend jemand entehrt worden zu sein. Der Herr Bruder aber bezieht einen -jährlichen Tribut, als Belohnung für die Ehrenbeleidigung, wie er sagt. -Meiner Meinung nach ist das freilich nur Geschwätz. Er prahlt einfach. -Aber das ließe sich doch mit weniger Geld auch machen! Doch Tatsache -ist, daß er Geld hat, und zwar in großen Summen! Vor anderthalb Wochen -ging er fast barfuß, und jetzt hat er -- ich habe es selbst gesehen! -- -Hunderte in den Händen. Die Schwester hat täglich irgendwelche Anfälle, -und schreit dann, worauf er sie mit der Peitsche >in Ordnung bringt<, -wie er zu sagen pflegt, -- denn man müsse in das Weib >Achtung -pflanzen<. Ich begreife nicht, wie Schatoff es aushält, über ihnen zu -wohnen. Herr Kirilloff hat es nur drei Tage aushalten können. Nun ist er -umgezogen, wie gesagt. Er kannte sie noch von Petersburg her!« - -»Ist das wirklich alles wahr?« wandte sich Stepan Trophimowitsch an den -Ingenieur. - -»Sie schwatzen furchtbar viel, Liputin,« brummte dieser wütend. - -»Geheimnisse und wieder Geheimnisse! Woher kommt das doch, daß es bei -uns plötzlich so viele Geheimnisse gibt?« Stepan Trophimowitsch konnte -nicht mehr an sich halten. Der Ingenieur ärgerte sich, errötete, zuckte -ungeduldig mit den Schultern und ging schon aus dem Zimmer. - -»Herr Kirilloff hat ihm sogar die Peitsche aus der Hand gerissen, sie -zerbrochen und dann aus dem Fenster geworfen,« fügte da Liputin schnell -mit schlauem Lächeln hinzu. - -Kirilloff kehrte sofort um: »Was soll das alles, Liputin? Das ist doch -dumm. Und weshalb?« - -»Aber wozu denn aus Bescheidenheit gerade die edelsten Regungen der -Seele verheimlichen?! -- das heißt, Ihrer Seele, selbstredend Ihrer -Seele, ich spreche nicht von der meinen!« antwortete Liputin. - -»Wie das dumm ist ... und gar nicht nötig. Lebädkin ist ein ganz leerer -Mensch und kommt für die Sache gar nicht in Betracht und schadet ihr -nur. Warum schwatzen Sie so viel Überflüssiges? Ich gehe!« - -»Ach, wie schade!« rief da Liputin mit hellem Lächeln aus. »Sie gehen -schon -- sonst hätte ich Stepan Trophimowitsch noch mit einer kleinen -Anekdote erfreut!« Und zu diesem gewandt: »Bin sogar mit der Absicht -hergekommen, sie Ihnen unbedingt zu erzählen. Doch Sie werden sie ja -bestimmt schon gehört haben. Na, dann eben ein anderes Mal! Herr -Kirilloff hat es ja so eilig ... Auf Wiedersehen also! Nein, hat aber -Warwara Petrowna mich vorgestern belustigt! Sie schickte extra nach mir. -Einfach zum Kranklachen war's. Na, auf Wiedersehen, Wiedersehen!« - -Aber schon hatte Stepan Trophimowitsch ihn plötzlich an den Schultern -gepackt, zu sich herumgedreht und fest auf einen Stuhl gesetzt. - -Liputin erschrak ordentlich. - -»Ja, wie denn?« fragte er und sah von seinem Stuhl aus ängstlich und -verwundert zu Stepan Trophimowitsch empor. Doch faßte er sich schnell. -»Ja, denken Sie sich, plötzlich ruft man mich und fragt mich im geheimen --- was ich eigentlich von Nicolai Stawrogin denke: ob ich ihn für -wahnsinnig halte oder nicht? Wie soll man da nicht staunen?« - -»Sie sind verrückt geworden, Liputin!« sagte Stepan Trophimowitsch. »Sie -wissen nur zu gut, daß Sie gekommen sind, um mir irgendeine Gemeinheit -zu sagen.« - -Mir fiel sofort die Bemerkung Stepan Trophimowitschs ein, Liputin wisse -nicht nur von unserer Sache, sondern wisse noch viel mehr, als wir je -erfahren würden. - -»Erlauben Sie, Stepan Trophimowitsch!« stotterte Liputin, als ob jener -ihn furchtbar erschreckt hätte. »Erlauben Sie ...« - -»Schweigen Sie jetzt! Ich bitte Sie, Herr Kirilloff, kommen Sie zurück -und setzen sie sich. Bitte, hier! Und Sie, Liputin, Sie werden jetzt -erzählen, aber einfach und ohne Ausreden!« - -»Hätte ich gewußt, daß es Sie so aufregt, so würde ich gar nicht davon -angefangen haben ... und ich dachte doch, Sie wüßten das alles selbst -... schon längst ... von Warwara Petrowna!« - -»Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Aber fangen Sie endlich an, sage -ich Ihnen!« - -»Na, dann haben Sie doch wenigstens die Güte, sich auch zu setzen! Denn -wenn Sie so vor mir herumlaufen, da würde ja alles ganz kunterbunt -herauskommen!« - -Stepan Trophimowitsch überwand sich und ließ sich sehr formell auf einen -Sessel nieder. Der Ingenieur blickte finster zu Boden. Liputin aber sah -mit unglaublichem Hochgenuß von einem zum andern. - -»Ja, womit nun anfangen ... Sie haben mich ganz konfus gemacht ...« - - - VI. - -»Vor drei Tagen also, da schickt sie plötzlich ihren Diener zu mir: sie -ließe bitten, sozusagen, morgen um zwölf zu ihr zu kommen. Können Sie -sich das denken? Nun, ich ließ natürlich meine Arbeit Arbeit sein und um -Punkt zwölf klingelte ich an ihrer Tür. Man führte mich gleich in das -Empfangszimmer. Ich wartete kaum eine Minute, als Warwara Petrowna auch -schon eintrat. Sie bot mir einen Stuhl an und setzte sich selbst mir -gegenüber. Ich saß nun also, brachte es aber zunächst nicht über mich, -meinen Ohren wie sonst zu trauen. Sie wissen doch, wie sie mich immer -behandelt hat. Sie begann also, wie es so ihre Art ist, gerade heraus -und ohne alle Umschweife: >Sie erinnern sich wohl noch<, sagte sie, >der -drei sonderbaren Handlungen meines Sohnes vor vier Jahren. Die ganze -Stadt konnte sie nicht begreifen, bis sich dann alles durch seine -Erkrankung aufklärte. Eine dieser Handlungen ging Sie sogar persönlich -an. Auf meine Bitte hin machte mein Sohn Ihnen später, als er wieder -hergestellt war, seinen Besuch. Ich weiß, daß er Ihnen schon früher -mehrfach begegnet war und sich mit Ihnen unterhalten hatte. Ich möchte -Sie nun bitten, mir doch mit voller Offenheit zu sagen, wie Sie< -- hier -stockte sie ein wenig -- >wie Sie damals meinen Sohn fanden ... wie Sie -ihn beurteilten ... welcher Meinung Sie über ihn waren ... und ... was -Sie jetzt von ihm denken.< - -»Hier stockte sie aber schon wirklich, wartete sogar ein Weilchen, und -plötzlich wurde sie rot. Ich war nicht wenig erschrocken. Aber schon -gleich darauf fuhr sie wieder fort, nicht gerade mit rührender Stimme, -nein, das gerade nicht, denn das würde auch nicht zu ihr passen, aber so -sonderbar eindringlich: >Ich will<, sagte sie, >daß Sie mich gut und -ohne ein Mißverständnis verstehen,< sagte sie. >Ich habe Sie zu mir -gebeten, weil ich Sie für einen Menschen halte, der fähig ist, richtig -zu beobachten.< (Wie finden Sie das Kompliment?) >Sie verstehen gewiß -auch, daß es eine Mutter ist, die mit Ihnen spricht,< sagte sie ... ->Mein Sohn hat in seinem Leben manches Unglück gehabt und manche -Widerwärtigkeit über sich ergehen lassen müssen. Alles das,< sagte sie, ->hätte nun auf seinen Verstand, ich meine, auf seine Gemütsstimmung -einwirken können. Selbstverständlich spreche ich nicht etwa von Wahnsinn -... das ist ganz und gar ausgeschlossen!< Das sagte sie so, wissen Sie, -in einem festen und stolzen Ton! >Aber es könnte da etwas Besonderes -sein, etwas Wunderliches, eine gewisse Gedankenrichtung, die Neigung zu -gewissen eigentümlichen Anschauungen< ... Das sind alles ihre eigenen -Worte, und glauben Sie mir, Stepan Trophimowitsch, ich staunte nur so, -mit welcher Genauigkeit Warwara Petrowna eine Sache zu erklären -versteht. Wirklich, eine kluge Dame! >Jedenfalls<, sagte sie, >ist mir -selbst an ihm eine fortwährende Unruhe aufgefallen. Aber ich bin ja -seine Mutter und Sie sind ein fremder Mensch, folglich müssen Sie, bei -Ihrem Verstande, weit fähiger sein, sich ein unbefangenes Urteil über -ihn zu bilden. Ich beschwöre Sie< -- jawohl, so sagte sie wortwörtlich --- >ich beschwöre Sie, mir die ganze Wahrheit zu sagen, ohne jegliche -Beschönigung. Und wenn Sie mir versprechen wollen, nie zu vergessen, daß -ich im Vertrauen zu Ihnen gesprochen habe, so seien Sie versichert, daß -ich stets bereit sein werde, Ihnen künftig und bei jeder Gelegenheit -meine Dankbarkeit zu beweisen.< Nun, wie finden Sie das?« - -»Sie ... Sie haben mich so überrascht ...« stotterte Stepan -Trophimowitsch, »daß ich Ihnen ... einfach nicht glaube ...« - -»Nein, bedenken Sie doch nur,« fiel ihm Liputin lebhaft ins Wort und -tat, als hätte er Stepan Trophimowitschs letzte Bemerkung überhaupt -nicht gehört, »wie groß muß ihre Unruhe und Aufregung um ihn sein, wenn -sie sich mit solch einer Frage, von ihrer Höhe herab, an einen Menschen -wendet, wie ich es bin, und sich gar so weit erniedrigt, auch noch um -Verschwiegenheit zu bitten! Wie ist das nur möglich? Sollte sie da nicht -ganz unerwartete Nachrichten über ihren Sohn erhalten haben?« - -»Ich weiß von nichts ... Ich glaube, sie hat keine Nachrichten erhalten -... ich habe sie allerdings ... ein paar Tage lang nicht gesehen ... -aber ich möchte Sie nur daran erinnern,« stotterte Stepan Trophimowitsch -wieder, da er sichtlich seine Gedanken nicht mehr sammeln konnte -- »ich -möchte Sie nur daran erinnern, Liputin, daß Sie im _Vertrauen_ gefragt -worden sind, und daß Sie jetzt in Gegenwart ...« - -»Ganz und gar im Vertrauen! Gott soll mich strafen, wenn ich ... Aber -hier ... nun ... sind wir denn hier nicht unter Freunden? Selbst Herr -Kirilloff ...« - -»Ich bin nicht Ihrer Meinung. Zweifellos werden wir _drei_ das Geheimnis -bewahren. Aber Sie selbst, den vierten, fürchte ich, und Ihnen traue ich -in keiner einzigen Beziehung.« - -»Ja, wie denn das? Ich bin doch hier der eigentlich Interessierte! Mir -ist doch ewige Dankbarkeit versprochen worden!« Und hastig ging Liputin -darüber hinweg: »Übrigens, gerade bei der Gelegenheit, möchte ich noch -auf einen sonderbaren, sozusagen psychologischen Fall hinweisen. Gestern -abend, noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Warwara Petrowna -- -Sie können sich doch denken, welch einen Eindruck das auf mich gemacht -hatte! -- wandte ich mich an Herrn Kirilloff mit der harmlosen Frage: -Sie haben, sagte ich, Nicolai Stawrogin doch im Auslande und auch früher -schon in Petersburg gekannt, was halten Sie, frage ich, von seinem -Verstande und überhaupt von seinen geistigen Fähigkeiten? Und darauf -antwortet er mir lakonisch, wie das so seine Art ist: >Ja,< sagt er, ->das ist ein Mensch mit seinem Verstande und gesundem Urteil.< Aber -haben Sie nicht vielleicht, fragte ich weiter, im Laufe der Jahre -gewisse Ideenveränderungen an ihm bemerkt oder eine besondere -Geisteswandlung oder einen gewissen, wie soll ich sagen, nun -- -sozusagen doch einen gewissen Irrsinn? Kurz, ich wiederholte Warwara -Petrownas Frage. Nun, und was denken Sie: Herr Kirilloff wird plötzlich -nachdenklich und runzelt die Stirn ... Sehen Sie, genau so wie jetzt. ->Ja,< sagte er dann, >ich bemerkte allerdings zuweilen etwas Sonderbares -an ihm.< Denken Sie sich, wenn schon Herr Kirilloff etwas Sonderbares -bemerkt hat -- was kann dann nicht alles in Wirklichkeit sein?!« - -»Ist das wahr?« wandte sich Stepan Trophimowitsch an Kirilloff. - -»Ich möchte nicht davon sprechen ...« sagte Kirilloff, hob aber -plötzlich den Kopf und seine Augen blitzten. »Ich möchte Ihr Recht -bestreiten, Liputin. Sie haben für den Fall gar kein Recht auf mich. Ich -habe gar nicht meine ganze Meinung gesagt. Ich kannte Stawrogin in -Petersburg. Aber das war lange her. Und jetzt, wenn ich ihn auch -wiedergesehen habe, so kenne ich ihn doch nur eben so. Ich bitte Sie, -mich hier ganz beiseite zu lassen, und ... alles das sieht aus wie -Klatsch.« - -Liputin spielte die beleidigte Unschuld und führte die Hände -auseinander. - -»Wie Klatsch! Bin ich nicht gar noch ein Spion? Sie haben gut -kritisieren, Herr Kirilloff, wenn Sie sich dabei selber beiseite lassen. -Sogar dieser Hauptmann, Stepan Trophimowitsch, sogar dieser Lebädkin, -der doch so dumm ist, wie -- man schämt sich ja förmlich zu sagen, wie -dumm er ist; es gibt aber so einen russischen Vergleich -- sogar der -denkt offenbar ganz sonderbar von Nicolai Stawrogin, obwohl er seinen -Scharfsinn bewundert. >Bin ganz erstaunt über diesen Menschen: eine -allwissende Schlange!< -- waren seine eigenen Worte. Ich fragte also -auch ihn, immer noch unter dem gestrigen Eindruck und schon nach dem -Gespräch mit Herrn Kirilloff. >Nun,< fragte ich, >Hauptmann, was glauben -Sie eigentlich, ist Ihre allwissende Schlange, Nicolai Stawrogin nicht -einfach wahnsinnig?< Na, und nun glauben Sie mir oder glauben Sie mir -auch nicht: es war für ihn, als hätte ich ihm hinterrücks einen -Peitschenschlag versetzt -- ohne seine Erlaubnis natürlich. Er sprang -geradezu auf: >Ja,< sagte er, >ja, aber das kann doch keinen Einfluß -haben auf ...< Aber auf was das keinen Einfluß haben könnte, das sagte -er nicht, sondern versank nur in traurige Gedanken, und zwar in so -traurige Gedanken, sage ich Ihnen, daß er davon ganz nüchtern wurde. Wir -saßen gerade in der Filippoffschen Trinkstube. Erst nach einer halben -Stunde ungefähr schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch: >Ja,< -schreit er, >meinetwegen auch wahnsinnig, nur kann das keinen Einfluß -haben ...< und wieder brach er ab. Ich gebe Ihnen natürlich das Gespräch -nur im Auszug wieder, aber der Sinn ist doch wohl klar? Na, und so, wen -man auch fragt in der Stadt, allen kommt der Gedanke in den Kopf: >Ja,< -sagt ein jeder, >er ist wahnsinnig; gewiß, er ist sehr klug; aber -vielleicht auch wahnsinnig.<« - -Stepan Trophimowitsch saß ganz in Gedanken versunken da und schien -angestrengt zu überlegen. »Wie kann Lebädkin das wissen?« fragte er. - -»Eh, wollen Sie sich nicht lieber bei Herrn Kirilloff, der mich soeben -einen Spion nannte, danach erkundigen? Ich weiß nichts und rede nur so -zum Zeitvertreib, das nennt man dann Spion, er aber weiß die letzten -Geheimnisse und schweigt!« - -»Ich weiß gar nichts. Oder wenig,« versetzte der Ingenieur mit derselben -Gereiztheit. »Sie machen Lebädkin betrunken, um aus ihm was zu erfahren. -Sie haben auch mich hierher gebracht, um aus mir zu erfahren, damit ich -... hier sage. Folglich sind Sie ein Spion!« - -»Ich habe ihn noch nie betrunken gemacht, das würde mich zu viel Geld -kosten, und das ist er auch gar nicht wert mitsamt seinen Geheimnissen. -Sehen Sie, das ist sein Wert für mich. Wieviel er für Sie bedeutet, weiß -ich freilich nicht. Sonst ist er es, im Gegenteil, der jetzt mit dem -Gelde nur so um sich wirft, während er vor vierzehn Tagen mich noch um -fünfzehn Kopeken anpumpte. Er ist es, der mir Champagner vorsetzt, nicht -ich ihm. Aber Sie haben mir einen guten Gedanken gegeben, und wenn es -nötig sein wird, werde ich ihn schon betrunken machen, um von ihm etwas -zu erfahren ... und dann vielleicht alle eure Geheimnisse auf einmal ... -so viel ihrer da sind!« setzte er böse hinzu. - -Stepan Trophimowitsch sah die beiden verständnislos an. Sie hatten sich -beide Blößen gegeben, und zwar ohne Scheu vor uns anderen Anwesenden. -Mir schien es, als habe Liputin diesen Kirilloff einzig deshalb zu uns -gebracht, um ihn durch eine dritte Person ins Gespräch zu ziehen -- sein -übliches Manöver. - -»Herr Kirilloff kennt den Nicolai Stawrogin sogar sehr gut,« fuhr -Liputin in gereiztem Tone fort, »bloß will er das nicht eingestehen. Und -was den Hauptmann Lebädkin betrifft, so hat der ihn noch viel früher -gekannt, als er uns hier mit seinem Besuch beglückte. Sogar schon vor -fünf, sechs Jahren in Petersburg, zur Zeit der sogenannten >unbekannten< -Lebensepoche Nicolai Stawrogins. Man könnte daraus schließen, daß unser -Prinz damals sehr sonderbare Bekanntschaften gehabt haben muß. Auch mit -Herrn Kirilloff ist er in eben dieser Zeit bekannt geworden.« - -»Hüten Sie sich, Liputin, ich warne Sie. Nicolai Stawrogin wird bald -herkommen, und das ist einer, der seinen Mann zu stehen weiß!« - -»Ja, aber was hat denn das mit mir zu tun? Ich bin der erste, der -behauptet, daß er den feinsten, den erlesensten Verstand hat, und in -diesem Sinne habe ich auch Warwara Petrowna gestern vollkommen beruhigt. ->Nur für seinen Charakter,< sagte ich, >kann ich nicht einstehen.< Auch -Lebädkin sagt ganz dasselbe. >Unter seinem Charakter,< sagt er, >habe -auch ich gelitten.< Ach, Stepan Trophimowitsch, Sie haben gut sagen: ->Klatsch< und >Spionage<, aber bitte nicht zu vergessen: erst, nachdem -Sie sehr schön alles aus mir herausgezogen haben, und mit was für einer -Neugier noch dazu! Sehen Sie, Warwara Petrowna, die traf gestern gleich -den Nagel auf den Kopf. >Sie haben,< sagte sie, >persönlich durch ihn zu -leiden gehabt, darum wende ich mich auch an Sie!< Ja, und war es denn -nicht so? Mußte ich denn nicht vor der ganzen Gesellschaft eine -persönliche Beleidigung von Seiner Hochwohlgeboren hinunterschlucken? -Ich glaube, ich habe Grund genug, mich für diese Klatschgeschichten zu -interessieren! Heute drückt er einem die Hand, morgen aber schlägt er -sie einem, dir nichts, mir nichts, ins Gesicht, und das noch in -ehrenwerter Gesellschaft, grad so, wie's ihm gefällt. Rein aus Übermut, -wie's scheint. Und was die Hauptsache ist! Diese Herren haben die Frauen -natürlich immer auf ihrer Seite! Schmetterlinge sind sie und mutige -Hähnchen! Gutsbesitzerssöhne mit Flügelchen hinten dran, wie einstmals -Amor ... diese Herzfresser _à la_ Petschorin![28] Sie, Stepan -Trophimowitsch, als fanatischer Junggeselle, haben gut reden und mich -wegen Seiner Hochwohlgeboren einen Geschichtenmacher zu nennen. Aber -heiraten Sie mal erst -- Sie sind ja doch noch ein ganzer Mann! -- so -eine nette kleine junge Frau, und Sie werden selber vor unserem Prinzen -alle Türen verrammeln und gar Barrikaden im eigenen Hause bauen! Hier -lohnt es sich ja gar nicht mehr, zu reden! Selbst von solch einer -Mademoiselle Lebädkin, die gepeitscht wird, würde ich glauben -- bei -Gott! --, wenn sie nicht verrückt und lahm wäre, daß sie ein Opfer -unseres Prinzen ist, und daß Lebädkin sich deshalb in seiner ->Familienehre< gekränkt fühlt, wie er sich immer ausdrückt. Sie glauben, -die wäre mit seinem feinen Geschmack nicht in Einklang zu bringen? Mein -Gott, auch der stört diese Herren nicht immer. Jede kleine Beere wird -gegessen, sie muß nur die richtige Stimmung treffen. Sie sprechen von -Klatsch? Aber -- sage ich es denn allein, wenn schon die ganze Stadt es -ausschreit? Ich nicke nur und höre zu. >Ja<-sagen ist bekanntlich nicht -verboten!« - -»Die ganze Stadt schreit ... das heißt, was schreit denn die ganze -Stadt?« - -»Na, ich meine, Hauptmann Lebädkin schreit's in betrunkenem Zustande, so -daß die ganze Stadt es hören kann. Ist das nicht dasselbe, wie wenn die -ganze Stadt es schreit? Bin ich etwa schuld daran? Ich rede nur mit -Freunden darüber. Ich hoffe doch, hier unter Freunden zu sein?« und mit -unschuldigem Lächeln sah er uns alle an. »Und dabei ist _noch_ etwas -geschehen! Denken Sie mal: es stellt sich heraus, daß unser Prinz ihm, -dem Lebädkin, aus der Schweiz durch ein junges Mädchen dreihundert Rubel -geschickt hat. Ich habe die Ehre, die junge Dame persönlich zu kennen, -sie ist ohne Tadel und sozusagen eine sittsame Waise. Nach einiger Zeit -aber erfährt Lebädkin aus der sichersten Quelle von einem edlen -Menschen, daß ihm nicht dreihundert Rubel, sondern tausend zur Übergabe -gesandt worden sind! >Folglich,< schreit er, >hat das Mädchen mich um -siebenhundert Rubeln bestohlen!< Und er will das Geld durch die Polizei -herausfordern, wenigstens droht er so und schreit dabei, daß die ganze -Stadt es hören kann ...« - -»Das ist gemein, gemein von Ihnen!« rief plötzlich der Ingenieur und -sprang vom Stuhl auf. - -»Ja aber -- Sie selbst sind doch dieser edle Mensch, der Lebädkin -versichert hat, daß nicht dreihundert, sondern tausend geschickt worden -sind! Der Hauptmann hat es mir in der Filippoffschen Kneipe, betrunken -wie immer, selbst mitgeteilt.« - -»Das ... das ist ein unglückliches Mißverständnis. Jemand hat sich -geirrt und es ist ... ein Blödsinn -- und Sie sind gemein!« - -»Ja, ich will gewiß gerne glauben, daß es reiner Blödsinn ist. Ich bin -sogar tief betrübt, daß man das ehrenwerte Mädchen in die Geschichte -hineingezogen hat. Erstens mit den siebenhundert Rubeln, und zweitens -weiß jetzt alle Welt, daß sie mit Nicolai Stawrogin intim befreundet -gewesen ist. Was kostet es denn Seine Hochwohlgeboren, den jungen -Stawrogin, ein ehrenwertes Mädchen zu schänden, oder auch eine fremde -Frau zu beschimpfen, wie es mein >Fall< war? Kommt ihnen dann noch ein -großmütiger Mensch unter die Finger, so zwingen sie ihn, mit seinem -ehrlichen Namen fremde Sünden zu decken. Genau so hab ich's doch erleben -müssen! Ich rede ja nur von mir ...« - -»Hüten Sie sich, Liputin!« Stepan Trophimowitsch erhob sich drohend. Er -war totenblaß. - -»Glauben Sie ihm nicht, glauben Sie nicht! Jemand hat sich geirrt und -Lebädkin ist immer betrunken!« rief der Ingenieur in unbeschreiblicher -Aufregung aus. »Alles wird sich aufklären, aber ich kann nicht mehr ... -ich halte es für eine Gemeinheit ... und genug ... genug!« - -Er stürzte aus dem Zimmer. - -»Aber wohin denn, was haben Sie? Ich gehe doch mit Ihnen!« rief Liputin -erschrocken, sprang auf und lief ihm nach. - - - VII. - -Stepan Trophimowitsch stand einen Augenblick wie in Gedanken versunken -da, er sah auch mich an, doch ohne mich zu sehen, und schließlich -ergriff er Hut und Stock und verließ langsam das Zimmer. Ich ging ihm -nach. Erst als er aus der Tür trat, bemerkte er mich. - -»Ach ja, Sie können mein Zeuge sein ... _de l'accident. Vous -m'accompagnerez, n'est-ce pas?_«{[47]} - -»Stepan Trophimowitsch, gehen Sie trotzdem zu ihr? Bedenken Sie doch, -was daraus entstehen kann!« - -Er blieb stehen und flüsterte mit einem armseligen und geistesabwesenden -Lächeln, in dem Scham und vollkommene Verzweiflung, doch zugleich eine -seltsame Ekstase lag: - -»Ich kann doch nicht >fremde Sünden< heiraten ...« - -Endlich war das verhängnisvolle Wort ausgesprochen, das er eine ganze -Woche mit Kniffen und Winkelzügen vor mir zu verstecken gesucht hatte! - -Ich war einfach empört. - -»Und ein so schmutziger, ein so ... niedriger, gemeiner Gedanke konnte -in Ihrem Kopf entstehen, in Ihnen, in Stepan Werchowenski! Sie mit Ihrem -guten, reinen Herzen, und das noch -- vor Liputin und seinem Klatsch!« - -Er sah mich an, antwortete nichts und ging weiter. Ich wollte ihn nicht -verlassen, sondern bei Warwara Petrowna sein Zeuge sein. Ich hätte ihm -verziehen, wenn er, mit seinem weibischen Kleinmut, auf Liputins -Verleumdung hin alles geglaubt hätte: nun aber war es doch klar, daß er -schon früher von selbst auf diesen Verdacht gekommen, daß er ihn die -ganze Zeit mit sich herumgetragen und daß Liputin ihn jetzt nur -bestätigt hatte. Er hatte sich nicht gescheut, gleich vom ersten Tage an -das junge Mädchen zu verdächtigen, ohne den geringsten Grund dazu zu -haben. Die herrische Handlungsweise Warwara Petrownas hatte er sich eben -nur mit dem verzweifelten Wunsch erklären können, die galanten Sünden -ihres teuren Nicolas so schnell wie möglich mit einer Hochzeit zu -decken. - -Und dafür sollte er bestraft werden, das wünschte ich ihm von ganzem -Herzen. - -»_O, Dieu qui est si grand et si bon!_{[48]} Oh, wer wird mich jetzt -trösten!« rief er aus, als er ungefähr hundert Schritte gegangen war und -plötzlich stehen blieb. - -»Gehen wir nach Hause, und ich werde Ihnen sofort alles erklären!« rief -ich und wollte ihn mit Gewalt zurückbringen. - -»Da ist er ja! Stepan Trophimowitsch, das sind doch Sie? Sie?« ertönte -plötzlich eine frische und mutwillige junge Stimme, die mir wie Musik -klang. - -Noch sahen wir niemanden, als plötzlich eine Reiterin neben uns hielt. -Es war Lisaweta Nicolajewna, gefolgt von ihrem tagtäglichen Begleiter. -Sie zügelte das Pferd. - -»Kommen Sie, kommen Sie doch schneller!« rief sie laut und lustig. »Ich -habe ihn zwölf Jahre lang nicht gesehen und gleich erkannt. Er aber ... -Erkennen Sie mich wirklich nicht?« - -Stepan Trophimowitsch ergriff ihre Hand. Er sah sie an, als hätte er ein -Gebet zu ihr auf den Lippen, und konnte doch kein Wort hervorbringen. - -»Er hat mich erkannt und freut sich! Mawrikij Nicolajewitsch, er scheint -entzückt zu sein, daß er mich wiedersieht! Warum sind Sie denn in diesen -ganzen zwei Wochen nicht zu uns gekommen? Tante beteuerte, Sie seien -krank und man dürfe Sie nicht aufregen, aber ich weiß doch, das hat sie -nur gelogen. Ich habe mit den Füßen gestampft und auf Sie gescholten, -aber ich wollte unbedingt, unbedingt, daß Sie, von selbst, als Erster zu -uns kämen, und darum habe ich nicht nach Ihnen geschickt. Gott, er hat -sich ja nicht ein bißchen verändert!« und sie beugte sich im Sattel nach -vorn, um ihn genauer betrachten zu können. -- »Es ist ja ganz -lächerlich, wie wenig er sich verändert hat! Ach, doch, es sind doch -kleine Fältchen an den Augen, viele Fältchen, und auf den Wangen ... und -graue Haare -- aber die Augen sind noch ganz dieselben! Ganz! Und ich? -Habe ich mich verändert? Ja? Aber warum schweigen Sie noch immer?« - -Ich erinnerte mich in dem Augenblick, daß man mir erzählt hatte, sie sei -fast erkrankt, als man sie, elfjährig, nach Petersburg brachte, und daß -sie während der Krankheit geweint und immer nach Stepan Trophimowitsch -verlangt habe. - -»Sie ... ich ...« stotterte er mit vor Freude unsicherer Stimme. »Soeben -rief ich noch aus: wer wird mich trösten? und da erklang Ihre Stimme ... -Ich halte das für ein Zeichen _et je commence à croire_.«{[49]} - -»_En Dieu? En Dieu, qui est là haut et qui est si grand et si -bon?_{[50]} Sehen Sie mal, ich kenne Ihre Lektionen noch auswendig. -Mawrikij Nicolajewitsch, welch einen Glauben er mir damals beibrachte -_en Dieu, qui est si grand et si bon_! Und erinnern Sie sich noch Ihrer -Erzählungen von Kolumbus, und wie er Amerika entdeckte, und wie sie da -alle >Land, Land!< geschrieen haben!? Meine Kinderfrau Aljona Frolowna -sagte mir, daß ich noch nachher im Traume >Land! Land!< gerufen habe. -Und wissen Sie noch, wie Sie mir die Geschichte des Prinzen Hamlet -erzählt haben? Und wie Sie mir den Transport der armen Auswanderer von -Europa nach Amerika beschrieben haben? Das war ja alles gar nicht wahr, -später habe ich erfahren, wie man sie hinübertransportiert hat. Aber wie -er mir damals alles so viel schöner vorgelogen hat! Mawrikij -Nicolajewitsch, viel schöner und besser, als es in Wirklichkeit ist! -Warum sehen Sie Mawrikij Nicolajewitsch so an? Das ist der allerbeste -und der allertreueste Mensch auf dem Erdball, und Sie müssen ihn -unbedingt ebenso lieben wie ich! _Il fait tout ce que je veux._{[51]} -Aber, Liebling, Stepan Trophimowitsch, Sie müssen wohl wieder -unglücklich sein, wenn Sie mitten auf der Straße ausrufen: wer wird mich -trösten? Also wieder einmal unglücklich, ja?« - -»Jetzt bin ich glücklich -- --« - -»Tante kränkt Sie?« fuhr sie fort, ohne seine Worte zu beachten. »Immer -diese böse, ungerechte, unsere unschätzbare, teure, böse Tante! Ach, -wissen Sie noch, wie Sie im Garten in meine Arme flogen und ich Sie -tröstete und dann selber mit Ihnen weinte? Aber so fürchten Sie sich -doch nicht vor Mawrikij Nicolajewitsch, er weiß alles, alles von Ihnen. -Sie können an seiner Schulter weinen, so lange Sie wollen, und er wird -stehen so lange wie Sie wollen. Schieben Sie Ihren Hut zurück, nein, -nehmen Sie ihn ganz ab, auf einen Augenblick nur, heben Sie sich auf die -Fußspitzen, ich werde Sie gleich auf die Stirn küssen, so wie ich Sie -das letzte Mal zum Abschied geküßt habe. Sehen Sie, diese Dame dort am -Fenster freut sich über uns ... Näher, näher! Gott, wie er grau geworden -ist!« - -Und sie beugte sich im Sattel und küßte ihn auf die Stirn. - -»Nun, und jetzt zu Ihnen nach Haus! Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich werde -gleich, in einer Minute, bei Ihnen sein. Sie Eigensinn, also werde ich -Sie doch zuerst besuchen. Dann aber schleppe ich Sie auf den ganzen Tag -zu mir. Gehen Sie jetzt und bereiten Sie sich vor, mich zu empfangen!« - -Und sie ritt mit ihrem Kavalier davon. Wir aber kehrten nach Hause -zurück. Stepan Trophimowitsch setzte sich auf den Diwan und weinte. - -»_Dieu, Dieu!_« rief er. »_Enfin une minute de bonheur!_«{[52]} - -Nach zehn Minuten erschien sie in Begleitung des jungen Mannes. Stepan -Trophimowitsch ging ihr entgegen. - -»_Vous et le bonheur, vous arrivez en même temps!_«{[53]} - -»Hier haben Sie Blumen. Ich war bei der Blumenfrau. Wie Sie wissen, hat -sie den ganzen Winter Bukette für Geburtstagskinder zum Verkauf. Hier -stelle ich Ihnen also nochmals Mawrikij Nicolajewitsch vor, bitte sich -mit ihm zu befreunden. Eigentlich wollte ich Ihnen eine Pastete statt -der Blumen bringen, aber Mawrikij Nicolajewitsch behauptete, das sei -nicht im russischen Stil.« - -Dieser Mawrikij Nicolajewitsch war Hauptmann der Artillerie, etwa -dreiunddreißig Jahre alt, hoch und schlank, von tadellosem Äußeren, mit -Achtung gebietenden, auf den ersten Blick streng erscheinenden Zügen -- -trotz einer erstaunlichen und überaus taktvollen Güte, die man ihm -sofort anmerkte, auch wenn man ihn gar nicht oder kaum kannte. Im -übrigen war er schweigsam, schien kaltblütig zu sein und sehr -zurückhaltend. Später sagten einige bei uns, er sei im Grunde beschränkt -gewesen, aber das war entschieden ein falsches Urteil. - -Die Schönheit Lisaweta Nicolajewnas zu beschreiben, will ich lieber -nicht versuchen. Die ganze Stadt sprach ja schon von ihr, obwohl einige -Damen fast vom Gegenteil überzeugt waren und sie beinahe häßlich fanden. -Es gab aber auch solche, die Lisaweta Nicolajewna nicht nur um ihrer -Schönheit willen haßten, sondern, und vor allen Dingen, wegen ihres -Stolzes. Drosdoffs hatten es noch unterlassen, die üblichen Visiten zu -machen -- und das beleidigte natürlich jeden und alle, obgleich man in -der Stadt sehr wohl wußte, daß der Grund dazu in Praskowja Iwanownas -Unwohlsein lag. Sodann haßte man Lisa auch noch wegen ihrer -Verwandtschaft mit der »Gouverneurin«, und drittens, weil sie täglich -spazieren ritt, denn bis jetzt hatte es bei uns noch keine Amazonen -gegeben. Zwar wußten alle sehr gut, daß die Ärzte ihr das Reiten -verordnet hatten, aber das änderte nicht im geringsten das Urteil der -Damen, sondern gab nur noch einen Anlaß, auch über ihre Kränklichkeit zu -witzeln und zu spötteln. Lisa war in der Tat krank: schon auf den ersten -Blick fiel einem ihre nervöse Unruhe auf. Wie sehr sie damals litt, das -sollte sich freilich erst später aufklären. Wenn ich heute an sie -zurückdenke und sie mir dabei vorstelle, kann ich sie übrigens nicht -mehr so wunderschön finden, wie ich sie damals fand. Vielleicht war sie -sogar ausgesprochen häßlich. Sie war hoch von Wuchs, schlank, biegsam -und kräftig. Doch frappierte das Gesicht beinahe durch die -Unregelmäßigkeit der Züge. Es war dabei bleich, mit ziemlich starken -Backenknochen, hager, und die Augen waren ein wenig schräg gestellt, -waren geschlitzt wie bei den Kalmücken. Aber es lag etwas in diesem -Gesicht, das einen unwiderstehlich anzog. Irgendeine Macht ruhte in dem -brennenden Blick ihrer dunklen Augen. Stolz und zuweilen sogar -vermessen: so wirkte sie und erschien wie eine Siegerin, die nicht -anders konnte, als besiegen. Ihr war es nicht gegeben, gut zu sein, aber -sie kämpfte darum, es dennoch zu sein. Es waren viele edle Triebe in -dieser Natur und eine Menge großer Ansätze, aber alles das suchte in ihr -nach einem Ausgleich und konnte ihn nicht finden: alles in ihr war -Chaos, Unruhe und Aufregung. Vielleicht stellte sie auch gar zu große -Anforderungen an sich selbst und fand dabei niemals die Kraft in sich, -diese Anforderungen zu befriedigen. - -Sie setzte sich auf den Diwan und betrachtete das Zimmer. - -»Warum werde ich in solchen Minuten immer traurig? Können Sie mir das -nicht erklären, Sie gelehrter Mensch? Ich habe immer gedacht, daß ich -weiß Gott wie froh sein würde, wenn ich Sie wiedersähe und mit Ihnen -über all das Gewesene sprechen könnte ... und nun bin ich fast -- gar -nicht froh, obgleich ich Sie doch lieb habe ... Ach Gott, mein Bild -hängt hier bei Ihnen! Geben Sie es her, schnell, ich weiß, ich erinnere -mich ...« - -Vor neun Jahren hatten Drosdoffs Stepan Trophimowitsch aus Petersburg -ein Aquarellbildchen der kleinen zwölfjährigen Lisa zugeschickt und seit -der Zeit hing es bei ihm an der Wand. - -»War ich wirklich ein so nettes Kind? Ist das wirklich mein Gesicht?« - -Sie stand auf und trat mit dem Bildchen in der Hand vor den Spiegel. - -»Nehmen Sie es schnell, schnell!« rief sie aus und gab das Bildchen -zurück. »Hängen Sie es jetzt nicht auf, später, später, ich will es -nicht sehen.« Sie ließ sich wieder auf den Diwan nieder. »Das eine Leben -verging und es begann ein anderes, und das andere verging und es begann -ein drittes, und so geht es fort. Die Enden aber sind immer wie mit der -Schere abgeschnitten. Sehen Sie mal, von was für alten Sachen ich rede, -und doch ist so viel Wahrheit darin!« - -Sie sah mich lachend an. Schon einigemal hatte sie mich betrachtet, aber -Stepan Trophimowitsch kam in seiner Aufregung gar nicht darauf, mich ihr -vorzustellen. - -»Aber warum hängt mein Bild unter Säbeln? Und warum haben Sie hier -überhaupt so viele Säbel und Dolche?« - -Ich weiß nicht, warum bei Stepan Trophimowitsch an der Wand zwei -Yatagane hingen und über ihnen ein echter Tscherkessendolch. - -Als sie die Frage stellte, sah sie mich wieder an, so daß ich schon -antworten wollte. Da kam Stepan Trophimowitsch endlich darauf, mich -vorzustellen. - -»Ich weiß, ich weiß,« sagte sie -- »es freut mich sehr. Mama hat auch -schon von Ihnen gehört. Und bitte, hier stelle ich Ihnen Mawrikij -Nicolajewitsch vor, ein prachtvoller Mensch. Ich hatte mir von Ihnen -eigentlich einen komischen Begriff gemacht. -- Sie sind doch Stepan -Trophimowitschs >Vertrauter<?« - -Ich errötete. - -»Ach, bitte verzeihen Sie, ich wollte durchaus nicht dieses Wort sagen, -es ist nichts Komisches dabei, sondern nur so ...« Und auch sie errötete -verwirrt. »Übrigens, ich sehe nicht ein, warum sich da jemand dessen -schämen soll, daß er ein wertvoller Mensch ist, nicht wahr? -- Aber -jetzt müssen wir gehen, Mawrikij Nicolajewitsch. Stepan Trophimowitsch, -daß Sie in einer halben Stunde bei uns sind! O Gott, wie viel wir uns zu -erzählen haben! Jetzt bin ich Ihre Vertraute, in allen Dingen, hören -Sie, in _allen_ Dingen!« - -Stepan Trophimowitsch erschrak sofort. - -»O, Mawrikij Nicolajewitsch weiß alles, vor ihm brauchen Sie sich nicht -zu genieren.« - -»_Mais_,{[54]} was weiß er denn?« - -»Aber warum tun Sie denn so?« rief sie erstaunt. »Ah, so ist es also -wahr, daß man es uns verheimlichen will? Ich wollte es nicht glauben! -Dascha wird gleichfalls versteckt. Tante ließ mich vorhin auch nicht zu -Dascha gehen, sie sagte, sie habe Kopfschmerzen.« - -»Aber ... aber wie haben Sie es denn erfahren können?« - -»Mein Gott, so wie alle! Als ob dazu viel gehört!« - -»Ja, wissen es denn wirklich schon alle? ...« - -»Wie denn nicht? Mama, das ist wahr, die hat es zuerst durch Aljona -Frolowna, meine Kinderfrau, erfahren, und der hat es Ihre Nastassja -schleunigst erzählt. Sie haben es doch Nastassja gesagt? Sie sagt -wenigstens, Sie hätten es ihr selbst mitgeteilt.« - -»Ich ... ich habe einmal davon gesprochen ...« stotterte Stepan -Trophimowitsch, über und über rot, »aber ich habe bloß angedeutet ... -_j'étais si nerveux et malade et puis_{[55]} ...« - -Sie lachte. - -»Und da kein anderer Freund zur Hand war und Nastassja Ihnen gerade in -den Weg lief -- nun, ich weiß schon! Die aber hat ja überall -Freundinnen. Doch lassen wir das, das ist ja alles ganz gleichgültig. -Mögen es die Leute doch wissen, um so besser! Und kommen Sie bald, wir -speisen früh. Ach, da habe ich etwas vergessen!« sie setzte sich wieder. -»Hören Sie mal, wer ist Schatoff?« - -»Schatoff? Das ist Darja Pawlownas Bruder ...« - -»Ach, das weiß ich doch, daß er ihr Bruder ist, -- wie Sie wirklich -sind!« unterbrach sie ihn ungeduldig. »Ich will wissen, was er -eigentlich ist, was für ein Mensch?« - -»_C'est un pense-creux d'ici. C'est le meilleur et le plus irascible -homme du monde._«{[56]} - -»Das habe ich auch schon gehört, daß er ein Sonderling ist. Aber das -gehört nicht zur Sache. Man sagte mir, daß er drei Sprachen spricht, -auch englisch, und sich mit literarischen Arbeiten beschäftigt. In -diesem Fall könnte ich ihm viel Arbeit verschaffen. Ich habe jemanden -nötig, der mir helfen kann, und je schneller ich einen finde, desto -besser. Aber wird er die Arbeit annehmen, was meinen Sie? Man hat ihn -mir dazu empfohlen.« - -»O natürlich, _et vous ferez un bienfait_.«{[57]} - -»Ich tue es gar nicht wegen des _bienfait_, sondern weil ich einen -Gehilfen brauche.« - -»Ich bin mit Schatoff befreundet,« sagte ich, »und wenn Sie mich -beauftragen wollten, so würde ich sofort zu ihm gehen.« - -»Das ist ja herrlich! Sagen Sie ihm, bitte, daß er morgen um zwölf Uhr -zu mir kommen soll. Ich danke Ihnen! Mawrikij Nicolajewitsch, sind Sie -bereit?« - -Sie ritten davon. Ich begab mich natürlich gleich zu Schatoff. - -»_Mon ami!_«{[58]} rief mir Stepan Trophimowitsch nach, »kommen Sie -unbedingt um zehn oder elf Uhr zu mir, wenn ich zurückgekommen bin. Oh, -ich bin schuldig, verzeihen Sie mir, ich bin vor allen, vor allen -schuldig!« - - - VIII. - -Schatoff war ausgegangen. Nach zwei Stunden ging ich wieder zu ihm -- -und wieder war er nicht zu Hause. Um acht Uhr abends ging ich zum -dritten Male hin, um ihm, wenn ich ihn wieder nicht antreffen sollte, -einen Zettel zu hinterlassen. Und richtig, er war wieder nicht zu Haus, -sein Zimmer war verschlossen: er lebte ganz allein und ohne einen -Dienstboten. Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich nicht zu Lebädkins -gehen und dort nach ihm fragen sollte: aber auch dort war die Tür -verschlossen, es war weder ein Licht zu sehen, noch ein Laut zu hören -- -die Wohnung schien vollständig leer zu sein. Ich entschloß mich also, -morgen früh wiederzukommen, denn auf das Zettelchen konnte ich mich -nicht verlassen. Schatoff war mitunter so eigensinnig und dazu -schüchtern, da war es leicht möglich, daß er einfach nicht hinging. -Gerade als ich aus der Tür trat, stieß ich auf Herrn Kirilloff. Er -erkannte mich sofort, und da er mich ansprach und fragte, wen ich -suchte, erzählte ich ihm die ganze Geschichte und erwähnte auch meinen -Zettel. - -»Kommen Sie,« sagte er, »ich werde es machen.« - -Kirilloff wohnte seit diesem Morgen, wie uns schon Liputin erzählt -hatte, im Flügel auf dem Hof. In dieser Hälfte des Hauses, die für ihn -allein zu groß gewesen wäre, wohnte außer ihm noch ein altes, taubes -Weib, das ihn auch bediente. Der Hausbesitzer selbst, Herr Filippoff, -war nebenan in sein neues Heim gezogen, wo er eine Trinkstube hielt, und -die Alte, die mit ihm verwandt war, beaufsichtigte nun das alte Haus. -Die Zimmer in diesem Flügel waren sauber, aber die Tapeten schmutzig. Im -ersten Zimmer, in das wir eintraten, standen die verschiedensten alten -Möbel: zwei l'Hombretische, eine Kommode aus Ellernholz, ein großer -Tisch aus rohen Brettern, wohl aus einer Bauernstube oder Küche; ferner -ein paar Stühle und ein Diwan mit geflochtenen Lehnen und harten -Lederkissen. In einer Ecke hing ein altes Heiligenbild, vor dem die Alte -das Lämpchen schon angezündet hatte, und an den Wänden hingen zwei alte -Öldruckbilder, von denen das eine den Kaiser Nicolai I. und das andere -irgendeinen Bischof darstellte. - -Kirilloff zündete ein Licht an und holte aus seinem Koffer, der in einer -Ecke noch unausgepackt stand, ein Kuvert, Siegellack und ein -Kristallpetschaft. - -»Versiegeln Sie Ihren Brief und schreiben Sie die Adresse darauf.« - -Ich sagte, daß das unnötig sei, aber er bestand auf seinem Wunsch. -Nachdem ich die Adresse geschrieben hatte, nahm ich meinen Hut und -wollte gehen. - -»Ich dachte, Sie würden Tee trinken,« sagte er. »Ich habe Tee gekauft. -Wollen Sie nicht?« - -Ich lehnte nicht ab. Die Alte brachte bald darauf eine riesige Teekanne -mit heißem Wasser und eine kleinere mit gezogenem Tee, zwei große -einfache Tassen, Weißbrot und einen ganzen Teller mit Stückzucker. - -»Ich liebe Tee,« sagte Kirilloff, »besonders in der Nacht. Ich gehe auf -und ab und trinke, bis zum Morgen. Im Auslande ist Teetrinken nachts -unbequem.« - -»Sie legen sich erst gegen Morgen schlafen?« - -»Immer, schon lange. Ich esse wenig. Trinke immer Tee ...« Und ganz -unvermittelt sagte er plötzlich: »Liputin ist schlau, aber ungeduldig.« - -Es wunderte mich, daß er heute offenbar zu sprechen wünschte, und ich -entschloß mich, die Gelegenheit zu benutzen. - -»Das war ein unangenehmes Mißverständnis, heute vormittag, bei Stepan -Trophimowitsch,« bemerkte ich. - -Er machte ein geärgertes Gesicht. - -»Das war Dummheit; das sind furchtbare Nichtigkeiten; alles, was da war, -denn Lebädkin spricht betrunken. Ich habe Liputin nichts gesagt, nur die -Richtigkeit erklärt; denn jener hatte gefaselt. Liputin hat viel -Phantasie; statt die Nichtigkeit einzusehen, hat er gleich Berge daraus -gebaut. Gestern vertraute ich ihm.« - -»Und heute mir?« fragte ich lachend. - -»Aber Sie wußten doch vorher schon von allem. Liputin ist schwach, oder -ungeduldig, oder schädlich, oder ... neidisch.« - -Das letzte Wort überraschte mich. - -»Hm. Übrigens haben Sie so viele Kategorien aufgestellt, daß es -schließlich kein Wunder ist, wenn er in eine von ihnen hineinpaßt.« - -»Oder in alle zusammen.« - -»Ja, auch das ist richtig. Liputin ist ein Chaos! Er log zwar vorhin, -aber sagen Sie, ist es nicht trotzdem wahr, daß Sie ein Buch schreiben -wollen?« - -»Warum soll das gelogen sein?« entgegnete er finster und sah zu Boden. - -Ich entschuldigte mich und versicherte, daß ich ihn nicht ausfragen -wolle. Er errötete. - -»Liputin hat da die Wahrheit gesagt. Ich schreibe. Nur ist das ganz -gleich.« - -Wir schwiegen wohl eine Minute lang; plötzlich lächelte er wieder sein -Kinderlächeln. - -»Das von den Köpfen hat er sich selbst ausgedacht, nach einem Buch, und -er selbst erzählte es mir zuerst, nur versteht er es schlecht; ich aber -suche nur den Grund, warum die Menschen sich nicht selbst zu töten -wagen; das ist alles. Aber auch das ist ganz gleich.« - -»Wieso, nicht wagen? Als ob es wenig Selbstmorde gäbe?« - -»Sehr wenig.« - -»Finden Sie wirklich?« - -Er antwortete nicht, stand auf und ging, in Gedanken versunken, auf und -ab. - -»Was hält denn, Ihrer Meinung nach, die Leute davon ab, sich selbst zu -töten?« fragte ich. - -Er sah mich zerstreut an, als müßte er sich erst erinnern, wovon wir -sprachen. - -»Ich ... ich weiß noch wenig ... Zwei Vorurteile halten davon ab, zwei -Gründe. Nur zwei: der eine ist sehr klein und der andere ist sehr groß. -Aber auch der kleine ist sehr groß.« - -»Welches ist denn der kleine?« - -»Der Schmerz.« - -»Der Schmerz? Ja, glauben Sie denn, daß _das_ so wichtig ist ... in -solchem Fall?« - -»Das Allererste. Es gibt zwei Arten: Die, welche sich aus großem Leid -umbringen, oder aus Haß, oder aus Wahnsinn, oder sonst da irgendwie ... -die tun es plötzlich. Die denken wenig an den Schmerz, und tun's -plötzlich ... Aber die, die sich aus Überlegung töten -- die denken -viel.« - -»Ja, gibt es denn überhaupt solche, die sich aus Überlegung töten?« - -»Sehr viele. Wenn es kein Vorurteil gäbe, würden es noch mehr sein; sehr -viele; alle!« - -»Was, sogar schon alle?« - -Er schwieg. - -»Aber gibt es denn keine Möglichkeit, schmerzlos zu sterben?« - -Er blieb vor mir stehen: »Denken Sie sich einen Stein von der Größe -eines großen Hauses; er hängt über Ihnen und Sie sind unter ihm; wenn er -auf Sie fällt, auf den Kopf -- wird es schmerzen?« - -»Ein Stein von der Größe eines Hauses? Natürlich, furchtbar!« - -»Ich spreche nicht von der Angst; wird es schmerzen?« - -»Ach so! Ein Stein, so groß wie ein Berg, eine Million Pud schwer? -- -Selbstverständlich nicht ein bißchen!« - -»Aber wenn Sie so liegen, während er hängt, werden Sie furchtbare Angst -davor haben, daß es schmerzen wird. Jeder große Gelehrte, jeder Arzt, -alle, alle werden Angst haben. Jeder wird wissen, daß es nicht schmerzt, -doch jeder wird sehr fürchten, daß es schmerzen wird.« - -»Nun, und der große, der zweite Grund?« - -»Das Jenseits.« - -»Sie meinen die Strafe?« - -»Einerlei. Das Jenseits, nichts als das Jenseits.« - -»Gibt es denn nicht auch solche Atheisten, die an ein Jenseits gar nicht -glauben und es vollständig leugnen?« - -Er schwieg wieder. - -»Sie urteilen vielleicht nur nach sich selbst?« - -»Niemand kann anders urteilen, als nach sich selbst,« sagte er und -errötete wieder. »Die vollständige Freiheit wird erst dann sein, wenn es -ganz einerlei sein wird, ob man lebt oder nicht. Das ist das ganze -Ziel.« - -»Das Ziel? Ja, aber dann wird vielleicht niemand mehr leben wollen?« - -»Niemand,« sagte er bestimmt. - -»Der Mensch fürchtet den Tod, weil er das Leben lieb hat, so verstehe -ich es wenigstens,« bemerkte ich, »und so will es die Natur.« - -»Das ist die Gemeinheit und hier steckt der ganze Betrug!« Seine Augen -blitzten auf. »Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Angst, und der -Mensch ist unglücklich. Jetzt liebt der Mensch das Leben, weil er -Schmerz und Angst liebt. Und so hat man's gemacht. Das Leben wird einem -jetzt für Angst und Schmerz gegeben. Hierin liegt der ganze Betrug. -Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Aber es wird einen neuen -Menschen geben, einen glücklichen und stolzen. Wem es ganz einerlei sein -wird, ob leben oder nicht leben, der wird der neue Mensch sein. Wer -Schmerz und Angst besiegen wird, der wird selbst Gott sein. Aber _den_ -Gott wird es dann nicht mehr geben.« - -»Also gibt es Ihrer Meinung nach doch noch _den_ Gott?« - -»Es gibt Ihn nicht, aber Er ist da. Im Stein ist kein Schmerz, aber in -der Angst durch den Stein ist Schmerz. Gott ist der Schmerz der Angst -vor dem Tode. Wer Schmerz und Angst besiegt, der wird selbst Gott -werden. Dann wird ein neues Leben sein, ein neuer Mensch, alles neu ... -Dann wird man die Weltgeschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla bis -zur Vernichtung Gottes, und von der Vernichtung Gottes bis ...« - -»Bis zum Gorilla --?« - -»... bis zur physischen Veränderung der Erde und des Menschen. Der -Mensch wird Gott sein und wird sich physisch verändern. Und das ganze -Weltall wird sich verändern, und alle Dinge werden sich verändern, und -alle Gedanken und alle Gefühle. Was glauben Sie, wird sich dann nicht -auch der Mensch physisch verändern?« - -»Wenn es uns ganz gleich sein wird, ob wir leben oder nicht leben, so -werden sich alle selbst totschlagen, und darin wird dann vielleicht eine -Veränderung bestehen.« - -»Das ist einerlei. Den Betrug wird man totschlagen. Ein jeder, der die -_große_ Freiheit will, muß sich selbst zu töten wagen. Wer sich selbst -zu töten wagt, der hat das Geheimnis des Betruges erkannt. Weiter gibt -es keine Freiheit. Hier ist alles und weiter ist nichts. Wer sich selbst -zu töten wagt, der ist Gott. Jetzt kann es jeder machen, daß Gott -aufhört, zu sein, und daß nichts mehr ist. Aber noch hat es niemand -einmal getan!« - -»Selbstmörder hat es zu Millionen gegeben.« - -»Aber alle nicht deswegen. Alle haben sie sich mit Angst und nicht -deswegen getötet. Nur wer sich tötet, um die Angst totzuschlagen, der -wird sofort Gott sein.« - -»Dazu wird er vielleicht keine Zeit mehr haben,« bemerkte ich. - -»Das ist einerlei,« sagte er leise, mit ruhigem Stolz und fast ein wenig -mit Verachtung. »Es tut mir leid, daß Sie sich darüber wohl lustig -machen,« fügte er nach einer halben Minute hinzu. - -»Und mich wundert, wie Sie vorhin so gereizt sein konnten und jetzt so -ruhig sind, obgleich Sie doch -- glühend sprechen.« - -»Vorhin? Vorhin war es komisch,« antwortete er mit einem Lächeln. »Ich -liebe nicht, zu schimpfen, und lache nie,« fügte er traurig hinzu. - -»Ja, Ihre Nächte beim Tee verbringen Sie nicht gerade lustig.« - -Ich stand auf und nahm meine Mütze. - -»Finden Sie?« Er lächelte mit einem gewissen Erstaunen. »Warum? Nein, -ich ... ich weiß nicht,« verwirrte er sich plötzlich -- »ich weiß nicht, -wie es bei den andern ist. Ich fühle, daß ich nicht so wie jedermann -kann. Jeder denkt, und dann denkt er gleich an was anderes. Ich kann -nicht an anderes, ich denke mein ganzes Leben lang nur an Eines. Mich -hat Gott mein Leben lang gequält,« schloß er plötzlich mit erstaunlicher -Mitteilsamkeit. - -»Aber sagen Sie doch, warum sprechen Sie manchmal so sonderbar ... so -sonderbar falsch? Sollten Sie wirklich in den fünf Jahren im Auslande -das Sprechen verlernt haben?« - -»Spreche ich denn falsch? Ich weiß nicht. Nein, nicht weil ich im -Auslande war. Ich habe immer so gesprochen ... mir ist es einerlei.« - -»Und eine noch indiskretere Frage: ich glaube Ihnen vollkommen, daß Sie -nicht gern mit Menschen zusammen sind und wenig mit ihnen sprechen -- -warum haben Sie aber jetzt mit mir so aufrichtig gesprochen?« - -»Mit Ihnen? Sie saßen vorhin so gut da ... und Sie ... aber, einerlei -... Sie haben viel Ähnlichkeit mit meinem Bruder, viel, -außerordentlich,« sagte er errötend. »Er starb, vor sieben Jahren; der -ältere; sehr, sehr viel Ähnlichkeit ...« - -»Er hatte wohl einen großen Einfluß auf Ihre Anschauungen?« - -»N--ein, er sprach wenig. Er sprach gar nicht. -- Ich werde Ihren Zettel -abgeben.« - -Er begleitete mich mit der Laterne bis zur Pforte, um sie hinter mir -zuzuschließen. - -»Selbstverständlich verrückt,« entschied ich bei mir. - -Doch da kam es zu einer neuen Begegnung. - - - IX. - -Kaum hatte ich den Fuß auf die hohe Schwelle des Pförtchens gesetzt, als -mich plötzlich eine starke Hand an der Brust packte. - -»Wer da?« brüllte eine Stimme. »Freund oder Feind? Bekenne!« - -»Das ist einer von den Unsrigen, den Unsrigen!« kreischte neben ihm -Liputin aus der Fistel. »Das ist Herr G--ff, ein junger Mann von -klassischer Bildung, und mit Beziehungen zur allerhöchsten -Gesellschaft!« - -»Gefällt mir, falls zur Gesellschaft ... kla--a--ssischer ... das -bedeutet also ge--bild--det--ster ... Ich bin der Hauptmann a. D. -Ignatius Lebädkin, zu Diensten der Welt und der Freunde ... wenn sie -treu sind, wenn sie nur treu sind, die Schufte!« - -Hauptmann Lebädkin, groß, dick, fleischig, krausköpfig, rot und wie -gewöhnlich betrunken, hielt sich vor mir kaum auf den Füßen und konnte -nur mit großer Mühe die Worte hervorbringen. Ich hatte ihn schon früher -von weitem gesehen. - -»A--ah, der ist auch da!« schrie er von neuem auf, als er Kirilloff -bemerkte, der noch immer mit seiner Laterne an der Pforte stand. Er -erhob schon seine Faust zum Schlage, ließ sie aber wieder sinken. - -»Verzeihe dir, wegen der Gelehrtheit! Ignatius Lebädkin -- der -gebil--det--ste ... - - Die Granate der flammenden Liebe - Platzte in Ignats Brust. - Da setzte sich der Invalide - weil er -- weil er ... - Um Sebastopol weinen mußt'. - -Wenn ich auch nie in Sebastopol gewesen bin und ... mich noch des -Gebrauches aller meiner Glieder erfreue -- aber ... wie finden Sie den -Reim?« Er kam wieder mit seinem betrunkenen Gesicht auf mich zu. - -»Er hat keine Zeit, er muß nach Hause gehen,« beredete ihn Liputin. -»Morgen wird er Lisaweta Nicolajewna erzählen -- --« - -»Lisaweta?« brüllte Lebädkin wieder. »Steh! bleib! Noch eine Variante: - - Von Amazonen begleitet, - Sprengt sie dahin wie der Wind. - O, welch eine Freud mir bereitet - Das a--ris--to--kra--tische Kind! - - Der Amazonenkönigin gewidmet. - -Begreifst du auch? Das ist ein Hymnus! Das ist ein Hymnus, wenn du kein -Esel bist! Diese Trödler, die können es nicht verstehen! Steh!« er -packte mich am Mantel und hielt mich fest, wie ich mich auch losreißen -wollte. »Sage ihr, daß ich ein Ritter der Ehre bin, und Daschka ... -Daschka werde ich mit zwei Fingern ... Leibeigene Skla--avin! -- und -darf sich nicht unterstehn --« - -Mit diesen Worten fiel er hin: ich hatte mich ihm mit Gewalt entwunden -und ihm dabei einen starken Stoß versetzt. Dann lief ich auf die andere -Seite der Straße. Liputin kam mir nach. - -»Alexei Nilytsch wird ihn schon aufheben. Wissen Sie, was ich eben von -ihm erfahren habe? -- das Verschen haben Sie doch gehört? Nun, er hat -dieselben Verse an die >Amazonenkönigin< aufgeschrieben und wird sie -morgen Lisaweta Nicolajewna mit seiner vollen Unterschrift zusenden. Was -sagen Sie dazu?« - -»Ich könnte wetten, daß Sie ihn dazu beredet haben.« - -»Dann würden Sie verlieren!« Liputin lachte. »Verliebt, verliebt, wie -ein Kater. Aber wissen Sie auch, daß die Liebe mit Haß begonnen hat? Er -haßte Lisaweta Nicolajewna, weil sie reitet, und zwar dermaßen, daß er -sie laut auf der Straße zu beschimpfen anfing. Das hat er wahrhaftig -getan! Noch vorgestern hat er auf sie geschimpft, als sie vorüberritt. -Zum Glück hat sie nichts gehört. Und jetzt plötzlich Gedichte! Wissen -Sie auch, daß er einen Antrag riskieren will? Im Ernst, im Ernst!« - -»Wie kommt es, Liputin, daß überall, wo sich Schmutz ansammelt, Sie -dabei sind und womöglich noch eine führende Rolle spielen?« fragte ich -ruhig, aber innerlich rasend vor Wut. - -»Nun, Herr G--ff, Sie gehen etwas weit. Das Herzchen hat wohl -geschlagen, als es vom Nebenbuhler hörte, wie?« - -»Wa--as?« schrie ich und blieb stehen. - -»Ja, aber jetzt werde ich Ihnen zur Strafe nichts mehr sagen! Und wie -gern würden Sie doch noch mehr wissen! Schon allein, daß dieser Narr -jetzt nicht mehr ein gewöhnlicher Hauptmann ist, sondern Gutsbesitzer -unseres Gouvernements und noch dazu ein Großgrundbesitzer, da ihm -Nicolai Stawrogin sein ganzes Gut, früher zweihundert Seelen stark, vor -ein paar Tagen verkauft hat. Bei Gott, ich lüge nicht! Eben hab ich's -erfahren, aber dafür aus der sichersten Quelle. So, und nun krabbeln Sie -mal mit Ihrem Verstande allein weiter, mehr sage ich nicht. Auf -Wiedersehen!« - - - X. - -Stepan Trophimowitsch erwartete mich mit hysterischer Ungeduld. Er war -vor einer Stunde zurückgekehrt und noch wie betrunken, als ich eintrat. -Wenigstens die ersten fünf Minuten hielt ich ihn nicht für ganz -nüchtern, so sehr hatte ihn der Besuch bei Drosdoffs aus dem -Gleichgewicht gebracht. - -»_Mon ami_, ich habe meinen Faden nun vollständig verloren. _Lise_ ... -ich liebe und verehre diesen Engel wie früher, namentlich wie früher; -aber mir scheint, sie haben mich nur erwartet, um etwas von mir zu -erfahren, um etwas aus mir herauszuquetschen und dann -- geh mit Gott! -... Das ist so!« - -»Schämen Sie sich!« rief ich empört, ich hielt es wirklich nicht mehr -aus. - -»Mein Freund, ich bin jetzt ganz allein. _Enfin c'est ridicule._{[59]} -Denken Sie nur, auch dort ist alles mit Geheimnissen vollgepfropft. Sie -warfen sich geradezu auf mich mit diesen >Nasen< und >Ohren< -- und wer -weiß was noch für welchen Petersburger Geschichten. Sie haben ja erst -jetzt erfahren, was vor vier Jahren mit Nicolai Wszewolodowitsch hier -passiert ist: >Sie waren hier, Sie haben es gesehen, ist es wahr, daß er -wahnsinnig ist?< Und woher diese Idee aufgetaucht ist -- ich weiß es -nicht! Warum will diese Praskowja unbedingt, daß _Nicolas_ verrückt sei? -Sie will es, sie will es! _Ce Maurice_,{[60]} oder wie er da heißt, -dieser Mawrikij Nicolajewitsch, _brave homme tout de même_{[61]} ... -Sollte sie wirklich in seinem Interesse, und nachdem, wie sie selbst aus -Paris geschrieben hat, _à cette pauvre amie ... Enfin_,{[62]} >diese -Praskowja<, wie _ma chère amie_ sie immer nennt, die ist ja eine Type! --- ist des unsterblichen Gogols leibhaftige >Frau Kästchen<[29], nur -eine böse >Madame Kästchen<, ein eingebildetes Kästchen, und in endlos -vergrößertem Maßstabe!« - -»Dann wird ja ein Kasten draus und noch dazu einer in endlos -vergrößertem Maßstabe!« - -»Ach, nun dann in verkleinertem, wie Sie wollen, das bleibt sich gleich, --- nur unterbrechen Sie mich nicht, -- mir dreht sich schon sowieso -alles im Kopf. Dort fuhren sie auch schon aus der Haut; außer _Lise_ -natürlich, die sprach noch immer von >_Tante, Tante!_<{[63]} Aber _Lise_ -ist schlau und es steckte noch etwas dahinter! Geheimnisse natürlich. -Und mit der Mutter hat sie sich gezankt. _Cette pauvre tante!_{[64]} Es -ist ja wahr, despotisch ist sie. Aber da ist jetzt eine >Gouverneurin<, -die Nichtachtung der Gesellschaft, die Nichtachtung Karmasinoffs, -plötzlich der Gedanke vom Wahnsinn -- _ce Lipoutine, ce que je ne -comprends pas_{[65]} ... u--und ... Sie sagten dort, sie lege sich -Essigkompressen um den Kopf, und da kommen wir ihr noch mit unseren -Klagen und Briefen ... O, wie ich sie in dieser Zeit gequält habe! _Je -suis un ingrat!_{[66]} Denken Sie sich, wie ich zurückkomme, finde ich -von ihr einen Brief vor; lesen Sie! lesen Sie! O, wie unedel das alles -von mir war!« - -Er reichte mir den soeben erhaltenen Brief Warwara Petrownas. Ich -glaube, ihr hatte der letzte Brief mit dem »bleiben Sie zu Haus« leid -getan, denn dieses Briefchen war höflich, wenn auch kurz und bestimmt. -Sie bat ihn, übermorgen, also Sonntag, um zwölf Uhr zu ihr zu kommen, -und riet ihm, einen seiner Freunde mitzubringen -- in Klammern stand -mein Name --, und ihrerseits verpflichtete sie sich, Schatoff, als Darja -Pawlownas Bruder, einzuladen: »Dann können Sie von ihr die endgültige -Antwort erhalten. Genügt das jetzt? Ist es diese Formalität, nach der -Sie so trachteten?« - -»Beachten Sie doch diese gereizte Frage zum Schluß über die Formalität. -O, die Arme, der Freund meines Lebens! Aber ich muß gestehen, diese -plötzliche Entscheidung des Schicksals hat mich fast erdrückt. Ich sage -ganz aufrichtig, ich habe immer noch gehofft, aber jetzt -- _tout est -dit_, ich weiß schon, daß alles aus ist. _C'est terrible!_{[67]} O, -wenn's doch keinen Sonntag gäbe! Alles würde beim Alten bleiben. Sie -würden mich hier wie immer besuchen, und ich würde hier ...« - -»Liputins Gemeinheiten und Klatschgeschichten haben Sie ja ganz aus der -Fassung gebracht, wie es scheint.« - -»Mein Freund, da haben Sie wieder eine andere schmerzhafte Stelle ->freundschaftlich< mit Ihrem Finger berührt. Aber diese ->freundschaftlichen< Finger pflegen im allgemeinen unbarmherzig und -zuweilen einfältig zu sein. Pardon, aber glauben Sie oder glauben Sie -mir nicht: ich hatte die Gemeinheiten schon beinahe vergessen, das -heißt, ich hatte sie keineswegs vergessen, aber die ganze Zeit, die ich -bei _Lise_ war, habe ich mich bemüht, glücklich zu sein, meinetwegen aus -Dummheit bemüht. Aber jetzt, jetzt muß ich an diese großmütige, humane -Frau denken, die so duldsam mit meinen niedrigen Fehlern ... das heißt, -wenn auch nicht gerade duldsam ... aber wie bin ich denn selbst, ich mit -meinem leeren, scheußlichen Charakter! Bin ich nicht ein törichtes Kind, -mit dem ganzen Egoismus eines solchen, aber nur ohne seine Unschuld? -Zwanzig Jahre hat sie mich gehütet, wie eine Kinderfrau, _cette pauvre -tante_, wie _Lise_ sie so graziös nennt ... Und plötzlich, nach zwanzig -Jahren, will das Kindchen heiraten, verheirate es und verheirate es! ... -ein Brief auf den anderen ... sie aber macht sich Essigkompressen ... -u--und ... nun hat das Kind auch glücklich erreicht, was es wollte ... -Sonntag ein verheirateter Mensch ... Spaß! ... Warum habe ich denn -selbst darauf bestanden, warum habe ich denn die Briefe geschrieben? -Übrigens, hab's vergessen, zu sagen: _Lise_ vergöttert Darja ... -wenigstens sagt sie: >_C'est un ange_,{[68]} nur ein verschlossener.< -Beide rieten sie mir zu -- sogar Praskowja ... nein, übrigens die -Praskowja riet mir nicht zu. O, wieviel Gift in diesem >Kästchen< -steckt! Ja, und auch _Lise_ hat mir eigentlich nicht dazu geraten: >Wozu -brauchen Sie zu heiraten, Sie haben doch genug an gelehrten Genüssen!< -und dabei lachte sie. Ich verzieh ihr das Lachen, denn ihr blutet ja -auch das Herz. Aber sie sagten mir doch, ich könne ohne Frau nicht mehr -auskommen. Es kommen Ihre schwachen Jahre und sie wird Sie dann pflegen, -zudecken, oder wie sie es da sagten ... _Ma foi_,{[69]} ich habe ja auch -schon die ganze Zeit so bei mir gedacht, daß die Vorsehung selbst sie -mir am Abend meiner wilden Tage schickt, und daß sie mich zudecken ... -_enfin_,{[70]} im Haushalt nützlich sein wird. Sehen Sie, wieviel Staub -hier ist, sehen Sie, all das liegt hier so herum. Ich sagte noch vor -kurzem, man solle aufräumen und da ... ein Buch auf der Diele ... _La -pauvre amie_{[71]} ärgert sich immer, daß es bei mir so verkramt -aussieht ... Jetzt werde ich nicht mehr ihre Stimme vernehmen! _Vingt -ans!_{[72]} U--und da gibt es nun noch anonyme Briefe, und denken Sie -nur, es heißt, _Nicolas_ hätte an Lebädkin ein Gut verkauft! _C'est un -monstre. Enfin_,{[73]} was ist Lebädkin? _Lise_ hört und hört, Gott, wie -sie zuhört! Ich vergab ihr das Lachen, als ich sah, mit welchem Gesicht -sie zuhörte, und _ce Maurice_ ... ich würde jetzt nicht gern in seiner -Haut stecken, _brave homme tout de même_,{[74]} aber ein wenig -schüchtern ... Übrigens, Gott hab' ihn selig! ...« - -Er verstummte: er schien erschöpft zu sein und saß wie gebrochen da, mit -müdem Blick auf den Boden starrend. Ich benutzte die Pause und erzählte -von meinem Besuch im Filippoffschen Hause; auch unterließ ich es nicht, -über diese Geschichten meine Meinung zu sagen, und erklärte ihm kurz und -trocken, daß es meiner Meinung nach durchaus möglich wäre, daß Lebädkins -Schwester -- die ich nie gesehen -- in der Tat einmal Nicolai Stawrogins -Opfer gewesen, vielleicht in seiner >rätselhaften Petersburger Zeit<, -wie Liputin sich ausdrückte ... und daß es wahrscheinlich ist, daß -Lebädkin, aus irgendeinem Grunde, von Stawrogin Geld erhält. Was aber -die Klatschgeschichten über Darja Pawlowna anbeträfe, so seien die -einzig Liputins Erfindung. Das meine auch Kirilloff. - -Stepan Trophimowitsch hörte zerstreut meinen Versicherungen zu, ganz als -gingen sie ihn nichts an. Ich erwähnte auch mein Gespräch mit Kirilloff -und fügte hinzu, daß ich ihn im übrigen für wahnsinnig hielte. - -»Er ist nicht wahnsinnig, aber er gehört zu den Menschen mit kurzen -Gedanken,« murmelte Stepan Trophimowitsch seltsam gelangweilt. »_Ces -gens-là supposent la nature et la société humaine autres que Dieu ne les -a faites et qu'elles ne sont réellement._{[75]} Man läßt sich mit ihnen -ein, aber Stepan Werchowenski wenigstens hat das nicht getan. Ich habe -sie damals in Petersburg gesehen, _avec cette chère amie_{[76]} (oh, wie -ich _cette chère amie_ damals beleidigt habe!), doch weder ihr -Geschimpfe noch ihre Lobsprüche haben mir Furcht einflößen können. -Fürchte diese Leute auch jetzt nicht, _mais parlons d'autre chose_{[77]} -... Ich glaube, ich habe Schreckliches angerichtet; stellen Sie sich -vor, ich habe Darja Pawlowna gestern einen Brief geschrieben und ... wie -verwünsche ich ihn nun ... und mich dazu!« - -»Was haben Sie ihr denn geschrieben?« - -»Oh, mein Freund, glauben Sie mir, das war alles so edel gedacht! Ich -teilte ihr mit, daß ich vor etwa fünf Tagen an _Nicolas_ geschrieben -habe, und gleichfalls großmütig.« - -»Jetzt begreife ich!« rief ich aufgebracht. »Und welch ein Recht hatten -Sie, die beiden so einander gegenüberzustellen?« - -»Aber, _mon cher_, erdrücken Sie mich doch nicht ganz, schreien Sie -nicht so, ich bin ja schon sowieso zerknirscht ... und zerdrückt wie -eine Schabe, ... und schließlich, ich glaube doch, es war alles edel. -Nehmen Sie an, daß da wirklich etwas passiert ist ... _en Suisse_{[78]} -... oder angefangen hat. Ich muß doch ihre Herzen vorher fragen, um ... -_enfin_{[70]} -- um nicht die Herzen zu stören und wie ein Pfosten auf -ihrem Weg ... Ich ... i--ich habe es einzig und allein aus Edelmut -getan.« - -»O Gott, wie dumm Sie das gemacht haben!« sagte ich unwillkürlich. - -»Dumm, dumm,« griff er das Wort sogleich und fast gierig auf. »Noch nie -haben Sie etwas Klügeres gesagt, _c'était bête mais que faire? Tout est -dit._{[79]} Werde ja sowieso heiraten, auch wenn's >fremde Sünden< sind, -also wozu brauchte ich da noch zu schreiben! Nicht wahr?« - -»Ach, so meine ich es ja nicht!« - -»Oh, jetzt erschrecken Sie mich aber nicht mehr mit Ihrem Geschrei; -jetzt steht vor Ihnen nicht mehr jener Stepan Werchowenski, der ist -begraben, _enfin -- tout est dit_.{[80]} Ja und warum schreien Sie -eigentlich? Einfach, weil nicht Sie heiraten und nicht Sie einen -gewissen Kopfschmuck zu tragen brauchen! Wieder schneiden Sie ein -Gesicht! Aber, mein armer Freund, Sie kennen die Frau nicht, ich aber -habe in meinem ganzen Leben nichts anderes getan, als sie studiert. ->Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst<, das einzige, was -einem anderen solchen Romantiker, wie Sie einer sind, Schatoff, dem -Bruder meiner zukünftigen Gattin, als Ausspruch gelungen ist. Ich eigne -mir gern seinen Ausspruch an. Nun, auch ich bin bereit, mich selbst zu -besiegen, und heirate, aber was erobere ich anstatt der ganzen Welt? -Ach, mein Freund, die Ehe! Die ist der moralische Tod jeder stolzen -Seele, jeder Unabhängigkeit. Das Eheleben verdirbt mich, nimmt mir die -Energie, nimmt mir den Mut, der nun einmal zum Dienst an einer Sache -nötig ist. Dann kommen noch die Kinder, die am Ende gar nicht meine sind --- das heißt, selbstverständlich nicht meine! --, der Weise fürchtet -sich nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken ... Liputin schlug mir -heute vor, mich mit Barrikaden vor _Nicolas_ zu schützen. Er ist dumm, -dieser Liputin. Das Weib betrügt selbst das allwissende Auge Gottes. _Le -bon Dieu_{[81]} wußte natürlich, als er das Weib schuf, was er -unternahm. Aber ich bin überzeugt, daß sie Ihn selbst -- dabei gestört -und Ihn verleitet hat, sie gerade so und ... mit solchen Attributen zu -schaffen; denn wer würde sich umsonst solche Scherereien auf den Hals -laden? Ich weiß, Nastassja würde sich über diese Freidenkerei ärgern, -aber ... _enfin tout est dit_.«{[80]} - -Er wäre nicht er gewesen, wenn er ohne ein billiges Wortspielchen -ausgekommen wäre, wenigstens tröstete er sich jetzt damit, -- aber -leider nicht auf lange. - -»Oh, wenn es doch kein Übermorgen gäbe, wenn doch dieser Sonntag nicht -wäre!« rief er plötzlich in heller Verzweiflung aus. »Warum kann diese -Woche nicht ohne Sonntag sein -- _si le miracle existe_?{[82]} Was würde -es denn die Vorsehung kosten, einen einzigen Sonntag aus dem Kalender zu -streichen, meinetwegen, um den Atheisten ihre Macht zu zeigen _et que -tout soit dit_!{[83]} Oh, wie ich sie geliebt habe! _Vingt ans_{[72]} -... und all die zwanzig Jahre hat sie mich nicht verstanden!« - -»Von wem sprechen Sie denn jetzt? Ich kann Sie wirklich nicht -verstehen,« fragte ich verwundert. - -»_Vingt ans!_ und nicht ein einziges Mal hat sie mich verstanden, oh, -das ist grausam! Und sollte sie wirklich glauben, daß ich aus Angst -heirate? Oh, welche Schmach! _Tante, tante_, ich bin dein! Mag sie es -erfahren, diese _tante_, daß sie das einzige Weib ist, das ich zwanzig -Jahre lang vergöttert habe! Sie muß es erfahren, anders geht das nicht, -sonst muß man mich mit Gewalt schleppen zu dem da ... _ce qu'on appelle -le_{[84]} Altar!« - -Ich hörte zum ersten Mal dieses Bekenntnis und ich will nicht -verheimlichen, daß mich eine wahnsinnige Lust zu lachen anwandelte. Oder -tat ich ihm Unrecht? - -»Er allein ist mir jetzt geblieben, meine einzige Hoffnung!« rief er -plötzlich, wie von einer neuen Idee erleuchtet. »Jetzt ist nur er es -allein, mein armer Junge, der mich retten kann und -- warum kommt er -denn noch nicht? Mein Sohn, mein Petruscha ... und wenn ich's auch nicht -verdient habe -- Vater zu heißen, eher ein Tiger bin ... so ... -_laissez-moi mon ami_{[85]} ... ich werde ein wenig schlafen, um meine -Gedanken zu sammeln. Ich bin so müde, so müde, ja, und auch Sie müssen, -glaube ich, zu Bett, _voyez-vous_{[86]} ... es ist schon zwölf.« - - - - - Viertes Kapitel. - Die Hinkende - - - I. - -Diesmal war Schatoff nicht starrköpfig, sondern erschien, auf meinen -Brief hin, richtig um zwölf Uhr. Wir trafen fast zu gleicher Zeit ein, -denn auch ich war gekommen, um meine erste Visite zu machen. Lisa, die -»_Mamá_« und Mawrikij Nicolajewitsch saßen alle drei im großen Salon und -stritten sich gerade. Die _Mamá_ wünschte, daß Lisa ihr einen bestimmten -Walzer vorspiele, und als Lisa das tat, behauptete sie, das sei ein -anderer Walzer. Mawrikij Nicolajewitsch trat in seiner Einfalt für Lisa -ein und beteuerte, daß es wirklich der gewünschte Walzer gewesen sei, -doch da begann die alte Dame vor Ärger zu weinen. Sie war krank und -konnte kaum gehen. Ihre Füße waren geschwollen, und nun tat sie schon -seit ein paar Tagen nichts anderes, als daß sie launisch war und mit -allen und jedem Streit anfing, obgleich sie Lisa immer ein wenig -fürchtete. Über unseren Besuch war man sehr erfreut. Lisa errötete vor -Freude, und nachdem sie mir _merci_ gesagt hatte (natürlich wegen -Schatoff), ging sie auf ihn zu. In ihren Augen lag Neugier. - -Schatoff war linkisch an der Tür stehen geblieben. Sie dankte ihm dafür, -daß er gekommen war, und führte ihn dann zur Mutter. - -»Das ist Herr Schatoff, Mama, von dem ich Ihnen schon erzählt habe, und -hier ist Herr G--ff, ein Freund von mir und Stepan Trophimowitsch.« - -»Wer von Ihnen ist nun der Professor?« - -»Keiner von ihnen ist Professor, Mama.« - -»Wieso, einer ist doch Professor. Du hast mir selbst gesagt, daß ein -Professor kommen wird -- wahrscheinlich ist es der?« und sie wies dabei -auf Schatoff. - -»Ich habe Ihnen nichts von einem Professor gesagt. Herr G--ff ist -Beamter und Herr Schatoff ist Student.« - -»Student, Professor -- die sind doch beide von der Universität. Du -willst immer nur streiten. Der Schweizer sah anders aus.« - -»Mama nennt Pjotr Stepanowitsch immer >Professor<,« sagte Lisa und -führte Schatoff in die andere Salonecke zu einem Sofa, auf dem sie dann -Platz nahm. »Wenn ihre Füße schmerzen, ist sie immer so, sie ist nämlich -krank,« sagte sie dabei leise zu ihm, während sie ihn wieder neugierig -betrachtete und besonders auf seinen abstehenden Haarschopf sah. - -»Sind sie Militär?« fragte mich Madame Drosdoff, der mich Lisa -unbarmherzig überlassen hatte. - -»Nein, ich diene ...« - -»Herr G--ff ist Stepan Trophimowitschs bester Freund,« rief Lisa ihr aus -der anderen Ecke zu. - -»Sie dienen bei Stepan Trophimowitsch? Aber der ist doch auch -Professor!« - -»Ach, Mama, Sie machen ja schon alle Menschen zu Professoren!« rief Lisa -unwillig. - -»Es gibt ihrer auch so schon zu viele! Du aber willst nur wieder deiner -Mutter widersprechen. -- Waren Sie hier, als Nicolai Wszewolodowitsch -das erste Mal, vor vier Jahren, bei Warwara Petrowna war?« - -Ich antwortete bejahend. - -»War irgendein Engländer mit ihm hier?« - -»Nein, nicht, daß ich wüßte.« - -Lisa fing an zu lachen. - -»Sehen Sie nun, Mama, daß überhaupt kein Engländer hier gewesen ist -- -also, wieder Lügen! Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch lügen -alle beide. Ja, und überhaupt -- alle lügen! Gestern,« erklärte sie -darauf, zu uns gewandt, »fanden nämlich _tante_ und Stepan -Trophimowitsch eine Ähnlichkeit zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und -dem Prinzen Heinz aus Shakespeares >Heinrich IV.<, und daher glaubt Mama -nun, daß ein Engländer mit ihm hier gewesen sei.« - -»Wenn kein Engländer da war, so war auch kein Heinz da, und euer Nicolai -Wszewolodowitsch machte nur seine eigenen Streiche.« - -»Mama tut nur mit Absicht so,« fand Lisa für nötig, Schatoff auseinander -zu setzen. »Sie kennt Shakespeare sehr gut; ich habe ihr selbst den -ersten Akt von >Othello< vorgelesen. Sie ist jetzt immer so gereizt, -wissen Sie. -- Mama, hören Sie, es schlägt zwölf, Sie müssen Ihre -Medizin einnehmen.« - -»Der Doktor ist gekommen,« meldete das Dienstmädchen. - -Die Alte erhob sich und rief ihr Hündchen: »Semirka, Semirka, komm du -doch wenigstens mit mir.« Aber das widerliche alte Tierchen Semirka -gehorchte ihr nicht, sondern kroch zu Lisa unter das Sofa. - -»Du willst also nicht? Nun, dann will ich dich auch nicht mehr. Leben -Sie wohl, mein Lieber, Ihren Namen habe ich leider vergessen,« wandte -sie sich an mich. - -»Anton Lawrentjewitsch ...« - -»Schon gut, lassen Sie nur, bei mir geht's doch bloß zum einen Ohr -hinein, zum andern hinaus. Begleiten Sie mich nicht, Mawrikij -Nicolajewitsch, ich habe nur Semirka gerufen. Noch kann ich, Gott sei -Dank, allein gehen, und morgen werde ich spazieren fahren!« - -Und sichtlich geärgert verließ sie langsam den Salon. - -»Anton Lawrentjewitsch, Sie unterhalten sich inzwischen mit Mawrikij -Nicolajewitsch, -- nicht wahr? Ich kann Sie versichern, daß Sie beide -nur gewinnen werden, wenn Sie nähere Bekanntschaft machen,« sagte Lisa -und lächelte Mawrikij Nicolajewitsch freundschaftlich zu. Er aber -erstrahlte förmlich unter ihrem Blick. - -So mußte ich mich denn, wohl oder übel, mit Mawrikij Nicolajewitsch -unterhalten. - - - II. - -Die Angelegenheit, die Lisaweta Nicolajewna mit Schatoff besprechen -wollte, erwies sich zu meinem Erstaunen als tatsächlich rein -literarisch. Ich weiß nicht, warum ich überzeugt gewesen war, daß sie -ihn aus einem anderen Grunde zu sich gerufen hätte. Als wir nun sahen, -daß sie aus ihrem Anliegen kein Geheimnis vor uns machte und auch nicht -leise sprach, hörten wir unwillkürlich zu; und bald zog sie uns sogar -mit ins Gespräch und bat auch uns um Rat. Sie hatte, wie sie uns -auseinandersetzte, schon lange die Herausgabe eines ihrer Meinung nach -sehr nützlichen Buches geplant. Da sie aber in solchen literarischen -Sachen keine Erfahrung besaß, so brauchte sie einen Mitarbeiter. Der -Ernst, mit dem sie Schatoff ihren Plan zu erklären versuchte, setzte -mich wirklich in Erstaunen. - -»Also auch eine von den Modernen,« dachte ich. »Sie scheint nicht -umsonst in der Schweiz gewesen zu sein.« - -Schatoff hörte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden -geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darüber, daß ein junges Mädchen -der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab. - -Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Rußland erscheint -jährlich eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art, -und in ihnen wird tagaus tagein von allen möglichen Ereignissen -berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten -Zeitungen überall weggeräumt, in Schränke gesteckt, oder sie liegen -herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch -eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedächtnis des -Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gerät -erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun würden aber viele später gern -nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gäbe -das für eine Arbeit, in diesem Meer von Blättern die Stelle zu finden, -zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat -und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen -könnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres -sammelte und in einem einzigen Bande herausgäbe -- selbstverständlich -nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken -geordnet, mit einteilenden Überschriften, mit einem Index und mit -übersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) -- so könnte eine -solche Zusammenfassung des Stoffes in einem übersichtlichen Werke die -ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres -veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all -den unzähligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten, -natürlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll. - -»Wir würden also statt einer Menge Blätter mehrere dicke Bücher haben, -und das wäre alles,« bemerkte Schatoff. - -Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit großem Eifer, -obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklären, ganz abgesehen -davon, daß sie sich auch nicht recht auszudrücken verstand. Es müsse nur -ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte -sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so müsse es doch -übersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art -der Einteilung des Stoffes. Selbstredend dürfe nicht alles genommen und -abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmaßnahmen, örtliche Verordnungen, -Gesetze -- so wichtig das alles auch sei -- in das Buch brauchte man -davon doch nichts aufzunehmen. Überhaupt könnte man vieles weglassen und -sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschränken, die mehr oder -weniger das ethische und persönliche Leben des Volkes, sozusagen die -Persönlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke -ausdrückten. Freilich käme alles in Betracht: Kuriositäten, Brände, -Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten -Handlungen, verschiedene Aussprüche und Reden, ja, schließlich auch -Nachrichten von Überschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne -Regierungserlasse, aber aus allem müsse nur das herausgesucht werden, -was die Epoche kennzeichnet. Alles müsse eben unter einem bestimmten -Gesichtswinkel erfaßt und hingestellt werden, und hinter allem müsse ein -Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse. -Und schließlich müsse das Buch sogar als Lektüre interessant und -fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges -Nachschlagebuch! Es wäre also gewissermaßen ein Bild des geistigen, -sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. »Es muß so -sein, daß alle es kaufen, es muß zu einem richtigen Handbuch werden,« -behauptete Lisa. »Ich weiß wohl, daß hierbei der Plan die Hauptsache -ist, und deshalb wende ich mich an Sie,« schloß Lisa. Sie war recht in -Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollständig -ausgedrückt hatte, begann Schatoff zu begreifen. - -»Es würde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine -Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel,« -brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben. - -»Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht nötig! Nichts als -Objektivität -- das soll die ganze Richtschnur sein.« - -»Aber die Richtung wäre ja an sich nichts Schlimmes,« sagte Schatoff und -bewegte sich endlich, »auch ließe sich das wohl nicht vermeiden, sobald -man überhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und -Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das -Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht.« - -»So glauben Sie, daß man ein solches Buch zustande bringen kann?« fragte -Lisa erfreut. - -»Man muß sich das noch überlegen. Es würde ein großes Unternehmen -werden. So plötzlich läßt sich nichts ausdenken. Da muß man Erfahrungen -sammeln. Selbst während der Arbeit dürften wir noch nicht recht wissen, -wie es am besten zu machen wäre. Vielleicht finden wir das erst nach -vielen Versuchen. Aber der Gedanke fängt an, einem klar zu werden. Es -ist ein nützlicher Gedanke.« - -Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergnügen, so -sehr war er jetzt interessiert. - -»Haben Sie sich das selbst ausgedacht?« fragte er Lisa freundlich und, -wie das so seine Art war, fast verschämt. - -»Ach, das Ausdenken war kein Kunststück, dafür aber ist das der Plan um -so mehr,« erwiderte Lisa lächelnd. »Ich verstehe wenig davon und bin -nicht sehr klug, ich verfolge nur das, was mir selbst klar ist ...« - -»Sie verfolgen?« - -»Das ist wohl nicht das richtige Wort?« forschte Lisa schnell und -wißbegierig. - -»Nein, doch ... man kann es sagen. Ich fragte nicht deswegen.« - -»Ich habe mir schon im Auslande gesagt, daß auch ich der allgemeinen -Sache irgendwie nützlich sein könnte. Ich besitze mein eigenes Geld, und -es liegt tot da. Warum soll ich nicht gleichfalls arbeiten? Und zudem -kam mir jene Idee ganz von selbst, ich habe mich gar nicht angestrengt -oder sie mir ausgedacht --, der Gedanke war auf einmal da, und da freute -ich mich sehr. Ich sah nur gleich ein, daß es ohne einen Mitarbeiter -nicht gehen würde, da ich allein doch nichts verstehe. Der Mitarbeiter -soll natürlich auch gleich der Mitherausgeber sein. Wir machen es dann -zur Hälfte: von Ihnen kommt der Plan und die Arbeit, von mir die Idee -und die Mittel zur Herausgabe. Das Buch wird sich doch bezahlt machen!« - -»Wenn wir den richtigen Plan finden, wird das Buch schon gehen.« - -»Ich muß nur vorausschicken, daß ich es nicht wegen des möglichen -Überschusses tue, aber ich möchte doch sehr, daß es viel gekauft wird, -und auf einen Überschuß wäre ich natürlich furchtbar stolz.« - -»Aber was soll ich denn dabei?« - -»Aber ich bitte doch gerade Sie, dieser Mitarbeiter zu sein ... Wir -teilen dann. Sie werden doch den Plan ausdenken.« - -»Woher wissen Sie, ob ich das kann?« - -»Man hat mir schon von Ihnen erzählt ... ich weiß, daß Sie sehr klug -sind und ... zu arbeiten verstehen und ... viel denken. Mir hat Pjotr -Stepanowitsch Werchowenski in der Schweiz von Ihnen erzählt,« fügte sie -eilig hinzu. »Er ist ein sehr kluger Mensch, nicht wahr?« - -Schatoff sah sie im Nu mit einem gleichsam huschenden Blick an, der kaum -über sie hinglitt, senkte aber sofort wieder die Augen. - -»Auch Nicolai Stawrogin hat mir viel von Ihnen erzählt.« - -Schatoff wurde plötzlich rot. - -»Übrigens, hier sind schon Zeitungen.« Sie nahm hastig ein -zusammengebundenes Paket, das auf einem Stuhl bereit lag. »Ich habe -schon versucht, eine Auswahl zu treffen und ein bißchen -zusammenzustellen -- ich habe die Stellen angestrichen und nummeriert -... Sie werden schon selbst sehen ...« - -Schatoff nahm das Paket. - -»Nehmen Sie es mit nach Haus, sehen Sie es dort durch -- Sie wohnen doch -irgendwo?« - -»In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.« - -»Ich weiß, wo das ist. Dort soll, wie ich gehört habe, neben Ihnen auch -irgendein Hauptmann wohnen, ein Herr Lebädkin?« fuhr Lisa mit derselben -hastenden Eile fort. - -Schatoff saß, das Paket, wie er es genommen hatte, frei in der Hand -haltend, wohl eine ganze Minute ohne zu antworten da und blickte zu -Boden. - -»Zu diesen Sachen werden Sie sich doch wohl einen anderen aussuchen -müssen, denn ich -- tauge nicht dazu,« sagte er schließlich mit ganz -eigentümlich gesenkter Stimme, ja, fast flüsternd. - -Lisa flammte auf. - -»Von was für Sachen reden Sie? Mawrikij Nicolajewitsch!« rief sie -diesen, »bitte geben Sie mir jenen Brief.« - -Auch ich trat nach Mawrikij Nicolajewitsch an den Tisch. - -»Sehen Sie dies hier,« wandte sie sich plötzlich an mich, während sie in -sichtlich großer Erregung den Brief entfaltete. »Haben Sie schon je -etwas Ähnliches gesehen? Bitte, lesen Sie es laut vor. Ich will, und es -ist nötig, daß auch Herr Schatoff es hört,« wandte sie sich darauf an -mich, »haben Sie schon je in Ihrem Leben so was gelesen? Bitte, lesen -Sie laut vor. Auch Herr Schatoff soll's hören.« - -Ich las nicht wenig erstaunt das Folgende: - - »An die vollendete Schönheit, die Jungfrau Lisaweta Nicolajewna - Tuschina. - - Gnädiges Fräulein! - - O, wie ist sie wunderbar, - Lisaweta Tuschina! - Wenn sie morgens ausreitet - Und durch ihre Locken der Wind gleitet! - Dann wünsch' ich mir von ihr alle Wonne - Und denk', sie sei meine Frau und meine Sonne. - - (Gedichtet von einem Ungelehrten nach einem - Streite.) - - Gnädiges Fräulein! - - Am meisten bedauere ich, daß ich vor Sebastopol nicht einen Arm zum - Ruhme der Tapferkeit verloren habe, sintemal ich dort überhaupt - nicht gewesen bin, sondern man mich während des ganzen Feldzuges mit - der Lieferung von ganz gemeinem Proviant beschäftigt hat. Sie aber - sind eine Göttin im Altertum und ich bin vor Ihnen nichts, doch - jetzt ahne ich, was Unermeßlichkeit ist. Betrachten Sie alles, was - ich Ihnen sage, als Verse, denn Verse sind Poesie, und Poesie ist - Unsinn, aber sie entschuldigt das, was man in der Prosa - Unverschämtheit nennt. Wie aber sollte sich eine Sonne über eine - Infusorie ärgern, wenn es doch, mit dem Mikroskop betrachtet, - unendlich viele Infusorien schon in einem Wassertropfen gibt! Sogar - der große Klub der Nächstenliebe zu großem Viehzeug in Petersburg, - der mitleidig für die Rechte von Hunden und Pferden kämpft, nimmt - sich der kleinen Infusorie nicht an, weil sie nicht ausgewachsen - ist. Auch ich bin noch nicht ausgewachsen. Der Gedanke an eine - Heirat würde komisch sein. Aber durch einen Menschenhasser, den Sie - verachten, werde ich bald zweihundert ehemalige Seelen besitzen. - Kann vieles mitteilen, und habe Dokumente in der Hand, wofür es - sogar nach Sibirien gehen kann. Verachten Sie also nicht meinen - Antrag. Dieser Brief ist rein poetisch zu verstehen. - - Hauptmann Lebädkin, - Ihr ergebenster Freund, der immer Zeit hat.« - -»Das hat ein Betrunkener geschrieben,« rief ich aus, »ein erbärmlicher -Mensch! -- Ich kenne ihn!« - -»Ich erhielt ihn gestern,« begann Lisa, hochrot im Gesicht, uns hastig -zu erklären. »Ich begriff sofort, daß irgend ein Narr ihn geschrieben -hat. Deshalb habe ich ihn Mama auch gar nicht gezeigt, um sie nicht -aufzuregen. Doch was soll ich tun, wenn er mir noch mehr solche Briefe -schreibt? Mawrikij Nicolajewitsch wollte zu ihm gehen, um es ihm zu -verbieten. Sie aber, Herr Schatoff, da Sie doch im selben Hause wohnen, -Sie können mir vielleicht etwas Näheres über ihn mitteilen?« - -»Ein verkommener Mensch,« murmelte Schatoff zur Antwort. - -»Ist er immer so dumm?« - -»O nein, wenn er nicht betrunken ist, ist er durchaus nicht dumm.« - -»Ich habe einen General gekannt, der in seinen Mußestunden genau solche -Gedichte schrieb,« bemerkte ich amüsiert. - -»Sogar aus diesem Brief ist zu ersehen, daß er nicht dumm sein -kann,« sagte der sonst so schweigsame Mawrikij Nicolajewitsch -überraschenderweise. - -»Man sagt, er habe hier eine Schwester bei sich?« fragte Lisa. - -»Ja, eine Schwester.« - -»Und er soll sie tyrannisieren, ist das wahr?« - -Schatoff sah Lisa wieder kurz an, runzelte die Stirn, brummte nur: »Was -geht das mich an!« und wandte sich zur Tür. - -»Ach, aber so warten Sie doch,« rief Lisa erregt, »wohin wollen Sie denn -schon? Wir müssen doch noch so vieles besprechen! ...« - -»Was denn besprechen? Ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen ...« - -»Aber die Hauptsache ist doch, wie wir es drucken! Glauben Sie mir doch -endlich, daß es mir mit dem Buch wirklich ernst ist!« beteuerte Lisa in -wachsender Unruhe. »Wenn wir es nun herauszugeben beschließen, wo soll -das Buch dann gedruckt werden? Wir werden doch deshalb nicht nach Moskau -reisen, und die hiesige Druckerei kommt für eine solche Ausgabe doch -nicht in Frage. So habe ich denn beschlossen, eine eigene Druckerei zu -gründen, sagen wir, auf Ihren Namen, und Mama würde bestimmt nichts -dagegen haben, wenn es auf Ihren Namen geschieht ...« - -»Woher wissen Sie, daß ich zu drucken verstehe?« fragte Schatoff -finster. - -»Ja, das hat mir Pjotr Stepanowitsch Werchowenski schon in der Schweiz -gesagt, daß Sie das alles verstehen, und er wollte mir sogar einen Brief -an Sie mitgeben, aber dann habe ich's vergessen ...« - -Wie ich mich jetzt erinnere, ging hierauf eine Veränderung in Schatoffs -Gesicht vor sich. Er stand noch ein paar Sekunden da und plötzlich -verließ er das Zimmer. - -Lisa ärgerte sich. - -»Geht er immer so weg?« fragte sie mich. - -Ich zuckte nur mit der Schulter -- doch in diesem Augenblick kam -Schatoff schon zurück und legte das Paket auf den Tisch. - -»Ich kann nicht Ihr Mitarbeiter sein, habe keine Zeit ...« - -»Aber warum, warum denn nicht? Sie haben sich wohl über irgend etwas -geärgert?« fragte Lisa ganz traurig und ihre Stimme klang bittend. - -Und dieser Ton in ihrer Stimme schien ihn stutzig zu machen: ein paar -Augenblicke lang sah er sie unverwandt an, als wolle er bis in ihre -Seele hineinschauen. - -»Einerlei,« murmelte er dann dumpf, »ich will nicht ...« - -Und er ging wirklich weg. - -Lisa blieb ganz niedergeschlagen zurück -- sogar weit -niedergeschlagener, als man es nach dem Vorgefallenen hätte verstehen -können; wenigstens schien es mir damals so. - -»Ein äußerst sonderbarer Mensch,« bemerkte Mawrikij Nicolajewitsch. - - - III. - -Allerdings wirkte Schatoff »sonderbar«, aber schließlich war an diesem -ganzen Vorfall doch gar zu vieles unklar. Es mußte da hinter manchem -noch ein anderer Sinn stecken. Diese Buchgeschichte z. B. kam mir -durchaus unglaubhaft vor und ich dachte bei mir, daß sie wohl nur ein -Vorwand zu irgendwelchen anderen Zwecken sein könne. Und dann dieser -verrückte Brief mit dem Versprechen von Mitteilungen und »Dokumenten«, -und warum hatten sie es vermieden, davon zu sprechen, warum sprachen sie -sogleich von ganz etwas anderem? Warum war Schatoff so plötzlich -fortgegangen, und so auffallenderweise gerade dann, als man von der -Druckereifrage zu sprechen begann? Alles das gab mir zu denken und ich -kam zu der Überzeugung, daß hier etwas Geheimnisvolles vorliegen müsse. --- -- Doch es war Zeit, daß auch ich mich verabschiedete. - -Lisa schien meine Anwesenheit im Zimmer ganz vergessen zu haben. Sie -stand immer noch tief nachdenklich auf demselben Platz am Tisch und -starrte vor sich hin. - -»Ach, auch Sie wollen gehen? Nun, auf Wiedersehen,« sagte sie -freundlich. »Grüßen Sie Stepan Trophimowitsch von mir und reden Sie ihm -doch zu, daß er so bald wie möglich zu mir komme. Mama kann sich leider -nicht von Ihnen verabschieden ... Sie entschuldigen gewiß!« - -Ich verabschiedete mich noch von Mawrikij Nicolajewitsch und ging -hinaus. Als ich schon die Treppe hinabgegangen war, kam mir der Diener -nachgelaufen. - -»Das gnädige Fräulein lassen Sie sehr bitten, zurückzukommen.« - -Als ich daraufhin wieder zurückging und eintrat, war Mawrikij -Nicolajewitsch ganz allein im großen Salon. Lisa dagegen erwartete mich -im anstoßenden kleineren Empfangszimmer, dessen Tür nur angelehnt war. - -Bleich und augenscheinlich noch unentschlossen stand sie mitten im -Zimmer und lächelte mir zu, als ich eintrat. Plötzlich ergriff sie meine -Hand und zog mich schnell zum Fenster. - -»Ich will sie sehen,« flüsterte sie und sah mich mit heißem, starkem, -ungeduldigem Blick an, der jeden Widerspruch unmöglich machte. »Ich muß -sie mit meinen eigenen Augen sehen, und dazu brauche ich Ihre Hilfe.« - -Sie schien wirklich außer sich und ganz verzweifelt zu sein. - -»Wen wollen Sie sehen, Lisaweta Nicolajewna?« fragte ich erschrocken. - -»Diese Lebädkina, diese Lahme ... Es ist doch wahr, daß sie lahm ist?« - -»Ich habe sie nie gesehen, aber ich hörte noch gestern, daß sie -allerdings lahm sein soll,« antwortete ich rasch und sprach gleichfalls -so leise wie möglich. - -»Ich ... muß sie unbedingt sehen! Können Sie das nicht heute noch -einrichten?« - -Lisa tat mir furchtbar leid. - -»Das ... das scheint mir ganz unmöglich. Wie ... sollte man --?« Ich -wollte ihr den Gedanken ausreden. Doch als ich sah, daß sie ganz -verzweifelt war, sagte ich: »Ich könnte ja zu Schatoff gehen ...« - -»Wenn Sie mir nicht helfen, dann werde ich morgen selbst zu ihr gehen. -Allein. Denn Mawrikij Nicolajewitsch weigert sich, mich dorthin zu -begleiten. Ich hoffe jetzt nur noch auf Sie, denn sonst habe ich ja -niemanden. Mit Schatoff habe ich töricht gesprochen. Aber ich weiß, Sie -sind ein Ehrenmann, und vielleicht mir ein wenig zugetan. Tun Sie es! -Bitte, bitte!« - -Da erfaßte mich der leidenschaftliche Wunsch, ihr in allem behilflich zu -sein. - -»Gut,« sagte ich entschlossen, nachdem ich eine Weile überlegt hatte. -»Ich werde noch heute selbst hingehen und den Versuch machen, sie zu -sehen und zu sprechen. Unter allen Umständen. Ich werde Ihren Wunsch -erfüllen. Ich gebe Ihnen mein Wort. Nur müssen Sie mir gestatten, vorher -mit Schatoff darüber zu sprechen.« - -»Ja, sagen Sie ihm, daß ich sie sehen muß! Daß ich nicht länger warten -kann! Und sagen Sie ihm, daß ich ihn vorhin wirklich nicht zum besten -gehabt habe. So etwas hat er wohl geglaubt. Deshalb scheint er ja -fortgegangen zu sein. Seine Ehrlichkeit, sein Ehrgefühl war gekränkt. -Ich habe ihm aber ganz gewiß nichts vorgespiegelt. Ich will wirklich das -Buch herausgeben und eine Druckerei gründen ...« - -»Ja, Schatoff ist der ehrlichste Mensch,« beteuerte ich eifrig. - -»Und wenn es Ihnen nicht gelingt, dann -- dann gehe ich morgen selbst zu -ihr. Einerlei, was daraus entsteht. Und wenn auch alle es erfahren!« - -»Aber vor drei Uhr kann ich unmöglich bei Ihnen sein!« - -»Gut, also dann morgen um drei. Und nicht wahr, ich habe mich nicht in -Ihnen getäuscht, bei Stepan Trophimowitsch, als ich Sie für ein wenig -- -mir zugetan hielt?« lächelte sie mir zu, drückte mir zum Abschied die -Hand und ging schnell in den großen Salon, in dem Mawrikij -Nicolajewitsch offenbar auf sie wartete. - -Ich verließ das Haus, bedrückt von meinem Versprechen und unfähig, -fassen zu können, was geschehen war. Ich hatte einen Menschen in -wirklicher Verzweiflung gesehen, ein junges Mädchen, das sich nicht -scheute, sich bloßzustellen und einem ihr fremden Menschen ihr ganzes -Vertrauen zu schenken. Ihr Lächeln, das Lächeln einer Frau, die -Anspielung, daß sie wisse, wie ich ihr zugetan sei, das alles regte mich -nicht wenig auf. Doch sie tat mir leid, so, so leid! Ihre Geheimnisse -wurden für mich plötzlich zu etwas Heiligem. Wenn man mir diese -Geheimnisse hätte mitteilen wollen, -- ich würde nicht zugehört haben. -Ich ahnte ja mancherlei ... Aber wie sollte ich nun dieses seltsame, -dieses unheimliche Zusammentreffen zustandebringen? Meine ganze Hoffnung -setzte ich auf Schatoff. Ich sagte mir zwar gleich, daß er dabei wenig -werde helfen können. Aber immerhin, ich ging sofort zu ihm. - - - IV. - -Erst am Abend, um acht Uhr, traf ich ihn zu Haus. Zu meiner Verwunderung -hatte er Besuch: Alexei Nilytsch Kirilloff und ein Herr Schigaleff -- -der Bruder der Frau Wirginski -- waren bei ihm. - -Dieser Schigaleff war erst seit ungefähr zwei Monaten in unserer Stadt; -ich weiß nicht, woher er kam. Wirginski hatte ihn mir gelegentlich auf -der Straße vorgestellt und ich wußte von ihm wenig mehr, als daß in -einem fortschrittlichen Petersburger Blatt einmal ein Artikel von ihm -erschienen war. Wir hatten uns damals nur flüchtig begrüßt und kaum ein -Wort miteinander gewechselt. Das einzige, was ich von ihm behalten -hatte, war der Eindruck, in meinem ganzen Leben noch nie ein so -finsteres, griesgrämiges, mürrisches Gesicht gesehen zu haben. Er -schaute drein, als erwarte er den Untergang der ganzen Welt, und zwar -nicht nach irgendwelchen Voraussagungen, die schließlich auch nicht in -Erfüllung zu gehen brauchten, sondern genau so, als wisse er sogar schon -die Stunde des Untergangs mit tödlicher Sicherheit: etwa übermorgen -früh, punkt fünf Minuten vor halb elf. Und dann waren mir noch ganz -besonders seine Ohren aufgefallen, Ohren von einer geradezu -übernatürlichen Größe, lang, breit und dick, die noch obendrein fast im -rechten Winkel nach links und rechts vom Kopf wegstrebten. Seine -Bewegungen waren plump und langsam. Wenn Liputin vielleicht hin und -wieder davon geträumt hatte, daß die Phalansterien sich auch in unserem -Gouvernement verwirklichen könnten, so wußte dieser Schigaleff sicher -Tag und Stunde voraus, wann das geschehen werde. Jedenfalls hatte er -geradezu den Eindruck eines Unheilverkünders auf mich gemacht; und daß -ich gerade ihn jetzt bei Schatoff antraf, wunderte mich sehr, -- um so -mehr, als Schatoff Besuch schon an und für sich nicht ausstehen konnte. - -Bereits auf der Treppe hörte ich, daß sie alle drei ungewöhnlich laut -miteinander sprachen und, wie mir schien, sich heftig stritten. In dem -Augenblick aber, als ich eintrat, verstummten sie sofort. Und plötzlich -setzten sie sich, während sie bis dahin gestanden hatten. So mußte auch -ich mich setzen. Wir schwiegen alle. Schigaleff tat so, als kenne er -mich überhaupt nicht. Mit Kirilloff tauschte ich einen Gruß, und ich -weiß nicht, weshalb wir uns nicht die Hand reichten. Schigaleff sah mich -streng und finster an, mit einem Ausdruck, der völlig naiv die feste -Überzeugung zeigte, daß ich sofort aufstehen und wieder weggehen würde. -Da erhob sich endlich Schatoff und die anderen folgten seinem Beispiel. -Sie gingen fort, ohne ein Wort zu sagen, noch sich zu verabschieden. -Erst an der Tür wandte sich Schigaleff noch einmal zu Schatoff und sagte -in drohendem Tone: - -»Vergessen Sie aber nicht, daß Sie Rechenschaft schuldig sind!« - -»Zum Teufel mit eurer Rechenschaft, ich bin keinem von euch etwas -schuldig!« rief Schatoff ihnen wütend nach, schlug die Tür zu und drehte -den Schlüssel um. - -»Narren!« sagte er, nachdem sein Blick mich gestreift hatte, mit kurzem, -eigentümlich gehässigem Auflachen. - -Sein Gesicht sah böse aus, und ich wunderte mich, daß er diesmal als -erster zu sprechen begann. Früher war es gewöhnlich so gewesen, wenn ich -ihn besuchte, was freilich sehr selten geschah, daß er sich mißmutig in -einen Winkel setzte und auf meine Fragen mürrisch antwortete. Erst nach -längerer Zeit begann er aufzutauen und dann erst sprach er mit -Vergnügen. Beim Abschied aber wurde er jedesmal wieder unwirsch, und -wenn er einen zur Tür geleitete, tat er es mit einer Miene, als dränge -er seinen persönlichen Feind aus dem Hause. - -»Ich habe gestern bei diesem Herrn Kirilloff Tee getrunken,« sagte ich, -um ein Gespräch anzuknüpfen. »Bei ihm scheint der Atheismus ein bißchen -zur fixen Idee geworden zu sein.« - -»Der russische Atheismus ist noch nie über ein schlechtes Wortspiel -hinausgekommen,« brummte Schatoff, während er den alten Lichtstumpf aus -dem Leuchter nahm und ein neues Licht einsetzte. - -»Ich glaube nicht, daß es diesem Kirilloff um Wortspiele zu tun ist. Er -versteht ja, wie's scheint, überhaupt kaum zu sprechen -- wie sollte er -da noch an Wortspiele denken!« - -»Papierene Menschen; aus Lakaientum kommen ihnen alle diese Gedanken,« -bemerkte Schatoff ruhig, nachdem er sich in der Zimmerecke auf einen -Stuhl gesetzt und die Handflächen auf die Kniee gestützt hatte. - -»Haß ist auch dabei,« sagte er nach einer Weile des Schweigens. »Diese -Leute würden selbst als erste sterbensunglücklich sein, wenn Rußland -sich auf irgendeine Weise veränderte, und wäre es auch genau nach ihrem -Wunsch, und plötzlich unermeßlich reich und glücklich werden würde. Dann -hätten sie ja niemanden mehr, den sie hassen, auf den sie spucken, über -den sie spotten könnten! Hier ist's nichts als ein einziger tierischer, -grenzenloser Haß auf Rußland, der sich in ihren Organismus -hineingefressen hat ... Und von irgendwelchen heimlichen Tränen, die -sich angeblich hinter dem sichtbaren Lachen verbergen sollen[30], ist -hier überhaupt keine Spur vorhanden! Noch nie ist in Rußland etwas -Dümmeres gesagt worden, als dieses falsche Wort von den >heimlichen -Tränen<!« sagte er fast jähzornig. - -»Weiß Gott, Sie sind aber wütend!« sagte ich lachend. - -»Und Sie sind >gemäßigt liberal<.« Schatoff lächelte flüchtig. »Wissen -Sie,« sagte er nach einer Weile ganz plötzlich, »ich habe das vorhin -vielleicht falsch gesagt, das vom >Lakaientum der Gedanken<. Sie werden -gewiß bei sich gedacht haben: >Das sagt er nur, weil er von einem Lakai -geboren ist, ich aber bin's nicht.<« - -»Aber das habe ich durchaus nicht gedacht ... wie kommen Sie darauf! -...« - -»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich fürchte Sie nicht. Früher -stammte ich nur von einem Lakaien ab, jetzt bin ich selber zu einem -geworden, zu genau so einem, wie auch Sie einer sind. Unser russischer -Liberaler ist vor allen Dingen Lakai und wartet nur darauf, wie und wo -er jemandem die Stiefel putzen kann.« - -»Was für Stiefel? Was meinen Sie mit dieser Allegorie?« - -»Was Allegorie! Sie lachen, wie ich sehe ... Stepan Trophimowitsch hat -ganz recht, wenn er sagt, daß ich unter einem Stein liege, schon halb -erdrückt, aber noch nicht zerdrückt bin und mich nur noch in den letzten -Krämpfen winde. Das hat er gut gesagt.« - -»Stepan Trophimowitsch behauptet, daß die Deutschen Ihnen zur fixen Idee -geworden sind,« entgegnete ich leichthin. »Und es ist ja auch etwas -Wahres dabei: wir haben uns doch vieles Deutsche eingesackt.« - -»Ja, zwanzig Kopeken haben wir von ihnen genommen und dafür hundert -Rubel vom eigenen Kapital gegeben.« -- Wir schwiegen ... »Diese Ideen -hat er sich in Amerika an den Hals gelegen.« - -»Wer das? Was an den Hals gelegen?« - -»Ich meine Kirilloff. Wir haben dort beide vier Monate lang in einer -Hütte auf dem Fußboden gelegen.« - -»Ja, sind Sie denn je in Amerika gewesen?« fragte ich verwundert. »Sie -haben nie davon gesprochen.« - -»Wozu davon sprechen. Vor drei Jahren zogen wir mit einem -Emigrantentransport für unser letztes Geld nach den Vereinigten Staaten -von Amerika, um das Leben eines amerikanischen Arbeiters, oder vielmehr: ->um den Zustand eines Menschen in der allerschwersten sozialen Lage -_praktisch_, d. h. durch _persönliche_ Erfahrung kennen zu lernen.< Das -war unser Ziel, war der Grund, warum wir auswanderten.« - -»Herrgott!« rief ich aus. »Das hätten Sie doch ebensogut zur Erntezeit -in unserem Gouvernement durch >persönliche Erfahrung< kennen lernen -können, ohne deshalb nach Amerika dampfen zu müssen!« - -Doch Schatoff fuhr fort: »Wir verdingten uns als Arbeiter bei einem -Exploiteur. Im ganzen waren wir sechs Russen: Studenten, sogar -Gutsbesitzer und Offiziere waren unter uns, und alle hatten dasselbe -großartige Ziel. Und so arbeiteten wir denn, quälten uns und rackerten -uns ab -- bis Kirilloff und ich fortgingen: wir wurden krank, hielten es -nicht aus. Bei der Abrechnung zog uns dann der Exploiteur noch das Fell -gehörig über die Ohren, zahlte anstatt der dreißig Dollar, die er uns -laut der Abmachung schuldig war, mir nur acht und Kirilloff fünfzehn -aus. Übrigens hat man uns obendrein noch geprügelt, und nicht nur einmal -... Ja, und damals war es denn, daß wir beide in einem elenden Städtchen -vier Monate lang zusammen in einer Hütte auf dem Fußboden lagen. -Kirilloff dachte seine Gedanken und ich dachte meine Gedanken.« - -»Und der Exploiteur hat Sie wirklich geprügelt? Da werden Sie ihm wohl -auch nicht schlecht mitgespielt haben?« - -»Keineswegs. Im Gegenteil, wir sahen beide sofort ein, daß >wir Russen -im Vergleich zu den Amerikanern kleine Kinder sind und daß man entweder -in Amerika geboren oder lange Jahre mit ihnen zusammen gearbeitet haben -muß, um die Höhe ihrer Leistung zu erreichen<. Wir waren natürlich -entzückt von Amerika und lobten dort alles: den Spiritismus, das -Lynchgesetz, die Revolver und die Vagabunden. Und wenn man für eine -Dreikopekensache von uns einen Dollar verlangte, so zahlten wir ihn -nicht nur mit Vergnügen, sondern mit Begeisterung. Einmal, in der -Eisenbahn, zog mein Nachbar aus meiner Rocktasche meine Haarbürste -heraus und begann sich damit sein Haar zu striegeln. Kirilloff und ich -tauschten nur einen Blick aus und stimmten sofort darin überein, daß -mein Nachbar vollkommen im Recht war und seine Handlungsweise uns sehr -gefiel ...« - -»Sonderbar, daß solche Ideen uns Russen nicht nur in den Kopf kommen, -sondern von uns auch vollführt werden,« bemerkte ich. - -»Papierene Menschen,« wiederholte Schatoff. - -»Aber immerhin, über einen ganzen Ozean schwimmen, in ein unbekanntes -Land, und wenn auch >um durch persönliche Erfahrung< usw. etwas kennen -zu lernen -- darin liegt, weiß Gott, doch eine gewisse Großzügigkeit ... -Wie sind Sie denn wieder zurückgekommen?« - -»Ich schrieb an einen Menschen nach Europa und der schickte mir hundert -Rubel.« - -Die ganze Zeit, während der Schatoff sprach, hatte er, wie immer, zu -Boden gesehen, selbst dann, wenn er erregt sprach. Jetzt aber hob er -plötzlich den Kopf. - -»Wollen Sie wissen, wer dieser Mensch war?« - -»Nun, wer war es denn?« - -»Nicolai Stawrogin.« - -Er stand plötzlich auf, trat an seinen Schreibtisch -- es war ein -einfacher Tisch aus Lindenholz -- und tat, als suche er etwas auf ihm. - -Es ging bei uns damals das dunkle, aber glaubwürdige Gerücht, Schatoffs -Frau hätte mit Nicolai Stawrogin in Paris eine Zeitlang gelebt, und zwar -gerade vor etwa zwei Jahren, also in eben der Zeit, als Schatoff in -Amerika war -- freilich schon lange nachdem sie ihn in Genf verlassen -hatte. »Wenn es sich so verhält, was plagte ihn dann, mir jetzt diesen -Namen zu nennen und das ... noch breitzutreten?« fragte ich mich. - -»Ich habe sie ihm bis heute noch nicht zurückgegeben,« sagte er, sich -wieder zu mir wendend, und nachdem er mich kurz, aber prüfend angesehen -hatte. Dann setzte er sich wieder. Und plötzlich fragte er mich schroff -und schon in ganz anderem Tone: - -»Sie sind natürlich mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen; was -wünschen Sie?« - -Ich erzählte ihm sofort alles und betonte besonders, daß ich Lisa unter -allen Umständen helfen und das ihr gegebene Wort halten möchte. Auch -beteuerte ich ihm, daß sie ihn mit der Buchangelegenheit keineswegs habe -beleidigen wollen, daß er sie völlig mißverstanden haben müsse. Sein -plötzlicher Aufbruch habe sie denn auch aufrichtig betrübt. - -Er hörte mich sehr aufmerksam an. - -»Vielleicht habe ich in der Tat wieder einmal eine Dummheit gemacht ... -Aber wenn sie nicht verstanden hat, warum ich fortging -- um so besser -für sie!« - -Er stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und horchte hinaus. - -»Sie wollen sie selbst sehen?« - -»Ja, das ist es ja eben! Wie ließe sich das machen?« Ich erhob mich -schon erfreut. - -»Gehen wir ganz einfach hin, solange sie noch allein ist. Lebädkin darf -natürlich nicht erfahren, daß wir bei ihr gewesen sind, sonst peitscht -er sie wieder. Heimlich gehe ich oft zu ihr. Gestern habe ich ihn -gründlich geprügelt, als er sie wieder zu schlagen anfing.« - -»Ist das wirklich wahr, daß er sie schlägt?« - -»Gewiß; an den Haaren hab ich ihn von ihr fortgerissen. Er wollte sich -schon mit den Fäusten auf mich stürzen, aber ich konnte ihm doch noch -einen Schrecken einjagen. Dabei blieb es. Nun fürchte ich, ihm könnte -das wieder einfallen, wenn er heute betrunken zurückkehrt, und dann wird -er sie erst recht hauen.« - -Wir gingen sogleich nach unten. - - - V. - -Die Tür zu Lebädkins war nicht verschlossen und so traten wir -ungehindert ein. Ihre ganze Wohnung bestand aus nur zwei erbärmlichen -kleinen Zimmern mit verräucherten Wänden, an denen die schmutzigen -Tapeten buchstäblich in Fetzen herabhingen. - -Früher hatte sich in diesen Räumen Filippoffs Schenke befunden, die -jetzt in das neue Haus übergeführt worden war. Die übrigen Zimmer, die -früher auch noch zur Schenke gehört hatten, waren jetzt verschlossen, -nur diese beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbeln standen in -der Wohnung ein paar einfache Holzbänke, Tische aus rohen Brettern und -nur ein einziger alter Sessel mit einer abgebrochenen Armlehne. Im -Hinterzimmer stand in einer Ecke ein Bett mit einer Kattundecke. Das war -das Bett von Lebädkins Schwester. Der Hauptmann aber schlief einfach auf -dem Fußboden, und da er fast immer betrunken nach Hause kam, nicht -selten so, wie er war, in den Kleidern. Überall war Schmutz, lagen -Krümchen und Fetzchen auf dem Fußboden; in der Mitte des ersten Zimmers -lag ein großer, dicker, ganz nasser Lappen, um den sich eine richtige -Pfütze gebildet hatte, und in dieser stand ein alter schiefgetretener -Schuh. Man sah an allem, daß hier niemand etwas tat; kein Ofen wurde -geheizt, kein Essen gekocht; ja, sie besaßen nicht einmal einen Samowar, -wie Schatoff mir ausführlicher berichtete. Der Hauptmann war mit seiner -Schwester ohne eine Kopeke hier eingetroffen und hatte in der ersten -Zeit tatsächlich, wie Liputin erzählte, seine Bekannten um ein paar -Kopeken angebettelt. Dann aber, als er plötzlich in den Besitz von -großen Summen geriet, hatte er sofort zu trinken angefangen und sich -seitdem natürlich noch weniger um den Haushalt gekümmert. - -Marja Timofejewna Lebädkina, die ich so sehr zu sehen wünschte, saß -ruhig und lautlos im zweiten Zimmer, in einer Ecke, hinter einem -einfachen Küchentisch auf einer Bank. Auch als wir eingetreten waren, -hatte sie uns nicht angerufen, noch sich überhaupt gerührt. Schatoff -sagte, daß ihre Flurtür nie verschlossen werde, und einmal sei sie sogar -die ganze Nacht sperrangelweit offen geblieben. Beim schwachen Schein -eines dünnen Lichtchens in einem eisernen Leuchter erkannte ich ein -krankhaft mageres weibliches Wesen von vielleicht dreißig Jahren, in -einem dunklen alten Kattunkleide, mit langem, bloßem Halse und dünnem, -dunklem Haar, das im Nacken zu einem kleinen Knoten, von der Größe des -Fäustchens eines zweijährigen Kindes, zusammengedreht war. Sie sah uns -ziemlich heiter entgegen. Außer dem Licht stand vor ihr auf dem Tisch -ein kleiner billiger Spiegel, wie man ihn bei Bauern sieht, lag ein -altes Spiel Karten, ein zerblättertes Liederbuch und ein kleines -Weißbrot, von dem sie bereits ein- oder zweimal abgebissen hatte. Man -merkte, daß sie sich gepudert und geschminkt und die Lippen mit irgend -etwas rot gefärbt hatte; ja, selbst die Brauen, die ohnehin schon lang, -fein gezeichnet und dunkel zu sein schienen, hatte sie noch gestrichen, --- aber auf ihrer schmalen und hohen Stirn sah man trotz des Puders drei -lange, tiefe Falten. Ich wußte schon, daß sie hinkte, doch diesmal stand -sie während unserer Anwesenheit nicht auf, so sah ich sie auch nicht -gehen. Irgend einmal, vielleicht in der ersten Jugend, konnte dieses -abgezehrte Gesicht vielleicht nicht unschön gewesen sein; aber ihre -stillen, freundlichen grauen Augen fielen auch jetzt noch auf. Etwas -Träumerisches und Inniges lag in ihrem stillen, fast frohen Blick. Diese -stille, ruhige Freude, die sich auch in ihrem Lächeln ausdrückte, -wunderte mich nach allem, was ich von der Kosakenpeitsche und allen -Niederträchtigkeiten ihres Bruders gehört hatte. Sonderbar, daß ich -dieses Mal statt des drückenden und bangen Widerwillens, den man sonst -stets in der Gegenwart solcher von Gott gezeichneten Geschöpfe -empfindet, -- daß es mir diesmal, und fast vom ersten Augenblick an, -geradezu angenehm war, sie zu betrachten und zu beobachten, und -höchstens Mitleid, doch keine Spur von Abscheu, bemächtigte sich meiner -später. - -»Sehen Sie, so sitzt sie hier ganze Tage mutterseelenallein und rührt -sich nicht, legt Karten oder betrachtet sich im Spiegelchen,« sagte -Schatoff noch an der Tür zu mir. »Er gibt ihr ja auch nichts zu essen. -Die Alte aus dem Nebenhause, die Kirilloff bedient, bringt ihr zuweilen -etwas aus bloßem Erbarmen. Wie man sie nur so mit dem Licht allein -lassen kann!« - -Schatoff sagte das zu meiner Verwunderung ganz laut, als ob wir allein -im Zimmer wären. - -»Guten Tag, Schatuschka!« begrüßte ihn plötzlich Marja Timofejewna. - -»Ich habe dir, Marja Timofejewna, einen Gast gebracht,« erwiderte -Schatoff. - -»Gut, der Gast soll mir willkommen sein. Ich weiß nicht, wen du da -mitgebracht hast, ich glaube aber, solch einen habe ich noch nie -gesehen.« Dabei sah sie mich, über das Licht hinweg, aufmerksam an. -Gleich darauf wandte sie sich jedoch wieder zu Schatoff, und zu diesem -allein sprach sie dann auch die ganze Zeit (mich aber beachtete sie -weiter überhaupt nicht mehr, ganz als wäre ich gar nicht anwesend). - -»Es wurde dir wohl langweilig, da oben im Dachkämmerlein einsam -umherzugehen?« fragte sie lachend. Da sah ich, daß sie sehr schöne Zähne -hatte. - -»Auch das, aber vor allem wollte ich dich wieder einmal besuchen.« - -Schatoff zog eine Bank an den Tisch, setzte sich, und wies auch mir -einen Platz neben sich an. - -»Unterhaltung habe ich immer gern, nur bist du so drollig, Schatuschka, -bist ganz wie ein Mönch! Wann hast du dich zum letztenmal gekämmt? Komm -her, ich werde es wohl wieder tun müssen« -- und sie zog aus ihrer -Kleidertasche einen Kamm. »Du hast wohl seit dem letzten Mal, als ich -dich kämmte, dein Haar überhaupt nicht mehr angerührt.« - -»Ja, wie soll ich denn? Ich habe doch keinen Kamm,« sagte auch Schatoff -heiter. - -»Wirklich nicht? Warte mal, dann werde ich dir meinen schenken, nicht -diesen, einen andern ... nur mußt du mich daran erinnern.« - -Und mit dem ernsthaftesten Gesicht machte sie sich daran, ihn zu kämmen, -zog ihm sogar auf der Seite einen Scheitel, bog sich dann zurück, um zu -sehen, ob er gut geraten war -- und steckte schließlich den Kamm wieder -in die Tasche. - -»Weißt du was, Schatuschka?« sagte sie und schüttelte dabei den Kopf, -»du bist doch ein vernünftiger Mensch und trotzdem grämst du dich. Es -wird mir ganz sonderbar, wenn ich euch alle so sehe: ich verstehe nicht, -wie können Menschen sich grämen und immer traurig sein? Sehnsucht ist -doch nicht Traurigkeit. Mir ist immer froh zu Mut.« - -»Auch mit dem Bruder?« - -»Du meinst Lebädkin? Ach, der ist mein Knecht. Mir ist es ganz gleich, -ob er hier ist oder nicht. Ich befehle nur: >Lebädkin, bring mir Wasser, -Lebädkin, gib mir die Stiefel<, und er läuft schon. Zuweilen sündige ich -wohl auch und lache über ihn.« - -»Und genau so ist es,« sagte Schatoff zu mir gewandt, und zwar wieder -mit lauter Stimme, ohne sich zu genieren. »Sie behandelt ihn tatsächlich -wie ihren Diener, ich habe es selbst gehört, wie sie ihm zuruft: ->Lebädkin, bring mir Wasser<, und dabei lacht sie. Der Unterschied -besteht nur darin, daß er nicht nach dem Wasser läuft, sondern sie dafür -prügelt, -- und trotzdem fürchtet sie ihn tatsächlich nicht im -geringsten. Sie hat immer ihre nervösen Anfälle, fast täglich, die -wirken natürlich auf ihr Gedächtnis, so daß sie alles vergißt und -verwechselt. Glauben Sie, daß sie noch weiß, wann und wie wir -hereingekommen sind? Übrigens, vielleicht weiß sie's doch noch, -jedenfalls aber hat sie es sich auf ihre Art umgedichtet und hält uns -wohl jetzt für Gott weiß was, nur nicht für das, was wir sind -- obschon -sie dabei ganz genau weiß, daß ich >Schatuschka< bin. Das macht auch -nichts, daß ich jetzt laut spreche, ja selbst wenn ich zu ihr spreche, -stört das sie nicht mehr, sobald sie einmal mit ihren eigenen Gedanken -beschäftigt ist. Sie ist eine große Träumerin, acht Stunden, zuweilen -den ganzen Tag sitzt sie auf demselben Fleck, ohne sich zu rühren. Sehen -Sie das Weißbrot da: angebissen hat sie es vielleicht heute früh, -aufessen wird sie es vielleicht erst morgen. Da legt sie auch schon -wieder Karten aus ...« - -»Rate ich doch aus den Karten und rate, Schatuschka, aber immer kommt es -so wie nicht richtig heraus,« sagte plötzlich Marja Timofejewna, die das -letzte Wort Schatoffs wohl gehört hatte, und ohne aufzusehen streckte -sie die linke Hand mechanisch nach dem Weißbrot aus (auch das vom Brot -mochte sie gehört haben). - -Die Hand fand auch schließlich das Brötchen, doch sie selbst ließ sich -von neuen Gedanken wieder gefangennehmen, und nachdem sie das Brötchen -eine Weile in der linken Hand gehalten hatte, legte sie es mechanisch -wieder zurück, ohne es zum Munde geführt zu haben. - -»Es ist immer dasselbe: ein Weg, ein böser Mann, ein Sterbebett, ein -Brief irgendwoher, eine unvorhergesehene Nachricht, Trug und Hinterlist. -Ach -- alles Lügen, denke ich! -- Was meinst du dazu, Schatuschka? Wenn -Menschen lügen, warum sollen dann nicht auch Karten lügen?« und sie -mischte plötzlich die Karten durcheinander. »Dasselbe habe ich auch -einmal der Mutter Praskowja gesagt ... das war eine ehrwürdige alte -Frau. Immer kam sie zu mir in die Zelle, um sich von mir die Karten -legen zu lassen, aber heimlich, daß die Mutter-Äbtissin es nicht sah. -Und nicht sie allein kam zu mir. Sie seufzen und stöhnen dann immer, -schütteln alle die Köpfe, raten hin und her und denken und bereiten sich -auf etwas Großes vor -- ich aber lache. >Woher wollen Sie denn plötzlich -einen Brief bekommen, Mutter Praskowja,< sage ich, >wenn zwölf Jahre -keiner gekommen ist?< Ihre Tochter aber hat der Mann irgendwohin nach -der Türkei gebracht und zwölf Jahre hat sie von ihr kein Lebenszeichen -erhalten. Und wie ich gerade so am nächsten Abend beim Tee sitze, bei -der Äbtissin -- aus fürstlichem Hause war sie bei uns -- sitzt da bei -ihr noch eine angereiste Dame und auch noch ein Mönchlein aus dem -Kloster vom Berge Athos, so ein drolliger, kleiner Mensch. Was glaubst -du wohl, Schatuschka, dieser selbe Mönch hat am selben Morgen der Mutter -Praskowja von der Tochter aus der Türkei einen Brief gebracht -- da hast -du den Karo-Buben, die unvorhergesehene Nachricht! Wir trinken also Tee -und der Mönch vom Berge Athos sagt zu der Mutter-Äbtissin: >Und vor -allem<, sagt er, >ehrwürdige Mutter-Äbtissin, hat der Herr Euer Kloster -gesegnet, seitdem es einen so kostbaren Schatz in seinem Schoße birgt<, -sagt er. >Was für einen Schatz?< fragt die Mutter-Äbtissin. >Nun, die -heilige Lisaweta doch!< sagt er. Diese Lisaweta war nämlich bei uns in -einer Zelle in der Klostermauer eingemauert, wie in einem Käfig, und der -war nur einen Faden lang und anderthalb Faden hoch, und da sitzt sie -schon siebzehn Jahre lang hinter einem eisernen Gitter, Winter und -Sommer nur in einem hanfleinenen Hemde, und sticht immer mit einem -Strohhälmchen oder einem Reisigstückchen in die Leinwand und spricht -kein Wort und kämmt sich nicht und wäscht sich nicht all diese siebzehn -Jahre. Im Winter, wenn es kalt wird, steckt man ihr ein Pelzchen zu und -täglich ein Kästchen mit Brot und einen Krug mit Wasser. >Wahrlich, ein -schöner Schatz,< sagt die Mutter-Äbtissin (hat sich geärgert -- sie -konnte die Lisaweta nicht leiden). >Lisaweta,< sagt sie, >sitzt nur aus -Bosheit und Eigensinn, und alles das ist Verstellung.< Mir gefiel das -nicht, was sie sagte, denn ich wollte mich auch so einschließen lassen. ->Ich glaube,< sage ich, >Gott und die Natur ist alles eins.< Alle rufen -sie da, wie aus einem Munde: >Hört doch, hört!< Die Äbtissin lachte und -fing mit der Dame zu tuscheln an, ich weiß nicht worüber, und rief mich -nachher zu sich, streichelte mich, und die Dame schenkte mir ein rosa -Bändchen -- willst du, ich zeige es dir? Und das Mönchlein fing gleich -an, mich zu belehren und sprach freundlich und demütig zu mir und wohl -auch mit viel Verstand. Ich sitze und höre zu. >Hast du verstanden?< -fragte er mich dann. >Nein,< sage ich, >ich habe gar nichts verstanden -und lassen Sie mich lieber in meiner Ruh<, sage ich -- und seit der Zeit -haben sie mich auch ganz in meiner Ruh gelassen, Schatuschka. Aber wenn -ich dann aus der Kirche kam, flüsterte mir unsere Greisin, eine alte, -alte Nonne zu -- die büßte bei uns für ihre Weissagungen --: >Was ist -das, die Mutter Gottes, wie dünkt es dich?< -- >Die große Mutter,< -antwortete ich, >das ist die große Hoffnung, die ewige Zuversicht des -Menschengeschlechts.< -- >Ganz recht,< sagt sie, >die Mutter Gottes -- -das ist die große Mutter, unsere fruchtbare Erde, und wahrlich ich sage -dir, eine große Freude liegt in ihr für den Menschen. Und jedes -Erdenleid und jede Erdenträne ist uns eine Freude. Und wenn du mit -deinen Tränen die dunkle Erde unter dir tränkst, einen halben Meter -tief, so wird dir wahrlich zur selbigen Stunde noch alles zur Freude -gereichen. Und gar keinen, gar keinen Kummer wirst du mehr haben,< sagt -sie, >denn sieh,< sagt sie, >eine solche Weissagung gibt es.< Das konnte -ich nie mehr vergessen. Seit der Zeit begann ich zu beten, ich beugte -mich zur Erde und küßte die Erde und weinte. Und sieh, ich sage dir, -Schatuschka, es ist nichts Schlechtes in diesen Tränen, und wenn du auch -gar kein Leid hast, du wirst die Tränen vor lauter Freude weinen. Die -Tränen weinen sich selbst. Zuweilen ging ich zum See, an das Ufer: auf -der einen Seite vom See stand unser Kloster und auf der anderen unser -spitzer Berg, wir nannten ihn denn auch einfach den Spitzberg. Und so -steige ich denn auf diesen Berg und wende mich mit dem Gesicht nach -Osten und falle auf die Erde nieder und weine und weine, und weiß nicht, -wie lange ich weine, und habe dann alles vergessen und ich weiß gar -nichts mehr. Dann stehe ich auf und wende mich zurück, und die Sonne -geht unter so groß, und es ist eine Pracht und Herrlichkeit -- liebst -du's auch, so die Sonne zu sehen, Schatuschka? Schön ist es, aber -traurig ... Und ich wende mich wieder zurück nach Osten, und der -Schatten, der Schatten von unserem Berge läuft schmal und lang wie ein -Zeiger über den See, eine Werst weit oder noch weiter -- bis zur Insel -im See, und teilt diese steinige Insel, wie sie da ist, gerade in zwei -Hälften. Und wie er sie so teilt, da geht auch die Sonne ganz unter und -alles erlischt plötzlich. Und dann kommt wieder die Sehnsucht so über -mich, und plötzlich kommt auch die Erinnerung wieder, und ich fürchte -die Dunkelheit, Schatuschka. Und immer mehr weine ich dann um mein -kleines Kind ...« - -»Hast du denn eines gehabt?« fragte Schatoff, der ihr die ganze Zeit -aufmerksam zugehört hatte, und stieß mich leicht mit dem Ellenbogen an. - -»Wie denn nicht! Ein kleines, rosiges, mit so winzigen Fingerchen, und -all mein Leid ist nur, daß ich nicht mehr weiß, ob es ein Knabe oder ein -Mädchen war. Zuweilen erinnere ich mich dessen, daß es ein Knabe war, -und zuweilen scheint es mir wieder, daß es ein Mädchen war. Als ich es -damals gebar, da wickelte ich es gleich in Batist und Spitzen und band -es mit rosa Bändchen zu und bettete es auf Blumen und sprach ein Gebet -über ihm und trug das Ungetaufte und trage es durch den Wald und fürchte -mich im Walde, denn ich habe Angst und weine, und am meisten weine ich -darüber, daß ich geboren habe und doch den Mann nicht kenne.« - -»Vielleicht kanntest du ihn doch?« fragte Schatoff vorsichtig. - -»Drollig bist du doch, Schatuschka, mit deiner Vernunft. Vielleicht, -vielleicht hatte ich ihn auch ... aber was liegt daran, wenn es doch -ebenso ist, als wenn ich ihn nicht gehabt hätte? Da hast du nun ein -unschweres Rätsel, nun rat einmal!« sagte sie lächelnd. - -»Wohin hast du denn das Kind getragen?« - -»In den Teich hab ich's getragen,« seufzte sie. - -Schatoff berührte mich wieder mit dem Ellenbogen. - -»Aber was dann, wenn du das Kind überhaupt nicht gehabt hast und alles -bei dir nur Phantasie ist?« - -»Eine schwere Frage gibst du mir auf, Schatuschka,« sagte sie grübelnd -und ohne jegliche Verwunderung über die Frage. »Ich kann dir aber -hierauf gar nichts sagen, vielleicht habe ich auch keines gehabt. Mir -scheint, daß du nur aus Neugier so fragst; aber ich werde deshalb nicht -aufhören, um mein Kind zu weinen, ich habe es doch nicht im Traum -gesehen?« Große Tränen erglänzten in ihren Augen. »Schatuschka, -Schatuschka, ist es wahr, daß deine Frau von dir fortgelaufen ist?« -fragte sie plötzlich, legte ihm beide Hände auf die Schultern und -blickte ihn mitleidig an. »Aber du ärgere dich nicht, mir ist ja dabei -auch weh. Weißt du, Schatuschka, was für einen Traum ich gehabt habe -- -er kommt wieder zu mir und lockt mich: >Kätzchen,< sagte er, >mein -Kätzchen, komm her zu mir!< Sieh, über das >Kätzchen< freute ich mich am -meisten: er liebt mich, dachte ich.« - -»Vielleicht kommt er auch bald in Wirklichkeit,« murmelte Schatoff -halblaut. - -»Nein, Schatuschka, das ist schon ein Traum ... er kann nicht in -Wirklichkeit kommen. Kennst du das Lied: - - Ich brauche nicht Dein neues, hohes Schloß! - Hier in dieser Zelle will ich bleiben, - Leben und beten, - Beten zu Gott -- für dich ... - -Ach, Schatuschka, mein Liebling, warum fragst du mich denn nie etwas?« - -»Du wirst ja doch nichts sagen, darum frage ich auch lieber gar nicht.« - -»Nein, nein, ich sage nichts und wenn du mich auch totschlügest!« -beteuerte sie schnell. »Verbrenne mich lebendig, ich sage nichts! Und -wie es auch schmerzte, nichts werde ich sagen, nichts werden die -Menschen erfahren!« - -»Nun, siehst du, jeder hat das Seine,« sagte Schatoff noch leiser, und -senkte noch tiefer den Kopf. - -»Aber wenn du mich bätest, vielleicht würde ich es dir dann doch sagen -... vielleicht würde ich es dir dann doch sagen!« flüsterte sie wie -verzückt. »Warum bittest du mich nicht? Bitt' mich, bitt' mich -ordentlich, Schatuschka, vielleicht werde ich's dir dann sagen. Flehe -mich an, Schatuschka, bitte und beschwöre mich, damit ich dann selbst -einwillige ... Schatuschka, Schatuschka!« - -Aber Schatuschka schwieg. Eine Minute lang schwiegen wir alle. Langsam -flossen die Tränen über ihre gepuderten Wangen. Die Hände hielt sie -immer noch auf seinen Schultern, sie hatte sie vergessen aber sie sah -ihn nicht mehr an. - -»Eh, was geht das mich an, wäre auch Sünde,« sagte Schatoff plötzlich -und erhob sich von der Bank. »Stehen Sie auf!« Er zog ärgerlich die Bank -fort und schob sie auf ihren Platz zurück: - -»Damit er nichts merkt, wenn er kommt. Wir müssen jetzt gehen.« - -»Ach, du sprichst wieder von meinem Diener!« lachte Marja Timofejewna -auf. »Hast Angst! Nun, dann lebt wohl, meine lieben Gäste, aber hör, nur -noch einen Augenblick, was ich dir sagen will! Neulich kam dieser -Nilytsch her, mit Filippoff, dem Hauswirt, dem Rotkopf, weißt du, gerade -als meiner auf mich losschlug. Wie ihn der Hauswirt da packt und durchs -Zimmer schleift, schreit er: >Bin nicht schuld, bin nicht schuld, muß -für fremde Schulden dulden!< Glaubst du wohl, wir haben alle so darüber -gelacht ...« - -»Aber das war doch ich,« sagte Schatoff, »ich zog ihn doch gestern an -den Haaren von dir fort. Der Hauswirt dagegen war vor drei Tagen nur -hergekommen, um sich mit euch zu schimpfen, ... hast wohl wieder alles -verwechselt?« - -»Wart einmal, ja, ich habe es wirklich verwechselt, vielleicht warst du -es. Aber wozu über solche Nebensachen streiten, ist es nicht einerlei, -wer ihn fortriß?« lachte sie. - -»Gehen wir, schnell!« Schatoff zog mich am Ärmel, »die Pforte knarrt: -trifft er uns bei ihr, so wird er sie wieder schlagen.« - -Kaum waren wir die Treppe hinaufgelaufen, als wir auch schon betrunkenes -Geschimpfe hörten. Schatoff zog mich in sein Zimmer und verschloß die -Tür. - -»Sie werden einen Augenblick hier sitzen müssen, wenn Sie keine -Geschichten mit ihm haben wollen. Hören Sie? Er quiekt wie ein Ferkel, -ist wohl wieder über die Schwelle gestolpert -- fast jedesmal fällt er -lang hin.« - -Aber ohne »Geschichten« ging es einstweilen doch nicht ab. - - - VI. - -Schatoff stand an der Tür und horchte hinaus. Plötzlich sprang er -zurück. - -»Er kommt herauf, das wußte ich ja!« rief er wütend mir leise zu. »Jetzt -haben wir ihn bis Mitternacht auf dem Halse!« - -Ein paar starke Faustschläge an die Tür kündeten Lebädkin an. - -»Schatoff! ... Schaa--toff, mach auf!« brüllte der Betrunkene. -»Schatoff, Freund ...« Und plötzlich sang er los -- die bekannte Romanze ---: - - »>Kam zu dir mit einem Gruß, - Um zu künden, daß der Mo--o--orgenstrahl - Glühend ... be--ebend ... seinen ersten Kuß - Von den Wipfeln dieser Wä--e--elder stahl! - Laß dir künden vom Erwachen ...< - -Kchä -- hm! zum Teufel!« räusperte er sich -- - - »>Vom Erwachen unter Zwei--e--eigen ...< - -Haha! klingt ja fast wie unter Ruten! Nein, lieber von was anderem! ... - - >Jeder Vogel -- hat mal Durst! - Weißt du auch, was ich trinke? - Trinke, ja, trinke? - Weiß ich doch ... selber es nicht ... - Was ich ... was ich ...< - -Hm! ... Hol' sie der Teufel, diese dumme Neugier! Schatoff, begreifst du -auch, wie schön es auf Erden zu leben ist!« - -»Antworten Sie nicht!« flüsterte mir Schatoff zu. - -»Hör', mach doch auf! ... Begreifst du auch, daß es etwas Höheres gibt, -als Raufereien unter ... der Menschheit? ... Es gibt, weißt du, es gibt -Augenblicke im Leben eines edlen Menschen ... Schatoff, ich bin gut, ich -verzeihe dir alles ... Nur, weißt du, mach doch auf! ... Schatoff, höre --- zum Teufel mit den Proklamationen! -- Wie?« - -Schweigen. - -»Begreifst du auch, Esel, daß ich verliebt bin! Ich habe mir einen Frack -gekauft, sieh, einen Frack der Liebe für die Liebe, -- fünfzehn -Silberrubel! Eines Hauptmannes Liebe verlangt eben gesellschaftlichen -Anstand ... Mach auf!« brüllte er plötzlich wie ein wildes Tier und -begann von neuem, in toller Wut mit den Fäusten an die Tür zu donnern. - -»Scher' dich zum Teufel!« schrie nun auch Schatoff. - -»S--s--s--kla--a--ve! Leibeigener Skla--ve, und deine Schwester ist auch -eine Skla--a--vin ... eine Die--bin!« - -»Und du hast deine Schwester verkauft!« - -»Du lügst! Ich dulde aus Edelmut, während ich ... Mit einer einzigen -Erklärung könnte ich ... Begreifst du auch, wer sie eigentlich ist?« - -»Nun, wer denn?« Schatoff trat neugierig an die Tür. - -»Wirst du es aber auch begreifen?« - -»Werd schon begreifen, wenn du es nur sagst -- nun, wer ist sie denn?« - -»Ich habe den Mut, es zu sagen! Ich habe immer den Mut, dem Publikum -alles zu sagen!« - -»Scheint doch nicht,« neckte ihn Schatoff geflissentlich und nickte mir -zu, jetzt nur gut aufzumerken. - -»Was, du meinst, ich wa--age es nicht?« - -»Natürlich wagst du es nicht.« - -»Wie, ich wa--a--ge es nicht?« - -»So sag's doch, wenn du die herrschaftlichen Ruten nicht fürchtest ... -Bist doch ein Feigling -- und willst ein Hauptmann sein!« - -»Ich ... ich ... sie ... sie ist ...« stotterte Lebädkin. - -»Nun?« Schatoff legte das Ohr ans Schlüsselloch. - -Ein Schweigen entstand und dauerte mindestens eine halbe Minute an. - -»Du Sch--sch--u--uft!« ertönte es endlich hinter der Tür, und der -Hauptmann stolperte so schnell wie er nur konnte und keuchend wie ein -Samowar die Treppe hinunter, wobei jede Stufe unter seinem Gewicht -knarrte. - -»Nein, er ist schlau, selbst in der Betrunkenheit wird er sich nicht -verraten.« Schatoff kam langsam von der Tür zurück. - -»Aber was soll denn das alles bedeuten?« fragte ich. - -Schatoff winkte nur mit der Hand, ging wieder zur Tür, öffnete sie und -begann nach unten zu lauschen. Lange horchte er, ging sogar ein paar -Stufen hinab ... endlich kam er wieder zurück. - -»Es ist nichts zu hören, hat sie also nicht geprügelt, wird wohl gleich -eingeschlafen sein. Es ist Zeit, Sie müssen nach Hause gehen.« - -»Hören Sie, Schatoff, was soll ich aus all dem schließen?« - -»Eh, schließen Sie daraus, was Sie wollen!« antwortete er mit müder und -schlecht gelaunter Stimme und setzte sich an seinen Schreibtisch. - -Ich ging. Ein unerhörter Gedanke bemächtigte sich meiner mehr und mehr. -Mit Sorge dachte ich an den nächsten Tag. - - - VII. - -Dieser nächste Tag -- der Sonntag, an dem Stepan Trophimowitschs -Schicksal sich unwiderruflich entscheiden sollte -- war einer der -merkwürdigsten Tage meiner Geschichte, war ein Tag der Überraschungen, -an dem Altes seine Lösung fand und Neues sich knüpfte, ein Tag greller -Erklärungen und -- noch schlimmerer Verwirrung. - -Wie ich schon erzählt habe, mußte ich meinen Freund am Morgen zu Warwara -Petrowna begleiten, und um drei Uhr sollte ich dann bei Lisaweta -Nicolajewna sein, um ihr zu erzählen ... ja, ich wußte selbst nicht, -was! und ihr zu verhelfen -- wozu? das wußte ich ebensowenig. Und nun -fand plötzlich alles eine Lösung, die weder ich noch sonst jemand -erwartet hatte ... Kurz, es war ein Tag seltsam zusammentreffender -Zufälle. - -Er begann damit, daß wir, Stepan Trophimowitsch und ich, als wir um elf -bei Warwara Petrowna erschienen, sie nicht zu Hause antrafen: sie war -noch nicht aus der Kirche zurückgekehrt. Mein armer Freund war aber -dermaßen nervös oder innerlich erregt, daß schon dieser eine Umstand ihn -sofort gleichsam vernichtete, und völlig erschöpft sank er im -Empfangssalon auf einen Sessel. Ich bot ihm ein Glas Wasser an, doch -trotz seines bleichen Gesichts und seiner zitternden Hände lehnte er es -mit Würde ab. Übrigens möchte ich hier bemerken, daß er diesmal mit -geradezu erlesener Eleganz gekleidet war: er trug die feinste -Batistwäsche, die weiße Halsbinde war meisterhaft geschlungen, hielt in -der einen Hand einen neuen Hut und strohfarbene Handschuhe, und zu all -dem kam noch ein leiser, ganz leiser Parfümduft. - -Kaum hatten wir uns gesetzt, als Schatoff, vom Diener geführt, eintrat. -Warwara Petrowna hatte offenbar auch ihn um diese Zeit zu sich gebeten. -Stepan Trophimowitsch erhob sich schon, um ihm die Hand zu reichen, doch -Schatoff, der zunächst aufmerksam zu uns herübersah, wandte sich -plötzlich zur Seite und setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, ohne -uns auch nur mit dem Kopf zuzunicken. Mein armer Freund sah mich wieder -ganz erschrocken an. - -So saßen wir noch eine ganze Weile in tiefstem Schweigen. Stepan -Trophimowitsch begann zwar einmal mir irgend etwas zuzuflüstern, doch da -er wahrscheinlich selbst nicht recht wußte, was er sagen wollte, so -verstummte er bald wieder. Nach einiger Zeit kam der Diener noch einmal -herein, um irgend etwas auf dem Tisch zu ordnen; oder richtiger -- um -nach uns zu sehen. Da wandte sich plötzlich Schatoff an ihn und fragte -laut: - -»Alexei Jegorytsch, ist Darja Pawlowna gleichfalls zur Kirche gefahren?« - -»Nein, Warwara Petrowna geruhten allein zum Gottesdienst zu fahren, -Darja Pawlowna aber sind zu Hause geblieben, sie fühlten sich nicht ganz -wohl,« meldete Alexei Jegorytsch mit Anstand. - -Mein armer Freund warf mir hierauf wieder einen erregten Blick zu, so -daß ich mich schon geärgert von ihm abwenden wollte. Da ertönte draußen -das Rollen einer Equipage, die vorfuhr, und ein gewisses fernes -Hinundher im Hause kündete uns an, daß die Herrin zurückgekehrt war. Wir -standen auf. Schritte näherten sich. Aber was war das? Wir hörten -Schritte von mehreren Personen. War denn Warwara Petrowna nicht allein -zurückgekehrt? Das war doch etwas sonderbar, da sie selbst uns zu dieser -Stunde und zu diesem besonderen Zweck zu sich gebeten hatte. Schließlich -vernahmen wir seltsam schnelle Schritte, fast ein Eilen, so aber pflegte -Warwara Petrowna sonst doch nicht zu gehen. Und plötzlich flog die Türe -auf und tatsächlich -- Warwara Petrowna erschien, atemlos und in -ungewöhnlicher Erregung. Hinter ihr aber kam, langsamer, leiser, -Lisaweta Nicolajewna, und die führte an der Hand -- Marja Timofejewna -Lebädkina! Hätte ich das im Traum gesehen, so hätte ich selbst dann -meinen Augen nicht getraut. - -Was war geschehen? - -Nun muß ich um etwa eine Stunde zurückgreifen und erzählen, was sich -inzwischen in der Kirche zugetragen hatte. - -An eben diesem Sonntage war der Adel und die ganze Gesellschaft der -Stadt fast vollzählig zum Morgengottesdienst erschienen. Man wußte, daß -die neue Gouverneurin zum erstenmal nach ihrer Ankunft bei uns in die -Kirche gehen werde. Es hatte sich schon herumgesprochen, daß sie eine -Freidenkerin sei und die »neuesten Anschauungen« teile. Und überdies -wußten schon alle Damen, daß sie in einer prächtigen, sehr eleganten -Toilette erscheinen werde, weshalb sich denn alle gleichfalls auf das -sorgfältigste geputzt hatten. Nur Warwara Petrowna war wieder schlicht -und ganz in Schwarz erschienen, genau so, wie sie sich in den letzten -vier Jahren immer kleidete. Während des Gottesdienstes stand sie auf -ihrem alten Platz, links, in der ersten Reihe, und vor ihr hatte ihr -Diener in Livree ein Samtkissen hingelegt, kurz, alles war so, wie es -immer gewesen war. Manche Leute wollten zwar bemerkt haben, daß Warwara -Petrowna an diesem Morgen ganz besonders lange und inbrünstig gebetet -habe; ja, später, als man sich alles wieder vergegenwärtigte, -versicherte man sogar, sie habe Tränen in den Augen gehabt. Die Messe -war schließlich zu Ende und unser Oberpriester, der Vater Pawel, trat -aus der Sakristei, um eine feierliche Predigt zu halten. Seine Predigten -wurden bei uns sehr geschätzt und man hatte ihm schon oft zugeredet, sie -doch drucken zu lassen, wozu er sich aber nie entschließen konnte. An -diesem Sonntage nun fiel die Predigt jedoch besonders lang aus. - -Da kam, nachdem die Predigt schon begonnen hatte, noch eine Dame in -einer leichten Mietdroschke angefahren, in einem von jenen altmodischen -Vehikeln, auf denen Herren rittlings, Damen nur seitlich sitzen konnten, -weshalb sie sich an dem Gürtel des Kutschers festhalten mußten, da sie -bei jedem Stoß des Wagens wie ein Wiesengräschen im Winde schaukelten. -Diese Droschken gibt es auch heute noch in unserer Stadt. Der Kutscher -hielt an der Kirchenecke, da er wegen der vielen Equipagen und sogar -Gendarmen vor dem Portal nicht weiterzufahren wagte. Die Dame sprang ab -und gab dem Kutscher vier Kopeken. - -»Was, ist es zu wenig, Wanjä?«[31] fragte sie erschrocken, als sie sah, -daß der Kutscher ein Gesicht schnitt. »Das ist aber alles, was ich -habe,« fügte sie traurig hinzu. - -»Nun, schon gut ... hab nicht an Verdienst gedacht ...« Der Wanjka -winkte mit der Hand und sah sie an, als dächte er: »Wäre ja auch Sünde, -dich zu kränken ...« - -Er steckte seinen Lederbeutel unter die Bluse und fuhr, begleitet vom -Spott der anderen wartenden Kutscher, wieder davon. Spötteleien und -Verwunderung begleiteten auch die Dame, so lange sie sich durch die -Volksmenge und die wartenden Diener bis zur Kirchentür drängte. Aber es -war auch wirklich etwas Ungewöhnliches und Überraschendes in dem -Erscheinen einer solchen Person so plötzlich irgendwoher und am -Sonntagmorgen mitten unter dem Volk. - -Sie war krankhaft mager und hinkte; ihr Gesicht war stark gepudert und -geschminkt und der lange Hals war unbedeckt. Sie hatte weder ein Tuch -noch einen Umwurf, war nur in einem alten dunklen Kattunkleide, trotz -des kühlen, windigen, wenn auch sonnigen Septembertages. Ihr Kopf war -gleichfalls unbedeckt und in den kleinen Haarknoten im Nacken hatte sie -an der rechten Seite eine Rose aus Seidenpapier gesteckt, eine von -solchen, mit denen die Ostercherubim geschmückt werden. So einen -Ostercherub in einem Kranz aus Papierrosen hatte ich gerade am Abend -vorher unter den Heiligenbildern bemerkt, als ich bei Marja Timofejewna -saß. Hinzu kam, daß die Dame, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen, -doch mit einem beinahe mehr als heiteren, fast verschmitzten Lächeln -durch das Volk ging. Vielleicht hätte man sie, wenn sie noch einen -Augenblick länger in der Menge geblieben wäre, überhaupt nicht in die -Kirche eintreten lassen. So aber gelang es ihr noch, durch das Portal zu -schlüpfen, und unauffällig schob sie sich dann weiter nach vorn. - -Obgleich die Predigt noch nicht zu Ende war und die ganze Kirche -andächtig zuhörte, wandten sich manche Augen doch interessiert und -verwundert heimlich der Neueingetretenen zu. Diese kniete zunächst -nieder, beugte ihr gepudertes Gesicht auf den Fußboden, und berührte ihn -mit der Stirn; so kniete sie lange, und wie es schien, weinte sie; -nachdem sie sich aber wieder aufgerichtet und von den Knien erhoben -hatte, begann sie alsbald fast heiter und mit sichtlichem Vergnügen die -Menschen und die Kirchenwände zu betrachten. Einzelne Damen schienen sie -besonders zu interessieren, und sie stellte sich sogar auf die -Fußspitzen, um besser sehen zu können, und zweimal kicherte sie dabei -ganz eigentümlich. Doch schließlich erreichte auch die Predigt ihr Ende -und man trug das Kreuz vor den Altar. Die Gouverneurin trat sofort vor, -doch schon nach ein paar Schritten blieb sie stehen, um Warwara Petrowna -den Vortritt zu geben, die gleichfalls gerade auf das Kreuz zuschritt -und dabei tat, als sei ihr niemand im Wege. Die ungewöhnliche -Bescheidenheit der Gouverneurin sollte natürlich ein feiner Stich für -Warwara Petrowna sein -- so faßten es wenigstens die Damen der -Gesellschaft auf. Auch Warwara Petrowna hatte den Stich wohl verstanden, -übersah ihn jedoch und küßte mit unerschütterlicher Vornehmheit das -Kreuz, worauf sie dann sofort dem Ausgange der Kirche zuschritt. Ihr -Diener in Livree bemühte sich ganz unnützerweise, einen Weg durch die -Anwesenden zu bahnen, da alle schon von selbst höflich vor ihr zur Seite -traten. Da geschah es aber, daß in der Vorhalle, wo das Volk dicht -gedrängt stand, Warwara Petrowna dennoch einen Augenblick stehen bleiben -und warten mußte. Und hier nun drängte sich plötzlich das sonderbare -Geschöpf, mit der Papierrose im Haar, durch das Volk zu ihr hin -- und -fiel vor ihr auf die Kniee. Warwara Petrowna, die man nicht leicht -erschrecken konnte, besonders nicht in der Öffentlichkeit, sah ruhig, -streng und erhaben auf die Kniende herab. - -Ich muß hier bemerken, daß Warwara Petrowna, wenn sie auch sparsamer, -ja, wie manche behaupteten, sogar ein bißchen geizig geworden war, zu -wohltätigen Zwecken doch immer noch viel Geld ausgab. Noch vor einem -Jahr, als in einzelnen Gegenden unseres Gouvernements Hungersnot -herrschte, hatte sie an das Hilfskomitee fünfhundert Rubel gesandt. Und -schließlich hatte sie noch in der letzten Zeit, kurz vor der Ernennung -des neuen Gouverneurs, bereits ein Damenkomitee zustandegebracht, das -den ärmsten Wöchnerinnen in der Stadt und im Gouvernement -Unterstützungen zukommen lassen sollte. Man warf ihr bei uns Ehrgeiz -vor, doch ihr fester, durchsetziger Wille hatte die Hindernisse fast -schon beseitigt, das Komitee war bereits so gut wie gegründet, und -Warwara Petrowna dachte schon mit Begeisterung daran, ein ähnliches -Komitee auch in Moskau zu gründen, und wie dieser Gedanke schließlich in -jedem Gouvernement fruchtbar gemacht werden könnte. Da kam aber der -Wechsel des Gouverneurs, und alles geriet ins Stocken; die neue -Gouverneurin aber hatte, wie es hieß, schon Zeit gehabt, in der -Gesellschaft einige spitze und schließlich nicht ganz unsachliche -Bemerkungen über die Unzweckmäßigkeit des Grundgedankens solcher -Komitees zu äußern. Diese Bemerkungen aber waren -- selbstredend mit -Ausschmückungen -- Warwara Petrowna sofort hinterbracht worden. Zwar -kann nur Gott allein wissen, was in der Tiefe eines Menschenherzens -vorgeht, aber in diesem Fall glaube ich doch, annehmen zu dürfen, daß -Warwara Petrowna in diesem Augenblick nicht ungern vor der Knienden -stehen blieb, zumal sie ja wußte, daß sogleich die Gouverneurin und dann -die ganze höhere Gesellschaft an ihr vorübergehen mußte. -- »So mag sie -jetzt doch sehen, wie gleichgültig mir das ist, was sie da über meinen -Ehrgeiz in meinen Wohltätigkeitsplänen spöttelt. Was geht sie mich an!« - -»Was haben Sie, meine Liebe, um was bitten Sie?« fragte Warwara Petrowna -und musterte aufmerksam die vor ihr kniende Bittstellerin. - -Diese sah mit entsetzlich zaghaftem, verschämtem und fast andächtigem -Blick zu ihr auf, und plötzlich lachte sie wieder mit jenem -absonderlichen Kichern. - -»Was hat sie? Wer ist sie?« Warwara Petrowna sah mit befehlendem und -fragendem Blick die Umstehenden an. - -Alles schwieg. - -»Sie sind wohl unglücklich? Sie brauchen eine Unterstützung?« - -»Ich kam ... ich wollte ...« stammelte die Kniende mit einer Stimme, die -vor Aufregung versagte. »Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Hand zu -küssen« ... und wieder kicherte sie. Und mit einem schmeichelnden -Ausdruck im Gesicht, wie kleine Kinder ihn haben, wenn sie etwas -erbitten möchten, wollte sie schon Warwara Petrownas Hand ergreifen, -doch plötzlich, als hätte irgend etwas sie erschreckt, zog sie ihre -Hände bang zurück. - -»Nur deshalb sind Sie gekommen?« Warwara Petrowna lächelte mitleidig, -zog schnell ihr Perlmutterportemonnaie hervor, entnahm ihm einen -Zehnrubelschein und gab ihn der Unbekannten. - -Diese nahm ihn an. Warwara Petrowna war sichtlich sehr interessiert und -hielt die Unbekannte offenbar nicht für eine gewöhnliche Bittstellerin. - -»Sieh, volle zehn Rubel hat sie gegeben!« flüsterte jemand in der -Volksmenge. - -»Ihre Hand, bitte,« stammelte wieder die Kniende, die mit den Fingern -der linken Hand den Schein nur an einem Eckchen krampfhaft festhielt, -während der Windzug ihn bewegte. - -Warwara Petrowna runzelte aus einem unbekannten Grunde ein wenig die -Stirn, reichte jedoch mit ernster, strenger Miene ihre Hand hin: die -Unglückliche küßte sie andächtig. Ihr dankbarer Blick leuchtete jetzt -geradezu wie in Seligkeit auf. - -Und gerade in diesem Augenblick kam die Gouverneurin, strömte die ganze -Schar unserer Damen und höheren Würdenträger dem Ausgang zu. Die -Gouverneurin mußte vor dem Gedränge am Portal stehen bleiben und ein -wenig warten, und die anderen folgten ihrem Beispiel. - -»Sie zittern ja, Sie haben wohl kalt?« fragte plötzlich Warwara -Petrowna, warf sofort ihren Mantel ab, den der Diener auffing, und zog -von ihren Schultern einen schwarzen (keineswegs billigen) Schal, den sie -eigenhändig um den entblößten Hals der immer noch vor ihr Knienden -schlang. - -»Aber so stehen Sie doch auf, stehen Sie auf, ich bitte Sie!« - -Diese erhob sich. - -»Wo wohnen Sie? Weiß denn hier wirklich niemand, wo sie wohnt?« wandte -sich Warwara Petrowna wieder ungeduldig an die Umstehenden. - -»Ich glaube, das ist die Lebädkin,« meinte schließlich jemand -- es war -das unser ehrenwerter Kaufmann Andrejeff: ein Mann mit langem Bart, -einer in Silber gefaßten Brille und in russischer Tracht. Seinen runden -Filzhut hielt er jetzt in der Hand. »Die wohnen bei Filippoff in der -Bogojawlenskstraße,« fügte er hinzu. - -»Lebädkin? Bei Filippoff? Ich habe den Namen gehört ... Ich danke Ihnen, -Nikon Semjonytsch, aber wer ist dieser Lebädkin?« - -»Nennt sich >Hauptmann< ... ein Mensch, der sozusagen ... keinen Halt -hat. Die hier ist wohl seine Schwester. Sie muß aber, denke ich, seiner -Aufsicht entlaufen sein,« bemerkte er leiser und blickte dabei Warwara -Petrowna bedeutsam an. - -»Ich verstehe schon, danke, Nikon Semjonytsch. Meine Liebe, Sie sind -Fräulein Lebädkin?« - -»Nein, ich heiße nicht Lebädkin.« - -»Aber vielleicht heißt Ihr Bruder Lebädkin?« - -»Mein Bruder heißt Lebädkin.« - -»Also, hören Sie, meine Liebe, ich werde Sie jetzt zu mir bringen und -von mir aus wird man Sie dann zu Ihnen nach Hause fahren. Wollen Sie mit -mir kommen?« - -»Ach ja, ach ja, ich will, ich will!« und Fräulein Lebädkin klatschte in -die Hände vor Vergnügen. - -»Tante, Tante! Nehmen Sie auch mich mit!« ertönte plötzlich Lisaweta -Nicolajewnas Stimme. - -Lisa war an diesem Sonntage mit der Gouverneurin, ihrer Verwandten, zum -Gottesdienst erschienen, während Praskowja Iwanowna auf den Rat des -Arztes hin eine Spazierfahrt unternommen und Mawrikij Nicolajewitsch -gebeten hatte, sie zu begleiten. Lisa, die mit der Gouverneurin die -Kirche verlassen wollte, ließ nun plötzlich ihre Verwandte einfach -stehen und drängte sich ungestüm zu Warwara Petrowna. - -»Liebling, du weißt doch, daß ich dich immer gern bei mir sehe, aber was -wird deine Mutter dazu sagen?« begann Warwara Petrowna würdevoll, doch -plötzlich gewahrte sie Lisas ungewöhnliche Aufregung und wurde unsicher. - -»Tante, Tante, ich muß jetzt unbedingt mit Ihnen fahren!« flehte Lisa -und küßte Warwara Petrowna ungestüm. - -»_Mais qu'avez-vous donc, Lise?_«{[87]} fragte die Gouverneurin mit -ausdrucksvoller Verwunderung. - -»Ach, verzeihen Sie, Liebste, _chère cousine_!{[88]} Ich fahre zu -Tante!« Lisa hatte sich schon im Fluge zu ihrer unangenehm berührten -_chère cousine_ herumgewandt und küßte sie schnell zweimal. »Bitte, -sagen Sie _maman_, daß sie gleich zu Tante kommen soll, um mich -abzuholen. _Maman_ wollte heute unbedingt zu Tante fahren, sie hat es -gestern selbst gesagt, ich vergaß nur, Ihnen das vorhin schon zu sagen!« -beteuerte Lisa, zitternd vor Aufregung. »Verzeihen Sie mir, _Julie_, -seien Sie mir nicht böse ... _chère cousine_! ... Tante, ich bin -bereit!« - -»Tante,« flüsterte sie dieser zu, »wenn Sie mich jetzt nicht mitnehmen, -laufe ich zu Fuß Ihrer Equipage nach!« - -Zum Glück hörte das niemand. Warwara Petrowna trat vor Schreck sogar -einen Schritt zurück und sah entsetzt das anscheinend wahnsinnige -Mädchen an. Dieser Blick entschied: sie beschloß, Lisa auf jeden Fall -mitzunehmen. - -»Dem muß ein Ende gemacht werden!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Ich -nehme dich mit Vergnügen mit, Lisa,« fügte sie laut hinzu, »aber -natürlich nur, wenn Julija Michailowna damit einverstanden ist,« wandte -sich Warwara Petrowna mit offenem Blick und freundlicher Würde -unmittelbar an die Gouverneurin. - -»Oh, gewiß! Ich werde sie doch nicht um dieses Vergnügen bringen -wollen,« zwitscherte mit erstaunlicher Liebenswürdigkeit die -Gouverneurin Julija Michailowna, »zumal ich ja schon weiß, was für ein -phantastisches, eigenwilliges Köpfchen auf diesem Hälschen sitzt!« -- -und sie lächelte geradezu bezaubernd. - -»Ich danke Ihnen aufrichtig,« dankte Warwara Petrowna mit sehr höflichem -Gruß, aber wie immer noch voll Würde. - -»Und es ist mir um so angenehmer, diesen Wunsch Lisas zu erfüllen,« fuhr -Julija Michailowna in ihrer plappernden Redeweise fort und errötete -sogar vor angenehmer Erregung, »als Lisa jetzt nicht nur das Vergnügen -haben wird, zu Ihnen zu fahren, sondern mit diesem Vergnügen noch einer -so schönen Regung nachgeben kann, wie es das Mitgefühl mit dieser ...« -(sie blickte bezeichnend auf die »Unglückliche«) »... wie es die -Barmherzigkeit ist ... und ... und das noch gewissermaßen an der -Schwelle der Kirche ...« - -»Eine solche Auffassung macht Ihnen unbedingt Ehre,« äußerte Warwara -Petrowna in bewundernder Weise ihren Beifall. - -Und Julija Michailowna streckte sofort mit liebenswürdigem Eifer die -Hand aus und Warwara Petrowna drückte sie mit aufrichtiger -Bereitwilligkeit. Der allgemeine Eindruck war vorzüglich. Die Gesichter -der Anwesenden erstrahlten vor Vergnügen und viele lächelten süß und -wohlgefällig. - -Kurz, die ganze Stadt sah plötzlich ein, daß nicht die Gouverneurin aus -angeblicher Mißachtung Warwara Petrowna bisher noch nicht ihren Besuch -gemacht hatte, sondern daß, im Gegenteil, Warwara Petrowna es war, die -zu Julija Michailowna »Distance wahrte,« während diese, wie man jetzt -meinte, wohl schon zu Fuß zu Warwara Petrowna geeilt wäre, wenn sie nur -gewußt hätte, ob sie überhaupt empfangen werden würde. Und so stieg denn -Warwara Petrownas Ansehen plötzlich wieder aufs höchste. - -»Steigen Sie ein, meine Liebe,« sagte Warwara Petrowna zu der Lebädkin -und wies auf die vorgefahrene Equipage. - -Und die Unglückliche eilte fröhlich zum Wagenschlag, wo der Diener schon -bereitstand und sie hineinhob. - -»Wie! Sie hinken!« rief plötzlich Warwara Petrowna entsetzt und -erbleichte. (Alle haben es damals bemerkt, jedoch nicht verstanden, -warum.) ... - -Die Equipage rollte davon. Warwara Petrownas Stadthaus lag ganz in der -Nähe der Kirche. Lisa erzählte mir später, die Lebädkin habe während der -ganzen drei Minuten der Fahrt hysterisch gelacht, Warwara Petrowna aber -habe dagesessen »wie in einem hypnotischen Schlaf« -- das waren Lisas -Worte. - - - - - Fünftes Kapitel. - Die »allwissende Schlange« - - - I. - -Warwara Petrowna klingelte sofort nach einem Diener und warf sich dann -in der Nähe des Fensters erschöpft in einen Sessel. - -»Setzen Sie sich dorthin, meine Liebe,« wies sie Marja Timofejewna an -dem großen runden Tisch, der in der Mitte des Salons stand, einen Platz -an. Darauf wandte sie sich zu uns: »Stepan Trophimowitsch, wer ist das? -Sehen Sie sie an, wer ... was ist sie?« - -»Ich ... ich ...« stammelte Stepan Trophimowitsch. - -In diesem Augenblick trat der Diener ein. - -»So schnell wie möglich ein Tasse Kaffee! Und die Equipage soll warten!« - -»_Mais chère et excellente amie ... dans quelle inquiétude!_{[89]} ...« -rief Stepan Trophimowitsch unsicher aus. - -»Ach, französisch, französisch!« Marja Timofejewna klatschte in die -Hände vor Vergnügen. »Gleich merkt man, daß man in vornehmer -Gesellschaft ist!« Und sie schickte sich mit Entzücken an, dem -französischen Gespräche zuzuhören. - -Warwara Petrownas Augen ruhten auf ihr mit Befremden, ja, mit Entsetzen. - -Wir schwiegen alle und warteten ungewiß auf irgendeine Lösung oder -Erklärung. Schatoff erhob kein einziges Mal seinen gesenkten Kopf und -Stepan Trophimowitsch schaute so erschrocken drein, als trüge er die -Schuld an allem. Ich selbst blickte auf Lisa, die fast neben Schatoff -saß. Lisa wiederum sah gespannt bald auf Warwara Petrowna, bald auf die -Lahme: um ihre Lippen zuckte ein Lächeln, kein gutes Lächeln, -- und -Warwara Petrowna bemerkte es wohl. Währenddessen ließ Marja Timofejewna -es sich gut gefallen: sie betrachtete entzückt und ohne jede -Befangenheit die Möbel, die Teppiche, die Bilder an den Wänden, die alte -gemalte Decke, die große Bronzestatue in der Ecke, die Porzellanlampe, -die Albums und die Nippsachen auf dem Tisch. - -»Ach, auch du bist hier, Schatuschka!« rief sie plötzlich, lustig -lachend, aus. »Denk nur, ich seh' dich schon lange und sag' mir: das -kann er doch nicht sein! Wie soll der wohl hierher kommen?« - -»Sie kennen diese Dame?« fragte Warwara Petrowna sofort, sich zu -Schatoff wendend. - -»Ja,« sagte Schatoff leise und brummig wie immer -- rückte dabei auf -seinem Stuhle einmal hin und her, blieb aber sitzen. - -»Was wissen Sie denn von ihr? Etwas schneller, wenn ich bitten darf!« - -»Ja, was denn ...« er stockte und lächelte unnötigerweise. »Sie sehen -doch selbst ...« - -»Was sehe ich? Aber so reden Sie doch!« - -»Sie wohnt in demselben Hause, in dem ich wohne ... mit ihrem Bruder ... -einem Offizier.« - -»Nun, und?« - -Schatoff stockte wieder. »Wozu davon sprechen,« knurrte er schließlich -und verstummte endgültig -- und wurde sogar rot. - -»Natürlich, von Ihnen kann man ja auch nicht mehr erwarten!« Warwara -Petrowna wandte sich unwillig von ihm ab. Sie begriff, daß hier alle -etwas Bestimmtes wußten und nur deshalb nicht auf ihre Fragen -antworteten, weil sie es ihr verheimlichen wollten. - -Der Diener trat wieder ein, mit der bestellten Tasse Kaffee auf -silbernem Teebrett, und präsentierte sie auf Warwara Petrownas Wink -Marja Timofejewna. - -»Meine Liebe, Sie werden kalt gehabt haben! Trinken Sie etwas Heißes, -das wird Sie erwärmen.« - -»_Merci._« Marja Timofejewna nahm die Tasse -- platzte aber plötzlich -laut darüber aus, daß sie dem Diener »_merci_« gesagt hatte. Da sie -jedoch gleichzeitig einen wütenden Blick Warwara Petrownas auffing, -erschrak sie und stellte schnell die Tasse auf den Tisch. - -»Tante,« fragte sie darauf mit einem leichtsinnigen Ausdruck von -Koketterie, »Tante, sind Sie mir vielleicht böse?« - -»Wa--as?« Warwara Petrowna richtete sich kerzengrade in ihrem Sessel -auf. »Was für eine Tante --? Wie meinten Sie das?« - -Marja Timofejewna hatte offenbar einen solchen Zorn nicht erwartet: ein -Zittern erschütterte sie förmlich und sie drückte sich angstvoll an die -Stuhllehne. »Ich ... ich dachte ..., daß man so -- muß,« flüsterte sie, -den Blick starr auf Warwara Petrowna gerichtet. »Lisa hat Sie auch so -genannt.« - -»Was für eine Lisa?« - -»Da, dort, dieses Fräulein!« sagte Marja Timofejewna und wies mit dem -Zeigefinger auf Lisaweta Nicolajewna. - -»So ist die für Sie schon zur Lisa geworden?« - -»Sie haben sie doch vorhin selbst so genannt.« Marja Timofejewna faßte -Mut. »Und im Traume habe ich genau solch eine Schönheit gesehen,« und -sie lachte gleichsam unwillkürlich. - -Warwara Petrowna dachte einen Augenblick nach und wurde ersichtlich -ruhiger: ja, sie lächelte sogar über Marja Timofejewnas letzte -Bemerkung. Als diese aber das Lächeln bemerkte, stand sie auf und trat -mit schüchternem Ausdruck hinkend auf sie zu. - -»Bitte, nehmen Sie, ich vergaß ganz, das Tuch Ihnen zurückzugeben, seien -Sie mir nicht böse --« und sie nahm den Schal, den ihr Warwara Petrowna -in der Kirche umgelegt hatte, von den Schultern. - -»Nehmen Sie ihn sofort wieder um und behalten Sie ihn ganz. Setzen Sie -sich! Trinken Sie Ihren Kaffee, und fürchten Sie sich bitte nicht vor -mir, meine Liebe! Ich fange schon an, Sie zu verstehen.« - -»_Chère amie_ ...« erlaubte sich Stepan Trophimowitsch wieder anzufangen -... - -»Ach, Stepan Trophimowitsch, hier verliert man auch ohne Sie schon den -Verstand! Verschonen Sie mich wenigstens ... Ziehen Sie bitte an der -Klingel fürs Mädchenzimmer, dort!« - -Neues Schweigen entstand. Warwara Petrownas Blick glitt mißtrauisch über -die Gesichter der Anwesenden. Da erschien Agascha, ihre bevorzugte -Kammerzofe. - -»Mein kariertes Tuch. Das ausländische. Was macht Darja Pawlowna?« - -»Sie fühlen sich nicht ganz wohl.« - -»Geh', und sag' ihr, ich lasse sie herbitten. Sage ihr, ich ließe sie -sehr darum bitten. Auch wenn sie krank ist.« - -In diesem Augenblick ertönte aus dem Vorzimmer Geräusch von Schritten -und Stimmen und plötzlich erschien in der Tür rot und atemlos Praskowja -Iwanowna, von Mawrikij Nicolajewitsch fürsorglich gestützt. - -»Ach Gott, endlich da! Lisa, du Wahnsinnige! Was tust du deiner Mutter -an!« rief sie mit ihrer kreischenden Stimme, in die sie nach Art aller -reizbaren Menschen ihren ganzen Ärger legte, schon von der Tür aus ins -Zimmer. - -»Warwara Petrowna, meine Liebe, ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen, -um meine Tochter abzuholen!« - -Warwara Petrowna sah sie unmutig an, erhob sich aber, um sie zu -begrüßen, und sagte mit kaum verhehltem Verdruß: »Guten Tag, Praskowja -Iwanowna. Setze dich, bitte. Ich wußte ja, daß du kommen würdest.« - - - II. - -Für Praskowja Iwanowna konnte in einem solchen Empfang nichts -Unerwartetes liegen. Warwara Petrowna hatte sie von Kindheit an unter -dem Anschein der Freundschaft von oben herab, ja, in der Pensionszeit -sogar mit Verachtung behandelt. In den letzten Tagen hatte sich ihr -Verhältnis jedoch noch in einer ganz neuen und bedenklichen Weise -zugespitzt. Die Gründe des drohenden Bruches waren Warwara Petrowna noch -völlig unklar und daher um so beleidigender für sie. Vor allem mußte es -sie kränken, daß Praskowja Iwanowna ihr gegenüber mit einem Male einen -so unglaublich hochmütigen Ton anschlug. Hinzu kamen die sonderbaren -Gerüchte, die ihr zu Ohren gedrungen waren, und die sie nun, eben -infolge ihrer Unklarheit und Unbestimmtheit, so aufregten. Warwara -Petrownas ganzes Wesen war gerade, offen und stolz, nichts haßte sie -daher mehr, als versteckte Anschuldigungen. Jeglichem Ränkespiel hätte -sie stets einen ehrlichen Krieg vorgezogen. Doch wie dem auch war, -jedenfalls hatten sich die beiden Damen jetzt schon seit fünf Tagen -nicht mehr gesehen. Warwara Petrowna war die letzte gewesen, die der -anderen einen Besuch gemacht hatte -- einen Besuch, von dem sie gekränkt -und geärgert zurückgekehrt war. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn -ich sage, daß Praskowja Iwanowna mit der naiven Überzeugung eintrat, -Warwara Petrowna müsse und werde aus irgendeinem Grunde vor ihr Angst -bekommen. Andererseits richtete sich in Warwara Petrowna sofort ihr -ganzer Stolz auf, als sie an dem Gesichte Praskowja Iwanownas wahrnahm, -daß diese sie als irgendwie unterlegen behandeln wollte. Praskowja -Iwanowna wiederum war, wie so viele unbedeutende Menschen, die sich -sonst im allgemeinen ruhig tyrannisieren lassen, eines jähen und frechen -Angriffes fähig, mit dem sie dann plump bei irgendeiner Gelegenheit -herausplatzte. Zudem war sie noch krank und daher doppelt reizbar. - -Daß noch andere zugegen waren, konnte in diesem Falle den Ausbruch eines -Streites zwischen den beiden Jugendfreundinnen nicht verhindern: denn -Stepan Trophimowitsch, Schatoff und ich galten einfach als Hausfreunde, -auf deren Gegenwart man weiter nicht Rücksicht zu nehmen brauchte. -Stepan Trophimowitsch hatte übrigens seit dem Eintritt seiner _chère -amie_ noch immer gestanden: jetzt, als auch noch Praskowja Iwanowna auf -der Türschwelle kreischend erschien, sank er ganz erschöpft in einen -Sessel und warf mir nur noch einen verzweifelten Blick zu. Schatoff -dagegen drehte sich brüsk und brummend auf seinem Stuhle um: und es -schien beinahe, als wolle er aufstehen und fortgehen. Lisa hatte sich -zuerst halb erhoben, aber sich gleich wieder gesetzt; sie schenkte der -Gegenwart ihrer Mutter überhaupt keine Beachtung, doch tat sie das nicht -aus »Widerspenstigkeit« oder »Trotz«, sondern weil sie augenscheinlich -ganz unter der Macht ihrer eigenen Gedanken stand -- sie starrte -zerstreut in die Luft und hatte sogar für Marja Timofejewna nicht mehr -die frühere Aufmerksamkeit übrig. - - - III. - -»Ach, hierher!« Praskowja Iwanowna zeigte auf den Lehnstuhl am Tisch, -und ließ sich mit Mawrikij Nicolajewitschs Hilfe schwer auf ihn nieder. -»Würde mich sonst nicht bei Ihnen hinsetzen, meine Liebe, wenn es nicht -die Füße wären --« - -Warwara Petrowna erhob ein wenig den Kopf, und legte die Hand an die -rechte Schläfe, in der sie augenscheinlich einen stechenden Schmerz -empfand -- »_le tic douloureux_«,{[90]} wie ihn Stepan Trophimowitsch -nannte. - -»Warum denn nicht, Praskowja Iwanowna? Warum solltest du dich bei mir -nicht setzen? Dein Mann war mir sein Lebelang freundschaftlich zugetan. -Und mit dir habe ich noch als Kind in der Pension Puppen gespielt.« - -Praskowja Iwanowna winkte nur mit der Hand ab: »Ich konnte es mir ja -schon denken, daß Sie wieder von der Pension anfangen würden! Das tun -Sie ja stets, wenn Sie Vorwürfe machen wollen.« - -»Es scheint, daß du schon in schlechter Laune hergekommen bist. Wie geht -es mit deinen Füßen? Da wird dir Kaffee gebracht! Nimm bitte ein -Täßchen, trink und ärgere dich nicht.« - -»Meine Liebe, Sie gehen ja mit mir um, als ob ich ein kleines Mädchen -wäre! Ich will keinen Kaffee, danke!« und sie winkte eigensinnig dem -Diener ab, der mit dem Tablett zu ihr getreten war. Für Kaffee dankten -übrigens auch die anderen, außer Mawrikij Nicolajewitsch und mir. Stepan -Trophimowitsch nahm zwar ein Täßchen, stellte es aber gleich wieder auf -den Tisch. Marja Timofejewna hätte ersichtlich allzu gern auch eines, -ihr zweites, genommen. Sie streckte schon die Hand aus, bedachte sich -aber noch im letzten Augenblick und dankte -- worauf sie sich, offenbar -sehr zufrieden mit sich selbst, wieder zurücklehnte. - -Warwara Petrowna lächelte verzogen. - -»Weißt du, meine Liebe, du hast dir wohl wieder einmal etwas -eingebildet. Wäre nichts Neues! Du hast ja von jeher nur von -Einbildungen gelebt. Wenn ich von der Pension anfange, so ärgerst du -dich. Aber weißt du noch, wie du ankamst? Wie du der ganzen Klasse -erzähltest, der Husarenleutnant Schablykin hätte um dich angehalten, und -wie Madame Lefebure dich sofort der Lüge zieh? Dabei hattest du ja gar -nicht gelogen. Du hattest dir die ganze Geschichte eben einfach -eingebildet. Und so war's immer und so wird's wohl auch jetzt wieder -sein. Also erzähle nur, womit du diesmal hergekommen bist, was du dir -jetzt wieder einbildest?« - -»Dabei hat sie sich in der Pension in den Popen verliebt -- hahaha!« -rief Praskowja Iwanowna mit gehässigem Lachen, das bald in Husten -überging. - -»Ah! das hast du also nicht vergessen?« Warwara Petrowna sah sie -durchdringend an und ihr Gesicht wurde farblos vor Ärger. - -Praskowja Iwanowna wurde plötzlich ernst. Dann aber fuhr es aus ihr -heraus: »Warum ... warum haben Sie meine Tochter in Gegenwart der ganzen -Stadt in Ihren Skandal verwickelt?« - -»In meinen Skandal?« Warwara Petrowna richtete sich drohend auf. - -»Mama, ich möchte Sie doch sehr bitten, sich etwas zu mäßigen,« sagte -Lisaweta Nicolajewna plötzlich zu ihr. - -»Wie! Was ... was sagtest du da?« Aber gleich darauf schwieg sie vor dem -aufblitzenden Blick ihrer Tochter. - -»Was reden Sie von einem Skandal, Mama? Ich bin freiwillig -hierhergekommen, mit Julija Michailownas Erlaubnis, weil ich die -Geschichte dieser Unglücklichen da erfahren wollte, um ihr helfen zu -können.« - -»Geschichte dieser Unglücklichen?« wiederholte Praskowja Iwanowna -langsam, mit bösem Lachen. »Was mischst du dich in solche Geschichten? -Ach, meine Liebe, wir haben jetzt genug von Ihrer Herrschsucht!« fuhr -sie darauf wieder Warwara Petrowna an. »Bisher haben _Sie_ die ganze -Stadt kritisiert, jetzt aber kommt die Reihe auch einmal an uns!« - -Warwara Petrowna saß in einer Haltung da, als wolle sie sich sofort auf -Praskowja Iwanowna stürzen; dabei war aber ihr Blick kalt und -unbeweglich auf die Gegnerin geheftet. - -»Sei froh, meine Liebe,« sagte sie mit eisiger Ruhe, »daß wir hier unter -uns sind. Du hast viel Überflüssiges gesagt.« - -»Ich, meine Liebe, ich fürchte die öffentliche Meinung nicht so sehr, -wie gewisse andere Leute. Die Furcht haben _Sie_ vielmehr! Und daß wir -hier >unter uns< sind -- nun, um so besser für Sie, wenn wir hier nicht -unter Fremden sind!« - -»Du bist wohl etwas klüger geworden? In der letzten Woche?« - -»O nein, ich bin nicht klüger geworden in der letzten Woche, aber die -Wahrheit ist ans Licht gekommen in der letzten Woche.« - -»Was für eine Wahrheit ist ans Licht gekommen? In der letzten Woche? Was -soll das heißen? Was willst du damit sagen?« - -»Da, da ... da sitzt sie ja, die ganze Wahrheit!« Und Praskowja Iwanowna -wies plötzlich auf Marja Timofejewna mit jener verzweifelten -Entschlossenheit, die nicht mehr an die Folgen denkt, sondern nur im -Augenblick treffen will. - -Marja Timofejewna, die inzwischen mit einer fröhlichen Neugierde die -alte Dame betrachtet hatte, lachte lustig auf, als sie jetzt deren -Finger auf sich gerichtet sah, und bewegte sich vergnügt auf ihrem -Sessel. - -»Herr Jesus Christus, sind denn heute alle von Sinnen!« murmelte Warwara -Petrowna und lehnte sich zurück. - -Und plötzlich wurde sie so blaß, daß wir alle erschrocken auf sie -zutraten. Stepan Trophimowitsch war als erster bei ihr. Ich folgte ihm. -Auch Lisa stand auf. Am erschrockensten war aber Praskowja Iwanowna -selbst: sie stieß einen kurzen Schrei aus, erhob sich, so weit sie es -konnte, und rief bittend mit weinerlicher Stimme: - -»Meine Liebe, verzeihen Sie, das war ja nur so gesagt! -- Aber so geben -Sie ihr doch wenigstens Wasser!« - -»Bitte, rege dich nicht auf. Und Sie, meine Herren, bitte, setzen Sie -sich wieder.« Warwara Petrowna suchte sich zu fassen. - -»Meine Liebe,« begann Praskowja Iwanowna von neuem, nachdem sie sich ein -bißchen beruhigt hatte, »es war ja töricht, es war ja häßlich von mir -... Aber man hat mich mit all diesen anonymen Briefen, die mir weiß der -Himmel was für Leute zuschicken, dermaßen gereizt ... wenn sie sie doch -wenigstens _Ihnen_ zuschicken würden, da sie doch von _Ihnen_ handeln -... aber ich, meine Liebe, ich habe eine Tochter!« - -Warwara Petrowna, die inzwischen wieder vollständig Herrin ihrer selbst -geworden war, hatte ihr erstaunt zugehört und sah sie noch stumm mit -großen Augen an, als sich eine Seitentür öffnete und Darja Pawlowna -eintrat. Sie blieb stehen und sah sich um -- wahrscheinlich ohne -zunächst Marja Timofejewna zu erblicken, von deren Anwesenheit man ihr -nichts gesagt hatte. Unsere Aufregung schien sie zu erschrecken. Stepan -Trophimowitsch hatte sie zuerst bemerkt, er machte eine schnelle -Bewegung, errötete und sagte plötzlich laut: »Darja Pawlowna!« -- so daß -aller Augen sich der Eintretenden zuwandten. - -»Das also ist eure Darja Pawlowna!« rief Marja Timofejewna. »Ach, -Schatuschka, deine Schwester gleicht dir aber gar nicht! Wie kann nur -meiner solch ein schönes Wesen die Leibeigene Daschka nennen!« - -Darja Pawlowna war schon an Marja Timofejewna vorübergegangen und auf -Warwara Petrowna zugeschritten, als der Ausruf sie traf. Sie kehrte sich -jäh um und blieb wie versteinert stehen, mit langem, entsetztem Blick -auf die Lahme starrend. - -»Setze dich, Dascha,« sagte Warwara Petrowna mit unheimlicher Ruhe. -»Auch sitzend wirst du sie sehen können. Kennst du sie?« - -»Ich habe sie nie gesehen,« antwortete Dascha leise, nach kurzem -Schweigen. Und dann fügte sie schneller hinzu: »Ich glaube, es ist die -kranke Schwester eines Herrn Lebädkin.« - -»Und auch ich sehe Sie zum ersten Male, aber ich wollte Sie schon lange -kennen lernen, denn in jeder Ihrer Bewegungen sehe ich die gute -Erziehung!« rief Marja Timofejewna entzückt. »Und was da mein Diener -schimpft, -- oh, wie wäre es wohl möglich, daß _Sie_ Geld entwendet -hätten!? Sie, die Sie so wohlerzogen und lieb sind? Denn Sie sind lieb -und lieb und lieb! Das sage ich Ihnen von mir aus!« schloß sie ganz -begeistert und mit einer heftigen Handbewegung. - -»Verstehst du etwas davon?« fragte Warwara Petrowna Darja Pawlowna mit -stolzer Würde. - -»Ich verstehe ...« - -»Das von dem Gelde hast du auch gehört?« - -»Damit meint sie gewiß jenes Geld, das ich, auf Nicolai -Wszewolodowitschs Bitte in der Schweiz einem gewissen Herrn Lebädkin, -ihrem Bruder jedenfalls, zu übergeben übernahm.« - -Ein Schweigen entstand. - -»Hat Nicolai Wszewolodowitsch dich selbst darum gebeten?« - -»Ja, ihm lag sehr viel daran, dieses Geld zu übersenden -- es waren -dreihundert Rubel. Da er aber Herrn Lebädkins Adresse nicht kannte und -nur wußte, daß er hierher ziehen werde, so bat er mich, ich möge ihm das -Geld bei seiner Ankunft zustellen.« - -»Und was für ein Geld ist da ... abhanden gekommen? Sie sagte soeben --« - -»Das weiß ich nicht. Ich habe auch schon gehört, daß Herr Lebädkin von -mir gesagt haben soll, ich hätte ihm nicht das ganze Geld übersandt, -aber das verstehe ich nicht. Es waren genau dreihundert Rubel und genau -dreihundert Rubel habe ich eingezahlt.« - -Darja Pawlowna hatte sich wieder beruhigt. Es war überhaupt schwer, -dieses Mädchen irgendwie aus der Fassung zu bringen -- mochte sie -innerlich noch so stark bewegt sein. Jetzt antwortete sie auf jede Frage -leise, aber ruhig und bestimmt und ohne die geringste Verwirrung, die -doch das Bewußtsein von einer, wenn auch noch so kleinen Schuld immer -hervorruft. - -Warwara Petrowna ließ während der ganzen Zeit, in der Darja Pawlowna -sprach, auch nicht ein einziges Mal den Blick von ihr. - -»Wenn Nicolai Wszewolodowitsch sich in dieser Angelegenheit nicht einmal -an mich, seine Mutter, gewandt hat,« sagte sie ernst und offenbar sich -an alle Anwesenden wendend, obwohl sie dabei Darja Pawlowna allein ansah --- »wenn er vielmehr dich um diese Gefälligkeit gebeten hat, so wird er -auch bestimmt seine Gründe dazu gehabt haben. Ich halte mich also gar -nicht für berechtigt, weiter nach ihnen zu forschen. Und schon, daß du -dabei beteiligt bist, das beruhigt mich vollkommen. Das sollst du vor -allem einmal wissen, Dascha. Aber sieh, meine Liebe, du hast vielleicht -doch eine Unvorsichtigkeit begangen. Mit reinem Gewissen. Einfach aus -Lebensunkenntnis. Ich meine: allein schon, daß du mit diesem Menschen in -Berührung gekommen bist. Und was er jetzt über dich herumerzählt, -bestätigt es ja. Doch ich bin nicht umsonst deine Beschützerin. Ich -werde dich schon zu verteidigen wissen. -- Aber jetzt muß man alledem -ein Ende machen ...« - -»Am besten ist,« fiel Marja Timofejewna ihr ins Wort, »Sie schicken ihn, -wenn er selbst zu Ihnen kommt, einfach in die Dienerstube, dort kann er -dann Karten spielen und wir können hier sitzen und Kaffee trinken. Ein -Täßchen kann man ja auch ihm schicken, aber sonst verachte ich ihn -tief!« und sie nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf. - -»Dem muß man ein Ende machen,« wiederholte Warwara Petrowna, nachdem sie -ihr aufmerksam zugehört hatte. »Stepan Trophimowitsch, bitte klingeln -Sie.« - -Stepan Trophimowitsch klingelte, trat aber plötzlich erregt vor. - -»Wenn ... wenn ich ... wenn ich auch die widerlichste Novelle, oder -besser -- schändlichste Verleumdung gehört habe ... mit dem allergrößten -Unwillen ... _enfin, c'est un homme perdu et quelque chose comme un -forçat évadé_.«{[91]} - -Er brach ab. Warwara Petrowna maß ihn mit zugekniffenen Augen vom Kopf -bis zu den Füßen. Doch schon gleich darauf trat ihr würdevoller Diener, -Alexei Jegorowitsch, ein. - -»Die Equipage!« befahl Warwara Petrowna. »Du wirst Fräulein Lebädkina -nach Hause begleiten.« - -»Herr Lebädkin wartet unten bereits seit einiger Zeit auf sie und hat -sehr gebeten, ihn anzumelden.« - -»Das ist unmöglich, Warwara Petrowna,« sagte, plötzlich vortretend, -Mawrikij Nicolajewitsch, der bis dahin unerschütterlich geschwiegen -hatte. »Sie erlauben, aber das ist kein Mensch, den man in der -Gesellschaft empfangen kann. Das ... das ist ... mit einem Wort, das ist -unmöglich, Warwara Petrowna.« - -»Warten, er soll warten!« wandte sich diese an den Diener, der sofort -verschwand. - -»_C'est un homme malhonnête et je crois même que c'est un forçat évadé -ou quelque chose dans ce genre_,«{[92]} sagte wieder Stepan -Trophimowitsch erregt. - -»Lisa, es ist Zeit, daß wir fahren!« rief jetzt auch Praskowja Iwanowna -und erhob sich von ihrem Lehnstuhl. Sie schien bereits zu bereuen, daß -sie vorhin im ersten Schreck alles zurückgenommen hatte. Schon als Darja -Pawlowna sprach, hatte sie wieder mit hochmütiger Miene zugehört. Doch -am meisten wunderte ich mich über Lisaweta Nicolajewna, die, als Darja -Pawlowna eintrat, das junge Mädchen schon mit gar zu offenem Haß und -unverhohlener Verachtung angesehen hatte. - -»Bitte, gedulde dich noch einen Augenblick!« hielt Warwara Petrowna sie -auf. »Sei so gut und setze dich wieder. Ich habe die Absicht, alles zu -sagen, und du hast kranke Füße. So, danke. Ich habe dir vorhin, als mir -die Geduld riß, ein paar unangenehme Worte gesagt. Sei so freundlich und -verzeih sie mir. Es war überflüssig und töricht von mir. Ich sehe das -selbst ein. Und da ich immer Gerechtigkeit liebe, so sage ich's. -Natürlich hast auch du allerlei Überflüssiges gesagt, wie zum Beispiel -das von den anonymen Briefen. Anonyme Briefe sind schon deshalb -verächtlich, weil der Schreiber ein Feigling ist. Faßt du es anders auf, -so beneide ich dich nicht. Jedenfalls würde ich mit so etwas in der -Tasche nicht zu meiner Freundin gehen und mich damit breit machen. -Übrigens, da du nun einmal davon angefangen hast, so laß dir sagen, daß -auch ich einen Brief bekommen habe. Vor sechs Tagen. Gleichfalls ohne -Unterschrift. Darin teilt mir der Absender mit, daß mein Sohn den -Verstand verloren habe. Ferner, daß ich mich vor einem hinkenden -Frauenzimmer hüten soll, >das in Ihrem Leben eine große Rolle spielen -wird<, hieß es wörtlich. Ich dachte nach, und da ich wußte, daß Nicolai -Wszewolodowitsch unzählige Feinde hat, schickte ich sofort nach einem -Menschen, dem rachsüchtigsten und verächtlichsten von allen seinen -Feinden. Im Gespräch mit ihm erriet ich denn auch sofort, woher der -Brief stammte. Wenn man auch dich, Praskowja Iwanowna, mit solchen -Briefen behelligt hat, _meinetwegen_ behelligt hat, so bin ich die -erste, der es leid tut. Verzeih, daß ich die unschuldige Ursache gewesen -bin. -- Übrigens habe ich mich entschlossen, diesen verdächtigen -Menschen da unten sofort _hereinzulassen_. Mawrikij Nicolajewitsch hat -wohl kein ganz richtiges Wort gebraucht, als er sagte, daß man ihn nicht -_empfangen_ könne. Besonders Lisa wird hier nichts zu tun haben. Komm -her, Lisa, mein Liebling. Laß mich dich noch einmal küssen.« - -Lisa stand auf und ging stumm zu Warwara Petrowna. Diese küßte sie, -faßte ihre Hände, beugte sich etwas zurück, um sie besser sehen zu -können, und blickte sie liebevoll an. Darauf bekreuzte sie sie und küßte -sie nochmals. »Nun, leb wohl, Lisa,« (in ihrer Stimme zitterten fast -Tränen). »Glaub mir, daß ich nie aufhören werde, dich zu lieben. Was dir -das Schicksal auch bringen mag! Gott sei mit dir, mein Kind, ich habe -immer Seinen Willen gesegnet ...« Wie es schien, wollte sie noch etwas -hinzufügen, aber sie nahm sich zusammen und schwieg. - -Lisa ging wie in tiefen Gedanken zu ihrem Platz zurück, doch plötzlich -blieb sie vor ihrer Mutter stehen. - -»Mama, ich werde jetzt noch nicht nach Hause fahren, ich möchte noch bei -Tante bleiben,« sagte sie mit leiser Stimme, doch in diesen leisen -Worten lag trotzdem eine unerschütterliche Entschlossenheit. - -»Großer Gott, was hast du nur wieder?« Und ganz erschöpft ließ ihre -Mutter die schon erhobenen Hände sinken. - -Doch Lisa antwortete ihr nicht; sie setzte sich still wieder auf ihren -Platz in der Ecke, um von neuem ins Leere zu starren. - -In Warwara Petrownas Augen leuchtete etwas Sieghaftes und Stolzes auf. - -»Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe eine große Bitte an Sie. Würden Sie -so gütig sein und nach unten gehn, um dort nach jenem Menschen zu sehen, -und, wenn es irgend geht, ihn hereinzulassen?« - -Mawrikij Nicolajewitsch verbeugte sich und verließ das Zimmer. Eine -Minute später trat er mit Lebädkin wieder ein. - - - IV. - -Ich habe schon einmal von der äußeren Erscheinung dieses Herrn -gesprochen: ein großer, krausköpfiger, stämmiger Mann von ungefähr -vierzig Jahren, mit einem roten, ein wenig gedunsenen Gesicht, -fleischigen Wangen, die bei jeder Kopfbewegung erzitterten, kleinen, vom -Blutandrang geröteten Augen, die zuweilen einen recht schlauen Ausdruck -annehmen konnten, mit einem Schnurrbart und Backenbart und der Anlage zu -einem fleischigen Doppelkinn, das schon ziemlich unangenehm aussah. Doch -am meisten überraschte an ihm, daß er jetzt in einem Frack und in -sauberer Wäsche erschien. »Es gibt Menschen, zu denen saubere Wäsche -nicht paßt, ja, für die sie sich einfach nicht schickt,« hatte Liputin -einmal auf Stepan Trophimowitschs scherzhaft gemachten Vorwurf, daß er, -Liputin, in seiner Kleidung nachlässig sei, nicht unrichtig erwidert. -Der »Hauptmann« aber hatte plötzlich auch neue schwarze Handschuhe, von -denen er den rechten in der Hand hielt, während der linke -- den er wohl -nur mit großer Mühe so weit bekommen hatte -- seine fleischige linke -Tatze nur bis zur Hälfte bedeckte, geschweige denn sich zuknöpfen ließ. -Und in dieser linken Hand hielt er einen nagelneuen, offenbar -gleichfalls zum erstenmal benutzten runden Hut. So hatte es denn doch -seine Richtigkeit mit dem »Frack der Liebe«, von dem er gestern Abend -Schatoff berichtet hatte. Alle diese Kleidungsstücke waren schon früher -auf Liputins Rat gekauft worden (wie ich später erfuhr), und jedenfalls -zu einem bestimmten geheimnisvollen Zweck. Zweifellos war er auch jetzt -nicht aus eigenem Antriebe hierhergekommen: selbst wenn er die Szene an -der Kirchentür sofort erfahren hätte, würde er doch niemals in einer -dreiviertel Stunde allein einen solchen Entschluß haben fassen und gar -ausführen können. Betrunken war er dabei nicht, befand sich aber in -jenem stumpfen, nebligen Zustande eines Menschen, der plötzlich nach -langer Betrunkenheit wieder zu sich gekommen ist. Doch ich glaube, man -hätte ihn nur zu schütteln brauchen und er wäre sofort wieder betrunken -gewesen. - -Allem Anscheine nach wollte er mit Temperament ins Zimmer treten, doch -stolperte er zum Unglück sofort über eine Teppichecke an der Tür, -worüber dann Marja Timofejewna vor Lachen fast verging. Er warf der -Schwester einen wütenden Blick zu und näherte sich mit ein paar -Schritten Warwara Petrowna. - -»Gnädige Frau, ich bin gekommen ...« begann er dröhnend laut, wie durch -eine Trompete. - -»Seien Sie so freundlich, mein Herr, sich dort -- auf jenen Stuhl dort -zu setzen,« sagte Warwara Petrowna, die steif aufgerichtet dasaß. »Ich -werde Sie auch von dort aus hören und so kann ich Sie besser sehen.« - -Der »Hauptmann« blieb stehen, sah blöde vor sich hin, kehrte dann aber -doch zurück und setzte sich auf den bezeichneten Stuhl an der Tür. Der -gänzliche Mangel an Zutrauen zu sich selbst und zu gleicher Zeit -unendliche Gereiztheit drückten sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte -furchtbare Angst, das sah man, aber auch seine Eigenliebe schien stark -zu leiden, und so konnte man nicht sicher sein, ob er sich nicht im -gegebenen Moment plötzlich, trotz der Feigheit, zu irgend etwas, zur -größten Gemeinheit vielleicht, aufraffen würde. Augenscheinlich scheute -er jede Bewegung seines vierschrötigen Körpers. Bekanntlich ist der -größte Schmerz solcher Wesen, wenn sie irgend einmal in Gesellschaft -erscheinen, der Gedanke an ihre Hände: das ununterbrochen wache -Bewußtsein, sie nirgendwohin auf anständige Weise verschwinden lassen zu -können. Der »Hauptmann« nun saß wie betäubt da, hielt krampfhaft Hut und -Handschuh fest und konnte seinen zunächst völlig blöden Blick nicht von -Warwara Petrownas strengem Gesicht losreißen. Er hätte sich gewiß gern -umgesehen, aber er wagte es einfach nicht. Marja Timofejewna, die wohl -wieder etwas an ihm äußerst komisch fand, lachte laut auf, aber auch -jetzt rührte er sich noch nicht. So hielt ihn Warwara Petrowna -unbarmherzig in diesem Schweigen und betrachtete ihn wohl eine -geschlagene Minute lang schonungslos vom Scheitel bis zur Sohle. - -»Zuerst gestatten Sie, von Ihnen selbst Ihren Namen zu erfahren,« sagte -sie endlich gemessen und vollkommen ruhig. - -»Hauptmann Lebädkin,« dröhnte sofort die Antwort. »Ich bin gekommen, -gnädige Frau ...« Und schon war er wieder im Begriff, sich zu erheben. - -»Erlauben Sie!« hielt ihn Warwara Petrowna auf. »Dieses -bemitleidenswerte Geschöpf, das ich in der Kirche angetroffen habe und -das mein Interesse erregt, ist Ihre Schwester?« - -»Jawohl, gnädige Frau, meine Schwester, die meiner Aufsicht entschlüpft -ist, denn da sie sich in solchen Umständen befindet ...« er verstummte -plötzlich und wurde feuerrot. - -»Das heißt, mißverstehen Sie das nicht, gnädige Frau,« verwickelte er -sich noch mehr, »der leibliche Bruder würde so was nicht sagen ... In -solchen Umständen, das heißt nicht etwa in _solchen_ Umständen, im Sinne -von -- in einem Sinne, der die Ehre befleckt ... ich meine, den Ruf ...« - -Er brach ab. - -»Mein Herr!« Warwara Petrowna hob den Kopf. - -»Das heißt in _solchem_ Zustande!« schloß er plötzlich und unvermutet, -mit dem steifen Finger sich vor die Stirn tippend. - -Alle schwiegen eine Zeitlang. - -»Leidet sie schon lange daran?« fragte Warwara Petrowna endlich. - -»Gnädige Frau, ich bin gekommen, um für die an der Kirchentür erwiesene -Großmut zu danken, so recht auf russische, auf brüderliche Art ...« - -»Auf brüderliche --?« - -»Das heißt, gnädige Frau, nicht auf brüderliche ... oder nur in dem -Sinne auf brüderliche Art, daß ich der Bruder meiner Schwester bin, -gnädige Frau, und, glauben Sie mir, gnädige Frau,« begann er wieder -schneller zu sprechen, mit hochrotem Kopf, »daß ich gar nicht so -ungebildet bin, wie ich auf den ersten Blick in Ihrem Salon erscheinen -mag. Wir, meine Schwester und ich, sind überhaupt nichts, im Vergleich -mit der Pracht, die wir hier sehen. Dazu haben wir noch Verleumder. Aber -auf seinen Ruf hält Lebädkin viel und ist stolz darauf, gnädige Frau, -und ... und ich ... ich bin gekommen, um mich zu bedanken ... gnädige -Frau, hier ist das Geld!« - -Und er riß sein Portefeuille aus der Brusttasche und begann, zitternd -vor Ungeduld, mit bebenden Fingern die Papierscheine hervorzuzerren. Man -fühlte, daß er so schnell wie möglich irgend etwas aufklären wollte. -Andererseits fühlte er wieder, daß diese Geschichte mit dem Gelde ihn -noch dümmer erscheinen ließ, und so verlor er denn die letzte -Kaltblütigkeit. Die Finger zitterten, die Scheine wollten sich nicht -zählen lassen, und zur Erhöhung der peinlichen Situation fiel noch ein -grüner Papierschein, im Zickzack niedertaumelnd, auf den Teppich. - -»Zwanzig Rubel, gnädige Frau.« Mit den Scheinen in der Hand wollte er -auf Warwara Petrowna zutreten. Als er den gefallenen Schein bemerkte, -bückte er sich schon, um ihn aufzuheben, bedachte sich aber, schämte -sich entsetzlich und winkte schließlich mit der Hand ab. - -»Für Ihre Leute, gnädige Frau, für den Diener, wenn er hier aufräumt -- -mag er an Lebädkin denken!« - -»Aber das kann ich unmöglich zulassen!« sagte Warwara Petrowna schnell. - -»In dem Falle ...« er bückte sich, hob den Schein auf, wurde dabei -purpurrot im Gesicht und trat schnell ein paar Schritte vor -- die -zwanzig Rubel in der Hand Warwara Petrowna hinhaltend. - -»Was wollen Sie?!« Warwara Petrowna erschrak nun doch so, daß sie im -Schreck sogar den Sessel zurückschob. - -Mawrikij Nicolajewitsch, Stepan Trophimowitsch und ich traten -unwillkürlich vor ... - -»Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich bin -nicht verrückt, bei Gott, ich bin nicht verrückt!« beteuerte der -Hauptmann nach allen Seiten hin. - -»Nein, mein Herr, Sie scheinen doch nicht bei vollem Verstande zu sein!« - -»Gnädige Frau, das ist ja alles nicht das, was Sie denken! Ich bin -selbstverständlich nur ein Nichtswürdiger ... Oh, gnädige Frau, reich -sind Ihre Prunkgemächer, aber arm sind sie bei Maria der Unbekannten, -meiner Schwester, der geborenen Lebädkin, die wir vorläufig >Maria die -Unbekannte< nennen wollen. Aber nur vorläufig, gnädige Frau, nur -_zeitweilig_, sintemal Gott selber es nicht zulassen wird, daß wir es -ewig tun müssen! Gnädige Frau, Sie haben ihr zehn Rubel gegeben, und sie -hat das Geld angenommen, aber nur, weil _Sie_ es waren, gnädige Frau! -Hören Sie es wohl, von niemandem in der ganzen Welt würde sie etwas -annehmen, diese >unbekannte Maria<, denn sonst müßte sich der -Stabsoffizier, ihr Großvater, der im Kaukasus unter den Augen Ermoloffs -fiel, noch im Grabe umdrehen! Aber von _Ihnen_ wird sie alles annehmen, -gnädige Frau, aber wenn sie mit der einen Hand zehn Rubel nimmt, so wird -sie mit der anderen zwanzig zurückgeben, als Gabe an einen der -Wohltätigkeitsvereine, deren Mitglied Sie sind, gnädige Frau. Sie haben -doch in den >Moskauer Nachrichten< angezeigt, daß sich jeder hier in dem -Buche Ihres Wohltätigkeitsvereins einschreiben kann ...« - -Der »Hauptmann« stockte wieder und atmete schwer, wie nach einer -übergroßen Kraftanstrengung; auf seiner Stirn perlten buchstäblich dicke -Schweißtropfen. Die Rede über den Wohltätigkeitsverein schien er schon -vorbereitet zu haben und wahrscheinlich gleichfalls unter Liputins -Leitung. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an. - -»Dieses Buch,« sagte sie streng, »liegt unten bei meinem Portier. Dort -können Sie sich zu jeder Zeit einschreiben, wenn Sie wollen. Jetzt aber -bitte ich Sie, Ihr Geld wieder einzustecken und nicht so in der Luft -damit herumzufuchteln ... So! Auch bitte ich Sie, sich wieder auf Ihren -alten Platz zu setzen ... So! Es tut mir leid, mein Herr, daß ich mich -im Falle Ihrer Schwester so versehen und ihr ein Almosen gegeben habe, -während sie reich ist. Nur eines verstehe ich nicht -- warum sie nur von -mir allein und sonst von niemandem etwas annehmen würde. Sie haben das -so betont, daß ich darüber gern eine nähere Erklärung hören würde.« - -»Gnädige Frau, das ist ein Geheimnis, das erst im Grabe begraben sein -wird!« antwortete der »Hauptmann«. - -»Was ... wollen Sie damit sagen?« fragte Warwara Petrowna mit nicht mehr -ganz so fester Stimme wie bisher. - -»Gnädige Frau ... gnädige Frau ...!« er verstummte, blickte finster zu -Boden und drückte die rechte Hand aufs Herz. Warwara Petrowna wartete, -doch ohne ihn aus den Augen zu lassen. - -»Gnädige Frau!« rief er plötzlich aus, »gestatten Sie mir, eine Frage an -Sie zu stellen, nur eine einzige, ganz offen, gerade heraus, auf -russische Art, also unmittelbar aus der Seele?« - -»Bitte.« - -»Haben Sie je gelitten im Leben, gnädige Frau?« - -»Sie wollen damit wohl sagen, daß Sie durch irgend jemanden gelitten -haben oder noch leiden?« - -»Gnädige Frau, ach, gnädige Frau!« rief er erregt, sprang wieder auf und -schlug sich an die Brust. »Hier in diesem Herzen hat sich so viel -aufgehäuft, so viel, sage ich Ihnen, daß Gott selbst sich wundern wird, -wenn er es beim jüngsten Gericht erfährt!« - -»Hm, stark gesagt!« - -»Gnädige Frau, ich ... vielleicht spreche ich -- mit zu großer -Dreistigkeit ...« - -»Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde schon wissen, wann es nötig sein -wird, Sie zu unterbrechen.« - -»Kann ich noch eine Frage an Sie stellen, gnädige Frau?« - -»Fragen Sie.« - -»Kann man vor lauter Seelengröße sterben?« - -»Das weiß ich nicht. Ich habe mir nie diese Frage gestellt.« - -»Sie wissen es nicht! Sie haben sich nie diese Frage gestellt!« rief er -mit pathetischer Ironie. »Wenn's so ist, wenn's so ist, dann freilich -- - - >Schweig stille, mein Herze!<« - -und er schlug sich von neuem verzweifelt an die Brust. - -Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen -seiner Art pflegt die vollständige Unfähigkeit zu sein, sich irgendwie -selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem -ununterdrückbaren Bedürfnis, alles, was ihnen gerade einfällt, sofort -auch zu äußern. Gerät dann einmal ein derartiger Mensch in eine -Gesellschaft, in die er nicht hineingehört, so wird er sich zunächst -vielleicht ganz schüchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem -man ihn gewähren läßt, aus sich herausgeben und am Ende zu -Unverschämtheiten, wenn nicht gar Tätlichkeiten übergehen. - -Der »Hauptmann« war schon in eine bedrohliche Erregung geraten: -fuchtelnd ging er auf und ab, überhörte die Fragen, die man an ihn -stellte, und sprach so schnell, daß die Zunge bei den Zischlauten sich -gleichsam überschlug und er häufig von einem Satz zusammenhanglos auf -den andern übersprang. Ganz nüchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa -schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, daß -gerade ihre Anwesenheit ihn maßlos aufregte. - -So mußte es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche -Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren -Widerwillen unterdrückte und diesen Menschen immer noch anhörte. -Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl -kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte -gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewöhnlich viel mehr zu »begreifen« -glaubte, als da überhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch -hielt sich so, als fühle er sich für unsere allgemeine Sicherheit -verantwortlich, während Lisa blaß und mit großen Augen unablässig den -wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff saß wie immer mit gesenktem Kopf. - -Aber am befremdlichsten war, daß Marja Timofejewna nicht nur zu lachen -aufgehört hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf -den Tisch gestützt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und -Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu -sein. - -»Das sind ja lauter unsinnige Allegorien,« sagte plötzlich Warwara -Petrowna geärgert. »Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage -geantwortet: warum? Ich will es wissen!« - -»Ich habe nicht gesagt, >warum<? Sie wollen eine Antwort auf dieses ->Warum<?« wiederholte Lebädkin und zwinkerte. »Ja, gnädige Frau, dieses -kleine Wörtchen >warum< ist über das ganze Weltall ergossen, schon seit -dem ersten Tage der Schöpfung, und die ganze Schöpfung selber schreit -täglich ihrem Schöpfer zu: >warum<? Und nun sind es schon siebentausend -Jahre, daß sie keine Antwort darauf erhält! Muß nun wirklich einzig und -allein der Hauptmann Lebädkin eine Antwort darauf geben? Ist diese -Forderung auch gerecht, gnädige Frau?« - -»Aber das ist ja Unsinn, nichts als Unsinn!« Warwara Petrowna ärgerte -sich und verlor endlich die Geduld. »Sie kommen wieder mit Allegorien, -und reden in einem Tone, mein Herr, den ich mir verbitten möchte.« - -»Gnädige Frau!« -- der »Hauptmann« hörte sie wieder gar nicht an -- -»vielleicht würde ich gerne Ernest heißen wollen, und während dessen bin -ich gezwungen, den einfachen Namen Ignatius zu tragen -- warum das? hä?! -Ich möchte vielleicht gerne Prince de Montbar heißen und doch muß ich -mich nur Lebädkin nennen -- hä! Warum das? Ich bin ein Poet, gnädige -Frau, in meiner Seele ein Poet, und ich könnte von einem Verleger mit -Kußhand tausend Rubel bekommen, und doch bin ich gezwungen, in einem -elenden Loche zu wohnen -- warum das? hä! Warum das? Gnädige Frau, und -meiner Meinung nach ist Rußland überhaupt nur eine Farce der Natur und -nichts weiter!« - -»Etwas Bestimmteres können Sie wohl auf meine Frage nicht sagen?« - -»Ich kann Ihnen ein Gedicht von einer Schabe vortragen, gnädige Frau!« - -»Wa--a--as?« - -»Nein, übergeschnappt bin ich noch nicht, gnädige Frau! Aber das werde -ich später einmal sein, bloß vorläufig bin ich's noch nicht! Gnädige -Frau, einer meiner Freunde hat eine Kryloffsche Fabel gedichtet. Das ist -die Fabel von der Schabe, und wenn ich sie hersagen soll --?« - -»Sie wollen eine Kryloffsche Fabel deklamieren?« - -»Nein, keine Kryloffsche Fabel, gnädige Frau, sondern eine von mir -verfaßte Lebädkinsche Fabel! Glauben Sie mir doch, gnädige Frau, daß ich -gebildet genug bin, um den großen Fabeldichter Kryloff zu kennen, für -den der Kultusminister in Petersburg im Sommergarten ein Denkmal -errichtet hat, um das jetzt die Kinder herumlaufen. Sie fragen >warum<?, -gnädige Frau, >warum<? -- Die Antwort darauf ist auf dem Hintergrunde -dieser Fabel mit goldenen Lettern geschrieben!« - -»Nun schön, so tragen Sie Ihre Fabel vor.« - -Und Lebädkin begann sofort: - - »Es war einmal eine Schabe, - Eine Schabe von Kindheit an, - Die kletterte und fiel - Gerade in ein Fliegenglas, - Das Fliegengift enthielt ...« - -»Mein Gott, was ist denn das wieder!« Warwara Petrowna sah sich um. - -»Was das ist, gnädige Frau? Das ist, wenn im Sommer,« -- der »Hauptmann« -gestikulierte wieder wie wild und hatte ganz die gereizte Ungeduld eines -Redners, den man in seinem Vortrag unterbrochen hat -- »wenn im Sommer -viele Fliegen ins Glas kriechen, so daß Fliegensäure entsteht, was doch -jeder Esel weiß ... Unterbrechen Sie mich nicht, um Gottes willen, -unterbrechen Sie mich nicht ... Sie werden schon sehen, sie werden schon -sehen! -- - - >Die Fliegen riefen: was ist das? - Das ist doch wirklich toll! - Wir haben selber wenig Naß, - Das Glas ist so wie so schon voll! - Und schrien wie verrückt - Zum Jupiter empor. - Da kam der Diener Nikiphor ...< - --- weiter habe ich es eigentlich noch nicht fertig,« brach hier der -Hauptmann ab. »Nikiphor nimmt aber das Glas und gießt es aus, die ganze -Komödie, die Fliegen, die große Schabe, ohne aufs Geschrei zu achten, -was man schon längst hätte tun sollen! Doch passen Sie auf, gnädige -Frau, passen Sie auf, die Schabe klagt nicht! Und da haben Sie auch -gleich die Antwort auf Ihre Frage -- auf Ihre Frage >warum?<« rief er -triumphierend aus. »Die Schabe klagt nicht! ... Der Nikiphor ist -natürlich ganz einfach die Natur selbst,« fügte er schnell hinzu und -ging zufrieden auf und ab. - -Warwara Petrowna war außer sich. »Erlauben Sie, daß nun auch ich Sie -etwas frage! Was ist das für ein Geld, das Ihnen Nicolai -Wszewolodowitsch übersandt haben soll? Ein Geld, das Sie nicht -vollzählig erhalten haben wollen? Weshalb Sie sich erdreisten, eine zu -meinem Hause gehörige Person zu verdächtigen, den Rest unterschlagen zu -haben?« - -»Verleumdung!« brüllte Lebädkin mit tragisch erhobener rechter Hand. - -»Nein, das ist keine Verleumdung.« - -»Gnädige Frau, es gibt Umstände, die einen zwingen, eher eine -Familienschande zu tragen, als laut die Wahrheit zu verkünden! -- -Lebädkin wird nichts ausplaudern, gnädige Frau!« - -Er war wie geblendet: er schien entzückt zu sein und fühlte seine -Bedeutung. Jetzt wollte er bereits beleidigen, Rätsel aufgeben, seine -Macht zeigen ... - -»Klingeln Sie bitte, Stepan Trophimowitsch,« bat Warwara Petrowna. - -»Oh, Lebädkin ist klug, gnädige Frau!« fuhr er fort und zwinkerte ihr -mit unangenehmem Lächeln zu. »Lebädkin ist klug, aber auch er hat ein -Hindernis, auch er hat eine Vorstufe der Leidenschaften! Und diese -Vorstufe -- das ist die alte kriegerische Husarenflasche! Wenn Lebädkin -in diesem Vorraum ist, gnädige Frau, so geschieht es wohl auch, daß er -einen Brief in Versen abschickt, in pr--r--rachtvollen Versen, aber den -er dann mit allen Tränen seines Lebens zurückkaufen möchte, sintemal -durch ihn das Maß des Schönen gestört ward. Doch der Vogel ist -ausgeflogen -- kannst ihn nicht mehr am Schwänzchen einfangen! Sehen -Sie, gnädige Frau, das ist der Vorraum. Lebädkin konnte wohl ein Wort -fallen lassen, als er über das edle Mädchen sprach -- in der Form eines -edlen Unwillens, einer durch Beleidigungen aufgebrachten edlen Seele, -wessen sich jedoch, unedel genug, seine Verleumder sofort bedient haben. -Aber Lebädkin ist klug, gnädige Frau, und umsonst sitzt über ihm der -unheilbringende Wolf, ewig ihn reizend und auf den Augenblick wartend: -Lebädkin wird sich nicht vergessen und ausplaudern! Und auf dem Boden -der Flasche erweist sich jedesmal anstatt des Erwarteten -- die -Schlauheit Lebädkins! Doch genug, oh, genug, gnädige Frau! Ihre -Prunkgemächer könnten dem edelsten aller menschlichen Lebewesen gehören, -doch die Schabe klagt nicht! Begreifen Sie, oh, begreifen Sie doch -endlich, daß die Schabe nicht klagt, und ehren Sie ihren großen Geist!« - -In diesem Augenblick ertönte unten am Portal die Klingel und bald darauf -erschien der alte würdige Alexei Jegorowitsch, etwas außer Atem, da er -auf das Klingelzeichen nicht sofort erschienen war. - -»Nicolai Wszewolodowitsch haben geruht einzutreffen und kommen schon -hierher,« sagte er auf Warwara Petrownas fragenden Blick. - -Ich erinnere mich noch heute deutlich dieses Augenblicks. Warwara -Petrowna erblaßte zuerst, dann aber richtete sie sich mit einem Ausdruck -starrer Entschlossenheit in ihrem Sessel auf. Wir waren alle erstaunt, -ja beinahe erschreckt, -- nicht nur durch diese plötzliche Ankunft -Nicolai Wszewolodowitschs, der erst einen Monat später erwartet wurde, -sondern mehr noch durch das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieser -Zufälle. Selbst der »Hauptmann« blieb wie ein Pfosten mitten im Zimmer -stehen und starrte mit offenem Munde und dummem Gesicht auf die Tür. - -Doch da hörten wir auch schon vom Nebenzimmer her, einem langen großen -Saal, schnelle, kleine Schritte sich nähern, Schritte, die auffallend -rasch und kurz klangen. Und auf der Schwelle erschien -- nicht Nicolai -Wszewolodowitsch, sondern ein vollkommen unbekannter junger Mann. - - - V. - -Es war ein Mensch von etwa siebenundzwanzig Jahren, ein wenig über -mittelgroß, mit dünnem, blondem, ziemlich langem Haar und einem kaum -sich abhebenden unscheinbaren Schnurrbart und Bärtchen. Er war sauber -und sogar modern gekleidet, aber nicht elegant. Auf den ersten Blick -schien er ungelenk und griesgrämig zu sein, obgleich er in Wirklichkeit -weder das eine noch das andere, sondern im Gegenteil, äußerst gewandt -und unterhaltend war. Einem kurzen, oberflächlichen Eindruck nach hätte -man ihn für einen Sonderling halten können, und doch sollte sich hernach -sein Benehmen als gut und sein Gespräch als vollkommen sachlich -herausstellen. - -Niemand hätte im Grunde sagen können, daß er häßlich sei -- und doch -gefällt sein Gesicht niemandem. Sein Schädel ist von beiden Seiten -gleichsam zusammengedrückt und der Hinterkopf auffallend groß, so daß -denn das Gesicht dadurch etwas Spitzes bekommt. Seine Stirne ist hoch -und schmal, aber die eigentlichen Gesichtszüge sind klein: ein kleines -Näschen, scharfe Augen, dünne und lange Lippen. Dabei sieht er kränklich -aus, aber das scheint nur so. In seinen Wangen ist, unter den -Backenknochen, eine gewisse trockene Falte, die ihm das Aussehen eines -Rekonvaleszenten nach einer schweren Krankheit verleiht. Und doch ist er -vollkommen gesund, stark, und ist sogar nie in seinem Leben krank -gewesen. - -Er geht und bewegt sich immer sehr schnell, doch ohne sich dabei -eigentlich zu beeilen. Ich glaube nicht, daß irgend etwas ihn verwirren -könnte. In allen Lebenslagen und in jeder Gesellschaft bleibt er immer -der gleiche. Es ist eine große Selbstzufriedenheit in ihm, doch er -selbst weiß nichts davon. Er spricht schnell und hastend, aber voll -Selbstvertrauen, und nie braucht er nach Worten zu suchen. Die Gedanken, -die er vorbringt, sind bereits völlig zu Ende gedacht. Seine Aussprache -ist ungemein deutlich: jedes Wort fällt wie ein glattes, rundes Körnchen -aus einer großen Vorratskammer. Anfänglich gefällt das wohl, aber schon -bald werden alle diese gleichsam schon fertigen Worte unangenehm und -schließlich geradezu widerlich, und zwar gerade wegen dieser schon allzu -deutlichen Aussprache, wegen dieses Perlengesickers ewig bereiter Worte. -Und man stellt sich unwillkürlich vor, seine Zunge müsse ganz besonders -geformt, ungewöhnlich lang, dünn und rot sein, mit einer dünnen, sich -ununterbrochen drehenden Spitze. - -Dieser junge Mann also kam in den Salon gleichsam hereingeflogen. Ich -glaube wirklich, er begann schon im Vorsaal zu sprechen. Sprechend -wenigstens trat er ein, und in einem Augenblick stand er schon vor -Warwara Petrowna. - -»... Denken Sie doch nur, Warwara Petrowna, ich komme und glaube, daß er -schon vor einer Viertelstunde hier angelangt sei. Wir trafen uns bei -Kirilloff, er ging vor einer halben Stunde fort und sagte mir, ich solle -in einer Viertelstunde herkommen --« - -»Wer das? Wer hat Sie beauftragt, herzukommen?« fragte Warwara Petrowna. - -»Aber Nicolai Wszewolodowitsch doch! So erfahren Sie es wirklich erst -jetzt? Sein Gepäck muß doch schon längst hier eingetroffen sein! Hat man -Ihnen denn das nicht gesagt? Übrigens könnte man ihm einen Wagen -entgegenschicken, aber ich denke, er wird jeden Augenblick kommen, und -zwar, wie's scheint, gerade in einem Augenblick, der seinen Erwartungen -und, soweit ich wenigstens beurteilen kann, auch einigen seiner -Berechnungen durchaus entspricht.« Bei diesen Worten sah er sich die -Anwesenden an und ganz besonders scharf den »Hauptmann«. »Ah, Lisaweta -Nicolajewna, wie es mich freut, Ihnen gleich auf meinem ersten Wege zu -begegnen ... Gestatten Sie --« und er flog schnell zu ihr, um das ihm -lächelnd entgegengestreckte Händchen Lisas zu drücken. »Und auch unsere -hochverehrte Praskowja Iwanowna hat ihren >Professor< nicht vergessen, -und scheint sich noch nicht einmal über ihn und sein Erscheinen zu -ärgern, wie es in der Schweiz immer geschah. Aber wie steht es denn -jetzt mit Ihren Füßen? Hatte man recht, als man Ihnen schließlich als -bestes Mittel Heimatluft verschrieb? ... Wie? Kompressen? Ja, das mag -ganz gut sein! Wie habe ich es nur bedauert, Warwara Petrowna,« -- er -drehte sich schnell schon wieder herum -- »daß ich Sie schließlich in -der Schweiz nicht mehr antraf, zumal ich Ihnen so vieles mitzuteilen -hatte! Ich habe allerdings an meinen Alten geschrieben, aber der wird -nach seiner Gewohnheit wohl wieder --« - -»Petruscha!« rief da Stepan Trophimowitsch aus, erst jetzt plötzlich aus -der Erstarrung erwachend: er warf die Arme in die Luft und stürzte zu -seinem Sohn. »_Pierre, mon enfant_,{[93]} ich habe dich nicht einmal -erkannt!« und er umarmte ihn krampfhaft, während Tränen ihm über die -Wangen liefen. - -»Schon gut, schon gut, keine Albernheiten und keine Gesten, wenn ich -bitten darf, aber so laß doch!« wehrte Petruscha schnell ab und gab sich -alle Mühe, sich aus den Armen des Vaters zu befreien. - -»Ich habe dir immer, immer Unrecht getan!« - -»Schon gut. Davon später. Konnte mir schon denken, daß du wieder -Albernheiten machen würdest! So sei doch ein wenig nüchterner, ich bitte -dich.« - -»Aber ich habe dich doch zehn Jahre lang nicht gesehen!« - -»Um so weniger Grund zu solchem Überschwang ...« - -»_Mais, mon enfant!_«{[94]} - -»Glaub's schon, glaub's schon, daß du mich liebst, nimm nur, bitte, die -Hände weg ... Du störst doch auch die anderen ... Ah, da ist ja auch -schon Nicolai Wszewolodowitsch ... aber so höre doch endlich auf mit den -Albernheiten, ich bitte dich!« - -Nicolai Wszewolodowitsch war in der Tat schon im Salon: er war sehr -geräuschlos eingetreten und einen Augenblick in der Tür stehen -geblieben, während sein ruhiger Blick die Versammlung überflog. - -Genau so wie vor vier Jahren, als ich ihn zum ersten Male sah, war ich -auch jetzt wieder erstaunt über seine Erscheinung. Ich hatte ihn -durchaus nicht vergessen; aber ich glaube, es gibt Gesichter, die -jedesmal, wenn sie auftauchen, wieder etwas Neues mit sich bringen, -etwas, das man bis dahin noch nicht an ihnen bemerkt hat. Äußerlich war -er anscheinend ganz derselbe wie vor vier Jahren: genau so elegant, -genau so unnahbar, beim Eintreten genau so gemessen wie damals, ja, fast -war er sogar ebenso jung. Sein leichtes Lächeln war wieder so offiziell -freundlich und selbstbewußt, und sein Blick unverändert streng, in sich -hineindenkend und doch gleichsam zerstreut. Kurz, es war mir, als hätte -ich ihn gestern zuletzt gesehen. Nur eines machte mich stutzig: man -hatte ihn zwar immer schön gefunden, aber sein Gesicht glich tatsächlich -manchmal einer Maske, wie einzelne gehässige Damen unserer Gesellschaft -behaupteten. Jetzt aber -- ich weiß nicht, weshalb -- jetzt erschien er -mir schon auf den ersten Blick von vollendeter, unbestreitbarer -Schönheit, so daß man unter keinen Umständen noch hätte sagen können, -sein Gesicht erinnere an eine Maske. Kam das vielleicht daher, daß er -ein wenig bleicher war als früher und, wie mir schien, ein wenig -abgenommen hatte? Oder leuchtete jetzt vielleicht ein neuer Gedanke in -seinem Blick? - -»Nicolai Wszewolodowitsch!« rief Warwara Petrowna, sich steif -aufrichtend, doch ohne sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben, und indem -sie den Eingetretenen mit einer befehlenden Handbewegung zum -Stehenbleiben zwang -- »bleibe dort noch einen Augenblick! ...« - -Um die nun folgende furchtbare Frage Warwara Petrownas verstehen zu -können (um derentwillen sie ihn mit dieser Bewegung und diesem Befehl -nicht nähertreten ließ), diese Frage, die ich Warwara Petrowna nie und -nimmer zugetraut hätte, ja, selbst deren Möglichkeit mir undenkbar -erschienen wäre, -- um diese Frage wirklich zu verstehen, muß man sich -zunächst den Charakter Warwara Petrownas vergegenwärtigen, wie er seit -jeher war und von welcher ungestümen Gewalttätigkeit er in manchen -außergewöhnlichen Augenblicken sein konnte. Ich bitte auch in Erwägung -zu ziehen, daß ungeachtet ihrer großen seelischen Festigkeit, des nicht -geringen Verstandes und des guten Teiles von Takt- und Zartgefühl, den -sie besaß, in ihrem Leben dennoch ständig Augenblicke wiederkehrten, wo -sie sich völlig und, wenn man so sagen darf, ohne sich im Zaum zu -halten, für etwas einsetzte oder sich für etwas hingab. Ferner bitte -ich, nicht zu vergessen, daß der gegenwärtige Augenblick für sie -tatsächlich einer von jenen sein konnte, in denen sich plötzlich alles -Wesentliche eines Menschenlebens wie in einem Fokus vereinigt -- alles -Durchlebte, alles Gegenwärtige und ... warum nicht auch alles -Zukünftige? Und schließlich sei noch an den anonymen Brief erinnert, den -sie erhalten hatte und von dem sie kurz vorher in der Gereiztheit zu -Lisas Mutter einiges hatte verlauten lassen, -- freilich: ohne den -weiteren Inhalt des Briefes zu verraten! Gerade in diesem aber lag -vielleicht die ganze Erklärung der Möglichkeit dieser furchtbaren Frage, -mit der sie sich jetzt plötzlich an den Sohn wandte. - -»Nicolai Wszewolodowitsch,« wiederholte sie mit fester Stimme, jede -Silbe deutlich aussprechend, »ich bitte Sie, hier sofort zu sagen, ohne -sich von der Stelle zu rühren, ob es wahr ist, daß diese unglückliche, -lahme Person -- diese da, sehen Sie sie an! ... Ob es wahr ist, daß das -... Ihre rechtmäßige Frau ist?«[32] - -Ich erinnere mich dieses Augenblickes noch heute mit voller -Deutlichkeit. Nicolai Wszewolodowitsch zuckte mit keiner Wimper, sah nur -unverwandt seine Mutter an. Auch nicht die geringste Veränderung ging -auf seinem Gesichte vor. Endlich lächelte er langsam ein gleichsam -nachsichtiges Lächeln und trat, ohne ein Wort zu sagen, still auf seine -Mutter zu, erfaßte ihre Hand und führte sie ehrerbietig an die Lippen. -Und so stark war sein unwiderstehlicher Einfluß auf seine Mutter, daß -sie ihre Hand ihm auch jetzt nicht zu entziehen vermochte. Sie blickte -ihn nur an und ihre ganze Seele lag in diesem fragenden Blick. Noch ein -Augenblick und sie würde, so schien es, die Ungewißheit nicht länger -ertragen haben. - -Nicolai Wszewolodowitsch aber schwieg auch jetzt noch. Nachdem er ihre -Hand geküßt hatte, überflog sein Blick noch einmal die Anwesenden, und -mit demselben langsamen Schritt trat er zu Marja Timofejewna. Es ist -schwer, die Gesichter der Menschen in gewissen Augenblicken zu -beschreiben. In meiner Erinnerung habe ich z. B., daß Marja Timofejewna -damals, fast vergehend vor Schreck, sich erhob und die Hände wie ihn -anflehend faltete. Aber ich entsinne mich auch, daß zu gleicher Zeit in -ihren Augen ein Entzücken aufleuchtete, ein so sinnloses, so maßloses -Entzücken, wie Menschen es kaum oder nur schwer zu ertragen vermögen. -Vielleicht war beides richtig: der Schreck, wie das Entzücken? Ich weiß -es nicht: ich weiß nur, daß ich damals schnell einen Schritt vortrat, -weil ich das Gefühl hatte, sie werde sogleich in Ohnmacht fallen. - -»Sie können nicht hier bleiben,« sagte Nicolai Stawrogin mit -freundlicher, klangvoller Stimme zu ihr und in seinen Augen, die sie -ansahen, lag plötzlich eine große Zärtlichkeit. - -Er stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihr und jede Bewegung -verriet ungeheuchelte Hochachtung. - -Und ungestüm, atemlos, halb flüsternd stammelte die Arme zu ihm empor: - -»Aber kann ich ... darf ich ... jetzt gleich ... vor Ihnen niederknien?« - -»Nein, das dürfen Sie auf keinen Fall,« sagte er mit einem entzückenden -Zulächeln, so daß sie plötzlich glückselig auflachte. - -Und mit derselben melodischen Stimme, gut und lieb, als ob er einem -kleinen Kinde zuredete, fügte er ernster hinzu: - -»Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Mädchen sind und ich Ihr ergebenster -Freund zwar, doch immerhin ein Ihnen fremder Mensch bin, weder Ihr -Gatte, noch Vater, noch Bräutigam. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen den -Arm reiche, und lassen Sie uns gehen. Ich werde Sie zum Wagen führen -und, wenn Sie es erlauben, auch nach Hause begleiten.« - -Sie hörte ihn an und senkte wie sinnend den Kopf. - -»Gehen wir,« sagte sie dann, seufzte und nahm seinen Arm. - -Hierbei geschah ihr aber ein kleines Unglück: sie mußte wohl zu hastig, -wahrscheinlich mit ihrem kranken, dem zu kurzen Fuß aufgetreten sein, -- -jedenfalls knickte sie und fiel seitwärts gegen den Sessel und wäre wohl -zu Boden gefallen, wenn Nicolai Wszewolodowitsch sie nicht sofort -aufgefangen und gehalten hätte. Er legte ihre Hand auf seinen Arm, -stützte sie stark und führte sie, teilnehmend und helfend, behutsam zur -Tür. Sie war sichtlich sehr betrübt über ihren Fall, war verlegen und -schämte sich schrecklich. Stumm, mit niedergeschlagenen Augen, tief -hinkend wackelte sie neben ihm her, fast hängend an seinem Arm. So -gingen sie hinaus. Ich sah, wie Lisa, die aus irgendeinem Grunde -plötzlich aufsprang, ihnen mit starrem Blick die ganze Zeit nachsah bis -zur Tür. Dann setzte sie sich wortlos wieder hin, doch in ihrem Gesicht -war ein krampfartiges Zucken, als hätte sie etwas Ekelhaftes berührt. - -Während der ganzen Szene zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und Marja -Timofejewna hatte die größte Stille geherrscht. - -Als sich jetzt die Türe hinter ihnen schloß, fingen plötzlich alle auf -einmal zu sprechen an. - - - VI. - -Das heißt, nein, es wurde nicht gesprochen: es waren wohl nur Ausrufe, -die man hörte. Die Reihenfolge derselben habe ich in der allgemeinen -Verwirrung, die herrschte, vergessen. Sogar Mawrikij Nicolajewitsch -sagte ein paar Worte. Stepan Trophimowitsch rief wieder etwas auf -Französisch aus und schlug die Hände zusammen. Doch am meisten ereiferte -sich sein Sohn Pjotr Stepanowitsch: er bemühte sich verzweifelt und mit -großen Gesten, Warwara Petrowna von etwas zu überzeugen, er wandte sich -an Praskowja Iwanowna, er wandte sich an Lisaweta Nicolajewna, ja, er -rief im Eifer sogar seinem Vater etwas zu -- kurz, er drehte sich mit -größter Lebendigkeit im Zimmer umher. Warwara Petrowna hatte sich, -hochrot im Gesicht, im ersten Augenblick von ihrem Platz erhoben und -erregt Praskowja Iwanowna zugerufen: »Hast du gehört, hast du gehört, -was er ihr hier soeben gesagt hat?« Doch diese konnte nicht mehr -antworten; sie winkte nur abwehrend mit der Hand und murmelte etwas -Unverständliches: sie hatte eine neue Sorge, und immer wieder wandte sie -den Kopf zu Lisa hin -- doch aufstehen und davonfahren, das wagte sie -nicht mehr, bevor sich die Tochter nicht selbst dazu entschloß. -Inzwischen suchte sich der »Hauptmann« fortzuschleichen, aber der -Schreck, der ihm bei dem Erscheinen Nicolai Wszewolodowitschs in die -Glieder gefahren war, lähmte ihn noch so sehr, daß er es ungeschickt -genug anfing und Pjotr Stepanowitsch ihn, gerade als er aus der Tür -schlüpfen wollte, noch am Ärmel erwischte und zurückzog. - -»Das ist unbedingt nötig, unbedingt,« sagte er, seine Silben wieder wie -Perlen streuend, zu Warwara Petrowna, die er noch immer von irgend etwas -zu überzeugen suchte. - -Er stand vor ihr, sie aber hatte sich schon wieder gesetzt und hörte ihn -mit Spannung an, woraus hervorging, daß er sich endlich ihre volle -Aufmerksamkeit errungen hatte. »Das ist unbedingt nötig, unbedingt! Sie -sehen doch selbst, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Es ist aber -alles viel einfacher, als es scheint. Ich weiß sehr wohl, daß mich -niemand bevollmächtigt hat, Ihnen das alles zu erzählen, und es scheint -vielleicht geradezu, daß ich mich Ihnen aufdränge. Aber ganz abgesehen -davon, daß Nicolai Wszewolodowitsch selbst dieser ganzen Sache weiter -gar keine Bedeutung zuschreibt, gibt es doch auch Fälle, in denen es -einem schwer fällt, persönlich die nötigen Erklärungen zu geben -- und -da ist es denn unbedingt geboten, daß ein anderer sich dazu entschließt, -dem es weit leichter fällt, von gewissen zarten Dingen zu sprechen. -Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch war durchaus nicht im Unrecht, -als er Ihnen keine radikale Antwort auf Ihre Frage vorhin gab, -- ganz -abgesehen davon, daß die Geschichte überhaupt nicht so wichtig ist. Ich -kenne Nicolai Wszewolodowitsch schon von Petersburg her und ich kann Sie -versichern, daß alles, was da vorliegt, ihm nur Ehre macht -- wenn man -dieses unbestimmte Wort >Ehre< nun schon einmal gebrauchen soll ...« - -»Sie wollen damit sagen, daß Sie Augenzeuge eines Geschehnisses waren, -aus dem dann diese ganze ... dieses Mißverständnis entstanden ist?« - -»Jawohl, Augenzeuge, und sogar Teilnehmer, wenn Sie wollen,« bestätigte -Pjotr Stepanowitsch schnell. - -»Wenn Sie mir Ihr Wort darauf geben können, daß es die Gefühle meines -Sohnes zu mir nicht kränken wird, zu mir, der er nicht das Ge--ring--ste -verheimlicht ... und wenn Sie dabei so überzeugt sind, daß Sie ihm damit -einen Gefallen erweisen --« - -»Unbedingt einen Gefallen, und mir selbst wird es ein Vergnügen sein. -Ich bin überzeugt, er würde mich selbst darum bitten.« - -Es war gewiß sonderbar, daß dieser plötzlich vom Himmel gefallene Mensch -so aufdringlich fremde Erlebnisse aufdecken wollte. Er hatte aber an -Warwara Petrownas schmerzhafteste Stelle gerührt und sie dahin gebracht, -wo er sie zu haben wünschte. Ich selbst wußte damals von diesem Menschen -noch so gut wie nichts, um so weniger konnte ich seine Absichten -durchschauen. - -»Sie meinen?« sagte Warwara Petrowna, zunächst noch vorsichtig und -zurückhaltend, denn sie litt offenbar darunter, daß sie sich so weit -herabließ. - -Und wieder fielen, eine nach der anderen, die klaren Silben seiner Rede, -wie kleine Glasperlen von einer Schnur. - -»Die Sache ist ganz einfach. Im Grunde ist es kaum mehr, als eine -Anekdote. Ein Romanschriftsteller würde vielleicht einen Roman daraus -machen. Und uninteressant ist der Stoff auch wirklich nicht. Praskowja -Iwanowna und auch Lisaweta Nicolajewna werden gewiß gern zuhören, denn -er enthält, wenn auch nicht wunderbare, so doch viele wunderliche Dinge. -Als vor fünf Jahren in Petersburg Nicolai Wszewolodowitsch diesen Herrn -Lebädkin, der sich da soeben drücken wollte -- Sie sehen, mein -abgesetzter Herr Beamter des Proviantwesens, ich kenne Sie noch sehr -gut, und nicht minder sind mir, wie Nicolai Wszewolodowitsch, Ihre -Gaunerstreiche bekannt, über die Sie noch Rechenschaft zu geben haben -werden ... Ich bitte sehr um Entschuldigung, Warwara Petrowna, -- vor -fünf Jahren also, in Petersburg, da nannte Nicolai Wszewolodowitsch -diesen Herrn seinen Falstaff: das muß offenbar irgendein ehemaliger ->_caractère bourlesque_<{[95]} gewesen sein,« fügte er plötzlich -erklärend hinzu, »-- ein Mann, der allen erlaubte, über ihn zu lachen, -wenn man ihm dafür nur zahlte. Nicolai Wszewolodowitsch führte damals in -Petersburg ein Leben, ich kann mich nicht anders ausdrücken, aber es war -ein spottsüchtiges Leben: denn blasiert pflegt dieser Mensch nie zu -sein, sich aber mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen, das verschmähte -er damals. Ich rede, wie gesagt, nur von der damaligen Zeit, Warwara -Petrowna. Dieser Lebädkin also hatte eine Schwester bei sich, dieselbe, -die soeben hier saß. Bruder und Schwester hatten keinen eigenen Herd. Er -trieb sich vor den großen Warenhäusern herum, selbstverständlich stets -in seiner alten Uniform, redete von den Vorübergehenden an, wer ihm von -ihnen günstig erschien, und vertrank dann das auf diese Weise erbettelte -Geld. Das Schwesterlein aber nährte sich wie ein Vogel Gottes, half in -den Winkeln und Ecken, wo sie lebte, bald dem einen, bald dem anderen, -und verdiente sich so das Notwendigste. Es war das schrecklichste Sodom: -ich übergehe die Schilderung dieses Lebens, an dem damals auch Nicolai -Wszewolodowitsch aus >Verschrobenheit< Anteil nahm. Das ist sein eigener -Ausdruck. Er pflegt mir vieles nicht zu verheimlichen. Mit Fräulein -Lebädkin nun traf er eine Zeitlang öfter zusammen; sie begeisterte sich -für ihn und er war -- nun, er war so etwas wie der Brillant auf dem -schmutzigen Fond ihres Lebens. Doch ich merke, daß ich ein schlechter -Schilderer menschlicher Gefühle bin und fahre darum mit den Tatsachen -fort. Törichte Leute begannen sie damals gleich zu necken und zu -verspotten, und da wurde sie traurig. Überhaupt lachte man dort immer -über sie, aber früher hatte sie das nicht bemerkt. Schon damals war ihr -Verstand nicht ganz klar, wenn auch lange nicht so schwach und wirr wie -jetzt. Es ist anzunehmen, daß sie als Kind -- vielleicht dank -irgendeiner Wohltäterin -- eine etwas bessere Erziehung erhalten hat. -Nicolai Wszewolodowitsch schenkte ihr zunächst nicht die geringste -Aufmerksamkeit, wenn er dort mit ihrem Bruder und den kleinen Beamten -zusammensaß und Karten spielte. Aber einmal, als man sie wieder -beleidigte, packte er den betreffenden Beamten einfach am Kragen und -warf ihn -- es war im zweiten Stock -- zum Fenster hinaus. Einen -besonderen Unwillen, gekränkte Ritterlichkeit oder dergleichen konnte -man an ihm dabei nicht wahrnehmen. Die ganze Szene ging vielmehr unter -allgemeinem Gelächter vor sich und am meisten amüsierte sie Nicolai -Wszewolodowitsch selbst. Als alles glücklich ohne gebrochene Glieder -abgelaufen war, versöhnte man sich wieder und begann Punsch zu trinken. -Nur die Lebädkin konnte den Vorfall und ihren Beschützer nicht vergessen --- und das endete dann schließlich mit der vollständigen Zerrüttung -ihres Verstandes. Ich wiederhole nochmals, daß ich ein schlechter -Schilderer von Gefühlen bin. Das Wichtigste war hierbei eben ihr Wahn. -Und Nicolai Wszewolodowitsch tat dann noch alles, um ihn zu verstärken. -Statt gleichfalls zu lachen, begann er sie plötzlich mit überraschender -Hochachtung zu behandeln. Kirilloff, der auch dabei war, -- das ist ein -sonderbarer und origineller Mensch, Warwara Petrowna, Sie werden ihn -vielleicht noch einmal sehen, denn er ist jetzt hier -- dieser Kirilloff -also, der sonst nur zu schweigen pflegt, sagte plötzlich: er behandelt -sie wie eine Marquise und macht sie damit noch ganz verrückt. Und was -glauben Sie, was er diesem Kirilloff, den er übrigens achtet, darauf -geantwortet hat? >Sie scheinen anzunehmen, Herr Kirilloff, daß ich mich -über sie lustig mache. Seien Sie versichert, daß ich sie in der Tat -denkbar hoch achte, denn sie ist besser, als wir alle.< Und das sagte er -noch, wissen Sie, in vollkommen ernstem Ton. Dabei hatte er ihr aber in -all den Monaten kaum mehr als >guten Tag< und >Adieu< gesagt. Jetzt -freilich brachte er sie bald so weit, daß sie ihn für ihren Bräutigam -hielt, der sie nur infolge von allen möglichen romantischen -Familienhindernissen vorläufig nicht >entführen< könnte -- wir aber -hatten unser weidliches Vergnügen daran. Die Geschichte endete damit, -daß Nicolai Wszewolodowitsch, als er endlich abreisen mußte, das war -also vor jetzt etwa vier Jahren -- er kam damals hierher zu Ihnen -- ihr -eine jährliche Pension, ich glaube ungefähr dreihundert Rubel, wenn -nicht mehr, aussetzte. Mit einem Wort, es war höchstens der -phantastische Streich eines Beschäftigungslosen oder, wie Kirilloff -sagte, es war eine neue Etude eines übersättigten Menschen, um zu -erfahren, wie weit man eine arme Närrin bringen kann. >Sie haben,< sagte -Kirilloff, >sich absichtlich das letzte Geschöpf unter den Menschen -ausgesucht, ein krüppeliges Wesen, das sowieso schon mit Schlägen und -Schande bedeckt ist, und von dem Sie von vornherein ganz genau wissen, -daß es an seiner tragikomischen Liebe zu Ihnen zugrunde gehen muß -- und -plötzlich beginnen Sie, sie absichtlich zu betrügen, nur um zu sehen, -was dabei wohl herauskommen wird.< Nun, ich meinerseits sehe nicht ein, -wie ein Mensch daran schuld sein soll, wenn ein verrücktes Weib -seinetwegen sich tolle Gedanken macht. Ein Weib, wohlverstanden, mit dem -der betreffende Mensch kaum ein paar oberflächliche Worte gewechselt -hat! Es gibt Dinge, Warwara Petrowna, über die man nicht nur nicht klug -sprechen kann, sondern über die überhaupt zu sprechen schon nicht klug -ist. Doch mag es nun Laune oder Sonderbarkeit gewesen sein, aber mehr -kann man schon auf keinen Fall sagen; währenddessen aber macht man hier -eine ganze Historie daraus ... Ich bin zum Teil darüber unterrichtet, -was hier vorgeht.« - -Pjotr Stepanowitsch brach plötzlich ab und wandte sich wieder Lebädkin -zu. Doch Warwara Petrowna hielt ihn, beinah zitternd vor Aufregung, -zurück. - -»Sind Sie fertig?« fragte sie. - -»Nein, noch nicht. Zur Vervollständigung möchte ich noch diesen Herrn -Lebädkin, wenn Sie gestatten ... Sie werden gleich sehen, um was es sich -handelt --« - -»Genug, später, warten Sie einen Augenblick, ich bitte Sie! Oh, wie gut -war es doch, daß ich Sie sprechen ließ!« - -»Und vergessen Sie nicht, Warwara Petrowna,« Pjotr Stepanowitsch fuhr -gleichsam auf, »daß Nicolai Wszewolodowitsch persönlich Ihnen überhaupt -keine Antwort auf Ihre Frage geben konnte -- die vielleicht wirklich -etwas zu kategorisch war.« - -»Oh ja, das war sie nur zu sehr!« - -»Und hatte ich nicht Recht, als ich sagte, einem Fremden ist es -leichter, gewisse Dinge zu erklären, als einem Beteiligten?« - -»Ja, ja ... aber in einer Beziehung haben Sie sich doch geirrt, und wie -ich mit Bedauern sehe, irren Sie sich auch jetzt noch.« - -»Wirklich? Und worin wäre das?« - -»Ja, sehen Sie ... Aber wie wäre es, wenn Sie sich setzten, Pjotr -Stepanowitsch?« - -»Oh, wie Sie wünschen, ich bin auch müde, besten Dank.« - -Er zog gewandt einen Sessel heran und drehte ihn so, daß er zwischen -Warwara Petrowna und Praskowja Iwanowna, die sich am Tisch -niedergelassen hatte, sitzen konnte, während Lebädkin, den er nicht aus -dem Auge ließ, ihm nun gerade gegenüber stand. - -»Ich meine, Sie irren sich, wenn Sie dieses eine >Laune<, eine ->Sonderbarkeit< nennen ...« - -»Oh, wenn es nur das ist --« - -»Nein, nein, nein, warten Sie,« unterbrach ihn Warwara Petrowna, die -sich offenbar zu einem langen und eingehenden Gespräch vorbereitete. - -Kaum gewahrte das Pjotr Stepanowitsch, da war er schon die -Aufmerksamkeit selbst. - -»Nein, das ist etwas Höheres als eine Laune. Das ist, ich versichere -Sie, beinahe etwas Heiliges. Das ist Prinz Heinz, wie ihn Stepan -Trophimowitsch früher so treffend nannte, und was vollkommen richtig -wäre, wenn er nicht noch mehr an Hamlet erinnern würde.« - -»_Et vous avez raison_,«{[96]} bestätigte Stepan Trophimowitsch mit -Empfindung und Nachdruck. - -»Ich danke Ihnen, Stepan Trophimowitsch. Ich danke Ihnen ganz besonders -für Ihren unerschütterlichen Glauben an _Nicolas_, an den Adel seiner -Seele. Diesen Glauben haben Sie auch in mir befestigt, als ich den Mut -schon verlieren wollte.« - -»_Chère, chère_ ...« - -Stepan Trophimowitsch wollte schon vortreten, überlegte aber dann doch, -daß es immerhin gewagt wäre, sie zu unterbrechen. - -»Und wenn _Nicolas_ stets einen stillen, treuen und starken Horatio -neben sich gehabt hätte -- auch einer Ihrer schönen Vergleiche, Stepan -Trophimowitsch --, so wäre er vielleicht längst erlöst« (Warwara -Petrowna geriet schon in einen singenden Ton) »von diesem >Dämon der -Ironie< -- auch diesen Ausdruck hat Stepan Trophimowitsch geprägt, -- -der ihn sein Lebelang martert. Doch _Nicolas_ hat nie weder einen -Horatio noch eine Ophelia gehabt. Er hat nur eine Mutter gehabt. Aber -was kann eine Mutter in solchen Dingen tun? Wissen Sie, Pjotr -Stepanowitsch, es ist mir jetzt vollkommen klar, daß ein Mensch wie -_Nicolas_ sogar in diese schmutzigen Winkel hinabsteigen konnte. Ich -begreife jetzt alles. Ich begreife diese Lust zum Spott über das Leben, -auf die auch Sie vorhin so vorzüglich hinwiesen. Ich begreife diesen -unersättlichen Durst nach Gegensätzen, diesen trüben und unheimlichen -Hintergrund seines damaligen Lebens, von dem er sich dann wie eine -leuchtende Erscheinung abhob. Und in dieser schrecklichen Welt trifft er -dann ein Wesen, das alle beleidigen und verspotten, eine Krüppelige, -eine Irrsinnige, und zugleich doch einen Menschen, der die edelsten -Gefühle hat! ...« - -»Hm ... ja, nehmen wir an --« - -»Und Sie sagen, Sie können nicht begreifen, weshalb er zunächst nicht -wie alle die anderen über sie lacht! Oh, ihr Menschen! Und Sie können -nicht verstehen, daß er sie dann vor den Beleidigern beschützt und sie -wie eine >Marquise< behandelt! Dieser Kirilloff muß ein tiefer -Menschenkenner sein, wenn er auch _Nicolas_ nicht verstanden hat! Ja, -vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, aus dem diese ganze unselige -Geschichte entstanden ist. Wäre die Beklagenswerte in anderen -Verhältnissen, in einer anderen Umgebung gewesen, dann hätte sie wohl -überhaupt nicht diesen törichten Gedanken gefaßt. Das allerdings, Pjotr -Stepanowitsch, kann nur eine Frau verstehen, und wie schade ist es doch, -daß Sie ... das heißt ... ich will natürlich nicht sagen, wie schade, -daß Sie keine Frau sind, aber daß Sie das ganze Verständnis einer Frau -nun einmal nicht haben können.« - -»Das heißt also: je schlimmer, desto besser -- ich verstehe, ich -verstehe schon, Warwara Petrowna. Das ist so, wie in der Religion und im -Staat: je schlechter es ein Mensch im Leben hat, oder je unterdrückter -ein Volk ist, desto eigensinniger wird an die Belohnung, die einen im -Jenseits erwartet, gedacht. Und wenn dabei noch hunderttausend -Geistliche mitwirken und den Gedanken anfachen, auf den sie selbst -spekulieren, so ... oh, ich verstehe Sie, Warwara Petrowna, seien Sie -unbesorgt.« - -»Ich glaube -- doch wohl nicht so ganz. Aber sagen Sie, hätte denn -_Nicolas_, um jenen unseligen Gedanken in diesem unglücklichen -Organismus zu ertöten,« (weshalb sie hier dieses Wort gebrauchte, -verstand ich nicht) »hätte er wirklich ebenso über sie lachen und höhnen -müssen, wie die anderen rohen Kumpane? Begreifen Sie denn wirklich nicht -dieses große Mitleiden, diesen edlen Schauer einer edlen Seele, mit dem -_Nicolas_ plötzlich ernst diesem Kirilloff antwortet: >Ich lache -durchaus nicht über sie.< Oh, diese vornehme, diese heilige Antwort.« - -»_Sublime!_,«{[97]} murmelte Stepan Trophimowitsch. - -»Und vergessen Sie nicht, er ist durchaus nicht reich, wie Sie -vielleicht denken: ich bin reich, aber nicht er, und damals hat er meine -Hilfe niemals in Anspruch genommen.« - -»Ich verstehe das, ich verstehe das alles, Warwara Petrowna,« beteuerte -Pjotr Stepanowitsch und bewegte sich bereits etwas ungeduldig auf seinem -Stuhl. - -»Oh, das ist mein Charakter! In _Nicolas_ erkenne ich mich selbst -wieder. Ich kenne diese Jugend, diese Möglichkeiten stürmisch drängender -Ausbrüche ... Und wenn wir uns jemals nähertreten sollten, Pjotr -Stepanowitsch, was ich meinerseits aufrichtig wünsche, um so mehr, als -ich Ihnen schon so verpflichtet bin, so werden Sie dann vielleicht -verstehen --« - -»Oh, auch ich wünsche, glauben Sie mir --« - -»-- Diesen Drang, in dem man in blindem Edelmute plötzlich einen -Menschen nimmt, womöglich einen, der unser gar nicht wert ist, einen -Menschen, der Sie nicht im geringsten versteht und bereit ist, Sie bei -jeder Gelegenheit zu quälen: und diesen Menschen macht man plötzlich -wider alle Vernunft zu seinem Idealbild, zu seinem Wahnbild, legt in ihn -alle Hoffnungen, beugt sich vor ihm, liebt ihn sein Lebelang, ohne auch -nur zu wissen weshalb, -- vielleicht gerade deshalb, weil er das gar -nicht verdient hat ... Oh, wie ich mein ganzes Leben lang gelitten habe, -Pjotr Stepanowitsch!« - -Stepan Trophimowitsch suchte erregt meinen Blick, doch ich konnte mich -noch rechtzeitig abwenden. - -»Und noch vor kurzem, noch vor kurzem -- oh, wie viel mir _Nicolas_ -verzeihen muß! ... Sie werden es mir nicht glauben, wie alle mich -gequält haben! Gequält von allen Seiten, alle, alle, Feinde und Freunde, -und die Freunde vielleicht noch mehr als die Feinde. Und als ich den -ersten anonymen Brief erhielt, Pjotr Stepanowitsch, Sie werden es mir -nicht glauben, aber meine Verachtung reichte einfach nicht aus für diese -ganze Gemeinheit ... Nie, nie werde ich mir diesen Kleinmut vergeben!« - -»Von diesen anonymen Briefen habe ich schon gehört,« sagte Pjotr -Stepanowitsch, plötzlich wieder belebt, »seien Sie unbesorgt, den -Verfasser werde ich schon herausbekommen.« - -»Aber Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was für Intriguen hier -gesponnen worden sind! Sogar unsere arme Praskowja Iwanowna hat man -beunruhigt -- und dazu war doch wirklich kein Grund vorhanden! Liebe -Praskowja Iwanowna, heute mußt du mir schon verzeihen,« fügte sie -plötzlich in einer großmütigen Regung hinzu, aber doch nicht ohne einen -leisen triumphierenden Klang in der Stimme. - -»Schon gut, meine Liebe,« murmelte diese widerwillig. »Ich aber meine, -man könnte jetzt endlich aufhören, es ist schon viel zu viel gesprochen -worden.« Und wieder sah sie scheu ihre Lisa an, die aber blickte auf -Pjotr Stepanowitsch. - -»Und dieses arme, unglückliche Geschöpf, diese Irrsinnige, die alles -verloren, nur das Herz behalten hat, die -- werde ich in mein Haus -aufnehmen!« rief Warwara Petrowna plötzlich entschlossen aus. »Das ist -eine heilige Pflicht und ich will sie erfüllen! Vom heutigen Tage an -stelle ich sie unter meinen Schutz!« - -»Und das wird sogar sehr gut sein, in einem gewissen Sinne wenigstens!« -Pjotr Stepanowitsch war wieder ganz Leben. »Entschuldigen Sie, aber -vorhin bin ich nicht ganz zu Ende gekommen. Gerade was den Schutz -betrifft. Stellen Sie sich vor, Warwara Petrowna, -- ich fange dort an, -wo ich stehen blieb, -- stellen Sie sich also vor, daß damals, als -Nicolai Wszewolodowitsch fortgefahren war, dieser Herr da drüben, dieser -Herr Lebädkin, nichts Besseres zu tun wußte, als das seiner Schwester -ausgesetzte Geld eilends und restlos zu vertrinken. Ich weiß nicht -genau, in welcher Weise Nicolai Wszewolodowitsch die Zahlungsart in der -ersten Zeit angeordnet hatte. Ich weiß nur, daß er sich schließlich -genötigt sah, wenn er Lebädkins Schwester einigermaßen sicherstellen -wollte, sie in einem fernen Kloster unterzubringen -- was denn auch -geschah, selbstredend unter aller nur denkbaren Rücksicht auf ihre -Person, aber unter freundschaftlicher Aufsicht, Sie verstehen schon! -Doch was glauben Sie wohl, wozu Herr Lebädkin sich entschloß? Erst -suchte er mit aller Gewalt zu erfahren, wo man sein Zinspapier, das -heißt also seine Schwester, untergebracht hatte, und dann, als ihm dies -gelungen war, erwirkte er, indem er irgendwelche Rechte vorschützte, daß -man sie ihm herausgab, und darauf schleppte er sie hierher. Hier nun gab -er ihr nichts zu essen, sondern schlug sie, und als er auf irgendeine -Weise von Nicolai Wszewolodowitsch eine größere Geldsumme herausbekommen -hatte, ging das alte, wüste Trinkleben sofort von neuem an. Von -Dankbarkeit Nicolai Wszewolodowitsch gegenüber natürlich keine Spur; im -Gegenteil, nur sinnlose neue Forderungen stellte er an ihn und drohte -gar mit dem Gericht, wenn er nicht Zahlungen erhalten würde -- nahm also -frech als pflichtmäßig an, was freiwillig war. -- Herr Lebädkin, ist -_alles_ wahr, was ich hier soeben gesagt habe?« - -Der »Hauptmann«, der bis dahin stumm und mit gesenkten Augen dagestanden -hatte, trat schnell zwei Schritte vor, -- das Blut schoß ihm ins -Gesicht. - -»Pjotr Stepanowitsch ... Sie haben mich ... grausam behandelt,« brachte -er stockend hervor. - -»Wieso grausam? Doch über Grausamkeit oder Zartheit können wir später -sprechen, jetzt aber wollen Sie mir gefälligst auf meine Frage -antworten: ist _alles_ wahr, was ich hier gesagt habe, oder nicht?« - -»Ich ... Sie wissen ja selbst, Pjotr Stepanowitsch ...« der »Hauptmann« -stockte und schwieg. - -Pjotr Stepanowitsch saß im Lehnstuhl mit übergeschlagenen Beinen und -Lebädkin stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihm. Lebädkins -Unentschlossenheit schien Pjotr Stepanowitsch sehr wenig zu gefallen: in -seinem Gesicht zuckte es und sein Ausdruck wurde böse. - -»Ja, wollen Sie nicht vielleicht etwas sagen?« fragte Pjotr -Stepanowitsch scharf, wobei er mit zusammengekniffenen Augen -durchdringend den »Hauptmann« anblickte. »In dem Falle -- bitte. Haben -Sie die Güte, wir hören.« - -»Sie wissen doch selbst, Pjotr Stepanowitsch, daß ich nichts sagen -kann.« - -»Nein, das weiß ich durchaus nicht, höre es sogar zum erstenmal; warum -können Sie denn nicht?« - -Lebädkin schwieg und blickte zu Boden. - -»Erlauben Sie mir, Pjotr Stepanowitsch, fortzugehen,« sagte er endlich -entschlossen. - -»Nicht, bevor Sie mir eine Antwort auf meine Frage gegeben haben. Noch -einmal: ist _alles_ wahr, was ich gesagt habe?« - -»Ja, es ist wahr,« sagte Lebädkin dumpf und blickte kurz zu seinem -Peiniger auf. - -An seinen Schläfen trat sogar Schweiß hervor. - -»Ist _alles_ wahr?« - -»Alles ist wahr.« - -»Haben Sie nicht noch etwas hinzuzufügen, oder zu bemerken? Wenn Sie -fühlen, daß wir Ihnen irgendwie Unrecht getan haben, so sagen Sie es. -Protestieren Sie, geben Sie laut Ihre Unzufriedenheit kund!« - -»Nein, ich habe nichts ...« - -»Haben Sie vor kurzem Nicolai Wszewolodowitsch gedroht?« - -»Das ... das ... war mehr Alkohol, Pjotr Stepanowitsch!« (Er hob -plötzlich den Kopf.) »Pjotr Stepanowitsch! Wenn die beleidigte -Familienehre und die unverdiente Schande im Menschenherzen aufheulen, -ist dann -- ist dann wirklich der Mensch noch verantwortlich?« brüllte -er plötzlich wieder los, wie vorher sich nicht mehr im Zaum haltend. - -»Sind Sie nüchtern, Herr Lebädkin?« Pjotr Stepanowitsch sah ihn -durchdringend an. - -»Ich ... bin nüchtern.« - -»Was soll das bedeuten: >beleidigte Familienehre< und >unverdiente -Schande<?« - -»Das habe ich nur so ... ich wollte niemanden ...« Der Hauptmann sank -wieder zusammen. - -»Meine Bemerkungen über Sie und Ihr Benehmen scheinen Sie gekränkt zu -haben. Sie sind ja sehr empfindlich, Herr Lebädkin. Aber erlauben Sie -mal, ich habe doch noch gar nichts über Ihr Benehmen im _eigentlichen -Sinne_ gesagt. Ich werde erst anfangen, über Ihr Benehmen im -_eigentlichen Sinne_ zu sprechen. Ja, es ist sogar sehr leicht möglich, -daß ich davon anfangen werde ...« - -Lebädkin erzitterte plötzlich und starrte wahrhaft entsetzt Pjotr -Stepanowitsch an. - -»Pjotr Stepanowitsch, ich fange jetzt erst an, aufzuwachen!« - -»Hm! Und ich bin es wohl, der Sie jetzt aufgeweckt hat?« - -»Ja, Sie haben mich aufgeweckt, Pjotr Stepanowitsch, ich aber habe vier -Jahre unter der schwebenden Wolke geschlafen ... kann ich jetzt -fortgehen, Pjotr Stepanowitsch?« - -»Jetzt können Sie es ... wenigstens, wenn nicht Warwara Petrowna --?« - -Die aber winkte nur mit beiden Händen ab. - -Der »Hauptmann« verbeugte sich und ging, doch nach drei Schritten blieb -er plötzlich wieder stehen, preßte die Hand aufs Herz, wollte etwas -sagen, tat es aber doch nicht -- und ging dann endlich schnell zur Türe. -Doch gerade wie er hinaus wollte, wurde sie von außen geöffnet und er -stieß mit Nicolai Wszewolodowitsch beinahe zusammen. Der »Hauptmann« -duckte sich gleichsam vor ihm und erstarb auf der Stelle, ohne seine -Augen von ihm abwenden zu können, wie ein Kaninchen vor einer -Riesenschlange. - -Einen Augenblick wartete Stawrogin, dann schob er ihn mit der Hand -leicht zur Seite und trat ein. - - - VII. - -Stawrogin war heiter und ruhig. Möglich, daß er etwas sehr Angenehmes -erfahren hatte, was wir noch nicht wußten ... jedenfalls war er, wie es -schien, mit irgend etwas ganz ausnehmend zufrieden. - -»Kannst du mir verzeihen, _Nicolas_?« Warwara Petrowna konnte sich nicht -bezwingen und erhob sich sogar eilig ihm entgegen. - -Da aber lachte Stawrogin auf: - -»Das fehlte noch!« rief er gutmütig und scherzhaft. »Ich sehe schon, es -ist euch alles bekannt. Und ich machte mir bereits Vorwürfe während der -Fahrt in der Equipage: >Wenigstens hätte ich doch den Scherz erzählen -müssen, denn sonst, wer geht denn so fort.< Als mir aber einfiel, daß -Pjotr Stepanowitsch hier geblieben war, sprang die Sorge von mir ab.« - -Während er sprach, blickte er sich flüchtig im Zimmer um. - -»Pjotr Stepanowitsch hat uns eine alte Petersburger Geschichte aus dem -Leben eines eigentümlichen Menschen erzählt,« sagte Warwara Petrowna, -noch ganz entzückt, »eines launischen, eines halb wahnsinnigen Menschen, -der aber in seinen Gefühlen immer edel bleibt, immer adlig, immer -ritterlich --« - -»Also so hoch habt ihr mich schon erhoben,« scherzte Stawrogin. -»Übrigens bin ich Pjotr Stepanowitsch diesmal sehr dankbar für seine -Eilfertigkeit« (hier tauschte er mit ihm einen blitzartig kurzen Blick). -»Sie müssen nämlich wissen, _maman_, daß Pjotr Stepanowitsch stets der -allgemeine Friedensstifter ist: das ist nun einmal seine Rolle, seine -Krankheit, sein Steckenpferd, und in der Beziehung kann ich ihn -besonders empfehlen. Übrigens kann ich mir schon denken, worüber er hier -Bericht erstattet hat. Er erstattet ja immer Bericht, wenn er etwas -erzählt. In seinem Kopf hat er eine Kanzlei. Man merke sich nur, daß er -in seiner Eigenschaft als Realist nicht lügen kann und daß die Wahrheit -ihm teurer ist als der Erfolg ... selbstverständlich außer in jenen -besonderen Fällen, wenn ihm der Erfolg teurer ist als die Wahrheit.« -(Stawrogin sah sich, während er sprach, immer noch um.) »Sie sehen also, -_maman_, daß nicht Sie mich um Verzeihung zu bitten haben, und daß, wenn -hier irgendwo eine Schuld ist, sie natürlich nur mich treffen kann ... -oder sagen wir, wenn hier eine Verrücktheit vorliegt, ich folglich der -Verrückte bin -- man muß doch seinen Ruf aufrechterhalten!« und er -umarmte seine Mutter und küßte sie zärtlich. »Jedenfalls aber ist die -Sache jetzt erzählt, und ich dächte, nun könnte man aufhören, von ihr zu -sprechen.« Seine letzten Worte hatten plötzlich einen trockenen, harten -Unterton. - -Warwara Petrowna kannte diesen Ton, doch ihre Erregung verging deshalb -noch nicht, sogar im Gegenteil. - -»Aber wie kommt es nur, daß du heute schon hier bist, _Nicolas_, du -wolltest doch erst in einem Monat --« - -»Ich werde Ihnen natürlich alles erzählen, _maman_, doch augenblicklich ---« Und er trat zu Praskowja Iwanowna. - -Doch diese schien ihn diesmal überhaupt nicht bemerken zu wollen: -während noch vor einer halben Stunde, als er zum ersten Male erschienen -war, ihre ganze Aufmerksamkeit von ihm in Anspruch genommen wurde, war -diese jetzt auf etwas ganz anderes gelenkt. In dem Augenblick, als der -»Hauptmann« mit Stawrogin beinahe zusammengestoßen war, hatte Lisa -plötzlich zu lachen angefangen -- zuerst nur leise und verhalten, dann -aber immer lauter und bemerkbarer. Sie wurde rot. Dieser Gegensatz zu -ihrem kurz vorher noch so düsteren Aussehen war doch zu auffallend. Als -Nicolai Wszewolodowitsch noch mit Warwara Petrowna sprach, winkte sie -Mawrikij Nicolajewitsch zu sich heran, als wolle sie ihm etwas sagen: -doch kaum beugte er sich zu ihr nieder, da lachte sie schon von neuem. -Ja, es schien, als lache sie geradezu über den armen Mawrikij -Nicolajewitsch. Dabei strengte sie sich furchtbar an, ernst zu bleiben, -und preßte immer wieder ihr Taschentuch an die Lippen, doch es gelang -ihr nicht, sich zu bezwingen. - -Nicolai Wszewolodowitsch trat mit der unschuldigsten, aufrichtigsten -Miene an sie heran, um sie zu begrüßen. - -»Verzeihen Sie, bitte,« sagte sie schnell, »Sie ... Sie haben gewiß auch -Mawrikij Nicolajewitsch gesehen ... Gott, wie verboten lang Sie sind, -Mawrikij Nicolajewitsch!« Und wieder lachte sie. - -Mawrikij Nicolajewitsch war allerdings hoch von Wuchs, aber durchaus -nicht so auffallend, wie sie es plötzlich zu finden schien. - -»Sie ... sind vor nicht langer Zeit angekommen?« fragte sie, sich -gewaltsam zusammennehmend, sogar verlegen, doch mit blitzenden Augen. - -»Vor ungefähr zwei Stunden,« antwortete Stawrogin und sah sie aufmerksam -an. Ich muß hier bemerken, daß er ungewöhnlich zurückhaltend war in -seiner Höflichkeit, doch ohne diese würde er vollständig gleichgültig, -fast gelangweilt ausgesehen haben. - -»Und wo werden Sie wohnen?« - -»Hier.« - -Warwara Petrowna beobachtete sie gleichfalls, plötzlich fiel ihr etwas -ein. - -»Aber _Nicolas_, wo warst du denn bis jetzt, diese zwei Stunden?« fragte -sie erstaunt, »der Zug kommt doch um zehn Uhr an.« - -»Ich brachte zuerst Pjotr Stepanowitsch zu Kirilloff. Ich hatte ihn in -Matwejewo (drei Stationen vor unserer Stadt), getroffen. So fuhren wir -die letzte Strecke zusammen.« - -»Ich aber wartete schon seit Mitternacht in Matwejewo,« griff Pjotr -Stepanowitsch schnell in das Gespräch ein. »Unsere letzten Wagen waren -in der Nacht aus den Schienen gesprungen, wir hätten uns beinahe noch -die Beine gebrochen!« - -»Mein Gott,« rief Lisa, »Mama, und wir wollten in der vorigen Woche auch -nach Matwejewo fahren!« - -»Gott erbarme dich!« Praskowja Iwanowna bekreuzte sich. - -»Ach, Mama, Mama, liebe Mama, erschrecken Sie nicht, wenn ich mir bei -einer solchen Gelegenheit auch einmal ein Bein breche, mir könnte das ja -nur zu leicht geschehen! Sie sagen doch selbst, daß ich jeden Tag nur -ausreite, um mir das Genick zu brechen. Mawrikij Nicolajewitsch, würden -Sie mich führen, wenn ich hinke?« fragte sie wieder lachend. »Ich würde -dann nur Ihnen erlauben, mich zu führen, verlassen Sie sich darauf! -Sagen wir, ich breche mir ein Bein? -- Aber so seien Sie doch so -liebenswürdig, Mawrikij Nicolajewitsch, und sagen Sie sofort, daß Sie -sich glücklich schätzen würden!« - -»Was kann das für ein Glück sein, wenn man ein Krüppel ist?« sagte -Mawrikij Nicolajewitsch ernstlich ungehalten. - -»Dafür würden Sie allein mich führen dürfen, nur Sie, sonst niemand!« - -»Auch dann würden _Sie_ mich führen, Lisaweta Nicolajewna,« sagte der -Offizier leise und noch ernster. - -»Gott, er wollte einen Witz machen,« rief Lisa fast entsetzt aus. -»Mawrikij Nicolajewitsch, unterstehen Sie sich niemals, einen Witz zu -machen! Aber Sie sind wirklich bis zu einem unglaublichen Grade Egoist! -Doch ich bin überzeugt, zu Ihrer Ehre sei es gesagt, daß Sie sich selbst -verleumden. Im Gegenteil, Sie würden mir von früh bis spät versichern, -daß ich ohne Fuß weit interessanter sei! Eines ist aber unvereinbar: Sie -sind übermäßig lang, ich aber würde, wenn ich hinken müßte, ganz klein -sein -- wir würden also ein schlechtes Paar abgeben!« - -Und sie lachte krampfhaft. - -Die Anspielungen waren flach und herbeigezogen, doch ihr war es diesmal -offenbar nicht um den Ruhm zu tun, geistreich zu sein. - -»Hysterie,« flüsterte mir Pjotr Stepanowitsch zu, »ein Glas Wasser, -schnell!« - -Er hatte es erraten: eine Minute später liefen wir hin und her und -endlich brachte man denn auch Wasser. Lisa umarmte ihre Mutter, küßte -sie leidenschaftlich, weinte verzweifelt -- bis sie dann plötzlich -wieder auflachte. Darauf fing auch die Alte zu weinen an. Da führte denn -Warwara Petrowna sie beide durch dieselbe Tür, durch die Darja Pawlowna -eingetreten war, hinaus. Doch sie blieben nicht lange im Nebenzimmer, -sondern erschienen schon nach wenigen Minuten wieder im Salon. - -Kaum waren sie draußen, da trat Stawrogin an uns heran und begrüßte uns --- außer Schatoff, der noch immer in seiner Ecke saß und den Kopf -womöglich noch tiefer gesenkt hielt. Stepan Trophimowitsch versuchte -sogleich, irgendein geistreiches Gespräch anzuknüpfen, doch Stawrogin -wandte sich ab und wollte zu Darja Pawlowna gehen. Unterwegs jedoch -hielt ihn Pjotr Stepanowitsch auf, der ihn fast mit Gewalt zum Fenster -zog und ihm dort etwas anscheinend sehr Wichtiges zuzuflüstern begann. -Nicolai Wszewolodowitsch freilich hörte, während der andere lebhaft -gestikulierte, nur zerstreut, fast gelangweilt zu, mit seinem -offiziellen, leicht spöttischen Lächeln auf den Lippen -- und -schließlich wurde er ungeduldig und machte sich los. - -In diesem Augenblick traten die Damen wieder ein. - -Warwara Petrowna führte Lisa zu ihrem alten Platz und versicherte -lebhaft, daß es den gereizten Nerven unmöglich gut tun könne, wenn sie -gleich an die frische Luft ginge: sie solle sich doch erst wenigstens -zehn Minuten erholen! Und sie setzte sich neben Lisa und bemühte sich in -einer schon recht auffallenden Weise um diese. - -Pjotr Stepanowitsch lief auch gleich hinzu und begann ein lebhaftes und -lustiges Gespräch. - -Währenddessen trat nun Stawrogin endlich mit seinen langsamen Schritten -zu Darja Pawlowna. Dascha schrak förmlich zurück, als sie ihn auf sich -zukommen sah, und feuerrot, verwirrt, fast taumelnd erhob sie sich -schnell. - -»Ich glaube, man kann Ihnen gratulieren ... oder noch nicht?« Er fragte -es mit einem sonderbaren Zug um den Mund, den ich noch nie an ihm -bemerkt hatte. - -Dascha antwortete ihm irgend etwas, aber die Worte konnte ich nicht -verstehen. - -»Verzeihen Sie, bitte, die Aufdringlichkeit,« sagte er und sprach -lauter, »aber Sie wissen doch, daß man mich absichtlich davon -benachrichtigt hat? Wissen Sie das?« - -»Ja, ich weiß, daß Sie absichtlich davon benachrichtigt worden sind.« - -»Nun, ich hoffe, mein Glückwunsch hat nicht gestört,« meinte er lachend, --- »und wenn Stepan Trophimowitsch ...« - -»Wozu, wozu gratulieren?« Pjotr Stepanowitsch lief schnell herbei, -»wozu, wozu gratulieren, Darja Pawlowna? Bah! doch nicht etwa dazu? -Wirklich! Ihre Farbe beweist, daß ich recht geraten habe! In der Tat -gibt es doch nur eine einzige Art Glückwunsch, bei dem unsere schönen, -sittsamen jungen Damen zu erröten pflegen. Nun, so empfangen Sie ihn -denn auch von mir, wenn ich's richtig erraten habe! Bezahlen Sie aber -auch bitte die Wette! Sie werden sich doch noch erinnern, daß wir in der -Schweiz gewettet haben? Sie sagten, daß Sie niemals heiraten würden und -ich sagte das Gegenteil. Nun, und eigentlich bin ich ja halbwegs deshalb -aus der Schweiz hierher gereist ... Apropos -- Schweiz! Aber sag mir -doch,« er drehte sich schnell zu Stepan Trophimowitsch herum, »wann -fährst du denn jetzt in die Schweiz?« - -»Ich? ... in die Schweiz?« fragte Stepan Trophimowitsch überrascht und -verwirrt. - -»Ja, wie denn? Fährst du denn nicht? Aber du heiratest doch ... du -schriebst es doch!« - -»_Pierre!_« rief Stepan Trophimowitsch streng. - -»Was denn, _Pierre_! Sieh mal, wenn es dir angenehm zu hören ist, so bin -ich hierher geflogen, um dir mitzuteilen, daß ich durchaus nichts -dagegen einzuwenden habe! Du wolltest doch meine Meinung möglichst bald -wissen! Wenn man dich aber >retten< muß, wie du in demselben Brief -schreibst, so stehe ich dir dito zu Diensten. Ist es wahr, daß er -heiratet, Warwara Petrowna?« und wieder drehte er sich schnell zu -dieser. »Ich nehme an, daß ich hier nicht von Geheimnissen rede. Er -schreibt ja selbst, daß die ganze Stadt es bereits weiß, daß ihm alle -bereits ihre Glückwünsche darbringen wollen, und daß er, um dem zu -entgehen, nur noch in der Nacht das Haus verlassen kann. Den Brief habe -ich in der Tasche. Ganz klug bin ich freilich nicht aus ihm geworden. -Sag selbst, Stepan Trophimowitsch, was soll man nun eigentlich: -- soll -man dir >gratulieren<? -- oder soll man dich >retten<? Sie glauben -nicht, Warwara Petrowna, unmittelbar neben den glücklichsten Zeilen -stehen solche der größten Verzweiflung. Zunächst bittet er mich um -Verzeihung: nun, schön, das sind so seine Sentimentalitäten ... Aber -übrigens -- nein, es ist unmöglich, nicht davon zu sprechen: stellen Sie -sich vor, er hat mich im ganzen Leben nur zweimal gesehen, und auch dann -nur zufällig; jetzt plötzlich aber, wie er sich zum dritte Male -verheiraten will, bildet er sich ein, damit mir gegenüber irgendwelche -väterlichen Pflichten zu verletzen. Und so fleht er mich tatsächlich -über tausend Werst hinweg an, ihm nicht böse zu sein und meine Erlaubnis -zu seiner Vermählung zu geben! Du, ärgere dich bitte nicht, Stepan -Trophimowitsch, es ist ein Zug unserer Zeit, alles zu verstehen, und ich -verurteile dich ja auch nicht, ja, schließlich macht dir das alles -sogar, wie man das zu nennen pflegt, nur Ehre, usw., usw. Doch davon -wollte ich ja gar nicht sprechen. Die Hauptsache ist vielmehr, daß mir --- nun, eben die Hauptsache nicht klar ist. Schreibst da irgend etwas -von Schweizer Sünden ... >Heirate sozusagen fremde Sünden<, oder wie du -dich da ausdrückst, -- mit einem Wort: >Sünden< sind dabei. >Das -Mädchen<, schreibst du, >ist ein Juwel<, und du, nun natürlich, du bist -ihrer >nicht wert<. Das ist nun einmal sein Stil,« sagte er wieder zu -Warwara Petrowna gewandt. »Wegen irgendwelcher >fremden Sünden< ist er ->gezwungen, zum Altar zu gehen und in die Schweiz zu reisen<, und darum: ->fliege her, um mich zu retten!< Begreifen Sie etwas? Aber ich sehe ... -mir scheint ... ich bemerke am Ausdruck der Gesichter, daß --« er drehte -sich nach allen Seiten um und sah die Anwesenden mit dem unschuldigsten -Lächeln an, -- »daß ich nach meiner Gewohnheit wieder einmal eine -Dummheit gemacht habe ... mit meiner Aufrichtigkeit, oder, wie Nicolai -Wszewolodowitsch sagt -- Eilfertigkeit ... Ich glaubte doch, daß wir -hier unter Freunden sind? Das heißt selbstverständlich unter deinen -Freunden, Stepan Trophimowitsch, nur unter deinen, denn ich bin hier ja -fremd ... und nun sehe ich ... sehe ich, daß alle irgend etwas wissen, -und nur ich dieses >Etwas< nicht weiß ...« - -Er sah sich noch immer im Kreise um. - -»So hat Ihnen Stepan Trophimowitsch geschrieben, daß er >fremde Sünden< -heiraten müsse?« Warwara Petrowna trat mit entstelltem, fast gelbem -Gesicht und zuckenden Mundwinkeln auf Pjotr Stepanowitsch zu. - -»Ja, sehen Sie, das heißt, wenn ich hier etwas nicht verstanden haben -sollte, so ist das natürlich meine Schuld. Aber ich denke doch ... -selbstverständlich: er schreibt so! Hier habe ich ja den Brief -- den -wichtigsten. Wissen Sie, Warwara Petrowna, endlose Briefe und -schließlich einfach ein Brief nach dem anderen, so daß ich sie später -gar nicht mehr zu Ende las ... Verzeih mir das Geständnis, Stepan -Trophimowitsch, aber, nicht wahr, im Grunde hast du sie, wenn du sie -auch an mich adressiert hast, doch mehr für die Nachgeborenen -geschrieben. Reg' dich nicht auf, es macht ja weiter nichts. Aber diesen -Brief hier, Warwara Petrowna, den habe ich ganz gelesen. Denn diese ->Sünden<, diese >fremden Sünden<: das sind doch bestimmt irgendwelche -von seinen eigenen Sünden und ich könnte wetten, die allerunschuldigsten --- er aber macht daraus selbstredend eine furchtbare Geschichte, so eine -mit einem edlen Zuge, und vielleicht ist die ganze Geschichte nur um -dieses Zuges willen herbeigezogen. Es gibt da nämlich noch gewisse -Abrechnungen, die nicht ganz stimmen mögen, wozu das verheimlichen! -Denn, wissen Sie, man muß es doch endlich gestehen, wir pflegen dem -Kartenspiel nun einmal etwas zugetan zu sein ... Aber nein, Verzeihung, -das ist schon überflüssig, das ist schon wirklich ganz überflüssig, -Verzeihung! Doch was ich sagen wollte, Warwara Petrowna, erschreckt hat -er mich tatsächlich, und ich schickte mich schon allen Ernstes an, ihn -zu >retten<. Bin ich denn ein Halsabschneider? Er schreibt da etwas von -einer Mitgift ... Aber übrigens, heiratest du nun wirklich, Stepan -Trophimowitsch? Doch wir reden hier und reden und ich langweile Sie -bestimmt nur ... und Sie, Warwara Petrowna, verurteilen mich gewiß ...« - -»Im Gegenteil, im Gegenteil, ich sehe nur, daß Sie die Geduld verloren -haben und dazu hatten Sie ja auch Grund genug,« sagte Warwara Petrowna -mit einem bösen Lächeln. - -Sie hatte die ganze Zeit mit boshafter Genugtuung Pjotr Stepanowitsch -zugehört, der augenscheinlich eine bestimmte Rolle spielte. (Was für -eine, und wozu? -- das wußte ich damals nicht! Aber er spielte eine -Rolle, und spielte sie ungeschickt.) - -»Ganz im Gegenteil,« fuhr Warwara Petrowna fort, »ich bin Ihnen nur zu -dankbar dafür. Ohne Sie hätte ich nichts erfahren. So öffne ich jetzt -zum erstenmal seit zwanzig Jahren die Augen und sehe. Nicolai -Wszewolodowitsch, Sie erwähnten vorhin, daß Sie absichtlich -benachrichtigt worden seien. Hat Stepan Trophimowitsch auch Ihnen in -dieser Art und Weise geschrieben?« - -»Ich erhielt von ihm allerdings einen ganz unschuldigen und ... und sehr -... edelmütigen Brief ...« - -»Sie stocken, Sie suchen nach Worten -- schon gut! Stepan -Trophimowitsch, Sie haben mir einen großen Gefallen zu erweisen,« wandte -sie sich plötzlich mit blitzenden Augen an diesen. »Haben Sie die Güte, -uns sofort zu verlassen und die Schwelle meines Hauses nie mehr zu -überschreiten.« - -Was mich an der ganzen Szene am meisten wunderte, das war die -erstaunliche Würde, mit der Stepan Trophimowitsch sich hielt. Während -der ganzen »Überführung« durch seinen Sohn und selbst unter dem »Fluch« -Warwara Petrownas machte er nicht ein einziges Mal Miene, sich auch nur -zu verteidigen. Woher nahm er so viel Charakterfestigkeit? Ich habe -später erfahren, daß ihn seines Sohnes Betragen gleich beim ersten -Wiedersehen tief und schmerzlich gekränkt hatte. Das aber war schon ein -ehrliches, ein _echtes_ Leid. Und hinzu kam dann noch der andere -Schmerz: die quälende Selbsterkenntnis, daß er sich niedrig benommen -hatte. Das alles gestand er mir später selbst mit seiner ganzen -Offenherzigkeit. Nun, und ein wirkliches Leid und ein echter Schmerz -können doch sogar einen außergewöhnlich leichtsinnigen und -oberflächlichen Menschen ernst und standhaft machen, wenn auch nur auf -kurze Zeit. Ja, wirkliches Leid hat selbst aus Dummköpfen Kluge gemacht, -wenn auch freilich gleichfalls nur auf kurze Zeit; das ist schon so eine -Eigenschaft des Leides. Wenn dem aber so ist, was konnte dann nicht -alles mit einem Menschen wie Stepan Trophimowitsch geschehen? Da konnte -ja echter Schmerz eine vollkommene Umwandlung bewirken! -- Freilich auch -hier nur auf einige Zeit ... - -Er verbeugte sich würdevoll vor Warwara Petrowna, und ohne ein Wort zu -sagen (allerdings blieb ihm ja auch nichts anderes übrig), wollte er -schon hinausgehen, als er es doch nicht über sich gewann und zu Darja -Pawlowna trat. Diese mochte das schon vorausgefühlt haben, denn sie ging -ihm sofort entgegen und begann, in ihrem Schreck, schnell selbst zu -sprechen, als hätte sie ihm nur ja zuvorkommen wollen. - -»Sagen Sie nichts, Stepan Trophimowitsch, sagen Sie nichts, um Gottes -willen,« sie streckte ihm erregt die Hand entgegen, in ihrem Gesicht -zuckte es schmerzlich. »Seien Sie versichert, daß ich Sie immer -hochachten werde, Stepan Trophimowitsch, und denken Sie auch von mir -nicht schlecht, Stepan Trophimowitsch, ich ... ich werde das immer sehr, -sehr schätzen ...« - -Stepan Trophimowitsch verbeugte sich tief vor ihr. - -»Es ist dein freier Wille, Darja Pawlowna, du weißt, daß du in dieser -ganzen Angelegenheit vollkommen frei handeln kannst,« sagte plötzlich -Warwara Petrowna bedeutsam. - -»Ach! Nun -- nun begreife ich alles!« rief da Pjotr Stepanowitsch aus -und schlug sich vor die Stirn. »Aber ... aber in was für eine Lage hat -man mich denn nun gebracht? Oh, verzeihen Sie mir, Darja Pawlowna, -verzeihen Sie, wenn Sie können! ... Du aber,« wandte er sich an seinen -Vater, »du hast mich ja in eine schöne Lage gebracht!« - -»_Pierre_, du könntest dich auch anders ausdrücken, wenn du mit mir -sprichst,« sagte Stepan Trophimowitsch halblaut. - -»Schrei nur nicht so! Fang nur nicht an zu schreien, ich bitte dich,« -fiel ihm _Pierre_, mit den Armen fuchtelnd, ins Wort. »Glaub mir, das -sind alles nur alte kranke Nerven und Schreien nutzt da gar nichts. Sag -mir lieber, warum du mich dann nicht gleich darauf vorbereitet hast? -Konntest dir doch denken, daß ich hier nach meiner Ankunft sogleich auch -darauf zu sprechen kommen würde!« - -Stepan Trophimowitsch blickte ihm offen in die Augen. - -»_Pierre_, du, der du so viel von dem weißt, was hier vorgeht, solltest -du wirklich von dieser Sache nichts, nicht das Geringste gewußt, gehört -haben?« - -»W--a--as? Na, hör mal ... aber das ist doch! Wir sind also nicht nur -ein altes Kind, sondern auch noch ein böses dazu? ... Haben Sie gehört, -Warwara Petrowna?« - -Es entstand eine Unruhe im Zimmer. Da sollte aber plötzlich etwas -geschehen, was niemand auch nur hätte für möglich halten oder gar -voraussehen können. - - - VIII. - -Zunächst muß ich noch erwähnen, daß in den letzten zwei bis drei Minuten -Lisaweta Nicolajewna von einer neuen Unruhe ergriffen worden war. Sie -hatte schnell ihrer Mutter etwas zugeflüstert, und dann Mawrikij -Nicolajewitsch, der sich zu ihr niederbeugte. Ihr Gesicht war erregt, -doch zugleich drückte es Entschlossenheit aus. Offenbar hatte sie es -jetzt sehr eilig, fortzukommen, denn als Mawrikij Nicolajewitsch die -Mama vorsichtig aus dem Lehnstuhle zu heben begann, wollte sie schon -helfen -- aber sie bezwang sich noch. - -Doch das Schicksal schien es nicht zu wollen, daß sie oder sonst jemand -das Zimmer verließ, ohne das Ende des Ganzen mit angesehen zu haben. - -Schatoff, den alle in seiner Ecke völlig vergessen hatten, und der, wie -es schien, selbst nicht recht wußte, warum er da saß und noch nicht -fortgegangen war -- erhob sich plötzlich von seinem Stuhl und ging mit -nicht schnellen, doch festen Schritten durch das ganze Zimmer auf -Nicolai Stawrogin zu, ihm gerade ins Gesicht sehend. - -Stawrogin war der erste, der sofort bemerkte, daß Schatoff sich erhob, -und er lächelte kaum -- kaum merklich; doch als Schatoff unmittelbar vor -ihm stand, hörte er auf, zu lächeln. - -Jetzt erst, als Schatoff schweigend vor ihm stehen blieb und keinen -Blick von ihm abwandte, bemerkten auch die anderen die beiden. - -Alle verstummten -- Pjotr Stepanowitsch ganz zuletzt. Lisa und die Mama -blieben mitten im Zimmer stehen. - -So vergingen ungefähr fünf Sekunden. - -Der Ausdruck dreister Befremdung in Nicolai Stawrogins Gesicht -verwandelte sich in Zorn, er runzelte die Brauen und -- plötzlich ... - -Und plötzlich holte Schatoff mit seinem langen, schweren Arm weit aus -und schlug ihn ins Gesicht. - -Stawrogin wankte. - -Schatoff hatte ganz eigentümlich geschlagen, nicht so, wie man sonst -Ohrfeigen zu geben pflegt, nicht mit der flachen Hand, sondern mit der -festen, geballten Faust -- die aber war bei ihm groß, schwer, knochig, -mit rötlichem Flaum und Sommersprossen bedeckt. Wenn der Schlag das -Nasenbein getroffen hätte, so würde er es unfehlbar zerschlagen haben, -doch er traf mehr die Wange, den linken Mundwinkel und den Oberkiefer, -aus dem denn auch sofort Blut zu tropfen begann. - -Ich glaube, wir schrien alle auf. Oder vielleicht war es auch nur -Warwara Petrowna, die aufschrie. Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls war -es gleich darauf totenstill. Übrigens dauerte der ganze Zwischenfall -nicht länger als zehn Sekunden. - -Trotzdem geschah in diesen zehn Sekunden unendlich viel. - -Nicolai Stawrogin gehörte zu den Naturen, die Angst überhaupt nicht -kennen. Im Duell stand er, während sein Gegner auf ihn zielte, mit der -größten Kaltblütigkeit da. Kam er zum Schuß, so zielte und tötete er mit -einer Ruhe, die fast tierisch war. Wenn ihn jemand ins Gesicht -geschlagen hätte, so würde er ihn gar nicht erst lange gefordert, -sondern ihn einfach auf der Stelle totgeschlagen haben: gerade zu diesen -Menschen gehörte er, die mit vollem Bewußtsein töten, und nicht etwa in -einem Zustande, in dem der Mensch außer sich und unzurechnungsfähig ist. -Ja, ich glaube sogar, solche Wutausbrüche, die einen blenden und -benommen machen, kannte er überhaupt nicht. Selbst bei dem unermeßlichen -Zorn, der sich seiner bisweilen bemächtigte, behielt er sich immer noch -vollkommen in der Gewalt, und war sich dessen bewußt, daß ein Totschlag, -den er nicht im Duell beging, ihn zum sibirischen Sträfling machen -würde; und dennoch würde er den Beleidiger auf der Stelle erschlagen -haben, und zwar ohne auch nur einen Augenblick davor zurückzuschrecken. - -Ich habe mich immer bemüht, Nicolai Stawrogin richtig zu verstehen. Dank -mancher glücklichen Umstände weiß ich vieles über ihn. Nahe liegt mir -vor allem, ihn mit gewissen großen russischen Männern zu vergleichen, -von denen sich bei uns noch einige legendäre Erinnerungen erhalten -haben. - -So erzählt man zum Beispiel von dem Dekabristen[33] L--n, er habe immer -mit Absicht die Gefahr gesucht, habe sich an ihr berauscht und sie zu -seinem Lebensbedürfnis gemacht: als junger Mensch habe er sich fast -grundlos herumduelliert, in Sibirien sei er, nur mit einem Messer -bewaffnet, auf die Bärenjagd gegangen und habe in den Wäldern mit -entsprungenen Verbrechern, die, nebenbei bemerkt, noch gefährlicher als -Bären sind, zusammenzutreffen gesucht. Zweifellos kannte ein Mann wie -dieser L--n ganz genau das Gefühl der Angst: aber gerade dieses Gefühl -in sich zu überwinden -- das war es, was ihn reizte. Übrigens hatte -dieser selbe L--n in der letzten Zeit vor seiner Verschickung nach -Sibirien eine furchtbare Hungerzeit durchgemacht und sich durch die -schwerste Arbeit sein Brot verdient, nur weil er sich den Wünschen -seines reichen Vaters nicht fügen wollte. Also hatte er nicht nur im -Kampf mit Bären und im Duell seine Standhaftigkeit und Willensstärke zu -erproben und zu beweisen gesucht. - -Doch seitdem sind viele Jahre vergangen, und die nervöse, zerquälte und -gespaltene Natur der Menschen unserer Zeit läßt das Bedürfnis nach -solchen unmittelbaren und ungeteilten Empfindungen, wie sie damals von -manchen in ihrem Lebensdrang unruhigen Männern der guten alten Zeit so -sehr gesucht wurden, überhaupt nicht mehr aufkommen. Stawrogin hätte auf -diesen L--n vielleicht hochmütig herabgesehen, hätte ihn einen Feigling -genannt, der sich immer selbst ermutigen müsse, ein Hähnchen, oder so -ähnlich -- nur würde er sich nie laut darüber geäußert haben. Auch er -hätte im Duell den Gegner erschossen wie er es ja tatsächlich getan, -auch er hätte mit Bären gekämpft, und auch dem Räuber im Walde wäre er -ebenso sicher und furchtlos entgegengetreten: nur hätte er alles das -ohne das geringste Empfinden eines Genusses, sondern einfach aus -unangenehmer Notwendigkeit getan -- schlaff, faul, vielleicht sogar -gelangweilt. Das Böse in ihm war selbstredend gewachsen, im Vergleich zu -L--n, ja selbst zu Lermontoff. In ihm war es vielleicht noch größer als -in diesen beiden zusammen, aber dieses Böse war, wie gesagt, kalt und -ruhig, war, wenn ich mich so ausdrücken darf, _vernünftig_ -- und somit -das Widerlichste, das Furchtbarste, das es überhaupt geben kann. - -Also noch einmal: ich hielt ihn damals und halte ihn auch heute noch, -nachdem alles schon vorüber ist, für gerade so einen Menschen, der, wenn -er einen Schlag ins Gesicht erhält, den Beleidiger sofort und ohne -Zögern totschlägt. - -Und doch geschah in diesem Falle etwas ganz anderes -- etwas -Rätselhaftes. - -Kaum stand Nicolai Stawrogin wieder fest und aufrecht, nachdem er unter -der Wucht des Schlages schmählich gewankt hatte, kaum war der gemeine, -gleichsam nasse Schall des Schlages verhallt -- da packte er auch schon -Schatoff mit beiden Händen fest an den Schultern. Aber sofort, ja schon -im selben Augenblick, riß er die Hände wieder zurück und kreuzte sie auf -dem Rücken. Er schwieg. Er sah nur Schatoff an. Und sein Gesicht wurde -fahl. Doch sonderbar: sein Blick erlosch gleichsam. Aber schon nach zehn -Sekunden blickten seine Augen wieder kalt und -- ich bin überzeugt, daß -ich mich nicht getäuscht habe -- vollkommen ruhig: nur bleich war er -noch wie ein Hemd. Freilich weiß ich nicht, was in seinem Innern -vorging, ich sah nur das Äußere. - -Ich glaube, ein Mensch, der z. B. ein rotglühendes Eisenstück ergreift -und es in der Hand preßt, um seine Standhaftigkeit zu erproben, und der -dann zehn Sekunden lang einen unerträglichen Schmerz aushält und damit -endet, daß er ihn bezwingt -- ich glaube, ein solcher Mensch würde -ähnliches empfinden wie Nicolai Stawrogin in diesen zehn Sekunden. - -Der erste von beiden, der die Augen niederschlug, war Schatoff, und wie -man sah, weil er dazu gezwungen war. Darauf wandte er sich langsam um -und verließ das Zimmer, doch nicht mehr mit demselben festen Schritt, -mit dem er vorhin auf Stawrogin zugeschritten war. Er ging leise und -ganz besonders ungelenk hinaus, mit gehobenen Schultern, gleichsam -bucklig und mit gesenktem Kopf, als dächte er schweren Gedanken nach. -Ich glaube, er murmelte irgend etwas. Bis zur Tür ging er vorsichtig, -ohne irgendwo anzustoßen oder etwas umzuwerfen, die Tür selbst aber -öffnete er nur ein wenig, so daß er sich dann beinahe seitwärts wie -durch einen Spalt durchschob. Gerade dort an der Tür war sein -Haarschopf, der steif auf dem Kopfwirbel abstand, ganz besonders -bemerkbar. - -Kaum war die Türe hinter ihm geschlossen, als noch vor allen Ausrufen -ein furchtbarer Schrei durch das Zimmer gellte. Ich sah, wie Lisaweta -Nicolajewna ihre Mutter an der Schulter und Mawrikij Nicolajewitsch am -Arm packte, sie zwei- oder dreimal mitriß, als wolle sie so schnell wie -nur möglich weg von hier, doch plötzlich stieß sie den Schrei aus und -stürzte ohnmächtig längelang hin. Noch jetzt glaube ich zu hören, wie -ihr Kopf auf den Teppich schlug. - - - - - Sechstes Kapitel. - Die Nacht - - - I. - -Es vergingen acht Tage. Jetzt, wo alles vorüber ist und ich die Chronik -schreibe, wissen wir, was hinter dem Ganzen sich verbarg; doch damals -wußten wir noch nichts, und nur natürlich ist es, daß uns vieles seltsam -erschien. Wir, d. h. Stepan Trophimowitsch und ich, zogen uns zunächst -vollständig zurück und beobachteten aus der Ferne, -- nicht ohne -Schrecken. Nur ich begab mich hin und wieder unter Menschen und brachte -meinem Freunde verschiedene Nachrichten, ohne die er es nicht aushielt. - -In der Stadt sprach man selbstverständlich über nichts anderes als die -Ohrfeigengeschichte, Lisas Ohnmachtsanfall und all das andere, was an -jenem Sonntag Vormittag geschehen war. Nur eines war dabei befremdlich: -durch wen waren diese Begebnisse so schnell und so genau bekannt -geworden? Eigentlich hatte doch keiner von den Anwesenden irgendeinen -Vorteil davon, wenn er das Geschehene ausplauderte. Dienstboten waren -nicht zugegen gewesen. So blieb Lebädkin: er allein hätte das eine oder -andere erzählen können, weniger aus Bosheit, als einfach deshalb, weil -er Geheimnisse nun einmal nicht für sich behalten konnte. Lebädkin aber -war am anderen Tage mitsamt seiner Schwester spurlos verschwunden und im -Filippoffschen Hause konnte mir niemand über seinen Verbleib Auskunft -geben. Schatoff jedoch, bei dem ich mich nach Marja Timofejewna -erkundigen wollte, hatte seine Tür zugeschlossen und verließ in dieser -ganzen ersten Woche kein einziges Mal sein Zimmer. Ich ging am Dienstag -wieder zu ihm und klopfte an die Tür, und da ich, obgleich alles still -blieb, fest überzeugt war, daß er in seinem Zimmer sei, klopfte ich -wieder und wieder. Plötzlich hörte ich, wie er aufsprang, wahrscheinlich -von seinem Bett, mit schnellen Schritten zur Tür kam und mit lauter -Stimme »Schatoff ist nicht zu Hause!« rief. Da blieb mir nichts anderes -übrig, als fortzugehen. - -Schließlich kamen Stepan Trophimowitsch und ich auf einen Gedanken, der -uns zunächst gewagt erschien, doch zu dem wir uns gegenseitig immer -wieder ermutigten, nämlich, daß es nur sein Sohn Pjotr Stepanowitsch -gewesen sein konnte, der die ganze Geschichte in der Stadt verbreitet -hatte, obwohl er in einem Gespräch mit seinem Vater versichert hatte, er -habe schon am Montag früh an allen Ecken und Enden von den Vorfällen -erzählen gehört, aber namentlich Abends im Klub, und sogar dem -Gouverneur und seiner Frau seien selbst die kleinsten Kleinigkeiten -bereits bekannt gewesen. Bemerkenswert ist auch noch, daß Liputin, den -ich an eben diesem Montag abends auf der Straße traf, mir auch schon -alles Vorgefallene fast Wort für Wort und Zug für Zug zu erzählen wußte. - -Viele Damen, besonders die der besten städtischen Gesellschaft, -erkundigten sich auch angelegentlich nach der »rätselhaften Lahmen«, wie -man Marja Timofejewna allgemein nannte. Und nicht minder interessierten -sie sich für den Ohnmachtsanfall Lisaweta Nicolajewnas, zumal dieser ja -auch Julija Michailowna, als Lisas Verwandte und besondere Beschützerin, -anging. Und was erzählte man sich nicht alles in den verschiedenen -Kreisen der Stadt! Hinzu kam, daß beide Häuser für alle und jeden -verschlossen blieben. Lisaweta Nicolajewna, hieß es alsbald, läge im -stärksten Nervenfieber, und dasselbe erzählte man auch von Nicolai -Stawrogin, wobei man sich dann in den widerlichsten ausführlichen -Beschreibungen seines Zustandes, über einen angeblich ausgeschlagenen -Zahn und eine geschwollene Backe, nicht genug tun konnte. In -verschwiegenen Winkeln aber glaubte man schon ganz genau zu wissen, daß -in der nächsten Zeit ein Mord stattfinden werde, ein heimlicher, wie in -einer korsischen Vendetta, denn Stawrogin sei nicht der Mann, der eine -solche Beleidigung vergäße. Im allgemeinen sah man deutlich, wie der -alte Haß gegen Nicolai Stawrogin wieder auflebte, denn selbst -ehrwürdige, sonst ganz gutmütige Leute wußten nichts Besseres zu tun, -als ihn zu beschuldigen, allerdings ohne selber recht zu wissen, was er -verbrochen haben sollte. - -Vor allem aber erzählte man sich flüsternd, natürlich unter dem Siegel -der tiefsten Verschwiegenheit, daß es zwischen Nicolai Stawrogin und -Lisa Tuschina in der Schweiz zu einer bösen Geschichte gekommen sei, und -er ihre Ehre auf dem Gewissen habe, und daß sie später durch eine -Intrigue entzweit worden seien. Freilich beobachteten vorsichtigere -Leute eine gewisse Zurückhaltung solchen Geschichten gegenüber, aber -zuhören taten doch alle mit Begierde. - -Aber es gab auch noch andere Gerüchte, nur wurden sie nicht so -allgemein, sondern nur dann besprochen, wenn man unter sich war. Ja, -eigentlich war es kaum mehr als ein Gemunkel, das ich nur erwähne, um -den Leser im Hinblick auf die späteren Ereignisse zum Aufmerken zu -veranlassen. Es handelte sich dabei um folgendes: manche Leute sprachen -nämlich, indem sie unmutig die Stirn runzelten, von dem Gott weiß woher -aufgetauchten Gerücht, Nicolai Stawrogin sei zu einem ganz bestimmten -Zweck in unser Gouvernement geschickt worden; durch den Grafen K. habe -er in Petersburg zu irgendwelchen höchsten Spitzen Beziehungen -angeknüpft, ja, vielleicht sei er sogar in den Staatsdienst getreten und -jetzt womöglich mit irgendwelchen hochwichtigen Aufträgen hergesandt. -Als nun gewichtige und ernsthafte Leute über dieses Gerücht lächelten -und vernünftig bemerkten, daß ein Mensch, der von Skandalen lebte und -bei uns damit begann, daß er sich ungestraft ohrfeigen ließ, einem -Staatsdiener nicht gerade ähnlich sähe, da wurde ihnen leise -zugetuschelt, daß er ja gar nicht offiziell, sondern nur sozusagen -konfidentiell diesen Auftrag erhalten habe, und in solchem Falle sei es -im Interesse der Sache sogar wünschenswert, daß der betreffende -Vertrauensmann möglichst wenig an einen Staatsdiener erinnere. Diese -Vorhaltungen verfehlten ihre Wirkung nicht, denn es war bei uns bekannt, -daß man die Landesvertretung in unserem Gouvernement dort in der -Hauptstadt mit einer gewissen besonderen Aufmerksamkeit im Auge behielt. -Doch wie gesagt, dieses Gemunkel dauerte nur eine Zeitlang an und -verstummte sogleich, als Nicolai Stawrogin wieder persönlich erschien. -Im übrigen aber muß ich noch erwähnen, daß der Ursprung vieler dieser -Gerüchte zum Teil ein paar kurze, doch gehässige Bemerkungen gewesen -waren, die der Gardeoffizier a. D., Rittmeister Artemij Pawlowitsch -Gaganoff, ein sehr reicher Gutsbesitzer unseres Gouvernements und -Kreises, dabei Petersburger Weltmann, im Klub hatte fallen lassen, wenn -auch in etwas unklaren und schroffen Worten. Dieser Rittmeister a. D. -war der Sohn des verstorbenen Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, jenes selben -alten Würdenträgers, den Nicolai Stawrogin vor vier Jahren im Klub auf -so unverzeihliche Weise beleidigt hatte. - -Bekannt war auch schon geworden, daß Julija Michailowna Warwara Petrowna -einen Besuch hatte machen wollen, man ihr aber an der Vorfahrt -mitgeteilt habe, Warwara Petrowna könne »wegen Krankheit« leider nicht -empfangen; ferner, daß Julija Michailowna zwei Tage darauf ihren Diener -zu Warwara Petrowna geschickt hätte, um sich nach deren Befinden zu -erkundigen; und schließlich hatte sie sogar angefangen, Warwara Petrowna -persönlich zu »verteidigen«, wenn auch nur in höherem Sinne, d. h. in -einer ganz allgemeinen Weise. Alle anfänglichen Bemerkungen über den -Vorfall an jenem Sonntag hörte sie kalt und streng an, so daß man schon -sehr bald in ihrer Gegenwart nicht mehr davon zu sprechen wagte. -Zugleich verbreitete sich dadurch die Überzeugung, Julija Michailowna -habe nicht nur wie die anderen einzelne Gerüchte gehört, sondern wisse -sogar alle letzten Einzelheiten, und zwar wie eine »Mitbeteiligte«. Ich -bemerke bei dieser Gelegenheit, daß es Julija Michailowna zum Teil schon -gelungen war, jenen höheren Einfluß zu erringen, nach dem sie so -augenscheinlich strebte. Ein Teil der Gesellschaft sprach ihr bereits -praktischen Verstand zu und viel Takt -- aber davon später! Jedenfalls -war es nicht zum wenigsten ihre Protektion, die den schnellen Aufstieg -Pjotr Stepanowitschs in unserer Gesellschaft erklärte -- seine -gesellschaftlichen Erfolge, die damals am meisten seinen Vater Stepan -Trophimowitsch in Erstaunen setzten. - -Pjotr Stepanowitsch wurde fast im Nu mit der ganzen Stadt bekannt. Am -Sonntag war er angekommen, und schon am Dienstag sah ich ihn mit dem -stolzen, hochmütigen, sonst geradezu unnahbaren Artemij Pawlowitsch -Gaganoff, in freundschaftlichem Gespräch begriffen, in einer Equipage -vorüberfahren. Im Hause des Gouverneurs wurde Pjotr Stepanowitsch -gleichfalls vorzüglich aufgenommen, so daß er dort schon nach wenigen -Tagen die Rolle des gehätschelten jungen Mannes spielte und fast täglich -bei ihnen speiste. Die Bekanntschaft Julija Michailownas hatte er -allerdings schon in der Schweiz gemacht, aber nichtsdestoweniger war -sein schneller Erfolg im Hause Seiner Exzellenz zum mindesten etwas -sonderbar. Hatte es denn nicht von ihm geheißen, er sei ein -Revolutionär? Hatte er sich nicht an allen möglichen ausländischen -Veröffentlichungen und Kongressen beteiligt? »Aus alten Zeitungen kann -ich Ihnen das sogar schwarz auf weiß nachweisen!« sagte einmal Aljoscha -Telätnikoff wütend zu mir, er, der Arme, der im Hause des alten -Gouverneurs auch einmal der gehätschelte Junge gewesen war und nun als -abgesetzter Beamter sein Leben fristete. Tatsache war eines: der -ehemalige Revolutionär trat in Rußland ohne die geringste Behelligung -auf -- also waren alle Gerüchte vielleicht völlig unbegründet gewesen? -Liputin flüsterte mir einmal zu, Pjotr Stepanowitsch habe sich die -Begnadigung durch die Angabe anderer Namen erkauft und stehe seitdem in -Beziehung zu hohen Stellen. Ich teilte diese gehässige Äußerung Liputins -Stepan Trophimowitsch mit, der darob sehr nachdenklich wurde. Später -stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch mit sehr guten -Empfehlungen zu uns gekommen war: so z. B. hatte er Julija Michailowna -von der Gattin einer der ersten Persönlichkeiten Petersburgs einen -langen Brief überbracht, in dem unter anderem erwähnt war, daß auch Graf -K. Pjotr Stepanowitsch durch Nicolai Stawrogin kennen gelernt und ihn -einen »interessanten jungen Mann, trotz der früheren Verirrungen«, -genannt habe. Julija Michailowna schätzte ihre spärlichen, so mühevoll -aufrecht erhaltenen Beziehungen zur »hohen Gesellschaft« bis zur -Unglaublichkeit, und so hatte sie sich denn über den Brief jener hohen, -alten Dame ungemein gefreut. Trotzdem gab es hier noch etwas -Unerklärliches. Sogar ihren Mann stellte sie zu Pjotr Stepanowitsch in -fast familiäre Beziehung, so daß Herr von Lembke sich schon beklagte -- -doch davon gleichfalls später! Bemerken möchte ich nur noch, daß selbst -Karmasinoff, der »_große_ Schriftsteller«, sich äußerst wohlwollend zu -Pjotr Stepanowitsch verhielt und ihn sofort zu sich einlud -- eine -Eilfertigkeit dieses eingebildeten Menschen, die Stepan Trophimowitsch -noch schmerzhafter als alles andere verletzte. Ich erklärte sie mir -allerdings anders, nämlich: daß Karmasinoff durch diesen »Nihilisten«, -für den er Pjotr Stepanowitsch zweifellos hielt, mit der -fortschrittlichen Jugend in Fühlung treten wollte. Der »große -Schriftsteller« zitterte geradezu vor der Revolutionsbewegung der -Studentenkreise, und da er sich in seiner Unkenntnis der Sache -einbildete, in ihren Händen liege der Schlüssel zur Zukunft Rußlands, so -wollte er, nachdem er es erst mit den Alten gehalten hatte, es auch mit -den Jungen nicht verderben, und suchte ihnen, hauptsächlich deshalb, -weil sie ihrerseits für ihn nur Mißachtung hatten, in jeder nur -möglichen, und wenn auch für ihn erniedrigenden Weise zu schmeicheln. - - - II. - -Pjotr Stepanowitsch war übrigens nur zweimal zu seinem Vater gekommen, -doch zu meinem Bedauern stets in meiner Abwesenheit. Das erste Mal hatte -er ihn am Mittwoch besucht, also ganze vier Tage nach seinem Eintreffen, -und auch dann nur in Geschäften. - -Die Abrechnung wegen des Gutes war sozusagen im stillen abgetan worden. -Warwara Petrowna hatte einfach alles auf sich genommen und die ganze -Summe für das Gütchen, fünfzehntausend Rubel, Pjotr Stepanowitsch -ausgezahlt. Stepan Trophimowitsch wurde erst benachrichtigt, nachdem -alles schon abgeschlossen war. Ihr Kammerdiener Alexei Jegorowitsch -überbrachte ihm irgendein Schriftstück, das er dann stumm und würdevoll -unterzeichnete. Ja, eines möchte ich bei der Gelegenheit noch -ausdrücklich bemerken: unser »Alter« bewahrte in diesen Tagen eine -Haltung, wie nie zuvor, war würdevoll schweigsam, schrieb aber -tatsächlich nicht einen einzigen Brief an Warwara Petrowna, was ich -früher einfach nicht für möglich gehalten hätte, so daß ich unseren -früheren Stepan Trophimowitsch kaum wiedererkannte, und vor allem war er -ganz ruhig. Diese Ruhe hatte er offenbar plötzlich in einer bestimmten -großen Idee gefunden, und nun saß er da und wartete auf irgend etwas. -Ganz zuerst freilich, gleich am Montag früh, da war er krank -- wenn -sich auch bloß seine übliche Cholerine einstellte. Erzählte ich ihm von -dem, was man in der Stadt sprach, so hörte er aufmerksam zu. Wollte ich -dann aber auf den Kern der Sache übergehen, so winkte er mir sofort ab. -Die beiden Besuche seines Sohnes hatten ihn selbstverständlich sehr -erregt, aber nicht erschüttert oder wankend gemacht. Wohl legte er sich -nachher jedesmal, mit einer Essigkompresse um den Kopf, auf den Diwan: -aber im »höheren Sinne« blieb er, wie gesagt, doch ruhig. - -Übrigens kam es zuweilen doch vor, daß er mir auch nicht abwinkte, wenn -ich mit meinen Erzählungen allzu sehr ins einzelne gehen wollte. Und -zuweilen schien es mir, als ob ihn seine geheimnisvolle Entschlossenheit -im Stiche ließe und er gegen neue stürmisch andrängende Ideen innerlich -zu kämpfen hätte. - -Das geschah zwar nur in Augenblicken, aber ich erwähne sie. Ich ahnte -wohl, daß ihn dann der Wunsch anwandelte, aus seiner Einsamkeit -hervorzutreten, sich wieder zu zeigen und einen letzten Kampf zu wagen. - -»Oh, _cher_, wie ich sie aufs Haupt schlagen würde!« rang es sich am -Donnerstag abend aus ihm hervor, nach Petruschas zweitem Besuch, als -Stepan Trophimowitsch wieder mit einer Essigkompresse auf dem Diwan lag. -Bis zu diesem Augenblick hatte er mit mir noch nicht ein einziges Wort -gesprochen. - -»... >_Fils_<, >_fils chéri_<{[98]} und so weiter ... ich gebe ja zu, -daß diese Ausdrücke Unsinn sind, aus dem Wortschatz der Köchinnen -stammen, meinetwegen, ich gebe es selbst zu. Ich habe ihn nicht genährt -noch gekleidet, ich habe ihn gleich als Säugling aus Berlin per Post -nach Rußland geschickt. Ich gebe das, wie gesagt, ja vollkommen zu ... ->Du hast mich nicht genährt, nicht gekleidet, sondern per Post -fortgeschickt,< sagt er, >und hier hast du mich obendrein noch -bestohlen.< Aber, Unseliger, rufe ich ihm zu, für wen hat denn mein Herz -mein ganzes Leben lang geblutet, wenn ich dich auch damals per Post -fortgeschickt habe!? _Il rit._{[99]} Aber ich gebe ja zu, ich gebe ja zu -... wenn auch per Post --« schloß er, wie im Fieber phantasierend. - -»_Passons_,«{[100]} begann er dann nach fünf Minuten wieder. »Ich kann -Turgenjeff nicht verstehen. Sein Basaroff[34] ist eine fiktive -Persönlichkeit, die überhaupt nicht existiert. Ich war ja selbst mit -unter den ersten, die sie als unmöglich zurückwiesen. Dieser Basaroff -ist gewissermaßen ein verschwommenes Gemisch von Nosdreff[35] und Byron. -_Oui, c'est le mot_,{[101]} -- Nosdreff und Byron. Betrachten Sie sie -einmal aufmerksam: sie schlagen Purzelbäume und quieken vor Freude wie -die jungen Hunde im Sonnenschein ... sie sind glücklich, sie sind -Sieger! Doch was Byron! Lassen wir den hier aus dem Spiel ... Und zudem --- wie viel Alltag! Welch eine köchinnenhafte Reizbarkeit der -Eigenliebe! Welch ein erbärmliches Dürsten nach _faire du bruit autour -de son nom_, ohne zu bemerken, daß _son nom_{[102]} ... Oh, Karikaturen! --- Aber erlaube, rufe ich ihm zu, willst du denn wirklich dich selbst, -so wie du bist, als Ersatz für Christus vorschlagen? _Il rit. Il rit -beaucoup. Il rit trop._ Er hat so ein sonderbares Lächeln. Seine Mutter -hatte nicht solch ein Lächeln. _Il rit toujours._«{[103]} - -Wieder trat Schweigen ein. - -»Sie sind schlau! Am Sonntag hatten sie sich verabredet ...« platzte er -plötzlich heraus. - -»Zweifellos,« sagte ich schnell und spitzte die Ohren, »und dazu war die -ganze Komödie noch mit weißem Faden zusammengenäht und so ungeschickt -vorgespielt!« - -»Davon rede ich nicht. Aber wissen Sie auch, daß das Ganze sogar -absichtlich mit weißem Faden zusammengenäht war? Damit es die merkten, -die es merken sollten? Verstehen Sie?« - -»Nein, ich verstehe nicht --« - -»_Tant mieux. Passons._{[104]} Ich bin heute etwas irritiert.« - -»Ja, aber worüber haben Sie sich denn mit ihm gestritten, Stepan -Trophimowitsch?« - -»_Je voulais convertir._ Sie lachen natürlich. _Cette pauvre_ Tantchen, -_elle entendra de belles choses_!{[105]} Oh, mein Freund, werden Sie es -mir glauben, daß ich mich vorhin ganz als Patriot fühlte! Übrigens habe -ich mich immer als Russe empfunden ... Und ein echter Russe kann auch -gar nicht anders sein, als wir beide sind. _Il y a là dedans quelque -chose d'aveugle et de louche._«{[106]} - -»Unbedingt,« versetzte ich. - -»Mein Freund, die wirkliche Wahrheit ist immer unwahrscheinlich, wissen -Sie das auch? Um die Wahrheit wahrscheinlich zu machen, muß man -unbedingt etwas Lüge hinzumischen. Und so haben es die Menschen denn -auch stets gehalten. Vielleicht ist hierbei etwas, was wir nicht -verstehen können. Was meinen Sie, ist hier nicht etwas, was wir nicht -verstehen, in diesem siegesgewissen Gekreisch? Ich würde wünschen, daß -es so wäre. Ich würde es wünschen ...« - -Ich schwieg. Und auch er schwieg recht lange. - -»Man sagt: >französischer Verstand!< ...« begann er plötzlich von neuem -und fast wie im Fieber. »Aber das ist eine Lüge. So ist es bei uns schon -immer gewesen. Wozu den französischen Verstand verleumden? Hier ist es -einfach russische Faulheit, unsere Kraftlosigkeit, unsere erniedrigende -Unfähigkeit, eine Idee hervorzubringen, unsere widerliche Parasitenrolle -unter den Völkern. _Ils sont tout simplement des paresseux_,{[107]} -- -aber nicht >französischer Verstand<! Die Russen müßten zum Wohle der -übrigen Menschheit ganz einfach vertilgt werden ... wie schädliche -Parasiten! Wir, in unserer Jugend, wir haben nach etwas ganz, ganz -anderem gestrebt. Jetzt verstehe ich nichts mehr, ich habe ganz einfach -aufgehört, zu verstehen! Ja, siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, -siehst du denn nicht ein, daß bei euch die Guillotine nur deshalb auf -dem ersten Plan steht, weil Kopfabschneiden viel, viel leichter ist, als -eine Idee haben? _Vous êtes des paresseux! Votre drapeau est une -guenille, une impuissance!_{[108]} Diese Wagen, oder wie sie da ... >das -Rollen der Wagen, die Brot der Menschheit bringen< ... nützlicher als -die Sixtinische Madonna, oder wie sie da ... _une bêtise dans ce -genre_.{[109]} Aber siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du -denn nicht ein, daß ein Mensch außer dem Glück genau ebensosehr und -genau in demselben Maße das Unglück nötig hat? _Il rit!_ -- >Du reißt -hier Witze<, sagte er mir, >und ... schonst dabei deine Knochen (er -drückte sich gemeiner aus) auf einem Diwan, der mit Samt bezogen ist< -... Und vergessen Sie nicht, daß er mich dabei duzt, den Vater, als -Sohn.[36] Nun, ich wollte ja nicht sagen, wenn wir beide einerlei -Meinung wären ... aber so, wenn wir uns nun zanken?« - -Wir schwiegen wieder. - -»_Cher_,« sagte er plötzlich, sich schnell erhebend, »wissen Sie auch, -daß das unbedingt mit irgend etwas enden muß?« - -»Nun, freilich,« sagte ich. - -»_Vous ne comprenez pas. Passons._{[110]} Aber ... gewöhnlich endet es -im Leben mit nichts, hier jedoch wird es ein Ende geben, unbedingt, -unbedingt!« - -Er stand auf und ging in größter Aufregung hin und her -- bis er sich -dann schließlich wieder kraftlos auf den Diwan niedersinken ließ. - -Am Freitag morgen fuhr Pjotr Stepanowitsch irgendwohin fort in die -Umgegend, und erschien erst am Montag wieder bei uns. - -Von dieser Fahrt erfuhr ich durch Liputin: und ebenfalls war es Liputin, -der mir erzählte, daß die beiden Lebädkins auf der anderen Flußseite in -der Fabrikvorstadt wohnten. »Ich selbst habe sie hinübergeschafft,« -fügte er hinzu, brach aber sofort ab und teilte mir nur noch mit, daß -Lisaweta Nicolajewna sich mit Mawrikij Nicolajewitsch verlobt habe -- -offiziell habe man es zwar noch nicht bekanntgegeben, aber -nichtsdestoweniger sei es Tatsache. - -Lisaweta Nicolajewna sah ich übrigens am nächsten Morgen, als sie, zum -erstenmal nach ihrer Krankheit, mit Mawrikij Nicolajewitsch ausritt. Sie -erblickte mich, ihre Augen blitzten auf und sie nickte mir lachend und -sehr freundschaftlich zu. - -Ich erzählte natürlich alles Stepan Trophimowitsch, doch nur der -Nachricht über die Lebädkins schenkte er einige Aufmerksamkeit. -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Jetzt aber, nachdem ich das Wichtigste aus diesen acht Tagen unserer -rätselvollen Ungewißheit erzählt habe, will ich die weiteren -Geschehnisse anders wiedergeben: mit Kenntnis des ganzen Sachverhalts, -d. h. so, wie sich schließlich alles, als es an den Tag kam, in seinen -Zusammenhängen erklärte. Ich beginne mit dem achten Tage nach jenem -Sonntag, also mit dem Montagabend -- denn im Grunde war es dieser Abend, -an dem die »neue Geschichte« begann. - - - III. - -Es war sieben Uhr abends. Nicolai Stawrogin saß allein in seinem -Arbeitszimmer, das er schon früher von allen anderen Räumen des Hauses -zu seinem Kabinett erwählt hatte. Es war ein hoher Raum mit schönen -Teppichen und etwas schweren, altertümlichen Möbeln. - -Er saß in der Ecke des Diwans, wie zum Ausgehen angekleidet, doch -anscheinend hatte er nicht die Absicht, aufzubrechen und irgendwohin zu -gehen. Auf dem Tisch vor ihm stand eine Lampe mit einem Lampenschirm. -Die Seiten und Ecken des großen Raumes blieben dunkel. Sein Blick war -nachdenklich und zusammengefaßt, doch nicht ganz ruhig; sein Gesicht sah -müde und ein wenig abgemagert aus. Er war tatsächlich krank, wenn auch -nur an einer Erkältung, verbunden mit einem gewissen Ohrenreißen; aber -das Gerücht von einem ausgeschlagenen Zahn war doch übertrieben: der -Zahn hatte anfänglich nur gewackelt, war jedoch inzwischen wieder fest -geworden. Auch die von innen verletzte Oberlippe war bereits zugeheilt. -Das Zahngeschwür aber, das mit der Erkältung zusammenhing, hatte er nur -deshalb nicht aufschneiden lassen, um nicht den Arzt empfangen zu -müssen. Doch übrigens hatte er nicht nur nicht den Arzt, sondern selbst -seine Mutter kaum auf ein paar Minuten eintreten lassen und auch das -höchstens einmal am Tage und nur um die Dämmerstunde, wenn es schon -dunkelte und das Licht noch nicht brannte. - -Auch Pjotr Stepanowitsch, der zwei- bis dreimal täglich bei Warwara -Petrowna vorgesprochen hatte, war nicht von ihm empfangen worden. Erst -jetzt, eben an jenem Montag, nachdem Pjotr Stepanowitsch am Morgen von -seiner dreitägigen Reise zurückgekehrt, schon überall in der Stadt -herumgelaufen war, dann bei Julija Michailowna zu Mittag gespeist hatte -und erst gegen Abend bei Warwara Petrowna erschien, verkündete sie ihm, -die ihn bereits ungeduldig erwartete, daß das Verbot aufgehoben sei und -_Nicolas_ wieder empfange. Darauf begleitete sie den Gast selbst bis zur -Tür des Arbeitszimmers ihres Sohnes, denn sie hatte schon längst ein -Wiedersehen der beiden gewünscht. Pjotr Stepanowitsch hatte ihr -versprochen, nachher noch zu ihr zu kommen und zu berichten, wie er -_Nicolas_ fand. Sie klopfte vorsichtig an die Tür und wagte sogar, als -sie keine Antwort erhielt, den Türflügel drei Finger breit zu öffnen. - -»_Nicolas_, darf ich Pjotr Stepanowitsch eintreten lassen?« fragte sie -leise und gehalten, während sie sich zugleich bemühte, sein Gesicht -hinter der Lampe zu erkennen. - -»Gewiß, gewiß darf man, das versteht sich doch von selbst!« rief laut -und aufgeräumt Pjotr Stepanowitsch, öffnete die Tür mit eigener Hand und -trat ein. - -Stawrogin hatte das Klopfen seiner Mutter überhört und nur die scheue -Frage vernommen, aber noch nicht antworten können. Vor ihm lag in diesem -Augenblick ein Brief, den er gerade erst durchgelesen hatte und über den -er dann in tiefes Nachdenken versunken war. Als er nun plötzlich den -Anruf Pjotr Stepanowitschs hörte, fuhr er zusammen und suchte schnell -mit einem Briefbeschwerer den Brief zu bedecken, was ihm aber nur halb -gelang, denn eine Ecke des Briefes und fast das ganze Kuvert waren noch -zu sehen. - -»Ich habe absichtlich so laut gerufen, um Ihnen Zeit zu geben, sich -vorzubereiten,« flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der im Nu am Tisch war -und sofort mit aufmerksamem Blick das Kuvert musterte, mit wunderlich -naiver Aufrichtigkeit. - -»-- Und haben gewiß noch glücklich bemerken können, wie ich vor Ihnen -diesen Brief zu verbergen suchte,« sagte Stawrogin ruhig, ohne sich von -seinem Platz zu rühren. - -»Einen Brief? Na, Sie mit Ihren Briefen ... was gehn mich Ihre Briefe -an,« versetzte der andere. »Aber ... die Hauptsache, --« fuhr er wieder -leise fort, indem er sich zur Tür wandte, die Warwara Petrowna schon -geschlossen hatte, und wies mit dem Kopf nach dieser Richtung. - -»Sie horcht nie,« bemerkte Stawrogin kalt. - -»Na, ich meinte bloß -- und wenn sie auch horchen sollte!« Pjotr -Stepanowitsch erhob sofort wieder die Stimme und setzte sich in einen -Sessel. »Ich habe ja sonst nichts dagegen, nur bin ich diesmal gekommen, -um mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen. Also endlich, vor allen -Dingen, wie steht es mit der Gesundheit? Sehe schon, daß es gut steht, -und morgen werden Sie vielleicht erscheinen, wie?« - -»Vielleicht.« - -»Sie müssen die Leute doch endlich beruhigen und ebenso auch mich!« -begann er plötzlich heftig gestikulierend, sah aber dabei ganz heiter -und zufrieden aus. »Wenn Sie wüßten, was ich ihnen alles habe -vorschwatzen müssen! Aber übrigens, Sie wissen es ja.« Er lachte auf. - -»Alles weiß ich nicht. Ich habe nur von meiner Mutter gehört, daß Sie -sich sehr ... gerührt haben.« - -»Das heißt, ich habe ja nichts Bestimmtes --,« wehrte Pjotr -Stepanowitsch schnell ab, als verteidige er sich gegen einen furchtbaren -Angriff. »Ich habe nur Schatoffs Frau so ein bißchen unter die Leute -gebracht, das heißt, ich meine die Gerüchte über Ihre Beziehungen zu ihr -in Paris, was jenen Vorfall vom Sonntag dann durchaus erklären könnte -... Sie ärgern sich doch nicht?« - -»Bin überzeugt, daß Sie sich sehr bemüht haben.« - -»Nun, das allein war es, was ich fürchtete! Aber übrigens, was heißt -denn das: >sehr bemüht<? -- das klingt ja ganz wie ein Vorwurf. Doch ich -sehe, daß Sie die Sache wenigstens nicht schief auffassen: das war meine -größte Sorge, als ich herkam -- Sie würden sie nicht _gerade_ nehmen -...« - -»Ich will überhaupt nichts _gerade_ nehmen,« sagte Stawrogin mit einer -gewissen Gereiztheit, doch gleich darauf lächelte er spöttisch. - -»Ach, ich rede doch nicht davon, nicht davon, Sie irren sich, nicht -davon!« rief Pjotr Stepanowitsch und fuchtelte wieder abwehrend und -streute die Worte wie Erbsen hin, schien aber zugleich sehr erfreut über -die Reizbarkeit Stawrogins zu sein. »Ich werde Sie doch jetzt nicht mit -_unserer_ Sache ärgern, in der Lage, in der Sie jetzt sind! Ich kam nur -her wegen der Affäre am Sonntag, und auch das nur zum allerkleinsten -Teil, denn, nicht wahr, es geht doch nicht so! Ich bin mit den -aufrichtigsten Erklärungen gekommen, die für mich notwendig sind, nicht -für Sie -- dies mag für Ihre Eigenliebe gesagt sein, aber zu gleicher -Zeit ist es auch wahr. Ich bin gekommen, um von nun an immer aufrichtig -zu sein.« - -»Das heißt so viel, daß Sie früher unaufrichtig waren?« - -»Das wissen Sie doch selbst ganz genau. Ich habe oft Kniffe angewandt -... Sie lächeln; freut mich sehr, denn das Lächeln ist für mich ein -Vorwand zur Auseinandersetzung. Ich habe ja absichtlich das Lächeln mit -der kleinen Prahlerei hervorgelockt, damit Sie sich sofort wieder -ärgern: wie wagte ich zu denken, daß ich mit Kniffen Sie zu betrügen -vermöchte, und zweitens, damit ich Grund habe, mich sofort zu erklären. -Sehen Sie, wie aufrichtig ich bin. Na, schön, wäre es Ihnen jetzt recht, -mich anzuhören?« - -Stawrogins Gesicht, das bis dahin verachtend ruhig und beinahe spöttisch -ausgesehen hatte, trotz der augenscheinlichen Absicht seines Gastes, ihn -mit diesen zudringlichen, vorbereiteten und bewußt plumpen Naivitäten zu -ärgern, verriet jetzt doch eine gewisse unruhige Neugier. - -»Also hören Sie,« begann Pjotr Stepanowitsch, noch lebhafter als vorhin. -»Als ich hierher kam, das heißt, überhaupt hierher in diese Stadt, vor -zehn Tagen, da entschloß ich mich natürlich, hier eine Rolle zu spielen. -Besser freilich, sollte man meinen, wär's ganz ohne Rolle, wie ... wie -... nun, als individuelle Persönlichkeit -- nicht wahr? Allerdings kann -nichts schlauer sein, als die Rolle einer individuellen Persönlichkeit, -denn die würde mir doch niemand zutrauen. Aber wissen Sie, zuerst wollte -ich schon den Rüpel spielen, weil das viel leichter ist. Aber der Rüpel -ist zugleich auch schon das Äußerste, und da das Äußerste immer Aufsehen -und Neugier erregt, so entschied ich mich denn endgültig für die -individuelle Persönlichkeit. Nun ja, aber wie ist denn nun meine -individuelle Persönlichkeit? -- Doch einfach die goldene Mitte: weder -klug noch dumm, mäßig begabt und ein bißchen vom Mond herabgefallen, wie -hier die vernünftigen Leute sagen. Nicht wahr?« - -»Möglich, daß es auch wahr ist,« sagte Stawrogin mit einem kaum -merklichen Lächeln. - -»Ah, Sie geben's zu -- freut mich sehr. Ich wußte ja im voraus, daß ich -Ihre Gedanken treffen würde ... Beunruhigen Sie sich nicht, nicht nötig, -gar nicht nötig, ich nehme es durchaus nicht übel. Ich habe mich auch -durchaus nicht in dieser Weise dargestellt, um mir von Ihnen indirekte -Lobsprüche herauszuholen, _à la_ >Nein, Sie sind nicht unbegabt, nein, -Sie sind klug<, oder so ähnlich ... Ah, Sie lächeln wieder! Bin ich von -neuem hereingefallen? >Sie sind klug< würden Sie ja gar nicht sagen. Nun -gut, meinetwegen; ich gebe alles zu. _Passons_,{[100]} wie Papachen -sagt, und in Klammern: ärgern Sie sich bitte nicht über meinen -Wortschwall. Übrigens, da haben wir ja gleich ein Beispiel: ich rede -immer viel zu viel, d. h., ich mache immer viel zu viel Worte, und rede -viel zu eilig -- und doch kommt nichts dabei heraus. Warum? weil ich -nicht zu reden verstehe. Die gut reden, die reden kurz. Und damit, nicht -wahr, damit haben wir gleich einen Beweis für meine Unbegabtheit! Doch -da diese Gabe der Unbegabtheit bei mir nun einmal eine natürliche Gabe -ist -- warum sollte ich sie da nicht noch künstlich gebrauchen? Nun -- -und so gebrauche ich sie denn so und so. Zuerst, als ich hier ankam, -gedachte ich zu schweigen: aber zum Schweigen, dazu gehört ein großes -Talent, und somit wäre es nichts für mich. Und da Schweigen außerdem -auch noch gefährlich ist, so habe ich denn endgültig eingesehen, daß es -am besten ist, wenn ich rede, und zwar gerade so auf unbegabte Art und -Weise rede, das heißt, viel, viel, unendlich viel rede, mich immer -beeile, etwas zu beweisen und zum Schluß mich in meinen Beweisen immer -so verwickele, daß der Zuhörer womöglich davonläuft und dabei womöglich -noch ausspuckt. Das hat dann drei Vorteile: erstens, daß man sich von -meiner Offenherzigkeit überzeugt, zweitens, daß man meiner äußerst -überdrüssig wird, und drittens, daß man mich dabei noch nicht einmal -versteht -- also alle drei Vorteile auf einen Hieb! Wer wird dann noch -vermuten, daß ich geheimnisvolle Absichten habe? Ein jeder würde sich ja -persönlich beleidigt fühlen, wenn ihm dann noch jemand sagte, ich hätte -geheimnisvolle Absichten! Die Leute verzeihen mir ja jetzt schon alles, -weil sich nun herausgestellt hat, daß ich, die revolutionäre -Intelligenz, die einst Proklamationen verfaßt hat, dümmer bin, als sie. -Ist's nicht so? An Ihrem Lächeln erkenne ich schon, daß Sie zustimmen.« - -Stawrogin dachte nicht daran, zu lächeln oder zuzustimmen, im Gegenteil, -er hörte finster und ein wenig ungeduldig zu. - -»Wie? Was? Sie sagten: >gleichgültig<?« - -Stawrogin hatte kein Wort gesagt. - -»Natürlich, selbstverständlich, ich versichere Sie, daß ich das durchaus -nicht darum ... nun, um Sie mit meiner Freundschaft zu kompromittieren -... Aber wissen Sie, Sie sind heute furchtbar übelnehmend! Ich komme zu -Ihnen mit offenem, frohem Herzen, und Sie -- Sie legen jedes meiner -Worte auf die Wagschale! Ich werde heute über nichts Kitzliches mit -Ihnen sprechen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Und mit allen Ihren -Bedingungen bin ich von vornherein einverstanden!« - -Stawrogin schwieg immer noch. - -»Wie? Was? Sagten Sie nicht etwas? Sehe schon, hab' wieder nicht das -Rechte getroffen. Sie haben keine Bedingungen gestellt und werden auch -keine stellen. Glaub's schon, glaub's schon, beruhigen Sie sich nur: ich -weiß ja selbst, daß es sich gar nicht lohnt, sie zu stellen -- nicht -wahr? Ich übernehme schon im voraus die Verantwortung für Sie, wenn Sie -wollen -- und tue das selbstredend aus Unbegabtheit -- also nichts als -Unbegabtheit und Unbegabtheit ... Sie lachen? Wie? Was?« - -»Nichts ...« Stawrogin lächelte endlich, »mir fiel nur soeben ein, daß -ich Sie in der Tat einmal gewissermaßen unbegabt genannt habe, aber da -Sie damals nicht zugegen waren, wird man es Ihnen hinterbracht haben ... -Im übrigen bitte ich, etwas schneller zur Sache kommen zu wollen.« - -»Aber ich bin ja gerade dabei! Ich rede doch nur wegen Sonntag!« rief -Pjotr Stepanowitsch aus und tat sehr erstaunt. »Nun, was war ich am -Sonntag, was meinen Sie? Genau und nichts anderes als die eilfertige, -mittelmäßige Unbegabtheit in Person. Und genau in meiner -allerunbegabtesten Art und Weise bemächtigte ich mich des Gespräches! -Doch man hat mir schon alles verziehen. Erstens, wie gesagt, weil ich -vom Monde gefallen bin, denn davon ist man tatsächlich allgemein -überzeugt, und zweitens, weil ich ein so nettes Geschichtchen zum besten -gab ... und euch allen heraushalf, nicht wahr? So ist es doch?« - -»Sie haben absichtlich so erzählt, daß der Zweifel bleibt und man die -Mache merkt, während eine Abmachung überhaupt nicht vorlag und ich Sie -um nichts gebeten hatte.« - -»Das ist's ja! Das ist's ja!« bestätigte wie in hellem Entzücken Pjotr -Stepanowitsch. »Ich habe es ja absichtlich so gemacht, daß Sie die ganze -Mechanik merken mußten. Ihretwegen habe ich ja gerade die ganze Komödie -gespielt, nur um Sie zu fangen und zu kompromittieren. Ich wollte ja nur -wissen, bis zu welchem Grade Sie sich fürchten.« - -»Es wäre interessant zu wissen, warum Sie jetzt so aufrichtig sind!« - -»Oh, ärgern Sie sich nicht, ärgern Sie sich nicht, und funkeln Sie bitte -nicht so mit den Augen ... Übrigens tun Sie das ja gar nicht. Also -interessant wäre es, zu wissen, warum ich jetzt so aufrichtig bin? Ganz -einfach, weil sich jetzt alles verändert hat! Ich habe eben meine -Ansichten über Sie geändert, das ist es. Den früheren Weg habe ich für -immer verlassen. Ich werde Sie von nun ab nicht mehr auf die alte Art -und Weise zu kompromittieren versuchen. Ich habe nun einen neuen Weg.« - -»Also die Taktik geändert?« - -»Von Taktik kann hier gar keine Rede sein. Von jetzt ab soll in allem -nur Ihr freier Wille den Ausschlag geben. Sagen Sie >ja<, -- so ist's -gut. Wollen Sie >nein< sagen -- bitte! Da haben Sie meine ganze neue -Taktik. Doch an _unsere_ Sache werde ich auch nicht mit dem kleinsten -Finger rühren, und zwar genau so lange nicht, bis Sie es selbst -befehlen. Sie lachen? Wohl bekomm's! Auch ich lache ja. Aber soeben -meine ich's ernst, vollkommen ernst, wenn auch ein Mensch, der sich so -beeilt, natürlich unbegabt ist, nicht wahr? Einerlei, meinetwegen bin -ich auch unbegabt, nur rede ich jetzt im Ernst, das heißt wirklich -vollkommen ernst!« - -Er sprach in der Tat diesmal ernst, in einem ganz anderen Tone und mit -einer seltsamen Erregung, so daß Stawrogin ihn aufmerksam anblickte. - -»Sie sagen, Sie hätten Ihre Ansicht über mich geändert?« - -»Ja; in dem Augenblick, als Sie damals von Schatoff Ihre Hände -zurückzogen. Aber genug, genug davon, und bitte keine Fragen weiter! -Mehr sage ich jetzt nicht!« - -Er war schon aufgesprungen und fuchtelte wieder mit den Händen, als -wollte er sich an ihn gestellter Fragen erwehren: da aber überhaupt -keine gestellt wurden und er noch nicht die Absicht hatte, wegzugehen, -so setzte er sich wieder hin und beruhigte sich allmählich. - -»Nebenbei bemerkt, in Klammern,« plapperte er sofort wieder los, »man -schwatzt hier und wettet schon darauf, daß Sie ihn unbedingt totschlagen -würden. Lembke beabsichtigte sogar, die Polizei in Bewegung zu setzen, -doch Julija Michailowna hat es ihm verboten ... Aber genug davon, genug, -ich sagte es Ihnen nur, um Sie zu benachrichtigen. Doch halt, noch eins: -ich habe, wie Sie wissen, die Lebädkins noch am selben Tage auf die -andere Flußseite geschafft -- meinen Brief mit der neuen Adresse haben -Sie doch erhalten?« - -»Ja, gleich damals.« - -»Dies aber habe ich nicht aus >Unbegabtheit< getan, sondern einfach aus -Bereitwilligkeit. Wenn es >unbegabt< herausgekommen sein sollte, so -war's dafür doch aufrichtig gemeint.« - -»Schon gut, vielleicht war es gerade so richtig ...« murmelte Stawrogin -nachdenklich. »Nur schicken Sie mir keine Briefe mehr.« - -»Diesmal ging's nicht anders, und es war ja nur ein einziger.« - -»So weiß Liputin davon?« - -»Es war nicht anders möglich. Aber Sie wissen ja selbst, daß Liputin -nichts darf ... Übrigens müßte man einmal wieder zu den unsrigen gehen, --- das heißt zu jenen da, nicht zu den _Unsrigen_, kreiden Sie es mir -nur nicht gleich wieder an. Beunruhigen Sie sich nicht: es braucht ja -nicht gleich zu sein -- irgend wann einmal. Augenblicklich regnet es. -Ich werde es denen dann sagen und sie können sich versammeln -- wir -gehen dann am Abend hin. Da sitzen sie nun mit offenen Mäulern, wie die -jungen Waldraben im Nest, und warten gespannt darauf, was für einen -Bissen wir ihnen gebracht haben -- kratzen Bücher hervor und fangen gar -an zu streiten. Wirginski ist Allmensch, Liputin Fourierist mit starker -Neigung zu Polizeimethoden. Ein Mensch, sag ich Ihnen, der in einer -Beziehung kostbar ist, aber in den meisten anderen Beziehungen streng -angefaßt werden muß. Und der dritte, der mit den trauernden Ohren, trägt -gar ein eigenes System vor. Beleidigt sind sie übrigens alle: weil ich -mich so wenig um sie kümmere und sie ein bißchen kaltgestellt habe, -haha! Aber hingehen muß man zu ihnen.« - -»Sie haben mich jenen wohl als so eine Art Führer vorgestellt?« fragte -Stawrogin so nachlässig wie möglich. - -Pjotr Stepanowitsch sah ihn blitzschnell an. Dann ging er schnell auf -ein anderes Thema über und tat so, als hätte er die Frage ganz überhört: -»Übrigens bin ich täglich zwei- bis dreimal zu Warwara Petrowna gekommen -und war gezwungen, viel zu sprechen ...« - -»Kann mir denken.« - -»Nein, denken Sie nicht das! Ich habe einfach nur versichert, daß Sie -Schatoff nicht totschlagen würden -- und so ähnliche süße Sachen. Aber -stellen Sie sich vor: gleich am anderen Tage hatte sie schon erfahren, -daß Marja Timofejewna von mir über den Fluß geschafft worden war -- -haben Sie ihr das gesagt?« - -»Nicht daran gedacht.« - -»Wußt ich's doch, daß nicht Sie ... Aber wer außer Ihnen hätte es ihr -dann erzählen können?« - -»Liputin, selbstredend.« - -»N--nein, nicht Liputin,« murmelte Pjotr Stepanowitsch geärgert. »Aber -ich werde es schon erfahren, wer es war. Ich denke da eher an Schatoff. -Aber nein, Unsinn, lassen wir das! Aber schließlich ist's doch verdammt -wichtig ... Übrigens habe ich immer erwartet, daß Ihre Mutter plötzlich -mit der Hauptfrage herausplatzte ... Ja! Nur alle die letzten Tage war -sie furchtbar niedergeschlagen, fast finster, heute aber, wie ich -ankomme: siehe da -- sie strahlt förmlich. Woher kommt denn das?« - -»Das kommt daher, daß ich ihr heute mein Wort gegeben habe, nach fünf -Tagen um Lisaweta Nicolajewnas Hand anzuhalten,« sagte Stawrogin -plötzlich mit unvermuteter Offenheit. - -»Ah, so ... nun ja ... ja gewiß ...« stotterte Pjotr Stepanowitsch und -blieb stecken. »Man spricht zwar schon von ihrer Verlobung mit Mawrikij -Nicolajewitsch. Sie wissen doch? Es wird auch schon stimmen. Aber Sie -haben recht: sie läuft auch vom Altare fort, wenn Sie sie nur rufen. Sie -ärgern sich doch nicht darüber, daß ich so ...?« - -»Nein.« - -»Ich sehe, daß es heute furchtbar schwer ist, Sie zu ärgern, und fange -an, Sie zu fürchten ... Bin sehr gespannt darauf, wie Sie morgen -erscheinen werden. Sicher haben Sie schon vieles in petto. Ärgern Sie -sich wirklich nicht über mich, daß ich so ...?« - -Stawrogin antwortete wieder nicht, was Pjotr Stepanowitsch vollends -reizte. - -»Übrigens: haben Sie das in betreff Lisaweta Nicolajewnas Ihrer Mutter -im Ernst gesagt?« fragte er. - -Stawrogin sah ihn kalt und prüfend an. - -»Ah, so, ich verstehe schon: um sie zu beruhigen, nun ja.« - -»Und wenn ich es im Ernst gesagt habe?« fragte Stawrogin hart. - -»Ja ... nun ... na, dann mit Gott, wie man in solchen Fällen zu sagen -pflegt. Würde ja der Sache nichts schaden. (Sehen Sie, ich habe nicht -gesagt, >_unserer_< Sache, da Sie das Wort >unser< nun einmal nicht -lieben.) Ich aber ... ich -- nun ja, ich stehe zu Ihren Diensten, wie -Sie wissen.« - -»Sie meinen?« - -»Gar nichts, gar nichts meine ich!« wehrte Pjotr Stepanowitsch lachend -ab, »denn ich weiß, daß Sie sich Ihre Angelegenheiten im voraus genug -überlegen, und daß Sie alles schon bis zu Ende durchgedacht haben. Im -übrigen aber wollte ich nur sagen, daß ich im Ernst jederzeit zu Ihren -Diensten stehe, jederzeit und unter allen Umständen und in jedem Fall, --- das heißt wortwörtlich in _je--dem_! Sie verstehen doch?« - -Stawrogin gähnte. - -»Ich langweile Sie schon, wie ich sehe,« sagte Pjotr Stepanowitsch, -plötzlich aufspringend, ergriff seinen runden, ganz neuen Hut und tat, -als sei er im Begriff, aufzubrechen, indessen blieb er immer noch und -sprach ununterbrochen weiter, jetzt allerdings stehend. Zuweilen schritt -er hin und her, und wenn er sehr lebhaft sprach, schlug er sich mit dem -Hut ans Knie. »Ja, eigentlich wollte ich Ihnen noch etwas Ergötzliches -von den Lembkes erzählen und Sie damit erheitern!« schwatzte er weiter, -anscheinend gut gelaunt. - -»Nein, das doch lieber ein nächstes Mal. Wie geht es übrigens mit Julija -Michailownas Gesundheit?« - -»Was das bei Ihnen allen für gesellschaftliche Gewohnheiten sind! Julija -Michailownas Gesundheit ist Ihnen ja so gleichgültig, wie die Gesundheit -irgendeiner Katze, und doch erkundigen Sie sich! Aber das lobe ich mir. -Also: Julija Michailowna fühlt sich wohl und hat eine Hochachtung vor -Ihnen, na, bis zum Aberglauben. Und was Sie von Ihnen alles erwartet, -grenzt auch schon an Aberglauben. Über den Sonntag schweigt sie, und ist -überzeugt, daß Sie alles sofort niederschlagen werden, sobald Sie nur -wieder auf der Bildfläche erscheinen. Bei Gott, sie glaubt ohne -weiteres, daß Sie weiß der Teufel was alles vermögen! Mir scheint, sie -bildet sich ein, Sie könnten einfach Wunder zustande bringen. Überhaupt -sind Sie jetzt ein noch viel rätselhafteres Wesen als je, dazu dieser -Nimbus von Romantik, der sich um Sie gebildet hat -- wahrhaftig, eine -äußerst vorteilhafte Stellung. Und wie gespannt, wie neugierig man auf -Sie ist! Bevor ich verreiste, war es schon heiß, doch als ich -zurückkehrte, war die Hitze noch gestiegen. Danke übrigens nochmals -bestens für die Beschaffung des Briefes. Graf K... wird hier allgemein -mit Andacht gefürchtet. Und Sie hält man für so eine Art höheren Spion. -Ich nicke dazu. Sie ärgern sich doch nicht?« - -»Nein.« - -»Das ist nämlich für alles Weitere sogar unbedingt nötig. Die Leute -haben ja hier ihre besonderen Bräuche. Ich sporne selbstverständlich -noch an. Julija Michailowna ist die Anführerin, Gaganoff der zweite ... -Sie lachen? Aber ich lebe doch jetzt nach meiner neuen Taktik: ich lüge -und lüge, und dann sage ich plötzlich ein kluges Wort, und zwar gerade -in dem Augenblick, wenn alle ein solches suchen. Darauf umringt man mich -sofort, fragt und horcht, -- ich aber bin schon wieder mitten im Lügen. -Jetzt haben mich schon alle aufgegeben. >Ach, der!< sagen sie und winken -ab. >Nicht dumm, aber ein bißchen doch vom Monde herabgefallen.< Lembke -redet mir zu, in den Staatsdienst zu treten, damit ich mich bessere. -Ach, wenn Sie wüßten, wie ich ihn trätiere, das heißt, eigentlich -kompromittiere. Er glotzt mich nur so an mit seinen Kalbsaugen. Julija -Michailowna hilft mir dabei womöglich noch. Doch was ich sagen wollte: -Gaganoff ist grenzenlos wütend auf Sie. Gestern hat er in Duchowo ganz -gemein über Sie gesprochen. Ich habe ihm natürlich gleich die ganze -Wahrheit gesagt, oder vielmehr, versteht sich, nicht die ganze Wahrheit. -Ich war gestern vom morgen bis zum Abend draußen bei ihm. Prächtiges Gut -übrigens, auch das Herrenhaus ist schön.« - -»So ist er jetzt in Duchowo?« rief Stawrogin plötzlich lebhaft, ja, fast -sprang er auf, -- wenigstens beugte er sich hastig nach vorn. - -»Nein, jetzt nicht mehr, er hat mich selbst hierher gebracht, wir kamen -zusammen zurück,« sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig, anscheinend ohne -Stawrogins Erregung zu bemerken. »Was ist das? -- Da habe ich ein Buch -heruntergeworfen,« und er bückte sich, um den Band aufzuheben. »>Die -Frauen von Balzac<? Illustriert. Habe nicht gelesen. Lembke schreibt -auch Romane.« - -»Was Sie sagen?« Stawrogin tat, als interessiere es ihn sehr. - -»Jawohl, in russischer Sprache; selbstredend heimlich. Nur Julija -Michailowna weiß es und erlaubt es ihm. Er ist so eine richtige -Schlafmütze, aber mit Manieren. Wie das alles ausgearbeitet ist! Welch -eine Strenge der Formen, welch eine Folgerichtigkeit und Disziplin! -Übrigens, es wäre gut, wenn auch wir etwas davon hätten!« - -»Sie loben die Verwaltung?« - -»Wie sollte ich nicht! Sie ist doch das einzige, was bei uns in Rußland -natürlich und in einem gewissen Grade fertig ist ... nein, nein, ich -werde nicht, ich werde nicht, seien Sie unbesorgt, ich werde nicht!« -brach er plötzlich ab. »Über das Delikate kein Wort, seien Sie -unbesorgt, kein Wort! Und jetzt leben Sie wohl. -- Sie sind ja fast -grün.« - -»Ich bin erkältet.« - -»Das ist glaubwürdig. Legen Sie sich hin! Doch ja, was ich noch sagen -wollte: hier im Bezirk gibt es auch einige von der Skopzensekte, -interessante Leute ... Doch davon später. Halt ja, eine kleine Anekdote -muß ich doch noch erzählen! Hier in der Nähe steht bekanntlich ein -Infanterieregiment. Freitag abend habe ich in B... mit den Offizieren -zusammen gekneipt. Wir haben doch dort drei Genossen -- _vous -comprenez_?{[111]} Nun, es wurde über den Atheismus gesprochen, und -selbstredend ward Gott zum so und so vielten Male kassiert. Man gröhlte -und quiekte vor Freude. Übrigens: Schatoff meint, daß man unbedingt mit -dem Atheismus beginnen müsse, wenn man es in Rußland zu einem Umsturz -bringen wolle -- vielleicht hat er recht. Ja, wie gesagt, es wurde über -Gott gesprochen -- aber da saß auch ein schon ergrauter schnauzbärtiger -Hauptmann, saß und saß, schwieg die ganze Zeit. Plötzlich stand er auf, -blieb mitten im Zimmer stehen, breitete die Arme aus, und sagte laut, -aber doch wie zu sich selbst: >Wenn es keinen Gott gibt, was bin ich -dann noch für ein Hauptmann?< Und damit nahm er seine Mütze und ging.« - -»Hat einen ganz klugen Gedanken ausgedrückt,« sagte Stawrogin und gähnte --- jetzt schon zum dritten Male. - -»Ja? Ich hab's nicht verstanden -- wollte Sie fragen. Und was war da -doch noch --? Ja, so: ganz interessant ist die Spigulinsche Fabrik. -Fünfhundert Arbeiter, ein vorzüglicher Choleraherd, ist schon seit -fünfzehn Jahren nicht mehr gereinigt, und vom Arbeitslohn wird immer ein -Teil abgezogen, die Besitzer aber sind Millionäre. Seien Sie überzeugt, -von den Arbeitern haben schon eine ganze Reihe durchaus richtige -Vorstellungen von der Internationale und Revolution. Wie, Sie lächeln? -Sie werden schon sehen, geben Sie mir nur eine ganz, ganz kleine Weile -Zeit! Ich habe Sie schon einmal um Zeit gebeten. Jetzt tue ich's zum -zweiten Male. Doch Verzeihung, ich höre ja schon auf! Runzeln Sie nicht -die Stirn, ich höre ja schon auf! Leben Sie wohl. -- Ach so!« er kehrte -nochmals um und kam zurück. -- »Die Hauptsache vergesse ich ganz! Man -hat mir vorhin gesagt, daß unsere Koffer aus Petersburg angekommen -sind.« - -»Ja, und? ...« Stawrogin sah ihn an, ohne zu verstehen. - -»Das heißt, _Ihre_ Koffer, Ihre Sachen, mit den Fracks, Beinkleidern, -der Wäsche -- sind die schon hier?« - -»Ja, man sagte mir vorhin so etwas ...« - -»Ach, könnte man da nicht gleich ...?« - -»Fragen Sie den Alexei.« - -»Schön! Aber morgen, morgen könnte ich sie doch bekommen? Es sind -nämlich mein Frack, ein Anzug und drei Paar Beinkleider darin ... Die -von Charmeur, die er mir noch auf Ihre Empfehlung hin gemacht hat, -erinnern Sie sich?« - -»Ich habe gehört, Sie sollen hier den Dandy spielen,« lächelte -Stawrogin. »Ist es wahr, daß Sie sogar Reitstunden nehmen wollen?« - -Pjotr Stepanowitsch verzog den Mund zu einem gezwungenen Lächeln. - -»Wissen Sie,« sagte er dann plötzlich ungeheuer schnell, mit einer -eigentümlich abbrechenden Stimme, in der etwas zu zucken schien. »Wissen -Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, wir wollen das Persönliche lieber aus dem -Spiel lassen, nicht wahr, ein für allemal? Sie können mich dabei -natürlich verachten, so viel Sie wollen, wenn Ihnen etwas lächerlich -erscheint. Aber, wie gesagt, unter uns wollen wir das Persönliche eine -Zeitlang fortlassen, nicht wahr?« - -»Gut, ich werde es nicht mehr ...« sagte Stawrogin vor sich hin. - -Pjotr Stepanowitsch lächelte, schlug sich mit dem Hut ans Knie, trat von -einem Fuß auf den andern und sein Gesicht nahm wieder den alten Ausdruck -an. - -»Hier halten mich einige sogar für Ihren Nebenbuhler bei Lisaweta -Nicolajewna, wie soll ich mich da nicht um mein Äußeres kümmern?« sagte -er lachend. »Übrigens, wer hinterbringt Ihnen denn das alles? Hm! Es ist -schon Punkt acht; ich muß gehen. Habe zwar Warwara Petrowna versprochen, -jetzt bei ihr vorzusprechen, werde das aber bleiben lassen. Sie aber -- -legen Sie sich mal hin, dann sind Sie morgen munterer. Draußen ist es -stockdunkel und es regnet -- übrigens, ich habe ja meine Droschke, denn -in der Nacht ist es hier nicht ganz geheuer in den Straßen ... Doch ja, -was ich noch sagen wollte: hier in der Umgegend treibt sich jetzt ein -gewisser Fedjka herum, ein entsprungener Zuchthäusler aus Sibirien, und -stellen Sie sich vor, er ist mein gewesener Leibeigener, den Papachen -vor fünfzehn Jahren unter die Soldaten gesteckt hat, um Geld zu -bekommen. Eine äußerst bemerkenswerte Persönlichkeit, dieser Fedjka.« - -»Sie ... haben mit ihm gesprochen?« fragte Stawrogin, indem er einmal -kurz aufblickte. - -»Ja. Vor mir versteckt er sich nicht. Er ist zu allem bereit, zu allem; -für Geld, selbstredend, aber er hat auch Überzeugungen, so in seiner -Art, versteht sich ... Ja, und noch etwas: wenn Sie vorhin wirklich im -Ernst von dieser Absicht -- Sie wissen schon, mit Lisaweta Nicolajewna, --- so wiederhole ich nochmals, daß ich gleichfalls eine zu allem bereite -Persönlichkeit bin, in jeder Beziehung, in welcher Sie nur wollen, und -vollkommen zu Ihren Diensten stehe ... Was, Sie wollen --? Ach so, nein, -nicht den Stock. Denken Sie sich, mir schien, daß Sie einen Stock -suchten!« - -Stawrogin suchte nichts und sagte auch nichts, aber er hatte sich -allerdings seltsam plötzlich erhoben, mit einer eigentümlichen Bewegung -im Gesicht. - -»Und wenn Sie etwas in betreff dieses Herrn Gaganoff brauchen sollten,« -fügte Pjotr Stepanowitsch mit einemmal hinzu und wies dabei mit dem Kopf -schon ganz ungeniert auf den Brief und den Umschlag unter dem -Briefbeschwerer, »so kann ich natürlich auch da alles ordnen, und ich -bin überzeugt, daß Sie mich nicht umgehen werden.« - -Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verließ das -Zimmer -- doch bevor er die Tür hinter sich schloß, steckte er noch -einmal den Kopf herein: - -»Ich bin nur deshalb so ...« rief er schnell, »... weil doch -beispielsweise auch Schatoff nicht das Recht hatte, damals am Sonntag -sein Leben zu riskieren, als er zu Ihnen trat -- nicht wahr? Ich möchte -wünschen, daß Sie dieses nicht vergäßen.« - -Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er. - - - IV. - -Vielleicht dachte Pjotr Stepanowitsch, daß Nicolai Wszewolodowitsch, -sobald er allein wäre, mit den Fäusten an die Wand schlagen würde, -welchem Wutausbruch Pjotr Stepanowitsch natürlich für sein Leben gerne -heimlich zugesehen hätte, wenn das nur irgendwie möglich gewesen wäre. -Doch er täuschte sich sehr. Stawrogin blieb vollkommen ruhig. Wohl ganze -zwei Minuten stand er noch in derselben Stellung am Tisch, anscheinend -in tiefe Gedanken versunken; doch bald legte sich ein müdes, kaltes -Lächeln um seinen Mund. Er setzte sich langsam wieder auf den großen -Diwan, auf denselben Platz in der Ecke, und schloß die Augen, wie vor -Müdigkeit. Die eine Ecke des Briefes lugte noch immer unter dem -Briefbeschwerer hervor, doch er rührte sich nicht einmal, um sie zu -bedecken. - -Bald vergaß er sich ganz. - -Warwara Petrowna hatte sich schon alle die Tage mit Sorgen gequält. Als -jetzt auch noch Pjotr Stepanowitsch fortgegangen war, ohne sein -Versprechen zu halten und zu ihr zu kommen, hielt sie es nicht länger -aus und wagte es, selbst zu ihrem Sohne zu gehen. Die ganze Zeit hatte -sie gedacht, vielleicht werde er doch endlich etwas Bestimmtes, -Entscheidendes sagen. Leise, wie vorhin, klopfte sie an seine Tür, und -da sie keine Antwort erhielt, wagte sie wieder, selbst zu öffnen. Als -sie sah, wie er so unbeweglich und sonderbar still dasaß, trat sie, mit -klopfendem Herzen, vorsichtig näher. Es machte sie stutzig, daß er so -schnell und so aufrecht sitzend eingeschlafen war; sogar das Atmen -merkte man kaum. Sein Gesicht war blaß und streng, doch dabei wie völlig -erkaltet, regungslos. Die Brauen waren ein wenig zusammengezogen und -wirkten finster: so glich er entschieden einer leblosen Wachsfigur. -Warwara Petrowna stand wohl ganze drei Minuten vor ihm, mit verhaltenem -Atem, und plötzlich wurde sie von einer Angst erfaßt. Auf den Fußspitzen -ging sie hinaus, doch an der Tür blieb sie einen Augenblick stehen, -wandte sich um, machte das Zeichen des Kreuzes über ihren Sohn und -verließ dann unbemerkt den Raum -- mit einer neuen schweren Empfindung -und neuen Sorgen im Herzen. - -Er schlief lange, über eine Stunde, und die ganze Zeit in derselben -Erstarrung: kein Muskel seines Gesichtes bewegte sich, nicht das -leiseste Zucken ging durch seinen Körper; die Brauen blieben unverändert -streng zusammengezogen. Wäre Warwara Petrowna noch weitere drei Minuten -vor ihm stehen geblieben, so würde sie das erdrückende Empfinden dieser -lethargischen Regungslosigkeit ganz gewiß nicht ertragen und ihn -aufgeweckt haben. Doch plötzlich schlug er von selbst die Augen auf, -blieb aber, ohne sich zu rühren, wohl noch zehn Minuten unverändert -sitzen, nur daß seine offenen Augen jetzt beharrlich und wißbegierig in -die eine dunkle Ecke des Zimmers sahen, wie sich hineinsehend in -irgendeinen ihn dort fesselnden Gegenstand, obgleich sich dort weder -etwas Neues, noch etwas Besonderes befand. - -Da begann die große, alte Wanduhr zu schnurren und schlug einen -einzigen, schweren Schlag. Stawrogin wandte mit einer gewissen Unruhe -den Kopf, um auf das Zifferblatt zu sehen. Doch in demselben Augenblick -öffnete sich die Tapetentür, die zum Korridor führte, und der -Kammerdiener Alexei Jegorowitsch trat ein. Er brachte einen dicken -Mantel, ein Halstuch und einen Hut, und in der rechten Hand hielt er -einen silbernen Teller, auf dem ein Zettel lag. - -»Halb zehn,« meldete er mit leiser Stimme und trat, nachdem er den -Mantel an der Tür auf einen Stuhl gelegt hatte, zu Nicolai -Wszewolodowitsch, dem er das Zettelchen präsentierte, ein kleines, -ungeschlossenes Papier, auf dem nur zwei Zeilen mit Bleistift -geschrieben standen. - -Nachdem Stawrogin sie überflogen hatte, nahm er einen Bleistift vom -Tisch und kritzelte ein paar Worte auf dasselbe Papier, das er dann -wieder offen auf den Teller zurücklegte. - -»Sofort zu übergeben, sobald ich ausgegangen bin,« sagte er und erhob -sich vom Diwan. - -Es fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, daß er einen leichten Samtrock an -hatte, so überlegte er einen Augenblick und befahl dann, ihm einen -Tuchrock zu bringen, der zu zeremoniellen Abendbesuchen besser paßte. -Nachdem er sich ganz angekleidet und den Hut schon aufgesetzt hatte, -verschloß er die Tür, durch die vorhin Warwara Petrowna eingetreten war, -zog dann den Brief unter dem Briefbeschwerer hervor, steckte ihn zu sich -und ging schweigend aus dem Zimmer. Alexei Jegorowitsch folgte ihm. Aus -dem Korridor gingen sie über eine schmale steinerne Hintertreppe in den -Hausflur hinab, aus dem man unmittelbar in den Park treten konnte. In -einer Ecke des Flurs hatte Alexei Jegorowitsch eine Laterne und einen -Regenschirm versteckt. - -»Infolge des starken Regens ist der Schmutz in den Straßen ganz -unerträglich,« meldete Alexei Jegorowitsch wie mit einem entfernten -letzten Versuch, seinen Herrn von dem Ausgehen abzubringen. - -Doch Stawrogin machte den Schirm auf und trat schweigend hinaus in den -alten Park, der wie ein Keller dunkel, feucht und naß war. Der Wind -brauste und rauschte und schaukelte die Wipfel der großen, halb schon -kahlen Bäume, die schmalen Sandwege waren weich und glatt. Alexei -Jegorowitsch ging so, wie er war, im braunen Frack und ohne Mütze, mit -der kleinen Laterne in der Hand, drei Schritte vor seinem Herrn, und -beleuchtete den Weg. - -»Wird man es nicht bemerken?« fragte plötzlich Nicolai Wszewolodowitsch. - -»Aus den Fenstern wird man es nicht bemerken und außerdem ist alles -vorgesehen,« antwortete der Diener leise und maßvoll. - -»Meine Mutter schläft?« - -»Haben sich nach der Gewohnheit der letzten Tage gleich nach neun Uhr -zurückgezogen, und daß die gnädige Frau es erfährt, ist ganz -ausgeschlossen. Wann befehlen der Herr, daß ich Ihn zurückerwarte?« - -»Um eins, halb zwei, nicht später als zwei.« - -»Zu Befehl.« - -Sie umgingen auf den sich schlängelnden Wegen fast den ganzen Park, bis -sie an der Ecke der großen Steinmauer stehenblieben, wo ein kleines -Pförtchen auf eine schmale entlegene Nebengasse führte. - -»Wird die Tür nicht kreischen?« fragte Nicolai Wszewolodowitsch. Doch -Alexei Jegorowitsch sagte, daß er zweimal, »sowohl gestern wie auch -heute,« die Angeln geschmiert habe. Er war bereits ganz durchnäßt vom -Regen. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, reichte er Nicolai -Wszewolodowitsch den Schlüssel. - -»Wenn der Herr geruhen, einen weiten Weg zu unternehmen, so möchte ich -vorher darauf aufmerksam machen, daß den Leuten hier herum nicht zu -trauen ist, besonders nicht in entlegenen Gassen und ... am -allerwenigsten jenseits des Flusses,« wagte er nochmals zu warnen. - -Er war ein alter Diener, der einst Nicolai Wszewolodowitsch auf den -Armen gewiegt und wie eine Kinderfrau mit ihm gespielt hatte, ein -ernster, strenger Mann, der das Gotteswort kannte und gern in der Bibel -las. - -»Beunruhige dich nicht, Alexei Jegorowitsch.« - -»Gott segne Euch, Herr, aber nur beim Anfang guter Taten.« - -»Wie?« Nicolai Wszewolodowitsch, der schon über die Schwelle getreten -war, blieb stehen. - -Der alte Diener wiederholte mit fester Stimme seinen Segenswunsch. Nie -hätte er sich früher unterstanden, solche Worte zu seinem Herrn zu -sagen. - -Stawrogin sagte nichts, schloß die Tür, steckte den Schlüssel in die -Tasche und ging die Gasse entlang, wobei seine Füße bei jedem Schritt an -die drei Zoll tief im Schlamm versanken. Endlich erreichte er eine -lange, einsame Straße, die wenigstens gepflastert war. Die Stadt kannte -er genau: immerhin hatte er noch einen weiten Weg bis zur -Bogojawlenskstraße. - -Es war schon nach zehn Uhr, als er endlich vor der verschlossenen Pforte -des Filippoffschen Hauses stehen blieb. - -Die untere Etage war unbewohnt, seitdem man Lebädkins fortgeschafft -hatte. Die Fensterläden waren geschlossen. Nur oben in Schatoffs -Dachzimmer sah man noch Licht. Da es an der Pforte keine Klingel gab, so -klopfte Stawrogin. Nichts rührte sich zunächst. Aber schließlich, nach -abermaligem Klopfen, öffnete sich oben ein Klappfenster und Schatoff -steckte den Kopf heraus. Es war stockdunkel und daher schwer, jemanden -zu erkennen. - -Schatoff sah lange hinunter. - -»Sind Sie es?« fragte er plötzlich. - -»Ja.« - -Schatoff schlug das Fenster zu, kam nach unten und öffnete die Pforte. - -Stawrogin trat über die hohe Schwelle und ging stumm an ihm vorüber in -den Flügel zu Kirilloff. - - - V. - -Hier war alles unverschlossen. Der Flur und die beiden ersten Zimmer -waren dunkel, doch im dritten, in dem Kirilloff wohnte, war es hell, und -dort hörte man Lachen und dazwischen ein seltsames frohes Gequiek. - -Stawrogin ging auf das Licht zu, blieb aber vor der offenen Tür stehen, -ohne zunächst einzutreten. - -Der Teetisch war gedeckt. Mitten im Zimmer stand die Alte, die das Haus -beaufsichtigte, in einem Unterrock, in Schuhen, doch ohne Strümpfe, und -in einer ärmellosen Pelzjacke aus Hasenfell. Sie trug ein -anderthalbjähriges Kindchen mit fast weißen Locken, nur mit einem kurzen -Hemdchen bekleidet, mit bloßen, dicken Beinchen und erhitztem, -pausbackigem Gesichtchen, auf dem Arm. Offenbar hatte sie es soeben aus -der Wiege genommen. Das Kindchen mochte noch vor kurzem geweint haben, -denn noch standen dicke Tränen unter seinen Augen, doch war es in diesem -Augenblicke froh und lustig, reckte seine Ärmchen und lachte, wie so -kleine Kinder zu lachen pflegen: mit juchzenden, schluchzenden -Nebentönen. - -Vor dem Kindchen spielte Kirilloff mit einem großen roten Gummiball: er -warf ihn kräftig auf die Diele, so daß er bis an die Decke sprang, -wieder fiel und wieder sprang, während das Kindchen dazu überselig sein -»Ba! ... Ba! ...« rief. Kirilloff fing darauf den »Ba« auf und gab ihn -dem Kindchen, das dann natürlich den »Ba« wieder gleich mit seinen -eigenen, ungeschickten Händchen fortwarf, während Kirilloff ihm -nachlief, um ihn aufzuheben. Zum Schluß rollte der »Ba« unter den -Schrank. Kirilloff aber streckte sich sofort längelang auf dem Fußboden -aus, um ihn mit der Hand wieder hervorzuholen. - -In diesem Augenblick trat Stawrogin ins Zimmer. - -Das Kind, das ihn zuerst erblickte, warf sich erschreckt an den Hals der -Alten und begann laut ein langgezogenes, eintöniges Kinderweinen, so daß -die Alte es sofort hinausbrachte. - -»Stawrogin?« fragte Kirilloff, ohne die geringste Verwunderung über den -unerwarteten Besuch, zog seine Hand mit dem Ball unter dem Schrank -hervor und erhob sich. »Wollen Sie Tee?« - -»Mit dem größten Vergnügen, wenn er warm ist, ich bin ganz durchnäßt.« - -»Warm, sogar heiß,« sagte Kirilloff mit Vergnügen, nachdem er sich davon -überzeugt hatte. »Setzen Sie sich. Sie sind schmutzig, tut nichts. Ich -kann's später mit einem nassen Tuch ...« - -Stawrogin setzte sich und trank fast auf einen Zug die eingegossene -Tasse Tee aus. - -»Noch?« - -»Nein, danke.« - -Kirilloff, der bis dahin gestanden hatte, setzte sich sogleich und -fragte: »Wozu sind Sie gekommen?« - -»Bitte, lesen Sie diesen Brief. Er ist von Gaganoff. Sie werden sich -entsinnen, ich habe Ihnen von ihm schon in Petersburg erzählt.« - -Kirilloff nahm den Brief, las ihn durch, legte ihn darauf wieder auf den -Tisch und sah Stawrogin erwartungsvoll an. - -»Mit diesem Gaganoff,« erklärte Nicolai Wszewolodowitsch, »bin ich, wie -Sie wissen, zum ersten Male in Petersburg vor kaum einem Monat -zusammengetroffen, und dann sind wir uns noch ungefähr dreimal in der -Gesellschaft begegnet. Wir wurden einander nicht vorgestellt, sprachen -auch nicht miteinander und doch fand er Gelegenheit, sich ungezogen mir -gegenüber zu benehmen. Ich habe Ihnen das ja damals alles erzählt. Doch -was Sie nicht wissen, ist folgendes. Als er darauf Petersburg, noch vor -mir, verließ, schrieb er mir einen Brief, der zwar noch nicht so -beleidigend war, wie dieser hier, aber doch schon einen durchaus -unzulässigen Ton hatte. Dabei stand mit keinem einzigen Worte darin, -warum der Brief eigentlich geschrieben worden war. Ich antwortete ihm -sofort und erklärte ihm ganz offenherzig, daß ich >da es sich wohl um -den Vorfall mit seinem Vater vor vier Jahren hier im Klub handeln -werde<, -- daß ich meinerseits durchaus bereit sei, ihm noch -nachträglich meine Entschuldigung zu machen, einfach aus dem Grunde, -weil meine Handlung damals im Krankheitszustande geschehen sei. Er -antwortete mir nichts darauf und reiste irgendwohin fort. Nun komme ich -hierher und finde ihn hier in einer wahren Tollwut auf mich. Man hat mir -öffentliche Äußerungen von ihm mitgeteilt, die regelrechte -Beschimpfungen sind, dazu die unglaublichsten Anschuldigungen. Und heute -erhalte ich diesen Brief, -- einen ähnlichen hat wohl noch nie jemand -geschrieben! Mit Ausdrücken wie zum Beispiel >Ihre geschlagene Fratze<. --- Ich bin nun zu Ihnen gekommen, da ich hoffe, daß Sie mir nicht -abschlagen werden, mein Sekundant zu sein?« - -»In der Wut kann man schon ... Puschkin hat auch so geschrieben. Gut, -ich komme. Sagen Sie, wie?« - -Stawrogin erklärte, daß er ihn bäte, gleich morgen zu Gaganoff zu gehen. -Er solle die Entschuldigung wiederholen und sogar noch einen zweiten -Entschuldigungsbrief ankündigen -- diesen letzteren aber nur unter der -Bedingung, daß Gaganoff sein Wort gibt, keinen weiteren Brief irgendwie -beleidigenden Inhalts zu schreiben, während sein letzter Brief als nicht -erhalten betrachtet werden solle. - -»Zu viel Konzessionen, er wird nicht darauf eingehen ...« - -»Ich bin vor allem hierhergekommen, um zu erfahren, ob Sie überhaupt -bereit sind, ihm solche Bedingungen zu überbringen?« - -»Ich werde schon. Aber er wird nicht darauf eingehen ...« - -»Das weiß ich.« - -»Er _will_ sich schlagen. Sagen Sie, wie?« - -»Das ist es eben: ich möchte morgen die ganze Geschichte beendet haben. -Sagen wir, um neun sind Sie bei ihm. Er wird Sie anhören und Ihr -Ersuchen abschlagen. Dann wird er seinen Sekundanten zu Ihnen schicken, -sagen wir -- gegen elf. Mit dem besprechen Sie sich also, und um eins -oder zwei könnten wir an Ort und Stelle sein. Ich möchte Sie sehr -bitten, alles zu tun, was an Ihnen liegt, damit die Angelegenheit diesen -Verlauf nimmt. Waffen natürlich Pistolen. Das Weitere -- darum bitte ich -Sie ganz besonders -- richten Sie so ein: Vereinbaren Sie einen Abstand -von zehn Schritten zwischen den Barrieren. Stellen Sie einen jeden von -uns weitere zehn Schritt von seiner Barriere auf. Nach dem gegebenen -Zeichen gehen wir aufeinander zu. Jeder muß unbedingt bis zu seiner -Barriere gehen. Doch schießen kann er auch schon früher, im Gehen. So, -das wäre alles, denke ich.« - -»Zehn Schritt zwischen den Barrieren ist sehr nah,« bemerkte Kirilloff. - -»Nun, dann meinetwegen zwölf, aber nicht mehr. Sie begreifen doch, daß -er sich nicht zum Vergnügen duellieren will. Verstehen Sie eine Pistole -zu laden?« - -»Ja. Ich habe selbst Pistolen. Ich werde mein Wort geben, daß Sie mit -meinen noch nicht geschossen haben. Sein Sekundant gibt auch sein Wort -für seine Pistolen. Dann werfen wir das Los, ob seine oder unsere.« - -»Vorzüglich.« - -»Wollen Sie die Pistolen sehen?« - -»Meinetwegen.« - -Kirilloff hockte vor seinem Koffer nieder, der noch immer unausgepackt -in der Ecke stand, zog einen Kasten aus Palmenholz hervor, der innen mit -rotem Samt ausgeschlagen war, und entnahm ihm zwei prachtvolle, äußerst -kostbare Pistolen. - -»Habe alles. Pulver, Kugeln, Patronen. Auch einen Revolver, warten Sie.« - -Er kramte wieder in seinem Koffer und zog einen zweiten Kasten mit einem -sechsläufigen Revolver hervor. - -»Sie haben ja Waffen mehr als nötig! Und sehr teuere.« - -»Sehr.« - -Der gänzlich mittellose Kirilloff, der übrigens seine Armut selbst nie -bemerkte, zeigte sichtlich nicht ohne Stolz seine Kostbarkeiten, die er -zweifellos mit unglaublichen Opfern erstanden hatte. - -»Sie haben immer noch dieselbe Absicht?« fragte Stawrogin mit einer -gewissen Vorsicht, nach minutenlangem Schweigen. - -»Dieselbe,« antwortete Kirilloff kurz: am Ton der Stimme hatte er sofort -erkannt, wovon sein Gast sprach. - -»Und -- wann?« fragte Stawrogin noch vorsichtiger, und wieder nach -längerem Schweigen. - -Kirilloff hatte inzwischen beide Kasten in den Koffer zurückgelegt und -setzte sich nun auf seinen alten Platz. - -»Das hängt nicht von mir ab. Sie wissen doch. Wann man mir sagen wird,« -murmelte er mehr vor sich hin, als wäre die Frage ihm ein wenig lästig, -doch gleichzeitig war er, das fühlte man, durchaus bereit, auf andere -Fragen zu antworten. - -Er sah dabei mit seinen schwarzen glanzlosen Augen Stawrogin unverwandt -an, mit einem seltsam gelassenen, doch guten und freundlichen Gefühl. - -»Ich verstehe das gewiß -- sich zu erschießen ...« begann Stawrogin von -neuem, nachdem er lange, wohl drei Minuten lang grübelnd geschwiegen -hatte, während sein Gesicht sich verdüsterte. »Ich habe mir das selbst -zuweilen vorgestellt. Aber es findet sich dann immer ein gewisser neuer -Gedanke ein: wie, wenn man, zum Beispiel, ein Verbrechen beginge, oder -etwas vor allem Schimpfliches, das heißt Schmachvolles, eine Schande, -nur muß sie unendlich gemein sein und zugleich ... lächerlich -- eine -Schandtat, die von der Menschheit in tausend Jahren nicht vergessen -wird, über die sie tausend Jahre lang flucht, und nun plötzlich der -Gedanke: >ein Schuß in die Schläfe und es ist nichts mehr da<. Was gehen -einen dann noch die Menschen an, und daß sie einem tausend Jahre lang -fluchen werden! Ist es nicht so?« - -»Sie meinen, das ist ein neuer Gedanke?« sagte Kirilloff, nachdem er -eine Weile nachgedacht hatte. - -»Nein ... das nicht ... aber als ich ihn zum ersten Male dachte, da -empfand ich ihn als ganz neu.« - -»Sie empfanden einen Gedanken --« sprach ihm Kirilloff nach. »Das ist -gut. Es gibt viele Gedanken, die waren immer da, und plötzlich werden -sie neu. Das ist richtig. Jetzt sehe ich vieles wie zum erstenmal.« - -»Nehmen wir an, Sie waren auf dem Monde,« unterbrach ihn Stawrogin, ohne -Kirilloffs Worte zu beachten, und spann seinen eigenen Gedanken weiter. -»Nehmen wir an, Sie haben dort oben alle diese lächerlichen -Schmutzereien begangen. Sie wissen ganz genau, daß man Ihnen dort oben -fluchen wird, tausend Jahre lang, ewig, auf dem ganzen Monde ... Aber -Sie sind jetzt hier auf der Erde und sehen auf den Mond von hier aus: -was geht es Sie dann hier auf der Erde an, was Sie dort oben alles getan -haben -- und daß die dort tausend Jahre lang bei Ihrem Namen ausspeien -werden, -- ist es nicht so?« - -»Weiß nicht,« antwortete Kirilloff. »Ich bin nicht auf dem Monde -gewesen,« fügte er hinzu, aber ohne jede Spur von Ironie, einfach als -Ausdruck der Tatsache. - -»Wessen Kind war das vorhin?« - -»Die Schwiegermutter der Alten ist angekommen. Nein, Schwiegertochter -... einerlei. Vor drei Tagen. Liegt jetzt krank mit dem Kind. In der -Nacht schreit es viel. Der Magen. Die Mutter schläft, und die Alte -bringt es dann her. Ich spiele Ball mit ihm. Ein Hamburger Ball, hab' -ihn in Hamburg gekauft. Das stärkt den Rücken. Ein kleines Mädchen.« - -»Sie lieben Kinder?« - -»Ja,« antwortete Kirilloff, übrigens ziemlich gleichmütig. - -»Dann lieben Sie wohl auch das Leben?« - -»Ja, auch das Leben. Wieso?« - -»Wenn Sie doch beschlossen haben, sich zu erschießen.« - -»Wieso denn? Warum zusammen? Das Leben für sich und jenes für sich. -Leben ist, aber Tod ist überhaupt nicht.« - -»So glauben Sie an ein zukünftiges ewiges Leben?« - -»Nein, nicht an ein zukünftiges ewiges, sondern an ein diesseitiges -ewiges. Es gibt Minuten, sie kommen zu den Minuten, und die Zeit bleibt -plötzlich stehen und wird ewig sein.« - -»Sie hoffen, zu so einer Minute zu kommen?« - -»Ja.« - -»Das ist in unserer Zeit wohl kaum möglich,« meinte Stawrogin, -gleichfalls ohne jede Spur von Ironie, langsam und wie in Gedanken -verloren. »In der Apokalypse schwört der Engel, daß es keine Zeit mehr -geben werde.« - -»Ich weiß. Das ist dort sehr richtig. Ist deutlich und genau. Wenn der -ganze Mensch das Glück erreicht, dann wird es keine Zeit mehr geben, -weil sie nicht nötig ist. Ein sehr richtiger Gedanke.« - -»Wo wird man sie denn hinstecken?« - -»Nirgendwo wird man sie hinstecken. Zeit ist kein Gegenstand, sondern -eine Idee. Sie wird auslöschen im Verstande.« - -»Alte philosophische Gemeinplätze, immer ein und dieselben von allem -Anfange an,« murmelte Stawrogin wie mit einem gewissen angeekelten -Bedauern. - -»Ein und dieselben! Ja, immer ein und dieselben vom Anfang aller -Jahrhunderte an und gar keine anderen niemals!« griff Kirilloff mit -blitzenden Augen Stawrogins Wort auf, ganz als läge in diesem Gedanken -fast ein Triumph! - -»Ich glaube, Sie sind sehr glücklich, Kirilloff?« - -»Ja, sehr glücklich,« antwortete dieser, als gäbe er die -allergewöhnlichste Antwort. - -»Aber noch vor kurzem waren Sie doch so betrübt und ärgerten sich über -Liputin.« - -»Hm! ... Aber jetzt nicht. Damals wußte ich noch nicht, daß ich -glücklich war. Haben Sie ein Blatt gesehn? Ein Blatt vom Baum?« - -»Freilich.« - -»Ich sah vor kurzem ein gelbes, etwas grün noch, an den Rändern -angefault. Es kam mit dem Wind. Als ich zehn Jahre war, schloß ich im -Winter die Augen und stellte mir ein Blatt vor, ein grünes, glänzendes, -mit Äderchen, und die Sonne leuchtet. Ich schlug die Augen auf und -glaubte nicht, denn es war so schön, und schloß sie wieder.« - -»Was soll das? Eine Allegorie?« - -»N--nein ... warum? Keine Allegorie. Einfach ein Blatt. Nur ein Blatt. -Ein Blatt ist gut. Alles ist gut.« - -»Alles?« - -»Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich -ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer es erfährt, der wird sofort -gleich glücklich sein, im selben Augenblick. Diese Schwiegertochter wird -sterben, und das Kind bleibt -- alles ist gut. Ich habe es plötzlich -entdeckt.« - -»Und wenn jemand vor Hunger stirbt, oder wenn jemand ein kleines Mädchen -entehrt und schändet -- ist das auch gut?« - -»Auch gut. Und wenn man ihm für das Mädchen den Kopf zerspaltet, auch -das ist gut. Und wenn man ihm den Kopf nicht zerspaltet, auch das ist -gut. Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, daß --- alles gut ist. Wenn sie wüßten, daß sie es gut haben, dann würden sie -es auch gut haben. Aber so lange sie nicht wissen, daß sie es gut haben, -so lange werden sie es auch nicht gut haben. Das ist der ganze Gedanke, -der ganze, und außer ihm gibt es überhaupt gar keinen.« - -»Wann haben Sie es denn erfahren, daß Sie so glücklich sind?« - -»In der vorigen Woche am Dienstag, nein, am Mittwoch, denn es war schon -Mittwoch. In der Nacht.« - -»Und bei welcher Gelegenheit denn?« - -»Ich weiß nicht mehr. So. Ich ging im Zimmer ... Einerlei. Ich brachte -die Uhr zum Stehen. Es war siebenunddreißig Minuten nach zwei.« - -»Wohl zum Symbol dessen, daß die Zeit stehen bleiben muß?« - -Kirilloff schwieg. - -»Die Menschen sind nicht gut,« begann er plötzlich wieder, »weil sie -nicht wissen, daß sie gut sind. Wenn sie es wissen werden, so werden sie -auch nicht mehr ein kleines Mädchen vergewaltigen. Sie müssen nur alle -erfahren, daß sie gut sind, und alle werden sogleich gut sein. Alle ohne -Ausnahme.« - -»Nun, Sie selbst, zum Beispiel, Sie haben es nun erfahren, also sind Sie -jetzt gut?« - -»Ich bin gut.« - -»Damit bin ich übrigens einverstanden,« sagte Stawrogin, mit gerunzelter -Stirn, vor sich hin. - -»Wer da lehren wird, daß alle gut sind, wird die Welt beenden.« - -»Der das lehrte, den haben sie gekreuzigt,« sagte Stawrogin. - -»Er wird kommen und sein Name wird sein Menschgott.« - -»Gottmensch?« - -»Nein, Menschgott. Das ist der Unterschied.« - -»Sind nicht vielleicht Sie es, der hier das Lämpchen vor dem -Heiligenbilde angezündet hat?« - -»Ja, ich habe es angezündet.« - -»Wieder gläubig geworden?« - -»Die Alte liebt, daß das Lämpchen ... Heute hatte sie keine Zeit,« sagte -Kirilloff undeutlich. - -»Aber selbst beten Sie noch nicht?« - -»Ich bete zu allem. Sehen Sie, eine Spinne kriecht dort an der Wand und -ich bin ihr dankbar dafür, daß sie kriecht.« - -Seine Augen brannten wieder. Er sah immer noch unverwandt Stawrogin an, -mit festem, standhaftem Blick. Stawrogin beobachtete ihn finster und -widerwillig, doch in seinem Blick lag kein Spott. - -»Ich wette, daß Sie, wenn ich nächstens wiederkomme, bereits an Gott -glauben werden.« - -Er stand auf und nahm seinen Hut. - -»Wieso?« Kirilloff erhob sich gleichfalls. - -»Wenn Sie wüßten, daß Sie an Gott glauben, dann würden Sie an ihn -glauben. Da Sie aber noch nicht wissen, daß Sie an ihn glauben, so -glauben Sie auch noch nicht an ihn,« sagte Stawrogin mit einem -flüchtigen Lächeln. - -»Das ist es nicht.« Kirilloff dachte nach. »Sie haben den Gedanken -umgekehrt. Ein Kavalierscherz. Denken Sie daran, was Sie in meinem Leben -bedeutet haben, Stawrogin.« - -»Leben Sie wohl, Kirilloff.« - -»Kommen Sie wieder nachts; wann?« - -»Ja, haben Sie denn schon vergessen, was morgen bevorsteht?« - -»Ach, richtig, ich vergaß. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde nicht -verschlafen. Ich verstehe aufzuwachen, wann ich will. Ich lege mich hin -und sage: um sieben Uhr -- und wache auf um sieben Uhr; um zehn Uhr -- -und wache auf um zehn Uhr.« - -»Sie haben ja merkwürdige Eigenschaften.« Stawrogin sah in sein bleiches -Gesicht. - -»Ich werde die Hofpforte aufmachen.« - -»Bemühen Sie sich nicht, Schatoff wird mich hinauslassen.« - -»Ach so, Schatoff. Gut. Leben Sie wohl.« - - - VI. - -Die Flurtür des leeren Hauses, in dem Schatoff wohnte, war nicht -verschlossen. Im Flur war es stockdunkel, so daß Stawrogin mit der Hand -tastend nach der Treppe zu suchen begann. Da wurde plötzlich im oberen -Stock eine Tür aufgemacht und ein Lichtschimmer ließ ihn die Treppe -sehen. Schatoff trat selbst nicht heraus, er ließ nur die Tür offen -stehen. Als Stawrogin oben anlangte und an der Türschwelle stehen blieb, -sah er ihn in der anderen Ecke des Zimmers an seinem Tisch stehen und -warten ... - -»Würden Sie mich in einer Angelegenheit empfangen?« fragte Stawrogin, -ohne einzutreten. - -»Treten Sie ein. Setzen Sie sich,« antwortete Schatoff. »Schließen Sie -die Tür. Warten Sie, ich werde selbst ...« - -Er schloß die Tür, drehte den Schlüssel um und setzte sich dann -Stawrogin gegenüber. Er war in dieser Woche merklich abgemagert und -schien jetzt zu fiebern. - -»Sie haben mich müde gequält,« sagte er halblaut murmelnd, den Blick zu -Boden gesenkt. »Warum sind Sie nicht früher gekommen?« - -»Sie waren so überzeugt, daß ich kommen werde?« - -»Ja ... Warten Sie, ich habe im Fieber phantasiert ... vielleicht -phantasiere ich auch jetzt noch ... Warten Sie.« - -Er stand auf, ging zu seinem Bücherbrett und nahm von dem obersten der -drei Bretter einen Gegenstand: es war ein Revolver. - -»In einer Nacht träumte mir im Fieber, daß Sie kommen würden, um mich zu -töten. Da habe ich mir am anderen Morgen von dem Taugenichts Lämschin -für mein letztes Geld diesen Revolver gekauft. Ich wollte mich Ihnen -nicht ergeben. Später kam ich wieder zu mir ... Ich habe weder Kugeln, -noch Pulver ... seitdem liegt er hier auf dem Bücherbrett. Warten Sie.« - -Er ging schon zum Fenster und wollte es öffnen. - -»Nicht doch, warum hinauswerfen!« rief ihn Stawrogin zurück. »Er kostet -Geld ... und morgen würden die Leute davon sprechen, daß unter Schatoffs -Fenster Mordwerkzeuge liegen. Legen Sie ihn wieder hin. -- So. Und jetzt -setzen Sie sich. Sagen Sie, warum beichten Sie mir förmlich Ihren -Gedanken, daß ich zu Ihnen kommen würde, um Sie zu töten? Ich bin auch -jetzt nicht gekommen, um mich mit Ihnen zu versöhnen, sondern um über -etwas sehr Notwendiges mit Ihnen zu sprechen. Erklären Sie mir zunächst -eines: Sie haben mich doch nicht wegen meiner Verbindung mit Ihrer Frau -geschlagen?« - -»Sie wissen doch selbst, daß ich nicht deswegen ...« - -Schatoff sah wieder zu Boden. - -»Und auch nicht wegen des dummen Klatsches über Darja Pawlowna?« - -»Nein, nein, natürlich nicht! Blödsinn! Meine Schwester hat mir gleich -zu Anfang gesagt ...« erwiderte Schatoff mit Ungeduld, schroff, und fast -stampfte er mit dem Fuß auf. - -»Also habe ich es richtig erraten ... und auch Sie haben das andere -erraten,« fuhr Stawrogin ruhig fort. »Sie irren sich nicht, es ist so: -Marja Timofejewna Lebädkin ist meine rechtmäßige, mir vor viereinhalb -Jahren in Petersburg angetraute Frau. -- Sie haben mich doch ihretwegen -geschlagen?« - -Ganz bestürzt saß Schatoff da, hörte und schwieg. - -»Ich ahnte es und konnte es doch nicht glauben,« murmelte er endlich und -sah dabei Stawrogin sonderbar an. - -»Und so schlugen Sie?« - -Schatoff wurde feuerrot und stammelte fast zusammenhangslos: - -»Ich habe es ... wegen Ihrer Erniedrigung ... für Ihren Fall ... Ihre -Lüge ... Ich trat nicht an Sie heran, um Sie zu bestrafen ... Als ich -auf Sie zuging, wußte ich selbst noch nicht, daß ich schlagen würde. Ich -... habe es deswegen ... weil Sie so viel in meinem Leben bedeutet haben -... Ich --« - -»Verstehe, verstehe schon, sparen Sie die Worte. Es tut mir leid, daß -Sie heute fiebern, denn ich muß über eine wichtige Sache mit Ihnen -sprechen.« - -»Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet.« Schatoff zitterte geradezu -und erhob sich vom Stuhl. »Sprechen Sie von Ihrer Angelegenheit, ich -werde dann sprechen ... nachher ...« - -Er setzte sich wieder. - -»Diese Sache hat mit alledem nichts gemein,« begann Stawrogin, der ihn -mit Neugier beobachtete. »Gewisse Umstände haben mich gezwungen, heute -noch diese späte Stunde zu wählen, um Sie zu benachrichtigen, daß man -Sie vielleicht bald ermorden wird.« - -Schatoff blickte ihn wild an. - -»Ich weiß, daß mir Gefahr drohen könnte,« sagte er zurückhaltend, »aber --- wie können Sie denn das wissen?« - -»Weil ich ebenfalls zu jenen gehöre und eben solch ein Mitglied des -Bundes bin, wie Sie.« - -»Sie ... Sie ... ein Glied des ... Bundes?« - -»Ich sehe an Ihren Augen, daß Sie alles von mir erwartet hätten, nur das -nicht,« sagte Stawrogin, mit kaum merklichem Lächeln. »Aber, erlauben -Sie, dann wußten Sie also schon, daß man Sie ermorden will?« - -»Nicht einmal gedacht habe ich daran! Und auch jetzt glaube ich es -nicht, obschon Sie es sagen! Aber wer kann denn vor diesen Eseln sicher -sein!« rief er plötzlich wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch. -»Ich fürchte sie aber nicht! Ich habe mit ihnen gebrochen. Der eine ist -viermal zu mir gekommen und hat mir gesagt, daß man austreten kann ... -aber --« er sah auf Stawrogin -- »was wissen Sie denn eigentlich davon?« - -»O, fürchten Sie nichts, ich betrüge Sie nicht,« fuhr Stawrogin kühl -fort, mit dem Ausdruck eines Menschen, der nur eine Pflicht erfüllt. -»Sie wollen mich examinieren: was ich davon weiß? Ich weiß, daß Sie in -diesen Verband eingetreten sind, als Sie noch im Auslande waren, kurz -vor Ihrer Reise nach Amerika und, ich glaube, gleich nach unserem -letzten Gespräch, über das Sie mir dann ja in Ihrem Brief aus Amerika so -viel geschrieben haben. Verzeihen Sie, bitte, daß ich nicht gleichfalls -mit einem Brief darauf geantwortet habe, und nur ...« - -»Das Geld schickten! Warten Sie einen Augenblick,« unterbrach ihn -Schatoff, zog eilig das Schubfach des Tisches auf und suchte unter einem -Stoß von Papieren einen Hundertrubelschein hervor. »Hier, bitte, nehmen -Sie die hundert Rubel wieder, die Sie mir schickten, ohne Sie wäre ich -dort umgekommen. Ich würde Ihnen die Summe noch lange nicht zurückgeben -können, ... wenn nicht Ihre Mutter diese hundert Rubel vor neun Monaten -... nach meiner Krankheit ... mir meiner Armut wegen geschenkt hätte. -Doch fahren Sie fort, bitte ...« - -Schatoff war vor Aufregung ganz atemlos. - -»In Amerika änderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der -Schweiz zurückgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man -antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Rußland von -irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange -aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder -abnehmen würde. Ich bin nicht über alle Einzelheiten unterrichtet, doch -in der Hauptsache verhält es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den -Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an, -daß es -- deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgültig frei wären. -Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufällig erfahren. Ich -möchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen -scheinen: daß nämlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie -freizugeben.« - -»Das ist unmöglich!« brüllte Schatoff auf. »Ich habe ihnen ehrlich -erklärt, daß ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein -Recht, das Recht meines Gewissens und meiner Überzeugung ... Ich werde -das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ...« - -»Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so,« fiel ihm Stawrogin sehr -ernst ins Wort. »Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in -diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhört, wenn nicht mit -eigenen, so doch mit fremden Ohren, -- was sich ja schließlich gleich -bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebädkin war verpflichtet, Sie zu -beobachten, und Sie mußten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, -- -war's nicht so? Übrigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski -jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklärt, oder nicht?« - -»Er war einverstanden: er sagte, ich könne -- und ich hätte das Recht -...« - -»Nun, dann betrügt er Sie. Ich weiß genau, daß sogar Kirilloff, der -beinahe überhaupt nicht zu ihnen gehört, beauftragt war, Nachrichten -über Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es -nicht einmal, daß sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man beständig -aufgepaßt. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb -hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgültig zu erledigen: da Sie zu -viel wissen und vielleicht sie alle verraten könnten, hat er die -Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie -mir, zu bemerken, daß jene die feste Überzeugung haben, daß Sie ein -Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es -doch bestimmt tun wird. Ist das wahr?« fragte Stawrogin in einem -ruhigen, ganz gewöhnlichen Tone. - -Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone -hörte. - -»Und wenn ich ein Spion wäre -- _wem_ sollte ich denn etwas verraten?« -fragte er hämisch zurück. »Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir! -Aber _Sie_!« rief er aus, sich plötzlich von neuem auf die Nachricht -stürzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr -erschüttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. »Aber _Sie_, -_Sie_, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose -Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist -denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!?« rief er ganz verzweifelt -aus und erhob wie fassungslos die Hände, als könnte es nichts Bittereres -und Trostloseres für ihn geben, als diese Entdeckung. - -»Erlauben Sie --« wunderte Stawrogin sich tatsächlich, »Sie scheinen ja -förmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu -mir, für so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus -Amerika habe ich das ...« - -»Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel!« brach -Schatoff plötzlich das ab. »Aber wenn Sie über sich selbst etwas sagen, -erklären könnten? ... Auf meine Frage? -- So tun Sie es!« bat er erregt. - -»Mit Vergnügen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren -konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet, -Ihnen einige Mitteilungen darüber zu machen. Genau genommen, gehöre ich -durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch früher nicht zu ihm gehört und -habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrücklich -niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich -zu Anfang erklärt, daß ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin, --- und wenn ich ihnen zufällig einmal geholfen habe, so habe ich das nur -wie ein müßiger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation -des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch -alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich -übereingekommen, daß auch ich ihnen gefährlich werden könnte, und -deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt.« - -»Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen -schnell -- und alles vorschriftsmäßig auf bestempeltem Papier, das dann -von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, daß die -dazu fähig wären! ...« - -»Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht,« fuhr Stawrogin -mit der früheren Gleichmütigkeit, fast Faulheit, fort. »Zweifellos ist -auch viel Phantasie dabei, wie ja gewöhnlich in solchen Fällen, und in -der Phantasie vergrößert das Häufchen sein Wachstum und seine Bedeutung. -Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen, -einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu -bescheiden, wenn er sich nur für einen Agenten des Verbandes hält. Der -Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade -dümmer, als bei anderen Verbänden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur -_Internationale_. Es ist ihnen gelungen, sich in Rußland Agenten -anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren -erfunden ... doch selbstverständlich nur theoretisch. Was nun Sie und -mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische -Organisation eine so dunkle Sache, daß man in der Tat auf alles mögliche -gefaßt sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch, -der das, was er will, auch durchsetzt.« - -»Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von -Rußland überhaupt nichts versteht!« rief Schatoff wütend aus. - -»Sie kennen ihn nur flüchtig. Es ist wahr, daß sie alle nur wenig von -Rußland verstehen, aber schließlich doch wohl nur wenig weniger als Sie -und ich. Außerdem ist Werchowenski Enthusiast.« - -»Werchowenski Enthusiast?« - -»O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhört, bloß Narr zu sein, und sich -in einen ... Halbverrückten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines -Ihrer eigenen Aussprüche: >wissen Sie auch, wie stark ein einzelner -Mensch sein kann<? Bitte, lachen Sie nicht, er ist sogar sehr fähig, den -Hahn eines Gewehres abzudrücken. Die Leute sind überzeugt, daß auch ich -ein Spion bin. Und da sie die Sache nicht anzufassen verstehen, so -beschuldigen sie mit Vorliebe andere der Spionage.« - -»Aber Sie fürchten sie doch nicht.« - -»N--nein ... Ich fürchte sie nicht sehr ... Doch mit Ihnen ist es etwas -ganz anderes. Ich habe Sie wenigstens gewarnt, damit Sie sich -einzurichten wissen. Es braucht einen nicht zu beleidigen, daß einem von -Dummköpfen Gefahr droht. Aber wie ich sehe, ist es schon viertel nach -elf.« Stawrogin blickte auf seine Uhr und erhob sich. »Ich möchte nur -noch eine ganz nebensächliche Frage an Sie stellen.« - -»Um Gottes willen!« rief Schatoff und sprang jäh auf. - -»Sie meinen?« Stawrogin sah ihn fragend an. - -»Sagen Sie, stellen Sie die Frage ... um Gottes willen!« wiederholte -Schatoff in unbeschreiblicher Aufregung. »Aber mit der Bedingung, daß -auch ich dann eine Frage stellen kann! Ich flehe Sie an ... daß auch ich -... Ich kann nicht mehr! -- Stellen Sie Ihre Frage.« - -Stawrogin wartete ein wenig, dann begann er: - -»Ich hörte, Sie hätten hier einigen Einfluß auf Marja Timofejewna -gehabt, und diese soll Sie gern gesehen und Ihnen zugehört haben. Ist -das wahr?« - -»Ja ... sie sah ... Ja -- sie sah mich ...« stammelte Schatoff ein wenig -wirr. - -»Ich habe die Absicht, in diesen Tagen meine Heirat mit ihr hier in der -Stadt öffentlich bekanntzumachen.« - -»Ist das möglich?« flüsterte Schatoff fast entsetzt. - -»Sie meinen das -- in welchem Sinne? ... Es liegen durchaus keine -Schwierigkeiten vor. Die Trauzeugen sind hier. Es geschah, wie gesagt, -damals in Petersburg vollkommen ruhig und rechtmäßig in Gegenwart der -beiden Trauzeugen, Kirilloff und Pjotr Werchowenski, und von Lebädkin, -den ich jetzt das Vergnügen habe, meinen Verwandten zu nennen. Es blieb -bisher allen unbekannt, weil diese drei ihr Wort gaben, darüber zu -schweigen.« - -»Ich meinte nicht _das_ ... Sie sagen es so ruhig ... aber fahren Sie -fort! Hören Sie, man hat Sie doch nicht mit Gewalt zu dieser Ehe -gezwungen, doch nicht mit Gewalt?« - -»Nein, mich hat niemand mit Gewalt dazu gezwungen.« Stawrogin lächelte -über Schatoffs einfältigen Eifer. - -»Und was sie da von ihrem Kinde redet? ...« beeilte sich Schatoff, wirr, -wie im Fieber. - -»Von ihrem Kinde redet? Bah! Das wußte ich nicht; höre es zum erstenmal. -Sie hat nie ein Kind gehabt und hätte es auch gar nicht haben können: -Marja Timofejewna ist Mädchen.« - -»Ah! Das dachte ich mir auch! Hören Sie!« - -»Was fehlt Ihnen, Schatoff?« - -Schatoff bedeckte sein Gesicht mit den Händen, wandte sich ab, kehrte -sich dann wieder um und packte plötzlich Stawrogin fest an den -Schultern. - -»Wissen Sie denn auch, wissen Sie denn wenigstens,« rief er wieder laut, -»warum Sie das alles getan haben und warum Sie sich jetzt zu dieser Buße -entschließen?« - -»Ihre Frage ist klug und boshaft, aber ich habe die Absicht, auch Sie in -Erstaunen zu setzen. Ja, fast weiß ich es, warum ich damals geheiratet -und warum ich mich jetzt entschlossen habe, diese >Buße<, wie Sie sagen, -auf mich zu nehmen.« - -»Lassen wir das ... davon später ... warten Sie ... sprechen Sie von der -Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie -gewartet!« - -»Ja?« - -»Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an -Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der's könnte ... Ich habe -Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ...« - -»Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes.« - -»Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen -... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: können Sie mir noch zehn -Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf -Sie gewartet!« - -»Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn's Ihnen möglich -ist, sich damit zu begnügen.« - -»Aber ... nur mit der Bedingung,« unterbrach ihn Schatoff jähzornig, -»daß Sie Ihren Ton ändern. Hören Sie, ich verlange es, ich fordere es, -während ich Sie doch darum anflehen müßte ... Verstehen Sie, was das -heißt, zu fordern, wenn man weiß, daß man flehen müßte?« - -»Ich verstehe, daß Sie sich so über alles Gewöhnliche erheben wollen, um -eines höheren Zweckes willen.« Stawrogin lächelte kaum merklich. »Und -mit Bedauern sehe ich, daß Sie im Fieber sind.« - -»Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es!« rief Schatoff. »Nicht -meine Person selbst, zum -- Teufel mit ihr, -- aber das andere ... nur -diesen einen Augenblick, für diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen -und treffen uns hier außerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in -der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen -an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen -Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie -denn nicht, daß Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb -verzeihen müssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre -grenzenlose Macht zu fühlen. Schon wieder lächeln Sie Ihr verächtliches, -angeekeltes Gesellschaftslächeln! Oh, wann werden Sie mich endlich -verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So -begreifen Sie doch, daß ich das _verlange_, sonst will ich nicht mit -Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, für nichts in der -Welt!« - -Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht -verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger. - -»Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu -bleiben,« sagte er eindringlich und ernst, »obgleich meine Zeit sehr -kostbar ist, so könnten Sie mir doch glauben, daß ich die Absicht habe, -Sie wenigstens mit Interesse anzuhören.« - -Er setzte sich wieder auf seinen Platz. - -»Setzen Sie sich!« rief Schatoff plötzlich und setzte sich dann -gleichfalls. - -»Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, daß ich -meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens -für Marja Timofejewna von großer Wichtigkeit ...« - -»Nun?« Schatoff ärgerte sich, wie ein Mensch, den man plötzlich an der -wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen -Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht. - -»... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende -sprechen konnte,« schloß Stawrogin lächelnd. - -»Eh, was, Unsinn, nachher!« rief Schatoff und winkte, da er endlich -diese Anmaßung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf -sein Ziel los. - - - VII. - -»Wissen Sie auch,« begann er fast drohend, mit vorgebeugtem Körper und -glänzenden Augen, wobei er den Zeigefinger seiner Rechten vor sich -erhoben hielt, was er selbst gar nicht zu bemerken schien, »wissen Sie -auch, welches jetzt das einzige Gotträgervolk ist, das da kommen wird, -die Welt zu erlösen und zu erneuen mit dem Namen des neuen Gottes -- das -einzige Volk, dem die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben -sind ... Wissen Sie auch, welches Volk das ist und wie sein Name -lautet?« - -»Nach Ihrem Gebaren zu urteilen, muß ich unbedingt und wohl so schnell -wie möglich sagen, daß dieses Volk das russische sei.« - -»Und schon lachen Sie! Oh, Russen!« - -Schatoff krallte vor Wut die Hand ins Haar. - -»Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum. Im Gegenteil: ich hatte sogar -gerade etwas von dieser Art erwartet.« - -»Von dieser Art erwartet? Aber Ihnen selbst sind diese Worte nicht -bekannt?« - -»Oh, sie sind mir durchaus bekannt. Ich sehe nur zu gut, wohin Sie damit -wollen. Alles, was Sie sagten, und sogar der Ausdruck >Gotträgervolk< -ist nichts anderes, als die Schlußfolgerung aus unserem Gespräch, das -wir vor zwei Jahren im Auslande hatten, kurz vor Ihrer Reise nach -Amerika ... Wenigstens so weit ich mich dessen entsinnen kann.« - -»Aber das ist ja doch _Ihr_ Ausspruch, vom Anfang bis zum Ende _Ihr_ -Ausspruch -- und nicht der meinige! Ihre eigenen Worte, und nicht nur -die Folgerung aus unserem Gespräch! Und wie können Sie überhaupt sagen ->unserem< Gespräch! Es war da ein Lehrer, der große, mächtige Worte -predigte, und es war da ein Schüler, der von den Toten auferstand und -zuhörte. Ich war der Schüler und der Lehrer waren Sie.« - -»Doch erlauben Sie, wenn ich mich recht entsinne, so war es gerade nach -meinen Worten, daß Sie in jenen Bund eintraten und dann nach Amerika -reisten?« - -»Ja -- doch ich schrieb Ihnen darüber aus Amerika. Ich konnte mich -damals noch nicht losreißen von all dem, woran ich mich von Kindheit auf -festgesogen hatte, das das Entzücken all meiner Hoffnungen gewesen war -und die Tränen meines ganzen Hasses und meiner ganzen Verzweiflung ... -Oh, es ist schwer, die Götter zu wechseln! Ich glaubte Ihnen damals -nicht, denn ich wollte nicht glauben und warf mich noch zum letztenmal -in diese ... in diese Kloake ... Doch die Saat blieb und schoß auf und -wuchs. Aber sagen Sie im Ernst: haben Sie meinen Brief aus Amerika -überhaupt nicht gelesen?« - -»Ich habe drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und das -andere überflogen. Übrigens habe ich mir schon immer vorgenommen ...« - -»Eh, einerlei, lassen Sie es, zum Teufel damit,« winkte Schatoff ab. -»Wenn Sie aber Ihren früheren Worten untreu geworden sind, wie konnten -Sie sie denn damals aussprechen? Das ist es, was mich jetzt würgt!« - -»Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt. Als ich Sie überzeugen -wollte, bemühte ich mich vielleicht weit mehr um mich selbst, als um -Sie,« antwortete Stawrogin rätselhaft. - -»Nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate auf Stroh gelegen -neben einem ... Unglücklichen, von dem ich erfuhr, daß Sie in derselben -Zeit, als Sie in meine Seele Gott und die Heimat pflanzten, das Herz -dieses selben, dieses Maniaken Kirilloff, vergifteten ... Sie haben Lüge -und Verleumdung in ihm bestätigt und seine Vernunft schließlich zum -Wahnsinn gebracht. Gehen Sie, sehen Sie ihn sich an ... Das ist jetzt -Ihr Geschöpf! Aber Sie haben ihn ja gesehen ...« - -»Erstens möchte ich Ihnen sagen, daß mir Kirilloff soeben selbst gesagt -hat, daß er glücklich ist und vollkommen. Was Sie da von >derselben -Zeit< sagen, das ist allerdings fast richtig -- aber was liegt daran? -Ich wiederhole nochmals, daß ich weder Sie noch ihn betrogen habe.« - -»Sie sind Atheist? Sind Sie jetzt Atheist?« - -»Ja.« - -»Und damals?« - -»Ebenso wie heute.« - -»Ich habe nicht für mich um Achtung gebeten, als ich das Gespräch -begann. Das hätten Sie, bei Ihrem Verstande, wirklich verstehen können,« -murmelte Schatoff unwillig. - -»Ich bin nicht bei Ihrem ersten Worte aufgestanden, habe nicht dieses -Gespräch abgebrochen, bin nicht fortgegangen, sitze noch jetzt hier und -antworte gehorsam auf Ihre Fragen und ... Schreie -- also habe ich doch -die Achtung vor Ihnen nicht vergessen.« - -Schatoff unterbrach ihn mit einer Handbewegung: - -»Erinnern Sie sich noch Ihres Ausspruchs: >ein Atheist kann nicht Russe -sein< -- >ein Atheist hört sofort auf, Russe zu sein< -- erinnern Sie -sich?« - -»Ja?« fragte Stawrogin gleichsam. - -»Sie fragen noch? Sie haben es vergessen? Und doch ist es einer der -richtigsten Hinweise auf eine der wichtigsten Besonderheiten des -russischen Geistes, die Sie erraten haben. Nein, das haben Sie nicht -vergessen können! Und ich werde Sie an noch etwas erinnern. Damals -sagten Sie sogar: >Ja, wer nicht rechtgläubig ist, der kann nicht Russe -sein< ...« - -»Mir scheint, das ist ein Gedanke der Slawophilen.« - -»Nein. Die jetzigen Slawophilen würden sich von ihm lossagen. Heute ist -ja alle Welt klüger geworden! _Sie_ aber gingen damals noch weiter: Sie -sagten, daß der Katholizismus überhaupt nicht mehr Christentum sei. Sie -behaupteten, daß der Christus, den Rom verkündet, der dritten Versuchung -des Satans nicht widerstanden hat, und daß Rom, wenn es alle Welt lehrt, -Christus könne ohne Erdenreich auf der Erde nicht bestehen, damit den -Antichrist verkündet und den ganzen Westen zugrunde gerichtet hat. Und -Sie wiesen noch darauf hin, daß, wenn Frankreich sich quält, daran -einzig der Katholizismus die Schuld trägt, denn Frankreich habe den -stinkenden römischen Gott zwar verworfen, einen neuen Gott aber nicht zu -finden vermocht. Ja, das alles haben Sie damals sagen können! Ich habe -unsere Gespräche behalten.« - -»Wenn ich gläubig wäre, so würde ich zweifellos auch jetzt noch dasselbe -wiederholen: ich log nicht, als ich wie ein Gläubiger sprach,« sagte -Stawrogin sehr ernst, »aber ich versichere Ihnen, daß diese -Wiederholungen meiner früheren Gedanken einen unangenehmen Eindruck auf -mich machen. Können Sie nicht abbrechen?« - -»Wenn Sie gläubig wären?!« rief Schatoff, ohne der Bitte die geringste -Beachtung zu schenken. »Aber wer war es denn, der mir einst sagte: >Wenn -man mir mathematisch bewiese, daß die Wahrheit nicht in Christus ist, so -würde ich es dennoch vorziehen, mit Christus zu bleiben, als mit der -Wahrheit< --? Sollten Sie das wirklich nicht gewesen sein? Oder haben -Sie das gesagt? Haben Sie's?« - -»Aber erlauben Sie auch mir, endlich zu fragen,« -- Stawrogin erhob nun -auch seine Stimme -- »was Sie mit diesem ungeduldigen und ... boshaften -Examen eigentlich von mir wollen?« - -»Dieses Examen vergeht und Sie werden nie wieder daran erinnert werden.« - -»Sie bestehen immer noch darauf, daß wir außerhalb von Raum und Zeit -sind?« - -»Schweigen Sie!« fuhr ihn Schatoff plötzlich an. »Ich bin dumm und -ungeschickt, doch mag mein Name in Lächerlichkeit untergehen -- darauf -kommt's nicht an. Aber ... werden Sie mir gestatten, hier vor Ihnen -wenigstens noch Ihren größten Gedanken von damals zu wiederholen ... nur -zehn Zeilen, nur die letzte Zusammenfassung?« - -»Wiederholen Sie ... wenn es wirklich nur die Zusammenfassung ist ...« - -Stawrogin wollte schon nach der Uhr sehen, bezwang sich aber und tat es -nicht. - -Schatoff beugte wieder den Oberkörper vor und auf einen Augenblick erhob -er sogar abermals den Zeigefinger. - -»Noch kein einziges Volk,« begann er, als lese er Zeile für Zeile aus -einem Buche ab, während er dabei Stawrogin unverändert streng ansah, -»noch kein einziges Volk hat sich auf den Grundlagen der Vernunft und -Wissenschaft aufgebaut und eingerichtet. Dieses Beispiel hat noch kein -Volk gegeben, außer vielleicht für die Dauer von höchstens einem -Augenblick, und dann geschah es aus Dummheit. Der Sozialismus muß schon -seinem Wesen nach Atheismus sein, denn er verkündet gleich ausdrücklich -und mit seinem ersten Satz, daß er seine Welt ausschließlich auf -Vernunft und Wissenschaft aufzubauen beabsichtigt. Doch Vernunft und -Wissenschaft haben im Leben der Völker stets, sowohl jetzt wie von -jeher, nur eine zweitrangige und dienende Aufgabe erfüllt; und das -werden sie bis zum Ende der Welt tun. Gestaltet und bewegt aber werden -die Völker von einer ganz anderen Kraft, von einer befehlenden und -zwingenden, deren Ursprung jedoch unbekannt und unerklärlich bleibt. Es -ist die Kraft des unstillbaren Wunsches, zum Ende zu gelangen, und die -sich zu gleicher Zeit ständig des Endes erwehrt. Es ist die Kraft der -fortwährenden und unermüdlichen Bestätigung des Seins und Verneinung des -Todes. Es ist der Geist der ewig fließenden Wasser des Lebens, wie die -Heilige Schrift sagt, und mit deren Versiegen die Apokalypse so -furchtbar droht. Es ist der ästhetische Trieb, wie die Künstler, es ist -der moralische Trieb, wie die Philosophen ihn nennen. Ich sage einfach: ->Es ist das Suchen nach Gott<. Das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines -Volkes, jedes Volkes, und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner -Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach _seinem_ -Gott, unbedingt nach seinem eigenen, seinem besonderen Gott, und dann -der Glaube an diesen Gott als an den einzig wahren. Gott ist die -synthetische Persönlichkeit eines ganzen Volkes von seinem Anfang bis zu -seinem Ende. Noch nie ist es vorgekommen, daß zwei oder mehrere Völker -ein und denselben Gott gehabt hätten, sondern jedes Volk hat stets -seinen eigenen Gott gehabt. Ein Anzeichen des Niedergangs der Völker ist -es, wenn ihre Götter allgemein werden. Und wenn die Götter allgemein -werden, dann sterben die Götter und stirbt der Glaube an sie zusammen -mit den Völkern. Je stärker aber ein Volk ist, desto ausschließlicher -ist auch sein Gott. Noch hat es nie ein Volk ohne Religion gegeben, das -heißt, ohne Vorstellung von Gut und Böse. Jedes Volk hat seinen eigenen -Begriff von Gut und Böse, und sein eigenes Gut und Böse. Wenn bei vielen -Völkern die Begriffe von Gut und Böse gemeingültig zu werden beginnen, -dann verwischt sich und verschwindet der Unterschied zwischen Gut und -Böse und die Völker gehen zugrunde. Noch nie ist die Vernunft fähig -gewesen, Gut und Böse zu erklären, oder auch nur Böse und Gut -auseinanderzuhalten, wenn auch nur annähernd. Im Gegenteil, stets hat -sie Gut und Böse nur schmählich und kläglich miteinander verwechselt. -Die Wissenschaft aber hat immer nur rohe, plumpe Antworten gegeben. Und -besonders hat sich darin die Halbwissenschaft ausgezeichnet, diese -schrecklichste aller Geißeln der Menschheit, furchtbarer als Pest, -Hunger und Krieg, die bis zum jetzigen Jahrhundert unbekannt war. Die -Halbwissenschaft -- die ist ein Despot, wie es bisher noch keinen -gegeben hat. Ein Despot, der seine Priester und Sklaven hat, ein Despot, -vor dem alles in Liebe und mit einem Aberglauben sich beugt, der bisher -undenkbar gewesen wäre, vor dem sogar die Wissenschaft selbst zittert -und dem sie schmachvoll genug beipflichtet. -- Das sind alles Ihre -eigenen Worte, Stawrogin, nur die über die Halbwissenschaft, die sind -von mir, der ich selbst solch ein Halbwissenschaftler bin und sie darum -hasse, wie ich nur etwas hassen kann. An Ihren Gedanken aber und sogar -an Ihren Worten habe ich nichts geändert, nicht eine einzige Silbe.« - -»Ich glaube nicht, daß Sie nichts verändert haben,« bemerkte Stawrogin -vorsichtig, »Sie haben alles leidenschaftlich erfaßt und es auch -leidenschaftlich verändert -- vielleicht ohne es zu bemerken. Schon -allein, daß Sie Gott zu einem einfachen Attribut des Volkes erniedrigen ---« - -Er begann plötzlich, Schatoff mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit -zu betrachten, nicht einmal so sehr auf seine Worte zu hören, als ihn -selbst zu beobachten. - -»Ich erniedrige Gott zu einem Attribut des Volkes! Im Gegenteil, ich -erhebe das Volk bis zu Gott! Das Volk, -- das ist der Körper Gottes. -Jedes Volk ist nur so lange Volk, wie es noch seinen besonderen, seinen -eigenen Gott hat, und all die anderen Götter auf der Welt stark und -grausam von sich stößt; so lange es noch glaubt, daß es nur mit _seinem_ -Gott siegen und alle anderen Götter und Völker sich unterwerfen kann. -Das haben alle großen Völker der Erde von sich und ihrem Gotte geglaubt, -wenigstens alle einigermaßen hervorragenden, alle, die einmal an der -Spitze der Menschheit gestanden. Die Juden haben nur zu dem Zweck -gelebt, um den wahren Gott zu erwarten, und so haben sie denn jetzt der -Welt den wahren Gott hinterlassen. Die Griechen haben die Natur -vergöttert und der Welt ihre griechische Religion, das heißt, -Philosophie und Kunst, hinterlassen. Rom hat das Volk im Staate -vergöttert und den Völkern den Staat vermacht. Frankreich war in seiner -ganzen langen Geschichte nur die Verkörperung und Entwicklung des Gottes ->Katholizismus<; und wenn es diesen seinen römischen Gott schließlich in -den Orkus warf und sich dem Atheismus hingab, der bei den Franzosen -vorläufig noch Sozialismus heißt -- so geschah das nur deshalb, weil der -Atheismus schließlich doch gesünder ist als der römische Katholizismus. -Wenn ein großes Volk nicht glaubt, daß in ihm _allein_ die Wahrheit ist -(gerade in _ihm_ allein und unbedingt _ausschließlich_ in ihm), wenn es -nicht glaubt, daß es ganz allein fähig und berufen ist, alle anderen -Völker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es -sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem großen Volk! -Ein wahrhaft großes Volk kann sich auch nie mit einer zweitrangigen -Rolle in der Menschheit zufrieden geben, ja, noch nicht einmal mit einer -erstrangigen, sondern es muß unbedingt und ausschließlich das Erste -unter den Völkern sein wollen. Ein Volk, das diesen Glauben verliert, -ist kein Volk mehr. Doch da es nur eine Wahrheit gibt, so kann auch nur -ein einziges Volk den einzigen wahren Gott haben, mögen andere Völker -auch ihre eigenen und noch so großen Götter besitzen. Das einzige -Gotträgervolk aber -- das sind wir, das ist das russische Volk, und ... -und ... und sollten Sie mich wirklich für so dumm halten, Stawrogin,« -brüllte er plötzlich voll Ingrimm, »daß ich nicht mehr zu unterscheiden -vermag, ob diese meine Worte altes, mürbes Gewäsch sind, das von allen -möglichen Moskauer Slawophilenmühlen schon durch und durch gemahlen ist, -oder ob es neue Worte sind, vollständig reine und neue Worte, die -letzten Worte, die einzigen Worte der Erlösung und Auferstehung und ... -Eh, was geht mich jetzt in diesem Augenblick Ihr Lachen an! Was geht es -mich an, daß Sie mich überhaupt nicht, überhaupt nicht verstehen, kein -Wort, keinen Ton ... Oh, wie unsagbar ich es verachte, Ihr stolzes -Lachen und Ihren stolzen Blick gerade jetzt!« - -Er sprang auf, sogar Schaum war auf seinen Lippen. - -»Im Gegenteil, Schatoff, ganz im Gegenteil,« sagte Stawrogin -ungewöhnlich ernst, ohne sich von seinem Platz zu erheben, »im -Gegenteil, Sie haben mit Ihren glühenden Worten ungemein starke -Erinnerungen in mir wachgerufen. Ich finde meine eigene Stimmung von -damals, vor zwei Jahren, wieder, und jetzt werde ich Ihnen schon nicht -mehr sagen, daß Sie meine Gedanken vergrößert haben. Es scheint mir -sogar, daß ich sie noch schärfer, noch autokratischer damals prägte, und -ich versichere Ihnen auf jeden Fall, daß ich sogar sehr gerne alles -bestätigen würde, was Sie da sagten, aber ...« - -»Aber Sie brauchen den Hasen?« - -»Wa--as?« - -»Das ist ja Ihr eigener, gemeiner Ausdruck!« lachte Schatoff höhnisch -auf und setzte sich wieder. »>Um eine Hasensauce zu machen, braucht man -einen Hasen, und um an Gott zu glauben, muß erst Gott da sein.< Das -sollen Sie in Petersburg gesagt haben, _à la_ Nosdreff,[37] der den -Hasen an den Hinterbeinen fangen wollte.« - -»Nein, Nosdreff prahlte, er hätte ihn bereits gefangen. Übrigens, -erlauben Sie eine Frage, zumal ich jetzt wohl das volle Recht dazu haben -dürfte: Ist Ihr Hase eigentlich schon gefangen oder läuft er noch?« - -»Unterstehen Sie sich nicht, mich mit solchen Worten zu fragen! Fragen -Sie mit anderen, mit anderen!« Schatoff zitterte plötzlich. - -»Wie Sie wünschen. Also mit anderen.« Stawrogin sah ihn mit hartem Blick -an. »Ich wollte nur wissen: glauben Sie selbst an Gott, oder nicht?« - -»Ich glaube an Rußland, ich glaube an seine Rechtgläubigkeit ... Ich -glaube an den Leib Christi ... Ich glaube, daß die neue Wiederkunft in -Rußland geschehen wird ... Ich glaube ...« stammelte Schatoff wie in -Verzückung. - -»Aber an Gott? An Gott?« - -»Ich ... ich werde glauben -- an Gott.« - -Kein einziger Muskel bewegte sich im Gesicht Stawrogins. Schatoff sah -ihn glühend, mit Herausforderung an, ganz als hätte er ihn verbrennen -wollen mit seinem Blick. - -»Ich habe Ihnen doch nicht gesagt, daß ich überhaupt nicht glaube,« rief -er schließlich. »Ich gebe doch nur zu verstehen, daß ich ein -unglückliches, langweiliges Buch bin und vorläufig nichts weiter, -vorläufig ... Aber was liegt an mir! Es liegt ja alles bei Ihnen! Ich -bin nur ein unbegabter Mensch und kann nur mein Blut hingeben und weiter -nichts, wie jeder unbegabte Mensch. So mag denn mein Blut auch fließen! -Ich spreche jetzt von Ihnen. Ich habe zwei Jahre hier auf Sie gewartet -... Nur um Ihretwillen tanze ich jetzt hier nackt vor Ihnen. Nur Sie ... -Sie allein könnten die Fahne erheben! ...« - -Er sprach nicht zu Ende und wie in Verzweiflung stützte er die Arme auf -den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen. - -»Ich möchte, da Sie darauf zu sprechen gekommen sind, nur eines -bemerken, als Kuriosität,« unterbrach Stawrogin plötzlich die Stille. -»Warum wollen mir alle immer eine Fahne aufdrängen? Auch Pjotr -Stepanowitsch ist überzeugt, ich allein könnte ihre >Fahne erheben<, -- -wenigstens hat man mir diesen Ausspruch von ihm wiedergegeben. Er hat es -sich in den Kopf gesetzt, ich wäre fähig, für sie die Rolle eines Stenka -Rasin[38] zu spielen, dank meiner >ungewöhnlichen Fähigkeit zum -Verbrechen< -- gleichfalls seine Worte.« - -»Wie? Dank Ihrer >ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen?<« fragte -Schatoff. - -»Genau so.« - -»Hm! ... Aber ist es wahr,« fragte Schatoff mit einem bösen Lächeln, -»daß Sie in Petersburg zu einer viehischen, wollüstigen Gesellschaft -gehört haben? Daß Sie sich selbst gerühmt haben, der Marquis de Sade -hätte von Ihnen noch lernen können? Daß Sie Kinder zu sich gelockt und -verdorben haben? Antworten Sie! Und wagen Sie nicht, zu lügen! Stawrogin -kann nicht lügen -- vor Schatoff, der ihn ins Gesicht geschlagen hat! -Sagen Sie, sagen Sie alles, und wenn es wahr ist, so werde ich Sie auf -der Stelle totschlagen!« schrie Schatoff wie wahnsinnig. - -»Diese Worte habe ich gesagt, aber Kindern habe ich nichts angetan,« -sagte Stawrogin schließlich, aber erst nach einem gar zu langen -Schweigen. - -Er war erblaßt und seine Augen glühten. - -»Aber Sie haben es gesagt!« fuhr Schatoff herrisch fort, ohne seinen -sprühenden Blick von ihm abzuwenden. »Und ist es wahr, daß Sie -versichert haben, Sie wüßten keinen Schönheitsunterschied zwischen -irgendeinem wollüstigen, tierischen Streiche und gleichviel welcher -Heldentat, und wäre es selbst das Opfer des Lebens für die Menschheit? -Ist es wahr, daß Sie in beiden Polen die gleiche Schönheit fanden, den -gleichen Genuß?« - -»So zu antworten ist unmöglich ... ich will nicht antworten,« murmelte -Stawrogin, der jetzt sehr gut hätte aufstehen und fortgehen können und -doch nicht aufstand und nicht fortging. - -»Ich weiß es auch nicht, warum das Böse häßlich und das Gute schön ist, -aber ich weiß, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und -verloren geht bei solchen Herrschaften, wie Stawrogin und -seinesgleichen,« ließ Schatoff, am ganzen Körper bebend, nicht davon ab. -»Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll, -schändlich und gemein? Gerade deshalb, weil hier die Schmach und -Gemeinheit schon an Genialität grenzte! Oh, Sie schlendern nicht bloß so -am Rande, Sie stürzen sich dreist mit dem Kopf voran in den Abgrund -hinab. Aus Leidenschaft zur Qual haben Sie geheiratet, aus Leidenschaft -zu Reue und Gewissensbissen, aus geistiger, sittlicher Wollust. Hier -waren Ihre Nerven wund ... Die Herausforderung an die gesunde Vernunft, -die hierin lag, war schon gar zu verführerisch! _Stawrogin!_ und eine -häßliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krüppelig ist! -- Als -Sie den Gouverneur ins Ohr bissen, empfanden Sie da nicht Wollust? -Empfanden Sie sie? Müßiger, sich herumtreibender Herrensohn, empfanden -Sie sie?« - -»Sie sind Psychologe,« sagte Stawrogin, der bleicher und bleicher wurde, -»obschon Sie sich in den Gründen meiner Heirat teilweise irren ... Wer -hat Ihnen übrigens all dieses mitteilen können? ...« Er zwang sich zu -einem Spottlächeln. »Doch nicht Kirilloff? Aber der war ja gar nicht -zugegen ...« - -»Warum sind Sie bleich geworden?« - -»Was _wollen_ Sie nur von mir?« Stawrogin erhob schließlich die Stimme: -»Ich habe hier eine halbe Stunde unter Ihrer Knute gesessen, nun könnten -Sie mich doch wenigstens höflich fortgehen lassen ... wenn Sie in der -Tat keinen vernünftigen Grund haben, mit mir in dieser Art umzugehen.« - -»Vernünftigen Grund?« - -»Zweifellos. Es wäre zum mindesten Ihre Pflicht, mir zu sagen, was Sie -eigentlich bezwecken. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, daß Sie -es tun würden. Ich habe aber nur eine einzige rasende Bosheit in Ihnen -gefunden. Ich bitte Sie, mir die Hofpforte zu öffnen.« - -Er erhob sich. Schatoff stürzte ihm nach, wild vor Grimm. - -»Küssen Sie die Erde, tränken Sie sie mit Tränen, bitten Sie um -Vergebung!« rief er, ihn an der Schulter packend. - -»Ich habe Sie nicht erschlagen ... an jenem Sonntagmorgen ... Ich nahm -beide Hände zurück ...« sagte Stawrogin wie im Schmerz und sah zu Boden. - -»So sprechen Sie doch, so sagen Sie doch alles! Sie kamen her, um mich -vor der Gefahr zu warnen, Sie ließen es zu, daß ich sprach, und morgen -wollen Sie Ihre Heirat öffentlich bekanntmachen! ... Sehe ich es denn -nicht Ihrem Gesicht an, daß Sie mit irgendeinem neuen furchtbaren -Gedanken ringen ... Stawrogin, warum bin ich dazu verurteilt, bis in -alle Ewigkeit an Sie zu glauben? Hätte ich denn mit einem anderen so -sprechen können? Ich habe Keuschheit, aber ich habe mich meiner -Nacktheit nicht geschämt, -- denn es war _Stawrogin_, vor dem ich -sprach! Ich habe mich nicht gefürchtet, den großen Gedanken durch meine -Berührung zu karikieren, denn _Stawrogin_ hörte mir zu! ... Und werde -ich denn nicht die Spuren Ihrer Tritte küssen, wenn Sie fortgegangen -sind? Ich kann nicht, ich kann Sie nicht aus meinem Herzen reißen, -Nicolai Stawrogin!« - -»Es tut mir leid, daß ich Sie nicht lieben kann, Schatoff!« sagte -Stawrogin kalt. - -»Ich weiß, daß Sie es nicht können, und ich weiß auch, daß Sie nicht -lügen. Aber hören Sie, ich werde alles gut machen: ich werde Ihnen den -Hasen verschaffen!« - -Stawrogin schwieg. - -»Sie sind Atheist, weil Sie ein Herrensohn sind, der letzte Herrensohn. -Sie haben den Unterschied zwischen Gut und Böse verloren, denn Sie haben -aufgehört, Ihr Volk zu verstehen ... Es steigt eine neue Generation -herauf, unmittelbar aus dem Herzen dieses Volkes, doch Sie werden sie -nie erkennen, weder Sie noch die Werchowenski, Vater und Sohn, noch ich, -denn auch ich bin ein Herrensohn, ja, ich, der Sohn Ihres leibeigenen -Dieners Paschka ... Hören Sie, verschaffen Sie sich Gott durch Arbeit -- -hierin liegt der ganze Kern ... Oder verschwinden Sie als gemeine, -faulende Schimmelschicht ... Erwerben Sie sich Gott durch Arbeit!« - -»Gott durch Arbeit? Mit welcher Arbeit?« - -»Mit gemeiner Bauernarbeit! Gehen Sie, werfen Sie Ihren ganzen Reichtum -hin ... Ah! Sie lachen, Sie fürchten wohl, daß eine Posse dabei -herauskommen wird?« - -Doch Stawrogin lachte nicht. - -»So glauben Sie, daß man Gott durch Arbeit erringen kann, und zwar -gerade Bauernarbeit?« wiederholte er nachdenklich, als hätte man ihm in -der Tat etwas Neues und Ernstes gesagt, worüber nachzudenken sich -lohnte. »Aber wissen Sie auch,« sagte er plötzlich, auf etwas anderes -übergehend, »daß ich durchaus nicht reich bin und fast nichts mehr -hinwerfen könnte? Ich bin sogar kaum imstande, die Zukunft Marja -Timofejewnas sicherzustellen ... Ja, und damit ich es nicht vergesse: -ich wollte Sie bitten, Marja Timofejewna auch fernerhin, wenn es Ihnen -möglich ist, beizustehen, da doch nur Sie allein einen gewissen Einfluß -auf ihren armen Verstand haben könnten. Ich sage das nur auf alle -Fälle.« - -»Schon gut, schon gut!« Schatoff winkte mit der einen Hand ab, während -er mit der anderen das Licht hielt. »Sie reden von Marja Timofejewna, -gut, ich werde schon, das ist ja selbstverständlich ... Aber hören Sie, -gehen Sie zu Tichon.« - -»Zu wem?« - -»Zu Tichon. Er ist ein früherer Bischof, der jetzt -- krankheitshalber -zurückgezogen -- hier in der Stadt wohnt, hier in unserem -Jefimjeff-Kloster.« - -»Und --?« - -»Nichts weiter. Man pilgert und fährt jetzt zu ihm. Gehen Sie auch zu -ihm, was macht es Ihnen denn aus? Gehen Sie auch!« - -»Höre es zum erstenmal und ... Diese Sorte Menschen habe ich noch nie -gesehn. Ich danke Ihnen, ich werde hingehen.« - -»Hierher!« Schatoff leuchtete und geleitete ihn die Treppe hinunter. - -»So,« sagte er und stieß die Hofpforte sperrangelweit zur Straße auf. - -»Ich werde nicht mehr zu Ihnen kommen, Schatoff,« sagte Stawrogin leise, -indem er durch die Pforte trat. - -Die Nacht war nach wie vor finster und der Regen hatte noch immer nicht -aufgehört ... - - - - - Siebentes Kapitel. - Die Nacht (Fortsetzung) - - - I. - -Er ging die ganze Bogojawlenskstraße hinunter; schließlich führte der -Weg leicht abwärts, seine Füße glitschten im Schlamm, und plötzlich -öffnete sich vor ihm im Dunkeln ein breiter, nebliger, gleichsam leerer -Raum -- der Fluß. Die Häuser waren hier nicht mehr Häuser zu nennen, -sondern Hütten, und die Straße hatte sich in vielen Sackgassen und -Gäßchen verloren. Nicolai Wszewolodowitsch ging eine ganze Weile an den -Zäunen entlang, ohne sich vom Flußufer zu entfernen, verfolgte aber -standhaft seinen Weg, doch eigentlich ohne viel an ihn zu denken. Er war -mit ganz anderen Dingen beschäftigt und sah sich erstaunt um, als er -sich plötzlich, aus tiefem Denken erwachend, fast in der Mitte unserer -langen, nassen Floßbrücke fand. Keine Seele ringsum. Nichts rührte sich. -Um so sonderbarer erschien es ihm da, als plötzlich fast unmittelbar -neben seinem Ellenbogen eine höflich familiäre, doch übrigens ganz -angenehme Stimme ertönte, aber in jenem süßlich abgerundeten Redefluß, -mit dem bei uns gar zu zivilisierte Kleinbürger oder lockenhäuptige -junge Kommis in den Kaufläden zu paradieren pflegen. - -»Würde mir der gnädige Herr nicht erlauben, das Regenschirmchen mit eins -zu benützen?« - -Und tatsächlich, eine Gestalt drückte sich unter seinen Schirm, oder tat -wenigstens so, als wage sie es. Der Strolch ging neben ihm, ihn fast -»mit dem Ellenbogen fühlend«, wie unsere Soldaten sagen. Nicolai -Wszewolodowitsch verlangsamte den Schritt und beugte sich ein wenig, um -dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu können, soweit das in der -Finsternis möglich war: ein Mensch, nicht groß von Wuchs und in etwa wie -ein heruntergekommener, verbummelter Kleinbürger, schlecht und nicht -warm gekleidet; auf dem krausen, zottigen Haar saß schief eine nasse -Tuchmütze mit halbabgerissenem Schirm. Es schien ein schwarzhaariger -Mensch zu sein, mager und braun; die Augen waren groß, unbedingt -schwarz, mit jenem starken Glanz und gelben Schimmer, wie ihn Zigeuner -haben, -- das erriet man in der Dunkelheit. Alt mochte er sein -- gegen -vierzig, und er war nicht betrunken. - -»Du kennst mich?« fragte Stawrogin. - -»Herr Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch. Man hat Sie mir auf der -Bahnstation gezeigt, kaum daß die Maschine hielt, akkurat am -vorvergangenen Sonntag. Außer daß man schon früher von Ihnen gehört -hat.« - -»Von Pjotr Stepanowitsch? Du ... du bist der Zuchthäusler Fedjka?« - -»Getauft hat man mich Fjodor Fjodorowitsch. Hab bis auf den heutigen Tag -noch eine leibliche Mutter in hiesiger Gegend, eine alte Gottesdienerin, -die zur Erde wächst, für uns selber Tag und Nacht alleweil zu Gott -betet, damit daß sie nicht ganz umsonst ihre Altweiberzeit auf dem Ofen -verliert.« - -»Du bist aus dem Zuchthause entsprungen?« - -»Ich hab' halt selber mein Los verändert und ihnen da den ganzen Krempel -hingeworfen. Denn ich war halt beinah auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit -verurteilt, und da war's denn schon ganz absonderlich lang auf das Ende -zu warten ...« - -»Was treibst du hier?« - -»Ja, so, ein Tag und eine Nacht und immer ist noch nichts gemacht. Die -Zeit vergeht halt von selber. Was unser Onkel ist, der ist hier in der -vorigen Woche im Gefängnis gestorben, wo er von wegen falscher Gelder -saß, und da hab ich denn ein Gedächtnisfeierchen für ihn gemacht und -dabei so selbentlich zweimal zehn Rubel an die Hunde gebracht -- das ist -auch alles von unseren Taten bis eben jetzt. Und dabei haben Pjotr -Stepanowitsch die Möglichkeit, uns einen Paschport auf ganz Rußland zu -verschaffen, als was das Herz nur will, sogar als Kaufmann. Und da wart -ich denn, bis er mir seinen Segen schenkt. Darum sagen sie, -- ich -meine: er, Pjotr Stepanowitsch --, darum sagt er, daß Papa dich im -englischen Klub beim Kartenspiel verspielt hat, und so finde ich, sagt -er, ich meine Pjotr Stepanowitsch, so finde ich diese Unmenschlichkeit -ungerecht. -- Sie könnten mir doch, gnädiger Herr, mit drei Rubelchen so -zum Erwärmen, für ein Teechen, wohlwollen?« - -»Du hast mir hier also aufgelauert. Das liebe ich nicht. Auf wessen -Befehl hast du es getan?« - -»Was von Befehl, so ist davon gar nichts gewesen: ich kenn' nur bloß -auch Ihre Menschenliebe, wie alle Welt es eben tut. Denn unsere -Einkünftekens, Sie wissen ja selbst, Herr, daß die halt 'ne Maus auf'm -Schwanz fortschleppen kann. Das war vor'gen Freitag, da habe ich mich -mal vollgeschlagen mit Fleisch, wie Martyn mit Seife, wie man zu sagen -pflegt, aber seit damals hab ich den ersten Tag nichts gegessen, den -zweiten gefastet und den dritten wieder nichts. Wasser ist ja im Fluß, -bei Gott, so viel du willst, aber davon allein kann man im Magen doch -nur Karauschen züchten ... Na, und so überhaupt, der gnädige Herr werden -doch wohl von den Mildtätigen sein? Und ich hab hier gerade 'ne -Gevatterin nich weit, die mich erwartet: nur komm du nich ohne Rubelchen -zu ihr!« - -»Was hat dir denn Pjotr Stepanowitsch von mir versprochen?« - -»Nicht, daß er mir was vorversprochen hat, er hat nur so mit Worten -gesagt, daß ich, nu ja, dem gnädigen Herrn mal nötig sein könnte, wenn -solch ein Streifen mal vorkommt; aber zu was, das hat er eigentlich nich -so geradeheraus gesagt, so mit Genauigkeit, denn Pjotr Stepanowitsch -will nur so zum Beispiel sehen, ob ich nich Kosakengeduld habe, und -Vertrauen hat er nich für 'ne Kopeke zu mir.« - -»Warum denn nicht?« - -»Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt -vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklügste ist -er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor Gottes -Antlitz selber, denn ich hab vieles gehört, was man so spricht von -Ihnen. Pjotr Stepanowitsch -- das ist eins, aber Sie, gnädiger Herr, das -ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: 'n -Gauner, so ahnt ihm schon außer diesem von diesem Menschen gar nichts -mehr. Sagt er: 'n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer -einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein, -nur am Dienstag und Mittwoch 'n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch -klüger als er selber. Jetzt weiß er bloß eben von mir, daß ich gerade -große Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Rußland -geht's ohne Dokumentchen auf keinerlei Art -- und schon glaubt er, er -hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr -Stepanowitsch hat's furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen -Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so -lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, daß es schon gar -keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, daß ich außer als durch ihn schon -nie nich wagen werde, Sie zu belästigen, aber ich bin vor Ihnen, -gnädiger Herr, wie vor'm Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, -- -schon die vierte Nacht erwarte ich den gnädigen Herrn hier auf dieser -Brücke, in der Sache, daß ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie -man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du -verneigst dich vor 'nem Stiefel als vor 'nem Bastschuh.« - -»Wer hat es dir denn gesagt, daß ich nachts über diese Brücke gehen -werde?« - -»Ja, das ist schon, muß ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr -aus der Dummheit des Hauptmann Lebädkin, denn der kann schon gar nichts -für sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gnädigen Herrn für -die drei Nächte, als für die Langeweile, zum Beispiel? Und daß die -Kleider quatschnaß sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der -Beleidigung.« - -»Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brücke ist zu Ende. -Höre, Fedjka, ich liebe es, daß man meine Worte ein für allemal behält: -ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals -- hörst du? -- niemals -brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brücke noch sonst wo -treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst -- so binde ich -dich und übergebe dich der Polizei. Jetzt -- marsch!« - -»O je! Aber für die Unterhaltung schmeißen Sie mir doch wenigstens was --- es war doch lustiger, so zu gehen.« - -»Pack dich!« - -»Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so -verdrehte Wege ... ich könnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem -Ufer -- das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen hätte: -alles hat er durcheinandergeschüttelt.« - -»Zum ... Ich binde dich!« wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um. - -»Denken Sie nach, vielleicht doch, gnädiger Herr? Kann man denn eine -Waise lange beleidigen?« - -»Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen!« - -»Ach, gnädiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, daß ich sonderlich -auf mich baute!« - -»Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt!« - -»Aber ich brauche doch Sie, gnädiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde -also warten, bis Sie zurückkommen.« - -»Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich!« - -»So werd' ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glückliche Reise, -gnädiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen 'ne Waise -beschützt; schon dafür allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein, -gnädiger Herr.« - -Er blieb zurück. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser plötzlich aus der -Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit für ihn doch -schon gar zu überzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das -zu zeigen. Überhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstände mehr. Aber -es konnte doch auch sein, daß der Strolch nicht alles gelogen und seine -Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade -heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rücken. Das aber gab dann doch am -meisten zu denken. - - - II. - -Das Haus, zu dem Stawrogin ging, lag an einer öden, entlegenen Gasse -buchstäblich am äußersten Rande der Vorstadt, zwischen niedrigen Zäunen, -hinter denen sich Gemüsegärten hinzogen. Es war ein alleinstehendes -kleines hölzernes Haus, das man gerade erst erbaut hatte und das von -außen noch nicht einmal mit Brettern beschlagen war. Die Läden des einen -Fensters hatte man wohl absichtlich nicht geschlossen, denn auf dem -Fensterbrett stand ein brennendes Licht, augenscheinlich als Wegweiser -und Zeichen für den spät erwarteten Gast. Schon von weitem, über dreißig -Schritte von der Tür, erkannte Stawrogin auf der kleinen Haustreppe die -Gestalt eines Menschen von hohem Wuchs, der offenbar über dem Warten die -Geduld verloren hatte und herausgetreten war. Da hörte er auch schon -seine Stimme, voll Ungeduld und doch gleichsam zaghaft. - -»Sind Sie es? Sie?« - -»Ich bin's,« antwortete Stawrogin, doch nicht eher, als bis er ganz -herangetreten war und den Schirm schloß. - -»Endlich!« Hauptmann Lebädkin trat hin und her und bewegte sich mit -geschäftigem Diensteifer. »Das Schirmchen, wenn ich bitten darf; sehr -naß heute; ich werde es aufschlagen und hier in der Ecke auf den -Fußboden stellen. Bitte -- bitte einzutreten, hier geht's hinein; bitte -schön.« - -Die Tür aus dem Flur ins Wohnzimmer, in dem zwei Kerzen brannten, stand -weit offen. - -»Wenn Sie nicht selbst Ihr unbedingtes Kommen angesagt hätten, so hätte -ich es schon aufgegeben, Sie zu erwarten.« - -»Viertel vor eins,« sagte Stawrogin, der ins Zimmer trat, nach einem -Blick auf seine Uhr. - -»Und dabei noch Regen -- und eine so interessante Entfernung ... Eine -Uhr habe ich nicht, und vor dem Fenster nur Gemüsegärten, da -- da -bleibt man hinter den Ereignissen zurück. -- Aber das soll kein Vorwurf -sein, das wage ich ja gar nicht, bewahre, sondern einzig nur so ... aus -Ungeduld, wenn man sich die ganze Woche verzehrt ... um endlich erlöst -zu werden ...« - -»Wie?« - -»Um seinen Schicksalsspruch zu hören, Nicolai Wszewolodowitsch.« Und mit -einer Verbeugung auf das Sofa weisend, vor dem ein Tisch stand: »Bitte, -nehmen Sie Platz.« - -Stawrogin sah sich im Zimmer um: es war klein und niedrig. Die ganze -Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten: aus zwei einfachen neuen -Holzstühlen, einem gleichfalls neuen, noch unüberzogenen Sofa mit -hölzerner Lehne und ohne Seitenpolster, und zwei Tischen. Auf dem -kleineren, in der Ecke, standen irgendwelche Dinge, über die man eine -saubere Serviette gebreitet hatte. Überhaupt schien man das ganze Zimmer -äußerst sauber gehalten zu haben. Der Hauptmann war nun schon an die -acht Tage nüchtern. Sein Gesicht sah gelb und abgefallen aus, der Blick -war unruhig, neugierig und eigentlich verständnislos: man sah ihm an, -daß er noch nicht wußte, in welch einem Ton er sprechen durfte und -welcher schließlich der ratsamste war. - -»Wie Sie sehen,« wies er mit pathetischer Geste herum, »lebe ich wie ein -Heiliger: Nüchternheit, Einsamkeit und Armut -- das Gelübde der alten -Ritter!« - -»Sie glauben, die alten Ritter hätten solche Gelübde getan?« - -»Tja, vielleicht habe ich mich auch verhauen? O weh, für mich gibt es -keine Entwicklung mehr! Alles verdorben! Glauben Sie mir, Nicolai -Wszewolodowitsch, hier bin ich zum erstenmal aufgewacht aus diesem -Schandleben, -- kein Gläschen mehr, kein Tröpfchen! Habe jetzt einen -Winkel -- und sechs Tage lang genieße ich nun schon die Wohltat der -Gewissensbisse. Sogar die Wände riechen noch nach Harz, erinnern somit -an die Natur. Aber was war ich, was stellte ich vor? - - >Ohne Obdach in der Nacht, - Tagsüber eine Hetze< ... - -wie sich ein genialer Dichter ausgedrückt hat! Aber ... Sie sind ja so -durchnäßt ... Wollen Sie nicht ein Gläschen Tee?« - -»Bemühen Sie sich nicht.« - -»Der Samowar kocht seit acht Uhr abends, aber -- da ist er nun -ausgelöscht! -- wie alles in der Welt! Und auch die Sonne, sagt man, -wird einmal auslöschen, wenn sie an die Reihe kommt ... Aber wenn Sie -wollen, bringe ich ihn wieder zum Kochen ... Agafja schläft noch nicht.« - -»Sagen Sie: Marja Timofejewna ...« - -»Hier, hier,« fiel ihm Lebädkin sofort flüsternd ins Wort, »wenn Sie sie -sehen wollen ...?« und er wies auf die geschlossene Tür zum Nebenzimmer. - -»Sie schläft nicht?« - -»O nein, nein, wie sollte sie denn? Im Gegenteil, erwartet Sie schon vom -Abend an! ... wie sie es vorhin erfuhr, putzte sie sich gleich auf,« -- -er wollte schon sarkastisch den Mund verziehen, unterließ es aber im Nu. - -»Wie ist sie jetzt im allgemeinen?« fragte Nicolai Wszewolodowitsch mit -zusammengezogenen Brauen. - -»Im allgemeinen? Ja, das geruhen Sie ja selbst zu wissen,« und er zuckte -mitleidig mit den Schultern. »Jetzt ... jetzt sitzt sie da und legt -Karten ...« - -»Gut, nachher. Zuerst muß ich mit Ihnen zu einem Ende kommen.« - -Stawrogin setzte sich auf einen Stuhl. Der »Hauptmann« wagte es nicht, -sich auf das Sofa zu setzen, und so zog er denn schnell den anderen -Stuhl herbei, setzte sich, und war, leicht vorgebeugt, in zitternder -Erwartung bereit, alles zu vernehmen. - -»Was haben Sie denn dort auf dem Tisch unter der Serviette?« fragte -Stawrogin, der plötzlich seine Aufmerksamkeit jenem Tisch zuwandte. - -»Da--a?« Lebädkin drehte sich sofort gleichfalls um. »Ja, das ist so von -Ihren eigenen Gaben, in Gestalt, wie man zu sagen pflegt, in Gestalt von -Salz und Brot ... in der neuen Wohnung ... und ich dachte auch an Ihren -weiten Weg und die natürliche Müdigkeit,« er sah ihn fast bittend an und -versuchte unschuldig zu lächeln. Darauf erhob er sich, ging auf den -Fußspitzen zum Tisch und entfernte ehrerbietig und vorsichtig die -Serviette. - -Er hatte einen ganzen Imbiß vorbereitet: geräucherten Schinken, -Kalbfleisch, Sardinen, Käse, eine kleine grüne Karaffe und eine lange -Flasche Bordeaux -- alles war ungemein sauber, mit Sachkenntnis und fast -elegant geordnet. - -»Das haben Sie besorgt?« - -»Jawohl ... Schon gestern ... Marja Timofejewna ist ja in der Beziehung, -wie Sie wissen, gleichgültig. Aber die Hauptsache: daß es von Ihren -Gaben ist, also Ihr eigenes ... da Sie ja doch hier der Hausherr sind, -und nicht ich -- ich bin ja doch nur so Ihr Angestellter, wenn auch, -wenn auch, Nicolai Wszewolodowitsch, wenn auch mein Geist noch -unabhängig ist! Diesen meinen letzten Besitz werden Sie mir doch nicht -nehmen wollen!« schloß er geradezu gerührt. - -»Hm! ... wie wär's, wenn Sie sich setzen würden?« - -»Ich bin da--ankbar, dankbar und unabhängig!« (Er setzte sich.) »Ach, -Nicolai Wszewolodowitsch, in diesem Herzen hat sich so viel angesammelt, -so viel, daß ich schon gar nicht mehr wußte, wie ich noch länger auf Sie -warten sollte! Sehen Sie, Sie werden jetzt mein Schicksal entscheiden -und auch das ... jener Unglücklichen, und dann ... dann wieder so, wie -es früher war? Ich werde dann wieder meine ganze Seele vor Ihnen -ausschütten, wie damals vor vier Jahren. Würdigten Sie mich doch damals -dessen, mir zuzuhören, lasen Verse ... Mag man mich auch dort Ihren -Falstaff genannt haben, nach Shakespeare, aber Sie haben doch so viel in -meinem Leben bedeutet! ... Jetzt habe ich wieder meine große Angst und -erwarte nur von Ihnen Rat und Heil. Pjotr Stepanowitsch behandelt mich -ganz furchtbar!« - -Stawrogin hörte ihm neugierig zu und beobachtete ihn aufmerksam. -Augenscheinlich befand sich Lebädkin, wenn er nun auch schon eine Woche -nicht mehr getrunken hatte, doch noch längst nicht in einem harmonischen -Gemütszustande. In solchen langjährigen Trinkern setzt sich schließlich -für immer etwas Ungereimtes, Dunstiges, Irrsinniges fest, das sie -gleichsam benommen erscheinen läßt -- was sie übrigens nicht hindert, -wenn es nötig ist, nicht ungeschickter als nüchterne Leute zu betrügen, -zu intrigieren und auch zu berechnen. - -»Ich sehe, daß Sie sich in diesen viereinhalb Jahren nicht im geringsten -verändert haben, Hauptmann,« sagte Stawrogin wie ein wenig freundlicher. -»Man sieht wieder einmal, daß die ganze zweite Hälfte des menschlichen -Lebens meist nur aus den in der ersten Hälfte angenommenen Gewohnheiten -besteht.« - -»Erhabene Worte! Sie lösen das Rätsel der Welt!« rief der »Hauptmann« -entzückt, halb mit verstellter, halb mit wirklich echter Begeisterung, -denn er war ein großer Liebhaber guter Aussprüche. »Von allem, was Sie -gesagt haben, Nicolai Wszewolodowitsch, habe ich eines ganz besonders -behalten ... noch in Petersburg haben Sie's gesagt: >Man muß in der Tat -ein großer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft stand halten -zu können<. Sehen Sie!« - -»Oder ebensogut auch ein Dummkopf.« - -»So? Na, dann mein'twegen auch ein Dummkopf, nur haben Sie Ihr Lebelang -mit dem Scharfsinn nur so um sich geworfen, die anderen aber? Mögen doch -Liputin und Pjotr Stepanowitsch auch einmal etwas Ähnliches sagen! Oh, -wie grausam Pjotr Stepanowitsch mit mir umgegangen ist! ...« - -»Aber Sie, Hauptmann, wie haben Sie sich denn selbst benommen?« - -»Ach, das betrunkene Aussehen und dazu noch die Unmenge meiner Feinde! -Aber jetzt ist alles, alles vorüber und ich erneuere mich, fahre aus der -alten Haut wie eine Schlange. Wissen Sie auch, Nicolai Wszewolodowitsch, -daß ich mein Testament schreibe, daß ich's schon geschrieben habe?« - -»Das ist allerdings interessant. Was vermachen Sie denn und wem das?« - -»Dem Vaterlande, der Menschheit und den Studenten. Nicolai -Wszewolodowitsch, ich habe einmal in einer Zeitung die Biographie eines -Amerikaners gelesen. Er vermachte sein ganzes, riesiges Vermögen den -Fabriken und den positiven Wissenschaften, sein Skelett den Studenten -der Universität seiner Stadt und seine Haut bestimmte er für eine -Trommel, auf der man Tag und Nacht die amerikanische Nationalhymne -trommeln sollte! Ach, wir sind ja Pygmäen im Vergleich mit dem -Gedankenflug der nordamerikanischen Staaten! Rußland ist ja nur ein -Spiel der Natur, aber nicht des Verstandes. Wenn ich's versuchen wollte, -meine Haut, sagen wir, dem Akmolinskschen Infanterieregiment, in dem ich -die Ehre hatte, meinen Dienst zu beginnen, mit der Bedingung zu -vermachen, daß man aus ihr ein Trommelfell verfertigt, auf dem man -täglich vor dem ganzen Regiment die russische Nationalhymne trommeln -soll -- man hielte es sofort für Liberalismus und konfiszierte meine -Haut! ... Darum habe ich mich denn mit den Studenten begnügt. Mein -Skelett hab' ich der Akademie vermacht, aber mit der Bedingung, -einstweilen nur unter der Bedingung, daß sie auf die Stirn für alle -ewigen Ewigkeiten ein Zettelchen kleben mit den Worten: >Ein reuiger -Freidenker<. Jawohl!« - -Der Hauptmann sprach mit Begeisterung und glaubte jetzt natürlich schon -selbst an die Schönheit des amerikanischen Vermächtnisses, wenn er auch -als schlauer Mensch zu gleicher Zeit Stawrogin, dessen »Narr« er früher -gewesen war, aus Berechnung belustigen wollte. Aber der hatte diesmal -keine Lust zu lachen, sondern fragte im Gegenteil nur eigentümlich -mißtrauisch: - -»Sie beabsichtigen wohl, Ihr Testament noch bei Lebzeiten zu -veröffentlichen und dafür eine Belohnung zu erhalten?« - -»Und wenn dem so wäre, Nicolai Wszewolodowitsch, und wenn dem so wäre?« -Lebädkin sah sich vorsichtig in ihn hinein. »Denn -- was ist denn mein -Los jetzt eigentlich! Sogar Verse schreibe ich nicht mehr und einst -haben doch sogar Sie sich an meinen kleinen Gedichten ergötzt, Nicolai -Wszewolodowitsch, wissen Sie noch, bei der Flasche? Aber aus ist's nun -mit der Feder! Hab nur noch ein einziges Lied geschrieben, wie Gogol -seine >Letzte Geschichte<. Sie wissen doch, Gogol verkündete ganz -Rußland, daß sie sich aus seiner Seele >herausgesungen< habe. So auch -ich: hab's herausgesungen und damit -- basta!« - -»Was ist denn das für ein Gedicht?« - -»Tja, es heißt: >Im Fall sie sich den Fuß zerbräche<!« - -»Wi--ie?« - -Darauf hatte der Hauptmann nur gewartet. Seine Gedichte achtete und -schätzte er zwar grenzenlos, doch zugleich gefiel es ihm -- wohl aus -einer gewissen durchtriebenen Zwieheit der Seele -- daß sie Stawrogin, -der früher zuweilen so über sie gelacht hatte, daß er sich die Seiten -hielt, immer belustigten. Auf diese Weise erreichte er gewöhnlich zwei -Ziele mit einem Mittel: ein poetisches und ein geschäftliches Ziel. -Diesmal aber gab es noch ein drittes, ein ganz besonderes und äußerst -kitzliches: der Hauptmann hoffte nämlich, als er das Gedicht heranzog, -sich auf diese Manier am leichtesten in einem gewissen Punkte -rechtfertigen zu können, hoffte dies um so mehr, als er aus einem -bestimmten Grunde gerade in diesem Punkt seine Schuld für größer als in -allen anderen Punkten hielt. - -»>Im Fall sie sich den Fuß mal bräche<, das heißt, beim Reiten. Eine -bloße Phantasie, Nicolai Wszewolodowitsch, ein Traumbild, aber das -Traumbild eines Dichters! Einmal, beim Spazierengehen, sah dieser -Dichter eine Reiterin, und da stellte er sich dann die materialistische -Frage: >was würde dann sein?< -- das heißt, in dem Falle, _wenn_! Die -Sache ist doch klar: alle Kurmacher gehen sogleich wie die Krebse -rückwärts, fort sind all die Heiratskandidaten, also -- >wisch den Mund -ab morgen früh<,« fügte er plötzlich auf Deutsch hinzu, »nur der Dichter -bleibt treu, nur er mit dem gebrochenen Herzen in der Brust! Nicolai -Wszewolodowitsch, sogar eine winzige Laus darf verliebt sein, denn kein -Gesetz verbietet's ihr. Und doch fühlte sich die Dame gekränkt durch -meinen Brief, wie durch das Gedicht. Sogar Sie sollen sich geärgert -haben, sagt man -- ist's wahr? Das wäre jammerschade, wollt's gar nicht -glauben! Nun, sagen Sie doch selbst, wen konnte ich denn mit bloßer -Einbildung beleidigen? Zudem ist hier noch, mein Ehrenwort, Liputin -dabei: >Schreiben Sie, schreiben Sie unbedingt, jeder Mensch hat das -Recht, Briefe zu schreiben<, sagte er -- und so schickte ich's denn ab.« - -»Sie haben sich, glaube ich, als Bräutigam vorgeschlagen?« - -»Feinde, Feinde, nichts als Feinde! ...« - -»Sagen Sie das Gedicht!« fiel ihm Stawrogin streng ins Wort. - -»Ein Traum, bloß ein Traum, sag ich Ihnen!« - -Aber er setzte sich doch in Positur, streckte die Hand aus und begann: - - »Das schönste Weib brach mal ein Glied, - Doch ward es dadurch nur aparter! - Und doppelt liebte sie fortan - Der ohnehin in sie verliebte Dichtersmann ...« - -»Genug!« Stawrogin winkte ab. - -»Oh, ich sehne mich nach Pietjer[39]!« rief Lebädkin, schnell auf ein -anderes Gebiet überspringend, als wäre von Gedichten nie die Rede -gewesen. »Ich denke an eine Auferstehung, ich träume von einer -Wiedergeburt ... Mein Wohltäter! Darf ich darauf rechnen, daß Sie mir -nicht die Mittel zur Reise verweigern werden? Ich hab Sie die ganze -Woche wie die liebe Sonne erwartet.« - -»Nein, darauf dürfen Sie nicht rechnen. Außerdem ist mir von meinem -Kapital fast nichts mehr verblieben. Und überhaupt, warum sollte ich -Ihnen Geld geben? ...« - -Stawrogin schien sich plötzlich geärgert zu haben. Kurz und trocken -zählte er alle Vergehen des Hauptmanns auf: das unmäßige Trinken, die -Lügengeschichten, Verschwendung des Geldes, das Marja Timofejewna -gehörte, dann, daß er sie aus dem Kloster genommen hatte, die frechen -Briefe mit den Drohungen, das Geheimnis bekanntzumachen, die Geschichte -mit Darja Pawlowna usw., usw. Der Hauptmann wogte geradezu hin und her, -gestikulierte, wollte widersprechen, doch Stawrogin wies ihn jedesmal -herrisch zur Ruh. - -»Und erlauben Sie,« bemerkte er zum Schluß, »Sie schreiben immer von -einer >Familienschande<. Ich sehe darin keine Schande für Sie, daß Ihre -Schwester Stawrogins rechtmäßig getraute Frau ist.« - -»Aber die Ehe ist ein Geheimnis, Nicolai Wszewolodowitsch, niemand weiß -davon, ein verhängnisvolles Geheimnis! Ich bekomme Geld von Ihnen und -plötzlich stellt man mir die Frage: wofür bekommst du dieses Geld? Ich -aber bin gebunden und kann nicht antworten, zum Schaden meiner Schwester --- und zum Schaden meiner Familienehre!« - -Der Hauptmann erhob bereits die Stimme: dieses Thema liebte er ganz -besonders und er hatte sich in diesem Sinne schon vorbereitet, denn -darauf beruhte seine ganze Hoffnung. Wie hätte er auch ahnen sollen, -welch eine niederschmetternde Überraschung ihn gerade auf dieser seiner -Basis erwartete! Ruhig und bestimmt, als ob es sich um die alltäglichste -häusliche Angelegenheit handelte, teilte ihm Stawrogin mit, daß er die -Absicht habe, in diesen Tagen, vielleicht morgen oder übermorgen, seine -Heirat allgemein bekanntzumachen, sie >sowohl der Polizei wie der -Gesellschaft< anzuzeigen -- so daß denn die Frage der »Familienehre« -damit endgültig erledigt sein werde, und die der Subsidien gleichfalls. - -Der Hauptmann riß die Augen auf: er begriff nicht einmal, was er da -hörte; so mußte denn alles noch durchgesprochen werden. - -»Aber sie ist doch ... halbverrückt?« - -»Das ist meine Sache.« - -»Aber ... was wird denn Ihre Mutter --?« - -»Das geht Sie wenig an, Lebädkin.« - -»Aber Sie werden doch Ihre Frau in Ihr Haus führen?« - -»Sehr leicht möglich. Übrigens ist das schon ganz und gar nicht Ihre -Sache, das geht Sie nicht das geringste an.« - -»Wie, nicht angehen?« schrie der Hauptmann auf. »Und ich?« - -»Nun, Sie kommen doch selbstverständlich nicht in mein Haus.« - -»Aber ich bin doch Ihr Verwandter!« - -»Für solche Verwandte dankt man. Und warum soll ich Ihnen nun noch Geld -geben, sagen Sie doch selbst?« - -»Nicolai Wszewolodowitsch, Nicolai Wszewolodowitsch, das kann ja nicht -sein, Sie werden sich das doch noch überlegen, Sie werden doch nicht -Hand an sich legen wollen ... was wird man denken, was wird man in der -Gesellschaft sagen?« - -»Fürchte wahrlich sehr diese Gesellschaft! Habe ich doch Ihre Schwester -geheiratet, als ich es wollte, damals, nach dem Gelage, auf die trunkene -Wette hin, und jetzt zeige ich es öffentlich an ... wenn mir das jetzt -Vergnügen macht.« - -Er sagte das ganz eigentümlich gereizt, so daß Lebädkin schon mit -Entsetzen zu glauben begann. - -»Aber ich, was wird denn mit mir, die Hauptsache dabei bin doch ich! ... -Sie scherzen vielleicht nur, Nicolai Wszewolodowitsch?« - -»Nein, ich scherze nicht.« - -»Wie Sie wollen, Nicolai Wszewolodowitsch, aber ich glaube Ihnen nicht -... dann werde ich eine Bittschrift einreichen.« - -»Sie sind furchtbar dumm, Hauptmann.« - -»Meinetwegen, aber das ist doch alles, was mir übrigbleibt!« sagte der -Hauptmann ganz wirr in seiner Benommenheit. »Früher gab man mir dort in -den Winkeln für ihre Arbeit wenigstens ein Obdach, aber was soll denn -jetzt aus mir werden, wenn Sie mich ganz fallen lassen?« - -»Aber Sie wollen doch nach Petersburg, um Ihre Karriere zu verändern. -Übrigens, ist es wahr, daß Sie, wie ich hörte, beabsichtigten, zu -denunzieren -- in der Hoffnung, begnadigt zu werden, wenn Sie die -anderen anzeigen?« - -Der Hauptmann öffnete den Mund und riß die Augen auf, doch eine Antwort -gab er nicht. - -»Hören Sie, Hauptmann,« begann plötzlich Stawrogin ungewöhnlich ernst -und beugte sich ein wenig vor zum Tisch. - -Bis jetzt hatte er noch gewissermaßen zweideutig gesprochen, so daß -Lebädkin, der sich nun einmal an die Rolle des Narren gewöhnt hatte, -noch immer ein wenig im Zweifel war: ob sich sein Prinz Heinz in der Tat -ärgerte oder ob er, als er von der Veröffentlichung seiner Heirat -sprach, nur zu scherzen beliebte. Jetzt aber war der ungewöhnliche Ernst -Stawrogins dermaßen überzeugend, daß dem Hauptmann plötzlich geradezu -ein Frösteln über den Rücken lief. - -»Hören Sie, und sagen Sie die ganze Wahrheit, Lebädkin: haben Sie schon -denunziert, oder noch nicht? Ist es Ihnen nicht schon gelungen, irgend -etwas in der Hinsicht zu tun? Haben Sie nicht aus Dummheit schon -irgendeinen Brief abgeschickt?« - -»Nein, noch nicht, und ... ich hab' nicht einmal daran gedacht!« und der -Hauptmann sah ihn an, ohne sich zu rühren. - -»Nun, das lügen Sie, daß Sie daran noch nicht gedacht haben. Deswegen -wollen Sie ja auch nach Petersburg. Aber wenn Sie noch nichts -geschrieben haben, sollten Sie dann nicht hier irgend etwas mit irgend -jemandem geschwätzt haben? Sagen Sie die Wahrheit. Ich habe so etwas -gehört.« - -»In der Betrunkenheit mit Liputin. Liputin ist ein Verräter. Ich habe -ihm nur mein Herz ausgeschüttet,« flüsterte der arme Hauptmann. - -»Nun ja, das eine Herz dem anderen Herzen, ich weiß schon, aber man -braucht doch nicht gleich blödsinnig zu sein. Wenn Sie den Gedanken -hatten, so hätten Sie ihn für sich behalten sollen. Heutzutage schweigen -kluge Leute und reden nicht.« - -»Nicolai Wszewolodowitsch,« -- der Hauptmann erzitterte. »Sie selbst -haben sich doch an nichts beteiligt, ich hab doch nicht Sie ...« - -»Wie sollten Sie denn, bewahre, Ihre eigene Milchkuh!« - -»Nicolai Wszewolodowitsch, so urteilen Sie doch selbst! So sagen Sie -doch! ...« - -Und in der Verzweiflung begann er, mit Tränen in den Augen, sein Leben -in diesen letzten vier Jahren zu erzählen. Es war die törichte -Geschichte eines hereingefallenen Dummkopfs, der seine Nase in Sachen -gesteckt, die nicht für ihn geschaffen waren, und deren Wichtigkeit er -über Trinken und Schlemmen fast bis zum letzten Augenblick noch nicht -begriffen hatte. Er erzählte, er habe sich schon in Petersburg »einfach -verleiten lassen, aus reiner Freundschaft, wie ein treuer Student, das -heißt, ohne eigentlich Student zu sein«, verschiedene Blätter durch die -Türen, in die Schirme zu stecken, oder wie Zeitungen in die Briefkästen, -und wo sich nur eine Gelegenheit bot, im Theater wie auf der Straße, in -die Hüte oder Taschen zu befördern. Späterhin habe er auch Geld von -ihnen genommen, denn »was sind denn meine Einnahmen, Sie wissen doch -selbst!« Kurz, in zwei ganzen Gouvernements hatte er »allerlei Schund« -verstreut. - -»Oh, Nicolai Wszewolodowitsch,« rief er aus, »am meisten hat mich -empört, daß diese Papierlappen so ganz gegen alle bürgerlichen und -besonders vaterländischen Gesetze waren! Da ist denn plötzlich gedruckt, -sie sollen mit den Heugabeln kommen und nicht vergessen, daß, wer -morgens arm ausgeht, abends reich zurückkommen kann -- stellen Sie sich -doch nur so was vor! Ein Schauer faßt mich selber und doch stopfe ich -die Schandblätter überall hin ... oder plötzlich fünf, sechs Zeilen an -ganz Rußland, so, mir nichts, dir nichts, ganz einfach: >Schließt -schnell die Kirchen, vernichtet Gott, löst die Ehe, hebt das Recht der -Erbfolge auf, nehmt die Messer!< -- und das ist alles, und der Teufel -weiß, was weiter. Und gerade mit diesem Papierchen, dem fünfzeiligen, -bin ich dann beinahe hereingefallen, im Regiment haben mich die -Offiziere verprügelt, aber dann -- Gott gebe ihnen Gesundheit! -- haben -sie mich wieder laufen lassen. Doch im vorigen Jahre haben sie mich -beinahe wirklich gepackt, wie ich Fünfzigrubelscheine, französische -Kopien, Korowajeff übergab. Aber, Gott sei Dank, Korowajeff ertrank bald -darauf in betrunkenem Zustande im Teich -- und man konnte nichts gegen -mich unternehmen. Hier bei Wirginski hatte er noch die Freiheit der -sozialen Frau verkündet. Im Juni hab ich wieder im ...schen Kreise alles -mögliche herumgestreut. Die sagen, ich müsse bald wieder ... Pjotr -Stepanowitsch gibt plötzlich zu verstehen, daß ich gehorchen muß und -droht mir einfach. Aber wie hat er mich damals am Sonntag behandelt! -Nicolai Wszewolodowitsch, ich bin ein Sklave, ein Wurm, aber kein Gott --- nur dadurch unterscheide ich mich von Dershawin. Doch was sind denn -meine Einnahmen? Sie wissen ja selbst!« - -Stawrogin hatte ihm aufmerksam zugehört. - -»Vieles war mir davon ganz unbekannt,« sagte er; »mit Ihnen konnte -selbstverständlich alles geschehen ... Hören Sie,« er dachte ein wenig -nach, »wenn Sie wollen, so sagen Sie ihnen -- Sie wissen schon, wem --, -daß Liputin gelogen hat und daß Sie nur mich mit einer Denunziation -hätten schrecken wollen, in der Annahme, auch ich sei kompromittiert ... -um auf diese Weise mehr Geld aus mir herauszubekommen ... Verstanden?« - -»Nicolai Wszewolodowitsch, Liebling, Täubchen, droht mir denn wirklich -solch eine Gefahr? Ich habe ja nur auf Sie gewartet, um Sie das fragen -zu können!« - -Stawrogin lachte kurz auf. - -»Nach Petersburg wird man Sie natürlich nicht lassen, selbst wenn ich -Ihnen das Geld zur Reise geben wollte ... Übrigens, es ist Zeit, zu -Marja Timofejewna zu gehen.« Er erhob sich. - -»Nicolai Wszewolodowitsch, aber wie wird das nun mit ihr, mit Marja -Timofejewna?« - -»Ja, so, wie ich sagte.« - -»Ist das denn wirklich wahr?« - -»Sie glauben noch immer nicht?« - -»Wollen Sie mich denn wirklich so liegen lassen, wie einen alten, -vertragenen Stiefel?« - -»Ich werde sehen,« meinte Stawrogin halb lachend. »Nun, lassen Sie -mich.« - -»Wünschen Sie nicht, daß ich so lange auf der Treppe stehe ... damit ich -nicht irgendwie versehentlich zuhöre ... die Zimmerchen sind klein.« - -»Das ist recht. Warten Sie ein wenig auf der Treppe. Nehmen Sie meinen -Regenschirm.« - -»Ihren Regenschirm, Ihren ... bin ich denn das wert?« fragte der -Hauptmann unterwürfig. - -»Einen Schirm ist jeder wert.« - -»Mit einem Schlage treffen Sie wieder das Minimum der menschlichen -Rechte ...« sagte Lebädkin, doch schon mehr mechanisch: er war doch gar -zu bedrückt und eigentlich ganz wie vor den Kopf geschlagen. Einstweilen -aber, fast gleich darauf, als er den Schirm über sich aufgeschlagen -hatte, begann sich in seinem leichtsinnigen Gehirn schon ein äußerst -beruhigender Gedanke mehr und mehr auszubreiten: wie, wenn man ihn bloß -betrügen wollte und ihn belog? War dem aber so, dann fürchtete man sich -also vor ihm und -- wozu sollte _er_ sich dann noch fürchten? - -»Wenn man lügt und betrügt, so tut man das doch stets aus irgend einem -Grunde -- was für einer mag das nun hier sein?« krabbelte es in seinem -Kopf herum. Die Veröffentlichung der Heirat schien ihm Blödsinn zu sein: -»Aber weiß Gott: bei diesem Wundertäter ist nichts unmöglich, -- lebt ja -überhaupt nur zu dem Zweck, um die Menschen zu ärgern! Wie aber, wenn er -Angst vor mir bekommen hat nach dem Sonntag? Hm ... und noch so, wie nie -zuvor? Da ist er nun hergeeilt, um zu versichern, daß er selbst alles -bekanntmachen werde, aus Angst, ich könnte es sonst tun. Lebädkin, sieh -dich vor, schieß keinen Bock! Hm! ... Und warum kommt er denn heimlich -in der Nacht, wenn er's selbst ausblasen will? Aber wenn er sich -fürchtet, so fürchtet er sich jetzt, fürchtet gerade für diese paar -Tage. Hm! ... paß auf, Lebädkin! ...« - -»Schreckt mich mit Pjotr Stepanowitsch! Da kann einem ganz angst und -bange werden -- gerade, was _das_ betrifft! Hm ... weiß Gott! wahrhaftig -angst und bange. Was plagte mich nur, diesem Liputin, solch einem ... -Der Teufel mag wissen, was diese Beelzebuben da im Spiele haben -- bin -nie draus klug geworden! Haben sich jetzt wieder eingefunden, genau wie -vor fünf Jahren ... Ja, wem hätt' ich's denn sagen sollen? >Haben Sie -nicht aus Dummheit irgend jemandem geschrieben?< Hm! Also kann man auch -unter dem Anschein großer Dummheit schreiben? War das vielleicht gar ein -Rat? >Deswegen wollen Sie ja nach Petersburg.< Der Schuft! Ich hab's -bloß mal geträumt, er aber hat sogar den Traum schon erraten! Ganz als -ob er selber zur Reise nach Petersburg raten möchte. Hm! Hier werden -wohl zwei Sachen im Spiele sein: entweder er fürchtet sich selber, weil -er wieder was Schönes angerichtet hat, oder ... oder er fürchtet selbst -überhaupt nichts und schubst nur mich, damit ich sie alle da anzeige! -Ach, Lebädkin, da kann einem wahrhaftig angst und bange werden! Wenn man -dabei nur keinen Bock schießt! ...« - -Und er kam dermaßen ins Nachdenken, daß er selbst das Lauschen vergaß. -Übrigens wäre es ihm auch schwer gefallen, etwas zu verstehen; die Tür -war nicht dünn und das Gespräch wurde nur leise geführt -- nur hin und -wieder drang ein unklarer Laut bis zu ihm. Endlich spuckte er aus und -trat wieder aus dem Flur auf die Treppe hinaus, wo er in Gedanken leise -vor sich hin pfiff. - - - III. - -Das Zimmer, in dem Marja Timofejewna saß, war fast zweimal so groß wie -das erste, das der Hauptmann bewohnte. Alle Gegenstände der Einrichtung -waren von derselben einfachsten Art, doch der Tisch vor dem Sofa war mit -einem geblümten Paradetischtuch bedeckt, und auf ihm stand eine -brennende Lampe. Über den ganzen ungestrichenen Fußboden hatte man einen -schönen Teppich gebreitet und die Bettstelle mit einem grünen Vorhang -völlig abgeteilt. Außerdem befand sich in dem Zimmer noch ein großer -weicher Lehnstuhl, in den sich aber Marja Timofejewna niemals setzte. In -der einen Ecke hing ganz wie in der alten Wohnung ein Heiligenbild, vor -dem das Lämpchen brannte, und ganz wie damals lagen auch jetzt wieder -die unvermeidlichen Sachen auf dem Tisch vor Marja Timofejewna: ein -Spiel Karten, ein kleiner Spiegel, das Liederbuch und auch wieder eine -Semmel. Hinzugekommen waren nur zwei kleine Bücher mit bunten Bildern, -von denen das eine für die Jugend bearbeitete Reisebeschreibungen -enthielt, das andere kleine moralische Erzählungen, vornehmlich -Rittergeschichten -- so ein Buch für den Weihnachtstisch oder junge -Mädchen im Institut. Marja Timofejewna hatte natürlich den Gast -erwartet, doch als Stawrogin eintrat, schlief sie halb liegend auf dem -Sofa, auf ein hartes Kissen gebeugt. Der Gast schloß unhörbar die Tür -hinter sich und begann, ohne sich von der Stelle zu rühren, die -Schlafende zu betrachten. - -Der Hauptmann hatte übertrieben, als er sagte, sie habe sich besonders -geputzt. Sie war in demselben dunklen Kleide, in dem sie am Sonntag bei -Warwara Petrowna gewesen war. Das Haar hatte sie im Nacken ebenso zu -einem winzigen Knoten zusammengesteckt, und der lange magere Hals war -genau so wie damals entblößt. Der schwarze Shawl, den Warwara Petrowna -ihr geschenkt hatte, lag sorgfältig zusammengefaltet neben ihr auf dem -Sofa. Sie war wie gewöhnlich ungeschickt gepudert und geschminkt. -Stawrogin stand noch nicht eine Minute, als sie plötzlich, als hätte sie -seinen Blick gefühlt, erwachte, die Augen aufschlug und sich schnell aus -der halb liegenden Stellung aufrichtete. Doch offenbar ging auch in dem -Gast etwas Sonderbares vor: er blieb auf demselben Fleck an der Tür -stehen und rührte sich nicht; regungslos und mit durchdringendem Blick -fuhr er fort, ihr wortlos und beharrlich ins Gesicht zu sehen. -Vielleicht war dieser Blick übermäßig hart, vielleicht drückte sich in -ihm Ekel aus, oder sogar schadenfroher Genuß an ihrem Schreck -- wenn -das nicht Marja Timofejewna nach dem Erwachen nur so schien. Doch wie -dem auch war, jedenfalls drückte sich im Gesicht der Armen plötzlich, -nach fast minutenlangem Warten, vollständiges Entsetzen aus: ein -krampfartiges Zucken lief durch ihre Züge, sie erhob ihre bebenden -Hände, wie zur Abwehr, und plötzlich begann sie zu weinen, genau so, wie -ein erschrecktes Kind; noch ein Augenblick -- und sie hätte geschrien. -Doch der Gast kam zur Besinnung: in einer Sekunde veränderte sich sein -ganzes Gesicht, und mit dem freundlichsten, liebenswürdigsten Lächeln -trat er an den Tisch. - -»Verzeihen Sie mir, ich habe Sie erschreckt, Marja Timofejewna, Sie -schliefen und ich bin so unbemerkt eingetreten,« sagte er und streckte -ihr die Hand entgegen. - -Der Ton der freundlichen Worte tat seine Wirkung: der Schreck verschwand -aus ihrem Gesicht, wenn sie ihn auch immer noch angstvoll anblickte, -augenscheinlich bemüht, sich irgend etwas zu erklären. Ängstlich -streckte sie ihm die Hand entgegen und schließlich zuckte denn auch ein -schüchternes Lächeln um ihre Lippen. - -»Guten Tag, Fürst,« flüsterte sie und sah ihn dabei ganz sonderbar und -aufmerksam an. - -»Sie haben wohl einen bösen Traum gehabt?« fragte er und lächelte noch -liebenswürdiger, noch freundlicher. - -»Wie können Sie wissen, daß mir _davon_ geträumt hat?« - -Und plötzlich erbebte sie wieder, taumelte erschrocken zurück, erhob wie -zur Abwehr die Hand und wieder verzog sich ihr Gesicht, wie das eines -kleinen Kindes, das weinen will. - -»Aber so beruhigen Sie sich doch! Warum fürchten Sie sich? Haben Sie -mich denn wirklich nicht erkannt?« redete ihr Nicolai Wszewolodowitsch -zu, doch diesmal konnte er sie lange nicht beruhigen. - -Schweigend sah sie ihn an und noch immer lag in ihrem fragenden Blick -ein quälender Zweifel, irgend ein schwerer Gedanke, den ihr armer Kopf -nicht zu fassen vermochte. Dabei war es, als strenge sie sich krampfhaft -an, irgend etwas zu Ende zu denken. Bald senkte sie die Augen, bald -schlug sie sie plötzlich wieder auf und überflog ihn mit einem -schnellen, umfassenden Blick. Endlich schien sie sich -- zwar nicht -beruhigt, aber doch wie zu etwas entschlossen zu haben. - -»Setzen Sie sich, bitte, neben mich, damit ich Sie nachher gut sehen -kann,« sagte sie ziemlich fest, augenscheinlich mit einer ganz -bestimmten und neuen Absicht. »Aber jetzt seien Sie ganz ruhig, denn ich -werde Sie nicht ansehen, und auch Sie sollen mich nicht ansehen, so -lange nicht, bis ich Sie selbst darum bitte. Setzen Sie sich nun!« fügte -sie plötzlich sogar mit Ungeduld hinzu. - -Die neue Empfindung bemächtigte sich ihrer sichtlich immer mehr. - -Stawrogin setzte sich und wartete; ein Schweigen begann und dauerte -ziemlich lange. - -»Hm! Sonderbar erscheint mir das alles,« murmelte sie plötzlich und fast -wie angeekelt. »Mich haben natürlich schlechte Träume bestrickt; nur -- -warum mußten gerade Sie mir in eben dieser Gestalt im Traume -erscheinen?« - -»Lassen wir jetzt die Träume,« unterbrach er sie ungeduldig und wandte -sich zu ihr, trotz des Verbotes, sie anzusehen, und vielleicht blitzte -flüchtig wieder jener Ausdruck von vorhin in seinen Augen auf. Er sah, -daß sie mehrmals und sogar sehr gern zu ihm aufblicken wollte, sich -jedoch jedesmal bezwang und hartnäckig den Blick zu Boden gesenkt hielt. - -»Hören Sie, Fürst,« sagte sie plötzlich lauter. »Hören Sie, Fürst ...« - -»Warum wenden Sie sich von mir ab, warum sehen Sie mich nicht an, was -soll diese ganze Komödie?« rief er geärgert, da ihm die Geduld riß. - -Sie aber schien ihn überhaupt nicht zu hören. - -»Hören Sie, Fürst,« wiederholte sie zum drittenmal mit fester Stimme und -mit einem unangenehmen, geschäftigen Ausdruck im Gesicht. »Als Sie mir -damals in der Equipage sagten, die Heirat werde jetzt öffentlich -bekanntgemacht werden, da erschrak ich schon damals, weil dann das -Geheimnis doch aufhören würde. Jetzt aber weiß ich gar nicht mehr ... -Ich habe die ganze Zeit gedacht, und sehe nun deutlich, daß ich nicht -dazu tauge. Zu putzen würde ich mich schon verstehen, zu empfangen -schließlich auch: als ob es wunder wie schwer wäre, zu einer Tasse Tee -einzuladen, besonders wenn man noch Diener in Livree hat! Aber immerhin, -wenn man so von der Seite sehen wird ... Ich habe damals, am Sonntag -vormittag, vieles in jenem Hause gesehen. Dieses hübsche Fräulein hat -mich die ganze Zeit angesehen, besonders als Sie eintraten. Das waren -doch Sie, der eintrat, nicht? Ihre Mutter war nur eine drollige alte -Dame. Mein Lebädkin hat sich auch ausgezeichnet. Um nicht über ihn -lachen zu müssen, hab ich immer zur Zimmerdecke hinaufgeschaut, schön -war sie da bemalt! _Seine_ Mutter aber müßte nur Äbtissin sein. Ich -fürchte mich vor ihr, wenn sie mir auch den schwarzen Schal geschenkt -hat. Die haben mich damals wohl alle nur als Überraschung empfunden; das -kränkt mich ja nicht, nur saß ich dort so und dachte bei mir: was bin -ich denn für die hier für eine Verwandte? Ich weiß wohl, von einer -Gräfin verlangt man nur seelische Eigenschaften -- denn für die -wirtschaftlichen hat sie doch viele Diener -- und dann noch so ein -bißchen gesellschaftliche Koketterie, damit sie ausländische Reisende zu -empfangen versteht. Aber trotzdem, damals am Sonntag sahen sie mich doch -ganz ohne Vertrauen an. Nur Dascha ist ein Engel. Ich fürchte sehr, daß -sie _ihn_ irgendwie mit einer unvorsichtigen Bemerkung über mich kränken -könnten.« - -Stawrogin verzog den Mund. - -»Fürchten Sie sich nicht und machen Sie sich keine Sorgen,« sagte er. - -»Aber das machte mir ja auch nichts aus, selbst wenn er sich meinetwegen -ein wenig schämen sollte, denn es wäre doch immer mehr Mitleid als -Schande dabei, denke ich -- freilich, je nach dem, wie der Mensch selbst -ist. Denn er weiß doch, daß eher ich sie bemitleiden kann, nicht aber -sie mich.« - -»Sie haben sich wohl sehr gekränkt gefühlt, Marja Timofejewna?« - -»Wer, ich? Nein.« Sie lachte gutmütig. »Nicht ein bißchen. Ich sah mir -damals nur alle so an und dachte so bei mir: alle ärgert ihr euch, alle -seid ihr entzweit; nicht einmal zusammenzukommen und von Herzen zu -lachen verstehen sie. So viel Reichtum, und dabei so wenig Fröhlichkeit --- traurig war mir das alles. Übrigens, jetzt tut mir niemand leid, -außer mir selbst.« - -»Ich hörte, Sie hätten mit Ihrem Bruder ein schlechtes Leben gehabt, -ohne mich?« - -»Wer hat Ihnen das gesagt? Unsinn! Jetzt ist es viel schlechter: jetzt -sind die Träume schlecht, und schlecht sind die Träume deshalb geworden, -weil Sie angekommen sind. Sie aber, fragt es sich, warum sind Sie denn -hergekommen, sagen Sie das doch gefälligst!« - -»Wollen Sie nicht wieder ins Kloster gehen?« - -»So, das ahnte ich ja, daß man mir wieder das Kloster vorschlagen wird! -Als ob euer Kloster da Gott weiß was für ein Wunderding wäre! Und warum -soll ich denn wieder ins Kloster gehen, und womit soll ich denn jetzt -noch dorthin? Jetzt bin ich doch schon ganz und gar allein! Es ist zu -spät für mich, ein drittes Leben anzufangen.« - -»Sie scheinen sich über irgend etwas sehr zu ärgern, -- fürchten Sie -nicht schon, daß ich aufgehört haben könnte, Sie zu lieben?« - -»Ach, um Sie mache ich mir ja gar keinen Kummer. Ich fürchte nur für -mich, daß ich selbst aufhören könnte, jemanden sehr zu lieben.« - -Sie lächelte verächtlich. - -»Ich werde wohl vor _ihm_ in etwas sehr Großem schuldig sein,« sagte sie -plötzlich wie zu sich selbst. »Nur weiß ich nicht, worin ich schuldig -sein könnte, und das ist nun mein ewiges Leid. Immer und immer, diese -ganzen fünf Jahre, habe ich Tag und Nacht gebangt, daß ich vor ihm -schuldig sein könnte. Und da bete ich denn lange und bete und denke -immer an meine große Schuld vor ihm. Und nun hat es sich auch richtig -herausgestellt, daß ich wahr gefühlt habe.« - -»Was hat sich herausgestellt?« - -»Nur fürchte ich, ob da nicht etwas von _ihm_ aus geschieht,« fuhr sie -fort, ohne auf die Frage zu antworten, die sie vielleicht überhaupt -nicht gehört hatte. »Und doch, wie könnte er sich denn mit solchen -Leutchen zusammentun! Die Gräfin würde mich wohl gern verschlingen, -obschon sie mich in ihre Karosse gesetzt hat. Alle sind sie an der -Verschwörung beteiligt -- sollte auch _er_ es sein!? Sollte auch er ein -Verräter sein?« (Ihr Kinn und ihre Lippen begannen zu zittern.) »Hören -Sie, haben Sie von Grischka Otrepjeff gelesen, dem falschen Demetrius, -der in sieben Kathedralen verflucht ward?« - -Stawrogin schwieg. - -»Aber ja, jetzt werde ich mich zu Ihnen wenden und werde Sie ansehen,« -entschloß sie sich plötzlich. »Wenden Sie sich auch zu mir und sehen Sie -mich an, aber recht aufmerksam: ich will mich zum letztenmal -überzeugen.« - -»Ich sehe Sie schon lange an.« - -»Hm!« sagte Marja Timofejewna und betrachtete ihn angestrengt. - -»Viel dicker sind Sie geworden ...« - -Sie wollte noch etwas sagen, doch plötzlich ergriff der frühere Schreck -sie wieder und zum drittenmal fuhr sie mit geradezu entsetztem Gesicht -zurück und erhob dabei wieder wie zur Abwehr die Hand. - -»Was haben Sie nur, was fehlt Ihnen?« rief Stawrogin wütend. - -Doch der Schreck dauerte nur einen Augenblick; ihr Gesicht verzog sich -zu einem sonderbaren, mißtrauischen, unangenehmen Lächeln. - -»Ich bitte Sie, Fürst, stehen Sie auf und treten Sie ein,« sagte sie -plötzlich sehr bestimmt und mit fester Stimme. - -»Wie, eintreten? Wohin eintreten?« - -»Diese ganzen fünf Jahre habe ich mir immer nur vorgestellt, wie das -sein wird, wenn Er eintritt. Stehen Sie auf und gehen Sie ins andere -Zimmer, hinter die Tür. Ich werde dann hier sitzen, als erwartete ich -nichts, und werde ein Buch in die Hand nehmen. Und plötzlich treten Sie -dann ein, nach fünf Jahren, und sind von der Reise zurückgekehrt. Ich -möchte sehen, wie das sein wird.« - -Stawrogin knirschte mit den Zähnen und murmelte etwas Unverständliches. - -»Genug,« sagte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich -bitte Sie, Marja Timofejewna, mich jetzt anzuhören. Haben Sie die Güte, -Ihre ganze Aufmerksamkeit zusammen zu nehmen, wenn Sie es können. Sie -sind doch nicht total verrückt!« entfuhr es ihm in der Gereiztheit. -»Morgen werde ich unsere Ehe bekanntmachen. Sie werden nie in Schlössern -wohnen -- fassen Sie sich, bitte! Wollen Sie nun mit mir zusammenwohnen, -das ganze Leben, aber nur sehr weit von hier? Das wäre in der Schweiz, -in den Bergen, dort gibt es einen Ort ... Beunruhigen Sie sich nicht, -ich werde Sie niemals verlassen, oder in eine Irrenanstalt stecken. Geld -werde ich noch genug haben, um nicht für uns betteln zu müssen. Sie -werden ein Dienstmädchen haben; Sie werden keine einzige Arbeit zu -verrichten brauchen. Alles, was Sie innerhalb der Grenzen des Möglichen -wünschen, wird Ihnen verschafft werden. Sie werden beten und tun können, -was Sie wollen, und gehen können wohin Sie wollen. Ich werde Sie nicht -anrühren. Und auch ich werde diesen Ort nie mehr verlassen. Wenn Sie -wollen, werde ich das ganze Leben lang kein Wort mit Ihnen sprechen, -oder, wenn Sie wollen, so erzählen Sie mir abends, wie damals in -Petersburg in den Winkeln, Ihre kleinen Geschichten. Oder ich kann Ihnen -auch vorlesen, wenn Sie zum Zuhören Lust haben. Aber dafür das ganze -Leben so an einem einzigen Ort -- und es ist ein düsterer Ort. Wollen -Sie? Können Sie sich entschließen? Und werden Sie es auch nie bereuen, -werden Sie mich nie peinigen mit Tränen und Verwünschungen?« - -Sie hatte ihm mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zugehört, darauf schwieg -sie lange und dachte nach. - -»Unwahrscheinlich kommt mir das alles vor,« sagte sie endlich spöttisch -und launisch. »So könnte ich ja womöglich noch vierzig Jahre in jenen -Bergen leben.« - -Sie begann zu lachen. - -»Nun, dann leben wir eben noch vierzig Jahre,« sagte er mit stark -gerunzelter Stirn. - -»Hm! ... Um keinen Preis fahre ich dorthin.« - -»Sogar mit mir nicht?« - -»Wer sind Sie denn, daß ich mit Ihnen fahren sollte? Vierzig Jahre -nacheinander mit ihm auf einem Berge sitzen -- hört doch, womit er mir -kommt! Was doch die Menschen heutzutage geduldig geworden sind! Aber -nein, es kann doch nicht sein, daß ein Falke zum Uhu ward. Nicht so ist -mein Fürst!« und sie hob stolz und triumphierend den Kopf. - -Da war es ihm, als ginge ihm plötzlich etwas auf. - -»Warum nennen Sie mich Fürst und ... für wen halten Sie mich überhaupt?« -fragte er schnell. - -»Wie? Sind Sie denn kein Fürst?« - -»Ich bin niemals Fürst gewesen.« - -»Und das gestehen Sie mir noch, so einfach, so ganz offen, mir ins -Gesicht, daß Sie kein Fürst sind!« - -»Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich nie einer gewesen bin.« - -»Mein Gott!« Sie schlug die Hände zusammen. »Alles habe ich von _seinen_ -Feinden erwartet, aber solche Dreistigkeit doch wirklich nicht! Lebt -_er_ überhaupt noch?« rief sie außer sich und rückte auf ihn zu. »Hast -du ihn getötet oder nicht, gestehe!« - -»Für wen hältst du mich?« rief er aufspringend und sah sie an mit -verzerrtem Gesicht. - -Aber es war schwer, sie jetzt noch zu erschrecken. Sie triumphierte -bereits. - -»Wer kann es denn wissen, was du bist und woher du kommst! Nur mein -Herz, mein Herz hat in all diesen fünf Jahren die ganze Intrige geahnt! -Und da sitze ich nun und wundere mich: was ist das doch für eine blinde -Eule, die heute zu mir gekommen ist? Nein, mein Lieber, du bist ein -schlechter Schauspieler, sogar schlechter als mein Lebädkin. Grüße die -Gräfin von mir recht höflich und richte ihr aus, sie solle doch einen -schicken, der etwas gewandter ist als du. Hat sie dich gemietet, sag? -Sonst dienst du wohl in ihrer Küche, wo sie dich vielleicht aus Gnade -und Barmherzigkeit hält! Ich durchschaue ja euren ganzen Betrug, euch -alle, bis auf den letzten durchschaue ich!« - -Er faßte sie mit fester Kraft am Arm, über dem Ellenbogen; sie aber -lachte ihm ins Gesicht. - -»Ähnlich bist du ihm, ja, sehr ähnlich, vielleicht bist du auch verwandt -mit ihm, -- schlaues Volk! Nur ist _meiner_ ein lichter Falke und ein -Fürst, du aber bist eine Eule und ein Krämer! Wenn _meiner_ will, so -beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor -Gott nicht! Dich aber hat Schatuschka (der Gute, der Liebe, mein -Täubchen Schatuschka!) ins Gesicht geschlagen, wie Lebädkin erzählte. -Und warum wurdest du damals so feig, als du hereinkamst? Was schreckte -dich denn? Wie ich es sah, dein gemeines Gesicht, als ich fiel und du -mich auffingst -- da kroch es mir wie ein Wurm ins Herz: das ist nicht -_er_, denke ich, nicht _er_! Würde sich doch mein Falke meiner nie vor -einem vornehmen Fräulein geschämt haben! O Gott! Machte mich doch schon -der Gedanke glücklich, in diesen ganzen fünf Jahren, daß mein Falke dort -irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut ... Sag, -Usurpator, hast du viel genommen? Hast wohl für großes Geld -eingewilligt? Ich hätte dir keinen Groschen gegeben! Ha--ha--ha! -Ha--ha--ha! ...« - -»Idiotin!« knirschte Stawrogin, der sie immer noch am Arm gepackt hielt. - -»Fort, Usurpator!« rief sie plötzlich befehlend. »Ich bin meines Fürsten -Frau und fürchte mich nicht vor deinem Messer!« - -»Messer!« - -»Ja, Messer! Du hast ein Messer in der Tasche. Du glaubtest wohl, ich -schlief, aber ich habe alles gesehen: als du vorhin eintratest, zogst du -ein Messer hervor!« - -»Was hast du gesagt, Unglückliche, was träumst du für Träume!« schrie er -sie an und stieß sie aus aller Kraft von sich fort, so daß sie sogar -schmerzhaft mit dem Kopf und den Schultern an die Sofalehne schlug. - -Er stürzte hinaus; sie aber sprang sofort auf und lief ihm hinkend und -humpelnd nach, doch erst auf der kleinen Treppe, wo sie von dem -erschreckten Lebädkin mit aller Gewalt zurückgehalten wurde, gelang es -ihr noch, ihm kreischend und mit Gelächter durch die Finsternis -nachzurufen: - -»Der falsche Demet--rius ward ver--flucht!« - - - IV. - -»Ein Messer, ein Messer!« wiederholte Stawrogin immer wieder in -unstillbarem Haß, während er mit großen Schritten in den Straßenschlamm -und die Regenpfützen trat, ohne auf den Weg zu achten. Und plötzlich, -auf Augenblicke, erfaßte ihn eine unbändige Lust zu lachen, laut und -toll; aber aus irgendeinem Grunde bezwang er sich und unterdrückte das -Lachen. Er kam erst wieder zu sich, als er schon auf der Brücke war, -gerade an der Stelle, wo ihn vorhin Fedjka angeredet hatte. Und dieser -selbe Fedjka wartete hier auch jetzt, zog, als er Stawrogin erblickte, -die Mütze, grinste heiter, und schloß sich ihm, keck und lustig -losplaudernd, wieder ohne Bedenken an. Stawrogin ging zunächst -unverändert weiter, ja, er achtete gar nicht darauf, vernahm nicht -einmal, was der Strolch, der sich ihm wieder zugesellt hatte, da -schwatzte. Auf einmal fiel ihm aber ein -- und er wunderte sich darüber --- daß ihm dieser Zuchthäusler gerade in der Zeit gar nicht in den Sinn -gekommen war, als er selbst innerlich in einemfort »Ein Messer, ein -Messer!« gemurmelt hatte. - -Und plötzlich packte er ihn blitzschnell am Kragen und riß ihn aus aller -Kraft mit der ganzen in ihm angesammelten Wut zu Boden, daß er nur so -auf die Brücke krachte. Einen Augenblick gedachte dieser wohl sich zu -wehren, sagte sich aber sofort, daß er gegen einen solchen Gegner, der -ihm zudem noch so überraschend zuvorgekommen war, ungefähr wie ein -Strohhälmchen unmöglich aufkommen konnte. Und so verharrte er denn, halb -kniend zu Boden gedrückt, die Ellenbogen auf den Rücken gerissen, wie -ihn Stawrogin hielt, lautlos und reglos, sogar ohne den geringsten -Widerstand auch nur zu versuchen, und wartete ruhig in schlauer Klugheit -ab, was nun kommen werde. Ja, wie es schien, glaubte er überhaupt nicht -an eine ernste Gefahr für sich. - -Und er täuschte sich nicht. Stawrogin hatte sich zwar schon mit der -linken Hand das Halstuch abgerissen, um seinen Gefangenen zu binden, -doch plötzlich, Gott weiß weshalb, gab er es auf und stieß ihn nur von -sich. Im Augenblick stand Fedjka auf den Füßen, wandte sich um, und ein -kurzes, breites Messer blitzte in seiner Hand. - -»Fort das Messer! Steck es sofort ein! Sofort!« _befahl_ Stawrogin mit -ungeduldiger Geste -- und das Messer verschwand ebenso schnell, wie es -aufgetaucht war. - -Nicolai Wszewolodowitsch ging darauf wieder stumm und ohne sich -umzusehen weiter: aber der hartnäckige Verbrecher folgte ihm doch -- -diesmal freilich ohne zu schwatzen, vielmehr in respektvoller -Entfernung, einen ganzen Schritt hinter ihm. So gingen sie über die -ganze Brücke und kamen ans Ufer, wo Stawrogin diesmal nach links bog, in -eine lange, öde Gasse, denn das war ein näherer Weg zur inneren Stadt, -als der über die Bogojawlenskstraße. - -»Ist es wahr, man sagt, du hättest hier in der Umgegend in diesen Tagen -eine Kirche geplündert?« fragte Stawrogin plötzlich. - -»Gnädiger Herr, eigentlich ging ich zuerst nur hin, um zu beten,« -antwortete Fedjka gesetzt und höflich, und als ob nicht das Geringste -vorgefallen wäre. Ja, nicht nur gesetzt, sondern geradezu würdevoll -sagte er es, und von der früheren »freundschaftlichen« Familiarität war -auch nicht eine Spur mehr zu bemerken. Er war in diesem Augenblick ganz -wie ein ernster, sachlicher Mensch, den man grundlos gekränkt hat, der -aber auch Kränkungen zu vergessen versteht. - -»Doch wie mich da unser Herrgott hingeführt hatte,« fuhr er fort, »ach, -du himmlisches Gnadenkraut, denke ich! Nur von wegen meiner Verwaistheit -ist ja das alles geschehen, denn in unserem Leben geht's nu mal gar nich -ohne Unterstützung. Und sehen Sie, glauben Sie mir, gnädiger Herr, zu -seinem eigenen Nachteil hat der Herr mich hingeführt: hab' für die -Sachen im ganzen nur zwölf Rubelchen bekommen. Des heiligen Nicolai -silbernes Kinnband aber ist fast auf den Kauf gegangen: semiliert, sagte -man.« - -»Du hast vorher den Wächter erstochen?« - -»Nee, das heißt, wir haben's ja beide gemacht, der Wächter und ich, und -dann erst, am Morgen, am Flüßchen, kam's zum Streit, wer den Sack tragen -sollte. Da sündigte ich, erleichterte ihn ein klein wenig.« - -»Erstich noch, stiehl noch!« - -»Ganz dasselbe rät mir auch Pjotr Stepanowitsch, mit genau denselben -Worten, da er mir selber nie nich was geben will, denn er ist halt -geizig und hartherzig in Fragen wie Unterstützung. Außerdem, daß er an -den himmlischen Schöpfer, der uns doch allesamt aus einem Erdkloß -gemacht hat, nich für eine Kopeke glaubt. Er sagt, alles hat die Natur -gemacht, sogar jedes letzte Tier, und überdies begreift er schon ganz -und gar nich, daß uns in unserem Leben ohne milde Unterstützung -überhaupt nichts möglich ist. Fängst du ihm was zu erklären an, glotzt -er wie ein Schaf ins Wasser: nur so wundern kannst du dich über ihn. -Aber werden Sie es wohl glauben, gnädiger Herr, beim Hauptmann Lebädkin -beispielsweise, wo Sie soeben besuchten, da kam's vor, als er noch vor -Ihnen bei Filippoff wohnte, daß die Tür die ganze Nacht unverschlossen -steht, schläft selbst vollgesoffen wie ein Fisch, und das Geld, das -kullert nur man so aus allen Taschen auf die Diele. 's kam vor, daß -man's mit eigenen leibhaftigen Augen sah, denn nach unserer Meinung, daß -man ohne milde Unterstützung was könnte, daran ist schon gar nich zu -denken ...« - -»Wie das, mit eigenen Augen? Bist du etwa in der Nacht hingegangen?« - -»Vielleicht bin ich auch hingegangen, nur weiß das niemand nich.« - -»Warum hast du ihn denn nicht erstochen?« - -»Hab erst nachgezählt und mich dann bedacht. So wußte ich denn, daß ich -immer hundertfünfzig Rubel rausnehmen kann, aber warum soll ich denn -das, wenn ich ganze tausendfünfhundert kriegen kann, wenn ich nur eben -jetzt ein wenig warte? Denn Hauptmann Lebädkin hat immer sehr auf Sie -gebaut, hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, wenn er voll war, und es -gibt hier überhaupt keine Schenke mehr, wo er nich dasselbe genau so -wiederholt hat. Das hab ich auch noch von anderen gehört, und so begann -ich nun gleichfalls, meine ganze Hoffnung auf den gnädigen Herrn zu -setzen. Ich bin wirklich zu Ihnen, gnädiger Herr, wie zu meinem Vater -oder leiblichen Bruder, denn Pjotr Stepanowitsch wird darüber niemals -was von mir zu hören bekommen und auch sonst keine einzige Seele. Also -deshalb meine ich, der gnädige Herr könnte mir doch wirklich jetzt mit -drei Rubelchen wohlwollen? Wenn der gnädige Herr mir nur somit klar zu -verstehen geben wollte, damit ich dann die Wahrheit weiß, denn für -unsereins ist's nun einmal ohne milde Unterstützung ganz und gar -unmöglich.« - -Da lachte Stawrogin laut auf, zog aus der Tasche sein Portemonnaie, in -dem an fünfzig Rubel in kleineren Scheinen waren, und warf einen Schein -aus dem Paket ihm zu, dann noch einen, dann einen dritten, vierten, -fünften. Fedjka fing sie in der Luft auf, sprang hin und her, die -Banknoten flatterten, fielen in den Schmutz, immer gieriger griff er -nach ihnen, und immer erregter stieß er dabei ein kurzes »Äch, Äch« -hervor. Schließlich schleuderte ihm Stawrogin aus voller Faust das ganze -Geldpaket zu und bog, immer noch lachend, in eine Quergasse ein -- -diesmal allein. Der Strolch blieb zurück, rutschte fast auf den Knien im -Schmutz herum und suchte nach den vom Wind verstreuten Geldscheinen, die -in den Pfützen versanken, und noch eine ganze Stunde lang konnte man -hören, wie er in der Dunkelheit suchend sein kurzes »Äch, Äch!« -hervorstieß. - - - - - Achtes Kapitel. - Das Duell - - - I. - -Am anderen Tage um zwei Uhr nachmittags fand das Duell statt. Daß -dasselbe wirklich so schnell zustande kam, dazu hatte vor allem der -leidenschaftliche Wunsch Artemij Pawlowitsch Gaganoffs beigetragen, sich -um jeden Preis und so schnell wie nur möglich zu schlagen. Er begriff -die Haltung seines Gegners nicht und war außer sich vor Empörung. Schon -einen ganzen Monat beleidigte er Stawrogin, und noch immer war es ihm -nicht gelungen, diesen zu einer Forderung zu bewegen. Dabei schämte er -sich im Grunde der eigenen innersten Gründe des krankhaften Hasses, mit -dem er Stawrogin seit der »Nasführung« seines Vaters verfolgte. Auch -konnte er Stawrogin nicht gut zuerst fordern, da dieser nicht den -geringsten Anlaß dazu bot -- ganz abgesehen davon, daß er ihm wegen -jenes Vorfalls mit dem Vater ja bereits die allerhöflichsten -Entschuldigungen angeboten hatte. Unbegreiflich war es ihm auch, wie -Stawrogin die Ohrfeige Schatoffs so ohne weiteres hatte hinnehmen -können. Und da er ihn denn alles in allem schließlich für einen -ausgemachten Feigling halten mußte, so hatte er sich endlich -entschlossen, den letzten, in seiner Frechheit so unerhörten Brief zu -schreiben, der denn auch richtig den Verhaßten zu einer Forderung bewog. -In fieberhafter Ungeduld hatte Gaganoff die Antwort auf diesen Brief -erwartet, hatte die Chancen berechnet, die diesmal für eine Forderung -bestanden, und war am Ende geradezu verzweifelt bei dem Gedanken, daß -auch jetzt vielleicht aus irgendeinem Grunde nichts daraus werden -könnte. Für alle Fälle aber hatte er bereits Mawrikij Nicolajewitsch -Drosdoff, seinen alten Jugendfreund, zu sich gebeten: der sollte sein -Sekundant sein. So hatte denn Kirilloff, als er am Morgen um neun Uhr -erschien, die beiden zusammen angetroffen. Seine Erklärungen und alle -die unerhörten Zugeständnisse Stawrogins waren von Gaganoff mit einer -unglaublichen Heftigkeit zurückgewiesen worden. Mawrikij Nicolajewitsch -hatte, nicht wenig erstaunt, zuerst darauf eingehen wollen und schon -geglaubt, es ließe sich eine Versöhnung zustande bringen. Doch als er -bemerkte, daß Artemij Pawlowitsch vor Zorn geradezu erzitterte, da hatte -er schnell wieder geschwiegen. Er wäre wohl überhaupt aufgestanden und -fortgegangen, wenn er dem Freunde nicht bereits sein Wort gegeben hätte; -so aber blieb er denn, in der Hoffnung, später vielleicht noch irgendwie -vermitteln zu können. Im übrigen wurden alle Bedingungen Stawrogins von -Gaganoff sofort angenommen und sogar auf einen dreimaligen Kugelwechsel -erweitert -- ganz gegen Kirilloffs Wunsch und Absicht, der sich durchaus -dagegen wehrte, aber nichts erreichte. So blieb es denn bei diesen -scharfen Abmachungen. - -Das Duell selbst fand um zwei Uhr in Brykowo statt, in einem kleinen -Walde zwischen Skworeschniki und der Fabrik der Gebrüder Spigulin. Der -gestrige Regen hatte völlig aufgehört, aber es war feucht und windig. -Niedrige, trübe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel -vorüber; die Bäume rauschten volltönend und mit den Wipfeln wogend und -knarrten in den Stämmen; es war ein sehr trauriger Tag. - -Gaganoff und Mawrikij Nicolajewitsch kamen in einem eleganten _char à -bancs_{[112]} mit zwei prachtvollen Pferden, die Artemij Pawlowitsch -selbst lenkte, auf dem Kampfplatze an; auch hatten sie einen Diener -mitgenommen. Fast in demselben Augenblick trafen auch Stawrogin und -Kirilloff ein, jedoch nicht im Wagen, sondern reitend, und gleichfalls -in Begleitung eines Dieners. Kirilloff, der in seinem Leben noch nie auf -einem Pferde gesessen hatte, hielt sich steif, doch mutig im Sattel, -unter dem rechten Arm den schweren Pistolenkasten, den er für keinen -Preis dem Diener hatte anvertrauen wollen, während er mit der linken -Hand aus Unwissenheit beständig die Zügel anzog, weswegen denn das -gereizte Pferd immer heftiger mit dem Kopf schüttelte und bereits -deutlich die Absicht bekundete, sich auf die Hinterbeine zu stellen -- -was übrigens den Reiter nicht im geringsten zu schrecken schien. Der -mißtrauische Gaganoff, der sich schon beim geringsten Anlaß leicht tief -gekränkt fühlte, faßte diese Ankunft hoch zu Roß als neue Beleidigung -auf: waren doch die Gegner offenbar von vornherein von einem für sie -günstigen Ausgang des Duells überzeugt, so daß sie es gar nicht erst für -nötig gehalten hatten, auf alle Fälle einen Wagen zum Transport eines -Verwundeten zur Stelle zu haben. Ganz gelb vor Ärger stieg Gaganoff aus -seinem _char à bancs_, wobei er bemerkte, daß seine Hände zitterten. Auf -Stawrogins Gruß dankte er nicht, sondern wandte sich einfach ab. - -Die Sekundanten warfen das Los: es traf Kirilloffs Pistolen. Der Wagen -und die Pferde wurden mit den Dienern an den Waldrand zurückgeschickt. -Dann maßen die Sekundanten die Barriere ab, wiesen den Gegnern ihren -Platz an und händigten ihnen die geladenen Pistolen ein. - -Mawrikij Nicolajewitsch war besorgt und traurig, Kirilloff dagegen -vollkommen ruhig und unbekümmert, sehr genau in der Ausübung seines -Amtes, doch ohne allzu geschäftig zu sein, kurz, er machte den Eindruck, -als interessierte ihn die unheimliche Entscheidung eigentlich nicht im -geringsten. Stawrogin war etwas bleicher als gewöhnlich, ziemlich leicht -gekleidet, in einem Mantel, und trug einen weißen Kastorhut. Er schien -sehr müde zu sein, dann und wann flog ein düsterer Schatten über sein -Gesicht, und offenbar war es ihm nicht der Mühe wert, seine schlechte -Laune zu verbergen. Am eigentümlichsten verhielt sich jedoch Artemij -Pawlowitsch Gaganoff, und ich sehe mich schon aus diesem Grunde -gezwungen, über ihn ein paar Worte hinzuzufügen. - - - II. - -Artemij Pawlowitsch Gaganoff war ein großer Mensch, weiß und -wohlgenährt, wie der Volksmund sagt, ja, beinahe feist, etwa -dreiunddreißig Jahre alt, mit blondem, anliegendem Haar und, wenn man -will, sogar hübschen Gesichtszügen. Er war mit dem Oberstenrang aus dem -Dienst geschieden, doch wenn er es bis zum General gebracht hätte, so -wäre er als solcher in voller Uniform eine noch imponierendere -Erscheinung gewesen, und es wäre sehr leicht möglich, daß er im Felde -einen guten Heerführer abgegeben hätte. - -Zur Kennzeichnung seines Charakters darf nicht verschwiegen werden, daß -der Grund, weshalb er seinen Abschied nahm, der ihn so lange und -qualvoll verfolgende Gedanke an seine »Familienschande« war: die -Beleidigung seines Vaters -- vor mehr als vier Jahren in unserem Klub -- -durch Nicolai Stawrogin. Er hielt es auf Ehre und Gewissen für -unehrenhaft, nach wie vor im Heer zu bleiben, und war innerlich -überzeugt, daß er das Regiment und die Kameraden schände, obschon keiner -von ihnen etwas von jenem Vorfall wußte. Allerdings hatte er schon -früher einmal die Absicht gehabt, den Abschied zu nehmen, schon lange -vor jener Beleidigung, aus einem ganz anderen Grunde, aber er hatte doch -noch geschwankt und sich nicht entschließen können. Den Anstoß zu dieser -ersten Absicht, den aktiven Dienst aufzugeben, oder richtiger den Anlaß -zu diesem Gedanken hatte seinerzeit[40] -- wie sonderbar das auch -klingen mag -- das Manifest vom 19. Februar gegeben, das die -Leibeigenschaft der Bauern aufhob. Dabei verlor er, Gaganoff, als einer -der reichsten Gutsbesitzer unseres Gouvernements, durch dieses Manifest -noch nicht einmal so viel, und außerdem sah er die Berechtigung der -humanitären Gesichtspunkte selbst ein, ja er begriff fast auch die -ökonomischen Vorteile der Reform, -- doch ungeachtet dessen fühlte er -sich nach Erscheinen des Manifestes gleichsam persönlich beleidigt. Es -war das zwar nur ein Gefühl bei ihm, beinahe unbewußt, doch vielleicht -empfand er es gerade deshalb um so stärker. Bis zum Tode seines Vaters -hatte er sich nicht entschließen können, etwas Entscheidendes zu tun; -doch durch seinen »aristokratischen« Standpunkt wurde er in Petersburg -selbst mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten bekannt, worauf er den -Verkehr mit ihnen eifrig zu pflegen begann. Im übrigen war er ein -zurückhaltender, verschlossener Mensch, der zu jenen sonderbaren, doch -in Rußland noch nicht ausgestorbenen Edelleuten gehörte, die auf das -Alter und die Reinheit ihres Adelsgeschlechts ungeheuer viel geben und -sich damit schon gar zu ernsthaft beschäftigen. Dabei war ihm aber die -Geschichte Rußlands geradezu ein Greuel, wie er denn die ganze russische -Art teilweise für eine Schweinerei hielt. Schon in seiner Kindheit, als -er noch in einer besonderen militärischen Schule für ausschließlich -vornehme und reiche Zöglinge war, hatten sich in ihm gewisse poetische -Auffassungen entwickelt: ihm gefielen Schlösser und Burgen, das -mittelalterliche Leben von seiner opernhaften Seite, das Rittertum. -Schon damals weinte er fast vor Scham, wenn er daran dachte, daß der Zar -des alten moskowitischen Reiches die russischen Bojaren körperlich hatte -strafen dürfen, und er errötete, wenn er diese Bräuche mit denen des -ausländischen ritterlichen Mittelalters verglich. Dieser steife, äußerst -strenge Mensch, der seinen Dienst so ausgezeichnet kannte und jede -Pflicht gewissenhaft erfüllte, war im Grunde seiner Seele verträumt. Man -behauptete von ihm, er könne Reden, sogar gute Reden halten -- -einstweilen jedoch hatte er seine ganzen dreiunddreißig Jahre lang fast -nur geschwiegen, und sogar in jenem vornehmen und vielbedeutenden -Petersburger Kreise, in dem er seit einiger Zeit verkehrte, hatte er -sich ungewöhnlich hochmütig verhalten. Da traf ihn die Begegnung mit -Stawrogin, der aus dem Auslande nach Petersburg zurückgekehrt war, und -brachte ihn fast um den Verstand. So war er denn von einer geradezu -krankhaften Unruhe, als er jetzt vor der Barriere stand: noch immer -fürchtete er, daß das Duell auf irgendeine Weise nicht zustandekommen -könnte, und selbst die kleinste Verzögerung machte ihn erzittern. Ein -geradezu schmerzhafter Ausdruck trat in sein Gesicht, als Kirilloff, -anstatt das Zeichen zum ersten Schuß zu geben, plötzlich zu sprechen -begann, allerdings nur pflichtschuldig, was er auch sofort -vorausschickte. - -»Nur _pro forma_ noch ein paar Worte: jetzt, da schon die Pistolen in -den Händen der Duellanten sind, frage ich zum letztenmal, ob Sie nicht -wünschen, sich zu versöhnen? -- Die Pflicht des Sekundanten,« fügte er -fast gleichgültig hinzu. - -Und wie um seinen Freund zu ärgern -- so schien es wenigstens Gaganoff ---, begann nun auch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff zu sprechen, der -bisher noch kein Wort gesagt, sich aber schon seit dem vorigen Abend -über seine Zusage quälende Vorwürfe gemacht hatte. So griff er denn -Kirilloffs Vorschlag schnell auf. - -»Ich schließe mich vollkommen Herrn Kirilloffs Worten an ... Daß man -sich an der Barriere nicht mehr versöhnen könne -- ist ein Vorurteil, -das zu den Franzosen passen mag ... Und eigentlich liegt doch überhaupt -keine richtige Beleidigung vor, wenigstens vermag ich sie nicht zu -entdecken -- Verzeihung, das wollte ich schon gestern sagen ... es -werden doch alle erdenklichen Entschuldigungen angeboten, nicht wahr?« - -Er war dabei ganz rot geworden. Selten hatte er so viel und in solcher -Aufregung gesprochen. - -»Ich wiederhole meine Bereitwilligkeit, alle mir möglichen -Entschuldigungen zu machen,« sagte Stawrogin ungewöhnlich -entgegenkommend. - -»Wie ist das nur möglich?!« schrie Gaganoff, zu Drosdoff gewandt, außer -sich, und stampfte mit dem Fuß. »Erklären Sie doch diesem Menschen,« -- -er stieß dabei mit der Pistole in die Richtung, in der Stawrogin stand --- »wenn Sie mein Sekundant und nicht mein Feind sind, Mawrikij -Nicolajewitsch, daß solche Zugeständnisse die Beleidigung nur -verstärken! Er hält es nicht für möglich, von mir beleidigt zu werden! -... Er hält es für keine Schande, vor mir von der Barriere -zurückzutreten! Für wen hält er mich denn nach alledem! Was glauben Sie -... und Sie sind noch mein Sekundant! Sie regen mich nur auf, damit ich -nicht treffe!« - -Wieder stampfte er mit dem Fuß und Speichel spritzte von seinen Lippen. - -»Die Unterhandlung ist beendet. Bitte, auf das Kommando zu hören!« rief -Kirilloff laut. »Eins, zwei, drei!« - -Bei »drei« gingen die Gegner aufeinander zu. Gaganoff erhob sofort die -Pistole und beim fünften oder sechsten Schritt -- schoß er. Eine Sekunde -lang blieb er stehen und, nachdem er sich überzeugt, daß er nicht -getroffen hatte, ging er schnell zur Barriere. Auch Stawrogin trat an -die Barriere, erhob die Pistole, aber ziemlich hoch und schoß fast ohne -zu zielen. Darauf zog er sein Taschentuch hervor und umwickelte den -kleinen Finger seiner rechten Hand. Da bemerkten erst die anderen, daß -Artemij Pawlowitsch doch nicht ganz gefehlt hatte: freilich hatte die -Kugel den Finger nur gestreift, ohne den Knochen zu berühren. Kirilloff -erklärte sofort, daß das Duell, wenn die Gegner sich jetzt nicht -versöhnen wollten, seinen Fortgang nehmen könne. - -»Ich behaupte, daß dieser Mensch,« schrie Gaganoff heiser (seine Kehle -war trocken geworden), sich wieder nur an Drosdoff wendend, und er wies -von neuem mit der Pistole auf Stawrogin, »daß dieser Mensch absichtlich -in die Luft geschossen hat ... absichtlich! ... Das ist eine neue -Beleidigung! Er will das Duell unmöglich machen!« - -»Ich habe das Recht, so zu schießen, wie ich will, wenn es nur nach den -Regeln geschieht,« bemerkte Stawrogin fest. - -»Nein, das hat er nicht! Erklären Sie ihm das, erklären Sie es ihm -doch!« schrie Gaganoff. - -»Ich bin ganz der Meinung Nicolai Wszewolodowitschs,« sagte Kirilloff. - -»Warum schont er mich!?« raste Gaganoff, ohne auf die anderen zu hören. -»Ich verachte seine Schonung ... Ich spucke ... Ich ...« - -»Ich gebe mein Wort, daß ich Sie durchaus nicht beleidigen wollte,« -sagte Stawrogin ungeduldig. »Ich habe in die Luft geschossen, weil ich -niemanden mehr töten will, ob Sie oder einen anderen, geht Sie -persönlich nichts an. Es ist wahr, ich halte mich nicht für beleidigt, -und es tut mir leid, daß Sie das aufbringt. Ich erlaube aber keinem, -sich in mein Recht einzumischen.« - -»Wenn er sich so vor Blut fürchtet, so fragen Sie ihn doch, warum er -mich überhaupt gefordert hat?« brüllte Gaganoff, immer noch -ausschließlich zu Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff gewandt. - -»Wie sollte man Sie denn nicht fordern?« mischte sich Kirilloff ein. -»Sie wollten doch nichts hören, wie sollte man Sie denn los werden?« - -»Ich möchte nur bemerken,« sagte Mawrikij Nicolajewitsch, der -angestrengt und qualvoll über die Sache nachdachte, »wenn der Gegner im -voraus erklärt, er werde in die Luft schießen, so kann das Duell, meiner -Meinung nach, nicht mehr fortgesetzt werden ... aus delikaten und, ich -glaube ... auch klaren Gründen.« - -»Ich habe durchaus nicht erklärt, daß ich jedesmal in die Luft schießen -werde!« rief Stawrogin, der nun wirklich die Geduld verlor. »Wie können -Sie wissen, was ich im Sinne habe und wie ich zum zweitenmal schießen -werde ... Ich mache das Duell keineswegs unmöglich.« - -»Wenn dem so ist, kann das Duell seinen Fortgang nehmen,« wandte sich -Mawrikij Nicolajewitsch an Gaganoff. - -»Meine Herren, nehmen Sie Ihre Plätze ein!« kommandierte Kirilloff. - -Sie stellten sich auf, gingen wieder aufeinander zu, wieder fehlte -Gaganoff und wieder schoß Stawrogin in die Luft. Übrigens waren diese -Schüsse in die Luft doch zweifelhaft -- es ließ sich über sie streiten: -Stawrogin hätte sehr wohl behaupten können, daß er, ganz wie es sich -gehört, auf den Gegner gezielt habe, wenn er nicht vorher selbst das -Gegenteil angekündigt hätte, denn er richtete die Pistole nicht etwa -gerade auf den Himmel oder auf einen Baumwipfel, sondern immerhin so, -als ziele er auf den Gegner, -- wenn er auch tatsächlich einen halben -Meter über dessen Hut zielte. Dieses zweite Mal hatte er sogar ein noch -niedrigeres, noch täuschenderes Ziel genommen; doch Gaganoff wäre jetzt -wohl überhaupt nicht mehr zu überzeugen gewesen. - -»Wieder!« knirschte er ingrimmig. »Einerlei! Ich bin gefordert und werde -von meinem Recht Gebrauch machen! Ich will zum drittenmal schießen ... -unbedingt! ...« - -»Dazu haben Sie das volle Recht,« schnitt ihm Kirilloff das Wort ab. - -Mawrikij Nicolajewitsch sagte nichts. Zum drittenmal wurden sie -aufgestellt, zum drittenmal wurde kommandiert. Diesmal schritt Gaganoff -bis zur Barriere, und von dort, auf zwölf Schritt Distanz, begann er zu -zielen. Doch seine Hände zitterten zu sehr, um richtig zielen zu können. -Stawrogin stand mit gesenkter Pistole und erwartete regungslos den Schuß -des Gegners. - -»Zu lange, zu lange gezielt!« rief Kirilloff schließlich ungestüm. -»Schießen Sie! Schießen Sie!« - -Der Schuß ertönte, und diesmal riß die Kugel Stawrogins weißen Hut vom -Kopfe. Gaganoff hatte gut gezielt, der Hutboden war ganz unten -durchschossen; nur zwei Zentimeter niedriger und alles wäre zu Ende -gewesen. Kirilloff hob den Hut auf und reichte ihn Stawrogin. - -»Schießen Sie, halten Sie den Gegner nicht auf!« rief Mawrikij -Nicolajewitsch in ungewöhnlicher Erregung, als er sah, daß Stawrogin, -der mit Kirilloff den Hut betrachtete, seinen dritten Schuß gleichsam -vergessen hatte. - -Stawrogin zuckte zusammen, blickte auf Gaganoff, wandte sich dann zur -Seite und schoß diesmal schon ohne jedes Zartgefühl einfach in den Wald -hinein. Das Duell war beendet. Gaganoff stand da wie erstarrt. Mawrikij -Nicolajewitsch trat zu ihm und sprach etwas, doch er schien ihn gar -nicht zu verstehen. Kirilloff zog den Hut, als er fortging, und nickte -Mawrikij Nicolajewitsch zu; doch Stawrogin vergaß jetzt die Höflichkeit, -die er vorhin bezeugt hatte; nach seinem letzten Schuß in den Wald, -drückte er Kirilloff die Pistole in die Hand und ging, ohne sich auch -nur einmal zur Barriere zu wenden, schnell zu den Pferden. Sein Gesicht -drückte Wut aus; er schwieg. Auch Kirilloff schwieg. Sie bestiegen die -Pferde und ritten im Galopp davon. - - - III. - -»Warum schweigen Sie?« rief Stawrogin ungeduldig Kirilloff zu, kurz -bevor sie das Haus erreichten. - -»Was wollen Sie?« fragte dieser, fast vom Pferde rutschend, da es sich -bäumte. - -Stawrogin bezwang sich. - -»Ich wollte ihn nicht beleidigen, diesen ... Dummkopf, und doch habe ich -es wieder getan,« sagte er langsam. - -»Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt,« sagte Kirilloff trocken, -- »und -dabei ist er gar kein Dummkopf.« - -»Immerhin habe ich alles getan, was ich konnte.« - -»Nein.« - -»Was hätte ich denn tun sollen?« - -»Nicht fordern.« - -»Noch einen Schlag ins Gesicht ertragen?« - -»Ja, noch einen Schlag ertragen.« - -»Ich fange an nichts mehr zu begreifen!« sagte Stawrogin geärgert. -»Warum erwartet man von mir, was man sonst von niemandem erwartet? Warum -soll ich ertragen, was sonst niemand erträgt, und mir Bürden aufladen, -die keiner tragen kann?« - -»Ich glaube, Sie suchen eine Bürde.« - -»Ich suche eine Bürde?« - -»Ja.« - -»Sie ... haben das bemerkt?« - -»Ja.« - -»Ist das so bemerkbar?« - -»Ja.« - -Sie schwiegen. Stawrogin sah besorgt aus, fast erschreckt. - -»Ich habe nur deshalb nicht auf ihn geschossen, weil ich nicht töten -wollte, und das war alles, ich versichere Sie,« sagte er schnell und -erregt, als wollte er sich rechtfertigen. - -»Es war nicht nötig, zu beleidigen.« - -»Was hätte man denn tun sollen?« - -»Man hätte töten sollen.« - -»Es tut Ihnen leid, daß ich ihn nicht erschossen habe?« - -»Mir tut gar nichts leid. Ich glaubte, Sie wollten ihn wirklich -erschießen. Sie wissen selbst nicht, was Sie suchen.« - -»Ich suche eine Bürde,« lachte Stawrogin auf. - -»Wenn Sie nicht Blut vergießen wollten, warum gaben Sie sich denn selbst -dazu her?« - -»Wenn ich ihn nicht gefordert hätte, so wäre ich von ihm so erschlagen -worden, ohne Duell.« - -»Das ist nicht Ihre Sache. Vielleicht hätte er auch nicht erschlagen.« - -»Sondern nur geschlagen?« - -»Nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Bürde. Sonst gibt es kein Verdienst.« - -»Aus dem mache ich mir gerade was! Habe es noch bei niemandem gesucht!« - -»Ich glaubte, Sie suchten,« schloß Kirilloff unglaublich kaltblütig. - -Sie ritten auf den Hof. - -»Kommen Sie zu mir?« lud ihn Stawrogin ein. - -»Nein, ich gehe nach Haus. Leben Sie wohl.« - -Er stieg aus dem Sattel und nahm seinen Kasten unter den Arm. - -»Aber wenigstens Sie ärgern sich doch nicht über mich?« fragte Stawrogin -und hielt ihm die Hand hin. - -»Nicht im geringsten!« Kirilloff kehrte sofort zurück, um ihm die Hand -zu drücken. »Wenn meine Bürde mir leicht ist, so ist es, weil das von -Natur so ist, und wenn Ihre Bürde Ihnen vielleicht schwerer ist, so -kommt das auch, weil die Natur so ist. Sehr zu schämen braucht man sich -deshalb nicht, nur ein wenig.« - -»Ich weiß, daß ich ein nichtiger Charakter bin, aber ich dränge mich ja -auch nicht unter die Starken.« - -»Tun Sie's auch nicht. Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie wieder -Tee trinken.« - -Stawrogin trat verwirrt und erregt bei sich ein. - - - IV. - -Alexei Jegorowitsch meldete ihm sofort, daß Warwara Petrowna, die sich -über den Spazierritt Nicolai Wszewolodowitschs -- den ersten nach acht -Tagen Krankheit -- sehr gefreut hatte, nun gleichfalls ausgefahren sei, -»so wie früher alle Tage, um wieder einmal frische Luft zu atmen, -dieweil sie es seit acht Tagen nicht mehr getan haben.« - -»Ist sie allein gefahren oder mit Darja Pawlowna?« unterbrach Stawrogin -den alten Diener hastig und sein Gesicht verdüsterte sich sehr, als er -hörte, daß Darja Pawlowna »krankheitshalber vorgezogen haben, nicht -mitzufahren und sich augenblicklich in ihren Zimmern befinden«. - -»Höre, Alter,« sagte er, wie nach einem plötzlichen Entschluß, »paß auf -sie heute den ganzen Tag auf, und wenn du bemerkst, daß sie zu mir -kommen will, so halte sie zurück und sag ihr, daß ich sie nicht -empfangen kann, wenigstens in diesen Tagen nicht ... daß ich sie selbst -darum bitten lasse ... und wenn es Zeit sein wird, werde ich sie selbst -rufen -- hörst du?« - -»Zu Befehl,« sagte Alexei Jegorowitsch mit Kummer in der Stimme und -senkte die Augen. - -»Aber nicht früher, als bis du sicher bist und genau siehst, daß sie zu -mir kommen will.« - -»Der gnädige Herr können unbesorgt sein, es wird alles so gemacht -werden. Durch mich sind bis jetzt auch alle Besuche ermöglicht worden, -sie haben sich immer an mich gewandt.« - -»Ich weiß. Also nicht früher, als bis sie selbst kommt. Und jetzt bring -mir Tee, wenn es geht, möglichst schnell.« - -Kaum hatte der Alte das Zimmer verlassen, als dieselbe Tür sich wieder -öffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war -ruhig, doch das Gesicht bleich. - -»Woher kommen Sie?« rief Stawrogin. - -»Ich stand hier an der Tür und wartete, bis er hinausging, um dann bei -Ihnen einzutreten. Ich habe gehört, was Sie ihm angaben. Als er -fortging, versteckte ich mich hinter den Mauervorsprung rechts, und so -hat er mich nicht bemerkt.« - -»Ich wollte schon lange mit Ihnen brechen, Dascha ... so lange ... es -noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute Nacht nicht empfangen, trotz Ihrer -brieflichen Bitte. Ich wollte Ihnen gleichfalls schreiben, aber ich -verstehe nicht zu schreiben,« fügte er mit Ärger und sogar wie angeekelt -hinzu. - -»Auch ich habe bereits daran gedacht, daß wir brechen müssen. Warwara -Petrowna argwöhnt schon zu sehr unsere Beziehungen.« - -»Nun, mag sie doch.« - -»Sie soll sich nicht beunruhigen. Und so bleibt es denn jetzt bis zum -Ende?« - -»Sie erwarten immer noch unbedingt ein Ende?« - -»Ja, ich bin überzeugt, daß es kommen wird.« - -»Auf der Welt hat nichts ein Ende.« - -»Hier aber wird es ein Ende geben. Rufen Sie mich dann, ich werde -kommen. Und jetzt leben Sie wohl.« - -»Und was für ein Ende wird denn das sein?« fragte Stawrogin halb -lachend. - -»Sie sind nicht verwundet und ... haben auch kein Blut vergossen?« -fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten. - -»Es war dumm; ich habe niemanden getötet, beunruhigen Sie sich nicht. -Übrigens werden Sie heute noch alles von allen hören. Ich fühle mich -nicht ganz wohl.« - -»Ich gehe schon. Die Anzeige der Heirat wird heute nicht erfolgen?« -fragte sie noch wie unschlüssig. - -»Heute nicht; morgen nicht ... übermorgen -- sind wir vielleicht alle -tot, ... um so besser. Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch endlich!« - -»Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Wahnsinnige?« - -»Ich werde keine Wahnsinnige zugrunde richten, weder die eine noch die -andere, aber ich glaube, die Vernünftige richte ich zugrunde: ich bin so -gemein, so niedrig, Dascha, daß ich Sie vielleicht wirklich rufen werde --- >ganz zum Schluß<, wie Sie sagen, und Sie werden dann, trotz Ihrer -Vernunft, zu mir kommen. Warum richten Sie sich selbst zugrunde?« - -»Ich weiß, daß zum Schluß nur ich bei Ihnen bleiben werde und ... ich -warte darauf.« - -»Wenn ich Sie aber zum Schluß nicht rufe und von Ihnen fortlaufe?« - -»Das ist unmöglich, Sie werden mich rufen.« - -»Darin liegt viel Verachtung für mich.« - -»Sie wissen, daß nicht nur Verachtung ...« - -»Also ist Verachtung immerhin dabei?« - -»Ich wollte es nicht so sagen. Gott ist mein Zeuge, daß ich von Herzen -wünschte, Sie hätten mich niemals nötig.« - -»Die eine Phrase ist die andere wert. Auch ich wünschte, Sie nicht -zugrunde zu richten.« - -»Niemals und durch nichts werden Sie mich zugrunde richten können -- und -das wissen Sie ja selbst am besten,« sagte Darja Pawlowna schnell und -überzeugt. »Wenn ich nicht zu Ihnen komme, so werde ich barmherzige -Schwester, Krankenwärterin. Oder werde als Büchertrödlerin Bibeln -verkaufen. Das habe ich beschlossen. Ich kann nicht in solchen Häusern -leben, wie dieses hier. Nicht das ist es, was ich will ... Sie wissen -alles ... --« - -»Nein, ich habe es nie erfahren können, was Sie wollen; ich glaube, Sie -interessieren sich für mich, wie zuweilen alte Krankenwärterinnen aus -irgendeinem Grunde einen Pflegling den anderen vorziehen, oder, noch -besser, wie auf unseren Kirchhöfen die betenden Greisinnen von den -vielen Leichen sich eine etwas ansehnlichere aussuchen, die sie dann -besonders in ihr Herz schließen.[41] Warum sehen Sie mich so sonderbar -an?« - -»Sind Sie sehr krank?« fragte sie teilnehmend und sah ihn dabei ganz -eigentümlich nachdenklich und forschend an. »Gott! Und dieser Mensch -will ohne mich auskommen!« - -»Hören Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Heute nacht bot -sich mir ein kleiner Teufel auf der Brücke an, -- erbot sich, Lebädkin -und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner gesetzlichen Ehe ein Ende -zu machen, und so, daß nichts ruchbar wird. Als Handgeld verlangte er -nur drei Rubel, doch gab er deutlich zu verstehen, daß die ganze -Operation nicht weniger als tausendfünfhundert kosten werde. Das war mir -mal ein gut berechnender Teufel! Ein Buchhalter! Ha--ha!« - -»Und Sie sind fest überzeugt, daß es ein Gespenst war?« - -»O nein, durchaus kein Gespenst! Das war ganz einfach der entsprungene -Zuchthäusler Fedjka, ein sibirischer Sträfling und Raubmörder. Doch das -ist Nebensache. Aber was glauben Sie, daß ich getan habe? Ich habe ihm -das ganze Geld aus meinem Portemonnaie hingeworfen, und er ist jetzt -vollkommen überzeugt, daß ich ihm damit das Handgeld gezahlt habe!« - -»Sie haben ihn in der Nacht getroffen und er hat Ihnen diesen Vorschlag -gemacht? Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, daß Sie von dem Netz jener -Leute schon vollständig umstrickt sind?« - -»Nun, mögen sie. Aber soll ich Ihnen sagen, was für eine Frage sich -jetzt in Ihnen dreht und windet? -- ich sehe sie in Ihren Augen,« fügte -er gereizt mit bösem Lächeln hinzu. - -Dascha erschrak: - -»Gar keine Frage und es gibt da überhaupt keinen Zweifel, schweigen -Sie!« rief sie in Unruhe, die Frage gleichsam von sich fortscheuchend. - -»Sie sind also überzeugt, daß ich nicht zu Fedjka in die Kneipe gehen -werde?« - -»O Gott!« Sie erhob die Hände. »Warum quälen Sie mich so?« - -»Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz, offenbar habe ich mir von -jenen deren schlechte Manieren angeeignet. Wissen Sie, seit dieser Nacht -habe ich so wahnsinnige Lust zu lachen, immerzu, ununterbrochen, lange, -aus vollem Halse zu lachen. Ich bin wie geladen mit Gelächter ... Hu! -Mama ist angekommen; ich kenne den Ruck, mit dem ihre Equipage vor dem -Portal anhält.« - -Dascha ergriff seine Hand. - -»Wird doch Gott Sie vor Ihrem Dämon bewahren und ... rufen Sie mich, -rufen Sie mich dann schnell!« - -»Oh, mein Dämon! Der ist ja nur ein kleines, widerliches, skrofulöses -Teufelchen, das sich erkältet und den Schnupfen hat, eines von den -mißlungenen. Aber Sie, Dascha, Sie wagen ja wieder nicht, etwas -auszusprechen?« - -Sie sah ihn mit Schmerz und Vorwurf an und wandte sich zur Tür. - -»Hören Sie,« rief er ihr mit boshaftem, verzerrtem Lächeln nach. »Wenn -... nun, da, mit einem Wort, _wenn_ ... Sie verstehen schon, wenn ich -selbst zu Fedjka in die Kneipe ginge ... und Sie nachher riefe, -- -würden Sie dann auch noch kommen, selbst nach meinem Gang in die -Kneipe?« - -Sie ging hinaus, ohne zurückzusehen, ohne zu antworten, das Gesicht mit -den Händen bedeckt. - -»Sie wird kommen, auch nach meinem Gang in die Kneipe!« murmelte er nach -kurzem Nachdenken vor sich hin, und in seinem Gesicht drückte sich -angewiderte Verachtung aus: -- »Krankenwärterin! Hm ... Doch übrigens, -vielleicht brauche ich gerade das.« - - - - - Neuntes Kapitel. - Alle in Erwartung - - - I. - -Die Geschichte dieses Duells wurde in unserer Gesellschaft ungemein -schnell bekannt. An dem Eindruck, den sie machte, war das -Bemerkenswerteste die Einstimmigkeit, mit der alle sich schon am -nächsten Tage rückhaltlos für Nicolai Stawrogin erklärten. Selbst viele -von seinen ehemaligen Feinden zählten sich plötzlich entschieden zu -seinen Freunden. - -Den Anstoß zu diesem überraschenden Umschwung der öffentlichen Meinung -hatte zunächst nur eine einzige treffende Bemerkung gegeben; diese aber -war von einer Persönlichkeit gemacht worden, die sich bis dahin noch nie -öffentlich geäußert oder gar ihre Stellungnahme verraten hatte. So ward -denn jene Bemerkung sogleich von ungeheurer Bedeutung für den größten -Teil unserer Gesellschaft. Zugetragen aber hatte sich das alles -folgendermaßen: - -Gerade an dem Tage nach dem Duell feierte die Gemahlin des -Adelsmarschalls unseres Gouvernements ihren Geburtstag. Die ganze höhere -Gesellschaft war bei ihr versammelt. Unter den Gästen befand sich auch, -oder richtiger, präsidierte, als Gattin unseres neuen Gouverneurs, -Julija Michailowna, die in Begleitung von Lisaweta Nicolajewna -erschienen war. Lisa war von geradezu strahlender Schönheit und sah ganz -besonders froh und glücklich aus -- was freilich viele Damen sogleich -äußerst verdächtig fanden. Hier muß ich erwähnen, daß an ihrer -tatsächlichen Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch eigentlich nicht -mehr zu zweifeln war: auf die scherzhafte Frage eines alten Generals, -von dem gleich noch die Rede sein wird, antwortete Lisa selbst, daß sie -Braut sei. Und doch -- wie sonderbar das auch erscheinen mag --: keine -einzige von unseren Damen wollte daran glauben und alle fuhren sie -eigensinnig fort, von einem verhängnisvollen Familiengeheimnis, von -einem Roman zu munkeln, der sich in der Schweiz abgespielt haben sollte, -und zwar -- ich weiß nicht, weshalb -- unbedingt unter Mitwirkung von -Julija Michailowna. Es ist wirklich schwer zu sagen, wie alle diese -Gerüchte sich so lange und hartnäckig behaupten konnten, und warum immer -wieder und unbedingt gerade Julija Michailowna in diese Geschichten -hineingeflochten wurde und warum man glaubte, daß sie auch in die -Geheimnisse der Ohrfeigengeschichte eingeweiht sei. - -So kam es denn, daß man ihr auch auf der Abendgesellschaft beim -Adelsmarschall, als sie mit Lisa eintrat, sogleich und ganz allgemein -mit Spannung entgegensah, mit Blicken, die die Erwartung deutlich -verrieten. Von dem Duell wagte man noch nicht laut zu sprechen, nur -unter Bekannten tuschelte man sich dies und jenes zu. Es geschah das -wohl vor allem deshalb, weil man noch nicht wußte, wie sich die Behörden -zu dem Vorfall stellen würden. Soweit bekannt war, hatte man die beiden -Duellanten bis jetzt noch völlig unbehelligt gelassen, und Gaganoff war, -wie man wußte, schon am Morgen dieses Tages auf sein Gut Duchowo -zurückgekehrt, ohne vorher irgendwelchen Belästigungen ausgesetzt -gewesen zu sein. Selbstredend warteten nun alle darauf, daß endlich -jemand laut davon zu sprechen anfange und damit der allgemeinen Ungeduld -und Neugier, die sich so nicht äußern konnten, gewissermaßen die Tür -öffne. Dabei rechnete man ganz besonders auf den bereits erwähnten alten -General, und richtig: man verrechnete sich dabei nicht. - -Dieser General war eines der angesehensten Mitglieder unseres -Adelsklubs: Gutsbesitzer, doch nicht sonderlich reich, mit Anschauungen, -die in ihrer Art geradezu einzig waren, und in Damengesellschaft ein -unverbesserlicher Kurmacher. Unter anderem liebte er es besonders, auf -großen Versammlungen, sei es nun im Klub oder in der Gesellschaft, mit -der ganzen Würde seines Ranges und Alters plötzlich laut gerade davon zu -sprechen, wovon alle nur ängstlich und heimlich zu flüstern wagten. Es -war das gewissermaßen eine Spezialität von ihm. Und so tat er es denn -auch diesmal wieder nach seiner alten Gewohnheit. -- Mit Gaganoff war er -irgendwie entfernt verwandt, jetzt aber entzweit; ich glaube, er -prozessierte sogar mit ihm. Außerdem hatte er in seiner Jugend selbst -zwei Duelle gehabt und war wegen des letzten zeitweilig als Gemeiner -nach dem Kaukasus verbannt gewesen. - -Nun ließ jemand ein paar Worte über Warwara Petrowna fallen, die »nach -der Krankheit« jetzt wieder ausgefahren sei -- oder eigentlich nicht -gerade über sie, sondern mehr über den herrlichen grauen Viererzug -eigener, Stawroginscher, Zucht, mit dem sich dies Ereignis begeben -hatte. Da bemerkte plötzlich der alte General, daß er heute den »jungen -Stawrogin« zu Pferde angetroffen habe ... Alles verstummte sofort. Der -General aber schob eine Weile lang die Lippen hin und her, spielte mit -seiner goldenen, ihm hohen Orts geschenkten Tabaksdose und sagte -schließlich, die Worte wie ein Feinschmecker auseinanderziehend: - -»Tut mir faktisch un--gemein leid, daß ich vor einigen Jahren nicht hier -war ... Hielt mich gerade in Karlsbad auf. Hm ... Dieser junge Mensch -in--te--ressiert mich, in der Tat, se--ehr. Es kursi--ierten ja -seinerzeit die tollsten Gerüchte über ihn. Hm ... Aber wie, -- sollte es -fak--tisch wahr sein, daß er nicht ganz, hm, zu--rechnungs--fähig ist? -Hab so etwas gehört ... Jetzt aber hörte ich, ein Student habe ihn in -Gegenwart seiner Kusinen beleidigt, und er soll vor ihm unter den Tisch -gekrochen sein. Und nun sagt mir plötzlich Stepan Wyssotzki, daß dieser -Stawro--gin sich mit diesem ... Gaga--noff geschlagen hat. Und das -ein--zig in der chevaleres--ken Ab--sicht, sei--ne Stirn der Kugel eines -... Toll--gewordenen zu bieten, bloß um ihn ... äh ... loszuwerden. Hm -... Das ist so ungefähr im Stil der Garde der zwanziger Jahre. Verkehrt -er übrigens hier mit jemandem?« - -Der General verstummte, als erwarte er eine Antwort, und alle Blicke -wandten sich, fast wie auf ein Kommando, Julija Michailowna zu. - -»Das ist doch ganz erklärlich!« sagte diese gereizt, da alle gleichsam -überzeugt schienen, gerade _sie_ müsse jetzt etwas sagen. »Wie kann man -sich darüber wundern, daß Stawrogin sich mit Gaganoff schlägt und mit -dem Studenten nicht? Er konnte doch nicht seinen früheren Leibeigenen -fordern!« - -Bemerkenswerte Worte! Eine einfache und auf der Hand liegende Erklärung, -auf die aber noch niemand verfallen war. So war sie denn auch von -entscheidender Wirkung. Alles Skandalöse, Anekdotenhafte und Kleinliche -war mit einem Schlage zurückgedrängt und etwas anderes tauchte vor einem -auf. Man sah plötzlich einen neuen Menschen vor sich, in dem sich bis -jetzt alle getäuscht hatten, einen Menschen mit Ehrbegriffen von fast -idealer Strenge. Von einem Studenten, also einem gebildeten und nicht -mehr leibeigenen Menschen, tödlich beleidigt, übersieht er die -Beleidigung, weil der Student -- sein ehemaliger Leibeigener ist. Die -Gesellschaft zerreißt sich den Mund darüber und blickt mit Verachtung -auf den Menschen, der einen Schlag ins Gesicht hingenommen hat: dieser -aber mißachtet, übersieht einfach auch die Meinung der Gesellschaft, die -ja doch zur richtigen Beurteilung der Dinge viel zu unreif ist, obschon -sie sich selber stets dazu berufen fühlt. - -»Und währenddessen sitzen wir hier, Iwan Alexandrowitsch, und -philosophieren darüber, welches die richtigen Ehrbegriffe sind!« bemerkt -in einem edlen Anfall von Selbsterkenntnis ein alter Klubherr zum -anderen. - -»Ja, ja, Sie haben recht, Pjotr Michailowitsch,« pflichtet ihm dieser -reuig bei. »Und da schilt man noch auf die Jugend von heute!« - -»Ach was, hier kann doch von der Jugend im allgemeinen überhaupt nicht -die Rede sein,« sagt ein Dritter. »Die Jugend von heute hat damit nichts -gemein. Hier handelt es sich einfach um einen Stern, eine einzigartige -Ausnahme, um einen neuen Menschen, nicht aber um irgendeine -durchschnittliche Jugend von heute! Sehen Sie, so ist das aufzufassen.« - -»Ja, ja ... und gerade das ist es ja, was wir brauchen; wir sind arm -geworden an Persönlichkeiten.« - -Doch das Wichtigste war hierbei, daß diese »Persönlichkeit« oder dieser -»neue Mensch« sich nicht nur als »unzweifelhafter Edelmann« erwiesen -hatte, sondern außerdem noch der allerreichste Grundbesitzer unseres -Gouvernements war, und folglich sogleich als Beistand und Faktor zu -betrachten war. Ich habe übrigens schon früher andeutungsweise die -Stimmung unserer Grundbesitzer erwähnt.[42] - -Ja, man geriet sogar ordentlich in Hitze: - -»Und nicht nur, daß er den Studenten nicht gefordert hat,« hob ein -anderer hervor, »er hat sogar die Hände ostentativ zurückgezogen! -- -Bitte das wohl zu bemerken, Exzellenz!« - -»Und hat ihn nicht einmal vor unser neues Zivilgericht geschleppt ...« -meinte wieder ein anderer. - -»Ungeachtet dessen, daß dieses unser hochlöbliches neues Gericht ihn -dafür, daß _er_ beleidigt worden ist, zu einer Strafe von fünfzehn -Silberrubeln verurteilt hätte, ha--ha--ha!« - -»Nein, hören Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer -neuen Gerichte sagen!« regte sich ein Dritter auf. »Hat jemand einen -anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womöglich auf frischer -Tat ertappt und überführt -- so laufe er nur schnell nach Hause, so -lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man -ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren -Batisttüchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten! -Ehrenwort, so ist es!« - -»Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es!« - -Natürlich begnügte sich die Gesellschaft auch diesmal nicht mit den -bekannten Tatsachen. Man sprach wieder über die Freundschaft Stawrogins -mit dem berühmten Grafen K., dessen strenger, isolierter Standpunkt den -neuesten Reformen gegenüber allgemein bekannt war, ebenso wie seine -aufsehenerregende Tätigkeit noch bis in die jüngste Zeit. Und plötzlich -stand für alle vollständig fest, daß Nicolai Wszewolodowitsch sich mit -einer von den Töchtern des Grafen K. verloben werde, obgleich zu einer -solchen Annahme in Wirklichkeit auch nicht der geringste Grund vorhanden -war. Was aber da irgendwelche romantische schweizer Abenteuer mit -Lisaweta Nicolajewna anbetraf, oh, so erwähnten unsere Damen diese -»Märchen« überhaupt nicht mehr. Ich muß hier bemerken, daß Drosdoffs -inzwischen schon überall ihre Visite gemacht hatten, und nun fand man, -daß Lisa ein ganz gewöhnliches junges Mädchen sei, das mit seinen -»kranken Nerven« nur »kokettierte«. Ihren Ohnmachtsanfall am Tage der -Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs erklärte man einfach mit dem Schreck -über die schändliche Tat des Studenten. Ja, man bemühte sich sogar, das, -was man noch vor kurzem so phantastisch aufgefaßt hatte, jetzt so -prosaisch wie möglich zu erklären; -- und die Hinkende vergaß man -völlig, schämte sich fast, sie überhaupt erwähnt zu haben. Die Männer -aber pflegten zu sagen: »Und wenn auch hundert lahme Frauenzimmer -- wer -ist denn nicht jung gewesen!« Jetzt hob man auch allgemein die -Ehrerbietung Nicolai Wszewolodowitschs zu seiner Mutter hervor, sprach -wohlwollend von seinem großen Wissen, das er sich in diesen vier Jahren -an deutschen Universitäten erworben hatte. Die Handlungsweise Gaganoffs -aber erklärte man endgültig für taktlos -- »die Eigenen erkennen die -Eigenen nicht!« --, und Julija Michailowna sprach man gar »höhere -Einsicht« zu. - -So wurde denn Stawrogin, als er endlich selbst in der Gesellschaft -erschien, mit dem naivsten Ernst und der ungeduldigsten Erwartung -angesehen. Er aber schwieg. Natürlich befriedigte das wieder weit mehr, -als es endlose Erklärungen getan hätten. Kurz, er machte einen großen -Eindruck auf alle, er wurde Mode. In der Gesellschaft kam er mit -feinstem Takt allen seinen Pflichten nach. Ein Zurückziehen, sich -Absondern war freilich unmöglich, nachdem er einmal in der Gesellschaft -erschienen war. Das ist schon so in der Provinz. Man fand ihn zwar nicht -»gemütlich« oder »unterhaltsam«, aber »der Mensch hat gelitten, ist -nicht so wie andere; hat auch was, worüber er nachdenken kann,« hieß es -zu seiner Entschuldigung. Sogar sein Stolz und die Unnahbarkeit, die ihm -vor vier Jahren so viel Haß eingetragen hatten, gefielen jetzt und -wurden sehr geachtet. - -Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich weiß nicht, ob sie sich -über ihre verunglückten Pläne mit Lisa sehr grämte: darüber half ihr -vielleicht der Familienstolz hinweg. Sonderbar war nur eines: Warwara -Petrowna glaubte plötzlich gleichfalls, daß ihr _Nicolas_ eine Tochter -des Grafen K. erwählt habe, und zwar -- was das Sonderbarste dabei war --- sie glaubte es gleichfalls nur auf die Gerüchte hin, die auch zu ihr -bloß der »Zufall« verschlagen hatte; selbst aber ihren Sohn zu fragen, -fürchtete sie sich. Zwei- oder dreimal konnte sie sich freilich nicht -bezwingen, und machte ihm vorsichtig, wenn auch heiter, den Vorwurf, -nicht ganz aufrichtig zu ihr zu sein: Nicolai Wszewolodowitsch lächelte -aber nur und fuhr fort, zu schweigen. So hielt sie sein Schweigen für -eine Bestätigung. Und doch konnte sie bei all dem die Hinkende nicht -vergessen. Der Gedanke an diese lag ihr wie ein Stein auf dem Herzen, -raubte ihr den Schlaf oder schreckte sie mit unheimlichen Träumen -- und -das zu derselben Zeit, als sie an die Töchter des Grafen K. dachte. Aber -davon später. Es versteht sich im übrigen von selbst, daß die -Gesellschaft sich wieder ganz wie früher mit außerordentlicher Ehrfurcht -zu Warwara Petrowna verhielt, wenn auch diese sich jetzt nur noch selten -sehen ließ. - -Indessen machte sie doch der Gouverneurin einen feierlichen Besuch. -Natürlich war niemand über die schon erwähnte Bemerkung Julija -Michailownas so entzückt, wie Warwara Petrowna: diese Worte hatten viel -Leid von ihrem Herzen genommen. »Ich habe diese Frau mißverstanden!« -sagte sie sich, und mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit erklärte sie -Julija Michailowna sofort, daß sie gekommen sei, um sich bei ihr zu -bedanken. Julija Michailowna war natürlich sehr geschmeichelt, verlor -jedoch nicht ihre Würde. Zu gleicher Zeit stieg sie in ihren eigenen -Augen ganz beträchtlich, und vielleicht sogar etwas zu hoch. So beging -sie beispielsweise im Laufe des Gesprächs die Unhöflichkeit, Warwara -Petrowna zu sagen, daß sie noch nie etwas von einer literarischen -Tätigkeit Stepan Trophimowitschs gehört habe. - -»Ich empfange und verwöhne natürlich den jungen Werchowenski, er ist -zuweilen etwas unbesonnen, aber er ist ja noch jung. Jedenfalls hat er -solide Kenntnisse, und ist doch immerhin schon etwas mehr, als irgend -ein verabschiedeter ehemaliger Kritiker.« - -Warwara Petrowna beeilte sich sofort, zu bemerken, daß Stepan -Trophimowitsch niemals Kritiker gewesen sei, sondern sein ganzes Leben -in ihrem Hause verbracht habe. Berühmt aber sei er durch gewisse -Umstände zu Anfang seiner Karriere, die »aller Welt nur zu gut bekannt -sind«, und in der letzten Zeit durch seine Studien über die spanische -Geschichte; augenblicklich beabsichtige er, über die deutschen -Universitäten zu schreiben und, wenn sie recht unterrichtet sei, auch -etwas über die Dresdener Madonna ... Warwara Petrowna wollte ihren -Stepan Trophimowitsch um keinen Preis von Julija Michailowna herabsetzen -lassen. - -»Über die Dresdener Madonna? Die Sixtinische? _Chère_ Warwara Petrowna, -ich habe zwei Stunden vor diesem Bilde gesessen und bin schließlich -vollkommen enttäuscht fortgegangen. Ich habe nichts verstanden und mich -nur über die Menschen gewundert. Auch Karmasinoff sagt, daß es schwer -sei, dieses Bild zu verstehen. Jetzt finden alle nichts Besonderes an -diesem Bilde, sowohl Russen wie Engländer. Den ganzen Ruhm haben ihm nur -die alten Professoren verschafft.« - -»Also eine neue Mode?« - -»Ach, ich aber glaube, daß man unsere Jugend nicht so geringschätzen -darf. Überall klagt man jetzt, unsere jungen Leute seien Kommunisten, -und verachtet sie womöglich, doch meiner Meinung nach sollte man sie -lieber schonen und hochschätzen. Ich lese jetzt alles: alle Zeitungen, -Revuen, treibe Naturwissenschaft -- ich bekomme alles, denn man muß -doch, nicht wahr, endlich wissen, wo man lebt und mit wem man es zu tun -hat?! Man kann doch nicht das ganze Leben lang auf den Wolken seiner -Phantasie leben! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Jugend zu -protegieren, und hoffe, sie auf diese Weise an dem Rande des Abgrundes -zurückzuhalten, in den sie, das gebe ich zu, sonst hinabgleiten könnte. -Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, nur mit gutem Einfluß und vor allem -mit Liebe können wir sie von dem Abgrund zurückhalten, in den sie die -Unduldsamkeit aller dieser zurückgebliebenen alten Leute treibt. Aber -wirklich: es freut mich, was ich von Ihnen über Stepan Trophimowitsch -gehört habe. Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht: er könnte -auf unserer literarischen Matinee gleichfalls etwas vortragen. Wissen -Sie es schon? Ich arrangiere einen ganzen Festtag, mit Hilfe einer -Kollekte -- für die armen Gouvernanten unseres Gouvernements. Sie sind -in ganz Rußland verstreut; aus unserem Kreise sind allein schon sechs; -außerdem noch zwei Telegraphistinnen und zwei, die die Akademie -besuchen; viele würden das gleichfalls gern, haben aber nicht die Mittel -dazu. Ach, das Los der russischen Frau ist entsetzlich, Warwara -Petrowna! Jetzt wird daraus eine Universitätsfrage gemacht, und der -Reichsrat hat sich sogar schon deswegen einmal versammelt. In unserem -sonderbaren Rußland kann man wirklich alles machen, was einem einfällt. -Und darum, noch einmal sei es gesagt, könnten wir nur mit Liebe und -unmittelbarer warmer Teilnahme der ganzen Gesellschaft diese große, -allgemeine Sache auf den richtigen Weg führen. O Gott, als ob wir viele -große Menschen hätten! Es gibt ja natürlich welche, aber die sind so -verstreut! Tun wir uns doch zusammen, um stärker zu werden! Wie gesagt, -ich werde erst eine literarische Matinee arrangieren, darauf ein -leichtes Frühstück, und dann, am Abend, einen Ball. Zuerst wollten wir -den Abend mit lebenden Bildern eröffnen, aber das käme wohl etwas zu -teuer, und deshalb sollen zur Unterhaltung des Publikums nur zwei -Quadrillen von Masken getanzt werden -- in charakteristischen Kostümen, -die bestimmte literarische Richtungen darstellen. Diesen spaßigen -Vorschlag hat Karmasinoff gemacht -- er ist mir überhaupt sehr -behilflich. Und wissen Sie, er wird zur Matinee sein letztes Werk, das -noch niemand kennt, vorlesen. Er will seine Feder jetzt niederlegen und -nie mehr schreiben. Dieses letzte Werk ist sein Abschied vom Publikum. -Ein herrliches Ding, unter dem Titel: >_Merci_<. Allerdings ein -französisches Wort, aber er findet es scherzhafter und sogar feiner. Ich -auch -- ja eigentlich habe ich es ihm vorgeschlagen. Nun denke ich, -vielleicht könnte auch Stepan Trophimowitsch etwas vorlesen, etwas -Kürzeres und, wenn möglich ... nicht gar zu Gelehrtes. Ich glaube, auch -Pjotr Stepanowitsch und noch jemand werden irgend etwas vortragen. Ich -werde Pjotr Stepanowitsch zu Ihnen schicken, mit dem Programm, oder -besser, erlauben Sie mir, es Ihnen selbst zu übergeben, wenn ich einmal -vorüberfahre.« - -»Gern! -- Und Sie erlauben mir gewiß, meinen Namen gleichfalls auf die -Liste zu setzen ... Ich werde es Stepan Trophimowitsch mitteilen und ihn -selbst darum bitten.« - -Ganz bezaubert kehrte Warwara Petrowna heim; jetzt stand sie wie ein -Fels für Julija Michailowna! Über Stepan Trophimowitsch aber ärgerte sie -sich plötzlich grenzenlos. Er aber, der Arme, ahnte natürlich von -alledem nichts. - -»Ich habe mich geradezu in sie verliebt. Ich begreife nicht, wie ich -mich in dieser Frau so habe täuschen können,« sagte sie zu Nicolai -Wszewolodowitsch und zu Pjotr Stepanowitsch, der am Abend dieses Tages -wieder auf einen Augenblick bei ihr vorsprach. - -»Aber Sie müssen sich mit dem Alten wieder aussöhnen,« meinte Pjotr -Stepanowitsch, »er ist ganz verzweifelt. Sie haben ihn ja schon geradezu -in die Küche geschickt. Gestern hat er Sie in der Equipage gesehen und -gegrüßt, Sie aber sollen sich abgewendet haben. Wissen Sie, wir wollen -ihn ein wenig herausheben, ich habe sogar gewisse Absichten mit ihm und -er kann uns noch nützlich sein.« - -»Oh, er wird ja jetzt auf der Matinee vortragen.« - -»Ich spreche nicht davon allein. Übrigens, ich wollte selbst noch heute -zu ihm gehen. Soll ich es ihm sagen?« - -»Wenn Sie wollen. Oder nein, ich weiß nicht, wie Sie das anfangen -werden,« sagte sie ein wenig unentschlossen. »Ich hatte schon selbst die -Absicht, mich mit ihm auszusprechen und wollte ihm Ort und Stunde -angeben.« Ihr Gesicht verfinsterte sich. - -»Na, das lohnt sich gerade! Ich werde es ihm einfach sagen.« - -»Nun, meinetwegen. Sagen Sie es ihm. Aber fügen Sie hinzu, daß ich ihm -unbedingt einen Tag angeben werde. Fügen Sie das unbedingt hinzu.« - -Pjotr Stepanowitsch eilte sogleich schmunzelnd zu seinem Vater. Im -allgemeinen war er in dieser Zeit, so weit ich mich dessen noch erinnern -kann, ganz besonders schlechter Laune und erlaubte sich unglaubliche -Sachen fast allen gegenüber, was man ihm aber sonderbarerweise stets -verzieh. Überhaupt hatte sich die Meinung verbreitet, daß man auf ihn -irgendwie besonders sehen müsse. Hier muß ich aber erwähnen, daß ihn -Stawrogins Duell in eine schon beinahe unnatürliche Wut versetzt hatte; -die Nachricht traf ihn unvorbereitet. Er wurde geradezu grün im Gesicht, -als man ihm das erzählte. Vielleicht litt hierbei seine Eigenliebe: er -erfuhr es erst am anderen Tage, als schon alle davon wußten. - -»Aber Sie hatten ja gar nicht das Recht, sich zu schlagen!« flüsterte er -Stawrogin zu, als er ihn erst am fünften Tag darauf zufällig im Klub -traf. - -Es ist bemerkenswert, daß sie sich in diesen fünf Tagen nirgends -begegnet waren, obgleich Pjotr Stepanowitsch fast täglich bei Warwara -Petrowna vorsprach. - -Stawrogin blickte ihn stumm und wie zerstreut an, als verstünde er -nicht, wovon jener sprach, und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er -ging durch den großen Saal zum Büfettraum. - -»Sie sind auch zu Schatoff gegangen ... Sie wollen Ihre Heirat mit Marja -Timofejewna bekannt machen,« flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der ihm -nachlief, und faßte ihn an der Schulter. - -Da schüttelte Stawrogin plötzlich seine Hand ab und drehte sich schnell -mit drohend finsterem Gesicht zu ihm um. Pjotr Stepanowitsch sah ihn an -und lächelte ein sonderbares langes Lächeln. Das Ganze dauerte nur einen -Augenblick. Stawrogin ging allein weiter. - - - II. - -Von Warwara Petrowna begab sich Pjotr Stepanowitsch an jenem Abend -schleunigst zu seinem Vater. Daß er sich so beeilte, geschah vor allem -aus Bosheit: um sich für eine Beleidigung, von der ich noch keine Ahnung -hatte, sobald wie möglich zu rächen. Stepan Trophimowitsch hatte ihn -nämlich bei seinem letzten Besuch nach einem Streit, der übrigens von -ihm selbst begonnen worden war, mit dem Stock hinausgejagt. Damals war -ich, wie gesagt, nicht zugegen gewesen, diesmal aber, als Pjotr -Stepanowitsch mit seinem gewöhnlichen spöttischen Lächeln eintrat, -während sein unangenehm neugieriger Blick das Zimmer gleichsam absuchte, -gab mir Stepan Trophimowitsch sogleich durch einen Wink zu verstehen, -ich solle den Raum nicht verlassen. So erfuhr ich denn, wie sie zu -einander standen. - -Stepan Trophimowitsch saß halb liegend auf dem Diwan. Seit jenem letzten -Besuch seines Sohnes, am Donnerstag, war er magerer und bleicher -geworden. Pjotr Stepanowitsch setzte sich in der ungeniertesten Weise -neben ihn, und nahm weit mehr Platz auf dem Diwan ein, als es die -Achtung vor dem Vater erlaubt hätte. Stepan Trophimowitsch rückte -wortlos, seine Würde wahrend, zur Seite. - -Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch: der Roman »Was tun?«[43] -Leider muß ich hier eine gewisse Schwäche meines Freundes eingestehen: -der Gedanke, daß er noch einmal aus seiner Einsamkeit hervortreten -müsse, um »die letzte Schlacht zu schlagen«, hatte sich mehr und mehr in -seiner verblendeten Einbildung festgesetzt. Ich erriet, daß er sich -diesen Roman nur vorgenommen hatte und nun _studierte_, um für den Fall -eines Zusammenstoßes mit den Feinden ihren ganzen »Katechismus« zu -kennen. So vorbereitet, wollte er sie dann alle widerlegen und feierlich -vor »_ihr_« über jene Jungen triumphieren! Oh, wie quälte ihn dieses -Buch! Ganz verzweifelt warf er es oft fort, sprang auf und ging erregt, -ja fast außer sich hin und her. - -»Ich gebe zu, daß der Grundgedanke des Autors richtig ist,« sagte er wie -im Fieber zu mir, -- »aber das ist doch noch schrecklicher! Es ist ja -derselbe Gedanke, den wir gehegt haben, gerade unser eigener! Wir haben -ihn selbst gepflanzt, erzogen, alles vorbereitet, -- ja und was könnten -die denn überhaupt noch Neues sagen, nach _uns_! Aber, Gott, wie ist das -alles mißverstanden, wie entstellt, wie verdorben!« rief er, nervös mit -den Fingern auf das Buch klopfend. »Haben wir je solche Folgerungen -gezogen, _das_ etwa erstrebt? Wer kann hier überhaupt den Grundgedanken -herauslesen?!« - -»Bildest dich?« fragte Pjotr Stepanowitsch spöttisch, nachdem er das -Buch vom Tisch genommen und den Titel gelesen hatte. »War schon längst -an der Zeit. Kann dir noch bessere Bücher bringen, wenn du willst.« - -Stepan Trophimowitsch schwieg wieder. Ich saß auf dem anderen Diwan in -der Ecke. - -Pjotr Stepanowitsch erklärte schnell, warum er gekommen sei. Stepan -Trophimowitsch war ganz unverhältnismäßig betroffen und hörte mit einem -Schrecken zu, der sich mit äußerstem Unwillen mischte. - -»Und diese Julija Michailowna ist ohne weiteres überzeugt, daß ich bei -ihr vorlesen werde!« - -»Das heißt, sieh mal, sie brauchen dich ja eigentlich überhaupt nicht. -Im Gegenteil, es geschieht nur, um dir eine Ehre zu erweisen und somit -Warwara Petrowna zu schmeicheln. Na, versteht sich doch von selbst, daß -du nicht wagen darfst, etwa abzusagen. Und selber willst du doch auch -riesig gern vorlesen,« schmunzelte er. »Ihr Alten habt ja alle 'ne -höllische Ambition. Aber, hör mal, damit es nicht zu langweilig ist -- -du hast da etwas aus der spanischen Geschichte, nicht? Du, also gib mir -das Ding drei, zwei Tage vorher, damit ich es mal durchsehe, sonst -schläferst du uns am Ende noch alle ein.« - -Die Grobheit seiner Bemerkungen war augenscheinlich beabsichtigt. Er -tat, als könne man mit Stepan Trophimowitsch eben unmöglich feiner -sprechen. Mein Freund fuhr unerschütterlich fort, die Beleidigungen -nicht zu bemerken. Indessen regte ihn der Inhalt des Gehörten doch immer -mehr auf. - -»Und sie selbst, _sie selbst_ hat ... dir gesagt, daß du es mir -mitteilen sollst?« fragte er. - -»Das heißt, sieh mal, sie wollte dir Ort und Zeit angeben, um sich mit -dir auszusprechen -- die letzten Überreste eurer Sentimentalitäten. Du -hast zwanzig Jahre mit ihr kokettiert und ihr die lächerlichsten -Albernheiten angewöhnt. Na, beruhige dich, jetzt hat das aufgehört; -jetzt wiederholt sie ja selbst stündlich, daß sie dich nun erst ->durchschaut<. Ich habe ihr logisch auseinandergesetzt, daß eure ganze -Freundschaft weiter nichts als ein gegenseitiger Erguß von Spülicht -gewesen ist. Sie hat mir viel erzählt, weißt du. Pfui, was für ein -Lakaienamt du bei ihr bekleidet hast. Sogar ich habe für dich erröten -müssen.« - -»Ich -- ein Lakaienamt bekleidet?« rief Stepan Trophimowitsch, der nun -doch nicht mehr an sich halten konnte. - -»Sogar noch schlimmer als das, denn du warst ja ein Schmarotzer, also -ein freiwilliger Lakai. Zur Arbeit zu faul -- aber auf Geld haben wir -Appetit. Kennt man! Auch sie begreift das jetzt. Haarsträubend, was sie -von dir alles erzählt hat! Ach, Freund, hab ich aber über deine Briefe -an sie gelacht! Wie gewissenlos und wie ekelhaft! Aber ihr seid ja so -verderbt, so unglaublich verderbt! Im Almosenempfangen liegt doch etwas, -das den Menschen für immer verdirbt -- du bist ein glänzendes Beispiel -dafür!« - -»Sie hat dir meine Briefe gezeigt!« - -»Alle. Das heißt, wo denkst du hin, wer soll denn die alle durchlesen! -Pfui, ich glaube, es sind über zweitausend Briefe. Verboten viel Papier -verschmiert ... Aber weißt du auch, Alter, ich vermute, es muß da einmal -einen Augenblick gegeben haben, wo sie vielleicht sogar bereit gewesen -wäre, dich zu heiraten? Dümmsterweise hast du's verpaßt! Ich meine -natürlich -- von deinem Standpunkt aus. Immerhin besser als jetzt, da -man dich beinah mit >fremden Sünden< verkuppelt hätte, wie einen Narren -zum Scherz, -- und das für Geld.« - -»Für Geld! _Sie, sie_ sagt -- ich hätte für Geld! ...« rief Stepan -Trophimowitsch in krankhafter Erregung. - -»Ja, wie denn sonst? Was fällt dir denn ein? Unter diesem Gesichtswinkel -habe ich dich noch verteidigt! Das ist doch deine einzige -Entschuldigung. Sie hat jetzt selbst eingesehen, daß du Geld brauchtest, -wie nun einmal alle Menschen -- und von dem Standpunkte aus sogar ganz -recht hattest. Ich habe ihr denn auch klar wie zweimalzwei bewiesen, daß -ihr zu Eurem gegenseitigen Vorteil gelebt habt: sie als Kapitalistin, -und du bei ihr als ihr sentimentaler Narr. Übrigens: über das viele -verschwendete Geld ärgert sie sich nicht, obgleich du sie doch wirklich -wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ist nur, daß sie dir -zwanzig Jahre lang geglaubt hat, daß sie sich von deinem _Anstand_ hat -betölpeln lassen und daß du sie gezwungen hast, so lange zu lügen. Daß -sie selbst auch gelogen hat, wird sie sich nie eingestehen, aber du -wirst dafür doppelt büßen müssen. Ich verstehe nur nicht, wie du nicht -hast begreifen können, daß es irgend einmal doch zu einer Abrechnung -kommen mußte. Denn immerhin hattest du doch so etwas wie einen Verstand. -Ich habe ihr gestern geraten, dich in ein Armenhaus zu stecken. Beruhige -dich, in ein anständiges: es wird schon nicht erniedrigend sein. Ich -glaube, sie wird es auch so machen. Erinnerst du dich noch deines -letzten Briefes an mich, ins H--sche Gouvernement, vor drei Wochen?« - -»Den hast du ihr gezeigt?« Stepan Trophimowitsch sprang vor Entsetzen -auf. - -»Na, selbstredend! Als ersten! Denselben, in dem du schreibst, daß sie -dich ausnutzt, dich um deines Talentes willen beneidet, na, und noch -allerlei über die >fremden Sünden< ... -- Ach, Freund, hast du aber eine -Eigenliebe! Ich habe mir vor Lachen die Seiten gehalten. Sonst sind -deine Briefe mordslangweilig -- hast einen entsetzlichen Stil. Habe sie -überhaupt nur selten gelesen und ein Brief liegt da bei mir noch jetzt -uneröffnet herum; werde ihn dir morgen schicken. Aber dieser, dieser -letzte Brief -- der ist ja einfach die Krone von allen! Wie ich gelacht -habe, nein, wie ich gelacht habe!« - -»Du Unmensch, du Ungeheuer!« brüllte plötzlich Stepan Trophimowitsch -außer sich vor Empörung. - -»Pfui Teufel, mit dir kann man ja überhaupt nicht reden. Hör mal, du -fühlst dich wohl wieder gekränkt, wie vorigen Donnerstag?« - -Stepan Trophimowitsch richtete sich drohend auf. - -»Wie wagst du es, so mit mir zu reden?« - -»Ja, wie denn? Ich rede doch einfach und klar.« - -»Aber so sag mir doch, bist du mein Sohn oder bist du's nicht!« - -»Das müßtest du besser wissen als ich. Natürlich, jeder Vater ist ja in -solchen Fällen zu Zweifeln geneigt ...« - -»Schweig, schweig!« Stepan Trophimowitsch erzitterte am ganzen Körper. - -»Sieh mal, nun schreist und schimpfst du schon wieder, ganz wie vorigen -Donnerstag; wolltest ja damals schon deinen Stock erheben, inzwischen -aber habe ich das Dokument gefunden. Hab den ganzen Abend in meinem -Reisekoffer aus Neugier gesucht. Kannst dich beruhigen, es ist kein -Beweis vorhanden. Nur ein kurzer Brief meiner Mutter an jenen Polen. -Aber nach ihrem Charakter zu urteilen ...« - -»Noch ein Wort und ich schlage dich --!« - -»Na, das sind mir mal Menschen!« wandte sich Pjotr Stepanowitsch -plötzlich an mich. »Sehen Sie, das geht nun schon so seit dem vorigen -Donnerstag. Es freut mich, daß diesmal wenigstens Sie dabei sind und -urteilen können. Zuerst eine Tatsache: er macht mir Vorwürfe, weil ich -so von meiner Mutter rede, aber war er es nicht selbst, der mich darauf -gebracht hat? In Petersburg, als ich noch Gymnasiast war, weckte er mich -womöglich zweimal in der Nacht, umarmte mich und weinte wie ein altes -Weib. Und was glauben Sie wohl, was er mir dann erzählte, so in der -Nacht? Na, eben diese selben keuschen Anekdoten über meine Mutter! Er -war ja der erste, von dem ich es hörte.« - -»Oh, ich tat es damals im höheren Sinne! Oh, du hast mich nicht -verstanden. Nichts, nichts hast du verstanden!« - -»Aber immerhin war es von dir doch gemeiner, als von mir, viel gemeiner, -gestehe es nur! Sieh, wenn du willst: mir ist es ja einerlei. Von deinem -Standpunkt betrachtet. Von meinem -- na, beruhige dich: ich mache meiner -Mutter durchaus keinen Vorwurf. Bist du's, na, dann bist du es, -- ist's -der Pole, -- na, meinetwegen, mir ist's egal. Ich bin doch nicht daran -schuld, daß es bei euch in Berlin so dumm herausgekommen ist. Ja und -hätte denn überhaupt jemals etwas Gescheites bei euch herauskommen -können? Und seid ihr nun nach alledem nicht komische Leute? Kann es dir -denn nicht ganz egal sein, ob ich dein Sohn bin, oder nicht? Hören Sie -mal,« wandte er sich wieder zu mir, »er hat für mich in seinem ganzen -Leben nicht einen einzigen Rubel ausgegeben; bis zum sechzehnten Jahre -hat er mich überhaupt nicht gekannt, darauf hat er mich hier bestohlen, -und jetzt schreit er, daß ihn sein Herz sein Lebelang um mich geschmerzt -habe, und geberdet sich vor mir wie ein Schauspieler. Aber ich bin doch -nicht Warwara Petrowna, ich bitte dich!« - -Er stand auf und nahm seinen Hut. - -»Ich -- verfluche dich!« rief Stepan Trophimowitsch, bleich wie der Tod, -und streckte seine Hand aus. - -»Seht doch, was ein Mensch alles fertig bringt!« Pjotr Stepanowitsch -wunderte sich wirklich. »Na, leb wohl, Alter, werde nie mehr zu dir -kommen. Den Aufsatz schick etwas früher, vergiß es nicht, und bemühe -dich, wenn du kannst, ohne Albernheiten zu schreiben. Nur Tatsachen, -Tatsachen und nochmals Tatsachen, und die Hauptsache: so kurz wie -möglich. Adieu!« - - - III. - -Pjotr Stepanowitsch hatte übrigens noch andere Gründe dafür, mit seinem -Vater in dieser Weise umzugehen. Meiner Meinung nach beabsichtigte er -ganz einfach, ihn zur Verzweiflung zu bringen, um ihn auf diese Weise zu -einem Skandal zu treiben, der die Öffentlichkeit in einer ganz -bestimmten Richtung in Anspruch nehmen mußte. Etwas Derartiges hatte er -für seine ferneren Ziele, von denen jedoch erst später die Rede sein -soll, unbedingt nötig. Noch eine ganze Reihe ähnlicher und miteinander -in Zusammenhang stehender Pläne -- freilich alle von einer gewissen -Phantastik -- gingen damals durch seinen Kopf. Außer Stepan -Trophimowitsch hatte er noch einen anderen Märtyrer im Auge. Überhaupt -hatte er deren nicht wenige, wie sich später herausstellte; doch auf -diesen anderen Märtyrer rechnete er ganz besonders, und der war -- Herr -von Lembke in eigener Person. - -Andrei Antonowitsch von Lembke gehörte zu jenem bevorzugten (von der -Natur bevorzugten) Volke, von dem in Rußland mehrere hunderttausend -Vertreter leben, die vielleicht selbst nicht wissen, daß sie in ihrer -ganzen Masse und Gesamtheit einen streng organisierten Bund bei uns -bilden. Selbstredend ist dieser Bund nicht etwa ausgedacht, sondern -besteht wortlos, ohne Vereinbarungen, einfach wie eine moralische -Selbstverständlichkeit -- eben durch das unbedingte Zusammenhalten und -die Unterstützung, die sie sich überall und unter allen Umständen -wechselseitig zuteil werden lassen. - -Andrei Antonowitsch hatte die Ehre gehabt, in einer jener höheren -russischen Schulen erzogen zu werden, in die in der Regel nur die Söhne -solcher Familien eintreten können, die mit Reichtum oder Verbindungen -beglückt sind. Die Zöglinge dieser Schule wurden fast sofort nach dem -Abiturientenexamen so untergebracht, daß sie selbst bei geringer -Begabung noch eine gute Karriere machen konnten. Andrei Antonowitschs -Großväter waren: ein Oberstleutnant und ein Bäcker. Trotzdem hatte man -ihn in jener hohen Schule aufgenommen, und siehe da -- er fand noch -andere junge Leute ähnlicher Herkunft vor. Er war ein lustiger Kamerad; -mit dem Lernen ging es zwar ziemlich schwer, aber das störte weiter -nicht -- man hatte ihn trotzdem gern. Als später, in den höheren -Klassen, die Jünglinge, die meistens Russen waren, schon über alle -möglichen Tagesfragen zu disputieren begannen, und zwar in einem Tone, -der keinen Zweifel darüber bestehen ließ, daß sie, sobald sie nur erst -die Schule hinter sich gebracht hätten, sofort sämtliche Probleme mit -einem Schlage lösen würden -- da fuhr Andrei Antonowitsch immer noch -fort, sich mit den allerunschuldigsten Jungenstreichen zu beschäftigen. -Es schien in seinen Augen geradezu sein Lebenszweck zu sein, seine -Mitschüler auch jetzt noch durch alle möglichen Einfälle zu unterhalten --- Einfälle, die sich zwar nicht durch allzu großen Geistesreichtum -auszeichneten, dafür aber die junge Gesellschaft zu erheitern -vermochten. Entweder schneuzte er sich, wenn der Lehrer ihn etwas -fragte, auf irgendeine ganz besonders laute und mißtönende Weise die -Nase, wodurch er dann sowohl die Kameraden wie den Lehrer selber -belustigte; oder er machte im gemeinsamen Schlafsaal irgendwelche -equilibristischen Kunststücke, die ihm einen allgemeinen und -begeisterten Beifall einzutragen pflegten; oder er spielte gar einzig -auf seiner Nase (und wirklich kunstvoll) die Ouvertüre zu »Fra Diavolo«. -Im letzten Schuljahr zeichnete er sich wohl auch durch eine absichtliche -Unordentlichkeit in der Kleidung aus, was er für genial hielt, dieweil -er nämlich zu dichten begonnen hatte: und zwar in russischer Sprache, -denn seine Muttersprache beherrschte er nur äußerst ungrammatisch, wie -so viele seiner in Rußland lebenden Volksgenossen. - -Diese Neigung zur Poesie hatte ihn dann mit einem Kameraden, dem Sohn -eines armen Offiziers, den die ganze Schule für einen zukünftigen großen -Poeten, so eine Art zweiten Puschkin hielt, zusammengeführt. Wie -erstaunt aber war dieser Kamerad, der sich Lembkes auf der Schule nur -von oben herab, gnädig, beinahe gönnerhaft angenommen hatte, als er drei -Jahre später seinen Protegé, den »Lembka«, wie man ihn allgemein genannt -hatte, an einem kalten Tage an der Anitschkoffbrücke traf! Der -»zukünftige große Poet« hatte sich inzwischen ganz der russischen -Literatur gewidmet und es bereits glücklich bis zu zerrissenen Stiefeln -und einem dünnen Sommerpaletot im Spätherbst gebracht. Um so -eigentümlicher mußten seine Empfindungen sein, als er jetzt seinen -»Lembka« wiedersah: zuerst traute er seinen Augen nicht -- vor ihm stand -ein tadellos gekleideter junger Mann mit bewunderungswürdig bearbeitetem -rötlich-blondem Backenbart, mit einem Klemmer auf der Nase, elegant -behandschuht, dazu in Lackstiefeln und kostbarem Pelz mit einer -Ledermappe unter dem Arm. Lembke begrüßte ihn sehr freundlich, gab ihm -seine Adresse, und forderte ihn sogar auf, ihn einmal abends zu -besuchen. Es stellte sich bei der Gelegenheit heraus, daß er jetzt nicht -mehr einfach der »Lembka«, sondern Herr _von_ Lembke war. Doch als nun -der Schulfreund der Aufforderung nachkam und ihn tatsächlich einmal -besuchte, da fand er keineswegs die Reichtümer vor, die er erwartet -hatte, fand seinen »Lembka« vielmehr in einem schmalen Zimmerchen, das -ziemlich alt aussah, mit einem dunkelgrünen Vorhang in zwei ungleiche -Hälften geteilt und mit ebenfalls dunkelgrünen, zwar gepolsterten, aber -bereits ziemlich verschossenen Möbeln eingerichtet war. Von Lembke -wohnte bei einem General, mit dem er in sehr weitläufiger Verwandtschaft -stand und der den jungen Mann nach Möglichkeit in seiner Laufbahn -förderte. Von Lembke empfing den Schulfreund freundlich, war aber sonst -ernst und von gesellschaftlicher Höflichkeit. Über Literatur sprachen -sie nur beiläufig. Ein Diener in weißer Weste brachte einen etwas -bläßlichen Tee und hartes kleines, rundes Gebäck. Als der Freund aus -Bosheit um eine Flasche Selterwasser bat, wurde sie ihm zwar gebracht, -doch erst nach auffallend langer Zeit, während der Lembke etwas betreten -zu sein schien. Übrigens muß ich hinzufügen, daß er dem Schulfreunde -auch einen Imbiß anbot, doch offenbar nicht unzufrieden war, als der -Gast dankte und sich bald darauf verabschiedete. Mit einem Wort: Lembke -begann damals, trotz ärmlicher Verhältnisse, seine »Karriere« und lebte -bei einem Stammgenossen, der ein angesehener General war. - -In dieser Zeit hatte er sich in die fünfte Tochter des Generals -verliebt, und sein Antrag war, wenn ich nicht irre, auch so gut wie -angenommen worden. Nur verheiratete man Amalie, als sich die Gelegenheit -bot, nichtsdestoweniger mit einem deutschen Fabrikbesitzer, einem alten -Freunde des alten Generals. Andrei Antonowitsch trauerte seiner Liebe -nicht sehr lange nach, sondern -- klebte aus Pappe ein Theater. Das ward -ein richtiges Kunstwerk: der Vorhang hob sich, die Schauspieler traten -auf und gestikulierten mit den Händen, in den Logen saßen Damen, im -Orchester fuhren die Musiker mit den Bögen über die Instrumente, der -Kapellmeister fuchtelte mit einem Stöckchen und das Publikum klatschte -in die Hände. Alles das war aus Pappe hergestellt, und ausgedacht und -ausgeführt von Andrei Antonowitsch von Lembke. Ein halbes Jahr lang -hatte er über diesem Theater gesessen. Als er fertig war, gab der -General eine intimere Abendgesellschaft; viele deutsche Damen und junge -Mädchen, sowie die fünf Töchter des Generals, darunter die neuvermählte -Amalie und deren Gatte, waren sehr entzückt, als das Theater vorgeführt -wurde, und ergingen sich in hohen Lobsprüchen über den Verfertiger -- -worauf dann getanzt wurde. Lembke war sehr zufrieden und vergaß seinen -Liebesgram alsbald. - -Ein paar Jahre vergingen und seine »Karriere« machte sich mehr und mehr. -Er bekleidete stets Vertrauensposten unter Vorgesetzten, die gleicher -Abstammung waren, und erreichte in verhältnismäßig jungen Jahren einen -recht ansehnlichen Rang. Schon lange hatte er, jetzt aber ernstlich, den -Wunsch gehabt, zu heiraten, und schon lange hatte er sich verstohlen -nach einer passenden Partie umgesehen. Übrigens dichtete er auch jetzt -noch hin und wieder, doch ohne jemandem etwas davon zu verraten, und -einmal sandte er sogar eine Novelle an die Redaktion eines Blattes: sie -wurde jedoch zu seinem Kummer nicht abgedruckt, sondern ihm höflich -wieder zur Verfügung gestellt. Da begann er denn wieder zu kleben: -diesmal einen ganzen Eisenbahnzug. Auch der gelang ihm vorzüglich: die -Leute kamen aus dem Bahnhof und drängten sich, mit Koffern und Taschen -in der Hand, mit Kindern und Hunden, zu den Waggons, die Schaffner und -die Bahnbeamten gingen hin und her, ein Glöckchen klingelte und der Zug -setzte sich in Bewegung. Über diesem Kunststück hatte er ein ganzes Jahr -gesessen, seine Heiratspläne aber diesmal nicht darüber vergessen. Sein -Bekanntenkreis war ziemlich groß, meistens deutsche Gesellschaft, doch -verkehrte er auch in einigen russischen Familien -- selbstverständlich -nur in denen seiner Vorgesetzten. Da fiel ihm endlich, als er schon -achtunddreißig Jahre zählte, eine kleine Erbschaft zu: sein Großvater, -der Bäcker, starb und hinterließ ihm testamentarisch dreizehntausend -Rubel. Nun war Herr von Lembke im Grunde trotz der schon recht -ansehnlichen Stellung, die er in jungen Jahren erklommen hatte, durchaus -kein Streber, vielmehr ein Mensch, der auch ganz gewiß mit einem -kleineren, wenn nur recht bequemen und unabhängigen Posten vollkommen -zufrieden gewesen wäre. Doch eben jetzt kreuzte, anstatt einer sanften -Minna oder Ernestine, plötzlich Julija Michailowna seinen Weg, und seine -Stellung stieg sofort um ein paar Stufen höher. Der bescheidene und -gewissenhafte von Lembke fühlte, daß auch er ehrgeizig zu sein -vermochte. - -Julija Michailowna besaß, nach der alten Einschätzung, zweihundert -Leibeigene und erfreute sich außerdem guter Protektionen. Andererseits -war von Lembke ein hübscher Mann und sie schon über 40 Jahre alt. -Obendrein verliebte er sich nach und nach wirklich in sie, und zwar -genau proportional der Verstärkung des Gefühls, daß er nun Bräutigam -war. Am Hochzeitstage schickte er ihr sogar ein Gedicht, das ihr sehr -gefiel -- vierzig Jahre sind nun einmal kein Spaß. Bald darauf bekam er -auch einen gutklingenden Titel und dazu einen bestimmten Orden, und -schließlich wurde er zum Gouverneur unseres Gouvernements ernannt. Seit -dieser Auszeichnung begann Julija Michailowna sich um ihren Gatten -doppelt zu bemühen. Ihrer Meinung nach war er nicht gerade unbegabt: er -verstand, in einen Salon einzutreten, es war ihm gegeben, eine elegante -Verbeugung zu machen, er vermochte sogar ernst und tiefsinnig zuzuhören, -wenn andere sprachen, hielt sich dabei immer gut und konnte sogar eine -Rede halten; ja, er hatte hin und wieder sogar eigene Gedanken, wenn sie -auch etwas kurz waren und unvermittelt wirkten, und hinzukam, daß er -sich schon die Politur des neuesten, so notwendigen Liberalismus -angeeignet hatte. Doch trotz alledem beunruhigte sich Julija Michailowna -nicht wenig: vor allen Dingen mißfiel es ihr entschieden, daß ihr -Lembke, nachdem er so lange hinter seiner Karriere hergelaufen war, -jetzt doch wieder ein immer ausgesprocheneres Ruhebedürfnis zu empfinden -schien. Sie hätte zu gern ihren ganzen Ehrgeiz zu dem seinen gemacht, er -aber begann wieder -- zu kleben. Diesmal war es eine Kirche: der Pastor -trat auf die Kanzel, die Gemeinde hörte mit andächtig gefalteten Händen -zu, ein alter Mann schneuzte sich, eine Dame wischte sich mit einem -Taschentuch die Tränen ab und zum Schluß begann noch eine Orgel zu -spielen, die er um teures Geld eigens dazu aus der Schweiz verschrieben -hatte. Als Julija Michailowna von dieser neuen Arbeit erfuhr, erschrak -sie geradezu, nahm ihm das Spielzeug kurzerhand fort und versteckte es -in einen Koffer, zur Entschädigung aber erlaubte sie ihm, einen Roman zu -schreiben, freilich nur unter der Bedingung, daß niemand etwas davon -erführe. Seit der Zeit verließ sie sich nur noch auf sich selbst. Eine -Idee nach der anderen entstand in ihrem ehrgeizigen und ein wenig -überspannten Geiste. Sie hatte in der Tat die Absicht, das Gouvernement -zu regieren, und träumte bereits von den bestimmt nicht mehr fernen -Tagen, wo sie der Mittelpunkt der Gesellschaft, aller Meinungen und -Veranstaltungen unseres Gouvernements sein würde. Von Lembke selbst soll -übrigens zuerst nicht wenig erschrocken gewesen sein, als er den hohen -Posten erhielt, doch hatte er mit seinem Beamteninstinkt sehr bald -herausgefunden, daß er eigentlich gar keinen Grund hatte, sich zu -fürchten. Die ersten zwei, drei Monate seiner Tätigkeit verliefen denn -auch äußerst zufriedenstellend. Da aber erschien plötzlich Pjotr -Stepanowitsch -- und alsbald nahm alles eine unheilvolle Wendung. - -Die Sache fing damit an, daß der junge Werchowenski gleich bei der -ersten Begegnung Andrei Antonowitsch von Lembke eine entschiedene -Nichtachtung entgegenbrachte und sich ganz sonderbare Rechte ihm -gegenüber herausnahm, Julija Michailowna aber, die sonst immer so -eifersüchtig die Bedeutung ihres Mannes geachtet wissen wollte, tat -plötzlich, als merkte sie davon nichts. Der junge Werchowenski wurde -sozusagen ihr Schützling, aß, trank und schlief fast bei ihnen. Von -Lembke suchte sich zwar des Ankömmlings zu erwehren, nannte ihn in der -Gesellschaft »junger Mann«, klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter, -doch konnte er mit all dem nicht das gewünschte Resultat erzielen. Pjotr -Stepanowitsch tat immer, selbst während scheinbar ernster Gespräche, als -nehme er ihn überhaupt nicht ernst, und im übrigen nahm er sich sogar in -Gegenwart fremder Menschen heraus, ihm die unerwartetsten, -unglaublichsten Dinge ins Gesicht zu sagen. Einmal, als von Lembke nach -Hause kam und in sein Arbeitszimmer trat, fand er den »jungen Mann« auf -seinem Lederdiwan vor. Er gab zur Erklärung, und zwar nicht etwa, um -sich zu entschuldigen, sondern nur so oben hin, daß er, da er niemanden -angetroffen, sich »bei der Gelegenheit ausgeschlafen« habe. Von Lembke -war natürlich tief gekränkt und beklagte sich bei seiner Frau; diese -aber erklärte, nachdem sie zuerst über »seine Empfindlichkeit« gelacht -hatte, daß er wohl selbst die Schuld daran trüge, wenn der junge Mann -sich nicht »_comme il faut_«{[113]} zu ihm verhalte. Wenigstens erlaubte -sich »dieser Junge« ihr gegenüber nie irgend welche Familiaritäten, und -im übrigen sei er »naiv und unverdorben, wenn auch gewiß nicht -gesellschaftlich erzogen«. Von Lembke schmollte zwar, doch diesmal -gelang es Julija Michailowna noch, die beiden zu versöhnen: nicht -gerade, daß Pjotr Stepanowitsch jetzt eine Entschuldigung gemacht hätte, -aber er riß irgend einen Witz, den man zwar in einem anderen Fall für -eine neue Beleidigung hätte halten können, den man aber diesmal gnädig -als Besserungsversprechen auffaßte. Am meisten ärgerte es Herrn von -Lembke, daß er dem jungen Mann geradezu machtlos gegenüberstand, denn -... er hatte ihm gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft -- seinen Roman -anvertraut. Im Glauben, einen jungen Menschen mit literarischen -Interessen getroffen zu haben, hatte er ihm, da er sich schon lange -einen Zuhörer wünschte, eines Abends die beiden ersten Kapitel -vorgelesen. Pjotr Stepanowitsch hatte zunächst zugehört, ohne zu -verbergen, daß er sich langweilte, dann unhöflich gegähnt, nicht ein -einziges Mal etwas gelobt, doch beim Fortgehen sich das Manuskript -ausgebeten, um es zu Hause aufmerksam durchlesen und sein Urteil darüber -fällen zu können, -- und der arme Herr von Lembke hatte es ihm auch -gegeben ... Seit der Zeit konnte er es nun nicht mehr zurückbekommen: -auf seine täglichen Fragen gab ihm Pjotr Stepanowitsch meist nur eine -ausweichende und nicht selten geradezu höhnische Antwort, bis er zum -Schluß einfach erklärte, das Manuskript auf der Straße verloren zu -haben. Als Julija Michailowna von dieser Unvorsichtigkeit ihres Gatten -Kenntnis erhielt, ärgerte sie sich entsetzlich. - -»Hast du ihm vielleicht auch etwas von der Kirche gesagt?« fragte sie -fast mit Schrecken. - -Von Lembke begann ernstlich nachzudenken; nachdenken aber war für ihn -schädlich und ihm von den Ärzten strengstens verboten worden. Und -abgesehen davon, daß es plötzlich viele Scherereien im Gouvernement für -ihn gab, wovon später die Rede sein wird, gab es hier auch noch einen -besonderen Umstand -- demzufolge diesmal sogar das Herz des Gatten litt, -nicht nur die Eigenliebe eines Machthabers allein. Als von Lembke in die -Ehe trat, hätte er sich niemals träumen lassen, daß sie ihm auch irgend -welche Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Er hatte sich die Ehe in -seinen Gedanken an Minna oder Ernestine stets durchaus friedlich -vorgestellt. Und jetzt fühlte er, daß häusliche Gewitter über seine -Kräfte gingen. - -Endlich sprach sich Julija Michailowna offen mit ihm aus. - -»Beleidigen kann dich das überhaupt nicht,« sagte sie, »schon deswegen -nicht, weil du doch immerhin dreimal vernünftiger bist, als er, und -gesellschaftlich turmhoch über ihm stehst. In diesem Jungen steckt noch -viel von dem früheren freigeistigen Unsinn; ich aber finde ihn nur -einfach unartig. Nur kann man nicht verlangen, daß diese jungen Leute -sich so schnell verändern sollen: man muß sie langsam erziehen. Wir -müssen die Jugend schonen; ich wenigstens halte sie mit Liebe und -Freundschaft am Rande des Abgrundes zurück.« - -»Aber, zum Teufel, ich kann mich doch nicht tolerant zu ihm verhalten, -wenn er --« rief von Lembke erregt, »wenn er in Gegenwart fremder -Menschen behauptet, die Regierung vergifte das Volk absichtlich mit -Branntwein, um es zu verdummen und auf diese Weise von etwaigen -Aufstandsgedanken abzubringen. Denk doch nur, bitte, an meine Rolle, -wenn ich in Gegenwart der ganzen Gesellschaft so etwas mit anhören muß!« - -Als Lembke das sagte, mußte er wieder an ein Gespräch denken, das er vor -nicht langer Zeit mit Pjotr Stepanowitsch gehabt hatte ... In der -unschuldigen Absicht, den jungen Mann durch Liberalismus zu entwaffnen, -zeigte er ihm eines Tages seine Sammlung von allen möglichen -revolutionären Proklamationen und Flugblättern, sowohl russischen wie -ausländischen, die er seit 1859 sorgfältig aufbewahrte, doch nicht etwa -wie ein Liebhaber solcher Dinge, sondern einfach aus Neugier und weil -sie ihm einmal vielleicht zustatten kommen konnten. Pjotr Stepanowitsch, -der sofort seine Absicht durchschaute, sagte ganz ungeniert, daß in -einer einzigen Zeile solch einer Brandschrift mehr Sinn stecke, als in -irgend einer Kanzlei, »die Ihrige übrigens nicht ausgenommen.« - -Von Lembke sah ihn groß an. - -»Aber es ist doch noch zu früh, viel zu früh,« sagte er fast bittend, -indem er auf die Blätter wies. - -»Nein, keineswegs zu früh: Sie fürchten sich doch, also ist es durchaus -nicht zu früh.« - -»Aber ich bitte Sie, hier ist zum Beispiel eine Aufforderung, die -Kirchen zu zerstören!« - -»Na, warum soll man das denn nicht? Sie sind doch ein kluger Mensch, -glauben ja selbst an nichts und wissen doch nur zu gut, daß die -Regierung die Religion bloß braucht, um das Volk dumm zu erhalten ... -Wahrheit aber ist ehrlicher als Lüge.« - -»Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen -einverstanden, aber hier bei uns in Rußland ist es doch noch zu früh!« -Von Lembke runzelte unwillig die Stirn. - -»Was sind Sie denn eigentlich für ein Regierungsbeamter, wenn Sie selbst -damit einverstanden sind, daß man die Kirchen zerstören und mit Keulen -bewaffnet auf Petersburg losmarschieren soll, und nur an der ins Auge -gefaßten Zeit etwas auszusetzen haben?« - -So unhöflich festgelegt, fühlte von Lembke sich äußerst pikiert. - -»Ich meinte das nicht _so_, durchaus nicht _so_!« Er ließ sich von -seiner gereizten Eigenliebe immer weiter fortreißen. »Sie, als junger -Mensch, der Sie mit unseren Zielen gar nicht bekannt sein können, Sie -täuschen sich vollkommen! Sehen Sie, mein lieber Pjotr Stepanowitsch, -Sie nennen uns Beamte der Regierung? Schön. Selbständige Beamte? Schön. -Aber, erlauben Sie mal, wie handeln wir denn? Auf uns ruht die -Verantwortung, und Summa Summarum dienen wir genau so der allgemeinen -Sache, wie auch Sie. Nur halten wir das zusammen, was Sie -auseinanderschütteln wollen und was ohne uns nach verschiedenen Seiten -auseinandergleiten würde. Wir sind dabei nicht etwa eure Feinde; -durchaus nicht, wir sagen euch sogar: geht voran, bereitet vor, ja -schüttelt meinetwegen ... -- das heißt, ich meine jetzt nur jenes Alte, -das sowieso umgeändert werden muß. Wir aber werden euch dann, wenn's -nötig wird, schon in den nötigen Grenzen zurückzuhalten verstehen und -euch somit vor euch selber behüten, denn ohne uns würdet ihr doch nur -ganz Rußland ins Wanken und Schwanken bringen und ihm das anständige -Aussehen nehmen, das es so doch wenigstens hat. Denn das ist ja gerade -unsere Aufgabe, dieses anständige Äußere, wie gesagt, zu erhalten. -Begreifen Sie doch, daß wir uns gegenseitig unentbehrlich sind, ganz wie -in England die Tory und Whig. Nun, sehen Sie, wir sind die Tory und Sie -die Whig -- so verstehe ich es wenigstens.« - -Von Lembke verfiel sogar in Pathos. Er liebte es, klug und liberal zu -reden, noch von Petersburg her, und hier hörte zudem kein Vorgesetzter -zu. Pjotr Stepanowitsch schwieg und war plötzlich von einem seltsamen, -ganz ungewohnten Ernst. Das reizte den Redner noch mehr. - -»Wissen Sie auch, daß ich der >Herr des Gouvernements< bin?« fuhr er -daher fort, während er im Kabinett auf- und abging. »Wissen Sie auch, -daß ich vor lauter Pflichten keine einzige zu erfüllen vermag, und -andererseits kann ich sagen, und es ist ebenso wahr, daß ich hier -überhaupt nichts zu tun habe. Das ganze Geheimnis besteht darin, daß -hier alles von der Auffassung der Regierung abhängt. Mag die Regierung -doch, wenn sie will, die Republik verkünden, nun da ... ich meine nur -so, meinetwegen aus Politik oder zur Beruhigung der Leidenschaften -- -... aber dann soll sie andererseits, parallel dem, die Macht der -Gouverneure verstärken: und Sie werden sehen, wir Gouverneure -verschlingen die Republik! Was sage ich, Republik! -- Alles, was Sie -wollen, werden wir verschlingen! Ich wenigstens fühle, daß ich imstande -bin ... Mit einem Wort: mag die Regierung mir telegraphisch _activité -dévorante_{[114]} befehlen, und ich werde sofort mit der _activité -dévorante_ beginnen. Ich habe es ihnen hier gleich ins Gesicht gesagt: ->Meine Herren, zum Gedeihen aller Institutionen sowie des ganzen -Gouvernements ist vor allem eines nötig: die Verstärkung der -Gouverneursmacht.< Sehen Sie, es ist unbedingt nötig, daß alle diese -Institutionen -- mögen es nun die der Landschaft oder der Justiz sein -- -gewissermaßen ein Doppelleben leben, das heißt, es ist nötig, daß sie da -sind (ich gebe zu, daß sie unentbehrlich sind), aber andererseits ist es -nötig, daß sie auch _nicht_ da sind. Immer nach der Auffassung der -Regierung geurteilt! So stellt es sich denn heraus, daß die -Institutionen, wenn sie sich plötzlich als notwendig erweisen, dann da -sein müssen. Vergeht aber diese Notwendigkeit, dann müssen sie wie -überhaupt nicht vorhanden sein. Sehen Sie, so verstehe ich die _activité -dévorante_. Aber die wird es nicht ohne Verstärkung der Gouverneursmacht -geben. Wir sprechen ja hier unter vier Augen. Wissen Sie auch, daß ich -schon nach Petersburg geschrieben habe, daß es unbedingt nötig ist, eine -Schildwache vor das Gouvernementsgebäude zu stellen? Jetzt warte ich auf -die Antwort.« - -»Sie brauchen zwei Schildwachen,« sagte Pjotr Stepanowitsch. - -»Warum zwei?« von Lembke blieb vor ihm stehen. - -»Na so, damit man Sie respektiere, ist eine zu wenig. Sie brauchen -unbedingt zwei.« - -Andrei Antonowitsch verzog das Gesicht. - -»Sie ... Sie erlauben sich, weiß Gott, schon etwas zu viel, Pjotr -Stepanowitsch. Sie mißbrauchen meine Güte, um mir Anzüglichkeiten zu -sagen, und spielen dabei immer noch so irgend einen _bourru -bienfaisant_{[115]} ...« - -»Na, das schon, wie Sie wollen,« meinte Pjotr Stepanowitsch, »aber Sie -bahnen uns trotzdem den Weg und bereiten unseren Erfolg vor.« - -»Wen meinen Sie mit diesen >uns< und was ist das für ein >Erfolg<?« von -Lembke blieb erstaunt wieder vor ihm stehen, doch eine Antwort erhielt -er diesmal nicht. - -Als Julija Michailowna den Bericht über dieses Gespräch vernommen hatte, -war sie abermals äußerst ungehalten. - -»Aber ich kann doch nicht deinen Favorit wie einen Untergebenen -traitieren!« verteidigte sich von Lembke. »Und noch dazu, wenn wir unter -vier Augen sind ... Ich konnte mich versprechen ... aus gutem Herzen -...« - -»Aus leider etwas schon zu gutem! -- Ich wußte außerdem nicht, daß du -eine Sammlung von Flugschriften hast. Habe doch die Güte, sie mir zu -zeigen.« - -»Aber ... er ... er hat sie mitgenommen, auf einen Tag ... er bat mich.« - -»Und wieder hast du ihm so etwas ausgeliefert!« ärgerte sich Julija -Michailowna. »Welch eine neue Unvorsichtigkeit!« - -»Ich werde sofort zu ihm schicken, sie zurückerbitten --« - -»Du glaubst wohl, daß er sie dir geben wird?« - -»Ich verlange es!« rief von Lembke empört und sprang sogar auf. »Wer ist -er, daß man ihn so fürchten muß, und wer bin ich, daß ich nichts mehr -tun darf?« - -»Setze dich bitte, und rege dich lieber nicht so auf,« hielt ihn Julija -Michailowna zurück. »Zunächst will ich auf den ersten Teil deiner Frage -antworten: wer dieser Pjotr Stepanowitsch ist? Nun, er ist mir -vorzüglich empfohlen, ist sehr begabt und sagt zuweilen äußerst kluge -Sachen. Karmasinoff versicherte mir, daß er fast überall Verbindungen -hat und die großstädtische Jugend vollständig unter seinem Einfluß -steht. Wenn es mir nun gelingt, diese Jugend durch ihn heranzuziehen und -um mich zu gruppieren, so bewahre ich sie vor dem Untergang, indem ich -ihrem Ehrgeiz einen neuen Weg weise. Zudem ist Pjotr Stepanowitsch mir -von ganzem Herzen ergeben und gehorcht mir in allen Dingen.« - -»Aber, hör mal, während man sie da noch heranlockt, können sie ja ... -der Teufel weiß was machen! Ich verstehe ja, das ist eine Idee ...« -verteidigte sich von Lembke etwas unsicher. »Übrigens, um von etwas -anderem zu sprechen: im H--schen Kreise sind wieder neue Flugschriften -verbreitet worden.« - -»Das wird wohl wieder nur so ein Gerücht sein -- wie im vorigen Sommer: -Proklamationen, falsche Assignaten, und was noch alles, dabei ist bis -jetzt noch nicht ein einziges Exemplar gesehen worden. Wer hat dir denn -das gesagt?« - -»Blümer teilte mir mit ...« - -»Ach, um's Himmels willen, verschone mich doch bitte endlich mit deinem -ewigen Blümer! Daß du auch wirklich nie aufhören kannst, mich an den zu -erinnern! ...« - -Julija Michailowna war so aufgebracht, daß sie fast keine Worte fand. -Blümer war ein Beamter der Gouvernementskanzlei, den sie ganz besonders -haßte. Aber auch davon später. - -»Beunruhige dich, wie gesagt, bitte weiter nicht über Werchowenski,« -schloß sie endlich das Gespräch. »Wenn er an irgend welchen Dummheiten -teilnähme, so -- dessen kannst du sicher sein! -- würde er mit dir und -mir und uns allen ganz anders sprechen. Nein, ein Phraseur ist nie -gefährlich, und im übrigen sage ich dir, wenn irgend etwas passieren -sollte, so werde ich womöglich noch die erste sein, die es durch ihn -erfährt. Er ist mir fanatisch, geradezu fanatisch ergeben.« - -Ich möchte hier den Ereignissen vorgreifen und bemerken, daß, wenn -Julija Michailowna nicht diesen Ehrgeiz und Eigendünkel gehabt hätte, -vielleicht all das nicht geschehen wäre, was diese üblen Leutchen bei -uns anzustiften vermochten. Für vieles ist sie verantwortlich! - - - - - Zehntes Kapitel. - Vor dem Fest - - - I. - -Der Tag des Festes, das Julija Michailowna zum Besten der armen -Lehrerinnen unseres Gouvernements veranstalten wollte, wurde mehrmals -angesagt und dann doch immer wieder hinausgeschoben. Pjotr Stepanowitsch -und jener kleine jüdische Beamte Lämschin, der eine Zeitlang auch Stepan -Trophimowitschs Abende besucht hatte, nun aber beim Gouverneur wegen -seines Klavierspiels in Gnaden zugelassen wurde, saßen fast täglich -Stunden lang bei Julija Michailowna; desgleichen Liputin, den sie zum -Redakteur der zukünftigen unabhängigen Gouvernementszeitung erwählt -hatte. Außerdem waren noch ein paar ältere und jüngere Damen, die sich -lebhaft für das Fest interessierten, und nicht selten sogar Karmasinoff -anwesend. Freilich tat der letztere in diesen Sitzungen wenig mehr, als -mit zufriedenem Lächeln im voraus versichern, daß er das Publikum mit -seiner _Quadrille de la littérature_{[116]} geradezu in Entzücken -versetzen werde. Die ganze »Gesellschaft« unserer Stadt hatte -beträchtliche Summen geopfert, doch war es nicht sie allein, die an dem -Fest teilnehmen sollte: das konnte vielmehr ein jeder, wenn er nur -zahlte. Julija Michailowna meinte, daß man in gewissen Fällen die -Vermengung der Klassen sehr wohl zulassen dürfe, denn das trüge »zur -Aufklärung« bei. Und so beschloß man denn, daß das Fest ein -demokratisches werden sollte. Die verhältnismäßig große Einnahme aus der -Subskription verlockte natürlich sofort zu größeren Ausgaben: man wollte -jetzt etwas geradezu Wunderbares bieten, und das war denn auch der -Grund, warum das Fest immer wieder hinausgeschoben werden mußte. Vor -allem konnte man sich nicht entscheiden, wo der Ball stattfinden sollte: -in dem großen Hause des Adelsmarschalls, das die Adelsmarschallin für -diesen Tag zur Verfügung gestellt hatte, oder bei Warwara Petrowna in -Skworeschniki. Bis nach Skworeschniki wäre es für Fußgänger vielleicht -etwas weit gewesen, aber viele Mitglieder des Komitees meinten, daß es -dort jedenfalls weit »freier« sein würde. Warwara Petrowna selbst hätte -viel darum gegeben, wenn man sich für ihren Saal entschieden hätte, doch -ist es gewiß schwer zu sagen, warum eigentlich? Warum diese stolze Frau -sich bei Julija Michailowna geradezu einschmeicheln wollte? Vielleicht -gefiel es ihr, daß umgekehrt diese ihren Sohn so unendlich hochschätzte -und von einer Liebenswürdigkeit zu ihm war, wie sonst zu keinem? Ich -will hier nochmals erwähnen, daß Pjotr Stepanowitsch in dieser ganzen -Zeit unentwegt fortfuhr, das Gerücht, das er schon früher in der Stadt -verbreitet hatte, jetzt auch im Hause des Gouverneurs von Ohr zu Ohr zu -tragen: daß nämlich Stawrogin in geheimnisvollsten Beziehungen zu den -geheimnisvollsten Mächten stehe, und daß er, wie man auf das -bestimmteste wisse, mit einem großen und schwerwiegenden Auftrage -hergekommen sei. - -Es hatte damals eine merkwürdige Stimmung die Geister ergriffen. Und -besonders unter unseren Damen machte sich ein gewisser Leichtsinn -bemerkbar, von dem man dabei nicht einmal behaupten konnte, daß er sich -nur allmählich entwickelt hätte. Wie vom Winde hergeweht hatten sich -plötzlich freie Auffassungen verbreitet. Es begann ganz allgemein ein -leichteres Leben, voll von Exzentrizitäten und Freiheiten. Später, als -alles wieder vorüber war, beschuldigte man ganz öffentlich nur Julija -Michailowna und den Einfluß, den sie auf die Jugend der Stadt ausgeübt -hatte. Doch ist es nicht richtig, daß sie allein an allem die Schuld -trug. Im Gegenteil, diejenigen hatten auch nicht so ganz unrecht, welche -anfänglich die neue Gouverneurin geradezu lobten, und zwar vor allem -deshalb, weil sie es verstünde, die Gesellschaft zusammenzuhalten und -das Leben in ihr im guten Sinne angenehmer zu machen. Mit den paar -kleinen Skandalen, die inzwischen passierten, hatte Julija Michailowna -auch nicht das geringste zu tun. Im übrigen aber nahm man auch diese -Skandale nicht allzu ernst, sondern lachte über sie, fand sie sehr -amüsant, und leider war niemand da, der sich in den Weg gestellt und -gesagt hätte, daß man den Dingen nicht immer so weiter ihren Lauf lassen -durfte. Nur eine kleine, oder vielleicht auch nicht einmal so kleine -Gruppe, die die Verhältnisse denn doch etwas anders ansah, hielt sich -abseits, aber selbst in ihr war man im stillen mehr geneigt, zu lächeln -als zu murren. - -Es bildete sich, wie ich mich erinnere, ganz von selbst ein ziemlich -großer Kreis, dessen Mittelpunkt tatsächlich in Julija Michailownas -Salon lag. Diese jugendliche Gesellschaft hatte es sich besonders zur -Aufgabe gestellt, Streiche zu machen. Außer den jungen Leuten gehörten -auch mehrere junge Mädchen und selbst junge Frauen zu ihr. Man -veranstaltete Picknicks, Tanzgesellschaften, zog in ganzen Kavalkaden, -zu Wagen und zu Pferde, durch die Stadt, wobei Pjotr Stepanowitsch und -Liputin auf gemieteten Kosakenpferden immer lustig mittrabten. Man -suchte Abenteuer oder führte sie womöglich absichtlich herbei, einzig um -der Lachlust und Vergnügungssucht zu genügen. Die übrigen Einwohner der -Stadt behandelte man als ausgemachte Dummköpfe. Die Streiche waren meist -ziemlich unschuldiger Natur. Doch einmal, als man durch Lämschin -frühmorgens darüber unterrichtet worden war, daß ein junger Gatte seine -junge Frau in der Hochzeitsnacht irgendwie rücksichtslos behandelt -hatte, setzten sich ihrer zehn Mann sofort in den Sattel, um das junge -Paar bei den am nächsten Tage üblichen Visiten abzufangen. Kaum hatten -sie die Neuvermählten erblickt, als denn auch schon die ganze Kavalkade -den Wagen mit Hallo umringte und dann das arme Paar den ganzen Vormittag -von Haus zu Haus begleitete. Sie beleidigten zwar weiter niemanden, -sondern gaben nur lachend ein »Ehrengeleit«, doch war es immerhin schon -ein richtiger Skandal, den sie dadurch in der Stadt erregten. Diesmal -ärgerte sich von Lembke denn auch ernstlich und hatte mit Julija -Michailowna wieder einmal eine lebhafte Auseinandersetzung. Auch Julija -Michailowna war sehr ungehalten über die »Jungen« und gedachte schon, -sie irgendwie zu bestrafen, und doch verzieh sie ihnen am anderen Tage -wieder einmal, da ihr Pjotr Stepanowitsch dazu riet und Karmasinoff den -Scherz sogar geistreich fand. - -»Das ist doch weiter nicht schlimm,« sagte er. »Wenigstens ist es ein -ritterlicher und ... mutiger Streich. Sie sehen doch, daß im Grunde alle -darüber lachen, nur Sie sind ungehalten.« - -Doch alsbald sollten auch wirklich unverzeihliche Streiche folgen, die -einen schon ganz anderen Ton hatten. - -In unserer Stadt erschien eine Buchtrödlerin, die billige Bibeln -verkaufte. Es war eine achtbare und nicht einmal ungebildete Frau, wenn -auch nur eine einfache Kleinbürgerin. Wieder war es derselbe Lämschin, -der ihr, unter dem Vorwande, eines ihrer Bücher kaufen zu wollen, ein -Paket unanständiger ausländischer Photographien in den Sack steckte. Als -nun die arme Frau auf dem Markt ihre Bücher aus dem Sack hervorholte, -fielen plötzlich die Photographien heraus. Es erhob sich zuerst ein -Gelächter, die Gruppe vor ihrem Stand vergrößerte sich, man wurde -unwillig und schließlich begann man zu schimpfen. Unfehlbar wäre es zu -einer Schlägerei gekommen, wenn nicht die Polizei die bedrohliche -Versammlung auseinander gebracht und die arme Frau auf der Wache -eingesperrt hätte. Mittlerweile aber hatte Mawrikij Nicolajewitsch -Drosdoff die näheren Einzelheiten dieser häßlichen Geschichte erfahren -und in seiner Empörung sofort die nötigen Schritte getan, um die -Unschuldige zu befreien, was ihm endlich gegen Abend auch gelang. Da -wollte denn Julija Michailowna den kleinen Lämschin entschieden nicht -mehr empfangen, doch schon am selben Abend geschah es, daß die ganze -Schar im Triumph mit Lämschin in der Mitte bei ihr erschien und -berichtete, daß er ein ganz entzückendes Stückchen komponiert habe, das -sie wenigstens noch anhören müsse. Die Komposition erwies sich in der -Tat als ungewöhnlich. Sie hieß: »Der deutsch-französische Krieg«, und -begann mit den stolzen Tönen der Marseillaise: - - _Qu'un sang impur abreuve nos sillons!_{[117]} - -Man hörte ordentlich die ganze Aufgeblasenheit des Rufes, hörte schon -den Rausch der zukünftigen Siege! Doch plötzlich, gleichzeitig mit der -meisterhaft variierten Hymne, begann irgendwo unten, seitlich, gleichsam -in einer Ecke, aber eigentlich doch recht nah, ein dünnes, schwaches, -hohes Stimmchen »Mein lieber Augustin« zu singen. Die Marseillaise -bemerkt es zunächst gar nicht, sie ist berauscht von ihrer Größe, aber -der Augustin wird stärker, der Augustin wird immer frecher und schon -singt der Augustin ganz unverhofft zusammen mit der Marseillaise. Jetzt -bemerkt die Marseillaise endlich den kleinen Augustin, ärgert sich aber -zunächst nur über ihn, will ihn abschütteln, verjagen -- aber mein -lieber Augustin hält fest. Mein lieber Augustin ist heiter und -selbstbewußt, ist froh und wird tätlich, die Marseillaise dagegen wird -allmählich immer dümmer: jetzt verbirgt sie es nicht mehr, daß sie sich -ärgert, daß sie sich beleidigt fühlt. Das ist schon das Geschrei des -heftigsten Unwillens, das sind Tränen und Schwüre mit zur Vorsehung -erhobenen Händen: - - _Pas un pouce de notre terrain, pas une pierre de nos - forteresses!_{[118]} - -Doch schon ist sie gezwungen, im gleichen Takt mit Augustin zu singen -... Ihre Melodie geht irgendwie auf die dümmste und lächerlichste Weise -in die des lieben Augustin über, sie beugt sich, sie zergeht ... Nur -zuweilen noch tönt es wieder: _qu'un sang impur_ ... doch sofort wird es -von Augustin verschlungen und geht über in einen banalen Walzer: das ist -Jules Favre, der an Bismarcks Brust schluchzt und alles, alles hingibt -... Aber schon wird Augustin wild: man hört heisere Schreie, fühlt -maßlos getrunkenes Bier, Tollwut der Selbstüberhebung, Forderung von -Milliarden, feinen Zigarren, Champagner und Garantien ... Augustin wird -zum rasenden Gebrüll ... So endet der deutsch-französische Krieg. Alles -applaudiert, Julija Michailowna aber sagt lächelnd: »Wie soll man ihm -denn nicht verzeihen?« -- und der Friede ist geschlossen. Lämschin hatte -entschieden ein gewisses musikalisches Talent. Stepan Trophimowitsch -versicherte mir einmal, daß die größten Genies sehr wohl die größten -Schurken sein könnten, und daß das eine das andere durchaus nicht -aufhebe. Später hieß es allerdings, daß Lämschin dieses Stück von einem -bescheidenen jungen Menschen, der ihn auf der Durchfahrt besucht hatte, -gewissermaßen gestohlen habe. Übrigens karikierte Lämschin, derselbe -Lämschin, der sich mehrere Jahre lang bei Stepan Trophimowitsch -einzuschmeicheln versucht hatte, jetzt zuweilen bei Julija Michailowna -auch Stepan Trophimowitsch -- und zwar als »Freidenker der vierziger -Jahre«. Alle krümmten sich vor Lachen. So wurde Lämschin immer -unentbehrlicher. Zudem hing er sich sklavisch an Pjotr Stepanowitsch, -der seinerseits um diese Zeit schon einen bis zur Unglaublichkeit großen -Einfluß auf Julija Michailowna ausübte. - -Die Erwähnung Lämschins bringt mich auf eine andere und schon wahrhaft -empörende Geschichte, an der er, wie man versicherte, wieder seinen -Anteil hatte. - -Eines Morgens verbreitete sich in der Stadt die Nachricht von einer ganz -gemeinen, abscheulichen Tat. Neben dem Portal der alten -Muttergotteskirche, der ältesten in unserer alten Stadt, hing in einer -Nische, hinter Glas und einem Schutzgitter, schon seit undenklicher Zeit -ein großes Heiligenbild der Maria. Nun hatte man, wie es hieß, das Glas -zerschlagen und ein paar Edelsteine aus der Krone der Gottesmutter -gestohlen. Die Hauptsache aber war, daß man hinter das oben zertrümmerte -Glas eine lebendige Maus gesteckt hatte. Die Empörung über diese -skandalöse Religionsverspottung war groß: das fromme Volk drängte sich -den ganzen Tag seit dem frühen Morgen zum Heiligenbilde und betete -davor. Heute nun, nach vier Monaten, weiß man, daß Fedjka diesen -Diebstahl begangen hat, doch schon damals hieß es, daß Lämschin dabei -gewesen sei. Und heute sagt man, daß nur er die Maus hineingesetzt haben -könne. - -Auf Herrn von Lembke machte dieser unselige Vorfall einen furchtbaren -Eindruck. Julija Michailowna soll geäußert haben, wie man mir erzählte, -daß schon nach dieser Aufregung jene sonderbare Schwermut ihres Mannes -begonnen habe, die dann durch spätere Ereignisse verhängnisvoll wurde, -und die ihn auch jetzt noch in der Schweiz, wohin man ihn vor zwei -Monaten brachte, nicht verlassen hat. - -An jenem Tage nun ging ich ungefähr um ein Uhr an jener Kirche vorüber. -Das Volk stand stumm vor dem Portal und betete. Da kam gerade ein -reicher Kaufmann in einer Equipage angefahren, um das Bild zu küssen und -seine Spende auf den Teller zu legen, den ein Mönch, der bei dem -Heiligenbilde Wache hielt, für die Spenden neben sich auf einen Stuhl -gestellt hatte. Gleich darauf fuhr ein leichter Wagen mit zwei jungen -Damen in Begleitung zweier Herren vor. Die beiden jungen Herren stiegen -aus und drängten sich durch das Volk bis vor das Heiligenbild. Beide -nahmen die Hüte nicht ab und der eine drückte sich sogar noch einen -Klemmer auf die Nase. Das Volk begann schon zu murren. Der Held mit dem -Klemmer zog sein elegantes saffianledernes Portemonnaie hervor, das mit -Scheinen geradezu vollgepfropft war, und entnahm ihm nach langem Suchen -eine einzige Kopeke, die er dann nachlässig auf den Teller warf. Darauf -wandten sich beide lachend und laut sprechend wieder zum Wagen zurück. -Wenige Augenblicke vorher waren aber gerade Lisaweta Nicolajewna und -Mawrikij Nicolajewitsch herangeritten. Lisa sprang gewandt vom Pferde, -warf die Zügel ihrem Vetter zu und trat gerade in dem Augenblick zum -Heiligenbild, als der eine die Kopeke auf den Teller warf. Sie errötete -vor Unwillen, nahm sofort ihren runden Hut ab, streifte die Handschuhe -von den Händen, kniete vor dem Bilde auf dem schmutzigen Trottoir -nieder, und verneigte sich dreimal bis zur Erde. Darauf nestelte sie ihr -Geldbeutelchen hervor, doch als sie in ihm nur Silbergeld fand, nahm sie -sofort ihre Brillantohrringe ab und legte diese auf den kupfernen -Teller. - -»Das ist doch erlaubt? Edelsteine? Zum Schmuck für das Bild?« fragte sie -erregt den Mönch. - -»Jede Spende ist eine gute Tat,« antwortete dieser. - -Das Volk schwieg, ohne Mißfallen oder Beifall zu äußern. Lisaweta -Nicolajewna bestieg in ihrem vom Knien beschmutzten Kleide wieder ihr -Pferd und ritt davon. - - - II. - -Zwei Tage nach diesem aufregenden Ereignis begegnete ich Lisa wieder auf -der Straße. Eine ganze Gesellschaft hatte sich zu Wagen und zu Pferde -aufgemacht, um irgend wohin zu fahren. Lisa, die darunter war, gab -sofort den Befehl, zu halten, und verlangte eigensinnig, daß ich -mitkäme. In ihrem Wagen fand sich denn auch noch ein Platz, auf den ich -fast mit Gewalt gesetzt wurde. Sie stellte mich lachend den jungen, -meist sehr eleganten Damen vor und erklärte mir sofort, daß es ein ganz -besonderer Ausflug werden sollte. Lisa war ausgelassen lustig, und -überhaupt schien sie, wenn man nach dem Äußeren schloß, in dieser Zeit -geradezu übermäßig glücklich zu sein. Das Ziel des Ausflugs war in der -Tat ein »besonderes«: man wollte nämlich über den Fluß zum Kaufmann -Sewostjanoff fahren, der in einem Flügel seines Hauses schon seit zehn -Jahren unseren gesegneten, allgemein, sogar in Petersburg, bekannten -Propheten Semjon Jakowlewitsch beherbergte. Diesen Semjon Jakowlewitsch -besuchte alle Welt: man riß sich fast um ein gnädiges Wort von ihm, -verneigte sich und legte reiche Geldspenden nieder, die er dann, wenn er -sie nicht gleich unter die armen Besucher verteilte, gottesfürchtig an -Klöster und Kirchen gab. So stand denn auch stets ein Mönch bei ihm, der -die Gaben entgegennahm. Von der jungen Gesellschaft hatte noch niemand -Semjon Jakowlewitsch gesehen und man versprach sich ungemein viel von -diesem Besuch. Nur Lämschin war früher einmal bei ihm gewesen und -versicherte, daß der Prophet ihn mit einem Besen hinausgejagt und ihm -noch gekochte Kartoffeln nachgeworfen habe. Unter den Reitern befanden -sich auch Pjotr Stepanowitsch, der sich wie gewöhnlich sehr schlecht auf -seinem gemieteten Kosakenpferde hielt, und -- Nicolai Stawrogin. Der -letztere nahm nur ganz ausnahmsweise einmal an einer dieser allgemeinen -Vergnügungen teil: an dem Tage sah er ziemlich heiter aus, doch sprach -er, wie immer, nur wenig. Als wir kurz vor der Brücke an einem kleinen -Gasthause vorüberfuhren, machte plötzlich jemand die Bemerkung, daß ein -Gast sich daselbst erschossen habe und die Polizei erwartet werde. -Sofort wurde beschlossen, auszusteigen und sich den Toten anzusehen. Vor -allem waren unsere Damen gleich dabei, denn einen Selbstmörder -- den -sah man doch nicht alle Tage. Ich erinnere mich noch, daß eine von ihnen -bemerkte: »Ach, es ist einem ja alles schon langweilig geworden! Warum -sich da noch weiter zieren! Das wäre doch einmal etwas anderes.« Nur -wenige blieben im Wagen und warteten: die anderen dagegen drängten sich -in einem dichten Haufen durch den Eingang in den schmalen, unsauberen -Korridor -- und unter diesen bemerkte ich zu meinem Erstaunen auch -Lisaweta Nicolajewna. Das Zimmer, in dem die Leiche lag, war nicht -verschlossen. Natürlich wagte man es nicht, uns etwa nicht -hineinzulassen. Der Selbstmörder war fast noch ein Knabe, jedenfalls -bestimmt nicht älter als neunzehn Jahre: ein hübscher Mensch, mit -dichtem, welligem, blondem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht. Er -war schon erstarrt und seine weiße Haut sah wie Marmor aus. Auf dem -Tisch lag ein Blatt Papier, auf das er geschrieben hatte, daß niemand an -seinem Tode schuld sei und er sich erschossen habe, weil er vierhundert -Rubel »durchgebracht« (dieses Wort stand buchstäblich auf dem Blatt). In -den vier Zeilen waren drei orthographische Fehler. An seiner Leiche saß -ein alter, dicker Gutsbesitzer, der den Toten zu kennen schien und -wahrscheinlich gleichfalls in diesem Gasthause abgestiegen war. Aus -seinen wortreichen Klagen ging hervor, daß der Jüngling von seiner -verwitweten Mutter, von Tanten und Schwestern in die Stadt zu einer -Verwandten geschickt worden war, um verschiedene Einkäufe für die -Aussteuer seiner ältesten Schwester, die bald heiraten sollte, zu -machen. Man hatte ihm dazu vierhundert Rubel, die jahrzehntelang -zusammengespart worden waren, eingehändigt, und ihn dann mit Gebeten und -Segenssprüchen und unter endlosen Predigten abgeschickt. Der Junge war -bis dahin sehr bescheiden und ein guter, hoffnungsvoller Sohn gewesen. -In der Stadt aber hatte er sich nicht zu der Verwandten, sondern in das -Gasthaus begeben und von hier direkt in eine Kneipe, wo er spielen -wollte. Als er kurz vor Mitternacht ins Gasthaus zurückgekehrt war, -hatte er Champagner, Havannazigarren und ein Abendessen von sechs oder -sieben Gängen verlangt. Aber der Champagner war ihm gar bald zu Kopf -gestiegen und von den Zigarren war ihm übel geworden, so daß er das -Essen nicht einmal angerührt, sondern sich fast krank und dabei halb -betrunken ins Bett gelegt hatte. Am anderen Tage, nachdem er sich -ausgeschlafen, war er sofort in das Zigeunerlager hinter der Vorstadt -gegangen und ganze zwei Tage dort geblieben. Am dritten Tage war er um -fünf Uhr betrunken zurückgekehrt, hatte sich sofort hingelegt und bis -zehn Uhr abends geschlafen. Dann hatte er ein Beefsteak, eine Flasche -Champagner, Weintrauben, Papier, Tinte und die Rechnung verlangt. -Niemand hatte etwas Besonderes an ihm bemerkt: er war ruhig, still und -freundlich gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich um Mitternacht -erschossen, doch niemand hatte den Schuß gehört. Erst heute um eins, als -es in seinem Zimmer selbst nach langem Klopfen totenstill geblieben war, -hatte man die Tür aufgebrochen. Die Flasche war nur halb leer und von -den Weintrauben hatte er nicht viel gegessen. Mit einem kleinen -Revolver, der ihm später aus der Hand gefallen war, hatte er sich ins -Herz geschossen: der Tod mußte sofort eingetreten sein -- es war nur -sehr wenig Blut aus der Wunde geflossen. Er saß halb liegend auf dem -Sofa, als ob er nur eingeschlafen wäre, und der Ausdruck seines Gesichts -war ruhig, ja fast glücklich. Alle sahen ihn mit gieriger Neugier an. -Wohl in jedem Unglück eines Menschen liegt etwas, das die anderen -aufmuntert. Die Damen betrachteten den Toten schweigend. Die Herren -dagegen zeichneten sich durch Geistesgegenwart und Scharfsinn in ihren -Bemerkungen aus. Lämschin aber, der es wohl für seine Ehrenpflicht -hielt, auch jetzt den Narren zu spielen, zupfte plötzlich von der -Weintraube eine Beere ab, dann noch eine und noch eine, und streckte -schon die Hand nach der Flasche aus, um mit ihr irgendeinen »Witz« zu -machen, als der Polizeimeister eintrat und uns bat, das Zimmer zu -verlassen. Da sich alle schon sattgesehen hatten, gingen wir denn auch -sofort wieder hinaus. Den Rest des Weges legten wir unter womöglich noch -ausgelassenerer Heiterkeit und noch lustigeren Scherzen zurück. - -Um ein Uhr langten wir bei Semjon Jakowlewitsch an. Das Hoftor des -großen Kaufmannshauses war weit offen, desgleichen die Tür des Flügels, -in dem Semjon Jakowlewitsch wohnte. Man sagte uns, daß er gerade zu -Mittag speiste, doch trotzdem empfinge. Unsere ganze Schar trat ins -Haus. Das Zimmer, in dem er sich befand, war groß, mit drei mächtigen -Fenstern, und durch ein etwa meterhohes Holzgitter in zwei Teile -geteilt. Gewöhnlich blieben die Leute, die ihn besuchten, in der ersten -Hälfte, und nur einzelne Glückskinder, die er selbst bezeichnete, wurden -durch die kleine Tür des Holzgitters zu ihm geführt, wo er ihnen dann, -wenn's ihm gefiel, seine alten Lederstühle oder das Sofa zuwies; er -selbst blieb stets unverändert in seinem alten Großvaterstuhl sitzen. -Semjon Jakowlewitsch war ein ziemlich großer, etwas aufgedunsener Mann -von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, blond und kahlköpfig, mit einem -gelben, glattrasierten Gesicht, dünnem, weichem Haar und geschwollener -rechter Backe, die seinen Mund ein wenig schief zog; neben dem linken -Nasenflügel war eine große Warze; die Augen lagen wie in schmalen -Spalten und der Gesichtsausdruck war ruhig, solide, fast verschlafen. Er -trug einen schwarzen Gehrock, wie ein deutscher Schullehrer, doch weder -Kragen noch Halstuch, sondern nur ein dickes, doch sauberes russisches -Hemd unter dem Rock. Seine offenbar kranken Füße staken in mächtigen -Hausschuhen. Es hieß, er sei früher Beamter gewesen und habe sogar einen -ansehnlichen Titel gehabt. Als wir eintraten, hatte er gerade eine -Fischsuppe gegessen und machte sich nun an sein zweites Gericht: -Kartoffeln in der Schale mit Salz. Anderes pflegte er schon seit langer -Zeit nicht mehr zu essen; er trank nur viel Tee, den er sehr liebte. Ihn -bedienten drei Dienstboten, die der Kaufmann für ihn hielt: der eine von -ihnen sah wie ein Kontordiener aus, der andere wie ein Kirchendiener und -der dritte war im Frack. Außer diesen Dienstboten war noch ein munterer -Knabe zugegen, sowie ein alter, grauer, dicker Mönch, mit einer -Sammelbüchse in der Hand. Auf einem der Tische kochte ein riesengroßer -Samowar, neben dem auf einem Teebrett ungefähr zwei Dutzend Gläser -standen. Auf dem anderen Tische lagen die Gaben: mehrere Zuckerhüte und -auch kleinere Zuckerpakete, zwei Pfund Tee, ein Paar Hausschuhe, ein -seidenes Halstuch, ein Stück Tuch und mehrere Leinwandrollen. Die -Geldspenden kamen fast alle in die Sammelbüchse des Mönches. Ungefähr -zehn fremde Menschen standen in der vorderen Hälfte des Zimmers und -zwei, ein frommer Greis und ein kleiner, furchtbar magerer Mönch, der -würdevoll und mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah, saßen hinter -dem Holzgitter: es waren lauter einfache Leute, außer einem dicken -Kaufmann in russischer Tracht, der aus der Kreisstadt hergekommen war, -und den alle als Millionär kannten, -- sowie einer alten Dame und einem -Gutsbesitzer. Alle erwarteten sie ihr Heil und wagten nicht ein Wort zu -sprechen, vier lagen auf den Knien und von ihnen zog wieder ganz -besonders der dicke Gutsbesitzer die Aufmerksamkeit auf sich, der an der -sichtbarsten Stelle, ganz nah am Holzgitter kniete und ehrfürchtig schon -eine Stunde lang auf einen Blick oder ein gütiges Wort Semjon -Jakowlewitschs wartete, -- dieser jedoch schenkte ihm auch nicht die -geringste Beachtung. - -Unsere Damen drängten sich fast bis zum Gitter vor und tuschelten -vergnügt untereinander. Die Knienden und die anderen Wartenden wurden -von ihnen zurückgedrängt, nur der dicke Gutsbesitzer blieb standhaft auf -seinem Platz. Neugierige, heitere Blicke richteten sich auf Semjon -Jakowlewitsch, gleichwie Lorgnons, Klemmer, Eingläser -- und Lämschin -zog sogar ein Fernrohr aus der Tasche. Semjon Jakowlewitsch überblickte -ruhig und träge die ganze lustige Schar. - -»Ach, ihr Liebäugelnden, ihr Liebäugelnden!« geruhte er mit etwas -heiserem Baß leicht auszurufen. - -Die ganze Schar lachte auf. »Was heißt das: >Ach, ihr Liebäugelnden<?« - -Doch Semjon Jakowlewitsch schwieg und aß seine Kartoffeln. Endlich -wischte er sich mit der Serviette den Mund und ließ sich Tee reichen. - -Den Tee pflegte er gewöhnlich nicht allein zu trinken, vielmehr befahl -er, auch seinen Besuchern und Gästen Tee zu reichen, doch nicht etwa -jedem, sondern nur denen, die er dann selbst dem Diener zeigte -- als -diejenigen, welche er besonders beglücken wollte. Seine Wahl erstaunte -meistens alle Anwesenden, denn er überging gewöhnlich die Reichen und -Würdevollen und befahl irgend einem armen und unscheinbaren Greise den -Tee zu bringen; ein anderes Mal aber überging er wieder die Armen und -beglückte irgendeinen dicken, schwer reichen Kaufmann. Auch eingießen -ließ er den Tee ganz verschieden, einige bekamen ihn mit, einige ohne -Zucker. Diesmal befahl er, dem mageren Mönch eine Tasse mit Zucker zu -reichen und dem Greise eine ohne Zucker, der dicke Mönch aber mit der -Sammelbüchse erhielt diesmal keinen Tee, wie sonst fast täglich. - -»Semjon Jakowlewitsch, sagen Sie mir doch bitte auch etwas. Ich habe -schon so lange Ihre Bekanntschaft zu machen gewünscht,« sagte kokett -lächelnd jene selbe junge Dame aus unserem Wagen, die vorher geäußert -hatte, daß einem schon alles langweilig geworden sei. - -Semjon Jakowlewitsch sah sie nicht einmal an. Der kniende Gutsbesitzer -seufzte tief auf. - -»Mit Zucker!« wies plötzlich Semjon Jakowlewitsch auf den Millionär. - -Der trat vor und stellte sich neben den knienden Gutsbesitzer. - -»Gib ihm noch mehr Zucker!« befahl Semjon Jakowlewitsch, als der Tee -eingegossen war. Der Diener tat noch eine Portion Zucker in das Glas. -»Mehr, gib ihm mehr!« -- eine dritte und schließlich eine vierte Portion -wurden dazu getan. - -Widerspruchslos begann der Kaufmann seinen Syrup zu trinken. - -»Allmächtiger Gott!« flüsterte das Volk und bekreuzte sich. - -Der Gutsbesitzer seufzte wieder laut und tief. - -»Väterchen! Semjon Jakowlewitsch!« ertönte plötzlich die Stimme der -alten Dame, die unsere Schar an die Wand zurückgedrängt hatte, doch die -Stimme klang so laut und scharf, wie man es gar nicht erwartet hätte. -»Eine ganze Stunde, Väterchen, warte ich schon auf deinen Segen. Sprich -doch dein Urteil, erlöse mich Waise, Väterchen!« - -»Frage!« sagte Semjon Jakowlewitsch zu dem Kirchendiener. - -Der trat an das Gitter: - -»Haben Sie das erfüllt, was Semjon Jakowlewitsch Ihnen das vorige Mal -anbefohlen hat?« fragte er die Witwe mit leiser, gemessener Stimme. - -»Was, Väterchen, was erfüllt! Was kann man denn da erfüllen!« rief die -Witwe. »Diese Menschenfresser! Haben mich verklagt, drohen mit dem Senat -... und das der leiblichen Mutter! ...« - -»Gib ihr! ...« befahl Semjon Jakowlewitsch und wies auf einen Zuckerhut. -Der Knabe lief schnell zum Tisch, nahm den Zuckerhut und brachte ihn der -Witwe. - -»Ach, Väterchen, groß ist deine Gnade! Aber wohin soll ich damit?« -klagte die Witwe wieder. - -»Noch, noch!« beschenkte Semjon Jakowlewitsch sie weiter. - -Ein zweiter Zuckerhut wurde zu ihr geschleppt und auf seinen Befehl noch -ein dritter und vierter. Die Witwe war schon ganz mit Zuckerhüten -umstellt. Der dicke Mönch seufzte niedergeschlagen; das alles hätte in -das Kloster kommen können, wie es früher schon oft geschehen war. - -»Aber wohin soll ich mit so viel?« jammerte jetzt schon die Witwe. »All -das für mich allein -- mir wird ja von so viel Zucker übel werden! ... -Oder soll das irgend was bedeuten, Väterchen?« - -»Siehst du denn das nicht?« sagte jemand von den Bauern. - -»Noch, gib ihr noch ein Pfund!« Semjon Jakowlewitsch hörte nicht auf, -sie zu beschenken. - -Auf dem Tisch stand noch ein ganzer Zuckerhut; da er aber befohlen -hatte, ihr nur noch ein Pfund zu geben, so brachte man ihr auch nur noch -ein Pfund Zucker. - -»Herrgott, Allmächtiger!« seufzte das Volk und bekreuzte sich. -»Sichtbares Zeichen! Großer Gott!« - -»Versüßen Sie zuerst Ihr Herz mit Güte und Barmherzigkeit und dann -kommen Sie wieder, um über Ihre eigenen Kinder zu klagen, über Ihr -eigenes Fleisch und Bein -- das soll, glaube ich, wohl all dieser Zucker -bedeuten,« sagte leise, doch selbstzufrieden der dicke Mönch, der -diesmal keinen Tee bekommen hatte, und der es nun aus gereizter -Eigenliebe auf sich nahm, die Handlungsweise zu deuten. - -»Was fällt dir ein?« ärgerte sich die Witwe. »Haben sie mich doch mit -Gewalt ins Feuer ziehen wollen, als es bei Worchischins brannte? Sie -haben mir auch eine tote Katze in meinen Kasten gelegt, sind überhaupt -zu jeder Gemeinheit bereit ...« - -»Jage sie hinaus, hinaus!« rief plötzlich Semjon Jakowlewitsch, mit den -Armen fuchtelnd. - -Der Kirchendiener und der Knabe kamen sofort in den vorderen Teil des -Zimmers, der erstere nahm die Frau bei der Hand und führte sie hinaus, -während sie sich in einem fort nach ihren Zuckerhüten, die der Knabe -nachschleppte, umsah. - -»Nimm einen wieder zurück!« befahl Semjon Jakowlewitsch dem bei ihm -gebliebenen Kontordiener, der ihnen denn auch sofort nacheilte. Nach -kurzer Zeit kamen alle drei mit dem einen Zuckerhut wieder zurück; so -hatte die Witwe schließlich nur drei bekommen. - -»Semjon Jakowlewitsch,« ertönte plötzlich eine Stimme an der Tür, »ich -habe im Traum einen Vogel gesehen, einen Häher, er stieg aus dem Wasser -auf und flog ins Feuer. Was bedeutet das, Väterchen?« - -»Frost!« sagte Semjon Jakowlewitsch. - -»Semjon Jakowlewitsch, warum antworten Sie mir denn gar nicht? Ich -interessiere mich doch schon so lange für Sie!« begann wieder unsere -junge Dame. - -»Frage!« Semjon Jakowlewitsch wies auf den knienden Gutsbesitzer, ohne -sie zu beachten. - -Der dicke Mönch, dem der Befehl gegeben wurde, trat würdevoll zum -Knienden und fragte: - -»Worin haben Sie gesündigt? War Ihnen nicht befohlen worden, etwas zu -erfüllen?« - -»Nicht zu schlagen, den Händen keine Freiheit zu geben!« sagte der -Gutsbesitzer mit heiserer Stimme. - -»Haben Sie das erfüllt?« - -»Kann nicht! Die eigene Kraft überwältigt mich!« - -»Jag' ihn! Mit dem Besen, mit dem Besen!« rief Semjon Jakowlewitsch und -fuchtelte wieder mit den Armen. - -Der Gutsbesitzer sprang auf und lief, ohne auf den Besen zu warten, aus -dem Zimmer. - -»Hat ein Goldstück hier gelassen,« meldete der Mönch. - -»Gib's dem!« Semjon Jakowlewitsch wies auf den Millionär. - -Der reiche Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und nahm das Geld. - -»Das Gold zum Golde,« konnte der Mönch nicht unterlassen, zu bemerken. - -»Und diesem mit Zucker!« Semjon Jakowlewitsch wies plötzlich auf -Mawrikij Nicolajewitsch. - -Der Diener goß den Tee ein und trat mit dem Glase aus Versehen zu dem -Fant mit dem Klemmer. - -»Dem Langen, dem Langen!« rief Semjon Jakowlewitsch. - -Mawrikij Nicolajewitsch nahm das Glas und machte eine kurze militärische -Verbeugung. Ich weiß nicht warum -- aber die ganze Schar wieherte -plötzlich vor Lachen über diese Verbeugung. - -»Mawrikij Nicolajewitsch!« wandte sich Lisa hastig an ihn, »knien Sie -bitte auf demselben Platz nieder, auf dem dieser Herr stand! -- der da -fortlief!« - -Mawrikij Nicolajewitsch sah sie verständnislos an. - -»Ich bitte Sie, Sie werden mir ein großes Vergnügen bereiten! Hören Sie, -Mawrikij Nicolajewitsch,« sagte sie eigensinnig und erregt, »knien Sie -unbedingt nieder, ich will unbedingt sehen, wie Sie knien! Wenn Sie das -nicht tun -- kommen Sie nie mehr unter meine Augen! Ich will das, ich -will das, -- unbedingt! ...« - -Warum sie das wollte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls verlangte sie es in -unerbittlichem Tone, in einem Anfall von Laune und Eigensinn. Mawrikij -Nicolajewitsch selber erklärte diese kapriziösen Ausbrüche, die sie in -der letzten Zeit ganz besonders oft hatte, wie wir später sehen werden, -mit dem Auflodern eines blinden, untergründigen Hasses auf ihn ... dabei -nicht etwa aus Bosheit, -- im Gegenteil, sie achtete, schätzte und -liebte ihn, und das wußte er, -- sondern aus irgendeinem besonderen, -unbewußten Haß, den sie manchmal einfach nicht in sich niederzuzwingen -vermochte. - -Mawrikij Nicolajewitsch gab schweigend sein Teeglas einem alten, hinter -ihm stehenden Bauern, ging dann auf das Türchen des meterhohen -Holzgitters zu, öffnete es, trat ohne Semjon Jakowlewitschs Erlaubnis in -dessen Zimmerhälfte und kniete, allen sichtbar, mitten im freien Raum -nieder. Ich glaube, er war von dem Spott Lisas, noch dazu in Gegenwart -so vieler Menschen, im Innersten seiner einfachen ehrlichen Seele -verletzt. Vielleicht glaubte er auch, daß sie sich schämen werde, wenn -sie seine Erniedrigung sah, die sie selbst so gewünscht hatte. Außer ihm -hätte sich wohl sonst keiner entschlossen, ein Weib auf so naive und -gewagte Weise zu strafen. Mit unerschütterlich ernstem Gesicht kniete er -also, groß und steif und -- lächerlich. Doch niemand lachte; die -Überraschung machte einen schrecklichen Eindruck. Alle sahen Lisa an. - -»Weihe, Weihe ...« murmelte Semjon Jakowlewitsch. - -Lisa erbleichte plötzlich, schrie auf und stürzte zu ihm. Es war eine -kurze leidenschaftliche Szene: mit aller Kraft wollte sie Mawrikij -Nicolajewitsch wieder emporreißen, und zog ihn mit beiden Händen wie -wahnsinnig am Arm. - -»Stehen Sie auf, stehen Sie auf!« rief sie, wie völlig von Sinnen. -»Stehen Sie sofort auf, sofort! Wie wagten Sie es, niederzuknien!!« - -Mawrikij Nicolajewitsch erhob sich. Sie umklammerte seine Arme über den -Ellenbogen und sah ihm mit brennendem Blick ins Gesicht. Angst lag in -ihren Augen. - -»Liebäugelnde, Liebäugelnde!« sagte Semjon Jakowlewitsch wieder. - -Endlich hatte Lisa Mawrikij Nicolajewitsch in die vordere Zimmerhälfte -herübergezogen. Unsere ganze Schar war unruhig geworden. Da wandte sich -die junge Dame aus unserem Wagen zum drittenmal, wahrscheinlich um von -dem Vorfall abzulenken, mit gezwungenem Lächeln an Semjon Jakowlewitsch: - -»Aber, Semjon Jakowlewitsch, werden Sie _mir_ denn heute gar nichts -sagen? Und ich habe doch so auf Sie gerechnet!« - -»Auf ... dir, auf ... dir!« fuhr er sie plötzlich wild an, mit einem -ganz unmöglichen Wort, das er noch dazu erschreckend deutlich aussprach. -Die Damen schrien vor Schreck alle auf und liefen entsetzt aus dem -Zimmer. Die Herren aber brachen in ein homerisches Gelächter aus. Damit -war denn unser Besuch bei Semjon Jakowlewitsch beendet. - -Nur etwas Rätselhaftes geschah noch -- etwas, weshalb ich diese ganze -Fahrt überhaupt so ausführlich erzählt habe. - -Es war in dem Augenblick, als alle in hellem Haufen zur Tür drängten. Da -traf Lisa, die von Mawrikij Nicolajewitsch gestützt wurde, in dem -Gedränge an der Tür plötzlich mit Nicolai Wszewolodowitsch zusammen. Ich -muß hinzufügen, daß die beiden, wenn sie sich auch seit jenem Sonntag -mehr als einmal in der Gesellschaft begegnet waren, doch noch kein Wort -miteinander gesprochen hatten. Ich sah nun, wie beide, als sie an der -Tür zusammentrafen, einen Augenblick stehen blieben und sich sonderbar -ansahen -- doch konnte ich in dem Gedränge nichts weiter wahrnehmen. -Andere dagegen versicherten mir, daß Lisa plötzlich die Hand gegen ihn -erhoben und Stawrogin unfehlbar geschlagen haben würde, wenn es ihm -nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig auszuweichen. Vielleicht hatte ihr -der Ausdruck seines Gesichts nicht gefallen? oder ein Lächeln nach -dieser Szene mit Mawrikij Nicolajewitsch? Ich muß gestehen, daß ich -davon nichts weiß, doch alle versicherten, es sei in der Tat etwas -derartiges der Fall gewesen ... wenn auch »alle« es unmöglich hatten -sehen können -- höchstens einige. Jedenfalls weiß ich nichts Näheres -noch Bestimmtes. Ich erinnere mich nur, daß Stawrogin auf dem Heimwege -auffallend bleich aussah, was er vorher nicht in dem Maße gewesen war. - - - III. - -Fast zu derselben Zeit, als wir bei Semjon Jakowlewitsch waren, fand -endlich auch das Wiedersehen Warwara Petrownas mit Stepan Trophimowitsch -in Skworeschniki statt. - -Warwara Petrowna war in großer Aufregung auf ihrem Gute eingetroffen: am -Abend vorher hatte man endgültig beschlossen, daß das Fest im Hause des -Adelsmarschalls stattfinden sollte. Da entschloß sie sich sofort, nach -diesem Fest ein zweites bei sich in Skworeschniki zu arrangieren und -gleichfalls die ganze Stadt zu versammeln -- was ihr doch schließlich -niemand verwehren konnte. Dann sollten alle selbst urteilen, welches -Haus schöner wäre und wo man mit besserem Geschmack einen Ball zu geben -verstünde. Warwara Petrowna war in dieser Zeit nicht wiederzuerkennen. -Sie schien sich vollkommen verändert zu haben: aus der früheren -unnahbaren »höheren Dame« (ein Ausdruck Stepan Trophimowitschs) war eine -weltliche, leichtsinnige Frau geworden. Oder wenigstens schien es so. - -Kaum war sie an diesem Tage in Skworeschniki eingetroffen, als sie alle -Räume prüfend zu durchschreiten begann, und zwar in Begleitung des -treuen alten Alexei Jegorowitsch und des gewandten Fómuschka, der in -Dekorationsfragen geradezu eine Autorität war. Und nun begannen die -Beratungen: welche Möbel man aus dem Stadthause herüberholen sollte; -welche Bilder, Kunstwerke; wo sie aufhängen, wie sie stellen; wie man am -besten die Orangerie und die Blumen benutzen, wo man das Büffet -herrichten sollte, und ob nicht vielleicht zwei besser wären? Und mitten -in diesen schweren Beratungen fiel es ihr dann plötzlich ein, die -Equipage nach Stepan Trophimowitsch zu schicken. - -Dieser war schon längst auf das Wiedersehen vorbereitet und hatte -täglich gerade so eine plötzliche Aufforderung erwartet. Als er sich in -die Equipage setzte, bekreuzte er sich: jetzt mußte sein Schicksal sich -entscheiden! Er fand seinen »Freund« im großen Saal, in der Nische, auf -einem kleinen Sofa, mit Bleistift und Papier in der Hand, während -Fómuschka damit beschäftigt war, mit dem Zentimetermaß die Höhe und -Breite der Fenster auszumessen, worauf sie die Zahlen notierte. Ohne -sich in dieser Arbeit stören zu lassen, nickte sie Stepan Trophimowitsch -zu, und als der ihr einen Gruß sagte, reichte sie ihm nur flüchtig die -Hand und wies schweigend auf den Platz neben dem Sofa. - -»Ich saß und wartete ungefähr fünf Minuten und -- >drückte mein Herze -nieder<,« erzählte er mir später. »Das war nicht mehr die Frau, die ich -zwanzig Jahre lang gekannt hatte. Doch die Überzeugung, daß jetzt alles -zu Ende sei, gab mir eine Kraft, die selbst sie in Erstaunen setzte. Ich -schwöre Ihnen, sie wunderte sich im stillen über meine Haltung in dieser -letzten Stunde.« - -Warwara Petrowna legte plötzlich den Bleistift auf das Marmortischchen, -das neben ihrem Sofa stand, und wandte sich ihm zu. - -»Stepan Trophimowitsch, wir müssen jetzt sachlich sprechen. Ich bin -überzeugt, daß Sie wieder Ihre üblichen hochtrabenden Worte und Wörtchen -vorbereitet haben, aber es ist wohl besser, wenn wir gleich zur Sache -kommen. Nicht wahr?« - -In ihm krampfte sich etwas zusammen. Sie beeilte sich schon zu sehr, den -neuen Ton anzugeben. Was mochte noch weiter kommen? - -»Warten Sie, schweigen Sie,« fuhr sie schnell fort. »Lassen Sie mich -zuerst sprechen. Nachher können Sie reden. Obgleich ich eigentlich nicht -weiß, was Sie mir noch zu sagen hätten. Ihnen Ihre Pension auszuzahlen, -halte ich für meine heilige Pflicht. Tausendzweihundert Rubel jährlich -bis zu Ihrem Lebensende. Aber wozu nenne ich das >heilige Pflicht<! -Sagen wir einfach: unsere Abmachung, das ist viel realer, nicht wahr? -Wenn Sie wollen, können wir es auch schriftlich aufsetzen. Falls ich -sterben sollte, -- für den Fall ist schon alles vorgesehen. Außerdem -haben Sie von mir noch die Wohnung, Bedienung und alles übrige. -Übersetzen wir das in Geld -- so macht das etwa tausendfünfhundert Rubel -aus, nicht wahr? Ich füge jetzt noch dreihundert Rubel für Nebenausgaben -hinzu -- so sind das volle dreitausend Rubel. Werden Sie damit -auskommen? Ich denke, wenig ist es nicht? In Ausnahmefällen werde ich -übrigens -- nun, Sie wissen ja. Nehmen Sie das Geld, schicken Sie mir -meine Dienstboten zurück, und leben Sie, wo Sie wollen, in Petersburg, -in Moskau, im Auslande, oder meinetwegen auch hier -- aber nur nicht -mehr bei mir. Hören Sie?« - -»Vor nicht langer Zeit wurde ebenso kategorisch und ebenso eilig von -denselben Lippen eine andere Forderung an mich gestellt,« sagte Stepan -Trophimowitsch langsam, deutlich, in traurigem Ton. »Ich fügte mich ... -ich tanzte so, wie Sie wollten. _Oui, la comparaison peut être permise. -C'était comme un petit cozak du Don, qui sautait sur sa propre -tombe._{[119]} Jetzt ...« - -»Einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie sind furchtbar wortreich. -Sie haben nicht getanzt. Aber Sie erschienen mit einer neuen Halsbinde, -in hellen Handschuhen, pomadisiert und parfümiert. Ich kann Sie -versichern, Sie wollten selbst schrecklich gern heiraten. Das stand auf -Ihrem Gesicht geschrieben. Glauben Sie mir, dieser Ausdruck war recht -geschmacklos. Wenn ich es Ihnen damals nicht gleich gesagt habe, so -geschah es, um Sie nicht zu verletzen. Doch Sie wollten, Sie wollten -heiraten. Trotz der Gemeinheiten, die Sie über mich und Ihre Braut -geschrieben hatten. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes. Und wozu -dieser _Cozak du Don_ über Ihrem Grabe? Verstehe nicht, was das für ein -Vergleich sein soll. Im Gegenteil: sterben Sie nicht, sondern leben Sie! -Leben Sie, soviel wie möglich; ich werde mich sehr freuen, wenn Sie gut -leben.« - -»Im Armenhaus?« - -»Im Armenhaus? Mit dreitausend jährlich geht man nicht ins Armenhaus. -Ach so ... ich erinnere mich!« -- sie lachte kurz auf -- »Pjotr -Stepanowitsch sagte einmal im Scherz irgend etwas von einem >Armenhaus<. -Nun ja, jenes Armenhaus, von dem da die Rede war, das ist wirklich ein -besonderes >Armenhaus<, über das nachzudenken sich wirklich lohnte. Wie -Sie selbst wissen, leben dort die ehrenwertesten alten Herren. Meistens -Offiziere a. D., jetzt will sogar ein alter General sein Leben dort -beschließen. Wenn Sie mit Ihrem Gelde dort eintreten wollen, so können -Sie Ruhe, Zufriedenheit und Zuhörer finden. Sie werden sich mit der -Wissenschaft beschäftigen, und jederzeit eine Partie Préférence spielen -können ...« - -»_Passons._«{[100]} - -»_Passons?_« Warwara Petrowna richtete sich steifer auf. »In dem Falle -ist alles gesagt. Sie sind benachrichtigt. Von nun ab leben wir jeder -für sich und sehen uns nicht mehr.« - -»Und das ist alles? Alles, was von den zwanzig Jahren geblieben ist? Ihr -letzter Abschied?« - -»Sie lieben wirklich die Phrasen in einem Maße, daß es schon nicht mehr -schön ist, Stepan Trophimowitsch. Heutzutage ist derlei nicht mehr -modern. Man spricht jetzt derb, aber verständlich. Und ewig kommen Sie -mir mit diesen zwanzig Jahren! Zwanzig Jahre beiderseitiger Eigenliebe -und weiter nichts. Jeder Ihrer Briefe ist nicht an mich geschrieben, -sondern für die Nachwelt berechnet. Ja, Sie sind Stilist, aber kein -Freund. Freundschaft ist doch nur ein berühmtes Wort, in Wirklichkeit -aber ist sie bloß ein -- gegenseitiger Erguß von Spülicht.« - -»Gott, wie viel fremde Worte! Lauter gut behaltene Lektionen! Auch Ihnen -haben sie schon ihre Uniform übergeworfen! Auch Sie sind jetzt fröhlich, -auch Sie an der Sonne! _Chère, chère_, für welch ein Linsengericht haben -Sie ihnen Ihre Selbständigkeit verkauft!« - -»Ich bin kein Papagei, der fremde Worte wiederholt,« versetzte Warwara -Petrowna böse. »Seien Sie versichert, daß in mir sich eigene Worte zur -Genüge angesammelt haben. Was aber haben Sie für mich in diesen zwanzig -Jahren getan? Nicht einmal die Bücher haben Sie mir gegeben, die ich für -Sie bestellte, und die heute noch unaufgeschnitten wären, wenn Ihre -Freunde sie nicht gelesen hätten. Was gaben Sie mir zu lesen, als ich -Sie in den ersten Jahren immer wieder bat, mich doch zu belehren, zu -leiten? Nur Romane und immer wieder Romane. Sie waren sogar auf meine -Entwicklung eifersüchtig. Und währenddessen lachte doch schon alle Welt -über Sie. Ich gestehe, ich habe Sie immer nur für einen Kritiker -gehalten und für weiter nichts. Als ich Ihnen während der Fahrt nach -Petersburg meine Absicht mitteilte, eine Zeitschrift zu gründen und ihr -mein ganzes Leben zu widmen, da sahen Sie plötzlich ironisch auf mich -herab und wurden furchtbar hochmütig.« - -»Das war doch nicht so ... nicht das ... wir fürchteten damals, verfolgt -zu ...« - -»Doch, das war genau das. Und Verfolgung konnten Sie in Petersburg -überhaupt nicht fürchten. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals im -Februar erschrocken zu mir gelaufen kamen? Wie Sie verlangten, ich solle -es Ihnen sofort schriftlich geben, in Gestalt eines Briefes, aus dem -hervorginge, daß Sie mit dem beabsichtigten Blatte nichts zu tun hätten? -Daß Sie lediglich der Hauslehrer seien, der bloß in meinem Hause wohnt, -weil ihm sein Gehalt noch nicht ausgezahlt worden ist? War es nicht so? -Sollten Sie es wirklich vergessen haben? Ich sehe, Sie haben es nicht -vergessen. Ja, Sie haben sich Ihr Lebelang tatsächlich ungewöhnlich -ausgezeichnet!« - -»Das war nur ein Augenblick des Kleinmuts damals, unter vier Augen ...« -rief er schmerzlich aus. »Aber soll denn wirklich, wirklich, wegen -dieser kleinlichen Eindrücke, nun alles zerrissen sein? Ist es möglich, -daß von diesen langen Jahren nichts mehr zwischen uns verblieben ist?« - -»Sie verstehen sich aufs Rechnen, das weiß ich. Sie wollen immer alles -so drehen, daß schließlich ich Ihnen noch schulde. Als Sie aus dem -Auslande zurückkehrten, sahen Sie auf mich von oben herab und ließen -mich nicht einmal zu Wort kommen. Und als ich Ihnen nach meiner Reise -von dem Eindruck, den die Sixtinische Madonna auf mich gemacht hatte, -erzählen wollte, da hörten Sie nicht einmal so lange zu, bis ich geendet -hatte, und lächelten nur hochmütig, ganz als könnte ich nicht ebensolche -Gefühle haben wie Sie.« - -»Das wird sicher anders gewesen sein ... ich entsinne mich nicht mehr -... _J'ai oublié._«{[120]} - -»Nein, das war ganz genau so, und dabei war da gar kein Grund, vor mir -so wichtig zu tun, denn das war ja alles Unsinn und nur Ihre Phantasie. -Heutzutage begeistert sich niemand mehr für die Sixtinische Madonna. -Höchstens ein paar alte Professoren. Das ist bewiesen.« - -»Auch schon bewiesen?« - -»Diese Madonna dient überhaupt zu nichts. Diese Schale hier ist -nützlicher, denn man kann in sie Wasser gießen. Dieser Bleistift ist -nützlich, denn mit ihm kann man schreiben. Hier aber ist es bloß ein -gemaltes Frauengesicht, das schlechter ist als alle lebenden Gesichter. -Versuchen Sie einen Apfel zu malen und legen Sie dann neben das Bild -einen wirklichen. Welchen werden Sie dann nehmen? Bin sicher, daß Sie -nicht schwanken werden. Sehen Sie, darauf laufen jetzt alle unsere -Theorien hinaus, nachdem sie erst einmal von der modernen freien -Forschung nachgeprüft sind.« - -»... stimmt!« - -»Ah, Sie lächeln ironisch! Aber was haben Sie mir, zum Beispiel, über -das Almosengeben gesagt? Und dabei ist das Gefühl, das man hat, wenn man -Gutes tut, ein hochmütiges und unsittliches, genau wie die Genugtuung -des Reichen, wie sein Genuß, wenn er seine Macht und Bedeutung mit der -des Bettlers vergleicht. Almosengeben verdirbt sowohl den Gebenden wie -den Nehmenden und erfüllt außerdem noch nicht einmal seinen Zweck, denn -es vermehrt nur die Bettler. Jeder Faulpelz, der nicht arbeiten will, -drängt sich zum Reichen, wie der Spieler an den Kartentisch, um etwas zu -gewinnen. Die Groschen aber, die man ihnen zuwirft, reichen ja nicht -einmal für den hundertsten Teil. Haben Sie viele Almosen in Ihrem Leben -gegeben? Vielleicht achtzig Kopeken, aber bestimmt nicht mehr. Denken -Sie nur nach. Strengen Sie sich ein bißchen an und versuchen Sie, sich -zu erinnern, wann Sie zum letztenmal ein Almosen gegeben haben. Das wird -wohl schon zwei, wenn nicht vier Jahre her sein. Sie reden bloß große -Worte, die Tat aber behindern Sie nur. Ja, Almosengeben müßte auch schon -im jetzigen Staate ganz einfach gesetzlich verboten werden. Im -Zukunftsstaat wird es überhaupt keine Armen mehr geben.« - -»Oh, welch eine Sammlung fremder Schlagworte! Also ist es schon bis zum -Zukunftsstaat mit Ihnen gekommen? Sie Unglückliche, möge Gott Ihnen -helfen!« - -»Ja, es ist bis zum Zukunftsstaat gekommen, Stepan Trophimowitsch. Sie -haben so sorgfältig die neuen Ideen vor mir verborgen, aber es hat -nichts genützt. Sie haben das einzig und allein aus Eifersucht getan, um -Macht über mich zu besitzen. Jetzt ist mir sogar diese Julija -Michailowna schon an hundert Werst voraus. Doch ich erkenne jetzt -wenigstens. Trotzdem habe ich Sie verteidigt, Stepan Trophimowitsch, so -viel ich nur konnte. Sie werden buchstäblich von allen angeklagt.« - -»_Assez!_«{[121]} er erhob sich von seinem Platz. »Und was sollte ich -Ihnen nun wünschen? Doch nicht Reue?« - -»Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie -wissen doch schon, daß man Sie auffordert, auf der literarischen Matinee -irgend etwas vorzutragen? Sagen Sie, worüber werden Sie lesen?« - -»Gerade über dieses Ideal, die Sixtinische Madonna, die Ihrer Meinung -nach weder einen Bleistift noch ein Glas Wasser wert ist.« - -»Und nicht aus der Geschichte?« fragte Warwara Petrowna enttäuscht. -»Aber dann wird man Sie ja gar nicht hören wollen. Und ewig diese -Madonna! Was haben Sie denn davon, wenn Sie alle damit einschläfern? Ich -versichere Sie, Stepan Trophimowitsch, ich sage das nur in Ihrem -Interesse. Es wäre doch eine ganz andere Sache, wenn Sie eine kurze, -aber unterhaltende Geschichte aus dem mittelalterlichen Hofleben nehmen -würden; sagen wir, aus der spanischen Geschichte. Oder eine Anekdote, -die Sie dann noch mit eigenen Zutaten ausschmücken könnten. Im -Mittelalter gab es doch so prunkvolle Höfe, mit Damen, wissen Sie, und -Mordgeschichten. Karmasinoff sagt, daß es sonderbar zugehen müßte, wenn -man in der spanischen Geschichte nicht etwas Interessantes finden -könnte.« - -»Karmasinoff! Dieser ausgeschriebene Dummkopf sucht für mich ein -Thema!!« - -»Karmasinoff, dieser erhabene Verstand! Sie drücken sich heute schon -wirklich etwas zu unvorsichtig aus, Stepan Trophimowitsch.« - -»Ihr Karmasinoff ist ein altes, ausgeschriebenes, gereiztes Weib! -_Chère, chère_, haben Sie sich schon lange so von ihnen unterjochen -lassen? O Gott!« - -»Ich kann ihn auch jetzt nicht leiden. Wegen seiner Wichtigtuerei. Doch -seinem Verstande muß ich Gerechtigkeit zollen. Ich wiederhole nochmals, -daß ich Sie, so viel ich nur konnte, verteidigt habe. Aber warum wollen -Sie sich denn unbedingt als lächerlich und langweilig hinstellen? Im -Gegenteil, treten Sie mit einem würdigen Lächeln auf das Podium, als der -Repräsentant des vergangenen Jahrhunderts, und erzählen Sie mit Ihrem -ganzen Witz drei kleine Geschichten, so wie nur Sie zuweilen zu erzählen -verstehen. Mögen Sie meinetwegen ein alter Mann sein, meinetwegen ein -Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, mögen Sie sogar zurückgeblieben -sein: vielleicht sprechen Sie lächelnd selbst davon -- sagen wir in -einer Vorbemerkung. Doch alle werden dann sehen, daß Sie ein lieber, -guter, geistreicher Mensch sind. Kurz, ein Mensch vom alten Schrot und -Korn. Und doch so weit vorgeschritten, daß er selber über den ganzen -Unsinn gewisser Begriffe, die er bis dahin gehabt hat, objektiv und -richtig zu urteilen versteht. Nun, machen Sie es doch so, ich bitte -Sie!« - -»_Chère, assez!_{[122]} Bitten Sie mich nicht, ich kann nicht. Ich werde -über die Madonna reden, und ich will einen Sturm erheben, der entweder -sie alle vernichten oder mich allein zu Boden schlagen soll!« - -»Bestimmt nur Sie allein, Stepan Trophimowitsch.« - -»Gut! Das ist dann mein Los! Ich werde von jenem gemeinen Sklaven reden, -von jenem stinkenden, verderbten Sklaven, der als erster mit dem Messer -auf die Leiter steigt und das göttliche Antlitz des großen Ideals -zerschneiden will -- im Namen der Gleichheit, des Neides und ... der -Verdauung. Mag mein Fluch also durch die Welt donnern und dann, dann -...« - -»In die Irrenanstalt?« - -»Vielleicht. Aber in jedem Fall, ob ich nun siege oder besiegt werde: am -selben Abend noch werde ich meinen Koffer nehmen, meinen armseligen -Koffer, und werde all mein Hab und Gut verlassen, alle Ihre Geschenke, -alle Pensionen und Versprechungen für die Zukunft, und werde zu Fuß aus -der Stadt gehen, um bei irgend einem Kaufmann als Hauslehrer mein Leben -zu beenden oder hinter einem Zaun Hungers zu sterben. _Alea jacta est!_« - -Er stand auf. - -»Ich habe es ja gewußt!« Mit blitzenden Augen erhob sich nun auch -Warwara Petrowna. »Ich habe es ja gewußt, daß Sie doch nur dazu leben, -um zum Schluß noch mich und mein Haus zu beschimpfen. Was wollen Sie mit -der Stelle beim Kaufmann oder dem Tod hinterm Zaun sagen? Bosheit und -Verleumdung, weiter ist's nichts!« - -»Sie haben mich immer verachtet, aber ich werde wie ein Ritter, der -seiner Dame bis ins Grab treu bleibt, mein Leben beenden -- denn Ihre -Meinung von mir war mir immer teurer, als alles andere auf der Welt. Ich -nehme von Ihnen nichts mehr an, und die Rede halte ich ohne -Entschädigung.« - -»Wie dumm das ist!« - -»Sie haben mich niemals geachtet. Ich weiß, ich habe unendlich viele -Schwächen. Ja, es ist wahr: ich habe als Ihr Schmarotzer gelebt; -- in -der Sprache des Nihilismus ausgedrückt. Doch das war niemals das höhere -Prinzip meiner Handlungen. Das geschah alles -- so -- so ... ganz von -selbst ... ich weiß nicht, wie ... Ich habe nur immer geglaubt, daß -zwischen uns etwas Höheres als Kost und Geld besteht, und _nie_, hören -Sie, _nie_ bin ich ein -- Schurke gewesen! So -- und nun gehe ich, um es -wieder gut zu machen! Ich gehe meinen späten Weg, es ist schon Herbst, -der Nebel liegt auf den Feldern, kalter, grauer Reif bedeckt meine -Straße und der Wind singt das Lied vom nahen Grabe ... Aber ich gehe, -ich gehe schon meinen neuen Weg! Und ich gehe -- - - >Ganz erfüllt von reiner Liebe, - Treu dem süßen Traum ...< - -Oh, lebt wohl, meine Träume! Zwanzig Jahre! _Alea jacta est._« - -Tränen rollten plötzlich aus seinen Augen. Er nahm schnell seinen Hut. - -»Ich verstehe kein Latein,« sagte Warwara Petrowna, die sich krampfhaft -zusammennahm. - -Wer weiß, vielleicht wollte sie gleichfalls weinen, doch Unwille und -Eigensinn siegten wiederum. - -»Ich weiß nur eines,« sagte sie, »daß das nur Phrasen sind. Niemals -werden Sie imstande sein, Ihre Worte wahr zu machen. Nirgendwohin werden -Sie gehen, sondern seelenruhig bei uns weiterleben und jeden Dienstag -wieder Ihre unmöglichen Freunde versammeln. Leben Sie wohl, Stepan -Trophimowitsch.« - -»_Alea jacta est!_« Er verneigte sich tief vor ihr und fuhr nach Hause --- halbtot vor Aufregung. - - - - - Elftes Kapitel. - Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit - - - I. - -Der Tag, an dem die literarische Matinee und der Ball stattfinden -sollten, war endgültig festgesetzt, doch von Lembkes Stimmung wurde -immer trüber und nachdenklicher. Er hatte so sonderbare, unheilvolle -Vorgefühle, und das beunruhigte Julija Michailowna sehr. Es war doch -nicht so angenehm, Gouverneur zu sein, zumal unser gutmütiger Iwan -Ossipowitsch seinem Nachfolger nicht alles im Gouvernement in bester -Ordnung übergeben hatte. Dazu drohte jetzt noch die Cholera, und in -einzelnen Kreisen waren Rinderseuchen ausgebrochen; ferner hatten den -ganzen Sommer über in Dörfern und Städten Feuersbrünste gewütet, im -Volke aber begann sich schon der Glaube festzusetzen, daß man -absichtlich Brandstifter umherschicke; und die Diebe hatten sich im -Verhältnis zu früheren Jahren um das Doppelte vermehrt. Das alles wäre -aber, wenn auch außergewöhnlich, so doch längst nicht in dem Maße -beunruhigend gewesen, wenn Andrei Antonowitsch von Lembke nicht noch -schwerwiegendere Sorgen gehabt hätte, die ihm nun die Ruhe seiner bis -dahin so glücklichen und zufriedenen Seele raubten. - -Am meisten erschreckte Julija Michailowna der Umstand, daß ihr Lembke -mit jedem Tage schweigsamer wurde und manchmal beinahe verschlossen war. -Doch wenn man darüber nachdachte -- was konnte er denn überhaupt zu -verbergen haben? Dabei widersprach er ihr selten, vielmehr fügte er sich -ihr fast in allen Dingen. So wurden z. B. auf ihr hartnäckiges Verlangen -hin ein paar recht gewagte Maßnahmen getroffen, die fast gegen das -Gesetz verstießen, doch dafür die Macht des Gouverneurs vergrößern -sollten. Aus demselben Grunde wurde z. B. ein paarmal unheilvolle -Nachsicht geübt: Leute, die eigentlich den Prozeß und Sibirien verdient -hatten, wurden einzig auf Julija Michailownas unbedingtes Verlangen hin -zur Auszeichnung vorgeschlagen. Wie sich später herausstellte, wurde auf -eine gewisse Art von Klagen ganz systematisch überhaupt nicht mehr -reagiert. Außerdem unterschrieb von Lembke fast alles, was Julija -Michailowna von ihm verlangte, und gewöhnlich widerspruchslos. Nur -zuweilen setzte er seine Gattin durch eine plötzliche und hartnäckige -Widerspenstigkeit in nicht geringes Erstaunen, und zwar immer durch eine -Widerspenstigkeit in den kleinsten Nebensachen. Der Wunsch, nachdem er -ihr tagelang stumm und wortlos gehorcht hatte, wieder eine eigene Rolle -zu spielen, war am Ende begreiflich. Julija Michailowna jedoch wußte in -solchen Fällen trotz ihres ganzen Verstandes diese edle Regung eines -edlen Charakters durchaus nicht zu würdigen: von Lembke persönlich war -ihr gerade in dieser Zeit vollkommen gleichgültig -- und leider sollte -eben hieraus viel Unheil entstehen. - -Die gute Dame (sie tut mir aufrichtig leid) hätte das, was sie so sehr -lockte -- Ruhm, Bedeutung usw. -- viel einfacher erreichen können, ja, -fast noch schneller, wenn sie ihren Wünschen mit etwas weniger -Exzentrizität nachgegangen wäre. Aber wie das gewöhnlich zu geschehen -pflegt: denen, die ihr abrieten, hörte sie weiter nicht zu; den anderen -aber, die sie in ihren eigenen Ideen bestärkten, denen folgte sie -blindlings. So war denn die Arme bald nur noch ein Spielzeug der -verschiedensten Einflüsse, während sie sich selbst für durchaus -individuell hielt. Ihre Gutmütigkeit wurde in der kurzen Zeit ihrer -Herrschaft als Gattin des Gouverneurs von vielen ausgenutzt, und gar -manche schnitten dabei nicht übel ab. Aber was war das im Grunde für ein -Mischmasch unter dem Anschein von Selbständigkeit! Ihr gefielen die -Großgrundbesitzer und das aristokratische Element, die Erweiterung der -Gouvernementsmacht wie das demokratische Prinzip mit den neuen -Anschauungen, der Freidenkerei und den sozialen Lehren; und ihr gefiel -der strenge Ton eines vornehmen Salons, wie die Ausgelassenheit, die oft -schon an einen Gasthauston gemahnte, der sie umgebenden goldenen Jugend. -Sie träumte davon, »glücklich zu machen« und Unvereinbares zu vereinen, -oder richtiger: alle und alles in schwärmerischer Verehrung um ihre -Person zu versammeln. Aber sie hatte auch einige ganz besondere und -bevorzugte Lieblinge. Zu diesen gehörte vor allen Pjotr Stepanowitsch, -der sie mit den plattesten Schmeicheleien beherrschte. Freilich gab es -da noch einen besonderen Grund, weshalb er zu ihrem Liebling ward, und -dieser Grund dürfte sie vielleicht am besten charakterisieren: sie -hoffte nämlich, daß er ihr -- eine ganze Verschwörung aufdecken werde. -Ich übertreibe keineswegs. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum sich -in ihr, fast von Anfang an, der Glaube festgesetzt hatte, gerade in -unserem Gouvernement werde eine Verschwörung gegen die Regierung -vorbereitet. Nun, und Pjotr Stepanowitsch verstand es vorzüglich, mit -seinem zweideutigen und geheimnisvollen Schweigen in gewissen, und -seinen kurzen Bemerkungen in anderen Fällen, diesen Glauben noch zu -verstärken. Sie glaubte schon nach ihrem ersten Gespräch mit ihm, daß er -unbedingt über das ganze revolutionäre Rußland unterrichtet sei, und -außerdem und gleichzeitig hielt sie ihn für ihr persönlich bis zur -Vergötterung ergeben. In ihrer Phantasie malte sie sich schon mit allen -Einzelheiten aus, wie von Lembke die Verschwörung melden würde, dann der -Dank aus Petersburg und die große Karriere; und schließlich, wie sie -selber mit »Liebe und Nachsicht« die Jugend »am Rande des Abgrunds« -zurückhielt! War sie doch fest überzeugt, daß sie Pjotr Stepanowitsch -bereits bekehrt hatte! Warum sollte es ihr dann nicht auch bei den -anderen gelingen? Kein einziger von den Verschwörern sollte umkommen: -sie wollte sie alle, alle retten, und in eben diesem Sinne, nur mit dem -Ziel der höheren Gerechtigkeit vor Augen, wollte sie handeln. Vielleicht --- was kann man wissen -- würde noch einst der ganze russische -Liberalismus -- und warum nicht auch die Geschichte? -- ihren Namen -segnen. Die Verschwörung aber würde doch aufgedeckt werden ... Also alle -Vorteile zugleich. - -Zunächst aber war es nötig, daß Andrei Antonowitsch zum Feste etwas -heiterer wurde, und so galt es denn jetzt, ihn zu zerstreuen und zu -beruhigen. Zu diesem Zweck kommandierte sie Pjotr Stepanowitsch zu ihrem -Mann, in der Hoffnung, daß der auf irgendeine Weise die gewünschte -Wirkung erzielte. Vielleicht konnte er ihm etwas Beruhigendes mitteilen, -sozusagen aus erster Hand. Jedenfalls verließ sie sich vollkommen auf -seine Geschicklichkeit. - -Pjotr Stepanowitsch war schon seit Längerem nicht mehr in Herrn von -Lembkes Arbeitszimmer gewesen. Er schwirrte jetzt gerade in einem -Augenblick zu ihm hinein, als der Patient sich in einer ganz besonders -gespannten und reizbaren Verfassung befand. - - - II. - -Es gab da eine Kombination, die Herr von Lembke nun schon gar nicht mehr -fassen konnte. - -In einer kleinen Kreisstadt (in derselben, in der Pjotr Stepanowitsch -vor nicht langer Zeit mit den Offizieren ein paar Abende lustig -zusammengewesen war) hatte der Kommandeur einem Leutnant einen Verweis -erteilt. Es geschah vor der ganzen Front. Der Leutnant war ein noch ganz -junger Mensch, erst vor kurzem aus Petersburg eingetroffen, immer -schweigsam und finster und anscheinend sich sehr erhaben dünkend, dabei -aber klein von Wuchs, dick und rotwangig. Er ertrug den Verweis nicht, -und plötzlich warf er sich mit einem eigentümlichen Geschrei oder -Gekreisch, über das sich die ganze Front wunderte, und mit absonderlich -gesenktem Kopf auf seinen Kommandeur und biß diesen mit solcher Gewalt -in die Schulter, daß man ihn nur mit Mühe loszureißen vermochte. -Zweifellos war der Mensch verrückt geworden. Wenigstens stellte sich nun -heraus, daß er in der letzten Zeit schon mehrfach die unglaublichsten -Sachen gemacht hatte. So hieß es u. a., er habe in seiner Wohnung zwei -Heiligenbilder der Wirtin zum Fenster hinausgeworfen und ein drittes mit -dem Beil zerhackt; an ihre Stelle aber habe er in seinem Zimmer auf -Postamenten drei Bücher, die Werke von Vogt, Moleschot und Büchner, -aufgestellt und vor jedem ein Kirchenwachslicht angezündet. Aus der -Menge von Büchern, die man bei ihm fand, konnte man schließen, daß er -ziemlich belesen war. Bei der Durchsuchung fand man in seinen Taschen -und Koffern einen ganzen Stoß der wildesten Proklamationen. - -Nun, an sich waren diese Blätter ja nichts Neues; man hatte ihrer im -Laufe der Jahre so viele gesehen! Wozu da noch weiter nachdenken? Zudem -waren es nicht einmal neue Proklamationen, sondern genau dieselben, die -man auch im H--schen Gouvernement gefunden hatte und von denen Liputin -behauptete, daß er sie vor anderthalb Monaten auf seiner Reise in einer -andern Kreisstadt gleichfalls gesehen habe. Aber Andrei Antonowitsch -erschrak doch: vor allem über den einen Umstand, daß der Direktor der -Spigulinschen Fabrik zur selben Zeit der Polizei drei große Pakete -Proklamationen übersandt hatte, die in der Nacht auf den Fabrikhof -geworfen worden waren, und diese Proklamationen stimmten Wort für Wort -mit jenen überein, die man bei dem Leutnant gefunden hatte. Die drei -Pakete waren noch nicht einmal aufgebunden, also hatte von den Arbeitern -noch keiner etwas lesen können. Eigentlich war ja die ganze Sache -harmlos genug; doch Herr von Lembke begann zu grübeln, denn ihm erschien -sie unendlich bedeutsam und verwickelt. - -In der erwähnten Spigulinschen Fabrik hatte gerade die sogenannte -»Spigulinsche Geschichte« begonnen, von der später so viel geredet -worden ist, und über die sogar die Petersburger und Moskauer Zeitungen -so lange und in so verschiedenen Lesarten berichtet haben. Vor ungefähr -drei Wochen war dort ein Arbeiter an sibirischer Cholera erkrankt, und -nach ihm noch ein paar andere. In der Stadt verbreitete sich nicht -geringe Angst, obgleich alle möglichen ärztlichen Vorkehrungen getroffen -wurden. Doch die Spigulinsche Fabrik -- die Besitzer hatten Geld und -Verbindungen -- wurde aus irgendeinem guten Grunde nicht geschlossen. Da -aber hieß es plötzlich, gerade in ihr stecke der Herd der Krankheit. -Andrei Antonowitsch bestand sofort energisch darauf, daß sie einmal -gründlich gereinigt werde, was man denn auch tat. Kurz darauf aber -schlossen die Spigulins die Fabrik -- warum, wußte eigentlich niemand. -Der eine Bruder lebte beständig in Petersburg, und der andere war nach -der ihm befohlenen Fabrikreinigung nach Moskau gereist. Der Direktor, -der den Arbeitern den Lohn auszahlen sollte, betrog dabei, wie es sich -später herausstellte, die Leute geradezu unerhört. Die Arbeiter begannen -zu murren und verlangten eine gerechtere Abrechnung und gingen aus -Dummheit schließlich sogar auf die Polizei. Doch führten sie sich dort -lange nicht so erregt auf, wie es die Zeitungen nachträglich -schilderten. Und gerade in dieser Zeit geschah es denn, daß der Direktor -dem Gouverneur die gefundenen Proklamationen zustellte. - -Pjotr Stepanowitsch trat schnell und ohne anzuklopfen, wie ein alter -Bekannter oder guter Freund, in von Lembkes Arbeitszimmer. Als Andrei -Antonowitsch ihn erblickte, blieb er unfreundlich und augenscheinlich -geärgert am Schreibtisch stehen, während er bis dahin auf und ab -gegangen war, was er gewöhnlich tat, wenn er sich mit seinem -Kanzleibeamten Blümer unter vier Augen beriet. Diesen Blümer, der -übrigens ein mürrischer, ungelenker Deutscher war, hatte er trotz Julija -Michailownas heftigster Opposition aus Petersburg mitgebracht. Der -Kanzleibeamte trat nach Pjotr Stepanowitschs Erscheinen zur Tür, ging -jedoch noch nicht hinaus. Es schien Pjotr Stepanowitsch sogar, daß er -mit von Lembke einen vielsagenden Blick austauschte. - -»Oho, da habe ich Sie ertappt, Sie geheimer Stadtdespot!« rief Pjotr -Stepanowitsch lachend aus und legte schnell seine Hand auf eine -Proklamation, die auf dem Tisch lag. »Die soll wohl wieder Ihre Sammlung -vergrößern, wie?« - -Von Lembke wurde rot, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich. - -»Lassen Sie, lassen Sie das sofort!« schrie er zitternd vor Wut. »Und -wagen Sie es nicht, mein Herr ...« - -»Was haben Sie nur? Sie scheinen sich ja zu ärgern?« - -»Gestatten Sie, mein Herr, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich Ihr -_sans façon_{[123]} hinfort nicht mehr dulden werde und Sie ersuche, -nicht zu vergessen ...« - -»Pfui Teufel, er ärgert sich ja in der Tat!« - -»Schweigen Sie!« von Lembke stampfte mit dem Fuß. »Und wagen Sie es -nicht ...« - -Gott mag wissen, wozu es noch gekommen wäre, denn zu seinem Zorn gab es -hier noch einen gewissen anderen Grund, den sich weder Pjotr -Stepanowitsch noch Julija Michailowna auch nur hätten träumen lassen -können. Mit dem unglücklichen Andrei Antonowitsch war es nämlich schon -so weit gekommen, daß er wegen seiner Frau auf Pjotr Stepanowitsch -eifersüchtig war und deshalb in einsamen Stunden, besonders nachts, -höchst unangenehme Minuten auszustehen hatte. - -»Und ich dachte, daß ein Mensch, der einem zweimal bis nach Mitternacht -seinen Roman vorliest und einen um ein offenes Urteil bittet, daß dieser -Mensch dann schon selber das Formelle abgetan hat ... Und Julija -Michailowna empfängt mich wie einen guten Bekannten -- nun soll einer -aus Ihnen klug werden!« sagte Pjotr Stepanowitsch, und sagte es sogar -nicht ohne eine gewisse Würde. »Hier haben Sie übrigens Ihren Roman,« -und damit legte er ein großes, schweres, fest zusammengerolltes Heft, -das in blaues Papier eingewickelt war, auf den Tisch. - -Von Lembke errötete und wußte nichts zu sagen. - -»Wo haben Sie es denn gefunden?« fragte er unsicher, mit einem Zustrom -von Freude, den er doch nicht abhalten konnte, obschon er ihn mit Gewalt -zurückzudrängen suchte. - -»Ja, denken Sie sich, so zum Rohr zusammengerollt, wie es da ist, war es -hinter meine Kommode gefallen. Ich werde es wohl damals, als ich nach -Hause kam, irgendwie nachlässig auf die Kommode geworfen haben. -Vorgestern fand man es beim Dielenscheuern. War das aber eine Arbeit, -die Sie mir da beschert hatten!« - -Lembke senkte streng die Augen. - -»Zwei Nächte wegen Euer Gnaden nicht geschlafen. Vorgestern fand man es, -so behielt ich es denn noch und las die ganze Geschichte durch. Habe am -Tage keine Zeit, mußte es also in der Nacht tun. Na, und -- kann nichts -dafür: bin unzufrieden. Nicht mein Geschmack. Doch übrigens zum Teufel -damit, Kritiker bin ich nie gewesen. Aber losreißen konnte ich mich doch -nicht, wenn ich auch unzufrieden war. Das vierte und fünfte Kapitel, die -... die sind ... weiß der Teufel, was die eigentlich sind! Und mit -wieviel Komik das vollgestopft ist! Hab' ich gelacht! Nein, wirklich, -Sie verstehen es, etwas lächerlich zu machen, _sans que cela -paraisse_!{[124]} Na, das da im neunten Kapitel, wo nur von Liebe die -Rede ist, na, nicht meine Sache; aber immerhin sehr effektvoll. Nach dem -Brief von Igrenjeff wollte ich beinah zu heulen anfangen, obgleich Sie -ihn ja so fein karikiert haben ... Wissen Sie, der Brief ist gewiß -gefühlvoll, aber zu gleicher Zeit wollten Sie den Mann doch irgendwie -karikieren, wenn ich Sie richtig verstanden habe? nicht? Hab's mir -gleich so gedacht. Na, aber für den Schluß könnte ich Sie einfach -verprügeln. Was ist denn das für eine Idee, die Sie da durchführen? Das -ist ja doch dieselbe alte Vergötterung des Familienglücks nebst -Vermehrung der Kinder wie des Kapitals, und >wenn sie nicht gestorben -sind, so leben sie noch heut<! -- ich bitte Sie! Zuerst bezaubern Sie -den Leser geradezu, so daß selbst ich mich nicht losreißen konnte, -- -aber desto gemeiner ist doch dann solch ein Schluß! Der Leser bleibt -genau so dumm, wie er war; man hätte doch kluge Menschen reden lassen -sollen, Sie aber ... Na, genug davon, und jetzt adieu! Ärgern Sie sich -nächstens nicht wieder. Ich kam eigentlich, um Ihnen ein paar Worte zu -sagen, aber Sie sind ja heute so eigentümlich ...« - -Von Lembke hatte inzwischen seinen Roman in einen eichenen Bücherschrank -verschlossen und Blümer zugewinkt, das Zimmer zu verlassen, was der denn -auch mit langem Gesichte tat. - -»Ich bin heute keineswegs eigentümlich, es sind da nur ... so viele -Unannehmlichkeiten,« murmelte Herr von Lembke und runzelte die Stirn, -doch schon ohne Zorn, und er setzte sich an den Schreibtisch. »Ich habe -Sie lange nicht mehr gesehen,« sagte er freundlicher, »nur fliegen Sie -nächstens nicht so hastig ins Zimmer, mit Ihren Manieren, die ... -zuweilen, bei der Arbeit, ist man ...« - -»Was meine Manieren betrifft ...« - -»Ich weiß, ich weiß, Sie haben es ja nicht mit Absicht getan, aber -gerade bei so unangenehmer Arbeit, Sie verstehen schon ... Setzen Sie -sich, bitte.« - -Pjotr Stepanowitsch warf sich sogleich ungeniert auf den Diwan und zog -die Beine unter den Stuhl. - - - III. - -»Was ist denn das für eine unangenehme Arbeit? Doch nicht etwa diese -Dummheiten?« Dabei wies er mit dem Kopf auf die Proklamation. »Solche -Blätter kann ich Ihnen so viele verschaffen, wie Sie nur wollen. Habe -deren Bekanntschaft schon im H--schen Gouvernement gemacht.« - -»Das heißt, damals, als Sie dort waren?« - -»Versteht sich, nicht in meiner Abwesenheit. Und dann war da noch eine -mit einer Vignette: ein Beil oben. Erlauben Sie« -- er nahm das Blatt -vom Tisch -- »na ja, hier ist ja auch ein Beil; natürlich, das ist ja -dieselbe!« - -»Ja, ein Beil. Sehen Sie -- ein Beil.« - -»Was, haben Sie etwa Angst bekommen vor dem Beil?« - -»Oh, nicht vor dem Beil ... Und ich habe durchaus keine Angst. Aber -diese Sache ... Es gibt hier noch ... gewisse Umstände.« - -»Was für welche? Daß man sie aus der Fabrik gebracht hat? Ha--ha! Aber -wissen Sie auch, daß die Arbeiter dieser Fabrik bald selbst -Proklamationen schreiben werden?« - -»Wie das?« Von Lembke sah auf -- streng, verwundert. - -»Ganz einfach. Sie sind ein zu weicher Mensch, Andrei Antonowitsch. -Schreiben Romane. Hier aber müßte man noch auf die alte Weise -verfahren.« - -»Wie das -- alte Weise? Sollen das Ratschläge sein? Die Fabrik ist doch -gereinigt worden. Ich befahl es, und sie wurde gereinigt!« - -»Und unter den Arbeitern ist derweil eine Empörung ausgebrochen. Übers -Knie legen müßte man die Kerls, und die Sache wäre erledigt.« - -»Eine Empörung? Das ist unmöglich! Ich habe doch den Befehl gegeben, und -man hat die Fabrik gereinigt!« - -»Ach, Andrei Antonowitsch, Sie sind wirklich ein weicher Mensch!« - -»Ich? Nun -- erstens bin ich durchaus nicht so furchtbar weich und -zweitens ... --« von Lembke ärgerte sich. Eigentlich sprach er mit dem -jungen Mann gegen seinen Willen, doch die Neugier, ob dieser nicht etwas -Besonderes sagen würde, war zu groß, um der Unterredung einen Schluß zu -machen. - -»A--ah! wieder eine alte Bekannte!« unterbrach ihn Pjotr Stepanowitsch -und zog unter einem Buch ein anderes Blatt hervor, eine augenscheinlich -im Auslande gedruckte Proklamation, die aber in Versen abgefaßt war. -»Na, die kenne ich ja auswendig: natürlich, das ist sie ja -- die >helle -Persönlichkeit<! Habe diese Persönlichkeit schon im Auslande kennen -gelernt. Wo haben Sie denn diese hervorgekratzt?« - -»Sie sagen, Sie haben sie schon im Auslande gesehen?« horchte Herr von -Lembke auf. - -»Na, das fehlte noch, daß ich sie nicht gesehen hätte! -- vor vier oder -fünf Monaten!« - -»Was Sie im Auslande nicht alles gesehen haben!« von Lembke besah ihn -sich mißtrauisch. - -Doch Pjotr Stepanowitsch beachtete die Bemerkung nicht, nahm das Blatt -und las laut das folgende Gedicht: - - - »Die helle Persönlichkeit. - - Von Geburt kein Edelmann, - Unterm Volk wuchs er heran. - Bald verfolgt vom Zorn des Zaren - Und dem Hasse der Bojaren, - Predigte er allerorten - Stets mit siegbewußten Worten - Unerschrocken, wie man sah: - >Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!< - Häscher fingen ihn alsbald. - Doch er floh in fremdes Land - -- aus des Zaren Kasematte, - Wo man Peitschen, Zangen hatte --, - Fuhr von dort fort, hier zu schüren, - Und die Wirkung war zu spüren, - Denn das Volk begann zu warten - Und zu murren ob des harten - Schicksals, doch sieh da: - »Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!« - Also sagt's Euch der Student, - Hört es jetzt bis nach Taschkent! - Komme schleunigst jeder Mann, - Um den Adel und alsdann - Selbst das Zartum zu vernichten! - Hört und kommt und laßt uns richten! - Hört auf des Studenten Wort: - Aller alter Kram muß fort -- - Kirchen, Ehen und Familien - Nebst den Kindern, den Reptilien! - Doch das Hab und Gut der Welt, - Land, Besitz und alles Geld -- - Das soll Allgemeingut werden - In dem neuen Reich auf Erden!« - -»Das haben Sie wohl bei jenem Leutnant gefunden, nicht?« fragte Pjotr -Stepanowitsch. - -»Wie, Sie kennen auch diesen Leutnant?« - -»Wie denn nicht! Habe zwei Tage lang mit ihm gekneipt. Der mußte -unbedingt mal überschnappen.« - -»Er ... Vielleicht ist er überhaupt nicht irrsinnig geworden.« - -»Etwa darum nicht, weil er zu beißen anfing?« - -»Aber, erlauben Sie: wenn Sie dieses Gedicht im Auslande gesehen haben --- und später findet es sich hier bei diesem Offizier ...« - -»Hm! Ganz scharfsinnig! Sie, Andrei Antonowitsch, Sie scheinen mich ja, -wie ich sehe, examinieren zu wollen? Sehen Sie,« begann er plötzlich mit -ungewöhnlicher Wichtigkeit, »darüber, was ich im Auslande gesehen, habe -ich sofort nach meiner Rückkehr einer bestimmten Stelle Mitteilung -gemacht, und meine Erklärungen wurden als befriedigend befunden. -Andernfalls hätte ich ja auch diese liebe Stadt hier gar nicht mit -meinem Besuch beglücken können. Ich glaube also, daß meine Pflichten auf -diesem Gebiet erledigt sind und ich weiter niemandem Rechenschaft -schuldig bin. Und nicht etwa deswegen erledigt, weil ich vielleicht ein -Denunziant bin, sondern weil ich einfach gar nicht anders handeln -konnte. Diejenigen, die an Julija Michailowna über mich geschrieben -haben, kannten die ganze Sachlage ... und haben mich als ehrlichen -Menschen empfohlen. Na, aber zum Teufel damit! Eigentlich bin ich zu -Ihnen gekommen, um über etwas sehr Ernstes mit Ihnen zu sprechen. Es ist -gut, daß Sie diesen Ihren Schornsteinfeger fortgeschickt haben. Es ist -eine wichtige Sache, Andrei Antonowitsch. Ich habe nämlich eine sehr -große Bitte an Sie.« - -»Eine Bitte? Hm ... haben Sie die Güte, ich ... bin gespannt ... hm! ... -wird mich sehr interessieren. Überhaupt muß ich sagen, Sie setzen mich -heute ein wenig in Erstaunen.« - -Von Lembke war merklich erregt. Pjotr Stepanowitsch schlug ein Bein -übers andere. - -»In Petersburg,« begann er, »war ich in vieler Hinsicht aufrichtig, doch -über gewisse Einzelheiten ... zum Beispiel diese da« -- er wies mit dem -Finger auf die »helle Persönlichkeit« -- »habe ich geschwiegen, erstens -weil es sich nicht lohnte, darüber zu sprechen, und zweitens, weil ich -nur das sagte, wonach man mich fragte. Ich liebe es nicht, in diesem -Sinne vorzugreifen; darin sehe ich auch den Unterschied zwischen einem -Schurken und einem ehrlichen Menschen, den ganz einfach nur die Umstände -überrumpelt haben und zwingen ... Na, das mag nebenbei gesagt sein. Nun -und jetzt ... jetzt, nachdem diese Dummköpfe ... na, ich meine, da es -jetzt herausgekommen ist, sich bereits in Ihren Händen befindet und sich -vor Ihnen schon nicht mehr wird verstecken können -- denn Sie sind doch -ein Mensch mit Augen, es ist gar nicht so leicht, hinter Sie zu kommen --- diese Dummköpfe aber in ihrem Vorhaben fortfahren ... na, nun ja ... -also: ich bin ... ganz einfach ... zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, -einen Menschen zu retten, einen ebensolchen Dummkopf oder meinetwegen -Verrückten ... in Anbetracht seiner Jugend, seines Unglücks, und ... und -Ihrer Humanität ... zum Kuckuck, Sie wollen doch nicht nur in Romanen -human und gut und edel sein!« unterbrach er plötzlich, anscheinend aus -lauter Verlegenheit grob, seine ungeschickte Rede. - -Kurz: man sah einen ehrlichen, offenherzigen Menschen vor sich, der bloß -ungeschickt und unpolitisch war, und das wohl aus Gutmütigkeit oder -übergroßer Gewissenhaftigkeit. Und jedenfalls mußte er »nicht von weitem -her« sein, urteilte von Lembke sofort mit außerordentlichem Feingefühl: -genau so, wie er ihn eigentlich schon immer eingeschätzt hatte -- -besonders wenn er ihn in den schlaflosen Nächten der letzten Woche wegen -seines Erfolges bei Julija Michailowna in seiner Seele beschimpft und -heruntergerissen hatte. - -»Für wen bitten Sie denn und was soll das alles bedeuten?« erkundigte er -sich würdevoll, bemüht, seine Neugier zu verbergen. - -»Für ... ja das ... zum Teufel, ich bin doch nicht schuld daran, daß ich -an Sie glaube! Was kann ich denn dafür, daß ich Sie für den -edelmütigsten Menschen halte und, vor allem, für einen verständigen ... -der fähig ist, zu begreifen, das heißt, zu verstehen ... nun, zum Henker -...« - -Der Arme! Augenscheinlich verstand er sich nicht recht auszudrücken und -verwickelte sich nur! - -»Sie verstehen doch,« fuhr er fort, »begreifen doch, daß ich, wenn ich -Ihnen seinen Namen nenne, ihn damit sozusagen in Ihre Hände liefere, -nicht wahr, ich liefere ihn dann Ihnen doch aus? Nicht wahr?« - -»Aber wie soll ich es denn erraten, für wen Sie bitten, wenn Sie sich -nicht entschließen können, mir seinen Namen zu nennen?« - -»Ach, ja, in der Tat, das ist es ja gerade! Sie stellen einem, weiß der -Teufel, mit Ihrer Logik immer ein Bein ... Na, zum Henker ... Also diese ->helle Persönlichkeit<, dieser >Student< ist -- _Schatoff_ ... So, da -haben Sie's jetzt!« - -»Schatoff? Das heißt, wie denn Schatoff?« - -»Schatoff -- das ist der >Student<, von dem da im Gedicht die Rede ist! -Er lebt hier! Früherer Leibeigener! Derselbe, der neulich die Ohrfeige -gegeben hat! Sie wissen schon!« - -»Ich weiß, ich weiß!« von Lembke kniff die Augen zusammen. »Aber -erlauben Sie, worin besteht denn eigentlich seine Schuld und, die -Hauptsache, -- um was bitten Sie denn eigentlich?« - -»Aber ihn zu retten, verstehen Sie doch endlich! Ich kenne ihn ja schon -seit acht Jahren! Ich -- ich war ja sein Freund!« Pjotr Stepanowitsch -regte sich anscheinend furchtbar auf. »Nun ja, ich bin doch nicht -verpflichtet, Ihnen Rechenschaft über Früheres zu geben,« meinte er und -winkte mit der Hand ab, »das ist alles so belanglos. Sind ja nur -dreieinhalb Menschen, und mit denen im Auslande noch nicht mal zehn ... -Aber, die Hauptsache, -- ich hoffte auf Ihre Humanität und zugleich auf -Ihren Verstand. Sie verstehen mich doch, Sie werden die Sache dann schon -selber so darstellen, wie sie wirklich ist, und nicht als weiß der -Teufel was! -- vielmehr als den dummen Gedanken eines verdrehten -Menschen ... infolge seines Unglücks, vergessen Sie das nicht, infolge -seines Unglücks, und nicht als weiß der Teufel was da -- für eine -Verschwörung gegen den Staat ...« - -Pjotr Stepanowitsch geriet vor Eifer fast außer Atem. - -»Hm ... Ich sehe schon, daß er der Schuldige ist -- an den -Proklamationen mit dem Beil!« schloß von Lembke mit nahezu erhabener -Miene. »Aber, erlauben Sie, wenn er allein es ist, wie konnte er sie -dann hier und zugleich in der Provinz verstreuen und sogar im H--schen -Gouvernement und ... schließlich, die erste Frage: wo hat er sie -überhaupt herbekommen?« - -»Aber ich sage Ihnen doch, daß es im ganzen vielleicht fünf Menschen -sind, na, sagen wir, zehn -- wie soll ich es wissen!« - -»Sie wissen es nicht?« - -»Ja, zum Henker, warum soll ich es denn wissen?« - -»Aber Sie wußten doch, daß Schatoff einer von ihnen ist?« - -»Ach!« Pjotr Stepanowitsch winkte wieder mit der Hand ab, als wolle er -den erdrückenden Scharfsinn des anderen zurückscheuchen. »Na, hören Sie, -ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen: von den Proklamationen weiß -ich nichts, das heißt, so gut wie nichts, -- zum Teufel, Sie verstehen -doch, was >nichts< bedeutet? ... Nun, versteht sich, hier ist es der -eine Leutnant, nun, und Schatoff, nun, und vielleicht noch irgend -jemand, na -- aber das ist auch alles! Nicht der Rede wert! ... Einfach -kläglich! ... Ich aber bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie für Schatoff zu -bitten: man muß ihn retten, denn dieses Gedicht da -- ist von ihm, sein -eigenes Werk und im Auslande durch ihn gedruckt. So, das ist alles, was -ich genau weiß, aber von den Proklamationen weiß ich so gut wie gar -nichts!« - -»Wenn das Gedicht von ihm verfaßt ist, so werden wohl auch die -Proklamationen von ihm verfaßt sein. Aber welche Beweise haben Sie denn, -um Herrn Schatoff zu verdächtigen?« - -Pjotr Stepanowitsch riß seine Brieftasche hervor, wie ein Mensch, der -schon nahe daran ist, aus der Haut zu fahren, und warf einen Zettel auf -den Tisch. - -»Da haben Sie die Beweise!« rief er. - -Von Lembke faltete den Zettel auseinander: er war vor einem halben Jahr -aus unserer Stadt geschrieben worden und enthielt nur die kurze -Mitteilung: - - »Die helle Persönlichkeit« kann ich hier nicht drucken, und - überhaupt kann ich nichts machen. Drucken Sie im Auslande. - - Iwan Schatoff. - -Von Lembke blickte Pjotr Stepanowitsch unverwandt an ... Warwara -Petrowna hatte recht, wenn sie behauptete, daß Herr von Lembke einen -manchmal etwa wie ein Schaf anblicken konnte. - -»Sehen Sie,« begann Pjotr Stepanowitsch ungeduldig, »das bedeutet, daß -er dieses Gedicht vor einem halben Jahr hier geschrieben hat. Er konnte -es aber nicht hier drucken lassen, na, in irgendeiner, sagen wir, -geheimen Druckerei, -- und darum bittet er, es im Auslande zu drucken -... Das ist doch klar, sollte ich meinen?« - -»Ja, das ist natürlich klar, aber wen bittet er denn darum? Das ist, wie -Sie sehen, durchaus noch nicht klar,« bemerkte von Lembke mit -schlauester Ironie. - -»Aber Kirilloff doch! Der Brief ist doch an Kirilloff ins Ausland -geschrieben ... Wußten Sie das etwa nicht? Ärgerlich an der ganzen Sache -ist ja nur, daß Sie sich vor mir vielleicht nur verstellen und selbst -schon lange von diesem Gedicht wissen, na, und auch alles andere! Wie -ist es denn auf Ihren Tisch gekommen? Wenn Sie es überhaupt zu erwischen -verstanden haben! -- wozu foltern Sie mich dann noch mit Ihren Fragen, -wenn's so ist?« - -Er wischte sich fast bebend den Schweiß von der Stirn. - -»Vielleicht ist auch mir einiges bekannt ...« bemerkte Herr von Lembke, -geschickt ausweichend, »aber wer ist denn dieser Kirilloff?« - -»Nun, ein Ingenieur, vor kurzem hier angekommen. War Stawrogins -Sekundant. Einfach ein Maniak, total verrückt. Ihr Leutnant hatte -vielleicht wirklich nur Schnupfenfieber als er biß, na, aber dieser, ich -sage Ihnen, der ist schon längst fürs Tollhaus reif -- dafür garantiere -ich. Ach, Andrei Antonowitsch, wenn die Regierung nur wüßte, was das da -für Leutchen sind, sie würde ja keinen Finger rühren. Hab mich in der -Schweiz und auf den Kongressen an ihnen satt gesehen, übersatt!« - -»Dort, von wo aus man die Bewegungen bei uns leitet?« - -»Ja, wer leitet denn? Dreieinhalb Menschen! Wenn man sie ansieht, sage -ich Ihnen, kann man bloß Lust zum Gähnen bekommen. Und was sind denn das -für >Bewegungen bei uns<? Etwa die Verbreitung von Proklamationen? Aber -wer verbreitet sie denn? Verschnupfte Leutnants und zwei bis drei -Studenten! Sie sind doch ein kluger Mensch, da stelle ich Ihnen nun eine -Frage: warum schließen sich nicht etwas bedeutendere Menschen der Sache -an, warum immer nur Studenten und Jünglinge von zweiundzwanzig Jahren? -Und wie viele sind ihrer denn selbst von solchen? Man läßt sie wohl von -einer Million geübter Hunde suchen, doch wie viele hat man bisher -gefunden? Sieben Mann! Ich sage Ihnen ja, nur Lust zum Gähnen bekommt -man.« - -Von Lembke hörte ihm aufmerksam zu, aber mit einem Ausdruck, der -gleichsam sagte: »Eine Nachtigall machst du mit Fabeln nicht satt.« - -»Erlauben Sie, einstweilen, -- Sie behaupten, daß der Brief ins Ausland -geschrieben ist; hier ist aber keine Adresse; woher wissen Sie es denn, -daß der Brief an Kirilloff gerichtet ist? und schließlich überhaupt ins -Ausland und ... und ... daß er wirklich von Herrn Schatoff geschrieben -ist?« - -»So verschaffen Sie sich doch sofort Schatoffs Handschrift und -vergleichen Sie! In Ihrer Kanzlei wird sich bestimmt irgendeine -Unterschrift von ihm finden. Und was Kirilloff betrifft, so hat er mir -doch selbst den Brief gezeigt. Gleich damals, als er ihn bekam.« - -»Also haben Sie wohl selbst ...« - -»Na ja, versteht sich doch, daß ich selbst! ... Als ob man mir dort -wenig gezeigt hätte! Nun, und dieses Gedicht, heißt es, soll der -verstorbene Herzen persönlich für Schatoff geschrieben haben, als der -sich noch im Auslande herumtrieb, angeblich zum Andenken an ihre -Begegnung, als Lob, als Empfehlung gewissermaßen, na, hol's der Teufel -... und Schatoff verbreitet es nun unter der Jugend: >Seht, das ist -Herzens eigene Meinung über mich<!« - -»Tje -- tje -- tje,« schnalzte von Lembke, endlich begreifend, »das -meine ich ja auch: Proklamationen -- das versteht man noch, aber -Gedichte!?« - -»Ja, wie sollten Sie es denn nicht verstehen! Und weiß der Teufel, wozu -ich Ihnen eigentlich das alles noch überflüssigerweise ausgeplaudert -habe! Hören Sie, geben Sie mir Schatoff, und dann meinetwegen zum Henker -mit den anderen allen, selbst mit Kirilloff, der sich jetzt gleichfalls -im Filippoffschen Hause, in dem auch Schatoff wohnt, versteckt hat. Die -lieben mich nicht, weil ich zurückgekommen bin ... Aber versprechen Sie -mir Schatoff, und ich präsentiere Ihnen alle die anderen auf einem -Tablett. Kann Ihnen nützlich sein, Andrei Antonowitsch. Ich schätze -diese ganze traurige Bande auf neun Mann, na, sagen wir -- zehn. Ich -beobachte sie von mir aus. Drei kennen wir schon: Schatoff, Kirilloff -und dieser Leutnant. Die anderen prüfe ich erst noch ... übrigens: bin -nicht gerade kurzsichtig. Das ist ganz wie im H--schen Gouvernement: -zwei Studenten wurden dort mit Proklamationen ergriffen, ein Gymnasiast, -zwei zwanzigjährige Edelleute, ein Lehrer und ein sechzigjähriger Major, -der vom Trunk schon unzurechnungsfähig geworden war ... und das war -alles, glauben Sie mir, das war alles! Man wunderte sich nicht wenig, -daß das alles war. Aber ich brauche sechs Tage. Ich rieche schon den -Braten und habe meine Berechnung gemacht: sechs Tage und nicht früher! -Wenn Sie irgendein Ergebnis haben wollen -- lassen Sie sie in diesen -sechs Tagen ganz und gar ungeschoren, und ich binde sie Ihnen in ein -Bündel zusammen! Rühren Sie sich jedoch früher, so fliegt das ganze Nest -auseinander! Aber versprechen Sie mir dafür Schatoff, ich bitte ja nur -für Schatoff ... Wissen Sie, am besten wäre es, wenn Sie ihn -freundschaftlich zu sich kommen ließen, sagen wir meinetwegen, hierher -in Ihr Arbeitszimmer, und dann, wissen Sie: vor ihm den Vorhang -aufgezogen und ein wenig gefragt! Ach, er wird sich sofort Ihnen zu -Füßen werfen und losweinen! Er ist ein nervöser, unglücklicher Mensch. -Seine Frau amüsiert sich mit Stawrogin. Seien Sie gut zu ihm, und er -wird Ihnen alles selbst erzählen. Doch ich brauche noch sechs Tage, wie -gesagt ... Die Hauptsache aber, die Hauptsache: sagen Sie Julija -Michailowna keinen Ton, kein halbes Wort davon! Geheimnis! Können Sie?« - -»Wie?« von Lembke riß die Augen auf. »Haben Sie ihr denn nicht schon -selbst alles ... enthüllt?« - -»Ihr? Behüte und bewahre! Ach, Andrei Antonowitsch! Sehen Sie mal, ich -schätze ja ihre Freundschaft unendlich und sie überhaupt ... na, aber -das da ... ich werde mich doch nicht so verhauen. Ich widerspreche ihr -nie, denn ihr widersprechen -- Sie wissen ja selbst -- ist gefährlich. -Vielleicht habe ich ihr auch mal dieses oder jenes Wörtchen gesagt, aber -daß ich ihr, wie jetzt Ihnen, Namen genannt hätte, oder so etwas -- wo -denken Sie hin! ... Warum wende ich mich denn an Sie? Weil Sie immerhin -ein Mann sind, ein ernster Mensch, mit alten, festen Erfahrungen im -Staatsdienst. Sie haben doch manches im Leben gesehen! Sie wissen -außerdem, glaub ich, jeden Schritt in solchen Dingen auswendig wie das -Einmaleins -- schon von Petersburg her. Sollte ich aber ihr zum Beispiel -auch nur zwei Namen nennen, wie würde sie da gleich lostrommeln ... Sie -will doch von hier aus ganz Petersburg in Erstaunen setzen! Ein wenig zu -hitzig ist sie, das ist der Fehler!« - -»Ja, sie hat etwas von diesem Temperament ...« murmelte von Lembke nicht -ganz ohne Genugtuung, während es ihn zu gleicher Zeit doch ärgerte, daß -dieser Flegel es augenscheinlich wagte, sich so frei über Julija -Michailowna zu äußern. - -Pjotr Stepanowitsch dagegen schien das noch zu wenig zu sein, um -andererseits seinen »Lembka« mit genügenden Schmeicheleien überschütten, -ihn ganz besiegen und endgültig einfangen zu können. - -»Das ist es: zuviel Temperament,« griff er das Wort auf. »Mag sie da -meinetwegen, sagen wir, eine geniale Frau sein, eine literarische Frau, -aber -- die Spatzen jagt sie uns auseinander! Sechs Stunden hält sie es -nicht aus, von sechs Tagen schon ganz zu schweigen. Ach, Andrei -Antonowitsch, laden Sie nicht eine Frist von sechs Tagen auf ein Weib! -Sie müssen mir doch einige Erfahrung zugestehen, ich meine -- in diesen -Dingen. Ich weiß da manches, und Sie wissen ja selbst, daß ich manches -wissen kann. Nicht aus Dummheit bitte ich Sie um sechs Tage, sondern -einzig um der Sache willen.« - -»Ich habe gehört ...« von Lembke konnte sich nicht recht entschließen, -seinen Gedanken auszusprechen, »ich habe gehört, daß Sie nach Ihrer -Rückkehr zuständigen Orts gewisse ... Erklärungen abgegeben hätten ... -in etwa als ... Reuebekenntnis?« - -»Na ja, was hat man nicht alles!« - -»Gewiß, gewiß, und ich will auch weiter gar nichts Näheres ... Hm ... -Aber es hat mir bloß immer geschienen, daß Sie hier gewöhnlich in einem -ganz anderen Stile gesprochen haben, zum Beispiel über das Christentum, -über die öffentlichen Einrichtungen und schließlich auch über die -Regierung ...« - -»Na, als ob ich wenig gesprochen habe. Auch jetzt spreche ich noch so, -nur muß man diese Gedanken nicht so durchführen, wie jene Dummköpfe es -wollen. Das ist es. Aber sonst -- was ist denn dabei, daß er in die -Schulter gebissen hat? Sie waren ja selbst in diesen Dingen mit mir -einverstanden, nur sagten Sie, es sei noch zu früh.« - -»Ich war eigentlich nicht in dem Sinne mit Ihnen einverstanden, und auch -mit dem >zu früh< meinte ich etwas anderes ...« - -»Dann ist also jedes Ihrer Worte mit einem Haken versehen, he--he! Sind -wirklich ein vorsichtiger Mensch!« bemerkte Pjotr Stepanowitsch -plötzlich sehr heiter. »Hören Sie, mein Teuerster, ich mußte Sie doch -erst ein wenig kennen lernen, na, und da habe ich denn zu diesem Zweck -eben in meinem Stile gesprochen. Das habe ich nicht nur mit Ihnen allein -so gemacht, sondern mit vielen. Vielleicht wollte ich erst nur Ihren -Charakter kennen lernen.« - -»Wozu denn meinen Charakter?« - -»Na, wie soll ich es denn wissen, wozu!« (er lachte wieder). »Sehen Sie -mal, mein lieber und hochverehrter Andrei Antonowitsch, Sie sind schlau, -aber dazu ist es noch nicht gekommen, wird es auch bestimmt nicht -kommen, Sie verstehen doch? Vielleicht verstehen Sie mich wirklich? Wenn -ich auch dort zuständigen Orts Erklärungen gegeben habe, als ich aus dem -Auslande zurückkehrte, und ich weiß wirklich nicht, warum ein Mensch mit -gewissen Überzeugungen nicht zum Vorteil dieser seiner aufrichtigen -Überzeugungen handeln sollte ... so hat mir _dort_ doch niemand etwas -über Ihren Charakter gesagt, und ich habe mir noch gar keine Pflichten -von _dort_ aufladen lassen. Sie begreifen doch: ich hätte ebensogut -nicht Ihnen als erstem zwei Namen zu nennen gebraucht, sondern einfach -_dahin_, na, Sie verstehen schon, -- einen Wink geben können, ich meine, -dahin, wo ich die ersten Erklärungen abgab. Na, und wenn ich mich etwa -für Geld bemühte, oder für sonst irgendeinen Vorteil, so wäre das -meinerseits keine Berechnung gewesen, denn dankbar wird man jetzt bloß -Ihnen sein, nicht mir. Aber ich tue es, wie gesagt, nur wegen Schatoff,« -sagte Pjotr Stepanowitsch mit viel Edelmut, »-- nur für Schatoff, aus -alter Freundschaft ... Na, aber dann, meinetwegen, wenn Sie _dorthin_ -schreiben, na, dann könnten Sie mich vielleicht auch ein bißchen loben, -wenn Sie wollen ... werde nicht widersprechen. He--he ... Aber jetzt -adieu, hab schon verboten lange hier gesessen, und eigentlich sollte man -überhaupt nicht so viel sprechen!« fügte er nicht unzufrieden hinzu und -erhob sich vom Diwan. - -»Im Gegenteil, es freut mich sehr, daß diese Angelegenheit sozusagen -bestimmtere Formen annimmt.« Von Lembke erhob sich gleichfalls und sehr -liebenswürdig, -- augenscheinlich noch unter dem Eindruck der letzten -Worte. »Mit Dank nehme ich Ihre Hilfe an, und seien Sie überzeugt, daß -ich die Bemerkung über Ihren Eifer ...« - -»Sechs Tage, nur sechs Tage Frist, das ist die Hauptsache und alles, was -ich brauche ... aber daß Sie sich in diesen sechs Tagen nicht rühren!« - -»Gut!« - -»Versteht sich, ich binde Ihnen ja nicht die Hände, wie sollte ich das -auch! Sie können doch gar nicht etwa nicht beobachten lassen. Nur -- -schrecken Sie das Nest nicht vor der Zeit auf, -- das ist es, worin ich -mich jetzt auf Ihre Klugheit und Ihre Erfahrung verlasse! Na, Sie haben -wohl schon unzählige Jagdhunde bereit? He--he!« platzte lustig und -leichtsinnig (eben wie ein junger Mensch) Pjotr Stepanowitsch heraus. - -»So schlimm ist es gerade nicht,« sagte von Lembke ausweichend, doch -angenehm berührt. »Das ist ein Vorurteil der Jugend, die immer alles -vorbereitet glaubt ... Aber erlauben Sie, noch ein Wort: wenn dieser -Kirilloff Stawrogins Sekundant war, so muß doch auch Herr Stawrogin in -diesem Falle ...« - -»Wieso Stawrogin?« - -»Ich meine, wenn sie solche Freunde sind?« - -»Oh, nein, nein, nein! Diesmal haben Sie fehlgeschossen, wenn Sie auch -sonst schlau sind! Aber Sie setzen mich geradezu in Erstaunen! Denn ich -glaubte doch, daß Sie in betreff dieser Dinge unterrichtet sind ... Hm -... Stawrogin -- das ist das vollkommenste Gegenteil, das heißt, das -vollkommenste! ... _Avis au lecteur._«{[125]} - -»In der Tat? Ist's möglich?« fragte von Lembke ungläubig. »Mir hat -Julija Michailowna gesagt, daß Stawrogin, nach ihren Erkundigungen in -Petersburg, ein Mensch mit einigen, sozusagen, Instruktionen ...« - -»Ich weiß nichts, nichts, nichts, keine Ahnung. Adieu. _Avis au -lecteur!_« wich Pjotr Stepanowitsch plötzlich und nur zu offensichtlich -allen weiteren Fragen aus und schwirrte schon zur Tür. - -»Erlauben Sie, Pjotr Stepanowitsch, erlauben Sie, noch einen -Augenblick!« rief ihn von Lembke zurück. »Noch ein Wort, und dann halte -ich Sie nicht mehr auf.« Er nahm aus einem Schubfach einen Brief heraus. - -»Sehen Sie, -- gleichfalls ein Exemplar, das in diese Kategorie gehört. -Und hiermit beweise ich Ihnen, daß ich das größte Vertrauen zu Ihnen -habe. Was sagen Sie zu diesem Brief?« - -Es war ein sonderbarer Brief: ohne Unterschrift, an Herrn von Lembke -adressiert, und gestern erst hatte er ihn erhalten. Pjotr Stepanowitsch -las zu seinem größten Ärger folgendes: - - »Eure Exzellenz! - - Sintemal Sie das nach Ihrem Range sind. Hiermit melde ich - Mordanschläge auf alle hohen Würdenträger und das Vaterland; - sintemal es gerade dazu führt. Habe selbst vieles ununterbrochen - jahrelang verstreut. Auch Gottlosigkeit ist dabei. Ein Aufstand - bereitet sich vor und Proklamationen gibt es Tausende, und nach - jeder laufen dann hundert Mann mit herausgestreckter Zunge, wenn sie - die Regierung nicht vorzeitig fortnimmt, sintemal man viel - verspricht und das einfache Volk dumm ist, und hinzu kommt dann noch - der Schnaps. Das Volk sucht den Schuldigen und wird diese wie jene - verderben. Ich fürchte aber diese wie jene, und bereue, woran ich - gar nicht teilgenommen, denn meine Verhältnisse sind einmal so. Wenn - Sie wollen, daß ich Anzeige erstatte zur Rettung des Vaterlandes und - ebenso der Kirchen und Heiligenbilder, so kann das nur ich allein. - Aber mit der Bedingung, daß man mir Begnadigung aus der dritten - Abteilung telegraphisch zusagt, sofort und mir allein von allen; die - anderen können es dann ausbaden. Auf das Fenster beim Portier - stellen Sie zum Zeichen jeden Tag abends um sieben Uhr ein Licht. - Sehe ich dieses, so werde ich glauben und komme dann, um die - barmherzige Hand aus Petersburg zu küssen, aber mit der Bedingung, - daß ich eine Pension erhalte, sintemal wovon soll ich denn sonst - leben? Sie werden es nicht zu bereuen brauchen, denn für Sie kommt - dabei ein Orden heraus. Aber vorsichtig muß man sein, sonst drehen - sie einem den Hals um! - - Euer Exzellenz verzweifelter Mensch - fällt vor Euer Exzellenz auf die Knie - als reuiger Freidenker - - _Inkognito_.« - -Von Lembke erklärte, daß man den Brief gestern beim Portier gefunden -hatte. - -»Was halten Sie davon?« fragte Pjotr Stepanowitsch beinahe grob. - -»Ich würde annehmen, daß das ein Schmähbrief ist ... ein anonymer, zum -Spott ...« - -»Höchstwahrscheinlich wird es auch so sein. Sie kann man wirklich nicht -so leicht hinters Licht führen.« - -»Und vor allen Dingen deshalb, weil es so dumm ist.« - -»Haben Sie hier noch irgendwelche Schmähbriefe bekommen?« - -»Ja, zweimal, und beide anonym.« - -»Na, versteht sich doch von selbst, daß die sich nicht unterzeichnen -werden! -- Derselbe Stil? Dieselbe Handschrift?« - -»Nein, verschiedener Stil und verschiedene Handschrift.« - -»Und ebenso närrisch wie dieser?« - -»Ja, auch närrisch, und wissen Sie ... sehr gemeine Briefe.« - -»Na, wenn Sie schon welche bekommen haben, so wird es jetzt wohl -derselbe Absender sein.« - -»Und vor allen Dingen, weil die Briefe so dumm sind. Diese Leute sind -doch gebildet und würden schon so dumm nicht schreiben.« - -»Natürlich, versteht sich.« - -»Aber wie, wenn nun wirklich jemand etwas anzeigen will?« - -»Das ist sehr unwahrscheinlich,« schnitt Pjotr Stepanowitsch trocken ab. -»Was soll denn das Telegramm aus der dritten Abteilung bedeuten? und die -Pension? Es ist ja sonnenklar, daß es eine Anulkung ist!« - -»Ja ... Natürlich,« von Lembke war ein wenig beschämt. - -»Wissen Sie was! Überlassen Sie mir den Brief. Ich werde Ihnen sofort -den Verfasser herausfinden. Früher noch als die anderen.« - -»Nehmen Sie ihn,« sagte von Lembke, doch erst nach einigem Zögern. - -»Haben Sie ihn schon jemandem gezeigt?« - -»Nein, bewahre! Niemandem!« - -»Auch nicht Julija Michailowna?« - -»Da sei Gott vor! und ums Himmels willen, zeigen Sie ihn ihr auch -nicht!« rief von Lembke erschrocken. »Er würde sie so aufregen ... und -sie würde sich furchtbar über mich ärgern.« - -»Natürlich, verstehe schon! Sie würde sagen, daß Sie selbst daran schuld -sind, wenn man Ihnen so was zu schreiben wagt! Man kennt doch -Weiberlogik. Na, aber jetzt leben Sie wohl. Vielleicht kann ich Ihnen -schon in drei Tagen den Verfasser nennen. Aber vergessen Sie nur unsere -Abmachung nicht!« - - - IV. - -Pjotr Stepanowitsch war gewiß kein dummer Mensch, doch Fedjka, der -Zuchthäusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: »Der -stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er -dann mit ihm.« - -Pjotr Stepanowitsch verließ Herrn von Lembke in der festen Überzeugung, -daß er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber -brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil -er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich für immer als -vollkommen beschränkten Menschen vorgestellt hatte. - -Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mißtrauische Mensch, im ersten -Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von größter und -freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm -nun zunächst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen -neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch -wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber -die letzten Tage hatten ihn so müde gemacht, und er fühlte sich so -gequält und so hilflos, daß seine Seele sich unwillkürlich nach Ruhe -sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder über ihn. Das lange -Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren -hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der »neuen -Generation« war ihm ziemlich bekannt -- war er doch ein wißbegieriger -Mensch, der selbst Proklamationen sammelte --, nur hatte er noch nie -auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber -stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, daß in -Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmögliches enthalten war, -irgend etwas außerhalb aller Formen und Vereinbarungen -- »wenn auch -übrigens der Teufel wissen mag, was da in dieser >neuen Generation< -alles möglich ist und überhaupt ... wie sie das da alles machen!« dachte -er bei sich und verlor sich in Erwägungen. - -Da steckte zum Unglück wieder Blümer seinen Kopf durch die Tür. Die -ganze Zeit während der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der -Nähe gewartet. Dieser Blümer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt, -wenn auch allerdings nur weitläufig, doch diese Verwandtschaft wurde -sorgfältig und ängstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um -Entschuldigung, daß ich hier über diesen unbedeutenden Menschen ein paar -Bemerkungen einfüge. Blümer gehörte als Mensch zu der sonderbaren Abart -der »unglücklichen« Deutschen -- jedoch nicht infolge seiner tatsächlich -großen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott weiß weshalb. Diese -»unglücklichen« Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich -vorhanden, sogar in Rußland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von -Lembke hatte für diesen Blümer von jeher ein geradezu rührendes -Mitgefühl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natürlich im -Verhältnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in -seinem Ressort; doch Blümer hatte nirgends Glück. Bald wurde der Posten -aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal hätte man -ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war -gewissenhaft, doch leider irgendwie so, daß es schon zuviel war -- -zwecklos gewissenhaft, und außerdem ewig mürrisch, was ihm überall -schadete, -- dabei rothaarig, groß, ein wenig krumm, wehmütig, sogar -gefühlvoll, und bei all seiner Unterwürfigkeit doch eigensinnig und -halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur -unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen -Kindern mit einer langjährigen und ehrfürchtigen, treuen und ergebenen -Anhänglichkeit. Außer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur -gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller -Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil -der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja, -dieser Blümer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen, -und zwar gleich in den ersten süßen Tagen nach der Hochzeit, als sie -plötzlich das kränkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren -hatte. Es half auch nichts, daß ihr Gatte flehend, mit gefalteten -Händen, auf sie einredete und ihr gefühlvoll Blümers ganze -Lebensgeschichte erzählte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von -Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich für unwiderruflich blamiert -und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfällen ihren Willen durchzusetzen. -Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt -und erklärte nur, daß er seinen Blümer um keinen Preis von sich -entfernen werde, so daß sie sich schließlich ehrlich über ihn wunderte -und gezwungen war, ihm diesen Blümer zu »gestatten«. Es wurde nur -beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfältiger als bisher -geheimzuhalten, wenn das überhaupt möglich war, und sogar seinen Ruf- -und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blümer hieß -sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns -verkehrte Blümer mit keinem Menschen, außer mit einem deutschen -Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner -Gewohnheit getreu, zurückgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die -literarischen Sünden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den -Zuhörer abgeben mußte, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was -er natürlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Türen tat: -dann saß Blümer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und -strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu -bleiben und zu lächeln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen -mit seiner hageren, großfüßigen Frau über die unselige Vorliebe ihres -Wohltäters für die russische Literatur. - -Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blümer -erblickte. - -»Ich bitte dich, Blümer, mich jetzt in Ruh zu lassen,« begann er erregt -und schnell, sichtlich bemüht, eine Fortsetzung des Gespräches, das -Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden. - -»Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die -Vollmacht,« bestand Blümer ehrerbietig aber hartnäckig auf dem Seinen, -und näherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rücken immer mehr dem -Schreibtisch. - -»Blümer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt -diensteifrig, daß mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich -nur erblicke!« - -»Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich -von dem Vergnügen an dem Gesagten ruhig einschläfern. Damit schaden Sie -sich selbst.« - -»Blümer, ich habe mich soeben überzeugt, daß etwas ganz anderes -dahintersteckt, etwas ganz anderes!« - -»Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den -Sie selbst verdächtigen? Hat er Sie glücklich mit falschem Lob Ihres -literarischen Talentes so weit geblendet?« - -»Blümer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurdität, sage ich -dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unnützes Geschrei -erheben und dann Gelächter und dann Julija Michailowna ...« - -»Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen,« Blümer schritt fest -auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepreßt. »Wir können die -Durchsuchung seiner Wohnung ganz früh am Morgen vornehmen, und ganz -plötzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person, -und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute, -Lämschin und Telätnikoff, versichern felsenfest, daß wir bei ihm alles -Gewünschte finden werden. Sie haben ihn früher oft besucht. Für Herrn -Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin -hat ihm formell ihre Wohltaten für weiterhin gekündigt, und jeder -ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt überhaupt -gibt, ist überzeugt, daß dort immer die Quelle des Unglaubens und der -sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bücher, -sämtliche Werke Herzens, Rylejeffs >Dumy<[44] ... Ich habe mir schon auf -alle Fälle ein Verzeichnis seiner Bücher ...« - -»Gott, diese Bücher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist, -mein armer Blümer!« - -»Und eine Menge Proklamationen,« fuhr Blümer fort und tat, als habe er -die Bemerkung nicht gehört. »Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die -Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt -mir ungemein, ungemein verdächtig vor.« - -»Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich -durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert.« - -»Das ist doch nur Verstellung, Maske!« - -»Blümer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu quälen! Denk doch ein -bißchen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete -Persönlichkeit. Er war Professor, er ist überall bekannt, und wenn er zu -schreien anfängt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das -Witzeln über uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch -nur, was wird Julija Michailowna sagen ...« - -Blümer kam immer näher und hörte auf keinen Einwand. - -»Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach -nur Kollegienassessor außer Dienst.« Blümer preßte heftig seine rechte -Hand auf die Brust. »Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst -ist er überhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die -Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und -steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der -beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich -Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Möglichkeit, sich auszuzeichnen, -wieder vorübergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger! -...« - -»Julija Michailowna! Sch--scher dich zum ...« rief plötzlich von Lembke, -der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehört hatte. - -Blümer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht. - -»So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch,« er trat immer näher und -preßte jetzt schon beide Hände an die Brust. - -»Sch--scher dich, pack dich!« knirschte Andrei Antonowitsch. »Mach, was -du willst ... später ... O Gott!« - -Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna -erschien. Als sie Blümer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn -hochmütig und beleidigend vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre schon -seine bloße Anwesenheit kränkend für sie. Blümer machte stumm eine -tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor -Ehrerbietung, auf den Fußspitzen zur Tür. - -War es nun, daß er die letzten Worte von Lembkes für die Erlaubnis nahm, -so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise, -jedoch in der festen Überzeugung tat, seinem Wohltäter zu einem Orden zu -verhelfen, -- das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir -weiterhin sehen werden, aus diesem Gespräch des Vorgesetzten mit seinem -Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte, -als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von -Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die -bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt. - - - V. - -Für Pjotr Stepanowitsch war es ein geschäftiger Tag. Nachdem er von -Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstraße, -doch als er unterwegs in der Bykoffstraße an dem Hause vorüberkam, in -dem Karmasinoff wohnte, blieb er plötzlich stehen, lächelte und trat ins -Haus. Man öffnete ihm mit einem: »Der Herr erwarten bereits --,« was -Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus -nicht gesagt, daß er kommen werde. - -Der »große Schriftsteller« erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit -drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines »Merci« -(seinen Abschiedsgruß ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee -zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski -eingehändigt. Er hatte es aus Liebenswürdigkeit getan, in der -Überzeugung, dem jungen Manne außerordentlich zu schmeicheln, wenn er -ihm das große Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon -längst begriffen, daß dieser ruhmsüchtige, eitle und für Nichterwählte -so beleidigend unnahbare Herr, dieser »erhabene Verstand«, sich einfach -an ihn herandrängen wollte. Er erriet, daß Karmasinoff ihn, wenn auch -vielleicht nicht für den erklärten Führer alles dessen hielt, was in -ganz Rußland heimlich revolutionär war, so doch wenigstens für einen, -der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und -zweifellos großen Einfluß auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses -»klügsten Menschen in ganz Rußland« interessierten Pjotr Stepanowitsch, -doch bisher hatte er aus gewissen Gründen eine Aussprache vermieden. - -Der »große Schriftsteller« wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau -eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den »berühmten -Verwandten« geradezu vergötterte. Augenblicklich mußten sie leider -beide, zu ihrem größten Schmerz, in Moskau leben, so daß denn eine alte -Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die -Wirtschaft führte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und -aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fußspitzen, -und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast -täglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen -hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Löffel -voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen müssen, schickte sie sogar -ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er könne vielleicht krank werden. -Karmasinoff selbst sprach, wenn auch höflich, so doch nur ganz trocken -mit ihr, und nur wenn es unbedingt nötig war. Als Pjotr Stepanowitsch -bei ihm eintrat, aß er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas -Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch früher schon bei ihm gewesen, und -jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrühstück angetroffen, das er -dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal -etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Täßchen Kaffee. -Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhörbaren Stiefeln und weißen -Handschuhen. - -»A--ah!« rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, während er sich -den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr -Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu küssen -- die -charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu -berühmt sind. - -Pjotr Stepanowitsch wußte aber schon von früher, daß Karmasinoff bei -diesem bei ihm üblichen Kuß nur die Wange hinzuhalten pflegte -- da -machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach -aneinander. Karmasinoff tat, als hätte er nichts bemerkt, setzte sich -wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenüber auf einem -Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen -Nonchalance tat. - -»Sie wollen doch nicht ... Wollen Sie nicht frühstücken?« fragte -Karmasinoff ganz gegen seine Gewohnheit, doch selbstverständlich in der -Annahme, eine höflich ablehnende Antwort zu erhalten. - -Aber ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb wünschte Pjotr -Stepanowitsch sofort zu frühstücken. Ein Schatten beleidigten Erstaunens -glitt über das Gesicht des Hausherrn, doch nur auf einen Augenblick: -nervös klingelte er darauf nach dem Diener und erhob, trotz seiner guten -Erziehung, launisch die Stimme, als er ein zweites Frühstück bestellte. - -»Wollen Sie denn ein Kotelett oder Kaffee?« erkundigte er sich bei -seinem Gast. - -»Beides, und bestellen Sie noch Portwein dazu, ich bin hungrig,« sagte -Pjotr Stepanowitsch seelenruhig und betrachtete Karmasinoffs Kostüm. Es -bestand aus einer Art von Hausjackett, oder Jäckchen, jedenfalls war es -wattiert, mit Perlmutterknöpfen versehen und sehr kurz, was sich zu -seinem runden Bäuchlein und dem runden, festen Körperteil der Rückseite -wenig gut ausnahm. Über seine Knie hatte er ein kariertes wollenes Plaid -gebreitet, obgleich es im Zimmer warm war. - -»Krank etwa?« fragte Pjotr Stepanowitsch. - -»Nein, nicht krank, aber ich fürchte, krank zu werden -- in diesem -schrecklichen Klima,« antwortete Karmasinoff mit seinem kreischenden -Stimmchen, wenn auch freundlich. »Ich erwartete Sie schon gestern.« - -»Warum das? Ich hatte Ihnen doch nicht versprochen, zu Ihnen zu kommen.« - -»Ja, aber Sie haben doch mein Manuskript! Sie ... haben Sie es gelesen?« - -»Manuskript? Was für eines?« - -Karmasinoff wunderte sich maßlos. - -»Aber Sie haben es doch wenigstens mitgebracht?« rief er plötzlich so -aufgeregt, daß er sogar im Essen innehielt und mit aufgerissenen Augen -sein Gegenüber anstarrte. - -»Ach so, Sie sprechen von Ihrem >_Bonjour_<, oder wie es da hieß ...« - -»>_Merci_<.« - -»Na, bleibt sich gleich. Habe es ganz vergessen und noch kein Wort -gelesen. Keine Zeit. Wirklich, ich weiß nicht, in den Taschen ist das -Ding nicht mehr. Na, wird sich schon finden ...« - -»Nein, verzeihen Sie, ich sende lieber sofort zu Ihnen! Es könnte -verloren gehen, man könnte es stehlen!« - -»Ach wo! wer braucht denn so was! Warum regen Sie sich denn überhaupt so -auf? Sie haben doch, wie mir Julija Michailowna sagte, immer mehrere -Abschriften, eine im Auslande beim Notar, eine in Petersburg, eine in -Moskau ... und eine schicken Sie dann womöglich noch in die Bank --?« - -»Aber Moskau kann doch abbrennen, mitsamt meinem Manuskript! Nein, ich -sende doch lieber sofort zu Ihnen ...« - -»Warten Sie, hier ist es ja!« Pjotr Stepanowitsch zog aus der hinteren -Rocktasche das Manuskript hervor. »Ein wenig verknittert. Denken Sie -sich nur, so wie ich es damals nahm, so hat es ruhig mit meinem -Schnupftuch in der Tasche gelegen. Hatte es völlig vergessen.« - -Karmasinoff warf sich gierig auf sein Manuskript, besah es von allen -Seiten, zählte die Blätter nach und legte es dann fast andächtig neben -sich auf ein kleines Tischchen, doch so, daß er es jeden Augenblick -wieder ergreifen konnte. - -»Sie lesen wohl nicht viel?« konnte er sich schließlich nicht enthalten -zu fragen. - -»Nein, nicht sehr viel.« - -»Und von russischer Belletristik -- wohl überhaupt nichts?« - -»Von russischer Belletristik? Warten Sie mal, ich glaube, ich habe -einmal so etwas gelesen ... >Unterwegs< ... oder >Auf dem Weg< ... oder ->Am Kreuzweg<, oder wie es da hieß, hab's vergessen. Es ist lange her. -Las es vor etwa fünf Jahren. Hab keine Zeit.« - -Ein kurzes Schweigen trat ein. - -»Als ich herkam, versicherte ich allen, daß Sie ein ungewöhnlich kluger -Mensch sind -- und jetzt scheinen ja auch alle von Ihnen entzückt zu -sein.« - -»Danke,« sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig. - -Der Diener brachte das Frühstück, und Pjotr Stepanowitsch machte sich -mit gutem Appetit an das Kotelett, aß es im Nu auf, stürzte den Wein -hinunter und trank den Kaffee. - -»Dieser Grobian,« dachte Karmasinoff, indem er noch das letzte kleine -Stückchen von seinem eigenen Teller aß und das letzte Schlückchen trank, -»dieser Grobian hat gewiß sofort die Stichelei in meinen Worten -begriffen ... und das Manuskript wird er bestimmt mit Spannung gelesen -haben, also lügt er jetzt, um sich den Anschein zu geben, als ob ... -Oder sollte er doch nicht lügen, sondern einfach aufrichtig dumm sein? -Einen genialen Menschen liebe ich eigentlich so, wenn er ein wenig dumm -ist. Ist er nicht gar für die da wirklich so was wie ein Genie? Doch -übrigens hol' ihn der Teufel.« - -Er erhob sich vom Sofa und begann, aus einer Ecke des Zimmers in die -andere zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er nach dem Frühstück -stets zu tun pflegte. - -»Reisen Sie bald zurück?« fragte Pjotr Stepanowitsch aus dem Lehnstuhl -und rauchte eine Zigarette an. - -»Ich bin eigentlich hergekommen, um mein Gut zu verkaufen, und hänge nun -von meinem Verwalter ab.« - -»Na, aber eigentlich sind Sie doch hierher gekommen, weil Sie dort -Epidemien nach dem Kriege erwarteten?« - -»N--nein, nicht eigentlich deshalb,« sagte Karmasinoff, großmütig die -Worte skandierend, und fuhr fort, durch das Zimmer zu spazieren, wobei -er bei jedem Kehrt in der Ecke munter mit dem rechten Beinchen -ausschritt. »Ich beabsichtige in der Tat, so lange wie nur möglich zu -leben,« lächelte er nicht ganz ohne Ironie. »Im russischen Herrenstand -ist etwas, das den Menschen schnell verbraucht, in jeder Beziehung. Ich -aber möchte mich so spät wie möglich verbrauchen und werde deshalb auch -in Bälde endgültig ins Ausland übersiedeln. Dort ist auch das Klima -besser, und das ganze Gebäude ist aus Stein, und alles steht fester. Für -meine Lebenszeit wird Europa noch vorhalten, denke ich. Was meinen Sie?« - -»Wie soll ich's wissen!« - -»Hm ... Wenn dort wirklich einmal Babylon kracht, und sein Fall wird -groß sein -- darin stimme ich vollkommen mit Ihnen überein, obgleich ich -denke, daß es für meine Lebenszeit noch vorhalten wird -- so ist doch -bei uns in Rußland überhaupt nichts vorhanden, das da zusammenstürzen -könnte ... im Verhältnis betrachtet. Bei uns werden keine Steine fallen, -sondern alles wird sich in Schmutz auflösen. Das heilige Rußland kann am -wenigsten von allem in der Welt irgendeinen Widerstand leisten. Das -einfache Volk hält sich noch irgendwie mit dem russischen Gott; aber -selbst der russische Gott hat sich ja nach den letzten Erfahrungen als -äußerst unzuverlässig erwiesen. Sogar gegen die Bauernreform hat er kaum -standzuhalten vermocht -- jedenfalls hat er arg gewankt. Und dazu kommen -jetzt noch die Eisenbahnen, und dann ... Nein, an den russischen Gott -glaube ich schon gar nicht.« - -»Aber an den europäischen?« - -»Ich glaube an keinen einzigen. Man hat mich bei der russischen Jugend -verleumdet. Ich habe stets jede ihrer Handlungen nachfühlen können. Man -hat mir hier auch diese Proklamationen gezeigt. Man steht diesen -Flugblättern allgemein verständnislos gegenüber, denn die Form schreckt -ab; doch von ihrer Macht sind alle überzeugt, wenn sie sich auch selbst -noch nicht dessen bewußt sind. Alles fällt hier schon längst, und alle -wissen auch schon längst, daß nichts da ist, wonach man greifen oder -woran man sich festhalten könnte. Ich bin schon deswegen von dem Erfolg -dieser geheimnisvollen Propaganda überzeugt, weil Rußland jetzt auf der -ganzen Welt im wahrsten Sinne des Wortes derjenige Ort ist, wo alles -geschehen kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe -nur zu gut, warum alle wohlhabenden Russen jetzt ins Ausland strömen und -von Jahr zu Jahr immer mehr Leute auswandern. Hier ist es einfach ein -Instinkt. Wenn das Schiff untergeht, wandern die Ratten aus. Das heilige -Rußland ist ein hölzernes Land, ein bettelarmes und ... gefährliches -Land, ein Land eitler Bettler in seinen höheren Schichten, während die -riesige Mehrzahl in Hütten auf Hühnerbeinen hockt. Es wird über jeden -Ausweg froh sein, wenn man ihm einen solchen zeigt und erklärt. Nur die -Regierung will sich noch wehren, doch fuchtelt sie mit ihrem Knüttel im -Dunkeln umher und trifft womöglich die eigenen Leute. Hier ist schon -alles vorausbestimmt und verurteilt. Rußland hat, so, wie es jetzt ist, -keine Zukunft. Ich bin Deutscher geworden und rechne mir das als Ehre -an.« - -»Sie begannen da, sich über die Proklamationen zu äußern: sagen Sie, was -halten Sie von denen?« - -»Alle fürchten die Proklamationen, folglich sind sie mächtig. Sie decken -öffentlich den Betrug auf und beweisen, daß hier nichts mehr ist, an dem -man sich festhalten, auf das man sich stützen könnte. Sie sprechen laut, -während alle schweigen. Und womit sie am meisten besiegen, das ist -- -abgesehen von der Form -- dieser bis jetzt unerhörte Mut, der Wahrheit -offen ins Angesicht zu schauen. Diese Fähigkeit, der Wahrheit gerade ins -Angesicht schauen zu können, hat einzig und allein die russische -Generation. Nein, in Europa ist man noch nicht so mutig: dort ist's eine -steinerne Herrschaft, -- dort gibt es noch etwas, auf das man sich -tatsächlich stützen kann. So viel ich sehe und so viel ich zu beurteilen -vermag, ist der Kern der russischen revolutionären Idee die Verneinung -der Ehre. Es gefällt mir, daß das so mutig und furchtlos ausgedrückt -wird. Nein, in Europa begreift man das noch nicht, bei uns aber wird man -sich gerade darauf stürzen. Dem russischen Menschen ist die Ehre nur -eine überflüssige Last. Ja, und sie ist ihm immer eine Last gewesen, in -seiner ganzen Geschichte. Mit dem öffentlichen >Recht auf Unehre< kann -man ihn am ehesten verlocken. Ich gehöre ja noch zur alten Generation -und, ich muß gestehen, bin noch für die Ehre, aber doch nur aus -Gewohnheit. Mir gefallen bloß die alten Formen, wenn auch vielleicht aus -Kleinmut -- aber man muß doch irgendwie sein Jahrhundert zu Ende leben.« - -Er brach plötzlich ab. - -»Da rede ich und rede,« dachte er bei sich, »er aber schweigt und -beobachtet mich. Er ist ja nur gekommen, damit ich ganz offen die Frage -an ihn stelle. Gut, kann er haben.« - -»Julija Michailowna hat mich gebeten, einmal irgendwie auf schlaue Weise -von Ihnen herauszubekommen, was das für eine Überraschung ist, die Sie -zu übermorgen, zum Ball, vorbereiten?« fragte plötzlich Pjotr -Stepanowitsch. - -»Ja, das wird wirklich eine Überraschung sein; ich werde in der Tat in -Erstaunen setzen,« sagte Karmasinoff wichtig, »aber ich verrate Ihnen -das Geheimnis nicht.« - -Pjotr Stepanowitsch bestand weiter nicht darauf. - -»Hier soll ein gewisser Schatoff leben,« erkundigte sich plötzlich der -»große Schriftsteller«, »und denken Sie nur, ich habe ihn noch nie -gesehen.« - -»Ein sehr guter Mensch. Warum fragen Sie?« - -»Nur so, er soll über gewisse Dinge besonderer Ansicht sein. Das ist -doch derselbe, der Stawrogin ins Gesicht geschlagen hat?« - -»Ja.« - -»Und Stawrogin -- wie denken Sie über den?« - -»Ich weiß nicht; irgendein Wüstling.« - -Karmasinoff haßte Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn -überhaupt nicht zu beachten. - -»Diesen Wüstling wird man wohl -- wenn sich jemals das verwirklicht, was -die Proklamationen da verkünden, -- wahrscheinlich als ersten an einen -Ast knüpfen,« meinte Karmasinoff kichernd. - -»Vielleicht auch schon früher,« bemerkte plötzlich Pjotr Stepanowitsch. - -»So wär's auch recht,« stimmte Karmasinoff bei. - -»Das haben Sie schon einmal gesagt, und wissen Sie, ich habe es ihm -wiedererzählt.« - -»Wie, haben Sie das wirklich?« lachte Karmasinoff wieder auf. - -»Ja. Er sagte darauf, daß, wenn man _ihn_ an einen Ast knüpfen solle, es -für _Sie_ genügen würde, wenn man Ihnen einmal ordentlich Ruten gäbe, -aber nicht etwa um der Ehre willen, sondern schmerzhaft, wie man so -einem Burschen Ruten zu geben pflegt.« - -Pjotr Stepanowitsch nahm seinen Hut und erhob sich. Karmasinoff streckte -ihm zum Abschied beide Hände entgegen. - -»Aber wie,« fragte er plötzlich mit kreischendem, doch honigsüßem -Stimmchen in einem ganz besonderen Tonfall, während er ihn immer noch an -beiden Händen hielt, »-- wie, wenn es nun einmal alledem bestimmt ist, -sich zu verwirklichen ... alledem, was man da beabsichtigt, so ... wann -könnte denn das wohl geschehen?« - -»Wie soll ich denn das wissen?« fragte Pjotr Stepanowitsch grob. - -Sie sahen sich beide aufmerksam in die Augen. - -»Nun, zum Beispiel? Ungefähr?« flötete Karmasinoff noch süßer. - -»Ihr Gut zu verkaufen werden Sie noch Zeit haben, und sich selbst zu -retten werden Sie auch noch Zeit haben,« murmelte Pjotr Stepanowitsch -mit noch größerer Grobheit. - -Sie sahen sich unverwandt, sahen sich noch aufmerksamer an. - -Eine Minute lang herrschte Schweigen. - -Plötzlich sagte Pjotr Stepanowitsch: - -»Im nächsten Mai wird es beginnen, und zum Oktober wird es beendet -sein.« - -»Ich danke Ihnen aufrichtig!« sagte mit von Dank durchdrungener Stimme -Karmasinoff und drückte ihm beide Hände. - -»Wirst noch Zeit haben, Ratte, vom Schiff auszuwandern!« dachte Pjotr -Stepanowitsch, als er auf die Straße trat. »Aber wenn sogar dieser ->geradezu staatsmännische Kopf< sich so überzeugt schon nach Tag und -Stunde erkundigt und so ehrerbietig für die erhaltene Mitteilung dankt, -dann dürfen wir doch wahrlich nicht mehr an uns zweifeln.« (Er lächelte -seltsam). »Hm ... Aber er ist doch unter ihnen wirklich nicht dumm und -... aber alles in allem doch nur eine auswandernde Ratte; eine solche -zeigt nicht an.« - -Er eilte in die Bogojawlenskstraße zum Filippoffschen Hause. - - - VI. - -Pjotr Stepanowitsch ging zuerst zu Kirilloff. Der war wie gewöhnlich -allein zu Hause und turnte gerade, d. h. er drehte, breitbeinig mitten -im Zimmer stehend, die Arme nach einer besonderen Methode durch die -Luft. Auf dem Fußboden lag ein großer Ball; vom Tisch war der Morgentee -noch nicht weggeräumt. Pjotr Stepanowitsch blieb eine ganze Weile auf -der Türschwelle stehen. - -»Sie sorgen aber einstweilen nicht wenig für Ihre Gesundheit,« sagte er -dann laut und trat lustig ins Zimmer. »Was für ein famoser Ball! Ei der -Teufel, wie der springt! Auch zur Gymnastik?« - -Kirilloff, der in Hemdsärmeln war, zog sich den Rock an. - -»Ja, auch zur Gesundheit,« sagte er trocken. »Setzen Sie sich.« - -»Ich bin nur auf einen Augenblick gekommen. Aber, na, setzen kann ich -mich schon. Doch Gesundheit hin, Gesundheit her, -- ich wollte nur an -die Abmachung erinnern. Unsere Frist nähert sich >in gewissem Sinne< -ihrem Ende,« schloß er mit einer ungeschickten Ausrede. - -»Was für eine Abmachung?« - -»Wieso, was für eine Abmachung?« rief Pjotr Stepanowitsch aufhorchend, -fast erschrocken. - -»Das ist keine Abmachung und keine Pflicht, ich habe mich mit nichts -gebunden, Sie irren sich.« - -»Hören Sie, aber das geht doch nicht so!« Pjotr Stepanowitsch sprang -sogar vom Stuhl auf. - -»Mein eigener Wille.« - -»Wie, was?« - -»Derselbe Wille.« - -»Das heißt, wie ist denn das zu verstehen?! Bedeutet das, daß Sie noch -denselben Willen haben?« - -»Ja, das bedeutet das. Nur eine Abmachung war nicht dabei und ist nie -gewesen, und ich habe mich mit nichts gebunden. Es war nur mein Wille -und ist auch jetzt nur mein Wille.« - -Kirilloff sprach schroff und widerwillig. - -»Na, schön, dann meinetwegen bloß Ihr Wille, wenn dieser Wille sich nur -nicht verändert!« Pjotr Stepanowitsch setzte sich wieder, -augenscheinlich befriedigt. »Sie ärgern sich über Worte. In der letzten -Zeit sind Sie ganz besonders reizbar geworden. Darum habe ich es auch -vermieden, Sie zu besuchen. War übrigens immer überzeugt, daß Sie nicht -treulos sein würden.« - -»Ich mag Sie gar nicht, aber Sie können ganz überzeugt sein! Wenn ich -auch Treue oder Untreue nicht anerkenne.« - -»Aber, wissen Sie, einstweilen ...« Pjotr Stepanowitsch regte sich doch -wieder auf, »man muß doch vernünftig darüber reden, damit keine -Mißverständnisse entstehen. Die ganze Sache verlangt eben Bestimmtheit. -Sie aber haben mich wirklich stutzig gemacht. Darf ich sprechen?« - -»Sprechen Sie,« sagte Kirilloff, blickte ihn aber nicht an, sondern sah -in die Ecke. - -»Sie hatten schon längst beschlossen, sich das Leben zu nehmen ... das -heißt, Sie hatten solch eine Idee. Habe ich mich so richtig ausgedrückt? -Habe ich keinen Fehler gemacht?« - -»Ich habe auch jetzt dieselbe Idee.« - -»Vorzüglich. Vergessen Sie aber nicht, daß niemand Sie dazu gezwungen -hat.« - -»Das fehlte noch! Wie dumm Sie sprechen!« - -»Gut, gut. Ich gebe zu, daß ich mich vielleicht sehr töricht ausgedrückt -habe. Es wäre ja auch zweifellos sehr dumm gewesen, einen Menschen dazu -zwingen zu wollen. Ich fahre also fort: Sie waren ein Glied des -Verbandes -- noch zur Zeit der alten Organisation -- und vertrauten sich -damals einem anderen Gliede dieser Gesellschaft an.« - -»Ich habe mich gar nicht anvertraut, ich habe einfach gesagt.« - -»Gut. Schön. Wäre ja auch lächerlich, sich >anzuvertrauen<, als ob es -eine Beichte wäre! Sie haben also einfach gesagt ... na, wunderschön.« - -»Nein, gar nicht wunderschön, Sie verstehen nicht zu sprechen. Ich bin -Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig, ja, und meine Gedanken können Sie -gar nicht verstehen. Ich will mir das Leben nehmen, darum, weil ich -solch einen Gedanken habe, weil ich nicht haben will, daß es Angst vor -dem Tode gibt, weil ... weil Sie davon gar nichts zu wissen brauchen ... -Was wollen Sie? Tee trinken? Er ist kalt. Warten Sie, ich werde Ihnen -ein anderes Glas geben.« - -Pjotr Stepanowitsch hatte nach der Teekanne gegriffen und suchte ein -leeres Gefäß. Kirilloff stand auf, ging zum Schrank und brachte ihm ein -reines Glas. - -»Ich habe soeben bei Karmasinoff gefrühstückt,« bemerkte der Gast, -»darauf hörte ich zu, wie er redete und da wurde mir heiß ... lief -hierher -- habe jetzt schrecklichen Durst.« - -»Trinken Sie. Kalter Tee ist gut.« - -Kirilloff setzte sich wieder auf seinen Stuhl und blickte von neuem in -die Ecke. - -»In der Gesellschaft entstand der Gedanke,« fuhr er mit derselben Stimme -fort, »daß ich damit nützlich sein kann, wenn ich mich töte und daß, -wenn Sie hier vieles gemacht haben und man die Schuldigen sucht, so -erschieße ich mich plötzlich und hinterlasse einen Brief, daß ich alles -getan habe, so daß man Sie ein Jahr lang nicht verdächtigen wird.« - -»Wenn auch nur ein paar Tage lang nicht. Auch ein Tag ist schon -kostbar!« - -»Gut. So sagte man mir, daß ich, wenn ich will, warten soll. Ich sagte, -ich werde warten, bis man mir die Frist von der Gesellschaft aus sagt, -weil mir doch alles einerlei ist.« - -»Ja, aber vergessen Sie nicht, Sie verpflichteten sich noch, diesen -letzten Brief vor dem Tode nicht anders als mit mir zusammen zu -schreiben -- und, daß Sie, wenn Sie in Rußland angekommen sein würden, -in meiner, ... na, mit einem Worte, zu meiner Verfügung stehen, das -heißt, versteht sich, nur in dieser einen Beziehung ... In allen anderen -sind Sie natürlich vollkommen frei,« fügte Pjotr Stepanowitsch fast -liebenswürdig hinzu. - -»Ich habe mich nicht verpflichtet, war nur einverstanden, weil es mir -einerlei ist.« - -»Vorzüglich, vorzüglich, ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre -Eigenliebe zu verletzen, aber ...« - -»Hier ist gar keine Eigenliebe.« - -»Aber vergessen Sie nicht, daß man Ihnen hundertundzwanzig Taler zur -Reise gegeben hat, also haben Sie Geld genommen.« - -»Gar nicht,« fuhr Kirilloff auf, »das Geld war gar nicht dafür! Das tut -man nicht für Geld.« - -»Zuweilen tut man es doch.« - -»Sie lügen! Ich habe brieflich aus Petersburg alles erklärt, und in -Petersburg habe ich Ihnen hundertundzwanzig Taler zurückgezahlt, Ihnen -in die Hand ... und die sind dorthin zurückgeschickt, wenn Sie sie nicht -bei sich behalten haben.« - -»Gut, gut, ich will nicht widersprechen, sie sind zurückgeschickt. Die -Hauptsache ist ja nur, daß Sie noch dieselben Gedanken haben, wie -früher.« - -»Dieselben. Wenn Sie kommen und sagen: >jetzt<, dann werde ich alles -erfüllen. Wie -- wird es sehr bald sein?« - -»Nicht mehr viele Tage ... Aber vergessen Sie nicht: den Brief schreiben -wir zusammen, in derselben Nacht.« - -»Meinetwegen auch am Tage. Sie sagten, ich muß die Proklamationen auf -mich nehmen?« - -»Und noch einiges.« - -»Ich nehme nicht alles auf mich.« - -»Was werden Sie denn nicht auf sich nehmen?« Pjotr Stepanowitsch -erschrak wieder. - -»Das, was ich nicht will. Genug jetzt. Ich mag nicht mehr davon -sprechen.« - -Pjotr Stepanowitsch bezwang sich und änderte das Gespräch. - -»Ich rede jetzt von etwas anderem,« schickte er voraus, »werden Sie -heute Abend zu den Unsrigen kommen? Wirginski feiert seinen Namenstag, -und unter diesem Vorwande versammelt man sich.« - -»Nein, ich will nicht.« - -»Nun, seien Sie schon so liebenswürdig und kommen Sie. Es ist unbedingt -nötig. Man muß Eindruck machen mit der Zahl wie mit dem Gesicht ... Sie -aber haben so ein Gesicht ... nun, mit einem Wort, Sie haben ein fatales -Gesicht.« - -»Sie finden?« Kirilloff lachte. »Gut, ich komme; aber nicht wegen des -Gesichtes. Wann?« - -»O, vielleicht schon etwas früher, um halb sieben. Und wissen Sie, Sie -können hereinkommen, sich setzen und mit keinem einzigen ein Wort -sprechen, wie viele da auch sein mögen. Doch noch eines! Hören Sie: -vergessen Sie nicht, ein Blatt Papier und einen Bleistift mitzunehmen.« - -»Wozu das?« - -»Aber Ihnen ist doch alles einerlei, und das ist nun einmal meine -besondere Bitte. Sie werden also nur sitzen, mit niemandem sprechen, -zuhören und hin und wieder so was wie Notizen machen, na -- zeichnen Sie -meinetwegen.« - -»Welch ein Unsinn. Wozu?« - -»Aber wenn Ihnen doch alles ganz egal ist? Sie sagen doch selbst immer, -daß Ihnen alles egal ist.« - -»Nein, wozu?« - -»Na, weil ein bestimmtes Mitglied des Bundes, der Revisor, sich in -Moskau niedergelassen hat, und ich habe da einigen gesagt, daß er -vielleicht erscheinen wird. Sie werden dann denken, daß Sie dieser -Revisor sind. Und da Sie schon drei Wochen hier sind, so wird man sich -noch mehr wundern.« - -»Albernheiten. Sie haben ja überhaupt keinen Revisor in Moskau ...« - -»Na, meinetwegen nicht, hol ihn der Teufel, aber was macht denn Ihnen -das aus? Sie sind doch immerhin auch ein Glied des Bundes.« - -»Sagen Sie ihnen meinetwegen, daß ich der Revisor bin, ich werde sitzen -und schweigen, aber Papier und Bleistift will ich nicht.« - -»Ja, warum denn nicht?« - -»Ich will nicht.« - -Pjotr Stepanowitsch ärgerte sich dermaßen, daß er ganz fahl im Gesicht -wurde, bezwang sich aber wieder; er stand auf und nahm seinen Hut. - -»Und _jener_ -- ist bei Ihnen?« fragte er plötzlich halblaut. - -»Ja, bei mir.« - -»Das ist gut. Ich werde ihn bald wieder fortschaffen, beunruhigen Sie -sich nicht.« - -»Ich beunruhige mich gar nicht. Er schläft nur hier. Die Alte ist im -Krankenhaus. Die Schwiegertochter ist gestorben; ich bin zwei Tage -allein. Ich habe ihm eine Stelle im Zaun gezeigt, wo er ein Brett -herausnehmen kann; er kriecht durch, niemand sieht ihn.« - -»Ich werde ihn schon bald nehmen.« - -»Er sagte, daß er viele Stellen hat, wo er übernachten kann.« - -»Das lügt er, man sucht ihn, hier aber ist es noch unverdächtig. Lassen -Sie sich denn mit ihm in Gespräche ein?« - -»Ja, die ganze Nacht. Er schimpft sehr auf Sie. Ich lese ihm in der -Nacht die Apokalypse vor. Und Tee. Er hört aufmerksam zu, sogar sehr, -die ganze Nacht.« - -»Zum Teufel, Sie bekehren ihn mir noch zum Christentum!« - -»Er ist auch so schon Christ. Seien Sie unbesorgt, er wird schon -erstechen. Wen wollen Sie ermorden lassen?« - -»Nein, ich habe ihn nicht zu dem Zweck ... ich brauche ihn zu etwas -anderem ... Aber Schatoff, weiß der etwas von Fedjka?« - -»Ich spreche nicht mit Schatoff, ja, und sehe ihn auch gar nicht.« - -»Ärgert sich wohl über Sie, was?« - -»Nein, wir ärgern uns nicht, wir wenden uns nur ab. Haben zu lange in -Amerika zusammen auf dem Stroh gelegen.« - -»Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen.« - -»Wie Sie wollen.« - -»Vielleicht komme ich mit Stawrogin auf einen Augenblick auch zu Ihnen, -auf dem Rückwege von _dort_, so um zehn Uhr.« - -»Kommen Sie.« - -»Ich muß über Wichtiges mit ihm sprechen. Wissen Sie was, schenken Sie -mir Ihren Ball -- wozu brauchen Sie ihn jetzt noch? Ich will ihn -gleichfalls zur Gymnastik. Übrigens kann ich Ihnen ja auch Geld für ihn -zahlen, wenn Sie wollen.« - -»Nehmen Sie ihn so.« - -Pjotr Stepanowitsch steckte den Ball in die hintere Rocktasche. - -»Aber ich gebe Ihnen nichts gegen Stawrogin,« sagte Kirilloff plötzlich -leise, während er den Gast hinausließ. - -Der sah ihn erstaunt an, doch sagte er nichts. - -Die letzten Worte Kirilloffs verwirrten Pjotr Stepanowitsch nicht wenig, -aber er begriff sie noch nicht ganz. Doch jedenfalls strengte er sich -an, auf dem Wege zu Schatoff sein unzufriedenes Gesicht in ein -freundliches zu verwandeln. Schatoff war zu Hause und lag, da er sich -nicht wohlfühlte, auf dem Bett, war aber vollkommen angekleidet. - -»Das ist aber ein Pech!« rief Pjotr Stepanowitsch von der Tür aus. »Sind -Sie ernstlich krank?« - -Der liebenswürdige Ausdruck seines Gesichts verschwand plötzlich: etwas -Böses blitzte in seinen Augen. - -»Durchaus nicht,« rief Schatoff, nervös aufspringend. »Ich bin -keineswegs krank, habe nur ein wenig Kopfschmerzen.« - -Er war sogar sichtlich befangen, denn das plötzliche Erscheinen gerade -dieses Menschen erschreckte ihn. - -»Ich bin in einer Angelegenheit zu Ihnen gekommen, zu der Kranksein -nicht paßt,« begann Pjotr Stepanowitsch schnell und gewissermaßen -gebieterisch. »Erlauben Sie, daß ich mich setze,« -- er setzte sich auf -einen Stuhl -- »und Sie, legen Sie sich mal wieder auf Ihre Pritsche. -Heute werden sich die Unsrigen bei Wirginski versammeln, er feiert -seinen Namenstag, und das dient als Vorwand. Aber es ist schon alles -vorgesehen, damit es keine andere Nuance annimmt. Ich werde mit Nicolai -Stawrogin hinkommen. Selbstverständlich würde ich Sie jetzt nicht -dorthin ziehen, da ich ja Ihre jetzigen Anschauungen kenne ... das -heißt, ich meine -- um Sie nicht zu reizen, und nicht etwa, weil wir von -Ihnen angezeigt zu werden fürchten. Aber leider hat es sich so gemacht, -daß Sie hinkommen müssen. Sie werden dort diejenigen treffen, mit denen -wir dann endgültig beraten können, wie es für Sie möglich ist, aus dem -Verbande auszuscheiden, und wem Sie das abgeben sollen, was Sie von uns -besitzen. Wir machen es ganz unauffällig: ich werde Sie in eine Ecke -führen, denn es sind dort viele Menschen, die nichts davon zu wissen -brauchen. Ich muß gestehen, ich habe Ihretwegen meine Zunge gehörig -anstrengen müssen, glaube aber, daß sie jetzt vollkommen einverstanden -sind, Sie frei zu geben, versteht sich, unter der Bedingung, daß Sie die -Druckmaschine und alle Papiere abliefern. Dann sind Sie frei und können -gehen, wohin Sie wollen, nach allen vier Himmelsrichtungen.« - -Schatoff hörte ihm finster und böse zu. Seine erste nervöse Aufregung -war vollständig vergangen. - -»Ich erkenne diese Pflicht, weiß der Teufel wem da Rechenschaft geben zu -müssen, nicht an,« sagte er schroff. »Niemand kann mich >frei geben<.« - -»Das ist doch wohl nicht ganz so. Man hat Ihnen vieles anvertraut. Sie -hatten nicht das Recht, so abzubrechen. Und schließlich haben Sie sich -niemals klar darüber ausgedrückt.« - -»Als ich hierher kam, habe ich es Ihnen klar und deutlich geschrieben.« - -»Nein, nicht klar und deutlich,« bestritt Pjotr Stepanowitsch ruhig. -»Ich schickte Ihnen zum Beispiel >Die helle Persönlichkeit<, damit Sie -das Gedicht drucken und die Exemplare hier irgendwo bei sich -aufbewahren, bis sie abverlangt werden würden. Dazu noch zwei -Proklamationen. Sie schickten alles mit einem zweideutigen Brief zurück, -der eigentlich nichts sagte.« - -»Ich habe mich offen und ehrlich geweigert, es zu drucken.« - -»Nein, nicht offen. Sie schrieben: >ich kann nicht<, aber Sie sagten -nicht, warum Sie nicht können. >Ich kann nicht< heißt nicht >ich will -nicht<. Man konnte also denken, daß Sie einfach aus materiellen Gründen -nicht können. So hat man es denn auch aufgefaßt, -- daß Sie immerhin -einverstanden sind, in dem Verbande zu bleiben und man Ihnen wieder -etwas anvertrauen, also sich gegebenenfalls bloßstellen kann. Einige -sagen, daß Sie uns offenbar haben betrügen wollen, um zu denunzieren, -sobald Sie irgendeine wichtigere Mitteilung erhielten. Ich habe Sie -natürlich verteidigt, wie ich nur konnte, und zeigte Ihre briefliche -Antwort vor, jene zwei Zeilen, als ein Dokument zu Ihrer Rechtfertigung. -Aber ich mußte selbst zugeben, als ich den Brief dann nochmals las, daß -er wirklich nicht eindeutig ist und leicht irreführen kann.« - -»Sie haben diesen Brief so sorgfältig verwahrt?« - -»Das hat weiter nichts zu sagen, daß er sich noch erhalten hat. Ich habe -ihn auch jetzt bei mir.« - -»Eh, machen Sie doch damit, was Sie wollen, zum Teufel! ...« schrie -Schatoff zornig auf. »Mögen doch Ihre Dummköpfe meinetwegen glauben, daß -ich denunziert habe, was geht das mich an! Ich möchte bloß sehen, was -Sie mir anhaben können!« - -»Man würde Sie sich notieren und beim ersten Erfolg der Revolution -aufknüpfen.« - -»Das heißt, dann, wenn Ihr die Macht ergriffen und Rußland besiegt -habt?« - -»Lachen Sie nicht. Ich wiederhole, daß ich Sie verteidigt habe. Aber wie -dem auch sei, ich würde Ihnen doch raten, heute hinzukommen. Wozu so -viele unnütze Worte aus irgendeinem falschen Stolz? Ist es nicht besser, -friedlich auseinander zu gehen? Jedenfalls werden Sie doch das Gestell, -die alten Buchstaben und das Papier abgeben müssen, und gerade darüber -wollen wir ja sprechen.« - -»Ich werde kommen,« brummte Schatoff endlich, nachdenklich den Kopf -gesenkt. - -Pjotr Stepanowitsch beobachtete ihn heimlich von seinem Platze aus. - -»Wird Stawrogin dort sein?« fragte Schatoff plötzlich und erhob den -Kopf. - -»Unbedingt.« - -»Ha--ha!« - -Wieder schwiegen sie. Schatoff lächelte verächtlich und gereizt. - -»Und diese Ihre erbärmliche >helle Persönlichkeit<, die ich hier nicht -drucken wollte -- ist die jetzt gedruckt?« - -»Ja, sie ist gedruckt.« - -»Gymnasistoff versichert, daß Herzen sie Ihnen persönlich ins Album -geschrieben haben soll?« - -»Ja, Herzen persönlich.« - -Wieder schwiegen sie eine lange Zeit. Endlich stand Schatoff von seinem -Bette auf. - -»Gehen Sie fort von mir, ich will nicht mit Ihnen zusammensitzen.« - -»Ich gehe schon,« sagte Pjotr Stepanowitsch gleichsam lustig und erhob -sich schnell. »Nur noch ein Wort: Kirilloff scheint jetzt ganz allein im -Flügel zu wohnen, ohne Aufwartefrau?« - -»Ja, ganz allein. Gehen Sie, ich kann nicht mit Ihnen in einem Zimmer -sein.« - -»Na, du bist ja jetzt vorzüglich!« dachte Pjotr Stepanowitsch heiter, -als er auf der Straße war. »Wirst ja heute abend gut sein, und so brauch -ich dich gerade, besser könnte ich's gar nicht wünschen, gar nicht -wünschen! Der russische Gott scheint ja selber noch zu helfen!« - - - VII. - -Es ist anzunehmen, daß ihm an diesem vielgeschäftigen Tage alles gut -gelang, denn als er am Abend um sechs Uhr bei Nicolai Stawrogin -erschien, drückte sich auf seinem Gesicht volle Selbstzufriedenheit aus. -Man ließ ihn jedoch nicht sofort vor: Stawrogin hatte gerade Besuch: -Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihm, in seinem Arbeitszimmer. Das gefiel -nun Pjotr Stepanowitsch äußerst wenig und bereitete ihm sogleich Sorge. -Er setzte sich dicht neben die Tür hin, um den Gast, wenn dieser das -Zimmer verließ, sehen zu können. Die Stimmen der beiden konnte er hören, -doch die Worte ließen sich nicht unterscheiden. Der Besuch Drosdoffs -dauerte nicht lange: alsbald vernahm er das Geräusch von fortgeschobenen -Stühlen, eine laute, erregte Stimme, und dann öffnete sich auch schon -die Türe. Mawrikij Nicolajewitsch trat mit bleichem Gesicht heraus und -ging schnell an Pjotr Stepanowitsch vorüber, ohne ihn zu bemerken. -Dieser lief sofort ins Arbeitszimmer. - -Doch zunächst muß ich jetzt berichten, was während dieses äußerst kurzen -Zusammenseins der beiden »Nebenbuhler« vorging -- während dieses -Besuches, den man aus gewissen Gründen, im Hinblick auf die besonderen -Verhältnisse, für unmöglich halten mußte, und der doch stattfand. - -Nicolai Wszewolodowitsch hatte sich nach dem Essen in seinem -Arbeitszimmer auf dem Diwan ausgestreckt und war halb eingeschlummert, -als plötzlich der alte Diener Alexei Jegorowitsch eintrat und den -unerwarteten Besuch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoffs meldete. Als -Stawrogin diesen Namen hörte, sprang er sogar auf und wollte es zuerst -gar nicht glauben. Doch alsbald legte sich ein Lächeln um seine Lippen --- ein Lächeln hochmütigen Triumphes und zu gleicher Zeit wie einer -gewissen stumpfen, mißtrauischen Verwunderung. Den eintretenden Mawrikij -Nicolajewitsch machte dieses Lächeln, wie es schien, stutzig, wenigstens -blieb er plötzlich mitten im Zimmer stehen, als sei er unentschlossen -- -sollte er weitergehen, oder umkehren? Doch Stawrogins Miene hatte sich -bereits wieder verändert und er trat dem Gast sogar entgegen. Mawrikij -Nicolajewitsch übersah freilich die entgegengestreckte Hand, zog einen -Stuhl heran und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, noch bevor ihn -Stawrogin dazu aufgefordert hatte. Dieser setzte sich darauf ihm -gegenüber auf den Diwan, und während er seinen Gast aufmerksam -betrachtete, schwieg er und wartete. - -»Wenn es Ihnen möglich ist, so heiraten Sie Lisaweta Nicolajewna,« sagte -plötzlich Mawrikij Nicolajewitsch, und zwar so, daß man, was das -Merkwürdigste war, aus der Stimme, der Intonation überhaupt nicht -heraushören konnte, was das nun war: eine Bitte, eine Empfehlung, eine -Abtretung, oder ein Befehl. - -Stawrogin fuhr fort zu schweigen. Doch Drosdoff schien bereits alles -gesagt zu haben, was er sagen wollte, und sah jetzt, in Erwartung einer -Antwort, starr vor sich hin. - -»Wenn ich mich nicht irre, was mir jetzt ausgeschlossen erscheint, so -ist Lisaweta Nicolajewna schon mit _Ihnen_ verlobt,« sagte Stawrogin -endlich. - -»Ja, sie hat sich mit mir verlobt,« bestätigte fest und deutlich -Mawrikij Nicolajewitsch. - -»Sie ... haben sich entzweit ... Verzeihen Sie, Mawrikij Nicolajewitsch ---« - -»Nein, sie >liebt und achtet< mich, nach ihren eigenen Worten. Und ihre -Worte gehen mir über alles.« - -»Daran ist selbstredend nicht zu zweifeln.« - -»Aber wenn sie mit mir schon in der Kirche vor dem Altar stünde und Sie -sie riefen, so würde sie doch mich und alle verlassen und zu Ihnen -gehen.« - -»Vom Altar?« - -»Ja, vom Altar.« - -»Täuschen Sie sich nicht?« - -»Nein. Unter ihrem Haß, dem aufrichtigsten und stärksten Haß, den sie -für Sie empfindet, lodert doch jeden Augenblick ihre Liebe hervor, und -... ihr Wahnsinn ... die größte, die grenzenloseste Liebe und -- wie -gesagt: ihr Wahnsinn! Andererseits aber, aus _der_ Liebe, die sie für -mich empfindet, gleichfalls aufrichtig empfindet, bricht immer und immer -wieder der Haß -- der allergrößte Haß hervor. Ich hätte früher alle -diese ... Metamorphosen nie für möglich gehalten.« - -»Mich wundert nur, wie Sie so einfach über Lisaweta Nicolajewnas Hand -verfügen können? Haben Sie ein Recht dazu? Oder sind Sie von ihr -bevollmächtigt?« - -Mawrikij Nicolajewitschs Gesicht verfinsterte sich und er senkte auf -einen Augenblick den Kopf. - -»Wozu diese Phrasen?« fragte er plötzlich. »Das sind doch nur -rachsüchtige Worte von Ihnen. Ich bin überzeugt, daß Sie das -Nichtausgesprochene sehr wohl verstehen. Und ist denn hier Platz für -kleinliche Eitelkeit? Ist das noch zu wenig Genugtuung für Sie? Soll man -denn noch den Punkt aufs i setzen? Nun gut, dann werde ich auch noch den -Punkt aufs i setzen, wenn Sie meine Erniedrigung so wünschen. Also: Ein -Recht dazu habe ich nicht; eine Bevollmächtigung ist doch -ausgeschlossen. Lisaweta Nicolajewna weiß nichts davon, ihr Verlobter -aber hat den letzten Verstand verloren und ist fürs Irrenhaus reif und -obendrein -- obendrein kommt er noch selbst und teilt Ihnen das mit. In -der ganzen Welt sind es nur Sie allein, der Lisa wirklich glücklich -machen kann! Und nur ich allein, der sie unglücklich machen kann! Sie -wollen sie niemandem abtreten, Sie verfolgen sie, aber Sie heiraten sie -nicht. Ich weiß nicht, warum Sie das nicht tun. Liegt hier ein -Mißverständnis vor, das vielleicht schon im Auslande entstanden ist, -oder ein Liebesstreit, und muß man, um ihn beilegen zu können, etwa -- -mich ausstreichen ... so tun Sie es. Sie ist zu unglücklich, und das -kann ich nicht mehr ertragen. Was ich sage, soll Ihnen nichts -vorschreiben, und darum kann auch Ihre Eigenliebe gar nicht verletzt -sein. Wenn Sie meinen Platz am Altar einnehmen wollten, so könnten Sie -das ohne jegliche >Erlaubnis< meinerseits tun, und ich hätte es mir -sparen können, so zu Ihnen zu kommen. Um so mehr, als unsere Hochzeit -nach meiner jetzigen Handlungsweise sowieso unmöglich geworden ist. Ich -kann sie doch nicht mehr zum Altar führen, nachdem ich hier so -gehandelt, so gemein gehandelt habe. Denn das, was ich hier tue, daß ich -sie Ihnen, vielleicht ihrem schlimmsten Feinde, einfach übergebe, ist -meiner Meinung nach eine solche Gemeinheit, daß ich sie -selbstverständlich nicht werde überleben können.« - -»Sie werden sich erschießen, wenn man uns traut?« - -»Nein, erst viel später. Warum soll ich mit meinem Blut ihr -Hochzeitskleid beflecken? Vielleicht werde ich mich auch nicht -erschießen, weder jetzt, noch später.« - -»Mit diesem Nachsatz wollen Sie mich wohl beruhigen?« - -»Sie beruhigen? Was macht Ihnen denn ein Tropfen mehr verspritzten -Blutes aus?« - -Er erbleichte und seine Augen begannen zu brennen. Sie schwiegen beide -eine Zeitlang. - -»Verzeihen Sie mir, bitte, die an Sie gestellten Fragen,« begann -Stawrogin von neuem. »Zu einigen hatte ich durchaus kein Recht, doch um -so mehr habe ich das, glaube ich, zu einer anderen Frage: sagen Sie mir, -was Sie eigentlich veranlaßt hat, in mir solche Gefühle zu Lisaweta -Nicolajewna vorauszusetzen? Ich meine, daß Sie so überzeugt waren, um zu -mir kommen zu können ... und solch einen Antrag zu wagen?« - -»Wie?« Mawrikij Nicolajewitsch zuckte zusammen. »-- Haben Sie denn nicht -bei ihr angehalten? Werben Sie denn jetzt nicht um sie und wollen Sie es -auch später nicht tun?« - -»Über meine Gefühle zu dieser oder jener Frau vermag ich nicht laut zu -einem Dritten zu sprechen, zu wem es auch sei, außer zu dieser Frau -selbst. Verzeihen Sie, aber das ist nun einmal meine Eigenart. Doch -dafür werde ich Ihnen die ganze übrige Wahrheit sagen: ich bin bereits -verheiratet, und so ist mir ein Heiraten oder >Werben< schon nicht mehr -möglich.«[45] - -Mawrikij Nicolajewitsch fuhr förmlich zurück vor Bestürzung, und starrte -Stawrogin eine Weile unbeweglich ins Gesicht. - -»Denken Sie sich ... das habe ich wirklich nicht gedacht,« murmelte er -endlich. »Sie sagten an jenem Morgen, daß Sie nicht verheiratet seien -... und so glaubte ich, Sie wären wirklich unverheiratet.« - -Er erblaßte unheimlich. Plötzlich schlug er aus aller Kraft mit der -Faust auf den Tisch. - -»Wenn Sie nach solch einem Bekenntnis Lisaweta Nicolajewna nicht in Ruhe -lassen und sie ins Unglück bringen, so schlage ich Sie tot, wie einen -Hund hinterm Zaun!« - -Damit sprang er auf und verließ das Zimmer. Pjotr Stepanowitsch lief -schnell hinein -- fand aber den Hausherrn in einer von ihm völlig -unerwarteten Gemütsverfassung. - -»Ah, das sind Sie!« rief Stawrogin und lachte laut auf --, lachte, wie -es schien, nur über die Erscheinung Pjotr Stepanowitschs, der mit so -maßlos neugierigem Gesicht hereingeeilt kam. - -»Haben Sie an der Tür gehorcht? Warten Sie, warum sind Sie doch jetzt -gekommen? Habe ich Ihnen nicht irgend etwas versprochen ... Ach, -richtig! ich weiß schon: zu den >Unsrigen<! -- Gehen wir! Freut mich -sehr, Sie hätten sich wirklich nichts Besseres für diesen Augenblick -ausdenken können.« - -Er nahm seinen Hut und sie verließen sogleich das Haus. - -»Sie lachen schon im voraus über die >Unsrigen<?« fragte Pjotr -Stepanowitsch lustig scharwenzelnd, indem er bald versuchte, neben -seinem Begleiter auf dem schmalen Fußsteig zu gehen, bald wiederum auf -der schmutzigen Fahrstraße lief, denn Stawrogin bemerkte es nicht, daß -er in der Mitte des Fußsteiges ging und folglich den ganzen Platz mit -seiner Person einnahm. - -»Ich lache durchaus nicht,« antwortete Nicolai Wszewolodowitsch laut und -heiter. »Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß Sie dort die ernstesten -Leute haben.« - -»>Die ernsten Dummköpfe<, wie Sie sich einmal auszudrücken beliebten.« - -»Es gibt nichts Lustigeres, als manch einen ernsten Dummkopf.« - -»Ah, Sie denken an Mawrikij Nicolajewitsch! Bin überzeugt, daß er zu -Ihnen gekommen war, um seine Braut abzutreten -- wie? Das habe ich ihm -indirekt eingeblasen, wenn Sie es wissen wollen! Und wenn er sie nicht -abtreten will, so nehmen wir sie eigenmächtig -- wie?« - -Pjotr Stepanowitsch wußte natürlich, was er wagte, wenn er sich solche -Reden erlaubte; doch lieber wagte er schon alles, als daß er die -Ungewißheit noch länger ertrug. Nicolai Wszewolodowitsch aber lachte -nur. - -»Und Sie beabsichtigen immer noch, mir zu helfen?« fragte er. - -»Sobald Sie rufen. Aber wissen Sie auch, daß es einen anderen, noch viel -besseren Weg gibt?« - -»Ich kenne Ihren Weg.« - -»Nun, nein, der ist vorläufig noch ein Geheimnis. Nur vergessen Sie -nicht, daß das Geheimnis Geld kostet.« - -»Ich weiß auch, wieviel es kostet,« brummte Stawrogin vor sich hin, -bezwang sich aber sofort und verstummte. - -»Wie viel? Wie? Was sagten Sie?« fuhr Pjotr Stepanowitsch auf. - -»Ich sagte: zum Teufel mit Ihnen samt dem Geheimnis. Sagen Sie mir -lieber, wer dort sein wird. Ich weiß, daß wir zum Namensfest gehen, aber -wen wird man dort eigentlich antreffen?« - -»Oh, alle möglichen Leute! Sogar Kirilloff wird dort sein.« - -»Alles Mitglieder von Gruppen?« - -»Teufel noch eins, Sie beeilen sich aber! Hier hat sich noch nicht -einmal eine einzige Gruppe gebildet.« - -»Wie haben Sie denn so viele Proklamationen verbreiten können?« - -»Dort werden im ganzen nur vier Mitglieder der Gruppe sein. Die übrigen -bespionieren sich mittlerweile um die Wette, und teilen mir alles mit. -Wirklich vielversprechendes Volk! Alles Material, das man organisieren -muß und dann kann man sich aus dem Staube machen. Aber Sie haben ja -selbst unser Gesetzbuch geschrieben. Da braucht man Ihnen doch nichts -mehr zu erklären.« - -»Nun wie, es geht wohl schwer? Ist es mißglückt?« - -»Wie es geht? Wie man es sich leichter gar nicht wünschen kann. Warten -Sie, ich werde Sie zum Lachen bringen! Also, das erste, das ungeheuer -wirkt -- das ist die Montur. Es gibt nichts, das eine größere Zugkraft -hätte, als diese. Ich denke mir absichtlich Titel und Posten aus: habe -da Sekretäre, Geheime Kundschafter, Vorsitzende, Registratoren, deren -Gehilfen -- das gefällt ungemein und wirkt vorzüglich. Darauf, die -zweite Kraft, das ist die Sentimentalität, versteht sich. Wissen Sie, -der Sozialismus verbreitet sich ja bei uns hauptsächlich infolge der -Sentimentalität der Leute. Nur eines ist hier ein wahrer Jammer -- das -sind diese beißenden Leutnants. Da ist man nie sicher. Dann kommen die -echten Spitzbuben. Nun, das ist ein guter Schlag, zuweilen ungemein -vorteilhaft, doch muß man viel Zeit auf sie vergeuden: verlangen -ununterbrochene Aufsicht. Na, und dann natürlich die Hauptkraft -- der -Zement, der alles zusammenhält -- das ist die Schande, eine eigene -Meinung zu haben. Ich sag' Ihnen, das ist mir mal eine Kraft! Wer das -nur so eingerichtet haben mag? und welcher >liebe Kerl< uns da wohl so -nett vorgearbeitet hat, daß auch wirklich keine einzige eigene Idee in -irgendeinem Kopf geblieben ist! Halten so was geradezu für eine -Schande.« - -»Aber wenn es so ist, wozu mühen Sie sich dann noch?« - -»Ja aber, wenn es doch so einfach ist, öffnet sich ja der Mund von -selber -- wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht -glaubten, daß ein Erfolg möglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das -Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur möglich. Ich -sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer -- man braucht ihnen nur zu -sagen, daß sie nicht genügend liberal sind. Die Esel werfen mir übrigens -vor, daß ich sie alle mit einem >Zentralkomitee< und >zahllosen -Verzweigungen< beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch -einmal vorgeworfen -- aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede -sein? Das Zentralkomitee sind doch -- ich und Sie, und an Verzweigungen -werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wünscht.« - -»Und durchweg solches Pack?« - -»Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen.« - -»Sie rechnen noch immer auf mich?« - -»Sie sind der Führer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben -Ihnen stehen als Sekretär. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns >in eine -Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus -Seidenzeug, und außerdem sitzt da die schöne Braut, die lichte Lisaweta -Nicolajewna< ... oder weiß der Teufel wie es da im alten Volkslied heißt -...« - -»Und stocken schon,« lachte Stawrogin. »Nein, ich werde Ihnen einen -besseren Zusatz sagen. Sie zählen da an den Fingern her, aus welchen -Kräften sich die Gruppen zusammensetzen? Das ist doch alles Beamtengeist -und Sentimentalität -- meinetwegen auch ein guter Kleister, aber es gibt -doch einen noch weit besseren: bereden Sie mal vier Mitglieder, dem -fünften den Garaus zu machen, unter dem Vorwand, daß er denunzieren -wird, und Sie binden sie alle mit dem vergossenen Blut wie mit einem -Strick zusammen. Dann werden sie zu Ihren Sklaven und werden nie mehr -wagen, widerspenstig zu sein oder Abrechnungen zu verlangen. -Ha--ha--ha!« - -»Also so bist du ... na warte ... diese Worte wirst du mir bezahlen -müssen,« dachte Pjotr Stepanowitsch bei sich -- »und zwar noch heute -abend.« - -So, oder fast so mußte Pjotr Stepanowitsch bei sich denken. - -Inzwischen hatten sie den Weg zum Wirginskischen Hause schon -zurückgelegt -- das Haus war schon zu sehen. - -»Sie haben mich natürlich als irgendein großes Tier hingestellt -- mit -Beziehungen zur _Internationale_, oder als Revisor?« fragte plötzlich -Stawrogin. - -»Nein, nicht als Revisor; der Revisor wird ein anderer sein. Aber Sie -sind der Gründer, der Anordner aus dem Auslande, der die wichtigsten -Geheimnisse kennt -- das ist Ihre Rolle. Sie werden natürlich reden?« - -»Wie kommen Sie darauf?« - -»Sie sind jetzt verpflichtet zu reden.« - -Stawrogin blieb vor Verwunderung sogar mitten auf der Straße stehen, -nicht weit von einer Laterne. Pjotr Stepanowitsch hielt frech und ruhig -seinen Blick aus. Stawrogin spie aus und ging weiter. - -»Werden Sie denn reden?« fragte er plötzlich Pjotr Stepanowitsch. - -»Nein, ich werde lieber zuhören, wenn Sie reden.« - -»Der Teufel hole Sie! ... Aber Sie geben mir wirklich eine Idee!« - -»Was für eine?« Pjotr Stepanowitsch horchte sofort auf. - -»Ich werde dort meinetwegen reden, aber dafür werde ich Sie dann nachher -durchprügeln, aber gründlich.« - -»Bei der Gelegenheit: ich habe vorhin Karmasinoff gesagt, Sie hätten -einmal über ihn geäußert, daß man ihm kräftig Ruten geben müßte, und -zwar nicht um der Ehre willen, sondern einfach, wie man einen Burschen -drischt, schmerzhaft.« - -»Aber das habe ich doch nie gesagt, ha--ha!« - -»Macht nichts. _Se non è vero._« - -»Nun, danke, besten Dank.« - -»Aber wissen Sie, was dieser Karmasinoff noch sagte: daß unsere Lehre im -Grunde genommen die Verneinung der Ehre ist, und daß man mit dem -öffentlichen Recht auf Ehrlosigkeit einen Russen am leichtesten ködern -kann.« - -»Aber das ist ja eine ausgezeichnete Bemerkung! Ganz wunderbar!« rief -Stawrogin. »Da hat er wirklich den Nagel gerade auf den Kopf getroffen! -Das Recht auf Ehrlosigkeit -- aber dann laufen ja alle zu uns über, kein -einziger bleibt dort! Übrigens hören Sie, Werchowenski, sind Sie nicht -von der höheren Polizei?« - -»Wer solche Fragen im Sinne hat, der spricht sie nicht aus.« - -»Verstehe, aber wir sind ja jetzt unter uns.« - -»Nein, vorläufig noch nicht von der höheren Polizei. Genug davon, wir -sind schon angekommen. Komponieren Sie mal Ihre Physiognomie, Stawrogin. -Ich tue das jedesmal, wenn ich bei diesen erscheine. Nur etwas mehr -Finsterheit, und das ist alles, weiter braucht man nichts; sehr einfache -Sache.« - - - - - Zwölftes Kapitel. - Bei den Unsrigen - - - I. - -Wirginski wohnte in seinem eigenen Hause, oder richtiger, in dem seiner -Frau. Es war ein einstöckiges Holzgebäude, das keine anderen Mieter -hatte. Unter dem Vorwande, daß der Hausherr seinen Namenstag feiern -wolle, versammelten sich an diesem Abend bei ihm ungefähr fünfzehn -Gäste, doch glich die kleine Abendgesellschaft sehr wenig den bei uns in -der Provinz üblichen »Geburtstagsgesellschaften«. Das Ehepaar Wirginski -war schon gleich zu Anfang seiner Ehe darin übereingekommen, daß -»Geburtstage feiern« furchtbar dumm sei: es sei doch durchaus kein Grund -vorhanden, sich an solchen Tagen besonders zu freuen! Und da sie diesen -Grundsatz schließlich auch auf alle anderen Festtage übertrugen, so war -es ihnen schon in ein paar Jahren gelungen, ohne jeden Verkehr zu leben. -Wirginski kam zudem den Leuten wirklich nur wie ein Sonderling vor, der -bloß die Einsamkeit liebte und zum Überfluß noch »anmaßend« erschien -- -warum »anmaßend«, das weiß ich allerdings nicht. Frau Wirginski aber -stand, da sie Hebamme war, gesellschaftlich sowieso sehr niedrig -- und -hinzu kam dann noch ihr dummes und unverzeihlich offenes Verhältnis zu -dem »Hauptmann« Lebädkin, das sie eigentlich nur »aus Prinzip« begonnen -hatte. Nachdem dieses Verhältnis bekannt geworden war, wandten sich -selbst unsere nachsichtigsten Damen mit deutlicher Verachtung von ihr -ab. Frau Wirginskaja aber tat noch, als hätte sie gerade das nötig und -wünsche es selber so. Bemerkenswert ist jedoch, daß dieselben -strengdenkenden Damen sich in gewissen Fällen nur und ausschließlich an -sie wandten, obgleich wir noch drei andere Hebammen in der Stadt hatten. -Man schickte sogar aus den Kreisstädten nach Arina Prochorowna: so -anerkannt und allgemein bekannt waren ihre Kenntnisse, war ihr Glück und -ihre Geschicktheit in ihrem Beruf. Daher kam es denn ganz von selbst, -daß sie ihre Praxis nur in den reichsten Häusern hatte: denn Geld liebte -sie bis zur Habgier. Nachdem sie erst einmal ihre Macht erkannt hatte, -tat sie auch ihrem Charakter keinen Zwang mehr an. Unser Stabsarzt -Rosanoff beteuerte, daß Arina Prochorowna gerade in den Augenblicken, -wenn ihre schwachnervigen Patientinnen alles Heilige anzurufen pflegen, -plötzlich »wie ein Flintenschuß« mit einer unerhörten Blasphemie -herausfahre, die dann gewöhnlich entscheidend auf die armen Frauen -wirke. Übrigens vergaß Arina Prochorowna, wenn sie sonst auch Nihilistin -war, doch nie gewisse alte Bräuche, die ihr etwas einbrachten. So hätte -sie zum Beispiel für keinen Preis die Taufe des von ihr empfangenen -Erdenbürgers versäumt: dann erschien sie stets in einem grünen -Seidenkleide, das sogar eine Schleppe hatte, und mit eingelegten Locken, -während sie sich sonst unglaublich nachlässig kleidete. Und wenn sie -auch sonst unentwegt, ja sogar während der Erfüllung des Wunders der -Geburt, ihre Frechheit zum Entsetzen aller Anverwandten bewahrte, so -trug sie doch nach der Taufe sehr sittsam und eigenhändig den Champagner -herein (nur zu dem Zweck erschien sie und putzte sie sich heraus) und -dann hätte es einer nur versuchen sollen, ihr, nachdem er einen Pokal -genommen, nicht das übliche Taufschmausgeld auf den Teller zu legen! - -Die Gesellschaft -- fast nur Herren --, die sich diesmal bei Wirginski -versammelt hatte, nahm sich eigentlich recht sonderbar aus. Es gab weder -Imbiß noch Karten. Im großen Gastzimmer, das schon seit undenklich -langer Zeit immer ein und dieselben alten blauen Tapeten hatte, waren -zwei Tische zusammengerückt und mit einem großen, nicht einmal ganz -sauberen Tischtuch bedeckt. Auf ihnen kochten zwei Samoware und stand -ein riesiges Teebrett mit fünfundzwanzig Gläsern, sowie ein flacher Korb -mit gewöhnlichem Weißbrot, das wie in Pensionen für junge Mädchen oder -Knaben in viele, viele gleiche Stücke geschnitten war. Den Tee goß die -Schwester der Hausfrau ein -- ein dreißigjähriges, hochblondes Fräulein, -ohne Augenbrauen, sonst schweigsam, aber tödlich boshaft --, eine Dame, -die gleichfalls die »neuesten Anschauungen« teilte und vor der Wirginski -in seinem eigenen Hause zitterte. Außer der Hausfrau und ihrer -augenbrauenlosen Schwester war noch ihre Schwägerin anwesend: Fräulein -Wirginskaja, die gerade aus Petersburg eingetroffen war. Arina -Prochorowna (Wirginskis Frau), an sich eine nicht häßliche Frau von -siebenundzwanzig Jahren, saß, in einem wollenen Alltagskleide von -grünlicher Farbe, am oberen Tischende und betrachtete die Gäste mit -einem Blick, als wollte sie sagen: »Seht, wie ich mich vor nichts -fürchte!« Wirginskis Schwester, die gleichfalls nicht häßlich aussah, -dabei Studentin und Nihilistin, war rotwangig und rundlich wie ein -kleiner Ball: sie saß halbwegs noch in ihren Reisekleidern neben Arina -Prochorowna, mit irgendeiner Papierrolle in der Hand, und sah sich mit -ungeduldigen, springenden Blicken die Gäste an. Wirginski fühlte sich an -diesem Abend nicht ganz wohl, doch hatte er sich trotzdem in einem -Lehnstuhl an den Teetisch gesetzt. Die Gäste saßen auf Stühlen um den -ganzen Tisch herum, und in dieser steifen Gruppierung lag etwas, was -nicht an ein Fest, sondern an eine Sitzung erinnerte. Ganz ersichtlich -erwarteten alle irgend etwas, und wenn sie auch über alles mögliche laut -miteinander sprachen, so merkte man doch sofort, daß es Nebensachen -waren, die eigentlich niemanden interessierten: es war ein künstliches, -gezwungenes Gespräch. - -Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, verstummten plötzlich alle. - -Zur besseren Übersicht werde ich wohl einige weitläufigere Erklärungen -geben müssen. - -Ich glaube, wie gesagt, daß sich damals alle in der angenehmen Hoffnung, -etwas ganz besonders Interessantes zu erfahren, eingefunden hatten. Sie -gehörten sämtlich zu den knallrotesten Liberalen unserer Stadt und waren -von Wirginski zu dieser »Sitzung« sorgfältigst ausgesucht worden. Einige -von ihnen waren noch nie bei Wirginski gewesen und hätten ihn auch sonst -bestimmt nicht mit ihrem Besuche beehrt. Natürlich hatte die Mehrzahl -der Gäste keine rechte Vorstellung davon, was eigentlich geschehen -sollte: sie alle hielten damals Pjotr Stepanowitsch für einen vom -ausländischen Verbande geschickten Auskundschafter, dem bestimmte -Vollmachten gegeben worden waren -- eine Ansicht, die sich sofort und -ganz plötzlich festgesetzt hatte und ihnen ungeheuer schmeichelte. -Währenddessen aber gab es auch unter den versammelten Gästen einige, -denen bereits ganz bestimmte Vorschläge gemacht worden waren. Pjotr -Werchowenski war es inzwischen schon gelungen, bei uns eine ähnliche -»Fünf« zu gründen, wie er es in Moskau getan hatte -- und außerdem noch -eine, wie es sich jetzt erwiesen hat, in der Kreisstadt, unter den -Offizieren. Es heißt sogar, daß er noch eine dritte im H--schen -Gouvernement zustande gebracht habe. Die fünf Auserwählten saßen jetzt -am großen Tisch und verstanden es vorzüglich, sich den Anschein der -harmlosesten Leute zu geben. Es waren das -- da es heute kein Geheimnis -mehr ist -- erstens: Liputin und Wirginski, dann dessen Schwager mit den -trauernden Ohren, Schigaleff, ferner Lämschin und ein gewisser -Tolkatschenko, ein sonderbarer Mensch, etwa vierzig Jahre alt, und -bekannt wegen seiner Studien, die er am Volk, hauptsächlich an -Spitzbuben und Banditen machte, und der absichtlich zu diesem Zweck (das -heißt, nicht gerade ausschließlich zu diesem Zweck) in den schmutzigsten -Schenken verkehrte und auch unter uns sich in schlechten Kleidern, -Schmierstiefeln und Kernausdrücken am besten gefiel. Ein oder zweimal -hatte ihn Lämschin auch zu Stepan Trophimowitsch mitgebracht, wo er -jedoch nicht besonders gut abschnitt. In der Stadt erschien er -gewöhnlich nur zeitweilig, meistens dann, wenn er wieder einmal ohne -Stellung war. Diese fünf nun befanden sich in dem festen Glauben, eine -»Fünf« zu bilden -- eine unter hunderten, tausenden gleicher -»Fünfer-Gruppen«, die angeblich über ganz Rußland verstreut und alle von -irgendeiner mächtigen »Zentrale« abhängig waren, welche wiederum -ihrerseits mit der europäischen Revolutionsbewegung verbunden sein -sollte. Nur muß ich zu meinem Bedauern hinzufügen, daß sogar schon -damals Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte. Die Sache war nämlich die, -daß sie, die schon seit dem Frühling Pjotr Werchowenski erwarteten, der -ihnen zuerst von Tolkatschenko und dann von Schigaleff angekündigt -worden war, nun, als er endlich erschien, sofort auf seinen ersten Wink -hin den von ihm geplanten Kreis oder die »Gruppe« gebildet hatten: kaum -aber hatten sie sich zu ihrer »Fünf« zusammengeschlossen, als sie sich -auch alle ohne Ausnahme irgendwie dadurch gekränkt fühlten, daß sie es -getan hatten -- so schnell und ohne weitere Erwägung, im Grunde wohl nur -deshalb, damit man von ihnen nicht sagen könne, sie hätten es nicht -gewagt! Vor allem, so empfanden sie, hätte Pjotr Werchowenski ihre edle -Heldentat doch auch wirklich schätzen und ihnen nun zur Belohnung -wenigstens irgendein Hauptgeheimnis mitteilen müssen. Werchowenski aber -dachte nicht einmal daran, ihre gerechte Neugier zu befriedigen, und -erzählte so gut wie gar nichts, behandelte sie im Gegenteil mit Strenge -und andererseits wiederum fast mit Nachlässigkeit. Das aber reizte -natürlich die »Fünf«, und einer von ihnen, Schigaleff, stachelte denn -auch schon die anderen auf, von ihm einen »Rechenschaftsbericht« zu -fordern, allerdings nicht gleich heute bei Wirginski, denn dort gab es -zu viele Fremde ... - -Was aber diese Fremden betrifft, so glaube ich, daß die vorhin genannten -Glieder der ersten »Fünf« geneigt waren, an jenem Abend bei Wirginski -unter den Gästen noch andere Mitglieder anderer »Gruppen«, von denen sie -nichts wußten und die derselbe Werchowenski vielleicht geheimnisvoll -organisiert hatte, zu vermuten. So kam es denn, daß zu guter Letzt sich -alle Gäste gegenseitig verdächtigten und ein jeder eine ganz besondere -Haltung annahm, was denn der ganzen Versammlung etwas Irreführendes, ja -zum Teil sogar Romantisches verlieh. Außerdem gab es da einen Major, -einen vollkommen unschuldigen Menschen und nahen Verwandten Wirginskis, -der uneingeladen zum Namenstage erschienen war. Der Hausherr beunruhigte -sich nun freilich weiter nicht, denn der Major hätte »auf keine Weise -denunzieren können«: trotz seiner Dummheit liebte es dieser Verwandte -Wirginskis, dorthin zu gehen, wo es Liberale gab, doch nicht etwa, weil -er deren Anschauungen teilte, sondern einfach, weil er ihnen gerne -zuhörte. Und dazu war er selbst, von früher her, noch ein wenig -kompromittiert: in seiner Jugend waren einmal ganze Lager revolutionärer -Schriften durch seine Hände gegangen, und wenn er für seine Person sich -auch gefürchtet hatte, sie auch nur aufzubinden, so würde er doch die -Weigerung, die Gefälligkeit zu erweisen und sie zu verbreiten, für eine -grenzenlose Gemeinheit gehalten haben -- solche Russen gibt es nun -einmal und sogar heute noch. Die übrigen Gäste gehörten entweder zu dem -Typ der »zu Galle gewordenen gekränkten Eigenliebe«, oder zu dem des -»ersten edlen Ausbruchs feuriger Jugend«. Da waren auch zwei oder drei -Lehrer, von denen der eine -- ein Lehrer am Gymnasium -- lahm und schon -fünfundvierzig Jahre alt war, ein ungewöhnlich boshafter und eitler -Mensch, und zwei oder drei Offiziere. Zu den letzteren gehörte ein ganz -junger Artillerist, ein Fähnrich, der erst vor ein paar Tagen aus einer -Kriegsschule gekommen war, ein netter, schweigsamer Jüngling. Noch hatte -er in der Stadt keine einzige Bekanntschaft gemacht, und schon saß er -bei Wirginski im Kreise der Eingeladenen mit einem Bleistift in der Hand -und machte sich von Zeit zu Zeit in sein Taschenbuch irgendwelche -Notizen. Alle sahen das, doch alle taten aus irgendeinem Grunde, als -bemerkten sie es nicht. Außerdem war ein herumbummelnder Seminarist -anwesend, der Lämschin geholfen hatte, jene schändlichen Photographien -in den Sack der Bibelverkäuferin zu stecken, ein großer Bursche mit -ungezwungenem Benehmen, jedoch immer etwas argwöhnisch, und mit einem -ewig alles besser wissenden Lächeln, dabei aber von dem ruhigen Gehaben -der siegenden Vollkommenheit, die für ihn in seiner Person verkörpert -war. Ferner war, ich weiß nicht, weshalb, noch der Sohn unseres -Stadthauptes zugegen, ein schändlicher, früh verlebter junger Mann. Der -schwieg aber fast nur. Und schließlich war da noch ein achtzehnjähriger -Gymnasiast, der mit der finsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten -jungen Mannes da saß und augenscheinlich unter seinen achtzehn Jahren -litt. Dieser Bengel war schon der »Chef« einer Verschwörung der -Oberprimaner, die sich, wie sich später zum allgemeinen Erstaunen -herausstellte, im Gymnasium gebildet hatte, und zwar vollkommen -selbständig. Beinahe hätte ich Schatoff vergessen, der am unteren -Tischende saß, seinen Stuhl ein wenig aus der Reihe zurückgeschoben -hatte, die ganze Zeit schwieg, auch für den Tee dankte, beständig zu -Boden sah und seine Mütze nicht aus der Hand legte, als hätte er damit -zu verstehen geben wollen, daß er nicht als Gast, sondern nur aus -irgendwelchen sachlichen Gründen gekommen war, und, wenn es ihm einfiel, -einfach aufstehen und fortgehen könne. Nicht weit von ihm hatte sich -dann noch Kirilloff hingesetzt: dieser schwieg gleichfalls, doch sah er -nicht zu Boden, sondern blickte im Gegenteil jedem, der da sprach, -gerade ins Gesicht, mit seinem unbeweglichen, glanzlosen Blick, und -hörte allen ohne die geringste Verwunderung vollkommen ruhig zu. Einige -von den Gästen, die ihn noch nicht gesehen hatten, beobachteten ihn -verstohlen. Es ist bis heute ungewiß, ob eigentlich Frau Wirginskaja -etwas von der bestehenden »Fünf« wußte. Ich nehme an, daß sie durch -ihren Mann über alles unterrichtet war. Die Studentin hatte natürlich -von nichts eine Ahnung, doch dafür war sie mit ihrer eigenen Sorge -beschäftigt: sie beabsichtigte, nur einen oder zwei Tage bei Wirginskis -zu bleiben und dann weiter und weiter zu reisen, durch alle -Universitätsstädte, um »Teilnahme an den Leiden der armen Studierenden -zu erwecken und sie zum Protest aufzurufen«. Sie führte einige hundert -Exemplare eines lithographierten, wenn ich mich nicht täusche, von ihr -selbst verfaßten Aufrufs mit sich. Merkwürdigerweise begann der -Gymnasiast die Studentin schon vom ersten Blick an zu hassen, und zwar -gleich bis aufs Blut, ungeachtet dessen, daß er sie zum erstenmal im -Leben sah, und sie erwiderte diesen Haß in genau demselben Maße. Der -Major war ihr leiblicher Onkel, der sie vor gut zehn Jahren zum -letztenmal gesehen hatte. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, -waren ihre Wangen rot wie Preißelbeeren: sie hatte mit dem Onkel gerade -über die Frauenfrage aufs heftigste gestritten. - - - II. - -Werchowenski warf sich auffallend nachlässig auf einen Stuhl am oberen -Tischende, fast ohne jemanden zu grüßen. Er sah mißgestimmt und sogar -hochmütig aus. Stawrogin dagegen grüßte höflich die Anwesenden. Obgleich -man nur auf diese beiden gewartet hatte, taten doch alle wie auf ein -Kommando, als ob sie sie überhaupt nicht bemerkten. Kaum hatte Stawrogin -sich gesetzt, als Frau Wirginskaja sich in strengem Ton an ihn wandte: - -»Stawrogin, wollen Sie Tee?« - -»Sehr gern,« antwortete dieser. - -»Reiche Herrn Stawrogin ein Glas Tee,« befahl sie der Schwester, »-- und -Sie?« fragte sie Werchowenski. - -»Selbstverständlich, nur her damit, wer fragt denn die Gäste noch -danach? Und geben Sie auch Sahne diesmal, sonst wird ja hier immer solch -eine Abscheulichkeit anstatt Tee gereicht -- und dabei gibt's heute noch -ein >Geburtstagskind< im Hause!« - -»Wie, auch Sie erkennen das >Geburtstagefeiern< an?« fragte die -Studentin auflachend. »Wir haben soeben darüber gesprochen.« - -»Abgedroschen!« bemerkte sogleich am anderen Tischende der Gymnasiast -mit überlegener Miene. - -»Was ist abgedroschen? Vorurteile vergessen ist durchaus nicht -abgedroschen, und wenn es auch die unschuldigsten von der Welt sind, -sondern ist, im Gegenteil, zur allgemeinen Schande noch heute neu,« gab -die Studentin sofort empfindlich zurück. »Und zudem gibt es überhaupt -keine unschuldigen Vorurteile,« fügte sie geradezu erbittert hinzu. - -»Ich wollte nur bemerken,« regte sich der Gymnasiast furchtbar auf, »daß -Vorurteile, wenn sie auch eine alte Sache sind, und man sie ausrotten -muß ... was aber Namenstag- und Geburtstagfeiern anbetrifft ... so -wissen schon alle längst, daß das Dummheiten sind und das Gerede darüber -viel zu alt und abgedroschen ist, um darauf noch die kostbare Zeit zu -vergeuden, die ohnehin schon von aller Welt vergeudet worden ist, so daß -man seine Worte lieber einem bedürftigeren ...« - -»Was ist das für ein Satz! Ich kann nichts verstehen!« unterbrach ihn -die Studentin. - -»Ich glaube, daß ein jeder gleich anderen das Recht des Wortes hat, und -wenn ich meine Meinung sagen will, wie jeder andere, so ...« - -»Ihnen nimmt niemand das Recht des Wortes,« unterbrach ihn die Hausfrau, -»Sie sind nur gebeten worden, nicht so undeutlich zu sprechen, denn so -kann Sie ja kein Mensch verstehen.« - -»Aber, erlauben Sie mir, zu bemerken, daß Sie mich gar nicht achten: -wenn ich vorhin meinen Gedanken nicht zu Ende sprechen konnte, so kam -das nicht daher, daß ich keinen Gedanken hatte, sondern eher vom -Überfluß von Gedanken ...« stotterte der Gymnasiast fast verzweifelt und -verwickelte sich endgültig. - -»Wenn Sie nicht zu sprechen verstehen, so schweigen Sie lieber,« platzte -die Studentin heraus. - -Der Gymnasiast sprang jetzt sogar vom Stuhl auf. - -»Ich wollte nur sagen,« rief er laut und brennend rot vor Schande, doch -fürchtete er sich, jemanden anzusehen, »daß Sie sich nur deswegen mit -Ihrem Verstande breitmachen wollen, weil Herr Stawrogin gekommen ist -- -da haben Sie's!« - -»Ihr Gedanke ist schmutzig und unsittlich und beweist nur die ganze -Nichtigkeit Ihrer geistigen Entwickelung. Ich bitte Sie, sich weiter -nicht an mich zu wenden!« knatterte sofort die Antwort der Studentin. - -»Stawrogin,« begann die Hausfrau, »bevor Sie kamen, regten sie sich hier -über Familienrechte auf -- besonders der Herr Major,« sie wies auf ihren -Verwandten. »Aber ich werde Sie mit diesen alten Streitfragen, die doch -schon längst erledigt sind, nicht weiter belästigen. Ich frage mich nur, -woher sind nun diese Rechte und Pflichten der Familie gekommen, ich -meine, im Sinne dieses Vorurteils, wie es jetzt besteht? Das ist die -Frage. Was meinen Sie?« - -»Wieso -- woher gekommen?« fragte Stawrogin zurück. - -»Das heißt, wir wissen zum Beispiel, daß das Vorurteil, daß es einen -Gott geben müsse, durch den Donner und Blitz hervorgerufen worden ist,« -ereiferte sich sofort wieder die Studentin, die mit den Augen förmlich -auf Stawrogin lossprang. »Man weiß jetzt ganz genau, daß die Urmenschen, -die sich vor Donner und Blitz fürchteten, den unsichtbaren Feind zum -Gott erhoben, da sie ihre eigene Machtlosigkeit vor ihm fühlten. Aber -wie ist nun das Vorurteil der Familie entstanden? Und wie ist überhaupt -die Familie entstanden?« - -»Das ist doch wohl nicht dasselbe ...« versuchte die Hausfrau -einzuwenden. - -»Ich denke, die Antwort auf diese Frage dürfte nicht ganz -- sagen wir, -sittsam sein,« antwortete Stawrogin. - -»Wie das?« rückte die Studentin wieder vor. - -Aber schon hörte man aus der Lehrergruppe leises Lachen, das sofort am -anderen Ende des Tisches, bei Lämschin und dem Gymnasiasten, ein Echo -fand, worauf der Major plötzlich hell und laut loslachte. - -»Sie sollten Vaudevilles schreiben,« sagte die Hausfrau zu Stawrogin. - -»Das macht Ihnen wirklich keine Ehre, -- ich weiß nicht, wie Sie -heißen,« sagte die Studentin mit entschiedenem Unwillen zu Stawrogin. - -»Du aber solltest nicht so vorwitzig sein!« tadelte der Major. »Bist ein -Fräulein, mußt dich sittsam halten, du aber bist ja ganz, als hättest du -dich auf eine Nadel gesetzt.« - -»Könnten Sie nicht lieber schweigen? Zum mindesten möchte ich Sie -bitten, sich im Gespräch mit mir nicht so familiär auszudrücken. Und -diese widerlichen Vergleiche verbitte ich mir einfach. Ich sehe Sie -heute zum erstenmal und will nichts von Ihrer Verwandtschaft wissen.« - -»Aber ich bin doch dein Onkel! Ich habe dich doch als Säugling auf -meinen Armen geschleppt!« - -»Was geht das mich an, was Sie da alles geschleppt haben! Ich habe Sie -damals nicht darum gebeten, mein unhöflicher Herr Major, also muß es -Ihnen wohl selbst Spaß gemacht haben, mich zu tragen. Und gestatten Sie -mir noch zu bemerken, daß Sie sich nicht unterstehen dürfen, mich zu -duzen, es sei denn als Bürgerin, sonst aber untersage ich es Ihnen ein -für allemal.« - -»So sind sie nun alle!« Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch und -wandte sich an Stawrogin, der ihm gegenüber saß. »Nein, erlauben Sie, -ich liebe Liberalismus und alles Zeitgemäße. Ich liebe auch klugen -Gesprächen zuzuhören, aber -- wohlgemerkt: von Männern! Doch von Frauen, -von diesen da, von diesen Flattervögeln -- nein, Verzeihung, aber das -ist schon mein wunder Punkt! Du, dreh dich nicht so viel!« fuhr er die -Studentin an, die vor Ungeduld schon wieder fast vom Stuhl sprang. »Ich -will auch einmal zu Wort kommen! Jetzt bin ich der Gekränkte!« - -»Sie stören nur die anderen und selbst verstehen Sie doch nichts zu -sagen,« bemerkte die Hausfrau unwirsch. - -»Nein, ich werde schon zu sagen verstehen, was ich sagen will,« -ereiferte sich der Major, und wandte sich an Stawrogin. »Ich rechne auf -Sie, Herr Stawrogin, da Sie ein Neueingetretener sind, obgleich ich -nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Ich hoffe, daß Sie mir beipflichten -werden. Ohne Männer wären die Frauen einfach verloren, wie die Fliegen, --- das ist meine Meinung. Die ganze Frauenfrage ist nichts weiter als -Mangel an Originalität. Ich sage Ihnen; diese Frauenfrage haben ihnen -nur die Männer ausgedacht, einfach aus purer Dummheit sich selbst auf -den Hals geladen, -- ich danke bloß Gott, daß ich nicht verheiratet bin! -Nicht die geringste Verschiedenheit ist in den Frauen, nicht einmal ein -einfaches Stickmuster können sie sich ausdenken, auch das müssen die -Männer für sie tun! Sehen Sie, da habe ich sie als Kind auf den Händen -getragen, habe mit ihr, als sie zehn Jahre alt war, Mazurka getanzt, -- -heute kommt sie an und wie ich ihr entgegenfliege, um sie abzuküssen, da -erklärt sie mir schon nach dem zweiten Wort, daß es einen Gott überhaupt -nicht gibt. Wenn sie es doch wenigstens nach dem dritten getan hätte, -aber nein, sie muß es schon nach dem zweiten tun -- so eilig hat sie's! -Nun schön, angenommen, kluge Leute glauben nicht an Gott, das soll ja -bloß vom Verstande abhängen, aber du, sage ich ihr, was verstehst du -denn unter Gott? Dich hat das doch wieder nur der Student gelehrt, hätte -er dich aber die Lämpchen vor den Heiligenbildern anzünden gelehrt, so -würdest du eben Lämpchen anzünden!« - -»Das ist alles nicht wahr, was Sie da sagen. Sie sind ein sehr boshafter -Mensch. Ich aber habe Ihnen vorhin bloß Ihre Dummheit beweisen wollen,« -sagte die Studentin nachlässig, als verachtete sie es im Grunde, sich -mit solch einem Menschen noch weiter zu streiten. »Ich habe Ihnen vorhin -gesagt, daß man uns nach dem Katechismus lehrt: >Ehre Vater und Mutter, -damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden<. Das steht in -den zehn Geboten. Wenn nun Gott es für nötig hielt, für Liebe eine -Belohnung zu versprechen, so ist meines Erachtens dieser euer Gott -einfach unmoralisch. Das war es, was ich Ihnen vorhin auseinandersetzte, -und durchaus nicht nach dem zweiten Wort, sondern einfach, weil Sie auf -Ihre Verwandtenrechte pochten. Was kann ich dafür, daß Sie stumpfsinnig -sind und mich bis jetzt noch nicht begriffen haben? Das kränkt Sie und -Sie ärgern sich: das ist die ganze Lösung des Rätsels von Ihnen und -Ihresgleichen.« - -»Närrin!« nannte sie der Major. - -»Sie sind selbst ein Narr.« - -»Schimpf nur!« - -»Aber erlauben Sie, Kapiton Maximowitsch, Sie haben mir doch selbst -gesagt, daß Sie an Gott nicht glauben,« rief Liputin mit seiner -unangenehmen Stimme vom anderen Tischende. - -»Was hat das damit zu tun, was ich gesagt habe, ich -- ich bin eine ganz -andere Sache! Ich -- nun, vielleicht glaube ich doch, nur glaube ich -nicht so ganz. Wenn ich aber auch nicht ganz glaube, so sage ich doch -noch nicht, daß man Gott gleich totschießen soll. Ich habe schon, als -ich noch Husar war, über Gott nachgedacht. Es heißt sonst wohl in allen -Gedichten, daß ein Husar bloß trinkt und durchgeht, schön, ich habe -vielleicht auch getrunken, aber, glauben Sie mir, wenn es manchmal in -der Nacht so dunkel ist, da springt man wohl plötzlich auf und kniet vor -dem Heiligenbild nieder und schlägt ein Kreuz über das andere, damit -Gott einem Glauben schicke, denn selbst damals konnte ich mich über -diese Frage nicht beruhigen: gibt es einen Gott, oder gibt es keinen? -Dermaßen bitter ist mir das geworden! Morgens, natürlich, da zerstreut -man sich und wieder geht der Glaube gleichsam flöten, ja und überhaupt -ist mir eigentlich aufgefallen, daß man am Tage den Glauben viel weniger -nötig hat.« - -»Haben Sie vielleicht Karten?« fragte Werchowenski, sich zur Hausfrau -wendend, und gähnte ungeniert. - -»Ich kann Ihnen diese Frage nur zu sehr, nur zu sehr nachfühlen!« -beteuerte die Studentin eifrig. - -»Man verliert bloß die goldene Zeit, wenn man so leerem Geschwätz -zuhört,« sagte die Hausfrau und blickte ihren Mann bedeutsam an. - -Die Studentin raffte sich auf. - -»Ich wollte der Versammlung von den Leiden und dem Protest der Studenten -Mitteilung machen, und da die Zeit über unmoralischen Gesprächen -vergeudet wird ...« - -»Es gibt überhaupt weder Moralisches noch Unmoralisches!« fiel ihr der -Gymnasiast sogleich ins Wort, kaum daß er sah, daß die Studentin mit -einer Rede beginnen wollte. - -»Das habe ich, mein Herr Gymnasiast, schon viel früher gewußt, als Sie -das aufgeschnappt haben!« - -»Und ich behaupte,« raste der Gymnasiast geradezu, »Sie sind -- ein aus -Petersburg angekommenes Kind, das uns bilden will! Daß das vierte Gebot, -das Sie nicht einmal richtig aufzusagen verstanden, unmoralisch ist, das -weiß schon seit Belinski ganz Rußland!« - -»Wird das jemals ein Ende nehmen?« fragte Frau Wirginskaja gereizt ihren -Mann. - -Als Hausfrau errötete sie wegen der nichtigen Gespräche, besonders -nachdem sie einige fragende Blicke der Gäste untereinander bemerkt -hatte. - -»Meine Herren!« Wirginski erhob plötzlich die Stimme, »falls jemand von -Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, ohne -Zeitverlust damit beginnen zu wollen.« - -»Gestatten Sie mir eine Frage,« sagte plötzlich der lahme Lehrer, der -bis dahin nur geschwiegen und sehr zurückhaltend dagesessen hatte, »ich -würde doch gern wissen, ob wir hier eine Sitzung halten sollen, oder ob -wir uns wie gewöhnliche Sterbliche zu einer Geburtstagsfeier versammelt -haben? Ich frage es mehr der Ordnung wegen.« - -Die Frage machte nicht geringen Eindruck: man sah sich an, als ob ein -jeder vom anderen die Antwort erwartete, und plötzlich wandten sich -aller Augen, wie auf ein Kommando, auf Stawrogin und Werchowenski. - -»Ich schlage vor, über die Antwort einfach abzustimmen. Die Frage ist: ->Halten wir eine Sitzung oder nicht?<« sagte Frau Wirginskaja. - -»Ich stimme ganz Ihrem Vorschlage bei,« rief Liputin, »wenn er auch ein -wenig unbestimmt ist.« - -»Ich gleichfalls!« »Ich auch!« riefen noch andere Stimmen. - -»Ich denke gleichfalls, daß das mehr Ordnung schaffen wird,« meinte -Wirginski. - -»Also bitte die Stimmen abzugeben!« rief die Hausfrau. »Lämschin, seien -Sie so freundlich und setzen Sie sich so lange ans Klavier. Sie werden -auch von dort aus Ihre Stimme abgeben können, wenn wir so weit sind.« - -»Schon wieder!« rief Lämschin. »Ich dächte, ich hätte Ihnen nachgerade -genug vorgetrommelt!« - -»Ich bitte Sie ausdrücklich darum: Wollen Sie denn der Sache nicht -nützlich sein?« - -»Aber ich versichere Sie, Arina Prochorowna, daß draußen niemand horcht. -Das ist nur Ihre Phantasie. Die Fenster sind außerdem viel zu hoch; und -wer würde denn hier überhaupt etwas verstehen, selbst wenn er alles -hörte?« - -»Wir verstehen uns ja selbst nicht,« murmelte eine Stimme. - -»Und ich behaupte, daß Vorsicht immer angebracht ist. Für den Fall, daß -es Spione gibt,« wandte sie sich darauf zu Werchowenski, »-- mögen sie -dann auf der Straße hören, daß es bei uns Musik und lustige Gäste gibt.« - -»Zum Teufel!« schimpfte Lämschin, setzte sich aber doch ans Klavier und -begann irgendwie, fast mit den Fäusten, einen Walzer zu spielen. - -»Ich schlage vor, daß alle, die eine Sitzung wünschen, die rechte Hand -erheben,« beantragte Frau Wirginskaja. - -Einige erhoben die rechte Hand, einige wiederum nicht; andere erhoben -sie und senkten sie wieder oder senkten sie und erhoben sie von neuem. - -»Pfui, Teufel! Hab nichts kapiert!« rief ein Offizier geärgert. - -»Und ich verstehe auch nichts!« rief ein anderer. - -»Nein, ich verstehe wohl!« rief ein dritter. »Wenn >ja<, so hebt man die -Hand auf.« - -»Aber was bedeutet denn das >ja<?« - -»>Ja< bedeutet: Sitzung!« - -»Nein, umgekehrt!« - -»Ich habe für die Sitzung gestimmt!« rief der Gymnasiast Frau -Wirginskaja zu. - -»Warum haben Sie dann die Hand nicht erhoben?« - -»Ich habe die ganze Zeit auf Sie gesehen: Sie hoben sie nicht, und so -hob ich sie auch nicht.« - -»Wie dumm das ist! Ich habe sie doch nur deswegen nicht erhoben, weil -ich das Abstimmen vorgeschlagen hatte. Meine Herren, ich schlage -nochmals vor: wer eine Sitzung will, der soll ruhig sitzen bleiben und -keine Hand erheben, wer aber keine Sitzung will, der soll die rechte -Hand aufheben.« - -»Wer _nicht_ will?« fragte der Gymnasiast. - -»Ach, Sie stellen sich wohl mit Absicht so stupid?« rief Frau -Wirginskaja zornig. - -»Nein, erlauben Sie mal, wer _nicht_ will, oder wer da will, das muß -schon genauer festgestellt werden,« ertönten zwei, drei Stimmen. - -»Wer nicht will, _nicht_ will!« - -»Nun schön, aber was soll man denn jetzt tun, aufheben oder nicht -aufheben, wenn man _nicht_ will?« rief ein Offizier. - -»Ach ja, an eine Konstitution ist bei uns noch nicht zu denken!« -bemerkte der Major. - -»Herr Lämschin, haben Sie die Güte, Sie hämmern ja dermaßen, daß niemand -etwas verstehen kann,« bemerkte der lahme Lehrer. - -»Ja, bei Gott, Arina Prochorowna, es horcht doch wirklich kein Spion an -den Türen!« rief Lämschin aufspringend. »Und ich will auch nicht mehr -spielen! Ich bin zu Ihnen zu Besuch gekommen, aber nicht, um hier das -Klavier zu bearbeiten!« - -»Meine Herren,« begann Wirginski, »antworten Sie alle laut: halten wir -Sitzung oder nicht?« - -»Sitzung, Sitzung!« ertönte es von allen Seiten. - -»Gut, dann brauchen wir nicht mehr abzustimmen. Sind Sie einverstanden, -meine Herren, oder sollen wir doch noch abstimmen?« - -»Nicht nötig, genug, haben schon verstanden!« - -»Vielleicht will aber irgend jemand doch nicht?« - -»Nein, nein, alle wollen!« - -»Ja, aber was ist denn das für eine Sitzung?« erhob sich eine Stimme, -die jedoch keine Antwort erhielt. - -»Man muß einen Präsidenten wählen!« riefen mehrere zugleich. - -»Den Hausherrn, selbstverständlich, den Hausherrn!« - -»Meine Herren, wenn es so ist,« begann der erwählte Wirginski, »-- dann -mache ich nochmals meinen Vorschlag: falls jemand von Ihnen etwas, was -mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, damit zu beginnen.« - -Allgemeines Schweigen. Wieder wandten sich alle Blicke Stawrogin und -Werchowenski zu. - -»Werchowenski, hätten Sie nichts zu sagen?« fragte ihn die Hausfrau. - -»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der gähnend und lehnte sich nachlässig auf -seinem Stuhl zurück. »Übrigens, ich würde gern einen Kognak trinken.« - -»Stawrogin, wollen Sie nicht?« - -»Nein, danke, ich trinke nicht.« - -»Ich meinte, ob Sie nicht reden wollen, und nicht, ob Sie einen Kognak -wünschen!« - -»Reden, worüber? Nein, ich will nicht.« - -»Sie werden sofort Ihren Kognak bekommen,« sagte sie zu Werchowenski. - -Die Studentin erhob sich wieder, was sie mittlerweile schon mehrmals -halbwegs getan hatte. - -»Ich bin gekommen, um von den Leiden der unglücklichen Studenten zu -berichten und sie allerorten zum Protest aufzufordern ...« - -Sie kam nicht weiter: am anderen Tischende erhob sich ein neuer -Konkurrent und alle Blicke flogen ihm sofort zu. Schigaleff, der Mann -mit den langen Ohren, erhob sich mit finsterem, geärgertem Gesicht -bedächtig vom Stuhl und legte mit melancholischer Miene ein dickes, -unendlich klein und eng beschriebenes Heft vor sich auf den Tisch. Die -meisten sahen bestürzt auf das dicke Heft, doch Liputin, Wirginski und -der lahme Lehrer waren augenscheinlich mit irgend etwas sehr zufrieden. - -»Ich bitte ums Wort,« sagte Schigaleff endlich finster, doch bestimmt. - -»Herr Schigaleff hat das Wort,« verkündete Wirginski. - -Der Redner setzte sich, schwieg wieder und begann darauf feierlichst: - -»Meine Herrschaften! ...« - -»Hier haben Sie den Kognak!« sagte die Verwandte, die den Tee -eingegossen hatte und die inzwischen nach dem Kognak gegangen war, mit -sichtlicher Verachtung. Sie stellte die Flasche und das Glas, die sie in -der Hand ohne Untersetzer brachte, ärgerlich auf den Tisch vor -Werchowenski hin. - -Der unterbrochene Redner verstummte würdevoll. - -»Fahren Sie nur fort, ich höre nicht zu!« rief Werchowenski, der sich -den Kognak eingoß. - -»Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme,« begann -Schigaleff von neuem, »und wie Sie später sehen werden, Ihre Hilfe in -einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, muß ich vorher -einige Worte zur Einleitung sagen.« - -»Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere?« fragte plötzlich -Pjotr Stepanowitsch. - -»Wozu brauchen Sie eine Schere?« Sie sah ihn verwundert mit großen Augen -an. - -»Hab mir die Nägel zu schneiden vergessen, obgleich ich's mir schon drei -Tage immer wieder vorgenommen habe,« sagte er, gelassen seine langen und -ungeputzten Nägel betrachtend. - -Arina Prochorowna wurde rot vor Ärger, doch die Studentin schien daran -Gefallen zu finden. - -»Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere -gesehen,« sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder -zurück. - -Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm. -Arina Prochorowna sagte sich, daß das wohl unter freien Menschen so sein -müsse, und schämte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gäste sahen sich -stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lächelte boshaft und -beobachtete Werchowenski mit gehässigem Ausdruck. - -Schigaleff fuhr fort: - -»Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen -Verfassung der zukünftigen Gesellschaft, mit dem sich alle -Gegenwartsmenschen beschäftigen, gewidmet, bin ich zu der Überzeugung -gekommen, daß alle Gründer sozialer Systeme, seit den ältesten Zeiten -bis zu unserem 187...sten Jahre, bloß Grübler, Märchenerzähler, -Dummköpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie -nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir -Mensch nennen, gewußt haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Säulen aus -Aluminium, alles das taugt vielleicht für Spatzen, aber nicht für die -menschliche Gesellschaft. Da aber die zukünftige Gesellschaftsform -gerade jetzt festzusetzen unumgänglich nötig ist, gerade in diesem -Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr -nachdenken zu müssen, so schlage ich denn mein eigenes System der -Welteinrichtung vor. Hier ist es!« und er schlug mit der Hand auf sein -dickes Heft. »Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekürzter -Form vorlegen, aber ich sah ein, daß ein derartiges Verfahren noch viele -mündliche Erklärungen nötig machen würde. Daher habe ich mich denn -entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden -- da es in zehn -Kapitel eingeteilt ist -- vorzutragen. (Leises Gelächter.) Ich muß Sie -jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, daß mein System noch nicht -beendet, das heißt, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres -Gelächter.) Ich habe mich nämlich in meinen eigenen Argumenten -verwickelt: meine schließliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu -der anfänglichen Idee. Nachdem ich von unbeschränkter Freiheit -ausgegangen bin, komme ich zum Schluß zu unbeschränktem Despotismus. -Jedenfalls aber füge ich hinzu, daß es außer meiner Lösung der -Gesellschaftsformel eine andere Lösung überhaupt nicht geben kann.« - -Das Gelächter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es -eigentlich nur die jüngeren, die gewissermaßen nicht ganz eingeweihten -Gäste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des -lahmen Lehrers drückte sich einiger Unwille aus. - -»Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu -vollenden, und darüber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch -bitte, was wir noch machen sollen?« bemerkte vorsichtig einer der -Offiziere. - -»Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier,« wandte sich Schigaleff -schroff an ihn, »und vor allen Dingen darin, daß Sie das Wort ->Verzweiflung< gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch -nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich, -und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner -finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze -Gesellschaft aufzufordern, später, also nachdem ich mein System an zehn -Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung über dasselbe zu äußern. Wollen -aber die Mitglieder mir nicht zuhören, so ist es besser, wir gehen -sofort alle auseinander, -- die Männer, um sich mit Verwaltungsarbeiten -abzugeben, und die Frauen -- in ihre Küchen, aus dem Grunde, weil sie, -wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr -finden können. Kei--nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich -entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum -ewig Alten zurückkehren werden.« - -Man wurde ein wenig unruhig: »Was soll das ...? Wie ...? Etwa -übergeschnappt ...?« hörte man flüstern. - -»Das heißt also, daß die Hauptsache jetzt bloß in Schigaleffs -Verzweiflung besteht,« folgerte Lämschin, »und die Tagesfrage nur lauten -kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht?« - -»Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persönliche Frage,« -verkündete der Gymnasiast. - -»Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs -die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich überhaupt lohnt, -sein System anzuhören oder nicht?« schlug heiter einer von den -Offizieren vor. - -»Hier handelt es sich nicht darum,« mischte sich endlich der lahme -Lehrer ins Gespräch. Er sprach gewöhnlich mit einem gewissen gleichsam -spöttischen Lächeln, so daß es eigentlich schwer war, festzustellen, ob -er im Ernst sprach oder nur scherzte. »Hier, meine Herrschaften, handelt -es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe -gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne -sein Buch. Er schlägt darin vor, und zwar als endgültige Lösung des -Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der -kleinere Teil, ungefähr nur ein Zehntel der Menschheit, erhält allein -persönliche Freiheit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun -Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre -Persönlichkeit vollkommen einbüßen und zu einer Art Herde werden, um bei -grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die -uranfängliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten -Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten müssen. Die -Maßregeln, die der Autor vorschlägt, um den neun Zehnteln der Menschheit -den persönlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen -Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, -- diese -Maßregeln sind ungemein bemerkenswert, stützen sich zudem auf -naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich -vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklären -und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und -das Wissen des Autors anzweifeln. Das wäre auch unsinnig. Schade, daß -seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit -den Umständen so unvereinbar ist, sonst bekämen wir viel Interessantes -zu hören.« - -»Meinen Sie das wirklich im Ernst?« fragte Frau Wirginskaja fast -beunruhigt den lahmen Lehrer. »Weil dieser Mensch nicht weiß, wohin er -mit den Menschen soll, verlangt er, daß man neun Zehntel zu Sklaven -macht? Ich habe ihn schon längst im Verdacht gehabt ... --« - -»Sprechen Sie von Ihrem Bruder?« fragte der Lahme. - -»Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich über mich -lustig machen?« - -»Und dazu noch für die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Göttern -gehorchen -- das ist eine Gemeinheit!« rief die Studentin empört. - -»Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische -Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden überhaupt nicht geben,« -schloß Schigaleff mit Nachdruck. - -»Ich aber würde anstatt des Paradieses,« schrie Lämschin, »diese ganzen -neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts -anzufangen weiß, einfach in die Luft sprengen, und würde nur ein -Häufchen gebildeter Leute übriglassen, die dann nach der Wissenschaft -herrlich und in Freuden leben könnten.« - -»So etwas kann nur ein Narr sagen!« fuhr die Studentin auf. - -»Er ist ein Narr, aber er ist nützlich,« flüsterte ihr Frau Wirginskaja -zu. - -»Und vielleicht wäre das die beste Lösung der Aufgabe!« wandte sich -Schigaleff lebhaft zu Lämschin. »Sie wissen natürlich nicht mal, welch -einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da -aber Ihr Vorschlag kaum erfüllbar ist, so muß man sich eben mit dem -sogenannten Erdenparadies begnügen.« - -»Einstweilen ist das schon genügender Unsinn!« bemerkte plötzlich -Werchowenski, anscheinend ganz unwillkürlich als Betrachtung, die einem -mal so entschlüpft. Übrigens fuhr er dabei gelassen und ohne -aufzublicken fort, seine Nägel zu beschneiden. - -»Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein?« griff sofort der lahme -Lehrer die Bemerkung auf, als hätte er nur auf das erste Wort von -Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu können. »Warum denn gerade -ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der -Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, daß selbst Fourier, Cabet ganz -besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und -allerfanatischsten theoretischen Lösungen der Frage gegeben haben. Herr -Schigaleff hat vielleicht noch am nüchternsten von ihnen allen die Sache -angefaßt. Ich versichere Sie, daß es nach der Lektüre seines Buches fast -unmöglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht übereinzustimmen. -Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realität entfernt, und -sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, über -dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt -- vorausgesetzt natürlich, -daß es wirklich einmal existiert hat.« - -»Ich konnte mir ja denken, daß ich mir da was auf den Hals lade,« -murmelte Werchowenski wieder nachlässig. - -»Erlauben Sie,« regte sich der Lahme mehr und mehr auf, »Gespräche und -Betrachtungen über die zukünftige soziale Einrichtung sind fast die -dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander -Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und -Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle weiß, ganze Abende mit -seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus über die -kleinsten Einzelheiten der zukünftigen sozialen Welteinrichtung -debattierte, ja, sozusagen über deren Küchenfragen stritt.«[46] - -»Und einige werden darüber gar vollends verrückt,« bemerkte der Major. - -»Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen, -und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren -dazusitzen und zu schweigen,« rief Liputin gehässig, der es jetzt -endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen. - -»Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen >Unsinn< gesagt,« murmelte -Werchowenski nachlässig, fast kaum verständlich seine Worte. »Sehen Sie, -meine Herrschaften,« er blickte kurz auf -- »meiner Meinung nach sind -alle diese Bücher Fouriers, Cabets, alle diese >Arbeitsrechte<, der -Schigalewismus -- alles das erinnert an Romane, die man ja zu -Hunderttausenden schreiben kann. Ästhetischer Zeitvertreib. Ich begreife -ja, daß Sie es hier im Städtchen langweilig haben und sich eben darum -aufs Schreibpapier stürzen.« - -»Erlauben Sie,« der Lahme rückte ungeduldig auf dem Stuhl, »wenn wir -auch Provinzler sind und natürlich schon deswegen allein Mitleid -verdienen, so wissen wir doch, daß inzwischen in der Welt nichts so -Besonderes oder Neues geschehen ist, als daß wir Grund hätten, darüber -zu klagen, daß wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert -man uns nun auf, durch verschiedene Schandblätter ausländischen -Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbünde -zu gründen, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstörung -- unter dem -Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund -könne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert -Millionen Köpfe ab, so könne man nach dieser Erleichterung besser über -den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber -- mit der -Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, über -den Sie sich noch im Augenblick so verächtlich äußerten.« - -»Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier -Betrachtungen anzustellen,« versprach sich Werchowenski gleichsam mit -einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als hätte er das selbst gar -nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller -habe. - -»Schade, wirklich sehr schade, daß Sie nicht zu dem Zweck hergekommen -sind, und desgleichen, daß Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschäftigt -sind!« - -»Was hat das mit meiner Toilette zu tun?« - -»Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Köpfe zu verringern, ist -ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda -umzuändern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Rußland,« wagte -sich Liputin wieder vor. - -»Man scheint jetzt allgemein auf Rußland zu hoffen,« bemerkte einer von -den Offizieren. - -»Ja, auch wir haben davon gehört, daß man auf Rußland hofft,« griff der -lahme Lehrer die Bemerkung auf. »Wir wissen, daß auf unser herrliches -Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am -meisten zur Ausführung der großen Aufgabe befähigt ist. Nur eines muß -man dabei nicht außer acht lassen: im Falle einer allmählichen Lösung -der Aufgabe durch Propaganda kann ich persönlich doch immerhin etwas -dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, daß ich angenehm -habe plaudern können, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen -Orden für meine Dienste für die soziale Sache. Aber im zweiten Falle, -bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen -Köpfen -- was hätte ich da für eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an -dafür Propaganda zu machen, so schneidet man mir womöglich noch die -Zunge ab.« - -»Ihnen wird sie bestimmt abgeschnitten,« sagte Werchowenski. - -»Sehen Sie wohl. Da man aber selbst unter den günstigsten Umständen eine -solche Metzelei vor fünfzig Jahren, oder meinetwegen auch nur dreißig, -nicht beenden kann, -- denn das sind doch keine Lämmer, die sich -protestlos den Hals abschneiden lassen --, so meine ich: sollte es da -nicht ratsamer sein, Hab und Gut aufzupacken und irgend wohin auf eine -stille Insel im Stillen Ozean zu gehen und dort in Frieden seine Augen -zu schließen? Glauben Sie mir,« rief er lauter und klopfte dabei mit dem -Finger an den Tischrand, »mit solch einer Propaganda rufen Sie nur -allgemeine Auswanderung hervor und sonst nichts weiter!« - -Er schloß sichtlich triumphierend. Er war bei uns bekannt als kluger -Kopf. Liputin lächelte schadenfroh, Wirginski hörte ein wenig wehmütig -zu, die anderen aber folgten ungewöhnlich aufmerksam dem ganzen Streit, -besonders die Offiziere und die Damen. Alle begriffen, daß der Agent der -hundert Millionen abgeschnittener Köpfe an die Wand gedrückt war und -warteten nun, was aus all dem werden würde. - -»Das haben Sie übrigens ganz gut gesagt,« bemerkte womöglich noch -gleichgültiger als vorher, ja, beinahe schon gelangweilt, Werchowenski. -»Auswandern ist ein guter Gedanke. Aber da sich trotz all der -augenscheinlichen Nachteile, die Sie ja vorausfühlen, doch von Tag zu -Tag immer mehr Anhänger oder Soldaten für die neue Sache melden, so wird -man auch ohne Sie auskommen. Hier ist, mein Bester, eben die neue -Religion dabei, die die alte ersetzt, darum finden sich auch so viele -Jünger ein. Also Sie wandern aus! Hm, wissen Sie, da würde ich Ihnen -aber raten, doch lieber nach Dresden zu gehen, und nicht auf eine stille -Insel. Erstens ist das eine Stadt, die noch nie eine Epidemie gesehen -hat, und da Sie ja ein vernünftiger Mensch sind, so fürchten Sie doch -bestimmt den Tod. Zweitens ist Dresden nicht sehr weit von der -russischen Grenze, so daß man denn sehr schnell die Renten aus dem -liebenswürdigen Vaterlande erhalten kann. Drittens hat es in seinen -Mauern sogenannte Kunstschätze, Sie aber sind ein ästhetischer Mensch, -gewesener Lehrer der Literatur, wenn ich mich nicht täusche. Na, und -endlich hat es noch seine eigene kleine Schweiz, eine in der -Taschenausgabe -- so etwas aber ist doch für die poetische Inspiration -unumgänglich nötig, zumal Sie doch gewiß Gedichte schreiben. Mit einem -Wort, ein Schatz in einer Tabaksdose!« - -Die Gäste wurden unruhig; besonders die Offiziere. Noch ein Augenblick, -so schien es, und alle hätten plötzlich gesprochen. Der lahme Lehrer -jedoch biß sofort nach dem Köder: - -»Erlauben Sie, ich habe durchaus noch nicht gesagt, daß ich die -allgemeine Sache im Stich lassen will! Das sollte man auseinanderhalten -...« - -»Wieso, würden Sie denn in eine >Fünf< eintreten, wenn ich Ihnen das -vorschlüge?« warf plötzlich Werchowenski die Frage hin und legte die -Schere auf den Tisch. - -Die ganze Versammlung zuckte gleichsam zusammen. Der rätselhafte Mensch -hatte sich etwas zu plötzlich aufgedeckt. Sogar das Wort »die Fünf« -hatte er ausgesprochen. - -»Jeder, der sich für einen ehrlichen Menschen hält, zieht sich nicht von -der allgemeinen Sache zurück,« versuchte der Lehrer die offene Antwort -zu umgehen, »aber ...« - -»Nein, bitte, hier kann man mir nicht mit einem >aber< kommen,« -unterbrach ihn Werchowenski schroff und gebieterisch. »Ich erkläre -hiermit, meine Herrschaften, daß ich eine offene, gerade Antwort -verlange. Ich weiß nur zu gut, daß ich, der ich nicht grundlos hierher -gekommen bin und Sie alle selbst versammelt habe, Ihnen Erklärungen -schuldig bin.« (Wieder ein unerwarteter Aufschluß.) »Wie aber soll ich -Erklärungen geben, wenn ich nicht weiß, welcher Art Ihre Gedanken sind? -Gespräche vermeide ich, -- denn wozu soll man wieder dreißig Jahre lang -schwatzen, wie man bisher schon dreißig Jahre geschwatzt hat -- und -frage Sie deshalb einfach, was Sie lieber wollen: den langsamen Weg, der -im Schreiben sozialer Romane besteht und der kanzleimäßigen -Vorausbestimmung der menschlichen Schicksale auf tausend Jahre, jedoch -nur auf dem Schreibpapier, während der Despotismus in dieser Zeit die -gebratenen Stücke schluckt, die eigentlich Ihnen in den Mund fliegen -sollten und das bloß nicht können, weil Sie den Mund geschlossen halten? -Oder sind Sie für die schnelle Entscheidung, worin diese auch bestehen -sollte, die aber auf jeden Fall endlich die Hände befreit und der -Menschheit erlaubt, sich frei ihr eigenes Schicksal zu schaffen, und -zwar in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier? Da schreit man -nun: >Aber hundert Millionen Köpfe!< Das ist vielleicht nur eine -Metapher, aber wozu denn davor zurückschrecken, wenn der Despotismus bei -der langsamen Papierlösung schon in irgend welchen hundert Jahren nicht -nur hundert Millionen, sondern fünfhundert Millionen Köpfe verschlingen -wird? Und vergessen Sie nicht, daß ein unheilbarer Kranker so wie so -nicht gesund werden kann, was für Rezepte Sie ihm auch verschreiben -mögen, -- daß seine Krankheit sich, im Gegenteil, nur verschlimmert, je -länger man sie hinzieht, bis er schließlich bei lebendigem Leibe -verfault, derart, daß er auch uns ansteckt und alle frischen Kräfte, auf -die wir jetzt rechnen, verdirbt -- so daß wir dann womöglich überhaupt -nichts mehr zustande bringen können. Ich gebe ja gern zu, daß >liberal< -und schön zu reden, sehr angenehm ist, handeln aber -- etwas >angreift< -... Nun ja, übrigens verstehe ich nicht zu reden. Ich bin mit -Nachrichten hierher gekommen, und darum bitte ich jetzt die ganze -verehrte Gesellschaft, nicht etwa abzustimmen, nein, sondern einfach und -ohne Umschweife zu sagen, was Sie lustiger fänden: einen -Schildkrötengang im Sumpf, oder mit Volldampf durch den Sumpf hindurch?« - -»Ich erkläre mich positiv für den Volldampf!« rief der Gymnasiast -begeistert. - -»Ich auch!« rief Lämschin. - -»Bei solcher Wahl bleibt natürlich kein Zweifel ...« meinte einer der -Offiziere. Nach ihm stimmte noch jemand bei und dann noch jemand. - -Am meisten frappierte es alle, daß Werchowenski mit »Nachrichten« -hergekommen war und offenbar sofort reden würde. - -»Meine Herrschaften, ich sehe, daß fast alle im Sinne der Proklamationen -entscheiden,« sagte er, während sein Blick alle Anwesenden überflog. - -»Alle, alle!« riefen die meisten. - -»Ich muß gestehen, daß ich eigentlich mehr für eine humane Lösung bin,« -sagte der Major, »da aber schon alle dafür stimmen, so halte auch ich -mit.« - -»Es scheint also, daß auch Sie nicht widersprechen?« wandte sich -Werchowenski an den lahmen Lehrer. - -»Ich kann nicht sagen, daß ich gerade ...« erwiderte dieser zögernd und -wurde ein wenig rot, »aber wenn ich mich jetzt den anderen anschließe, -so tue ich es nur, um nicht zu stören ...« - -»Na ja, so seid ihr ja alle! Seid bereit, ein halbes Jahr lang um der -liberalen Redekunst willen zu streiten, und endet dann damit, daß ihr -euch bloß >den anderen anschließt<! Meine Herren, denken Sie erst einmal -nach, ob Sie wirklich bereit sind?« - -(Wozu bereit? -- eine unbestimmte, doch furchtbar verlockende Frage.) - -»Gewiß doch! natürlich, alle ...« ertönten Stimmen. - -Übrigens sahen sich dabei alle etwas scheu gegenseitig an. - -»Aber vielleicht werdet ihr euch dann dadurch gekränkt fühlen, daß ihr -so schnell einverstanden wart? Das ist doch gewöhnlich mit euch so.« - -Man geriet in Erregung; aus verschiedenen Gründen; man geriet schon in -Aufregung. Der Lahme stieß von neuem auf Werchowenski vor. - -»Erlauben Sie einstweilen zu bemerken, daß die Antworten auf solche -Fragen gewissermaßen bedingt sind. Wenn wir auch den Entschluß gefaßt -haben, so bitte ich, doch nicht vergessen zu wollen, daß eine Frage, die -in so sonderbarer Weise gestellt ...« - -»Inwiefern in sonderbarer Weise?« - -»Solche Fragen werden nicht so gestellt.« - -»Dann sagen Sie mir gefälligst, wie. Im übrigen war ich von vornherein -überzeugt, daß gerade _Sie_ sich als erster gekränkt fühlen würden.« - -»Sie haben unser Einverständnis zu sofortigem Handeln uns gewissermaßen -entrissen. Aber was für ein Recht hatten Sie dazu? Was für -Bevollmächtigungen besitzen Sie, um solche Fragen stellen zu können?« - -»Das zu fragen, hätte Ihnen früher einfallen sollen! Warum haben Sie -denn geantwortet? Sie haben sich einverstanden erklärt, und damit basta! -Nun ist es zu spät, auf so etwas zurückzukommen.« - -»Mir scheint, daß die leichtsinnige Aufrichtigkeit Ihrer Hauptfrage -einen auf die Idee bringen kann, daß Sie weder Vollmacht, noch sonst ein -Recht haben, diese Frage zu stellen, sondern einfach nur von sich aus -- -neugierig waren.« - -»Wovon reden Sie? Was wollen Sie damit sagen?« rief da plötzlich -Werchowenski gleichsam erschrocken und tat, als werde er plötzlich -unmutig. - -»Ich meine, daß eine Aufnahme, was für eine es auch sei, wenigstens -unter vier Augen gemacht wird, und nicht in unbekannter Gesellschaft von -zwanzig Menschen!« platzte der Lahme mit dem verhängnisvollen Wort -heraus. - -Werchowenski wandte sich sofort mit vorzüglich gespielter Aufregung an -die Anwesenden. - -»Meine Herren, ich halte es für meine Pflicht, allen mitzuteilen, daß -das nur Dummheiten waren und unser Gespräch etwas zu weit gegangen ist. -Ich habe noch so gut wie keinen aufgenommen, und niemand hat das Recht, -von mir zu sagen, daß ich es hier getan hätte: wir haben einfach über -verschiedene Meinungen gesprochen. Nicht wahr? Aber wie dem auch sei, -jedenfalls regen Sie mich nicht wenig auf,« wandte er sich wieder zu dem -Lahmen, »ich hätte nie gedacht, daß man hier über solche fast -unschuldigen Dinge nur unter vier Augen sprechen darf. Oder fürchten -Sie, daß jemand uns anzeigen könnte? Kann denn wirklich jetzt ein -Verräter unter uns sein?« - -Die allgemeine Aufregung war ungeheuer. Alle begannen zu sprechen. - -»Meine Herren, wenn das der Fall wäre,« fuhr Werchowenski fort, »so bin -ich es doch, den ich am meisten kompromittiert habe, und darum schlage -ich vor, noch auf eine Frage zu antworten, versteht sich, nur wenn Sie -wollen. Sie haben den freien Willen ...« - -»Was für eine Frage? Welch eine Frage?« riefen alle durcheinander. - -»Eine Frage, nach deren Beantwortung wir entscheiden können, ob wir alle -zusammen bleiben sollen, oder ob wir besser tun, wenn wir schweigend -unsere Hüte nehmen und jeder seinen eigenen Weg geht.« - -»Stellen Sie die Frage, stellen Sie die Frage!« - -»Wenn einer von Ihnen von einem beabsichtigten politischen Morde erführe --- würde er dann, wenn er alle Folgen voraussieht, hingehen und Anzeige -erstatten, oder würde er zu Hause bleiben und den Dingen ruhig ihren -Lauf lassen. Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Die Antwort -auf meine Frage wird uns sagen, ob wir auseinandergehen oder -zusammenbleiben sollen, und wenn das letztere, dann nicht nur für heute -abend. Gestatten Sie, daß ich mich mit dieser Frage an Sie als ersten -wende,« wandte er sich an den Lahmen. - -»Warum denn gerade an mich als ersten?« - -»Weil doch nur von Ihnen diese ganze Auseinandersetzung heraufbeschworen -worden ist. Haben Sie die Güte, die Antwort nicht umgehen zu wollen. -Ausflüchte sind hier nicht am Platz. Doch übrigens, wie Sie wollen. Ihr -freier Wille, wie gesagt.« - -»Erlauben Sie, eine solche Frage ist einfach beleidigend.« - -»Ich muß schon bitten, etwas deutlicher zu sein.« - -»Ich bin noch nie Agent der Geheimpolizei gewesen.« - -»Haben Sie die Güte, mich nicht aufzuhalten. Etwas bestimmter, wenn ich -bitten darf.« - -Der Lahme ärgerte sich dermaßen, daß er überhaupt aufhörte, zu -antworten. Schweigend, mit bösem Blick, sah er, ohne seine Augen -abzuwenden, hinter der Brille hervor auf seinen Peiniger. - -»Ja oder nein? Würden Sie anzeigen, oder würden Sie nicht anzeigen?« -schrie plötzlich Werchowenski. - -»Selbstverständlich zeige ich _nicht_ an!« schrie noch zweimal lauter -der Lahme. - -»Und keiner wird anzeigen, kein einziger! ... Ist doch wirklich -lächerlich! ... so etwas! ...« ertönten mehrere Stimmen. - -»Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie wende, Herr Major: würden Sie -anzeigen, ja oder nein?« fuhr Werchowenski fort. »Bitte zu beachten, daß -ich mich absichtlich an Sie wende.« - -»Ich zeige nicht an.« - -»Nun, aber wenn Sie wüßten, daß irgend jemand einen anderen erschlagen -und berauben will, einen gewöhnlichen Sterblichen, so würden Sie es doch -melden, nicht wahr?« - -»Natürlich, aber das wäre doch ein ziviler Fall, hier aber handelt es -sich um eine politische Anzeige. Bin kein Agent der Geheimpolizei.« - -»Ja aber, das ist hier doch keiner!« hörte man wieder ein paar Stimmen. -»Unnütze Frage. Alle haben dieselbe Antwort. Hier gibt es doch keine -Verräter!« - -»Warum steht dieser Herr dort auf?« rief plötzlich die Studentin. - -»Das ist Schatoff! Warum sind Sie aufgestanden, Schatoff?« rief die -Hausfrau erregt. - -Schatoff hatte sich tatsächlich erhoben, stand, die Mütze in der Hand, -und sah auf Werchowenski. Es war, als wolle er ihm etwas sagen, doch -schien er noch unentschlossen zu sein. Sein Gesicht war blaß und zornig, -aber er bezwang sich, sagte kein Wort und verließ stumm das Zimmer. - -»Schatoff, das ist doch für Sie selbst unvorteilhaft!« rief ihm -Werchowenski rätselhaft nach. - -»Dafür ist es aber für dich vorteilhaft, für dich Spion und Schurken!« -rief Schatoff von der Tür zurück und trat hinaus. - -Wieder Ausrufe, Lärm. - -»Da haben wir ja jetzt die Probe!« rief eine Stimme. - -»Hat genützt!« rief eine andere. - -»Hat sie nicht vielleicht zu spät genützt?« fragte eine dritte. - -»Wer hat ihn eingeladen? -- Wer hat ihn empfangen? -- Wer ist es? -- Was -ist dieser Schatoff? -- Wird er denunzieren? ... wird er nicht? ...« -schwirrten die Fragen durcheinander. - -»Wenn er denunzieren wollte, so würde er sich verstellt haben, so aber -hat er gleichsam auf die ganze Sache einfach gespuckt und ist -fortgegangen,« bemerkte jemand. - -»Da steht auch schon Stawrogin auf! Stawrogin hat auch nicht auf die -Frage geantwortet!« rief wieder die Studentin. - -Stawrogin war tatsächlich aufgestanden und sogleich hatte sich auch -Kirilloff am anderen Tischende von seinem Platz erhoben. - -»Verzeihen Sie, Herr Stawrogin,« wandte sich die Hausfrau nervös an ihn, -»wir haben hier alle auf die Frage geantwortet, während Sie nun allein -schweigend fortgehen wollen?« - -»Ich fühle mich nicht verpflichtet, auf eine Frage zu antworten, die Sie -interessiert,« sagte Stawrogin. - -»Aber wir haben uns kompromittiert und Sie nicht!« riefen die Stimmen -wieder. - -»Was geht das mich an, daß Sie sich kompromittiert haben,« lachte -Stawrogin auf, doch seine Augen funkelten. - -»Wieso -- geht das Sie nichts an? Wieso -- geht das Sie nichts an?« -fragte man sofort. - -Einige sprangen von ihren Plätzen auf. - -»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie!« rief der Lahme. »Herr -Werchowenski hat ja auch noch nicht auf die Frage geantwortet, sondern -sie bloß gestellt!« - -Diese Bemerkung machte einen geradezu lähmenden Eindruck. Alle sahen -sich erstaunt an. Stawrogin lachte laut dem Lahmen ins Gesicht und ging -aus dem Zimmer. Kirilloff folgte ihm. Werchowenski lief beiden sofort -ins Vorzimmer nach. - -»Was machen Sie aus mir!« flüsterte er erregt, Stawrogins Hand fassend, -die er mit aller Kraft in der seinigen preßte. - -Der entriß sie ihm schweigend. - -»Seien Sie sofort bei Kirilloff, ich werde kommen ... Ich muß, ich muß -Sie unbedingt sprechen!« - -»Für mich gibt es kein Muß!« schnitt ihm Stawrogin das Wort ab. - -»Stawrogin wird bei mir sein,« beendete Kirilloff das Gespräch. -»Stawrogin, es gibt für Sie doch ein Muß. Ich werde es Ihnen dort -zeigen.« - -Sie gingen hinaus. - - - - - Dreizehntes Kapitel. - Zarewitsch Iwan - - -Sie traten hinaus. Pjotr Stepanowitsch kehrte zuerst in das Gastzimmer -zurück, um das Chaos zu besänftigen, doch er sah bald ein, daß hier jede -Mühe vergeblich war, und so lief er denn schon nach zwei Minuten den -Fortgegangenen nach. Unterwegs fiel ihm eine Querstraße ein, durch die -er ein gutes Stück Weges abschneiden konnte. Er bog in sie ein -- es war -eine Winkelgasse, in der er im Schlamm fast bis über die Knöchel versank --- und erreichte auf diese Weise das Filippoffsche Haus fast in -demselben Augenblick, als Stawrogin und Kirilloff durch die Hofpforte -traten. - -»Schon hier? -- Das ist gut.« sagte Kirilloff. »Kommen Sie.« - -»Wie, Sie sagten doch, daß Sie ganz allein leben?« fragte Stawrogin, als -er im Flur den schon aufgesetzten Samowar bemerkte, der schon zu summen -begann. - -»Werden gleich sehen, mit wem ich lebe,« murmelte Kirilloff. »Treten Sie -ein.« - -Kaum hatten sie sich gesetzt, als Werchowenski den anonymen Brief, den -er sich von Herrn von Lembke ausgebeten hatte, aus der Tasche zog und -ihn vor Stawrogin auf den Tisch legte. Stawrogin las ihn schweigend -durch. - -»Nun?« fragte er. - -»Dieser Schuft wird bestimmt das tun, wozu er sich erboten hat,« -erklärte Werchowenski. »Da er in Ihrer Hand ist, so sagen Sie bitte, wie -man mit ihm umgehen soll. Ich versichere Ihnen, daß er vielleicht schon -morgen zu Lembke geht.« - -»Nun, mag er doch gehen.« - -»Wieso, mag er doch? Wenn man das verhindern kann!« - -»Sie irren sich, er hängt durchaus nicht von mir ab. Und übrigens ist es -mir wirklich gleichgültig. Mir droht er doch mit nichts, bloß Ihnen.« - -»Auch Ihnen.« - -»Ich glaube nicht.« - -»Aber andere könnten Sie vielleicht nicht schonen. Sollten Sie das -wirklich nicht begreifen? Hören Sie, Stawrogin, das ist doch nur ein -Spiel mit Worten. Tut Ihnen wirklich das Geld leid?« - -»Ist dazu überhaupt Geld nötig?« - -»Unbedingt. Zweitausend oder _minimum_ tausend fünfhundert Rubel. Geben -Sie mir die Summe morgen oder meinetwegen heute noch, und morgen abend -schaffe ich ihn nach Petersburg. Das will er ja selbst! Wenn Sie wollen, -mitsamt Marja Timofejewna -- beachten Sie das!« - -Es war etwas vollkommen Irres in Werchowenski, er sprach unvorsichtig, -hastig, die Worte entfuhren ihm unbedacht. - -Stawrogin betrachtete ihn mit Verwunderung. - -»Ich habe gar keinen Grund, Marja Timofejewna fortzuschicken,« sagte er. - -»Vielleicht _wollen_ Sie es nicht einmal?« fragte Pjotr Stepanowitsch -mit ironischem Lächeln. - -»Vielleicht will ich es nicht einmal.« - -»Kurzum: wird das Geld zur Stelle sein, oder wird es nicht zur Stelle -sein?« fuhr er plötzlich, in geärgerter Ungeduld und fast herrisch, -Stawrogin an. - -Dieser besah ihn sich mit ernstem Gesicht. - -»Es wird nicht zur Stelle sein.« - -»Ei, Stawrogin! Sie wissen offenbar irgend etwas, oder haben schon -irgend etwas getan! Sie führen ein wildes Leben!« - -Sein Gesicht verzog sich dabei. Seine Mundwinkel zuckten, und plötzlich -lachte er ein ganz grundloses, unvermitteltes Lachen, das gar nicht -hierher paßte. - -»Sie haben erst kürzlich von Ihrem Vater Geld für das Gut erhalten,« -bemerkte Stawrogin ruhig. »Meine Mutter hat Ihnen die sechs- oder -achttausend Rubel, die Sie von Stepan Trophimowitsch verlangten, für das -Gut ausgezahlt. Davon können Sie doch, wenn das für Sie so nötig ist, -sehr wohl tausendfünfhundert aus Ihrer Tasche bezahlen. Ich habe es -satt, immer für andere zu zahlen, und habe schon so viel ausgegeben, daß -es für mich beinahe kränkend ist ...« Er mußte selbst über seine letzten -Worte lächeln. - -»Ah, Sie beginnen zu scherzen ...« - -Stawrogin erhob sich, sofort sprang auch Werchowenski auf und stellte -sich mechanisch vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren. Stawrogin -machte schon eine Bewegung, um ihn fortzustoßen und hinauszugehen -- -doch plötzlich blieb er stehen. - -»Ich trete Ihnen Schatoff nicht ab,« sagte er. - -Pjotr Stepanowitsch zuckte zusammen; sie sahen sich an. - -»Ich habe Ihnen heute unterwegs gesagt, wozu Sie Schatoffs Blut -brauchen,« sagte Stawrogin mit funkelnden Augen. »Mit diesem Blut wollen -Sie Ihre Fünfer-Gruppen zusammenleimen. Vorhin haben Sie ja Schatoff auf -eine ganz vorzügliche Weise hinausgejagt: Sie wußten nur zu gut, daß er -niemals sagen würde, >ich denunziere nicht< -- vor Ihnen aber zu lügen -für unter seiner Würde hält. Doch wozu brauchen Sie mich, mich jetzt -eigentlich? Was soll ich bei all dem? Nachdem ich aus dem Auslande -zurückgekehrt bin, drängen Sie sich mir immer wieder auf. Das, womit Sie -mir Ihr Benehmen bis jetzt erklärt haben, ist nur Fieberphantasie. Dabei -wollen Sie, daß ich, indem ich Lebädkin tausendfünfhundert Rubel -einhändige, damit Ihrem Fedjka das Zeichen gebe, ihn zu erstechen. Ich -weiß, Sie denken, daß ich zu gleicher Zeit auch meine Frau ermorden -lassen will. Und wenn Sie mich dann mit einem Verbrechen an sich -gebunden haben, so hoffen Sie, Macht über mich zu bekommen -- ist es -nicht so? Wozu aber wollen Sie diese Macht? Für welch eine Teufelei in -aller Welt brauchen Sie mich? Ich sage Ihnen ein für allemal: machen Sie -doch endlich einmal Ihre Augen auf und sehen Sie näher zu, ob ich -überhaupt ein Mensch für Sie bin, und lassen Sie mich dann endlich in -Ruh!« - -»Fedjka ist selbst zu Ihnen gekommen?« fragte Werchowenski beklommen. - -»Ja, er ist selbst zu mir gekommen. Sein Preis ist gleichfalls genau -tausend fünfhundert ... Da -- er kann es ja selbst bestätigen, da ist er -ja ...« rief Stawrogin und streckte seine Hand gegen die Tür hin aus. - -Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell um. Auf der Schwelle stand, aus -der Dunkelheit hervortretend, eine Menschengestalt -- Fedjka, im kurzen -Pelz, doch ohne Mütze, ganz wie einer, der im Hause wohnt. Er stand da -und lächelte, daß man seine gleichmäßigen weißen Zähne schimmern sah. -Die schwarzen Augen mit dem gelben Zigeunerglanz huschten vorsichtig -durch das Zimmer und gingen von einem zum anderen der Herren. Er schien -irgend etwas nicht zu verstehen: wahrscheinlich hatte ihn Kirilloff -herangewinkt, denn zu dem wandte sich immer wieder sein fragender Blick. -Er blieb auf der Schwelle stehen und schien nicht eintreten zu wollen. - -»Er ist hier wohl in Bereitschaft gehalten worden, um unseren ganzen -Schacher mit anzuhören, vielleicht gar um das Geld gleich in Empfang zu -nehmen -- ist's nicht so?« fragte Stawrogin, und ohne die Antwort -abzuwarten, verließ er das Haus. - -Werchowenski lief ihm sofort nach, und holte ihn noch bei der Hofpforte -ein. - -»Bleib! Keinen Schritt!« rief er und packte ihn am Ellenbogen. - -Stawrogin riß seinen Arm zurück, konnte ihn jedoch nicht befreien. Da -packte ihn die Wut und mit der linken Hand ergriff er Werchowenski bei -den Haaren, schleuderte ihn mit aller Kraft zu Boden und trat dann -hinaus auf die Straße. Aber noch war er nicht dreißig Schritt gegangen, -als der andere ihn schon wieder einholte. - -»Versöhnen wir uns, versöhnen wir uns,« kam es in bebendem Flüsterton, -fast bettelnd, von seinen Lippen. - -Stawrogin zuckte mit der Schulter und ging weiter. - -»Hören Sie, ich bringe morgen Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen, wollen Sie? -Nicht? Warum antworten Sie denn nicht? Sagen Sie nur, was Sie wollen, -und ich tue es. Hören Sie: ich lasse Ihnen auch Schatoff, wollen Sie?« - -»Dann ist es also wahr, daß Sie ihn wirklich ermorden wollten?« - -»Nun, wozu brauchen Sie Schatoff? Was haben Sie von ihm?« fuhr atemlos -schnell Werchowenski fort, indem er ihm bald in den Weg lief, bald -wieder ihn am Ellenbogen ergriff, augenscheinlich, ohne sich dessen -überhaupt bewußt zu werden. »Hören Sie: ich gebe Ihnen Schatoff, -versöhnen wir uns nur, versöhnen wir uns! Ihre Rechnung ist groß, aber -... versöhnen wir uns!« - -Stawrogin sah ihn schließlich an und war betroffen. Das war nicht mehr -derselbe Blick, nicht mehr dieselbe Stimme, wie sonst und wie noch dort -im Zimmer. Das war fast ein ganz anderes Gesicht, das er da vor sich -sah. Und auch die Stimme war eine ganz andere: Werchowenski flehte, -winselte geradezu. Das war ja ein Mensch, dem man das Teuerste auf Erden -nimmt, oder schon fortgenommen hat, und der noch nicht zur Besinnung -gekommen ist. - -»Was ist mit Ihnen geschehen?« rief Stawrogin unwillkürlich. - -Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah -mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu -ihm auf. - -»Versöhnen wir uns!« flüsterte er noch einmal. »Hören Sie, ich halte wie -Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber -- ich will mich mit Ihnen -versöhnen!« - -»Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir?« rief -Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. »Soll das -etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman für Sie?« - -»Hören Sie, wir machen einen Aufruhr,« redete der andere schnell und -wirr, fast wie im Fieber. »Sie glauben nicht, daß wir einen Aufruhr -machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in den -Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man -sich noch halten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn -solcher Gruppen in ganz Rußland, und ich bin nicht zu fangen.« - -»Und überall dieselben Dummköpfe!« entfuhr es Stawrogin wider Willen. - -»Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas -dümmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, daß Sie dies -noch wünschen sollten. Sie fürchten sich, Sie glauben nicht daran, der -Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Dabei sind sie -gar nicht mal solche Dummköpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen -Verstand. Heutzutage gibt es überhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand. -Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir, -zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an. -Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt -keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse hätte. Nur Lämschin -allein hat keine, dafür ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar -solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld -- beachten wir -schon das allein! Wenn auch nur das allein! -- was? Dazu sichere -Verstecke. Mögen sie dann suchen! _Eine_ Gruppe reißt man heraus, und -auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hören Sie, -wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, daß wir -zwei vollkommen genügen?« - -»Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ...« - -»Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie _à -la_ Fourier, nur mutiger als Fourier, nur stärker als Fourier. Ich werde -mich mit ihm beschäftigen. Er hat die >Gleichheit< erdacht!« - --- »Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muß etwas ganz Besonderes -mit ihm geschehen sein,« dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von -der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben. - -»In seiner Schrift ist das eine gut,« fuhr Werchowenski fort, »er hat -die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein -jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn nötigenfalls anzuzeigen. -Jeder einzelne gehört allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven -und in der Sklaverei einander gleich. In äußersten Fällen Verleumdung -und Mord, -- aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann -das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natürlichen, -angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur höheren -Begabungen zugänglich -- wir aber brauchen keine höheren Begabungen! -Höhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren -Despoten. Höheren Begabungen ist es unmöglich, nicht Despoten zu sein, -und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt -sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge -abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare -wird gesteinigt -- das ist der Schigalewismus! Sklaven müssen gleich -sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit -gegeben, in der Herde aber muß Gleichheit sein, und da haben Sie den -Schigalewismus! Ha--ha--ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin für -den Schigalewismus!« - -Stawrogin schritt schneller aus, um endlich nach Hause zu kommen. -- -»Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er denn inzwischen -trinken können?« fuhr es ihm durch den Kopf. »Sollte wirklich der eine -Kognak --?« - -»Hören Sie, Stawrogin: Berge zur Ebene machen -- ist ein guter Gedanke, -nicht ein lächerlicher. Ich bin für Schigaleff! Bildung ist nicht nötig, -von Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das -Material für tausend Jahre, aber zuerst muß sich der Gehorsam -durchsetzen. Nur eines ist noch nicht genug vorhanden in der Welt -- und -das ist Gehorsam. Jeder Bildungsdurst ist schon ein aristokratischer -Trieb. Familie, Liebe -- das ist gleich schon Wunsch nach Eigentum. Wir -bringen ihn um, den Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, -Angeberei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; wir ermorden jedes -Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Nenner gebracht, vollständige -Gleichheit durchgesetzt. >Wir haben ein Handwerk erlernt und wir sind -ehrliche Leute, weiter brauchen wir nichts< -- diese Antwort haben -kürzlich englische Arbeiter gegeben. Unentbehrlich ist nur das -Unentbehrliche, -- das sei die Devise des Erdballs von nun an. Aber auch -Krämpfe sind nötig; dafür werden wir sorgen, die Regenten. Sklaven -müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene -Unpersönlichkeit, aber einmal in jeden dreißig Jahren gönnt Schigaleff -doch einen Krampf, und dann frißt sich alles plötzlich gegenseitig auf, -bis zu einer gewissen Grenze natürlich nur, einzig damit das Leben nicht -zu langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im -Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns, -für die Sklaven aber Schigalewismus.« - -»Sich selbst schließen Sie aus?« - -»Und Sie. Wissen Sie, zuerst wollte ich die Welt dem Papst geben. Mag er -sich barfuß dem Pöbel zeigen: >Seht, wozu man mich gebracht hat!< und -alles wird ihm nachlaufen, sogar das Heer. Der Papst oben, wir um ihn -herum und unter uns Schigalewismus. Nur müßte sich die Internationale -mit dem Papst einverstanden erklären; was sie auch tun wird. Der Alte -selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar -kein anderer Ausweg übrigbleiben, behalten Sie mein Wort, ha--ha--ha, -dumm? Sagen Sie, ist's dumm oder nicht?« - -»Genug,« murmelte Stawrogin geärgert. - -»Genug! Hören Sie, ich habe den Papst Papst sein lassen! Zum Teufel mit -dem Papst! Zum Teufel mit dem Schigalewismus! Wir brauchen die brennende -Tagesfrage, aber nicht den Schigalewismus, denn der ist eine -Juwelierarbeit. Schigalewismus ist ein Ideal, kommt erst für die Zukunft -in Frage. Schigaleff ist ein Juwelier und dumm wie jeder Philantrop. -Doch zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaleff aber verachtet die grobe -Arbeit. Hören Sie, der Papst wird im Westen sein, bei uns aber, bei uns --- sind Sie!« - -»Lassen Sie mich in Ruh, Sie Betrunkener!« murmelte Stawrogin und ging -noch schneller weiter. - -»Stawrogin, Sie sind schön!« rief Pjotr Stepanowitsch fast wie in einem -Rausch. »Wissen Sie es auch selbst, daß Sie schön sind? Das Teuerste an -Ihnen ist, daß Sie es zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie -schön Sie sind. Oh, ich kenne Sie jetzt auswendig! Ich sehe Sie mir oft -heimlich, von der Seite an, aus einem Winkel! In Ihnen ist sogar -Treuherzigkeit und echte Einfalt -- wissen Sie das auch? Ja, noch, noch -sind die in Ihnen! Sie leiden offenbar, und leiden aufrichtig, dank -dieser Treuherzigkeit. Ich liebe die Schönheit! Ich bin ein Nihilist, -aber ich liebe Schönheit! Lieben denn Nihilisten die Schönheit nicht? -Die lieben doch bloß Götzen nicht, nun, ich aber liebe einen Götzen! Und -Sie, Sie sind mein Götze! Sie kränken niemanden, und doch werden Sie von -allen gehaßt. Sie sehen auf alle gleich und doch werden Sie von allen -gefürchtet, und das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf -die Schulter zu klopfen. Sie sind ein furchtbarer, ein geborener -Aristokrat. Wenn ein Aristokrat unter die Demokraten geht, ist er -bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, das Leben zu opfern, Ihr eigenes -ebenso wenig, wie das anderer Menschen. Sie sind genau so, wie er sein -muß. Und ich, ich brauche gerade solch einen, wie Sie. Außer Ihnen wüßte -ich keinen. Sie sind der Anführer, Sie sind Sonne, ich aber bin Ihr Wurm -...« - -Und plötzlich küßte er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den -Rücken und entsetzt riß er seine Hand zurück. - -Sie blieben stehen. - -»Wahnsinniger!« murmelte Stawrogin. - -»Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber!« -hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, »aber ich habe den ersten -Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt -ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein -einziger in ganz Rußland hat den ersten Schritt ausgedacht und weiß, wie -man ihn machen muß. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? -Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich -eine Fliege, eine Idee im Fläschchen; ein Kolumbus ohne Amerika!« - -Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen. - -»Hören Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr,« eilte jener wie gehetzt -weiter in seiner Rede, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel -anfaßte. »Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk. -Wissen Sie auch, daß wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser -sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schüsse -abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ich verstehe -nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrüger, aber kein Sozialist, -ha--ha! Hören Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der -Lehrer, der mit den Kindern über ihren Gott und über ihre Wiege lacht, -ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit -verteidigt, daß der Mörder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und -somit, um Geld zu bekommen, unmöglich _nicht_ töten konnte, ist schon -unser. Die Schuljungen, die einen Bauern töten, um zu sehen, was man -dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne -Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren, -Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es -selbst nicht einmal, daß sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam -der Schuljungen und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht. Bei denen -aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. Überall -grenzenlose Ruhmsucht, unerhörte, tierische Genußsucht ... Wissen Sie -überhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen? -Als ich Rußland verließ, wütete die These Littrés, nach der Verbrechen -Wahnsinn ist. Ich komme wieder -- und schon ist das Verbrechen nicht -mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe -Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. -- >Wie soll denn ein -geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?< -- Doch -das sind erst kleine Pröbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps -schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind -betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den -Gerichtshöfen heißt es: >zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den -Eimer<. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer -ist ja nur, daß wir keine Zeit zum Warten haben, sonst könnten wir sie -noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, daß wir keine Proletarier -haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu -führt es ...« - -»Ein Jammer gleichfalls, daß wir dümmer geworden sind,« brummte -Stawrogin und setzte seinen früheren Weg fort. - -»Hören Sie, ich habe ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine -betrunkene Mutter nach Hause führte, und die schimpfte es noch mit -gemeinen Worten. Sie glauben, daß ich mich darüber freue? Bekommen wir -es in die Hände, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn -es nötig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus ... -Aber eine oder zwei Generationen mit unerhörter Sittenverderbnis sind -jetzt unbedingt nötig: vertierte Sitten, gemeine, schändliche Sitten, so -daß der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen, -selbstsüchtigen Ekel verwandelt -- das ist es, was nötig ist! Und dann -ein bißchen >frisches Blut<, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen -Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen -und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrüger, aber kein -Sozialist. Ha--ha--ha! Schade nur, daß wir so wenig Zeit haben. Ich habe -Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden. -Schnell -- wie? Ha--ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, -Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus -gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte. -Wissen Sie auch, daß dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als -Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand für seinen -Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht für seinen Gott ein.« - -»Nun, Werchowenski, ich höre Sie zum ersten Male, und höre Sie mit -Verwunderung,« sagte Stawrogin, »Sie sind also wirklich kein Sozialist, -sondern ein politischer ... Streber?« - -»Ein Betrüger, ein Betrüger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich -bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich -jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand geküßt. Aber es ist nötig, -daß auch das Volk es glaubt, daß wir wissen, was wir wollen, und daß -jene nur mit der >Keule fuchteln und die Eigenen schlagen<. Ach, nur -Zeit! Der einzige Jammer ist bloß der, daß wir keine Zeit haben! Wir -verkünden die Zerstörung ... warum nur, warum ist diese Idee so -bezaubernd? Aber man muß, man muß die Knochen gelenkig machen. Wir legen -Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine -räudige >Gruppe<, jedes Häufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus -diesen Gruppen solche Jäger heraussuchen, die zu jedem Schuß bereit sind -und für die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der -Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gerät in Schwung, wie's die Welt -bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Rußland und -weinen wird die Erde nach den alten Göttern ... Und dann, dann bringen -wir ... Wen?« - -»Wen?« - -»Den Zarewitsch Iwan!« - -»We--en?« - -»Den Zarewitsch Iwan; Sie, Sie!« - -Stawrogin dachte einen Augenblick nach. - -»Einen Usurpator?« fragte er plötzlich und sah mit tiefer Verwunderung -den Verzückten an. »Ah, also das ist Ihr Plan!« - -»Wir sagen zuerst, daß er sich >verbirgt<,« flüsterte leise wie ein -Liebesgeständnis Werchowenski, der in der Tat wie betrunken war. »Wissen -Sie auch, was dieses Wörtchen bedeutet: >er verbirgt sich<? >Aber er -wird kommen, er wird kommen!< sagen wir. Die Legende, die wir -verbreiten, wird besser sein, als die der Skopzen.[47] Er ist da -- aber -noch hat ihn niemand gesehen. Oh, was für eine Legende wir zuraunen -können! Doch die Hauptsache -- eine neue Kraft kommt! Gerade die aber -tut ja not, gerade nach einer solchen sehnt man sich ja weinend! Was ist -denn der Sozialismus: er hat ja nur alte Kräfte zerstört, neue aber -nicht gebracht. Hier dagegen ist's eine Kraft, und noch was für eine! -Eine noch nie dagewesene! Wir brauchen ja nur für einmal den Hebel, um -die Erde aufzuheben. Alles wird sich erheben!« - -»So haben Sie im Ernst auf mich gerechnet?« fragte Stawrogin ironisch. - -»Warum lachen Sie und warum lachen Sie so boshaft? Erschrecken Sie mich -nicht. Ich bin jetzt wie ein Kind, man kann mich zu Tode erschrecken, -schon allein mit solch einem Lächeln. Hören Sie, ich werde Sie niemandem -zeigen, niemandem: so muß es sein. Er ist da, aber keiner hat ihn -gesehen. Er verbirgt sich. Oder wissen Sie, einem kann man Sie auch -zeigen, von je Hunderttausend nur einem. Und über die ganze Erde hin -wird es heißen: >Wir haben ihn gesehen, gesehen!< Haben doch die Leute -den Iwan Filippowitsch,[48] ihren Zebaoth, den Herrn der Heerscharen, ->gesehen<, wie er im Wagen gen Himmel fuhr vor allen Menschen, haben es ->mit _eigenen_ Augen gesehen<. Sie aber sind nicht nur ein Iwan -Filippowitsch: Sie sind schön, sind stolz wie ein Gott, mit der Aureole -des Opfers, wollen nichts für sich selbst, und >verbergen< sich. Die -Hauptsache ist die Legende! Sie werden alle besiegen, Sie sehen sie nur -einmal an und siegen. Er bringt die neue Wahrheit und -- >verbirgt< -sich. Und mittlerweile verbreiten wir ein paar Salomonische Aussprüche. -Haben ja die Gruppen, die >Fünfer< -- brauchen keine Zeitungen! Wenn von -zehntausend Bitten nur eine einzige erfüllt wird, so kommen alle mit -Bitten. In jedem Kreise wird jeder Bauer wissen, daß da in einem -gewissen Baumstamm eine Höhlung ist, in die man Bittschriften -hineinlegen kann. Und die ganze Erde jauchzt auf: >Das neue gerechte -Gesetz kommt zu uns!< und das Meer gerät ins Wogen und die Schaubude -stürzt, -- dann aber werden wir daran denken, wie wir ein steinernes -Gebäude errichten! Zum erstenmal! Denn bauen werden _wir_, nur wir, wir -allein!« - -»Raserei!« murmelte Stawrogin. - -»Warum, warum wollen Sie nicht? Fürchten Sie sich etwa? Ich habe doch -gerade deshalb Sie erwählt, weil Sie nichts fürchten. Unvernünftig, wie? -Aber ich bin doch vorläufig noch Kolumbus ohne Amerika -- ist denn -Kolumbus ohne Amerika vernünftig?« - -Stawrogin schwieg. Sie waren bei dem Hause angelangt und blieben an der -Vorfahrt stehen. - -»Hören Sie,« Werchowenski beugte sich zu seinem Ohr, »ich mache es Ihnen -ohne Geld, morgen beende ich es mit Marja Timofejewna ... ohne Geld, und -morgen noch bringe ich Ihnen Lisa. Wollen Sie Lisa, morgen noch?« - -»Sollte er wirklich verrückt geworden sein?« fragte sich Stawrogin und -lächelte. Die Tür öffnete sich. - -»Stawrogin, ist Amerika unser?« Werchowenski ergriff zum letztenmal -seine Hand. - -»Wozu?« fragte Stawrogin ernst und streng. - -»Keine Lust also! -- das konnte ich mir ja denken!« stieß Pjotr -Stepanowitsch in einem wahren Wutanfall hervor. »Aber das lügen Sie ja, -Sie erbärmlicher, ausschweifender, brüchiger Herrensohn, ich weiß es -besser: Sie haben sogar einen Wolfshunger danach! ... Begreifen Sie -doch, daß Ihre Rechnung jetzt schon viel zu groß ist! Und ich kann doch -nicht auf Sie verzichten! Es gibt keinen anderen auf der Welt als nur -Sie! Ich habe Sie mir schon im Auslande ausgedacht; hab's getan, indem -ich Sie sah. Hätte ich Sie nicht mit Augen gesehn, aus meiner Ecke, mir -wäre auch nichts in den Sinn gekommen! ...« - -Stawrogin stieg, ohne zu antworten, die Stufen hinan. - -»Stawrogin!« rief ihm Werchowenski nach, »-- ich gebe Ihnen noch einen -Tag Bedenkzeit ... nun, zwei ... nun, meinethalben drei! ... Mehr als -drei kann ich nicht, dann aber -- Ihre Antwort!« - - - - - Vierzehntes Kapitel. - Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde - - -Inzwischen geschah bei uns etwas, das mich zunächst nur in Erstaunen -versetzte, Stepan Trophimowitsch aber erschütterte. - -Eines Morgens, noch vor acht Uhr, kam Nastassja, Stepan Trophimowitschs -Mädchen, atemlos zu mir gelaufen, mit der Nachricht, ihr Herr sei -»beschlagnahmt« worden. Anfangs konnte ich aus ihren Reden überhaupt -nicht klug werden, doch schließlich erfuhr ich immerhin, daß Beamte in -der Frühe zu ihm gekommen waren und Papiere beschlagnahmt hatten; diese -hatte dann ein Soldat »zu einem Bündel zusammengebunden und auf einer -Schiebkarre weggeschleppt.« - -Ich eilte sogleich zu meinem Freunde. - -Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und -erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch -kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des -längeren eingegossen, doch noch nicht angerührt war. Stepan -Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in -alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich über seine -Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags -gewöhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum daß -er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und -Rock an -- was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen -Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine -Hand. - -»_Enfin un ami!_«{[126]} (Er atmete tief auf.) »_Cher_, ich habe nur zu -Ihnen allein geschickt und sonst weiß noch niemand etwas davon. Man muß -Nastassja sagen, daß sie die Türen schließt und keinen Menschen -hereinläßt, außer natürlich _jene_, falls sie ... _Vous -comprenez?_«{[111]} - -Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete. -Selbstverständlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen -auszufragen, und so erfuhr ich denn schließlich, nach zahllosen -Unterbrechungen und unnützen Zwischensätzen, daß um sieben Uhr morgens -»plötzlich« ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ... - -»_Pardon, j'ai oublié son nom. Il n'est pas du pays_, aber ich glaube, -Lembke hat ihn mitgebracht, _quelque chose de bête et d'allemand dans la -physionomie. Il s'appelle_ Rosenthal.«{[127]} - -»Rosenthal? Hieß er nicht Blümer?« - -»Blümer? Ja, richtig, Blümer hieß er. _Vous le connaissez? Quelque chose -d'hébété et de très content dans la figure, pourtant très sévère, roide -et sérieux._{[128]} Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, _je -m'y connais_.{[129]} Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich, -auf meine >Bücher und Manuskripte< einen Blick werfen zu dürfen, _oui, -je m'en souviens, il a employé ce mot_.{[130]} Er hat mich nicht -arretiert, sondern nur die Bücher ... _Il se tenait à distance_,{[131]} -und als er seinen Besuch zu erklären begann, da sah er aus, als ob ich -... _enfin il avait l'air de croire que je tomberai sur lui -immédiatement et que je commencerai à le battre comme plâtre. Tous ces -gens du bas étage sont comme ça_,{[132]} wenn sie es mit einem -anständigen Menschen zu tun haben. Natürlich begriff ich sofort alles. -_Voilà vingt ans que je m'y prépare!_{[133]} Ich öffnete vor ihm alle -Schubfächer und übergab ihm alle Schlüssel. Ich übergab sie selbst, ich -habe ihm alles selbst übergeben. _J'étais digne et calme._{[134]} Von -den Büchern nahm er die ausländische Ausgabe Herzens, ein gebundenes -Exemplar der >Glocke<, vier Abschriften meiner Dichtung _et enfin tout -ça_.{[135]} Dann noch Papiere und Briefe _et quelques unes de mes -ébauches historiques, critiques et politiques_.{[136]} Das alles haben -sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer -Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schürze bedeckt. _Oui, c'est -cela_,{[137]} mit einer Schürze.« - -Das war ja Wahnsinn. Wer hätte hier etwas begreifen können? Ich suchte -Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blümer ganz allein -erschienen, oder waren, außer dem Soldaten, noch andere mit ihm -gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas -wagen können? Womit hatte er es erklärt? - -»_Il était seul, bien seul_, übrigens war noch jemand _dans -l'antichambre, oui, je m'en souviens, et puis_{[138]} ... Übrigens, ich -glaube, es war außerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine -Wache. Man muß Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen. -_J'étais surexcité, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de -choses_{[139]} ..., übrigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es -eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzählt, -natürlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... _J'étais surexcité, mais -digne, je vous l'assure._{[140]} Ich fürchte übrigens, daß ich, ich -glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krämer -nebenan genommen ...« - -»Aber wie hat sich das alles nur zutragen können! So sprechen Sie doch -um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein -Traum, den Sie da erzählen!« - -»_Cher_, ich bin auch selbst noch wie im Traum ... _Savez-vous! Il a -prononcé le nom de Teliatnikoff_,{[141]} und ich glaube, gerade dieser -war es, der sich im Vorzimmer versteckte. Ja, da fällt mir ein, er -schlug einen Zeugen vor, und ich glaube, eben diesen Dmitri Mitritsch -... _qui me doit encore quinze roubles de Whist, soit dit en passant. -Enfin, je n'ai pas trop compris._{[142]} Aber ich war noch schlauer als -sie, und was geht mich Dmitri Mitritsch an! Ich habe, glaube ich, sehr -gebeten, daß niemand etwas davon erfahre, sehr gebeten, sehr, fürchte -sogar, daß ich mich erniedrigt habe, _comment croyez-vous? Enfin il a -consenti_{[143]} ... Nein, warten Sie, da fällt mir ein, das war er -selbst, der darum bat, denn er sei nur gekommen, um zu >besehen<, sagte -er, _et rien de plus_,{[144]} und weiter nichts ... und daß, falls man -nichts findet, auch nichts weiter geschehen wird. So haben wir denn auch -alles beendet _en amis, et je suis tout-à-fait content_.«{[145]} - -»Aber ich bitte Sie, er hat Ihnen doch einfach die in solchen Fällen -üblichen Garantien angeboten, und Sie -- Sie haben ihn noch selbst davon -abgebracht!« rief ich in freundschaftlichem Unwillen. - -»Nein, es ist schon besser so, ohne Garantien. Und wozu ein Skandal? -Lieber so lange es noch geht _en amis_ ... Sie wissen doch, wenn man in -der Stadt erfährt ... _mes ennemis ... et puis à quoi bon ce procureur, -ce cochon de notre procureur, qui deux fois m'a manqué de politesse et -qu'on a rossé à plaisir l'autre année chez cette charmante et belle -Natalia Pawlowna, quand il se cacha dans son boudoir. Et puis, mon -ami_,{[146]} widersprechen Sie mir nicht und entmutigen Sie mich nicht, -ich bitte Sie, denn es gibt nichts Unerträglicheres, als wenn ein Mensch -schon unglücklich ist und ihm dann hundert Freunde sofort noch erklären, -wie dumm er gehandelt hat. Setzen Sie sich und trinken Sie Tee. Ich muß -gestehen, ich bin sehr müde geworden ... sollte ich mich nicht hinlegen -und eine Essigkompresse machen? Was meinen Sie?« - -»Aber selbstverständlich,« sagte ich, »und besser noch eine mit Eis. Sie -sind sehr aufgeregt. Sie sind ja ganz bleich und Ihre Hände zittern. -Legen Sie sich hin, erholen Sie sich und sprechen Sie vorläufig nicht. -Ich werde mich zu Ihnen setzen und warten. Und nachher können Sie mir -dann alles erzählen.« - -Doch er konnte sich noch nicht entschließen, sich hinzulegen, ich aber -bestand darauf. Nastassja brachte Essig in einer Tasse, ich feuchtete -ein Handtuch damit an, das ich ihm dann auf den Kopf legte. Darauf -kletterte Nastassja auf einen Stuhl und schickte sich zu meiner nicht -geringen Verwunderung an, in der Ecke vor dem Heiligenbilde das Lämpchen -anzuzünden. Noch nie hatte ich früher ein Lämpchen bei ihm gesehen und -nun war es plötzlich da und wurde sogar angezündet. - -»Das habe ich vorhin angeordnet, gleich nachdem sie fortgegangen waren,« -sagte Stepan Trophimowitsch leise zu mir und sah mich dabei schlau an, -»_quand on a de ces choses-là dans sa chambre et qu'on vient vous -arrêter_,{[147]} so macht das unbedingt einen guten Eindruck und die -müssen dann doch aussagen, daß sie gesehen haben ...« - -Als Nastassja mit dem Lämpchen fertig war, ging sie zur Tür, blieb aber -dort stehen, legte mitleidig die rechte Hand an die Wange und begann, -ihn mit bekümmertem Blick anzusehen. - -»_Eloignez-la_ unter irgendeinem Vorwand,« winkte er mir vom Diwan zu. -»Kann dieses russische Mitleid nicht ausstehen, _et puis ça -m'embête_.«{[148]} - -Doch sie ging schon von selbst hinaus. Es fiel mir auf, daß er immer -wieder zur Tür blickte und zum Vorzimmer hinhorchte. - -»_Il faut être prêt, voyez-vous_,« (er sah mich dabei bedeutungsvoll an) -»_chaque moment_{[149]} können sie kommen, einen festnehmen und huitt -- -weg ist ein Mensch!« - -»Herrgott! Wer kann kommen? Wer kann Sie festnehmen?« - -»_Voyez-vous, mon cher_,{[150]} ich habe ihn ganz einfach gefragt, als -er schon fortgehen wollte: was wird man jetzt mit mir machen?« - -»Hätten Sie doch lieber gleich gefragt, wohin man Sie verschicken will!« -rief ich unwillig. - -»Das meinte ich ja auch damit, aber er ging fort und sagte nichts. -_Voyez-vous_: was die Wäsche anbetrifft, die Kleider, die warmen Kleider -besonders, ich glaube, das kann man schon mitnehmen, denke ich, doch -vielleicht schicken sie einen auch im Soldatenmantel fort. Aber ich habe -fünfunddreißig Rubel« (er senkte plötzlich die Stimme und blickte -ängstlich nach der Tür, durch die Nastassja hinausgegangen war) -»heimlich durch die Westentasche, die ich ein bißchen aufgeschnitten -habe, in die Weste hineingesteckt, sehen Sie hier, fühlen Sie ... Ich -glaube, die Weste werden sie mir doch nicht ausziehen, u--und zum Schein -habe ich in mein Portemonnaie sieben Rubel gelegt >alles, sozusagen, was -ich habe<. Und hier im Tisch ist noch Kleingeld und Kupfergeld, so daß -sie gar nicht auf den Gedanken kommen werden, daß ich noch Geld -versteckt habe. Sie werden glauben, das sei wirklich alles. Denn Gott -mag wissen, wo ich heute noch nächtigen werde.« - -Mir sank der Kopf auf die Brust ob solchem Wahnsinn. So, wie er es -wiedergab, konnte man doch weder einen Menschen verhaften, noch -Haussuchungen vornehmen. Daß er sich irgendwie täuschte, auch über das, -was geschehen war, daran zweifelte ich jetzt nicht mehr. Allerdings -hatte man ihm (nach seinen eigenen Worten) ein gesetzmäßigeres Vorgehen -zugedacht, er aber war »_noch schlauer_« gewesen und hatte das selbst -verhindert ... Freilich geschah das damals noch vor den neuen -diesbezüglichen Gesetzen ... und freilich durfte damals, also noch vor -kurzem, der Gouverneur in äußersten Fällen ... Aber was konnte denn hier -für ein äußerster Fall vorliegen? - -»Es ist bestimmt ein Telegramm aus Petersburg gekommen,« sagte plötzlich -Stepan Trophimowitsch. - -»Ein Telegramm! Ihretwegen? Weil Sie Herzens Bücher besitzen? Oder gar -wegen Ihres Poems? Sie scheinen ja wirklich krank zu sein -- was für -einen Grund kann man denn deshalb haben, _Sie zu arretieren_?« - -»Wer kann das wissen, in unserer Zeit, warum man arretiert wird?« -flüsterte er rätselhaft. - -Ein unglaublicher, unmöglicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf. - -»Stepan Trophimowitsch, sagen Sie mir jetzt einmal wie einem Freunde,« -rief ich, »wie einem aufrichtigen, treuen Freunde, ich werde Sie nicht -verraten: gehören Sie nicht irgendeinem geheimen Verbande an?« - -Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und -bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehörte oder nicht -gehörte. Ich wurde nicht klug daraus. - -»Ja, _voyez-vous_, es kommt darauf an, wie man's nimmt. _Voyez-vous_ -...« - -»Wie man was >nimmt<?« - -»Wenn man immer mit dem ganzen Herzen für den Fortschritt gewesen ist, -und ... wer kann denn sicher sein? Du glaubst, daß du nicht gehörst, und -siehe da, du gehörst schließlich doch zu irgend etwas.« - -»Wie ist das möglich, hier handelt es sich doch nur um ja oder nein?« - -»_Cela date de Pétersbourg_,{[151]} als wir beide dort das Blatt gründen -wollten. Da steckt die Wurzel. Wir drückten uns damals und man vergaß -uns: jetzt aber haben sie sich wieder unserer erinnert. _Cher, cher_, -kennen Sie mich denn nicht!« rief er plötzlich krankhaft erregt. »Man -wird uns festnehmen, in einen Bauernschlitten setzen und dann: marsch -nach Sibirien fürs ganze Leben! Oder man vergißt uns in einer -Kasematte!« - -Und plötzlich begann er heiße, heiße Tränen zu weinen. Er bedeckte die -Augen mit seinem seidenen Taschentuch und weinte und schluchzte ungefähr -fünf Minuten lang. Ich konnte es nicht mit ansehen. Dieser alternde -Mann, der jetzt zwanzig Jahre lang unser Freund und Lehrer, unser -Patriarch gewesen war, der sich so hoch über uns allen zu halten -verstanden hatte: der weinte plötzlich wie ein kleiner, ungezogener -Junge, der den Stock, nach dem der Lehrer gegangen ist, fürchtet. -Grenzenlos tat er mir leid. An den »Bauernschlitten« glaubte er -sicherlich eben so fest, wie daran, daß ich neben ihm saß -- und -erwartete ihn womöglich sofort, in der nächsten Minute schon. Und alles -das für den Besitz der Werke Herzens oder irgendein eigenes Poem! Solch -eine vollkommene Unkenntnis der alltäglichen Wirklichkeit war rührend -und gleichzeitig doch auch widerlich. - -Endlich hörte er auf zu weinen, erhob sich vom Diwan und ging wieder im -Zimmer auf und ab. Sein Gespräch setzte er ebenso unzusammenhängend -fort, wie zuvor; dabei blickte er jeden Augenblick zum Fenster hinaus -oder horchte, ob nicht jemand ins Vorzimmer trat. Alle meine -Beteuerungen und Beruhigungen sprangen von ihm ab wie Erbsen von der -Wand. Er hörte mir kaum zu, und hatte es dabei doch ersichtlich -furchtbar nötig, daß ich ihn beruhigte. Er sprach denn auch beinahe nur -in dieser Absicht. Ich sah bald ein, daß er jetzt ohne mich nicht -auskommen konnte, mich jedenfalls um keinen Preis jetzt von sich -gelassen hätte. So blieb ich denn bei ihm und wir verbrachten ungefähr -zwei Stunden miteinander. - -Im Laufe des Gesprächs bemerkte er, daß Blümer unter anderem auch zwei -Proklamationen, die er bei ihm irgendwo gefunden hatte, mitgenommen -habe. - -»Proklamationen!?« Ich erschrak dummerweise. »Sind Sie denn ...« - -»Ach, man hat mir einmal zehn Stück ins Haus geworfen,« antwortete er -geärgert. (Er sprach bald ungehalten und hochmütig mit mir, bald klagend -und erniedrigt.) »Aber acht hatte ich schon beseitigt und Blümer hat nur -noch zwei gefunden.« - -Und plötzlich errötete er vor Unwillen. - -»_Vous me mettez avec ces gens-là!_{[152]} Sie halten es also für -möglich, daß ich zu diesen Schuften, diesen heimlichen Zusteckern -gehören könnte, zu solchen, wie mein Söhnchen Pjotr Stepanowitsch einer -ist, _avec ces esprits-forts de la lâcheté_!{[153]} O Gott!« - -»Ja, aber sollte man Sie nicht vielleicht irgendwie verwechselt haben -... Übrigens, Unsinn, nein, das kann nicht sein!« - -»_Savez-vous_,« entriß es sich ihm plötzlich, »ich fühle zuweilen, _que -je ferai là-bas quelque esclandre_.{[154]} Oh, gehen Sie nicht fort, -lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! _Ma carrière est finie -aujourd'hui, je le sens._{[155]} Ich ... wissen Sie, ich werde mich -vielleicht auch auf jemanden stürzen und beißen, wie jener Leutnant ...« - -Er sah mich ganz sonderbar an, mit einem erschrockenen Blick, der aber -zu gleicher Zeit auch selbst erschrecken zu wollen schien. Tatsächlich -ärgerte er sich über irgendwen oder irgendetwas immer mehr, und zwar um -so mehr, je länger der »Bauernschlitten« auf sich warten ließ. - -Plötzlich warf Nastassja, die aus der Küche ins Vorzimmer gegangen war, -dort einen Kleiderhalter um. Stepan Trophimowitsch fuhr erschrocken auf -und zitterte: als sich dann aber die Sache aufklärte, da schrie er sie -an vor Wut, und jagte sie, mit den Füßen trampelnd, wieder zurück in die -Küche. - -Nach einiger Zeit sagte er, indem er mich verzweifelt anblickte: - -»Ich bin verloren! _Cher_« -- er setzte sich plötzlich neben mich und -sah mir traurig, unsäglich traurig, doch mit unverwandtem Blick, in die -Augen. »_Cher_, ich fürchte ja nicht Sibirien, ich schwöre es Ihnen, oh, -_je vous jure_,{[156]} ich fürchte etwas anderes ...« und sogar Tränen -traten ihm in die Augen. - -Ich erriet sofort, schon an seinem Mienenspiel, daß er mir endlich etwas -Besonderes mitteilen wollte, sich aber bis jetzt noch bezwungen hatte. - -»Ich fürchte die Schande,« flüsterte er schließlich geheimnisvoll. - -»Welche Schande? ... Im Gegenteil! Glauben Sie mir doch, Stepan -Trophimowitsch, alles wird sich noch heute aufklären, und zwar zu Ihrem -Vorteil ...« - -»Sind Sie so überzeugt, daß man mir verzeihen wird?« - -»Was reden Sie von verzeihen! Was für Worte Sie da wieder gebrauchen! -Was haben Sie denn begangen? Ich versichere Ihnen doch, Sie haben nichts -getan!« - -»_Qu'en savez-vous_{[157]} ... mein ganzes Leben war ... _Cher_ ... Es -wird ihnen alles von mir einfallen ... Und wenn sie nichts finden, _um -so schlimmer_!« fügte er plötzlich überraschend hinzu. - -»Um so schlimmer?« - -»Um so schlimmer.« - -»Das verstehe ich nicht.« - -»Mein Freund, mein Freund, nun, meinetwegen Sibirien, nach Archangelsk, -Verlust aller Rechte, -- kommt man um, dann kommt man um! Aber ... ich -fürchte das andere ...« (wieder Geflüster, angstvolle Augen und -Geheimtuerei). - -»Aber was denn, was?« - -»Sie werden mich durchprügeln!« flüsterte er und sah mich wie verloren -an. - -»Wer wird Sie durchprügeln? Wo? Warum?« rief ich erschrocken, denn ich -glaubte schon, er habe den Verstand verloren. - -»Wo? Nun da ... wo das gemacht wird.« - -»Ja, wo wird denn das gemacht?« - -»Ach, _cher_,« flüsterte er mir beinahe schon ins Ohr, »plötzlich -verschwindet unter einem ein Stück Diele und man fällt bis zur Hüfte in -eine Öffnung ... Das weiß doch ein jeder ...« - -»Fabeln!« rief ich erratend, »das sind doch alte Fabeln. Ja, aber haben -Sie denn wirklich bis jetzt an so etwas geglaubt?« Ich begann zu lachen. - -»Fabeln? So ganz grundlos entstehen solche Fabeln doch nicht. Ich hab es -mir schon zehntausendmal in der Phantasie vorgestellt!« - -»Aber warum denn Sie, gerade Sie? Sie haben doch nichts getan?« - -»Um so schlimmer, sie werden einsehen, daß ich nichts getan habe, und -prügeln dann erst recht!« - -»Und Sie sind überzeugt, daß man Sie zu dem Zweck nach Petersburg -bringen wird?« - -»Mein Freund, ich habe schon gesagt, mir tut nichts mehr leid, _ma -carrière est finie_.{[158]} Seit jener Stunde in Skworeschniki, als sie -sich von mir verabschiedete, tut es mir um mein Leben nicht mehr leid -... aber die Schande, die Schande, _que dira-t-elle_,{[159]} wenn sie es -erfährt?« - -Verzweifelt sah er mich an und -- der Arme! -- errötete über und über. -Ich senkte gleichfalls die Augen. - -»Sie wird nichts erfahren, denn man wird Ihnen nichts tun. Es ist mir, -als ob ich zum erstenmal mit Ihnen spräche, Stepan Trophimowitsch, -dermaßen haben Sie mich heute in Erstaunen gesetzt.« - -»Mein Freund, das ist doch keine Furcht. Nun, mögen sie mir da -meinetwegen auch verzeihen, mich sogar wieder herbringen und mir auch -sonst nichts antun -- aber gerade hier bin ich ja dann verloren! _Elle -me soupçonnera toute sa vie_{[160]} ... mich, mich, den Dichter, den -Denker, den Menschen, den sie zweiundzwanzig Jahre lang angebetet hat!« - -»Wird ihr gar nicht einfallen.« - -»Es wird, wird!« flüsterte er in tiefer Überzeugung. »Wir haben beide -mehreremal darüber gesprochen, in Petersburg, bevor wir fortfuhren, als -wir beide fürchteten. _Elle me soupçonnera toute sa vie_ ... und wie sie -überzeugen? Es wird alles so unwahrscheinlich klingen. Ja, und wer wird -mir denn hier in der Stadt glauben? _C'est invraisemblable ... Et puis -les femmes_{[161]} ... Sie wird sich freuen. Sie wird sehr betrübt sein, -sogar aufrichtig betrübt, wie ein treuer Freund, aber, im geheimen -- -wird sie sich freuen ... Ich gebe ihr eine Waffe gegen mich fürs ganze -Leben. Oh, vernichtet ist es jetzt, mein ganzes Leben! Zwanzig Jahre ein -so großes Glück mit ihr ... und nun dies!« - -Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. - -»Stepan Trophimowitsch, sollten Sie nicht Warwara Petrowna sofort von -dem Vorgefallenen benachrichtigen?« schlug ich vor. - -»Gott soll mich davor bewahren!« -- er fuhr zusammen und sprang sogar -auf. »Auf keinen Fall, niemals, nach dem, was in Skworeschniki gesagt -worden ist, nie--mals!« - -Seine Augen blitzten plötzlich. - -Wir saßen, glaube ich, noch eine gute Stunde und warteten immer noch auf -irgendetwas -- es war das schon zu einer fixen Idee geworden. Er legte -sich wieder hin, schloß sogar die Augen und lag ungefähr zwanzig Minuten -ganz still, ohne ein Wort zu sprechen, so daß ich bereits glaubte, er -sei eingeschlafen. Plötzlich aber erhob er sich jäh, riß das Handtuch -vom Kopf, sprang vom Diwan auf und stürzte zum Spiegel, um sich sofort -eine neue weiße Krawatte umzubinden, rief mit Donnerstimme Nastassja und -befahl, ihm seinen Mantel, Hut und Stock zu geben. - -»Ich kann's nicht mehr aushalten,« sagte er, »ich kann nicht, ich kann -nicht! ... Ich gehe selbst.« - -»Wohin?« Auch ich sprang auf. - -»Zu Lembke. _Cher_, ich muß, es ist meine Pflicht. Ja, meine Pflicht. -Ich bin ein Bürger und ein Mensch, aber kein Strohhalm, ich habe Rechte, -ich will mein Recht ... Ich habe zwanzig Jahre lang meine Rechte nicht -mehr gefordert, ich habe sie mein ganzes Leben lang unverzeihlich -vergessen ... aber jetzt werde ich sie verlangen. Er muß mir alles -sagen, alles. Er hat gewiß ein Telegramm erhalten. Er darf mich nicht -quälen. Wenn schon, denn schon -- dann soll er mich lieber sofort -verhaften, verhaften, verhaften!« - -Er schrie die letzten Worte mit einer Stimme, die sich überschlug, und -stampfte mit den Füßen. - -»Ich gebe Ihnen vollkommen recht,« sagte ich absichtlich so ruhig wie -nur möglich, obgleich ich nicht wenig für ihn fürchtete. »Das ist -wirklich besser, als mit einer solchen Sorge stillzusitzen. Nur Ihre -ganze Stimmung kann ich nicht loben. Sehen Sie doch im Spiegel, wie Sie -aussehen. Wie können Sie denn so zu Lembke gehen? _Il faut être digne et -calme avec Lembke._{[162]} Man könnte Ihnen jetzt wirklich zutrauen, daß -Sie sich auf jemanden werfen und ihn beißen!« - -»Ich liefere mich selbst aus! Ich gehe freiwillig in den Rachen des -Löwen ...« - -»Ich gehe natürlich mit Ihnen.« - -»Anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet, ich nehme Ihr Opfer an, -als Opfer eines treuen Freundes, aber nur bis zum Hause, nur bis zum -Hause: denn Sie dürfen nicht, Sie haben nicht das Recht, sich noch -weiter mit mir zu kompromittieren. _O, croyez-moi, je serai calme!_ In -diesem Augenblick fühle ich mich _à la hauteur de tout ce qu'il y a de -plus sacré_{[163]} ...« - -»Ich werde mit Ihnen vielleicht auch ins Haus gehen,« unterbrach ich -ihn. »Gestern hat mich nämlich dieses dumme Komitee durch Wyssotzki -benachrichtigt, daß man morgen zum Fest auf mich rechnet: als Anordner, -oder wie sie da ... ich soll einer von den sechs jungen Herren sein, die -nach den Teebrettern sehen, den Damen den Hof machen, den Gästen die -Plätze aufsuchen und dabei eine weißrote Schleife an der linken Schulter -tragen müssen. Ich wollte zuerst abschlagen -- aber warum soll ich jetzt -nicht zum Gouverneur gehen, unter dem Vorwande, die Angelegenheit mit -Julija Michailowna selbst besprechen zu wollen? So gehen wir denn beide -zusammen.« - -Er hörte zu und nickte nur mit dem Kopf, doch wahrscheinlich hatte er -nichts verstanden. - -Wir standen schon an der Tür. - -»_Cher_,« rief er plötzlich und streckte die Hand zu der Ecke aus, in -der das Lämpchen brannte, »_cher_, ich habe nie an das da geglaubt, aber -... lassen Sie mich, lassen Sie!« und er bekreuzigte sich. -»_Allons!_«{[164]} - -»-- Ist recht so,« dachte ich bei mir, als ich nach ihm aus dem Hause -trat, »unterwegs wird noch die frische Luft gut tun, wir werden uns -beruhigen, wieder nach Hause kommen und uns schlafen legen ...« - -Ich hatte aber die Rechnung ohne Stepan Trophimowitsch gemacht. Gerade -unterwegs geschah etwas, das ihn noch mehr erschüttern sollte und ihn -endgültig vorwärts trieb ... so daß ich, ich muß gestehen, eine solche -Kühnheit, wie er sie an diesem Morgen zeigte, von unserm Freunde gar -nicht erwartet hätte. Mein armer Freund! Mein guter, lieber Freund! - - - - - Fünfzehntes Kapitel. - Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen - - - I. - -Das Erlebnis, das wir unterwegs hatten, war gleichfalls eines von den -sonderbaren. Doch ich muß wohl alles in derselben Reihenfolge erzählen, -in der es sich zugetragen hat. Ungefähr eine Stunde bevor wir, Stepan -Trophimowitsch und ich, aus dem Hause traten, schob sich durch die -Stadt, von vielen neugierig betrachtet, ein Menschenhaufe von etwa -siebzig oder mehr Mann: es waren Arbeiter der Spigulinschen Fabrik. Sie -zogen ruhig, würdevoll, fast stumm und absichtlich in der strengsten -Ordnung durch die Straßen. Später wurde behauptet, daß diese Leute als -Abgesandte der etwa neunhundert Arbeiter, die es im ganzen in der Fabrik -gab, sich tatsächlich nur aufgemacht hätten, um beim Gouverneur ihr -Recht zu suchen, da der Fabrikdirektor in Abwesenheit der Besitzer sie -bei der Entlassung und Abrechnung schmählichst betrogen hatte -- eine -Tatsache, die heute keinem Zweifel mehr unterliegt. Andere behaupten -freilich, daß siebzig Mann viel zu viel für eine Schar Abgesandte -gewesen seien, und daß der Haufe aus den am meisten Geschädigten -bestanden habe, die auf diese Weise einfach für sich selbst hätten -bitten wollen; -- jedenfalls aber will niemand von den siebzig einen -»allgemeinen Arbeiter-Aufstand« zugeben, von dem die Zeitungen hernach -so fettgedruckt zu erzählen wußten. Wieder andere behaupten, diese -siebzig Mann seien allerdings keine »gewöhnlichen«, dafür aber -»politische« Aufständische gewesen -- und natürlich schieben dann -diejenigen, welche die Sache so ansehen, mit Vorliebe die Schuld auf die -in den vorhergegangenen Tagen heimlich zugesteckten Proklamationen. Aber -wie dem auch sein mag (denn klar ist man sich bis heute noch nicht -darüber), meiner eigenen Meinung nach hatten die Arbeiter diese -zugesteckten Blätter überhaupt nicht gelesen, oder wenn doch, sie dann -gar nicht verstanden, aus dem einfachen Grunde, weil die Verfasser -derselben, trotz der Aufdringlichkeit ihres Stils, sich äußerst unklar -ausdrücken. Da aber die Arbeiter bei der Abrechnung wirklich schändlich -betrogen worden waren, und die Polizei, an die sie sich zuerst wandten, -sich weiter nicht mit ihnen einlassen wollte, -- was war da -naheliegender, als selbst in hellem Haufen zum Gouverneur zu ziehen, -wenn möglich gar mit einer Aufschrift, die ihre Wünsche in Devisenform -aussprach und an der Spitze vorangetragen wurde, sich vor dem -Gouverneursgebäude aufzustellen, um dann, wenn der Gefürchtete erschien, -sogleich auf die Knie zu fallen und ein Gejammer wie zur heiligen -Vorsehung selber zu erheben? Es ist meine feste Überzeugung, daß es sich -nur darum und um nichts anderes handelte, zumal das ein uraltes und lang -überliefertes Mittel ist: das russische Volk hat von jeher ein Gespräch -mit dem »General selber« allen anderen Verhandlungen vorgezogen -- und -zwar eigentlich allein schon um der Ehre willen, ganz gleichgültig, -womit das Gespräch endete. So fest bin ich davon überzeugt, daß ich -glaube, daß selbst Pjotr Stepanowitsch, Liputin und vielleicht noch -jemand, sagen wir Fedjka, die heimlich mit den Fabrikarbeitern -gesprochen hatten (wie sich dies jetzt mit ziemlicher Sicherheit -herausgestellt hat), doch weiter keinen Einfluß auf diesen »Gang zum -Gouverneur« ausgeübt haben können, -- abgesehen davon, daß es überhaupt -nur zwei, drei, höchstens fünf Arbeiter gewesen sind, mit denen sie -nachweisbar gesprochen haben. Was aber den »Aufstand« betrifft, so -werden wohl die Arbeiter, selbst wenn sie etwas von politischer -Propaganda verstanden hätten, solchen geheimen Agitatoren doch kein -Gehör geschenkt und ihr Gerede überhaupt nicht ernst genommen haben. -Eine einzige Ausnahme machte höchstens Fedjka: diesem scheint es -allerdings geglückt zu sein, und besser als Pjotr Stepanowitsch, mit den -Arbeitern in vertrauliche Beziehung zu treten, denn an dem Brand in der -Stadt, der in der übernächsten Nacht ausbrach, sind, wie man jetzt -bestimmt weiß, im Bunde mit Fedjka noch zwei Fabrikarbeiter beteiligt -gewesen. Und rechnet man dazu noch drei andere Arbeiter, die ein paar -Wochen später in der nahen Kreisstadt verhaftet wurden, weil sie -ebenfalls Feuer angelegt und geraubt hatten, so waren es im ganzen doch -erst nur fünf von der Spigulinschen Fabrik, die man von anderer Seite -verführt und aufgestachelt hatte. - -Aber wie es sich damit nun auch verhalten mag, jedenfalls durchzogen die -siebzig oder mehr Arbeiter die Stadt, stellten sich schließlich in aller -Ordnung auf dem Platz vor dem Hause des Gouverneurs auf und sahen dann -mit offenen Mäulern wartend auf die Vorfahrt. Der Gouverneur war aber -gerade nicht anwesend. Wie ich später gehört habe, hätten sie schon -gleich, nachdem sie sich geordnet, die Mützen abgezogen -- etwa eine -halbe Stunde bevor Herr von Lembke dann auf dem Schauplatz erschien. Die -Polizei zeigte sich natürlich sofort: zuerst nur in einzelnen -Vertretern, dann aber bald in möglichst geschlossenen Trupps. Man ging -streng und drohend vor und befahl auseinander zu gehen. Die Arbeiter -standen aber wie eine Herde Schafe, die am Zaun angelangt ist, und -antworteten nur lakonisch, sie seien »zum General selber« gekommen -- -kurz, man begegnete fester Entschlossenheit. Da hörte denn das -Anschreien auf, Nachdenklichkeit trat an seine Stelle, geheimnisvoll -geflüsterte Anordnungen und strenge, geschäftige Sorge, die die höheren -Polizeibeamten die Augenbrauen zusammenziehen ließ. Der Polizeimeister -zog es vor, statt irgendwelche Maßregeln zu ergreifen, doch lieber die -Ankunft von Lembkes abzuwarten. Sonst pflegte der Polizeimeister bei -solchen Gelegenheiten mit seiner Troika zum Entzücken aller Kaufleute -stets in vollem Galopp anzufahren, und womöglich in die Ansammler mitten -hinein: diesmal aber tat er es nicht, wenn er auch beim Abspringen nicht -ohne ein kräftiges Wort, das geeignet war, seine Popularität zu -erhalten, auskommen konnte. Doch es ist entschieden nicht wahr, daß man -Soldaten herbeigerufen und von irgendwoher telegraphisch Artillerie und -Kosaken erbeten hätte: das sind Märchen, an die jetzt niemand mehr -glaubt. Unsinn ist gleichfalls, daß man die Feuerwehr gerufen habe und -mit der Spritze gegen das angesammelte Volk vorgegangen sei. Ilja -Iljitsch schrie einfach im Eifer, daß ihm kein einziger »trocken aus dem -Wasser kommen« solle -- und daraus hat man dann wahrscheinlich die -Feuerwehrspritze gemacht, die auch in den Nachrichtenteil der -Petersburger Zeitungen überging. Das einzig Richtige ist, daß man die -Arbeiter sofort mit allen nur verfügbaren Polizisten umstellte, während -nach von Lembke, der vor einer halben Stunde nach Skworeschniki gefahren -war, sofort der zweite Polizeioffizier mit der Troika des -Polizeimeisters geschickt wurde. - -Immerhin muß ich gestehen, daß mir noch eines unerklärlich scheint: wie -kam es, wie war es möglich, daß man eine ruhige Versammlung gewöhnlicher -Bittsteller so ohne weiteres und vom ersten Augenblick an gleich für -einen politischen Aufstand halten konnte, der alles umzuwerfen drohte? -Warum glaubte von Lembke selber nichts anderes, als er dreißig Minuten -später mit dem Polizeioffizier eintraf? Am wahrscheinlichsten ist noch -(doch das ist wieder nur meine eigene Meinung), daß Ilja Iljitsch, unser -Polizeimeister, es einfach am allervorteilhaftesten und zweckmäßigsten -fand, die Sache so und nicht anders aufzufassen, zumal er sich vor zwei -Tagen während eines Gesprächs mit von Lembke überzeugt hatte, wie fest -sein Vorgesetzter an eine baldige Wirkung der Proklamationen und an die -Spigulinsche soziale Gefahr glaubte, so daß denn unser schlauer Ilja -Iljitsch beim Fortgehen händereibend bei sich dachte: »Will sich in -Petersburg auszeichnen, würde ihm leid tun, wenn sich alle Gefahr als -Unsinn erweisen sollte -- nun, mir soll's recht sein ... werde danach -vorkommendenfalls zu handeln wissen.« - -Der arme Andrei Antonowitsch hätte freilich in Wirklichkeit um alles in -der Welt keinen Aufstand gewünscht, nicht einmal um der persönlichen -Auszeichnung willen. Er war ein ungewöhnlich pflichttreuer Beamter, der -sich bis zu seiner Verheiratung seine Unschuld bewahrt hatte. Und war er -denn daran schuld, daß statt des stillen, geruhigen Postens und des -unschuldigen Mienchens, die er sich erträumt, die vierzigjährige -Fürstentochter ihn zu sich erhoben hatte? Ich weiß mit aller Sicherheit, -daß gerade an diesem verhängnisvollen Morgen die ersten deutlichen -Anzeichen eben jenes Zustandes bei ihm zutage traten, der ihn dann in -das bekannte Schweizer Sanatorium gebracht hat, wo er jetzt, wie -verlautet, wieder zu Kräften kommt. Gibt man aber zu, daß sich schon an -diesem Morgen gewisse Anzeichen bemerkbar machten, -- nun, so kann man, -meiner Meinung nach, nur annehmen, daß bei ihm auch schon am Tage vorher -nicht alles ganz in Ordnung gewesen ist. Ich weiß es zudem dank der -intimsten Mitteilungen ... (nun, nehmen Sie meinetwegen an, Julija -Michailowna hätte mir später selbst, doch nicht mehr triumphierend, -sondern _fast_ schon bereuend -- eine Frau bereut nie ganz -- einen Teil -dieser Geschichte erzählt) -- ich weiß also, daß in der Nacht vorher, um -etwa drei Uhr morgens, Andrei Antonowitsch seine Gemahlin plötzlich -aufgeweckt und von ihr verlangt hat, daß sie sein »Ultimatum« anhöre. -Die Forderung war dermaßen bestimmt gestellt worden, daß Julija -Michailowna sich gezwungen sah, sich tatsächlich zu erheben, trotz ihres -Unwillens und der Papilloten im Haar, um auf dem Diwan Platz zu nehmen -und ihren Herrn Gemahl anzuhören, wenn auch mit einem sarkastischen -Lächeln, aber immerhin anzuhören. In dieser Nacht begriff sie zum -erstenmal, wie weit es mit ihrem Mann schon gekommen war -- und sie -erschrak. Nun hätte sie sich eigentlich auch besinnen und erweichen -lassen müssen -- sie aber verbarg sozusagen ihren Schreck vor sich -selber und wurde noch eigensinniger. Sie hatte (wie offenbar jede Frau) -einen besonderen Trick, ihren Mann zu ärgern: Julija Michailowna pflegte -nämlich in solchen Fällen verächtlich zu schweigen, und zwar nicht nur -zwei oder drei Stunden lang, sondern mitunter ganze vierundzwanzig oder -gar dreimal vierundzwanzig Stunden hintereinander, wenn's ihr einmal -darauf ankam. Sie schwieg dann, als ob Gott sie von Kindesbeinen an mit -Stummheit und Taubheit geschlagen hätte, sie schwieg zu allem, was er -auch sprechen mochte, sie hätte auch geschwiegen, selbst wenn Andrei -Antonowitsch durch das Luftfenster gekrochen wäre, um sich vom dritten -Stockwerk auf das Pflaster hinabzustürzen -- sie schwieg ein Schweigen, -das für einen gefühlvollen Menschen wirklich unerträglich war. Wollte -sie ihn nun für seine in den letzten Tagen begangenen Fehler und seinen -eifersüchtigen Neid als Gouvernementsherrscher auf ihre administrativen -Fähigkeiten strafen? war sie nun unwillig über seine Kritik ihres -Verhältnisses zu unserer Gesellschaft und besonders zu der Jugend, ohne -ihre feinen und weitsichtigen politischen Ziele zu verstehen? oder war -es seine kränkende unsinnige Eifersucht auf Pjotr Stepanowitsch? -- -Kurz, wie dem auch war, jedenfalls entschloß sie sich auch jetzt nicht, -nachzugeben, ungeachtet dessen, daß es schon drei Uhr morgens war und -Andrei Antonowitsch sich tatsächlich in ungewöhnlicher Erregung befand. -Er ging in ihrem teppichbelegten Boudoir hin und her und rund herum, und -schüttete alles, alles aus, was sich in seinem Herzen angesammelt hatte, -denn es war, wie er sagte, schon »über die Grenzen gegangen«. Er begann -damit, daß alle »über ihn lachten« und ihn »an der Nase führten«. »Was -scheren mich die Ausdrücke,« schrie er, als er ihr Lächeln bemerkte, -»meinetwegen mag das nicht ganz wörtlich sein, dieses >an der Nase<, -aber wahr ist es doch! ... Nein, meine Gnädige, jetzt ist der Augenblick -gekommen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um spöttisches Lächeln und -Weiberkoketterie. Wir sind jetzt nicht im Boudoir einer Zierdame, -sondern wir sind wie zwei abstrakte Wesen im ... sagen wir in einem -Luftballon, um uns die Wahrheit zu sagen.« (Er verhaspelte sich -natürlich ein wenig, doch das machte weiter nichts, daß er nicht immer -den richtigen Ausdruck für seine an sich ganz richtigen Gedanken fand.) -»Sie, meine Gnädige, Sie sind es, die mich aus meinem früheren Stande -herausgerissen hat. Diesen Posten habe ich nur Ihretwegen angenommen, um -Ihren Ehrgeiz zu befriedigen ... Sie lächeln spöttisch? Triumphieren Sie -nicht, noch ist es dazu zu früh! Wissen Sie, meine Gnädige, ich könnte -mit diesem Posten vorzüglich fertig werden, und nicht nur mit diesem -allein, sondern noch mit weiteren zehn, denn ich besitze Fähigkeiten ... -aber mit Ihnen, meine Gnädige, in Ihrer Gegenwart -- kann man mit -_nichts_ fertig werden, mit Ihnen zusammen, meine Gnädige, habe ich -keine Fähigkeiten mehr! Zwei Mittelpunkte können nicht nebeneinander -sein. Sie aber haben zwei zustande gebracht -- einen bei mir und den -anderen bei sich im Boudoir -- zwei Zentren der Macht, meine Gnädige: -aber ich werde das nicht mehr erlauben, hören Sie, ich werde das nicht -länger dulden!! Im Dienst wie in der Ehe ist nur ein Zentrum möglich, -zwei aber sind ein Ding der Unmöglichkeit ... Womit lohnen Sie es mir?« -rief er plötzlich gereizt. »Unsere Ehe bestand bis jetzt nur darin, daß -Sie mir täglich, stündlich bewiesen, daß ich nichtig, dumm und sogar -gemein sei, und daß ich die ganze Zeit gezwungen war, Ihnen -erniedrigenderweise zu beweisen, daß ich nicht nichtig und gar nicht -dumm bin und, was die Gemeinheit angeht, sogar alle durch meinen Edelmut -in Erstaunen setze. Sagen Sie mir doch bitte: ist das denn nicht -erniedrigend? und zwar für beide Teile?« Hier begann er mit beiden Füßen -auf dem Teppich zu trampeln, so daß Julija Michailowna gezwungen war, -sich in strenger Würde aufzurichten. Da wurde er sofort ganz still, -verfiel aber nun ins Gefühlvolle und begann zu schluchzen (jawohl, zu -schluchzen) und schlug sich vor die Brust, und das dauerte wohl ganze -fünf Minuten, während welcher Zeit das unerschütterliche Schweigen -seiner Gattin ihn vollends um seine Fassung brachte, -- bis er -schließlich das Falscheste tat, was er tun konnte: er gestand ihr, daß -er auf Pjotr Stepanowitsch eifersüchtig war. Doch fast im selben -Augenblick erriet er schon, daß er damit eine grenzenlose Dummheit -begangen hatte, und wurde geradezu tierisch wild. Im Jähzorn schrie er -alles Mögliche, schrie »Ich erlaube nicht, Gott zu verstoßen!« »werde -Ihren unverzeihlichen gottlosen Salon in alle Winde auseinanderjagen!« -»ein Gouverneur muß an Gott glauben und folglich auch seine Frau!« »Sie, -Sie, meine Gnädige, gerade Sie müßten schon um der eigenen Würde willen -für Ihren Mann stehen, selbst wenn er gar keine Fähigkeiten hätte (dabei -habe ich aber Fähigkeiten!) und währenddessen sind gerade Sie der Grund, -daß man mich hier verachtet, gerade Sie haben diese Auffassung von mir -allen beigebracht! ...« Er schrie, er werde die ganze Frauenfrage -vernichten, er werde dieses blödsinnige Fest für die Gouvernanten -- die -der Teufel holen solle! -- morgen noch untersagen, und die erste -Gouvernante, die ihm in den Weg komme, »von Kosaken« aus dem -Gouvernement jagen lassen. »Absichtlich, absichtlich!« schrie er. -»Wissen Sie auch, daß Ihre Nichtsnutze die Fabrikarbeiter aufhetzen und -daß ich das weiß? Wissen Sie auch, daß diese selben jungen Leute -_absichtlich_ Proklamationen verbreiten, ab--sicht--lich!? Wissen Sie -auch, daß ich die Namen von vier solchen Banditen kenne und daß ich den -Verstand verliere, endgültig, endgültig den Verstand!!! ...« Nun aber -brach Julija Michailowna plötzlich ihr Schweigen und erklärte streng, -sie wüßte selbst schon längst, was für verbrecherische Absichten gehegt -würden, daß aber dies alles nur Dummheiten seien, die er viel zu ernst -nähme, und was die unartigen Jungen beträfe, so kenne sie nicht nur vier -Namen, sondern alle. (Das log sie.) Im übrigen aber habe sie deswegen -noch lange nicht die Absicht, ihren Verstand zu verlieren, an den sie -jetzt mehr denn je glaube, und ihr großes Ziel sei, alles in Harmonie -aufzulösen: die Jugend zu ermutigen, sie zur Einsicht zu bringen, -plötzlich und unerwartet diesen Jünglingen zu eröffnen, daß alle ihre -Absichten bereits bekannt seien, und sie dann auf neue Ziele und eine -vernünftige, segensreiche Tätigkeit hinzuweisen. - -Doch was geschah nun mit Andrei Antonowitsch! Als er erfuhr, daß Pjotr -Stepanowitsch ihn wieder übertölpelt und sich offen über ihn lustig -gemacht, daß er ihr weit mehr und viel früher als ihm alles mitgeteilt -hatte, und schließlich, daß vielleicht gerade Pjotr Stepanowitsch der -Urheber aller verbrecherischen Absichten war -- da geriet er einfach -außer sich. »So wisse denn, du einfältiges, hämisches Frauenzimmer,« -schrie er, gleichsam alle Ketten sprengend, »wisse denn, daß ich deinen -verächtlichen Liebhaber im Augenblick noch verhaften lasse, ihn in -Ketten lege und in eine Kasematte werfe, oder -- sofort unter deinen -Augen aus dem Fenster auf die Straße springe!« Auf diese Tirade aber -antwortete Julija Michailowna, fahl vor Ärger, mit einem langen, hellen -Gelächter, einem Gelächter mit Abstufungen und Anschwellungen, genau, -aber genau so wie im französischen Theater die für hunderttausend Francs -engagierte Pariser Schauspielerin zu lachen pflegt, wenn ihr Mann es -wagt, sie der Untreue zu verdächtigen. Von Lembke stürzte zum Fenster, -plötzlich aber blieb er wie angewachsen stehen, faltete die Hände auf -der Brust und blickte sich totenbleich mit Unheil verkündendem Blick -nach der Lachenden um: »Weißt du, weißt du, Julä ...« murmelte er -atemlos, mit beschwörender Stimme, »weißt du, ich kann mir wirklich -etwas antun!« Aber dem neuen, noch stärkeren Gelächter, das diesen -Worten folgte, hielt er nicht mehr stand: er biß die Zähne zusammen, -stöhnte und plötzlich stürzte er sich -- nicht aus dem Fenster, sondern --- auf seine Frau, über der er die Faust erhob! Doch er ließ sie nicht -sinken, nein, dreimal nein; aber er verging auf der Stelle. Ohne die -Füße unter sich zu spüren, stürzte er in sein Zimmer, wo er sich, so wie -er war, in den Kleidern auf das Bett warf und den Kopf in die Decke -wickelte. So lag er zwei Stunden lang -- ohne Schlaf, ohne Gedanken, mit -einem Stein auf dem Herzen und mit stumpfer, unbeweglicher Verzweiflung -in der Seele. Hin und wieder erschauerte er am ganzen Körper unter einem -quälenden Schüttelfrost. Gedanken hatte er nicht, doch fielen ihm -allerhand unzusammenhängende Sachen ein, die mit seinem jetzigen -Zustande nichts zu tun hatten: so dachte er zum Beispiel an eine alte -Wanduhr, die er vor fünfzehn Jahren in Petersburg besessen hatte und von -der der große Zeiger abgefallen war ... oder an seinen lustigen Freund -Milbois -- wie dieser einmal mit ihm im Alexanderpark einen Sperling -gefangen und darauf furchtbar über diesen Jungenstreich gelacht hatte, -als es ihnen plötzlich einfiel, daß der eine von ihnen schon -»Kollegien-Assessor« war. Erst gegen sieben Uhr morgens schlief er -langsam ein, ohne es selbst zu merken, und schlief ruhig und mit -wundervollen Träumen. Erst gegen zehn Uhr erwachte er, besann sich, -sprang plötzlich wild auf und schlug sich mit der Hand vor die Stirn: -jäh war ihm alles wieder eingefallen. Weder das Frühstück, noch Blümer, -noch der Polizeimeister, noch Beamte mit Meldungen wurden vorgelassen, -von all dem wollte er nichts mehr wissen -- lief vielmehr wie von Sinnen -in die Gemächer seiner Frau. Dort aber sagte ihm Sophia Antropowna, eine -adlige alte Frau, die schon lange bei Julija Michailowna lebte, daß -diese bereits vor einer Stunde mit einer ganzen Gesellschaft, in nicht -weniger als drei Equipagen, nach Skworeschniki zu Warwara Petrowna -Stawrogina gefahren sei, um dort die Säle zu besichtigen, da man das -zweite Fest, das in zwei Wochen stattfinden sollte, dort zu arrangieren -beabsichtigte, und der heutige Besuch schon vor drei Tagen mit Warwara -Petrowna verabredet worden war. Bestürzt kehrte Andrei Antonowitsch in -sein Arbeitszimmer zurück und befahl sofort, die Pferde anzuschirren. -Kaum hielt er es aus, so lange zu warten, bis der Wagen vorfuhr. Seine -Seele sehnte sich nach Julija Michailowna -- nur sehen wollte er sie, -nur ein paar Minuten lang bei ihr sein! Vielleicht wird sie ihm einen -Blick schenken? ihm zulächeln wie früher? und ihm verzeihen? Oh -- oh! -»Wo bleiben denn die Pferde!« Mechanisch schlug er ein dickes Buch auf, -das auf dem Tisch lag (es kam vor, daß er zuweilen so ein Buch befragte, -indem er es aufs Geratewohl aufschlug und dann auf der rechten Seite die -ersten drei Zeilen las). Sein Blick fiel auf den Satz: »_Tout est pour -le mieux dans le meilleur des mondes possibles._«{[165]} _Voltaire_, -»_Candide_«. Er spuckte wütend aus und eilte die Treppe hinab zum -vorgefahrenen Wagen. »Nach Skworeschniki!« befahl er. Der Kutscher -erzählte später, der Herr habe ihn die ganze Zeit zu schnellerem Fahren -angetrieben, bis er plötzlich, als sie sich dem Herrenhause näherten, -befahl, umzukehren und in die Stadt zurück zu fahren. »Schneller, -schneller!« habe er auch dann noch ununterbrochen gerufen. »Doch als wir -uns dem Stadtwall näherten,« erzählte der Kutscher, »da befahl der Herr, -wieder anzuhalten, stieg dann aus und ging aufs Feld, ich dachte ... aus -irgendeinem Grunde ... -- aber nein, er blieb mitten im Feld stehen und -begann die Blümchen zu besehen ... so stand er dann lange Zeit, so daß -ich gar nicht mehr wußte, was ich denken sollte.« Ich erinnere mich noch -des Wetters an jenem Morgen: es war ein kalter und klarer, doch windiger -Septembertag. Vor Andrei Antonowitsch, der vom Wege aufs Feld getreten -war, lag die herbe Landschaft der kahlen Felder, von denen das Getreide -schon längst fortgeschafft war; der rauschende Wind schaukelte noch hier -und da armselige Stiele vergilbter Feldblumen ... Wollte er vielleicht -sich und sein Schicksal mit den spärlichen, von Wind und Frost schon -siechen und zerzausten Feldblumen vergleichen? Das glaube ich nicht. Ja, -ich bin sogar überzeugt, daß Lembke die Blumen kaum bemerkt hat, daß er -vielmehr alles, was er tat, ganz gedankenlos tat. Doch was man -jedenfalls mit Sicherheit weiß, ist nur, daß jener Polizeioffizier des -ersten Stadtreviers, der ihm mit dem Wagen des Polizeimeisters -nachgeschickt ward, den Gouverneur unterwegs tatsächlich mit einem -Strauß gelber Blümchen in der Hand antraf. Dieser Polizeioffizier, -- -Wassilij Iwanowitsch Flibustjeroff mit Namen, ein Beamter mit -Begeisterung für seinen Beruf -- war auch erst seit kurzer Zeit in -unserer Stadt, doch hatte er sich nichtsdestoweniger durch seinen -unmäßigen Diensteifer und seinen angeboren unnüchternen Zustand schon -allgemein bekannt gemacht. Kaum hatte er den Gouverneur erblickt, als er -sofort aus dem Wagen sprang, um, ohne Rücksicht auf das Blumenbukett, -sofort zu melden: - -»Exzellenz, in der Stadt ist Aufruhr.« - -»Wie?« fragte Andrei Antonowitsch, mit strengem Gesicht sich umwendend, -doch ohne jedes Erstaunen, ganz wie er gewöhnlich in seinem Kabinett zu -fragen pflegte. - -»Pristaff des ersten Reviers, Flibustjeroff, Exzellenz. In der Stadt ist -Aufruhr!« - -»Flibustier?« wiederholte Andrei Antonowitsch nachdenklich. - -»Zu Befehl, Exzellenz. Die Spigulinschen sind aufständisch.« - -»Die Spigulinschen! ...« - -Irgendetwas schien ihm beim Namen Spigulin einzufallen. Er zuckte sogar -zusammen und legte den Zeigefinger an die Stirn: »Die Spigulinschen!« -Schweigend und immer noch nachdenklich ging er, ohne sich zu beeilen, -zum Wagen zurück, setzte sich und befahl, nach der Stadt zu fahren. -Flibustjeroff fuhr im Wagen des Polizeimeisters hinter ihm her. - -Ich glaube, Lembke wird unterwegs unklar an sehr verschiedene Sachen -gedacht haben: doch es ist kaum anzunehmen, daß er, als er in die Stadt -einfuhr, irgend eine bestimmte Absicht gehabt, noch sich eine -Vorstellung von dem gemacht habe, was geschehen war. Als er aber -plötzlich auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude die fest und ruhig -wartenden »Aufständischen«, die Reihe der Polizisten und den machtlosen --- vielleicht auch absichtlich machtlosen -- Polizeimeister erblickte, -da strömte ihm alles Blut zum Herzen. Totenbleich stieg er aus dem -Wagen. - -»Die Mützen ab!« sagte er kaum hörbar und atemlos. »Auf die Kniee!« rief -er dann plötzlich laut -- am unerwartetsten wohl für ihn selbst. Und -vielleicht war es gerade diese erschreckende Überraschung, die alles -Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der -Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten -auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets -durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; für solche Menschen aber ist es am -gefährlichsten, wenn es einmal geschieht, daß ihr »Schlitten« sich auf -irgendeine Weise losreißt und den Berg hinabsaust. - -Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen. - -»Flibustier!« rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz -sinnlos, und seine Stimme brach plötzlich ab. Er stand und wußte noch -nicht, _was_ er tun würde, doch fühlte er mit jeder Fiber, _daß_ er -sofort irgend etwas tun werde. - -»Herrgott!« hörte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich, -drei, vier wollten tatsächlich niederknieen, doch da schoben sich die -anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und plötzlich fingen sie -alle auf einmal zu sprechen an: »Exzellenz ... General ...« riefen sie -durcheinander, »wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ... -kannst du nicht ein Wort einlegen ...« usw., usw. Man konnte nichts -verstehen. - -Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betäubt da, begriff -nichts und hielt immer noch die Blümchen in der Hand. Den »Aufruhr« -glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan -Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien -bringen sollte. Und zu alledem kam für ihn jetzt noch, daß er zwischen -der Menge der »Aufständigen«, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten, -plötzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute -»aufwiegeln« sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit -dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den -er ständig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaßten Pjotr -Stepanowitsch. - -»Ruten!« schrie von Lembke plötzlich noch überraschender. - -Totenstille trat ein. - -Das war der Anfang -- wenigstens soweit mir alles Nähere bekannt -geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklären vermag. Doch -die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbürgt, und auch -ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. Übrigens gibt es noch -einige Tatsachen. - -Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren -augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon während der -Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, höchstens drei, -doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, daß -alle oder die Hälfte der Arbeiter durchgeprügelt worden seien. Nicht -wahr ist gleichfalls, daß man eine anständige vorübergehende Dame -ergriffen und gleichfalls durchgeprügelt habe, wie später eine -Petersburger Zeitung zu berichten wußte. Viel wurde ferner von einer -Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem -Armenhause, von der es hieß, sie habe, als sie auf dem Heimwege von -einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte, -sich in verständlicher Neugier vorgedrängt, und als sie sah, was da -geschah, »solch eine Schmach!« ausgerufen und dazu ausgespieen. Und -dafür, so hieß es, hatte man sie sofort gleichfalls »beschlagnahmt«. -Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwähnt, sondern man begann -im Eifer sogar schon für sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken -gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, daß es eine solche -Tarapygina hier überhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persönlich im -Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer -Tarapygina nie auch nur etwas gehört, ja, man war sogar richtig -beleidigt, als ich zur Aufklärung der Sache das erwähnte Gerücht -mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier überhaupt wiedergebe, -so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe -dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden -gewesen wäre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der -Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer -ausgedrückt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist -mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, daß Stepan -Trophimowitsch mir plötzlich abhanden kam, kaum daß wir auf dem Platz -vor dem Gouvernementsgebäude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes -und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht über den Platz, -hinführen, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich -bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, -- und da war -Stepan Trophimowitsch plötzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir -sofort, daß er bestimmt an der gefährlichsten Stelle am ehesten zu -finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fühlte ich, daß auch -bei ihm »der Schlitten« sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg -hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich weiß noch, -ich erfaßte schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit -unermeßlicher Überlegenheit an. - -»_Cher_,« sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene -Saite klang, »wenn man schon öffentlich hier auf dem Platz so -zeremonielos verfährt, was soll man dann noch von _diesem_ erwarten ... -wenn er selbständig handeln dürfte?« - -Und er wies zitternd vor Unwillen, mit dem heißen Verlangen, jemanden -herauszufordern, auf den zwei Schritt vor uns stehenden und uns -anstarrenden Flibustjeroff. - -»_Diesem?_« rief Flibustjeroff sofort zornbebend und es wurde ihm -offenbar dunkel vor den Augen. »Was für einen >diesen<? Wen meinst du -damit hier? wer bist du überhaupt?« schrie er uns an, mit geballter -Faust auf uns zutretend. »Wer bist du?« brüllte er wild, bis zur -Tollheit erregt vor Diensteifer und Dünkel (dabei kannte er Stepan -Trophimowitsch von Ansehen sehr gut). - -Noch einen Augenblick und der rasende Flibustjeroff hätte ihn schon am -Kragen gepackt; doch zum Glück wandte auf das Gebrüll hin von Lembke den -Kopf und sah verwundert doch aufmerksam auf Stepan Trophimowitsch: es -war, als ob er nachdachte -- plötzlich aber winkte er ungeduldig mit der -Hand ab und Flibustjeroff stand sofort stramm. Ich zog meinen Freund -schnell aus der Menge. Vielleicht hatte auch er schon genug davon. - -»Gehen wir nach Hause, sofort,« sagte ich in sehr bestimmtem Tone. »Wenn -man Sie jetzt nicht geschlagen hat, so verdanken Sie das nur Herrn von -Lembke.« - -»Gehen Sie, mein Freund. Es war unrecht von mir, Sie mit hineinzuziehen. -Sie haben noch eine Zukunft und eine Karriere vor sich, ich aber -- _mon -heure a sonné_.«{[166]} - -Und er betrat festen Schrittes die Treppe des Gouvernementsgebäudes. Der -Portier kannte mich: ich sagte ihm, daß wir beide zu Julija Michailowna -wollten. Man führte uns in den Empfangssalon, wir setzten uns und -warteten. Ich konnte meinen Freund nicht verlassen, zu sprechen aber, -oder ihn zu bereden, hielt ich jetzt für überflüssig. Er sah aus, wie -ein Mensch, der sich dem Tode fürs Vaterland geweiht hat. Wir setzten -uns nicht nebeneinander, sondern er nahm in der einen Ecke Platz und ich -in der gegenüberliegenden, die näher zur Eingangstür lag. Sein Blick war -nachdenklich gesenkt, die Hände stützte er leicht auf den Silberknopf -seines Stockes und den breitkrämpigen Hut hielt er müde in der linken -Hand. So saßen wir an die zehn Minuten. - - - II. - -Plötzlich trat von Lembke, in Begleitung des Polizeimeisters, mit -schnellen Schritten ins Zimmer. Er blickte uns nur zerstreut an und -wollte rechts in sein Arbeitszimmer gehen, doch schon stand Stepan -Trophimowitsch vor ihm und verlegte ihm den Weg. Die hohe Gestalt, ja, -die ganze so anders als die anderen wirkende Erscheinung Stepan -Trophimowitschs machte augenscheinlich Eindruck auf von Lembke: er blieb -stehen. - -»Wer ist das?« murmelte er verwundert. Doch wandte er den Kopf nicht zum -Polizeimeister, sondern sah dabei starr Stepan Trophimowitsch an. - -»Kollegienassessor Stepan Trophimowitsch Werchowenski, Exzellenz,« -antwortete Stepan Trophimowitsch mit einer würdevoll gemessenen Neigung -des Kopfes. - -Seine Exzellenz fuhr fort, ihn anzusehen, doch übrigens mit einem -ziemlich stumpfen Blick. - -»Sie wünschen?« fragte er mit dem bekannten Lakonismus der höheren -Vorgesetzten, launisch, ungeduldig sein Ohr zu Stepan Trophimowitsch -wendend, den er wohl für einen gewöhnlichen Bittsteller nahm. - -»Ein Beamter hat heute im Namen Eurer Exzellenz eine Haussuchung bei mir -vorgenommen: ich wünschte ...« - -»Der Name, der Name?« fragte von Lembke ungeduldig, als ob ihm plötzlich -etwas einfiel. - -Stepan Trophimowitsch nannte zum zweitenmal und noch würdevoller seinen -Namen. - -»A--a--ah! Das ist ... das ist dieses Freidenkernest ... Mein Herr, Sie -haben sich in einer solchen Weise ... Sie sind Professor? Professor?« - -»Ich hatte früher einmal die Ehre, der Jugend einige Kollegs zu lesen, -an der ...schen Universität.« - -»Der Ju--gend?« von Lembke schrak sichtlich zusammen, wenn er auch -- -darauf könnte ich wetten -- kaum begriff, worum es sich hier handelte, -noch mit wem er eigentlich sprach. - -»Das, mein Herr, das lasse ich nicht zu!« rief er plötzlich furchtbar -erregt und aufgebracht. »Ich dulde keine Jugend! Das sind alles die -Proklamationen. Das ist ein Angriff auf die Gesellschaft, mein Herr! Ein -Angriff zur See! Ist Seeräuberei! Flibustjerismus! -- Was wünschen Sie?« - -»Im übrigen hat mich noch Ihre Frau Gemahlin gebeten, morgen auf dem -Fest vorzulesen. Ich habe nicht die Absicht, hier um etwas zu bitten. -Ich bin gekommen, um mein Recht zu verlangen ...« - -»Auf dem Fest? Das Fest wird nicht stattfinden! Ich untersage euer Fest! -Kollegs? Kollegs?« rief Lembke wie toll. - -»Ich würde Sie sehr bitten, ein wenig höflicher mit mir zu sprechen, -Exzellenz, und mich nicht anzuschreien wie einen Schuljungen.« - -»Sie ... vielleicht begreifen Sie, mit wem Sie sprechen?« fragte -plötzlich von Lembke errötend. - -»Vollkommen, Exzellenz.« - -»Ich beschütze mit meiner Person die Gesellschaft, Sie aber wollen sie -zerstören! ... Sie ... Übrigens, ich erinnere mich jetzt ..., waren Sie -nicht Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina?« - -»Ja, ich war ... Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina.« - -»Und im Laufe von zwanzig Jahren sind Sie das Treibbeet alles dessen -gewesen, was jetzt ausgebrochen ist ... alle Früchte ... Ich glaube, ich -habe Sie soeben auf dem Platz gesehen. Hüten Sie sich, mein Herr, hüten -Sie sich! Ihre Gedankenrichtung ist bekannt! Seien Sie überzeugt, daß -ich das nicht aus dem Auge lasse! Ich kann Ihre Kollegs nicht gestatten, -mein Herr, ich kann nicht! Mit solchen Bitten wenden Sie sich nicht an -mich.« - -Und von Lembke wollte wieder in sein Arbeitszimmer treten. - -»Ich wiederhole, daß Sie sich täuschen, Exzellenz: es ist Ihre Frau -Gemahlin, die mich gebeten hat -- nicht ein Kolleg zu lesen, sondern -morgen auf dem Fest etwas Literarisches vorzutragen. Doch jetzt werde -ich mich selbst davon zurückziehen. Meine untertänigste Bitte ist nur, -mir, falls möglich, zu erklären: warum man heute bei mir eine -Haussuchung vorgenommen hat? Man hat mir einige Bücher und Papiere -genommen, mir teure Privatbriefe, und auf einer Schiebkarre durch die -Stadt ...« - -»Wer hat das getan?« fuhr Lembke, plötzlich ganz zur Besinnung kommend, -auf und wandte sich hastig zum Polizeimeister. - -In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür und die lange, plumpe Gestalt -Blümers erschien. »Da! dieser selbe Beamte war es, Exzellenz,« sagte -Stepan Trophimowitsch schnell, der den Eintretenden sofort bemerkt -hatte. - -Blümer trat mit zwar schuldbewußtem, doch durchaus nicht nachgiebigem -Ausdruck näher. - -»_Vous ne faites que des bêtises!_«{[167]} warf ihm von Lembke ärgerlich -zu, und plötzlich verwandelte er sich vollständig, als käme er erst -jetzt völlig zu sich. - -»Verzeihen Sie ...« sagte er ungewöhnlich verwirrt zu Stepan -Trophimowitsch und errötete dabei stark, »das war alles wahrscheinlich -nur eine Ungewandtheit, ein Mißverständnis ... nur ein Mißverständnis.« - -»Exzellenz,« bemerkte Stepan Trophimowitsch, »in meiner Jugend war ich -einmal Augenzeuge eines charakteristischen Vorfalls. Im Foyer eines -Theaters trat irgend jemand auf einen Herrn zu und gab ihm vor dem -ganzen Publikum eine schallende Ohrfeige. Gleich darauf bemerkte er, daß -der Herr, dem er die Ohrfeige gegeben, durchaus nicht derselbe war, dem -er sie hatte geben wollen, sondern ihm nur ähnlich sah, und geärgert -sagte er -- dabei eilig, ganz wie ein Mensch, der keine Zeit zu -verlieren hat, -- genau dieselben Worte, die Exzellenz soeben mir zu -sagen beliebten: >Verzeihen Sie ... ich habe mich geirrt, das war ein -Mißverständnis, nur ein Mißverständnis.< Und als der Beleidigte darauf -immer noch gekränkt war und seiner Empörung Ausdruck gab, da sagte er -schließlich ärgerlich: >Aber ich versichere Ihnen doch, daß das ein -Mißverständnis war, was schreien Sie hier denn noch<!« - -»Das ... das ist natürlich komisch ...« sagte von Lembke und verzog -seinen Mund zu einem Lächeln. - -»Aber ... aber sehen Sie denn nicht, wie unglücklich ich selbst bin?« - -Er schrie es beinahe heraus und wollte schon, glaube ich, das Gesicht -mit den Händen bedecken. - -Dieser unerwartete gequälte Ausruf, dieser erstickte Schmerz machten -einen unerträglichen Eindruck. Es war wohl der Augenblick des ersten -Erwachens, des ersten klaren Erkennens alles dessen, was seit dem -vergangenen Tage geschehen war -- und gleich darauf vollständige, -erniedrigende, sich ergebende Verzweiflung; wer weiß, vielleicht hätte -er schon im nächsten Augenblick laut geschluchzt. Stepan Trophimowitsch -sah ihn zuerst erschrocken an, dann senkte er plötzlich den Kopf und -sagte mit einer tief mitfühlenden Stimme: - -»Exzellenz, beunruhigen Sie sich weiter nicht wegen meiner kleinlichen -Klage, und befehlen Sie nur, daß man mir meine Bücher und Briefe -zurückschickt ...« - -Er wurde unterbrochen. Gerade in diesem Augenblick kehrte Julija -Michailowna mit der ganzen sie begleitenden Schar aus Skworeschniki -zurück. - - - III. - -Das erste war, daß sämtliche Insassen der drei Equipagen fast alle -zugleich in den Salon drängten. Eigentlich ging man in Julija -Michailownas Gemächer unmittelbar vom Vestibül aus nach links; doch -diesmal drängten alle nach rechts in den großen Empfangssalon -- wohl -bloß deshalb, weil Stepan Trophimowitsch sich in ihm befand. Davon und -von allem Vorgefallenen wie auch von dem »Aufstand« der Spigulinschen -Arbeiter waren sie schon durch Lämschin unterrichtet worden. Dieser war -zur Strafe für irgendeine neue Unart nicht mitgenommen worden -- und so -hatte er, der alles sogleich erfahren und teilweise selbst mit -angesehen, schnell in hämischer Schadenfreude ein altes Kosakenpferd -bestiegen und war der heimkehrenden Kavalkade entgegengeritten. - -Julija Michailowna wird, denke ich mir, denn doch einigermaßen bestürzt -gewesen sein, trotz ihrer »höheren Entschlossenheit«, als sie solche -Neuigkeiten vernehmen mußte; aber wohl nur auf einen Augenblick. Die -politische Seite der Frage konnte sie nicht weiter beunruhigen, denn -Pjotr Stepanowitsch hatte ihr schon viermal gesagt, daß man die -Spigulinschen Frechlinge einfach alle durchprügeln müsse: Pjotr -Stepanowitsch aber war seit einiger Zeit eine ungeheuere Autorität für -sie. »Er wird es mir schon bezahlen müssen,« dachte sie bei sich, wobei -das »Er« sich natürlich auf ihren Mann bezog. Ich muß noch bemerken, daß -Pjotr Stepanowitsch gleichfalls an der allgemeinen Ausfahrt nicht -teilgenommen hatte und seit dem frühesten Morgen von niemandem gesehen -worden war. Erwähnen muß ich auch noch, daß Warwara Petrowna, nachdem -sie die Gäste in Skworeschniki empfangen hatte, mit ihnen zusammen (in -einem Wagen mit Julija Michailowna) in die Stadt zurückgekehrt war, um -an der letzten Sitzung des Komitees teilzunehmen. Natürlich mußten die -von Lämschin gebrachten Nachrichten, die Stepan Trophimowitsch betrafen, -sie gleichfalls interessieren, vielleicht aber regten sie sie sogar auf. - -Die Heimzahlung, die Julija Michailowna sich vorgenommen hatte, ihrem -Mann zu teil werden zu lassen, begann sofort, als sie in den -Empfangssalon trat: das fühlte Lembke selbst schon nach dem ersten Blick -auf seine schöne Gattin. Mit dem offensten, bezauberndsten Lächeln ging -sie schnell auf Stepan Trophimowitsch zu, streckte ihm das elegant -behandschuhte Händchen entgegen und überschüttete ihn mit den -schmeichelhaftesten Worten -- ganz als ob an diesem Vormittage all ihr -Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet gewesen wäre, Stepan -Trophimowitsch ihr Entzücken darüber auszudrücken, daß sie ihn endlich -bei sich begrüßen durfte. Über die Haussuchung verlor sie kein einziges -Wort, nicht eine Silbe, als hätte sie überhaupt nichts davon gewußt. -Kein Wort an ihren Mann, kein Blick auf ihn -- als wenn er gar nicht -anwesend gewesen wäre! Dabei schien ihr das noch nicht einmal genug zu -sein, sie nahm vielmehr Stepan Trophimowitsch einfach für sich in -Beschlag und führte ihn mit sich in die andere Ecke des Salons, was so -viel heißen sollte wie: daß sie es gar nicht für wert hielt, daß sein -Gespräch mit Lembke, in dem er doch offenbar begriffen gewesen war, zu -Ende geführt wurde. Ich glaube, daß Julija Michailowna damit trotz ihres -so sicheren Auftretens doch wieder einen Fehler machte. Und hierbei half -ihr dann noch Karmasinoff (der diesmal auf ihre besondere Bitte an der -Fahrt teilgenommen und bei dieser Gelegenheit Warwara Petrowna -gewissermaßen doch noch seinen Besuch gemacht hatte, worüber diese in -ihrer kleinen Eitelkeit geradezu entzückt war). Karmasinoff trat als -letzter in den Empfangssalon und rief, kaum daß er Stepan Trophimowitsch -erblickte, noch in der Tür stehend, sogleich aufs Lebhafteste: - -»Wieviel Jahre, wieviel Lenze! Endlich ... _Excellent ami!_«{[168]} - -Und er trippelte auf Stepan Trophimowitsch zu, ohne darauf zu achten, -daß er sogar Julija Michailowna unterbrach, und hielt ihm seine Wange -zum Kuß hin. - -»_Cher_,« sagte mir Stepan Trophimowitsch noch am selben Abend, als er -über die Erlebnisse dieses Vormittags sprach, »in jenem Augenblick -dachte ich: wer ist nun von uns beiden gemeiner? Er, der mich umarmt, um -mich zu erniedrigen, oder ich, der ich ihn samt seiner Wange verachte -und doch küsse, obgleich ich mich einfach abwenden könnte ... O pfui!« - -»Nun, erzählen Sie, erzählen Sie doch alles, was Sie inzwischen erlebt -haben,« lispelte Karmasinoff in seiner manierierten Sprechweise, -- als -ob man das ganze Leben von fünfundzwanzig Jahren so einfach vornehmen -und erzählen könnte. Aber diese törichte Oberflächlichkeit war nun -einmal »höherer« Ton. - -»Erinnern Sie sich, wir haben uns zuletzt in Moskau beim Diner zu Ehren -Granowskis gesehen, und seitdem sind vierundzwanzig Jahre vergangen ...« -begann Stepan Trophimowitsch ruhig und vernünftig (also sehr wenig im -»höheren« Tone). - -»_Ce cher homme_,«{[169]} unterbrach ihn Karmasinoff familiär mit seiner -kreischenden Stimme und faßte ihn mit freundschaftlicher Vertraulichkeit -an der Schulter. »Aber Julija Michailowna, so bringen Sie uns doch -schnell zu sich hinüber! Dort wird er sich dann hinsetzen und uns alles -erzählen.« - -»Dabei bin ich mit diesem alten, reizbaren Weibe von Mann nie Freund -gewesen!« fuhr am selben Abend Stepan Trophimowitsch zitternd vor Wut -fort, sich bei mir zu beklagen. »Damals waren wir noch Jünglinge und -schon damals begann ich, ihn zu hassen ... ganz wie er mich, natürlich -...« - -Julija Michailownas Salon füllte sich schnell. Warwara Petrowna befand -sich in ganz besonders gespannter Stimmung, wenn sie sich auch -krampfhaft anstrengte, gleichmütig zu erscheinen. Ich bemerkte ein -paarmal ihren gehässigen Blick auf Karmasinoff und manchen bösen Blick -auf Stepan Trophimowitsch -- böse schon im voraus, böse aus Eifersucht, -aus Liebe: hätte Stepan Trophimowitsch jetzt in Gegenwart aller schlecht -abgeschnitten oder hätte er sich von Karmasinoff irgend etwas bieten -lassen, -- ich glaube, sie wäre aufgesprungen und hätte ihn womöglich -geschlagen. - -Ich vergaß, zu erwähnen, daß auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte -ich sie fröhlicher, sorgloser, glücklicher gesehen. Selbstverständlich -war auch Mawrikij Nicolajewitsch zugegen. Außerdem bemerkte ich unter -den jungen Leuten, die Julija Michailownas ständiges Gefolge waren und -von denen Zeremonielosigkeit für Lustigkeit und billiger Zynismus für -Intelligenz gehalten wurde, zwei oder drei neue Persönlichkeiten: -irgendeinen angereisten, auffallend scharwenzelnden Polen, einen -deutschen Doktor -- ein schon ältlicher Mann, der keinen Augenblick -stillsitzen konnte und laut und mit Genuß in jeder Minute über seine -eigenen Witze lachte -- und irgendeinen sehr jungen Petersburger -Fürsten, eine automatische Figur mit Diplomatenhaltung und in furchtbar -hohem Kragen -- ein Gast, den Julija Michailowna augenscheinlich ganz -besonders schätzte und vor dessen Kritik ihr vielleicht sogar bangte, -wenn sie an den Ton in ihrem Salon dachte ... - -»_Cher monsieur Karmazinoff_,« begann Stepan Trophimowitsch, der sich -malerisch auf einen Diwan setzte und plötzlich die Worte ganz wie -Karmasinoff manieriert skandierte, »_cher monsieur Karmazinoff_, das -Leben eines Menschen unserer früheren Zeit muß, besonders wenn er -gewisse Überzeugungen hat, selbst in einem Zeitraum von fünfundzwanzig -Jahren eintönig erscheinen ...« - -Der Deutsche lachte schallend, ja geradezu wiehernd auf, wahrscheinlich -in dem Glauben, Stepan Trophimowitsch habe etwas überaus Komisches -gesagt. Dieser sah sich mit ostentativer Verwunderung nach ihm um, doch -auf den Lacher machte er damit gar keinen Eindruck. Der junge Fürst sah -sich gleichfalls mitsamt seinem hohen Kragen um und setzte sogar den -Zwicker auf, um den Deutschen besser betrachten zu können, blickte aber -dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, völlig gleichgültig, ohne jede -Neugier auf ihn. - -»... eintönig erscheinen,« wiederholte Stepan Trophimowitsch -absichtlich. »So ist es auch mit meinem Leben in diesem ganzen -Vierteljahrhundert, _et comme on trouve partout plus de moines que de -raison_,{[170]} -- und da ich dem vollkommen zustimme, so scheint es, -daß ich in diesen fünfundzwanzig Jahren ...« - -»_C'est charmant, les moines_,«{[171]} flüsterte Julija Michailowna der -neben ihr sitzenden Warwara Petrowna zu. - -Warwara Petrowna antwortete ihr darauf mit einem stolzen Blick. - -Karmasinoff aber ertrug den Erfolg der französischen Phrase nicht und -fiel mit seiner kreischenden Stimme Stepan Trophimowitsch schnell ins -Wort: - -»Was mich betrifft, so bin ich in der Beziehung vollkommen beruhigt und -sitze jetzt schon das siebente Jahr in Karlsruhe. Ja, als im vorigen -Jahr der Stadtrat dortselbst beschloß, ein neues Wasserleitungsrohr zu -legen, da fühlte ich in meinem Herzen, daß diese Karlsruher -Wasserleitungsfrage mir teurer und lieber war, als die gesamten Fragen -meines lieben Vaterlandes ... wenigstens für die Zeit der sogenannten -russischen Reformen.« - -»Sehe mich gezwungen, zu gestehen, daß ich Ihnen das nachfühlen kann, -wenn auch gegen mein Herz,« sagte Stepan Trophimowitsch halb aufseufzend -und senkte vielsagend den Kopf. - -Julija Michailowna triumphierte: das Gespräch wurde sowohl tief wie -tendenziös. - -»Eine Röhre für den ... Schmutz?« erkundigte sich laut der Doktor. - -»Ein Abzugsrohr, Doktor, ein Abzugsrohr, und ich habe damals selbst -mitgeholfen, das Projekt auszuarbeiten.« - -Der Doktor lachte wieder schallend auf. Nun begannen auch die anderen zu -lachen, doch lachten sie jetzt schon dem Deutschen offen ins Gesicht, -was dieser aber gar nicht gewahrte -- im Gegenteil, er schien sogar sehr -vergnügt darüber zu sein, daß endlich alle mitlachten. - -»Erlauben Sie, Ihnen einmal _nicht_ beizustimmen, Karmasinoff,« beeilte -sich Julija Michailowna zu bemerken. »Ich habe sonst nichts gegen -Karlsruhe, aber Sie lieben zu mystifizieren, und diesmal glauben wir -Ihnen nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele -zeitgenössische und echt russische Typen geschaffen, ist so vielen -zeitgenössischen und echt russischen Fragen auf den Grund gegangen und -hat so richtig jene Hauptmomente unserer Zeit erkannt, die den Typ des -heute wirkenden Menschen bestimmen, wie gerade Sie, Sie allein von -allen? Und nun, bitte, versuchen Sie uns noch Ihre Gleichgültigkeit -gegen das Vaterland und Ihr ungeheueres Interesse für die Karlsruher -Leitungsrohrangelegenheit glauben zu machen! Haha!« - -»Ich habe allerdings,« begann Karmasinoff geziert, »im Typ Pogosheff -alle Fehler der Slawophilen gezeigt und im Typ Nikodimoff alle Fehler -der Westler ...« - -»Als ob er damit wirklich schon _alle_ gezeigt hätte!« flüsterte -Lämschin ganz leise seinem Nachbar zu. - -»... aber das tue ich nur so nebenbei, nur um die überflüssige Zeit -irgendwie totzuschlagen und ... um alle diese aufdringlichen -Anforderungen und Erwartungen meiner Landesgenossen zu befriedigen.« - -»Es wird Ihnen wohl schon bekannt sein, Stepan Trophimowitsch,« fuhr -Julija Michailowna ganz bezaubert fort, »daß wir morgen das Vergnügen -haben werden, etwas Wundervolles zu hören ... eine von den letzten und -schönsten Inspirationen Semjon Jegorowitschs -- sein >_Merci_<. Er -kündet in dieser Arbeit an, daß er künftig nichts mehr schreiben werde, -unter keiner Bedingung, für keinen Preis, selbst dann nicht, wenn ein -Engel vom Himmel käme und ihn bäte, den unwiderruflichen Entschluß -aufzugeben. Mit einem Wort, er legt jetzt die Feder für immer aus der -Hand. Und dieses graziöse >_Merci_< ist an das Publikum gerichtet, ist -sein Dank für die unermüdliche Begeisterung, mit der es so viele Jahre -lang seine treue Arbeit für den russischen Gedanken begleitet hat.« - -Julija Michailowna war auf der Höhe der Seligkeit. - -»Ja, ich verabschiede mich, ich sage mein >_Merci_< und reise dann weg, -und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schließen,« bemerkte -Karmasinoff, den das Mitleid mit sich selbst mehr und mehr ergriff. - -Wie so viele unserer großen Schriftsteller (und wir haben ungeheuer viel -große Schriftsteller) konnte er Lobsprüche nicht gleichmütig hinnehmen, -sondern wurde ungeachtet seines ganzen Scharfsinnes sofort schwach und -weich. Aber ich denke, das ist am Ende verzeihlich. Erzählt man doch, -daß einer von unseren Shakespeares in einem Privatgespräch ganz offen -gesagt habe: »Ja, wir _großen Männer_, wir« usw., und zwar ohne daß es -ihm selbst aufgefallen wäre. - -»Ja, dort in Karlsruhe schließe ich dann für immer meine Augen. Uns -großen Männern bleibt ja nichts anderes übrig, als, nachdem wir unser -Werk getan, schnell die Augen zu schließen, ohne noch lange auf Dank zu -warten. So werde auch ich es denn machen.« - -»Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich nach Karlsruhe zu Ihrem Grabe -pilgern kann!« rief der Deutsche und lachte selbst maßlos laut darüber. - -»Jetzt kann man Tote auch mit der Eisenbahn versenden,« sagte plötzlich -einer der unbedeutenderen jungen Herren. - -Lämschin quiekte nur so vor Vergnügen. Julija Michailowna zog, peinlich -berührt, die Brauen zusammen. - -In diesem Augenblick trat Nicolai Stawrogin ein. - -»Und mir hat man gesagt, Sie wären aufs Polizeibureau gebracht worden?« -sagte er, sich gleich an Stepan Trophimowitsch wendend. - -»Nein, es war im ganzen nur ein ... _bureaukratischer_ Zwischenfall,« -antwortete Stepan Trophimowitsch lächelnd. - -»Ich kann aber versichern, daß dieses Mißverständnis auf meine -Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird,« griff Julija -Michailowna in das Gespräch ein. »Ich denke, daß Sie diese -Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklärlich ist, nicht weiter -beachten und uns trotzdem das Vergnügen bereiten werden, auf der -literarischen Matinee etwas vorzutragen?« - -»Ich weiß nicht ... jetzt ... eigentlich ...« - -»Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglücklich ... und -denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute, -einen der bemerkenswertesten und unabhängigsten russischen Geister -endlich persönlich kennen zu lernen, äußert Stepan Trophimowitsch -plötzlich die Absicht, sich von uns zurückzuziehen.« - -»Das Lob ist ja so laut, daß ich es wohl nicht hören soll,« bemerkte -Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prägend, »aber ich glaube nun einmal -nicht, daß meine unwichtige Person für das Fest so unbedingt vonnöten -sei. Übrigens, ich ...« - -»Aber Sie verwöhnen ihn mir ja viel zu sehr!« rief plötzlich Pjotr -Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. »Kaum habe ich -ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die -Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhätscheln ihn die Damen im Salon -unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm muß ja jetzt jeder Knochen vor -Entzücken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal -träumen lassen, -- kein Wunder, wenn er da anfängt, die Sozialisten -anzuschwärzen.« - -»Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu -großer Gedanke, als daß Stepan Trophimowitsch das nicht auch einsähe,« -verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch. - -»Der Gedanke ist zwar groß, doch seine Verkünder sind das nicht immer, -_mais brisons là, mon cher_,«{[172]} sagte Stepan Trophimowitsch, sich -mit weltmännischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn. - -Da geschah plötzlich etwas völlig Unerwartetes. - -Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls -schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat -man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewiß alle gesehen -hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal -eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht -weit von der Tür stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem -Gesicht, dem Gespräch zugehört. Als jetzt die Bemerkungen über die -Vorfälle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah plötzlich starr den -jungen Fürsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte. -Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein -Ohr: er zuckte heftig zusammen, -- und kaum hatte Stepan Trophimowitsch -seine Sentenz über die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon -schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, daß er dabei -Lämschin, der im Wege stand, zur Seite stieß. Lämschin sprang natürlich -sofort mit gemachtem und übertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich -mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn -wirklich furchtbar verletzt. - -»Genug!« rief dieser, indem er energisch die Hand des erschrockenen -Stepan Trophimowitsch ergriff und sie mit aller Kraft in der seinigen -drückte. »Genug, über die Flibustiers ist das Urteil schon gefällt. Kein -Wort weiter. Ich habe schon Vorkehrungen getroffen ...« - -Er sprach es laut und schloß mit scharfer Betonung. Der Eindruck, den -seine Worte machten, war ein äußerst unangenehmer. Alle fühlten etwas -Unheilvolles in der Luft. Ich sah, wie Julija Michailowna erbleichte. -Der Eindruck wurde durch einen dummen Zufall abgeschlossen. Nachdem -Lembke das von den Vorkehrungen gesagt hatte, wandte er sich schroff um -und schritt schnell zur Tür, doch kurz bevor er sie erreichte, stolperte -er über einen der Teppiche, klappte mit dem Oberkörper nach vorn und -wäre beinahe gefallen. Einen Augenblick stand er stumm da, blickte auf -die Stelle, wo er gestolpert war, sagte laut: »Das ist umzustellen,« und -verließ das Zimmer. Julija Michailowna erhob sich sofort und ging ihm -eilig nach. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, da sprach und tuschelte -schon alles durcheinander, so daß es schwer war, aus dem Gewirr klug zu -werden. Die einen sagten, er sei »nervös« und »überarbeitet«; andere -wollten gehört haben, daß er gewissen Anfällen ausgesetzt sei; die -dritten tippten heimlich mit dem Finger an die Stirn, und in einer Ecke, -im Kreise der Jugend, hielt Lämschin sogar zwei Finger wie Hörnchen an -die Stirn. Ja, man machte Andeutungen, munkelte von Familienszenen -- -doch sprach man davon selbstverständlich nicht laut, sondern nur -flüsternd. Jedenfalls dachte niemand daran, jetzt fortzugehen; und -vorläufig wartete man. Ich weiß nicht, was Julija Michailowna inzwischen -hatte ausrichten können, doch schon nach einigen fünf Minuten kam sie -zurück, und man merkte ihr nur an, daß sie sich sehr zusammennahm, um -ruhig zu erscheinen. Sie antwortete ausweichend, sagte, Andrei -Antonowitsch sei ein wenig erregt, aber das habe nichts auf sich, das -wiederhole sich bei ihm schon von Kindheit an, sie wisse das alles »ganz -genau«, und selbstredend werde das Fest morgen ihn wieder erheitern. -Darauf richtete sie noch ein paar schmeichelhafte Worte an Stepan -Trophimowitsch, jedoch nur um der gesellschaftlichen Form willen, und -dann forderte sie mit erhobener Stimme die Mitglieder des Komitees auf, -jetzt sofort mit der Sitzung zu beginnen. Nun erst begannen die anderen -aufzubrechen, doch die beklagenswerten Vorfälle dieses verhängnisvollen -Tages waren noch nicht zu Ende ... - -Schon in dem Augenblick, als Nicolai Stawrogin eintrat, hatte ich -bemerkt, daß Lisa ihn schnell und forschend ansah und dann lange den -Blick nicht von ihm abwandte, so lange nicht, daß es bereits auffiel. -Ich sah, wie Mawrikij Nicolajewitsch, der hinter ihrem Stuhle stand, -sich niederbeugte, wie um ihr etwas zu sagen, doch plötzlich seine -Absicht wieder aufgab und sich schnell aufrichtete, worauf er mit -schuldbewußtem Blick die Anwesenden überflog. Auch Nicolai Stawrogin -erregte einige Neugier: sein Gesicht war bleicher als sonst und sein -Blick ungewöhnlich zerstreut. Nachdem er beim Eintreten seine Frage an -Stepan Trophimowitsch gerichtet hatte, vergaß er ihn gleich wieder -- -ja, ich glaube, vergaß sogar, zur Hausfrau zu treten. Lisa sah er kein -einziges Mal an, doch nicht etwa, weil er es nicht wollte, sondern weil -er, wie ich mit Sicherheit behaupten kann, auch sie nicht bemerkte. Und -nun, in der Stille, die Julija Michailownas Aufforderung an die -Mitglieder des Komitees folgte, hörten wir plötzlich Lisas klare und -absichtlich laute Stimme: - -»Nicolai Wszewolodowitsch, mir schreibt irgendein Hauptmann, der sich -für Ihren Verwandten ausgibt, für den Bruder Ihrer Frau, ein Hauptmann -namens Lebädkin, fortwährend unanständige Briefe, in denen er sich über -Sie beklagt und sich bereit erklärt, Geheimnisse, die Sie betreffen, mir -mitzuteilen. Wenn Sie tatsächlich sein Verwandter sind, so verbieten Sie -ihm doch derlei Beleidigungen und befreien Sie mich von diesen -Belästigungen.« - -Eine ungeheuere Herausforderung lag in diesen Worten, und das begriffen -alle. Die Beschuldigung lag auf der Hand, wenn sie auch für sie selbst -vielleicht ganz überraschend kam. Es war, wie wenn ein Mensch die Augen -schließt, die Zähne zusammenbeißt und sich vom Dach hinabstürzt. - -Doch die Antwort Nicolai Stawrogins war noch sonderbarer. Vor allem war -schon das seltsam, daß er durchaus nicht erstaunt oder erschrocken zu -sein schien und Lisa bis zum Schluß mit der ruhigsten Aufmerksamkeit -anhörte. Weder Verwirrung noch Zorn drückte sich auf seinem Gesicht aus. -Und einfach, fest, sogar mit voller Bereitwilligkeit, antwortete er auf -die verhängnisvolle Frage: - -»Ja, ich habe das Unglück, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin -der Mann seiner Schwester, der geborenen Lebädkina, jetzt schon seit -fast fünf Jahren. Seien Sie versichert, daß ich ihm Ihre Forderungen in -kürzester Zeit ausrichten werde, und ich verbürge mich dafür, daß er Sie -hinfort nicht mehr belästigen wird.« - -Nie werde ich das Entsetzen vergessen, das sich in Warwara Petrownas -Gesicht ausdrückte. Wie von Sinnen erhob sie sich von ihrem Stuhl und -streckte langsam wie zur Abwehr die rechte Hand vor sich aus. Nicolai -Wszewolodowitsch sah sie an, sah Lisa an, die Zuschauer, und plötzlich -lächelte er mit grenzenlosem Hochmut; und wortlos, ohne sich zu beeilen, -verließ er den Salon. Alle sahen, wie Lisa vom Diwan aufsprang, kaum daß -Stawrogin sich zur Tür wandte, und bereits eine Bewegung machte, um ihm -nachzueilen, doch schon im nächsten Augenblick kam sie zur Besinnung und -lief nicht, sondern ging still und leise, gleichfalls ohne ein Wort zu -sagen und ohne jemanden anzusehen, hinaus, natürlich in Begleitung -Mawrikij Nicolajewitschs, der sofort an ihrer Seite war ... - -Von der Aufregung und dem Gerede an diesem Abend in der Stadt schweige -ich lieber. Warwara Petrowna hatte sich in ihrem Stadthause -eingeschlossen, und Nicolai Wszewolodowitsch war, wie man zu berichten -wußte, ohne die Mutter gesehen zu haben, nach Skworeschniki gefahren. -Stepan Trophimowitsch bat mich am Abend, zu »_cette chère amie_«{[173]} -zu gehen und anzufragen, ob er nicht zu ihr kommen dürfe. Ich wurde aber -nicht empfangen. Er war maßlos erschüttert und weinte sogar. »Solch eine -Ehe! Solch eine Ehe! Solch ein Schrecken in der Familie!« wiederholte er -einmal über das andere. Aber zwischendurch gedachte er doch auch -Karmasinoffs und schimpfte furchtbar über ihn. Zu dem Vortrag, den er -auf der literarischen Matinee am nächsten Tage halten wollte, bereitete -er sich eifrig vor, und -- o künstlerische Natur! -- tat es vor dem -Spiegel. Und er suchte alle geistreichen Bemerkungen und alle Bonmots -zusammen, die er je im Leben gemacht und die er in einem besonderen -Heftchen notiert hatte, um sie nun in seinen Vortrag über die -Sixtinische Madonna hineinzuflechten. »Mein Freund, ich tue das ja nur -für die große Idee,« sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen. -»_Cher ami_, ich habe mich nach fünfundzwanzigjährigem Stillsitzen -plötzlich von meinem Platze gerissen und bin losgefahren, wohin -- das -weiß ich nicht, aber ich bin losgefahren ...« - - - - - Sechzehntes Kapitel. - Die Matinee - - - I. - -Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des -vorhergegangenen »Spigulinschen« Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn -Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wäre, hätte das Fest -an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen -- eine so große und -besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglück blieb -sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die -Stimmung der Gesellschaft überhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte -niemand mehr, daß der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis -vorübergehen werde, oder ohne »Entscheidung«, wie einige, sich im voraus -die Hände reibend, sagten. Freilich bemühten sich viele, eine sehr -finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch -- im -allgemeinen gesprochen -- den russischen Menschen freut nun einmal über -alle Maßen jeglicher öffentliche skandalöse Tumult. Allerdings kam bei -uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloße -Skandalsucht gewesen wäre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas -unstillbar Böses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten -Überdruß satt. Es hatte sich ein gewisser irreführender Zynismus -eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem über -die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich über ihre Gefühle im -klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen -Haß gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle -verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt überein. Julija Michailowna -aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde überzeugt, -daß sie »umschwärmt« und alle Welt ihr »fanatisch ergeben« sei. - -Ich habe schon erwähnt, daß in unserer Stadt mittlerweile verschiedene -sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trüben -Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des Übergangs finden sich immer und -überall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten -»Anführern«, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, daß -es allen voran geschieht) zu einem -- wenn auch sehr oft allerdümmsten, -so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten -- Ziele eilen. Nein, ich -rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder Übergangszeit pflegt dieses -Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und -zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von -einem Gedanken zu haben; statt dessen drückt es aus allen Kräften bloß -Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen -bewußt zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Häufchens -der »Anführer« zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und -jenes Häufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefällt, -wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was übrigens -auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit -angehört, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch -gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach -seinem Kommando alle möglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt -wundern sich alle unsere soliden, klugen Köpfe über sich selbst: wie -hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können? -Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und -zu was es einen Übergang bei uns gab -- das weiß ich nicht, und ich -denke, das vermag niemand zu sagen, oder höchstens ein paar auswärtige -Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, daß plötzlich die -erbärmlichsten Leutchen ein gewisses Übergewicht bekamen, sich u. a. -erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, während sie früher nicht -einmal gewagt hätten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten -Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten, -begannen plötzlich, diesen Leuten zuzuhören und selber zu schweigen, -manche aber fingen schon an, ihnen schmählichst und mit schadenfrohem -Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lämschins, Telätnikoffs, kleine -Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs, -wehleidig und hochmütig lächelnde Jüdchen, Lachbrüder unter angereisten -Reisenden, Dichter mit Großstadtrichtung und Dichter, die sich statt -durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel -auszeichneten, Majore und Obersten, die sich über die Sinnlosigkeit -ihres Berufs lustig machten und für einen Rubel mehr sofort bereit -waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die -Eisenbahnverwaltung zu drücken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu -werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschäftsleute, -unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, -- -all das bekam bei uns das Übergewicht. Und über wen? Über den Klub, über -alte Würdenträger, über Generale mit Stelzfüßen, über unsere strengsten -und unzugänglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara -Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von -diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken ließ, so ist den anderen unserer -Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betölpeln ließ, zum Teil -doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon -erwähnte, die Wirkung der _Internationale_. Diese Ansicht hat sich so -festgesetzt, daß man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die -Vorgänge erklärt. Und noch kürzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann -von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse, -unaufgefordert in überzeugtem Tone gesagt, daß er im Laufe von ganzen -drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einfluß der Internationale -gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem -Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich näher zu erklären, -da konnte er allerdings keinerlei Belege dafür anführen, außer dem -einen, daß er es »mit allen Sinnen so empfunden« habe. Und überzeugt -blieb er bei seiner Behauptung, so daß man schließlich nach Begründungen -nicht weiter in ihn drang. - -Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon -gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar -womöglich hinter verschlossenen Türen. Doch welches Türschloß hält dem -Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so -wie in allen anderen Töchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und -so kam es denn, daß auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt -gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte -ja so glänzend, so unvergleichlich werden; man erzählte schon -Wunderdinge, sprach von zugereisten Fürsten mit Lorgnettes, von den zehn -Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken -Schulter tragen sollten. Manche wußten zu berichten, daß Karmasinoff zur -Erhöhung der Einnahme eingewilligt habe, sein »_Merci_« in dem Kostüm -einer Gouvernante vorzulesen, und daß die »Quadrille der Literatur« -gleichfalls in Kostümen getanzt werden und jedes Kostüm eine bestimmte -literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in -einem besonderen Kostüm der »ehrliche russische Gedanke« -- an sich -schon eine vollkommene Neuheit -- auftreten und tanzen. Wie sollte man -da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn -alle ein. - - - II. - -Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunächst, am -Vormittage, von zwölf bis vier, sollte die literarische Matinee -stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und -dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die -Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf -dieser Grundlage das Gerücht verbreiten, daß es nach der literarischen -Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein -Frühstück geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein -Frühstück mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte -kostete drei Rubel) verlieh diesem Gerücht etwas durchaus Glaubwürdiges, -was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. »Würde ich denn sonst für -nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest währt ja -vierundzwanzig Stunden, na also -- ernährt einen dann auch. Sonst würde -man ja verhungern.« So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich -muß aber gestehen, daß Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn -diesem verderblichen Gerücht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem -Monat, in der ersten Begeisterung für ihren großen Plan, hatte sie jedem -ersten besten von ihrem Fest erzählt; und daß auf diesem Fest Reden und -Toaste gehalten werden würden, hatte sie sogar in eine der -hauptstädtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr -damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im -stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte -unser Hauptziel erklären und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte -(ich wette, daß die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen -Tischrede gebracht hat), sollte dann als »Korrespondenz« in die -Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die höchsten Vorgesetzten zugleich -rühren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und -überall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehört -nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf -nüchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein -Frühstück Voraussetzung. Später aber, als sich dank ihrer Bemühungen -schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache -machte, ward ihr sogleich klar und überzeugend bewiesen, daß, wenn man -an ein Festessen dachte, für die Gouvernanten nur eine sehr geringe -Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war -somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen -neunzig Rubeln für die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer -ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form -willen veranstaltete. Übrigens wollte das Komitee damit allen -hochfliegenden Plänen zunächst nur einen Dämpfer aufsetzen, denn man war -ja selbst keineswegs nur für das eine oder das andere, sondern man hatte -sich eine dritte Möglichkeit ausgedacht, die sowohl versöhnend wie -vernünftig war, nämlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch -ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren -Betrag für die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht -ein; ihr Charakter verachtete die kleinbürgerliche Mitte. Und so -beschloß sie sofort, daß, wenn das erste Projekt sich nicht -verwirklichen ließ, man sich für das andere Extrem entscheiden müsse, -also für eine ungeheuere Einnahme, deren Höhe den Neid aller anderen -Gouvernements erwecken mußte. - -»Das Publikum muß doch endlich einsehen,« schloß Julija Michailowna ihre -temperamentvolle Erklärung auf der Sitzung des Komitees, »daß der -humanitäre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze körperliche -Genüsse, daß das Fest im Grunde nur die Verkündung einer großen Idee -ist, und deshalb muß es sich mit einem so ökonomisch wie nur möglich -veranstalteten kleinen deutschen Ball begnügen, der einzig _pro forma_ -gegeben wird -- wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal -nicht auskommen kann!« -- so sehr war er ihr plötzlich verhaßt. - -Schließlich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besänftigen. -So hatte man denn u. a. die »Quadrille der Literatur« und ähnliche -ästhetische Scherze als Ersatz für körperliche Genüsse in Vorschlag -gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff -endgültig eingewilligt, sein »_Merci_« vorzutragen (bis dahin hatte er -alle mittels ausweichender Antworten in quälender Ungewißheit belassen) -um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an -Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte -dann der Ball wiederum eine großartige Anziehungskraft erhalten, wenn -auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht völlig dem Irdischen zu -entschweben, beschloß man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und -kleinem rundem Gebäck zu reichen, darauf einen Kühltrank und Limonade, -und zum Schluß sogar noch Eis -- doch das sollte denn auch alles sein. -Für diejenigen aber, die immer und überall Hunger und besonders Durst zu -verspüren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein -Büfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) übernehmen -sollte. Natürlich mußte für die verabfolgten Speisen und Getränke -gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem -Publikum mitzuteilen war. Doch während der Matinee sollte das Büfett -unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Geräusch -den Vortrag störte, obgleich man für das Büfett einen Raum vorsah, der -fünf Zimmer von dem weißen Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein -»_Merci_« vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwürdigerweise wurde diesem -Ereignis, dem Vortrag dieses »_Merci_«, wie mir scheint, von dem Komitee -eine übertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die -nüchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die -Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, daß sie -sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weißen Saales eine -Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das -Ereignis verewigt werden sollte, daß in dem und dem Jahre, an dem und -dem Tage, hier in diesem Saal der große russische und europäische -Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persönlich sein »_Merci_« -gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in -Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und daß -schon abends auf dem Ball, also kaum einige fünf Stunden nach dem -Vortrage, alle diese Gedächtnistafel würden lesen können. Wie ich genau -weiß, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt -hatte, daß das Büfett während der Matinee, wenn er las, unter keiner -Bedingung geöffnet werde, trotz der Einwände etlicher Komiteemitglieder, -daß ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbräuchen nicht ganz in -Übereinstimmung befinde. - -So lagen die Dinge in Wirklichkeit, während man in der Stadt immer noch -an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches -Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur -letzten Stunde. Unsere jungen Damen träumten nur noch von Konfekt und -Eis. Man wußte, daß die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, daß -die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, daß sogar aus der -Umgegend viele kommen würden, und daß die Eintrittskarten bei diesem -Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, daß außer der -Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende -Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte -für ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmückung -des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die -Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus -und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den -Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so -bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den -Preis für die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel -herabzusetzen. Man hatte nämlich zu Anfang tatsächlich befürchtet, es -vermöchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafür auszugeben, und -in Erwägung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei -man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Töchter gab. -Aber diese Befürchtung erwies sich als überflüssig; im Gegenteil, gerade -die Töchter erschienen vollzählig. Selbst die ärmsten Beamten führten -ihre sämtlichen Töchter heran, und es war ja klar, daß sie, falls sie -keine Töchter gehabt hätten, auch im Traum nicht daran gedacht haben -würden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner -Sekretär erschien mit ganzen sieben Töchtern, dazu noch die Frau und -eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel -in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was für eine Revolution das -in der Stadt abgab! Man bedenke bloß das eine, daß die Teilung des -Festes zweierlei verschiedene Toiletten für jede Dame verlangte: ein -Kleid für die literarische Matinee und ein Ballkleid für den Abend. Man -bedenke, was das für manche Verhältnisse bedeutete! Wie sich später -herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu -diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaßen, sogar ihre -Bettwäsche, ja, manche hatten womöglich ihre Matratzen zu den Juden -getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele -in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast -alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den -Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und -all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu -führen und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren -diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei -Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit -Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvögeln mit Vergnügen am -»Hofe« Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze -Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in -Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch -denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen -abgaben, -- und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den -Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Haß gegen Julija -Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt -schimpfen natürlich alle über sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit -denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, daß, wenn der Ball -nicht geradezu glänzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten -Anlaß zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens -ein ungeheuerer werden würde. Und eben deshalb erwartete denn im -geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so -erwartet wurde, wie hätte er dann noch ausbleiben können? - -Um punkt zwölf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu -den Festordnern gehörte, d. h. einer von den zehn »jungen Kavalieren mit -der Bandschleife an der Schulter« war, so blieb ich Augenzeuge aller -Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren -Drängerei am Eingange. Wie es kam, daß alles schon vom ersten Schritt an -fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich -keinen Vorwurf machen: die Familienväter waren es nicht, die die -Drängerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon -auf der Straße ein wenig scheu geworden, als sie den für unsere Stadt -ungewöhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die -das Haus förmlich belagerte und sich gerader hineinwälzte, statt ruhig -einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schließlich -die ganze Straße versperrten. Im übrigen bin ich heute überzeugt, daß -manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pöbel unserer Stadt -gehörten, von Lämschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten -eingeführt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die -gleichfalls »Anordner« waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen -unbekannte Personen, die aus Kreisstädten oder Gott weiß woher angereist -waren. Diese Wilden begannen nun, kaum daß sie den Saal betreten hatten, -sogleich und merkwürdig übereinstimmend (ganz als wären sie instruiert -worden) nach dem Büfett zu fragen, und als sie erfuhren, daß es jetzt -noch kein Büfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit -einer bei uns bisher unerhörten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings -waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren -zunächst verblüfft durch die nie geschaute Pracht des Saales, -verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde -die Herrlichkeit an. Freilich war dieser große Weiße Saal tatsächlich -sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von -goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chören und Spiegelwänden, mit -roten Vorhängen zwischen weißen Wandflächen, mit Marmorstatuen -(gleichviel was für welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren -Möbeln aus der Napoleonischen Zeit, weiß mit Gold und mit rotem Samt -ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribüne für -die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters, -mit Stühlen in dichten Reihen völlig angefüllt, ausgenommen nur die drei -breiten Durchgänge für das Publikum. Doch schon nach den ersten -Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die -sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. »Wir wollen vielleicht überhaupt -keine Vorträge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum -unverschämt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ...« -Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter -anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der -junge angereiste Fürst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen -einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende -Bitte hin hatte auch er schließlich eingewilligt, das Festordnerband an -seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden. -Tags zuvor, an eben jenem denkwürdigen Vormittage, hatte ich ihn in -Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, daß -diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre -Art zu handeln verstand. Als nämlich ein riesiger, pockennarbiger -verabschiedeter Hauptmann, unterstützt von einem ganzen Haufen ihm -nachdrängender fragwürdiger Gestalten, dem jungen Fürsten auf den Leib -rückte und unablässig nach dem Büfett fragte, da winkte dieser kurz -entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestörer -wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem -Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das »eigentliche« Publikum -zu erscheinen und zog sich in drei langen Fäden durch die drei -Durchgänge zwischen den Stuhlreihen zu den Plätzen hin. Das schlechtere -Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und -nach, aber das »gute« Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus; -manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein. - -Schließlich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man -schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu -feierlicher Miene -- was bereits an und für sich ein schlechtes Zeichen -ist. Doch »die Lembkes« erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und -Brillanten glänzten und funkelten von allen Seiten; Parfüm verbreitete -sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die -Militärs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich -erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa -so blendend schön gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein -entzückendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glänzten, in -ihrem ganzen Gesicht lag ein Lächeln. Wie man sah, machte sie auf alle -einen großen Eindruck. Man steckte die Köpfe zusammen und tuschelte. -Jemand meinte, ihre Augen hätten, als sie in den Saal trat, Stawrogin -gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals -begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glück, -Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall -des vorhergegangenen Tages und stand verständnislos vor einem Rätsel. - -Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler, -der gemacht wurde. Später erfuhr ich, daß Julija Michailowna bis zum -letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr -Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie -sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr -Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein -Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Tränen -gekränkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und -tatsächlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag über verschwunden: -zu der literarischen Matinee erschien er einfach überhaupt nicht. Und zu -Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo -er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen. - -Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribüne -erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man -grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung -warten muß. Die Väter und Mütter wurden unmutig: »Lembkes tun ja -wirklich furchtbar wichtig,« hieß es. Einige wußten zu erzählen, daß -Lembke krank sei. Andere äußerten laut die Vermutung, daß das Fest wohl -aufgeschoben werden würde. - -Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch führte Julija -Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Märchen und die Wirklichkeit -trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu -sein. Überhaupt waren es in der höheren Gesellschaft nur wenige gewesen, -die vermutet hatten, daß es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte. -Seine Amtsführung hielten alle für gut. Sogar die Rutengeschichte bezog -man in dieses Urteil ein. »Das wäre von Anfang an das Richtige gewesen,« -sagten die Honoratioren, »sonst beginnen sie immer mit der Philantropie, -bis sie schließlich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, daß -gerade diese zur Philantropie als erstes nötig ist.« So urteilte man im -Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. »So etwas muß man -mit Kaltblütigkeit machen,« hieß es, »aber er ist es eben noch nicht -gewöhnt.« - -Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna. -Man wird von mir gewiß nicht verlangen, daß ich bis in alle Einzelheiten -weiß, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das -ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich weiß nur eines: -daß sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und -bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei -Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrücklich vergeben worden. -Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ... -und als am Ende seiner weitläufigen Erklärungen von Lembke dennoch auf -die Knie fiel, gequält von der entsetzlichen Erinnerung, daß er zu guter -Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schönen Händchen -und schließlich auch die Lippen seiner Gattin die glühenden Ergießungen -der Reue dieses ritterlich zartfühlenden, doch nun von Rührung -überwältigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewußt. - -Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glück. Mit offener Miene, in -einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den -mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Höhe ihrer Wünsche: das Fest, -das Ziel und die Krönung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei -ihren Plätzen -- in der ersten Reihe vor der Tribüne -- angelangt, -blieben beide Lembkes stehen, grüßten und erwiderten die Grüße nach -allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt -auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Mißverständnis: das -Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte plötzlich mir -nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, -- nicht etwa irgendeinen -Marsch oder sonst ein Stück, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub, -wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute -weiß ich, daß Lämschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den -Festordnern gehörte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der -erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natürlich konnte er sich immer -noch damit entschuldigen, daß er es aus Dummheit oder aus Übereifer -getan habe ... Doch ach, damals wußte ich noch nicht, daß jene an -Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles -zu beenden glaubten. Zur Erhöhung der Peinlichkeit der Situation, die im -Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lächeln hervorrief, wurde -plötzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra! -geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur -wenige, aber ich muß gestehen, sie hörten doch nicht so bald auf. Julija -Michailowna schoß das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke -blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und übersah, sich zu den -Ruhestörern umwendend, mit majestätischem und strengem Blick den Saal -... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit -Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefährliche Lächeln, -mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch -angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein -Gesicht auch jetzt einen gewissermaßen unheilvollen Ausdruck an und, was -das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lächerlichen: den Ausdruck -eines Gatten, der sich schließlich -- also sei es denn! -- zum Opfer -bringt, nur um den höheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen -... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flüsterte -mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwören, -unverzüglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um -hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schändlichkeit, eine noch -viel größere als die erste. Auf der Tribüne, auf der leeren Tribüne, -wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man -zunächst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas -Wasser auf silbernem Tablett sah -- auf dieser selben leeren Tribüne -erschien plötzlich die kolossale Gestalt des »Hauptmanns« Lebädkin in -Frack und weißer Binde. Ich war so bestürzt, daß ich meinen Augen nicht -traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und -blieb hinten auf der Tribüne stehen. Da ertönte plötzlich aus dem -Publikum ein erstaunter Ausruf: »Lebädkin! du?« -- und die dumme, rote -Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem -breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn, -schüttelte plötzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu -allem entschlossen, zwei Schritte vor und -- platzte plötzlich in Lachen -aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glückliches Lachen, -von dem die ganze schwere Masse seines Körpers ins Schaukeln geriet und -die Äuglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast -die Hälfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man -Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und -wechselte finstere Blicke; aber das währte alles kaum länger als eine -halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und -zwei Diener herbei; sie faßten behutsam den Hauptmann unter den Armen -und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Lebädkin sah ihn unwirsch an, -brummte aber schließlich: »Nun denn, wenn's so besser ist!« und schlug -einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige -Rückseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen -Augenblick später erschien Liputin wieder auf der Tribüne. Auf seinen -Lippen lag das süßeste Lächeln, wenn es auch immer noch, wie stets bei -ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand -hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an -den vorderen Rand der Tribüne. - -»Meine Damen und Herren!« begann er, sich an das Publikum wendend. -»Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das -jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den -Auftrag übernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer -hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen -Ziele ... ungeachtet seines äußeren Zustandes ... von demselben Ziele, -das uns alle hier vereinigt hat ... die Tränen der armen gebildeten -Mädchen unseres Gouvernements hinfüro abzuwischen, ... will dieser Herr, -das heißt, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er -sein Inkognito gewahrt zu sehen wünscht ... würde er, wie gesagt, -dennoch sehr wünschen, daß seine Dichtung vor Beginn des Balles -vorgetragen werde ... das heißt, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn -der literarischen Vorträge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm -nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde -zugestellt wurde ... aber es will _uns_ (wen meinte er damit? Ich gebe -diese zerhackte und unklare Rede wortwörtlich wieder) dennoch scheinen, -daß es, im Hinblick auf die Naivität des Gefühls, die mit Humor -verbunden ist, daß ... wie gesagt, daß das Gedicht dennoch vorgetragen -zu werden verdiente, das heißt, nicht als etwas Ernstzunehmendes, -sondern bloß als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee -... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr -um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.« - -»Lesen Sie!« dröhnte eine Stimme aus den letzten Reihen. - -»So soll ich es vorlesen?« - -»Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen!« riefen jetzt schon viele Stimmen. - -»Also denn -- mit Erlaubnis des verehrten Publikums ...« Liputin -verbeugte sich und wand sich mit demselben süßen Lächeln. - -Aber es war doch, als könne er sich trotzdem nicht entschließen, und wie -mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche -Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. Übrigens -wäre ein Seminarist von heute gewiß nicht unsicher geworden, aber -Liputin gehörte ja schließlich doch noch zur alten Generation. - -»Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf -aufmerksam zu machen, daß dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie früher -zu Festen verfaßt wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz, -jedoch unstreitig ein gefühlvoller, der überdies mit spielerischer -Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit -zum Gegenstande hat ...« - -»Lesen! Lies doch! Nur los!« - -Liputin faltete sein Papier auseinander. Natürlich kam niemand mehr -dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines -Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller -Stimme darauf los. - -»Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem -Dichter gewidmet: - - Lebe hoch! o Gouvernante! - Freue dich und jubiliere, - Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante, - Oh, sei stolz und triumphiere!« - -»Das hat ja Lebädkin gemacht!« »Das ist ja ein echter Lebädkin!« -ertönten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele -lachten, manche klatschten sogar Beifall. - - »Feministin oder sonst was! - -- Schrecklich ist's, wenn man bedenkt, - Wie du früher dich gequält hast, - Und dich nutzlos angestrengt!« - -»Hurra! Hurra!« unterbrach man wieder in den letzten Reihen. - - »Lehren, hieß es, dumme Göhren - Manch französisches Gedicht, - Doch die wollten dich nie hören, - Wie das nun mal Kindespflicht. - - Ja, so war's, so ist's gewesen, - Doch das laß begraben sein. - Der Reformen großer Besen - Führt 'ne andre Wertung ein ...« - -»Bra--avoooo!« - - »Also hör': seit dem Betriebe - Der Reformen -- jetzt gib acht! -- - Wird die Freiheit und die Liebe - Einzig noch vom Geld gemacht ...« - -»Stimmt! Bravooo! Hurra!« - - »Ja, mein Fräulein, sie ist bitter, - Diese Wahrheit, -- nämelich: - Auch der allergrößte Ritter - Nimmt nicht ohne Mitgift dich!« - -»Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen -Schritt!« - - »Drum, -- da wir nun tanzend spenden - Eine Mitgift für das Weib, - Die wir dir dann übersenden - Zu 'nem bessren Zeitvertreib -- - Feministin oder sonst was: - (Bleibst doch stets vom selben Holz) - Mit 'ner Mitgift bist du etwas, - Spuck auf alles und sei stolz!« - -Ich muß gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so -erklärte Gemeinheit, daß die Möglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu -entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade -Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter -steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen -werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin. - -Übrigens schien Liputin selbst zu fühlen, daß er doch ein zu starkes -Stück auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribüne und -war sich offenbar nicht klar darüber, ob er noch etwas hinzusetzen -sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht übrigens -ganz ernst genommen. Die andere Hälfte war freilich um so gekränkter. -Julija Michailowna erzählte später, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen. -Einer der ehrwürdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und -verließ mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer weiß, vielleicht hätte -dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade -jetzt Karmasinoff auf der Tribüne erschienen wäre. Sein kleines -Figürchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weißer -Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie -erlöst an, als wäre er ihr Retter ... - -Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mußte unter allen Umständen -mit Liputin sprechen. - -»Das haben Sie absichtlich getan!« rief ich empört und packte ihn am -Arm. - -»Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht,« log er und spielte den -Unglücklichen. »Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte, -es wäre ein lustiger Scherz ...« - -»Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen -Blödsinn in Knüttelversen für einen Scherz?!« - -»Ja, gewiß, jawohl.« - -»Das lügen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht -erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit -Lebädkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum -Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum -erschien denn Lebädkin im Frack? Schon daraus geht hervor, daß alles von -Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach -Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken hätte!« - -»Was geht das Sie an?« fragte mich da Liputin plötzlich mit sonderbarer -Ruhe. - -»Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das -Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?« - -»Ich weiß nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?« - -»Was das soll? Daß ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine -Intrige gegen Julija Michailowna -- damit Sie's wissen!« - -Liputin sah mich von der Seite an. - -»Ja, und was geht das Sie an?« fragte er nochmals, lächelte, zuckte mit -den Achseln und ging davon. - -Mich überlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in -Erfüllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getäuscht zu haben! -Was sollte ich tun? Ich hätte mich gern mit Stepan Trophimowitsch -beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene -Arten zu lächeln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt -Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich -nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit -mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna -eilen? Doch dazu war es noch zu früh: sie mußte eine noch viel -nachhaltigere Lehre bekommen, um von der Überzeugung, alle Welt sei ihr -»fanatisch ergeben«, geheilt zu werden. Sie hätte mir doch nicht -geglaubt und mich nur für einen »Gespensterseher« gehalten. Ja, und was -konnte sie jetzt noch tun? »Ach,« dachte ich, »was geht denn das -schließlich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe -nach Hause, _sobald es anfängt_.« (Ich gebrauchte wirklich diesen -Ausdruck: »sobald es anfängt«, ich erinnere mich noch genau.) - -Aber jetzt mußte ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hören! Als ich -noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, daß da eine -Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar -Frauen. Dieses »hinter den Kulissen« war ein recht enger Raum, -eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Räumen verband und -zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor -warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte -mich einer in Erstaunen: der Nächstfolgende nach Stepan Trophimowitsch. -Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus -irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten -entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in -unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna -empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr -den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte während des ganzen Essens -geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen -der anderen Gäste, Julija Michailownas Suite, gelächelt, und auf alle -durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen -Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf -dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem -Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan -Trophimowitsch, flüsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und -nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lächeln, -aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, daß -man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa -vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit einem ergrauenden Bärtchen. Gekleidet -war er anständig. Am merkwürdigsten an ihm war, daß er bei jeder -Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie über seinem Haupte -schüttelte und dann plötzlich niederfallen ließ, als wollte er einen -Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede -Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie -gesagt, Karmasinoff zu hören. - - - III. - -Im Saale war wieder etwas nicht ganz in Ordnung. Jedes Genie in Ehren! -Und volles Verständnis für seine Eigentümlichkeiten im voraus! Aber -warum müssen sich Genies, wenn sie älter werden, so oft wie -- nun, -einfach wie kleine Knaben benehmen? Selbst wenn man ein Karmasinoff war -und mit der Würde von fünf Kammerherren auftrat, wie konnte er nur ein -solches Publikum eine ganze Stunde mit einem solchen Aufsatz langweilen? -Nicht mehr als zwanzig Minuten hätte man es mit einem leicht -verständlichen literarischen Vortrag ungestraft unterhalten dürfen. -Dabei war man ihm, als er zuerst auftrat, äußerst ehrerbietig begegnet: -selbst die allergesetztesten Herren hatten Wohlgefallen und Neugier, die -Damen sogar Entzücken bekundet. Der Begrüßungsapplaus war indessen nur -kurz und abgerissen gewesen. Dafür war aber in den letzten Reihen auch -kein einziger Ausfall erfolgt. Und auch dann, als Karmasinoff zu -sprechen angefangen hatte, geschah zunächst nichts eigentlich Störendes: -lediglich Verwunderung griff allmählich um sich. Nur ganz am Anfang -hatte sich ein kleiner Zwischenfall zugetragen: als Karmasinoffs -piepsendes und quäkendes Stimmchen ertönte, lachte im Publikum jemand -einfach laut auf. Ich habe schon früher erzählt, daß Karmasinoff eine -hohe, schreiende Stimme hatte, die einer Frauenstimme glich, ein -Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, daß er fein und vornehm -lispelte. Die Umsitzenden wiesen den Störer übrigens sofort durch -Zischen zur Ruhe, und so konnte denn Karmasinoff ungestört seine Rede -beginnen. Zunächst erklärte er, daß er »ursprünglich überhaupt nicht -habe lesen wollen« (was zu erklären eigentlich gar nicht nötig war), -denn es gebe Zeilen, die »so unmittelbar aus dem Herzen fließen«, daß -man sie gar nicht an die Öffentlichkeit tragen dürfe (ja warum trug er -sie denn?). Aber da man ihn nun einmal so gebeten habe, so tue er es -doch, und da er jetzt seine Feder für immer hingelegt und sich -geschworen habe, nichts mehr zu schreiben, und weil das nun einmal -beschlossene Sache sei, so habe er dieses Abschiedsopus doch noch -geschrieben; und da er sich gelobt, nie etwas öffentlich vorzulesen, -niemals und unter keiner Bedingung, so werde er denn jetzt einmal eine -Ausnahme machen und, also sei es, dieses letzte Opus einem Publikum -persönlich vorlesen, usw. usw. -- noch allerhand in diesem Sinne. - -Doch das wäre alles noch nicht so schlimm gewesen, und wer kennt denn -schließlich nicht die Vorreden der Autoren? Ich will aber zugeben, daß -bei der geringen literarischen Bildung unseres Publikums und der -Reizbarkeit der hinteren Reihen auch das schon aufreizend mitwirken -konnte. Nun wohl: wäre es unter diesen Umständen nicht weit besser -gewesen, er hätte eine kurze Novelle vorgetragen oder ein kleines -Geschichtchen von der Art, wie er sie früher manchmal schrieb -- zwar -gedrechselt und geziert, aber mitunter doch ganz witzig? Damit wäre -alles gerettet gewesen. Aber es sollte nun einmal nicht sein. Und so -begann denn die Litanei! Oh Gott, was hatte er da alles -zusammengetragen! Ich bin überzeugt, daß selbst ein Großstadtpublikum -schließlich einen Starrkrampf bekommen hätte, nicht bloß ein Publikum -wie unseres. Man denke sich das gezierteste und müßigste Geschwätz in -einer Länge von fast zwei Druckbogen; und das trug dieser Herr zum -Überfluß mit einer gewissen wehmütigen Herablassung vor, als wenn er -eine Gnade erwiese, und schon darin allein lag etwas nahezu -Beleidigendes für unser Publikum. Das Thema ... Aber wer konnte denn -daraus klug werden, aus diesem Thema! Das war gewissermaßen ein Bericht -über irgendwelche Eindrücke, untermischt mit irgendwelchen Erinnerungen. -Doch Eindrücke wovon? Erinnerungen an was? -- Wie sehr unsere -Gouvernementsköpfe während der ganzen ersten Hälfte des Vortrags auch -die Stirn in Falten legten, -- sie konntens doch nicht bewältigen, so -daß sie die zweite Hälfte bloß aus Höflichkeit anhörten. Nun ja, es war -da viel von Liebe die Rede, von der Liebe des Genies zu einer Person, -aber ich muß gestehen, das wirkte einigermaßen peinlich. Es paßte -irgendwie nicht recht zu dem kleinen, dicken Figürchen des genialen -Schriftstellers (wenigstens für mein Empfinden), daß er von seinem -ersten Kuß sprach ... Und zudem sollten diese Küsse, was wiederum -verletzend wirkte, durchaus ganz anders geküßt worden sein, als von der -ganzen übrigen Menschheit, und dazu noch unter ganz besonderen -Nebenumständen. Bei Karmasinoffs erstem Kuß wuchs ringsum Ginster -(unbedingt gerade Ginster, oder wenigstens irgend so ein Kraut, von dem -man sich erst nach einem botanischen Handbuch eine Vorstellung machen -kann). Der Himmel aber hatte derweil unbedingt einen violetten -Farbenton, den natürlich noch nie zuvor ein Sterblicher bemerkt hat, -obschon ihn alle zwar gesehen haben, sogar schon mehrfach, doch ihn -wahrzunehmen hat eben bisher noch kein einziger verstanden. »Nun aber -seht,« -- so ungefähr wirkte Karmasinoffs Art -- »ich allein habe diesen -Farbenton zum erstenmal wahrgenommen und beschreibe ihn jetzt euch -Tölpeln wie eine ganz bekannte Sache!« Der Baum dagegen, unter dem das -interessante Paar Platz genommen, war durchaus orangefarben. Der Ort, wo -sie saßen, lag irgendwo in Deutschland. Plötzlich sahen sie Pompejus -oder Kassius am Abend vor einer Schlacht und die Kälte der Begeisterung -durchdrang sie sofort alle beide. Dann begann eine Nixe im Gebüsch zu -zirpen und im Schilf spielte plötzlich Gluck auf der Geige. Das Stück, -das er vortrug, wurde _en toutes lettres_{[174]} genannt, doch blieb es -trotzdem uns allen unbekannt, so daß man in einem Musiklexikon -nachschlagen müßte. Währenddessen aber stieg ein Nebel auf und ballte -sich und ballte sich, und ballte sich so, daß er alsbald eher Millionen -von Kissen glich, als einem Nebel. Plötzlich aber verschwand alles und -das große Genie begibt sich an einem Wintertage, jedoch bei Tauwetter, -über das Eis der Wolga. Zweieinhalb Seiten Übergang; und dennoch kommt -er nicht hinüber, sondern fällt in ein Loch im Eise. Das Genie sinkt, -versinkt, -- Sie meinen, es ertrinkt? Nein, es denkt auch nicht einmal -daran: es fiel überhaupt nur deshalb in das Loch, um in dem Augenblick, -als es schon bis über die Nase im Wasser versank und bereits zu -schlucken begann, plötzlich ein Eisstückchen zu erblicken, ein winziges -Eiskörnchen von der Größe einer kleinen Erbse, aber so rein und klar -»wie eine gefrorene Träne«. In diesem Eisperlchen spiegelte sich dann -Deutschland oder richtiger der Himmel Deutschlands, und das Spiel der -Regenbogenfarben in diesem Eisperlchen erinnerte ihn an just die Träne, -die, »weißt du noch, aus deinem Auge rann, als wir unter dem smaragdenen -Baume saßen und du freudig ausriefst: >Es gibt kein Verbrechen!< -- ->Ja<, sagte ich unter Tränen, >doch wenn es so ist, dann gibt es auch -keine Gerechten<. Wir schluchzten auf und nahmen Abschied voneinander.« -Sie ging an einen Meeresstrand und er begab sich in eine Höhle tief -unter der Erde: er sinkt also hinab und hinab, drei Jahre lang sinkt er -genau unter dem Moskauer Ssuchareffturm hinab, bis er plötzlich mitten -im Innern der Erde ein Lämpchen findet und vor diesem Lämpchen einen -Asketen. Der Asket betet. Das Genie drückt die Stirn an ein kleines -vergittertes Fensterchen. Und plötzlich vernimmt es einen Seufzer. Sie -glauben, der Asket habe geseufzt? Weit gefehlt! Das Genie wird doch -nicht einen Asketen beachten! Nein, das war nur so ein Seufzer, doch -dieser Seufzer erinnerte ihn an _ihren_ ersten Seufzer vor -siebenunddreißig Jahren, »als wir, weißt du noch, in Deutschland unter -dem achatenen Baume saßen und du zu mir sprachst: >Wozu lieben? Sieh, -ringsum blüht es ockergelb und ich liebe, doch das Gelb wird aufhören zu -blühen und ich werde aufhören zu lieben<. -- Dann ballte sich wieder ein -Nebel zusammen, Ernst Amadeus Hoffmann erschien, eine Nixe flötete eine -Melodie von Chopin und plötzlich tauchte aus dem Nebel über den Dächern -Roms, einen Lorbeerkranz im Haar, Ancus Marcius auf. Ein Schauer der -Ekstase lief uns über den Rücken und wir trennten uns auf ewig« usw. -usw. - -Mit einem Wort, wenn ich es auch vielleicht nicht richtig wiedergebe -oder es überhaupt nicht wiederzugeben verstehe, so war doch der Sinn des -Geschwätzes gerade von dieser Art. Und dann: was ist das doch für eine -schmähliche Sucht in unseren großen Geistern, Witze und Wortspiele im -»höheren« und »literarischen« Sinne anzubringen! Der große europäische -Philosoph, der große Gelehrte, Erfinder, der mühevoll Schaffende und -Märtyrer, -- alle diese sich Mühenden und Beladenen sind für unser -großes russisches Genie entschieden nur so eine Art Köche in seiner -Küche. Er ist der Herr, sie aber erscheinen vor ihm mit der Zipfelmütze -in der Hand und warten auf seine Befehle. Allerdings, er spöttelt -hochmütig auch über Rußland, und überhaupt ist ihm nichts so angenehm, -wie den Bankrott Rußlands in jeder Hinsicht vor den großen Geistern -Europas wieder einmal festzustellen. Doch was ihn selbst betrifft, -- -oh, mit Verlaub, er selbst hat sich über diese großen Geister Europas -natürlich schon längst emporgeschwungen: für ihn sind sie bloß Material -zu seinen Wortspielen. Er nimmt eine Idee, die nicht in seinem Kopfe -entstanden ist, verknüpft sie mit ihrer Antithese und das Wortspiel ist -fertig. Es gibt Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine -Wahrheit, also gibt es auch keine Gerechten; Atheismus, Darwinismus, -Moskauer Glocken ... Doch wehe, er glaubt schon nicht mehr an Moskauer -Glocken. Rom, Lorbeeren ... Doch er glaubt nicht einmal an Lorbeeren ... -Hier ein obligatorischer Anfall von Byronschem Weltschmerz, dort eine -Heinesche Grimasse, dann wiederum Anklänge an Petschorin[49], -- und so -ging das fort und fort, wie eine in Schwung geratene Maschine ... -»Übrigens, so lobt mich doch, lobt mich doch, denn das liebe ich über -alle Maßen! Und ich sage ja nur so, daß ich die Feder für immer aus der -Hand lege; nein, wartet nur und ihr werdet meiner noch dreihundertmal -überdrüssig werden, werdet noch müde werden, mich zu lesen ...« - -Natürlich konnte das kein gutes Ende nehmen; das Schlimme war aber, daß -es damit nun überhaupt anfing. Schon lange hatte im Saale ein Räuspern, -Hüsteln, Schnauben begonnen, ein Hin- und Herrücken auf den Stühlen und -Husten, kurz, es gab alle die bekannten Lebenszeichen, die stets -einzusetzen pflegen, wenn bei einer literarischen Veranstaltung der -Vortragende, wer er auch sei -- ja selbst wenn er das größte Genie ist ---, das Publikum länger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Doch der -geniale Schriftsteller merkte nichts davon. Er fuhr fort zu lispeln und -zu schnarren, ohne das Publikum überhaupt einer Beachtung zu würdigen, -so daß schließlich eine allgemeine Verständnislosigkeit Platz griff. Und -da nun geschah es, daß aus einer der hinteren Reihen plötzlich eine -einsame, doch laute Stimme sich vernehmen ließ: - -»Gott, was für ein Unsinn!« - -Das war irgend jemandem wohl ganz unfreiwillig entschlüpft und gewiß -- -davon bin ich überzeugt -- ohne jede Absicht einer Demonstration. Ein -Mensch war einfach müde geworden. Doch Herr Karmasinoff brach sofort ab, -blickte spöttisch aufs Publikum, und plötzlich fragte er mit derselben -affektierten Aussprache und der Miene eines verletzten Kammerherrn: - -»Mir scheint, meine Herrschaften, Sie sind des Zuhörens bereits gehörig -überdrüssig?« - -Gerade hiermit aber beging er einen unverzeihlichen Fehler: daß er -überhaupt ein Gespräch anknüpfte. Denn mit dieser Frage forderte er doch -eine Antwort heraus, gab er jedem beliebigen aus dem Gesindel der -hinteren Reihen die Möglichkeit, ja das Recht, nun gleichfalls laut im -Saale zu reden, während man anderenfalls, wenn diese Frage und -Unterbrechung nicht erfolgt wäre, sich zwar noch weiter geschnaubt und -geschnaubt, aber schließlich doch alles bis zum Ende angehört hätte ... -Oder erwartete er vielleicht als Antwort auf seine Frage stürmischen -Beifall? Der blieb jedoch vollständig aus; im Gegenteil: alle waren -gleichsam erschrocken, zogen sich in sich selbst zurück und verhielten -sich ganz still. - -»Sie haben Ancus Marcius überhaupt nie gesehn, das sind lauter -stilisierte Phrasen!« ertönte plötzlich eine gereizte, vor Verbissenheit -schon überreizte Stimme. - -»Natürlich nicht!« stimmte sofort eine andere Stimme bei. »Heutzutage -gibt's keine Gespenster, es gibt nur noch Naturwissenschaften. Werden -Sie mit diesen fertig!« - -»Meine Herrschaften, nichts habe ich weniger erwartet, als solche -Einwendungen,« sagte Karmasinoff, in der Tat maßlos verwundert. -- Dem -großen Genie war in Karlsruhe das Vaterland völlig fremd geworden. - -»In unserem Jahrhundert ist es eine Schande, solchen Schwindel -vorzutragen! -- gleich dem von den drei Walfischen, auf denen die Welt -ruhen soll!«[50] schmetterte plötzlich eine Jungfrau in den Saal. »Zudem -haben Sie, Karmasinoff, überhaupt nicht in das Innere der Erde zu einem -Asketen hinabsinken können. Und wer redet denn jetzt noch von Asketen?« - -»Meine Herrschaften, am meisten wundert mich, daß das so ernst genommen -wird. Übrigens ... übrigens ... Sie haben vollkommen recht. Niemand -achtet die reale Wahrheit mehr als ich ...« - -Er lächelte zwar ironisch, war aber merklich doch sehr betroffen. Der -Ausdruck seines Gesichts sagte indessen geradezu wörtlich: »Ich bin doch -nicht so einer, wie ihr glaubt, ich bin doch ganz eurer Meinung, nur -lobt mich, lobt mich mehr, lobt mich soviel wie möglich; denn das liebe -ich über alles ...« - -»Meine Herrschaften,« rief er schließlich, aber nun schon durchaus -verletzt, »ich sehe, daß mein armes Poemchen hier deplaziert war. Ja und -auch ich selbst bin hier, wie mir scheint, deplaziert.« - -»Er zielte auf eine Krähe, traf aber eine Kuh!« schrie nun bereits mit -lautester Stimme irgendein Esel in den Saal, wahrscheinlich ein -Angeheiterter, doch diesen Ausruf hätte man schon unter keinen Umständen -beachten sollen. - -»Ein wahres Wort!« Dazu respektloses Lachen. - -»Eine Kuh, sagen Sie?« griff dagegen Karmasinoff das Sprichwort sofort -auf. Seine Stimme wurde immer kreischender. »Bezüglich des Vergleichs -mit Krähen und Kühen erlaube ich mir keine Äußerung, meine Herrschaften. -Ich achte sogar _jedes_ Publikum doch allzusehr, um mir Vergleiche, und -seien es auch ganz unschuldige, zu erlauben. Aber ich dachte ...« - -»Ach, mein Herr, Sie sollten doch lieber nicht gar so ...,« fiel ihm -jemand aus den letzten Reihen ins Wort. - -»... aber ich dachte, daß ich, da ich nun meine Feder für immer aus der -Hand lege und Abschied nehme von meinem Leser, wenigstens bis zum Ende -angehört werden würde ...« - -»Ja, aber ja, wir wollen Sie doch auch anhören, wir wollen doch ...« -ertönten ein paar endlich mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe. - -»Lesen Sie, lesen Sie!« fielen mehrere begeisterte Damenstimmen ein und -schließlich ertönte auch ein Applaus, freilich nur ein dünner, -spärlicher. - -Karmasinoff lächelte schief und erhob sich von seinem Platz. - -»Glauben Sie mir, Karmasinoff, wir alle halten es sogar für eine Ehre,« -konnte sich selbst die Adelsmarschallin nicht enthalten zu versichern. - -»Herr Karmasinoff,« erklang plötzlich eine junge, frische Stimme aus der -Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers aus der -Kreisschule, eines stillen, anständigen und prächtigen Menschen, der -noch nicht lange Zeit bei uns weilte. Er war jetzt sogar von seinem -Platze aufgestanden. »Herr Karmasinoff, wenn ich das Glück gehabt hätte, -so zu lieben, wie Sie es uns beschreiben, so hätte ich wirklich nicht -davon in einem Aufsatz gesprochen, der zum öffentlichen Vorlesen -bestimmt war ...« - -Dabei errötete er über und über. - -»Meine Herren,« rief Karmasinoff, »ich habe nichts mehr hinzuzufügen! -Ich übergehe den Schluß und entferne mich. Erlauben Sie mir nur noch, -die letzten Zeilen zum Abschied zu lesen!« - -Und ohne sich hinzusetzen, begann er sogleich: »Ja, mein Freund und -Zuhörer, lebe wohl! -- lebe wohl, mein Leser, ich bestehe nicht einmal -darauf, daß wir als Freunde scheiden: In der Tat, wozu dich beunruhigen? -Schilt, wenn du willst, schilt, wenn es dir Vergnügen macht! Aber mich -deucht, es wäre besser, wir vergäßen uns für immer. Und wenn ihr alle, -meine Zuhörer, plötzlich so gut wäret, mich auf den Knien und mit Tränen -in den Augen zu bitten: >Schreibe noch, Karmasinoff, -- für uns, für das -Vaterland, für die Nachwelt, für die Lorbeerkränze!< so würde ich euch -sogar dann noch antworten, selbstredend mit allem Dank: >Nein, wir haben -uns schon genug miteinander abgegeben, liebe Kompatrioten, _merci_! Es -ist Zeit, daß wir uns trennen! _Merci, merci, merci!_<« - -Karmasinoff verbeugte sich zeremoniell, -- und ganz rot im Gesicht, als -hätte man ihn gekocht, begab er sich hinter die »Kulissen«. - -»Niemand wird auf die Knie fallen, eitle Phantasie!« rief ihm eine -Stimme nach. - -»Was für eine Eigenliebe!« - -»Aber das ist doch Humor,« glaubte jemand erklären zu müssen. - -»Nein, verschonen Sie uns bitte mit solchem Humor.« - -»Das war einfach eine Frechheit, meine Herren!« - -»Na, wenigstens hat er endlich Schluß gemacht!« - -»Das war aber eine Langeweile! -- daß Gott erbarm'!« - -Aber alle diese unhöflichen Ausrufe der letzten Reihen wurden übertönt -von dem Applaus des anderen Publikums. Man rief Karmasinoff hervor. -Einige Damen, an der Spitze Julija Michailowna und die Adelsmarschallin, -versammelten sich vor der Tribüne. In den Händen hielt Julija -Michailowna ein weißes Samtkissen, auf dem ein Lorbeerkranz in einem -zweiten Kranz von Rosen lag. - -»Lorbeer!« rief Karmasinoff mit einem feinen und etwas boshaften -Lächeln. »Ich bin natürlich gerührt und ich nehme diesen im voraus -geflochtenen Kranz, der noch nicht verwelkt ist, mit aufrichtigem Danke -an: aber ich versichere Sie, _Mesdames_,{[175]} ich bin plötzlich soweit -Realist geworden, daß ich Lorbeeren heutzutage in den Händen eines Kochs -besser aufgehoben fände, als in den meinigen ...« - -»Ja, ein Koch ist auch nützlicher!« rief der Seminarist, der mit auf der -»Sitzung« bei Wirginskis gewesen war. - -Die Ordnung wurde gestört. In vielen Reihen stieg man auf die Stühle, um -besser die Zeremonie der Überreichung des Lorbeerkranzes sehen zu -können. - -»Ich würde jetzt für einen Koch noch drei Rubel zuzahlen,« ertönte eine -laute Stimme. - -»Ich gleichfalls!« - -»Ich auch!« - -»Gibt es denn hier wirklich kein Büfett?« - -»Meine Herren, das ist einfach ein Betrug ...« - -Immerhin bewahrten die Ruhestörer noch einigen Respekt vor unseren -Honoratioren und den anwesenden Polizeioffizieren. Ungefähr zehn Minuten -nachher hatten sie sich denn auch alle wieder gesetzt. Aber die -ursprüngliche Ordnung war doch nicht mehr vorhanden. Und in diesem -Anfangsstadium eines drohenden Tumults mußte nun der arme Stepan -Trophimowitsch auftreten ... - - - IV. - -Ich hielt es nicht aus und eilte doch noch zu ihm hinter die Kulissen, -um ihn anzuflehen, jetzt seinen ganzen Vortrag aufzugeben, ein -Unwohlsein vorzuschützen und nach Hause zu fahren. Es sei nun alles -schon verspielt und verloren, auch ich würde mein Festordnerband -ablegen, meinen Ehrenposten aufgeben und mit ihm davongehen. Er war in -diesem Augenblick gerade im Begriff, die Tribüne zu betreten: nun blieb -er stehen, maß mich hochmütig vom Kopf bis zu den Füßen und fragte mit -geradezu feierlichem Ernst: - -»Wie kommen Sie dazu, mein Herr, von mir eine solche Schändlichkeit zu -erwarten?« - -Ich trat zurück, überzeugt, daß er ohne Katastrophe von dort nicht -zurückkehren werde. In vollständiger Mutlosigkeit stand ich da, als -plötzlich wieder die Figur des angereisten Professors vor mir -auftauchte. Er ging immer noch auf und ab, in sich versunken und vor -sich hinmurmelnd, aber ein triumphierendes Lächeln glitt hin und wieder -über sein Gesicht, und von Zeit zu Zeit hob er immer noch die Faust, um -sie dann wuchtig niedersausen zu lassen. Ich trat ganz unabsichtlich auf -ihn zu. - -»Wissen Sie,« sagte ich, »erfahrungsgemäß hört kein einziges Publikum -länger als zwanzig Minuten jemandem zu. Selbst die größte Berühmtheit -wird es keine halbe Stunde ...« - -Er blieb stehen. Ein ungeheurer Hochmut lag auf seinem Gesicht. - -»Seien Sie unbesorgt,« brummte er verächtlich und ging an mir vorüber. - -In dieser Minute ertönte im Saale die Stimme Stepan Trophimowitschs. - -»Ach, daß Euch der ...!« fluchte ich und eilte in den Saal. - -Stepan Trophimowitsch hatte sich in den Stuhl gesetzt, noch bevor die -Ordnung im Saale einigermaßen hergestellt war. Aus den ersten Reihen -empfingen ihn nicht gerade wohlwollende Blicke. Im Klub hatte man in der -letzten Zeit aufgehört, ihn besonders zu schätzen oder gar zu lieben. -Aber immerhin war es schon viel, daß man ihn nicht einfach auszischte. -Mich hatte die ganze Zeit die fixe Idee verfolgt, daß etwas Derartiges -geschehen werde. Vermutlich bemerkte man ihn bei der allgemeinen -Unordnung zunächst gar nicht. Doch was konnte er denn überhaupt -erwarten, wenn man sogar mit Karmasinoff so verfahren war? Er war -bleich; aus seiner Aufregung ersah ich, der ich ihn doch so gut kannte, -daß er sein Erscheinen auf dieser Tribüne selber als eine Art -Schicksalsfügung empfand. So stand er denn nach zehn Jahren wieder vor -der Öffentlichkeit! Lieb und teuer war mir dieser Mensch. Und was fühlte -ich nicht alles für ihn, als ich nun seine ersten Worte vernahm! - -»Meine Damen und Herren!« stieß er hervor, wie zu allem entschlossen, -und doch mit einer Stimme, die vor innerer Erregung gleichsam keinen -Atem hatte. »Meine Damen und Herren! Noch heute morgen lag einer dieser -verbotenen und gesetzwidrigen Aufrufe vor mir, und ich stellte mir wohl -zum hundertsten Mal die Frage: >Worin besteht das Geheimnis ihrer -Macht?<« - -Der ganze Saal verstummte im Augenblick; alle Blicke wandten sich ihm -zu. Kein Zweifel: wenigstens hatte er es verstanden, gleich mit den -ersten Worten zu fesseln. Sogar hinter den Kulissen steckte man die -Köpfe hervor: Liputin und Lämschin lauschten geradezu gierig. Julija -Michailowna rief mich wieder mit einem Wink zu sich. - -»Halten Sie ihn auf, was es auch koste, halten Sie ihn auf!« flüsterte -sie mir erregt zu. - -Ich zuckte nur mit der Achsel. Wie konnte man einen Menschen, der sich -schon zu allem entschlossen hatte, noch aufhalten? Und ich verstand -Stepan Trophimowitsch nur zu gut. - -»Aha, von den Proklamationen!« flüsterte man im Publikum. - -»Meine Damen und Herren, ich habe das ganze Geheimnis erraten. Das -Geheimnis ihrer Macht und ihres Erfolges liegt in ihrer -- Dummheit!« -(Seine Augen erglänzten.) »Ja, wäre das eine erklügelte Dummheit, eine -Dummheit aus Berechnung -- oh, dann wäre sie genial! Aber man muß den -Verfassern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie bringen sie nicht -aus Berechnung, nein, sondern es ist einfach die allernaivste, die -alleroffenherzigste, die allerbilligste Dummheit -- _c'est la bêtise -dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple -chimique_.{[176]} Wäre das alles ein wenig klüger ausgedrückt, so würde -ein jeder die ganze Armseligkeit dieser billigen Dummheit einsehen. So -dagegen bleiben alle in der Ungewißheit, denn keiner will es doch -glauben, daß es wirklich so erstklassig dumm sei. >Es kann doch nicht -sein, daß _nichts_ dahinter stecke<, sagt sich ein jeder, und man sucht -nach dem geheimen Sinn, glaubt an ein Geheimnis und will zwischen den -Zeilen lesen. Damit aber ist der Erfolg schon gesichert! Oh, noch nie -hat die Dummheit eine so feierliche Belohnung erhalten, ungeachtet -dessen, daß sie sie so oft verdient ... Denn, _en parenthèse_,{[177]} -die Dummheit, wie das höchste Genie, sind innerhalb des Geschickes der -Menschheit beide von gleichem Nutzen.« - -»Sentenzen der vierziger Jahre!« hörte man eine übrigens recht -bescheidene Stimme sagen. - -Doch nun war es mit der Ruhe zu Ende: alles schrie und lärmte los. - -»Meine Herren, Hurra! Ich schlage vor, einen Toast auf die Dummheit -auszubringen!« rief Stepan Trophimowitsch, den ganzen Saal gleichsam -herausfordernd. - -Ich lief zu ihm, unter dem Vorwande, Wasser ins Glas zu gießen. - -»Stepan Trophimowitsch, lassen Sie davon ab, Julija Michailowna bittet -Sie inständig ...« flüsterte ich schnell. - -»Nein, lassen _Sie_ von _mir_ ab, Sie müßiger junger Mann!« rief er mir -mit lauter Stimme zu. - -Ich zog mich zurück. - -»_Messieurs!_« fuhr er fort, »wozu die Aufregung, warum dieses Geschrei -des Unwillens, das ich höre? Ich bin ja mit dem Olivenzweig gekommen. -Ich bringe das letzte Wort, denn in dieser Sache habe ich das letzte -Wort -- und wir können uns versöhnen.« - -»Fort mit ihm!« riefen die einen. - -»Ruhig, laßt doch hören, laßt ihn zu Ende sprechen!« schrien die -anderen. - -Besonders regte sich der junge Lehrer auf, der, nachdem er einmal zu -sprechen gewagt hatte, nun sich nicht mehr halten konnte. - -»_Messieurs_, das letzte Wort in dieser Sache ist -- die gegenseitige -Vergebung. Ich, ein alter Mann, ich erkläre feierlich, daß der Geist des -Lebens noch ebenso stürmt wie früher und die lebendige Kraft auch in der -jungen Generation nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus unserer jetzigen -Jugend ist noch ebenso rein und licht, wie er es zu meiner Zeit war. Es -ist nur eines geschehen: man hat die Ziele geändert, die eine Schönheit -ward durch die andere ersetzt! Das ganze Mißverständnis liegt nur darin, -was ist schöner: Shakespeare oder ein Paar Stiefel, Rafael oder ein -Petroleur?« - -»Das ist eine Anklage!« brüllte man irgendwoher. - -»Das sind kompromittierende Fragen!« - -»_Agent-provocateur!_«{[178]} - -»Ich aber erkläre,« rief Stepan Trophimowitsch wie rasend, »ich aber -erkläre, daß Shakespeare und Rafael -- höher als die Aufhebung der -Leibeigenschaft, höher als das Volk, höher als der Sozialismus, höher -als die gesamte junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als -die ganze Menschheit stehen, und vielleicht die höchste Frucht sind, die -es überhaupt geben kann! Die Form der Schönheit ist damit schon -erreicht, die Prägung, ohne die ich vielleicht gar nicht einwilligen -würde, zu leben ... O Gott!« er erhob die Arme, »vor zehn Jahren habe -ich das in Petersburg genau so von einer Tribüne den Menschen zugerufen, -mit denselben Worten, und ebensowenig haben sie mich damals verstanden, -haben gelacht und gepfiffen wie jetzt ... O ihr kleinen, kleinen -Menschen, was fehlt euch, daß ihr das nicht verstehen könnt? Ja, wißt -ihr denn nicht, wißt ihr denn nicht, daß ohne den Engländer die -Menschheit noch leben kann, auch ohne den Deutschen, ohne den russischen -Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne -Brot, nur ohne die Schönheit, nur ohne Schönheit kann sie nicht leben, -denn da gäbe es überhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt! Hier liegt -das ganze Geheimnis, liegt die ganze Weltgeschichte! Selbst die -Wissenschaft würde ohne die Schönheit nicht einen Augenblick bestehen -- -wißt ihr das auch, ihr Lacher --, alles würde sich in Hamitentum -verwandeln, nichts mehr würdet ihr erfinden, nicht einmal einen Nagel! -... Dabei bleibe ich!« und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf -den Tisch. - -Viele sprangen von ihren Plätzen, andere drängten sich näher zu der -Tribüne. Alles das geschah schneller, als sich's beschreiben läßt, und -erst recht schneller, als daß man Vorsichtsmaßregeln hätte treffen -können -- wenn man überhaupt welche hätte treffen wollen! - -»Ihr habt es gut, ihr Verwöhnten an euren vollen Tischen!« brüllte schon -unmittelbar vor der Tribüne der Seminarist und fletschte Stepan -Trophimowitsch höhnisch an. - -Der bemerkte es und trat sofort bis an den äußersten Rand: - -»Habe nicht ich, nicht ich soeben noch gesagt, daß der Enthusiasmus -unserer jungen Generation ebenso rein und licht ist wie früher, und daß -sie nur deshalb ins Verderben geht, weil sie sich in den Formen des -Schönen täuscht? Ist euch das zu wenig? Und wenn ihr bedenkt, daß ein -gebeugter und beleidigter Vater zu euch spricht, ist es dann, -- o ihr -kleinen Menschen! ... Kann man denn überhaupt noch leidenschaftsloser -und klarer schauend über den Ansichten stehen? Undankbare, ungerechte -Menschen ... warum wollt ihr nicht Frieden schließen ...« - -Und plötzlich brach er in hysterisches Schluchzen aus. Er wischte sich -mit den Fingern die Tränen ab. Die Brust und die Schultern zitterten vor -Schluchzen -- er vergaß alles um sich her. - -Eine wirkliche Panik ergriff das Publikum, fast alle erhoben sich von -ihren Plätzen. Auch Julija Michailowna erhob sich schnell und zog ihren -Mann von seinem Stuhle in die Höhe. - -»Stepan Trophimowitsch!« brüllte triumphierend der Seminarist. »Hier in -der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt ein entsprungener -Zuchthäusler herum, Fedjka mit Namen. Er stiehlt überall und vor nicht -langer Zeit hat er einen neuen Mord verübt. Gestatten Sie die Frage: -wenn Sie ihn vor fünfzehn Jahren nicht zur Begleichung einer -Kartenschuld als Rekruten verkauft hätten, wäre er dann auch nach -Sibirien gekommen? Hätte er dann auch Menschen ermordet im Kampfe ums -Dasein? Was sagen Sie dazu, Herr Ästhetiker?« - -Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu beschreiben. Zunächst -ertönte ein rasender Applaus. Es applaudierten natürlich nicht alle, -vielleicht nur der fünfte Teil des Saales, aber der applaudierte dafür -auch wie wahnsinnig. Der Rest des Publikums strömte zum Ausgang, der -applaudierende Teil dagegen zur Tribüne hin, und so entstand ein -allgemeines Gewühl. Damen schrien auf. Junge Mädchen weinten und wollten -nach Hause. Lembke stand noch immer an seinem Platz und sah drohend um -sich. Julija Michailowna verlor zum erstenmal in ihrem Leben völlig den -Kopf. Stepan Trophimowitsch schien von den Worten des Seminaristen -zuerst völlig zerschmettert zu sein, doch plötzlich erhob er beide Hände -und rief: - -»Ich schüttle den Staub von meinen Füßen und verfluche ... Das ist das -Ende ... das Ende ...« - -Und sich umkehrend lief er, gestikulierend und noch mit den Händen -drohend, hinter die Kulissen. - -»Er hat die Gesellschaft beleidigt! ... Er schmäht uns! Werchowenski!« -schrie man. - -Und schon wollte man hinter ihm her stürzen, was in diesem Augenblick -schwer zu verhindern gewesen wäre, -- aber siehe da! nun sollte noch die -letzte Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung einschlagen! Der -dritte Redner, jener Maniak, der hinter den Kulissen hin und her -geschritten war und in einem fort die Faust hochgehoben hatte, erschien -plötzlich auf der Tribüne. - -Er hatte entschieden das Aussehen eines Verrückten. Mit breitem, -triumphierendem Lächeln, voll unermeßlichen Selbstvertrauens übersah er -die aufgeregte Menge, und es schien ihn nicht im geringsten zu -verwirren, daß er vor solchem Publikum reden sollte, vielmehr schien er -an der Unordnung sogar seine Freude zu haben, und zwar so -augenscheinlich, daß gerade das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn -lenkte. - -»Wer ist denn das?« hörte man fragen. »Was will denn der noch? Still! -Pst! Was?« - -»Meine Herren!« begann dieser Mensch, ganz am äußersten Rande der -Tribüne stehend, schreiend laut und fast mit einer ebenso -kreischend-weibischen Stimme, wie Karmasinoff sie hatte, nur lauter und -ohne das aristokratische Lispeln. - -»Meine Herren! Vor zwanzig Jahren, am Vorabend unseres Krieges mit dem -halben Europa, war Rußland das Ideal aller Staats- und Geheimräte! Die -Literatur stand im Dienst der Zensur! An den Universitäten lehrte man -exerzieren! Das Heer wurde zum Ballett! Das Volk aber bezahlte stier und -stumm Abgaben, schwieg und schmachtete unter der Knute der -Leibeigenschaft! Patriotismus wurde zum Geschäft: man erpreßte von -Lebenden und von Toten! Die nicht Schmiergelder nahmen, galten für -revolutionär, denn sie störten die Harmonie! Die Birkenwälder wurden -rasiert als Hilfe zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung. Europa zitterte. -Doch in Rußland hatte es in dem ganzen sinnlosen Jahrtausend seiner -Existenz noch niemals elender ausgesehen! Rußland war nur noch eine -einzige Schmach und weiter nichts!« Und mit einer wüsten Bewegung erhob -er die Faust, schüttelte sie drohend über seinem Haupte und ließ sie -dann ingrimmig niedersausen, als wollte er mit einem einzigen Schlage -einen unsichtbaren Gegner zerschmettern. - -Ein unbändiges Gebrüll erhob sich von allen Seiten. Ohrenbetäubendes -Klatschen und Trampeln erschütterte den Saal. Es applaudierte schon -beinahe die Hälfte der Anwesenden. Die Harmlosesten wurden mitgerissen: -Rußland wurde öffentlich geschmäht, entehrt, vor dem ganzen Publikum -heruntergerissen -- wie sollte man da nicht brüllen vor Entzücken? - -»Das ist's! ... Der weiß es! ... Der hat recht! Hurra ... Das ist besser -als Ästhetik! ... Hurra!« - -Triumphierend fuhr der Maniak in seiner Rede fort: »Seit der Zeit sind -zwanzig Jahre vergangen! Die Universitäten haben sich vermehrt! Das -Exerzieren in den Hörsälen ist zur Legende geworden! An Offizieren im -Heer fehlt's jetzt zu Tausenden! Die Eisenbahnen haben alles Kapital -verschlungen und Rußland wie mit einem Spinngewebe überzogen, so daß man -in zehn bis fünfzehn Jahren vielleicht auch wirklich wird reisen können. -Die Brücken brennen nur selten, aber die Städte dafür um so häufiger. -Auf den Gerichten werden salomonische Urteile gefällt, doch die -Geschworenen nehmen Schweigegelder an, um nicht Hungers zu sterben! Die -befreiten Leibeigenen peitschen sich jetzt gegenseitig, an Stelle der -Gutsbesitzer, die es früher taten! Ozeane von Schnaps trinkt man aus, -damit das Budget zustande kommt! Und in Nowgorod hat man vor der alten -und unnützen Sophienkirche eine kolossale Kugel aufgestellt und -feierlich enthüllt, als Denkmal der tausendjährigen Unordnung und -Sinnlosigkeit, die wir jetzt glücklich hinter uns haben! Europa aber -ärgert sich und fühlt sich von neuem beunruhigt ... Fünfzehn Jahre der -Reformen! Indessen ist Rußland noch niemals, nicht einmal in den -groteskesten Zeiten seines ganzen unsinnigen Bestehens, zu solch einer -...« - -Seine letzten Worte wurden schon vom Gebrüll der Menge verschlungen. Man -sah nur noch, wie er wieder die Faust erhob und sie dann wieder -niedersausen ließ. Der Jubel überstieg bereits alle Grenzen. Man schrie, -man heulte, man klatschte unbändig in die Hände. Sogar einzelne Damen -riefen: »Genug! Besseres können Sie nicht mehr sagen!« Man war wie -betrunken. Oben auf der Tribüne aber stand der Redner, überschaute alle -und schmolz gleichsam in seinem Triumphgefühl. - -Ich sah nur noch, wie Lembke in unaussprechlicher Aufregung -irgendjemandem irgendetwas befahl. Neben ihm stand Julija Michailowna -kreideweiß. Der junge Fürst näherte sich ihnen schnell. Sie flüsterte -ihm etwas zu. Doch in diesem Moment sah ich schon mehrere Herren auf der -Tribüne, meist offizielle Persönlichkeiten, die sich blitzschnell auf -den Redner warfen und ihn hinter die Kulissen schleppten. Irgendwie -gelang es aber diesem doch noch, sich loszureißen, und im Augenblick -stand er wieder auf der Tribüne, um, mit erhobener Faust, gerade noch -schreien zu können: - -»Aber noch nie ist Rußland zu solch einer ...« - -Doch schon hatte man ihn wieder gepackt, überwältigt und schleppte ihn -weg. Sogleich stürmte ein ganzer Haufe von etwa fünfzehn Mann hinter die -Kulissen, um ihn zu befreien, stürmte seitlich an der Tribüne vorüber, -riß eine Barriere um ... - -Ich sah nur noch, daß plötzlich -- ich traute meinen Augen nicht -- die -Studentin (Wirginskis Schwester) auf der Tribüne stand. Sie hielt -dieselbe Papierrolle in der Hand, war ebenso angezogen, ebenso rundlich, -doch hinter ihr standen noch zwei oder drei Gesinnungsgenossinnen und -zwei oder drei Genossen, unter diesen auch ihr Todfeind, der Gymnasiast. -Ich vernahm sogar noch ihre ersten Worte: - -»Ich bin gekommen, um Ihnen von den Leiden der unglücklichen Studenten -zu erzählen und alle zu einem Protest aufzurufen!« ... - -Doch da lief ich schon hinaus. Mein Festordnerband steckte ich in die -Tasche, durch eine Hintertür gelangte ich auf die Straße. Mein erster -Weg war natürlich zu Stepan Trophimowitsch. - - - - - Siebzehntes Kapitel. - Das Ende des Festes - - - I. - -Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen -und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch -die verschlossene Tür: - -»Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von -mir verlangen?« - -»Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre -dazu beigetragen, daß alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan -Trophimowitsch, machen Sie die Tür auf, man muß Vorkehrungen treffen. -Die Bande kann schließlich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen -...« - -Ich hielt mich für berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem -fürchtete ich, daß er irgendeine Torheit begehen könnte. Aber zu meinem -Erstaunen stieß ich bei ihm auf feste Entschlossenheit. - -»Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen -für alles Gewesene, aber ich muß Ihnen wiederholen, daß ich mit allem -abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bösen. Ich schreibe -soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis -jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn -Sie so freundlich sein wollen. Heute aber -- >_Merci_<.« - -»Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, daß die Sache ernster ist, -als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, daß Sie dort jemanden -zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas!« -(Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche -Erinnerung!) »An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu -schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen -Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine -besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher -werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen -...« - -Er stand auf und kam zur Tür. - -»Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben -Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. _Dieu vous pardonne, mon -ami, et Dieu vous garde._{[179]} Aber ich habe in Ihnen immer einen -gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, daß Sie noch -zur Besinnung kommen werden -- _après le temps_{[180]} natürlich, wie -wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung über meine -Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so möchte ich Sie an einen alten -Gedanken von mir erinnern: daß bei uns in Rußland unzählige Menschen -sich nur damit beschäftigen, mit größtem Wuteifer und mit einer -Unermüdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, über alle anderen -herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen. -Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei >unpraktisch<, nur sich -selbst machen sie ihn nie. _Cher_, bedenken Sie, daß ich erregt bin, und -quälen Sie mich nicht. Noch einmal Dank für alles und scheiden wir -voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum -- das heißt, vergessen wir -uns gegenseitig so großmütig wie möglich. Das war von ihm übrigens nur -eine Finte, daß er seine alten Leser so inständig bat, ihn zu vergessen. -_Quant à moi_,{[181]} so bin ich nicht so selbstsüchtig und verlasse -mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten -Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund, ->leben Sie mehr<, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage -wünschte (_ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et -pleins de philosophie_{[182]}). Nicht zu viel Glück wünsche ich Ihnen, -das würde langweilig werden. Aber ich wünsche Ihnen auch kein Unglück, -sondern sage nur wie der Volksmund: >Leben Sie mehr<! Und versuchen Sie -irgendwie, sich nicht zu grämen. Diesen überflüssigen Wunsch füge ich -noch von mir aus hinzu. Und nun leben Sie wohl. Im Ernst gesagt: leben -Sie wohl. -- Bleiben Sie nicht an meiner Tür, ich werde nicht -aufmachen.« - -Er ging auch tatsächlich fort von der Tür und ich konnte nichts weiter -von ihm erfahren. Ungeachtet seines Geständnisses, daß er »erregt« sei, -hatte er langsam, fließend und eindringlich gesprochen. Natürlich war er -mir aus irgendeinem Grunde gram und rächte sich nun auf diese Weise. Vor -allem aber brachten ihn die Tränen, die er am Morgen vor dem Publikum -geweint, wenn er auch vorher einen halben Sieg errungen hatte, in eine -etwas komische Lage, und das fühlte er wohl selbst. Nun war aber gewiß -kein Mensch gerade um die Schönheit und die Strenge der äußeren Formen --- selbst im Verkehr mit seinen Freunden -- so besorgt wie Stepan -Trophimowitsch. Oh, ich mache ihm keinen Vorwurf! Damals aber war es -eben diese Erwägung, daß ein Mensch, der sich trotz aller Erschütterung -in dieser gewissen Pedanterie und diesem Sarkasmus treu blieb, doch wohl -nicht so erschüttert sein konnte, um nun geneigt zu sein, etwas -Tragisches oder Außergewöhnliches zu unternehmen. So dachte ich damals -bei mir, aber, o Gott, wie täuschte ich mich! Ich ließ doch gar zu -vieles außer acht ... - -Hier möchte ich nun, obgleich ich damit den Ereignissen vorgreife, -einige Zeilen aus dem Brief mitteilen, den Darja Pawlowna am anderen -Tage tatsächlich erhielt. - -»_Mon enfant!_{[183]} Meine Hand zittert, aber ich habe mit allem -abgeschlossen. Sie waren nicht zugegen bei meinem letzten Zusammenstoß -mit den Menschen, bei diesem >Vortrag<, und Sie taten recht. Aber man -wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren gänzlich verarmten -Rußland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief, -diesen kleinen Dummköpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heißt: daß -sie dumme Närrchen sind. _Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et -rien de plus, des petits_ Närrchen -- _voilà le mot_!{[184]} Der Würfel -ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich -weiß noch nicht, wohin ich meinen Fuß setzen werde. Alle, die ich -liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes -Geschöpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen -vereinigt hätte, nach dem Willen eines kapriziösen und herrschsüchtigen -Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen, -seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine -kleinmütigen Tränen vergossen habe; Sie, die in mir gewiß nichts anderes -sehen können, als einen lächerlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie -grüße ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens, -Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf -ewig verlassen! -- mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren, -unwissenden, selbstsüchtigen Toren, wie mich Ihnen wohl täglich ein -undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich -- o -Schmerz! -- nicht vergessen kann ...« - -Der Brief war auf einem Bogen großen Formats geschrieben und vier Seiten -lang ... - -... Ich pochte noch dreimal an die Tür, nachdem er mit den Worten, er -werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurückgegangen war. Dann rief ich ihm -zu, daß er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der -Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich -sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna. - - - II. - -Hier sollte ich Zeuge einer empörenden Szene werden: die arme Frau wurde -auf eine geradezu infame Weise betrogen. Ich sah es, aber ich war ja -machtlos. Was hätte ich ihr denn sagen sollen? Ich hatte ja selbst nur -erst unklare Vorgefühle, doch keinen einzigen Beweis für meinen -Verdacht. - -Als ich eintrat, lag sie weinend unter Eau de Cologne-Kompressen und -Eiswasser auf der Chaiselongue. Vor ihr standen Pjotr Stepanowitsch, der -ununterbrochen redete, und der junge Fürst, der ununterbrochen schwieg, -als hätte man ihm mit einem Schlüssel den Mund verschlossen. - -Unter Tränen warf sie Pjotr Stepanowitsch seine »Abtrünnigkeit« vor. -Sonderbar war dabei, daß sie nur ihm allein und seiner Abwesenheit das -Mißlingen und den ganzen Zusammenbruch des Festes zuschrieb. - -An Pjotr Stepanowitsch selber fiel mir eine merkwürdige Veränderung auf: -er war ungewöhnlich ernst und offenbar mit irgendwelchen Gedanken -beschäftigt. Sonst war er ja nie ernst gewesen, sondern hatte immer -gelacht, selbst dann, wenn er sich ärgerte -- und er ärgerte sich oft. -Auch jetzt war er sichtlich geärgert, sprach grob, nachlässig und -rücksichtslos, voll Hast und Ungeduld. Er versicherte, daß er die ganze -Zeit mit Kopfschmerzen und Übelkeit bei Gaganoff gelegen hätte, zu dem -er, wie er sagte, schon am frühen Morgen gegangen wäre: an ein -Erscheinen auf der Matinee sei auch nicht einmal zu denken gewesen. - -Jetzt drehte sich der ganze Streit hauptsächlich darum, ob die andere -Hälfte des Festes, der Ball am Abend, stattfinden sollte oder nicht? - -Julija Michailowna wollte unter keiner Bedingung auf ihm erscheinen -- -oder vielmehr, sie wollte mit aller Gewalt darum gebeten werden, und -zwar gerade von Pjotr Stepanowitsch. Sie hörte noch immer auf ihn wie -auf ein Orakel, und da es durchaus in seinen dunklen Plänen lag, daß der -Ball heute noch stattfand und Julija Michailowna auf ihm erschien, so -bat er denn auch. - -»Warum weinen Sie denn? Sie müssen natürlich wieder eine Szene machen! -Wir aber müssen jetzt zu einem Entschluß kommen. Was am Morgen verdorben -wurde, machen wir am Abend wieder gut! Auch der Fürst ist ganz meiner -Meinung. Tja, wenn der Fürst nicht gewesen wäre, womit würde das wohl -geendet haben!« - -Daß dies auch die Meinung des Fürsten sei, war nun freilich nicht ganz -richtig. Dieser war nämlich zunächst nur dafür, daß der Ball stattfand, -nicht aber dafür, daß Julija Michailowna auf ihm erschien. Schließlich -schien er aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden zu haben. - -Mich setzte nun vor allem die unglaubliche Frechheit Pjotr -Stepanowitschs in Erstaunen. Daß an den gewöhnlichen Klatschgeschichten, -die über die Art seines Verhältnisses zu Julija Michailowna umliefen, -kein wahres Wort war, wußte ich. Er beherrschte diese Frau einfach -dadurch, daß er auf alle ihre gesellschaftlichen Träume und ehrgeizigen -Pläne, auf ihre Absicht, im Gouvernement eine besondere Rolle zu spielen -und selbst den Petersburgern zu imponieren, in geschickter Weise einging -und ihr mit den gröbsten Schmeicheleien um den Mund redete. Aber -erstaunlich war es doch, wie rasch er sich jetzt wieder bei ihr in Gunst -zu setzen wußte. - -Als sie mich eintreten sah, rief sie mit blitzenden Augen: - -»Da! fragen Sie ihn, er ist die ganze Zeit nicht von mir gewichen, ganz -wie der Fürst! Und Sie, -- erklären Sie ihm doch bitte, daß dieser ganze -Skandal nichts als eine Verschwörung gegen mich und Andrei Antonowitsch -war! Oh, die hatten sich alle verschworen! Sie hatten einen gemeinsamen -Plan! Es war alles im voraus darauf abgesehen!« ... - -»Sie irren sich, wie immer! Stets ein Poem im Kopf! Ich bin übrigens -froh, den Herrn ...« er tat, als habe er meinen Namen vergessen ... »er -wird uns seine Meinung sagen.« - -»Ich bin ganz der Ansicht Julija Michailownas,« beeilte ich mich zu -erklären. »Daß eine Verabredung vorlag, das sah man doch nur zu -deutlich. Ich bringe Ihnen im übrigen hier meine Bänder, Julija -Michailowna. Ob der Ball zustande kommt oder nicht, das ist natürlich -nicht meine Sache. Doch meine Rolle als Anordner ist zu Ende. -Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht gegen meine Überzeugung handeln -und -- gegen allen gesunden Menschenverstand.« - -»Hören Sie, hören Sie!« rief sie und schlug die Hände zusammen. - -»Ich höre ja schon ... Aber was ich noch sagen wollte,« wandte sich -Pjotr Stepanowitsch zu mir, »ich bin jetzt überzeugt, daß alle irgend -etwas gegessen haben müssen, wovon sie krank geworden sind. Meiner -Meinung nach ist nichts geschehen, nichts, was nicht auch früher schon -bei solchen Festen fast immer geschehen ist. Was für eine Verabredung -sollte denn das gewesen sein? Es sind da ein paar scheußliche Dummheiten -passiert, aber was hat das mit einer Verschwörung zu tun? Das war nicht -gegen Julija Michailowna persönlich, sondern höchstens gegen ihre -Günstlinge und Schützlinge gerichtet! Julija Michailowna! Was habe ich -Ihnen den ganzen Monat ununterbrochen vorgehalten? Wovor habe ich Sie -gewarnt? Nun, sagen Sie mir doch: wozu, wozu brauchten Sie dieses ganze -Volk da? -- Wozu mit solch einem Pack sich abgeben? Warum und wozu war -das nötig?« - -»Wann haben Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie begünstigten das, Sie -verlangten sogar ... Sie selbst haben mir allerhand sonderbare Menschen -zugeführt!« - -»Im Gegenteil, ich habe mich mit Ihnen wegen dieser Leute -herumgestritten, aber nicht sie begünstigt und eingeführt! Jetzt soll -ich es gewesen sein, der dieses Pack hier eingeführt hat, womöglich noch -in letzter Zeit, als sie schon zu Dutzenden herbeiströmten, um diese ->literarische Quadrille< mitzumachen! Ich könnte wetten, daß es gerade -diese Mimen gewesen sind, die alles mögliche Volk ohne Billetts -eingeführt haben.« - -»Das dürfte stimmen!« bemerkte ich. - -»Sehen Sie, schon müssen Sie mir recht geben. Und erinnern Sie sich doch -nur, welch ein Ton hier in der letzten Zeit eingerissen war! Das war ja -schon die richtige Gemeinheit, das war ja ein Skandal und Lärm, daß -einem die Ohren davon weh taten! Und wer begünstigte das? Wer deckte das -alles mit seiner Autorität? Wer hat hier alle irre gemacht? Wer hat hier -alle Spießer erbittert? Sind doch in Ihrem Album alle hiesigen -Familiengeheimnisse karikiert! Und haben nicht Sie, gerade Sie alle -unsere Stegreifdichter und Karikaturisten verwöhnt, haben Sie sich nicht -sogar von einem Lämschin die Hand küssen lassen? Und hat nicht in Ihrer -Gegenwart der Seminarist einen Staatsrat beschimpfen dürfen und der -Tochter des Staatsrats mit seinen Schmierstiefeln das Kleid abgetreten? -Warum wundern Sie sich nun noch, daß das Publikum Ihnen jetzt nicht -gerade freundlich gesinnt ist?« - -»Aber das haben doch alles Sie selbst ... O Gott!« - -»Ich? ich habe Sie immer nur gewarnt! Worüber hätten wir uns denn sonst -die ganze Zeit gestritten?« - -»Aber Sie lügen mir ja ins Gesicht!« - -»Nun ja, das kostet Ihnen ja weiter nichts, so was zu sagen. Sie haben -jetzt ein Opfer nötig, an dem Sie Ihren Ärger auslassen können -- da -komme ich Ihnen gerade recht. Ich werde mich lieber an Sie wenden, Herr -...« Er konnte sich offenbar noch immer nicht auf meinen Namen besinnen. -»Zählen wir's doch an den Fingern ab: ich behaupte, daß außer der -Liputingeschichte keine einzige Verabredung sich nachweisen läßt, -kei--ne ein--zige! Das werde ich Ihnen sogleich beweisen; aber nehmen -wir zuerst Liputin. Er trat mit dem Gedicht des Dummkopfs Lebädkin auf --- schön! oder vielmehr, das war nicht schön. Aber was soll denn das für -eine >Verschwörung< sein? Er kam sich einfach geistreich vor! Im Ernst: -geistreich! Er wollte einen Witz machen, uns unterhalten, erheitern, -- -verlassen Sie sich darauf! ... und nicht nur uns, sondern vor allen -anderen die Protektrice Julija Michailowna erheitern! Und das ist alles! -Sie glaubens nicht? Aber war denn das nicht ein Witz in genau demselben -Tone, wie er hier schon den ganzen letzten Monat herrschte? Und wenn Sie -wollen, daß ich alles sage: bei Gott, unter anderen Umständen wäre er -vielleicht auch glatt durchgegangen! Der Scherz war meinethalben roh, -na, sagen wir, war vielleicht ein starkes Stück, aber an sich doch -schließlich witzig.« - -»Wie! Sie halten diese elende Handlungsweise Liputins auch noch für -geistreich?« fragte Julija Michailowna empört, »eine solche Dummheit, -eine solche Taktlosigkeit, eine solche Niederträchtigkeit und -Gemeinheit, dieser Anschlag! Ja, dann gibt es keine andere Erklärung: -dann sind Sie selbst mit jenen im Bunde!« - -»Na, natürlich doch! Ich saß ja hinter den Kulissen, habe von dort aus -die ganze Maschine dirigiert. -- Wenn ich hinter einer Verschwörung -gesteckt hätte, dann, glauben Sie mir, dann wäre das nicht bei Liputin -allein geblieben! Folglich steckte ich wohl auch, Ihrer Meinung nach, -hinter meinem Papachen? damit er absichtlich einen solchen Skandal -heraufbeschwört? Ja, sagen Sie doch: wer ist nun _daran_ schuld, daß man -auch Papachen zum Lesen aufforderte? Wer hat Ihnen noch gestern davon -abgeraten, noch gestern, gestern!!« - -»_Oh, hier il avait tant d'esprit_,{[185]} und ich rechnete so auf ihn! -Und dann, er hat doch Manieren! Ich dachte: er und Karmasinoff ... und -nun statt dessen!« ... - -»Tja, und nun statt dessen! Aber ungeachtet des _tant d'esprit_, hat -Papachen alles verpfuscht. Doch da ich das voraussah, so hätte ich, als -Mitglied der überzeugend nachweisbaren Verschwörung gegen Ihr Fest, -Ihnen doch wohl nicht abgeraten, diesen Ziegenbock zum Gärtner zu -machen? Ist's nicht so? Indessen habe ich Ihnen tatsächlich abgeraten, -habe noch gestern abgeraten, und zwar, weil ich schon so 'ne Vorahnung -hatte, wie das enden würde. Natürlich habe ich nicht alle Details -vorausgesehen, das wäre ja auch gar nicht möglich gewesen: er hat doch -sicher selber nicht gewußt, womit er im nächsten Augenblick -herausplatzen wird. So 'n nervöser Alter ist doch überhaupt kein Mensch -mehr! Aber man kann da noch manches retten: schicken Sie gleich morgen, -zur Genugtuung des Publikums, zwei Ärzte zu ihm, die sich nach seinem -Gesundheitszustande erkundigen, oder schon heute, und dann so -- na, auf -administrativem Wege in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm. Wenigstens -würden dann alle lachen und einsehen, daß man keine Ursache hat, sich -gekränkt zu fühlen. Ich kann ja noch heute auf dem Ball unter der Hand -ein paar diesbezügliche Erklärungen abgeben, da ich ja der Sohn bin. -Eine andere Sache ist es mit Karmasinoff, der hat sich schön als grüner -Esel entpuppt und seinen Gallimathias eine ganze Stunde lang geleiert, --- na, mit dem steckte ich Ihrer Ansicht nach doch zweifellos unter -einer Decke! Den habe ich wohl ausdrücklich gebeten, mitzutun, um Julija -Michailowna zu schaden!« - -»Oh, Karmasinoff, _quelle honte_!{[186]} Ich verging, ich verging vor -Schande für unser Publikum!« - -»Na, ich wäre nicht vergangen, sondern hätte lieber ihm das Gehen -beigebracht. Das Publikum war durchaus im Recht. Aber wer ist nun in -diesem Fall wieder der Schuldige? Habe etwa ich Ihnen auch diesen -aufgebunden? Habe ich bei seiner Vergötterung mitgeholfen? Doch, zum -Teufel mit ihm! Aber der dritte, der Maniak, der Politiker! Das war -schon eine andere Nummer! An dem haben sich schon alle versehen, aber -nicht ich allein etwa!« - -»Ach, reden Sie nicht davon, das ist schrecklich, schrecklich! Daran bin -ich, ich allein schuld!« - -»Tja, freilich, aber nun muß ich Sie doch verteidigen. So etwas kann -niemand voraussehen, -- und wer, zum Teufel, kennt sich denn heute unter -diesen >Aufrichtigen< überhaupt noch aus? Vor so einem ist man selbst in -Petersburg nicht sicher. Er war Ihnen doch empfohlen! und wie noch! -Sehen Sie nun nicht ein, daß Sie sogar verpflichtet sind, auf dem Ball -zu erscheinen? Man weiß doch, daß Sie es waren, die ihn auf die Tribüne -brachte: darum müssen Sie nun öffentlich zu erkennen geben, daß Sie sich -mit ihm nicht solidarisch fühlen, daß der Kerl schon in den Händen der -Polizei ist und daß man Sie auf unerklärliche Weise betrogen hat. Sie -müssen es mit Unwillen kundgeben, daß Sie das Opfer eines Verrückten -gewesen sind. Denn daß der Kerl ein Verrückter ist, sieht doch ein -jeder! Ich kann diese Beißenden nicht ausstehen. Freilich rede ich -selber manchmal noch schärfer, aber ich tu's doch nicht von der Tribüne -aus! Und da reden noch die Leute wie absichtlich gerade jetzt von dem -Senator!« - -»Von was für einem Senator? Wer redet ...?« - -»Tja, was weiß ich! Aber wie, haben Sie denn nichts von einem Senator -gehört?« - -»Einem Senator? Nein!« - -»Ja, sehen Sie, man erzählt sich, daß irgendein Senator hierher -geschickt werde, und daß man Sie von Petersburg aus absetzen will. Ich -habe es von vielen gehört.« - -»Ich allerdings auch!« bestätigte ich. - -»Wer hat das gesagt?« fuhr Julija Michailowna auf und das Blut schoß ihr -ins Gesicht. - -»Wer das zuerst gesagt hat? ... Wie soll ich das wissen. Die ganze Stadt -redet so. Besonders gestern sprach man davon. Alle tun so ernst dabei, -obgleich man gar nicht recht klug daraus werden kann. Natürlich -- die -bißchen Klügeren und Kompetenteren, die reden ja nicht davon, aber auch -von diesen hören manche aufmerksam zu.« - -»Welch eine Niederträchtigkeit! Und ... welch eine Dummheit!« - -»Na, wie gesagt, und schon deshalb müssen Sie erscheinen, um diesen -Dummköpfen ...« - -»Ich sehe ein, ja, ich fühle es jetzt selbst, daß ich verpflichtet bin -... aber wie, wenn mich eine neue Schande erwartet? Und wenn der Ball am -Ende gar nicht zustande kommt? Keiner wird kommen, keiner, keiner! Sie -werden sehen!« - -»Ach, da sollte man die Menschen nicht kennen! Wo blieben denn da die -Toiletten? Sie als Frau sollten sich das doch selbst sagen! Sonderbare -Menschenkenntnis!« - -»Die Adelsmarschallin wird bestimmt nicht erscheinen!« - -»Zum ... was ist da denn nun eigentlich passiert! Warum soll sie denn -nicht erscheinen?« rief er plötzlich ganz wütend vor Ungeduld. - -»Die Schmach, die Blamage! Ich weiß nicht, was passiert ist, ich weiß -nur, daß es mir nach alledem unmöglich ist, hinzugehen!« - -»So! Warum denn nicht? Ja, woran sind Sie denn eigentlich schuld? Ist -denn nicht das Publikum an allem schuld? Wo waren denn die -Stadtältesten, die Familienväter? -- deren Pflicht wäre es doch gewesen, -die Taugenichtse zurückzuhalten. In keiner Gesellschaft und überhaupt -nirgendwo kann die Polizei allein für alles einstehen. Bei uns verlangt -aber jeder, der eintritt, daß hinter ihm ein Polizist stehe und ihn -beschütze. Niemand begreift hier, daß jede Gesellschaft sich selbst -beschützen muß. Aber was machen bei uns die Herren Honoratioren samt -Frauen und Töchtern in solchen Fällen? Sie schweigen und blähen sich! -spielen die Gekränkten! Nicht einmal diese Bengel von Störenfrieden im -Zaum zu halten verstehen sie, selbst dazu reicht ihr gesellschaftlicher -Instinkt nicht aus!« - -»Ach, das ist ja nur zu wahr! Sie schweigen, blähen sich und ... sehen -sich um.« - -»Und wenn das wahr ist, so muß man das auch so sagen, daß alle es hören, -furchtlos und streng! Sie müssen auf dem Ball erscheinen, und in den -Zeitungen muß es stehen, daß Sie erschienen sind! Ich werde die Sache -selbst in die Hand nehmen und Ihnen alles arrangieren. Wir bringen den -Bericht in die Petersburger >Stimme< und in die >Börsennachrichten<. -Versteht sich: mehr Aufmerksamkeit, das Büfett strenger beaufsichtigen, -den Fürsten bitten, den Herrn da bitten! Und dann müssen Sie erscheinen, -offen vor aller Welt, am Arme Andrei Antonowitschs. Wie geht es ihm -übrigens?« - -»Oh, wie ungerecht, wie falsch, wie beleidigend haben Sie immer über -diesen engelsguten Menschen geurteilt!« rief Julija Michailowna -plötzlich, mit ganz überraschender Glut, fast unter Tränen aus und -drückte ihr Taschentuch an die Augen. - -Diese Wendung kam für Pjotr Stepanowitsch so unerwartet, daß er im -Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte. - -»Aber ich bitte Sie, ich ... ja, was denn! ... ich habe doch immer ...« - -»Niemals, niemals, niemals haben Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren -lassen!« - -»Eine Frau kann man doch nie auskennen!« brummte Pjotr Stepanowitsch mit -einem eigentümlichen Spottlächeln. - -»Das ist der gerechteste, der feinfühlendste Mensch! Der beste, der -gütigste von allen!« - -»Aber ... ich bitte Sie, ich ... wieso, ich habe doch immer -- -namentlich in betreff der Güte ... habe ich ihm immer ...« - -»Nein, niemals! Aber lassen wir das. Ich bin schlecht für ihn -eingetreten. Und vorhin hat diese Jesuitin, die Adelsmarschallin, auch -einige sarkastische Bemerkungen wegen gestern fallen lassen.« - -»Oh, der ist es jetzt nicht mehr ums Gestrige zu tun, die hat von heute -genug! Aber machte es Ihnen denn wirklich etwas aus, wenn sie nicht auf -den Ball käme? Denn natürlich wird sie nicht kommen, nachdem sie selbst -in einen solchen Skandal verwickelt worden ist! Möglich, daß sie nicht -schuld ist, aber die Reputation ist doch hin: schmutzige Hände!« - -»Was heißt das? ... ich verstehe nicht, -- warum schmutzige Hände?« -Julija Michailowna sah ihn verständnislos an. - -»Das heißt, ich will ja nichts behaupten, aber die ganze Stadt läutet es -schon aus, daß sie die Geschichte begünstigt habe.« - -»Was? Aber was denn begünstigt?« - -»Ja, wissen Sie es denn noch nicht?« rief er mit vorzüglich gespieltem -Erstaunen. »Stawrogin und Lisaweta Nicolajewna!« ... - -»Wie? Was?« riefen wir alle. - -»Ja, wissen Sie denn wirklich noch nichts? Na, hören Sie mal! Aber es -haben sich doch soeben Tragiromane abgespielt! -- Es hat Lisaweta -Nicolajewna gefallen, sich unmittelbar aus der Equipage der -Adelsmarschallin in die Equipage Stawrogins hinüberzusetzen und >mit -diesem letzteren< nach Skworeschniki zu entschlüpfen, mitten am -hellichten Tage. Erst vor einer Stunde, noch nicht einmal einer Stunde.« - -Wir erstarrten. Natürlich stürzten wir uns dann ins Ausfragen, doch -wunderlicherweise konnte er, obschon er selbst »zufällig« Augenzeuge -gewesen sein wollte, von den näheren Umständen nichts Genaues erzählen. -Geschehen war es angeblich folgendermaßen: Als die Adelsmarschallin nach -der Matinee Lisa und Mawrikij Nicolajewitsch in ihrer Equipage -heimbrachte und der Wagen vor dem Hause von Lisas Mutter (deren Füße -immer noch krank waren) hielt, da wartete nicht weit, ungefähr -fünfundzwanzig Schritt von der Vorfahrt, etwas abseits, eine andere -Equipage. Und kaum war Lisa vor der Treppe ausgestiegen, -- da sei sie -sofort zu jener Equipage geeilt; der Schlag habe sich geöffnet, sei -zugeklappt; Lisa habe Mawrikij Nicolajewitsch nur noch zugerufen: -»Schonen Sie mich!« -- und die Equipage sei in voller Karriere -davongefahren nach Skworeschniki. Auf unsere hastigen Fragen: War das -eine Verabredung? Wer saß in jener Equipage? -- antwortete Pjotr -Stepanowitsch, er wisse nichts; zweifellos sei das abgekartet gewesen, -doch Stawrogin habe er in der Equipage nicht gesehen; vielleicht saß nur -der Kammerdiener im Wagen, der alte Alexei Jegorytsch. Auf die Frage: -»Wie kam es denn, daß gerade Sie zugegen waren? Und woher wissen Sie, -daß die Equipage nach Skworeschniki gefahren ist?« -- antwortete er, daß -er zugegen gewesen sei, weil er gerade vorüberging, und als er da Lisa -erblickte, sei er sogar zu jener Equipage geeilt (und dennoch wollte er -nicht gesehen haben, wer in der Equipage saß, ein so neugieriger Mensch -wie er!), Mawrikij Nicolajewitsch aber sei ihr nicht nur nicht -nachgejagt mit dem anderen Gefährt, sondern habe nicht einmal versucht, -Lisa zurückzuhalten, ja er habe noch mit beiden Händen die -Adelsmarschallin zurückgehalten, die mit lauter Stimme geschrien habe: -»Sie fährt zu Stawrogin! zu Stawrogin!« Da aber riß mir die Geduld und -ich schrie, toll vor Wut, Pjotr Stepanowitsch ins Gesicht: - -»Das hast du, Schurke, alles veranstaltet! Nur dazu hast du auch den -ganzen Vormittag gebraucht! Du hast Stawrogin geholfen, du hast die -Equipage hingebracht, du hast sie aufgenommen, den Schlag geöffnet und -zugeklappt ... du, du, du! ... Julija Michailowna, das ist Ihr Feind, er -wird auch Sie ins Verderben bringen! Nehmen Sie sich in acht vor ihm!« - -Und ich stürzte Hals über Kopf hinaus. - -Noch heute begreife ich nicht und wundere mich, wie ich ihm das damals -so zuschreien konnte. Aber ich hatte den Zusammenhang erraten: es war -fast alles tatsächlich so geschehen, wie ich es ihm dort ins Gesicht -schrie, doch das stellte sich erst später heraus. Das Entscheidende war -wohl die gar zu offenkundige Unnatürlichkeit der Art, wie er die -Nachricht mitteilte. Er hatte sie nicht sofort erzählt, als erste und -außergewöhnliche Neuigkeit, sondern hatte getan, als wüßten wir sie -bereits, als hätten wir sie schon von anderen hören können, -- was doch -in dieser kurzen Zeit ganz unmöglich war. Und selbst wenn uns diese -Kunde schon zu Ohren gekommen wäre, so hätten wir doch nicht so lange -darüber geschwiegen, bis er davon anfing. Auch konnte er, gleichfalls -wegen der Kürze der Zeit, unmöglich schon gehört haben, daß »die ganze -Stadt« der Adelsmarschallin eine Schuld daran zuschrieb oder sonst etwas -»ausläutete«. Zudem hatte er, als er uns Auskunft gab, etwa zweimal ganz -eigentümlich, gewissermaßen gemein und leichtfertig, gelächelt, -wahrscheinlich in dem Glauben, daß er uns Dummköpfe schon vollkommen -überzeugt habe. Doch jetzt war es mir nicht mehr um ihn und seine -Entlarvung zu tun; da ich ihm die wichtigste Tatsache doch glaubte, lief -ich geradezu außer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe -traf mich mitten ins Herz. Ich hätte weinen mögen vor Schmerz, ja -vielleicht weinte ich auch wirklich. Ich wußte nicht und konnte nicht -überlegen, was jetzt zu tun wäre. So eilte ich denn zunächst zu Stepan -Trophimowitsch, aber der ärgerliche Mensch machte wieder nicht auf. -Nastassja versicherte ehrfurchtsvoll flüsternd, daß er sich schlafen -gelegt habe, doch ich glaubte ihr das nicht. Im Hause Lisas erfuhr ich -einiges von den Dienstboten; sie bestätigten die Flucht, wußten aber -selbst nichts Näheres. Im Hause herrschte große Unruhe; die kranke -gnädige Frau hatte einen Ohnmachtsanfall nach dem anderen und Mawrikij -Nicolajewitsch war bei ihr. Es erschien mir unmöglich, Mawrikij -Nicolajewitsch herausbitten zu lassen. Bezüglich Pjotr Stepanowitschs -sagte man mir auf meine Frage, daß er in den letzten Tagen allerdings -sehr oft ins Haus gekommen sei, manchmal sogar zweimal am Tage. Die -Dienstboten waren traurig und sprachen von Lisa mit einer gewissen ganz -besonderen Ehrerbietung; sie wurde von ihnen geliebt. Daß sie verloren, -rettungslos verloren war, -- daran zweifelte ich nicht, aber die -psychologische Seite der Tat konnte ich entschieden nicht begreifen, -besonders nicht nach der Szene zwischen Lisa und Stawrogin am -vergangenen Tage bei Julija Michailowna. Mich in der Stadt bei -schadenfrohen Bekannten zu erkundigen, unter denen die Nachricht sich -jetzt natürlich schon verbreitet hatte, erschien mir widerlich, ja und -für Lisa auch erniedrigend. Doch sonderbar war, daß ich zu Darja -Pawlowna ging, wo ich übrigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen -Hause wurde seit dem vergangenen Tage niemand empfangen); und ich weiß -auch nicht, was ich ihr hätte sagen mögen und wozu ich dorthin eilte. -Von dort begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatoff hörte mich finster und -schweigend an. Erwähnen muß ich, daß ich ihn in einer so düsteren -Stimmung antraf, wie noch nie zuvor; er war wie ganz in Gedanken -vertieft und hörte mich an, als müßte er sich dazu überwinden. Er sagte -so gut wie nichts und begann in seiner Dachstube auf und ab zu gehen, -aus einer Ecke in die andere, wobei er lauter als sonst mit den Stiefeln -auftrat. Als ich die Treppe bereits hinuntergegangen war, rief er mir -plötzlich nach, ich solle doch zu Liputin gehen: »Dort werden Sie alles -erfahren.« Zu Liputin ging ich nicht, doch, nachdem ich schon weit -gegangen war, kehrte ich wieder um und ging zu Schatoff zurück, und -nachdem ich die Tür halb aufgemacht, fragte ich lakonisch und ohne alle -Erklärungen: ob er nicht heute noch zu Marja Timofejewna gehen könnte? -Als Antwort darauf schimpfte Schatoff und ich ging weg. Ich füge hier -gleich hinzu, um es nicht zu vergessen, daß er noch an demselben Abend -tatsächlich nach jener äußersten Vorstadt zu Marja Timofejewna gegangen -ist, die er seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Er fand sie bei -bester Gesundheit und in heiterer Stimmung, Lebädkin dagegen in schwerer -Betrunkenheit schlafend auf dem Diwan im ersten Zimmer. Schatoff war -dort um neun Uhr abends. Das sagte er mir bereits am folgenden Tage, als -wir uns in der Eile auf der Straße begegneten. Gegen zehn Uhr abends -aber entschloß ich mich doch noch, auf den Ball zu gehen, freilich nicht -mehr als »Festordner« (mein Band war ja auch bei Julija Michailowna -geblieben), sondern nur aus quälender Neugier: ich wollte hören (ohne zu -fragen), wie man im allgemeinen über alle diese Vorfälle sprach. Und -dann wollte ich auch Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von ferne. -Ich machte mir Vorwürfe und bereute es sehr, daß ich vorhin so von ihr -weggelaufen war. - - - III. - -Diese ganze Nacht mit ihren fast absurden Ereignissen und mit ihrem -entsetzlichen »Ausgang« gegen Morgen kommt mir noch immer wie ein -gräßlicher Traum oder Albdruck vor und ist -- wenigstens für mich -- der -schwerste Teil meiner Chronik. Ich kam zwar etwas spät auf den Ball, -doch immerhin noch rechtzeitig, um sein Ende mitzuerleben, -- so früh -war es ihm bestimmt, sein Ende zu finden. Die Uhr ging schon auf elf, -als ich an der Vorfahrt des Hauses der Adelsmarschallin anlangte. -Derselbe weiße Saal, in dem die literarischen Vorträge stattgefunden -hatten, war bereits, trotz der kurzen Zwischenzeit, ausgeräumt und in -den Haupttanzsaal, wie man annahm, »für die ganze Stadt«, verwandelt -worden. Aber wie schlimm meine Befürchtungen, nach diesem Verlauf der -Matinee, für den Ball auch waren, eine solche Wirklichkeit hatte ich -doch nicht vorausgesehen: von der höheren Gesellschaft hatte sich auch -nicht eine einzige Familie eingefunden; selbst die Beamten von auch nur -einiger Bedeutung fehlten alle; das aber war doch schon ein äußerst -starkes Symptom. Was nun die Damen und jungen Mädchen betrifft, so -erwiesen sich Pjotr Stepanowitschs Berechnungen (jetzt war seine -Hinterlist schon offenkundig) als im höchsten Grade falsch: es waren nur -äußerst wenige erschienen; auf vier Herren kam vielleicht eine Dame, und -was waren das für Damen! »Irgendwelche« Frauen von Oberoffizieren -gewöhnlicher Linienregimenter, von Postbeamten und anderen beamteten -kleinen Leuten, drei Frauen von Ärzten mit ihren Töchtern, zwei bis drei -Gutsbesitzerinnen (von den ärmeren dieses Standes), die sieben Töchter -und die eine Nichte jenes Sekretärs, den ich gelegentlich schon erwähnt -habe, Kaufmannsfrauen ... War das die Gesellschaft, die Julija -Michailowna vorzufinden erwartet hatte? Selbst von den Kaufleuten war -fast die Hälfte fern geblieben. Was nun die Männer anbelangt, so -bildeten sie, trotz der geschlossenen Abwesenheit unserer ganzen -Notabilität, dennoch eine dichte Masse, aber diese Masse machte einen -zweideutigen, Mißtrauen erweckenden Eindruck. Natürlich gab es da auch -ein paar überaus stille und ehrenwerte Offiziere mit ihren Frauen, ein -paar gehorsamste Familienväter, wie z. B. jener selbe Sekretär und Vater -seiner sieben Töchter. Doch alle diese stillen bescheideneren Leute -waren sozusagen nur »in Ermangelung eines anderen Auswegs« gekommen, wie -sich einer dieser Herren buchstäblich ausdrückte. Andererseits aber -hatte sich die Menge der kecken Persönlichkeiten, im Vergleich zum -Vormittage, anscheinend noch vermehrt und desgleichen die Anzahl -solcher, die offenbar ohne Eintrittskarten hereingelassen waren, -- -diesen Verdacht hatten ich und Pjotr Stepanowitsch bereits am -Nachmittage ausgesprochen. Vorläufig saßen sie alle noch im Büfettraum, -und zwar begaben sie sich, wenn sie erschienen, sofort geradenwegs -dorthin, wie zu einem verabredeten Sammelplatz. Wenigstens hatte ich -diesen Eindruck. Das Büfett befand sich ganz am Ende der Zimmerreihe in -einem geräumigen Saal, wo Prochorytsch sich mit sämtlichen Verlockungen -der Klubküche etabliert und eine verführerische Ausstellung aller -Imbisse, Liköre und Getränke aufgebaut hatte. Hier fielen mir Gestalten -auf, die fast in zerrissenen Röcken, wenigstens in höchst zweifelhaften, -gar zu wenig ballmäßigen Anzügen erschienen waren; dazu waren sie -augenscheinlich nur mit größter Mühe und selbstredend nur für kurze Zeit -ernüchtert, Leute, die man Gott weiß wo aufgetrieben hatte, jedenfalls -nicht Einheimische, sondern Hergereiste aus anderen Städten. Es war mir -natürlich bekannt, daß vom Komitee nach Julija Michailownas Idee -beschlossen worden war, den Ball nach durchaus demokratischen -Grundsätzen zu veranstalten, »ohne selbst Kleinbürgern den Zutritt zu -verweigern, falls es geschehen sollte, daß jemand dieses Standes eine -Eintrittskarte erwirbt«. Diese Worte hatte sie in ihrem Komitee dreist -aussprechen können, denn sie durfte überzeugt sein, daß es von den -ausnahmslos bettelarmen Kleinbürgern unserer Stadt auch nicht einem in -den Sinn kommen würde, für drei Rubel eine Eintrittskarte zu lösen. -Nichtsdestoweniger bezweifelte ich, daß man diese finsteren Leute in den -fast zerrissenen Röcken hereinlassen konnte, selbst wenn das Komitee -noch so demokratisch gesinnt war. Aber wer hatte sie denn jetzt -hereingelassen und zu welchem Zweck schließlich? Liputin und Lämschin -waren ihres Amtes als Festordner bereits enthoben (was sie jedoch nicht -hinderte, auf dem Ball anwesend zu sein, zumal sie auch zu den in der -»Quadrille der Literatur« Mitwirkenden gehörten); doch an die Stelle -Liputins war jetzt, zu meiner Verwunderung, jener selbe Seminarist -getreten, der durch seinen Zusammenstoß mit Stepan Trophimowitsch mehr -als alles andere den »Skandal der Matinee« heraufbeschworen hatte, und -Lämschin wurde gar ersetzt durch -- Pjotr Stepanowitsch in eigener -Person. Was konnte man in dem Falle noch erwarten? - -Ich versuchte, von den Gesprächen einiges aufzufangen. Manche Ansichten -überraschten durch ihre Ungereimtheit. So wurde z. B. in einer Gruppe -behauptet, diese ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa sei von Julija -Michailowna arrangiert worden und sie habe von Stawrogin Geld dafür -angenommen. Man nannte sogar die Summe. Man behauptete, daß sogar das -ganze Fest von ihr zu diesem Zweck veranstaltet worden sei; eben deshalb -sei auch die halbe Stadt nicht gekommen, nachdem man erfahren, um was es -sich handelte; Lembke selbst aber sei dadurch so erschüttert worden, daß -diese Erschütterung seinen Verstand »zerrüttet« habe und nun »führe« sie -ihn als Verrückten umher. -- Hierzu gab es viel Gelächter, sowohl -lautes, offenes, wie heiseres, gemeines und lautlos verschlagenes, -hinter dem sich eigene Gedanken bargen. Auch der Ball wurde von allen -fürchterlich kritisiert und auf Julija Michailowna wurde schon ohne jede -Rücksicht geschimpft. Es war das überhaupt ein merkwürdig ungeordnetes, -bruchstückhaftes, betrunkenes und ruheloses Schwatzen, so daß es schwer -hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas Bestimmtes daraus zu -folgern. Doch in demselben Büfettsaal hatten sich auch viele harmlos -lustige Leute niedergelassen, sogar einzelne Damen von der Sorte, die -man mit nichts in Erstaunen setzen oder einschüchtern kann, äußerst -liebenswürdige und lustige Geschöpfe, meist jene erwähnten -Offiziersfrauen mit ihren Männern. Sie hatten sich in Gruppen an -mehreren Tischchen niedergelassen und tranken fröhlich Tee. Der -Büfettsaal wurde zur warmen Herberge nahezu für die Hälfte des -erschienenen Publikums. Und dieses ganze hier versammelte Publikum mußte -doch bald, wenn die Quadrille der Literatur begann, voll Neugier auf -einmal in den Tanzsaal fluten. Es war geradezu unheimlich, sich das auch -nur vorzustellen. - -Inzwischen hatte man im weißen Saale, dank der Mitwirkung des jungen -Fürsten, drei magere Quadrillen zustande gebracht. Die jungen Töchter -tanzten also und die Eltern sahen zu und freuten sich. Doch selbst von -diesen ehrenwerten Familienhäuptern begannen schon viele heimlich zu -überlegen, wie sie sich, nachdem die Töchter ihr Vergnügen gehabt, -zeitiger entfernen könnten, und nicht erst dann, »wenn's anfängt«. Daß -es aber unfehlbar wieder »anfangen« werde, davon waren entschieden alle -überzeugt. - -Julija Michailownas Gemütszustand zu schildern, dazu wäre ich wohl kaum -imstande. Ich habe dort nicht mit ihr gesprochen, obschon ich ziemlich -in ihrer Nähe war. Meinen Gruß erwiderte sie nicht, da sie ihn nicht -bemerkte (sie bemerkte ihn tatsächlich nicht). In ihrem Gesicht lag -etwas Krankhaftes, ihr Blick war hochmütig und voll Verachtung, aber -unstät und erregt. Sie überwand sich mit sichtlicher Qual, -- doch wozu -eigentlich und für wen? Sie hätte unbedingt den Ball verlassen und vor -allen Dingen ihren Gatten heimbringen sollen, sie aber blieb! Dabei -konnte man es schon ihrem Gesicht ansehen, daß die Augen ihr nun -»endlich aufgegangen« waren und daß sie auf nichts mehr hoffte. Sie rief -auch nicht ein einziges Mal Pjotr Stepanowitsch zu sich (der ging ihr -auch, glaube ich, schon selbst aus dem Wege; ich sah ihn im Büfettraum, -er war übertrieben lustig). Aber sie blieb doch auf dem Ball und ließ -ihren Mann nicht auf einen Augenblick von ihrer Seite. Oh, sie hätte -noch vorhin am Nachmittage jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand -mit aufrichtiger Empörung zurückgewiesen. Jetzt aber mußten ihr auch in -der Beziehung die Augen endlich aufgegangen sein. Mir wenigstens war es -schon auf den ersten Blick klar, daß sein Zustand sich im Vergleich zum -Vormittage verschlimmert hatte. Er machte den Eindruck, als sei er sich -überhaupt nicht dessen bewußt, wo er sich befand. Hin und wieder -richtete er seinen Blick plötzlich mit ganz unerwarteter Strenge auf den -einen oder anderen, zweimal z. B. auch auf mich. Einmal begann er zu -sprechen, begann laut und wichtig, sprach aber den Satz nicht zu Ende, -wodurch er einen bescheidenen alten Beamten, der zufällig in seiner Nähe -stand, geradezu erschreckte. Doch selbst dieser Teil des Publikums, das -im weißen Saale anwesend war, selbst diese Bescheidenen und Scheuen -gingen finster und ängstlich Julija Michailowna aus dem Wege, obschon -sie gleichzeitig äußerst sonderbare Blicke auf ihren Gemahl warfen, -Blicke, deren Unverwandtheit und Offenheit mit der sonstigen -Schüchternheit dieser Leute gar zu wenig harmonierte. - -»Sehen Sie, gerade dieser Zug war es, der mich plötzlich durchbohrte, -und ich begann endlich zu erraten, wie es um Andrei Antonowitsch stand,« -sagte Julija Michailowna später einmal zu mir. - -Ja, wieder war sie die Schuldige. Wahrscheinlich hatte sie sich am -Nachmittage, als nach meiner Flucht aus ihrem Hause auf Pjotr -Stepanowitschs Zureden hin beschlossen worden war, daß der Ball -stattfinden und sie auf ihm erscheinen solle, -- wahrscheinlich hatte -sie sich dann wieder in das Kabinett ihres Gatten begeben, zu ihrem -Andrei Antonowitsch, den, wie sie meinte, nur der Skandal der Matinee -»erschüttert« hatte, und dort wird sie wohl wieder alle ihre -Verführungskünste angewandt haben, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Wie -groß mußte demnach ihre Qual jetzt sein! Und dennoch blieb sie auf dem -Ball! War es nun ihr Stolz, der sie trotz aller Pein auf ihrem Platz -auszuharren zwang, oder hatte sie bereits den Kopf verloren -- ich weiß -es nicht. Jedenfalls versuchte sie in geradezu erniedrigender Weise und -mit freundlichem Lächeln (bei ihrem Hochmut!) einzelne Damen in ein -Gespräch zu ziehen, doch die wurden sofort unsicher, antworteten -mißtrauisch und einsilbig mit einem »ja« oder »nein« und gingen ihr -sichtlich aus dem Wege. - -Von den wirklichen Würdenträgern unserer Stadt befand sich auf diesem -Ball nur ein einziger, -- jener selbe wichtige General a. D., von dem -ich schon einmal erzählt habe: der bei der Adelsmarschallin nach dem -Duell zwischen Stawrogin und Gaganoff seiner alten Gewohnheit gemäß -»gerade davon laut zu sprechen anfing, wovon alle nur heimlich zu -flüstern wagten«, und der somit wieder einmal der allgemeinen Spannung -die Tür öffnete. Jetzt spazierte er würdevoll durch alle Säle, -beobachtete und hörte zu und bemühte sich, durch sein Mienenspiel recht -offenkundig zu zeigen, daß er nur so, um die Sitten zu beobachten, mehr -Studien halber, als um eines reinen Vergnügens willen, gekommen sei. Er -endete damit, daß er sich ganz und gar Julija Michailowna zugesellte und -nicht einen Schritt von ihr wich, sichtlich bestrebt, sie zu ermutigen -und zu beruhigen. Gewiß war er ein Mensch von großer Herzensgüte, sehr -vornehm und bereits so alt, daß man von ihm sogar Mitleid hinnehmen -konnte; doch sich gestehen zu müssen, daß dieser alte Schwätzer sie, -Julija Michailowna, zu bemitleiden und fast zu beschützen wagte, indem -er sehr wohl begriff, daß er ihr mit seiner Anwesenheit eine Ehre -erwies, das war doch mehr als ärgerlich. Der General aber hielt -unentwegt Stand und schwatzte ohne aufzuhören. - -»Hm, man sagt, keine Stadt könne bestehen ohne sieben Gerechte ... -sieben, glaub' ich, müssen es sein, entsin--ne mich nicht mehr genau der -vor--schriftsmäßigen Zahl. Ich weiß nicht, wieviele von diesen sieben -... unzwei--felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem -Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der -Anwesenheit derselben, mich nicht außer--halb jeder Gefahr zu empfinden. -_Vous me pardonnerez, charmante dame, n'est-ce pas?_{[187]} Ich spreche -natürlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Büfett, bin aber faktisch -froh, daß ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser -unschätz--barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich -deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. Übrigens, -amüsant. Warte nur noch auf diese >Quadrille der Li--te--ratur<, dann -aber -- ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, muß -mich früh hinlegen. Aber auch Ihnen würde ich raten, >in die Federchen -zu gehen<, wie man _aux enfants_{[188]} zu sagen pflegt ... Bin -eigentlich wegen der jungen Schön--heiten gekommen ... die ich natürlich -nirgendwo in solcher Voll--zähligkeit antreffen könnte, wie hier ... -Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren. -Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jägern ... ist sogar -wirklich nicht übel ... hm, in der Tat ... und das weiß sie auch selbst. -Hab' mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die -Mädel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Außer der -Frische fak--tisch nichts. Übrigens, amüsant. Wenigstens für mich. Es -gibt da Knöspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. Überhaupt ist in -der russischen Schönheit der Frauenantlitze wenig von jener -Regelmäßigkeit vorhanden und ... und ein bißchen läuft sie doch auf -einen Pfannkuchen hinaus ... _Vous me pardonnerez, n'est-ce pas_{[189]} -... übrigens immer bei gleichzeitig schönen Augen ... lachenden Augen. -Diese Knöspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend -be--zau--bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden -sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Männern jenen traurigen -In--dif--ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so -überaus begünstigt ... vorausgesetzt, daß ich diese Frauenfrage richtig -verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht übel; die Räume schön geschmückt. Es -hätte schlechter sein können. Die Musik könnte sogar sehr viel -schlechter sein ... ich sage nicht >sollte<. Ein übler Eindruck, daß -überhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten übergehe ich. Böse -ist, daß dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhüllt -Cancan zu tanzen erlaubt. Ich würde es verzeihen, wenn es von ihm aus -Freude geschähe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf -ist es immer--hin noch zu früh, selbst für einen Apotheker ... Dort im -Büfettsaal begannen zwei sich zu prügeln und wurden nicht -hinausbefördert. Um elf aber müssen Raufbolde noch hinausbefördert -werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ... -ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann muß man der öffentlichen -Meinung schon eine Konzession machen, -- vorausgesetzt, daß dieser Ball -die dritte Morgenstunde überhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat -doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm! -Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. _Pauvre mère!_{[190]} -Und die arme Lisa, -- Sie haben doch schon gehört? Man sagt, eine -geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der -Arena ... Hm! Ich müßte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von -selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese >Quadrille der -Li--te--ratur< beginnen?« - -Und schließlich begann denn auch die »Quadrille der Literatur«. Wenn in -der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gespräch auf den -bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten -Worten unfehlbar von dieser »Quadrille der Literatur« gesprochen, und da -sich niemand eine Vorstellung von dieser Aufführung machen konnte, so -erregte sie natürlich übermäßige Neugier. Das aber war schon an sich die -größte Gefahr für einen Erfolg, und -- wie groß war daher die -Enttäuschung! - -Eine Seitentür des weißen Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde -geöffnet und plötzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum -drängte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich -die Kunde bis zum Büfett und schon stürzte, wälzte sich von dort der -ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weißen Saal, in den er wie -eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen. -Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrängen und ich -blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte -plötzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf, -nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte. - -»Ich sitze die ganze Zeit am Büfett und beobachte,« flüsterte er ihr mit -der Miene eines schuldbewußten Schulbuben zu, die er übrigens -absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen. - -Sie wurde feuerrot vor Zorn. - -»Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrügen wollten, Sie -unverschämter Mensch!« entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so daß es -die Umstehenden hörten. - -Pjotr Stepanowitsch schlüpfte, äußerst zufrieden mit sich selbst, wieder -flink davon. - -Es wäre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und -fadere Allegorie vorzustellen, als es diese »Quadrille der Literatur« -war. Und gewiß hätte man nichts ersinnen können, das weniger zu unserem -Publikum paßte, als diese Allegorie; dabei hieß es, daß Karmasinoff sie -erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich -mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend -auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und -man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine -besondere, selbständige Rolle übernehmen wollen. Die Quadrille bestand -aus sechs kläglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal -richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, daß sie sich etwa -einen künstlichen Bart oder sonst einen billigen Blödsinn angeklebt -hatten. Da war z. B. ein älterer Herr, nicht groß von Wuchs, im Frack -- -also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen --, -mit einem ehrwürdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt -und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte -und tänzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle -umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit -gemäßigtem, doch schon heißer gewordenem Baßstimmchen allerhand Laute -hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten -Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske -_vis-à-vis_ tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese -Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten -sollten, das blieb unaufgeklärt. »Der ehrliche russische Gedanke« wurde -dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im -Frack, in Handschuhen und -- in Fesseln (es waren richtige eiserne -Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser -»Gedanke« eine Mappe mit Akten über eine zu unternehmende Sache oder -eine bevorstehende »Tat«. Aus seiner Fracktasche schaute ein -entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die -Ehrlichkeit des »ehrlichen russischen Gedankens« allen denen, die seine -Ehrlichkeit bezweifelten, verbürgen sollte. Dies alles wurde von den -Festordnern bereits mündlich erklärt, denn lesen konnte man den aus der -Tasche hervorlugenden Brief natürlich nicht. In der erhobenen rechten -Hand hielt der »ehrliche russische Gedanke« einen Pokal, ganz als wollte -er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in -einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm -gegenüber aber tanzte ein gleichfalls schon älterer Herr, im Frack, doch -mit einem schweren Knüppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine -gefürchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift -darstellen. Der Knüppel aber sollte wohl sagen: »Wenn ich mal zuschlage, -bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen übrig.« Doch -ungeachtet seines Knüppels konnte er auf keine Weise den durch die -Brillengläser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des »ehrlichen -russischen Gedankens« ertragen, weshalb er sich alle Mühe gab, nach -links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum -_pas de deux_ kam, wand, drehte, kringelte er sich förmlich und wußte -nicht, wohin er sehen sollte, -- so sehr quälte ihn wahrscheinlich das -Gewissen ... Doch wer kann schließlich alle diese stumpfsinnigen -erklügelten Witzchen aufzählen und behalten! Alles war von dieser Art, -so daß ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schämen begann. Und siehe, -genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefühls spiegelte sich -auch in allen übrigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den -mürrischsten Physiognomien aus dem Büfettraum. Eine Zeitlang schwiegen -alle und sahen mit geärgerter Verständnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch -sich schämt, fängt er gewöhnlich an sich zu ärgern und ist dann zum -Zynismus geneigt. Allmählich aber begann ein Gebrumm: - -»Was soll das denn eigentlich bedeuten?« brummte in einer Gruppe jemand -von denen, die das Büfett belagert hatten. - -»Irgend 'nen Blödsinn.« - -»Das soll eine Art Literatur sein. Die >Stimme< wird kritisiert.« - -»Was geht das mich an!« - -In einer anderen Gruppe: - -»Diese Esel!« - -»Nein, nicht sie sind die Esel, sondern die Esel sind wir.« - -»Warum bist du denn ein Esel?« - -»Nein, ich bin kein Esel, aber ...« - -»Na, wenn selbst du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner!« - -In einer dritten Gruppe: - -»Mit einem Tritt sie alle hinauswerfen und dann hole sie der Teufel!« - -»... Den ganzen Saal ausfegen ...« - -In einer vierten: - -»Daß die Lembkes sich nicht schämen, zuzusehen!« - -»Warum sollen sie sich denn schämen? Du schämst dich doch nicht?« - -»Nein, ich schäme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur!« - -»Ja, und du bist nur ein Schwein ...« - -»In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball -erlebt,« sagte eine Dame gehässig in nächster Nähe von Julija -Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehört zu werden. - -Diese Dame -- eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig -Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide -- war in der Stadt zwar -allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war -die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hölzernes Wohnhaus und eine -karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich -sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen -Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von -dieser nicht empfangen worden. - -»Und das war ja auch wirklich vorauszusehen,« fügte sie hinzu, indem sie -frech Julija Michailowna in die Augen sah. - -»Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen?« fragte -plötzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte. - -»Ach, aber doch wirklich nur aus Gutgläubigkeit!« versetzte jene Dame -sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie hätte gar zu -gern einen Wortwechsel angeknüpft), doch der alte General trat zwischen -sie und Frau von Lembke. - -»_Chère dame_,« -- er beugte sich zu Julija Michailowna -- »wenn ich -einen Rat geben dürfte, so wäre es der, jetzt heimzufahren. Wir -behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich -amüsieren. Sie haben alles getan, was nötig war, haben den Ball -eröffnet, nun und ... jetzt überlassen Sie die Leute sich selbst ... -Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an--schei--nend nicht wohl fühlt ... -Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglück zustößt ...« - -Doch es war bereits zu spät. - -Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tänzer der »Quadrille« -mit einer gewissen ungehaltenen Verständnislosigkeit betrachtet, als -aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann -er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum -erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Büfettraum auf; sein Blick -drückte das größte Befremden aus. Plötzlich erscholl lautes Gelächter -über eines der in der »Quadrille« produzierten Stückchen: der -Herausgeber der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden -Zeitschrift«, der mit dem Knüppel in der Hand tanzte, empfand wohl -endgültig, daß er die Brillengläser des »ehrlichen russischen Gedankens« -nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wußte, wie er ihnen -ausweichen sollte, begann er plötzlich, in der letzten Tour, den -Brillengläsern verkehrt, d. h. auf den Händen, mit den Beinen in -der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte -Entstellungsmanier der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg -erscheinenden Zeitschrift« veranschaulichen sollte, die unter Umständen -selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lämschin auf den -Händen zu gehen verstand, hatte er es übernommen, den Herausgeber mit -dem Knüppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon -gewußt, daß jemand auf den Händen gehen werde. »Das hatte man mir -verheimlicht, absichtlich verheimlicht!« sagte sie später immer wieder, -als sie in ihrer Verzweiflung und Empörung mir alles erzählte. Das -Gelächter der Menge wurde natürlich nicht von der Allegorie -hervorgerufen, an die man überhaupt nicht dachte, sondern galt einfach -dem Anblick eines auf den Händen gehenden Menschen in einem Frack, -dessen Schoße nun selbstredend umgeklappt herabhingen. - -Lembke brauste auf und bebte vor Erregung. - -»Der Nichtswürdige!« schrie er, indem er auf Lämschin wies. »Ergreift -den Spitzbuben! Umkehren! Umkehren auf die Füße ... der Kopf ... damit -der Kopf nach oben ... oben!« - -Lämschin sprang wieder auf die Füße. Das Gelächter verstärkte sich. - -»Hinausjagen alle Spitzbuben, die da lachen!« befahl plötzlich Lembke. - -Die Menge begann zu murren und zu johlen. - -»So geht das denn doch nicht, Exzellenz.« - -»Das Publikum darf man nicht beschimpfen.« - -»Selber ein Esel!« tönte es irgendwoher aus einer ferneren Ecke. - -»Die Flibustiers!« rief jemand vom entgegengesetzten Ende des Saales. - -Lembke drehte sich bei diesem Ruf hastig nach dieser Seite hin um und -wurde ganz bleich. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem -stumpfsinnigen Lächeln, als habe er plötzlich etwas begriffen, als -erinnere er sich an etwas. - -»Meine Herren« ... angstvoll wandte sich Julija Michailowna an die -näherrückende Menge, während sie gleichzeitig ihren Mann mit sich -fortzuziehen suchte, »entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch, meine -Herren, Andrei Antonowitsch fühlt sich nicht wohl ... er ist krank ... -entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren!« - -Ich hörte es mit eigenen Ohren, wie sie »verzeihen Sie« sagte. Die Szene -spielte sich sehr schnell ab. Aber ich weiß noch genau, daß schon in -diesem Augenblick ein Teil des Publikums wegdrängte zum Ausgang des -Saales, gleichsam erschrocken, und zwar geschah das gerade nach diesen -Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar noch eines -hysterischen weiblichen Ausrufs halb unter Tränen: - -»Ach, wieder ist's ganz so wie am Vormittage!« - -Und plötzlich, mitten in dieses bereits beginnende Gedränge, schlug auf -einmal wieder eine Bombe ein, also tatsächlich »ganz so wie am -Vormittage«: - -»Es brennt! Die ganze Vorstadt brennt überm Fluß!« - -Ich erinnere mich bloß nicht, wo dieser entsetzliche Schrei zuerst -erschallte: ob im Saal oder -- ich glaube, es kam jemand aus dem -Vestibül, vom Eingang hereingestürzt. Jedenfalls entstand sofort ein -solcher Tumult, daß ich nicht einmal versuchen will, ihn zu schildern. -Von dem Publikum, das sich zum Ball noch eingefunden hatte, stammte die -Mehrzahl aus eben jener Vorstadt: es waren zumeist die Besitzer der -dort, auf der anderen Seite des Flusses, belegenen hölzernen Häuser, -oder deren Einwohner. Man stürzte zu den Fenstern, im Nu waren die -Vorhänge zur Seite gezogen, die Stores herabgerissen. Die Vorstadt -lohte. Freilich, der Brand begann erst, aber es lohte schon an drei ganz -verschiedenen Stellen, -- und gerade das war das Erschreckendste. - -»Brandstiftung!« -- »Die Spigulinschen!« brüllte man im Gedränge. - -Ich habe noch ein paar überaus charakteristische Ausrufe behalten: - -»Hat doch mein Herz das vorausgefühlt, daß sie brandstiften werden, das -hat es die ganzen letzten Tage vorausgefühlt!« - -»Die Spigulinschen, die Spigulinschen, wer denn sonst!« - -»Man hat uns absichtlich hier versammelt, um dort derweil anzünden zu -können!« - -Diesen letzten, wunderlichsten Schrei stieß eine Frauenstimme aus; es -war der unbedachte, der unwillkürliche Schrei einer Koróbotschka[52], -die ihr Hab und Gut brennen sieht. Alles stürzte zum Ausgang. Das -Gequetsche und Gedränge im Vorraum beim Suchen nach den Pelzen, Tüchern -und Umhängen, das Gekreisch erschreckter Frauen und das Weinen der -Töchter werde ich nicht weiter beschreiben. Es ist kaum anzunehmen, daß -hierbei direkt gestohlen wurde, doch es ist schließlich kein Wunder, daß -bei einem solchen Durcheinander manche ohne ihre Überkleider, die nicht -zu finden waren, wegfuhren, worüber noch lange nachher in der Stadt -vieles erzählt wurde, natürlich mit Erdichtungen und Übertreibungen. -Lembke und Julija Michailowna wurden in der Tür von der Menge nahezu -erdrückt. - -»Alle zurückhalten! Nicht einen hinauslassen!« brüllte plötzlich Lembke, -indem er drohend die Hand gegen die Andrängenden ausstreckte. »Alle -einzeln strengstens untersuchen, sofort!« - -Die Antwort darauf war aus dem Saal ein Hagel von kräftigen -Schimpfwörtern. - -»Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch!« rief Julija Michailowna in -vollständiger Verzweiflung. - -»Als erste verhaften!« schrie dieser und wies streng mit dem Finger auf -sie. »Als erste untersuchen! Der Ball war inszeniert zum Zweck der -Brandstiftung ...« - -Sie stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht (oh, dieser -Ohnmachtsanfall war natürlich schon ein echter). Ich, der Fürst und der -General stürzten zur Hilfe herbei; auch andere halfen uns in diesem -schweren Augenblick, sogar einige von den Damen. Wir trugen die -Unglückliche aus dieser Hölle zu ihrer Equipage; doch sie kam erst -unterwegs, kurz vor ihrem Hause, zu sich und ihr erstes war, daß sie -wieder nach Andrei Antonowitsch rief. Nach dem Zusammenbruch aller ihrer -Phantastereien verblieb ihr als einziges nur noch ihr Andrei -Antonowitsch. Es wurde sofort nach dem Doktor geschickt. Ich wartete -eine ganze Stunde bei ihr, der Fürst gleichfalls; der General wollte in -einer Anwandlung von Großmut (obgleich ihm der Schreck arg in die -Glieder gefahren war) die ganze Nacht »am Bette der Unglücklichen« -verbringen, schlief aber schon nach zehn Minuten, noch bevor der Arzt -erschien, im Saal auf einem Lehnstuhl ein, wo wir ihn dann auch so -schlafen ließen. - -Dem Polizeimeister, der vom Ball zur Brandstätte eilte, gelang es noch, -Andrei Antonowitsch gleich nach uns hinauszuführen, und er wollte ihn zu -Julija Michailowna in den Wagen setzen, indem er aus allen Kräften -Seiner Exzellenz zuredete, »der Ruhe zu pflegen«. Ich verstehe nicht, -warum er das nicht durchsetzte. Selbstredend wollte Andrei Antonowitsch -von Ruhe nichts wissen und strebte mit Gewalt zur Brandstätte; aber das -war doch kein vernünftiger Grund. So endete es denn damit, daß der -Polizeimeister ihn noch in seinem eigenen Wagen zur Brandstätte brachte. -Später erzählte er, Lembke habe unterwegs die ganze Zeit gestikuliert -und »solche Ideen als Befehle hervorgestoßen, daß es wegen ihrer -Ungewöhnlichkeit unmöglich war, sie auszuführen«. So ist denn nachher -auch rapportiert worden: daß Se. Exzellenz sich zu der Zeit, infolge der -»Plötzlichkeit des Schrecks«, bereits im Fieberdelirium befunden habe. - -Es erübrigt sich wohl, zu erzählen, wie der Ball endete. Einige Dutzend -Taugenichtse und sogar ein paar Damen blieben in den Sälen. Die Polizei -war nicht mehr da. Das Orchester mußte spielen, denn die Musikanten, die -weggehen wollten, wurden verprügelt. Zum Morgen hin war »Prochorytschs -ganze Bude« vertilgt, man soff bis zur Bewußtlosigkeit, tanzte den -Kamarinskij ohne Zensur, besudelte die Räume; und erst bei Morgengrauen -langte ein Teil dieser Bande, vollkommen betrunken, auf dem erlöschenden -Brandplatz an, -- zu neuen Unruhen. Die andere Hälfte blieb und schlief -gleich dort in den Sälen in steif besoffenem Zustande, mit allen Folgen -eines solchen, auf den Plüschdiwans und in den Ecken auf dem Fußboden. -Am nächsten Morgen wurden sie -- das war das erste, was man tat -- an -den Beinen hervorgezogen und hinausgeschleift auf die Straße. Und damit -endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements. - - - IV. - -Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Flußufer gerade -dadurch am meisten, daß es sich hierbei um eine so offenkundige -Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, daß schon nach dem ersten -Schrei »wir brennen«, sofort auch geschrien wurde, »die Spigulinschen« -seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit -herausgestellt, daß in der Tat drei »Spigulinsche« an der Brandstiftung -beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der -Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der öffentlichen -Meinung, wie vom Gericht. Außer diesen drei Taugenichtsen (von denen -einer bald gefangen wurde und alles gestand, während man der beiden -anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch -der sogenannte »Zuchthäusler-Fedjka« an der Brandstiftung beteiligt. Das -ist aber auch alles, was man bisher über die Entstehung des Brandes -sicher weiß; die Vermutungen sind eine Sache für sich. Was nun diese -drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu -angestiftet worden sind oder nicht -- diese Fragen sind selbst heute -noch schwer zu beantworten. - -Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die -Vorstadt dort überm Fluß fast nur aus hölzernen Häusern bestand, sowie -infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit -unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (übrigens ging der Brand genau -genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle -gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken, -wovon später noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der -Residenzblätter wurde unser Unglück doch stark vergrößert: was -niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als -ungefähr der vierte Teil der ganzen Vorstadt überm Fluß. Unsere -Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhältnis zur Ausdehnung der Stadt und -der Einwohnerzahl nur ein schwaches Häuflein ist, verrichtete ihre -Aufgabe doch mit großer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch hätte sie wohl -kaum des Brandes Herr werden können, selbst bei einmütiger Unterstützung -von seiten der Bevölkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz -vor Morgengrauen plötzlich ganz gelegt hätte. - -Als ich kaum eine Stunde nach der Flucht vom Ball am anderen Ufer -anlangte, tobte das Feuer bereits mit größter Wut. Die ganze Straße, die -dem Fluß parallel läuft, lohte. Es war taghell. Das Bild, das die -Brandstätte bot, werde ich nicht weiter beschreiben: wer kennt es in -Rußland nicht? In den Quergassen neben der brennenden Hauptstraße war -ein maßloses Hasten und Gedränge. Hier war das Feuer mit Sicherheit zu -erwarten und die Einwohner schleppten ihr Hab und Gut hinaus, gingen -aber vorläufig doch noch nicht weg von ihren Häusern und saßen wartend -auf ihren hinausgeschafften Kästen und Federbetten, ein jeder vor seinen -Fenstern. Ein Teil der männlichen Einwohnerschaft verrichtete schwere -Arbeit: da wurden erbarmungslos Zäune gefällt, ja wurden sogar ganze -Hütten abgetragen, die nahe dem Feuer und unter dem Winde standen. Aus -dem Schlaf geweckte kleine Kinder weinten, und Weiber, die ihr Gerümpel -schon herausgeschleppt hatten, jammerten und heulten. Andere, die mit -dem Herausschaffen noch nicht fertig waren, schafften inzwischen -schweigend und energisch noch weiter heraus, was sie besaßen. Funken und -fliegende Feuerbrände sprühten weit mit dem Winde; man löschte sie nach -Möglichkeit. Auf dem Brandplatze selbst drängten sich die Zuschauer, die -aus allen Ecken und Enden der Stadt herbeigelaufen waren. Manche halfen -löschen, andere gafften nur so als Liebhaber. Ein großes Feuer in der -Nacht macht immer einen erregenden und lustigen Eindruck; darauf beruhen -die Feuerwerke. Doch bei diesen verläuft das Feuerspiel in schönen -Linien und Formen und erweckt im Zuschauer, da er sich selbst vollkommen -außer Gefahr weiß, eine fröhliche und leichte Empfindung, wie nach einem -Glase Champagner. Etwas anderes ist ein wirklicher Brand: hierbei -erzeugen der Schrecken und das doch immer vorhandene Gefühl einer -gewissen persönlichen Gefahr im Zuschauer (selbstredend nicht im -Bewohner des brennenden Hauses), neben dem erwähnten lustigen Eindruck -eines nächtlichen Feuers, eine Art Gehirnerschütterung und wirken wie -eine Herausforderung seiner eigenen zerstörenden Instinkte, die sich, -ach! in jeder Seele verbergen, selbst in der Seele des sanftmütigsten -Familienmenschen und Titularrats ... Diese lichtscheue Empfindung ist -fast immer berauschend. »Ich weiß wirklich nicht, ob man einem -Schadenfeuer ohne ein gewisses Vergnügen zusehen kann?« Diesen Satz -sprach einmal wortwörtlich Stepan Trophimowitsch zu mir, als wir von -einem nächtlichen Brande, dessen Zuschauer er ganz zufällig geworden -war, heimgingen -- noch unter dem ersten Eindruck des Anblicks. -Natürlich würde sich der nämliche Liebhaber nächtlicher Feuersbrünste -auch selbst ins Feuer stürzen, um aus den Flammen ein Kind oder eine -Greisin zu retten; aber das ist doch schon ein ganz anderes Kapitel. - -Ich schob mich hinter anderen Neugierigen durch das Gedränge und kam so -ohne zu fragen zur wichtigsten und gefährlichsten Stelle, wo ich endlich -Lembke erblickte. Ich suchte ihn im Auftrage von Julija Michailowna. -Seine Stellung war seltsam und außergewöhnlich. Er stand auf einem -niedergerissenen Bretterzaun; links von ihm, keine dreißig Schritte -weit, ragte das schwarze Gerüst eines fast schon ganz ausgebrannten -zweistöckigen hölzernen Hauses empor, mit Löchern statt der Fenster in -beiden Stockwerken, mit eingestürztem Dach und mit immer noch leckenden -Feuerzungen an den verkohlten Balken. Im Hintergrunde des Hofes, etwa -zwanzig Schritt von diesem Hause, begann gerade ein gleichfalls -zweistöckiges Nebengebäude zu brennen, und um dieses mühte sich aus -allen Kräften die Feuerwehr. Rechts von Lembke wurde ein ziemlich großes -hölzernes Gebäude, das zwar noch nicht brannte, aber schon mehrmals -Feuer gefangen hatte, von der Feuerwehr und anderen Helfern zu retten -gesucht, obschon es zweifellos nicht zu retten war. Lembke schrie und -gestikulierte -- er stand mit dem Gesicht zu jenem Nebengebäude auf dem -Hof -- und gab Befehle, die niemand ausführte. Ich dachte schon, daß man -ihn hier ganz sich selbst überlassen und sich von ihm völlig -zurückgezogen habe. Wenigstens fiel es mir auf, daß die dichte und aus -Menschen sehr verschiedenen Standes bestehende Menge -- es waren da auch -Herren und sogar der Oberpriester unserer Kathedralkirche -- seinen -Ausrufen wohl neugierig und verwundert zuhörte, jedoch niemand mit ihm -sprach oder den Versuch machte, ihn wegzuführen. Lembke, der bleich, -doch mit blitzenden Augen dastand, stieß allerdings die sonderbarsten -Dinge hervor; zum Überfluß war er noch ohne Hut, den er schon längst -verloren hatte. - -»Alles Brandstiftung! Das ist Nihilismus! Wenn hier etwas loht, so ist -das der Nihilismus!« vernahm ich von ihm fast mit Entsetzen, und wenn -das auch schon vorauszusehen gewesen war, so hat doch die greifbare -Wirklichkeit immer etwas Erschütterndes in sich. - -»Exzellenz,« -- neben ihm stand plötzlich ein Revierschutzmann -- »wenn -Euer Exzellenz geruhen wollten, es mit der häuslichen Erholung zu -versuchen ... Denn hier ist doch schon das bloße Stehen gefährlich, -Exzellenz.« - -Dieser Polizeimann war, wie ich später erfuhr, vom Polizeimeister -absichtlich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, mit dem -Auftrage, auf ihn acht zu geben und nach Möglichkeit zu versuchen, ihn -nach Hause zu bringen, im Falle einer Gefahr aber, wenn nötig, sogar -Gewalt anzuwenden -- ein Auftrag, der ersichtlich über die Kraft des -Beauftragten ging. - -»Die Tränen der Abgebrannten werden weggewischt werden, aber die Stadt -werden sie niederbrennen. Das sind alles die vier Schurken, vier und ein -halber! Man verhafte den Schurken! Er schleicht sich in die Ehre der -Familien ein. Zum Anzünden der Häuser hat man die Gouvernanten benutzt. -Das ist gemein, gemein! Ach, was tut der dort!« rief er plötzlich, als -er auf dem Dach des nun bereits brennenden Nebengebäudes einen -Feuerwehrmann erblickte, unter dem das Dach schon durchgebrannt war und -um den ringsum Flammen hervorschlugen. »Holt ihn herunter, er wird -durchs Dach fallen, er wird anbrennen, löscht ihn ... Was tut er dort?« - -»Er löscht selbst, Exzellenz.« - -»Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Gehirnen der -Menschen, aber nicht auf den Dächern der Häuser. Man soll ihn -herunterholen und alles liegen lassen! Lieber liegen lassen, lieber -liegen lassen! Mag es selbst irgendwie! ... Ach, wer weint dort noch? -Eine Alte! Eine Alte schreit, warum hat man die Alte vergessen?« - -Tatsächlich: im unteren Stock dieses bereits brennenden Nebenhauses -schrie ein altes Weib, eine achtzigjährige Verwandte des Kaufmanns, dem -das Haus gehörte. Aber man hatte sie nicht dort vergessen, sondern sie -war selbst in das Haus zurückgekehrt, so lange das noch möglich war, mit -der wahnsinnigen Absicht, aus ihrem Kämmerlein an der Ecke des Hauses -ihr Federbett zu retten. Fast erstickend im Rauch und schreiend vor -Hitze, denn die Flammen hatten das Kämmerlein nun schon erreicht, mühte -sie sich, mit ihren altersschwachen Armen das Pfühl durch den -Fensterrahmen, dessen Glasscheibe herausgeschlagen war, -hindurchzuzwängen. Lembke stürzte zu ihr, um ihr zu helfen. Alle sahen, -wie er zum Fenster lief, einen Zipfel des Pfühls ergriff und es mit -aller Gewalt durch das Fenster zu ziehen begann. Da wollte es das -Unglück, daß in eben diesem Augenblick ein herausgebrochenes Brett vom -Dach herabfiel und den Helfer traf; es schlug ihn nicht tot, nur das -eine Ende traf ihn am Halse, doch damit war die Laufbahn Andrei -Antonowitschs eigentlich beendet, wenigstens bei uns; der Schlag warf -ihn um und er blieb bewußtlos liegen. - -Endlich brach ein trübes, düsteres Morgengrauen an. Der Brand sank in -sich zusammen; nach dem Winde trat plötzlich Windstille ein und dann -begann ein langsamer, feiner Regen, wie durch ein feines Sieb. Ich war -schon in einer anderen Gegend dieser Vorstadt, weit von jener Stelle, wo -Lembke hingefallen war, und hier hörte ich unter den Leuten sehr -sonderbare Gespräche. Eine seltsame Tatsache stellte sich heraus: ganz -am Rande der Vorstadt, hinter Gemüsegärten auf freiem Platz, über -fünfzig Schritte weit von den nächsten Gebäuden, stand ein erst kürzlich -erbautes, nicht großes hölzernes Wohnhaus, und dieses entlegene Haus -hatte ganz zu Anfang des Brandes gleichfalls, ja womöglich noch früher -als alle anderen, zu brennen begonnen. Selbst wenn es niedergebrannt -wäre, hätte es bei seiner einsamen Lage keines der anderen Häuser dieser -Vorstadt anstecken können, und umgekehrt: auch wenn der ganze Stadtteil -auf dieser Seite des Flusses niedergebrannt wäre, so hätte einzig dieses -Haus verschont bleiben können, sogar bei noch so starkem Winde. Also -mußte es selbständig und für sich allein in Brand geraten sein und -folglich nicht ohne besondere Ursache. Doch die Hauptsache war, daß man -ihm zum Niederbrennen keine Zeit gelassen hatte und daß in seinem -Inneren dann sonderbare Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses -neuerbauten Hauses, ein Kleinbürger, der in der nächsten Gasse wohnte, -war sogleich bei Ausbruch des Feuers herbeigeeilt und hatte noch -rechtzeitig den Brand ersticken können, indem er mit Hilfe der Nachbarn -den in Brand gesteckten Holzvorrat für den Winter, dessen Stapel an der -einen Seitenwand des Hauses stand, auseinanderriß und löschte. - -Doch in dem Hause hatten Menschen gewohnt: der in der Stadt wohlbekannte -»Hauptmann« Lebädkin mit seiner Schwester und einer schon älteren -Arbeiterin als Aufwartefrau. Und diese drei Einwohner, der Hauptmann, -seine Schwester und die Arbeiterin, wurden nun, als man in das Haus -eindrang, ermordet und augenscheinlich beraubt vorgefunden. (Eben -hierher hatte sich dann der Polizeimeister vom Brandplatz begeben, kurz -bevor Lembke das Pfühl rettete.) Bei Morgengrauen hatte sich das Gerücht -von der Untat schon verbreitet und eine ungeheure Menge der -verschiedensten Menschen, darunter sogar viele der soeben Abgebrannten, -strömte zu diesem abgelegenen neuen Hause. Es war schwer, näher zu -gelangen, so groß war dort das Gedränge. Man erzählte mir sogleich, daß -man den Hauptmann mit durchgeschnittener Kehle, angekleidet auf der -Schlafbank liegend, gefunden habe. Wahrscheinlich sei er wieder steif -betrunken gewesen und man habe ihn wohl nur so hingeschlachtet, ohne daß -ihm zu Bewußtsein kam, was da geschah. Blut aber sei aus ihm so viel -geflossen »wie aus einem Ochsen«. Seine Schwester Marja Timofejewna -dagegen sei von Messerstichen »ganz zerstochen« und habe an der Tür auf -dem Fußboden gelegen, also habe sie mit dem Mörder gewiß schon im Wachen -gekämpft und sich wohl wie rasend gewehrt. Der Aufwartefrau, die -anscheinend gleichfalls vorher erwacht war, sei der Schädel -eingeschlagen. - -Wie der Besitzer des Hauses erzählte, sei der »Hauptmann« noch am Morgen -dieses Tages betrunken zu ihm gekommen, habe geprahlt und viel Geld -gezeigt, an die zweihundert Rubel. Die alte, abgenutzte grüne -Brieftasche des »Hauptmanns« fand man leer auf dem Boden liegen; doch -Marja Timofejewnas Koffer war unangerührt, ebenso die silberne -Verzierung des Heiligenbildes. Desgleichen fand man alles, was der -»Hauptmann« an Kleidern besessen, vollzählig vor. Daraus ersah man, daß -der Dieb sich beeilt hatte und jedenfalls ein Mensch gewesen sein mußte, -der den Hauptmann und seine Gewohnheiten gut kannte, es nur auf das bare -Geld abgesehen hatte und wußte, wo dieses sich befand. Hätte der -Besitzer des Hauses den Brand nicht sofort bemerkt, so hätte der -angezündete Holzstapel sicher das Haus in Brand gesteckt, »vor den -verkohlten Leichen aber wäre man schwerlich hinter den wahren -Sachverhalt gekommen«. - -So wurde der Tatbestand wiedergegeben. Hinzu kam dann noch ein Bericht: -daß der eigentliche Mieter dieser Wohnung der Herr Stawrogin sei, -Nicolai Wszewolodowitsch, der einzige Sohn der Generalin Stawrogina. Er -sei sogar persönlich gekommen, um die Wohnung zu mieten, habe noch sehr -zugeredet, denn der Besitzer habe sie gar nicht vermieten, sondern hier -eine Kneipe einrichten wollen, aber Nicolai Wszewolodowitsch habe auf -den Preis nicht geachtet und die Miete gleich für ein halbes Jahr -vorausbezahlt. - -»Dieser Brand ist nicht ohne Grund entstanden,« hörte man in der Menge -sagen. - -Doch die Mehrzahl schwieg. Die Gesichter waren finster, aber eine große, -sichtliche Empörung war eigentlich nicht wahrzunehmen. Nur erzählte man -sich ringsum noch mehr Geschichten von dem Herrn Stawrogin. So sprach -man u. a. auch davon, daß die Ermordete seine Frau war, gestern aber -habe er aus einem der ersten Häuser der Stadt, aus dem der Generalin -Drosdowa, ein junges Mädchen, die Tochter der Generalin, zu sich -gelockt, »auf unehrliche Weise«, und daß man eine Klage über ihn nach -Petersburg einreichen werde. Daß aber seine Frau nun ermordet worden -ist, das sei doch, wie man sieht, nur deshalb geschehen, damit er frei -werde und jetzt die Drosdowa heiraten könne. - -Skworeschniki war nicht mehr als nur zwei und eine halbe Werst entfernt -und ich weiß noch, mir kam der Gedanke: sollte ich nicht dorthin -Nachricht schicken? Übrigens ist es mir nicht aufgefallen, daß jemand -die Menge im besonderen aufgehetzt hätte, das muß ich schon der Wahrheit -gemäß sagen, wenn mir auch flüchtig zwei oder drei Fratzen aus der Schar -der »Büfettleute« auffielen, die gegen Morgen auf der Brandstätte -erschienen und die ich sofort wiedererkannte. Doch besonders erinnerlich -ist mir ein hagerer, großer Bursche, ein Kleinbürger, mit ausgemergeltem -Gesicht und krausem Haar, dazu wie mit Ruß geschwärzt, -- ein Schmied, -wie ich später erfuhr. Er war nicht betrunken, doch, im Gegensatz zu der -finster dastehenden Menge, wie außer sich. Er wandte sich immer wieder -an das ringsum stehende Volk, aber ich erinnere mich nicht mehr seiner -Worte. Alles, was er zusammenhängend hervorbrachte, war nicht länger -als: »Ja aber wie denn, Brüder, wie ist denn das? Bleibt das nun alles -so und wird da nichts geschehen?« und er gestikulierte mit den Armen. - - - - - Achtzehntes Kapitel. - Ein beendeter Roman - - - I. - -Aus dem großen Saal des Herrenhauses von Skworeschniki (demselben Saal, -wo die letzte Zusammenkunft von Warwara Petrowna und Stepan -Trophimowitsch stattgefunden hatte) konnte man das Feuer wie auf der -Handfläche sehen. Bei Tagesgrauen, zwischen fünf und sechs Uhr morgens, -stand dort, rechts am letzten Fenster des Saales, Lisa und sah starr in -den verlöschenden Widerschein des Brandes. Sie war allein. Sie trug -dasselbe Kleid, in dem sie auf dem Fest erschienen war, ein duftiges, -zartgrünes Gewand, von Spitzen überrieselt, doch schon zerdrückt und -jetzt in der Hast unordentlich angezogen. Als sie plötzlich bemerkte, -daß es über der Brust nicht richtig geschlossen war, errötete sie und -hakte es schnell zu, raffte ihr rotes Tuch vom Lehnstuhl auf, das sie -gestern beim Eintreten dorthin geworfen hatte und schlang es sich um den -Hals. Ihr prachtvolles Haar fiel in gelösten Locken auf ihre rechte -Schulter. Ihr Gesicht sah müde aus, besorgt, doch ihre Augen brannten -unter den zusammengezogenen Brauen. Sie trat wieder ans Fenster und -drückte ihre heiße Stirn an das kalte Glas. Die Tür öffnete sich und -Nicolai Wszewolodowitsch trat ein. - -»Ich habe einen Diener zu Pferde hingeschickt,« sagte er, »in zehn -Minuten werden wir alles wissen. Die Leute sagen, daß der Stadtteil über -dem Fluß, rechts von der Brücke, niedergebrannt sei. Das Feuer soll um -Mitternacht ausgebrochen sein; jetzt ist es schon im Abflauen.« - -Er ging nicht bis ans Fenster heran, sondern blieb drei Schritte hinter -ihr stehen; sie wandte sich nicht nach ihm um. - -»Nach dem Kalender hätte es schon seit einer Stunde hell sein müssen, -und noch ist es dunkel wie in der Nacht,« sagte sie ärgerlich. - -»Die Kalender lügen alle,« bemerkte er schon mit liebenswürdigem Spott, -schämte sich aber sofort und fügte schnell hinzu: »Nach dem Kalender ist -es langweilig zu leben, Lisa.« - -Aber er fühlte, daß er dadurch das Gesprochene nur noch schlimmer -gemacht hatte. Ärgerlich über sich selbst schwieg er ganz. Lisa lächelte -bitter. - -»Sie scheinen in einer so niedergeschlagenen Stimmung zu sein, daß Ihnen -zu einem Gespräch mit mir sogar die Worte fehlen. Aber beruhigen Sie -sich, Sie haben das sehr zur rechten Zeit gesagt: ich lebe immer nach -dem Kalender. Jeder meiner Schritte ist nach dem Kalender berechnet. Sie -wundern sich?« - -Sie wandte sich schnell vom Fenster ab und setzte sich in den Sessel. - -»Bitte, setzen Sie sich gleichfalls. Wir werden nicht lange zusammen -sein und ich möchte alles sagen, was ich sagen mag ... Warum sollten -nicht auch Sie alles sagen, was Sie vielleicht sagen wollen?« - -Nicolai Wszewolodowitsch setzte sich neben sie und nahm leise, beinahe -furchtsam, ihre Hand. - -»Was bedeutet diese Sprache, Lisa? Woher das plötzlich? Was soll das -bedeuten: >Wir bleiben nicht lange zusammen<? Das ist schon der zweite -rätselhafte Ausspruch in dieser halben Stunde nach deinem Erwachen aus -dem Schlaf.« - -»Sie fangen an, meine rätselhaften Aussprüche zu zählen?« fragte sie -lachend. »Aber erinnern Sie sich, daß ich gestern, als ich eintrat, mich -als eine Tote Ihnen vorstellte? Sehen Sie, das haben Sie für nötig -befunden, zu vergessen. Zu vergessen oder zu überhören.« - -»Ich erinnere mich nicht, Lisa. Warum als Tote? Man muß leben ...« - -»Und Sie verstummen? Ihnen ist ja die Beredsamkeit ganz und gar abhanden -gekommen. Ich habe meine Stunde auf der Welt zu Ende gelebt und nun ist -es genug. Erinnern Sie sich noch Christophor Iwanowitschs?« - -»Nein, ich erinnere mich nicht,« -- sein Gesicht verfinsterte sich. - -»Nicht Christophor Iwanowitschs? -- in Lausanne? Er verdroß Sie doch zu -guter Letzt so entsetzlich. Wenn er kam, sagte er immer: >Ich komme nur -auf einen Augenblick<, und dann blieb er den ganzen Tag. Ich möchte es -nicht wie Christophor Iwanowitsch machen und den ganzen Tag bleiben.« - -Eine schmerzhafte Empfindung spiegelte sich in seinem Gesicht wider. - -»Lisa, es tut mir weh um diese verzerrte Sprache. Diese Grimasse kostet -dich selbst zu viel. Wozu das alles? Warum?« - -Seine Augen brannten. - -»Lisa,« rief er aus, »ich schwöre es dir, ich liebe dich jetzt mehr als -gestern, als du bei mir eintratest!« - -»Was für ein sonderbares Geständnis! Was soll das jetzt, dieses Gestern -und Heute, und wozu beides mit dem Maß messen?« - -»Du verläßt mich nicht,« fuhr er fast verzweifelt fort, »wir verreisen -zusammen, heute noch! Nicht? Nicht?« - -»Ah, pressen Sie meine Hand nicht so schmerzhaft! Wohin sollen wir denn -heute noch reisen? Wieder irgendwohin, um >aufzuerstehen<? Nein, genug -der Versuche ... und das geht mir auch zu langsam; ich bin nicht fähig -dazu. Das ist zu hoch für mich. Wenn wir reisen sollen, dann schon -gleich nach Moskau und dort Visiten machen und selbst empfangen -- das -ist mein Ideal, wie Sie wissen, ich habe Ihnen schon in der Schweiz -nicht verheimlicht, wie und wer ich bin. Da es uns aber unmöglich ist, -nach Moskau zu reisen und dort Visiten zu machen, weil Sie verheiratet -sind, so reden wir lieber gar nicht davon.« - -»Lisa! Was war denn das gestern?« - -»Es war das, was es war.« - -»Das ist unmöglich! Das ist grausam!« - -»Was tut's denn, daß es grausam ist? Und wenn es grausam ist, so tragen -Sie es doch!« - -»Sie rächen sich an mir für die gestrige Phantasie ...« sagte er -halblaut, mit dem Versuch, boshaft zu lächeln. - -Lisa flammte auf. - -»Was für ein niedriger Gedanke!« - -»Warum schenkten Sie mir dann ... >so viel Glück<? Habe ich ein Recht, -das zu erfahren?« - -»Nein, Sie müssen sich schon irgendwie ohne Rechte behelfen; krönen Sie -die Niedrigkeit Ihrer Vermutung nicht mit einer Dummheit. Heute wird es -Ihnen nicht gelingen. Übrigens, fürchten Sie nicht gar die Meinung der -Welt, und daß man Sie für dieses >so viel Glück< verurteilen wird? Oh, -wenn es das ist, so beunruhigen Sie sich um Gottes willen nicht. Sie -haben ja in diesem Fall nicht die geringste Veranlassung gegeben und -sind niemandem Verantwortung schuldig. Als ich gestern Ihre Tür -aufmachte, da wußten Sie nicht einmal, wer da eintrat. Es war eben nur -meine Phantasie, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, und nichts weiter. Sie -können allen dreist und siegesbewußt in die Augen blicken!« - -»Deine Worte, dein Hohn, jetzt schon eine ganze Stunde, bringen die -Kälte des Grauens über mich! Dieses >Glück<, von dem du so gehässig -sprichst, kostet mich ... alles. Kann ich dich denn jetzt verlieren? Ich -schwöre dir, ich liebte dich gestern weniger. Warum nimmst du mir denn -heute alles wieder? Weißt du auch, was sie mich kostet, diese neue -Hoffnung? Ich habe sie mit dem Leben bezahlt!« - -»Mit dem eigenen oder dem anderer?« - -Stawrogin stand hastig auf. - -»Was heißt das?« fragte er und sah sie starr an. - -»Bezahlen Sie mit Ihrem oder mit meinem Leben? Das war es, was ich damit -fragen wollte. Oder haben Sie jetzt völlig aufgehört, zu verstehen?« Das -Blut schoß ihr ins Gesicht. »Warum sind Sie aufgesprungen? Warum starren -Sie mich mit solch einem Ausdruck an?« Lisa blickte ihm plötzlich -angstvoll in die Augen. »Sie erschrecken mich ... Was fürchten Sie denn -so? Ich habe es schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie etwas fürchten, -gerade jetzt, in dieser Minute ... Mein Gott, wie blaß Sie werden!« - -»Wenn du irgend etwas weißt, Lisa, ich schwöre dir, _ich_ weiß nichts -... und habe soeben überhaupt nicht _davon_ gesprochen, als ich sagte, -daß ich es mit dem Leben bezahlt hätte ...« - -»Ich verstehe Sie gar nicht,« sagte sie ängstlich stockend. - -Da erschien schließlich ein langsames, nachdenkliches Lächeln auf seinen -Lippen. Er setzte sich still wieder hin, stützte die Ellenbogen auf die -Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen. - -»Ein böser Traum und Wahn ... Wir sprachen von zwei ganz verschiedenen -Dingen.« - -»Ich weiß nicht, wovon Sie gesprochen haben. Aber wußten Sie denn -gestern wirklich nicht, daß ich Sie heute verlassen würde? Wußten Sie -das wirklich nicht? Lügen Sie nicht! Sagen Sie, wußten Sie es oder -wußten Sie es nicht?« - -»Ich wußte es ...« sagte er leise. - -»Nun also, was wollen Sie dann noch: Sie wußten es und nahmen den ->Augenblick<. Wozu nun diese Abrechnungen?« - -»Sage mir die ganze Wahrheit,« rief er in tiefem Leid: »als du gestern -meine Tür aufmachtest, wußtest du es selbst, daß du sie nur auf eine -Stunde aufmachtest?« - -Sie sah ihn mit Haß an. - -»Es ist doch wahr, daß selbst der ernsteste Mensch die sonderbarsten -Fragen stellen kann. Was beunruhigen Sie sich deswegen? Sollte es -wirklich aus Eigenliebe geschehen, weil eine Frau Sie zuerst verläßt, -und nicht Sie die Frau? Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, ich merke -unter anderem, seit ich bei Ihnen bin, daß Sie furchtbar großmütig zu -mir sind, und gerade das kann ich von Ihnen nicht ertragen.« - -Er erhob sich vom Platz und ging ein paar Schritte durchs Zimmer. - -»Gut, mag das nun so enden ... Aber wie konnte das alles geschehen?« - -»Auch eine Sorge! Und die Hauptsache -- Sie wissen das ja selbst, so -gut, als hätten Sie es an den Fingern abgezählt, wissen es besser, als -alle auf der Welt, und rechneten sogar selbst damit! Ich bin eine höhere -Tochter, mein Herz ist in der Oper erzogen, sehen Sie, das war die -Ursache, das ist die ganze Lösung des Rätsels!« - -»Nein.« - -»Darin liegt nichts, was Ihre Eigenliebe kränken könnte. Es ist einfach -die Wahrheit. Es begann mit einem schönen Augenblick, den ich nicht -ertrug. Vor drei Tagen, als ich Sie vor aller Welt >beleidigte< und Sie -mir so ritterlich antworteten, fuhr ich nach Hause und sagte mir, daß -Sie mich gemieden hatten, weil Sie verheiratet waren, und nicht aus -Verachtung, was ich als Dame der Gesellschaft am meisten fürchtete. Ich -begriff, daß Sie mich Unsinnige beschützten, indem Sie mich mieden. -Sehen Sie wohl, wie ich Ihre Großmut schätze. Da sprang dann Pjotr -Stepanowitsch für Sie ein und erklärte mir alles. Er offenbarte mir, daß -ein großer Gedanke Sie beherrsche, ein Gedanke, vor dem er und ich -nichts sind, aber daß ich Ihnen dennoch >im Wege< stehe. Und sich zählte -er immer mit; er wollte unbedingt, daß wir zu dreien seien, und er -sprach noch die phantastischsten Dinge, sprach von einer großen Barke -mit Rudern aus nordischem Ahorn, wie es in irgendeinem russischen Liede -heißt. Ich lobte ihn, sagte ihm, er sei ein Dichter, und er nahm das -alles für die barste Münze. Da ich aber auch ohnedem schon längst wußte, -daß ich nur für einen Augenblick ausreichen würde, so nahm ich mich und -entschloß mich. Nun, und das war alles, aber jetzt genug davon, und -bitte keine Erklärungen mehr. Sonst geraten wir womöglich noch in -Streit. Wie gesagt, fürchten Sie niemanden, ich nehme alles auf mich. -Ich bin schlecht, kapriziös, ich habe mich von der opernhaften Barke -blenden lassen, ich bin eine junge Dame der Gesellschaft ... Aber wissen -Sie, ich habe bei alledem doch gedacht, daß Sie mich furchtbar lieben. -Verachten Sie nicht die Törin und lachen Sie nicht über diese Träne, die -jetzt fiel. Ich liebe es sehr, >mich selbst bemitleidend< zu weinen. -Nun, genug, genug. Ich bin zu allem unfähig und Sie sind zu allem -unfähig; zwei Nasenstüber beiderseits, finden wir uns also damit ab. -Wenigstens leidet so die Eigenliebe nicht.« - -»Ein Traum und Wahn!« rief Nicolai Wszewolodowitsch und schritt, die -Hände ringend, im Zimmer auf und ab. »Lisa, du Arme, was hast du dir -angetan?« - -»Habe mich am Licht verbrannt, und das ist alles. Wie, Sie weinen doch -nicht gleichfalls? Seien Sie anständiger, seien Sie gefühlloser ...« - -»Warum, warum bist du zu mir gekommen?« - -»Aber verstehen Sie denn nicht endlich, in welch eine komische Lage Sie -sich mit solchen Fragen selbst bringen?« - -»Warum hast du dich selbst zugrunde gerichtet, so ungeheuerlich und -töricht! Und was soll jetzt geschehen?« - -»Und das ist Stawrogin, der >blutdürstige Stawrogin<, wie hier eine -Dame, die in Sie verliebt ist, Sie nennt! Hören Sie, ich habe es Ihnen -doch schon gesagt: ich habe mein Leben auf eine Stunde gesetzt und bin -jetzt ruhig. Tun Sie dasselbe auch mit Ihrem Leben ... übrigens, wozu -sollten Sie das, Sie werden noch viele solcher >Stunden< und ->Augenblicke< haben!« - -»Ebensoviele wie du: ich gebe dir mein heiliges Wort, nicht eine Stunde -mehr als du!« - -Er ging immer noch auf und ab und sah ihren schnellen, durchbohrenden -Blick nicht, in dem plötzlich gleichsam Hoffnung aufleuchtete. Aber -dieser Lichtstrahl erlosch in derselben Minute. - -»Wenn du den Preis meiner jetzigen _unmöglichen_ Aufrichtigkeit wüßtest, -Lisa, wenn ich dir nur enthüllen könnte ...« - -»Enthüllen? Sie wollen mir irgend etwas enthüllen? Gott bewahre mich vor -Ihren Enthüllungen!« unterbrach Sie ihn fast mit Schrecken. - -Er blieb stehen und wartete in Unruhe. - -»Ich muß Ihnen gestehen, in mir hat sich schon damals, schon in der -Schweiz, der Gedanke festgesetzt, daß Sie etwas Entsetzliches auf der -Seele haben müssen, etwas Schmutziges und Blutiges, und ... gleichzeitig -etwas, das Sie furchtbar lächerlich macht. Hüten Sie sich, mir das zu -enthüllen, wenn es so ist: ich würde Sie verspotten. Ich würde über Sie -lachen solange Sie leben ... Oh, Sie erbleichen wieder? Ich werde ja -nicht, ich werde nicht, ich gehe gleich fort.« Und sie erhob sich -schnell mit einer angeekelten und verachtenden Bewegung. - -»Quäle mich, richte mich, schütte alle Wut über mich aus!« rief er in -Verzweiflung. »Du hast das volle Recht dazu! Ich wußte, daß ich dich -nicht liebe, und richtete dich zugrunde. Ja, ich >nahm den Augenblick<, -ich nahm ihn an: ich hatte noch eine Hoffnung ... schon lange ... eine -letzte ... Ich konnte dem Licht nicht widerstehen, das plötzlich mein -Herz erhellte, als du bei mir eintratst, allein, als erste. Ich glaubte -plötzlich ... Vielleicht glaube ich auch jetzt noch ...« - -»Eine so edle Aufrichtigkeit bezahle ich Ihnen mit gleichem: ich will -nicht Ihre barmherzige Schwester sein. Es ist möglich, daß ich wirklich -Krankenpflegerin werde, wenn ich nicht heute noch zur rechten Zeit zu -sterben verstehe; aber wenn ich das auch würde, so ginge ich doch nicht -zu Ihnen, obschon Sie selbstredend jedem Bein- oder Armlosen -gleichwertig sind. Es hat mir immer geschienen, daß Sie mich an -irgendeinen Ort bringen würden, wo eine böse Riesenspinne von -Menschengröße sitzt, und wir würden dort unser Lebelang auf diese Spinne -sehen und uns vor ihr fürchten. Und darüber wird dann unsere -gegenseitige Liebe vergehen. Wenden Sie sich an Daschenka; die wird mit -Ihnen gehen, wohin Sie wollen.« - -»Sie konnten es auch jetzt nicht unterlassen, sie zu erwähnen?« - -»Das arme Hündchen! Grüßen Sie sie von mir. Wußte sie es, daß Sie sie -schon damals in der Schweiz für Ihr Alter bestimmten? Welch eine -Fürsorge! Welch eine Vorsicht! -- Ach! Wer ist da?« - -In der Tiefe des Saales hatte sich kaum die Tür geöffnet: ein Kopf schob -sich durch und zog sich schnell wieder zurück. - -»Bist du es, Alexei Jegorytsch?« fragte Stawrogin. - -»Nein, das bin nur ich,« sagte Pjotr Stepanowitsch, der sich nun von -neuem und diesmal gleich bis zur Hälfte durch die Tür schob. »Guten Tag, -Lisaweta Nicolajewna; auf alle Fälle wünsche ich einen guten Morgen. -Wußte ich's doch, daß ich Sie beide in diesem Saal antreffen würde. -- -Ich bin wirklich nur auf einen Augenblick gekommen, Nicolai -Wszewolodowitsch, -- bin um jeden Preis hergeeilt, nur auf ein paar -Worte ... die allernotwendigsten ... nur ein paar Wörtchen!« - -Stawrogin ging, aber nach drei Schritten kehrte er zu Lisa zurück. - -»Wenn du jetzt gleich etwas erfahren wirst, Lisa, so wisse: ich bin -schuld!« - -Sie fuhr zusammen und sah ihn scheu an; doch er ging schnell hinaus. - - - II. - -Das Zimmer, in das sich Pjotr Stepanowitsch zurückzog, war ein großes -ovales Vorzimmer. Bis zu seinem Erscheinen hatte der alte Diener Alexei -Jegorytsch hier gesessen, den hatte er aber jetzt weggeschickt. - -Nicolai Wszewolodowitsch schloß die Saaltür hinter sich und blieb in -Erwartung stehen. Pjotr Stepanowitsch sah ihn schnell und prüfend an. - -»Nun?« - -»Das heißt, wenn Sie es schon wissen sollten --« begann Pjotr -Stepanowitsch eilig und als wolle er mit den Augen Stawrogin in die -Seele springen, »so ist selbstverständlich niemand von uns schuld daran, -besonders nicht Sie, denn es ist nur ein zufälliges Zusammentreffen ... -eine Reihe von Zufällen ... mit einem Wort, juridisch kann man Ihnen -nichts anhaben, und ich bin nur gekommen, um Sie zu benachrichtigen.« - -»Sie sind verbrannt? Ermordet?« - -»Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe -Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heißt, wenn Sie -die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal -den Gedanken -- Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst, -natürlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im -Ernst so etwas sagen!) -- doch ich hätte mich niemals zur Ausführung -entschlossen, für nichts in der Welt, nicht für hundert Rubel, -- denn -ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen -- das heißt, ich, ich -persönlich ...« (Er überhastete sich furchtbar und sprach wie eine -Plappermühle.) »Aber nun hören Sie, was für ein Zusammentreffen von -Zufällen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel -dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf -Lebädkin zweihundertunddreißig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, -- -hören Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee, -beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wußte damals noch -nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren würde oder nicht: -- gab -ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee -hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darüber werde ich mich -nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so -weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit -einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen hätte. Da mir aber diese -Tragödien scheußlich langweilig geworden waren -- ich spreche jetzt, -merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrücke -gebrauche --, da nun alles das meine Pläne kreuzte, so schwor ich mir, -Lebädkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg -zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab -ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht? -Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hören Sie jetzt, hören Sie, -wohin das alles geführt hat ... --« - -Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer näher gerückt und wollte ihn -schließlich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit -Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand -herunter. - -»Wie ... was!? ... Na ... bloß, so können Sie einem ja die Hand brechen -... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ...« -schnatterte er dann schon weiter, ohne sich über den Schlag viel zu -wundern. »Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester -am nächsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit -dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und -fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mußte mit dem Publikum seinen -dummen Schulbubenstreich machen, -- Sie haben wohl schon davon gehört? -auf der Matinee? Nun hören Sie, hören Sie doch: beide betrinken sich und -schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt -ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen -auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribüne zu -schubsen. Lebädkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollständig. -Darauf folgt der bekannte Skandal -- Lebädkin wird steif betrunken nach -Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus -der Brieftasche und läßt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglück aber hatte -Lebädkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da -aber Fedjka nur darauf wartete -- er hatte bei Kirilloff etwas davon -gehört (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschloß er sich, -die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, daß Fedjka -wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, -- dabei hat der Schurke -eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer -scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist -dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der -Teufel weiß, was das ist! Das ist eine solche Eigenmächtigkeit ... Sehen -Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts -verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen, -in mir herumgetragen. Das ist so populär, so volklich ... aber ich habe -sie immer für die kritische Zeit aufbewahrt, für den großen Augenblick, -wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt plötzlich -eigenmächtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo -man den Atem anhalten und alles verheimlichen müßte! Nein, das ist eine -solche Eigenmächtigkeit! ... Ich weiß ja noch nichts darüber: man -spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den -_unseren_ jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im -Spiele hat -- gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heißt, sie ein bißchen -vernachlässigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen >Fünfern< ist, -das sehe ich, eine schlechte Stütze! Ein einziger großartiger, -götzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf -etwas Zufälliges und außerhalb Stehendes stützt ... Dann werden auch die ->Fünfer< gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls, -wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, daß -Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und daß darum die Stadt -brennen mußte, so --« - -»Also man schreit das schon?« - -»Das heißt, nein, noch gar nicht, und ich muß gestehen, ich habe davon -bis jetzt noch nichts gehört, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen, -besonders mit den Abgebrannten? _Vox populi, vox Dei!_ Braucht es denn -viel Zeit, um selbst das dümmste Gerücht zu verbreiten? Sie, wie gesagt, -haben sich vor nichts zu fürchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor -Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten -das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei -denn, daß Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff -erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das -beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde -ihm noch heute ...« - -»Und die Leichen sind gar nicht verbrannt?« - -»Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehört zu machen -verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß Sie so ruhig sind -... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in -Gedanken, so ist es doch -- na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber -zugeben, daß das alles sehr schön Ihre Angelegenheiten in Ordnung -bringt: Sie sind plötzlich ein freier Witwer und können noch in dieser -Stunde das schönste Mädchen mit einem riesigen Vermögen heiraten, -- ein -Mädchen, das noch dazu schon in Ihren Händen ist. Sehen Sie, was ein -einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr?« - -»Sie wollen mich einschüchtern, Sie Dummkopf?« - -»Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das für -ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um -Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschüchtern? Als -ob ich Ihnen zu drohen nötig hätte! Ich brauche Ihren freien Willen, -aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich -fürchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij -Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer -Droschke -- und wen sehe ich? -- Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem -Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, -- im Mantel, völlig durchnäßt, er -muß wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die -Menschen doch den Verstand verlieren können!« - -»Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr?« - -»Es ist wahr, es ist wahr. Steht am Gartenzaun. Von hier -- na, -dreihundert Schritte von hier, wenn ich mich nicht irre. Ich beeilte -mich, an ihm vorüber zu kommen, aber er hat mich doch gesehen. Sie -wußten es nicht? In dem Fall bin ich sehr froh, daß ich nicht vergessen -habe, es Ihnen mitzuteilen. Sehen Sie, solch einer ist am -gefährlichsten! wenn der einen Revolver bei sich hat! und zuletzt, die -Nacht, die Nässe, die Erregung, und dann -- wie ist denn seine Lage -jetzt, ha, ha! Was meinen Sie, warum sitzt er da?« - -»Er wartet natürlich auf Lisaweta Nicolajewna.« - -»So--o! Ja warum sollte sie denn zu ihm hinausgehen? Und ... in diesem -Regen ... so ein Esel!« ... - -»Sie wird sogleich zu ihm hinausgehen.« - -»Aha! Das ist mir mal eine Neuigkeit! Also ... Aber hören Sie, jetzt hat -sich doch Ihre Situation völlig geändert: wozu braucht sie jetzt den -Mawrikij? Sie sind doch jetzt ein freier Witwer und können sie doch -morgen heiraten? Weiß sie noch nichts? Dann überlassen Sie es mir, ich -werde gleich alles in Ordnung bringen. Wo ist sie, man muß ihr doch auch -eine Freude machen!« - -»Eine Freude?« - -»Sie fragen noch! Gehen wir.« - -»Und Sie glauben, daß sie vor diesen Leichen nichts errät?« fragte -Stawrogin, indem er ihn mit halb zugekniffenen Augen ansah. - -»Natürlich nicht,« antwortete Pjotr Stepanowitsch, den Dummen spielend, -»denn juridisch ... Ach, Sie! Und wenn sie es auch errät! Von den Frauen -wird das alles so schnell abgetan! Sie kennen die Frauen noch nicht! -Außerdem muß sie Sie doch ganz einfach heiraten, denn sie hat sich doch -nun mal kompromittiert, ganz abgesehen davon, daß ich ihr von der ->Barke< schon erzählt habe: und habe gesehen, daß man gerade damit -Eindruck auf sie macht -- da sieht man gleich, von welchem Kaliber das -Mädchen ist. Beruhigen Sie sich, sie wird über diese Leichen so -hinwegtreten, wie nichts! Außerdem sind Sie ja doch tatsächlich ganz -unschuldig, vollständig unschuldig, nicht wahr? Sie wird die Erinnerung -an diese Leichen nur aufbewahren, um Sie vom zweiten Jahre Ihrer Ehe an -damit zu peinigen. Jedes Weib, das zum Altar geht, rächt sich so an -ihrem Mann, aber was dann sein wird ... was wieder übers Jahr sein wird? -Ha, ha, ha!« - -»Sie sind mit einer Droschke gekommen? Die Droschke wartet noch? Dann -fahren Sie in dieser Droschke mit Lisa zu Mawrikij Nicolajewitsch. Sie -hat mir soeben gesagt, daß sie mich nicht lieben kann, daß sie von mir -geht, da wird sie selbstverständlich keine Equipage von mir annehmen.« - -»Aber was soll denn das bedeuten? Ist das wirklich ihr Ernst? Was hat -denn das veranlassen können?« Pjotr Stepanowitsch sah ihn mit einem -recht dummen Gesicht an. - -»Sie hat es irgendwie erraten, in dieser Nacht, daß ich sie gar nicht -liebe ... was sie natürlich schon immer gewußt hat.« - -»Ja, aber wie -- lieben Sie sie denn nicht?« fragte Pjotr Stepanowitsch -mit der Miene grenzenlosen Erstaunens. »Aber wenn das so ist, warum -haben Sie ihr das dann nicht gestern gleich gesagt, daß Sie sie nicht -lieben? Das ist doch eine schreckliche Gemeinheit von Ihnen, und wie -stehe ich denn jetzt vor ihr da?« - -Stawrogin begann plötzlich zu lachen. - -»Ich lache über meinen Affen,« erklärte er sofort. - -»Ah! Sie haben's durchschaut, daß ich den Bajazzo spiele!« Pjotr -Stepanowitsch lachte sogleich furchtbar lustig mit. »Ich hab's ja nur -getan, um Sie zu amüsieren! Stellen Sie sich vor, ich hab's doch im -Augenblick, wie Sie aus der Tür traten, Ihrem Gesicht angesehen, daß es -bei Ihnen >Unglück< gegeben hat. Vielleicht sogar einen vollständigen -Mißerfolg, wie? Nun, ich möchte schwören,« rief er, sich vor Entzücken -fast verschluckend, »daß Sie die ganze Nacht im Saal nebeneinander wie -Puppen auf den Stühlen gesessen, über hohe Sachen sich gestritten und so -die ganze kostbare Zeit verbracht haben ... Doch, verzeihen Sie, -verzeihen Sie, was geht das mich an! Ich wußte ja schon gestern, daß es -bei Ihnen mit einer Dummheit enden werde. Ich habe sie Ihnen ja auch -überhaupt nur gebracht, um Ihnen ein Vergnügen zu verschaffen, und um -Ihnen zu beweisen, daß Sie es mit mir nicht langweilig haben werden! -Dreihundertmal kann ich Ihnen noch mit so was dienen! Ich liebe es -überhaupt, den Menschen gefällig zu sein. Und wenn Sie sie jetzt also -nicht mehr brauchen, worauf ich ja rechnete, dann -- nun ja, dann bin -ich eben hierhergefahren, um ...« - -»So haben Sie sie mir also nur zu meinem Vergnügen gebracht?« - -»Wozu denn sonst?« - -»Und nicht deshalb, um mich zu zwingen, meine Frau zu ermorden?« - -»So--o, ja haben Sie sie denn ermordet? Was für ein tragischer Mensch -Sie sind!« - -»Gleichviel, Sie haben sie ermordet.« - -»Wieso denn ich? Aber ich sage Ihnen doch, ich bin da auch nicht mit -einem Tropfen beteiligt. Indessen, Sie fangen an mich zu beunruhigen -...« - -»Fahren Sie fort, Sie sagten: >Wenn Sie sie also jetzt nicht mehr -brauchen, so ...<« - -»So überlassen Sie sie mir, selbstverständlich! Ich werde sie glänzend -mit Mawrikij Nicolajewitsch verheiraten, den nicht ich unten am -Gartenzaun aufgestellt habe -- setzen Sie sich nicht auch das noch in -den Kopf! Ich fürchte ihn jetzt sogar. Wahrhaftig, wenn er vorhin einen -Revolver gehabt hätte! ... Gut, daß auch ich einen habe! Da ist er --« -(er zog einen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn, steckte ihn aber -schnell wieder ein), »ich habe ihn wegen des weiten Weges zu mir -gesteckt ... Übrigens, ich werde das alles im Augenblick beilegen: es -wird ihr gerade jetzt wegen Mawrikij am Herzchen nagen ... es muß ja so -sein ... und wissen Sie, bei Gott, sie tut mir sogar ein wenig leid! -Bringe ich sie wieder mit Mawrikij zusammen, so wird sie von Stund an -nur an Sie denken, Sie verhimmeln und ihn schelten, -- ein Weiberherz! -Nun, Sie lachen schon wieder? Es freut mich riesig, daß Sie so heiter -geworden sind. Nun, wie -- gehen wir? Ich fange sogleich von Mawrikij -an, von denen aber ... den Toten ... wissen Sie, sollte man nicht jetzt -lieber darüber schweigen? Sie wird es ja später doch erfahren.« - -Plötzlich stand Lisa in der Tür. - -»Was werde ich erfahren? Wer ist tot? Was sagten Sie von Mawrikij -Nicolajewitsch?« - -»Ah! Sie haben uns belauscht?« - -»Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ist er tot?« - -»Ah! so haben Sie doch nichts gehört! Beruhigen Sie sich, Mawrikij -Nicolajewitsch lebt und ist gesund, wovon Sie sich schon im Augenblick -werden überzeugen können, denn er steht hier unten, am Wege, am -Gartenzaun ... und steht dort, glaube ich, die ganze Nacht, durchnäßt, -im Mantel ... Ich fuhr an ihm vorüber, er hat mich gesehn.« - -»Das ist nicht wahr. Sie sagten ... Wer ist getötet?« - -»Ermordet ist nur meine Frau, ihr Bruder Lebädkin und die Aufwärterin,« -sagte Stawrogin mit fester Stimme. - -Lisa zuckte zusammen und erbleichte unheimlich. - -»Ein ganz sonderbarer Zufall, Lisaweta Nicolajewna, der dümmste Fall von -einem Raubmord,« trommelte sofort wieder Pjotr Stepanowitsch los -- »ein -Räuber, der den Brand benutzen wollte: der Dummkopf Lebädkin hatte allzu -offen sein Geld gezeigt ... das benutzte dann Fedjka, ein entsprungener -Zuchthäusler -- Sie werden von ihm gehört haben ... Ich bin sofort -hierher geeilt ... ich war wie von einem Stein getroffen, wie Sie sich -denken können, und Stawrogin war denn auch so erschüttert, als ich ihm -das Geschehene mitteilte. Wir berieten uns gerade: ob man es Ihnen jetzt -gleich sagen sollte oder noch nicht?« - -»Nicolai Wszewolodowitsch, sagt er die Wahrheit?« brachte Lisa kaum -hörbar hervor. - -»Nein, er sagt die Unwahrheit.« - -»Wie, die Unwahrheit?« fuhr Pjotr Stepanowitsch erschrocken auf. »Was -soll denn das wieder heißen?« - -»Mein Gott, ich verliere den Verstand!« schrie Lisa auf. - -»Bedenken Sie doch, daß der Mensch ja wahnsinnig ist!« suchte Pjotr -Stepanowitsch alles zu überschreien, »denn immerhin, es ist doch nun mal -seine Frau, die man erschlagen hat! Sehen Sie doch, wie bleich er ist -... Er war doch die ganze Nacht mit Ihnen zusammen, hat Sie nicht auf -eine Minute verlassen, da kann er es doch nicht getan haben, wer wird -denn ihn verdächtigen?!« - -»Nicolai Wszewolodowitsch, sagen Sie mir wie vor Gott, ob Sie schuld -sind oder nicht, und ich schwöre Ihnen, ich werde Ihrem Wort glauben, -wie dem Worte Gottes, und bis ans Ende der Welt werde ich Ihnen folgen, -oh, ich folge! Ich folge wie ein Hündchen ...« - -»Was quälen Sie sie, warum, wozu, Sie phantastischer Kopf!« rief Pjotr -Stepanowitsch wütend. »Lisaweta Nicolajewna, hören Sie mich an, Wort für -Wort: er ist unschuldig, im Gegenteil, er ist wie vernichtet, er ist -krank und phantasiert, Sie sehen es doch! In nichts, in nichts ist er -schuldig! Das haben Raubmörder getan, denen man vielleicht schon morgen -auf der Spur sein wird! Das hat Fedjka, der Zuchthäusler, getan, und -noch einige aus der Spigulinschen Fabrik, die ganze Stadt spricht schon -davon, deshalb bin ich ...« - -»Ist es so? Ist es so?« Am ganzen Körper zitternd erwartete Lisa ihren -Urteilsspruch. - -»Ich habe nicht gemordet und ich war dagegen, aber ich wußte, daß man -sie umbringen werde und habe nichts getan, um den Mord zu verhindern. -Gehen Sie von mir, Lisa,« murmelte Stawrogin und ging in den Saal. - -Lisa bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging hinaus aus dem Hause. -Pjotr Stepanowitsch wollte ihr schon nachstürzen, kehrte aber sofort um -und ging in den Saal zu Stawrogin. - -»Also so sind Sie? So sind Sie? Also nichts fürchten Sie?« stieß er, wie -irrsinnig vor Wut, unzusammenhängend, mit Schaum vor dem Munde, hervor. - -Stawrogin stand in der Mitte des Saales und erwiderte kein Wort. Er -griff mit der linken Hand in sein Haar und lächelte blicklos. Pjotr -Stepanowitsch riß ihn heftig am Ärmel. - -»Jetzt sind Sie verloren! Was? Also darauf haben Sie es angelegt? Alle -geben Sie preis! Und selbst gehen Sie ins Kloster oder zum Teufel! Aber -ich werde Ihnen ja doch den Garaus machen, auch wenn Sie mich nicht -fürchten sollten!« - -»Ach, Sie sind es, der hier plappert?« Stawrogin bemerkte ihn jetzt -erst. Und plötzlich, wie erwachend, rief er: »Laufen Sie, laufen Sie ihr -nach, befehlen Sie einen Wagen, verlassen Sie sie nicht ... Laufen Sie, -laufen Sie doch! Bringen Sie sie nach Haus, damit es niemand weiß, und -sie nicht dorthin geht ... zu den Leichen ... den Leichen ... Setzen Sie -sie mit Gewalt in die Equipage ... Alexei Jegorytsch! Alexei -Jegorytsch!« - -»Still, schreien Sie nicht! Sie ist jetzt schon in Mawrikijs Armen ... -Mawrikij wird sich nicht in Ihre Equipage setzen. Bleiben Sie! Das hier -ist wichtiger, als die Equipage!« - -Er riß wieder den Revolver hervor. Stawrogin sah ihn ernst an. - -»Nun was, erschießen Sie mich,« sagte er leise, beinahe versöhnlich. - -»Pfui Teufel, welch eine Lüge der Mensch auf sich laden kann!« Pjotr -Stepanowitsch erzitterte förmlich. »Bei Gott, ja, man sollte Sie -totschlagen! Wahrlich, sie mußte ja einfach auf Sie spucken! ... Was -können Sie denn noch für eine tragende Barke sein, Sie alter, morscher, -hölzerner Kahn, der nur noch zum Abbruch taugt! ... Nun, wenn Sie sich -doch wenigstens aus Bosheit, aus Bosheit jetzt aufrafften! Ach! So ist -Ihnen wohl schon alles gleich, wenn Sie bereits selber um eine Kugel in -Ihre Stirn bitten?« - -Stawrogin lächelte sonderbar. - -»Wenn Sie nicht solch ein Narr wären, so würde ich jetzt vielleicht >ja< -sagen ... Wenn Sie nur ein bißchen klüger wären ...« - -»Gut, mag ich ein Narr sein, aber ich will nicht, daß Sie, meine -wichtigere Hälfte, auch ein Narr sind! Verstehen Sie mich?« - -Stawrogin verstand ihn, vielleicht konnte nur er allein ihn verstehen. -War doch Schatoff erstaunt gewesen, als Stawrogin ihm gesagt hatte, daß -in Pjotr Stepanowitsch Enthusiasmus sei. - -»Gehen Sie jetzt zum Teufel, morgen werde ich vielleicht irgend was aus -mir herausbringen. Kommen Sie morgen wieder.« - -»Ja? Ja?« - -»Was kann ich wissen! ... Gehen Sie zum Teufel, zum Teufel!« - -Und er verließ den Saal. - -»Wer weiß, vielleicht ist es auch besser so,« murmelte Pjotr -Stepanowitsch und steckte den Revolver wieder ein. - - - III. - -Er eilte hinaus, um Lisaweta Nicolajewna einzuholen. Sie war noch nicht -weit gekommen: -- ein paar Schritte vom Hause entfernt, erreichte er -sie. Alexei Jegorytsch, der ihr im Frack und ohne Hut, in einem Abstande -von einem Schritt, in ehrerbietiger Haltung folgte, suchte sie -zurückzuhalten: er sprach auf sie ein und suchte ihr vergeblich klar zu -machen, daß sie doch auf die Equipage warten müsse; der Alte war dabei -dem Weinen nahe. - -»Mach dich fort, der Herr wünscht Tee,« damit schob Pjotr Stepanowitsch -den Alten beiseite und legte Lisaweta Nicolajewnas Hand auf seinen Arm. - -Sie zog die Hand nicht fort: offenbar war sie noch gar nicht bei voller -Besinnung. - -»Erstens müssen Sie nicht dahin, nicht am Park vorüber,« begann Pjotr -Stepanowitsch, »sondern hierher. Zweitens können Sie unmöglich zu Fuß -gehen, denn bis zu Ihnen sind es gute drei Werst, und Sie sind nur in -einem leichten Kleide. Wenn Sie nur ein wenig warten wollten. Ich bin in -einer Droschke gekommen und die wartet noch auf mich. Ich werde Sie -sofort hineinsetzen und dann so zurückbringen, daß niemand Sie sieht.« - -»Wie gut Sie sind ...« sagte Lisa freundlich. - -»Aber ich bitte Sie, in einem solchen Fall würde doch jeder humane -Mensch an meiner Stelle ebenso ... --« - -Lisa sah ihn an und war verwundert. - -»Ach, mein Gott, und ich dachte, daß immer noch der Alte ...« - -»Hören Sie mal, es freut mich sehr, daß Sie es so ruhig auffassen, denn -alles das ist doch ein fürchterliches Vorurteil. Wäre es also nicht das -Vernünftigste, ich befehle dem Alten, sofort die Equipage anspannen zu -lassen? Das dauert höchstens zehn Minuten, und wir gehen so lange auf -die Treppe zurück und warten, wie?« - -»Ich möchte zuerst ... wo sind die Ermordeten?« - -»Natürlich! Das befürchtete ich ja! Nein, die lassen wir hübsch -beiseite. Und das ist auch nichts für Sie!« - -»Ich weiß, wo sie sind, ich kenne das Haus.« - -»Nun, was, was wissen Sie? Ich bitte Sie, jetzt im Regen, im Nebel (da -habe ich mir eine schöne Verpflichtung aufgeladen!) ... Hören Sie, -Lisaweta Nicolajewna, entweder oder: Sie können mit mir auf die Droschke -warten und gehen jetzt keinen Schritt weiter, oder aber, wenn Sie noch -zwanzig Schritte weiter gehen, so erblickt uns Mawrikij Nicolajewitsch.« - -»Mawrikij Nicolajewitsch! Wo? Wo?« - -»Nun, wenn Sie zu ihm gehen wollen, so kann ich Sie meinethalben noch -ein Stückchen begleiten und Ihnen zeigen, wo er steht. Ich selbst aber -mache dann meinen ergebensten Diener: ich möchte jetzt nicht mit ihm -sprechen.« - -»Er wartet auf mich, mein Gott!« Sie blieb plötzlich stehen und wurde -über und über rot. -- - -»Nun, was soll das! Wenn er ein Mensch ohne Vorurteile ist! Wissen Sie, -Lisaweta Nicolajewna, das ist ja alles nicht mehr meine Sache, -- ich -bin ja ganz unbeteiligt dabei, das wissen Sie selbst. Aber ich will doch -Ihr Bestes ... Wenn es mit unserer >Barke< nun einmal nichts ist, wenn -es sich herausgestellt hat, daß sie nur ein alter, verfaulter Kahn war, -der nur noch zum Abbruch taugt ...« - -»Ach, wunderbar!« Lisa lachte hysterisch auf. - -»Ja, wunderbar, aber dabei fließen Ihnen die Tränen über die Wangen. Da -ist mehr Festigkeit nötig. Die Frau soll den Männern nicht nachstehen. -In unserer Zeit, wenn die Frau ... pfui, zum Teufel!« (Pjotr -Stepanowitsch hätte beinahe ausgespuckt.) »Und die Hauptsache, nichts -bedauern: vielleicht wird sich alles noch zum besten kehren. Mawrikij -Nicolajewitsch ist ein Mensch ... mit einem Wort, ein gefühlvoller -Mensch, wenn auch nicht gesprächig, was übrigens nichts auf sich hat, -vorausgesetzt, daß er nur ein vorurteilsfreier Mensch ist ...« - -»Wunderbar, wunderbar,« lachte Lisa immer noch. - -»Ach nun, zum Teufel ... Lisaweta Nicolajewna,« sagte Pjotr -Stepanowitsch plötzlich pikiert, »ich rede doch nur in Ihrem Interesse -... denn was geht das schließlich mich an? Ich war Ihnen gestern zu -Diensten, habe getan, was Sie selbst wollten, und heute ... Nun sehen -Sie, von hier sieht man schon Mawrikij Nicolajewitsch! Dort steht er und -sieht uns nicht. Haben Sie >Polinka Sachs< gelesen, Lisaweta -Nicolajewna?« -- »Was ist das?« - -»Das ist eine Erzählung. Ich habe Sie als Student mal gelesen ... Da -läßt ein Mann seine Frau auf der Villa wegen Untreue verhaften ...[53] -Ah, nun, zum Teufel damit! Sie werden sehen, daß Mawrikij Nicolajewitsch -Ihnen, noch bevor Sie zu Hause ankommen, einen Heiratsantrag macht. Er -sieht uns noch immer nicht.« - -»Ach, möge er uns auch nicht sehen!« rief Lisa plötzlich in großer -Angst. -- »Gehen wir fort, fort! In den Wald, aufs Feld!« Und sie lief -zurück. - -»Aber Lisaweta Nicolajewna, das ist doch so kleinmütig!« rief Pjotr -Stepanowitsch hinter ihr drein. »Und warum wollen Sie denn nicht, daß er -Sie sieht? Im Gegenteil, blicken Sie ihm offen und stolz in die Augen -... Wenn Sie etwa _deswegen_ ... ich meine, wegen der ... Jungfernschaft -... so ist das doch das größte Vorurteil von allen, ist doch eine solche -Rückständigkeit ... Aber wohin gehen Sie denn, wohin? Teufel, da läuft -sie nun ... Kehren wir doch lieber zu Stawrogin zurück! Nehmen wir meine -Droschke! ... Wohin laufen Sie? Dort ist das Feld, und ... So! -- da ist -sie nun gefallen!« - -Er blieb stehen. Lisa war wie ein Vogel davongeflogen, ohne zu wissen, -wohin. Pjotr Stepanowitsch war schon auf fünfzig Schritt -zurückgeblieben. Da stolperte sie über einen kleinen Erdhügel und fiel. - -Im selben Augenblick hörte man einen kurzen Schrei: das war Mawrikij -Nicolajewitsch, der sie jetzt plötzlich erblickt und fallen gesehen -hatte, und im Augenblick schon quer über das Feld zu ihr lief. - -Pjotr Stepanowitsch stand im Nu hinter dem Parktor und zog sich dann -schleunigst zurück, um sich ohne Zeitverlust in seine Droschke zu -setzen. - -Mawrikij Nicolajewitsch aber stand schon, angstvoll erschrocken, neben -Lisa, half ihr aufstehen und hielt, über sie gebeugt, ihre Hand in -seinen Händen. Das Unglaubliche, Unmögliche, das in dieser Begegnung -lag, erschütterte ihn so, daß ihm Tränen über das Gesicht rannen. Er -hatte sie erblickt, wie sie, die er so andächtig verehrte, wie -wahnsinnig über das Feld lief, und das zu dieser Stunde, bei solchem -Wetter, im Kleide, im zarten Kleide von gestern, das jetzt zerdrückt und -vom Fall beschmutzt an ihr herabhing ... Er konnte kein Wort -hervorbringen, nahm hastig seinen Mantel ab und bedeckte mit zitternden -Händen ihre Schultern. Plötzlich schrie er auf: er hatte gefühlt, wie -sie mit ihren Lippen seine Hand berührte. - -»Lisa!« rief er aus, »ich verstehe nichts, aber stoßen Sie mich nicht -von sich!« - -»Oh, ja, gehen wir schnell von hier weg, verlassen Sie mich nicht!« und -sie zog ihn an der Hand mit sich fort. - -»Mawrikij Nicolajewitsch,« erschreckt senkte sie die Stimme, »dort tat -ich die ganze Zeit sehr tapfer, aber hier fürchte ich den Tod. Ich werde -sterben, ich werde bald sterben, aber ich fürchte mich zu sterben,« -flüsterte sie, und preßte krampfhaft seine Hand. - -»Oh, wenn doch irgend jemand! ...« er blickte sich in Verzweiflung um. -»Wenn doch ein Vorüberfahrender! Ihre Füße werden naß, Sie ... werden -den Verstand verlieren!« - -»Tut nichts, tut nichts,« beruhigte sie ihn, »mit Ihnen zusammen fürchte -ich mich weniger, halten Sie mich an der Hand, führen Sie mich ... Wohin -gehen wir jetzt? Nach Hause? Nein, ich will zuerst die Leichen sehn! Die -Menschen sagen, daß man seine Frau ermordet hat, er aber sagt, er habe -sie selbst ermordet; aber das ist doch nicht wahr, das ist doch nicht -wahr? Ich möchte selbst die Ermordeten sehen ... die für mich ... -ihretwegen hat er diese Nacht aufgehört, mich zu lieben ... Ich werde -sie sehen und alles erfahren. Schnell, schnell, ich kenne dieses Haus -... es hat dort gebrannt ... Mawrikij Nicolajewitsch, mein Freund, -verzeihen Sie mir Ehrlosen nicht! Warum mir verzeihen? -- Warum weinen -Sie? Geben Sie mir eine Ohrfeige und schlagen Sie mich tot hier auf dem -Felde, wie einen Hund!« - -»Niemand ist jetzt Ihr Richter,« sagte Mawrikij Nicolajewitsch fest, -»möge Gott Ihnen verzeihen, am wenigsten von allen aber bin ich Ihr -Richter!« - -Doch sonderbar wäre es, wollte man ihr Gespräch wiedergeben. Dabei -gingen sie weiter, Hand in Hand, schnell und eilig, wie Halbwahnsinnige --- gerade in der Richtung zur Brandstätte. - -Mawrikij Nicolajewitsch hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, -irgendwo einen Wagen anzutreffen, aber ringsum blieb alles still und -leer. Ein feiner, dünner Nebelregen verschleierte die ganze Landschaft. -Jedes Licht und jede Farbe sog er auf und verwandelte Nähe und Ferne, -Himmel und Erde unterschiedslos in eine einzige rauchige, bleierne -Masse. Es war schon längst Tag und doch schien es noch nicht hell -geworden zu sein. Und plötzlich tauchte aus diesem rauchigen, kalten -Nebel eine Gestalt auf und kam den beiden entgegen, eine eigentümliche, -seltsame Figur. - -Ich glaube, ich hätte meinen Augen nicht getraut, wenn ich an Lisaweta -Nicolajewnas Stelle gewesen wäre; sie aber, im Gegenteil, sie schrie -freudig auf und erkannte den Menschen sofort: Es war Stepan -Trophimowitsch. - -Auf welche Weise er aus dem Hause gekommen war, wie er den Gedanken der -Flucht, diese erklügelte Idee, verwirklicht hatte -- davon später. - -Er wird wohl schon an diesem Morgen Fieber gehabt haben, aber selbst die -Krankheit, von der er übrigens selber vielleicht nichts gemerkt hat, -vermochte ihn nicht zurückzuhalten. Tapfer stapfte er auf dem vom Regen -aufgeweichten Wege darauf los. Offenbar hatte er bei seinem Unternehmen -möglichst allein sein wollen, trotz seiner ganzen Lebensunerfahrenheit. - -Angezogen war er reisemäßig, das heißt, er hatte einen Mantel an, der -von einem breiten lackledernen Gurt zusammengehalten wurde. Die -Beinkleider staken in hohen, glänzenden Stiefelschäften, in denen er -noch nicht recht zu gehen verstand. Augenscheinlich war alles neu und -erst in diesen Tagen angeschafft. Ein Hut mit breitem Rand, ein -wollener, fest um den Hals geschlungener Schal, ein Stock in der rechten -Hand und in der Linken ein kleiner, aber sehr fest vollgestopfter -Reisesack, vollendeten sein Kostüm. In derselben rechten Hand hielt er -dann noch einen aufgespannten Regenschirm. Diese drei Gegenstände zu -schleppen, den Regenschirm, den Stock und den Handkoffer, war ihm schon -in der ersten Stunde recht unbequem, in der zweiten aber bereits -furchtbar schwer. - -»Sind Sie das wirklich?« rief Lisa, und betrachtete ihn mit einem -traurigen Erstaunen, nachdem der erste Ausbruch ihrer unbewußten Freude -vorüber war. - -»_Lise!_« fuhr Stepan Trophimowitsch auf. »_Chère, chère_, sind Sie es -wirklich ... in diesem Nebel? Sehen Sie, das Morgenrot! _Vous êtes -malheureuse, n'est-ce pas?_{[191]} Ich sehe, ich sehe schon, erzählen -Sie nichts und fragen Sie auch mich nicht. _Nous sommes tous malheureux, -mais il faut les pardonner tous. Pardonnons, Lise_,{[192]} und wir -werden frei sein auf ewig. Um sich von der Welt zu lösen und vollständig -frei zu werden -- _il faut pardonner, pardonner et pardonner_!«{[193]} - -»Aber warum knien Sie denn vor mir nieder?« - -»Weil ich, indem ich von der Welt Abschied nehme, in Ihrem Bilde von -meinem ganzen vergangenen Leben Abschied nehmen will!« Er weinte und -führte ihre beiden Hände an seine verweinten Augen. »Ich knie jetzt vor -allem, was in meinem Leben schön war, ich küsse es und danke ihm! Jetzt -habe ich mich in zwei Hälften geteilt: dort der Wahnsinnige, der vom -Himmel träumte, _vingt-deux ans_!{[194]} hier der niedergebeugte und -verfrorene alte Erzieher ... _chez ce marchand, s'il existe pourtant ce -marchand_{[195]} ... Aber wie Sie durchnäßt sind, _Lise_!« rief er -plötzlich, wieder aufstehend, denn er fühlte, daß auch seine Knie auf -der feuchten Erde naß geworden waren. »Und wie ist das möglich, Sie in -diesem Kleide? ... und zu Fuß, und auf freiem Felde ... Sie weinen? -_Vous êtes malheureuse?_ Ja richtig, ich habe doch etwas gehört ... Aber -woher kommen Sie denn?« verdoppelte er seine Fragen, mit tiefer -Verwunderung Mawrikij Nicolajewitsch ansehend, »_mais savez-vous l'heure -qu'il est_?«{[196]} - -»Stepan Trophimowitsch, haben Sie dort etwas von Ermordeten gehört ... -Ist es wahr? Ist es wahr?« - -»Diese Menschen! Ich sah den Feuerschein ihrer Taten die ganze Nacht am -Himmel. Sie konnten ja gar nicht anders enden!« (Seine Augen flammten -wieder auf.) »Ich laufe aus dem Dunst eines Fiebertraumes, laufe und -suche Rußland, -- _existe-t-elle la Russie? Bah, c'est vous, cher -capitaine!_{[197]} Niemals habe ich daran gezweifelt, daß ich Sie bei -einem großen Ereignis treffen würde. ... Nehmen Sie aber wenigstens -meinen Schirm! Und -- warum denn gerade zu Fuß? Um Gottes willen, nehmen -Sie doch wenigstens meinen Schirm, denn ich werde sowieso irgendwo ein -Fuhrwerk mieten. Sehen Sie, ich bin darum zu Fuß, weil _Stasie_« (das -heißt: Nastassja) »es sonst durch die ganze Stadt geschrien hätte, daß -ich fortfahre! So bin ich möglichst inkognito entschlüpft. Ich weiß -nicht, in der Zeitung schreibt man jetzt von Mord und Totschlag auf den -Landstraßen -- aber es kann doch nicht sein, denke ich, daß mich Räuber -überfallen? _Chère Lise_, sagten Sie nicht, man hätte jemand ermordet? -_Oh, mon Dieu_,{[198]} wie sehen Sie aus?« - -»Gehen wir, gehen wir!« rief Lisa wieder hysterisch weinend, und zog -Mawrikij Nicolajewitsch mit sich fort. »Warten Sie, Stepan -Trophimowitsch,« sie kehrte plötzlich zu ihm zurück, »warten Sie, lieber -Armer, ich werde Sie segnen. Vielleicht wäre es besser, Sie zu binden, -aber ich segne Sie lieber. Beten auch Sie für die >arme< Lisa -- so, ein -wenig, ohne sich zu sehr anzustrengen, ja? Mawrikij Nicolajewitsch, -geben Sie diesem Kinde seinen Schirm wieder, geben Sie unbedingt, -unbedingt! So ... Gehen wir, gehen wir!« - -Sie langten vor dem verhängnisvollen Hause gerade in dem Augenblicke an, -als die Volksmenge, die sich dort angesammelt hatte, davon sprach, wie -vorteilhaft es für Stawrogin doch sei, daß man »seine Frau« ermordet -hatte. Einige waren sehr erregt. Andere hörten schweigend zu. Am -lebhaftesten ging es wie gewöhnlich unter den Angetrunkenen her: -Schreihälse, Leute aller Art standen in Gruppen zusammen und erörterten -heftig gestikulierend das Geschehene. Besonders fiel mir wieder jener -Kleinbürger auf, der Schmied, den man sonst als stillen Menschen kannte, -der aber, wenn ihn etwas seelisch aus dem Gleichgewicht brachte, dann -plötzlich aus Rand und Band geraten konnte. - -Ich habe davon, was jetzt geschah, nicht alles gesehen: zu oft schob -sich die Menge vor. - -Zuerst erblickte ich Lisa, plötzlich mitten im dichtesten Haufen, und -ich erstarrte vor Schreck. Mawrikij Nicolajewitsch sah ich dagegen -nicht, wahrscheinlich war er im Gedränge von ihr abgekommen, vielleicht -nur auf ein paar Schritte. Natürlich mußte Lisa, die sich wie eine -Irrsinnige durch die Menge drängte, allen auffallen, alle erregen. - -»Da ist die Stawroginsche!« rief mit einemmal jemand. - -»Sie morden nicht nur, sie wollen sich die Bescherung auch noch -ansehen!« rief ein anderer. - -In diesem Augenblick sah ich, wie über ihrem Haupte eine Hand sich erhob -und auf sie niederschlug. - -Lisa stürzte zu Boden. - -Hinter ihr ertönte ein wilder Schrei und Mawrikij Nicolajewitsch suchte -sich mit aller Kraft zu ihr Bahn zu brechen und riß und stieß den -Menschen, der ihm im Wege stand. Da wurde auch er schon von eben jenem -Kleinbürger gepackt und zu Boden geworfen. Für einen Augenblick -verschwamm alles im Gewühl. Einmal sah ich auch Lisa wieder: sie hatte -sich erhoben, aber da traf sie schon ein zweiter, noch furchtbarerer -Schlag. Ich konnte nichts mehr sehen. Da drängte aber die Menge schon -zurück, es bildete sich ein leerer Kreis um die wie tot Daliegende: über -sie gebeugt sah ich Mawrikij Nicolajewitsch, blutüberströmt, wimmernd -vor Schmerz und verzweifelnd die Hände ringend. Ich weiß nicht mehr, was -weiter geschah. Aber ich erinnere mich noch, wie ich plötzlich sah, daß -man Lisa davontrug: man sagte, sie lebte noch. - -Der Schmied und noch drei andere wurden verhaftet. Vor Gericht erklärten -sie später, daß sie selbst nicht wüßten, wie es eigentlich geschehen -war. Auch ich war als Zeuge geladen und auch ich konnte nichts anderes -aussagen, als daß es sich meiner Meinung nach um eine jähe, blinde und -gleichsam zufällige Tat der Menge gehandelt hatte, um eine fast -unbeabsichtigte, ja fast sogar unbewußte Tat, bei der es Schuldige -eigentlich nicht gab. Das ist auch jetzt noch meine Meinung. - - - - - Neunzehntes Kapitel. - Der letzte Beschluß - - - I. - -An diesem Morgen ist Pjotr Stepanowitsch von sehr vielen gesehen worden, -und sie alle sagen jetzt aus, er habe sich in einem ungewöhnlich -angeregten Zustande befunden. - -Um zwei Uhr nachmittags sprach er bei Gaganoff vor, der erst vor einem -Tage von seinem Gut in die Stadt gekommen war und bei dem sich nun ein -ganzer Schwarm von Gästen eingefunden hatte, die alle viel und eifrig -über die Ereignisse sprachen. Dort hatte Pjotr Stepanowitsch dann noch -weit mehr als die anderen gesprochen und schließlich auch erreicht, was -er wollte. Vor allem sprach er über Julija Michailowna, ein Thema, das -nach dem Vorgefallenen natürlich ungemein interessierte. Er erzählte von -ihr, als ihr Vertrauter, der er kürzlich noch gewesen war, viele -unerwartete Einzelheiten, und aus Versehen, selbstredend nur aus -Versehen, teilte er einige ihrer Bemerkungen über einzelne allen -bekannte Persönlichkeiten mit, womit er sofort die Eigenliebe mehrerer -Anwesenden empfindlich traf. Es kam bei ihm heute alles so unklar und -wirr heraus, ganz so wie bei einem nicht sehr schlauen Menschen, der -sich von seinem ehrlichen Gewissen gezwungen sieht, so schnell wie -möglich einen ganzen Berg angesammelter Mißverständnisse abzutragen, und -der nun in seiner gradherzigen Ungewandtheit selbst nicht weiß, wo er -anfangen und wo er enden soll. Ziemlich unvorsichtig, selbstverständlich -nur unvorsichtig wirkte es auch, als er die Bemerkung fallen ließ, daß -Julija Michailowna um das Ehegeheimnis Stawrogins gewußt und die ganze -Intrige geleitet habe. In dieser Weise habe sie dann auch ihn, Pjotr -Stepanowitsch, »hereingezogen«, weil er doch auch in diese arme Lisa -verliebt war, und dabei habe sie ihn sogar so »gehandhabt«, daß er Lisa -_beinahe_ selbst im Wagen zu Stawrogin begleitet hätte. - -»Ja, ja, meine Herren, Sie haben gut lachen, aber wenn ich nur gewußt -hätte, wenn ich's nur gewußt hätte, womit das alles enden würde!« schloß -er sein Gerede. - -Auf verschiedene erregte Fragen nach Stawrogin erklärte er noch, und -zwar mit unerschütterlicher Bestimmtheit, daß die ganze Katastrophe mit -den Lebädkins bloß ein reiner Zufall wäre: schuld an ihr sei einzig und -allein Lebädkin selbst, da er das erhaltene Geld offen in den Kneipen -gezeigt hatte. Das setzte er ganz besonders gut auseinander. - -Einer der Zuhörer bemerkte darauf, daß er sich vergeblich »verstelle«, -daß er im Hause Julija Michailownas gegessen, getrunken und fast schon -geschlafen habe, nun aber sie als erster verleumde -- was doch wohl -nicht gerade so schön sei, wie er zu glauben scheine. - -Doch Pjotr Stepanowitsch verteidigte sich sofort: - -»Ich habe nicht deswegen dort gegessen und getrunken, weil ich kein Geld -für meine Kost ausgeben wollte, und kann nichts dafür, daß man mich -immer eingeladen hat. Im übrigen erlauben Sie mir wohl, selbst zu -beurteilen, wie viel Dankbarkeit ich dafür jemandem schuldig bin.« - -Der Eindruck, den seine langen, krausen Reden machten, war im -allgemeinen für ihn durchaus vorteilhaft. »Mag er auch nicht von weitem -her sein,« meinte man im allgemeinen, denn einige in dem Kreise hielten -ihn in der Tat nur für einen unbedeutenden Studenten oder für nicht sehr -viel mehr, »aber was kann er denn für Julija Michailownas Dummheiten? Im -Gegenteil, jetzt stellt es sich ja heraus, daß er sie noch -zurückgehalten hat ...« - -Plötzlich, noch während er bei Gaganoff war, bald nach zwei Uhr, kam die -Nachricht, daß Stawrogin, über den so viel geredet wurde, mit dem -Mittagszuge nach Petersburg abgereist sei. Diese Kunde überraschte alle -nicht wenig und erregte neue Dispute; viele runzelten die Stirn. Pjotr -Stepanowitsch war so betroffen, daß, wie man erzählt, sein ganzes -Gesicht sich veränderte und er sonderbar ausrief: »Wer hat ihn denn -fortlassen können?« Und er verließ sogleich die Gesellschaft. Aber man -hat ihn an diesem Tage noch in drei oder vier anderen Häusern gesehen. - -In der Dämmerstunde gelang es ihm endlich, wenn auch erst nach vieler -Mühe, zu Julija Michailowna, die nichts mehr von ihm wissen wollte, -vorzudringen. Von dieser ihrer Begegnung erfuhr ich erst drei Wochen -später, und zwar von Julija Michailowna selbst, -- es war kurz vor ihrer -Abreise nach Petersburg: sie teilte mir allerdings nichts Näheres mit, -sondern bemerkte nur zusammenschaudernd, er hätte sie damals »über alle -Maßen in Erstaunen versetzt«. Ich nehme an, daß er ihr einfach gedroht -hat, sie als Helfershelferin anzuzeigen, wenn es ihr einfiele, irgend -etwas zu »sagen«. Die Notwendigkeit aber, sie einzuschüchtern, war mit -seinen damaligen Absichten, die sie natürlich nicht kannte, eng -verbunden, und erst später, nach fünf Tagen, erriet sie, warum er ihrem -Schweigen noch nicht getraut und sich vor neuen Ausbrüchen ihres -Unwillens gefürchtet hatte. - -Es war gegen acht Uhr abends und schon ganz dunkel, als am Rande der -Stadt, in einem kleinen, schiefen Häuschen, in dem der Fähnrich Erkel -wohnte, die _Unsrigen_ sich versammelten. Diese Zusammenkunft der »Fünf« -war von Pjotr Stepanowitsch selbst angesagt worden, er aber, der -präsidieren sollte, verspätete sich unverzeihlich: die fünf warteten -schon über eine Stunde auf ihn. Der junge Erkel war derselbe Fähnrich, -der an jenem Abend bei Wirginski die ganze Zeit mit einem Bleistift in -der Hand und einem Notizbuch vor sich stumm dagesessen hatte. Er war vor -nicht langer Zeit bei uns eingetroffen, hatte sich in einer stillen -Gasse am Rande der Stadt bei zwei alten Schwestern aus dem Bauernstande -eingemietet und sollte schon bald wieder wegreisen. Bei ihm nun war es -wohl am unauffälligsten, sich zu versammeln. Dieser sonderbare Junge -zeichnete sich durch eine ganz außergewöhnliche Schweigsamkeit aus: er -konnte zehn Abende in lustiger Gesellschaft und bei den ungewöhnlichsten -Gesprächen zubringen, ohne selbst ein Wort zu sprechen, und bloß mit -seinen großen Kinderaugen aufmerksam die Sprechenden beobachten und -ihnen zuhören. Sein Gesicht war reizend und sogar durchaus nicht dumm. -Zur »Fünf« gehörte er zwar nicht, doch die anderen glaubten, er hätte -irgendwelche besonderen Aufträge. Jetzt weiß man, daß er überhaupt keine -Aufträge gehabt hat und vielleicht selbst nicht einmal seine Stellung zu -den anderen begriff. Er richtete sich einfach in allen Dingen nach Pjotr -Stepanowitsch, den er erst vor kurzem kennen gelernt hatte. Ich glaube, -wenn er statt seiner irgendein Monstrum kennen gelernt hätte und von -diesem unter irgendeinem sozial-romantischen Vorwande überredet worden -wäre, eine Räuberbande zu gründen und zur Kraftprobe irgendeinen ersten -Besten zu ermorden und zu bestehlen -- er hätte es getan, er wäre -hingegangen und hätte den ersten Besten ermordet und bestohlen. Er besaß -noch irgendwo eine kranke Mutter, der er die Hälfte seines armseligen -Gehaltes zuschickte, -- wie muß die wohl dieses blonde Köpfchen ihres -Einzigen geküßt, wie für ihn gezittert, wie für ihn gebetet haben! Ich -erzähle so viel von ihm, weil er mir so leid tut. - -Die Versammelten waren sehr erregt. Die Ereignisse der letzten Nacht -hatten sie doch betroffen gemacht, und ich glaube, ihnen war sogar recht -bange geworden. Der simple, wenn auch systematisch vorbereitete Skandal, -an dem sie bis jetzt so eifrig Anteil genommen, hatte sich plötzlich auf -eine für sie ganz unerwartete Weise entladen. Der Brand, die Ermordung -der Lebädkins, die Wut des Volkes auf Lisa und deren Tod -- das waren -lauter Überraschungen, die sie in ihrem Programm nicht vorgesehen -hatten. Erregt warfen sie der sie lenkenden Hand Despotismus und -Unaufrichtigkeit vor, und, während sie nun auf Pjotr Stepanowitsch -warteten, redeten sie sich so in Hitze, daß sie zum Schluß beschlossen, -endgültig eine kategorische Erklärung von ihm zu verlangen; sollte er -aber auch diesmal eine Antwort umgehen wollen, so wollte man die »Fünf« -einfach auflösen und an ihrer Stelle einen neuen geheimen Verband zur -»Propaganda der Idee« gründen -- jetzt aber von sich aus und auf -wirklich gleichberechtigenden und demokratischen Grundsätzen. Liputin, -Schigaleff und der Volkskenner unterstützten besonders diesen Gedanken. -Lämschin schwieg, doch sah er einverstanden aus. Wirginski war noch -unentschlossen und wollte erst noch Pjotr Stepanowitsch anhören. Und so -kam denn der Beschluß zustande, nach dem man zuerst Pjotr Stepanowitsch -noch einmal vernehmen sollte. Dieser aber kam noch immer nicht; eine -solche Vernachlässigung trug entschieden nicht zur Beruhigung der -Gemüter bei. Erkel schwieg natürlich und reichte bloß den Tee herum, den -er persönlich von den beiden Schwestern in Gläsern auf einem Teebrett -brachte, da er das Dienstmädchen nicht hereinlassen wollte und auch den -Samowar nicht im Zimmer aufstellen ließ. - -Endlich erschien Pjotr Stepanowitsch. Es war schon neun Uhr. Er trat mit -schnellen Schritten an den runden Tisch vor dem Sofa, an dem die -Gesellschaft Platz genommen hatte, behielt die Mütze in der Hand und für -Tee dankte er. Er sah böse, streng und hochmütig aus. Offenbar hatte er -den Gesichtern sofort angemerkt, daß man »rebellierte«. - -»Bevor ich meinen Mund aufmache, bringen Sie Ihre Sachen vor. Scheinen -ja so was zu beabsichtigen,« bemerkte er mit einem bösen Spottlächeln, -während seine Augen über die Physiognomien glitten. - -Da begann Liputin »im Namen aller« und erklärte mit einer Stimme, der -man das Gekränktsein anhörte, daß man, wenn man so fortfahren wollte, um -seinen eigenen Kopf spielte. Oh, nicht, daß sie sich fürchteten, nein, -durchaus nicht, und sie seien sogar zu allem bereit, jedoch nur für die -allgemeine Sache! (Bewegung und Zustimmung der anderen.) Darum soll man -aber aufrichtig zu ihnen sein, damit sie im voraus Bescheid wüßten, denn -»wohin soll das sonst führen?« (wieder zustimmende Bewegung und ein paar -dumpfe Kehllaute). So zu handeln sei aber erniedrigend und gefährlich -... Nicht, daß man sich fürchte, wie gesagt, aber wenn nur ein einziger -handeln wolle und die anderen bloß gehorchen müßten, so könne zum -Beispiel dieser eine lügen und die anderen fielen dann alle »wie die -Tölpel herein«, (Ausrufe: ja, ja! Allgemeine Zustimmung.) - -»Zum Teufel, was wollen Sie denn?« - -»Was für eine Beziehung haben die Intrigen des Herrn Stawrogin zu der -allgemeinen Sache?« brauste Liputin auf. »Mag er da meinetwegen auf -irgendeine geheimnisvolle Weise zur Zentrale gehören, -- wenn nur diese -phantastische Zentrale überhaupt existiert! -- Das ist es, was wir -wissen wollen! Und währenddessen wird ein Mord begangen, die Polizei -aufgeweckt -- und nach dem Faden kann man bis zum Knäuel gehen.« - -»Sie werden mit diesem Stawrogin schon hereinfallen, und wir -gleichfalls,« fügte der Volkskenner hinzu. - -»Und ganz unnütz für die allgemeine Sache,« schloß Wirginski wehmütig. - -»Welch ein Blödsinn! Dieser Mord ist ein Zufall, von Fedjka begangen, um -zu rauben.« - -»Hm! Ein merkwürdiges Zusammentreffen,« meinte Liputin gewunden. - -»Aber wenn Sie wollen, so sind gerade Sie daran schuld.« - -»Wieso ich?« - -»Ja, gerade Sie. Erstens haben Sie selbst an dieser Intrige -teilgenommen, und zweitens, die Hauptsache, Ihnen war befohlen, Lebädkin -fortzuschicken, das Geld hatten Sie schon erhalten -- was aber taten -Sie? Wenn Sie ihn fortgeschickt hätten, wäre nichts passiert.« - -»Was? Aber waren denn Sie es nicht selbst, der die Idee gab, daß es -nicht übel wäre, wenn man ihn das Gedicht vorlesen ließe?« - -»Eine Idee ist kein Befehl. Der Befehl war: abschicken!« - -»Befehl! Ein etwas sonderbarer Ausdruck ... Nein, im Gegenteil, Sie -befahlen ja gerade, das Abschicken aufzuschieben.« - -»Sie haben sich getäuscht und nichts als Dummheit und Eigenmächtigkeit -gezeigt. Der Mord aber ist Fedjkas Sache, und der hat ihn aus keinem -anderen Grunde begangen, als dem, zu rauben. Sie hören bloß, daß man so -redet, und schon glauben Sie alles aufs Wort! Haben ja einfach Angst -bekommen! Stawrogin ist nicht so dumm, und der Beweis -- er ist um zwölf -Uhr mittags nach einer Aussprache mit dem Vizegouverneur fortgefahren: -wenn etwas derartiges gewesen wäre, so hätte man ihn nicht am hellichten -Tage nach Petersburg reisen lassen!« - -»Aber wir behaupten ja gar nicht, daß Herr Stawrogin selber ermordet -hat!« versetzte Liputin bissig und schon ohne Zurückhaltung. »Er hat -sogar überhaupt nichts davon wissen können, ganz so wie ich; Sie aber -wissen nur zu gut, daß ich von nichts wußte, wenn ich auch gleichzeitig -selber wie ein Schaf in den Kessel kroch!« - -»Wen beschuldigen Sie denn?« fragte Pjotr Stepanowitsch und sah ihn -finster an. - -»Ja, eben dieselben, die es nötig haben, Städte in Brand zu stecken.« - -»Das Dümmste ist dabei, daß Sie sich herauszureden suchen. Übrigens, -wollen Sie nicht so freundlich sein, das durchzulesen und dann den -anderen zu zeigen. Nur zur Kenntnisnahme.« Mit diesen Worten zog er -Lebädkins Brief an Lembke aus der Tasche und reichte ihn Liputin. Der -las den Brief augenscheinlich erstaunt durch und reichte ihn dann -nachdenklich dem nächsten. Der Brief machte schnell die Runde um den -Tisch. - -»Ist das aber auch wirklich Lebädkins Handschrift?« erkundigte sich -Schigaleff. - -»Ja, es ist seine Handschrift,« bestätigten Liputin und Tolkatschenko -(der Volkskenner). - -»Ich zeigte ihn nur zur Kenntnisnahme, und da ich wußte, daß Sie sich -Lebädkins Tod so zu Herzen nehmen,« sagte Pjotr Stepanowitsch, indem er -den Brief wieder zu sich steckte. »Auf diese Weise hat uns nun Fedjka -vollkommen zufällig von einem sehr gefährlichen Menschen befreit. So -kann einem manchmal der _Zufall_ zustatten kommen! Lehrreich, nicht -wahr?« - -Die fünf tauschten schnell vielsagende Blicke aus. - -»Jetzt aber, meine Herren, ist die Reihe an mir, zu fragen,« sagte Pjotr -Stepanowitsch, und nahm eine steifere Haltung an. »Gestatten Sie mir, -Sie zu fragen, aus welchem Grunde Sie ohne Erlaubnis die Stadt in Brand -gesteckt haben?« - -»Wa--as! Was heißt das? Wir die Stadt in Brand gesteckt? Der Kerl ist -wohl krank!« ertönten erregte Ausrufe in der Runde. - -»Ich verstehe ja, Sie waren schon zu sehr in Schwung gekommen,« fuhr -Pjotr Stepanowitsch unbeirrt fort, »aber so etwas ist doch nicht mehr -ein Skandälchen mit Julija Michailowna. Ich habe Sie, meine Herren, -hierhergerufen, um Ihnen die Größe der Gefahr zu zeigen, einer Gefahr, -die Sie sich so dumm auf den Hals geladen haben und die jetzt außer -Ihnen noch so viele andere bedroht.« - -»Erlauben Sie, wir wollten gerade Sie auf diesen Grad von Despotismus, -mit dem man hinter dem Rücken der Mitglieder eine so ernste und zugleich -so sonderbare Maßregel getroffen hat, aufmerksam machen,« sagte fast -unwillig der bis dahin schweigsame Wirginski. - -»Sie leugnen also? Ich aber behaupte, daß Sie die Stadt in Brand -gesteckt haben, Sie allein, meine Herren, und sonst niemand. Meine -Herren, leugnen Sie es nicht, ich bin genau unterrichtet. Mit Ihrer -eigenmächtigen Handlung haben Sie sogar die allgemeine Sache der Gefahr -ausgesetzt. Sie sind hier nur ein einziger kleiner Knoten in einem -riesigen Netz, und sind der Zentrale blinden Gehorsam schuldig. -Währenddessen haben aber drei von Ihnen die Spigulinschen zur -Brandstiftung überredet, ohne dazu auch nur die geringste Instruktion zu -haben.« - -»Welche drei? Wer das? Welche drei von uns?« - -»Vorgestern haben Sie, Tolkatschenko, gegen vier Uhr nachts Fomka -Sawjäloff in der Kneipe >Zum Vergißmeinnicht< zur Brandstiftung -beredet.« - -»Aber hören Sie mal!« rief dieser aufspringend. »Ich habe ihm kaum ein -Wort gesagt, ja, und selbst das ganz absichtslos, ganz einfach, nur so, -weil man ihn mit den anderen am Morgen geprügelt hatte! Und ich ließ es -gleich wieder bleiben, da ich sah, daß er doch zu betrunken war. Hätten -Sie mich jetzt nicht daran erinnert, so würde ich es überhaupt ganz -vergessen haben! Von diesem einen Worte konnte kein Brand entstehen!« - -»Sie sind wie der Mann, der sich wundert, daß von einem einzigen kleinen -Funken eine ganze Pulverfabrik in die Luft fliegt.« - -»Ich habe es ihm in der Ecke und flüsternd ins Ohr gesagt ... Wie haben -Sie das überhaupt erfahren können?« fragte plötzlich Tolkatschenko, -selbst ganz betroffen. - -»Ich saß dort unterm Tisch. Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren, -ich weiß jeden einzelnen Ihrer Schritte. Sie belieben hämisch zu -lächeln, Herr Liputin? Ich weiß aber, zum Beispiel, daß Sie vorgestern -um Mitternacht in Ihrem Schlafzimmer Ihre Frau gekniffen haben.« - -Liputin blieb der Mund offen und er wurde blaß. - -(Später stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch von dieser -nächtlichen Heldentat Liputins durch dessen Magd Agafja, der er von -Anfang an für Spionage Geld gezahlt hatte, unterrichtet worden war.) - -»Dürfte ich eine Tatsache konstatieren?« fragte plötzlich Schigaleff, -sich vom Stuhl erhebend. - -»Konstatieren Sie.« - -Schigaleff setzte sich und sammelte seine Gedanken. - -»Soweit ich verstanden habe, und man kann ja da gar nichts mißverstehen, -haben Sie selbst in der ersten Zeit und später noch einmal äußerst -beredt -- wenn auch gar zu theoretisch -- von Rußland ein Bild -entworfen, nach dem es von einem endlosen Netz von Fünfergruppen bedeckt -ist. Jede der tätigen Gruppen hat, indem sie Proselyten macht und sich -ins Endlose verzweigt, die Aufgabe, mit systematisch sich ausbreitender -Propaganda das Ansehen der Regierung und ihrer Vertreter zu untergraben, -in den Dörfern Zweifel, Zynismus, Skandale, volle Glaubenslosigkeit um -jeden Preis zu verbreiten, was dann alles die Sehnsucht nach einem -besseren Zustande hervorrufen soll, und schließlich mit Brandstiftungen, -als dem volkstümlichsten Mittel, das Land im vorgeschriebenen Moment, -wenn's nicht anders geht, selbst ins Verderben zu stürzen. -- Sind das -Ihre Worte, die buchstäblich zu behalten ich mich bemüht habe? Ist das -Ihr Programm, das Sie in der Eigenschaft eines von dem Zentralkomitee -Bevollmächtigten uns mitgeteilt haben? eines zentralen, aber für uns bis -jetzt vollkommen unbekannten und nahezu phantastischen Komitees?« - -»Allerdings, nur könnten Sie sich kürzer fassen.« - -»Jeder hat das Recht, so zu sprechen, wie er spricht. Indem Sie uns zu -verstehen geben, daß es solcher einzelnen Knotenpunkte eines großen -Netzes, das ganz Rußland bedeckt, schon mehrere hundert gibt, und indem -Sie die Voraussetzung entwickeln, daß, falls jede Gruppe ihre Sache -erfolgreich macht, ganz Rußland zum festgesetzten Termin, auf das Signal -...« - -»Ach, zum Teufel, auch ohne Sie hat man schon genug zu tun!« fiel ihm -Pjotr Stepanowitsch ungeduldig ins Wort und bewegte sich auf seinem -Sessel. - -»Gut, ich werde mich kürzer fassen und nur noch eine Frage stellen: wir -haben doch schon mehrere Skandale hier gehabt, wir haben die -Unzufriedenheit der Bevölkerung gesehen, wir waren anwesend und -beteiligten uns bei dem Sturz der hiesigen Administration und, endlich, -sahen wir mit eigenen Augen den Brand. Womit sind Sie nun unzufrieden? -Ist das nicht Ihr Programm? Und wessen können Sie uns beschuldigen?« - -»Der Eigenmächtigkeit!« schrie Pjotr Stepanowitsch jähzornig auf. -»Solange ich hier bin, haben Sie nicht das Recht, ohne meine Erlaubnis -zu handeln. Basta! Jetzt ist die Anzeige bereits fertig und vielleicht -morgen oder heute Nacht schon wird man Sie alle verhaften. Da haben Sie -es jetzt! Ich weiß es genau.« - -Nun blieben schon alle Münder offen. - -»Man wird Sie nicht nur als Brandstifter verhaften, sondern als >Fünf<! -Dem Denunzianten ist das ganze Geheimnis des Netzes bekannt. Sehen Sie -jetzt, was Sie da angerichtet haben!« - -»Bestimmt Stawrogin!« rief Liputin plötzlich. - -»Wie ... warum Stawrogin?« Pjotr Stepanowitsch stockte gleichsam. »Nein ---« er faßte sich sofort wieder »-- es ist Schatoff! Ich nehme an, Sie -wissen alle, daß Schatoff seinerzeit auch zu uns gehörte. Ich muß -gestehen, daß ich, der ich ihn von Personen, denen er vertraute, habe -beobachten lassen, zu meinem Erstaunen erfahren mußte, daß ihm sogar die -ganze weitere Einrichtung des Netzes kein Geheimnis ist, und daß er ... -mit einem Wort -- alles weiß. Um sich nun von der Beschuldigung der -früheren Teilnahme zu befreien, will er jetzt alle anzeigen. Bis gestern -schwankte er vielleicht noch und ich schonte ihn. Jetzt aber haben Sie -ihm mit dieser Brandstiftung den letzten Stoß versetzt: jetzt ist er -erschüttert, aufgebracht, entschlossen. Morgen werden wir alle verhaftet -... als Brandstifter und politische Verbrecher.« - -»Ist das wahr? ... Wie kann Schatoff das wissen? ...« - -Die Aufregung war unbeschreiblich. - -»Es ist vollkommen wahr. Ich habe nicht das Recht, Ihnen die Wege, auf -denen ich alles erfahren habe, mitzuteilen. Nur eines kann ich für Sie -tun: durch einen Menschen kann ich auf Schatoff so weit einwirken, daß -er, ohne Verdacht zu schöpfen, die Denunziation noch aufschiebt, aber -nur auf vierundzwanzig Stunden -- länger geht es nicht. Mehr tun -- kann -ich nicht. Und so können Sie sich noch bis übermorgen früh sicher -fühlen.« - -Alle schwiegen. - -»Ja -- kann man ihn denn nicht zum Teufel schicken!« schrie da als -erster Tolkatschenko. - -»Hätte man schon längst tun sollen!« rief Lämschin und schlug mit der -Faust auf den Tisch. - -»Aber wie?« brummte Liputin. - -Pjotr Stepanowitsch griff sofort diese Frage auf und setzte seinen Plan -auseinander. Der bestand darin, Schatoff zur Abgabe der versteckten -Setzmaschine an den einsamen Ort zu locken, wo sie vergraben war, morgen -bei Anbruch der Nacht, und dann -- »dort schon das Nötige zu erledigen«. -Pjotr Stepanowitsch erging sich in vielen wesentlichen Einzelheiten, die -ich jetzt übergehe, und setzte noch einmal umständlich das uns schon -bekannte Verhältnis Schatoffs zur Zentrale auseinander. - -»Das ist schon so,« bemerkte Liputin etwas unsicher, »aber nun wieder -... ein neuer Fall von derselben Art ... ob das nicht doch zu auffallend -sein wird ...« - -»Allerdings,« bestätigte Pjotr Stepanowitsch, »aber auch das ist -vorgesehen. Wir haben ein Mittel, den Verdacht vollständig abzulenken.« - -Und mit der vorigen Ausführlichkeit erzählte er von Kirilloff, von -dessen Absicht, sich zu erschießen, und daß er versprochen habe, mit dem -Selbstmord bis zur bestimmten Zeit zu warten, und obendrein noch einen -Brief, in dem er alles auf sich nahm, was man ihm in die Feder -diktierte, zu hinterlassen. - -»Seine feste Absicht, sich das Leben zu nehmen -- sie ist philosophisch, -doch meiner Meinung nach einfach verrückt --, wurde _dort_ bekannt,« -fuhr Pjotr Stepanowitsch fort zu erklären. »_Dort_ aber verliert man -weder ein Haar noch ein Stäubchen umsonst, alles wird zum Nutzen der -allgemeinen Sache verwandt. Da man den Nutzen, den er damit bringen -konnte, sofort einsah und sich überzeugte, daß sein Vorsatz -unerschütterlich war, so gab man ihm das Geld zur Rückreise nach Rußland -(aus irgendeinem Grunde wollte er nur in Rußland sterben), gab ihm einen -Auftrag, den zu erfüllen er auf sich nahm (was er auch getan hat), und -außerdem verpflichtete man ihn zu dem besagten Versprechen, sich erst -dann zu erschießen, wenn man ihm das Signal geben würde. Er versprach -alles. Und nicht zu vergessen, daß er aus ganz besonderen Gründen der -Sache angehört und selbst wünscht, ihr nützlich zu sein. Mehr darf ich -Ihnen nicht mitteilen. Morgen, _nach Schatoff_, werde ich ihm den Brief -diktieren, daß er Schatoff umgebracht hat. Das wird sehr glaublich -erscheinen: sie waren beide Freunde, fuhren zusammen nach Amerika, dort -haben sie sich entzweit, und das wird alles im Brief erklärt werden ... -und ... und ich glaube, je nach den Umständen, wird man ihm vielleicht -noch einiges diktieren können, zum Beispiel, was die Proklamationen -betrifft, und vielleicht teilweise auch den Brand. Übrigens, darüber -werde ich noch nachdenken. Beruhigen Sie sich, er hat keine Vorurteile: -er unterschreibt alles.« - -Trotzdem wurden einige Zweifel laut. Die Geschichte erschien doch zu -phantastisch. Von Kirilloff hatten alle schon mehr oder weniger gehört. -Liputin natürlich am meisten. - -»Plötzlich kann er aber nachdenken und nicht mehr wollen,« sagte -Schigaleff, »denn so oder so, wie man's auch nimmt, er ist doch nun -einmal verrückt, also kann man da gar nicht sicher sein.« - -»Seien Sie unbesorgt, er wird wollen,« schnitt Pjotr Stepanowitsch kurz -ab. »Nach jener Abmachung bin ich verpflichtet, ihn am Vorabend zu -benachrichtigen, also heute noch. Ich würde vorschlagen, daß Liputin mit -mir zu ihm geht und sich selbst überzeugt und Ihnen dann mitteilt -- er -kann ja von dort hierher zurückkehren --, ob ich die Wahrheit gesagt -habe, oder nicht. Übrigens,« brach er plötzlich ab, maßlos gereizt und -hochmütig, als ob er diesen Leuten schon zuviel Ehre antat, wenn er sich -in dieser Weise mit ihnen abgab, »übrigens, machen Sie, was Sie wollen. -Wenn Sie sich nicht entschließen, so ist der Bund zerrissen -- und zwar -einzig wegen Ihres Ungehorsams und Verrats. So sind wir denn von diesem -Augenblick an getrennt -- ein jeder für sich. Doch vergessen Sie nicht, -daß Sie sich in diesem Fall, außer der Schatoffschen Anzeige und deren -Folgen, noch eine andere kleine Unannehmlichkeit zuziehen, die Ihnen bei -der Gründung Ihrer Gruppe bestimmt und unmißverständlich erklärt wurde, -wessen Sie sich wohl noch erinnern werden. Was mich betrifft, meine -Herren, so fürchte ich Sie nicht gerade sonderlich ... Aber denken Sie -nur nicht, daß ich mich mit Ihnen gar so eng verbunden fühle ... -Übrigens, das ist ja gleichgültig.« - -»Nein, wir entschließen uns,« erklärte Lämschin. - -»Einen anderen Ausweg gibt es nicht,« murmelte Tolkatschenko, »und wenn -Liputin uns das von Kirilloff bestätigt, so ...« - -»Ich bin dagegen! Ich protestiere mit allem, was mir heilig ist, gegen -einen solchen blutigen Entschluß!« rief Wirginski, plötzlich aufstehend. - -»Aber?« fragte Pjotr Stepanowitsch. - -»Was >aber<?« - -»Sie sagten >aber< ... und ich warte.« - -»Ich glaube, ich sagte nicht >aber< ... Ich wollte nur sagen, daß, wenn -man sich dazu entschließt, so ...« - -»So?« - -Wirginski verstummte. - -»Ich denke, man kann sich über die eigene Lebensgefahr hinwegsetzen,« -sagte plötzlich Erkel, der jetzt zum erstenmal den Mund auftat, »-- wenn -das aber der allgemeinen Sache schaden kann, so, denke ich, darf man es -nicht mehr wagen ... sich über die eigene Lebensgefahr hinwegzusetzen -...« - -Er verwirrte sich und wurde rot. Wie beschäftigt auch ein jeder mit sich -selbst war, sie blickten ihn doch alle erstaunt an -- dermaßen -unerwartet kam es, daß auch er einmal sprach. - -»Ich bin für die allgemeine Sache,« sagte plötzlich Wirginski leise. - -Alle erhoben sich von den Plätzen. Es wurde beschlossen, einander am -nächsten Tage um die Mittagszeit noch einmal zu benachrichtigen, ohne -daß sich alle zu versammeln brauchten, und dann alles endgültig -festzusetzen. Die Stelle, wo die Setzmaschine vergraben war, wurde -mitgeteilt, und jedem seine Rolle und seine besondere Aufgabe -eingeschärft. Darauf begaben sich Liputin und Pjotr Stepanowitsch, ohne -Zeit zu verlieren, zu Kirilloff. - - - II. - -An Schatoffs Denunziation zweifelte niemand; aber auch daran, daß Pjotr -Stepanowitsch mit ihnen wie mit Hampelmännern spielte, zweifelte -niemand. Trotzdem wußten sie alle, daß sie am nächsten Tage vollzählig -zum Stelldichein erscheinen würden, und sie wußten, daß Schatoffs -Schicksal entschieden war. Sie hatten das Gefühl, wie Fliegen in das -Spinngewebe einer großen, giftigen Spinne gefallen zu sein; sie waren -alle erbost, aber sie zitterten vor Angst. - -Pjotr Stepanowitsch hatte zweifellos sträflich unrecht an ihnen getan; -es wäre alles viel harmonischer und _leichter_ gewesen, wenn er sich nur -ein wenig bemüht hätte, die Wirklichkeit zu verschönen. Anstatt -die Tat in einem anständigen Licht zu zeigen, sie als eine -altrömisch-staatsbürgerliche Heldentat oder etwas Ähnliches auszumalen, -hatte er nur die plumpe Angst vor sie hingestellt und die Gefahr für die -eigene Haut, was doch schon einfach unhöflich war. Natürlich: alles ist -nur Kampf ums Dasein, und ein anderes Prinzip gibt es überhaupt nicht, -das weiß doch ein jeder, aber schließlich ... immerhin ... - -Doch Pjotr Stepanowitsch hatte keine Zeit, die alten Römer und ihre -Tugenden heraufzubeschwören. Die Flucht Stawrogins hatte ihn für einen -Augenblick vollständig aus der Fassung gebracht. Daß Stawrogin vor -seiner Abfahrt den Vizegouverneur gesprochen habe, hatte er ihnen -einfach vorgelogen: das war es ja gerade, daß er fortgefahren war, ohne -auch nur einen Menschen zu sehen, selbst die eigene Mutter nicht! Und -war es nicht tatsächlich rätselhaft, daß man ihn so ganz unbehelligt -gelassen hatte? (Späterhin mußte die Stadtobrigkeit darüber besondere -Rechenschaft geben.) Pjotr Stepanowitsch hatte sich den ganzen Tag -überall nach Näherem erkundigt, jedoch nichts erfahren. Noch nie war er -so beunruhigt, so erregt gewesen. Aber wie sollte er denn auch so -einfach, so plötzlich auf Stawrogin verzichten können! Das war der -Grund, warum er mit den »Unsrigen« nicht so rücksichtsvoll umging. Dazu -banden sie ihm noch die Hände: er wollte Stawrogin sofort nachfahren, -und statt dessen mußte er hier bleiben, um vorher noch auf alle Fälle -die fünf »unlösbar zusammenzubinden«. Sein Vorhaben mit Schatoff hielt -ihn zurück. »Werde doch diese fünf nicht umsonst aus der Hand lassen, -können mir noch sehr zustatten kommen.« So ungefähr wird er wohl bei -sich gedacht haben, denke ich mir. - -Pjotr Stepanowitsch war wirklich fest überzeugt, daß Schatoff -denunzieren werde. Alles, was er den »Unsrigen« von der Anzeige gesagt -hatte, war natürlich gelogen, denn nie hatte er eine solche bei Schatoff -gesehen, noch ähnliches von seinen Spionen gehört; aber er war nun -einmal überzeugt davon und konnte sich folglich nichts anderes denken. -Er glaubte, Schatoff werde auf keinen Fall das jetzt Geschehene ruhig -hinnehmen -- den Tod Lisas, Marja Timofejewnas Ermordung -- und sich -gerade jetzt zur Denunziation entschließen. Wer kann es wissen, -vielleicht hatte er auch einige Gründe, gerade das von Schatoff zu -erwarten. Bekannt ist jetzt nur, daß er Schatoff persönlich haßte. Es -hatte einmal einen Streit zwischen ihnen gegeben, Pjotr Stepanowitsch -aber verzieh nie eine Beleidigung. Ich glaube sogar, daß dieses -Persönliche der hauptsächlichste Beweggrund war. - -Die Bürgersteige sind in unserer Stadt sehr schmal, doch Pjotr -Stepanowitsch schritt gerade in der Mitte, somit den ganzen Fußweg mit -seiner Person einnehmend, und ohne Liputin überhaupt zu beachten. Dieser -mußte nun entweder einen Schritt hinter ihm herlaufen oder, um mit ihm -sprechen zu können, auf der schmutzigen Fahrstraße neben ihm traben. -Plötzlich erinnerte sich Pjotr Stepanowitsch, wie er selbst vor zwei -Tagen so durch den Schmutz gelaufen war, um mit Stawrogin, der ganz so -wie er jetzt mitten auf dem Bürgersteig ging, Schritt halten und -sprechen zu können. Ihm fiel der ganze Weg zu Wirginski ein und eine -grenzenlose Wut ergriff ihn jäh. - -Doch auch Liputin verging der Atem vor Wut ob dieser beleidigenden -Unhöflichkeit. Mochte Pjotr Stepanowitsch mit den »Unsrigen« umgehen, -wie er wollte, aber mit ihm? -- mit ihm! Er, Liputin, _wußte_ doch mehr -von der ganzen Geschichte, als alle die anderen der »Fünf«, er stand der -Sache doch am nächsten, war am intimsten eingeweiht und hatte doch -bisher, wenn auch nur mittelbar, aber jedenfalls erfolgreich, bei allen -diesen Anzettelungen mitgewirkt! Oh, er wußte, daß Pjotr Stepanowitsch -ihn sogar schon jetzt vernichten konnte, wenn es ihm darauf ankam, sagen -wir, in einem _äußersten Fall_. Aber er haßte ihn schon lange; und weit -mehr noch, als wegen dieser Gefahr, haßte er ihn wegen seines -anmaßend-hochmütigen Verhaltens. Und jetzt, wo man sich zu einer solchen -Sache entschließen mußte, erboste er sich über diese Umgangsart mehr als -alle die anderen zusammen. Doch ach, trotzdem wußte er, daß er morgen -bestimmt als erster »wie ein Sklave« zur Stelle sein und womöglich noch -die anderen heranschleppen werde! Aber wenn er jetzt, noch vor morgen, -diesen Pjotr Stepanowitsch auf irgendeine Weise hätte totschlagen -können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, so hätte er es unbedingt -getan. - -In seine Empfindungen versunken, schwieg er und trottete hinter seinem -Quälgeist her, der ihn ganz vergessen zu haben schien. Da blieb Pjotr -Stepanowitsch plötzlich auf einer unserer belebtesten Straßen stehen und -trat in ein Gasthaus. - -»Wohin denn?« rief erschrocken Liputin. »Das ist doch ein Gasthaus!« - -»Ich will ein Beefsteak essen.« - -»Ich bitte Sie! ... aber hier ist es doch allezeit vollgepfropft!« - -»Macht nichts.« - -»Aber ... wir verspäten uns! Es ist schon gleich zehn.« - -»Zu dem da kann man nie zu spät kommen.« - -»Aber ich komme dann doch zu spät! Die warten doch dort auf mich!« - -»Na, mögen sie doch. Es wäre nur dumm von Ihnen, wenn Sie zu jenen noch -zurückkehrten. Dank der Schererei mit Ihnen da habe ich heute noch nicht -zu Mittag gespeist. Zu Kirilloff aber kommt man je später, desto -besser.« - -Pjotr Stepanowitsch wünschte in einem besonderen Zimmer zu speisen. -Liputin setzte sich geärgert und gekränkt in einen Sessel und sah zu, -wie er aß. Es verging eine gute halbe Stunde. Pjotr Stepanowitsch -beeilte sich nicht, aß mit großem Appetit, klingelte und verlangte -anderen Senf, darauf Bier und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Er -war tief nachdenklich -- er konnte tatsächlich beides zugleich: mit -Appetit essen und tief nachdenklich sein. Liputins Haß steigerte sich -schließlich so weit, daß er nicht mehr fähig war, seine Blicke von ihm -loszureißen: das war fast schon eine Art Nervenkrampf. Er begleitete -jedes Stückchen Fleisch vom Teller bis zum Munde, und er haßte Pjotr -Stepanowitsch sogar schon dafür, wie er den Mund aufmachte, wie er -kaute, wie er die saftigeren Bissen sich schmecken ließ, ja er haßte -schließlich das Beefsteak selbst. Zum Schluß begann alles sich vor -seinen Augen zu drehen; dazu im Kopf ein leises Schwindelgefühl; heiß -und kalt lief es ihm abwechselnd über den Rücken. - -»Sie haben nichts zu tun, lesen Sie dies,« sagte plötzlich Pjotr -Stepanowitsch und warf ihm ein Blatt Papier zu. - -Liputin näherte sich dem Licht. Das Papier war mit einer kleinen, -unleserlichen Handschrift eng beschrieben und fast auf jeder Zeile -korrigiert. Als er es durchgelesen, bemerkte er, daß Pjotr Stepanowitsch -schon bezahlt hatte und bereits im Begriff war, fortzugehen. Auf der -Straße reichte ihm Liputin das Papier zurück. - -»Behalten Sie es,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »werde Ihnen später sagen, -wozu. Übrigens: wie finden Sie es?« - -Liputin erbebte förmlich vor Wut. - -»Ich finde ... eine solche Proklamation ... ist nichts weiter als eine -einzige blödsinnige Lächerlichkeit ...« - -Seine Wut brach durch; es war ihm, als werde er plötzlich hochgehoben -und weggetragen. - -»Wenn wir uns entschließen,« sagte er, am ganzen Körper vibrierend, -»solche Proklamationen zu verbreiten, so erreichen wir nur, daß man uns -ob unserer Dummheit und Unkenntnis der wahren Verhältnisse einfach -verachtet!« - -»Hm! Ich denke anders,« meinte Pjotr Stepanowitsch, fest -weiterschreitend. - -»Ich aber so. Sollten Sie das wirklich selbst verfaßt haben?« - -»Das ist nicht Ihre Sache.« - -»Ich glaube auch, daß das jämmerliche Gedicht >Die helle -Persönlichkeit<, diese erbärmlichste Reimerei, die es überhaupt geben -kann, nie und nimmer von Herzen selbst verfaßt worden ist!« - -»Das ist nicht wahr, das Gedicht ist gut.« - -»Ich wundere mich auch darüber,« fuhr Liputin zitternd und atemlos fort, -»wie man uns überhaupt anempfehlen kann, so zu handeln, daß alles -zusammenkracht. In Europa mag das zu wünschen, und für Europa mag's auch -das einzig Richtige sein, denn dort gibt es Proletariat, wir aber sind -hier, meiner Meinung nach, bloß Liebhaber und tun nur groß.« - -»Ich dachte, Sie wären Fourierist.« - -»Bei Fourier ist das ganz anders, ist es gar nicht das.« - -»Ich weiß, daß es Unsinn ist.« - -»Nein, das ist es nicht bei Fourier ... Verzeihung, aber ich kann -unmöglich glauben, daß im Mai der Aufstand beginnen werde!« - -Liputin knöpfte sogar seinen Mantel auf, dermaßen heiß war ihm geworden. - -»Na, genug davon. Jetzt aber, damit ich es nicht vergesse,« Pjotr -Stepanowitsch ging erstaunlich kaltblütig auf ein anderes Thema über, -»dieses Blatt werden Sie eigenhändig setzen und drucken. Schatoffs -Setzmaschine graben wir aus und morgen noch nehmen Sie sie zu sich. In -möglichst kurzer Zeit setzen Sie und drucken Sie so viele Exemplare -davon wie nur möglich, und dann werden wir sie den ganzen Winter über -verbreiten. Die Mittel werden Ihnen angewiesen werden. So viele -Exemplare wie nur möglich! Man wird sich von verschiedenen Stellen an -Sie wenden.« - -»Nein, erlauben Sie schon, ich übernehme nicht eine solche ... Ich lehne -es ab.« - -»Und werden es doch übernehmen. Ich handle nach der Instruktion der -Zentrale und Sie müssen gehorchen.« - -»Ich glaube aber, daß unsere ausländischen Zentren die russische -Wirklichkeit vergessen und jede Verbindung mit ihr eingebüßt haben, und -darum einfach phantasieren ... Ich glaube sogar, daß statt der vielen -Hunderte von >Fünfer<-Gruppen in Rußland wir allein die einzige sind, -und ein Netz überhaupt nicht existiert!« keuchte Liputin endlich hervor. - -»Um so verächtlicher von Ihnen, daß Sie, ohne an die Sache zu glauben, -ihr doch nachgelaufen sind ... und jetzt noch mir nachlaufen wie ein -Hündchen.« - -»Nein, ich laufe nicht nach. Wir haben das volle Recht, zurückzutreten -und eine neue Gesellschaft zu gründen.« - -»R--rrrüpel!« donnerte plötzlich Pjotr Stepanowitsch drohend und mit -blitzenden Augen. - -Beide standen sich eine Zeitlang gegenüber. Dann wandte sich Pjotr -Stepanowitsch und setzte selbstbewußt seinen Weg fort. - -Wie ein Blitz zuckte es durch Liputins Kopf: - -»Ich kehre um und gehe zurück. Wenn ich jetzt nicht umkehre, so werde -ich nie mehr umkehren.« - -So dachte er genau zehn Schritte lang, beim elften aber flammte in ihm -ein neuer und tollkühner Gedanke auf: er kehrte nicht um und ging nicht -zurück. - -Sie näherten sich dem Filippoffschen Hause, doch noch bevor sie es -erreichten, bogen sie in eine Quergasse ein, oder richtiger, in einen -Fußweg auf dem abschüssigen Grabenrande am Zaun, an dem man sich halten -mußte, um nicht auszugleiten. An der dunkelsten Ecke dieses alten -schiefen Zaunes nahm Pjotr Stepanowitsch ein Brett heraus und kroch dann -selbst schnell durch die Öffnung. Liputin wunderte sich, kroch aber -trotzdem nach. Daran lehnten sie das Brett wieder so an, wie es vorher -gestanden hatte. Das war derselbe geheime Gang, durch den Fedjka sich -nachts zu Kirilloff stahl. - -»Schatoff darf es nicht wissen, daß wir hier sind,« flüsterte Pjotr -Stepanowitsch in strengem Tone Liputin zu. - - - III. - -Kirilloff saß wie gewöhnlich um diese Zeit auf seinem harten Sofa beim -Tee. Er stand nicht auf, um den Eintretenden entgegenzugehen, warf nur -erschrocken den Oberkörper vor und sah ihnen erregt entgegen. - -»Sie irren sich nicht,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »ich komme deswegen -...« - -»Heute?« - -»Nein, nein, morgen ... ungefähr um dieselbe Zeit.« - -Und Pjotr Stepanowitsch setzte sich schnell an den Tisch und betrachtete -mit einiger Unruhe Kirilloff. Der hatte sich aber schon wieder beruhigt -und sah wie gewöhnlich aus. - -»Sehen Sie, diese da wollen es nicht glauben,« Werchowenski wies mit dem -Kopf auf Liputin. »Sie ärgern sich doch nicht darüber, daß ich ihn -mitgebracht habe?« - -»Heute nicht. Aber morgen will ich es allein.« - -»Aber nicht früher, als bis ich gekommen bin, und dann in meiner -Gegenwart --« - -»Ich würde lieber nicht in Ihrer Gegenwart --« - -»Sie erinnern sich doch noch, daß Sie versprachen, alles zu schreiben -und zu unterzeichnen, was ich Ihnen diktiere?« - -»Mir ist alles einerlei. Aber werden Sie jetzt lange bleiben?« - -»Ich muß einen gewissen Menschen sprechen und ungefähr eine halbe Stunde -bleiben, dann gehe ich, aber diese halbe Stunde bleibe ich noch.« - -Kirilloff schwieg. Liputin hatte sich inzwischen etwas abseits, unter -dem Bilde des Bischofs auf einen Stuhl gesetzt. Der vorige tollkühne -Gedanke bemächtigte sich seiner mehr und mehr. Kirilloff bemerkte ihn an -der dunklen Wand fast gar nicht. Liputin kannte die Theorie Kirilloffs -schon von früher und hatte sie immer verlacht, jetzt aber schwieg er und -sah sich finster im Zimmer um. - -»Ich möchte ganz gern Tee trinken,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »habe -soeben ein Beefsteak gegessen und rechnete eigentlich darauf, bei Ihnen -den Tee zu trinken.« - -»Trinken Sie, wenn Sie mögen.« - -»Früher boten Sie ihn selbst an,« bemerkte Pjotr Stepanowitsch -säuerlich. - -»Das ist einerlei. Auch Liputin mag trinken.« - -»Nein, danke, ich ... kann nicht.« - -»Kann nicht oder will nicht?« Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell zu -ihm um. - -»Ich werde bei ihm nicht noch anfangen Tee zu trinken,« lehnte Liputin -ausdrucksvoll ab. - -Pjotr Stepanowitsch zog die Brauen zusammen. - -»Das riecht nach Mystizismus. Der Teufel soll aus euch allen klug -werden!« - -Niemand antwortete ihm. Sie schwiegen wohl eine ganze Minute. - -»Aber eines weiß ich,« fügte er plötzlich schroff hinzu, »kein einziges -Vorurteil kann auch nur einen von uns abhalten, seine Pflicht zu -erfüllen.« - -»Stawrogin ist fortgefahren?« fragte Kirilloff. - -»Ja.« - -»Das hat er gut gemacht.« - -Pjotr Stepanowitschs Augen blitzten schon auf, doch er bezwang sich. - -»Mir kann's gleich sein, was Sie denken, wenn nur ein jeder sein Wort -hält.« - -»Ich werde mein Wort halten.« - -»Übrigens, ich war immer überzeugt, daß Sie Ihre Pflicht erfüllen -würden, wie ein unabhängiger und fortgeschrittener Mensch.« - -»Sie aber sind lächerlich.« - -»Meinetwegen, es freut mich sehr, daß ich Sie erheitere. Es freut mich -immer, wenn ich mit irgend etwas gefällig sein kann.« - -»Sie wollen furchtbar gern, daß ich mich erschieße und fürchten doch, -daß ich plötzlich nicht will.« - -»Das heißt, sehen Sie mal, Sie haben ja selbst Ihren Plan mit unserer -Tätigkeit verbunden. Da wir nun mit Ihrer Absicht gerechnet haben, so -ist schon Verschiedenes unternommen worden, so daß Sie jetzt auf keine -Weise mehr zurücktreten können.« - -»Nur nichts von Pflicht.« - -»Verstehe, verstehe, es ist Ihr eigener freier Wille. Nur, daß sich -dieser Ihr freier Wille in Tat umsetzt.« - -»Und ich werde alle Ihre Gemeinheiten auf mich nehmen müssen?« - -»Hören Sie, Kirilloff, haben Sie vielleicht plötzlich Angst bekommen? -Wenn Sie zurücktreten wollen, so sagen Sie es bitte gleich.« - -»Ich habe keine Angst bekommen.« - -»Ich meinte nur, weil Sie etwas viel fragen.« - -»Werden Sie bald fortgehen?« - -»Sie fragen schon wieder?« - -Kirilloff betrachtete ihn mit Verachtung. - -»Nun, sehen Sie mal,« fuhr Pjotr Stepanowitsch, der sich immer mehr -ärgerte und beunruhigte, fort, doch ohne den richtigen Ton finden zu -können, -- »Sie wollen um der Einsamkeit willen, daß ich fortgehe, um -sich sammeln zu können, doch all das sind gefährliche Anzeichen, für -Sie, für Sie vor allen anderen. Sie wollen viel denken. Meiner Meinung -nach wäre es besser, nicht zu denken, sondern es ohne dem zu tun. Nein, -Sie -- wirklich, Sie beunruhigen mich.« - -»Mir ist nur das nicht recht, daß in jenem Augenblick solch ein Ekel bei -mir sein wird, wie Sie.« - -»Nun, das ist doch einerlei. Ich kann ja auch hinausgehen und so lange -draußen auf der Treppe stehen. Wenn Sie aber sterben wollen und dabei so -wenig gleichmütig sind, so -- nun, ich meine, das ist alles sehr -gefährlich. Ich werde also auf die Treppe gehen und Sie können -meinetwegen denken, was Sie wollen: daß ich nichts von Ihnen verstehe, -daß ich als Mensch unermeßlich tief unter Ihnen stehe ...« - -»Nein, nicht unermeßlich. Sie haben Begabungen; aber Sie verstehen sehr -vieles nicht, weil Sie ein niedriger Mensch sind.« - -»Freut mich, freut mich. Wie gesagt, es freut mich sehr, Zerstreuung zu -bieten ... in einer solchen Minute.« - -»Sie begreifen nichts.« - -»Das heißt, ich ... jedenfalls höre ich mit Hochachtung --« - -»Sie können nichts. Sie können sogar jetzt nicht Ihre kleinliche Wut -verstecken, obgleich es für Sie doch unvorteilhaft ist, sie zu zeigen. -Sie werden mich ärgern und ich werde vielleicht plötzlich noch ein -halbes Jahr wollen ...« - -Pjotr Stepanowitsch sah nach der Uhr. - -»Ich habe niemals etwas von Ihrer Theorie verstanden, aber ich weiß, daß -Sie sie nicht für uns ausgedacht haben, folglich werden Sie es auch ohne -uns tun. Auch weiß ich, daß nicht Sie die Idee verschlungen haben, -sondern die Idee hat Sie verschlungen, also werden Sie es auch nicht -aufschieben.« - -»Wie? Mich hat die Idee verschlungen?« - -»Ja.« - -»Und nicht ich die Idee? Das ist gut gesagt. Sie haben einen kleinen -Verstand. Nur necken Sie, ich aber bin stolz darauf.« - -»Vorzüglich, sehr schön so. Gerade so muß es ja sein, daß Sie stolz -darauf sind.« - -»Genug, Sie haben ausgetrunken, gehen Sie jetzt.« - -»Zum Teufel, da wird man wohl müssen,« Pjotr Stepanowitsch erhob sich. -»Aber immerhin ist es noch früh. Hören Sie, Kirilloff, bei der -Mäßnitschicha treffe ich diesen Menschen, Sie wissen schon? Oder hat -auch sie gelogen?« - -»Werden ihn nicht treffen, denn er ist hier und nicht da.« - -»Wie, hier! zum Teufel, wo?« - -»Sitzt in der Küche, ißt und trinkt.« - -»Wie wagt der Kerl! ...« Pjotr Stepanowitsch wurde rot vor Zorn. »Er war -verpflichtet zu warten ... Unsinn! Er hat ja weder Geld noch einen Paß!« - -»Ich weiß nicht. Er ist gekommen, um sich zu verabschieden. Ist -angekleidet und bereit, geht fort und kommt nicht wieder. Er sagte, daß -Sie ein gemeiner Mensch sind und will nicht auf Ihr Geld warten.« - -»A--ah! Er fürchtet, daß ich ... nun ja, ich kann ihn auch jetzt, wenn -... Wo ist er, in der Küche?« - -Kirilloff öffnete eine Seitentür zu einem kleinen, dunklen Zimmer, aus -dem drei Stufen in die Küche hinabführten. Von der Küche war, gleich bei -der Tür, durch eine Bretterwand eine Kammer abgeteilt, in der gewöhnlich -das Bett des Dienstmädchens stand. Hier saß nun in der Ecke unter den -Heiligenbildern Fedjka vor einem unbedeckten Brettertisch, auf dem ein -halbes Liter Schnaps, Brot auf einem Teller und in einer irdenen -Schüssel ein kaltes Stück Rindfleisch und Kartoffeln standen. Er aß mit -Genuß und schien schon halb betrunken zu sein, doch war er in kurzem -Pelz und augenscheinlich zum Aufbruch bereit. Hinter der Bretterwand in -der Küche summte schon der Samowar, doch der war nicht für Fedjka -aufgestellt, sondern Fedjka selbst blies ihn jeden Abend mit seiner -ganzen Lungenkraft für »Alexei Nylitsch« an, »dieweil Sie daran überaus -gewöhnt sind, nachts immerzu Tee zu trinken!« Ich vermute stark, daß das -Rindfleisch und die Kartoffeln, da kein Mädchen im Hause war, von -Kirilloff selbst schon am Morgen für Fedjka gebraten worden waren. - -»Was ist dir eingefallen?« rief Pjotr Stepanowitsch und stürzte die -Stufen hinunter. »Warum hast du nicht dort auf mich gewartet, wo man es -dir befohlen hat?« - -Und zornig schlug er mit der Faust auf den Brettertisch. - -Fedjka nahm eine würdevollere Haltung an. - -»Du, wart ein bißchen, Pjotr Stepanowitsch, wart ein bißchen,« sagte er, -fast mit stutzerhafter Deutlichkeit die Worte aussprechend, »du mußt als -erste Pflicht verstehen, daß du hier auf edlen Besuch bei Herrn -Kirilloff, Alexei Nylitsch, bist, bei dem du dessen Stiefel putzen -kannst, denn er ist vor dir ein gebildeter Verstand, du aber bist nur -ein -- Pfui!« - -Und er spie elegant zur Seite, daß der Speichel trocken wie ein Wurf zu -Boden flog. Man sah ihm Hochmut, Entschlossenheit und ein gewisses, -höchst gefährliches, trügerisch ruhiges Klugredenwollen an -- bis zum -ersten Ausbruch. Doch Pjotr Stepanowitsch hatte schon keinen Sinn mehr -dafür, auf die Gefahr zu achten, und das vertrug sich schließlich auch -nicht mit seiner Auffassung der Dinge. Und die Ereignisse und Mißerfolge -dieses Tages hatten ihn zudem schon um jede Überlegung gebracht ... -Liputin, der über den drei Stufen in der Tür stehen blieb, sah neugierig -aus dem dunklen Zimmer in die Kammer hinab. - -»Willst du, oder willst du nicht einen richtigen Paß haben und gutes -Geld zur Fahrt, wohin man dir gesagt hat? Ja oder nein?« - -»Siehst du, Pjotr Stepanowitsch, du hast mich von Anfang an betrogen, -und darum bist du vor mir der reine Gauner, bist ganz wie eine -verfluchte Hundelaus, -- siehst du, dafür halt ich dich. Du hast mir für -unschuldiges Blut großes Geld und das Blaue vom Himmel herunter -versprochen, und für Herrn Stawrogin hast du geschworen, und was ist -dahinter? Es kommt immer nur deine Gaunerei heraus! Ich, so wie ich bin, -bin mit keinem Tropfen Blut daran schuld, nicht, daß da -tausendfünfhundert, dir aber hat Herr Stawrogin neulich so um die Ohren -gewischt, daß auch wir das schon wissen. Jetzt drohst du mir von neuem -und versprichst mir Geld, aber wofür -- darüber schweigst du. Ich aber -denke so bei mir: du schickst mich nach Petersburg, um dich an Herrn -Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch, zu rächen und rechnest auf meine -Leichtgläubigkeit. Und somit gehst du als der erste Mörder aus allem -hervor. Und weißt du auch, was du mit allein diesem einen Punkte schon -wert geworden bist, daß du an Gott selbst, den wahrhaftigen Schöpfer, -wegen deiner Verderbnis nicht mehr glaubst? Das ist schon ebenso wie -Heide sein, stehst also auf einer Stufe mit Tatar oder Mordwine. Herr -Kirilloff, Alexei Nylitsch, der ein großer Philosoph ist, hat dir schon -mehrmals den wahren Gott, den heiligen Schöpfer aller Dinge, erklärt, -und desgleichen die ganze Schöpfung der Erde wie alle zukünftigen -Schicksale und die Verwandlung aller Kreaturen und alles Gewürms aus dem -Buch der Apokalypse. Du aber bist wie ein unverständiges Götzenbild und -verharrst in Taubheit und Stummheit, und hast dazu auch den Offizier -Erteleff gebracht, ganz wie der leibhaftige Bösewicht und Verführer, so -da heißt Atheist ...« - -»Ach du, besoffene Fratze! -- Beraubt selbst Heiligenbilder und -verkündet jetzt noch Gott!« - -»Ja, siehst du, Pjotr Stepanowitsch, ich sage dir ganz aufrichtig, daß -ich sie beraubt habe, aber ich habe bloß ein einziges Perlchen -rausgenommen, und was kannst du wissen, vielleicht hat sich meine reuige -Träne in demselben Augenblick im Schmelzofen des Allerhöchsten -verwandelt für irgendein Unrecht, das mir geschehen ist, da ich doch -nicht mal was habe, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Weißt du auch aus -den Büchern, daß einmal in alten Zeiten ein Kaufmann mit ganz genau so -einem Tränenseufzer und Gebet wie ich aus dem Heiligenschein der -heiligen Mutter Gottes eine Perle stibitzt und dann später kniefällig -vor allem Volk das ganze Geld der Gottesmutter zu Füßen gelegt hat, und -daß ihn da die heilige Fürsprecherin mit dem goldgestickten Tuch -gesegnet hat, daselbst vor allem Volk, so daß denn schon damals ein -Wunder daraus geschah und von der Obrigkeit anbefohlen wurde, alles -buchstäblich in die Reichsbücher einzutragen. Du aber hast eine Maus -hineingesteckt, also hast du Gott selber beschimpft. Und wenn du nicht -mein angeborener Herr wärst, den ich, als ich noch ein Junge war, auf -meinen Armen gewiegt habe, so würde ich dich jetzt, so wie du da bist, -mit eins totschlagen, ohne hier anders vom Fleck zu gehen!« - -Pjotr Stepanowitsch geriet in maßlosen Zorn. - -»Sprich, hast du heute Stawrogin gesehen?« - -»Das darfst du nicht wagen, daß du mich ausfragen tust. Herr Stawrogin -steht in dieser Sache nur in Verwunderung vor dir da und hat sich nicht -mal mit 'nem Wunsch dran beteiligt, was aber von einer Anordnung oder -Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast mich rundherum betrogen!« - -»Das Geld bekommst du, und die zweitausend bekommst du auch, in -Petersburg, am angegebenen Ort, alle auf einmal, und wirst noch mehr -bekommen.« - -»Du, mein Bester, du lügst nur wieder, und es ist mir fast lustig zu -sehen, was für ein leichtgläubiger Verstand du bist. Herr Stawrogin -steht vor dir wie auf einer hohen Treppe und du kläffst nur von unten -wie ein dummes Hündchen, während er von oben auf dich auch nur zu -spucken schon für eine große Ehre für dich halten würde.« - -»Aber weißt du auch,« rief Pjotr Stepanowitsch in rasender Wut, »daß ich -dich, Schurke, nicht einen Schritt von hier lasse und dich sofort der -Polizei übergebe!« - -Fedjka sprang auf und seine Augen blitzten vor Jähzorn. Pjotr -Stepanowitsch riß seinen Revolver hervor. Und nun kam es zu einem -widerlichen kurzen Auftritt: noch bevor Pjotr Stepanowitsch zielen -konnte, hatte Fedjka sich schon im Nu geduckt, gedreht und schlug ihn -aus aller Kraft auf die Wange. Und schon im selben Augenblick klatschte -der zweite furchtbare Schlag, dann der dritte, der vierte, immer auf die -Wange. Pjotr Stepanowitsch stand wie duselig, seine Augen stierten, er -murmelte etwas, und plötzlich stürzte er jäh zu Boden. - -»Da habt ihr ihn, nehmt ihn jetzt!« rief Fedjka mit einer -triumphierenden Wendung, ergriff seine Mütze, zog schnell unter der Bank -ein Bündel hervor und war verschwunden. - -Pjotr Stepanowitsch lag röchelnd am Boden. Liputin dachte schon, er -werde gleich sterben. Kirilloff lief schnell in die Küche. - -»Mit Wasser muß man ihn!« rief er. - -Er schöpfte in Hast mit einem Blechgefäß Wasser aus dem Eimer, kam -schnell zurück und goß es ihm über den Kopf. Pjotr Stepanowitsch bewegte -sich, erhob den Kopf, setzte sich langsam auf und blickte unverständig -vor sich hin. - -»Nun, wie ist es?« fragte Kirilloff. - -Pjotr Stepanowitsch sah ihn unbeweglich, doch noch ohne ihn zu erkennen, -an. Da bemerkte er aber Liputin, der aus der dunklen Tür hervorgetreten -war, und lächelte sein altes gemeines Lächeln. Plötzlich griff er -schnell nach seinem auf der Diele liegenden Revolver und sprang auf. - -»Wenn es Ihnen morgen einfallen sollte, fortzulaufen ... wie der Schuft -Stawrogin,« schrie er in wildem Ausbruch, kreidebleich, Kirilloff an, -die Worte stockend und unklar hervorstoßend, »so hänge ich Sie am -anderen ... Ende der Welt ... wie eine Fliege auf ... zerdrücke Sie ... -verstanden!« - -Und er zielte mit dem erhobenen Revolver gerade auf Kirilloffs Stirn, -- -doch schon in derselben Sekunde besann er sich, riß seine Hand zurück, -steckte den Revolver wieder in die Tasche und stürzte, ohne ein Wort zu -sagen, aus dem Hause. Liputin lief ihm nach. Sie krochen wieder durch -den Zaun und gingen, wie sie gekommen waren, auf dem schrägen -Grabenrande, sich an den Brettern haltend, bis zur Bogojawlenskstraße. -Pjotr Stepanowitsch ging so schnell, daß Liputin ihm kaum nachkommen -konnte. Am nächsten Kreuzweg blieb er plötzlich stehen. - -»Nun?« wandte er sich herausfordernd nach Liputin um. - -Liputin erinnerte sich des Revolvers und zitterte noch von dem, was -geschehen war; aber die Antwort fiel ihm plötzlich wie von selbst von -den Lippen: - -»Ich denke ... ich denke, daß man >bis nach Taschkent< keineswegs so -sehnsüchtig darauf wartet, was >der Student< da anpreist.« - -»Haben Sie gesehen, was Fedjka in der Küche trank?« - -»Was er trank? Branntwein trank er.« - -»Nun, so wissen Sie denn, daß er zum letzten Mal im Leben Branntwein -getrunken hat. Ich empfehle, für fernere Erwägungen das zu behalten. -Jetzt aber scheren Sie sich zum Teufel! Bis morgen sind Sie weiter nicht -nötig ... Nur -- denken Sie an mich! keine Dummheiten machen!« - -Liputin jagte Hals über Kopf nach Haus. - - - IV. - -Liputin hatte sich schon vor langer Zeit einen Paß auf einen fremden -Namen besorgt. Es ist eigentlich eine sonderbare Vorstellung, daß dieser -ordentliche kleine Mensch, dieser eigensinnige Familientyrann und vor -allem Beamte (wenn er auch Fourierist war), daß dieser Kapitalist und -Kuponschneider schon vor langer Zeit auf den phantastischen Gedanken -hatte verfallen können, sich auf alle Fälle so einen Paß zu verschaffen, -um sich mit ihm ins Ausland zu retten, _wenn_ ... Er gab also doch die -Möglichkeit dieses »_Wenn_« zu, obschon er gewiß nicht hätte formulieren -können, was er unter diesem »Wenn« verstand ... - -Jetzt aber hatte es sich plötzlich selbst formuliert, und noch dazu auf -die allerunerwartetste Weise. Jener tollkühne Gedanke, mit dem er bei -Kirilloff eingetreten war, nachdem er Pjotr Stepanowitschs »R--rrrüpel« -eingesteckt hatte, bestand darin, morgen noch, womöglich vor -Sonnenaufgang, alles zu verlassen und sich ins Ausland in Sicherheit zu -bringen! Wer nicht glauben will, daß so phantastische Dinge in unserer -alltäglichen Wirklichkeit geschehen, der möge sich die Lebensgeschichten -unserer gegenwärtigen Emigranten im Ausland einmal näher ansehen. Kein -einziger von ihnen hat eine vernünftigere Flucht hinter sich. Immer war -es die gleiche ungebändigte Herrschaft der Hirngespinste und nichts -weiter. - -Als Liputin zu Hause anlangte, war das erste, was er tat, daß er seinen -Reisesack hervorholte und zu packen begann. Seine größte Sorge war das -Geld, wie viel und wie er es retten konnte. Jawohl: »retten«, denn -seiner Meinung nach durfte er nicht eine Stunde mehr säumen und mußte -womöglich schon bei Sonnenaufgang unterwegs sein. Auch wußte er noch -nicht recht, wo er am besten in den Zug steigen sollte; schließlich -entschloß er sich, irgendwo auf der zweiten oder dritten Station -einzusteigen, bis dorthin aber zu Fuß zu laufen. So plagte er sich denn -mit seinem Reisesack herum, einen ganzen Wirbelsturm von Gedanken im -Kopf, und -- plötzlich warf er alles hin und sank mit einem tiefen -Stöhnen auf seinen Diwan und streckte sich auf ihm aus. - -Er fühlte deutlich, und plötzlich erkannte er ganz klar, daß er -flüchten, nun ja, daß er wirklich flüchten werde, daß er aber die Frage, -ob er _vor_ oder _nach_ Schatoff flüchten sollte, jetzt zu beantworten -vollkommen außerstande war. Er empfand sich nur noch als einen -willenlosen Körper, eine passive Masse, die schon von einer fremden -unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fühlte, daß er, obschon er -einen Auslandspaß besaß und ohne weiteres »_vor_ Schatoff« flüchten -konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), -- daß er trotzdem -nicht »_vor_ Schatoff«, sondern unbedingt erst »_nach_ Schatoff« -flüchten werde, und daß es so schon beschlossen, unterschrieben und -versiegelt war. In unerträglicher Qual, zitternd und sich über sich -selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch, -ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nächsten -Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Stoß, der seinem -schwankenden Entschluß die endgültige Richtung gab. Es war schon elf -Uhr, als er die Tür seines Zimmers aufschloß und hinaustrat. Und das -erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, daß der Räuber, Mörder und -entsprungene Zuchthäusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt, -Kirchen beraubt und Häuser in Brand gesteckt hatte, daß Fedjka, der -berüchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer -noch nicht hatte finden können, früh morgens, sieben Werst von der -Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wußte es bereits. -Liputin stürzte aus dem Hause, um Näheres darüber zu erfahren. Er hörte, -daß man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit -zerspaltenem Kopf gefunden, und daß die Polizei auf Grund einiger -Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebädkins -zweifellos zusammen gemordet und angezündet hatte, für den Mörder hielt. -Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von -Fedjka bei Lebädkin angeblich geraubten und unterschlagenen großen Summe -Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ... -Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und -erfuhr dort, daß der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach -Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett -geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem plötzlichen Tode -Fedjkas nichts Ungewöhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches -Ende nehmen: aber das verhängnisvolle Übereinstimmen der Prophezeiung, -daß Fedjka an diesem Abend »zum letztenmal Branntwein getrunken« habe, -mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam -und unheimlich, daß Liputin plötzlich aufhörte unschlüssig zu sein. Als -er nach Hause zurückkam, stieß er mit einem Fußtritt den Reisesack unter -den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit -Schatoff angegebenen Platz, allerdings -- mit dem Paß in der Tasche. - - - - - Zwanzigstes Kapitel. - Die Reisende - - - I. - -Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf -Schatoff einen erschütternden und niederdrückenden Eindruck gemacht. Als -ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstört. -Später ging er zur Mordstätte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich -weiß, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er -unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrückte, -desto mehr quälte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon -aufstehen wollte, hingehen und -- alles sagen. Was dieses »Alles« war, -das wußte er freilich selbst nicht genau. Beweise besaß er keine; er -hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen -Überzeugung genügten. Er hätte schließlich bloß sich selbst angegeben -als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wäre er -bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese »Schurken« -- so -lautete sein eigener Ausdruck -- mitgerissen hätte! - -Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und -genau gewußt, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch -nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein -Selbstvertrauen und seine höhnische Verachtung für »diese Leutchen« zu -dem Aufschub bestimmt. Er würde mit diesem unschlauen Schatoff schon -fertig werden, sagte er sich: er würde ihn einfach diesen ganzen Tag -über bewachen lassen und, wenn es not tat, auch früher schon -entscheidend eingreifen. - -Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas -vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen hätte voraussehen können. - -Gegen acht Uhr abends -- gerade als die Unsrigen sich bei Erkel -versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich ärgerten und -aufregten -- lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf -seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er quälte sich, entschloß -sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgültig entschließen: fühlte -vielmehr fluchend, daß das doch alles zu nichts führen werde. - -Allmählich schlief er ein. Ihm träumte, daß er in seinem Bett mit -Schnüren gebunden sei und sich nicht bewegen könne, indes durch das -ganze Haus furchtbare Schläge hallten, Schläge an den Zaun, an die -Hoftür, an die Wand des Flügels, in dem Kirilloff wohnte --, so daß das -ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, während zugleich eine -ferne, bekannte, aber ihn quälende Stimme klagend seinen Namen rief. - -Plötzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung -dauerten die Schläge an die Hoftür immer noch fort, und wenn sie auch -längst nicht mehr so überlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren -sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare quälende Stimme -fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt -nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt. - -Dazwischen hörte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere -Stimme. - -Er sprang erschrocken sofort auf, öffnete das Klappfenster und steckte -den Kopf hinaus. - -»Wer da?« rief er hinunter. - -»Wenn Sie Schatoff sind,« klang in einem eigentümlich stolzen Ton von -unten eine Frauenstimme zurück, »so haben Sie die Güte, offen und -ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht?« - -Er hatte diese Stimme erkannt. - -»Marie! ... Bist du es?« - -»Ja, gewiß bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke -hier und kann nicht länger --« - -»Sofort ... ich will nur das Licht ...« Schatoff sprang eilig und -aufgeregt zurück, begann mit zitternden Händen die Streichhölzer zu -suchen, die sich aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, nicht finden -ließen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten -wieder die ungeduldige Stimme erklang, ließ er schließlich alles liegen -und stürzte Hals über Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte -zu öffnen. - -»Haben Sie die Güte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen -Mann hier bezahle,« empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte -ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag. -Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher. - -»Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang -durch diese schmutzigen Straßen gefahren haben, so sind Sie daran -schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewußt, wo diese verdrehte -Straße eigentlich ist. Bitte die dreißig Kopeken zu nehmen und mir zu -glauben, daß Sie weiter nichts erhalten werden.« - -»Ach, Fräuleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die -Wosnessensksche Straße befohlen, und diese hier ist die -Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben bloß meinen -Wallach unnütz in Schweiß gebracht.« - -»Wosnessensksche, Bogojawlensksche, -- das müssen Sie als Einwohner -besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz -zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie -wüßten, wo das sei.« - -»Hier, hier sind noch fünf Kopeken,« damit zog Schatoff sein letztes -Geldstück aus der Westentasche. - -»Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen!« fuhr Frau Schatowa auf, -doch der Kutscher setzte schon seinen »Wallach« in Bewegung, und -Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und führte sie -in den finsteren Flur. - -»Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und -... Wie du naß geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf -- wie -schade, daß ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt' dich am -Geländer ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, daß ich kein Licht -... Ich werde sofort ...« - -Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die -Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa -stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen. - -»Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie!« rief er schließlich freudig und -zündete das Licht an. - -Marja Schatowa sah sich flüchtig im Zimmer um. - -»Man hat mir zwar schon gesagt, daß Sie in einem entsetzlichen Zimmer -wohnen, aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so wäre,« sagte sie -launisch und ging zum Bett. »Ach, ich bin müde!« und sie sank kraftlos -auf das harte Lager. »Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen -Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie -mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen -gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier -niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lästig -falle, so haben Sie die Güte und sagen Sie's bitte gleich! Ich werde -morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein -Zimmer nehmen zu können ... Ach, nur müde bin ich jetzt!« - -Schatoff erbebte am ganzen Körper. - -»Wozu, Marie, das ist doch nicht nötig, nicht nötig, du brauchst nicht -ins Gasthaus zu gehen! Was für ein Gasthaus überhaupt? Warum das, wozu?« -und flehend faltete er die Hände. - -»Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen -- aber man muß -trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, daß -wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor -- -nun sind es schon drei Jahre, daß wir auseinandergegangen sind, übrigens -ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, daß ich gekommen bin, -um irgendeine der früheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur -zurückgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in -diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist. -Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie -nur das nicht!« - -»Oh, Marie! Das ist doch alles unnötig, gar nicht nötig!« stammelte -Schatoff undeutlich. - -»Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, daß Sie das -verstehen können, so will ich mir erlauben hinzuzufügen, daß ich, wenn -ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe, -weil ich Sie für keinen -- gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht -sogar für einen viel besseren, als die anderen -- Schurken alle!« - -Ihre Augen blitzten auf. Sie mußte wohl viel von irgendwelchen -»Schurken« erlitten haben! - -»Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa über Sie -lustig machen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie gut sind. Ich habe es offen -gesagt und Schönrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was -rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, daß Sie -vernünftig genug sein würden, um nicht lästig zu werden ... Ach, genug, -nur müde bin ich!« - -Und sie sah ihn mit langem, gequältem, müdem Blick an. Schatoff stand -vor ihr, fünf Schritte weit, und hörte scheu, aber gleichsam erneut, mit -einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke -und rauhe Mensch, der immer wie mit gesträubtem Fell wirkte, wie ein -Rühr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde plötzlich ganz weich und wie von -innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz -Ungewöhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in -seinem Herzen nichts zerstört. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser -drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm -gesagt, daß es ihn »liebe«. Für Schatoff hatte das eine Welt bedeutet: -für ihn, der sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte, daß ihm je -irgendein Weib sagen könnte, es »liebe« ihn. Er war keusch und schamhaft -bis zur Wildheit, hielt sich für eine Mißgeburt, haßte sein Gesicht und -seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man -eigentlich nur auf Jahrmärkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb -gab es für ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war -er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jähzornigen und schweigsamen Art -seinen Überzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses -einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte -- daran glaubte -er immer, immer, -- dieses Wesen, das er so maßlos hoch über sich -stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nüchtern -über sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh -(das stand für ihn einfach außer Frage, ja eher kam es bei ihm noch -umgekehrt heraus: daß er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun -stand diese Frau, diese Marja Schatowa plötzlich wieder vor ihm, er sah -sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmöglich, das zu fassen! -So überrascht war er, und es lag für ihn in diesem Ereignis so viel von -etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glück, daß -er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar -nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit -diesem gequälten Blick ansah, da begriff er plötzlich, daß dieses -einzige geliebte Geschöpf unsäglich gelitten haben mußte. Bei diesem -Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie -an: in diesem müden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon -erloschen. Sie war gewiß immer noch schön -- in seinen Augen immer noch -wie früher eine Schönheit. (In Wirklichkeit war sie fünfundzwanzig Jahre -alt, ziemlich stark gebaut, über mittelgroß -- größer als Schatoff --, -mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und großen -dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die -leichtsinnige, naive und gutmütige frühere Energie, die ihr großer -Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mürrische -Reizbarkeit, Enttäuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen -Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewöhnt zu haben schien -und der sie selbst sogar quälen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, daß -sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er plötzlich zu -ihr und erfaßte ihre beiden Hände: - -»Marie ... weißt du ... du bist vielleicht sehr müde, um Gottes willen, -sei nicht böse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig -Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur -wolltest --?« - -»Was ist hier zu wollen? Natürlich will ich! was Sie noch immer noch für -ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei -Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!« - -»Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich!« Schatoff -ging hin und her, »-- Holz -- ja, aber ... das heißt ... übrigens auch -Tee, sofort!« Und plötzlich, wie nach einem harten Entschluß, schlug er -mit der Hand und ergriff seine Mütze. - -»Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?« - -»Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ...« - -Er nahm seinen Revolver vom Bücherbrett. - -»Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ...« - -»Was für Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein -Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, -- -alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt.« - -»Nicht nötig, nicht nötig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick -... ich werde ohne Revolver ...« - -Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor -Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und -Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie, -und auch wenn sie sich zufällig einmal trafen, so grüßten sie sich -weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in -Amerika nebeneinander »auf dem Fußboden gelegen«. - -»Kirilloff, Sie haben immer Tee: können Sie mir Tee und einen Samowar -geben?« - -Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewöhnlich die -ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb plötzlich stehen und -sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich -dieser ganz unerwartet hereingestürzt war. - -»Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht -nötig, der Tee ist heiß. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach.« - -»Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir -gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den -Samowar.« - -»Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar später. -Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Heiß, ganz heiß. -Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel -da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel.« - -»Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff!« - -»Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, daß Sie zu -mir gekommen sind, ist auch gut.« - -»Kirilloff!« rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die -Hände Zucker und Brot: »Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von -Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn -lassen könnten ... was würden Sie dann für ein Mensch sein, Kirilloff!« - -»Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls -nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen -Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird heiß sein. -Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und -werde an Sie und Ihre Frau denken.« - -Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles -besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch -trank sie nur eine halbe Tasse, und aß nur ein kleines Stückchen vom -Brot. Für den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit -gereizter Launenhaftigkeit. - -»Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ...« bemerkte -Schatoff schüchtern; scheu bemüht, ihr zu dienen. - -»Natürlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee -hergenommen, da Sie keinen hatten?« - -Schatoff erzählte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges -gehört. - -»Ich weiß, daß er verrückt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht -genug Toren gäbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehört, Sie -haben von dort geschrieben.« - -»Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben.« - -»Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus Überzeugung Slawophile?« - -»Ich ... das heißt, nicht daß ich gerade ... Infolge der Unmöglichkeit, -Russe zu sein, bin ich Slawophile geworden,« sagte er, gezwungen -lächelnd, mit der Schwerfälligkeit eines Menschen, der zur unrechten -Zeit und nur mit genauer Not einen Witz zustande bringt. - -»Sie sind nicht Russe?« - -»Nein, ich bin nicht Russe.« - -»Nun, das sind alles Dummheiten. Setzen Sie sich doch endlich, ich bitte -Sie. Was laufen Sie immer hin und her? Sie denken, ich phantasiere? -Vielleicht werde ich auch phantasieren. Sie sagen, es gibt hier nur Sie -und ihn im Hause?« - -»Ja, nur wir zwei ... und unten wohnte ...« - -»Und alles solche Kluge! Wer wohnte unten? Sie sagten >unten<?« - -»Jetzt nicht mehr ... --« - -»Was, >jetzt nicht mehr<? Ich will es wissen.« - -»Ich wollte nur sagen, daß jetzt nur wir zwei hier wohnen, unten aber -wohnten früher Lebädkins ...« - -»Das sind die, die man heute Nacht ermordet hat?« fuhr sie plötzlich -auf. »Ich hörte davon. Wie ich ankam, hörte ich davon. Und dann hat es -gebrannt?« - -»Ja, Marie, ja, und vielleicht begehe ich eine furchtbare Erbärmlichkeit -in diesem Augenblick, wenn ich diese Schurken ungestraft lasse ...« - -Er war aufgestanden und schritt wie ein Verzweifelnder mit erhobenen -Armen durch das Zimmer. - -Aber Marie verstand ihn nicht ganz. Sie war zu zerstreut. Sie fragte -mehr, als daß sie zuhörte. - -»Ja, schöne Sachen spielen sich hier bei euch ab. Ach, wie das alles -gemein ist! Was für Schurken sie alle sind! Aber so setzen Sie sich -doch, ich bitte Sie, endlich einmal! -- oh, wie Sie mich reizen!« - -Und erschöpft senkte sie den Kopf auf das Kissen. - -»Marie, ich werde ja nicht ... Du legst dich vielleicht ein wenig hin, -Marie?« - -Sie antwortete nicht und schloß nur übermüdet die Augen. Sie schlief -fast sofort ein. Ihr bleiches Gesicht sah in diesem Augenblick wie das -einer Toten aus. Schatoff sah sich im Zimmer um, setzte das Licht fester -in den Leuchter, sah noch einmal unruhig auf ihr Antlitz, preßte fest -die Hände vor sich zusammen und ging dann leise auf den Fußspitzen aus -dem Zimmer in den Treppenflur. Dort stellte er sich mit dem Gesicht in -eine Ecke, stützte die Stirn an die Wand und stand so zehn Minuten lang -reglos. Er hätte wohl noch länger so gestanden, doch plötzlich vernahm -er unten auf der Treppe leise, vorsichtige Schritte. - -Jemand kam die Treppe herauf. - -Schatoff erinnerte sich, daß er die Hofpforte zu schließen vergessen -hatte. - -»Wer da?« fragte er verhalten. - -Der Unbekannte stieg langsam höher, ohne zu antworten. Als er oben -angelangt war, blieb er stehen. Ihn zu erkennen war in der Dunkelheit -unmöglich. Plötzlich hörte man die vorsichtige Frage: - -»Iwan Schatoff?« - -Schatoff nannte seinen Namen und streckte schnell den Arm aus, um dem -Fremden den Weg zu verlegen; dieser aber griff nach seiner Hand und -- -in derselben Sekunde fuhr Schatoff zusammen, als hätte er ein Reptil -berührt. - -»Warten Sie hier,« flüsterte er schnell, »kommen Sie nicht herein, ich -kann Sie jetzt nicht empfangen. Meine Frau ist angekommen. Ich bringe -das Licht her.« - -Als er mit dem Licht zurückkehrte, sah er einen jungen Fähnrich vor sich -stehen, dessen Namen er nicht kannte, dessen Gesicht er aber schon -einmal irgendwo gesehen haben mußte. - -»Erkel,« stellte sich der Jüngling vor. »Sie haben mich bei Wirginski -gesehen.« - -»Ich erinnere mich; Sie saßen und schrieben. Hören Sie,« brauste -Schatoff plötzlich auf, wild und wütend auf den Jungen zuschreitend, -wenn er auch die Stimme immer noch dämpfte. »Sie haben beim Händedruck -ein Zeichen gemacht. Wissen Sie, daß ich auf alle diese Zeichen einfach -spucke! Ich erkenne sie nicht an ... will sie nicht ... Ich könnte Sie -gleich die Treppe hinunter werfen, wissen Sie das auch ...!« - -»Nein, das weiß ich gar nicht, und ich verstehe auch gar nicht, warum -Sie sich so ärgern,« sagte der Gast ganz ungekränkt und fast gutmütig. -»Ich soll Ihnen nur etwas mitteilen, und darum bin ich gleich heute -gekommen, um nicht unnütz Zeit zu verlieren. Sie haben eine -Druckmaschine, die nicht Ihnen gehört und über deren Verbleib Sie -Rechenschaft zu geben verpflichtet sind, wie Sie wohl selbst wissen -werden. Man hat mich nun beauftragt, von Ihnen zu verlangen, diese -Druckmaschine morgen um Punkt sieben Uhr abends Liputin zu übergeben. -Und außerdem hat man mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß man weiter -nichts mehr von Ihnen verlangen wird.« - -»Nichts mehr? Hat man das ausdrücklich --?« - -»Nicht das geringste. Ihre Bitte wird erfüllt und Sie sind von jetzt ab -für immer ausgeschlossen. Dieses Ihnen mitzuteilen, hat man mich, wie -gesagt, beauftragt.« - -»Wer hat Sie beauftragt?« - -»Die, die mir das Zeichen mitteilten.« - -»Kommen Sie aus dem Auslande?« - -»Das ... das kann Ihnen, glaube ich, gleichgültig sein.« - -»Eh, zum Teufel! Aber warum sind Sie nicht früher gekommen, wenn Sie -beauftragt waren?« - -»Ich folgte den Instruktionen und ich war nicht allein.« - -»Verstehe, verstehe schon, Sie waren nicht allein. Eh ... Teufel! Aber -warum ist denn Liputin nicht selbst gekommen?« - -Der Fähnrich überhörte die Frage. - -»So werde ich denn morgen um sechs zu Ihnen kommen und wir gehen dann zu -Fuß -- dorthin. Außer uns dreien wird niemand da sein.« - -»Werchowenski auch nicht?« - -»Nein. Werchowenski fährt morgen vormittag mit dem Elfuhrzuge fort.« - -»Dachte ich es mir doch!« murmelte Schatoff knirschend und schlug sich -mit der Faust aufs Bein. »Er zieht los, die Kanaille!« - -Er dachte einen Augenblick erregt nach. Erkel sah ihn aufmerksam an, -schwieg und wartete. - -»Wie wollen Sie denn die ganze Druckerpresse wegschaffen? So etwas kann -man doch nicht einfach ausgraben und in der Hand forttragen.« - -»Das ist auch gar nicht nötig. Sie zeigen uns nur die Stelle und wir -überzeugen uns, ob sie wirklich dort vergraben ist. Wir wissen doch nur -im allgemeinen, wo der Ort ist, aber nicht genau, an welcher Stelle. -Haben Sie sonst jemandem die Stelle gezeigt?« - -Schatoff sah ihn an. - -»Und Sie, Sie, solch ein Knabe, -- solch ein dummer kleiner Knabe, -- -auch Sie sind mit dem Kopf in diese Falle gekrochen, wie ein richtiges -Schaf? Aber was! -- die brauchen ja gerade solchen Saft! Nun, gehen Sie! -E--eeh! dieser Schuft! dieser! -- Er hat euch alle betrogen und nun -macht er sich selbst aus dem Staube!« - -Erkel sah ihn klar und ruhig an, aber als verstehe er ihn nicht ganz. - -»Werchowenski geflohen! Also richtig geflohen!« knirschte Schatoff voll -Ingrimm. - -»Aber er ist ja noch hier, er ist ja noch gar nicht fortgefahren. Er -wird erst morgen fortfahren,« bemerkte Erkel weich und begütigend. »Ich -forderte ihn ausdrücklich auf, als Zeuge bei der Übergabe zugegen zu -sein; an ihn ging auch meine ganze Instruktion,« plauderte er als junger -unerfahrener Knabe aus. »Aber er willigte leider nicht ein, und dabei -sagte er dann, daß er in diesen Tagen fortfahren müsse.« - -Schatoff blickte noch einmal mitleidig auf den naiven armen Jungen und -schlug dann mit der Hand, als wollte er sagen: »Lohnt es sich denn -überhaupt, daß man sie bedauert?« - -»Gut, ich komme,« sagte er plötzlich kurz, »aber gehen Sie jetzt, -marsch!« - -»Also ich werde Sie morgen um Punkt sechs abholen,« sagte Erkel -nochmals, grüßte dann höflich und stieg, ohne sich zu beeilen, die -Treppe hinunter. - -»Kleiner Dummkopf!« konnte sich Schatoff nicht enthalten, ihm -nachzurufen. - -»Wie?« fragte der andere schon von unten zurück. - -»Nichts, gehen Sie.« - -»Ich dachte, Sie sagten noch etwas.« - - - II. - -Erkel war nur insofern ein »Dummkopf«, als der Hauptverstand in seinem -Kopfe fehlte, eben der, auf den es ankommt, sozusagen der Kopf im Kopfe; -doch von dem kleinerem dem untergeordneten Verstande hatte er eine ganze -Menge, sogar so viel, daß dieser schon an Schlauheit grenzte. Fanatisch, -kindlich der »allgemeinen Sache« ergeben, im Grunde aber nur Pjotr -Werchowenski, hatte Erkel den Auftrag nach der Instruktion ausgeführt, -die ihm bei der Verteilung der Rollen erteilt worden war. Pjotr -Stepanowitsch hatte sich nämlich an jenem Abend, nachdem er ihm die -Rolle des Abgesandten zugewiesen, noch die Zeit genommen, ungefähr zehn -Minuten mit ihm unbelauscht zu sprechen. Sie waren zu dem Zweck zur -Seite getreten. Erkels ganzer Ehrgeiz ging dahin, der »allgemeinen -Sache« zu dienen, und um ihretwillen ordnete er sich blind jedem fremden -Willen unter. Da nun aber solche Jünglinge, wie er, sich das -Einer-Sache-dienen immer nur in Verbindung mit einer bestimmten Person -vorstellen können, die ihrer Meinung nach die Idee dieser Sache -repräsentiert, so richtete sich sein Wille schließlich ganz nach dem -Pjotr Stepanowitschs. Erkel, der gefühlvolle, freundliche und gute -Erkel, war vielleicht der kälteste und gefühlloseste unter den Mördern, -mit denen Werchowenski Schatoff umstellt hatte. Ohne jeglichen -persönlichen Haß, aber auch ohne mit der Wimper zu zucken, hätte er an -dessen Ermordung teilgenommen. - -Es war ihm unter anderem anbefohlen worden, bei der Überbringung seiner -Botschaft an Schatoff die Umgebung desselben gut zu mustern: als ihn nun -Schatoff auf der Treppe empfing und ihm in der Aufregung mitteilte -- -wahrscheinlich ganz unwillkürlich --, daß seine Frau zurückgekehrt sei, -da war Erkels instinktive Schlauheit groß genug, um ihm sofort zu sagen, -daß er hier nicht die geringste Neugier weiter zeigen dürfe, während er -gleichzeitig blitzschnell begriff, von welcher ungeheuren Bedeutung die -Rückkehr dieser Frau für das Gelingen oder Nichtgelingen ihres Vorhabens -sein konnte ... - -Mit dem letzteren sollte er nur zu recht haben: Marja Ignatjewnas -Rückkehr rettete geradezu die »Schurken«, da sie Schatoff von jenen -gefährlichen Gedanken ablenkte, und half ihnen noch, sich seiner zu -»entledigen« ... Diese plötzliche Ankunft seiner Frau regte ihn maßlos -auf, warf seine Gedanken in ganz neue Gleise und ließ ihn für sich -selbst jede Vorsicht vergessen. Ja, gerade der Gedanke an seine eigene -Gefahr kam ihm jetzt, wo er mit so ganz anderem beschäftigt war, am -allerwenigsten in den Sinn. Im Gegenteil, die Nachricht, daß -Werchowenski am nächsten Tage fliehen werde, beruhigte ihn in der -Beziehung vollständig. Und an der Richtigkeit dieser Nachricht zweifelte -er um so weniger, als sie andererseits seinen Verdacht vollkommen -bestätigte. - -Nachdem er in das Zimmer zurückgekehrt war, setzte er sich still in eine -Ecke, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub sein Gesicht in -den Händen. Bittere Gedanken quälten ihn ... - -Und plötzlich hob er den Kopf, stand auf und ging auf den Fußspitzen zum -Bett, um sie zu sehen. - -»Herrgott! Sie wird doch morgen bestimmt erkranken, es hat ja jetzt -schon angefangen! Sie hat sich natürlich auf der Reise erkältet. Wie -sollte sie auch nicht! -- ist sie doch gar nicht mehr an unser rauhes -Klima gewöhnt! Und dann die Waggons, dazu noch die dritte Klasse, und -draußen Sturm und Regen. Dabei hat sie nur so ein leichtes Mäntelchen -an! Und sie sollte ich nun verlassen, so allein hier lassen, ohne jede -Hilfe? Und ihr Reisetäschchen, wie leicht und klein das ist, wiegt ja -keine zehn Pfund! Die Arme, wie erschöpft sie ist, wie viel sie ertragen -hat! Sie ist stolz, darum klagt sie nicht! Aber erbittert, erbittert ist -sie! Kommt noch die Krankheit hinzu -- selbst ein Engel ist in der -Krankheit gereizt! Wie trocken und heiß jetzt ihre Stirn sein muß, was -für Schatten unter den Augen liegen und ... und wie schön dieses ovale -Gesicht ist und dieses herrliche Haar, wie ...« - -Aber er wandte schnell die Augen von ihr, ging eilig in seine Ecke -zurück, wie erschrocken schon bei dem bloßen Gedanken, in ihr etwas -anderes zu sehen, als ein unglückliches, gequältes Wesen, dem er helfen -mußte. - -»Was sind das hier für _Hoffnungen_! Oh, wie niedrig, wie gemein der -Mensch doch ist!« - -Er setzte sich wieder, vergrub wieder das Gesicht in den Händen und -begann zu denken, ließ Erinnerungen an sich vorüberziehen ... und wieder -träumte er von Hoffnungen. - -»Ach, müde bin ich, müde!« fiel ihm ihr Ausruf, ihre schwache kranke -Stimme ein. »Herrgott! wie sollte ich sie denn jetzt verlassen -- -achtzig Kopeken ihr ganzes Geld! Gleich hielt sie ihr Beutelchen hin, -wie klein, wie alt es war! ... Ist hergekommen, um zu arbeiten, zu -verdienen, eine Stelle zu suchen -- was weiß sie denn von Stellen, was -weiß sie denn von Rußland! Das ist doch alles wie bei störrischen -kleinen Kindchen, alles eigene Phantasie, alles frei erdacht; und nun -ärgert sie sich, die Arme, warum Rußland nicht ihren ausländischen -Illusionen gleicht! Oh, ihr Unglücklichen, oh, ihr Unschuldigen! ... -Aber hier ist es wirklich kalt ...« - -Und er erinnerte sich plötzlich, daß sie über Kälte geklagt und er ihr -versprochen hatte, einzuheizen. - -»Holz ist hier, das könnte ich hereinholen, aber wenn sie dabei -aufwacht? Es wird schon gehen! Aber wie wird es nun mit dem Kalbsbraten? -Sie wird aufwachen und dann vielleicht doch essen wollen ... Nun, das -später! Kirilloff schläft die ganze Nacht nicht. Aber womit könnte ich -sie nur zudecken, sie schläft so fest! Und sie wird es bestimmt kalt -haben, bestimmt kalt!« - -Er trat noch einmal leise zu ihr: der Kleiderrock hatte sich ein wenig -verschoben und ihr Bein war fast bis zum Knie unbedeckt. Schatoff sah -erschrocken weg, zog dann schnell seinen warmen Mantel aus und breitete -ihn, bemüht, nichts zu sehen, über die entblößte Stelle. Er selbst blieb -in einem dünnen alten Rock. - -Das vorsichtige Anheizen des Ofens, das leise Herumgehen auf den -Fußspitzen, das Betrachten der Schlafenden, das Denken in der Ecke -- -all das nahm viel Zeit in Anspruch. Es vergingen zwei, drei Stunden. -Inzwischen waren Werchowenski und Liputin auf dem Schleichwege zu -Kirilloff gekommen und hatten ihn auf demselben Wege schon wieder -verlassen. Endlich schlummerte auch Schatoff in seiner Ecke ein. Da -stöhnte sie plötzlich: sie erwachte und rief ihn. Er sprang wie ein -Verbrecher auf. - -»Marie! Ich war eingeschlafen ... sei nicht bös, Marie. Ach, wie gemein -ich bin, Marie!« - -Sie hatte sich ein wenig erhoben, sah sich verschlafen und erstaunt um, -als ob sie noch gar nicht recht begriff, wo sie sich befand, doch -plötzlich fuhr sie unwillig, zornig auf. - -»Ich habe Ihr Bett eingenommen, ich bin vor Müdigkeit einfach so -eingeschlafen ... Warum haben Sie das zugelassen? Warum haben Sie mich -nicht sofort aufgeweckt? Wie haben Sie gewagt zu denken, daß ich Ihnen -zur Last fallen will?« - -»Wie hätte ich dich denn aufwecken können, Marie?« - -»Es war Ihre Pflicht, mich aufzuwecken! Für Sie ist hier kein zweites -Bett und ich habe Ihr Bett eingenommen. Sie hätten mich nicht in diese -falsche Situation bringen sollen. Oder glauben Sie, daß ich gekommen -bin, um Ihre Wohltaten auszunutzen? Sie werden sich sofort auf Ihr Bett -legen, -- und ich lege mich in der Ecke auf ein paar Stühle ...« - -»Marie, ich habe hier gar nicht so viel Stühle und es ist auch nichts -da, was ich unterbreiten könnte!« - -»Nun, dann einfach auf die Diele. Sie müßten ja sonst selbst auf der -Diele schlafen. Ich will mich auf die Diele legen, sofort, sofort!« - -Sie erhob sich und wollte einen Schritt vorwärts treten, doch plötzlich -nahm ein unerträglicher krampfartiger Schmerz ihr alle Kraft und alle -Entschlossenheit und sie sank laut aufstöhnend aufs Bett zurück. -Schatoff lief erschrocken zu ihr, und Marie, die ihr Gesicht im Kissen -verbarg, ergriff seine Hand und preßte und bog seine Hand wie im Krampf -in ihren Händen. - -So verging eine ganze Minute. - -»Marie, Liebling, hier ist ein Doktor Frenzel, ich kenne ihn, sogar sehr -gut ... Ich werde zu ihm laufen, wie?« - -»Unsinn!« - -»Warum Unsinn? Sage, Marie, was tut dir denn weh? ... Sonst könnte man -auch einen heißen Umschlag machen ... vielleicht auf den Magen, zum -Beispiel ... Das verstehe ich auch ohne Doktor ... Oder ein Senfpflaster -...« - -»Was?« fragte sie verwundert und sah ihn, den Kopf leicht erhebend, -erschrocken an. - -»Das heißt, was denn, Marie?« fragte Schatoff, der sie nicht verstand. -»Was fragst du? O Gott, ich rede vielleicht wirklich Unsinn! Marie, -vergib, aber ich kann nichts verstehen ...« - -»Ach, lassen Sie mich, das geht Sie auch gar nichts an ... das zu -verstehen ... Wäre ja auch nur komisch!« und sie lachte bitter auf. -»Erzählen Sie mir irgend etwas. Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen -Sie. Stehen Sie nicht bei mir und sehen Sie mich nicht an, darum bitte -ich Sie ganz besonders -- schon zum fünfhundertstenmal!« - -Schatoff begann auf und ab zu gehen, sah zu Boden und strengte sich mit -aller Gewalt an, nicht zu ihr hinzusehen. - -»Hier -- sei nicht böse, Marie, ich flehe dich an --, hier unten ist -Kalbsbraten, nicht weit, und Tee ... Du hast vorhin so wenig gegessen -...« - -Sie winkte eigensinnig und geärgert mit der Hand ab. - -Schatoff biß sich in Verzweiflung auf die Lippe. - -»Hören Sie, ich habe die Absicht, hier in der Stadt eine Buchbinderei zu -eröffnen. Mit Teilhabern. Da Sie hier leben und die Verhältnisse kennen, -so sagen Sie mir, was Sie dazu meinen: wird es sich lohnen oder nicht?« - -»Ach, Marie, bei uns liest man doch keine Bücher. Und es gibt ja auch -gar keine! Wie soll er sich denn da Bücher einbinden lassen?« - -»Wer >Er<?« - -»Der hiesige Leser, der hiesige Einwohner überhaupt, Marie.« - -»So sprechen Sie doch verständlich! Denn was heißt das: >_er_<! -- wer -aber dieser >_er_< ist -- ist mir unbekannt. Sie kennen die Grammatik -nicht mehr.« - -»Das war doch im Geiste der Sprache ... Marie,« murmelte Schatoff. - -»Ach, gehen Sie mir mit Ihrem Geist! Habe das satt. Warum würde denn der -hiesige Leser oder Einwohner nicht einbinden lassen?« - -»Weil, ein Buch lesen und ein Buch einbinden lassen -- zwei ganz -verschiedene Zeiten der Entwicklung sind, und zwar zwei riesig große. -Zuerst lernt er allmählich das Lesen, in Jahrhunderten natürlich, aber -zerreißt und vernachlässigt das Buch, da er es noch nicht für eine -ernste Sache hält. Ein Buch aber einbinden lassen, heißt schon das Buch -achten, bedeutet, daß er nicht nur das Lesen lieben gelernt hat, sondern -auch als eine große Sache anerkennt. Bis zu dieser Periode ist Rußland -noch nicht gekommen. Europa bindet schon lange ein.« - -»Das ist, wenn auch pedantisch ausgedrückt, doch nicht dumm gedacht und -erinnert mich an die Zeit von vor drei Jahren. Sie konnten zuweilen ganz -geistreich sein, vor drei Jahren.« - -Sie sagte das ebenso gereizt, wie alle ihre früheren eigensinnigen -Phrasen. - -»Marie, Marie,« wandte sich Schatoff gerührt zu ihr, »oh, Marie! Wenn du -wüßtest, was alles in diesen drei Jahren vergangen und verschwunden ist! -Ich hörte, daß du mich später verachtet haben sollst, weil ich meine -Überzeugungen geändert habe! Aber was habe ich denn fortgeworfen? Doch -nur die Feinde des lebendigen Lebens, veraltete Liberale, die sich vor -persönlicher Unabhängigkeit fürchten, die Lakaien der Gedanken, Feinde -der Persönlichkeit und Freiheit, die altersschwachen Anpreiser des Toten -und der stinkenden Verwesung! Was steht denn hinter ihnen? -- doch nur -Greisenhaftigkeit, die goldene Mittelmäßigkeit, spießerhafteste, -erbärmlichste Unbegabtheit, neidische Gleichheit, Gleichheit ohne -persönliche Würde, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie begreift, oder -höchstens wie ein Franzose von dreiundneunzig sie begriff ... Doch die -Hauptsache: überall sind Schurken, Schurken und Schurken!« - -»Ja, Schurken gibt es viele,« sagte sie kurz. - -Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, ein wenig auf der Seite, reglos, als -fürchte sie, sich zu bewegen, den Kopf auf dem Kissen zurückgebogen, und -sah mit müdem, doch heißem Blick auf die Zimmerdecke. Ihr Gesicht war -bleich, ihre Lippen trocken und heiß. - -»Du stimmst mir bei, Marie, du stimmst mir bei?« rief Schatoff aus. - -Sie wollte den Kopf schütteln zum Zeichen der Verneinung, doch plötzlich -wurde sie wieder von einem Krampf erfaßt. Wieder verbarg sie das Gesicht -in dem Kissen und wieder preßte sie mit aller Kraft die Hand Schatoffs, -der, außer sich vor Angst, zu ihr gestürzt war. - -»Marie, Marie! Aber das ist vielleicht etwas furchtbar Ernstes, Marie!« - -»Schweigen Sie ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!« rief -sie fast jähzornig und drehte den Kopf auf dem Kissen, daß nun wieder -ihr Gesicht zu sehen war. »Wagen Sie es nicht, mich mit Ihrem Mitleid -anzusehen! Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie, sprechen Sie!« - -Schatoff ging wieder auf und ab und gab sich verzweifelte Mühe, nur von -Gleichgültigem zu sprechen. - -»Womit beschäftigen Sie sich hier?« fragte sie, mit gereizter Ungeduld -ihn unterbrechend. - -»Ich arbeite bei einem Kaufmann im Kontor. Wenn ich wollte, Marie, -könnte ich hier ganz gutes Geld verdienen.« - -»Desto besser für Sie ...« - -»Ach, denk nur nicht, Marie, ich ... ich habe das nur so gesagt ...« - -»Und was tun Sie denn sonst noch? Was predigen Sie denn jetzt? Sie -können doch nicht anders, als predigen. Das gehört schon einmal zu Ihrem -Charakter!« - -»Ich predige Gott, Marie.« - -»An den Sie selbst nicht glauben. Diese Idee habe ich nie begreifen -können.« - -»Lassen wir das, Marie, davon können wir später sprechen.« - -»Was war diese Marja Timofejewna hier?« - -»Davon wollen wir auch später sprechen, Marie.« - -»Wagen Sie es nicht, mir solche Bemerkungen zu machen! Ist es wahr, daß -ihr Tod ein Verbrechen ... dieser Menschen ist?« - -»Zweifellos,« preßte Schatoff durch die Zähne hervor. - -Marie erhob plötzlich den Kopf und rief krankhaft erregt: - -»Wagen Sie es nie mehr, mir davon zu sprechen, nie mehr, nie mehr!« - -Und wieder fiel sie zurück, wieder übermannt von einem krampfartigen -Schmerz. Das war schon der dritte Anfall. Ihr Gestöhn wurde lauter -- -laut bis zum Geschrei. - -»O Sie unerträglicher Mensch! O Sie entsetzlicher Mensch!« Sie warf sich -hin und her, sie stieß erbarmungslos Schatoff fort, der am Bett stand -und sich über sie beugte. - -»Marie, ich werde alles tun, was du willst ... ich werde gehen ... -sprechen ...« - -»Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, was begonnen hat!« - -»Was hat begonnen, Marie?« - -»Ach, wie soll ich es wissen! Weiß ich denn etwas davon? ... Oh, -verfl...! Oh ... im voraus sei schon alles verflucht!« - -»Marie, wenn du nur sagen wolltest, was begonnen hat ... denn sonst ... -wie soll ich denn sonst etwas verstehen?« - -»Sie sind ein abstrakter Schwätzer ... Oh ... alles ... alles sei -verflucht!« - -»Marie! Marie!« - -Er begann schon ernstlich zu befürchten, daß sie wahnsinnig geworden -sei. - -Da richtete sie sich plötzlich halb auf und sah ihn mit furchtbarer, -krankhafter, ihr Gesicht entstellender Wut an: - -»Ja, sehen Sie denn noch immer nicht, daß ich mich in Geburtswehen -quäle? Mag es im voraus verflucht sein, dieses Kind!« - -»Marie,« rief Schatoff, der jetzt endlich begriff, um was es sich -handelte. »Marie ... Warum hast du das nicht gleich gesagt?« Er besann -sich sofort, und plötzlich ergriff er in energischer Entschlossenheit -seine Mütze. - -»Wußte ich es denn, als ich hier eintrat? Wäre ich denn sonst zu Ihnen -gekommen? Man sagte mir: erst nach zehn Tagen! Aber wohin gehen Sie -denn, wohin wollen Sie, unterstehen Sie sich nicht!« ... - -»Nach der Hebamme! Ich verkaufe den Revolver: ganz zuerst muß jetzt Geld ---!« - -»Wagen Sie es nicht, unterstehen Sie sich nicht, nach der Hebamme zu -gehen, einfach ein Weib, irgendeine Alte, ich habe noch achtzig Kopeken -im Geldbeutel ... Bauernweiber gebären doch ohne fremde Hilfe ... Und -krepiere ich, um so besser ...« - -»Das Weib schaffe ich zur Stelle, eine Alte gleichfalls. Nur wie ... wie -soll ich, Herrgott, wie soll ich dich so allein lassen, Marie?« - -Doch er sagte sich, daß es immerhin besser war, sie jetzt allein zu -lassen, als später ohne Hilfe zu sein, und er eilte wie gehetzt die -Treppe hinunter. - - - III. - -Ganz zuerst lief er zu Kirilloff. Es war schon gegen ein Uhr nachts. -Kirilloff stand mitten im Zimmer. - -»Kirilloff, meine Frau gebiert!« - -»Das heißt, wie?« - -»Sie gebiert, sie gebiert ein Kind!« - -»Sie ... täuschen sich auch nicht?« - -»O nein, nein, sie hat schon Krämpfe! ... Sie braucht ein Weib, -irgendeine Alte, unbedingt, sofort ... Kann man sie bekommen? Sie hatten -hier doch immer viele alte Weiber ...« - -»Sehr schade, daß ich nicht zu gebären verstehe,« sagte Kirilloff ernst -und nachdenklich, »das heißt, nicht ich gebären, aber so zu machen, daß -ich nicht zu gebären verstehe ... oder ... Nein, das verstehe ich schon -nicht zu sagen.« - -»Sie wollen wohl sagen, daß Sie bei der Geburt nicht zu helfen -verstehen? Aber davon spreche ich ja nicht! Eine Alte, ein altes Weib, -ich bitte Sie um ein altes Weib, eine Krankenwärterin, Pflegerin, -Aufwärterin!« - -»Die Alte wird da sein, nur vielleicht nicht gleich. Wenn Sie wollen, -werde ich anstatt ...« - -»Unmöglich! -- ich laufe jetzt zur Wirginskaja, zur Hebamme ...« - -»Gemeines Frauenzimmer.« - -»Ja, Kirilloff, ja, aber sie ist die beste! O ja, das wird alles ohne -Ehrfurcht, ohne Freude, mürrisch, mit Geschimpf und Gotteslästerungen -geschehen -- bei einem so großen, heiligen Geheimnis, wie es die Geburt -eines neuen Menschen ist! ... Oh, und sie -- sie verflucht das Kind -schon jetzt! ...« - -»Wenn Sie wollen, ich ...« - -»Nein, nein, aber während ich laufe (oh, ich werde die Wirginskaja schon -heranschleppen!) währenddem könnten Sie von Zeit zu Zeit zu meiner -Treppe gehen und vorsichtig hinaufhorchen, doch unterstehen Sie sich -nicht, hineinzugehen, Sie würden sie erschrecken, hören Sie, daß Sie -nicht hineingehen, horchen Sie bloß so -- auf alle Fälle! Nur wenn etwas -Äußerstes geschehen sollte -- gehen Sie hinein!« - -»Verstehe. Geld noch einen Rubel. Hier. Ich wollte morgen ein Huhn, -jetzt will ich nicht. Laufen Sie schnell, laufen Sie so schnell Sie -können. Der Samowar ist die ganze Nacht.« - -Kirilloff ahnte nichts von den Absichten gegen Schatoff. Auch früher war -ihm die Gefahr unbekannt gewesen, die Schatoff drohte. Er hatte nur -gehört, daß Schatoff alte Abrechnungen mit »diesen Leuten« habe, doch -wußte er nichts Näheres darüber, obschon er selbst durch gewisse -Instruktionen aus dem Auslande (übrigens waren es nur ganz -unverfängliche) mit dem »Fall Schatoff« gewissermaßen verknüpft war. -Doch in der letzten Zeit hatte er alles abgelehnt, hatte sich von allem -zurückgezogen, besonders was die »allgemeine Sache« irgendwie anging, -und sich ganz seinem kontemplativen Leben hingegeben. Pjotr -Werchowenski, der auf der Sitzung doch eigentlich nur deshalb Liputin -aufgefordert hatte, mitzukommen, um ihn zu überzeugen, daß Kirilloff den -»Fall Schatoff« tatsächlich auf sich nehmen werde, hatte im Gespräch mit -Kirilloff kein Wort über Schatoff verloren, ja, ihn nicht einmal -erwähnt: offenbar mit Absicht, da er nicht sicher war, ob Kirilloff -nicht alles ablehnen würde, wenn er erfuhr, daß Schatoff als Opfer mit -hineingezogen werden sollte. So hatte er denn diesen Teil der ganzen -Angelegenheit auf den folgenden Tag verschoben, wenn die Tat bereits -geschehen und alles schon »einerlei« war. Liputin war es allerdings -aufgefallen, daß Pjotr Stepanowitsch gerade über Schatoff kein Wort -sagte, doch war er andererseits selbst zu aufgeregt gewesen, um ihn -darauf aufmerksam zu machen. - -Schatoff lief so schnell er nur konnte zu Wirginskis, fluchend über die -Entfernung, die ihm heute endlos erschien. - -An dem Hause mußte er lange klopfen: alles schlief natürlich. Doch -Schatoff schlug rücksichtslos und mit aller Kraft an die Fensterläden. -Der Hofhund schlug an, riß an seiner Kette und heulte und bellte, daß -sämtliche Hunde der Umgegend gleichfalls anschlugen. - -»Wer klopft? Was wünschen Sie?« ertönte endlich an einem Fenster die -weiche Stimme Wirginskis, deren Sanftheit in so gar keinem Verhältnis zu -der Störung stand. - -Der Fensterladen wurde geöffnet und gleich darauf auch das Klappfenster. - -»Wer ist da? Wer ist der Schuft?« kreischte wütend die Stimme der alten -Jungfer, Wirginskis Schwägerin, deren Ton schon mehr als im Verhältnis -zu der »Beleidigung« stand. - -»Ich bin Schatoff, meine Frau ist zu mir zurückgekehrt und wird gleich -gebären ...« - -»So mag sie doch, scheren Sie sich zum Kuckuck!« - -»Ich bin nach Arina Prochorowna gekommen, ohne Arina Prochorowna gehe -ich nicht fort!« - -»Sie kann doch nicht zu jedem gehen! In der Nacht ist eine andere Praxis -... Scheren Sie sich zur Makschejewa, und daß Sie sich nicht -unterstehen, noch weiterzulärmen!« rief zornknatternd die Weiberstimme. - -Doch Schatoff hörte gleichzeitig, wie Wirginski sie zu beschwichtigen -und zu unterbrechen suchte. Die alte Jungfer aber ließ ihn einfach nicht -zu Wort kommen und verteidigte ihren Platz am Fenster. - -»Ich gehe nicht fort!« schrie Schatoff wieder. - -»Warten Sie, warten Sie!« rief Wirginski und es gelang ihm endlich, die -alte Jungfer zu verdrängen. »Ich bitte Sie, Schatoff, warten Sie noch -fünf Minuten, ich werde Arina Prochorowna wecken, nur bitte klopfen Sie -nicht mehr und schreien Sie bitte nicht ... Oh, wie ist das -schrecklich!« - -Nach fünf endlosen Minuten erschien dann schließlich Arina Prochorowna. - -»Ihre Frau ist zu Ihnen gekommen?« ertönte ihre Stimme durch das -Klappfenster, und zwar, zu Schatoffs nicht geringer Verwunderung, -diesmal durchaus nicht geärgert, sondern höchstens befehlend wie -gewöhnlich -- aber anders verstand Arina Prochorowna überhaupt nicht zu -sprechen. - -»Ja, meine Frau -- und sie bekommt ein Kind.« - -»Marja Ignatjewna?« - -»Ja, Marja Ignatjewna. Natürlich, Marja Ignatjewna!« - -Ein Schweigen entstand. Schatoff wartete. Hinter dem Fenster hörte er -flüstern. - -»Ist sie schon vor langer Zeit angekommen?« fragte Frau Wirginskaja -wieder. - -»Heute abend, um acht. Bitte schnell, wenn Sie können!« - -Wieder wurde im Hause geflüstert, wieder schienen sie sich zu beraten. - -»Hören Sie, irren Sie sich nicht? Hat sie selbst Sie zu mir geschickt?« - -»Nein, sie hat mich nicht geschickt, sie will nur ein Weib haben, ein -einfaches Weib, um mich nicht mit Ausgaben zu belasten, aber seien Sie -unbesorgt, ich werde alles bezahlen.« - -»Gut, ich komme, ob Sie zahlen oder nicht. Ich habe stets die -selbständigen Anschauungen Marja Ignatjewnas zu schätzen gewußt, wenn -sie sich auch meiner vielleicht nicht mehr erinnert. Haben Sie die -notwendigsten Sachen?« - -»Ich habe nichts, aber es wird alles, alles gleich zur Stelle sein! ... -Also Sie kommen?« - -Damit lief Schatoff auch schon fort: diesmal zu Lämschin. - -»Es gibt doch in diesen Leuten noch Großmut!« dachte er auf dem Wege. -»Die Überzeugungen und der Mensch, -- das sind, glaube ich, in vielem -zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe ihnen vielleicht in manchem -Unrecht getan! ... Alle Menschen sind schuldig, alle sind schuldig und -... wenn doch alle das einsehen würden! ...« - -Bei Lämschin brauchte er nicht lange zu klopfen: es wurde überraschend -schnell geöffnet. Lämschin war aber auch schon beim ersten Schlag aus -dem Bett gesprungen und steckte -- mit bloßen Füßen, nur im Hemd -- im -Nu den Kopf zum Luftfenster hinaus, ungeachtet dessen, daß er sich so -einen Schnupfen zu holen riskierte; er aber war sonst sehr vorsichtig -und stets um seine Gesundheit besorgt. Doch diese Scharfhörigkeit und -Eile hatten einen besonderen Grund: Lämschin hatte nämlich nach der -Sitzung bei Erkel überhaupt nicht einschlafen können und den ganzen -Abend und die halbe Nacht nur so gezittert vor Aufregung. Ihm schwante -die ganze Zeit, daß sogleich gewisse ungebetene und unerwünschte Gäste -bei ihm erscheinen würden. Denn ihn, Lämschin, quälte am meisten die -Nachricht von Schatoffs Denunziation. Und nun plötzlich, wie -absichtlich, wurde so furchtbar laut und befehlend an sein Fenster -geklopft! ... - -Als er Schatoff erblickte, erschrak er so, daß er sofort das Fenster -zuschlug und ins Bett zurücklief. Schatoff aber begann wütend zu rufen -und zu klopfen. - -»Wie dürfen Sie so schreien und klopfen mitten in der Nacht?« rief das -Jüdchen drohend und doch fast vergehend vor Angst, -- und auch das erst -nach ganzen zwei Minuten der Unentschlossenheit und erst nachdem er sich -überzeugt hatte, daß Schatoff ganz allein gekommen war. - -»Hier haben Sie Ihren Revolver, nehmen Sie ihn zurück und geben Sie mir -fünfzehn Rubel.« - -»Was soll das heißen, sind Sie besoffen? Das ist Raubmord! Und ich -erkälte mich nur. Warten Sie, ich nehme ein Plaid um.« - -»Geben Sie sofort fünfzehn Rubel. Wenn nicht, so werde ich bis zum -Morgen klopfen und schreien. Ich schlage Ihnen das Fenster ein!« - -»Aber ich werde die Polizei rufen und man nimmt Sie in Arrest!« - -»Ah, und bin ich denn stumm? Als ob ich nicht auch die Polizei rufen -kann? Wer hat die wohl mehr zu fürchten, Sie oder ich?« - -»Und Sie können so häßliche Absichten haben ... Ich weiß, worauf Sie -anspielen ... Warten Sie, warten Sie um Gottes willen, klopfen Sie nicht -mehr! Erbarmen Sie sich, wer hat denn Geld in der Nacht? Wozu brauchen -Sie überhaupt Geld, wenn Sie nicht betrunken sind?« - -»Meine Frau ist zu mir gekommen. Ich habe Ihnen zehn Rubel abgelassen, -habe kein Mal geschossen, -- nehmen Sie den Revolver, nehmen Sie ihn -sofort!« - -Lämschin streckte mechanisch seine Hand aus dem Fenster und nahm den -Revolver entgegen: einen Augenblick wartete er, dann aber steckte er -plötzlich den Kopf hinaus und lispelte mit steifer Zunge, ohne selbst zu -begreifen, was er tat, und mit einem Schauer im Rücken: - -»Sie lügen, zu Ihnen ist gar keine Frau gekommen ... Das ... das ... Sie -wollen einfach irgendwohin fliehen!« - -»Sie Kalb, wohin soll ich denn fliehen? Euer Pjotr Werchowenski flieht, -aber nicht ich. Ich war soeben bei der Wirginskaja und sie war sofort -bereit, zu mir zu kommen. Entschließen Sie sich! Meine Frau quält sich, -ich brauche Geld, geben Sie das Geld!« - -Ein ganzes Feuerwerk von Gedanken sprühte sogleich im findigen Kopfe -Lämschins auf. Alles nahm in seinen Augen plötzlich eine andere Wendung, -aber die Angst ließ ihn immer noch nicht klar überlegen. - -»Ja aber, wie ist denn das ... Sie leben doch nicht mit Ihrer Frau?« - -»Für solche Fragen schlage ich Ihnen den Schädel ein!« - -»Ach, mein Gott, verzeihen Sie, ich begreife, ich war nur so bestürzt -... Aber ich verstehe, verstehe. Aber ... aber wird denn Arina -Prochorowna wirklich kommen? Sie sagten, daß sie schon gegangen sei? -Wissen Sie, das ist doch gar nicht wahr. Sehen Sie, sehen Sie, sehen -Sie, wie Sie die Unwahrheit sagen, auf jedem Schritt!« - -»Sie ist jetzt bestimmt schon bei meiner Frau ... Halten Sie mich nicht -auf, ich bin nicht schuld daran, daß Sie dumm sind.« - -»Das ist nicht wahr, ich bin gar nicht dumm. Verzeihen Sie, aber ich -kann auf keine Weise ...« - -Und er wollte schon, ganz aus der Fassung gebracht, zum drittenmal das -Luftfenster schließen. Doch Schatoff brüllte derart auf, daß der Kleine -sofort wieder den Kopf zum Fenster hinaussteckte. - -»Aber das ist doch schon einfach eine ... eine Beschlagnahme der -Persönlichkeit! Was wollen Sie denn von mir, nun, was, was denn, -formulieren Sie es doch! Und beachten Sie, beachten Sie, mitten in solch -einer Nacht!« - -»Fünfzehn Rubel verlange ich, Schafskopf!« - -»Aber ich, ich will den Revolver vielleicht gar nicht zurücknehmen! Sie -haben gar nicht das Recht, so was zu verlangen. Sie haben das Ding -gekauft -- damit ist alles fertig, und Sie haben nicht das Recht! ... -Solch eine Summe habe ich überhaupt nicht in der Nacht! Wo soll ich -solch eine Summe hernehmen in der Nacht?« - -»Du hast immer Geld bei dir; ich habe dir zehn Rubel abgelassen, aber du -bist ja ein bekannter Judenlümmel!« - -»Kommen Sie übermorgen, -- hören Sie, übermorgen früh, punkt zwölf Uhr, -und ich gebe Ihnen alles, alles, ist's recht?« - -Schatoff schlug wieder unbändig an den Fensterrahmen. - -»Zehn Rubel her, und morgen früh fünf!« - -»Nein, _über_morgen früh fünf, aber morgen kann ich bei Gott nicht. -Kommen Sie lieber gar nich! Kommen Sie lieber gar nich!« - -»Zehn Rubel, sag ich; o Schuft!« - -»Aber warum schimpfen Sie denn so? Warten Sie, ich muß doch erst Licht -machen! Sie haben den Kitt von den Scheiben losgeschlagen ... Wer -schimpft denn so in der Nacht? Hier!« und er reichte einen Schein aus -dem Fenster. - -Schatoff ergriff ihn, -- es war ein Fünfrubelschein. - -»Das sind ja nur fünf!« - -»Bei Gott, ich kann nicht, und wenn Sie mich erstechen, ich kann nicht, -übermorgen kann ich alles, aber jetzt kann ich gar nichts.« - -»Ich gehe nicht früher fort!« schrie Schatoff. - -»Nu, nehmen Sie noch das, nu, hier ist noch, sehen Sie, hier ist noch, -aber mehr gebe ich nich. Schreien Sie sich meinetwegen die Kehle kaputt, -ich geb nich mehr, was Sie da auch nich machen -- geb nich mehr, geb -nich, geb nich!« - -Er war außer sich, in Verzweiflung, in Schweiß. Die beiden Geldscheine, -die er noch gab, waren nur Einrubelscheine. Im ganzen hatte Schatoff -sieben Rubel bekommen. - -»Daß dich der Teufel hole, ich komme morgen. Und ich haue dich, -Lämschin, wenn du die acht Rubel nicht bereit hast!« - -»Und morgen bin ich einfach nich zu Haus, Dummkopf!« dachte Lämschin -blitzschnell. - -»Warten Sie, warten Sie, Herr Schatoff!« rief er ihm plötzlich nach. -»Warten Sie, kommen Sie zurück! -- Sagen Sie, bitte, ist es wirklich -wahr, was Sie gesagt haben, daß Ihre Frau zurückgekommen ist?« - -»Esel!« sagte Schatoff ausspuckend und lief so schnell er konnte nach -Hause. - - - IV. - -Arina Prochorowna wußte nichts von dem in der Sitzung gefaßten Beschluß. -Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner -Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen -gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender -Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fügte wohl noch hinzu, -daß er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina -Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde -entschloß sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz -ihrer Müdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu -ihm zu gehen. Sie hatte schon längst, wie sie sagte, diesen Schatoff für -fähig gehalten, »eine bürgerliche Gemeinheit zu begehen«, und glaubte -darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie -aber hörte, daß Marja Ignatjewna zurückgekehrt war, da schöpfte sie -sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte -ließen sie eine gewisse »Umwandlung in den Gefühlen des Verräters« -ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu -verderben, nur um andere auszuliefern, würde anders aussehen und anders -sprechen. Jedenfalls entschloß sich Arina Prochorowna sofort, alles mit -eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschluß -seiner Frau unendlich beruhigend -- als ob man ihm »fünf Pud« von der -Seele genommen hätte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das -Aussehen Schatoffs schien ihm im höchsten Grade Werchowenskis Verdacht -zunichte zu machen. - -Schatoff hatte sich nicht getäuscht: als er zurückkam, fand er Arina -Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten -eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff -mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das möglich war, -mit Marie verständigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin »in der -gemeinsten Verfassung«, das heißt, böse, gereizt und »im allerdümmsten -Kleinmut« -- aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries sämtliche -Einwendungen besiegt. - -»Was jammern Sie da, daß Sie keine teure Hebamme haben wollen?« sagte -sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, »der reinste -Blödsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen. -Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes hätten Sie fünfzig Chancen, -schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und -Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie -überhaupt, daß ich teuer bin? Sie können später bezahlen, von Ihnen -werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere für -eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist -bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind -- das kann ich Ihnen morgen -noch in einer Anstalt unterbringen, und später geben wir es ins Dorf zur -Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell -gesund, machen sich an eine vernünftige Arbeit und >entschädigen< dann -meinetwegen Schatoff für das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht -so groß sein werden ...« - -»Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belästigen ...« - -»Sehr rationell und bürgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird -fast überhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, -- wenn er sich -nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernünftigen -Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten -machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch -die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn -nicht mit Gewalt festhält, so schleppt er uns bis zum Morgen womöglich -noch sämtliche Ärzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum -Kläffen gebracht! Ärzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, daß -ich für alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur -Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. Übrigens kann er -sich auch selbst nützlich machen, er braucht doch nicht nur zu -Dummheiten fähig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die -Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefühle mit >Wohltaten< zu -verletzen. Was Teufel >Wohltaten<! Hat er Sie denn nicht selbst in diese -Lage gebracht? Er hat Sie doch damals zum Bruch mit dieser Familie -getrieben, in der Sie Lehrerin waren, mit dem selbstsüchtigen Ziel, Sie -dann heiraten zu können!? Wir haben doch davon gehört ... Übrigens kam -er doch selbst angelaufen und hat bei uns geschrien und getobt wie ein -Verrückter. Ich binde mich wahrhaftig niemandem auf und bin nur um -Ihretwillen gekommen, aus Prinzip, weil wir unter uns zur Solidarität -verpflichtet sind. Das habe ich ihm übrigens auch gesagt. Wenn ich aber -nach Ihrer Meinung hier überflüssig bin, dann sagen Sie es nur und -- -leben Sie wohl! Daß bloß kein Unglück geschieht, was so leicht zu -verhüten wäre.« Und sie erhob sich sogar schon von ihrem Stuhl. - -Marie war aber so hilflos, litt dermaßen und -- um die Wahrheit zu sagen --- fürchtete sich so maßlos vor dem, was ihr bevorstand, daß sie es -jetzt selbst nicht mehr wagte, die Wirginskaja von sich zu lassen. Dafür -aber war ihr diese Frau plötzlich geradezu verhaßt: die sprach da von -ganz anderem, nur nicht von dem, was in Maries Seele vorging! Doch die -Möglichkeit, in den Händen einer ungeschickten Hebamme zu sterben, -besiegte den Widerwillen. Zu Schatoff jedoch wurde sie von nun an noch -herrischer, noch unnachsichtiger: schließlich verbot sie ihm nicht nur, -sie anzusehen, sondern er durfte nicht einmal mit dem Gesicht zu ihr -gewandt stehen. Dabei wurden ihre Schmerzen immer stärker und ihre -Flüche und selbst Schimpfworte immer sinnloser. - -»Ach, was da! wir schicken ihn einfach hinaus,« schnitt Arina -Prochorowna kurz ab. »Mit seinem Gesicht erschreckt er Sie nur: bleich -ist er wie ein Toter! Was haben denn Sie zu fürchten, Sie komischer -Mensch? Das ist mir mal eine Komödie!« - -Schatoff antwortete nicht: er hatte sich vorgenommen, um nicht unnütz zu -reizen, einfach nichts zu erwidern. - -»Ach, habe ich dumme Väter in solchen Fällen gesehen! Die verlieren nun -mal immer den Verstand. Aber die haben dann doch wenigstens ...« - -»Hören Sie auf, oder gehen Sie, damit ich endlich sterbe! Kein Wort -mehr! Ich will nicht, will nicht!« keuchte Marie in Qualen. - -»Da kann man ja überhaupt nichts mehr sprechen! Ich sehe nur, daß Sie -die Vernunft verloren haben. Doch zur Sache: sagen Sie, haben Sie schon -etwas vorbereitet? Antworten Sie, Schatoff, denn sie hat jetzt keinen -Sinn dafür.« - -»Sagen Sie, bitte, was denn eigentlich nötig ist.« - -»Also nichts vorbereitet.« - -Sie zählte ihm das unbedingt Nötige auf, wirklich nur das Notwendigste. - -Einiges fand sich auch bei Schatoff. Marie zog einen kleinen Schlüssel -hervor und reichte ihn ihm, damit er in ihrer Reisetasche suche. Da aber -seine Hände zitterten, so dauerte es etwas länger, bis er das ihm -unbekannte Schloß aufgemacht hatte, worüber Marie wieder außer sich -geriet, doch als nun Arina Prochorowna ihm helfen und schneller öffnen -wollte, da erlaubte sie wieder unter keiner Bedingung, daß diese ihre -Tasche anrühre, und bestand mit kindischem Geschrei und Weinen darauf, -daß nur Schatoff allein sie öffne. - -Nach anderen Sachen mußte er zu Kirilloff gehen. Kaum aber war er aus -dem Zimmer, da rief ihn Marie auch schon wie rasend wieder zurück und -beruhigte sich erst, nachdem Schatoff sofort wieder von der Treppe -zurückgelaufen kam und ihr dann auseinandersetzte, daß er nur auf eine -Minute und auch nur nach dem Notwendigsten fortgehen und sofort wieder -da sein werde. - -»Na, Sie zu befriedigen ist aber schwer,« meinte Arina Prochorowna -lachend, »bald muß man mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf sich -nicht mal umkehren, bald ist es wieder so nicht recht; und wenn man -Ihretwegen auf einen Augenblick fortgehen muß, fangen Sie zu weinen an. -Na, nun regen Sie sich aber nicht so auf, reiben Sie sich nicht die -verweinten Augen, -- ich lache doch nur.« - -»Er darf sich nicht unterstehen, überhaupt etwas zu denken!« - -»Tatata, wenn er nicht wie ein Bock in Sie verliebt wäre, würde er doch -nicht die Hunde der ganzen Stadt zum Heulen bringen und wie verrückt -durch die Straßen rennen! Bei mir hat er fast den Fensterrahmen -herausgeschlagen.« - - - V. - -Schatoff traf Kirilloff immer noch im Zimmer auf- und abgehend an, aber -er war so zerstreut und mit sich beschäftigt, daß er die Ankunft von -Schatoffs Frau einfach vergessen hatte, Schatoff selber jetzt zwar -anhörte, doch ihn zuerst gar nicht verstand. - -»Ach ja,« erinnerte er sich dann plötzlich, und es war, als risse er -sich nur mit großer Anstrengung und nur auf einen Augenblick von -irgendeinem ihn beherrschenden Gedanken los, »ja ... die Frau ... Frau -oder altes Weib? Warten Sie: und Frau, und altes Weib? Ich weiß schon. -Ich war da. Die Alte wird kommen, nur nicht gleich. Nehmen Sie das -Kissen. Was noch? Ja ... Warten Sie, kommt es bei Ihnen auch vor, -Schatoff, daß Sie Minuten ewiger Harmonie haben?« - -»Wissen Sie, Kirilloff, das geht nicht so weiter! Sie müssen sich wieder -angewöhnen, in der Nacht zu schlafen.« - -Jetzt erst erwachte Kirilloff und -- sonderbar: er sprach mit einemmal -viel zusammenhängender und richtiger, als er sonst zu tun pflegte; -wahrscheinlich hatte er alles das schon lange in Gedanken formuliert und -vielleicht sogar aufgeschrieben: - -»Es gibt Sekunden, es sind im ganzen nur fünf oder sechs auf einmal, und -plötzlich fühlen Sie die Gegenwart der ewigen Harmonie; einer vollkommen -erreichten. Das ist nichts Irdisches; ich rede nicht davon, ob es -himmlisch ist, sondern daß ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht -aushalten kann. Man muß sich physisch verändern oder sterben. Das ist -ein klares und unbestreitbares Gefühl. Als ob man plötzlich die ganze -Natur fühlt und plötzlich sagt: ja, es ist richtig. Gott hat, als er die -Welt schuf, am Abend jedes Schöpfungstages gesagt: >Ja, es ist richtig, -es ist gut.< Das ... das ist nicht ein Ergriffensein, sondern nur so, -- -Freude. Man verzeiht auch nichts, denn es gibt nichts mehr, was zu -verzeihen wäre. Es ist nicht, daß man liebt, oh, -- das hier ist höher -als Liebe! Das Furchtbarste ist, daß es so schrecklich klar ist und eine -solche Freude. Wenn es mehr als fünf Sekunden wäre, so würde die Seele -es nicht aushalten und müßte vergehen. In diesen fünf Sekunden durchlebe -ich das Leben und würde für sie mein ganzes Leben hingeben, denn sie -sind das wert. Um zehn Sekunden zu ertragen, muß man sich physisch -verändern. Ich denke, der Mensch muß aufhören, zu gebären. Wozu Kinder, -wozu Entwicklung, wenn das Ziel erreicht ist? Im Evangelium ist gesagt, -daß man nach der Auferstehung nicht mehr gebären, sondern wie Engel -Gottes sein wird. Ein Fingerzeig. Ihre Frau gebiert?« - -»Kirilloff, haben Sie das oft?« - -»In drei Tagen einmal, in einer Woche einmal.« - -»Haben Sie nicht die Fallsucht?« - -»Nein.« - -»Dann werden Sie sie bekommen. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, ich -habe gehört, daß die Fallsucht gerade so beginnen soll. Mir hat ein -Epileptiker Wort für Wort so wie Sie den Zustand vor dem Anfall -geschildert: fünf Sekunden gab auch er an, und auch er sagte, daß man -mehr nicht ertragen könne. Denken Sie an Mohammeds Krug, der nicht Zeit -hatte, überzufließen, während der Prophet auf seinem Pferde das Paradies -umflog. Der Krug -- das sind dieselben fünf Sekunden; das erinnert zu -sehr an Ihre Harmonie, und Mohammed war bekanntlich Epileptiker. Nehmen -Sie sich in acht, Kirilloff, vor der Fallsucht!« - -»Die kommt zu spät,« sagte Kirilloff mit stillem Lächeln. - - - VI. - -Die Nacht verging. Schatoff wurde fortgeschickt, gescholten, -zurückgerufen und wieder gescholten. Maries Angst um ihr Leben erreichte -den höchsten Grad: sie schrie, daß sie leben wolle, »unbedingt, -unbedingt!« und »nicht sterben! nicht sterben!« Wäre Arina Prochorowna -nicht bei ihr gewesen, so hätte es schlimm werden können; doch -allmählich bekam sie die nervöse Patientin vollkommen in ihre Hand, bis -diese schließlich wie ein Kind jedem einzelnen ihrer Worte gehorchte. -Arina Prochorowna faßte sie -- ihr erprobtes Mittel -- mit Strenge an, -sparte sich, wie gewöhnlich, jede Freundlichkeit, tat aber sonst -meisterhaft ihre Pflicht. - -Der Tag brach an. - -Arina Prochorowna fiel es plötzlich ein, zu erzählen, daß Schatoff im -Augenblick vorher auf den Treppenflur hinausgegangen sei, um zu Gott zu -beten, und sie lachte darüber. Marie begann gleichfalls zu lachen, hart -und höhnisch, als ob ihr von diesem Lachen leichter würde. - -Schließlich wurde Schatoff ganz hinausgeschickt. Ein kalter, feuchter -Morgen brach an. Er stützte wieder die Stirn an die Flurwand, und stand -so, wie er vorhin gestanden hatte, als Erkel zu ihm gekommen war. Er -zitterte am ganzen Körper und fürchtete sich zu denken, aber sein Denken -heftete sich an alles vor seinem Geist Erscheinende, wie es im Traum zu -geschehen pflegt. Die Gedanken zogen ihn immer wieder mit sich fort, -rissen aber dabei selbst fortwährend ab, wie mürbe Fäden. - -Aus dem Zimmer drang schon nicht mehr Gestöhn: das waren vielmehr -entsetzliche, rein tierische Schreie, unerträgliche, unmögliche. Er -wollte sich die Ohren zuhalten, doch konnte er es nicht und sank auf die -Knie, unbewußt, immer nur das eine Wort stammelnd: »Marie, Marie, -Marie!« - -Und dann plötzlich hörte er einen neuen Schrei, der ihm durch Mark und -Bein fuhr und ihn aufspringen machte -- den schwachen, zitternden Schrei -eines Kindes. ... Er bekreuzte sich und stürzte ins Zimmer. In Arina -Prochorownas Händen wimmerte und bewegte sich mit winzigen Händchen und -Füßchen ein rotes, runzliges, kleines Wesen, das bis zur Kläglichkeit -hilflos war, das aber schrie und sich kund tat, ganz als hätte es -gleichfalls ein großes Recht auf das Leben ... - -Marie lag wie ohnmächtig in den Kissen: nach einer Minute erst schlug -sie die Augen auf und sah sonderbar, ganz sonderbar Schatoff an: das war -ein ganz neuer Blick -- was für einer, das konnte er noch nicht -verstehen, aber noch nie vorher hatte er einen ähnlichen Blick an ihr -bemerkt. - -»Ein Knabe? ein Knabe?« fragte sie mit leiser, schwacher Stimme Arina -Prochorowna. - -»Ein Bengel!« rief die zurück, die gerade das Kleine einwickelte. - -Als sie das Kindchen eingepackt hatte und sich nun anschickte, es -zwischen zwei Kissen quer aufs Bett zu legen, gab sie es auf einen -Augenblick Schatoff, damit er es halte. Marie, die das bemerkt hatte, -winkte ihn heimlich heran, als ob sie sich vor Arina Prochorowna -fürchtete. Er verstand sie sofort und trat mit dem kleinen Wesen zu ihr, -damit sie es sehen konnte. - -»Wie ... nett er ist ...« flüsterte sie lächelnd, mit schwacher Stimme. - -Arina Prochorowna bemerkte zufällig Schatoffs Gesichtsausdruck und brach -in heiteres Lachen aus: »Was der aber für ein Gesicht macht! So etwas -habe ich noch nie gesehn!« - -»Lachen Sie nur, Arina Prochorowna ... Das ist eine große Freude ...« -sagte Schatoff mit einfältig seligem Gesichtsausdruck: nach den paar -Worten, die Marie über das Kind gesagt hatte, war er geradezu erstrahlt. - -»Ach, was ist denn das für eine große Freude!« lachte Arina Prochorowna, -die geschäftig im Zimmer hin und her ging. - -»Das Geheimnis, daß es ein neues Wesen auf der Welt gibt; das große und -unerklärliche Geheimnis, Arina Prochorowna -- wie schade, daß Sie das -nicht verstehen!« - -Schatoff sprach wirr, wie benommen und verzückt. Als ob irgend etwas in -seinem Kopfe hin und her wogte und sich von selbst, ohne seinen Willen, -aus seiner Seele ergoß. - -»Es waren zwei, und plötzlich ist ein dritter Mensch, ein neuer Geist, -ein ganzer, in sich vollendeter, wie ihn Menschenhand nimmer erschaffen -kann; ein neuer Gedanke und eine neue Liebe ... sogar unheimlich ... Und -es gibt nichts Höheres auf der Welt!« - -»Der redet was zusammen! Das ist doch einfach die Weiterentwicklung des -Organismus und nichts anderes, nichts von Geheimnissen,« sagte Arina -Prochorowna wieder mit aufrichtig heiterem Lachen. »So wäre ja jede -Fliege ein Geheimnis. Nur sehen Sie: überflüssige Menschen sollten -lieber nicht geboren werden. Schmiedet erst alles so um, daß sie nicht -mehr überflüssig sind, dann könnt ihr sie gebären. Denn sonst -- da muß -man ihn nun übermorgen in die Findelanstalt schleppen ... Übrigens, so -muß es auch sein.« - -»Niemals werde ich ihn von mir fort in eine Anstalt geben!« sagte -Schatoff, den Blick zu Boden gesenkt, mit fester Stimme. - -»Sie adoptieren ihn?« - -»Er _ist_ mein Sohn.« - -»Natürlich, er heißt Schatoff, nach dem Gesetz ist er ein Schatoff, und -Sie haben keine Ursache, sich als Wohltäter des Menschengeschlechts -aufzuspielen. Ohne Phrasen geht's ja nicht. Nun, nun, schon gut, nur -noch eines, meine Herrschaften,« schloß sie endlich, sich bereits -ankleidend, »ich muß nämlich jetzt gehen. Ich werde am Vormittag -wiederkommen und auch am Abend, falls es nötig sein sollte; jetzt aber -muß ich, da hier alles so glücklich überstanden ist, zu meinen anderen -Patientinnen, die warten schon lange auf mich. Sie haben dort irgendwo -eine Alte ... Aber Alte hin, Alte her, deshalb können auch Sie sich -immer noch nützlich machen. Daß Sie sie mir nicht allein lassen! -- -setzen Sie sich als liebes Männchen an ihr Bett -- Marja Ignatjewna wird -Sie, glaub' ich, jetzt nicht mehr fortjagen ... nun, nun, ich scherze ja -nur ...« - -Bei der Pforte, die Schatoff für sie aufschloß, sagte sie noch zu ihm: - -»Sie haben mich für mein ganzes Leben erheitert! Geld nehme ich von -Ihnen nicht, werd' noch im Schlaf lachen müssen. Komischeres als Sie in -dieser Nacht, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehn.« - -Sie ging vollkommen zufrieden fort. Nach Schatoffs Aussehen und allen -seinen Worten war es für sie klar wie das Sonnenlicht, daß dieser Mensch -»sich jetzt in die Rolle des Vaters einfühlen wird und der letzte Lappen -ist«, -- ans Denunzieren also überhaupt nicht denken werde. So eilte sie -denn, obgleich die Wohnung einer Patientin am Wege lag, zuerst nach -Haus, um diese Beobachtungen ihrem Mann zur Beruhigung mitzuteilen. - -»Marie, sie hat dir gesagt, daß du nicht gleich schlafen sollst, wenn -das auch, fürchte ich, sehr schwer ist ...« begann Schatoff schüchtern. -»Ich werde mich hier ans Fenster setzen und auf dich acht geben, nicht?« - -Und er setzte sich hinter dem Diwan ans Fenster, doch so, daß sie ihn -auf keine Weise sehen konnte. Aber es verging nicht eine Minute, da rief -sie ihn schon wieder und bat gereizt, ihr das Kissen zurechtzurücken. Er -versuchte es vorsichtig. Sie sah böse zur Wand. - -»Nicht so, ach, nicht so ... Was für ungeschickte Hände!« - -Schatoff bemühte sich, es besser zu machen. - -»Beugen Sie sich zu mir,« sagte sie plötzlich und gab sich die größte -Mühe, ihn nicht anzusehen. - -Er zuckte erschrocken zusammen, doch beugte er sich gehorsam zu ihr -nieder. - -»Noch ... nicht so ... näher,« und plötzlich umschlang ihr linker Arm -ungestüm seinen Hals und er fühlte ihren starken, feuchten Kuß auf -seiner Stirn. - -»Marie!« - -Ihre Lippen bebten, sie bezwang sich sichtlich, doch plötzlich richtete -sie sich halb auf und sagte mit blitzenden Augen: - -»Nicolai Stawrogin ist ein Lump!« - -Und kraftlos, als ob ihr plötzlich alle Stützen entzogen worden wären, -fiel sie, hysterisch aufschluchzend, mit dem Gesicht auf das Kissen und -drückte fest, fest Schatoffs Hand in ihren glühenden Händen. - -Von diesem Augenblick an ließ sie ihn nicht mehr von sich, und wollte -»unbedingt, unbedingt«, daß er an ihrem Bett sitzen blieb. Sprechen -konnte sie nur wenig, aber sie sah ihn an und lächelte ihm zu wie eine -Glückselige. Sie schien plötzlich ganz unklug, eine ganze Törin geworden -zu sein. Alles war jetzt gleichsam verwandelt. Schatoff weinte bald wie -ein kleiner Knabe, bald sprach er Gott weiß wovon, sprach wild, wie -benommen, begeistert; er küßte ihre Hände, und sie hörte ihm wie -berauscht zu, vielleicht ohne zu verstehen, was er sprach, streichelte -liebkosend mit ihrer geschwächten Hand sein Haar und schien sich an ihm -nicht satt sehen zu können. Er erzählte ihr von Kirilloff, erzählte -davon, daß sie beide jetzt »von neuem und auf ewig« zu leben beginnen -würden, sprach von Gott und davon, daß alle Menschen gut seien ... Und -in der Begeisterung holten sie dann wieder das Kindchen hervor, um es -von neuem zu betrachten. - -»Marie,« rief er, als er das Kindchen in den Armen hielt, »nun hat das -ein Ende, das mit den alten Quälereien und der ganzen veralteten -Schmach! Wollen wir uns jetzt auf den neuen Weg durcharbeiten, wir drei -zusammen, ja, ja! ... Ach so: wie werden wir ihn denn nennen, Marie?« - -»Ihn? Wie wir ihn nennen werden?« fragte sie verwundert, und plötzlich -drückte sich in ihrem Gesicht ein unsagbarer Schmerz aus. - -Sie erhob die Hände, blickte Schatoff vorwurfsvoll an und warf sich dann -aufschluchzend mit dem Gesicht auf das Kissen. - -»Marie, was hast du?« rief er maßlos erschrocken. - -»Und Sie konnten ... konnten ... Oh, Sie Undankbarer!« - -»Marie vergib, Marie ... Ich habe ja nur gefragt, wie wir ihn nennen -sollen. Ich weiß nicht ...« - -»Iwan! Iwan!« rief sie, ihr glühendes, tränenüberströmtes Gesicht wieder -erhebend. »Haben Sie denn wirklich an irgendeinen anderen _furchtbaren_ -Namen denken können!?« - -»Marie, um Gottes willen, beruhige dich! Oh, wie du nervös bist!« - -»Eine neue Kränkung, daß Sie das den Nerven zuschreiben! Ich könnte -wetten; wenn ich gesagt hätte, ihn ... mit jenem anderen schrecklichen -Namen zu nennen, so wären Sie sofort einverstanden gewesen, hätten es -nicht einmal bemerkt! Oh, ihr Undankbaren, ihr Niedrigen, alle, alle!« - -Nach einer Minute versöhnten sie sich natürlich wieder. Schatoff -beredete sie schließlich, einzuschlafen. Sie tat es denn auch, doch gab -sie seine Hand auch jetzt noch nicht frei, wachte oft auf und blickte -ihn an, ganz als hätte sie gefürchtet, er könnte fortgegangen sein, bis -sie dann von neuem einschlief. - -Kirilloff schickte die Alte, um zu »gratulieren«, und sandte zugleich -heißen Tee, heiße, selbstgebratene Koteletts und Bouillon mit Weißbrot -für »Marja Ignatjewna«. Die Kranke trank gierig die Bouillon aus und -zwang auch Schatoff, von den Koteletts zu essen, worauf die Alte das -Kind von neuem einwickelte. - -Die Zeit verging. Schatoff schlief endlich gleichfalls ein, mit dem Kopf -auf ihr Kissen gebeugt, todmüde. So fand sie Arina Prochorowna, die -richtig ihr Wort hielt und wiederkam. Lachend weckte sie die beiden auf, -sprach mit Marie über das Nötige, besah das Kindchen und verbot Schatoff -wieder strengstens, die Kranke zu verlassen. Darauf ging sie, nach einem -Witz über das »Ehepaar«, in dem etwas Verachtung und Hochmut lag, ebenso -befriedigt fort, wie am Morgen. - -Es war schon dunkel, als Schatoff erwachte. Er zündete schnell das Licht -an und lief nach der Alten. Gerade als er aus dem Zimmer trat, hörte er -unten auf der Treppe die leisen, vorsichtigen Schritte eines Menschen, -der herauf stieg. Er blieb erschrocken stehen. Es war Erkel. - -»Nicht weiter!« flüsterte ihm Schatoff zu, erfaßte hastig seine Hand und -zog ihn mit sich nach unten zur Hofpforte. »Warten Sie hier, ich komme -gleich, ich hatte Sie ganz und gar vergessen!« - -Er beeilte sich dermaßen, daß er nicht mal zu Kirilloff ging, sondern -nur die Alte herausrief. Marie geriet in Verzweiflung darüber, daß er -»auch nur daran denken« konnte, sie allein zu lassen! - -»Dafür ist es der allerletzte Schritt!« rief er begeistert. »Dann kommt -der neue Weg, und niemals, niemals mehr werden wir an den alten -Schrecken zurückdenken!« - -Es gelang ihm schließlich, sie irgendwie zu beruhigen. Er versprach -ausdrücklich, um neun Uhr wieder zurück zu sein. Darauf küßte er sie -fest, küßte das Kindchen und lief dann schnell nach unten zu Erkel. - -Sie begaben sich nach Skworeschniki in den Stawroginschen Park, wo -Schatoff vor anderthalb Jahren an einer einsamen Stelle am Rande des -Parkes, dort, wo schon der alte Kiefernwald begann, die ihm anvertraute -Druckmaschine vergraben hatte. Es war ein wilder, abgelegener Ort, der -weit vom Herrenhause lag. Von der Bogojawlenskschen Straße war er -ungefähr eine Stunde entfernt. - -»Sollen wir denn den ganzen Weg zu Fuß gehen? Ich nehme eine Droschke.« - -»Ich möchte Sie sehr bitten, keine Droschke zu nehmen,« entgegnete -Erkel. »Der Droschkenkutscher wäre sonst auch ein Zeuge.« - -»Zum Henker! ... Nun, einerlei, nur beenden, beenden!« - -Sie gingen sehr schnell. - -»Erkel, Sie kleiner Knabe!« rief Schatoff plötzlich und blieb stehen, -»sind Sie in Ihrem Leben schon einmal glücklich gewesen?« - -»Sie sind jetzt wohl sehr glücklich?« fragte Erkel neugierig. - - - - - Einundzwanzigstes Kapitel. - Die mühevolle Nacht - - - I. - -Wirginski beeilte sich im Laufe des Tages, zu allen »Unsrigen« zu -laufen, um ihnen mitzuteilen, daß Schatoff »bestimmt nicht denunzieren -werde«, da jetzt seine Frau zu ihm zurückgekehrt und er Vater geworden -sei, und daß man, »da man doch das Menschenherz kennt«, unmöglich -irgendeine Gefahr von seiner Seite zu befürchten habe. Aber außer Erkel -und Lämschin traf Wirginski zu seiner Verwunderung niemand zu Hause. - -Erkel hörte ihn schweigend an und sah ihm klar in die Augen. Auf die -Frage aber: »Werden Sie um sechs Uhr zu ihm gehen?« antwortete er mit -dem ungetrübtesten Lächeln, daß er »ganz selbstverständlich« zu ihm -gehen werde. - -Lämschin lag, augenscheinlich wirklich krank, zu Bett und hatte sogar -die Decke um den Kopf gewickelt. Als Wirginski eintrat, erschrak er -entsetzlich, und als Wirginski zu sprechen begann, fing er zur Antwort -plötzlich an wie verrückt unter der Decke mit Händen und Füßen -abzuwinken, was wohl so viel bedeuten sollte, wie: man solle ihn doch -nur ums Himmels willen damit verschonen! Wirginskis Ausführungen über -Schatoff ließen ihn aber doch aufhorchen. Die Nachricht, daß Wirginski -von den anderen niemanden angetroffen hatte, regte den Kleinen aus -irgendeinem Grunde furchtbar auf, doch beunruhigte auch er wiederum -Wirginski mit der Mitteilung von Fedjkas Tod (Liputin hatte ihm diese -Neuigkeit gebracht), den er hastig und zusammenhanglos erzählte. Auf die -Frage aber, die Wirginski an ihn stellte: »Soll man nun hingehen oder -soll man nicht hingehen?« begann er wieder mit Händen und Füßen unter -der Decke abzuwinken, wobei er diesmal flehentlich hervorstieß, er sei -ja doch »bloß eine Nebenperson! Weiß nichts, gar nichts!« Und zum -Schluß: »Lassen Sie mich in Ru--u--uh!« - -Bedrückt und erregt kehrte Wirginski wieder heim. Was ihn am meisten -bedrückte, war vielleicht, daß er seine Sorgen vor seiner Familie -verbergen mußte. Er hatte sich so daran gewöhnt, seiner Frau alles -mitzuteilen, daß er Geheimnisse kaum mehr ertragen konnte, und wenn -jetzt nicht plötzlich ein neuer Gedanke, ein gewisser friedenstiftender -Plan in ihm aufgetaucht wäre, so hätte er sich wohl auch wie Lämschin -vor Seelenangst zu Bett legen müssen. Aber dieser neue Plan stärkte ihn -allmählich und zum Schluß glaubte er sogar so fest an die Möglichkeit, -ihn verwirklichen zu können, daß er der Dämmerung fast mit Ungeduld -entgegensah und schon früher als verabredet zum Treffpunkt aufbrach. - -Es war das ein sehr finsterer Ort am Rande des Parkes von Skworeschniki. -Ich bin später hingegangen, um mir die Stelle genau anzusehen: wie muß -es ihnen dort unheimlich gewesen sein, an jenem rauhen, dunklen -Herbstabend ... - -Es war so dunkel unter den Bäumen, daß man auf zwei Schritte den anderen -nicht mehr sehen konnte, doch Pjotr Stepanowitsch, Liputin und später -auch Erkel brachten Laternen mit. Ich weiß nicht, von wem und zu welchem -Zweck hier irgendeinmal vor langer Zeit aus großen unbehauenen Steinen -eine Grotte erbaut worden war. Der Tisch und die Bänke waren jetzt schon -längst verfault und auseinander gefallen. Ungefähr zweihundert Schritte -rechts von dieser Grotte endete der dritte Teich des Parks. Diese drei -Teiche zogen sich, vom Herrenhause an, über eine Werst weit einer hinter -dem anderen durch den ganzen Park. Es war schwer anzunehmen, daß man -irgendein Geräusch, Geschrei oder selbst einen Schuß im Stawroginschen -Herrenhause hören würde. Da Nicolai Wszewolodowitsch am Tage vorher -fortgefahren und Alexei Jegorowitsch wieder in die Stadtwohnung -zurückgekehrt war, so durften im Herrenhause nicht mehr als fünf oder -sechs Dienstboten verblieben sein, lauter mehr oder weniger sozusagen -invalide Leute. Jedenfalls konnte man annehmen, wenigstens mit -ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß selbst in dem Falle, daß jemand von -ihnen Schreie hörte, er sich doch nicht von der warmen Ofenbank erheben -würde. - -Zwanzig Minuten nach sechs hatten sich schon alle -- außer Erkel, der -mit Schatoff kommen sollte -- an der bezeichneten Stelle eingefunden. -Pjotr Stepanowitsch kam diesmal nicht zu spät: er erschien zusammen mit -Tolkatschenko, der finster und besorgt aussah und dessen ganze -vorgespiegelte, frech-prahlerische Entschlossenheit verschwunden war. -Tolkatschenko verließ Pjotr Stepanowitsch heute fast nicht auf einen -Schritt, war ihm plötzlich, wie es schien, unermeßlich zugetan und -flüsterte ihm jeden Augenblick geschäftig irgend etwas zu; dieser -antwortete ihm meist überhaupt nicht oder brummte geärgert nur ein paar -Worte, um ihn loszuwerden. - -Schigaleff und Wirginski waren sogar ein wenig früher eingetroffen als -Pjotr Stepanowitsch. Als er erschien, traten sie sofort ein wenig zur -Seite, in tiefem und offenbar absichtlichem Schweigen. Pjotr -Stepanowitsch erhob die Laterne und betrachtete sie ungeniert mit -beleidigender Aufmerksamkeit. »Die wollen wieder reden,« zuckte es ihm -durch den Kopf. - -»Lämschin ist nicht gekommen?« fragte er Wirginski. »Wer hat es gesagt, -daß er krank ist?« - -»Ich bin hier,« meldete sich Lämschin, plötzlich hinter einem Baum -hervortretend. - -Er war in einem warmen Paletot und dazu noch in ein großes Plaid fest -eingewickelt, so daß man ihn sogar mit der Laterne nur schwer in dieser -Umhüllung erkennen konnte. - -»Also fehlt nur noch Liputin?« - -Da trat Liputin schweigend aus der Grotte. Pjotr Stepanowitsch erhob -wieder die Laterne. - -»Warum haben Sie sich dorthin verkrochen, warum kamen Sie nicht gleich -heraus?« - -»Ich nehme an, daß wir alle das Recht der Freiheit bewahren ... unserer -Bewegungen ...« erwiderte Liputin, wahrscheinlich, ohne selbst recht zu -wissen, was er eigentlich sagen wollte. - -»Meine Herren!« Pjotr Stepanowitsch erhob die Stimme -- gab somit zum -erstenmal den Flüsterton auf, was einen gewissen Eindruck machte: »Sie -verstehen, hoffe ich, daß wir hier nichts mehr breitzutreten brauchen. -Gestern ist alles gesagt und durchgekaut worden, klar und bestimmt. Aber -vielleicht will doch noch jemand, wie ich nach dem Ausdruck der -Gesichter vermute, irgend etwas sagen? In dem Fall bitte ich, sich zu -beeilen! Hol's der Teufel, wir haben wenig Zeit und Erkel kann ihn jeden -Augenblick bringen ...« - -»Er wird ihn unbedingt mitbringen,« bemerkte aus einem unbekannten -Grunde Tolkatschenko. - -»Wenn ich mich nicht irre, so muß er zuerst die Druckmaschine -abliefern?« erkundigte sich Liputin, wiederum gleichsam, als ob er -selbst nicht wußte, wozu er das eigentlich fragte. - -»Selbstverständlich, wozu denn Sachen verlieren!« Pjotr Stepanowitsch -erhob wieder die Laterne und beleuchtete Liputins Gesicht. »Aber wir -sind doch gestern übereingekommen, daß man sie nicht wortwörtlich in -Empfang zu nehmen braucht. Er soll Ihnen nur die Stelle zeigen, wo sie -hier vergraben ist, später können wir sie dann selbst herausgraben. Ich -weiß, daß sie hier irgendwo zehn Schritt von irgendeiner Ecke der Grotte -liegt ... Aber zum Teufel, Liputin, wie haben Sie das nur vergessen -können!? Es war doch abgemacht, daß Sie ihn allein treffen und wir erst -später hervortreten ... Sonderbar, daß Sie noch fragen, -- oder taten -Sie es bloß so?« - -Liputin schwieg mit finsterem Gesicht. - -Alle schwiegen. Der Wind schaukelte die Wipfel der alten Kiefern. - -»Ich hoffe, meine Herren, daß ein jeder seine Pflicht tun wird,« sagte -Pjotr Stepanowitsch, der die Geduld verlor, sichtlich gereizt. - -»Ich weiß, daß Schatoffs Frau zu ihm zurückgekehrt ist und heute Nacht -ein Kind geboren hat,« begann plötzlich Wirginski aufgeregt, -gestikulierend und sich so überstürzend, daß er kaum die Worte -hervorzubringen vermochte. »Und da man doch das Menschenherz kennt ... -können wir sicher sein, daß er jetzt nicht denunzieren wird ... er ist -jetzt glücklich ... Ich war heute schon bei allen, fand aber niemanden -zu Hause ... Ich meine, daß jetzt vielleicht nichts mehr zu befürchten -ist ... --« - -Er brach ab vor Atemlosigkeit. - -»Wenn Sie, Herr Wirginski, plötzlich glücklich geworden wären,« -- Pjotr -Stepanowitsch trat auf ihn zu, »würden Sie dann etwas aufschieben, was -Sie sich vorgenommen haben, nicht eine Anzeige, davon kann hier -natürlich nicht die Rede sein, -- aber irgendeine gewagte, bürgerliche -Tat, die Sie schon vor Ihrem Glück beschlossen haben und die auszuführen -Sie für Ihre Pflicht und Schuldigkeit halten, trotz der Gefahr für Sie -und der Möglichkeit, Ihr Glück zu verlieren?« - -»Nein, ich würde es nicht aufschieben! Auf keinen Fall würde ich es -aufschieben!« beteuerte Wirginski mit einem ganz eigentümlich -tölpelhaften Übereifer und wieder ganz in Bewegung. - -»Sie würden lieber wieder unglücklich sein wollen, als die Tat nicht -ausführen -- und sich für einen Lump halten, nicht wahr?« - -»Ja, ja ... Ich würde sogar ganz im Gegenteil ... würde sogar ein ganzer -Lump sein wollen ... Das heißt, nein ... nicht so ... durchaus nicht ein -Lump, sondern ... ich wollte sagen: im Gegenteil, lieber vollkommen -unglücklich, als ein Lump ...« - -»Nun, so merken Sie sich, daß Schatoff diese Anzeige für seine -bürgerliche Heldentat hält, für eine Tat, die er seiner höchsten -Überzeugung schuldig ist. Und der Beweis: daß er doch auch sich selbst -damit in Gefahr begibt und der Regierung ausliefert, obschon man ihm für -die Anzeige natürlich manches verzeihen wird. So einer wird sein -Vorhaben schon nie aufgeben. Den kann kein Glück besiegen: schon am -nächsten Tage würde er sich besinnen, sich Vorwürfe machen, hingehen und -es tun. Außerdem kann ich kein besonderes Glück darin erblicken, daß die -Frau nach drei Jahren zu ihm zurückgekehrt ist, um Stawrogins Kind zu -gebären.« - -»Aber es hat doch noch niemand seine Anzeige gesehen,« sagte Schigaleff -plötzlich und eindringlich. - -»Die Anzeige habe _ich_ gesehen,« rief Pjotr Stepanowitsch, »sie ist -fertig, und dieses müßige Gerede ist furchtbar dumm, meine Herren!« - -»Ich aber,« fuhr plötzlich Wirginski auf, »ich protestiere ... ich -protestiere aus aller Kraft ... Ich will ... Hören Sie, was ich will: -ich will, daß wir, wenn er kommt, ihm alle entgegengehen und ihn alle -fragen: wenn es wahr ist, so soll er bereuen, und wenn er sein Ehrenwort -gibt, so soll man ihn wieder freilassen. Auf jeden Fall aber -- Verhör, -und das Urteil _nach_ dem Verhör! Und nicht, daß wir uns alle verstecken -und ihn dann überfallen.« - -»Auf ein Ehrenwort die ganze allgemeine Sache setzen! -- das ist schon -die Höhe aller Dummheit! Hol's der Teufel, wie das dumm ist!! Und was -ist das für eine Rolle, die Sie im Augenblick der Gefahr spielen?« - -»Ich protestiere, ich protestiere, ich protestiere,« wiederholte -Wirginski immer wieder. - -»Jedenfalls schreien Sie nicht so, wir können sonst das Signal nicht -hören. Schatoff, meine Herren ... (Teufel noch eins, wie das jetzt dumm -ist!) Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Schatoff Slawophile ist, das -heißt so viel, wie einer der dümmsten Menschen ... Aber übrigens, zum -Teufel, das ist schließlich gleichgültig! Sie bringen mich nur aus dem -Konzept! ... Schatoff, meine Herren, war ein verbitterter Mensch, und da -er immerhin noch zum Verband gehörte, ob er es wollte oder nicht, so -hoffte ich bis zum letzten Augenblick, daß die allgemeine Sache sich -seiner noch einmal werde bedienen können -- und zwar gerade als eines -verbitterten Menschen. Ich habe ihn gehegt und geschont, trotz der -ausdrücklichsten Instruktionen ... Ich habe ihn noch hundertmal mehr -geschont, als er es wert war! Er aber endete damit, daß er seine Anzeige -verfaßte, und nun -- hol's der Teufel, das ist ja zum Anspucken! ... Im -übrigen soll es jetzt nur jemand von Ihnen zu versuchen wagen, sich noch -zurückzuziehen! Kein einziger von Ihnen hat das Recht, die gemeinsame -Sache zu verlassen! Sie können ihn meinetwegen noch alle vorher -abküssen, wenn Sie durchaus wollen, aber die allgemeine Sache auf ein -Ehrenwort hin aufs Spiel zu setzen, dazu haben Sie nicht das Recht! So -können nur Schweine handeln, oder solche, die von der Regierung -bestochen sind!« - -»Wer ist denn hier von der Regierung bestochen?« warf Liputin -dazwischen. - -»Sie vielleicht. Es wäre schon besser, wenn Sie ganz den Mund hielten, -Liputin. Sie sprechen ja nur so, nur aus Angewohnheit. Bestochen, meine -Herren, sind alle diejenigen, die im Augenblick der Gefahr feig werden. -Aus Angst findet sich immer ein Rüpel, der in der letzten Minute -hinläuft und losschreit: >Ach, verzeihen Sie mir, und ich werde alle -ausliefern!< Aber wissen Sie auch, meine Herren, daß man Sie jetzt für -keine einzige Anzeige mehr begnadigen wird? Wenn man vielleicht auch -Milderungsgründe zulassen würde -- nach Sibirien ginge es doch mit jedem -von Ihnen! Abgesehen davon, daß Sie auch einem gewissen anderen -Richtschwert nicht entgehen würden. Dieses andere Schwert aber ist etwas -schärfer, als das der Regierung.« - -Pjotr Stepanowitsch war so wütend, daß er viel Überflüssiges sagte. Da -trat Schigaleff fest drei Schritte auf ihn zu. - -»Seit dem gestrigen Abend habe ich die Sache bedacht,« begann er -überzeugt und methodisch wie immer. (Ich glaube, selbst wenn die Erde -sich in diesem Augenblick unter ihm aufgetan hätte, auch dann würde er -weder den Ton, noch einen Ausdruck seiner Auseinandersetzung geändert -haben.) »Und nachdem ich die Sache bedacht, bin ich zu dem Schluß -gekommen, daß der beabsichtigte Mord nicht nur ein Verlust der kostbaren -Zeit ist, die zu etwas weit Wesentlicherem und Näherliegendem verwandt -werden könnte, sondern außerdem jenes verhängnisvolle Abweichen von der -geraden Straße darstellt, das der Sache immer am meisten geschadet und -ihren Erfolg auf Jahrzehnte hinausgeschoben hat, indem es die Sache dem -Einfluß leichtsinniger und vornehmlich politischer Menschen, statt -reinen Sozialisten unterstellt hat. Ich bin einzig zu dem Zweck -hergekommen, um gegen das beabsichtigte Vorhaben offen zu protestieren -und dann -- mich von diesem Augenblick an, den Sie, ich weiß nicht -warum, den Augenblick der Gefahr nannten, zurückzuziehen. Ich gehe fort --- doch nicht aus Furcht vor der Gefahr oder aus besonderen Gefühlen zu -Schatoff, den >abzuküssen< ich absolut keine Lust habe, sondern einzig, -weil diese Sache vom Anfang bis zum Ende buchstäblich meinem Programm -widerspricht. Eine Denunziation haben Sie von mir nicht zu fürchten. Sie -können ruhig sein -- ich werde Sie nicht anzeigen.« - -Und damit wandte er sich und ging. - -»Teufel, er geht ihnen entgegen und wird Schatoff warnen!« rief Pjotr -Stepanowitsch und riß seinen Revolver hervor. - -Man hörte das Knacken des Hahnes. - -»Sie können überzeugt sein,« wandte sich Schigaleff ruhig wieder zurück, -»daß ich, wenn ich Schatoff unterwegs treffen sollte, ihn vielleicht -noch grüßen werde, ihn warnen aber, das ist nicht meine Sache!« - -»Aber wissen Sie auch, mein Herr Fourier, daß Ihnen das teuer zu stehen -kommen kann?« - -»Ich bitte Sie, zu beachten, daß ich kein Fourier bin. Dadurch, daß Sie -mich mit diesem süßlichen, apathischen Abstrahisten verwechseln, -beweisen Sie nur, daß Sie mein Manuskript, wenn es auch in Ihren Händen -gewesen ist, überhaupt nicht verstanden haben. In betreff Ihrer Rache -aber sage ich Ihnen nur, daß Sie ganz umsonst den Hahn gespannt haben, -in diesem Augenblick ist das für Sie durchaus unvorteilhaft. Wenn Sie -mir aber für morgen oder übermorgen drohen, so brächte Ihnen die -Ausführung, außer unnützer Mühe, doch keinen Gewinn: mich würden Sie -zwar erschießen, früher oder später aber würden Sie doch zu meinem -System kommen. Leben Sie wohl.« - -In diesem Augenblick ertönte ungefähr zweihundert Schritte weit aus dem -Park, von der Seite des Teiches her, ein heller Pfiff. Liputin -antwortete, wie verabredet, sofort gleichfalls mit einem Pfiff -- er -hatte sich zu diesem Zweck am Morgen eine Kinderpfeife aus gebranntem -Ton für eine Kopeke auf dem Markt erstanden, da er sich auf seinen -ziemlich zahnlosen Mund nicht ganz verlassen konnte. - -Erkel hatte Schatoff schon vorher mitgeteilt, daß er mit Liputin einen -Pfiff austauschen werde. - -»Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde abseits von ihnen vorübergehen -und sie werden mich gar nicht bemerken,« sagte Schigaleff in -eindringlichem Flüsterton. - -Und er ging ohne Hast und ohne den Schritt zu beschleunigen, tatsächlich -durch den dunklen Park nach Haus. - -Heute ist es bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt, wie diese -schreckliche Tat geschah. Zuerst trat Liputin Erkel und Schatoff ein -paar Schritte von der Grotte entgegen. Schatoff grüßte ihn nicht und gab -ihm auch nicht die Hand, sondern sagte sofort eilig und laut: - -»Wo ist denn hier die Anhöhe? Haben Sie nicht noch eine Laterne? -Fürchten Sie sich nicht, hier ist so gut wie kein Mensch in der Nähe, -wir könnten selbst mit Kanonen schießen, in Skworeschniki würde es doch -niemand hören. Das ist übrigens hier, genau hier, genau auf dieser -Stelle ...« - -Und er stieß mit dem Fuß auf die Erde -- es war gerade zehn Schritt von -der hinteren Ecke der Grotte zum Walde hin. In diesem Augenblick stürzte -sich, hinter einem Baum hervorlaufend, Tolkatschenko auf ihn, während -Erkel ihn hinterrücks an den Ellenbogen packte und Liputin sich von -vorne auf ihn warf. Die drei schlugen ihn sofort zu Boden und drückten -ihn an die Erde. Da erst lief Pjotr Stepanowitsch mit dem Revolver -herbei. Man sagt, Schatoff habe gerade noch Zeit gehabt, seinen Kopf zu -ihm zu wenden und ihn zu erkennen. Drei Laternen erhellten die Szene. -Schatoff stieß plötzlich einen kurzen und verzweifelten Schrei aus; doch -man ließ ihm keine Zeit zum Schreien: Pjotr Stepanowitsch setzte ihm -genau und sicher den Revolver mitten auf die Stirn, fest und senkrecht, -und -- drückte den Hahn ab. Der Schuß war, glaube ich, nicht sehr laut, -wenigstens hat ihn in Skworeschniki niemand gehört. Gehört hat ihn -natürlich Schigaleff, der erst einige dreißig Schritte gegangen war -- -gehört hatte er auch den Schrei, doch hat er sich nach seiner eigenen -Aussage weder umgewandt, noch war er stehen geblieben. Der Tod trat fast -augenblicklich ein. Die volle Geistesgegenwart -- doch Kaltblütigkeit -wohl kaum -- behielt nur Pjotr Stepanowitsch. Er hockte sich hin und -durchsuchte eilig, doch mit fester Hand, die Taschen des Toten. Geld -fand sich nicht in ihnen (Marja Ignatjewnas Beutelchen war unter ihrem -Kissen geblieben); nur ein paar nichtssagende Zettelchen zog er hervor: -einen Kontorzettel, ein Notizblatt mit dem Titel irgendeines Buches und -eine alte ausländische Gasthausrechnung, die sich weiß Gott auf welche -Weise zwei Jahre in Schatoffs Tasche erhalten hatte. Die Papiere steckte -Pjotr Stepanowitsch zu sich, und als er plötzlich bemerkte, daß alle die -Leiche umstanden, sie ansahen und nichts taten, begann er wütend und -unhöflich zu schimpfen und sie anzutreiben. Tolkatschenko und Erkel -liefen sogleich, sich nun wieder besinnend, in die Grotte und brachten -zwei Steine, jeder an zwanzig Pfund schwer, die sie schon am Morgen -vorbereitet, das heißt, fest mit Schnüren umbunden hatten. Da man -verabredet hatte, die Leiche in den nächsten, den dritten Teich zu -versenken, so mußten ihr diese Steine an den Hals und die Beine gebunden -werden. Pjotr Stepanowitsch band sie an: Erkel und Tolkatschenko -reichten sie ihm nur hin. Erkel gab ihm seinen Stein zuerst, und während -Pjotr Stepanowitsch ihn murrend und schimpfend an die Füße der Leiche -band, hielt Tolkatschenko seinen schweren Stein diese ganze ziemlich -lange Zeit über senkrecht an den Schnüren in der Luft, wobei er sich -stark und fast wie ehrerbietig mit dem ganzen Oberkörper nach vorne -beugte, um ihn ohne Zeitverlust sofort hinreichen zu können, und verfiel -kein einziges Mal darauf, die schwere Last inzwischen auf die Erde zu -stellen. Als dann endlich beide Steine angebunden waren und Pjotr -Stepanowitsch sich erhob, um zunächst seinen Blick prüfend über die -Gesichter der Anwesenden zu führen -- da geschah plötzlich etwas ganz -Sonderbares, etwas, das niemand erwartet hatte und das alle nicht wenig -in Erstaunen setzte. - -Wie schon erwähnt, standen fast alle und taten nichts. Wirginski war, -als die anderen sich auf Schatoff gestürzt hatten, wohl auch -hinzugelaufen, doch hatte er weder geholfen, ihn zu halten, noch ihn -überhaupt angerührt. Lämschin aber war erst nach dem Schuß unter den -anderen aufgetaucht. Während der ganzen, vielleicht zehn Minuten -währenden Untersuchung der Taschen und Anbindung der Steine hatten sie -dann alle gleichsam einen Teil ihres Bewußtseins verloren. Sie standen -um Pjotr Stepanowitsch herum und empfanden, statt Unruhe oder Erregung, -zunächst nur so etwas wie Verwunderung. Liputin stand ganz vorn neben -der Leiche. Wirginski, der sich hinter ihn gestellt hatte, sah über -Liputins Schulter mit einer sonderbaren und gewissermaßen -nebensächlichen Neugier auf die Leiche; ja er hob sich sogar auf die -Fußspitzen, um besser sehen zu können. Lämschin aber versteckte sich -hinter Wirginski und blickte nur zuweilen furchtsam hinter diesem -hervor, worauf er sich dann sofort wieder versteckte. Als nun die Steine -angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, begann Wirginski -auf einmal zu zittern, und plötzlich -- warf er die Arme hoch und rief -traurig mit lauter Stimme: - -»Das ist doch nicht das! nicht das! Nein, das ist doch gar nicht das!« - -Er hätte vielleicht noch etwas hinzugefügt zu seinem verspäteten Ausruf, -aber Lämschin ließ ihm keine Zeit dazu: plötzlich packte er ihn -hinterrücks und quetschte ihn mit aller Gewalt und schrie dabei ein ganz -unmögliches Geschrei. Es gibt Augenblicke eines starken Schreckens, in -denen der Mensch plötzlich wie nicht mit seiner eigenen Stimme -aufschreit, sondern mit einer, die man nie an ihm gehört hat und deren -Vorhandensein in ihm man nie für möglich gehalten hätte, und das kann -manchmal sogar recht unheimlich sein. Lämschin schrie nicht mit einer -menschlichen, sondern mit einer gleichsam tierischen Stimme. Dabei -preßte er Wirginski krampfhaft von hinten zusammen, schrie ohne -Unterlaß, schrie ohne Atem zu schöpfen, schrie immer ein und denselben -Ton, während ihm die Augen fast hervorquollen und der Mund unheimlich -weit aufgerissen blieb; mit den Beinen aber strampelte er so -zitterschnell, als ob er mit ihnen einen Trommelwirbel auf der Erde -schlagen wollte. Wirginski erschrak dermaßen, daß er selbst sofort wie -ein Wahnsinniger losschrie und sich in einer so grimmigen Wut, wie man -sie von Wirginski nie im Leben erwartet hätte, aus Lämschins Krallen zu -befreien suchte, auf ihn, den er nur schwer fassen konnte, mit den -Fäusten nach hinten losschlug, ihn kniff und kratzte. Endlich gelang es -Erkel, Lämschin von ihm loszureißen. Doch kaum war Wirginski entsetzt -gleich auf zehn Schritt von ihm fortgelaufen, da stürzte sich Lämschin, -der nun Pjotr Stepanowitsch erblickte, plötzlich mit neuem Geschrei auf -diesen, stolperte jedoch über die vor seinen Füßen liegende Leiche und -riß Pjotr Stepanowitsch im Fall mit sich zu Boden. Er umkrallte ihn aber -so fest und drückte seinen Kopf so krampfhaft an dessen Brust, daß weder -Pjotr Stepanowitsch selbst, noch Tolkatschenko, noch Liputin ihn im -ersten Augenblick losreißen konnten. Pjotr Stepanowitsch schrie, -schimpfte, schlug ihn mit den Fäusten auf den Kopf, bis es ihm endlich -gelang, sich irgendwie zu befreien; im Augenblick riß er seinen Revolver -hervor -- doch Lämschin, den die anderen an den Armen hielten, fuhr fort -zu schreien, trotz des auf ihn zielenden Revolvers, er schrie, schrie -wie besessen! Bis schließlich Erkel, der schnell sein Taschentuch -zusammengerollt hatte, ihm dieses gewandt in den aufgesperrten Mund -steckte, so daß der Schrei dann ganz von selbst plötzlich abbrach. -Tolkatschenko band ihm sofort mit einem Stück der übrig gebliebenen -Schnur die Hände auf dem Rücken zusammen. - -»Das ist sehr sonderbar,« sagte Pjotr Stepanowitsch und betrachtete in -beunruhigter Verwunderung den Verrückten. - -Er war sichtlich betroffen. - -»Ich hatte ihn ganz anders eingeschätzt,« fügte er nachdenklich hinzu. - -Vorläufig übergab man ihn Erkel, denn man mußte sich mit der -Fortschaffung der Leiche beeilen: es war so viel geschrien worden, daß -es doch jemand gehört haben konnte. Tolkatschenko und Pjotr -Stepanowitsch nahmen die Laternen und hoben den Kopf des Toten, Liputin -und Wirginski faßten ihn an den Füßen, und so wurde er dann getragen. -Mit den beiden Steinen war die Last sehr schwer, die Entfernung aber -betrug über zweihundert Schritte. Der Stärkste von ihnen war -Tolkatschenko. Er gab wohl den Rat, gleichmäßig zu gehen, doch niemand -hörte auf ihn, und so ging man denn, wie es gerade kam. Pjotr -Stepanowitsch ging rechts und trug, ganz niedergebeugt, auf seiner -Schulter den Kopf des Toten, wobei er noch mit der linken Hand den Stein -von unten hielt. Da Tolkatschenko während der ganzen ersten Hälfte des -Weges nicht darauf verfiel, den Stein gleichfalls zu stützen, so schrie -ihn Pjotr Stepanowitsch schließlich fluchend an. Der Schrei war kurz und -seltsam in der Stille: schweigend trugen sie weiter, bis plötzlich, -schon dicht am Teich, wieder Wirginski, der unter der Last ganz gebeugt -ging und wie erschöpft von ihrer Schwere, mit derselben lauten und -weinenden Stimme ausrief: - -»Das ist nicht das, nein, nein, das ist gar nicht das!« - -Die Stelle, wo dieser dritte, ziemlich große Teich aufhört, zu dem man -den Toten trug, war die einsamste und abgelegenste des ganzen Parks. Der -Teich ist dort am Ufer vergrast. Sie stellten die Laternen nieder, -schwenkten die Leiche hin und her und warfen sie ins Wasser. Ein -dumpf-hohler Laut erscholl und klang lange nach. Pjotr Stepanowitsch -erhob die Laterne und alle reckten neugierig die Hälse, um zu sehen, wie -der Körper versank, aber es war schon nichts mehr zu sehen: die Leiche -mit den beiden Steinen war sogleich versunken. Die dicken Wellenringe, -die sich über die Fläche des Teiches ausbreiteten, vergingen schnell. -Die Tat war vollbracht. - -»Meine Herren,« wandte sich Pjotr Stepanowitsch an alle, »jetzt gehen -wir auseinander. Zweifellos müssen Sie nunmehr jenen Stolz empfinden, -der mit der Erfüllung einer freien Pflicht verknüpft ist. Sollten Sie -vielleicht bedauerlicherweise für solche Gefühle zu erregt sein, so -werden Sie sie zweifellos morgen empfinden, wenn es schon eine Schande -wäre, sie nicht zu empfinden. Die unverzeihliche Erregung Lämschins will -ich als eine Art Fieberdelirium auffassen, zumal er ja tatsächlich seit -dem Morgen krank sein soll. Ihnen aber, Wirginski, wird schon der erste -Augenblick freien Nachdenkens beweisen, daß man im Interesse der -allgemeinen Sache unmöglich auf ein Ehrenwort eingehen konnte, sondern -einzig und allein so handeln mußte, wie wir es getan haben. Die Zukunft -wird Ihnen zeigen, daß Schatoffs Anzeige schon fertig war. Ich bin -bereit, auch Ihre Ausrufe zu vergessen. Eine Gefahr für uns ist nicht -vorhanden. Es wird niemandem einfallen, irgendeinen von Ihnen zu -verdächtigen, vorausgesetzt natürlich, daß Sie sich zu benehmen wissen. -So hängt denn die Hauptsache ganz von Ihnen ab und von Ihrer -Überzeugung, richtig gehandelt zu haben, -- eine Überzeugung, die, wie -ich hoffe, sich schon morgen in Ihnen befestigen wird. Darum haben Sie -sich ja auch -- unter anderem -- zu einer geschlossenen Organisation, zu -einer freien Gesellschaft Gleichdenkender zusammengetan, um für die -allgemeine Sache im gegebenen Moment die Energie miteinander zu teilen, -und, wenn es nötig ist, einer den anderen zu beobachten und immer auf -dem Posten zu sein. Jeder von Ihnen ist zu einer höheren Rechenschaft -verpflichtet. Sie sind berufen, ein altersschwaches und im Stillstand -langsam zu stinken anfangendes Reich zu erneuern. Das sollen Sie stets -zu Ihrer Aufmunterung vor Augen haben! Ihre ganze Aufgabe besteht -vorläufig nur darin, darauf hinzuwirken, daß alles zusammenstürzt: das -Reich wie seine Moral. Übrigbleiben werden nur wir, die wir uns schon -dazu vorausbestimmt und vorbereitet haben, die Macht in unsere Hände zu -nehmen. Die Klugen ziehen wir zu uns herüber, und auf den Dummen reiten -wir. Im übrigen muß man die Generation neu erziehen, um sie der Freiheit -würdig zu machen. Noch viele Tausend Schatoffs stehen uns bevor. Wir -organisieren uns, um die ganze Richtung in die Hand zu bekommen, da wäre -es dumm, alles, was müßig daliegt und das Maul aufsperrt, nicht -mitzunehmen. Ich begebe mich jetzt sofort zu Kirilloff und zum Morgen -hin werde ich von ihm besagtes Dokument erhalten, in dem er vor dem Tode -alles auf sich nimmt. Nichts kann wahrscheinlicher sein, als diese -Kombination. Erstens stand er mit Schatoff auf feindschaftlichem Fuße: -sie haben zusammen in Amerika gelebt, also haben sie Zeit gehabt, sich -zu überwerfen. Man weiß, daß Schatoff seine Überzeugungen geändert hat; -folglich ist ihre Feindschaft wegen dieser Überzeugungen entstanden. -Hinzu käme noch die Furcht vor einer Denunziation. Das wird auch alles -so geschrieben werden. Zum Schluß wird noch erwähnt, daß Fedjka in -Kirilloffs Wohnung geschlafen hat. Das alles wird jeden Verdacht von -Ihnen entfernen, denn es wird die Schafsköpfe in eine ganz andere -Richtung treiben. Morgen, meine Herren, werden wir uns nicht sehen: ich -muß auf ganz kurze Zeit in den nächsten Kreis fahren. Aber übermorgen -werden Sie meine Mitteilungen erhalten. Ich würde Ihnen eigentlich -raten, morgen zu Hause zu bleiben. Jetzt aber gehen wir alle je zwei -zusammen auf verschiedenen Wegen zurück. Sie, Tolkatschenko, bitte ich, -sich Lämschins anzunehmen und ihn nach Hause zu bringen. Sie können ihm -alles auseinandersetzen und vor allen Dingen erklären, daß er mit seinem -Kleinmut in erster Linie sich selbst schadet. Ihrem Schwager, -Schigaleff, Herr Wirginski, ganz wie auch Ihnen, will ich nicht -mißtrauen. Er wird nicht denunzieren. Es bleibt nur seine Handlung zu -bedauern. Übrigens hat er ja noch nicht gesagt, daß er aus dem Verbande -austreten will. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Doch -jetzt schnell, meine Herren; wenn jene auch Schafsköpfe sind, so kann -doch Vorsicht immerhin nicht schaden ...« - -Wirginski ging mit Erkel in die Stadt zurück. Letzterer trat noch, bevor -er Lämschin Tolkatschenko überließ, mit diesem zu Pjotr Stepanowitsch -und sagte, daß Lämschin sich besonnen habe, bereue, um Verzeihung bitte -und sogar selbst nicht mehr wisse, was eigentlich vorhin mit ihm -geschehen war. Pjotr Stepanowitsch ging allein fort: er wählte den -längsten Weg, an der anderen Seite der Teiche, am Rande des Parkes -entlang. Zu seiner Verwunderung holte ihn, als er schon die Hälfte des -Weges zurückgelegt hatte, plötzlich Liputin atemlos ein. - -»Pjotr Stepanowitsch, aber Lämschin wird doch denunzieren!« - -»Nein, er wird zur Besinnung kommen und sich sagen, daß er dann als -erster nach Sibirien ginge. Jetzt wird niemand mehr denunzieren. Auch -Sie nicht.« - -»Aber Sie?« - -»Zweifellos werde ich Sie alle verschwinden lassen, sobald Sie sich nur -einfallen ließen, etwas verraten zu wollen, und das wissen Sie. Aber Sie -werden nicht denunzieren. Sind Sie mir deshalb zwei Werst nachgelaufen?« - -»Pjotr Stepanowitsch, Pjotr Stepanowitsch, aber wir werden uns doch -vielleicht nie mehr sehen!« - -»Wie kommen Sie darauf?« - -»Sagen Sie mir nur eines!« - -»Nun, was denn? Übrigens wünsche ich, daß Sie sich packen.« - -»Nur eine Antwort, aber daß sie auch richtig ist: sind wir die einzige ->Fünf< in der Welt, oder ist es wahr, daß es einige Hundert solcher ->Fünfer<-Gruppen gibt? Ich frage im höheren Sinne, Pjotr Stepanowitsch!« - -»Das sehe ich Ihrer Verfassung an. Aber wissen Sie auch, daß Sie noch -weit gefährlicher sind, als Lämschin?« - -»Ich weiß, ich weiß, aber -- die Antwort, Ihre Antwort!« - -»Sie dummer Mensch! Jetzt könnte es Ihnen, denke ich, doch schon ganz -gleichgültig sein, ob es eine oder tausend sind.« - -»Also _eine_! Ich wußte es ja!« rief Liputin. »Ich habe es ja die ganze -Zeit gewußt, daß es nur eine ist, bis jetzt, die ganze Zeit ...« - -Und ohne eine andere Antwort abzuwarten, kehrte er um und verschwand -schnell in der Dunkelheit. - -Pjotr Stepanowitsch wurde ein wenig nachdenklich. - -»Nein, keiner wird denunzieren,« murmelte er dann überzeugt vor sich -hin, »aber die >Fünf< muß eine Gruppe bleiben und gehorchen, oder ich -werde sie ... Es ist doch ein Lumpenzeug, wirklich, dieses Volk!« - - - II. - -Werchowenski ging zuerst zu sich nach Hause und packte, ohne sich im -geringsten zu beeilen, seinen Reisekoffer. Um sechs Uhr morgens ging der -Schnellzug ab. Den »Unsrigen« hatte er zwar gesagt, er werde nur auf -kurze Zeit in die nächste Kreisstadt fahren, aber, wie es sich später -herausstellen sollte, hatte er doch ganz andere Absichten. Als er mit -dem Einpacken fertig war, bezahlte er seine Wirtin, die von ihm schon -früher von seiner Abreise benachrichtigt worden war, und fuhr dann mit -einer Droschke zu Erkel, der nicht weit vom Bahnhof wohnte. Und dann -erst, nach ein Uhr nachts, begab er sich zu Kirilloff und benutzte -wieder den geheimen Gang durch den Zaun. - -Pjotr Stepanowitschs Stimmung war furchtbar. Außer verschiedenen -anderen, für ihn sehr wichtigen Unannehmlichkeiten (er hatte noch immer -nichts über Stawrogin erfahren können) soll er noch im Laufe des Tages -von irgendwoher (am wahrscheinlichsten wohl aus Petersburg) eine geheime -Mitteilung erhalten haben, nach der ihm schon in nächster Zeit eine -gewisse Gefahr drohte. - -Natürlich erzählt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und -Einzelheiten über diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein? -Das Nähere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der -ganzen Angelegenheit haben beschäftigen müssen. Ich für mein Teil nehme -denn auch nur nach meinen eigenen Erwägungen an, daß Pjotr Stepanowitsch -außer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben können, und in -dem Fall ist es allerdings sehr leicht möglich, daß man ihm jetzt auf -der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen -Zweifels selbst in Liputin fest überzeugt, daß Pjotr Stepanowitsch noch -zwei, drei andere »Fünfer«-Gruppen gegründet hatte, und daß er in allen -größeren Städten, wenn auch vielleicht nicht durchweg »Fünfer«-Gruppen -hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen möglichen -Menschen unterhielt. Nicht später als drei Tage nach seiner Abreise -erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatsächlich den -Befehl, ihn zu verhaften: für welche Vergehen, ob für die bei uns -begangenen oder andere -- das weiß ich nicht. Dieser Befehl traf hier -gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die -Angst verstärken zu helfen, die plötzlich unsere immer noch so -leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte, -als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des -Studenten Schatoff, sowie die rätselhaften Umstände, von denen sie -begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spät: Pjotr -Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er -dann schnell über die Grenze entwischte. -- Doch ich greife vor. - -Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er böse und zanksüchtig aus: -es war, als ob er Kirilloff außer der Hauptsache noch ganz persönlich -etwas antun, sich an ihm für irgend etwas noch ganz besonders rächen -wollte. - -Kirilloff war über sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, daß er -schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet -hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewöhnlich, der Blick der dunklen -Augen schwer und unbeweglich. - -»Ich dachte, Sie kommen nicht,« sagte er schwer von der Sofaecke aus, in -der er übrigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen. - -Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunächst, bevor er -ein Wort sprach, prüfend Kirilloffs Gesicht. - -»Also alles in Ordnung und wir treten von unserem Vorhaben nicht zurück, -das ist brav!« sagte er mit beleidigend gönnerhaftem Lächeln. »Nun, und -daß ich etwas spät gekommen bin,« fügte er mit gemeiner Scherzhaftigkeit -hinzu, »darüber hätten Sie sich doch nicht zu beklagen: habe Ihnen doch -somit drei Stunden geschenkt.« - -»Ich will von Ihnen gar keine überflüssigen Stunden geschenkt haben, und -du kannst mir überhaupt nichts schenken ... Dummkopf!« - -»Was?« Pjotr Stepanowitsch fuhr schon auf, beherrschte sich aber sofort. -»Das ist mir mal eine Empfindlichkeit! Ach so, wir sind wohl erzürnt?« -fragte er scharf, mit demselben beleidigenden Hochmut. »In so einem -Augenblick ist Ruhe mehr am Platz. Am besten wäre es aber, sich für -Kolumbus zu halten, und auf mich wie auf eine Maus, die einen überhaupt -nicht beleidigen kann, herabzusehen. Das habe ich schon gestern -anempfohlen.« - -»Ich will nicht auf dich wie auf eine Maus sehen.« - -»Was soll das, ein Kompliment? ... Hm, auch der Tee ist kalt -- also -alles drunter und drüber. Nein, das ist mir zu unzuverlässig. Ah! aber -was sehe ich denn dort auf dem Fensterbrett?« (er ging hin). »Wahrhaftig --- ein Huhn mit Reis! ... Warum haben Sie mir das bis jetzt noch nicht -angeboten? Wir befanden uns also in einer Gemütsverfassung, die sogar -ein Huhn ...« - -»Ich habe gegessen, und das ist nicht Ihre Sache. Schweigen Sie!« - -»Oh, natürlich, und zudem ist das an sich ja auch ganz gleichgültig. -Bloß mir ist es jetzt nicht gleichgültig: denken Sie sich, ich habe -heute so gut wie gar nicht zu Mittag gespeist und darum, wenn jetzt -dieses Huhn, wie ich annehme, nicht mehr nötig ist, -- wie?« - -»Essen Sie, wenn Sie können.« - -»Ei, danke, und dann nachher noch Tee.« - -Er setzte sich im Nu an den Tisch, am anderen Ende des Sofas, und machte -sich mit ungewöhnlicher Gier ans Essen; doch gleichzeitig beobachtete er -jeden Augenblick sein Opfer. Kirilloff sah ihm mit bösem Widerwillen -regungslos zu, wie außerstande, seinen Blick von ihm loszureißen. - -»Einstweilen,« -- Pjotr Stepanowitsch sah plötzlich auf, fuhr aber fort -zu essen -- »wie wird es denn damit? Also, wir treten nicht zurück, wie? -Und der Zettel?« - -»Ich habe in dieser Nacht festgestellt, daß es mir einerlei ist. Werde -schreiben. Die Proklamationen?« - -»Ja, auch die Proklamationen. Übrigens, ich werde Ihnen diktieren. Ihnen -ist es doch ganz gleich. Könnte denn der Inhalt Sie in diesen Minuten -wirklich noch beunruhigen?« - -»Das geht dich nichts an.« - -»Natürlich nicht. Übrigens ... im ganzen nur ein paar Zeilen: daß Sie -mit Schatoff die Proklamationen verbreitet haben, unter anderem, mit -Hilfe Fedjkas, der sich hier in Ihrer Wohnung verborgen hat. Dieser -letzte Punkt über Fedjka und die Wohnung ist sehr wichtig, sogar der -allerwichtigste. Sehen Sie, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen.« - -»Schatoff? Warum mit Schatoff? Auf keinen Fall schreibe ich von -Schatoff.« - -»Das fehlte noch, was macht Ihnen denn das aus? Schaden können Sie ihm -ja doch nicht mehr.« - -»Seine Frau ist zu ihm gekommen. Sie wachte auf und schickte zu mir -fragen, wo er ist?« - -»Sie hat zu Ihnen geschickt, um zu erfahren, wo er ist? Hm ... das ist -nicht ... Dann könnte sie ja wieder schicken ... Hören Sie, niemand darf -erfahren, daß ich hier bin ...« - -Pjotr Stepanowitsch wurde unruhig. - -»Sie wird nicht erfahren, schläft wieder. Bei ihr ist eine Frau, Arina -Wirginskaja.« - -»Schön, schön, und ... wird es auch nicht hören, denke ich? Wissen Sie, -wäre es nicht besser, die Flurtür zu verriegeln?« - -»Wird nichts hören. Und wenn Schatoff kommt, verstecke ich Sie ins -andere Zimmer.« - -»Schatoff wird nicht kommen; und Sie werden schreiben, daß Sie sich mit -ihm wegen Verrat und Denunziation überworfen haben ... heute Abend ... -und die Ursache seines Todes sind.« - -»Er ist tot!« stieß Kirilloff aufspringend hervor. - -»Heute um acht Uhr abends, oder richtiger, gestern um acht Uhr abends, -denn jetzt ist es schon ein Uhr.« - -»Du hast ihn ermordet! ... Und ich habe das gestern vorausgewußt!« - -»Wäre auch was gewesen, das nicht vorauszusehen! Hier, sehen Sie, mit -diesem Revolver!« (Er zog seinen Revolver aus der Tasche, anscheinend -nur um ihn zu zeigen, doch steckte er ihn nicht wieder zurück, sondern -behielt ihn in der rechten Hand, wie in Bereitschaft.) »Sie sind doch -ein sonderbarer Mensch, Kirilloff, Sie wußten ja schon längst, daß es -mit diesem dummen Menschen gerade ein solches Ende nehmen mußte. Was ist -denn hier noch vorauszusehen? Ich habe es Ihnen schon mehrmals förmlich -in den Mund gelegt. Schatoff bereitete eine Anzeige vor: ich beobachtete -ihn; man konnte ihn auf keine Weise so lassen. Ja, und auch Sie hatten -doch den Auftrag, auf ihn aufzupassen: Sie haben mir doch selbst noch -vor drei Wochen ...« - -»Schweig! Das hast du ihn dafür, daß er dir in Genf ins Gesicht gespuckt -hat!« - -»Auch dafür, und auch noch für anderes. Für vieles andere; übrigens ohne -jede Bosheit meinerseits. Warum da aufspringen? Wozu Posen annehmen? -Oho! Also so sind wir! ...« - -Er sprang auf und erhob seinen Revolver. Kirilloff hatte nämlich seinen -Revolver, der schon seit dem Morgen geladen war, vom Fensterbrett -genommen. Pjotr Stepanowitsch stellte sich in Positur und zielte auf -Kirilloff. Der lachte böse auf. - -»Gesteh nur, Schurke, du hast deinen Revolver bloß darum genommen, daß -ich dich erschieße ... Aber ich werde dich nicht erschießen ... obgleich -... obgleich ...« - -Und wieder erhob er seinen Revolver und zielte auf Pjotr Stepanowitsch, -wie außerstande, auf das Vergnügen zu verzichten: sich vorzustellen, wie -das wäre, wenn er Pjotr Stepanowitsch jetzt mit einem Schuß -niederstrecken würde. Pjotr Stepanowitsch wartete immer noch in Positur, -wartete bis zum letzten Augenblick, wartete mit gespanntem Hahn, wobei -er doch riskierte, selbst eine Kugel in die Stirn zu bekommen: von -diesem »Maniak«, wie er Kirilloff kurzweg nannte, war das zu erwarten. -Aber der »Maniak« ließ schließlich die Hand sinken, atemlos und zitternd -und unfähig zu sprechen. - -»Sie haben gespielt, nun und genug jetzt.« Pjotr Stepanowitsch senkte -gleichfalls seinen Revolver. »Ich wußte es ja, daß Sie spielten. Nur, -wissen Sie, Sie wagten doch viel: ich hätte abdrücken können.« - -Und er setzte sich ziemlich ruhig wieder auf das Sofa und goß sich -- -übrigens doch mit ein wenig zitternder Hand -- Tee ein. Kirilloff legte -den Revolver auf den Tisch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. - -»Ich werde nicht schreiben, daß ich Schatoff getötet habe, und ... ich -werde jetzt überhaupt nichts schreiben. Es wird keinen Zettel geben!« - -»Nicht?« - -»Nein.« - -»Welch eine Gemeinheit und was für eine Dummheit!« Pjotr Stepanowitsch -wurde vor Wut ganz fahl im Gesicht. »Aber ich habe ja schon so etwas -geahnt. Wissen Sie auch, daß ich mich nicht überrumpeln lasse! Aber, -- -wie Sie wollen! Wenn ich Sie mit Gewalt zwingen könnte, so würde ich es -tun. Sie sind übrigens ein Schurke,« er verlor immer mehr seine -Selbstbeherrschung, »Sie haben sich damals von uns Geld geliehen und uns -dafür Langes und Breites versprochen ... Nur werde ich Sie doch nicht -ganz ohne Resultat verlassen, werde wenigstens sehen, wie Sie sich jetzt -selbst die Kugel durch den Kopf jagen.« - -»Ich will, daß du sofort gleich hinausgehst.« Kirilloff blieb -entschlossen vor ihm stehen. - -»Nein, das tue ich auf keinen Fall,« lehnte Pjotr Stepanowitsch ab und -ergriff wieder seinen Revolver. »Jetzt kann Ihnen ja aus Wut und Bosheit -einfallen, alles aufzuschieben und morgen noch hinzugehen und zu -denunzieren, um wieder Geld zu erhalten: dafür wird doch gut gezahlt. -Hol' Sie der Teufel, solche Leutchen wie Sie sind zu allem fähig! Nur -beunruhigen Sie sich nicht, ich habe alles vorgesehen: ich werde nicht -vorher fortgehen, als bis ich Ihnen mit diesem Revolver gleichfalls den -Schädel geöffnet habe, wie dem Schufte Schatoff. Wenn Sie selbst zu -feige werden und es aufschieben wollen! Hol' Sie der Teufel!« - -»Du willst wohl unbedingt auch mein Blut sehen?« - -»Nicht aus Bosheit will ich es. Begreifen Sie doch, daß es mir -persönlich ganz gleichgültig ist. Ich will es nur, um für unsere Sache -ruhig sein zu können. Daß man sich auf einen Menschen nicht verlassen -kann, sehen Sie doch selbst. Ich verstehe nichts davon, was Sie da ... --- ich meine, warum Sie sich umbringen wollen. Nicht ich habe diese -Phantasie für Sie ausgedacht, sondern Sie selbst, und mitgeteilt haben -Sie Ihre Ideen zuerst nicht mir, sondern den anderen ausländischen -Gliedern. Und vergessen Sie nicht, daß niemand es aus Ihnen -herausgezogen hat, es kannte Sie ja auch niemand, sondern Sie selbst -sind gekommen und haben Ihre Gedanken mitgeteilt -- aus Sentimentalität -wahrscheinlich. Wer ist aber jetzt daran schuld, wenn damals daraufhin -ein Plan für gewisse Taten hier in der Stadt entworfen wurde, und die -Hauptsache: mit Ihrer Einwilligung und auf Ihren Vorschlag hin -(vergessen Sie das nicht: auf Ihren Vorschlag hin!). Schon deshalb denke -ich, daß Sie die Sache jetzt nicht mehr im Stiche lassen dürfen. Sie -haben sich so benommen, daß Sie schon zu viel wissen. Wenn Sie nun -Furcht bekommen haben und morgen hingehen, um zu denunzieren, wird das -für uns dann vorteilhaft sein, oder nicht, was meinen Sie? Nein, Sie -haben sich verpflichtet, Sie haben Ihr Wort gegeben, haben Geld -genommen. Das können Sie alles unmöglich leugnen ...« - -Pjotr Stepanowitsch ereiferte sich mächtig, aber Kirilloff hörte ihm -schon längst nicht mehr zu, sondern schritt wieder in Gedanken versunken -auf und ab. - -»Schatoff tut mir leid,« sagte er endlich und blieb wieder vor Pjotr -Stepanowitsch stehen. - -»Aber mir tut er ja auch lei... --« - -»Schweig, Schurke!« brüllte Kirilloff wild auf und machte eine -furchtbare und unzweideutige Bewegung. »Ich schlage dich tot!« - -»Nun, nun, nun, schon gut, ich habe gelogen, ich gebe selber zu, es tut -mir um ihn nicht ein bißchen leid; nun, schon gut!« Pjotr Stepanowitsch -war ängstlich aufgesprungen und hielt den Arm wie zum Schutz erhoben. - -Kirilloff wandte sich plötzlich still von ihm ab und begann von neuem -durch das Zimmer zu schreiten. - -»Ich werde es nicht aufschieben, gerade jetzt will ich mich umbringen: -alle sind solche Schurken!« - -»Nun, das ist doch ein Gedanke! Selbstverständlich sind alle Schurken, -und da es einen anständigen Menschen auf der Welt anekelt, so ...« - -»Dummkopf, ich bin ganz eben so ein Schurke wie du, wie alle, aber kein -anständiger. Ein anständiger ist noch niemals nirgends gewesen.« - -»Na, endlich also erraten! Haben Sie denn wirklich bis jetzt noch nicht -begriffen, Kirilloff, Sie mit Ihrem Verstande, daß alle ein und -dieselben sind, daß es weder bessere noch schlechtere Menschen gibt, -sondern nur klügere und dümmere, und daß, wenn alle Schurken sind (was -nebenbei bemerkt Unsinn ist), es folglich einen Nichtschurken auch gar -nicht geben kann?« - -»Ah! Und du lachst wirklich nicht?« fragte ihn Kirilloff mit einer -gewissen Verwunderung. »Du sprichst mit Eifer und einfach ... Haben denn -auch solche wie du Überzeugungen?« - -»Kirilloff, ich habe nie verstehen können, warum Sie sich töten wollen. -Ich weiß nur, daß Sie es aus Überzeugung ... aus fester Überzeugung -wollen. Aber wenn Sie das Bedürfnis fühlen, sich, wie man sagt, -mitzuteilen, so stehe ich zu Ihrer Verfügung ... Nur muß man die Zeit im -Auge behalten ...« - -»Wieviel ist die Uhr?« - -»Oho, punkt zwei,« sagte Pjotr Stepanowitsch mit einem Blick auf seine -Uhr, und er zündete sich eine Zigarette an. - -»Ich glaube, ich werde doch noch mit ihm fertig,« dachte er bei sich. - -»Ich habe dir nichts zu sagen,« brummte Kirilloff. - -»Ich erinnere mich noch, daß da irgend etwas von Gott dabei war ... Sie -haben es mir doch einmal erklärt, oder sogar zweimal ... Wenn Sie sich -erschießen, so werden Sie Gott, so war es doch, wenn ich mich nicht -täusche?« - -»Ja, ich werde Gott.« - -Pjotr Stepanowitsch lächelte nicht einmal, er wartete; Kirilloff blickte -ihn fein an. - -»Sie sind ein politischer Betrüger und Intrigant, Sie wollen mich auf -die Philosophie hinüberleiten und in Begeisterung bringen, und eine -Versöhnung mit mir machen, um den Ärger zu vertreiben, und wenn ich mich -versöhne, dann den Brief erbitten, daß ich Schatoff getötet habe.« - -Pjotr Stepanowitsch antwortete fast mit natürlicher Offenherzigkeit. - -»Nun, mag ich das auch gedacht haben. Nur -- ist Ihnen denn das in -diesen letzten Augenblicken nicht ganz gleichgültig, Kirilloff? Worüber -zanken wir uns überhaupt, sagen Sie doch bitte selbst: Sie sind solch -ein Mensch, und ich bin wieder solch ein Mensch, nun, und was liegt denn -daran? Und beide noch dazu ...« - -»Schurken.« - -»Gut, meinetwegen auch Schurken. Sie wissen doch, daß das nur Worte -sind.« - -»Ich habe mein ganzes Leben nicht gewollt, daß es nur Worte sind. Ich -habe auch nur deswegen gelebt, weil ich das immer nicht wollte. Ich will -auch jetzt jeden Tag, daß es nicht nur Worte sind.« - -»Nun ja, ein jeder sucht, wo er es besser hätte. Ein Fisch ... das -heißt, jeder sucht seinen Komfort ... in seiner Art; und das ist alles. -Außerordentlich lange schon bekannt.« - -»Komfort, sagst du?« - -»Nun, lohnt es sich denn, sich um Worte zu streiten?« - -»Nein, du hast das gut gesagt: meinetwegen -- Komfort. Gott ist -unentbehrlich und darum muß er sein.« - -»Nun, und wunderbar.« - -»Aber ich weiß, daß es ihn nicht gibt und nicht geben kann.« - -»Das ist schon richtiger.« - -»Begreifst du denn wirklich nicht, daß ein Mensch mit zwei solchen -Gedanken nicht leben bleiben darf?« - -»Sich also erschießen muß?« - -»Begreifst du denn wirklich nicht, daß man sich nur allein deswegen -erschießen kann? Du kannst es nicht begreifen, daß solch ein Mensch sein -kann, ein einziger Mensch von allen euren tausend Millionen, einer, der -nicht will und nicht erträgt.« - -»Ich verstehe nur, daß Sie, wie's scheint, schwanken ... Das aber ist -höchst gemein.« - -»Auch Stawrogin ist von der Idee verschlungen,« sagte Kirilloff, die -Bemerkung überhörend, und schritt finster durch das Zimmer. - -»Wie?« Pjotr Stepanowitsch spitzte die Ohren, »von was für einer Idee? -Hat er Ihnen selbst irgend etwas gesagt?« - -»Nein, ich habe selbst erraten: Stawrogin, wenn er glaubt, so glaubt er -nicht, daß er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, daß -er nicht glaubt.« - -»Nun, Stawrogin hat noch etwas anderes, etwas Gescheiteres als das ...« -brummte Pjotr Stepanowitsch ärgerlich, während er unruhig die neue -Wendung des Gespräches verfolgte und den bleichen Kirilloff beobachtete. - -»Zum Teufel, er wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch. -»Habe es ja immer vorausgefühlt, das war bei ihm nur eine Gehirnspirale, -die ganze Idee, und weiter nichts. Solch ein Lumpenpack, diese Kerls, -wahrhaftig!« - -»Du bist der letzte, der bei mir ist: ich würde nicht böse mit dir -auseinandergehen wollen,« sagte plötzlich Kirilloff. - -Pjotr Stepanowitsch antwortete nicht sofort. »Weiß der Teufel, was das -nun wieder bedeutet!« dachte er. - -»Glauben Sie mir, Kirilloff, daß ich nie etwas gegen Sie persönlich -gehabt habe und immer ...« - -»Du bist ein Schurke und bist ein falscher Verstand. Aber ich bin ganz -dasselbe wie du und erschieße mich, du aber bleibst lebendig.« - -»Sie wollen wohl sagen, daß ich so niedrig sei, daß ich am Leben bleiben -will.« - -Er war noch nicht ganz sicher, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft war, -ein solches Gespräch jetzt weiterzuführen, und entschloß sich daher, -sich »den Umständen anzupassen«. Doch der Ton der Überlegenheit und die -unverhohlene Verachtung, die Kirilloff immer für ihn hatte, reizten und -ärgerten ihn aus irgendeinem Grunde diesmal noch viel mehr, als sonst, --- vielleicht deshalb, weil Kirilloff, der schon in ungefähr einer -Stunde sterben mußte (das behielt Pjotr Stepanowitsch trotz allem fest -im Auge) für ihn bereits nur noch ein halber Mensch war, also jemand, -dem man auf keine Weise mehr erlauben durfte, auch noch stolz und -hochmütig zu sein. - -»Sie wollen, wie's scheint, damit vor mir großtun, daß Sie sich -erschießen werden?« - -»Ich habe mich immer gewundert, daß alle leben bleiben,« sagte -Kirilloff, der auch diese Bemerkung wieder überhörte. - -»Hm! nehmen wir an, daß das eine Idee ist, aber ...« - -»Du Affe, du stimmst zu, um mich zu besiegen. Schweig, du kannst nichts -verstehen. Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.« - -»Sehen Sie, diesen Punkt habe ich bei Ihnen nie begreifen können: warum -sind Sie dann Gott?« - -»Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und aus Seinem Willen kann -ich nicht. Wenn nicht, so ist aller Wille mein und ich bin verpflichtet, -Eigenwillen zu bezeugen.« - -»Eigenwillen? Und warum verpflichtet?« - -»Darum, weil aller Wille mein geworden ist. Wird denn wirklich kein -einziger auf dem ganzen Planeten, nachdem er mit Gott ein Ende gemacht -hat und nur an seinen Eigenwillen glaubt, es wagen, Eigenwillen zu -beweisen, Eigenwillen gerade im Hauptpunkte? Das ist so, wie wenn ein -Armer eine Erbschaft bekommt und erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack -zu gehen, weil er sich für nicht stark genug hält, zu besitzen. Ich will -Eigenwillen beweisen. Und wenn auch nur ich, ein einzelner, aber ich tue -es.« - -»Tun Sie's nur!« - -»Ich bin verpflichtet, mich zu erschießen, weil der vollste, höchste -Punkt meines Eigenwillens ist -- mich selbst zu töten.« - -»Aber Sie sind doch nicht der einzige, der sich selbst tötet; es gibt -viele Selbstmörder.« - -»Mit einer Ursache -- ja. Aber ganz ohne alle Ursache und nur für -Eigenwillen -- ich allein.« - -»Wird sich nicht erschießen,« zuckte es wieder durch Pjotr -Stepanowitschs Gedanken. - -»Wissen Sie was,« bemerkte er geärgert, »ich würde an Ihrer Stelle, um -Eigenwillen zu offenbaren, erst irgendeinen anderen, aber nicht mich -selbst, umbringen. Könnten sich damit noch nützlich machen. Ich werde -Ihnen sagen wen, wenn Sie nicht erschrecken. Dann brauchen Sie sich -meinetwegen heute auch noch nicht zu erschießen. Man könnte sich -besprechen.« - -»Einen anderen töten würde gleich der allerniedrigste Punkt meines -Eigenwillens sein, und hierin bist du ganz enthalten. Ich bin nicht du: -ich will den höchsten Punkt und töte mich.« - -»Glücklich mit eigenem Verstande darauf verfallen,« brummte Pjotr -Stepanowitsch boshaft. - -»Ich bin verpflichtet, den Unglauben zu verkünden,« sprach Kirilloff -weiter, durch das Zimmer schreitend. »Für mich ist nichts höher, als die -Idee -- daß es Gott nicht gibt. Die ganze Geschichte der Menschheit -spricht für mich. Der Mensch hat nichts anderes getan, als Gott sich -ausdenken, um leben zu können, ohne sich totzuschlagen. Darin besteht -die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich allein in der -ganzen Weltgeschichte habe zum erstenmal Gott mir nicht ausdenken -wollen. Mag man das für immer erfahren.« - -»Wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch wieder -beunruhigt. - -»Wer soll es denn erfahren?« versuchte er ihn zu hetzen. »Hier sind nur -Sie und ich! Liputin etwa?« - -»Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts in -der Welt, was nicht einmal offenbar wird. Das hat _Er_ gesagt.« - -Und er wies in fieberhaftem Entzücken auf das Bild des Heilandes, vor -dem das Lämpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgültig wütend. - -»An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lämpchen angezündet! -Tun Sie das vielleicht auch >auf alle Fälle<?« - -Der andere schwieg. - -»Wissen Sie, meiner Meinung nach glauben Sie womöglich noch mehr als ein -Pope.« - -»An wen? An _Ihn_? Höre,« Kirilloff blieb stehen und sah mit starrem, -wie verzücktem Blick vor sich hin. »Höre eine große Idee: es war auf der -Erde ein Tag und in der Mitte der Erde standen drei Kreuze. Einer am -Kreuz glaubte so, daß er dem anderen sagte: >Wahrlich, ich sage dir, -heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.< Der Tag verging, beide -starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die -Worte bewahrheiteten sich nicht. Höre: dieser Mensch war der höchste auf -der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem, -was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen -- nur ein Wahnsinn. Es war -weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis -zum Wunder. Das ist eben das Wunder, daß keiner vor ihm war noch nach -ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur -auch _Diesen_ nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht -verschont haben und auch _Ihn_ zwangen, mitten in Lüge zu leben und für -Lüge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lüge und beruht nur -auf Lüge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten --- Lüge und des Teufels Bühnenstück. Wozu dann leben, antworte, wenn du -ein Mensch bist?« - -»Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene -Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlässig. Doch erlauben Sie, -wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lüge zu Ende ist und Sie erraten haben, -daß die ganze Lüge nur daher kam, daß es den früheren Gott gab?« - -»Endlich hast du es verstanden!« rief Kirilloff begeistert. »Also kann -man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat! -Verstehst du jetzt, daß die ganze Errettung für alle ist -- allen diesen -Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe -nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, daß es Gott nicht gibt, -und sich doch nicht sofort selbst tötete? Erkennen, daß es Gott nicht -gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, daß man dadurch -selbst Gott geworden ist -- ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls -würde man sich unbedingt selbst töten. Wenn du erkenntest -- so bist du -Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu töten, sondern wirst in -der allergrößten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das -erkennt, der muß sich unbedingt selbst töten, denn wer wird sonst -beginnen und beweisen? Also töte ich mich selbst, unfehlbar, um zu -beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaßen Gott und -bin unglücklich, denn ich bin _verpflichtet_, Eigenwillen zu bezeugen. -Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, Eigenwillen zu zeigen. -Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglücklich und arm gewesen, -weil er sich fürchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens -durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig -Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich -unglücklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch -des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin -verpflichtet, fest daran zu glauben, daß ich nicht glaube. Ich werde -beginnen und werde beenden, und werde das Tor öffnen. Und retten. Nur -dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nächsten -Generation physisch verändern. Denn in der jetzigen körperlichen Form -kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den früheren Gott nicht sein. -Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es -schließlich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist -- Eigenwille! -Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwürfigkeit -beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist maßlos -furchtbar. Ich töte mich, um meine Nichtunterwürfigkeit zu beweisen und -meine neue furchtbare Freiheit.« - -Sein Gesicht war unnatürlich bleich, sein Blick unerträglich schwer. Er -war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch fürchtete schon, er werde -sogleich hinfallen. - -»Gib die Feder!« rief Kirilloff plötzlich ganz unerwartet in -entschiedener Verzückung -- »diktiere, ich unterschreibe alles. Auch, -daß ich Schatoff getötet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir -lachhaft ist! Ich fürchte die Gedanken der anmaßenden Sklaven nicht! Du -wirst selbst sehen, daß alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du -aber wirst zerdrückt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube!« - -Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfaß und ein -Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den günstigen Augenblick -nicht zu verpassen, zitternd für das Gelingen. - -»Ich, Alexei Kirilloff, erkläre ...« - -»Wart! So will ich nicht! Erkläre wem?« - -Kirilloff bebte wie im Fieber. Diese Erklärung und irgendein besonderer -plötzlicher Gedanke in bezug auf diese Erklärung hatten ihn, wie es -schien, ganz und gar verschlungen, als ob sie ein Ausweg wäre, auf den -sich, wenn auch nur auf einen Augenblick, sein müdgequälter Geist -stürzte. - -»Erkläre wem? Will wissen wem?« - -»Ach, niemandem, allen, dem ersten, der es liest! Wozu das bestimmen? -Der ganzen Welt!« - -»Der ganzen Welt? Bravo! Und daß keine Reue nötig ist! Ich will nicht -bereuen. Und ich will auch nicht an die Obrigkeit!« - -»Aber nein doch, das ist ja auch gar nicht nötig, zum Teufel mit der -Obrigkeit! Aber so schreiben Sie doch, wenn Sie ernstlich! ...« schrie -Pjotr Stepanowitsch in hysterischer Nervosität ihn an. - -»Wart! Ich will erst eine Fratze mit herausgestreckter Zunge malen.« - -»Ach was, Unsinn! Teufel, das kann man auch ohne Malerei ausdrücken, -einfach mit dem Ton.« - -»Mit dem Ton? Das ist gut. Ja, mit dem Ton, mit dem Ton! Diktier mir mit -dem Ton!« - -»Ich, Alexei Kirilloff,« diktierte fest und befehlend Pjotr -Stepanowitsch, über die Schulter Kirilloffs gebeugt und jeden -Buchstaben, den dieser mit seiner zitternden Hand schrieb, mit den Augen -verfolgend, »-- ich, Kirilloff, erkläre, daß ich heute, am ...sten -Oktober, am Abend um acht Uhr, den Studenten Schatoff im Park getötet -habe und zwar für Verrat und Anzeige der Proklamationen, sowie Fedjkas, -der bei uns beiden im Filippoffschen Hause zehn Tage gewohnt und -genächtigt hat. Ich erschieße mich aber heute mit einem Revolver nicht -deswegen, weil ich bereue und euch fürchte, sondern weil ich schon im -Auslande die Absicht hatte, mir das Leben zu nehmen.« - -»Und das ist alles?« fragte erstaunt und unwillig Kirilloff. - -»Kein Wort mehr!« sagte Pjotr Stepanowitsch, mit der Hand abwinkend, und -suchte ihm das Papier zu entreißen. - -»Wart!« rief Kirilloff und legte fest seine Hand auf das Blatt. »Wart, -Unsinn! Will noch sagen, mit wem ich erschlagen habe. Warum Fedjka? Und -die Brandstiftung? Ich will alles und will sie noch ausschimpfen mit dem -Ton, mit dem Ton!« - -»Genug, Kirilloff, ich versichere Ihnen, das ist vollkommen genug!« -flehte Pjotr Stepanowitsch geradezu, denn er zitterte vor Angst, daß -Kirilloff das Papier vielleicht wieder zerreißen werde. »Damit die es -glauben, muß es so dunkel wie möglich sein, nur mit Andeutungen, gerade -so! Man muß nur ein Eckchen der Wahrheit zeigen, nur soviel, um sie -irrezuführen. Die werden sich schon selbst weit mehr vorlügen, als wir -es könnten, und sich selbst werden sie natürlich mehr glauben als uns -- -und das ist doch gerade das Beste, das Allerbeste! Geben Sie her, es ist -wundervoll so. Geben Sie! Geben Sie!« - -Und er bemühte sich immer noch, ihm das Papier zu entwenden, es ihm -unter der Hand wegzuziehen. Kirilloff hatte die Augen weit aufgerissen, -hörte wohl auch zu und schien sogar begreifen zu wollen, doch hatte er -wahrscheinlich schon aufgehört, zu verstehen. - -»Teufel!« entfuhr es plötzlich wütend Pjotr Stepanowitsch. »Er hat ja -noch gar nicht unterschrieben! Was starren Sie denn so, unterschreiben -Sie doch!« - -»Ich will ausschimpfen ...« murmelte Kirilloff, nahm aber doch gehorsam -die Feder und schrieb seinen Namen. »Ich will ausschimpfen ...« - -»Schreiben Sie meinetwegen: _Vive la république_,{[199]} und damit dann -genug.« - -»Bravo!« schrie, brüllte fast Kirilloff vor Entzücken auf. »_Vive la -république démocratique, sociale et universelle ou la mort!_ ... Nein, -nein, nicht so. _Liberté, egalité, fraternité ou la mort._{[200]} Das -ist noch besser, noch besser,« und er schrieb es mit sichtlichem -Hochgenuß unter seinen Namenszug. - -»Genug jetzt, wirklich genug!« wiederholte Pjotr Stepanowitsch. - -»Wart, noch ein ... Ich, weißt du, ich werde noch einmal auf französisch -unterschreiben: >_de Kirilloff, gentil-homme russe et citoyen du -monde_.<{[201]} Hahahahaha!« lachte er auf. »Nein, nein, nein, wart, -habe es noch besser gefunden, am allerbesten, Heureka! -- ->_gentil-homme-séminariste russe et citoyen du monde civilisé_!<{[202]} -Das ist am allerbesten ...« -- -- -- und er sprang jäh auf, ergriff -plötzlich mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver, stürzte in das -andere Zimmer und schlug die Tür fest hinter sich zu. - -Pjotr Stepanowitsch stand einen Augenblick nachdenklich da und sah -gespannt auf die geschlossene Tür. - -»Wenn sofort -- dann ist es möglich, daß er abdrückt, fängt er aber an -zu denken -- dann wird nichts geschehen.« - -Vorläufig nahm er das Blatt in die Hand, setzte sich wieder und sah das -Geschriebene noch einmal durch. Die Abfassung gefiel ihm wieder -ungemein. - -»Was fehlt uns jetzt! Es ist ja weiter nichts nötig, wie sie für eine -Zeitlang ganz aus der Fassung zu bringen und abzulenken. Park? In der -Stadt gibt es keinen Park. Aber sie werden schon mit ihrem eigenen -Verstande auf Skworeschniki verfallen. Bis sie aber darauf verfallen, -vergeht Zeit, bis sie suchen -- wieder Zeit, und finden sie die Leiche --- so ist hier nur die Wahrheit geschrieben worden, folglich muß auch -alles andere richtig sein, auch das von Fedjka. Was aber bedeutet -Fedjka? Fedjka -- das ist der Brand, Fedjka, das sind Lebädkins: -folglich ist alles aus dem Filippoffschen Hause gekommen, sie aber haben -nichts davon gesehen, haben nichts durchschauen können, -- und gerade -das wird sie schon vollends verwirren! Auf die Unsrigen aber werden sie -überhaupt nicht verfallen. Es waren also Schatoff und Kirilloff und -Fedjka und Lebädkin; warum sie aber einander totgeschlagen haben -- das -ist dann für die Leute noch so eine kleine Frage zum Zeitvertreib. Zum -Teufel, wo bleibt denn der Schuß! ...« - -Pjotr Stepanowitsch hatte die ganze Zeit, wenn er auch las und sich über -die Abfassung freute, doch gleichzeitig jeden Augenblick mit quälender -Unruhe gehorcht und -- plötzlich wurde er wütend. Erregt zog er die Uhr -hervor: es war schon sehr spät; und Kirilloff mochte vor bereits zehn -Minuten hinausgegangen sein ... Er ergriff das Licht und ging zur Tür -des Nebenzimmers. An der Tür sah er plötzlich und kam es ihm zu -Bewußtsein, daß auch das Licht schon heruntergebrannt war und vielleicht -nach zwanzig Minuten auslöschen werde, daß ein anderes aber nicht -vorhanden war. Vorsichtig umfaßte er mit der Hand die Klinke und -horchte. Kein einziger Laut drang aus dem anderen Zimmer. Plötzlich -öffnete er die Tür und erhob das Licht: da brüllte etwas auf und stürzte -auf ihn zu. Hastig schlug er die Tür zu und stemmte sich mit aller Kraft -gegen sie, aber schon war alles verstummt -- und wieder Totenstille. - -Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der -Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem Öffnen der Tür, hatte er nur -sehr wenig sehen können, aber er erinnerte sich doch des Gesichts -Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte, -und der tierischen Wut, mit der er zur Tür gestürzt war. Plötzlich regte -sich etwas im Nebenzimmer. - -Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff -seinen Revolver und sprang auf den Fußspitzen zur Seite in die -entgegengesetzte Ecke, so daß er, falls Kirilloff die Tür öffnete und -auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrücken konnte. - -Aber es blieb wieder alles ruhig. - -Daß Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte -Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr. - -»Er stand offenbar und dachte,« ging es ihm blitzartig durch den Kopf. -»Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brüllte auf und -stürzte zur Tür -- hier sind zwei Möglichkeiten: entweder störte ich ihn -gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrücken wollte, oder ... -oder er stand und überlegte, wie er mich töten könnte. Ja, das wird's -gewesen sein, er überlegte ... Er weiß, daß ich nicht vorher fortgehe, -als bis er tot ist, daß ich ihn töten werde, wenn er selbst dazu zu -feige ist -- also muß er mich zuerst töten, damit nicht ich ihn töte ... -Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig: -plötzlich macht er die Tür auf ... Die Schweinerei ist ja bloß, daß er -an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschießen, um -keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit >eigenem Verstande so weit -kommen<, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das -Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, spätestens -... Muß Schluß machen, muß unbedingt, was es auch koste, Schluß machen -... Was, -- totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier -kann niemand denken, daß ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so -auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in -der Hand, daß man unbedingt glauben muß, er selbst ... Teufel, aber wie -ihn nur erschießen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich -stürzen und noch vor mir abdrücken. Teufel, nein, er wird natürlich -nicht treffen ... Immerhin ...« - -So quälte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der -unumgänglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen -Unentschlossenheit andererseits. Schließlich nahm er wieder den Leuchter -und trat wieder leise zur Tür, wobei er den Revolver hob und den Hahn -spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke -zu öffnen versuchte -- aber es gelang nicht: das Schloß kreischte nur -und öffnete sich nicht. »Er wird sofort auf mich schießen!« dachte Pjotr -Stepanowitsch, riß die Tür auf und erhob Licht und Revolver ... Doch -kein Schuß ertönte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch. - -Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm -zu entfliehen war unmöglich. Er hob das Licht noch höher und blickte -noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal -Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete. - -»Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?« - -Tatsächlich war das Luftfenster offen. - -»Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch.« Pjotr -Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. »Unmöglich konnte -er hier durch!« Plötzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas -Ungewöhnliches erschütterte ihn. - -An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand links von der Tür ein -Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen -der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar -sonderbar, -- unbeweglich, stramm, die Hände militärisch an den Nähten, -den Kopf erhoben und mit dem Rücken fest an die Wand gepreßt ... Allem -Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht -glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schräg zu der Ecke und -sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch -nicht entschließen, weiter nach links zu gehen und das Rätsel zu lösen. -Sein Herz schlug laut. Und plötzlich erfaßte ihn eine rasende Wut: er -riß sich von der Stelle, schrie auf und stürzte trampelnd zu der -furchtbaren Stelle. - -Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen, -noch mehr von Entsetzen betäubt. Vor allem frappierte es ihn, daß die -Gestalt sich trotz seines Schreies und wütenden Anlaufs nicht einmal -bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede -- -ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wäre. Die Blässe des -Gesichts war unnatürlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und -sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch führte -das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam -dieses Gesicht an. Und plötzlich gewahrte er, daß Kirilloff, wenn er -auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womöglich -noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht »diesem Schurken« an -das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun -werde. Plötzlich aber schien es ihm, daß Kirilloffs Kinn sich bewege und -über die Lippen ein Spottlächeln flimmere -- ganz als ob jener seinen -Gedanken erraten hätte. Er erbebte und außer sich vor Wut packte er -Kirilloff an der Schulter. - -Da geschah aber etwas dermaßen Unglaubliches, und geschah so schnell, -daß Pjotr Stepanowitsch sich später in seiner Erinnerung selbst nicht -mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berührt, als dieser plötzlich -seinen Kopf fallen ließ und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand -schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht -erlosch. Im selben Augenblick noch fühlte er einen furchtbaren Schmerz -im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und später wußte er -nur noch, daß er, außer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den -Zähnen ließ, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. -Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureißen. Und er stürzte -fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem -Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie: - -»Sofort, sofort, sofort, sofort!« - -Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter, -durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstür, als -plötzlich ein lauter Schuß erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur, -in der Dunkelheit, und überlegte wohl fünf Minuten lang. Endlich kehrte -er wieder um und ging in die Wohnung zurück. Zuerst mußte Licht -geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen -Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann -den Lichtstumpf anzünden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle -Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als hätte er am Abend -vorher, als er in die Küche zu Fedjka gestürzt war, in der Ecke auf dem -Küchenbrett flüchtig eine große rote Streichholzschachtel bemerkt. -Tastend ging er also zuerst nach links, zur Küchentür, fand sie -schließlich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem -Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in -der Dunkelheit eine große, noch nicht geöffnete Streichholzschachtel. -Ohne anzuzünden, kehrte er eilig zurück und erst beim Schrank, auf -derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beißenden -Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm plötzlich sein -gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fühlte er auch einen -fast unerträglichen Schmerz in ihm. Er biß die Zähne zusammen, zündete -mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er -sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag, -mit den Füßen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte -sich in die rechte Schläfe geschossen und oben an der linken Seite des -Kopfes hatte die Kugel wieder den Schädel durchschlagen. Blut und -Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des -Selbstmörders geblieben. Der Tod mußte sofort eingetreten sein. Nachdem -Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder -und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, schloß hinter sich die Tür, -stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und -beschloß dann, es nicht auszulöschen, da durch dieses Licht im Leuchter -doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das -Dokument und lächelte mechanisch. Darauf verließ er, ich weiß nicht -warum, immer noch leise auf den Fußspitzen gehend, endgültig langsam das -Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schloß ihn hinter -sich sorgfältig mit dem Brett. - - - III. - -Zehn Minuten vor sechs gingen Pjotr Stepanowitsch und Erkel auf dem -Bahnhof längs des diesmal ziemlich langen Zuges auf und ab. Pjotr -Stepanowitsch fuhr fort und Erkel begleitete ihn. Das Gepäck war schon -aufgegeben, der Reisesack lag auf dem ausgesuchten Platz in einem Waggon -der zweiten Klasse. Das erste Glockenzeichen war schon ertönt und man -wartete auf das zweite. Pjotr Stepanowitsch sah sich wie gewöhnlich -neugierig nach allen Seiten um, und betrachtete die Einsteigenden. -Nähere Bekannte aber waren nicht zu sehen. Allem Anschein nach wollte -Erkel in diesen letzten Minuten noch von etwas Wichtigerem sprechen -- -wenn er auch vielleicht selbst nicht wußte, wovon eigentlich; aber er -wagte nicht anzufangen. Es schien ihm sogar, daß er Pjotr Stepanowitsch -lästig fiel und daß dieser mit Ungeduld auf das zweite Glockenzeichen -wartete. - -»Sie sehen so offen alle Menschen an,« bemerkte er etwas schüchtern, als -wollte er warnen. - -»Warum soll ich denn nicht? Noch darf ich mich nicht verstecken. Ist -noch zu früh. Beunruhigen Sie sich nicht. Nur eines fürchte ich, daß der -Teufel mir den Liputin an den Hals schickt, der könnte es riechen und -herlaufen!« - -»Pjotr Stepanowitsch, die sind nicht zuverlässig,« sagte Erkel endlich -schüchtern. - -»Liputin?« - -»Alle, Pjotr Stepanowitsch.« - -»Unsinn, jetzt sind sie durch das Gestrige gebunden. Kein einziger wird -verraten. Wer wird sich denn selbst ins Unglück stürzen, wenn er nicht -den Verstand verloren hat?« - -»Aber die haben doch den Verstand verloren!« - -Dieser Gedanke war wohl auch Pjotr Stepanowitsch schon durch den Kopf -gegangen. Darum ärgerte ihn diese Bemerkung Erkels noch mehr. - -»Sind Sie nicht auch schon feige geworden, Erkel? Ich verließ mich auf -Sie eigentlich mehr, als auf die anderen zusammen. Jetzt weiß ich, was -jeder von ihnen wert ist. Teilen Sie ihnen alles heute noch mündlich -mit. Ich vertraue sie Ihnen an. Gehen Sie schon am Morgen zu allen. -Meine schriftliche Instruktion können Sie ihnen morgen oder übermorgen -vorlesen, wenn sie versammelt sind und fähig, sie zu verstehen ... -Glauben Sie mir, die haben furchtbare Angst und werden jetzt weich wie -Wachs sein ... Aber die Hauptsache, werden Sie nur nicht melancholisch -...« - -»Ach, Pjotr Stepanowitsch, es wäre wirklich besser, wenn Sie nicht -verreisten!« - -»Aber ich verreise doch nur auf ein paar Tage: ich bin ja im Augenblick -wieder zurück.« - -»Pjotr Stepanowitsch,« sagte Erkel schüchtern, »und selbst wenn Sie auch -nach Petersburg reisen sollten ... Ich verstehe doch, ich weiß doch, daß -Sie nur das für die allgemeine Sache Notwendige tun.« - -»Von Ihnen habe ich auch nicht weniger als volles Verständnis erwartet, -Erkel. Wenn Sie erraten haben, daß ich nach Petersburg fahre, so werden -Sie auch verstehen, daß ich ihnen gestern, in jenem Augenblick, nicht -gleich sagen konnte, daß ich in der Tat so weit reise. Ich hätte sie nur -unnütz erschreckt. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie da alle waren. -Aber Sie verstehen doch, daß ich es für die große und wichtige Sache tun -muß, für unsere allgemeine Sache, und nicht etwa, um mich persönlich in -Sicherheit zu bringen, wie vielleicht irgendein Liputin annimmt.« - -»Ich verstehe es ohne weiteres, Pjotr Stepanowitsch, und selbst wenn Sie -ins Ausland fahren sollten, ich verstehe es doch, ich weiß, daß Sie Ihre -Person nicht so aufs Spiel setzen dürfen, denn Sie sind alles, wir aber -sind nichts. Oh, ich verstehe schon, Pjotr Stepanowitsch.« - -Die Stimme des armen Knaben bebte sogar. - -»Ich danke Ihnen, Erkel ... Au, Sie haben meinen kranken Finger -berührt.« (Erkel hatte ihm recht fest die Hand drücken wollen und dabei -nicht an die Verletzung gedacht; der kranke Finger war kunstvoll mit -schwarzem Taffett verbunden.) »Aber ich kann Ihnen nur wiederholen, daß -ich in Petersburg bloß ein wenig schnuppern will, bleibe dort im ganzen -vielleicht vierundzwanzig Stunden -- und dann sofort wieder hierher. -Zuerst werde ich mich hier auf dem Lande bei Gaganoff niederlassen, Sie -verstehen doch -- der Leute wegen. Wenn aber die Unsrigen irgendeine -Gefahr wittern sollten, so werde ich als erster diese Gefahr mit ihnen -teilen. Sollte ich aber etwas länger in Petersburg bleiben müssen, so -teile ich es Ihnen sofort mit ... auf dem bekannten Wege, und Sie sagen -es dann den anderen.« - -Das zweite Glockenzeichen ertönte. - -»Ah, also noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich würde es -nicht wünschen, daß diese Gruppe hier auseinanderfällt. Das heißt nicht, -daß mir so sehr viel daran läge; nein; brauchen sich um mich weiter -keine Sorgen zu machen: solcher Knötchen des großen Netzes habe ich ja -genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine -Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu -verachten. Übrigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie -auch fast allein mit diesen Mißgeburten hier zurücklasse: beunruhigen -Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen -... -- A--ah, und auch Sie heute?« rief er plötzlich mit ganz anderer, -heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn -zutrat, um ihn zu begrüßen. »Sie fahren also auch mit dem Schnellzug? -Wohin denn? Zur Mama?« - -Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des -Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitläufig mit Julija -Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt -verbracht. - -»Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen -mir bevor. Und Sie nach Petersburg?« fragte der junge Mann frohgemut. - -»Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, daß ich nach Petersburg fahre?« -fragte Pjotr Stepanowitsch noch fröhlicher und sah ihm lachend offen ins -Gesicht. - -Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten. - -»Na, wenn Sie's erraten haben,« raunte ihm plötzlich Pjotr Stepanowitsch -mit gedämpfter Stimme geheimnisvoll zu, »ich reise mit Briefen von -Julija Michailowna und muß dort drei, vier Persönlichkeiten aufsuchen, -und was für welche noch dazu! -- na, Sie ahnen wohl schon. Übrigens -könnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt. -Eine verflixte Aufgabe!« - -»Aber sagen Sie doch bitte, was fürchtet sie denn plötzlich so?« -flüsterte nun auch der junge Mensch. »Sie hat sogar mich gestern nicht -empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, für -ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch -noch so anständig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja förmlich, wie -man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt.« - -»Nun, natürlich doch,« lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. »Ja, -sehen Sie, sie fürchtet aber, daß man von hier aus schon geschrieben -haben könnte ... das heißt, daß gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier -ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier -steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte -- ich werde -Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzählen -- soviel mir die -Ritterlichkeit zu erzählen erlaubt ... Mein Verwandter, Fähnrich Erkel, -aus der Kreisstadt.« - -Der junge Mensch blickte flüchtig auf Erkel und berührte den Hut. Erkel -grüßte militärisch. - -»Ach, wissen Sie, Werchowenski, acht Stunden im Eisenbahnwagen ist ein -furchtbares Los. Mit uns fährt noch in der ersten Klasse Oberst -Berestoff, ein urkomischer Kauz, mein Gutsnachbar: verheiratet mit einer -Garina -- _née de Garine_.{[203]} Ist auch sonst in jeder Beziehung -tadellos. Und wissen Sie, dabei hat er sogar Ideen. Hier hat er sich nur -zwei Tage aufgehalten. Ein leidenschaftlicher Kartenspieler, nebenbei; -spielt mit Vorliebe Jeralásch[54], sollte man da nicht ein Spielchen -machen? Den vierten habe ich auch schon gefunden: Pripuchloff, ein -Kaufmann aus dem T.schen, Millionär, aber, wissen Sie, ein richtiger -Millionär, versichere Ihnen ... Ich mache Sie bekannt, eine urgemütliche -Haut, und lachen werden wir! ...« - -»Oh, Jeralásch spiele ich mit dem größten Vergnügen, und besonders noch -auf der Reise, aber ich fahre in der zweiten Klasse.« - -»Ach was, das ist doch ... auf keinen Fall, Sie setzen sich einfach zu -uns. Ich werde sofort dem Zugführer sagen, daß Ihre Sachen in die erste -Klasse zu bringen sind. Er gehorcht mir aufs Wort. Was haben Sie, einen -_sac de voyage_?{[204]} ein Plaid?« - -»Famos, gehen wir!« - -Und Pjotr Stepanowitsch nahm selbst seinen Reisesack, Plaid und Buch und -siedelte sofort mit der größten Bereitwilligkeit in die erste Klasse -über. Erkel half ihm, die Sachen zu tragen. Da ertönte auch schon das -dritte Glockenzeichen. - -»Nun, Erkel,« sagte Pjotr Stepanowitsch eilig und reichte ihm mit -sichtlich anderweitig gefesseltem Interesse zum Abschied noch die Hand -aus dem Fenster, »ich werde also mit ihnen Karten spielen.« - -»Aber wozu mir das noch erklären, Pjotr Stepanowitsch, ich verstehe ja -schon, ich verstehe doch alles, Pjotr Stepanowitsch.« - -»Na, also dann auf glückliches ...« und auf den Anruf des jungen -Menschen, der ihn mit den Partnern bekannt machen wollte, wandte er sich -plötzlich vom Fenster zurück. - -Erkel sah seinen Pjotr Stepanowitsch nicht wieder. - -Traurig kehrte er nach Haus zurück. Nicht, daß es ihn beängstigt hätte, -daß Pjotr Stepanowitsch sie so plötzlich verließ, aber ... aber er hatte -sich so schnell von ihm fortgewandt, als dieser junge Zierbengel ihn -rief und ... er hätte doch etwas anderes sagen können, als diese nicht -zu Ende gesprochene Abschiedsredensart: »na, also dann auf glückliches« -oder ... oder wenn er doch wenigstens die Hand fester gedrückt hätte! - -Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas -anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar -nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand -... - - - - - Zweiundzwanzigstes Kapitel. - Stepan Trophimowitschs letzte Reise - - - I. - -Ich bin überzeugt, daß Stepan Trophimowitsch furchtbare Angst hatte, als -die für sein wahnsinniges Vorhaben bestimmte Zeit näher und näher -rückte. Ich bin überzeugt, daß er unter dieser Angst sehr gelitten hat, -besonders in der Nacht vor seinem Aufbruch, in jener furchtbaren Nacht. -Nastassja erinnerte sich nachher, daß er sich spät zu Bett gelegt, dann -aber fest geschlafen hatte. Doch das letztere will nicht allzuviel -besagen, denn auch zum Tode Verurteilte sollen in der letzten Nacht -sogar sehr fest schlafen. - -Wenn Stepan Trophimowitsch auch erst nach Sonnenaufgang loswanderte, -also zu einer Zeit, in der ein nervöser Mensch sich immer ermutigt fühlt -(der Major, der Verwandte Wirginskis, hörte ja sogar auf, an Gott zu -glauben, sobald die Nacht vorüber war), so bin ich doch überzeugt, daß -er sich vorher nie ohne Grauen hat vorstellen können, wie er sich allein -und in einer solchen Lage auf der großen Landstraße befinden werde. Es -wird aber wahrscheinlich etwas Tollkühnes in seinen Gedanken gewesen -sein, das ihm zunächst die ganze Größe der schrecklichen Empfindung des -plötzlichen Alleinseins milderte, nachdem er »_Stasie_« und seinen -zwanzigjährigen warmen Platz verlassen hatte. Doch gleichviel: auch wenn -er alle Schrecken, die ihn erwarteten, klar und deutlich vorausgesehen -hätte, -- er wäre dennoch auf die große Landstraße hinausgegangen und -hätte den Weg fortgesetzt! Hierin lag etwas Stolzes, etwas, das ihn -trotz allem begeisterte. Oh, er hätte ja auf Warwara Petrownas herrliche -Bedingungen eingehen und bei ihr bleiben können »_comme un_{[205]} -gewöhnlicher Schmarotzer!« Er aber nahm die Gnade nicht an und blieb -nicht bei ihr. Und siehe, jetzt geht er selbst von ihr und verläßt sie -und erhebt »die Fahne der großen Idee«, um für diese auf der großen -Landstraße zu sterben! Gerade so und nicht anders mußte er das -empfinden; gerade so mußte seine Handlungsweise ihm selbst erscheinen. - -Mehr als einmal habe ich mir die Frage gestellt: warum ging er denn -gerade zu Fuß fort, buchstäblich zu Fuß? Warum mietete er denn nicht -wenigstens einen Wagen, wenn er schon mit der Eisenbahn nicht fahren -wollte? Zuerst habe ich sie mir mit seiner fünfzigjährigen -Lebensunerfahrenheit beantwortet, schließlich aber mit einer -phantastischen Ideenverirrung unter dem Einfluß eines starken Gefühls -erklärt. Es schien mir, daß ihm der Gedanke an Postkutsche und Pferde -(selbst wenn sie Schellen und Glöckchen haben sollten) doch viel zu -banal und prosaisch vorkommen mußte. Dagegen war Pilgerschaft, wenn auch -mit dem Regenschirm in der Hand, viel schöner, viel liebend-rächender. -Heute freilich, nachdem alles vorüber ist, nehme ich an, daß es sich im -wesentlichen weit einfacher zugetragen hat. Er fürchtete sich wohl -einfach, Pferde zu mieten, denn erstens hätte Warwara Petrowna das -erfahren und ihn mit Gewalt zurückgehalten, er aber würde sich -selbstverständlich ergeben haben, und dann -- fahre wohl auf ewig, -große, heilige Idee! Und zweitens: wenn man schon Pferde und einen Wagen -nahm, mußte man doch wissen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte? -Das aber war sein größtes Leid in diesem Augenblick: einen bestimmten -Ort wählen und nennen, wäre ihm geradezu unmöglich gewesen. Sobald er -sich für irgendeinen bestimmten Ort entschloß, mußte ihm sein ganzes -Unternehmen sofort in seinen eigenen Augen dumm und unmöglich erscheinen --- das witterte er nur zu gut. Warum sollte es denn gerade diese Stadt -sein? Warum nicht eine andere? Und was soll er denn dort tun? _Ce -marchand_{[206]} suchen? Aber welchen _marchand_? Das war die -allerschrecklichste Frage! Im Grunde gab es für ihn nichts Furchtbareres -als _ce marchand_, den zu suchen er sich so Hals über Kopf vorgenommen -hatte, und den zu finden er im Grunde selbstverständlich am allermeisten -fürchtete. Nein, da war der weite Weg schon besser. Einfach drauf -loswandern, wandern, wandern und an nichts denken, so lange wie -nur möglich an nichts denken! Der weite Weg: das war etwas -Langes-Langes-Weites, dessen Ende man gar nicht sah -- ganz wie ein -Menschenleben, ganz wie ein Menschentraum ... Im weiten Wege lag eine -Idee. In der Postkutsche aber -- was war denn da für eine Idee? Da war -es zu Ende mit der Idee. Also: _Vive la grande route_{[207]} -- und dann -wie Gott will! - -Nach dem plötzlichen und unerwarteten Zusammentreffen mit Lisa ging er -in tiefem Selbstvergessen weiter. - -Der große Landweg führte in einer Entfernung von einer halben Werst an -Skworeschniki vorüber, und -- sonderbar -- er bemerkte es zuerst gar -nicht, daß er ihn betreten hatte. Klar zu denken oder auch nur die Dinge -mit Bewußtsein zu sehen, war für ihn in diesem Augenblick unerträglich. -Der feine Regen hörte bald auf, bald fing er wieder an; aber er bemerkte -auch den Regen nicht. Und ebensowenig bemerkte er, daß er die -Reisetasche sich über die Schulter geworfen hatte und daß ihm dadurch -das Gehen bedeutend leichter wurde. Und schließlich hatte er so ungefähr -eine ganze Werst oder anderthalb zurückgelegt, als er plötzlich stehen -blieb und sich umsah. Der alte, schwarze, von Wagenspuren durchfurchte -Weg mit seinen gepflanzten Weiden zog sich wie ein endloses Band vor ihm -hin; rechts lag die leere Fläche längst abgeernteter Getreidefelder; -links Gestrüpp und weiterhin ein Wäldchen. Und in der Ferne, weit, die -kaum wahrnehmbare, schräg weggleitende Linie des Eisenbahndammes und auf -ihm das Rauchwölkchen irgendeines Zuges, von dem aber kein Laut zu hören -war. Eine gewisse Verzagtheit überkam Stepan Trophimowitsch, aber nur -auf einen Augenblick. Er seufzte -- grundlos, stellte dann seine -Reisetasche neben eine Weide und setzte sich, um sich auszuruhen. Beim -Niedersetzen fühlte er, daß ihn fröstelte, und er wickelte sich in sein -Plaid; bei der Gelegenheit bemerkte er auch den Regen, und er spannte -den Schirm über sich auf. So saß er ziemlich lange, schob zuweilen die -Lippen hin und her und hielt krampfhaft den Schirmstiel umklammert. -Verschiedene Bilder zogen in fieberhaftem Reigen an ihm vorüber, eines -immer schnell das andere aus seinem Bewußtsein verdrängend. »_Lise, -Lise_,« dachte er, »und mit ihr _ce Maurice_ ... Sonderbare Menschen ... -Aber was war das eigentlich für ein Brand und worüber sprachen sie doch, -u--und ... und wer ist denn ermordet worden? Ich glaube, _Stasie_ hat -noch nichts gemerkt und wartet noch mit dem Kaffee auf mich ... Im -Kartenspiel? Habe ich denn Menschen im Kartenspiel verspielt? Hm! bei -uns in Rußland, zur Zeit der sogenannten Leibeigenschaft ... Ach, Gott, -aber Fedjka?« - -Er fuhr auf vor Schreck und blickte sich angstvoll um. - -»Wenn dieser Fedjka jetzt hier irgendwo hinter einem Strauch sitzt? Man -sagt doch, er habe hier eine ganze Räuberbande an der großen Landstraße? -O Gott, ich werde dann ... Ich werde ihm dann die ganze Wahrheit sagen, -daß ich schuldig bin ... und daß ich zehn Jahre um ihn gelitten habe, -- -viel mehr, als er dort bei den Soldaten, und ... und ich gebe ihm mein -Portemonnaie. Hm! _j'ai en tout quarante roubles, il prendra les roubles -et il me tuera tout de même_.«{[208]} - -Vor Angst klappte er, ich weiß nicht warum, den Schirm wieder zusammen -und legte ihn neben sich. Weit auf der Landstraße, zur Stadt hin, -bemerkte er plötzlich ein Gefährt: unruhig sah er ihm entgegen und -versuchte zu unterscheiden, was es war. - -»_Grace à Dieu_,{[209]} es ist ein Wagen und -- er fährt Schritt ... das -kann nicht gefährlich sein. Diese hiesigen verhungerten Pferdchen ... -Ich habe schon immer gesagt, daß die Rasse ... Übrigens nein, das war -Pjotr Iljitsch, der im Klub immer von der Rasse gesprochen hat. Er hat -im Spiel mit mir verloren ... oder nein, die Partie blieb _remis ... et -puis_,{[210]} -- aber was ist denn da hinten ... es scheint ... ein Weib -sitzt auf dem Wagen. Ein Weib und ein Mann -- _cela commence à être -rassurant_.{[211]} Das Weib sitzt hinten und der Mann vorn, -- _c'est -très rassurant_. Hinten am Wagen ist eine Kuh an den Hörnern angebunden, -_c'est rassurant au plus haut degré_{[212]} ...« - -Der Wagen kam immer näher: es war ein fester, guter Bauernwagen. Das -Weib saß auf einem vollgestopften Sack, der Mann vorn auf dem Wagenrand, -so daß seine Beine zu der Wegseite, auf der Stepan Trophimowitsch saß, -überm Rade herabbaumelten. Hinter dem Wagen trottete tatsächlich eine -rote Kuh, die mit einem Strick um die Hörner an den Wagen gebunden war. -Der Mann und das Weib starrten mit aufgerissenen Augen auf Stepan -Trophimowitsch, und dieser genau so auf sie. So zogen sie an ihm -vorüber. Doch als er sie schon gute zwanzig Schritt hatte weiterfahren -lassen, erhob er sich plötzlich eilig und lief ihnen nach, um sie -einzuholen. In der Nachbarschaft des Wagens schien es ihm -natürlicherweise bedeutend sicherer zu sein. Doch kaum hatte er sie -erreicht, da hatte er alles schon wieder vergessen und sich bereits von -neuem in seine Gedanken und Vorstellungen versenkt. Er ging einfach -nebenher und merkte gar nicht, daß er für den Mann und das Weib -mittlerweile das rätselhafteste und interessanteste Objekt abgab, das -man je auf der großen Landstraße antreffen konnte. - -»Sie, was sind Sie denn, von welchen Leuten denn eigentlich, wenn es -nicht verboten is zu fragen?« fragte endlich das Weib, das nicht länger -an sich halten konnte, als Stepan Trophimowitsch in der Zerstreutheit -plötzlich auch sie ansah. - -Sie war vielleicht siebenundzwanzig Jahre alt, rundlich, mit dunklen -Augenbrauen, roten Wangen und freundlich lächelnden roten Lippen, -zwischen denen gleichmäßige weiße Zähne glänzten. - -»Sie ... Sie wenden sich an mich?« stotterte Stepan Trophimowitsch mit -bekümmerter Verwunderung. - -»Muß wohl einer von den Kaufmännern sein,« meinte der Mann mit -Überlegenheit. - -Der war ein stämmiger Bauer von ungefähr vierzig Jahren, mit einem -breiten, nicht dummen Gesicht und großem blonden Bart. - -»Nein, ich bin nicht gerade von den Kaufleuten, ich ... ich ... _moi -c'est autre chose_,«{[213]} verteidigte sich, so gut es ging, Stepan -Trophimowitsch und blieb auf alle Fälle ein wenig zurück, so daß er -jetzt neben der Kuh ging. - -»Muß wohl einer von den Herrschaften sein,« schätzte der Mann, als er -die nicht russischen Worte vernommen hatte, und zog die Leine, um sein -Pferd ein wenig aufzumuntern. - -»Ja, ich mein' auch, das sieht man doch, denn es ist doch ganz, als ob -der Herr auf 'n Spaziergang gehen!« meinte wieder das muntere Weib. - -»Das ... das fragten Sie mich?« - -»Die Ausländer, die hier fahren, die gehen meistens da in die Eisenbahn, -die dort hinten auf Schienen läuft, und Ihre Stiefel sind auch gar nich -so wie hiesige ...« - -»Stiefel sind militärisch,« bemerkte selbstzufrieden und bedeutsam der -Mann. - -»Nein, nicht gerade, daß ich Militär ... ich ...« - -»Was das doch für ein neugieriges Weibchen ist,« dachte Stepan -Trophimowitsch ärgerlich, »und wie sie mich betrachten ... _mais -enfin_{[214]} ... Mit einem Wort, es ist sonderbar, daß ich mir vor -ihnen geradezu irgendwie schuldig vorkomme, und ich bin doch durchaus -nicht schuldig vor ihnen!« - -Das Weibchen neigte sich vor und flüsterte mit dem Mann. - -»Wenn der Herr es nich für ungut nehmen will, so können wir Sie ja -mitnehmen, wenn es man bloß angenehm ist.« - -Stepan Trophimowitsch wachte plötzlich gleichsam auf. - -»Ja, ja, meine Freunde, ich bin mit dem größten Vergnügen dabei, denn -ich habe mich schon sehr müde gelaufen, nur -- wie komme ich denn dort -hinauf?« - -»Wie sonderbar,« dachte er bei sich, »daß ich so lange neben dieser Kuh -gegangen bin und es mir nicht in den Kopf gekommen ist, sie schon früher -zu bitten, mich in den Wagen aufzunehmen ... Dieses >reale Leben< hat -doch etwas überaus Charakteristisches!« - -Der Mann hielt aber das Pferdchen deshalb noch nicht an. - -»Ja, wohin will er denn?« erkundigte er sich mit einigem Mißtrauen. - -Stepan Trophimowitsch begriff nicht sofort. - -»Wohl nach Hatoff, mein' ich?« - -»Zu Hatoff? Nein, nicht gerade, daß ich zu Hatoff ... Und ich bin auch -nicht ganz bekannt mit ihm ... aber ich habe schon von ihm gehört ...« - -»Nee, das Dorf Hatowo, 'n Dorf, neun gute Werst von hier.« - -»Ein Dorf? _C'est charmant_,{[215]} ja, ja, ich glaube auch schon davon -gehört zu haben ...« - -Stepan Trophimowitsch ging immer noch, denn man machte noch nicht Miene, -ihn aufzunehmen. Da kam ihm plötzlich ein genialer Einfall. - -»Sie glauben vielleicht, daß ich ... Ich habe einen Paß, ich bin -- -Professor, das heißt, wenn Sie wollen, Lehrer ... aber Oberlehrer. Ich -bin Oberlehrer. _Oui, c'est comme ça qu'on peut le traduire._{[216]} Ich -würde mich sehr gern in den Wagen setzen und ich werde ... ich werde -Ihnen dafür einen Liter Branntwein kaufen.« - -»Ein halber Rubel von Sie, Herr, der Weg ist schwer.« - -»Und sonstig würde es man gar nich für uns angehen,« meinte auch das -Weibchen. - -»Ein halber Rubel? Nun gut, ein halber Rubel. _C'est encore mieux, j'ai -en tout quarante roubles, mais ..._«{[217]} - -Der Mann hielt endlich das Pferdchen an und Stepan Trophimowitsch wurde -mit vereinten Kräften in den Wagen gezogen und neben das Weib auf den -Sack gesetzt. Der Wirbelsturm von Gedanken verließ ihn auch jetzt nicht. -Zuweilen fühlte er selbst, daß er irgendwie ganz besonders zerstreut war -und gar nicht an das dachte, woran er eigentlich denken sollte, und -wunderte sich darüber. Diese Erkenntnis bedrückte ihn schwer in manchen -Augenblicken und kränkte ihn sogar. - -»Das ... was ist denn das da hinten eigentlich -- eine Kuh?« fragte er -plötzlich das Weib. - -»Ach du mein! hat denn der Herr noch keine Kuh gesehn?« fragte das Weib -lachend zurück. - -»In der Stadt gekauft,« bemerkte der Mann. »All unser Vieh ist im -vergangenen Frühjahr krepiert. Pest. In unserer Gegend sind rundherum -alle um die Ecke gegangen, kaum die Hälfte frißt noch weiter. Nichts zu -machen. Schrei, wieviel du willst, es krepiert dir doch.« - -»Ja, das kommt bei uns vor in Rußland ... und überhaupt wir Russen ... -nun, ja, es kommt vor,« meinte Stepan Trophimowitsch. - -»Wenn Sie nu Lehrer sind, was suchen Sie dann in Hatoff? Oder geht's -noch weiter?« - -»Ich ... das heißt, nicht gerade, daß ich irgendwohin weiter wollte ... -_C'est à dire_,{[218]} ich will zu einem Kaufmann.« - -»Ah, so! Dann wird's wohl nach Spassowo sein?« - -»Ja, ja, nach Spassowo, nach Spassowo. Übrigens ist das einerlei.« - -»Wenn Sie nu nach Spassowo zu Fuß gehen wollten, ach du mein! -- in -Ihren Stiefelchen brauchten Sie dazu eine ganze Woche!« Das Weibchen -lachte. - -»Ja, ja, aber das ist ganz gleichgültig, _mes amis_,{[219]} ganz -gleichgültig,« brach Stepan Trophimowitsch ungeduldig ab. - -»Schrecklich neugieriges Volk. Das Weib spricht übrigens besser als er, -und überhaupt habe ich bemerkt, daß seit der Aufhebung der -Leibeigenschaft der Stil sich ein wenig verändert hat ... Was geht es -sie übrigens an, ob ich nach Spassowo fahre oder nicht nach Spassowo? -Ich bezahle ihnen doch die Reise, was drängen sie sich da so auf?« - -»Wenn man nach Spassoff will, so muß man noch mit'n Dampfschiff fahren,« -bemerkte der Mann. - -»Ja, das muß er,« griff das Weib sofort auf, »denn mit Pferden längs dem -Ufer hat er dreißig Werst Umweg zu machen.« - -»Vierzig,« verbesserte der Mann. - -»Und morgen grad um zwei Uhr kriegen Sie den Dampfer in Ustjewo fest!« -triumphierte das Weibchen. - -Stepan Trophimowitsch schwieg aber hartnäckig. Da verstummten denn -allmählich auch der Mann und das Weibchen. Der Mann zog hin und wieder -mit aufmunterndem Zuruf die Leine an und das Weibchen machte von Zeit zu -Zeit kurze Bemerkungen, auf die der Mann irgend etwas antwortete. Stepan -Trophimowitsch schlummerte allmählich ein. Er war furchtbar erstaunt, -als ihn plötzlich das Weibchen aufweckte und lachend sagte, daß sie -schon angekommen seien, und er sich auf einmal in einem Dorf vor der -Treppe eines dreifenstrigen Bauernhauses sah. - -»Eingeschlafen, Herr?« - -»Was ist das? Was?! Wo--o bin ich denn? Ach! Nun ... Nun, einerlei ...« -Stepan Trophimowitsch seufzte tief auf und kletterte dann aus dem Wagen. - -Er sah sich traurig um; sonderbar und ganz furchtbar fremdartig erschien -ihm plötzlich das Aussehen eines Dorfes. - -»Ach, den halben Rubel, den habe ich ganz vergessen!« wandte er sich mit -einer völlig unbegründeten Hast zu dem Manne. - -Augenscheinlich bangte ihm schon vor der Trennung von den beiden. - -»Kann man in der Stube abmachen, wenn man erst eingetreten ist,« -forderte ihn der Mann auf. - -»Hier ist es gut!« versuchte das Weibchen ihn zu ermutigen. - -Stepan Trophimowitsch trat auf die wackelige Holztreppe. - -»Ja, wie ist denn das nur möglich,« flüsterte er in tiefer und -erschrockener Verständnislosigkeit vor sich hin und trat in das -Bauernhaus. »_Elle l'a voulu_,«{[220]} stach es ihm plötzlich ins Herz. - -Und wieder vergaß er alles, vergaß selbst das, daß er ins Haus getreten -war. - -Es war ein helles und ziemlich sauberes Bauernhaus mit drei Fenstern und -zwei Zimmern, doch nicht eine Herberge, sondern nur so ein Haus, in dem -vorüberfahrende Bekannte abstiegen. Stepan Trophimowitsch ging ohne die -geringste Verwirrung in die Gastecke des ersten Zimmers, vergaß zu -grüßen, setzte sich und verfiel in Gedanken. Das angenehme Gefühl der -Wärme nach dreistündiger feuchter Kälte ergoß sich ungemein wohlig über -seinen Körper. Sogar die Frostschauer, die ihm kurz und plötzlich über -den Rücken liefen, -- wie das bei allen sehr nervösen Menschen vor einer -Influenza zu sein pflegt, wenn sie plötzlich aus der Kälte in die Wärme -kommen, waren ihm mit einem Male ganz eigentümlich angenehm. Er erhob -den Kopf, und siehe da -- der leckere Duft von heißen Pfannkuchen, die -die Bäuerin im Ofen briet, reizte seinen Geruchssinn. Mit einem -kindlichen Lächeln auf den Lippen erhob er sich und trat vorsichtig zum -Weibe. - -»Was ist denn das? Das sind doch Pfannkuchen, nicht wahr?« fragte er -sie. »_Mais c'est charmant!_«{[221]} - -»Wollen der Herr vielleicht welche?« bot ihm das Weib sogleich höflich -an. - -»Natürlich will ich, selbstverständlich will ich, und ... ich würde Sie -auch noch um etwas Tee bitten.« - -»Ach, das Samowarchen aufsetzen? Ach, aber gern, gnädiger Herr!« - -Und auf einem großen Teller mit dickem blauen Muster erschienen sogleich -die Pfannkuchen, wie nur die Bauern allein sie zu bereiten verstehen, -halb aus Weizenmehl, ganz dünn und mit heißer, frischer Butter -übergossen -- die herrlichsten Pfannkuchen der Welt. Stepan -Trophimowitsch kostete mit Hochgenuß. - -»Wie schön sie sind, die Pfannkuchen, und wieviel Butter! Und wenn man -jetzt noch _un doigt d'eau de vie_{[222]} ...« - -»Will der Herr nicht vielleicht ein Schnäpschen dazu?« - -»Das ist's, das ist's ja gerade, ein wenig nur, _un tout petit -rien_{[223]} ...« - -»Für fünf Kopeken?« - -»Für fünf -- für fünf -- für fünf, _un tout petit rien_,« bestätigte -Stepan Trophimowitsch kopfnickend mit seligem Lächeln. - -Bittet man einen einfachen Russen, etwas für einen zu tun, so wird er -gern zu allem bereit sein, was in seinen Kräften steht; bittet man ihn -aber, ein Schnäpschen für einen zu besorgen, so verwandelt sich die -freundliche Bereitwilligkeit sofort in einen geschäftigen, freudigen -Diensteifer, ja fast in verwandtschaftliche Fürsorge. Und wenn auch -derjenige, der das Schnäpschen besorgt, genau weiß, daß man den Schnaps -ganz allein trinken wird und er nicht einen Tropfen davon erhält, so -scheint er doch gleichsam einen Teil des Genusses, den man beim Trinken -haben wird, im voraus mitzuempfinden ... In kaum drei Minuten (die -Schenke war nur ein paar Schritte vom Hause entfernt) stand vor Stepan -Trophimowitsch eine Flasche und ein großes grünliches Schnapsglas. - -»Und das alles ist für mich?« fragte er höchst verwundert. »Ich habe -immer Schnaps in meinem Weinschrank gehabt, aber ich habe nie gewußt, -daß man soviel für nur fünf Kopeken bekommt.« - -Er goß das Glas bis zum Rande voll, erhob sich und schritt mit einer -gewissen Feierlichkeit durch die ganze Stube zu der anderen Ecke, wo -seine Reisegefährtin saß, -- das nette Weibchen, das ihm unterwegs mit -den vielen Fragen so lästig geworden war. Das Weibchen wurde verlegen -und sträubte sich, zu trinken, doch nachdem sie alles gesagt hatte, was -der Anstand in solchen Fällen verlangt, erhob sie sich, nahm das Glas -und trank ehrerbietig in drei Schlückchen (wie Frauen zu trinken -pflegen) den Branntwein aus, worauf sie, das Gesicht zu einem -schrecklichen Schmerzensausdruck ob des scharfen Weines verziehend, das -Glas mit einer höflichen Verbeugung Stepan Trophimowitsch zurückreichte. -Er erwiderte die Verbeugung würdevoll und kehrte mit geradezu stolzer -Miene an seinen Tisch zurück. - -Es war das alles von ihm aus auf Grund einer plötzlichen Eingebung -geschehen: noch eine Sekunde vorher hatte er nicht gewußt, daß er -hingehen und dem Weibchen das Glas Branntwein anbieten werde. - -»Ich verstehe es tadellos, tadellos, mit dem Volk umzugehen, und das -habe ich ihnen immer gesagt,« dachte er selbstzufrieden, als er sich den -Rest des Branntweins eingoß, der ihn, wenn auch kein volles Glas -übriggeblieben war, doch belebend erwärmte und ihm sogar ein wenig zu -Kopf stieg. - -»_Je suis malade tout à fait, mais ce n'est pas trop mauvais d'être -malade._«{[224]} - -»Wünschen Sie nicht eines davon zu kaufen?« ertönte plötzlich eine leise -Frauenstimme neben ihm. - -Er sah auf und erblickte zu seiner Verwunderung eine Dame vor sich -- -_une dame et elle en avait l'air_{[225]} -- eine Dame von mehr als -dreißig Jahren, die sehr bescheiden aussah, städtisch gekleidet war und -ein großes graues Tuch um die Schultern trug. In ihrem Gesicht lag etwas -sehr Angenehmes, das Stepan Trophimowitsch sofort ungemein gefiel. Sie -war erst vor ein paar Minuten ins Haus zurückgekehrt. Ihre Sachen lagen -noch auf der Bank neben Stepan Trophimowitsch: unter anderem eine -Ledertasche, die er -- dessen erinnerte er sich plötzlich -- bei seinem -Eintritt neugierig betrachtet hatte, und ein nicht sehr großer Sack aus -Wachstuch. Aus eben diesem Sack hatte sie jetzt zwei hübsch gebundene -kleine Bücher genommen, die sie Stepan Trophimowitsch hinhielt. - -»_Eh ... mais je crois que c'est l'Evangile ..._{[226]} Aber mit dem -größten Vergnügen ... Ah, ich verstehe ... _Vous êtes ce qu'on appelle -une_{[227]} Bibelverkäuferin? Ich habe, glaub ich, vor nicht allzu -langer Zeit so etwas gelesen ... Fünfzig Kopeken?« - -»Fünfunddreißig Kopeken,« antwortete die Bibelfrau. - -»Mit dem größten Vergnügen. _Je n'ai rien contre l'Evangile, et -..._{[228]} Ich habe es schon lange wieder einmal lesen wollen ...« - -Und im selben Augenblick kam es ihm zu Bewußtsein, daß er wohl seit -dreißig Jahren keine Bibel mehr in der Hand gehabt hatte und sich -überhaupt nur noch einiger Stellen erinnerte, die er vor ungefähr sieben -Jahren in Renans »_Vie de Jésus_«{[229]} gelesen. Da er kein Kleingeld -hatte, zog er seine vier Zehnrubelscheine hervor -- alles, was er besaß. -Die Wirtin erbot sich, ihm einen Schein auszuwechseln, und da erst -bemerkte er, daß sich inzwischen ziemlich viel Volk im Zimmer versammelt -hatte, das ihn wahrscheinlich schon lange beobachtete, jedenfalls aber -über ihn sprach. Doch auch über den Brand wurde gesprochen, von dem der -Besitzer des Wagens und der roten Kuh alles mögliche berichtete, da er -in der Stadt gewesen war und mehr wußte, als die anderen. Man sprach -auch von den Spigulinschen und darüber, daß man »absichtlich angezündet« -hätte. - -»Mit mir hat er kein Wort über den Brand gesprochen, als er mich -herfuhr, sondern nur über anderes,« dachte Stepan Trophimowitsch -flüchtig. - -»Väterchen, Stepan Trophimowitsch, gnädiger Herr! Sind Sie es denn -wirklich, den ich sehe? Ach Gott, das hätte ich aber wirklich schon gar -nicht erwartet! ... Haben mich wohl nicht erkannt?« rief plötzlich ein -ältlicher Mann, der mit seinem glattrasierten Gesicht wie ein alter, -altmodischer Hofsknecht aussah und einen langen Mantel mit -hochgeschlagenem Kragen trug. Stepan Trophimowitsch erschrak, als er -seinen Namen rufen hörte. - -»Verzeihen Sie,« murmelte er, »aber ich kann mich Ihrer nicht mehr ganz -deutlich erinnern ...« - -»Haben mich vergessen, ach ja! Ich bin doch Anissim, Anissim Iwanoff. -Ich diente beim seligen Herrn Gaganoff, und habe Euch, gnädiger Herr, -mehr wie hundertmal mit Warwara Petrowna bei der seligen Awdotja -Ssergejewna gesehn. Awdotja Ssergejewna aber hat mich mit Bücherchen -nach Skworeschniki geschickt, ja, und zweimal habe ich Euch, gnädiger -Herr, auch von ihr Petersburger Bonbons, oder wie sie da heißen, die -Konfektchen, gebracht ...« - -»Ach doch, ich erinnere mich, Anissim,« sagte Stepan Trophimowitsch -lächelnd. »Und du lebst jetzt hier?« - -»Ich lebe bei Spassoff, im W--schen Kloster, in der Ansiedlung, bei -Marfa Ssergejewna, bei der Schwester von unserer seligen Awdotja -Ssergejewna, vielleicht erinnert sich der gnädige Herr noch, die sich -das Bein brachen, als sie unterwegs aus dem Wagen sprangen -- fuhren zum -Ball. Jetzt leben sie allein beim Kloster und ich bin dortselbst bei -ihr. Heute aber wollte ich, wie der Herr sehen, ins Gouvernement, um die -Meinigen mal zu besuchen ...« - -»Nun ja, nun ja.« - -»Ach, hab ich mich was gefreut, als ich den gnädigen Herrn sah, waren -immer so gnädig zu mir,« sagte Anissim mit gerührtem Lächeln. »Aber -wohin fährt denn der gnädige Herr, und noch so ganz allein? ... Sind -doch sonstig, glaub ich, nie so allein ausgefahren?« - -Stepan Trophimowitsch sah ihn erschrocken an. - -»Fährt der gnädige Herr nicht vielleicht gerade zu uns, nach Spassoff?« - -»Ja ... ja, ich fahre nach Spassoff. _Il me semble que tout le monde va -à Spassoff ..._«{[230]} - -»Ach, und vielleicht gar zu Fjodor Matwejewitsch selber? Ach, wird der -sich aber freuen! Hat doch immer den gnädigen Herrn so geliebt und -spricht auch jetzt oft vom gnädigen Herrn ...« - -»Ja, ja, auch zu Fjodor Matwejewitsch.« - -»Das muß wohl sein. Das muß wohl sein. Hier die Männer, die wundern -sich, sagen, daß man den gnädigen Herrn zu Fuß unterwegs ganz allein -getroffen hat. Aber was! Dummes Volk bleibt doch immer dummes Volk!« - -»Ich ... Ich ... Weißt du, Anissim, ich habe gewettet, wie die Engländer -das zuweilen machen, daß ich zu Fuß so und so viele Werst gehen könne, -und da bin ich nun ...« - -Schweiß trat ihm an den Schläfen und auf der Stirn hervor. - -»Muß wohl sein, muß wohl sein ...« meinte ohrenspitzend Anissim und -hörte mit wahrhaft unbarmherziger Neugier zu. Aber Stepan Trophimowitsch -hielt dem nicht stand. Er verwirrte sich so, daß er schon aufstehen -wollte, um aus dem Hause zu laufen. Da wurde aber der Samowar gebracht, -und im selben Augenblick kehrte auch die Bibelfrau zurück. Wie ein -Mensch, der sich an seinen Retter wendet, so bat Stepan Trophimowitsch -jetzt schnell die Bibelfrau, mit ihm Tee zu trinken. Da trat Anissim -zurück und ging bald darauf aus dem Zimmer. - -Unter dem Volk hatte sich tatsächlich schon die Frage erhoben: Was ist -das für ein Mensch? War zu Fuß auf der Landstraße, sagt, er sei Lehrer, -gekleidet ist er wie ein Ausländer und sprechen tut er wie ein kleines -Kind, und mitunter antwortet er ganz so, als ob er fortgelaufen sei, und -dabei hat er noch Geld! Kurz, es dauerte nicht lange und man begann zu -erwägen, ob man nicht die Polizei benachrichtigen solle: »da es bei -alledem in der Stadt auch nicht ganz ruhig ist.« Da kam Anissim gerade -zur rechten Zeit in den Flur und beruhigte schnell die Gemüter. Er -verkündete dem ganzen Publikum, daß Stepan Trophimowitsch nicht so was, -wie ein Lehrer, sondern »selber ein großer Gelehrter« sei, der sich mit -allen Wissenschaften beschäftigt, und früher sei er selber hiesiger -Gutsbesitzer gewesen, lebe nun aber schon seit zweiundzwanzig Jahren im -Hause der Generalin Stawrogina an Stelle des seligen Herrn, und in der -ganzen Stadt sei er hoch angesehen und alle Menschen achteten ihn sehr. -Im Adelsklub habe er oft an einem einzigen Abend an die tausend Rubel -verspielt und dem Titel nach sei er »Rat«, was ebensoviel besagen wolle -wie ein Oberstleutnant, also nur etwas weniger als ein voller Oberst. -Und was das Geld anbeträfe, so könne man das, weil es doch die Generalin -Stawrogin sei, gar nicht abzählen, usw., usw. - -»_Mais c'est une dame et très comme il faut_,«{[231]} dachte inzwischen -Stepan Trophimowitsch und seufzte wie erlöst nach dem Anissimschen -Angriff auf. Mit angenehmer Neugier betrachtete er seine neue Nachbarin, -die übrigens den Tee von der Untertasse trank und den Zucker vom -Stückchen dazu biß. »_Ce petit morceau de sucre ce n'est rien -..._{[232]} Es ist etwas Edles und Unabhängiges und gleichzeitig -- -Stilles in ihr. _Le comme il faut tout pur_,{[233]} nur ein wenig wie -von einer anderen Art.« - -Bald erfuhr er von ihr, daß sie Ssofja Matwejewna Ulitina hieß und -eigentlich in K. wohnte, wo sie eine verwitwete Schwester unter den -Bäuerinnen hatte. Auch sie war Witwe, da ihr Mann bei Sebastopol -gefallen war. - -»Aber Sie sind noch so jung, _vous n'avez pas trente ans_.«{[234]} - -»Vierunddreißig,« sagte Ssofja Matwejewna lächelnd. - -»Wie, Sie sprechen auch französisch?« - -»Ein wenig nur: ich habe nachher in einem adligen Hause vier Jahre -gelebt und da habe ich von den Kindern etwas gelernt.« - -Sie erzählte ferner, daß sie nach dem Tode ihres Mannes zunächst in -Sebastopol als barmherzige Schwester geblieben sei, darauf habe sie -verschiedene Stellen gehabt und jetzt gehe sie und verkaufe Bibeln. - -»_Mais, mon Dieu_,{[235]} waren Sie es vielleicht, mit der eine -sonderbare, sogar sehr sonderbare Geschichte bei uns passierte?« - -Sie wurde rot: sie war es tatsächlich gewesen. - -»_Ces vauriens, ces malheureux!_«{[236]} ... begann Stepan -Trophimowitsch mit einer Stimme, die vor Unwillen bebte: diese -widerliche Erinnerung preßte ihm qualvoll das Herz zusammen und er -verlor sich darob wieder in Gedanken. - -»Ach, sie ist schon fortgegangen,« dachte er erstaunt, als er plötzlich -bemerkte, daß sie nicht mehr neben ihm saß. »Sie geht ziemlich oft fort -und scheint ja mit irgend etwas sehr beschäftigt zu sein; ich glaube, -sie ist sogar aufgeregt ... _Bah, je deviens égoïste!_«{[237]} - -Als er nach einiger Zeit aufsah, erblickte er wieder Anissim, diesmal -aber mit einer geradezu bedrohlichen Gefolgschaft: das halbe Zimmer war -von Bauern eingenommen, die alle Stepan Trophimowitsch nach Spassoff -fahren wollten. Außer Anissim standen noch da: der Besitzer des Hauses, -ferner der Mann, der ihn hergefahren hatte, sodann mehrere andere Männer --- wie es sich herausstellte, lauter Fuhrleute -- und ein kleiner -halbbetrunkener Mensch, der am allermeisten sprach, wie ein Tagelöhner -gekleidet war, doch mit seinem rasierten Gesicht wie ein -heruntergekommener Kleinbürger aussah. Und alle die zankten sich -seinetwegen, zankten sich um den armen Stepan Trophimowitsch! Der -Besitzer der Kuh versicherte in einem fort, daß im Wagen längs dem Ufer -mindestens »vierzig Werst Umweg« zu machen seien, und daß man unbedingt -mit dem Dampfer fahren müsse. Der halbbetrunkene Kleinbürger dagegen und -der Hauswirt widersprachen eifrig: - -»Darum daß wenn du, mein Bruderherz, Seiner Hochwohlgeboren auch sagst, -daß es über'n See wohl näher is, so is das wie's is, aber der Dampfer -kommt doch nich!« - -»Wird kommen, er wird sicher kommen, noch 'ne ganze Woche wird er -kommen!« beteuerte Anissim aufgeregt. - -»Schön, er kommt, das is wie's is, aber er kommt doch nie nich akkurat, -und jetzt is doch die Zeit schon spät, und da kommt's vor, daß man ihn -in Ustjewo runde drei Tage nich sieht!« schimpfte der Halbbetrunkene. - -»Morgen wird er sicher kommen, morgen um zwei Uhr, und in Spassoff kommt -dann der gnädige Herr gerade noch zum Abend an!« rief Anissim. - -»_Mais qu'est-ce qu'il a cet homme?_«{[238]} fragte Stepan -Trophimowitsch, der nicht wußte, um was es sich handelte, sich schon das -Schlimmste dachte und zitternd sein Schicksal erwartete. - -Da drängten sich schließlich die Fuhrleute immer näher und boten sich -an: bis Ustjewo verlangte jeder von ihnen drei Rubel. Die anderen -schrien, drei Rubel seien wirklich nicht zu viel, da man den ganzen -Sommer hindurch von hier bis Ustjewo für diesen Preis gefahren habe. - -»Aber ... hier ist es ja auch gut ... Ich will gar nicht fort,« -stammelte Stepan Trophimowitsch abwehrend. - -»Hier ist's gut, gnädiger Herr, das ist schon wahr, aber bei uns in -Spassoff ist es noch weit besser, und was wird Fjodor Matwejewitsch über -den Besuch sich freuen!« ... - -»_Mon Dieu, mes amis_,{[239]} das kommt mir alles so unerwartet ...« - -Endlich kehrte zum Glück auch Ssofja Matwejewna zurück. Sie setzte sich -aber traurig und wie zerschlagen auf die Bank. - -»So komme ich denn schon nicht mehr nach Spassoff!« sagte sie -niedergeschlagen zur Wirtin. - -»Wie, auch Sie wollen nach Spassoff?« fragte Stepan Trophimowitsch -plötzlich belebt. - -Es stellte sich heraus, daß eine Gutsbesitzerin, Nadeschda Jegorowna -Swetlizyna, der Bibelfrau gestern gesagt hatte, sie solle sie in Hatoff -erwarten, da sie dort durchfahren und sie dann nach Spassoff mitnehmen -werde. Nun aber traf diese Nadeschda Jegorowna noch immer nicht ein. - -»Was soll ich jetzt tun?« fragte Ssofja Matwejewna ängstlich. - -»_Mais, ma chère et nouvelle amie_,{[240]} ich kann Sie doch -gleichfalls, ganz wie diese Gutsbesitzerin, mitnehmen! ... in dieses, -wie heißt es doch, in dieses Dorf, wohin ich fahre und den Fuhrmann -schon angenommen habe! -- nun, und morgen sind wir dann beide in -Spassoff ...« - -»Ja, fahren Sie denn auch nach Spassoff?« - -»_Mais que faire, et je suis enchanté!_{[241]} Und ich würde Sie mit dem -größten Vergnügen hinbringen. Sehen Sie, die wollen es doch alle, daß -ich hinfahre, und ich habe ja auch bereits einen ... Wen von euch habe -ich denn nun engagiert?« fragte Stepan Trophimowitsch lebhaft die -Bauern, plötzlich sehr damit einverstanden, nach Spassoff zu fahren. - -Eine Viertelstunde später saßen sie bereits in dem verdeckten Wagen: er -ungemein angeregt und vollkommen zufrieden, sie mit ihrem Wachstuchsack -und einem dankbaren Lächeln neben ihm. Anissim lief rund um den Wagen -und bemühte sich wie für Geld. - -»Glückliche Reise, gnädiger Herr, habe mich so gefreut über das -Wiedersehen!« - -»Adieu, adieu, leb wohl, mein Freund, leb wohl, adieu.« - -»Der gnädige Herr wird nun auch Fjodor Matwejewitsch wiedersehen ...« - -»Ja, mein Freund, ja ... auch Fjodor Pawlowitsch ... nur Adieu.« - - - II. - -»Sehen Sie, mein Freund -- Sie erlauben mir doch, mich Ihren Freund zu -nennen, _n'est-ce pas_?«{[242]} begann Stepan Trophimowitsch eilig, -gleich nachdem sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte. »Sehen Sie, ich -... _J'aime le peuple, c'est indispensable, mais il me semble que je ne -l'avais jamais vu de près. Stasie ... cela va sans dire qu'elle est -aussi du peuple ... mais le vrai peuple_,{[243]} das heißt, das -wirkliche, das auf der weiten Landstraße ist, das, glaube ich, bekümmert -sich um weiter nichts in der Welt, als um dieses eine: wohin ich -eigentlich fahre ... Doch übergehen wir die Kränkungen. Ich glaube, ich -spreche heute etwas durcheinander, aber das kommt wohl nur, denke ich, -von der Eile ...« - -»Ich fürchte, Sie sind nicht ganz wohl,« bemerkte Ssofja Matwejewna, die -ihn prüfend, wenn auch ehrerbietig ansah. - -»Nein, nein, man muß sich nur ein wenig fester einwickeln, und überhaupt -... der Wind ist etwas frisch, etwas zu frisch, aber ... vergessen wir -das. Ja, die Hauptsache ... ich wollte eigentlich gar nicht das sagen. -_Chère et incomparable amie_,{[244]} ich glaube, daß ich fast glücklich -bin, und schuld daran -- sind Sie! Mir tut das Glück nicht gut, denn -dann vergebe ich gewöhnlich sofort allen meinen Feinden ...« - -»Das ist aber doch sehr gut.« - -»Nicht immer, _chère innocente. L'Evangile ... Voyez-vous, désormais -nous le prêcherons ensemble_{[245]} und ich werde mit Freuden Ihre -netten Büchlein da verkaufen. Ja, ich fühle, daß das sogar eine Idee -ist, _quelque chose de très nouveau dans ce genre_.{[246]} Das Volk ist -religiös, _c'est admis_,{[247]} aber es kennt noch nicht das Evangelium. -Ich werde es ihm erklären ... In mündlicher Auslegung kann man leichter -die Fehler dieses bemerkenswerten Buches korrigieren ... Dieses Buch ... --- ich bin bereit, mich mit außerordentlicher Hochachtung zu diesem -Buche zu verhalten. Ich werde auch auf der großen Landstraße nützlich -sein können. Ich bin immer nützlich gewesen, ich habe _ihnen_ das immer -gesagt _et à cette chère ingrate aussi_{[248]} ... Oh, vergeben wir, -vergeben wir, lassen Sie uns vor allem vergeben, und allen allen -vergeben und immer vergeben. Und hoffen wir, daß man auch uns vergeben -wird. Ja, denn alle, jeder einzelne ist vor dem anderen schuldig. Alle -sind schuldig! ...« - -»Das haben Sie, glaub ich, sehr schön gesagt.« - -»Ja, ja ... Ich fühle, daß ich sehr gut spreche. Ich werde sehr schön zu -ihnen reden, aber ... aber ... was wollte ich denn eigentlich sagen? Ich -komme immer ab und vergesse ... Ja -- würden Sie mir erlauben, mich -nicht mehr von Ihnen zu trennen? Ich fühle, daß Ihr Blick und ... ich -wundere mich sogar über Ihre Art und Weise. Sie sind gütig, Sie sprechen -nur nicht ganz _comme il faut_{[113]} und gießen den Tee in die -Untertasse ... und dazu dieses schreckliche Zuckerstückchen ... aber -sonst ... -- in Ihnen ist etwas Wunderbares, und ich sehe in Ihren Zügen -... Oh, erröten Sie nicht und fürchten Sie mich nicht als Mann! _Chère -et incomparable, pour moi une femme c'est tout!_{[249]} Ich kann nicht, -kann überhaupt nicht anders leben, als neben einer Frau, aber eben nur -neben ihr ... Das heißt, ich meine, ich wollte sagen ... Oh, ich glaube, -ich habe mich da entsetzlich versprochen ... Nur kann ich mich nicht -mehr darauf besinnen, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, selig ist -der, dem Gott immer eine Frau schickt und ... ich, ich glaube sogar, daß -ich in einer gewissen Begeisterung bin. Auch in der großen Landstraße -liegt eine höhere Idee! Ja, das -- das war es ja, was ich von dem -Gedanken sagen wollte! -- jetzt ist es mir wieder eingefallen, vorhin -hatte ich es ganz vergessen. Aber warum hat man uns fortgeschickt, in -diesen Wagen gedrängt? Dort war es doch sehr schön, hier aber -- _cela -devient trop froid. A propos, j'ai en tout quarante roubles et voilà cet -argent_,{[250]} nehmen Sie es, nehmen Sie es, ich verstehe nichts davon -... ich verliere es, man wird es mir stehlen, und ... Ich glaube, ich -würde ganz gern ein wenig schlafen ... es dreht sich da irgend etwas in -meinem Kopf. Ja, so, es dreht sich, dreht sich, dreht sich. Oh, wie Sie -gut sind, womit decken Sie mich denn zu?« - -»Sie haben bestimmt eine gehörige Erkältung weg! Ich habe Sie mit meiner -Decke zugedeckt, aber das Geld würde ich ...« - -»Oh, um Gottes willen, _n'en parlons plus, parce que cela me fait -mal_,{[251]} oh, wie gut Sie sind!« - -Er hörte seltsam plötzlich auf zu sprechen und verfiel ungewöhnlich -schnell in fieberhaften Schlaf. - -Der Landweg, auf dem sie siebzehn Werst bis Ustjewo zurückzulegen -hatten, war recht uneben und der Wagen auch nicht gerade sehr elastisch. -Stepan Trophimowitsch wachte von den Stößen oft auf, erhob sich dann -schnell von dem kleinen Kissen, das Ssofja Matwejewna ihm unter den Kopf -geschoben hatte, erfaßte erschrocken ihre Hand und fragte ängstlich: -»Sind Sie da?« ganz, als ob er gefürchtet hatte, sie könnte weggehen und -ihn allein lassen. Einmal sagte er, daß er im Traum einen offenen Rachen -mit scharfen Zähnen gesehen habe, und daß ihm das sehr unangenehm -gewesen sei. Ssofja Matwejewna machte sich schon nicht wenig Sorgen um -ihn. - -Der Fuhrmann brachte sie zu einem großen Bauernhause, das vier Fenster -zur Straße und auf dem Hof noch verschiedene Wohngebäude hatte. Stepan -Trophimowitsch, der gerade in dem Augenblick der Ankunft aufwachte, -stieg schnell aus und ging sofort ins zweite, das größte und beste -Zimmer. Sein verschlafenes Gesicht nahm einen ungemein geschäftigen -Ausdruck an. Er erklärte der Wirtin, einem großen, vierzigjährigen, sehr -brünetten Weibe, das auf der Oberlippe fast einen Schnurrbart hatte, er -wünsche das ganze Zimmer für sich allein und »daß Sie mir keinen -Menschen hier herein lassen, schließen Sie die Türen zu, _parce que nous -avons à parler. Oui, j'ai beaucoup à vous dire, chère amie._{[252]} -- -Ich bezahle Ihnen alles, ich bezahle, bezahle!« rief er, der Wirtin -erregt abwinkend. - -Er sprach rasch, aber doch wie mit schwerer Zunge. - -Die Bäuerin hörte ihn unfreundlich an, und zum Zeichen des -Einverständnisses schwieg sie nur; darin lag aber schon gleichsam etwas -Drohendes. Stepan Trophimowitsch bemerkte davon natürlich nichts und -verlangte eilig -- er beeilte sich entsetzlich --, sie solle nur schnell -aus dem Zimmer gehen und ihm sofort das Essen bringen -- »und keine Zeit -vertrödeln!« fügte er hinzu. - -Da aber hielt die Bäuerin mit dem Schnurrbart nicht mehr an sich: - -»Herr, das ist hier kein Gasthaus, wir haben kein Essen für die -Reisenden. Krebse kann ich Ihnen noch kochen oder einen Samowar -aufstellen, aber weiter auch nichts. Frischen Fisch wird's erst morgen -geben.« - -Doch Stepan Trophimowitsch ertrug keinen Einwand und rief fuchtelnd in -zorniger Ungeduld: »Bezahle, bezahle alles, nur schneller, schneller!« -Endlich kamen sie dahin überein, daß eine Fischsuppe gekocht und ein -Huhn gebraten werden sollte. Die Bäuerin sagte zwar, daß ein Huhn im -ganzen Dorf nicht zu haben sei, einstweilen aber wollte sie doch -versuchen, eines aufzutreiben, wenn sie es auch mit einer Miene -versprach, als ob sie damit eine ungeheure Gefälligkeit erweise. - -Kaum war sie aus dem Zimmer, als Stepan Trophimowitsch sich schnell auf -den Diwan setzte und Ssofja Matwejewna zwang, sich neben ihn zu setzen. -Es war, für eine Bauernstube, ein recht eigentümlich möbliertes großes -Zimmer. Außer einem gepolsterten Sofa standen noch zwei alte Lehnstühle -darin, und an den Wänden, die mit alten gelben, zerrissenen Tapeten -beklebt waren, hingen schauderhafte mythologische Öldruckbilder. -Nur eine Ecke war noch Bauernstube: mit einer langen Reihe -von Heiligenbildern, teils auf Holz, teils in dreiteiligen -Metallschränkchen. In einer anderen Ecke stand hinter einer niedrigen -Scheidewand ein Bett. Kurz, das Zimmer machte mit seiner halb -städtischen, halb bäurischen Einrichtung einen unschönen Eindruck. Doch -Stepan Trophimowitsch sah das alles überhaupt nicht, ja er warf -überhaupt nicht einmal einen Blick durch das Fenster auf den großen See, -der kaum dreißig Schritte vom Hause begann. - -»Endlich sind wir allein! Wir werden niemanden hereinlassen! Ich will -Ihnen alles, alles, von Anfang an erzählen.« - -Doch Ssofja Matwejewna fiel ihm in nicht geringer Unruhe ins Wort: - -»Wissen Sie auch, Stepan Trophimowitsch ...« - -»_Comment, vous savez déjà mon nom?_«{[253]} fragte er, freudig lächelnd -... - -»Ich hörte vorhin, wie Anissim Iwanowitsch Sie anredete, als Sie mit ihm -sprachen. Aber ich möchte es wagen, Sie meinerseits auf etwas aufmerksam -zu machen ...« - -Und sie flüsterte ihm, ängstlich nach der geschlossenen Tür blickend, -zu, daß es hier im Dorf ein wahrer Jammer sei: die Bauern seien zwar von -Hause aus Fischer, lebten aber mehr davon, daß sie im Sommer von den -Reisenden, die hier auf das Dampfschiff warteten, so viel Geld -verlangten, wie ihnen gerade einfiel. Das Dorf liege nicht an der großen -Landstraße, sondern abseits, und man komme nur deswegen hierher, weil -der Dampfer hier anlege, wenn aber nur etwas schlechteres Wetter sei, so -komme er überhaupt nicht, und dann sammelten sich hier sehr viele -Reisende an: jetzt zum Beispiel sei schon das ganze Dorf besetzt, und -darauf warteten die Hauswirte nur, denn dann könnten sie für alles das -Dreifache verlangen, der Mann aber dieser Bäuerin mit dem Schnurrbart -sei sehr stolz und hochmütig, denn er sei der reichste Mann im Dorf, ein -einziges seiner Netze koste allein schon an die tausend Rubel usw. usw. - -Stepan Trophimowitsch blickte geradezu vorwurfsvoll in das ungewöhnlich -belebte Gesicht Ssofja Matwejewnas und machte mehrmals den Versuch, sie -zu unterbrechen. Sie aber ließ sich nicht aufhalten und bekräftigte das -Gesagte noch mit der Erzählung ihrer Erfahrungen, die sie im letzten -Sommer auf der Durchreise mit einer adligen Dame hier gemacht hatte, -- -Erfahrungen, an die auch nur zurückzudenken für sie schon furchtbar war. - -»Und nun haben Sie, Stepan Trophimowitsch, dieses Zimmer für sich ganz -allein verlangt ... Ich sage es ja nur, um zu warnen ... Dort im anderen -Zimmer sind schon viele Reisende, ein älterer Mann und ein jüngerer Mann -und noch eine Frau mit Kindern, und bis morgen zwei Uhr wird das ganze -Haus bis zum Dach voll sein, da das Dampfschiff morgen bestimmt kommen -wird, weil es jetzt schon zwei Tage nicht mehr gekommen ist. Und so -werden denn die Leute für das besondere Zimmer und dafür, daß Sie das -Essen bestellt haben, so viel von Ihnen verlangen, daß es selbst in den -Hauptstädten unerhört wäre ...« - -Er aber litt, litt inzwischen aufrichtig. - -»_Assez, mon enfant_, ich flehe Sie an, _nous avons notre argent et -après -- et après le bon Dieu_.{[254]} Es wundert mich nur, daß Sie mit -Ihren hohen Auffassungen ... _Assez, assez, vous me tourmentez_,«{[255]} -rief er nervös. »Vor uns liegt unsere ganze Zukunft, und Sie ... Sie -wollen mir Angst machen vor der Zukunft ...« - -Und er begann nun, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen, wobei er zu -Anfang dermaßen schnell sprach, daß es schwer war, zu folgen. Die -Geschichte war sehr lang. Man brachte schon die Fischsuppe, brachte das -Huhn, brachte endlich auch den Samowar, er aber sprach immer noch ... Es -kam zwar alles ein wenig seltsam, wie eine Fieberphantasie, heraus, aber --- er war ja auch tatsächlich krank. Das war eine plötzliche krampfhafte -Anspannung seiner Verstandeskräfte, die in kurzer Zeit -- das sah Ssofja -Matwejewna schon bekümmert voraus -- unfehlbar ins Gegenteil umschlagen -mußte. - -Er begann mit seiner Kindheit, also mit der Zeit, als er noch »mit -frischer Brust über grüne Wiesen lief«. Erst nach einer Stunde hatte er -sich bis zu seinen beiden Ehen durchgearbeitet und dann begann die -Erzählung des Berliner Lebens. Ich wage aber nicht, darüber zu spotten. -Es lag für ihn tatsächlich etwas »Höheres« darin, oder um einen Ausdruck -unserer Zeit zu gebrauchen: eine Art Kampf ums Dasein. Er sah jetzt -diejenige Frau vor sich, die er schon für sein zukünftiges Leben erwählt -hatte, und er beeilte sich, sie in seine ganze Vergangenheit -einzuweihen. Seine Genialität sollte für sie kein Geheimnis mehr bleiben -... Es ist wahrscheinlich, daß er Ssofja Matwejewnas Wert und Bedeutung -vor sich selbst stark vergrößerte, aber das hatte weiter nichts auf -sich, denn sie war jetzt schon seine Erwählte. Er konnte nun einmal -nicht ohne Freundin auskommen auf der Welt ... Was machte es ihm da aus, -daß er ihrem Gesicht ansah, wie wenig sie ihn verstand ... - -»_Ce n'est rien, nous attendrons_,{[256]} und vorläufig wird sie mit dem -Vorgefühl begreifen können ...,« meinte er bei sich. - -»Mein Freund, ich brauche ja von Ihnen einzig und allein Ihr Herz!« rief -er ihr, seine Erzählung unterbrechend, begeistert zu, »und jetzt dieser -liebe, berückende Blick, mit dem Sie mir in die Augen sehen! Oh, erröten -Sie nicht! Ich habe Ihnen doch schon gesagt ...« - -Am schleierhaftesten aber erschien die Geschichte der armen Ssofja -Matwejewna, als er eine ordentliche Rede über das Thema hielt: »wie ihn -niemand je hat verstehen können« und wie »bei uns in Rußland die Talente -umkommen«. »Das war alles viel zu klug für mich,« sagte sie uns später -melancholisch. Sie hörte ihm dabei mit sichtlichem Mitgefühl zu, wobei -sie die Augen nur ein wenig weiter aufriß. Als sich aber Stepan -Trophimowitsch auf den Humor warf und die geistreichsten Witzchen über -unsere »Führenden und Herrschenden« lossprühen ließ, da verließ sie -alles und jedes Verständnis und nur aus Mitgefühl mit dem Kranken -versuchte sie noch zuweilen ein Lächeln zustande zu bringen, um -wenigstens ein wenig auf seine Heiterkeit einzugehen, doch es gelang ihr -so schlecht, daß Stepan Trophimowitsch schließlich selber ganz verwirrt -davon abließ und mit noch größerer Wut und Bitterkeit auf die -»Nihilisten« und »neuen Menschen« überging. Da aber wurde es ihr angst -und bange zumut, und sie atmete erst wieder auf -- leider nur viel zu -früh --, als der eigentliche Roman begann. Eine Frau bleibt immer Frau -und wenn sie auch Nonne ist: so lächelte sie denn, schüttelte -mißbilligend den Kopf und errötete mit gesenkten Augen, wodurch sie -Stepan Trophimowitsch dermaßen in Ekstase brachte, daß er noch vieles -hinzudichtete. Warwara Petrowna erschien in seiner Erzählung als -wunderschöne Brünette -- »die Petersburg und noch viele europäische -Hauptstädte entzückt hat« -- deren Mann »bei Sebastopol gefallen« war -und das einzig darum, weil er sich ihrer Liebe nicht für würdig und sich -für verpflichtet gehalten hatte, sie demjenigen, den sie in Wirklichkeit -liebte, das heißt also Stepan Trophimowitsch, abzutreten ... - -»Oh, werden Sie nicht verlegen, meine Stille, meine Christin!« rief er -Ssofja Matwejewna zu, als er fast schon selbst daran glaubte, was er -erzählte. »Das war etwas Höheres, etwas so Zartes, daß wir uns beide das -ganze Leben lang nicht ausgesprochen haben!« - -Als Grund einer solchen Lage der Dinge erschien darauf im weiteren -Verlaufe der Erzählung eine schöne Blondine (wenn man darunter nicht -Darja Pawlowna verstehen soll, so weiß ich wirklich nicht, wen Stepan -Trophimowitsch damit gemeint haben könnte). Diese Blondine verdankte -alles, was sie besaß, der Brünetten, die sie erzogen hatte und deren -weitläufige Verwandte sie war. Die Brünette aber bemerkte bald die Liebe -der Blonden zu Stepan Trophimowitsch und zog sich in sich selbst zurück. -Die Blonde aber bemerkte gleichfalls die Liebe der Brünetten zu Stepan -Trophimowitsch und zog sich auch in sich selbst zurück. Und so schwiegen -sie denn alle drei, alle drei in sich selbst zurückgezogen, alle drei -nichts als verkörperter Edelmut, und das währte dann zwanzig Jahre lang -... - -»Oh, was war das doch für eine Liebe, was war das doch für eine -Leidenschaft!« rief er in aufrichtigster Begeisterung aufschluchzend -aus. »Ich sah die volle Blüte ihrer Schönheit« (der Brünetten), »sah sie -mit wundem Herzen täglich an mir vorüberziehen, sie, die das stolze -Haupt neigte, als schäme sie sich ihrer Schönheit!« Einmal sagte er -statt ihrer Schönheit: »ihrer Fülle«. Schließlich behauptete er, er sei -jetzt erst aus diesem zwanzigjährigen Traume erwacht. -- »_Vingt -ans!_{[72]} Und nun plötzlich auf der großen Landstraße ...« Darauf -folgte dann zum Schluß -- wahrscheinlich in einem Augenblick noch -größerer Benommenheit -- die Erklärung dessen, was die heutige zufällige -und doch so entscheidende Begegnung mit Ssofja Matwejewna für ihn wie -für sie bedeutete. - -Ssofja Matwejewna erhob sich in schrecklichster Verlegenheit vom Sofa. -Und als er gar noch den Versuch machte, vor ihr auf die Knie zu fallen, -da begann sie vor Schreck zu weinen. - -Die Dämmerstunde neigte sich schon dem Abend zu: beide hatten sie -bereits etliche Stunden in dem verschlossenen Zimmer verbracht ... - -»Ach nein, lassen Sie mich jetzt schon lieber in das andere Zimmer,« -flüsterte sie erregt, »denn was werden sonst die Leute denken!« - -Endlich gelang es ihr, sich frei zu machen; er aber versprach ihr -folgsam, sich sofort ins Bett zu legen. Beim Abschied klagte er, daß er -starke Kopfschmerzen habe. Ssofja Matwejewna hatte ihre Sachen im -vorderen Zimmer gelassen, wo sie mit den anderen zusammen zu übernachten -beabsichtigte; doch es sollte anders kommen. - -In der Nacht geschah es nämlich, daß sich bei Stepan Trophimowitsch die -mir und all seinen Freunden so wohlbekannte Cholerine einstellte, wie -gewöhnlich nach nervösen Aufregungen. Die arme Ssofja Matwejewna kam -also die ganze Nacht nicht zum schlafen. Da sie bei der Wartung des -Kranken häufig durch das vordere Familienzimmer aus dem Hause gehen -mußte, so störte sie die Schlafenden, die bald aufwachten und ungehalten -wurden. Und als Ssofja Matwejewna zum Morgen hin gar den Samowar -aufstellen wollte, da begannen sie auch noch zu schimpfen. - -Stepan Trophimowitsch war so lange, wie die Cholerine andauerte, halb -bewußtlos: zuweilen schien es ihm wie durch einen Nebel, daß man den -Samowar aufstellte, daß man ihm ein Himbeergetränk zu trinken gab, daß -man ihm mit irgend etwas den Magen und die Brust wärmte. Dabei fühlte er -die ganze Zeit und empfand es jeden Augenblick, daß »_Sie_« bei ihm war -und für ihn sorgte, daß »_Sie_« es war, die da kam und ging, die ihn -zudeckte und wärmte! Um drei Uhr morgens wurde ihm ein wenig besser: er -setzte sich auf, ließ die Beine über den Bettrand baumeln, und -plötzlich, ohne sich dabei etwas zu denken, fiel er vor ihr auf die -Knie. Dieser zweite Kniefall war nicht mehr so harmlos wie der erste: er -fiel ihr einfach zu Füßen und küßte »den Saum ihres Kleides« ... - -»Um Gottes willen, ich bin das doch gar nicht wert,« stammelte die Arme -erschrocken und bemühte sich vergeblich, ihn wieder auf das Bett zu -heben. - -»Meine Retterin,« hauchte er andächtig und faltete wie im Gebet die -Hände. »_Vous êtes noble comme une marquise!_{[257]} Ich -- ich bin ein -Nichtswürdiger! Oh, ich bin mein ganzes Leben lang ehrlos gewesen ...« - -»Ach, beruhigen Sie sich doch, bitte!« flehte Ssofja Matwejewna. - -»Ich habe Ihnen vorhin alles vorgelogen, aus Ruhmsucht, zur -Verschönerung, aus Eitelkeit, -- alles, alles, bis aufs letzte Wort! Ich -Nichtswürdiger, ich Nichtswürdiger!« - -So ging denn der Anfall von Cholerine in einen Anfall hysterischer -Selbstbeschuldigung über. (Ich habe ja schon früher von diesen Anfällen, -bei Gelegenheit der Reuebriefe an Warwara Petrowna, gesprochen.) -Plötzlich erinnerte er sich jetzt Lisas und der Begegnung mit ihr am -Morgen. - -»Das war so furchtbar,« sagte er, »da war bestimmt ein Unglück -geschehen, ich aber habe in meinem Egoismus nicht einmal gefragt, und -nun weiß ich auch nichts! Ich habe nur an mich gedacht! Aber was war -denn mit ihr geschehen, wissen Sie es nicht, was da geschehen ist?« -flehte er wieder Ssofja Matwejewna an. - -Gleich darauf schwor er, daß er nicht »untreu« werden könne und zu -»_Ihr_« -- d. h. zu Warwara Petrowna -- zurückkehren müsse. - -»Wir werden jeden Tag zu ihrer Treppe gehen« (das hieß nun wieder er mit -Ssofja Matwejewna zusammen) »und wenn sie sich in ihre Equipage setzt, -um ihre Morgenspazierfahrt zu machen, so werden wir still zusehen ... -Oh, ich will, daß sie mich auch auf die andere Wange schlägt: mit -Begeisterung will ich es! Ich werde ihr auch meine andere Wange -hinhalten, _comme dans votre livre_!{[258]} Jetzt habe ich ... ja, jetzt -erst habe ich verstanden, was das heißt, seine andere Wange ... -hinhalten. Ich habe das früher niemals verstehen können!« - -Für Ssofja Matwejewna waren das die zwei furchtbarsten Tage ihres -Lebens: noch heute denkt sie nicht anders als mit Schrecken an sie -zurück. Stepan Trophimowitsch erkrankte so ernstlich, daß er am nächsten -Tage unmöglich mit dem Dampfschiff, das diesmal pünktlich um zwei Uhr -ankam, nach Spassoff weiterfahren konnte, sie aber wagte es nicht, ihn -allein zu lassen, und so blieb sie denn in Ustjewo bei ihm. Nach ihren -Worten soll er sich sogar sehr darüber gefreut haben, daß das -Dampfschiff endlich fortgefahren war: - -»Nun und wunderschön, so ist es sehr gut, sehr gut,« murmelte er aus dem -Bett heraus, »ich fürchtete schon die ganze Zeit, daß wir fortfahren -müssen. Hier aber ist es sehr schön, hier ist es am besten ... Sie -werden mich doch nicht verlassen? O nein, Sie verlassen mich nie mehr!« - -Einstweilen war es aber »hier« durchaus nicht so schön. Er wollte jedoch -nichts von ihren Unannehmlichkeiten wissen. In seinem Kopf war jetzt nur -Platz für eine Menge Phantasien. An seine Krankheit dachte er überhaupt -nicht, denn er hielt sie ja nur für eine schnell vorübergehende -Erkältung, und sprach die ganze Zeit davon, wie sie beide, wenn er erst -wieder gesund sei, »diese kleinen Bücher« verkaufen würden. Und -plötzlich bat er sie, ihm aus dem Evangelium vorzulesen. - -»Ich habe es lange nicht mehr gelesen ... im Original. Aber, nicht wahr, -es könnte mich doch jemand beim Kauf eines dieser kleinen Bücher dies -oder jenes fragen, und dann könnte ich mich irren ... Man muß sich doch -immerhin etwas vorbereiten ...« - -Sie setzte sich an sein Bett und schlug das Buch auf. - -»Sie lesen vorzüglich,« unterbrach er sie schon nach der ersten Zeile. -»Ich sehe schon, ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe!« fügte er -unklar, aber begeistert hinzu. - -Und überhaupt war er die ganze Zeit in einem ununterbrochen begeisterten -Zustande. - -Sie begann ihm die Bergpredigt vorzulesen. - -»_Assez, assez, mon enfant_,{[259]} genug ... Glauben Sie wirklich, daß -_das_ noch immer nicht genug ist?« - -Und kraftlos schloß er die Augen. Er war sehr schwach, doch verlor er -noch nicht die Besinnung. Da erhob sich denn Ssofja Matwejewna, da sie -glaubte, daß er schlafen wolle. Aber siehe da -- er war sofort wieder -wach und hielt sie zurück. - -»Mein Freund, ich habe mein Lebelang gelogen. Selbst dann, wenn ich die -Wahrheit sprach. Ich habe nie um der Wahrheit willen gesprochen, sondern -immer nur für mich, das habe ich auch früher schon gewußt, aber jetzt -erst sehe ich es so recht ein ... Oh, wo sind diese Freunde, die ich mit -meiner Freundschaft zeitlebens beleidigt habe?! Und sie alle, alle! -_Savez-vous_,{[260]} ich glaube, ich lüge auch jetzt! Bestimmt lüge ich -auch jetzt! Die Hauptsache ist, daß ich mir selbst glaube, wenn ich -lüge! Am allerschwersten ist es im Leben, zu leben und nicht zu lügen -... und ... und den eigenen Lügen nicht zu glauben, ja, ja, gerade das! -Aber warten Sie, das kommt alles später ... Wir werden zusammen, -zusammen ...« fügte er plötzlich enthusiastisch hinzu. - -»Stepan Trophimowitsch,« begann Ssofja Matwejewna zaghaft, »sollte man -nicht in die Stadt nach einem Arzt schicken?« - -Er war maßlos erstaunt. - -»Warum? _Est-ce que je suis si malade? Mais rien de sérieux._{[261]} Und -wozu andere Menschen? Dann wird man es noch erfahren, daß ich hier bin, -und -- was wird dann sein? Nein, nein, keine fremden Menschen ... wir -beide, wir beide!« - -»Wissen Sie,« sagte er nach kurzem Schweigen, »lesen Sie mir noch etwas -vor, so, schlagen Sie auf gut Glück das Buch auf und lesen Sie das, -worauf Ihr Blick zuerst fällt.« - -Ssofja Matwejewna schlug das Buch auf und las. - -»Wo es sich von selbst aufschlägt, wo es sich von selbst aufschlägt,« -wiederholte er. - -»>Und dem Engel ... --<« - -»Was ist das? Woraus? Woraus ist das?« - -»Das ist aus der Apokalypse.« - -»_Oh, je m'en souviens, oui, l'Apocalipse. Lisez, lisez._{[262]} Ich -wollte über unsere Zukunft etwas hören, darum ließ ich Sie so eine -Stelle auf gut Glück lesen, ich will wissen, was Sie da gefunden haben. -Lesen Sie weiter, vom Engel, vom Engel ...« - -»>Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das sagt Amen, der -treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß -deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder -warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich -dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar -satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und -jämmerlich, arm, blind und bloß.<« - -»Das ... und das steht in Ihrem Buch!« rief er erregt, mit glänzenden -Augen, und erhob sich vom Kissen, »diese wundervolle Stelle habe ich nie -gekannt! Hören Sie: eher kalt, kalt, als lau, _nur_ lau! Oh, ich werde -ihnen das auslegen! Nur verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht -allein! Wir werden es ihnen beweisen, wir werden es auslegen!« - -»Aber ich werde Sie ja nicht verlassen, Stepan Trophimowitsch, beruhigen -Sie sich, ich werde Sie nie verlassen!« sagte sie und erfaßte seine -Hand, die sie mit Tränen in den Augen an ihre Brust drückte. (»Er tat -mir schon gar zu leid in diesem Augenblick,« erzählte sie uns später.) - -Seine Lippen begannen zu zucken wie im Krampf. - -»Aber, Stepan Trophimowitsch, soll man nicht doch jemanden von den -Ihrigen benachrichtigen lassen, oder vielleicht auch -- Ihre Bekannten?« - -Da aber erschrak er dermaßen, daß sie ganz unglücklich darüber war, ihn -noch einmal daran erinnert zu haben. Zitternd und bebend flehte er sie -an, »nur um Gottes willen niemanden zu benachrichtigen, noch sonst etwas -zu tun!« Und er nahm ihr das Wort ab und beschwor sie: »Niemanden, -niemanden! Wir allein, nur wir beide allein, _et nous partirons -ensemble_.«{[263]} - -Schlimm war es auch, daß sich die Hauswirte beunruhigten, ungehalten -wurden und der armen Ssofja Matwejewna auf den Hals rückten. Sie -bezahlte ihnen und zeigte ihnen Geld: damit beruhigte sie sie für einige -Zeit; aber der Wirt wollte die Legitimationspapiere Stepan -Trophimowitschs sehen. Der Kranke wies mit hochmütigem Lächeln auf -seinen kleinen Reisekoffer, in dem Ssofja Matwejewna denn auch einen -alten Ausweis fand. Bald aber verlangte der Bauer, daß man den Kranken -fortschaffen solle, denn er könne schließlich sterben und was gäbe das -dann für Scherereien. Ssofja Matwejewna sprach auch mit ihm über den -Arzt, doch es stellte sich heraus, daß, wenn man ihn aus der Stadt holen -wollte, die Kosten unerschwinglich wären. Und so kehrte sie denn -niedergeschlagen zu ihrem Kranken zurück, der allmählich schwächer und -schwächer wurde. - -»Jetzt lesen Sie mir noch eine Stelle vor ... von den Schweinen,« sagte -er plötzlich. - -»Wovon?« fragte Ssofja Matwejewna entsetzt. - -»Von den Schweinen ... das ist auch hier ... _ces cochons_{[264]} ... -ich erinnere mich, die Teufel fuhren in die Schweine und die Schweine -stürzten sich in den See und kamen alle um. Lesen Sie mir das unbedingt -vor: ich werde Ihnen nachher sagen, wozu ... Ich will es wortwörtlich -hören, wortwörtlich ...« - -Ssofja Matwejewna kannte die Bibel gut und fand sofort jene Stelle aus -Lukas, Kapitel 8, 32--37, die ich der Erzählung all dieser Ereignisse -vorgeschrieben habe. Ich bringe sie hier noch einmal: - -»>Es war aber daselbst eine große Herde Säue an der Weide auf dem Berge. -Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er -erlaubte ihnen. - -Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Säue; und -die Herde stürzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen. - -Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkündigten's -in der Stadt und in den Dörfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da -geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem -die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und -vernünftig, und sie erschraken. - -Und die es gesehen hatten, verkündigten's ihnen, wie der Besessene war -gesund worden.<« - -»Mein Freund,« sagte Stepan Trophimowitsch in großer Erregung, -»_savez-vous_, diese wundervolle und ... ungewöhnliche Stelle ist mir -mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstoßes gewesen ... _dans ce -livre_{[265]} ... so daß ich diese Stelle noch aus der Kindheit -- -behalten habe. Jetzt aber ist mir ein neuer Gedanke gekommen, _une -comparaison_.{[266]} Ich habe jetzt furchtbar viele Gedanken: Sehen Sie, -das ist genau so wie unser Rußland. Diese Teufel und Dämonen, die aus -dem Besessenen in die Schweine fahren -- das sind alle schlechten Säfte, -alle Miasmen, aller Schmutz, alle Teufel und Beelzebuben, die sich in -unserem lieben Kranken, in unserem Rußland angesammelt haben, schon seit -vielen, vielen Jahrhunderten! _Oui, cette Russie, que j'aimais -toujours._{[267]} Aber ein großer Gedanke und ein mächtiger Wille werden -es aus der Höhe segnen, ganz wie diesen wahnsinnigen Besessenen, und -alle diese Unreinlichkeit, diese ganze Gemeinheit, die sich auf der -Oberfläche angesammelt hat und langsam angefault ist ... sie werden noch -selbst darum bitten, in die Schweine fahren zu dürfen! Ja, und sie sind -ja vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und jene und -Petruscha ... _et les autres avec lui_,{[268]} und ich vielleicht der -erste an der Spitze, und wir werden uns, wir Wahnsinnigen und -Besessenen, vom Fels in das Meer stürzen und alle ertrinken, und dorthin -gehören wir auch, dahin müssen wir, denn nur dazu allein taugen wir -noch! Aber der Kranke selbst wird wieder gesunden und wird sich >zu -Füßen Jesu< setzen ... und alle werden ihn mit Verwunderung schauen ... -Meine Liebe, _vous comprendrez après_, jetzt aber regt mich das sehr auf -... _Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble._«{[269]} - -Er begann zu phantasieren und schließlich verlor er das Bewußtsein. So -verging der ganze folgende Tag. Ssofja Matwejewna saß an seinem Bett und -weinte, schlief schon die dritte Nacht nicht und vermied es nach -Möglichkeit, den Wirtsleuten unter die Augen zu kommen, denn sie ahnte -schon, daß diese irgend etwas beabsichtigten. Am nächsten Morgen wachte -Stepan Trophimowitsch auf, erkannte sie wieder und streckte ihr die Hand -entgegen. Sie bekreuzte sich mit neuer Hoffnung. Er aber wollte -plötzlich aus dem Fenster sehen. - -»_Tiens, un lac_,«{[270]} sagte er, »ach Gott, und ich habe ihn noch gar -nicht gesehen ...« - -In diesem Augenblick rollte eine Equipage vor das Haus und in den -Zimmern wurde es lebendig. - - - III. - -Es war Warwara Petrowna in eigener Person, die mit einem Viererzug in -ihrer größten Equipage mit zwei Dienern und Darja Pawlowna angefahren -kam. Das Wunder erklärte sich sehr einfach: der neugierige Anissim war -in der Stadt gleich am anderen Tage in das Haus Warwara Petrownas -gegangen und hatte dort den Dienstboten erzählt, daß er Stepan -Trophimowitsch allein in einem Dorf angetroffen habe, und daß der -gnädige Herr von dort nach Ustjewo weitergefahren sei, und zwar in -Begleitung einer gewissen Ssofja Matwejewna. Da nun Warwara Petrowna -sich über die Flucht ihres Freundes sehr aufgeregt und überall nach ihm -zu fragen und zu forschen befohlen hatte, so war ihr sogleich gemeldet -worden, was Anissim erzählt hatte. Selbstredend mußte Anissim nun -unverzüglich vor der Herrin erscheinen und alles nochmals erzählen, und -nachdem sie ihn aufmerksam angehört hatte -- besonders die Schilderung -der Abfahrt in einem Wagen mit irgendeiner Ssofja Matwejewna --, da ward -noch im selben Augenblick die Equipage bestellt. Auf frischer Spur -ging's dem Flüchtling nach. Von seiner Krankheit wußte sie natürlich -noch nichts. - -Ihre strenge und befehlende Stimme machte selbst den Wirtsleuten bange. -Sie ließ hier nur halten, um sich zu erkundigen, wann Stepan -Trophimowitsch nach Spassoff weitergefahren sei. Als sie nun erfuhr, daß -er noch da war und krank zu Bett lag, da stieg sie sofort aus und trat -erregt in das Haus. - -»Nun, wo ist er denn hier?« fragte sie. »Ah, das bist du!« rief sie -plötzlich, als sie Ssofja Matwejewna, die gerade in diesem Augenblick -aus dem Krankenzimmer trat, in der Tür erblickte. »Ich sehe es schon -deinem schamlosen Gesichte an, daß du es bist. Hinaus, Schändliche! Daß -mir sofort keine Spur mehr von ihr im Hause bleibe! Jagt sie hinaus, -- -geh! oder ich lasse dich auf ewig ins Gefängnis stecken! Bewacht sie mir -solange in einem anderen Hause. Sie hat ja schon einmal im Gefängnis -gesessen, kann also wieder hinein. Und du,« wandte sie sich befehlend an -den Hauswirt, »daß du mir nicht wagst, jemanden hereinzulassen, solange -ich hier bin! Ich bin die Generalin Stawrogina und nehme das ganze Haus -für mich in Beschlag. Du aber, meine Beste, du wirst mir noch Rede -stehen!« - -Die bekannte Stimme wirkte erschütternd auf Stepan Trophimowitsch. Er -begann zu zittern. Aber da trat sie schon ins Zimmer, trat an sein Bett. -Ihre Augen blitzten. Sie stieß mit dem Fuß einen Stuhl heran, setzte -sich, lehnte sich steif zurück und rief Dascha unwillig zu: - -»Geh vorläufig hinaus! Kannst solange bei den Wirtsleuten bleiben! Was -ist das plötzlich für eine Neugier? Und die Tür zieh hinter dir etwas -fester zu!« - -Eine ganze Weile fixierte sie stumm, mit einem seltsamen Raubtierblick -sein erschrockenes Gesicht. - -»Nun, wie geht es Ihnen, Stepan Trophimowitsch? Wie war denn der -Spaziergang?« fragte sie plötzlich mit grimmiger Ironie. - -»_Chère_,« stotterte Stepan Trophimowitsch wie benommen, »ich habe die -russische Wirklichkeit kennen gelernt ... _Et je prêcherai l'Evangile -..._«{[271]} - -»Oh, Sie schamloser, undankbarer Mensch!« rief sie zornig aus, die Hände -erhebend. »Ist es Ihnen noch nicht genug, daß Sie mich so bloßstellen -und mit irgendeiner ... Oh, Sie alter, schamloser Wüstling!« - -»_Chère ..._« - -Seine Stimme versagte und er konnte nichts mehr hervorbringen, er sah -sie vor Entsetzen nur mit weit offenen Augen an. - -»Was ist das für eine?« - -»_C'est un ange ... C'était plus qu'un ange pour moi_,{[272]} sie hat -die ganze Nacht ... Oh, schreien Sie nicht, erschrecken Sie sie nicht, -_chère, chère_ ...« - -Warwara Petrowna sprang plötzlich polternd vom Stuhl auf; angstvoll rief -sie: »Wasser, Wasser!« - -Stepan Trophimowitsch kam allerdings schon wieder zu sich, aber sie -zitterte immer noch vor Schreck und blickte bleich in sein entstelltes -Gesicht: jetzt erst begriff sie, wie ernst sein Zustand war. - -»Darja,« flüsterte sie schnell der hereinstürzenden Darja Pawlowna zu, -»sofort nach dem Arzt, nach Doktor Salzfisch! Schicke sofort Jegorytsch, -er soll hier Pferde mieten und in der Stadt einen anderen Wagen nehmen. -Daß er mit Salzfisch noch vor dem Abend hier ist!« - -Dascha ging schnell hinaus, um den Befehl auszuführen. Stepan -Trophimowitsch sah Warwara Petrowna immer noch mit demselben -erschrockenen Blick aus weit offenen Augen an. Seine weiß gewordenen -Lippen bebten. - -»Warte, Stepan Trophimowitsch, warte, Täubchen, nur einen Augenblick,« -redete sie ihm wie einem kleinen Kinde zu. »So warte doch, wart doch, -sieh, Darja wird gleich zurückkommen und ... Ach, mein Gott, Wirtin, -Wirtin, so komm doch du wenigstens, Mütterchen!« - -Und in ihrer Ungeduld lief sie selbst nach der Bäuerin. - -»Sofort, sofort _jene_ wieder zurückbringen! Bring sie mir sofort -zurück, zurück!« - -Zum Glück war Ssofja Matwejewna mit ihren Sachen kaum aus dem Hause -gegangen, so daß man sie schon nach ein paar Schritten einholte. Sie -wurde zurückgebracht. Sie war aber so erschrocken, daß ihre Hände und -Knie zitterten. Warwara Petrowna ergriff ihre Hand, wie ein Geier ein -Küken, und zog sie eilig zu Stepan Trophimowitsch. - -»Hier, hier haben Sie sie! Ich habe sie doch nicht aufgefressen! Sie -dachten wohl schon, daß ich sie einfach verschlungen habe?« - -Stepan Trophimowitsch ergriff Warwara Petrownas Hand und drückte sie an -seine Augen, und plötzlich schluchzte er auf, schmerzhaft, krampfartig. - -»Beruhige dich, beruhige dich doch, mein Täubchen, beruhige dich, -Väterchen ... Nun ... Ach, mein Gott, aber so beru--hi--gen Sie sich -doch!« rief sie außer sich. »Oh, mein Peiniger, mein ewiger, ewiger -Peiniger!« - -»Meine Liebe,« brachte Stepan Trophimowitsch endlich, zu Ssofja -Matwejewna gewandt, hervor, »bleiben Sie, meine Liebe, dort -- im -anderen Zimmer ... ich will hier noch etwas sagen ...« - -Ssofja Matwejewna beeilte sich sofort, hinauszugehen. - -»_Chérie ... chérie ..._« -- er rang nach Atem. - -»Sprechen Sie noch nicht, Stepan Trophimowitsch, warten Sie noch ein -wenig, bis Sie sich erholt haben. Hier ist Wasser. Aber so war--ten Sie -doch noch!« - -Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Stepan Trophimowitsch hielt -krampfhaft ihre Hand fest. Sie ließ ihn noch lange nicht sprechen. Da -zog er ihre Hand an die Lippen und bedeckte sie immer wieder mit Küssen. -Sie biß die Zähne zusammen und blickte irgendwohin in einen Winkel. - -»_Je vous aimais!_«{[273]} entrang es sich ihm endlich. Noch nie hatte -sie von ihm ein solches Wort gehört, und so gesprochen. - -»Hm!« war ihre Antwort. - -»_Je vous aimais toute ma vie ... vingt ans!_«{[274]} - -Sie schwieg immer noch -- zwei, drei Minuten lang. - -»Als aber Dascha in Aussicht stand, da erschien er parfümiert --« stieß -sie plötzlich unheimlich flüsternd hervor. Stepan Trophimowitsch -erstarrte nur so. - -»... Mit einer neuen Krawatte ...« - -Wieder Schweigen -- ungefähr zwei Minuten lang. - -»Und die Zigarre, entsinnen Sie sich?« - -»Mein Freund,« stammelte er, von Schrecken erfaßt. - -»Die Zigarre, am Abend, am Fenster ... der Mond schien ... nach den -Stunden im Park ... in Skworeschniki? Entsinnst du dich, entsinnst du -dich!« und sie sprang auf, ergriff sein Kissen an beiden Ecken und -schüttelte es mitsamt seinem Kopf. »Entsinnst du dich noch, du leerer, -leerer, ehrloser, kleinmütiger, ewig, ewig leerer Mensch!« zischte sie -nahezu in ihrem ingrimmigen Geflüster, um nicht zu schreien. Dann ließ -sie ihn fahren und fiel zurück auf den Stuhl, das Gesicht mit den Händen -bedeckt. »Genug!« sagte sie kurz, sich steif aufrichtend. »Zwanzig Jahre -sind vergangen, die bringt man nicht zurück; dumm war auch ich.« - -»_Je vous aimais_,« -- er legte beschwörend seine Hände zusammen. - -»Was sagst du mir immer _aimais_ und _aimais_! Genug!« Sie fuhr wieder -auf. »Und wenn Sie jetzt nicht sofort einschlafen, so werde ich ... Sie -brauchen Ruhe! Schlafen Sie, schlafen Sie sofort! Schließen Sie die -Augen! Ach, mein Gott, vielleicht will er frühstücken? Was essen Sie? -Was darf er essen? Ach Gott, wo ist denn _jene_? wo ist _jene_?« - -Warwara Petrowna setzte gleich das ganze Haus in Bewegung. Doch Stepan -Trophimowitsch stammelte, daß er jetzt allerdings lieber schlafen würde, -ein wenig nur, _une heure_, und dann -- _un bouillon, un thé ... enfin -il est si heureux_.{[275]} Er lag ganz still und es war wirklich, als -sei er im Einschlafen (wahrscheinlich stellte er sich nur so). Warwara -Petrowna wartete noch ein wenig und ging dann auf den Fußspitzen zur -Tür. - -Im anderen Zimmer setzte sie sich hin, schickte die Hauswirte einfach -hinaus und befahl Dascha, »_jene_« hereinzuführen. Es begann ein ernstes -Verhör. - -»Erzähle mir jetzt, meine Liebe, alle Einzelheiten. Setze dich hierher, -so! Nun?« - -»Ich traf Stepan Trophimowitsch ...« - -»Warte. Schweig. Ich sage dir im voraus, daß ich dich, falls es dir -einfallen sollte, mir etwas vorzulügen oder etwas zu verheimlichen, noch -aus deinem Grabe wieder herausholen werde! Nun?« - -»Ich traf Stepan Trophimowitsch ... wie ich gerade in Hatowo war ...« -begann Ssofja Matwejewna, atemlos vor Angst. - -»Wart, sei still! was trommelst du gleich los? Zuerst sage mir, was du -selbst für ein Vogel bist?« - -Die erzählte nun, so gut sie konnte, übrigens in kurzen Worten, von sich -und ihrem Leben. Sie fing mit Sebastopol an. Warwara Petrowna hörte -schweigend zu, saß steif auf ihrem großen Stuhl und sah der Erzählerin -streng und unverwandt in die Augen. - -»Warum bist du so erschrocken? Warum siehst du zu Boden? Ich liebe -solche, die mir offen in die Augen sehen und mit mir streiten. Fahre -fort!« - -Jene erzählte von der Begegnung, von den Büchern, erzählte, wie Stepan -Trophimowitsch der Bäuerin den Schnaps angeboten hatte ... - -»So ist's gut, vergiß nichts, erzähle alles,« sagte Warwara Petrowna. -Ssofja Matwejewna erzählte also weiter, wie sie mit Stepan -Trophimowitsch hierher nach Ustjewo gefahren war und wie er »schon ganz -krankes Zeug« gesprochen und hier dann sein ganzes Leben von Anfang an -und mehrere Stunden lang erzählt hatte. - -»Erzähle von seinem Leben.« - -Ssofja Matwejewna verstummte plötzlich und schaute hilflos drein. - -»Hiervon verstehe ich schon gar nichts mehr zu erzählen,« stotterte sie, -dem Weinen nahe. »Und ich habe auch nichts davon verstanden.« - -»Das lügst du. Nichts verstehen, das konntest du gar nicht.« - -»Von einer schwarzhaarigen vornehmen Dame sprach er lange,« sagte Ssofja -Matwejewna schließlich zögernd und errötete entsetzlich, da es ihr -plötzlich auffiel, wie wenig Warwara Petrowna mit ihrem viel helleren -Haar jener geschilderten schwarzhaarigen Schönheit glich. - -»Von einer Schwarzhaarigen? -- Was erzählte er denn? Sprich!« - -»Er ... er erzählte, wie diese vornehme Dame schon ganz furchtbar in ihn -verliebt gewesen wäre, zwanzig Jahre lang, und wie sie immer nicht -gewagt hätte, es ihm zu sagen, und ... und wie sie sich vor ihm geschämt -hat, denn sie war schon gar zu dick ...« - -»Dieser Esel!« sagte Warwara Petrowna nachdenklich, doch überzeugt vor -sich hin. - -Ssofja Matwejewna war nun wirklich schon am Weinen. - -»Ich weiß hiervon gar nichts mehr zu erzählen, denn ich war selbst in -großer Angst um ihn und habe auch gar nichts verstanden, da er doch ein -Mensch von so großem Verstande ist ...« - -»Über seinen Verstand zu urteilen steht nicht so einer Krähe zu, wie du -eine bist. Hat er bei dir angehalten?« - -Ssofja Matwejewna erzitterte. - -»Ha! er sich in dich verliebt? -- Sprich!« herrschte Warwara Petrowna -sie an. »Hat er bei dir angehalten?« - -»Beinah hörte es sich wirklich so an,« brachte sie aufschluchzend hervor -... »Nur habe ich das alles gar nicht beachtet, denn er war doch krank,« -fügte sie hinzu und sah mit festem Blick auf. - -»Wie heißt du?« - -»Ssofja Matwejewna.« - -»Nun, dann wisse, Ssofja Matwejewna, daß dieser Mensch das -erbärmlichste, leerste Menschlein ist ... Mein Gott, mein Gott! Du -hältst mich wohl für eine Nichtswürdige?« - -Die riß die Augen auf. - -»Für eine Nichtswürdige, eine Tyrannin, die sein Leben zerstört hat?« - -»Wie kann denn das sein, wenn Sie jetzt doch selbst weinen!« - -Tatsächlich standen Warwara Petrowna Tränen in den Augen. - -»Nun, setz dich, setz dich, brauchst nicht zu erschrecken. -- Sieh mir -noch einmal in die Augen, ganz offen! Warum wirst du rot? Dascha, komm -her, sieh sie dir an: was glaubst du, hat sie ein reines Herz ...« - -Und zu Ssofja Matwejewnas größter Verwunderung, vielleicht aber zu ihrem -noch größeren Schreck, streichelte ihr Warwara Petrowna plötzlich die -Wange. - -»Schade nur, daß du dumm bist. Dümmer als es deinen Jahren ansteht. Gut, -meine Liebe, ich werde mich deiner annehmen. Sehe schon, daß alles das -Unsinn ist. Bleibe solange hier in der Nähe, man wird dir hier eine -Wohnung mieten, -- Kost und alles übrige bekommst du von mir ... bis ich -dich rufen lasse.« - -Ssofja Matwejewna versuchte erschrocken einzuwenden, daß sie fort müsse. - -»Wohin? Deine Bücher kaufe ich dir alle ab, und du bleibst hier. Du -hättest ihn doch, wenn ich nicht gekommen wäre, auch nicht verlassen?« - -»Für keinen Preis hätte ich ihn allein gelassen,« sagte Ssofja -Matwejewna leise, doch mit fester Stimme und trocknete sich die Augen. - -Doktor Salzfisch traf erst spät in der Nacht ein. Es war ein ehrwürdiger -alter, kleiner Herr und ein recht erfahrener Arzt, der erst unlängst -infolge eines ambitiösen Streites mit der ihm vorgesetzten Behörde -seinen offiziellen Posten verloren hatte. In demselben Augenblick hatte -Warwara Petrowna ihn aus allen Kräften zu »protegieren« angefangen. Er -untersuchte Stepan Trophimowitsch aufmerksam und gewissenhaft, fragte -dies und das, und berichtete sodann Warwara Petrowna, daß der Zustand -des Kranken »sehr bedenklich« sei und daß man sich »auf das Schlimmste -gefaßt machen« müsse. Warwara Petrowna, die in den zwanzig Jahren sich -von der Vorstellung völlig entwöhnt hatte, daß irgend etwas, das Stepan -Trophimowitsch persönlich anging, ernst zu nehmen oder gar gefährlich -sein könnte, war tief erschüttert und erbleichte sogar. - -»Ist denn wirklich gar keine Hoffnung mehr?« - -»Das ist nicht gesagt, denn Hoffnung ist nie ausgeschlossen, aber ...« - -Warwara Petrowna wachte die ganze Nacht bei dem Kranken und konnte kaum -den Morgen erwarten. Als Stepan Trophimowitsch die Augen aufschlug und -zu sich kam (er war die ganze Zeit bei Besinnung, nur wurde er von -Stunde zu Stunde schwächer), trat sie entschlossen zu ihm. - -»Stepan Trophimowitsch, man muß auf alles vorbereitet sein. Ich habe den -Priester rufen lassen. Sie müssen Ihre Pflicht tun ...« - -Da sie seine religiösen Überzeugungen kannte, so fürchtete sie sehr eine -Absage. Er aber sah sie nur erstaunt an. - -»Unsinn, Unsinn!« rief sie erregt, denn sie glaubte schon, er wolle sich -widersetzen. »Jetzt handelt es sich nicht mehr um Kindereien. Haben doch -genug Dummheiten gemacht!« - -»Aber ... bin ich denn wirklich schon so krank?« - -Nachdenklich willigte er ein. Zu meiner nicht geringen Verwunderung -erfuhr ich später von Warwara Petrowna, daß das Sterben ihn gar nicht -geschreckt hat. Möglich, daß er einfach nicht an seinen Tod glaubte und -die Krankheit nur für eine vorübergehende Erkältung hielt. - -Er beichtete und nahm das Abendmahl -- und zwar mit großer -Bereitwilligkeit. Alle, auch Ssofja Matwejewna, die Wirtsleute und -selbst die Dienstboten kamen, um ihn nach Empfang des heiligen -Sakraments zu beglückwünschen. Alle ohne Ausnahme weinten still, als sie -sein eingefallenes, müdes Gesicht sahen, und die bleichen, zuckenden -Lippen. - -»_Oui, mes amis_, und es wundert mich nur, daß ihr euch alle so ... -sorgt. Morgen werde ich wahrscheinlich aufstehen, und wir ... fahren -dann ... _Toute cette cérémonie_{[276]} ... der ich natürlich alles -lasse, was recht und billig ist ... war doch ...« - -»Ich würde Sie bitten, Väterchen, noch nicht fortzugehen,« hielt Warwara -Petrowna den Priester zurück, der sein Ornat schon ablegen wollte. -»Könnten Sie nicht, wenn der Tee gebracht wird, mit ihm noch über -Religiöses sprechen, um seinen Glauben zu stärken.« - -Das tat der Priester denn auch; alle saßen oder standen in der Nähe des -Kranken. - -»In unserer sündigen Zeit,« führte er aus, die Teetasse in der Hand und -in singendem Tone, »ist der Glaube an den Allmächtigen die einzige -Zuflucht des Menschengeschlechts, in allen Leiden und Nöten des Lebens, -ganz wie die Zuversicht auf die ewige Seligkeit, die den Gerechten -verheißen ...« - -Stepan Trophimowitsch war plötzlich wie neu belebt: ein feines -Spottlächeln glitt über seine Lippen. - -»_Mon père, je vous remercie, et vous êtes bien bon, mais ..._«{[277]} - -»Was ist da noch für ein _mais_, durchaus kein _mais_!« fiel ihm Warwara -Petrowna aufspringend erregt ins Wort. »Väterchen,« wandte sie sich -wieder an den Popen, »das, das ist solch ein Mensch, das ist solch ein -Mensch ... nach einer Stunde wird man ihn noch einmal das Abendmahl -nehmen lassen müssen! Sehen Sie, solch ein Mensch ist das!« - -Stepan Trophimowitsch lächelte zurückhaltend. - -»Meine Freunde,« sagte er, »Gott ist mir schon deswegen unentbehrlich, -weil er das einzige Wesen ist, das man ewig lieben kann ...« - -Ob er nun in der Tat gläubig geworden war, oder ob die mächtige -Zeremonie des letzten Abendmahls nur die künstlerische Empfänglichkeit -seiner Natur angeregt hatte, -- jedenfalls hat er noch mit fester Stimme -und, wie man mir sagte, auch mit echtem Gefühl einige Gedanken -ausgesprochen, die zu manchen seiner früheren Überzeugungen in geradem -Widerspruch standen. - -»Meine Unsterblichkeit ist schon deswegen notwendig, weil Gott doch -nicht das Unrecht wird begehen wollen, das Feuer der Liebe, das einmal -in meinem Herzen zu Ihm entbrannt ist, ganz auszulöschen. Was aber ist -teurer als Liebe? Die Liebe steht höher als das Sein, die Liebe ist die -Krone des Seins, wie sollte da das Leben ihr nicht untertan sein? Wenn -ich Ihn jetzt lieben gelernt habe, und diese meine Liebe mir eine Freude -ist -- wie wäre es dann möglich, daß Er mich und meine Freude wieder -auslöschte und uns in Nichts verwandelte? Wenn es einen Gott gibt, so -bin auch ich unsterblich! _Voilà ma profession de foi._«{[278]} - -»Es gibt einen Gott, Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, es -gibt einen Gott,« beschwor ihn Warwara Petrowna, »lassen Sie doch -endlich Ihre Dummheiten, lassen Sie sie doch wenigstens einmal im -Leben!« (Sie hatte wohl seine _profession de foi_ nicht recht -verstanden.) - -»Mein Freund,« sagte er mit wachsender Begeisterung, wenn auch seine -Stimme mehr und mehr versagte, »mein Freund, als ich begriff ... diese -andere hingehaltene Backe, da ... begriff ich im selben Augenblick -- -noch manches. _J'ai menti toute ma vie_,{[279]} mein ganzes, ganzes -Leben lang! Ich würde gern ... übrigens, morgen ... Morgen fahren wir -alle ...« - -Warwara Petrowna brach in Tränen aus. Er suchte jemanden mit den Augen. - -»Hier ist sie, hier ist sie!« rief Warwara Petrowna schnell und zog -Ssofja Matwejewna an der Hand zu ihm hin. Er lächelte gerührt. - -»Oh, ich würde sehr gern wieder leben wollen!« rief er mit einem -ungewöhnlichen Zustrom von Kraft. »Jede Minute, jeder Augenblick des -Lebens müssen für den Menschen eine Seligkeit sein ... müssen, müssen es -unbedingt! Das ist die Pflicht des Menschen, es selbst so zu machen; das -ist sein Gesetz, -- ein geheimes Gesetz, das es aber trotzdem unbedingt -gibt ... Oh, ich würde jetzt gern Petruscha sehen wollen ... und sie -alle ... und Schatoff!« - -Ich muß hier bemerken, daß sie noch nichts von Schatoff wußten, weder -seine Schwester Darja Pawlowna, noch Warwara Petrowna, noch selbst Dr. -Salzfisch, der als letzter aus der Stadt gekommen war. - -Stepan Trophimowitsch regte sich, statt ruhig zu sein, weit über seine -Kräfte auf. - -»Allein schon der immerwährende Gedanke, daß es etwas unendlich -Gerechteres und Glücklicheres gibt als mich, erfüllt auch schon mein -ganzes Ich mit unermeßlicher Rührung und -- Herrlichkeit, -- oh, wer ich -auch sei, was ich auch getan habe! Viel notwendiger als das eigene Glück -ist für den Menschen das Wissen und der allgegenwärtige Glaube, daß es -irgendwo schon ein vollkommenes und ruhiges Glück für alle und für jeden -gibt ... Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, daß -der Mensch sich stets vor etwas unermeßlich Großem beugen kann. Wollte -man aber den Menschen das unermeßlich Große nehmen, so würden sie das -Leben nicht mehr auf sich nehmen und in Verzweiflung den Tod suchen. Das -Unermeßliche und Unendliche ist für den Menschen ebenso notwendig, wie -dieser kleine Planet, auf dem er lebt ... Meine Freunde, alle, alle: es -lebe der Große Gedanke! Der Ewige, unermeßliche Gedanke! Jeder Mensch, -wer er auch sei, muß sich davor beugen, daß der Große Gedanke existiert! -Sogar der dümmste Mensch braucht unbedingt wenigstens irgend etwas -Großes. Petruscha ... Oh, wie gern ich sie alle wiedersehen würde! Sie -wissen nicht, sie wissen nicht, daß auch in ihnen immer ganz derselbe -Ewige Große Gedanke enthalten ist!« - -Doktor Salzfisch war bei der Zeremonie nicht zugegen gewesen. Als er nun -plötzlich eintrat, war er entsetzt: er trieb sofort die ganze -Versammlung auseinander und bestand darauf, daß der Kranke unbedingt -Ruhe haben müsse. - -Stepan Trophimowitsch starb nach drei Tagen, nachdem er die letzte Zeit -in voller Bewußtlosigkeit gelegen hatte. Er erlosch gleichsam, wie ein -zu Ende gebranntes Licht. Warwara Petrowna ließ noch in Ustjewo das -Totenamt für den Verstorbenen halten und brachte dann die Leiche ihres -armen Freundes nach Skworeschniki. Sein Grab auf dem Kirchhofe ist heute -bereits mit einer Marmorplatte bedeckt, doch die Aufschrift und das -eiserne Gitter sollen erst im Frühling gemacht werden. - -Die Abwesenheit Warwara Petrownas aus der Stadt dauerte ganze acht Tage. -Mit ihr zusammen, in derselben Equipage, kam auch Ssofja Matwejewna, die -sich nun, wie's scheint, endgültig bei ihr niedergelassen hat. -Bemerkenswert ist noch, daß Warwara Petrowna sofort, nachdem Stepan -Trophimowitsch die Besinnung verloren hatte -- also noch am selben -Morgen --, Ssofja Matwejewna aus dem Hause schickte und ganz allein den -Kranken bis zu seinem Tode pflegte. Kaum aber war er verschieden, da -ließ sie auch »jene« wieder zu sich rufen. Das Anerbieten (richtiger, -der Befehl) Warwara Petrownas, für immer nach Skworeschniki zu ziehen, -erschreckte die arme Ssofja Matwejewna entsetzlich, doch alle ihre -ängstlichen Einwendungen wurden von Warwara Petrowna überhaupt nicht -angehört: - -»Unsinn! Ich werde selbst für dich die Bibeln verkaufen gehen. Habe ich -doch jetzt niemanden mehr auf der Welt.« - -»Sie haben doch noch Ihren Sohn, gnädige Frau,« bemerkte Doktor -Salzfisch, der zugegen war. - -»Ich habe keinen Sohn,« sagte Warwara Petrowna kurz und -- hatte es -somit vorhergesagt. - - - - - Dreiundzwanzigstes Kapitel. - Der Schluß - - - I. - -Alle die begangenen Schandtaten und Verbrechen wurden erstaunlich -schnell bekannt, weit schneller, als Pjotr Stepanowitsch angenommen -hatte. Es begann damit, daß die unglückliche Marja Ignatjewna nach der -Nacht, in der ihr Mann ermordet worden war, sehr früh, noch vor -Sonnenaufgang, aus tiefem Schlaf erwachte, und zu ihrem Schreck und zu -ihrer Angst Schatoff nicht bei sich, nicht an ihrem Bett, noch im Zimmer -sah. In einer Ecke schlief nur die von Arina Prochorowna besorgte -Wärterin. Diese vermochte aber die Kranke nicht zu beruhigen, und -schließlich wußte sie nichts anderes zu tun, als schnell zu Arina -Prochorowna zu laufen, nachdem sie ihrer Pflegebefohlenen noch -versichert hatte, daß Wirginskis bestimmt wissen würden, wo Schatoff -geblieben war, und wann er zurückkehren werde. - -Währenddessen war auch Arina Prochorowna in nicht geringer Aufregung: -sie wußte schon durch ihren Mann, was im Park zu Skworeschniki geschehen -war. Wirginski war erst um elf Uhr nachts in einem furchtbaren Zustande -nach Hause gekommen: er hatte die Hände gerungen und sich auf das Bett -geworfen, um das Gesicht in den Kissen zu vergraben und immer nur unter -Zucken und Beben, schluchzend, immer nur dies eine zu wiederholen: »Das -ist doch nicht das, nicht das; das ist ja gar nicht das!« -Selbstverständlich endete es schließlich damit, daß er seiner Frau, die -unablässig in ihn drang, alles beichtete -- übrigens doch nur ihr -allein. Arina Prochorowna hieß ihn im Bett bleiben und schärfte ihm -strengstens ein, daß er, falls er heulen wolle, dann ins Kissen heulen -solle, damit es die anderen nicht hörten, und daß er ein Esel wäre, wenn -er sich am nächsten Tage etwas anmerken ließe. Darauf überlegte sie -rasch und machte sich dann schnell daran, auf alle Fälle gewisse -Vorkehrungen zu treffen: alle zweifelhaften Papiere und Bücher, und -vielleicht sogar Proklamationen konnte sie teils noch beiseite schaffen, -teils spurlos vernichten. Nach kurzem Nachdenken sagte sie sich aber, -daß sie selbst, ihre Schwester, die Tante und die Studentin weiter -nichts zu fürchten hatten, ja, und vielleicht nicht einmal ihr -langohriges Brüderlein -- Schigaleff. Als dann gegen Morgen die Wärterin -kam und sie zu Marja Ignatjewna rief, verlor sie weiter keinen -Augenblick und ging sofort zu ihrer Kranken. Übrigens wollte sie sich -auch selbst überzeugen, wie es sich damit verhielt, was ihr Mann in der -Nacht, halb unzurechnungsfähig, von den Versicherungen Pjotr -Stepanowitschs erzählt hatte: daß Kirilloff alles auf sich nehmen und -sich erschießen werde. - -Aber sie kam zu spät. Marja Ignatjewna hatte, nachdem sie die Wärterin -zu Arina Prochorowna geschickt, es nicht lange allein ausgehalten, war -aufgestanden, hatte sich irgendwie halb angezogen, und war dann selbst -zu Kirilloff in den Flügel gegangen, da er, wie sie meinte, ihr am -ehesten sagen konnte, wo ihr Mann geblieben war. Man kann sich -vorstellen, wie das, was sie dort erblickte, auf die Wöchnerin wirkte. -Merkwürdigerweise hat sie dabei den Brief, den Kirilloff hinterlassen -hatte und der sichtbar auf dem Tische lag, gar nicht gelesen, -- sie -wird ihn in ihrem Schreck und Entsetzen wohl gar nicht bemerkt haben. -Sie lief in die Dachstube zurück, ergriff ihr kleines Kind und verließ -das Haus. Der Morgen war feucht, Nebel stand ringsum. Kein Mensch war in -dieser abgelegenen Straße zu sehen. Sie lief und lief, atemlos, immer -weiter durch den kalten sumpfigen Straßenschmutz und schließlich begann -sie, an die Häuser zu klopfen. Im ersten Hause wurde nicht aufgemacht, -im zweiten hörte sie endlich Stimmen. Doch sie verlor die Geduld, zu -warten, und lief zum dritten Hause. Das war das Haus unseres Kaufmanns -Titoff. Hier rief sie große Bestürzung hervor: sie schrie und -versicherte zusammenhanglos, man habe ihren Mann, Schatoff, ermordet. -Titoffs wußten, wer Schatoff war, und kannten zum Teil auch seine -Lebensgeschichte. Sie erschraken nicht wenig, als sie von dieser fremden -Frau hörten, daß sie vor noch nicht vierundzwanzig Stunden geboren habe -und nun kaum bekleidet in dieser Kälte mit dem fast nackten Kindchen -herumlief. Zuerst glaubte man, sie habe den Verstand verloren, um so -mehr, als man aus ihren Worten nicht recht klug werden konnte, wer nun -eigentlich ermordet worden war: Kirilloff oder ihr Mann? Marja -Ignatjewna aber wollte schon wieder aus dem Hause laufen, da sie wohl -trotz ihrer Erregung merkte, daß man ihr nicht ganz glauben zu wollen -schien; doch da hielt man sie mit Gewalt zurück, obgleich sie furchtbar -schrie und um sich schlug. Jedenfalls ging man sofort zu Kirilloff, um -zu sehen, was mit ihm geschehen war -- und so wußte denn schon nach zwei -Stunden die ganze Stadt von dem Selbstmord Kirilloffs und dem Brief, den -er hinterlassen hatte. Die Polizei erschien zum Verhör bei Marja -Ignatjewna, die noch bei Bewußtsein war. Und eben hierbei stellte es -sich heraus, daß sie Kirilloffs Schreiben gar nicht gelesen hatte, warum -sie aber zu dem Schluß gekommen war, daß auch ihr Mann tot sei -- -darüber konnte man von ihr nichts Vernünftiges erfahren. Sie schrie -immer nur, wenn jener ermordet sei, dann sei auch ihr Mann ermordet, -denn -- »sie waren zusammen, zusammen!« Gegen Mittag verlor sie das -Bewußtsein; sie starb am übernächsten Tage, ohne noch einmal zu sich zu -kommen. Das erkältete Kindchen starb noch vor ihr. - -Inzwischen war Arina Prochorowna bei Schatoffs angelangt: als sie weder -die junge Mutter noch das Kind vorfand, sagte sie sich sofort, daß hier -etwas Schlimmes geschehen sein müsse, und wollte schon wieder nach Haus -zu ihrem Mann laufen, doch noch an der Pforte besann sie sich und -schickte die Wärterin in den Flügel zu Kirilloff, damit sie sich bei -diesem erkundige, ob er etwas wisse, oder ob die Kranke bei ihm war. Die -Frau kam mit entsetztem Geschrei zurückgelaufen. Arina Prochorowna hielt -ihr sofort den Mund zu und brachte sie mit dem bekannten Argument: »Wenn -du was sagst, so wird man dich für die Schuldige halten!« zum Schweigen -und verließ dann selbst schnell den Hof. - -Selbstredend erschien die Polizei noch am selben Morgen bei ihr, da sie -ja Schatoffs Frau entbunden hatte. Es war aber nicht viel, was man von -ihr erfuhr: kaltblütig und sehr sachlich erzählte sie, was sie bei -Schatoffs gesehen und gehört hatte, doch von den letzten Vorfällen -behauptete sie, weder etwas Näheres zu wissen, noch überhaupt das -Geschehnis begreifen zu können. - -Man kann sich vorstellen, wie groß die Aufregung in der Stadt war. -Wieder eine »Geschichte«, wieder ein Mord! Und jetzt kam noch etwas -anderes hinzu: es war nun klar, daß es also doch eine geheime -Verschwörerbande gab: revolutionäre Brandstifter, Aufrührer und Mörder. -Der furchtbare Tod Lisas, die Ermordung der Frau Nicolai Stawrogins, -Stawrogins Verhalten, der Brand, der Ball für die Gouvernanten, die -Ungebundenheit in der Umgebung Julija Michailownas: das alles kam -zusammen! Sogar in dem plötzlichen Verschwinden Stepan Trophimowitschs -wollte man unbedingt etwas Bedeutsames sehen. Ja, es gingen schon sehr, -sehr schlimme Urteile und Gerüchte über Stawrogin um. Am Abend dieses -Tages erfuhr man auch die Abreise Pjotr Stepanowitschs, doch -sonderbarerweise wurde darüber am allerwenigsten gesprochen -- am -meisten dagegen sprach man von dem »Senator«, der aus Petersburg bereits -eingetroffen sein sollte. Vor dem Filippoffschen Hause stand den ganzen -Vormittag über eine ansehnliche Volksmenge. Die Polizei wurde durch -Kirilloffs »Brief an die ganze Welt« zunächst tatsächlich irre gemacht. -Man glaubte an die Ermordung Schatoffs durch Kirilloff und an den -Selbstmord des »Mörders«. Übrigens glückte die Irreführung doch nicht so -ganz. Das Wort »Park« zum Beispiel, das sich ohne nähere Ortsangabe in -dem Brief fand, war für keinen ein Rätsel, wie Pjotr Stepanowitsch -erwartet hatte. Die Polizei jagte vielmehr sofort nach Skworeschniki, -und zwar nicht nur deshalb, weil es einen anderen Park weder in der -Stadt noch in deren Umkreise gab, sondern gewissermaßen schon aus bloßem -Instinkt, da doch alle Schrecken der letzten Tage teils mittelbar, teils -unmittelbar mit Skworeschniki verbunden waren. (Ich muß hier bemerken, -daß Warwara Petrowna schon am Morgen dieses Tages aus ihrem Stadthause -auf die Suche nach Stepan Trophimowitsch ausgefahren war.) Die Leiche -Schatoffs wurde am Abend desselben Tages im Teich gefunden: neben der -Grotte hatten die Mörder in unglaublichem Leichtsinn Schatoffs Mütze -liegen lassen, und von dort aus ließen sich dann deutliche Spuren bis -zur Fundstelle verfolgen. Dieser Umstand sowie einige ärztliche -Feststellungen bei der Leichenschau legten sofort den Verdacht nahe, daß -Kirilloff Helfershelfer gehabt haben müsse. Man vermutete zunächst eine -»Schatoff-Kirilloffsche geheime Gesellschaft«, die mit den -Proklamationen irgendwie in Zusammenhang stehen mußte. Wer aber waren -diese Leute? Von den »Unsrigen« ahnte man an diesem Tage noch nicht das -geringste. Aus dem Briefe war nur hervorgegangen, daß Fedjka, den man -überall vergeblich gesucht, gerade in diesen Tagen völlig unbemerkt bei -Kirilloff hatte leben können! ... Der Hauptkummer aller blieb, daß man -aus dem ganzen Wirrwarr der Tatsachen nichts Allgemeines und -Zusammenhängendes kombinieren konnte. Und ganz unmöglich ist es -abzusehen, zu welchen abenteuerlichen Folgerungen man noch gekommen -wäre, wenn man nicht plötzlich, schon am anderen Tage, den ganzen wahren -Sachverhalt erfahren hätte -- dank Lämschin. - -Der hielt es nicht aus. Es geschah mit ihm das, was sogar Pjotr -Stepanowitsch zum Schluß vorauszufühlen begonnen hatte. Lämschin war -zuerst der Obhut Tolkatschenkos, dann Erkels anvertraut worden und -verbrachte diesen ganzen Tag im Bett: er lag, anscheinend ganz zahm, mit -dem Gesicht zur Wand, sprach kein Wort und antwortete nicht einmal, wenn -man zu ihm redete. So erfuhr er denn auch nichts davon, was in der Stadt -geschah. Da fiel es aber Tolkatschenko, der natürlich alles wußte, gegen -Abend ein, den von Pjotr Stepanowitsch ihm ausdrücklich gegebenen -Auftrag, Lämschin zu bewachen, einfach abzuschütteln und die Stadt zu -verlassen, d. h. sich einfach aus dem Staube zu machen. Wahrlich, Erkel -hatte recht, als er sagte, sie hätten doch schon alle die Vernunft -verloren. Hier mag gleich erwähnt sein, daß auch Liputin an eben diesem -Tage aus der Stadt verschwand, und zwar schon am Morgen. Das erfuhr man -aber erst am Abend des nächsten Tages, als die Polizei sich zu Liputin -begab und dort nur dessen vor Angst über die Abwesenheit des Gatten und -Vaters zitternde Familie vorfand. Doch ich fahre fort, von Lämschin zu -erzählen. Kaum war er also allein geblieben (Erkel war, da er sich auf -Tolkatschenko verlassen zu können glaubte, fortgegangen), als er sofort -aus dem Hause lief und natürlich sehr bald die ganze Lage der Dinge -erfuhr. Ohne nach Haus zurückzukehren, begann er zu laufen, weiter und -immer weiter. Aber die Nacht war so dunkel und sein Vorhaben dermaßen -grausig und schwer, daß er schon nach ein paar Straßen umkehrte und doch -nach Hause ging, wo er sich für die ganze Nacht einschloß. Ich glaube, -gegen Morgen machte er einen Selbstmordversuch; aber der mißlang ihm. So -saß er in dem verschlossenen Zimmer bis zum Mittag des nächsten Tages, -und -- plötzlich lief er schnurstracks auf die Polizei. Man sagte, er -sei dort auf den Knien herumgerutscht, habe geschluchzt und gekreischt -und die Diele geküßt, habe in einem fort geschrien, er sei nicht einmal -wert, die Stiefel der vor ihm stehenden »Würdenträger« zu küssen. Man -beruhigte ihn und war sehr freundlich zu ihm. Das Verhör zog sich durch -ganze drei Stunden hin. Er gestand alles, alles, erzählte die letzten -Einzelheiten, griff vor, überhastete sich mit seinen Geständnissen und -mischte, ohne danach gefragt zu sein, alles mögliche Unnötige hinein. Im -allgemeinen aber wußte er die Sache doch ganz anschaulich darzustellen: -die Tragödie mit Schatoff und Kirilloff, die Feuersbrunst, die Ermordung -der Lebädkins usw. traten als das Unwichtigere mehr in den Hintergrund; -in den Vordergrund aber traten: Pjotr Stepanowitsch, der Geheimbund, -seine Organisation, die Fünfergruppen, das Netz. Auf die Frage, warum -man denn so viele Menschen ermordet, so viele Verbrechen begangen hatte, -antwortete er mit eilfertigem Eifer: »Zur systematischen Erschütterung -der Grundfesten und zur systematischen Zersetzung der ganzen -Gesellschaft und alles bisher Bestehenden; um alle zu entmutigen und aus -allem einen einzigen großen Brei zu machen, dann aber die auf diese -Weise zerrüttete, kranke, zynische, ungläubige Masse, die sich jedoch -bis zum äußersten nach einer leitenden Idee und nach Selbsterhaltung -sehnt, -- plötzlich in die Hand zu nehmen, die Fahne des Bundes zu -erheben und im übrigen sich auf das weitverzweigte Netz der ->Fünfergruppen< zu stützen, die inzwischen ihrerseits alle nicht müßig -gewesen sind, Jünger geworben und praktisch alle Möglichkeiten geprüft -und alle schwachen Stellen des Gegners ausfindig gemacht haben, so daß -man genau weiß, wo er am besten zu fassen ist.« Er schloß mit der -Mitteilung, daß hier in unserer Stadt von Pjotr Stepanowitsch nur der -erste Versuch einer solchen systematisch hervorgerufenen Unordnung -gemacht worden sei -- sozusagen eine Art Prüfung des Programms der -ferneren Tätigkeit nicht nur dieser, sondern auch aller übrigen -Fünfergruppen. Letzteres sei aber seine -- d. h. Lämschins -- eigene -Vermutung und er bäte nur, daß man das alles nicht vergesse, vielmehr in -Betracht ziehe, bis zu welchem Grade er aufrichtig sei und wie gut er -den Sachverhalt klarlege, so daß er noch sehr nützlich sein könnte, wenn -die Polizei sich seiner annehmen wollte. Auf die Frage, ob es viele -solcher »Fünfergruppen« in Rußland gäbe, antwortete er, es gäbe ihrer -eine unzählige Menge, die wie ein Netz ganz Rußland umspinne. Daran hat -er, wie mir scheint, selbst vollkommen aufrichtig geglaubt, wenn er auch -keine Beweise anführen konnte. Vorzeigen konnte er nur ein im Auslande -gedrucktes Programm der Gesellschaft und ferner ein Projekt der -»Entwicklung des Systems aller weiteren Handlungen«, das von Pjotr -Stepanowitsch selbst geschrieben war. Es erwies sich, daß Lämschin den -ganzen langen Satz von der »Erschütterung der Grundfesten« wortwörtlich, -ohne ein Komma oder einen Punkt zu vergessen, nach diesem Blatt zitiert -hatte, trotz seiner Beteuerung hinterher, daß es seine eigene Auffassung -sei. Über Julija Michailowna äußerte er sich erstaunlich scherzhaft und -sogar ohne gefragt zu sein, indem er wieder vorgriff, daß sie »ganz -unschuldig« sei und man sie »nur zum besten« gehabt habe. Bemerkenswert -ist aber, daß er auch Nicolai Stawrogin von jeder Teilnahme an dem -Geheimbunde, sowie von jedem Einverständnis mit Pjotr Stepanowitsch -freisprach. (Von den geheimnisvollen lächerlichen Hoffnungen Pjotr -Stepanowitschs auf Stawrogin ahnte Lämschin natürlich nichts.) Auch die -Ermordung der Lebädkins war nach seinen Worten von Pjotr Stepanowitsch -ganz allein den Mördern befohlen worden, ohne jeden Anteil Stawrogins, -und nur in der schlauen Absicht, diesen in ein Verbrechen -hereinzuziehen, um dann über ihn Macht zu bekommen -- anstatt der -Dankbarkeit aber, auf die er zweifellos gerechnet, habe Pjotr -Stepanowitsch nur heftigen Unwillen und sogar Verzweiflung in dem -»edlen« Nicolai Wszewolodowitsch hervorgerufen. Und zum Schluß fügte -Lämschin in seinen Aussagen über Stawrogin noch hinzu -- übrigens -gleichfalls ungefragt und sich überhastend, augenscheinlich in der -Absicht, einen Wink zu geben --, daß dieser ein ungeheuer wichtiges Tier -sei, nur müsse das unbedingt ein Geheimnis bleiben; aufgehalten habe er -sich bei uns sozusagen inkognito, und dabei habe er hochwichtige geheime -Aufträge gehabt, und deshalb sei es sehr möglich, daß er aus Petersburg -bald wieder zu uns zurückkehren werde (Lämschin war überzeugt, daß -Stawrogin in Petersburg sei), dann aber schon mit ganz anderen Aufträgen -und mit einer Suite von solchen Persönlichkeiten, von denen man -vielleicht auch bei uns schon bald hören werde, und alles das habe er -von Pjotr Stepanowitsch gehört, dem »geheimen Feinde Nicolai -Stawrogins«. - -Hierzu eine Randbemerkung: zwei Monate später gestand Lämschin, er habe -Stawrogin absichtlich von allem freigesprochen, und zwar in der Hoffnung -auf dessen Protektion: er habe geglaubt, Stawrogin werde ihm dann aus -Dankbarkeit in Petersburg eine bedeutende Erleichterung seiner Strafe -erwirken können und ihm vielleicht auch nach Sibirien Geld und -Empfehlungen schicken. Aus diesem zweiten Geständnis ersieht man erst, -wie hoch Stawrogin auch von einem Lämschin eingeschätzt wurde. - -Am selben Tage wurde natürlich auch Wirginski verhaftet, und im Eifer -verhaftete man auch gleich seine ganze »Familie«. (Heute sind Arina -Prochorowna, ihre Schwester und Tante sowie die Studentin schon längst -wieder frei und es heißt sogar, auch Schigaleff werde in kürzester Zeit -aus der Untersuchungshaft entlassen werden, da er in keine Kategorie der -Angeklagten hineinpasse.) Wirginski bekannte sich sofort in allen Dingen -schuldig: er war krank und hatte hohes Fieber, als man ihn verhaftete. -Man erzählt, er habe sich fast gefreut: nun sei es »vom Herzen gewälzt«, -soll er gesagt haben. Jetzt heißt es von ihm, daß er seine Aussagen -wahrheitsgetreu und sogar mit einer gewissen Würde mache, doch von -seinen »hellen Hoffnungen« noch immer nicht lasse und nur den -politischen Weg, auf den er so unverhofft und unschuldig gelockt worden -war, verwünsche (im Gegensatz zum sozialen). Sein Verhalten während des -Verbrechens im Park soll, glaube ich, zur Milderung seiner Strafe in -Betracht gezogen werden. Wenigstens behauptet man das allgemein bei uns. - -Anders steht es mit dem Schicksal Erkels. Der schweigt seit seiner -Verhaftung hartnäckig, oder er entstellt die Wahrheit soviel er nur -kann. Noch hat man kein einziges Wort der Reue aus ihm herauszuholen -vermocht. Und doch hat er selbst in den strengsten Richtern Sympathie -erweckt, -- durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch -die erwiesene Tatsache, daß er nur das fanatische Opfer eines -politischen Verführers ist, vor allem aber durch sein jetzt bekannt -gewordenes Verhältnis zu seiner armen Mutter, der er monatlich fast die -Hälfte seines kleinen Gehaltes zugeschickt hat. Seine Mutter ist jetzt -hier: sie ist eine schwache, kranke, vorzeitig alt gewordene Frau. Sie -weint und wirft sich -- es ist wortwörtlich zu nehmen -- den Richtern zu -Füßen, um für ihren Sohn Gnade zu erflehen. - -Liputin wurde schließlich in Petersburg verhaftet, nachdem er dort zwei -volle Wochen sich aufgehalten hatte. Mit ihm war etwas ganz -Unwahrscheinliches geschehen, etwas, das man sich nur schwer erklären -kann. Er, der einen Paß auf einen fremden Namen und bei beträchtlichen -Geldmitteln durchaus die Möglichkeit hatte, ins Ausland zu entkommen, -war trotzdem in Petersburg geblieben: eine Zeitlang hatte er Stawrogin -und Pjotr Stepanowitsch gesucht, dann aber hatte er plötzlich zu trinken -begonnen und ein über alle Maßen ausschweifendes Leben geführt, ganz wie -ein Mensch, der jede gesunde Vernunft sowie jede Vorstellung von seiner -Lage verloren hat. Verhaftet wurde er denn auch in einem Bordell, in -betrunkenem Zustande. Jetzt soll er aber wieder zur Vernunft gekommen -sein, durchaus nicht den Mut verloren haben, in seinen Aussagen lügen -und zu der Gerichtsverhandlung sich mit einer gewissen Feierlichkeit und -Hoffnungsfreudigkeit vorbereiten (?). Ja, er soll sogar die Absicht -haben, vor Gericht eine Rede zu halten. - -Tolkatschenko dagegen, der irgendwo im Nachbarkreise zehn Tage nach -seiner Flucht verhaftet wurde, verhält sich weit bescheidener, lügt -nicht und verstellt sich nicht, sondern sagt alles, was er weiß, ohne -sich dabei freisprechen zu wollen, ist aber gleichfalls ein wenig zum -»Reden« geneigt: er spricht viel und gern, und wenn man auf die Kenntnis -des Volkes und dessen revolutionäre (?) Elemente zu sprechen kommt, dann -beginnt er sogar zu posieren und nach Effekt zu haschen. Auch er soll, -wie man hört, eine Rede zur Gerichtsverhandlung vorbereiten. Überhaupt -sind er und Liputin nicht allzu eingeschüchtert, und das ist eigentlich -sonderbar. - -Wie gesagt, das gerichtliche Urteil in dieser Sache ist noch nicht -gesprochen. - -Unsere Gesellschaft jedoch hat sich jetzt, nach drei Monaten, schon -wieder einigermaßen erholt, gesammelt, und sich sogar eine eigene -Meinung gebildet -- allerdings eine dermaßen eigene, daß jetzt viele bei -uns Pjotr Stepanowitsch für ein Genie halten, oder doch wenigstens für -einen Menschen mit »hoch genialen Anlagen«. - -»Da sieht man, was Organisation bedeutet!« sagt man im Klub und erhebt -dabei den Finger. Übrigens ist das alles furchtbar harmlos, und -schließlich sind es nicht einmal viele, die so reden. - -Andere dagegen urteilen weit weniger günstig über ihn, und wenn sie ihm -auch eine große Begabung nicht absprechen, so tadeln sie doch seine -vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit, bei schrecklicher Abstraktion -und ungeheuerlicher und stumpfer Entwicklung nur nach einer Seite hin -und daraus folgendem außergewöhnlichen Leichtsinn. - -Das Urteil über seine Moral ist natürlich bei allen das gleiche; darüber -streitet schon niemand mehr. - -Ich weiß eigentlich nicht, wen ich der Vollständigkeit halber noch zu -erwähnen hätte. Mawrikij Nicolajewitsch ist irgendwohin auf immer von -hier weggereist. Lisas Mutter ist kindisch geworden ... Nur eine düstere -Geschichte bleibt mir noch zu erzählen übrig. Ich werde mich mit den -Tatsachen begnügen. - -Warwara Petrowna war nach ihrer Rückkehr mit der Leiche Stepan -Trophimowitschs aus Ustjewo wieder in ihrem Stadthause abgestiegen. Die -Neuigkeiten, die sich hier inzwischen angesammelt hatten und die sie nun -alle mit einem Male erfuhr, erschütterten sie entsetzlich. Es war Abend; -alle waren müde und man ging früher zu Bett. - -Am folgenden Morgen übergab die Kammerzofe Darja Pawlowna mit -geheimnisvoller Miene einen Brief. Sie sagte, sie hätte ihn erst spät am -Abend erhalten, als alle schon schliefen, und nicht gewagt, Darja -Pawlowna aufzuwecken. Der Brief war nicht mit der Post gekommen, sondern -in Skworeschniki von einem unbekannten Menschen Alexei Jegorowitsch -eingehändigt worden. Dieser aber habe den Brief gestern Abend ihr -- der -Kammerzofe -- selbst überbracht und sei darauf sofort nach Skworeschniki -zurückgefahren. - -Darja Pawlowna betrachtete mit klopfendem Herzen lange diesen Brief und -wagte nicht ihn zu öffnen. Sie wußte, von wem er war: so schrieb nur -Nicolai Stawrogin. Sie las die Aufschrift auf dem Kuvert: »An Alexei -Jegorytsch zur Übergabe an Darja Pawlowna, heimlich.« - -Hier ist dieser Brief, Wort für Wort, ohne Korrektur auch nur des -geringsten Fehlers in den Sätzen dieses russischen Edelmannes, der -ungeachtet seiner ganzen europäischen Bildung die Grammatik seiner -Muttersprache nicht zu Ende gelernt hatte. - - »Liebe Darja Pawlowna, - - Sie wollten einmal >als Krankenschwester< zu mir kommen und nahmen - mir das Wort ab, Sie zu rufen, wenn es nötig wird. Ich fahre in zwei - Tagen und werde nie mehr wiederkehren. Wollen Sie mit mir gehen? - - Im vorigen Jahr habe ich mich wie seinerzeit Herzen als Bürger des - Kantons Uri aufnehmen lassen, und das weiß niemand. Ich habe mir - dort schon ein kleines Haus gekauft. Ich habe noch zwölftausend - Rubel; wir fahren dann fort und werden dort ewig leben. Ich werde - sonst niemals nirgend wohin mehr reisen. - - Die Stelle ist sehr öde, eine Schlucht; die Berge beengen den Blick - und den Gedanken. Es ist sehr düster. Ich tat es, weil das kleine - Haus gerade verkauft wurde. Wenn es Ihnen nicht gefällt, so verkaufe - ich es und kaufe ein anderes an einem anderen Ort. - - Ich bin nicht gesund, aber von den Halluzinationen hoffe ich mich - durch die dortige Luft zu befreien. Physisch; moralisch aber wissen - Sie alles; nur, ist es auch wirklich alles? - - Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzählt. Aber nicht alles. - Sogar Ihnen nicht alles! Übrigens, ich bestätige, daß ich mit dem - Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie nachher - nicht mehr gesehen und darum sage ich es hier. Schuld bin ich auch - vor Lisaweta Nicolajewna; aber hiervon wissen Sie alles; hier haben - Sie fast alles vorausgesagt. - - Kommen Sie lieber nicht. Daß ich Sie zu mir rufe, ist eine - schreckliche Gemeinheit. Ja und warum sollten Sie auch mit mir Ihr - Leben begraben? Mir sind Sie lieb und im Leid war es mir wohl bei - Ihnen: nur bei Ihnen allein habe ich von mir laut sprechen können. - Daraus folgt aber nichts. Sie haben es selbst geprägt: >als - Krankenschwester< -- das ist Ihr Ausdruck; wozu so viel opfern? - Begreifen Sie auch, daß ich Sie nicht bemitleide, wenn ich Sie rufe, - und nicht achte, wenn ich Sie erwarte. Und währenddessen rufe ich - Sie und erwarte ich Sie doch. Jedenfalls brauche ich Ihre Antwort, - denn man muß sehr schnell fahren. In dem Falle werde ich allein - fortfahren. - - Ich hoffe nichts von Uri; ich fahre einfach. Ich habe nicht mit - Absicht diesen düsteren Ort gewählt. In Rußland bin ich an nichts - gebunden, -- hier ist mir alles ebenso fremd wie überall. Es ist - wahr, in Rußland liebte ich am allerwenigsten zu leben; aber selbst - in Rußland habe ich nichts zu hassen vermocht! - - Ich habe überall meine Kraft versucht. Sie rieten mir einmal dazu: - >um sich selbst zu erkennen<. In den Versuchen für mich selbst und - in den Versuchen nach außen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie - auch früher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als - grenzenlos. Vor Ihren Augen ertrug ich die Ohrfeige von Ihrem - Bruder. Ich bekannte öffentlich meine Ehe. Aber an was diese Kraft - anlegen -- das ist es, was ich nie gesehen habe, auch jetzt nicht - sehe, trotz Ihres Beifalls in der Schweiz und Ihres Zuspruchs, dem - ich traute. Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch früher immer, - eine gute Tat zu begehen wünschen und empfinde Vergnügen dabei; - daneben aber will ich auch Böses und empfinde dabei gleichfalls - Vergnügen. Aber dieses wie jenes Gefühl ist, ganz wie früher, immer - zu klein und flach, sehr stark aber pflegt es nie zu sein. Meine - Wünsche sind viel zu wenig stark; sie können nicht leiten. Auf einem - Balken kann man über einen Fluß schwimmen, auf einem Holzspan aber - nicht. Ich schreibe das nur, damit Sie nicht denken, daß ich mit - irgendwelchen Hoffnungen nach Uri fahre. - - Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos - ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschöpft: - aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben - mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, daß ich sogar - auf unsere Verneiner mit Haß geblickt habe, aus Neid auf ihre - Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefürchtet; ich konnte denen - nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus - Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das - Lächerliche fürchte, -- das Lächerliche kann mich nicht schrecken, - -- sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anständigen - Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und - Neid für sie hätte, so würde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen - sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie - ich mich hin und her gewälzt habe! - - Du, mein liebster Freund, Du zartes und großmütiges Geschöpf, das - ich nun endlich erraten habe! Vielleicht träumen Sie davon, mir so - viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schönem aus Ihrer - wundervollen Seele zu überschütten, daß Sie hoffen, schon damit - endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu können? Nein, Sie - sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach - sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglücklich sein. Ihr - Bruder hat mir einmal gesagt, daß derjenige, der die Verbindung mit - seiner Erde verliert, sofort auch seine Götter verliert, das heißt - also alle seine Ziele. Über alles kann man endlos streiten, aber aus - mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Großmut und ohne jede - Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und - schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und -- - erschoß sich: aber ich weiß doch, daß er deshalb hochherzig war, - weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine - Vernunft verlieren können und werde nie in dem Maße an eine Idee - glauben können, wie er. Ich kann mich in dem Maße nicht einmal mit - einer Idee beschäftigen. Nie, nie werde ich mich erschießen können! - - Ich weiß, daß ich mich töten müßte, mich wie ein scheußliches Insekt - von der Erde wegfegen; aber ich fürchte den Selbstmord, denn ich - fürchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich weiß, daß das noch ein - Betrug sein würde, -- der letzte Betrug in der endlosen Reihe der - Betrüge. Was hätte es für einen Nutzen, sich selbst zu betrügen, nur - um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir - niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung. - - Verzeihen Sie, daß ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur - Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert - Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen genügen, wenn man - jemand >als Krankenschwester< ruft. - - Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim - Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fünf Jahren in - Petersburg in der wüsten Zeit gemacht. Niemand weiß es, daß ich bei - ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse füge ich bei. - - Nicolai Stawrogin.« - -Darja Pawlowna ging sofort zu Warwara Petrowna und gab ihr den Brief. -Diese las ihn durch und bat darauf Dascha, sie allein zu lassen, da sie -den Brief noch einmal lesen wolle. Aber sie rief sie schon sehr bald -zurück. - -»Wirst du fahren?« fragte sie fast zaghaft. - -»Ja, ich werde fahren,« antwortete Dascha. - -»Dann mach dich bereit! Wir fahren zusammen!« - -Dascha sah sie fragend an. - -»Was soll ich hier jetzt noch? Ist es nicht einerlei, wo ich weiterlebe? -Ich werde mich gleichfalls in Uri aufnehmen lassen und in der Schlucht -leben ... Sei unbesorgt, werde euch nicht stören.« - -Sie begannen schnell einzupacken, um noch mit dem Mittagzuge abfahren zu -können. Es war aber noch keine halbe Stunde vergangen, als Alexei -Jegorytsch aus Skworeschniki eintraf und meldete, daß Nicolai -Wszewolodowitsch plötzlich am Morgen angekommen war, mit dem Frühzuge, -und sich in Skworeschniki befinde, aber »in einem Zustande, daß der Herr -auf die Fragen nicht zu antworten geruhten, durch alle Zimmer gingen, -und sich dann in seiner Hälfte eingeschlossen haben ...« - -»Ich bin ohne Befehl des Herrn hergefahren, um zu melden,« fügte Alexei -Jegorytsch verhalten, mit sehr aufmerksamem Blick hinzu. - -Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an und fragte nicht weiter. Im -Augenblick war der Wagen bereit. Sie fuhr mit Dascha nach Skworeschniki. -Während der Fahrt soll sie sich mehrmals bekreuzt haben. - -In »seiner Hälfte« waren alle Türen unverschlossen, doch Nicolai -Wszewolodowitsch war nirgendwo zu finden. - -»Sollte der Herr nicht vielleicht im oberen Stock sein?« fragte -Fomuschka vorsichtig. - -Es war sonderbar, daß diesmal mehrere Dienstboten Warwara Petrowna in -die »Hälfte des Herrn« folgten, während die anderen im großen Saal -warteten. Noch nie hatten sie es gewagt, so die Etikette zu -überschreiten. Warwara Petrowna bemerkte es wohl, aber sie schwieg. - -Man stieg in den oberen Stock. Dort waren nur drei Zimmer, doch in -keinem einzigen fand man ihn. - -»Ja, sollte der Herr nicht vielleicht dahin gegangen sein?« fragte -jemand und wies auf die Tür zur Dachkammertreppe. - -Tatsächlich war diese sonst stets geschlossene kleine Tür zur Dachkammer -diesmal offen. Eine schmale, lange und sehr steile Treppe führte hinauf. - -»Dorthin gehe ich nicht! Aus welchem Grunde hätte er dorthin gehen -sollen?« fragte Warwara Petrowna, unheimlich erbleichend, und sah sich -nach den Dienstboten um. Die sahen sie an und schwiegen. Dascha -zitterte. - -Dann stürzte Warwara Petrowna die Treppe hinauf. Dascha folgte ihr. Doch -kaum hatte Warwara Petrowna in die Dachkammer hineingesehen, als sie -aufschrie und bewußtlos hinfiel. - -Der Bürger des Kantons Uri hing hier gleich hinter der kleinen Tür. Auf -dem kleinen Tisch lag ein Stück Papier, auf dem mit Blei gekritzelt die -Worte standen: - -»Niemanden beschuldigen. Ich selbst.« - -Auf demselben Tischchen lag ferner ein Hammer, ein Stück Seife und ein -großer Nagel. Die starke seidene Schnur, mit der Nicolai Stawrogin sich -erhängt hatte, war dick eingeseift. Alles wies auf volle Absicht hin und -auf klares Bewußtsein bis zum letzten Augenblick. - -Die Annahme, daß die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn -geschehen sei, wurde von unseren Ärzten nach der Obduktion mit aller -Entschiedenheit zurückgewiesen. - - - - - Erster Anhang. - Material zum Roman »Die Dämonen«. - Aus den Notizbüchern F. M. Dostojewskis[55] - - - 1. Januar 1870. - - - _Stawrogin_ (der Fürst) - -Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus gräflichem Hause, -den Graf Tolstoi in »Kindheit und Jugend« dargestellt hat[56]. Ein Typ -aus der Urbevölkerung, der unbewußt von seiner eigenen typischen Kraft -beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht weiß, worauf sie sich -aufbauen [fußfassen] könnte. Solche autochthonen Typen sind häufig -entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie -gehen bis zum Äußersten des Geißler- oder Skopzentums. Es ist das eine -außergewöhnliche, für sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas -verlangt und sucht, worauf sie Fuß fassen [stehen bleiben] und das sie -sich zur Richtschnur nehmen könnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlösung von -den Stürmen verlangt und die vorläufig doch unmöglich _nicht_ stürmen -kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich -schließlich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und -Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch, -urtümlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache -Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine -unumfaßbare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu -Schmerzen und die sich während der Zeit des Suchens und des Umherirrens -mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente stürzt, bis -sie auf einer so starken Idee Fuß faßt, die ihrer unmittelbaren -tierischen Kraft vollkommen proportional ist, -- auf einer Idee, die -dermaßen stark ist, daß sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu -weihevoller Stille beruhigen kann. - -Überhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist -zurückgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig -machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn für einen Nihilisten -(z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein für einen Nihilisten. Nur -Gr. sieht, daß das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er -meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter -ihnen gibt. Der Fürst spottlacht immer, was Gr. mißfällt und verletzt. -Gr. denkt schließlich, W. habe den Fürsten in der Hand. Mitunter -überraschen Gr. am Fürsten Ausbrüche sowohl von Ernst wie von Zartheit. -Ein sehr ernstes Gespräch. Ein tiefer Zug, daß der Fürst sehr viel und -aufmerksam zuhört. Aber die Mutter fürchtet ihn doch immer. W. nahm ihn -schon in die Hand (d. h. er glaubte, daß es ihm gelungen sei), doch bald -wurde es selbst dem sorglosen W. klar, daß das etwas anderes war. Er -will übrigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U--ffs hin) den -Fürsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist bloß leichtsinnig und -sorglos, wenn es aber nötig ist -- sehr klug: er gewahrt plötzlich, daß -er den Fürsten nicht in den Mord hineinziehen kann, daß es hier gar -nicht das ist, was er vermutet hatte, daß der Fürst nur zuhört, schweigt -und aufpaßt, ja sogar selbst auf Sch--ffs Seite steht. Da löst W. mit -einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den -Fürsten. Der Verdacht fällt dennoch zum Teil auf den Fürsten; doch nun -nimmt plötzlich der Fürst selbst die Sache in die Hand und enthüllt -sich. - -Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U--ff; dieser -gesteht. Geht geradeswegs zum Zögling, zeigt ihr seine ganze tiefe -Liebe, stellt aber Bedingungen -- sie ist mit Begeisterung -einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Götzen zerstören und -Schiffe verbrennen. Ist, falls nötig, bereit, sich von der Erbschaft -loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fügt sich. Schreckt den -Gouverneur und den großen Schriftsteller. Hat großmütig Mitleid mit der -jungen Schönheit, die er brutal und schroff verstößt wegen eines -leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn für -einen Nihilisten und ließ es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu -spielen; er ließ sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war -nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und -gewissensruhige Überzeugung.) Überhaupt: er überzeugt sich, daß ehrlich -und besonders ein _neuer_ Mensch zu sein, nicht so leicht ist, daß dazu -nicht Enthusiasmus allein genügt, was er auch ihr, dem Zögling seiner -Mutter, erklärt: »Ich werde kein _neuer_ Mensch sein, ich bin viel zu -unoriginell dazu,« sagt er, »aber ich habe endlich einige wertvolle -Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will.« Doch vor jeder -Wiedergeburt oder Auferstehung -- Selbstüberwindung; und deshalb: »du -bist mir nötig, du wirst mich retten mit deiner Stille«. Er sagt: -»Früher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind, -jetzt aber sehe ich ein, daß die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die -Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum müssen zuerst -wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfäulnis, auf uns ruht der -Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen.« - - 7. März 1870. - - - _Stawrogin_ (Fürst) - -Der Fürst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmütiger -Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der -Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrücker der Bauern. - -Er ist _Ideenmensch_. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn -ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie -sich in ihm _verkörpert_, in seine Natur übergeht (immer mit Leiden und -Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre -sofortige Umsetzung in die Tat. - -Während seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine Überzeugungen -geändert. Seine Überzeugungen ändern heißt für ihn sofort auch sein -ganzes Leben ändern, so daß er schon mit der geheimen Absicht -zurückkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen. -Er ist plötzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist maßlos -mißtrauisch und vermutet immer das Schlimmste, -- eine Erscheinung, die -bei einem festen Menschen, für den sich entscheiden, die Schiffe -verbrennen und handeln heißt, sehr verständlich ist. Dieser Mensch kann -noch vor dem Entschluß zweifeln, wenn er noch nicht ganz überzeugt ist; -zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner -Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus. - -Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstüberwindung und daß Gott -und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung, -desgleichen die Freiheit. - - 11. März 1870. - - - Der letzte Entwurf zum _Fürsten Stawrogin_ - -Als der Fürst ankam, hatte er bereits alle Zweifel überwunden. Er ist -- -ein _neuer_ Mensch. Er bricht mit zwei Mädchen, beabsichtigt auch mit -der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen -geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut -spöttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgültige -Lösung und die große Idee gefunden hat. Er hört vorläufig alle an, -widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmütig lustig über Gr., ist -krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen -Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und -Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt -- da er endlich erraten -will: worauf diese Menschen so fest stehen können? (_NB._ Mit W. frühere -Beziehungen.) Einzig Goluboff erschüttert ihn, doch mit Enthusiasmus -gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), daß dieses ganz und gar auch -sein Gedanke ist, die von ihm gefundene Überzeugung. Er ist -zurückgekehrt, um seine Verstöße, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder -gutzumachen. Versöhnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin, -tritt für die verübte Religionsspötterei ein, sucht die Mörder auf, und -schließlich erklärt er feierlich dem Zögling, daß er sie liebt, erklärt -die Bedingungen. Sie bestehen darin, daß er von nun an ein Russischer -Mensch ist und daß man sogar an das glauben muß, was von ihm bei -Goluboff gesagt wurde, (daß Rußland und der russische Gedanke die -Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Während der -ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die -wildeste Energie in der neuen Überzeugung aus und setzt seine Mutter in -Erstaunen. Dem Zögling sagt er, er habe sie beobachtet und sich -überzeugt, daß er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie -dieselben Überzeugungen hat. Und dann plötzlich erschießt er sich. - - - _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_ - -Der Hauptgedanke, an dem der Fürst krankt und den er in sich trägt, ist -folgender: wir haben die Rechtgläubigkeit, unser Volk ist groß und -schön, weil es glaubt und weil es die _Rechtgläubigkeit_ hat; wir Russen -sind stark und stärker als alle, weil wir eine unermeßliche -rechtgläubige Volksmasse haben. Würde im Volk der Glaube an die -Rechtgläubigkeit wankend werden, so würde es sofort anfangen sich zu -zersetzen, ein Vorgang, der bei den Völkern des Westens bereits begonnen -hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus, -Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebüßt, und hat ihn -dort einbüßen _müssen_. (Bei uns ist natürlich die obere Volksschicht, -die sogenannte höhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem -Westen übernommen -- folglich hier nur »Gras im Feuer« und hat nichts zu -bedeuten.) - -Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur -jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schließlich sogar -die Frage: _kann_ man überhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann, -wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der -Rechtgläubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine -Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, früher begonnen, -bei uns -- wird sie eben später beginnen, beginnen aber wird sie -unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar -unvermeidlich ist, so muß man sogar wünschen, daß es noch schneller -geschehe -- je schneller desto besser. - -(Der Fürst bemerkt plötzlich, daß er mit den Anschauungen W--s -übereinstimmt: daß alles verbrennen das Beste ist.) - -Es ergibt sich also folgendes: - -1. daß die geschäftigen Leute, die diese Frage für leer und überflüssig -halten und glauben, daß man auch ohne sie auskommen könne, Pöbel und -Insekten sind, Gras im Feuer; - -2. daß es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man -zivilisiert, d. h. Europäer ist, überhaupt glauben? Ich meine: -einwandlos an die Göttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben? -(Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, daß man an Christi -_Göttlichkeit_ glaubt.) - -_NB._ Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit -einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, daß die Gesellschaft das reine -Verständnis Christi nicht hat rein erhalten können (der Katholizismus -ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist -Molokanentum)[59]. - -3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann), -vermag dann die Menschheit überhaupt ohne Glauben zu leben (mit der -Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen -werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben -bloß irgend etwas, so stürzt die _ganze_ sittliche Grundlage des -Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine -zieht das andere nach sich. - -Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein -wissenschaftliches Ethos) überhaupt möglich? - -Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke -aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtgläubig. - -Wenn aber die Rechtgläubigkeit für den Zivilisierten unmöglich ist (und -in hundert Jahren wird halb Rußland zivilisiert sein), so ist folglich -alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rußlands nur eine -zeitweilige. Auf daß sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles -unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben? - -Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lösen: Kann -man überhaupt ernstlich und wahrhaft glauben? - -Hierin liegt _alles_, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes, -seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zukünftiges Sein. - -Ist es aber unmöglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so -unverzeihlich, wenn jemand verlangt, daß man alles verbrennen soll. -Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes -Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist -selbstverständlich menschenfreundlicher.) - -Das also wäre das Rätsel? - -_NB._ Sie können natürlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung -obiger Thesen vieles einwenden, können streiten, nicht zustimmen, z. B. -von der gelehrten rechten Seite behaupten, daß das Christentum nicht in -der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man -Christus nur als gewöhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen -auffaßt (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen -Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum -sei keineswegs eine Notwendigkeit für die Menschheit und durchaus nicht -die _Quelle des lebendigen Lebens_ (die hitzigen Kleinen schreien ja -schon, daß es sogar schädlich sei), daß z. B. die Wissenschaft der -Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal -geben könne. Diese Widersprüche sind natürlich zu erwarten, ist doch die -Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie, -Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist, daß -Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlöser noch -Quelle des Lebens sein kann, daß die Wissenschaft allein niemals das -ganze menschliche Ideal erfüllen wird, und daß die Lebensquelle, die -Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der -Verzweiflung und die Bedingung _sine qua non_ für das Sein der ganzen -Welt in diesen Worten enthalten ist: _Und das Wort ward Fleisch_, und im -Glauben an diese Worte. Früher oder später werden doch alle darin -übereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man -an all das glauben, woran zu glauben die Rechtgläubigkeit befiehlt? Wenn -nicht, so ist es viel besser und humaner -- alles zu verbrennen und sich -Werchowenski anzuschließen. - - - _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_ - -_Der Fürst_: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz -besonders hervor, daß diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als -sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies -ist, daß wir beide ihre unermeßliche Bedeutung und die unbedingte -Notwendigkeit ihrer Lösung erkannt haben.« - -»_Ach!_ Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslösen!« rief Schatoff (d. h. -also die langsame Zersetzung). »Besser ist, wir leben in der Gegenwart -und erfüllen das Gegenwärtige, ohne daran zu zweifeln, daß weiterhin -Gott helfen wird.« - -»Versuchen Sie es, so zu leben!« sagte der Fürst lachend und ging. - - - _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_ - -»Darum ist Werchowenski auch so ruhig,« sagt der Fürst, »weil er -überzeugt ist, daß das Christentum für das lebendige Leben der -Menschheit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar positiv -schädlich sei, und daß die Menschheit, wenn man das Christentum -vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, _wirklichem_ Leben aufleben -würde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der -Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch -sie untergehen.« - -»Und was wird dann sein?« - -»Eine tote Maschine, die natürlich nicht zu verwirklichen ist, aber ... -vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten -wird man die Welt schon so weit ertöten können, daß sie vor Verzweiflung -wirklich lieber wird tot sein wollen. >Berge fallt über uns und deckt -uns zu.< Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der -Wissenschaft sich für die Ernährung als unzureichend erweisen und es eng -sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ... -werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das -andere geschieht. Es wird so sein müssen, besonders wenn die -Wissenschaft es so für richtig hält).« - -»Erklären Sie das näher,« sagt Schatoff. - -»Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft -weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich -aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten müssen. -Die Wissenschaft sagt: >Du bist nicht schuld daran, daß die Natur es so -eingerichtet hat<, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb, -folglich heißt es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der -Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie, -nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische -Erfahrung bestätigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich, -was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevölkerung ohne Nahrung -und Heizmaterial aushalten können? Und wird dann die Wissenschaft zur -rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen könnte? Das Verbrennen der -Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im -Menschen, _der einzig seinen eigenen Kräften überlassen ist_, -- sind -bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden -das vorläufig noch schändlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von -vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir -nicht einmal bemerken oder womöglich für Tugenden halten). Jetzt sehen -Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum eine Notwendigkeit ist -und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes für die Menschheit, die der Mensch -allein, von sich aus, nie würde erlangt haben, -- wenn Sie glauben, daß -der Mensch von seiner Wiege an in _unmittelbarer Verbindung mit Gott -steht_, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der -Erscheinung Christi, und schließlich, wenn Sie glauben, daß der Mensch, -nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt, -unfehlbar untergegangen wäre, und man folglich glauben _muß_, daß Gott -mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, -- dann (d. h. wenn -Sie sich dem Christentum ergeben haben) würden Sie sich niemals mit dem -Gefühl des Kinder-Verbrennens aussöhnen. Da haben Sie jetzt eine -vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthält nur das Christentum -allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den -Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der -Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen -und untergehen. - -Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn -die Frage bloß darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die -Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die -Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu -Gleichgültigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und -aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch -andererseits glaube ich fest, daß das Christentum die Menschheit retten -würde.« - -_Schatoff_: »Wie, wie?« - -_Der Fürst_: »Es enthält alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so -auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, daß alle Christusse wären, -würde dann der Pauperismus überhaupt möglich sein? Im Christentum wäre -sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial erträglich (nicht die -Neugeborenen umbringen, sondern selbst für meinen Bruder sterben).« - -_Schatoff_: »Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?« - -_Der Fürst_: »Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch -überhaupt glauben? - -Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten -Plan. Übrigens, viele mühen sich darum, schreiben und reden darüber. Wir -sorgen uns aus Leichtsinn und aus Ärger nur um das Gegenwärtige und -glauben, das sei alles, was nötig ist. Andere wiederum denken sich -verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, daß das -Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation, -nicht nur mit der gegenwärtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide -wissen doch, daß das alles Unsinn ist und daß es nur zwei Initiativen -gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich für das -zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um -festzustellen, was in seiner Kraft aus der Überzeugung kommt und was -einfach nur aus der Natur.« - - - _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_ - -_Schatoff_: »Wenn der Mensch sich verändern wird -- wie wird er dann mit -seinem Verstande leben können? Der Besitz des Verstandes entspricht nur -dem gegenwärtigen Organismus.« - -_Der Fürst_: »Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand überhaupt nötig -sein wird?« - -_Schatoff_: »Was denn sonst? Wohl etwas Höheres?« - -_Der Fürst_: »Zweifellos etwas viel Höheres.« - -_Schatoff_: »Ja, kann es denn überhaupt etwas Höheres als den Verstand -geben?« - -_Der Fürst_: »So fragt die Wissenschaft, aber -- sehen Sie, dort an der -Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft weiß, daß sie ein Organismus -ist, daß sie irgendein Leben lebt und Eindrücke hat, sogar ihre eigene -Vorstellung, und Gott weiß was noch alles. Kann aber die Wissenschaft -auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze -erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natürlich nicht und das -wird sie auch niemals können. Um das erfahren zu können, müßte man -wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der -Wissenschaft das unmöglich ist, so kann ich annehmen, daß sie mir auch -das Wesen eines anderen höheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen -vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner -Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand -mehr geben sollte.« - -»Sie haben mich ganz wirr gemacht,« sagt Schatoff, »aber ich werde von -Ihnen nicht ablassen.« - -_Der Fürst_: »Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes, -d. h. der Erkenntnis, für das höchste Sein von allen, die es überhaupt -geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die -Wissenschaft, sondern der Glaube, und schließlich kann man sagen, daß -hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst -zu schätzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit), -ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt nötig. Ein jedes Wesen muß sich -für das Allerhöchste halten. Die Wanze hält sich bestimmt für höher als -Sie, und sie würde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz -abgesehen davon, daß sie es nicht kann, sondern würde unbedingt gerade -Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schließlich ist -alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und -merken Sie sich noch, daß der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade -deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand über alles -stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist, -so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt -verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, daß -es höher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefühl -der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der -menschliche Verstand ist so eingerichtet, daß er beständig an sich nicht -glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine -Existenz für ungenügend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum -Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar -Übergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der -Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen -Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel -fällt niemals, der Teufel ist so gefallen, daß er immer liegt, der -Mensch fällt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden -entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und -die französische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, daß allen -verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Umgeburt. -Wer ist schuld daran, daß man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird -natürlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein -Resultat -- ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer -eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, daß >die -Zeit nicht mehr sein wird<, wie der Engel in der Apokalypse schwört. Und -vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, daß die Teufel -- wissen! -Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedächtnis, -und nicht nur der Mensch allein, allerdings -- vielleicht nicht -menschliche Erkenntnis und menschliches Gedächtnis. Sterben kann man gar -nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist überhaupt nicht.« - -_Schatoff_: »Solcher Gespräche, wie das unsrige, gibt es in Rußland -unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich über mich nur lustig -machen?« - -»Und was wäre denn dabei so schlimm?« fragte der Fürst lachend. - -_Schatoff_: »Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtgläubigkeit -als das Wesen Rußlands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie -Sie, kann nicht darüber spotten.« - -_Der Fürst_: »Das tue ich ja auch gar nicht.« - -_Schatoff_: »Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich würde gern kein -Buchmensch sein. Was muß ich dazu tun?« - -_Der Fürst_: »Glauben Sie.« - -_Schatoff_: »An die Rechtgläubigkeit und Rußland?« - -_Der Fürst_: »Ja.« - -_Schatoff_: »Ja, natürlich, dann ist man erlöst. Ich ... vielleicht -glaube ich. Warum schweigen Sie?« - -_Der Fürst_: »Sie glauben also nicht.« - -_Schatoff_: »Und Sie?« - -_Der Fürst_: »Aber was habe ich denn damit zu tun?« - -_Schatoff_: »Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?« - -_Der Fürst_: »Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch -auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: >ich werde nicht von -Ihnen ablassen!< Das wünsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich -wünsche, daß Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst. -Ich habe meine Gründe ...« - - - _Stepan Trophimowitsch Werchowenski_ und _Schatoff_ - -_Stepan Trophimowitsch_ zitiert Tschatzki[61]: - - »Zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel, - Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...« - -_Schatoff_ greift sofort auf: »Tschatzki begriff überhaupt nicht, als -beschränkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er -dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im stärksten -Unwillen: >Den Wagen mir, den Wagen!< weil er nicht einmal fähig ist, -von selbst darauf zu verfallen, daß man die Zeit auch anders als >zur -Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel< verbringen kann -- sogar -in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und für ihn -existierte außer seinem Kreise überhaupt nichts, -- das ist der Grund, -warum er über das Leben der höheren Moskauer Gesellschaft in solche -Verzweiflung gerät, ganz als ob es außer diesem Leben in Rußland ein -anderes gar nicht gegeben hätte. Das russische Volk übersah er einfach, -wie dies alle unsere >Vorderen<[62] taten, übersah es um so mehr, je -mehr er zu den >Vorderen< gehörte. Je mehr Herr er war und je mehr -Vorderster, um so mehr empfand er Haß -- nicht gegen die russischen -Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. Über das russische -Volk, über seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine -Bedeutung und seine große Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als -über den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die -Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und überhaupt -alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64] - -Tschatzki ließ sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde -in Paris leben zu können, Cousin zu hören und womöglich mit -Tschaadajeffschem[65] oder Fürst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden -oder, wenn er Freidenker war, mit einem Haß auf Rußland, wie etwa -Belinski und _tutti quanti_[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht -einmal vorstellen, daß es in Rußland noch eine andere Welt als die der -Moskauer höheren Gesellschaft geben könnte, weil -- er selbst ein -Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese -stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klüger waren als er! Aber -wenn er auch dumm war, dafür hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht -von weitem her war, dafür war sein Gedanke doch originell -- denn damals -waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie, -was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wüßten, wie -weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst -tuenden Moskowitern zurückgeblieben sind, und dabei halten Sie und -Ihresgleichen sich immer noch für >Vordere<! Wer auf den alten Formen -des Liberalismus reitet, der ist schon zurückgeblieben. Die Form des -Liberalismus muß immer originell sein, jede Generation muß eine neue -haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner -Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persönlichem Haß gegen -Rußland endet, ist Rückstand und Blödsinn, Sie aber sehen das nicht ein -und halten es noch für das Vorderste und Höchste, das es überhaupt gibt. - -Und bitte auch nicht zu vergessen, daß der Zar das Volk befreit hat, -nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht -einmal begriffen, daß die Zaren unvergleichlich liberaler und -fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand -mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das -Volk zu befreien, war den Zaren schon längst vertraut, dem Dekabristen -Tschatzki aber kam er überhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis -wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter -Kuratel gestellt, -- und warum nur? Waren sie denn so schlechte -Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil -sie einfach nicht origineller auf Rußland zu sehen verstanden, weil sie -ihre Moskauer höhere Gesellschaft für ganz Rußland hielten. Ich könnte -wetten, daß die Dekabristen das Volk sofort befreit hätten, bestimmt -aber ohne ihm Land zu geben -- wofür das Volk ihnen unbedingt sofort die -Köpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer größten Verwunderung bewiesen -hätte, daß nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Rußland ausmacht. -Aber, schließlich -- auch ohne Köpfe hätten sie nichts verstanden, -obgleich es gerade ihre Köpfe waren, die sie am meisten am Verstehen -hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Großen hat -es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren«.[69] - - - _Stepan Trophimowitsch_ und _Schatoff_ - -»Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal -daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und -sündhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen über Gott, aber was -für Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie -verderbt, wie neidisch, wie ruhmsüchtig! Indem Sie Christus beseitigen ---, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schönheit und Güte aus der -Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?« - -_Stepan Trophimowitsch_: »Ich glaube, hierüber ließe sich noch ein wenig -streiten -- aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als -an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen -Schönheit zu verehren?« - -_Schatoff_: »Und zu gleicher Zeit doch nicht an >das Wort ward Fleisch< -zu glauben, d. h. daß das Ideal leibhaftig gegenwärtig war, folglich auf -Erden nicht unmöglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist? -Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus -ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, daß -auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so -himmlischen Glanze tatsächlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht -nur geistig, als Ideal -- daß das sowohl möglich wie natürlich ist. Die -Anhänger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergötterten, -bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glück es ist, diese -Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt -nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die -da sahen, welch ein Glück diese Leibhaftigkeit gab, kaum daß der Mensch -anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer -Schönheit zu nähern, -- wunderten sich, staunten, und wollten -schließlich selbst diese Seligkeit genießen: sie wurden Christen und -freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben -darin, daß >das Wort< wirklich >Fleisch ward<. Darin liegt der ganze -Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie -niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und -Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. Übrigens, Sie würden es ihr -nehmen können, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen könnten. -So zeigen Sie es doch!« - - * * * * * - -_Stepan Trophimowitsch_ sagt: »Immerhin muß man sich doch über das -übermäßige Quantum Dummheit wundern, das in Rußland steckt.« - -_Der Fürst_: »Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von -der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.« - -_Stepan Trophimowitsch_: »Die aber bei uns doch so viel Stützkraft -gefunden haben und finden, und zu denen alles hinströmt, -- wenn auch -die Hinströmenden meinetwegen nur Knaben und Mädchen sind, so sind es -doch nicht zehnjährige, sondern immerhin zwanzig- und über -zwanzigjährige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so -dumm zu sein.« - -_Schatoff_: »Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst -die Sechzigjährigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen? -Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar -Professoren und Direktoren und alle möglichen Autoritäten für die Idee -der Aufteilung Rußlands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein! -Ist das denn nicht ebenso dumm? - -Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor -kurzem erzählte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren -mit Belinski darüber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der -Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation -gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klüger? Ist denn die -Idee, daß alle Völker des Westens national sein und wir sie deswegen -achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden -Volkes andächtig anerkennen müssen, die Russen aber unter keinen -Umständen sie selbst sein dürfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken -etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], -- ist diese Idee -etwa nicht dümmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den -Genossenschaften reden? Ja, genau genommen stützen sich diese Knaben -gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat -durch die Unkenntnis Rußlands und die Verleugnung seiner Selbständigkeit -die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so -stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhältnis zu -jeder Gesellschaft, also dürfen sie sich auch nicht wundern oder sich -beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, daß sie vor -moralischen Pedanterien nicht zurückschrecken, sondern morden und -brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie -die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage -Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen übergeben, sich von allem -Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster -einschreiben können. Folglich können alle, die das nicht wollen, auch -mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.« - - - _Schatoff_ - -_Schatoff_ spricht während der Sitzung: - -»Ich schäme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu -unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjährige -Knaben sind klüger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind -Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß alle, hingerissen von Ihrer -Kühnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen -zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie -fest Sie glauben, daß das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte, -endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschließen zu können. Sie -sind ja sogar dermaßen davon überzeugt, daß Sie mit ruhigem Gewissen -bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu -morden. Sie sind so unreife Knaben, daß Sie nicht einmal die gewöhnliche -Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen -- ganz abgesehen von alldem -anderen --, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen -kommen, zu Ihnen, den grünen Jungen! Sie sind dermaßen flach und dumm, -daß Sie überzeugt sind, Sie hätten eine große Entdeckung gemacht, ohne -auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, daß die Menschheit -das alles wohl schon längst getan hätte, wenn das die Wahrheit wäre, und -nicht tausend Jahre lang gelitten hätte, einzig um auf Sie zu warten. -Sie schämen sich nicht, so zu lügen, wie Sie es in Ihren Proklamationen -tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu übernaiv bemerken, dies -sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und daß Sie -genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich -nicht einmal träumen, daß jede Lüge und jede Entstellung der Tatsachen -in ungewöhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und daß dann die Menschen -sehen werden, daß Sie absichtliche Lügner sind, und daß Ihnen dann -niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest -überzeugt, daß die Lügen weiter nichts auf sich hätten, daß sie vielmehr -allen gefallen und die Menschen sich über Ihre geschickten Lügen nur -freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im -Stich lassen werden -- Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand --, um zu -Ihnen überzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen -- ohne dabei -selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schämen sich nicht, zu -schreiben, daß Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar -Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen -auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und -sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind -überzeugt, daß alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden -und sich nur nach den Aluminiumpalästen sehnen, in denen man nach -Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Männer in besondere -Zimmer führen kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, daß eine so -kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein -Spielzeug, nur verrät, daß Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft -die Rute geben müßte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, daß Sie -sich nicht einmal bemüht haben, die Proklamation sorgfältiger zu -redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Rußland Ihrer -Meinung nach verfahren könnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen -und sich verwandeln soll, wird es sich nur über Ihre Dummheit wundern; -doch wenn es sehen wird, daß Sie außerdem noch Bösewichter sind, wird es -Sie als schädliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge -beseitigen. Doch leider sind ja auch _Alle_ nicht klüger als Sie und das -kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden -losgelöst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben geführt und -beständig unter Vormundschaft gelebt haben.« - -»Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges -lieb gewonnen, um für dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht -und Leichtsinn aufgehäuft. Wenn man sich um das Leben gemüht, wenn man -es sich durch Arbeit erworben hätte, selbständig, mit Leid und Kampf, -mit Mühen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch -vor allen Dingen durch Arbeit -- die eigene Mühe ist ja die Hauptsache ---, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so hätte man -Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es würden sich -lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses -Erlebte und Durchlebte würde allen teuer sein. Teuer wäre dann auch das -Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch würde man die lebenden -Tatmenschen schätzen, die dann einen ganz anderen Einfluß auf die -Menschen hätten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt würde die -Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser -Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! -- diese -deutsche Vormundschaft! O Gott, was für eine Lehre das ist! Es gibt kein -einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus -eigener Kraft hat retten können, -- selbst in der flammendsten -Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, daß -eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plünderer und -Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein -Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord -anlocken und für sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, daß diese -Gesellschaft überhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und daß -dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schön gewesen sei! -Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, daß das -Volk sich schon vollständig, aber vollständig von Ihnen losgesagt hat! -Nun wohl! -- versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter -Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch -schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!« - -Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch. -wie außer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich -einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom -Volke haben ja gerade das bewirkt, daß die Gesellschaft erstens nichts -mehr hat, was ihr teuer ist und wofür sie einstehen würde, und zweitens, -da sie sieht, daß hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und -es dafür einsteht und dabei ein so volles Leben lebt -- so hat das der -Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgültig zu hassen, also -gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff -sagen wollte, als er von diesem Haß der Belinski und unserer sämtlichen -Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Haß leugnen -wollen, so ist es klar, daß sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es -doch: sie glaubten, daß sie das Volk »hassend liebten«, und so sagten -sie es auch von sich. Aber sie schämten sich nicht einmal ihres Ekels -vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berührung kamen. (In der -Theorie allerdings liebten sie es.) - -_Stepan Trophimowitsch_ (Gr.) sagt: »Ja, aber das Volk wurde doch ebenso -bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, daß es -russisches Volk geblieben und _nicht_ unter der Vormundschaft entartet -ist und _nicht_ Rußland haßt.« - -_Schatoff_: »Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von -Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort -wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk für etwas -Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler -herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres, -eigenes Leben ließ man ihm unangerührt, und wenn es auch viel zu -erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, daß es auch -sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen -Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen -hatten dann bald nur für Deutschland noch Liebe übrig, für ihr Vaterland -aber und für ihr eigenes Volk nur Verachtung und Haß. So war es ja -überall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse -zu mißachten.« - - - Fragen und Antworten - -»Sie bieten das Glück an. Aber selbst wenn wir annehmen, daß Sie im -Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natürlich absurd ist, -doch worüber ich vorläufig nicht streiten will), so ersieht man doch -schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Köpfe -unreif, flach und leichtsinnig sind und somit -- wie wenig sie zum -Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht -einsehen, daß eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine -Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht -so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen -doch, daß alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf -daß sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der -Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenüber -lossage, von seiner Persönlichkeit und ihrer Sicherstellung, -- dazu -sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die -gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet, -und doch -- bis zu welch einem Grade ist sie noch überall unzureichend! -So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltägliches -Bedürfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was -bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch -unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf -verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es -auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen -aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, daß alles auf -Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und für nichts -eine Garantie geboten werden soll, wenn's nicht gerade die -Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie -kurzweg, daß es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben -werde und folglich seien Garantien gar nicht nötig. Aber so etwas kann -doch nur ein Verrückter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so -ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben. - -Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie -wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen, -von Gott und schließlich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie -antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit -erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht -beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lösen? Und deshalb -- wie -könnten denn alle sich Ihnen anschließen und sich sofort zu der neuen -Gesellschaft umschaffen [umgebären]? Ihnen wird nur ein Häufchen -leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswürdige, die Sie mit der -Aussicht auf Plünderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in -Jahrhunderten entstehen kann, wie können Sie dann versprechen, dasselbe -in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstäblich ausdrücken)? -Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine -Verantwortung übernehmen Sie für die Ströme von Menschenblut, die Sie -vergießen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reißen Sie auch nur nieder, -weil das am leichtesten ist.« - -»Überhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Köpfe. Die -zukünftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der -allgemeinen Zerstörung, je schneller desto besser.« - -»Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es -nicht weiß, wofür; hauen, brennen und plündern wird nur ein Haufe -geheimer Bösewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm -annehmen: Vernichtung der Persönlichkeit, des Eigentums, Gottes und der -Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wäre, -könnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in -Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und -selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plündern hinreißen lassen -sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas -anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und -- nun ja -- -vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres.« - -»Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, daß wenigstens eine Welt -untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine -mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein -wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir -oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder stürzen, und so weiter, -bis schließlich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim -ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: daß -erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird.« - -»Aber auf Grund wessen sind Sie denn so überzeugt, daß Ihr Programm -unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste -Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen -Volkes im besonderen? Sie können das Gegenteil doch mit nichts beweisen, -höchstens den Einwand vorbringen, daß es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber -es ist doch möglich, daß Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur -deshalb so erscheint; dann aber können Sie doch nicht verlangen, daß -alle übrigen Menschen ausschließlich zu diesem Zweck gleichfalls zu -Dummköpfen werden, nur um Ihnen folgen zu können. Aber siehe da, Sie -weigern sich ja, darüber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht für uns -ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung -und Überzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen -scheinen, daß Streit unter allen Umständen Entwicklung der Sache ist. -Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die -gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren Überzeugungen nicht -übereinstimmen.« - -»Alles das ist Unsinn und Finessen!« - -»Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, daß Ihr Programm -richtig ist, wie können Sie dann das Verbrechen der Zerstörung auf Ihr -Gewissen nehmen?« - -»Wir glauben aber, daß unser Programm richtig ist, und daß ein jeder, -der es annimmt, glücklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch fürs -Blut, denn nur mit Blut wird Glück erkauft.« - -»Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an -Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich.« - -»Wir sind überzeugt, daß man es damit kaufen kann, und das genügt uns.« - -»Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: daß es Ihnen um keinen Preis -gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen -einige Plünderungen, Brandstiftungen, Morde und Verführungen, nehmen wir -selbst an, daß Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk -aber wird Sie dafür doch sofort aufknüpfen; nicht aber Ihr Programm -annehmen, denn dieses Programm ist widernatürlich und außerdem auf der -größten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der -Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses -Zuchthaus übersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und -niemals wird er seine persönliche Freiheit für eine solche Knechtschaft -verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier -ausliefern.« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Sie wollen morden und plündern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre -tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten überall -durchfielen und sich als nichtswürdige Bengel erwiesen. - - - _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Stepanowitsch Werchowenski_ - -»Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden muß. Damit (mit der -Zerstörung) muß naturgemäß jede Sache beginnen; das weiß ich, und darum -beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich weiß nur, daß man -damit beginnen muß, alles übrige ist nur zeitraubendes Geschwätz. Alle -diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen -- sind Unsinn. Je -mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist's, denn auf -diese Weise erhält man noch einige Zeit künstlich das Leben eines -Dinges, das doch unbedingt sterben und einstürzen muß. Je schneller -desto besser, je früher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst -natürlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man muß alles zerstören, -um das neue Gebäude aufbauen zu können, das alte Gebäude aber mit -Stützen noch zu stützen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.« - -»Nun, z. B., du weißt, daß du früher oder später doch einmal sterben -mußt, warum erschießt du dich denn nicht jetzt gleich -- je schneller -desto besser?« - -»Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden muß.« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich -weiß, daß man es jetzt machen muß, und so mache ich es denn. Auch ihr -wußtet das, du und deine Generation, doch ihr weintet bloß. Wir aber -weinen nicht, sondern tun's einfach.« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Werchowenski_ - -»Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, hätte dabei aber nicht -einmal einem Huhn etwas zuleide tun können.« - -»Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war -Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm -sagte, daß er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewußt habe. -Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen -zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich -erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen -Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des -Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jüngling war[73]. Belinski -wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D's, der -Christus verteidigte, begann er Christus zu schmähen. >Und immer macht -er, wenn ich schimpfe, eine so betrübte, niedergeschlagene -Physiognomie,< sagte Belinski plötzlich, indem er mit dem gutmütigsten, -unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufällig -Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten -Eisenbahnstrecke. >Ich kann nicht kaltblütig warten<, sagte Belinski zu -ihm, >ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwählt und jeden Tag -sehe ich mir den Bahnbau an.< Oh, wenn er, der Arme, gewußt hätte, mit -welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die -Erbauer der Bahn! Belinski sagte: >Ich bin nicht so wie die anderen, ich -bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein -werde, -- wird man erfahren, wen man begraben hat.<[74] D. schloß sich -ihm an und begann über die Eisenbahn zu sprechen, dann über die -zukünftigen Eisenbahnen überhaupt, über die Beheizung der Wagen und -schließlich über die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer -teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller -Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden müsse. -Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen -Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen über diese, wie -ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: >Brennholz will er mit -der Eisenbahn befördern!< Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie -sich vor, er glaubte wirklich, daß man mit der Eisenbahn nur Passagiere, -von Waren aber höchstens die feinsten und wertvollsten _articles de -Paris_{[280]} befördern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit -... Aber er begriff doch mehr als alle.« - -»Dann haben alle wohl viel begriffen!« - -»Mein Freund, ich habe mich vom tätigen Leben zurückgezogen ... Jetzt -unter den Tätigen sein, das will und kann ich nicht ...« - -»Ja, zu was könntest du jetzt auch noch taugen!« - - - Charakteristik Pjotr Werchowenskis - -»Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben -etwas an. Ich weiß nur, daß man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen -kann, und das ist alles, worauf es ankommt.« - -Wenn er vom Volk spricht, bekundet er plötzlich in einem Punkt eine -himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit -(eine unbedingt so sonderbare, daß die Ungeheuerlichkeit sofort in die -Augen springt.) Unter Gelächter wird er überführt, werden seine -Behauptungen widerlegt; aber _bemerkenswert_ ist, daß ihn das nicht im -geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fühlt -sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltblütig -und nachlässig nimmt er es hin: - -»Vielleicht ist es auch so,« sagt er, »aber das ist doch ganz einerlei, -nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man jetzt einen Aufstand -machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen.« - -Man antwortet ihm, daß auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen -wird, wenn er nicht das Volk kennt, und daß die Proklamation eine -Absurdität ist. - -»Das ist Unsinn,« antwortet er, »laßt mich nur eine Viertelstunde ohne -Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen.« - -Man versichert ihm, daß das Volk weit fester sitze, er aber sagt: »Na, -das ist erst recht Unsinn!« und weist auf die Tatsachen hin -- -Räuberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] --. »Und ihr seht es ja -selbst ein, daß das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst -verstummt und nichts mehr zu sagen wißt. (Auf die goldene Urkunde[76] -hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht -gehen?«) - -Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines -Vaters (z. B., daß nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und -der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er überhaupt -keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu -entgegnen, gibt sogar offen zu, daß er das nicht weiß, aber: »nicht -darauf kommt es an«. - -Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig. - -Die Rede seines Vaters bei der Fürstin hat er nicht einmal gehört. - -Und dabei schlägt er den Vater doch vollkommen. (»Mit ihm kann man nicht -streiten,« sagt der Vater.) - -Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal -annähernd bekannt, er hat nur gehört, daß es so etwas wie Slawophile und -Westler gibt, aber: »_alles das ist Unsinn_« und »nicht darum handelt es -sich.« - -Schreibt sogar unorthographisch. - - - Charakteristik Stepan Trophimowitschs - -Porträt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schönheiten. - -Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt. - -_Die charakteristischen Züge._ -- Eine lebenslängliche Ziellosigkeit und -Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefühlen, unter der er früher -gelitten hat, die aber jetzt zu seiner _zweiten Natur geworden_ ist. -(Der Sohn macht sich darüber lustig.) - -Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein höchst charakteristischer Zug.) - -Wünscht sehnsüchtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den früheren -Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen. - -Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die -Überlebenden zurück (»ich und Timofei Granowski«). - -Er ist -- ein berühmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine -kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche -Aufzeichnungen über den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand -zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich -unbewußt auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten -kommt -- liebt das. Spricht häufig ohne Fürwörter. - -Ist wirklich ehrlich, rein und hält sich für die tiefste Allwissenheit. -Widerstandsunfähigkeit in Ansichtssachen. - -Großer Poet, jedoch nicht ohne Phrase. - -Hat das russische Leben ganz übersehen. - -»Tschurrt sich«[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht. - -55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen, -Turgenjeff u. a. - -Liebt Champagner. - -Rolle eines Ssacks[78]. - -Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Tränen vergossen. - -»Laßt mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab.« - -George Sand und seine Götzen blicken fortwährend durch den Ernst hervor. - -Echter Dichter. _Dies irae_, Goldenes Zeitalter, Griechische Götter! Ein -inspiriertes Kapitel. Hat das Pekuniäre gut geordnet. Bildchen, -Memoirchen (usw. in dieser Art). - -Sein Sohn wird im Auslande erzogen. - -Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger). - -_NB._ Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder. - -»Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig.« - -Ist klug und geistreich.[79] - - - - - Zweiter Anhang. - Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten Kapitel des Romans - »Die Dämonen«[80] - - - I. - -... Ungefähr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres -Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das außerhalb der Stadt -am Fluß lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich -plötzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befühlte hastig und -erregt seine Seitentasche, und -- ein Lächeln glitt über sein Gesicht. -Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen -Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden -Bischof Tichon gelangen könnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals -untertänigst vor ihm und bat ihn höflich, ihm zu folgen; doch an der -Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistöckigen Klostergebäudes -lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mönch den Gast geschickt und -wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser führte nun Stawrogin -durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls -fortwährend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem -Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer -fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich -Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mönch stellte auch noch -verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber -keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf, -daß man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er -sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei -der letzten Tür des Korridors angelangt waren, blieb der Mönch stehen -und öffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wäre, -erkundigte sich familiär bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob -man eintreten könne, stieß aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die -Tür weit auf und ließ mit einer Verbeugung den »teuren« Gast an sich -vorüber. Nachdem er aber den klingenden »Dank« empfangen hatte, -verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut -hätte. - -Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick -erschien in der Tür des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war -ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, in einem einfachen -Leibrock, wie er unter dem Meßgewand getragen wird, ein Mensch, der dem -Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lächeln hatte und -einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen -Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehört hatte. - -Stawrogin hatte inzwischen Näheres über ihn zu erfahren gesucht, doch -was er an Urteilen über ihn zu hören bekam, war sehr verschieden und -sogar äußerst widerspruchsvoll gewesen. Trotzdem hatten selbst die -entgegengesetztesten Aussagen etwas Gemeinsames gehabt, und zwar: sowohl -die Anhänger wie die Gegner Tichons (und solche gab es) hatten alle -gleichsam irgend etwas von ihm verschwiegen -- die einen wahrscheinlich -aus Geringschätzung oder Verachtung, die anderen, die Anhänger und sogar -die leidenschaftlichsten, aus einer gewissen Scheu, als ob sie etwas von -ihm hätten verheimlichen wollen, irgendeine seiner Schwächen, vielleicht -sogar -- eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit. Stawrogin hatte erfahren, -daß er schon seit sechs Jahren in unserem Kloster wohnte, und daß zu ihm -nicht nur das einfache Volk pilgerte, sondern auch die angesehensten -Persönlichkeiten fuhren, daß er sogar im fernen Petersburg -leidenschaftliche Anhänger und vornehmlich Anhängerinnen hatte. -Andererseits aber hatte er von einem würdevollen alten »Klubherrn«, und -zwar einem gottesfürchtigen, gehört, daß »dieser Tichon« so gut wie -vollkommen verrückt oder wenigstens ein ganz unbegabter Mensch sei und -»zweifellos mitunter trinke«. Hierzu möchte ich von mir aus bemerken, -obgleich ich damit vorgreife, daß letzteres entschieden nicht der -Wahrheit entsprach; er hatte nur kranke Füße -- irgendein hartnäckiges -rheumatisches Leiden -- und von Zeit zu Zeit war er irgendwelchen -nervösen Krämpfen oder Anfällen unterworfen. Ferner hatte Stawrogin -gehört, daß der zurückgezogene Bischof -- sei es aus Charakterschwäche -oder aus einer »bei seinem Rang unverzeihlichen Nachlässigkeit« -- es -nicht verstanden habe, im Kloster besondere Ehrfurcht für sich zu -erwecken. Es hieß sogar, daß der Archimandrit, ein in seinen -Amtspflichten sehr strenger Mann, der außerdem wegen seiner -Gelehrsamkeit berühmt war, zu Tichon ein gewissermaßen feindliches -Gefühl nähre und ihm -- natürlich nicht offen, sondern nur mittelbar -- -unordentliches Leben und fast Ketzerei vorwerfe. Die Brüderschaft des -Klosters verhielt sich zu dem Kranken, wenn auch nicht gerade -nachlässig, so doch, sagen wir, familiär. - -Die zwei Zimmer, aus denen die Zelle Tichons bestand, waren etwas -sonderbar eingerichtet. Neben den klobigen alten Klostermöbeln, deren -Lederbezug schon recht abgenutzt war, befanden sich daselbst drei oder -vier elegante Gegenstände: ein teurer Lehnstuhl, ein prachtvoller großer -Schreibtisch, ein teurer geschnitzter Bücherschrank, Tischchen und -Etageren -- lauter geschenkte Sachen; auf dem Fußboden ein kostbarer -bucharischer Teppich und neben ihm eine einfache geflochtene Matte. An -den Wänden hingen Gravüren mit mythologischen oder »weltlichen« -Darstellungen, in der Ecke aber war ein großer Heiligenschrank, dessen -Heiligenbilder in Gold und Silber schimmerten. Eines von ihnen war sehr -alt und enthielt Reliquien. Seine Bibliothek, hieß es, sollte -gleichfalls sehr sonderbar zusammengesetzt sein: neben den Werken der -großen Kirchenväter sollte sie Werke »der Theaterdichtkunst (!), -vielleicht aber noch schlimmere« enthalten. - -Nach den ersten Begrüßungsworten, die aus einem ungewissen Grunde von -beiden ein wenig befangen und sogar kaum verständlich ausgetauscht -wurden, führte Tichon den Gast in sein Kabinett, wies ihm einen Platz -neben dem Tisch auf dem Sofa an, und setzte sich selbst auf einen -geflochtenen Lehnstuhl. Stawrogin war immer noch sehr zerstreut -- er -schien es von einer inneren, bedrückenden Erregung zu sein. Man hätte -glauben können, daß er sich zu etwas Ungewöhnlichem entschlossen habe, -das, einmal getan, nicht mehr rückgängig zu machen wäre, dessen -Erfüllung aber seine Kraft doch zu übersteigen schien. Er blickte sich -im Zimmer um, doch augenscheinlich ohne etwas zu bemerken; er dachte, -doch wußte er natürlich selbst nicht, was. Die Stille weckte ihn -schließlich und es schien ihm plötzlich, daß Tichon gleichsam verschämt -die Augen zu Boden gesenkt hielt und daß ein ganz überflüssiges, -unbeholfenes Lächeln um seine Lippen spielte. Das rief sofort -Widerwillen in ihm hervor; er wollte schon aufstehen und weggehen, um so -mehr, als Tichon seiner Meinung nach entschieden betrunken war. Da erhob -aber Tichon plötzlich die Augen und sah ihn mit einem so festen, -gedankendurchdrungenen Blick an und zu gleicher Zeit mit einem so -unerwarteten und rätselhaften Ausdruck, daß er fast zusammenfuhr. Es -schien ihm plötzlich aus irgendeinem Grunde, daß Tichon schon wisse, -warum er zu ihm gekommen war, daß man ihn schon von seinem Besuch -benachrichtigt habe (obgleich kein Mensch in der ganzen Welt _diesen_ -Grund seines Besuches wissen konnte), und wenn er nicht als erster zu -sprechen anfing, dies nur deshalb nicht tat, weil er ihn schonen wollte, --- vielleicht weil er fürchtete, ihn zu demütigen. - -»Sie kennen mich?« fragte Stawrogin schroff. »Habe ich mich Ihnen -vorgestellt oder nicht, als ich eintrat? Ich bin so zerstreut ...« - -»Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich habe Sie schon einmal vor -vier Jahren gesehen, hier im Kloster ... zufällig.« - -Tichon sprach nicht schnell, gleichmäßig, mit einer weichen Stimme, und -er sprach die Worte klar und deutlich aus. - -»Vor vier Jahren bin ich überhaupt nicht in diesem Kloster gewesen,« -entgegnete Stawrogin in einem Ton, der an Grobheit grenzte; »nur als -Knabe bin ich hier gewesen, als Sie noch gar nicht hier waren.« - -»Vielleicht haben Sie es vergessen?« bemerkte Tichon vorsichtig, doch -ohne darauf zu bestehen. - -»Nein, ich habe es nicht vergessen; und es wäre auch lächerlich, wenn -ich mich dessen nicht mehr erinnern würde,« bestand Stawrogin wiederum -unverhältnismäßig heftig auf seiner Behauptung. »Sie haben vielleicht -nur von mir gehört und sich dann irgendeine Vorstellung von mir gemacht, -und so glauben Sie jetzt, daß Sie mich gesehen hätten.« - -Tichon schwieg. Da bemerkte Stawrogin, daß es über sein Gesicht zuweilen -wie ein Nervenzucken lief, ein Kennzeichen seiner Krankheit. - -»Ich sehe nur, daß Sie heute nicht ganz wohl sind,« sagte er, »ich -glaube, ich tue besser, wenn ich fortgehe.« - -Er erhob sich sogar vom Sofa. - -»Ja, ich fühle seit gestern starke Schmerzen in den Füßen, und in der -Nacht habe ich wenig geschlafen ...« - -Tichon verstummte. Seinen Gast aber hatte die vorige Nachdenklichkeit -schon von neuem und ganz plötzlich überfallen. Das Schweigen dauerte -lange an, mehr als zwei Minuten. - -»Sie haben mich vorhin beobachtet?« fragte Stawrogin plötzlich erregt -und mißtrauisch. - -»Ich habe Sie angesehen und mich dabei der Gesichtszüge Ihrer Mutter -erinnert. Zwischen Ihnen und ihr ist bei äußerer Unähnlichkeit viel -innere, geistige Ähnlichkeit.« - -»Durchaus keine Ähnlichkeit, besonders keine geistige. Sogar überhaupt -keine!« rief Stawrogin wieder ganz unverhältnismäßig erregt und heftig. -»Sie sagen das nur so aus Mitleid zu mir und ... Unsinn! ... Kommt denn -meine Mutter hierher?« - -»Ja, zuweilen.« - -»Das wußte ich nicht. Habe es niemals von ihr gehört. Kommt sie oft?« - -»Fast in jedem Monat einmal; aber auch öfter.« - -»Habe es niemals gehört. Kein einziges Mal ... Nie gehört ... Sie haben -dann natürlich von ihr schon erfahren, daß ich verrückt bin?« fügte er -plötzlich hinzu. - -»Nein, nicht gerade verrückt. Übrigens habe ich auch von dieser -Auffassung gehört, aber von anderen.« - -»Sie haben wohl ein gutes Gedächtnis, wenn Sie so viele Dummheiten -behalten können. Und von der Ohrfeige haben Sie gleichfalls gehört?« - -»Ja, einiges.« - -»Das heißt also alles. Sie haben ja ungemein viel Zeit übrig. Und vom -Duell?« - -»Auch vom Duell.« - -»Sie hören hier allerdings erstaunlich viel. Wozu druckt man bei uns -eigentlich Zeitungen? Schatoff hat Ihnen wohl gesagt, daß ich kommen -werde? Nicht?« - -»Nein. Ich kenne Herrn Schatoff, aber jetzt habe ich ihn lange nicht -mehr gesehen.« - -»Hm. Was haben Sie dort für eine Karte? Sehe ich recht! Die Karte des -letzten Krieges! Was machen Sie denn damit?« - -»Ich orientiere mich auf der Landkarte nach dem Text. Es ist eine -interessante Beschreibung.« - -»Zeigen Sie; ja, das ist keine schlechte Darstellung. Aber doch eine -sonderbare Lektüre für Sie.« - -Er zog das Buch zu sich heran und blickte flüchtig hinein. Es war eine -umfangreiche Geschichte des letzten Krieges, gut dargestellt, -- -übrigens nicht so sehr vom militärischen als vielmehr vom rein -literarischen Standpunkte aus. Nachdem er das Buch zu sich umgedreht -hatte, schob er es plötzlich ungeduldig wieder zurück. - -»Ich weiß wirklich nicht, warum ich hergekommen bin!« stieß er gereizt -hervor, Tichon gerade in die Augen blickend, als ob er von ihm eine -Antwort darauf erwartete. - -»Sie scheinen auch nicht ganz gesund zu sein?« - -»Ja, ich bin nicht ganz gesund.« - -Und plötzlich erzählte er in kurzen, schroffen Worten -- manches war nur -schwer zu verstehen --, daß er besonders nachts so etwas wie -Halluzinationen unterworfen sei, daß er zuweilen irgendein boshaftes, -ein spöttisches und »vernünftiges« Wesen neben sich sehe oder fühle, »in -verschiedenen Gestalten und von verschiedenem Charakter, doch ist es -stets ein und dasselbe Wesen -- ich aber ärgere mich dann immer ...« - -Wild und wirr war dieses Geständnis; man hätte wirklich glauben können, -daß ein tatsächlich Wahnsinniger es machte. Doch bei alledem sprach -Stawrogin mit einer so sonderbaren Aufrichtigkeit, wie sie wohl noch nie -jemand an ihm gesehen hatte, mit einer Offenheit, die ihm sonst gar -nicht eigen war, daß man glauben konnte, der frühere Mensch in ihm sei -plötzlich -- und auch für ihn selbst ganz unverhofft -- spurlos -verschwunden. Er schämte sich nicht im geringsten, die Angst zu zeigen, -die er vor seinem Gespenst hatte. Doch das währte nur einen Augenblick -und verschwand dann ebenso schnell, wie es sich eingestellt hatte. - -»Aber alles das ist natürlich Unsinn,« unterbrach er sich plötzlich -ärgerlich. »Ich werde zum Arzt gehen.« - -»Tun Sie das unbedingt,« riet ihm Tichon zu. - -»Sie sagen das so bestimmt ... Haben Sie denn solche Menschen schon je -gesehen, wie mich, mit solchen Erscheinungen?« - -»Ja, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich nur noch eines Offiziers, -nach dem Tode seiner Frau, seines unersetzlichen Kameraden. Von einem -anderen habe ich nur gehört. Beide sind sie im Auslande geheilt worden -... Leiden Sie schon lange daran?« - -»Ungefähr seit einem Jahr, aber das ist ja alles Unsinn. Ich werde zum -Arzt gehen. Das ganze ist ja doch nur ein Unsinn, ein furchtbarer -Unsinn! Das bin ich selbst in verschiedenen Gestalten und weiter ist es -nichts. -- Da ich soeben diese ... Phrase hinzugefügt habe, denken Sie -jetzt gewiß, daß ich immer noch zweifle und mich noch nicht überzeugt -habe, daß ich es bin und nicht wirklich der Teufel?« - -Tichon blickte ihn fragend an. - -»Und ... Sie sehen ihn wirklich?« fragte er, ohne die Erklärung -Stawrogins, daß es ganz zweifellos eine krankhafte Halluzination sei, -überhaupt zu beachten, »sehen Sie wirklich eine Gestalt?« - -»Sonderbar, daß Sie das noch fragen, nachdem ich Ihnen doch schon gesagt -habe, daß ich ihn sehe,« entgegnete Stawrogin, nach jedem Wort mehr und -mehr gereizt. »Selbstverständlich sehe ich ihn. Ich sehe ihn so, wie ich -jetzt Sie vor mir sehe, zuweilen aber sehe ich ihn und bin doch nicht -überzeugt, daß ich sehe, obgleich ich sehe ... zuweilen aber bin ich -überzeugt, daß ich sehe, und ich weiß bloß nicht, wen ich sehe: mich -oder ihn ... Ach, Unsinn ist das alles! Sie aber -- können Sie sich denn -das ganz und gar nicht vorstellen, daß es wirklich ein Teufel ist?« -fügte er lachend die Frage hinzu: er ging etwas gar zu schnell auf den -spöttischen Ton über. »Das wäre doch Ihrem Beruf angemessener?« - -»Es ist wahrscheinlich nur Krankheit, wenn es auch ...« - -»Wenn es auch was?« - -»Wenn es auch Teufel zweifellos gibt, doch kann man sie sehr verschieden -auffassen.« - -»Ich werde Ihnen sagen, warum Sie vorhin Ihren Blick senkten,« -unterbrach ihn Stawrogin mit gereiztem Spott. »Sie schämten sich für -mich, weil ich -- an den Teufel glaube, doch unter dem Anscheine, daß -ich selbst nicht glaube, Ihnen schlau die Frage stellte: gibt es ihn in -Wirklichkeit oder nicht?« - -Tichon lächelte unbestimmt. - -»Und wissen Sie, es steht Ihnen durchaus nicht, wenn Sie die Augen -niederschlagen: es ist unnatürlich, geziert und lächerlich. Und um Ihnen -in der Grobheit Genüge zu tun, werde ich Ihnen sofort vollkommen ernst -und unverschämt die ganze Wahrheit sagen: ja, ich glaube an den Teufel, -glaube kanonisch an ihn, an den Teufel als Persönlichkeit, nicht als -Allegorie, und ich brauche überhaupt niemanden zu fragen oder etwas über -ihn erfahren zu wollen, -- da haben Sie alles! Sie müssen jetzt sehr -froh sein ...« - -Nervös, unnatürlich lachte er auf. - -Tichon blickte ihn mit einem weichen, beinahe ein wenig schüchternen -Blick fast neugierig an. - -»Glauben Sie an Gott?« warf ihm plötzlich Stawrogin die Frage zu. - -»Ich glaube.« - -»Es steht doch geschrieben, wenn du glaubst und dem Berge befiehlst, von -der Stelle zu rücken, so wird er von der Stelle rücken ... Übrigens, -Blödsinn! Aber ich will Sie doch fragen: werden Sie einen Berg von der -Stelle rücken oder nicht?« - -»Wenn Gott es befiehlt, werde ich auch Berge versetzen,« sagte Tichon -leise und zurückhaltend, und allmählich senkte er wieder den Blick. - -»Nun, das ist ebensogut, wie: Gott macht es selbst. Nein, _Sie, Sie_, -als Belohnung für den Glauben an Gott?« - -»Es kann sein, daß ich ihn vielleicht auch nicht von der Stelle rücken -werde.« - -»>Vielleicht<? Das ist nicht übel. Warum zweifeln Sie denn?« - -»Ich glaube nicht vollkommen.« - -»Wie? _Sie_ nicht vollkommen? Nicht ganz?« - -»Ja ... vielleicht glaube ich nicht vollkommen.« - -»Nun! Aber wenigstens glauben Sie doch, daß Sie ihn mit Gottes Hilfe von -der Stelle rücken würden, und das ist schließlich nicht wenig. Das ist -immerhin mehr, als jenes >_très peu_<{[281]} eines, der gleichfalls -Bischof, Erzbischof war ... Allerdings -- das ist wahr -- unter dem -Säbel ... Sie sind natürlich auch Christ?« - -»Deines Kreuzes, Herr, werde ich mich nicht schämen,« sagte Tichon -flüsternd, -- es war ein sonderbares Flüstern, und er senkte den Kopf -noch tiefer. Seine Mundwinkel zuckten nervös. - -»Aber kann man auch an den Teufel glauben, wenn man überhaupt nicht an -Gott glaubt?« fragte Stawrogin lächelnd. - -»Oh, sogar sehr, das tun fast alle,« sagte Tichon, erhob seinen Blick -und lächelte gleichfalls. - -»Ich bin überzeugt, daß Sie solch einen Glauben immerhin achtbarer -finden, als volle Glaubenslosigkeit ... Oh, Pope!« rief Stawrogin -auflachend. Wieder lächelte Tichon ihm zu. - -»Im Gegenteil, der vollständige Atheismus ist weit achtbarer, als die -weltliche Gleichgültigkeit,« entgegnete er heiter und gutmütig. - -»Oho, also so sind Sie!« - -»Der vollständige Atheist steht auf der vorletzten höchsten Stufe zum -vollständigsten Glauben -- mag er sie dann betreten oder nicht --, der -Gleichmütige dagegen hat überhaupt keinen Glauben außer einer schlechten -Angst.« - -»Aber Sie ... -- Haben Sie die Apokalypse gelesen?« - -»Ja.« - -»Erinnern Sie sich der Stelle: >Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea -schreibe ...<« - -»Ich weiß, wundervolle Worte.« - -»Wundervoll? Sonderbarer Ausdruck für einen Bischof, und überhaupt sind -Sie ein Sonderling ... wo haben Sie hier das Buch?« fragte Stawrogin -auffallend eilig und erregt und seine Augen suchten es auf dem Tisch, -»ich will es Ihnen vorlesen ... haben Sie die russische Übersetzung?« - -»Ich weiß, ich kenne die Stelle, ich kenne sie ganz genau,« sagte -Tichon. - -»Kennen Sie sie auswendig? Sagen Sie sie!« ... - -Er senkte schnell die Augen, stützte beide Hände auf die Knie und -wartete ungeduldig. - -Tichon sagte Wort für Wort: - -»Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das saget Amen, der -treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß -deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder -warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich -dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich, und habe -gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und -jämmerlich, arm, blind und bloß ...« - -»Genug,« unterbrach ihn Stawrogin, »das ist für die Mittelsorte, für die -Gleichmütigen, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe Sie sehr.« - -»Und ich Sie,« sagte Tichon halblaut. - -Stawrogin verstummte und versank wieder in seine Gedanken. Das kam wie -ein Anfall über ihn, schon zum drittenmal. Und auch das »ich liebe Sie« -hatte er wie in einem Anfall gesagt, wenigstens ganz überraschend für -sich selbst. Es verging mehr als eine Minute. - -»Ärgere dich nicht,« sagte Tichon plötzlich ganz leise, und berührte mit -dem Finger vorsichtig, als ob er sich scheue, seinen Ellenbogen. - -Stawrogin fuhr zusammen und runzelte unwillig die Stirn. - -»Woher wissen Sie, daß ich mich ärgerte?« fragte er hastig. Tichon -wollte etwas sagen, doch er unterbrach ihn in ungewöhnlicher Erregung. - -»Warum glaubten Sie, daß ich mich unbedingt ärgern mußte? Ja, ich -ärgerte mich, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich Ihnen -gesagt hatte: >ich liebe Sie<. Sie haben recht, aber Sie sind ein grober -Zyniker, niedrig denken Sie von der menschlichen Natur. Es hätte kein -Ärger zu sein brauchen, wenn es nur ein anderen Mensch gewesen wäre, und -nicht ich ... Übrigens, hier handelt es sich nicht um den Menschen, -sondern um mich. Immerhin sind Sie ein Sonderling und ein -Geistesschwacher ...« - -Er regte sich immer mehr auf und, sonderbar, tat sich in den Worten -überhaupt keinen Zwang an: - -»Hören Sie, ich liebe keine Spione und Psychologen, wenigstens nicht -solche, die in meine Seele kriechen. Ich rufe niemanden in meine Seele, -ich brauche niemanden, ich verstehe mit mir selbst auszukommen. Sie -glauben, daß ich Sie fürchte?« fragte er mit lauterer Stimme und erhob -herausfordernd sein Gesicht. »Sie sind wohl vollkommen überzeugt, daß -ich gekommen bin, Ihnen ein >furchtbares< Geheimnis zu offenbaren? Nun, -so hören Sie denn, daß ich Ihnen überhaupt nichts sagen werde, nichts -von einem Geheimnis, denn ich habe Sie überhaupt nicht nötig ...« - -»Es hat Sie betroffen gemacht, daß das Lamm den kalten mehr liebt als -den bloß lauen,« sagte Tichon, »Sie wollen nicht _nur_ lau sein. Ich -ahne es, daß eine ungewöhnliche, vielleicht furchtbare Absicht Sie -quält. Wenn es so ist, so flehe ich Sie an, quälen Sie sich nicht und -sagen Sie alles, womit Sie gekommen sind.« - -»Und Sie wissen es so genau, daß ich mit irgend etwas gekommen bin?« - -»Ich ... erriet es an Ihrem Gesicht,« flüsterte Tichon und senkte wieder -den Blick. - -Stawrogin war etwas bleich und seine Hände zitterten ein wenig. Einige -Sekunden lang sah er unbeweglich und stumm Tichon an, als ob er sich -endgültig entschlösse. Dann zog er aus der Seitentasche seines Rockes -irgendwelche Druckbogen hervor und legte sie auf den Tisch. - -»Das sind die Blätter, die zur Verbreitung bestimmt sind,« sagte er mit -einer etwas stockenden Stimme. »Wenn auch nur ein einziger Mensch sie -liest, dann, das sage ich Ihnen, werde ich sie nicht mehr verbergen, -dann werden alle sie lesen. So ist es beschlossen. Ich habe Sie -überhaupt nicht nötig, denn ich habe selbst schon alles bei mir -beschlossen. Aber lesen Sie ... Während des Lesens sagen Sie nichts, -aber wenn Sie es gelesen haben -- dann sagen Sie alles ...« - -»Soll ich?« fragte Tichon unentschlossen, zögernd. - -»Lesen Sie; ich bin schon längst ruhig.« - -»Nein, ohne Brille kann ich es nicht entziffern ... kleine Schrift ... -ausländisch.« - -»Hier ist die Brille,« sagte Stawrogin, reichte sie ihm vom Tisch und -lehnte sich zurück in die Ecke des Sofas. Tichon versenkte sich in die -Lektüre. - - - II. - -Der Druck war tatsächlich ausländisch -- drei broschierte Druckbogen von -gewöhnlichem Postpapier kleineren Formats. Wahrscheinlich hatte er sie -in einer der geheimen russischen Druckereien im Auslande setzen lassen. -Auf den ersten Blick glichen sie sehr einer Proklamation. Als -Überschrift stand: »Von Stawrogin«. - -Ich nehme dieses Dokument unverändert in meine Chronik auf. -Wahrscheinlich kennen es jetzt schon viele. Ich habe mir nur erlaubt, -die orthographischen Fehler zu korrigieren, die ziemlich zahlreich waren -und die mich sogar gewissermaßen wundernahmen, da doch der Autor -immerhin ein gebildeter und belesener Mensch war (natürlich relativ -gesprochen). Im Stil dagegen habe ich nichts verändert, trotz der -Unrichtigkeiten und sogar Unklarheiten. Jedenfalls ersieht man aus -ihnen, daß der Verfasser kein Schriftsteller war. - -Nur eine Bemerkung will ich mir doch noch erlauben, obgleich ich damit -vorgreife. Meiner Meinung nach ist dieses Dokument -- ein krankhaftes -Erzeugnis, ein Werk des Teufels, der sich dieses Menschen bemächtigt -hatte. Es ist, wie wenn ein Kranker, den ein großer, scharfer Schmerz -peinigt, sich in seinem Bette wälzt, einzig in dem Verlangen, eine -Stellung einzunehmen, die ihm wenigstens auf einen Augenblick -Erleichterung schafft, oder nicht einmal Erleichterung, sondern bloß den -alten Schmerz durch einen anderen Schmerz verdrängt, wenn auch nur auf -einen Augenblick. Und dann kommt es ihm natürlich nicht mehr auf die -Schönheit oder Vernünftigkeit der Stellung an. Der Ausgangspunkt dieses -Dokuments war -- das furchtbare, ungeheuchelte Bedürfnis einer Strafe, -einer öffentlichen Hinrichtung. Und dabei war dieses Bedürfnis, das -Kreuz auf sich zu nehmen, in einem Menschen, der an das Kreuz nicht -glaubte, -- »doch auch das macht schon eine Idee aus«, -- wie einmal -Stepan Trophimowitsch gesagt hat, wenn auch in einem ganz anderen -Zusammenhange. - -Und doch wirkt dabei das ganze Dokument wie etwas Wildes und Verwegenes, -obgleich es anscheinend mit einer ganz anderen Absicht geschrieben -worden ist. Der Autor erklärt darin, daß er das »unmöglich _nicht_ -schreiben konnte«, daß er dazu »gezwungen« war -- und das ist ziemlich -wahrscheinlich: er hätte gern den Kelch umgangen, wenn er es gekonnt -hätte, aber er konnte es, wie es scheint, tatsächlich nicht und griff -nur nach der Möglichkeit einer neuen Gewalttat. Ja, fürwahr: ein Kranker -wälzt sich auf dem Lager und will den einen Schmerz durch den anderen -betäuben -- und siehe, da schien ihm der Kampf mit der Gesellschaft die -leichteste Lage, und so wirft er denn der Gesellschaft die -Herausforderung zu. Ja, schon aus der Tatsache, daß ein solches Dokument -entstehen konnte, fühlt man eine neue, unerwartete und ehrfurchtslose -Herausforderung der Gesellschaft. Da heißt es: nur schnell irgendeinen -Feind finden ... - -Doch wer weiß, vielleicht ist das Ganze, d. h., sind diese Blätter mit -der ihnen zugedachten Veröffentlichung -- wiederum nichts anderes, als -ein gebissenes Gouverneursohr, nur in einer anderen Gestalt? Warum mir -das sogar jetzt noch in den Sinn kommt, jetzt, nachdem sich schon so -vieles erklärt hat, -- das weiß ich selbst nicht. Ich führe weiter keine -Beweise an gegen eine etwaige Vermutung, die Tat, von der in dem -Dokument die Rede ist, sei falsch, d. h., vollkommen erdichtet. Am -wahrscheinlichsten ist, daß man die Wahrheit irgendwo in der Mitte -suchen muß ... Doch ich greife zu weit vor; es ist besser, ich wende -mich zu dem Dokument selbst zurück. - - * * * * * - -Und Tichon las folgendes: - - - - - Anmerkung - - -S. 160. Die Antwort Kirilloffs auf die Frage nach Gott ist ein absoluter -Widerspruch, wie nein und ja: »_Jewó njet, no on jestj_«. Man könnte -ebensogut sagen: »Er ist nicht, aber es gibt ihn.« - -S. 896 sagt Schatoff zu Kirilloff: »Gib mir, Bruder, ich gebe es dir -morgen wieder.« Die Anrede mit dem Wort »Bruder« ist unter Russen so -üblich, wie im Deutschen die Anrede mit »Freund« oder »Lieber«. - -Die russische Frau wird von russischen Männern häufig »Freund« genannt, -obschon es die Form »Freundin« auch gibt. Es ist das psychologisch nicht -unwichtig. - - _E. K. R._ - - - - - Fußnoten - - -[1] Das Wort »bürgerlich« ist hier und im folgenden nur als -parteipolitische Bezeichnung zu verstehen, wie es nach der französischen -Revolution und besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von -liberalen, für europäische Kultur und Bürgerfreiheit schwärmenden, -republikanisch oder mindestens konstitutionell gesinnten Russen mit -Stolz gebraucht wurde. Es bezeichnete unter den russischen -Schillerianern den »sich seiner Würde bewußten Kulturmenschen«, im -Gegensatz zum »Untertan« der herrschenden Autokratie. E. K. R. - -[2] Die Klassiker der russischen Literatur sind fast alle zeitweise -verbannt gewesen oder haben unter geheimer polizeilicher Aufsicht -gestanden. Vgl. S. 1119. Die nach Sibirien verbannten Dekabristen wurden -geradezu als heilige Opfer verehrt. Vgl. Anm. S. 1093, 1094. E. K. R. - -[3] Ein Kreis junger Dichter in den dreißiger und vierziger -Jahren. Lyriker, schwächere Romantiker, die sich fast alle den -sozialen und politischen Fragen fernhielten. Ihre zum Teil -melancholisch-pessimistischen Dichtungen wurden von dem berühmten -Kritiker und »Realisten« Belinski alsbald schonungslos kritisiert und -damit war ihr Ruhm untergraben. E. K. R. - -[4] Die vier bedeutendsten literarisch-politischen Persönlichkeiten -derselben Zeit. Vgl. die Anmerkungen S. 1099, 1112, 1118 und 1081. E. K. -R. - -[5] Der unter Nikolai I. gebräuchliche vorsichtige Ausdruck für das -Eingreifen der politischen Geheimpolizei -- der sogenannten »Dritten -Abteilung« --, vor der niemand sicher war. E. K. R. - -[6] D. h., er ist um Mitteilung seines politischen Bekenntnisses ersucht -worden wegen einiger Äußerungen in einem Privatbrief über -innerpolitische Maßnahmen (»Umstände«). Die Dritte Abteilung der -Geheimpolizei kontrollierte auch die Privatkorrespondenz, und ein jeder, -der zu einer Universität in Beziehung stand, galt unter Nikolai I. -bereits für »verdächtig«. E. K. R. - -[7] Humoristische Anspielung auf die am 23. April 1849 in Petersburg -verhafteten 30 »Petraschewzen«, von denen 20 -- unter diesen auch -Dostojewski -- zum Tode verurteilt, doch zu Zuchthaus und Verbannung -begnadigt wurden. Über die von einzelnen Petraschewzen geplante -Fourier-Übersetzung vgl. Bd. XI der Ausgabe, »Autobiographische -Schriften«, S. 87. E. K. R. - -[8] Die übliche Umschreibung für »von der Dritten Abteilung verfolgt, -bezw. bestraft worden sein«. E. K. R. - -[9] Der unter Nikolai I. mundtot gemachten Fortschrittler. E. K. R. - -[10] Eine Art Whistspiel. Wörtlich: Unsinn, Wirrwarr. E. K. R. - -[11] Vgl. S. 1118, Anm. E. K. R. - -[12] Die ersten Jahre nach der drückenden Regierungszeit Nikolais I. -(1825--55), als unter dem jungen »Zar-Befreier« die großen Reformen -vorbereitet wurden, bis 1861, 62. E. K. R. - -[13] Die regierungsfeindlichen russischen Zeitschriften erschienen in -der Schweiz und in London und waren in Rußland nur als Konterbande -erhältlich. E. K. R. - -[14] Verfasser eines empfindsamen Buches über die Schrecken der -Leibeigenschaft »Eine Reise von Petersburg nach Moskau«; wurde dafür -sofort (1790) zum Tode verurteilt, doch schließlich nur in Ketten nach -Ostsibirien verschickt, später von Paul I. begnadigt. Beging Selbstmord, -als man ihm wieder mit Sibirien drohte. E. K. R. - -[15] Wjek, »Das Jahrhundert«, hier als Titel einer Zeitschrift gedacht. -L. Kambek ein Kritiker. E. K. R. - -[16] Eine Redensart wie »am Ende der Welt,« wo Makar noch nie gewesen -ist, unter jenen Umständen in Petersburg das Verbannungsland Sibirien. -E. K. R. - -[17] Der Tag der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861. E. K. R. - -[18] Vgl. Vorbemerkung. E. K. R. - -[19] Eine Dorfgeschichte von Grigorowitsch, die 1847 eine neue -Anschauungsweise einleitete (daß der Bauer auch ein Mensch sei) und der -Literatur ein neues Stoffgebiet erschloß. E. K. R. - -[20] Der Führer einer größeren Schar aufsässiger Bauern nach der -Bauernbefreiung. Vgl. S. 1115, 2. Anmerkung. E. K. R. - -[21] Der Aufstand der Polen im Jahre 1863 hatte zur Folge, daß der -russische Nationalstolz mächtig hervorbrach. E. K. R. - -[22] Die beste deutsche Schule in Petersburg. E. K. R. - -[23] Fürst von Nowgorod, 1151--1202, fiel auf einem Eroberungszuge gegen -die Polowzer. Anspielung auf den sorglosen Willen dieses Fürsten zu -nationaler (normannischer!) Ausbreitung. E. K. R. - -[24] Gogol bekannte sich seit 1846 zur offiziellen Orthodoxie. E. K. R. - -[25] Vetter und Cousine dürfen sich nach den Satzungen der russischen -Kirche nicht heiraten. E. K. R. - -[26] In Karmasinoff hat Dostojewski I. Turgenjeff karikiert. E. K. R. - -[27] Zu Kirilloffs eigenartig falscher Ausdrucksweise Näheres in der -»Vorbemerkung«. E. K. R. - -[28] Der Held in Lermontoffs Roman »Der Held unserer Zeit«: Eroberer von -Frauenherzen. E. K. R. - -[29] Die Gutsbesitzerin Frau Korobotschka in Gogols Roman »Die toten -Seelen«: der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen alten Frau. -E. K. R. - -[30] Antwort Gogols auf den Vorwurf, seine Menschen seien nur mit Spott -und Verachtung geschaut, weshalb er auch nicht einen guten Zug an ihnen -wahrgenommen habe. Dostojewski hat dagegen in seinem ersten Werk -denselben unscheinbaren russischen Menschen als einen Träger größter -Menschenliebe und seelischer Zartheit geschildert -- als Protest gegen -Gogols Darstellung. E. K. R. - -[31] Volkstümliche Anrede der Droschkenkutscher. E. K. R. - -[32] Die orthodoxe Kirche ließ damals eine Ehescheidung noch nicht zu. -E. K. R. - -[33] Teilnehmer an der Verschwörung und dem Aufstande gegen die -Autokratie im Dezember 1825 -- meist Gardeoffiziere und die geistige -Elite Rußlands. Die Führer wurden gehenkt, die übrigen auf Lebenszeit -nach Sibirien verbannt (Siehe Anhang). E. K. R. - -[34] Im Roman »Väter und Söhne« -- der erste Versuch einer -Charakterisierung des »Nihilisten«: von der Zensur sehr entstellt, da -sie alle geschilderten guten Eigenschaften Basaroffs strich. E. K. R. - -[35] Der Typ eines Gutsbesitzers in Gogols Roman »Die toten Seelen«: -»Ein durchtriebener leichtsinniger Kerl, Schwätzer, Lügner, unehrlicher -Spieler ... der schnell mit jedem bekannt wird und, bevor man sich's -versieht, einen duzt ... Er erzählte lügenhafte Anekdötchen, brachte -Zwietracht zwischen Verlobte. Er war überhaupt sehr vielseitig und stets -zu allem bereit. Was er tat, geschah aber nicht aus Gewinnsucht, sondern -infolge einer eigentümlichen Sprunghaftigkeit und Unruhe des -Charakters.« E. K. R. - -[36] Die altrussische Sitte, nach der Kinder ihre Eltern nicht duzen -durften, besteht auch heute noch in allen guten russischen Familien, -während das »Du« nur in herzlicher, unformeller Unterhaltung üblich ist. -E. K. R. - -[37] Siehe Anmerkung S. 313. E. K. R. - -[38] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667--71. Freiheitsheld. 1671 -hingerichtet. E. K. R. - -[39] Burschikose Abkürzung für Petersburg. E. K. R. - -[40] 1861. Siehe Anm. S. 451. E. K. R. - -[41] Nach altrussischem Brauch werden Leichen in offenem Sarge auf den -Kirchhof getragen, wo der Sarg erst vor der Versenkung in die Gruft -geschlossen wird. E. K. R. - -[42] Siehe S. 307, 430, 431. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft -durch Alexander II. (1861) machte sich alsbald unter dem zum Teil schwer -geschädigten Landadel eine reaktionäre Gegenbewegung bemerkbar, die die -Regierung zeitweilig nicht wenig beunruhigte. Zwanzig Jahre später -konnte man ihr öffentlich die Schuld an dem Attentat auf den Zaren (13. -III. 1881, einen Monat nach dem Tode Dostojewskis) zuschreiben, während -es im Grunde eine Tat des »Terrorismus« war: gleich den vielen anderen -Attentaten (seit 1866) eine Antwort der revolutionären Jugend auf die -scharfen Maßnahmen gegen ihre Führer und Kameraden. E. K. R. - -[43] Berühmter Roman des »Realisten« und radikalen Publizisten -Tschernyschewski (1828--1889, seit 1865 politischer Sträfling): -geschrieben während der Untersuchungshaft 1863, als Kunstwerk belanglos, -doch als anschauliche Vorführung der erstrebten Reformen -- u. a. die -Möglichkeit der Ehescheidung -- von ungeheuerem Einfluß auf die Jugend. -E. K. R. - -[44] Kondratij F. Rylejeff, geb. 1795, Dichter, von Puschkin und Byron -beeinflußt, suchte durch Verherrlichung historischer Gestalten -Bürgersinn und Unabhängigkeitsgefühl zu wecken, wurde als einer der 121 -»Dekabristen« (siehe Anm. Bd. I, S. 300) abgeurteilt und am 14. Juli -1826 als einer der fünf zum Tode durch den Strang Verurteilten gehängt. -Seine »Dumy« (historische Lieder der Ukraine) waren lange Zeit nur -handschriftlich verbreitet. E. K. R. - -[45] Die orthodoxe Kirche schied damals noch keine Ehe, die in ihr -geschlossen worden war, und grundsätzlich steht sie auch heute noch auf -dem Standpunkt, daß eine Ehe »nur der Tod lösen darf«. E. K. R. - -[46] In den letzten Lebensjahren Belinskis ist Dostojewski (von -1845--1848) an diesen Abenden persönlich zugegen gewesen. E. K. R. - -[47] Sekte der Schneidlinge, die ein legendäres Buch für die einzige -göttliche Offenbarung hält. E. K. R. - -[48] Anspielung auf den Heiland der Geislersekte. E. K. R. - -[49] Die Hauptperson in Lermontoffs Roman »Der Held unserer Zeit« -(1841), meist für ein Produkt des Byronismus in Rußland gehalten, im -Grunde jedoch etwas typisch Russisches: ein skeptisch-blasierter -»überflüssiger Mensch«, seelisch Nihilist, doch ohne die Kraft und den -Enthusiasmus der späteren sogenannten »Nihilisten«, die Tolstoi »die -einzigen Gläubigen« genannt hat und die z. T. auch hier in den »Dämonen« -geschildert sind. E. K. R. - -[50] Bis zur Zeit der Aufklärung in Rußland verbreitete Vorstellung vom -Weltall, dessen Maschinerie angeblich von Engeln aufgezogen wurde. E. K. -R. - -[51] Die »gemäßigt« liberale Petersburger Tageszeitung »Die Stimme«, -deren Bedeutung damals (1871) schon zurückgegangen war. Auch die übrigen -Masken verspotten liberale oder nicht ausgesprochen nationalistische -Zeitschriften. E. K. R. - -[52] Der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen Frau in Gogols -Roman »Die toten Seelen«: in ihren Kombinationsversuchen kommt sie auf -Vermutungen, die kein Mensch für möglich halten würde, -- eine -Charakterzeichnung von so genialem Realismus, daß ihr Name bereits -adjektivisch gebraucht wird. E. K. R. - -[53] Roman von Drushinin, der 1847 großen Beifall fand: der Mann -verzeiht seiner reuig zuückgekehrten Frau und das Glück ist nachher -»tiefer«. E. K. R. - -[54] Eine Art Whistspiel. E. K. R. - -[55] In formgetreuer Wiedergabe der zum Teil sprunghaft notierten Sätze. -E. K. R. - -[56] Irtenjeff -- Tolstois jugendliches Selbstporträt. E. K. R. - -[57] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667--1670. Machte das Land von -Kasan bis Persien unsicher, wollte dann gegen die unbeliebten -moskauschen Bojaren ziehen, wurde jedoch geschlagen, gefangen und -hingerichtet. Vielbesungener Freiheitsheld (s. S. 378). E. K. R. - -[58] Der als Gott-Vater angebetete Heilige der Geißlersekte. Mitte des -XVII. Jahrhunderts. Spielt innerhalb der Sekte eine größere Rolle als -der Papst im Katholizismus. Der jeweilige regierende Nachkomme Danilas -nennt sich »Christus«. S. 650, 651, Anspielung, daß Stawrogin als »Prinz -Iwan« mehr sein würde als ein »Iwan Filippowitsch«. Der »Zarewitsch -Iwan« ist »der lichte Prinz« im russischen Märchen. E. K. R. - -[59] Molokanen (Milchesser), russische Sekte an der Wolga seit dem -Anfang des XIX. Jahrhunderts, so genannt, da sie auch in der Fastenzeit -Milch genießen. Protestantisch insofern, als sie die Bibel sehr hoch -halten und die Entstehung der Sekte auf Berührung mit den -protestantischen deutschen Kolonisten zurückzuführen ist. Im übrigen -glauben sie das Urchristentum zu besitzen, und ein jeder kann sich die -Heilige Schrift nach eigener Überzeugung auslegen. E. K. R. - -[60] Herzen, dem Sohn der Protestantin Louise Haag, war der um jeden -Preis geforderte blinde orthodoxe Glaube der Slawophilen -- besonders -der Romantiker unter diesen -- ebenso unmöglich, wie die mokante Skepsis -seines Vaters, des russischen Aristokraten Jakowleff. Die Wissenschaft -war für ihn »gleichfalls Liebe«. Das Gefühl der Religion ersetzte ihm -eine hohe Meinung von der »Würde des Menschen«. Auf dieser Grundlage -bekämpft Herzen das absolutistische Regierungssystem zunächst als -Republikaner, in seinen letzten Lebensjahren jedoch nicht mehr als -prinzipieller Antimonarchist. Als Fortsetzer der aufrufenden Arbeit -Belinskis, als Publizist und glänzender Schriftsteller hatte er um die -Mitte des 19. Jahrhunderts (1848--63) den größten Einfluß auf die -geistige Entwicklung Rußlands. (Geb. 1812 in Moskau, seit 1847 Emigrant, -1870 gest. in Paris.) Dostojewski hat erst später (1876 im »Jüngling«, -1880 in der »Puschkinrede«) die Westler, zu denen Herzen, Belinski, -Tschaadajeff und Granowski gezählt wurden, gleichfalls als Träger der -»russischen Idee« anerkannt. E. K. R. - -[61] Die Hauptperson in Gribojedoffs klassischer Komödie »Verstand -schafft Leid« (geschrieben 1823, durfte erst 1833 verstümmelt gedruckt -werden): Tschatzki kehrt von seinen Reisen im Auslande, erfüllt von -Heimatliebe, nach Moskau zurück, ärgert sich aber sogleich dermaßen über -seine Landsleute, über ihren gedankenlosen Materialismus, ihr -Strebertum, das für sie der einzige Antrieb zu ihrem Staatsdienst ist, -über ihre stolzlose Ausländerverehrung, daß er noch am selben Tage in -Verzweiflung nach seinem Wagen ruft, um wieder zu verreisen. Der -aufrüttelnde Einfluß dieser im Originaltext bis in die sechziger Jahre -nur handschriftlich, doch in ungezählten Tausenden von Exemplaren -verbreiteten Satire ist nicht abzuschätzen: Die Jugend wollte sich nicht -mehr zu diesen von D. von Wisin, Gribojedoff, Gogol usw. gezeigten -Spiegelbildern der Gesellschaft entwickeln, gab in den dreißiger Jahren -mit Tschaadajeff Rußland fast auf, nannte sich international, um in den -vierziger Jahren mit Belinski, in den fünfziger Jahren mit Herzen, in -den sechziger Jahren mit Tschernyschewski immer wieder -- wie diese -- -auf dem Umwege über Europa erst recht zu Rußland zurückzukehren. Ihr -Anschluß an Dostojewski -- nach ihrem Anschluß an Tolstoi -- steht im -wesentlichen erst noch bevor. E. K. R. - -[62] Die im Russischen übliche Bezeichnung für geistige Führer, -Koryphäen, wie überhaupt für fortschrittlich gesinnte bedeutende -Menschen. Hier von dem slawophilen Schatoff-Dostojewski in feindlich -herabsetzendem Sinne gebraucht, da die Fortschrittler meist Westler -waren oder für Westler gehalten wurden. E. K. R. - -[63] Siehe S. 300, Anm. Die Gründer des geheimen »Wohlfahrtsvereins« und -der anderen Geheimbünde -- meist Offiziere, sowie ehemalige Freimaurer -oder Söhne von solchen -- erstrebten anfangs (etwa 1816--18) nur eine -freiheitliche Umgestaltung der russischen Autokratie nach westlichen -Vorbildern (England). Doch ihr bedeutendster Vertreter, Oberst Paul von -Pestel (Adjutant des Feldmarschalls Grafen Wittgenstein und Haupt des -Südlichen Geheimbundes in Kiew) war von Anfang an für die Republik und -die Beseitigung des Kaiserhauses. Pestel arbeitete für Rußland eine -Verfassung in Anlehnung an die der Nordamerikanischen Staaten und der -Schweiz aus, ging aber in vielem sehr viel weiter und plante bereits -eine Bodenreform auf staatswirtschaftlicher Grundlage, weshalb er »ein -Sozialist vor dem Sozialismus«, aber wegen seines Absolutismus auch -»eher ein Bonaparte als ein Washington« genannt worden ist. Das Land -sollte nach seinem Plan den Bauern überwiesen werden, da anderenfalls -die Proklamation der Republik »nur eine leere Namensänderung wäre«. (Das -hat Dostojewski noch nicht gewußt). - -Der plötzliche Tod Alexanders I. und die Ungewißheit über seinen -Nachfolger verleitete die Geheimbündler zu einem verfrühten Aufstand (am -14. Dezember 1825 -- daher »Dekabristen«), der von Nikolai I. mit -Kartätschen niedergeschlagen wurde. Es folgten über 1000 Verhaftungen. -Die Tragödie der Hinrichtung ihrer Führer durch den Strang (ursprünglich -sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der -»heilige« Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die -übrigen als Sträflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung -der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder während ihres sibirischen -Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur -Folge, daß die Dekabristen als Helden und Märtyrer verehrt wurden und so -unzählige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen -in Rußland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann -auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein »Verbannter« -und »Verfolgter« zu sein, zu erklären, und weshalb um diese beiden Worte -ein gewisser »klassischer Glanz spielt« (siehe Seite 2.) Die -literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil -erst in jüngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt -noch unveröffentlicht. E. K. R. - -[64] Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R. - -[65] Tschaadajeffs Vorliebe für den Papismus war so bekannt, daß sogar -das Gerücht von seinem Übertritt eine Zeitlang glaubwürdig erschien. E. -K. R. - -[66] Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine -Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R. - -[67] In späteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter über -Belinski. Vgl. Bd. XI., »Alte Erinnerungen«. E. K. R. - -[68] Günstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von -Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjährigen -Thronfolgers Iwan und Regent, im selben Jahr von dessen Mutter Anna -Leopoldowna nach Sibirien verbannt, im nächsten Jahre von der Zarin -Elisabeth zurückgerufen. Zeichnete sich durch Grausamkeit in der -Regierung aus; ließ zwar vom Volk Abgaben für frühere Jahre eintreiben, -verfolgte aber besonders den russischen Adel und die Geistlichkeit. E. -K. R. - -[69] Raskol = Spaltung: Bezeichnung für die russische Kirchenspaltung, -d. h. die Absonderung der sogenannten Altgläubigen von der Staatskirche -wegen der Korrektur der Gesang- und Gebetbücher, die durch das -Abschreiben immer fehlerhafter geworden waren und deshalb 1654 auf -Anordnung des Patriarchen Nikon in ihrem richtigen Text neuhergestellt -wurden. Mit diesem Raskol ist hier von Dostojewski die erste Absonderung -einer unteren Volksschicht gemeint. Mit der zweiten Absonderung einer -oberen Schicht seit Peter sind die Westler gemeint -- das Westlertum der -russischen Herrenkaste als Folge der Europäisierung Rußlands durch Peter -den Großen. E. K. R. - -[70] Dostojewski hat ursprünglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines -Romans machen wollen, den bedeutenden »Westler«, der in einem Schreiben -von Rußland gesagt hatte, es habe keine Geschichte, keine Tradition, -»denn es hatte und hat keine leitende Idee, die Völker aber leben und -gedeihen nur, wenn sie eine [eigene] Idee haben und verwirklichen.« Nach -der Veröffentlichung seines »Schreibens« suchte Tschaadajeff sich in -einer »Apologie« zu rechtfertigen, in der er seine Kritik Rußlands zum -Teil abschwächt, doch auch so blieb sie für Dostojewski zeitlebens ein -Dorn im Fleisch. E. K. R. - -[71] Anspielung auf Tschernyschewskis berühmten Roman »Was tun?« (1863), -in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzählt -werden (Aluminiumpaläste des Volkes, Arbeit bei Gesang, Wanderung nach -dem Süden, freie Liebe usw.). Den ungeheuren Erfolg jedoch errang der -phantastische Roman -- nach den künstlerisch hochwertigen, doch als -Spiegelbilder der Gegenwart auf die Jugend »trostlos« wirkenden Werken -Gogols, Herzens, Turgenjeffs -- durch die mit größtem Temperament und -Optimismus gezeigte Rettungsmöglichkeit aus diesem »korrumpierten« -Leben: »ins Volk« zu gehen, selbst wieder Volk zu werden. Die Ausführung -dieser Idee durch die Helden des Romans wirkte dazu wie eine Offenbarung -und bewog unzählige Menschen der gebildeten Schicht, ihr Leben hinfort -buchstäblich unter dem Volk wie unter Gleichstehenden zu verbringen oder -sich ihm ganz zu widmen. Die Möglichkeit zu gläubiger Hingabe war für -sie natürlich wichtiger als die Frage nach dem künstlerischen Wert des -Romans oder manchem selbstgeübten Dilettantismus. Zudem lag in dieser -Idee etwas sehr Russisches, das einem noch unbewußten Triebe in den -Menschen jener Zeit entgegenkam. Auch Tolstoi und viele andere sind ja -später diesen Weg gegangen. Überdies waren die im Roman geschilderten -Menschen in ihrer sich als Selbstverständlichkeit gebenden -Menschlichkeit trotz aller Utopien so entwaffnend, wie es etwa hier in -den »Dämonen« nicht die lauten Revolutionäre, sondern die fast stummen, -doch im Innersten neuen Menschen sind. (Auch die vier starken, stolzen -Frauengestalten in den »Dämonen« haben in der russischen Literatur viele -Vorgängerinnen). Daher Dostojewskis Geständnis im 9. Kapitel: »Oh, wie -quälte ihn dieses Buch!« usw. und seine wiederholten leidenschaftlichen -Angriffe gegen die übernaiven Zukunftsträume in diesem Roman, die bei -der Jugend die radikalsten politischen Forderungen zur Folge hatten, -jeden lebenserfahrenen Menschen aber beängstigen mußten. E. K. R. - -[72] Näheres über diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der -sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe -»Autobiographische Schriften«, Seite 169--173. E. K. R. - -[73] D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten -Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat -Dostojewski später noch ausführlicher wiedergegeben: in Bd. XI, -»Autobiographische Schriften«, Seite 313. E. K. R. - -[74] Belinski war schwindsüchtig und starb schon 1848, siebenunddreißig -Jahre alt. (Auch seine späteren, von der Jugend gleichfalls -angeschwärmten Nachfolger, die als Kritiker den Kampf gegen die »Kunst -um der Kunst willen« immer radikaler fortsetzten, sind jung gestorben: -Dobroljuboff 1861 mit vierundwanzig Jahren, Pissareff 1868 mit -siebenundzwanzig Jahren. Dobroljuboffs Art, dem berühmten Turgenjeff -Wahrheiten ungeniert ins Gesicht zu sagen, ist in der Unverfrorenheit -Pjotr Werchowenskis gegenüber Karmasinoff wiedergegeben.) E. K. R. - -[75] Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in -einem Petersburger öffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche -Untersuchung des Falles ergab ein abschreckendes Bild von der -großstädtischen Verrohung. E. K. R. - -[76] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den -Bauern das Gerücht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in -einer Goldenen Urkunde (sie glaubten, Zarenworte würden nur in Gold -geschrieben) sei dies zu lesen, aber die Beamten und der Adel hätten die -Urkunde unterdrückt. Gegen die aufsässigen, plündernden Bauernhaufen -mußte wiederholt Militär vorgeschickt werden. E. K. R. - -[77] »Tschurr« heißt »Grenze«, doch bei Spielen im Freien zugleich: »Ich -darf nicht angerührt werden! ich stehe außerhalb (der Grenzen) des -Spiels!« -- Aus dem süddeutschen »Bonde!« und dem norddeutschen »Es -brennt!« läßt sich keine ähnlich drastische Ableitung bilden, die das -Verhalten Stepan Trophimowitschs so erschöpfend bezeichnete: die wenig -männliche Art, sich persönlich vor einer Gefahr zu sichern, indem man -sich mit einem billigen Mittelchen dem Kampfe entzieht, sich für -unantastbar erklärt und »abgrenzt«. - -[78] In Drushinins Roman »Polinka Ssacks« der Gatte, der seiner Frau den -Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E. -K. R. - -[79] Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach -dem schönen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessen -Romane Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre noch Beifall -gefunden hatten, ein Jahrzehnt später jedoch schon vergessen waren, -- -zum Teil nach dem bekannten Moskauer Geschichtsprofessor T. N. -Granowski, dem Freunde von Herzen, Belinski, Bakunin, Stankewitsch u. -a., die um 1840 im geistigen Leben Moskaus eine Rolle spielten. Auch -Granowski war eine schöne Erscheinung, von gepflegtem Äußeren, das (nach -Herzens Ausspruch) ein wenig an einen feinen protestantischen Pastor -erinnerte. Seine Frau war eine Deutsche, kinderlos, in ihrer Erscheinung -ihm so ähnlich, daß sie wie seine Schwester wirkte. Seit 1839 hielt -Granowski, der bei den Studenten und freien Zuhörern sehr beliebt war, -und auch sonst allgemein verehrt wurde, an der Moskauer philosophischen -Fakultät seine Vorlesungen, doch war es ihm u. a. verboten, über die -Reformation oder eine Revolution zu lesen, da die Aufgabe der seit dem -Dekabristenaufstand vom Zaren gehaßten Universitäten nichts weiter sein -sollte, als die Erziehung der Studenten »zu treuen Söhnen der orthodoxen -Kirche, zu treuen Untertanen für den Kaiser und zu guten Bürgern für das -Vaterland«. Während der Regierung Nikolais I. (1825--1855) hatte jeder -Schriftsteller von einigem Wert unter dem geistigen Druck und den -persönlichen Verfolgungen der Reaktion zu leiden. So war das -»Verfolgtwerden« unbedingt eine Ehre. Stepan Trophimowitschs Ehrgeiz und -zugleich Furchtsamkeit in der Beziehung ist durchaus lebenswahr -geschildert, obschon sich für diesen Zug keine Porträtähnlichkeit -nachweisen läßt: Kukolnik war in seinen patriotischen Dramen -Überpatriot, Granowski als Westler zwar liberal gesinnt, doch ein -Charakter, dem ähnliche kleine Eitelkeiten und Schwächen fern lagen. -1876 schreibt Dostojewski selbst über Granowski: »Das war einer unserer -ehrlichsten Stepan Trophimowitsche (in meinem Roman >Die Dämonen< der -Typ des Idealisten der vierziger Jahre, den unsere Kritiker richtig -gezeichnet fanden ...) und vielleicht sogar einer ohne den geringsten -komischen Zug, der diesem Typ sonst leicht anhaftet ...« Während -Granowskis Freunde, die Hegelverehrer Bakunin, Belinski, Herzen u. a. -später Atheisten und Sozialisten wurden, blieb Granowski bei seinem -Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und hielt es mit den deutschen -Romantikern. - -Gegen diesen sogenannten »_Idealismus der vierziger Jahre_«, den Stepan -Trophimowitsch vertritt, läßt Dostojewski die historischen Nachfolger -dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr -Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten »_Realismus der -sechziger Jahre_« ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem -unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri »Merci« und in -Stepan Trophimowitschs »Dichtung in lyrisch-dramatischer Form«, wie in -seiner unrussischen Schwärmerei für Abstraktionen) werden die von den -Seminaristen vergötterten Naturwissenschaften und die angewandte -entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt. - -Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwürfen sind Entgegnungen auf fast -wörtlich wiedergegebene Aussprüche Bakunins, des Begründers des -revolutionären Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff. - -Letzterer (Prototyp Pjotr Werchowenskis) hatte die Lehre Bakunins -- von -der Notwendigkeit der radikalen Zerstörung der bisherigen -Gesellschaftsform, damit die neue Form vom Volk nach ganz anderen, -wirklich neuen Grundsätzen geschaffen werden könne -- sogleich in die -Tat umzusetzen versucht und 1869 in Moskau die Mitglieder seines -Geheimbundes zur Ermordung eines ihrer Genossen (des Studenten Iwanoff) -zu zwingen gewußt. Wie W. Ssolowjoff hervorhebt, ist in den »Dämonen« -»der Netschajeffprozeß vorweggenommen«. Der Roman war 1871 zum Teil -schon gedruckt, als der Prozeß erst begann. (Näheres über Netschajeff -und die Netschajewzen -- den »Prozeß der Siebenundachtzig« -- siehe Band -XI, »Autobiographische Schriften«, S. 323--351.) Netschajeff selbst -entkam zunächst nach der Schweiz, wurde aber 1872 an Rußland -ausgeliefert und starb nach zwanzigjähriger Kerkerhaft im -Schlüsselburger Gefängnis. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen -Charakter von »stählerner Energie«. Seine Ideen über die -»Pandestruktion« veröffentlichte er 1869 in Genf in einem Blatt, das er -»Das Volksgericht« nannte. Pläne für den zukünftigen Aufbau wurden von -ihm überhaupt nicht geduldet. Unter sein Bild schrieb er die Worte: »Das -Werk der Zerstörung ist getan, -- das Werk des Aufbaus steht bevor und -wird nicht nur eine Generation beschäftigen.« Von seinem Grundsatz, daß -auch Jesuitismus und Macchiavellismus im Kampf der Klassen als Mittel -anzuwenden seien, haben sich seine Lehrer Bakunin und andere Anarchisten -alsbald losgesagt. - -In der Philosophie Kirilloffs hat Dostojewski die Gedanken Michael -Bakunins wiedergegeben und weitergesponnen, -- wie übrigens auch in den -folgenden Romanen »Der Jüngling«, »Die Brüder Karamasoff«, und in -kleineren Werken. Bakunin wollte vor allem »die Idee >Gott< in den -Menschen töten«. - -Vorläufer Stawrogins sind in gewissem Sinne fast alle Helden Puschkins. -Aber auch Tschatzki und die Helden Lermontoffs, Gontscharoffs, -Turgenjeffs u. a. sind eine Vorbereitung zu dieser Gestalt. E. K. R. - -[80] S. Bd. I, Vorbemerkung. E. K. R. - - - - - Übersetzung französischer Textstellen - - -{[1]} Sie haben mich wie eine alte Stoffmütze behandelt! - -{[2]} das heißt, ein [Narr], der meine Existenz einfach zerschmettern -kann - -{[3]} in jedes Land, ..., wo Makar seine Kälber auf die Weide bringt - -{[4]} Ich bin ein [einfacher Schmarotzer], nichts mehr! Aber wirklich -nichts mehr! - -{[5]} unter den Seminaristen - -{[6]} Lieber Freund - -{[7]} Blumenstrauß der Kaiserin (französische Parfümmarke) - -{[8]} für unser heiliges Rußland - -{[9]} aber lassen Sie uns unterscheiden - -{[10]} Unter uns gesagt - -{[11]} Haudegen - -{[12]} ausgezeichnete Freundin - -{[13]} Sie wissen, unter uns ... Mit einem Wort - -{[14]} um uns seine Macht zu zeigen - -{[15]} was für eine wilde Idee! - -{[16]} meine gute Freundin - -{[17]} Schönes Kind! - -{[18]} Aber, meine Liebe ... - -{[19]} Aber, meine gute Freudin - -{[20]} Und dann, da wir immer mehr Mönche als Gründe finden - -{[21]} Nun ja, Teuerste - -{[22]} und dann - -{[23]} Ein Hitzkopf, aber ein guter Mensch. - -{[24]} Oh, ein dumme Geschichte! Gute Freundin, ich habe auf Sie -gewartet, um Ihnen zu erzählen ... - -{[25]} Alle klugen und fortschrittlichen Männer Rußlands waren, sind und -werden immer [Kartenspieler] und [Trinker] sein - -{[26]} Aber, unter uns - -{[27]} Mein Liebster, ich bin ein ... - -{[28]} Aber sie ist ein Kind! - -{[29]} Ja, ich benutzte das falsche Wort ... Aber ... Es spielt keine -Rolle ... - -{[30]} gleich - -{[31]} Ja, ja, ich kann nicht - -{[32]} diesem lieben Sohn - -{[33]} Er ist so ein Kindskopf! - -{[34]} Und schließlich das Lächerliche - -{[35]} Ich bin ein Galeerensträfling, ein Badinguet (Deckname Napoleons -III. auf der Flucht), ein ... - -{[36]} Mir doch egal! - -{[37]} Das ist mir egal, und ich rufe die Freiheit aus! Zum Teufel mit -Karmazinoff! Zum Teufel mit Lembke! - -{[38]} Sie werden mich unterstützen als Freund und Zeuge, nicht wahr? - -{[39]} ja, das ist das Wort - -{[40]} oder etwas in dieser Art - -{[41]} ich erinnere mich. Schließlich ... - -{[42]} er war wie ein kleiner Idiot - -{[43]} Wie! - -{[44]} von userem armen Freund - -{[45]} unser heiliges Rußland - -{[46]} Aber das geht vorbei. - -{[47]} ... zum Unglück. Sie werden mich begleiten, nicht wahr? - -{[48]} Oh großer, gütiger Gott! - -{[49]} und ich beginne zu glauben - -{[50]} In Gott? Ein Gott hoch oben, der groß und gütig ist? - -{[51]} Er tut alles, was ich will. - -{[52]} Gott, Gott! ... Endlich eine Minute Glück! - -{[53]} Sie und das Glück, Sie kommen zur gleichen Zeit! - -{[54]} Aber - -{[55]} ich war so nervös und krank. Und dann ... - -{[56]} Das ist ein Träumer von hier. Er ist der beste und jähzornigste -Mann der Welt. - -{[57]} und sie werden ihm eine Gefälligkeit erweisen - -{[58]} Mein Freund! - -{[59]} Letztendlich ist es lächerlich. - -{[60]} Dieser Mawrikij - -{[61]} ein anständiger Mann, immerhin ... - -{[62]} an diese arme Freundin ... schließlich - -{[63]} Tante, Tante - -{[64]} Diese arme Tante - -{[65]} dieser Liputin, den ich nicht verstehe ... - -{[66]} Ich bin undankbar! - -{[67]} alles ist gesagt, ... Es ist schrecklich! - -{[68]} Sie ist ein Engel - -{[69]} Nun ja - -{[70]} schließlich - -{[71]} Die arme Freundin - -{[72]} Zwanzig Jahre! - -{[73]} Er ist ein Ekel. Doch, ... - -{[74]} ein anständiger Mann, immerhin - -{[75]} Diese Leute glauben, daß die Natur und die menschliche -Gesellschaft in Wirklichkeit anders sind, als Gott sie gemacht hat - -{[76]} Mit dieser lieben Freundin - -{[77]} Aber laß uns von etwas anderem sprechen. - -{[78]} in der Schweiz - -{[79]} Das war dumm, aber was kann man tun? Alles ist gesagt. - -{[80]} Schließlich -- alles ist gesagt - -{[81]} Der liebe Gott - -{[82]} wenn es Wunder gibt? - -{[83]} und lasse alles gesagt sein! - -{[84]} was man Altar nennt! - -{[85]} Lassen Sie mich allein, mein Freund - -{[86]} sehen Sie - -{[87]} Aber Lisa, was haben Sie denn? - -{[88]} liebe Kusine - -{[89]} Aber meine gute und ausgezeichnete Freundin ... welche Unruhe! - -{[90]} das schmerzende Pochen - -{[91]} Kurz gesagt, das ist ein verlorender Mann, wie ein entlaufender -Sträfling. - -{[92]} Das ist ein unredlicher Mann, und ich glaube, er ist ein -entlaufender Sträfling oder etwas Ähnliches. - -{[93]} Peter, mein Kind - -{[94]} Aber mein Kind! - -{[95]} possenhafter Charakter - -{[96]} Sie haben Recht - -{[97]} Erhaben! - -{[98]} Sohn, lieber Sohn - -{[99]} Er lacht. - -{[100]} Sei's drum - -{[101]} Ja, das ist das Wort - -{[102]} Krach um seinen Namen machen, [ohne zu bemerken, daß] sein Name -... - -{[103]} Er lacht. Er lacht viel ... Er lacht ständig - -{[104]} Umso besser. Doch lassen wir das. - -{[105]} Ich wollte ihn bekehren. [Sie lachen natürlich.] Das arme -[Tantchen], sie wird Schönes zu hören kriegen! - -{[106]} Dort ist irgendwas Blindes und Verdächtiges. - -{[107]} Das sind einfach nur Faulenzer - -{[108]} Ihr seid Faulpelze! Eure Flagge ist ein Lumpen, machtlos! - -{[109]} Eine Dummheit dieser Art - -{[110]} Du verstehst es nicht. Doch lassen wir das. - -{[111]} Verstehen Sie? - -{[112]} Kalesche - -{[113]} gebührend - -{[114]} mit voller Kraft - -{[115]} wohltätiger Kauz - -{[116]} Quadrille der Literatur - -{[117]} Laßt ihr unreines Blut über unsere Felder fließen! - -{[118]} Keinen Zoll von unserer Erde, nicht einen Stein aus unserem -Festungen! - -{[119]} Ja, dieser Vergleich ist erlaubt. Es war wie ein kleiner -Donkosake, der auf seinem eigenen Grab hüpft. - -{[120]} Ich habe das vergessen. - -{[121]} Genug! - -{[122]} Teuerste, genug! - -{[123]} mangelndes Benehmen - -{[124]} ohne daß es sichtbar wird! - -{[125]} Vorwarnung - -{[126]} Endlich ein Freund! - -{[127]} Bitte entschuldigen Sie, Ich habe seinen Namen vergessen. Er ist -nicht von hier, ... eine irgendwie dumme und deutsche Physignomie. Er -heißt Rosenthal. - -{[128]} Sie kennen Ihn? Irgendeine Stumpfsinnigkeit und -Selbstzufriedenheit ist in seiner Gestalt, und dennoch etwas Strenges, -Steifes und Ernsthaftes. - -{[129]} Die kenne ich. - -{[130]} ja, ich erinnere mich, er hat dieses Wort benutzt - -{[131]} Er hält sich zurück - -{[132]} Jedenfalls schien er zu glauben, daß ich ihn angreife und direkt -niederschlage. All die Leute aus den unteren Schichten sind so. - -{[133]} Seit zwanzig Jahren bin ich bereit. - -{[134]} Ich war würdevoll und ruhig. - -{[135]} und kurzum, all das - -{[136]} und einige meiner historischen, kritischen und politischen -Entwürfe - -{[137]} Ja, so war es - -{[138]} Er war allein, ziemlich allein, [übrigens war noch jemand] im -Vorzimmer, ja, ich erinnere mich. Und dann ... - -{[139]} Sehen Sie, ich war stark erregt. Er redete und redete ... über -einen Haufen Sachen ... - -{[140]} Ich war stark erregt, aber würdevoll, seien Sie versichert. - -{[141]} Wissen Sie, er sprach den Namen Telätnikoff an - -{[142]} der mir immer noch fünfzehn Rubel vom Whist schuldet, nebenbei -gesagt. Na ja, ich habe es nicht ganz verstanden. - -{[143]} was denken Sie? Letztendlich stimmte er zu - -{[144]} und nichts mehr - -{[145]} als Freunde, und ich bin voll und ganz einverstanden. - -{[146]} Meine Feinde ... und dann, wozu soll dieser Staatsanwalt gut -sein, dieses Schwein von einem Staatsanwalt, der mich zweimal beleidigte -und der letztes Jahr bei der charmanten und schönen Natalia Pawlowna -eine feine Abreibung erhalten hatte, als er sich in ihrem Boudoir -versteckte. Und dann, mein Freund - -{[147]} wenn man diese Dinge in seinem Zimmer hat, und wenn sie kommen -um dich festzunehmen - -{[148]} Schick sie fort ... und es geht mir auf die Nerven. - -{[149]} Man muß vorbereitet sein, sehen Sie, ... jederzeit - -{[150]} Sehen Sie, mein Teuerster - -{[151]} Das kommt aus Petersburg - -{[152]} Sie haben mich mit diesen Leuten zusammengebracht! - -{[153]} Mit diesen Freidenkern der Feigheit! - -{[154]} Wissen Sie, ... als wenn ich hier eine Art Skandal produziere. - -{[155]} Meine Karriere ist heute beendet, ich fühle es. - -{[156]} Ich schwöre es Ihnen - -{[157]} Was wissen Sie davon - -{[158]} meine Karrriere is zu Ende - -{[159]} was wird sie sagen - -{[160]} Sie wird mich ihr ganzes Leben lang verdächtigen - -{[161]} Das ist unwahrscheinlich ... Und dann, die Frauen - -{[162]} Man muß würdevoll und ruhig bei Lembke sein. - -{[163]} Oh, glauben Sie mir, ich werde ruhig sein! ... auf dem Höhepunkt -von allem, was am heiligsten ist ... - -{[164]} Gehen wir! - -{[165]} Alles für das Beste in der besten aller möglichen Welten. - -{[166]} Meine Stunde hat geschlagen. - -{[167]} Sie machen nichts als Dummheiten - -{[168]} Ausgezeichneter Freund! - -{[169]} Dieser liebe Mann - -{[170]} und da man überall mehr Mönche als Vernunft findet - -{[171]} Bezaubernd, die Mönche - -{[172]} aber lassen Sie uns hier abbrechen, meine Liebe - -{[173]} dieser lieben Freindin - -{[174]} in vollem Umfang - -{[175]} meine Damen - -{[176]} Das ist Dummheit in Reinform, etwa wie eine einfache Chemikalie. - -{[177]} nebenbei gesagt - -{[178]} Lockspitzel! - -{[179]} Möge Gott dir vergeben, mein Freund, und möge Gott dich -beschützen. - -{[180]} mit der Zeit - -{[181]} Was mich betrifft - -{[182]} diese armen Leute haben manchmal so bezaubernde Worte voller -Philosophie - -{[183]} Mein Kind! - -{[184]} Oh, das sind die armen kleinen Taugenichtse, sonst nichts, die -kleinen [Närrchen] -- Das ist das Wort - -{[185]} Oh, gestern war er so geistreich - -{[186]} Welche Schande! - -{[187]} Charmante Dame, Sie werden mir vergeben, nicht wahr? - -{[188]} den Kindern - -{[189]} Sie werden mir verzeihen, nicht wahr - -{[190]} Arme Mutter! - -{[191]} Sie sind traurig, nicht wahr? - -{[192]} Wir sind alle traurig, aber wir müssen vergeben. Lisa, lassen -sie uns vergeben - -{[193]} man muß vergeben, vergeben und vergeben! - -{[194]} zweiundzwanzig Jahre! - -{[195]} Im Haus des Kaufmanns, wenn es den Kaufmann denn gibt! - -{[196]} Aber wissen Sie wie spät es ist? - -{[197]} Existiert Rußland? Ha, das sind Sie, lieber Hauptmann! - -{[198]} Oh, mein Gott - -{[199]} Es lebe die Republik - -{[200]} Es lebe die demokratische, soziale und universale Republik, oder -Tod! ... Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod. - -{[201]} von Kirilloff, einem russischen Gentleman und Weltbürger - -{[202]} einem russischen Gentleman-Seminaristen und Bürger der -zivilisierten Welt! - -{[203]} geborene Garin - -{[204]} Reisetasche - -{[205]} wie ein - -{[206]} Diesen Kaufmann - -{[207]} Es lebe die Fernstraße - -{[208]} Ich habe zusammen vierzig Rubel, er wird das Geld nehmen und -mich trotzdem töten. - -{[209]} Gott sei Dank - -{[210]} unentschieden ... und dann - -{[211]} Das fängt beruhigend an. - -{[212]} Das ist sehr beruhigend ... das ist im höchsten Grad beruhigend - -{[213]} Ich bin jemand anderes. - -{[214]} aber schließlich - -{[215]} Das ist reizend - -{[216]} Ja, so könnte man das übersetzen. - -{[217]} Das ist sogar besser, ich habe vierzig Rubel, aber ... - -{[218]} Um es auszusprechen - -{[219]} meine Freunde - -{[220]} Sie wollte es - -{[221]} Ach wie schön! - -{[222]} einen Fingerbreit Wodka - -{[223]} ein kleines bißchen - -{[224]} Ich bin ziemlich krank, aber es ist nicht schlimm, krank zu sein - -{[225]} Eine Dame, die auch so aussah - -{[226]} Ah ... aber ich glaube das ist das Evangelium ... - -{[227]} Sie sind, was man eine Bibelverkäuferin nennt? - -{[228]} Ich habe nichts gegen des Evangelium, und ... - -{[229]} Das Leben Jesu - -{[230]} Mir scheint es, daß alle nach Spassoff gehen ... - -{[231]} Aber sie ist eine Dame und eine wahre Respektsperson - -{[232]} Dieses kleine Stück Zucker ist nichts ... - -{[233]} makellos respektvoll - -{[234]} Sie sind keine dreißig Jahre alt - -{[235]} Aber, mein Gott - -{[236]} Diese Bösewichte, diese Unglücklichen! - -{[237]} Bah, ich werde zum Egoisten! - -{[238]} Aber was ist mit dem Mann los? - -{[239]} Mein Gott, meine Freunde - -{[240]} Aber meine teure und neue Freundin - -{[241]} Aber was tun, und ich bin begeistert! - -{[242]} nicht wahr? - -{[243]} Ich liebe die Menschen, das ist unerläßlich, aber es scheint -mir, daß ich ihnen niemals nahe war. Stasie ... Es versteht sich von -selbst, daß sie aus dem Volk stammt ... aber von den wahren Menschen - -{[244]} Liebe und unvergleichliche Freundin - -{[245]} liebste Unschuldige. Das Evangelium ... Sie sehen, von nun an -werden wir zusammen beten - -{[246]} etwas ganz neues dieser Art - -{[247]} zugegebenermaßen - -{[248]} und dieser netten Undankbaren auch ... - -{[249]} Liebe Unvergleichbare, für mich ist eine Frau alles! - -{[250]} Es wird zu kalt. Übrigens, ich habe vierzig Rubel und hier ist -das Geld - -{[251]} Laß uns nicht mehr reden, weil es mir weh tut - -{[252]} Weil wir reden müssen. Ja teure Freundin, ich habe Ihnen viel zu -sagen. - -{[253]} Wie, Sie kennen schon meinen Namen? - -{[254]} Genug mein Kind, [ich flehe Sie an,] wir haben unser Geld und -dann -- und dann den gütigen Gott. - -{[255]} Genug, genug, Sie quälen mich - -{[256]} Es ist nichts, wir werden warten - -{[257]} Sie sind edel wie eine Marquise! - -{[258]} wie in Ihrem Buch! - -{[259]} Genug, genug, mein Kind - -{[260]} wissen Sie - -{[261]} Bin ich wirklich so krank? Aber es ist nichts Ernstes. - -{[262]} Oh, ich erinnere mich, ja, die Apokalypse. Lesen Sie, lesen sie. - -{[263]} und wir werden zusammen weggehen - -{[264]} diese Schweine - -{[265]} in diesem Buch - -{[266]} ein Vergleich - -{[267]} Ja, dieses Rußland, was ich immer geliebt habe. - -{[268]} und die andern mit ihm - -{[269]} Sie werden später verstehen ... Zusammen werden wir es später -verstehen. - -{[270]} Schau, ein See - -{[271]} Und ich werde das Evangelium predigen ... - -{[272]} Sie ist ein Engel ... Sie war mehr als ein Engel für mich - -{[273]} Ich liebte Sie! - -{[274]} Ich liebte sie man ganzes Leben lang ... zwanzig Jahre! - -{[275]} Eine Stunde, [und dann] -- eine Brühe, einen Tee ... endlich ist -er so glücklich. - -{[276]} Ja, meine Freunde, ... Die ganze Zeremonie - -{[277]} Mein Vater, ich danke Ihnen, und Sie sind sehr gut, aber ... - -{[278]} Dies ist mein Glaubensbekenntnis. - -{[279]} Ich habe mein ganzes Leben gelogen - -{[280]} Pariser Artikel - -{[281]} sehr wenig - - - Anmerkungen zur Transkription - -Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen -Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und -Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert -nach: - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. - Erste Abteilung: Fünfter Band. - Erste Abteilung: Sechster Band. - Die Dämonen - R. Piper & Co. Verlag, München, 1921. - 11. bis 20. Tausend - -Für diese ebook-Ausgabe wurden der fünfte und der sechste Band -vereinigt. Band 6 beginnt mit »Elftes Kapitel«. - -Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen -Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den -ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, -Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt -nach der Titelseite eingefügt. - -Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. - -Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen -Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der _public domain_ zur -Verfügung gestellt. - -Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert. - -Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen -(»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von -Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen. - -Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der -Buchstabe »ä« (oder auch »jä«) steht für den kyrillischen Buchstaben -»ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde -vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): - - Agafja (Agaphia) - Bogojawlenskstraße (Bogojavlenskschen Straße) - Marja Ignatjewna (Maria Ignatjewna) - Iwan (Iwán) - Iwanoff (Iwanow) - Nicolai (Nikolai) - Nicolajewitsch (Nikolajewitsch) - Nicolajewna (Nikolajewna) - Praskowja (Proskowja) - Semjonytsch (Ssemjonytsch) - Stawrogin (Stowrogin) - Stepan (Stephan) - Zarewitsch (Zaréwitsch) - -Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde -unverändert übernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll. - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des -russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 14]: - ... die nur miteinander streiten, das ganzen Leben in ... - ... die nur miteinander streiten, das ganze Leben in ... - - [S. 37]: - ... jetzt irgendein Andrejeff, un rechtgläubiger Narr mit ... - ... jetzt irgendein Andrejeff, c'est à dire un rechtgläubiger - Narr mit ... - - [S. 78]: - ... sozialen Republik und Harmonie« hätten sein können. ... - ... sozialen Republik und Harmonie« hätte sein können. ... - - [S. 120]: - ... ganze ungewöhnlichen Pose vor mir stehen. ... - ... ganz ungewöhnlichen Pose vor mir stehen. ... - - [S. 139]: - ... mir zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ... - ... mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ... - - [S. 200]: - ... beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbel ... - ... beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbeln ... - - [S. 330]: - ... zu ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ... - ... zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ... - - [S. 464]: - ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt bost, ... - ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ... - - [S. 784]: - ... hielt, sich daraus einen Vers zu machen oder etwas ... - ... hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas ... - - [S. 880]: - ... oder Geld, davon schon ganz zu geschweigen. Du hast ... - ... oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast ... - - [S. 1073]: - ... autochthone Typen sind häufig entweder Stenka Rasins ... - ... autochthonen Typen sind häufig entweder Stenka Rasins ... - - [S. 1085]: - ... sehen Sie einmal: wenn sie glauben, daß das Christentum ... - ... sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 5-6: Die Dämonen, by -Fjodor Michailowitsch Dostojewski - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 5-6: DIE DÄMONEN *** - -***** This file should be named 61906-8.txt or 61906-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/9/0/61906/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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