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-The Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 5-6: Die Dämonen, by
-Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Sämtliche Werke 5-6: Die Dämonen
-
-Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-Contributor: Dmitri Mereschkowski
-
-Editor: Arthur Moeller van den Bruck
-
-Translator: E. K. Rahsin
-
-Release Date: April 23, 2020 [EBook #61906]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 5-6: DIE DÄMONEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive.
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-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
-
- Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
- herausgegeben von Moeller van den Bruck
-
- Übertragen von E. K. Rahsin
-
-
- Erste Abteilung: Fünfter und sechster Band
-
-
- F. M. Dostojewski
-
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-
- Die Dämonen
-
-
- Roman
-
-
- R. Piper & Co. Verlag, München
-
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- R. Piper & Co. Verlag, München, 1921
- 11. bis 20. Tausend
-
-
- Copyright 1921 by R. Piper & Co.,
- Verlag in München.
-
-
- ............
-
- >Herr, wir haben in dem Dunkel
- uns verirrt. Was tun wir nun?
- Jede Wegspur ist verloren!
- Teufel haben ganz gewiß
- uns hier auserkoren, --
- zerren jetzt und drehen uns
- mit Dämonenmacht
- wohl zickzack im Kreis herum,
- in dem Schneesturm und der Nacht.
-
- ............
-
- Wieviel sind's? Wohin die Hetze?
- Und was singen sie im Trab?
- Feiern sie heut Hexenhochzeit?
- Oder tanzen sie ums Grab,
- das sie grad' dem Hausgeist graben?<
-
- ............
-
- _A. Puschkin._
-
- Es war aber daselbst eine große Herde Säue an der
- Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, daß er
- ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er
- erlaubte ihnen.
-
- Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und
- fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich vom
- Abhange in den See, und ersoffen.
-
- Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen
- sie, und verkündigten's in der Stadt und in den
- Dörfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da
- geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den
- Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren,
- sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und
- vernünftig, und erschraken.
-
- Und die es gesehen hatten, verkündigten's ihnen,
- wie der Besessene war gesund worden.
-
- Evangel. Lukä, Kap. VIII, 32--37
- (nach der Übersetzung von Luther).
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Seite
- Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution. Von M. v. d. IX
- B.
- Vorbemerkung XXIII
- Personen-Verzeichnis XXXI
-
- 1. Kapitel: Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus 1
- der Biographie des wohlachtbaren Stepan
- Trophimowitsch Werchowenski
- 2. Kapitel: Prinz Heinz. Die Brautwerbung 59
- 3. Kapitel: Fremde Sünden 110
- 4. Kapitel: Die Hinkende 175
- 5. Kapitel: Die »allwissende Schlange« 229
- 6. Kapitel: Die Nacht 304
- 7. Kapitel: Die Nacht (Fortsetzung) 384
- 8. Kapitel: Das Duell 426
- 9. Kapitel: Alle in Erwartung 446
- 10. Kapitel: Vor dem Fest 485
- 11. Kapitel: Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit 521
- 12. Kapitel: Bei den Unsrigen 595
- 13. Kapitel: Zarewitsch Iwan 636
- 14. Kapitel: Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde 654
- 15. Kapitel: Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen 670
- 16. Kapitel: Die Matinee 709
- 17. Kapitel: Das Ende des Festes 760
- 18. Kapitel: Ein beendeter Roman 813
- 19. Kapitel: Der letzte Beschluß 847
- 20. Kapitel: Die Reisende 887
- 21. Kapitel: Die mühevolle Nacht 940
- 22. Kapitel: Stepan Trophimowitschs letzte Reise 995
- 23. Kapitel: Der Schluß 1052
-
- 1. Anhang: Material zum Roman »Die Dämonen«. Aus den 1073
- Notizbüchern F. M. Dostojewskis
- 2. Anhang: Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten 1121
- Kapitel des Romans »Die Dämonen«
- Anmerkung 1139
-
-
-
-
- Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution.
-
-
-Der Keim des Nihilismus lag bereits im Sektenwesen. Die Raskolniki haben
-zuerst durch das russische Volk eine revolutionäre Stimmung getragen und
-religiösen Aufruhr verbreitet. Weil der Russe rechtgläubig bleiben
-wollte, wurde er altgläubig, um andersgläubig und schließlich ungläubig
-zu werden. Der Raskol war ursprünglich ein Kampf des Volkes um seine
-einzige Bildung: die geistliche. Es war ein Kampf um das Wenige, das
-Arme im Geiste besaßen, die an Vorstellungen nicht rühren lassen
-wollten, in die sie sich durch Jahrhunderte eingewöhnt hatten: an
-Ritual, Legende und Text. Es war ein Kampf, der zu keiner Reformation
-führte, sondern zum Schisma, und schließlich zur Häresie. Aber in diesem
-Kampfe standen Beschränkte wie Besessene, und standen wild bis zum
-Fanatismus. Das Ende der Zeiten, das tausendjährige Reich, der
-Antichrist auf Erden wurde von ihnen erwartet. Schon hier wird die
-Verbindung von Apokalypse und Nihilismus, aber auch Konservativismus
-deutlich, die in allen russischen Revolutionen irgendwie wiederkehrt.
-
-Der religiöse Nihilismus wurde allmählich zum politischen Nihilismus.
-Als Peter erschien und um weltlicher Reformen willen die Kirche dem
-Staate unterwarf, da sah man den Antichrist auch in ihm, dem Zaren. Ja,
-schon wagten die Raskolniki in ihrem Kampfe gegen die Kirche auch den
-Kampf gegen den Staat. Sie erfuhren Zuzug aus allen Kreisen, die in
-Reibung mit der Obrigkeit lagen. Im Raskol sammelten sich die
-Unzufriedenen des Landes. Es kam, wer ein schlechtes Gewissen hatte. Es
-kam der Beamte, der veruntreut, und der Bauer, der aufbegehrt hatte. Es
-kam der Soldat, der seiner Truppe entlaufen war. Es kamen Strelitzen,
-denen dem Blutgerichte von Moskau zu entrinnen gelang. Es kamen
-kosakische Freibeuter, aber auch ukrainische Patrioten, Leute aus der
-Anhängerschaft schon des Stenka Rasin und wieder des Mazeppa. Es kamen
-die Barfüßler. Es kamen Verbrecher. Es kamen Mörder, Räuber und Diebe,
-sie alle, denen der Kettenweg nach Sibirien drohte. Sie alle kamen und
-wurden hier Brüder vom Gesindel, doch Brüder in Freiheit.
-
-Die Form dieser Brüderschaft war noch nicht die der Verschwörung. Aber
-die Taktik der Nihilisten kündigte sich schon unter den Sektierern an.
-Geheime Beziehungen wurden zwischen den Gemeinden unterhalten, wie
-hernach zwischen den »Gruppen«. Verfolgte wurden verborgen, falsche
-Pässe wurden ausgefertigt, und wie man später Proklamationen zusteckte,
-so wurden damals Hostien, Reliquien und verbotene Postillen
-geschmuggelt. In den geläuterten Brüderschaften der Stundisten, der
-Molokanen oder der Duchoborzen, deren Anhänger sich um ein
-ausgeklügeltes Sonderideechen zu sammeln pflegten, wurde
-dieser religiöse Nihilismus schließlich ganz brav, ehrbar und
-pietistisch-tugendhaft. Aber auch von ihnen, freilich auch von den
-Popenfamilien, in denen auf den orthodoxen Vater der problematische Sohn
-folgte, ging die nihilistische Unterschichtung des russischen Volkes
-weiter aus. Noch Raskolnikoff, in dessen Hirn statt der harmlosen
-Beunruhigung, wie man den Namen des Heilandes richtig zu schreiben habe,
-die gefährliche Frage nach Gut und Böse wühlte, trug von den Raskolniki
-den Familiennamen und gehörte ihnen nicht nur nach der Abstammung
-sondern auch in der Anlage an.
-
-Der Dämon des Nihilismus war in einer noch mittelalterlichen Zeit wie
-ein unheimliches Tier gewesen. In der Zeit der Dekabristen sah man ihn
-in byronischer Gestalt unter jungen Enthusiasten umgehen. Die
-Dekabristen waren entzückte Jünglinge, die von der französischen
-Revolution freisinnige Begriffe gelernt und aus den europäischen
-Feldzügen fortschrittliche Vorstellungen mitgebracht hatten. Von ein
-paar idealen Forderungen, Aufhebung der Zensur und Öffentlichkeit des
-Gerichts, erhofften sie eine Besserung der schlechten russischen Welt.
-Aber sie hatten keine bestimmte politische Idee. Daran scheiterten sie.
-Die jungen Politiker und radikalen Ideologen der vierziger Jahre dagegen
-kamen in Debattierklubs zusammen. Alle ernsten Elemente, die suchten,
-die sich vorwärtstasteten, freilich auch alle, die in die Irre gingen,
-sammelten sich in diesen Debattierklubs, deren einer unter dem Namen der
-Petraschewzen deshalb berühmt geworden ist, weil Dostojewski in die
-Geschichte der Verschwörung verwickelt wurde, die man seinen Mitgliedern
-anhing. Dostojewski meinte diese Zeit der Unruhe in Rußland, des
-Übergangs und der Ungewißheit, als er schrieb: »damals gab es unter den
-jungen Leuten sehr, sehr viele, die von irgend etwas durchdrungen waren,
-die irgend etwas erwarteten ...« Aber auch die Petraschewzen hatten noch
-keine bestimmte politische oder soziale Idee. Sie beschäftigten sich nur
-mit Ideen. Sie lasen die Bücher von Saint-Simon und Proudhon, von Owen
-und Fourier. Sie bezogen die »Phalanstère«. Doch eine Einheitlichkeit
-der Tendenz gab es in diesen Debattierklubs nicht. Unter die
-Einheitlichkeit eines Programms hätte man die Petraschewzen nicht
-bringen können. Und für eine Einheitlichkeit der Aktion fehlte jede
-Voraussetzung. In seinem Rechtfertigungsschreiben merkte Dostojewski an:
-»man kann sagen, daß man dort nicht drei Menschen fand, die in
-irgendeinem Punkte über ein beliebig aufgegebenes Thema
-übereinstimmten.«
-
-Es war die Zeit der literarisch-politischen Forderungen. Auch
-Dostojewski hatte damals seine Forderungen. Und er hatte, er leugnete es
-nicht, seine Klagen. Er sprach im Kreise der Petraschewzen für die
-Aufhebung der Leibeigenschaft und hielt die Bauernbefreiung für
-unumgänglich. Aber er tat es nicht als Liberaler aus einer Lehrmeinung,
-die ihre Grundsätze liebt, sondern als Russe aus Liebe für das Volk. Er
-wollte die Menschen befreien, aber er wollte es in Volklichkeit und
-nicht durch Vergesellschaftung. Auch er las die Bücher der Sozialisten,
-weil sie, wie er sagte, mit Begeisterung für das Wohl der Menschen
-geschrieben seien. Aber den Fourierismus lehnte er ab, während
-Petraschewski sich für ihn einsetzte. Das Wohl der Menschen schien ihm
-in Rußland nur vom Volke aus durch den Staat sichergestellt werden zu
-können.
-
-Auch Dostojewski war ein Revolutionär. Als Russe, als russischer Mensch
-mit allen seinen russischen Möglichkeiten, die vom Orthodoxen bis zum
-Nihilistischen reichen, teilte auch er in einem Winkel, in einer
-verborgenen Abgründigkeit seines sehr zusammengesetzten Wesens diese
-äußerste aller politischen Möglichkeiten. Als er einmal den Wunsch
-äußerte, daß auch die Bauernbefreiung wieder »von oben« gemacht werden
-solle, und als dagegengehalten wurde, daß dies wohl niemals geschehen
-werde, da entschied er fast zögernd: »Ja -- dann mit Gewalt.« Er selbst
-wird in dieser Zeit als ein Mensch geschildert, dessen ganzes Wesen sich
-zum Verschwörer geeignet habe, still, wortkarg, nur fähig, unter vier
-Augen sich auszusprechen, doch dann, wenn die Rede ihn hinriß, von
-mächtiger Überzeugungskraft. Aber Dostojewski war Revolutionär nicht aus
-Doktrin, sondern beinahe schon aus jener Pathologie, die es zu einer
-Erlösung für den Russen macht, die Krankheit seines Mitmenschen zu
-teilen, sie aus Wissen mitzuleiden, und aus Mitleid sich zu empören.
-Dostojewski, der die Fähigkeit besaß, jedes Revolutionärtum
-mitzuerleben, hatte als Russe vor allem das Erlebnis des Nihilismus, war
-mit ihm seelisch vertraut, folgte ihm wahlverwandt. Aber diese
-Vielseitigkeit, die nur ein Ausdruck seines Russentums war, schloß
-zugleich die Möglichkeit ein, daß er auch den anderen Weg ging, nicht
-unbedingt den reaktionären der Uwaroffschen Formel, doch den
-konservativen eines wissenden Menschen, der schließlich zum
-Großinquisitor führte.
-
-In Sibirien kam Dostojewski dem russischen Volke ganz nahe. In der
-Katorga lernte er es in einem täglichen Umgange erst kennen. Und er
-erkannte, wie tiefe und starke Menschen es doch in diesem Volke gab, die
-voll von der eigenen Echtheit und schweren Ursprünglichkeit einer
-besonderen russischen Natur waren. Sie hatten Verbrechen begangen: aber
-Dostojewski war Psychologe und Amoralist genug, um den Verbrecher zu
-verstehen. Wenn er sie prüfte, dann fand er heraus, daß sie im Grunde
-alle gütig waren. Und wenn er die Menschen, mit denen er in der Katorga
-zusammentraf, mit den Petersburger Doktrinären verglich, die von
-europäischen Konstitutionen und Revolutionen redeten, dann fiel der
-Vergleich sehr zuungunsten der Doktrinäre aus. Diese Verbrecher hatten
-in ihrem analphabetischen Wesen die Schönheit der autochthonen Kraft vor
-jenen voraus. Für diese autochthone Kraft trat Dostojewski in der
-Folge ein, wobei er sowohl gegen die Uwaroffs wie gegen die
-europäisch-radikalen Elemente zu kämpfen hatte. Mit diesem autochthonen
-russischen Volke fühlte er sich verbunden und in der Gewißheit eins, daß
-es auch dann, wenn es nicht geneigt sein sollte, das Bestehende zu
-erhalten, in seiner Grundlage so unverstörbar sein werde, wie es seiner
-noch dunklen Bestimmung sicher sein konnte. Er fühlte voraus, was heute
-in Rußland Ereignis geworden ist, fühlte, daß Rußland durch Untergang
-werde hindurch gehen müssen, und sagte: »Noch ist die zukünftige,
-selbständige russische Idee nicht geboren, nur ist die Erde unheimlich
-schwanger von ihr und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren
-Qualen zu gebären.«
-
-Dostojewski liebte das russische Volk wegen seiner angeborenen
-Empfänglichkeit für eine naive Sittlichkeit. Aber er erkannte auch, wie
-unberechenbar in seinen Trieben, im Widerspruche seiner Leidenschaften,
-in der Heftigkeit von Zuneigung oder Abneigung es war. Seine Gier, seine
-Fleischlichkeit, seine verhängnisvolle Selbstverschwendung war wie eine
-zweite Natur, die eine erste Natur ständig verschlang. Seine
-Maßlosigkeit war die Gegenseite seiner Anspruchlosigkeit. Nicht anders
-schien sein angeborenes Empörertum nur der Gegensatz zu sein, den ein
-Volk, das so unausgeglichen war, ständig aus sich hervorzubringen und
-von sich abzustoßen suchte. Dostojewski erkannte, daß ein solches Volk
-konservativ gezügelt werden mußte. Und mit einem politischen Denken, das
-auf Bindung nicht auf Auflösung gerichtet war, begann Dostojewski, als
-er aus Sibirien zurückgekehrt war, in Rußland bewußt zu wirken: mit
-einem konservativen Denken, das auf Menschenkenntnis beruhte und von
-Volkskenntnis herkam, mit den Überzeugungen eines psychologischen
-Konservativismus, der einem Volke entsprach, dessen Wesen selbst ein
-ewig beunruhigter und doch wieder hergestellter Konservativismus ist.
-
-In Rußland fand Dostojewski eine völlig veränderte politische Lage vor.
-Die Aufhebung der Leibeigenschaft sollte endlich erfolgen. Und manche
-andere liberale Reform stand bevor. Aber gleichzeitig hatte unter der
-Oberfläche des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens, in den
-Winkeln, Mansarden und Schlupfwinkeln der Hauptstadt, in den
-Verschwörerkreisen der Londoner und Züricher Emigration eine Bewegung
-eingesetzt, von der die liberalen Forderungen der vierziger Jahre
-bereits anarchisch überboten wurden: die nihilistische. Ihre
-Erscheinungen reichten bis in die Zeit der Petraschewzen zurück.
-Dostojewski selbst bestätigte den Nihilisten, daß sie von den
-Petraschewzen herstammten, obwohl diese noch keine Nihilisten gewesen
-seien. Zwar war der Untersuchungsrichter im Petraschewzenprozesse im
-Unrecht gewesen, wenn er die wachsende Zahl der von ihren Bauern
-erschlagenen Gutsbesitzer, oder die der Brandstiftungen auf dem Lande,
-der Diebstähle und Einbrüche, auf die politische Rechnung der
-Angeklagten schrieb. Das waren Erscheinungen, die sich ohne Zutun der
-Petersburger Doktrinäre aus dem tumultuarischen Zuge der Bauernbewegung
-ergaben, die der Aufhebung der Leibeigenschaft voranging und die nicht
-mit ihr aufhörte. Nach wie vor traten Sektiererrevolten hinzu, und noch
-immer kam es wie zu Nicolais Zeiten vor, daß die Alt- und
-Andersgläubigen sich zu Tausenden zusammenrotteten, um ihre Kirchen vor
-Niederlegung zu bewahren, und das Militär, das mit der Exekutive betraut
-war, schimpflich davonjagten. Das religiöse Motiv im russischen
-Empörertum verband sich mit dem sozialen Motive.
-
-Aber auch manche Vorformen des politischen Nihilismus waren Dostojewski
-aus seiner ersten Petersburger Zeit bekannt. Ein Petraschewze hatte
-zuerst die Idee der »Fünf« ausgeheckt, die Dostojewski hernach der
-Komposition seiner »Dämonen« als Skelett zugrunde legte: die Idee eines
-großen politischen Bundes, in dem Gruppen der Tat, die einander nicht
-kannten, von geheimnisvoller Oberleitung abhingen. Der Bund nannte sich
-die »Gesellschaft der Propaganda« und einer von den Mitgliedern hatte
-gar eine »Brüderschaft der Leute von anarchischer Gesinnung zu
-gegenseitiger Hilfe« vorgeschlagen. Entwürfe für die Organisation
-solcher Verbände wurden ausgearbeitet. Die Aussichten eines Aufstandes
-wurden erörtert. Nicht zuletzt gehörten die geheimen Druckereien als
-rätselhafte Herkunftsorte massenhafter Flugschriften oder die heimlichen
-Versammlungen der Petersburger Gesinnungsgenossen in ingermanländischen
-Städten zu den Erscheinungen, die Dostojewski als »Dämonen«motive
-herübernehmen und auf den terroristischen Schauplatz einer ungenannten
-russischen Gouvernementsstadt verlegen konnte. In der Zeit seiner
-Verbannung war die Taktik der Nihilisten ausgebildet worden. Man suchte
-eine Verbindung mit Leuten aus dem Volke, um so in den Massen eine
-Aufklärung über die Fremdform der russischen Zustände zu verbreiten. Die
-Zeit kündigte sich an, in der die Studenten »ins Volk gingen«. Typ wie
-Rolle der nihilistischen Studentin bereitet sich vor. In den Städten kam
-es zu ersten Arbeiterstreiks. Und schon ging von ersten Attentaten der
-Schrecken der nihilistischen Bewegung über das Land aus.
-
-Der Nihilismus hatte noch keine Idee. Als Turgenjeff das Wort und den
-Begriff fand, die allmählich auf die ganze Zeitveranlagung und
-Geistesverfassung übertragen wurden, da wollte er mit Nihilismus den
-russischen Ausdruck des europäischen Positivismus bezeichnen. In der Tat
-war der Nihilismus zunächst durchaus aufklärerisch. Er war zu
-atheistisch, um religiös zu sein. Er war rein verneinend. Und es hat
-lange gedauert, bis er das praktische Christentum Tolstois aufnahm, das
-ihn endlich wenigstens mit russischen Gehalten erfüllte. Eine Idee aber
-bekam er erst dann, als die Revolution die Klassentheorie für sich in
-Anspruch nahm und Marx der Diktator der russischen Ideologen wurde.
-
-Die Nihilisten waren Märtyrer, solange sie um ihrer Ziele willen ihr
-eigenes Leben zerstörten. Wie aber -- wenn sie das Leben der anderen
-zerstörten! Wie aber -- wenn sie Rußland zerstörten! Auch Dostojewski
-hatte, genau wie Tolstoi, und wie jeder Russe, schon aus altruistischen
-Gründen in seiner apostolischen Lehre soziale Elemente. Aber das war das
-Große an Dostojewski, und das unterscheidet ihn von der Einstellung der
-Marxisten, daß er die ökonomischen Probleme eine Schicht tiefer faßte,
-als der Sozialismus sie sah und noch heute sieht: nicht im
-Wirtschaftlichen, sondern im Menschlichen. Man sollte dem Volke nicht
-sein Volkstum nehmen, weil man ihm dann sein Menschentum nahm! Man
-sollte nicht Hand an das Volk legen! Und das Volk sollte nicht Hand an
-sich selbst legen! Um des Volkes willen nahm Dostojewski den Kampf gegen
-den Radikalismus auf. In seinen politischen Schriften untersuchte er den
-Urgrund, auf dem Rußland steht, und brachte dessen ewige Gegebenheiten
-in eine Übereinstimmung mit seinen eigenen menschlichen Erlebnissen, die
-ihn einmal sagen ließ, daß »wir Revolutionäre aus Konservativismus
-sind«, d. h. Kämpfer für das urrussische Wesen, zu dem die europäische
-Staatsauffassung, Liberalismus und Parlamentarismus, ebensowenig paßte,
-wie etwa die europäische Tracht. In den »Dämonen« aber ließ er Schatoff,
-den Russengläubigen, diesen Einzigen, dem er je die verhaltene
-Begeisterung eines volksuchenden Helden gab und dessen Gestalt er wie
-die eines Jüngers liebte, das Wort sagen: »Wer kein Volk hat, der hat
-auch keinen Gott.« Dostojewski stand in seinem Kampfe mit der
-Leidenschaft eines Eiferers, mit den ungeheuren Kräften, die der
-schwächliche Mensch aus der Idee holt, von der er besessen ist. Als
-Fanatiker hatte er die Massivität nicht, um das Volk durch Reform vor
-der Revolution zu bewahren. Und als Erscheinung blieb Dostojewski in der
-Reihe der großen Problematiker, die von Rousseau bis Nietzsche geht,
-wenn er auch als Dichter die epische Form und als Denker das
-apostolische Wort vor ihnen voraus hat. Aber als Mystiker wußte er, daß
-der Mensch seiner Unvollkommenheit überantwortet ist. Als Politiker ging
-er davon aus, daß jede Opposition, die der Mensch aus Doktrin an den
-Unterbau und das Gefüge des Seienden setzt, nur die geringe Wichtigkeit
-eines Endlichen haben kann, die von einem Unendlichen eingeschlossen
-wird. Und als Russe verkündete er dem russischen Volke, in dessen
-Glauben allein sich das Christentum unversehrt erhalten habe, daß es das
-Gottesträgervolk der Erde sei, das dereinst dieses Christentum
-verwirklichen und die Eigenliebe durch die Menschenliebe überwinden
-werde. Es ist wahr, Dostojewski ging in seinem Kampfe, den er mit Hohn
-und jeder geistigen Überlegenheit führte, mit einfachen Menschen
-zusammen, mit echtrussischen Leuten, mit allzu russischen Leuten. Er
-ging mit dem Inquisitor Pobjedonosszeff zusammen. Auch dieses Wissen war
-in seiner Menschenkenntnis, in seiner Russenkenntnis, daß der russische
-Mensch sogar für die Liebe zu schwach ist, die ihm gebracht wird, und
-daß sich mit ihr, wenn man sie nicht an den Menschen verschwenden,
-sondern ihn durch Liebe behaupten will, Macht über den Menschen
-verbinden muß.
-
-Dostojewski erkannte früh, daß Radikalismus nicht Wurzelung sondern
-Entwurzelung bedeutet. Was war es denn schließlich, das der Radikalismus
-in Rußland entwurzeln wollte? War es nicht: die europäische Form? Um so
-zorniger war daher sein Kampf gegen die halbgebildeten Radikalen und
-europaverehrenden Westler, weil sie diese europäische Form auch noch in
-ihren letzten und schalsten Äußerungen -- als Republik, als
-Konstitutionalismus und Kapitalismus -- auf atheistischer Grundlage in
-Rußland einführen wollten. Er fühlte, daß die russische Revolution
-kommen werde. Dostojewski war kein Pazifist und fürchtete niemals den
-Krieg. Er sagte: »Nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im
-Frieden allein liegt die Erlösung -- die kann zuweilen auch der Krieg
-bringen.« Aber er fühlte, daß diese Revolution die Erlösung noch nicht
-bringen werde. Er fürchtete die Revolution um Rußlands willen. Er
-fürchtete sie, weil er ihre Träger kannte, die er dann in den »Dämonen«
-in einer Reihe von Karikaturen vorführte, von absonderlichen und
-lächerlichen, aber gefährlichen Gestalten. Er deckte in den »Dämonen«
-die Zusammenhangslosigkeit des gottlosen und volklosen Nur-Ich-Menschen
-auf, die ihn aus seiner Natur reißt und in Tendenzen absondert. Er
-deckte die Wurzellosigkeit auf.
-
-Die russische Revolution hat Dostojewski bis jetzt recht gegeben. Hinter
-ihrem ersten Abschnitte stand Tolstoi. Sie kam aus der Aufklärung. Und
-sie bedeutete die Auflösung. Aber in dem Augenblicke, in dem sich
-entscheidet, daß auch sie nicht nur Zerfall bringt, sondern daß nach
-grausamer Umschichtung ein Aufbau aus ihr hervorgeht, wird hinter ihrem
-zweiten Abschnitte wieder Dostojewski stehen. Er bedeutet
-Wiederanknüpfung.
-
- M. v. d. B.
-
-
-
-
- Vorbemerkung
-
-
-Von Dostojewskis fünf großen Romanen ist der dritte, »Die Dämonen«, in
-den Jahren 1870 und 71 in Dresden geschrieben, in Petersburg beendet und
-1871/72 in der konservativen Zeitschrift »Der russische Bote«
-veröffentlicht worden.
-
-Die beiden Strophen des ersten Mottos hat Dostojewski der Ballade
-»Bjéssy« von A. Puschkin entnommen und deren Titel auch zum Titel des
-Romans gewählt: mit »Bjéssy« bezeichnet der Russe gewisse böse Geister,
-Dämonen oder Teufel von der Art, die im zweiten, dem Evangelium Lucä
-entnommenen Motto, in die Säue fährt; in der schönen Ballade Puschkins
-(geschr. 1829), die eine Schneesturmnacht in der Steppe schildert, sind
-es unzählige tolle Gespenster, von denen sich der Kutscher eines
-reisenden Herrn wie von Troßbuben des Teufels genarrt und vom Wege
-weggezerrt glaubt. Die Strophen des Mottos sind ein Teil der hilflosen
-Antwort des Kutschers auf den Befehl des Herrn (des Dichters), doch
-weiterzufahren.
-
-Im »Ersten Anhang« sind aus Dostojewskis Notizbuchaufzeichnungen
-Entwürfe und Gedanken mitgeteilt, die Dostojewski ursprünglich in den
-»Dämonen« zu entwickeln gedachte, sowie einige Skizzen zu den
-Hauptpersonen, die von ihm später teils in starker Veränderung, teils
-überhaupt nicht verwandt worden sind.
-
-Im »Zweiten Anhang« konnte nur der Anfang eines von Dostojewski nicht
-veröffentlichten Kapitels mitgeteilt werden: der Besuch Stawrogins bei
-dem Bischof Tichon. Das Manuskript des größeren Teiles dieses
-wichtigsten Kapitels wird im Moskauer Dostojewski-Museum aufbewahrt:
-sein Inhalt ist bisher nur der Familie und einigen alten Freunden
-Dostojewskis bekannt. Wie Dostojewskis Tochter in ihrem (deutsch bei E.
-Reinhardt, München erschienenen) Buch »Dostojewski« Seite 180 berichtet,
-hat ihre Mutter dieses ganze Manuskript zu Anfang dieses Jahrhunderts
-veröffentlichen wollen, doch die alten Freunde ihres Mannes hätten sich
-der Veröffentlichung widersetzt. Das hat übrigens bald nach Dostojewskis
-Tode 1881 auch sein konservativer Freund N. N. Strachoff getan.
-
-Nach Dostojewskis eigenen Angaben handelt es sich hier um eine Broschüre
-Stawrogins von etwa 60 deutschen Druckseiten, also dem Umfange nach um
-ein ähnliches Buch im Buche wie Iwan Karamasoffs »Legende vom
-Großinquisitor«. Bekannt geworden ist sonst nur, daß in dieser Schrift
-von Stawrogin die Vergewaltigung eines Mädchens mit unerträglichem
-Realismus geschildert sei. Nun ist es aber Dostojewskis Art, bestimmte
-Ideen -- seine stärksten und revolutionärsten -- immer in einer
-ähnlichen, so auffallend vorsichtigen Form zu bringen, sei es als Traum
-oder Halluzination, oder als Jugendwerk eines seiner Helden, mit der
-Entschuldigung, der Betreffende sei damals noch sehr jung gewesen, wie
-z. B. Iwan Karamasoff, oder krank, wie Hippolyt oder Stawrogin, er aber,
-Dostojewski, teile nur als Chronist diese sonderbaren Gedanken einzelner
-Menschen unserer Zeit mit. Man darf demnach wohl annehmen, daß es sich
-auch in dieser noch geheimgehaltenen Broschüre Stawrogins, die
-Dostojewski »eine Herausforderung der Gesellschaft« nennt, nicht nur um
-die realistische Schilderung einer Episode handelt, sondern daß diese
-Episode nur der Ausgangspunkt für ihn ist, um der Gesellschaft, den von
-ihm so gehaßten _europäischen_ Gesellschaftsgesetzen, den
-»Fehdehandschuh hinzuwerfen« (wie in der »Legende vom Großinquisitor«
-die Legende nur die Kostümierung seines Kampfes gegen den Katholizismus
-oder vielmehr gegen den alttestamentlichen Staats- oder Gesellschaftsbau
-ist). Nach einem Überblick über das Gesamtwerk Dostojewskis ist es nicht
-schwer zu erraten, worauf Stawrogin-Dostojewski in dieser
-unveröffentlichten Schrift hinauswill, hinauswollen muß. Und es ist nur
-zu verständlich, daß seine Freunde, wie Strachoff, dem er trotz aller
-Freundschaft »doch viel zu unverständlich war«, und der Machthaber
-Pobjedonószeff sich _gegen_ die Veröffentlichung dieser
-»Herausforderung« aussprachen. Was aber trotzdem von diesem, allen
-ehrlich konservativen Menschen »viel zu unverständlichen« Geist
-Stawrogin-Dostojewskis in dem Roman »Die Dämonen« verblieben ist, das
-sind -- nach dem Fortfall der erwähnten Kampfschrift Stawrogins -- fast
-nur ein paar Worte von Schatoff und Drosdoff, die jetzt wie zwei kleine
-Inseln daliegen, zwischen denen der Kontinent vorläufig noch versunken
-bleibt.
-
-»Die Dämonen« sind auch sprachlich Dostojewskis geheimnisvollstes Werk.
-Nicht nur, daß er sich nachlässig ausdrückt (Seite 1 sagt er z. B.: »die
-Geschichte _be_schreiben«, statt »schreiben«), daß er wichtige
-Satzglieder ausläßt, die unklarsten Sätze baut, -- er hat sich außerdem
-noch vielfach der früheren Umschreibungen bedient, zu der die
-Schriftsteller von der strengen Zensur unter Nikolai I. gezwungen worden
-waren. Er treibt die Vorsicht so weit, daß er z. B. in den ersten
-Kapiteln, wo sich fast alles um die innerpolitischen Verhältnisse dreht,
-kein einziges Mal das Wort Politik oder politisch braucht. Damit nun die
-unzähligen verschleierten Anspielungen dem unorientierten Leser nicht
-völlig unklar bleiben, sind dem Text kleine erläuternde Fußnoten
-beigefügt worden, eingehendere Erläuterungen dagegen in den »Ersten
-Anhang« verwiesen.
-
-Einen Kommentar für sich würden dann noch die Ausfälle
-Schatoff-Dostojewskis gegen Belinski und die sogenannten »Westler«
-erfordern, d. h. gegen die Verehrer europäischer Kultur, die, im
-Gegensatz zu den Slawophilen, zwischen Rußland und Europa keinen
-Unterschied sahen und europäische Staatsformen auch für Rußland
-erstrebten, während von den Slawophilen besonders Dostojewski hinter
-allen parlamentarischen, liberalen Formen der Europäer sein
-Schreckgespenst, die Plutokratie, den deshalb so verspotteten
-»bürgerlichen« Gesellschaftsbau, nahen sah. Hierzu sei bemerkt, daß es
-_vor_ der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland nur zwei Parteien
-gab, eine kleine, aber allmächtige, und eine große, aber ohnmächtige,
-wie es etwa in einer Korrektionsanstalt (mit der man den Staat Nikolais
-I. verglichen hat) vom Standpunkt liberaler Individualisten nur wenige
-Unterdrücker und viele Unterdrückte gibt. Mögen die letzteren unter sich
-auch noch so verschieden sein, in ihrem Gegensatz zu den Machthabern der
-Anstalt sind sie doch alle einig. Dieser einmütige Wille wurde damals
-»die Richtung« genannt, von der Liputin Seite 44 spricht. Es gab nur
-_eine_ »Richtung«, d. h. nur einen Willen: aus dieser Enge
-hinauszukommen. Kaum aber hatte sich unter Alexander II. das Tor der
-»Korrektionsanstalt« geöffnet, da zeigten sich sofort die großen
-Unterschiede innerhalb der Schar der Herausdrängenden, und »_die_
-Richtung« begann sich zu verzweigen, zunächst in Slawophile und Westler,
-dann aber in die verschiedenen Arten der Slawophilen und Westler
-(Monarchisten, Republikaner, Radikale, Kommunisten gab und gibt es bei
-diesen und bei jenen, und hinzu kommen dann noch die Unterschiede in der
-Einstellung zur Orthodoxie). Die frühere geschlossene Front der einen
-»Richtung« gegen Nikolai I., unter dem die Werke der orthodoxen
-Slawophilen genau so verboten waren wie die der französischen
-Revolutionäre und Atheisten, zerbröckelte zu einem Kampf untereinander,
-in dem jeder nach mindestens zwei Seiten kämpfte, wenn nicht nach drei
-oder vier Seiten.
-
-»Die Dämonen« sind das Buch der ersten Jahre dieser Kämpfe, in denen die
-einzelnen Menschen sich wahrlich nicht nach Parteischlagworten
-unterscheiden lassen, sondern nur nach einem inneren anständigen Kern
-oder dem Fehlen eines solchen.
-
-Man hat dieses Werk Dostojewskis als ein »Pamphlet gegen alles
-Revolutionäre« aufgefaßt, weil einzelne Vertreter einer der
-revolutionären Gruppen, die an europäische Schlagwörter glauben,
-verhöhnt und entlarvt werden. Doch nichts ist falscher, als den
-Verfasser _deshalb_ gleich für konservativ zu halten. Die Konservativen
-sind hier ja noch viel schlimmer karikiert. Richtig wäre es, über alles,
-was Dostojewski voll Zorn und Spott über diese Art _unwissender_
-Revolutionäre geschrieben hat, die Worte zu setzen, mit denen er sich
-einmal unbewußt verrät: »... ich ärgerte mich und ich schämte mich fast
-für ihre Ungeschicktheit ...« (Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische
-Schriften, Seite 170).
-
-Es war der Zorn darüber, daß diese »dummen Jungen« die Revolution oder
-das »Neue russische Wort« durch ihre törichten Redereien und Taten nur
-lächerlich machten, ihm _seine_ große Revolution verpfuschten.
-
-Nur aus dieser Kampfstellung nach links und nach rechts, nach rückwärts
-und vorwärts sind die vielfachen sogenannten »Widersprüche« Dostojewskis
-in den »Dämonen« zu verstehen oder das parteipolitische Chaos in seinen
-Werken. Er schildert z. B. den Revolutionär Pjotr Werchowenski als
-ungebildeten Flegel, als gewissenlosen Intriganten, Schurken und
-schließlich Mörder, doch vor dem konservativen Vertreter der alten
-Ehrbegriffe, Karmasinoff, der »auswandernden Ratte«, wird selbst dieser
-»Betrüger« plötzlich zu einer nationalen Größe -- ganz zu schweigen von
-den Konflikten, in die Dostojewski sich in den Entwürfen zu diesen
-Gestalten (im Ersten Anhang) unverhofft, doch unvermeidlich hineinredet.
-Es ist, als ob die kleinen törichten Geisterchen, die Troßbübchen des
-Teufels in der tollen Sturmnacht der Revolution, in der keine Spur des
-alten Weges mehr zu sehen ist, ihm unter der Hand und vor den Augen
-zergingen und er hinter ihrem kleinen dämonischen Eigensinn plötzlich
-die Umrisse eines riesigen Dämons zu spüren, zu begreifen beginne, wenn
-er den alten Idealisten und Dichter ihnen ihre Torheiten verzeihen läßt.
-
-Inwieweit aber Dostojewski auch hier schon, nicht erst im letzten Bande
-der Karamasoff, selber zu jenem riesigen Dämon wird, entzieht sich
-vorläufig noch der Beurteilung. Man fasse es nicht als Zufall auf, daß
-Stawrogins »Herausforderung« ein halbes Jahrhundert lang vergraben
-geblieben ist. Vielleicht ist es selbst heute noch zu früh, die Menschen
-aus dem so vielfach verhüllten, geheimnisvollen Becher Dostojewskis
-schon _sehend_ trinken zu lassen.
-
-Über die Absicht der Witwe Dostojewskis, dieses Manuskript nunmehr zu
-veröffentlichen, und über das vorläufige Scheitern dieses Planes an den
-gegenwärtigen russischen Zuständen gibt das S. XXIV erwähnte Buch von
-Aimée Dostojewskaja gleichfalls einigen Aufschluß.
-
-Eng verbunden mit Stawrogin ist »sein Schüler« Kirilloff. Dostojewski
-hat wohl selbst nicht genau gewußt, warum er diesen so eigentümlich
-»falsch« sprechen läßt; er hat wohl nur mit der Sicherheit des Künstlers
-empfunden, daß diese Nuance zu dieser Gestalt gehört oder mindestens
-paßt.
-
-Kirilloff spricht nicht in der Weise falsch, wie ein Ausländer oder wie
-ein Kind. Seine Sprechart, die deutsch in unstilisierter Form wohl kaum
-so wiederzugeben wäre, daß sie überhaupt glaubhaft bliebe, läßt sich
-kurz nur durch eine Übertreibung charakterisieren: er spricht ungefähr
-wie ein Mensch, der die Namen der Dinge nur im Nominativ kennt. Nur
-spricht er so nicht mit Fleiß, nicht »stilisiert«, nicht bewußt, ja
-vieles sagt er auch ganz richtig wie jeder andere Mensch in der Bindung
-der Syntax, mit der richtigen Endung, die die Beziehung der Dinge
-angibt; aber zwischendurch ist es immer wieder, als würden aus ihm ganz
-unmittelbar nur Tatsachen laut, die das Gefühl hervorstößt, ohne daß das
-Gehirn sie einkleidet. Vielleicht läßt sich der Gegensatz
-veranschaulichen mit dem Gegensatz zwischen der »beugenden«, die
-Beziehung angebenden Buchstabenschrift der Gegenwart und der starren
-Bilderschrift der alten Ägypter oder der Chinesen. Wer Rassegesetzen
-nachforscht, mag die Angaben über sein dunkles Äußere in Beziehung
-bringen zu dem Geist, der diese alten Sprachen schuf; wer sich mit
-Kirilloffs Philosophie als heutigem Ausdruck russischen Geistes befaßt,
-wird in ihr und dieser Sprechart vielleicht eine Übereinstimmung finden:
-nur das Wesentliche des Wortes zu geben, wie nur das Wesentliche der
-Welt zu suchen, im Wesen Gottes als Mensch zu vergehn, um Gott auf die
-Erde zu bringen.
-
- E. K. R.
-
-
-
-
- Personenverzeichnis
- (unter Angabe der Aussprache der Namen)
-
-
- Warwára Petrówna S'tawrógina -- Witwe eines Generals.
- Nicolaí Wsséwolodowitsch S'tawrógin -- ihr Sohn.
- S'tepán Trofímowitsch Werchowénski -- Dichter und Hauslehrer.
- Pjotr S'tepánowitsch Werchowénski -- sein Sohn.
- Praskówja Iwánowna Drósdowa -- Witwe eines Generals.
- Lisawéta Nicolájewna Túschina -- ihre Tochter aus erster Ehe.
- Mawríkij Nicolájewitsch Drósdoff -- Offizier, Neffe des
- verstorbenen Generals Drosdoff.
- Iwán Óssipowitsch *** -- der frühere Gouverneur.
- Andreí Antónowitsch von Lembke -- der neue Gouverneur.
- Júlija Michaílowna von Lembke -- seine Frau.
- Karmasínoff -- ein berühmter Schriftsteller.
- Artémij Páwlowitsch Gagánoff -- Rittmeister a. D.
- Lebäd'kin -- ein angeblicher »Hauptmann a. D.«
- Márja Timoféjewna ... -- seine Schwester.
- Iwán Schátoff } Kinder eines
- Dárja Páwlowna Schátowa } verstorbenen Dieners der
- (genannt Dá-scha) } Stawrógins.
- Márja Ignátjewna Schátowa -- Schátoffs Frau.
- Arína Próchorowna Wirgínskaja -- eine Hebamme.
- Alexeí Nílytsch Kirílloff -- ein Ingenieur.
- Schigáleff -- Verfasser einer Schrift über revolutionäre Theorien.
- Tolkatschénko, Erkel und andere Anhänger revolutionärer Ideen.
- Lipútin }
- Wirgínski } Beamte.
- Läm'schin }
- Aljóscha Telät'nikoff -- ein ehemaliger Beamter.
- Fédjka -- ein entsprungener Verbrecher.
- Flibustjéroff -- ein Polizeioffizier.
- Ssemjón Jákowlewitsch -- ein »Prophet«.
- Tíchon -- ein im Kloster zurückgezogen lebender Bischof.
- Alexeí Jegórytsch }
- Nas-táß-ja } Dienstboten.
- Agáfja }
-
- Ortsnamen:
-
-Skworéschniki, Dúchowo, Brýkowo; die Fabrik der Brüder Schpigúlin,
-Matwéjewo.
-
- Näheres über die historischen Vorbilder einzelner Gestalten siehe
- Seite 1118-1120.
-
-Namen einzelner Nebenpersonen hat Dostojewski im Laufe der Erzählung
-manchmal unbewußt geändert. So nennt er z. B. den alten Gaganoff anfangs
-_Pjotr_ Pawlowitsch, später dagegen _Pawel_ Pawlowitsch und folglich
-seinen Sohn Artemij _Pawlowitsch_. Ferner heißt ein Kanzleibeamter des
-Gouverneurs zuerst _Blümer_, später _Blüm_. Der Name Kirílloff ist bald
-mit zwei, bald mit einem l geschrieben. Um Mißverständnisse infolge
-solcher Flüchtigkeiten zu vermeiden, ist in der Übersetzung immer die
-erste Form beibehalten worden. E. K. R.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel.
- Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus der Biographie
- des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski.
-
-
- I.
-
-Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die
-sich unlängst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt
-zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu
-helfen weiß, zunächst etwas weiter auszuholen und mit einigen
-biographischen Einzelheiten über den talentvollen und wohlachtbaren
-Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mögen diese Einzelheiten
-nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte
-selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst später.
-
-Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte
-unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen bürgerliche[1]
-Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, -- liebte sie sogar
-so, daß er ohne sie wohl überhaupt nicht hätte leben können. Nicht, daß
-ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bühne vergleichen wollte: Gott
-behüte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte.
-Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser
-gesagt, die Folge einer immerwährenden, im Grunde edlen Neigung, einer
-Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner
-schönen bürgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine
-Lage als »Verfolgter« und sozusagen »Verbannter«. Um diese beiden
-Wörtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und
-eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im
-Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschätzung immer mehr erhöht zu
-haben, bis er schließlich auf einem gewissen überaus hohen und für die
-Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem
-satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein
-gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige
-Zoll groß waren, so daran gewöhnt, sich als Riese zu fühlen, daß er auch
-in den Straßen Londons unwillkürlich den Passanten und Equipagen zurief,
-sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht
-irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch für einen Riesen und
-die anderen für jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und
-die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war
-das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die
-Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben
-Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur daß dieser Wahn sich bei ihm in
-einer, wenn man sich so ausdrücken darf, unschuldigeren und
-unverletzenderen Weise äußerte, denn schließlich war er doch ein
-prächtiger Mensch.
-
-Ich denke es mir sogar so: daß man ihn in der Literatur mit der Zeit
-allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewiß noch nicht
-sagen, daß er auch früher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch
-er einmal zu der berühmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der
-letzten Generation gehört, und eine Zeitlang -- übrigens doch nur einen
-allerkleinsten Augenblick lang -- war sein Name von manchen voreiligen
-Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski,
-Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4]
-genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon
-im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, -- es ward, wie er sich
-ausdrückte, von einem »Wirbelsturm« zusammentreffender »Umstände«[5]
-zerstört. Und was stellt sich nun heraus? Daß es nicht nur keinen
-»Wirbelsturm«, sondern nicht einmal »Umstände« damals gegeben hat,
-wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar
-Tagen, zu meinem größten Erstaunen erfahren, dafür aber mit vollkommener
-Glaubwürdigkeit, daß Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem
-Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier
-allgemein annahm, sondern daß er nicht einmal, gleichviel wann, unter
-Aufsicht gestanden hat. Wie groß muß demnach seine Einbildungskraft
-gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben
-lang, daß man in gewissen Sphären beständig vor ihm auf der Hut wäre,
-daß jeder seiner Schritte unablässig beobachtet und vermerkt werde, und
-daß jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig
-Jahre hier gehabt haben, schon bei der Übergabe des Gouvernements als
-erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so
-daß jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit
-Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Hätte aber
-jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten
-Menschen beruhigen und überzeugen wollen, daß ihm nicht das Geringste
-drohe, so würde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch
-der klügste, der begabteste Mensch, war gewissermaßen sogar ein Mann der
-Wissenschaft, obgleich er übrigens in der Wissenschaft ... nun, sagen
-wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint,
-überhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Rußland mit den Männern
-der Wissenschaft durchgehends so zu sein.
-
-Nach seiner Rückkehr aus dem Auslande hatte er als Lektor auf dem
-Lehrstuhl einer Universität geglänzt, bereits ganz am Ende der vierziger
-Jahre. Es gelang ihm aber nur, ein paar Vorlesungen zu halten, ich
-glaube, über die Araber; es gelang ihm auch noch, eine glänzende
-Dissertation zu verteidigen: über die in der Epoche zwischen 1413 und
-1428 aufkeimende kulturelle und hanseatische Bedeutung des deutschen
-Städtchens Hanau und zugleich über jene besonderen und etwas unklaren
-Gründe, weshalb es zu dieser Bedeutung dann doch überhaupt nicht
-gekommen ist. Diese Dissertation traf mit einem feinen Stich geschickt
-und schmerzhaft die damaligen Slawophilen und schuf ihm mit einem
-Schlage unzählige und grimmige Feinde unter ihnen. Dann -- übrigens
-schon nach dem Verlust des Lehrstuhls -- schrieb und veröffentlichte er
-noch wahrscheinlich aus Rache und um zu zeigen, wen sie verloren hatten)
-in einer fortschrittlichen Monatsschrift, die aus Dickens übersetzte und
-George Sand verkündete, den Anfang einer tiefsinnigsten Untersuchung --
-ich glaube, über die Gründe der außergewöhnlich edlen sittlichen
-Anschauungen irgendwelcher Ritter in irgendeiner Epoche, oder etwas
-Ähnliches. Jedenfalls war es ein hoher, ungemein edler Gedanke, den er
-darin durchführte. Nur wurde, wie man später erzählte, die Fortsetzung
-dieser Untersuchung schleunigst verboten und sogar die fortschrittliche
-Zeitschrift soll wegen der gedruckten ersten Hälfte zu leiden gehabt
-haben. Das ist auch sehr gut möglich, denn was geschah damals nicht? In
-diesem Falle aber ist es doch wahrscheinlicher, daß nichts Derartiges
-geschah und nur der Autor selber die Mühe scheute, den Aufsatz zu
-beenden. Seine Vorlesungen über die Araber jedoch stellte er deshalb
-ein, weil ein von ihm an irgend jemanden geschriebener Brief mit der
-Darlegung irgend welcher »Umstände« irgendwie von irgend jemandem
-(offenbar von einem seiner reaktionären Feinde) aufgefangen worden war,
-woraufhin irgendjemand irgendwelche Erklärungen von ihm verlangte[6].
-Ich weiß zwar nicht, ob es wahr ist, aber man behauptete außerdem, daß
-gerade damals in Petersburg eine riesige, widernatürliche und
-antistaatliche Gesellschaft, bestehend aus nahezu dreizehn Mann,
-aufgespürt worden sei, eine Gesellschaft, die das Gebäude fast
-erschüttert hätte. Man sagte, sie hätten nichts Geringeres vorgehabt,
-als Fourier selber zu übersetzen[7]. Und ausgerechnet zur selben Zeit
-mußte dann noch in Moskau eine Dichtung Stepan Trophimowitschs
-beschlagnahmt werden, ein Poem, das er schon sechs Jahre zuvor in Berlin
-geschrieben hatte, in seiner ersten Jugend, und dessen Abschriften,
-unter der Hand weitergegeben, bei zwei Liebhabern der Dichtkunst und
-einem Studenten gefunden wurden. Ein Exemplar davon liegt jetzt auch in
-meinem Schreibtisch: erst im vorigen Jahre erhielt ich es von Stepan
-Trophimowitsch persönlich, in eigenhändiger neuester Abschrift, mit
-autographischer Widmung und in prachtvollem roten Saffianeinbande. Das
-Poem ist übrigens nicht ohne Poesie, ja es ist nicht einmal ohne ein
-gewisses Talent verfaßt, ist allerdings etwas sonderbar, aber damals (d.
-h. richtiger in den dreißiger Jahren) wurde oft in dieser Art
-geschrieben. Das Thema des Poems wiederzugeben, macht mir freilich
-Schwierigkeiten, denn, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ich habe es
-überhaupt nicht verstanden. Es ist irgend so eine Allegorie in
-lyrisch-dramatischer Form, die an den zweiten Teil des Faust erinnert.
-Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der
-Männer, darauf ein Chor irgendwelcher Kräfte, und zum Schluß der Chöre
-tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch
-gar zu gern auch mal leben möchten. Alle diese Chöre singen von etwas
-sehr Unbestimmtem, größtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen
-es wie mit einem Schimmer höheren Humors. Doch plötzlich verwandelt sich
-die Szene und es beginnt ein »Fest des Lebens«, auf dem sogar die
-Insekten singen; dann tritt eine Schildkröte auf mit allerhand
-lateinischen sakramentalen Worten und es singt irgend etwas, wenn ich
-mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon ganz
-unbelebter Gegenstand. Überhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie
-aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber
-wiederum wie mit einem Schimmer höherer Bedeutung. Schließlich, nach
-einem abermaligen Szenenwechsel, sieht man eine wildromantische Gegend,
-in der zwischen Felsen ein zivilisierter junger Mann umherirrt und
-irgendwelche Gräser abreißt, an denen er dann saugt. Auf die Frage einer
-Fee, warum er das tue, antwortet er, er suche Vergessenheit, weil er ein
-Übermaß von Leben in sich fühle, und diese Vergessenheit im Safte dieser
-Gräser finde, sein Hauptwunsch aber sei -- möglichst bald den Verstand
-zu verlieren (ein Wunsch, der vielleicht schon überflüssig ist). Darauf
-erscheint plötzlich auf einem schwarzen Pferde ein Jüngling von
-unbeschreiblicher Schönheit und ihm folgen in fürchterlicher Menge alle
-Völker. Der Jüngling stellt den Tod dar und die Völker lechzen alle nach
-ihm. Und schließlich, in der allerletzten Szene, erscheint plötzlich der
-babylonische Turm und irgendwelche Athleten bauen ihn nun schon zu Ende
-und singen dazu einen Sang der neuen Hoffnung, und wie sie die höchste
-Spitze vollenden, da läuft der Beherrscher, sagen wir des Olymps, in
-komischer Form davon, und die Menschheit, die jetzt endlich begreift,
-beginnt sofort, indem sie sich seines Platzes bemächtigt, ein neues
-Leben mit vollkommenem Durchschauen der Dinge. Dieses Poem also wurde
-damals für gefährlich befunden. Im vorigen Jahre schlug ich Stepan
-Trophimowitsch vor, es nunmehr drucken zu lassen, da es in unserer Zeit
-doch eine ganz unschuldige Dichtung sei, aber er lehnte den Vorschlag
-mit sichtbarem Mißbehagen ab. Die Auffassung, daß es eine vollkommen
-unschuldige Dichtung sei, gefiel ihm offenbar gar nicht, und diesem
-Umstande schreibe ich auch die gewisse Kühle zu, die seinerseits mir
-gegenüber volle zwei Monate andauerte. Doch siehe da! Plötzlich, und
-fast zur selben Zeit, als ich ihm vorschlug, das Poem hier drucken zu
-lassen, wurde unser Poem _dort_ gedruckt, d. h. im Auslande, und
-erschien in einem der revolutionären Sammelbände, ohne daß Stepan
-Trophimowitsch überhaupt etwas davon wußte. Er erschrak zunächst
-nicht wenig, stürzte zum Gouverneur, entwarf einen hochedlen
-Rechtfertigungsbrief für Petersburg, las ihn mir zweimal vor, schickte
-ihn aber dann doch nicht ab, da er, wie sich herausstellte, gar nicht
-wußte, an wen er ihn senden sollte. Kurz, er regte sich einen ganzen
-Monat lang auf, doch ich bin überzeugt, daß er dabei in den geheimen
-Buchten seines Herzens ungemein geschmeichelt war. Von dem ihm
-zugestellten Exemplar des Sammelbandes trennte er sich überhaupt nicht
-mehr, ja er schlief fast mit ihm, am Tage aber versteckte er es unter
-die Matratze, weshalb er das Mädchen kaum noch das Bett aufbetten ließ,
-und obschon er Tag für Tag ein gewisses Telegramm erwartete, schaute er
-doch sehr von oben herab. Das Telegramm kam aber nicht. Da söhnte er
-sich auch mit mir wieder aus, was wiederum von der großen Güte seines
-sanften, nicht nachtragenden Herzens zeugt.
-
-
- II.
-
-Ich behaupte ja nicht, daß er wirklich niemals zu leiden gehabt hat[8],
-ich habe mich jetzt nur endgültig überzeugt, daß er die Vorlesungen über
-seine Araber so lange hätte fortsetzen können wie er wollte, wenn er nur
-die nötigen Erklärungen abgegeben hätte. Er aber warf sich damals gleich
-in die Brust und schickte sich mit besonderer Eilfertigkeit an, sich
-selber ein für allemal einzureden, daß seine Laufbahn vom »Wirbelsturm
-der Umstände« für immer zerstört sei. Doch wenn man schon die ganze
-Wahrheit sagen soll, so war der eigentliche Grund dieser Änderung seiner
-Laufbahn die gerade jetzt in zartfühlendster Weise wiederholte Anfrage
-der Gemahlin des Generalleutnants Stawrogin, einer sehr reichen Dame, ob
-er die Erziehung und ganze geistige Ausbildung ihres einzigen Sohnes,
-gewissermaßen als höherer Pädagoge und Freund, übernehmen wolle -- von
-dem glänzenden Gehaltsangebot ganz zu schweigen. Dieses Angebot war ihm
-schon früher einmal gemacht worden, in seiner Berliner Zeit, gleich nach
-dem Tode seiner ersten Frau. Diese war ein etwas leichtsinniges junges
-Mädchen aus unserem Gouvernement gewesen, übrigens nicht unsympathisch,
-die er in seiner ersten Jugend, ohne sich besondere Gedanken zu machen,
-geheiratet und mit der er dann viel Leid zu ertragen gehabt hatte,
-erstens weil seine Mittel zu ihrem beiderseitigen Unterhalt nicht
-ausreichten, und dann noch aus anderen, bereits sehr zarten Gründen. Sie
-starb schließlich in Paris, nachdem sie die letzten drei Jahre getrennt
-von ihm gelebt hatte, und hinterließ ihm einen fünfjährigen Sohn -- »die
-Frucht der ersten freudevollen und noch ungetrübten Liebe«, wie sich der
-trauernde Stepan Trophimowitsch einmal in meiner Gegenwart unversehens
-äußerte. Das Kind war übrigens schon bald nach der Geburt nach Rußland
-geschickt worden -- zu ein paar Tanten irgendwo in der Provinz, die es
-erziehen sollten. Damals also, nach dem Tode seiner ersten Frau, hatte
-er das Angebot der Warwara Petrowna Stawrogina nicht angenommen, sondern
-noch vor Ablauf des Trauerjahres seine zweite Frau, eine schweigsame
-kleine Berlinerin, geheiratet, und zwar, was das Auffallende war,
-eigentlich ohne jede besondere Notwendigkeit. Doch außerdem hatte er
-noch andere Gründe gehabt, das Angebot abzulehnen: ihn lockte der gerade
-damals lauttönende Ruhm eines unvergeßlichen Professors und so wollte
-auch er seine Adlerschwingen erproben. Jetzt aber, nachdem er sich die
-Schwingen versengt hatte, war es nur natürlich, daß er, besonders
-nachdem auch seine zweite Frau, kaum ein Jahr nach der Trauung,
-gestorben war, dem wiederholten verlockenden Angebot nicht widerstand.
-Das Entscheidende war also die glühende Anteilnahme, sowie die
-unschätzbare und, wenn man so sagen darf, klassische Freundschaft, die
-Warwara Petrowna Stawrogina ihm entgegenbrachte. So warf er sich denn in
-die Arme dieser Freundschaft und die währte gute zwanzig Jahre. Ich habe
-soeben den Ausdruck gebraucht »er warf sich in die Arme dieser
-Freundschaft«, doch Gott behüte und bewahre einen jeden davor, deshalb
-an etwas Überflüssiges und Müßiges zu denken. Nein, diese Umarmung ist
-einzig in höchst moralischem Sinne zu verstehen. Es waren nur die
-feinsten und zartesten Bande, die diese beiden so merkwürdigen Menschen
-auf ewig miteinander verknüpften.
-
-Die Stellung eines Erziehers wurde auch noch deshalb angenommen, weil
-das kleine Gütchen, das seine erste Frau hier in unserem Gouvernement
-hinterlassen hatte, unmittelbar an Skworeschniki, das herrliche, nahe
-der Stadt belegene Gut der Stawrogins grenzte. Und zudem war es ja immer
-möglich, in der Stille des Kabinetts und bereits ohne von der
-Riesenhaftigkeit der Universitätsarbeiten absorbiert zu werden, sich
-ganz den Aufgaben der Wissenschaft zu widmen und die einheimische
-Literatur mit den tiefsten Erforschungen zu bereichern. Solche
-Erforschungen ergaben sich dann zwar nicht, doch dafür bot sich die
-Möglichkeit, das ganze übrige Leben, mehr denn zwanzig Jahre lang,
-sozusagen einen »Vorwurf zu verkörpern« -- buchstäblich nach dem
-Dichterwort:
-
- »... Idealist und Liberaler,
- Standest du vorm Vaterlande
- Als verkörperter Vorwurf da!«
-
-Doch jener Typ[9], auf den sich diese Worte bezogen, hätte vielleicht
-auch das Recht gehabt, zeitlebens in diesem Sinne zu posieren,
-vorausgesetzt, daß er es wollte, obschon so etwas doch recht langweilig
-sein muß. Unser Stepan Trophimowitsch aber war, wenn man schon die
-Wahrheit sagen soll, nur ein Nachahmer im Vergleich zu jenen
-Charakteren, ja und das Stehen ermüdete ihn auch, weshalb er denn oft
-genug ein bißchen auf der Seite lag. Aber gleichviel, auch in liegender
-Stellung verblieb er eine Verkörperung des Vorwurfs -- das muß man ihm
-schon lassen --, um so mehr, als für die Provinz auch das vollauf
-genügte. Oh, man hätte ihn sehen sollen, wenn er sich bei uns im Klub an
-den Kartentisch setzte! Seine ganze Miene sprach dann förmlich: »Karten!
-Ich spiele mit euch Jeralásch![10] Wie ist das vereinbar? Wer kann das
-verantworten? Wer hat mein Wirken zertrümmert und es in Jeralásch
-verwandelt? Ach, geh unter, Rußland!« und würdevoll spielte er aus, --
-selbstredend Coeur zuerst.
-
-Im Grunde aber liebte er sogar sehr, ein Partiechen zu machen, weswegen
-er nicht selten, und besonders in der letzten Zeit, mit Warwara Petrowna
-unangenehme Auseinandersetzungen hatte, zumal er im Spiel immer verlor.
-Doch davon später. Ich will nur bemerken, daß er ein sogar
-gewissenhafter Mensch war (d. h. manchmal) und darum oft trauerte. Im
-Laufe der ganzen zwanzigjährigen Freundschaft mit Warwara Petrowna
-pflegte er regelmäßig drei- bis viermal im Jahre seinem »Bürgergram«,
-wie wir das nannten, zu verfallen, das heißt einfach einer Hypochondrie,
-doch der Ausdruck »Bürgergram« gefiel der verehrten Warwara Petrowna.
-Späterhin war es auch noch der Champagner, dem er ab und zu verfiel oder
-zu verfallen begann, aber auch in der Beziehung schützte ihn die
-feinfühlige Warwara Petrowna das ganze Leben lang vor allen trivialen
-Neigungen. Er bedurfte ja auch wirklich einer Art Kinderwärterin, denn
-mitunter konnte er sehr sonderbar sein: konnte mitten in der erhabensten
-Trauer plötzlich auf die volkstümlichste Weise zu spotten anfangen. Ja,
-es gab Augenblicke, wo er sich sogar über sich selbst in humoristischem
-Sinne zu äußern begann. Nichts aber fürchtete Warwara Petrowna so, wie
-humoristischen Sinn. Sie war eben eine klassisch empfindende Frau, war
-als Frau eine Mäzenatin, die nur nach höheren Gesichtspunkten handelte.
-Unschätzbar war denn auch der zwanzigjährige Einfluß dieser höheren Dame
-auf ihren armen Freund. Doch von ihr müßte man eingehender sprechen, was
-ich denn auch tun will.
-
-
- III.
-
-Es gibt sonderbare Freundschaften; es gibt Freunde, die nur miteinander
-streiten, das ganze Leben in Streit verbringen, und doch nicht
-voneinander lassen können. Das Auseinandergehen ist ihnen sogar ganz
-unmöglich: der Freund, der aus Eigensinn als erster die Verbindung
-zerrisse, würde auch als erster krank werden und womöglich sterben, wenn
-es darauf ankommt. Ich weiß genau, daß Stepan Trophimowitsch mehrere
-Male, und zwar manchmal nach den intimsten Herzensergüssen unter vier
-Augen mit Warwara Petrowna, plötzlich, nachdem sie ihn verlassen hatte,
-vom Diwan aufsprang und mit den Fäusten an die Wand zu hämmern begann.
-Nicht sinnbildlich, sondern ganz einfach und sogar so, daß er einmal den
-Putz von der Wand losschlug. Vielleicht wird man nun fragen: wie ich
-denn eine so zarte Einzelheit habe erfahren können? Wie nun, wenn ich
-selbst Augenzeuge war? Wie, wenn er wiederholt an meiner Schulter
-geschluchzt und mir dabei in grellen Farben seine letzten Geheimnisse
-erzählt hat? (Und was, ja was kam dann nicht alles über seine Lippen!)
-Doch nach solchem Geschluchze geschah fast immer Folgendes: am nächsten
-Tage war er dann bereit, sich wegen seiner Undankbarkeit selber zu
-kreuzigen; dann rief er mich eilig zu sich oder kam schnell selbst zu
-mir, nur um mir mitzuteilen, daß Warwara Petrowna, »was Ehre und
-Zartgefühl betrifft«, ein Engel sei, er aber sei »das absolute
-Gegenteil«. Und nicht nur zu mir kam er dann, nein, er schrieb das alles
-in wortreichen Briefen auch Warwara Petrowna, gestand ihr, ohne sich zu
-scheuen, den Brief mit seinem vollen Namen zu unterzeichnen, daß er z.
-B. erst gestern einem beliebigen Menschen erzählt habe, sie halte ihn
-nur aus Ruhmsucht in ihrem Hause, doch im Grunde beneide sie ihn nur um
-seines Wissens und seiner Talente willen; ja, sie hasse ihn sogar und
-wage nur nicht, ihren Haß offen zu zeigen, aus Furcht, er könnte dann
-weggehen und ihrem Ruf in der Literaturgeschichte schaden; infolgedessen
-verachte er sich nun selbst und habe er beschlossen, eines gewaltsamen
-Todes zu sterben; von ihr aber erwarte er nur noch ein letztes Wort, das
-alles entscheiden werde usw., usw. in dieser Art. Nach diesem Beispiel
-kann man sich ungefähr vorstellen, zu welch einer Hysterie die nervösen
-Ausbrüche dieses unschuldigsten von allen 50jährigen Säuglingen manchmal
-ausarteten! Einen dieser Briefe nach irgendeinem Streit zwischen ihnen
-aus einem geringfügigen Anlaß, aber mit erbitterndem Ausgang, habe ich
-selbst gelesen. Ich war entsetzt und beschwor ihn, den Brief doch nicht
-abzusenden.
-
-»Ich kann nicht ... es ist ehrlicher ... es ist meine Pflicht ... ich
-sterbe, wenn ich ihr nicht alles gestehe, alles!« antwortete er nahezu
-fiebernd und sandte den Brief tatsächlich ab.
-
-Gerade darin aber lag der Unterschied zwischen ihnen, daß Warwara
-Petrowna einen solchen Brief niemals abgesandt hätte. Freilich, er
-liebte über alle Maßen zu schreiben, schrieb ihr selbst damals, als sie
-noch in demselben Hause wohnten, schrieb in hysterischen Fällen sogar
-zweimal am Tage. Ich weiß genau, daß Warwara Petrowna immer mit der
-größten Aufmerksamkeit diese Briefe durchlas, auch wenn sie ihrer zwei
-am Tage erhielt, um sie dann, nummeriert und sortiert, in einer
-besonderen Schatulle aufzubewahren; außerdem aber hob sie sie noch in
-ihrem Herzen auf. Und nachdem sie dann ihren Freund den ganzen Tag
-vergeblich auf eine Antwort hatte warten lassen, benahm sie sich ihm
-gegenüber am nächsten Tage, als wäre so gut wie nichts Besonderes
-geschehen, als läge gar nichts vor. Auf die Weise hatte sie ihn
-allmählich so zugestutzt, daß er schon von selbst nicht mehr an das
-Vorgefallene zu erinnern wagte und ihr nur eine Weile in die Augen sah.
-Doch vergessen tat sie nichts, er aber vergaß manchmal schon gar zu
-schnell, und ermutigt durch ihre Ruhe, konnte er oft schon am selben
-Tage wieder lachen und beim Champagner allen möglichen Unsinn treiben,
-wenn ihn seine Freunde gerade an dem Tage besuchten. Mit welchen
-verbitternden Gefühlen muß sie in solchen Augenblicken auf ihn gesehen
-haben, er aber bemerkte überhaupt nichts! Es sei denn, daß ihm nach
-einer Woche, einem Monat oder erst nach einem halben Jahr in einem
-besonderen Augenblick zufällig irgendein von ihm gebrauchter Ausdruck in
-so einem Brief einfiel und nach und nach der ganze Brief mit allen
-Einzelheiten und Umständen, und dann verging er plötzlich vor Scham und
-quälte sich mitunter dermaßen, daß er wieder an seinen Anfällen von
-Cholerine erkrankte. Diese ihn heimsuchenden eigentümlichen Anfälle, die
-an Cholerine erinnerten, waren in gewissen Fällen der gewöhnliche
-Ausgang seiner nervösen Erschütterungen und stellten ein in ihrer Art
-interessantes Kuriosum seiner Physis dar.
-
-Ja, Warwara Petrowna hat ihn gewiß und sogar sehr oft gehaßt; er aber
-hat bis zum Schluß nur eines nicht an ihr erkannt: daß er nämlich zu
-guter Letzt für sie zu einem Sohn geworden war, zu ihrem Geschöpf, ja
-man kann sagen, zu einer Erfindung von ihr, daß er schon Fleisch von
-ihrem Fleisch war und daß sie ihn keineswegs »aus Neid«, »um seiner
-Talente willen« bei sich hielt und unterhielt. Und wie müssen solche
-Verdächtigungen sie verletzt haben! In ihr verbarg sich eine gewisse
-unerträgliche, unduldsame Liebe zu ihm, mitten unter ununterbrochenem
-Haß, unter Eifersucht und Verachtung. Sie beschützte ihn vor jedem
-Stäubchen, gab sich unermüdlich zweiundzwanzig Jahre lang mit ihm ab,
-und die Sorge hätte ihr den Schlaf geraubt, wenn man seinen Ruf als
-Dichter, als Gelehrter, sein Wirken im kulturbürgerlichen Sinne
-angetastet hätte. Sie hatte ihn sich ausgedacht und war selber die
-erste, die an die Wirklichkeit ihrer eigenen Dichtung glaubte. Er war so
-etwas wie ihr Traumbild. Aber sie verlangte von ihm tatsächlich viel
-dafür, manchmal geradezu sklavischen Gehorsam. Und nachtragend war sie
-bis zur Unglaublichkeit. Übrigens werde ich doch lieber gleich zwei
-Fälle erzählen.
-
-
- IV.
-
-Einmal, gerade in der Zeit, als sich die ersten Gerüchte von der
-Aufhebung der Leibeigenschaft im Lande zu verbreiten begannen, beehrte
-ein Petersburger Baron, ein Mann mit den allerhöchsten Verbindungen, der
-noch dazu von Amts wegen der mit Jubel erwarteten Neuerung sehr nahe
-stand, auf der Durchfahrt Warwara Petrowna mit seinem Besuch. Sie liebte
-und pflegte solche Bekanntschaften außerordentlich, zumal ihre
-Verbindungen mit der hohen Gesellschaft nach dem Tode ihres Mannes
-beträchtlich abgenommen hatten und schließlich ganz aufzuhören drohten.
-Der Baron verweilte etwa eine Stunde bei ihr und trank Tee. Von ihren
-Bekannten war sonst niemand zugegen, nur Stepan Trophimowitsch ward von
-ihr eingeladen und sozusagen zur Schau gestellt. Der Baron hatte denn
-auch richtig schon früher von ihm gehört, oder tat wenigstens, als habe
-er von ihm gehört, doch wandte er sich beim Tee selten an ihn. Natürlich
-hätte sich Stepan Trophimowitsch gesellschaftlich nie irgendwie
-blamieren können, er hatte überhaupt die feinsten Manieren; obschon er,
-glaube ich, nicht von hoher Herkunft war. Aber er war von der frühesten
-Kindheit an in einem vornehmen Moskauer Hause aufgewachsen, also sehr
-gut erzogen; Französisch sprach er wie ein Pariser. Der Baron mußte
-mithin auf den ersten Blick erkennen, mit welchen Menschen Warwara
-Petrowna sich umgab, wenn sie auch in der Provinz lebte. Allein, es
-sollte anders kommen. Als nämlich der Baron die neuen Gerüchte von der
-bevorstehenden großen Reform ausdrücklich bestätigte, da konnte Stepan
-Trophimowitsch plötzlich nicht an sich halten und rief ein »Hurra!«,
-wobei er mit der Hand noch eine Geste machte, die Begeisterung
-ausdrücken sollte. Er rief es übrigens nicht laut und geradezu elegant;
-ja, vielleicht war die Begeisterung sogar wohlüberlegt und die Geste
-absichtlich vor dem Spiegel einstudiert, eine halbe Stunde vor dem Tee;
-doch offenbar mißglückte ihm hierbei irgend etwas, so daß der Baron sich
-ein kaum merkliches Lächeln erlaubte, wenn er auch sofort überaus
-höflich eine Phrase über die allgemeine und erklärliche Ergriffenheit
-aller russischen Herzen angesichts der großen Begebenheit einflocht.
-Darauf empfahl er sich bald und vergaß dabei nicht, Stepan
-Trophimowitsch zum Abschiede zwei Finger zu reichen. Als Warwara
-Petrowna in den Salon zurückkehrte, schwieg sie zunächst etwa drei
-Minuten lang und tat, als suchte sie etwas auf dem Tisch; doch plötzlich
-wandte sie sich zu Stepan Trophimowitsch und stieß, bleich, mit
-blitzenden Augen, halblaut zischelnd hervor: »Das werde ich Ihnen nie
-vergessen!«
-
-Am anderen Tage verhielt sie sich zu ihrem Freunde als wäre nichts
-geschehen, über das Vorgefallene verlor sie weiter kein Wort. Erst nach
-dreizehn Jahren, in einem tragischen Augenblick, erinnerte sie ihn
-plötzlich an diesen Vorfall und wieder erbleichte sie dabei genau so wie
-damals. Nur zweimal in ihrem Leben hat sie zu ihm gesagt: »Das werde ich
-Ihnen nie vergessen!« Der Fall mit dem Baron war schon der zweite Fall;
-aber auch der erste war an und für sich so charakteristisch und hat, wie
-mir scheint, im Schicksal Stepan Trophimowitschs so viel bedeutet, daß
-ich mich entschließe, auch ihn zu erwähnen.
-
-Das war im Jahre 1855, im Mai, kurz nachdem man in Skworeschniki die
-Nachricht vom Tode des Generalleutnants Stawrogin, des leichtsinnigen
-alten Herrn, erhalten hatte, der auf der Reise nach der Krim zur
-Übernahme eines Kommandos in der aktiven Armee unterwegs an einer
-Magenerkrankung gestorben war. Warwara Petrowna war also nun Witwe und
-ging in tiefstem Schwarz. Freilich, innerlich konnte ihre Trauer nicht
-sehr groß sein, denn schon die letzten vier Jahre hatten die beiden
-Gatten wegen der Charaktergegensätze vollkommen getrennt gelebt und sie
-hatte ihm nur eine Art Pension ausgesetzt. (Der Generalleutnant besaß
-selber nur 150 Seelen und sein Gehalt, außerdem seinen alten Adel und
-Beziehungen; der ganze Reichtum dagegen und Skworeschniki gehörten
-Warwara Petrowna, als der einzigen Tochter eines sehr reichen
-Branntweinpächters.) Nichtsdestoweniger hatte die Plötzlichkeit der
-Nachricht sie erschüttert und so zog sie sich denn in die Einsamkeit
-zurück. Selbstredend befand sich Stepan Trophimowitsch ununterbrochen
-bei ihr.
-
-Der Mai stand in voller Blüte; die Abende waren wundervoll.
-Maulbeerbäume dufteten. Die beiden Freunde kamen allabendlich im Garten
-zusammen, saßen bis in die Nacht hinein in einer Laube und breiteten
-ihre Gefühle und Gedanken voreinander aus. Es gab manchen poetischen
-Augenblick. Unter dem Eindruck ihrer Schicksalsänderung sprach Warwara
-Petrowna mehr als gewöhnlich. Sie schmiegte sich gleichsam an das Herz
-ihres Freundes, und das setzte sich so mehrere Abende fort. Plötzlich
-kam Stepan Trophimowitsch ein eigentümlicher Gedanke: Wie? rechnete die
-erschütterte Witwe jetzt vielleicht auf ihn? Erwartete sie etwa nach
-Ablauf des Trauerjahres einen Heiratsantrag von ihm? -- Ein zynischer
-Gedanke; aber gerade die Höhe der Organisation begünstigt doch mitunter
-noch die Neigung zu zynischen Gedanken, schon allein durch die
-Vielseitigkeit der Entwicklung. Er begann zu überlegen und fand, daß es
-wirklich diesen Anschein gewann. Er wurde nachdenklich: »Ein riesiges
-Vermögen, das ist allerdings wahr, aber ...« In der Tat, Warwara
-Petrowna war nicht gerade das, was man unter einer Schönheit versteht:
-sie war eine große, gelbe, magere Frau, mit einem übermäßig langen
-Gesicht, in dem irgend etwas entfernt an einen Pferdekopf erinnerte.
-Stepan Trophimowitsch schwankte immer mehr unter solchen Betrachtungen,
-quälte sich mit Zweifeln und weinte sogar zweimal wegen seiner eigenen
-Unentschlossenheit (er weinte ziemlich oft). An den Abenden, also in der
-Laube, nahm sein Gesicht einen kapriziösen Ausdruck an, und zuweilen war
-sogar etwas Ironisches, etwas Kokettes, und zugleich Hochmütiges darin.
-Das geschieht ganz unwillkürlich, und sogar je edler der Mensch ist,
-um so bemerkbarer wird es. Ob nun Stepan Trophimowitschs
-Befürchtungen grundlos waren oder nicht, das ist schwer zu sagen: am
-wahrscheinlichsten ist, daß Warwara Petrowna an eine Heirat überhaupt
-nicht dachte -- jedenfalls hätte sie sich wohl niemals entschließen
-können, ihren alten Namen, den der Stawrogins, mit dem seinen zu
-vertauschen, selbst wenn sein Name in der Literatur noch so berühmt
-gewesen wäre. Vielleicht war es von ihr aus nur ein weibliches Spiel,
-der Ausdruck eines unbewußten weiblichen Bedürfnisses, das ja in manchen
-weiblichen Fällen doch so natürlich ist. Übrigens kann ich mich für
-nichts verbürgen, die Tiefe des Frauenherzens ist sogar bis heute noch
-unerforschlich! Doch ich fahre fort.
-
-Es ist anzunehmen, daß Warwara Petrowna aus dem eigentümlichen
-Gesichtsausdruck ihres Freundes bald erriet, was in ihm vorging; sie war
-feinfühlig und verstand zu beobachten, er aber war manchmal schon gar zu
-naiv. Trotzdem vergingen die Abende nach wie vor poetisch und bei
-anregender Unterhaltung. Einmal jedoch, bei Anbruch der Nacht, trennten
-sie sich nach einem besonders lebhaften, interessanten und poetischen
-Gespräch mit einem heißen Händedruck an der Treppe des Gartenhauses, in
-das Stepan Trophimowitsch in jedem Sommer aus dem riesigen Herrenhause
-von Skworeschniki überzusiedeln pflegte. Als er eingetreten war, nahm er
-zunächst, gleichsam zerstreut und doch wie in Gedanken versunken, eine
-Zigarre, zündete sie aber noch nicht an, sondern trat ermüdet ans offene
-Fenster und schaute regungslos den wie Flaum leichten, hellen Wölkchen
-zu, die an dem klaren Monde vorüberglitten, als plötzlich ein leises
-Geräusch ihn aufschreckte und er sich umsah. Vor ihm stand wieder
-Warwara Petrowna, von der er sich vor kaum vier Minuten im Garten
-getrennt hatte. Ihr gelbes Gesicht war fast bläulich, ihre Lippen
-schienen sich krampfhaft zusammenzupressen und die Mundwinkel zuckten.
-So sah sie ihm wohl volle zehn Sekunden lang schweigend in die Augen,
-mit festem, unerbittlichem Blick, und plötzlich stieß sie in schnellem
-Geflüster hervor:
-
-»Das werde ich Ihnen nie vergessen!«
-
-Als Stepan Trophimowitsch mir zehn Jahre später diese traurige
-Geschichte erzählte, flüsternd, nachdem er zuvor die Tür verschlossen
-hatte, versicherte er mir, er sei damals auf der Stelle so erstarrt, daß
-er weder gehört noch gesehen habe, wie Warwara Petrowna wieder
-verschwand. Und da sie später kein einziges Mal den Vorfall auch nur
-erwähnt hatte und alles seinen Lauf ging, als wäre nichts geschehen, so
-war er sein lebelang geneigt, anzunehmen, daß das Ganze nur eine
-Halluzination vor der Erkrankung gewesen sei, zumal er tatsächlich noch
-in derselben Nacht erkrankte und ganze zwei Wochen lang das Bett hüten
-mußte, was denn auch, übrigens sehr zur rechten Zeit, den Gesprächen in
-der Laube ein Ende machte.
-
-Doch ungeachtet seiner Idee von der Halluzination war es dennoch, als
-erwartete er jeden Tag, während der ganzen Jahre, so etwas wie eine
-Fortsetzung und sozusagen Erklärung dieses Geschehnisses. Er glaubte
-nicht, daß es damit auch beendet sei! Und wenn er das nicht glaubte, wie
-sonderbar muß er dann doch manchmal auf seinen »Freund« geschaut haben!
-
-
- V.
-
-Sie hatte sogar das Kostüm für ihn erdacht, das er seitdem beständig
-trug. Es war geschmackvoll und charakteristisch zugleich: ein langer
-schwarzer Rock, fast bis oben zugeknöpft, der aber prachtvoll saß; ein
-weicher Hut (im Sommer aus Stroh) mit breiter Krempe; eine Halsbinde aus
-weißem Batist, mit großem Knoten und hängenden Enden; ein Stock mit
-silbernem Knauf, dazu das Haar fast bis auf die Schultern. Er war
-dunkelblond und erst in der letzten Zeit begann er ein wenig zu
-ergrauen. Den Schnurrbart und Bart rasierte er. Man sagt, in seiner
-Jugend sei er ein überaus schöner Mensch gewesen. Doch meiner Meinung
-nach war er auch im Alter eine ungemein eindrucksvolle Erscheinung. Aber
-kann man denn bei dreiundfünfzig Jahren überhaupt von Alter reden? Doch
-aus einer gewissen »Bürger«-Eitelkeit machte er sich nicht nur nicht
-jünger, sondern war sogar gleichsam stolz auf die Solidität seiner
-Jahre, und in diesem Kostüm, hoch von Wuchs, hager, mit dem langen Haar
-erinnerte er gleichsam an einen Patriarchen, oder noch besser: an das
-Porträt des Dichters Kúkolnik[11], das in den dreißiger Jahren als
-Lithographie in irgendeiner Ausgabe erschien, besonders wenn er im
-Sommer im Garten saß, auf einer Bank unter blühendem Flieder, die Hände
-auf den Stock gestützt, ein aufgeschlagenes Buch neben sich und in
-poetisches Sinnen versunken beim Anblick des Sonnenuntergangs. Übrigens
-in betreff der Bücher muß ich bemerken, daß er in der letzten Zeit das
-Lesen gewissermaßen aufzugeben begann. Aber das geschah doch erst in der
-allerletzten Zeit. Die Zeitungen und Zeitschriften dagegen, die Warwara
-Petrowna in Menge sich zuschicken ließ, die las er beständig. Für die
-Fortschritte der russischen Literatur interessierte er sich gleichfalls
-unausgesetzt, freilich ohne dabei seiner eigenen Würde auch nur das
-geringste zu vergeben. Eine Zeitlang befaßte er sich auch eifrig mit dem
-Studium unserer inneren und äußeren Tagespolitik, doch alsbald gab er
-das resigniert wieder auf. Es kam aber auch anderes vor: daß er z. B.
-einen Band Tocqueville in den Garten mitnahm, in seiner Rocktasche aber
-einen Paul de Kock versteckt hatte. Doch das sind übrigens
-Belanglosigkeiten.
-
-Zu dem Porträt von Kúkolnik möchte ich hier nur in Klammern bemerken:
-daß dieses Bild Warwara Petrowna zum erstenmal in die Hände geraten war,
-als sie noch in Moskau in einem adeligen Mädchenpensionat erzogen wurde.
-Sie verliebte sich sofort in dieses Bild, nach der Gewohnheit sämtlicher
-jungen Mädchen in Pensionaten, die sich nun einmal in alles zu verlieben
-pflegen, was ihnen nur zu Gesichte kommt, aber zugleich auch in ihre
-Lehrer, und zwar vornehmlich in die der Schönschreibe- und Zeichenkunst.
-Im vorliegenden Fall jedoch war das Bemerkenswerte nicht diese
-Eigenschaft junger Mädchen, sondern lediglich der Umstand, daß Warwara
-Petrowna die erwähnte Lithographie noch im fünfzigsten Lebensjahr unter
-ihren teuersten Kostbarkeiten aufbewahrte, also vielleicht nur deshalb
-auch für Stepan Trophimowitsch jenes besondere Kostüm erdacht hatte, das
-dem auf diesem Bilde dargestellten zum Teil so ähnlich war. Aber auch
-das ist natürlich nur eine Nebensache.
-
-In den ersten Jahren oder, genauer gesagt, in der ersten Hälfte seines
-Aufenthalts bei Warwara Petrowna hatte Stepan Trophimowitsch immer noch
-an schriftstellerische Tätigkeit gedacht und sich eigentlich jeden Tag
-ernstlich vorgenommen, mit dem Werk, das ihm vorschwebte, zu beginnen.
-In der zweiten Hälfte aber begann er offenbar, die früheren Vorstudien
-schon zu vergessen. Immer häufiger sagte er zu uns: »Man sollte meinen,
-jetzt könnte ich mit der Arbeit beginnen, das Material ist
-zusammengetragen, und doch entsteht nichts! Es will einfach nicht in mir
-arbeiten!« und wehmütig ließ er den Kopf hängen. Zweifellos sollte
-gerade das ihn in unseren Augen noch mehr erhöhen, ihn als einen
-Märtyrer der Wissenschaft hinstellen; aber im Grunde und für sich selbst
-verlangte ihn doch nach etwas anderem. »Man hat mich vergessen, niemand
-braucht mich!« entrang es sich ihm mehr als einmal. Diese gesteigerte
-Schwermut bemächtigte sich seiner besonders ganz am Ende der fünfziger
-Jahre. Warwara Petrowna begriff schließlich, daß die Sache ernst war.
-Zudem konnte auch sie den Gedanken nicht ertragen, daß ihr Freund
-vergessen sei und niemand ihn brauche. Um ihn zu zerstreuen, aber
-zugleich auch um seinen Ruhm zu erneuen, reiste sie damals mit ihm nach
-Moskau, wo sie mit einigen tadellosen Vertretern der Literaten- und
-Gelehrtenwelt bekannt war; doch es erwies sich, daß auch Moskau nicht
-zufriedenstellen konnte.
-
-Es war damals eine besondere Zeit[12]; etwas Neues brach an, etwas, das
-der vorhergegangenen Stille schon gar zu unähnlich war, etwas schon gar
-zu Seltsames, das jedoch überall gespürt wurde, selbst in Skworeschniki.
-Verschiedene Gerüchte drangen auch dorthin. Die Tatsachen waren ja im
-allgemeinen mehr oder weniger bekannt, aber es war klar, daß außer den
-Tatsachen noch eigentümliche sie begleitende Ideen aufzutauchen
-begannen, und zwar, was das Wichtigste war, Ideen in außergewöhnlicher
-Menge. Gerade das aber wirkte verwirrend: es war ganz und gar unmöglich,
-sich ein Urteil zu bilden und genau zu erfahren, was diese Ideen
-eigentlich bezweckten. Warwara Petrowna wollte, infolge der weiblichen
-Konstruktion ihrer Natur, unbedingt ein Geheimnis in ihnen verborgen
-wissen. Sie begann nun zunächst selber die Zeitungen und Zeitschriften
-zu lesen, dazu ausländische verbotene Ausgaben und sogar die damals
-aufkommenden Proklamationen (alles das wurde ihr zugestellt); doch ihr
-wurde davon nur schwindlig. Sie begann dann Briefe zu schreiben; man
-antwortete ihr wenig und je weiter man ging, um so unverständlicher
-wurde es. Stepan Trophimowitsch ward darauf feierlichst von ihr gebeten,
-ihr »alle diese Ideen« ein für allemal zu erklären; doch seine
-Erklärungen befriedigten sie entschieden nicht. Der Standpunkt, von dem
-aus Stepan Trophimowitsch die allgemeine Bewegung beurteilte, war ein im
-höchsten Grade hochmütiger; bei ihm lief alles darauf hinaus, daß man
-ihn vergessen habe und niemand ihn brauche. Da aber geschah es, daß man
-sich schließlich auch seiner erinnerte; zuerst in ausländischen
-Zeitschriften[13] als eines verbannten Märtyrers, und danach sofort auch
-in Petersburg, als eines ehemaligen Sternes in einem bekannten
-Sternbilde; man verglich ihn aus irgendeinem Grunde sogar mit
-Radischtscheff[14]. Darauf schrieb jemand in einer Zeitung, er sei
-bereits gestorben, und stellte einen Nekrolog über ihn in Aussicht.
-Stepan Trophimowitsch belebte sich nach diesen Erwähnungen seines Namens
-im Nu wie ein Auferstandener, und nahm eine höchst würdevolle Haltung
-an. Der ganze Hochmut in seinem bisherigen Verhalten gegenüber den
-Zeitgenossen fiel im Handumdrehen von ihm ab und statt dessen erglühte
-in ihm der Wunsch: sich der Bewegung anzuschließen und seine Kraft zu
-zeigen. Warwara Petrowna begann sofort von neuem und an alles zu glauben
-und war ganz Eifer für die Sache. Es wurde beschlossen, ohne den
-geringsten Aufschub nach Petersburg zu reisen, alles an Ort und Stelle
-in Erfahrung zu bringen, persönlich zu ergründen, und sich hinfort,
-falls angängig, ganz und ungeteilt der neuen Aufgabe zu widmen. Unter
-anderem erklärte sie sich bereit, eine eigene Zeitschrift zu gründen und
-dieser von nun an ihr ganzes Leben zu weihen. Als Stepan Trophimowitsch
-sah, wieweit es gekommen war, wurde er noch selbstbewußter, und begann
-bereits unterwegs, sich zu Warwara Petrowna fast gönnerhaft zu
-verhalten, -- was sie sich sofort merkte und in ihrem Herzen aufhob.
-Übrigens hatte sie noch einen anderen sehr wichtigen Grund zu dieser
-Reise, nämlich die Erneuerung ihrer Beziehungen zu den höheren Kreisen.
-Man mußte sich, soweit das möglich war, in der Gesellschaft wieder in
-Erinnerung bringen, mußte wenigstens den Versuch machen. Doch offiziell
-war der Anlaß zu dieser Reise ein Wiedersehen mit ihrem einzigen Sohn,
-der damals seine Studien im Petersburger Adelslyzeum beendete.
-
-
- VI.
-
-Sie trafen in Petersburg ein und verlebten dort fast die ganze
-Wintersaison. Allein zu den großen Fasten platzte alles wie eine
-regenbogenfarbene Seifenblase. Die Illusionen verflogen, der geschwatzte
-Unsinn aber klärte sich nicht nur nicht auf, sondern wurde noch
-widerlicher. Doch zunächst: die Wiederanknüpfung der höheren Beziehungen
-gelang fast gar nicht, oder nur in äußerst mikroskopischem Maße, und
-selbst das nur mittels erniedrigender Bemühungen. Die gekränkte Warwara
-Petrowna stürzte sich darauf ganz in die »neuen Ideen« und eröffnete
-Abende in ihrem Salon. Sie lud Literaten ein und man führte ihr die
-sogleich in Menge zu. Alsbald kamen sie schon von selbst auch
-uneingeladen; einer brachte den anderen mit. Sie hatte noch nie solche
-Literaten gesehen. Eitel waren sie bis zur Unglaublichkeit, aber sie
-waren es ganz offen und ungeniert, wie wenn sie damit eine Pflicht
-erfüllten. Manche (wenn auch längst nicht alle) erschienen sogar in
-betrunkenem Zustande, aber auch das geschah in einer Weise, als wären
-sie sich dabei einer besonderen, erst gestern darin entdeckten Schönheit
-bewußt. Alle waren sie auf irgendetwas bis zur Seltsamkeit stolz. Auf
-allen Gesichtern stand geschrieben, daß sie überzeugt waren, soeben erst
-ein ungeheuer wichtiges Geheimnis entdeckt zu haben. Den Gebrauch von
-Schimpfworten rechneten sie sich offenbar zur Ehre an. Was sie alle
-eigentlich geschrieben hatten, war ziemlich schwer zu erfahren; aber es
-gab da Kritiker, Romanschriftsteller, Dramatiker, Satiriker, Polemiker.
-Stepan Trophimowitsch drang sogar in ihren höchsten Kreis ein, von wo
-aus die ganze Bewegung geleitet wurde. Bis zu diesen Regierenden war es
-unglaublich hoch, doch ihm kamen sie bereitwillig entgegen, obschon
-natürlich kein einziger von ihnen etwas Näheres über ihn wußte oder
-gehört hatte, außer daß er eine »Idee vertrete«. Er manövrierte dann so
-um sie herum, daß er auch sie bewog, etwa zwei- oder dreimal in Warwara
-Petrownas Salon zu erscheinen, trotz all ihrer olympischen Erhabenheit.
-Diese Herren waren sehr ernst und sehr höflich; benahmen sich gut; die
-übrigen hatten sichtlich Furcht vor ihnen; aber man sah ihnen an, daß
-sie keine Zeit hatten. Es erschienen auch zwei oder drei ehemalige
-literarische Berühmtheiten, die sich damals zufällig in Petersburg
-aufhielten, und mit denen Warwara Petrowna schon lange die feinsten
-Beziehungen unterhielt. Doch zu Warwara Petrownas Verwunderung waren
-diese wirklichen und bereits zweifellosen Berühmtheiten unter ihren
-Gästen stiller als Wasser, niedriger als Gras, manche aber von ihnen
-schmiegten sich an dieses neue Gesindel geradezu an und suchten sich
-schmählicherweise bei ihm einzuschmeicheln. Anfangs hatte Stepan
-Trophimowitsch Glück; man griff sofort nach ihm und begann ihn in
-öffentlichen literarischen Veranstaltungen zur Schau zu stellen. Als er
-an einem öffentlichen literarischen Abende zum erstenmal als einer der
-Vortragenden die Rednerbühne betrat, begrüßte ihn rasendes
-Händeklatschen, das gute fünf Minuten lang andauerte. Neun Jahre später
-gedachte er dieses Abends mit Tränen in den Augen, -- übrigens mehr
-infolge seiner Künstlernatur als aus Dankbarkeit. »Ich schwöre Ihnen und
-wette darauf,« sagte er zu mir (aber nur zu mir und als tiefstes
-Geheimnis), »daß unter diesem ganzen Publikum niemand auch nur das
-geringste von mir wußte!« Ein beachtenswertes Geständnis: also war in
-ihm doch ein scharfer Verstand, wenn er schon damals auf der
-Rednerbühne, trotz seines Rausches, seine wirkliche Stellung so klar zu
-erkennen vermochte; und andererseits war doch wiederum kein scharfer
-Verstand in ihm, wenn er sogar nach neun Jahren nicht ohne die
-Empfindung einer Kränkung daran zurückdenken konnte. Unter anderem
-veranlaßte man ihn, zwei oder drei Kollektivproteste (wogegen -- das
-wußte er selbst nicht) gleichfalls zu unterschreiben; jedenfalls tat
-er's. Auch Warwara Petrowna wurde zur Hergabe ihres Namens veranlaßt,
-und auch sie unterschrieb einen Protest gegen irgendein »schändliches
-Verhalten«. Übrigens hielt sich die Mehrzahl dieser neuen Leute aus
-irgendeinem Grunde für verpflichtet, auf Warwara Petrowna, wenn sie auch
-ihre Abende besuchten, doch mit Verachtung und unverhohlenem Spott
-herabzusehen. Stepan Trophimowitsch deutete mir gegenüber später in
-bitteren Augenblicken an, daß sie in eben jener Zeit begonnen habe, ihn
-zu beneiden. Sie begriff natürlich, daß diese Leute kein Umgang für sie
-waren, aber trotzdem empfing sie sie bei sich mit eigensinnigem Eifer,
-mit aller weiblich-hysterischen Ungeduld, und hörte vor allem nicht auf,
-etwas zu erwarten. An den Abenden in ihrem Salon sprach sie wenig,
-obschon sie zu sprechen verstanden hätte; aber sie hörte um so
-aufmerksamer zu. Man sprach über alles Mögliche: von der Abschaffung der
-Zensur und des Buchstabens Jerr als harten Endzeichens, von der
-Ersetzung der russischen Schriftzeichen durch lateinische, sprach über
-die Tags zuvor erfolgte Verschickung irgend jemandes nach Sibirien, über
-einen Skandal, der sich in der Passage zugetragen, über die Vorteile
-einer Aufteilung Rußlands nach seinen Völkerschaften, unter freiem
-föderativem Zusammenschluß, über die Abschaffung des Heeres und der
-Flotte, über die Wiederherstellung Polens bis zum Dnjepr, über die
-Bauernbefreiung und die Proklamationen, über die Abschaffung des
-Erbrechts, der Familie, der Kinder und der Geistlichen, über die
-Frauenrechte, über das Haus des Verlegers Krajewski, das niemand Herrn
-Krajewski verzeihen konnte, usw. usw. Es war klar, daß sich in dieser
-Kohorte der neuen Menschen viele Spitzbuben befanden, aber zweifellos
-gab es auch viele ehrliche, sogar sehr anziehende Menschen unter ihnen,
-trotz gewisser wunderlicher Nuancen. Die ehrlichen waren viel
-unverständlicher als die unehrlichen und frechen; aber es ließ sich
-nicht feststellen, welche Art die andere in der Hand hatte. Als Warwara
-Petrowna ihre Absicht, eine Zeitschrift herauszugeben, ausgesprochen
-hatte, strömten noch viel mehr Leute herbei. Doch sofort hagelten ihr
-auch schon Beschuldigungen ins Gesicht, sie sei eine Kapitalistin und
-beute die Arbeitenden aus. Der Unverfrorenheit der Anklagen kam nur ihre
-Unverhofftheit gleich. Da geschah es aber, daß der hochbetagte General
-Iwan Iwanowitsch Drosdoff, der ehemalige Freund und Regimentskamerad des
-verstorbenen Generals Stawrogin, ein überaus ehrenwerter Mann (in seiner
-Art) und den wir hier alle gekannt haben, ein bis zum Äußersten
-starrköpfiger und reizbarer Mensch, der entsetzlich viel zu essen
-pflegte und den Atheismus über alles fürchtete, -- daß dieser General an
-einem der Abende bei Warwara Petrowna mit einem berühmten Jüngling in
-Streit geriet. Und schon nach den ersten Worten warf ihm dieser ins
-Gesicht: »Wenn das wirklich Ihre Ansicht ist, dann sind Sie ja ein
-General,« in dem Sinne, als könne er ein noch stärkeres Schimpfwort als
-die Bezeichnung »General« nicht finden. Iwan Iwanowitsch brauste maßlos
-auf: »Jawohl, mein Herr, ich bin ein General und Generalleutnant und
-habe _meinem_ Kaiser gedient, du aber, mein Bester, bist nur ein Bengel
-und ein Gottesleugner!« Es kam zu einem höchst unstatthaften Skandal. Am
-anderen Tage wurde der Fall in der Presse entsprechend behandelt, und
-man begann Unterschriften zu einem Kollektivprotest gegen Warwara
-Petrownas »schändliches Verhalten« zu sammeln, da sie dem General nicht
-hatte die Tür weisen wollen, was sie sofort hätte tun müssen. Und in
-einem illustrierten Blatt erschien eine Karikatur, die Warwara Petrowna,
-den General und Stepan Trophimowitsch boshaft als drei reaktionäre
-Freunde darstellte; dem Bilde waren auch Verse beigefügt, die der
-»Dichter aus dem Volk« eigens zu diesem Ereignis verfaßt hatte. Ich
-bemerke hierzu von mir aus, daß allerdings viele Personen im
-Generalsrang die Gewohnheit haben, komischerweise zu sagen: »Ich habe
-_meinem_ Kaiser gedient« ... also ganz als hätten sie nicht denselben
-Kaiser wie wir einfachen Untertanen des Zaren, sondern einen eigenen,
-besonderen für sich.
-
-Natürlich war es danach nicht möglich, noch länger in Petersburg zu
-bleiben, zumal auch Stepan Trophimowitsch endgültig Fiasko machte. Er
-hatte es schließlich doch nicht ausgehalten und von den Rechten der
-Kunst zu reden begonnen, da aber war das Lachen über ihn noch lauter
-geworden. Bei seinem letzten Vortrag gedachte er durch kulturfordernde
-Redekunst zu wirken, da er sich einbildete, damit die Herzen rühren zu
-können, doch rechnete er gleichzeitig auf den Respekt vor seinem
-Märtyrertum als »Verbannter«. So gab er denn die Wertlosigkeit und
-Lächerlichkeit des Wortes »Vaterland« ohne weiteres zu, erklärte sich
-auch mit dem Gedanken, daß die Religion schädlich sei, einverstanden,
-doch dafür verkündete er laut und mit Entschlossenheit, daß Stiefel
-etwas Geringeres seien als Puschkin, und zwar etwas bedeutend
-Geringeres. Er wurde erbarmungslos ausgepfiffen, so daß er auf der
-Stelle, vor dem ganzen Publikum, ohne von der Rednerbühne
-hinabzusteigen, in Tränen ausbrach. Warwara Petrowna brachte ihn halbtot
-nach Hause. »_On m'a traité comme un vieux bonnet de coton!_«{[1]} soll
-er nur noch wie benommen gestammelt haben. Sie pflegte ihn die ganze
-Nacht, gab ihm Kirschlorbeertropfen und tröstete ihn unentwegt bis zum
-Morgen mit den Versicherungen: »Sie sind noch wertvoll, Ihre Stunde wird
-noch kommen, man wird Sie anerkennen ... an einem anderen Ort.«
-
-Am folgenden Tage aber erschienen bei Warwara Petrowna bereits früh
-morgens fünf Literaten, von denen ihr drei ganz unbekannt waren, ja die
-sie noch nie auch nur gesehen hatte. Mit strenger Miene teilten sie ihr
-mit, sie hätten die Angelegenheit der von ihr geplanten Zeitschrift
-geprüft und in der Sache einen Beschluß gefaßt. Warwara Petrowna hatte
-entschieden niemanden beauftragt, diese Angelegenheit zu prüfen und über
-ihre Zeitschrift etwas zu beschließen. Der Beschluß bestand darin, daß
-Warwara Petrowna, nachdem sie die Zeitschrift gegründet, diese
-unverzüglich mitsamt dem Kapital ihnen zu übergeben habe, mit den
-Rechten einer freien Handelsgesellschaft; sie selbst aber solle nach
-Skworeschniki zurückkehren und nicht vergessen, Stepan Trophimowitsch
-mitzunehmen, der mit seinen Anschauungen »veraltet« sei. Aus Zartgefühl
-erklärten sie sich bereit, ihr das Eigentumsrecht zuzuerkennen und ihr
-alljährlich ein Sechstel des Gewinnes zuzusenden. Das Rührendste war
-dabei, daß von diesen fünf Menschen vier ganz gewiß nicht die geringste
-eigennützige Absicht hatten und nur um der »allgemeinen Sache« willen
-diese Mühe auf sich nahmen.
-
-»Wir waren wie betäubt, als wir abfuhren,« erzählte Stepan
-Trophimowitsch, »ich konnte noch überhaupt nichts fassen, und ich
-erinnere mich, zum Rattern der Räder murmelte ich immer nur vor mich
-hin: >Wjek, Wjek, Wjek ... Ljeff Kambeck--beck--beck ... Wjek, Wjek,
-Wjek ...<[15] und der Teufel weiß was noch alles, bis wir in Moskau
-eintrafen. Erst in Moskau kam ich wieder zu mir -- als hätte ich dort
-tatsächlich etwas anderes gefunden? Oh, meine Freunde!« rief er vor uns
-manchmal ergriffen aus, »Sie können sich ja gar nicht vorstellen, welch
-eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele erfüllen, wenn die
-große Idee, die Sie schon lange heilig halten, von Unwissenden
-aufgegriffen und zu ebensolchen Dummköpfen, wie jene selbst sind, auf
-die Straße hinausgeschleppt wird, und plötzlich begegnet man ihr schon
-auf dem Trödelmarkt, wo sie kaum wiederzuerkennen ist, im Schmutz,
-unsinnig aufgestellt, schief, ohne jede Proportion, ohne Harmonie, als
-Spielzeug dummer Kinder! Nein! Zu unserer Zeit war es nicht so, unser
-Streben ging nicht nach der Richtung. Nein, nein, ganz und gar nicht
-nach der Richtung. Ich erkenne nichts wieder ... Aber unsere Zeit wird
-von neuem anbrechen und wird alles Wackelnde, Gegenwärtige wieder auf
-den festen Weg lenken. Denn was sollte sonst wohl werden? ...«
-
-
- VII.
-
-Gleich nach ihrer Rückkehr aus Petersburg schickte Warwara Petrowna
-ihren Freund ins Ausland: »zur Erholung«; aber es tat auch not, daß sie
-sich für einige Zeit voneinander trennten, das fühlte sie. Stepan
-Trophimowitsch fuhr mit Entzücken ab. »Dort werde ich auferstehen!« rief
-er aus, »dort werde ich mich nun endlich der Wissenschaft zuwenden!«
-Doch schon in den ersten Briefen aus Berlin begann wieder das alte Lied:
-»Mein Herz ist zerrissen,« schrieb er an Warwara Petrowna, »ich kann
-nichts vergessen! Hier in Berlin hat mich alles an das Alte erinnert, an
-die Vergangenheit, an die ersten Begeisterungen und die ersten Qualen.
-Wo ist sie? Wo seid ihr jetzt beide? Wo seid ihr, meine beiden Engel,
-deren ich niemals wert war? Und wo ist mein Sohn, mein geliebter Sohn?
-Und schließlich, wo bin ich, ich selbst, wo ist mein früheres Ich, das
-stählern an Kraft und wie ein Fels unerschütterlich war, während jetzt
-irgendein Andrejeff, _c'est à dire un_ rechtgläubiger Narr mit einem
-Bart, _peut briser mon existence en deux_«{[2]} usw. usw. Was diesen
-Sohn betrifft, so ist hierzu zu bemerken, daß er ihn in seinem ganzen
-Leben nur zweimal gesehen hatte: das erstemal, als der Sohn geboren
-wurde, und das zweitemal gerade jetzt in Petersburg, wo der junge Mann
-sich zum Eintritt in die Universität vorbereitete. Erzogen worden war
-der Knabe, wie bereits erwähnt, von Tanten im Gouvernement O..., 700
-Werst von Skworeschniki (auf Warwara Petrownas Kosten). Und was den
-erwähnten Andrejeff betrifft, so war das ganz einfach unser hiesiger
-Kaufmann, ein Ladenbesitzer, ein großer Sonderling, archäologischer
-Autodidakt und leidenschaftlicher Sammler russischer Altertümer, der
-manchmal Stepan Trophimowitsch in Kenntnissen zu überbieten suchte, doch
-vor allem über Gesinnungsfragen mit ihm debattierte. Dieser achtbare
-Kaufmann mit grauem Bart und in Silber gefaßter großer Brille schuldete
-Stepan Trophimowitsch noch 400 Rubel für einige Dessjätinen Wald, die er
-auf dessen kleinem (an Skworeschniki grenzenden) Gute zum Abholzen
-gekauft hatte. Obschon nun Stepan Trophimowitsch von Warwara Petrowna
-fast verschwenderisch mit Mitteln zu dieser Reise ausgestattet worden
-war, hatte er auf diese 400 Rubel doch noch besonders gerechnet,
-wahrscheinlich für seine geheimen Ausgaben, und er war fast in Tränen
-ausgebrochen, als Andrejeff ihn bat, sich noch einen Monat zu gedulden.
-Übrigens hatte Andrejeff durchaus ein Anrecht auf einen solchen
-Aufschub, da er die ersten Raten alle fast ein halbes Jahr vor dem
-Termin bezahlt hatte, weil das Geld damals von Stepan Trophimowitsch
-gerade dringend benötigt worden war. Jenen ersten Brief Stepan
-Trophimowitschs aus Berlin las Warwara Petrowna mit Spannung,
-unterstrich mit dem Bleistift den Ausruf »Wo seid ihr jetzt beide?«
-versah den Brief mit dem Datum und verschloß ihn in die Schatulle. Er
-hatte natürlich an seine beiden verstorbenen Frauen gedacht. In dem
-zweiten Brief aus Berlin gab es eine Variation des Liedes: »Ich arbeite
-täglich zwölf Stunden,« (»wenn er doch wenigstens elf geschrieben
-hätte,« murmelte Warwara Petrowna), »stöbere in den Bibliotheken umher,
-vergleiche, mache Auszüge, scheue keinen Weg; war bei den Professoren.
-Habe die Bekanntschaft mit der reizenden Familie Dundassoff erneuert.
-Wie entzückend Nadjéshda Nikolájewna selbst jetzt noch ist! Sie läßt Sie
-grüßen. Ihr junger Gatte und alle drei Neffen sind gleichfalls in
-Berlin. Abends Unterhaltung mit der Jugend, meist bis zum Morgengrauen;
-unsere Nächte sind nahezu attisch, jedoch natürlich nur was Feinheit und
-Geschmack anlangt; alles Höhere; viel Musik, spanische Motive, Pläne
-einer Erneuerung der Menschheit, die Idee der ewigen Schönheit,
-sixtinische Madonna, Licht mit Durchbrüchen der Finsternis, aber auch
-die Sonne hat Flecken! Oh, mein Freund, Sie mein edler, treuer Freund!
-Mit meinem Herzen bin ich bei Ihnen und der Ihrige; mit Ihnen allein
-ginge ich überall hin, _en tout pays_, und wäre es selbst _dans le pays
-de Makar et de ses veaux_,{[3]} von welchem Lande wir in Petersburg vor
-unserer Abreise, Sie erinnern sich wohl noch, so zitternd gesprochen
-haben. Denke jetzt lächelnd daran zurück. Als ich die Grenze
-überschritten hatte, fühlte ich mich in Sicherheit, ein seltsames, neues
-Empfinden, zum erstenmal nach so langen Jahren ...« usw. usw.
-
-»Alles Unsinn!« urteilte Warwara Petrowna, indem sie auch diesen Brief
-zu den anderen legte. »Wenn sie bis zum Morgenrot attische Nächte
-verleben, dann wird er doch nicht zwölf Stunden über den Büchern sitzen.
-War er etwa betrunken, als er das schrieb? Was fällt dieser Dundassowa
-ein, mich grüßen zu lassen? Übrigens, mag er sich amüsieren ...«
-
-Der Satz »_dans le pays de Makar et de ses veaux_« sollte bedeuten:
-»wohin Makar die Kälber nicht getrieben hat«[16]. Stepan Trophimowitsch
-übersetzte manchmal auf die verdrehteste Weise russische Sprichwörter
-und Redensarten ins Französische, obschon er sie zweifellos besser zu
-deuten und zu übersetzen verstanden hätte; aber er tat das aus Vorliebe
-zu einer gewissen Nonchalance und fand es witzig.
-
-Doch von dem »Amüsieren« hatte er bald genug, nicht einmal vier Monate
-hielt er es aus und kam nach Skworeschniki zurückgeflogen. Seine letzten
-Briefe bestanden fast ausschließlich aus Ergüssen der gefühlvollsten
-Liebe zu seinem »abwesenden Freunde«, und waren buchstäblich von Tränen
-der Sehnsucht verwischt. Es gibt Naturen, die außerordentlich am Hause
-hängen, ganz wie die Stubenhündchen. Das Wiedersehen der Freunde war
-eine freudige Hochspannung. Nach zwei Tagen aber verlief alles wieder
-nach alter Art, und sogar noch langweiliger als früher. »Mein Freund,«
-sagte Stepan Trophimowitsch nach vierzehn Tagen zu mir, aber als größtes
-Geheimnis, »mein Freund, ich habe etwas für mich furchtbar ... Neues
-entdeckt: _Je suis un_ einfacher Schmarotzer _et rien de plus! Mais
-r--r--rien de plus!_«{[4]}
-
-
- VIII.
-
-Darauf trat eine stille Zeit ein und dauerte fast diese ganzen neun
-Jahre. Die hysterischen Ausbrüche mit dem Geschluchze an meiner Schulter
-wiederholten sich zwischendurch zwar regelmäßig, störten aber sonst
-keineswegs unser Wohlbehagen. Ich wundere mich eigentlich nur, daß
-Stepan Trophimowitsch in dieser Zeit nicht dick wurde. Nur seine Nase
-rötete sich ein wenig und seine Großmut nahm noch zu. Allmählich bildete
-sich um ihn ein Kreis von Freunden, der übrigens immer klein blieb.
-Warwara Petrowna kümmerte sich wohl nur wenig um diesen Kreis, aber wir
-erkannten sie doch alle als unsere Patronesse an. Nach der Petersburger
-Enttäuschung hatte sie sich endgültig in unserem Gouvernement
-niedergelassen: im Winter lebte sie in ihrem großen Hause in der Stadt,
-im Sommer draußen auf ihrem Gute. Nie vorher hatte sie eine solche
-gesellschaftliche Bedeutung und soviel Einfluß gehabt, wie in diesen
-Jahren, das heißt, bis zur Ernennung des neuen, unseres jetzigen
-Gouverneurs. Dessen Vorgänger dagegen, der unvergeßliche, weiche Iwan
-Ossipowitsch, war mit ihr nah verwandt, und nicht umsonst hatte sie ihm
-manche Wohltat erwiesen. Seine Frau zitterte geradezu bei dem Gedanken,
-sie könne Warwara Petrowna irgendwie mißfallen, und so grenzte denn,
-nach ihrem Beispiel, die Ehrerbietung der städtischen Kreise vor Warwara
-Petrowna fast schon an sündhaften Götzendienst. Bei solchen Zuständen
-hatte es natürlich auch Stepan Trophimowitsch gut. Er war Mitglied des
-Klubs, verlor würdevoll im Kartenspiel und erwarb sich die allgemeine
-Achtung, wenn auch viele in ihm nur einen »Gelehrten« sahen. Späterhin,
-als Warwara Petrowna ihm eine eigene Wohnung zu beziehen gestattete, war
-unser Verkehr noch zwangloser. Wir versammelten uns etwa zweimal
-wöchentlich bei ihm, und dann gab es lustige Abende, besonders wenn er
-mit dem Champagner nicht kargte. Er bezog ihn von dem bereits erwähnten
-Andrejeff und die Rechnungen wurden halbjährlich von Warwara Petrowna
-bezahlt. Der Zahlungstag war dann allerdings fast immer auch ein Tag der
-Cholerine.
-
-Das älteste Mitglied des Freundeskreises war Liputin, ein
-Gouvernementsbeamter in nicht mehr jungen Jahren, sehr liberal; in der
-Stadt galt er für einen Atheisten. Verheiratet war er zum zweiten Male,
-mit einer jungen und sehr netten Frau, die sogar eine Mitgift in die Ehe
-gebracht hatte. Außerdem hatte er drei halberwachsene Töchter. Diese
-ganze Familie hielt er in Gottesfurcht und hinter Schloß und Riegel, war
-sehr geizig und hatte sich von seinem Gehalt ein kleines Haus gekauft
-und sogar ein Kapital erspart. Er war ein unruhiger Mensch, dazu als
-Beamter nur von niedriger Rangklasse; in der Stadt wurde er nicht
-sonderlich geachtet und die bessere Gesellschaft verkehrte nicht mit
-ihm. Überdies war er ein berüchtigtes Klatschmaul und schon mehr als
-einmal dafür bestraft worden, sogar schmerzhaft, das erstemal von einem
-Offizier, ein anderes Mal von einem achtbaren Familienvater und
-Gutsbesitzer. Wir dagegen liebten seinen scharfen Verstand, seine
-Wißbegier, seine eigentümliche boshafte Lustigkeit. Warwara Petrowna
-mochte ihn nicht, aber er verstand es immer irgendwie, sich ihr
-anzupassen.
-
-Auch Schatoff, ein anderer aus diesem Kreise, der jedoch erst im letzten
-Jahre in ihn eintrat, erfreute sich nicht der besonderen Zuneigung
-Warwara Petrownas. Schatoff war früher Student gewesen, war aber nach
-einem Studentenkrawall relegiert worden. Auf die Welt war er noch als
-Warwara Petrownas Leibeigener gekommen, als Sohn ihres verstorbenen
-Kammerdieners Pawel Fjodoroff, weshalb sie sich seiner besonders
-angenommen und ihn als Knaben von Stepan Trophimowitsch hatte
-unterrichten lassen. Sie mochte ihn nicht wegen seines Stolzes und
-seiner Undankbarkeit und konnte es ihm nicht verzeihen, daß er nach
-seiner Relegation nicht sofort nach Skworeschniki zurückgekehrt war. Ja,
-auf ihren eigens deshalb geschriebenen Brief an ihn hatte er seinerzeit
-überhaupt nicht geantwortet, sondern es vorgezogen, in der Familie eines
-gebildeteren Kaufmanns Kinder zu unterrichten und mit ihr ins Ausland zu
-fahren, mehr als Kinderwärter, denn als Erzieher. Zugleich jedoch fuhr
-eine Gouvernante mit, ein junges, lebhaftes russisches Fräulein, und als
-der Kaufmann diese nach zwei Monaten, wegen »freier Anschauungen«
-wegjagte, zog es auch Schatoff vor, sich langsam davon zu machen, ihr
-nach Genf nachzureisen und sich dort mit ihr trauen zu lassen. In Genf
-verlebten sie ungefähr drei Wochen zusammen, dann aber trennten sie
-sich, als freie Menschen, die durch nichts aneinander gebunden waren --
-nicht zuletzt auch deshalb, weil sie kein Geld hatten. Schatoff trieb
-sich darauf noch eine Weile in Europa umher, lebte Gott weiß wovon: man
-sagt, er habe auf der Straße Stiefel geputzt und sei in einer Hafenstadt
-Lastträger gewesen. Schließlich aber kehrte er doch in seine Heimatstadt
-zurück, vor knapp einem Jahre, und zog zu seiner alten Tante, die aber
-bereits nach einem Monat starb. Zu seiner Schwester Dascha, Warwara
-Petrownas Zögling und besonderem Liebling, die bei ihr wie eine
-gesellschaftlich Gleichstehende lebte, hatte er nur seltene und
-entfernte Beziehungen. Unter uns war er immer finster und schweigsam,
-und nur zuweilen, wenn man an seine Überzeugungen rührte, war er von
-einer krankhaften Reizbarkeit und dann sehr unvorsichtig in seinen
-Äußerungen. »Schatoff muß man zuerst anbinden, wenn man mit ihm
-disputieren will,« pflegte Stepan Trophimowitsch zu scherzen; aber er
-liebte ihn. Im Auslande hatte Schatoff einige seiner sozialistischen
-Überzeugungen vollständig geändert und war zum entgegengesetzten Extrem
-übergegangen. Er war eines jener idealen russischen Geschöpfe, die
-plötzlich von irgendeiner starken Idee getroffen und auf der Stelle
-gleichsam zu Boden gedrückt werden von ihrer Schwere, manchmal sogar für
-immer. Sie sind niemals imstande, mit ihr fertig zu werden, sondern
-beginnen sogleich leidenschaftlich an sie zu glauben, und so vergeht
-dann ihr ganzes Leben wie in den letzten Krämpfen unter einem auf ihnen
-lastenden Steine, der sie halbwegs schon erdrückt hat. Schatoffs Äußeres
-entsprach vollkommen seinen Überzeugungen: er war plump, blond, stark
-behaart, von niedrigem Wuchs, mit breiten Schultern, hatte dicke Lippen,
-sehr dichte, überhängende, weißblonde Augenbrauen, eine finstere Stirn,
-unfreundlichen, hartnäckig gesenkten, und sich gleichsam wegen
-irgendetwas schämenden Blick. Sein Haupthaar bildete an einer Stelle
-einen Büschel, der sich um keinen Preis ankämmen ließ und daher immer in
-die Höhe stand. Er war ungefähr sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt.
-»Ich wundere mich nicht mehr darüber, daß seine Frau von ihm weggelaufen
-ist,« meinte Warwara Petrowna einmal, nachdem sie ihn aufmerksam
-gemustert hatte. Dabei bemühte sich Schatoff, trotz seiner großen Armut,
-wenigstens immer sauber gekleidet zu sein. Nach seiner Rückkehr hatte er
-Warwara Petrowna wieder nicht um Unterstützung gebeten, sondern sich
-durchgeschlagen, so gut es eben gehen wollte; er arbeitete bei
-Kaufleuten oder sonstwie. Einmal saß er in einem Laden; darauf sollte er
-als Gehilfe des Transportführers mit einem Frachtschiff wegfahren, aber
-da erkrankte er kurz vor der Abfahrt. Man kann sich kaum eine
-Vorstellung davon machen, welch einen Grad von Armut Schatoff zu
-ertragen fähig war, und sogar ohne es zu merken. Nach der Krankheit
-übersandte ihm Warwara Petrowna heimlich und ungenannt hundert Rubel. Er
-erfuhr aber schließlich, von wem die Summe stammte, sann lange nach,
-nahm sie dann doch an und ging geraden Weges zu Warwara Petrowna, um
-sich bei ihr zu bedanken. Sie empfing ihn herzlich, aber auch diesmal
-enttäuschte er schmählich ihre Erwartungen: er saß ihr nur fünf Minuten
-gegenüber, schwieg fast die ganze Zeit, sah zu Boden, lächelte blöde,
-und plötzlich, gerade an der interessantesten Stelle des Gesprächs,
-stand er auf, machte eine schiefe und ungeschickte Verbeugung, schämte
-sich dabei zu Tode und -- krach! hinter ihm lag Warwara Petrownas
-kostbares und kunstvolles Nähtischchen zerschlagen am Boden, und
-Schatoff verließ das Zimmer mehr tot als lebendig. Liputin tadelte ihn
-wegen der ganzen Geschichte heftig: einmal, weil er die hundert Rubel
-von seiner früheren Herrin und Despotin nicht mit Verachtung
-zurückgewiesen hatte und dann, weil er auch noch zur Danksagung
-hingegangen war. Schatoff wohnte am äußersten Ende der Stadt und er sah
-es nicht gern, wenn ihn jemand, selbst von uns, besuchte. Zu den Abenden
-bei Stepan Trophimowitsch erschien er regelmäßig und lieh dann Bücher
-und Zeitungen von ihm.
-
-Ein anderer aus unserem Kreise, ein gewisser Wirginski, erinnerte,
-obgleich er scheinbar in allem Schatoffs vollständiges Gegenteil war,
-innerlich doch sehr an ihn. Es war das ein hiesiger Beamter, gleichfalls
-ein »Ehemann«, ein bedauernswerter junger Mensch von schon dreißig
-Jahren, mit bedeutenden Kenntnissen, die er größtenteils auf
-autodidaktischem Wege erworben hatte. Auch Wirginski war arm, dabei
-verheiratet, und obendrein noch gezwungen, Tante und Schwester seiner
-Frau zu ernähren. Diese drei Damen teilten die allerneuesten
-Anschauungen, nur daß sie bei ihnen etwas vulgär herauskamen, gleich
-»auf die Straße geschleppten Ideen«, wie sich Stepan Trophimowitsch
-einmal bei einem anderen Anlaß ausdrückte. Sie schöpften alles aus
-Büchern und waren jederzeit bereit, alles, was noch irgendwie unmodern
-war, zum Fenster hinaus zu werfen -- wenn nur aus den fortschrittlichen
-Winkeln der Hauptstädte das zu tun angeraten wurde. Madame Wirginskaja
-hatte als Mädchen lange in Petersburg gelebt; jetzt war sie Hebamme in
-unserer Stadt. Wirginski selbst war ein Mensch von seltener
-Herzensreinheit, und nie in meinem Leben habe ich eine ehrlichere
-Begeisterung gesehen. »Niemals, niemals werde ich von diesen lichten
-Hoffnungen lassen,« sagte er zu mir mit leuchtenden Augen. Von diesen
-»lichten Hoffnungen« sprach er stets nur leise mit Wonnegefühl und
-flüsternd, wie von einem Geheimnis. Er war ziemlich hoch von Wuchs, aber
-sehr dünn und schmal in den Schultern, blaß, mit sehr spärlichem, leicht
-rötlichem Haar. Den oft recht hochmütigen Spott Stepan Trophimowitschs
-über die eine oder andere seiner Meinungen ertrug er sanftmütig, doch
-zuweilen widersprach er ihm sehr ernst und setzte ihn durch seine
-Einwände in Verlegenheit. Im übrigen ging Stepan Trophimowitsch
-freundlich mit ihm um, ja und überhaupt verhielt er sich zu uns allen
-väterlich.
-
-»Alle seid ihr von den >unausgebrüteten<,« bemerkte er einmal scherzhaft
-zu Wirginski, »wenn ich auch gerade an Ihnen, Wirginski, nicht diese
-Be--schränkt--heit bemerkt habe, wie ich sie in Petersburg _chez ces
-séminaristes_{[5]} angetroffen; aber trotzdem sind Sie unausgebrütet.
-Schatoff möchte furchtbar gern ausgebrütet sein, aber auch er ist
-unausgebrütet.«
-
-»Und ich?« fragte Liputin.
-
-»Sie, -- Sie sind einfach die goldene Mitte, die sich überall einlebt
-... auf ihre Art.« Liputin schwieg gekränkt.
-
-Man erzählte sich von Wirginski, und leider war es nur zu glaubwürdig,
-was man sich erzählte, seine Frau habe ihm bereits nach dem ersten Jahr
-ihrer Ehe eines schönen Tages mitgeteilt, daß er von nun an abgesetzt
-sei, und daß ein gewisser Herr Lebädkin seine Stelle einnehmen werde.
-Dieser Herr Lebädkin, ein Zugereister, stellte sich später als eine sehr
-fragwürdige Erscheinung heraus, die vor allem nicht das geringste Recht
-auf den sich selber beigelegten Titel eines Hauptmanns a. D. hatte. Was
-er verstand, das war lediglich den Schnurrbart zu drehen, zu trinken und
-den größten Unsinn zu schwatzen. Er war dabei taktlos genug, sofort zu
-Wirginskis überzusiedeln, freute sich hier vor aller Welt des freien
-Tisches und begann zu guter Letzt noch, den Hausherrn von oben herab zu
-behandeln. Man behauptete übrigens, daß Wirginski seiner Frau, nachdem
-sie ihm jene Mitteilung gemacht, geantwortet habe: »Mein Freund, bis
-jetzt habe ich dich nur geliebt, aber von nun ab achte ich dich.« In
-Wirklichkeit wird wohl kaum ein so altrömischer Ausspruch gefallen sein,
-und manche behaupten denn auch, daß er im Gegenteil schrecklich geweint
-habe. Eines Tages, etwa zwei Wochen nach seiner Absetzung, begaben sie
-sich alle, die ganze »Familie«, in das Wäldchen vor der Stadt, um dort
-mit Bekannten Tee zu trinken. Wirginski war geradezu fieberhaft lustig
-gestimmt und beteiligte sich am Tanz; doch plötzlich, und zwar ohne
-jeden vorhergegangenen Streit, packte er den Hünen Lebädkin, der solo
-einen Cancan tanzte, mit beiden Händen an den Haaren, riß ihn nieder und
-begann ihn kreischend, schreiend und weinend zu zerren und zu hauen. Der
-Hüne erschrak dermaßen, daß er sich nicht einmal wehrte, und solange der
-andere ihn prügelte, fast nicht muckste; nachher freilich spielte er
-dann mit dem ganzen Feuer eines edlen Menschen den Beleidigten.
-Wirginski bat seine Frau die ganze Nacht auf den Knien um Verzeihung,
-doch die ward ihm nicht gewährt, da er sich immerhin nicht bereit
-erklärte, auch Lebädkin um Entschuldigung zu bitten; außerdem wurde ihm
-Mangel an Überzeugungstreue und Dummheit vorgeworfen; letzteres deshalb,
-weil er »während einer Auseinandersetzung mit einer Frau« vor dieser auf
-den Knien gelegen. Der »Hauptmann« verschwand bald darauf und erschien
-erst in allerletzter Zeit wieder in unserer Stadt, mit seiner Schwester
-und mit neuen Absichten; doch davon später. Es war also kein Wunder, daß
-der arme »Familienmensch« bei uns Ablenkung suchte und ein Bedürfnis
-nach unserer Gesellschaft hatte. Von seinen häuslichen Angelegenheiten
-sprach er bei uns übrigens nie. Nur einmal, als er mit mir von Stepan
-Trophimowitsch heimging, war es, als wollte er etwas über seine Lage
-verlauten lassen, doch schon im nächsten Augenblick rief er, indem er
-meine Hand ergriff, flammend aus: »Aber das tut ja nichts, das ist ja
-nur eine Privatangelegenheit; das stört doch die >allgemeine Sache<
-nicht im geringsten, nicht im geringsten!«
-
-Es kamen auch noch andere, mehr zufällige Gäste zu unseren Abenden:
-beispielsweise der kleine Jude Lämschin, ferner ein Hauptmann Kartusoff.
-Vorübergehend kam manchmal auch noch ein wißbegieriger alter kleiner
-Herr, aber der starb. Einmal führte Liputin einen verbannten polnischen
-Geistlichen, Slonzewski, bei uns ein, und anfangs ließen wir ihn aus
-Grundsatz an unseren Abenden teilnehmen, dann aber lehnten wir ihn doch
-ab.
-
-
- IX.
-
-Eine Zeitlang hieß es von uns in der Stadt, unser Kreis sei eine
-Pflanzstätte der Freigeisterei, der Sittenverderbnis und der
-Gottlosigkeit; ja eigentlich behauptete sich dieser Ruf sogar die ganze
-Zeit. Und dabei gab es bei uns doch nur das allerunschuldigste, liebe,
-echt russische, heitere, liberale Geschwätz. Der »höhere Liberalismus«
-und der »höhere Liberale«, d. h. ein Liberaler ohne jedes Ziel, sind ja
-nur in Rußland möglich. Stepan Trophimowitsch brauchte, wie jeder
-wortwitzige Mensch, ganz einfach einen Zuhörer, und außerdem war ihm das
-Bewußtsein unentbehrlich, daß er die höchste Pflicht, Ideen zu
-verbreiten, erfülle. Und schließlich mußte man doch jemanden haben, mit
-dem man Champagner trinken und so beim Glase eine gewisse Art heiterer
-Gedanken über Rußland und den »russischen Geist«, über Gott im
-allgemeinen und den russischen Gott im besonderen austauschen konnte.
-Aber auch dem Stadtklatsch waren wir ganz und gar nicht abgeneigt und
-gelangten manchmal zu strengen, hochmoralischen Verurteilungen. Wir
-gerieten auch auf das Thema der Weltgeschichte, erörterten ernst das
-zukünftige Schicksal Europas und der Menschheit; prophezeiten doktrinär,
-daß Frankreich nach dem Cäsarismus mit einem Schlage auf die Stufe eines
-Staates zweiten Ranges herabsinken werde, und waren vollkommen
-überzeugt, daß das ungeheuer schnell und leicht geschehen könne. Dem
-Papst hatten wir schon längst die Rolle eines gewöhnlichen Metropoliten
-in dem geeinigten Italien vorausgesagt, und waren vollkommen überzeugt,
-daß diese ganze tausendjährige Frage in unserem Jahrhundert der
-Humanität, der Industrie und der Eisenbahnen nur eine Lappalie sei. Aber
-der »höhere russische Liberalismus« verhält sich ja nun einmal nicht
-anders zu der Sache. Manchmal sprach Stepan Trophimowitsch auch über die
-Kunst, und zwar sehr gut, bloß leider ein wenig zu abstrakt. Hin und
-wieder kam er auch auf seine Jugendfreunde zu sprechen -- lauter
-Persönlichkeiten, die in der Geschichte unserer Entwicklung ihren Platz
-haben --, er gedachte ihrer mit Rührung und Verehrung, aber ein wenig
-auch wie mit Neid. Wurde es einmal gar zu langweilig, dann setzte sich
-das Jüdchen Lämschin (ein kleiner Postbeamter), der meisterhaft Klavier
-spielte, an das Instrument, und zwischen den Stücken, die er vortrug,
-ahmte er in Tönen das Grunzen eines Schweines nach, oder ein Gewitter,
-oder eine Entbindung mit dem ersten Schrei des Kindes usw., usw.; nur
-deswegen wurde er auch eingeladen. Hatten wir stark getrunken -- und das
-kam vor, wenn auch nicht oft --, so gerieten wir meist in Begeisterung,
-und einmal sangen wir sogar im Chor, zu Lämschins Begleitung, die
-Marseillaise, nur weiß ich nicht, ob das, was dabei herauskam, auch
-wirklich die Marseillaise war. Den großen Tag des 19. Februar[17]
-feierten wir natürlich mit Enthusiasmus, und gewöhnten uns diese Feier
-mit Wein und Toasten auch in den folgenden Jahren noch lange nicht ab.
-Übrigens: einige Zeit vor dem großen Tage hatte Stepan Trophimowitsch
-sich angewöhnt, ein paar geschraubte Strophen vor sich hinzumurmeln, die
-damals allen bekannt waren:
-
- »Es nahen die Männer, die Äxte geschärft,
- Bereiten Schreckliches vor!«
-
-Als Warwara Petrowna das einmal vernahm, rief sie: »Was für ein Unsinn!«
-und verließ erzürnt das Zimmer. Liputin aber, der gerade zugegen war,
-bemerkte boshaft zu Stepan Trophimowitsch: »Aber es wäre doch schade,
-wenn die früheren Leibeigenen den Herren Gutsbesitzern etwas
-Unangenehmes bereiteten,« -- und er fuhr sich mit dem Zeigefinger um den
-Hals herum.
-
-»_Cher ami_,«{[6]} erwiderte ihm hierauf Stepan Trophimowitsch gutmütig,
-»glauben Sie mir, daß _dieses_« (er wiederholte die Geste um den Hals
-herum) »nicht den geringsten Nutzen brächte, weder unseren
-Gutsbesitzern, noch uns anderen insgesamt. Auch ohne Köpfe würden wir
-nichts herzustellen verstehen, obschon gerade unsere Köpfe uns am
-meisten hindern, etwas zu verstehen.«
-
-Ich muß bemerken, daß viele bei uns annahmen, am Tage des Manifestes
-werde etwas Ungewöhnliches geschehen; etwas von der Art, wie es Liputin
-andeutete. Es scheint, daß auch Stepan Trophimowitsch diese
-Befürchtungen teilte, und sogar in solchem Maße, daß er kurz vor dem
-großen Tage Warwara Petrowna plötzlich zu bitten begann, ins Ausland
-reisen zu dürfen. Aber der große Tag verging, es vergingen noch mehr
-Tage, und das hochmütige Lächeln erschien wieder auf Stepan
-Trophimowitschs Lippen. Übrigens äußerte er damals einige bemerkenswerte
-Gedanken über den Charakter des Russen im allgemeinen und des russischen
-Bauern im besonderen. Er meinte schließlich:
-
-»Als hitzige Leute sind wir etwas voreilig gewesen mit unseren
-Bäuerlein. Wir haben sie in Mode gebracht, und ein ganzer Zweig unserer
-Literatur hat sich mehrere Jahre lang nur mit ihnen abgegeben, wie mit
-einer neuentdeckten Kostbarkeit. Wir haben Lorbeerkränze auf verlauste
-Köpfe gesetzt. Das russische Dorf hat uns im Laufe der ganzen tausend
-Jahre nichts weiter gegeben als den Nationaltanz, den Kamárinski. Hat
-doch ein hervorragender russischer Dichter, dem es überdies nicht an
-Scharfsinn fehlte, ausgerufen, als er zum erstenmal die große Rachel auf
-der Bühne sah: >Die Rachel tausche ich nicht gegen einen russischen
-Bauern ein!< Ich bin bereit, noch viel weiter zu gehen: ich würde sogar
-alle russischen Bauern für die eine Rachel hingeben. Es ist Zeit,
-nüchterner zu urteilen und nicht unseren einheimischen unfeinen
-Teergeruch mit _bouquet de l'impératrice_{[7]} zu verwechseln.«
-
-Liputin stimmte ihm sofort bei, meinte aber, daß sich zu verstellen und
-die Bäuerlein zu verherrlichen damals immerhin um der Richtung[18]
-willen notwendig gewesen sei; daß sogar die Damen der höchsten
-Gesellschaftskreise bei der Lektüre des »Anton Pechvogel«[19] Tränen
-vergossen hätten, und manche hätten sogar aus Paris an ihre
-Gutsverwalter geschrieben, sie sollten von nun an mit den Bauern
-möglichst human umgehen.
-
-Da geschah es eines Tages, und zum Unglück gerade nach den ersten
-Gerüchten von Anton Petrowitsch[20], daß es auch in unserem
-Gouvernement, und nur 15 Werst von Skworeschniki, zu einem gewissen
-Mißverständnis kam, so daß man in der ersten Hitze ein Militärkommando
-hinschickte. Über diesen Vorfall regte sich Stepan Trophimowitsch
-ungeheuer auf. Im Klub schrie er, wir brauchten mehr Militär; er eilte
-zum Gouverneur, um zu versichern, daß er mit diesen Umtrieben nichts zu
-schaffen habe, und er bat, ihn nicht in diese Sache hineinzuziehen, auf
-Grund der Erinnerung an Gewesenes. Zum Glück ging das alles bald vorüber
-und löste sich in nichts auf; nur mußte ich mich damals doch über Stepan
-Trophimowitsch wundern.
-
-Drei Jahre später[21] begann man, wie erinnerlich, vom Nationalismus zu
-sprechen und es bildete sich eine »öffentliche Meinung«. Darüber
-spottete er sehr.
-
-»Meine Freunde,« belehrte er uns, »sollte unsere Nationalität neuerdings
-wirklich geboren oder >im Entstehen begriffen< sein, wie sie jetzt in
-den Zeitungen behaupten, dann sitzt sie doch vorläufig gewiß noch in
-irgend so einer Petrischule[22], über dem deutschen Buch und lernt ihre
-ewige deutsche Lektion. Daß der Lehrer ein Deutscher ist, das lobe ich.
-Doch am wahrscheinlichsten dürfte sein, daß nichts geschehen wird und
-nichts >im Entstehen begriffen< ist, sondern alles so weitergeht wie
-ehedem, nämlich einfach unter Gottes Schutz! Meinem Dafürhalten nach
-genügt das auch für Rußland, _pour notre sainte Russie_.{[8]} Zudem sind
-doch alle diese Nationalismen und das Allslawentum viel zu alt, um neu
-zu sein. Die Nationalität ist doch bei uns, wenn Sie wollen, noch nie
-anders in Erscheinung getreten, als in Gestalt eines Einfalls müßiger
-Klubherren, und zum Überfluß noch eines Moskauer Klubs. Ich rede
-natürlich nicht von den Zeiten Igors[23]. Und schließlich kommt doch
-alles nur vom Müßigsein. Jedenfalls bei uns alles vom Müßigsein, auch
-das Gute, auch das Schöne. Alles von unserem herrschaftlichen, lieben,
-gebildeten, launenzüchtenden Müßigsein! Dreißigtausend Jahre lang
-wiederhole ich das schon! Wir verstehen nicht, von eigener Arbeit zu
-leben. Und was reden sie nur so viel von dieser öffentlichen Meinung,
-die es bei uns jetzt auf einmal geben soll, -- so plötzlich, wie ohne
-weiteres fertig vom Himmel gefallen? Begreifen die Leute denn wirklich
-nicht, daß zur Erlangung einer eigenen Meinung vor allen Dingen Arbeit
-gehört, eigene Mühe, eigener Versuch in der Sache, eigene Erfahrung!
-Ohne eigene Mühe wird nie etwas erworben. Wenn wir arbeiten werden,
-werden wir auch eine eigene Meinung haben. Da wir aber niemals arbeiten
-werden, so wird auch immer die Meinung derjenigen maßgebend sein, die an
-unserer Statt bisher gearbeitet haben, also die Meinung immer desselben
-Europa, immer derselben Deutschen, die ja schon seit zwei Jahrhunderten
-unsere Lehrer sind. Überdies ist Rußland ein viel zu großes
-Mißverständnis, als daß wir allein es erklären könnten, ohne die
-Deutschen und ohne Arbeit. Schon seit zwanzig Jahren läute ich die
-Alarmglocke und rufe zur Arbeit! Ich habe mein Leben dafür hingegeben,
-um aufzuwecken und zu rufen, und habe geglaubt, ich Tor, daß es nicht
-vergeblich sei! Jetzt glaube ich das nicht mehr, aber ich werde trotzdem
-bis zum Schluß läuten, bis man mir den Strang aus der Hand nimmt, um zu
-meiner Seelenmesse zu läuten!«
-
-Leider stimmten wir ihm damals bei. Aber hört man denn nicht auch jetzt
-noch oft genug genau solchen »lieben«, »klugen«, »liberalen«, alten,
-russischen Unsinn?
-
-An Gott glaubte unser Lehrer. »Ich begreife nicht, warum mich hier alle
-als einen Gottleugner hinstellen?«, sagte er manchmal. »Ich glaube an
-Gott, _mais distinguons_:{[9]} ich glaube an ihn wie an ein Wesen, das
-sich Seiner in mir nur bewußt wird. Ich kann doch nicht wie Nastassja
-glauben« (sein Dienstmädchen), »oder wie irgend so ein begüterter Herr,
-der nur >für alle Fälle< glaubt, oder wie unser lieber Schatoff, --
-übrigens nein, Schatoff kommt hier nicht in Frage. Schatoff glaubt
-_gewaltsam_, wie ein Moskauer Slawophile. Was aber das Christentum
-betrifft, so bin ich, bei all meiner aufrichtigen Hochachtung vor ihm,
-doch kein Christ. Eher bin ich ein Heide der klassischen Vorzeit, wie es
-der große Goethe war, oder ein antiker Grieche. Schon dieses Eine, daß
-das Christentum für das Weib kein Verständnis hatte! -- wie das George
-Sand in einem ihrer genialen Romane so glänzend auseinandergesetzt hat.
-Und was den Ritus, Fasten und dergleichen betrifft, ja da begreife ich
-nicht, wen das etwas angeht, wie ich mich dazu verhalte? Mögen unsere
-hiesigen Denunzianten sich auch noch so sehr bemühen, zum Jesuiten will
-ich deshalb doch nicht werden. 1847 schrieb Belinski aus dem Auslande an
-Gogol seinen bekannten Brief, in dem er ihm heftig vorwarf, daß er an
->irgendeinen Gott< glaube. _Entre nous soit dit_,{[10]} ich kann mir
-nichts Komischeres denken, als den Augenblick, da Gogol (der Gogol von
-damals![24]) diesen Brief las! Ja, das waren doch Männer! Sie liebten
-doch ihr Volk, sie waren imstande, um des Volkes willen zu leiden, ja
-sogar alles fürs Volk zu opfern, und doch waren sie gleichzeitig Manns
-genug, diesem Volk nicht beizupflichten, wenn es galt, die eigene
-Überzeugung zu wahren, ihm nicht nachsichtig in gewissen Anschauungen zu
-Gefallen zu reden. Ein Belinski konnte doch nicht in Fastenöl oder in
-Rettich mit Erbsen das Heil suchen! ...«
-
-Doch hier ergriff Schatoff Partei:
-
-»Nie haben diese Ihre Männer das Volk geliebt, nie um des Volkes willen
-gelitten und nichts haben sie fürs Volk geopfert, wie sehr sie sich das
-auch eingebildet haben mögen!« brummte er unwirsch mit ungeduldigem
-Ruck, doch gesenktem Blick.
-
-»Was, die sollen das Volk nicht geliebt haben!« rief Stepan
-Trophimowitsch entrüstet. »Oh, und wie haben sie Rußland geliebt!«
-
-»Weder Rußland noch das Volk!« rief nun auch Schatoff erzürnt; seine
-Augen funkelten. »Man kann nicht lieben, was man gar nicht kennt, sie
-aber hatten ja vom russischen Volke überhaupt keinen Begriff! Alle diese
-Männer haben das russische Volk einfach übersehen. Belinski hat genau
-wie der Wißbegierige in der Kryloffschen Fabel den Elefanten im Museum
-gar nicht bemerkt, da er ja seine ganze Aufmerksamkeit den französischen
-sozialistischen Käferchen zuwandte; bei denen ist er auch ewig
-geblieben. Und dabei war er doch noch der Gescheiteste von euch allen!
-Und nicht nur übersehen haben Sie alle das Volk, Sie haben sich sogar
-mit Ekel und Verachtung zu ihm verhalten, schon aus dem einen Grunde,
-weil Sie sich unter einem Volk einzig das französische Volk vorzustellen
-vermochten, und selbst von diesem nur die Pariser, und Sie schämten
-sich, daß das russische Volk nicht ebenso war. Das ist die nackte
-Wahrheit! Wer aber kein Volk hat, der hat auch keinen Gott! Seien Sie
-versichert, daß alle die, die aufhören, ihr Volk zu verstehen, und die
-Verbindung mit ihm verlieren, sofort auch den Glauben der Väter
-verlieren und Atheisten oder Indifferente werden. Ich sage damit nur die
-Wahrheit! Das ist auch der Grund, weshalb Sie alle und auch wir jetzt
-alle entweder widerliche Atheisten oder indifferentes, verderbtes Pack
-sind und nichts weiter! Sie gleichfalls, Stepan Trophimowitsch, ich
-schließe Sie keineswegs aus, hab's sogar vor allem in bezug auf Sie
-gesagt, damit Sie's wissen!«
-
-Nach einem solchen Monolog (und derartige Ausbrüche kamen bei ihm oft
-vor) geschah es gewöhnlich, daß Schatoff nach seiner Mütze griff und
-sofort zur Tür hinaus wollte, in der festen Überzeugung, daß nun alles
-zu Ende sei und er seine freundschaftlichen Beziehungen zu Stepan
-Trophimowitsch für immer zerstört habe. Doch der verstand es stets, ihn
-rechtzeitig zurückzuhalten.
-
-»Ei, sollten wir nicht Frieden schließen, Schatoff, nach all diesen
-netten Wörtchen?« pflegte er dann zu ihm zu sagen, indem er ihm von
-seinem Lehnstuhl aus gutmütig die Hand hinstreckte.
-
-Der plumpe, doch leicht verlegen werdende und sich schämende Schatoff
-war kein Freund von Zärtlichkeiten. Äußerlich war er ein rauher Mensch,
-doch innerlich war er, glaube ich, unendlich zartfühlend. Wohl
-überschritt er oft das Maß, aber er war selbst der erste, der darunter
-litt. Auf Stepan Trophimowitschs versöhnliche Worte brummte er etwas vor
-sich hin, trat wie ein Bär auf demselben Fleck von einem Bein auf das
-andere, schmunzelte plötzlich ganz unvermittelt, legte die Mütze wieder
-aus der Hand und setzte sich schließlich auf seinen alten Platz, den
-Blick die ganze Zeit hartnäckig zu Boden gesenkt. Natürlich gab es dann
-sofort Wein und Stepan Trophimowitsch brachte einen passenden Toast aus,
-z. B. auf das Andenken eines jener früheren bedeutenden Männer.
-
-
-
-
- Zweites Kapitel.
- Prinz Heinz. Die Brautwerbung.
-
-
- I.
-
-Außer Stepan Trophimowitsch gab es auf der Welt noch ein Wesen, an dem
-Warwara Petrowna nicht weniger hing als an ihm: das war ihr einziger
-Sohn Nicolai Wszewolodowitsch Stawrogin. Für ihn war seinerzeit Stepan
-Trophimowitsch als Erzieher angenommen worden. Der Knabe war damals acht
-Jahre alt und seine Eltern lebten bereits getrennt, so daß das Kind nur
-unter der Obhut der Mutter heranwuchs. Man muß es Stepan Trophimowitsch
-lassen: er verstand es, seinen Zögling an sich zu fesseln. Sein ganzes
-Geheimnis bestand darin, daß er selbst noch ein Kind war. Ich war damals
-noch nicht hier, er aber bedurfte ja beständig eines Freundes, und er
-trug kein Bedenken, ein so junges Wesen zu seinem Vertrauten zu machen.
-Ja, es machte sich ganz von selbst, daß zwischen ihnen nicht der
-geringste Abstand fühlbar ward. Oft weckte er seinen zehn- oder
-elfjährigen Freund in der Nacht auf, nur um ihm unter Tränen sein
-gekränktes Herz auszuschütten oder ihm ein Familiengeheimnis zu
-enthüllen, ohne gewahr zu werden, daß so etwas denn doch unzulässig war.
-Sie fielen einander um den Hals und weinten. Von seiner Mutter wußte der
-Knabe, daß sie ihn sehr liebte; doch er selbst liebte sie wohl kaum. Sie
-sprach wenig mit ihm, tat ihm selten einen Zwang an, aber ihr aufmerksam
-ihm folgender Blick wurde von ihm immer krankhaft intensiv gespürt. Den
-Unterricht und die moralische Erziehung überließ sie übrigens ganz
-Stepan Trophimowitsch. Damals glaubte sie an ihn noch ohne
-Einschränkung. Es ist anzunehmen, daß der Lehrer die Nerven seines
-Zöglings ein wenig angegriffen hat: als dieser mit sechzehn Jahren auf
-das Lyzeum gebracht wurde, war er schwächlich und blaß, seltsam still
-und nachdenklich. (Später zeichnete er sich durch außergewöhnliche
-Körperkraft aus.) Anzunehmen ist ferner, daß die Freunde nachts nicht
-immer nur über irgendwelche Familiengeschichten weinten. Stepan
-Trophimowitsch hatte es verstanden, im Herzen seines Freundes die
-tiefsten Saiten zu berühren, und in ihm das erste, noch unbestimmte
-Empfinden jener ewigen, heiligen Sehnsucht hervorzurufen, die manche
-auserwählte Seele, die sie einmal gekostet und erkannt hat, nachher
-schon nie mehr gegen eine billige Zufriedenheit eintauschen mag. (Es
-gibt auch solche Liebhaber dieser Sehnsucht, denen sie teurer ist als
-die vollkommenste Zufriedenheit, selbst wenn eine solche für sie
-wirklich erreichbar wäre.) Jedenfalls aber war es gut, daß der Zögling
-und der Erzieher, wenn auch spät, voneinander getrennt wurden.
-
-Während der ersten zwei Jahre im Lyzeum kam der Jüngling in den Ferien
-nach Haus. Als dann Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch sich in
-Petersburg aufhielten, fand auch er sich manchmal zu den literarischen
-Abenden im Salon seiner Mutter ein, hörte zu und beobachtete. Er sprach
-wenig und war wie immer still und schüchtern. Zu Stepan Trophimowitsch
-verhielt er sich mit der früheren zarten Aufmerksamkeit, war aber doch
-etwas zurückhaltender: von hohen Dingen und Erinnerungen an Vergangenes
-zu sprechen vermied er sichtlich. Als er das Lyzeum absolviert hatte,
-trat er auf den Wunsch der Mutter beim Militär ein und wurde bald in
-eines der angesehensten Garde-Kavallerieregimenter aufgenommen. Er kam
-aber nicht zur Mutter, um sich ihr in der Uniform zu zeigen, und schrieb
-aus Petersburg immer seltener. Geld schickte ihm Warwara Petrowna ohne
-zu sparen, obschon die Einnahmen von ihren Gütern nach der Aufhebung der
-Leibeigenschaft so zurückgegangen waren, daß sie in der ersten Zeit
-nicht einmal die Hälfte der früheren Summen erhielt. Für die Erfolge
-ihres Sohnes in der höchsten Petersburger Gesellschaft interessierte sie
-sich sehr. Was ihr nicht gelungen war, gelang dem jungen, reichen und
-hoffnungsvollen Offizier ohne weiteres. Er erneuerte Bekanntschaften, an
-die sie nicht mehr hatte denken können, und überall wurde er mit dem
-größten Vergnügen aufgenommen. Doch schon sehr bald begannen seltsame
-Gerüchte ihr zu Ohren zu kommen: es hieß, der junge Mann habe ganz
-plötzlich und geradezu sinnlos toll zu leben begonnen. Nicht, daß er
-spiele oder trinke; aber man sprach von einer wilden Zügellosigkeit, von
-Menschen, die er mit seinen Trabern überfahren hatte, von einer
-grausamen Rücksichtslosigkeit gegen eine Dame der guten Gesellschaft,
-mit der er in Beziehungen gestanden und die er dann öffentlich beleidigt
-habe. Ja, in dieser Sache sei sogar etwas schon gar zu unverhüllt
-Schmutziges hervorgetreten. Und überhaupt sei er, wie man hinzufügte,
-ein herausfordernder Streitsucher, bändele an und beleidige dann einfach
-aus Lust am Beleidigen. Warwara Petrowna regte sich auf und war
-bekümmert. Stepan Trophimowitsch versicherte ihr, das seien nur die
-ersten stürmischen Ausbrüche eines allzu reich Veranlagten, das Meer
-werde sich schon wieder beruhigen, und alles das erinnere nur an die
-Jugend des Prinzen Heinz, der mit Falstaff, Poins und Mrs. Quickly seine
-Streiche vollführte. Diesmal rief Warwara Petrowna nicht »Unsinn, alles
-Unsinn!« wie sie es sich in der letzten Zeit Stepan Trophimowitschs
-Auseinandersetzungen gegenüber angewöhnt hatte; im Gegenteil, sie hörte
-sehr aufmerksam zu, ließ sich alles ausführlich erklären, nahm dann
-selbst den Shakespeare zur Hand und las überaus achtsam das unsterbliche
-Werk. Doch die Lektüre beruhigte sie nicht, auch fand sie die
-Ähnlichkeit nicht so groß. Fieberhaft erwartete sie die Antworten auf
-mehrere Briefe. Die blieben auch nicht aus; bald traf die unheilvolle
-Nachricht ein, Prinz Heinz habe fast zu gleicher Zeit zwei Duelle
-gehabt, sei bei beiden der einzig Schuldige gewesen, habe den einen
-Gegner auf der Stelle niedergestreckt und den anderen zum Krüppel
-geschossen und infolgedessen sei er vor Gericht gestellt. Es endete
-damit, daß er zum Gemeinen degradiert, seiner Rechte beraubt und
-strafweise in eines der Linien-Infanterieregimenter versetzt wurde, und
-das war noch als ein besonders gnädiges Urteil zu betrachten.
-
-Im Jahre 1863 gelang es ihm, sich auszuzeichnen; er erhielt das
-Ehrenkreuz und wurde zum Unteroffizier befördert, dann aber merkwürdig
-schnell auch zum Offizier. Inzwischen hatte seine Mutter wohl an hundert
-Briefe mit Bitten und Beschwörungen nach Petersburg geschrieben und sich
-um seinetwillen sogar manches Demütigende erlaubt. Nach seiner
-Beförderung nahm der junge Mensch plötzlich seinen Abschied, kam aber
-wieder nicht nach Skworeschniki und hörte sogar ganz auf, an die Mutter
-zu schreiben. Man erfuhr schließlich auf Umwegen, daß er sich wieder in
-Petersburg aufhalte, doch in der früheren Gesellschaft habe man ihn gar
-nicht mehr gesehen; er habe sich irgendwo gleichsam versteckt.
-Nachforschungen ergaben, daß er in einer sonderbaren Gesellschaft lebte,
-sich dem Abschaum der Petersburger Bevölkerung angeschlossen hatte,
-irgendwelchen stiefellosen Beamten, verabschiedeten Militärs, die in
-angemessener Form um Almosen baten, Trunkenbolden, deren schmutzige
-Familien er besuchte, Tage und Nächte in dunklen Spelunken und in Gott
-weiß was für Winkelgassen zubrachte, heruntergekommen, verlumpt war, und
-daß ihm das offenbar gefalle. Um Geld bat er seine Mutter nicht; er
-besaß ja auch selbst ein kleines Gut (den früheren Dorfbesitz des
-Generals Stawrogin), das immerhin etwas einbrachte und das er, wie
-verlautete, an einen Deutschen aus Sachsen verpachtet hatte. Schließlich
-bat ihn die Mutter doch sehr, zu ihr zu kommen, und Prinz Heinz erschien
-in unserer Stadt. Damals sah ich ihn zum erstenmal.
-
-Er war ein sehr schöner junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, und
-ich muß gestehen, seine Erscheinung überraschte mich. Ich hatte
-erwartet, einen schmutzigen, verkommenen, von Ausschweifungen
-ausgemergelten, nach Branntwein riechenden Menschen zu erblicken. Statt
-dessen erblickte ich den elegantesten Gentleman, der mir je zu Gesicht
-gekommen ist. Tadellos gekleidet und von einer Haltung, wie sie nur ein
-Herr, der an den feinsten Anstand gewöhnt ist, haben kann. Ich war nicht
-der einzige, der staunte: es staunte die ganze Stadt, der übrigens Herrn
-Stawrogins Lebensgeschichte sogar mit solchen Einzelheiten bekannt war,
-daß man sich kaum zu erklären vermochte, wie diese hier in die
-Öffentlichkeit hatten gelangen können. Alle unsere Damen verloren den
-Verstand vor Aufregung über den neuen Gast. Sie teilten sich in zwei
-schroff entgegengesetzte Parteien: von der einen wurde er vergöttert,
-von der anderen gehaßt bis zum Blutrachedurst; den Verstand freilich
-hatten beide Parteien verloren. Für die einen hatte es einen besonderen
-Reiz, daß sich in seiner Seele vielleicht ein schreckliches Geheimnis
-barg; anderen gefiel es entschieden, daß er ein Mörder war. Es stellte
-sich auch heraus, daß er eine überaus annehmbare Bildung und sogar
-einige wissenschaftliche Kenntnisse besaß. Von letzteren war allerdings
-nicht viel nötig, um uns in Erstaunen zu setzen; aber er konnte auch
-über aktuelle und sehr interessante Fragen sprechen und sogar mit
-auffallender Besonnenheit. Erwähnt sei noch als Seltsamkeit: alle fanden
-hier, daß er ein überaus vernünftiger Mensch sei. Er war nicht sehr
-gesprächig, formvollendet ohne Gesuchtheit, erstaunlich bescheiden und
-dabei kühn und selbstbewußt, wie bei uns sonst niemand. Unsere Stutzer
-sahen auf ihn mit Neid und kamen neben ihm überhaupt nicht in Betracht.
-Auch sein Gesicht überraschte mich: das Haar war fast schon gar zu
-schwarz, die hellen Augen fast schon zu ruhig und klar, die
-Gesichtsfarbe fast schon zu zart und weiß, die Wangenröte ebenfalls wie
-ein wenig zu grell und rein, die Zähne wie Perlen, die Lippen wie
-Korallen, -- man sollte meinen, ein bildschöner Mann, und doch war diese
-Schönheit gleichsam auch abstoßend. Manche sagten, sein Gesicht erinnere
-an eine Maske; doch übrigens, was wurde nicht alles gesagt. Unter
-anderem sprach man auch viel von seiner außergewöhnlichen Körperkraft.
-Dabei war er von Gestalt beinahe hoch gewachsen. Warwara Petrowna
-blickte mit Stolz auf ihren Sohn, aber immer auch mit Unruhe. Er lebte
-bei uns etwa ein halbes Jahr -- träge, still, ziemlich verdrossen; er
-verkehrte in der Gesellschaft, und erfüllte mit standhafter
-Aufmerksamkeit alle Vorschriften unserer Gouvernementsstadt-Etikette.
-Mit dem Gouverneur war er väterlicherseits verwandt und verkehrte in
-seinem Hause wie ein naher Verwandter. So vergingen ein paar Monate, und
-plötzlich zeigte das Tier seine Krallen.
-
-Nebenbei: unser lieber Iwan Ossipowitsch hätte in der guten alten Zeit
-bei seiner Gastfreiheit einen vorzüglichen Adelsmarschall abgegeben,
-aber zum Gouverneur in einer so mühevollen Zeit wie die unsrige paßte er
-mit seiner Arbeitsscheu entschieden nicht. In der Stadt hieß es denn
-auch immer, nicht er, sondern Warwara Petrowna verwalte das
-Gouvernement. Das war freilich eine spitze Bemerkung, aber trotzdem eine
-Unwahrheit. Warwara Petrowna hatte in den letzten Jahren konsequent und
-bewußt jeden höheren Ehrgeiz aufgegeben und ihre Tätigkeit freiwillig
-auf ein von ihr selbst streng umgrenztes Gebiet beschränkt. Sie begann
-sich plötzlich mit der Bewirtschaftung ihres Gutes zu befassen, und in
-zwei, drei Jahren hatte sie den Ertrag desselben nahezu wieder auf die
-frühere Höhe gebracht. Statt sich literarischem Ehrgeiz hinzugeben,
-begann sie zu sparen. Selbst Stepan Trophimowitsch wurde von ihr etwas
-weiter entfernt, indem sie ihm jetzt endlich eine eigene Wohnung zu
-mieten erlaubte. Allmählich begann er sie eine prosaische Frau zu
-nennen, oder scherzhaft seinen »prosaischen Freund«. Selbstredend
-erlaubte er sich solche Scherze nur in der respektvollsten Form und
-nachdem er lange einen passenden Augenblick abgewartet hatte.
-
-Wir alle, die wir ihr nahestanden, begriffen natürlich, daß der Sohn für
-sie gleichsam zu einer neuen Hoffnung, einem neuen Traum geworden war.
-Ihre leidenschaftliche Liebe zu ihm hatte schon in der Zeit seiner
-ersten Erfolge in der Petersburger Gesellschaft begonnen, und war dann
-besonders seit dem Augenblick gewachsen, als sie die Nachricht von
-seiner Degradation erhalten hatte. Und dabei fürchtete sie ihn doch
-offensichtlich und schien vor ihm förmlich seine Sklavin zu sein. Man
-merkte ihr an, daß sie etwas Unbestimmtes, Geheimnisvolles fürchtete,
-etwas, das auch sie selbst nicht zu nennen vermocht hätte, und oft
-betrachtete sie heimlich und unverwandt ihren _Nicolas_, als überlege
-sie und als suche sie etwas zu erraten ... und siehe da: plötzlich --
-streckte das Tier seine Krallen aus.
-
-
- II.
-
-Unvermutet erlaubte sich unser Prinz zwei, drei unmögliche Frechheiten
-gegen verschiedene Personen. Das Empörendste an ihnen war gerade ihre
-unerhörte Neuheit, ihre Unglaublichkeit; daß sie tatsächlich allen sonst
-üblichen Dreistigkeiten so unähnlich waren in ihrer törichten
-Bengelhaftigkeit, überdies weiß der Teufel wozu eigentlich begangen, so
-vollständig ohne jeden Anlaß. Eines der ehrenwertesten Häupter unseres
-Klubs, Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, ein bejahrter und sogar
-verdienstvoller Mann, hatte die unschuldige Angewohnheit, zur
-Bekräftigung jeder Behauptung heftig hinzuzufügen: »Nein, mich wird man
-nicht an der Nase führen!« Nun, das hatte ja weiter nichts auf sich.
-Aber als er eines Tages im Klub in der Hitze des Wortgefechts, inmitten
-einer Schar ihn umstehender Klubherren (lauter angesehner
-Persönlichkeiten) wieder einmal diesen Nachsatz anhing, trat Nicolai
-Wszewolodowitsch, der am Gespräch ganz unbeteiligt und allein abseits
-gestanden hatte, plötzlich auf Pjotr Pawlowitsch zu, faßte ihn
-unerwartet aber fest mit zwei Fingern an der Nase und zog ihn ein paar
-Schritte weit im Saal hinter sich her. Einen Groll konnte er gegen Herrn
-Gaganoff nicht haben. Man hätte das für einen echten Schuljungenstreich
-halten können, natürlich für einen ganz unverzeihlichen; indes war
-Nicolai Wszewolodowitsch, wie man später erzählte, im Augenblick der Tat
-geradezu nachdenklich, »ganz als wäre er nicht völlig bei Sinnen
-gewesen«, aber das vergegenwärtigte man sich und erwog man erst später.
-In der ersten Empörung dachten alle nur an den zweiten Augenblick, als
-er alles bereits zweifellos richtig begriff, jedoch statt verlegen zu
-werden, plötzlich boshaft und belustigt lächelte, »ohne die geringste
-Reue«, wie es hieß. Es erhob sich ein schrecklicher Lärm; er wurde
-umringt. Nicolai Wszewolodowitsch wandte sich um, sah ringsum alle an,
-ohne jemandem zu antworten, und betrachtete interessiert die Gesichter
-der erregt Durcheinanderschreienden. Schließlich war es, als werde er
-plötzlich wieder nachdenklich -- wenigstens wurde später so erzählt --,
-er runzelte die Stirn, trat dann festen Schrittes auf den beleidigten
-Pjotr Pawlowitsch zu und sagte schnell, dabei sichtlich geärgert:
-
-»Sie entschuldigen natürlich ... Ich weiß wirklich nicht, weshalb mich
-plötzlich die Lust anwandelte ... Es war eine Dummheit ...«
-
-Die Nachlässigkeit dieser Entschuldigung kam einer neuen Beleidigung
-gleich. Es erhob sich ein noch größeres Geschrei. Nicolai
-Wszewolodowitsch zuckte mit den Achseln und ging hinaus. Nun kannte die
-Empörung keine Grenzen, und Herr Stawrogin wurde sofort einstimmig aus
-der Zahl der Mitglieder des Klubs ausgeschlossen. Darauf wurde im Namen
-des ganzen Klubs an den Gouverneur die Bitte gerichtet, mittels der ihm
-anvertrauten Administrativgewalt den »schädlichen Unruhstifter zu zügeln
-und damit die Ruhe der gesamten anständigen Gesellschaft unserer Stadt
-gegen schädliche Anschläge zu sichern«. Mit boshafter Unschuld wurde
-hinzugefügt, »vielleicht lasse sich auch gegen Herrn Stawrogin ein
-Gesetz finden«, um dem Gouverneur wegen Warwara Petrowna einen Stich zu
-versetzen. Der Gouverneur war gerade verreist, wurde aber bald
-zurückerwartet. Inzwischen bereitete man dem beleidigten Pjotr
-Pawlowitsch richtige Ovationen: man umarmte und küßte ihn, die ganze
-Stadt machte bei ihm Visite. Man plante sogar ihm zu Ehren ein Diner im
-Klub, auf Subskription, und gab es nur auf seine dringende Bitte hin
-auf, -- vielleicht aber auch, weil man sich schließlich darauf besann,
-daß der Mann ja immerhin an der Nase geführt worden war und mithin
-eigentlich kein Grund zu Festlichkeiten vorlag.
-
-Indes, wie hatte das alles nur geschehen können? Bemerkenswert war
-besonders der Umstand, daß kein Mensch diesen Streich auf zeitweiliges
-Irresein zurückführte. Also traute man offenbar auch einem gesunden und
-geistesklaren Nicolai Wszewolodowitsch Derartiges zu.
-
-Bemerkenswert erschien mir auch jener Ausbruch eines allgemeinen Hasses,
-mit dem bei uns damals alle über den »Ruhestörer und großstädtischen
-_bretteur_«{[11]} herfielen. Man wollte in jener Tat unbedingt die
-»freche, wohlüberlegte Absicht« sehen, mit einem Schlage »die ganze
-Gesellschaft zu beleidigen«. Jedenfalls hatte er niemanden für sich
-gewonnen, sondern alle gegen sich in Harnisch gebracht, und wodurch nur?
-Bis dahin hatte er noch niemanden gekränkt, höflich aber war er schon so
-gewesen, wie ein Herr aus einem Modeblatt, wenn der nur sprechen könnte.
-Ich nehme an, daß man ihn wegen seines Stolzes haßte. Selbst unsere
-Damen, die mit seiner Vergötterung begonnen hatten, entrüsteten sich
-jetzt über ihn noch ärger als die Männer.
-
-Warwara Petrowna war furchtbar betroffen. Später gestand sie einmal
-Stepan Trophimowitsch, sie habe das schon lange, schon das ganze halbe
-Jahr kommen fühlen, und sogar »gerade etwas in dieser Art«, ein
-bedeutsames Bekenntnis von seiten einer leiblichen Mutter. »Es hat also
-angefangen!« dachte sie erschauernd. Nach einer schlaflosen Nacht und
-nachdem sie am Morgen Stepan Trophimowitsch um Rat gefragt und bei ihm
-sogar geweint hatte, was ihr noch nie in Gegenwart anderer geschehen
-war, wollte sie vorsichtig, aber entschlossen eine Aussprache mit ihrem
-Sohn herbeiführen. Und doch zitterte sie davor. _Nicolas_, der stets so
-höflich und ehrerbietig gegen die Mutter war, hörte sie eine Weile, die
-Augenbrauen zusammengezogen, sehr ernst an; plötzlich stand er auf, ohne
-ein Wort zu antworten, küßte ihr die Hand und ging hinaus. Am Abend
-desselben Tages aber kam es dann gleich zu einem zweiten Skandal, der,
-wenn er auch längst nicht so schlimm war wie der erste, die Entrüstung
-in der Stadt doch noch sehr verstärkte.
-
-Diesmal traf es unseren Freund Liputin. Der erschien bei Nicolai
-Wszewolodowitsch gerade als dieser seine Mutter verlassen hatte, und bat
-ihn inständig, ihm die Ehre seines Besuchs zu erweisen: der Geburtstag
-seiner Frau sollte durch eine kleine Abendgesellschaft gefeiert werden.
-Warwara Petrowna hatte schon lange mit Sorge diese Neigung ihres Sohnes
-wahrgenommen, Bekanntschaften selbst mit Leuten der dritten
-Gesellschaftsschicht anzuknüpfen. Bei Liputin hatte er bisher noch nicht
-im Hause verkehrt. Er erriet, daß dieser ihn jetzt wegen des Skandals im
-Klub einlud, als Liberaler über diesen Skandal entzückt war und
-aufrichtig meinte, gerade so müsse man mit allen Häuptern des Klubs
-verfahren. _Nicolas_ begann zu lachen und versprach zu kommen.
-
-Die Gäste, von denen sich eine Menge eingefunden hatte, waren nicht
-Honoratioren, aber gewitzte Leute. Der geizige Liputin pflegte nur
-zweimal im Jahr Gäste einzuladen, dann aber einmal nicht zu knausern.
-Der Ehrengast Stepan Trophimowitsch war diesmal krankheitshalber nicht
-erschienen. Es wurde Tee gereicht, und es gab reichlich kalten Imbiß und
-Schnäpse; gespielt wurde an drei Tischen, die Jugend aber begann, in
-Erwartung des Abendessens, nach Klaviermusik zu tanzen. Nicolai
-Wszewolodowitsch forderte Frau Liputin auf -- eine überaus nette kleine
-Frau, der vor ihm schrecklich bange war --, tanzte mit ihr zwei Touren,
-setzte sich dann neben sie, unterhielt sich mit ihr, brachte sie zum
-Lachen. Als er da bemerkte, wie hübsch sie war, wenn sie lachte, faßte
-er sie plötzlich vor den Augen aller Gäste um die Taille und küßte sie
-mitten auf den Mund, wohl dreimal hintereinander, mit ganzer
-Herzenslust. Die arme Frau fiel vor Schreck in Ohnmacht. Nicolai
-Wszewolodowitsch trat zu dem Ehemann, der in der allgemeinen Verwirrung
-wie betäubt dastand, wurde bei dessen Anblick selbst verlegen, und
-nachdem er ihm hastig zugemurmelt: »Seien Sie nicht böse,« ging er
-hinaus. Liputin aber lief ihm ins Vorzimmer nach, reichte ihm
-eigenhändig den Pelz und geleitete ihn unter Verbeugungen die Treppe
-hinunter. Doch schon am nächsten Tage gab es zu dieser verhältnismäßig
-harmlosen Geschichte ein ganz ulkiges Nachspiel, das Liputin sogar ein
-gewisses Ansehen verschaffte und das er sogleich zu seinem größten
-Vorteil auszunutzen verstand.
-
-Gegen zehn Uhr morgens erschien im Hause der Madame Stawrogina Liputins
-Magd Agafja, ein munteres, gewandtes, rotbackiges Weiblein von etwa
-dreißig Jahren; sie war von Liputin mit einem Auftrage zu Nicolai
-Wszewolodowitsch geschickt und wollte unbedingt »den Herrn selber
-sehen«. Der hatte starke Kopfschmerzen, kam aber doch heraus. Warwara
-Petrowna glückte es, die Ausrichtung des Auftrags mit anzuhören.
-
-»Sergei Wassiljitsch« (d. h. Liputin), begann Agafja wortgewandt zu
-plappern, »hat mir anbefohlen, vorerst seine beste Empfehlung
-auszurichten; und dann läßt er sich nach Ihrer Gesundheit erkundigen,
-wie Sie nun eigentlich geruht haben, nach dem Gestrigen sozusagen, und
-wie Sie sich nun eigentlich fühlen, eben nach dem Gestrigen, meint er?«
-
-Nicolai Wszewolodowitsch lächelte.
-
-»Bestelle meine Empfehlung, und ich ließe bestens danken. Und sage von
-mir deinem Herrn, Agafja, er wäre der klügste Mensch in der ganzen
-Stadt.«
-
-»Ja und auf diese Antwort sollte ich Ihnen dann antworten,« versetzte
-Agafja noch wortgewandter, »daß er das auch ohne Sie schon selber weiß
-und Ihnen ganz dasselbe wünscht, sozusagen.«
-
-»Was! ... aber wie konnte er denn wissen, was ich dir antworten würde?«
-
-»Ja, das weiß ich schon nicht, aber als ich schon hinausgegangen und
-schon die ganze Gasse hinuntergegangen war, höre ich plötzlich, er läuft
-mir nach, ohne Mütze, und: >Du,< sagte er, >Agafjuschka<, sagte er,
->wenn er dir nun sagt, bestelle deinem Herrn, daß er der Klügste in der
-ganzen Stadt ist, dann sag' du ihm sogleich und vergiß das nicht, daß
-wir das auch ohne ihn schon wissen und ihm bloß auch dasselbe wünschen<,
-sozusagen ...«
-
-
- III.
-
-Schließlich fand auch die Auseinandersetzung mit dem Gouverneur statt.
-Nach der so heftigen Beschwerde des Klubs war es diesem ja sofort klar,
-daß etwas geschehen mußte, aber was? Unserem gastfreundlichen alten
-Herrn schien sein junger Verwandter ebenfalls nicht ganz geheuer zu
-sein. Gleichwohl entschloß er sich endlich, ihm gütlich zuzureden, den
-Klub und den Beleidigten um Entschuldigung zu bitten, falls nötig sogar
-schriftlich; dann aber wollte er ihm wohlwollend nahelegen, z. B. zu
-Bildungszwecken nach Italien zu reisen oder überhaupt ins Ausland, etwas
-weiter weg von uns. In dem Raum, wo er diesmal _Nicolas_ empfing, war
-wie zufällig noch sein Günstling und Sekretär Aljoscha Telätnikoff
-anwesend und damit beschäftigt, an einem Tisch in der Ecke Postsachen zu
-öffnen. Im Nebenzimmer aber saß in der Nähe der Tür ein dicker und
-kräftiger Oberst, ein Freund und früherer Kamerad des Hausherrn, und las
-die Zeitung »Die Stimme«, anscheinend ohne die Vorgänge im anderen Raum
-zu beachten. Iwan Ossipowitsch begann vorsichtig, holte weit aus, sprach
-fast flüsternd, verlor aber immer wieder den Faden. _Nicolas_ schaute
-sehr unfreundlich drein, gar nicht wie ein Verwandter, war bleich, saß
-mit gesenktem Blick da und hörte mit zusammengezogenen Brauen zu, wie
-wenn er einen heftigen Schmerz unterdrückte.
-
-»Sie haben ein gutes Herz, _Nicolas_, ein edles Herz,« sagte unter
-anderem der alte Herr, »Sie sind überaus gebildet, haben sich in den
-höchsten Kreisen bewegt, haben sich auch bei uns bisher musterhaft
-aufgeführt und dadurch das Herz Ihrer von uns allen verehrten Mutter
-beruhigt ... Und nun beginnt das alles von neuem, und wieder in einem so
-rätselhaften und für alle gefährlichen Kolorit! Ich rede zu Ihnen als
-Freund Ihres Hauses, als ein Sie liebender, bejahrter Verwandter ... So
-sagen Sie doch, was in aller Welt treibt Sie zu solchen Ausschreitungen,
-die mit allen hergebrachten Formen und Sitten so unvereinbar sind?«
-
-_Nicolas_ hatte geärgert und ungeduldig zugehört. Plötzlich blitzte in
-seinem Blick gleichsam ein verschlagener und spöttischer Ausdruck auf:
-»Ich kann es Ihnen ja meinethalben sagen, was mich dazu treibt,« sagte
-er unwirsch, sah sich um und beugte sich zum Ohr Iwan Ossipowitschs. --
-Der wohlerzogene Aljoscha Telätnikoff trat noch drei Schritte weiter zum
-Fenster, der Oberst räusperte sich hinter seiner Zeitung. Der arme Iwan
-Ossipowitsch hielt eilig und vertrauensvoll sein Ohr hin; er war äußerst
-neugierig. Und da geschah denn abermals etwas ganz Unmögliches und doch
-andererseits in einer Hinsicht nur zu Deutliches. Der alte Herr fühlte
-auf einmal, daß _Nicolas_, statt ihm ein interessantes Geheimnis
-zuzuflüstern, plötzlich den oberen Teil seines Ohres mit den Zähnen
-faßte und ziemlich fest zubiß.
-
-»_Nicolas_, was ... soll das!« stöhnte er mechanisch mit einer ganz
-fremdklingenden Stimme. -- Aljoscha und der Oberst begriffen nicht
-recht, was da vorging; es schien ihnen bis zum Schluß, daß dem Alten
-etwas zugeflüstert wurde, aber dessen verzweifeltes Gesicht beunruhigte
-sie doch. Sie glotzten sich mit aufgerissenen Augen an und wußten nicht,
-ob sie noch warten oder schon zu Hilfe eilen sollten, wie verabredet
-war. _Nicolas_ erriet das wohl und biß noch ein wenig schmerzhafter zu.
-
-»_Nicolas, Nicolas!_« stöhnte das Opfer wieder, »nun ... genug ... mit
-dem Scherz ...« -- Noch ein Augenblick, und der Arme wäre gestorben;
-doch der Unmensch hatte Erbarmen und ließ das Ohr los. Diese ganze
-Todesangst hatte eine volle Minute gedauert und der Alte bekam eine Art
-Ohnmachtsanfall. Eine halbe Stunde später aber wurde _Nicolas_ verhaftet
-und eingesperrt. Das war freilich eine schroffe Maßnahme, doch unser
-weichherziger Regent war dermaßen erzürnt, daß er die Verantwortung
-selbst Warwara Petrowna gegenüber zu übernehmen wagte. Und tatsächlich,
-als diese sofort eilig und erregt zum Gouverneur gefahren kam, wurde ihr
-erklärt, daß sie nicht empfangen werden könne, und ohne auszusteigen
-fuhr sie heim. Sie konnte diese Absage zunächst überhaupt nicht fassen.
-
-Endlich aber fand alles seine Erklärung! Gegen zwei Uhr nachts begann
-der Arrestant, der bis dahin erstaunlich ruhig gewesen war und sogar
-geschlafen hatte, plötzlich zu toben, schlug mit den Fäusten gegen die
-Tür, riß mit übermenschlicher Kraft das eiserne Gitter von dem Fenster
-ab, zerschlug die Scheibe und zerschnitt sich dabei die Hände. Als der
-wachhabende Offizier mit der Mannschaft herbeigeeilt kam und die Zelle
-aufschließen ließ, stellte es sich heraus, daß der Gefangene sich im
-stärksten Fieberdelirium befand; er wurde nach Hause zur Mutter
-geschafft. Nun war ja alles klar. Unsere drei Ärzte äußerten sich dahin,
-daß der Kranke sehr wohl schon vor drei Tagen in diesem Fieberzustande
-wie benommen gewesen sein könne. Somit hatte Liputin als erster das
-Richtige erraten. Der zartfühlende Iwan Ossipowitsch war nun sehr
-betreten, auch im Klub schämte man sich und begriff nicht, wie man auf
-diese einzig mögliche Erklärung nicht verfallen war. Natürlich gab es
-auch Skeptiker, aber die konnten sich nicht behaupten.
-
-_Nicolas_ lag gute zwei Monate. Die ganze Stadt besuchte Warwara
-Petrowna. Und sie verzieh. Als _Nicolas_ sich zum Frühling hin wieder
-erholte und mit dem Vorschlag der Mutter, nach Italien zu reisen,
-einverstanden war, da bat sie ihn, vorher doch überall seine
-Abschiedsvisite zu machen und sich bei der Gelegenheit zu entschuldigen,
-wo das nötig und soweit es möglich war. _Nicolas_ versprach ihr auch
-das, und sogar mit großer Bereitwilligkeit. Und alsbald erfuhr man im
-Klub, er habe mit Pjotr Pawlowitsch eine überaus zartfühlende Aussprache
-gehabt, durch die dieser vollkommen zufriedengestellt worden sei.
-Während dieser Visiten soll _Nicolas_ sehr ernst und sogar ein wenig
-düster gewesen sein. Alle empfingen ihn anscheinend mit aufrichtiger
-Teilnahme, doch im Grunde waren alle verlegen und nur froh, daß er nach
-Italien reiste. Iwan Ossipowitsch weinte sogar, konnte sich aber aus
-einem unbestimmten Grunde doch nicht entschließen, ihn zum Abschied zu
-umarmen. Allerdings blieben bei uns manche doch überzeugt, der
-Taugenichts habe alle nur zum Besten gehabt, die Krankheit aber sei eine
-Sache für sich gewesen. Auch zu Liputin fuhr er zur Abschiedsvisite.
-
-»Sagen Sie mal,« fragte er ihn, »wie konnten Sie damals im voraus
-wissen, was ich über Ihren Verstand sagen würde, und die Antwort darauf
-schon mitgeben?«
-
-»Ganz einfach,« sagte Liputin lachend, »weil auch ich Sie für klug
-halte, also war's nicht schwer!«
-
-»Immerhin ein seltsames Zusammentreffen. Aber erlauben Sie: dann hielten
-Sie mich damals für gescheit und nicht für wahnsinnig?«
-
-»Für den gescheitesten und klügsten, und ich stellte mich nur so, als
-glaubte ich, Sie wären nicht bei voller Vernunft. Und Sie haben mir ja
-auch sofort den Beweis für die Ungetrübtheit Ihres Geistes
-zurückgesandt.«
-
-»Übrigens irren Sie sich da doch ein wenig: ich war tatsächlich ...
-krank,« sagte _Nicolas_ verstimmt. »Wie! glauben Sie denn wirklich, ich
-wäre fähig, bei vollem Verstande Menschen zu überfallen? Wozu denn das?«
-
-Liputin wand sich betreten und wußte nicht recht, was er antworten
-sollte. _Nicolas_ erblaßte ein wenig, oder vielleicht schien es Liputin
-nur so.
-
-»Jedenfalls haben Sie eine sehr amüsante Denkweise,« fuhr _Nicolas_
-fort, »und ich begreife natürlich, daß Sie Ihre Agafja zu mir schickten,
-um mich zu verhöhnen.«
-
-»Ich konnte Sie doch nicht zum Duell fordern?«
-
-»Ach, ja, richtig! Ich habe ja auch so etwas gehört, daß Sie Duelle
-nicht lieben ...«
-
-»Wozu denn Französisches ins Russische übersetzen!«
-
-»Sie halten es mit dem Nationalismus?«
-
-Liputin wand sich noch mehr, antwortete aber nichts.
-
-»Was, was! Sehe ich recht!« rief _Nicolas_ plötzlich, als er mitten auf
-dem Tisch, wie ein Prunkstück an der sichtbarsten Stelle, einen Band von
-_Considérant_ erblickte. »Sind Sie etwa gar Fourierist? Das fehlte noch!
-Aber ist denn das keine Übersetzung aus dem Französischen?« und er
-klopfte lachend auf das Buch.
-
-»Nein, nicht aus dem Französischen!« Liputin sprang fast mit einem
-gewissen Grimm vom Stuhl auf. »Das ist eine Übersetzung aus der Sprache
-der ganzen Menschheit, und nicht bloß aus dem Französischen! Aus der
-Sprache der universalen sozialen Republik und Harmonie, jawohl! Und
-nicht aus dem Französischen allein!«
-
-»Sapperment! Aber so eine Sprache gibt es ja überhaupt nicht!« versetzte
-_Nicolas_ immer noch lachend.
-
-Von Herrn Stawrogin soll zwar erst später die Rede sein, doch möchte ich
-eines schon hier bemerken: daß von allen Eindrücken, die er damals bei
-uns empfing, am grellsten sich seinem Gedächtnis die unscheinbare und
-fast gemeine Gestalt Liputins eingeprägt hatte, dieses kleinen
-Provinzbeamten, eifersüchtigen Ehemannes, rohen Familiendespoten,
-Wucherers und Geizhalses, der selbst die Überbleibsel der Mahlzeiten und
-Lichtstümpfchen verschloß, und doch gleichzeitig ein glühender Anhänger
-Gott weiß was für einer zukünftigen »sozialen Harmonie« war, sich nachts
-an den phantastischen Bildern der zukünftigen Phalanstere berauschte, an
-deren baldige Verwirklichung in Rußland er so glaubte wie an sein
-eigenes Vorhandensein. Und alles das dortselbst, wo er sich ein
-»Häuschen« erspart, wo er zum zweitenmal geheiratet hatte, und wo es
-vielleicht im Umkreise von hundert Werst keinen Menschen gab, der auch
-nur annähernd ein Mitglied dieser »universalen sozialen Republik und
-Harmonie« hätte sein können.
-
-»Gott mag wissen, wie es in solchen Menschen aussieht!« dachte _Nicolas_
-oft verwundert, wenn er sich dieses unvermuteten Fourieristen erinnerte.
-
-
- IV.
-
-Unser Prinz reiste drei Jahre lang und noch länger, so daß er bei uns
-fast ganz in Vergessenheit geriet. Unser Kreis freilich wußte durch
-Stepan Trophimowitsch, daß er ganz Europa bereist hatte, sogar in
-Ägypten und in Jerusalem gewesen war; dann hatte er sich mit einer
-wissenschaftlichen Expedition auch nach Island begeben. Ferner hieß es,
-er habe einen Winter an einer deutschen Universität Kolleg gehört. An
-seine Mutter schrieb er nur selten, aber die fühlte sich dadurch nicht
-mehr gekränkt. Die Beziehungen zwischen ihr und ihrem Sohn hatten nun
-einmal diese Form angenommen, die sie wortlos hinnahm; im übrigen dachte
-sie beständig an ihren _Nicolas_ und sehnte sich nach ihm. Doch davon
-erfuhr kein Mensch etwas. Selbst von Stepan Trophimowitsch zog sie sich
-anscheinend ein wenig zurück. Sie schmiedete heimlich Pläne, wurde noch
-sparsamer und ärgerte sich immer mehr über Stepan Trophimowitschs
-Verluste im Kartenspiel.
-
-Da erhielt sie im April dieses Jahres ganz unverhofft einen Brief aus
-Paris, und zwar von ihrer Jugendfreundin, der Generalin Praskowja
-Iwanowna Drosdowa. Diese schrieb ihr plötzlich nach acht Jahren, Nicolai
-Wszewolodowitsch verkehre viel in ihrem Hause, habe mit Lisa (ihrer
-einzigen Tochter) Freundschaft geschlossen und beabsichtige, sich ihnen
-anzuschließen, wenn sie im Sommer nach der Schweiz reisten, obwohl er in
-der Familie des Grafen K... (einer in Petersburg höchst einflußreichen
-Persönlichkeit), die jetzt gleichfalls in Paris weile, wie ein
-leiblicher Sohn aufgenommen werde, so daß er, man könne sagen, fast ganz
-im Hause des Grafen lebe. Der Brief war kurz, doch sein Zweck deutlich.
-Warwara Petrowna dachte denn auch nicht lange nach, entschloß sich
-schnell und fuhr mit ihrer Pflegetochter Dascha Mitte April nach Paris
-und dann nach der Schweiz. Im Juli kehrte sie allein zurück; sie hatte
-Dascha bei Drosdoffs gelassen, die mit ihr Ende August heimkehren
-sollten.
-
-Drosdoffs waren gleichfalls eine Gutsbesitzerfamilie unseres
-Gouvernements, aber der Dienst des Generals hatte sie in letzter Zeit
-verhindert, sich hier auf ihrem herrlichen Gut aufzuhalten. Nach dem
-Tode des Generals im vorigen Jahre war dann die untröstliche Praskowja
-Iwanowna mit ihrer Tochter ins Ausland gereist, unter anderem auch in
-der Absicht, es im Spätsommer in der Schweiz, in Vernex-Montreux, mit
-einer Traubenkur zu versuchen. Nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande
-wollte sie sich dann endgültig in unserem Gouvernement niederlassen. In
-der Stadt besaß sie ein großes Haus, das schon viele Jahre leer stand,
-mit geschlossenen Fensterläden. Drosdoffs waren sehr reich. Praskowja
-Iwanowna, in erster Ehe Frau Tuschina, war gleichfalls die Tochter eines
-Branntweinpächters der alten Zeit und hatte gleichfalls eine große
-Mitgift erhalten. Der Rittmeister a. D. Tuschin war aber auch selbst ein
-vermögender Mann gewesen und kein unbegabter Mensch. Er hinterließ
-seiner siebenjährigen Tochter Lisa ein bedeutendes Vermögen, zu dem
-später noch das ganze Erbe ihrer Mutter hinzu kommen mußte, da diese aus
-ihrer zweiten Ehe keine Kinder hatte. Warwara Petrowna war mit dem
-Ergebnis ihrer Reise sehr zufrieden. Sie glaubte, mit Praskowja Iwanowna
-übereingekommen zu sein, und teilte nach ihrer Ankunft alles, weit
-offener als sonst, Stepan Trophimowitsch mit. Der rief »Hurra!« und
-schnippte mit den Fingern. Seine Freude war um so aufrichtiger, als er
-die Zeit ihrer Abwesenheit in größter Mutlosigkeit verbracht hatte. Vor
-ihrer Abreise hatte sie ihm, »diesem Weibe«, nichts von ihren Plänen
-mitgeteilt, vielleicht weil sie fürchtete, er könne ausplaudern. Doch
-schon in der Schweiz hatte sie sich gesagt, daß sie den verlassenen
-Freund nach ihrer Rückkehr besser behandeln müsse. Tatsächlich war ihre
-plötzliche Abreise mit dem wortkargen Abschied für sein schüchternes
-Herz der Anlaß zu qualvollen Zweifeln gewesen. Außerdem quälte ihn noch
-eine bedeutende Geldverpflichtung, die er ohne ihre Hilfe unmöglich
-decken konnte. Und dann war noch allerhand gerade während ihrer
-Abwesenheit hinzugekommen: so hatte im Mai die Herrschaft unseres guten
-Iwan Ossipowitsch ihr Ende gefunden und war der Einzug unseres neuen
-Gouverneurs, Andrei Antonowitsch von Lembke, erfolgt. Danach hatte sich
-das Verhalten unserer Gesellschaft zu Warwara Petrowna und damit
-natürlich auch zu Stepan Trophimowitsch merklich zu ändern begonnen. Das
-beeindruckte ihn um so mehr, als er natürlich schon wieder erregt
-befürchtete, man habe den neuen Gouverneur bereits auf ihn als einen
-gefährlichen Menschen aufmerksam gemacht. Er erfuhr auch, daß man sich
-in der Stadt erzählte, die Gemahlin des neuen Gouverneurs und Warwara
-Petrowna seien früher bekannt gewesen, doch hätten sie sich schließlich
-verfeindet und den Verkehr abgebrochen. Als aber nun Warwara Petrowna
-nach ihrer Rückkehr so munter und siegesgewiß seinen Bericht anhörte, u.
-a. auch das Gerücht, demzufolge manche Damen es lieber mit der neuen
-Gouverneurin halten wollten, die eine echte Aristokratin sei, und
-folglich den Verkehr mit Warwara Petrowna aufzugeben beabsichtigten, da
-richtete sich sofort auch Stepan Trophimowitschs gesunkener Mut wieder
-auf. Er wurde im Nu wieder heiter und begann mit besonderem, freudig
-dienstbeflissenem Humor die Ankunft des neuen Gouverneurs zu schildern.
-
-»Es wird Ihnen, _excellente amie_,{[12]} zweifellos bekannt sein,«
-begann er kokett, die Worte geckenhaft in die Länge ziehend, »was ein
-russischer Regierungsbeamter im allgemeinen, und was im besonderen ein
-neuangestellter, ein neugebackener russischer Beamter ist. Dagegen
-dürften Sie kaum Gelegenheit gehabt haben, praktisch zu erfahren, was
-der _Machtrausch_ eines russischen Beamten bedeutet ...«
-
-»Machtrausch eines Beamten? Wie meinen Sie das?«
-
-»Das heißt ... _Vous savez, chez nous ... En un mot_,{[13]} stellen Sie
-den erbärmlichsten Nichtsnutz als Verkäufer von, sagen wir,
-irgendwelchen elenden Eisenbahnfahrkarten an, und dieser erbärmlichste
-Wicht wird sich sofort für berechtigt halten, wie ein Jupiter auf Sie
-herabzusehen, wenn Sie eine Fahrkarte lösen wollen, _pour vous montrer
-son pouvoir_.{[14]} >Warte<, denkt er dann bei sich, >ich will dir meine
-Macht zeigen!< Und das geht bei ihnen bis zur Selbstberauschung an
-dieser ihrer Macht. _En un mot_ ...«
-
-»Ja, fassen Sie sich kürzer, wenn Sie können.«
-
-»_En un mot_, dieser Herr von Lembke hat also zunächst das Gouvernement
-bereist. Er ist zwar ein Deutschrusse griechisch-katholischer Konfession
-und sogar ein überaus schöner Mann in den vierziger Jahren ...«
-
-»Schöner Mann? Er hat Augen wie ein Schaf.«
-
-»Allerdings. Doch aus Höflichkeit will ich dem Urteil unserer Damen
-nicht widersprechen ...«
-
-»Ich bitte Sie, reden wir von etwas anderem! Übrigens, Sie tragen eine
-rote Halsbinde; schon lange?«
-
-»Das ... ich ... ich habe das nur heute ...«
-
-»Und sind Sie auch täglich sechs Werst spazieren gegangen, wie es Ihnen
-der Arzt verordnet hat?«
-
-»Nicht ... nicht immer.«
-
-»Wußte ich's doch! schon in der Schweiz ahnte ich das!« rief sie
-gereizt. »Jetzt werden Sie mir aber zehn Werst täglich gehen! Sie sind
-ja geradezu heruntergekommen! Sie sind ja nicht nur alt, Sie sind ein
-Greis geworden ... ich erschrak geradezu, als ich Sie wiedersah, trotz
-Ihrer roten Halsbinde ... _quelle idée rouge_!{[15]} Erzählen Sie weiter
-von diesem Lembke, wenn es wirklich etwas von ihm zu erzählen gibt, nur
-kommen Sie bald zu einem Ende; ich bin müde.«
-
-»_En un mot_, ich wollte ja auch nur sagen, daß er einer von denen ist,
-die erst mit vierzig Jahren anfangen Karriere zu machen, sei es dank
-einer plötzlich erworbenen Gattin oder einem nicht minder verzweifelten
-Mittel. Über mich hat man ihm natürlich sofort alles zugetragen: daß ich
-die Jugend verdürbe und den Atheismus verbreite. Er hat auch sofort
-Erkundigungen eingezogen. Und als man ihm von Ihnen berichtete, bisher
-hätten eigentlich Sie das Gouvernement verwaltet, da hat er sich zu
-äußern erlaubt, >so etwas werde hinfort nicht mehr vorkommen<.«
-
-»Hat er das wirklich gesagt?«
-
-»Wortwörtlich. Seine Gemahlin werden wir hier erst Ende August
-erblicken; sie kommt direkt aus Petersburg.«
-
-»Nein, aus dem Auslande. Ich bin mit ihr dort zusammengetroffen. In
-Paris und in der Schweiz. Sie ist mit Drosdoffs verwandt.«
-
-»Verwandt? Was für ein merkwürdiges Zusammentreffen! Man sagt, sie sei
-ehrgeizig und ... habe durch Beziehungen gute Protektion?«
-
-»Unsinn, die paar Verwandten! Bis zum fünfundvierzigsten Jahr saß sie
-als alte Jungfer da, ohne eine Kopeke, dann hat sie endlich diesen von
-Lembke erwischt und nun ist ihr ganzer Ehrgeiz seine Karriere.«
-
-»Es heißt, sie sei zwei Jahre älter als er?«
-
-»Fünf Jahre. Ihre Mutter hat mich in Moskau umschmeichelt, damit ich sie
-zu den Bällen einlud, damals zu Wszewolod Nicolajewitschs Lebzeiten. Die
-Tochter aber saß dann ohne Tänzer da, bis ich ihr aus Mitleid nach
-Mitternacht den ersten Kavalier zuschickte. Niemand wollte sie mehr
-einladen ... Ich sage Ihnen, wie ich jetzt nach Paris kam, stieß ich
-sofort auf eine Intrige. Sie haben doch soeben jenen Brief der Drosdowa
-gelesen; was konnte noch klarer sein? Aber was fand ich? Diese dumme
-Drosdowa -- sie ist immer dumm gewesen -- sieht mich fragend an: warum
-ich denn gekommen sei? Sie können sich meine Verwunderung vorstellen!
-Aber natürlich: da intrigiert diese Lembke und dann ist da dieser
-Vetter, ein Neffe des seligen Drosdoff, -- da war mir alles klar! Ich
-habe dann alles wieder zurechtgerückt; und Praskowja ist nun wieder auf
-meiner Seite; aber es war eine richtige Intrige im Gange!«
-
-»Die Sie indes besiegt haben. Sie sind ein Bismarck!«
-
-»Auch ohne ein Bismarck zu sein, kann ich Falschheit und Dummheit
-erkennen, wo ich ihnen begegne. Die Lembke ist falsch und Praskowja ist
-dumm. Selten habe ich eine so verdrossene Frau gesehen wie die, dazu hat
-sie noch geschwollene Füße und zum Überfluß ist sie noch gutmütig. Es
-gibt wohl nichts dümmeres als einen gutmütigen Dummkopf!«
-
-»Doch, einen bösen Dummkopf, _ma bonne amie_,{[16]} ein böser Dummkopf
-ist noch viel dümmer.«
-
-»Vielleicht haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an Lisa?«
-
-»_Charmante enfant!_«{[17]}
-
-»Aber jetzt nicht mehr _enfant_, sondern Weib, und ein Weib mit
-Charakter. Ein edler und feuriger Mensch, und ich liebe es an ihr, daß
-sie der Mutter nicht gehorcht, dieser leichtgläubigen Närrin. Wegen
-dieses Vetters kam es da fast zu einem ganzen Drama.«
-
-»Ach richtig, er ist ja mit Lisa persönlich gar nicht verwandt[25] ...
-Hat er denn Absichten?«
-
-»Sehen Sie, er ist ein junger Offizier, sehr schweigsam, sogar
-bescheiden. Ich will immer gerecht sein. Ich glaube, er ist selbst gegen
-diese Intrige und hat keine Wünsche, nur die Lembke scheint da
-intrigiert zu haben. Er achtete _Nicolas_ sehr. Sie verstehen, die ganze
-Sache hängt von Lisa ab. Als ich sie in der Schweiz verließ, stand sie
-sich mit _Nicolas_ ausgezeichnet, und er hat mir versprochen, im
-November herzukommen. Folglich war das nur eine Intrige der Lembke, und
-Praskowja war einfach blind. Plötzlich sagt sie mir, meine Vermutungen
-seien einfach Einbildung. Da habe ich ihr aber ins Gesicht gesagt, daß
-sie eine Närrin ist. Wenn mich nicht _Nicolas_ gebeten hätte, es
-vorläufig aufzuschieben, wäre ich nicht heimgereist, ohne dieses falsche
-Frauenzimmer entlarvt zu haben. Sie hat sich durch _Nicolas_ beim Grafen
-K. einzuschmeicheln, hat Mutter und Sohn zu entzweien versucht. Aber
-Lisa ist auf unserer Seite und mit Praskowja habe ich mich verständigt.
-Wissen Sie, daß Karmasinoff mit ihr verwandt ist?«
-
-»Was? Verwandt mit Frau von Lembke?«
-
-»Nun ja. Aber nur entfernt verwandt.«
-
-»Karmasinoff, der Novellist?«
-
-»Nun ja doch, der Schriftsteller, worüber wundern Sie sich? Natürlich
-hält er sich selbst für eine Größe. Ein aufgeblasener Wicht! Sie wird
-mit ihm zusammen herkommen, jetzt macht sie sich dort mit ihm wichtig.
-Hier will sie literarische Abende veranstalten. Er kommt auf einen
-Monat, um hier sein letztes Gut zu verkaufen. Fast wäre ich mit ihm in
-der Schweiz zusammengetroffen, was ich durchaus nicht wollte. Übrigens
-hoffe ich doch, daß er geruhen wird, mich wiederzuerkennen. Früher hat
-er in meinem Hause verkehrt, hat Briefe an mich geschrieben. Es wäre mir
-lieb, wenn Sie sich sorgfältiger kleideten, Stepan Trophimowitsch; Sie
-werden mit jedem Tage nachlässiger ... Wissen Sie denn nicht, wie mich
-das quält! Was lesen Sie jetzt?«
-
-»Ich ... ich ...«
-
-»Verstehe schon. Wie gewöhnlich die Freunde, die Gelage, der Klub, die
-Karten und der Ruf eines Atheisten. Dieser Ruf gefällt mir nicht,
-besonders jetzt möchte ich ihn nicht hören. Das ist doch alles nur
-leeres Geschwätz. Das muß doch einmal gesagt werden.«
-
-»_Mais, ma chère_{[18]} ...«
-
-»Hören Sie mich an: in allen gelehrten Fragen bin ich natürlich
-unwissend, ein Laie, im Vergleich zu Ihnen, aber auf der Heimreise habe
-ich viel über Sie nachgedacht. Und ich bin zu einer Einsicht gelangt.«
-
-»Und zu welcher?«
-
-»Zu der, daß nicht wir beide die Klügsten auf der Welt sind, sondern daß
-es auch noch klügere gibt als wir.«
-
-»Das ist sowohl scharfsinnig wie treffend gesagt. _Mais, ma bonne
-amie_,{[19]} wenn ich auch das Rechte, nehmen wir an, nicht am besten
-weiß und mich objektiv vielleicht irre, so habe ich doch mein allgemein
-menschliches, ewiges, höheres Recht auf mein freies Gewissen? Ich habe
-doch das Recht, kein Heuchler und Fanatiker zu sein, wenn ich das nicht
-sein will, und dafür werde ich naturgemäß, solange die Welt steht, von
-verschiedenen Leuten gehaßt werden. _Et puis, comme on trouve toujours
-plus de moines que de raison_,{[20]} und da das ganz meine Meinung ist
-...«
-
-»Wie, wie war das, was sagten Sie da? Das stammt gewiß nicht von Ihnen,
-das haben Sie bestimmt irgendwo gelesen?«
-
-»Das hat Pascal gesagt.«
-
-»Das hab' ich mir doch gleich gedacht ... daß es kein Ausspruch von
-Ihnen ist! Warum sagen Sie niemals etwas so kurz und treffend, sondern
-ziehen alles immer so in die Länge? ...«
-
-»_Ma foi, chère_{[21]} ... warum? Erstens wahrscheinlich deshalb, weil
-ich immerhin nicht Pascal bin, _et puis_{[22]} ... zweitens, weil wir
-Russen in unserer Sprache nichts auszudrücken verstehen ... Wenigstens
-haben wir bisher noch nichts in ihr ausgedrückt ...«
-
-»Hm! Darin haben Sie vielleicht doch nicht recht. Aber könnten Sie sich
-denn nicht wenigstens solche Aussprüche aufschreiben oder merken, für
-den Fall, wissen Sie, wenn das Gespräch ... Ach, Stepan Trophimowitsch,
-ich habe mir unterwegs vorgenommen, einmal ernst mit Ihnen zu sprechen,
-sehr ernst.«
-
-»_Chère, chère amie!_«
-
-»Jetzt, wo alle diese Lembkes und Karmasinoffs ... Oh Gott, wie sind Sie
-heruntergekommen! Oh, wie Sie mich damit quälen! ... Ich möchte, daß
-diese Menschen Hochachtung vor Ihnen empfänden, denn sie sind ja alle
-nicht einmal soviel wert wie ein Finger von Ihnen, Ihr kleiner Finger,
-aber Sie, wie halten Sie sich! Was werden diese Leute in Ihnen sehen?
-Wen kann ich ihnen präsentieren? Statt vornehm als Zeuge dazustehn, ein
-Beispiel zu sein, umgeben Sie sich mit solch einem Pack, Sie haben
-unmögliche Gewohnheiten angenommen, sind alt geworden, können ohne Wein
-und Karten nicht mehr leben, Sie lesen nur noch Paul de Kock und
-schreiben selbst überhaupt nichts mehr, während die dort alle schreiben.
-Ihre ganze Zeit vergeuden Sie im Geschwätz. Ist es denn möglich, darf
-man sich denn das erlauben, sich mit solchem Gesindel anzufreunden, wie
-es Ihr ewiger Liputin ist?«
-
-»Warum denn >mein ewiger Liputin<?« protestierte Stepan Trophimowitsch
-schüchtern.
-
-»Und Schatoff? Ist er immer noch derselbe?«
-
-»_Irascible, mais bon._«{[23]}
-
-»Ich kann Ihren Schatoff nicht ausstehen; er ist böse und eingebildet!«
-
-»Wie geht es Darja Pawlowna?«
-
-»Sie fragen nach Dascha? Wie kommen Sie plötzlich darauf?« Warwara
-Petrowna sah ihn forschend an. »Sie ist gesund. Ich habe sie bei
-Drosdoffs gelassen ... In der Schweiz habe ich etwas über Ihren Sohn
-gehört; Schlechtes, nicht Gutes.«
-
-»_Oh, c'est une histoire bien bête! Je vous attendais, ma bonne amie,
-pour vous raconter_{[24]} ...«
-
-»Genug, Stepan Trophimowitsch, gönnen Sie mir Ruhe, ich bin ohnehin
-erschöpft. Wir werden noch Zeit haben, uns auszusprechen, besonders über
-das Schlechte. Wenn Sie lachen, spritzt jetzt von Ihren Lippen schon
-Speichel, das ist ja bereits greisenhaft! Und wie sonderbar Sie jetzt
-immer lachen ... Gott, wie viele schlechte Gewohnheiten Sie angenommen
-haben! Karmasinoff wird Ihnen bestimmt keinen Besuch machen! Hier aber
-sind alle schon ohnehin froh über ... Erst jetzt zeigen Sie sich in
-Ihrer wahren Gestalt. Aber genug, genug, ich bin müde! Sie könnten doch
-wahrlich endlich einmal auf einen Menschen Rücksicht nehmen!«
-
-Stepan Trophimowitsch nahm also »Rücksicht auf einen Menschen«, aber er
-entfernte sich verwirrt.
-
-
- V.
-
-Unser Freund hatte in der Tat nicht wenige schlechte Gewohnheiten
-angenommen, besonders in der letzten Zeit. Er war sichtlich und schnell
-heruntergekommen, und es war richtig, er vernachlässigte auch schon sein
-Äußeres. Er trank auch mehr, wurde weinerlicher und nervöser; seine
-Liebe zum Schönen aber war schon zu einer Übersensibilität geworden.
-Sein Gesicht hatte die seltsame Fähigkeit erlangt, erstaunlich schnell
-den Ausdruck zu wechseln, z. B. die feierlichste Miene im Nu in einen
-komischen oder sogar dummen Ausdruck zu verwandeln. Einsamkeit ertrug er
-überhaupt nicht mehr und wollte beständig unterhalten sein, sei es mit
-Stadtklatsch oder Anekdoten, wenn es nur etwas Neues war. Kam längere
-Zeit niemand zu ihm, so wanderte er trübselig durch die Zimmer, trat ans
-Fenster, sah gedankenverloren hinaus, schob dabei die Lippen hin und
-her, seufzte tief und schließlich begann er fast zu flennen. Er glaubte
-immer, Vorahnungen zu haben, fürchtete etwas Unerwartetes,
-Unabwendbares, wurde schreckhaft und achtete sehr auf seine Träume.
-
-Diesen Tag und den Abend verbrachte er sehr traurig. Er ließ mich zu
-sich bitten, war sehr aufgeregt, erzählte viel, aber recht
-zusammenhanglos. Es schien mir schließlich, daß ihn etwas Besonderes
-bedrückte, etwas, das er sich vielleicht selber nicht erklären konnte.
-Sonst hatte er bei solchen Gelegenheiten, wenn er mir vorzuklagen
-begann, nach einer Weile immer ein Fläschchen bringen lassen, und alles
-war dann bald in weit tröstlicherem Lichte erschienen. Diesmal aber
-unterdrückte er sichtlich mehrmals den erwachenden Wunsch, eine Flasche
-bringen zu lassen. -- »Und worüber ärgert sie sich denn eigentlich?«
-klagte er wie ein Kind. »_Tous les hommes de génie et de progrès en
-Russie étaient, sont et seront toujours des_ Kartenspieler _et des_
-Trinker _qui boivent_{[25]} anfallweise ... ich aber bin noch lange kein
-so großer Spieler und Trinker ... Sie macht mir Vorwürfe, warum ich
-nichts schreibe! Sonderbarer Einfall! ... Warum ich nichts tue! Sie
-sagt, ich müsse als Beispiel und Vorwurf dastehen! _Mais entre nous soit
-dit_,{[26]} was kann denn ein Mensch, dessen Bestimmung es ist, als
-verkörperter Vorwurf dazustehen, anderes tun als Nichtstun, -- weiß sie
-das denn nicht?«
-
-Und schließlich erriet ich auch jenen wichtigsten und besonderen Kummer,
-der ihn diesmal so unablässig quälte. Er war schon mehrere Male vor dem
-Spiegel stehen geblieben. Schließlich wandte er sich von ihm ab und
-sagte in einer seltsamen Verzweiflung:
-
-»_Mon cher, je suis un_{[27]} heruntergekommener Mensch!«
-
-Ja, in der Tat, bis dahin, bis zu diesem Tage war er wenigstens von
-einem beständig überzeugt geblieben, trotz aller »neuen Anschauungen«
-und »Ideenänderungen« Warwara Petrownas, nämlich davon, daß er für ihr
-weibliches Herz immer noch bezaubernd sei, d. h. nicht nur als
-Verbannter oder als berühmter Gelehrter, sondern auch als schöner Mann.
-Zwanzig Jahre lang hatte diese schmeichelhafte und beruhigende
-Überzeugung tief verwurzelt in ihm gelebt, und vielleicht fiel ihm
-nichts so schwer, wie daß er von allen seinen Überzeugungen ausgerechnet
-diese aufgeben mußte. Ahnte er vielleicht an diesem Abend, welch eine
-ungeheure Prüfung ihm schon in so naher Zukunft bevorstand?
-
-
- VI.
-
-Ich komme jetzt zu der Wiedergabe jenes zum Teil vergessenen
-Geschehnisses, mit dem meine Chronik eigentlich erst beginnt.
-
-Ende August kehrten Drosdoffs zurück. Sie trafen kurz vor ihrer
-Verwandten ein, der lange von der ganzen Stadt erwarteten Gattin unseres
-neuen Gouverneurs, und überhaupt machte ihr Erscheinen bei uns einen
-auffallenden Eindruck in der Gesellschaft. Doch davon später; hier sei
-nur bemerkt, daß Praskowja Iwanowna der sie ungeduldig erwartenden
-Warwara Petrowna ein höchst beunruhigendes Rätsel mitbrachte: _Nicolas_
-hatte sich bereits im Juli von ihnen getrennt und war mit der Familie
-des Grafen K. nach Petersburg zurückgekehrt. (_NB._ Der Graf hatte drei
-heiratsfähige Töchter.)
-
-»Von Lisaweta habe ich nichts erfahren können, aus diesem stolzen
-Trotzkopf ist ja nichts herauszubringen,« schloß Praskowja Iwanowna,
-»aber ich habe ja selbst gesehen, daß zwischen ihr und _Nicolas_ etwas
-vorgefallen ist. Die Ursache ist mir unbekannt, aber ich glaube, Sie
-werden sich, meine Liebe, nach diesen Ursachen am besten bei Ihrer Darja
-Pawlowna erkundigen. Meiner Meinung nach ist Lisa gekränkt worden. Ich
-bin nur froh, daß ich Ihren Liebling Dascha endlich wieder Ihnen
-abliefern kann. Gott sei Dank, nun bin ich sie los!«
-
-Doch mit diesen giftigen, offenbar absichtlich so vielsagenden Worten
-geriet sie an die Falsche: Warwara Petrowna verlangte sofort streng eine
-nähere Erklärung. Praskowja Iwanowna wurde hierauf sehr viel
-kleinlauter, ja schließlich begann sie zu weinen und ihr Herz
-auszuschütten. Es sei also zwischen Lisa und _Nicolas_ tatsächlich zu
-einem Zerwürfnis gekommen, doch Gott weiß aus welchem Grunde. Ihre
-Anspielung auf Darja Pawlowna nahm sie wieder zurück und bat sogar
-ausdrücklich, ihre »in der Gereiztheit« gesprochenen Worte ganz zu
-vergessen. Zu jenem Zerwürfnis hätte wohl der »trotzige und spöttische«
-Charakter Lisas den Anstoß gegeben, und der »stolze« _Nicolas_ sei zwar
-sehr verliebt gewesen, habe aber die Spötteleien doch nicht ertragen und
-selbst zu spotten begonnen. Kurz, alle diese Erklärungen kamen sehr
-unklar heraus. Und dann hätten sie noch Stepan Trophimowitschs Sohn
-kennen gelernt, -- »Das war ein ganz gewöhnlicher junger Mann, sehr
-lebhaft und frei, aber sonst nichts Besonderes.« Diesen jungen Mann habe
-nun Lisa unrechterweise sehr bevorzugt, wohl um _Nicolas_ eifersüchtig
-zu machen, nur sei ihr das nicht gelungen: statt eifersüchtig zu werden,
-habe _Nicolas_ sich selbst mit dem jungen Manne befreundet, ganz als
-bemerke er nichts oder als wäre ihm das ganz gleichgültig. »Nun und das
-empörte Lisa. Der junge Mann reiste übrigens bald weiter, Lisa aber
-begann nun bei jeder Gelegenheit Streit mit _Nicolas_. Sie bemerkte, daß
-dieser manchmal mit Dascha sprach, und das ärgerte sie furchtbar. Da
-gab's denn ewig Streit und für mich Aufregungen die aber hatten die
-Ärzte mir doch so verboten! Und plötzlich erhielt _Nicolas_ von der
-Gräfin einen Brief und reiste sofort ab. Ihr Abschied war wieder
-freundschaftlich. Auf dem Wege zur Bahnstation, wohin wir ihn
-begleiteten, war Lisa sehr lustig und lachte viel. Alles Verstellung
-natürlich! Kaum aber war er weg, da wurde sie sehr nachdenklich,
-erwähnte ihn überhaupt nicht mehr und ließ auch mich nicht einmal von
-ihm sprechen. Meine Bemerkung über Dáschachen aber war falsch, nehmen
-Sie es mir nicht übel, Mütterchen, verzeihen Sie mir schon die Sünde! Es
-waren ja nur ganz gewöhnliche Gespräche, die laut geführt wurden. Mich
-hat das alles nur so nervös gemacht. Aber auch Lisa verhält sich zu
-Dascha jetzt wieder so freundlich, wie sie vorher verkehrten. Und mit
-_Nicolas_ wird sie sich gewiß ebenso aussöhnen, wenn er nur bald herkäme
-...«
-
-Warwara Petrowna sagte nur, sie kenne Darja und das sei alles Unsinn. An
-_Nicolas_ aber schrieb sie noch am selben Tage und bat ihn sehr, doch
-wenigstens einen Monat früher zu kommen als er versprochen hatte. -- Und
-doch blieb für sie etwas Unklares in der ganzen Sache: »_Nicolas_ ist
-nicht der Mann, der vor dem Spott eines Mädchens davonläuft ... Jenen
-Offizier haben sie richtig mitgebracht und als Verwandten im Hause
-einquartiert. Wie kam diese Praskowja darauf, Darja so zu verdächtigen?
-Und dann diese schnelle Entschuldigung ... Sicher steckt etwas dahinter,
-was sie nicht sagen wollte, aber zu plump angedeutet hatte« ... Warwara
-Petrowna dachte die ganze Nacht darüber nach. Zum Morgen hin aber war
-ihr Plan fertig, wie sie wenigstens _ein_ Hindernis beseitigen könnte.
-Das war nun freilich ein sehr merkwürdiger Plan, und was in ihrem Herzen
-vorging, als sie diesen Entschluß faßte, weiß ich nicht, noch werde ich
-versuchen, alle Widersprüche, die er enthielt, zu erklären. Bemerken muß
-ich nur, daß bis zum Morgen nicht der geringste Verdacht gegen Dascha in
-ihr zurückgeblieben war. Aber sie hätte es ja auch nie für möglich
-gehalten, daß ihr _Nicolas_ sich für diese ihre ... »Darja« lebhafter
-interessieren könnte. Am Morgen, als Dascha am Teetisch hantierte, sah
-Warwara Petrowna sie lange und prüfend an und sagte sich schließlich
-wohl zum zwanzigsten Male überzeugt: »Alles Unsinn!« Es fiel ihr nur
-auf, daß Dascha seltsam müde aussah und noch stiller war als gewöhnlich.
-Nach dem Tee setzten sie sich beide wie immer an eine Handarbeit und
-Warwara Petrowna ließ sich nun einen ausführlichen Bericht über die
-Eindrücke erstatten, die Dascha im Auslande empfangen hatte, über die
-Natur, die Menschen, Sitten, Kunstwerke, Gewerbe usw. Nur über Drosdoffs
-und das Leben bei diesen stellte sie nicht eine Frage. Als Dascha eine
-halbe Stunde mit ihrer gleichmäßigen, eintönigen, aber etwas schwachen
-Stimme erzählt hatte, unterbrach sie sie plötzlich:
-
-»Darja, hast du mir denn nichts Eigenes zu sagen?«
-
-»Nein, ich habe nichts,« antwortete Dascha nach einem ganz kurzen
-Nachdenken und sah Warwara Petrowna mit ihren hellen Augen an.
-
-»Auf der Seele, auf dem Herzen, auf dem Gewissen?«
-
-»Nichts,« wiederholte Dascha leise, doch wie mit einer finsteren
-Festigkeit.
-
-»Wußte ich's doch! Damit du's weißt, Dascha, ich werde nie an dir
-zweifeln. Aber setze dich hierher, auf diesen Stuhl, damit ich dich
-besser sehen kann, und höre mich an. So. Also höre jetzt: willst du
-nicht heiraten?«
-
-Dascha antwortete nur mit einem fragenden, langen, übrigens nicht einmal
-allzu verwunderten Blick.
-
-»Wart; sei still! Erstens ist da ein Unterschied in den Jahren, ein sehr
-großer sogar, aber das ist doch nur dummes Gerede. Du bist vernünftig,
-in deinem Leben soll es keine Fehler geben. Übrigens ist er noch ein
-schöner Mann ... Kurz, ich meine Stepan Trophimowitsch, den du immer so
-geachtet hast. Nun?«
-
-Dascha sah sie noch fragender an, jetzt aber nicht nur erstaunt, sondern
-auch sichtbar errötend.
-
-»Wart, sei still, überlege es! Meinem Testament zufolge hast du zwar
-Geld. Aber wenn ich sterbe, was wird dann aus dir, selbst mit diesem
-Gelde? Man wird dich doch betrügen, dich ums Geld bringen und dann bist
-du verloren. Heiratest du aber ihn, so bist du die Frau eines
-angesehenen Mannes. Und andererseits: sterbe ich, was wird dann aus ihm,
-wenn ich auch seine Existenz sichergestellt habe? Auf dich aber kann ich
-mich verlassen. Wart, ich habe noch nicht zu Ende gesprochen: er ist
-leichtsinnig, träge, charakterlos, grausam, egoistisch, hat häßliche
-Schwächen, aber du schätze ihn trotzdem, erstens schon deshalb, weil es
-noch viel schlechtere gibt. Warum schweigst du und siehst nicht auf? --
-Warte, sei noch still! Er ist ein altes Weib, aber um so besser für
-dich. Ein bemitleidenswertes Weib. Er verdiente es gar nicht, von einer
-Frau geliebt zu werden. Aber wegen seiner Schutzlosigkeit verdient er es
-schließlich doch; also liebe du ihn auch deswegen. Du verstehst mich
-doch?« (Dascha nickte.) »Das wußte ich, habe auch nichts anderes von dir
-erwartet. Er wird dich lieben, denn er muß es, er muß! Muß dich
-vergöttern!« (Ihre Stimme klang seltsam gereizt und hart.) »Übrigens
-wird er sich auch so schon in dich verlieben, ich kenne ihn doch. Zudem
-werde ich ja selbst hier sein. Sei unbesorgt, ich werde schon nach dem
-Rechten sehen. Er wird sich über dich beklagen, wird dich verleumden,
-mit dem ersten besten über dich sprechen, wird dir Briefe schreiben aus
-dem Nebenzimmer, sogar zwei am Tage, aber ohne dich wird er doch nicht
-leben können, und das ist schließlich die Hauptsache. Zwinge ihn, dir zu
-gehorchen; verstehst du das nicht, ist's dein eigener Schade. Er wird
-sich erhängen wollen, wird dir damit drohen -- glaube ihm nichts; das
-ist alles Unsinn; aber sei trotzdem vorsichtig, denn vielleicht ist die
-Stunde verhängnisvoll und er tut es wirklich. Das kommt vor bei solchen
-Menschen; nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche hängen sie sich auf;
-und darum bringe ihn nie zum Äußersten, -- das ist der erste Grundsatz
-in der Ehe. Und vergiß auch nicht, daß er ein Dichter ist. Höre, Darja:
-es gibt kein größeres Glück als sich zu opfern. Und außerdem tust du mir
-damit einen großen Gefallen, und das ist die Hauptsache. Denke nicht,
-daß ich mich aus Dummheit soeben versprochen habe; ich weiß, was ich
-sage. Ich bin egoistisch; sei du es auch. Ich will dich ja nicht
-zwingen; alles hängt von dir ab; wie du entscheidest, so wird es sein.
-Nun, warum sitzt du so da, sag' jetzt etwas!«
-
-»Mir ist alles gleich, Warwara Petrowna, wenn ich schon unbedingt
-heiraten soll,« sagte Dascha mit fester Stimme.
-
-»Unbedingt? Was willst du damit andeuten?« Warwara Petrowna sah sie
-streng und unverwandt an. Dascha schwieg und kratzte mit der Nadel am
-Stickrahmen. -- »Du bist sonst zwar gescheit, jetzt aber irrst du dich
-doch. Es ist mir jetzt doch nur seinetwegen in den Sinn gekommen, dich
-zu verheiraten. Gäbe es keinen Stepan Trophimowitsch, so dächte ich gar
-nicht daran, obwohl du bereits zwanzig Jahre alt bist ... Nun?«
-
-»Ich werde tun, was Sie wünschen.«
-
-»Also du bist einverstanden! Wart, sei still, wohin willst du? Ich bin
-noch nicht fertig. In meinem Testament habe ich dir fünfzehntausend
-Rubel vermacht. Die gebe ich dir aber schon jetzt sofort nach der
-Trauung. Davon wirst du ihm achttausend geben, d. h. nicht ihm, sondern
-mir. Denn er hat eine Schuld von achttausend, die ich bezahlen werde,
-nur soll er wissen, daß es mit deinem Gelde geschieht. Siebentausend
-behältst du demnach, davon gib ihm nichts, nicht einen Rubel. Bezahle
-nie seine Schulden. Tust du es einmal, nimmt das Ausbeuten kein Ende.
-Ihr werdet von mir fünfzehnhundert Rubel jährlich bekommen, außer der
-Wohnung und Beköstigung, die ihr auch weiterhin von mir erhalten werdet.
-Dieses Jahrgeld werde ich dir als ganze Summe auszahlen, in jedem Jahr,
-unmittelbar in deine Hände. Aber sei auch gut zu ihm und gib ihm
-zuweilen etwas, und auch seinen Freunden mußt du schon erlauben, ihn zu
-besuchen, einmal wöchentlich. Kommen sie öfter, so wirf sie hinaus. Aber
-ich werde ja immer hier sein. Sterbe ich, so bekommt ihr die Pension bis
-zu seinem Tode, hörst du, bis zu _seinem_ Tode, denn es ist _seine_ und
-nicht deine Pension. Dir aber werde ich außer den siebentausend, die du
-dir, wenn du nicht dumm bist, unangebrochen aufheben kannst, noch
-weitere achttausend testamentarisch vermachen. Aber mehr bekommst du
-nicht von mir. Damit du's weißt. Nun, bist du einverstanden? Aber nun
-antworte doch endlich!«
-
-»Ich habe schon geantwortet, Warwara Petrowna.«
-
-»Vergiß nicht, daß es dein freier Wille ist.«
-
-»Erlauben Sie nur, Warwara Petrowna, hat Stepan Trophimowitsch schon mit
-Ihnen davon gesprochen?«
-
-»Nein, er hat nichts gesprochen und weiß überhaupt nichts davon, aber
-... er wird sofort sprechen!« -- Sie stand hastig auf und nahm ihren
-schwarzen Schal. Dascha errötete wieder ein wenig und sah ihr mit
-fragendem Blick nach. Plötzlich wandte sich Warwara Petrowna mit
-zornflammendem Gesicht zu ihr um und fuhr sie wie ein Habicht an: »Du
-Törin! Du undankbare Törin! Glaubst du wirklich, daß ich dich auch nur
-im geringsten bloßstellen werde? Auf den Knien wird er dich anflehen, er
-wird vergehen müssen vor Glück, _so_ wird das geschehen! Oder glaubst
-du, daß er dich um dieser Achttausend willen nehmen wird und ich jetzt
-hinlaufe, um dich zu verkaufen? Törin, Törin, alle seid ihr undankbare
-Törinnen! Gib mir meinen Schirm!«
-
-Und sie begab sich zu Fuß zu Stepan Trophimowitsch.
-
-
- VII.
-
-In der Tat: sie glaubte aufrichtig, mit dieser Verheiratung Darja nichts
-Böses anzutun; im Gegenteil, sie hielt sich jetzt erst recht für deren
-Wohltäterin. Um so größer war daher ihr Unwille, als sie den unsicheren
-und mißtrauischen Blick ihrer Pflegetochter bemerkte. Sie liebte sie
-aufrichtig; ja, Praskowja Iwanowna hatte recht, wenn sie Dascha ihren
-»Liebling« nannte. Warwara Petrowna hatte sich schon früh gesagt, als
-Dascha noch ein Kind war, der Charakter dieses Mädchens gleiche
-entschieden nicht dem ihres Bruders Iwan Schatoff, sie sei still, sanft,
-sehr aufopferungsfähig, treu, überaus bescheiden, verständig und, was
-die Hauptsache war, dankbar. »In diesem Leben werden keine Fehler
-vorkommen,« sagte sie, als Dascha zwölf Jahre alt war, und da es ihre
-Art war, sich für jeden Einfall, der ihr gefiel, eigensinnig und
-leidenschaftlich einzusetzen, hatte sie dann sofort beschlossen, Dascha
-wie eine leibliche Tochter zu erziehen. Sie legte für sie ein Kapital
-beiseite und nahm eine Gouvernante ins Haus, Miß Criggs, die bis zu
-Daschas sechzehntem Jahre bei ihnen blieb. Dann setzten Lehrer vom
-Gymnasium, ein Franzose und eine arme adelige Dame, die Klavierstunden
-gab, den Unterricht fort. Aber der Hauptpädagoge war doch Stepan
-Trophimowitsch, der eigentlich Dascha »entdeckt« und das stille Kind
-schon unterrichtet hatte, als es von Warwara Petrowna noch gar nicht
-beachtet wurde. Ich weise nochmals darauf hin: es war erstaunlich, wie
-Kinder an ihm hingen. Auch Lisa hatte er von ihrem achten bis elften
-Jahre unterrichtet (selbstredend unentgeltlich). Er hatte sich in das
-reizende Kind ganz verliebt und erzählte ihr wie schöne Dichtungen die
-Einrichtung der Welt, die Geschichte der Menschheit und der ersten
-Völker. Das war fesselnder als arabische Märchen. Lisa verging vor
-Begeisterung für diese Geschichten, zu Hause aber kopierte sie ihren
-Lehrer in einer höchst drolligen Weise. Als dieser sie einmal dabei
-überraschte, flog sie ihm in ihrer Verlegenheit einfach an den Hals und
-begann zu weinen. Er aber weinte gleich mit: vor lauter Entzücken. Bald
-aber reiste Lisa weg und die kleine Dascha blieb allein. Später überließ
-er den Unterricht den Lehrern, die ins Haus kamen, und kümmerte sich
-lange Zeit gar nicht mehr um sie. Einmal aber, als Dascha bereits
-siebzehn war, fiel ihm bei Tisch plötzlich ihre Lieblichkeit auf. Er
-begann mit ihr zu sprechen, war ersichtlich sehr zufrieden mit ihren
-Antworten und fragte sie zum Schluß, ob sie nicht mit ihm die Geschichte
-der russischen Literatur durchnehmen wolle. Warwara Petrowna lobte ihn
-für den guten Gedanken und dankte ihm. Dascha aber war selig. Doch als
-er nach den ersten paar Stunden ankündigte, das nächste Mal würden sie
-das Igorlied durchnehmen, erklärte plötzlich Warwara Petrowna, die wie
-immer zugegen war, daß es weitere Stunden nicht mehr geben werde. Stepan
-Trophimowitsch straffte sich, schwieg aber; Dascha wurde feuerrot. --
-Das hatte sich genau drei Jahre vor Warwara Petrownas jetzigem
-unverhofften Einfall zugetragen.
-
-Der arme Stepan Trophimowitsch saß ahnungslos allein zu Hause und hielt
-trübselig schon lange Ausschau, ob denn nicht ein Bekannter zu ihm
-komme. Aber es wollte keiner kommen. Ein feiner Sprühregen fiel; es
-wurde kalt. Er seufzte. Plötzlich sahen seine Augen eine erschreckende
-Vision: Warwara Petrowna, bei diesem Wetter, auf dem Wege zu ihm! Und zu
-Fuß! Er war so verblüfft, daß er alles vergaß und sie empfing wie er
-war: in seiner fraisefarbenen wattierten Hausjacke.
-
-»_Ma bonne amie!_«{[16]} rief er ihr mit schwacher Stimme entgegen.
-
-»Sie sind allein, das freut mich. Ich kann Ihre Freunde nicht ausstehen.
-Wie das hier wieder vollgeraucht ist! Und das Frühstück noch nicht
-beendet, dabei ist es schon zwölf! Wahrhaftig: Unordnung ist doch Ihre
-Seligkeit. Und Ihr einziges Behagen. Was sind das für Papierfetzchen auf
-dem Fußboden? Nastassja, Nastassja! Mach' mir mal hier alle Fenster auf,
-Mütterchen! Wir gehen in den Salon. Ich habe mit Ihnen zu reden. Du aber
-fege hier doch wenigstens einmal im Leben aus! ... Schließen Sie gut die
-Tür, Nastassja wird natürlich horchen. Setzen Sie sich und hören Sie zu.
-Wohin, wohin? Wohin wollen Sie?«
-
-»Ich ... sofort ... ich bin sofort wieder da ...«
-
-»Ah, Sie haben den Rock gewechselt.« Sie musterte ihn spöttisch. »Der
-paßt allerdings besser zu ... unserem Gespräch. Aber so setzen Sie sich
-doch endlich, ich bitte Sie!«
-
-Sie erklärte ihm alles mit einem Schlage, scharf und einleuchtend. Sie
-streifte auch die Achttausend, die er so nötig hatte. Sie sprach
-ausführlich von der Mitgift. Er riß die Augen auf und begann zu zittern.
-Er hörte alles, aber er konnte nichts klar erwägen. Er wollte etwas
-entgegnen, aber die Stimme versagte.
-
-»_Mais, ma bonne amie_, zum _dritten_ Mal und in meinen Jahren, und mit
-einem solchen Kinde!« brachte er schließlich hervor. »_Mais c'est une
-enfant!_«{[28]}
-
-»Das schon zwanzig Jahre alt ist, gottlob! Sie sind ein sehr kluger und
-gelehrter Mann, aber vom Leben verstehen Sie nichts. Sie werden ewig
-eine Kinderfrau nötig haben. Sterbe ich, was wird dann aus Ihnen? Sie
-aber ist ein bescheidenes, verständiges, charakterfestes Mädchen; zudem
-werde ich ja selbst immer hier sein, ich sterbe ja nicht gleich. Sie ist
-häuslich, ist ein Engel an Sanftmut. Dieser glückliche Gedanke kam mir
-schon in der Schweiz. Begreifen Sie auch: ich selbst sage es Ihnen, daß
-sie ein Engel ist!« rief sie plötzlich jähzornig. »Sie bilden sich wohl
-ein, daß ich Sie noch bitten, alle Vorzüge aufzählen muß! Nein, Sie
-müßten auf den Knien ... Oh, Sie leerer, leerer, engherziger Mensch!«
-
-»Aber ich ... ich bin doch schon ein Greis!«
-
-»Fünfzig Jahre sind nicht das Ende, sondern nur die Hälfte des Lebens.
-Sie sind ein schöner Mann und wissen das selbst. Sie wissen auch, wie
-sehr Dascha Sie verehrt. Und wenn ich sterbe, was wird dann aus ihr? Sie
-haben einen angesehenen Namen, ein liebevolles Herz. Sie werden sie
-bilden, werden sie retten, ja retten! Inzwischen wird auch Ihr Werk
-fertig werden und das wird Ihren Ruhm erneuern ...«
-
-»Allerdings ... bin ich gerade im Begriff, meine >Skizzen aus der
-spanischen Geschichte< vorzunehmen ...«
-
-»Nun sehen Sie, das trifft sich ja ausgezeichnet.«
-
-Stepan Trophimowitsch schwindelte der Kopf; die Wände drehten sich um
-ihn herum. »_Excellente amie!_«{[12]} ... seine Stimme zitterte
-plötzlich, »ich ... ich hätte nie gedacht, daß Sie mich je mit ... einer
-anderen ... verheiraten könnten!«
-
-»Sie sind doch kein junges Mädchen, das man verheiratet, Sie heiraten
-doch selbst,« stieß sie giftig hervor.
-
-»_Oui, j'ai pris un mot pour un autre ... Mais ... c'est égal_{[29]}
-...« Er sah sie wie verloren an.
-
-»Das sehe ich, daß Ihnen das _égal_{[30]} ist,« sagte sie mit bissiger
-Verachtung. »Herrgott, er wird ja ohnmächtig! Nastassja, Nastassja!
-Wasser!« -- Aber er kam schon wieder zu sich. Warwara Petrowna nahm
-ihren Schirm. »Ich sehe, daß man mit Ihnen jetzt nicht reden kann ...«
-
-»_Oui, oui, je suis incapable_{[31]} ...«
-
-»Aber bis morgen müssen Sie sich erholt und entschlossen haben. Bleiben
-Sie zu Hause. Aber schreiben Sie mir keine Briefe; werde sie nicht
-lesen. Morgen werde ich um dieselbe Zeit wiederkommen, allein, und ich
-hoffe, daß Ihre Antwort eine befriedigende sein wird. Sorgen Sie dafür,
-daß dann niemand hier ist und daß in den Zimmern Ordnung herrscht, denn
-wie sieht das hier aus! Nastassja, Nastassja! ...«
-
-Natürlich war er am nächsten Tage einverstanden. Es blieb ihm ja auch
-nichts anderes übrig, -- aus einem besonderen Grunde ...
-
-
- VIII.
-
-Das Gut, das seine erste Frau hinterlassen hatte, gehörte nicht ihm,
-sondern seinem Sohn. Stepan Trophimowitsch hatte es sozusagen nur
-verwaltet und auf Grund einer Abmachung dem Sohn tausend Rubel jährlich
-als Einnahme des Gutes zugesandt. Das heißt: diese Summe war regelmäßig
-von Warwara Petrowna entrichtet worden, Stepan Trophimowitsch aber hatte
-auch nicht einen Rubel dazu beigesteuert. Die ganze Einnahme vom Gut,
-die übrigens nur fünfhundert Rubel im Jahre betrug, hatte er immer
-selbst verbraucht, dazu das Gut schließlich noch ruiniert, da er es ohne
-Warwara Petrownas Wissen an einen Händler verpachtet und den Wald, der
-das Wertvollste war, nach und nach parzellenweise zum Abholzen verkauft
-hatte, wenn er größere Spielverluste im Klub Warwara Petrowna doch nicht
-zu gestehen wagte. Für diesen Wald, der etwa achttausend Rubel wert war,
-hatte er im ganzen nur fünftausend erhalten. Sie knirschte natürlich,
-als sie das schließlich erfuhr. Aber nun hatte der Sohn plötzlich
-geschrieben, er werde kommen, um das Gut zu verkaufen, und den Vater
-beauftragt, sich inzwischen nach Käufern umzusehen. Selbstredend schämte
-sich nun Stepan Trophimowitsch bei seiner großzügigen und nicht
-materialistischen Einstellung zu solchen Dingen vor _ce cher
-fils_,{[32]} den er übrigens zuletzt vor neun Jahren in Petersburg als
-Studenten gesehen hatte. Der Wert des Gutes war von etwa vierzehn- auf
-kaum fünftausend Rubel gesunken. Wie sollte er das diesem Sohne nun
-sagen? Freilich hätte er als offiziell Bevollmächtigter den Wald
-verkaufen dürfen, und da dem Sohn jahrelang tausend Rubel statt etwa
-fünfhundert geschickt worden waren, konnte er auch einer Abrechnung
-ruhig entgegensehen. Doch Stepan Trophimowitsch war nun einmal ein
-nobler Mensch, der Höheres im Sinne hatte. In seiner Phantasie stellte
-er sich ein ganz anderes Bild vor: wie er diesem _cher fils_, wenn er
-endlich kam, die _ganze_ Summe auf den Tisch legte, ohne die doppelt
-gezahlten Jahresraten überhaupt zu erwähnen, wie er ihn unter Tränen
-fest an seine Brust drückte und damit alle Abrechnungen für immer aus
-der Welt schaffte. Vorsichtig hatte er auch Warwara Petrowna für dieses
-schöne Bild zu gewinnen gesucht. Er deutete an, daß eine solche
-Einstellung zu einer pekuniären Frage auch ihrer Freundschaft, der
-»Idee« dieser Freundschaft noch eine besondere, edle Nuance verleihen
-würde, sie, d. h. die Väter oder die frühere Generation überhaupt, als
-so viel selbstloser und großmütiger im Vergleich zu der neuen
-leichtsinnigen und sozialistischen Jugend hinstellen müßte. Er sprach
-noch allerhand, aber sie schwieg. Schließlich teilte sie ihm nur trocken
-mit, daß sie das Gut für siebentausend kaufen wolle. Doch von den
-fehlenden Achttausend -- dem Wert des Waldes -- sprach sie kein Wort.
-Das war etwa einen Monat vor dem Heiratsantrag geschehen.
-
-Was wir hier über diesen seinen Sohn wußten, waren eigentlich nur etwas
-seltsame Gerüchte. Vor sechs Jahren hatte er das Studium an der
-Universität beendet und sich dann ohne Beschäftigung in Petersburg
-herumgetrieben. Plötzlich hieß es, er habe sich an der Abfassung einer
-geheimen Proklamation beteiligt; und bald darauf verlautete, er sei
-bereits in der Schweiz. Also geflüchtet.
-
-»Das wundert mich,« sagte damals Stepan Trophimowitsch, sichtlich
-bestürzt »_Petrúscha -- c'est une si pauvre tête!_{[33]} ... Aber wissen
-Sie, das kommt alles von eben diesem Unausgebrütetsein, und von der
-Empfindsamkeit! Was sie fesselt, ist nicht der Realismus, sondern die
-empfindsame, ideale Seite des Sozialismus, sozusagen seine religiöse
-Färbung, seine Poesie ... ins Blaue hinein, natürlich. Und gerade mir,
-mir muß das widerfahren! Ich habe hier schon so viele Feinde, _dort_
-noch mehr, man wird es also dem Einflusse des Vaters zuschreiben ...
-Gott! Petrúscha ein Aufwiegler! In was für Zeiten leben wir!«
-
-Übrigens schickte »Petrúscha« aus der Schweiz sehr bald seine genaue
-Adresse, damit ihm das Geld wie gewöhnlich zugesandt werde: also war er
-doch kein Emigrant von jener Art. Und jetzt, nach etwa vierjährigem
-Aufenthalt im Auslande, war er schon wieder im Vaterlande und kündete
-sogar seinen Besuch an; somit konnte doch überhaupt keine Anklage gegen
-ihn vorliegen. Ja, nicht nur das: es schien ihn jemand sogar zu
-protegieren. Er schrieb jetzt aus Südrußland, wo er sich in jemandes
-privatem Auftrage befand und etwas Wichtiges auszuführen hatte. Das war
-ja alles sehr schön, aber woher nun die fehlenden Achttausend nehmen, um
-den vollen Wert des Gutes auszahlen zu können? Wie nun, wenn es statt zu
-jenem schönen Charakterbilde plötzlich zu einem Prozeß kam? Eine
-unbestimmte Empfindung sagte Stepan Trophimowitsch, daß _ce cher fils_
-auf keines seiner Anrechte verzichten werde. »Woher kommt das,« fragte
-er mich damals einmal halblaut, »daß alle diese fanatischen Sozialisten
-und Kommunisten gleichzeitig so geizig, erwerbsbeflissen und besitzstolz
-sind, ja je mehr einer Sozialist ist, je weiter er dabei geht, um so
-mehr ist er selber gerade >Besitzer<. Sollte das wirklich auch von der
-Empfindsamkeit herrühren?« Ich weiß nicht, ob an dieser Beobachtung
-Stepan Trophimowitschs etwas Wahres ist. Damals wußte ich nur, daß
-Petrúscha von dem Verkauf des Waldes bereits einiges erfahren hatte, und
-auch Stepan Trophimowitsch wußte das. Und da kamen nun diese Achttausend
-mit dem Vorschlage Warwara Petrownas plötzlich herbeigeflogen! Aber sie
-gab auch deutlich zu verstehen, daß sie auf keinem anderen Wege
-herbeifliegen würden. Selbstredend erklärte er sich einverstanden.
-
-Damals, nach ihrem ersten Morgenbesuch, ließ er mich sofort dringend zu
-sich bitten. Er war sehr erregt, redete viel und gut, weinte
-zwischendurch, dann gab es eine leichte Cholerine, kurz, alles verlief
-wie gewöhnlich. Darauf holte er das Bild seiner zweiten Frau hervor, der
-Deutschen, rief: »Kannst du mir verzeihen?«, weinte wieder und war
-überhaupt wie aus dem Konzept gebracht. Vor Kummer tranken wir ein
-bißchen. Übrigens schlief er bald und süß ein. Am folgenden Morgen band
-er meisterhaft seine weiße Halsbinde, kleidete sich mit Sorgfalt an und
-besah sich oft im Spiegel. Sein Taschentuch bespritzte er mit Parfüm,
-übrigens nur ein wenig, doch als er Warwara Petrowna kommen sah, nahm er
-schnell ein anderes und steckte das parfümierte unter ein Kissen.
-
-»Vortrefflich!« lobte ihn Warwara Petrowna, als sie die Erklärung seines
-Einverständnisses vernommen hatte. »Endlich einmal sind Sie der Stimme
-der Vernunft gefolgt. Es eilt übrigens nicht,« fügte sie hinzu, während
-sie den Knoten seiner Halsbinde betrachtete. »Vorläufig schweigen Sie,
-auch ich werde darüber schweigen. Bald ist Ihr Geburtstag, ich werde
-dann mit ihr zu Ihnen kommen. Geben Sie eine kleine Abendgesellschaft,
-nur Tee, keine Spirituosen, bitte; übrigens, ich werde das selbst
-arrangieren. Dann können wir -- nicht eine Verlobung feiern, sondern es
-nur zu verstehen geben, ohne alle Feierlichkeiten. Und zwei Wochen
-später kann dann die Hochzeit stattfinden, gleichfalls ohne Lärm. Nach
-der Trauung könnten Sie beide ein wenig verreisen, nach Moskau, zum
-Beispiel. Vielleicht fahre ich mit. Doch die Hauptsache: bis dahin
-schweigen Sie.«
-
-Stepan Trophimowitsch war erstaunt. Stotterte etwas von vorher mit der
-Braut doch sprechen müssen usw. Doch zu seiner Verblüffung fiel sie ihm
-gereizt ins Wort: »Wozu denn das? Vielleicht wird überhaupt nichts
-daraus ...« Und auf seinen verständnislosen Blick aus aufgerissenen
-Augen: »Nun ja. So. Ich werde noch sehen ... Übrigens wird alles so
-geschehen, wie ich gesagt habe, seien Sie unbesorgt, ich werde Darja
-selbst vorbereiten. Alles Nötige wird ohne Sie gesagt und getan werden,
-Sie haben da überhaupt keine Rolle zu spielen. Und keine Briefe zu
-schreiben! Und daß Sie nichts verlauten lassen. Ich werde gleichfalls
-schweigen.«
-
-Sie wollte ihm offenbar nichts erklären und verließ ihn sichtlich
-verstimmt. Eine solche Bereitwilligkeit seinerseits hatte sie doch wohl
-überrascht. Er aber -- ach! -- er überschaute seine Handlungsweise ganz
-und gar nicht, sah sie überhaupt nur von seinem Gesichtspunkt aus. Ja,
-es stellte sich bei ihm sogar ein gewisser neuer Ton ein, etwas
-Siegesgewisses und Leichtsinniges. Er _fühlte_ sich!
-
-»Das gefällt mir!« rief er aus und blieb aufgebracht und wichtig vor mir
-stehen. »Haben Sie es gehört? Sie will es so weit treiben, daß ich
-schließlich nicht mehr will. Denn ich könnte doch auch einmal meine
-Geduld verlieren und ... nicht mehr wollen. >Wozu denn das?< fragt sie
-mich. Aber warum muß ich denn unbedingt heiraten? Nur weil sie plötzlich
-den lächerlichen Einfall hat? Aber ich bin doch ein ernster Mensch und
-habe vielleicht gar keine Lust, mich den Launen einer unvernünftigen
-Frau zu fügen! Ich habe Pflichten meinem Sohne gegenüber und ... und
-gegen mich selbst! Ich bringe ein Opfer -- begreift sie das auch?
-Vielleicht habe ich nur deshalb eingewilligt, weil das Leben mir
-langweilig geworden und alles mir schließlich gleich ist. Aber wenn sie
-mich reizt, könnte es geschehen, daß mir plötzlich nicht mehr alles
-gleich ist! Ich kann mich beleidigt fühlen und mich weigern! _Et enfin
-le ridicule_{[34]} ... Was werden die Menschen sagen! >Vielleicht wird
-überhaupt nichts daraus< --! Das ist denn doch! ... Das ist der Gipfel!
-Das ist ... ja was soll denn das heißen? _Je suis un forçat, un
-Badinguet, un_{[35]} an die Wand gedrückter Mensch! ...«
-
-Und dabei blickte doch etwas launisch Selbstgefälliges, etwas
-leichtfertig Spielerisches durch alle diese anklagenden Ausrufe hervor.
-Am Abend tranken wir wieder ein wenig.
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
- Fremde Sünden.
-
-
- I.
-
-Es verging ungefähr eine Woche und die Sache begann sich hinzuziehen.
-Nebenbei bemerkt: ich hatte in dieser Zeit als sein einziger, ihm ewig
-unentbehrlicher Vertrauter viel auszustehen. Er schämte sich, und das
-war die Hauptursache seiner Qual. Er schämte sich vor allen Menschen,
-glaubte, die ganze Stadt wisse es bereits, und so saß er denn nur zu
-Hause und empfing keinen außer mir! Ja, er schämte sich sogar vor mir,
-und je mehr er sich mir gegenüber aussprach, um so mehr ärgerte er sich
-gleichzeitig über mich. Eine Woche war so vergangen, er aber wußte noch
-immer nicht, ob er nun Bräutigam war oder noch unverlobt. Auch die Braut
-hatte er noch nicht gesprochen, ja, war sie denn überhaupt seine Braut?
-ja, war das Ganze überhaupt ernst gemeint? Aus einem ihm unbekannten
-Grunde lehnte Warwara Petrowna es ab, ihn zu empfangen, und auf einen
-seiner ersten Briefe (er schrieb natürlich wieder unzählige) hatte sie
-ihm kurzweg geantwortet, sie müsse ihn bitten, sie für einige Zeit mit
-Briefen, Fragen und Besuchen zu verschonen, da sie sehr beschäftigt sei;
-sie habe ihm selbst viel Wichtiges mitzuteilen, warte dazu aber den
-ersten freieren Augenblick ab und werde ihn dann schon wissen lassen,
-wann er wieder zu ihr kommen könne. Weitere Briefe werde sie ihm
-uneröffnet zurückschicken, denn das sei doch nur »Spielerei«.
-
-Doch selbst diese Kränkungen und die Ungewißheit waren noch nichts im
-Vergleiche zu der Qual eines einzigen und _ganz bestimmten_ Gedankens,
-der ihn unausgesetzt verfolgte und der die Hauptursache seiner Scheu vor
-den Menschen war. Natürlich hatte ich die Richtung dieses Gedankens
-schon längst erraten, und das merkte er, wie es ihm auch nicht entging,
-daß mich die Häßlichkeit dieses _Verdachts_, der in ihm beim Suchen nach
-einer Erklärung für Warwara Petrownas seltsamen Heiratsplan erwacht war,
-aufrichtig empörte. Er wagte nicht, diesen Verdacht offen auszusprechen,
-und doch schien er an ihm fast zu ersticken. Er konnte keine zwei
-Stunden ohne mich auskommen, ließ mich immer wieder zu sich bitten, doch
-wenn ich dann kam, sprach er wieder bloß von allem Möglichen, nur nicht
-von dem, was ihn so qualvoll beschäftigte. Das ärgerte mich doppelt und
-mein Ärger ärgerte wiederum ihn. Manches andere freilich erkannte er
-sehr richtig und definierte es sogar sehr treffend.
-
-»Oh, wie hat sie sich verändert!« klagte er unter anderem über Warwara
-Petrowna. »War sie denn damals so, als wir noch über hohe Dinge
-diskutierten! Werden Sie es mir glauben, damals hatte sie Gedanken,
-eigene Gedanken! Jetzt ist alles anders. Sie sagt, das sei alles nur
-altmodisches Geschwätz! Sie verachtet das Frühere ... Jetzt ist sie so
-ein Kommis, so ein Ökonom, ein erbitterter Mensch, und immer ärgert sie
-sich ...«
-
-»Worüber kann sie sich denn jetzt noch ärgern, Sie haben doch ihren
-Wunsch erfüllt und eingewilligt,« warf ich ein. -- Er sah mich mit einem
-feinen Lächeln an.
-
-»_Cher ami_, hätte ich nicht eingewilligt, so hätte sie sich allerdings
-furchtbar geärgert, furcht--bar! Aber immerhin weniger als jetzt, wo ich
-eingewilligt habe.«
-
-Mit dieser Bemerkung schien er sehr zufrieden zu sein. Aber die
-Zufriedenheit hielt nicht lange vor; bald war er wieder finsterer und
-erregter als je. Was nun mich betrifft, so ärgerte ich mich vor allem
-darüber, daß er noch immer nicht Drosdoffs seinen Besuch machte, obschon
-diese ihn längst erwarteten. Dabei hatte er selbst eine Art Sehnsucht
-nach Lisaweta Nicolajewna und schien zu hoffen, in ihrer Gegenwart
-gewissermaßen eine Erleichterung seiner jetzigen Qualen und Klarheit
-über seine Zweifel zu finden. Nach dem Entzücken zu urteilen, mit dem er
-von ihr sprach, mußte er sie für ein außergewöhnliches Wesen halten. Und
-doch ging er nicht hin, sondern schob den Besuch von Tag zu Tag auf. Ich
-ärgerte mich darüber maßlos, denn: ich brannte darauf, ihr vorgestellt
-zu werden, und diesen Dienst konnte nur er mir erweisen. Gesehen hatte
-ich sie schon oft, aber natürlich nur auf der Straße, wenn sie in
-Begleitung eines hübschen Offiziers, ihres sogenannten Verwandten,
-spazieren ritt. Meine Verblendung dauerte zwar nur kurze Zeit und ich
-sah ja die Aussichtslosigkeit meiner Schwärmerei sehr bald ein, aber
-damals war ich doch empört über meinen Freund wegen seiner Scheu,
-Drosdoffs seinen Besuch zu machen oder auch nur das Haus zu verlassen.
-Und das alles wegen jenes häßlichen Verdachts! Unser Freundeskreis war
-von ihm schon am ersten Tage brieflich benachrichtigt worden, daß die
-Abende bei ihm zeitweilig ausfallen müßten, und später hatte ich noch
-auf seine inständige Bitte hin, (damit nur ja niemand sich darüber
-wundere und eine andere Ursache vermute) jeden einzeln aufsuchen und ihm
-erklären müssen, daß Warwara Petrowna »unserem Alten«, wie wir ihn unter
-uns nannten, eine große eilige Arbeit aufgetragen habe: einen
-mehrjährigen Briefwechsel in Ordnung zu bringen und Ähnliches. Nur zu
-Liputin war ich noch nicht gegangen und ich wollte es auch nicht recht;
-ich wußte im voraus, daß er mir doch kein Wort glauben, vielmehr sofort
-argwöhnen werde, daß man gerade vor ihm etwas geheimhalten wolle. Und
-dann würde er natürlich in der Stadt überall herumlaufen, um sich zu
-erkundigen, und dabei nur Klatsch verbreiten. Da traf ich ihn plötzlich
-ganz zufällig auf der Straße. Ich begann mich zu entschuldigen, ich sei
-noch nicht dazu gekommen, ihn gleichfalls aufzusuchen usw., doch er
-unterbrach mich sogar und zeigte seltsamerweise gar keine Neugier, ja,
-er ging selbst sofort auf ein anderes Thema über und begann seinerseits
-die Neuigkeiten zu erzählen, die sich bei ihm inzwischen angesammelt
-hatten. Zunächst berichtete er von der Ankunft der Gemahlin unseres
-neuen Gouverneurs, die »neue Gesprächsthemata« mitgebracht habe, und von
-der Opposition gegen diese Themata, die sich im Klub schon gebildet
-habe; alle Welt rede jetzt von neuen Ideen, alle seien hinter ihnen her
-usw. usw. Kurz, er erzählte eine gute Viertelstunde, und zwar so
-amüsant, daß ich mich nicht loszureißen vermochte, obschon ich ihn
-persönlich nicht ausstehen konnte. Er war in meinen Augen der geborene
-Spion, der alle Stadtgeheimnisse wußte, besonders alle skandalösen, und
-sein vorherrschender Charakterzug war, wie mir schien, der Neid. Als ich
-Stepan Trophimowitsch von dieser Begegnung erzählte, regte er sich, zu
-meiner Verwunderung, unglaublich auf und stellte die seltsame Frage:
-»Weiß Liputin schon etwas davon oder weiß er noch nichts?« Ich suchte
-ihn zu beruhigen und zu überzeugen, daß Liputin doch unmöglich von
-Warwara Petrownas Plan etwas gehört haben könne; durch wen denn? Aber
-sein Argwohn blieb und plötzlich sagte er:
-
-»Glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht, aber ich bin überzeugt,
-daß ihm nicht nur _unsere_ Lage bereits bekannt ist, sondern daß er
-außerdem noch etwas weiß, was weder ich noch Sie wissen, und was wir
-vielleicht auch nie erfahren werden, oder erst dann, wenn es schon zu
-spät ist, wenn es kein Zurück mehr gibt!«
-
-Ich schwieg, aber diese Worte deuteten doch vieles an. Er aber bereute
-sichtlich schon im nächsten Augenblick, sie ausgesprochen und seinen
-Verdacht verraten zu haben.
-
-
- II.
-
-Eines Morgens -- es war am siebenten oder achten Tage nach Stepan
-Trophimowitschs Einwilligung zu heiraten -- hatte ich, als ich wie
-gewöhnlich gegen elf Uhr zu meinem bekümmerten Freunde eilte, unterwegs
-ein kleines Erlebnis: ich begegnete Karmasinoff[26], dem »großen
-Schriftsteller«, wie Liputin ihn zu nennen pflegte.
-
-Karmasinoffs Schriften hatten mich in meinen Jünglingsjahren entzückt,
-begeistert. Seine späteren tendenziösen Novellen gefielen mir viel
-weniger als seine ersten Werke, die noch viel Poesie enthielten; manche
-aber sagten mir gar nicht mehr zu. Und zuletzt hatte ich eine Skizze von
-ihm gelesen, die ungeheure Aussprüche darauf erhob, naive Poesie und
-zugleich höchste Psychologie zu bringen. Diese Skizze sollte den
-Untergang eines Schiffes irgendwo an der englischen Küste schildern, den
-er als Augenzeuge miterlebt hatte, doch in Wirklichkeit schilderte sie
-nur ihn, den Verfasser. Man las es förmlich zwischen den Zeilen: »So
-seht doch auf mich, seht, wie ich in diesen Augenblicken war! Was geht
-euch dieses Meer an, der Sturm usw., _ich_ bin es doch, der euch das mit
-genialer Feder schildert!« Als ich damals Stepan Trophimowitsch meine
-Meinung über diese Skizze sagte, stimmte er mir bei. Trotzdem hätte ich
-Karmasinoff jetzt, während seines Besuches in unserer Stadt, gern
-gesehen oder gar seine Bekanntschaft gemacht, was durch Stepan
-Trophimowitschs Vermittlung möglich war; sie waren ja früher befreundet
-gewesen. Und da begegnete ich ihm nun plötzlich an einer Straßenecke.
-Ich erkannte ihn sofort; man hatte ihn mir schon vor drei Tagen gezeigt,
-als er mit der Gouverneurin in einer Equipage vorüberfuhr.
-
-Er war ein sehr kleiner, gezierter alter Herr, übrigens wohl nicht über
-fünfundfünzig Jahre alt, mit ziemlich frischem Gesichtchen, dichten
-grauen Löckchen, die unter seinem runden Zylinderhut hervorquollen und
-sich um seine kleinen, netten, rosafarbenen Ohren ringelten. Sein
-sauberes Gesichtchen war nicht gerade hübsch, mit den dünnen, langen,
-verschlagen geschlossenen Lippen, der etwas fleischigen Nase und den
-stechenden, klugen kleinen Äuglein. Er war eigentlich etwas altmodisch
-gekleidet, wenigstens erinnerte der Mantel, den er trug, an die Umhänge,
-die bei Regenwetter etwa in der Schweiz oder in Oberitalien getragen
-werden. Dafür aber waren alle die kleinen Sachen, wie Hemdknöpfchen, das
-Krägelchen, die Schildpattlorgnette am schmalen schwarzen Bändchen, der
-Ring am Finger unbedingt genau von der Art, wie sie von Leuten des
-untadelig guten Tones getragen werden.
-
-Er blieb an der Straßenecke stehen und sah sich aufmerksam um. Als er
-bemerkte, daß ich ihn neugierig ansah, wandte er sich an mich und fragte
-mit honigsüßem, wenn auch kreischendem Stimmchen:
-
-»Gestatten Sie die Frage, wie komme ich auf dem nächsten Wege zur
-Bykoffstraße?«
-
-»Zur Bykoffstraße? Hier ... hier geradeaus,« rief ich erregt, »und dann
-die zweite Querstraße links.«
-
-»Ich danke Ihnen sehr.«
-
-Verwünscht sei dieser Augenblick! Er hatte aus meiner Verlegenheit und
-Erregung natürlich sofort alles erraten, d. h. daß ich wußte, wer er
-war, daß ich seine Werke verschlungen hatte und darum so befangen und so
-dienstbeflissen war. Er lächelte, nickte und ging weiter. Ich weiß
-nicht, warum ich ihm nachging. Da blieb er wieder stehen.
-
-»Und könnten Sie mir auch angeben, wo hier in der Nähe Droschken
-stehen?« kreischte wieder seine Stimme.
-
-»Droschken? Hier ... bei der Kirche stehen immer welche!« und fast wäre
-ich selbst nach einer Droschke gelaufen. Ich vermute, daß er gerade das
-von mir auch erwartete. Natürlich kam ich sofort zur Besinnung und blieb
-stehen, aber meine erste Bewegung hat er bestimmt bemerkt, da er mich
-die ganze Zeit mit diesem schändlichen Lächeln scharf beobachtete. Da
-aber geschah etwas für mich Unvergeßliches: er ließ plötzlich ein
-Säckchen oder eine Art Täschchen fallen, das er in der linken Hand trug.
-Und ich machte unwillkürlich eine Bewegung, um es aufzuheben. Natürlich
-besann ich mich sofort und hob es nicht auf, nur wurde ich rot wie ein
-Dummkopf. Er aber nutzte die Situation raffiniert zu seinen Gunsten aus.
-
-»Bemühen Sie sich nicht, ich kann ja selbst ...« sagte er in bezaubernd
-liebenswürdigem Tone, aber erst, als kein Zweifel mehr darob bestand,
-daß ich es nicht aufheben würde. Er hob es selbst auf, nickte mir zu und
-ging weiter, indem er mich wie einen dummen Jungen stehen ließ. Das war
-ebensogut, als hätte ich es aufgehoben. In den ersten fünf Minuten hielt
-ich mich für lebenslänglich blamiert; doch als ich mich dem Hause Stepan
-Trophimowitschs näherte, lachte ich plötzlich laut auf: die Begegnung
-kam mir so komisch vor, daß ich sofort beschloß, sie meinem Freunde zur
-Erheiterung zu erzählen.
-
-
- III.
-
-Aber diesmal fand ich ihn zu meiner Verwunderung ganz verändert vor. Er
-stürzte mir freilich mit einer gewissen Spannung entgegen und begann mir
-zuzuhören, aber er war doch sichtlich so zerstreut, daß er meinen
-Bericht anfangs gar nicht verstand. Kaum aber hatte ich den Namen
-Karmasinoff ausgesprochen, als er plötzlich geradezu außer sich geriet.
-
-»Reden Sie nicht von ihm, nennen Sie ihn nicht!« rief er fast wie
-rasend. »Hier, hier, sehen Sie, lesen Sie!« Er riß ein Schubfach auf und
-warf mir drei kleine Zettel zu. Es waren drei Zuschriften Warwara
-Petrownas an ihn, die sich alle auf Karmasinoff bezogen und deutlich
-ihre Besorgnis verrieten, der »große Schriftsteller« könnte vergessen,
-ihr seine Visite zu machen. Das erste Briefchen, das sie vor drei oder
-vier Tagen geschrieben hatte, lautete:
-
-»Sollte er Sie heute endlich beehren, so bitte von mir kein Wort.
-Erwähnen Sie mich überhaupt nicht und erinnern Sie ihn nicht daran. W.
-S.«
-
-Der zweite Zettel vom vergangenen Tage lautete:
-
-»Sollte er sich heute endlich entschließen, Ihnen seine Visite zu
-machen, so dürfte es das beste sein, ihn überhaupt nicht zu empfangen.
-Das wäre meine Meinung. Wie die Ihre ist, weiß ich nicht. W. S.«
-
-Und den dritten hatte er vor einer Stunde erhalten:
-
-»Ich bin überzeugt, daß in Ihren Zimmern eine Fuhre Papierschnippel und
-allerhand umherliegt und der Zigarrenrauch undurchdringlich ist. Ich
-schicke Ihnen Marja und Fómuschka, die werden in einer halben Stunde
-alles aufräumen. Stören Sie sie nicht, setzen Sie sich so lange in die
-Küche. Ich sende Ihnen einen bucharischen Teppich und zwei chinesische
-Vasen, die ich Ihnen schon lange schenken wollte, und außerdem meinen
-Teniers (diesen aber nur für einige Zeit). Die Vasen könnte man aufs
-Fensterbrett stellen und den Teniers hängen Sie rechts unter Goethes
-Porträt, dort ist er sichtbarer. Wenn er endlich erscheint, so empfangen
-Sie ihn mit vollendeter Höflichkeit, aber reden Sie nur von Belanglosem,
-z. B. von irgendetwas Gelehrtem, und mit einem Gleichmut, als hätten Sie
-sich erst gestern getrennt. Über mich kein Wort. Vielleicht komme ich am
-Abend zu Ihnen, um zu sehen, wie es aussieht. W. S.
-
-_P. S._ Wenn er heute nicht kommt, so wird er überhaupt nicht kommen.«
-
-Ich las und wunderte mich im stillen, daß solche Kleinigkeiten ihn so
-erregen konnten. Als ich aufsah bemerkte ich, daß er inzwischen seine
-weiße Halsbinde mit einer roten vertauscht hatte. Hut und Stock lagen
-auf dem Tisch. Er war blaß und seine Hände zitterten.
-
-»Ich will von ihren Besorgnissen nichts wissen!« schrie er empört als
-Antwort auf meinen fragenden Blick. »_Je m'en fiche!_{[36]} Ihr fällt es
-ein, sich wegen Karmasinoff aufzuregen, aber auf meine Briefe antwortet
-sie mir nicht! Dort, sehen Sie, dort auf dem Schreibtisch liegt mein
-Brief, den sie mir gestern uneröffnet zurückgeschickt hat! Was geht es
-mich an, daß sie sich um _Ni--kó--lenka_ Sorgen macht! _Je m'en fiche et
-je proclame ma liberté! Au diable le Karmazinoff! Au diable la
-Lembke!_{[37]} Die chinesischen Vasen habe ich im Vorzimmer versteckt
-und den Teniers in der Kommode untergebracht, von ihr aber habe ich
-verlangt, mich sofort zu empfangen. Jawohl: _verlangt_, mich sofort zu
-empfangen, sofort! Ich habe ihr genau solch einen mit Bleistift
-geschriebenen Zettel unversiegelt durch Nastassja geschickt und warte
-jetzt. Ich will, daß Darja Pawlowna mir persönlich sagt, was gesagt
-werden muß, mit eigenem Munde und vor dem Angesicht des Himmels oder
-wenigstens vor Ihnen. _Vous me seconderez, n'est-ce pas, comme ami et
-témoin._{[38]} Ich will nicht erröten müssen, ich will nicht lügen
-müssen, ich will keine Geheimnisse, in dieser Sache werde ich
-Geheimnisse nicht dulden! Sie sollen mir alles gestehen, ehrlich, offen
-und anständig, und dann ... dann werde ich vielleicht die ganze heutige
-Generation durch meine Großmut in Erstaunen setzen! ... Bin ich denn ein
-Schuft, mein Herr?« schloß er plötzlich und sah mich so drohend an, als
-hätte gerade _ich_ ihn für einen Schuft gehalten.
-
-Ich bat ihn, zur Beruhigung ein wenig Wasser zu trinken. So erregt hatte
-ich ihn noch nie gesehen. Er lief die ganze Zeit hin und her. Plötzlich
-blieb er in einer ganz ungewöhnlichen Pose vor mir stehen.
-
-»Glauben Sie wirklich,« begann er mit krankhaftem Hochmute, mich vom
-Kopfe bis zu den Füßen messend, »daß ich, Stepan Werchowenski, nicht so
-viel sittliche Kraft in mir fände, um meine Habe -- mein armseliges
-Bündel! -- auf meine schwachen Schultern zu laden, zum Tore
-hinauszugehen und für immer von hier zu verschwinden, wenn das die Ehre
-und das hohe Prinzip der Unabhängigkeit fordern? Es wäre nicht das erste
-Mal, daß Stepan Werchowenski Despotismus durch Großmut zurückweist,
-selbst wenn es sich um den Despotismus eines wahnsinnigen Weibes
-handelt, also um den kränkendsten und grausamsten Despotismus, den es
-auf der Welt überhaupt geben kann, wiewohl Sie soeben beliebten, über
-meine Worte zu lächeln, mein Herr! Oh, Sie glauben natürlich nicht, daß
-ich soviel Großmut aufzubringen vermöchte, um mein Leben lieber bei
-einem Kaufmann als Hauslehrer zu beschließen oder hinter einem Zaune
-Hungers zu sterben! Antworten Sie mir, antworten Sie sofort: trauen Sie
-mir das zu oder trauen Sie's mir nicht zu?«
-
-Ich schwieg aber absichtlich. Ich tat sogar, als brächte ich es nicht
-über mich, ihn durch eine verneinende Antwort zu kränken, und könnte
-doch auch nicht bejahend antworten. In diesem ganzen Benehmen lag etwas,
-was mich entschieden verletzte, nicht mich persönlich, o nein! ... Ich
-werde das später erklären. Er wurde blaß.
-
-»Vielleicht langweilt Sie überhaupt der Umgang mit mir, G--ff« (dies ist
-mein Familienname), »und Sie würden lieber ... den Verkehr mit mir ganz
-aufgeben?« fragte er in jenem Tone bleicher Ruhe, die gewöhnlich einem
-außergewöhnlichen Ausbruch vorhergeht. Ich sprang erschrocken auf; in
-dem Augenblick kam Nastassja herein und übergab ihm schweigend einen
-Zettel. Er warf einen Blick darauf und reichte ihn mir. Auf dem Papier
-standen nur vier Worte von Warwara Petrowna: »Bleiben Sie zu Hause.«
-
-Stepan Trophimowitsch nahm schweigend Hut und Stock und ging zur Tür;
-ich wollte ihm unwillkürlich folgen. Da hörten wir plötzlich Stimmen und
-Schritte im Korridor. Er blieb wie vom Donner gerührt stehen.
-
-»Liputin! Ich bin verloren!« flüsterte er und packte mich am Arm. -- Da
-trat Liputin schon ins Zimmer.
-
-
- IV.
-
-Warum er durch Liputins Besuch verloren sei, wußte ich mir zwar nicht zu
-erklären, aber sein Schreck war doch so auffallend, daß ich beschloß,
-hier acht zu geben. Schon die Art, wie Liputin auftrat, sagte einem
-sofort, daß er heute trotz aller Verbote ein besonderes Recht zum
-Eintritt zu haben glaubte. Er brachte einen uns unbekannten Herrn mit,
-offenbar einen Zugereisten. Als Antwort auf den leeren Blick des starr
-dastehenden Stepan Trophimowitsch rief er sogleich laut:
-
-»Ich bringe einen Gast mit, einen besonderen! Ich wage es, Ihre
-Einsamkeit zu stören. Herr Kirilloff, ein hervorragender Ingenieur der
-Wegebaukunst. Doch das Wichtigste ist: er kennt Ihren Sohn, sogar sehr
-gut, und hat einen Auftrag von ihm.«
-
-»Den Auftrag haben Sie hinzugefügt,« sagte der Gast schroff, »davon habe
-ich nichts. Aber Werchowenski kenne ich. Das ist so. Ich habe ihn im
-Gouvernement Ch. verlassen. Zehn Tage zurück.«[27]
-
-Stepan Trophimowitsch reichte ihm mechanisch die Hand und forderte ihn
-auf, Platz zu nehmen. Dann sah er mich an, dann Liputin und plötzlich,
-wie sich besinnend, setzte er sich selbst schnell hin, behielt aber Hut
-und Stock, offenbar unbewußt, in der Hand.
-
-»Aber was sehe ich, Sie wollen selbst ausgehen!« rief Liputin. »Und mir
-hat man doch gesagt, Sie seien vor lauter Arbeit ganz krank!«
-
-»Ja, ich fühle mich nicht wohl und wollte deshalb spazieren gehen. Ich
-...« Stepan Trophimowitsch stockte plötzlich, warf schnell Hut und Stock
-auf den Diwan und -- errötete.
-
-Ich sah mir inzwischen schnell den Gast näher an. Er war ein junger Mann
-von ungefähr siebenundzwanzig Jahren, anständig gekleidet, gutgewachsen
-und mager, brünett, mit blassem Gesicht von gleichsam ein wenig
-erdig-brauner Hautfarbe und mit schwarzen glanzlosen Augen. Er schien
-nachdenklich und zerstreut zu sein, sprach seltsam abgebrochen und
-grammatisch geradezu falsch, wenigstens stellte er die Worte sehr
-sonderbar zusammen und bei jedem längeren Satz gerieten sie ihm
-anscheinend durcheinander. Liputin, dem Stepan Trophimowitschs Schreck
-natürlich nicht entgangen war, hatte für sich einen Rohrstuhl fast bis
-in die Mitte des Zimmers gezogen, um in gleicher Entfernung vom Gast und
-vom Hausherrn sitzen zu können, die einander gegenüber jeder auf einem
-Diwan Platz genommen hatten. Seine scharfen Augen fuhren neugierig im
-Zimmer umher.
-
-»Ich ... ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen ... Haben Sie
-ihn im Auslande getroffen?« brachte Stepan Trophimowitsch, zum Gast
-gewandt, unsicher hervor.
-
-»Auch hier und auch im Auslande.«
-
-»Herr Kirilloff ist soeben nach vierjähriger Abwesenheit zurückgekehrt,«
-bemerkte Liputin, »aus dem Auslande, wo er sich in seinem Fach
-vervollkommnet hat, und jetzt ist er zu uns gekommen, da er Aussicht
-hat, eine Anstellung beim Bau unserer Eisenbahnbrücke zu erhalten. Ihr
-Sohn hat ihn in der Schweiz auch mit Drosdoffs bekannt gemacht, und er
-kennt auch Nicolai Stawrogin!«
-
-»Ja?! ... Ich ... ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen ... und
-habe eigentlich so wenig das Recht, mich Vater zu nennen ... _oui, c'est
-le mot_.{[39]} Ich ... wie haben Sie ihn denn dort verlassen?«
-
-»Ja, so ... Er wird selbst kommen.« Herr Kirilloff beeilte sich
-sichtlich, die Antwort los zu werden. Er war entschieden geärgert, saß
-finster da und hörte ungeduldig zu.
-
-»Er wird herkommen! Endlich werde ich ... Ja, sehen Sie, ich habe
-Petrúscha so lange nicht mehr gesehen!« Stepan Trophimowitsch kam von
-diesem Satz nicht los. »Ich erwarte jetzt meinen armen Jungen, vor dem
-... oh, vor dem ich so schuldig dastehe! Das heißt, ich wollte sagen,
-daß ich ihn in Petersburg damals für nichts Besonderes hielt ... _ou
-quelque chose dans ce genre_.{[40]} Der Junge war, wissen Sie, nervös,
-sehr empfindsam, und ... ängstlich. Bevor er zu Bett ging, verneigte er
-sich vor dem Heiligenbilde und bekreuzte sein Kopfkissen, um in der
-Nacht nicht zu sterben, _je m'en souviens. Enfin_,{[41]} kein bißchen
-Gefühl für das Schöne, das heißt für etwas Höheres, oder Tieferes, kein
-einziger Keim einer zukünftigen Idee ... _c'était comme un petit
-idiot_.{[42]} Übrigens, ich ... entschuldigen Sie, ich ... bin momentan
-...«
-
-»Das Kissen bekreuzte, sagten Sie das im Ernst?« erkundigte sich Herr
-Kirilloff plötzlich mit besonderem Interesse.
-
-»Ja, er bekreuzte es ...«
-
-»Nein, ich fragte nur so; fahren Sie fort.«
-
-Stepan Trophimowitsch sah Liputin fragend an.
-
-»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihren Besuch, aber ich muß gestehen, ich
-bin jetzt nicht imstande ... Doch gestatten Sie die Frage, wo wohnen
-Sie?«
-
-»In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.«
-
-»Ach, das ist ja dasselbe Haus, in dem auch Schatoff wohnt,« bemerkte
-ich unwillkürlich.
-
-»Ja, eben, genau in demselben Hause,« rief Liputin schnell, »nur wohnt
-Schatoff oben und er unten bei Lebädkin. Und er ist auch mit Schatoff
-und Schatoffs Frau bekannt, mit dieser sogar besonders nah und gut.«
-
-»_Comment!_{[43]} So wissen Sie etwas von dieser unglücklichen Ehe _de
-notre pauvre ami_{[44]} mit dieser Frau?« fragte Stepan Trophimowitsch
-plötzlich lebhaft, mit aufrichtigem Mitgefühl. »Sie sind der erste, der
-diese Frau persönlich kennt; und wenn nur ...«
-
-»Welch ein Blödsinn!« Kirilloff sah dabei, ganz rot vor Zorn, Liputin
-ungehalten an. »Was Sie immer zu allem hinzufügen, Liputin! Ich kenne
-Schatoffs Frau gar nicht ... habe sie nur einmal gesehen, von weitem ...
-Was fügen Sie immer hinzu!« Und er machte eine schroffe Wendung auf dem
-Diwan, griff schon nach seiner Mütze, legte sie aber wieder hin, und als
-er wieder wie früher dasaß, richtete er plötzlich seine schwarzen
-aufflammenden Augen mit einer gewissen Herausforderung auf Stepan
-Trophimowitsch. Ich vermochte mir diese sonderbare Reizbarkeit überhaupt
-nicht zu erklären.
-
-»Verzeihen Sie,« versetzte Stepan Trophimowitsch fein, »ich verstehe,
-daß das eine sehr zarte Angelegenheit ...«
-
-»Gar keine zarte Angelegenheit, und das ist einfach schamlos ich habe
-aber nicht zu Ihnen >Blödsinn< gesagt, sondern zu Liputin, weil er immer
-hinzufügt. Entschuldigen Sie, wenn Sie es auf sich dachten. Ich kenne
-Schatoff, aber seine Frau, nein, die gar nicht!«
-
-»Ich verstehe, oh, ich verstehe. Ich habe ja nur gefragt, weil ich
-unseren armen Freund sehr liebe und mich immer für ihn interessiert habe
-... Der junge Mann hat, meiner Meinung nach, etwas zu plötzlich, zu
-schroff seine früheren, vielleicht noch unreifen, aber immerhin
-richtigen Ansichten geändert. Er sagt jetzt dermaßen sonderbare Dinge
-über _notre sainte Russie_,{[45]} daß ich diesen Umschwung in seinem
-Inneren -- anders möchte ich's nicht nennen -- einer starken
-Erschütterung seines Privatlebens zuschreibe, in erster Linie seiner
-unglücklichen Ehe. Ich, der ich mein armes Rußland studiert habe und wie
-meine fünf Finger kenne, und meinem Volke mein ganzes Leben geweiht
-habe, ich versichere Ihnen, daß er das russische Volk nicht kennt, und
-zudem ...«
-
-»Ich kenne das russische Volk auch gar nicht und ... um es zu studieren
-ist auch gar keine Zeit da!« fiel ihm der Ingenieur wieder ins Wort und
-wieder machte er eine schroffe Wendung auf seinem Platz.
-
-»Aber er studiert es, studiert es,« hakte Liputin flink ein, »er hat
-schon damit begonnen und jetzt arbeitet er an einer ungemein
-interessanten Abhandlung über die Ursachen der Zunahme der Selbstmorde
-in Rußland und überhaupt über die Ursachen, die die Verbreitung des
-Selbstmordes in der menschlichen Gesellschaft fördern oder hemmen. Er
-ist auch schon zu ganz erstaunlichen Folgerungen gelangt!«
-
-Der Ingenieur geriet in schreckliche Erregung.
-
-»Dazu haben Sie gar kein Recht!« sagte er zornig. »Ich schreibe gar
-keine Abhandlung. Ich will keine solche Dummheiten. Ich habe Sie unter
-uns gefragt, nur versehentlich. Und nichts von einer Abhandlung; ich
-veröffentliche nicht, Sie aber haben kein Recht ...«
-
-Liputin ergötzte sich augenscheinlich an diesem Zorn.
-
-»Ja dann verzeihen Sie schon, vielleicht habe ich mich falsch
-ausgedrückt, wenn ich Ihre literarische Arbeit eine Abhandlung nannte.
-Er sammelt nämlich nur Beobachtungen, aber an den Kern der Frage oder
-sozusagen an ihre sittliche Seite rührt er überhaupt nicht, ja er lehnt
-sogar die Sittlichkeit selbst ganz ab und hält sich dafür an den
-neuesten Grundsatz der allgemeinen Zerstörung zum Zwecke der Erreichung
-guter Endziele. Er verlangt über hundert Millionen Köpfe, um die gesunde
-Vernunft in Europa zur Herrschaft zu bringen, also noch viel mehr, als
-auf dem letzten Weltkongreß verlangt wurden. In der Beziehung geht er
-viel weiter als alle anderen!«
-
-Der Ingenieur hörte mit einem geringschätzigen und blassen Lächeln zu.
-Eine halbe Minute schwiegen wir alle.
-
-»Das ist so dumm, Liputin,« sagte Kirilloff schließlich, nicht ohne eine
-gewisse Würde. »Ich habe Ihnen nur einige Punkte gesagt, und Sie haben
-sie so aufgefaßt, das ist Ihre Sache. Aber Sie haben gar kein Recht
-dazu, und ich spreche davon zu niemandem. Ich verachte das Sprechen.
-Wenn ich Überzeugungen habe, so sind sie für mich klar. Ich
-philosophiere nicht mehr über das, was schon ganz klar ist. Ich kann es
-nicht ausstehen, zu philosophieren. Ich will niemals philosophieren.«
-
-»Und vielleicht tun Sie ganz recht daran,« konnte Stepan Trophimowitsch
-sich nicht enthalten, zu bemerken.
-
-»Ich habe mich bei Ihnen entschuldigt, aber ich ärgere mich hier über
-niemanden,« fuhr der fremde Gast schnell und erregt fort. »Ich habe vier
-Jahre lang wenig Menschen gesehen. Vier Jahre habe ich wenig gesprochen
-und mich bemüht, mit keinem Menschen zusammenzukommen, wegen meiner
-Ziele, die weiter niemanden angehen. Liputin fand das zum Lachen. Ich
-sehe das, aber ich beachte es nicht. Man kann mich nicht beleidigen,
-aber ich ärgere mich nur über seine Ungeniertheit. Doch wenn ich Ihnen
-nicht meine Gedanken erkläre,« schloß er unerwartet und sah uns alle der
-Reihe nach mit festem Blick an, »so unterlasse ich das nicht deshalb,
-weil ich eine Anzeige bei der Regierung fürchte, nein, bitte, denken Sie
-nicht Dummheiten von der Art ...«
-
-Dazu sagte schon niemand mehr etwas. Wir sahen uns nur an. Sogar Liputin
-vergaß zu spottlächeln.
-
-»Meine Herren, ich bedaure unendlich,« sagte Stepan Trophimowitsch
-plötzlich entschlossen und erhob sich, »aber ich fühle mich nicht wohl.
-Entschuldigen Sie mich.«
-
-»Ach, das ist, damit wir fortgehen!« rief Herr Kirilloff und sprang
-sofort auf. »Gut, daß Sie es sagten, ich bin sonst vergeßlich.«
-
-Er trat mit gutmütigem Ausdruck und ausgestreckter Hand auf Stepan
-Trophimowitsch zu. »Schade, daß Sie krank sind und ich gekommen bin.«
-
-»Ich wünsche Ihnen allen Erfolg bei uns,« sagte Stepan Trophimowitsch
-wohlwollend und gab ihm langsam die Hand. »Ich verstehe schon, daß Sie,
-der Sie so lange im Auslande ohne Verkehr gelebt haben, auf uns Urrussen
-mit Erstaunen blicken müssen -- und wir natürlich desgleichen auf Sie.
-_Mais ce a passera._{[46]} Nur eines macht mir Sorge: Sie wollen hier
-unsere Brücke bauen, und erklären sich zu gleicher Zeit für das Prinzip
-der allgemeinen Zerstörung? Dann wird man Sie unsere Brücke nicht bauen
-lassen!«
-
-»Was?! Wie, was haben Sie gesagt?« rief Kirilloff bestürzt; bis er
-plötzlich begriff: »Ach so!« und er brach in das heiterste und
-harmloseste Lachen aus; dabei nahm sein Gesicht auf einen Augenblick
-einen ganz kindlichen Ausdruck an, der ihm, wie mir schien, ungemein gut
-stand.
-
-Liputin rieb sich die Hände vor Vergnügen über Stepan Trophimowitschs
-gelungene Bemerkung.
-
-Ich aber fragte mich noch immer, warum Stepan Trophimowitsch ausgerufen
-hatte, »ich bin verloren«, als er Liputin kommen hörte.
-
-
- V.
-
-Wir waren alle aufgestanden. Es war jener Augenblick, in dem die Gäste
-und der Hausherr noch die letzten liebenswürdigen Worte zu wechseln
-pflegen, um dann zufrieden auseinander zu gehen.
-
-Da bemerkte plötzlich Liputin, der bereits an der Türe stand, wie
-beiläufig: »Er ist ja nur deshalb so mürrisch, weil er mit dem Hauptmann
-Lebädkin den Streit gehabt hat. Der schlägt seine schöne Schwester, die
-Irrsinnige, jeden Morgen und jeden Abend mit der Nagaika, mit einer
-echten Kosakenpeitsche, sage ich Ihnen! Herr Kirilloff aber ist deswegen
-schon auf die andere Seite, in den Flügel des Hauses gezogen, um das
-nicht täglich anhören zu müssen. Na ja, -- also auf Wiedersehen!«
-
-»Die kranke Schwester? Die Irrsinnige? Mit der Nagaika?« rief Stepan
-Trophimowitsch, als sei er selbst von einem Peitschenschlage getroffen
-worden. »Welch eine Schwester? Was für ein Lebädkin?«
-
-»Lebädkin -- na, dieser verabschiedete Hauptmann doch! Früher nannte er
-sich >Stabskapitän<!« antwortete Liputin, indem er noch einmal ins
-Zimmer zurücktrat.
-
-»Ach, was geht mich sein Rang an! Welche Schwester? Mein Gott ... Sie
-sagen Lebädkin, aber -- bei uns war doch auch ein Lebädkin!«
-
-»Eben, eben, derselbe Lebädkin ist's ja auch! Erinnern Sie sich noch,
-der damals bei Wirginski ...«
-
-»Aber der fiel doch mit seinen falschen Papieren herein?!«
-
-»Nun ja, damals, jetzt aber ist er zurückgekehrt, schon vor drei Wochen,
-und zwar unter den allersonderbarsten Umständen.«
-
-»Aber das ist doch ein ganz nichtswürdiger Mensch!«
-
-»Mein Gott, als ob es solche bei uns nicht geben könnte!« gab Liputin
-plötzlich spottlächelnd zur Antwort und dabei sahen seine listigen
-Äuglein Stepan Trophimowitsch an, ihn gleichsam betastend, befühlend.
-
-»Ach Gott, darum handelt es sich doch nicht ... Übrigens, Nichtswürdige
--- darin stimme ich mit Ihnen vollkommen überein, besonders mit Ihnen!
-Aber was weiter? Was wollten Sie damit sagen? Sie wollten doch unbedingt
-etwas damit sagen!!« Stepan Trophimowitsch bestand auf einer Antwort.
-
-»Ach, das sind ja lauter Dummheiten und sonst nichts! ... Dieser
->Hauptmann< hat uns damals allem Anscheine nach nicht wegen falscher
-Papiere verlassen, sondern einzig und allein, um sein verrücktes
-Schwesterlein aufzusuchen, das sich an einem unbekannten Orte versteckt
-hielt. Na, und jetzt hat er sie eben hergebracht. Und das ist alles. Was
-ist denn dabei? Warum regen Sie sich denn so darüber auf, Stepan
-Trophimowitsch? Ich erzähle doch nur, was ich von ihm selber in seiner
-Betrunkenheit erfahren habe. Wenn er nüchtern ist, schweigt er darüber.
-Ein reizbarer Mensch übrigens, na, und so ... na, so ein dichtender Mars
-mitunter, wenn der Geist über ihn kommt, doch meist von üblem Geschmack.
-Und das verrückte Schwesterlein, das dabei noch hinkt, scheint mir von
-irgend jemand entehrt worden zu sein. Der Herr Bruder aber bezieht einen
-jährlichen Tribut, als Belohnung für die Ehrenbeleidigung, wie er sagt.
-Meiner Meinung nach ist das freilich nur Geschwätz. Er prahlt einfach.
-Aber das ließe sich doch mit weniger Geld auch machen! Doch Tatsache
-ist, daß er Geld hat, und zwar in großen Summen! Vor anderthalb Wochen
-ging er fast barfuß, und jetzt hat er -- ich habe es selbst gesehen! --
-Hunderte in den Händen. Die Schwester hat täglich irgendwelche Anfälle,
-und schreit dann, worauf er sie mit der Peitsche >in Ordnung bringt<,
-wie er zu sagen pflegt, -- denn man müsse in das Weib >Achtung
-pflanzen<. Ich begreife nicht, wie Schatoff es aushält, über ihnen zu
-wohnen. Herr Kirilloff hat es nur drei Tage aushalten können. Nun ist er
-umgezogen, wie gesagt. Er kannte sie noch von Petersburg her!«
-
-»Ist das wirklich alles wahr?« wandte sich Stepan Trophimowitsch an den
-Ingenieur.
-
-»Sie schwatzen furchtbar viel, Liputin,« brummte dieser wütend.
-
-»Geheimnisse und wieder Geheimnisse! Woher kommt das doch, daß es bei
-uns plötzlich so viele Geheimnisse gibt?« Stepan Trophimowitsch konnte
-nicht mehr an sich halten. Der Ingenieur ärgerte sich, errötete, zuckte
-ungeduldig mit den Schultern und ging schon aus dem Zimmer.
-
-»Herr Kirilloff hat ihm sogar die Peitsche aus der Hand gerissen, sie
-zerbrochen und dann aus dem Fenster geworfen,« fügte da Liputin schnell
-mit schlauem Lächeln hinzu.
-
-Kirilloff kehrte sofort um: »Was soll das alles, Liputin? Das ist doch
-dumm. Und weshalb?«
-
-»Aber wozu denn aus Bescheidenheit gerade die edelsten Regungen der
-Seele verheimlichen?! -- das heißt, Ihrer Seele, selbstredend Ihrer
-Seele, ich spreche nicht von der meinen!« antwortete Liputin.
-
-»Wie das dumm ist ... und gar nicht nötig. Lebädkin ist ein ganz leerer
-Mensch und kommt für die Sache gar nicht in Betracht und schadet ihr
-nur. Warum schwatzen Sie so viel Überflüssiges? Ich gehe!«
-
-»Ach, wie schade!« rief da Liputin mit hellem Lächeln aus. »Sie gehen
-schon -- sonst hätte ich Stepan Trophimowitsch noch mit einer kleinen
-Anekdote erfreut!« Und zu diesem gewandt: »Bin sogar mit der Absicht
-hergekommen, sie Ihnen unbedingt zu erzählen. Doch Sie werden sie ja
-bestimmt schon gehört haben. Na, dann eben ein anderes Mal! Herr
-Kirilloff hat es ja so eilig ... Auf Wiedersehen also! Nein, hat aber
-Warwara Petrowna mich vorgestern belustigt! Sie schickte extra nach mir.
-Einfach zum Kranklachen war's. Na, auf Wiedersehen, Wiedersehen!«
-
-Aber schon hatte Stepan Trophimowitsch ihn plötzlich an den Schultern
-gepackt, zu sich herumgedreht und fest auf einen Stuhl gesetzt.
-
-Liputin erschrak ordentlich.
-
-»Ja, wie denn?« fragte er und sah von seinem Stuhl aus ängstlich und
-verwundert zu Stepan Trophimowitsch empor. Doch faßte er sich schnell.
-»Ja, denken Sie sich, plötzlich ruft man mich und fragt mich im geheimen
--- was ich eigentlich von Nicolai Stawrogin denke: ob ich ihn für
-wahnsinnig halte oder nicht? Wie soll man da nicht staunen?«
-
-»Sie sind verrückt geworden, Liputin!« sagte Stepan Trophimowitsch. »Sie
-wissen nur zu gut, daß Sie gekommen sind, um mir irgendeine Gemeinheit
-zu sagen.«
-
-Mir fiel sofort die Bemerkung Stepan Trophimowitschs ein, Liputin wisse
-nicht nur von unserer Sache, sondern wisse noch viel mehr, als wir je
-erfahren würden.
-
-»Erlauben Sie, Stepan Trophimowitsch!« stotterte Liputin, als ob jener
-ihn furchtbar erschreckt hätte. »Erlauben Sie ...«
-
-»Schweigen Sie jetzt! Ich bitte Sie, Herr Kirilloff, kommen Sie zurück
-und setzen sie sich. Bitte, hier! Und Sie, Liputin, Sie werden jetzt
-erzählen, aber einfach und ohne Ausreden!«
-
-»Hätte ich gewußt, daß es Sie so aufregt, so würde ich gar nicht davon
-angefangen haben ... und ich dachte doch, Sie wüßten das alles selbst
-... schon längst ... von Warwara Petrowna!«
-
-»Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Aber fangen Sie endlich an, sage
-ich Ihnen!«
-
-»Na, dann haben Sie doch wenigstens die Güte, sich auch zu setzen! Denn
-wenn Sie so vor mir herumlaufen, da würde ja alles ganz kunterbunt
-herauskommen!«
-
-Stepan Trophimowitsch überwand sich und ließ sich sehr formell auf einen
-Sessel nieder. Der Ingenieur blickte finster zu Boden. Liputin aber sah
-mit unglaublichem Hochgenuß von einem zum andern.
-
-»Ja, womit nun anfangen ... Sie haben mich ganz konfus gemacht ...«
-
-
- VI.
-
-»Vor drei Tagen also, da schickt sie plötzlich ihren Diener zu mir: sie
-ließe bitten, sozusagen, morgen um zwölf zu ihr zu kommen. Können Sie
-sich das denken? Nun, ich ließ natürlich meine Arbeit Arbeit sein und um
-Punkt zwölf klingelte ich an ihrer Tür. Man führte mich gleich in das
-Empfangszimmer. Ich wartete kaum eine Minute, als Warwara Petrowna auch
-schon eintrat. Sie bot mir einen Stuhl an und setzte sich selbst mir
-gegenüber. Ich saß nun also, brachte es aber zunächst nicht über mich,
-meinen Ohren wie sonst zu trauen. Sie wissen doch, wie sie mich immer
-behandelt hat. Sie begann also, wie es so ihre Art ist, gerade heraus
-und ohne alle Umschweife: >Sie erinnern sich wohl noch<, sagte sie, >der
-drei sonderbaren Handlungen meines Sohnes vor vier Jahren. Die ganze
-Stadt konnte sie nicht begreifen, bis sich dann alles durch seine
-Erkrankung aufklärte. Eine dieser Handlungen ging Sie sogar persönlich
-an. Auf meine Bitte hin machte mein Sohn Ihnen später, als er wieder
-hergestellt war, seinen Besuch. Ich weiß, daß er Ihnen schon früher
-mehrfach begegnet war und sich mit Ihnen unterhalten hatte. Ich möchte
-Sie nun bitten, mir doch mit voller Offenheit zu sagen, wie Sie< -- hier
-stockte sie ein wenig -- >wie Sie damals meinen Sohn fanden ... wie Sie
-ihn beurteilten ... welcher Meinung Sie über ihn waren ... und ... was
-Sie jetzt von ihm denken.<
-
-»Hier stockte sie aber schon wirklich, wartete sogar ein Weilchen, und
-plötzlich wurde sie rot. Ich war nicht wenig erschrocken. Aber schon
-gleich darauf fuhr sie wieder fort, nicht gerade mit rührender Stimme,
-nein, das gerade nicht, denn das würde auch nicht zu ihr passen, aber so
-sonderbar eindringlich: >Ich will<, sagte sie, >daß Sie mich gut und
-ohne ein Mißverständnis verstehen,< sagte sie. >Ich habe Sie zu mir
-gebeten, weil ich Sie für einen Menschen halte, der fähig ist, richtig
-zu beobachten.< (Wie finden Sie das Kompliment?) >Sie verstehen gewiß
-auch, daß es eine Mutter ist, die mit Ihnen spricht,< sagte sie ...
->Mein Sohn hat in seinem Leben manches Unglück gehabt und manche
-Widerwärtigkeit über sich ergehen lassen müssen. Alles das,< sagte sie,
->hätte nun auf seinen Verstand, ich meine, auf seine Gemütsstimmung
-einwirken können. Selbstverständlich spreche ich nicht etwa von Wahnsinn
-... das ist ganz und gar ausgeschlossen!< Das sagte sie so, wissen Sie,
-in einem festen und stolzen Ton! >Aber es könnte da etwas Besonderes
-sein, etwas Wunderliches, eine gewisse Gedankenrichtung, die Neigung zu
-gewissen eigentümlichen Anschauungen< ... Das sind alles ihre eigenen
-Worte, und glauben Sie mir, Stepan Trophimowitsch, ich staunte nur so,
-mit welcher Genauigkeit Warwara Petrowna eine Sache zu erklären
-versteht. Wirklich, eine kluge Dame! >Jedenfalls<, sagte sie, >ist mir
-selbst an ihm eine fortwährende Unruhe aufgefallen. Aber ich bin ja
-seine Mutter und Sie sind ein fremder Mensch, folglich müssen Sie, bei
-Ihrem Verstande, weit fähiger sein, sich ein unbefangenes Urteil über
-ihn zu bilden. Ich beschwöre Sie< -- jawohl, so sagte sie wortwörtlich
--- >ich beschwöre Sie, mir die ganze Wahrheit zu sagen, ohne jegliche
-Beschönigung. Und wenn Sie mir versprechen wollen, nie zu vergessen, daß
-ich im Vertrauen zu Ihnen gesprochen habe, so seien Sie versichert, daß
-ich stets bereit sein werde, Ihnen künftig und bei jeder Gelegenheit
-meine Dankbarkeit zu beweisen.< Nun, wie finden Sie das?«
-
-»Sie ... Sie haben mich so überrascht ...« stotterte Stepan
-Trophimowitsch, »daß ich Ihnen ... einfach nicht glaube ...«
-
-»Nein, bedenken Sie doch nur,« fiel ihm Liputin lebhaft ins Wort und
-tat, als hätte er Stepan Trophimowitschs letzte Bemerkung überhaupt
-nicht gehört, »wie groß muß ihre Unruhe und Aufregung um ihn sein, wenn
-sie sich mit solch einer Frage, von ihrer Höhe herab, an einen Menschen
-wendet, wie ich es bin, und sich gar so weit erniedrigt, auch noch um
-Verschwiegenheit zu bitten! Wie ist das nur möglich? Sollte sie da nicht
-ganz unerwartete Nachrichten über ihren Sohn erhalten haben?«
-
-»Ich weiß von nichts ... Ich glaube, sie hat keine Nachrichten erhalten
-... ich habe sie allerdings ... ein paar Tage lang nicht gesehen ...
-aber ich möchte Sie nur daran erinnern,« stotterte Stepan Trophimowitsch
-wieder, da er sichtlich seine Gedanken nicht mehr sammeln konnte -- »ich
-möchte Sie nur daran erinnern, Liputin, daß Sie im _Vertrauen_ gefragt
-worden sind, und daß Sie jetzt in Gegenwart ...«
-
-»Ganz und gar im Vertrauen! Gott soll mich strafen, wenn ich ... Aber
-hier ... nun ... sind wir denn hier nicht unter Freunden? Selbst Herr
-Kirilloff ...«
-
-»Ich bin nicht Ihrer Meinung. Zweifellos werden wir _drei_ das Geheimnis
-bewahren. Aber Sie selbst, den vierten, fürchte ich, und Ihnen traue ich
-in keiner einzigen Beziehung.«
-
-»Ja, wie denn das? Ich bin doch hier der eigentlich Interessierte! Mir
-ist doch ewige Dankbarkeit versprochen worden!« Und hastig ging Liputin
-darüber hinweg: »Übrigens, gerade bei der Gelegenheit, möchte ich noch
-auf einen sonderbaren, sozusagen psychologischen Fall hinweisen. Gestern
-abend, noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Warwara Petrowna --
-Sie können sich doch denken, welch einen Eindruck das auf mich gemacht
-hatte! -- wandte ich mich an Herrn Kirilloff mit der harmlosen Frage:
-Sie haben, sagte ich, Nicolai Stawrogin doch im Auslande und auch früher
-schon in Petersburg gekannt, was halten Sie, frage ich, von seinem
-Verstande und überhaupt von seinen geistigen Fähigkeiten? Und darauf
-antwortet er mir lakonisch, wie das so seine Art ist: >Ja,< sagt er,
->das ist ein Mensch mit seinem Verstande und gesundem Urteil.< Aber
-haben Sie nicht vielleicht, fragte ich weiter, im Laufe der Jahre
-gewisse Ideenveränderungen an ihm bemerkt oder eine besondere
-Geisteswandlung oder einen gewissen, wie soll ich sagen, nun --
-sozusagen doch einen gewissen Irrsinn? Kurz, ich wiederholte Warwara
-Petrownas Frage. Nun, und was denken Sie: Herr Kirilloff wird plötzlich
-nachdenklich und runzelt die Stirn ... Sehen Sie, genau so wie jetzt.
->Ja,< sagte er dann, >ich bemerkte allerdings zuweilen etwas Sonderbares
-an ihm.< Denken Sie sich, wenn schon Herr Kirilloff etwas Sonderbares
-bemerkt hat -- was kann dann nicht alles in Wirklichkeit sein?!«
-
-»Ist das wahr?« wandte sich Stepan Trophimowitsch an Kirilloff.
-
-»Ich möchte nicht davon sprechen ...« sagte Kirilloff, hob aber
-plötzlich den Kopf und seine Augen blitzten. »Ich möchte Ihr Recht
-bestreiten, Liputin. Sie haben für den Fall gar kein Recht auf mich. Ich
-habe gar nicht meine ganze Meinung gesagt. Ich kannte Stawrogin in
-Petersburg. Aber das war lange her. Und jetzt, wenn ich ihn auch
-wiedergesehen habe, so kenne ich ihn doch nur eben so. Ich bitte Sie,
-mich hier ganz beiseite zu lassen, und ... alles das sieht aus wie
-Klatsch.«
-
-Liputin spielte die beleidigte Unschuld und führte die Hände
-auseinander.
-
-»Wie Klatsch! Bin ich nicht gar noch ein Spion? Sie haben gut
-kritisieren, Herr Kirilloff, wenn Sie sich dabei selber beiseite lassen.
-Sogar dieser Hauptmann, Stepan Trophimowitsch, sogar dieser Lebädkin,
-der doch so dumm ist, wie -- man schämt sich ja förmlich zu sagen, wie
-dumm er ist; es gibt aber so einen russischen Vergleich -- sogar der
-denkt offenbar ganz sonderbar von Nicolai Stawrogin, obwohl er seinen
-Scharfsinn bewundert. >Bin ganz erstaunt über diesen Menschen: eine
-allwissende Schlange!< -- waren seine eigenen Worte. Ich fragte also
-auch ihn, immer noch unter dem gestrigen Eindruck und schon nach dem
-Gespräch mit Herrn Kirilloff. >Nun,< fragte ich, >Hauptmann, was glauben
-Sie eigentlich, ist Ihre allwissende Schlange, Nicolai Stawrogin nicht
-einfach wahnsinnig?< Na, und nun glauben Sie mir oder glauben Sie mir
-auch nicht: es war für ihn, als hätte ich ihm hinterrücks einen
-Peitschenschlag versetzt -- ohne seine Erlaubnis natürlich. Er sprang
-geradezu auf: >Ja,< sagte er, >ja, aber das kann doch keinen Einfluß
-haben auf ...< Aber auf was das keinen Einfluß haben könnte, das sagte
-er nicht, sondern versank nur in traurige Gedanken, und zwar in so
-traurige Gedanken, sage ich Ihnen, daß er davon ganz nüchtern wurde. Wir
-saßen gerade in der Filippoffschen Trinkstube. Erst nach einer halben
-Stunde ungefähr schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch: >Ja,<
-schreit er, >meinetwegen auch wahnsinnig, nur kann das keinen Einfluß
-haben ...< und wieder brach er ab. Ich gebe Ihnen natürlich das Gespräch
-nur im Auszug wieder, aber der Sinn ist doch wohl klar? Na, und so, wen
-man auch fragt in der Stadt, allen kommt der Gedanke in den Kopf: >Ja,<
-sagt ein jeder, >er ist wahnsinnig; gewiß, er ist sehr klug; aber
-vielleicht auch wahnsinnig.<«
-
-Stepan Trophimowitsch saß ganz in Gedanken versunken da und schien
-angestrengt zu überlegen. »Wie kann Lebädkin das wissen?« fragte er.
-
-»Eh, wollen Sie sich nicht lieber bei Herrn Kirilloff, der mich soeben
-einen Spion nannte, danach erkundigen? Ich weiß nichts und rede nur so
-zum Zeitvertreib, das nennt man dann Spion, er aber weiß die letzten
-Geheimnisse und schweigt!«
-
-»Ich weiß gar nichts. Oder wenig,« versetzte der Ingenieur mit derselben
-Gereiztheit. »Sie machen Lebädkin betrunken, um aus ihm was zu erfahren.
-Sie haben auch mich hierher gebracht, um aus mir zu erfahren, damit ich
-... hier sage. Folglich sind Sie ein Spion!«
-
-»Ich habe ihn noch nie betrunken gemacht, das würde mich zu viel Geld
-kosten, und das ist er auch gar nicht wert mitsamt seinen Geheimnissen.
-Sehen Sie, das ist sein Wert für mich. Wieviel er für Sie bedeutet, weiß
-ich freilich nicht. Sonst ist er es, im Gegenteil, der jetzt mit dem
-Gelde nur so um sich wirft, während er vor vierzehn Tagen mich noch um
-fünfzehn Kopeken anpumpte. Er ist es, der mir Champagner vorsetzt, nicht
-ich ihm. Aber Sie haben mir einen guten Gedanken gegeben, und wenn es
-nötig sein wird, werde ich ihn schon betrunken machen, um von ihm etwas
-zu erfahren ... und dann vielleicht alle eure Geheimnisse auf einmal ...
-so viel ihrer da sind!« setzte er böse hinzu.
-
-Stepan Trophimowitsch sah die beiden verständnislos an. Sie hatten sich
-beide Blößen gegeben, und zwar ohne Scheu vor uns anderen Anwesenden.
-Mir schien es, als habe Liputin diesen Kirilloff einzig deshalb zu uns
-gebracht, um ihn durch eine dritte Person ins Gespräch zu ziehen -- sein
-übliches Manöver.
-
-»Herr Kirilloff kennt den Nicolai Stawrogin sogar sehr gut,« fuhr
-Liputin in gereiztem Tone fort, »bloß will er das nicht eingestehen. Und
-was den Hauptmann Lebädkin betrifft, so hat der ihn noch viel früher
-gekannt, als er uns hier mit seinem Besuch beglückte. Sogar schon vor
-fünf, sechs Jahren in Petersburg, zur Zeit der sogenannten >unbekannten<
-Lebensepoche Nicolai Stawrogins. Man könnte daraus schließen, daß unser
-Prinz damals sehr sonderbare Bekanntschaften gehabt haben muß. Auch mit
-Herrn Kirilloff ist er in eben dieser Zeit bekannt geworden.«
-
-»Hüten Sie sich, Liputin, ich warne Sie. Nicolai Stawrogin wird bald
-herkommen, und das ist einer, der seinen Mann zu stehen weiß!«
-
-»Ja, aber was hat denn das mit mir zu tun? Ich bin der erste, der
-behauptet, daß er den feinsten, den erlesensten Verstand hat, und in
-diesem Sinne habe ich auch Warwara Petrowna gestern vollkommen beruhigt.
->Nur für seinen Charakter,< sagte ich, >kann ich nicht einstehen.< Auch
-Lebädkin sagt ganz dasselbe. >Unter seinem Charakter,< sagt er, >habe
-auch ich gelitten.< Ach, Stepan Trophimowitsch, Sie haben gut sagen:
->Klatsch< und >Spionage<, aber bitte nicht zu vergessen: erst, nachdem
-Sie sehr schön alles aus mir herausgezogen haben, und mit was für einer
-Neugier noch dazu! Sehen Sie, Warwara Petrowna, die traf gestern gleich
-den Nagel auf den Kopf. >Sie haben,< sagte sie, >persönlich durch ihn zu
-leiden gehabt, darum wende ich mich auch an Sie!< Ja, und war es denn
-nicht so? Mußte ich denn nicht vor der ganzen Gesellschaft eine
-persönliche Beleidigung von Seiner Hochwohlgeboren hinunterschlucken?
-Ich glaube, ich habe Grund genug, mich für diese Klatschgeschichten zu
-interessieren! Heute drückt er einem die Hand, morgen aber schlägt er
-sie einem, dir nichts, mir nichts, ins Gesicht, und das noch in
-ehrenwerter Gesellschaft, grad so, wie's ihm gefällt. Rein aus Übermut,
-wie's scheint. Und was die Hauptsache ist! Diese Herren haben die Frauen
-natürlich immer auf ihrer Seite! Schmetterlinge sind sie und mutige
-Hähnchen! Gutsbesitzerssöhne mit Flügelchen hinten dran, wie einstmals
-Amor ... diese Herzfresser _à la_ Petschorin![28] Sie, Stepan
-Trophimowitsch, als fanatischer Junggeselle, haben gut reden und mich
-wegen Seiner Hochwohlgeboren einen Geschichtenmacher zu nennen. Aber
-heiraten Sie mal erst -- Sie sind ja doch noch ein ganzer Mann! -- so
-eine nette kleine junge Frau, und Sie werden selber vor unserem Prinzen
-alle Türen verrammeln und gar Barrikaden im eigenen Hause bauen! Hier
-lohnt es sich ja gar nicht mehr, zu reden! Selbst von solch einer
-Mademoiselle Lebädkin, die gepeitscht wird, würde ich glauben -- bei
-Gott! --, wenn sie nicht verrückt und lahm wäre, daß sie ein Opfer
-unseres Prinzen ist, und daß Lebädkin sich deshalb in seiner
->Familienehre< gekränkt fühlt, wie er sich immer ausdrückt. Sie glauben,
-die wäre mit seinem feinen Geschmack nicht in Einklang zu bringen? Mein
-Gott, auch der stört diese Herren nicht immer. Jede kleine Beere wird
-gegessen, sie muß nur die richtige Stimmung treffen. Sie sprechen von
-Klatsch? Aber -- sage ich es denn allein, wenn schon die ganze Stadt es
-ausschreit? Ich nicke nur und höre zu. >Ja<-sagen ist bekanntlich nicht
-verboten!«
-
-»Die ganze Stadt schreit ... das heißt, was schreit denn die ganze
-Stadt?«
-
-»Na, ich meine, Hauptmann Lebädkin schreit's in betrunkenem Zustande, so
-daß die ganze Stadt es hören kann. Ist das nicht dasselbe, wie wenn die
-ganze Stadt es schreit? Bin ich etwa schuld daran? Ich rede nur mit
-Freunden darüber. Ich hoffe doch, hier unter Freunden zu sein?« und mit
-unschuldigem Lächeln sah er uns alle an. »Und dabei ist _noch_ etwas
-geschehen! Denken Sie mal: es stellt sich heraus, daß unser Prinz ihm,
-dem Lebädkin, aus der Schweiz durch ein junges Mädchen dreihundert Rubel
-geschickt hat. Ich habe die Ehre, die junge Dame persönlich zu kennen,
-sie ist ohne Tadel und sozusagen eine sittsame Waise. Nach einiger Zeit
-aber erfährt Lebädkin aus der sichersten Quelle von einem edlen
-Menschen, daß ihm nicht dreihundert Rubel, sondern tausend zur Übergabe
-gesandt worden sind! >Folglich,< schreit er, >hat das Mädchen mich um
-siebenhundert Rubeln bestohlen!< Und er will das Geld durch die Polizei
-herausfordern, wenigstens droht er so und schreit dabei, daß die ganze
-Stadt es hören kann ...«
-
-»Das ist gemein, gemein von Ihnen!« rief plötzlich der Ingenieur und
-sprang vom Stuhl auf.
-
-»Ja aber -- Sie selbst sind doch dieser edle Mensch, der Lebädkin
-versichert hat, daß nicht dreihundert, sondern tausend geschickt worden
-sind! Der Hauptmann hat es mir in der Filippoffschen Kneipe, betrunken
-wie immer, selbst mitgeteilt.«
-
-»Das ... das ist ein unglückliches Mißverständnis. Jemand hat sich
-geirrt und es ist ... ein Blödsinn -- und Sie sind gemein!«
-
-»Ja, ich will gewiß gerne glauben, daß es reiner Blödsinn ist. Ich bin
-sogar tief betrübt, daß man das ehrenwerte Mädchen in die Geschichte
-hineingezogen hat. Erstens mit den siebenhundert Rubeln, und zweitens
-weiß jetzt alle Welt, daß sie mit Nicolai Stawrogin intim befreundet
-gewesen ist. Was kostet es denn Seine Hochwohlgeboren, den jungen
-Stawrogin, ein ehrenwertes Mädchen zu schänden, oder auch eine fremde
-Frau zu beschimpfen, wie es mein >Fall< war? Kommt ihnen dann noch ein
-großmütiger Mensch unter die Finger, so zwingen sie ihn, mit seinem
-ehrlichen Namen fremde Sünden zu decken. Genau so hab ich's doch erleben
-müssen! Ich rede ja nur von mir ...«
-
-»Hüten Sie sich, Liputin!« Stepan Trophimowitsch erhob sich drohend. Er
-war totenblaß.
-
-»Glauben Sie ihm nicht, glauben Sie nicht! Jemand hat sich geirrt und
-Lebädkin ist immer betrunken!« rief der Ingenieur in unbeschreiblicher
-Aufregung aus. »Alles wird sich aufklären, aber ich kann nicht mehr ...
-ich halte es für eine Gemeinheit ... und genug ... genug!«
-
-Er stürzte aus dem Zimmer.
-
-»Aber wohin denn, was haben Sie? Ich gehe doch mit Ihnen!« rief Liputin
-erschrocken, sprang auf und lief ihm nach.
-
-
- VII.
-
-Stepan Trophimowitsch stand einen Augenblick wie in Gedanken versunken
-da, er sah auch mich an, doch ohne mich zu sehen, und schließlich
-ergriff er Hut und Stock und verließ langsam das Zimmer. Ich ging ihm
-nach. Erst als er aus der Tür trat, bemerkte er mich.
-
-»Ach ja, Sie können mein Zeuge sein ... _de l'accident. Vous
-m'accompagnerez, n'est-ce pas?_«{[47]}
-
-»Stepan Trophimowitsch, gehen Sie trotzdem zu ihr? Bedenken Sie doch,
-was daraus entstehen kann!«
-
-Er blieb stehen und flüsterte mit einem armseligen und geistesabwesenden
-Lächeln, in dem Scham und vollkommene Verzweiflung, doch zugleich eine
-seltsame Ekstase lag:
-
-»Ich kann doch nicht >fremde Sünden< heiraten ...«
-
-Endlich war das verhängnisvolle Wort ausgesprochen, das er eine ganze
-Woche mit Kniffen und Winkelzügen vor mir zu verstecken gesucht hatte!
-
-Ich war einfach empört.
-
-»Und ein so schmutziger, ein so ... niedriger, gemeiner Gedanke konnte
-in Ihrem Kopf entstehen, in Ihnen, in Stepan Werchowenski! Sie mit Ihrem
-guten, reinen Herzen, und das noch -- vor Liputin und seinem Klatsch!«
-
-Er sah mich an, antwortete nichts und ging weiter. Ich wollte ihn nicht
-verlassen, sondern bei Warwara Petrowna sein Zeuge sein. Ich hätte ihm
-verziehen, wenn er, mit seinem weibischen Kleinmut, auf Liputins
-Verleumdung hin alles geglaubt hätte: nun aber war es doch klar, daß er
-schon früher von selbst auf diesen Verdacht gekommen, daß er ihn die
-ganze Zeit mit sich herumgetragen und daß Liputin ihn jetzt nur
-bestätigt hatte. Er hatte sich nicht gescheut, gleich vom ersten Tage an
-das junge Mädchen zu verdächtigen, ohne den geringsten Grund dazu zu
-haben. Die herrische Handlungsweise Warwara Petrownas hatte er sich eben
-nur mit dem verzweifelten Wunsch erklären können, die galanten Sünden
-ihres teuren Nicolas so schnell wie möglich mit einer Hochzeit zu
-decken.
-
-Und dafür sollte er bestraft werden, das wünschte ich ihm von ganzem
-Herzen.
-
-»_O, Dieu qui est si grand et si bon!_{[48]} Oh, wer wird mich jetzt
-trösten!« rief er aus, als er ungefähr hundert Schritte gegangen war und
-plötzlich stehen blieb.
-
-»Gehen wir nach Hause, und ich werde Ihnen sofort alles erklären!« rief
-ich und wollte ihn mit Gewalt zurückbringen.
-
-»Da ist er ja! Stepan Trophimowitsch, das sind doch Sie? Sie?« ertönte
-plötzlich eine frische und mutwillige junge Stimme, die mir wie Musik
-klang.
-
-Noch sahen wir niemanden, als plötzlich eine Reiterin neben uns hielt.
-Es war Lisaweta Nicolajewna, gefolgt von ihrem tagtäglichen Begleiter.
-Sie zügelte das Pferd.
-
-»Kommen Sie, kommen Sie doch schneller!« rief sie laut und lustig. »Ich
-habe ihn zwölf Jahre lang nicht gesehen und gleich erkannt. Er aber ...
-Erkennen Sie mich wirklich nicht?«
-
-Stepan Trophimowitsch ergriff ihre Hand. Er sah sie an, als hätte er ein
-Gebet zu ihr auf den Lippen, und konnte doch kein Wort hervorbringen.
-
-»Er hat mich erkannt und freut sich! Mawrikij Nicolajewitsch, er scheint
-entzückt zu sein, daß er mich wiedersieht! Warum sind Sie denn in diesen
-ganzen zwei Wochen nicht zu uns gekommen? Tante beteuerte, Sie seien
-krank und man dürfe Sie nicht aufregen, aber ich weiß doch, das hat sie
-nur gelogen. Ich habe mit den Füßen gestampft und auf Sie gescholten,
-aber ich wollte unbedingt, unbedingt, daß Sie, von selbst, als Erster zu
-uns kämen, und darum habe ich nicht nach Ihnen geschickt. Gott, er hat
-sich ja nicht ein bißchen verändert!« und sie beugte sich im Sattel nach
-vorn, um ihn genauer betrachten zu können. -- »Es ist ja ganz
-lächerlich, wie wenig er sich verändert hat! Ach, doch, es sind doch
-kleine Fältchen an den Augen, viele Fältchen, und auf den Wangen ... und
-graue Haare -- aber die Augen sind noch ganz dieselben! Ganz! Und ich?
-Habe ich mich verändert? Ja? Aber warum schweigen Sie noch immer?«
-
-Ich erinnerte mich in dem Augenblick, daß man mir erzählt hatte, sie sei
-fast erkrankt, als man sie, elfjährig, nach Petersburg brachte, und daß
-sie während der Krankheit geweint und immer nach Stepan Trophimowitsch
-verlangt habe.
-
-»Sie ... ich ...« stotterte er mit vor Freude unsicherer Stimme. »Soeben
-rief ich noch aus: wer wird mich trösten? und da erklang Ihre Stimme ...
-Ich halte das für ein Zeichen _et je commence à croire_.«{[49]}
-
-»_En Dieu? En Dieu, qui est là haut et qui est si grand et si
-bon?_{[50]} Sehen Sie mal, ich kenne Ihre Lektionen noch auswendig.
-Mawrikij Nicolajewitsch, welch einen Glauben er mir damals beibrachte
-_en Dieu, qui est si grand et si bon_! Und erinnern Sie sich noch Ihrer
-Erzählungen von Kolumbus, und wie er Amerika entdeckte, und wie sie da
-alle >Land, Land!< geschrieen haben!? Meine Kinderfrau Aljona Frolowna
-sagte mir, daß ich noch nachher im Traume >Land! Land!< gerufen habe.
-Und wissen Sie noch, wie Sie mir die Geschichte des Prinzen Hamlet
-erzählt haben? Und wie Sie mir den Transport der armen Auswanderer von
-Europa nach Amerika beschrieben haben? Das war ja alles gar nicht wahr,
-später habe ich erfahren, wie man sie hinübertransportiert hat. Aber wie
-er mir damals alles so viel schöner vorgelogen hat! Mawrikij
-Nicolajewitsch, viel schöner und besser, als es in Wirklichkeit ist!
-Warum sehen Sie Mawrikij Nicolajewitsch so an? Das ist der allerbeste
-und der allertreueste Mensch auf dem Erdball, und Sie müssen ihn
-unbedingt ebenso lieben wie ich! _Il fait tout ce que je veux._{[51]}
-Aber, Liebling, Stepan Trophimowitsch, Sie müssen wohl wieder
-unglücklich sein, wenn Sie mitten auf der Straße ausrufen: wer wird mich
-trösten? Also wieder einmal unglücklich, ja?«
-
-»Jetzt bin ich glücklich -- --«
-
-»Tante kränkt Sie?« fuhr sie fort, ohne seine Worte zu beachten. »Immer
-diese böse, ungerechte, unsere unschätzbare, teure, böse Tante! Ach,
-wissen Sie noch, wie Sie im Garten in meine Arme flogen und ich Sie
-tröstete und dann selber mit Ihnen weinte? Aber so fürchten Sie sich
-doch nicht vor Mawrikij Nicolajewitsch, er weiß alles, alles von Ihnen.
-Sie können an seiner Schulter weinen, so lange Sie wollen, und er wird
-stehen so lange wie Sie wollen. Schieben Sie Ihren Hut zurück, nein,
-nehmen Sie ihn ganz ab, auf einen Augenblick nur, heben Sie sich auf die
-Fußspitzen, ich werde Sie gleich auf die Stirn küssen, so wie ich Sie
-das letzte Mal zum Abschied geküßt habe. Sehen Sie, diese Dame dort am
-Fenster freut sich über uns ... Näher, näher! Gott, wie er grau geworden
-ist!«
-
-Und sie beugte sich im Sattel und küßte ihn auf die Stirn.
-
-»Nun, und jetzt zu Ihnen nach Haus! Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich werde
-gleich, in einer Minute, bei Ihnen sein. Sie Eigensinn, also werde ich
-Sie doch zuerst besuchen. Dann aber schleppe ich Sie auf den ganzen Tag
-zu mir. Gehen Sie jetzt und bereiten Sie sich vor, mich zu empfangen!«
-
-Und sie ritt mit ihrem Kavalier davon. Wir aber kehrten nach Hause
-zurück. Stepan Trophimowitsch setzte sich auf den Diwan und weinte.
-
-»_Dieu, Dieu!_« rief er. »_Enfin une minute de bonheur!_«{[52]}
-
-Nach zehn Minuten erschien sie in Begleitung des jungen Mannes. Stepan
-Trophimowitsch ging ihr entgegen.
-
-»_Vous et le bonheur, vous arrivez en même temps!_«{[53]}
-
-»Hier haben Sie Blumen. Ich war bei der Blumenfrau. Wie Sie wissen, hat
-sie den ganzen Winter Bukette für Geburtstagskinder zum Verkauf. Hier
-stelle ich Ihnen also nochmals Mawrikij Nicolajewitsch vor, bitte sich
-mit ihm zu befreunden. Eigentlich wollte ich Ihnen eine Pastete statt
-der Blumen bringen, aber Mawrikij Nicolajewitsch behauptete, das sei
-nicht im russischen Stil.«
-
-Dieser Mawrikij Nicolajewitsch war Hauptmann der Artillerie, etwa
-dreiunddreißig Jahre alt, hoch und schlank, von tadellosem Äußeren, mit
-Achtung gebietenden, auf den ersten Blick streng erscheinenden Zügen --
-trotz einer erstaunlichen und überaus taktvollen Güte, die man ihm
-sofort anmerkte, auch wenn man ihn gar nicht oder kaum kannte. Im
-übrigen war er schweigsam, schien kaltblütig zu sein und sehr
-zurückhaltend. Später sagten einige bei uns, er sei im Grunde beschränkt
-gewesen, aber das war entschieden ein falsches Urteil.
-
-Die Schönheit Lisaweta Nicolajewnas zu beschreiben, will ich lieber
-nicht versuchen. Die ganze Stadt sprach ja schon von ihr, obwohl einige
-Damen fast vom Gegenteil überzeugt waren und sie beinahe häßlich fanden.
-Es gab aber auch solche, die Lisaweta Nicolajewna nicht nur um ihrer
-Schönheit willen haßten, sondern, und vor allen Dingen, wegen ihres
-Stolzes. Drosdoffs hatten es noch unterlassen, die üblichen Visiten zu
-machen -- und das beleidigte natürlich jeden und alle, obgleich man in
-der Stadt sehr wohl wußte, daß der Grund dazu in Praskowja Iwanownas
-Unwohlsein lag. Sodann haßte man Lisa auch noch wegen ihrer
-Verwandtschaft mit der »Gouverneurin«, und drittens, weil sie täglich
-spazieren ritt, denn bis jetzt hatte es bei uns noch keine Amazonen
-gegeben. Zwar wußten alle sehr gut, daß die Ärzte ihr das Reiten
-verordnet hatten, aber das änderte nicht im geringsten das Urteil der
-Damen, sondern gab nur noch einen Anlaß, auch über ihre Kränklichkeit zu
-witzeln und zu spötteln. Lisa war in der Tat krank: schon auf den ersten
-Blick fiel einem ihre nervöse Unruhe auf. Wie sehr sie damals litt, das
-sollte sich freilich erst später aufklären. Wenn ich heute an sie
-zurückdenke und sie mir dabei vorstelle, kann ich sie übrigens nicht
-mehr so wunderschön finden, wie ich sie damals fand. Vielleicht war sie
-sogar ausgesprochen häßlich. Sie war hoch von Wuchs, schlank, biegsam
-und kräftig. Doch frappierte das Gesicht beinahe durch die
-Unregelmäßigkeit der Züge. Es war dabei bleich, mit ziemlich starken
-Backenknochen, hager, und die Augen waren ein wenig schräg gestellt,
-waren geschlitzt wie bei den Kalmücken. Aber es lag etwas in diesem
-Gesicht, das einen unwiderstehlich anzog. Irgendeine Macht ruhte in dem
-brennenden Blick ihrer dunklen Augen. Stolz und zuweilen sogar
-vermessen: so wirkte sie und erschien wie eine Siegerin, die nicht
-anders konnte, als besiegen. Ihr war es nicht gegeben, gut zu sein, aber
-sie kämpfte darum, es dennoch zu sein. Es waren viele edle Triebe in
-dieser Natur und eine Menge großer Ansätze, aber alles das suchte in ihr
-nach einem Ausgleich und konnte ihn nicht finden: alles in ihr war
-Chaos, Unruhe und Aufregung. Vielleicht stellte sie auch gar zu große
-Anforderungen an sich selbst und fand dabei niemals die Kraft in sich,
-diese Anforderungen zu befriedigen.
-
-Sie setzte sich auf den Diwan und betrachtete das Zimmer.
-
-»Warum werde ich in solchen Minuten immer traurig? Können Sie mir das
-nicht erklären, Sie gelehrter Mensch? Ich habe immer gedacht, daß ich
-weiß Gott wie froh sein würde, wenn ich Sie wiedersähe und mit Ihnen
-über all das Gewesene sprechen könnte ... und nun bin ich fast -- gar
-nicht froh, obgleich ich Sie doch lieb habe ... Ach Gott, mein Bild
-hängt hier bei Ihnen! Geben Sie es her, schnell, ich weiß, ich erinnere
-mich ...«
-
-Vor neun Jahren hatten Drosdoffs Stepan Trophimowitsch aus Petersburg
-ein Aquarellbildchen der kleinen zwölfjährigen Lisa zugeschickt und seit
-der Zeit hing es bei ihm an der Wand.
-
-»War ich wirklich ein so nettes Kind? Ist das wirklich mein Gesicht?«
-
-Sie stand auf und trat mit dem Bildchen in der Hand vor den Spiegel.
-
-»Nehmen Sie es schnell, schnell!« rief sie aus und gab das Bildchen
-zurück. »Hängen Sie es jetzt nicht auf, später, später, ich will es
-nicht sehen.« Sie ließ sich wieder auf den Diwan nieder. »Das eine Leben
-verging und es begann ein anderes, und das andere verging und es begann
-ein drittes, und so geht es fort. Die Enden aber sind immer wie mit der
-Schere abgeschnitten. Sehen Sie mal, von was für alten Sachen ich rede,
-und doch ist so viel Wahrheit darin!«
-
-Sie sah mich lachend an. Schon einigemal hatte sie mich betrachtet, aber
-Stepan Trophimowitsch kam in seiner Aufregung gar nicht darauf, mich ihr
-vorzustellen.
-
-»Aber warum hängt mein Bild unter Säbeln? Und warum haben Sie hier
-überhaupt so viele Säbel und Dolche?«
-
-Ich weiß nicht, warum bei Stepan Trophimowitsch an der Wand zwei
-Yatagane hingen und über ihnen ein echter Tscherkessendolch.
-
-Als sie die Frage stellte, sah sie mich wieder an, so daß ich schon
-antworten wollte. Da kam Stepan Trophimowitsch endlich darauf, mich
-vorzustellen.
-
-»Ich weiß, ich weiß,« sagte sie -- »es freut mich sehr. Mama hat auch
-schon von Ihnen gehört. Und bitte, hier stelle ich Ihnen Mawrikij
-Nicolajewitsch vor, ein prachtvoller Mensch. Ich hatte mir von Ihnen
-eigentlich einen komischen Begriff gemacht. -- Sie sind doch Stepan
-Trophimowitschs >Vertrauter<?«
-
-Ich errötete.
-
-»Ach, bitte verzeihen Sie, ich wollte durchaus nicht dieses Wort sagen,
-es ist nichts Komisches dabei, sondern nur so ...« Und auch sie errötete
-verwirrt. Ȇbrigens, ich sehe nicht ein, warum sich da jemand dessen
-schämen soll, daß er ein wertvoller Mensch ist, nicht wahr? -- Aber
-jetzt müssen wir gehen, Mawrikij Nicolajewitsch. Stepan Trophimowitsch,
-daß Sie in einer halben Stunde bei uns sind! O Gott, wie viel wir uns zu
-erzählen haben! Jetzt bin ich Ihre Vertraute, in allen Dingen, hören
-Sie, in _allen_ Dingen!«
-
-Stepan Trophimowitsch erschrak sofort.
-
-»O, Mawrikij Nicolajewitsch weiß alles, vor ihm brauchen Sie sich nicht
-zu genieren.«
-
-»_Mais_,{[54]} was weiß er denn?«
-
-»Aber warum tun Sie denn so?« rief sie erstaunt. »Ah, so ist es also
-wahr, daß man es uns verheimlichen will? Ich wollte es nicht glauben!
-Dascha wird gleichfalls versteckt. Tante ließ mich vorhin auch nicht zu
-Dascha gehen, sie sagte, sie habe Kopfschmerzen.«
-
-»Aber ... aber wie haben Sie es denn erfahren können?«
-
-»Mein Gott, so wie alle! Als ob dazu viel gehört!«
-
-»Ja, wissen es denn wirklich schon alle? ...«
-
-»Wie denn nicht? Mama, das ist wahr, die hat es zuerst durch Aljona
-Frolowna, meine Kinderfrau, erfahren, und der hat es Ihre Nastassja
-schleunigst erzählt. Sie haben es doch Nastassja gesagt? Sie sagt
-wenigstens, Sie hätten es ihr selbst mitgeteilt.«
-
-»Ich ... ich habe einmal davon gesprochen ...« stotterte Stepan
-Trophimowitsch, über und über rot, »aber ich habe bloß angedeutet ...
-_j'étais si nerveux et malade et puis_{[55]} ...«
-
-Sie lachte.
-
-»Und da kein anderer Freund zur Hand war und Nastassja Ihnen gerade in
-den Weg lief -- nun, ich weiß schon! Die aber hat ja überall
-Freundinnen. Doch lassen wir das, das ist ja alles ganz gleichgültig.
-Mögen es die Leute doch wissen, um so besser! Und kommen Sie bald, wir
-speisen früh. Ach, da habe ich etwas vergessen!« sie setzte sich wieder.
-»Hören Sie mal, wer ist Schatoff?«
-
-»Schatoff? Das ist Darja Pawlownas Bruder ...«
-
-»Ach, das weiß ich doch, daß er ihr Bruder ist, -- wie Sie wirklich
-sind!« unterbrach sie ihn ungeduldig. »Ich will wissen, was er
-eigentlich ist, was für ein Mensch?«
-
-»_C'est un pense-creux d'ici. C'est le meilleur et le plus irascible
-homme du monde._«{[56]}
-
-»Das habe ich auch schon gehört, daß er ein Sonderling ist. Aber das
-gehört nicht zur Sache. Man sagte mir, daß er drei Sprachen spricht,
-auch englisch, und sich mit literarischen Arbeiten beschäftigt. In
-diesem Fall könnte ich ihm viel Arbeit verschaffen. Ich habe jemanden
-nötig, der mir helfen kann, und je schneller ich einen finde, desto
-besser. Aber wird er die Arbeit annehmen, was meinen Sie? Man hat ihn
-mir dazu empfohlen.«
-
-»O natürlich, _et vous ferez un bienfait_.«{[57]}
-
-»Ich tue es gar nicht wegen des _bienfait_, sondern weil ich einen
-Gehilfen brauche.«
-
-»Ich bin mit Schatoff befreundet,« sagte ich, »und wenn Sie mich
-beauftragen wollten, so würde ich sofort zu ihm gehen.«
-
-»Das ist ja herrlich! Sagen Sie ihm, bitte, daß er morgen um zwölf Uhr
-zu mir kommen soll. Ich danke Ihnen! Mawrikij Nicolajewitsch, sind Sie
-bereit?«
-
-Sie ritten davon. Ich begab mich natürlich gleich zu Schatoff.
-
-»_Mon ami!_«{[58]} rief mir Stepan Trophimowitsch nach, »kommen Sie
-unbedingt um zehn oder elf Uhr zu mir, wenn ich zurückgekommen bin. Oh,
-ich bin schuldig, verzeihen Sie mir, ich bin vor allen, vor allen
-schuldig!«
-
-
- VIII.
-
-Schatoff war ausgegangen. Nach zwei Stunden ging ich wieder zu ihm --
-und wieder war er nicht zu Hause. Um acht Uhr abends ging ich zum
-dritten Male hin, um ihm, wenn ich ihn wieder nicht antreffen sollte,
-einen Zettel zu hinterlassen. Und richtig, er war wieder nicht zu Haus,
-sein Zimmer war verschlossen: er lebte ganz allein und ohne einen
-Dienstboten. Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich nicht zu Lebädkins
-gehen und dort nach ihm fragen sollte: aber auch dort war die Tür
-verschlossen, es war weder ein Licht zu sehen, noch ein Laut zu hören --
-die Wohnung schien vollständig leer zu sein. Ich entschloß mich also,
-morgen früh wiederzukommen, denn auf das Zettelchen konnte ich mich
-nicht verlassen. Schatoff war mitunter so eigensinnig und dazu
-schüchtern, da war es leicht möglich, daß er einfach nicht hinging.
-Gerade als ich aus der Tür trat, stieß ich auf Herrn Kirilloff. Er
-erkannte mich sofort, und da er mich ansprach und fragte, wen ich
-suchte, erzählte ich ihm die ganze Geschichte und erwähnte auch meinen
-Zettel.
-
-»Kommen Sie,« sagte er, »ich werde es machen.«
-
-Kirilloff wohnte seit diesem Morgen, wie uns schon Liputin erzählt
-hatte, im Flügel auf dem Hof. In dieser Hälfte des Hauses, die für ihn
-allein zu groß gewesen wäre, wohnte außer ihm noch ein altes, taubes
-Weib, das ihn auch bediente. Der Hausbesitzer selbst, Herr Filippoff,
-war nebenan in sein neues Heim gezogen, wo er eine Trinkstube hielt, und
-die Alte, die mit ihm verwandt war, beaufsichtigte nun das alte Haus.
-Die Zimmer in diesem Flügel waren sauber, aber die Tapeten schmutzig. Im
-ersten Zimmer, in das wir eintraten, standen die verschiedensten alten
-Möbel: zwei l'Hombretische, eine Kommode aus Ellernholz, ein großer
-Tisch aus rohen Brettern, wohl aus einer Bauernstube oder Küche; ferner
-ein paar Stühle und ein Diwan mit geflochtenen Lehnen und harten
-Lederkissen. In einer Ecke hing ein altes Heiligenbild, vor dem die Alte
-das Lämpchen schon angezündet hatte, und an den Wänden hingen zwei alte
-Öldruckbilder, von denen das eine den Kaiser Nicolai I. und das andere
-irgendeinen Bischof darstellte.
-
-Kirilloff zündete ein Licht an und holte aus seinem Koffer, der in einer
-Ecke noch unausgepackt stand, ein Kuvert, Siegellack und ein
-Kristallpetschaft.
-
-»Versiegeln Sie Ihren Brief und schreiben Sie die Adresse darauf.«
-
-Ich sagte, daß das unnötig sei, aber er bestand auf seinem Wunsch.
-Nachdem ich die Adresse geschrieben hatte, nahm ich meinen Hut und
-wollte gehen.
-
-»Ich dachte, Sie würden Tee trinken,« sagte er. »Ich habe Tee gekauft.
-Wollen Sie nicht?«
-
-Ich lehnte nicht ab. Die Alte brachte bald darauf eine riesige Teekanne
-mit heißem Wasser und eine kleinere mit gezogenem Tee, zwei große
-einfache Tassen, Weißbrot und einen ganzen Teller mit Stückzucker.
-
-»Ich liebe Tee,« sagte Kirilloff, »besonders in der Nacht. Ich gehe auf
-und ab und trinke, bis zum Morgen. Im Auslande ist Teetrinken nachts
-unbequem.«
-
-»Sie legen sich erst gegen Morgen schlafen?«
-
-»Immer, schon lange. Ich esse wenig. Trinke immer Tee ...« Und ganz
-unvermittelt sagte er plötzlich: »Liputin ist schlau, aber ungeduldig.«
-
-Es wunderte mich, daß er heute offenbar zu sprechen wünschte, und ich
-entschloß mich, die Gelegenheit zu benutzen.
-
-»Das war ein unangenehmes Mißverständnis, heute vormittag, bei Stepan
-Trophimowitsch,« bemerkte ich.
-
-Er machte ein geärgertes Gesicht.
-
-»Das war Dummheit; das sind furchtbare Nichtigkeiten; alles, was da war,
-denn Lebädkin spricht betrunken. Ich habe Liputin nichts gesagt, nur die
-Richtigkeit erklärt; denn jener hatte gefaselt. Liputin hat viel
-Phantasie; statt die Nichtigkeit einzusehen, hat er gleich Berge daraus
-gebaut. Gestern vertraute ich ihm.«
-
-»Und heute mir?« fragte ich lachend.
-
-»Aber Sie wußten doch vorher schon von allem. Liputin ist schwach, oder
-ungeduldig, oder schädlich, oder ... neidisch.«
-
-Das letzte Wort überraschte mich.
-
-»Hm. Übrigens haben Sie so viele Kategorien aufgestellt, daß es
-schließlich kein Wunder ist, wenn er in eine von ihnen hineinpaßt.«
-
-»Oder in alle zusammen.«
-
-»Ja, auch das ist richtig. Liputin ist ein Chaos! Er log zwar vorhin,
-aber sagen Sie, ist es nicht trotzdem wahr, daß Sie ein Buch schreiben
-wollen?«
-
-»Warum soll das gelogen sein?« entgegnete er finster und sah zu Boden.
-
-Ich entschuldigte mich und versicherte, daß ich ihn nicht ausfragen
-wolle. Er errötete.
-
-»Liputin hat da die Wahrheit gesagt. Ich schreibe. Nur ist das ganz
-gleich.«
-
-Wir schwiegen wohl eine Minute lang; plötzlich lächelte er wieder sein
-Kinderlächeln.
-
-»Das von den Köpfen hat er sich selbst ausgedacht, nach einem Buch, und
-er selbst erzählte es mir zuerst, nur versteht er es schlecht; ich aber
-suche nur den Grund, warum die Menschen sich nicht selbst zu töten
-wagen; das ist alles. Aber auch das ist ganz gleich.«
-
-»Wieso, nicht wagen? Als ob es wenig Selbstmorde gäbe?«
-
-»Sehr wenig.«
-
-»Finden Sie wirklich?«
-
-Er antwortete nicht, stand auf und ging, in Gedanken versunken, auf und
-ab.
-
-»Was hält denn, Ihrer Meinung nach, die Leute davon ab, sich selbst zu
-töten?« fragte ich.
-
-Er sah mich zerstreut an, als müßte er sich erst erinnern, wovon wir
-sprachen.
-
-»Ich ... ich weiß noch wenig ... Zwei Vorurteile halten davon ab, zwei
-Gründe. Nur zwei: der eine ist sehr klein und der andere ist sehr groß.
-Aber auch der kleine ist sehr groß.«
-
-»Welches ist denn der kleine?«
-
-»Der Schmerz.«
-
-»Der Schmerz? Ja, glauben Sie denn, daß _das_ so wichtig ist ... in
-solchem Fall?«
-
-»Das Allererste. Es gibt zwei Arten: Die, welche sich aus großem Leid
-umbringen, oder aus Haß, oder aus Wahnsinn, oder sonst da irgendwie ...
-die tun es plötzlich. Die denken wenig an den Schmerz, und tun's
-plötzlich ... Aber die, die sich aus Überlegung töten -- die denken
-viel.«
-
-»Ja, gibt es denn überhaupt solche, die sich aus Überlegung töten?«
-
-»Sehr viele. Wenn es kein Vorurteil gäbe, würden es noch mehr sein; sehr
-viele; alle!«
-
-»Was, sogar schon alle?«
-
-Er schwieg.
-
-»Aber gibt es denn keine Möglichkeit, schmerzlos zu sterben?«
-
-Er blieb vor mir stehen: »Denken Sie sich einen Stein von der Größe
-eines großen Hauses; er hängt über Ihnen und Sie sind unter ihm; wenn er
-auf Sie fällt, auf den Kopf -- wird es schmerzen?«
-
-»Ein Stein von der Größe eines Hauses? Natürlich, furchtbar!«
-
-»Ich spreche nicht von der Angst; wird es schmerzen?«
-
-»Ach so! Ein Stein, so groß wie ein Berg, eine Million Pud schwer? --
-Selbstverständlich nicht ein bißchen!«
-
-»Aber wenn Sie so liegen, während er hängt, werden Sie furchtbare Angst
-davor haben, daß es schmerzen wird. Jeder große Gelehrte, jeder Arzt,
-alle, alle werden Angst haben. Jeder wird wissen, daß es nicht schmerzt,
-doch jeder wird sehr fürchten, daß es schmerzen wird.«
-
-»Nun, und der große, der zweite Grund?«
-
-»Das Jenseits.«
-
-»Sie meinen die Strafe?«
-
-»Einerlei. Das Jenseits, nichts als das Jenseits.«
-
-»Gibt es denn nicht auch solche Atheisten, die an ein Jenseits gar nicht
-glauben und es vollständig leugnen?«
-
-Er schwieg wieder.
-
-»Sie urteilen vielleicht nur nach sich selbst?«
-
-»Niemand kann anders urteilen, als nach sich selbst,« sagte er und
-errötete wieder. »Die vollständige Freiheit wird erst dann sein, wenn es
-ganz einerlei sein wird, ob man lebt oder nicht. Das ist das ganze
-Ziel.«
-
-»Das Ziel? Ja, aber dann wird vielleicht niemand mehr leben wollen?«
-
-»Niemand,« sagte er bestimmt.
-
-»Der Mensch fürchtet den Tod, weil er das Leben lieb hat, so verstehe
-ich es wenigstens,« bemerkte ich, »und so will es die Natur.«
-
-»Das ist die Gemeinheit und hier steckt der ganze Betrug!« Seine Augen
-blitzten auf. »Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Angst, und der
-Mensch ist unglücklich. Jetzt liebt der Mensch das Leben, weil er
-Schmerz und Angst liebt. Und so hat man's gemacht. Das Leben wird einem
-jetzt für Angst und Schmerz gegeben. Hierin liegt der ganze Betrug.
-Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Aber es wird einen neuen
-Menschen geben, einen glücklichen und stolzen. Wem es ganz einerlei sein
-wird, ob leben oder nicht leben, der wird der neue Mensch sein. Wer
-Schmerz und Angst besiegen wird, der wird selbst Gott sein. Aber _den_
-Gott wird es dann nicht mehr geben.«
-
-»Also gibt es Ihrer Meinung nach doch noch _den_ Gott?«
-
-»Es gibt Ihn nicht, aber Er ist da. Im Stein ist kein Schmerz, aber in
-der Angst durch den Stein ist Schmerz. Gott ist der Schmerz der Angst
-vor dem Tode. Wer Schmerz und Angst besiegt, der wird selbst Gott
-werden. Dann wird ein neues Leben sein, ein neuer Mensch, alles neu ...
-Dann wird man die Weltgeschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla bis
-zur Vernichtung Gottes, und von der Vernichtung Gottes bis ...«
-
-»Bis zum Gorilla --?«
-
-»... bis zur physischen Veränderung der Erde und des Menschen. Der
-Mensch wird Gott sein und wird sich physisch verändern. Und das ganze
-Weltall wird sich verändern, und alle Dinge werden sich verändern, und
-alle Gedanken und alle Gefühle. Was glauben Sie, wird sich dann nicht
-auch der Mensch physisch verändern?«
-
-»Wenn es uns ganz gleich sein wird, ob wir leben oder nicht leben, so
-werden sich alle selbst totschlagen, und darin wird dann vielleicht eine
-Veränderung bestehen.«
-
-»Das ist einerlei. Den Betrug wird man totschlagen. Ein jeder, der die
-_große_ Freiheit will, muß sich selbst zu töten wagen. Wer sich selbst
-zu töten wagt, der hat das Geheimnis des Betruges erkannt. Weiter gibt
-es keine Freiheit. Hier ist alles und weiter ist nichts. Wer sich selbst
-zu töten wagt, der ist Gott. Jetzt kann es jeder machen, daß Gott
-aufhört, zu sein, und daß nichts mehr ist. Aber noch hat es niemand
-einmal getan!«
-
-»Selbstmörder hat es zu Millionen gegeben.«
-
-»Aber alle nicht deswegen. Alle haben sie sich mit Angst und nicht
-deswegen getötet. Nur wer sich tötet, um die Angst totzuschlagen, der
-wird sofort Gott sein.«
-
-»Dazu wird er vielleicht keine Zeit mehr haben,« bemerkte ich.
-
-»Das ist einerlei,« sagte er leise, mit ruhigem Stolz und fast ein wenig
-mit Verachtung. »Es tut mir leid, daß Sie sich darüber wohl lustig
-machen,« fügte er nach einer halben Minute hinzu.
-
-»Und mich wundert, wie Sie vorhin so gereizt sein konnten und jetzt so
-ruhig sind, obgleich Sie doch -- glühend sprechen.«
-
-»Vorhin? Vorhin war es komisch,« antwortete er mit einem Lächeln. »Ich
-liebe nicht, zu schimpfen, und lache nie,« fügte er traurig hinzu.
-
-»Ja, Ihre Nächte beim Tee verbringen Sie nicht gerade lustig.«
-
-Ich stand auf und nahm meine Mütze.
-
-»Finden Sie?« Er lächelte mit einem gewissen Erstaunen. »Warum? Nein,
-ich ... ich weiß nicht,« verwirrte er sich plötzlich -- »ich weiß nicht,
-wie es bei den andern ist. Ich fühle, daß ich nicht so wie jedermann
-kann. Jeder denkt, und dann denkt er gleich an was anderes. Ich kann
-nicht an anderes, ich denke mein ganzes Leben lang nur an Eines. Mich
-hat Gott mein Leben lang gequält,« schloß er plötzlich mit erstaunlicher
-Mitteilsamkeit.
-
-»Aber sagen Sie doch, warum sprechen Sie manchmal so sonderbar ... so
-sonderbar falsch? Sollten Sie wirklich in den fünf Jahren im Auslande
-das Sprechen verlernt haben?«
-
-»Spreche ich denn falsch? Ich weiß nicht. Nein, nicht weil ich im
-Auslande war. Ich habe immer so gesprochen ... mir ist es einerlei.«
-
-»Und eine noch indiskretere Frage: ich glaube Ihnen vollkommen, daß Sie
-nicht gern mit Menschen zusammen sind und wenig mit ihnen sprechen --
-warum haben Sie aber jetzt mit mir so aufrichtig gesprochen?«
-
-»Mit Ihnen? Sie saßen vorhin so gut da ... und Sie ... aber, einerlei
-... Sie haben viel Ähnlichkeit mit meinem Bruder, viel,
-außerordentlich,« sagte er errötend. »Er starb, vor sieben Jahren; der
-ältere; sehr, sehr viel Ähnlichkeit ...«
-
-»Er hatte wohl einen großen Einfluß auf Ihre Anschauungen?«
-
-»N--ein, er sprach wenig. Er sprach gar nicht. -- Ich werde Ihren Zettel
-abgeben.«
-
-Er begleitete mich mit der Laterne bis zur Pforte, um sie hinter mir
-zuzuschließen.
-
-»Selbstverständlich verrückt,« entschied ich bei mir.
-
-Doch da kam es zu einer neuen Begegnung.
-
-
- IX.
-
-Kaum hatte ich den Fuß auf die hohe Schwelle des Pförtchens gesetzt, als
-mich plötzlich eine starke Hand an der Brust packte.
-
-»Wer da?« brüllte eine Stimme. »Freund oder Feind? Bekenne!«
-
-»Das ist einer von den Unsrigen, den Unsrigen!« kreischte neben ihm
-Liputin aus der Fistel. »Das ist Herr G--ff, ein junger Mann von
-klassischer Bildung, und mit Beziehungen zur allerhöchsten
-Gesellschaft!«
-
-»Gefällt mir, falls zur Gesellschaft ... kla--a--ssischer ... das
-bedeutet also ge--bild--det--ster ... Ich bin der Hauptmann a. D.
-Ignatius Lebädkin, zu Diensten der Welt und der Freunde ... wenn sie
-treu sind, wenn sie nur treu sind, die Schufte!«
-
-Hauptmann Lebädkin, groß, dick, fleischig, krausköpfig, rot und wie
-gewöhnlich betrunken, hielt sich vor mir kaum auf den Füßen und konnte
-nur mit großer Mühe die Worte hervorbringen. Ich hatte ihn schon früher
-von weitem gesehen.
-
-»A--ah, der ist auch da!« schrie er von neuem auf, als er Kirilloff
-bemerkte, der noch immer mit seiner Laterne an der Pforte stand. Er
-erhob schon seine Faust zum Schlage, ließ sie aber wieder sinken.
-
-»Verzeihe dir, wegen der Gelehrtheit! Ignatius Lebädkin -- der
-gebil--det--ste ...
-
- Die Granate der flammenden Liebe
- Platzte in Ignats Brust.
- Da setzte sich der Invalide
- weil er -- weil er ...
- Um Sebastopol weinen mußt'.
-
-Wenn ich auch nie in Sebastopol gewesen bin und ... mich noch des
-Gebrauches aller meiner Glieder erfreue -- aber ... wie finden Sie den
-Reim?« Er kam wieder mit seinem betrunkenen Gesicht auf mich zu.
-
-»Er hat keine Zeit, er muß nach Hause gehen,« beredete ihn Liputin.
-»Morgen wird er Lisaweta Nicolajewna erzählen -- --«
-
-»Lisaweta?« brüllte Lebädkin wieder. »Steh! bleib! Noch eine Variante:
-
- Von Amazonen begleitet,
- Sprengt sie dahin wie der Wind.
- O, welch eine Freud mir bereitet
- Das a--ris--to--kra--tische Kind!
-
- Der Amazonenkönigin gewidmet.
-
-Begreifst du auch? Das ist ein Hymnus! Das ist ein Hymnus, wenn du kein
-Esel bist! Diese Trödler, die können es nicht verstehen! Steh!« er
-packte mich am Mantel und hielt mich fest, wie ich mich auch losreißen
-wollte. »Sage ihr, daß ich ein Ritter der Ehre bin, und Daschka ...
-Daschka werde ich mit zwei Fingern ... Leibeigene Skla--avin! -- und
-darf sich nicht unterstehn --«
-
-Mit diesen Worten fiel er hin: ich hatte mich ihm mit Gewalt entwunden
-und ihm dabei einen starken Stoß versetzt. Dann lief ich auf die andere
-Seite der Straße. Liputin kam mir nach.
-
-»Alexei Nilytsch wird ihn schon aufheben. Wissen Sie, was ich eben von
-ihm erfahren habe? -- das Verschen haben Sie doch gehört? Nun, er hat
-dieselben Verse an die >Amazonenkönigin< aufgeschrieben und wird sie
-morgen Lisaweta Nicolajewna mit seiner vollen Unterschrift zusenden. Was
-sagen Sie dazu?«
-
-»Ich könnte wetten, daß Sie ihn dazu beredet haben.«
-
-»Dann würden Sie verlieren!« Liputin lachte. »Verliebt, verliebt, wie
-ein Kater. Aber wissen Sie auch, daß die Liebe mit Haß begonnen hat? Er
-haßte Lisaweta Nicolajewna, weil sie reitet, und zwar dermaßen, daß er
-sie laut auf der Straße zu beschimpfen anfing. Das hat er wahrhaftig
-getan! Noch vorgestern hat er auf sie geschimpft, als sie vorüberritt.
-Zum Glück hat sie nichts gehört. Und jetzt plötzlich Gedichte! Wissen
-Sie auch, daß er einen Antrag riskieren will? Im Ernst, im Ernst!«
-
-»Wie kommt es, Liputin, daß überall, wo sich Schmutz ansammelt, Sie
-dabei sind und womöglich noch eine führende Rolle spielen?« fragte ich
-ruhig, aber innerlich rasend vor Wut.
-
-»Nun, Herr G--ff, Sie gehen etwas weit. Das Herzchen hat wohl
-geschlagen, als es vom Nebenbuhler hörte, wie?«
-
-»Wa--as?« schrie ich und blieb stehen.
-
-»Ja, aber jetzt werde ich Ihnen zur Strafe nichts mehr sagen! Und wie
-gern würden Sie doch noch mehr wissen! Schon allein, daß dieser Narr
-jetzt nicht mehr ein gewöhnlicher Hauptmann ist, sondern Gutsbesitzer
-unseres Gouvernements und noch dazu ein Großgrundbesitzer, da ihm
-Nicolai Stawrogin sein ganzes Gut, früher zweihundert Seelen stark, vor
-ein paar Tagen verkauft hat. Bei Gott, ich lüge nicht! Eben hab ich's
-erfahren, aber dafür aus der sichersten Quelle. So, und nun krabbeln Sie
-mal mit Ihrem Verstande allein weiter, mehr sage ich nicht. Auf
-Wiedersehen!«
-
-
- X.
-
-Stepan Trophimowitsch erwartete mich mit hysterischer Ungeduld. Er war
-vor einer Stunde zurückgekehrt und noch wie betrunken, als ich eintrat.
-Wenigstens die ersten fünf Minuten hielt ich ihn nicht für ganz
-nüchtern, so sehr hatte ihn der Besuch bei Drosdoffs aus dem
-Gleichgewicht gebracht.
-
-»_Mon ami_, ich habe meinen Faden nun vollständig verloren. _Lise_ ...
-ich liebe und verehre diesen Engel wie früher, namentlich wie früher;
-aber mir scheint, sie haben mich nur erwartet, um etwas von mir zu
-erfahren, um etwas aus mir herauszuquetschen und dann -- geh mit Gott!
-... Das ist so!«
-
-»Schämen Sie sich!« rief ich empört, ich hielt es wirklich nicht mehr
-aus.
-
-»Mein Freund, ich bin jetzt ganz allein. _Enfin c'est ridicule._{[59]}
-Denken Sie nur, auch dort ist alles mit Geheimnissen vollgepfropft. Sie
-warfen sich geradezu auf mich mit diesen >Nasen< und >Ohren< -- und wer
-weiß was noch für welchen Petersburger Geschichten. Sie haben ja erst
-jetzt erfahren, was vor vier Jahren mit Nicolai Wszewolodowitsch hier
-passiert ist: >Sie waren hier, Sie haben es gesehen, ist es wahr, daß er
-wahnsinnig ist?< Und woher diese Idee aufgetaucht ist -- ich weiß es
-nicht! Warum will diese Praskowja unbedingt, daß _Nicolas_ verrückt sei?
-Sie will es, sie will es! _Ce Maurice_,{[60]} oder wie er da heißt,
-dieser Mawrikij Nicolajewitsch, _brave homme tout de même_{[61]} ...
-Sollte sie wirklich in seinem Interesse, und nachdem, wie sie selbst aus
-Paris geschrieben hat, _à cette pauvre amie ... Enfin_,{[62]} >diese
-Praskowja<, wie _ma chère amie_ sie immer nennt, die ist ja eine Type!
--- ist des unsterblichen Gogols leibhaftige >Frau Kästchen<[29], nur
-eine böse >Madame Kästchen<, ein eingebildetes Kästchen, und in endlos
-vergrößertem Maßstabe!«
-
-»Dann wird ja ein Kasten draus und noch dazu einer in endlos
-vergrößertem Maßstabe!«
-
-»Ach, nun dann in verkleinertem, wie Sie wollen, das bleibt sich gleich,
--- nur unterbrechen Sie mich nicht, -- mir dreht sich schon sowieso
-alles im Kopf. Dort fuhren sie auch schon aus der Haut; außer _Lise_
-natürlich, die sprach noch immer von >_Tante, Tante!_<{[63]} Aber _Lise_
-ist schlau und es steckte noch etwas dahinter! Geheimnisse natürlich.
-Und mit der Mutter hat sie sich gezankt. _Cette pauvre tante!_{[64]} Es
-ist ja wahr, despotisch ist sie. Aber da ist jetzt eine >Gouverneurin<,
-die Nichtachtung der Gesellschaft, die Nichtachtung Karmasinoffs,
-plötzlich der Gedanke vom Wahnsinn -- _ce Lipoutine, ce que je ne
-comprends pas_{[65]} ... u--und ... Sie sagten dort, sie lege sich
-Essigkompressen um den Kopf, und da kommen wir ihr noch mit unseren
-Klagen und Briefen ... O, wie ich sie in dieser Zeit gequält habe! _Je
-suis un ingrat!_{[66]} Denken Sie sich, wie ich zurückkomme, finde ich
-von ihr einen Brief vor; lesen Sie! lesen Sie! O, wie unedel das alles
-von mir war!«
-
-Er reichte mir den soeben erhaltenen Brief Warwara Petrownas. Ich
-glaube, ihr hatte der letzte Brief mit dem »bleiben Sie zu Haus« leid
-getan, denn dieses Briefchen war höflich, wenn auch kurz und bestimmt.
-Sie bat ihn, übermorgen, also Sonntag, um zwölf Uhr zu ihr zu kommen,
-und riet ihm, einen seiner Freunde mitzubringen -- in Klammern stand
-mein Name --, und ihrerseits verpflichtete sie sich, Schatoff, als Darja
-Pawlownas Bruder, einzuladen: »Dann können Sie von ihr die endgültige
-Antwort erhalten. Genügt das jetzt? Ist es diese Formalität, nach der
-Sie so trachteten?«
-
-»Beachten Sie doch diese gereizte Frage zum Schluß über die Formalität.
-O, die Arme, der Freund meines Lebens! Aber ich muß gestehen, diese
-plötzliche Entscheidung des Schicksals hat mich fast erdrückt. Ich sage
-ganz aufrichtig, ich habe immer noch gehofft, aber jetzt -- _tout est
-dit_, ich weiß schon, daß alles aus ist. _C'est terrible!_{[67]} O,
-wenn's doch keinen Sonntag gäbe! Alles würde beim Alten bleiben. Sie
-würden mich hier wie immer besuchen, und ich würde hier ...«
-
-»Liputins Gemeinheiten und Klatschgeschichten haben Sie ja ganz aus der
-Fassung gebracht, wie es scheint.«
-
-»Mein Freund, da haben Sie wieder eine andere schmerzhafte Stelle
->freundschaftlich< mit Ihrem Finger berührt. Aber diese
->freundschaftlichen< Finger pflegen im allgemeinen unbarmherzig und
-zuweilen einfältig zu sein. Pardon, aber glauben Sie oder glauben Sie
-mir nicht: ich hatte die Gemeinheiten schon beinahe vergessen, das
-heißt, ich hatte sie keineswegs vergessen, aber die ganze Zeit, die ich
-bei _Lise_ war, habe ich mich bemüht, glücklich zu sein, meinetwegen aus
-Dummheit bemüht. Aber jetzt, jetzt muß ich an diese großmütige, humane
-Frau denken, die so duldsam mit meinen niedrigen Fehlern ... das heißt,
-wenn auch nicht gerade duldsam ... aber wie bin ich denn selbst, ich mit
-meinem leeren, scheußlichen Charakter! Bin ich nicht ein törichtes Kind,
-mit dem ganzen Egoismus eines solchen, aber nur ohne seine Unschuld?
-Zwanzig Jahre hat sie mich gehütet, wie eine Kinderfrau, _cette pauvre
-tante_, wie _Lise_ sie so graziös nennt ... Und plötzlich, nach zwanzig
-Jahren, will das Kindchen heiraten, verheirate es und verheirate es! ...
-ein Brief auf den anderen ... sie aber macht sich Essigkompressen ...
-u--und ... nun hat das Kind auch glücklich erreicht, was es wollte ...
-Sonntag ein verheirateter Mensch ... Spaß! ... Warum habe ich denn
-selbst darauf bestanden, warum habe ich denn die Briefe geschrieben?
-Übrigens, hab's vergessen, zu sagen: _Lise_ vergöttert Darja ...
-wenigstens sagt sie: >_C'est un ange_,{[68]} nur ein verschlossener.<
-Beide rieten sie mir zu -- sogar Praskowja ... nein, übrigens die
-Praskowja riet mir nicht zu. O, wieviel Gift in diesem >Kästchen<
-steckt! Ja, und auch _Lise_ hat mir eigentlich nicht dazu geraten: >Wozu
-brauchen Sie zu heiraten, Sie haben doch genug an gelehrten Genüssen!<
-und dabei lachte sie. Ich verzieh ihr das Lachen, denn ihr blutet ja
-auch das Herz. Aber sie sagten mir doch, ich könne ohne Frau nicht mehr
-auskommen. Es kommen Ihre schwachen Jahre und sie wird Sie dann pflegen,
-zudecken, oder wie sie es da sagten ... _Ma foi_,{[69]} ich habe ja auch
-schon die ganze Zeit so bei mir gedacht, daß die Vorsehung selbst sie
-mir am Abend meiner wilden Tage schickt, und daß sie mich zudecken ...
-_enfin_,{[70]} im Haushalt nützlich sein wird. Sehen Sie, wieviel Staub
-hier ist, sehen Sie, all das liegt hier so herum. Ich sagte noch vor
-kurzem, man solle aufräumen und da ... ein Buch auf der Diele ... _La
-pauvre amie_{[71]} ärgert sich immer, daß es bei mir so verkramt
-aussieht ... Jetzt werde ich nicht mehr ihre Stimme vernehmen! _Vingt
-ans!_{[72]} U--und da gibt es nun noch anonyme Briefe, und denken Sie
-nur, es heißt, _Nicolas_ hätte an Lebädkin ein Gut verkauft! _C'est un
-monstre. Enfin_,{[73]} was ist Lebädkin? _Lise_ hört und hört, Gott, wie
-sie zuhört! Ich vergab ihr das Lachen, als ich sah, mit welchem Gesicht
-sie zuhörte, und _ce Maurice_ ... ich würde jetzt nicht gern in seiner
-Haut stecken, _brave homme tout de même_,{[74]} aber ein wenig
-schüchtern ... Übrigens, Gott hab' ihn selig! ...«
-
-Er verstummte: er schien erschöpft zu sein und saß wie gebrochen da, mit
-müdem Blick auf den Boden starrend. Ich benutzte die Pause und erzählte
-von meinem Besuch im Filippoffschen Hause; auch unterließ ich es nicht,
-über diese Geschichten meine Meinung zu sagen, und erklärte ihm kurz und
-trocken, daß es meiner Meinung nach durchaus möglich wäre, daß Lebädkins
-Schwester -- die ich nie gesehen -- in der Tat einmal Nicolai Stawrogins
-Opfer gewesen, vielleicht in seiner >rätselhaften Petersburger Zeit<,
-wie Liputin sich ausdrückte ... und daß es wahrscheinlich ist, daß
-Lebädkin, aus irgendeinem Grunde, von Stawrogin Geld erhält. Was aber
-die Klatschgeschichten über Darja Pawlowna anbeträfe, so seien die
-einzig Liputins Erfindung. Das meine auch Kirilloff.
-
-Stepan Trophimowitsch hörte zerstreut meinen Versicherungen zu, ganz als
-gingen sie ihn nichts an. Ich erwähnte auch mein Gespräch mit Kirilloff
-und fügte hinzu, daß ich ihn im übrigen für wahnsinnig hielte.
-
-»Er ist nicht wahnsinnig, aber er gehört zu den Menschen mit kurzen
-Gedanken,« murmelte Stepan Trophimowitsch seltsam gelangweilt. »_Ces
-gens-là supposent la nature et la société humaine autres que Dieu ne les
-a faites et qu'elles ne sont réellement._{[75]} Man läßt sich mit ihnen
-ein, aber Stepan Werchowenski wenigstens hat das nicht getan. Ich habe
-sie damals in Petersburg gesehen, _avec cette chère amie_{[76]} (oh, wie
-ich _cette chère amie_ damals beleidigt habe!), doch weder ihr
-Geschimpfe noch ihre Lobsprüche haben mir Furcht einflößen können.
-Fürchte diese Leute auch jetzt nicht, _mais parlons d'autre chose_{[77]}
-... Ich glaube, ich habe Schreckliches angerichtet; stellen Sie sich
-vor, ich habe Darja Pawlowna gestern einen Brief geschrieben und ... wie
-verwünsche ich ihn nun ... und mich dazu!«
-
-»Was haben Sie ihr denn geschrieben?«
-
-»Oh, mein Freund, glauben Sie mir, das war alles so edel gedacht! Ich
-teilte ihr mit, daß ich vor etwa fünf Tagen an _Nicolas_ geschrieben
-habe, und gleichfalls großmütig.«
-
-»Jetzt begreife ich!« rief ich aufgebracht. »Und welch ein Recht hatten
-Sie, die beiden so einander gegenüberzustellen?«
-
-»Aber, _mon cher_, erdrücken Sie mich doch nicht ganz, schreien Sie
-nicht so, ich bin ja schon sowieso zerknirscht ... und zerdrückt wie
-eine Schabe, ... und schließlich, ich glaube doch, es war alles edel.
-Nehmen Sie an, daß da wirklich etwas passiert ist ... _en Suisse_{[78]}
-... oder angefangen hat. Ich muß doch ihre Herzen vorher fragen, um ...
-_enfin_{[70]} -- um nicht die Herzen zu stören und wie ein Pfosten auf
-ihrem Weg ... Ich ... i--ich habe es einzig und allein aus Edelmut
-getan.«
-
-»O Gott, wie dumm Sie das gemacht haben!« sagte ich unwillkürlich.
-
-»Dumm, dumm,« griff er das Wort sogleich und fast gierig auf. »Noch nie
-haben Sie etwas Klügeres gesagt, _c'était bête mais que faire? Tout est
-dit._{[79]} Werde ja sowieso heiraten, auch wenn's >fremde Sünden< sind,
-also wozu brauchte ich da noch zu schreiben! Nicht wahr?«
-
-»Ach, so meine ich es ja nicht!«
-
-»Oh, jetzt erschrecken Sie mich aber nicht mehr mit Ihrem Geschrei;
-jetzt steht vor Ihnen nicht mehr jener Stepan Werchowenski, der ist
-begraben, _enfin -- tout est dit_.{[80]} Ja und warum schreien Sie
-eigentlich? Einfach, weil nicht Sie heiraten und nicht Sie einen
-gewissen Kopfschmuck zu tragen brauchen! Wieder schneiden Sie ein
-Gesicht! Aber, mein armer Freund, Sie kennen die Frau nicht, ich aber
-habe in meinem ganzen Leben nichts anderes getan, als sie studiert.
->Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst<, das einzige, was
-einem anderen solchen Romantiker, wie Sie einer sind, Schatoff, dem
-Bruder meiner zukünftigen Gattin, als Ausspruch gelungen ist. Ich eigne
-mir gern seinen Ausspruch an. Nun, auch ich bin bereit, mich selbst zu
-besiegen, und heirate, aber was erobere ich anstatt der ganzen Welt?
-Ach, mein Freund, die Ehe! Die ist der moralische Tod jeder stolzen
-Seele, jeder Unabhängigkeit. Das Eheleben verdirbt mich, nimmt mir die
-Energie, nimmt mir den Mut, der nun einmal zum Dienst an einer Sache
-nötig ist. Dann kommen noch die Kinder, die am Ende gar nicht meine sind
--- das heißt, selbstverständlich nicht meine! --, der Weise fürchtet
-sich nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken ... Liputin schlug mir
-heute vor, mich mit Barrikaden vor _Nicolas_ zu schützen. Er ist dumm,
-dieser Liputin. Das Weib betrügt selbst das allwissende Auge Gottes. _Le
-bon Dieu_{[81]} wußte natürlich, als er das Weib schuf, was er
-unternahm. Aber ich bin überzeugt, daß sie Ihn selbst -- dabei gestört
-und Ihn verleitet hat, sie gerade so und ... mit solchen Attributen zu
-schaffen; denn wer würde sich umsonst solche Scherereien auf den Hals
-laden? Ich weiß, Nastassja würde sich über diese Freidenkerei ärgern,
-aber ... _enfin tout est dit_.«{[80]}
-
-Er wäre nicht er gewesen, wenn er ohne ein billiges Wortspielchen
-ausgekommen wäre, wenigstens tröstete er sich jetzt damit, -- aber
-leider nicht auf lange.
-
-»Oh, wenn es doch kein Übermorgen gäbe, wenn doch dieser Sonntag nicht
-wäre!« rief er plötzlich in heller Verzweiflung aus. »Warum kann diese
-Woche nicht ohne Sonntag sein -- _si le miracle existe_?{[82]} Was würde
-es denn die Vorsehung kosten, einen einzigen Sonntag aus dem Kalender zu
-streichen, meinetwegen, um den Atheisten ihre Macht zu zeigen _et que
-tout soit dit_!{[83]} Oh, wie ich sie geliebt habe! _Vingt ans_{[72]}
-... und all die zwanzig Jahre hat sie mich nicht verstanden!«
-
-»Von wem sprechen Sie denn jetzt? Ich kann Sie wirklich nicht
-verstehen,« fragte ich verwundert.
-
-»_Vingt ans!_ und nicht ein einziges Mal hat sie mich verstanden, oh,
-das ist grausam! Und sollte sie wirklich glauben, daß ich aus Angst
-heirate? Oh, welche Schmach! _Tante, tante_, ich bin dein! Mag sie es
-erfahren, diese _tante_, daß sie das einzige Weib ist, das ich zwanzig
-Jahre lang vergöttert habe! Sie muß es erfahren, anders geht das nicht,
-sonst muß man mich mit Gewalt schleppen zu dem da ... _ce qu'on appelle
-le_{[84]} Altar!«
-
-Ich hörte zum ersten Mal dieses Bekenntnis und ich will nicht
-verheimlichen, daß mich eine wahnsinnige Lust zu lachen anwandelte. Oder
-tat ich ihm Unrecht?
-
-»Er allein ist mir jetzt geblieben, meine einzige Hoffnung!« rief er
-plötzlich, wie von einer neuen Idee erleuchtet. »Jetzt ist nur er es
-allein, mein armer Junge, der mich retten kann und -- warum kommt er
-denn noch nicht? Mein Sohn, mein Petruscha ... und wenn ich's auch nicht
-verdient habe -- Vater zu heißen, eher ein Tiger bin ... so ...
-_laissez-moi mon ami_{[85]} ... ich werde ein wenig schlafen, um meine
-Gedanken zu sammeln. Ich bin so müde, so müde, ja, und auch Sie müssen,
-glaube ich, zu Bett, _voyez-vous_{[86]} ... es ist schon zwölf.«
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
- Die Hinkende
-
-
- I.
-
-Diesmal war Schatoff nicht starrköpfig, sondern erschien, auf meinen
-Brief hin, richtig um zwölf Uhr. Wir trafen fast zu gleicher Zeit ein,
-denn auch ich war gekommen, um meine erste Visite zu machen. Lisa, die
-»_Mamá_« und Mawrikij Nicolajewitsch saßen alle drei im großen Salon und
-stritten sich gerade. Die _Mamá_ wünschte, daß Lisa ihr einen bestimmten
-Walzer vorspiele, und als Lisa das tat, behauptete sie, das sei ein
-anderer Walzer. Mawrikij Nicolajewitsch trat in seiner Einfalt für Lisa
-ein und beteuerte, daß es wirklich der gewünschte Walzer gewesen sei,
-doch da begann die alte Dame vor Ärger zu weinen. Sie war krank und
-konnte kaum gehen. Ihre Füße waren geschwollen, und nun tat sie schon
-seit ein paar Tagen nichts anderes, als daß sie launisch war und mit
-allen und jedem Streit anfing, obgleich sie Lisa immer ein wenig
-fürchtete. Über unseren Besuch war man sehr erfreut. Lisa errötete vor
-Freude, und nachdem sie mir _merci_ gesagt hatte (natürlich wegen
-Schatoff), ging sie auf ihn zu. In ihren Augen lag Neugier.
-
-Schatoff war linkisch an der Tür stehen geblieben. Sie dankte ihm dafür,
-daß er gekommen war, und führte ihn dann zur Mutter.
-
-»Das ist Herr Schatoff, Mama, von dem ich Ihnen schon erzählt habe, und
-hier ist Herr G--ff, ein Freund von mir und Stepan Trophimowitsch.«
-
-»Wer von Ihnen ist nun der Professor?«
-
-»Keiner von ihnen ist Professor, Mama.«
-
-»Wieso, einer ist doch Professor. Du hast mir selbst gesagt, daß ein
-Professor kommen wird -- wahrscheinlich ist es der?« und sie wies dabei
-auf Schatoff.
-
-»Ich habe Ihnen nichts von einem Professor gesagt. Herr G--ff ist
-Beamter und Herr Schatoff ist Student.«
-
-»Student, Professor -- die sind doch beide von der Universität. Du
-willst immer nur streiten. Der Schweizer sah anders aus.«
-
-»Mama nennt Pjotr Stepanowitsch immer >Professor<,« sagte Lisa und
-führte Schatoff in die andere Salonecke zu einem Sofa, auf dem sie dann
-Platz nahm. »Wenn ihre Füße schmerzen, ist sie immer so, sie ist nämlich
-krank,« sagte sie dabei leise zu ihm, während sie ihn wieder neugierig
-betrachtete und besonders auf seinen abstehenden Haarschopf sah.
-
-»Sind sie Militär?« fragte mich Madame Drosdoff, der mich Lisa
-unbarmherzig überlassen hatte.
-
-»Nein, ich diene ...«
-
-»Herr G--ff ist Stepan Trophimowitschs bester Freund,« rief Lisa ihr aus
-der anderen Ecke zu.
-
-»Sie dienen bei Stepan Trophimowitsch? Aber der ist doch auch
-Professor!«
-
-»Ach, Mama, Sie machen ja schon alle Menschen zu Professoren!« rief Lisa
-unwillig.
-
-»Es gibt ihrer auch so schon zu viele! Du aber willst nur wieder deiner
-Mutter widersprechen. -- Waren Sie hier, als Nicolai Wszewolodowitsch
-das erste Mal, vor vier Jahren, bei Warwara Petrowna war?«
-
-Ich antwortete bejahend.
-
-»War irgendein Engländer mit ihm hier?«
-
-»Nein, nicht, daß ich wüßte.«
-
-Lisa fing an zu lachen.
-
-»Sehen Sie nun, Mama, daß überhaupt kein Engländer hier gewesen ist --
-also, wieder Lügen! Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch lügen
-alle beide. Ja, und überhaupt -- alle lügen! Gestern,« erklärte sie
-darauf, zu uns gewandt, »fanden nämlich _tante_ und Stepan
-Trophimowitsch eine Ähnlichkeit zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und
-dem Prinzen Heinz aus Shakespeares >Heinrich IV.<, und daher glaubt Mama
-nun, daß ein Engländer mit ihm hier gewesen sei.«
-
-»Wenn kein Engländer da war, so war auch kein Heinz da, und euer Nicolai
-Wszewolodowitsch machte nur seine eigenen Streiche.«
-
-»Mama tut nur mit Absicht so,« fand Lisa für nötig, Schatoff auseinander
-zu setzen. »Sie kennt Shakespeare sehr gut; ich habe ihr selbst den
-ersten Akt von >Othello< vorgelesen. Sie ist jetzt immer so gereizt,
-wissen Sie. -- Mama, hören Sie, es schlägt zwölf, Sie müssen Ihre
-Medizin einnehmen.«
-
-»Der Doktor ist gekommen,« meldete das Dienstmädchen.
-
-Die Alte erhob sich und rief ihr Hündchen: »Semirka, Semirka, komm du
-doch wenigstens mit mir.« Aber das widerliche alte Tierchen Semirka
-gehorchte ihr nicht, sondern kroch zu Lisa unter das Sofa.
-
-»Du willst also nicht? Nun, dann will ich dich auch nicht mehr. Leben
-Sie wohl, mein Lieber, Ihren Namen habe ich leider vergessen,« wandte
-sie sich an mich.
-
-»Anton Lawrentjewitsch ...«
-
-»Schon gut, lassen Sie nur, bei mir geht's doch bloß zum einen Ohr
-hinein, zum andern hinaus. Begleiten Sie mich nicht, Mawrikij
-Nicolajewitsch, ich habe nur Semirka gerufen. Noch kann ich, Gott sei
-Dank, allein gehen, und morgen werde ich spazieren fahren!«
-
-Und sichtlich geärgert verließ sie langsam den Salon.
-
-»Anton Lawrentjewitsch, Sie unterhalten sich inzwischen mit Mawrikij
-Nicolajewitsch, -- nicht wahr? Ich kann Sie versichern, daß Sie beide
-nur gewinnen werden, wenn Sie nähere Bekanntschaft machen,« sagte Lisa
-und lächelte Mawrikij Nicolajewitsch freundschaftlich zu. Er aber
-erstrahlte förmlich unter ihrem Blick.
-
-So mußte ich mich denn, wohl oder übel, mit Mawrikij Nicolajewitsch
-unterhalten.
-
-
- II.
-
-Die Angelegenheit, die Lisaweta Nicolajewna mit Schatoff besprechen
-wollte, erwies sich zu meinem Erstaunen als tatsächlich rein
-literarisch. Ich weiß nicht, warum ich überzeugt gewesen war, daß sie
-ihn aus einem anderen Grunde zu sich gerufen hätte. Als wir nun sahen,
-daß sie aus ihrem Anliegen kein Geheimnis vor uns machte und auch nicht
-leise sprach, hörten wir unwillkürlich zu; und bald zog sie uns sogar
-mit ins Gespräch und bat auch uns um Rat. Sie hatte, wie sie uns
-auseinandersetzte, schon lange die Herausgabe eines ihrer Meinung nach
-sehr nützlichen Buches geplant. Da sie aber in solchen literarischen
-Sachen keine Erfahrung besaß, so brauchte sie einen Mitarbeiter. Der
-Ernst, mit dem sie Schatoff ihren Plan zu erklären versuchte, setzte
-mich wirklich in Erstaunen.
-
-»Also auch eine von den Modernen,« dachte ich. »Sie scheint nicht
-umsonst in der Schweiz gewesen zu sein.«
-
-Schatoff hörte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden
-geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darüber, daß ein junges Mädchen
-der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab.
-
-Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Rußland erscheint
-jährlich eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art,
-und in ihnen wird tagaus tagein von allen möglichen Ereignissen
-berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten
-Zeitungen überall weggeräumt, in Schränke gesteckt, oder sie liegen
-herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch
-eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedächtnis des
-Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gerät
-erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun würden aber viele später gern
-nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gäbe
-das für eine Arbeit, in diesem Meer von Blättern die Stelle zu finden,
-zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat
-und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen
-könnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres
-sammelte und in einem einzigen Bande herausgäbe -- selbstverständlich
-nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken
-geordnet, mit einteilenden Überschriften, mit einem Index und mit
-übersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) -- so könnte eine
-solche Zusammenfassung des Stoffes in einem übersichtlichen Werke die
-ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres
-veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all
-den unzähligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten,
-natürlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll.
-
-»Wir würden also statt einer Menge Blätter mehrere dicke Bücher haben,
-und das wäre alles,« bemerkte Schatoff.
-
-Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit großem Eifer,
-obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklären, ganz abgesehen
-davon, daß sie sich auch nicht recht auszudrücken verstand. Es müsse nur
-ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte
-sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so müsse es doch
-übersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art
-der Einteilung des Stoffes. Selbstredend dürfe nicht alles genommen und
-abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmaßnahmen, örtliche Verordnungen,
-Gesetze -- so wichtig das alles auch sei -- in das Buch brauchte man
-davon doch nichts aufzunehmen. Überhaupt könnte man vieles weglassen und
-sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschränken, die mehr oder
-weniger das ethische und persönliche Leben des Volkes, sozusagen die
-Persönlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke
-ausdrückten. Freilich käme alles in Betracht: Kuriositäten, Brände,
-Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten
-Handlungen, verschiedene Aussprüche und Reden, ja, schließlich auch
-Nachrichten von Überschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne
-Regierungserlasse, aber aus allem müsse nur das herausgesucht werden,
-was die Epoche kennzeichnet. Alles müsse eben unter einem bestimmten
-Gesichtswinkel erfaßt und hingestellt werden, und hinter allem müsse ein
-Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse.
-Und schließlich müsse das Buch sogar als Lektüre interessant und
-fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges
-Nachschlagebuch! Es wäre also gewissermaßen ein Bild des geistigen,
-sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. »Es muß so
-sein, daß alle es kaufen, es muß zu einem richtigen Handbuch werden,«
-behauptete Lisa. »Ich weiß wohl, daß hierbei der Plan die Hauptsache
-ist, und deshalb wende ich mich an Sie,« schloß Lisa. Sie war recht in
-Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollständig
-ausgedrückt hatte, begann Schatoff zu begreifen.
-
-»Es würde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine
-Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel,«
-brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben.
-
-»Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht nötig! Nichts als
-Objektivität -- das soll die ganze Richtschnur sein.«
-
-»Aber die Richtung wäre ja an sich nichts Schlimmes,« sagte Schatoff und
-bewegte sich endlich, »auch ließe sich das wohl nicht vermeiden, sobald
-man überhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und
-Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das
-Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht.«
-
-»So glauben Sie, daß man ein solches Buch zustande bringen kann?« fragte
-Lisa erfreut.
-
-»Man muß sich das noch überlegen. Es würde ein großes Unternehmen
-werden. So plötzlich läßt sich nichts ausdenken. Da muß man Erfahrungen
-sammeln. Selbst während der Arbeit dürften wir noch nicht recht wissen,
-wie es am besten zu machen wäre. Vielleicht finden wir das erst nach
-vielen Versuchen. Aber der Gedanke fängt an, einem klar zu werden. Es
-ist ein nützlicher Gedanke.«
-
-Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergnügen, so
-sehr war er jetzt interessiert.
-
-»Haben Sie sich das selbst ausgedacht?« fragte er Lisa freundlich und,
-wie das so seine Art war, fast verschämt.
-
-»Ach, das Ausdenken war kein Kunststück, dafür aber ist das der Plan um
-so mehr,« erwiderte Lisa lächelnd. »Ich verstehe wenig davon und bin
-nicht sehr klug, ich verfolge nur das, was mir selbst klar ist ...«
-
-»Sie verfolgen?«
-
-»Das ist wohl nicht das richtige Wort?« forschte Lisa schnell und
-wißbegierig.
-
-»Nein, doch ... man kann es sagen. Ich fragte nicht deswegen.«
-
-»Ich habe mir schon im Auslande gesagt, daß auch ich der allgemeinen
-Sache irgendwie nützlich sein könnte. Ich besitze mein eigenes Geld, und
-es liegt tot da. Warum soll ich nicht gleichfalls arbeiten? Und zudem
-kam mir jene Idee ganz von selbst, ich habe mich gar nicht angestrengt
-oder sie mir ausgedacht --, der Gedanke war auf einmal da, und da freute
-ich mich sehr. Ich sah nur gleich ein, daß es ohne einen Mitarbeiter
-nicht gehen würde, da ich allein doch nichts verstehe. Der Mitarbeiter
-soll natürlich auch gleich der Mitherausgeber sein. Wir machen es dann
-zur Hälfte: von Ihnen kommt der Plan und die Arbeit, von mir die Idee
-und die Mittel zur Herausgabe. Das Buch wird sich doch bezahlt machen!«
-
-»Wenn wir den richtigen Plan finden, wird das Buch schon gehen.«
-
-»Ich muß nur vorausschicken, daß ich es nicht wegen des möglichen
-Überschusses tue, aber ich möchte doch sehr, daß es viel gekauft wird,
-und auf einen Überschuß wäre ich natürlich furchtbar stolz.«
-
-»Aber was soll ich denn dabei?«
-
-»Aber ich bitte doch gerade Sie, dieser Mitarbeiter zu sein ... Wir
-teilen dann. Sie werden doch den Plan ausdenken.«
-
-»Woher wissen Sie, ob ich das kann?«
-
-»Man hat mir schon von Ihnen erzählt ... ich weiß, daß Sie sehr klug
-sind und ... zu arbeiten verstehen und ... viel denken. Mir hat Pjotr
-Stepanowitsch Werchowenski in der Schweiz von Ihnen erzählt,« fügte sie
-eilig hinzu. »Er ist ein sehr kluger Mensch, nicht wahr?«
-
-Schatoff sah sie im Nu mit einem gleichsam huschenden Blick an, der kaum
-über sie hinglitt, senkte aber sofort wieder die Augen.
-
-»Auch Nicolai Stawrogin hat mir viel von Ihnen erzählt.«
-
-Schatoff wurde plötzlich rot.
-
-»Übrigens, hier sind schon Zeitungen.« Sie nahm hastig ein
-zusammengebundenes Paket, das auf einem Stuhl bereit lag. »Ich habe
-schon versucht, eine Auswahl zu treffen und ein bißchen
-zusammenzustellen -- ich habe die Stellen angestrichen und nummeriert
-... Sie werden schon selbst sehen ...«
-
-Schatoff nahm das Paket.
-
-»Nehmen Sie es mit nach Haus, sehen Sie es dort durch -- Sie wohnen doch
-irgendwo?«
-
-»In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.«
-
-»Ich weiß, wo das ist. Dort soll, wie ich gehört habe, neben Ihnen auch
-irgendein Hauptmann wohnen, ein Herr Lebädkin?« fuhr Lisa mit derselben
-hastenden Eile fort.
-
-Schatoff saß, das Paket, wie er es genommen hatte, frei in der Hand
-haltend, wohl eine ganze Minute ohne zu antworten da und blickte zu
-Boden.
-
-»Zu diesen Sachen werden Sie sich doch wohl einen anderen aussuchen
-müssen, denn ich -- tauge nicht dazu,« sagte er schließlich mit ganz
-eigentümlich gesenkter Stimme, ja, fast flüsternd.
-
-Lisa flammte auf.
-
-»Von was für Sachen reden Sie? Mawrikij Nicolajewitsch!« rief sie
-diesen, »bitte geben Sie mir jenen Brief.«
-
-Auch ich trat nach Mawrikij Nicolajewitsch an den Tisch.
-
-»Sehen Sie dies hier,« wandte sie sich plötzlich an mich, während sie in
-sichtlich großer Erregung den Brief entfaltete. »Haben Sie schon je
-etwas Ähnliches gesehen? Bitte, lesen Sie es laut vor. Ich will, und es
-ist nötig, daß auch Herr Schatoff es hört,« wandte sie sich darauf an
-mich, »haben Sie schon je in Ihrem Leben so was gelesen? Bitte, lesen
-Sie laut vor. Auch Herr Schatoff soll's hören.«
-
-Ich las nicht wenig erstaunt das Folgende:
-
- »An die vollendete Schönheit, die Jungfrau Lisaweta Nicolajewna
- Tuschina.
-
- Gnädiges Fräulein!
-
- O, wie ist sie wunderbar,
- Lisaweta Tuschina!
- Wenn sie morgens ausreitet
- Und durch ihre Locken der Wind gleitet!
- Dann wünsch' ich mir von ihr alle Wonne
- Und denk', sie sei meine Frau und meine Sonne.
-
- (Gedichtet von einem Ungelehrten nach einem
- Streite.)
-
- Gnädiges Fräulein!
-
- Am meisten bedauere ich, daß ich vor Sebastopol nicht einen Arm zum
- Ruhme der Tapferkeit verloren habe, sintemal ich dort überhaupt
- nicht gewesen bin, sondern man mich während des ganzen Feldzuges mit
- der Lieferung von ganz gemeinem Proviant beschäftigt hat. Sie aber
- sind eine Göttin im Altertum und ich bin vor Ihnen nichts, doch
- jetzt ahne ich, was Unermeßlichkeit ist. Betrachten Sie alles, was
- ich Ihnen sage, als Verse, denn Verse sind Poesie, und Poesie ist
- Unsinn, aber sie entschuldigt das, was man in der Prosa
- Unverschämtheit nennt. Wie aber sollte sich eine Sonne über eine
- Infusorie ärgern, wenn es doch, mit dem Mikroskop betrachtet,
- unendlich viele Infusorien schon in einem Wassertropfen gibt! Sogar
- der große Klub der Nächstenliebe zu großem Viehzeug in Petersburg,
- der mitleidig für die Rechte von Hunden und Pferden kämpft, nimmt
- sich der kleinen Infusorie nicht an, weil sie nicht ausgewachsen
- ist. Auch ich bin noch nicht ausgewachsen. Der Gedanke an eine
- Heirat würde komisch sein. Aber durch einen Menschenhasser, den Sie
- verachten, werde ich bald zweihundert ehemalige Seelen besitzen.
- Kann vieles mitteilen, und habe Dokumente in der Hand, wofür es
- sogar nach Sibirien gehen kann. Verachten Sie also nicht meinen
- Antrag. Dieser Brief ist rein poetisch zu verstehen.
-
- Hauptmann Lebädkin,
- Ihr ergebenster Freund, der immer Zeit hat.«
-
-»Das hat ein Betrunkener geschrieben,« rief ich aus, »ein erbärmlicher
-Mensch! -- Ich kenne ihn!«
-
-»Ich erhielt ihn gestern,« begann Lisa, hochrot im Gesicht, uns hastig
-zu erklären. »Ich begriff sofort, daß irgend ein Narr ihn geschrieben
-hat. Deshalb habe ich ihn Mama auch gar nicht gezeigt, um sie nicht
-aufzuregen. Doch was soll ich tun, wenn er mir noch mehr solche Briefe
-schreibt? Mawrikij Nicolajewitsch wollte zu ihm gehen, um es ihm zu
-verbieten. Sie aber, Herr Schatoff, da Sie doch im selben Hause wohnen,
-Sie können mir vielleicht etwas Näheres über ihn mitteilen?«
-
-»Ein verkommener Mensch,« murmelte Schatoff zur Antwort.
-
-»Ist er immer so dumm?«
-
-»O nein, wenn er nicht betrunken ist, ist er durchaus nicht dumm.«
-
-»Ich habe einen General gekannt, der in seinen Mußestunden genau solche
-Gedichte schrieb,« bemerkte ich amüsiert.
-
-»Sogar aus diesem Brief ist zu ersehen, daß er nicht dumm sein
-kann,« sagte der sonst so schweigsame Mawrikij Nicolajewitsch
-überraschenderweise.
-
-»Man sagt, er habe hier eine Schwester bei sich?« fragte Lisa.
-
-»Ja, eine Schwester.«
-
-»Und er soll sie tyrannisieren, ist das wahr?«
-
-Schatoff sah Lisa wieder kurz an, runzelte die Stirn, brummte nur: »Was
-geht das mich an!« und wandte sich zur Tür.
-
-»Ach, aber so warten Sie doch,« rief Lisa erregt, »wohin wollen Sie denn
-schon? Wir müssen doch noch so vieles besprechen! ...«
-
-»Was denn besprechen? Ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen ...«
-
-»Aber die Hauptsache ist doch, wie wir es drucken! Glauben Sie mir doch
-endlich, daß es mir mit dem Buch wirklich ernst ist!« beteuerte Lisa in
-wachsender Unruhe. »Wenn wir es nun herauszugeben beschließen, wo soll
-das Buch dann gedruckt werden? Wir werden doch deshalb nicht nach Moskau
-reisen, und die hiesige Druckerei kommt für eine solche Ausgabe doch
-nicht in Frage. So habe ich denn beschlossen, eine eigene Druckerei zu
-gründen, sagen wir, auf Ihren Namen, und Mama würde bestimmt nichts
-dagegen haben, wenn es auf Ihren Namen geschieht ...«
-
-»Woher wissen Sie, daß ich zu drucken verstehe?« fragte Schatoff
-finster.
-
-»Ja, das hat mir Pjotr Stepanowitsch Werchowenski schon in der Schweiz
-gesagt, daß Sie das alles verstehen, und er wollte mir sogar einen Brief
-an Sie mitgeben, aber dann habe ich's vergessen ...«
-
-Wie ich mich jetzt erinnere, ging hierauf eine Veränderung in Schatoffs
-Gesicht vor sich. Er stand noch ein paar Sekunden da und plötzlich
-verließ er das Zimmer.
-
-Lisa ärgerte sich.
-
-»Geht er immer so weg?« fragte sie mich.
-
-Ich zuckte nur mit der Schulter -- doch in diesem Augenblick kam
-Schatoff schon zurück und legte das Paket auf den Tisch.
-
-»Ich kann nicht Ihr Mitarbeiter sein, habe keine Zeit ...«
-
-»Aber warum, warum denn nicht? Sie haben sich wohl über irgend etwas
-geärgert?« fragte Lisa ganz traurig und ihre Stimme klang bittend.
-
-Und dieser Ton in ihrer Stimme schien ihn stutzig zu machen: ein paar
-Augenblicke lang sah er sie unverwandt an, als wolle er bis in ihre
-Seele hineinschauen.
-
-»Einerlei,« murmelte er dann dumpf, »ich will nicht ...«
-
-Und er ging wirklich weg.
-
-Lisa blieb ganz niedergeschlagen zurück -- sogar weit
-niedergeschlagener, als man es nach dem Vorgefallenen hätte verstehen
-können; wenigstens schien es mir damals so.
-
-»Ein äußerst sonderbarer Mensch,« bemerkte Mawrikij Nicolajewitsch.
-
-
- III.
-
-Allerdings wirkte Schatoff »sonderbar«, aber schließlich war an diesem
-ganzen Vorfall doch gar zu vieles unklar. Es mußte da hinter manchem
-noch ein anderer Sinn stecken. Diese Buchgeschichte z. B. kam mir
-durchaus unglaubhaft vor und ich dachte bei mir, daß sie wohl nur ein
-Vorwand zu irgendwelchen anderen Zwecken sein könne. Und dann dieser
-verrückte Brief mit dem Versprechen von Mitteilungen und »Dokumenten«,
-und warum hatten sie es vermieden, davon zu sprechen, warum sprachen sie
-sogleich von ganz etwas anderem? Warum war Schatoff so plötzlich
-fortgegangen, und so auffallenderweise gerade dann, als man von der
-Druckereifrage zu sprechen begann? Alles das gab mir zu denken und ich
-kam zu der Überzeugung, daß hier etwas Geheimnisvolles vorliegen müsse.
--- -- Doch es war Zeit, daß auch ich mich verabschiedete.
-
-Lisa schien meine Anwesenheit im Zimmer ganz vergessen zu haben. Sie
-stand immer noch tief nachdenklich auf demselben Platz am Tisch und
-starrte vor sich hin.
-
-»Ach, auch Sie wollen gehen? Nun, auf Wiedersehen,« sagte sie
-freundlich. »Grüßen Sie Stepan Trophimowitsch von mir und reden Sie ihm
-doch zu, daß er so bald wie möglich zu mir komme. Mama kann sich leider
-nicht von Ihnen verabschieden ... Sie entschuldigen gewiß!«
-
-Ich verabschiedete mich noch von Mawrikij Nicolajewitsch und ging
-hinaus. Als ich schon die Treppe hinabgegangen war, kam mir der Diener
-nachgelaufen.
-
-»Das gnädige Fräulein lassen Sie sehr bitten, zurückzukommen.«
-
-Als ich daraufhin wieder zurückging und eintrat, war Mawrikij
-Nicolajewitsch ganz allein im großen Salon. Lisa dagegen erwartete mich
-im anstoßenden kleineren Empfangszimmer, dessen Tür nur angelehnt war.
-
-Bleich und augenscheinlich noch unentschlossen stand sie mitten im
-Zimmer und lächelte mir zu, als ich eintrat. Plötzlich ergriff sie meine
-Hand und zog mich schnell zum Fenster.
-
-»Ich will sie sehen,« flüsterte sie und sah mich mit heißem, starkem,
-ungeduldigem Blick an, der jeden Widerspruch unmöglich machte. »Ich muß
-sie mit meinen eigenen Augen sehen, und dazu brauche ich Ihre Hilfe.«
-
-Sie schien wirklich außer sich und ganz verzweifelt zu sein.
-
-»Wen wollen Sie sehen, Lisaweta Nicolajewna?« fragte ich erschrocken.
-
-»Diese Lebädkina, diese Lahme ... Es ist doch wahr, daß sie lahm ist?«
-
-»Ich habe sie nie gesehen, aber ich hörte noch gestern, daß sie
-allerdings lahm sein soll,« antwortete ich rasch und sprach gleichfalls
-so leise wie möglich.
-
-»Ich ... muß sie unbedingt sehen! Können Sie das nicht heute noch
-einrichten?«
-
-Lisa tat mir furchtbar leid.
-
-»Das ... das scheint mir ganz unmöglich. Wie ... sollte man --?« Ich
-wollte ihr den Gedanken ausreden. Doch als ich sah, daß sie ganz
-verzweifelt war, sagte ich: »Ich könnte ja zu Schatoff gehen ...«
-
-»Wenn Sie mir nicht helfen, dann werde ich morgen selbst zu ihr gehen.
-Allein. Denn Mawrikij Nicolajewitsch weigert sich, mich dorthin zu
-begleiten. Ich hoffe jetzt nur noch auf Sie, denn sonst habe ich ja
-niemanden. Mit Schatoff habe ich töricht gesprochen. Aber ich weiß, Sie
-sind ein Ehrenmann, und vielleicht mir ein wenig zugetan. Tun Sie es!
-Bitte, bitte!«
-
-Da erfaßte mich der leidenschaftliche Wunsch, ihr in allem behilflich zu
-sein.
-
-»Gut,« sagte ich entschlossen, nachdem ich eine Weile überlegt hatte.
-»Ich werde noch heute selbst hingehen und den Versuch machen, sie zu
-sehen und zu sprechen. Unter allen Umständen. Ich werde Ihren Wunsch
-erfüllen. Ich gebe Ihnen mein Wort. Nur müssen Sie mir gestatten, vorher
-mit Schatoff darüber zu sprechen.«
-
-»Ja, sagen Sie ihm, daß ich sie sehen muß! Daß ich nicht länger warten
-kann! Und sagen Sie ihm, daß ich ihn vorhin wirklich nicht zum besten
-gehabt habe. So etwas hat er wohl geglaubt. Deshalb scheint er ja
-fortgegangen zu sein. Seine Ehrlichkeit, sein Ehrgefühl war gekränkt.
-Ich habe ihm aber ganz gewiß nichts vorgespiegelt. Ich will wirklich das
-Buch herausgeben und eine Druckerei gründen ...«
-
-»Ja, Schatoff ist der ehrlichste Mensch,« beteuerte ich eifrig.
-
-»Und wenn es Ihnen nicht gelingt, dann -- dann gehe ich morgen selbst zu
-ihr. Einerlei, was daraus entsteht. Und wenn auch alle es erfahren!«
-
-»Aber vor drei Uhr kann ich unmöglich bei Ihnen sein!«
-
-»Gut, also dann morgen um drei. Und nicht wahr, ich habe mich nicht in
-Ihnen getäuscht, bei Stepan Trophimowitsch, als ich Sie für ein wenig --
-mir zugetan hielt?« lächelte sie mir zu, drückte mir zum Abschied die
-Hand und ging schnell in den großen Salon, in dem Mawrikij
-Nicolajewitsch offenbar auf sie wartete.
-
-Ich verließ das Haus, bedrückt von meinem Versprechen und unfähig,
-fassen zu können, was geschehen war. Ich hatte einen Menschen in
-wirklicher Verzweiflung gesehen, ein junges Mädchen, das sich nicht
-scheute, sich bloßzustellen und einem ihr fremden Menschen ihr ganzes
-Vertrauen zu schenken. Ihr Lächeln, das Lächeln einer Frau, die
-Anspielung, daß sie wisse, wie ich ihr zugetan sei, das alles regte mich
-nicht wenig auf. Doch sie tat mir leid, so, so leid! Ihre Geheimnisse
-wurden für mich plötzlich zu etwas Heiligem. Wenn man mir diese
-Geheimnisse hätte mitteilen wollen, -- ich würde nicht zugehört haben.
-Ich ahnte ja mancherlei ... Aber wie sollte ich nun dieses seltsame,
-dieses unheimliche Zusammentreffen zustandebringen? Meine ganze Hoffnung
-setzte ich auf Schatoff. Ich sagte mir zwar gleich, daß er dabei wenig
-werde helfen können. Aber immerhin, ich ging sofort zu ihm.
-
-
- IV.
-
-Erst am Abend, um acht Uhr, traf ich ihn zu Haus. Zu meiner Verwunderung
-hatte er Besuch: Alexei Nilytsch Kirilloff und ein Herr Schigaleff --
-der Bruder der Frau Wirginski -- waren bei ihm.
-
-Dieser Schigaleff war erst seit ungefähr zwei Monaten in unserer Stadt;
-ich weiß nicht, woher er kam. Wirginski hatte ihn mir gelegentlich auf
-der Straße vorgestellt und ich wußte von ihm wenig mehr, als daß in
-einem fortschrittlichen Petersburger Blatt einmal ein Artikel von ihm
-erschienen war. Wir hatten uns damals nur flüchtig begrüßt und kaum ein
-Wort miteinander gewechselt. Das einzige, was ich von ihm behalten
-hatte, war der Eindruck, in meinem ganzen Leben noch nie ein so
-finsteres, griesgrämiges, mürrisches Gesicht gesehen zu haben. Er
-schaute drein, als erwarte er den Untergang der ganzen Welt, und zwar
-nicht nach irgendwelchen Voraussagungen, die schließlich auch nicht in
-Erfüllung zu gehen brauchten, sondern genau so, als wisse er sogar schon
-die Stunde des Untergangs mit tödlicher Sicherheit: etwa übermorgen
-früh, punkt fünf Minuten vor halb elf. Und dann waren mir noch ganz
-besonders seine Ohren aufgefallen, Ohren von einer geradezu
-übernatürlichen Größe, lang, breit und dick, die noch obendrein fast im
-rechten Winkel nach links und rechts vom Kopf wegstrebten. Seine
-Bewegungen waren plump und langsam. Wenn Liputin vielleicht hin und
-wieder davon geträumt hatte, daß die Phalansterien sich auch in unserem
-Gouvernement verwirklichen könnten, so wußte dieser Schigaleff sicher
-Tag und Stunde voraus, wann das geschehen werde. Jedenfalls hatte er
-geradezu den Eindruck eines Unheilverkünders auf mich gemacht; und daß
-ich gerade ihn jetzt bei Schatoff antraf, wunderte mich sehr, -- um so
-mehr, als Schatoff Besuch schon an und für sich nicht ausstehen konnte.
-
-Bereits auf der Treppe hörte ich, daß sie alle drei ungewöhnlich laut
-miteinander sprachen und, wie mir schien, sich heftig stritten. In dem
-Augenblick aber, als ich eintrat, verstummten sie sofort. Und plötzlich
-setzten sie sich, während sie bis dahin gestanden hatten. So mußte auch
-ich mich setzen. Wir schwiegen alle. Schigaleff tat so, als kenne er
-mich überhaupt nicht. Mit Kirilloff tauschte ich einen Gruß, und ich
-weiß nicht, weshalb wir uns nicht die Hand reichten. Schigaleff sah mich
-streng und finster an, mit einem Ausdruck, der völlig naiv die feste
-Überzeugung zeigte, daß ich sofort aufstehen und wieder weggehen würde.
-Da erhob sich endlich Schatoff und die anderen folgten seinem Beispiel.
-Sie gingen fort, ohne ein Wort zu sagen, noch sich zu verabschieden.
-Erst an der Tür wandte sich Schigaleff noch einmal zu Schatoff und sagte
-in drohendem Tone:
-
-»Vergessen Sie aber nicht, daß Sie Rechenschaft schuldig sind!«
-
-»Zum Teufel mit eurer Rechenschaft, ich bin keinem von euch etwas
-schuldig!« rief Schatoff ihnen wütend nach, schlug die Tür zu und drehte
-den Schlüssel um.
-
-»Narren!« sagte er, nachdem sein Blick mich gestreift hatte, mit kurzem,
-eigentümlich gehässigem Auflachen.
-
-Sein Gesicht sah böse aus, und ich wunderte mich, daß er diesmal als
-erster zu sprechen begann. Früher war es gewöhnlich so gewesen, wenn ich
-ihn besuchte, was freilich sehr selten geschah, daß er sich mißmutig in
-einen Winkel setzte und auf meine Fragen mürrisch antwortete. Erst nach
-längerer Zeit begann er aufzutauen und dann erst sprach er mit
-Vergnügen. Beim Abschied aber wurde er jedesmal wieder unwirsch, und
-wenn er einen zur Tür geleitete, tat er es mit einer Miene, als dränge
-er seinen persönlichen Feind aus dem Hause.
-
-»Ich habe gestern bei diesem Herrn Kirilloff Tee getrunken,« sagte ich,
-um ein Gespräch anzuknüpfen. »Bei ihm scheint der Atheismus ein bißchen
-zur fixen Idee geworden zu sein.«
-
-»Der russische Atheismus ist noch nie über ein schlechtes Wortspiel
-hinausgekommen,« brummte Schatoff, während er den alten Lichtstumpf aus
-dem Leuchter nahm und ein neues Licht einsetzte.
-
-»Ich glaube nicht, daß es diesem Kirilloff um Wortspiele zu tun ist. Er
-versteht ja, wie's scheint, überhaupt kaum zu sprechen -- wie sollte er
-da noch an Wortspiele denken!«
-
-»Papierene Menschen; aus Lakaientum kommen ihnen alle diese Gedanken,«
-bemerkte Schatoff ruhig, nachdem er sich in der Zimmerecke auf einen
-Stuhl gesetzt und die Handflächen auf die Kniee gestützt hatte.
-
-»Haß ist auch dabei,« sagte er nach einer Weile des Schweigens. »Diese
-Leute würden selbst als erste sterbensunglücklich sein, wenn Rußland
-sich auf irgendeine Weise veränderte, und wäre es auch genau nach ihrem
-Wunsch, und plötzlich unermeßlich reich und glücklich werden würde. Dann
-hätten sie ja niemanden mehr, den sie hassen, auf den sie spucken, über
-den sie spotten könnten! Hier ist's nichts als ein einziger tierischer,
-grenzenloser Haß auf Rußland, der sich in ihren Organismus
-hineingefressen hat ... Und von irgendwelchen heimlichen Tränen, die
-sich angeblich hinter dem sichtbaren Lachen verbergen sollen[30], ist
-hier überhaupt keine Spur vorhanden! Noch nie ist in Rußland etwas
-Dümmeres gesagt worden, als dieses falsche Wort von den >heimlichen
-Tränen<!« sagte er fast jähzornig.
-
-»Weiß Gott, Sie sind aber wütend!« sagte ich lachend.
-
-»Und Sie sind >gemäßigt liberal<.« Schatoff lächelte flüchtig. »Wissen
-Sie,« sagte er nach einer Weile ganz plötzlich, »ich habe das vorhin
-vielleicht falsch gesagt, das vom >Lakaientum der Gedanken<. Sie werden
-gewiß bei sich gedacht haben: >Das sagt er nur, weil er von einem Lakai
-geboren ist, ich aber bin's nicht.<«
-
-»Aber das habe ich durchaus nicht gedacht ... wie kommen Sie darauf!
-...«
-
-»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich fürchte Sie nicht. Früher
-stammte ich nur von einem Lakaien ab, jetzt bin ich selber zu einem
-geworden, zu genau so einem, wie auch Sie einer sind. Unser russischer
-Liberaler ist vor allen Dingen Lakai und wartet nur darauf, wie und wo
-er jemandem die Stiefel putzen kann.«
-
-»Was für Stiefel? Was meinen Sie mit dieser Allegorie?«
-
-»Was Allegorie! Sie lachen, wie ich sehe ... Stepan Trophimowitsch hat
-ganz recht, wenn er sagt, daß ich unter einem Stein liege, schon halb
-erdrückt, aber noch nicht zerdrückt bin und mich nur noch in den letzten
-Krämpfen winde. Das hat er gut gesagt.«
-
-»Stepan Trophimowitsch behauptet, daß die Deutschen Ihnen zur fixen Idee
-geworden sind,« entgegnete ich leichthin. »Und es ist ja auch etwas
-Wahres dabei: wir haben uns doch vieles Deutsche eingesackt.«
-
-»Ja, zwanzig Kopeken haben wir von ihnen genommen und dafür hundert
-Rubel vom eigenen Kapital gegeben.« -- Wir schwiegen ... »Diese Ideen
-hat er sich in Amerika an den Hals gelegen.«
-
-»Wer das? Was an den Hals gelegen?«
-
-»Ich meine Kirilloff. Wir haben dort beide vier Monate lang in einer
-Hütte auf dem Fußboden gelegen.«
-
-»Ja, sind Sie denn je in Amerika gewesen?« fragte ich verwundert. »Sie
-haben nie davon gesprochen.«
-
-»Wozu davon sprechen. Vor drei Jahren zogen wir mit einem
-Emigrantentransport für unser letztes Geld nach den Vereinigten Staaten
-von Amerika, um das Leben eines amerikanischen Arbeiters, oder vielmehr:
->um den Zustand eines Menschen in der allerschwersten sozialen Lage
-_praktisch_, d. h. durch _persönliche_ Erfahrung kennen zu lernen.< Das
-war unser Ziel, war der Grund, warum wir auswanderten.«
-
-»Herrgott!« rief ich aus. »Das hätten Sie doch ebensogut zur Erntezeit
-in unserem Gouvernement durch >persönliche Erfahrung< kennen lernen
-können, ohne deshalb nach Amerika dampfen zu müssen!«
-
-Doch Schatoff fuhr fort: »Wir verdingten uns als Arbeiter bei einem
-Exploiteur. Im ganzen waren wir sechs Russen: Studenten, sogar
-Gutsbesitzer und Offiziere waren unter uns, und alle hatten dasselbe
-großartige Ziel. Und so arbeiteten wir denn, quälten uns und rackerten
-uns ab -- bis Kirilloff und ich fortgingen: wir wurden krank, hielten es
-nicht aus. Bei der Abrechnung zog uns dann der Exploiteur noch das Fell
-gehörig über die Ohren, zahlte anstatt der dreißig Dollar, die er uns
-laut der Abmachung schuldig war, mir nur acht und Kirilloff fünfzehn
-aus. Übrigens hat man uns obendrein noch geprügelt, und nicht nur einmal
-... Ja, und damals war es denn, daß wir beide in einem elenden Städtchen
-vier Monate lang zusammen in einer Hütte auf dem Fußboden lagen.
-Kirilloff dachte seine Gedanken und ich dachte meine Gedanken.«
-
-»Und der Exploiteur hat Sie wirklich geprügelt? Da werden Sie ihm wohl
-auch nicht schlecht mitgespielt haben?«
-
-»Keineswegs. Im Gegenteil, wir sahen beide sofort ein, daß >wir Russen
-im Vergleich zu den Amerikanern kleine Kinder sind und daß man entweder
-in Amerika geboren oder lange Jahre mit ihnen zusammen gearbeitet haben
-muß, um die Höhe ihrer Leistung zu erreichen<. Wir waren natürlich
-entzückt von Amerika und lobten dort alles: den Spiritismus, das
-Lynchgesetz, die Revolver und die Vagabunden. Und wenn man für eine
-Dreikopekensache von uns einen Dollar verlangte, so zahlten wir ihn
-nicht nur mit Vergnügen, sondern mit Begeisterung. Einmal, in der
-Eisenbahn, zog mein Nachbar aus meiner Rocktasche meine Haarbürste
-heraus und begann sich damit sein Haar zu striegeln. Kirilloff und ich
-tauschten nur einen Blick aus und stimmten sofort darin überein, daß
-mein Nachbar vollkommen im Recht war und seine Handlungsweise uns sehr
-gefiel ...«
-
-»Sonderbar, daß solche Ideen uns Russen nicht nur in den Kopf kommen,
-sondern von uns auch vollführt werden,« bemerkte ich.
-
-»Papierene Menschen,« wiederholte Schatoff.
-
-»Aber immerhin, über einen ganzen Ozean schwimmen, in ein unbekanntes
-Land, und wenn auch >um durch persönliche Erfahrung< usw. etwas kennen
-zu lernen -- darin liegt, weiß Gott, doch eine gewisse Großzügigkeit ...
-Wie sind Sie denn wieder zurückgekommen?«
-
-»Ich schrieb an einen Menschen nach Europa und der schickte mir hundert
-Rubel.«
-
-Die ganze Zeit, während der Schatoff sprach, hatte er, wie immer, zu
-Boden gesehen, selbst dann, wenn er erregt sprach. Jetzt aber hob er
-plötzlich den Kopf.
-
-»Wollen Sie wissen, wer dieser Mensch war?«
-
-»Nun, wer war es denn?«
-
-»Nicolai Stawrogin.«
-
-Er stand plötzlich auf, trat an seinen Schreibtisch -- es war ein
-einfacher Tisch aus Lindenholz -- und tat, als suche er etwas auf ihm.
-
-Es ging bei uns damals das dunkle, aber glaubwürdige Gerücht, Schatoffs
-Frau hätte mit Nicolai Stawrogin in Paris eine Zeitlang gelebt, und zwar
-gerade vor etwa zwei Jahren, also in eben der Zeit, als Schatoff in
-Amerika war -- freilich schon lange nachdem sie ihn in Genf verlassen
-hatte. »Wenn es sich so verhält, was plagte ihn dann, mir jetzt diesen
-Namen zu nennen und das ... noch breitzutreten?« fragte ich mich.
-
-»Ich habe sie ihm bis heute noch nicht zurückgegeben,« sagte er, sich
-wieder zu mir wendend, und nachdem er mich kurz, aber prüfend angesehen
-hatte. Dann setzte er sich wieder. Und plötzlich fragte er mich schroff
-und schon in ganz anderem Tone:
-
-»Sie sind natürlich mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen; was
-wünschen Sie?«
-
-Ich erzählte ihm sofort alles und betonte besonders, daß ich Lisa unter
-allen Umständen helfen und das ihr gegebene Wort halten möchte. Auch
-beteuerte ich ihm, daß sie ihn mit der Buchangelegenheit keineswegs habe
-beleidigen wollen, daß er sie völlig mißverstanden haben müsse. Sein
-plötzlicher Aufbruch habe sie denn auch aufrichtig betrübt.
-
-Er hörte mich sehr aufmerksam an.
-
-»Vielleicht habe ich in der Tat wieder einmal eine Dummheit gemacht ...
-Aber wenn sie nicht verstanden hat, warum ich fortging -- um so besser
-für sie!«
-
-Er stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und horchte hinaus.
-
-»Sie wollen sie selbst sehen?«
-
-»Ja, das ist es ja eben! Wie ließe sich das machen?« Ich erhob mich
-schon erfreut.
-
-»Gehen wir ganz einfach hin, solange sie noch allein ist. Lebädkin darf
-natürlich nicht erfahren, daß wir bei ihr gewesen sind, sonst peitscht
-er sie wieder. Heimlich gehe ich oft zu ihr. Gestern habe ich ihn
-gründlich geprügelt, als er sie wieder zu schlagen anfing.«
-
-»Ist das wirklich wahr, daß er sie schlägt?«
-
-»Gewiß; an den Haaren hab ich ihn von ihr fortgerissen. Er wollte sich
-schon mit den Fäusten auf mich stürzen, aber ich konnte ihm doch noch
-einen Schrecken einjagen. Dabei blieb es. Nun fürchte ich, ihm könnte
-das wieder einfallen, wenn er heute betrunken zurückkehrt, und dann wird
-er sie erst recht hauen.«
-
-Wir gingen sogleich nach unten.
-
-
- V.
-
-Die Tür zu Lebädkins war nicht verschlossen und so traten wir
-ungehindert ein. Ihre ganze Wohnung bestand aus nur zwei erbärmlichen
-kleinen Zimmern mit verräucherten Wänden, an denen die schmutzigen
-Tapeten buchstäblich in Fetzen herabhingen.
-
-Früher hatte sich in diesen Räumen Filippoffs Schenke befunden, die
-jetzt in das neue Haus übergeführt worden war. Die übrigen Zimmer, die
-früher auch noch zur Schenke gehört hatten, waren jetzt verschlossen,
-nur diese beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbeln standen in
-der Wohnung ein paar einfache Holzbänke, Tische aus rohen Brettern und
-nur ein einziger alter Sessel mit einer abgebrochenen Armlehne. Im
-Hinterzimmer stand in einer Ecke ein Bett mit einer Kattundecke. Das war
-das Bett von Lebädkins Schwester. Der Hauptmann aber schlief einfach auf
-dem Fußboden, und da er fast immer betrunken nach Hause kam, nicht
-selten so, wie er war, in den Kleidern. Überall war Schmutz, lagen
-Krümchen und Fetzchen auf dem Fußboden; in der Mitte des ersten Zimmers
-lag ein großer, dicker, ganz nasser Lappen, um den sich eine richtige
-Pfütze gebildet hatte, und in dieser stand ein alter schiefgetretener
-Schuh. Man sah an allem, daß hier niemand etwas tat; kein Ofen wurde
-geheizt, kein Essen gekocht; ja, sie besaßen nicht einmal einen Samowar,
-wie Schatoff mir ausführlicher berichtete. Der Hauptmann war mit seiner
-Schwester ohne eine Kopeke hier eingetroffen und hatte in der ersten
-Zeit tatsächlich, wie Liputin erzählte, seine Bekannten um ein paar
-Kopeken angebettelt. Dann aber, als er plötzlich in den Besitz von
-großen Summen geriet, hatte er sofort zu trinken angefangen und sich
-seitdem natürlich noch weniger um den Haushalt gekümmert.
-
-Marja Timofejewna Lebädkina, die ich so sehr zu sehen wünschte, saß
-ruhig und lautlos im zweiten Zimmer, in einer Ecke, hinter einem
-einfachen Küchentisch auf einer Bank. Auch als wir eingetreten waren,
-hatte sie uns nicht angerufen, noch sich überhaupt gerührt. Schatoff
-sagte, daß ihre Flurtür nie verschlossen werde, und einmal sei sie sogar
-die ganze Nacht sperrangelweit offen geblieben. Beim schwachen Schein
-eines dünnen Lichtchens in einem eisernen Leuchter erkannte ich ein
-krankhaft mageres weibliches Wesen von vielleicht dreißig Jahren, in
-einem dunklen alten Kattunkleide, mit langem, bloßem Halse und dünnem,
-dunklem Haar, das im Nacken zu einem kleinen Knoten, von der Größe des
-Fäustchens eines zweijährigen Kindes, zusammengedreht war. Sie sah uns
-ziemlich heiter entgegen. Außer dem Licht stand vor ihr auf dem Tisch
-ein kleiner billiger Spiegel, wie man ihn bei Bauern sieht, lag ein
-altes Spiel Karten, ein zerblättertes Liederbuch und ein kleines
-Weißbrot, von dem sie bereits ein- oder zweimal abgebissen hatte. Man
-merkte, daß sie sich gepudert und geschminkt und die Lippen mit irgend
-etwas rot gefärbt hatte; ja, selbst die Brauen, die ohnehin schon lang,
-fein gezeichnet und dunkel zu sein schienen, hatte sie noch gestrichen,
--- aber auf ihrer schmalen und hohen Stirn sah man trotz des Puders drei
-lange, tiefe Falten. Ich wußte schon, daß sie hinkte, doch diesmal stand
-sie während unserer Anwesenheit nicht auf, so sah ich sie auch nicht
-gehen. Irgend einmal, vielleicht in der ersten Jugend, konnte dieses
-abgezehrte Gesicht vielleicht nicht unschön gewesen sein; aber ihre
-stillen, freundlichen grauen Augen fielen auch jetzt noch auf. Etwas
-Träumerisches und Inniges lag in ihrem stillen, fast frohen Blick. Diese
-stille, ruhige Freude, die sich auch in ihrem Lächeln ausdrückte,
-wunderte mich nach allem, was ich von der Kosakenpeitsche und allen
-Niederträchtigkeiten ihres Bruders gehört hatte. Sonderbar, daß ich
-dieses Mal statt des drückenden und bangen Widerwillens, den man sonst
-stets in der Gegenwart solcher von Gott gezeichneten Geschöpfe
-empfindet, -- daß es mir diesmal, und fast vom ersten Augenblick an,
-geradezu angenehm war, sie zu betrachten und zu beobachten, und
-höchstens Mitleid, doch keine Spur von Abscheu, bemächtigte sich meiner
-später.
-
-»Sehen Sie, so sitzt sie hier ganze Tage mutterseelenallein und rührt
-sich nicht, legt Karten oder betrachtet sich im Spiegelchen,« sagte
-Schatoff noch an der Tür zu mir. »Er gibt ihr ja auch nichts zu essen.
-Die Alte aus dem Nebenhause, die Kirilloff bedient, bringt ihr zuweilen
-etwas aus bloßem Erbarmen. Wie man sie nur so mit dem Licht allein
-lassen kann!«
-
-Schatoff sagte das zu meiner Verwunderung ganz laut, als ob wir allein
-im Zimmer wären.
-
-»Guten Tag, Schatuschka!« begrüßte ihn plötzlich Marja Timofejewna.
-
-»Ich habe dir, Marja Timofejewna, einen Gast gebracht,« erwiderte
-Schatoff.
-
-»Gut, der Gast soll mir willkommen sein. Ich weiß nicht, wen du da
-mitgebracht hast, ich glaube aber, solch einen habe ich noch nie
-gesehen.« Dabei sah sie mich, über das Licht hinweg, aufmerksam an.
-Gleich darauf wandte sie sich jedoch wieder zu Schatoff, und zu diesem
-allein sprach sie dann auch die ganze Zeit (mich aber beachtete sie
-weiter überhaupt nicht mehr, ganz als wäre ich gar nicht anwesend).
-
-»Es wurde dir wohl langweilig, da oben im Dachkämmerlein einsam
-umherzugehen?« fragte sie lachend. Da sah ich, daß sie sehr schöne Zähne
-hatte.
-
-»Auch das, aber vor allem wollte ich dich wieder einmal besuchen.«
-
-Schatoff zog eine Bank an den Tisch, setzte sich, und wies auch mir
-einen Platz neben sich an.
-
-»Unterhaltung habe ich immer gern, nur bist du so drollig, Schatuschka,
-bist ganz wie ein Mönch! Wann hast du dich zum letztenmal gekämmt? Komm
-her, ich werde es wohl wieder tun müssen« -- und sie zog aus ihrer
-Kleidertasche einen Kamm. »Du hast wohl seit dem letzten Mal, als ich
-dich kämmte, dein Haar überhaupt nicht mehr angerührt.«
-
-»Ja, wie soll ich denn? Ich habe doch keinen Kamm,« sagte auch Schatoff
-heiter.
-
-»Wirklich nicht? Warte mal, dann werde ich dir meinen schenken, nicht
-diesen, einen andern ... nur mußt du mich daran erinnern.«
-
-Und mit dem ernsthaftesten Gesicht machte sie sich daran, ihn zu kämmen,
-zog ihm sogar auf der Seite einen Scheitel, bog sich dann zurück, um zu
-sehen, ob er gut geraten war -- und steckte schließlich den Kamm wieder
-in die Tasche.
-
-»Weißt du was, Schatuschka?« sagte sie und schüttelte dabei den Kopf,
-»du bist doch ein vernünftiger Mensch und trotzdem grämst du dich. Es
-wird mir ganz sonderbar, wenn ich euch alle so sehe: ich verstehe nicht,
-wie können Menschen sich grämen und immer traurig sein? Sehnsucht ist
-doch nicht Traurigkeit. Mir ist immer froh zu Mut.«
-
-»Auch mit dem Bruder?«
-
-»Du meinst Lebädkin? Ach, der ist mein Knecht. Mir ist es ganz gleich,
-ob er hier ist oder nicht. Ich befehle nur: >Lebädkin, bring mir Wasser,
-Lebädkin, gib mir die Stiefel<, und er läuft schon. Zuweilen sündige ich
-wohl auch und lache über ihn.«
-
-»Und genau so ist es,« sagte Schatoff zu mir gewandt, und zwar wieder
-mit lauter Stimme, ohne sich zu genieren. »Sie behandelt ihn tatsächlich
-wie ihren Diener, ich habe es selbst gehört, wie sie ihm zuruft:
->Lebädkin, bring mir Wasser<, und dabei lacht sie. Der Unterschied
-besteht nur darin, daß er nicht nach dem Wasser läuft, sondern sie dafür
-prügelt, -- und trotzdem fürchtet sie ihn tatsächlich nicht im
-geringsten. Sie hat immer ihre nervösen Anfälle, fast täglich, die
-wirken natürlich auf ihr Gedächtnis, so daß sie alles vergißt und
-verwechselt. Glauben Sie, daß sie noch weiß, wann und wie wir
-hereingekommen sind? Übrigens, vielleicht weiß sie's doch noch,
-jedenfalls aber hat sie es sich auf ihre Art umgedichtet und hält uns
-wohl jetzt für Gott weiß was, nur nicht für das, was wir sind -- obschon
-sie dabei ganz genau weiß, daß ich >Schatuschka< bin. Das macht auch
-nichts, daß ich jetzt laut spreche, ja selbst wenn ich zu ihr spreche,
-stört das sie nicht mehr, sobald sie einmal mit ihren eigenen Gedanken
-beschäftigt ist. Sie ist eine große Träumerin, acht Stunden, zuweilen
-den ganzen Tag sitzt sie auf demselben Fleck, ohne sich zu rühren. Sehen
-Sie das Weißbrot da: angebissen hat sie es vielleicht heute früh,
-aufessen wird sie es vielleicht erst morgen. Da legt sie auch schon
-wieder Karten aus ...«
-
-»Rate ich doch aus den Karten und rate, Schatuschka, aber immer kommt es
-so wie nicht richtig heraus,« sagte plötzlich Marja Timofejewna, die das
-letzte Wort Schatoffs wohl gehört hatte, und ohne aufzusehen streckte
-sie die linke Hand mechanisch nach dem Weißbrot aus (auch das vom Brot
-mochte sie gehört haben).
-
-Die Hand fand auch schließlich das Brötchen, doch sie selbst ließ sich
-von neuen Gedanken wieder gefangennehmen, und nachdem sie das Brötchen
-eine Weile in der linken Hand gehalten hatte, legte sie es mechanisch
-wieder zurück, ohne es zum Munde geführt zu haben.
-
-»Es ist immer dasselbe: ein Weg, ein böser Mann, ein Sterbebett, ein
-Brief irgendwoher, eine unvorhergesehene Nachricht, Trug und Hinterlist.
-Ach -- alles Lügen, denke ich! -- Was meinst du dazu, Schatuschka? Wenn
-Menschen lügen, warum sollen dann nicht auch Karten lügen?« und sie
-mischte plötzlich die Karten durcheinander. »Dasselbe habe ich auch
-einmal der Mutter Praskowja gesagt ... das war eine ehrwürdige alte
-Frau. Immer kam sie zu mir in die Zelle, um sich von mir die Karten
-legen zu lassen, aber heimlich, daß die Mutter-Äbtissin es nicht sah.
-Und nicht sie allein kam zu mir. Sie seufzen und stöhnen dann immer,
-schütteln alle die Köpfe, raten hin und her und denken und bereiten sich
-auf etwas Großes vor -- ich aber lache. >Woher wollen Sie denn plötzlich
-einen Brief bekommen, Mutter Praskowja,< sage ich, >wenn zwölf Jahre
-keiner gekommen ist?< Ihre Tochter aber hat der Mann irgendwohin nach
-der Türkei gebracht und zwölf Jahre hat sie von ihr kein Lebenszeichen
-erhalten. Und wie ich gerade so am nächsten Abend beim Tee sitze, bei
-der Äbtissin -- aus fürstlichem Hause war sie bei uns -- sitzt da bei
-ihr noch eine angereiste Dame und auch noch ein Mönchlein aus dem
-Kloster vom Berge Athos, so ein drolliger, kleiner Mensch. Was glaubst
-du wohl, Schatuschka, dieser selbe Mönch hat am selben Morgen der Mutter
-Praskowja von der Tochter aus der Türkei einen Brief gebracht -- da hast
-du den Karo-Buben, die unvorhergesehene Nachricht! Wir trinken also Tee
-und der Mönch vom Berge Athos sagt zu der Mutter-Äbtissin: >Und vor
-allem<, sagt er, >ehrwürdige Mutter-Äbtissin, hat der Herr Euer Kloster
-gesegnet, seitdem es einen so kostbaren Schatz in seinem Schoße birgt<,
-sagt er. >Was für einen Schatz?< fragt die Mutter-Äbtissin. >Nun, die
-heilige Lisaweta doch!< sagt er. Diese Lisaweta war nämlich bei uns in
-einer Zelle in der Klostermauer eingemauert, wie in einem Käfig, und der
-war nur einen Faden lang und anderthalb Faden hoch, und da sitzt sie
-schon siebzehn Jahre lang hinter einem eisernen Gitter, Winter und
-Sommer nur in einem hanfleinenen Hemde, und sticht immer mit einem
-Strohhälmchen oder einem Reisigstückchen in die Leinwand und spricht
-kein Wort und kämmt sich nicht und wäscht sich nicht all diese siebzehn
-Jahre. Im Winter, wenn es kalt wird, steckt man ihr ein Pelzchen zu und
-täglich ein Kästchen mit Brot und einen Krug mit Wasser. >Wahrlich, ein
-schöner Schatz,< sagt die Mutter-Äbtissin (hat sich geärgert -- sie
-konnte die Lisaweta nicht leiden). >Lisaweta,< sagt sie, >sitzt nur aus
-Bosheit und Eigensinn, und alles das ist Verstellung.< Mir gefiel das
-nicht, was sie sagte, denn ich wollte mich auch so einschließen lassen.
->Ich glaube,< sage ich, >Gott und die Natur ist alles eins.< Alle rufen
-sie da, wie aus einem Munde: >Hört doch, hört!< Die Äbtissin lachte und
-fing mit der Dame zu tuscheln an, ich weiß nicht worüber, und rief mich
-nachher zu sich, streichelte mich, und die Dame schenkte mir ein rosa
-Bändchen -- willst du, ich zeige es dir? Und das Mönchlein fing gleich
-an, mich zu belehren und sprach freundlich und demütig zu mir und wohl
-auch mit viel Verstand. Ich sitze und höre zu. >Hast du verstanden?<
-fragte er mich dann. >Nein,< sage ich, >ich habe gar nichts verstanden
-und lassen Sie mich lieber in meiner Ruh<, sage ich -- und seit der Zeit
-haben sie mich auch ganz in meiner Ruh gelassen, Schatuschka. Aber wenn
-ich dann aus der Kirche kam, flüsterte mir unsere Greisin, eine alte,
-alte Nonne zu -- die büßte bei uns für ihre Weissagungen --: >Was ist
-das, die Mutter Gottes, wie dünkt es dich?< -- >Die große Mutter,<
-antwortete ich, >das ist die große Hoffnung, die ewige Zuversicht des
-Menschengeschlechts.< -- >Ganz recht,< sagt sie, >die Mutter Gottes --
-das ist die große Mutter, unsere fruchtbare Erde, und wahrlich ich sage
-dir, eine große Freude liegt in ihr für den Menschen. Und jedes
-Erdenleid und jede Erdenträne ist uns eine Freude. Und wenn du mit
-deinen Tränen die dunkle Erde unter dir tränkst, einen halben Meter
-tief, so wird dir wahrlich zur selbigen Stunde noch alles zur Freude
-gereichen. Und gar keinen, gar keinen Kummer wirst du mehr haben,< sagt
-sie, >denn sieh,< sagt sie, >eine solche Weissagung gibt es.< Das konnte
-ich nie mehr vergessen. Seit der Zeit begann ich zu beten, ich beugte
-mich zur Erde und küßte die Erde und weinte. Und sieh, ich sage dir,
-Schatuschka, es ist nichts Schlechtes in diesen Tränen, und wenn du auch
-gar kein Leid hast, du wirst die Tränen vor lauter Freude weinen. Die
-Tränen weinen sich selbst. Zuweilen ging ich zum See, an das Ufer: auf
-der einen Seite vom See stand unser Kloster und auf der anderen unser
-spitzer Berg, wir nannten ihn denn auch einfach den Spitzberg. Und so
-steige ich denn auf diesen Berg und wende mich mit dem Gesicht nach
-Osten und falle auf die Erde nieder und weine und weine, und weiß nicht,
-wie lange ich weine, und habe dann alles vergessen und ich weiß gar
-nichts mehr. Dann stehe ich auf und wende mich zurück, und die Sonne
-geht unter so groß, und es ist eine Pracht und Herrlichkeit -- liebst
-du's auch, so die Sonne zu sehen, Schatuschka? Schön ist es, aber
-traurig ... Und ich wende mich wieder zurück nach Osten, und der
-Schatten, der Schatten von unserem Berge läuft schmal und lang wie ein
-Zeiger über den See, eine Werst weit oder noch weiter -- bis zur Insel
-im See, und teilt diese steinige Insel, wie sie da ist, gerade in zwei
-Hälften. Und wie er sie so teilt, da geht auch die Sonne ganz unter und
-alles erlischt plötzlich. Und dann kommt wieder die Sehnsucht so über
-mich, und plötzlich kommt auch die Erinnerung wieder, und ich fürchte
-die Dunkelheit, Schatuschka. Und immer mehr weine ich dann um mein
-kleines Kind ...«
-
-»Hast du denn eines gehabt?« fragte Schatoff, der ihr die ganze Zeit
-aufmerksam zugehört hatte, und stieß mich leicht mit dem Ellenbogen an.
-
-»Wie denn nicht! Ein kleines, rosiges, mit so winzigen Fingerchen, und
-all mein Leid ist nur, daß ich nicht mehr weiß, ob es ein Knabe oder ein
-Mädchen war. Zuweilen erinnere ich mich dessen, daß es ein Knabe war,
-und zuweilen scheint es mir wieder, daß es ein Mädchen war. Als ich es
-damals gebar, da wickelte ich es gleich in Batist und Spitzen und band
-es mit rosa Bändchen zu und bettete es auf Blumen und sprach ein Gebet
-über ihm und trug das Ungetaufte und trage es durch den Wald und fürchte
-mich im Walde, denn ich habe Angst und weine, und am meisten weine ich
-darüber, daß ich geboren habe und doch den Mann nicht kenne.«
-
-»Vielleicht kanntest du ihn doch?« fragte Schatoff vorsichtig.
-
-»Drollig bist du doch, Schatuschka, mit deiner Vernunft. Vielleicht,
-vielleicht hatte ich ihn auch ... aber was liegt daran, wenn es doch
-ebenso ist, als wenn ich ihn nicht gehabt hätte? Da hast du nun ein
-unschweres Rätsel, nun rat einmal!« sagte sie lächelnd.
-
-»Wohin hast du denn das Kind getragen?«
-
-»In den Teich hab ich's getragen,« seufzte sie.
-
-Schatoff berührte mich wieder mit dem Ellenbogen.
-
-»Aber was dann, wenn du das Kind überhaupt nicht gehabt hast und alles
-bei dir nur Phantasie ist?«
-
-»Eine schwere Frage gibst du mir auf, Schatuschka,« sagte sie grübelnd
-und ohne jegliche Verwunderung über die Frage. »Ich kann dir aber
-hierauf gar nichts sagen, vielleicht habe ich auch keines gehabt. Mir
-scheint, daß du nur aus Neugier so fragst; aber ich werde deshalb nicht
-aufhören, um mein Kind zu weinen, ich habe es doch nicht im Traum
-gesehen?« Große Tränen erglänzten in ihren Augen. »Schatuschka,
-Schatuschka, ist es wahr, daß deine Frau von dir fortgelaufen ist?«
-fragte sie plötzlich, legte ihm beide Hände auf die Schultern und
-blickte ihn mitleidig an. »Aber du ärgere dich nicht, mir ist ja dabei
-auch weh. Weißt du, Schatuschka, was für einen Traum ich gehabt habe --
-er kommt wieder zu mir und lockt mich: >Kätzchen,< sagte er, >mein
-Kätzchen, komm her zu mir!< Sieh, über das >Kätzchen< freute ich mich am
-meisten: er liebt mich, dachte ich.«
-
-»Vielleicht kommt er auch bald in Wirklichkeit,« murmelte Schatoff
-halblaut.
-
-»Nein, Schatuschka, das ist schon ein Traum ... er kann nicht in
-Wirklichkeit kommen. Kennst du das Lied:
-
- Ich brauche nicht Dein neues, hohes Schloß!
- Hier in dieser Zelle will ich bleiben,
- Leben und beten,
- Beten zu Gott -- für dich ...
-
-Ach, Schatuschka, mein Liebling, warum fragst du mich denn nie etwas?«
-
-»Du wirst ja doch nichts sagen, darum frage ich auch lieber gar nicht.«
-
-»Nein, nein, ich sage nichts und wenn du mich auch totschlügest!«
-beteuerte sie schnell. »Verbrenne mich lebendig, ich sage nichts! Und
-wie es auch schmerzte, nichts werde ich sagen, nichts werden die
-Menschen erfahren!«
-
-»Nun, siehst du, jeder hat das Seine,« sagte Schatoff noch leiser, und
-senkte noch tiefer den Kopf.
-
-»Aber wenn du mich bätest, vielleicht würde ich es dir dann doch sagen
-... vielleicht würde ich es dir dann doch sagen!« flüsterte sie wie
-verzückt. »Warum bittest du mich nicht? Bitt' mich, bitt' mich
-ordentlich, Schatuschka, vielleicht werde ich's dir dann sagen. Flehe
-mich an, Schatuschka, bitte und beschwöre mich, damit ich dann selbst
-einwillige ... Schatuschka, Schatuschka!«
-
-Aber Schatuschka schwieg. Eine Minute lang schwiegen wir alle. Langsam
-flossen die Tränen über ihre gepuderten Wangen. Die Hände hielt sie
-immer noch auf seinen Schultern, sie hatte sie vergessen aber sie sah
-ihn nicht mehr an.
-
-»Eh, was geht das mich an, wäre auch Sünde,« sagte Schatoff plötzlich
-und erhob sich von der Bank. »Stehen Sie auf!« Er zog ärgerlich die Bank
-fort und schob sie auf ihren Platz zurück:
-
-»Damit er nichts merkt, wenn er kommt. Wir müssen jetzt gehen.«
-
-»Ach, du sprichst wieder von meinem Diener!« lachte Marja Timofejewna
-auf. »Hast Angst! Nun, dann lebt wohl, meine lieben Gäste, aber hör, nur
-noch einen Augenblick, was ich dir sagen will! Neulich kam dieser
-Nilytsch her, mit Filippoff, dem Hauswirt, dem Rotkopf, weißt du, gerade
-als meiner auf mich losschlug. Wie ihn der Hauswirt da packt und durchs
-Zimmer schleift, schreit er: >Bin nicht schuld, bin nicht schuld, muß
-für fremde Schulden dulden!< Glaubst du wohl, wir haben alle so darüber
-gelacht ...«
-
-»Aber das war doch ich,« sagte Schatoff, »ich zog ihn doch gestern an
-den Haaren von dir fort. Der Hauswirt dagegen war vor drei Tagen nur
-hergekommen, um sich mit euch zu schimpfen, ... hast wohl wieder alles
-verwechselt?«
-
-»Wart einmal, ja, ich habe es wirklich verwechselt, vielleicht warst du
-es. Aber wozu über solche Nebensachen streiten, ist es nicht einerlei,
-wer ihn fortriß?« lachte sie.
-
-»Gehen wir, schnell!« Schatoff zog mich am Ärmel, »die Pforte knarrt:
-trifft er uns bei ihr, so wird er sie wieder schlagen.«
-
-Kaum waren wir die Treppe hinaufgelaufen, als wir auch schon betrunkenes
-Geschimpfe hörten. Schatoff zog mich in sein Zimmer und verschloß die
-Tür.
-
-»Sie werden einen Augenblick hier sitzen müssen, wenn Sie keine
-Geschichten mit ihm haben wollen. Hören Sie? Er quiekt wie ein Ferkel,
-ist wohl wieder über die Schwelle gestolpert -- fast jedesmal fällt er
-lang hin.«
-
-Aber ohne »Geschichten« ging es einstweilen doch nicht ab.
-
-
- VI.
-
-Schatoff stand an der Tür und horchte hinaus. Plötzlich sprang er
-zurück.
-
-»Er kommt herauf, das wußte ich ja!« rief er wütend mir leise zu. »Jetzt
-haben wir ihn bis Mitternacht auf dem Halse!«
-
-Ein paar starke Faustschläge an die Tür kündeten Lebädkin an.
-
-»Schatoff! ... Schaa--toff, mach auf!« brüllte der Betrunkene.
-»Schatoff, Freund ...« Und plötzlich sang er los -- die bekannte Romanze
---:
-
- »>Kam zu dir mit einem Gruß,
- Um zu künden, daß der Mo--o--orgenstrahl
- Glühend ... be--ebend ... seinen ersten Kuß
- Von den Wipfeln dieser Wä--e--elder stahl!
- Laß dir künden vom Erwachen ...<
-
-Kchä -- hm! zum Teufel!« räusperte er sich --
-
- »>Vom Erwachen unter Zwei--e--eigen ...<
-
-Haha! klingt ja fast wie unter Ruten! Nein, lieber von was anderem! ...
-
- >Jeder Vogel -- hat mal Durst!
- Weißt du auch, was ich trinke?
- Trinke, ja, trinke?
- Weiß ich doch ... selber es nicht ...
- Was ich ... was ich ...<
-
-Hm! ... Hol' sie der Teufel, diese dumme Neugier! Schatoff, begreifst du
-auch, wie schön es auf Erden zu leben ist!«
-
-»Antworten Sie nicht!« flüsterte mir Schatoff zu.
-
-»Hör', mach doch auf! ... Begreifst du auch, daß es etwas Höheres gibt,
-als Raufereien unter ... der Menschheit? ... Es gibt, weißt du, es gibt
-Augenblicke im Leben eines edlen Menschen ... Schatoff, ich bin gut, ich
-verzeihe dir alles ... Nur, weißt du, mach doch auf! ... Schatoff, höre
--- zum Teufel mit den Proklamationen! -- Wie?«
-
-Schweigen.
-
-»Begreifst du auch, Esel, daß ich verliebt bin! Ich habe mir einen Frack
-gekauft, sieh, einen Frack der Liebe für die Liebe, -- fünfzehn
-Silberrubel! Eines Hauptmannes Liebe verlangt eben gesellschaftlichen
-Anstand ... Mach auf!« brüllte er plötzlich wie ein wildes Tier und
-begann von neuem, in toller Wut mit den Fäusten an die Tür zu donnern.
-
-»Scher' dich zum Teufel!« schrie nun auch Schatoff.
-
-»S--s--s--kla--a--ve! Leibeigener Skla--ve, und deine Schwester ist auch
-eine Skla--a--vin ... eine Die--bin!«
-
-»Und du hast deine Schwester verkauft!«
-
-»Du lügst! Ich dulde aus Edelmut, während ich ... Mit einer einzigen
-Erklärung könnte ich ... Begreifst du auch, wer sie eigentlich ist?«
-
-»Nun, wer denn?« Schatoff trat neugierig an die Tür.
-
-»Wirst du es aber auch begreifen?«
-
-»Werd schon begreifen, wenn du es nur sagst -- nun, wer ist sie denn?«
-
-»Ich habe den Mut, es zu sagen! Ich habe immer den Mut, dem Publikum
-alles zu sagen!«
-
-»Scheint doch nicht,« neckte ihn Schatoff geflissentlich und nickte mir
-zu, jetzt nur gut aufzumerken.
-
-»Was, du meinst, ich wa--age es nicht?«
-
-»Natürlich wagst du es nicht.«
-
-»Wie, ich wa--a--ge es nicht?«
-
-»So sag's doch, wenn du die herrschaftlichen Ruten nicht fürchtest ...
-Bist doch ein Feigling -- und willst ein Hauptmann sein!«
-
-»Ich ... ich ... sie ... sie ist ...« stotterte Lebädkin.
-
-»Nun?« Schatoff legte das Ohr ans Schlüsselloch.
-
-Ein Schweigen entstand und dauerte mindestens eine halbe Minute an.
-
-»Du Sch--sch--u--uft!« ertönte es endlich hinter der Tür, und der
-Hauptmann stolperte so schnell wie er nur konnte und keuchend wie ein
-Samowar die Treppe hinunter, wobei jede Stufe unter seinem Gewicht
-knarrte.
-
-»Nein, er ist schlau, selbst in der Betrunkenheit wird er sich nicht
-verraten.« Schatoff kam langsam von der Tür zurück.
-
-»Aber was soll denn das alles bedeuten?« fragte ich.
-
-Schatoff winkte nur mit der Hand, ging wieder zur Tür, öffnete sie und
-begann nach unten zu lauschen. Lange horchte er, ging sogar ein paar
-Stufen hinab ... endlich kam er wieder zurück.
-
-»Es ist nichts zu hören, hat sie also nicht geprügelt, wird wohl gleich
-eingeschlafen sein. Es ist Zeit, Sie müssen nach Hause gehen.«
-
-»Hören Sie, Schatoff, was soll ich aus all dem schließen?«
-
-»Eh, schließen Sie daraus, was Sie wollen!« antwortete er mit müder und
-schlecht gelaunter Stimme und setzte sich an seinen Schreibtisch.
-
-Ich ging. Ein unerhörter Gedanke bemächtigte sich meiner mehr und mehr.
-Mit Sorge dachte ich an den nächsten Tag.
-
-
- VII.
-
-Dieser nächste Tag -- der Sonntag, an dem Stepan Trophimowitschs
-Schicksal sich unwiderruflich entscheiden sollte -- war einer der
-merkwürdigsten Tage meiner Geschichte, war ein Tag der Überraschungen,
-an dem Altes seine Lösung fand und Neues sich knüpfte, ein Tag greller
-Erklärungen und -- noch schlimmerer Verwirrung.
-
-Wie ich schon erzählt habe, mußte ich meinen Freund am Morgen zu Warwara
-Petrowna begleiten, und um drei Uhr sollte ich dann bei Lisaweta
-Nicolajewna sein, um ihr zu erzählen ... ja, ich wußte selbst nicht,
-was! und ihr zu verhelfen -- wozu? das wußte ich ebensowenig. Und nun
-fand plötzlich alles eine Lösung, die weder ich noch sonst jemand
-erwartet hatte ... Kurz, es war ein Tag seltsam zusammentreffender
-Zufälle.
-
-Er begann damit, daß wir, Stepan Trophimowitsch und ich, als wir um elf
-bei Warwara Petrowna erschienen, sie nicht zu Hause antrafen: sie war
-noch nicht aus der Kirche zurückgekehrt. Mein armer Freund war aber
-dermaßen nervös oder innerlich erregt, daß schon dieser eine Umstand ihn
-sofort gleichsam vernichtete, und völlig erschöpft sank er im
-Empfangssalon auf einen Sessel. Ich bot ihm ein Glas Wasser an, doch
-trotz seines bleichen Gesichts und seiner zitternden Hände lehnte er es
-mit Würde ab. Übrigens möchte ich hier bemerken, daß er diesmal mit
-geradezu erlesener Eleganz gekleidet war: er trug die feinste
-Batistwäsche, die weiße Halsbinde war meisterhaft geschlungen, hielt in
-der einen Hand einen neuen Hut und strohfarbene Handschuhe, und zu all
-dem kam noch ein leiser, ganz leiser Parfümduft.
-
-Kaum hatten wir uns gesetzt, als Schatoff, vom Diener geführt, eintrat.
-Warwara Petrowna hatte offenbar auch ihn um diese Zeit zu sich gebeten.
-Stepan Trophimowitsch erhob sich schon, um ihm die Hand zu reichen, doch
-Schatoff, der zunächst aufmerksam zu uns herübersah, wandte sich
-plötzlich zur Seite und setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, ohne
-uns auch nur mit dem Kopf zuzunicken. Mein armer Freund sah mich wieder
-ganz erschrocken an.
-
-So saßen wir noch eine ganze Weile in tiefstem Schweigen. Stepan
-Trophimowitsch begann zwar einmal mir irgend etwas zuzuflüstern, doch da
-er wahrscheinlich selbst nicht recht wußte, was er sagen wollte, so
-verstummte er bald wieder. Nach einiger Zeit kam der Diener noch einmal
-herein, um irgend etwas auf dem Tisch zu ordnen; oder richtiger -- um
-nach uns zu sehen. Da wandte sich plötzlich Schatoff an ihn und fragte
-laut:
-
-»Alexei Jegorytsch, ist Darja Pawlowna gleichfalls zur Kirche gefahren?«
-
-»Nein, Warwara Petrowna geruhten allein zum Gottesdienst zu fahren,
-Darja Pawlowna aber sind zu Hause geblieben, sie fühlten sich nicht ganz
-wohl,« meldete Alexei Jegorytsch mit Anstand.
-
-Mein armer Freund warf mir hierauf wieder einen erregten Blick zu, so
-daß ich mich schon geärgert von ihm abwenden wollte. Da ertönte draußen
-das Rollen einer Equipage, die vorfuhr, und ein gewisses fernes
-Hinundher im Hause kündete uns an, daß die Herrin zurückgekehrt war. Wir
-standen auf. Schritte näherten sich. Aber was war das? Wir hörten
-Schritte von mehreren Personen. War denn Warwara Petrowna nicht allein
-zurückgekehrt? Das war doch etwas sonderbar, da sie selbst uns zu dieser
-Stunde und zu diesem besonderen Zweck zu sich gebeten hatte. Schließlich
-vernahmen wir seltsam schnelle Schritte, fast ein Eilen, so aber pflegte
-Warwara Petrowna sonst doch nicht zu gehen. Und plötzlich flog die Türe
-auf und tatsächlich -- Warwara Petrowna erschien, atemlos und in
-ungewöhnlicher Erregung. Hinter ihr aber kam, langsamer, leiser,
-Lisaweta Nicolajewna, und die führte an der Hand -- Marja Timofejewna
-Lebädkina! Hätte ich das im Traum gesehen, so hätte ich selbst dann
-meinen Augen nicht getraut.
-
-Was war geschehen?
-
-Nun muß ich um etwa eine Stunde zurückgreifen und erzählen, was sich
-inzwischen in der Kirche zugetragen hatte.
-
-An eben diesem Sonntage war der Adel und die ganze Gesellschaft der
-Stadt fast vollzählig zum Morgengottesdienst erschienen. Man wußte, daß
-die neue Gouverneurin zum erstenmal nach ihrer Ankunft bei uns in die
-Kirche gehen werde. Es hatte sich schon herumgesprochen, daß sie eine
-Freidenkerin sei und die »neuesten Anschauungen« teile. Und überdies
-wußten schon alle Damen, daß sie in einer prächtigen, sehr eleganten
-Toilette erscheinen werde, weshalb sich denn alle gleichfalls auf das
-sorgfältigste geputzt hatten. Nur Warwara Petrowna war wieder schlicht
-und ganz in Schwarz erschienen, genau so, wie sie sich in den letzten
-vier Jahren immer kleidete. Während des Gottesdienstes stand sie auf
-ihrem alten Platz, links, in der ersten Reihe, und vor ihr hatte ihr
-Diener in Livree ein Samtkissen hingelegt, kurz, alles war so, wie es
-immer gewesen war. Manche Leute wollten zwar bemerkt haben, daß Warwara
-Petrowna an diesem Morgen ganz besonders lange und inbrünstig gebetet
-habe; ja, später, als man sich alles wieder vergegenwärtigte,
-versicherte man sogar, sie habe Tränen in den Augen gehabt. Die Messe
-war schließlich zu Ende und unser Oberpriester, der Vater Pawel, trat
-aus der Sakristei, um eine feierliche Predigt zu halten. Seine Predigten
-wurden bei uns sehr geschätzt und man hatte ihm schon oft zugeredet, sie
-doch drucken zu lassen, wozu er sich aber nie entschließen konnte. An
-diesem Sonntage nun fiel die Predigt jedoch besonders lang aus.
-
-Da kam, nachdem die Predigt schon begonnen hatte, noch eine Dame in
-einer leichten Mietdroschke angefahren, in einem von jenen altmodischen
-Vehikeln, auf denen Herren rittlings, Damen nur seitlich sitzen konnten,
-weshalb sie sich an dem Gürtel des Kutschers festhalten mußten, da sie
-bei jedem Stoß des Wagens wie ein Wiesengräschen im Winde schaukelten.
-Diese Droschken gibt es auch heute noch in unserer Stadt. Der Kutscher
-hielt an der Kirchenecke, da er wegen der vielen Equipagen und sogar
-Gendarmen vor dem Portal nicht weiterzufahren wagte. Die Dame sprang ab
-und gab dem Kutscher vier Kopeken.
-
-»Was, ist es zu wenig, Wanjä?«[31] fragte sie erschrocken, als sie sah,
-daß der Kutscher ein Gesicht schnitt. »Das ist aber alles, was ich
-habe,« fügte sie traurig hinzu.
-
-»Nun, schon gut ... hab nicht an Verdienst gedacht ...« Der Wanjka
-winkte mit der Hand und sah sie an, als dächte er: »Wäre ja auch Sünde,
-dich zu kränken ...«
-
-Er steckte seinen Lederbeutel unter die Bluse und fuhr, begleitet vom
-Spott der anderen wartenden Kutscher, wieder davon. Spötteleien und
-Verwunderung begleiteten auch die Dame, so lange sie sich durch die
-Volksmenge und die wartenden Diener bis zur Kirchentür drängte. Aber es
-war auch wirklich etwas Ungewöhnliches und Überraschendes in dem
-Erscheinen einer solchen Person so plötzlich irgendwoher und am
-Sonntagmorgen mitten unter dem Volk.
-
-Sie war krankhaft mager und hinkte; ihr Gesicht war stark gepudert und
-geschminkt und der lange Hals war unbedeckt. Sie hatte weder ein Tuch
-noch einen Umwurf, war nur in einem alten dunklen Kattunkleide, trotz
-des kühlen, windigen, wenn auch sonnigen Septembertages. Ihr Kopf war
-gleichfalls unbedeckt und in den kleinen Haarknoten im Nacken hatte sie
-an der rechten Seite eine Rose aus Seidenpapier gesteckt, eine von
-solchen, mit denen die Ostercherubim geschmückt werden. So einen
-Ostercherub in einem Kranz aus Papierrosen hatte ich gerade am Abend
-vorher unter den Heiligenbildern bemerkt, als ich bei Marja Timofejewna
-saß. Hinzu kam, daß die Dame, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen,
-doch mit einem beinahe mehr als heiteren, fast verschmitzten Lächeln
-durch das Volk ging. Vielleicht hätte man sie, wenn sie noch einen
-Augenblick länger in der Menge geblieben wäre, überhaupt nicht in die
-Kirche eintreten lassen. So aber gelang es ihr noch, durch das Portal zu
-schlüpfen, und unauffällig schob sie sich dann weiter nach vorn.
-
-Obgleich die Predigt noch nicht zu Ende war und die ganze Kirche
-andächtig zuhörte, wandten sich manche Augen doch interessiert und
-verwundert heimlich der Neueingetretenen zu. Diese kniete zunächst
-nieder, beugte ihr gepudertes Gesicht auf den Fußboden, und berührte ihn
-mit der Stirn; so kniete sie lange, und wie es schien, weinte sie;
-nachdem sie sich aber wieder aufgerichtet und von den Knien erhoben
-hatte, begann sie alsbald fast heiter und mit sichtlichem Vergnügen die
-Menschen und die Kirchenwände zu betrachten. Einzelne Damen schienen sie
-besonders zu interessieren, und sie stellte sich sogar auf die
-Fußspitzen, um besser sehen zu können, und zweimal kicherte sie dabei
-ganz eigentümlich. Doch schließlich erreichte auch die Predigt ihr Ende
-und man trug das Kreuz vor den Altar. Die Gouverneurin trat sofort vor,
-doch schon nach ein paar Schritten blieb sie stehen, um Warwara Petrowna
-den Vortritt zu geben, die gleichfalls gerade auf das Kreuz zuschritt
-und dabei tat, als sei ihr niemand im Wege. Die ungewöhnliche
-Bescheidenheit der Gouverneurin sollte natürlich ein feiner Stich für
-Warwara Petrowna sein -- so faßten es wenigstens die Damen der
-Gesellschaft auf. Auch Warwara Petrowna hatte den Stich wohl verstanden,
-übersah ihn jedoch und küßte mit unerschütterlicher Vornehmheit das
-Kreuz, worauf sie dann sofort dem Ausgange der Kirche zuschritt. Ihr
-Diener in Livree bemühte sich ganz unnützerweise, einen Weg durch die
-Anwesenden zu bahnen, da alle schon von selbst höflich vor ihr zur Seite
-traten. Da geschah es aber, daß in der Vorhalle, wo das Volk dicht
-gedrängt stand, Warwara Petrowna dennoch einen Augenblick stehen bleiben
-und warten mußte. Und hier nun drängte sich plötzlich das sonderbare
-Geschöpf, mit der Papierrose im Haar, durch das Volk zu ihr hin -- und
-fiel vor ihr auf die Kniee. Warwara Petrowna, die man nicht leicht
-erschrecken konnte, besonders nicht in der Öffentlichkeit, sah ruhig,
-streng und erhaben auf die Kniende herab.
-
-Ich muß hier bemerken, daß Warwara Petrowna, wenn sie auch sparsamer,
-ja, wie manche behaupteten, sogar ein bißchen geizig geworden war, zu
-wohltätigen Zwecken doch immer noch viel Geld ausgab. Noch vor einem
-Jahr, als in einzelnen Gegenden unseres Gouvernements Hungersnot
-herrschte, hatte sie an das Hilfskomitee fünfhundert Rubel gesandt. Und
-schließlich hatte sie noch in der letzten Zeit, kurz vor der Ernennung
-des neuen Gouverneurs, bereits ein Damenkomitee zustandegebracht, das
-den ärmsten Wöchnerinnen in der Stadt und im Gouvernement
-Unterstützungen zukommen lassen sollte. Man warf ihr bei uns Ehrgeiz
-vor, doch ihr fester, durchsetziger Wille hatte die Hindernisse fast
-schon beseitigt, das Komitee war bereits so gut wie gegründet, und
-Warwara Petrowna dachte schon mit Begeisterung daran, ein ähnliches
-Komitee auch in Moskau zu gründen, und wie dieser Gedanke schließlich in
-jedem Gouvernement fruchtbar gemacht werden könnte. Da kam aber der
-Wechsel des Gouverneurs, und alles geriet ins Stocken; die neue
-Gouverneurin aber hatte, wie es hieß, schon Zeit gehabt, in der
-Gesellschaft einige spitze und schließlich nicht ganz unsachliche
-Bemerkungen über die Unzweckmäßigkeit des Grundgedankens solcher
-Komitees zu äußern. Diese Bemerkungen aber waren -- selbstredend mit
-Ausschmückungen -- Warwara Petrowna sofort hinterbracht worden. Zwar
-kann nur Gott allein wissen, was in der Tiefe eines Menschenherzens
-vorgeht, aber in diesem Fall glaube ich doch, annehmen zu dürfen, daß
-Warwara Petrowna in diesem Augenblick nicht ungern vor der Knienden
-stehen blieb, zumal sie ja wußte, daß sogleich die Gouverneurin und dann
-die ganze höhere Gesellschaft an ihr vorübergehen mußte. -- »So mag sie
-jetzt doch sehen, wie gleichgültig mir das ist, was sie da über meinen
-Ehrgeiz in meinen Wohltätigkeitsplänen spöttelt. Was geht sie mich an!«
-
-»Was haben Sie, meine Liebe, um was bitten Sie?« fragte Warwara Petrowna
-und musterte aufmerksam die vor ihr kniende Bittstellerin.
-
-Diese sah mit entsetzlich zaghaftem, verschämtem und fast andächtigem
-Blick zu ihr auf, und plötzlich lachte sie wieder mit jenem
-absonderlichen Kichern.
-
-»Was hat sie? Wer ist sie?« Warwara Petrowna sah mit befehlendem und
-fragendem Blick die Umstehenden an.
-
-Alles schwieg.
-
-»Sie sind wohl unglücklich? Sie brauchen eine Unterstützung?«
-
-»Ich kam ... ich wollte ...« stammelte die Kniende mit einer Stimme, die
-vor Aufregung versagte. »Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Hand zu
-küssen« ... und wieder kicherte sie. Und mit einem schmeichelnden
-Ausdruck im Gesicht, wie kleine Kinder ihn haben, wenn sie etwas
-erbitten möchten, wollte sie schon Warwara Petrownas Hand ergreifen,
-doch plötzlich, als hätte irgend etwas sie erschreckt, zog sie ihre
-Hände bang zurück.
-
-»Nur deshalb sind Sie gekommen?« Warwara Petrowna lächelte mitleidig,
-zog schnell ihr Perlmutterportemonnaie hervor, entnahm ihm einen
-Zehnrubelschein und gab ihn der Unbekannten.
-
-Diese nahm ihn an. Warwara Petrowna war sichtlich sehr interessiert und
-hielt die Unbekannte offenbar nicht für eine gewöhnliche Bittstellerin.
-
-»Sieh, volle zehn Rubel hat sie gegeben!« flüsterte jemand in der
-Volksmenge.
-
-»Ihre Hand, bitte,« stammelte wieder die Kniende, die mit den Fingern
-der linken Hand den Schein nur an einem Eckchen krampfhaft festhielt,
-während der Windzug ihn bewegte.
-
-Warwara Petrowna runzelte aus einem unbekannten Grunde ein wenig die
-Stirn, reichte jedoch mit ernster, strenger Miene ihre Hand hin: die
-Unglückliche küßte sie andächtig. Ihr dankbarer Blick leuchtete jetzt
-geradezu wie in Seligkeit auf.
-
-Und gerade in diesem Augenblick kam die Gouverneurin, strömte die ganze
-Schar unserer Damen und höheren Würdenträger dem Ausgang zu. Die
-Gouverneurin mußte vor dem Gedränge am Portal stehen bleiben und ein
-wenig warten, und die anderen folgten ihrem Beispiel.
-
-»Sie zittern ja, Sie haben wohl kalt?« fragte plötzlich Warwara
-Petrowna, warf sofort ihren Mantel ab, den der Diener auffing, und zog
-von ihren Schultern einen schwarzen (keineswegs billigen) Schal, den sie
-eigenhändig um den entblößten Hals der immer noch vor ihr Knienden
-schlang.
-
-»Aber so stehen Sie doch auf, stehen Sie auf, ich bitte Sie!«
-
-Diese erhob sich.
-
-»Wo wohnen Sie? Weiß denn hier wirklich niemand, wo sie wohnt?« wandte
-sich Warwara Petrowna wieder ungeduldig an die Umstehenden.
-
-»Ich glaube, das ist die Lebädkin,« meinte schließlich jemand -- es war
-das unser ehrenwerter Kaufmann Andrejeff: ein Mann mit langem Bart,
-einer in Silber gefaßten Brille und in russischer Tracht. Seinen runden
-Filzhut hielt er jetzt in der Hand. »Die wohnen bei Filippoff in der
-Bogojawlenskstraße,« fügte er hinzu.
-
-»Lebädkin? Bei Filippoff? Ich habe den Namen gehört ... Ich danke Ihnen,
-Nikon Semjonytsch, aber wer ist dieser Lebädkin?«
-
-»Nennt sich >Hauptmann< ... ein Mensch, der sozusagen ... keinen Halt
-hat. Die hier ist wohl seine Schwester. Sie muß aber, denke ich, seiner
-Aufsicht entlaufen sein,« bemerkte er leiser und blickte dabei Warwara
-Petrowna bedeutsam an.
-
-»Ich verstehe schon, danke, Nikon Semjonytsch. Meine Liebe, Sie sind
-Fräulein Lebädkin?«
-
-»Nein, ich heiße nicht Lebädkin.«
-
-»Aber vielleicht heißt Ihr Bruder Lebädkin?«
-
-»Mein Bruder heißt Lebädkin.«
-
-»Also, hören Sie, meine Liebe, ich werde Sie jetzt zu mir bringen und
-von mir aus wird man Sie dann zu Ihnen nach Hause fahren. Wollen Sie mit
-mir kommen?«
-
-»Ach ja, ach ja, ich will, ich will!« und Fräulein Lebädkin klatschte in
-die Hände vor Vergnügen.
-
-»Tante, Tante! Nehmen Sie auch mich mit!« ertönte plötzlich Lisaweta
-Nicolajewnas Stimme.
-
-Lisa war an diesem Sonntage mit der Gouverneurin, ihrer Verwandten, zum
-Gottesdienst erschienen, während Praskowja Iwanowna auf den Rat des
-Arztes hin eine Spazierfahrt unternommen und Mawrikij Nicolajewitsch
-gebeten hatte, sie zu begleiten. Lisa, die mit der Gouverneurin die
-Kirche verlassen wollte, ließ nun plötzlich ihre Verwandte einfach
-stehen und drängte sich ungestüm zu Warwara Petrowna.
-
-»Liebling, du weißt doch, daß ich dich immer gern bei mir sehe, aber was
-wird deine Mutter dazu sagen?« begann Warwara Petrowna würdevoll, doch
-plötzlich gewahrte sie Lisas ungewöhnliche Aufregung und wurde unsicher.
-
-»Tante, Tante, ich muß jetzt unbedingt mit Ihnen fahren!« flehte Lisa
-und küßte Warwara Petrowna ungestüm.
-
-»_Mais qu'avez-vous donc, Lise?_«{[87]} fragte die Gouverneurin mit
-ausdrucksvoller Verwunderung.
-
-»Ach, verzeihen Sie, Liebste, _chère cousine_!{[88]} Ich fahre zu
-Tante!« Lisa hatte sich schon im Fluge zu ihrer unangenehm berührten
-_chère cousine_ herumgewandt und küßte sie schnell zweimal. »Bitte,
-sagen Sie _maman_, daß sie gleich zu Tante kommen soll, um mich
-abzuholen. _Maman_ wollte heute unbedingt zu Tante fahren, sie hat es
-gestern selbst gesagt, ich vergaß nur, Ihnen das vorhin schon zu sagen!«
-beteuerte Lisa, zitternd vor Aufregung. »Verzeihen Sie mir, _Julie_,
-seien Sie mir nicht böse ... _chère cousine_! ... Tante, ich bin
-bereit!«
-
-»Tante,« flüsterte sie dieser zu, »wenn Sie mich jetzt nicht mitnehmen,
-laufe ich zu Fuß Ihrer Equipage nach!«
-
-Zum Glück hörte das niemand. Warwara Petrowna trat vor Schreck sogar
-einen Schritt zurück und sah entsetzt das anscheinend wahnsinnige
-Mädchen an. Dieser Blick entschied: sie beschloß, Lisa auf jeden Fall
-mitzunehmen.
-
-»Dem muß ein Ende gemacht werden!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Ich
-nehme dich mit Vergnügen mit, Lisa,« fügte sie laut hinzu, »aber
-natürlich nur, wenn Julija Michailowna damit einverstanden ist,« wandte
-sich Warwara Petrowna mit offenem Blick und freundlicher Würde
-unmittelbar an die Gouverneurin.
-
-»Oh, gewiß! Ich werde sie doch nicht um dieses Vergnügen bringen
-wollen,« zwitscherte mit erstaunlicher Liebenswürdigkeit die
-Gouverneurin Julija Michailowna, »zumal ich ja schon weiß, was für ein
-phantastisches, eigenwilliges Köpfchen auf diesem Hälschen sitzt!« --
-und sie lächelte geradezu bezaubernd.
-
-»Ich danke Ihnen aufrichtig,« dankte Warwara Petrowna mit sehr höflichem
-Gruß, aber wie immer noch voll Würde.
-
-»Und es ist mir um so angenehmer, diesen Wunsch Lisas zu erfüllen,« fuhr
-Julija Michailowna in ihrer plappernden Redeweise fort und errötete
-sogar vor angenehmer Erregung, »als Lisa jetzt nicht nur das Vergnügen
-haben wird, zu Ihnen zu fahren, sondern mit diesem Vergnügen noch einer
-so schönen Regung nachgeben kann, wie es das Mitgefühl mit dieser ...«
-(sie blickte bezeichnend auf die »Unglückliche«) »... wie es die
-Barmherzigkeit ist ... und ... und das noch gewissermaßen an der
-Schwelle der Kirche ...«
-
-»Eine solche Auffassung macht Ihnen unbedingt Ehre,« äußerte Warwara
-Petrowna in bewundernder Weise ihren Beifall.
-
-Und Julija Michailowna streckte sofort mit liebenswürdigem Eifer die
-Hand aus und Warwara Petrowna drückte sie mit aufrichtiger
-Bereitwilligkeit. Der allgemeine Eindruck war vorzüglich. Die Gesichter
-der Anwesenden erstrahlten vor Vergnügen und viele lächelten süß und
-wohlgefällig.
-
-Kurz, die ganze Stadt sah plötzlich ein, daß nicht die Gouverneurin aus
-angeblicher Mißachtung Warwara Petrowna bisher noch nicht ihren Besuch
-gemacht hatte, sondern daß, im Gegenteil, Warwara Petrowna es war, die
-zu Julija Michailowna »Distance wahrte,« während diese, wie man jetzt
-meinte, wohl schon zu Fuß zu Warwara Petrowna geeilt wäre, wenn sie nur
-gewußt hätte, ob sie überhaupt empfangen werden würde. Und so stieg denn
-Warwara Petrownas Ansehen plötzlich wieder aufs höchste.
-
-»Steigen Sie ein, meine Liebe,« sagte Warwara Petrowna zu der Lebädkin
-und wies auf die vorgefahrene Equipage.
-
-Und die Unglückliche eilte fröhlich zum Wagenschlag, wo der Diener schon
-bereitstand und sie hineinhob.
-
-»Wie! Sie hinken!« rief plötzlich Warwara Petrowna entsetzt und
-erbleichte. (Alle haben es damals bemerkt, jedoch nicht verstanden,
-warum.) ...
-
-Die Equipage rollte davon. Warwara Petrownas Stadthaus lag ganz in der
-Nähe der Kirche. Lisa erzählte mir später, die Lebädkin habe während der
-ganzen drei Minuten der Fahrt hysterisch gelacht, Warwara Petrowna aber
-habe dagesessen »wie in einem hypnotischen Schlaf« -- das waren Lisas
-Worte.
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
- Die »allwissende Schlange«
-
-
- I.
-
-Warwara Petrowna klingelte sofort nach einem Diener und warf sich dann
-in der Nähe des Fensters erschöpft in einen Sessel.
-
-»Setzen Sie sich dorthin, meine Liebe,« wies sie Marja Timofejewna an
-dem großen runden Tisch, der in der Mitte des Salons stand, einen Platz
-an. Darauf wandte sie sich zu uns: »Stepan Trophimowitsch, wer ist das?
-Sehen Sie sie an, wer ... was ist sie?«
-
-»Ich ... ich ...« stammelte Stepan Trophimowitsch.
-
-In diesem Augenblick trat der Diener ein.
-
-»So schnell wie möglich ein Tasse Kaffee! Und die Equipage soll warten!«
-
-»_Mais chère et excellente amie ... dans quelle inquiétude!_{[89]} ...«
-rief Stepan Trophimowitsch unsicher aus.
-
-»Ach, französisch, französisch!« Marja Timofejewna klatschte in die
-Hände vor Vergnügen. »Gleich merkt man, daß man in vornehmer
-Gesellschaft ist!« Und sie schickte sich mit Entzücken an, dem
-französischen Gespräche zuzuhören.
-
-Warwara Petrownas Augen ruhten auf ihr mit Befremden, ja, mit Entsetzen.
-
-Wir schwiegen alle und warteten ungewiß auf irgendeine Lösung oder
-Erklärung. Schatoff erhob kein einziges Mal seinen gesenkten Kopf und
-Stepan Trophimowitsch schaute so erschrocken drein, als trüge er die
-Schuld an allem. Ich selbst blickte auf Lisa, die fast neben Schatoff
-saß. Lisa wiederum sah gespannt bald auf Warwara Petrowna, bald auf die
-Lahme: um ihre Lippen zuckte ein Lächeln, kein gutes Lächeln, -- und
-Warwara Petrowna bemerkte es wohl. Währenddessen ließ Marja Timofejewna
-es sich gut gefallen: sie betrachtete entzückt und ohne jede
-Befangenheit die Möbel, die Teppiche, die Bilder an den Wänden, die alte
-gemalte Decke, die große Bronzestatue in der Ecke, die Porzellanlampe,
-die Albums und die Nippsachen auf dem Tisch.
-
-»Ach, auch du bist hier, Schatuschka!« rief sie plötzlich, lustig
-lachend, aus. »Denk nur, ich seh' dich schon lange und sag' mir: das
-kann er doch nicht sein! Wie soll der wohl hierher kommen?«
-
-»Sie kennen diese Dame?« fragte Warwara Petrowna sofort, sich zu
-Schatoff wendend.
-
-»Ja,« sagte Schatoff leise und brummig wie immer -- rückte dabei auf
-seinem Stuhle einmal hin und her, blieb aber sitzen.
-
-»Was wissen Sie denn von ihr? Etwas schneller, wenn ich bitten darf!«
-
-»Ja, was denn ...« er stockte und lächelte unnötigerweise. »Sie sehen
-doch selbst ...«
-
-»Was sehe ich? Aber so reden Sie doch!«
-
-»Sie wohnt in demselben Hause, in dem ich wohne ... mit ihrem Bruder ...
-einem Offizier.«
-
-»Nun, und?«
-
-Schatoff stockte wieder. »Wozu davon sprechen,« knurrte er schließlich
-und verstummte endgültig -- und wurde sogar rot.
-
-»Natürlich, von Ihnen kann man ja auch nicht mehr erwarten!« Warwara
-Petrowna wandte sich unwillig von ihm ab. Sie begriff, daß hier alle
-etwas Bestimmtes wußten und nur deshalb nicht auf ihre Fragen
-antworteten, weil sie es ihr verheimlichen wollten.
-
-Der Diener trat wieder ein, mit der bestellten Tasse Kaffee auf
-silbernem Teebrett, und präsentierte sie auf Warwara Petrownas Wink
-Marja Timofejewna.
-
-»Meine Liebe, Sie werden kalt gehabt haben! Trinken Sie etwas Heißes,
-das wird Sie erwärmen.«
-
-»_Merci._« Marja Timofejewna nahm die Tasse -- platzte aber plötzlich
-laut darüber aus, daß sie dem Diener »_merci_« gesagt hatte. Da sie
-jedoch gleichzeitig einen wütenden Blick Warwara Petrownas auffing,
-erschrak sie und stellte schnell die Tasse auf den Tisch.
-
-»Tante,« fragte sie darauf mit einem leichtsinnigen Ausdruck von
-Koketterie, »Tante, sind Sie mir vielleicht böse?«
-
-»Wa--as?« Warwara Petrowna richtete sich kerzengrade in ihrem Sessel
-auf. »Was für eine Tante --? Wie meinten Sie das?«
-
-Marja Timofejewna hatte offenbar einen solchen Zorn nicht erwartet: ein
-Zittern erschütterte sie förmlich und sie drückte sich angstvoll an die
-Stuhllehne. »Ich ... ich dachte ..., daß man so -- muß,« flüsterte sie,
-den Blick starr auf Warwara Petrowna gerichtet. »Lisa hat Sie auch so
-genannt.«
-
-»Was für eine Lisa?«
-
-»Da, dort, dieses Fräulein!« sagte Marja Timofejewna und wies mit dem
-Zeigefinger auf Lisaweta Nicolajewna.
-
-»So ist die für Sie schon zur Lisa geworden?«
-
-»Sie haben sie doch vorhin selbst so genannt.« Marja Timofejewna faßte
-Mut. »Und im Traume habe ich genau solch eine Schönheit gesehen,« und
-sie lachte gleichsam unwillkürlich.
-
-Warwara Petrowna dachte einen Augenblick nach und wurde ersichtlich
-ruhiger: ja, sie lächelte sogar über Marja Timofejewnas letzte
-Bemerkung. Als diese aber das Lächeln bemerkte, stand sie auf und trat
-mit schüchternem Ausdruck hinkend auf sie zu.
-
-»Bitte, nehmen Sie, ich vergaß ganz, das Tuch Ihnen zurückzugeben, seien
-Sie mir nicht böse --« und sie nahm den Schal, den ihr Warwara Petrowna
-in der Kirche umgelegt hatte, von den Schultern.
-
-»Nehmen Sie ihn sofort wieder um und behalten Sie ihn ganz. Setzen Sie
-sich! Trinken Sie Ihren Kaffee, und fürchten Sie sich bitte nicht vor
-mir, meine Liebe! Ich fange schon an, Sie zu verstehen.«
-
-»_Chère amie_ ...« erlaubte sich Stepan Trophimowitsch wieder anzufangen
-...
-
-»Ach, Stepan Trophimowitsch, hier verliert man auch ohne Sie schon den
-Verstand! Verschonen Sie mich wenigstens ... Ziehen Sie bitte an der
-Klingel fürs Mädchenzimmer, dort!«
-
-Neues Schweigen entstand. Warwara Petrownas Blick glitt mißtrauisch über
-die Gesichter der Anwesenden. Da erschien Agascha, ihre bevorzugte
-Kammerzofe.
-
-»Mein kariertes Tuch. Das ausländische. Was macht Darja Pawlowna?«
-
-»Sie fühlen sich nicht ganz wohl.«
-
-»Geh', und sag' ihr, ich lasse sie herbitten. Sage ihr, ich ließe sie
-sehr darum bitten. Auch wenn sie krank ist.«
-
-In diesem Augenblick ertönte aus dem Vorzimmer Geräusch von Schritten
-und Stimmen und plötzlich erschien in der Tür rot und atemlos Praskowja
-Iwanowna, von Mawrikij Nicolajewitsch fürsorglich gestützt.
-
-»Ach Gott, endlich da! Lisa, du Wahnsinnige! Was tust du deiner Mutter
-an!« rief sie mit ihrer kreischenden Stimme, in die sie nach Art aller
-reizbaren Menschen ihren ganzen Ärger legte, schon von der Tür aus ins
-Zimmer.
-
-»Warwara Petrowna, meine Liebe, ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen,
-um meine Tochter abzuholen!«
-
-Warwara Petrowna sah sie unmutig an, erhob sich aber, um sie zu
-begrüßen, und sagte mit kaum verhehltem Verdruß: »Guten Tag, Praskowja
-Iwanowna. Setze dich, bitte. Ich wußte ja, daß du kommen würdest.«
-
-
- II.
-
-Für Praskowja Iwanowna konnte in einem solchen Empfang nichts
-Unerwartetes liegen. Warwara Petrowna hatte sie von Kindheit an unter
-dem Anschein der Freundschaft von oben herab, ja, in der Pensionszeit
-sogar mit Verachtung behandelt. In den letzten Tagen hatte sich ihr
-Verhältnis jedoch noch in einer ganz neuen und bedenklichen Weise
-zugespitzt. Die Gründe des drohenden Bruches waren Warwara Petrowna noch
-völlig unklar und daher um so beleidigender für sie. Vor allem mußte es
-sie kränken, daß Praskowja Iwanowna ihr gegenüber mit einem Male einen
-so unglaublich hochmütigen Ton anschlug. Hinzu kamen die sonderbaren
-Gerüchte, die ihr zu Ohren gedrungen waren, und die sie nun, eben
-infolge ihrer Unklarheit und Unbestimmtheit, so aufregten. Warwara
-Petrownas ganzes Wesen war gerade, offen und stolz, nichts haßte sie
-daher mehr, als versteckte Anschuldigungen. Jeglichem Ränkespiel hätte
-sie stets einen ehrlichen Krieg vorgezogen. Doch wie dem auch war,
-jedenfalls hatten sich die beiden Damen jetzt schon seit fünf Tagen
-nicht mehr gesehen. Warwara Petrowna war die letzte gewesen, die der
-anderen einen Besuch gemacht hatte -- einen Besuch, von dem sie gekränkt
-und geärgert zurückgekehrt war. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn
-ich sage, daß Praskowja Iwanowna mit der naiven Überzeugung eintrat,
-Warwara Petrowna müsse und werde aus irgendeinem Grunde vor ihr Angst
-bekommen. Andererseits richtete sich in Warwara Petrowna sofort ihr
-ganzer Stolz auf, als sie an dem Gesichte Praskowja Iwanownas wahrnahm,
-daß diese sie als irgendwie unterlegen behandeln wollte. Praskowja
-Iwanowna wiederum war, wie so viele unbedeutende Menschen, die sich
-sonst im allgemeinen ruhig tyrannisieren lassen, eines jähen und frechen
-Angriffes fähig, mit dem sie dann plump bei irgendeiner Gelegenheit
-herausplatzte. Zudem war sie noch krank und daher doppelt reizbar.
-
-Daß noch andere zugegen waren, konnte in diesem Falle den Ausbruch eines
-Streites zwischen den beiden Jugendfreundinnen nicht verhindern: denn
-Stepan Trophimowitsch, Schatoff und ich galten einfach als Hausfreunde,
-auf deren Gegenwart man weiter nicht Rücksicht zu nehmen brauchte.
-Stepan Trophimowitsch hatte übrigens seit dem Eintritt seiner _chère
-amie_ noch immer gestanden: jetzt, als auch noch Praskowja Iwanowna auf
-der Türschwelle kreischend erschien, sank er ganz erschöpft in einen
-Sessel und warf mir nur noch einen verzweifelten Blick zu. Schatoff
-dagegen drehte sich brüsk und brummend auf seinem Stuhle um: und es
-schien beinahe, als wolle er aufstehen und fortgehen. Lisa hatte sich
-zuerst halb erhoben, aber sich gleich wieder gesetzt; sie schenkte der
-Gegenwart ihrer Mutter überhaupt keine Beachtung, doch tat sie das nicht
-aus »Widerspenstigkeit« oder »Trotz«, sondern weil sie augenscheinlich
-ganz unter der Macht ihrer eigenen Gedanken stand -- sie starrte
-zerstreut in die Luft und hatte sogar für Marja Timofejewna nicht mehr
-die frühere Aufmerksamkeit übrig.
-
-
- III.
-
-»Ach, hierher!« Praskowja Iwanowna zeigte auf den Lehnstuhl am Tisch,
-und ließ sich mit Mawrikij Nicolajewitschs Hilfe schwer auf ihn nieder.
-»Würde mich sonst nicht bei Ihnen hinsetzen, meine Liebe, wenn es nicht
-die Füße wären --«
-
-Warwara Petrowna erhob ein wenig den Kopf, und legte die Hand an die
-rechte Schläfe, in der sie augenscheinlich einen stechenden Schmerz
-empfand -- »_le tic douloureux_«,{[90]} wie ihn Stepan Trophimowitsch
-nannte.
-
-»Warum denn nicht, Praskowja Iwanowna? Warum solltest du dich bei mir
-nicht setzen? Dein Mann war mir sein Lebelang freundschaftlich zugetan.
-Und mit dir habe ich noch als Kind in der Pension Puppen gespielt.«
-
-Praskowja Iwanowna winkte nur mit der Hand ab: »Ich konnte es mir ja
-schon denken, daß Sie wieder von der Pension anfangen würden! Das tun
-Sie ja stets, wenn Sie Vorwürfe machen wollen.«
-
-»Es scheint, daß du schon in schlechter Laune hergekommen bist. Wie geht
-es mit deinen Füßen? Da wird dir Kaffee gebracht! Nimm bitte ein
-Täßchen, trink und ärgere dich nicht.«
-
-»Meine Liebe, Sie gehen ja mit mir um, als ob ich ein kleines Mädchen
-wäre! Ich will keinen Kaffee, danke!« und sie winkte eigensinnig dem
-Diener ab, der mit dem Tablett zu ihr getreten war. Für Kaffee dankten
-übrigens auch die anderen, außer Mawrikij Nicolajewitsch und mir. Stepan
-Trophimowitsch nahm zwar ein Täßchen, stellte es aber gleich wieder auf
-den Tisch. Marja Timofejewna hätte ersichtlich allzu gern auch eines,
-ihr zweites, genommen. Sie streckte schon die Hand aus, bedachte sich
-aber noch im letzten Augenblick und dankte -- worauf sie sich, offenbar
-sehr zufrieden mit sich selbst, wieder zurücklehnte.
-
-Warwara Petrowna lächelte verzogen.
-
-»Weißt du, meine Liebe, du hast dir wohl wieder einmal etwas
-eingebildet. Wäre nichts Neues! Du hast ja von jeher nur von
-Einbildungen gelebt. Wenn ich von der Pension anfange, so ärgerst du
-dich. Aber weißt du noch, wie du ankamst? Wie du der ganzen Klasse
-erzähltest, der Husarenleutnant Schablykin hätte um dich angehalten, und
-wie Madame Lefebure dich sofort der Lüge zieh? Dabei hattest du ja gar
-nicht gelogen. Du hattest dir die ganze Geschichte eben einfach
-eingebildet. Und so war's immer und so wird's wohl auch jetzt wieder
-sein. Also erzähle nur, womit du diesmal hergekommen bist, was du dir
-jetzt wieder einbildest?«
-
-»Dabei hat sie sich in der Pension in den Popen verliebt -- hahaha!«
-rief Praskowja Iwanowna mit gehässigem Lachen, das bald in Husten
-überging.
-
-»Ah! das hast du also nicht vergessen?« Warwara Petrowna sah sie
-durchdringend an und ihr Gesicht wurde farblos vor Ärger.
-
-Praskowja Iwanowna wurde plötzlich ernst. Dann aber fuhr es aus ihr
-heraus: »Warum ... warum haben Sie meine Tochter in Gegenwart der ganzen
-Stadt in Ihren Skandal verwickelt?«
-
-»In meinen Skandal?« Warwara Petrowna richtete sich drohend auf.
-
-»Mama, ich möchte Sie doch sehr bitten, sich etwas zu mäßigen,« sagte
-Lisaweta Nicolajewna plötzlich zu ihr.
-
-»Wie! Was ... was sagtest du da?« Aber gleich darauf schwieg sie vor dem
-aufblitzenden Blick ihrer Tochter.
-
-»Was reden Sie von einem Skandal, Mama? Ich bin freiwillig
-hierhergekommen, mit Julija Michailownas Erlaubnis, weil ich die
-Geschichte dieser Unglücklichen da erfahren wollte, um ihr helfen zu
-können.«
-
-»Geschichte dieser Unglücklichen?« wiederholte Praskowja Iwanowna
-langsam, mit bösem Lachen. »Was mischst du dich in solche Geschichten?
-Ach, meine Liebe, wir haben jetzt genug von Ihrer Herrschsucht!« fuhr
-sie darauf wieder Warwara Petrowna an. »Bisher haben _Sie_ die ganze
-Stadt kritisiert, jetzt aber kommt die Reihe auch einmal an uns!«
-
-Warwara Petrowna saß in einer Haltung da, als wolle sie sich sofort auf
-Praskowja Iwanowna stürzen; dabei war aber ihr Blick kalt und
-unbeweglich auf die Gegnerin geheftet.
-
-»Sei froh, meine Liebe,« sagte sie mit eisiger Ruhe, »daß wir hier unter
-uns sind. Du hast viel Überflüssiges gesagt.«
-
-»Ich, meine Liebe, ich fürchte die öffentliche Meinung nicht so sehr,
-wie gewisse andere Leute. Die Furcht haben _Sie_ vielmehr! Und daß wir
-hier >unter uns< sind -- nun, um so besser für Sie, wenn wir hier nicht
-unter Fremden sind!«
-
-»Du bist wohl etwas klüger geworden? In der letzten Woche?«
-
-»O nein, ich bin nicht klüger geworden in der letzten Woche, aber die
-Wahrheit ist ans Licht gekommen in der letzten Woche.«
-
-»Was für eine Wahrheit ist ans Licht gekommen? In der letzten Woche? Was
-soll das heißen? Was willst du damit sagen?«
-
-»Da, da ... da sitzt sie ja, die ganze Wahrheit!« Und Praskowja Iwanowna
-wies plötzlich auf Marja Timofejewna mit jener verzweifelten
-Entschlossenheit, die nicht mehr an die Folgen denkt, sondern nur im
-Augenblick treffen will.
-
-Marja Timofejewna, die inzwischen mit einer fröhlichen Neugierde die
-alte Dame betrachtet hatte, lachte lustig auf, als sie jetzt deren
-Finger auf sich gerichtet sah, und bewegte sich vergnügt auf ihrem
-Sessel.
-
-»Herr Jesus Christus, sind denn heute alle von Sinnen!« murmelte Warwara
-Petrowna und lehnte sich zurück.
-
-Und plötzlich wurde sie so blaß, daß wir alle erschrocken auf sie
-zutraten. Stepan Trophimowitsch war als erster bei ihr. Ich folgte ihm.
-Auch Lisa stand auf. Am erschrockensten war aber Praskowja Iwanowna
-selbst: sie stieß einen kurzen Schrei aus, erhob sich, so weit sie es
-konnte, und rief bittend mit weinerlicher Stimme:
-
-»Meine Liebe, verzeihen Sie, das war ja nur so gesagt! -- Aber so geben
-Sie ihr doch wenigstens Wasser!«
-
-»Bitte, rege dich nicht auf. Und Sie, meine Herren, bitte, setzen Sie
-sich wieder.« Warwara Petrowna suchte sich zu fassen.
-
-»Meine Liebe,« begann Praskowja Iwanowna von neuem, nachdem sie sich ein
-bißchen beruhigt hatte, »es war ja töricht, es war ja häßlich von mir
-... Aber man hat mich mit all diesen anonymen Briefen, die mir weiß der
-Himmel was für Leute zuschicken, dermaßen gereizt ... wenn sie sie doch
-wenigstens _Ihnen_ zuschicken würden, da sie doch von _Ihnen_ handeln
-... aber ich, meine Liebe, ich habe eine Tochter!«
-
-Warwara Petrowna, die inzwischen wieder vollständig Herrin ihrer selbst
-geworden war, hatte ihr erstaunt zugehört und sah sie noch stumm mit
-großen Augen an, als sich eine Seitentür öffnete und Darja Pawlowna
-eintrat. Sie blieb stehen und sah sich um -- wahrscheinlich ohne
-zunächst Marja Timofejewna zu erblicken, von deren Anwesenheit man ihr
-nichts gesagt hatte. Unsere Aufregung schien sie zu erschrecken. Stepan
-Trophimowitsch hatte sie zuerst bemerkt, er machte eine schnelle
-Bewegung, errötete und sagte plötzlich laut: »Darja Pawlowna!« -- so daß
-aller Augen sich der Eintretenden zuwandten.
-
-»Das also ist eure Darja Pawlowna!« rief Marja Timofejewna. »Ach,
-Schatuschka, deine Schwester gleicht dir aber gar nicht! Wie kann nur
-meiner solch ein schönes Wesen die Leibeigene Daschka nennen!«
-
-Darja Pawlowna war schon an Marja Timofejewna vorübergegangen und auf
-Warwara Petrowna zugeschritten, als der Ausruf sie traf. Sie kehrte sich
-jäh um und blieb wie versteinert stehen, mit langem, entsetztem Blick
-auf die Lahme starrend.
-
-»Setze dich, Dascha,« sagte Warwara Petrowna mit unheimlicher Ruhe.
-»Auch sitzend wirst du sie sehen können. Kennst du sie?«
-
-»Ich habe sie nie gesehen,« antwortete Dascha leise, nach kurzem
-Schweigen. Und dann fügte sie schneller hinzu: »Ich glaube, es ist die
-kranke Schwester eines Herrn Lebädkin.«
-
-»Und auch ich sehe Sie zum ersten Male, aber ich wollte Sie schon lange
-kennen lernen, denn in jeder Ihrer Bewegungen sehe ich die gute
-Erziehung!« rief Marja Timofejewna entzückt. »Und was da mein Diener
-schimpft, -- oh, wie wäre es wohl möglich, daß _Sie_ Geld entwendet
-hätten!? Sie, die Sie so wohlerzogen und lieb sind? Denn Sie sind lieb
-und lieb und lieb! Das sage ich Ihnen von mir aus!« schloß sie ganz
-begeistert und mit einer heftigen Handbewegung.
-
-»Verstehst du etwas davon?« fragte Warwara Petrowna Darja Pawlowna mit
-stolzer Würde.
-
-»Ich verstehe ...«
-
-»Das von dem Gelde hast du auch gehört?«
-
-»Damit meint sie gewiß jenes Geld, das ich, auf Nicolai
-Wszewolodowitschs Bitte in der Schweiz einem gewissen Herrn Lebädkin,
-ihrem Bruder jedenfalls, zu übergeben übernahm.«
-
-Ein Schweigen entstand.
-
-»Hat Nicolai Wszewolodowitsch dich selbst darum gebeten?«
-
-»Ja, ihm lag sehr viel daran, dieses Geld zu übersenden -- es waren
-dreihundert Rubel. Da er aber Herrn Lebädkins Adresse nicht kannte und
-nur wußte, daß er hierher ziehen werde, so bat er mich, ich möge ihm das
-Geld bei seiner Ankunft zustellen.«
-
-»Und was für ein Geld ist da ... abhanden gekommen? Sie sagte soeben --«
-
-»Das weiß ich nicht. Ich habe auch schon gehört, daß Herr Lebädkin von
-mir gesagt haben soll, ich hätte ihm nicht das ganze Geld übersandt,
-aber das verstehe ich nicht. Es waren genau dreihundert Rubel und genau
-dreihundert Rubel habe ich eingezahlt.«
-
-Darja Pawlowna hatte sich wieder beruhigt. Es war überhaupt schwer,
-dieses Mädchen irgendwie aus der Fassung zu bringen -- mochte sie
-innerlich noch so stark bewegt sein. Jetzt antwortete sie auf jede Frage
-leise, aber ruhig und bestimmt und ohne die geringste Verwirrung, die
-doch das Bewußtsein von einer, wenn auch noch so kleinen Schuld immer
-hervorruft.
-
-Warwara Petrowna ließ während der ganzen Zeit, in der Darja Pawlowna
-sprach, auch nicht ein einziges Mal den Blick von ihr.
-
-»Wenn Nicolai Wszewolodowitsch sich in dieser Angelegenheit nicht einmal
-an mich, seine Mutter, gewandt hat,« sagte sie ernst und offenbar sich
-an alle Anwesenden wendend, obwohl sie dabei Darja Pawlowna allein ansah
--- »wenn er vielmehr dich um diese Gefälligkeit gebeten hat, so wird er
-auch bestimmt seine Gründe dazu gehabt haben. Ich halte mich also gar
-nicht für berechtigt, weiter nach ihnen zu forschen. Und schon, daß du
-dabei beteiligt bist, das beruhigt mich vollkommen. Das sollst du vor
-allem einmal wissen, Dascha. Aber sieh, meine Liebe, du hast vielleicht
-doch eine Unvorsichtigkeit begangen. Mit reinem Gewissen. Einfach aus
-Lebensunkenntnis. Ich meine: allein schon, daß du mit diesem Menschen in
-Berührung gekommen bist. Und was er jetzt über dich herumerzählt,
-bestätigt es ja. Doch ich bin nicht umsonst deine Beschützerin. Ich
-werde dich schon zu verteidigen wissen. -- Aber jetzt muß man alledem
-ein Ende machen ...«
-
-»Am besten ist,« fiel Marja Timofejewna ihr ins Wort, »Sie schicken ihn,
-wenn er selbst zu Ihnen kommt, einfach in die Dienerstube, dort kann er
-dann Karten spielen und wir können hier sitzen und Kaffee trinken. Ein
-Täßchen kann man ja auch ihm schicken, aber sonst verachte ich ihn
-tief!« und sie nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf.
-
-»Dem muß man ein Ende machen,« wiederholte Warwara Petrowna, nachdem sie
-ihr aufmerksam zugehört hatte. »Stepan Trophimowitsch, bitte klingeln
-Sie.«
-
-Stepan Trophimowitsch klingelte, trat aber plötzlich erregt vor.
-
-»Wenn ... wenn ich ... wenn ich auch die widerlichste Novelle, oder
-besser -- schändlichste Verleumdung gehört habe ... mit dem allergrößten
-Unwillen ... _enfin, c'est un homme perdu et quelque chose comme un
-forçat évadé_.«{[91]}
-
-Er brach ab. Warwara Petrowna maß ihn mit zugekniffenen Augen vom Kopf
-bis zu den Füßen. Doch schon gleich darauf trat ihr würdevoller Diener,
-Alexei Jegorowitsch, ein.
-
-»Die Equipage!« befahl Warwara Petrowna. »Du wirst Fräulein Lebädkina
-nach Hause begleiten.«
-
-»Herr Lebädkin wartet unten bereits seit einiger Zeit auf sie und hat
-sehr gebeten, ihn anzumelden.«
-
-»Das ist unmöglich, Warwara Petrowna,« sagte, plötzlich vortretend,
-Mawrikij Nicolajewitsch, der bis dahin unerschütterlich geschwiegen
-hatte. »Sie erlauben, aber das ist kein Mensch, den man in der
-Gesellschaft empfangen kann. Das ... das ist ... mit einem Wort, das ist
-unmöglich, Warwara Petrowna.«
-
-»Warten, er soll warten!« wandte sich diese an den Diener, der sofort
-verschwand.
-
-»_C'est un homme malhonnête et je crois même que c'est un forçat évadé
-ou quelque chose dans ce genre_,«{[92]} sagte wieder Stepan
-Trophimowitsch erregt.
-
-»Lisa, es ist Zeit, daß wir fahren!« rief jetzt auch Praskowja Iwanowna
-und erhob sich von ihrem Lehnstuhl. Sie schien bereits zu bereuen, daß
-sie vorhin im ersten Schreck alles zurückgenommen hatte. Schon als Darja
-Pawlowna sprach, hatte sie wieder mit hochmütiger Miene zugehört. Doch
-am meisten wunderte ich mich über Lisaweta Nicolajewna, die, als Darja
-Pawlowna eintrat, das junge Mädchen schon mit gar zu offenem Haß und
-unverhohlener Verachtung angesehen hatte.
-
-»Bitte, gedulde dich noch einen Augenblick!« hielt Warwara Petrowna sie
-auf. »Sei so gut und setze dich wieder. Ich habe die Absicht, alles zu
-sagen, und du hast kranke Füße. So, danke. Ich habe dir vorhin, als mir
-die Geduld riß, ein paar unangenehme Worte gesagt. Sei so freundlich und
-verzeih sie mir. Es war überflüssig und töricht von mir. Ich sehe das
-selbst ein. Und da ich immer Gerechtigkeit liebe, so sage ich's.
-Natürlich hast auch du allerlei Überflüssiges gesagt, wie zum Beispiel
-das von den anonymen Briefen. Anonyme Briefe sind schon deshalb
-verächtlich, weil der Schreiber ein Feigling ist. Faßt du es anders auf,
-so beneide ich dich nicht. Jedenfalls würde ich mit so etwas in der
-Tasche nicht zu meiner Freundin gehen und mich damit breit machen.
-Übrigens, da du nun einmal davon angefangen hast, so laß dir sagen, daß
-auch ich einen Brief bekommen habe. Vor sechs Tagen. Gleichfalls ohne
-Unterschrift. Darin teilt mir der Absender mit, daß mein Sohn den
-Verstand verloren habe. Ferner, daß ich mich vor einem hinkenden
-Frauenzimmer hüten soll, >das in Ihrem Leben eine große Rolle spielen
-wird<, hieß es wörtlich. Ich dachte nach, und da ich wußte, daß Nicolai
-Wszewolodowitsch unzählige Feinde hat, schickte ich sofort nach einem
-Menschen, dem rachsüchtigsten und verächtlichsten von allen seinen
-Feinden. Im Gespräch mit ihm erriet ich denn auch sofort, woher der
-Brief stammte. Wenn man auch dich, Praskowja Iwanowna, mit solchen
-Briefen behelligt hat, _meinetwegen_ behelligt hat, so bin ich die
-erste, der es leid tut. Verzeih, daß ich die unschuldige Ursache gewesen
-bin. -- Übrigens habe ich mich entschlossen, diesen verdächtigen
-Menschen da unten sofort _hereinzulassen_. Mawrikij Nicolajewitsch hat
-wohl kein ganz richtiges Wort gebraucht, als er sagte, daß man ihn nicht
-_empfangen_ könne. Besonders Lisa wird hier nichts zu tun haben. Komm
-her, Lisa, mein Liebling. Laß mich dich noch einmal küssen.«
-
-Lisa stand auf und ging stumm zu Warwara Petrowna. Diese küßte sie,
-faßte ihre Hände, beugte sich etwas zurück, um sie besser sehen zu
-können, und blickte sie liebevoll an. Darauf bekreuzte sie sie und küßte
-sie nochmals. »Nun, leb wohl, Lisa,« (in ihrer Stimme zitterten fast
-Tränen). »Glaub mir, daß ich nie aufhören werde, dich zu lieben. Was dir
-das Schicksal auch bringen mag! Gott sei mit dir, mein Kind, ich habe
-immer Seinen Willen gesegnet ...« Wie es schien, wollte sie noch etwas
-hinzufügen, aber sie nahm sich zusammen und schwieg.
-
-Lisa ging wie in tiefen Gedanken zu ihrem Platz zurück, doch plötzlich
-blieb sie vor ihrer Mutter stehen.
-
-»Mama, ich werde jetzt noch nicht nach Hause fahren, ich möchte noch bei
-Tante bleiben,« sagte sie mit leiser Stimme, doch in diesen leisen
-Worten lag trotzdem eine unerschütterliche Entschlossenheit.
-
-»Großer Gott, was hast du nur wieder?« Und ganz erschöpft ließ ihre
-Mutter die schon erhobenen Hände sinken.
-
-Doch Lisa antwortete ihr nicht; sie setzte sich still wieder auf ihren
-Platz in der Ecke, um von neuem ins Leere zu starren.
-
-In Warwara Petrownas Augen leuchtete etwas Sieghaftes und Stolzes auf.
-
-»Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe eine große Bitte an Sie. Würden Sie
-so gütig sein und nach unten gehn, um dort nach jenem Menschen zu sehen,
-und, wenn es irgend geht, ihn hereinzulassen?«
-
-Mawrikij Nicolajewitsch verbeugte sich und verließ das Zimmer. Eine
-Minute später trat er mit Lebädkin wieder ein.
-
-
- IV.
-
-Ich habe schon einmal von der äußeren Erscheinung dieses Herrn
-gesprochen: ein großer, krausköpfiger, stämmiger Mann von ungefähr
-vierzig Jahren, mit einem roten, ein wenig gedunsenen Gesicht,
-fleischigen Wangen, die bei jeder Kopfbewegung erzitterten, kleinen, vom
-Blutandrang geröteten Augen, die zuweilen einen recht schlauen Ausdruck
-annehmen konnten, mit einem Schnurrbart und Backenbart und der Anlage zu
-einem fleischigen Doppelkinn, das schon ziemlich unangenehm aussah. Doch
-am meisten überraschte an ihm, daß er jetzt in einem Frack und in
-sauberer Wäsche erschien. »Es gibt Menschen, zu denen saubere Wäsche
-nicht paßt, ja, für die sie sich einfach nicht schickt,« hatte Liputin
-einmal auf Stepan Trophimowitschs scherzhaft gemachten Vorwurf, daß er,
-Liputin, in seiner Kleidung nachlässig sei, nicht unrichtig erwidert.
-Der »Hauptmann« aber hatte plötzlich auch neue schwarze Handschuhe, von
-denen er den rechten in der Hand hielt, während der linke -- den er wohl
-nur mit großer Mühe so weit bekommen hatte -- seine fleischige linke
-Tatze nur bis zur Hälfte bedeckte, geschweige denn sich zuknöpfen ließ.
-Und in dieser linken Hand hielt er einen nagelneuen, offenbar
-gleichfalls zum erstenmal benutzten runden Hut. So hatte es denn doch
-seine Richtigkeit mit dem »Frack der Liebe«, von dem er gestern Abend
-Schatoff berichtet hatte. Alle diese Kleidungsstücke waren schon früher
-auf Liputins Rat gekauft worden (wie ich später erfuhr), und jedenfalls
-zu einem bestimmten geheimnisvollen Zweck. Zweifellos war er auch jetzt
-nicht aus eigenem Antriebe hierhergekommen: selbst wenn er die Szene an
-der Kirchentür sofort erfahren hätte, würde er doch niemals in einer
-dreiviertel Stunde allein einen solchen Entschluß haben fassen und gar
-ausführen können. Betrunken war er dabei nicht, befand sich aber in
-jenem stumpfen, nebligen Zustande eines Menschen, der plötzlich nach
-langer Betrunkenheit wieder zu sich gekommen ist. Doch ich glaube, man
-hätte ihn nur zu schütteln brauchen und er wäre sofort wieder betrunken
-gewesen.
-
-Allem Anscheine nach wollte er mit Temperament ins Zimmer treten, doch
-stolperte er zum Unglück sofort über eine Teppichecke an der Tür,
-worüber dann Marja Timofejewna vor Lachen fast verging. Er warf der
-Schwester einen wütenden Blick zu und näherte sich mit ein paar
-Schritten Warwara Petrowna.
-
-»Gnädige Frau, ich bin gekommen ...« begann er dröhnend laut, wie durch
-eine Trompete.
-
-»Seien Sie so freundlich, mein Herr, sich dort -- auf jenen Stuhl dort
-zu setzen,« sagte Warwara Petrowna, die steif aufgerichtet dasaß. »Ich
-werde Sie auch von dort aus hören und so kann ich Sie besser sehen.«
-
-Der »Hauptmann« blieb stehen, sah blöde vor sich hin, kehrte dann aber
-doch zurück und setzte sich auf den bezeichneten Stuhl an der Tür. Der
-gänzliche Mangel an Zutrauen zu sich selbst und zu gleicher Zeit
-unendliche Gereiztheit drückten sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte
-furchtbare Angst, das sah man, aber auch seine Eigenliebe schien stark
-zu leiden, und so konnte man nicht sicher sein, ob er sich nicht im
-gegebenen Moment plötzlich, trotz der Feigheit, zu irgend etwas, zur
-größten Gemeinheit vielleicht, aufraffen würde. Augenscheinlich scheute
-er jede Bewegung seines vierschrötigen Körpers. Bekanntlich ist der
-größte Schmerz solcher Wesen, wenn sie irgend einmal in Gesellschaft
-erscheinen, der Gedanke an ihre Hände: das ununterbrochen wache
-Bewußtsein, sie nirgendwohin auf anständige Weise verschwinden lassen zu
-können. Der »Hauptmann« nun saß wie betäubt da, hielt krampfhaft Hut und
-Handschuh fest und konnte seinen zunächst völlig blöden Blick nicht von
-Warwara Petrownas strengem Gesicht losreißen. Er hätte sich gewiß gern
-umgesehen, aber er wagte es einfach nicht. Marja Timofejewna, die wohl
-wieder etwas an ihm äußerst komisch fand, lachte laut auf, aber auch
-jetzt rührte er sich noch nicht. So hielt ihn Warwara Petrowna
-unbarmherzig in diesem Schweigen und betrachtete ihn wohl eine
-geschlagene Minute lang schonungslos vom Scheitel bis zur Sohle.
-
-»Zuerst gestatten Sie, von Ihnen selbst Ihren Namen zu erfahren,« sagte
-sie endlich gemessen und vollkommen ruhig.
-
-»Hauptmann Lebädkin,« dröhnte sofort die Antwort. »Ich bin gekommen,
-gnädige Frau ...« Und schon war er wieder im Begriff, sich zu erheben.
-
-»Erlauben Sie!« hielt ihn Warwara Petrowna auf. »Dieses
-bemitleidenswerte Geschöpf, das ich in der Kirche angetroffen habe und
-das mein Interesse erregt, ist Ihre Schwester?«
-
-»Jawohl, gnädige Frau, meine Schwester, die meiner Aufsicht entschlüpft
-ist, denn da sie sich in solchen Umständen befindet ...« er verstummte
-plötzlich und wurde feuerrot.
-
-»Das heißt, mißverstehen Sie das nicht, gnädige Frau,« verwickelte er
-sich noch mehr, »der leibliche Bruder würde so was nicht sagen ... In
-solchen Umständen, das heißt nicht etwa in _solchen_ Umständen, im Sinne
-von -- in einem Sinne, der die Ehre befleckt ... ich meine, den Ruf ...«
-
-Er brach ab.
-
-»Mein Herr!« Warwara Petrowna hob den Kopf.
-
-»Das heißt in _solchem_ Zustande!« schloß er plötzlich und unvermutet,
-mit dem steifen Finger sich vor die Stirn tippend.
-
-Alle schwiegen eine Zeitlang.
-
-»Leidet sie schon lange daran?« fragte Warwara Petrowna endlich.
-
-»Gnädige Frau, ich bin gekommen, um für die an der Kirchentür erwiesene
-Großmut zu danken, so recht auf russische, auf brüderliche Art ...«
-
-»Auf brüderliche --?«
-
-»Das heißt, gnädige Frau, nicht auf brüderliche ... oder nur in dem
-Sinne auf brüderliche Art, daß ich der Bruder meiner Schwester bin,
-gnädige Frau, und, glauben Sie mir, gnädige Frau,« begann er wieder
-schneller zu sprechen, mit hochrotem Kopf, »daß ich gar nicht so
-ungebildet bin, wie ich auf den ersten Blick in Ihrem Salon erscheinen
-mag. Wir, meine Schwester und ich, sind überhaupt nichts, im Vergleich
-mit der Pracht, die wir hier sehen. Dazu haben wir noch Verleumder. Aber
-auf seinen Ruf hält Lebädkin viel und ist stolz darauf, gnädige Frau,
-und ... und ich ... ich bin gekommen, um mich zu bedanken ... gnädige
-Frau, hier ist das Geld!«
-
-Und er riß sein Portefeuille aus der Brusttasche und begann, zitternd
-vor Ungeduld, mit bebenden Fingern die Papierscheine hervorzuzerren. Man
-fühlte, daß er so schnell wie möglich irgend etwas aufklären wollte.
-Andererseits fühlte er wieder, daß diese Geschichte mit dem Gelde ihn
-noch dümmer erscheinen ließ, und so verlor er denn die letzte
-Kaltblütigkeit. Die Finger zitterten, die Scheine wollten sich nicht
-zählen lassen, und zur Erhöhung der peinlichen Situation fiel noch ein
-grüner Papierschein, im Zickzack niedertaumelnd, auf den Teppich.
-
-»Zwanzig Rubel, gnädige Frau.« Mit den Scheinen in der Hand wollte er
-auf Warwara Petrowna zutreten. Als er den gefallenen Schein bemerkte,
-bückte er sich schon, um ihn aufzuheben, bedachte sich aber, schämte
-sich entsetzlich und winkte schließlich mit der Hand ab.
-
-»Für Ihre Leute, gnädige Frau, für den Diener, wenn er hier aufräumt --
-mag er an Lebädkin denken!«
-
-»Aber das kann ich unmöglich zulassen!« sagte Warwara Petrowna schnell.
-
-»In dem Falle ...« er bückte sich, hob den Schein auf, wurde dabei
-purpurrot im Gesicht und trat schnell ein paar Schritte vor -- die
-zwanzig Rubel in der Hand Warwara Petrowna hinhaltend.
-
-»Was wollen Sie?!« Warwara Petrowna erschrak nun doch so, daß sie im
-Schreck sogar den Sessel zurückschob.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch, Stepan Trophimowitsch und ich traten
-unwillkürlich vor ...
-
-»Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich bin
-nicht verrückt, bei Gott, ich bin nicht verrückt!« beteuerte der
-Hauptmann nach allen Seiten hin.
-
-»Nein, mein Herr, Sie scheinen doch nicht bei vollem Verstande zu sein!«
-
-»Gnädige Frau, das ist ja alles nicht das, was Sie denken! Ich bin
-selbstverständlich nur ein Nichtswürdiger ... Oh, gnädige Frau, reich
-sind Ihre Prunkgemächer, aber arm sind sie bei Maria der Unbekannten,
-meiner Schwester, der geborenen Lebädkin, die wir vorläufig >Maria die
-Unbekannte< nennen wollen. Aber nur vorläufig, gnädige Frau, nur
-_zeitweilig_, sintemal Gott selber es nicht zulassen wird, daß wir es
-ewig tun müssen! Gnädige Frau, Sie haben ihr zehn Rubel gegeben, und sie
-hat das Geld angenommen, aber nur, weil _Sie_ es waren, gnädige Frau!
-Hören Sie es wohl, von niemandem in der ganzen Welt würde sie etwas
-annehmen, diese >unbekannte Maria<, denn sonst müßte sich der
-Stabsoffizier, ihr Großvater, der im Kaukasus unter den Augen Ermoloffs
-fiel, noch im Grabe umdrehen! Aber von _Ihnen_ wird sie alles annehmen,
-gnädige Frau, aber wenn sie mit der einen Hand zehn Rubel nimmt, so wird
-sie mit der anderen zwanzig zurückgeben, als Gabe an einen der
-Wohltätigkeitsvereine, deren Mitglied Sie sind, gnädige Frau. Sie haben
-doch in den >Moskauer Nachrichten< angezeigt, daß sich jeder hier in dem
-Buche Ihres Wohltätigkeitsvereins einschreiben kann ...«
-
-Der »Hauptmann« stockte wieder und atmete schwer, wie nach einer
-übergroßen Kraftanstrengung; auf seiner Stirn perlten buchstäblich dicke
-Schweißtropfen. Die Rede über den Wohltätigkeitsverein schien er schon
-vorbereitet zu haben und wahrscheinlich gleichfalls unter Liputins
-Leitung. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an.
-
-»Dieses Buch,« sagte sie streng, »liegt unten bei meinem Portier. Dort
-können Sie sich zu jeder Zeit einschreiben, wenn Sie wollen. Jetzt aber
-bitte ich Sie, Ihr Geld wieder einzustecken und nicht so in der Luft
-damit herumzufuchteln ... So! Auch bitte ich Sie, sich wieder auf Ihren
-alten Platz zu setzen ... So! Es tut mir leid, mein Herr, daß ich mich
-im Falle Ihrer Schwester so versehen und ihr ein Almosen gegeben habe,
-während sie reich ist. Nur eines verstehe ich nicht -- warum sie nur von
-mir allein und sonst von niemandem etwas annehmen würde. Sie haben das
-so betont, daß ich darüber gern eine nähere Erklärung hören würde.«
-
-»Gnädige Frau, das ist ein Geheimnis, das erst im Grabe begraben sein
-wird!« antwortete der »Hauptmann«.
-
-»Was ... wollen Sie damit sagen?« fragte Warwara Petrowna mit nicht mehr
-ganz so fester Stimme wie bisher.
-
-»Gnädige Frau ... gnädige Frau ...!« er verstummte, blickte finster zu
-Boden und drückte die rechte Hand aufs Herz. Warwara Petrowna wartete,
-doch ohne ihn aus den Augen zu lassen.
-
-»Gnädige Frau!« rief er plötzlich aus, »gestatten Sie mir, eine Frage an
-Sie zu stellen, nur eine einzige, ganz offen, gerade heraus, auf
-russische Art, also unmittelbar aus der Seele?«
-
-»Bitte.«
-
-»Haben Sie je gelitten im Leben, gnädige Frau?«
-
-»Sie wollen damit wohl sagen, daß Sie durch irgend jemanden gelitten
-haben oder noch leiden?«
-
-»Gnädige Frau, ach, gnädige Frau!« rief er erregt, sprang wieder auf und
-schlug sich an die Brust. »Hier in diesem Herzen hat sich so viel
-aufgehäuft, so viel, sage ich Ihnen, daß Gott selbst sich wundern wird,
-wenn er es beim jüngsten Gericht erfährt!«
-
-»Hm, stark gesagt!«
-
-»Gnädige Frau, ich ... vielleicht spreche ich -- mit zu großer
-Dreistigkeit ...«
-
-»Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde schon wissen, wann es nötig sein
-wird, Sie zu unterbrechen.«
-
-»Kann ich noch eine Frage an Sie stellen, gnädige Frau?«
-
-»Fragen Sie.«
-
-»Kann man vor lauter Seelengröße sterben?«
-
-»Das weiß ich nicht. Ich habe mir nie diese Frage gestellt.«
-
-»Sie wissen es nicht! Sie haben sich nie diese Frage gestellt!« rief er
-mit pathetischer Ironie. »Wenn's so ist, wenn's so ist, dann freilich --
-
- >Schweig stille, mein Herze!<«
-
-und er schlug sich von neuem verzweifelt an die Brust.
-
-Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen
-seiner Art pflegt die vollständige Unfähigkeit zu sein, sich irgendwie
-selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem
-ununterdrückbaren Bedürfnis, alles, was ihnen gerade einfällt, sofort
-auch zu äußern. Gerät dann einmal ein derartiger Mensch in eine
-Gesellschaft, in die er nicht hineingehört, so wird er sich zunächst
-vielleicht ganz schüchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem
-man ihn gewähren läßt, aus sich herausgeben und am Ende zu
-Unverschämtheiten, wenn nicht gar Tätlichkeiten übergehen.
-
-Der »Hauptmann« war schon in eine bedrohliche Erregung geraten:
-fuchtelnd ging er auf und ab, überhörte die Fragen, die man an ihn
-stellte, und sprach so schnell, daß die Zunge bei den Zischlauten sich
-gleichsam überschlug und er häufig von einem Satz zusammenhanglos auf
-den andern übersprang. Ganz nüchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa
-schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, daß
-gerade ihre Anwesenheit ihn maßlos aufregte.
-
-So mußte es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche
-Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren
-Widerwillen unterdrückte und diesen Menschen immer noch anhörte.
-Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl
-kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte
-gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewöhnlich viel mehr zu »begreifen«
-glaubte, als da überhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch
-hielt sich so, als fühle er sich für unsere allgemeine Sicherheit
-verantwortlich, während Lisa blaß und mit großen Augen unablässig den
-wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff saß wie immer mit gesenktem Kopf.
-
-Aber am befremdlichsten war, daß Marja Timofejewna nicht nur zu lachen
-aufgehört hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf
-den Tisch gestützt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und
-Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu
-sein.
-
-»Das sind ja lauter unsinnige Allegorien,« sagte plötzlich Warwara
-Petrowna geärgert. »Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage
-geantwortet: warum? Ich will es wissen!«
-
-»Ich habe nicht gesagt, >warum<? Sie wollen eine Antwort auf dieses
->Warum<?« wiederholte Lebädkin und zwinkerte. »Ja, gnädige Frau, dieses
-kleine Wörtchen >warum< ist über das ganze Weltall ergossen, schon seit
-dem ersten Tage der Schöpfung, und die ganze Schöpfung selber schreit
-täglich ihrem Schöpfer zu: >warum<? Und nun sind es schon siebentausend
-Jahre, daß sie keine Antwort darauf erhält! Muß nun wirklich einzig und
-allein der Hauptmann Lebädkin eine Antwort darauf geben? Ist diese
-Forderung auch gerecht, gnädige Frau?«
-
-»Aber das ist ja Unsinn, nichts als Unsinn!« Warwara Petrowna ärgerte
-sich und verlor endlich die Geduld. »Sie kommen wieder mit Allegorien,
-und reden in einem Tone, mein Herr, den ich mir verbitten möchte.«
-
-»Gnädige Frau!« -- der »Hauptmann« hörte sie wieder gar nicht an --
-»vielleicht würde ich gerne Ernest heißen wollen, und während dessen bin
-ich gezwungen, den einfachen Namen Ignatius zu tragen -- warum das? hä?!
-Ich möchte vielleicht gerne Prince de Montbar heißen und doch muß ich
-mich nur Lebädkin nennen -- hä! Warum das? Ich bin ein Poet, gnädige
-Frau, in meiner Seele ein Poet, und ich könnte von einem Verleger mit
-Kußhand tausend Rubel bekommen, und doch bin ich gezwungen, in einem
-elenden Loche zu wohnen -- warum das? hä! Warum das? Gnädige Frau, und
-meiner Meinung nach ist Rußland überhaupt nur eine Farce der Natur und
-nichts weiter!«
-
-»Etwas Bestimmteres können Sie wohl auf meine Frage nicht sagen?«
-
-»Ich kann Ihnen ein Gedicht von einer Schabe vortragen, gnädige Frau!«
-
-»Wa--a--as?«
-
-»Nein, übergeschnappt bin ich noch nicht, gnädige Frau! Aber das werde
-ich später einmal sein, bloß vorläufig bin ich's noch nicht! Gnädige
-Frau, einer meiner Freunde hat eine Kryloffsche Fabel gedichtet. Das ist
-die Fabel von der Schabe, und wenn ich sie hersagen soll --?«
-
-»Sie wollen eine Kryloffsche Fabel deklamieren?«
-
-»Nein, keine Kryloffsche Fabel, gnädige Frau, sondern eine von mir
-verfaßte Lebädkinsche Fabel! Glauben Sie mir doch, gnädige Frau, daß ich
-gebildet genug bin, um den großen Fabeldichter Kryloff zu kennen, für
-den der Kultusminister in Petersburg im Sommergarten ein Denkmal
-errichtet hat, um das jetzt die Kinder herumlaufen. Sie fragen >warum<?,
-gnädige Frau, >warum<? -- Die Antwort darauf ist auf dem Hintergrunde
-dieser Fabel mit goldenen Lettern geschrieben!«
-
-»Nun schön, so tragen Sie Ihre Fabel vor.«
-
-Und Lebädkin begann sofort:
-
- »Es war einmal eine Schabe,
- Eine Schabe von Kindheit an,
- Die kletterte und fiel
- Gerade in ein Fliegenglas,
- Das Fliegengift enthielt ...«
-
-»Mein Gott, was ist denn das wieder!« Warwara Petrowna sah sich um.
-
-»Was das ist, gnädige Frau? Das ist, wenn im Sommer,« -- der »Hauptmann«
-gestikulierte wieder wie wild und hatte ganz die gereizte Ungeduld eines
-Redners, den man in seinem Vortrag unterbrochen hat -- »wenn im Sommer
-viele Fliegen ins Glas kriechen, so daß Fliegensäure entsteht, was doch
-jeder Esel weiß ... Unterbrechen Sie mich nicht, um Gottes willen,
-unterbrechen Sie mich nicht ... Sie werden schon sehen, sie werden schon
-sehen! --
-
- >Die Fliegen riefen: was ist das?
- Das ist doch wirklich toll!
- Wir haben selber wenig Naß,
- Das Glas ist so wie so schon voll!
- Und schrien wie verrückt
- Zum Jupiter empor.
- Da kam der Diener Nikiphor ...<
-
--- weiter habe ich es eigentlich noch nicht fertig,« brach hier der
-Hauptmann ab. »Nikiphor nimmt aber das Glas und gießt es aus, die ganze
-Komödie, die Fliegen, die große Schabe, ohne aufs Geschrei zu achten,
-was man schon längst hätte tun sollen! Doch passen Sie auf, gnädige
-Frau, passen Sie auf, die Schabe klagt nicht! Und da haben Sie auch
-gleich die Antwort auf Ihre Frage -- auf Ihre Frage >warum?<« rief er
-triumphierend aus. »Die Schabe klagt nicht! ... Der Nikiphor ist
-natürlich ganz einfach die Natur selbst,« fügte er schnell hinzu und
-ging zufrieden auf und ab.
-
-Warwara Petrowna war außer sich. »Erlauben Sie, daß nun auch ich Sie
-etwas frage! Was ist das für ein Geld, das Ihnen Nicolai
-Wszewolodowitsch übersandt haben soll? Ein Geld, das Sie nicht
-vollzählig erhalten haben wollen? Weshalb Sie sich erdreisten, eine zu
-meinem Hause gehörige Person zu verdächtigen, den Rest unterschlagen zu
-haben?«
-
-»Verleumdung!« brüllte Lebädkin mit tragisch erhobener rechter Hand.
-
-»Nein, das ist keine Verleumdung.«
-
-»Gnädige Frau, es gibt Umstände, die einen zwingen, eher eine
-Familienschande zu tragen, als laut die Wahrheit zu verkünden! --
-Lebädkin wird nichts ausplaudern, gnädige Frau!«
-
-Er war wie geblendet: er schien entzückt zu sein und fühlte seine
-Bedeutung. Jetzt wollte er bereits beleidigen, Rätsel aufgeben, seine
-Macht zeigen ...
-
-»Klingeln Sie bitte, Stepan Trophimowitsch,« bat Warwara Petrowna.
-
-»Oh, Lebädkin ist klug, gnädige Frau!« fuhr er fort und zwinkerte ihr
-mit unangenehmem Lächeln zu. »Lebädkin ist klug, aber auch er hat ein
-Hindernis, auch er hat eine Vorstufe der Leidenschaften! Und diese
-Vorstufe -- das ist die alte kriegerische Husarenflasche! Wenn Lebädkin
-in diesem Vorraum ist, gnädige Frau, so geschieht es wohl auch, daß er
-einen Brief in Versen abschickt, in pr--r--rachtvollen Versen, aber den
-er dann mit allen Tränen seines Lebens zurückkaufen möchte, sintemal
-durch ihn das Maß des Schönen gestört ward. Doch der Vogel ist
-ausgeflogen -- kannst ihn nicht mehr am Schwänzchen einfangen! Sehen
-Sie, gnädige Frau, das ist der Vorraum. Lebädkin konnte wohl ein Wort
-fallen lassen, als er über das edle Mädchen sprach -- in der Form eines
-edlen Unwillens, einer durch Beleidigungen aufgebrachten edlen Seele,
-wessen sich jedoch, unedel genug, seine Verleumder sofort bedient haben.
-Aber Lebädkin ist klug, gnädige Frau, und umsonst sitzt über ihm der
-unheilbringende Wolf, ewig ihn reizend und auf den Augenblick wartend:
-Lebädkin wird sich nicht vergessen und ausplaudern! Und auf dem Boden
-der Flasche erweist sich jedesmal anstatt des Erwarteten -- die
-Schlauheit Lebädkins! Doch genug, oh, genug, gnädige Frau! Ihre
-Prunkgemächer könnten dem edelsten aller menschlichen Lebewesen gehören,
-doch die Schabe klagt nicht! Begreifen Sie, oh, begreifen Sie doch
-endlich, daß die Schabe nicht klagt, und ehren Sie ihren großen Geist!«
-
-In diesem Augenblick ertönte unten am Portal die Klingel und bald darauf
-erschien der alte würdige Alexei Jegorowitsch, etwas außer Atem, da er
-auf das Klingelzeichen nicht sofort erschienen war.
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch haben geruht einzutreffen und kommen schon
-hierher,« sagte er auf Warwara Petrownas fragenden Blick.
-
-Ich erinnere mich noch heute deutlich dieses Augenblicks. Warwara
-Petrowna erblaßte zuerst, dann aber richtete sie sich mit einem Ausdruck
-starrer Entschlossenheit in ihrem Sessel auf. Wir waren alle erstaunt,
-ja beinahe erschreckt, -- nicht nur durch diese plötzliche Ankunft
-Nicolai Wszewolodowitschs, der erst einen Monat später erwartet wurde,
-sondern mehr noch durch das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieser
-Zufälle. Selbst der »Hauptmann« blieb wie ein Pfosten mitten im Zimmer
-stehen und starrte mit offenem Munde und dummem Gesicht auf die Tür.
-
-Doch da hörten wir auch schon vom Nebenzimmer her, einem langen großen
-Saal, schnelle, kleine Schritte sich nähern, Schritte, die auffallend
-rasch und kurz klangen. Und auf der Schwelle erschien -- nicht Nicolai
-Wszewolodowitsch, sondern ein vollkommen unbekannter junger Mann.
-
-
- V.
-
-Es war ein Mensch von etwa siebenundzwanzig Jahren, ein wenig über
-mittelgroß, mit dünnem, blondem, ziemlich langem Haar und einem kaum
-sich abhebenden unscheinbaren Schnurrbart und Bärtchen. Er war sauber
-und sogar modern gekleidet, aber nicht elegant. Auf den ersten Blick
-schien er ungelenk und griesgrämig zu sein, obgleich er in Wirklichkeit
-weder das eine noch das andere, sondern im Gegenteil, äußerst gewandt
-und unterhaltend war. Einem kurzen, oberflächlichen Eindruck nach hätte
-man ihn für einen Sonderling halten können, und doch sollte sich hernach
-sein Benehmen als gut und sein Gespräch als vollkommen sachlich
-herausstellen.
-
-Niemand hätte im Grunde sagen können, daß er häßlich sei -- und doch
-gefällt sein Gesicht niemandem. Sein Schädel ist von beiden Seiten
-gleichsam zusammengedrückt und der Hinterkopf auffallend groß, so daß
-denn das Gesicht dadurch etwas Spitzes bekommt. Seine Stirne ist hoch
-und schmal, aber die eigentlichen Gesichtszüge sind klein: ein kleines
-Näschen, scharfe Augen, dünne und lange Lippen. Dabei sieht er kränklich
-aus, aber das scheint nur so. In seinen Wangen ist, unter den
-Backenknochen, eine gewisse trockene Falte, die ihm das Aussehen eines
-Rekonvaleszenten nach einer schweren Krankheit verleiht. Und doch ist er
-vollkommen gesund, stark, und ist sogar nie in seinem Leben krank
-gewesen.
-
-Er geht und bewegt sich immer sehr schnell, doch ohne sich dabei
-eigentlich zu beeilen. Ich glaube nicht, daß irgend etwas ihn verwirren
-könnte. In allen Lebenslagen und in jeder Gesellschaft bleibt er immer
-der gleiche. Es ist eine große Selbstzufriedenheit in ihm, doch er
-selbst weiß nichts davon. Er spricht schnell und hastend, aber voll
-Selbstvertrauen, und nie braucht er nach Worten zu suchen. Die Gedanken,
-die er vorbringt, sind bereits völlig zu Ende gedacht. Seine Aussprache
-ist ungemein deutlich: jedes Wort fällt wie ein glattes, rundes Körnchen
-aus einer großen Vorratskammer. Anfänglich gefällt das wohl, aber schon
-bald werden alle diese gleichsam schon fertigen Worte unangenehm und
-schließlich geradezu widerlich, und zwar gerade wegen dieser schon allzu
-deutlichen Aussprache, wegen dieses Perlengesickers ewig bereiter Worte.
-Und man stellt sich unwillkürlich vor, seine Zunge müsse ganz besonders
-geformt, ungewöhnlich lang, dünn und rot sein, mit einer dünnen, sich
-ununterbrochen drehenden Spitze.
-
-Dieser junge Mann also kam in den Salon gleichsam hereingeflogen. Ich
-glaube wirklich, er begann schon im Vorsaal zu sprechen. Sprechend
-wenigstens trat er ein, und in einem Augenblick stand er schon vor
-Warwara Petrowna.
-
-»... Denken Sie doch nur, Warwara Petrowna, ich komme und glaube, daß er
-schon vor einer Viertelstunde hier angelangt sei. Wir trafen uns bei
-Kirilloff, er ging vor einer halben Stunde fort und sagte mir, ich solle
-in einer Viertelstunde herkommen --«
-
-»Wer das? Wer hat Sie beauftragt, herzukommen?« fragte Warwara Petrowna.
-
-»Aber Nicolai Wszewolodowitsch doch! So erfahren Sie es wirklich erst
-jetzt? Sein Gepäck muß doch schon längst hier eingetroffen sein! Hat man
-Ihnen denn das nicht gesagt? Übrigens könnte man ihm einen Wagen
-entgegenschicken, aber ich denke, er wird jeden Augenblick kommen, und
-zwar, wie's scheint, gerade in einem Augenblick, der seinen Erwartungen
-und, soweit ich wenigstens beurteilen kann, auch einigen seiner
-Berechnungen durchaus entspricht.« Bei diesen Worten sah er sich die
-Anwesenden an und ganz besonders scharf den »Hauptmann«. »Ah, Lisaweta
-Nicolajewna, wie es mich freut, Ihnen gleich auf meinem ersten Wege zu
-begegnen ... Gestatten Sie --« und er flog schnell zu ihr, um das ihm
-lächelnd entgegengestreckte Händchen Lisas zu drücken. »Und auch unsere
-hochverehrte Praskowja Iwanowna hat ihren >Professor< nicht vergessen,
-und scheint sich noch nicht einmal über ihn und sein Erscheinen zu
-ärgern, wie es in der Schweiz immer geschah. Aber wie steht es denn
-jetzt mit Ihren Füßen? Hatte man recht, als man Ihnen schließlich als
-bestes Mittel Heimatluft verschrieb? ... Wie? Kompressen? Ja, das mag
-ganz gut sein! Wie habe ich es nur bedauert, Warwara Petrowna,« -- er
-drehte sich schnell schon wieder herum -- »daß ich Sie schließlich in
-der Schweiz nicht mehr antraf, zumal ich Ihnen so vieles mitzuteilen
-hatte! Ich habe allerdings an meinen Alten geschrieben, aber der wird
-nach seiner Gewohnheit wohl wieder --«
-
-»Petruscha!« rief da Stepan Trophimowitsch aus, erst jetzt plötzlich aus
-der Erstarrung erwachend: er warf die Arme in die Luft und stürzte zu
-seinem Sohn. »_Pierre, mon enfant_,{[93]} ich habe dich nicht einmal
-erkannt!« und er umarmte ihn krampfhaft, während Tränen ihm über die
-Wangen liefen.
-
-»Schon gut, schon gut, keine Albernheiten und keine Gesten, wenn ich
-bitten darf, aber so laß doch!« wehrte Petruscha schnell ab und gab sich
-alle Mühe, sich aus den Armen des Vaters zu befreien.
-
-»Ich habe dir immer, immer Unrecht getan!«
-
-»Schon gut. Davon später. Konnte mir schon denken, daß du wieder
-Albernheiten machen würdest! So sei doch ein wenig nüchterner, ich bitte
-dich.«
-
-»Aber ich habe dich doch zehn Jahre lang nicht gesehen!«
-
-»Um so weniger Grund zu solchem Überschwang ...«
-
-»_Mais, mon enfant!_«{[94]}
-
-»Glaub's schon, glaub's schon, daß du mich liebst, nimm nur, bitte, die
-Hände weg ... Du störst doch auch die anderen ... Ah, da ist ja auch
-schon Nicolai Wszewolodowitsch ... aber so höre doch endlich auf mit den
-Albernheiten, ich bitte dich!«
-
-Nicolai Wszewolodowitsch war in der Tat schon im Salon: er war sehr
-geräuschlos eingetreten und einen Augenblick in der Tür stehen
-geblieben, während sein ruhiger Blick die Versammlung überflog.
-
-Genau so wie vor vier Jahren, als ich ihn zum ersten Male sah, war ich
-auch jetzt wieder erstaunt über seine Erscheinung. Ich hatte ihn
-durchaus nicht vergessen; aber ich glaube, es gibt Gesichter, die
-jedesmal, wenn sie auftauchen, wieder etwas Neues mit sich bringen,
-etwas, das man bis dahin noch nicht an ihnen bemerkt hat. Äußerlich war
-er anscheinend ganz derselbe wie vor vier Jahren: genau so elegant,
-genau so unnahbar, beim Eintreten genau so gemessen wie damals, ja, fast
-war er sogar ebenso jung. Sein leichtes Lächeln war wieder so offiziell
-freundlich und selbstbewußt, und sein Blick unverändert streng, in sich
-hineindenkend und doch gleichsam zerstreut. Kurz, es war mir, als hätte
-ich ihn gestern zuletzt gesehen. Nur eines machte mich stutzig: man
-hatte ihn zwar immer schön gefunden, aber sein Gesicht glich tatsächlich
-manchmal einer Maske, wie einzelne gehässige Damen unserer Gesellschaft
-behaupteten. Jetzt aber -- ich weiß nicht, weshalb -- jetzt erschien er
-mir schon auf den ersten Blick von vollendeter, unbestreitbarer
-Schönheit, so daß man unter keinen Umständen noch hätte sagen können,
-sein Gesicht erinnere an eine Maske. Kam das vielleicht daher, daß er
-ein wenig bleicher war als früher und, wie mir schien, ein wenig
-abgenommen hatte? Oder leuchtete jetzt vielleicht ein neuer Gedanke in
-seinem Blick?
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch!« rief Warwara Petrowna, sich steif
-aufrichtend, doch ohne sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben, und indem
-sie den Eingetretenen mit einer befehlenden Handbewegung zum
-Stehenbleiben zwang -- »bleibe dort noch einen Augenblick! ...«
-
-Um die nun folgende furchtbare Frage Warwara Petrownas verstehen zu
-können (um derentwillen sie ihn mit dieser Bewegung und diesem Befehl
-nicht nähertreten ließ), diese Frage, die ich Warwara Petrowna nie und
-nimmer zugetraut hätte, ja, selbst deren Möglichkeit mir undenkbar
-erschienen wäre, -- um diese Frage wirklich zu verstehen, muß man sich
-zunächst den Charakter Warwara Petrownas vergegenwärtigen, wie er seit
-jeher war und von welcher ungestümen Gewalttätigkeit er in manchen
-außergewöhnlichen Augenblicken sein konnte. Ich bitte auch in Erwägung
-zu ziehen, daß ungeachtet ihrer großen seelischen Festigkeit, des nicht
-geringen Verstandes und des guten Teiles von Takt- und Zartgefühl, den
-sie besaß, in ihrem Leben dennoch ständig Augenblicke wiederkehrten, wo
-sie sich völlig und, wenn man so sagen darf, ohne sich im Zaum zu
-halten, für etwas einsetzte oder sich für etwas hingab. Ferner bitte
-ich, nicht zu vergessen, daß der gegenwärtige Augenblick für sie
-tatsächlich einer von jenen sein konnte, in denen sich plötzlich alles
-Wesentliche eines Menschenlebens wie in einem Fokus vereinigt -- alles
-Durchlebte, alles Gegenwärtige und ... warum nicht auch alles
-Zukünftige? Und schließlich sei noch an den anonymen Brief erinnert, den
-sie erhalten hatte und von dem sie kurz vorher in der Gereiztheit zu
-Lisas Mutter einiges hatte verlauten lassen, -- freilich: ohne den
-weiteren Inhalt des Briefes zu verraten! Gerade in diesem aber lag
-vielleicht die ganze Erklärung der Möglichkeit dieser furchtbaren Frage,
-mit der sie sich jetzt plötzlich an den Sohn wandte.
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch,« wiederholte sie mit fester Stimme, jede
-Silbe deutlich aussprechend, »ich bitte Sie, hier sofort zu sagen, ohne
-sich von der Stelle zu rühren, ob es wahr ist, daß diese unglückliche,
-lahme Person -- diese da, sehen Sie sie an! ... Ob es wahr ist, daß das
-... Ihre rechtmäßige Frau ist?«[32]
-
-Ich erinnere mich dieses Augenblickes noch heute mit voller
-Deutlichkeit. Nicolai Wszewolodowitsch zuckte mit keiner Wimper, sah nur
-unverwandt seine Mutter an. Auch nicht die geringste Veränderung ging
-auf seinem Gesichte vor. Endlich lächelte er langsam ein gleichsam
-nachsichtiges Lächeln und trat, ohne ein Wort zu sagen, still auf seine
-Mutter zu, erfaßte ihre Hand und führte sie ehrerbietig an die Lippen.
-Und so stark war sein unwiderstehlicher Einfluß auf seine Mutter, daß
-sie ihre Hand ihm auch jetzt nicht zu entziehen vermochte. Sie blickte
-ihn nur an und ihre ganze Seele lag in diesem fragenden Blick. Noch ein
-Augenblick und sie würde, so schien es, die Ungewißheit nicht länger
-ertragen haben.
-
-Nicolai Wszewolodowitsch aber schwieg auch jetzt noch. Nachdem er ihre
-Hand geküßt hatte, überflog sein Blick noch einmal die Anwesenden, und
-mit demselben langsamen Schritt trat er zu Marja Timofejewna. Es ist
-schwer, die Gesichter der Menschen in gewissen Augenblicken zu
-beschreiben. In meiner Erinnerung habe ich z. B., daß Marja Timofejewna
-damals, fast vergehend vor Schreck, sich erhob und die Hände wie ihn
-anflehend faltete. Aber ich entsinne mich auch, daß zu gleicher Zeit in
-ihren Augen ein Entzücken aufleuchtete, ein so sinnloses, so maßloses
-Entzücken, wie Menschen es kaum oder nur schwer zu ertragen vermögen.
-Vielleicht war beides richtig: der Schreck, wie das Entzücken? Ich weiß
-es nicht: ich weiß nur, daß ich damals schnell einen Schritt vortrat,
-weil ich das Gefühl hatte, sie werde sogleich in Ohnmacht fallen.
-
-»Sie können nicht hier bleiben,« sagte Nicolai Stawrogin mit
-freundlicher, klangvoller Stimme zu ihr und in seinen Augen, die sie
-ansahen, lag plötzlich eine große Zärtlichkeit.
-
-Er stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihr und jede Bewegung
-verriet ungeheuchelte Hochachtung.
-
-Und ungestüm, atemlos, halb flüsternd stammelte die Arme zu ihm empor:
-
-»Aber kann ich ... darf ich ... jetzt gleich ... vor Ihnen niederknien?«
-
-»Nein, das dürfen Sie auf keinen Fall,« sagte er mit einem entzückenden
-Zulächeln, so daß sie plötzlich glückselig auflachte.
-
-Und mit derselben melodischen Stimme, gut und lieb, als ob er einem
-kleinen Kinde zuredete, fügte er ernster hinzu:
-
-»Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Mädchen sind und ich Ihr ergebenster
-Freund zwar, doch immerhin ein Ihnen fremder Mensch bin, weder Ihr
-Gatte, noch Vater, noch Bräutigam. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen den
-Arm reiche, und lassen Sie uns gehen. Ich werde Sie zum Wagen führen
-und, wenn Sie es erlauben, auch nach Hause begleiten.«
-
-Sie hörte ihn an und senkte wie sinnend den Kopf.
-
-»Gehen wir,« sagte sie dann, seufzte und nahm seinen Arm.
-
-Hierbei geschah ihr aber ein kleines Unglück: sie mußte wohl zu hastig,
-wahrscheinlich mit ihrem kranken, dem zu kurzen Fuß aufgetreten sein, --
-jedenfalls knickte sie und fiel seitwärts gegen den Sessel und wäre wohl
-zu Boden gefallen, wenn Nicolai Wszewolodowitsch sie nicht sofort
-aufgefangen und gehalten hätte. Er legte ihre Hand auf seinen Arm,
-stützte sie stark und führte sie, teilnehmend und helfend, behutsam zur
-Tür. Sie war sichtlich sehr betrübt über ihren Fall, war verlegen und
-schämte sich schrecklich. Stumm, mit niedergeschlagenen Augen, tief
-hinkend wackelte sie neben ihm her, fast hängend an seinem Arm. So
-gingen sie hinaus. Ich sah, wie Lisa, die aus irgendeinem Grunde
-plötzlich aufsprang, ihnen mit starrem Blick die ganze Zeit nachsah bis
-zur Tür. Dann setzte sie sich wortlos wieder hin, doch in ihrem Gesicht
-war ein krampfartiges Zucken, als hätte sie etwas Ekelhaftes berührt.
-
-Während der ganzen Szene zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und Marja
-Timofejewna hatte die größte Stille geherrscht.
-
-Als sich jetzt die Türe hinter ihnen schloß, fingen plötzlich alle auf
-einmal zu sprechen an.
-
-
- VI.
-
-Das heißt, nein, es wurde nicht gesprochen: es waren wohl nur Ausrufe,
-die man hörte. Die Reihenfolge derselben habe ich in der allgemeinen
-Verwirrung, die herrschte, vergessen. Sogar Mawrikij Nicolajewitsch
-sagte ein paar Worte. Stepan Trophimowitsch rief wieder etwas auf
-Französisch aus und schlug die Hände zusammen. Doch am meisten ereiferte
-sich sein Sohn Pjotr Stepanowitsch: er bemühte sich verzweifelt und mit
-großen Gesten, Warwara Petrowna von etwas zu überzeugen, er wandte sich
-an Praskowja Iwanowna, er wandte sich an Lisaweta Nicolajewna, ja, er
-rief im Eifer sogar seinem Vater etwas zu -- kurz, er drehte sich mit
-größter Lebendigkeit im Zimmer umher. Warwara Petrowna hatte sich,
-hochrot im Gesicht, im ersten Augenblick von ihrem Platz erhoben und
-erregt Praskowja Iwanowna zugerufen: »Hast du gehört, hast du gehört,
-was er ihr hier soeben gesagt hat?« Doch diese konnte nicht mehr
-antworten; sie winkte nur abwehrend mit der Hand und murmelte etwas
-Unverständliches: sie hatte eine neue Sorge, und immer wieder wandte sie
-den Kopf zu Lisa hin -- doch aufstehen und davonfahren, das wagte sie
-nicht mehr, bevor sich die Tochter nicht selbst dazu entschloß.
-Inzwischen suchte sich der »Hauptmann« fortzuschleichen, aber der
-Schreck, der ihm bei dem Erscheinen Nicolai Wszewolodowitschs in die
-Glieder gefahren war, lähmte ihn noch so sehr, daß er es ungeschickt
-genug anfing und Pjotr Stepanowitsch ihn, gerade als er aus der Tür
-schlüpfen wollte, noch am Ärmel erwischte und zurückzog.
-
-»Das ist unbedingt nötig, unbedingt,« sagte er, seine Silben wieder wie
-Perlen streuend, zu Warwara Petrowna, die er noch immer von irgend etwas
-zu überzeugen suchte.
-
-Er stand vor ihr, sie aber hatte sich schon wieder gesetzt und hörte ihn
-mit Spannung an, woraus hervorging, daß er sich endlich ihre volle
-Aufmerksamkeit errungen hatte. »Das ist unbedingt nötig, unbedingt! Sie
-sehen doch selbst, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Es ist aber
-alles viel einfacher, als es scheint. Ich weiß sehr wohl, daß mich
-niemand bevollmächtigt hat, Ihnen das alles zu erzählen, und es scheint
-vielleicht geradezu, daß ich mich Ihnen aufdränge. Aber ganz abgesehen
-davon, daß Nicolai Wszewolodowitsch selbst dieser ganzen Sache weiter
-gar keine Bedeutung zuschreibt, gibt es doch auch Fälle, in denen es
-einem schwer fällt, persönlich die nötigen Erklärungen zu geben -- und
-da ist es denn unbedingt geboten, daß ein anderer sich dazu entschließt,
-dem es weit leichter fällt, von gewissen zarten Dingen zu sprechen.
-Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch war durchaus nicht im Unrecht,
-als er Ihnen keine radikale Antwort auf Ihre Frage vorhin gab, -- ganz
-abgesehen davon, daß die Geschichte überhaupt nicht so wichtig ist. Ich
-kenne Nicolai Wszewolodowitsch schon von Petersburg her und ich kann Sie
-versichern, daß alles, was da vorliegt, ihm nur Ehre macht -- wenn man
-dieses unbestimmte Wort >Ehre< nun schon einmal gebrauchen soll ...«
-
-»Sie wollen damit sagen, daß Sie Augenzeuge eines Geschehnisses waren,
-aus dem dann diese ganze ... dieses Mißverständnis entstanden ist?«
-
-»Jawohl, Augenzeuge, und sogar Teilnehmer, wenn Sie wollen,« bestätigte
-Pjotr Stepanowitsch schnell.
-
-»Wenn Sie mir Ihr Wort darauf geben können, daß es die Gefühle meines
-Sohnes zu mir nicht kränken wird, zu mir, der er nicht das Ge--ring--ste
-verheimlicht ... und wenn Sie dabei so überzeugt sind, daß Sie ihm damit
-einen Gefallen erweisen --«
-
-»Unbedingt einen Gefallen, und mir selbst wird es ein Vergnügen sein.
-Ich bin überzeugt, er würde mich selbst darum bitten.«
-
-Es war gewiß sonderbar, daß dieser plötzlich vom Himmel gefallene Mensch
-so aufdringlich fremde Erlebnisse aufdecken wollte. Er hatte aber an
-Warwara Petrownas schmerzhafteste Stelle gerührt und sie dahin gebracht,
-wo er sie zu haben wünschte. Ich selbst wußte damals von diesem Menschen
-noch so gut wie nichts, um so weniger konnte ich seine Absichten
-durchschauen.
-
-»Sie meinen?« sagte Warwara Petrowna, zunächst noch vorsichtig und
-zurückhaltend, denn sie litt offenbar darunter, daß sie sich so weit
-herabließ.
-
-Und wieder fielen, eine nach der anderen, die klaren Silben seiner Rede,
-wie kleine Glasperlen von einer Schnur.
-
-»Die Sache ist ganz einfach. Im Grunde ist es kaum mehr, als eine
-Anekdote. Ein Romanschriftsteller würde vielleicht einen Roman daraus
-machen. Und uninteressant ist der Stoff auch wirklich nicht. Praskowja
-Iwanowna und auch Lisaweta Nicolajewna werden gewiß gern zuhören, denn
-er enthält, wenn auch nicht wunderbare, so doch viele wunderliche Dinge.
-Als vor fünf Jahren in Petersburg Nicolai Wszewolodowitsch diesen Herrn
-Lebädkin, der sich da soeben drücken wollte -- Sie sehen, mein
-abgesetzter Herr Beamter des Proviantwesens, ich kenne Sie noch sehr
-gut, und nicht minder sind mir, wie Nicolai Wszewolodowitsch, Ihre
-Gaunerstreiche bekannt, über die Sie noch Rechenschaft zu geben haben
-werden ... Ich bitte sehr um Entschuldigung, Warwara Petrowna, -- vor
-fünf Jahren also, in Petersburg, da nannte Nicolai Wszewolodowitsch
-diesen Herrn seinen Falstaff: das muß offenbar irgendein ehemaliger
->_caractère bourlesque_<{[95]} gewesen sein,« fügte er plötzlich
-erklärend hinzu, »-- ein Mann, der allen erlaubte, über ihn zu lachen,
-wenn man ihm dafür nur zahlte. Nicolai Wszewolodowitsch führte damals in
-Petersburg ein Leben, ich kann mich nicht anders ausdrücken, aber es war
-ein spottsüchtiges Leben: denn blasiert pflegt dieser Mensch nie zu
-sein, sich aber mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen, das verschmähte
-er damals. Ich rede, wie gesagt, nur von der damaligen Zeit, Warwara
-Petrowna. Dieser Lebädkin also hatte eine Schwester bei sich, dieselbe,
-die soeben hier saß. Bruder und Schwester hatten keinen eigenen Herd. Er
-trieb sich vor den großen Warenhäusern herum, selbstverständlich stets
-in seiner alten Uniform, redete von den Vorübergehenden an, wer ihm von
-ihnen günstig erschien, und vertrank dann das auf diese Weise erbettelte
-Geld. Das Schwesterlein aber nährte sich wie ein Vogel Gottes, half in
-den Winkeln und Ecken, wo sie lebte, bald dem einen, bald dem anderen,
-und verdiente sich so das Notwendigste. Es war das schrecklichste Sodom:
-ich übergehe die Schilderung dieses Lebens, an dem damals auch Nicolai
-Wszewolodowitsch aus >Verschrobenheit< Anteil nahm. Das ist sein eigener
-Ausdruck. Er pflegt mir vieles nicht zu verheimlichen. Mit Fräulein
-Lebädkin nun traf er eine Zeitlang öfter zusammen; sie begeisterte sich
-für ihn und er war -- nun, er war so etwas wie der Brillant auf dem
-schmutzigen Fond ihres Lebens. Doch ich merke, daß ich ein schlechter
-Schilderer menschlicher Gefühle bin und fahre darum mit den Tatsachen
-fort. Törichte Leute begannen sie damals gleich zu necken und zu
-verspotten, und da wurde sie traurig. Überhaupt lachte man dort immer
-über sie, aber früher hatte sie das nicht bemerkt. Schon damals war ihr
-Verstand nicht ganz klar, wenn auch lange nicht so schwach und wirr wie
-jetzt. Es ist anzunehmen, daß sie als Kind -- vielleicht dank
-irgendeiner Wohltäterin -- eine etwas bessere Erziehung erhalten hat.
-Nicolai Wszewolodowitsch schenkte ihr zunächst nicht die geringste
-Aufmerksamkeit, wenn er dort mit ihrem Bruder und den kleinen Beamten
-zusammensaß und Karten spielte. Aber einmal, als man sie wieder
-beleidigte, packte er den betreffenden Beamten einfach am Kragen und
-warf ihn -- es war im zweiten Stock -- zum Fenster hinaus. Einen
-besonderen Unwillen, gekränkte Ritterlichkeit oder dergleichen konnte
-man an ihm dabei nicht wahrnehmen. Die ganze Szene ging vielmehr unter
-allgemeinem Gelächter vor sich und am meisten amüsierte sie Nicolai
-Wszewolodowitsch selbst. Als alles glücklich ohne gebrochene Glieder
-abgelaufen war, versöhnte man sich wieder und begann Punsch zu trinken.
-Nur die Lebädkin konnte den Vorfall und ihren Beschützer nicht vergessen
--- und das endete dann schließlich mit der vollständigen Zerrüttung
-ihres Verstandes. Ich wiederhole nochmals, daß ich ein schlechter
-Schilderer von Gefühlen bin. Das Wichtigste war hierbei eben ihr Wahn.
-Und Nicolai Wszewolodowitsch tat dann noch alles, um ihn zu verstärken.
-Statt gleichfalls zu lachen, begann er sie plötzlich mit überraschender
-Hochachtung zu behandeln. Kirilloff, der auch dabei war, -- das ist ein
-sonderbarer und origineller Mensch, Warwara Petrowna, Sie werden ihn
-vielleicht noch einmal sehen, denn er ist jetzt hier -- dieser Kirilloff
-also, der sonst nur zu schweigen pflegt, sagte plötzlich: er behandelt
-sie wie eine Marquise und macht sie damit noch ganz verrückt. Und was
-glauben Sie, was er diesem Kirilloff, den er übrigens achtet, darauf
-geantwortet hat? >Sie scheinen anzunehmen, Herr Kirilloff, daß ich mich
-über sie lustig mache. Seien Sie versichert, daß ich sie in der Tat
-denkbar hoch achte, denn sie ist besser, als wir alle.< Und das sagte er
-noch, wissen Sie, in vollkommen ernstem Ton. Dabei hatte er ihr aber in
-all den Monaten kaum mehr als >guten Tag< und >Adieu< gesagt. Jetzt
-freilich brachte er sie bald so weit, daß sie ihn für ihren Bräutigam
-hielt, der sie nur infolge von allen möglichen romantischen
-Familienhindernissen vorläufig nicht >entführen< könnte -- wir aber
-hatten unser weidliches Vergnügen daran. Die Geschichte endete damit,
-daß Nicolai Wszewolodowitsch, als er endlich abreisen mußte, das war
-also vor jetzt etwa vier Jahren -- er kam damals hierher zu Ihnen -- ihr
-eine jährliche Pension, ich glaube ungefähr dreihundert Rubel, wenn
-nicht mehr, aussetzte. Mit einem Wort, es war höchstens der
-phantastische Streich eines Beschäftigungslosen oder, wie Kirilloff
-sagte, es war eine neue Etude eines übersättigten Menschen, um zu
-erfahren, wie weit man eine arme Närrin bringen kann. >Sie haben,< sagte
-Kirilloff, >sich absichtlich das letzte Geschöpf unter den Menschen
-ausgesucht, ein krüppeliges Wesen, das sowieso schon mit Schlägen und
-Schande bedeckt ist, und von dem Sie von vornherein ganz genau wissen,
-daß es an seiner tragikomischen Liebe zu Ihnen zugrunde gehen muß -- und
-plötzlich beginnen Sie, sie absichtlich zu betrügen, nur um zu sehen,
-was dabei wohl herauskommen wird.< Nun, ich meinerseits sehe nicht ein,
-wie ein Mensch daran schuld sein soll, wenn ein verrücktes Weib
-seinetwegen sich tolle Gedanken macht. Ein Weib, wohlverstanden, mit dem
-der betreffende Mensch kaum ein paar oberflächliche Worte gewechselt
-hat! Es gibt Dinge, Warwara Petrowna, über die man nicht nur nicht klug
-sprechen kann, sondern über die überhaupt zu sprechen schon nicht klug
-ist. Doch mag es nun Laune oder Sonderbarkeit gewesen sein, aber mehr
-kann man schon auf keinen Fall sagen; währenddessen aber macht man hier
-eine ganze Historie daraus ... Ich bin zum Teil darüber unterrichtet,
-was hier vorgeht.«
-
-Pjotr Stepanowitsch brach plötzlich ab und wandte sich wieder Lebädkin
-zu. Doch Warwara Petrowna hielt ihn, beinah zitternd vor Aufregung,
-zurück.
-
-»Sind Sie fertig?« fragte sie.
-
-»Nein, noch nicht. Zur Vervollständigung möchte ich noch diesen Herrn
-Lebädkin, wenn Sie gestatten ... Sie werden gleich sehen, um was es sich
-handelt --«
-
-»Genug, später, warten Sie einen Augenblick, ich bitte Sie! Oh, wie gut
-war es doch, daß ich Sie sprechen ließ!«
-
-»Und vergessen Sie nicht, Warwara Petrowna,« Pjotr Stepanowitsch fuhr
-gleichsam auf, »daß Nicolai Wszewolodowitsch persönlich Ihnen überhaupt
-keine Antwort auf Ihre Frage geben konnte -- die vielleicht wirklich
-etwas zu kategorisch war.«
-
-»Oh ja, das war sie nur zu sehr!«
-
-»Und hatte ich nicht Recht, als ich sagte, einem Fremden ist es
-leichter, gewisse Dinge zu erklären, als einem Beteiligten?«
-
-»Ja, ja ... aber in einer Beziehung haben Sie sich doch geirrt, und wie
-ich mit Bedauern sehe, irren Sie sich auch jetzt noch.«
-
-»Wirklich? Und worin wäre das?«
-
-»Ja, sehen Sie ... Aber wie wäre es, wenn Sie sich setzten, Pjotr
-Stepanowitsch?«
-
-»Oh, wie Sie wünschen, ich bin auch müde, besten Dank.«
-
-Er zog gewandt einen Sessel heran und drehte ihn so, daß er zwischen
-Warwara Petrowna und Praskowja Iwanowna, die sich am Tisch
-niedergelassen hatte, sitzen konnte, während Lebädkin, den er nicht aus
-dem Auge ließ, ihm nun gerade gegenüber stand.
-
-»Ich meine, Sie irren sich, wenn Sie dieses eine >Laune<, eine
->Sonderbarkeit< nennen ...«
-
-»Oh, wenn es nur das ist --«
-
-»Nein, nein, nein, warten Sie,« unterbrach ihn Warwara Petrowna, die
-sich offenbar zu einem langen und eingehenden Gespräch vorbereitete.
-
-Kaum gewahrte das Pjotr Stepanowitsch, da war er schon die
-Aufmerksamkeit selbst.
-
-»Nein, das ist etwas Höheres als eine Laune. Das ist, ich versichere
-Sie, beinahe etwas Heiliges. Das ist Prinz Heinz, wie ihn Stepan
-Trophimowitsch früher so treffend nannte, und was vollkommen richtig
-wäre, wenn er nicht noch mehr an Hamlet erinnern würde.«
-
-»_Et vous avez raison_,«{[96]} bestätigte Stepan Trophimowitsch mit
-Empfindung und Nachdruck.
-
-»Ich danke Ihnen, Stepan Trophimowitsch. Ich danke Ihnen ganz besonders
-für Ihren unerschütterlichen Glauben an _Nicolas_, an den Adel seiner
-Seele. Diesen Glauben haben Sie auch in mir befestigt, als ich den Mut
-schon verlieren wollte.«
-
-»_Chère, chère_ ...«
-
-Stepan Trophimowitsch wollte schon vortreten, überlegte aber dann doch,
-daß es immerhin gewagt wäre, sie zu unterbrechen.
-
-»Und wenn _Nicolas_ stets einen stillen, treuen und starken Horatio
-neben sich gehabt hätte -- auch einer Ihrer schönen Vergleiche, Stepan
-Trophimowitsch --, so wäre er vielleicht längst erlöst« (Warwara
-Petrowna geriet schon in einen singenden Ton) »von diesem >Dämon der
-Ironie< -- auch diesen Ausdruck hat Stepan Trophimowitsch geprägt, --
-der ihn sein Lebelang martert. Doch _Nicolas_ hat nie weder einen
-Horatio noch eine Ophelia gehabt. Er hat nur eine Mutter gehabt. Aber
-was kann eine Mutter in solchen Dingen tun? Wissen Sie, Pjotr
-Stepanowitsch, es ist mir jetzt vollkommen klar, daß ein Mensch wie
-_Nicolas_ sogar in diese schmutzigen Winkel hinabsteigen konnte. Ich
-begreife jetzt alles. Ich begreife diese Lust zum Spott über das Leben,
-auf die auch Sie vorhin so vorzüglich hinwiesen. Ich begreife diesen
-unersättlichen Durst nach Gegensätzen, diesen trüben und unheimlichen
-Hintergrund seines damaligen Lebens, von dem er sich dann wie eine
-leuchtende Erscheinung abhob. Und in dieser schrecklichen Welt trifft er
-dann ein Wesen, das alle beleidigen und verspotten, eine Krüppelige,
-eine Irrsinnige, und zugleich doch einen Menschen, der die edelsten
-Gefühle hat! ...«
-
-»Hm ... ja, nehmen wir an --«
-
-»Und Sie sagen, Sie können nicht begreifen, weshalb er zunächst nicht
-wie alle die anderen über sie lacht! Oh, ihr Menschen! Und Sie können
-nicht verstehen, daß er sie dann vor den Beleidigern beschützt und sie
-wie eine >Marquise< behandelt! Dieser Kirilloff muß ein tiefer
-Menschenkenner sein, wenn er auch _Nicolas_ nicht verstanden hat! Ja,
-vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, aus dem diese ganze unselige
-Geschichte entstanden ist. Wäre die Beklagenswerte in anderen
-Verhältnissen, in einer anderen Umgebung gewesen, dann hätte sie wohl
-überhaupt nicht diesen törichten Gedanken gefaßt. Das allerdings, Pjotr
-Stepanowitsch, kann nur eine Frau verstehen, und wie schade ist es doch,
-daß Sie ... das heißt ... ich will natürlich nicht sagen, wie schade,
-daß Sie keine Frau sind, aber daß Sie das ganze Verständnis einer Frau
-nun einmal nicht haben können.«
-
-»Das heißt also: je schlimmer, desto besser -- ich verstehe, ich
-verstehe schon, Warwara Petrowna. Das ist so, wie in der Religion und im
-Staat: je schlechter es ein Mensch im Leben hat, oder je unterdrückter
-ein Volk ist, desto eigensinniger wird an die Belohnung, die einen im
-Jenseits erwartet, gedacht. Und wenn dabei noch hunderttausend
-Geistliche mitwirken und den Gedanken anfachen, auf den sie selbst
-spekulieren, so ... oh, ich verstehe Sie, Warwara Petrowna, seien Sie
-unbesorgt.«
-
-»Ich glaube -- doch wohl nicht so ganz. Aber sagen Sie, hätte denn
-_Nicolas_, um jenen unseligen Gedanken in diesem unglücklichen
-Organismus zu ertöten,« (weshalb sie hier dieses Wort gebrauchte,
-verstand ich nicht) »hätte er wirklich ebenso über sie lachen und höhnen
-müssen, wie die anderen rohen Kumpane? Begreifen Sie denn wirklich nicht
-dieses große Mitleiden, diesen edlen Schauer einer edlen Seele, mit dem
-_Nicolas_ plötzlich ernst diesem Kirilloff antwortet: >Ich lache
-durchaus nicht über sie.< Oh, diese vornehme, diese heilige Antwort.«
-
-»_Sublime!_,«{[97]} murmelte Stepan Trophimowitsch.
-
-»Und vergessen Sie nicht, er ist durchaus nicht reich, wie Sie
-vielleicht denken: ich bin reich, aber nicht er, und damals hat er meine
-Hilfe niemals in Anspruch genommen.«
-
-»Ich verstehe das, ich verstehe das alles, Warwara Petrowna,« beteuerte
-Pjotr Stepanowitsch und bewegte sich bereits etwas ungeduldig auf seinem
-Stuhl.
-
-»Oh, das ist mein Charakter! In _Nicolas_ erkenne ich mich selbst
-wieder. Ich kenne diese Jugend, diese Möglichkeiten stürmisch drängender
-Ausbrüche ... Und wenn wir uns jemals nähertreten sollten, Pjotr
-Stepanowitsch, was ich meinerseits aufrichtig wünsche, um so mehr, als
-ich Ihnen schon so verpflichtet bin, so werden Sie dann vielleicht
-verstehen --«
-
-»Oh, auch ich wünsche, glauben Sie mir --«
-
-»-- Diesen Drang, in dem man in blindem Edelmute plötzlich einen
-Menschen nimmt, womöglich einen, der unser gar nicht wert ist, einen
-Menschen, der Sie nicht im geringsten versteht und bereit ist, Sie bei
-jeder Gelegenheit zu quälen: und diesen Menschen macht man plötzlich
-wider alle Vernunft zu seinem Idealbild, zu seinem Wahnbild, legt in ihn
-alle Hoffnungen, beugt sich vor ihm, liebt ihn sein Lebelang, ohne auch
-nur zu wissen weshalb, -- vielleicht gerade deshalb, weil er das gar
-nicht verdient hat ... Oh, wie ich mein ganzes Leben lang gelitten habe,
-Pjotr Stepanowitsch!«
-
-Stepan Trophimowitsch suchte erregt meinen Blick, doch ich konnte mich
-noch rechtzeitig abwenden.
-
-»Und noch vor kurzem, noch vor kurzem -- oh, wie viel mir _Nicolas_
-verzeihen muß! ... Sie werden es mir nicht glauben, wie alle mich
-gequält haben! Gequält von allen Seiten, alle, alle, Feinde und Freunde,
-und die Freunde vielleicht noch mehr als die Feinde. Und als ich den
-ersten anonymen Brief erhielt, Pjotr Stepanowitsch, Sie werden es mir
-nicht glauben, aber meine Verachtung reichte einfach nicht aus für diese
-ganze Gemeinheit ... Nie, nie werde ich mir diesen Kleinmut vergeben!«
-
-»Von diesen anonymen Briefen habe ich schon gehört,« sagte Pjotr
-Stepanowitsch, plötzlich wieder belebt, »seien Sie unbesorgt, den
-Verfasser werde ich schon herausbekommen.«
-
-»Aber Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was für Intriguen hier
-gesponnen worden sind! Sogar unsere arme Praskowja Iwanowna hat man
-beunruhigt -- und dazu war doch wirklich kein Grund vorhanden! Liebe
-Praskowja Iwanowna, heute mußt du mir schon verzeihen,« fügte sie
-plötzlich in einer großmütigen Regung hinzu, aber doch nicht ohne einen
-leisen triumphierenden Klang in der Stimme.
-
-»Schon gut, meine Liebe,« murmelte diese widerwillig. »Ich aber meine,
-man könnte jetzt endlich aufhören, es ist schon viel zu viel gesprochen
-worden.« Und wieder sah sie scheu ihre Lisa an, die aber blickte auf
-Pjotr Stepanowitsch.
-
-»Und dieses arme, unglückliche Geschöpf, diese Irrsinnige, die alles
-verloren, nur das Herz behalten hat, die -- werde ich in mein Haus
-aufnehmen!« rief Warwara Petrowna plötzlich entschlossen aus. »Das ist
-eine heilige Pflicht und ich will sie erfüllen! Vom heutigen Tage an
-stelle ich sie unter meinen Schutz!«
-
-»Und das wird sogar sehr gut sein, in einem gewissen Sinne wenigstens!«
-Pjotr Stepanowitsch war wieder ganz Leben. »Entschuldigen Sie, aber
-vorhin bin ich nicht ganz zu Ende gekommen. Gerade was den Schutz
-betrifft. Stellen Sie sich vor, Warwara Petrowna, -- ich fange dort an,
-wo ich stehen blieb, -- stellen Sie sich also vor, daß damals, als
-Nicolai Wszewolodowitsch fortgefahren war, dieser Herr da drüben, dieser
-Herr Lebädkin, nichts Besseres zu tun wußte, als das seiner Schwester
-ausgesetzte Geld eilends und restlos zu vertrinken. Ich weiß nicht
-genau, in welcher Weise Nicolai Wszewolodowitsch die Zahlungsart in der
-ersten Zeit angeordnet hatte. Ich weiß nur, daß er sich schließlich
-genötigt sah, wenn er Lebädkins Schwester einigermaßen sicherstellen
-wollte, sie in einem fernen Kloster unterzubringen -- was denn auch
-geschah, selbstredend unter aller nur denkbaren Rücksicht auf ihre
-Person, aber unter freundschaftlicher Aufsicht, Sie verstehen schon!
-Doch was glauben Sie wohl, wozu Herr Lebädkin sich entschloß? Erst
-suchte er mit aller Gewalt zu erfahren, wo man sein Zinspapier, das
-heißt also seine Schwester, untergebracht hatte, und dann, als ihm dies
-gelungen war, erwirkte er, indem er irgendwelche Rechte vorschützte, daß
-man sie ihm herausgab, und darauf schleppte er sie hierher. Hier nun gab
-er ihr nichts zu essen, sondern schlug sie, und als er auf irgendeine
-Weise von Nicolai Wszewolodowitsch eine größere Geldsumme herausbekommen
-hatte, ging das alte, wüste Trinkleben sofort von neuem an. Von
-Dankbarkeit Nicolai Wszewolodowitsch gegenüber natürlich keine Spur; im
-Gegenteil, nur sinnlose neue Forderungen stellte er an ihn und drohte
-gar mit dem Gericht, wenn er nicht Zahlungen erhalten würde -- nahm also
-frech als pflichtmäßig an, was freiwillig war. -- Herr Lebädkin, ist
-_alles_ wahr, was ich hier soeben gesagt habe?«
-
-Der »Hauptmann«, der bis dahin stumm und mit gesenkten Augen dagestanden
-hatte, trat schnell zwei Schritte vor, -- das Blut schoß ihm ins
-Gesicht.
-
-»Pjotr Stepanowitsch ... Sie haben mich ... grausam behandelt,« brachte
-er stockend hervor.
-
-»Wieso grausam? Doch über Grausamkeit oder Zartheit können wir später
-sprechen, jetzt aber wollen Sie mir gefälligst auf meine Frage
-antworten: ist _alles_ wahr, was ich hier gesagt habe, oder nicht?«
-
-»Ich ... Sie wissen ja selbst, Pjotr Stepanowitsch ...« der »Hauptmann«
-stockte und schwieg.
-
-Pjotr Stepanowitsch saß im Lehnstuhl mit übergeschlagenen Beinen und
-Lebädkin stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihm. Lebädkins
-Unentschlossenheit schien Pjotr Stepanowitsch sehr wenig zu gefallen: in
-seinem Gesicht zuckte es und sein Ausdruck wurde böse.
-
-»Ja, wollen Sie nicht vielleicht etwas sagen?« fragte Pjotr
-Stepanowitsch scharf, wobei er mit zusammengekniffenen Augen
-durchdringend den »Hauptmann« anblickte. »In dem Falle -- bitte. Haben
-Sie die Güte, wir hören.«
-
-»Sie wissen doch selbst, Pjotr Stepanowitsch, daß ich nichts sagen
-kann.«
-
-»Nein, das weiß ich durchaus nicht, höre es sogar zum erstenmal; warum
-können Sie denn nicht?«
-
-Lebädkin schwieg und blickte zu Boden.
-
-»Erlauben Sie mir, Pjotr Stepanowitsch, fortzugehen,« sagte er endlich
-entschlossen.
-
-»Nicht, bevor Sie mir eine Antwort auf meine Frage gegeben haben. Noch
-einmal: ist _alles_ wahr, was ich gesagt habe?«
-
-»Ja, es ist wahr,« sagte Lebädkin dumpf und blickte kurz zu seinem
-Peiniger auf.
-
-An seinen Schläfen trat sogar Schweiß hervor.
-
-»Ist _alles_ wahr?«
-
-»Alles ist wahr.«
-
-»Haben Sie nicht noch etwas hinzuzufügen, oder zu bemerken? Wenn Sie
-fühlen, daß wir Ihnen irgendwie Unrecht getan haben, so sagen Sie es.
-Protestieren Sie, geben Sie laut Ihre Unzufriedenheit kund!«
-
-»Nein, ich habe nichts ...«
-
-»Haben Sie vor kurzem Nicolai Wszewolodowitsch gedroht?«
-
-»Das ... das ... war mehr Alkohol, Pjotr Stepanowitsch!« (Er hob
-plötzlich den Kopf.) »Pjotr Stepanowitsch! Wenn die beleidigte
-Familienehre und die unverdiente Schande im Menschenherzen aufheulen,
-ist dann -- ist dann wirklich der Mensch noch verantwortlich?« brüllte
-er plötzlich wieder los, wie vorher sich nicht mehr im Zaum haltend.
-
-»Sind Sie nüchtern, Herr Lebädkin?« Pjotr Stepanowitsch sah ihn
-durchdringend an.
-
-»Ich ... bin nüchtern.«
-
-»Was soll das bedeuten: >beleidigte Familienehre< und >unverdiente
-Schande<?«
-
-»Das habe ich nur so ... ich wollte niemanden ...« Der Hauptmann sank
-wieder zusammen.
-
-»Meine Bemerkungen über Sie und Ihr Benehmen scheinen Sie gekränkt zu
-haben. Sie sind ja sehr empfindlich, Herr Lebädkin. Aber erlauben Sie
-mal, ich habe doch noch gar nichts über Ihr Benehmen im _eigentlichen
-Sinne_ gesagt. Ich werde erst anfangen, über Ihr Benehmen im
-_eigentlichen Sinne_ zu sprechen. Ja, es ist sogar sehr leicht möglich,
-daß ich davon anfangen werde ...«
-
-Lebädkin erzitterte plötzlich und starrte wahrhaft entsetzt Pjotr
-Stepanowitsch an.
-
-»Pjotr Stepanowitsch, ich fange jetzt erst an, aufzuwachen!«
-
-»Hm! Und ich bin es wohl, der Sie jetzt aufgeweckt hat?«
-
-»Ja, Sie haben mich aufgeweckt, Pjotr Stepanowitsch, ich aber habe vier
-Jahre unter der schwebenden Wolke geschlafen ... kann ich jetzt
-fortgehen, Pjotr Stepanowitsch?«
-
-»Jetzt können Sie es ... wenigstens, wenn nicht Warwara Petrowna --?«
-
-Die aber winkte nur mit beiden Händen ab.
-
-Der »Hauptmann« verbeugte sich und ging, doch nach drei Schritten blieb
-er plötzlich wieder stehen, preßte die Hand aufs Herz, wollte etwas
-sagen, tat es aber doch nicht -- und ging dann endlich schnell zur Türe.
-Doch gerade wie er hinaus wollte, wurde sie von außen geöffnet und er
-stieß mit Nicolai Wszewolodowitsch beinahe zusammen. Der »Hauptmann«
-duckte sich gleichsam vor ihm und erstarb auf der Stelle, ohne seine
-Augen von ihm abwenden zu können, wie ein Kaninchen vor einer
-Riesenschlange.
-
-Einen Augenblick wartete Stawrogin, dann schob er ihn mit der Hand
-leicht zur Seite und trat ein.
-
-
- VII.
-
-Stawrogin war heiter und ruhig. Möglich, daß er etwas sehr Angenehmes
-erfahren hatte, was wir noch nicht wußten ... jedenfalls war er, wie es
-schien, mit irgend etwas ganz ausnehmend zufrieden.
-
-»Kannst du mir verzeihen, _Nicolas_?« Warwara Petrowna konnte sich nicht
-bezwingen und erhob sich sogar eilig ihm entgegen.
-
-Da aber lachte Stawrogin auf:
-
-»Das fehlte noch!« rief er gutmütig und scherzhaft. »Ich sehe schon, es
-ist euch alles bekannt. Und ich machte mir bereits Vorwürfe während der
-Fahrt in der Equipage: >Wenigstens hätte ich doch den Scherz erzählen
-müssen, denn sonst, wer geht denn so fort.< Als mir aber einfiel, daß
-Pjotr Stepanowitsch hier geblieben war, sprang die Sorge von mir ab.«
-
-Während er sprach, blickte er sich flüchtig im Zimmer um.
-
-»Pjotr Stepanowitsch hat uns eine alte Petersburger Geschichte aus dem
-Leben eines eigentümlichen Menschen erzählt,« sagte Warwara Petrowna,
-noch ganz entzückt, »eines launischen, eines halb wahnsinnigen Menschen,
-der aber in seinen Gefühlen immer edel bleibt, immer adlig, immer
-ritterlich --«
-
-»Also so hoch habt ihr mich schon erhoben,« scherzte Stawrogin.
-»Übrigens bin ich Pjotr Stepanowitsch diesmal sehr dankbar für seine
-Eilfertigkeit« (hier tauschte er mit ihm einen blitzartig kurzen Blick).
-»Sie müssen nämlich wissen, _maman_, daß Pjotr Stepanowitsch stets der
-allgemeine Friedensstifter ist: das ist nun einmal seine Rolle, seine
-Krankheit, sein Steckenpferd, und in der Beziehung kann ich ihn
-besonders empfehlen. Übrigens kann ich mir schon denken, worüber er hier
-Bericht erstattet hat. Er erstattet ja immer Bericht, wenn er etwas
-erzählt. In seinem Kopf hat er eine Kanzlei. Man merke sich nur, daß er
-in seiner Eigenschaft als Realist nicht lügen kann und daß die Wahrheit
-ihm teurer ist als der Erfolg ... selbstverständlich außer in jenen
-besonderen Fällen, wenn ihm der Erfolg teurer ist als die Wahrheit.«
-(Stawrogin sah sich, während er sprach, immer noch um.) »Sie sehen also,
-_maman_, daß nicht Sie mich um Verzeihung zu bitten haben, und daß, wenn
-hier irgendwo eine Schuld ist, sie natürlich nur mich treffen kann ...
-oder sagen wir, wenn hier eine Verrücktheit vorliegt, ich folglich der
-Verrückte bin -- man muß doch seinen Ruf aufrechterhalten!« und er
-umarmte seine Mutter und küßte sie zärtlich. »Jedenfalls aber ist die
-Sache jetzt erzählt, und ich dächte, nun könnte man aufhören, von ihr zu
-sprechen.« Seine letzten Worte hatten plötzlich einen trockenen, harten
-Unterton.
-
-Warwara Petrowna kannte diesen Ton, doch ihre Erregung verging deshalb
-noch nicht, sogar im Gegenteil.
-
-»Aber wie kommt es nur, daß du heute schon hier bist, _Nicolas_, du
-wolltest doch erst in einem Monat --«
-
-»Ich werde Ihnen natürlich alles erzählen, _maman_, doch augenblicklich
---« Und er trat zu Praskowja Iwanowna.
-
-Doch diese schien ihn diesmal überhaupt nicht bemerken zu wollen:
-während noch vor einer halben Stunde, als er zum ersten Male erschienen
-war, ihre ganze Aufmerksamkeit von ihm in Anspruch genommen wurde, war
-diese jetzt auf etwas ganz anderes gelenkt. In dem Augenblick, als der
-»Hauptmann« mit Stawrogin beinahe zusammengestoßen war, hatte Lisa
-plötzlich zu lachen angefangen -- zuerst nur leise und verhalten, dann
-aber immer lauter und bemerkbarer. Sie wurde rot. Dieser Gegensatz zu
-ihrem kurz vorher noch so düsteren Aussehen war doch zu auffallend. Als
-Nicolai Wszewolodowitsch noch mit Warwara Petrowna sprach, winkte sie
-Mawrikij Nicolajewitsch zu sich heran, als wolle sie ihm etwas sagen:
-doch kaum beugte er sich zu ihr nieder, da lachte sie schon von neuem.
-Ja, es schien, als lache sie geradezu über den armen Mawrikij
-Nicolajewitsch. Dabei strengte sie sich furchtbar an, ernst zu bleiben,
-und preßte immer wieder ihr Taschentuch an die Lippen, doch es gelang
-ihr nicht, sich zu bezwingen.
-
-Nicolai Wszewolodowitsch trat mit der unschuldigsten, aufrichtigsten
-Miene an sie heran, um sie zu begrüßen.
-
-»Verzeihen Sie, bitte,« sagte sie schnell, »Sie ... Sie haben gewiß auch
-Mawrikij Nicolajewitsch gesehen ... Gott, wie verboten lang Sie sind,
-Mawrikij Nicolajewitsch!« Und wieder lachte sie.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch war allerdings hoch von Wuchs, aber durchaus
-nicht so auffallend, wie sie es plötzlich zu finden schien.
-
-»Sie ... sind vor nicht langer Zeit angekommen?« fragte sie, sich
-gewaltsam zusammennehmend, sogar verlegen, doch mit blitzenden Augen.
-
-»Vor ungefähr zwei Stunden,« antwortete Stawrogin und sah sie aufmerksam
-an. Ich muß hier bemerken, daß er ungewöhnlich zurückhaltend war in
-seiner Höflichkeit, doch ohne diese würde er vollständig gleichgültig,
-fast gelangweilt ausgesehen haben.
-
-»Und wo werden Sie wohnen?«
-
-»Hier.«
-
-Warwara Petrowna beobachtete sie gleichfalls, plötzlich fiel ihr etwas
-ein.
-
-»Aber _Nicolas_, wo warst du denn bis jetzt, diese zwei Stunden?« fragte
-sie erstaunt, »der Zug kommt doch um zehn Uhr an.«
-
-»Ich brachte zuerst Pjotr Stepanowitsch zu Kirilloff. Ich hatte ihn in
-Matwejewo (drei Stationen vor unserer Stadt), getroffen. So fuhren wir
-die letzte Strecke zusammen.«
-
-»Ich aber wartete schon seit Mitternacht in Matwejewo,« griff Pjotr
-Stepanowitsch schnell in das Gespräch ein. »Unsere letzten Wagen waren
-in der Nacht aus den Schienen gesprungen, wir hätten uns beinahe noch
-die Beine gebrochen!«
-
-»Mein Gott,« rief Lisa, »Mama, und wir wollten in der vorigen Woche auch
-nach Matwejewo fahren!«
-
-»Gott erbarme dich!« Praskowja Iwanowna bekreuzte sich.
-
-»Ach, Mama, Mama, liebe Mama, erschrecken Sie nicht, wenn ich mir bei
-einer solchen Gelegenheit auch einmal ein Bein breche, mir könnte das ja
-nur zu leicht geschehen! Sie sagen doch selbst, daß ich jeden Tag nur
-ausreite, um mir das Genick zu brechen. Mawrikij Nicolajewitsch, würden
-Sie mich führen, wenn ich hinke?« fragte sie wieder lachend. »Ich würde
-dann nur Ihnen erlauben, mich zu führen, verlassen Sie sich darauf!
-Sagen wir, ich breche mir ein Bein? -- Aber so seien Sie doch so
-liebenswürdig, Mawrikij Nicolajewitsch, und sagen Sie sofort, daß Sie
-sich glücklich schätzen würden!«
-
-»Was kann das für ein Glück sein, wenn man ein Krüppel ist?« sagte
-Mawrikij Nicolajewitsch ernstlich ungehalten.
-
-»Dafür würden Sie allein mich führen dürfen, nur Sie, sonst niemand!«
-
-»Auch dann würden _Sie_ mich führen, Lisaweta Nicolajewna,« sagte der
-Offizier leise und noch ernster.
-
-»Gott, er wollte einen Witz machen,« rief Lisa fast entsetzt aus.
-»Mawrikij Nicolajewitsch, unterstehen Sie sich niemals, einen Witz zu
-machen! Aber Sie sind wirklich bis zu einem unglaublichen Grade Egoist!
-Doch ich bin überzeugt, zu Ihrer Ehre sei es gesagt, daß Sie sich selbst
-verleumden. Im Gegenteil, Sie würden mir von früh bis spät versichern,
-daß ich ohne Fuß weit interessanter sei! Eines ist aber unvereinbar: Sie
-sind übermäßig lang, ich aber würde, wenn ich hinken müßte, ganz klein
-sein -- wir würden also ein schlechtes Paar abgeben!«
-
-Und sie lachte krampfhaft.
-
-Die Anspielungen waren flach und herbeigezogen, doch ihr war es diesmal
-offenbar nicht um den Ruhm zu tun, geistreich zu sein.
-
-»Hysterie,« flüsterte mir Pjotr Stepanowitsch zu, »ein Glas Wasser,
-schnell!«
-
-Er hatte es erraten: eine Minute später liefen wir hin und her und
-endlich brachte man denn auch Wasser. Lisa umarmte ihre Mutter, küßte
-sie leidenschaftlich, weinte verzweifelt -- bis sie dann plötzlich
-wieder auflachte. Darauf fing auch die Alte zu weinen an. Da führte denn
-Warwara Petrowna sie beide durch dieselbe Tür, durch die Darja Pawlowna
-eingetreten war, hinaus. Doch sie blieben nicht lange im Nebenzimmer,
-sondern erschienen schon nach wenigen Minuten wieder im Salon.
-
-Kaum waren sie draußen, da trat Stawrogin an uns heran und begrüßte uns
--- außer Schatoff, der noch immer in seiner Ecke saß und den Kopf
-womöglich noch tiefer gesenkt hielt. Stepan Trophimowitsch versuchte
-sogleich, irgendein geistreiches Gespräch anzuknüpfen, doch Stawrogin
-wandte sich ab und wollte zu Darja Pawlowna gehen. Unterwegs jedoch
-hielt ihn Pjotr Stepanowitsch auf, der ihn fast mit Gewalt zum Fenster
-zog und ihm dort etwas anscheinend sehr Wichtiges zuzuflüstern begann.
-Nicolai Wszewolodowitsch freilich hörte, während der andere lebhaft
-gestikulierte, nur zerstreut, fast gelangweilt zu, mit seinem
-offiziellen, leicht spöttischen Lächeln auf den Lippen -- und
-schließlich wurde er ungeduldig und machte sich los.
-
-In diesem Augenblick traten die Damen wieder ein.
-
-Warwara Petrowna führte Lisa zu ihrem alten Platz und versicherte
-lebhaft, daß es den gereizten Nerven unmöglich gut tun könne, wenn sie
-gleich an die frische Luft ginge: sie solle sich doch erst wenigstens
-zehn Minuten erholen! Und sie setzte sich neben Lisa und bemühte sich in
-einer schon recht auffallenden Weise um diese.
-
-Pjotr Stepanowitsch lief auch gleich hinzu und begann ein lebhaftes und
-lustiges Gespräch.
-
-Währenddessen trat nun Stawrogin endlich mit seinen langsamen Schritten
-zu Darja Pawlowna. Dascha schrak förmlich zurück, als sie ihn auf sich
-zukommen sah, und feuerrot, verwirrt, fast taumelnd erhob sie sich
-schnell.
-
-»Ich glaube, man kann Ihnen gratulieren ... oder noch nicht?« Er fragte
-es mit einem sonderbaren Zug um den Mund, den ich noch nie an ihm
-bemerkt hatte.
-
-Dascha antwortete ihm irgend etwas, aber die Worte konnte ich nicht
-verstehen.
-
-»Verzeihen Sie, bitte, die Aufdringlichkeit,« sagte er und sprach
-lauter, »aber Sie wissen doch, daß man mich absichtlich davon
-benachrichtigt hat? Wissen Sie das?«
-
-»Ja, ich weiß, daß Sie absichtlich davon benachrichtigt worden sind.«
-
-»Nun, ich hoffe, mein Glückwunsch hat nicht gestört,« meinte er lachend,
--- »und wenn Stepan Trophimowitsch ...«
-
-»Wozu, wozu gratulieren?« Pjotr Stepanowitsch lief schnell herbei,
-»wozu, wozu gratulieren, Darja Pawlowna? Bah! doch nicht etwa dazu?
-Wirklich! Ihre Farbe beweist, daß ich recht geraten habe! In der Tat
-gibt es doch nur eine einzige Art Glückwunsch, bei dem unsere schönen,
-sittsamen jungen Damen zu erröten pflegen. Nun, so empfangen Sie ihn
-denn auch von mir, wenn ich's richtig erraten habe! Bezahlen Sie aber
-auch bitte die Wette! Sie werden sich doch noch erinnern, daß wir in der
-Schweiz gewettet haben? Sie sagten, daß Sie niemals heiraten würden und
-ich sagte das Gegenteil. Nun, und eigentlich bin ich ja halbwegs deshalb
-aus der Schweiz hierher gereist ... Apropos -- Schweiz! Aber sag mir
-doch,« er drehte sich schnell zu Stepan Trophimowitsch herum, »wann
-fährst du denn jetzt in die Schweiz?«
-
-»Ich? ... in die Schweiz?« fragte Stepan Trophimowitsch überrascht und
-verwirrt.
-
-»Ja, wie denn? Fährst du denn nicht? Aber du heiratest doch ... du
-schriebst es doch!«
-
-»_Pierre!_« rief Stepan Trophimowitsch streng.
-
-»Was denn, _Pierre_! Sieh mal, wenn es dir angenehm zu hören ist, so bin
-ich hierher geflogen, um dir mitzuteilen, daß ich durchaus nichts
-dagegen einzuwenden habe! Du wolltest doch meine Meinung möglichst bald
-wissen! Wenn man dich aber >retten< muß, wie du in demselben Brief
-schreibst, so stehe ich dir dito zu Diensten. Ist es wahr, daß er
-heiratet, Warwara Petrowna?« und wieder drehte er sich schnell zu
-dieser. »Ich nehme an, daß ich hier nicht von Geheimnissen rede. Er
-schreibt ja selbst, daß die ganze Stadt es bereits weiß, daß ihm alle
-bereits ihre Glückwünsche darbringen wollen, und daß er, um dem zu
-entgehen, nur noch in der Nacht das Haus verlassen kann. Den Brief habe
-ich in der Tasche. Ganz klug bin ich freilich nicht aus ihm geworden.
-Sag selbst, Stepan Trophimowitsch, was soll man nun eigentlich: -- soll
-man dir >gratulieren<? -- oder soll man dich >retten<? Sie glauben
-nicht, Warwara Petrowna, unmittelbar neben den glücklichsten Zeilen
-stehen solche der größten Verzweiflung. Zunächst bittet er mich um
-Verzeihung: nun, schön, das sind so seine Sentimentalitäten ... Aber
-übrigens -- nein, es ist unmöglich, nicht davon zu sprechen: stellen Sie
-sich vor, er hat mich im ganzen Leben nur zweimal gesehen, und auch dann
-nur zufällig; jetzt plötzlich aber, wie er sich zum dritte Male
-verheiraten will, bildet er sich ein, damit mir gegenüber irgendwelche
-väterlichen Pflichten zu verletzen. Und so fleht er mich tatsächlich
-über tausend Werst hinweg an, ihm nicht böse zu sein und meine Erlaubnis
-zu seiner Vermählung zu geben! Du, ärgere dich bitte nicht, Stepan
-Trophimowitsch, es ist ein Zug unserer Zeit, alles zu verstehen, und ich
-verurteile dich ja auch nicht, ja, schließlich macht dir das alles
-sogar, wie man das zu nennen pflegt, nur Ehre, usw., usw. Doch davon
-wollte ich ja gar nicht sprechen. Die Hauptsache ist vielmehr, daß mir
--- nun, eben die Hauptsache nicht klar ist. Schreibst da irgend etwas
-von Schweizer Sünden ... >Heirate sozusagen fremde Sünden<, oder wie du
-dich da ausdrückst, -- mit einem Wort: >Sünden< sind dabei. >Das
-Mädchen<, schreibst du, >ist ein Juwel<, und du, nun natürlich, du bist
-ihrer >nicht wert<. Das ist nun einmal sein Stil,« sagte er wieder zu
-Warwara Petrowna gewandt. »Wegen irgendwelcher >fremden Sünden< ist er
->gezwungen, zum Altar zu gehen und in die Schweiz zu reisen<, und darum:
->fliege her, um mich zu retten!< Begreifen Sie etwas? Aber ich sehe ...
-mir scheint ... ich bemerke am Ausdruck der Gesichter, daß --« er drehte
-sich nach allen Seiten um und sah die Anwesenden mit dem unschuldigsten
-Lächeln an, -- »daß ich nach meiner Gewohnheit wieder einmal eine
-Dummheit gemacht habe ... mit meiner Aufrichtigkeit, oder, wie Nicolai
-Wszewolodowitsch sagt -- Eilfertigkeit ... Ich glaubte doch, daß wir
-hier unter Freunden sind? Das heißt selbstverständlich unter deinen
-Freunden, Stepan Trophimowitsch, nur unter deinen, denn ich bin hier ja
-fremd ... und nun sehe ich ... sehe ich, daß alle irgend etwas wissen,
-und nur ich dieses >Etwas< nicht weiß ...«
-
-Er sah sich noch immer im Kreise um.
-
-»So hat Ihnen Stepan Trophimowitsch geschrieben, daß er >fremde Sünden<
-heiraten müsse?« Warwara Petrowna trat mit entstelltem, fast gelbem
-Gesicht und zuckenden Mundwinkeln auf Pjotr Stepanowitsch zu.
-
-»Ja, sehen Sie, das heißt, wenn ich hier etwas nicht verstanden haben
-sollte, so ist das natürlich meine Schuld. Aber ich denke doch ...
-selbstverständlich: er schreibt so! Hier habe ich ja den Brief -- den
-wichtigsten. Wissen Sie, Warwara Petrowna, endlose Briefe und
-schließlich einfach ein Brief nach dem anderen, so daß ich sie später
-gar nicht mehr zu Ende las ... Verzeih mir das Geständnis, Stepan
-Trophimowitsch, aber, nicht wahr, im Grunde hast du sie, wenn du sie
-auch an mich adressiert hast, doch mehr für die Nachgeborenen
-geschrieben. Reg' dich nicht auf, es macht ja weiter nichts. Aber diesen
-Brief hier, Warwara Petrowna, den habe ich ganz gelesen. Denn diese
->Sünden<, diese >fremden Sünden<: das sind doch bestimmt irgendwelche
-von seinen eigenen Sünden und ich könnte wetten, die allerunschuldigsten
--- er aber macht daraus selbstredend eine furchtbare Geschichte, so eine
-mit einem edlen Zuge, und vielleicht ist die ganze Geschichte nur um
-dieses Zuges willen herbeigezogen. Es gibt da nämlich noch gewisse
-Abrechnungen, die nicht ganz stimmen mögen, wozu das verheimlichen!
-Denn, wissen Sie, man muß es doch endlich gestehen, wir pflegen dem
-Kartenspiel nun einmal etwas zugetan zu sein ... Aber nein, Verzeihung,
-das ist schon überflüssig, das ist schon wirklich ganz überflüssig,
-Verzeihung! Doch was ich sagen wollte, Warwara Petrowna, erschreckt hat
-er mich tatsächlich, und ich schickte mich schon allen Ernstes an, ihn
-zu >retten<. Bin ich denn ein Halsabschneider? Er schreibt da etwas von
-einer Mitgift ... Aber übrigens, heiratest du nun wirklich, Stepan
-Trophimowitsch? Doch wir reden hier und reden und ich langweile Sie
-bestimmt nur ... und Sie, Warwara Petrowna, verurteilen mich gewiß ...«
-
-»Im Gegenteil, im Gegenteil, ich sehe nur, daß Sie die Geduld verloren
-haben und dazu hatten Sie ja auch Grund genug,« sagte Warwara Petrowna
-mit einem bösen Lächeln.
-
-Sie hatte die ganze Zeit mit boshafter Genugtuung Pjotr Stepanowitsch
-zugehört, der augenscheinlich eine bestimmte Rolle spielte. (Was für
-eine, und wozu? -- das wußte ich damals nicht! Aber er spielte eine
-Rolle, und spielte sie ungeschickt.)
-
-»Ganz im Gegenteil,« fuhr Warwara Petrowna fort, »ich bin Ihnen nur zu
-dankbar dafür. Ohne Sie hätte ich nichts erfahren. So öffne ich jetzt
-zum erstenmal seit zwanzig Jahren die Augen und sehe. Nicolai
-Wszewolodowitsch, Sie erwähnten vorhin, daß Sie absichtlich
-benachrichtigt worden seien. Hat Stepan Trophimowitsch auch Ihnen in
-dieser Art und Weise geschrieben?«
-
-»Ich erhielt von ihm allerdings einen ganz unschuldigen und ... und sehr
-... edelmütigen Brief ...«
-
-»Sie stocken, Sie suchen nach Worten -- schon gut! Stepan
-Trophimowitsch, Sie haben mir einen großen Gefallen zu erweisen,« wandte
-sie sich plötzlich mit blitzenden Augen an diesen. »Haben Sie die Güte,
-uns sofort zu verlassen und die Schwelle meines Hauses nie mehr zu
-überschreiten.«
-
-Was mich an der ganzen Szene am meisten wunderte, das war die
-erstaunliche Würde, mit der Stepan Trophimowitsch sich hielt. Während
-der ganzen »Überführung« durch seinen Sohn und selbst unter dem »Fluch«
-Warwara Petrownas machte er nicht ein einziges Mal Miene, sich auch nur
-zu verteidigen. Woher nahm er so viel Charakterfestigkeit? Ich habe
-später erfahren, daß ihn seines Sohnes Betragen gleich beim ersten
-Wiedersehen tief und schmerzlich gekränkt hatte. Das aber war schon ein
-ehrliches, ein _echtes_ Leid. Und hinzu kam dann noch der andere
-Schmerz: die quälende Selbsterkenntnis, daß er sich niedrig benommen
-hatte. Das alles gestand er mir später selbst mit seiner ganzen
-Offenherzigkeit. Nun, und ein wirkliches Leid und ein echter Schmerz
-können doch sogar einen außergewöhnlich leichtsinnigen und
-oberflächlichen Menschen ernst und standhaft machen, wenn auch nur auf
-kurze Zeit. Ja, wirkliches Leid hat selbst aus Dummköpfen Kluge gemacht,
-wenn auch freilich gleichfalls nur auf kurze Zeit; das ist schon so eine
-Eigenschaft des Leides. Wenn dem aber so ist, was konnte dann nicht
-alles mit einem Menschen wie Stepan Trophimowitsch geschehen? Da konnte
-ja echter Schmerz eine vollkommene Umwandlung bewirken! -- Freilich auch
-hier nur auf einige Zeit ...
-
-Er verbeugte sich würdevoll vor Warwara Petrowna, und ohne ein Wort zu
-sagen (allerdings blieb ihm ja auch nichts anderes übrig), wollte er
-schon hinausgehen, als er es doch nicht über sich gewann und zu Darja
-Pawlowna trat. Diese mochte das schon vorausgefühlt haben, denn sie ging
-ihm sofort entgegen und begann, in ihrem Schreck, schnell selbst zu
-sprechen, als hätte sie ihm nur ja zuvorkommen wollen.
-
-»Sagen Sie nichts, Stepan Trophimowitsch, sagen Sie nichts, um Gottes
-willen,« sie streckte ihm erregt die Hand entgegen, in ihrem Gesicht
-zuckte es schmerzlich. »Seien Sie versichert, daß ich Sie immer
-hochachten werde, Stepan Trophimowitsch, und denken Sie auch von mir
-nicht schlecht, Stepan Trophimowitsch, ich ... ich werde das immer sehr,
-sehr schätzen ...«
-
-Stepan Trophimowitsch verbeugte sich tief vor ihr.
-
-»Es ist dein freier Wille, Darja Pawlowna, du weißt, daß du in dieser
-ganzen Angelegenheit vollkommen frei handeln kannst,« sagte plötzlich
-Warwara Petrowna bedeutsam.
-
-»Ach! Nun -- nun begreife ich alles!« rief da Pjotr Stepanowitsch aus
-und schlug sich vor die Stirn. »Aber ... aber in was für eine Lage hat
-man mich denn nun gebracht? Oh, verzeihen Sie mir, Darja Pawlowna,
-verzeihen Sie, wenn Sie können! ... Du aber,« wandte er sich an seinen
-Vater, »du hast mich ja in eine schöne Lage gebracht!«
-
-»_Pierre_, du könntest dich auch anders ausdrücken, wenn du mit mir
-sprichst,« sagte Stepan Trophimowitsch halblaut.
-
-»Schrei nur nicht so! Fang nur nicht an zu schreien, ich bitte dich,«
-fiel ihm _Pierre_, mit den Armen fuchtelnd, ins Wort. »Glaub mir, das
-sind alles nur alte kranke Nerven und Schreien nutzt da gar nichts. Sag
-mir lieber, warum du mich dann nicht gleich darauf vorbereitet hast?
-Konntest dir doch denken, daß ich hier nach meiner Ankunft sogleich auch
-darauf zu sprechen kommen würde!«
-
-Stepan Trophimowitsch blickte ihm offen in die Augen.
-
-»_Pierre_, du, der du so viel von dem weißt, was hier vorgeht, solltest
-du wirklich von dieser Sache nichts, nicht das Geringste gewußt, gehört
-haben?«
-
-»W--a--as? Na, hör mal ... aber das ist doch! Wir sind also nicht nur
-ein altes Kind, sondern auch noch ein böses dazu? ... Haben Sie gehört,
-Warwara Petrowna?«
-
-Es entstand eine Unruhe im Zimmer. Da sollte aber plötzlich etwas
-geschehen, was niemand auch nur hätte für möglich halten oder gar
-voraussehen können.
-
-
- VIII.
-
-Zunächst muß ich noch erwähnen, daß in den letzten zwei bis drei Minuten
-Lisaweta Nicolajewna von einer neuen Unruhe ergriffen worden war. Sie
-hatte schnell ihrer Mutter etwas zugeflüstert, und dann Mawrikij
-Nicolajewitsch, der sich zu ihr niederbeugte. Ihr Gesicht war erregt,
-doch zugleich drückte es Entschlossenheit aus. Offenbar hatte sie es
-jetzt sehr eilig, fortzukommen, denn als Mawrikij Nicolajewitsch die
-Mama vorsichtig aus dem Lehnstuhle zu heben begann, wollte sie schon
-helfen -- aber sie bezwang sich noch.
-
-Doch das Schicksal schien es nicht zu wollen, daß sie oder sonst jemand
-das Zimmer verließ, ohne das Ende des Ganzen mit angesehen zu haben.
-
-Schatoff, den alle in seiner Ecke völlig vergessen hatten, und der, wie
-es schien, selbst nicht recht wußte, warum er da saß und noch nicht
-fortgegangen war -- erhob sich plötzlich von seinem Stuhl und ging mit
-nicht schnellen, doch festen Schritten durch das ganze Zimmer auf
-Nicolai Stawrogin zu, ihm gerade ins Gesicht sehend.
-
-Stawrogin war der erste, der sofort bemerkte, daß Schatoff sich erhob,
-und er lächelte kaum -- kaum merklich; doch als Schatoff unmittelbar vor
-ihm stand, hörte er auf, zu lächeln.
-
-Jetzt erst, als Schatoff schweigend vor ihm stehen blieb und keinen
-Blick von ihm abwandte, bemerkten auch die anderen die beiden.
-
-Alle verstummten -- Pjotr Stepanowitsch ganz zuletzt. Lisa und die Mama
-blieben mitten im Zimmer stehen.
-
-So vergingen ungefähr fünf Sekunden.
-
-Der Ausdruck dreister Befremdung in Nicolai Stawrogins Gesicht
-verwandelte sich in Zorn, er runzelte die Brauen und -- plötzlich ...
-
-Und plötzlich holte Schatoff mit seinem langen, schweren Arm weit aus
-und schlug ihn ins Gesicht.
-
-Stawrogin wankte.
-
-Schatoff hatte ganz eigentümlich geschlagen, nicht so, wie man sonst
-Ohrfeigen zu geben pflegt, nicht mit der flachen Hand, sondern mit der
-festen, geballten Faust -- die aber war bei ihm groß, schwer, knochig,
-mit rötlichem Flaum und Sommersprossen bedeckt. Wenn der Schlag das
-Nasenbein getroffen hätte, so würde er es unfehlbar zerschlagen haben,
-doch er traf mehr die Wange, den linken Mundwinkel und den Oberkiefer,
-aus dem denn auch sofort Blut zu tropfen begann.
-
-Ich glaube, wir schrien alle auf. Oder vielleicht war es auch nur
-Warwara Petrowna, die aufschrie. Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls war
-es gleich darauf totenstill. Übrigens dauerte der ganze Zwischenfall
-nicht länger als zehn Sekunden.
-
-Trotzdem geschah in diesen zehn Sekunden unendlich viel.
-
-Nicolai Stawrogin gehörte zu den Naturen, die Angst überhaupt nicht
-kennen. Im Duell stand er, während sein Gegner auf ihn zielte, mit der
-größten Kaltblütigkeit da. Kam er zum Schuß, so zielte und tötete er mit
-einer Ruhe, die fast tierisch war. Wenn ihn jemand ins Gesicht
-geschlagen hätte, so würde er ihn gar nicht erst lange gefordert,
-sondern ihn einfach auf der Stelle totgeschlagen haben: gerade zu diesen
-Menschen gehörte er, die mit vollem Bewußtsein töten, und nicht etwa in
-einem Zustande, in dem der Mensch außer sich und unzurechnungsfähig ist.
-Ja, ich glaube sogar, solche Wutausbrüche, die einen blenden und
-benommen machen, kannte er überhaupt nicht. Selbst bei dem unermeßlichen
-Zorn, der sich seiner bisweilen bemächtigte, behielt er sich immer noch
-vollkommen in der Gewalt, und war sich dessen bewußt, daß ein Totschlag,
-den er nicht im Duell beging, ihn zum sibirischen Sträfling machen
-würde; und dennoch würde er den Beleidiger auf der Stelle erschlagen
-haben, und zwar ohne auch nur einen Augenblick davor zurückzuschrecken.
-
-Ich habe mich immer bemüht, Nicolai Stawrogin richtig zu verstehen. Dank
-mancher glücklichen Umstände weiß ich vieles über ihn. Nahe liegt mir
-vor allem, ihn mit gewissen großen russischen Männern zu vergleichen,
-von denen sich bei uns noch einige legendäre Erinnerungen erhalten
-haben.
-
-So erzählt man zum Beispiel von dem Dekabristen[33] L--n, er habe immer
-mit Absicht die Gefahr gesucht, habe sich an ihr berauscht und sie zu
-seinem Lebensbedürfnis gemacht: als junger Mensch habe er sich fast
-grundlos herumduelliert, in Sibirien sei er, nur mit einem Messer
-bewaffnet, auf die Bärenjagd gegangen und habe in den Wäldern mit
-entsprungenen Verbrechern, die, nebenbei bemerkt, noch gefährlicher als
-Bären sind, zusammenzutreffen gesucht. Zweifellos kannte ein Mann wie
-dieser L--n ganz genau das Gefühl der Angst: aber gerade dieses Gefühl
-in sich zu überwinden -- das war es, was ihn reizte. Übrigens hatte
-dieser selbe L--n in der letzten Zeit vor seiner Verschickung nach
-Sibirien eine furchtbare Hungerzeit durchgemacht und sich durch die
-schwerste Arbeit sein Brot verdient, nur weil er sich den Wünschen
-seines reichen Vaters nicht fügen wollte. Also hatte er nicht nur im
-Kampf mit Bären und im Duell seine Standhaftigkeit und Willensstärke zu
-erproben und zu beweisen gesucht.
-
-Doch seitdem sind viele Jahre vergangen, und die nervöse, zerquälte und
-gespaltene Natur der Menschen unserer Zeit läßt das Bedürfnis nach
-solchen unmittelbaren und ungeteilten Empfindungen, wie sie damals von
-manchen in ihrem Lebensdrang unruhigen Männern der guten alten Zeit so
-sehr gesucht wurden, überhaupt nicht mehr aufkommen. Stawrogin hätte auf
-diesen L--n vielleicht hochmütig herabgesehen, hätte ihn einen Feigling
-genannt, der sich immer selbst ermutigen müsse, ein Hähnchen, oder so
-ähnlich -- nur würde er sich nie laut darüber geäußert haben. Auch er
-hätte im Duell den Gegner erschossen wie er es ja tatsächlich getan,
-auch er hätte mit Bären gekämpft, und auch dem Räuber im Walde wäre er
-ebenso sicher und furchtlos entgegengetreten: nur hätte er alles das
-ohne das geringste Empfinden eines Genusses, sondern einfach aus
-unangenehmer Notwendigkeit getan -- schlaff, faul, vielleicht sogar
-gelangweilt. Das Böse in ihm war selbstredend gewachsen, im Vergleich zu
-L--n, ja selbst zu Lermontoff. In ihm war es vielleicht noch größer als
-in diesen beiden zusammen, aber dieses Böse war, wie gesagt, kalt und
-ruhig, war, wenn ich mich so ausdrücken darf, _vernünftig_ -- und somit
-das Widerlichste, das Furchtbarste, das es überhaupt geben kann.
-
-Also noch einmal: ich hielt ihn damals und halte ihn auch heute noch,
-nachdem alles schon vorüber ist, für gerade so einen Menschen, der, wenn
-er einen Schlag ins Gesicht erhält, den Beleidiger sofort und ohne
-Zögern totschlägt.
-
-Und doch geschah in diesem Falle etwas ganz anderes -- etwas
-Rätselhaftes.
-
-Kaum stand Nicolai Stawrogin wieder fest und aufrecht, nachdem er unter
-der Wucht des Schlages schmählich gewankt hatte, kaum war der gemeine,
-gleichsam nasse Schall des Schlages verhallt -- da packte er auch schon
-Schatoff mit beiden Händen fest an den Schultern. Aber sofort, ja schon
-im selben Augenblick, riß er die Hände wieder zurück und kreuzte sie auf
-dem Rücken. Er schwieg. Er sah nur Schatoff an. Und sein Gesicht wurde
-fahl. Doch sonderbar: sein Blick erlosch gleichsam. Aber schon nach zehn
-Sekunden blickten seine Augen wieder kalt und -- ich bin überzeugt, daß
-ich mich nicht getäuscht habe -- vollkommen ruhig: nur bleich war er
-noch wie ein Hemd. Freilich weiß ich nicht, was in seinem Innern
-vorging, ich sah nur das Äußere.
-
-Ich glaube, ein Mensch, der z. B. ein rotglühendes Eisenstück ergreift
-und es in der Hand preßt, um seine Standhaftigkeit zu erproben, und der
-dann zehn Sekunden lang einen unerträglichen Schmerz aushält und damit
-endet, daß er ihn bezwingt -- ich glaube, ein solcher Mensch würde
-ähnliches empfinden wie Nicolai Stawrogin in diesen zehn Sekunden.
-
-Der erste von beiden, der die Augen niederschlug, war Schatoff, und wie
-man sah, weil er dazu gezwungen war. Darauf wandte er sich langsam um
-und verließ das Zimmer, doch nicht mehr mit demselben festen Schritt,
-mit dem er vorhin auf Stawrogin zugeschritten war. Er ging leise und
-ganz besonders ungelenk hinaus, mit gehobenen Schultern, gleichsam
-bucklig und mit gesenktem Kopf, als dächte er schweren Gedanken nach.
-Ich glaube, er murmelte irgend etwas. Bis zur Tür ging er vorsichtig,
-ohne irgendwo anzustoßen oder etwas umzuwerfen, die Tür selbst aber
-öffnete er nur ein wenig, so daß er sich dann beinahe seitwärts wie
-durch einen Spalt durchschob. Gerade dort an der Tür war sein
-Haarschopf, der steif auf dem Kopfwirbel abstand, ganz besonders
-bemerkbar.
-
-Kaum war die Türe hinter ihm geschlossen, als noch vor allen Ausrufen
-ein furchtbarer Schrei durch das Zimmer gellte. Ich sah, wie Lisaweta
-Nicolajewna ihre Mutter an der Schulter und Mawrikij Nicolajewitsch am
-Arm packte, sie zwei- oder dreimal mitriß, als wolle sie so schnell wie
-nur möglich weg von hier, doch plötzlich stieß sie den Schrei aus und
-stürzte ohnmächtig längelang hin. Noch jetzt glaube ich zu hören, wie
-ihr Kopf auf den Teppich schlug.
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
- Die Nacht
-
-
- I.
-
-Es vergingen acht Tage. Jetzt, wo alles vorüber ist und ich die Chronik
-schreibe, wissen wir, was hinter dem Ganzen sich verbarg; doch damals
-wußten wir noch nichts, und nur natürlich ist es, daß uns vieles seltsam
-erschien. Wir, d. h. Stepan Trophimowitsch und ich, zogen uns zunächst
-vollständig zurück und beobachteten aus der Ferne, -- nicht ohne
-Schrecken. Nur ich begab mich hin und wieder unter Menschen und brachte
-meinem Freunde verschiedene Nachrichten, ohne die er es nicht aushielt.
-
-In der Stadt sprach man selbstverständlich über nichts anderes als die
-Ohrfeigengeschichte, Lisas Ohnmachtsanfall und all das andere, was an
-jenem Sonntag Vormittag geschehen war. Nur eines war dabei befremdlich:
-durch wen waren diese Begebnisse so schnell und so genau bekannt
-geworden? Eigentlich hatte doch keiner von den Anwesenden irgendeinen
-Vorteil davon, wenn er das Geschehene ausplauderte. Dienstboten waren
-nicht zugegen gewesen. So blieb Lebädkin: er allein hätte das eine oder
-andere erzählen können, weniger aus Bosheit, als einfach deshalb, weil
-er Geheimnisse nun einmal nicht für sich behalten konnte. Lebädkin aber
-war am anderen Tage mitsamt seiner Schwester spurlos verschwunden und im
-Filippoffschen Hause konnte mir niemand über seinen Verbleib Auskunft
-geben. Schatoff jedoch, bei dem ich mich nach Marja Timofejewna
-erkundigen wollte, hatte seine Tür zugeschlossen und verließ in dieser
-ganzen ersten Woche kein einziges Mal sein Zimmer. Ich ging am Dienstag
-wieder zu ihm und klopfte an die Tür, und da ich, obgleich alles still
-blieb, fest überzeugt war, daß er in seinem Zimmer sei, klopfte ich
-wieder und wieder. Plötzlich hörte ich, wie er aufsprang, wahrscheinlich
-von seinem Bett, mit schnellen Schritten zur Tür kam und mit lauter
-Stimme »Schatoff ist nicht zu Hause!« rief. Da blieb mir nichts anderes
-übrig, als fortzugehen.
-
-Schließlich kamen Stepan Trophimowitsch und ich auf einen Gedanken, der
-uns zunächst gewagt erschien, doch zu dem wir uns gegenseitig immer
-wieder ermutigten, nämlich, daß es nur sein Sohn Pjotr Stepanowitsch
-gewesen sein konnte, der die ganze Geschichte in der Stadt verbreitet
-hatte, obwohl er in einem Gespräch mit seinem Vater versichert hatte, er
-habe schon am Montag früh an allen Ecken und Enden von den Vorfällen
-erzählen gehört, aber namentlich Abends im Klub, und sogar dem
-Gouverneur und seiner Frau seien selbst die kleinsten Kleinigkeiten
-bereits bekannt gewesen. Bemerkenswert ist auch noch, daß Liputin, den
-ich an eben diesem Montag abends auf der Straße traf, mir auch schon
-alles Vorgefallene fast Wort für Wort und Zug für Zug zu erzählen wußte.
-
-Viele Damen, besonders die der besten städtischen Gesellschaft,
-erkundigten sich auch angelegentlich nach der »rätselhaften Lahmen«, wie
-man Marja Timofejewna allgemein nannte. Und nicht minder interessierten
-sie sich für den Ohnmachtsanfall Lisaweta Nicolajewnas, zumal dieser ja
-auch Julija Michailowna, als Lisas Verwandte und besondere Beschützerin,
-anging. Und was erzählte man sich nicht alles in den verschiedenen
-Kreisen der Stadt! Hinzu kam, daß beide Häuser für alle und jeden
-verschlossen blieben. Lisaweta Nicolajewna, hieß es alsbald, läge im
-stärksten Nervenfieber, und dasselbe erzählte man auch von Nicolai
-Stawrogin, wobei man sich dann in den widerlichsten ausführlichen
-Beschreibungen seines Zustandes, über einen angeblich ausgeschlagenen
-Zahn und eine geschwollene Backe, nicht genug tun konnte. In
-verschwiegenen Winkeln aber glaubte man schon ganz genau zu wissen, daß
-in der nächsten Zeit ein Mord stattfinden werde, ein heimlicher, wie in
-einer korsischen Vendetta, denn Stawrogin sei nicht der Mann, der eine
-solche Beleidigung vergäße. Im allgemeinen sah man deutlich, wie der
-alte Haß gegen Nicolai Stawrogin wieder auflebte, denn selbst
-ehrwürdige, sonst ganz gutmütige Leute wußten nichts Besseres zu tun,
-als ihn zu beschuldigen, allerdings ohne selber recht zu wissen, was er
-verbrochen haben sollte.
-
-Vor allem aber erzählte man sich flüsternd, natürlich unter dem Siegel
-der tiefsten Verschwiegenheit, daß es zwischen Nicolai Stawrogin und
-Lisa Tuschina in der Schweiz zu einer bösen Geschichte gekommen sei, und
-er ihre Ehre auf dem Gewissen habe, und daß sie später durch eine
-Intrigue entzweit worden seien. Freilich beobachteten vorsichtigere
-Leute eine gewisse Zurückhaltung solchen Geschichten gegenüber, aber
-zuhören taten doch alle mit Begierde.
-
-Aber es gab auch noch andere Gerüchte, nur wurden sie nicht so
-allgemein, sondern nur dann besprochen, wenn man unter sich war. Ja,
-eigentlich war es kaum mehr als ein Gemunkel, das ich nur erwähne, um
-den Leser im Hinblick auf die späteren Ereignisse zum Aufmerken zu
-veranlassen. Es handelte sich dabei um folgendes: manche Leute sprachen
-nämlich, indem sie unmutig die Stirn runzelten, von dem Gott weiß woher
-aufgetauchten Gerücht, Nicolai Stawrogin sei zu einem ganz bestimmten
-Zweck in unser Gouvernement geschickt worden; durch den Grafen K. habe
-er in Petersburg zu irgendwelchen höchsten Spitzen Beziehungen
-angeknüpft, ja, vielleicht sei er sogar in den Staatsdienst getreten und
-jetzt womöglich mit irgendwelchen hochwichtigen Aufträgen hergesandt.
-Als nun gewichtige und ernsthafte Leute über dieses Gerücht lächelten
-und vernünftig bemerkten, daß ein Mensch, der von Skandalen lebte und
-bei uns damit begann, daß er sich ungestraft ohrfeigen ließ, einem
-Staatsdiener nicht gerade ähnlich sähe, da wurde ihnen leise
-zugetuschelt, daß er ja gar nicht offiziell, sondern nur sozusagen
-konfidentiell diesen Auftrag erhalten habe, und in solchem Falle sei es
-im Interesse der Sache sogar wünschenswert, daß der betreffende
-Vertrauensmann möglichst wenig an einen Staatsdiener erinnere. Diese
-Vorhaltungen verfehlten ihre Wirkung nicht, denn es war bei uns bekannt,
-daß man die Landesvertretung in unserem Gouvernement dort in der
-Hauptstadt mit einer gewissen besonderen Aufmerksamkeit im Auge behielt.
-Doch wie gesagt, dieses Gemunkel dauerte nur eine Zeitlang an und
-verstummte sogleich, als Nicolai Stawrogin wieder persönlich erschien.
-Im übrigen aber muß ich noch erwähnen, daß der Ursprung vieler dieser
-Gerüchte zum Teil ein paar kurze, doch gehässige Bemerkungen gewesen
-waren, die der Gardeoffizier a. D., Rittmeister Artemij Pawlowitsch
-Gaganoff, ein sehr reicher Gutsbesitzer unseres Gouvernements und
-Kreises, dabei Petersburger Weltmann, im Klub hatte fallen lassen, wenn
-auch in etwas unklaren und schroffen Worten. Dieser Rittmeister a. D.
-war der Sohn des verstorbenen Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, jenes selben
-alten Würdenträgers, den Nicolai Stawrogin vor vier Jahren im Klub auf
-so unverzeihliche Weise beleidigt hatte.
-
-Bekannt war auch schon geworden, daß Julija Michailowna Warwara Petrowna
-einen Besuch hatte machen wollen, man ihr aber an der Vorfahrt
-mitgeteilt habe, Warwara Petrowna könne »wegen Krankheit« leider nicht
-empfangen; ferner, daß Julija Michailowna zwei Tage darauf ihren Diener
-zu Warwara Petrowna geschickt hätte, um sich nach deren Befinden zu
-erkundigen; und schließlich hatte sie sogar angefangen, Warwara Petrowna
-persönlich zu »verteidigen«, wenn auch nur in höherem Sinne, d. h. in
-einer ganz allgemeinen Weise. Alle anfänglichen Bemerkungen über den
-Vorfall an jenem Sonntag hörte sie kalt und streng an, so daß man schon
-sehr bald in ihrer Gegenwart nicht mehr davon zu sprechen wagte.
-Zugleich verbreitete sich dadurch die Überzeugung, Julija Michailowna
-habe nicht nur wie die anderen einzelne Gerüchte gehört, sondern wisse
-sogar alle letzten Einzelheiten, und zwar wie eine »Mitbeteiligte«. Ich
-bemerke bei dieser Gelegenheit, daß es Julija Michailowna zum Teil schon
-gelungen war, jenen höheren Einfluß zu erringen, nach dem sie so
-augenscheinlich strebte. Ein Teil der Gesellschaft sprach ihr bereits
-praktischen Verstand zu und viel Takt -- aber davon später! Jedenfalls
-war es nicht zum wenigsten ihre Protektion, die den schnellen Aufstieg
-Pjotr Stepanowitschs in unserer Gesellschaft erklärte -- seine
-gesellschaftlichen Erfolge, die damals am meisten seinen Vater Stepan
-Trophimowitsch in Erstaunen setzten.
-
-Pjotr Stepanowitsch wurde fast im Nu mit der ganzen Stadt bekannt. Am
-Sonntag war er angekommen, und schon am Dienstag sah ich ihn mit dem
-stolzen, hochmütigen, sonst geradezu unnahbaren Artemij Pawlowitsch
-Gaganoff, in freundschaftlichem Gespräch begriffen, in einer Equipage
-vorüberfahren. Im Hause des Gouverneurs wurde Pjotr Stepanowitsch
-gleichfalls vorzüglich aufgenommen, so daß er dort schon nach wenigen
-Tagen die Rolle des gehätschelten jungen Mannes spielte und fast täglich
-bei ihnen speiste. Die Bekanntschaft Julija Michailownas hatte er
-allerdings schon in der Schweiz gemacht, aber nichtsdestoweniger war
-sein schneller Erfolg im Hause Seiner Exzellenz zum mindesten etwas
-sonderbar. Hatte es denn nicht von ihm geheißen, er sei ein
-Revolutionär? Hatte er sich nicht an allen möglichen ausländischen
-Veröffentlichungen und Kongressen beteiligt? »Aus alten Zeitungen kann
-ich Ihnen das sogar schwarz auf weiß nachweisen!« sagte einmal Aljoscha
-Telätnikoff wütend zu mir, er, der Arme, der im Hause des alten
-Gouverneurs auch einmal der gehätschelte Junge gewesen war und nun als
-abgesetzter Beamter sein Leben fristete. Tatsache war eines: der
-ehemalige Revolutionär trat in Rußland ohne die geringste Behelligung
-auf -- also waren alle Gerüchte vielleicht völlig unbegründet gewesen?
-Liputin flüsterte mir einmal zu, Pjotr Stepanowitsch habe sich die
-Begnadigung durch die Angabe anderer Namen erkauft und stehe seitdem in
-Beziehung zu hohen Stellen. Ich teilte diese gehässige Äußerung Liputins
-Stepan Trophimowitsch mit, der darob sehr nachdenklich wurde. Später
-stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch mit sehr guten
-Empfehlungen zu uns gekommen war: so z. B. hatte er Julija Michailowna
-von der Gattin einer der ersten Persönlichkeiten Petersburgs einen
-langen Brief überbracht, in dem unter anderem erwähnt war, daß auch Graf
-K. Pjotr Stepanowitsch durch Nicolai Stawrogin kennen gelernt und ihn
-einen »interessanten jungen Mann, trotz der früheren Verirrungen«,
-genannt habe. Julija Michailowna schätzte ihre spärlichen, so mühevoll
-aufrecht erhaltenen Beziehungen zur »hohen Gesellschaft« bis zur
-Unglaublichkeit, und so hatte sie sich denn über den Brief jener hohen,
-alten Dame ungemein gefreut. Trotzdem gab es hier noch etwas
-Unerklärliches. Sogar ihren Mann stellte sie zu Pjotr Stepanowitsch in
-fast familiäre Beziehung, so daß Herr von Lembke sich schon beklagte --
-doch davon gleichfalls später! Bemerken möchte ich nur noch, daß selbst
-Karmasinoff, der »_große_ Schriftsteller«, sich äußerst wohlwollend zu
-Pjotr Stepanowitsch verhielt und ihn sofort zu sich einlud -- eine
-Eilfertigkeit dieses eingebildeten Menschen, die Stepan Trophimowitsch
-noch schmerzhafter als alles andere verletzte. Ich erklärte sie mir
-allerdings anders, nämlich: daß Karmasinoff durch diesen »Nihilisten«,
-für den er Pjotr Stepanowitsch zweifellos hielt, mit der
-fortschrittlichen Jugend in Fühlung treten wollte. Der »große
-Schriftsteller« zitterte geradezu vor der Revolutionsbewegung der
-Studentenkreise, und da er sich in seiner Unkenntnis der Sache
-einbildete, in ihren Händen liege der Schlüssel zur Zukunft Rußlands, so
-wollte er, nachdem er es erst mit den Alten gehalten hatte, es auch mit
-den Jungen nicht verderben, und suchte ihnen, hauptsächlich deshalb,
-weil sie ihrerseits für ihn nur Mißachtung hatten, in jeder nur
-möglichen, und wenn auch für ihn erniedrigenden Weise zu schmeicheln.
-
-
- II.
-
-Pjotr Stepanowitsch war übrigens nur zweimal zu seinem Vater gekommen,
-doch zu meinem Bedauern stets in meiner Abwesenheit. Das erste Mal hatte
-er ihn am Mittwoch besucht, also ganze vier Tage nach seinem Eintreffen,
-und auch dann nur in Geschäften.
-
-Die Abrechnung wegen des Gutes war sozusagen im stillen abgetan worden.
-Warwara Petrowna hatte einfach alles auf sich genommen und die ganze
-Summe für das Gütchen, fünfzehntausend Rubel, Pjotr Stepanowitsch
-ausgezahlt. Stepan Trophimowitsch wurde erst benachrichtigt, nachdem
-alles schon abgeschlossen war. Ihr Kammerdiener Alexei Jegorowitsch
-überbrachte ihm irgendein Schriftstück, das er dann stumm und würdevoll
-unterzeichnete. Ja, eines möchte ich bei der Gelegenheit noch
-ausdrücklich bemerken: unser »Alter« bewahrte in diesen Tagen eine
-Haltung, wie nie zuvor, war würdevoll schweigsam, schrieb aber
-tatsächlich nicht einen einzigen Brief an Warwara Petrowna, was ich
-früher einfach nicht für möglich gehalten hätte, so daß ich unseren
-früheren Stepan Trophimowitsch kaum wiedererkannte, und vor allem war er
-ganz ruhig. Diese Ruhe hatte er offenbar plötzlich in einer bestimmten
-großen Idee gefunden, und nun saß er da und wartete auf irgend etwas.
-Ganz zuerst freilich, gleich am Montag früh, da war er krank -- wenn
-sich auch bloß seine übliche Cholerine einstellte. Erzählte ich ihm von
-dem, was man in der Stadt sprach, so hörte er aufmerksam zu. Wollte ich
-dann aber auf den Kern der Sache übergehen, so winkte er mir sofort ab.
-Die beiden Besuche seines Sohnes hatten ihn selbstverständlich sehr
-erregt, aber nicht erschüttert oder wankend gemacht. Wohl legte er sich
-nachher jedesmal, mit einer Essigkompresse um den Kopf, auf den Diwan:
-aber im »höheren Sinne« blieb er, wie gesagt, doch ruhig.
-
-Übrigens kam es zuweilen doch vor, daß er mir auch nicht abwinkte, wenn
-ich mit meinen Erzählungen allzu sehr ins einzelne gehen wollte. Und
-zuweilen schien es mir, als ob ihn seine geheimnisvolle Entschlossenheit
-im Stiche ließe und er gegen neue stürmisch andrängende Ideen innerlich
-zu kämpfen hätte.
-
-Das geschah zwar nur in Augenblicken, aber ich erwähne sie. Ich ahnte
-wohl, daß ihn dann der Wunsch anwandelte, aus seiner Einsamkeit
-hervorzutreten, sich wieder zu zeigen und einen letzten Kampf zu wagen.
-
-»Oh, _cher_, wie ich sie aufs Haupt schlagen würde!« rang es sich am
-Donnerstag abend aus ihm hervor, nach Petruschas zweitem Besuch, als
-Stepan Trophimowitsch wieder mit einer Essigkompresse auf dem Diwan lag.
-Bis zu diesem Augenblick hatte er mit mir noch nicht ein einziges Wort
-gesprochen.
-
-»... >_Fils_<, >_fils chéri_<{[98]} und so weiter ... ich gebe ja zu,
-daß diese Ausdrücke Unsinn sind, aus dem Wortschatz der Köchinnen
-stammen, meinetwegen, ich gebe es selbst zu. Ich habe ihn nicht genährt
-noch gekleidet, ich habe ihn gleich als Säugling aus Berlin per Post
-nach Rußland geschickt. Ich gebe das, wie gesagt, ja vollkommen zu ...
->Du hast mich nicht genährt, nicht gekleidet, sondern per Post
-fortgeschickt,< sagt er, >und hier hast du mich obendrein noch
-bestohlen.< Aber, Unseliger, rufe ich ihm zu, für wen hat denn mein Herz
-mein ganzes Leben lang geblutet, wenn ich dich auch damals per Post
-fortgeschickt habe!? _Il rit._{[99]} Aber ich gebe ja zu, ich gebe ja zu
-... wenn auch per Post --« schloß er, wie im Fieber phantasierend.
-
-»_Passons_,«{[100]} begann er dann nach fünf Minuten wieder. »Ich kann
-Turgenjeff nicht verstehen. Sein Basaroff[34] ist eine fiktive
-Persönlichkeit, die überhaupt nicht existiert. Ich war ja selbst mit
-unter den ersten, die sie als unmöglich zurückwiesen. Dieser Basaroff
-ist gewissermaßen ein verschwommenes Gemisch von Nosdreff[35] und Byron.
-_Oui, c'est le mot_,{[101]} -- Nosdreff und Byron. Betrachten Sie sie
-einmal aufmerksam: sie schlagen Purzelbäume und quieken vor Freude wie
-die jungen Hunde im Sonnenschein ... sie sind glücklich, sie sind
-Sieger! Doch was Byron! Lassen wir den hier aus dem Spiel ... Und zudem
--- wie viel Alltag! Welch eine köchinnenhafte Reizbarkeit der
-Eigenliebe! Welch ein erbärmliches Dürsten nach _faire du bruit autour
-de son nom_, ohne zu bemerken, daß _son nom_{[102]} ... Oh, Karikaturen!
--- Aber erlaube, rufe ich ihm zu, willst du denn wirklich dich selbst,
-so wie du bist, als Ersatz für Christus vorschlagen? _Il rit. Il rit
-beaucoup. Il rit trop._ Er hat so ein sonderbares Lächeln. Seine Mutter
-hatte nicht solch ein Lächeln. _Il rit toujours._«{[103]}
-
-Wieder trat Schweigen ein.
-
-»Sie sind schlau! Am Sonntag hatten sie sich verabredet ...« platzte er
-plötzlich heraus.
-
-»Zweifellos,« sagte ich schnell und spitzte die Ohren, »und dazu war die
-ganze Komödie noch mit weißem Faden zusammengenäht und so ungeschickt
-vorgespielt!«
-
-»Davon rede ich nicht. Aber wissen Sie auch, daß das Ganze sogar
-absichtlich mit weißem Faden zusammengenäht war? Damit es die merkten,
-die es merken sollten? Verstehen Sie?«
-
-»Nein, ich verstehe nicht --«
-
-»_Tant mieux. Passons._{[104]} Ich bin heute etwas irritiert.«
-
-»Ja, aber worüber haben Sie sich denn mit ihm gestritten, Stepan
-Trophimowitsch?«
-
-»_Je voulais convertir._ Sie lachen natürlich. _Cette pauvre_ Tantchen,
-_elle entendra de belles choses_!{[105]} Oh, mein Freund, werden Sie es
-mir glauben, daß ich mich vorhin ganz als Patriot fühlte! Übrigens habe
-ich mich immer als Russe empfunden ... Und ein echter Russe kann auch
-gar nicht anders sein, als wir beide sind. _Il y a là dedans quelque
-chose d'aveugle et de louche._«{[106]}
-
-»Unbedingt,« versetzte ich.
-
-»Mein Freund, die wirkliche Wahrheit ist immer unwahrscheinlich, wissen
-Sie das auch? Um die Wahrheit wahrscheinlich zu machen, muß man
-unbedingt etwas Lüge hinzumischen. Und so haben es die Menschen denn
-auch stets gehalten. Vielleicht ist hierbei etwas, was wir nicht
-verstehen können. Was meinen Sie, ist hier nicht etwas, was wir nicht
-verstehen, in diesem siegesgewissen Gekreisch? Ich würde wünschen, daß
-es so wäre. Ich würde es wünschen ...«
-
-Ich schwieg. Und auch er schwieg recht lange.
-
-»Man sagt: >französischer Verstand!< ...« begann er plötzlich von neuem
-und fast wie im Fieber. »Aber das ist eine Lüge. So ist es bei uns schon
-immer gewesen. Wozu den französischen Verstand verleumden? Hier ist es
-einfach russische Faulheit, unsere Kraftlosigkeit, unsere erniedrigende
-Unfähigkeit, eine Idee hervorzubringen, unsere widerliche Parasitenrolle
-unter den Völkern. _Ils sont tout simplement des paresseux_,{[107]} --
-aber nicht >französischer Verstand<! Die Russen müßten zum Wohle der
-übrigen Menschheit ganz einfach vertilgt werden ... wie schädliche
-Parasiten! Wir, in unserer Jugend, wir haben nach etwas ganz, ganz
-anderem gestrebt. Jetzt verstehe ich nichts mehr, ich habe ganz einfach
-aufgehört, zu verstehen! Ja, siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu,
-siehst du denn nicht ein, daß bei euch die Guillotine nur deshalb auf
-dem ersten Plan steht, weil Kopfabschneiden viel, viel leichter ist, als
-eine Idee haben? _Vous êtes des paresseux! Votre drapeau est une
-guenille, une impuissance!_{[108]} Diese Wagen, oder wie sie da ... >das
-Rollen der Wagen, die Brot der Menschheit bringen< ... nützlicher als
-die Sixtinische Madonna, oder wie sie da ... _une bêtise dans ce
-genre_.{[109]} Aber siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du
-denn nicht ein, daß ein Mensch außer dem Glück genau ebensosehr und
-genau in demselben Maße das Unglück nötig hat? _Il rit!_ -- >Du reißt
-hier Witze<, sagte er mir, >und ... schonst dabei deine Knochen (er
-drückte sich gemeiner aus) auf einem Diwan, der mit Samt bezogen ist<
-... Und vergessen Sie nicht, daß er mich dabei duzt, den Vater, als
-Sohn.[36] Nun, ich wollte ja nicht sagen, wenn wir beide einerlei
-Meinung wären ... aber so, wenn wir uns nun zanken?«
-
-Wir schwiegen wieder.
-
-»_Cher_,« sagte er plötzlich, sich schnell erhebend, »wissen Sie auch,
-daß das unbedingt mit irgend etwas enden muß?«
-
-»Nun, freilich,« sagte ich.
-
-»_Vous ne comprenez pas. Passons._{[110]} Aber ... gewöhnlich endet es
-im Leben mit nichts, hier jedoch wird es ein Ende geben, unbedingt,
-unbedingt!«
-
-Er stand auf und ging in größter Aufregung hin und her -- bis er sich
-dann schließlich wieder kraftlos auf den Diwan niedersinken ließ.
-
-Am Freitag morgen fuhr Pjotr Stepanowitsch irgendwohin fort in die
-Umgegend, und erschien erst am Montag wieder bei uns.
-
-Von dieser Fahrt erfuhr ich durch Liputin: und ebenfalls war es Liputin,
-der mir erzählte, daß die beiden Lebädkins auf der anderen Flußseite in
-der Fabrikvorstadt wohnten. »Ich selbst habe sie hinübergeschafft,«
-fügte er hinzu, brach aber sofort ab und teilte mir nur noch mit, daß
-Lisaweta Nicolajewna sich mit Mawrikij Nicolajewitsch verlobt habe --
-offiziell habe man es zwar noch nicht bekanntgegeben, aber
-nichtsdestoweniger sei es Tatsache.
-
-Lisaweta Nicolajewna sah ich übrigens am nächsten Morgen, als sie, zum
-erstenmal nach ihrer Krankheit, mit Mawrikij Nicolajewitsch ausritt. Sie
-erblickte mich, ihre Augen blitzten auf und sie nickte mir lachend und
-sehr freundschaftlich zu.
-
-Ich erzählte natürlich alles Stepan Trophimowitsch, doch nur der
-Nachricht über die Lebädkins schenkte er einige Aufmerksamkeit. -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Jetzt aber, nachdem ich das Wichtigste aus diesen acht Tagen unserer
-rätselvollen Ungewißheit erzählt habe, will ich die weiteren
-Geschehnisse anders wiedergeben: mit Kenntnis des ganzen Sachverhalts,
-d. h. so, wie sich schließlich alles, als es an den Tag kam, in seinen
-Zusammenhängen erklärte. Ich beginne mit dem achten Tage nach jenem
-Sonntag, also mit dem Montagabend -- denn im Grunde war es dieser Abend,
-an dem die »neue Geschichte« begann.
-
-
- III.
-
-Es war sieben Uhr abends. Nicolai Stawrogin saß allein in seinem
-Arbeitszimmer, das er schon früher von allen anderen Räumen des Hauses
-zu seinem Kabinett erwählt hatte. Es war ein hoher Raum mit schönen
-Teppichen und etwas schweren, altertümlichen Möbeln.
-
-Er saß in der Ecke des Diwans, wie zum Ausgehen angekleidet, doch
-anscheinend hatte er nicht die Absicht, aufzubrechen und irgendwohin zu
-gehen. Auf dem Tisch vor ihm stand eine Lampe mit einem Lampenschirm.
-Die Seiten und Ecken des großen Raumes blieben dunkel. Sein Blick war
-nachdenklich und zusammengefaßt, doch nicht ganz ruhig; sein Gesicht sah
-müde und ein wenig abgemagert aus. Er war tatsächlich krank, wenn auch
-nur an einer Erkältung, verbunden mit einem gewissen Ohrenreißen; aber
-das Gerücht von einem ausgeschlagenen Zahn war doch übertrieben: der
-Zahn hatte anfänglich nur gewackelt, war jedoch inzwischen wieder fest
-geworden. Auch die von innen verletzte Oberlippe war bereits zugeheilt.
-Das Zahngeschwür aber, das mit der Erkältung zusammenhing, hatte er nur
-deshalb nicht aufschneiden lassen, um nicht den Arzt empfangen zu
-müssen. Doch übrigens hatte er nicht nur nicht den Arzt, sondern selbst
-seine Mutter kaum auf ein paar Minuten eintreten lassen und auch das
-höchstens einmal am Tage und nur um die Dämmerstunde, wenn es schon
-dunkelte und das Licht noch nicht brannte.
-
-Auch Pjotr Stepanowitsch, der zwei- bis dreimal täglich bei Warwara
-Petrowna vorgesprochen hatte, war nicht von ihm empfangen worden. Erst
-jetzt, eben an jenem Montag, nachdem Pjotr Stepanowitsch am Morgen von
-seiner dreitägigen Reise zurückgekehrt, schon überall in der Stadt
-herumgelaufen war, dann bei Julija Michailowna zu Mittag gespeist hatte
-und erst gegen Abend bei Warwara Petrowna erschien, verkündete sie ihm,
-die ihn bereits ungeduldig erwartete, daß das Verbot aufgehoben sei und
-_Nicolas_ wieder empfange. Darauf begleitete sie den Gast selbst bis zur
-Tür des Arbeitszimmers ihres Sohnes, denn sie hatte schon längst ein
-Wiedersehen der beiden gewünscht. Pjotr Stepanowitsch hatte ihr
-versprochen, nachher noch zu ihr zu kommen und zu berichten, wie er
-_Nicolas_ fand. Sie klopfte vorsichtig an die Tür und wagte sogar, als
-sie keine Antwort erhielt, den Türflügel drei Finger breit zu öffnen.
-
-»_Nicolas_, darf ich Pjotr Stepanowitsch eintreten lassen?« fragte sie
-leise und gehalten, während sie sich zugleich bemühte, sein Gesicht
-hinter der Lampe zu erkennen.
-
-»Gewiß, gewiß darf man, das versteht sich doch von selbst!« rief laut
-und aufgeräumt Pjotr Stepanowitsch, öffnete die Tür mit eigener Hand und
-trat ein.
-
-Stawrogin hatte das Klopfen seiner Mutter überhört und nur die scheue
-Frage vernommen, aber noch nicht antworten können. Vor ihm lag in diesem
-Augenblick ein Brief, den er gerade erst durchgelesen hatte und über den
-er dann in tiefes Nachdenken versunken war. Als er nun plötzlich den
-Anruf Pjotr Stepanowitschs hörte, fuhr er zusammen und suchte schnell
-mit einem Briefbeschwerer den Brief zu bedecken, was ihm aber nur halb
-gelang, denn eine Ecke des Briefes und fast das ganze Kuvert waren noch
-zu sehen.
-
-»Ich habe absichtlich so laut gerufen, um Ihnen Zeit zu geben, sich
-vorzubereiten,« flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der im Nu am Tisch war
-und sofort mit aufmerksamem Blick das Kuvert musterte, mit wunderlich
-naiver Aufrichtigkeit.
-
-»-- Und haben gewiß noch glücklich bemerken können, wie ich vor Ihnen
-diesen Brief zu verbergen suchte,« sagte Stawrogin ruhig, ohne sich von
-seinem Platz zu rühren.
-
-»Einen Brief? Na, Sie mit Ihren Briefen ... was gehn mich Ihre Briefe
-an,« versetzte der andere. »Aber ... die Hauptsache, --« fuhr er wieder
-leise fort, indem er sich zur Tür wandte, die Warwara Petrowna schon
-geschlossen hatte, und wies mit dem Kopf nach dieser Richtung.
-
-»Sie horcht nie,« bemerkte Stawrogin kalt.
-
-»Na, ich meinte bloß -- und wenn sie auch horchen sollte!« Pjotr
-Stepanowitsch erhob sofort wieder die Stimme und setzte sich in einen
-Sessel. »Ich habe ja sonst nichts dagegen, nur bin ich diesmal gekommen,
-um mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen. Also endlich, vor allen
-Dingen, wie steht es mit der Gesundheit? Sehe schon, daß es gut steht,
-und morgen werden Sie vielleicht erscheinen, wie?«
-
-»Vielleicht.«
-
-»Sie müssen die Leute doch endlich beruhigen und ebenso auch mich!«
-begann er plötzlich heftig gestikulierend, sah aber dabei ganz heiter
-und zufrieden aus. »Wenn Sie wüßten, was ich ihnen alles habe
-vorschwatzen müssen! Aber übrigens, Sie wissen es ja.« Er lachte auf.
-
-»Alles weiß ich nicht. Ich habe nur von meiner Mutter gehört, daß Sie
-sich sehr ... gerührt haben.«
-
-»Das heißt, ich habe ja nichts Bestimmtes --,« wehrte Pjotr
-Stepanowitsch schnell ab, als verteidige er sich gegen einen furchtbaren
-Angriff. »Ich habe nur Schatoffs Frau so ein bißchen unter die Leute
-gebracht, das heißt, ich meine die Gerüchte über Ihre Beziehungen zu ihr
-in Paris, was jenen Vorfall vom Sonntag dann durchaus erklären könnte
-... Sie ärgern sich doch nicht?«
-
-»Bin überzeugt, daß Sie sich sehr bemüht haben.«
-
-»Nun, das allein war es, was ich fürchtete! Aber übrigens, was heißt
-denn das: >sehr bemüht<? -- das klingt ja ganz wie ein Vorwurf. Doch ich
-sehe, daß Sie die Sache wenigstens nicht schief auffassen: das war meine
-größte Sorge, als ich herkam -- Sie würden sie nicht _gerade_ nehmen
-...«
-
-»Ich will überhaupt nichts _gerade_ nehmen,« sagte Stawrogin mit einer
-gewissen Gereiztheit, doch gleich darauf lächelte er spöttisch.
-
-»Ach, ich rede doch nicht davon, nicht davon, Sie irren sich, nicht
-davon!« rief Pjotr Stepanowitsch und fuchtelte wieder abwehrend und
-streute die Worte wie Erbsen hin, schien aber zugleich sehr erfreut über
-die Reizbarkeit Stawrogins zu sein. »Ich werde Sie doch jetzt nicht mit
-_unserer_ Sache ärgern, in der Lage, in der Sie jetzt sind! Ich kam nur
-her wegen der Affäre am Sonntag, und auch das nur zum allerkleinsten
-Teil, denn, nicht wahr, es geht doch nicht so! Ich bin mit den
-aufrichtigsten Erklärungen gekommen, die für mich notwendig sind, nicht
-für Sie -- dies mag für Ihre Eigenliebe gesagt sein, aber zu gleicher
-Zeit ist es auch wahr. Ich bin gekommen, um von nun an immer aufrichtig
-zu sein.«
-
-»Das heißt so viel, daß Sie früher unaufrichtig waren?«
-
-»Das wissen Sie doch selbst ganz genau. Ich habe oft Kniffe angewandt
-... Sie lächeln; freut mich sehr, denn das Lächeln ist für mich ein
-Vorwand zur Auseinandersetzung. Ich habe ja absichtlich das Lächeln mit
-der kleinen Prahlerei hervorgelockt, damit Sie sich sofort wieder
-ärgern: wie wagte ich zu denken, daß ich mit Kniffen Sie zu betrügen
-vermöchte, und zweitens, damit ich Grund habe, mich sofort zu erklären.
-Sehen Sie, wie aufrichtig ich bin. Na, schön, wäre es Ihnen jetzt recht,
-mich anzuhören?«
-
-Stawrogins Gesicht, das bis dahin verachtend ruhig und beinahe spöttisch
-ausgesehen hatte, trotz der augenscheinlichen Absicht seines Gastes, ihn
-mit diesen zudringlichen, vorbereiteten und bewußt plumpen Naivitäten zu
-ärgern, verriet jetzt doch eine gewisse unruhige Neugier.
-
-»Also hören Sie,« begann Pjotr Stepanowitsch, noch lebhafter als vorhin.
-»Als ich hierher kam, das heißt, überhaupt hierher in diese Stadt, vor
-zehn Tagen, da entschloß ich mich natürlich, hier eine Rolle zu spielen.
-Besser freilich, sollte man meinen, wär's ganz ohne Rolle, wie ... wie
-... nun, als individuelle Persönlichkeit -- nicht wahr? Allerdings kann
-nichts schlauer sein, als die Rolle einer individuellen Persönlichkeit,
-denn die würde mir doch niemand zutrauen. Aber wissen Sie, zuerst wollte
-ich schon den Rüpel spielen, weil das viel leichter ist. Aber der Rüpel
-ist zugleich auch schon das Äußerste, und da das Äußerste immer Aufsehen
-und Neugier erregt, so entschied ich mich denn endgültig für die
-individuelle Persönlichkeit. Nun ja, aber wie ist denn nun meine
-individuelle Persönlichkeit? -- Doch einfach die goldene Mitte: weder
-klug noch dumm, mäßig begabt und ein bißchen vom Mond herabgefallen, wie
-hier die vernünftigen Leute sagen. Nicht wahr?«
-
-»Möglich, daß es auch wahr ist,« sagte Stawrogin mit einem kaum
-merklichen Lächeln.
-
-»Ah, Sie geben's zu -- freut mich sehr. Ich wußte ja im voraus, daß ich
-Ihre Gedanken treffen würde ... Beunruhigen Sie sich nicht, nicht nötig,
-gar nicht nötig, ich nehme es durchaus nicht übel. Ich habe mich auch
-durchaus nicht in dieser Weise dargestellt, um mir von Ihnen indirekte
-Lobsprüche herauszuholen, _à la_ >Nein, Sie sind nicht unbegabt, nein,
-Sie sind klug<, oder so ähnlich ... Ah, Sie lächeln wieder! Bin ich von
-neuem hereingefallen? >Sie sind klug< würden Sie ja gar nicht sagen. Nun
-gut, meinetwegen; ich gebe alles zu. _Passons_,{[100]} wie Papachen
-sagt, und in Klammern: ärgern Sie sich bitte nicht über meinen
-Wortschwall. Übrigens, da haben wir ja gleich ein Beispiel: ich rede
-immer viel zu viel, d. h., ich mache immer viel zu viel Worte, und rede
-viel zu eilig -- und doch kommt nichts dabei heraus. Warum? weil ich
-nicht zu reden verstehe. Die gut reden, die reden kurz. Und damit, nicht
-wahr, damit haben wir gleich einen Beweis für meine Unbegabtheit! Doch
-da diese Gabe der Unbegabtheit bei mir nun einmal eine natürliche Gabe
-ist -- warum sollte ich sie da nicht noch künstlich gebrauchen? Nun --
-und so gebrauche ich sie denn so und so. Zuerst, als ich hier ankam,
-gedachte ich zu schweigen: aber zum Schweigen, dazu gehört ein großes
-Talent, und somit wäre es nichts für mich. Und da Schweigen außerdem
-auch noch gefährlich ist, so habe ich denn endgültig eingesehen, daß es
-am besten ist, wenn ich rede, und zwar gerade so auf unbegabte Art und
-Weise rede, das heißt, viel, viel, unendlich viel rede, mich immer
-beeile, etwas zu beweisen und zum Schluß mich in meinen Beweisen immer
-so verwickele, daß der Zuhörer womöglich davonläuft und dabei womöglich
-noch ausspuckt. Das hat dann drei Vorteile: erstens, daß man sich von
-meiner Offenherzigkeit überzeugt, zweitens, daß man meiner äußerst
-überdrüssig wird, und drittens, daß man mich dabei noch nicht einmal
-versteht -- also alle drei Vorteile auf einen Hieb! Wer wird dann noch
-vermuten, daß ich geheimnisvolle Absichten habe? Ein jeder würde sich ja
-persönlich beleidigt fühlen, wenn ihm dann noch jemand sagte, ich hätte
-geheimnisvolle Absichten! Die Leute verzeihen mir ja jetzt schon alles,
-weil sich nun herausgestellt hat, daß ich, die revolutionäre
-Intelligenz, die einst Proklamationen verfaßt hat, dümmer bin, als sie.
-Ist's nicht so? An Ihrem Lächeln erkenne ich schon, daß Sie zustimmen.«
-
-Stawrogin dachte nicht daran, zu lächeln oder zuzustimmen, im Gegenteil,
-er hörte finster und ein wenig ungeduldig zu.
-
-»Wie? Was? Sie sagten: >gleichgültig<?«
-
-Stawrogin hatte kein Wort gesagt.
-
-»Natürlich, selbstverständlich, ich versichere Sie, daß ich das durchaus
-nicht darum ... nun, um Sie mit meiner Freundschaft zu kompromittieren
-... Aber wissen Sie, Sie sind heute furchtbar übelnehmend! Ich komme zu
-Ihnen mit offenem, frohem Herzen, und Sie -- Sie legen jedes meiner
-Worte auf die Wagschale! Ich werde heute über nichts Kitzliches mit
-Ihnen sprechen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Und mit allen Ihren
-Bedingungen bin ich von vornherein einverstanden!«
-
-Stawrogin schwieg immer noch.
-
-»Wie? Was? Sagten Sie nicht etwas? Sehe schon, hab' wieder nicht das
-Rechte getroffen. Sie haben keine Bedingungen gestellt und werden auch
-keine stellen. Glaub's schon, glaub's schon, beruhigen Sie sich nur: ich
-weiß ja selbst, daß es sich gar nicht lohnt, sie zu stellen -- nicht
-wahr? Ich übernehme schon im voraus die Verantwortung für Sie, wenn Sie
-wollen -- und tue das selbstredend aus Unbegabtheit -- also nichts als
-Unbegabtheit und Unbegabtheit ... Sie lachen? Wie? Was?«
-
-»Nichts ...« Stawrogin lächelte endlich, »mir fiel nur soeben ein, daß
-ich Sie in der Tat einmal gewissermaßen unbegabt genannt habe, aber da
-Sie damals nicht zugegen waren, wird man es Ihnen hinterbracht haben ...
-Im übrigen bitte ich, etwas schneller zur Sache kommen zu wollen.«
-
-»Aber ich bin ja gerade dabei! Ich rede doch nur wegen Sonntag!« rief
-Pjotr Stepanowitsch aus und tat sehr erstaunt. »Nun, was war ich am
-Sonntag, was meinen Sie? Genau und nichts anderes als die eilfertige,
-mittelmäßige Unbegabtheit in Person. Und genau in meiner
-allerunbegabtesten Art und Weise bemächtigte ich mich des Gespräches!
-Doch man hat mir schon alles verziehen. Erstens, wie gesagt, weil ich
-vom Monde gefallen bin, denn davon ist man tatsächlich allgemein
-überzeugt, und zweitens, weil ich ein so nettes Geschichtchen zum besten
-gab ... und euch allen heraushalf, nicht wahr? So ist es doch?«
-
-»Sie haben absichtlich so erzählt, daß der Zweifel bleibt und man die
-Mache merkt, während eine Abmachung überhaupt nicht vorlag und ich Sie
-um nichts gebeten hatte.«
-
-»Das ist's ja! Das ist's ja!« bestätigte wie in hellem Entzücken Pjotr
-Stepanowitsch. »Ich habe es ja absichtlich so gemacht, daß Sie die ganze
-Mechanik merken mußten. Ihretwegen habe ich ja gerade die ganze Komödie
-gespielt, nur um Sie zu fangen und zu kompromittieren. Ich wollte ja nur
-wissen, bis zu welchem Grade Sie sich fürchten.«
-
-»Es wäre interessant zu wissen, warum Sie jetzt so aufrichtig sind!«
-
-»Oh, ärgern Sie sich nicht, ärgern Sie sich nicht, und funkeln Sie bitte
-nicht so mit den Augen ... Übrigens tun Sie das ja gar nicht. Also
-interessant wäre es, zu wissen, warum ich jetzt so aufrichtig bin? Ganz
-einfach, weil sich jetzt alles verändert hat! Ich habe eben meine
-Ansichten über Sie geändert, das ist es. Den früheren Weg habe ich für
-immer verlassen. Ich werde Sie von nun ab nicht mehr auf die alte Art
-und Weise zu kompromittieren versuchen. Ich habe nun einen neuen Weg.«
-
-»Also die Taktik geändert?«
-
-»Von Taktik kann hier gar keine Rede sein. Von jetzt ab soll in allem
-nur Ihr freier Wille den Ausschlag geben. Sagen Sie >ja<, -- so ist's
-gut. Wollen Sie >nein< sagen -- bitte! Da haben Sie meine ganze neue
-Taktik. Doch an _unsere_ Sache werde ich auch nicht mit dem kleinsten
-Finger rühren, und zwar genau so lange nicht, bis Sie es selbst
-befehlen. Sie lachen? Wohl bekomm's! Auch ich lache ja. Aber soeben
-meine ich's ernst, vollkommen ernst, wenn auch ein Mensch, der sich so
-beeilt, natürlich unbegabt ist, nicht wahr? Einerlei, meinetwegen bin
-ich auch unbegabt, nur rede ich jetzt im Ernst, das heißt wirklich
-vollkommen ernst!«
-
-Er sprach in der Tat diesmal ernst, in einem ganz anderen Tone und mit
-einer seltsamen Erregung, so daß Stawrogin ihn aufmerksam anblickte.
-
-»Sie sagen, Sie hätten Ihre Ansicht über mich geändert?«
-
-»Ja; in dem Augenblick, als Sie damals von Schatoff Ihre Hände
-zurückzogen. Aber genug, genug davon, und bitte keine Fragen weiter!
-Mehr sage ich jetzt nicht!«
-
-Er war schon aufgesprungen und fuchtelte wieder mit den Händen, als
-wollte er sich an ihn gestellter Fragen erwehren: da aber überhaupt
-keine gestellt wurden und er noch nicht die Absicht hatte, wegzugehen,
-so setzte er sich wieder hin und beruhigte sich allmählich.
-
-»Nebenbei bemerkt, in Klammern,« plapperte er sofort wieder los, »man
-schwatzt hier und wettet schon darauf, daß Sie ihn unbedingt totschlagen
-würden. Lembke beabsichtigte sogar, die Polizei in Bewegung zu setzen,
-doch Julija Michailowna hat es ihm verboten ... Aber genug davon, genug,
-ich sagte es Ihnen nur, um Sie zu benachrichtigen. Doch halt, noch eins:
-ich habe, wie Sie wissen, die Lebädkins noch am selben Tage auf die
-andere Flußseite geschafft -- meinen Brief mit der neuen Adresse haben
-Sie doch erhalten?«
-
-»Ja, gleich damals.«
-
-»Dies aber habe ich nicht aus >Unbegabtheit< getan, sondern einfach aus
-Bereitwilligkeit. Wenn es >unbegabt< herausgekommen sein sollte, so
-war's dafür doch aufrichtig gemeint.«
-
-»Schon gut, vielleicht war es gerade so richtig ...« murmelte Stawrogin
-nachdenklich. »Nur schicken Sie mir keine Briefe mehr.«
-
-»Diesmal ging's nicht anders, und es war ja nur ein einziger.«
-
-»So weiß Liputin davon?«
-
-»Es war nicht anders möglich. Aber Sie wissen ja selbst, daß Liputin
-nichts darf ... Übrigens müßte man einmal wieder zu den unsrigen gehen,
--- das heißt zu jenen da, nicht zu den _Unsrigen_, kreiden Sie es mir
-nur nicht gleich wieder an. Beunruhigen Sie sich nicht: es braucht ja
-nicht gleich zu sein -- irgend wann einmal. Augenblicklich regnet es.
-Ich werde es denen dann sagen und sie können sich versammeln -- wir
-gehen dann am Abend hin. Da sitzen sie nun mit offenen Mäulern, wie die
-jungen Waldraben im Nest, und warten gespannt darauf, was für einen
-Bissen wir ihnen gebracht haben -- kratzen Bücher hervor und fangen gar
-an zu streiten. Wirginski ist Allmensch, Liputin Fourierist mit starker
-Neigung zu Polizeimethoden. Ein Mensch, sag ich Ihnen, der in einer
-Beziehung kostbar ist, aber in den meisten anderen Beziehungen streng
-angefaßt werden muß. Und der dritte, der mit den trauernden Ohren, trägt
-gar ein eigenes System vor. Beleidigt sind sie übrigens alle: weil ich
-mich so wenig um sie kümmere und sie ein bißchen kaltgestellt habe,
-haha! Aber hingehen muß man zu ihnen.«
-
-»Sie haben mich jenen wohl als so eine Art Führer vorgestellt?« fragte
-Stawrogin so nachlässig wie möglich.
-
-Pjotr Stepanowitsch sah ihn blitzschnell an. Dann ging er schnell auf
-ein anderes Thema über und tat so, als hätte er die Frage ganz überhört:
-»Übrigens bin ich täglich zwei- bis dreimal zu Warwara Petrowna gekommen
-und war gezwungen, viel zu sprechen ...«
-
-»Kann mir denken.«
-
-»Nein, denken Sie nicht das! Ich habe einfach nur versichert, daß Sie
-Schatoff nicht totschlagen würden -- und so ähnliche süße Sachen. Aber
-stellen Sie sich vor: gleich am anderen Tage hatte sie schon erfahren,
-daß Marja Timofejewna von mir über den Fluß geschafft worden war --
-haben Sie ihr das gesagt?«
-
-»Nicht daran gedacht.«
-
-»Wußt ich's doch, daß nicht Sie ... Aber wer außer Ihnen hätte es ihr
-dann erzählen können?«
-
-»Liputin, selbstredend.«
-
-»N--nein, nicht Liputin,« murmelte Pjotr Stepanowitsch geärgert. »Aber
-ich werde es schon erfahren, wer es war. Ich denke da eher an Schatoff.
-Aber nein, Unsinn, lassen wir das! Aber schließlich ist's doch verdammt
-wichtig ... Übrigens habe ich immer erwartet, daß Ihre Mutter plötzlich
-mit der Hauptfrage herausplatzte ... Ja! Nur alle die letzten Tage war
-sie furchtbar niedergeschlagen, fast finster, heute aber, wie ich
-ankomme: siehe da -- sie strahlt förmlich. Woher kommt denn das?«
-
-»Das kommt daher, daß ich ihr heute mein Wort gegeben habe, nach fünf
-Tagen um Lisaweta Nicolajewnas Hand anzuhalten,« sagte Stawrogin
-plötzlich mit unvermuteter Offenheit.
-
-»Ah, so ... nun ja ... ja gewiß ...« stotterte Pjotr Stepanowitsch und
-blieb stecken. »Man spricht zwar schon von ihrer Verlobung mit Mawrikij
-Nicolajewitsch. Sie wissen doch? Es wird auch schon stimmen. Aber Sie
-haben recht: sie läuft auch vom Altare fort, wenn Sie sie nur rufen. Sie
-ärgern sich doch nicht darüber, daß ich so ...?«
-
-»Nein.«
-
-»Ich sehe, daß es heute furchtbar schwer ist, Sie zu ärgern, und fange
-an, Sie zu fürchten ... Bin sehr gespannt darauf, wie Sie morgen
-erscheinen werden. Sicher haben Sie schon vieles in petto. Ärgern Sie
-sich wirklich nicht über mich, daß ich so ...?«
-
-Stawrogin antwortete wieder nicht, was Pjotr Stepanowitsch vollends
-reizte.
-
-Ȇbrigens: haben Sie das in betreff Lisaweta Nicolajewnas Ihrer Mutter
-im Ernst gesagt?« fragte er.
-
-Stawrogin sah ihn kalt und prüfend an.
-
-»Ah, so, ich verstehe schon: um sie zu beruhigen, nun ja.«
-
-»Und wenn ich es im Ernst gesagt habe?« fragte Stawrogin hart.
-
-»Ja ... nun ... na, dann mit Gott, wie man in solchen Fällen zu sagen
-pflegt. Würde ja der Sache nichts schaden. (Sehen Sie, ich habe nicht
-gesagt, >_unserer_< Sache, da Sie das Wort >unser< nun einmal nicht
-lieben.) Ich aber ... ich -- nun ja, ich stehe zu Ihren Diensten, wie
-Sie wissen.«
-
-»Sie meinen?«
-
-»Gar nichts, gar nichts meine ich!« wehrte Pjotr Stepanowitsch lachend
-ab, »denn ich weiß, daß Sie sich Ihre Angelegenheiten im voraus genug
-überlegen, und daß Sie alles schon bis zu Ende durchgedacht haben. Im
-übrigen aber wollte ich nur sagen, daß ich im Ernst jederzeit zu Ihren
-Diensten stehe, jederzeit und unter allen Umständen und in jedem Fall,
--- das heißt wortwörtlich in _je--dem_! Sie verstehen doch?«
-
-Stawrogin gähnte.
-
-»Ich langweile Sie schon, wie ich sehe,« sagte Pjotr Stepanowitsch,
-plötzlich aufspringend, ergriff seinen runden, ganz neuen Hut und tat,
-als sei er im Begriff, aufzubrechen, indessen blieb er immer noch und
-sprach ununterbrochen weiter, jetzt allerdings stehend. Zuweilen schritt
-er hin und her, und wenn er sehr lebhaft sprach, schlug er sich mit dem
-Hut ans Knie. »Ja, eigentlich wollte ich Ihnen noch etwas Ergötzliches
-von den Lembkes erzählen und Sie damit erheitern!« schwatzte er weiter,
-anscheinend gut gelaunt.
-
-»Nein, das doch lieber ein nächstes Mal. Wie geht es übrigens mit Julija
-Michailownas Gesundheit?«
-
-»Was das bei Ihnen allen für gesellschaftliche Gewohnheiten sind! Julija
-Michailownas Gesundheit ist Ihnen ja so gleichgültig, wie die Gesundheit
-irgendeiner Katze, und doch erkundigen Sie sich! Aber das lobe ich mir.
-Also: Julija Michailowna fühlt sich wohl und hat eine Hochachtung vor
-Ihnen, na, bis zum Aberglauben. Und was Sie von Ihnen alles erwartet,
-grenzt auch schon an Aberglauben. Über den Sonntag schweigt sie, und ist
-überzeugt, daß Sie alles sofort niederschlagen werden, sobald Sie nur
-wieder auf der Bildfläche erscheinen. Bei Gott, sie glaubt ohne
-weiteres, daß Sie weiß der Teufel was alles vermögen! Mir scheint, sie
-bildet sich ein, Sie könnten einfach Wunder zustande bringen. Überhaupt
-sind Sie jetzt ein noch viel rätselhafteres Wesen als je, dazu dieser
-Nimbus von Romantik, der sich um Sie gebildet hat -- wahrhaftig, eine
-äußerst vorteilhafte Stellung. Und wie gespannt, wie neugierig man auf
-Sie ist! Bevor ich verreiste, war es schon heiß, doch als ich
-zurückkehrte, war die Hitze noch gestiegen. Danke übrigens nochmals
-bestens für die Beschaffung des Briefes. Graf K... wird hier allgemein
-mit Andacht gefürchtet. Und Sie hält man für so eine Art höheren Spion.
-Ich nicke dazu. Sie ärgern sich doch nicht?«
-
-»Nein.«
-
-»Das ist nämlich für alles Weitere sogar unbedingt nötig. Die Leute
-haben ja hier ihre besonderen Bräuche. Ich sporne selbstverständlich
-noch an. Julija Michailowna ist die Anführerin, Gaganoff der zweite ...
-Sie lachen? Aber ich lebe doch jetzt nach meiner neuen Taktik: ich lüge
-und lüge, und dann sage ich plötzlich ein kluges Wort, und zwar gerade
-in dem Augenblick, wenn alle ein solches suchen. Darauf umringt man mich
-sofort, fragt und horcht, -- ich aber bin schon wieder mitten im Lügen.
-Jetzt haben mich schon alle aufgegeben. >Ach, der!< sagen sie und winken
-ab. >Nicht dumm, aber ein bißchen doch vom Monde herabgefallen.< Lembke
-redet mir zu, in den Staatsdienst zu treten, damit ich mich bessere.
-Ach, wenn Sie wüßten, wie ich ihn trätiere, das heißt, eigentlich
-kompromittiere. Er glotzt mich nur so an mit seinen Kalbsaugen. Julija
-Michailowna hilft mir dabei womöglich noch. Doch was ich sagen wollte:
-Gaganoff ist grenzenlos wütend auf Sie. Gestern hat er in Duchowo ganz
-gemein über Sie gesprochen. Ich habe ihm natürlich gleich die ganze
-Wahrheit gesagt, oder vielmehr, versteht sich, nicht die ganze Wahrheit.
-Ich war gestern vom morgen bis zum Abend draußen bei ihm. Prächtiges Gut
-übrigens, auch das Herrenhaus ist schön.«
-
-»So ist er jetzt in Duchowo?« rief Stawrogin plötzlich lebhaft, ja, fast
-sprang er auf, -- wenigstens beugte er sich hastig nach vorn.
-
-»Nein, jetzt nicht mehr, er hat mich selbst hierher gebracht, wir kamen
-zusammen zurück,« sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig, anscheinend ohne
-Stawrogins Erregung zu bemerken. »Was ist das? -- Da habe ich ein Buch
-heruntergeworfen,« und er bückte sich, um den Band aufzuheben. »>Die
-Frauen von Balzac<? Illustriert. Habe nicht gelesen. Lembke schreibt
-auch Romane.«
-
-»Was Sie sagen?« Stawrogin tat, als interessiere es ihn sehr.
-
-»Jawohl, in russischer Sprache; selbstredend heimlich. Nur Julija
-Michailowna weiß es und erlaubt es ihm. Er ist so eine richtige
-Schlafmütze, aber mit Manieren. Wie das alles ausgearbeitet ist! Welch
-eine Strenge der Formen, welch eine Folgerichtigkeit und Disziplin!
-Übrigens, es wäre gut, wenn auch wir etwas davon hätten!«
-
-»Sie loben die Verwaltung?«
-
-»Wie sollte ich nicht! Sie ist doch das einzige, was bei uns in Rußland
-natürlich und in einem gewissen Grade fertig ist ... nein, nein, ich
-werde nicht, ich werde nicht, seien Sie unbesorgt, ich werde nicht!«
-brach er plötzlich ab. »Über das Delikate kein Wort, seien Sie
-unbesorgt, kein Wort! Und jetzt leben Sie wohl. -- Sie sind ja fast
-grün.«
-
-»Ich bin erkältet.«
-
-»Das ist glaubwürdig. Legen Sie sich hin! Doch ja, was ich noch sagen
-wollte: hier im Bezirk gibt es auch einige von der Skopzensekte,
-interessante Leute ... Doch davon später. Halt ja, eine kleine Anekdote
-muß ich doch noch erzählen! Hier in der Nähe steht bekanntlich ein
-Infanterieregiment. Freitag abend habe ich in B... mit den Offizieren
-zusammen gekneipt. Wir haben doch dort drei Genossen -- _vous
-comprenez_?{[111]} Nun, es wurde über den Atheismus gesprochen, und
-selbstredend ward Gott zum so und so vielten Male kassiert. Man gröhlte
-und quiekte vor Freude. Übrigens: Schatoff meint, daß man unbedingt mit
-dem Atheismus beginnen müsse, wenn man es in Rußland zu einem Umsturz
-bringen wolle -- vielleicht hat er recht. Ja, wie gesagt, es wurde über
-Gott gesprochen -- aber da saß auch ein schon ergrauter schnauzbärtiger
-Hauptmann, saß und saß, schwieg die ganze Zeit. Plötzlich stand er auf,
-blieb mitten im Zimmer stehen, breitete die Arme aus, und sagte laut,
-aber doch wie zu sich selbst: >Wenn es keinen Gott gibt, was bin ich
-dann noch für ein Hauptmann?< Und damit nahm er seine Mütze und ging.«
-
-»Hat einen ganz klugen Gedanken ausgedrückt,« sagte Stawrogin und gähnte
--- jetzt schon zum dritten Male.
-
-»Ja? Ich hab's nicht verstanden -- wollte Sie fragen. Und was war da
-doch noch --? Ja, so: ganz interessant ist die Spigulinsche Fabrik.
-Fünfhundert Arbeiter, ein vorzüglicher Choleraherd, ist schon seit
-fünfzehn Jahren nicht mehr gereinigt, und vom Arbeitslohn wird immer ein
-Teil abgezogen, die Besitzer aber sind Millionäre. Seien Sie überzeugt,
-von den Arbeitern haben schon eine ganze Reihe durchaus richtige
-Vorstellungen von der Internationale und Revolution. Wie, Sie lächeln?
-Sie werden schon sehen, geben Sie mir nur eine ganz, ganz kleine Weile
-Zeit! Ich habe Sie schon einmal um Zeit gebeten. Jetzt tue ich's zum
-zweiten Male. Doch Verzeihung, ich höre ja schon auf! Runzeln Sie nicht
-die Stirn, ich höre ja schon auf! Leben Sie wohl. -- Ach so!« er kehrte
-nochmals um und kam zurück. -- »Die Hauptsache vergesse ich ganz! Man
-hat mir vorhin gesagt, daß unsere Koffer aus Petersburg angekommen
-sind.«
-
-»Ja, und? ...« Stawrogin sah ihn an, ohne zu verstehen.
-
-»Das heißt, _Ihre_ Koffer, Ihre Sachen, mit den Fracks, Beinkleidern,
-der Wäsche -- sind die schon hier?«
-
-»Ja, man sagte mir vorhin so etwas ...«
-
-»Ach, könnte man da nicht gleich ...?«
-
-»Fragen Sie den Alexei.«
-
-»Schön! Aber morgen, morgen könnte ich sie doch bekommen? Es sind
-nämlich mein Frack, ein Anzug und drei Paar Beinkleider darin ... Die
-von Charmeur, die er mir noch auf Ihre Empfehlung hin gemacht hat,
-erinnern Sie sich?«
-
-»Ich habe gehört, Sie sollen hier den Dandy spielen,« lächelte
-Stawrogin. »Ist es wahr, daß Sie sogar Reitstunden nehmen wollen?«
-
-Pjotr Stepanowitsch verzog den Mund zu einem gezwungenen Lächeln.
-
-»Wissen Sie,« sagte er dann plötzlich ungeheuer schnell, mit einer
-eigentümlich abbrechenden Stimme, in der etwas zu zucken schien. »Wissen
-Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, wir wollen das Persönliche lieber aus dem
-Spiel lassen, nicht wahr, ein für allemal? Sie können mich dabei
-natürlich verachten, so viel Sie wollen, wenn Ihnen etwas lächerlich
-erscheint. Aber, wie gesagt, unter uns wollen wir das Persönliche eine
-Zeitlang fortlassen, nicht wahr?«
-
-»Gut, ich werde es nicht mehr ...« sagte Stawrogin vor sich hin.
-
-Pjotr Stepanowitsch lächelte, schlug sich mit dem Hut ans Knie, trat von
-einem Fuß auf den andern und sein Gesicht nahm wieder den alten Ausdruck
-an.
-
-»Hier halten mich einige sogar für Ihren Nebenbuhler bei Lisaweta
-Nicolajewna, wie soll ich mich da nicht um mein Äußeres kümmern?« sagte
-er lachend. Ȇbrigens, wer hinterbringt Ihnen denn das alles? Hm! Es ist
-schon Punkt acht; ich muß gehen. Habe zwar Warwara Petrowna versprochen,
-jetzt bei ihr vorzusprechen, werde das aber bleiben lassen. Sie aber --
-legen Sie sich mal hin, dann sind Sie morgen munterer. Draußen ist es
-stockdunkel und es regnet -- übrigens, ich habe ja meine Droschke, denn
-in der Nacht ist es hier nicht ganz geheuer in den Straßen ... Doch ja,
-was ich noch sagen wollte: hier in der Umgegend treibt sich jetzt ein
-gewisser Fedjka herum, ein entsprungener Zuchthäusler aus Sibirien, und
-stellen Sie sich vor, er ist mein gewesener Leibeigener, den Papachen
-vor fünfzehn Jahren unter die Soldaten gesteckt hat, um Geld zu
-bekommen. Eine äußerst bemerkenswerte Persönlichkeit, dieser Fedjka.«
-
-»Sie ... haben mit ihm gesprochen?« fragte Stawrogin, indem er einmal
-kurz aufblickte.
-
-»Ja. Vor mir versteckt er sich nicht. Er ist zu allem bereit, zu allem;
-für Geld, selbstredend, aber er hat auch Überzeugungen, so in seiner
-Art, versteht sich ... Ja, und noch etwas: wenn Sie vorhin wirklich im
-Ernst von dieser Absicht -- Sie wissen schon, mit Lisaweta Nicolajewna,
--- so wiederhole ich nochmals, daß ich gleichfalls eine zu allem bereite
-Persönlichkeit bin, in jeder Beziehung, in welcher Sie nur wollen, und
-vollkommen zu Ihren Diensten stehe ... Was, Sie wollen --? Ach so, nein,
-nicht den Stock. Denken Sie sich, mir schien, daß Sie einen Stock
-suchten!«
-
-Stawrogin suchte nichts und sagte auch nichts, aber er hatte sich
-allerdings seltsam plötzlich erhoben, mit einer eigentümlichen Bewegung
-im Gesicht.
-
-»Und wenn Sie etwas in betreff dieses Herrn Gaganoff brauchen sollten,«
-fügte Pjotr Stepanowitsch mit einemmal hinzu und wies dabei mit dem Kopf
-schon ganz ungeniert auf den Brief und den Umschlag unter dem
-Briefbeschwerer, »so kann ich natürlich auch da alles ordnen, und ich
-bin überzeugt, daß Sie mich nicht umgehen werden.«
-
-Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verließ das
-Zimmer -- doch bevor er die Tür hinter sich schloß, steckte er noch
-einmal den Kopf herein:
-
-»Ich bin nur deshalb so ...« rief er schnell, »... weil doch
-beispielsweise auch Schatoff nicht das Recht hatte, damals am Sonntag
-sein Leben zu riskieren, als er zu Ihnen trat -- nicht wahr? Ich möchte
-wünschen, daß Sie dieses nicht vergäßen.«
-
-Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er.
-
-
- IV.
-
-Vielleicht dachte Pjotr Stepanowitsch, daß Nicolai Wszewolodowitsch,
-sobald er allein wäre, mit den Fäusten an die Wand schlagen würde,
-welchem Wutausbruch Pjotr Stepanowitsch natürlich für sein Leben gerne
-heimlich zugesehen hätte, wenn das nur irgendwie möglich gewesen wäre.
-Doch er täuschte sich sehr. Stawrogin blieb vollkommen ruhig. Wohl ganze
-zwei Minuten stand er noch in derselben Stellung am Tisch, anscheinend
-in tiefe Gedanken versunken; doch bald legte sich ein müdes, kaltes
-Lächeln um seinen Mund. Er setzte sich langsam wieder auf den großen
-Diwan, auf denselben Platz in der Ecke, und schloß die Augen, wie vor
-Müdigkeit. Die eine Ecke des Briefes lugte noch immer unter dem
-Briefbeschwerer hervor, doch er rührte sich nicht einmal, um sie zu
-bedecken.
-
-Bald vergaß er sich ganz.
-
-Warwara Petrowna hatte sich schon alle die Tage mit Sorgen gequält. Als
-jetzt auch noch Pjotr Stepanowitsch fortgegangen war, ohne sein
-Versprechen zu halten und zu ihr zu kommen, hielt sie es nicht länger
-aus und wagte es, selbst zu ihrem Sohne zu gehen. Die ganze Zeit hatte
-sie gedacht, vielleicht werde er doch endlich etwas Bestimmtes,
-Entscheidendes sagen. Leise, wie vorhin, klopfte sie an seine Tür, und
-da sie keine Antwort erhielt, wagte sie wieder, selbst zu öffnen. Als
-sie sah, wie er so unbeweglich und sonderbar still dasaß, trat sie, mit
-klopfendem Herzen, vorsichtig näher. Es machte sie stutzig, daß er so
-schnell und so aufrecht sitzend eingeschlafen war; sogar das Atmen
-merkte man kaum. Sein Gesicht war blaß und streng, doch dabei wie völlig
-erkaltet, regungslos. Die Brauen waren ein wenig zusammengezogen und
-wirkten finster: so glich er entschieden einer leblosen Wachsfigur.
-Warwara Petrowna stand wohl ganze drei Minuten vor ihm, mit verhaltenem
-Atem, und plötzlich wurde sie von einer Angst erfaßt. Auf den Fußspitzen
-ging sie hinaus, doch an der Tür blieb sie einen Augenblick stehen,
-wandte sich um, machte das Zeichen des Kreuzes über ihren Sohn und
-verließ dann unbemerkt den Raum -- mit einer neuen schweren Empfindung
-und neuen Sorgen im Herzen.
-
-Er schlief lange, über eine Stunde, und die ganze Zeit in derselben
-Erstarrung: kein Muskel seines Gesichtes bewegte sich, nicht das
-leiseste Zucken ging durch seinen Körper; die Brauen blieben unverändert
-streng zusammengezogen. Wäre Warwara Petrowna noch weitere drei Minuten
-vor ihm stehen geblieben, so würde sie das erdrückende Empfinden dieser
-lethargischen Regungslosigkeit ganz gewiß nicht ertragen und ihn
-aufgeweckt haben. Doch plötzlich schlug er von selbst die Augen auf,
-blieb aber, ohne sich zu rühren, wohl noch zehn Minuten unverändert
-sitzen, nur daß seine offenen Augen jetzt beharrlich und wißbegierig in
-die eine dunkle Ecke des Zimmers sahen, wie sich hineinsehend in
-irgendeinen ihn dort fesselnden Gegenstand, obgleich sich dort weder
-etwas Neues, noch etwas Besonderes befand.
-
-Da begann die große, alte Wanduhr zu schnurren und schlug einen
-einzigen, schweren Schlag. Stawrogin wandte mit einer gewissen Unruhe
-den Kopf, um auf das Zifferblatt zu sehen. Doch in demselben Augenblick
-öffnete sich die Tapetentür, die zum Korridor führte, und der
-Kammerdiener Alexei Jegorowitsch trat ein. Er brachte einen dicken
-Mantel, ein Halstuch und einen Hut, und in der rechten Hand hielt er
-einen silbernen Teller, auf dem ein Zettel lag.
-
-»Halb zehn,« meldete er mit leiser Stimme und trat, nachdem er den
-Mantel an der Tür auf einen Stuhl gelegt hatte, zu Nicolai
-Wszewolodowitsch, dem er das Zettelchen präsentierte, ein kleines,
-ungeschlossenes Papier, auf dem nur zwei Zeilen mit Bleistift
-geschrieben standen.
-
-Nachdem Stawrogin sie überflogen hatte, nahm er einen Bleistift vom
-Tisch und kritzelte ein paar Worte auf dasselbe Papier, das er dann
-wieder offen auf den Teller zurücklegte.
-
-»Sofort zu übergeben, sobald ich ausgegangen bin,« sagte er und erhob
-sich vom Diwan.
-
-Es fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, daß er einen leichten Samtrock an
-hatte, so überlegte er einen Augenblick und befahl dann, ihm einen
-Tuchrock zu bringen, der zu zeremoniellen Abendbesuchen besser paßte.
-Nachdem er sich ganz angekleidet und den Hut schon aufgesetzt hatte,
-verschloß er die Tür, durch die vorhin Warwara Petrowna eingetreten war,
-zog dann den Brief unter dem Briefbeschwerer hervor, steckte ihn zu sich
-und ging schweigend aus dem Zimmer. Alexei Jegorowitsch folgte ihm. Aus
-dem Korridor gingen sie über eine schmale steinerne Hintertreppe in den
-Hausflur hinab, aus dem man unmittelbar in den Park treten konnte. In
-einer Ecke des Flurs hatte Alexei Jegorowitsch eine Laterne und einen
-Regenschirm versteckt.
-
-»Infolge des starken Regens ist der Schmutz in den Straßen ganz
-unerträglich,« meldete Alexei Jegorowitsch wie mit einem entfernten
-letzten Versuch, seinen Herrn von dem Ausgehen abzubringen.
-
-Doch Stawrogin machte den Schirm auf und trat schweigend hinaus in den
-alten Park, der wie ein Keller dunkel, feucht und naß war. Der Wind
-brauste und rauschte und schaukelte die Wipfel der großen, halb schon
-kahlen Bäume, die schmalen Sandwege waren weich und glatt. Alexei
-Jegorowitsch ging so, wie er war, im braunen Frack und ohne Mütze, mit
-der kleinen Laterne in der Hand, drei Schritte vor seinem Herrn, und
-beleuchtete den Weg.
-
-»Wird man es nicht bemerken?« fragte plötzlich Nicolai Wszewolodowitsch.
-
-»Aus den Fenstern wird man es nicht bemerken und außerdem ist alles
-vorgesehen,« antwortete der Diener leise und maßvoll.
-
-»Meine Mutter schläft?«
-
-»Haben sich nach der Gewohnheit der letzten Tage gleich nach neun Uhr
-zurückgezogen, und daß die gnädige Frau es erfährt, ist ganz
-ausgeschlossen. Wann befehlen der Herr, daß ich Ihn zurückerwarte?«
-
-»Um eins, halb zwei, nicht später als zwei.«
-
-»Zu Befehl.«
-
-Sie umgingen auf den sich schlängelnden Wegen fast den ganzen Park, bis
-sie an der Ecke der großen Steinmauer stehenblieben, wo ein kleines
-Pförtchen auf eine schmale entlegene Nebengasse führte.
-
-»Wird die Tür nicht kreischen?« fragte Nicolai Wszewolodowitsch. Doch
-Alexei Jegorowitsch sagte, daß er zweimal, »sowohl gestern wie auch
-heute,« die Angeln geschmiert habe. Er war bereits ganz durchnäßt vom
-Regen. Als er das Pförtchen geöffnet hatte, reichte er Nicolai
-Wszewolodowitsch den Schlüssel.
-
-»Wenn der Herr geruhen, einen weiten Weg zu unternehmen, so möchte ich
-vorher darauf aufmerksam machen, daß den Leuten hier herum nicht zu
-trauen ist, besonders nicht in entlegenen Gassen und ... am
-allerwenigsten jenseits des Flusses,« wagte er nochmals zu warnen.
-
-Er war ein alter Diener, der einst Nicolai Wszewolodowitsch auf den
-Armen gewiegt und wie eine Kinderfrau mit ihm gespielt hatte, ein
-ernster, strenger Mann, der das Gotteswort kannte und gern in der Bibel
-las.
-
-»Beunruhige dich nicht, Alexei Jegorowitsch.«
-
-»Gott segne Euch, Herr, aber nur beim Anfang guter Taten.«
-
-»Wie?« Nicolai Wszewolodowitsch, der schon über die Schwelle getreten
-war, blieb stehen.
-
-Der alte Diener wiederholte mit fester Stimme seinen Segenswunsch. Nie
-hätte er sich früher unterstanden, solche Worte zu seinem Herrn zu
-sagen.
-
-Stawrogin sagte nichts, schloß die Tür, steckte den Schlüssel in die
-Tasche und ging die Gasse entlang, wobei seine Füße bei jedem Schritt an
-die drei Zoll tief im Schlamm versanken. Endlich erreichte er eine
-lange, einsame Straße, die wenigstens gepflastert war. Die Stadt kannte
-er genau: immerhin hatte er noch einen weiten Weg bis zur
-Bogojawlenskstraße.
-
-Es war schon nach zehn Uhr, als er endlich vor der verschlossenen Pforte
-des Filippoffschen Hauses stehen blieb.
-
-Die untere Etage war unbewohnt, seitdem man Lebädkins fortgeschafft
-hatte. Die Fensterläden waren geschlossen. Nur oben in Schatoffs
-Dachzimmer sah man noch Licht. Da es an der Pforte keine Klingel gab, so
-klopfte Stawrogin. Nichts rührte sich zunächst. Aber schließlich, nach
-abermaligem Klopfen, öffnete sich oben ein Klappfenster und Schatoff
-steckte den Kopf heraus. Es war stockdunkel und daher schwer, jemanden
-zu erkennen.
-
-Schatoff sah lange hinunter.
-
-»Sind Sie es?« fragte er plötzlich.
-
-»Ja.«
-
-Schatoff schlug das Fenster zu, kam nach unten und öffnete die Pforte.
-
-Stawrogin trat über die hohe Schwelle und ging stumm an ihm vorüber in
-den Flügel zu Kirilloff.
-
-
- V.
-
-Hier war alles unverschlossen. Der Flur und die beiden ersten Zimmer
-waren dunkel, doch im dritten, in dem Kirilloff wohnte, war es hell, und
-dort hörte man Lachen und dazwischen ein seltsames frohes Gequiek.
-
-Stawrogin ging auf das Licht zu, blieb aber vor der offenen Tür stehen,
-ohne zunächst einzutreten.
-
-Der Teetisch war gedeckt. Mitten im Zimmer stand die Alte, die das Haus
-beaufsichtigte, in einem Unterrock, in Schuhen, doch ohne Strümpfe, und
-in einer ärmellosen Pelzjacke aus Hasenfell. Sie trug ein
-anderthalbjähriges Kindchen mit fast weißen Locken, nur mit einem kurzen
-Hemdchen bekleidet, mit bloßen, dicken Beinchen und erhitztem,
-pausbackigem Gesichtchen, auf dem Arm. Offenbar hatte sie es soeben aus
-der Wiege genommen. Das Kindchen mochte noch vor kurzem geweint haben,
-denn noch standen dicke Tränen unter seinen Augen, doch war es in diesem
-Augenblicke froh und lustig, reckte seine Ärmchen und lachte, wie so
-kleine Kinder zu lachen pflegen: mit juchzenden, schluchzenden
-Nebentönen.
-
-Vor dem Kindchen spielte Kirilloff mit einem großen roten Gummiball: er
-warf ihn kräftig auf die Diele, so daß er bis an die Decke sprang,
-wieder fiel und wieder sprang, während das Kindchen dazu überselig sein
-»Ba! ... Ba! ...« rief. Kirilloff fing darauf den »Ba« auf und gab ihn
-dem Kindchen, das dann natürlich den »Ba« wieder gleich mit seinen
-eigenen, ungeschickten Händchen fortwarf, während Kirilloff ihm
-nachlief, um ihn aufzuheben. Zum Schluß rollte der »Ba« unter den
-Schrank. Kirilloff aber streckte sich sofort längelang auf dem Fußboden
-aus, um ihn mit der Hand wieder hervorzuholen.
-
-In diesem Augenblick trat Stawrogin ins Zimmer.
-
-Das Kind, das ihn zuerst erblickte, warf sich erschreckt an den Hals der
-Alten und begann laut ein langgezogenes, eintöniges Kinderweinen, so daß
-die Alte es sofort hinausbrachte.
-
-»Stawrogin?« fragte Kirilloff, ohne die geringste Verwunderung über den
-unerwarteten Besuch, zog seine Hand mit dem Ball unter dem Schrank
-hervor und erhob sich. »Wollen Sie Tee?«
-
-»Mit dem größten Vergnügen, wenn er warm ist, ich bin ganz durchnäßt.«
-
-»Warm, sogar heiß,« sagte Kirilloff mit Vergnügen, nachdem er sich davon
-überzeugt hatte. »Setzen Sie sich. Sie sind schmutzig, tut nichts. Ich
-kann's später mit einem nassen Tuch ...«
-
-Stawrogin setzte sich und trank fast auf einen Zug die eingegossene
-Tasse Tee aus.
-
-»Noch?«
-
-»Nein, danke.«
-
-Kirilloff, der bis dahin gestanden hatte, setzte sich sogleich und
-fragte: »Wozu sind Sie gekommen?«
-
-»Bitte, lesen Sie diesen Brief. Er ist von Gaganoff. Sie werden sich
-entsinnen, ich habe Ihnen von ihm schon in Petersburg erzählt.«
-
-Kirilloff nahm den Brief, las ihn durch, legte ihn darauf wieder auf den
-Tisch und sah Stawrogin erwartungsvoll an.
-
-»Mit diesem Gaganoff,« erklärte Nicolai Wszewolodowitsch, »bin ich, wie
-Sie wissen, zum ersten Male in Petersburg vor kaum einem Monat
-zusammengetroffen, und dann sind wir uns noch ungefähr dreimal in der
-Gesellschaft begegnet. Wir wurden einander nicht vorgestellt, sprachen
-auch nicht miteinander und doch fand er Gelegenheit, sich ungezogen mir
-gegenüber zu benehmen. Ich habe Ihnen das ja damals alles erzählt. Doch
-was Sie nicht wissen, ist folgendes. Als er darauf Petersburg, noch vor
-mir, verließ, schrieb er mir einen Brief, der zwar noch nicht so
-beleidigend war, wie dieser hier, aber doch schon einen durchaus
-unzulässigen Ton hatte. Dabei stand mit keinem einzigen Worte darin,
-warum der Brief eigentlich geschrieben worden war. Ich antwortete ihm
-sofort und erklärte ihm ganz offenherzig, daß ich >da es sich wohl um
-den Vorfall mit seinem Vater vor vier Jahren hier im Klub handeln
-werde<, -- daß ich meinerseits durchaus bereit sei, ihm noch
-nachträglich meine Entschuldigung zu machen, einfach aus dem Grunde,
-weil meine Handlung damals im Krankheitszustande geschehen sei. Er
-antwortete mir nichts darauf und reiste irgendwohin fort. Nun komme ich
-hierher und finde ihn hier in einer wahren Tollwut auf mich. Man hat mir
-öffentliche Äußerungen von ihm mitgeteilt, die regelrechte
-Beschimpfungen sind, dazu die unglaublichsten Anschuldigungen. Und heute
-erhalte ich diesen Brief, -- einen ähnlichen hat wohl noch nie jemand
-geschrieben! Mit Ausdrücken wie zum Beispiel >Ihre geschlagene Fratze<.
--- Ich bin nun zu Ihnen gekommen, da ich hoffe, daß Sie mir nicht
-abschlagen werden, mein Sekundant zu sein?«
-
-»In der Wut kann man schon ... Puschkin hat auch so geschrieben. Gut,
-ich komme. Sagen Sie, wie?«
-
-Stawrogin erklärte, daß er ihn bäte, gleich morgen zu Gaganoff zu gehen.
-Er solle die Entschuldigung wiederholen und sogar noch einen zweiten
-Entschuldigungsbrief ankündigen -- diesen letzteren aber nur unter der
-Bedingung, daß Gaganoff sein Wort gibt, keinen weiteren Brief irgendwie
-beleidigenden Inhalts zu schreiben, während sein letzter Brief als nicht
-erhalten betrachtet werden solle.
-
-»Zu viel Konzessionen, er wird nicht darauf eingehen ...«
-
-»Ich bin vor allem hierhergekommen, um zu erfahren, ob Sie überhaupt
-bereit sind, ihm solche Bedingungen zu überbringen?«
-
-»Ich werde schon. Aber er wird nicht darauf eingehen ...«
-
-»Das weiß ich.«
-
-»Er _will_ sich schlagen. Sagen Sie, wie?«
-
-»Das ist es eben: ich möchte morgen die ganze Geschichte beendet haben.
-Sagen wir, um neun sind Sie bei ihm. Er wird Sie anhören und Ihr
-Ersuchen abschlagen. Dann wird er seinen Sekundanten zu Ihnen schicken,
-sagen wir -- gegen elf. Mit dem besprechen Sie sich also, und um eins
-oder zwei könnten wir an Ort und Stelle sein. Ich möchte Sie sehr
-bitten, alles zu tun, was an Ihnen liegt, damit die Angelegenheit diesen
-Verlauf nimmt. Waffen natürlich Pistolen. Das Weitere -- darum bitte ich
-Sie ganz besonders -- richten Sie so ein: Vereinbaren Sie einen Abstand
-von zehn Schritten zwischen den Barrieren. Stellen Sie einen jeden von
-uns weitere zehn Schritt von seiner Barriere auf. Nach dem gegebenen
-Zeichen gehen wir aufeinander zu. Jeder muß unbedingt bis zu seiner
-Barriere gehen. Doch schießen kann er auch schon früher, im Gehen. So,
-das wäre alles, denke ich.«
-
-»Zehn Schritt zwischen den Barrieren ist sehr nah,« bemerkte Kirilloff.
-
-»Nun, dann meinetwegen zwölf, aber nicht mehr. Sie begreifen doch, daß
-er sich nicht zum Vergnügen duellieren will. Verstehen Sie eine Pistole
-zu laden?«
-
-»Ja. Ich habe selbst Pistolen. Ich werde mein Wort geben, daß Sie mit
-meinen noch nicht geschossen haben. Sein Sekundant gibt auch sein Wort
-für seine Pistolen. Dann werfen wir das Los, ob seine oder unsere.«
-
-»Vorzüglich.«
-
-»Wollen Sie die Pistolen sehen?«
-
-»Meinetwegen.«
-
-Kirilloff hockte vor seinem Koffer nieder, der noch immer unausgepackt
-in der Ecke stand, zog einen Kasten aus Palmenholz hervor, der innen mit
-rotem Samt ausgeschlagen war, und entnahm ihm zwei prachtvolle, äußerst
-kostbare Pistolen.
-
-»Habe alles. Pulver, Kugeln, Patronen. Auch einen Revolver, warten Sie.«
-
-Er kramte wieder in seinem Koffer und zog einen zweiten Kasten mit einem
-sechsläufigen Revolver hervor.
-
-»Sie haben ja Waffen mehr als nötig! Und sehr teuere.«
-
-»Sehr.«
-
-Der gänzlich mittellose Kirilloff, der übrigens seine Armut selbst nie
-bemerkte, zeigte sichtlich nicht ohne Stolz seine Kostbarkeiten, die er
-zweifellos mit unglaublichen Opfern erstanden hatte.
-
-»Sie haben immer noch dieselbe Absicht?« fragte Stawrogin mit einer
-gewissen Vorsicht, nach minutenlangem Schweigen.
-
-»Dieselbe,« antwortete Kirilloff kurz: am Ton der Stimme hatte er sofort
-erkannt, wovon sein Gast sprach.
-
-»Und -- wann?« fragte Stawrogin noch vorsichtiger, und wieder nach
-längerem Schweigen.
-
-Kirilloff hatte inzwischen beide Kasten in den Koffer zurückgelegt und
-setzte sich nun auf seinen alten Platz.
-
-»Das hängt nicht von mir ab. Sie wissen doch. Wann man mir sagen wird,«
-murmelte er mehr vor sich hin, als wäre die Frage ihm ein wenig lästig,
-doch gleichzeitig war er, das fühlte man, durchaus bereit, auf andere
-Fragen zu antworten.
-
-Er sah dabei mit seinen schwarzen glanzlosen Augen Stawrogin unverwandt
-an, mit einem seltsam gelassenen, doch guten und freundlichen Gefühl.
-
-»Ich verstehe das gewiß -- sich zu erschießen ...« begann Stawrogin von
-neuem, nachdem er lange, wohl drei Minuten lang grübelnd geschwiegen
-hatte, während sein Gesicht sich verdüsterte. »Ich habe mir das selbst
-zuweilen vorgestellt. Aber es findet sich dann immer ein gewisser neuer
-Gedanke ein: wie, wenn man, zum Beispiel, ein Verbrechen beginge, oder
-etwas vor allem Schimpfliches, das heißt Schmachvolles, eine Schande,
-nur muß sie unendlich gemein sein und zugleich ... lächerlich -- eine
-Schandtat, die von der Menschheit in tausend Jahren nicht vergessen
-wird, über die sie tausend Jahre lang flucht, und nun plötzlich der
-Gedanke: >ein Schuß in die Schläfe und es ist nichts mehr da<. Was gehen
-einen dann noch die Menschen an, und daß sie einem tausend Jahre lang
-fluchen werden! Ist es nicht so?«
-
-»Sie meinen, das ist ein neuer Gedanke?« sagte Kirilloff, nachdem er
-eine Weile nachgedacht hatte.
-
-»Nein ... das nicht ... aber als ich ihn zum ersten Male dachte, da
-empfand ich ihn als ganz neu.«
-
-»Sie empfanden einen Gedanken --« sprach ihm Kirilloff nach. »Das ist
-gut. Es gibt viele Gedanken, die waren immer da, und plötzlich werden
-sie neu. Das ist richtig. Jetzt sehe ich vieles wie zum erstenmal.«
-
-»Nehmen wir an, Sie waren auf dem Monde,« unterbrach ihn Stawrogin, ohne
-Kirilloffs Worte zu beachten, und spann seinen eigenen Gedanken weiter.
-»Nehmen wir an, Sie haben dort oben alle diese lächerlichen
-Schmutzereien begangen. Sie wissen ganz genau, daß man Ihnen dort oben
-fluchen wird, tausend Jahre lang, ewig, auf dem ganzen Monde ... Aber
-Sie sind jetzt hier auf der Erde und sehen auf den Mond von hier aus:
-was geht es Sie dann hier auf der Erde an, was Sie dort oben alles getan
-haben -- und daß die dort tausend Jahre lang bei Ihrem Namen ausspeien
-werden, -- ist es nicht so?«
-
-»Weiß nicht,« antwortete Kirilloff. »Ich bin nicht auf dem Monde
-gewesen,« fügte er hinzu, aber ohne jede Spur von Ironie, einfach als
-Ausdruck der Tatsache.
-
-»Wessen Kind war das vorhin?«
-
-»Die Schwiegermutter der Alten ist angekommen. Nein, Schwiegertochter
-... einerlei. Vor drei Tagen. Liegt jetzt krank mit dem Kind. In der
-Nacht schreit es viel. Der Magen. Die Mutter schläft, und die Alte
-bringt es dann her. Ich spiele Ball mit ihm. Ein Hamburger Ball, hab'
-ihn in Hamburg gekauft. Das stärkt den Rücken. Ein kleines Mädchen.«
-
-»Sie lieben Kinder?«
-
-»Ja,« antwortete Kirilloff, übrigens ziemlich gleichmütig.
-
-»Dann lieben Sie wohl auch das Leben?«
-
-»Ja, auch das Leben. Wieso?«
-
-»Wenn Sie doch beschlossen haben, sich zu erschießen.«
-
-»Wieso denn? Warum zusammen? Das Leben für sich und jenes für sich.
-Leben ist, aber Tod ist überhaupt nicht.«
-
-»So glauben Sie an ein zukünftiges ewiges Leben?«
-
-»Nein, nicht an ein zukünftiges ewiges, sondern an ein diesseitiges
-ewiges. Es gibt Minuten, sie kommen zu den Minuten, und die Zeit bleibt
-plötzlich stehen und wird ewig sein.«
-
-»Sie hoffen, zu so einer Minute zu kommen?«
-
-»Ja.«
-
-»Das ist in unserer Zeit wohl kaum möglich,« meinte Stawrogin,
-gleichfalls ohne jede Spur von Ironie, langsam und wie in Gedanken
-verloren. »In der Apokalypse schwört der Engel, daß es keine Zeit mehr
-geben werde.«
-
-»Ich weiß. Das ist dort sehr richtig. Ist deutlich und genau. Wenn der
-ganze Mensch das Glück erreicht, dann wird es keine Zeit mehr geben,
-weil sie nicht nötig ist. Ein sehr richtiger Gedanke.«
-
-»Wo wird man sie denn hinstecken?«
-
-»Nirgendwo wird man sie hinstecken. Zeit ist kein Gegenstand, sondern
-eine Idee. Sie wird auslöschen im Verstande.«
-
-»Alte philosophische Gemeinplätze, immer ein und dieselben von allem
-Anfange an,« murmelte Stawrogin wie mit einem gewissen angeekelten
-Bedauern.
-
-»Ein und dieselben! Ja, immer ein und dieselben vom Anfang aller
-Jahrhunderte an und gar keine anderen niemals!« griff Kirilloff mit
-blitzenden Augen Stawrogins Wort auf, ganz als läge in diesem Gedanken
-fast ein Triumph!
-
-»Ich glaube, Sie sind sehr glücklich, Kirilloff?«
-
-»Ja, sehr glücklich,« antwortete dieser, als gäbe er die
-allergewöhnlichste Antwort.
-
-»Aber noch vor kurzem waren Sie doch so betrübt und ärgerten sich über
-Liputin.«
-
-»Hm! ... Aber jetzt nicht. Damals wußte ich noch nicht, daß ich
-glücklich war. Haben Sie ein Blatt gesehn? Ein Blatt vom Baum?«
-
-»Freilich.«
-
-»Ich sah vor kurzem ein gelbes, etwas grün noch, an den Rändern
-angefault. Es kam mit dem Wind. Als ich zehn Jahre war, schloß ich im
-Winter die Augen und stellte mir ein Blatt vor, ein grünes, glänzendes,
-mit Äderchen, und die Sonne leuchtet. Ich schlug die Augen auf und
-glaubte nicht, denn es war so schön, und schloß sie wieder.«
-
-»Was soll das? Eine Allegorie?«
-
-»N--nein ... warum? Keine Allegorie. Einfach ein Blatt. Nur ein Blatt.
-Ein Blatt ist gut. Alles ist gut.«
-
-»Alles?«
-
-»Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich
-ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer es erfährt, der wird sofort
-gleich glücklich sein, im selben Augenblick. Diese Schwiegertochter wird
-sterben, und das Kind bleibt -- alles ist gut. Ich habe es plötzlich
-entdeckt.«
-
-»Und wenn jemand vor Hunger stirbt, oder wenn jemand ein kleines Mädchen
-entehrt und schändet -- ist das auch gut?«
-
-»Auch gut. Und wenn man ihm für das Mädchen den Kopf zerspaltet, auch
-das ist gut. Und wenn man ihm den Kopf nicht zerspaltet, auch das ist
-gut. Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, daß
--- alles gut ist. Wenn sie wüßten, daß sie es gut haben, dann würden sie
-es auch gut haben. Aber so lange sie nicht wissen, daß sie es gut haben,
-so lange werden sie es auch nicht gut haben. Das ist der ganze Gedanke,
-der ganze, und außer ihm gibt es überhaupt gar keinen.«
-
-»Wann haben Sie es denn erfahren, daß Sie so glücklich sind?«
-
-»In der vorigen Woche am Dienstag, nein, am Mittwoch, denn es war schon
-Mittwoch. In der Nacht.«
-
-»Und bei welcher Gelegenheit denn?«
-
-»Ich weiß nicht mehr. So. Ich ging im Zimmer ... Einerlei. Ich brachte
-die Uhr zum Stehen. Es war siebenunddreißig Minuten nach zwei.«
-
-»Wohl zum Symbol dessen, daß die Zeit stehen bleiben muß?«
-
-Kirilloff schwieg.
-
-»Die Menschen sind nicht gut,« begann er plötzlich wieder, »weil sie
-nicht wissen, daß sie gut sind. Wenn sie es wissen werden, so werden sie
-auch nicht mehr ein kleines Mädchen vergewaltigen. Sie müssen nur alle
-erfahren, daß sie gut sind, und alle werden sogleich gut sein. Alle ohne
-Ausnahme.«
-
-»Nun, Sie selbst, zum Beispiel, Sie haben es nun erfahren, also sind Sie
-jetzt gut?«
-
-»Ich bin gut.«
-
-»Damit bin ich übrigens einverstanden,« sagte Stawrogin, mit gerunzelter
-Stirn, vor sich hin.
-
-»Wer da lehren wird, daß alle gut sind, wird die Welt beenden.«
-
-»Der das lehrte, den haben sie gekreuzigt,« sagte Stawrogin.
-
-»Er wird kommen und sein Name wird sein Menschgott.«
-
-»Gottmensch?«
-
-»Nein, Menschgott. Das ist der Unterschied.«
-
-»Sind nicht vielleicht Sie es, der hier das Lämpchen vor dem
-Heiligenbilde angezündet hat?«
-
-»Ja, ich habe es angezündet.«
-
-»Wieder gläubig geworden?«
-
-»Die Alte liebt, daß das Lämpchen ... Heute hatte sie keine Zeit,« sagte
-Kirilloff undeutlich.
-
-»Aber selbst beten Sie noch nicht?«
-
-»Ich bete zu allem. Sehen Sie, eine Spinne kriecht dort an der Wand und
-ich bin ihr dankbar dafür, daß sie kriecht.«
-
-Seine Augen brannten wieder. Er sah immer noch unverwandt Stawrogin an,
-mit festem, standhaftem Blick. Stawrogin beobachtete ihn finster und
-widerwillig, doch in seinem Blick lag kein Spott.
-
-»Ich wette, daß Sie, wenn ich nächstens wiederkomme, bereits an Gott
-glauben werden.«
-
-Er stand auf und nahm seinen Hut.
-
-»Wieso?« Kirilloff erhob sich gleichfalls.
-
-»Wenn Sie wüßten, daß Sie an Gott glauben, dann würden Sie an ihn
-glauben. Da Sie aber noch nicht wissen, daß Sie an ihn glauben, so
-glauben Sie auch noch nicht an ihn,« sagte Stawrogin mit einem
-flüchtigen Lächeln.
-
-»Das ist es nicht.« Kirilloff dachte nach. »Sie haben den Gedanken
-umgekehrt. Ein Kavalierscherz. Denken Sie daran, was Sie in meinem Leben
-bedeutet haben, Stawrogin.«
-
-»Leben Sie wohl, Kirilloff.«
-
-»Kommen Sie wieder nachts; wann?«
-
-»Ja, haben Sie denn schon vergessen, was morgen bevorsteht?«
-
-»Ach, richtig, ich vergaß. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde nicht
-verschlafen. Ich verstehe aufzuwachen, wann ich will. Ich lege mich hin
-und sage: um sieben Uhr -- und wache auf um sieben Uhr; um zehn Uhr --
-und wache auf um zehn Uhr.«
-
-»Sie haben ja merkwürdige Eigenschaften.« Stawrogin sah in sein bleiches
-Gesicht.
-
-»Ich werde die Hofpforte aufmachen.«
-
-»Bemühen Sie sich nicht, Schatoff wird mich hinauslassen.«
-
-»Ach so, Schatoff. Gut. Leben Sie wohl.«
-
-
- VI.
-
-Die Flurtür des leeren Hauses, in dem Schatoff wohnte, war nicht
-verschlossen. Im Flur war es stockdunkel, so daß Stawrogin mit der Hand
-tastend nach der Treppe zu suchen begann. Da wurde plötzlich im oberen
-Stock eine Tür aufgemacht und ein Lichtschimmer ließ ihn die Treppe
-sehen. Schatoff trat selbst nicht heraus, er ließ nur die Tür offen
-stehen. Als Stawrogin oben anlangte und an der Türschwelle stehen blieb,
-sah er ihn in der anderen Ecke des Zimmers an seinem Tisch stehen und
-warten ...
-
-»Würden Sie mich in einer Angelegenheit empfangen?« fragte Stawrogin,
-ohne einzutreten.
-
-»Treten Sie ein. Setzen Sie sich,« antwortete Schatoff. »Schließen Sie
-die Tür. Warten Sie, ich werde selbst ...«
-
-Er schloß die Tür, drehte den Schlüssel um und setzte sich dann
-Stawrogin gegenüber. Er war in dieser Woche merklich abgemagert und
-schien jetzt zu fiebern.
-
-»Sie haben mich müde gequält,« sagte er halblaut murmelnd, den Blick zu
-Boden gesenkt. »Warum sind Sie nicht früher gekommen?«
-
-»Sie waren so überzeugt, daß ich kommen werde?«
-
-»Ja ... Warten Sie, ich habe im Fieber phantasiert ... vielleicht
-phantasiere ich auch jetzt noch ... Warten Sie.«
-
-Er stand auf, ging zu seinem Bücherbrett und nahm von dem obersten der
-drei Bretter einen Gegenstand: es war ein Revolver.
-
-»In einer Nacht träumte mir im Fieber, daß Sie kommen würden, um mich zu
-töten. Da habe ich mir am anderen Morgen von dem Taugenichts Lämschin
-für mein letztes Geld diesen Revolver gekauft. Ich wollte mich Ihnen
-nicht ergeben. Später kam ich wieder zu mir ... Ich habe weder Kugeln,
-noch Pulver ... seitdem liegt er hier auf dem Bücherbrett. Warten Sie.«
-
-Er ging schon zum Fenster und wollte es öffnen.
-
-»Nicht doch, warum hinauswerfen!« rief ihn Stawrogin zurück. »Er kostet
-Geld ... und morgen würden die Leute davon sprechen, daß unter Schatoffs
-Fenster Mordwerkzeuge liegen. Legen Sie ihn wieder hin. -- So. Und jetzt
-setzen Sie sich. Sagen Sie, warum beichten Sie mir förmlich Ihren
-Gedanken, daß ich zu Ihnen kommen würde, um Sie zu töten? Ich bin auch
-jetzt nicht gekommen, um mich mit Ihnen zu versöhnen, sondern um über
-etwas sehr Notwendiges mit Ihnen zu sprechen. Erklären Sie mir zunächst
-eines: Sie haben mich doch nicht wegen meiner Verbindung mit Ihrer Frau
-geschlagen?«
-
-»Sie wissen doch selbst, daß ich nicht deswegen ...«
-
-Schatoff sah wieder zu Boden.
-
-»Und auch nicht wegen des dummen Klatsches über Darja Pawlowna?«
-
-»Nein, nein, natürlich nicht! Blödsinn! Meine Schwester hat mir gleich
-zu Anfang gesagt ...« erwiderte Schatoff mit Ungeduld, schroff, und fast
-stampfte er mit dem Fuß auf.
-
-»Also habe ich es richtig erraten ... und auch Sie haben das andere
-erraten,« fuhr Stawrogin ruhig fort. »Sie irren sich nicht, es ist so:
-Marja Timofejewna Lebädkin ist meine rechtmäßige, mir vor viereinhalb
-Jahren in Petersburg angetraute Frau. -- Sie haben mich doch ihretwegen
-geschlagen?«
-
-Ganz bestürzt saß Schatoff da, hörte und schwieg.
-
-»Ich ahnte es und konnte es doch nicht glauben,« murmelte er endlich und
-sah dabei Stawrogin sonderbar an.
-
-»Und so schlugen Sie?«
-
-Schatoff wurde feuerrot und stammelte fast zusammenhangslos:
-
-»Ich habe es ... wegen Ihrer Erniedrigung ... für Ihren Fall ... Ihre
-Lüge ... Ich trat nicht an Sie heran, um Sie zu bestrafen ... Als ich
-auf Sie zuging, wußte ich selbst noch nicht, daß ich schlagen würde. Ich
-... habe es deswegen ... weil Sie so viel in meinem Leben bedeutet haben
-... Ich --«
-
-»Verstehe, verstehe schon, sparen Sie die Worte. Es tut mir leid, daß
-Sie heute fiebern, denn ich muß über eine wichtige Sache mit Ihnen
-sprechen.«
-
-»Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet.« Schatoff zitterte geradezu
-und erhob sich vom Stuhl. »Sprechen Sie von Ihrer Angelegenheit, ich
-werde dann sprechen ... nachher ...«
-
-Er setzte sich wieder.
-
-»Diese Sache hat mit alledem nichts gemein,« begann Stawrogin, der ihn
-mit Neugier beobachtete. »Gewisse Umstände haben mich gezwungen, heute
-noch diese späte Stunde zu wählen, um Sie zu benachrichtigen, daß man
-Sie vielleicht bald ermorden wird.«
-
-Schatoff blickte ihn wild an.
-
-»Ich weiß, daß mir Gefahr drohen könnte,« sagte er zurückhaltend, »aber
--- wie können Sie denn das wissen?«
-
-»Weil ich ebenfalls zu jenen gehöre und eben solch ein Mitglied des
-Bundes bin, wie Sie.«
-
-»Sie ... Sie ... ein Glied des ... Bundes?«
-
-»Ich sehe an Ihren Augen, daß Sie alles von mir erwartet hätten, nur das
-nicht,« sagte Stawrogin, mit kaum merklichem Lächeln. »Aber, erlauben
-Sie, dann wußten Sie also schon, daß man Sie ermorden will?«
-
-»Nicht einmal gedacht habe ich daran! Und auch jetzt glaube ich es
-nicht, obschon Sie es sagen! Aber wer kann denn vor diesen Eseln sicher
-sein!« rief er plötzlich wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch.
-»Ich fürchte sie aber nicht! Ich habe mit ihnen gebrochen. Der eine ist
-viermal zu mir gekommen und hat mir gesagt, daß man austreten kann ...
-aber --« er sah auf Stawrogin -- »was wissen Sie denn eigentlich davon?«
-
-»O, fürchten Sie nichts, ich betrüge Sie nicht,« fuhr Stawrogin kühl
-fort, mit dem Ausdruck eines Menschen, der nur eine Pflicht erfüllt.
-»Sie wollen mich examinieren: was ich davon weiß? Ich weiß, daß Sie in
-diesen Verband eingetreten sind, als Sie noch im Auslande waren, kurz
-vor Ihrer Reise nach Amerika und, ich glaube, gleich nach unserem
-letzten Gespräch, über das Sie mir dann ja in Ihrem Brief aus Amerika so
-viel geschrieben haben. Verzeihen Sie, bitte, daß ich nicht gleichfalls
-mit einem Brief darauf geantwortet habe, und nur ...«
-
-»Das Geld schickten! Warten Sie einen Augenblick,« unterbrach ihn
-Schatoff, zog eilig das Schubfach des Tisches auf und suchte unter einem
-Stoß von Papieren einen Hundertrubelschein hervor. »Hier, bitte, nehmen
-Sie die hundert Rubel wieder, die Sie mir schickten, ohne Sie wäre ich
-dort umgekommen. Ich würde Ihnen die Summe noch lange nicht zurückgeben
-können, ... wenn nicht Ihre Mutter diese hundert Rubel vor neun Monaten
-... nach meiner Krankheit ... mir meiner Armut wegen geschenkt hätte.
-Doch fahren Sie fort, bitte ...«
-
-Schatoff war vor Aufregung ganz atemlos.
-
-»In Amerika änderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der
-Schweiz zurückgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man
-antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Rußland von
-irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange
-aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder
-abnehmen würde. Ich bin nicht über alle Einzelheiten unterrichtet, doch
-in der Hauptsache verhält es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den
-Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an,
-daß es -- deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgültig frei wären.
-Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufällig erfahren. Ich
-möchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen
-scheinen: daß nämlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie
-freizugeben.«
-
-»Das ist unmöglich!« brüllte Schatoff auf. »Ich habe ihnen ehrlich
-erklärt, daß ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein
-Recht, das Recht meines Gewissens und meiner Überzeugung ... Ich werde
-das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ...«
-
-»Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so,« fiel ihm Stawrogin sehr
-ernst ins Wort. »Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in
-diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhört, wenn nicht mit
-eigenen, so doch mit fremden Ohren, -- was sich ja schließlich gleich
-bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebädkin war verpflichtet, Sie zu
-beobachten, und Sie mußten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, --
-war's nicht so? Übrigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski
-jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklärt, oder nicht?«
-
-»Er war einverstanden: er sagte, ich könne -- und ich hätte das Recht
-...«
-
-»Nun, dann betrügt er Sie. Ich weiß genau, daß sogar Kirilloff, der
-beinahe überhaupt nicht zu ihnen gehört, beauftragt war, Nachrichten
-über Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es
-nicht einmal, daß sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man beständig
-aufgepaßt. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb
-hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgültig zu erledigen: da Sie zu
-viel wissen und vielleicht sie alle verraten könnten, hat er die
-Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie
-mir, zu bemerken, daß jene die feste Überzeugung haben, daß Sie ein
-Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es
-doch bestimmt tun wird. Ist das wahr?« fragte Stawrogin in einem
-ruhigen, ganz gewöhnlichen Tone.
-
-Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone
-hörte.
-
-»Und wenn ich ein Spion wäre -- _wem_ sollte ich denn etwas verraten?«
-fragte er hämisch zurück. »Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir!
-Aber _Sie_!« rief er aus, sich plötzlich von neuem auf die Nachricht
-stürzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr
-erschüttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. »Aber _Sie_,
-_Sie_, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose
-Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist
-denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!?« rief er ganz verzweifelt
-aus und erhob wie fassungslos die Hände, als könnte es nichts Bittereres
-und Trostloseres für ihn geben, als diese Entdeckung.
-
-»Erlauben Sie --« wunderte Stawrogin sich tatsächlich, »Sie scheinen ja
-förmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu
-mir, für so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus
-Amerika habe ich das ...«
-
-»Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel!« brach
-Schatoff plötzlich das ab. »Aber wenn Sie über sich selbst etwas sagen,
-erklären könnten? ... Auf meine Frage? -- So tun Sie es!« bat er erregt.
-
-»Mit Vergnügen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren
-konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet,
-Ihnen einige Mitteilungen darüber zu machen. Genau genommen, gehöre ich
-durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch früher nicht zu ihm gehört und
-habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrücklich
-niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich
-zu Anfang erklärt, daß ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin,
--- und wenn ich ihnen zufällig einmal geholfen habe, so habe ich das nur
-wie ein müßiger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation
-des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch
-alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich
-übereingekommen, daß auch ich ihnen gefährlich werden könnte, und
-deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt.«
-
-»Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen
-schnell -- und alles vorschriftsmäßig auf bestempeltem Papier, das dann
-von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, daß die
-dazu fähig wären! ...«
-
-»Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht,« fuhr Stawrogin
-mit der früheren Gleichmütigkeit, fast Faulheit, fort. »Zweifellos ist
-auch viel Phantasie dabei, wie ja gewöhnlich in solchen Fällen, und in
-der Phantasie vergrößert das Häufchen sein Wachstum und seine Bedeutung.
-Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen,
-einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu
-bescheiden, wenn er sich nur für einen Agenten des Verbandes hält. Der
-Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade
-dümmer, als bei anderen Verbänden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur
-_Internationale_. Es ist ihnen gelungen, sich in Rußland Agenten
-anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren
-erfunden ... doch selbstverständlich nur theoretisch. Was nun Sie und
-mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische
-Organisation eine so dunkle Sache, daß man in der Tat auf alles mögliche
-gefaßt sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch,
-der das, was er will, auch durchsetzt.«
-
-»Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von
-Rußland überhaupt nichts versteht!« rief Schatoff wütend aus.
-
-»Sie kennen ihn nur flüchtig. Es ist wahr, daß sie alle nur wenig von
-Rußland verstehen, aber schließlich doch wohl nur wenig weniger als Sie
-und ich. Außerdem ist Werchowenski Enthusiast.«
-
-»Werchowenski Enthusiast?«
-
-»O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhört, bloß Narr zu sein, und sich
-in einen ... Halbverrückten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines
-Ihrer eigenen Aussprüche: >wissen Sie auch, wie stark ein einzelner
-Mensch sein kann<? Bitte, lachen Sie nicht, er ist sogar sehr fähig, den
-Hahn eines Gewehres abzudrücken. Die Leute sind überzeugt, daß auch ich
-ein Spion bin. Und da sie die Sache nicht anzufassen verstehen, so
-beschuldigen sie mit Vorliebe andere der Spionage.«
-
-»Aber Sie fürchten sie doch nicht.«
-
-»N--nein ... Ich fürchte sie nicht sehr ... Doch mit Ihnen ist es etwas
-ganz anderes. Ich habe Sie wenigstens gewarnt, damit Sie sich
-einzurichten wissen. Es braucht einen nicht zu beleidigen, daß einem von
-Dummköpfen Gefahr droht. Aber wie ich sehe, ist es schon viertel nach
-elf.« Stawrogin blickte auf seine Uhr und erhob sich. »Ich möchte nur
-noch eine ganz nebensächliche Frage an Sie stellen.«
-
-»Um Gottes willen!« rief Schatoff und sprang jäh auf.
-
-»Sie meinen?« Stawrogin sah ihn fragend an.
-
-»Sagen Sie, stellen Sie die Frage ... um Gottes willen!« wiederholte
-Schatoff in unbeschreiblicher Aufregung. »Aber mit der Bedingung, daß
-auch ich dann eine Frage stellen kann! Ich flehe Sie an ... daß auch ich
-... Ich kann nicht mehr! -- Stellen Sie Ihre Frage.«
-
-Stawrogin wartete ein wenig, dann begann er:
-
-»Ich hörte, Sie hätten hier einigen Einfluß auf Marja Timofejewna
-gehabt, und diese soll Sie gern gesehen und Ihnen zugehört haben. Ist
-das wahr?«
-
-»Ja ... sie sah ... Ja -- sie sah mich ...« stammelte Schatoff ein wenig
-wirr.
-
-»Ich habe die Absicht, in diesen Tagen meine Heirat mit ihr hier in der
-Stadt öffentlich bekanntzumachen.«
-
-»Ist das möglich?« flüsterte Schatoff fast entsetzt.
-
-»Sie meinen das -- in welchem Sinne? ... Es liegen durchaus keine
-Schwierigkeiten vor. Die Trauzeugen sind hier. Es geschah, wie gesagt,
-damals in Petersburg vollkommen ruhig und rechtmäßig in Gegenwart der
-beiden Trauzeugen, Kirilloff und Pjotr Werchowenski, und von Lebädkin,
-den ich jetzt das Vergnügen habe, meinen Verwandten zu nennen. Es blieb
-bisher allen unbekannt, weil diese drei ihr Wort gaben, darüber zu
-schweigen.«
-
-»Ich meinte nicht _das_ ... Sie sagen es so ruhig ... aber fahren Sie
-fort! Hören Sie, man hat Sie doch nicht mit Gewalt zu dieser Ehe
-gezwungen, doch nicht mit Gewalt?«
-
-»Nein, mich hat niemand mit Gewalt dazu gezwungen.« Stawrogin lächelte
-über Schatoffs einfältigen Eifer.
-
-»Und was sie da von ihrem Kinde redet? ...« beeilte sich Schatoff, wirr,
-wie im Fieber.
-
-»Von ihrem Kinde redet? Bah! Das wußte ich nicht; höre es zum erstenmal.
-Sie hat nie ein Kind gehabt und hätte es auch gar nicht haben können:
-Marja Timofejewna ist Mädchen.«
-
-»Ah! Das dachte ich mir auch! Hören Sie!«
-
-»Was fehlt Ihnen, Schatoff?«
-
-Schatoff bedeckte sein Gesicht mit den Händen, wandte sich ab, kehrte
-sich dann wieder um und packte plötzlich Stawrogin fest an den
-Schultern.
-
-»Wissen Sie denn auch, wissen Sie denn wenigstens,« rief er wieder laut,
-»warum Sie das alles getan haben und warum Sie sich jetzt zu dieser Buße
-entschließen?«
-
-»Ihre Frage ist klug und boshaft, aber ich habe die Absicht, auch Sie in
-Erstaunen zu setzen. Ja, fast weiß ich es, warum ich damals geheiratet
-und warum ich mich jetzt entschlossen habe, diese >Buße<, wie Sie sagen,
-auf mich zu nehmen.«
-
-»Lassen wir das ... davon später ... warten Sie ... sprechen Sie von der
-Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie
-gewartet!«
-
-»Ja?«
-
-»Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an
-Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der's könnte ... Ich habe
-Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ...«
-
-»Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes.«
-
-»Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen
-... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: können Sie mir noch zehn
-Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf
-Sie gewartet!«
-
-»Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn's Ihnen möglich
-ist, sich damit zu begnügen.«
-
-»Aber ... nur mit der Bedingung,« unterbrach ihn Schatoff jähzornig,
-»daß Sie Ihren Ton ändern. Hören Sie, ich verlange es, ich fordere es,
-während ich Sie doch darum anflehen müßte ... Verstehen Sie, was das
-heißt, zu fordern, wenn man weiß, daß man flehen müßte?«
-
-»Ich verstehe, daß Sie sich so über alles Gewöhnliche erheben wollen, um
-eines höheren Zweckes willen.« Stawrogin lächelte kaum merklich. »Und
-mit Bedauern sehe ich, daß Sie im Fieber sind.«
-
-»Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es!« rief Schatoff. »Nicht
-meine Person selbst, zum -- Teufel mit ihr, -- aber das andere ... nur
-diesen einen Augenblick, für diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen
-und treffen uns hier außerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in
-der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen
-an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen
-Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie
-denn nicht, daß Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb
-verzeihen müssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre
-grenzenlose Macht zu fühlen. Schon wieder lächeln Sie Ihr verächtliches,
-angeekeltes Gesellschaftslächeln! Oh, wann werden Sie mich endlich
-verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So
-begreifen Sie doch, daß ich das _verlange_, sonst will ich nicht mit
-Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, für nichts in der
-Welt!«
-
-Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht
-verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger.
-
-»Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu
-bleiben,« sagte er eindringlich und ernst, »obgleich meine Zeit sehr
-kostbar ist, so könnten Sie mir doch glauben, daß ich die Absicht habe,
-Sie wenigstens mit Interesse anzuhören.«
-
-Er setzte sich wieder auf seinen Platz.
-
-»Setzen Sie sich!« rief Schatoff plötzlich und setzte sich dann
-gleichfalls.
-
-»Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, daß ich
-meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens
-für Marja Timofejewna von großer Wichtigkeit ...«
-
-»Nun?« Schatoff ärgerte sich, wie ein Mensch, den man plötzlich an der
-wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen
-Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht.
-
-»... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende
-sprechen konnte,« schloß Stawrogin lächelnd.
-
-»Eh, was, Unsinn, nachher!« rief Schatoff und winkte, da er endlich
-diese Anmaßung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf
-sein Ziel los.
-
-
- VII.
-
-»Wissen Sie auch,« begann er fast drohend, mit vorgebeugtem Körper und
-glänzenden Augen, wobei er den Zeigefinger seiner Rechten vor sich
-erhoben hielt, was er selbst gar nicht zu bemerken schien, »wissen Sie
-auch, welches jetzt das einzige Gotträgervolk ist, das da kommen wird,
-die Welt zu erlösen und zu erneuen mit dem Namen des neuen Gottes -- das
-einzige Volk, dem die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben
-sind ... Wissen Sie auch, welches Volk das ist und wie sein Name
-lautet?«
-
-»Nach Ihrem Gebaren zu urteilen, muß ich unbedingt und wohl so schnell
-wie möglich sagen, daß dieses Volk das russische sei.«
-
-»Und schon lachen Sie! Oh, Russen!«
-
-Schatoff krallte vor Wut die Hand ins Haar.
-
-»Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum. Im Gegenteil: ich hatte sogar
-gerade etwas von dieser Art erwartet.«
-
-»Von dieser Art erwartet? Aber Ihnen selbst sind diese Worte nicht
-bekannt?«
-
-»Oh, sie sind mir durchaus bekannt. Ich sehe nur zu gut, wohin Sie damit
-wollen. Alles, was Sie sagten, und sogar der Ausdruck >Gotträgervolk<
-ist nichts anderes, als die Schlußfolgerung aus unserem Gespräch, das
-wir vor zwei Jahren im Auslande hatten, kurz vor Ihrer Reise nach
-Amerika ... Wenigstens so weit ich mich dessen entsinnen kann.«
-
-»Aber das ist ja doch _Ihr_ Ausspruch, vom Anfang bis zum Ende _Ihr_
-Ausspruch -- und nicht der meinige! Ihre eigenen Worte, und nicht nur
-die Folgerung aus unserem Gespräch! Und wie können Sie überhaupt sagen
->unserem< Gespräch! Es war da ein Lehrer, der große, mächtige Worte
-predigte, und es war da ein Schüler, der von den Toten auferstand und
-zuhörte. Ich war der Schüler und der Lehrer waren Sie.«
-
-»Doch erlauben Sie, wenn ich mich recht entsinne, so war es gerade nach
-meinen Worten, daß Sie in jenen Bund eintraten und dann nach Amerika
-reisten?«
-
-»Ja -- doch ich schrieb Ihnen darüber aus Amerika. Ich konnte mich
-damals noch nicht losreißen von all dem, woran ich mich von Kindheit auf
-festgesogen hatte, das das Entzücken all meiner Hoffnungen gewesen war
-und die Tränen meines ganzen Hasses und meiner ganzen Verzweiflung ...
-Oh, es ist schwer, die Götter zu wechseln! Ich glaubte Ihnen damals
-nicht, denn ich wollte nicht glauben und warf mich noch zum letztenmal
-in diese ... in diese Kloake ... Doch die Saat blieb und schoß auf und
-wuchs. Aber sagen Sie im Ernst: haben Sie meinen Brief aus Amerika
-überhaupt nicht gelesen?«
-
-»Ich habe drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und das
-andere überflogen. Übrigens habe ich mir schon immer vorgenommen ...«
-
-»Eh, einerlei, lassen Sie es, zum Teufel damit,« winkte Schatoff ab.
-»Wenn Sie aber Ihren früheren Worten untreu geworden sind, wie konnten
-Sie sie denn damals aussprechen? Das ist es, was mich jetzt würgt!«
-
-»Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt. Als ich Sie überzeugen
-wollte, bemühte ich mich vielleicht weit mehr um mich selbst, als um
-Sie,« antwortete Stawrogin rätselhaft.
-
-»Nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate auf Stroh gelegen
-neben einem ... Unglücklichen, von dem ich erfuhr, daß Sie in derselben
-Zeit, als Sie in meine Seele Gott und die Heimat pflanzten, das Herz
-dieses selben, dieses Maniaken Kirilloff, vergifteten ... Sie haben Lüge
-und Verleumdung in ihm bestätigt und seine Vernunft schließlich zum
-Wahnsinn gebracht. Gehen Sie, sehen Sie ihn sich an ... Das ist jetzt
-Ihr Geschöpf! Aber Sie haben ihn ja gesehen ...«
-
-»Erstens möchte ich Ihnen sagen, daß mir Kirilloff soeben selbst gesagt
-hat, daß er glücklich ist und vollkommen. Was Sie da von >derselben
-Zeit< sagen, das ist allerdings fast richtig -- aber was liegt daran?
-Ich wiederhole nochmals, daß ich weder Sie noch ihn betrogen habe.«
-
-»Sie sind Atheist? Sind Sie jetzt Atheist?«
-
-»Ja.«
-
-»Und damals?«
-
-»Ebenso wie heute.«
-
-»Ich habe nicht für mich um Achtung gebeten, als ich das Gespräch
-begann. Das hätten Sie, bei Ihrem Verstande, wirklich verstehen können,«
-murmelte Schatoff unwillig.
-
-»Ich bin nicht bei Ihrem ersten Worte aufgestanden, habe nicht dieses
-Gespräch abgebrochen, bin nicht fortgegangen, sitze noch jetzt hier und
-antworte gehorsam auf Ihre Fragen und ... Schreie -- also habe ich doch
-die Achtung vor Ihnen nicht vergessen.«
-
-Schatoff unterbrach ihn mit einer Handbewegung:
-
-»Erinnern Sie sich noch Ihres Ausspruchs: >ein Atheist kann nicht Russe
-sein< -- >ein Atheist hört sofort auf, Russe zu sein< -- erinnern Sie
-sich?«
-
-»Ja?« fragte Stawrogin gleichsam.
-
-»Sie fragen noch? Sie haben es vergessen? Und doch ist es einer der
-richtigsten Hinweise auf eine der wichtigsten Besonderheiten des
-russischen Geistes, die Sie erraten haben. Nein, das haben Sie nicht
-vergessen können! Und ich werde Sie an noch etwas erinnern. Damals
-sagten Sie sogar: >Ja, wer nicht rechtgläubig ist, der kann nicht Russe
-sein< ...«
-
-»Mir scheint, das ist ein Gedanke der Slawophilen.«
-
-»Nein. Die jetzigen Slawophilen würden sich von ihm lossagen. Heute ist
-ja alle Welt klüger geworden! _Sie_ aber gingen damals noch weiter: Sie
-sagten, daß der Katholizismus überhaupt nicht mehr Christentum sei. Sie
-behaupteten, daß der Christus, den Rom verkündet, der dritten Versuchung
-des Satans nicht widerstanden hat, und daß Rom, wenn es alle Welt lehrt,
-Christus könne ohne Erdenreich auf der Erde nicht bestehen, damit den
-Antichrist verkündet und den ganzen Westen zugrunde gerichtet hat. Und
-Sie wiesen noch darauf hin, daß, wenn Frankreich sich quält, daran
-einzig der Katholizismus die Schuld trägt, denn Frankreich habe den
-stinkenden römischen Gott zwar verworfen, einen neuen Gott aber nicht zu
-finden vermocht. Ja, das alles haben Sie damals sagen können! Ich habe
-unsere Gespräche behalten.«
-
-»Wenn ich gläubig wäre, so würde ich zweifellos auch jetzt noch dasselbe
-wiederholen: ich log nicht, als ich wie ein Gläubiger sprach,« sagte
-Stawrogin sehr ernst, »aber ich versichere Ihnen, daß diese
-Wiederholungen meiner früheren Gedanken einen unangenehmen Eindruck auf
-mich machen. Können Sie nicht abbrechen?«
-
-»Wenn Sie gläubig wären?!« rief Schatoff, ohne der Bitte die geringste
-Beachtung zu schenken. »Aber wer war es denn, der mir einst sagte: >Wenn
-man mir mathematisch bewiese, daß die Wahrheit nicht in Christus ist, so
-würde ich es dennoch vorziehen, mit Christus zu bleiben, als mit der
-Wahrheit< --? Sollten Sie das wirklich nicht gewesen sein? Oder haben
-Sie das gesagt? Haben Sie's?«
-
-»Aber erlauben Sie auch mir, endlich zu fragen,« -- Stawrogin erhob nun
-auch seine Stimme -- »was Sie mit diesem ungeduldigen und ... boshaften
-Examen eigentlich von mir wollen?«
-
-»Dieses Examen vergeht und Sie werden nie wieder daran erinnert werden.«
-
-»Sie bestehen immer noch darauf, daß wir außerhalb von Raum und Zeit
-sind?«
-
-»Schweigen Sie!« fuhr ihn Schatoff plötzlich an. »Ich bin dumm und
-ungeschickt, doch mag mein Name in Lächerlichkeit untergehen -- darauf
-kommt's nicht an. Aber ... werden Sie mir gestatten, hier vor Ihnen
-wenigstens noch Ihren größten Gedanken von damals zu wiederholen ... nur
-zehn Zeilen, nur die letzte Zusammenfassung?«
-
-»Wiederholen Sie ... wenn es wirklich nur die Zusammenfassung ist ...«
-
-Stawrogin wollte schon nach der Uhr sehen, bezwang sich aber und tat es
-nicht.
-
-Schatoff beugte wieder den Oberkörper vor und auf einen Augenblick erhob
-er sogar abermals den Zeigefinger.
-
-»Noch kein einziges Volk,« begann er, als lese er Zeile für Zeile aus
-einem Buche ab, während er dabei Stawrogin unverändert streng ansah,
-»noch kein einziges Volk hat sich auf den Grundlagen der Vernunft und
-Wissenschaft aufgebaut und eingerichtet. Dieses Beispiel hat noch kein
-Volk gegeben, außer vielleicht für die Dauer von höchstens einem
-Augenblick, und dann geschah es aus Dummheit. Der Sozialismus muß schon
-seinem Wesen nach Atheismus sein, denn er verkündet gleich ausdrücklich
-und mit seinem ersten Satz, daß er seine Welt ausschließlich auf
-Vernunft und Wissenschaft aufzubauen beabsichtigt. Doch Vernunft und
-Wissenschaft haben im Leben der Völker stets, sowohl jetzt wie von
-jeher, nur eine zweitrangige und dienende Aufgabe erfüllt; und das
-werden sie bis zum Ende der Welt tun. Gestaltet und bewegt aber werden
-die Völker von einer ganz anderen Kraft, von einer befehlenden und
-zwingenden, deren Ursprung jedoch unbekannt und unerklärlich bleibt. Es
-ist die Kraft des unstillbaren Wunsches, zum Ende zu gelangen, und die
-sich zu gleicher Zeit ständig des Endes erwehrt. Es ist die Kraft der
-fortwährenden und unermüdlichen Bestätigung des Seins und Verneinung des
-Todes. Es ist der Geist der ewig fließenden Wasser des Lebens, wie die
-Heilige Schrift sagt, und mit deren Versiegen die Apokalypse so
-furchtbar droht. Es ist der ästhetische Trieb, wie die Künstler, es ist
-der moralische Trieb, wie die Philosophen ihn nennen. Ich sage einfach:
->Es ist das Suchen nach Gott<. Das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines
-Volkes, jedes Volkes, und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner
-Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach _seinem_
-Gott, unbedingt nach seinem eigenen, seinem besonderen Gott, und dann
-der Glaube an diesen Gott als an den einzig wahren. Gott ist die
-synthetische Persönlichkeit eines ganzen Volkes von seinem Anfang bis zu
-seinem Ende. Noch nie ist es vorgekommen, daß zwei oder mehrere Völker
-ein und denselben Gott gehabt hätten, sondern jedes Volk hat stets
-seinen eigenen Gott gehabt. Ein Anzeichen des Niedergangs der Völker ist
-es, wenn ihre Götter allgemein werden. Und wenn die Götter allgemein
-werden, dann sterben die Götter und stirbt der Glaube an sie zusammen
-mit den Völkern. Je stärker aber ein Volk ist, desto ausschließlicher
-ist auch sein Gott. Noch hat es nie ein Volk ohne Religion gegeben, das
-heißt, ohne Vorstellung von Gut und Böse. Jedes Volk hat seinen eigenen
-Begriff von Gut und Böse, und sein eigenes Gut und Böse. Wenn bei vielen
-Völkern die Begriffe von Gut und Böse gemeingültig zu werden beginnen,
-dann verwischt sich und verschwindet der Unterschied zwischen Gut und
-Böse und die Völker gehen zugrunde. Noch nie ist die Vernunft fähig
-gewesen, Gut und Böse zu erklären, oder auch nur Böse und Gut
-auseinanderzuhalten, wenn auch nur annähernd. Im Gegenteil, stets hat
-sie Gut und Böse nur schmählich und kläglich miteinander verwechselt.
-Die Wissenschaft aber hat immer nur rohe, plumpe Antworten gegeben. Und
-besonders hat sich darin die Halbwissenschaft ausgezeichnet, diese
-schrecklichste aller Geißeln der Menschheit, furchtbarer als Pest,
-Hunger und Krieg, die bis zum jetzigen Jahrhundert unbekannt war. Die
-Halbwissenschaft -- die ist ein Despot, wie es bisher noch keinen
-gegeben hat. Ein Despot, der seine Priester und Sklaven hat, ein Despot,
-vor dem alles in Liebe und mit einem Aberglauben sich beugt, der bisher
-undenkbar gewesen wäre, vor dem sogar die Wissenschaft selbst zittert
-und dem sie schmachvoll genug beipflichtet. -- Das sind alles Ihre
-eigenen Worte, Stawrogin, nur die über die Halbwissenschaft, die sind
-von mir, der ich selbst solch ein Halbwissenschaftler bin und sie darum
-hasse, wie ich nur etwas hassen kann. An Ihren Gedanken aber und sogar
-an Ihren Worten habe ich nichts geändert, nicht eine einzige Silbe.«
-
-»Ich glaube nicht, daß Sie nichts verändert haben,« bemerkte Stawrogin
-vorsichtig, »Sie haben alles leidenschaftlich erfaßt und es auch
-leidenschaftlich verändert -- vielleicht ohne es zu bemerken. Schon
-allein, daß Sie Gott zu einem einfachen Attribut des Volkes erniedrigen
---«
-
-Er begann plötzlich, Schatoff mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit
-zu betrachten, nicht einmal so sehr auf seine Worte zu hören, als ihn
-selbst zu beobachten.
-
-»Ich erniedrige Gott zu einem Attribut des Volkes! Im Gegenteil, ich
-erhebe das Volk bis zu Gott! Das Volk, -- das ist der Körper Gottes.
-Jedes Volk ist nur so lange Volk, wie es noch seinen besonderen, seinen
-eigenen Gott hat, und all die anderen Götter auf der Welt stark und
-grausam von sich stößt; so lange es noch glaubt, daß es nur mit _seinem_
-Gott siegen und alle anderen Götter und Völker sich unterwerfen kann.
-Das haben alle großen Völker der Erde von sich und ihrem Gotte geglaubt,
-wenigstens alle einigermaßen hervorragenden, alle, die einmal an der
-Spitze der Menschheit gestanden. Die Juden haben nur zu dem Zweck
-gelebt, um den wahren Gott zu erwarten, und so haben sie denn jetzt der
-Welt den wahren Gott hinterlassen. Die Griechen haben die Natur
-vergöttert und der Welt ihre griechische Religion, das heißt,
-Philosophie und Kunst, hinterlassen. Rom hat das Volk im Staate
-vergöttert und den Völkern den Staat vermacht. Frankreich war in seiner
-ganzen langen Geschichte nur die Verkörperung und Entwicklung des Gottes
->Katholizismus<; und wenn es diesen seinen römischen Gott schließlich in
-den Orkus warf und sich dem Atheismus hingab, der bei den Franzosen
-vorläufig noch Sozialismus heißt -- so geschah das nur deshalb, weil der
-Atheismus schließlich doch gesünder ist als der römische Katholizismus.
-Wenn ein großes Volk nicht glaubt, daß in ihm _allein_ die Wahrheit ist
-(gerade in _ihm_ allein und unbedingt _ausschließlich_ in ihm), wenn es
-nicht glaubt, daß es ganz allein fähig und berufen ist, alle anderen
-Völker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es
-sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem großen Volk!
-Ein wahrhaft großes Volk kann sich auch nie mit einer zweitrangigen
-Rolle in der Menschheit zufrieden geben, ja, noch nicht einmal mit einer
-erstrangigen, sondern es muß unbedingt und ausschließlich das Erste
-unter den Völkern sein wollen. Ein Volk, das diesen Glauben verliert,
-ist kein Volk mehr. Doch da es nur eine Wahrheit gibt, so kann auch nur
-ein einziges Volk den einzigen wahren Gott haben, mögen andere Völker
-auch ihre eigenen und noch so großen Götter besitzen. Das einzige
-Gotträgervolk aber -- das sind wir, das ist das russische Volk, und ...
-und ... und sollten Sie mich wirklich für so dumm halten, Stawrogin,«
-brüllte er plötzlich voll Ingrimm, »daß ich nicht mehr zu unterscheiden
-vermag, ob diese meine Worte altes, mürbes Gewäsch sind, das von allen
-möglichen Moskauer Slawophilenmühlen schon durch und durch gemahlen ist,
-oder ob es neue Worte sind, vollständig reine und neue Worte, die
-letzten Worte, die einzigen Worte der Erlösung und Auferstehung und ...
-Eh, was geht mich jetzt in diesem Augenblick Ihr Lachen an! Was geht es
-mich an, daß Sie mich überhaupt nicht, überhaupt nicht verstehen, kein
-Wort, keinen Ton ... Oh, wie unsagbar ich es verachte, Ihr stolzes
-Lachen und Ihren stolzen Blick gerade jetzt!«
-
-Er sprang auf, sogar Schaum war auf seinen Lippen.
-
-»Im Gegenteil, Schatoff, ganz im Gegenteil,« sagte Stawrogin
-ungewöhnlich ernst, ohne sich von seinem Platz zu erheben, »im
-Gegenteil, Sie haben mit Ihren glühenden Worten ungemein starke
-Erinnerungen in mir wachgerufen. Ich finde meine eigene Stimmung von
-damals, vor zwei Jahren, wieder, und jetzt werde ich Ihnen schon nicht
-mehr sagen, daß Sie meine Gedanken vergrößert haben. Es scheint mir
-sogar, daß ich sie noch schärfer, noch autokratischer damals prägte, und
-ich versichere Ihnen auf jeden Fall, daß ich sogar sehr gerne alles
-bestätigen würde, was Sie da sagten, aber ...«
-
-»Aber Sie brauchen den Hasen?«
-
-»Wa--as?«
-
-»Das ist ja Ihr eigener, gemeiner Ausdruck!« lachte Schatoff höhnisch
-auf und setzte sich wieder. »>Um eine Hasensauce zu machen, braucht man
-einen Hasen, und um an Gott zu glauben, muß erst Gott da sein.< Das
-sollen Sie in Petersburg gesagt haben, _à la_ Nosdreff,[37] der den
-Hasen an den Hinterbeinen fangen wollte.«
-
-»Nein, Nosdreff prahlte, er hätte ihn bereits gefangen. Übrigens,
-erlauben Sie eine Frage, zumal ich jetzt wohl das volle Recht dazu haben
-dürfte: Ist Ihr Hase eigentlich schon gefangen oder läuft er noch?«
-
-»Unterstehen Sie sich nicht, mich mit solchen Worten zu fragen! Fragen
-Sie mit anderen, mit anderen!« Schatoff zitterte plötzlich.
-
-»Wie Sie wünschen. Also mit anderen.« Stawrogin sah ihn mit hartem Blick
-an. »Ich wollte nur wissen: glauben Sie selbst an Gott, oder nicht?«
-
-»Ich glaube an Rußland, ich glaube an seine Rechtgläubigkeit ... Ich
-glaube an den Leib Christi ... Ich glaube, daß die neue Wiederkunft in
-Rußland geschehen wird ... Ich glaube ...« stammelte Schatoff wie in
-Verzückung.
-
-»Aber an Gott? An Gott?«
-
-»Ich ... ich werde glauben -- an Gott.«
-
-Kein einziger Muskel bewegte sich im Gesicht Stawrogins. Schatoff sah
-ihn glühend, mit Herausforderung an, ganz als hätte er ihn verbrennen
-wollen mit seinem Blick.
-
-»Ich habe Ihnen doch nicht gesagt, daß ich überhaupt nicht glaube,« rief
-er schließlich. »Ich gebe doch nur zu verstehen, daß ich ein
-unglückliches, langweiliges Buch bin und vorläufig nichts weiter,
-vorläufig ... Aber was liegt an mir! Es liegt ja alles bei Ihnen! Ich
-bin nur ein unbegabter Mensch und kann nur mein Blut hingeben und weiter
-nichts, wie jeder unbegabte Mensch. So mag denn mein Blut auch fließen!
-Ich spreche jetzt von Ihnen. Ich habe zwei Jahre hier auf Sie gewartet
-... Nur um Ihretwillen tanze ich jetzt hier nackt vor Ihnen. Nur Sie ...
-Sie allein könnten die Fahne erheben! ...«
-
-Er sprach nicht zu Ende und wie in Verzweiflung stützte er die Arme auf
-den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen.
-
-»Ich möchte, da Sie darauf zu sprechen gekommen sind, nur eines
-bemerken, als Kuriosität,« unterbrach Stawrogin plötzlich die Stille.
-»Warum wollen mir alle immer eine Fahne aufdrängen? Auch Pjotr
-Stepanowitsch ist überzeugt, ich allein könnte ihre >Fahne erheben<, --
-wenigstens hat man mir diesen Ausspruch von ihm wiedergegeben. Er hat es
-sich in den Kopf gesetzt, ich wäre fähig, für sie die Rolle eines Stenka
-Rasin[38] zu spielen, dank meiner >ungewöhnlichen Fähigkeit zum
-Verbrechen< -- gleichfalls seine Worte.«
-
-»Wie? Dank Ihrer >ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen?<« fragte
-Schatoff.
-
-»Genau so.«
-
-»Hm! ... Aber ist es wahr,« fragte Schatoff mit einem bösen Lächeln,
-»daß Sie in Petersburg zu einer viehischen, wollüstigen Gesellschaft
-gehört haben? Daß Sie sich selbst gerühmt haben, der Marquis de Sade
-hätte von Ihnen noch lernen können? Daß Sie Kinder zu sich gelockt und
-verdorben haben? Antworten Sie! Und wagen Sie nicht, zu lügen! Stawrogin
-kann nicht lügen -- vor Schatoff, der ihn ins Gesicht geschlagen hat!
-Sagen Sie, sagen Sie alles, und wenn es wahr ist, so werde ich Sie auf
-der Stelle totschlagen!« schrie Schatoff wie wahnsinnig.
-
-»Diese Worte habe ich gesagt, aber Kindern habe ich nichts angetan,«
-sagte Stawrogin schließlich, aber erst nach einem gar zu langen
-Schweigen.
-
-Er war erblaßt und seine Augen glühten.
-
-»Aber Sie haben es gesagt!« fuhr Schatoff herrisch fort, ohne seinen
-sprühenden Blick von ihm abzuwenden. »Und ist es wahr, daß Sie
-versichert haben, Sie wüßten keinen Schönheitsunterschied zwischen
-irgendeinem wollüstigen, tierischen Streiche und gleichviel welcher
-Heldentat, und wäre es selbst das Opfer des Lebens für die Menschheit?
-Ist es wahr, daß Sie in beiden Polen die gleiche Schönheit fanden, den
-gleichen Genuß?«
-
-»So zu antworten ist unmöglich ... ich will nicht antworten,« murmelte
-Stawrogin, der jetzt sehr gut hätte aufstehen und fortgehen können und
-doch nicht aufstand und nicht fortging.
-
-»Ich weiß es auch nicht, warum das Böse häßlich und das Gute schön ist,
-aber ich weiß, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und
-verloren geht bei solchen Herrschaften, wie Stawrogin und
-seinesgleichen,« ließ Schatoff, am ganzen Körper bebend, nicht davon ab.
-»Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll,
-schändlich und gemein? Gerade deshalb, weil hier die Schmach und
-Gemeinheit schon an Genialität grenzte! Oh, Sie schlendern nicht bloß so
-am Rande, Sie stürzen sich dreist mit dem Kopf voran in den Abgrund
-hinab. Aus Leidenschaft zur Qual haben Sie geheiratet, aus Leidenschaft
-zu Reue und Gewissensbissen, aus geistiger, sittlicher Wollust. Hier
-waren Ihre Nerven wund ... Die Herausforderung an die gesunde Vernunft,
-die hierin lag, war schon gar zu verführerisch! _Stawrogin!_ und eine
-häßliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krüppelig ist! -- Als
-Sie den Gouverneur ins Ohr bissen, empfanden Sie da nicht Wollust?
-Empfanden Sie sie? Müßiger, sich herumtreibender Herrensohn, empfanden
-Sie sie?«
-
-»Sie sind Psychologe,« sagte Stawrogin, der bleicher und bleicher wurde,
-»obschon Sie sich in den Gründen meiner Heirat teilweise irren ... Wer
-hat Ihnen übrigens all dieses mitteilen können? ...« Er zwang sich zu
-einem Spottlächeln. »Doch nicht Kirilloff? Aber der war ja gar nicht
-zugegen ...«
-
-»Warum sind Sie bleich geworden?«
-
-»Was _wollen_ Sie nur von mir?« Stawrogin erhob schließlich die Stimme:
-»Ich habe hier eine halbe Stunde unter Ihrer Knute gesessen, nun könnten
-Sie mich doch wenigstens höflich fortgehen lassen ... wenn Sie in der
-Tat keinen vernünftigen Grund haben, mit mir in dieser Art umzugehen.«
-
-»Vernünftigen Grund?«
-
-»Zweifellos. Es wäre zum mindesten Ihre Pflicht, mir zu sagen, was Sie
-eigentlich bezwecken. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, daß Sie
-es tun würden. Ich habe aber nur eine einzige rasende Bosheit in Ihnen
-gefunden. Ich bitte Sie, mir die Hofpforte zu öffnen.«
-
-Er erhob sich. Schatoff stürzte ihm nach, wild vor Grimm.
-
-»Küssen Sie die Erde, tränken Sie sie mit Tränen, bitten Sie um
-Vergebung!« rief er, ihn an der Schulter packend.
-
-»Ich habe Sie nicht erschlagen ... an jenem Sonntagmorgen ... Ich nahm
-beide Hände zurück ...« sagte Stawrogin wie im Schmerz und sah zu Boden.
-
-»So sprechen Sie doch, so sagen Sie doch alles! Sie kamen her, um mich
-vor der Gefahr zu warnen, Sie ließen es zu, daß ich sprach, und morgen
-wollen Sie Ihre Heirat öffentlich bekanntmachen! ... Sehe ich es denn
-nicht Ihrem Gesicht an, daß Sie mit irgendeinem neuen furchtbaren
-Gedanken ringen ... Stawrogin, warum bin ich dazu verurteilt, bis in
-alle Ewigkeit an Sie zu glauben? Hätte ich denn mit einem anderen so
-sprechen können? Ich habe Keuschheit, aber ich habe mich meiner
-Nacktheit nicht geschämt, -- denn es war _Stawrogin_, vor dem ich
-sprach! Ich habe mich nicht gefürchtet, den großen Gedanken durch meine
-Berührung zu karikieren, denn _Stawrogin_ hörte mir zu! ... Und werde
-ich denn nicht die Spuren Ihrer Tritte küssen, wenn Sie fortgegangen
-sind? Ich kann nicht, ich kann Sie nicht aus meinem Herzen reißen,
-Nicolai Stawrogin!«
-
-»Es tut mir leid, daß ich Sie nicht lieben kann, Schatoff!« sagte
-Stawrogin kalt.
-
-»Ich weiß, daß Sie es nicht können, und ich weiß auch, daß Sie nicht
-lügen. Aber hören Sie, ich werde alles gut machen: ich werde Ihnen den
-Hasen verschaffen!«
-
-Stawrogin schwieg.
-
-»Sie sind Atheist, weil Sie ein Herrensohn sind, der letzte Herrensohn.
-Sie haben den Unterschied zwischen Gut und Böse verloren, denn Sie haben
-aufgehört, Ihr Volk zu verstehen ... Es steigt eine neue Generation
-herauf, unmittelbar aus dem Herzen dieses Volkes, doch Sie werden sie
-nie erkennen, weder Sie noch die Werchowenski, Vater und Sohn, noch ich,
-denn auch ich bin ein Herrensohn, ja, ich, der Sohn Ihres leibeigenen
-Dieners Paschka ... Hören Sie, verschaffen Sie sich Gott durch Arbeit --
-hierin liegt der ganze Kern ... Oder verschwinden Sie als gemeine,
-faulende Schimmelschicht ... Erwerben Sie sich Gott durch Arbeit!«
-
-»Gott durch Arbeit? Mit welcher Arbeit?«
-
-»Mit gemeiner Bauernarbeit! Gehen Sie, werfen Sie Ihren ganzen Reichtum
-hin ... Ah! Sie lachen, Sie fürchten wohl, daß eine Posse dabei
-herauskommen wird?«
-
-Doch Stawrogin lachte nicht.
-
-»So glauben Sie, daß man Gott durch Arbeit erringen kann, und zwar
-gerade Bauernarbeit?« wiederholte er nachdenklich, als hätte man ihm in
-der Tat etwas Neues und Ernstes gesagt, worüber nachzudenken sich
-lohnte. »Aber wissen Sie auch,« sagte er plötzlich, auf etwas anderes
-übergehend, »daß ich durchaus nicht reich bin und fast nichts mehr
-hinwerfen könnte? Ich bin sogar kaum imstande, die Zukunft Marja
-Timofejewnas sicherzustellen ... Ja, und damit ich es nicht vergesse:
-ich wollte Sie bitten, Marja Timofejewna auch fernerhin, wenn es Ihnen
-möglich ist, beizustehen, da doch nur Sie allein einen gewissen Einfluß
-auf ihren armen Verstand haben könnten. Ich sage das nur auf alle
-Fälle.«
-
-»Schon gut, schon gut!« Schatoff winkte mit der einen Hand ab, während
-er mit der anderen das Licht hielt. »Sie reden von Marja Timofejewna,
-gut, ich werde schon, das ist ja selbstverständlich ... Aber hören Sie,
-gehen Sie zu Tichon.«
-
-»Zu wem?«
-
-»Zu Tichon. Er ist ein früherer Bischof, der jetzt -- krankheitshalber
-zurückgezogen -- hier in der Stadt wohnt, hier in unserem
-Jefimjeff-Kloster.«
-
-»Und --?«
-
-»Nichts weiter. Man pilgert und fährt jetzt zu ihm. Gehen Sie auch zu
-ihm, was macht es Ihnen denn aus? Gehen Sie auch!«
-
-»Höre es zum erstenmal und ... Diese Sorte Menschen habe ich noch nie
-gesehn. Ich danke Ihnen, ich werde hingehen.«
-
-»Hierher!« Schatoff leuchtete und geleitete ihn die Treppe hinunter.
-
-»So,« sagte er und stieß die Hofpforte sperrangelweit zur Straße auf.
-
-»Ich werde nicht mehr zu Ihnen kommen, Schatoff,« sagte Stawrogin leise,
-indem er durch die Pforte trat.
-
-Die Nacht war nach wie vor finster und der Regen hatte noch immer nicht
-aufgehört ...
-
-
-
-
- Siebentes Kapitel.
- Die Nacht (Fortsetzung)
-
-
- I.
-
-Er ging die ganze Bogojawlenskstraße hinunter; schließlich führte der
-Weg leicht abwärts, seine Füße glitschten im Schlamm, und plötzlich
-öffnete sich vor ihm im Dunkeln ein breiter, nebliger, gleichsam leerer
-Raum -- der Fluß. Die Häuser waren hier nicht mehr Häuser zu nennen,
-sondern Hütten, und die Straße hatte sich in vielen Sackgassen und
-Gäßchen verloren. Nicolai Wszewolodowitsch ging eine ganze Weile an den
-Zäunen entlang, ohne sich vom Flußufer zu entfernen, verfolgte aber
-standhaft seinen Weg, doch eigentlich ohne viel an ihn zu denken. Er war
-mit ganz anderen Dingen beschäftigt und sah sich erstaunt um, als er
-sich plötzlich, aus tiefem Denken erwachend, fast in der Mitte unserer
-langen, nassen Floßbrücke fand. Keine Seele ringsum. Nichts rührte sich.
-Um so sonderbarer erschien es ihm da, als plötzlich fast unmittelbar
-neben seinem Ellenbogen eine höflich familiäre, doch übrigens ganz
-angenehme Stimme ertönte, aber in jenem süßlich abgerundeten Redefluß,
-mit dem bei uns gar zu zivilisierte Kleinbürger oder lockenhäuptige
-junge Kommis in den Kaufläden zu paradieren pflegen.
-
-»Würde mir der gnädige Herr nicht erlauben, das Regenschirmchen mit eins
-zu benützen?«
-
-Und tatsächlich, eine Gestalt drückte sich unter seinen Schirm, oder tat
-wenigstens so, als wage sie es. Der Strolch ging neben ihm, ihn fast
-»mit dem Ellenbogen fühlend«, wie unsere Soldaten sagen. Nicolai
-Wszewolodowitsch verlangsamte den Schritt und beugte sich ein wenig, um
-dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu können, soweit das in der
-Finsternis möglich war: ein Mensch, nicht groß von Wuchs und in etwa wie
-ein heruntergekommener, verbummelter Kleinbürger, schlecht und nicht
-warm gekleidet; auf dem krausen, zottigen Haar saß schief eine nasse
-Tuchmütze mit halbabgerissenem Schirm. Es schien ein schwarzhaariger
-Mensch zu sein, mager und braun; die Augen waren groß, unbedingt
-schwarz, mit jenem starken Glanz und gelben Schimmer, wie ihn Zigeuner
-haben, -- das erriet man in der Dunkelheit. Alt mochte er sein -- gegen
-vierzig, und er war nicht betrunken.
-
-»Du kennst mich?« fragte Stawrogin.
-
-»Herr Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch. Man hat Sie mir auf der
-Bahnstation gezeigt, kaum daß die Maschine hielt, akkurat am
-vorvergangenen Sonntag. Außer daß man schon früher von Ihnen gehört
-hat.«
-
-»Von Pjotr Stepanowitsch? Du ... du bist der Zuchthäusler Fedjka?«
-
-»Getauft hat man mich Fjodor Fjodorowitsch. Hab bis auf den heutigen Tag
-noch eine leibliche Mutter in hiesiger Gegend, eine alte Gottesdienerin,
-die zur Erde wächst, für uns selber Tag und Nacht alleweil zu Gott
-betet, damit daß sie nicht ganz umsonst ihre Altweiberzeit auf dem Ofen
-verliert.«
-
-»Du bist aus dem Zuchthause entsprungen?«
-
-»Ich hab' halt selber mein Los verändert und ihnen da den ganzen Krempel
-hingeworfen. Denn ich war halt beinah auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit
-verurteilt, und da war's denn schon ganz absonderlich lang auf das Ende
-zu warten ...«
-
-»Was treibst du hier?«
-
-»Ja, so, ein Tag und eine Nacht und immer ist noch nichts gemacht. Die
-Zeit vergeht halt von selber. Was unser Onkel ist, der ist hier in der
-vorigen Woche im Gefängnis gestorben, wo er von wegen falscher Gelder
-saß, und da hab ich denn ein Gedächtnisfeierchen für ihn gemacht und
-dabei so selbentlich zweimal zehn Rubel an die Hunde gebracht -- das ist
-auch alles von unseren Taten bis eben jetzt. Und dabei haben Pjotr
-Stepanowitsch die Möglichkeit, uns einen Paschport auf ganz Rußland zu
-verschaffen, als was das Herz nur will, sogar als Kaufmann. Und da wart
-ich denn, bis er mir seinen Segen schenkt. Darum sagen sie, -- ich
-meine: er, Pjotr Stepanowitsch --, darum sagt er, daß Papa dich im
-englischen Klub beim Kartenspiel verspielt hat, und so finde ich, sagt
-er, ich meine Pjotr Stepanowitsch, so finde ich diese Unmenschlichkeit
-ungerecht. -- Sie könnten mir doch, gnädiger Herr, mit drei Rubelchen so
-zum Erwärmen, für ein Teechen, wohlwollen?«
-
-»Du hast mir hier also aufgelauert. Das liebe ich nicht. Auf wessen
-Befehl hast du es getan?«
-
-»Was von Befehl, so ist davon gar nichts gewesen: ich kenn' nur bloß
-auch Ihre Menschenliebe, wie alle Welt es eben tut. Denn unsere
-Einkünftekens, Sie wissen ja selbst, Herr, daß die halt 'ne Maus auf'm
-Schwanz fortschleppen kann. Das war vor'gen Freitag, da habe ich mich
-mal vollgeschlagen mit Fleisch, wie Martyn mit Seife, wie man zu sagen
-pflegt, aber seit damals hab ich den ersten Tag nichts gegessen, den
-zweiten gefastet und den dritten wieder nichts. Wasser ist ja im Fluß,
-bei Gott, so viel du willst, aber davon allein kann man im Magen doch
-nur Karauschen züchten ... Na, und so überhaupt, der gnädige Herr werden
-doch wohl von den Mildtätigen sein? Und ich hab hier gerade 'ne
-Gevatterin nich weit, die mich erwartet: nur komm du nich ohne Rubelchen
-zu ihr!«
-
-»Was hat dir denn Pjotr Stepanowitsch von mir versprochen?«
-
-»Nicht, daß er mir was vorversprochen hat, er hat nur so mit Worten
-gesagt, daß ich, nu ja, dem gnädigen Herrn mal nötig sein könnte, wenn
-solch ein Streifen mal vorkommt; aber zu was, das hat er eigentlich nich
-so geradeheraus gesagt, so mit Genauigkeit, denn Pjotr Stepanowitsch
-will nur so zum Beispiel sehen, ob ich nich Kosakengeduld habe, und
-Vertrauen hat er nich für 'ne Kopeke zu mir.«
-
-»Warum denn nicht?«
-
-»Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt
-vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklügste ist
-er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor Gottes
-Antlitz selber, denn ich hab vieles gehört, was man so spricht von
-Ihnen. Pjotr Stepanowitsch -- das ist eins, aber Sie, gnädiger Herr, das
-ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: 'n
-Gauner, so ahnt ihm schon außer diesem von diesem Menschen gar nichts
-mehr. Sagt er: 'n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer
-einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein,
-nur am Dienstag und Mittwoch 'n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch
-klüger als er selber. Jetzt weiß er bloß eben von mir, daß ich gerade
-große Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Rußland
-geht's ohne Dokumentchen auf keinerlei Art -- und schon glaubt er, er
-hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr
-Stepanowitsch hat's furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen
-Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so
-lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, daß es schon gar
-keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, daß ich außer als durch ihn schon
-nie nich wagen werde, Sie zu belästigen, aber ich bin vor Ihnen,
-gnädiger Herr, wie vor'm Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, --
-schon die vierte Nacht erwarte ich den gnädigen Herrn hier auf dieser
-Brücke, in der Sache, daß ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie
-man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du
-verneigst dich vor 'nem Stiefel als vor 'nem Bastschuh.«
-
-»Wer hat es dir denn gesagt, daß ich nachts über diese Brücke gehen
-werde?«
-
-»Ja, das ist schon, muß ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr
-aus der Dummheit des Hauptmann Lebädkin, denn der kann schon gar nichts
-für sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gnädigen Herrn für
-die drei Nächte, als für die Langeweile, zum Beispiel? Und daß die
-Kleider quatschnaß sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der
-Beleidigung.«
-
-»Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brücke ist zu Ende.
-Höre, Fedjka, ich liebe es, daß man meine Worte ein für allemal behält:
-ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals -- hörst du? -- niemals
-brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brücke noch sonst wo
-treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst -- so binde ich
-dich und übergebe dich der Polizei. Jetzt -- marsch!«
-
-»O je! Aber für die Unterhaltung schmeißen Sie mir doch wenigstens was
--- es war doch lustiger, so zu gehen.«
-
-»Pack dich!«
-
-»Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so
-verdrehte Wege ... ich könnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem
-Ufer -- das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen hätte:
-alles hat er durcheinandergeschüttelt.«
-
-»Zum ... Ich binde dich!« wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um.
-
-»Denken Sie nach, vielleicht doch, gnädiger Herr? Kann man denn eine
-Waise lange beleidigen?«
-
-»Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen!«
-
-»Ach, gnädiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, daß ich sonderlich
-auf mich baute!«
-
-»Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt!«
-
-»Aber ich brauche doch Sie, gnädiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde
-also warten, bis Sie zurückkommen.«
-
-»Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich!«
-
-»So werd' ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glückliche Reise,
-gnädiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen 'ne Waise
-beschützt; schon dafür allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein,
-gnädiger Herr.«
-
-Er blieb zurück. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser plötzlich aus der
-Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit für ihn doch
-schon gar zu überzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das
-zu zeigen. Überhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstände mehr. Aber
-es konnte doch auch sein, daß der Strolch nicht alles gelogen und seine
-Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade
-heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rücken. Das aber gab dann doch am
-meisten zu denken.
-
-
- II.
-
-Das Haus, zu dem Stawrogin ging, lag an einer öden, entlegenen Gasse
-buchstäblich am äußersten Rande der Vorstadt, zwischen niedrigen Zäunen,
-hinter denen sich Gemüsegärten hinzogen. Es war ein alleinstehendes
-kleines hölzernes Haus, das man gerade erst erbaut hatte und das von
-außen noch nicht einmal mit Brettern beschlagen war. Die Läden des einen
-Fensters hatte man wohl absichtlich nicht geschlossen, denn auf dem
-Fensterbrett stand ein brennendes Licht, augenscheinlich als Wegweiser
-und Zeichen für den spät erwarteten Gast. Schon von weitem, über dreißig
-Schritte von der Tür, erkannte Stawrogin auf der kleinen Haustreppe die
-Gestalt eines Menschen von hohem Wuchs, der offenbar über dem Warten die
-Geduld verloren hatte und herausgetreten war. Da hörte er auch schon
-seine Stimme, voll Ungeduld und doch gleichsam zaghaft.
-
-»Sind Sie es? Sie?«
-
-»Ich bin's,« antwortete Stawrogin, doch nicht eher, als bis er ganz
-herangetreten war und den Schirm schloß.
-
-»Endlich!« Hauptmann Lebädkin trat hin und her und bewegte sich mit
-geschäftigem Diensteifer. »Das Schirmchen, wenn ich bitten darf; sehr
-naß heute; ich werde es aufschlagen und hier in der Ecke auf den
-Fußboden stellen. Bitte -- bitte einzutreten, hier geht's hinein; bitte
-schön.«
-
-Die Tür aus dem Flur ins Wohnzimmer, in dem zwei Kerzen brannten, stand
-weit offen.
-
-»Wenn Sie nicht selbst Ihr unbedingtes Kommen angesagt hätten, so hätte
-ich es schon aufgegeben, Sie zu erwarten.«
-
-»Viertel vor eins,« sagte Stawrogin, der ins Zimmer trat, nach einem
-Blick auf seine Uhr.
-
-»Und dabei noch Regen -- und eine so interessante Entfernung ... Eine
-Uhr habe ich nicht, und vor dem Fenster nur Gemüsegärten, da -- da
-bleibt man hinter den Ereignissen zurück. -- Aber das soll kein Vorwurf
-sein, das wage ich ja gar nicht, bewahre, sondern einzig nur so ... aus
-Ungeduld, wenn man sich die ganze Woche verzehrt ... um endlich erlöst
-zu werden ...«
-
-»Wie?«
-
-»Um seinen Schicksalsspruch zu hören, Nicolai Wszewolodowitsch.« Und mit
-einer Verbeugung auf das Sofa weisend, vor dem ein Tisch stand: »Bitte,
-nehmen Sie Platz.«
-
-Stawrogin sah sich im Zimmer um: es war klein und niedrig. Die ganze
-Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten: aus zwei einfachen neuen
-Holzstühlen, einem gleichfalls neuen, noch unüberzogenen Sofa mit
-hölzerner Lehne und ohne Seitenpolster, und zwei Tischen. Auf dem
-kleineren, in der Ecke, standen irgendwelche Dinge, über die man eine
-saubere Serviette gebreitet hatte. Überhaupt schien man das ganze Zimmer
-äußerst sauber gehalten zu haben. Der Hauptmann war nun schon an die
-acht Tage nüchtern. Sein Gesicht sah gelb und abgefallen aus, der Blick
-war unruhig, neugierig und eigentlich verständnislos: man sah ihm an,
-daß er noch nicht wußte, in welch einem Ton er sprechen durfte und
-welcher schließlich der ratsamste war.
-
-»Wie Sie sehen,« wies er mit pathetischer Geste herum, »lebe ich wie ein
-Heiliger: Nüchternheit, Einsamkeit und Armut -- das Gelübde der alten
-Ritter!«
-
-»Sie glauben, die alten Ritter hätten solche Gelübde getan?«
-
-»Tja, vielleicht habe ich mich auch verhauen? O weh, für mich gibt es
-keine Entwicklung mehr! Alles verdorben! Glauben Sie mir, Nicolai
-Wszewolodowitsch, hier bin ich zum erstenmal aufgewacht aus diesem
-Schandleben, -- kein Gläschen mehr, kein Tröpfchen! Habe jetzt einen
-Winkel -- und sechs Tage lang genieße ich nun schon die Wohltat der
-Gewissensbisse. Sogar die Wände riechen noch nach Harz, erinnern somit
-an die Natur. Aber was war ich, was stellte ich vor?
-
- >Ohne Obdach in der Nacht,
- Tagsüber eine Hetze< ...
-
-wie sich ein genialer Dichter ausgedrückt hat! Aber ... Sie sind ja so
-durchnäßt ... Wollen Sie nicht ein Gläschen Tee?«
-
-»Bemühen Sie sich nicht.«
-
-»Der Samowar kocht seit acht Uhr abends, aber -- da ist er nun
-ausgelöscht! -- wie alles in der Welt! Und auch die Sonne, sagt man,
-wird einmal auslöschen, wenn sie an die Reihe kommt ... Aber wenn Sie
-wollen, bringe ich ihn wieder zum Kochen ... Agafja schläft noch nicht.«
-
-»Sagen Sie: Marja Timofejewna ...«
-
-»Hier, hier,« fiel ihm Lebädkin sofort flüsternd ins Wort, »wenn Sie sie
-sehen wollen ...?« und er wies auf die geschlossene Tür zum Nebenzimmer.
-
-»Sie schläft nicht?«
-
-»O nein, nein, wie sollte sie denn? Im Gegenteil, erwartet Sie schon vom
-Abend an! ... wie sie es vorhin erfuhr, putzte sie sich gleich auf,« --
-er wollte schon sarkastisch den Mund verziehen, unterließ es aber im Nu.
-
-»Wie ist sie jetzt im allgemeinen?« fragte Nicolai Wszewolodowitsch mit
-zusammengezogenen Brauen.
-
-»Im allgemeinen? Ja, das geruhen Sie ja selbst zu wissen,« und er zuckte
-mitleidig mit den Schultern. »Jetzt ... jetzt sitzt sie da und legt
-Karten ...«
-
-»Gut, nachher. Zuerst muß ich mit Ihnen zu einem Ende kommen.«
-
-Stawrogin setzte sich auf einen Stuhl. Der »Hauptmann« wagte es nicht,
-sich auf das Sofa zu setzen, und so zog er denn schnell den anderen
-Stuhl herbei, setzte sich, und war, leicht vorgebeugt, in zitternder
-Erwartung bereit, alles zu vernehmen.
-
-»Was haben Sie denn dort auf dem Tisch unter der Serviette?« fragte
-Stawrogin, der plötzlich seine Aufmerksamkeit jenem Tisch zuwandte.
-
-»Da--a?« Lebädkin drehte sich sofort gleichfalls um. »Ja, das ist so von
-Ihren eigenen Gaben, in Gestalt, wie man zu sagen pflegt, in Gestalt von
-Salz und Brot ... in der neuen Wohnung ... und ich dachte auch an Ihren
-weiten Weg und die natürliche Müdigkeit,« er sah ihn fast bittend an und
-versuchte unschuldig zu lächeln. Darauf erhob er sich, ging auf den
-Fußspitzen zum Tisch und entfernte ehrerbietig und vorsichtig die
-Serviette.
-
-Er hatte einen ganzen Imbiß vorbereitet: geräucherten Schinken,
-Kalbfleisch, Sardinen, Käse, eine kleine grüne Karaffe und eine lange
-Flasche Bordeaux -- alles war ungemein sauber, mit Sachkenntnis und fast
-elegant geordnet.
-
-»Das haben Sie besorgt?«
-
-»Jawohl ... Schon gestern ... Marja Timofejewna ist ja in der Beziehung,
-wie Sie wissen, gleichgültig. Aber die Hauptsache: daß es von Ihren
-Gaben ist, also Ihr eigenes ... da Sie ja doch hier der Hausherr sind,
-und nicht ich -- ich bin ja doch nur so Ihr Angestellter, wenn auch,
-wenn auch, Nicolai Wszewolodowitsch, wenn auch mein Geist noch
-unabhängig ist! Diesen meinen letzten Besitz werden Sie mir doch nicht
-nehmen wollen!« schloß er geradezu gerührt.
-
-»Hm! ... wie wär's, wenn Sie sich setzen würden?«
-
-»Ich bin da--ankbar, dankbar und unabhängig!« (Er setzte sich.) »Ach,
-Nicolai Wszewolodowitsch, in diesem Herzen hat sich so viel angesammelt,
-so viel, daß ich schon gar nicht mehr wußte, wie ich noch länger auf Sie
-warten sollte! Sehen Sie, Sie werden jetzt mein Schicksal entscheiden
-und auch das ... jener Unglücklichen, und dann ... dann wieder so, wie
-es früher war? Ich werde dann wieder meine ganze Seele vor Ihnen
-ausschütten, wie damals vor vier Jahren. Würdigten Sie mich doch damals
-dessen, mir zuzuhören, lasen Verse ... Mag man mich auch dort Ihren
-Falstaff genannt haben, nach Shakespeare, aber Sie haben doch so viel in
-meinem Leben bedeutet! ... Jetzt habe ich wieder meine große Angst und
-erwarte nur von Ihnen Rat und Heil. Pjotr Stepanowitsch behandelt mich
-ganz furchtbar!«
-
-Stawrogin hörte ihm neugierig zu und beobachtete ihn aufmerksam.
-Augenscheinlich befand sich Lebädkin, wenn er nun auch schon eine Woche
-nicht mehr getrunken hatte, doch noch längst nicht in einem harmonischen
-Gemütszustande. In solchen langjährigen Trinkern setzt sich schließlich
-für immer etwas Ungereimtes, Dunstiges, Irrsinniges fest, das sie
-gleichsam benommen erscheinen läßt -- was sie übrigens nicht hindert,
-wenn es nötig ist, nicht ungeschickter als nüchterne Leute zu betrügen,
-zu intrigieren und auch zu berechnen.
-
-»Ich sehe, daß Sie sich in diesen viereinhalb Jahren nicht im geringsten
-verändert haben, Hauptmann,« sagte Stawrogin wie ein wenig freundlicher.
-»Man sieht wieder einmal, daß die ganze zweite Hälfte des menschlichen
-Lebens meist nur aus den in der ersten Hälfte angenommenen Gewohnheiten
-besteht.«
-
-»Erhabene Worte! Sie lösen das Rätsel der Welt!« rief der »Hauptmann«
-entzückt, halb mit verstellter, halb mit wirklich echter Begeisterung,
-denn er war ein großer Liebhaber guter Aussprüche. »Von allem, was Sie
-gesagt haben, Nicolai Wszewolodowitsch, habe ich eines ganz besonders
-behalten ... noch in Petersburg haben Sie's gesagt: >Man muß in der Tat
-ein großer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft stand halten
-zu können<. Sehen Sie!«
-
-»Oder ebensogut auch ein Dummkopf.«
-
-»So? Na, dann mein'twegen auch ein Dummkopf, nur haben Sie Ihr Lebelang
-mit dem Scharfsinn nur so um sich geworfen, die anderen aber? Mögen doch
-Liputin und Pjotr Stepanowitsch auch einmal etwas Ähnliches sagen! Oh,
-wie grausam Pjotr Stepanowitsch mit mir umgegangen ist! ...«
-
-»Aber Sie, Hauptmann, wie haben Sie sich denn selbst benommen?«
-
-»Ach, das betrunkene Aussehen und dazu noch die Unmenge meiner Feinde!
-Aber jetzt ist alles, alles vorüber und ich erneuere mich, fahre aus der
-alten Haut wie eine Schlange. Wissen Sie auch, Nicolai Wszewolodowitsch,
-daß ich mein Testament schreibe, daß ich's schon geschrieben habe?«
-
-»Das ist allerdings interessant. Was vermachen Sie denn und wem das?«
-
-»Dem Vaterlande, der Menschheit und den Studenten. Nicolai
-Wszewolodowitsch, ich habe einmal in einer Zeitung die Biographie eines
-Amerikaners gelesen. Er vermachte sein ganzes, riesiges Vermögen den
-Fabriken und den positiven Wissenschaften, sein Skelett den Studenten
-der Universität seiner Stadt und seine Haut bestimmte er für eine
-Trommel, auf der man Tag und Nacht die amerikanische Nationalhymne
-trommeln sollte! Ach, wir sind ja Pygmäen im Vergleich mit dem
-Gedankenflug der nordamerikanischen Staaten! Rußland ist ja nur ein
-Spiel der Natur, aber nicht des Verstandes. Wenn ich's versuchen wollte,
-meine Haut, sagen wir, dem Akmolinskschen Infanterieregiment, in dem ich
-die Ehre hatte, meinen Dienst zu beginnen, mit der Bedingung zu
-vermachen, daß man aus ihr ein Trommelfell verfertigt, auf dem man
-täglich vor dem ganzen Regiment die russische Nationalhymne trommeln
-soll -- man hielte es sofort für Liberalismus und konfiszierte meine
-Haut! ... Darum habe ich mich denn mit den Studenten begnügt. Mein
-Skelett hab' ich der Akademie vermacht, aber mit der Bedingung,
-einstweilen nur unter der Bedingung, daß sie auf die Stirn für alle
-ewigen Ewigkeiten ein Zettelchen kleben mit den Worten: >Ein reuiger
-Freidenker<. Jawohl!«
-
-Der Hauptmann sprach mit Begeisterung und glaubte jetzt natürlich schon
-selbst an die Schönheit des amerikanischen Vermächtnisses, wenn er auch
-als schlauer Mensch zu gleicher Zeit Stawrogin, dessen »Narr« er früher
-gewesen war, aus Berechnung belustigen wollte. Aber der hatte diesmal
-keine Lust zu lachen, sondern fragte im Gegenteil nur eigentümlich
-mißtrauisch:
-
-»Sie beabsichtigen wohl, Ihr Testament noch bei Lebzeiten zu
-veröffentlichen und dafür eine Belohnung zu erhalten?«
-
-»Und wenn dem so wäre, Nicolai Wszewolodowitsch, und wenn dem so wäre?«
-Lebädkin sah sich vorsichtig in ihn hinein. »Denn -- was ist denn mein
-Los jetzt eigentlich! Sogar Verse schreibe ich nicht mehr und einst
-haben doch sogar Sie sich an meinen kleinen Gedichten ergötzt, Nicolai
-Wszewolodowitsch, wissen Sie noch, bei der Flasche? Aber aus ist's nun
-mit der Feder! Hab nur noch ein einziges Lied geschrieben, wie Gogol
-seine >Letzte Geschichte<. Sie wissen doch, Gogol verkündete ganz
-Rußland, daß sie sich aus seiner Seele >herausgesungen< habe. So auch
-ich: hab's herausgesungen und damit -- basta!«
-
-»Was ist denn das für ein Gedicht?«
-
-»Tja, es heißt: >Im Fall sie sich den Fuß zerbräche<!«
-
-»Wi--ie?«
-
-Darauf hatte der Hauptmann nur gewartet. Seine Gedichte achtete und
-schätzte er zwar grenzenlos, doch zugleich gefiel es ihm -- wohl aus
-einer gewissen durchtriebenen Zwieheit der Seele -- daß sie Stawrogin,
-der früher zuweilen so über sie gelacht hatte, daß er sich die Seiten
-hielt, immer belustigten. Auf diese Weise erreichte er gewöhnlich zwei
-Ziele mit einem Mittel: ein poetisches und ein geschäftliches Ziel.
-Diesmal aber gab es noch ein drittes, ein ganz besonderes und äußerst
-kitzliches: der Hauptmann hoffte nämlich, als er das Gedicht heranzog,
-sich auf diese Manier am leichtesten in einem gewissen Punkte
-rechtfertigen zu können, hoffte dies um so mehr, als er aus einem
-bestimmten Grunde gerade in diesem Punkt seine Schuld für größer als in
-allen anderen Punkten hielt.
-
-»>Im Fall sie sich den Fuß mal bräche<, das heißt, beim Reiten. Eine
-bloße Phantasie, Nicolai Wszewolodowitsch, ein Traumbild, aber das
-Traumbild eines Dichters! Einmal, beim Spazierengehen, sah dieser
-Dichter eine Reiterin, und da stellte er sich dann die materialistische
-Frage: >was würde dann sein?< -- das heißt, in dem Falle, _wenn_! Die
-Sache ist doch klar: alle Kurmacher gehen sogleich wie die Krebse
-rückwärts, fort sind all die Heiratskandidaten, also -- >wisch den Mund
-ab morgen früh<,« fügte er plötzlich auf Deutsch hinzu, »nur der Dichter
-bleibt treu, nur er mit dem gebrochenen Herzen in der Brust! Nicolai
-Wszewolodowitsch, sogar eine winzige Laus darf verliebt sein, denn kein
-Gesetz verbietet's ihr. Und doch fühlte sich die Dame gekränkt durch
-meinen Brief, wie durch das Gedicht. Sogar Sie sollen sich geärgert
-haben, sagt man -- ist's wahr? Das wäre jammerschade, wollt's gar nicht
-glauben! Nun, sagen Sie doch selbst, wen konnte ich denn mit bloßer
-Einbildung beleidigen? Zudem ist hier noch, mein Ehrenwort, Liputin
-dabei: >Schreiben Sie, schreiben Sie unbedingt, jeder Mensch hat das
-Recht, Briefe zu schreiben<, sagte er -- und so schickte ich's denn ab.«
-
-»Sie haben sich, glaube ich, als Bräutigam vorgeschlagen?«
-
-»Feinde, Feinde, nichts als Feinde! ...«
-
-»Sagen Sie das Gedicht!« fiel ihm Stawrogin streng ins Wort.
-
-»Ein Traum, bloß ein Traum, sag ich Ihnen!«
-
-Aber er setzte sich doch in Positur, streckte die Hand aus und begann:
-
- »Das schönste Weib brach mal ein Glied,
- Doch ward es dadurch nur aparter!
- Und doppelt liebte sie fortan
- Der ohnehin in sie verliebte Dichtersmann ...«
-
-»Genug!« Stawrogin winkte ab.
-
-»Oh, ich sehne mich nach Pietjer[39]!« rief Lebädkin, schnell auf ein
-anderes Gebiet überspringend, als wäre von Gedichten nie die Rede
-gewesen. »Ich denke an eine Auferstehung, ich träume von einer
-Wiedergeburt ... Mein Wohltäter! Darf ich darauf rechnen, daß Sie mir
-nicht die Mittel zur Reise verweigern werden? Ich hab Sie die ganze
-Woche wie die liebe Sonne erwartet.«
-
-»Nein, darauf dürfen Sie nicht rechnen. Außerdem ist mir von meinem
-Kapital fast nichts mehr verblieben. Und überhaupt, warum sollte ich
-Ihnen Geld geben? ...«
-
-Stawrogin schien sich plötzlich geärgert zu haben. Kurz und trocken
-zählte er alle Vergehen des Hauptmanns auf: das unmäßige Trinken, die
-Lügengeschichten, Verschwendung des Geldes, das Marja Timofejewna
-gehörte, dann, daß er sie aus dem Kloster genommen hatte, die frechen
-Briefe mit den Drohungen, das Geheimnis bekanntzumachen, die Geschichte
-mit Darja Pawlowna usw., usw. Der Hauptmann wogte geradezu hin und her,
-gestikulierte, wollte widersprechen, doch Stawrogin wies ihn jedesmal
-herrisch zur Ruh.
-
-»Und erlauben Sie,« bemerkte er zum Schluß, »Sie schreiben immer von
-einer >Familienschande<. Ich sehe darin keine Schande für Sie, daß Ihre
-Schwester Stawrogins rechtmäßig getraute Frau ist.«
-
-»Aber die Ehe ist ein Geheimnis, Nicolai Wszewolodowitsch, niemand weiß
-davon, ein verhängnisvolles Geheimnis! Ich bekomme Geld von Ihnen und
-plötzlich stellt man mir die Frage: wofür bekommst du dieses Geld? Ich
-aber bin gebunden und kann nicht antworten, zum Schaden meiner Schwester
--- und zum Schaden meiner Familienehre!«
-
-Der Hauptmann erhob bereits die Stimme: dieses Thema liebte er ganz
-besonders und er hatte sich in diesem Sinne schon vorbereitet, denn
-darauf beruhte seine ganze Hoffnung. Wie hätte er auch ahnen sollen,
-welch eine niederschmetternde Überraschung ihn gerade auf dieser seiner
-Basis erwartete! Ruhig und bestimmt, als ob es sich um die alltäglichste
-häusliche Angelegenheit handelte, teilte ihm Stawrogin mit, daß er die
-Absicht habe, in diesen Tagen, vielleicht morgen oder übermorgen, seine
-Heirat allgemein bekanntzumachen, sie >sowohl der Polizei wie der
-Gesellschaft< anzuzeigen -- so daß denn die Frage der »Familienehre«
-damit endgültig erledigt sein werde, und die der Subsidien gleichfalls.
-
-Der Hauptmann riß die Augen auf: er begriff nicht einmal, was er da
-hörte; so mußte denn alles noch durchgesprochen werden.
-
-»Aber sie ist doch ... halbverrückt?«
-
-»Das ist meine Sache.«
-
-»Aber ... was wird denn Ihre Mutter --?«
-
-»Das geht Sie wenig an, Lebädkin.«
-
-»Aber Sie werden doch Ihre Frau in Ihr Haus führen?«
-
-»Sehr leicht möglich. Übrigens ist das schon ganz und gar nicht Ihre
-Sache, das geht Sie nicht das geringste an.«
-
-»Wie, nicht angehen?« schrie der Hauptmann auf. »Und ich?«
-
-»Nun, Sie kommen doch selbstverständlich nicht in mein Haus.«
-
-»Aber ich bin doch Ihr Verwandter!«
-
-»Für solche Verwandte dankt man. Und warum soll ich Ihnen nun noch Geld
-geben, sagen Sie doch selbst?«
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch, Nicolai Wszewolodowitsch, das kann ja nicht
-sein, Sie werden sich das doch noch überlegen, Sie werden doch nicht
-Hand an sich legen wollen ... was wird man denken, was wird man in der
-Gesellschaft sagen?«
-
-»Fürchte wahrlich sehr diese Gesellschaft! Habe ich doch Ihre Schwester
-geheiratet, als ich es wollte, damals, nach dem Gelage, auf die trunkene
-Wette hin, und jetzt zeige ich es öffentlich an ... wenn mir das jetzt
-Vergnügen macht.«
-
-Er sagte das ganz eigentümlich gereizt, so daß Lebädkin schon mit
-Entsetzen zu glauben begann.
-
-»Aber ich, was wird denn mit mir, die Hauptsache dabei bin doch ich! ...
-Sie scherzen vielleicht nur, Nicolai Wszewolodowitsch?«
-
-»Nein, ich scherze nicht.«
-
-»Wie Sie wollen, Nicolai Wszewolodowitsch, aber ich glaube Ihnen nicht
-... dann werde ich eine Bittschrift einreichen.«
-
-»Sie sind furchtbar dumm, Hauptmann.«
-
-»Meinetwegen, aber das ist doch alles, was mir übrigbleibt!« sagte der
-Hauptmann ganz wirr in seiner Benommenheit. »Früher gab man mir dort in
-den Winkeln für ihre Arbeit wenigstens ein Obdach, aber was soll denn
-jetzt aus mir werden, wenn Sie mich ganz fallen lassen?«
-
-»Aber Sie wollen doch nach Petersburg, um Ihre Karriere zu verändern.
-Übrigens, ist es wahr, daß Sie, wie ich hörte, beabsichtigten, zu
-denunzieren -- in der Hoffnung, begnadigt zu werden, wenn Sie die
-anderen anzeigen?«
-
-Der Hauptmann öffnete den Mund und riß die Augen auf, doch eine Antwort
-gab er nicht.
-
-»Hören Sie, Hauptmann,« begann plötzlich Stawrogin ungewöhnlich ernst
-und beugte sich ein wenig vor zum Tisch.
-
-Bis jetzt hatte er noch gewissermaßen zweideutig gesprochen, so daß
-Lebädkin, der sich nun einmal an die Rolle des Narren gewöhnt hatte,
-noch immer ein wenig im Zweifel war: ob sich sein Prinz Heinz in der Tat
-ärgerte oder ob er, als er von der Veröffentlichung seiner Heirat
-sprach, nur zu scherzen beliebte. Jetzt aber war der ungewöhnliche Ernst
-Stawrogins dermaßen überzeugend, daß dem Hauptmann plötzlich geradezu
-ein Frösteln über den Rücken lief.
-
-»Hören Sie, und sagen Sie die ganze Wahrheit, Lebädkin: haben Sie schon
-denunziert, oder noch nicht? Ist es Ihnen nicht schon gelungen, irgend
-etwas in der Hinsicht zu tun? Haben Sie nicht aus Dummheit schon
-irgendeinen Brief abgeschickt?«
-
-»Nein, noch nicht, und ... ich hab' nicht einmal daran gedacht!« und der
-Hauptmann sah ihn an, ohne sich zu rühren.
-
-»Nun, das lügen Sie, daß Sie daran noch nicht gedacht haben. Deswegen
-wollen Sie ja auch nach Petersburg. Aber wenn Sie noch nichts
-geschrieben haben, sollten Sie dann nicht hier irgend etwas mit irgend
-jemandem geschwätzt haben? Sagen Sie die Wahrheit. Ich habe so etwas
-gehört.«
-
-»In der Betrunkenheit mit Liputin. Liputin ist ein Verräter. Ich habe
-ihm nur mein Herz ausgeschüttet,« flüsterte der arme Hauptmann.
-
-»Nun ja, das eine Herz dem anderen Herzen, ich weiß schon, aber man
-braucht doch nicht gleich blödsinnig zu sein. Wenn Sie den Gedanken
-hatten, so hätten Sie ihn für sich behalten sollen. Heutzutage schweigen
-kluge Leute und reden nicht.«
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch,« -- der Hauptmann erzitterte. »Sie selbst
-haben sich doch an nichts beteiligt, ich hab doch nicht Sie ...«
-
-»Wie sollten Sie denn, bewahre, Ihre eigene Milchkuh!«
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch, so urteilen Sie doch selbst! So sagen Sie
-doch! ...«
-
-Und in der Verzweiflung begann er, mit Tränen in den Augen, sein Leben
-in diesen letzten vier Jahren zu erzählen. Es war die törichte
-Geschichte eines hereingefallenen Dummkopfs, der seine Nase in Sachen
-gesteckt, die nicht für ihn geschaffen waren, und deren Wichtigkeit er
-über Trinken und Schlemmen fast bis zum letzten Augenblick noch nicht
-begriffen hatte. Er erzählte, er habe sich schon in Petersburg »einfach
-verleiten lassen, aus reiner Freundschaft, wie ein treuer Student, das
-heißt, ohne eigentlich Student zu sein«, verschiedene Blätter durch die
-Türen, in die Schirme zu stecken, oder wie Zeitungen in die Briefkästen,
-und wo sich nur eine Gelegenheit bot, im Theater wie auf der Straße, in
-die Hüte oder Taschen zu befördern. Späterhin habe er auch Geld von
-ihnen genommen, denn »was sind denn meine Einnahmen, Sie wissen doch
-selbst!« Kurz, in zwei ganzen Gouvernements hatte er »allerlei Schund«
-verstreut.
-
-»Oh, Nicolai Wszewolodowitsch,« rief er aus, »am meisten hat mich
-empört, daß diese Papierlappen so ganz gegen alle bürgerlichen und
-besonders vaterländischen Gesetze waren! Da ist denn plötzlich gedruckt,
-sie sollen mit den Heugabeln kommen und nicht vergessen, daß, wer
-morgens arm ausgeht, abends reich zurückkommen kann -- stellen Sie sich
-doch nur so was vor! Ein Schauer faßt mich selber und doch stopfe ich
-die Schandblätter überall hin ... oder plötzlich fünf, sechs Zeilen an
-ganz Rußland, so, mir nichts, dir nichts, ganz einfach: >Schließt
-schnell die Kirchen, vernichtet Gott, löst die Ehe, hebt das Recht der
-Erbfolge auf, nehmt die Messer!< -- und das ist alles, und der Teufel
-weiß, was weiter. Und gerade mit diesem Papierchen, dem fünfzeiligen,
-bin ich dann beinahe hereingefallen, im Regiment haben mich die
-Offiziere verprügelt, aber dann -- Gott gebe ihnen Gesundheit! -- haben
-sie mich wieder laufen lassen. Doch im vorigen Jahre haben sie mich
-beinahe wirklich gepackt, wie ich Fünfzigrubelscheine, französische
-Kopien, Korowajeff übergab. Aber, Gott sei Dank, Korowajeff ertrank bald
-darauf in betrunkenem Zustande im Teich -- und man konnte nichts gegen
-mich unternehmen. Hier bei Wirginski hatte er noch die Freiheit der
-sozialen Frau verkündet. Im Juni hab ich wieder im ...schen Kreise alles
-mögliche herumgestreut. Die sagen, ich müsse bald wieder ... Pjotr
-Stepanowitsch gibt plötzlich zu verstehen, daß ich gehorchen muß und
-droht mir einfach. Aber wie hat er mich damals am Sonntag behandelt!
-Nicolai Wszewolodowitsch, ich bin ein Sklave, ein Wurm, aber kein Gott
--- nur dadurch unterscheide ich mich von Dershawin. Doch was sind denn
-meine Einnahmen? Sie wissen ja selbst!«
-
-Stawrogin hatte ihm aufmerksam zugehört.
-
-»Vieles war mir davon ganz unbekannt,« sagte er; »mit Ihnen konnte
-selbstverständlich alles geschehen ... Hören Sie,« er dachte ein wenig
-nach, »wenn Sie wollen, so sagen Sie ihnen -- Sie wissen schon, wem --,
-daß Liputin gelogen hat und daß Sie nur mich mit einer Denunziation
-hätten schrecken wollen, in der Annahme, auch ich sei kompromittiert ...
-um auf diese Weise mehr Geld aus mir herauszubekommen ... Verstanden?«
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch, Liebling, Täubchen, droht mir denn wirklich
-solch eine Gefahr? Ich habe ja nur auf Sie gewartet, um Sie das fragen
-zu können!«
-
-Stawrogin lachte kurz auf.
-
-»Nach Petersburg wird man Sie natürlich nicht lassen, selbst wenn ich
-Ihnen das Geld zur Reise geben wollte ... Übrigens, es ist Zeit, zu
-Marja Timofejewna zu gehen.« Er erhob sich.
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch, aber wie wird das nun mit ihr, mit Marja
-Timofejewna?«
-
-»Ja, so, wie ich sagte.«
-
-»Ist das denn wirklich wahr?«
-
-»Sie glauben noch immer nicht?«
-
-»Wollen Sie mich denn wirklich so liegen lassen, wie einen alten,
-vertragenen Stiefel?«
-
-»Ich werde sehen,« meinte Stawrogin halb lachend. »Nun, lassen Sie
-mich.«
-
-»Wünschen Sie nicht, daß ich so lange auf der Treppe stehe ... damit ich
-nicht irgendwie versehentlich zuhöre ... die Zimmerchen sind klein.«
-
-»Das ist recht. Warten Sie ein wenig auf der Treppe. Nehmen Sie meinen
-Regenschirm.«
-
-»Ihren Regenschirm, Ihren ... bin ich denn das wert?« fragte der
-Hauptmann unterwürfig.
-
-»Einen Schirm ist jeder wert.«
-
-»Mit einem Schlage treffen Sie wieder das Minimum der menschlichen
-Rechte ...« sagte Lebädkin, doch schon mehr mechanisch: er war doch gar
-zu bedrückt und eigentlich ganz wie vor den Kopf geschlagen. Einstweilen
-aber, fast gleich darauf, als er den Schirm über sich aufgeschlagen
-hatte, begann sich in seinem leichtsinnigen Gehirn schon ein äußerst
-beruhigender Gedanke mehr und mehr auszubreiten: wie, wenn man ihn bloß
-betrügen wollte und ihn belog? War dem aber so, dann fürchtete man sich
-also vor ihm und -- wozu sollte _er_ sich dann noch fürchten?
-
-»Wenn man lügt und betrügt, so tut man das doch stets aus irgend einem
-Grunde -- was für einer mag das nun hier sein?« krabbelte es in seinem
-Kopf herum. Die Veröffentlichung der Heirat schien ihm Blödsinn zu sein:
-»Aber weiß Gott: bei diesem Wundertäter ist nichts unmöglich, -- lebt ja
-überhaupt nur zu dem Zweck, um die Menschen zu ärgern! Wie aber, wenn er
-Angst vor mir bekommen hat nach dem Sonntag? Hm ... und noch so, wie nie
-zuvor? Da ist er nun hergeeilt, um zu versichern, daß er selbst alles
-bekanntmachen werde, aus Angst, ich könnte es sonst tun. Lebädkin, sieh
-dich vor, schieß keinen Bock! Hm! ... Und warum kommt er denn heimlich
-in der Nacht, wenn er's selbst ausblasen will? Aber wenn er sich
-fürchtet, so fürchtet er sich jetzt, fürchtet gerade für diese paar
-Tage. Hm! ... paß auf, Lebädkin! ...«
-
-»Schreckt mich mit Pjotr Stepanowitsch! Da kann einem ganz angst und
-bange werden -- gerade, was _das_ betrifft! Hm ... weiß Gott! wahrhaftig
-angst und bange. Was plagte mich nur, diesem Liputin, solch einem ...
-Der Teufel mag wissen, was diese Beelzebuben da im Spiele haben -- bin
-nie draus klug geworden! Haben sich jetzt wieder eingefunden, genau wie
-vor fünf Jahren ... Ja, wem hätt' ich's denn sagen sollen? >Haben Sie
-nicht aus Dummheit irgend jemandem geschrieben?< Hm! Also kann man auch
-unter dem Anschein großer Dummheit schreiben? War das vielleicht gar ein
-Rat? >Deswegen wollen Sie ja nach Petersburg.< Der Schuft! Ich hab's
-bloß mal geträumt, er aber hat sogar den Traum schon erraten! Ganz als
-ob er selber zur Reise nach Petersburg raten möchte. Hm! Hier werden
-wohl zwei Sachen im Spiele sein: entweder er fürchtet sich selber, weil
-er wieder was Schönes angerichtet hat, oder ... oder er fürchtet selbst
-überhaupt nichts und schubst nur mich, damit ich sie alle da anzeige!
-Ach, Lebädkin, da kann einem wahrhaftig angst und bange werden! Wenn man
-dabei nur keinen Bock schießt! ...«
-
-Und er kam dermaßen ins Nachdenken, daß er selbst das Lauschen vergaß.
-Übrigens wäre es ihm auch schwer gefallen, etwas zu verstehen; die Tür
-war nicht dünn und das Gespräch wurde nur leise geführt -- nur hin und
-wieder drang ein unklarer Laut bis zu ihm. Endlich spuckte er aus und
-trat wieder aus dem Flur auf die Treppe hinaus, wo er in Gedanken leise
-vor sich hin pfiff.
-
-
- III.
-
-Das Zimmer, in dem Marja Timofejewna saß, war fast zweimal so groß wie
-das erste, das der Hauptmann bewohnte. Alle Gegenstände der Einrichtung
-waren von derselben einfachsten Art, doch der Tisch vor dem Sofa war mit
-einem geblümten Paradetischtuch bedeckt, und auf ihm stand eine
-brennende Lampe. Über den ganzen ungestrichenen Fußboden hatte man einen
-schönen Teppich gebreitet und die Bettstelle mit einem grünen Vorhang
-völlig abgeteilt. Außerdem befand sich in dem Zimmer noch ein großer
-weicher Lehnstuhl, in den sich aber Marja Timofejewna niemals setzte. In
-der einen Ecke hing ganz wie in der alten Wohnung ein Heiligenbild, vor
-dem das Lämpchen brannte, und ganz wie damals lagen auch jetzt wieder
-die unvermeidlichen Sachen auf dem Tisch vor Marja Timofejewna: ein
-Spiel Karten, ein kleiner Spiegel, das Liederbuch und auch wieder eine
-Semmel. Hinzugekommen waren nur zwei kleine Bücher mit bunten Bildern,
-von denen das eine für die Jugend bearbeitete Reisebeschreibungen
-enthielt, das andere kleine moralische Erzählungen, vornehmlich
-Rittergeschichten -- so ein Buch für den Weihnachtstisch oder junge
-Mädchen im Institut. Marja Timofejewna hatte natürlich den Gast
-erwartet, doch als Stawrogin eintrat, schlief sie halb liegend auf dem
-Sofa, auf ein hartes Kissen gebeugt. Der Gast schloß unhörbar die Tür
-hinter sich und begann, ohne sich von der Stelle zu rühren, die
-Schlafende zu betrachten.
-
-Der Hauptmann hatte übertrieben, als er sagte, sie habe sich besonders
-geputzt. Sie war in demselben dunklen Kleide, in dem sie am Sonntag bei
-Warwara Petrowna gewesen war. Das Haar hatte sie im Nacken ebenso zu
-einem winzigen Knoten zusammengesteckt, und der lange magere Hals war
-genau so wie damals entblößt. Der schwarze Shawl, den Warwara Petrowna
-ihr geschenkt hatte, lag sorgfältig zusammengefaltet neben ihr auf dem
-Sofa. Sie war wie gewöhnlich ungeschickt gepudert und geschminkt.
-Stawrogin stand noch nicht eine Minute, als sie plötzlich, als hätte sie
-seinen Blick gefühlt, erwachte, die Augen aufschlug und sich schnell aus
-der halb liegenden Stellung aufrichtete. Doch offenbar ging auch in dem
-Gast etwas Sonderbares vor: er blieb auf demselben Fleck an der Tür
-stehen und rührte sich nicht; regungslos und mit durchdringendem Blick
-fuhr er fort, ihr wortlos und beharrlich ins Gesicht zu sehen.
-Vielleicht war dieser Blick übermäßig hart, vielleicht drückte sich in
-ihm Ekel aus, oder sogar schadenfroher Genuß an ihrem Schreck -- wenn
-das nicht Marja Timofejewna nach dem Erwachen nur so schien. Doch wie
-dem auch war, jedenfalls drückte sich im Gesicht der Armen plötzlich,
-nach fast minutenlangem Warten, vollständiges Entsetzen aus: ein
-krampfartiges Zucken lief durch ihre Züge, sie erhob ihre bebenden
-Hände, wie zur Abwehr, und plötzlich begann sie zu weinen, genau so, wie
-ein erschrecktes Kind; noch ein Augenblick -- und sie hätte geschrien.
-Doch der Gast kam zur Besinnung: in einer Sekunde veränderte sich sein
-ganzes Gesicht, und mit dem freundlichsten, liebenswürdigsten Lächeln
-trat er an den Tisch.
-
-»Verzeihen Sie mir, ich habe Sie erschreckt, Marja Timofejewna, Sie
-schliefen und ich bin so unbemerkt eingetreten,« sagte er und streckte
-ihr die Hand entgegen.
-
-Der Ton der freundlichen Worte tat seine Wirkung: der Schreck verschwand
-aus ihrem Gesicht, wenn sie ihn auch immer noch angstvoll anblickte,
-augenscheinlich bemüht, sich irgend etwas zu erklären. Ängstlich
-streckte sie ihm die Hand entgegen und schließlich zuckte denn auch ein
-schüchternes Lächeln um ihre Lippen.
-
-»Guten Tag, Fürst,« flüsterte sie und sah ihn dabei ganz sonderbar und
-aufmerksam an.
-
-»Sie haben wohl einen bösen Traum gehabt?« fragte er und lächelte noch
-liebenswürdiger, noch freundlicher.
-
-»Wie können Sie wissen, daß mir _davon_ geträumt hat?«
-
-Und plötzlich erbebte sie wieder, taumelte erschrocken zurück, erhob wie
-zur Abwehr die Hand und wieder verzog sich ihr Gesicht, wie das eines
-kleinen Kindes, das weinen will.
-
-»Aber so beruhigen Sie sich doch! Warum fürchten Sie sich? Haben Sie
-mich denn wirklich nicht erkannt?« redete ihr Nicolai Wszewolodowitsch
-zu, doch diesmal konnte er sie lange nicht beruhigen.
-
-Schweigend sah sie ihn an und noch immer lag in ihrem fragenden Blick
-ein quälender Zweifel, irgend ein schwerer Gedanke, den ihr armer Kopf
-nicht zu fassen vermochte. Dabei war es, als strenge sie sich krampfhaft
-an, irgend etwas zu Ende zu denken. Bald senkte sie die Augen, bald
-schlug sie sie plötzlich wieder auf und überflog ihn mit einem
-schnellen, umfassenden Blick. Endlich schien sie sich -- zwar nicht
-beruhigt, aber doch wie zu etwas entschlossen zu haben.
-
-»Setzen Sie sich, bitte, neben mich, damit ich Sie nachher gut sehen
-kann,« sagte sie ziemlich fest, augenscheinlich mit einer ganz
-bestimmten und neuen Absicht. »Aber jetzt seien Sie ganz ruhig, denn ich
-werde Sie nicht ansehen, und auch Sie sollen mich nicht ansehen, so
-lange nicht, bis ich Sie selbst darum bitte. Setzen Sie sich nun!« fügte
-sie plötzlich sogar mit Ungeduld hinzu.
-
-Die neue Empfindung bemächtigte sich ihrer sichtlich immer mehr.
-
-Stawrogin setzte sich und wartete; ein Schweigen begann und dauerte
-ziemlich lange.
-
-»Hm! Sonderbar erscheint mir das alles,« murmelte sie plötzlich und fast
-wie angeekelt. »Mich haben natürlich schlechte Träume bestrickt; nur --
-warum mußten gerade Sie mir in eben dieser Gestalt im Traume
-erscheinen?«
-
-»Lassen wir jetzt die Träume,« unterbrach er sie ungeduldig und wandte
-sich zu ihr, trotz des Verbotes, sie anzusehen, und vielleicht blitzte
-flüchtig wieder jener Ausdruck von vorhin in seinen Augen auf. Er sah,
-daß sie mehrmals und sogar sehr gern zu ihm aufblicken wollte, sich
-jedoch jedesmal bezwang und hartnäckig den Blick zu Boden gesenkt hielt.
-
-»Hören Sie, Fürst,« sagte sie plötzlich lauter. »Hören Sie, Fürst ...«
-
-»Warum wenden Sie sich von mir ab, warum sehen Sie mich nicht an, was
-soll diese ganze Komödie?« rief er geärgert, da ihm die Geduld riß.
-
-Sie aber schien ihn überhaupt nicht zu hören.
-
-»Hören Sie, Fürst,« wiederholte sie zum drittenmal mit fester Stimme und
-mit einem unangenehmen, geschäftigen Ausdruck im Gesicht. »Als Sie mir
-damals in der Equipage sagten, die Heirat werde jetzt öffentlich
-bekanntgemacht werden, da erschrak ich schon damals, weil dann das
-Geheimnis doch aufhören würde. Jetzt aber weiß ich gar nicht mehr ...
-Ich habe die ganze Zeit gedacht, und sehe nun deutlich, daß ich nicht
-dazu tauge. Zu putzen würde ich mich schon verstehen, zu empfangen
-schließlich auch: als ob es wunder wie schwer wäre, zu einer Tasse Tee
-einzuladen, besonders wenn man noch Diener in Livree hat! Aber immerhin,
-wenn man so von der Seite sehen wird ... Ich habe damals, am Sonntag
-vormittag, vieles in jenem Hause gesehen. Dieses hübsche Fräulein hat
-mich die ganze Zeit angesehen, besonders als Sie eintraten. Das waren
-doch Sie, der eintrat, nicht? Ihre Mutter war nur eine drollige alte
-Dame. Mein Lebädkin hat sich auch ausgezeichnet. Um nicht über ihn
-lachen zu müssen, hab ich immer zur Zimmerdecke hinaufgeschaut, schön
-war sie da bemalt! _Seine_ Mutter aber müßte nur Äbtissin sein. Ich
-fürchte mich vor ihr, wenn sie mir auch den schwarzen Schal geschenkt
-hat. Die haben mich damals wohl alle nur als Überraschung empfunden; das
-kränkt mich ja nicht, nur saß ich dort so und dachte bei mir: was bin
-ich denn für die hier für eine Verwandte? Ich weiß wohl, von einer
-Gräfin verlangt man nur seelische Eigenschaften -- denn für die
-wirtschaftlichen hat sie doch viele Diener -- und dann noch so ein
-bißchen gesellschaftliche Koketterie, damit sie ausländische Reisende zu
-empfangen versteht. Aber trotzdem, damals am Sonntag sahen sie mich doch
-ganz ohne Vertrauen an. Nur Dascha ist ein Engel. Ich fürchte sehr, daß
-sie _ihn_ irgendwie mit einer unvorsichtigen Bemerkung über mich kränken
-könnten.«
-
-Stawrogin verzog den Mund.
-
-»Fürchten Sie sich nicht und machen Sie sich keine Sorgen,« sagte er.
-
-»Aber das machte mir ja auch nichts aus, selbst wenn er sich meinetwegen
-ein wenig schämen sollte, denn es wäre doch immer mehr Mitleid als
-Schande dabei, denke ich -- freilich, je nach dem, wie der Mensch selbst
-ist. Denn er weiß doch, daß eher ich sie bemitleiden kann, nicht aber
-sie mich.«
-
-»Sie haben sich wohl sehr gekränkt gefühlt, Marja Timofejewna?«
-
-»Wer, ich? Nein.« Sie lachte gutmütig. »Nicht ein bißchen. Ich sah mir
-damals nur alle so an und dachte so bei mir: alle ärgert ihr euch, alle
-seid ihr entzweit; nicht einmal zusammenzukommen und von Herzen zu
-lachen verstehen sie. So viel Reichtum, und dabei so wenig Fröhlichkeit
--- traurig war mir das alles. Übrigens, jetzt tut mir niemand leid,
-außer mir selbst.«
-
-»Ich hörte, Sie hätten mit Ihrem Bruder ein schlechtes Leben gehabt,
-ohne mich?«
-
-»Wer hat Ihnen das gesagt? Unsinn! Jetzt ist es viel schlechter: jetzt
-sind die Träume schlecht, und schlecht sind die Träume deshalb geworden,
-weil Sie angekommen sind. Sie aber, fragt es sich, warum sind Sie denn
-hergekommen, sagen Sie das doch gefälligst!«
-
-»Wollen Sie nicht wieder ins Kloster gehen?«
-
-»So, das ahnte ich ja, daß man mir wieder das Kloster vorschlagen wird!
-Als ob euer Kloster da Gott weiß was für ein Wunderding wäre! Und warum
-soll ich denn wieder ins Kloster gehen, und womit soll ich denn jetzt
-noch dorthin? Jetzt bin ich doch schon ganz und gar allein! Es ist zu
-spät für mich, ein drittes Leben anzufangen.«
-
-»Sie scheinen sich über irgend etwas sehr zu ärgern, -- fürchten Sie
-nicht schon, daß ich aufgehört haben könnte, Sie zu lieben?«
-
-»Ach, um Sie mache ich mir ja gar keinen Kummer. Ich fürchte nur für
-mich, daß ich selbst aufhören könnte, jemanden sehr zu lieben.«
-
-Sie lächelte verächtlich.
-
-»Ich werde wohl vor _ihm_ in etwas sehr Großem schuldig sein,« sagte sie
-plötzlich wie zu sich selbst. »Nur weiß ich nicht, worin ich schuldig
-sein könnte, und das ist nun mein ewiges Leid. Immer und immer, diese
-ganzen fünf Jahre, habe ich Tag und Nacht gebangt, daß ich vor ihm
-schuldig sein könnte. Und da bete ich denn lange und bete und denke
-immer an meine große Schuld vor ihm. Und nun hat es sich auch richtig
-herausgestellt, daß ich wahr gefühlt habe.«
-
-»Was hat sich herausgestellt?«
-
-»Nur fürchte ich, ob da nicht etwas von _ihm_ aus geschieht,« fuhr sie
-fort, ohne auf die Frage zu antworten, die sie vielleicht überhaupt
-nicht gehört hatte. »Und doch, wie könnte er sich denn mit solchen
-Leutchen zusammentun! Die Gräfin würde mich wohl gern verschlingen,
-obschon sie mich in ihre Karosse gesetzt hat. Alle sind sie an der
-Verschwörung beteiligt -- sollte auch _er_ es sein!? Sollte auch er ein
-Verräter sein?« (Ihr Kinn und ihre Lippen begannen zu zittern.) »Hören
-Sie, haben Sie von Grischka Otrepjeff gelesen, dem falschen Demetrius,
-der in sieben Kathedralen verflucht ward?«
-
-Stawrogin schwieg.
-
-»Aber ja, jetzt werde ich mich zu Ihnen wenden und werde Sie ansehen,«
-entschloß sie sich plötzlich. »Wenden Sie sich auch zu mir und sehen Sie
-mich an, aber recht aufmerksam: ich will mich zum letztenmal
-überzeugen.«
-
-»Ich sehe Sie schon lange an.«
-
-»Hm!« sagte Marja Timofejewna und betrachtete ihn angestrengt.
-
-»Viel dicker sind Sie geworden ...«
-
-Sie wollte noch etwas sagen, doch plötzlich ergriff der frühere Schreck
-sie wieder und zum drittenmal fuhr sie mit geradezu entsetztem Gesicht
-zurück und erhob dabei wieder wie zur Abwehr die Hand.
-
-»Was haben Sie nur, was fehlt Ihnen?« rief Stawrogin wütend.
-
-Doch der Schreck dauerte nur einen Augenblick; ihr Gesicht verzog sich
-zu einem sonderbaren, mißtrauischen, unangenehmen Lächeln.
-
-»Ich bitte Sie, Fürst, stehen Sie auf und treten Sie ein,« sagte sie
-plötzlich sehr bestimmt und mit fester Stimme.
-
-»Wie, eintreten? Wohin eintreten?«
-
-»Diese ganzen fünf Jahre habe ich mir immer nur vorgestellt, wie das
-sein wird, wenn Er eintritt. Stehen Sie auf und gehen Sie ins andere
-Zimmer, hinter die Tür. Ich werde dann hier sitzen, als erwartete ich
-nichts, und werde ein Buch in die Hand nehmen. Und plötzlich treten Sie
-dann ein, nach fünf Jahren, und sind von der Reise zurückgekehrt. Ich
-möchte sehen, wie das sein wird.«
-
-Stawrogin knirschte mit den Zähnen und murmelte etwas Unverständliches.
-
-»Genug,« sagte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich
-bitte Sie, Marja Timofejewna, mich jetzt anzuhören. Haben Sie die Güte,
-Ihre ganze Aufmerksamkeit zusammen zu nehmen, wenn Sie es können. Sie
-sind doch nicht total verrückt!« entfuhr es ihm in der Gereiztheit.
-»Morgen werde ich unsere Ehe bekanntmachen. Sie werden nie in Schlössern
-wohnen -- fassen Sie sich, bitte! Wollen Sie nun mit mir zusammenwohnen,
-das ganze Leben, aber nur sehr weit von hier? Das wäre in der Schweiz,
-in den Bergen, dort gibt es einen Ort ... Beunruhigen Sie sich nicht,
-ich werde Sie niemals verlassen, oder in eine Irrenanstalt stecken. Geld
-werde ich noch genug haben, um nicht für uns betteln zu müssen. Sie
-werden ein Dienstmädchen haben; Sie werden keine einzige Arbeit zu
-verrichten brauchen. Alles, was Sie innerhalb der Grenzen des Möglichen
-wünschen, wird Ihnen verschafft werden. Sie werden beten und tun können,
-was Sie wollen, und gehen können wohin Sie wollen. Ich werde Sie nicht
-anrühren. Und auch ich werde diesen Ort nie mehr verlassen. Wenn Sie
-wollen, werde ich das ganze Leben lang kein Wort mit Ihnen sprechen,
-oder, wenn Sie wollen, so erzählen Sie mir abends, wie damals in
-Petersburg in den Winkeln, Ihre kleinen Geschichten. Oder ich kann Ihnen
-auch vorlesen, wenn Sie zum Zuhören Lust haben. Aber dafür das ganze
-Leben so an einem einzigen Ort -- und es ist ein düsterer Ort. Wollen
-Sie? Können Sie sich entschließen? Und werden Sie es auch nie bereuen,
-werden Sie mich nie peinigen mit Tränen und Verwünschungen?«
-
-Sie hatte ihm mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zugehört, darauf schwieg
-sie lange und dachte nach.
-
-»Unwahrscheinlich kommt mir das alles vor,« sagte sie endlich spöttisch
-und launisch. »So könnte ich ja womöglich noch vierzig Jahre in jenen
-Bergen leben.«
-
-Sie begann zu lachen.
-
-»Nun, dann leben wir eben noch vierzig Jahre,« sagte er mit stark
-gerunzelter Stirn.
-
-»Hm! ... Um keinen Preis fahre ich dorthin.«
-
-»Sogar mit mir nicht?«
-
-»Wer sind Sie denn, daß ich mit Ihnen fahren sollte? Vierzig Jahre
-nacheinander mit ihm auf einem Berge sitzen -- hört doch, womit er mir
-kommt! Was doch die Menschen heutzutage geduldig geworden sind! Aber
-nein, es kann doch nicht sein, daß ein Falke zum Uhu ward. Nicht so ist
-mein Fürst!« und sie hob stolz und triumphierend den Kopf.
-
-Da war es ihm, als ginge ihm plötzlich etwas auf.
-
-»Warum nennen Sie mich Fürst und ... für wen halten Sie mich überhaupt?«
-fragte er schnell.
-
-»Wie? Sind Sie denn kein Fürst?«
-
-»Ich bin niemals Fürst gewesen.«
-
-»Und das gestehen Sie mir noch, so einfach, so ganz offen, mir ins
-Gesicht, daß Sie kein Fürst sind!«
-
-»Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich nie einer gewesen bin.«
-
-»Mein Gott!« Sie schlug die Hände zusammen. »Alles habe ich von _seinen_
-Feinden erwartet, aber solche Dreistigkeit doch wirklich nicht! Lebt
-_er_ überhaupt noch?« rief sie außer sich und rückte auf ihn zu. »Hast
-du ihn getötet oder nicht, gestehe!«
-
-»Für wen hältst du mich?« rief er aufspringend und sah sie an mit
-verzerrtem Gesicht.
-
-Aber es war schwer, sie jetzt noch zu erschrecken. Sie triumphierte
-bereits.
-
-»Wer kann es denn wissen, was du bist und woher du kommst! Nur mein
-Herz, mein Herz hat in all diesen fünf Jahren die ganze Intrige geahnt!
-Und da sitze ich nun und wundere mich: was ist das doch für eine blinde
-Eule, die heute zu mir gekommen ist? Nein, mein Lieber, du bist ein
-schlechter Schauspieler, sogar schlechter als mein Lebädkin. Grüße die
-Gräfin von mir recht höflich und richte ihr aus, sie solle doch einen
-schicken, der etwas gewandter ist als du. Hat sie dich gemietet, sag?
-Sonst dienst du wohl in ihrer Küche, wo sie dich vielleicht aus Gnade
-und Barmherzigkeit hält! Ich durchschaue ja euren ganzen Betrug, euch
-alle, bis auf den letzten durchschaue ich!«
-
-Er faßte sie mit fester Kraft am Arm, über dem Ellenbogen; sie aber
-lachte ihm ins Gesicht.
-
-»Ähnlich bist du ihm, ja, sehr ähnlich, vielleicht bist du auch verwandt
-mit ihm, -- schlaues Volk! Nur ist _meiner_ ein lichter Falke und ein
-Fürst, du aber bist eine Eule und ein Krämer! Wenn _meiner_ will, so
-beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor
-Gott nicht! Dich aber hat Schatuschka (der Gute, der Liebe, mein
-Täubchen Schatuschka!) ins Gesicht geschlagen, wie Lebädkin erzählte.
-Und warum wurdest du damals so feig, als du hereinkamst? Was schreckte
-dich denn? Wie ich es sah, dein gemeines Gesicht, als ich fiel und du
-mich auffingst -- da kroch es mir wie ein Wurm ins Herz: das ist nicht
-_er_, denke ich, nicht _er_! Würde sich doch mein Falke meiner nie vor
-einem vornehmen Fräulein geschämt haben! O Gott! Machte mich doch schon
-der Gedanke glücklich, in diesen ganzen fünf Jahren, daß mein Falke dort
-irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut ... Sag,
-Usurpator, hast du viel genommen? Hast wohl für großes Geld
-eingewilligt? Ich hätte dir keinen Groschen gegeben! Ha--ha--ha!
-Ha--ha--ha! ...«
-
-»Idiotin!« knirschte Stawrogin, der sie immer noch am Arm gepackt hielt.
-
-»Fort, Usurpator!« rief sie plötzlich befehlend. »Ich bin meines Fürsten
-Frau und fürchte mich nicht vor deinem Messer!«
-
-»Messer!«
-
-»Ja, Messer! Du hast ein Messer in der Tasche. Du glaubtest wohl, ich
-schlief, aber ich habe alles gesehen: als du vorhin eintratest, zogst du
-ein Messer hervor!«
-
-»Was hast du gesagt, Unglückliche, was träumst du für Träume!« schrie er
-sie an und stieß sie aus aller Kraft von sich fort, so daß sie sogar
-schmerzhaft mit dem Kopf und den Schultern an die Sofalehne schlug.
-
-Er stürzte hinaus; sie aber sprang sofort auf und lief ihm hinkend und
-humpelnd nach, doch erst auf der kleinen Treppe, wo sie von dem
-erschreckten Lebädkin mit aller Gewalt zurückgehalten wurde, gelang es
-ihr noch, ihm kreischend und mit Gelächter durch die Finsternis
-nachzurufen:
-
-»Der falsche Demet--rius ward ver--flucht!«
-
-
- IV.
-
-»Ein Messer, ein Messer!« wiederholte Stawrogin immer wieder in
-unstillbarem Haß, während er mit großen Schritten in den Straßenschlamm
-und die Regenpfützen trat, ohne auf den Weg zu achten. Und plötzlich,
-auf Augenblicke, erfaßte ihn eine unbändige Lust zu lachen, laut und
-toll; aber aus irgendeinem Grunde bezwang er sich und unterdrückte das
-Lachen. Er kam erst wieder zu sich, als er schon auf der Brücke war,
-gerade an der Stelle, wo ihn vorhin Fedjka angeredet hatte. Und dieser
-selbe Fedjka wartete hier auch jetzt, zog, als er Stawrogin erblickte,
-die Mütze, grinste heiter, und schloß sich ihm, keck und lustig
-losplaudernd, wieder ohne Bedenken an. Stawrogin ging zunächst
-unverändert weiter, ja, er achtete gar nicht darauf, vernahm nicht
-einmal, was der Strolch, der sich ihm wieder zugesellt hatte, da
-schwatzte. Auf einmal fiel ihm aber ein -- und er wunderte sich darüber
--- daß ihm dieser Zuchthäusler gerade in der Zeit gar nicht in den Sinn
-gekommen war, als er selbst innerlich in einemfort »Ein Messer, ein
-Messer!« gemurmelt hatte.
-
-Und plötzlich packte er ihn blitzschnell am Kragen und riß ihn aus aller
-Kraft mit der ganzen in ihm angesammelten Wut zu Boden, daß er nur so
-auf die Brücke krachte. Einen Augenblick gedachte dieser wohl sich zu
-wehren, sagte sich aber sofort, daß er gegen einen solchen Gegner, der
-ihm zudem noch so überraschend zuvorgekommen war, ungefähr wie ein
-Strohhälmchen unmöglich aufkommen konnte. Und so verharrte er denn, halb
-kniend zu Boden gedrückt, die Ellenbogen auf den Rücken gerissen, wie
-ihn Stawrogin hielt, lautlos und reglos, sogar ohne den geringsten
-Widerstand auch nur zu versuchen, und wartete ruhig in schlauer Klugheit
-ab, was nun kommen werde. Ja, wie es schien, glaubte er überhaupt nicht
-an eine ernste Gefahr für sich.
-
-Und er täuschte sich nicht. Stawrogin hatte sich zwar schon mit der
-linken Hand das Halstuch abgerissen, um seinen Gefangenen zu binden,
-doch plötzlich, Gott weiß weshalb, gab er es auf und stieß ihn nur von
-sich. Im Augenblick stand Fedjka auf den Füßen, wandte sich um, und ein
-kurzes, breites Messer blitzte in seiner Hand.
-
-»Fort das Messer! Steck es sofort ein! Sofort!« _befahl_ Stawrogin mit
-ungeduldiger Geste -- und das Messer verschwand ebenso schnell, wie es
-aufgetaucht war.
-
-Nicolai Wszewolodowitsch ging darauf wieder stumm und ohne sich
-umzusehen weiter: aber der hartnäckige Verbrecher folgte ihm doch --
-diesmal freilich ohne zu schwatzen, vielmehr in respektvoller
-Entfernung, einen ganzen Schritt hinter ihm. So gingen sie über die
-ganze Brücke und kamen ans Ufer, wo Stawrogin diesmal nach links bog, in
-eine lange, öde Gasse, denn das war ein näherer Weg zur inneren Stadt,
-als der über die Bogojawlenskstraße.
-
-»Ist es wahr, man sagt, du hättest hier in der Umgegend in diesen Tagen
-eine Kirche geplündert?« fragte Stawrogin plötzlich.
-
-»Gnädiger Herr, eigentlich ging ich zuerst nur hin, um zu beten,«
-antwortete Fedjka gesetzt und höflich, und als ob nicht das Geringste
-vorgefallen wäre. Ja, nicht nur gesetzt, sondern geradezu würdevoll
-sagte er es, und von der früheren »freundschaftlichen« Familiarität war
-auch nicht eine Spur mehr zu bemerken. Er war in diesem Augenblick ganz
-wie ein ernster, sachlicher Mensch, den man grundlos gekränkt hat, der
-aber auch Kränkungen zu vergessen versteht.
-
-»Doch wie mich da unser Herrgott hingeführt hatte,« fuhr er fort, »ach,
-du himmlisches Gnadenkraut, denke ich! Nur von wegen meiner Verwaistheit
-ist ja das alles geschehen, denn in unserem Leben geht's nu mal gar nich
-ohne Unterstützung. Und sehen Sie, glauben Sie mir, gnädiger Herr, zu
-seinem eigenen Nachteil hat der Herr mich hingeführt: hab' für die
-Sachen im ganzen nur zwölf Rubelchen bekommen. Des heiligen Nicolai
-silbernes Kinnband aber ist fast auf den Kauf gegangen: semiliert, sagte
-man.«
-
-»Du hast vorher den Wächter erstochen?«
-
-»Nee, das heißt, wir haben's ja beide gemacht, der Wächter und ich, und
-dann erst, am Morgen, am Flüßchen, kam's zum Streit, wer den Sack tragen
-sollte. Da sündigte ich, erleichterte ihn ein klein wenig.«
-
-»Erstich noch, stiehl noch!«
-
-»Ganz dasselbe rät mir auch Pjotr Stepanowitsch, mit genau denselben
-Worten, da er mir selber nie nich was geben will, denn er ist halt
-geizig und hartherzig in Fragen wie Unterstützung. Außerdem, daß er an
-den himmlischen Schöpfer, der uns doch allesamt aus einem Erdkloß
-gemacht hat, nich für eine Kopeke glaubt. Er sagt, alles hat die Natur
-gemacht, sogar jedes letzte Tier, und überdies begreift er schon ganz
-und gar nich, daß uns in unserem Leben ohne milde Unterstützung
-überhaupt nichts möglich ist. Fängst du ihm was zu erklären an, glotzt
-er wie ein Schaf ins Wasser: nur so wundern kannst du dich über ihn.
-Aber werden Sie es wohl glauben, gnädiger Herr, beim Hauptmann Lebädkin
-beispielsweise, wo Sie soeben besuchten, da kam's vor, als er noch vor
-Ihnen bei Filippoff wohnte, daß die Tür die ganze Nacht unverschlossen
-steht, schläft selbst vollgesoffen wie ein Fisch, und das Geld, das
-kullert nur man so aus allen Taschen auf die Diele. 's kam vor, daß
-man's mit eigenen leibhaftigen Augen sah, denn nach unserer Meinung, daß
-man ohne milde Unterstützung was könnte, daran ist schon gar nich zu
-denken ...«
-
-»Wie das, mit eigenen Augen? Bist du etwa in der Nacht hingegangen?«
-
-»Vielleicht bin ich auch hingegangen, nur weiß das niemand nich.«
-
-»Warum hast du ihn denn nicht erstochen?«
-
-»Hab erst nachgezählt und mich dann bedacht. So wußte ich denn, daß ich
-immer hundertfünfzig Rubel rausnehmen kann, aber warum soll ich denn
-das, wenn ich ganze tausendfünfhundert kriegen kann, wenn ich nur eben
-jetzt ein wenig warte? Denn Hauptmann Lebädkin hat immer sehr auf Sie
-gebaut, hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, wenn er voll war, und es
-gibt hier überhaupt keine Schenke mehr, wo er nich dasselbe genau so
-wiederholt hat. Das hab ich auch noch von anderen gehört, und so begann
-ich nun gleichfalls, meine ganze Hoffnung auf den gnädigen Herrn zu
-setzen. Ich bin wirklich zu Ihnen, gnädiger Herr, wie zu meinem Vater
-oder leiblichen Bruder, denn Pjotr Stepanowitsch wird darüber niemals
-was von mir zu hören bekommen und auch sonst keine einzige Seele. Also
-deshalb meine ich, der gnädige Herr könnte mir doch wirklich jetzt mit
-drei Rubelchen wohlwollen? Wenn der gnädige Herr mir nur somit klar zu
-verstehen geben wollte, damit ich dann die Wahrheit weiß, denn für
-unsereins ist's nun einmal ohne milde Unterstützung ganz und gar
-unmöglich.«
-
-Da lachte Stawrogin laut auf, zog aus der Tasche sein Portemonnaie, in
-dem an fünfzig Rubel in kleineren Scheinen waren, und warf einen Schein
-aus dem Paket ihm zu, dann noch einen, dann einen dritten, vierten,
-fünften. Fedjka fing sie in der Luft auf, sprang hin und her, die
-Banknoten flatterten, fielen in den Schmutz, immer gieriger griff er
-nach ihnen, und immer erregter stieß er dabei ein kurzes »Äch, Äch«
-hervor. Schließlich schleuderte ihm Stawrogin aus voller Faust das ganze
-Geldpaket zu und bog, immer noch lachend, in eine Quergasse ein --
-diesmal allein. Der Strolch blieb zurück, rutschte fast auf den Knien im
-Schmutz herum und suchte nach den vom Wind verstreuten Geldscheinen, die
-in den Pfützen versanken, und noch eine ganze Stunde lang konnte man
-hören, wie er in der Dunkelheit suchend sein kurzes »Äch, Äch!«
-hervorstieß.
-
-
-
-
- Achtes Kapitel.
- Das Duell
-
-
- I.
-
-Am anderen Tage um zwei Uhr nachmittags fand das Duell statt. Daß
-dasselbe wirklich so schnell zustande kam, dazu hatte vor allem der
-leidenschaftliche Wunsch Artemij Pawlowitsch Gaganoffs beigetragen, sich
-um jeden Preis und so schnell wie nur möglich zu schlagen. Er begriff
-die Haltung seines Gegners nicht und war außer sich vor Empörung. Schon
-einen ganzen Monat beleidigte er Stawrogin, und noch immer war es ihm
-nicht gelungen, diesen zu einer Forderung zu bewegen. Dabei schämte er
-sich im Grunde der eigenen innersten Gründe des krankhaften Hasses, mit
-dem er Stawrogin seit der »Nasführung« seines Vaters verfolgte. Auch
-konnte er Stawrogin nicht gut zuerst fordern, da dieser nicht den
-geringsten Anlaß dazu bot -- ganz abgesehen davon, daß er ihm wegen
-jenes Vorfalls mit dem Vater ja bereits die allerhöflichsten
-Entschuldigungen angeboten hatte. Unbegreiflich war es ihm auch, wie
-Stawrogin die Ohrfeige Schatoffs so ohne weiteres hatte hinnehmen
-können. Und da er ihn denn alles in allem schließlich für einen
-ausgemachten Feigling halten mußte, so hatte er sich endlich
-entschlossen, den letzten, in seiner Frechheit so unerhörten Brief zu
-schreiben, der denn auch richtig den Verhaßten zu einer Forderung bewog.
-In fieberhafter Ungeduld hatte Gaganoff die Antwort auf diesen Brief
-erwartet, hatte die Chancen berechnet, die diesmal für eine Forderung
-bestanden, und war am Ende geradezu verzweifelt bei dem Gedanken, daß
-auch jetzt vielleicht aus irgendeinem Grunde nichts daraus werden
-könnte. Für alle Fälle aber hatte er bereits Mawrikij Nicolajewitsch
-Drosdoff, seinen alten Jugendfreund, zu sich gebeten: der sollte sein
-Sekundant sein. So hatte denn Kirilloff, als er am Morgen um neun Uhr
-erschien, die beiden zusammen angetroffen. Seine Erklärungen und alle
-die unerhörten Zugeständnisse Stawrogins waren von Gaganoff mit einer
-unglaublichen Heftigkeit zurückgewiesen worden. Mawrikij Nicolajewitsch
-hatte, nicht wenig erstaunt, zuerst darauf eingehen wollen und schon
-geglaubt, es ließe sich eine Versöhnung zustande bringen. Doch als er
-bemerkte, daß Artemij Pawlowitsch vor Zorn geradezu erzitterte, da hatte
-er schnell wieder geschwiegen. Er wäre wohl überhaupt aufgestanden und
-fortgegangen, wenn er dem Freunde nicht bereits sein Wort gegeben hätte;
-so aber blieb er denn, in der Hoffnung, später vielleicht noch irgendwie
-vermitteln zu können. Im übrigen wurden alle Bedingungen Stawrogins von
-Gaganoff sofort angenommen und sogar auf einen dreimaligen Kugelwechsel
-erweitert -- ganz gegen Kirilloffs Wunsch und Absicht, der sich durchaus
-dagegen wehrte, aber nichts erreichte. So blieb es denn bei diesen
-scharfen Abmachungen.
-
-Das Duell selbst fand um zwei Uhr in Brykowo statt, in einem kleinen
-Walde zwischen Skworeschniki und der Fabrik der Gebrüder Spigulin. Der
-gestrige Regen hatte völlig aufgehört, aber es war feucht und windig.
-Niedrige, trübe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel
-vorüber; die Bäume rauschten volltönend und mit den Wipfeln wogend und
-knarrten in den Stämmen; es war ein sehr trauriger Tag.
-
-Gaganoff und Mawrikij Nicolajewitsch kamen in einem eleganten _char à
-bancs_{[112]} mit zwei prachtvollen Pferden, die Artemij Pawlowitsch
-selbst lenkte, auf dem Kampfplatze an; auch hatten sie einen Diener
-mitgenommen. Fast in demselben Augenblick trafen auch Stawrogin und
-Kirilloff ein, jedoch nicht im Wagen, sondern reitend, und gleichfalls
-in Begleitung eines Dieners. Kirilloff, der in seinem Leben noch nie auf
-einem Pferde gesessen hatte, hielt sich steif, doch mutig im Sattel,
-unter dem rechten Arm den schweren Pistolenkasten, den er für keinen
-Preis dem Diener hatte anvertrauen wollen, während er mit der linken
-Hand aus Unwissenheit beständig die Zügel anzog, weswegen denn das
-gereizte Pferd immer heftiger mit dem Kopf schüttelte und bereits
-deutlich die Absicht bekundete, sich auf die Hinterbeine zu stellen --
-was übrigens den Reiter nicht im geringsten zu schrecken schien. Der
-mißtrauische Gaganoff, der sich schon beim geringsten Anlaß leicht tief
-gekränkt fühlte, faßte diese Ankunft hoch zu Roß als neue Beleidigung
-auf: waren doch die Gegner offenbar von vornherein von einem für sie
-günstigen Ausgang des Duells überzeugt, so daß sie es gar nicht erst für
-nötig gehalten hatten, auf alle Fälle einen Wagen zum Transport eines
-Verwundeten zur Stelle zu haben. Ganz gelb vor Ärger stieg Gaganoff aus
-seinem _char à bancs_, wobei er bemerkte, daß seine Hände zitterten. Auf
-Stawrogins Gruß dankte er nicht, sondern wandte sich einfach ab.
-
-Die Sekundanten warfen das Los: es traf Kirilloffs Pistolen. Der Wagen
-und die Pferde wurden mit den Dienern an den Waldrand zurückgeschickt.
-Dann maßen die Sekundanten die Barriere ab, wiesen den Gegnern ihren
-Platz an und händigten ihnen die geladenen Pistolen ein.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch war besorgt und traurig, Kirilloff dagegen
-vollkommen ruhig und unbekümmert, sehr genau in der Ausübung seines
-Amtes, doch ohne allzu geschäftig zu sein, kurz, er machte den Eindruck,
-als interessierte ihn die unheimliche Entscheidung eigentlich nicht im
-geringsten. Stawrogin war etwas bleicher als gewöhnlich, ziemlich leicht
-gekleidet, in einem Mantel, und trug einen weißen Kastorhut. Er schien
-sehr müde zu sein, dann und wann flog ein düsterer Schatten über sein
-Gesicht, und offenbar war es ihm nicht der Mühe wert, seine schlechte
-Laune zu verbergen. Am eigentümlichsten verhielt sich jedoch Artemij
-Pawlowitsch Gaganoff, und ich sehe mich schon aus diesem Grunde
-gezwungen, über ihn ein paar Worte hinzuzufügen.
-
-
- II.
-
-Artemij Pawlowitsch Gaganoff war ein großer Mensch, weiß und
-wohlgenährt, wie der Volksmund sagt, ja, beinahe feist, etwa
-dreiunddreißig Jahre alt, mit blondem, anliegendem Haar und, wenn man
-will, sogar hübschen Gesichtszügen. Er war mit dem Oberstenrang aus dem
-Dienst geschieden, doch wenn er es bis zum General gebracht hätte, so
-wäre er als solcher in voller Uniform eine noch imponierendere
-Erscheinung gewesen, und es wäre sehr leicht möglich, daß er im Felde
-einen guten Heerführer abgegeben hätte.
-
-Zur Kennzeichnung seines Charakters darf nicht verschwiegen werden, daß
-der Grund, weshalb er seinen Abschied nahm, der ihn so lange und
-qualvoll verfolgende Gedanke an seine »Familienschande« war: die
-Beleidigung seines Vaters -- vor mehr als vier Jahren in unserem Klub --
-durch Nicolai Stawrogin. Er hielt es auf Ehre und Gewissen für
-unehrenhaft, nach wie vor im Heer zu bleiben, und war innerlich
-überzeugt, daß er das Regiment und die Kameraden schände, obschon keiner
-von ihnen etwas von jenem Vorfall wußte. Allerdings hatte er schon
-früher einmal die Absicht gehabt, den Abschied zu nehmen, schon lange
-vor jener Beleidigung, aus einem ganz anderen Grunde, aber er hatte doch
-noch geschwankt und sich nicht entschließen können. Den Anstoß zu dieser
-ersten Absicht, den aktiven Dienst aufzugeben, oder richtiger den Anlaß
-zu diesem Gedanken hatte seinerzeit[40] -- wie sonderbar das auch
-klingen mag -- das Manifest vom 19. Februar gegeben, das die
-Leibeigenschaft der Bauern aufhob. Dabei verlor er, Gaganoff, als einer
-der reichsten Gutsbesitzer unseres Gouvernements, durch dieses Manifest
-noch nicht einmal so viel, und außerdem sah er die Berechtigung der
-humanitären Gesichtspunkte selbst ein, ja er begriff fast auch die
-ökonomischen Vorteile der Reform, -- doch ungeachtet dessen fühlte er
-sich nach Erscheinen des Manifestes gleichsam persönlich beleidigt. Es
-war das zwar nur ein Gefühl bei ihm, beinahe unbewußt, doch vielleicht
-empfand er es gerade deshalb um so stärker. Bis zum Tode seines Vaters
-hatte er sich nicht entschließen können, etwas Entscheidendes zu tun;
-doch durch seinen »aristokratischen« Standpunkt wurde er in Petersburg
-selbst mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten bekannt, worauf er den
-Verkehr mit ihnen eifrig zu pflegen begann. Im übrigen war er ein
-zurückhaltender, verschlossener Mensch, der zu jenen sonderbaren, doch
-in Rußland noch nicht ausgestorbenen Edelleuten gehörte, die auf das
-Alter und die Reinheit ihres Adelsgeschlechts ungeheuer viel geben und
-sich damit schon gar zu ernsthaft beschäftigen. Dabei war ihm aber die
-Geschichte Rußlands geradezu ein Greuel, wie er denn die ganze russische
-Art teilweise für eine Schweinerei hielt. Schon in seiner Kindheit, als
-er noch in einer besonderen militärischen Schule für ausschließlich
-vornehme und reiche Zöglinge war, hatten sich in ihm gewisse poetische
-Auffassungen entwickelt: ihm gefielen Schlösser und Burgen, das
-mittelalterliche Leben von seiner opernhaften Seite, das Rittertum.
-Schon damals weinte er fast vor Scham, wenn er daran dachte, daß der Zar
-des alten moskowitischen Reiches die russischen Bojaren körperlich hatte
-strafen dürfen, und er errötete, wenn er diese Bräuche mit denen des
-ausländischen ritterlichen Mittelalters verglich. Dieser steife, äußerst
-strenge Mensch, der seinen Dienst so ausgezeichnet kannte und jede
-Pflicht gewissenhaft erfüllte, war im Grunde seiner Seele verträumt. Man
-behauptete von ihm, er könne Reden, sogar gute Reden halten --
-einstweilen jedoch hatte er seine ganzen dreiunddreißig Jahre lang fast
-nur geschwiegen, und sogar in jenem vornehmen und vielbedeutenden
-Petersburger Kreise, in dem er seit einiger Zeit verkehrte, hatte er
-sich ungewöhnlich hochmütig verhalten. Da traf ihn die Begegnung mit
-Stawrogin, der aus dem Auslande nach Petersburg zurückgekehrt war, und
-brachte ihn fast um den Verstand. So war er denn von einer geradezu
-krankhaften Unruhe, als er jetzt vor der Barriere stand: noch immer
-fürchtete er, daß das Duell auf irgendeine Weise nicht zustandekommen
-könnte, und selbst die kleinste Verzögerung machte ihn erzittern. Ein
-geradezu schmerzhafter Ausdruck trat in sein Gesicht, als Kirilloff,
-anstatt das Zeichen zum ersten Schuß zu geben, plötzlich zu sprechen
-begann, allerdings nur pflichtschuldig, was er auch sofort
-vorausschickte.
-
-»Nur _pro forma_ noch ein paar Worte: jetzt, da schon die Pistolen in
-den Händen der Duellanten sind, frage ich zum letztenmal, ob Sie nicht
-wünschen, sich zu versöhnen? -- Die Pflicht des Sekundanten,« fügte er
-fast gleichgültig hinzu.
-
-Und wie um seinen Freund zu ärgern -- so schien es wenigstens Gaganoff
---, begann nun auch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff zu sprechen, der
-bisher noch kein Wort gesagt, sich aber schon seit dem vorigen Abend
-über seine Zusage quälende Vorwürfe gemacht hatte. So griff er denn
-Kirilloffs Vorschlag schnell auf.
-
-»Ich schließe mich vollkommen Herrn Kirilloffs Worten an ... Daß man
-sich an der Barriere nicht mehr versöhnen könne -- ist ein Vorurteil,
-das zu den Franzosen passen mag ... Und eigentlich liegt doch überhaupt
-keine richtige Beleidigung vor, wenigstens vermag ich sie nicht zu
-entdecken -- Verzeihung, das wollte ich schon gestern sagen ... es
-werden doch alle erdenklichen Entschuldigungen angeboten, nicht wahr?«
-
-Er war dabei ganz rot geworden. Selten hatte er so viel und in solcher
-Aufregung gesprochen.
-
-»Ich wiederhole meine Bereitwilligkeit, alle mir möglichen
-Entschuldigungen zu machen,« sagte Stawrogin ungewöhnlich
-entgegenkommend.
-
-»Wie ist das nur möglich?!« schrie Gaganoff, zu Drosdoff gewandt, außer
-sich, und stampfte mit dem Fuß. »Erklären Sie doch diesem Menschen,« --
-er stieß dabei mit der Pistole in die Richtung, in der Stawrogin stand
--- »wenn Sie mein Sekundant und nicht mein Feind sind, Mawrikij
-Nicolajewitsch, daß solche Zugeständnisse die Beleidigung nur
-verstärken! Er hält es nicht für möglich, von mir beleidigt zu werden!
-... Er hält es für keine Schande, vor mir von der Barriere
-zurückzutreten! Für wen hält er mich denn nach alledem! Was glauben Sie
-... und Sie sind noch mein Sekundant! Sie regen mich nur auf, damit ich
-nicht treffe!«
-
-Wieder stampfte er mit dem Fuß und Speichel spritzte von seinen Lippen.
-
-»Die Unterhandlung ist beendet. Bitte, auf das Kommando zu hören!« rief
-Kirilloff laut. »Eins, zwei, drei!«
-
-Bei »drei« gingen die Gegner aufeinander zu. Gaganoff erhob sofort die
-Pistole und beim fünften oder sechsten Schritt -- schoß er. Eine Sekunde
-lang blieb er stehen und, nachdem er sich überzeugt, daß er nicht
-getroffen hatte, ging er schnell zur Barriere. Auch Stawrogin trat an
-die Barriere, erhob die Pistole, aber ziemlich hoch und schoß fast ohne
-zu zielen. Darauf zog er sein Taschentuch hervor und umwickelte den
-kleinen Finger seiner rechten Hand. Da bemerkten erst die anderen, daß
-Artemij Pawlowitsch doch nicht ganz gefehlt hatte: freilich hatte die
-Kugel den Finger nur gestreift, ohne den Knochen zu berühren. Kirilloff
-erklärte sofort, daß das Duell, wenn die Gegner sich jetzt nicht
-versöhnen wollten, seinen Fortgang nehmen könne.
-
-»Ich behaupte, daß dieser Mensch,« schrie Gaganoff heiser (seine Kehle
-war trocken geworden), sich wieder nur an Drosdoff wendend, und er wies
-von neuem mit der Pistole auf Stawrogin, »daß dieser Mensch absichtlich
-in die Luft geschossen hat ... absichtlich! ... Das ist eine neue
-Beleidigung! Er will das Duell unmöglich machen!«
-
-»Ich habe das Recht, so zu schießen, wie ich will, wenn es nur nach den
-Regeln geschieht,« bemerkte Stawrogin fest.
-
-»Nein, das hat er nicht! Erklären Sie ihm das, erklären Sie es ihm
-doch!« schrie Gaganoff.
-
-»Ich bin ganz der Meinung Nicolai Wszewolodowitschs,« sagte Kirilloff.
-
-»Warum schont er mich!?« raste Gaganoff, ohne auf die anderen zu hören.
-»Ich verachte seine Schonung ... Ich spucke ... Ich ...«
-
-»Ich gebe mein Wort, daß ich Sie durchaus nicht beleidigen wollte,«
-sagte Stawrogin ungeduldig. »Ich habe in die Luft geschossen, weil ich
-niemanden mehr töten will, ob Sie oder einen anderen, geht Sie
-persönlich nichts an. Es ist wahr, ich halte mich nicht für beleidigt,
-und es tut mir leid, daß Sie das aufbringt. Ich erlaube aber keinem,
-sich in mein Recht einzumischen.«
-
-»Wenn er sich so vor Blut fürchtet, so fragen Sie ihn doch, warum er
-mich überhaupt gefordert hat?« brüllte Gaganoff, immer noch
-ausschließlich zu Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff gewandt.
-
-»Wie sollte man Sie denn nicht fordern?« mischte sich Kirilloff ein.
-»Sie wollten doch nichts hören, wie sollte man Sie denn los werden?«
-
-»Ich möchte nur bemerken,« sagte Mawrikij Nicolajewitsch, der
-angestrengt und qualvoll über die Sache nachdachte, »wenn der Gegner im
-voraus erklärt, er werde in die Luft schießen, so kann das Duell, meiner
-Meinung nach, nicht mehr fortgesetzt werden ... aus delikaten und, ich
-glaube ... auch klaren Gründen.«
-
-»Ich habe durchaus nicht erklärt, daß ich jedesmal in die Luft schießen
-werde!« rief Stawrogin, der nun wirklich die Geduld verlor. »Wie können
-Sie wissen, was ich im Sinne habe und wie ich zum zweitenmal schießen
-werde ... Ich mache das Duell keineswegs unmöglich.«
-
-»Wenn dem so ist, kann das Duell seinen Fortgang nehmen,« wandte sich
-Mawrikij Nicolajewitsch an Gaganoff.
-
-»Meine Herren, nehmen Sie Ihre Plätze ein!« kommandierte Kirilloff.
-
-Sie stellten sich auf, gingen wieder aufeinander zu, wieder fehlte
-Gaganoff und wieder schoß Stawrogin in die Luft. Übrigens waren diese
-Schüsse in die Luft doch zweifelhaft -- es ließ sich über sie streiten:
-Stawrogin hätte sehr wohl behaupten können, daß er, ganz wie es sich
-gehört, auf den Gegner gezielt habe, wenn er nicht vorher selbst das
-Gegenteil angekündigt hätte, denn er richtete die Pistole nicht etwa
-gerade auf den Himmel oder auf einen Baumwipfel, sondern immerhin so,
-als ziele er auf den Gegner, -- wenn er auch tatsächlich einen halben
-Meter über dessen Hut zielte. Dieses zweite Mal hatte er sogar ein noch
-niedrigeres, noch täuschenderes Ziel genommen; doch Gaganoff wäre jetzt
-wohl überhaupt nicht mehr zu überzeugen gewesen.
-
-»Wieder!« knirschte er ingrimmig. »Einerlei! Ich bin gefordert und werde
-von meinem Recht Gebrauch machen! Ich will zum drittenmal schießen ...
-unbedingt! ...«
-
-»Dazu haben Sie das volle Recht,« schnitt ihm Kirilloff das Wort ab.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch sagte nichts. Zum drittenmal wurden sie
-aufgestellt, zum drittenmal wurde kommandiert. Diesmal schritt Gaganoff
-bis zur Barriere, und von dort, auf zwölf Schritt Distanz, begann er zu
-zielen. Doch seine Hände zitterten zu sehr, um richtig zielen zu können.
-Stawrogin stand mit gesenkter Pistole und erwartete regungslos den Schuß
-des Gegners.
-
-»Zu lange, zu lange gezielt!« rief Kirilloff schließlich ungestüm.
-»Schießen Sie! Schießen Sie!«
-
-Der Schuß ertönte, und diesmal riß die Kugel Stawrogins weißen Hut vom
-Kopfe. Gaganoff hatte gut gezielt, der Hutboden war ganz unten
-durchschossen; nur zwei Zentimeter niedriger und alles wäre zu Ende
-gewesen. Kirilloff hob den Hut auf und reichte ihn Stawrogin.
-
-»Schießen Sie, halten Sie den Gegner nicht auf!« rief Mawrikij
-Nicolajewitsch in ungewöhnlicher Erregung, als er sah, daß Stawrogin,
-der mit Kirilloff den Hut betrachtete, seinen dritten Schuß gleichsam
-vergessen hatte.
-
-Stawrogin zuckte zusammen, blickte auf Gaganoff, wandte sich dann zur
-Seite und schoß diesmal schon ohne jedes Zartgefühl einfach in den Wald
-hinein. Das Duell war beendet. Gaganoff stand da wie erstarrt. Mawrikij
-Nicolajewitsch trat zu ihm und sprach etwas, doch er schien ihn gar
-nicht zu verstehen. Kirilloff zog den Hut, als er fortging, und nickte
-Mawrikij Nicolajewitsch zu; doch Stawrogin vergaß jetzt die Höflichkeit,
-die er vorhin bezeugt hatte; nach seinem letzten Schuß in den Wald,
-drückte er Kirilloff die Pistole in die Hand und ging, ohne sich auch
-nur einmal zur Barriere zu wenden, schnell zu den Pferden. Sein Gesicht
-drückte Wut aus; er schwieg. Auch Kirilloff schwieg. Sie bestiegen die
-Pferde und ritten im Galopp davon.
-
-
- III.
-
-»Warum schweigen Sie?« rief Stawrogin ungeduldig Kirilloff zu, kurz
-bevor sie das Haus erreichten.
-
-»Was wollen Sie?« fragte dieser, fast vom Pferde rutschend, da es sich
-bäumte.
-
-Stawrogin bezwang sich.
-
-»Ich wollte ihn nicht beleidigen, diesen ... Dummkopf, und doch habe ich
-es wieder getan,« sagte er langsam.
-
-»Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt,« sagte Kirilloff trocken, -- »und
-dabei ist er gar kein Dummkopf.«
-
-»Immerhin habe ich alles getan, was ich konnte.«
-
-»Nein.«
-
-»Was hätte ich denn tun sollen?«
-
-»Nicht fordern.«
-
-»Noch einen Schlag ins Gesicht ertragen?«
-
-»Ja, noch einen Schlag ertragen.«
-
-»Ich fange an nichts mehr zu begreifen!« sagte Stawrogin geärgert.
-»Warum erwartet man von mir, was man sonst von niemandem erwartet? Warum
-soll ich ertragen, was sonst niemand erträgt, und mir Bürden aufladen,
-die keiner tragen kann?«
-
-»Ich glaube, Sie suchen eine Bürde.«
-
-»Ich suche eine Bürde?«
-
-»Ja.«
-
-»Sie ... haben das bemerkt?«
-
-»Ja.«
-
-»Ist das so bemerkbar?«
-
-»Ja.«
-
-Sie schwiegen. Stawrogin sah besorgt aus, fast erschreckt.
-
-»Ich habe nur deshalb nicht auf ihn geschossen, weil ich nicht töten
-wollte, und das war alles, ich versichere Sie,« sagte er schnell und
-erregt, als wollte er sich rechtfertigen.
-
-»Es war nicht nötig, zu beleidigen.«
-
-»Was hätte man denn tun sollen?«
-
-»Man hätte töten sollen.«
-
-»Es tut Ihnen leid, daß ich ihn nicht erschossen habe?«
-
-»Mir tut gar nichts leid. Ich glaubte, Sie wollten ihn wirklich
-erschießen. Sie wissen selbst nicht, was Sie suchen.«
-
-»Ich suche eine Bürde,« lachte Stawrogin auf.
-
-»Wenn Sie nicht Blut vergießen wollten, warum gaben Sie sich denn selbst
-dazu her?«
-
-»Wenn ich ihn nicht gefordert hätte, so wäre ich von ihm so erschlagen
-worden, ohne Duell.«
-
-»Das ist nicht Ihre Sache. Vielleicht hätte er auch nicht erschlagen.«
-
-»Sondern nur geschlagen?«
-
-»Nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Bürde. Sonst gibt es kein Verdienst.«
-
-»Aus dem mache ich mir gerade was! Habe es noch bei niemandem gesucht!«
-
-»Ich glaubte, Sie suchten,« schloß Kirilloff unglaublich kaltblütig.
-
-Sie ritten auf den Hof.
-
-»Kommen Sie zu mir?« lud ihn Stawrogin ein.
-
-»Nein, ich gehe nach Haus. Leben Sie wohl.«
-
-Er stieg aus dem Sattel und nahm seinen Kasten unter den Arm.
-
-»Aber wenigstens Sie ärgern sich doch nicht über mich?« fragte Stawrogin
-und hielt ihm die Hand hin.
-
-»Nicht im geringsten!« Kirilloff kehrte sofort zurück, um ihm die Hand
-zu drücken. »Wenn meine Bürde mir leicht ist, so ist es, weil das von
-Natur so ist, und wenn Ihre Bürde Ihnen vielleicht schwerer ist, so
-kommt das auch, weil die Natur so ist. Sehr zu schämen braucht man sich
-deshalb nicht, nur ein wenig.«
-
-»Ich weiß, daß ich ein nichtiger Charakter bin, aber ich dränge mich ja
-auch nicht unter die Starken.«
-
-»Tun Sie's auch nicht. Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie wieder
-Tee trinken.«
-
-Stawrogin trat verwirrt und erregt bei sich ein.
-
-
- IV.
-
-Alexei Jegorowitsch meldete ihm sofort, daß Warwara Petrowna, die sich
-über den Spazierritt Nicolai Wszewolodowitschs -- den ersten nach acht
-Tagen Krankheit -- sehr gefreut hatte, nun gleichfalls ausgefahren sei,
-»so wie früher alle Tage, um wieder einmal frische Luft zu atmen,
-dieweil sie es seit acht Tagen nicht mehr getan haben.«
-
-»Ist sie allein gefahren oder mit Darja Pawlowna?« unterbrach Stawrogin
-den alten Diener hastig und sein Gesicht verdüsterte sich sehr, als er
-hörte, daß Darja Pawlowna »krankheitshalber vorgezogen haben, nicht
-mitzufahren und sich augenblicklich in ihren Zimmern befinden«.
-
-»Höre, Alter,« sagte er, wie nach einem plötzlichen Entschluß, »paß auf
-sie heute den ganzen Tag auf, und wenn du bemerkst, daß sie zu mir
-kommen will, so halte sie zurück und sag ihr, daß ich sie nicht
-empfangen kann, wenigstens in diesen Tagen nicht ... daß ich sie selbst
-darum bitten lasse ... und wenn es Zeit sein wird, werde ich sie selbst
-rufen -- hörst du?«
-
-»Zu Befehl,« sagte Alexei Jegorowitsch mit Kummer in der Stimme und
-senkte die Augen.
-
-»Aber nicht früher, als bis du sicher bist und genau siehst, daß sie zu
-mir kommen will.«
-
-»Der gnädige Herr können unbesorgt sein, es wird alles so gemacht
-werden. Durch mich sind bis jetzt auch alle Besuche ermöglicht worden,
-sie haben sich immer an mich gewandt.«
-
-»Ich weiß. Also nicht früher, als bis sie selbst kommt. Und jetzt bring
-mir Tee, wenn es geht, möglichst schnell.«
-
-Kaum hatte der Alte das Zimmer verlassen, als dieselbe Tür sich wieder
-öffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war
-ruhig, doch das Gesicht bleich.
-
-»Woher kommen Sie?« rief Stawrogin.
-
-»Ich stand hier an der Tür und wartete, bis er hinausging, um dann bei
-Ihnen einzutreten. Ich habe gehört, was Sie ihm angaben. Als er
-fortging, versteckte ich mich hinter den Mauervorsprung rechts, und so
-hat er mich nicht bemerkt.«
-
-»Ich wollte schon lange mit Ihnen brechen, Dascha ... so lange ... es
-noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute Nacht nicht empfangen, trotz Ihrer
-brieflichen Bitte. Ich wollte Ihnen gleichfalls schreiben, aber ich
-verstehe nicht zu schreiben,« fügte er mit Ärger und sogar wie angeekelt
-hinzu.
-
-»Auch ich habe bereits daran gedacht, daß wir brechen müssen. Warwara
-Petrowna argwöhnt schon zu sehr unsere Beziehungen.«
-
-»Nun, mag sie doch.«
-
-»Sie soll sich nicht beunruhigen. Und so bleibt es denn jetzt bis zum
-Ende?«
-
-»Sie erwarten immer noch unbedingt ein Ende?«
-
-»Ja, ich bin überzeugt, daß es kommen wird.«
-
-»Auf der Welt hat nichts ein Ende.«
-
-»Hier aber wird es ein Ende geben. Rufen Sie mich dann, ich werde
-kommen. Und jetzt leben Sie wohl.«
-
-»Und was für ein Ende wird denn das sein?« fragte Stawrogin halb
-lachend.
-
-»Sie sind nicht verwundet und ... haben auch kein Blut vergossen?«
-fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten.
-
-»Es war dumm; ich habe niemanden getötet, beunruhigen Sie sich nicht.
-Übrigens werden Sie heute noch alles von allen hören. Ich fühle mich
-nicht ganz wohl.«
-
-»Ich gehe schon. Die Anzeige der Heirat wird heute nicht erfolgen?«
-fragte sie noch wie unschlüssig.
-
-»Heute nicht; morgen nicht ... übermorgen -- sind wir vielleicht alle
-tot, ... um so besser. Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch endlich!«
-
-»Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Wahnsinnige?«
-
-»Ich werde keine Wahnsinnige zugrunde richten, weder die eine noch die
-andere, aber ich glaube, die Vernünftige richte ich zugrunde: ich bin so
-gemein, so niedrig, Dascha, daß ich Sie vielleicht wirklich rufen werde
--- >ganz zum Schluß<, wie Sie sagen, und Sie werden dann, trotz Ihrer
-Vernunft, zu mir kommen. Warum richten Sie sich selbst zugrunde?«
-
-»Ich weiß, daß zum Schluß nur ich bei Ihnen bleiben werde und ... ich
-warte darauf.«
-
-»Wenn ich Sie aber zum Schluß nicht rufe und von Ihnen fortlaufe?«
-
-»Das ist unmöglich, Sie werden mich rufen.«
-
-»Darin liegt viel Verachtung für mich.«
-
-»Sie wissen, daß nicht nur Verachtung ...«
-
-»Also ist Verachtung immerhin dabei?«
-
-»Ich wollte es nicht so sagen. Gott ist mein Zeuge, daß ich von Herzen
-wünschte, Sie hätten mich niemals nötig.«
-
-»Die eine Phrase ist die andere wert. Auch ich wünschte, Sie nicht
-zugrunde zu richten.«
-
-»Niemals und durch nichts werden Sie mich zugrunde richten können -- und
-das wissen Sie ja selbst am besten,« sagte Darja Pawlowna schnell und
-überzeugt. »Wenn ich nicht zu Ihnen komme, so werde ich barmherzige
-Schwester, Krankenwärterin. Oder werde als Büchertrödlerin Bibeln
-verkaufen. Das habe ich beschlossen. Ich kann nicht in solchen Häusern
-leben, wie dieses hier. Nicht das ist es, was ich will ... Sie wissen
-alles ... --«
-
-»Nein, ich habe es nie erfahren können, was Sie wollen; ich glaube, Sie
-interessieren sich für mich, wie zuweilen alte Krankenwärterinnen aus
-irgendeinem Grunde einen Pflegling den anderen vorziehen, oder, noch
-besser, wie auf unseren Kirchhöfen die betenden Greisinnen von den
-vielen Leichen sich eine etwas ansehnlichere aussuchen, die sie dann
-besonders in ihr Herz schließen.[41] Warum sehen Sie mich so sonderbar
-an?«
-
-»Sind Sie sehr krank?« fragte sie teilnehmend und sah ihn dabei ganz
-eigentümlich nachdenklich und forschend an. »Gott! Und dieser Mensch
-will ohne mich auskommen!«
-
-»Hören Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Heute nacht bot
-sich mir ein kleiner Teufel auf der Brücke an, -- erbot sich, Lebädkin
-und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner gesetzlichen Ehe ein Ende
-zu machen, und so, daß nichts ruchbar wird. Als Handgeld verlangte er
-nur drei Rubel, doch gab er deutlich zu verstehen, daß die ganze
-Operation nicht weniger als tausendfünfhundert kosten werde. Das war mir
-mal ein gut berechnender Teufel! Ein Buchhalter! Ha--ha!«
-
-»Und Sie sind fest überzeugt, daß es ein Gespenst war?«
-
-»O nein, durchaus kein Gespenst! Das war ganz einfach der entsprungene
-Zuchthäusler Fedjka, ein sibirischer Sträfling und Raubmörder. Doch das
-ist Nebensache. Aber was glauben Sie, daß ich getan habe? Ich habe ihm
-das ganze Geld aus meinem Portemonnaie hingeworfen, und er ist jetzt
-vollkommen überzeugt, daß ich ihm damit das Handgeld gezahlt habe!«
-
-»Sie haben ihn in der Nacht getroffen und er hat Ihnen diesen Vorschlag
-gemacht? Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, daß Sie von dem Netz jener
-Leute schon vollständig umstrickt sind?«
-
-»Nun, mögen sie. Aber soll ich Ihnen sagen, was für eine Frage sich
-jetzt in Ihnen dreht und windet? -- ich sehe sie in Ihren Augen,« fügte
-er gereizt mit bösem Lächeln hinzu.
-
-Dascha erschrak:
-
-»Gar keine Frage und es gibt da überhaupt keinen Zweifel, schweigen
-Sie!« rief sie in Unruhe, die Frage gleichsam von sich fortscheuchend.
-
-»Sie sind also überzeugt, daß ich nicht zu Fedjka in die Kneipe gehen
-werde?«
-
-»O Gott!« Sie erhob die Hände. »Warum quälen Sie mich so?«
-
-»Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz, offenbar habe ich mir von
-jenen deren schlechte Manieren angeeignet. Wissen Sie, seit dieser Nacht
-habe ich so wahnsinnige Lust zu lachen, immerzu, ununterbrochen, lange,
-aus vollem Halse zu lachen. Ich bin wie geladen mit Gelächter ... Hu!
-Mama ist angekommen; ich kenne den Ruck, mit dem ihre Equipage vor dem
-Portal anhält.«
-
-Dascha ergriff seine Hand.
-
-»Wird doch Gott Sie vor Ihrem Dämon bewahren und ... rufen Sie mich,
-rufen Sie mich dann schnell!«
-
-»Oh, mein Dämon! Der ist ja nur ein kleines, widerliches, skrofulöses
-Teufelchen, das sich erkältet und den Schnupfen hat, eines von den
-mißlungenen. Aber Sie, Dascha, Sie wagen ja wieder nicht, etwas
-auszusprechen?«
-
-Sie sah ihn mit Schmerz und Vorwurf an und wandte sich zur Tür.
-
-»Hören Sie,« rief er ihr mit boshaftem, verzerrtem Lächeln nach. »Wenn
-... nun, da, mit einem Wort, _wenn_ ... Sie verstehen schon, wenn ich
-selbst zu Fedjka in die Kneipe ginge ... und Sie nachher riefe, --
-würden Sie dann auch noch kommen, selbst nach meinem Gang in die
-Kneipe?«
-
-Sie ging hinaus, ohne zurückzusehen, ohne zu antworten, das Gesicht mit
-den Händen bedeckt.
-
-»Sie wird kommen, auch nach meinem Gang in die Kneipe!« murmelte er nach
-kurzem Nachdenken vor sich hin, und in seinem Gesicht drückte sich
-angewiderte Verachtung aus: -- »Krankenwärterin! Hm ... Doch übrigens,
-vielleicht brauche ich gerade das.«
-
-
-
-
- Neuntes Kapitel.
- Alle in Erwartung
-
-
- I.
-
-Die Geschichte dieses Duells wurde in unserer Gesellschaft ungemein
-schnell bekannt. An dem Eindruck, den sie machte, war das
-Bemerkenswerteste die Einstimmigkeit, mit der alle sich schon am
-nächsten Tage rückhaltlos für Nicolai Stawrogin erklärten. Selbst viele
-von seinen ehemaligen Feinden zählten sich plötzlich entschieden zu
-seinen Freunden.
-
-Den Anstoß zu diesem überraschenden Umschwung der öffentlichen Meinung
-hatte zunächst nur eine einzige treffende Bemerkung gegeben; diese aber
-war von einer Persönlichkeit gemacht worden, die sich bis dahin noch nie
-öffentlich geäußert oder gar ihre Stellungnahme verraten hatte. So ward
-denn jene Bemerkung sogleich von ungeheurer Bedeutung für den größten
-Teil unserer Gesellschaft. Zugetragen aber hatte sich das alles
-folgendermaßen:
-
-Gerade an dem Tage nach dem Duell feierte die Gemahlin des
-Adelsmarschalls unseres Gouvernements ihren Geburtstag. Die ganze höhere
-Gesellschaft war bei ihr versammelt. Unter den Gästen befand sich auch,
-oder richtiger, präsidierte, als Gattin unseres neuen Gouverneurs,
-Julija Michailowna, die in Begleitung von Lisaweta Nicolajewna
-erschienen war. Lisa war von geradezu strahlender Schönheit und sah ganz
-besonders froh und glücklich aus -- was freilich viele Damen sogleich
-äußerst verdächtig fanden. Hier muß ich erwähnen, daß an ihrer
-tatsächlichen Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch eigentlich nicht
-mehr zu zweifeln war: auf die scherzhafte Frage eines alten Generals,
-von dem gleich noch die Rede sein wird, antwortete Lisa selbst, daß sie
-Braut sei. Und doch -- wie sonderbar das auch erscheinen mag --: keine
-einzige von unseren Damen wollte daran glauben und alle fuhren sie
-eigensinnig fort, von einem verhängnisvollen Familiengeheimnis, von
-einem Roman zu munkeln, der sich in der Schweiz abgespielt haben sollte,
-und zwar -- ich weiß nicht, weshalb -- unbedingt unter Mitwirkung von
-Julija Michailowna. Es ist wirklich schwer zu sagen, wie alle diese
-Gerüchte sich so lange und hartnäckig behaupten konnten, und warum immer
-wieder und unbedingt gerade Julija Michailowna in diese Geschichten
-hineingeflochten wurde und warum man glaubte, daß sie auch in die
-Geheimnisse der Ohrfeigengeschichte eingeweiht sei.
-
-So kam es denn, daß man ihr auch auf der Abendgesellschaft beim
-Adelsmarschall, als sie mit Lisa eintrat, sogleich und ganz allgemein
-mit Spannung entgegensah, mit Blicken, die die Erwartung deutlich
-verrieten. Von dem Duell wagte man noch nicht laut zu sprechen, nur
-unter Bekannten tuschelte man sich dies und jenes zu. Es geschah das
-wohl vor allem deshalb, weil man noch nicht wußte, wie sich die Behörden
-zu dem Vorfall stellen würden. Soweit bekannt war, hatte man die beiden
-Duellanten bis jetzt noch völlig unbehelligt gelassen, und Gaganoff war,
-wie man wußte, schon am Morgen dieses Tages auf sein Gut Duchowo
-zurückgekehrt, ohne vorher irgendwelchen Belästigungen ausgesetzt
-gewesen zu sein. Selbstredend warteten nun alle darauf, daß endlich
-jemand laut davon zu sprechen anfange und damit der allgemeinen Ungeduld
-und Neugier, die sich so nicht äußern konnten, gewissermaßen die Tür
-öffne. Dabei rechnete man ganz besonders auf den bereits erwähnten alten
-General, und richtig: man verrechnete sich dabei nicht.
-
-Dieser General war eines der angesehensten Mitglieder unseres
-Adelsklubs: Gutsbesitzer, doch nicht sonderlich reich, mit Anschauungen,
-die in ihrer Art geradezu einzig waren, und in Damengesellschaft ein
-unverbesserlicher Kurmacher. Unter anderem liebte er es besonders, auf
-großen Versammlungen, sei es nun im Klub oder in der Gesellschaft, mit
-der ganzen Würde seines Ranges und Alters plötzlich laut gerade davon zu
-sprechen, wovon alle nur ängstlich und heimlich zu flüstern wagten. Es
-war das gewissermaßen eine Spezialität von ihm. Und so tat er es denn
-auch diesmal wieder nach seiner alten Gewohnheit. -- Mit Gaganoff war er
-irgendwie entfernt verwandt, jetzt aber entzweit; ich glaube, er
-prozessierte sogar mit ihm. Außerdem hatte er in seiner Jugend selbst
-zwei Duelle gehabt und war wegen des letzten zeitweilig als Gemeiner
-nach dem Kaukasus verbannt gewesen.
-
-Nun ließ jemand ein paar Worte über Warwara Petrowna fallen, die »nach
-der Krankheit« jetzt wieder ausgefahren sei -- oder eigentlich nicht
-gerade über sie, sondern mehr über den herrlichen grauen Viererzug
-eigener, Stawroginscher, Zucht, mit dem sich dies Ereignis begeben
-hatte. Da bemerkte plötzlich der alte General, daß er heute den »jungen
-Stawrogin« zu Pferde angetroffen habe ... Alles verstummte sofort. Der
-General aber schob eine Weile lang die Lippen hin und her, spielte mit
-seiner goldenen, ihm hohen Orts geschenkten Tabaksdose und sagte
-schließlich, die Worte wie ein Feinschmecker auseinanderziehend:
-
-»Tut mir faktisch un--gemein leid, daß ich vor einigen Jahren nicht hier
-war ... Hielt mich gerade in Karlsbad auf. Hm ... Dieser junge Mensch
-in--te--ressiert mich, in der Tat, se--ehr. Es kursi--ierten ja
-seinerzeit die tollsten Gerüchte über ihn. Hm ... Aber wie, -- sollte es
-fak--tisch wahr sein, daß er nicht ganz, hm, zu--rechnungs--fähig ist?
-Hab so etwas gehört ... Jetzt aber hörte ich, ein Student habe ihn in
-Gegenwart seiner Kusinen beleidigt, und er soll vor ihm unter den Tisch
-gekrochen sein. Und nun sagt mir plötzlich Stepan Wyssotzki, daß dieser
-Stawro--gin sich mit diesem ... Gaga--noff geschlagen hat. Und das
-ein--zig in der chevaleres--ken Ab--sicht, sei--ne Stirn der Kugel eines
-... Toll--gewordenen zu bieten, bloß um ihn ... äh ... loszuwerden. Hm
-... Das ist so ungefähr im Stil der Garde der zwanziger Jahre. Verkehrt
-er übrigens hier mit jemandem?«
-
-Der General verstummte, als erwarte er eine Antwort, und alle Blicke
-wandten sich, fast wie auf ein Kommando, Julija Michailowna zu.
-
-»Das ist doch ganz erklärlich!« sagte diese gereizt, da alle gleichsam
-überzeugt schienen, gerade _sie_ müsse jetzt etwas sagen. »Wie kann man
-sich darüber wundern, daß Stawrogin sich mit Gaganoff schlägt und mit
-dem Studenten nicht? Er konnte doch nicht seinen früheren Leibeigenen
-fordern!«
-
-Bemerkenswerte Worte! Eine einfache und auf der Hand liegende Erklärung,
-auf die aber noch niemand verfallen war. So war sie denn auch von
-entscheidender Wirkung. Alles Skandalöse, Anekdotenhafte und Kleinliche
-war mit einem Schlage zurückgedrängt und etwas anderes tauchte vor einem
-auf. Man sah plötzlich einen neuen Menschen vor sich, in dem sich bis
-jetzt alle getäuscht hatten, einen Menschen mit Ehrbegriffen von fast
-idealer Strenge. Von einem Studenten, also einem gebildeten und nicht
-mehr leibeigenen Menschen, tödlich beleidigt, übersieht er die
-Beleidigung, weil der Student -- sein ehemaliger Leibeigener ist. Die
-Gesellschaft zerreißt sich den Mund darüber und blickt mit Verachtung
-auf den Menschen, der einen Schlag ins Gesicht hingenommen hat: dieser
-aber mißachtet, übersieht einfach auch die Meinung der Gesellschaft, die
-ja doch zur richtigen Beurteilung der Dinge viel zu unreif ist, obschon
-sie sich selber stets dazu berufen fühlt.
-
-»Und währenddessen sitzen wir hier, Iwan Alexandrowitsch, und
-philosophieren darüber, welches die richtigen Ehrbegriffe sind!« bemerkt
-in einem edlen Anfall von Selbsterkenntnis ein alter Klubherr zum
-anderen.
-
-»Ja, ja, Sie haben recht, Pjotr Michailowitsch,« pflichtet ihm dieser
-reuig bei. »Und da schilt man noch auf die Jugend von heute!«
-
-»Ach was, hier kann doch von der Jugend im allgemeinen überhaupt nicht
-die Rede sein,« sagt ein Dritter. »Die Jugend von heute hat damit nichts
-gemein. Hier handelt es sich einfach um einen Stern, eine einzigartige
-Ausnahme, um einen neuen Menschen, nicht aber um irgendeine
-durchschnittliche Jugend von heute! Sehen Sie, so ist das aufzufassen.«
-
-»Ja, ja ... und gerade das ist es ja, was wir brauchen; wir sind arm
-geworden an Persönlichkeiten.«
-
-Doch das Wichtigste war hierbei, daß diese »Persönlichkeit« oder dieser
-»neue Mensch« sich nicht nur als »unzweifelhafter Edelmann« erwiesen
-hatte, sondern außerdem noch der allerreichste Grundbesitzer unseres
-Gouvernements war, und folglich sogleich als Beistand und Faktor zu
-betrachten war. Ich habe übrigens schon früher andeutungsweise die
-Stimmung unserer Grundbesitzer erwähnt.[42]
-
-Ja, man geriet sogar ordentlich in Hitze:
-
-»Und nicht nur, daß er den Studenten nicht gefordert hat,« hob ein
-anderer hervor, »er hat sogar die Hände ostentativ zurückgezogen! --
-Bitte das wohl zu bemerken, Exzellenz!«
-
-»Und hat ihn nicht einmal vor unser neues Zivilgericht geschleppt ...«
-meinte wieder ein anderer.
-
-»Ungeachtet dessen, daß dieses unser hochlöbliches neues Gericht ihn
-dafür, daß _er_ beleidigt worden ist, zu einer Strafe von fünfzehn
-Silberrubeln verurteilt hätte, ha--ha--ha!«
-
-»Nein, hören Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer
-neuen Gerichte sagen!« regte sich ein Dritter auf. »Hat jemand einen
-anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womöglich auf frischer
-Tat ertappt und überführt -- so laufe er nur schnell nach Hause, so
-lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man
-ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren
-Batisttüchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten!
-Ehrenwort, so ist es!«
-
-»Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es!«
-
-Natürlich begnügte sich die Gesellschaft auch diesmal nicht mit den
-bekannten Tatsachen. Man sprach wieder über die Freundschaft Stawrogins
-mit dem berühmten Grafen K., dessen strenger, isolierter Standpunkt den
-neuesten Reformen gegenüber allgemein bekannt war, ebenso wie seine
-aufsehenerregende Tätigkeit noch bis in die jüngste Zeit. Und plötzlich
-stand für alle vollständig fest, daß Nicolai Wszewolodowitsch sich mit
-einer von den Töchtern des Grafen K. verloben werde, obgleich zu einer
-solchen Annahme in Wirklichkeit auch nicht der geringste Grund vorhanden
-war. Was aber da irgendwelche romantische schweizer Abenteuer mit
-Lisaweta Nicolajewna anbetraf, oh, so erwähnten unsere Damen diese
-»Märchen« überhaupt nicht mehr. Ich muß hier bemerken, daß Drosdoffs
-inzwischen schon überall ihre Visite gemacht hatten, und nun fand man,
-daß Lisa ein ganz gewöhnliches junges Mädchen sei, das mit seinen
-»kranken Nerven« nur »kokettierte«. Ihren Ohnmachtsanfall am Tage der
-Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs erklärte man einfach mit dem Schreck
-über die schändliche Tat des Studenten. Ja, man bemühte sich sogar, das,
-was man noch vor kurzem so phantastisch aufgefaßt hatte, jetzt so
-prosaisch wie möglich zu erklären; -- und die Hinkende vergaß man
-völlig, schämte sich fast, sie überhaupt erwähnt zu haben. Die Männer
-aber pflegten zu sagen: »Und wenn auch hundert lahme Frauenzimmer -- wer
-ist denn nicht jung gewesen!« Jetzt hob man auch allgemein die
-Ehrerbietung Nicolai Wszewolodowitschs zu seiner Mutter hervor, sprach
-wohlwollend von seinem großen Wissen, das er sich in diesen vier Jahren
-an deutschen Universitäten erworben hatte. Die Handlungsweise Gaganoffs
-aber erklärte man endgültig für taktlos -- »die Eigenen erkennen die
-Eigenen nicht!« --, und Julija Michailowna sprach man gar »höhere
-Einsicht« zu.
-
-So wurde denn Stawrogin, als er endlich selbst in der Gesellschaft
-erschien, mit dem naivsten Ernst und der ungeduldigsten Erwartung
-angesehen. Er aber schwieg. Natürlich befriedigte das wieder weit mehr,
-als es endlose Erklärungen getan hätten. Kurz, er machte einen großen
-Eindruck auf alle, er wurde Mode. In der Gesellschaft kam er mit
-feinstem Takt allen seinen Pflichten nach. Ein Zurückziehen, sich
-Absondern war freilich unmöglich, nachdem er einmal in der Gesellschaft
-erschienen war. Das ist schon so in der Provinz. Man fand ihn zwar nicht
-»gemütlich« oder »unterhaltsam«, aber »der Mensch hat gelitten, ist
-nicht so wie andere; hat auch was, worüber er nachdenken kann,« hieß es
-zu seiner Entschuldigung. Sogar sein Stolz und die Unnahbarkeit, die ihm
-vor vier Jahren so viel Haß eingetragen hatten, gefielen jetzt und
-wurden sehr geachtet.
-
-Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich weiß nicht, ob sie sich
-über ihre verunglückten Pläne mit Lisa sehr grämte: darüber half ihr
-vielleicht der Familienstolz hinweg. Sonderbar war nur eines: Warwara
-Petrowna glaubte plötzlich gleichfalls, daß ihr _Nicolas_ eine Tochter
-des Grafen K. erwählt habe, und zwar -- was das Sonderbarste dabei war
--- sie glaubte es gleichfalls nur auf die Gerüchte hin, die auch zu ihr
-bloß der »Zufall« verschlagen hatte; selbst aber ihren Sohn zu fragen,
-fürchtete sie sich. Zwei- oder dreimal konnte sie sich freilich nicht
-bezwingen, und machte ihm vorsichtig, wenn auch heiter, den Vorwurf,
-nicht ganz aufrichtig zu ihr zu sein: Nicolai Wszewolodowitsch lächelte
-aber nur und fuhr fort, zu schweigen. So hielt sie sein Schweigen für
-eine Bestätigung. Und doch konnte sie bei all dem die Hinkende nicht
-vergessen. Der Gedanke an diese lag ihr wie ein Stein auf dem Herzen,
-raubte ihr den Schlaf oder schreckte sie mit unheimlichen Träumen -- und
-das zu derselben Zeit, als sie an die Töchter des Grafen K. dachte. Aber
-davon später. Es versteht sich im übrigen von selbst, daß die
-Gesellschaft sich wieder ganz wie früher mit außerordentlicher Ehrfurcht
-zu Warwara Petrowna verhielt, wenn auch diese sich jetzt nur noch selten
-sehen ließ.
-
-Indessen machte sie doch der Gouverneurin einen feierlichen Besuch.
-Natürlich war niemand über die schon erwähnte Bemerkung Julija
-Michailownas so entzückt, wie Warwara Petrowna: diese Worte hatten viel
-Leid von ihrem Herzen genommen. »Ich habe diese Frau mißverstanden!«
-sagte sie sich, und mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit erklärte sie
-Julija Michailowna sofort, daß sie gekommen sei, um sich bei ihr zu
-bedanken. Julija Michailowna war natürlich sehr geschmeichelt, verlor
-jedoch nicht ihre Würde. Zu gleicher Zeit stieg sie in ihren eigenen
-Augen ganz beträchtlich, und vielleicht sogar etwas zu hoch. So beging
-sie beispielsweise im Laufe des Gesprächs die Unhöflichkeit, Warwara
-Petrowna zu sagen, daß sie noch nie etwas von einer literarischen
-Tätigkeit Stepan Trophimowitschs gehört habe.
-
-»Ich empfange und verwöhne natürlich den jungen Werchowenski, er ist
-zuweilen etwas unbesonnen, aber er ist ja noch jung. Jedenfalls hat er
-solide Kenntnisse, und ist doch immerhin schon etwas mehr, als irgend
-ein verabschiedeter ehemaliger Kritiker.«
-
-Warwara Petrowna beeilte sich sofort, zu bemerken, daß Stepan
-Trophimowitsch niemals Kritiker gewesen sei, sondern sein ganzes Leben
-in ihrem Hause verbracht habe. Berühmt aber sei er durch gewisse
-Umstände zu Anfang seiner Karriere, die »aller Welt nur zu gut bekannt
-sind«, und in der letzten Zeit durch seine Studien über die spanische
-Geschichte; augenblicklich beabsichtige er, über die deutschen
-Universitäten zu schreiben und, wenn sie recht unterrichtet sei, auch
-etwas über die Dresdener Madonna ... Warwara Petrowna wollte ihren
-Stepan Trophimowitsch um keinen Preis von Julija Michailowna herabsetzen
-lassen.
-
-»Über die Dresdener Madonna? Die Sixtinische? _Chère_ Warwara Petrowna,
-ich habe zwei Stunden vor diesem Bilde gesessen und bin schließlich
-vollkommen enttäuscht fortgegangen. Ich habe nichts verstanden und mich
-nur über die Menschen gewundert. Auch Karmasinoff sagt, daß es schwer
-sei, dieses Bild zu verstehen. Jetzt finden alle nichts Besonderes an
-diesem Bilde, sowohl Russen wie Engländer. Den ganzen Ruhm haben ihm nur
-die alten Professoren verschafft.«
-
-»Also eine neue Mode?«
-
-»Ach, ich aber glaube, daß man unsere Jugend nicht so geringschätzen
-darf. Überall klagt man jetzt, unsere jungen Leute seien Kommunisten,
-und verachtet sie womöglich, doch meiner Meinung nach sollte man sie
-lieber schonen und hochschätzen. Ich lese jetzt alles: alle Zeitungen,
-Revuen, treibe Naturwissenschaft -- ich bekomme alles, denn man muß
-doch, nicht wahr, endlich wissen, wo man lebt und mit wem man es zu tun
-hat?! Man kann doch nicht das ganze Leben lang auf den Wolken seiner
-Phantasie leben! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Jugend zu
-protegieren, und hoffe, sie auf diese Weise an dem Rande des Abgrundes
-zurückzuhalten, in den sie, das gebe ich zu, sonst hinabgleiten könnte.
-Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, nur mit gutem Einfluß und vor allem
-mit Liebe können wir sie von dem Abgrund zurückhalten, in den sie die
-Unduldsamkeit aller dieser zurückgebliebenen alten Leute treibt. Aber
-wirklich: es freut mich, was ich von Ihnen über Stepan Trophimowitsch
-gehört habe. Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht: er könnte
-auf unserer literarischen Matinee gleichfalls etwas vortragen. Wissen
-Sie es schon? Ich arrangiere einen ganzen Festtag, mit Hilfe einer
-Kollekte -- für die armen Gouvernanten unseres Gouvernements. Sie sind
-in ganz Rußland verstreut; aus unserem Kreise sind allein schon sechs;
-außerdem noch zwei Telegraphistinnen und zwei, die die Akademie
-besuchen; viele würden das gleichfalls gern, haben aber nicht die Mittel
-dazu. Ach, das Los der russischen Frau ist entsetzlich, Warwara
-Petrowna! Jetzt wird daraus eine Universitätsfrage gemacht, und der
-Reichsrat hat sich sogar schon deswegen einmal versammelt. In unserem
-sonderbaren Rußland kann man wirklich alles machen, was einem einfällt.
-Und darum, noch einmal sei es gesagt, könnten wir nur mit Liebe und
-unmittelbarer warmer Teilnahme der ganzen Gesellschaft diese große,
-allgemeine Sache auf den richtigen Weg führen. O Gott, als ob wir viele
-große Menschen hätten! Es gibt ja natürlich welche, aber die sind so
-verstreut! Tun wir uns doch zusammen, um stärker zu werden! Wie gesagt,
-ich werde erst eine literarische Matinee arrangieren, darauf ein
-leichtes Frühstück, und dann, am Abend, einen Ball. Zuerst wollten wir
-den Abend mit lebenden Bildern eröffnen, aber das käme wohl etwas zu
-teuer, und deshalb sollen zur Unterhaltung des Publikums nur zwei
-Quadrillen von Masken getanzt werden -- in charakteristischen Kostümen,
-die bestimmte literarische Richtungen darstellen. Diesen spaßigen
-Vorschlag hat Karmasinoff gemacht -- er ist mir überhaupt sehr
-behilflich. Und wissen Sie, er wird zur Matinee sein letztes Werk, das
-noch niemand kennt, vorlesen. Er will seine Feder jetzt niederlegen und
-nie mehr schreiben. Dieses letzte Werk ist sein Abschied vom Publikum.
-Ein herrliches Ding, unter dem Titel: >_Merci_<. Allerdings ein
-französisches Wort, aber er findet es scherzhafter und sogar feiner. Ich
-auch -- ja eigentlich habe ich es ihm vorgeschlagen. Nun denke ich,
-vielleicht könnte auch Stepan Trophimowitsch etwas vorlesen, etwas
-Kürzeres und, wenn möglich ... nicht gar zu Gelehrtes. Ich glaube, auch
-Pjotr Stepanowitsch und noch jemand werden irgend etwas vortragen. Ich
-werde Pjotr Stepanowitsch zu Ihnen schicken, mit dem Programm, oder
-besser, erlauben Sie mir, es Ihnen selbst zu übergeben, wenn ich einmal
-vorüberfahre.«
-
-»Gern! -- Und Sie erlauben mir gewiß, meinen Namen gleichfalls auf die
-Liste zu setzen ... Ich werde es Stepan Trophimowitsch mitteilen und ihn
-selbst darum bitten.«
-
-Ganz bezaubert kehrte Warwara Petrowna heim; jetzt stand sie wie ein
-Fels für Julija Michailowna! Über Stepan Trophimowitsch aber ärgerte sie
-sich plötzlich grenzenlos. Er aber, der Arme, ahnte natürlich von
-alledem nichts.
-
-»Ich habe mich geradezu in sie verliebt. Ich begreife nicht, wie ich
-mich in dieser Frau so habe täuschen können,« sagte sie zu Nicolai
-Wszewolodowitsch und zu Pjotr Stepanowitsch, der am Abend dieses Tages
-wieder auf einen Augenblick bei ihr vorsprach.
-
-»Aber Sie müssen sich mit dem Alten wieder aussöhnen,« meinte Pjotr
-Stepanowitsch, »er ist ganz verzweifelt. Sie haben ihn ja schon geradezu
-in die Küche geschickt. Gestern hat er Sie in der Equipage gesehen und
-gegrüßt, Sie aber sollen sich abgewendet haben. Wissen Sie, wir wollen
-ihn ein wenig herausheben, ich habe sogar gewisse Absichten mit ihm und
-er kann uns noch nützlich sein.«
-
-»Oh, er wird ja jetzt auf der Matinee vortragen.«
-
-»Ich spreche nicht davon allein. Übrigens, ich wollte selbst noch heute
-zu ihm gehen. Soll ich es ihm sagen?«
-
-»Wenn Sie wollen. Oder nein, ich weiß nicht, wie Sie das anfangen
-werden,« sagte sie ein wenig unentschlossen. »Ich hatte schon selbst die
-Absicht, mich mit ihm auszusprechen und wollte ihm Ort und Stunde
-angeben.« Ihr Gesicht verfinsterte sich.
-
-»Na, das lohnt sich gerade! Ich werde es ihm einfach sagen.«
-
-»Nun, meinetwegen. Sagen Sie es ihm. Aber fügen Sie hinzu, daß ich ihm
-unbedingt einen Tag angeben werde. Fügen Sie das unbedingt hinzu.«
-
-Pjotr Stepanowitsch eilte sogleich schmunzelnd zu seinem Vater. Im
-allgemeinen war er in dieser Zeit, so weit ich mich dessen noch erinnern
-kann, ganz besonders schlechter Laune und erlaubte sich unglaubliche
-Sachen fast allen gegenüber, was man ihm aber sonderbarerweise stets
-verzieh. Überhaupt hatte sich die Meinung verbreitet, daß man auf ihn
-irgendwie besonders sehen müsse. Hier muß ich aber erwähnen, daß ihn
-Stawrogins Duell in eine schon beinahe unnatürliche Wut versetzt hatte;
-die Nachricht traf ihn unvorbereitet. Er wurde geradezu grün im Gesicht,
-als man ihm das erzählte. Vielleicht litt hierbei seine Eigenliebe: er
-erfuhr es erst am anderen Tage, als schon alle davon wußten.
-
-»Aber Sie hatten ja gar nicht das Recht, sich zu schlagen!« flüsterte er
-Stawrogin zu, als er ihn erst am fünften Tag darauf zufällig im Klub
-traf.
-
-Es ist bemerkenswert, daß sie sich in diesen fünf Tagen nirgends
-begegnet waren, obgleich Pjotr Stepanowitsch fast täglich bei Warwara
-Petrowna vorsprach.
-
-Stawrogin blickte ihn stumm und wie zerstreut an, als verstünde er
-nicht, wovon jener sprach, und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er
-ging durch den großen Saal zum Büfettraum.
-
-»Sie sind auch zu Schatoff gegangen ... Sie wollen Ihre Heirat mit Marja
-Timofejewna bekannt machen,« flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der ihm
-nachlief, und faßte ihn an der Schulter.
-
-Da schüttelte Stawrogin plötzlich seine Hand ab und drehte sich schnell
-mit drohend finsterem Gesicht zu ihm um. Pjotr Stepanowitsch sah ihn an
-und lächelte ein sonderbares langes Lächeln. Das Ganze dauerte nur einen
-Augenblick. Stawrogin ging allein weiter.
-
-
- II.
-
-Von Warwara Petrowna begab sich Pjotr Stepanowitsch an jenem Abend
-schleunigst zu seinem Vater. Daß er sich so beeilte, geschah vor allem
-aus Bosheit: um sich für eine Beleidigung, von der ich noch keine Ahnung
-hatte, sobald wie möglich zu rächen. Stepan Trophimowitsch hatte ihn
-nämlich bei seinem letzten Besuch nach einem Streit, der übrigens von
-ihm selbst begonnen worden war, mit dem Stock hinausgejagt. Damals war
-ich, wie gesagt, nicht zugegen gewesen, diesmal aber, als Pjotr
-Stepanowitsch mit seinem gewöhnlichen spöttischen Lächeln eintrat,
-während sein unangenehm neugieriger Blick das Zimmer gleichsam absuchte,
-gab mir Stepan Trophimowitsch sogleich durch einen Wink zu verstehen,
-ich solle den Raum nicht verlassen. So erfuhr ich denn, wie sie zu
-einander standen.
-
-Stepan Trophimowitsch saß halb liegend auf dem Diwan. Seit jenem letzten
-Besuch seines Sohnes, am Donnerstag, war er magerer und bleicher
-geworden. Pjotr Stepanowitsch setzte sich in der ungeniertesten Weise
-neben ihn, und nahm weit mehr Platz auf dem Diwan ein, als es die
-Achtung vor dem Vater erlaubt hätte. Stepan Trophimowitsch rückte
-wortlos, seine Würde wahrend, zur Seite.
-
-Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch: der Roman »Was tun?«[43]
-Leider muß ich hier eine gewisse Schwäche meines Freundes eingestehen:
-der Gedanke, daß er noch einmal aus seiner Einsamkeit hervortreten
-müsse, um »die letzte Schlacht zu schlagen«, hatte sich mehr und mehr in
-seiner verblendeten Einbildung festgesetzt. Ich erriet, daß er sich
-diesen Roman nur vorgenommen hatte und nun _studierte_, um für den Fall
-eines Zusammenstoßes mit den Feinden ihren ganzen »Katechismus« zu
-kennen. So vorbereitet, wollte er sie dann alle widerlegen und feierlich
-vor »_ihr_« über jene Jungen triumphieren! Oh, wie quälte ihn dieses
-Buch! Ganz verzweifelt warf er es oft fort, sprang auf und ging erregt,
-ja fast außer sich hin und her.
-
-»Ich gebe zu, daß der Grundgedanke des Autors richtig ist,« sagte er wie
-im Fieber zu mir, -- »aber das ist doch noch schrecklicher! Es ist ja
-derselbe Gedanke, den wir gehegt haben, gerade unser eigener! Wir haben
-ihn selbst gepflanzt, erzogen, alles vorbereitet, -- ja und was könnten
-die denn überhaupt noch Neues sagen, nach _uns_! Aber, Gott, wie ist das
-alles mißverstanden, wie entstellt, wie verdorben!« rief er, nervös mit
-den Fingern auf das Buch klopfend. »Haben wir je solche Folgerungen
-gezogen, _das_ etwa erstrebt? Wer kann hier überhaupt den Grundgedanken
-herauslesen?!«
-
-»Bildest dich?« fragte Pjotr Stepanowitsch spöttisch, nachdem er das
-Buch vom Tisch genommen und den Titel gelesen hatte. »War schon längst
-an der Zeit. Kann dir noch bessere Bücher bringen, wenn du willst.«
-
-Stepan Trophimowitsch schwieg wieder. Ich saß auf dem anderen Diwan in
-der Ecke.
-
-Pjotr Stepanowitsch erklärte schnell, warum er gekommen sei. Stepan
-Trophimowitsch war ganz unverhältnismäßig betroffen und hörte mit einem
-Schrecken zu, der sich mit äußerstem Unwillen mischte.
-
-»Und diese Julija Michailowna ist ohne weiteres überzeugt, daß ich bei
-ihr vorlesen werde!«
-
-»Das heißt, sieh mal, sie brauchen dich ja eigentlich überhaupt nicht.
-Im Gegenteil, es geschieht nur, um dir eine Ehre zu erweisen und somit
-Warwara Petrowna zu schmeicheln. Na, versteht sich doch von selbst, daß
-du nicht wagen darfst, etwa abzusagen. Und selber willst du doch auch
-riesig gern vorlesen,« schmunzelte er. »Ihr Alten habt ja alle 'ne
-höllische Ambition. Aber, hör mal, damit es nicht zu langweilig ist --
-du hast da etwas aus der spanischen Geschichte, nicht? Du, also gib mir
-das Ding drei, zwei Tage vorher, damit ich es mal durchsehe, sonst
-schläferst du uns am Ende noch alle ein.«
-
-Die Grobheit seiner Bemerkungen war augenscheinlich beabsichtigt. Er
-tat, als könne man mit Stepan Trophimowitsch eben unmöglich feiner
-sprechen. Mein Freund fuhr unerschütterlich fort, die Beleidigungen
-nicht zu bemerken. Indessen regte ihn der Inhalt des Gehörten doch immer
-mehr auf.
-
-»Und sie selbst, _sie selbst_ hat ... dir gesagt, daß du es mir
-mitteilen sollst?« fragte er.
-
-»Das heißt, sieh mal, sie wollte dir Ort und Zeit angeben, um sich mit
-dir auszusprechen -- die letzten Überreste eurer Sentimentalitäten. Du
-hast zwanzig Jahre mit ihr kokettiert und ihr die lächerlichsten
-Albernheiten angewöhnt. Na, beruhige dich, jetzt hat das aufgehört;
-jetzt wiederholt sie ja selbst stündlich, daß sie dich nun erst
->durchschaut<. Ich habe ihr logisch auseinandergesetzt, daß eure ganze
-Freundschaft weiter nichts als ein gegenseitiger Erguß von Spülicht
-gewesen ist. Sie hat mir viel erzählt, weißt du. Pfui, was für ein
-Lakaienamt du bei ihr bekleidet hast. Sogar ich habe für dich erröten
-müssen.«
-
-»Ich -- ein Lakaienamt bekleidet?« rief Stepan Trophimowitsch, der nun
-doch nicht mehr an sich halten konnte.
-
-»Sogar noch schlimmer als das, denn du warst ja ein Schmarotzer, also
-ein freiwilliger Lakai. Zur Arbeit zu faul -- aber auf Geld haben wir
-Appetit. Kennt man! Auch sie begreift das jetzt. Haarsträubend, was sie
-von dir alles erzählt hat! Ach, Freund, hab ich aber über deine Briefe
-an sie gelacht! Wie gewissenlos und wie ekelhaft! Aber ihr seid ja so
-verderbt, so unglaublich verderbt! Im Almosenempfangen liegt doch etwas,
-das den Menschen für immer verdirbt -- du bist ein glänzendes Beispiel
-dafür!«
-
-»Sie hat dir meine Briefe gezeigt!«
-
-»Alle. Das heißt, wo denkst du hin, wer soll denn die alle durchlesen!
-Pfui, ich glaube, es sind über zweitausend Briefe. Verboten viel Papier
-verschmiert ... Aber weißt du auch, Alter, ich vermute, es muß da einmal
-einen Augenblick gegeben haben, wo sie vielleicht sogar bereit gewesen
-wäre, dich zu heiraten? Dümmsterweise hast du's verpaßt! Ich meine
-natürlich -- von deinem Standpunkt aus. Immerhin besser als jetzt, da
-man dich beinah mit >fremden Sünden< verkuppelt hätte, wie einen Narren
-zum Scherz, -- und das für Geld.«
-
-»Für Geld! _Sie, sie_ sagt -- ich hätte für Geld! ...« rief Stepan
-Trophimowitsch in krankhafter Erregung.
-
-»Ja, wie denn sonst? Was fällt dir denn ein? Unter diesem Gesichtswinkel
-habe ich dich noch verteidigt! Das ist doch deine einzige
-Entschuldigung. Sie hat jetzt selbst eingesehen, daß du Geld brauchtest,
-wie nun einmal alle Menschen -- und von dem Standpunkte aus sogar ganz
-recht hattest. Ich habe ihr denn auch klar wie zweimalzwei bewiesen, daß
-ihr zu Eurem gegenseitigen Vorteil gelebt habt: sie als Kapitalistin,
-und du bei ihr als ihr sentimentaler Narr. Übrigens: über das viele
-verschwendete Geld ärgert sie sich nicht, obgleich du sie doch wirklich
-wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ist nur, daß sie dir
-zwanzig Jahre lang geglaubt hat, daß sie sich von deinem _Anstand_ hat
-betölpeln lassen und daß du sie gezwungen hast, so lange zu lügen. Daß
-sie selbst auch gelogen hat, wird sie sich nie eingestehen, aber du
-wirst dafür doppelt büßen müssen. Ich verstehe nur nicht, wie du nicht
-hast begreifen können, daß es irgend einmal doch zu einer Abrechnung
-kommen mußte. Denn immerhin hattest du doch so etwas wie einen Verstand.
-Ich habe ihr gestern geraten, dich in ein Armenhaus zu stecken. Beruhige
-dich, in ein anständiges: es wird schon nicht erniedrigend sein. Ich
-glaube, sie wird es auch so machen. Erinnerst du dich noch deines
-letzten Briefes an mich, ins H--sche Gouvernement, vor drei Wochen?«
-
-»Den hast du ihr gezeigt?« Stepan Trophimowitsch sprang vor Entsetzen
-auf.
-
-»Na, selbstredend! Als ersten! Denselben, in dem du schreibst, daß sie
-dich ausnutzt, dich um deines Talentes willen beneidet, na, und noch
-allerlei über die >fremden Sünden< ... -- Ach, Freund, hast du aber eine
-Eigenliebe! Ich habe mir vor Lachen die Seiten gehalten. Sonst sind
-deine Briefe mordslangweilig -- hast einen entsetzlichen Stil. Habe sie
-überhaupt nur selten gelesen und ein Brief liegt da bei mir noch jetzt
-uneröffnet herum; werde ihn dir morgen schicken. Aber dieser, dieser
-letzte Brief -- der ist ja einfach die Krone von allen! Wie ich gelacht
-habe, nein, wie ich gelacht habe!«
-
-»Du Unmensch, du Ungeheuer!« brüllte plötzlich Stepan Trophimowitsch
-außer sich vor Empörung.
-
-»Pfui Teufel, mit dir kann man ja überhaupt nicht reden. Hör mal, du
-fühlst dich wohl wieder gekränkt, wie vorigen Donnerstag?«
-
-Stepan Trophimowitsch richtete sich drohend auf.
-
-»Wie wagst du es, so mit mir zu reden?«
-
-»Ja, wie denn? Ich rede doch einfach und klar.«
-
-»Aber so sag mir doch, bist du mein Sohn oder bist du's nicht!«
-
-»Das müßtest du besser wissen als ich. Natürlich, jeder Vater ist ja in
-solchen Fällen zu Zweifeln geneigt ...«
-
-»Schweig, schweig!« Stepan Trophimowitsch erzitterte am ganzen Körper.
-
-»Sieh mal, nun schreist und schimpfst du schon wieder, ganz wie vorigen
-Donnerstag; wolltest ja damals schon deinen Stock erheben, inzwischen
-aber habe ich das Dokument gefunden. Hab den ganzen Abend in meinem
-Reisekoffer aus Neugier gesucht. Kannst dich beruhigen, es ist kein
-Beweis vorhanden. Nur ein kurzer Brief meiner Mutter an jenen Polen.
-Aber nach ihrem Charakter zu urteilen ...«
-
-»Noch ein Wort und ich schlage dich --!«
-
-»Na, das sind mir mal Menschen!« wandte sich Pjotr Stepanowitsch
-plötzlich an mich. »Sehen Sie, das geht nun schon so seit dem vorigen
-Donnerstag. Es freut mich, daß diesmal wenigstens Sie dabei sind und
-urteilen können. Zuerst eine Tatsache: er macht mir Vorwürfe, weil ich
-so von meiner Mutter rede, aber war er es nicht selbst, der mich darauf
-gebracht hat? In Petersburg, als ich noch Gymnasiast war, weckte er mich
-womöglich zweimal in der Nacht, umarmte mich und weinte wie ein altes
-Weib. Und was glauben Sie wohl, was er mir dann erzählte, so in der
-Nacht? Na, eben diese selben keuschen Anekdoten über meine Mutter! Er
-war ja der erste, von dem ich es hörte.«
-
-»Oh, ich tat es damals im höheren Sinne! Oh, du hast mich nicht
-verstanden. Nichts, nichts hast du verstanden!«
-
-»Aber immerhin war es von dir doch gemeiner, als von mir, viel gemeiner,
-gestehe es nur! Sieh, wenn du willst: mir ist es ja einerlei. Von deinem
-Standpunkt betrachtet. Von meinem -- na, beruhige dich: ich mache meiner
-Mutter durchaus keinen Vorwurf. Bist du's, na, dann bist du es, -- ist's
-der Pole, -- na, meinetwegen, mir ist's egal. Ich bin doch nicht daran
-schuld, daß es bei euch in Berlin so dumm herausgekommen ist. Ja und
-hätte denn überhaupt jemals etwas Gescheites bei euch herauskommen
-können? Und seid ihr nun nach alledem nicht komische Leute? Kann es dir
-denn nicht ganz egal sein, ob ich dein Sohn bin, oder nicht? Hören Sie
-mal,« wandte er sich wieder zu mir, »er hat für mich in seinem ganzen
-Leben nicht einen einzigen Rubel ausgegeben; bis zum sechzehnten Jahre
-hat er mich überhaupt nicht gekannt, darauf hat er mich hier bestohlen,
-und jetzt schreit er, daß ihn sein Herz sein Lebelang um mich geschmerzt
-habe, und geberdet sich vor mir wie ein Schauspieler. Aber ich bin doch
-nicht Warwara Petrowna, ich bitte dich!«
-
-Er stand auf und nahm seinen Hut.
-
-»Ich -- verfluche dich!« rief Stepan Trophimowitsch, bleich wie der Tod,
-und streckte seine Hand aus.
-
-»Seht doch, was ein Mensch alles fertig bringt!« Pjotr Stepanowitsch
-wunderte sich wirklich. »Na, leb wohl, Alter, werde nie mehr zu dir
-kommen. Den Aufsatz schick etwas früher, vergiß es nicht, und bemühe
-dich, wenn du kannst, ohne Albernheiten zu schreiben. Nur Tatsachen,
-Tatsachen und nochmals Tatsachen, und die Hauptsache: so kurz wie
-möglich. Adieu!«
-
-
- III.
-
-Pjotr Stepanowitsch hatte übrigens noch andere Gründe dafür, mit seinem
-Vater in dieser Weise umzugehen. Meiner Meinung nach beabsichtigte er
-ganz einfach, ihn zur Verzweiflung zu bringen, um ihn auf diese Weise zu
-einem Skandal zu treiben, der die Öffentlichkeit in einer ganz
-bestimmten Richtung in Anspruch nehmen mußte. Etwas Derartiges hatte er
-für seine ferneren Ziele, von denen jedoch erst später die Rede sein
-soll, unbedingt nötig. Noch eine ganze Reihe ähnlicher und miteinander
-in Zusammenhang stehender Pläne -- freilich alle von einer gewissen
-Phantastik -- gingen damals durch seinen Kopf. Außer Stepan
-Trophimowitsch hatte er noch einen anderen Märtyrer im Auge. Überhaupt
-hatte er deren nicht wenige, wie sich später herausstellte; doch auf
-diesen anderen Märtyrer rechnete er ganz besonders, und der war -- Herr
-von Lembke in eigener Person.
-
-Andrei Antonowitsch von Lembke gehörte zu jenem bevorzugten (von der
-Natur bevorzugten) Volke, von dem in Rußland mehrere hunderttausend
-Vertreter leben, die vielleicht selbst nicht wissen, daß sie in ihrer
-ganzen Masse und Gesamtheit einen streng organisierten Bund bei uns
-bilden. Selbstredend ist dieser Bund nicht etwa ausgedacht, sondern
-besteht wortlos, ohne Vereinbarungen, einfach wie eine moralische
-Selbstverständlichkeit -- eben durch das unbedingte Zusammenhalten und
-die Unterstützung, die sie sich überall und unter allen Umständen
-wechselseitig zuteil werden lassen.
-
-Andrei Antonowitsch hatte die Ehre gehabt, in einer jener höheren
-russischen Schulen erzogen zu werden, in die in der Regel nur die Söhne
-solcher Familien eintreten können, die mit Reichtum oder Verbindungen
-beglückt sind. Die Zöglinge dieser Schule wurden fast sofort nach dem
-Abiturientenexamen so untergebracht, daß sie selbst bei geringer
-Begabung noch eine gute Karriere machen konnten. Andrei Antonowitschs
-Großväter waren: ein Oberstleutnant und ein Bäcker. Trotzdem hatte man
-ihn in jener hohen Schule aufgenommen, und siehe da -- er fand noch
-andere junge Leute ähnlicher Herkunft vor. Er war ein lustiger Kamerad;
-mit dem Lernen ging es zwar ziemlich schwer, aber das störte weiter
-nicht -- man hatte ihn trotzdem gern. Als später, in den höheren
-Klassen, die Jünglinge, die meistens Russen waren, schon über alle
-möglichen Tagesfragen zu disputieren begannen, und zwar in einem Tone,
-der keinen Zweifel darüber bestehen ließ, daß sie, sobald sie nur erst
-die Schule hinter sich gebracht hätten, sofort sämtliche Probleme mit
-einem Schlage lösen würden -- da fuhr Andrei Antonowitsch immer noch
-fort, sich mit den allerunschuldigsten Jungenstreichen zu beschäftigen.
-Es schien in seinen Augen geradezu sein Lebenszweck zu sein, seine
-Mitschüler auch jetzt noch durch alle möglichen Einfälle zu unterhalten
--- Einfälle, die sich zwar nicht durch allzu großen Geistesreichtum
-auszeichneten, dafür aber die junge Gesellschaft zu erheitern
-vermochten. Entweder schneuzte er sich, wenn der Lehrer ihn etwas
-fragte, auf irgendeine ganz besonders laute und mißtönende Weise die
-Nase, wodurch er dann sowohl die Kameraden wie den Lehrer selber
-belustigte; oder er machte im gemeinsamen Schlafsaal irgendwelche
-equilibristischen Kunststücke, die ihm einen allgemeinen und
-begeisterten Beifall einzutragen pflegten; oder er spielte gar einzig
-auf seiner Nase (und wirklich kunstvoll) die Ouvertüre zu »Fra Diavolo«.
-Im letzten Schuljahr zeichnete er sich wohl auch durch eine absichtliche
-Unordentlichkeit in der Kleidung aus, was er für genial hielt, dieweil
-er nämlich zu dichten begonnen hatte: und zwar in russischer Sprache,
-denn seine Muttersprache beherrschte er nur äußerst ungrammatisch, wie
-so viele seiner in Rußland lebenden Volksgenossen.
-
-Diese Neigung zur Poesie hatte ihn dann mit einem Kameraden, dem Sohn
-eines armen Offiziers, den die ganze Schule für einen zukünftigen großen
-Poeten, so eine Art zweiten Puschkin hielt, zusammengeführt. Wie
-erstaunt aber war dieser Kamerad, der sich Lembkes auf der Schule nur
-von oben herab, gnädig, beinahe gönnerhaft angenommen hatte, als er drei
-Jahre später seinen Protegé, den »Lembka«, wie man ihn allgemein genannt
-hatte, an einem kalten Tage an der Anitschkoffbrücke traf! Der
-»zukünftige große Poet« hatte sich inzwischen ganz der russischen
-Literatur gewidmet und es bereits glücklich bis zu zerrissenen Stiefeln
-und einem dünnen Sommerpaletot im Spätherbst gebracht. Um so
-eigentümlicher mußten seine Empfindungen sein, als er jetzt seinen
-»Lembka« wiedersah: zuerst traute er seinen Augen nicht -- vor ihm stand
-ein tadellos gekleideter junger Mann mit bewunderungswürdig bearbeitetem
-rötlich-blondem Backenbart, mit einem Klemmer auf der Nase, elegant
-behandschuht, dazu in Lackstiefeln und kostbarem Pelz mit einer
-Ledermappe unter dem Arm. Lembke begrüßte ihn sehr freundlich, gab ihm
-seine Adresse, und forderte ihn sogar auf, ihn einmal abends zu
-besuchen. Es stellte sich bei der Gelegenheit heraus, daß er jetzt nicht
-mehr einfach der »Lembka«, sondern Herr _von_ Lembke war. Doch als nun
-der Schulfreund der Aufforderung nachkam und ihn tatsächlich einmal
-besuchte, da fand er keineswegs die Reichtümer vor, die er erwartet
-hatte, fand seinen »Lembka« vielmehr in einem schmalen Zimmerchen, das
-ziemlich alt aussah, mit einem dunkelgrünen Vorhang in zwei ungleiche
-Hälften geteilt und mit ebenfalls dunkelgrünen, zwar gepolsterten, aber
-bereits ziemlich verschossenen Möbeln eingerichtet war. Von Lembke
-wohnte bei einem General, mit dem er in sehr weitläufiger Verwandtschaft
-stand und der den jungen Mann nach Möglichkeit in seiner Laufbahn
-förderte. Von Lembke empfing den Schulfreund freundlich, war aber sonst
-ernst und von gesellschaftlicher Höflichkeit. Über Literatur sprachen
-sie nur beiläufig. Ein Diener in weißer Weste brachte einen etwas
-bläßlichen Tee und hartes kleines, rundes Gebäck. Als der Freund aus
-Bosheit um eine Flasche Selterwasser bat, wurde sie ihm zwar gebracht,
-doch erst nach auffallend langer Zeit, während der Lembke etwas betreten
-zu sein schien. Übrigens muß ich hinzufügen, daß er dem Schulfreunde
-auch einen Imbiß anbot, doch offenbar nicht unzufrieden war, als der
-Gast dankte und sich bald darauf verabschiedete. Mit einem Wort: Lembke
-begann damals, trotz ärmlicher Verhältnisse, seine »Karriere« und lebte
-bei einem Stammgenossen, der ein angesehener General war.
-
-In dieser Zeit hatte er sich in die fünfte Tochter des Generals
-verliebt, und sein Antrag war, wenn ich nicht irre, auch so gut wie
-angenommen worden. Nur verheiratete man Amalie, als sich die Gelegenheit
-bot, nichtsdestoweniger mit einem deutschen Fabrikbesitzer, einem alten
-Freunde des alten Generals. Andrei Antonowitsch trauerte seiner Liebe
-nicht sehr lange nach, sondern -- klebte aus Pappe ein Theater. Das ward
-ein richtiges Kunstwerk: der Vorhang hob sich, die Schauspieler traten
-auf und gestikulierten mit den Händen, in den Logen saßen Damen, im
-Orchester fuhren die Musiker mit den Bögen über die Instrumente, der
-Kapellmeister fuchtelte mit einem Stöckchen und das Publikum klatschte
-in die Hände. Alles das war aus Pappe hergestellt, und ausgedacht und
-ausgeführt von Andrei Antonowitsch von Lembke. Ein halbes Jahr lang
-hatte er über diesem Theater gesessen. Als er fertig war, gab der
-General eine intimere Abendgesellschaft; viele deutsche Damen und junge
-Mädchen, sowie die fünf Töchter des Generals, darunter die neuvermählte
-Amalie und deren Gatte, waren sehr entzückt, als das Theater vorgeführt
-wurde, und ergingen sich in hohen Lobsprüchen über den Verfertiger --
-worauf dann getanzt wurde. Lembke war sehr zufrieden und vergaß seinen
-Liebesgram alsbald.
-
-Ein paar Jahre vergingen und seine »Karriere« machte sich mehr und mehr.
-Er bekleidete stets Vertrauensposten unter Vorgesetzten, die gleicher
-Abstammung waren, und erreichte in verhältnismäßig jungen Jahren einen
-recht ansehnlichen Rang. Schon lange hatte er, jetzt aber ernstlich, den
-Wunsch gehabt, zu heiraten, und schon lange hatte er sich verstohlen
-nach einer passenden Partie umgesehen. Übrigens dichtete er auch jetzt
-noch hin und wieder, doch ohne jemandem etwas davon zu verraten, und
-einmal sandte er sogar eine Novelle an die Redaktion eines Blattes: sie
-wurde jedoch zu seinem Kummer nicht abgedruckt, sondern ihm höflich
-wieder zur Verfügung gestellt. Da begann er denn wieder zu kleben:
-diesmal einen ganzen Eisenbahnzug. Auch der gelang ihm vorzüglich: die
-Leute kamen aus dem Bahnhof und drängten sich, mit Koffern und Taschen
-in der Hand, mit Kindern und Hunden, zu den Waggons, die Schaffner und
-die Bahnbeamten gingen hin und her, ein Glöckchen klingelte und der Zug
-setzte sich in Bewegung. Über diesem Kunststück hatte er ein ganzes Jahr
-gesessen, seine Heiratspläne aber diesmal nicht darüber vergessen. Sein
-Bekanntenkreis war ziemlich groß, meistens deutsche Gesellschaft, doch
-verkehrte er auch in einigen russischen Familien -- selbstverständlich
-nur in denen seiner Vorgesetzten. Da fiel ihm endlich, als er schon
-achtunddreißig Jahre zählte, eine kleine Erbschaft zu: sein Großvater,
-der Bäcker, starb und hinterließ ihm testamentarisch dreizehntausend
-Rubel. Nun war Herr von Lembke im Grunde trotz der schon recht
-ansehnlichen Stellung, die er in jungen Jahren erklommen hatte, durchaus
-kein Streber, vielmehr ein Mensch, der auch ganz gewiß mit einem
-kleineren, wenn nur recht bequemen und unabhängigen Posten vollkommen
-zufrieden gewesen wäre. Doch eben jetzt kreuzte, anstatt einer sanften
-Minna oder Ernestine, plötzlich Julija Michailowna seinen Weg, und seine
-Stellung stieg sofort um ein paar Stufen höher. Der bescheidene und
-gewissenhafte von Lembke fühlte, daß auch er ehrgeizig zu sein
-vermochte.
-
-Julija Michailowna besaß, nach der alten Einschätzung, zweihundert
-Leibeigene und erfreute sich außerdem guter Protektionen. Andererseits
-war von Lembke ein hübscher Mann und sie schon über 40 Jahre alt.
-Obendrein verliebte er sich nach und nach wirklich in sie, und zwar
-genau proportional der Verstärkung des Gefühls, daß er nun Bräutigam
-war. Am Hochzeitstage schickte er ihr sogar ein Gedicht, das ihr sehr
-gefiel -- vierzig Jahre sind nun einmal kein Spaß. Bald darauf bekam er
-auch einen gutklingenden Titel und dazu einen bestimmten Orden, und
-schließlich wurde er zum Gouverneur unseres Gouvernements ernannt. Seit
-dieser Auszeichnung begann Julija Michailowna sich um ihren Gatten
-doppelt zu bemühen. Ihrer Meinung nach war er nicht gerade unbegabt: er
-verstand, in einen Salon einzutreten, es war ihm gegeben, eine elegante
-Verbeugung zu machen, er vermochte sogar ernst und tiefsinnig zuzuhören,
-wenn andere sprachen, hielt sich dabei immer gut und konnte sogar eine
-Rede halten; ja, er hatte hin und wieder sogar eigene Gedanken, wenn sie
-auch etwas kurz waren und unvermittelt wirkten, und hinzukam, daß er
-sich schon die Politur des neuesten, so notwendigen Liberalismus
-angeeignet hatte. Doch trotz alledem beunruhigte sich Julija Michailowna
-nicht wenig: vor allen Dingen mißfiel es ihr entschieden, daß ihr
-Lembke, nachdem er so lange hinter seiner Karriere hergelaufen war,
-jetzt doch wieder ein immer ausgesprocheneres Ruhebedürfnis zu empfinden
-schien. Sie hätte zu gern ihren ganzen Ehrgeiz zu dem seinen gemacht, er
-aber begann wieder -- zu kleben. Diesmal war es eine Kirche: der Pastor
-trat auf die Kanzel, die Gemeinde hörte mit andächtig gefalteten Händen
-zu, ein alter Mann schneuzte sich, eine Dame wischte sich mit einem
-Taschentuch die Tränen ab und zum Schluß begann noch eine Orgel zu
-spielen, die er um teures Geld eigens dazu aus der Schweiz verschrieben
-hatte. Als Julija Michailowna von dieser neuen Arbeit erfuhr, erschrak
-sie geradezu, nahm ihm das Spielzeug kurzerhand fort und versteckte es
-in einen Koffer, zur Entschädigung aber erlaubte sie ihm, einen Roman zu
-schreiben, freilich nur unter der Bedingung, daß niemand etwas davon
-erführe. Seit der Zeit verließ sie sich nur noch auf sich selbst. Eine
-Idee nach der anderen entstand in ihrem ehrgeizigen und ein wenig
-überspannten Geiste. Sie hatte in der Tat die Absicht, das Gouvernement
-zu regieren, und träumte bereits von den bestimmt nicht mehr fernen
-Tagen, wo sie der Mittelpunkt der Gesellschaft, aller Meinungen und
-Veranstaltungen unseres Gouvernements sein würde. Von Lembke selbst soll
-übrigens zuerst nicht wenig erschrocken gewesen sein, als er den hohen
-Posten erhielt, doch hatte er mit seinem Beamteninstinkt sehr bald
-herausgefunden, daß er eigentlich gar keinen Grund hatte, sich zu
-fürchten. Die ersten zwei, drei Monate seiner Tätigkeit verliefen denn
-auch äußerst zufriedenstellend. Da aber erschien plötzlich Pjotr
-Stepanowitsch -- und alsbald nahm alles eine unheilvolle Wendung.
-
-Die Sache fing damit an, daß der junge Werchowenski gleich bei der
-ersten Begegnung Andrei Antonowitsch von Lembke eine entschiedene
-Nichtachtung entgegenbrachte und sich ganz sonderbare Rechte ihm
-gegenüber herausnahm, Julija Michailowna aber, die sonst immer so
-eifersüchtig die Bedeutung ihres Mannes geachtet wissen wollte, tat
-plötzlich, als merkte sie davon nichts. Der junge Werchowenski wurde
-sozusagen ihr Schützling, aß, trank und schlief fast bei ihnen. Von
-Lembke suchte sich zwar des Ankömmlings zu erwehren, nannte ihn in der
-Gesellschaft »junger Mann«, klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter,
-doch konnte er mit all dem nicht das gewünschte Resultat erzielen. Pjotr
-Stepanowitsch tat immer, selbst während scheinbar ernster Gespräche, als
-nehme er ihn überhaupt nicht ernst, und im übrigen nahm er sich sogar in
-Gegenwart fremder Menschen heraus, ihm die unerwartetsten,
-unglaublichsten Dinge ins Gesicht zu sagen. Einmal, als von Lembke nach
-Hause kam und in sein Arbeitszimmer trat, fand er den »jungen Mann« auf
-seinem Lederdiwan vor. Er gab zur Erklärung, und zwar nicht etwa, um
-sich zu entschuldigen, sondern nur so oben hin, daß er, da er niemanden
-angetroffen, sich »bei der Gelegenheit ausgeschlafen« habe. Von Lembke
-war natürlich tief gekränkt und beklagte sich bei seiner Frau; diese
-aber erklärte, nachdem sie zuerst über »seine Empfindlichkeit« gelacht
-hatte, daß er wohl selbst die Schuld daran trüge, wenn der junge Mann
-sich nicht »_comme il faut_«{[113]} zu ihm verhalte. Wenigstens erlaubte
-sich »dieser Junge« ihr gegenüber nie irgend welche Familiaritäten, und
-im übrigen sei er »naiv und unverdorben, wenn auch gewiß nicht
-gesellschaftlich erzogen«. Von Lembke schmollte zwar, doch diesmal
-gelang es Julija Michailowna noch, die beiden zu versöhnen: nicht
-gerade, daß Pjotr Stepanowitsch jetzt eine Entschuldigung gemacht hätte,
-aber er riß irgend einen Witz, den man zwar in einem anderen Fall für
-eine neue Beleidigung hätte halten können, den man aber diesmal gnädig
-als Besserungsversprechen auffaßte. Am meisten ärgerte es Herrn von
-Lembke, daß er dem jungen Mann geradezu machtlos gegenüberstand, denn
-... er hatte ihm gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft -- seinen Roman
-anvertraut. Im Glauben, einen jungen Menschen mit literarischen
-Interessen getroffen zu haben, hatte er ihm, da er sich schon lange
-einen Zuhörer wünschte, eines Abends die beiden ersten Kapitel
-vorgelesen. Pjotr Stepanowitsch hatte zunächst zugehört, ohne zu
-verbergen, daß er sich langweilte, dann unhöflich gegähnt, nicht ein
-einziges Mal etwas gelobt, doch beim Fortgehen sich das Manuskript
-ausgebeten, um es zu Hause aufmerksam durchlesen und sein Urteil darüber
-fällen zu können, -- und der arme Herr von Lembke hatte es ihm auch
-gegeben ... Seit der Zeit konnte er es nun nicht mehr zurückbekommen:
-auf seine täglichen Fragen gab ihm Pjotr Stepanowitsch meist nur eine
-ausweichende und nicht selten geradezu höhnische Antwort, bis er zum
-Schluß einfach erklärte, das Manuskript auf der Straße verloren zu
-haben. Als Julija Michailowna von dieser Unvorsichtigkeit ihres Gatten
-Kenntnis erhielt, ärgerte sie sich entsetzlich.
-
-»Hast du ihm vielleicht auch etwas von der Kirche gesagt?« fragte sie
-fast mit Schrecken.
-
-Von Lembke begann ernstlich nachzudenken; nachdenken aber war für ihn
-schädlich und ihm von den Ärzten strengstens verboten worden. Und
-abgesehen davon, daß es plötzlich viele Scherereien im Gouvernement für
-ihn gab, wovon später die Rede sein wird, gab es hier auch noch einen
-besonderen Umstand -- demzufolge diesmal sogar das Herz des Gatten litt,
-nicht nur die Eigenliebe eines Machthabers allein. Als von Lembke in die
-Ehe trat, hätte er sich niemals träumen lassen, daß sie ihm auch irgend
-welche Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Er hatte sich die Ehe in
-seinen Gedanken an Minna oder Ernestine stets durchaus friedlich
-vorgestellt. Und jetzt fühlte er, daß häusliche Gewitter über seine
-Kräfte gingen.
-
-Endlich sprach sich Julija Michailowna offen mit ihm aus.
-
-»Beleidigen kann dich das überhaupt nicht,« sagte sie, »schon deswegen
-nicht, weil du doch immerhin dreimal vernünftiger bist, als er, und
-gesellschaftlich turmhoch über ihm stehst. In diesem Jungen steckt noch
-viel von dem früheren freigeistigen Unsinn; ich aber finde ihn nur
-einfach unartig. Nur kann man nicht verlangen, daß diese jungen Leute
-sich so schnell verändern sollen: man muß sie langsam erziehen. Wir
-müssen die Jugend schonen; ich wenigstens halte sie mit Liebe und
-Freundschaft am Rande des Abgrundes zurück.«
-
-»Aber, zum Teufel, ich kann mich doch nicht tolerant zu ihm verhalten,
-wenn er --« rief von Lembke erregt, »wenn er in Gegenwart fremder
-Menschen behauptet, die Regierung vergifte das Volk absichtlich mit
-Branntwein, um es zu verdummen und auf diese Weise von etwaigen
-Aufstandsgedanken abzubringen. Denk doch nur, bitte, an meine Rolle,
-wenn ich in Gegenwart der ganzen Gesellschaft so etwas mit anhören muß!«
-
-Als Lembke das sagte, mußte er wieder an ein Gespräch denken, das er vor
-nicht langer Zeit mit Pjotr Stepanowitsch gehabt hatte ... In der
-unschuldigen Absicht, den jungen Mann durch Liberalismus zu entwaffnen,
-zeigte er ihm eines Tages seine Sammlung von allen möglichen
-revolutionären Proklamationen und Flugblättern, sowohl russischen wie
-ausländischen, die er seit 1859 sorgfältig aufbewahrte, doch nicht etwa
-wie ein Liebhaber solcher Dinge, sondern einfach aus Neugier und weil
-sie ihm einmal vielleicht zustatten kommen konnten. Pjotr Stepanowitsch,
-der sofort seine Absicht durchschaute, sagte ganz ungeniert, daß in
-einer einzigen Zeile solch einer Brandschrift mehr Sinn stecke, als in
-irgend einer Kanzlei, »die Ihrige übrigens nicht ausgenommen.«
-
-Von Lembke sah ihn groß an.
-
-»Aber es ist doch noch zu früh, viel zu früh,« sagte er fast bittend,
-indem er auf die Blätter wies.
-
-»Nein, keineswegs zu früh: Sie fürchten sich doch, also ist es durchaus
-nicht zu früh.«
-
-»Aber ich bitte Sie, hier ist zum Beispiel eine Aufforderung, die
-Kirchen zu zerstören!«
-
-»Na, warum soll man das denn nicht? Sie sind doch ein kluger Mensch,
-glauben ja selbst an nichts und wissen doch nur zu gut, daß die
-Regierung die Religion bloß braucht, um das Volk dumm zu erhalten ...
-Wahrheit aber ist ehrlicher als Lüge.«
-
-»Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen
-einverstanden, aber hier bei uns in Rußland ist es doch noch zu früh!«
-Von Lembke runzelte unwillig die Stirn.
-
-»Was sind Sie denn eigentlich für ein Regierungsbeamter, wenn Sie selbst
-damit einverstanden sind, daß man die Kirchen zerstören und mit Keulen
-bewaffnet auf Petersburg losmarschieren soll, und nur an der ins Auge
-gefaßten Zeit etwas auszusetzen haben?«
-
-So unhöflich festgelegt, fühlte von Lembke sich äußerst pikiert.
-
-»Ich meinte das nicht _so_, durchaus nicht _so_!« Er ließ sich von
-seiner gereizten Eigenliebe immer weiter fortreißen. »Sie, als junger
-Mensch, der Sie mit unseren Zielen gar nicht bekannt sein können, Sie
-täuschen sich vollkommen! Sehen Sie, mein lieber Pjotr Stepanowitsch,
-Sie nennen uns Beamte der Regierung? Schön. Selbständige Beamte? Schön.
-Aber, erlauben Sie mal, wie handeln wir denn? Auf uns ruht die
-Verantwortung, und Summa Summarum dienen wir genau so der allgemeinen
-Sache, wie auch Sie. Nur halten wir das zusammen, was Sie
-auseinanderschütteln wollen und was ohne uns nach verschiedenen Seiten
-auseinandergleiten würde. Wir sind dabei nicht etwa eure Feinde;
-durchaus nicht, wir sagen euch sogar: geht voran, bereitet vor, ja
-schüttelt meinetwegen ... -- das heißt, ich meine jetzt nur jenes Alte,
-das sowieso umgeändert werden muß. Wir aber werden euch dann, wenn's
-nötig wird, schon in den nötigen Grenzen zurückzuhalten verstehen und
-euch somit vor euch selber behüten, denn ohne uns würdet ihr doch nur
-ganz Rußland ins Wanken und Schwanken bringen und ihm das anständige
-Aussehen nehmen, das es so doch wenigstens hat. Denn das ist ja gerade
-unsere Aufgabe, dieses anständige Äußere, wie gesagt, zu erhalten.
-Begreifen Sie doch, daß wir uns gegenseitig unentbehrlich sind, ganz wie
-in England die Tory und Whig. Nun, sehen Sie, wir sind die Tory und Sie
-die Whig -- so verstehe ich es wenigstens.«
-
-Von Lembke verfiel sogar in Pathos. Er liebte es, klug und liberal zu
-reden, noch von Petersburg her, und hier hörte zudem kein Vorgesetzter
-zu. Pjotr Stepanowitsch schwieg und war plötzlich von einem seltsamen,
-ganz ungewohnten Ernst. Das reizte den Redner noch mehr.
-
-»Wissen Sie auch, daß ich der >Herr des Gouvernements< bin?« fuhr er
-daher fort, während er im Kabinett auf- und abging. »Wissen Sie auch,
-daß ich vor lauter Pflichten keine einzige zu erfüllen vermag, und
-andererseits kann ich sagen, und es ist ebenso wahr, daß ich hier
-überhaupt nichts zu tun habe. Das ganze Geheimnis besteht darin, daß
-hier alles von der Auffassung der Regierung abhängt. Mag die Regierung
-doch, wenn sie will, die Republik verkünden, nun da ... ich meine nur
-so, meinetwegen aus Politik oder zur Beruhigung der Leidenschaften --
-... aber dann soll sie andererseits, parallel dem, die Macht der
-Gouverneure verstärken: und Sie werden sehen, wir Gouverneure
-verschlingen die Republik! Was sage ich, Republik! -- Alles, was Sie
-wollen, werden wir verschlingen! Ich wenigstens fühle, daß ich imstande
-bin ... Mit einem Wort: mag die Regierung mir telegraphisch _activité
-dévorante_{[114]} befehlen, und ich werde sofort mit der _activité
-dévorante_ beginnen. Ich habe es ihnen hier gleich ins Gesicht gesagt:
->Meine Herren, zum Gedeihen aller Institutionen sowie des ganzen
-Gouvernements ist vor allem eines nötig: die Verstärkung der
-Gouverneursmacht.< Sehen Sie, es ist unbedingt nötig, daß alle diese
-Institutionen -- mögen es nun die der Landschaft oder der Justiz sein --
-gewissermaßen ein Doppelleben leben, das heißt, es ist nötig, daß sie da
-sind (ich gebe zu, daß sie unentbehrlich sind), aber andererseits ist es
-nötig, daß sie auch _nicht_ da sind. Immer nach der Auffassung der
-Regierung geurteilt! So stellt es sich denn heraus, daß die
-Institutionen, wenn sie sich plötzlich als notwendig erweisen, dann da
-sein müssen. Vergeht aber diese Notwendigkeit, dann müssen sie wie
-überhaupt nicht vorhanden sein. Sehen Sie, so verstehe ich die _activité
-dévorante_. Aber die wird es nicht ohne Verstärkung der Gouverneursmacht
-geben. Wir sprechen ja hier unter vier Augen. Wissen Sie auch, daß ich
-schon nach Petersburg geschrieben habe, daß es unbedingt nötig ist, eine
-Schildwache vor das Gouvernementsgebäude zu stellen? Jetzt warte ich auf
-die Antwort.«
-
-»Sie brauchen zwei Schildwachen,« sagte Pjotr Stepanowitsch.
-
-»Warum zwei?« von Lembke blieb vor ihm stehen.
-
-»Na so, damit man Sie respektiere, ist eine zu wenig. Sie brauchen
-unbedingt zwei.«
-
-Andrei Antonowitsch verzog das Gesicht.
-
-»Sie ... Sie erlauben sich, weiß Gott, schon etwas zu viel, Pjotr
-Stepanowitsch. Sie mißbrauchen meine Güte, um mir Anzüglichkeiten zu
-sagen, und spielen dabei immer noch so irgend einen _bourru
-bienfaisant_{[115]} ...«
-
-»Na, das schon, wie Sie wollen,« meinte Pjotr Stepanowitsch, »aber Sie
-bahnen uns trotzdem den Weg und bereiten unseren Erfolg vor.«
-
-»Wen meinen Sie mit diesen >uns< und was ist das für ein >Erfolg<?« von
-Lembke blieb erstaunt wieder vor ihm stehen, doch eine Antwort erhielt
-er diesmal nicht.
-
-Als Julija Michailowna den Bericht über dieses Gespräch vernommen hatte,
-war sie abermals äußerst ungehalten.
-
-»Aber ich kann doch nicht deinen Favorit wie einen Untergebenen
-traitieren!« verteidigte sich von Lembke. »Und noch dazu, wenn wir unter
-vier Augen sind ... Ich konnte mich versprechen ... aus gutem Herzen
-...«
-
-»Aus leider etwas schon zu gutem! -- Ich wußte außerdem nicht, daß du
-eine Sammlung von Flugschriften hast. Habe doch die Güte, sie mir zu
-zeigen.«
-
-»Aber ... er ... er hat sie mitgenommen, auf einen Tag ... er bat mich.«
-
-»Und wieder hast du ihm so etwas ausgeliefert!« ärgerte sich Julija
-Michailowna. »Welch eine neue Unvorsichtigkeit!«
-
-»Ich werde sofort zu ihm schicken, sie zurückerbitten --«
-
-»Du glaubst wohl, daß er sie dir geben wird?«
-
-»Ich verlange es!« rief von Lembke empört und sprang sogar auf. »Wer ist
-er, daß man ihn so fürchten muß, und wer bin ich, daß ich nichts mehr
-tun darf?«
-
-»Setze dich bitte, und rege dich lieber nicht so auf,« hielt ihn Julija
-Michailowna zurück. »Zunächst will ich auf den ersten Teil deiner Frage
-antworten: wer dieser Pjotr Stepanowitsch ist? Nun, er ist mir
-vorzüglich empfohlen, ist sehr begabt und sagt zuweilen äußerst kluge
-Sachen. Karmasinoff versicherte mir, daß er fast überall Verbindungen
-hat und die großstädtische Jugend vollständig unter seinem Einfluß
-steht. Wenn es mir nun gelingt, diese Jugend durch ihn heranzuziehen und
-um mich zu gruppieren, so bewahre ich sie vor dem Untergang, indem ich
-ihrem Ehrgeiz einen neuen Weg weise. Zudem ist Pjotr Stepanowitsch mir
-von ganzem Herzen ergeben und gehorcht mir in allen Dingen.«
-
-»Aber, hör mal, während man sie da noch heranlockt, können sie ja ...
-der Teufel weiß was machen! Ich verstehe ja, das ist eine Idee ...«
-verteidigte sich von Lembke etwas unsicher. Ȇbrigens, um von etwas
-anderem zu sprechen: im H--schen Kreise sind wieder neue Flugschriften
-verbreitet worden.«
-
-»Das wird wohl wieder nur so ein Gerücht sein -- wie im vorigen Sommer:
-Proklamationen, falsche Assignaten, und was noch alles, dabei ist bis
-jetzt noch nicht ein einziges Exemplar gesehen worden. Wer hat dir denn
-das gesagt?«
-
-»Blümer teilte mir mit ...«
-
-»Ach, um's Himmels willen, verschone mich doch bitte endlich mit deinem
-ewigen Blümer! Daß du auch wirklich nie aufhören kannst, mich an den zu
-erinnern! ...«
-
-Julija Michailowna war so aufgebracht, daß sie fast keine Worte fand.
-Blümer war ein Beamter der Gouvernementskanzlei, den sie ganz besonders
-haßte. Aber auch davon später.
-
-»Beunruhige dich, wie gesagt, bitte weiter nicht über Werchowenski,«
-schloß sie endlich das Gespräch. »Wenn er an irgend welchen Dummheiten
-teilnähme, so -- dessen kannst du sicher sein! -- würde er mit dir und
-mir und uns allen ganz anders sprechen. Nein, ein Phraseur ist nie
-gefährlich, und im übrigen sage ich dir, wenn irgend etwas passieren
-sollte, so werde ich womöglich noch die erste sein, die es durch ihn
-erfährt. Er ist mir fanatisch, geradezu fanatisch ergeben.«
-
-Ich möchte hier den Ereignissen vorgreifen und bemerken, daß, wenn
-Julija Michailowna nicht diesen Ehrgeiz und Eigendünkel gehabt hätte,
-vielleicht all das nicht geschehen wäre, was diese üblen Leutchen bei
-uns anzustiften vermochten. Für vieles ist sie verantwortlich!
-
-
-
-
- Zehntes Kapitel.
- Vor dem Fest
-
-
- I.
-
-Der Tag des Festes, das Julija Michailowna zum Besten der armen
-Lehrerinnen unseres Gouvernements veranstalten wollte, wurde mehrmals
-angesagt und dann doch immer wieder hinausgeschoben. Pjotr Stepanowitsch
-und jener kleine jüdische Beamte Lämschin, der eine Zeitlang auch Stepan
-Trophimowitschs Abende besucht hatte, nun aber beim Gouverneur wegen
-seines Klavierspiels in Gnaden zugelassen wurde, saßen fast täglich
-Stunden lang bei Julija Michailowna; desgleichen Liputin, den sie zum
-Redakteur der zukünftigen unabhängigen Gouvernementszeitung erwählt
-hatte. Außerdem waren noch ein paar ältere und jüngere Damen, die sich
-lebhaft für das Fest interessierten, und nicht selten sogar Karmasinoff
-anwesend. Freilich tat der letztere in diesen Sitzungen wenig mehr, als
-mit zufriedenem Lächeln im voraus versichern, daß er das Publikum mit
-seiner _Quadrille de la littérature_{[116]} geradezu in Entzücken
-versetzen werde. Die ganze »Gesellschaft« unserer Stadt hatte
-beträchtliche Summen geopfert, doch war es nicht sie allein, die an dem
-Fest teilnehmen sollte: das konnte vielmehr ein jeder, wenn er nur
-zahlte. Julija Michailowna meinte, daß man in gewissen Fällen die
-Vermengung der Klassen sehr wohl zulassen dürfe, denn das trüge »zur
-Aufklärung« bei. Und so beschloß man denn, daß das Fest ein
-demokratisches werden sollte. Die verhältnismäßig große Einnahme aus der
-Subskription verlockte natürlich sofort zu größeren Ausgaben: man wollte
-jetzt etwas geradezu Wunderbares bieten, und das war denn auch der
-Grund, warum das Fest immer wieder hinausgeschoben werden mußte. Vor
-allem konnte man sich nicht entscheiden, wo der Ball stattfinden sollte:
-in dem großen Hause des Adelsmarschalls, das die Adelsmarschallin für
-diesen Tag zur Verfügung gestellt hatte, oder bei Warwara Petrowna in
-Skworeschniki. Bis nach Skworeschniki wäre es für Fußgänger vielleicht
-etwas weit gewesen, aber viele Mitglieder des Komitees meinten, daß es
-dort jedenfalls weit »freier« sein würde. Warwara Petrowna selbst hätte
-viel darum gegeben, wenn man sich für ihren Saal entschieden hätte, doch
-ist es gewiß schwer zu sagen, warum eigentlich? Warum diese stolze Frau
-sich bei Julija Michailowna geradezu einschmeicheln wollte? Vielleicht
-gefiel es ihr, daß umgekehrt diese ihren Sohn so unendlich hochschätzte
-und von einer Liebenswürdigkeit zu ihm war, wie sonst zu keinem? Ich
-will hier nochmals erwähnen, daß Pjotr Stepanowitsch in dieser ganzen
-Zeit unentwegt fortfuhr, das Gerücht, das er schon früher in der Stadt
-verbreitet hatte, jetzt auch im Hause des Gouverneurs von Ohr zu Ohr zu
-tragen: daß nämlich Stawrogin in geheimnisvollsten Beziehungen zu den
-geheimnisvollsten Mächten stehe, und daß er, wie man auf das
-bestimmteste wisse, mit einem großen und schwerwiegenden Auftrage
-hergekommen sei.
-
-Es hatte damals eine merkwürdige Stimmung die Geister ergriffen. Und
-besonders unter unseren Damen machte sich ein gewisser Leichtsinn
-bemerkbar, von dem man dabei nicht einmal behaupten konnte, daß er sich
-nur allmählich entwickelt hätte. Wie vom Winde hergeweht hatten sich
-plötzlich freie Auffassungen verbreitet. Es begann ganz allgemein ein
-leichteres Leben, voll von Exzentrizitäten und Freiheiten. Später, als
-alles wieder vorüber war, beschuldigte man ganz öffentlich nur Julija
-Michailowna und den Einfluß, den sie auf die Jugend der Stadt ausgeübt
-hatte. Doch ist es nicht richtig, daß sie allein an allem die Schuld
-trug. Im Gegenteil, diejenigen hatten auch nicht so ganz unrecht, welche
-anfänglich die neue Gouverneurin geradezu lobten, und zwar vor allem
-deshalb, weil sie es verstünde, die Gesellschaft zusammenzuhalten und
-das Leben in ihr im guten Sinne angenehmer zu machen. Mit den paar
-kleinen Skandalen, die inzwischen passierten, hatte Julija Michailowna
-auch nicht das geringste zu tun. Im übrigen aber nahm man auch diese
-Skandale nicht allzu ernst, sondern lachte über sie, fand sie sehr
-amüsant, und leider war niemand da, der sich in den Weg gestellt und
-gesagt hätte, daß man den Dingen nicht immer so weiter ihren Lauf lassen
-durfte. Nur eine kleine, oder vielleicht auch nicht einmal so kleine
-Gruppe, die die Verhältnisse denn doch etwas anders ansah, hielt sich
-abseits, aber selbst in ihr war man im stillen mehr geneigt, zu lächeln
-als zu murren.
-
-Es bildete sich, wie ich mich erinnere, ganz von selbst ein ziemlich
-großer Kreis, dessen Mittelpunkt tatsächlich in Julija Michailownas
-Salon lag. Diese jugendliche Gesellschaft hatte es sich besonders zur
-Aufgabe gestellt, Streiche zu machen. Außer den jungen Leuten gehörten
-auch mehrere junge Mädchen und selbst junge Frauen zu ihr. Man
-veranstaltete Picknicks, Tanzgesellschaften, zog in ganzen Kavalkaden,
-zu Wagen und zu Pferde, durch die Stadt, wobei Pjotr Stepanowitsch und
-Liputin auf gemieteten Kosakenpferden immer lustig mittrabten. Man
-suchte Abenteuer oder führte sie womöglich absichtlich herbei, einzig um
-der Lachlust und Vergnügungssucht zu genügen. Die übrigen Einwohner der
-Stadt behandelte man als ausgemachte Dummköpfe. Die Streiche waren meist
-ziemlich unschuldiger Natur. Doch einmal, als man durch Lämschin
-frühmorgens darüber unterrichtet worden war, daß ein junger Gatte seine
-junge Frau in der Hochzeitsnacht irgendwie rücksichtslos behandelt
-hatte, setzten sich ihrer zehn Mann sofort in den Sattel, um das junge
-Paar bei den am nächsten Tage üblichen Visiten abzufangen. Kaum hatten
-sie die Neuvermählten erblickt, als denn auch schon die ganze Kavalkade
-den Wagen mit Hallo umringte und dann das arme Paar den ganzen Vormittag
-von Haus zu Haus begleitete. Sie beleidigten zwar weiter niemanden,
-sondern gaben nur lachend ein »Ehrengeleit«, doch war es immerhin schon
-ein richtiger Skandal, den sie dadurch in der Stadt erregten. Diesmal
-ärgerte sich von Lembke denn auch ernstlich und hatte mit Julija
-Michailowna wieder einmal eine lebhafte Auseinandersetzung. Auch Julija
-Michailowna war sehr ungehalten über die »Jungen« und gedachte schon,
-sie irgendwie zu bestrafen, und doch verzieh sie ihnen am anderen Tage
-wieder einmal, da ihr Pjotr Stepanowitsch dazu riet und Karmasinoff den
-Scherz sogar geistreich fand.
-
-»Das ist doch weiter nicht schlimm,« sagte er. »Wenigstens ist es ein
-ritterlicher und ... mutiger Streich. Sie sehen doch, daß im Grunde alle
-darüber lachen, nur Sie sind ungehalten.«
-
-Doch alsbald sollten auch wirklich unverzeihliche Streiche folgen, die
-einen schon ganz anderen Ton hatten.
-
-In unserer Stadt erschien eine Buchtrödlerin, die billige Bibeln
-verkaufte. Es war eine achtbare und nicht einmal ungebildete Frau, wenn
-auch nur eine einfache Kleinbürgerin. Wieder war es derselbe Lämschin,
-der ihr, unter dem Vorwande, eines ihrer Bücher kaufen zu wollen, ein
-Paket unanständiger ausländischer Photographien in den Sack steckte. Als
-nun die arme Frau auf dem Markt ihre Bücher aus dem Sack hervorholte,
-fielen plötzlich die Photographien heraus. Es erhob sich zuerst ein
-Gelächter, die Gruppe vor ihrem Stand vergrößerte sich, man wurde
-unwillig und schließlich begann man zu schimpfen. Unfehlbar wäre es zu
-einer Schlägerei gekommen, wenn nicht die Polizei die bedrohliche
-Versammlung auseinander gebracht und die arme Frau auf der Wache
-eingesperrt hätte. Mittlerweile aber hatte Mawrikij Nicolajewitsch
-Drosdoff die näheren Einzelheiten dieser häßlichen Geschichte erfahren
-und in seiner Empörung sofort die nötigen Schritte getan, um die
-Unschuldige zu befreien, was ihm endlich gegen Abend auch gelang. Da
-wollte denn Julija Michailowna den kleinen Lämschin entschieden nicht
-mehr empfangen, doch schon am selben Abend geschah es, daß die ganze
-Schar im Triumph mit Lämschin in der Mitte bei ihr erschien und
-berichtete, daß er ein ganz entzückendes Stückchen komponiert habe, das
-sie wenigstens noch anhören müsse. Die Komposition erwies sich in der
-Tat als ungewöhnlich. Sie hieß: »Der deutsch-französische Krieg«, und
-begann mit den stolzen Tönen der Marseillaise:
-
- _Qu'un sang impur abreuve nos sillons!_{[117]}
-
-Man hörte ordentlich die ganze Aufgeblasenheit des Rufes, hörte schon
-den Rausch der zukünftigen Siege! Doch plötzlich, gleichzeitig mit der
-meisterhaft variierten Hymne, begann irgendwo unten, seitlich, gleichsam
-in einer Ecke, aber eigentlich doch recht nah, ein dünnes, schwaches,
-hohes Stimmchen »Mein lieber Augustin« zu singen. Die Marseillaise
-bemerkt es zunächst gar nicht, sie ist berauscht von ihrer Größe, aber
-der Augustin wird stärker, der Augustin wird immer frecher und schon
-singt der Augustin ganz unverhofft zusammen mit der Marseillaise. Jetzt
-bemerkt die Marseillaise endlich den kleinen Augustin, ärgert sich aber
-zunächst nur über ihn, will ihn abschütteln, verjagen -- aber mein
-lieber Augustin hält fest. Mein lieber Augustin ist heiter und
-selbstbewußt, ist froh und wird tätlich, die Marseillaise dagegen wird
-allmählich immer dümmer: jetzt verbirgt sie es nicht mehr, daß sie sich
-ärgert, daß sie sich beleidigt fühlt. Das ist schon das Geschrei des
-heftigsten Unwillens, das sind Tränen und Schwüre mit zur Vorsehung
-erhobenen Händen:
-
- _Pas un pouce de notre terrain, pas une pierre de nos
- forteresses!_{[118]}
-
-Doch schon ist sie gezwungen, im gleichen Takt mit Augustin zu singen
-... Ihre Melodie geht irgendwie auf die dümmste und lächerlichste Weise
-in die des lieben Augustin über, sie beugt sich, sie zergeht ... Nur
-zuweilen noch tönt es wieder: _qu'un sang impur_ ... doch sofort wird es
-von Augustin verschlungen und geht über in einen banalen Walzer: das ist
-Jules Favre, der an Bismarcks Brust schluchzt und alles, alles hingibt
-... Aber schon wird Augustin wild: man hört heisere Schreie, fühlt
-maßlos getrunkenes Bier, Tollwut der Selbstüberhebung, Forderung von
-Milliarden, feinen Zigarren, Champagner und Garantien ... Augustin wird
-zum rasenden Gebrüll ... So endet der deutsch-französische Krieg. Alles
-applaudiert, Julija Michailowna aber sagt lächelnd: »Wie soll man ihm
-denn nicht verzeihen?« -- und der Friede ist geschlossen. Lämschin hatte
-entschieden ein gewisses musikalisches Talent. Stepan Trophimowitsch
-versicherte mir einmal, daß die größten Genies sehr wohl die größten
-Schurken sein könnten, und daß das eine das andere durchaus nicht
-aufhebe. Später hieß es allerdings, daß Lämschin dieses Stück von einem
-bescheidenen jungen Menschen, der ihn auf der Durchfahrt besucht hatte,
-gewissermaßen gestohlen habe. Übrigens karikierte Lämschin, derselbe
-Lämschin, der sich mehrere Jahre lang bei Stepan Trophimowitsch
-einzuschmeicheln versucht hatte, jetzt zuweilen bei Julija Michailowna
-auch Stepan Trophimowitsch -- und zwar als »Freidenker der vierziger
-Jahre«. Alle krümmten sich vor Lachen. So wurde Lämschin immer
-unentbehrlicher. Zudem hing er sich sklavisch an Pjotr Stepanowitsch,
-der seinerseits um diese Zeit schon einen bis zur Unglaublichkeit großen
-Einfluß auf Julija Michailowna ausübte.
-
-Die Erwähnung Lämschins bringt mich auf eine andere und schon wahrhaft
-empörende Geschichte, an der er, wie man versicherte, wieder seinen
-Anteil hatte.
-
-Eines Morgens verbreitete sich in der Stadt die Nachricht von einer ganz
-gemeinen, abscheulichen Tat. Neben dem Portal der alten
-Muttergotteskirche, der ältesten in unserer alten Stadt, hing in einer
-Nische, hinter Glas und einem Schutzgitter, schon seit undenklicher Zeit
-ein großes Heiligenbild der Maria. Nun hatte man, wie es hieß, das Glas
-zerschlagen und ein paar Edelsteine aus der Krone der Gottesmutter
-gestohlen. Die Hauptsache aber war, daß man hinter das oben zertrümmerte
-Glas eine lebendige Maus gesteckt hatte. Die Empörung über diese
-skandalöse Religionsverspottung war groß: das fromme Volk drängte sich
-den ganzen Tag seit dem frühen Morgen zum Heiligenbilde und betete
-davor. Heute nun, nach vier Monaten, weiß man, daß Fedjka diesen
-Diebstahl begangen hat, doch schon damals hieß es, daß Lämschin dabei
-gewesen sei. Und heute sagt man, daß nur er die Maus hineingesetzt haben
-könne.
-
-Auf Herrn von Lembke machte dieser unselige Vorfall einen furchtbaren
-Eindruck. Julija Michailowna soll geäußert haben, wie man mir erzählte,
-daß schon nach dieser Aufregung jene sonderbare Schwermut ihres Mannes
-begonnen habe, die dann durch spätere Ereignisse verhängnisvoll wurde,
-und die ihn auch jetzt noch in der Schweiz, wohin man ihn vor zwei
-Monaten brachte, nicht verlassen hat.
-
-An jenem Tage nun ging ich ungefähr um ein Uhr an jener Kirche vorüber.
-Das Volk stand stumm vor dem Portal und betete. Da kam gerade ein
-reicher Kaufmann in einer Equipage angefahren, um das Bild zu küssen und
-seine Spende auf den Teller zu legen, den ein Mönch, der bei dem
-Heiligenbilde Wache hielt, für die Spenden neben sich auf einen Stuhl
-gestellt hatte. Gleich darauf fuhr ein leichter Wagen mit zwei jungen
-Damen in Begleitung zweier Herren vor. Die beiden jungen Herren stiegen
-aus und drängten sich durch das Volk bis vor das Heiligenbild. Beide
-nahmen die Hüte nicht ab und der eine drückte sich sogar noch einen
-Klemmer auf die Nase. Das Volk begann schon zu murren. Der Held mit dem
-Klemmer zog sein elegantes saffianledernes Portemonnaie hervor, das mit
-Scheinen geradezu vollgepfropft war, und entnahm ihm nach langem Suchen
-eine einzige Kopeke, die er dann nachlässig auf den Teller warf. Darauf
-wandten sich beide lachend und laut sprechend wieder zum Wagen zurück.
-Wenige Augenblicke vorher waren aber gerade Lisaweta Nicolajewna und
-Mawrikij Nicolajewitsch herangeritten. Lisa sprang gewandt vom Pferde,
-warf die Zügel ihrem Vetter zu und trat gerade in dem Augenblick zum
-Heiligenbild, als der eine die Kopeke auf den Teller warf. Sie errötete
-vor Unwillen, nahm sofort ihren runden Hut ab, streifte die Handschuhe
-von den Händen, kniete vor dem Bilde auf dem schmutzigen Trottoir
-nieder, und verneigte sich dreimal bis zur Erde. Darauf nestelte sie ihr
-Geldbeutelchen hervor, doch als sie in ihm nur Silbergeld fand, nahm sie
-sofort ihre Brillantohrringe ab und legte diese auf den kupfernen
-Teller.
-
-»Das ist doch erlaubt? Edelsteine? Zum Schmuck für das Bild?« fragte sie
-erregt den Mönch.
-
-»Jede Spende ist eine gute Tat,« antwortete dieser.
-
-Das Volk schwieg, ohne Mißfallen oder Beifall zu äußern. Lisaweta
-Nicolajewna bestieg in ihrem vom Knien beschmutzten Kleide wieder ihr
-Pferd und ritt davon.
-
-
- II.
-
-Zwei Tage nach diesem aufregenden Ereignis begegnete ich Lisa wieder auf
-der Straße. Eine ganze Gesellschaft hatte sich zu Wagen und zu Pferde
-aufgemacht, um irgend wohin zu fahren. Lisa, die darunter war, gab
-sofort den Befehl, zu halten, und verlangte eigensinnig, daß ich
-mitkäme. In ihrem Wagen fand sich denn auch noch ein Platz, auf den ich
-fast mit Gewalt gesetzt wurde. Sie stellte mich lachend den jungen,
-meist sehr eleganten Damen vor und erklärte mir sofort, daß es ein ganz
-besonderer Ausflug werden sollte. Lisa war ausgelassen lustig, und
-überhaupt schien sie, wenn man nach dem Äußeren schloß, in dieser Zeit
-geradezu übermäßig glücklich zu sein. Das Ziel des Ausflugs war in der
-Tat ein »besonderes«: man wollte nämlich über den Fluß zum Kaufmann
-Sewostjanoff fahren, der in einem Flügel seines Hauses schon seit zehn
-Jahren unseren gesegneten, allgemein, sogar in Petersburg, bekannten
-Propheten Semjon Jakowlewitsch beherbergte. Diesen Semjon Jakowlewitsch
-besuchte alle Welt: man riß sich fast um ein gnädiges Wort von ihm,
-verneigte sich und legte reiche Geldspenden nieder, die er dann, wenn er
-sie nicht gleich unter die armen Besucher verteilte, gottesfürchtig an
-Klöster und Kirchen gab. So stand denn auch stets ein Mönch bei ihm, der
-die Gaben entgegennahm. Von der jungen Gesellschaft hatte noch niemand
-Semjon Jakowlewitsch gesehen und man versprach sich ungemein viel von
-diesem Besuch. Nur Lämschin war früher einmal bei ihm gewesen und
-versicherte, daß der Prophet ihn mit einem Besen hinausgejagt und ihm
-noch gekochte Kartoffeln nachgeworfen habe. Unter den Reitern befanden
-sich auch Pjotr Stepanowitsch, der sich wie gewöhnlich sehr schlecht auf
-seinem gemieteten Kosakenpferde hielt, und -- Nicolai Stawrogin. Der
-letztere nahm nur ganz ausnahmsweise einmal an einer dieser allgemeinen
-Vergnügungen teil: an dem Tage sah er ziemlich heiter aus, doch sprach
-er, wie immer, nur wenig. Als wir kurz vor der Brücke an einem kleinen
-Gasthause vorüberfuhren, machte plötzlich jemand die Bemerkung, daß ein
-Gast sich daselbst erschossen habe und die Polizei erwartet werde.
-Sofort wurde beschlossen, auszusteigen und sich den Toten anzusehen. Vor
-allem waren unsere Damen gleich dabei, denn einen Selbstmörder -- den
-sah man doch nicht alle Tage. Ich erinnere mich noch, daß eine von ihnen
-bemerkte: »Ach, es ist einem ja alles schon langweilig geworden! Warum
-sich da noch weiter zieren! Das wäre doch einmal etwas anderes.« Nur
-wenige blieben im Wagen und warteten: die anderen dagegen drängten sich
-in einem dichten Haufen durch den Eingang in den schmalen, unsauberen
-Korridor -- und unter diesen bemerkte ich zu meinem Erstaunen auch
-Lisaweta Nicolajewna. Das Zimmer, in dem die Leiche lag, war nicht
-verschlossen. Natürlich wagte man es nicht, uns etwa nicht
-hineinzulassen. Der Selbstmörder war fast noch ein Knabe, jedenfalls
-bestimmt nicht älter als neunzehn Jahre: ein hübscher Mensch, mit
-dichtem, welligem, blondem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht. Er
-war schon erstarrt und seine weiße Haut sah wie Marmor aus. Auf dem
-Tisch lag ein Blatt Papier, auf das er geschrieben hatte, daß niemand an
-seinem Tode schuld sei und er sich erschossen habe, weil er vierhundert
-Rubel »durchgebracht« (dieses Wort stand buchstäblich auf dem Blatt). In
-den vier Zeilen waren drei orthographische Fehler. An seiner Leiche saß
-ein alter, dicker Gutsbesitzer, der den Toten zu kennen schien und
-wahrscheinlich gleichfalls in diesem Gasthause abgestiegen war. Aus
-seinen wortreichen Klagen ging hervor, daß der Jüngling von seiner
-verwitweten Mutter, von Tanten und Schwestern in die Stadt zu einer
-Verwandten geschickt worden war, um verschiedene Einkäufe für die
-Aussteuer seiner ältesten Schwester, die bald heiraten sollte, zu
-machen. Man hatte ihm dazu vierhundert Rubel, die jahrzehntelang
-zusammengespart worden waren, eingehändigt, und ihn dann mit Gebeten und
-Segenssprüchen und unter endlosen Predigten abgeschickt. Der Junge war
-bis dahin sehr bescheiden und ein guter, hoffnungsvoller Sohn gewesen.
-In der Stadt aber hatte er sich nicht zu der Verwandten, sondern in das
-Gasthaus begeben und von hier direkt in eine Kneipe, wo er spielen
-wollte. Als er kurz vor Mitternacht ins Gasthaus zurückgekehrt war,
-hatte er Champagner, Havannazigarren und ein Abendessen von sechs oder
-sieben Gängen verlangt. Aber der Champagner war ihm gar bald zu Kopf
-gestiegen und von den Zigarren war ihm übel geworden, so daß er das
-Essen nicht einmal angerührt, sondern sich fast krank und dabei halb
-betrunken ins Bett gelegt hatte. Am anderen Tage, nachdem er sich
-ausgeschlafen, war er sofort in das Zigeunerlager hinter der Vorstadt
-gegangen und ganze zwei Tage dort geblieben. Am dritten Tage war er um
-fünf Uhr betrunken zurückgekehrt, hatte sich sofort hingelegt und bis
-zehn Uhr abends geschlafen. Dann hatte er ein Beefsteak, eine Flasche
-Champagner, Weintrauben, Papier, Tinte und die Rechnung verlangt.
-Niemand hatte etwas Besonderes an ihm bemerkt: er war ruhig, still und
-freundlich gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich um Mitternacht
-erschossen, doch niemand hatte den Schuß gehört. Erst heute um eins, als
-es in seinem Zimmer selbst nach langem Klopfen totenstill geblieben war,
-hatte man die Tür aufgebrochen. Die Flasche war nur halb leer und von
-den Weintrauben hatte er nicht viel gegessen. Mit einem kleinen
-Revolver, der ihm später aus der Hand gefallen war, hatte er sich ins
-Herz geschossen: der Tod mußte sofort eingetreten sein -- es war nur
-sehr wenig Blut aus der Wunde geflossen. Er saß halb liegend auf dem
-Sofa, als ob er nur eingeschlafen wäre, und der Ausdruck seines Gesichts
-war ruhig, ja fast glücklich. Alle sahen ihn mit gieriger Neugier an.
-Wohl in jedem Unglück eines Menschen liegt etwas, das die anderen
-aufmuntert. Die Damen betrachteten den Toten schweigend. Die Herren
-dagegen zeichneten sich durch Geistesgegenwart und Scharfsinn in ihren
-Bemerkungen aus. Lämschin aber, der es wohl für seine Ehrenpflicht
-hielt, auch jetzt den Narren zu spielen, zupfte plötzlich von der
-Weintraube eine Beere ab, dann noch eine und noch eine, und streckte
-schon die Hand nach der Flasche aus, um mit ihr irgendeinen »Witz« zu
-machen, als der Polizeimeister eintrat und uns bat, das Zimmer zu
-verlassen. Da sich alle schon sattgesehen hatten, gingen wir denn auch
-sofort wieder hinaus. Den Rest des Weges legten wir unter womöglich noch
-ausgelassenerer Heiterkeit und noch lustigeren Scherzen zurück.
-
-Um ein Uhr langten wir bei Semjon Jakowlewitsch an. Das Hoftor des
-großen Kaufmannshauses war weit offen, desgleichen die Tür des Flügels,
-in dem Semjon Jakowlewitsch wohnte. Man sagte uns, daß er gerade zu
-Mittag speiste, doch trotzdem empfinge. Unsere ganze Schar trat ins
-Haus. Das Zimmer, in dem er sich befand, war groß, mit drei mächtigen
-Fenstern, und durch ein etwa meterhohes Holzgitter in zwei Teile
-geteilt. Gewöhnlich blieben die Leute, die ihn besuchten, in der ersten
-Hälfte, und nur einzelne Glückskinder, die er selbst bezeichnete, wurden
-durch die kleine Tür des Holzgitters zu ihm geführt, wo er ihnen dann,
-wenn's ihm gefiel, seine alten Lederstühle oder das Sofa zuwies; er
-selbst blieb stets unverändert in seinem alten Großvaterstuhl sitzen.
-Semjon Jakowlewitsch war ein ziemlich großer, etwas aufgedunsener Mann
-von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, blond und kahlköpfig, mit einem
-gelben, glattrasierten Gesicht, dünnem, weichem Haar und geschwollener
-rechter Backe, die seinen Mund ein wenig schief zog; neben dem linken
-Nasenflügel war eine große Warze; die Augen lagen wie in schmalen
-Spalten und der Gesichtsausdruck war ruhig, solide, fast verschlafen. Er
-trug einen schwarzen Gehrock, wie ein deutscher Schullehrer, doch weder
-Kragen noch Halstuch, sondern nur ein dickes, doch sauberes russisches
-Hemd unter dem Rock. Seine offenbar kranken Füße staken in mächtigen
-Hausschuhen. Es hieß, er sei früher Beamter gewesen und habe sogar einen
-ansehnlichen Titel gehabt. Als wir eintraten, hatte er gerade eine
-Fischsuppe gegessen und machte sich nun an sein zweites Gericht:
-Kartoffeln in der Schale mit Salz. Anderes pflegte er schon seit langer
-Zeit nicht mehr zu essen; er trank nur viel Tee, den er sehr liebte. Ihn
-bedienten drei Dienstboten, die der Kaufmann für ihn hielt: der eine von
-ihnen sah wie ein Kontordiener aus, der andere wie ein Kirchendiener und
-der dritte war im Frack. Außer diesen Dienstboten war noch ein munterer
-Knabe zugegen, sowie ein alter, grauer, dicker Mönch, mit einer
-Sammelbüchse in der Hand. Auf einem der Tische kochte ein riesengroßer
-Samowar, neben dem auf einem Teebrett ungefähr zwei Dutzend Gläser
-standen. Auf dem anderen Tische lagen die Gaben: mehrere Zuckerhüte und
-auch kleinere Zuckerpakete, zwei Pfund Tee, ein Paar Hausschuhe, ein
-seidenes Halstuch, ein Stück Tuch und mehrere Leinwandrollen. Die
-Geldspenden kamen fast alle in die Sammelbüchse des Mönches. Ungefähr
-zehn fremde Menschen standen in der vorderen Hälfte des Zimmers und
-zwei, ein frommer Greis und ein kleiner, furchtbar magerer Mönch, der
-würdevoll und mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah, saßen hinter
-dem Holzgitter: es waren lauter einfache Leute, außer einem dicken
-Kaufmann in russischer Tracht, der aus der Kreisstadt hergekommen war,
-und den alle als Millionär kannten, -- sowie einer alten Dame und einem
-Gutsbesitzer. Alle erwarteten sie ihr Heil und wagten nicht ein Wort zu
-sprechen, vier lagen auf den Knien und von ihnen zog wieder ganz
-besonders der dicke Gutsbesitzer die Aufmerksamkeit auf sich, der an der
-sichtbarsten Stelle, ganz nah am Holzgitter kniete und ehrfürchtig schon
-eine Stunde lang auf einen Blick oder ein gütiges Wort Semjon
-Jakowlewitschs wartete, -- dieser jedoch schenkte ihm auch nicht die
-geringste Beachtung.
-
-Unsere Damen drängten sich fast bis zum Gitter vor und tuschelten
-vergnügt untereinander. Die Knienden und die anderen Wartenden wurden
-von ihnen zurückgedrängt, nur der dicke Gutsbesitzer blieb standhaft auf
-seinem Platz. Neugierige, heitere Blicke richteten sich auf Semjon
-Jakowlewitsch, gleichwie Lorgnons, Klemmer, Eingläser -- und Lämschin
-zog sogar ein Fernrohr aus der Tasche. Semjon Jakowlewitsch überblickte
-ruhig und träge die ganze lustige Schar.
-
-»Ach, ihr Liebäugelnden, ihr Liebäugelnden!« geruhte er mit etwas
-heiserem Baß leicht auszurufen.
-
-Die ganze Schar lachte auf. »Was heißt das: >Ach, ihr Liebäugelnden<?«
-
-Doch Semjon Jakowlewitsch schwieg und aß seine Kartoffeln. Endlich
-wischte er sich mit der Serviette den Mund und ließ sich Tee reichen.
-
-Den Tee pflegte er gewöhnlich nicht allein zu trinken, vielmehr befahl
-er, auch seinen Besuchern und Gästen Tee zu reichen, doch nicht etwa
-jedem, sondern nur denen, die er dann selbst dem Diener zeigte -- als
-diejenigen, welche er besonders beglücken wollte. Seine Wahl erstaunte
-meistens alle Anwesenden, denn er überging gewöhnlich die Reichen und
-Würdevollen und befahl irgend einem armen und unscheinbaren Greise den
-Tee zu bringen; ein anderes Mal aber überging er wieder die Armen und
-beglückte irgendeinen dicken, schwer reichen Kaufmann. Auch eingießen
-ließ er den Tee ganz verschieden, einige bekamen ihn mit, einige ohne
-Zucker. Diesmal befahl er, dem mageren Mönch eine Tasse mit Zucker zu
-reichen und dem Greise eine ohne Zucker, der dicke Mönch aber mit der
-Sammelbüchse erhielt diesmal keinen Tee, wie sonst fast täglich.
-
-»Semjon Jakowlewitsch, sagen Sie mir doch bitte auch etwas. Ich habe
-schon so lange Ihre Bekanntschaft zu machen gewünscht,« sagte kokett
-lächelnd jene selbe junge Dame aus unserem Wagen, die vorher geäußert
-hatte, daß einem schon alles langweilig geworden sei.
-
-Semjon Jakowlewitsch sah sie nicht einmal an. Der kniende Gutsbesitzer
-seufzte tief auf.
-
-»Mit Zucker!« wies plötzlich Semjon Jakowlewitsch auf den Millionär.
-
-Der trat vor und stellte sich neben den knienden Gutsbesitzer.
-
-»Gib ihm noch mehr Zucker!« befahl Semjon Jakowlewitsch, als der Tee
-eingegossen war. Der Diener tat noch eine Portion Zucker in das Glas.
-»Mehr, gib ihm mehr!« -- eine dritte und schließlich eine vierte Portion
-wurden dazu getan.
-
-Widerspruchslos begann der Kaufmann seinen Syrup zu trinken.
-
-»Allmächtiger Gott!« flüsterte das Volk und bekreuzte sich.
-
-Der Gutsbesitzer seufzte wieder laut und tief.
-
-»Väterchen! Semjon Jakowlewitsch!« ertönte plötzlich die Stimme der
-alten Dame, die unsere Schar an die Wand zurückgedrängt hatte, doch die
-Stimme klang so laut und scharf, wie man es gar nicht erwartet hätte.
-»Eine ganze Stunde, Väterchen, warte ich schon auf deinen Segen. Sprich
-doch dein Urteil, erlöse mich Waise, Väterchen!«
-
-»Frage!« sagte Semjon Jakowlewitsch zu dem Kirchendiener.
-
-Der trat an das Gitter:
-
-»Haben Sie das erfüllt, was Semjon Jakowlewitsch Ihnen das vorige Mal
-anbefohlen hat?« fragte er die Witwe mit leiser, gemessener Stimme.
-
-»Was, Väterchen, was erfüllt! Was kann man denn da erfüllen!« rief die
-Witwe. »Diese Menschenfresser! Haben mich verklagt, drohen mit dem Senat
-... und das der leiblichen Mutter! ...«
-
-»Gib ihr! ...« befahl Semjon Jakowlewitsch und wies auf einen Zuckerhut.
-Der Knabe lief schnell zum Tisch, nahm den Zuckerhut und brachte ihn der
-Witwe.
-
-»Ach, Väterchen, groß ist deine Gnade! Aber wohin soll ich damit?«
-klagte die Witwe wieder.
-
-»Noch, noch!« beschenkte Semjon Jakowlewitsch sie weiter.
-
-Ein zweiter Zuckerhut wurde zu ihr geschleppt und auf seinen Befehl noch
-ein dritter und vierter. Die Witwe war schon ganz mit Zuckerhüten
-umstellt. Der dicke Mönch seufzte niedergeschlagen; das alles hätte in
-das Kloster kommen können, wie es früher schon oft geschehen war.
-
-»Aber wohin soll ich mit so viel?« jammerte jetzt schon die Witwe. »All
-das für mich allein -- mir wird ja von so viel Zucker übel werden! ...
-Oder soll das irgend was bedeuten, Väterchen?«
-
-»Siehst du denn das nicht?« sagte jemand von den Bauern.
-
-»Noch, gib ihr noch ein Pfund!« Semjon Jakowlewitsch hörte nicht auf,
-sie zu beschenken.
-
-Auf dem Tisch stand noch ein ganzer Zuckerhut; da er aber befohlen
-hatte, ihr nur noch ein Pfund zu geben, so brachte man ihr auch nur noch
-ein Pfund Zucker.
-
-»Herrgott, Allmächtiger!« seufzte das Volk und bekreuzte sich.
-»Sichtbares Zeichen! Großer Gott!«
-
-»Versüßen Sie zuerst Ihr Herz mit Güte und Barmherzigkeit und dann
-kommen Sie wieder, um über Ihre eigenen Kinder zu klagen, über Ihr
-eigenes Fleisch und Bein -- das soll, glaube ich, wohl all dieser Zucker
-bedeuten,« sagte leise, doch selbstzufrieden der dicke Mönch, der
-diesmal keinen Tee bekommen hatte, und der es nun aus gereizter
-Eigenliebe auf sich nahm, die Handlungsweise zu deuten.
-
-»Was fällt dir ein?« ärgerte sich die Witwe. »Haben sie mich doch mit
-Gewalt ins Feuer ziehen wollen, als es bei Worchischins brannte? Sie
-haben mir auch eine tote Katze in meinen Kasten gelegt, sind überhaupt
-zu jeder Gemeinheit bereit ...«
-
-»Jage sie hinaus, hinaus!« rief plötzlich Semjon Jakowlewitsch, mit den
-Armen fuchtelnd.
-
-Der Kirchendiener und der Knabe kamen sofort in den vorderen Teil des
-Zimmers, der erstere nahm die Frau bei der Hand und führte sie hinaus,
-während sie sich in einem fort nach ihren Zuckerhüten, die der Knabe
-nachschleppte, umsah.
-
-»Nimm einen wieder zurück!« befahl Semjon Jakowlewitsch dem bei ihm
-gebliebenen Kontordiener, der ihnen denn auch sofort nacheilte. Nach
-kurzer Zeit kamen alle drei mit dem einen Zuckerhut wieder zurück; so
-hatte die Witwe schließlich nur drei bekommen.
-
-»Semjon Jakowlewitsch,« ertönte plötzlich eine Stimme an der Tür, »ich
-habe im Traum einen Vogel gesehen, einen Häher, er stieg aus dem Wasser
-auf und flog ins Feuer. Was bedeutet das, Väterchen?«
-
-»Frost!« sagte Semjon Jakowlewitsch.
-
-»Semjon Jakowlewitsch, warum antworten Sie mir denn gar nicht? Ich
-interessiere mich doch schon so lange für Sie!« begann wieder unsere
-junge Dame.
-
-»Frage!« Semjon Jakowlewitsch wies auf den knienden Gutsbesitzer, ohne
-sie zu beachten.
-
-Der dicke Mönch, dem der Befehl gegeben wurde, trat würdevoll zum
-Knienden und fragte:
-
-»Worin haben Sie gesündigt? War Ihnen nicht befohlen worden, etwas zu
-erfüllen?«
-
-»Nicht zu schlagen, den Händen keine Freiheit zu geben!« sagte der
-Gutsbesitzer mit heiserer Stimme.
-
-»Haben Sie das erfüllt?«
-
-»Kann nicht! Die eigene Kraft überwältigt mich!«
-
-»Jag' ihn! Mit dem Besen, mit dem Besen!« rief Semjon Jakowlewitsch und
-fuchtelte wieder mit den Armen.
-
-Der Gutsbesitzer sprang auf und lief, ohne auf den Besen zu warten, aus
-dem Zimmer.
-
-»Hat ein Goldstück hier gelassen,« meldete der Mönch.
-
-»Gib's dem!« Semjon Jakowlewitsch wies auf den Millionär.
-
-Der reiche Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und nahm das Geld.
-
-»Das Gold zum Golde,« konnte der Mönch nicht unterlassen, zu bemerken.
-
-»Und diesem mit Zucker!« Semjon Jakowlewitsch wies plötzlich auf
-Mawrikij Nicolajewitsch.
-
-Der Diener goß den Tee ein und trat mit dem Glase aus Versehen zu dem
-Fant mit dem Klemmer.
-
-»Dem Langen, dem Langen!« rief Semjon Jakowlewitsch.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch nahm das Glas und machte eine kurze militärische
-Verbeugung. Ich weiß nicht warum -- aber die ganze Schar wieherte
-plötzlich vor Lachen über diese Verbeugung.
-
-»Mawrikij Nicolajewitsch!« wandte sich Lisa hastig an ihn, »knien Sie
-bitte auf demselben Platz nieder, auf dem dieser Herr stand! -- der da
-fortlief!«
-
-Mawrikij Nicolajewitsch sah sie verständnislos an.
-
-»Ich bitte Sie, Sie werden mir ein großes Vergnügen bereiten! Hören Sie,
-Mawrikij Nicolajewitsch,« sagte sie eigensinnig und erregt, »knien Sie
-unbedingt nieder, ich will unbedingt sehen, wie Sie knien! Wenn Sie das
-nicht tun -- kommen Sie nie mehr unter meine Augen! Ich will das, ich
-will das, -- unbedingt! ...«
-
-Warum sie das wollte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls verlangte sie es in
-unerbittlichem Tone, in einem Anfall von Laune und Eigensinn. Mawrikij
-Nicolajewitsch selber erklärte diese kapriziösen Ausbrüche, die sie in
-der letzten Zeit ganz besonders oft hatte, wie wir später sehen werden,
-mit dem Auflodern eines blinden, untergründigen Hasses auf ihn ... dabei
-nicht etwa aus Bosheit, -- im Gegenteil, sie achtete, schätzte und
-liebte ihn, und das wußte er, -- sondern aus irgendeinem besonderen,
-unbewußten Haß, den sie manchmal einfach nicht in sich niederzuzwingen
-vermochte.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch gab schweigend sein Teeglas einem alten, hinter
-ihm stehenden Bauern, ging dann auf das Türchen des meterhohen
-Holzgitters zu, öffnete es, trat ohne Semjon Jakowlewitschs Erlaubnis in
-dessen Zimmerhälfte und kniete, allen sichtbar, mitten im freien Raum
-nieder. Ich glaube, er war von dem Spott Lisas, noch dazu in Gegenwart
-so vieler Menschen, im Innersten seiner einfachen ehrlichen Seele
-verletzt. Vielleicht glaubte er auch, daß sie sich schämen werde, wenn
-sie seine Erniedrigung sah, die sie selbst so gewünscht hatte. Außer ihm
-hätte sich wohl sonst keiner entschlossen, ein Weib auf so naive und
-gewagte Weise zu strafen. Mit unerschütterlich ernstem Gesicht kniete er
-also, groß und steif und -- lächerlich. Doch niemand lachte; die
-Überraschung machte einen schrecklichen Eindruck. Alle sahen Lisa an.
-
-»Weihe, Weihe ...« murmelte Semjon Jakowlewitsch.
-
-Lisa erbleichte plötzlich, schrie auf und stürzte zu ihm. Es war eine
-kurze leidenschaftliche Szene: mit aller Kraft wollte sie Mawrikij
-Nicolajewitsch wieder emporreißen, und zog ihn mit beiden Händen wie
-wahnsinnig am Arm.
-
-»Stehen Sie auf, stehen Sie auf!« rief sie, wie völlig von Sinnen.
-»Stehen Sie sofort auf, sofort! Wie wagten Sie es, niederzuknien!!«
-
-Mawrikij Nicolajewitsch erhob sich. Sie umklammerte seine Arme über den
-Ellenbogen und sah ihm mit brennendem Blick ins Gesicht. Angst lag in
-ihren Augen.
-
-»Liebäugelnde, Liebäugelnde!« sagte Semjon Jakowlewitsch wieder.
-
-Endlich hatte Lisa Mawrikij Nicolajewitsch in die vordere Zimmerhälfte
-herübergezogen. Unsere ganze Schar war unruhig geworden. Da wandte sich
-die junge Dame aus unserem Wagen zum drittenmal, wahrscheinlich um von
-dem Vorfall abzulenken, mit gezwungenem Lächeln an Semjon Jakowlewitsch:
-
-»Aber, Semjon Jakowlewitsch, werden Sie _mir_ denn heute gar nichts
-sagen? Und ich habe doch so auf Sie gerechnet!«
-
-»Auf ... dir, auf ... dir!« fuhr er sie plötzlich wild an, mit einem
-ganz unmöglichen Wort, das er noch dazu erschreckend deutlich aussprach.
-Die Damen schrien vor Schreck alle auf und liefen entsetzt aus dem
-Zimmer. Die Herren aber brachen in ein homerisches Gelächter aus. Damit
-war denn unser Besuch bei Semjon Jakowlewitsch beendet.
-
-Nur etwas Rätselhaftes geschah noch -- etwas, weshalb ich diese ganze
-Fahrt überhaupt so ausführlich erzählt habe.
-
-Es war in dem Augenblick, als alle in hellem Haufen zur Tür drängten. Da
-traf Lisa, die von Mawrikij Nicolajewitsch gestützt wurde, in dem
-Gedränge an der Tür plötzlich mit Nicolai Wszewolodowitsch zusammen. Ich
-muß hinzufügen, daß die beiden, wenn sie sich auch seit jenem Sonntag
-mehr als einmal in der Gesellschaft begegnet waren, doch noch kein Wort
-miteinander gesprochen hatten. Ich sah nun, wie beide, als sie an der
-Tür zusammentrafen, einen Augenblick stehen blieben und sich sonderbar
-ansahen -- doch konnte ich in dem Gedränge nichts weiter wahrnehmen.
-Andere dagegen versicherten mir, daß Lisa plötzlich die Hand gegen ihn
-erhoben und Stawrogin unfehlbar geschlagen haben würde, wenn es ihm
-nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig auszuweichen. Vielleicht hatte ihr
-der Ausdruck seines Gesichts nicht gefallen? oder ein Lächeln nach
-dieser Szene mit Mawrikij Nicolajewitsch? Ich muß gestehen, daß ich
-davon nichts weiß, doch alle versicherten, es sei in der Tat etwas
-derartiges der Fall gewesen ... wenn auch »alle« es unmöglich hatten
-sehen können -- höchstens einige. Jedenfalls weiß ich nichts Näheres
-noch Bestimmtes. Ich erinnere mich nur, daß Stawrogin auf dem Heimwege
-auffallend bleich aussah, was er vorher nicht in dem Maße gewesen war.
-
-
- III.
-
-Fast zu derselben Zeit, als wir bei Semjon Jakowlewitsch waren, fand
-endlich auch das Wiedersehen Warwara Petrownas mit Stepan Trophimowitsch
-in Skworeschniki statt.
-
-Warwara Petrowna war in großer Aufregung auf ihrem Gute eingetroffen: am
-Abend vorher hatte man endgültig beschlossen, daß das Fest im Hause des
-Adelsmarschalls stattfinden sollte. Da entschloß sie sich sofort, nach
-diesem Fest ein zweites bei sich in Skworeschniki zu arrangieren und
-gleichfalls die ganze Stadt zu versammeln -- was ihr doch schließlich
-niemand verwehren konnte. Dann sollten alle selbst urteilen, welches
-Haus schöner wäre und wo man mit besserem Geschmack einen Ball zu geben
-verstünde. Warwara Petrowna war in dieser Zeit nicht wiederzuerkennen.
-Sie schien sich vollkommen verändert zu haben: aus der früheren
-unnahbaren »höheren Dame« (ein Ausdruck Stepan Trophimowitschs) war eine
-weltliche, leichtsinnige Frau geworden. Oder wenigstens schien es so.
-
-Kaum war sie an diesem Tage in Skworeschniki eingetroffen, als sie alle
-Räume prüfend zu durchschreiten begann, und zwar in Begleitung des
-treuen alten Alexei Jegorowitsch und des gewandten Fómuschka, der in
-Dekorationsfragen geradezu eine Autorität war. Und nun begannen die
-Beratungen: welche Möbel man aus dem Stadthause herüberholen sollte;
-welche Bilder, Kunstwerke; wo sie aufhängen, wie sie stellen; wie man am
-besten die Orangerie und die Blumen benutzen, wo man das Büffet
-herrichten sollte, und ob nicht vielleicht zwei besser wären? Und mitten
-in diesen schweren Beratungen fiel es ihr dann plötzlich ein, die
-Equipage nach Stepan Trophimowitsch zu schicken.
-
-Dieser war schon längst auf das Wiedersehen vorbereitet und hatte
-täglich gerade so eine plötzliche Aufforderung erwartet. Als er sich in
-die Equipage setzte, bekreuzte er sich: jetzt mußte sein Schicksal sich
-entscheiden! Er fand seinen »Freund« im großen Saal, in der Nische, auf
-einem kleinen Sofa, mit Bleistift und Papier in der Hand, während
-Fómuschka damit beschäftigt war, mit dem Zentimetermaß die Höhe und
-Breite der Fenster auszumessen, worauf sie die Zahlen notierte. Ohne
-sich in dieser Arbeit stören zu lassen, nickte sie Stepan Trophimowitsch
-zu, und als der ihr einen Gruß sagte, reichte sie ihm nur flüchtig die
-Hand und wies schweigend auf den Platz neben dem Sofa.
-
-»Ich saß und wartete ungefähr fünf Minuten und -- >drückte mein Herze
-nieder<,« erzählte er mir später. »Das war nicht mehr die Frau, die ich
-zwanzig Jahre lang gekannt hatte. Doch die Überzeugung, daß jetzt alles
-zu Ende sei, gab mir eine Kraft, die selbst sie in Erstaunen setzte. Ich
-schwöre Ihnen, sie wunderte sich im stillen über meine Haltung in dieser
-letzten Stunde.«
-
-Warwara Petrowna legte plötzlich den Bleistift auf das Marmortischchen,
-das neben ihrem Sofa stand, und wandte sich ihm zu.
-
-»Stepan Trophimowitsch, wir müssen jetzt sachlich sprechen. Ich bin
-überzeugt, daß Sie wieder Ihre üblichen hochtrabenden Worte und Wörtchen
-vorbereitet haben, aber es ist wohl besser, wenn wir gleich zur Sache
-kommen. Nicht wahr?«
-
-In ihm krampfte sich etwas zusammen. Sie beeilte sich schon zu sehr, den
-neuen Ton anzugeben. Was mochte noch weiter kommen?
-
-»Warten Sie, schweigen Sie,« fuhr sie schnell fort. »Lassen Sie mich
-zuerst sprechen. Nachher können Sie reden. Obgleich ich eigentlich nicht
-weiß, was Sie mir noch zu sagen hätten. Ihnen Ihre Pension auszuzahlen,
-halte ich für meine heilige Pflicht. Tausendzweihundert Rubel jährlich
-bis zu Ihrem Lebensende. Aber wozu nenne ich das >heilige Pflicht<!
-Sagen wir einfach: unsere Abmachung, das ist viel realer, nicht wahr?
-Wenn Sie wollen, können wir es auch schriftlich aufsetzen. Falls ich
-sterben sollte, -- für den Fall ist schon alles vorgesehen. Außerdem
-haben Sie von mir noch die Wohnung, Bedienung und alles übrige.
-Übersetzen wir das in Geld -- so macht das etwa tausendfünfhundert Rubel
-aus, nicht wahr? Ich füge jetzt noch dreihundert Rubel für Nebenausgaben
-hinzu -- so sind das volle dreitausend Rubel. Werden Sie damit
-auskommen? Ich denke, wenig ist es nicht? In Ausnahmefällen werde ich
-übrigens -- nun, Sie wissen ja. Nehmen Sie das Geld, schicken Sie mir
-meine Dienstboten zurück, und leben Sie, wo Sie wollen, in Petersburg,
-in Moskau, im Auslande, oder meinetwegen auch hier -- aber nur nicht
-mehr bei mir. Hören Sie?«
-
-»Vor nicht langer Zeit wurde ebenso kategorisch und ebenso eilig von
-denselben Lippen eine andere Forderung an mich gestellt,« sagte Stepan
-Trophimowitsch langsam, deutlich, in traurigem Ton. »Ich fügte mich ...
-ich tanzte so, wie Sie wollten. _Oui, la comparaison peut être permise.
-C'était comme un petit cozak du Don, qui sautait sur sa propre
-tombe._{[119]} Jetzt ...«
-
-»Einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie sind furchtbar wortreich.
-Sie haben nicht getanzt. Aber Sie erschienen mit einer neuen Halsbinde,
-in hellen Handschuhen, pomadisiert und parfümiert. Ich kann Sie
-versichern, Sie wollten selbst schrecklich gern heiraten. Das stand auf
-Ihrem Gesicht geschrieben. Glauben Sie mir, dieser Ausdruck war recht
-geschmacklos. Wenn ich es Ihnen damals nicht gleich gesagt habe, so
-geschah es, um Sie nicht zu verletzen. Doch Sie wollten, Sie wollten
-heiraten. Trotz der Gemeinheiten, die Sie über mich und Ihre Braut
-geschrieben hatten. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes. Und wozu
-dieser _Cozak du Don_ über Ihrem Grabe? Verstehe nicht, was das für ein
-Vergleich sein soll. Im Gegenteil: sterben Sie nicht, sondern leben Sie!
-Leben Sie, soviel wie möglich; ich werde mich sehr freuen, wenn Sie gut
-leben.«
-
-»Im Armenhaus?«
-
-»Im Armenhaus? Mit dreitausend jährlich geht man nicht ins Armenhaus.
-Ach so ... ich erinnere mich!« -- sie lachte kurz auf -- »Pjotr
-Stepanowitsch sagte einmal im Scherz irgend etwas von einem >Armenhaus<.
-Nun ja, jenes Armenhaus, von dem da die Rede war, das ist wirklich ein
-besonderes >Armenhaus<, über das nachzudenken sich wirklich lohnte. Wie
-Sie selbst wissen, leben dort die ehrenwertesten alten Herren. Meistens
-Offiziere a. D., jetzt will sogar ein alter General sein Leben dort
-beschließen. Wenn Sie mit Ihrem Gelde dort eintreten wollen, so können
-Sie Ruhe, Zufriedenheit und Zuhörer finden. Sie werden sich mit der
-Wissenschaft beschäftigen, und jederzeit eine Partie Préférence spielen
-können ...«
-
-»_Passons._«{[100]}
-
-»_Passons?_« Warwara Petrowna richtete sich steifer auf. »In dem Falle
-ist alles gesagt. Sie sind benachrichtigt. Von nun ab leben wir jeder
-für sich und sehen uns nicht mehr.«
-
-»Und das ist alles? Alles, was von den zwanzig Jahren geblieben ist? Ihr
-letzter Abschied?«
-
-»Sie lieben wirklich die Phrasen in einem Maße, daß es schon nicht mehr
-schön ist, Stepan Trophimowitsch. Heutzutage ist derlei nicht mehr
-modern. Man spricht jetzt derb, aber verständlich. Und ewig kommen Sie
-mir mit diesen zwanzig Jahren! Zwanzig Jahre beiderseitiger Eigenliebe
-und weiter nichts. Jeder Ihrer Briefe ist nicht an mich geschrieben,
-sondern für die Nachwelt berechnet. Ja, Sie sind Stilist, aber kein
-Freund. Freundschaft ist doch nur ein berühmtes Wort, in Wirklichkeit
-aber ist sie bloß ein -- gegenseitiger Erguß von Spülicht.«
-
-»Gott, wie viel fremde Worte! Lauter gut behaltene Lektionen! Auch Ihnen
-haben sie schon ihre Uniform übergeworfen! Auch Sie sind jetzt fröhlich,
-auch Sie an der Sonne! _Chère, chère_, für welch ein Linsengericht haben
-Sie ihnen Ihre Selbständigkeit verkauft!«
-
-»Ich bin kein Papagei, der fremde Worte wiederholt,« versetzte Warwara
-Petrowna böse. »Seien Sie versichert, daß in mir sich eigene Worte zur
-Genüge angesammelt haben. Was aber haben Sie für mich in diesen zwanzig
-Jahren getan? Nicht einmal die Bücher haben Sie mir gegeben, die ich für
-Sie bestellte, und die heute noch unaufgeschnitten wären, wenn Ihre
-Freunde sie nicht gelesen hätten. Was gaben Sie mir zu lesen, als ich
-Sie in den ersten Jahren immer wieder bat, mich doch zu belehren, zu
-leiten? Nur Romane und immer wieder Romane. Sie waren sogar auf meine
-Entwicklung eifersüchtig. Und währenddessen lachte doch schon alle Welt
-über Sie. Ich gestehe, ich habe Sie immer nur für einen Kritiker
-gehalten und für weiter nichts. Als ich Ihnen während der Fahrt nach
-Petersburg meine Absicht mitteilte, eine Zeitschrift zu gründen und ihr
-mein ganzes Leben zu widmen, da sahen Sie plötzlich ironisch auf mich
-herab und wurden furchtbar hochmütig.«
-
-»Das war doch nicht so ... nicht das ... wir fürchteten damals, verfolgt
-zu ...«
-
-»Doch, das war genau das. Und Verfolgung konnten Sie in Petersburg
-überhaupt nicht fürchten. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals im
-Februar erschrocken zu mir gelaufen kamen? Wie Sie verlangten, ich solle
-es Ihnen sofort schriftlich geben, in Gestalt eines Briefes, aus dem
-hervorginge, daß Sie mit dem beabsichtigten Blatte nichts zu tun hätten?
-Daß Sie lediglich der Hauslehrer seien, der bloß in meinem Hause wohnt,
-weil ihm sein Gehalt noch nicht ausgezahlt worden ist? War es nicht so?
-Sollten Sie es wirklich vergessen haben? Ich sehe, Sie haben es nicht
-vergessen. Ja, Sie haben sich Ihr Lebelang tatsächlich ungewöhnlich
-ausgezeichnet!«
-
-»Das war nur ein Augenblick des Kleinmuts damals, unter vier Augen ...«
-rief er schmerzlich aus. »Aber soll denn wirklich, wirklich, wegen
-dieser kleinlichen Eindrücke, nun alles zerrissen sein? Ist es möglich,
-daß von diesen langen Jahren nichts mehr zwischen uns verblieben ist?«
-
-»Sie verstehen sich aufs Rechnen, das weiß ich. Sie wollen immer alles
-so drehen, daß schließlich ich Ihnen noch schulde. Als Sie aus dem
-Auslande zurückkehrten, sahen Sie auf mich von oben herab und ließen
-mich nicht einmal zu Wort kommen. Und als ich Ihnen nach meiner Reise
-von dem Eindruck, den die Sixtinische Madonna auf mich gemacht hatte,
-erzählen wollte, da hörten Sie nicht einmal so lange zu, bis ich geendet
-hatte, und lächelten nur hochmütig, ganz als könnte ich nicht ebensolche
-Gefühle haben wie Sie.«
-
-»Das wird sicher anders gewesen sein ... ich entsinne mich nicht mehr
-... _J'ai oublié._«{[120]}
-
-»Nein, das war ganz genau so, und dabei war da gar kein Grund, vor mir
-so wichtig zu tun, denn das war ja alles Unsinn und nur Ihre Phantasie.
-Heutzutage begeistert sich niemand mehr für die Sixtinische Madonna.
-Höchstens ein paar alte Professoren. Das ist bewiesen.«
-
-»Auch schon bewiesen?«
-
-»Diese Madonna dient überhaupt zu nichts. Diese Schale hier ist
-nützlicher, denn man kann in sie Wasser gießen. Dieser Bleistift ist
-nützlich, denn mit ihm kann man schreiben. Hier aber ist es bloß ein
-gemaltes Frauengesicht, das schlechter ist als alle lebenden Gesichter.
-Versuchen Sie einen Apfel zu malen und legen Sie dann neben das Bild
-einen wirklichen. Welchen werden Sie dann nehmen? Bin sicher, daß Sie
-nicht schwanken werden. Sehen Sie, darauf laufen jetzt alle unsere
-Theorien hinaus, nachdem sie erst einmal von der modernen freien
-Forschung nachgeprüft sind.«
-
-»... stimmt!«
-
-»Ah, Sie lächeln ironisch! Aber was haben Sie mir, zum Beispiel, über
-das Almosengeben gesagt? Und dabei ist das Gefühl, das man hat, wenn man
-Gutes tut, ein hochmütiges und unsittliches, genau wie die Genugtuung
-des Reichen, wie sein Genuß, wenn er seine Macht und Bedeutung mit der
-des Bettlers vergleicht. Almosengeben verdirbt sowohl den Gebenden wie
-den Nehmenden und erfüllt außerdem noch nicht einmal seinen Zweck, denn
-es vermehrt nur die Bettler. Jeder Faulpelz, der nicht arbeiten will,
-drängt sich zum Reichen, wie der Spieler an den Kartentisch, um etwas zu
-gewinnen. Die Groschen aber, die man ihnen zuwirft, reichen ja nicht
-einmal für den hundertsten Teil. Haben Sie viele Almosen in Ihrem Leben
-gegeben? Vielleicht achtzig Kopeken, aber bestimmt nicht mehr. Denken
-Sie nur nach. Strengen Sie sich ein bißchen an und versuchen Sie, sich
-zu erinnern, wann Sie zum letztenmal ein Almosen gegeben haben. Das wird
-wohl schon zwei, wenn nicht vier Jahre her sein. Sie reden bloß große
-Worte, die Tat aber behindern Sie nur. Ja, Almosengeben müßte auch schon
-im jetzigen Staate ganz einfach gesetzlich verboten werden. Im
-Zukunftsstaat wird es überhaupt keine Armen mehr geben.«
-
-»Oh, welch eine Sammlung fremder Schlagworte! Also ist es schon bis zum
-Zukunftsstaat mit Ihnen gekommen? Sie Unglückliche, möge Gott Ihnen
-helfen!«
-
-»Ja, es ist bis zum Zukunftsstaat gekommen, Stepan Trophimowitsch. Sie
-haben so sorgfältig die neuen Ideen vor mir verborgen, aber es hat
-nichts genützt. Sie haben das einzig und allein aus Eifersucht getan, um
-Macht über mich zu besitzen. Jetzt ist mir sogar diese Julija
-Michailowna schon an hundert Werst voraus. Doch ich erkenne jetzt
-wenigstens. Trotzdem habe ich Sie verteidigt, Stepan Trophimowitsch, so
-viel ich nur konnte. Sie werden buchstäblich von allen angeklagt.«
-
-»_Assez!_«{[121]} er erhob sich von seinem Platz. »Und was sollte ich
-Ihnen nun wünschen? Doch nicht Reue?«
-
-»Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie
-wissen doch schon, daß man Sie auffordert, auf der literarischen Matinee
-irgend etwas vorzutragen? Sagen Sie, worüber werden Sie lesen?«
-
-»Gerade über dieses Ideal, die Sixtinische Madonna, die Ihrer Meinung
-nach weder einen Bleistift noch ein Glas Wasser wert ist.«
-
-»Und nicht aus der Geschichte?« fragte Warwara Petrowna enttäuscht.
-»Aber dann wird man Sie ja gar nicht hören wollen. Und ewig diese
-Madonna! Was haben Sie denn davon, wenn Sie alle damit einschläfern? Ich
-versichere Sie, Stepan Trophimowitsch, ich sage das nur in Ihrem
-Interesse. Es wäre doch eine ganz andere Sache, wenn Sie eine kurze,
-aber unterhaltende Geschichte aus dem mittelalterlichen Hofleben nehmen
-würden; sagen wir, aus der spanischen Geschichte. Oder eine Anekdote,
-die Sie dann noch mit eigenen Zutaten ausschmücken könnten. Im
-Mittelalter gab es doch so prunkvolle Höfe, mit Damen, wissen Sie, und
-Mordgeschichten. Karmasinoff sagt, daß es sonderbar zugehen müßte, wenn
-man in der spanischen Geschichte nicht etwas Interessantes finden
-könnte.«
-
-»Karmasinoff! Dieser ausgeschriebene Dummkopf sucht für mich ein
-Thema!!«
-
-»Karmasinoff, dieser erhabene Verstand! Sie drücken sich heute schon
-wirklich etwas zu unvorsichtig aus, Stepan Trophimowitsch.«
-
-»Ihr Karmasinoff ist ein altes, ausgeschriebenes, gereiztes Weib!
-_Chère, chère_, haben Sie sich schon lange so von ihnen unterjochen
-lassen? O Gott!«
-
-»Ich kann ihn auch jetzt nicht leiden. Wegen seiner Wichtigtuerei. Doch
-seinem Verstande muß ich Gerechtigkeit zollen. Ich wiederhole nochmals,
-daß ich Sie, so viel ich nur konnte, verteidigt habe. Aber warum wollen
-Sie sich denn unbedingt als lächerlich und langweilig hinstellen? Im
-Gegenteil, treten Sie mit einem würdigen Lächeln auf das Podium, als der
-Repräsentant des vergangenen Jahrhunderts, und erzählen Sie mit Ihrem
-ganzen Witz drei kleine Geschichten, so wie nur Sie zuweilen zu erzählen
-verstehen. Mögen Sie meinetwegen ein alter Mann sein, meinetwegen ein
-Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, mögen Sie sogar zurückgeblieben
-sein: vielleicht sprechen Sie lächelnd selbst davon -- sagen wir in
-einer Vorbemerkung. Doch alle werden dann sehen, daß Sie ein lieber,
-guter, geistreicher Mensch sind. Kurz, ein Mensch vom alten Schrot und
-Korn. Und doch so weit vorgeschritten, daß er selber über den ganzen
-Unsinn gewisser Begriffe, die er bis dahin gehabt hat, objektiv und
-richtig zu urteilen versteht. Nun, machen Sie es doch so, ich bitte
-Sie!«
-
-»_Chère, assez!_{[122]} Bitten Sie mich nicht, ich kann nicht. Ich werde
-über die Madonna reden, und ich will einen Sturm erheben, der entweder
-sie alle vernichten oder mich allein zu Boden schlagen soll!«
-
-»Bestimmt nur Sie allein, Stepan Trophimowitsch.«
-
-»Gut! Das ist dann mein Los! Ich werde von jenem gemeinen Sklaven reden,
-von jenem stinkenden, verderbten Sklaven, der als erster mit dem Messer
-auf die Leiter steigt und das göttliche Antlitz des großen Ideals
-zerschneiden will -- im Namen der Gleichheit, des Neides und ... der
-Verdauung. Mag mein Fluch also durch die Welt donnern und dann, dann
-...«
-
-»In die Irrenanstalt?«
-
-»Vielleicht. Aber in jedem Fall, ob ich nun siege oder besiegt werde: am
-selben Abend noch werde ich meinen Koffer nehmen, meinen armseligen
-Koffer, und werde all mein Hab und Gut verlassen, alle Ihre Geschenke,
-alle Pensionen und Versprechungen für die Zukunft, und werde zu Fuß aus
-der Stadt gehen, um bei irgend einem Kaufmann als Hauslehrer mein Leben
-zu beenden oder hinter einem Zaun Hungers zu sterben. _Alea jacta est!_«
-
-Er stand auf.
-
-»Ich habe es ja gewußt!« Mit blitzenden Augen erhob sich nun auch
-Warwara Petrowna. »Ich habe es ja gewußt, daß Sie doch nur dazu leben,
-um zum Schluß noch mich und mein Haus zu beschimpfen. Was wollen Sie mit
-der Stelle beim Kaufmann oder dem Tod hinterm Zaun sagen? Bosheit und
-Verleumdung, weiter ist's nichts!«
-
-»Sie haben mich immer verachtet, aber ich werde wie ein Ritter, der
-seiner Dame bis ins Grab treu bleibt, mein Leben beenden -- denn Ihre
-Meinung von mir war mir immer teurer, als alles andere auf der Welt. Ich
-nehme von Ihnen nichts mehr an, und die Rede halte ich ohne
-Entschädigung.«
-
-»Wie dumm das ist!«
-
-»Sie haben mich niemals geachtet. Ich weiß, ich habe unendlich viele
-Schwächen. Ja, es ist wahr: ich habe als Ihr Schmarotzer gelebt; -- in
-der Sprache des Nihilismus ausgedrückt. Doch das war niemals das höhere
-Prinzip meiner Handlungen. Das geschah alles -- so -- so ... ganz von
-selbst ... ich weiß nicht, wie ... Ich habe nur immer geglaubt, daß
-zwischen uns etwas Höheres als Kost und Geld besteht, und _nie_, hören
-Sie, _nie_ bin ich ein -- Schurke gewesen! So -- und nun gehe ich, um es
-wieder gut zu machen! Ich gehe meinen späten Weg, es ist schon Herbst,
-der Nebel liegt auf den Feldern, kalter, grauer Reif bedeckt meine
-Straße und der Wind singt das Lied vom nahen Grabe ... Aber ich gehe,
-ich gehe schon meinen neuen Weg! Und ich gehe --
-
- >Ganz erfüllt von reiner Liebe,
- Treu dem süßen Traum ...<
-
-Oh, lebt wohl, meine Träume! Zwanzig Jahre! _Alea jacta est._«
-
-Tränen rollten plötzlich aus seinen Augen. Er nahm schnell seinen Hut.
-
-»Ich verstehe kein Latein,« sagte Warwara Petrowna, die sich krampfhaft
-zusammennahm.
-
-Wer weiß, vielleicht wollte sie gleichfalls weinen, doch Unwille und
-Eigensinn siegten wiederum.
-
-»Ich weiß nur eines,« sagte sie, »daß das nur Phrasen sind. Niemals
-werden Sie imstande sein, Ihre Worte wahr zu machen. Nirgendwohin werden
-Sie gehen, sondern seelenruhig bei uns weiterleben und jeden Dienstag
-wieder Ihre unmöglichen Freunde versammeln. Leben Sie wohl, Stepan
-Trophimowitsch.«
-
-»_Alea jacta est!_« Er verneigte sich tief vor ihr und fuhr nach Hause
--- halbtot vor Aufregung.
-
-
-
-
- Elftes Kapitel.
- Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit
-
-
- I.
-
-Der Tag, an dem die literarische Matinee und der Ball stattfinden
-sollten, war endgültig festgesetzt, doch von Lembkes Stimmung wurde
-immer trüber und nachdenklicher. Er hatte so sonderbare, unheilvolle
-Vorgefühle, und das beunruhigte Julija Michailowna sehr. Es war doch
-nicht so angenehm, Gouverneur zu sein, zumal unser gutmütiger Iwan
-Ossipowitsch seinem Nachfolger nicht alles im Gouvernement in bester
-Ordnung übergeben hatte. Dazu drohte jetzt noch die Cholera, und in
-einzelnen Kreisen waren Rinderseuchen ausgebrochen; ferner hatten den
-ganzen Sommer über in Dörfern und Städten Feuersbrünste gewütet, im
-Volke aber begann sich schon der Glaube festzusetzen, daß man
-absichtlich Brandstifter umherschicke; und die Diebe hatten sich im
-Verhältnis zu früheren Jahren um das Doppelte vermehrt. Das alles wäre
-aber, wenn auch außergewöhnlich, so doch längst nicht in dem Maße
-beunruhigend gewesen, wenn Andrei Antonowitsch von Lembke nicht noch
-schwerwiegendere Sorgen gehabt hätte, die ihm nun die Ruhe seiner bis
-dahin so glücklichen und zufriedenen Seele raubten.
-
-Am meisten erschreckte Julija Michailowna der Umstand, daß ihr Lembke
-mit jedem Tage schweigsamer wurde und manchmal beinahe verschlossen war.
-Doch wenn man darüber nachdachte -- was konnte er denn überhaupt zu
-verbergen haben? Dabei widersprach er ihr selten, vielmehr fügte er sich
-ihr fast in allen Dingen. So wurden z. B. auf ihr hartnäckiges Verlangen
-hin ein paar recht gewagte Maßnahmen getroffen, die fast gegen das
-Gesetz verstießen, doch dafür die Macht des Gouverneurs vergrößern
-sollten. Aus demselben Grunde wurde z. B. ein paarmal unheilvolle
-Nachsicht geübt: Leute, die eigentlich den Prozeß und Sibirien verdient
-hatten, wurden einzig auf Julija Michailownas unbedingtes Verlangen hin
-zur Auszeichnung vorgeschlagen. Wie sich später herausstellte, wurde auf
-eine gewisse Art von Klagen ganz systematisch überhaupt nicht mehr
-reagiert. Außerdem unterschrieb von Lembke fast alles, was Julija
-Michailowna von ihm verlangte, und gewöhnlich widerspruchslos. Nur
-zuweilen setzte er seine Gattin durch eine plötzliche und hartnäckige
-Widerspenstigkeit in nicht geringes Erstaunen, und zwar immer durch eine
-Widerspenstigkeit in den kleinsten Nebensachen. Der Wunsch, nachdem er
-ihr tagelang stumm und wortlos gehorcht hatte, wieder eine eigene Rolle
-zu spielen, war am Ende begreiflich. Julija Michailowna jedoch wußte in
-solchen Fällen trotz ihres ganzen Verstandes diese edle Regung eines
-edlen Charakters durchaus nicht zu würdigen: von Lembke persönlich war
-ihr gerade in dieser Zeit vollkommen gleichgültig -- und leider sollte
-eben hieraus viel Unheil entstehen.
-
-Die gute Dame (sie tut mir aufrichtig leid) hätte das, was sie so sehr
-lockte -- Ruhm, Bedeutung usw. -- viel einfacher erreichen können, ja,
-fast noch schneller, wenn sie ihren Wünschen mit etwas weniger
-Exzentrizität nachgegangen wäre. Aber wie das gewöhnlich zu geschehen
-pflegt: denen, die ihr abrieten, hörte sie weiter nicht zu; den anderen
-aber, die sie in ihren eigenen Ideen bestärkten, denen folgte sie
-blindlings. So war denn die Arme bald nur noch ein Spielzeug der
-verschiedensten Einflüsse, während sie sich selbst für durchaus
-individuell hielt. Ihre Gutmütigkeit wurde in der kurzen Zeit ihrer
-Herrschaft als Gattin des Gouverneurs von vielen ausgenutzt, und gar
-manche schnitten dabei nicht übel ab. Aber was war das im Grunde für ein
-Mischmasch unter dem Anschein von Selbständigkeit! Ihr gefielen die
-Großgrundbesitzer und das aristokratische Element, die Erweiterung der
-Gouvernementsmacht wie das demokratische Prinzip mit den neuen
-Anschauungen, der Freidenkerei und den sozialen Lehren; und ihr gefiel
-der strenge Ton eines vornehmen Salons, wie die Ausgelassenheit, die oft
-schon an einen Gasthauston gemahnte, der sie umgebenden goldenen Jugend.
-Sie träumte davon, »glücklich zu machen« und Unvereinbares zu vereinen,
-oder richtiger: alle und alles in schwärmerischer Verehrung um ihre
-Person zu versammeln. Aber sie hatte auch einige ganz besondere und
-bevorzugte Lieblinge. Zu diesen gehörte vor allen Pjotr Stepanowitsch,
-der sie mit den plattesten Schmeicheleien beherrschte. Freilich gab es
-da noch einen besonderen Grund, weshalb er zu ihrem Liebling ward, und
-dieser Grund dürfte sie vielleicht am besten charakterisieren: sie
-hoffte nämlich, daß er ihr -- eine ganze Verschwörung aufdecken werde.
-Ich übertreibe keineswegs. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum sich
-in ihr, fast von Anfang an, der Glaube festgesetzt hatte, gerade in
-unserem Gouvernement werde eine Verschwörung gegen die Regierung
-vorbereitet. Nun, und Pjotr Stepanowitsch verstand es vorzüglich, mit
-seinem zweideutigen und geheimnisvollen Schweigen in gewissen, und
-seinen kurzen Bemerkungen in anderen Fällen, diesen Glauben noch zu
-verstärken. Sie glaubte schon nach ihrem ersten Gespräch mit ihm, daß er
-unbedingt über das ganze revolutionäre Rußland unterrichtet sei, und
-außerdem und gleichzeitig hielt sie ihn für ihr persönlich bis zur
-Vergötterung ergeben. In ihrer Phantasie malte sie sich schon mit allen
-Einzelheiten aus, wie von Lembke die Verschwörung melden würde, dann der
-Dank aus Petersburg und die große Karriere; und schließlich, wie sie
-selber mit »Liebe und Nachsicht« die Jugend »am Rande des Abgrunds«
-zurückhielt! War sie doch fest überzeugt, daß sie Pjotr Stepanowitsch
-bereits bekehrt hatte! Warum sollte es ihr dann nicht auch bei den
-anderen gelingen? Kein einziger von den Verschwörern sollte umkommen:
-sie wollte sie alle, alle retten, und in eben diesem Sinne, nur mit dem
-Ziel der höheren Gerechtigkeit vor Augen, wollte sie handeln. Vielleicht
--- was kann man wissen -- würde noch einst der ganze russische
-Liberalismus -- und warum nicht auch die Geschichte? -- ihren Namen
-segnen. Die Verschwörung aber würde doch aufgedeckt werden ... Also alle
-Vorteile zugleich.
-
-Zunächst aber war es nötig, daß Andrei Antonowitsch zum Feste etwas
-heiterer wurde, und so galt es denn jetzt, ihn zu zerstreuen und zu
-beruhigen. Zu diesem Zweck kommandierte sie Pjotr Stepanowitsch zu ihrem
-Mann, in der Hoffnung, daß der auf irgendeine Weise die gewünschte
-Wirkung erzielte. Vielleicht konnte er ihm etwas Beruhigendes mitteilen,
-sozusagen aus erster Hand. Jedenfalls verließ sie sich vollkommen auf
-seine Geschicklichkeit.
-
-Pjotr Stepanowitsch war schon seit Längerem nicht mehr in Herrn von
-Lembkes Arbeitszimmer gewesen. Er schwirrte jetzt gerade in einem
-Augenblick zu ihm hinein, als der Patient sich in einer ganz besonders
-gespannten und reizbaren Verfassung befand.
-
-
- II.
-
-Es gab da eine Kombination, die Herr von Lembke nun schon gar nicht mehr
-fassen konnte.
-
-In einer kleinen Kreisstadt (in derselben, in der Pjotr Stepanowitsch
-vor nicht langer Zeit mit den Offizieren ein paar Abende lustig
-zusammengewesen war) hatte der Kommandeur einem Leutnant einen Verweis
-erteilt. Es geschah vor der ganzen Front. Der Leutnant war ein noch ganz
-junger Mensch, erst vor kurzem aus Petersburg eingetroffen, immer
-schweigsam und finster und anscheinend sich sehr erhaben dünkend, dabei
-aber klein von Wuchs, dick und rotwangig. Er ertrug den Verweis nicht,
-und plötzlich warf er sich mit einem eigentümlichen Geschrei oder
-Gekreisch, über das sich die ganze Front wunderte, und mit absonderlich
-gesenktem Kopf auf seinen Kommandeur und biß diesen mit solcher Gewalt
-in die Schulter, daß man ihn nur mit Mühe loszureißen vermochte.
-Zweifellos war der Mensch verrückt geworden. Wenigstens stellte sich nun
-heraus, daß er in der letzten Zeit schon mehrfach die unglaublichsten
-Sachen gemacht hatte. So hieß es u. a., er habe in seiner Wohnung zwei
-Heiligenbilder der Wirtin zum Fenster hinausgeworfen und ein drittes mit
-dem Beil zerhackt; an ihre Stelle aber habe er in seinem Zimmer auf
-Postamenten drei Bücher, die Werke von Vogt, Moleschot und Büchner,
-aufgestellt und vor jedem ein Kirchenwachslicht angezündet. Aus der
-Menge von Büchern, die man bei ihm fand, konnte man schließen, daß er
-ziemlich belesen war. Bei der Durchsuchung fand man in seinen Taschen
-und Koffern einen ganzen Stoß der wildesten Proklamationen.
-
-Nun, an sich waren diese Blätter ja nichts Neues; man hatte ihrer im
-Laufe der Jahre so viele gesehen! Wozu da noch weiter nachdenken? Zudem
-waren es nicht einmal neue Proklamationen, sondern genau dieselben, die
-man auch im H--schen Gouvernement gefunden hatte und von denen Liputin
-behauptete, daß er sie vor anderthalb Monaten auf seiner Reise in einer
-andern Kreisstadt gleichfalls gesehen habe. Aber Andrei Antonowitsch
-erschrak doch: vor allem über den einen Umstand, daß der Direktor der
-Spigulinschen Fabrik zur selben Zeit der Polizei drei große Pakete
-Proklamationen übersandt hatte, die in der Nacht auf den Fabrikhof
-geworfen worden waren, und diese Proklamationen stimmten Wort für Wort
-mit jenen überein, die man bei dem Leutnant gefunden hatte. Die drei
-Pakete waren noch nicht einmal aufgebunden, also hatte von den Arbeitern
-noch keiner etwas lesen können. Eigentlich war ja die ganze Sache
-harmlos genug; doch Herr von Lembke begann zu grübeln, denn ihm erschien
-sie unendlich bedeutsam und verwickelt.
-
-In der erwähnten Spigulinschen Fabrik hatte gerade die sogenannte
-»Spigulinsche Geschichte« begonnen, von der später so viel geredet
-worden ist, und über die sogar die Petersburger und Moskauer Zeitungen
-so lange und in so verschiedenen Lesarten berichtet haben. Vor ungefähr
-drei Wochen war dort ein Arbeiter an sibirischer Cholera erkrankt, und
-nach ihm noch ein paar andere. In der Stadt verbreitete sich nicht
-geringe Angst, obgleich alle möglichen ärztlichen Vorkehrungen getroffen
-wurden. Doch die Spigulinsche Fabrik -- die Besitzer hatten Geld und
-Verbindungen -- wurde aus irgendeinem guten Grunde nicht geschlossen. Da
-aber hieß es plötzlich, gerade in ihr stecke der Herd der Krankheit.
-Andrei Antonowitsch bestand sofort energisch darauf, daß sie einmal
-gründlich gereinigt werde, was man denn auch tat. Kurz darauf aber
-schlossen die Spigulins die Fabrik -- warum, wußte eigentlich niemand.
-Der eine Bruder lebte beständig in Petersburg, und der andere war nach
-der ihm befohlenen Fabrikreinigung nach Moskau gereist. Der Direktor,
-der den Arbeitern den Lohn auszahlen sollte, betrog dabei, wie es sich
-später herausstellte, die Leute geradezu unerhört. Die Arbeiter begannen
-zu murren und verlangten eine gerechtere Abrechnung und gingen aus
-Dummheit schließlich sogar auf die Polizei. Doch führten sie sich dort
-lange nicht so erregt auf, wie es die Zeitungen nachträglich
-schilderten. Und gerade in dieser Zeit geschah es denn, daß der Direktor
-dem Gouverneur die gefundenen Proklamationen zustellte.
-
-Pjotr Stepanowitsch trat schnell und ohne anzuklopfen, wie ein alter
-Bekannter oder guter Freund, in von Lembkes Arbeitszimmer. Als Andrei
-Antonowitsch ihn erblickte, blieb er unfreundlich und augenscheinlich
-geärgert am Schreibtisch stehen, während er bis dahin auf und ab
-gegangen war, was er gewöhnlich tat, wenn er sich mit seinem
-Kanzleibeamten Blümer unter vier Augen beriet. Diesen Blümer, der
-übrigens ein mürrischer, ungelenker Deutscher war, hatte er trotz Julija
-Michailownas heftigster Opposition aus Petersburg mitgebracht. Der
-Kanzleibeamte trat nach Pjotr Stepanowitschs Erscheinen zur Tür, ging
-jedoch noch nicht hinaus. Es schien Pjotr Stepanowitsch sogar, daß er
-mit von Lembke einen vielsagenden Blick austauschte.
-
-»Oho, da habe ich Sie ertappt, Sie geheimer Stadtdespot!« rief Pjotr
-Stepanowitsch lachend aus und legte schnell seine Hand auf eine
-Proklamation, die auf dem Tisch lag. »Die soll wohl wieder Ihre Sammlung
-vergrößern, wie?«
-
-Von Lembke wurde rot, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich.
-
-»Lassen Sie, lassen Sie das sofort!« schrie er zitternd vor Wut. »Und
-wagen Sie es nicht, mein Herr ...«
-
-»Was haben Sie nur? Sie scheinen sich ja zu ärgern?«
-
-»Gestatten Sie, mein Herr, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich Ihr
-_sans façon_{[123]} hinfort nicht mehr dulden werde und Sie ersuche,
-nicht zu vergessen ...«
-
-»Pfui Teufel, er ärgert sich ja in der Tat!«
-
-»Schweigen Sie!« von Lembke stampfte mit dem Fuß. »Und wagen Sie es
-nicht ...«
-
-Gott mag wissen, wozu es noch gekommen wäre, denn zu seinem Zorn gab es
-hier noch einen gewissen anderen Grund, den sich weder Pjotr
-Stepanowitsch noch Julija Michailowna auch nur hätten träumen lassen
-können. Mit dem unglücklichen Andrei Antonowitsch war es nämlich schon
-so weit gekommen, daß er wegen seiner Frau auf Pjotr Stepanowitsch
-eifersüchtig war und deshalb in einsamen Stunden, besonders nachts,
-höchst unangenehme Minuten auszustehen hatte.
-
-»Und ich dachte, daß ein Mensch, der einem zweimal bis nach Mitternacht
-seinen Roman vorliest und einen um ein offenes Urteil bittet, daß dieser
-Mensch dann schon selber das Formelle abgetan hat ... Und Julija
-Michailowna empfängt mich wie einen guten Bekannten -- nun soll einer
-aus Ihnen klug werden!« sagte Pjotr Stepanowitsch, und sagte es sogar
-nicht ohne eine gewisse Würde. »Hier haben Sie übrigens Ihren Roman,«
-und damit legte er ein großes, schweres, fest zusammengerolltes Heft,
-das in blaues Papier eingewickelt war, auf den Tisch.
-
-Von Lembke errötete und wußte nichts zu sagen.
-
-»Wo haben Sie es denn gefunden?« fragte er unsicher, mit einem Zustrom
-von Freude, den er doch nicht abhalten konnte, obschon er ihn mit Gewalt
-zurückzudrängen suchte.
-
-»Ja, denken Sie sich, so zum Rohr zusammengerollt, wie es da ist, war es
-hinter meine Kommode gefallen. Ich werde es wohl damals, als ich nach
-Hause kam, irgendwie nachlässig auf die Kommode geworfen haben.
-Vorgestern fand man es beim Dielenscheuern. War das aber eine Arbeit,
-die Sie mir da beschert hatten!«
-
-Lembke senkte streng die Augen.
-
-»Zwei Nächte wegen Euer Gnaden nicht geschlafen. Vorgestern fand man es,
-so behielt ich es denn noch und las die ganze Geschichte durch. Habe am
-Tage keine Zeit, mußte es also in der Nacht tun. Na, und -- kann nichts
-dafür: bin unzufrieden. Nicht mein Geschmack. Doch übrigens zum Teufel
-damit, Kritiker bin ich nie gewesen. Aber losreißen konnte ich mich doch
-nicht, wenn ich auch unzufrieden war. Das vierte und fünfte Kapitel, die
-... die sind ... weiß der Teufel, was die eigentlich sind! Und mit
-wieviel Komik das vollgestopft ist! Hab' ich gelacht! Nein, wirklich,
-Sie verstehen es, etwas lächerlich zu machen, _sans que cela
-paraisse_!{[124]} Na, das da im neunten Kapitel, wo nur von Liebe die
-Rede ist, na, nicht meine Sache; aber immerhin sehr effektvoll. Nach dem
-Brief von Igrenjeff wollte ich beinah zu heulen anfangen, obgleich Sie
-ihn ja so fein karikiert haben ... Wissen Sie, der Brief ist gewiß
-gefühlvoll, aber zu gleicher Zeit wollten Sie den Mann doch irgendwie
-karikieren, wenn ich Sie richtig verstanden habe? nicht? Hab's mir
-gleich so gedacht. Na, aber für den Schluß könnte ich Sie einfach
-verprügeln. Was ist denn das für eine Idee, die Sie da durchführen? Das
-ist ja doch dieselbe alte Vergötterung des Familienglücks nebst
-Vermehrung der Kinder wie des Kapitals, und >wenn sie nicht gestorben
-sind, so leben sie noch heut<! -- ich bitte Sie! Zuerst bezaubern Sie
-den Leser geradezu, so daß selbst ich mich nicht losreißen konnte, --
-aber desto gemeiner ist doch dann solch ein Schluß! Der Leser bleibt
-genau so dumm, wie er war; man hätte doch kluge Menschen reden lassen
-sollen, Sie aber ... Na, genug davon, und jetzt adieu! Ärgern Sie sich
-nächstens nicht wieder. Ich kam eigentlich, um Ihnen ein paar Worte zu
-sagen, aber Sie sind ja heute so eigentümlich ...«
-
-Von Lembke hatte inzwischen seinen Roman in einen eichenen Bücherschrank
-verschlossen und Blümer zugewinkt, das Zimmer zu verlassen, was der denn
-auch mit langem Gesichte tat.
-
-»Ich bin heute keineswegs eigentümlich, es sind da nur ... so viele
-Unannehmlichkeiten,« murmelte Herr von Lembke und runzelte die Stirn,
-doch schon ohne Zorn, und er setzte sich an den Schreibtisch. »Ich habe
-Sie lange nicht mehr gesehen,« sagte er freundlicher, »nur fliegen Sie
-nächstens nicht so hastig ins Zimmer, mit Ihren Manieren, die ...
-zuweilen, bei der Arbeit, ist man ...«
-
-»Was meine Manieren betrifft ...«
-
-»Ich weiß, ich weiß, Sie haben es ja nicht mit Absicht getan, aber
-gerade bei so unangenehmer Arbeit, Sie verstehen schon ... Setzen Sie
-sich, bitte.«
-
-Pjotr Stepanowitsch warf sich sogleich ungeniert auf den Diwan und zog
-die Beine unter den Stuhl.
-
-
- III.
-
-»Was ist denn das für eine unangenehme Arbeit? Doch nicht etwa diese
-Dummheiten?« Dabei wies er mit dem Kopf auf die Proklamation. »Solche
-Blätter kann ich Ihnen so viele verschaffen, wie Sie nur wollen. Habe
-deren Bekanntschaft schon im H--schen Gouvernement gemacht.«
-
-»Das heißt, damals, als Sie dort waren?«
-
-»Versteht sich, nicht in meiner Abwesenheit. Und dann war da noch eine
-mit einer Vignette: ein Beil oben. Erlauben Sie« -- er nahm das Blatt
-vom Tisch -- »na ja, hier ist ja auch ein Beil; natürlich, das ist ja
-dieselbe!«
-
-»Ja, ein Beil. Sehen Sie -- ein Beil.«
-
-»Was, haben Sie etwa Angst bekommen vor dem Beil?«
-
-»Oh, nicht vor dem Beil ... Und ich habe durchaus keine Angst. Aber
-diese Sache ... Es gibt hier noch ... gewisse Umstände.«
-
-»Was für welche? Daß man sie aus der Fabrik gebracht hat? Ha--ha! Aber
-wissen Sie auch, daß die Arbeiter dieser Fabrik bald selbst
-Proklamationen schreiben werden?«
-
-»Wie das?« Von Lembke sah auf -- streng, verwundert.
-
-»Ganz einfach. Sie sind ein zu weicher Mensch, Andrei Antonowitsch.
-Schreiben Romane. Hier aber müßte man noch auf die alte Weise
-verfahren.«
-
-»Wie das -- alte Weise? Sollen das Ratschläge sein? Die Fabrik ist doch
-gereinigt worden. Ich befahl es, und sie wurde gereinigt!«
-
-»Und unter den Arbeitern ist derweil eine Empörung ausgebrochen. Übers
-Knie legen müßte man die Kerls, und die Sache wäre erledigt.«
-
-»Eine Empörung? Das ist unmöglich! Ich habe doch den Befehl gegeben, und
-man hat die Fabrik gereinigt!«
-
-»Ach, Andrei Antonowitsch, Sie sind wirklich ein weicher Mensch!«
-
-»Ich? Nun -- erstens bin ich durchaus nicht so furchtbar weich und
-zweitens ... --« von Lembke ärgerte sich. Eigentlich sprach er mit dem
-jungen Mann gegen seinen Willen, doch die Neugier, ob dieser nicht etwas
-Besonderes sagen würde, war zu groß, um der Unterredung einen Schluß zu
-machen.
-
-»A--ah! wieder eine alte Bekannte!« unterbrach ihn Pjotr Stepanowitsch
-und zog unter einem Buch ein anderes Blatt hervor, eine augenscheinlich
-im Auslande gedruckte Proklamation, die aber in Versen abgefaßt war.
-»Na, die kenne ich ja auswendig: natürlich, das ist sie ja -- die >helle
-Persönlichkeit<! Habe diese Persönlichkeit schon im Auslande kennen
-gelernt. Wo haben Sie denn diese hervorgekratzt?«
-
-»Sie sagen, Sie haben sie schon im Auslande gesehen?« horchte Herr von
-Lembke auf.
-
-»Na, das fehlte noch, daß ich sie nicht gesehen hätte! -- vor vier oder
-fünf Monaten!«
-
-»Was Sie im Auslande nicht alles gesehen haben!« von Lembke besah ihn
-sich mißtrauisch.
-
-Doch Pjotr Stepanowitsch beachtete die Bemerkung nicht, nahm das Blatt
-und las laut das folgende Gedicht:
-
-
- »Die helle Persönlichkeit.
-
- Von Geburt kein Edelmann,
- Unterm Volk wuchs er heran.
- Bald verfolgt vom Zorn des Zaren
- Und dem Hasse der Bojaren,
- Predigte er allerorten
- Stets mit siegbewußten Worten
- Unerschrocken, wie man sah:
- >Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!<
- Häscher fingen ihn alsbald.
- Doch er floh in fremdes Land
- -- aus des Zaren Kasematte,
- Wo man Peitschen, Zangen hatte --,
- Fuhr von dort fort, hier zu schüren,
- Und die Wirkung war zu spüren,
- Denn das Volk begann zu warten
- Und zu murren ob des harten
- Schicksals, doch sieh da:
- »Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!«
- Also sagt's Euch der Student,
- Hört es jetzt bis nach Taschkent!
- Komme schleunigst jeder Mann,
- Um den Adel und alsdann
- Selbst das Zartum zu vernichten!
- Hört und kommt und laßt uns richten!
- Hört auf des Studenten Wort:
- Aller alter Kram muß fort --
- Kirchen, Ehen und Familien
- Nebst den Kindern, den Reptilien!
- Doch das Hab und Gut der Welt,
- Land, Besitz und alles Geld --
- Das soll Allgemeingut werden
- In dem neuen Reich auf Erden!«
-
-»Das haben Sie wohl bei jenem Leutnant gefunden, nicht?« fragte Pjotr
-Stepanowitsch.
-
-»Wie, Sie kennen auch diesen Leutnant?«
-
-»Wie denn nicht! Habe zwei Tage lang mit ihm gekneipt. Der mußte
-unbedingt mal überschnappen.«
-
-»Er ... Vielleicht ist er überhaupt nicht irrsinnig geworden.«
-
-»Etwa darum nicht, weil er zu beißen anfing?«
-
-»Aber, erlauben Sie: wenn Sie dieses Gedicht im Auslande gesehen haben
--- und später findet es sich hier bei diesem Offizier ...«
-
-»Hm! Ganz scharfsinnig! Sie, Andrei Antonowitsch, Sie scheinen mich ja,
-wie ich sehe, examinieren zu wollen? Sehen Sie,« begann er plötzlich mit
-ungewöhnlicher Wichtigkeit, »darüber, was ich im Auslande gesehen, habe
-ich sofort nach meiner Rückkehr einer bestimmten Stelle Mitteilung
-gemacht, und meine Erklärungen wurden als befriedigend befunden.
-Andernfalls hätte ich ja auch diese liebe Stadt hier gar nicht mit
-meinem Besuch beglücken können. Ich glaube also, daß meine Pflichten auf
-diesem Gebiet erledigt sind und ich weiter niemandem Rechenschaft
-schuldig bin. Und nicht etwa deswegen erledigt, weil ich vielleicht ein
-Denunziant bin, sondern weil ich einfach gar nicht anders handeln
-konnte. Diejenigen, die an Julija Michailowna über mich geschrieben
-haben, kannten die ganze Sachlage ... und haben mich als ehrlichen
-Menschen empfohlen. Na, aber zum Teufel damit! Eigentlich bin ich zu
-Ihnen gekommen, um über etwas sehr Ernstes mit Ihnen zu sprechen. Es ist
-gut, daß Sie diesen Ihren Schornsteinfeger fortgeschickt haben. Es ist
-eine wichtige Sache, Andrei Antonowitsch. Ich habe nämlich eine sehr
-große Bitte an Sie.«
-
-»Eine Bitte? Hm ... haben Sie die Güte, ich ... bin gespannt ... hm! ...
-wird mich sehr interessieren. Überhaupt muß ich sagen, Sie setzen mich
-heute ein wenig in Erstaunen.«
-
-Von Lembke war merklich erregt. Pjotr Stepanowitsch schlug ein Bein
-übers andere.
-
-»In Petersburg,« begann er, »war ich in vieler Hinsicht aufrichtig, doch
-über gewisse Einzelheiten ... zum Beispiel diese da« -- er wies mit dem
-Finger auf die »helle Persönlichkeit« -- »habe ich geschwiegen, erstens
-weil es sich nicht lohnte, darüber zu sprechen, und zweitens, weil ich
-nur das sagte, wonach man mich fragte. Ich liebe es nicht, in diesem
-Sinne vorzugreifen; darin sehe ich auch den Unterschied zwischen einem
-Schurken und einem ehrlichen Menschen, den ganz einfach nur die Umstände
-überrumpelt haben und zwingen ... Na, das mag nebenbei gesagt sein. Nun
-und jetzt ... jetzt, nachdem diese Dummköpfe ... na, ich meine, da es
-jetzt herausgekommen ist, sich bereits in Ihren Händen befindet und sich
-vor Ihnen schon nicht mehr wird verstecken können -- denn Sie sind doch
-ein Mensch mit Augen, es ist gar nicht so leicht, hinter Sie zu kommen
--- diese Dummköpfe aber in ihrem Vorhaben fortfahren ... na, nun ja ...
-also: ich bin ... ganz einfach ... zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten,
-einen Menschen zu retten, einen ebensolchen Dummkopf oder meinetwegen
-Verrückten ... in Anbetracht seiner Jugend, seines Unglücks, und ... und
-Ihrer Humanität ... zum Kuckuck, Sie wollen doch nicht nur in Romanen
-human und gut und edel sein!« unterbrach er plötzlich, anscheinend aus
-lauter Verlegenheit grob, seine ungeschickte Rede.
-
-Kurz: man sah einen ehrlichen, offenherzigen Menschen vor sich, der bloß
-ungeschickt und unpolitisch war, und das wohl aus Gutmütigkeit oder
-übergroßer Gewissenhaftigkeit. Und jedenfalls mußte er »nicht von weitem
-her« sein, urteilte von Lembke sofort mit außerordentlichem Feingefühl:
-genau so, wie er ihn eigentlich schon immer eingeschätzt hatte --
-besonders wenn er ihn in den schlaflosen Nächten der letzten Woche wegen
-seines Erfolges bei Julija Michailowna in seiner Seele beschimpft und
-heruntergerissen hatte.
-
-»Für wen bitten Sie denn und was soll das alles bedeuten?« erkundigte er
-sich würdevoll, bemüht, seine Neugier zu verbergen.
-
-»Für ... ja das ... zum Teufel, ich bin doch nicht schuld daran, daß ich
-an Sie glaube! Was kann ich denn dafür, daß ich Sie für den
-edelmütigsten Menschen halte und, vor allem, für einen verständigen ...
-der fähig ist, zu begreifen, das heißt, zu verstehen ... nun, zum Henker
-...«
-
-Der Arme! Augenscheinlich verstand er sich nicht recht auszudrücken und
-verwickelte sich nur!
-
-»Sie verstehen doch,« fuhr er fort, »begreifen doch, daß ich, wenn ich
-Ihnen seinen Namen nenne, ihn damit sozusagen in Ihre Hände liefere,
-nicht wahr, ich liefere ihn dann Ihnen doch aus? Nicht wahr?«
-
-»Aber wie soll ich es denn erraten, für wen Sie bitten, wenn Sie sich
-nicht entschließen können, mir seinen Namen zu nennen?«
-
-»Ach, ja, in der Tat, das ist es ja gerade! Sie stellen einem, weiß der
-Teufel, mit Ihrer Logik immer ein Bein ... Na, zum Henker ... Also diese
->helle Persönlichkeit<, dieser >Student< ist -- _Schatoff_ ... So, da
-haben Sie's jetzt!«
-
-»Schatoff? Das heißt, wie denn Schatoff?«
-
-»Schatoff -- das ist der >Student<, von dem da im Gedicht die Rede ist!
-Er lebt hier! Früherer Leibeigener! Derselbe, der neulich die Ohrfeige
-gegeben hat! Sie wissen schon!«
-
-»Ich weiß, ich weiß!« von Lembke kniff die Augen zusammen. »Aber
-erlauben Sie, worin besteht denn eigentlich seine Schuld und, die
-Hauptsache, -- um was bitten Sie denn eigentlich?«
-
-»Aber ihn zu retten, verstehen Sie doch endlich! Ich kenne ihn ja schon
-seit acht Jahren! Ich -- ich war ja sein Freund!« Pjotr Stepanowitsch
-regte sich anscheinend furchtbar auf. »Nun ja, ich bin doch nicht
-verpflichtet, Ihnen Rechenschaft über Früheres zu geben,« meinte er und
-winkte mit der Hand ab, »das ist alles so belanglos. Sind ja nur
-dreieinhalb Menschen, und mit denen im Auslande noch nicht mal zehn ...
-Aber, die Hauptsache, -- ich hoffte auf Ihre Humanität und zugleich auf
-Ihren Verstand. Sie verstehen mich doch, Sie werden die Sache dann schon
-selber so darstellen, wie sie wirklich ist, und nicht als weiß der
-Teufel was! -- vielmehr als den dummen Gedanken eines verdrehten
-Menschen ... infolge seines Unglücks, vergessen Sie das nicht, infolge
-seines Unglücks, und nicht als weiß der Teufel was da -- für eine
-Verschwörung gegen den Staat ...«
-
-Pjotr Stepanowitsch geriet vor Eifer fast außer Atem.
-
-»Hm ... Ich sehe schon, daß er der Schuldige ist -- an den
-Proklamationen mit dem Beil!« schloß von Lembke mit nahezu erhabener
-Miene. »Aber, erlauben Sie, wenn er allein es ist, wie konnte er sie
-dann hier und zugleich in der Provinz verstreuen und sogar im H--schen
-Gouvernement und ... schließlich, die erste Frage: wo hat er sie
-überhaupt herbekommen?«
-
-»Aber ich sage Ihnen doch, daß es im ganzen vielleicht fünf Menschen
-sind, na, sagen wir, zehn -- wie soll ich es wissen!«
-
-»Sie wissen es nicht?«
-
-»Ja, zum Henker, warum soll ich es denn wissen?«
-
-»Aber Sie wußten doch, daß Schatoff einer von ihnen ist?«
-
-»Ach!« Pjotr Stepanowitsch winkte wieder mit der Hand ab, als wolle er
-den erdrückenden Scharfsinn des anderen zurückscheuchen. »Na, hören Sie,
-ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen: von den Proklamationen weiß
-ich nichts, das heißt, so gut wie nichts, -- zum Teufel, Sie verstehen
-doch, was >nichts< bedeutet? ... Nun, versteht sich, hier ist es der
-eine Leutnant, nun, und Schatoff, nun, und vielleicht noch irgend
-jemand, na -- aber das ist auch alles! Nicht der Rede wert! ... Einfach
-kläglich! ... Ich aber bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie für Schatoff zu
-bitten: man muß ihn retten, denn dieses Gedicht da -- ist von ihm, sein
-eigenes Werk und im Auslande durch ihn gedruckt. So, das ist alles, was
-ich genau weiß, aber von den Proklamationen weiß ich so gut wie gar
-nichts!«
-
-»Wenn das Gedicht von ihm verfaßt ist, so werden wohl auch die
-Proklamationen von ihm verfaßt sein. Aber welche Beweise haben Sie denn,
-um Herrn Schatoff zu verdächtigen?«
-
-Pjotr Stepanowitsch riß seine Brieftasche hervor, wie ein Mensch, der
-schon nahe daran ist, aus der Haut zu fahren, und warf einen Zettel auf
-den Tisch.
-
-»Da haben Sie die Beweise!« rief er.
-
-Von Lembke faltete den Zettel auseinander: er war vor einem halben Jahr
-aus unserer Stadt geschrieben worden und enthielt nur die kurze
-Mitteilung:
-
- »Die helle Persönlichkeit« kann ich hier nicht drucken, und
- überhaupt kann ich nichts machen. Drucken Sie im Auslande.
-
- Iwan Schatoff.
-
-Von Lembke blickte Pjotr Stepanowitsch unverwandt an ... Warwara
-Petrowna hatte recht, wenn sie behauptete, daß Herr von Lembke einen
-manchmal etwa wie ein Schaf anblicken konnte.
-
-»Sehen Sie,« begann Pjotr Stepanowitsch ungeduldig, »das bedeutet, daß
-er dieses Gedicht vor einem halben Jahr hier geschrieben hat. Er konnte
-es aber nicht hier drucken lassen, na, in irgendeiner, sagen wir,
-geheimen Druckerei, -- und darum bittet er, es im Auslande zu drucken
-... Das ist doch klar, sollte ich meinen?«
-
-»Ja, das ist natürlich klar, aber wen bittet er denn darum? Das ist, wie
-Sie sehen, durchaus noch nicht klar,« bemerkte von Lembke mit
-schlauester Ironie.
-
-»Aber Kirilloff doch! Der Brief ist doch an Kirilloff ins Ausland
-geschrieben ... Wußten Sie das etwa nicht? Ärgerlich an der ganzen Sache
-ist ja nur, daß Sie sich vor mir vielleicht nur verstellen und selbst
-schon lange von diesem Gedicht wissen, na, und auch alles andere! Wie
-ist es denn auf Ihren Tisch gekommen? Wenn Sie es überhaupt zu erwischen
-verstanden haben! -- wozu foltern Sie mich dann noch mit Ihren Fragen,
-wenn's so ist?«
-
-Er wischte sich fast bebend den Schweiß von der Stirn.
-
-»Vielleicht ist auch mir einiges bekannt ...« bemerkte Herr von Lembke,
-geschickt ausweichend, »aber wer ist denn dieser Kirilloff?«
-
-»Nun, ein Ingenieur, vor kurzem hier angekommen. War Stawrogins
-Sekundant. Einfach ein Maniak, total verrückt. Ihr Leutnant hatte
-vielleicht wirklich nur Schnupfenfieber als er biß, na, aber dieser, ich
-sage Ihnen, der ist schon längst fürs Tollhaus reif -- dafür garantiere
-ich. Ach, Andrei Antonowitsch, wenn die Regierung nur wüßte, was das da
-für Leutchen sind, sie würde ja keinen Finger rühren. Hab mich in der
-Schweiz und auf den Kongressen an ihnen satt gesehen, übersatt!«
-
-»Dort, von wo aus man die Bewegungen bei uns leitet?«
-
-»Ja, wer leitet denn? Dreieinhalb Menschen! Wenn man sie ansieht, sage
-ich Ihnen, kann man bloß Lust zum Gähnen bekommen. Und was sind denn das
-für >Bewegungen bei uns<? Etwa die Verbreitung von Proklamationen? Aber
-wer verbreitet sie denn? Verschnupfte Leutnants und zwei bis drei
-Studenten! Sie sind doch ein kluger Mensch, da stelle ich Ihnen nun eine
-Frage: warum schließen sich nicht etwas bedeutendere Menschen der Sache
-an, warum immer nur Studenten und Jünglinge von zweiundzwanzig Jahren?
-Und wie viele sind ihrer denn selbst von solchen? Man läßt sie wohl von
-einer Million geübter Hunde suchen, doch wie viele hat man bisher
-gefunden? Sieben Mann! Ich sage Ihnen ja, nur Lust zum Gähnen bekommt
-man.«
-
-Von Lembke hörte ihm aufmerksam zu, aber mit einem Ausdruck, der
-gleichsam sagte: »Eine Nachtigall machst du mit Fabeln nicht satt.«
-
-»Erlauben Sie, einstweilen, -- Sie behaupten, daß der Brief ins Ausland
-geschrieben ist; hier ist aber keine Adresse; woher wissen Sie es denn,
-daß der Brief an Kirilloff gerichtet ist? und schließlich überhaupt ins
-Ausland und ... und ... daß er wirklich von Herrn Schatoff geschrieben
-ist?«
-
-»So verschaffen Sie sich doch sofort Schatoffs Handschrift und
-vergleichen Sie! In Ihrer Kanzlei wird sich bestimmt irgendeine
-Unterschrift von ihm finden. Und was Kirilloff betrifft, so hat er mir
-doch selbst den Brief gezeigt. Gleich damals, als er ihn bekam.«
-
-»Also haben Sie wohl selbst ...«
-
-»Na ja, versteht sich doch, daß ich selbst! ... Als ob man mir dort
-wenig gezeigt hätte! Nun, und dieses Gedicht, heißt es, soll der
-verstorbene Herzen persönlich für Schatoff geschrieben haben, als der
-sich noch im Auslande herumtrieb, angeblich zum Andenken an ihre
-Begegnung, als Lob, als Empfehlung gewissermaßen, na, hol's der Teufel
-... und Schatoff verbreitet es nun unter der Jugend: >Seht, das ist
-Herzens eigene Meinung über mich<!«
-
-»Tje -- tje -- tje,« schnalzte von Lembke, endlich begreifend, »das
-meine ich ja auch: Proklamationen -- das versteht man noch, aber
-Gedichte!?«
-
-»Ja, wie sollten Sie es denn nicht verstehen! Und weiß der Teufel, wozu
-ich Ihnen eigentlich das alles noch überflüssigerweise ausgeplaudert
-habe! Hören Sie, geben Sie mir Schatoff, und dann meinetwegen zum Henker
-mit den anderen allen, selbst mit Kirilloff, der sich jetzt gleichfalls
-im Filippoffschen Hause, in dem auch Schatoff wohnt, versteckt hat. Die
-lieben mich nicht, weil ich zurückgekommen bin ... Aber versprechen Sie
-mir Schatoff, und ich präsentiere Ihnen alle die anderen auf einem
-Tablett. Kann Ihnen nützlich sein, Andrei Antonowitsch. Ich schätze
-diese ganze traurige Bande auf neun Mann, na, sagen wir -- zehn. Ich
-beobachte sie von mir aus. Drei kennen wir schon: Schatoff, Kirilloff
-und dieser Leutnant. Die anderen prüfe ich erst noch ... übrigens: bin
-nicht gerade kurzsichtig. Das ist ganz wie im H--schen Gouvernement:
-zwei Studenten wurden dort mit Proklamationen ergriffen, ein Gymnasiast,
-zwei zwanzigjährige Edelleute, ein Lehrer und ein sechzigjähriger Major,
-der vom Trunk schon unzurechnungsfähig geworden war ... und das war
-alles, glauben Sie mir, das war alles! Man wunderte sich nicht wenig,
-daß das alles war. Aber ich brauche sechs Tage. Ich rieche schon den
-Braten und habe meine Berechnung gemacht: sechs Tage und nicht früher!
-Wenn Sie irgendein Ergebnis haben wollen -- lassen Sie sie in diesen
-sechs Tagen ganz und gar ungeschoren, und ich binde sie Ihnen in ein
-Bündel zusammen! Rühren Sie sich jedoch früher, so fliegt das ganze Nest
-auseinander! Aber versprechen Sie mir dafür Schatoff, ich bitte ja nur
-für Schatoff ... Wissen Sie, am besten wäre es, wenn Sie ihn
-freundschaftlich zu sich kommen ließen, sagen wir meinetwegen, hierher
-in Ihr Arbeitszimmer, und dann, wissen Sie: vor ihm den Vorhang
-aufgezogen und ein wenig gefragt! Ach, er wird sich sofort Ihnen zu
-Füßen werfen und losweinen! Er ist ein nervöser, unglücklicher Mensch.
-Seine Frau amüsiert sich mit Stawrogin. Seien Sie gut zu ihm, und er
-wird Ihnen alles selbst erzählen. Doch ich brauche noch sechs Tage, wie
-gesagt ... Die Hauptsache aber, die Hauptsache: sagen Sie Julija
-Michailowna keinen Ton, kein halbes Wort davon! Geheimnis! Können Sie?«
-
-»Wie?« von Lembke riß die Augen auf. »Haben Sie ihr denn nicht schon
-selbst alles ... enthüllt?«
-
-»Ihr? Behüte und bewahre! Ach, Andrei Antonowitsch! Sehen Sie mal, ich
-schätze ja ihre Freundschaft unendlich und sie überhaupt ... na, aber
-das da ... ich werde mich doch nicht so verhauen. Ich widerspreche ihr
-nie, denn ihr widersprechen -- Sie wissen ja selbst -- ist gefährlich.
-Vielleicht habe ich ihr auch mal dieses oder jenes Wörtchen gesagt, aber
-daß ich ihr, wie jetzt Ihnen, Namen genannt hätte, oder so etwas -- wo
-denken Sie hin! ... Warum wende ich mich denn an Sie? Weil Sie immerhin
-ein Mann sind, ein ernster Mensch, mit alten, festen Erfahrungen im
-Staatsdienst. Sie haben doch manches im Leben gesehen! Sie wissen
-außerdem, glaub ich, jeden Schritt in solchen Dingen auswendig wie das
-Einmaleins -- schon von Petersburg her. Sollte ich aber ihr zum Beispiel
-auch nur zwei Namen nennen, wie würde sie da gleich lostrommeln ... Sie
-will doch von hier aus ganz Petersburg in Erstaunen setzen! Ein wenig zu
-hitzig ist sie, das ist der Fehler!«
-
-»Ja, sie hat etwas von diesem Temperament ...« murmelte von Lembke nicht
-ganz ohne Genugtuung, während es ihn zu gleicher Zeit doch ärgerte, daß
-dieser Flegel es augenscheinlich wagte, sich so frei über Julija
-Michailowna zu äußern.
-
-Pjotr Stepanowitsch dagegen schien das noch zu wenig zu sein, um
-andererseits seinen »Lembka« mit genügenden Schmeicheleien überschütten,
-ihn ganz besiegen und endgültig einfangen zu können.
-
-»Das ist es: zuviel Temperament,« griff er das Wort auf. »Mag sie da
-meinetwegen, sagen wir, eine geniale Frau sein, eine literarische Frau,
-aber -- die Spatzen jagt sie uns auseinander! Sechs Stunden hält sie es
-nicht aus, von sechs Tagen schon ganz zu schweigen. Ach, Andrei
-Antonowitsch, laden Sie nicht eine Frist von sechs Tagen auf ein Weib!
-Sie müssen mir doch einige Erfahrung zugestehen, ich meine -- in diesen
-Dingen. Ich weiß da manches, und Sie wissen ja selbst, daß ich manches
-wissen kann. Nicht aus Dummheit bitte ich Sie um sechs Tage, sondern
-einzig um der Sache willen.«
-
-»Ich habe gehört ...« von Lembke konnte sich nicht recht entschließen,
-seinen Gedanken auszusprechen, »ich habe gehört, daß Sie nach Ihrer
-Rückkehr zuständigen Orts gewisse ... Erklärungen abgegeben hätten ...
-in etwa als ... Reuebekenntnis?«
-
-»Na ja, was hat man nicht alles!«
-
-»Gewiß, gewiß, und ich will auch weiter gar nichts Näheres ... Hm ...
-Aber es hat mir bloß immer geschienen, daß Sie hier gewöhnlich in einem
-ganz anderen Stile gesprochen haben, zum Beispiel über das Christentum,
-über die öffentlichen Einrichtungen und schließlich auch über die
-Regierung ...«
-
-»Na, als ob ich wenig gesprochen habe. Auch jetzt spreche ich noch so,
-nur muß man diese Gedanken nicht so durchführen, wie jene Dummköpfe es
-wollen. Das ist es. Aber sonst -- was ist denn dabei, daß er in die
-Schulter gebissen hat? Sie waren ja selbst in diesen Dingen mit mir
-einverstanden, nur sagten Sie, es sei noch zu früh.«
-
-»Ich war eigentlich nicht in dem Sinne mit Ihnen einverstanden, und auch
-mit dem >zu früh< meinte ich etwas anderes ...«
-
-»Dann ist also jedes Ihrer Worte mit einem Haken versehen, he--he! Sind
-wirklich ein vorsichtiger Mensch!« bemerkte Pjotr Stepanowitsch
-plötzlich sehr heiter. »Hören Sie, mein Teuerster, ich mußte Sie doch
-erst ein wenig kennen lernen, na, und da habe ich denn zu diesem Zweck
-eben in meinem Stile gesprochen. Das habe ich nicht nur mit Ihnen allein
-so gemacht, sondern mit vielen. Vielleicht wollte ich erst nur Ihren
-Charakter kennen lernen.«
-
-»Wozu denn meinen Charakter?«
-
-»Na, wie soll ich es denn wissen, wozu!« (er lachte wieder). »Sehen Sie
-mal, mein lieber und hochverehrter Andrei Antonowitsch, Sie sind schlau,
-aber dazu ist es noch nicht gekommen, wird es auch bestimmt nicht
-kommen, Sie verstehen doch? Vielleicht verstehen Sie mich wirklich? Wenn
-ich auch dort zuständigen Orts Erklärungen gegeben habe, als ich aus dem
-Auslande zurückkehrte, und ich weiß wirklich nicht, warum ein Mensch mit
-gewissen Überzeugungen nicht zum Vorteil dieser seiner aufrichtigen
-Überzeugungen handeln sollte ... so hat mir _dort_ doch niemand etwas
-über Ihren Charakter gesagt, und ich habe mir noch gar keine Pflichten
-von _dort_ aufladen lassen. Sie begreifen doch: ich hätte ebensogut
-nicht Ihnen als erstem zwei Namen zu nennen gebraucht, sondern einfach
-_dahin_, na, Sie verstehen schon, -- einen Wink geben können, ich meine,
-dahin, wo ich die ersten Erklärungen abgab. Na, und wenn ich mich etwa
-für Geld bemühte, oder für sonst irgendeinen Vorteil, so wäre das
-meinerseits keine Berechnung gewesen, denn dankbar wird man jetzt bloß
-Ihnen sein, nicht mir. Aber ich tue es, wie gesagt, nur wegen Schatoff,«
-sagte Pjotr Stepanowitsch mit viel Edelmut, »-- nur für Schatoff, aus
-alter Freundschaft ... Na, aber dann, meinetwegen, wenn Sie _dorthin_
-schreiben, na, dann könnten Sie mich vielleicht auch ein bißchen loben,
-wenn Sie wollen ... werde nicht widersprechen. He--he ... Aber jetzt
-adieu, hab schon verboten lange hier gesessen, und eigentlich sollte man
-überhaupt nicht so viel sprechen!« fügte er nicht unzufrieden hinzu und
-erhob sich vom Diwan.
-
-»Im Gegenteil, es freut mich sehr, daß diese Angelegenheit sozusagen
-bestimmtere Formen annimmt.« Von Lembke erhob sich gleichfalls und sehr
-liebenswürdig, -- augenscheinlich noch unter dem Eindruck der letzten
-Worte. »Mit Dank nehme ich Ihre Hilfe an, und seien Sie überzeugt, daß
-ich die Bemerkung über Ihren Eifer ...«
-
-»Sechs Tage, nur sechs Tage Frist, das ist die Hauptsache und alles, was
-ich brauche ... aber daß Sie sich in diesen sechs Tagen nicht rühren!«
-
-»Gut!«
-
-»Versteht sich, ich binde Ihnen ja nicht die Hände, wie sollte ich das
-auch! Sie können doch gar nicht etwa nicht beobachten lassen. Nur --
-schrecken Sie das Nest nicht vor der Zeit auf, -- das ist es, worin ich
-mich jetzt auf Ihre Klugheit und Ihre Erfahrung verlasse! Na, Sie haben
-wohl schon unzählige Jagdhunde bereit? He--he!« platzte lustig und
-leichtsinnig (eben wie ein junger Mensch) Pjotr Stepanowitsch heraus.
-
-»So schlimm ist es gerade nicht,« sagte von Lembke ausweichend, doch
-angenehm berührt. »Das ist ein Vorurteil der Jugend, die immer alles
-vorbereitet glaubt ... Aber erlauben Sie, noch ein Wort: wenn dieser
-Kirilloff Stawrogins Sekundant war, so muß doch auch Herr Stawrogin in
-diesem Falle ...«
-
-»Wieso Stawrogin?«
-
-»Ich meine, wenn sie solche Freunde sind?«
-
-»Oh, nein, nein, nein! Diesmal haben Sie fehlgeschossen, wenn Sie auch
-sonst schlau sind! Aber Sie setzen mich geradezu in Erstaunen! Denn ich
-glaubte doch, daß Sie in betreff dieser Dinge unterrichtet sind ... Hm
-... Stawrogin -- das ist das vollkommenste Gegenteil, das heißt, das
-vollkommenste! ... _Avis au lecteur._«{[125]}
-
-»In der Tat? Ist's möglich?« fragte von Lembke ungläubig. »Mir hat
-Julija Michailowna gesagt, daß Stawrogin, nach ihren Erkundigungen in
-Petersburg, ein Mensch mit einigen, sozusagen, Instruktionen ...«
-
-»Ich weiß nichts, nichts, nichts, keine Ahnung. Adieu. _Avis au
-lecteur!_« wich Pjotr Stepanowitsch plötzlich und nur zu offensichtlich
-allen weiteren Fragen aus und schwirrte schon zur Tür.
-
-»Erlauben Sie, Pjotr Stepanowitsch, erlauben Sie, noch einen
-Augenblick!« rief ihn von Lembke zurück. »Noch ein Wort, und dann halte
-ich Sie nicht mehr auf.« Er nahm aus einem Schubfach einen Brief heraus.
-
-»Sehen Sie, -- gleichfalls ein Exemplar, das in diese Kategorie gehört.
-Und hiermit beweise ich Ihnen, daß ich das größte Vertrauen zu Ihnen
-habe. Was sagen Sie zu diesem Brief?«
-
-Es war ein sonderbarer Brief: ohne Unterschrift, an Herrn von Lembke
-adressiert, und gestern erst hatte er ihn erhalten. Pjotr Stepanowitsch
-las zu seinem größten Ärger folgendes:
-
- »Eure Exzellenz!
-
- Sintemal Sie das nach Ihrem Range sind. Hiermit melde ich
- Mordanschläge auf alle hohen Würdenträger und das Vaterland;
- sintemal es gerade dazu führt. Habe selbst vieles ununterbrochen
- jahrelang verstreut. Auch Gottlosigkeit ist dabei. Ein Aufstand
- bereitet sich vor und Proklamationen gibt es Tausende, und nach
- jeder laufen dann hundert Mann mit herausgestreckter Zunge, wenn sie
- die Regierung nicht vorzeitig fortnimmt, sintemal man viel
- verspricht und das einfache Volk dumm ist, und hinzu kommt dann noch
- der Schnaps. Das Volk sucht den Schuldigen und wird diese wie jene
- verderben. Ich fürchte aber diese wie jene, und bereue, woran ich
- gar nicht teilgenommen, denn meine Verhältnisse sind einmal so. Wenn
- Sie wollen, daß ich Anzeige erstatte zur Rettung des Vaterlandes und
- ebenso der Kirchen und Heiligenbilder, so kann das nur ich allein.
- Aber mit der Bedingung, daß man mir Begnadigung aus der dritten
- Abteilung telegraphisch zusagt, sofort und mir allein von allen; die
- anderen können es dann ausbaden. Auf das Fenster beim Portier
- stellen Sie zum Zeichen jeden Tag abends um sieben Uhr ein Licht.
- Sehe ich dieses, so werde ich glauben und komme dann, um die
- barmherzige Hand aus Petersburg zu küssen, aber mit der Bedingung,
- daß ich eine Pension erhalte, sintemal wovon soll ich denn sonst
- leben? Sie werden es nicht zu bereuen brauchen, denn für Sie kommt
- dabei ein Orden heraus. Aber vorsichtig muß man sein, sonst drehen
- sie einem den Hals um!
-
- Euer Exzellenz verzweifelter Mensch
- fällt vor Euer Exzellenz auf die Knie
- als reuiger Freidenker
-
- _Inkognito_.«
-
-Von Lembke erklärte, daß man den Brief gestern beim Portier gefunden
-hatte.
-
-»Was halten Sie davon?« fragte Pjotr Stepanowitsch beinahe grob.
-
-»Ich würde annehmen, daß das ein Schmähbrief ist ... ein anonymer, zum
-Spott ...«
-
-»Höchstwahrscheinlich wird es auch so sein. Sie kann man wirklich nicht
-so leicht hinters Licht führen.«
-
-»Und vor allen Dingen deshalb, weil es so dumm ist.«
-
-»Haben Sie hier noch irgendwelche Schmähbriefe bekommen?«
-
-»Ja, zweimal, und beide anonym.«
-
-»Na, versteht sich doch von selbst, daß die sich nicht unterzeichnen
-werden! -- Derselbe Stil? Dieselbe Handschrift?«
-
-»Nein, verschiedener Stil und verschiedene Handschrift.«
-
-»Und ebenso närrisch wie dieser?«
-
-»Ja, auch närrisch, und wissen Sie ... sehr gemeine Briefe.«
-
-»Na, wenn Sie schon welche bekommen haben, so wird es jetzt wohl
-derselbe Absender sein.«
-
-»Und vor allen Dingen, weil die Briefe so dumm sind. Diese Leute sind
-doch gebildet und würden schon so dumm nicht schreiben.«
-
-»Natürlich, versteht sich.«
-
-»Aber wie, wenn nun wirklich jemand etwas anzeigen will?«
-
-»Das ist sehr unwahrscheinlich,« schnitt Pjotr Stepanowitsch trocken ab.
-»Was soll denn das Telegramm aus der dritten Abteilung bedeuten? und die
-Pension? Es ist ja sonnenklar, daß es eine Anulkung ist!«
-
-»Ja ... Natürlich,« von Lembke war ein wenig beschämt.
-
-»Wissen Sie was! Überlassen Sie mir den Brief. Ich werde Ihnen sofort
-den Verfasser herausfinden. Früher noch als die anderen.«
-
-»Nehmen Sie ihn,« sagte von Lembke, doch erst nach einigem Zögern.
-
-»Haben Sie ihn schon jemandem gezeigt?«
-
-»Nein, bewahre! Niemandem!«
-
-»Auch nicht Julija Michailowna?«
-
-»Da sei Gott vor! und ums Himmels willen, zeigen Sie ihn ihr auch
-nicht!« rief von Lembke erschrocken. »Er würde sie so aufregen ... und
-sie würde sich furchtbar über mich ärgern.«
-
-»Natürlich, verstehe schon! Sie würde sagen, daß Sie selbst daran schuld
-sind, wenn man Ihnen so was zu schreiben wagt! Man kennt doch
-Weiberlogik. Na, aber jetzt leben Sie wohl. Vielleicht kann ich Ihnen
-schon in drei Tagen den Verfasser nennen. Aber vergessen Sie nur unsere
-Abmachung nicht!«
-
-
- IV.
-
-Pjotr Stepanowitsch war gewiß kein dummer Mensch, doch Fedjka, der
-Zuchthäusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: »Der
-stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er
-dann mit ihm.«
-
-Pjotr Stepanowitsch verließ Herrn von Lembke in der festen Überzeugung,
-daß er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber
-brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil
-er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich für immer als
-vollkommen beschränkten Menschen vorgestellt hatte.
-
-Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mißtrauische Mensch, im ersten
-Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von größter und
-freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm
-nun zunächst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen
-neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch
-wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber
-die letzten Tage hatten ihn so müde gemacht, und er fühlte sich so
-gequält und so hilflos, daß seine Seele sich unwillkürlich nach Ruhe
-sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder über ihn. Das lange
-Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren
-hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der »neuen
-Generation« war ihm ziemlich bekannt -- war er doch ein wißbegieriger
-Mensch, der selbst Proklamationen sammelte --, nur hatte er noch nie
-auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber
-stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, daß in
-Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmögliches enthalten war,
-irgend etwas außerhalb aller Formen und Vereinbarungen -- »wenn auch
-übrigens der Teufel wissen mag, was da in dieser >neuen Generation<
-alles möglich ist und überhaupt ... wie sie das da alles machen!« dachte
-er bei sich und verlor sich in Erwägungen.
-
-Da steckte zum Unglück wieder Blümer seinen Kopf durch die Tür. Die
-ganze Zeit während der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der
-Nähe gewartet. Dieser Blümer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt,
-wenn auch allerdings nur weitläufig, doch diese Verwandtschaft wurde
-sorgfältig und ängstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um
-Entschuldigung, daß ich hier über diesen unbedeutenden Menschen ein paar
-Bemerkungen einfüge. Blümer gehörte als Mensch zu der sonderbaren Abart
-der »unglücklichen« Deutschen -- jedoch nicht infolge seiner tatsächlich
-großen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott weiß weshalb. Diese
-»unglücklichen« Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich
-vorhanden, sogar in Rußland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von
-Lembke hatte für diesen Blümer von jeher ein geradezu rührendes
-Mitgefühl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natürlich im
-Verhältnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in
-seinem Ressort; doch Blümer hatte nirgends Glück. Bald wurde der Posten
-aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal hätte man
-ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war
-gewissenhaft, doch leider irgendwie so, daß es schon zuviel war --
-zwecklos gewissenhaft, und außerdem ewig mürrisch, was ihm überall
-schadete, -- dabei rothaarig, groß, ein wenig krumm, wehmütig, sogar
-gefühlvoll, und bei all seiner Unterwürfigkeit doch eigensinnig und
-halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur
-unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen
-Kindern mit einer langjährigen und ehrfürchtigen, treuen und ergebenen
-Anhänglichkeit. Außer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur
-gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller
-Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil
-der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja,
-dieser Blümer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen,
-und zwar gleich in den ersten süßen Tagen nach der Hochzeit, als sie
-plötzlich das kränkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren
-hatte. Es half auch nichts, daß ihr Gatte flehend, mit gefalteten
-Händen, auf sie einredete und ihr gefühlvoll Blümers ganze
-Lebensgeschichte erzählte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von
-Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich für unwiderruflich blamiert
-und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfällen ihren Willen durchzusetzen.
-Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt
-und erklärte nur, daß er seinen Blümer um keinen Preis von sich
-entfernen werde, so daß sie sich schließlich ehrlich über ihn wunderte
-und gezwungen war, ihm diesen Blümer zu »gestatten«. Es wurde nur
-beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfältiger als bisher
-geheimzuhalten, wenn das überhaupt möglich war, und sogar seinen Ruf-
-und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blümer hieß
-sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns
-verkehrte Blümer mit keinem Menschen, außer mit einem deutschen
-Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner
-Gewohnheit getreu, zurückgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die
-literarischen Sünden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den
-Zuhörer abgeben mußte, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was
-er natürlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Türen tat:
-dann saß Blümer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und
-strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu
-bleiben und zu lächeln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen
-mit seiner hageren, großfüßigen Frau über die unselige Vorliebe ihres
-Wohltäters für die russische Literatur.
-
-Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blümer
-erblickte.
-
-»Ich bitte dich, Blümer, mich jetzt in Ruh zu lassen,« begann er erregt
-und schnell, sichtlich bemüht, eine Fortsetzung des Gespräches, das
-Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden.
-
-»Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die
-Vollmacht,« bestand Blümer ehrerbietig aber hartnäckig auf dem Seinen,
-und näherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rücken immer mehr dem
-Schreibtisch.
-
-»Blümer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt
-diensteifrig, daß mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich
-nur erblicke!«
-
-»Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich
-von dem Vergnügen an dem Gesagten ruhig einschläfern. Damit schaden Sie
-sich selbst.«
-
-»Blümer, ich habe mich soeben überzeugt, daß etwas ganz anderes
-dahintersteckt, etwas ganz anderes!«
-
-»Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den
-Sie selbst verdächtigen? Hat er Sie glücklich mit falschem Lob Ihres
-literarischen Talentes so weit geblendet?«
-
-»Blümer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurdität, sage ich
-dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unnützes Geschrei
-erheben und dann Gelächter und dann Julija Michailowna ...«
-
-»Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen,« Blümer schritt fest
-auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepreßt. »Wir können die
-Durchsuchung seiner Wohnung ganz früh am Morgen vornehmen, und ganz
-plötzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person,
-und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute,
-Lämschin und Telätnikoff, versichern felsenfest, daß wir bei ihm alles
-Gewünschte finden werden. Sie haben ihn früher oft besucht. Für Herrn
-Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin
-hat ihm formell ihre Wohltaten für weiterhin gekündigt, und jeder
-ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt überhaupt
-gibt, ist überzeugt, daß dort immer die Quelle des Unglaubens und der
-sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bücher,
-sämtliche Werke Herzens, Rylejeffs >Dumy<[44] ... Ich habe mir schon auf
-alle Fälle ein Verzeichnis seiner Bücher ...«
-
-»Gott, diese Bücher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist,
-mein armer Blümer!«
-
-»Und eine Menge Proklamationen,« fuhr Blümer fort und tat, als habe er
-die Bemerkung nicht gehört. »Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die
-Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt
-mir ungemein, ungemein verdächtig vor.«
-
-»Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich
-durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert.«
-
-»Das ist doch nur Verstellung, Maske!«
-
-»Blümer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu quälen! Denk doch ein
-bißchen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete
-Persönlichkeit. Er war Professor, er ist überall bekannt, und wenn er zu
-schreien anfängt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das
-Witzeln über uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch
-nur, was wird Julija Michailowna sagen ...«
-
-Blümer kam immer näher und hörte auf keinen Einwand.
-
-»Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach
-nur Kollegienassessor außer Dienst.« Blümer preßte heftig seine rechte
-Hand auf die Brust. »Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst
-ist er überhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die
-Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und
-steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der
-beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich
-Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Möglichkeit, sich auszuzeichnen,
-wieder vorübergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger!
-...«
-
-»Julija Michailowna! Sch--scher dich zum ...« rief plötzlich von Lembke,
-der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehört hatte.
-
-Blümer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht.
-
-»So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch,« er trat immer näher und
-preßte jetzt schon beide Hände an die Brust.
-
-»Sch--scher dich, pack dich!« knirschte Andrei Antonowitsch. »Mach, was
-du willst ... später ... O Gott!«
-
-Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna
-erschien. Als sie Blümer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn
-hochmütig und beleidigend vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre schon
-seine bloße Anwesenheit kränkend für sie. Blümer machte stumm eine
-tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor
-Ehrerbietung, auf den Fußspitzen zur Tür.
-
-War es nun, daß er die letzten Worte von Lembkes für die Erlaubnis nahm,
-so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise,
-jedoch in der festen Überzeugung tat, seinem Wohltäter zu einem Orden zu
-verhelfen, -- das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir
-weiterhin sehen werden, aus diesem Gespräch des Vorgesetzten mit seinem
-Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte,
-als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von
-Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die
-bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt.
-
-
- V.
-
-Für Pjotr Stepanowitsch war es ein geschäftiger Tag. Nachdem er von
-Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstraße,
-doch als er unterwegs in der Bykoffstraße an dem Hause vorüberkam, in
-dem Karmasinoff wohnte, blieb er plötzlich stehen, lächelte und trat ins
-Haus. Man öffnete ihm mit einem: »Der Herr erwarten bereits --,« was
-Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus
-nicht gesagt, daß er kommen werde.
-
-Der »große Schriftsteller« erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit
-drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines »Merci«
-(seinen Abschiedsgruß ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee
-zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski
-eingehändigt. Er hatte es aus Liebenswürdigkeit getan, in der
-Überzeugung, dem jungen Manne außerordentlich zu schmeicheln, wenn er
-ihm das große Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon
-längst begriffen, daß dieser ruhmsüchtige, eitle und für Nichterwählte
-so beleidigend unnahbare Herr, dieser »erhabene Verstand«, sich einfach
-an ihn herandrängen wollte. Er erriet, daß Karmasinoff ihn, wenn auch
-vielleicht nicht für den erklärten Führer alles dessen hielt, was in
-ganz Rußland heimlich revolutionär war, so doch wenigstens für einen,
-der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und
-zweifellos großen Einfluß auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses
-»klügsten Menschen in ganz Rußland« interessierten Pjotr Stepanowitsch,
-doch bisher hatte er aus gewissen Gründen eine Aussprache vermieden.
-
-Der »große Schriftsteller« wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau
-eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den »berühmten
-Verwandten« geradezu vergötterte. Augenblicklich mußten sie leider
-beide, zu ihrem größten Schmerz, in Moskau leben, so daß denn eine alte
-Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die
-Wirtschaft führte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und
-aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fußspitzen,
-und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast
-täglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen
-hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Löffel
-voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen müssen, schickte sie sogar
-ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er könne vielleicht krank werden.
-Karmasinoff selbst sprach, wenn auch höflich, so doch nur ganz trocken
-mit ihr, und nur wenn es unbedingt nötig war. Als Pjotr Stepanowitsch
-bei ihm eintrat, aß er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas
-Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch früher schon bei ihm gewesen, und
-jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrühstück angetroffen, das er
-dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal
-etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Täßchen Kaffee.
-Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhörbaren Stiefeln und weißen
-Handschuhen.
-
-»A--ah!« rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, während er sich
-den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr
-Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu küssen -- die
-charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu
-berühmt sind.
-
-Pjotr Stepanowitsch wußte aber schon von früher, daß Karmasinoff bei
-diesem bei ihm üblichen Kuß nur die Wange hinzuhalten pflegte -- da
-machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach
-aneinander. Karmasinoff tat, als hätte er nichts bemerkt, setzte sich
-wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenüber auf einem
-Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen
-Nonchalance tat.
-
-»Sie wollen doch nicht ... Wollen Sie nicht frühstücken?« fragte
-Karmasinoff ganz gegen seine Gewohnheit, doch selbstverständlich in der
-Annahme, eine höflich ablehnende Antwort zu erhalten.
-
-Aber ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb wünschte Pjotr
-Stepanowitsch sofort zu frühstücken. Ein Schatten beleidigten Erstaunens
-glitt über das Gesicht des Hausherrn, doch nur auf einen Augenblick:
-nervös klingelte er darauf nach dem Diener und erhob, trotz seiner guten
-Erziehung, launisch die Stimme, als er ein zweites Frühstück bestellte.
-
-»Wollen Sie denn ein Kotelett oder Kaffee?« erkundigte er sich bei
-seinem Gast.
-
-»Beides, und bestellen Sie noch Portwein dazu, ich bin hungrig,« sagte
-Pjotr Stepanowitsch seelenruhig und betrachtete Karmasinoffs Kostüm. Es
-bestand aus einer Art von Hausjackett, oder Jäckchen, jedenfalls war es
-wattiert, mit Perlmutterknöpfen versehen und sehr kurz, was sich zu
-seinem runden Bäuchlein und dem runden, festen Körperteil der Rückseite
-wenig gut ausnahm. Über seine Knie hatte er ein kariertes wollenes Plaid
-gebreitet, obgleich es im Zimmer warm war.
-
-»Krank etwa?« fragte Pjotr Stepanowitsch.
-
-»Nein, nicht krank, aber ich fürchte, krank zu werden -- in diesem
-schrecklichen Klima,« antwortete Karmasinoff mit seinem kreischenden
-Stimmchen, wenn auch freundlich. »Ich erwartete Sie schon gestern.«
-
-»Warum das? Ich hatte Ihnen doch nicht versprochen, zu Ihnen zu kommen.«
-
-»Ja, aber Sie haben doch mein Manuskript! Sie ... haben Sie es gelesen?«
-
-»Manuskript? Was für eines?«
-
-Karmasinoff wunderte sich maßlos.
-
-»Aber Sie haben es doch wenigstens mitgebracht?« rief er plötzlich so
-aufgeregt, daß er sogar im Essen innehielt und mit aufgerissenen Augen
-sein Gegenüber anstarrte.
-
-»Ach so, Sie sprechen von Ihrem >_Bonjour_<, oder wie es da hieß ...«
-
-»>_Merci_<.«
-
-»Na, bleibt sich gleich. Habe es ganz vergessen und noch kein Wort
-gelesen. Keine Zeit. Wirklich, ich weiß nicht, in den Taschen ist das
-Ding nicht mehr. Na, wird sich schon finden ...«
-
-»Nein, verzeihen Sie, ich sende lieber sofort zu Ihnen! Es könnte
-verloren gehen, man könnte es stehlen!«
-
-»Ach wo! wer braucht denn so was! Warum regen Sie sich denn überhaupt so
-auf? Sie haben doch, wie mir Julija Michailowna sagte, immer mehrere
-Abschriften, eine im Auslande beim Notar, eine in Petersburg, eine in
-Moskau ... und eine schicken Sie dann womöglich noch in die Bank --?«
-
-»Aber Moskau kann doch abbrennen, mitsamt meinem Manuskript! Nein, ich
-sende doch lieber sofort zu Ihnen ...«
-
-»Warten Sie, hier ist es ja!« Pjotr Stepanowitsch zog aus der hinteren
-Rocktasche das Manuskript hervor. »Ein wenig verknittert. Denken Sie
-sich nur, so wie ich es damals nahm, so hat es ruhig mit meinem
-Schnupftuch in der Tasche gelegen. Hatte es völlig vergessen.«
-
-Karmasinoff warf sich gierig auf sein Manuskript, besah es von allen
-Seiten, zählte die Blätter nach und legte es dann fast andächtig neben
-sich auf ein kleines Tischchen, doch so, daß er es jeden Augenblick
-wieder ergreifen konnte.
-
-»Sie lesen wohl nicht viel?« konnte er sich schließlich nicht enthalten
-zu fragen.
-
-»Nein, nicht sehr viel.«
-
-»Und von russischer Belletristik -- wohl überhaupt nichts?«
-
-»Von russischer Belletristik? Warten Sie mal, ich glaube, ich habe
-einmal so etwas gelesen ... >Unterwegs< ... oder >Auf dem Weg< ... oder
->Am Kreuzweg<, oder wie es da hieß, hab's vergessen. Es ist lange her.
-Las es vor etwa fünf Jahren. Hab keine Zeit.«
-
-Ein kurzes Schweigen trat ein.
-
-»Als ich herkam, versicherte ich allen, daß Sie ein ungewöhnlich kluger
-Mensch sind -- und jetzt scheinen ja auch alle von Ihnen entzückt zu
-sein.«
-
-»Danke,« sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig.
-
-Der Diener brachte das Frühstück, und Pjotr Stepanowitsch machte sich
-mit gutem Appetit an das Kotelett, aß es im Nu auf, stürzte den Wein
-hinunter und trank den Kaffee.
-
-»Dieser Grobian,« dachte Karmasinoff, indem er noch das letzte kleine
-Stückchen von seinem eigenen Teller aß und das letzte Schlückchen trank,
-»dieser Grobian hat gewiß sofort die Stichelei in meinen Worten
-begriffen ... und das Manuskript wird er bestimmt mit Spannung gelesen
-haben, also lügt er jetzt, um sich den Anschein zu geben, als ob ...
-Oder sollte er doch nicht lügen, sondern einfach aufrichtig dumm sein?
-Einen genialen Menschen liebe ich eigentlich so, wenn er ein wenig dumm
-ist. Ist er nicht gar für die da wirklich so was wie ein Genie? Doch
-übrigens hol' ihn der Teufel.«
-
-Er erhob sich vom Sofa und begann, aus einer Ecke des Zimmers in die
-andere zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er nach dem Frühstück
-stets zu tun pflegte.
-
-»Reisen Sie bald zurück?« fragte Pjotr Stepanowitsch aus dem Lehnstuhl
-und rauchte eine Zigarette an.
-
-»Ich bin eigentlich hergekommen, um mein Gut zu verkaufen, und hänge nun
-von meinem Verwalter ab.«
-
-»Na, aber eigentlich sind Sie doch hierher gekommen, weil Sie dort
-Epidemien nach dem Kriege erwarteten?«
-
-»N--nein, nicht eigentlich deshalb,« sagte Karmasinoff, großmütig die
-Worte skandierend, und fuhr fort, durch das Zimmer zu spazieren, wobei
-er bei jedem Kehrt in der Ecke munter mit dem rechten Beinchen
-ausschritt. »Ich beabsichtige in der Tat, so lange wie nur möglich zu
-leben,« lächelte er nicht ganz ohne Ironie. »Im russischen Herrenstand
-ist etwas, das den Menschen schnell verbraucht, in jeder Beziehung. Ich
-aber möchte mich so spät wie möglich verbrauchen und werde deshalb auch
-in Bälde endgültig ins Ausland übersiedeln. Dort ist auch das Klima
-besser, und das ganze Gebäude ist aus Stein, und alles steht fester. Für
-meine Lebenszeit wird Europa noch vorhalten, denke ich. Was meinen Sie?«
-
-»Wie soll ich's wissen!«
-
-»Hm ... Wenn dort wirklich einmal Babylon kracht, und sein Fall wird
-groß sein -- darin stimme ich vollkommen mit Ihnen überein, obgleich ich
-denke, daß es für meine Lebenszeit noch vorhalten wird -- so ist doch
-bei uns in Rußland überhaupt nichts vorhanden, das da zusammenstürzen
-könnte ... im Verhältnis betrachtet. Bei uns werden keine Steine fallen,
-sondern alles wird sich in Schmutz auflösen. Das heilige Rußland kann am
-wenigsten von allem in der Welt irgendeinen Widerstand leisten. Das
-einfache Volk hält sich noch irgendwie mit dem russischen Gott; aber
-selbst der russische Gott hat sich ja nach den letzten Erfahrungen als
-äußerst unzuverlässig erwiesen. Sogar gegen die Bauernreform hat er kaum
-standzuhalten vermocht -- jedenfalls hat er arg gewankt. Und dazu kommen
-jetzt noch die Eisenbahnen, und dann ... Nein, an den russischen Gott
-glaube ich schon gar nicht.«
-
-»Aber an den europäischen?«
-
-»Ich glaube an keinen einzigen. Man hat mich bei der russischen Jugend
-verleumdet. Ich habe stets jede ihrer Handlungen nachfühlen können. Man
-hat mir hier auch diese Proklamationen gezeigt. Man steht diesen
-Flugblättern allgemein verständnislos gegenüber, denn die Form schreckt
-ab; doch von ihrer Macht sind alle überzeugt, wenn sie sich auch selbst
-noch nicht dessen bewußt sind. Alles fällt hier schon längst, und alle
-wissen auch schon längst, daß nichts da ist, wonach man greifen oder
-woran man sich festhalten könnte. Ich bin schon deswegen von dem Erfolg
-dieser geheimnisvollen Propaganda überzeugt, weil Rußland jetzt auf der
-ganzen Welt im wahrsten Sinne des Wortes derjenige Ort ist, wo alles
-geschehen kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe
-nur zu gut, warum alle wohlhabenden Russen jetzt ins Ausland strömen und
-von Jahr zu Jahr immer mehr Leute auswandern. Hier ist es einfach ein
-Instinkt. Wenn das Schiff untergeht, wandern die Ratten aus. Das heilige
-Rußland ist ein hölzernes Land, ein bettelarmes und ... gefährliches
-Land, ein Land eitler Bettler in seinen höheren Schichten, während die
-riesige Mehrzahl in Hütten auf Hühnerbeinen hockt. Es wird über jeden
-Ausweg froh sein, wenn man ihm einen solchen zeigt und erklärt. Nur die
-Regierung will sich noch wehren, doch fuchtelt sie mit ihrem Knüttel im
-Dunkeln umher und trifft womöglich die eigenen Leute. Hier ist schon
-alles vorausbestimmt und verurteilt. Rußland hat, so, wie es jetzt ist,
-keine Zukunft. Ich bin Deutscher geworden und rechne mir das als Ehre
-an.«
-
-»Sie begannen da, sich über die Proklamationen zu äußern: sagen Sie, was
-halten Sie von denen?«
-
-»Alle fürchten die Proklamationen, folglich sind sie mächtig. Sie decken
-öffentlich den Betrug auf und beweisen, daß hier nichts mehr ist, an dem
-man sich festhalten, auf das man sich stützen könnte. Sie sprechen laut,
-während alle schweigen. Und womit sie am meisten besiegen, das ist --
-abgesehen von der Form -- dieser bis jetzt unerhörte Mut, der Wahrheit
-offen ins Angesicht zu schauen. Diese Fähigkeit, der Wahrheit gerade ins
-Angesicht schauen zu können, hat einzig und allein die russische
-Generation. Nein, in Europa ist man noch nicht so mutig: dort ist's eine
-steinerne Herrschaft, -- dort gibt es noch etwas, auf das man sich
-tatsächlich stützen kann. So viel ich sehe und so viel ich zu beurteilen
-vermag, ist der Kern der russischen revolutionären Idee die Verneinung
-der Ehre. Es gefällt mir, daß das so mutig und furchtlos ausgedrückt
-wird. Nein, in Europa begreift man das noch nicht, bei uns aber wird man
-sich gerade darauf stürzen. Dem russischen Menschen ist die Ehre nur
-eine überflüssige Last. Ja, und sie ist ihm immer eine Last gewesen, in
-seiner ganzen Geschichte. Mit dem öffentlichen >Recht auf Unehre< kann
-man ihn am ehesten verlocken. Ich gehöre ja noch zur alten Generation
-und, ich muß gestehen, bin noch für die Ehre, aber doch nur aus
-Gewohnheit. Mir gefallen bloß die alten Formen, wenn auch vielleicht aus
-Kleinmut -- aber man muß doch irgendwie sein Jahrhundert zu Ende leben.«
-
-Er brach plötzlich ab.
-
-»Da rede ich und rede,« dachte er bei sich, »er aber schweigt und
-beobachtet mich. Er ist ja nur gekommen, damit ich ganz offen die Frage
-an ihn stelle. Gut, kann er haben.«
-
-»Julija Michailowna hat mich gebeten, einmal irgendwie auf schlaue Weise
-von Ihnen herauszubekommen, was das für eine Überraschung ist, die Sie
-zu übermorgen, zum Ball, vorbereiten?« fragte plötzlich Pjotr
-Stepanowitsch.
-
-»Ja, das wird wirklich eine Überraschung sein; ich werde in der Tat in
-Erstaunen setzen,« sagte Karmasinoff wichtig, »aber ich verrate Ihnen
-das Geheimnis nicht.«
-
-Pjotr Stepanowitsch bestand weiter nicht darauf.
-
-»Hier soll ein gewisser Schatoff leben,« erkundigte sich plötzlich der
-»große Schriftsteller«, »und denken Sie nur, ich habe ihn noch nie
-gesehen.«
-
-»Ein sehr guter Mensch. Warum fragen Sie?«
-
-»Nur so, er soll über gewisse Dinge besonderer Ansicht sein. Das ist
-doch derselbe, der Stawrogin ins Gesicht geschlagen hat?«
-
-»Ja.«
-
-»Und Stawrogin -- wie denken Sie über den?«
-
-»Ich weiß nicht; irgendein Wüstling.«
-
-Karmasinoff haßte Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn
-überhaupt nicht zu beachten.
-
-»Diesen Wüstling wird man wohl -- wenn sich jemals das verwirklicht, was
-die Proklamationen da verkünden, -- wahrscheinlich als ersten an einen
-Ast knüpfen,« meinte Karmasinoff kichernd.
-
-»Vielleicht auch schon früher,« bemerkte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
-
-»So wär's auch recht,« stimmte Karmasinoff bei.
-
-»Das haben Sie schon einmal gesagt, und wissen Sie, ich habe es ihm
-wiedererzählt.«
-
-»Wie, haben Sie das wirklich?« lachte Karmasinoff wieder auf.
-
-»Ja. Er sagte darauf, daß, wenn man _ihn_ an einen Ast knüpfen solle, es
-für _Sie_ genügen würde, wenn man Ihnen einmal ordentlich Ruten gäbe,
-aber nicht etwa um der Ehre willen, sondern schmerzhaft, wie man so
-einem Burschen Ruten zu geben pflegt.«
-
-Pjotr Stepanowitsch nahm seinen Hut und erhob sich. Karmasinoff streckte
-ihm zum Abschied beide Hände entgegen.
-
-»Aber wie,« fragte er plötzlich mit kreischendem, doch honigsüßem
-Stimmchen in einem ganz besonderen Tonfall, während er ihn immer noch an
-beiden Händen hielt, »-- wie, wenn es nun einmal alledem bestimmt ist,
-sich zu verwirklichen ... alledem, was man da beabsichtigt, so ... wann
-könnte denn das wohl geschehen?«
-
-»Wie soll ich denn das wissen?« fragte Pjotr Stepanowitsch grob.
-
-Sie sahen sich beide aufmerksam in die Augen.
-
-»Nun, zum Beispiel? Ungefähr?« flötete Karmasinoff noch süßer.
-
-»Ihr Gut zu verkaufen werden Sie noch Zeit haben, und sich selbst zu
-retten werden Sie auch noch Zeit haben,« murmelte Pjotr Stepanowitsch
-mit noch größerer Grobheit.
-
-Sie sahen sich unverwandt, sahen sich noch aufmerksamer an.
-
-Eine Minute lang herrschte Schweigen.
-
-Plötzlich sagte Pjotr Stepanowitsch:
-
-»Im nächsten Mai wird es beginnen, und zum Oktober wird es beendet
-sein.«
-
-»Ich danke Ihnen aufrichtig!« sagte mit von Dank durchdrungener Stimme
-Karmasinoff und drückte ihm beide Hände.
-
-»Wirst noch Zeit haben, Ratte, vom Schiff auszuwandern!« dachte Pjotr
-Stepanowitsch, als er auf die Straße trat. »Aber wenn sogar dieser
->geradezu staatsmännische Kopf< sich so überzeugt schon nach Tag und
-Stunde erkundigt und so ehrerbietig für die erhaltene Mitteilung dankt,
-dann dürfen wir doch wahrlich nicht mehr an uns zweifeln.« (Er lächelte
-seltsam). »Hm ... Aber er ist doch unter ihnen wirklich nicht dumm und
-... aber alles in allem doch nur eine auswandernde Ratte; eine solche
-zeigt nicht an.«
-
-Er eilte in die Bogojawlenskstraße zum Filippoffschen Hause.
-
-
- VI.
-
-Pjotr Stepanowitsch ging zuerst zu Kirilloff. Der war wie gewöhnlich
-allein zu Hause und turnte gerade, d. h. er drehte, breitbeinig mitten
-im Zimmer stehend, die Arme nach einer besonderen Methode durch die
-Luft. Auf dem Fußboden lag ein großer Ball; vom Tisch war der Morgentee
-noch nicht weggeräumt. Pjotr Stepanowitsch blieb eine ganze Weile auf
-der Türschwelle stehen.
-
-»Sie sorgen aber einstweilen nicht wenig für Ihre Gesundheit,« sagte er
-dann laut und trat lustig ins Zimmer. »Was für ein famoser Ball! Ei der
-Teufel, wie der springt! Auch zur Gymnastik?«
-
-Kirilloff, der in Hemdsärmeln war, zog sich den Rock an.
-
-»Ja, auch zur Gesundheit,« sagte er trocken. »Setzen Sie sich.«
-
-»Ich bin nur auf einen Augenblick gekommen. Aber, na, setzen kann ich
-mich schon. Doch Gesundheit hin, Gesundheit her, -- ich wollte nur an
-die Abmachung erinnern. Unsere Frist nähert sich >in gewissem Sinne<
-ihrem Ende,« schloß er mit einer ungeschickten Ausrede.
-
-»Was für eine Abmachung?«
-
-»Wieso, was für eine Abmachung?« rief Pjotr Stepanowitsch aufhorchend,
-fast erschrocken.
-
-»Das ist keine Abmachung und keine Pflicht, ich habe mich mit nichts
-gebunden, Sie irren sich.«
-
-»Hören Sie, aber das geht doch nicht so!« Pjotr Stepanowitsch sprang
-sogar vom Stuhl auf.
-
-»Mein eigener Wille.«
-
-»Wie, was?«
-
-»Derselbe Wille.«
-
-»Das heißt, wie ist denn das zu verstehen?! Bedeutet das, daß Sie noch
-denselben Willen haben?«
-
-»Ja, das bedeutet das. Nur eine Abmachung war nicht dabei und ist nie
-gewesen, und ich habe mich mit nichts gebunden. Es war nur mein Wille
-und ist auch jetzt nur mein Wille.«
-
-Kirilloff sprach schroff und widerwillig.
-
-»Na, schön, dann meinetwegen bloß Ihr Wille, wenn dieser Wille sich nur
-nicht verändert!« Pjotr Stepanowitsch setzte sich wieder,
-augenscheinlich befriedigt. »Sie ärgern sich über Worte. In der letzten
-Zeit sind Sie ganz besonders reizbar geworden. Darum habe ich es auch
-vermieden, Sie zu besuchen. War übrigens immer überzeugt, daß Sie nicht
-treulos sein würden.«
-
-»Ich mag Sie gar nicht, aber Sie können ganz überzeugt sein! Wenn ich
-auch Treue oder Untreue nicht anerkenne.«
-
-»Aber, wissen Sie, einstweilen ...« Pjotr Stepanowitsch regte sich doch
-wieder auf, »man muß doch vernünftig darüber reden, damit keine
-Mißverständnisse entstehen. Die ganze Sache verlangt eben Bestimmtheit.
-Sie aber haben mich wirklich stutzig gemacht. Darf ich sprechen?«
-
-»Sprechen Sie,« sagte Kirilloff, blickte ihn aber nicht an, sondern sah
-in die Ecke.
-
-»Sie hatten schon längst beschlossen, sich das Leben zu nehmen ... das
-heißt, Sie hatten solch eine Idee. Habe ich mich so richtig ausgedrückt?
-Habe ich keinen Fehler gemacht?«
-
-»Ich habe auch jetzt dieselbe Idee.«
-
-»Vorzüglich. Vergessen Sie aber nicht, daß niemand Sie dazu gezwungen
-hat.«
-
-»Das fehlte noch! Wie dumm Sie sprechen!«
-
-»Gut, gut. Ich gebe zu, daß ich mich vielleicht sehr töricht ausgedrückt
-habe. Es wäre ja auch zweifellos sehr dumm gewesen, einen Menschen dazu
-zwingen zu wollen. Ich fahre also fort: Sie waren ein Glied des
-Verbandes -- noch zur Zeit der alten Organisation -- und vertrauten sich
-damals einem anderen Gliede dieser Gesellschaft an.«
-
-»Ich habe mich gar nicht anvertraut, ich habe einfach gesagt.«
-
-»Gut. Schön. Wäre ja auch lächerlich, sich >anzuvertrauen<, als ob es
-eine Beichte wäre! Sie haben also einfach gesagt ... na, wunderschön.«
-
-»Nein, gar nicht wunderschön, Sie verstehen nicht zu sprechen. Ich bin
-Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig, ja, und meine Gedanken können Sie
-gar nicht verstehen. Ich will mir das Leben nehmen, darum, weil ich
-solch einen Gedanken habe, weil ich nicht haben will, daß es Angst vor
-dem Tode gibt, weil ... weil Sie davon gar nichts zu wissen brauchen ...
-Was wollen Sie? Tee trinken? Er ist kalt. Warten Sie, ich werde Ihnen
-ein anderes Glas geben.«
-
-Pjotr Stepanowitsch hatte nach der Teekanne gegriffen und suchte ein
-leeres Gefäß. Kirilloff stand auf, ging zum Schrank und brachte ihm ein
-reines Glas.
-
-»Ich habe soeben bei Karmasinoff gefrühstückt,« bemerkte der Gast,
-»darauf hörte ich zu, wie er redete und da wurde mir heiß ... lief
-hierher -- habe jetzt schrecklichen Durst.«
-
-»Trinken Sie. Kalter Tee ist gut.«
-
-Kirilloff setzte sich wieder auf seinen Stuhl und blickte von neuem in
-die Ecke.
-
-»In der Gesellschaft entstand der Gedanke,« fuhr er mit derselben Stimme
-fort, »daß ich damit nützlich sein kann, wenn ich mich töte und daß,
-wenn Sie hier vieles gemacht haben und man die Schuldigen sucht, so
-erschieße ich mich plötzlich und hinterlasse einen Brief, daß ich alles
-getan habe, so daß man Sie ein Jahr lang nicht verdächtigen wird.«
-
-»Wenn auch nur ein paar Tage lang nicht. Auch ein Tag ist schon
-kostbar!«
-
-»Gut. So sagte man mir, daß ich, wenn ich will, warten soll. Ich sagte,
-ich werde warten, bis man mir die Frist von der Gesellschaft aus sagt,
-weil mir doch alles einerlei ist.«
-
-»Ja, aber vergessen Sie nicht, Sie verpflichteten sich noch, diesen
-letzten Brief vor dem Tode nicht anders als mit mir zusammen zu
-schreiben -- und, daß Sie, wenn Sie in Rußland angekommen sein würden,
-in meiner, ... na, mit einem Worte, zu meiner Verfügung stehen, das
-heißt, versteht sich, nur in dieser einen Beziehung ... In allen anderen
-sind Sie natürlich vollkommen frei,« fügte Pjotr Stepanowitsch fast
-liebenswürdig hinzu.
-
-»Ich habe mich nicht verpflichtet, war nur einverstanden, weil es mir
-einerlei ist.«
-
-»Vorzüglich, vorzüglich, ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre
-Eigenliebe zu verletzen, aber ...«
-
-»Hier ist gar keine Eigenliebe.«
-
-»Aber vergessen Sie nicht, daß man Ihnen hundertundzwanzig Taler zur
-Reise gegeben hat, also haben Sie Geld genommen.«
-
-»Gar nicht,« fuhr Kirilloff auf, »das Geld war gar nicht dafür! Das tut
-man nicht für Geld.«
-
-»Zuweilen tut man es doch.«
-
-»Sie lügen! Ich habe brieflich aus Petersburg alles erklärt, und in
-Petersburg habe ich Ihnen hundertundzwanzig Taler zurückgezahlt, Ihnen
-in die Hand ... und die sind dorthin zurückgeschickt, wenn Sie sie nicht
-bei sich behalten haben.«
-
-»Gut, gut, ich will nicht widersprechen, sie sind zurückgeschickt. Die
-Hauptsache ist ja nur, daß Sie noch dieselben Gedanken haben, wie
-früher.«
-
-»Dieselben. Wenn Sie kommen und sagen: >jetzt<, dann werde ich alles
-erfüllen. Wie -- wird es sehr bald sein?«
-
-»Nicht mehr viele Tage ... Aber vergessen Sie nicht: den Brief schreiben
-wir zusammen, in derselben Nacht.«
-
-»Meinetwegen auch am Tage. Sie sagten, ich muß die Proklamationen auf
-mich nehmen?«
-
-»Und noch einiges.«
-
-»Ich nehme nicht alles auf mich.«
-
-»Was werden Sie denn nicht auf sich nehmen?« Pjotr Stepanowitsch
-erschrak wieder.
-
-»Das, was ich nicht will. Genug jetzt. Ich mag nicht mehr davon
-sprechen.«
-
-Pjotr Stepanowitsch bezwang sich und änderte das Gespräch.
-
-»Ich rede jetzt von etwas anderem,« schickte er voraus, »werden Sie
-heute Abend zu den Unsrigen kommen? Wirginski feiert seinen Namenstag,
-und unter diesem Vorwande versammelt man sich.«
-
-»Nein, ich will nicht.«
-
-»Nun, seien Sie schon so liebenswürdig und kommen Sie. Es ist unbedingt
-nötig. Man muß Eindruck machen mit der Zahl wie mit dem Gesicht ... Sie
-aber haben so ein Gesicht ... nun, mit einem Wort, Sie haben ein fatales
-Gesicht.«
-
-»Sie finden?« Kirilloff lachte. »Gut, ich komme; aber nicht wegen des
-Gesichtes. Wann?«
-
-»O, vielleicht schon etwas früher, um halb sieben. Und wissen Sie, Sie
-können hereinkommen, sich setzen und mit keinem einzigen ein Wort
-sprechen, wie viele da auch sein mögen. Doch noch eines! Hören Sie:
-vergessen Sie nicht, ein Blatt Papier und einen Bleistift mitzunehmen.«
-
-»Wozu das?«
-
-»Aber Ihnen ist doch alles einerlei, und das ist nun einmal meine
-besondere Bitte. Sie werden also nur sitzen, mit niemandem sprechen,
-zuhören und hin und wieder so was wie Notizen machen, na -- zeichnen Sie
-meinetwegen.«
-
-»Welch ein Unsinn. Wozu?«
-
-»Aber wenn Ihnen doch alles ganz egal ist? Sie sagen doch selbst immer,
-daß Ihnen alles egal ist.«
-
-»Nein, wozu?«
-
-»Na, weil ein bestimmtes Mitglied des Bundes, der Revisor, sich in
-Moskau niedergelassen hat, und ich habe da einigen gesagt, daß er
-vielleicht erscheinen wird. Sie werden dann denken, daß Sie dieser
-Revisor sind. Und da Sie schon drei Wochen hier sind, so wird man sich
-noch mehr wundern.«
-
-»Albernheiten. Sie haben ja überhaupt keinen Revisor in Moskau ...«
-
-»Na, meinetwegen nicht, hol ihn der Teufel, aber was macht denn Ihnen
-das aus? Sie sind doch immerhin auch ein Glied des Bundes.«
-
-»Sagen Sie ihnen meinetwegen, daß ich der Revisor bin, ich werde sitzen
-und schweigen, aber Papier und Bleistift will ich nicht.«
-
-»Ja, warum denn nicht?«
-
-»Ich will nicht.«
-
-Pjotr Stepanowitsch ärgerte sich dermaßen, daß er ganz fahl im Gesicht
-wurde, bezwang sich aber wieder; er stand auf und nahm seinen Hut.
-
-»Und _jener_ -- ist bei Ihnen?« fragte er plötzlich halblaut.
-
-»Ja, bei mir.«
-
-»Das ist gut. Ich werde ihn bald wieder fortschaffen, beunruhigen Sie
-sich nicht.«
-
-»Ich beunruhige mich gar nicht. Er schläft nur hier. Die Alte ist im
-Krankenhaus. Die Schwiegertochter ist gestorben; ich bin zwei Tage
-allein. Ich habe ihm eine Stelle im Zaun gezeigt, wo er ein Brett
-herausnehmen kann; er kriecht durch, niemand sieht ihn.«
-
-»Ich werde ihn schon bald nehmen.«
-
-»Er sagte, daß er viele Stellen hat, wo er übernachten kann.«
-
-»Das lügt er, man sucht ihn, hier aber ist es noch unverdächtig. Lassen
-Sie sich denn mit ihm in Gespräche ein?«
-
-»Ja, die ganze Nacht. Er schimpft sehr auf Sie. Ich lese ihm in der
-Nacht die Apokalypse vor. Und Tee. Er hört aufmerksam zu, sogar sehr,
-die ganze Nacht.«
-
-»Zum Teufel, Sie bekehren ihn mir noch zum Christentum!«
-
-»Er ist auch so schon Christ. Seien Sie unbesorgt, er wird schon
-erstechen. Wen wollen Sie ermorden lassen?«
-
-»Nein, ich habe ihn nicht zu dem Zweck ... ich brauche ihn zu etwas
-anderem ... Aber Schatoff, weiß der etwas von Fedjka?«
-
-»Ich spreche nicht mit Schatoff, ja, und sehe ihn auch gar nicht.«
-
-»Ärgert sich wohl über Sie, was?«
-
-»Nein, wir ärgern uns nicht, wir wenden uns nur ab. Haben zu lange in
-Amerika zusammen auf dem Stroh gelegen.«
-
-»Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen.«
-
-»Wie Sie wollen.«
-
-»Vielleicht komme ich mit Stawrogin auf einen Augenblick auch zu Ihnen,
-auf dem Rückwege von _dort_, so um zehn Uhr.«
-
-»Kommen Sie.«
-
-»Ich muß über Wichtiges mit ihm sprechen. Wissen Sie was, schenken Sie
-mir Ihren Ball -- wozu brauchen Sie ihn jetzt noch? Ich will ihn
-gleichfalls zur Gymnastik. Übrigens kann ich Ihnen ja auch Geld für ihn
-zahlen, wenn Sie wollen.«
-
-»Nehmen Sie ihn so.«
-
-Pjotr Stepanowitsch steckte den Ball in die hintere Rocktasche.
-
-»Aber ich gebe Ihnen nichts gegen Stawrogin,« sagte Kirilloff plötzlich
-leise, während er den Gast hinausließ.
-
-Der sah ihn erstaunt an, doch sagte er nichts.
-
-Die letzten Worte Kirilloffs verwirrten Pjotr Stepanowitsch nicht wenig,
-aber er begriff sie noch nicht ganz. Doch jedenfalls strengte er sich
-an, auf dem Wege zu Schatoff sein unzufriedenes Gesicht in ein
-freundliches zu verwandeln. Schatoff war zu Hause und lag, da er sich
-nicht wohlfühlte, auf dem Bett, war aber vollkommen angekleidet.
-
-»Das ist aber ein Pech!« rief Pjotr Stepanowitsch von der Tür aus. »Sind
-Sie ernstlich krank?«
-
-Der liebenswürdige Ausdruck seines Gesichts verschwand plötzlich: etwas
-Böses blitzte in seinen Augen.
-
-»Durchaus nicht,« rief Schatoff, nervös aufspringend. »Ich bin
-keineswegs krank, habe nur ein wenig Kopfschmerzen.«
-
-Er war sogar sichtlich befangen, denn das plötzliche Erscheinen gerade
-dieses Menschen erschreckte ihn.
-
-»Ich bin in einer Angelegenheit zu Ihnen gekommen, zu der Kranksein
-nicht paßt,« begann Pjotr Stepanowitsch schnell und gewissermaßen
-gebieterisch. »Erlauben Sie, daß ich mich setze,« -- er setzte sich auf
-einen Stuhl -- »und Sie, legen Sie sich mal wieder auf Ihre Pritsche.
-Heute werden sich die Unsrigen bei Wirginski versammeln, er feiert
-seinen Namenstag, und das dient als Vorwand. Aber es ist schon alles
-vorgesehen, damit es keine andere Nuance annimmt. Ich werde mit Nicolai
-Stawrogin hinkommen. Selbstverständlich würde ich Sie jetzt nicht
-dorthin ziehen, da ich ja Ihre jetzigen Anschauungen kenne ... das
-heißt, ich meine -- um Sie nicht zu reizen, und nicht etwa, weil wir von
-Ihnen angezeigt zu werden fürchten. Aber leider hat es sich so gemacht,
-daß Sie hinkommen müssen. Sie werden dort diejenigen treffen, mit denen
-wir dann endgültig beraten können, wie es für Sie möglich ist, aus dem
-Verbande auszuscheiden, und wem Sie das abgeben sollen, was Sie von uns
-besitzen. Wir machen es ganz unauffällig: ich werde Sie in eine Ecke
-führen, denn es sind dort viele Menschen, die nichts davon zu wissen
-brauchen. Ich muß gestehen, ich habe Ihretwegen meine Zunge gehörig
-anstrengen müssen, glaube aber, daß sie jetzt vollkommen einverstanden
-sind, Sie frei zu geben, versteht sich, unter der Bedingung, daß Sie die
-Druckmaschine und alle Papiere abliefern. Dann sind Sie frei und können
-gehen, wohin Sie wollen, nach allen vier Himmelsrichtungen.«
-
-Schatoff hörte ihm finster und böse zu. Seine erste nervöse Aufregung
-war vollständig vergangen.
-
-»Ich erkenne diese Pflicht, weiß der Teufel wem da Rechenschaft geben zu
-müssen, nicht an,« sagte er schroff. »Niemand kann mich >frei geben<.«
-
-»Das ist doch wohl nicht ganz so. Man hat Ihnen vieles anvertraut. Sie
-hatten nicht das Recht, so abzubrechen. Und schließlich haben Sie sich
-niemals klar darüber ausgedrückt.«
-
-»Als ich hierher kam, habe ich es Ihnen klar und deutlich geschrieben.«
-
-»Nein, nicht klar und deutlich,« bestritt Pjotr Stepanowitsch ruhig.
-»Ich schickte Ihnen zum Beispiel >Die helle Persönlichkeit<, damit Sie
-das Gedicht drucken und die Exemplare hier irgendwo bei sich
-aufbewahren, bis sie abverlangt werden würden. Dazu noch zwei
-Proklamationen. Sie schickten alles mit einem zweideutigen Brief zurück,
-der eigentlich nichts sagte.«
-
-»Ich habe mich offen und ehrlich geweigert, es zu drucken.«
-
-»Nein, nicht offen. Sie schrieben: >ich kann nicht<, aber Sie sagten
-nicht, warum Sie nicht können. >Ich kann nicht< heißt nicht >ich will
-nicht<. Man konnte also denken, daß Sie einfach aus materiellen Gründen
-nicht können. So hat man es denn auch aufgefaßt, -- daß Sie immerhin
-einverstanden sind, in dem Verbande zu bleiben und man Ihnen wieder
-etwas anvertrauen, also sich gegebenenfalls bloßstellen kann. Einige
-sagen, daß Sie uns offenbar haben betrügen wollen, um zu denunzieren,
-sobald Sie irgendeine wichtigere Mitteilung erhielten. Ich habe Sie
-natürlich verteidigt, wie ich nur konnte, und zeigte Ihre briefliche
-Antwort vor, jene zwei Zeilen, als ein Dokument zu Ihrer Rechtfertigung.
-Aber ich mußte selbst zugeben, als ich den Brief dann nochmals las, daß
-er wirklich nicht eindeutig ist und leicht irreführen kann.«
-
-»Sie haben diesen Brief so sorgfältig verwahrt?«
-
-»Das hat weiter nichts zu sagen, daß er sich noch erhalten hat. Ich habe
-ihn auch jetzt bei mir.«
-
-»Eh, machen Sie doch damit, was Sie wollen, zum Teufel! ...« schrie
-Schatoff zornig auf. »Mögen doch Ihre Dummköpfe meinetwegen glauben, daß
-ich denunziert habe, was geht das mich an! Ich möchte bloß sehen, was
-Sie mir anhaben können!«
-
-»Man würde Sie sich notieren und beim ersten Erfolg der Revolution
-aufknüpfen.«
-
-»Das heißt, dann, wenn Ihr die Macht ergriffen und Rußland besiegt
-habt?«
-
-»Lachen Sie nicht. Ich wiederhole, daß ich Sie verteidigt habe. Aber wie
-dem auch sei, ich würde Ihnen doch raten, heute hinzukommen. Wozu so
-viele unnütze Worte aus irgendeinem falschen Stolz? Ist es nicht besser,
-friedlich auseinander zu gehen? Jedenfalls werden Sie doch das Gestell,
-die alten Buchstaben und das Papier abgeben müssen, und gerade darüber
-wollen wir ja sprechen.«
-
-»Ich werde kommen,« brummte Schatoff endlich, nachdenklich den Kopf
-gesenkt.
-
-Pjotr Stepanowitsch beobachtete ihn heimlich von seinem Platze aus.
-
-»Wird Stawrogin dort sein?« fragte Schatoff plötzlich und erhob den
-Kopf.
-
-»Unbedingt.«
-
-»Ha--ha!«
-
-Wieder schwiegen sie. Schatoff lächelte verächtlich und gereizt.
-
-»Und diese Ihre erbärmliche >helle Persönlichkeit<, die ich hier nicht
-drucken wollte -- ist die jetzt gedruckt?«
-
-»Ja, sie ist gedruckt.«
-
-»Gymnasistoff versichert, daß Herzen sie Ihnen persönlich ins Album
-geschrieben haben soll?«
-
-»Ja, Herzen persönlich.«
-
-Wieder schwiegen sie eine lange Zeit. Endlich stand Schatoff von seinem
-Bette auf.
-
-»Gehen Sie fort von mir, ich will nicht mit Ihnen zusammensitzen.«
-
-»Ich gehe schon,« sagte Pjotr Stepanowitsch gleichsam lustig und erhob
-sich schnell. »Nur noch ein Wort: Kirilloff scheint jetzt ganz allein im
-Flügel zu wohnen, ohne Aufwartefrau?«
-
-»Ja, ganz allein. Gehen Sie, ich kann nicht mit Ihnen in einem Zimmer
-sein.«
-
-»Na, du bist ja jetzt vorzüglich!« dachte Pjotr Stepanowitsch heiter,
-als er auf der Straße war. »Wirst ja heute abend gut sein, und so brauch
-ich dich gerade, besser könnte ich's gar nicht wünschen, gar nicht
-wünschen! Der russische Gott scheint ja selber noch zu helfen!«
-
-
- VII.
-
-Es ist anzunehmen, daß ihm an diesem vielgeschäftigen Tage alles gut
-gelang, denn als er am Abend um sechs Uhr bei Nicolai Stawrogin
-erschien, drückte sich auf seinem Gesicht volle Selbstzufriedenheit aus.
-Man ließ ihn jedoch nicht sofort vor: Stawrogin hatte gerade Besuch:
-Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihm, in seinem Arbeitszimmer. Das gefiel
-nun Pjotr Stepanowitsch äußerst wenig und bereitete ihm sogleich Sorge.
-Er setzte sich dicht neben die Tür hin, um den Gast, wenn dieser das
-Zimmer verließ, sehen zu können. Die Stimmen der beiden konnte er hören,
-doch die Worte ließen sich nicht unterscheiden. Der Besuch Drosdoffs
-dauerte nicht lange: alsbald vernahm er das Geräusch von fortgeschobenen
-Stühlen, eine laute, erregte Stimme, und dann öffnete sich auch schon
-die Türe. Mawrikij Nicolajewitsch trat mit bleichem Gesicht heraus und
-ging schnell an Pjotr Stepanowitsch vorüber, ohne ihn zu bemerken.
-Dieser lief sofort ins Arbeitszimmer.
-
-Doch zunächst muß ich jetzt berichten, was während dieses äußerst kurzen
-Zusammenseins der beiden »Nebenbuhler« vorging -- während dieses
-Besuches, den man aus gewissen Gründen, im Hinblick auf die besonderen
-Verhältnisse, für unmöglich halten mußte, und der doch stattfand.
-
-Nicolai Wszewolodowitsch hatte sich nach dem Essen in seinem
-Arbeitszimmer auf dem Diwan ausgestreckt und war halb eingeschlummert,
-als plötzlich der alte Diener Alexei Jegorowitsch eintrat und den
-unerwarteten Besuch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoffs meldete. Als
-Stawrogin diesen Namen hörte, sprang er sogar auf und wollte es zuerst
-gar nicht glauben. Doch alsbald legte sich ein Lächeln um seine Lippen
--- ein Lächeln hochmütigen Triumphes und zu gleicher Zeit wie einer
-gewissen stumpfen, mißtrauischen Verwunderung. Den eintretenden Mawrikij
-Nicolajewitsch machte dieses Lächeln, wie es schien, stutzig, wenigstens
-blieb er plötzlich mitten im Zimmer stehen, als sei er unentschlossen --
-sollte er weitergehen, oder umkehren? Doch Stawrogins Miene hatte sich
-bereits wieder verändert und er trat dem Gast sogar entgegen. Mawrikij
-Nicolajewitsch übersah freilich die entgegengestreckte Hand, zog einen
-Stuhl heran und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, noch bevor ihn
-Stawrogin dazu aufgefordert hatte. Dieser setzte sich darauf ihm
-gegenüber auf den Diwan, und während er seinen Gast aufmerksam
-betrachtete, schwieg er und wartete.
-
-»Wenn es Ihnen möglich ist, so heiraten Sie Lisaweta Nicolajewna,« sagte
-plötzlich Mawrikij Nicolajewitsch, und zwar so, daß man, was das
-Merkwürdigste war, aus der Stimme, der Intonation überhaupt nicht
-heraushören konnte, was das nun war: eine Bitte, eine Empfehlung, eine
-Abtretung, oder ein Befehl.
-
-Stawrogin fuhr fort zu schweigen. Doch Drosdoff schien bereits alles
-gesagt zu haben, was er sagen wollte, und sah jetzt, in Erwartung einer
-Antwort, starr vor sich hin.
-
-»Wenn ich mich nicht irre, was mir jetzt ausgeschlossen erscheint, so
-ist Lisaweta Nicolajewna schon mit _Ihnen_ verlobt,« sagte Stawrogin
-endlich.
-
-»Ja, sie hat sich mit mir verlobt,« bestätigte fest und deutlich
-Mawrikij Nicolajewitsch.
-
-»Sie ... haben sich entzweit ... Verzeihen Sie, Mawrikij Nicolajewitsch
---«
-
-»Nein, sie >liebt und achtet< mich, nach ihren eigenen Worten. Und ihre
-Worte gehen mir über alles.«
-
-»Daran ist selbstredend nicht zu zweifeln.«
-
-»Aber wenn sie mit mir schon in der Kirche vor dem Altar stünde und Sie
-sie riefen, so würde sie doch mich und alle verlassen und zu Ihnen
-gehen.«
-
-»Vom Altar?«
-
-»Ja, vom Altar.«
-
-»Täuschen Sie sich nicht?«
-
-»Nein. Unter ihrem Haß, dem aufrichtigsten und stärksten Haß, den sie
-für Sie empfindet, lodert doch jeden Augenblick ihre Liebe hervor, und
-... ihr Wahnsinn ... die größte, die grenzenloseste Liebe und -- wie
-gesagt: ihr Wahnsinn! Andererseits aber, aus _der_ Liebe, die sie für
-mich empfindet, gleichfalls aufrichtig empfindet, bricht immer und immer
-wieder der Haß -- der allergrößte Haß hervor. Ich hätte früher alle
-diese ... Metamorphosen nie für möglich gehalten.«
-
-»Mich wundert nur, wie Sie so einfach über Lisaweta Nicolajewnas Hand
-verfügen können? Haben Sie ein Recht dazu? Oder sind Sie von ihr
-bevollmächtigt?«
-
-Mawrikij Nicolajewitschs Gesicht verfinsterte sich und er senkte auf
-einen Augenblick den Kopf.
-
-»Wozu diese Phrasen?« fragte er plötzlich. »Das sind doch nur
-rachsüchtige Worte von Ihnen. Ich bin überzeugt, daß Sie das
-Nichtausgesprochene sehr wohl verstehen. Und ist denn hier Platz für
-kleinliche Eitelkeit? Ist das noch zu wenig Genugtuung für Sie? Soll man
-denn noch den Punkt aufs i setzen? Nun gut, dann werde ich auch noch den
-Punkt aufs i setzen, wenn Sie meine Erniedrigung so wünschen. Also: Ein
-Recht dazu habe ich nicht; eine Bevollmächtigung ist doch
-ausgeschlossen. Lisaweta Nicolajewna weiß nichts davon, ihr Verlobter
-aber hat den letzten Verstand verloren und ist fürs Irrenhaus reif und
-obendrein -- obendrein kommt er noch selbst und teilt Ihnen das mit. In
-der ganzen Welt sind es nur Sie allein, der Lisa wirklich glücklich
-machen kann! Und nur ich allein, der sie unglücklich machen kann! Sie
-wollen sie niemandem abtreten, Sie verfolgen sie, aber Sie heiraten sie
-nicht. Ich weiß nicht, warum Sie das nicht tun. Liegt hier ein
-Mißverständnis vor, das vielleicht schon im Auslande entstanden ist,
-oder ein Liebesstreit, und muß man, um ihn beilegen zu können, etwa --
-mich ausstreichen ... so tun Sie es. Sie ist zu unglücklich, und das
-kann ich nicht mehr ertragen. Was ich sage, soll Ihnen nichts
-vorschreiben, und darum kann auch Ihre Eigenliebe gar nicht verletzt
-sein. Wenn Sie meinen Platz am Altar einnehmen wollten, so könnten Sie
-das ohne jegliche >Erlaubnis< meinerseits tun, und ich hätte es mir
-sparen können, so zu Ihnen zu kommen. Um so mehr, als unsere Hochzeit
-nach meiner jetzigen Handlungsweise sowieso unmöglich geworden ist. Ich
-kann sie doch nicht mehr zum Altar führen, nachdem ich hier so
-gehandelt, so gemein gehandelt habe. Denn das, was ich hier tue, daß ich
-sie Ihnen, vielleicht ihrem schlimmsten Feinde, einfach übergebe, ist
-meiner Meinung nach eine solche Gemeinheit, daß ich sie
-selbstverständlich nicht werde überleben können.«
-
-»Sie werden sich erschießen, wenn man uns traut?«
-
-»Nein, erst viel später. Warum soll ich mit meinem Blut ihr
-Hochzeitskleid beflecken? Vielleicht werde ich mich auch nicht
-erschießen, weder jetzt, noch später.«
-
-»Mit diesem Nachsatz wollen Sie mich wohl beruhigen?«
-
-»Sie beruhigen? Was macht Ihnen denn ein Tropfen mehr verspritzten
-Blutes aus?«
-
-Er erbleichte und seine Augen begannen zu brennen. Sie schwiegen beide
-eine Zeitlang.
-
-»Verzeihen Sie mir, bitte, die an Sie gestellten Fragen,« begann
-Stawrogin von neuem. »Zu einigen hatte ich durchaus kein Recht, doch um
-so mehr habe ich das, glaube ich, zu einer anderen Frage: sagen Sie mir,
-was Sie eigentlich veranlaßt hat, in mir solche Gefühle zu Lisaweta
-Nicolajewna vorauszusetzen? Ich meine, daß Sie so überzeugt waren, um zu
-mir kommen zu können ... und solch einen Antrag zu wagen?«
-
-»Wie?« Mawrikij Nicolajewitsch zuckte zusammen. »-- Haben Sie denn nicht
-bei ihr angehalten? Werben Sie denn jetzt nicht um sie und wollen Sie es
-auch später nicht tun?«
-
-»Über meine Gefühle zu dieser oder jener Frau vermag ich nicht laut zu
-einem Dritten zu sprechen, zu wem es auch sei, außer zu dieser Frau
-selbst. Verzeihen Sie, aber das ist nun einmal meine Eigenart. Doch
-dafür werde ich Ihnen die ganze übrige Wahrheit sagen: ich bin bereits
-verheiratet, und so ist mir ein Heiraten oder >Werben< schon nicht mehr
-möglich.«[45]
-
-Mawrikij Nicolajewitsch fuhr förmlich zurück vor Bestürzung, und starrte
-Stawrogin eine Weile unbeweglich ins Gesicht.
-
-»Denken Sie sich ... das habe ich wirklich nicht gedacht,« murmelte er
-endlich. »Sie sagten an jenem Morgen, daß Sie nicht verheiratet seien
-... und so glaubte ich, Sie wären wirklich unverheiratet.«
-
-Er erblaßte unheimlich. Plötzlich schlug er aus aller Kraft mit der
-Faust auf den Tisch.
-
-»Wenn Sie nach solch einem Bekenntnis Lisaweta Nicolajewna nicht in Ruhe
-lassen und sie ins Unglück bringen, so schlage ich Sie tot, wie einen
-Hund hinterm Zaun!«
-
-Damit sprang er auf und verließ das Zimmer. Pjotr Stepanowitsch lief
-schnell hinein -- fand aber den Hausherrn in einer von ihm völlig
-unerwarteten Gemütsverfassung.
-
-»Ah, das sind Sie!« rief Stawrogin und lachte laut auf --, lachte, wie
-es schien, nur über die Erscheinung Pjotr Stepanowitschs, der mit so
-maßlos neugierigem Gesicht hereingeeilt kam.
-
-»Haben Sie an der Tür gehorcht? Warten Sie, warum sind Sie doch jetzt
-gekommen? Habe ich Ihnen nicht irgend etwas versprochen ... Ach,
-richtig! ich weiß schon: zu den >Unsrigen<! -- Gehen wir! Freut mich
-sehr, Sie hätten sich wirklich nichts Besseres für diesen Augenblick
-ausdenken können.«
-
-Er nahm seinen Hut und sie verließen sogleich das Haus.
-
-»Sie lachen schon im voraus über die >Unsrigen<?« fragte Pjotr
-Stepanowitsch lustig scharwenzelnd, indem er bald versuchte, neben
-seinem Begleiter auf dem schmalen Fußsteig zu gehen, bald wiederum auf
-der schmutzigen Fahrstraße lief, denn Stawrogin bemerkte es nicht, daß
-er in der Mitte des Fußsteiges ging und folglich den ganzen Platz mit
-seiner Person einnahm.
-
-»Ich lache durchaus nicht,« antwortete Nicolai Wszewolodowitsch laut und
-heiter. »Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß Sie dort die ernstesten
-Leute haben.«
-
-»>Die ernsten Dummköpfe<, wie Sie sich einmal auszudrücken beliebten.«
-
-»Es gibt nichts Lustigeres, als manch einen ernsten Dummkopf.«
-
-»Ah, Sie denken an Mawrikij Nicolajewitsch! Bin überzeugt, daß er zu
-Ihnen gekommen war, um seine Braut abzutreten -- wie? Das habe ich ihm
-indirekt eingeblasen, wenn Sie es wissen wollen! Und wenn er sie nicht
-abtreten will, so nehmen wir sie eigenmächtig -- wie?«
-
-Pjotr Stepanowitsch wußte natürlich, was er wagte, wenn er sich solche
-Reden erlaubte; doch lieber wagte er schon alles, als daß er die
-Ungewißheit noch länger ertrug. Nicolai Wszewolodowitsch aber lachte
-nur.
-
-»Und Sie beabsichtigen immer noch, mir zu helfen?« fragte er.
-
-»Sobald Sie rufen. Aber wissen Sie auch, daß es einen anderen, noch viel
-besseren Weg gibt?«
-
-»Ich kenne Ihren Weg.«
-
-»Nun, nein, der ist vorläufig noch ein Geheimnis. Nur vergessen Sie
-nicht, daß das Geheimnis Geld kostet.«
-
-»Ich weiß auch, wieviel es kostet,« brummte Stawrogin vor sich hin,
-bezwang sich aber sofort und verstummte.
-
-»Wie viel? Wie? Was sagten Sie?« fuhr Pjotr Stepanowitsch auf.
-
-»Ich sagte: zum Teufel mit Ihnen samt dem Geheimnis. Sagen Sie mir
-lieber, wer dort sein wird. Ich weiß, daß wir zum Namensfest gehen, aber
-wen wird man dort eigentlich antreffen?«
-
-»Oh, alle möglichen Leute! Sogar Kirilloff wird dort sein.«
-
-»Alles Mitglieder von Gruppen?«
-
-»Teufel noch eins, Sie beeilen sich aber! Hier hat sich noch nicht
-einmal eine einzige Gruppe gebildet.«
-
-»Wie haben Sie denn so viele Proklamationen verbreiten können?«
-
-»Dort werden im ganzen nur vier Mitglieder der Gruppe sein. Die übrigen
-bespionieren sich mittlerweile um die Wette, und teilen mir alles mit.
-Wirklich vielversprechendes Volk! Alles Material, das man organisieren
-muß und dann kann man sich aus dem Staube machen. Aber Sie haben ja
-selbst unser Gesetzbuch geschrieben. Da braucht man Ihnen doch nichts
-mehr zu erklären.«
-
-»Nun wie, es geht wohl schwer? Ist es mißglückt?«
-
-»Wie es geht? Wie man es sich leichter gar nicht wünschen kann. Warten
-Sie, ich werde Sie zum Lachen bringen! Also, das erste, das ungeheuer
-wirkt -- das ist die Montur. Es gibt nichts, das eine größere Zugkraft
-hätte, als diese. Ich denke mir absichtlich Titel und Posten aus: habe
-da Sekretäre, Geheime Kundschafter, Vorsitzende, Registratoren, deren
-Gehilfen -- das gefällt ungemein und wirkt vorzüglich. Darauf, die
-zweite Kraft, das ist die Sentimentalität, versteht sich. Wissen Sie,
-der Sozialismus verbreitet sich ja bei uns hauptsächlich infolge der
-Sentimentalität der Leute. Nur eines ist hier ein wahrer Jammer -- das
-sind diese beißenden Leutnants. Da ist man nie sicher. Dann kommen die
-echten Spitzbuben. Nun, das ist ein guter Schlag, zuweilen ungemein
-vorteilhaft, doch muß man viel Zeit auf sie vergeuden: verlangen
-ununterbrochene Aufsicht. Na, und dann natürlich die Hauptkraft -- der
-Zement, der alles zusammenhält -- das ist die Schande, eine eigene
-Meinung zu haben. Ich sag' Ihnen, das ist mir mal eine Kraft! Wer das
-nur so eingerichtet haben mag? und welcher >liebe Kerl< uns da wohl so
-nett vorgearbeitet hat, daß auch wirklich keine einzige eigene Idee in
-irgendeinem Kopf geblieben ist! Halten so was geradezu für eine
-Schande.«
-
-»Aber wenn es so ist, wozu mühen Sie sich dann noch?«
-
-»Ja aber, wenn es doch so einfach ist, öffnet sich ja der Mund von
-selber -- wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht
-glaubten, daß ein Erfolg möglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das
-Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur möglich. Ich
-sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer -- man braucht ihnen nur zu
-sagen, daß sie nicht genügend liberal sind. Die Esel werfen mir übrigens
-vor, daß ich sie alle mit einem >Zentralkomitee< und >zahllosen
-Verzweigungen< beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch
-einmal vorgeworfen -- aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede
-sein? Das Zentralkomitee sind doch -- ich und Sie, und an Verzweigungen
-werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wünscht.«
-
-»Und durchweg solches Pack?«
-
-»Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen.«
-
-»Sie rechnen noch immer auf mich?«
-
-»Sie sind der Führer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben
-Ihnen stehen als Sekretär. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns >in eine
-Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus
-Seidenzeug, und außerdem sitzt da die schöne Braut, die lichte Lisaweta
-Nicolajewna< ... oder weiß der Teufel wie es da im alten Volkslied heißt
-...«
-
-»Und stocken schon,« lachte Stawrogin. »Nein, ich werde Ihnen einen
-besseren Zusatz sagen. Sie zählen da an den Fingern her, aus welchen
-Kräften sich die Gruppen zusammensetzen? Das ist doch alles Beamtengeist
-und Sentimentalität -- meinetwegen auch ein guter Kleister, aber es gibt
-doch einen noch weit besseren: bereden Sie mal vier Mitglieder, dem
-fünften den Garaus zu machen, unter dem Vorwand, daß er denunzieren
-wird, und Sie binden sie alle mit dem vergossenen Blut wie mit einem
-Strick zusammen. Dann werden sie zu Ihren Sklaven und werden nie mehr
-wagen, widerspenstig zu sein oder Abrechnungen zu verlangen.
-Ha--ha--ha!«
-
-»Also so bist du ... na warte ... diese Worte wirst du mir bezahlen
-müssen,« dachte Pjotr Stepanowitsch bei sich -- »und zwar noch heute
-abend.«
-
-So, oder fast so mußte Pjotr Stepanowitsch bei sich denken.
-
-Inzwischen hatten sie den Weg zum Wirginskischen Hause schon
-zurückgelegt -- das Haus war schon zu sehen.
-
-»Sie haben mich natürlich als irgendein großes Tier hingestellt -- mit
-Beziehungen zur _Internationale_, oder als Revisor?« fragte plötzlich
-Stawrogin.
-
-»Nein, nicht als Revisor; der Revisor wird ein anderer sein. Aber Sie
-sind der Gründer, der Anordner aus dem Auslande, der die wichtigsten
-Geheimnisse kennt -- das ist Ihre Rolle. Sie werden natürlich reden?«
-
-»Wie kommen Sie darauf?«
-
-»Sie sind jetzt verpflichtet zu reden.«
-
-Stawrogin blieb vor Verwunderung sogar mitten auf der Straße stehen,
-nicht weit von einer Laterne. Pjotr Stepanowitsch hielt frech und ruhig
-seinen Blick aus. Stawrogin spie aus und ging weiter.
-
-»Werden Sie denn reden?« fragte er plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
-
-»Nein, ich werde lieber zuhören, wenn Sie reden.«
-
-»Der Teufel hole Sie! ... Aber Sie geben mir wirklich eine Idee!«
-
-»Was für eine?« Pjotr Stepanowitsch horchte sofort auf.
-
-»Ich werde dort meinetwegen reden, aber dafür werde ich Sie dann nachher
-durchprügeln, aber gründlich.«
-
-»Bei der Gelegenheit: ich habe vorhin Karmasinoff gesagt, Sie hätten
-einmal über ihn geäußert, daß man ihm kräftig Ruten geben müßte, und
-zwar nicht um der Ehre willen, sondern einfach, wie man einen Burschen
-drischt, schmerzhaft.«
-
-»Aber das habe ich doch nie gesagt, ha--ha!«
-
-»Macht nichts. _Se non è vero._«
-
-»Nun, danke, besten Dank.«
-
-»Aber wissen Sie, was dieser Karmasinoff noch sagte: daß unsere Lehre im
-Grunde genommen die Verneinung der Ehre ist, und daß man mit dem
-öffentlichen Recht auf Ehrlosigkeit einen Russen am leichtesten ködern
-kann.«
-
-»Aber das ist ja eine ausgezeichnete Bemerkung! Ganz wunderbar!« rief
-Stawrogin. »Da hat er wirklich den Nagel gerade auf den Kopf getroffen!
-Das Recht auf Ehrlosigkeit -- aber dann laufen ja alle zu uns über, kein
-einziger bleibt dort! Übrigens hören Sie, Werchowenski, sind Sie nicht
-von der höheren Polizei?«
-
-»Wer solche Fragen im Sinne hat, der spricht sie nicht aus.«
-
-»Verstehe, aber wir sind ja jetzt unter uns.«
-
-»Nein, vorläufig noch nicht von der höheren Polizei. Genug davon, wir
-sind schon angekommen. Komponieren Sie mal Ihre Physiognomie, Stawrogin.
-Ich tue das jedesmal, wenn ich bei diesen erscheine. Nur etwas mehr
-Finsterheit, und das ist alles, weiter braucht man nichts; sehr einfache
-Sache.«
-
-
-
-
- Zwölftes Kapitel.
- Bei den Unsrigen
-
-
- I.
-
-Wirginski wohnte in seinem eigenen Hause, oder richtiger, in dem seiner
-Frau. Es war ein einstöckiges Holzgebäude, das keine anderen Mieter
-hatte. Unter dem Vorwande, daß der Hausherr seinen Namenstag feiern
-wolle, versammelten sich an diesem Abend bei ihm ungefähr fünfzehn
-Gäste, doch glich die kleine Abendgesellschaft sehr wenig den bei uns in
-der Provinz üblichen »Geburtstagsgesellschaften«. Das Ehepaar Wirginski
-war schon gleich zu Anfang seiner Ehe darin übereingekommen, daß
-»Geburtstage feiern« furchtbar dumm sei: es sei doch durchaus kein Grund
-vorhanden, sich an solchen Tagen besonders zu freuen! Und da sie diesen
-Grundsatz schließlich auch auf alle anderen Festtage übertrugen, so war
-es ihnen schon in ein paar Jahren gelungen, ohne jeden Verkehr zu leben.
-Wirginski kam zudem den Leuten wirklich nur wie ein Sonderling vor, der
-bloß die Einsamkeit liebte und zum Überfluß noch »anmaßend« erschien --
-warum »anmaßend«, das weiß ich allerdings nicht. Frau Wirginski aber
-stand, da sie Hebamme war, gesellschaftlich sowieso sehr niedrig -- und
-hinzu kam dann noch ihr dummes und unverzeihlich offenes Verhältnis zu
-dem »Hauptmann« Lebädkin, das sie eigentlich nur »aus Prinzip« begonnen
-hatte. Nachdem dieses Verhältnis bekannt geworden war, wandten sich
-selbst unsere nachsichtigsten Damen mit deutlicher Verachtung von ihr
-ab. Frau Wirginskaja aber tat noch, als hätte sie gerade das nötig und
-wünsche es selber so. Bemerkenswert ist jedoch, daß dieselben
-strengdenkenden Damen sich in gewissen Fällen nur und ausschließlich an
-sie wandten, obgleich wir noch drei andere Hebammen in der Stadt hatten.
-Man schickte sogar aus den Kreisstädten nach Arina Prochorowna: so
-anerkannt und allgemein bekannt waren ihre Kenntnisse, war ihr Glück und
-ihre Geschicktheit in ihrem Beruf. Daher kam es denn ganz von selbst,
-daß sie ihre Praxis nur in den reichsten Häusern hatte: denn Geld liebte
-sie bis zur Habgier. Nachdem sie erst einmal ihre Macht erkannt hatte,
-tat sie auch ihrem Charakter keinen Zwang mehr an. Unser Stabsarzt
-Rosanoff beteuerte, daß Arina Prochorowna gerade in den Augenblicken,
-wenn ihre schwachnervigen Patientinnen alles Heilige anzurufen pflegen,
-plötzlich »wie ein Flintenschuß« mit einer unerhörten Blasphemie
-herausfahre, die dann gewöhnlich entscheidend auf die armen Frauen
-wirke. Übrigens vergaß Arina Prochorowna, wenn sie sonst auch Nihilistin
-war, doch nie gewisse alte Bräuche, die ihr etwas einbrachten. So hätte
-sie zum Beispiel für keinen Preis die Taufe des von ihr empfangenen
-Erdenbürgers versäumt: dann erschien sie stets in einem grünen
-Seidenkleide, das sogar eine Schleppe hatte, und mit eingelegten Locken,
-während sie sich sonst unglaublich nachlässig kleidete. Und wenn sie
-auch sonst unentwegt, ja sogar während der Erfüllung des Wunders der
-Geburt, ihre Frechheit zum Entsetzen aller Anverwandten bewahrte, so
-trug sie doch nach der Taufe sehr sittsam und eigenhändig den Champagner
-herein (nur zu dem Zweck erschien sie und putzte sie sich heraus) und
-dann hätte es einer nur versuchen sollen, ihr, nachdem er einen Pokal
-genommen, nicht das übliche Taufschmausgeld auf den Teller zu legen!
-
-Die Gesellschaft -- fast nur Herren --, die sich diesmal bei Wirginski
-versammelt hatte, nahm sich eigentlich recht sonderbar aus. Es gab weder
-Imbiß noch Karten. Im großen Gastzimmer, das schon seit undenklich
-langer Zeit immer ein und dieselben alten blauen Tapeten hatte, waren
-zwei Tische zusammengerückt und mit einem großen, nicht einmal ganz
-sauberen Tischtuch bedeckt. Auf ihnen kochten zwei Samoware und stand
-ein riesiges Teebrett mit fünfundzwanzig Gläsern, sowie ein flacher Korb
-mit gewöhnlichem Weißbrot, das wie in Pensionen für junge Mädchen oder
-Knaben in viele, viele gleiche Stücke geschnitten war. Den Tee goß die
-Schwester der Hausfrau ein -- ein dreißigjähriges, hochblondes Fräulein,
-ohne Augenbrauen, sonst schweigsam, aber tödlich boshaft --, eine Dame,
-die gleichfalls die »neuesten Anschauungen« teilte und vor der Wirginski
-in seinem eigenen Hause zitterte. Außer der Hausfrau und ihrer
-augenbrauenlosen Schwester war noch ihre Schwägerin anwesend: Fräulein
-Wirginskaja, die gerade aus Petersburg eingetroffen war. Arina
-Prochorowna (Wirginskis Frau), an sich eine nicht häßliche Frau von
-siebenundzwanzig Jahren, saß, in einem wollenen Alltagskleide von
-grünlicher Farbe, am oberen Tischende und betrachtete die Gäste mit
-einem Blick, als wollte sie sagen: »Seht, wie ich mich vor nichts
-fürchte!« Wirginskis Schwester, die gleichfalls nicht häßlich aussah,
-dabei Studentin und Nihilistin, war rotwangig und rundlich wie ein
-kleiner Ball: sie saß halbwegs noch in ihren Reisekleidern neben Arina
-Prochorowna, mit irgendeiner Papierrolle in der Hand, und sah sich mit
-ungeduldigen, springenden Blicken die Gäste an. Wirginski fühlte sich an
-diesem Abend nicht ganz wohl, doch hatte er sich trotzdem in einem
-Lehnstuhl an den Teetisch gesetzt. Die Gäste saßen auf Stühlen um den
-ganzen Tisch herum, und in dieser steifen Gruppierung lag etwas, was
-nicht an ein Fest, sondern an eine Sitzung erinnerte. Ganz ersichtlich
-erwarteten alle irgend etwas, und wenn sie auch über alles mögliche laut
-miteinander sprachen, so merkte man doch sofort, daß es Nebensachen
-waren, die eigentlich niemanden interessierten: es war ein künstliches,
-gezwungenes Gespräch.
-
-Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, verstummten plötzlich alle.
-
-Zur besseren Übersicht werde ich wohl einige weitläufigere Erklärungen
-geben müssen.
-
-Ich glaube, wie gesagt, daß sich damals alle in der angenehmen Hoffnung,
-etwas ganz besonders Interessantes zu erfahren, eingefunden hatten. Sie
-gehörten sämtlich zu den knallrotesten Liberalen unserer Stadt und waren
-von Wirginski zu dieser »Sitzung« sorgfältigst ausgesucht worden. Einige
-von ihnen waren noch nie bei Wirginski gewesen und hätten ihn auch sonst
-bestimmt nicht mit ihrem Besuche beehrt. Natürlich hatte die Mehrzahl
-der Gäste keine rechte Vorstellung davon, was eigentlich geschehen
-sollte: sie alle hielten damals Pjotr Stepanowitsch für einen vom
-ausländischen Verbande geschickten Auskundschafter, dem bestimmte
-Vollmachten gegeben worden waren -- eine Ansicht, die sich sofort und
-ganz plötzlich festgesetzt hatte und ihnen ungeheuer schmeichelte.
-Währenddessen aber gab es auch unter den versammelten Gästen einige,
-denen bereits ganz bestimmte Vorschläge gemacht worden waren. Pjotr
-Werchowenski war es inzwischen schon gelungen, bei uns eine ähnliche
-»Fünf« zu gründen, wie er es in Moskau getan hatte -- und außerdem noch
-eine, wie es sich jetzt erwiesen hat, in der Kreisstadt, unter den
-Offizieren. Es heißt sogar, daß er noch eine dritte im H--schen
-Gouvernement zustande gebracht habe. Die fünf Auserwählten saßen jetzt
-am großen Tisch und verstanden es vorzüglich, sich den Anschein der
-harmlosesten Leute zu geben. Es waren das -- da es heute kein Geheimnis
-mehr ist -- erstens: Liputin und Wirginski, dann dessen Schwager mit den
-trauernden Ohren, Schigaleff, ferner Lämschin und ein gewisser
-Tolkatschenko, ein sonderbarer Mensch, etwa vierzig Jahre alt, und
-bekannt wegen seiner Studien, die er am Volk, hauptsächlich an
-Spitzbuben und Banditen machte, und der absichtlich zu diesem Zweck (das
-heißt, nicht gerade ausschließlich zu diesem Zweck) in den schmutzigsten
-Schenken verkehrte und auch unter uns sich in schlechten Kleidern,
-Schmierstiefeln und Kernausdrücken am besten gefiel. Ein oder zweimal
-hatte ihn Lämschin auch zu Stepan Trophimowitsch mitgebracht, wo er
-jedoch nicht besonders gut abschnitt. In der Stadt erschien er
-gewöhnlich nur zeitweilig, meistens dann, wenn er wieder einmal ohne
-Stellung war. Diese fünf nun befanden sich in dem festen Glauben, eine
-»Fünf« zu bilden -- eine unter hunderten, tausenden gleicher
-»Fünfer-Gruppen«, die angeblich über ganz Rußland verstreut und alle von
-irgendeiner mächtigen »Zentrale« abhängig waren, welche wiederum
-ihrerseits mit der europäischen Revolutionsbewegung verbunden sein
-sollte. Nur muß ich zu meinem Bedauern hinzufügen, daß sogar schon
-damals Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte. Die Sache war nämlich die,
-daß sie, die schon seit dem Frühling Pjotr Werchowenski erwarteten, der
-ihnen zuerst von Tolkatschenko und dann von Schigaleff angekündigt
-worden war, nun, als er endlich erschien, sofort auf seinen ersten Wink
-hin den von ihm geplanten Kreis oder die »Gruppe« gebildet hatten: kaum
-aber hatten sie sich zu ihrer »Fünf« zusammengeschlossen, als sie sich
-auch alle ohne Ausnahme irgendwie dadurch gekränkt fühlten, daß sie es
-getan hatten -- so schnell und ohne weitere Erwägung, im Grunde wohl nur
-deshalb, damit man von ihnen nicht sagen könne, sie hätten es nicht
-gewagt! Vor allem, so empfanden sie, hätte Pjotr Werchowenski ihre edle
-Heldentat doch auch wirklich schätzen und ihnen nun zur Belohnung
-wenigstens irgendein Hauptgeheimnis mitteilen müssen. Werchowenski aber
-dachte nicht einmal daran, ihre gerechte Neugier zu befriedigen, und
-erzählte so gut wie gar nichts, behandelte sie im Gegenteil mit Strenge
-und andererseits wiederum fast mit Nachlässigkeit. Das aber reizte
-natürlich die »Fünf«, und einer von ihnen, Schigaleff, stachelte denn
-auch schon die anderen auf, von ihm einen »Rechenschaftsbericht« zu
-fordern, allerdings nicht gleich heute bei Wirginski, denn dort gab es
-zu viele Fremde ...
-
-Was aber diese Fremden betrifft, so glaube ich, daß die vorhin genannten
-Glieder der ersten »Fünf« geneigt waren, an jenem Abend bei Wirginski
-unter den Gästen noch andere Mitglieder anderer »Gruppen«, von denen sie
-nichts wußten und die derselbe Werchowenski vielleicht geheimnisvoll
-organisiert hatte, zu vermuten. So kam es denn, daß zu guter Letzt sich
-alle Gäste gegenseitig verdächtigten und ein jeder eine ganz besondere
-Haltung annahm, was denn der ganzen Versammlung etwas Irreführendes, ja
-zum Teil sogar Romantisches verlieh. Außerdem gab es da einen Major,
-einen vollkommen unschuldigen Menschen und nahen Verwandten Wirginskis,
-der uneingeladen zum Namenstage erschienen war. Der Hausherr beunruhigte
-sich nun freilich weiter nicht, denn der Major hätte »auf keine Weise
-denunzieren können«: trotz seiner Dummheit liebte es dieser Verwandte
-Wirginskis, dorthin zu gehen, wo es Liberale gab, doch nicht etwa, weil
-er deren Anschauungen teilte, sondern einfach, weil er ihnen gerne
-zuhörte. Und dazu war er selbst, von früher her, noch ein wenig
-kompromittiert: in seiner Jugend waren einmal ganze Lager revolutionärer
-Schriften durch seine Hände gegangen, und wenn er für seine Person sich
-auch gefürchtet hatte, sie auch nur aufzubinden, so würde er doch die
-Weigerung, die Gefälligkeit zu erweisen und sie zu verbreiten, für eine
-grenzenlose Gemeinheit gehalten haben -- solche Russen gibt es nun
-einmal und sogar heute noch. Die übrigen Gäste gehörten entweder zu dem
-Typ der »zu Galle gewordenen gekränkten Eigenliebe«, oder zu dem des
-»ersten edlen Ausbruchs feuriger Jugend«. Da waren auch zwei oder drei
-Lehrer, von denen der eine -- ein Lehrer am Gymnasium -- lahm und schon
-fünfundvierzig Jahre alt war, ein ungewöhnlich boshafter und eitler
-Mensch, und zwei oder drei Offiziere. Zu den letzteren gehörte ein ganz
-junger Artillerist, ein Fähnrich, der erst vor ein paar Tagen aus einer
-Kriegsschule gekommen war, ein netter, schweigsamer Jüngling. Noch hatte
-er in der Stadt keine einzige Bekanntschaft gemacht, und schon saß er
-bei Wirginski im Kreise der Eingeladenen mit einem Bleistift in der Hand
-und machte sich von Zeit zu Zeit in sein Taschenbuch irgendwelche
-Notizen. Alle sahen das, doch alle taten aus irgendeinem Grunde, als
-bemerkten sie es nicht. Außerdem war ein herumbummelnder Seminarist
-anwesend, der Lämschin geholfen hatte, jene schändlichen Photographien
-in den Sack der Bibelverkäuferin zu stecken, ein großer Bursche mit
-ungezwungenem Benehmen, jedoch immer etwas argwöhnisch, und mit einem
-ewig alles besser wissenden Lächeln, dabei aber von dem ruhigen Gehaben
-der siegenden Vollkommenheit, die für ihn in seiner Person verkörpert
-war. Ferner war, ich weiß nicht, weshalb, noch der Sohn unseres
-Stadthauptes zugegen, ein schändlicher, früh verlebter junger Mann. Der
-schwieg aber fast nur. Und schließlich war da noch ein achtzehnjähriger
-Gymnasiast, der mit der finsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten
-jungen Mannes da saß und augenscheinlich unter seinen achtzehn Jahren
-litt. Dieser Bengel war schon der »Chef« einer Verschwörung der
-Oberprimaner, die sich, wie sich später zum allgemeinen Erstaunen
-herausstellte, im Gymnasium gebildet hatte, und zwar vollkommen
-selbständig. Beinahe hätte ich Schatoff vergessen, der am unteren
-Tischende saß, seinen Stuhl ein wenig aus der Reihe zurückgeschoben
-hatte, die ganze Zeit schwieg, auch für den Tee dankte, beständig zu
-Boden sah und seine Mütze nicht aus der Hand legte, als hätte er damit
-zu verstehen geben wollen, daß er nicht als Gast, sondern nur aus
-irgendwelchen sachlichen Gründen gekommen war, und, wenn es ihm einfiel,
-einfach aufstehen und fortgehen könne. Nicht weit von ihm hatte sich
-dann noch Kirilloff hingesetzt: dieser schwieg gleichfalls, doch sah er
-nicht zu Boden, sondern blickte im Gegenteil jedem, der da sprach,
-gerade ins Gesicht, mit seinem unbeweglichen, glanzlosen Blick, und
-hörte allen ohne die geringste Verwunderung vollkommen ruhig zu. Einige
-von den Gästen, die ihn noch nicht gesehen hatten, beobachteten ihn
-verstohlen. Es ist bis heute ungewiß, ob eigentlich Frau Wirginskaja
-etwas von der bestehenden »Fünf« wußte. Ich nehme an, daß sie durch
-ihren Mann über alles unterrichtet war. Die Studentin hatte natürlich
-von nichts eine Ahnung, doch dafür war sie mit ihrer eigenen Sorge
-beschäftigt: sie beabsichtigte, nur einen oder zwei Tage bei Wirginskis
-zu bleiben und dann weiter und weiter zu reisen, durch alle
-Universitätsstädte, um »Teilnahme an den Leiden der armen Studierenden
-zu erwecken und sie zum Protest aufzurufen«. Sie führte einige hundert
-Exemplare eines lithographierten, wenn ich mich nicht täusche, von ihr
-selbst verfaßten Aufrufs mit sich. Merkwürdigerweise begann der
-Gymnasiast die Studentin schon vom ersten Blick an zu hassen, und zwar
-gleich bis aufs Blut, ungeachtet dessen, daß er sie zum erstenmal im
-Leben sah, und sie erwiderte diesen Haß in genau demselben Maße. Der
-Major war ihr leiblicher Onkel, der sie vor gut zehn Jahren zum
-letztenmal gesehen hatte. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten,
-waren ihre Wangen rot wie Preißelbeeren: sie hatte mit dem Onkel gerade
-über die Frauenfrage aufs heftigste gestritten.
-
-
- II.
-
-Werchowenski warf sich auffallend nachlässig auf einen Stuhl am oberen
-Tischende, fast ohne jemanden zu grüßen. Er sah mißgestimmt und sogar
-hochmütig aus. Stawrogin dagegen grüßte höflich die Anwesenden. Obgleich
-man nur auf diese beiden gewartet hatte, taten doch alle wie auf ein
-Kommando, als ob sie sie überhaupt nicht bemerkten. Kaum hatte Stawrogin
-sich gesetzt, als Frau Wirginskaja sich in strengem Ton an ihn wandte:
-
-»Stawrogin, wollen Sie Tee?«
-
-»Sehr gern,« antwortete dieser.
-
-»Reiche Herrn Stawrogin ein Glas Tee,« befahl sie der Schwester, »-- und
-Sie?« fragte sie Werchowenski.
-
-»Selbstverständlich, nur her damit, wer fragt denn die Gäste noch
-danach? Und geben Sie auch Sahne diesmal, sonst wird ja hier immer solch
-eine Abscheulichkeit anstatt Tee gereicht -- und dabei gibt's heute noch
-ein >Geburtstagskind< im Hause!«
-
-»Wie, auch Sie erkennen das >Geburtstagefeiern< an?« fragte die
-Studentin auflachend. »Wir haben soeben darüber gesprochen.«
-
-»Abgedroschen!« bemerkte sogleich am anderen Tischende der Gymnasiast
-mit überlegener Miene.
-
-»Was ist abgedroschen? Vorurteile vergessen ist durchaus nicht
-abgedroschen, und wenn es auch die unschuldigsten von der Welt sind,
-sondern ist, im Gegenteil, zur allgemeinen Schande noch heute neu,« gab
-die Studentin sofort empfindlich zurück. »Und zudem gibt es überhaupt
-keine unschuldigen Vorurteile,« fügte sie geradezu erbittert hinzu.
-
-»Ich wollte nur bemerken,« regte sich der Gymnasiast furchtbar auf, »daß
-Vorurteile, wenn sie auch eine alte Sache sind, und man sie ausrotten
-muß ... was aber Namenstag- und Geburtstagfeiern anbetrifft ... so
-wissen schon alle längst, daß das Dummheiten sind und das Gerede darüber
-viel zu alt und abgedroschen ist, um darauf noch die kostbare Zeit zu
-vergeuden, die ohnehin schon von aller Welt vergeudet worden ist, so daß
-man seine Worte lieber einem bedürftigeren ...«
-
-»Was ist das für ein Satz! Ich kann nichts verstehen!« unterbrach ihn
-die Studentin.
-
-»Ich glaube, daß ein jeder gleich anderen das Recht des Wortes hat, und
-wenn ich meine Meinung sagen will, wie jeder andere, so ...«
-
-»Ihnen nimmt niemand das Recht des Wortes,« unterbrach ihn die Hausfrau,
-»Sie sind nur gebeten worden, nicht so undeutlich zu sprechen, denn so
-kann Sie ja kein Mensch verstehen.«
-
-»Aber, erlauben Sie mir, zu bemerken, daß Sie mich gar nicht achten:
-wenn ich vorhin meinen Gedanken nicht zu Ende sprechen konnte, so kam
-das nicht daher, daß ich keinen Gedanken hatte, sondern eher vom
-Überfluß von Gedanken ...« stotterte der Gymnasiast fast verzweifelt und
-verwickelte sich endgültig.
-
-»Wenn Sie nicht zu sprechen verstehen, so schweigen Sie lieber,« platzte
-die Studentin heraus.
-
-Der Gymnasiast sprang jetzt sogar vom Stuhl auf.
-
-»Ich wollte nur sagen,« rief er laut und brennend rot vor Schande, doch
-fürchtete er sich, jemanden anzusehen, »daß Sie sich nur deswegen mit
-Ihrem Verstande breitmachen wollen, weil Herr Stawrogin gekommen ist --
-da haben Sie's!«
-
-»Ihr Gedanke ist schmutzig und unsittlich und beweist nur die ganze
-Nichtigkeit Ihrer geistigen Entwickelung. Ich bitte Sie, sich weiter
-nicht an mich zu wenden!« knatterte sofort die Antwort der Studentin.
-
-»Stawrogin,« begann die Hausfrau, »bevor Sie kamen, regten sie sich hier
-über Familienrechte auf -- besonders der Herr Major,« sie wies auf ihren
-Verwandten. »Aber ich werde Sie mit diesen alten Streitfragen, die doch
-schon längst erledigt sind, nicht weiter belästigen. Ich frage mich nur,
-woher sind nun diese Rechte und Pflichten der Familie gekommen, ich
-meine, im Sinne dieses Vorurteils, wie es jetzt besteht? Das ist die
-Frage. Was meinen Sie?«
-
-»Wieso -- woher gekommen?« fragte Stawrogin zurück.
-
-»Das heißt, wir wissen zum Beispiel, daß das Vorurteil, daß es einen
-Gott geben müsse, durch den Donner und Blitz hervorgerufen worden ist,«
-ereiferte sich sofort wieder die Studentin, die mit den Augen förmlich
-auf Stawrogin lossprang. »Man weiß jetzt ganz genau, daß die Urmenschen,
-die sich vor Donner und Blitz fürchteten, den unsichtbaren Feind zum
-Gott erhoben, da sie ihre eigene Machtlosigkeit vor ihm fühlten. Aber
-wie ist nun das Vorurteil der Familie entstanden? Und wie ist überhaupt
-die Familie entstanden?«
-
-»Das ist doch wohl nicht dasselbe ...« versuchte die Hausfrau
-einzuwenden.
-
-»Ich denke, die Antwort auf diese Frage dürfte nicht ganz -- sagen wir,
-sittsam sein,« antwortete Stawrogin.
-
-»Wie das?« rückte die Studentin wieder vor.
-
-Aber schon hörte man aus der Lehrergruppe leises Lachen, das sofort am
-anderen Ende des Tisches, bei Lämschin und dem Gymnasiasten, ein Echo
-fand, worauf der Major plötzlich hell und laut loslachte.
-
-»Sie sollten Vaudevilles schreiben,« sagte die Hausfrau zu Stawrogin.
-
-»Das macht Ihnen wirklich keine Ehre, -- ich weiß nicht, wie Sie
-heißen,« sagte die Studentin mit entschiedenem Unwillen zu Stawrogin.
-
-»Du aber solltest nicht so vorwitzig sein!« tadelte der Major. »Bist ein
-Fräulein, mußt dich sittsam halten, du aber bist ja ganz, als hättest du
-dich auf eine Nadel gesetzt.«
-
-»Könnten Sie nicht lieber schweigen? Zum mindesten möchte ich Sie
-bitten, sich im Gespräch mit mir nicht so familiär auszudrücken. Und
-diese widerlichen Vergleiche verbitte ich mir einfach. Ich sehe Sie
-heute zum erstenmal und will nichts von Ihrer Verwandtschaft wissen.«
-
-»Aber ich bin doch dein Onkel! Ich habe dich doch als Säugling auf
-meinen Armen geschleppt!«
-
-»Was geht das mich an, was Sie da alles geschleppt haben! Ich habe Sie
-damals nicht darum gebeten, mein unhöflicher Herr Major, also muß es
-Ihnen wohl selbst Spaß gemacht haben, mich zu tragen. Und gestatten Sie
-mir noch zu bemerken, daß Sie sich nicht unterstehen dürfen, mich zu
-duzen, es sei denn als Bürgerin, sonst aber untersage ich es Ihnen ein
-für allemal.«
-
-»So sind sie nun alle!« Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch und
-wandte sich an Stawrogin, der ihm gegenüber saß. »Nein, erlauben Sie,
-ich liebe Liberalismus und alles Zeitgemäße. Ich liebe auch klugen
-Gesprächen zuzuhören, aber -- wohlgemerkt: von Männern! Doch von Frauen,
-von diesen da, von diesen Flattervögeln -- nein, Verzeihung, aber das
-ist schon mein wunder Punkt! Du, dreh dich nicht so viel!« fuhr er die
-Studentin an, die vor Ungeduld schon wieder fast vom Stuhl sprang. »Ich
-will auch einmal zu Wort kommen! Jetzt bin ich der Gekränkte!«
-
-»Sie stören nur die anderen und selbst verstehen Sie doch nichts zu
-sagen,« bemerkte die Hausfrau unwirsch.
-
-»Nein, ich werde schon zu sagen verstehen, was ich sagen will,«
-ereiferte sich der Major, und wandte sich an Stawrogin. »Ich rechne auf
-Sie, Herr Stawrogin, da Sie ein Neueingetretener sind, obgleich ich
-nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Ich hoffe, daß Sie mir beipflichten
-werden. Ohne Männer wären die Frauen einfach verloren, wie die Fliegen,
--- das ist meine Meinung. Die ganze Frauenfrage ist nichts weiter als
-Mangel an Originalität. Ich sage Ihnen; diese Frauenfrage haben ihnen
-nur die Männer ausgedacht, einfach aus purer Dummheit sich selbst auf
-den Hals geladen, -- ich danke bloß Gott, daß ich nicht verheiratet bin!
-Nicht die geringste Verschiedenheit ist in den Frauen, nicht einmal ein
-einfaches Stickmuster können sie sich ausdenken, auch das müssen die
-Männer für sie tun! Sehen Sie, da habe ich sie als Kind auf den Händen
-getragen, habe mit ihr, als sie zehn Jahre alt war, Mazurka getanzt, --
-heute kommt sie an und wie ich ihr entgegenfliege, um sie abzuküssen, da
-erklärt sie mir schon nach dem zweiten Wort, daß es einen Gott überhaupt
-nicht gibt. Wenn sie es doch wenigstens nach dem dritten getan hätte,
-aber nein, sie muß es schon nach dem zweiten tun -- so eilig hat sie's!
-Nun schön, angenommen, kluge Leute glauben nicht an Gott, das soll ja
-bloß vom Verstande abhängen, aber du, sage ich ihr, was verstehst du
-denn unter Gott? Dich hat das doch wieder nur der Student gelehrt, hätte
-er dich aber die Lämpchen vor den Heiligenbildern anzünden gelehrt, so
-würdest du eben Lämpchen anzünden!«
-
-»Das ist alles nicht wahr, was Sie da sagen. Sie sind ein sehr boshafter
-Mensch. Ich aber habe Ihnen vorhin bloß Ihre Dummheit beweisen wollen,«
-sagte die Studentin nachlässig, als verachtete sie es im Grunde, sich
-mit solch einem Menschen noch weiter zu streiten. »Ich habe Ihnen vorhin
-gesagt, daß man uns nach dem Katechismus lehrt: >Ehre Vater und Mutter,
-damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden<. Das steht in
-den zehn Geboten. Wenn nun Gott es für nötig hielt, für Liebe eine
-Belohnung zu versprechen, so ist meines Erachtens dieser euer Gott
-einfach unmoralisch. Das war es, was ich Ihnen vorhin auseinandersetzte,
-und durchaus nicht nach dem zweiten Wort, sondern einfach, weil Sie auf
-Ihre Verwandtenrechte pochten. Was kann ich dafür, daß Sie stumpfsinnig
-sind und mich bis jetzt noch nicht begriffen haben? Das kränkt Sie und
-Sie ärgern sich: das ist die ganze Lösung des Rätsels von Ihnen und
-Ihresgleichen.«
-
-»Närrin!« nannte sie der Major.
-
-»Sie sind selbst ein Narr.«
-
-»Schimpf nur!«
-
-»Aber erlauben Sie, Kapiton Maximowitsch, Sie haben mir doch selbst
-gesagt, daß Sie an Gott nicht glauben,« rief Liputin mit seiner
-unangenehmen Stimme vom anderen Tischende.
-
-»Was hat das damit zu tun, was ich gesagt habe, ich -- ich bin eine ganz
-andere Sache! Ich -- nun, vielleicht glaube ich doch, nur glaube ich
-nicht so ganz. Wenn ich aber auch nicht ganz glaube, so sage ich doch
-noch nicht, daß man Gott gleich totschießen soll. Ich habe schon, als
-ich noch Husar war, über Gott nachgedacht. Es heißt sonst wohl in allen
-Gedichten, daß ein Husar bloß trinkt und durchgeht, schön, ich habe
-vielleicht auch getrunken, aber, glauben Sie mir, wenn es manchmal in
-der Nacht so dunkel ist, da springt man wohl plötzlich auf und kniet vor
-dem Heiligenbild nieder und schlägt ein Kreuz über das andere, damit
-Gott einem Glauben schicke, denn selbst damals konnte ich mich über
-diese Frage nicht beruhigen: gibt es einen Gott, oder gibt es keinen?
-Dermaßen bitter ist mir das geworden! Morgens, natürlich, da zerstreut
-man sich und wieder geht der Glaube gleichsam flöten, ja und überhaupt
-ist mir eigentlich aufgefallen, daß man am Tage den Glauben viel weniger
-nötig hat.«
-
-»Haben Sie vielleicht Karten?« fragte Werchowenski, sich zur Hausfrau
-wendend, und gähnte ungeniert.
-
-»Ich kann Ihnen diese Frage nur zu sehr, nur zu sehr nachfühlen!«
-beteuerte die Studentin eifrig.
-
-»Man verliert bloß die goldene Zeit, wenn man so leerem Geschwätz
-zuhört,« sagte die Hausfrau und blickte ihren Mann bedeutsam an.
-
-Die Studentin raffte sich auf.
-
-»Ich wollte der Versammlung von den Leiden und dem Protest der Studenten
-Mitteilung machen, und da die Zeit über unmoralischen Gesprächen
-vergeudet wird ...«
-
-»Es gibt überhaupt weder Moralisches noch Unmoralisches!« fiel ihr der
-Gymnasiast sogleich ins Wort, kaum daß er sah, daß die Studentin mit
-einer Rede beginnen wollte.
-
-»Das habe ich, mein Herr Gymnasiast, schon viel früher gewußt, als Sie
-das aufgeschnappt haben!«
-
-»Und ich behaupte,« raste der Gymnasiast geradezu, »Sie sind -- ein aus
-Petersburg angekommenes Kind, das uns bilden will! Daß das vierte Gebot,
-das Sie nicht einmal richtig aufzusagen verstanden, unmoralisch ist, das
-weiß schon seit Belinski ganz Rußland!«
-
-»Wird das jemals ein Ende nehmen?« fragte Frau Wirginskaja gereizt ihren
-Mann.
-
-Als Hausfrau errötete sie wegen der nichtigen Gespräche, besonders
-nachdem sie einige fragende Blicke der Gäste untereinander bemerkt
-hatte.
-
-»Meine Herren!« Wirginski erhob plötzlich die Stimme, »falls jemand von
-Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, ohne
-Zeitverlust damit beginnen zu wollen.«
-
-»Gestatten Sie mir eine Frage,« sagte plötzlich der lahme Lehrer, der
-bis dahin nur geschwiegen und sehr zurückhaltend dagesessen hatte, »ich
-würde doch gern wissen, ob wir hier eine Sitzung halten sollen, oder ob
-wir uns wie gewöhnliche Sterbliche zu einer Geburtstagsfeier versammelt
-haben? Ich frage es mehr der Ordnung wegen.«
-
-Die Frage machte nicht geringen Eindruck: man sah sich an, als ob ein
-jeder vom anderen die Antwort erwartete, und plötzlich wandten sich
-aller Augen, wie auf ein Kommando, auf Stawrogin und Werchowenski.
-
-»Ich schlage vor, über die Antwort einfach abzustimmen. Die Frage ist:
->Halten wir eine Sitzung oder nicht?<« sagte Frau Wirginskaja.
-
-»Ich stimme ganz Ihrem Vorschlage bei,« rief Liputin, »wenn er auch ein
-wenig unbestimmt ist.«
-
-»Ich gleichfalls!« »Ich auch!« riefen noch andere Stimmen.
-
-»Ich denke gleichfalls, daß das mehr Ordnung schaffen wird,« meinte
-Wirginski.
-
-»Also bitte die Stimmen abzugeben!« rief die Hausfrau. »Lämschin, seien
-Sie so freundlich und setzen Sie sich so lange ans Klavier. Sie werden
-auch von dort aus Ihre Stimme abgeben können, wenn wir so weit sind.«
-
-»Schon wieder!« rief Lämschin. »Ich dächte, ich hätte Ihnen nachgerade
-genug vorgetrommelt!«
-
-»Ich bitte Sie ausdrücklich darum: Wollen Sie denn der Sache nicht
-nützlich sein?«
-
-»Aber ich versichere Sie, Arina Prochorowna, daß draußen niemand horcht.
-Das ist nur Ihre Phantasie. Die Fenster sind außerdem viel zu hoch; und
-wer würde denn hier überhaupt etwas verstehen, selbst wenn er alles
-hörte?«
-
-»Wir verstehen uns ja selbst nicht,« murmelte eine Stimme.
-
-»Und ich behaupte, daß Vorsicht immer angebracht ist. Für den Fall, daß
-es Spione gibt,« wandte sie sich darauf zu Werchowenski, »-- mögen sie
-dann auf der Straße hören, daß es bei uns Musik und lustige Gäste gibt.«
-
-»Zum Teufel!« schimpfte Lämschin, setzte sich aber doch ans Klavier und
-begann irgendwie, fast mit den Fäusten, einen Walzer zu spielen.
-
-»Ich schlage vor, daß alle, die eine Sitzung wünschen, die rechte Hand
-erheben,« beantragte Frau Wirginskaja.
-
-Einige erhoben die rechte Hand, einige wiederum nicht; andere erhoben
-sie und senkten sie wieder oder senkten sie und erhoben sie von neuem.
-
-»Pfui, Teufel! Hab nichts kapiert!« rief ein Offizier geärgert.
-
-»Und ich verstehe auch nichts!« rief ein anderer.
-
-»Nein, ich verstehe wohl!« rief ein dritter. »Wenn >ja<, so hebt man die
-Hand auf.«
-
-»Aber was bedeutet denn das >ja<?«
-
-»>Ja< bedeutet: Sitzung!«
-
-»Nein, umgekehrt!«
-
-»Ich habe für die Sitzung gestimmt!« rief der Gymnasiast Frau
-Wirginskaja zu.
-
-»Warum haben Sie dann die Hand nicht erhoben?«
-
-»Ich habe die ganze Zeit auf Sie gesehen: Sie hoben sie nicht, und so
-hob ich sie auch nicht.«
-
-»Wie dumm das ist! Ich habe sie doch nur deswegen nicht erhoben, weil
-ich das Abstimmen vorgeschlagen hatte. Meine Herren, ich schlage
-nochmals vor: wer eine Sitzung will, der soll ruhig sitzen bleiben und
-keine Hand erheben, wer aber keine Sitzung will, der soll die rechte
-Hand aufheben.«
-
-»Wer _nicht_ will?« fragte der Gymnasiast.
-
-»Ach, Sie stellen sich wohl mit Absicht so stupid?« rief Frau
-Wirginskaja zornig.
-
-»Nein, erlauben Sie mal, wer _nicht_ will, oder wer da will, das muß
-schon genauer festgestellt werden,« ertönten zwei, drei Stimmen.
-
-»Wer nicht will, _nicht_ will!«
-
-»Nun schön, aber was soll man denn jetzt tun, aufheben oder nicht
-aufheben, wenn man _nicht_ will?« rief ein Offizier.
-
-»Ach ja, an eine Konstitution ist bei uns noch nicht zu denken!«
-bemerkte der Major.
-
-»Herr Lämschin, haben Sie die Güte, Sie hämmern ja dermaßen, daß niemand
-etwas verstehen kann,« bemerkte der lahme Lehrer.
-
-»Ja, bei Gott, Arina Prochorowna, es horcht doch wirklich kein Spion an
-den Türen!« rief Lämschin aufspringend. »Und ich will auch nicht mehr
-spielen! Ich bin zu Ihnen zu Besuch gekommen, aber nicht, um hier das
-Klavier zu bearbeiten!«
-
-»Meine Herren,« begann Wirginski, »antworten Sie alle laut: halten wir
-Sitzung oder nicht?«
-
-»Sitzung, Sitzung!« ertönte es von allen Seiten.
-
-»Gut, dann brauchen wir nicht mehr abzustimmen. Sind Sie einverstanden,
-meine Herren, oder sollen wir doch noch abstimmen?«
-
-»Nicht nötig, genug, haben schon verstanden!«
-
-»Vielleicht will aber irgend jemand doch nicht?«
-
-»Nein, nein, alle wollen!«
-
-»Ja, aber was ist denn das für eine Sitzung?« erhob sich eine Stimme,
-die jedoch keine Antwort erhielt.
-
-»Man muß einen Präsidenten wählen!« riefen mehrere zugleich.
-
-»Den Hausherrn, selbstverständlich, den Hausherrn!«
-
-»Meine Herren, wenn es so ist,« begann der erwählte Wirginski, »-- dann
-mache ich nochmals meinen Vorschlag: falls jemand von Ihnen etwas, was
-mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, damit zu beginnen.«
-
-Allgemeines Schweigen. Wieder wandten sich alle Blicke Stawrogin und
-Werchowenski zu.
-
-»Werchowenski, hätten Sie nichts zu sagen?« fragte ihn die Hausfrau.
-
-»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der gähnend und lehnte sich nachlässig auf
-seinem Stuhl zurück. »Übrigens, ich würde gern einen Kognak trinken.«
-
-»Stawrogin, wollen Sie nicht?«
-
-»Nein, danke, ich trinke nicht.«
-
-»Ich meinte, ob Sie nicht reden wollen, und nicht, ob Sie einen Kognak
-wünschen!«
-
-»Reden, worüber? Nein, ich will nicht.«
-
-»Sie werden sofort Ihren Kognak bekommen,« sagte sie zu Werchowenski.
-
-Die Studentin erhob sich wieder, was sie mittlerweile schon mehrmals
-halbwegs getan hatte.
-
-»Ich bin gekommen, um von den Leiden der unglücklichen Studenten zu
-berichten und sie allerorten zum Protest aufzufordern ...«
-
-Sie kam nicht weiter: am anderen Tischende erhob sich ein neuer
-Konkurrent und alle Blicke flogen ihm sofort zu. Schigaleff, der Mann
-mit den langen Ohren, erhob sich mit finsterem, geärgertem Gesicht
-bedächtig vom Stuhl und legte mit melancholischer Miene ein dickes,
-unendlich klein und eng beschriebenes Heft vor sich auf den Tisch. Die
-meisten sahen bestürzt auf das dicke Heft, doch Liputin, Wirginski und
-der lahme Lehrer waren augenscheinlich mit irgend etwas sehr zufrieden.
-
-»Ich bitte ums Wort,« sagte Schigaleff endlich finster, doch bestimmt.
-
-»Herr Schigaleff hat das Wort,« verkündete Wirginski.
-
-Der Redner setzte sich, schwieg wieder und begann darauf feierlichst:
-
-»Meine Herrschaften! ...«
-
-»Hier haben Sie den Kognak!« sagte die Verwandte, die den Tee
-eingegossen hatte und die inzwischen nach dem Kognak gegangen war, mit
-sichtlicher Verachtung. Sie stellte die Flasche und das Glas, die sie in
-der Hand ohne Untersetzer brachte, ärgerlich auf den Tisch vor
-Werchowenski hin.
-
-Der unterbrochene Redner verstummte würdevoll.
-
-»Fahren Sie nur fort, ich höre nicht zu!« rief Werchowenski, der sich
-den Kognak eingoß.
-
-»Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme,« begann
-Schigaleff von neuem, »und wie Sie später sehen werden, Ihre Hilfe in
-einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, muß ich vorher
-einige Worte zur Einleitung sagen.«
-
-»Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere?« fragte plötzlich
-Pjotr Stepanowitsch.
-
-»Wozu brauchen Sie eine Schere?« Sie sah ihn verwundert mit großen Augen
-an.
-
-»Hab mir die Nägel zu schneiden vergessen, obgleich ich's mir schon drei
-Tage immer wieder vorgenommen habe,« sagte er, gelassen seine langen und
-ungeputzten Nägel betrachtend.
-
-Arina Prochorowna wurde rot vor Ärger, doch die Studentin schien daran
-Gefallen zu finden.
-
-»Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere
-gesehen,« sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder
-zurück.
-
-Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm.
-Arina Prochorowna sagte sich, daß das wohl unter freien Menschen so sein
-müsse, und schämte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gäste sahen sich
-stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lächelte boshaft und
-beobachtete Werchowenski mit gehässigem Ausdruck.
-
-Schigaleff fuhr fort:
-
-»Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen
-Verfassung der zukünftigen Gesellschaft, mit dem sich alle
-Gegenwartsmenschen beschäftigen, gewidmet, bin ich zu der Überzeugung
-gekommen, daß alle Gründer sozialer Systeme, seit den ältesten Zeiten
-bis zu unserem 187...sten Jahre, bloß Grübler, Märchenerzähler,
-Dummköpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie
-nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir
-Mensch nennen, gewußt haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Säulen aus
-Aluminium, alles das taugt vielleicht für Spatzen, aber nicht für die
-menschliche Gesellschaft. Da aber die zukünftige Gesellschaftsform
-gerade jetzt festzusetzen unumgänglich nötig ist, gerade in diesem
-Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr
-nachdenken zu müssen, so schlage ich denn mein eigenes System der
-Welteinrichtung vor. Hier ist es!« und er schlug mit der Hand auf sein
-dickes Heft. »Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekürzter
-Form vorlegen, aber ich sah ein, daß ein derartiges Verfahren noch viele
-mündliche Erklärungen nötig machen würde. Daher habe ich mich denn
-entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden -- da es in zehn
-Kapitel eingeteilt ist -- vorzutragen. (Leises Gelächter.) Ich muß Sie
-jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, daß mein System noch nicht
-beendet, das heißt, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres
-Gelächter.) Ich habe mich nämlich in meinen eigenen Argumenten
-verwickelt: meine schließliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu
-der anfänglichen Idee. Nachdem ich von unbeschränkter Freiheit
-ausgegangen bin, komme ich zum Schluß zu unbeschränktem Despotismus.
-Jedenfalls aber füge ich hinzu, daß es außer meiner Lösung der
-Gesellschaftsformel eine andere Lösung überhaupt nicht geben kann.«
-
-Das Gelächter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es
-eigentlich nur die jüngeren, die gewissermaßen nicht ganz eingeweihten
-Gäste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des
-lahmen Lehrers drückte sich einiger Unwille aus.
-
-»Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu
-vollenden, und darüber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch
-bitte, was wir noch machen sollen?« bemerkte vorsichtig einer der
-Offiziere.
-
-»Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier,« wandte sich Schigaleff
-schroff an ihn, »und vor allen Dingen darin, daß Sie das Wort
->Verzweiflung< gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch
-nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich,
-und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner
-finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze
-Gesellschaft aufzufordern, später, also nachdem ich mein System an zehn
-Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung über dasselbe zu äußern. Wollen
-aber die Mitglieder mir nicht zuhören, so ist es besser, wir gehen
-sofort alle auseinander, -- die Männer, um sich mit Verwaltungsarbeiten
-abzugeben, und die Frauen -- in ihre Küchen, aus dem Grunde, weil sie,
-wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr
-finden können. Kei--nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich
-entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum
-ewig Alten zurückkehren werden.«
-
-Man wurde ein wenig unruhig: »Was soll das ...? Wie ...? Etwa
-übergeschnappt ...?« hörte man flüstern.
-
-»Das heißt also, daß die Hauptsache jetzt bloß in Schigaleffs
-Verzweiflung besteht,« folgerte Lämschin, »und die Tagesfrage nur lauten
-kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht?«
-
-»Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persönliche Frage,«
-verkündete der Gymnasiast.
-
-»Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs
-die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich überhaupt lohnt,
-sein System anzuhören oder nicht?« schlug heiter einer von den
-Offizieren vor.
-
-»Hier handelt es sich nicht darum,« mischte sich endlich der lahme
-Lehrer ins Gespräch. Er sprach gewöhnlich mit einem gewissen gleichsam
-spöttischen Lächeln, so daß es eigentlich schwer war, festzustellen, ob
-er im Ernst sprach oder nur scherzte. »Hier, meine Herrschaften, handelt
-es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe
-gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne
-sein Buch. Er schlägt darin vor, und zwar als endgültige Lösung des
-Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der
-kleinere Teil, ungefähr nur ein Zehntel der Menschheit, erhält allein
-persönliche Freiheit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun
-Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre
-Persönlichkeit vollkommen einbüßen und zu einer Art Herde werden, um bei
-grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die
-uranfängliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten
-Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten müssen. Die
-Maßregeln, die der Autor vorschlägt, um den neun Zehnteln der Menschheit
-den persönlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen
-Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, -- diese
-Maßregeln sind ungemein bemerkenswert, stützen sich zudem auf
-naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich
-vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklären
-und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und
-das Wissen des Autors anzweifeln. Das wäre auch unsinnig. Schade, daß
-seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit
-den Umständen so unvereinbar ist, sonst bekämen wir viel Interessantes
-zu hören.«
-
-»Meinen Sie das wirklich im Ernst?« fragte Frau Wirginskaja fast
-beunruhigt den lahmen Lehrer. »Weil dieser Mensch nicht weiß, wohin er
-mit den Menschen soll, verlangt er, daß man neun Zehntel zu Sklaven
-macht? Ich habe ihn schon längst im Verdacht gehabt ... --«
-
-»Sprechen Sie von Ihrem Bruder?« fragte der Lahme.
-
-»Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich über mich
-lustig machen?«
-
-»Und dazu noch für die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Göttern
-gehorchen -- das ist eine Gemeinheit!« rief die Studentin empört.
-
-»Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische
-Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden überhaupt nicht geben,«
-schloß Schigaleff mit Nachdruck.
-
-»Ich aber würde anstatt des Paradieses,« schrie Lämschin, »diese ganzen
-neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts
-anzufangen weiß, einfach in die Luft sprengen, und würde nur ein
-Häufchen gebildeter Leute übriglassen, die dann nach der Wissenschaft
-herrlich und in Freuden leben könnten.«
-
-»So etwas kann nur ein Narr sagen!« fuhr die Studentin auf.
-
-»Er ist ein Narr, aber er ist nützlich,« flüsterte ihr Frau Wirginskaja
-zu.
-
-»Und vielleicht wäre das die beste Lösung der Aufgabe!« wandte sich
-Schigaleff lebhaft zu Lämschin. »Sie wissen natürlich nicht mal, welch
-einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da
-aber Ihr Vorschlag kaum erfüllbar ist, so muß man sich eben mit dem
-sogenannten Erdenparadies begnügen.«
-
-»Einstweilen ist das schon genügender Unsinn!« bemerkte plötzlich
-Werchowenski, anscheinend ganz unwillkürlich als Betrachtung, die einem
-mal so entschlüpft. Übrigens fuhr er dabei gelassen und ohne
-aufzublicken fort, seine Nägel zu beschneiden.
-
-»Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein?« griff sofort der lahme
-Lehrer die Bemerkung auf, als hätte er nur auf das erste Wort von
-Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu können. »Warum denn gerade
-ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der
-Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, daß selbst Fourier, Cabet ganz
-besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und
-allerfanatischsten theoretischen Lösungen der Frage gegeben haben. Herr
-Schigaleff hat vielleicht noch am nüchternsten von ihnen allen die Sache
-angefaßt. Ich versichere Sie, daß es nach der Lektüre seines Buches fast
-unmöglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht übereinzustimmen.
-Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realität entfernt, und
-sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, über
-dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt -- vorausgesetzt natürlich,
-daß es wirklich einmal existiert hat.«
-
-»Ich konnte mir ja denken, daß ich mir da was auf den Hals lade,«
-murmelte Werchowenski wieder nachlässig.
-
-»Erlauben Sie,« regte sich der Lahme mehr und mehr auf, »Gespräche und
-Betrachtungen über die zukünftige soziale Einrichtung sind fast die
-dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander
-Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und
-Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle weiß, ganze Abende mit
-seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus über die
-kleinsten Einzelheiten der zukünftigen sozialen Welteinrichtung
-debattierte, ja, sozusagen über deren Küchenfragen stritt.«[46]
-
-»Und einige werden darüber gar vollends verrückt,« bemerkte der Major.
-
-»Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen,
-und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren
-dazusitzen und zu schweigen,« rief Liputin gehässig, der es jetzt
-endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen.
-
-»Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen >Unsinn< gesagt,« murmelte
-Werchowenski nachlässig, fast kaum verständlich seine Worte. »Sehen Sie,
-meine Herrschaften,« er blickte kurz auf -- »meiner Meinung nach sind
-alle diese Bücher Fouriers, Cabets, alle diese >Arbeitsrechte<, der
-Schigalewismus -- alles das erinnert an Romane, die man ja zu
-Hunderttausenden schreiben kann. Ästhetischer Zeitvertreib. Ich begreife
-ja, daß Sie es hier im Städtchen langweilig haben und sich eben darum
-aufs Schreibpapier stürzen.«
-
-»Erlauben Sie,« der Lahme rückte ungeduldig auf dem Stuhl, »wenn wir
-auch Provinzler sind und natürlich schon deswegen allein Mitleid
-verdienen, so wissen wir doch, daß inzwischen in der Welt nichts so
-Besonderes oder Neues geschehen ist, als daß wir Grund hätten, darüber
-zu klagen, daß wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert
-man uns nun auf, durch verschiedene Schandblätter ausländischen
-Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbünde
-zu gründen, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstörung -- unter dem
-Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund
-könne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert
-Millionen Köpfe ab, so könne man nach dieser Erleichterung besser über
-den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber -- mit der
-Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, über
-den Sie sich noch im Augenblick so verächtlich äußerten.«
-
-»Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier
-Betrachtungen anzustellen,« versprach sich Werchowenski gleichsam mit
-einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als hätte er das selbst gar
-nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller
-habe.
-
-»Schade, wirklich sehr schade, daß Sie nicht zu dem Zweck hergekommen
-sind, und desgleichen, daß Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschäftigt
-sind!«
-
-»Was hat das mit meiner Toilette zu tun?«
-
-»Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Köpfe zu verringern, ist
-ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda
-umzuändern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Rußland,« wagte
-sich Liputin wieder vor.
-
-»Man scheint jetzt allgemein auf Rußland zu hoffen,« bemerkte einer von
-den Offizieren.
-
-»Ja, auch wir haben davon gehört, daß man auf Rußland hofft,« griff der
-lahme Lehrer die Bemerkung auf. »Wir wissen, daß auf unser herrliches
-Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am
-meisten zur Ausführung der großen Aufgabe befähigt ist. Nur eines muß
-man dabei nicht außer acht lassen: im Falle einer allmählichen Lösung
-der Aufgabe durch Propaganda kann ich persönlich doch immerhin etwas
-dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, daß ich angenehm
-habe plaudern können, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen
-Orden für meine Dienste für die soziale Sache. Aber im zweiten Falle,
-bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen
-Köpfen -- was hätte ich da für eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an
-dafür Propaganda zu machen, so schneidet man mir womöglich noch die
-Zunge ab.«
-
-»Ihnen wird sie bestimmt abgeschnitten,« sagte Werchowenski.
-
-»Sehen Sie wohl. Da man aber selbst unter den günstigsten Umständen eine
-solche Metzelei vor fünfzig Jahren, oder meinetwegen auch nur dreißig,
-nicht beenden kann, -- denn das sind doch keine Lämmer, die sich
-protestlos den Hals abschneiden lassen --, so meine ich: sollte es da
-nicht ratsamer sein, Hab und Gut aufzupacken und irgend wohin auf eine
-stille Insel im Stillen Ozean zu gehen und dort in Frieden seine Augen
-zu schließen? Glauben Sie mir,« rief er lauter und klopfte dabei mit dem
-Finger an den Tischrand, »mit solch einer Propaganda rufen Sie nur
-allgemeine Auswanderung hervor und sonst nichts weiter!«
-
-Er schloß sichtlich triumphierend. Er war bei uns bekannt als kluger
-Kopf. Liputin lächelte schadenfroh, Wirginski hörte ein wenig wehmütig
-zu, die anderen aber folgten ungewöhnlich aufmerksam dem ganzen Streit,
-besonders die Offiziere und die Damen. Alle begriffen, daß der Agent der
-hundert Millionen abgeschnittener Köpfe an die Wand gedrückt war und
-warteten nun, was aus all dem werden würde.
-
-»Das haben Sie übrigens ganz gut gesagt,« bemerkte womöglich noch
-gleichgültiger als vorher, ja, beinahe schon gelangweilt, Werchowenski.
-»Auswandern ist ein guter Gedanke. Aber da sich trotz all der
-augenscheinlichen Nachteile, die Sie ja vorausfühlen, doch von Tag zu
-Tag immer mehr Anhänger oder Soldaten für die neue Sache melden, so wird
-man auch ohne Sie auskommen. Hier ist, mein Bester, eben die neue
-Religion dabei, die die alte ersetzt, darum finden sich auch so viele
-Jünger ein. Also Sie wandern aus! Hm, wissen Sie, da würde ich Ihnen
-aber raten, doch lieber nach Dresden zu gehen, und nicht auf eine stille
-Insel. Erstens ist das eine Stadt, die noch nie eine Epidemie gesehen
-hat, und da Sie ja ein vernünftiger Mensch sind, so fürchten Sie doch
-bestimmt den Tod. Zweitens ist Dresden nicht sehr weit von der
-russischen Grenze, so daß man denn sehr schnell die Renten aus dem
-liebenswürdigen Vaterlande erhalten kann. Drittens hat es in seinen
-Mauern sogenannte Kunstschätze, Sie aber sind ein ästhetischer Mensch,
-gewesener Lehrer der Literatur, wenn ich mich nicht täusche. Na, und
-endlich hat es noch seine eigene kleine Schweiz, eine in der
-Taschenausgabe -- so etwas aber ist doch für die poetische Inspiration
-unumgänglich nötig, zumal Sie doch gewiß Gedichte schreiben. Mit einem
-Wort, ein Schatz in einer Tabaksdose!«
-
-Die Gäste wurden unruhig; besonders die Offiziere. Noch ein Augenblick,
-so schien es, und alle hätten plötzlich gesprochen. Der lahme Lehrer
-jedoch biß sofort nach dem Köder:
-
-»Erlauben Sie, ich habe durchaus noch nicht gesagt, daß ich die
-allgemeine Sache im Stich lassen will! Das sollte man auseinanderhalten
-...«
-
-»Wieso, würden Sie denn in eine >Fünf< eintreten, wenn ich Ihnen das
-vorschlüge?« warf plötzlich Werchowenski die Frage hin und legte die
-Schere auf den Tisch.
-
-Die ganze Versammlung zuckte gleichsam zusammen. Der rätselhafte Mensch
-hatte sich etwas zu plötzlich aufgedeckt. Sogar das Wort »die Fünf«
-hatte er ausgesprochen.
-
-»Jeder, der sich für einen ehrlichen Menschen hält, zieht sich nicht von
-der allgemeinen Sache zurück,« versuchte der Lehrer die offene Antwort
-zu umgehen, »aber ...«
-
-»Nein, bitte, hier kann man mir nicht mit einem >aber< kommen,«
-unterbrach ihn Werchowenski schroff und gebieterisch. »Ich erkläre
-hiermit, meine Herrschaften, daß ich eine offene, gerade Antwort
-verlange. Ich weiß nur zu gut, daß ich, der ich nicht grundlos hierher
-gekommen bin und Sie alle selbst versammelt habe, Ihnen Erklärungen
-schuldig bin.« (Wieder ein unerwarteter Aufschluß.) »Wie aber soll ich
-Erklärungen geben, wenn ich nicht weiß, welcher Art Ihre Gedanken sind?
-Gespräche vermeide ich, -- denn wozu soll man wieder dreißig Jahre lang
-schwatzen, wie man bisher schon dreißig Jahre geschwatzt hat -- und
-frage Sie deshalb einfach, was Sie lieber wollen: den langsamen Weg, der
-im Schreiben sozialer Romane besteht und der kanzleimäßigen
-Vorausbestimmung der menschlichen Schicksale auf tausend Jahre, jedoch
-nur auf dem Schreibpapier, während der Despotismus in dieser Zeit die
-gebratenen Stücke schluckt, die eigentlich Ihnen in den Mund fliegen
-sollten und das bloß nicht können, weil Sie den Mund geschlossen halten?
-Oder sind Sie für die schnelle Entscheidung, worin diese auch bestehen
-sollte, die aber auf jeden Fall endlich die Hände befreit und der
-Menschheit erlaubt, sich frei ihr eigenes Schicksal zu schaffen, und
-zwar in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier? Da schreit man
-nun: >Aber hundert Millionen Köpfe!< Das ist vielleicht nur eine
-Metapher, aber wozu denn davor zurückschrecken, wenn der Despotismus bei
-der langsamen Papierlösung schon in irgend welchen hundert Jahren nicht
-nur hundert Millionen, sondern fünfhundert Millionen Köpfe verschlingen
-wird? Und vergessen Sie nicht, daß ein unheilbarer Kranker so wie so
-nicht gesund werden kann, was für Rezepte Sie ihm auch verschreiben
-mögen, -- daß seine Krankheit sich, im Gegenteil, nur verschlimmert, je
-länger man sie hinzieht, bis er schließlich bei lebendigem Leibe
-verfault, derart, daß er auch uns ansteckt und alle frischen Kräfte, auf
-die wir jetzt rechnen, verdirbt -- so daß wir dann womöglich überhaupt
-nichts mehr zustande bringen können. Ich gebe ja gern zu, daß >liberal<
-und schön zu reden, sehr angenehm ist, handeln aber -- etwas >angreift<
-... Nun ja, übrigens verstehe ich nicht zu reden. Ich bin mit
-Nachrichten hierher gekommen, und darum bitte ich jetzt die ganze
-verehrte Gesellschaft, nicht etwa abzustimmen, nein, sondern einfach und
-ohne Umschweife zu sagen, was Sie lustiger fänden: einen
-Schildkrötengang im Sumpf, oder mit Volldampf durch den Sumpf hindurch?«
-
-»Ich erkläre mich positiv für den Volldampf!« rief der Gymnasiast
-begeistert.
-
-»Ich auch!« rief Lämschin.
-
-»Bei solcher Wahl bleibt natürlich kein Zweifel ...« meinte einer der
-Offiziere. Nach ihm stimmte noch jemand bei und dann noch jemand.
-
-Am meisten frappierte es alle, daß Werchowenski mit »Nachrichten«
-hergekommen war und offenbar sofort reden würde.
-
-»Meine Herrschaften, ich sehe, daß fast alle im Sinne der Proklamationen
-entscheiden,« sagte er, während sein Blick alle Anwesenden überflog.
-
-»Alle, alle!« riefen die meisten.
-
-»Ich muß gestehen, daß ich eigentlich mehr für eine humane Lösung bin,«
-sagte der Major, »da aber schon alle dafür stimmen, so halte auch ich
-mit.«
-
-»Es scheint also, daß auch Sie nicht widersprechen?« wandte sich
-Werchowenski an den lahmen Lehrer.
-
-»Ich kann nicht sagen, daß ich gerade ...« erwiderte dieser zögernd und
-wurde ein wenig rot, »aber wenn ich mich jetzt den anderen anschließe,
-so tue ich es nur, um nicht zu stören ...«
-
-»Na ja, so seid ihr ja alle! Seid bereit, ein halbes Jahr lang um der
-liberalen Redekunst willen zu streiten, und endet dann damit, daß ihr
-euch bloß >den anderen anschließt<! Meine Herren, denken Sie erst einmal
-nach, ob Sie wirklich bereit sind?«
-
-(Wozu bereit? -- eine unbestimmte, doch furchtbar verlockende Frage.)
-
-»Gewiß doch! natürlich, alle ...« ertönten Stimmen.
-
-Übrigens sahen sich dabei alle etwas scheu gegenseitig an.
-
-»Aber vielleicht werdet ihr euch dann dadurch gekränkt fühlen, daß ihr
-so schnell einverstanden wart? Das ist doch gewöhnlich mit euch so.«
-
-Man geriet in Erregung; aus verschiedenen Gründen; man geriet schon in
-Aufregung. Der Lahme stieß von neuem auf Werchowenski vor.
-
-»Erlauben Sie einstweilen zu bemerken, daß die Antworten auf solche
-Fragen gewissermaßen bedingt sind. Wenn wir auch den Entschluß gefaßt
-haben, so bitte ich, doch nicht vergessen zu wollen, daß eine Frage, die
-in so sonderbarer Weise gestellt ...«
-
-»Inwiefern in sonderbarer Weise?«
-
-»Solche Fragen werden nicht so gestellt.«
-
-»Dann sagen Sie mir gefälligst, wie. Im übrigen war ich von vornherein
-überzeugt, daß gerade _Sie_ sich als erster gekränkt fühlen würden.«
-
-»Sie haben unser Einverständnis zu sofortigem Handeln uns gewissermaßen
-entrissen. Aber was für ein Recht hatten Sie dazu? Was für
-Bevollmächtigungen besitzen Sie, um solche Fragen stellen zu können?«
-
-»Das zu fragen, hätte Ihnen früher einfallen sollen! Warum haben Sie
-denn geantwortet? Sie haben sich einverstanden erklärt, und damit basta!
-Nun ist es zu spät, auf so etwas zurückzukommen.«
-
-»Mir scheint, daß die leichtsinnige Aufrichtigkeit Ihrer Hauptfrage
-einen auf die Idee bringen kann, daß Sie weder Vollmacht, noch sonst ein
-Recht haben, diese Frage zu stellen, sondern einfach nur von sich aus --
-neugierig waren.«
-
-»Wovon reden Sie? Was wollen Sie damit sagen?« rief da plötzlich
-Werchowenski gleichsam erschrocken und tat, als werde er plötzlich
-unmutig.
-
-»Ich meine, daß eine Aufnahme, was für eine es auch sei, wenigstens
-unter vier Augen gemacht wird, und nicht in unbekannter Gesellschaft von
-zwanzig Menschen!« platzte der Lahme mit dem verhängnisvollen Wort
-heraus.
-
-Werchowenski wandte sich sofort mit vorzüglich gespielter Aufregung an
-die Anwesenden.
-
-»Meine Herren, ich halte es für meine Pflicht, allen mitzuteilen, daß
-das nur Dummheiten waren und unser Gespräch etwas zu weit gegangen ist.
-Ich habe noch so gut wie keinen aufgenommen, und niemand hat das Recht,
-von mir zu sagen, daß ich es hier getan hätte: wir haben einfach über
-verschiedene Meinungen gesprochen. Nicht wahr? Aber wie dem auch sei,
-jedenfalls regen Sie mich nicht wenig auf,« wandte er sich wieder zu dem
-Lahmen, »ich hätte nie gedacht, daß man hier über solche fast
-unschuldigen Dinge nur unter vier Augen sprechen darf. Oder fürchten
-Sie, daß jemand uns anzeigen könnte? Kann denn wirklich jetzt ein
-Verräter unter uns sein?«
-
-Die allgemeine Aufregung war ungeheuer. Alle begannen zu sprechen.
-
-»Meine Herren, wenn das der Fall wäre,« fuhr Werchowenski fort, »so bin
-ich es doch, den ich am meisten kompromittiert habe, und darum schlage
-ich vor, noch auf eine Frage zu antworten, versteht sich, nur wenn Sie
-wollen. Sie haben den freien Willen ...«
-
-»Was für eine Frage? Welch eine Frage?« riefen alle durcheinander.
-
-»Eine Frage, nach deren Beantwortung wir entscheiden können, ob wir alle
-zusammen bleiben sollen, oder ob wir besser tun, wenn wir schweigend
-unsere Hüte nehmen und jeder seinen eigenen Weg geht.«
-
-»Stellen Sie die Frage, stellen Sie die Frage!«
-
-»Wenn einer von Ihnen von einem beabsichtigten politischen Morde erführe
--- würde er dann, wenn er alle Folgen voraussieht, hingehen und Anzeige
-erstatten, oder würde er zu Hause bleiben und den Dingen ruhig ihren
-Lauf lassen. Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Die Antwort
-auf meine Frage wird uns sagen, ob wir auseinandergehen oder
-zusammenbleiben sollen, und wenn das letztere, dann nicht nur für heute
-abend. Gestatten Sie, daß ich mich mit dieser Frage an Sie als ersten
-wende,« wandte er sich an den Lahmen.
-
-»Warum denn gerade an mich als ersten?«
-
-»Weil doch nur von Ihnen diese ganze Auseinandersetzung heraufbeschworen
-worden ist. Haben Sie die Güte, die Antwort nicht umgehen zu wollen.
-Ausflüchte sind hier nicht am Platz. Doch übrigens, wie Sie wollen. Ihr
-freier Wille, wie gesagt.«
-
-»Erlauben Sie, eine solche Frage ist einfach beleidigend.«
-
-»Ich muß schon bitten, etwas deutlicher zu sein.«
-
-»Ich bin noch nie Agent der Geheimpolizei gewesen.«
-
-»Haben Sie die Güte, mich nicht aufzuhalten. Etwas bestimmter, wenn ich
-bitten darf.«
-
-Der Lahme ärgerte sich dermaßen, daß er überhaupt aufhörte, zu
-antworten. Schweigend, mit bösem Blick, sah er, ohne seine Augen
-abzuwenden, hinter der Brille hervor auf seinen Peiniger.
-
-»Ja oder nein? Würden Sie anzeigen, oder würden Sie nicht anzeigen?«
-schrie plötzlich Werchowenski.
-
-»Selbstverständlich zeige ich _nicht_ an!« schrie noch zweimal lauter
-der Lahme.
-
-»Und keiner wird anzeigen, kein einziger! ... Ist doch wirklich
-lächerlich! ... so etwas! ...« ertönten mehrere Stimmen.
-
-»Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie wende, Herr Major: würden Sie
-anzeigen, ja oder nein?« fuhr Werchowenski fort. »Bitte zu beachten, daß
-ich mich absichtlich an Sie wende.«
-
-»Ich zeige nicht an.«
-
-»Nun, aber wenn Sie wüßten, daß irgend jemand einen anderen erschlagen
-und berauben will, einen gewöhnlichen Sterblichen, so würden Sie es doch
-melden, nicht wahr?«
-
-»Natürlich, aber das wäre doch ein ziviler Fall, hier aber handelt es
-sich um eine politische Anzeige. Bin kein Agent der Geheimpolizei.«
-
-»Ja aber, das ist hier doch keiner!« hörte man wieder ein paar Stimmen.
-»Unnütze Frage. Alle haben dieselbe Antwort. Hier gibt es doch keine
-Verräter!«
-
-»Warum steht dieser Herr dort auf?« rief plötzlich die Studentin.
-
-»Das ist Schatoff! Warum sind Sie aufgestanden, Schatoff?« rief die
-Hausfrau erregt.
-
-Schatoff hatte sich tatsächlich erhoben, stand, die Mütze in der Hand,
-und sah auf Werchowenski. Es war, als wolle er ihm etwas sagen, doch
-schien er noch unentschlossen zu sein. Sein Gesicht war blaß und zornig,
-aber er bezwang sich, sagte kein Wort und verließ stumm das Zimmer.
-
-»Schatoff, das ist doch für Sie selbst unvorteilhaft!« rief ihm
-Werchowenski rätselhaft nach.
-
-»Dafür ist es aber für dich vorteilhaft, für dich Spion und Schurken!«
-rief Schatoff von der Tür zurück und trat hinaus.
-
-Wieder Ausrufe, Lärm.
-
-»Da haben wir ja jetzt die Probe!« rief eine Stimme.
-
-»Hat genützt!« rief eine andere.
-
-»Hat sie nicht vielleicht zu spät genützt?« fragte eine dritte.
-
-»Wer hat ihn eingeladen? -- Wer hat ihn empfangen? -- Wer ist es? -- Was
-ist dieser Schatoff? -- Wird er denunzieren? ... wird er nicht? ...«
-schwirrten die Fragen durcheinander.
-
-»Wenn er denunzieren wollte, so würde er sich verstellt haben, so aber
-hat er gleichsam auf die ganze Sache einfach gespuckt und ist
-fortgegangen,« bemerkte jemand.
-
-»Da steht auch schon Stawrogin auf! Stawrogin hat auch nicht auf die
-Frage geantwortet!« rief wieder die Studentin.
-
-Stawrogin war tatsächlich aufgestanden und sogleich hatte sich auch
-Kirilloff am anderen Tischende von seinem Platz erhoben.
-
-»Verzeihen Sie, Herr Stawrogin,« wandte sich die Hausfrau nervös an ihn,
-»wir haben hier alle auf die Frage geantwortet, während Sie nun allein
-schweigend fortgehen wollen?«
-
-»Ich fühle mich nicht verpflichtet, auf eine Frage zu antworten, die Sie
-interessiert,« sagte Stawrogin.
-
-»Aber wir haben uns kompromittiert und Sie nicht!« riefen die Stimmen
-wieder.
-
-»Was geht das mich an, daß Sie sich kompromittiert haben,« lachte
-Stawrogin auf, doch seine Augen funkelten.
-
-»Wieso -- geht das Sie nichts an? Wieso -- geht das Sie nichts an?«
-fragte man sofort.
-
-Einige sprangen von ihren Plätzen auf.
-
-»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie!« rief der Lahme. »Herr
-Werchowenski hat ja auch noch nicht auf die Frage geantwortet, sondern
-sie bloß gestellt!«
-
-Diese Bemerkung machte einen geradezu lähmenden Eindruck. Alle sahen
-sich erstaunt an. Stawrogin lachte laut dem Lahmen ins Gesicht und ging
-aus dem Zimmer. Kirilloff folgte ihm. Werchowenski lief beiden sofort
-ins Vorzimmer nach.
-
-»Was machen Sie aus mir!« flüsterte er erregt, Stawrogins Hand fassend,
-die er mit aller Kraft in der seinigen preßte.
-
-Der entriß sie ihm schweigend.
-
-»Seien Sie sofort bei Kirilloff, ich werde kommen ... Ich muß, ich muß
-Sie unbedingt sprechen!«
-
-»Für mich gibt es kein Muß!« schnitt ihm Stawrogin das Wort ab.
-
-»Stawrogin wird bei mir sein,« beendete Kirilloff das Gespräch.
-»Stawrogin, es gibt für Sie doch ein Muß. Ich werde es Ihnen dort
-zeigen.«
-
-Sie gingen hinaus.
-
-
-
-
- Dreizehntes Kapitel.
- Zarewitsch Iwan
-
-
-Sie traten hinaus. Pjotr Stepanowitsch kehrte zuerst in das Gastzimmer
-zurück, um das Chaos zu besänftigen, doch er sah bald ein, daß hier jede
-Mühe vergeblich war, und so lief er denn schon nach zwei Minuten den
-Fortgegangenen nach. Unterwegs fiel ihm eine Querstraße ein, durch die
-er ein gutes Stück Weges abschneiden konnte. Er bog in sie ein -- es war
-eine Winkelgasse, in der er im Schlamm fast bis über die Knöchel versank
--- und erreichte auf diese Weise das Filippoffsche Haus fast in
-demselben Augenblick, als Stawrogin und Kirilloff durch die Hofpforte
-traten.
-
-»Schon hier? -- Das ist gut.« sagte Kirilloff. »Kommen Sie.«
-
-»Wie, Sie sagten doch, daß Sie ganz allein leben?« fragte Stawrogin, als
-er im Flur den schon aufgesetzten Samowar bemerkte, der schon zu summen
-begann.
-
-»Werden gleich sehen, mit wem ich lebe,« murmelte Kirilloff. »Treten Sie
-ein.«
-
-Kaum hatten sie sich gesetzt, als Werchowenski den anonymen Brief, den
-er sich von Herrn von Lembke ausgebeten hatte, aus der Tasche zog und
-ihn vor Stawrogin auf den Tisch legte. Stawrogin las ihn schweigend
-durch.
-
-»Nun?« fragte er.
-
-»Dieser Schuft wird bestimmt das tun, wozu er sich erboten hat,«
-erklärte Werchowenski. »Da er in Ihrer Hand ist, so sagen Sie bitte, wie
-man mit ihm umgehen soll. Ich versichere Ihnen, daß er vielleicht schon
-morgen zu Lembke geht.«
-
-»Nun, mag er doch gehen.«
-
-»Wieso, mag er doch? Wenn man das verhindern kann!«
-
-»Sie irren sich, er hängt durchaus nicht von mir ab. Und übrigens ist es
-mir wirklich gleichgültig. Mir droht er doch mit nichts, bloß Ihnen.«
-
-»Auch Ihnen.«
-
-»Ich glaube nicht.«
-
-»Aber andere könnten Sie vielleicht nicht schonen. Sollten Sie das
-wirklich nicht begreifen? Hören Sie, Stawrogin, das ist doch nur ein
-Spiel mit Worten. Tut Ihnen wirklich das Geld leid?«
-
-»Ist dazu überhaupt Geld nötig?«
-
-»Unbedingt. Zweitausend oder _minimum_ tausend fünfhundert Rubel. Geben
-Sie mir die Summe morgen oder meinetwegen heute noch, und morgen abend
-schaffe ich ihn nach Petersburg. Das will er ja selbst! Wenn Sie wollen,
-mitsamt Marja Timofejewna -- beachten Sie das!«
-
-Es war etwas vollkommen Irres in Werchowenski, er sprach unvorsichtig,
-hastig, die Worte entfuhren ihm unbedacht.
-
-Stawrogin betrachtete ihn mit Verwunderung.
-
-»Ich habe gar keinen Grund, Marja Timofejewna fortzuschicken,« sagte er.
-
-»Vielleicht _wollen_ Sie es nicht einmal?« fragte Pjotr Stepanowitsch
-mit ironischem Lächeln.
-
-»Vielleicht will ich es nicht einmal.«
-
-»Kurzum: wird das Geld zur Stelle sein, oder wird es nicht zur Stelle
-sein?« fuhr er plötzlich, in geärgerter Ungeduld und fast herrisch,
-Stawrogin an.
-
-Dieser besah ihn sich mit ernstem Gesicht.
-
-»Es wird nicht zur Stelle sein.«
-
-»Ei, Stawrogin! Sie wissen offenbar irgend etwas, oder haben schon
-irgend etwas getan! Sie führen ein wildes Leben!«
-
-Sein Gesicht verzog sich dabei. Seine Mundwinkel zuckten, und plötzlich
-lachte er ein ganz grundloses, unvermitteltes Lachen, das gar nicht
-hierher paßte.
-
-»Sie haben erst kürzlich von Ihrem Vater Geld für das Gut erhalten,«
-bemerkte Stawrogin ruhig. »Meine Mutter hat Ihnen die sechs- oder
-achttausend Rubel, die Sie von Stepan Trophimowitsch verlangten, für das
-Gut ausgezahlt. Davon können Sie doch, wenn das für Sie so nötig ist,
-sehr wohl tausendfünfhundert aus Ihrer Tasche bezahlen. Ich habe es
-satt, immer für andere zu zahlen, und habe schon so viel ausgegeben, daß
-es für mich beinahe kränkend ist ...« Er mußte selbst über seine letzten
-Worte lächeln.
-
-»Ah, Sie beginnen zu scherzen ...«
-
-Stawrogin erhob sich, sofort sprang auch Werchowenski auf und stellte
-sich mechanisch vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren. Stawrogin
-machte schon eine Bewegung, um ihn fortzustoßen und hinauszugehen --
-doch plötzlich blieb er stehen.
-
-»Ich trete Ihnen Schatoff nicht ab,« sagte er.
-
-Pjotr Stepanowitsch zuckte zusammen; sie sahen sich an.
-
-»Ich habe Ihnen heute unterwegs gesagt, wozu Sie Schatoffs Blut
-brauchen,« sagte Stawrogin mit funkelnden Augen. »Mit diesem Blut wollen
-Sie Ihre Fünfer-Gruppen zusammenleimen. Vorhin haben Sie ja Schatoff auf
-eine ganz vorzügliche Weise hinausgejagt: Sie wußten nur zu gut, daß er
-niemals sagen würde, >ich denunziere nicht< -- vor Ihnen aber zu lügen
-für unter seiner Würde hält. Doch wozu brauchen Sie mich, mich jetzt
-eigentlich? Was soll ich bei all dem? Nachdem ich aus dem Auslande
-zurückgekehrt bin, drängen Sie sich mir immer wieder auf. Das, womit Sie
-mir Ihr Benehmen bis jetzt erklärt haben, ist nur Fieberphantasie. Dabei
-wollen Sie, daß ich, indem ich Lebädkin tausendfünfhundert Rubel
-einhändige, damit Ihrem Fedjka das Zeichen gebe, ihn zu erstechen. Ich
-weiß, Sie denken, daß ich zu gleicher Zeit auch meine Frau ermorden
-lassen will. Und wenn Sie mich dann mit einem Verbrechen an sich
-gebunden haben, so hoffen Sie, Macht über mich zu bekommen -- ist es
-nicht so? Wozu aber wollen Sie diese Macht? Für welch eine Teufelei in
-aller Welt brauchen Sie mich? Ich sage Ihnen ein für allemal: machen Sie
-doch endlich einmal Ihre Augen auf und sehen Sie näher zu, ob ich
-überhaupt ein Mensch für Sie bin, und lassen Sie mich dann endlich in
-Ruh!«
-
-»Fedjka ist selbst zu Ihnen gekommen?« fragte Werchowenski beklommen.
-
-»Ja, er ist selbst zu mir gekommen. Sein Preis ist gleichfalls genau
-tausend fünfhundert ... Da -- er kann es ja selbst bestätigen, da ist er
-ja ...« rief Stawrogin und streckte seine Hand gegen die Tür hin aus.
-
-Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell um. Auf der Schwelle stand, aus
-der Dunkelheit hervortretend, eine Menschengestalt -- Fedjka, im kurzen
-Pelz, doch ohne Mütze, ganz wie einer, der im Hause wohnt. Er stand da
-und lächelte, daß man seine gleichmäßigen weißen Zähne schimmern sah.
-Die schwarzen Augen mit dem gelben Zigeunerglanz huschten vorsichtig
-durch das Zimmer und gingen von einem zum anderen der Herren. Er schien
-irgend etwas nicht zu verstehen: wahrscheinlich hatte ihn Kirilloff
-herangewinkt, denn zu dem wandte sich immer wieder sein fragender Blick.
-Er blieb auf der Schwelle stehen und schien nicht eintreten zu wollen.
-
-»Er ist hier wohl in Bereitschaft gehalten worden, um unseren ganzen
-Schacher mit anzuhören, vielleicht gar um das Geld gleich in Empfang zu
-nehmen -- ist's nicht so?« fragte Stawrogin, und ohne die Antwort
-abzuwarten, verließ er das Haus.
-
-Werchowenski lief ihm sofort nach, und holte ihn noch bei der Hofpforte
-ein.
-
-»Bleib! Keinen Schritt!« rief er und packte ihn am Ellenbogen.
-
-Stawrogin riß seinen Arm zurück, konnte ihn jedoch nicht befreien. Da
-packte ihn die Wut und mit der linken Hand ergriff er Werchowenski bei
-den Haaren, schleuderte ihn mit aller Kraft zu Boden und trat dann
-hinaus auf die Straße. Aber noch war er nicht dreißig Schritt gegangen,
-als der andere ihn schon wieder einholte.
-
-»Versöhnen wir uns, versöhnen wir uns,« kam es in bebendem Flüsterton,
-fast bettelnd, von seinen Lippen.
-
-Stawrogin zuckte mit der Schulter und ging weiter.
-
-»Hören Sie, ich bringe morgen Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen, wollen Sie?
-Nicht? Warum antworten Sie denn nicht? Sagen Sie nur, was Sie wollen,
-und ich tue es. Hören Sie: ich lasse Ihnen auch Schatoff, wollen Sie?«
-
-»Dann ist es also wahr, daß Sie ihn wirklich ermorden wollten?«
-
-»Nun, wozu brauchen Sie Schatoff? Was haben Sie von ihm?« fuhr atemlos
-schnell Werchowenski fort, indem er ihm bald in den Weg lief, bald
-wieder ihn am Ellenbogen ergriff, augenscheinlich, ohne sich dessen
-überhaupt bewußt zu werden. »Hören Sie: ich gebe Ihnen Schatoff,
-versöhnen wir uns nur, versöhnen wir uns! Ihre Rechnung ist groß, aber
-... versöhnen wir uns!«
-
-Stawrogin sah ihn schließlich an und war betroffen. Das war nicht mehr
-derselbe Blick, nicht mehr dieselbe Stimme, wie sonst und wie noch dort
-im Zimmer. Das war fast ein ganz anderes Gesicht, das er da vor sich
-sah. Und auch die Stimme war eine ganz andere: Werchowenski flehte,
-winselte geradezu. Das war ja ein Mensch, dem man das Teuerste auf Erden
-nimmt, oder schon fortgenommen hat, und der noch nicht zur Besinnung
-gekommen ist.
-
-»Was ist mit Ihnen geschehen?« rief Stawrogin unwillkürlich.
-
-Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah
-mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu
-ihm auf.
-
-»Versöhnen wir uns!« flüsterte er noch einmal. »Hören Sie, ich halte wie
-Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber -- ich will mich mit Ihnen
-versöhnen!«
-
-»Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir?« rief
-Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. »Soll das
-etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman für Sie?«
-
-»Hören Sie, wir machen einen Aufruhr,« redete der andere schnell und
-wirr, fast wie im Fieber. »Sie glauben nicht, daß wir einen Aufruhr
-machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in den
-Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man
-sich noch halten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn
-solcher Gruppen in ganz Rußland, und ich bin nicht zu fangen.«
-
-»Und überall dieselben Dummköpfe!« entfuhr es Stawrogin wider Willen.
-
-»Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas
-dümmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, daß Sie dies
-noch wünschen sollten. Sie fürchten sich, Sie glauben nicht daran, der
-Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Dabei sind sie
-gar nicht mal solche Dummköpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen
-Verstand. Heutzutage gibt es überhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand.
-Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir,
-zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an.
-Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt
-keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse hätte. Nur Lämschin
-allein hat keine, dafür ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar
-solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld -- beachten wir
-schon das allein! Wenn auch nur das allein! -- was? Dazu sichere
-Verstecke. Mögen sie dann suchen! _Eine_ Gruppe reißt man heraus, und
-auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hören Sie,
-wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, daß wir
-zwei vollkommen genügen?«
-
-»Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ...«
-
-»Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie _à
-la_ Fourier, nur mutiger als Fourier, nur stärker als Fourier. Ich werde
-mich mit ihm beschäftigen. Er hat die >Gleichheit< erdacht!«
-
--- »Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muß etwas ganz Besonderes
-mit ihm geschehen sein,« dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von
-der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben.
-
-»In seiner Schrift ist das eine gut,« fuhr Werchowenski fort, »er hat
-die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein
-jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn nötigenfalls anzuzeigen.
-Jeder einzelne gehört allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven
-und in der Sklaverei einander gleich. In äußersten Fällen Verleumdung
-und Mord, -- aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann
-das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natürlichen,
-angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur höheren
-Begabungen zugänglich -- wir aber brauchen keine höheren Begabungen!
-Höhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren
-Despoten. Höheren Begabungen ist es unmöglich, nicht Despoten zu sein,
-und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt
-sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge
-abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare
-wird gesteinigt -- das ist der Schigalewismus! Sklaven müssen gleich
-sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit
-gegeben, in der Herde aber muß Gleichheit sein, und da haben Sie den
-Schigalewismus! Ha--ha--ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin für
-den Schigalewismus!«
-
-Stawrogin schritt schneller aus, um endlich nach Hause zu kommen. --
-»Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er denn inzwischen
-trinken können?« fuhr es ihm durch den Kopf. »Sollte wirklich der eine
-Kognak --?«
-
-»Hören Sie, Stawrogin: Berge zur Ebene machen -- ist ein guter Gedanke,
-nicht ein lächerlicher. Ich bin für Schigaleff! Bildung ist nicht nötig,
-von Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das
-Material für tausend Jahre, aber zuerst muß sich der Gehorsam
-durchsetzen. Nur eines ist noch nicht genug vorhanden in der Welt -- und
-das ist Gehorsam. Jeder Bildungsdurst ist schon ein aristokratischer
-Trieb. Familie, Liebe -- das ist gleich schon Wunsch nach Eigentum. Wir
-bringen ihn um, den Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch,
-Angeberei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; wir ermorden jedes
-Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Nenner gebracht, vollständige
-Gleichheit durchgesetzt. >Wir haben ein Handwerk erlernt und wir sind
-ehrliche Leute, weiter brauchen wir nichts< -- diese Antwort haben
-kürzlich englische Arbeiter gegeben. Unentbehrlich ist nur das
-Unentbehrliche, -- das sei die Devise des Erdballs von nun an. Aber auch
-Krämpfe sind nötig; dafür werden wir sorgen, die Regenten. Sklaven
-müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene
-Unpersönlichkeit, aber einmal in jeden dreißig Jahren gönnt Schigaleff
-doch einen Krampf, und dann frißt sich alles plötzlich gegenseitig auf,
-bis zu einer gewissen Grenze natürlich nur, einzig damit das Leben nicht
-zu langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im
-Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns,
-für die Sklaven aber Schigalewismus.«
-
-»Sich selbst schließen Sie aus?«
-
-»Und Sie. Wissen Sie, zuerst wollte ich die Welt dem Papst geben. Mag er
-sich barfuß dem Pöbel zeigen: >Seht, wozu man mich gebracht hat!< und
-alles wird ihm nachlaufen, sogar das Heer. Der Papst oben, wir um ihn
-herum und unter uns Schigalewismus. Nur müßte sich die Internationale
-mit dem Papst einverstanden erklären; was sie auch tun wird. Der Alte
-selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar
-kein anderer Ausweg übrigbleiben, behalten Sie mein Wort, ha--ha--ha,
-dumm? Sagen Sie, ist's dumm oder nicht?«
-
-»Genug,« murmelte Stawrogin geärgert.
-
-»Genug! Hören Sie, ich habe den Papst Papst sein lassen! Zum Teufel mit
-dem Papst! Zum Teufel mit dem Schigalewismus! Wir brauchen die brennende
-Tagesfrage, aber nicht den Schigalewismus, denn der ist eine
-Juwelierarbeit. Schigalewismus ist ein Ideal, kommt erst für die Zukunft
-in Frage. Schigaleff ist ein Juwelier und dumm wie jeder Philantrop.
-Doch zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaleff aber verachtet die grobe
-Arbeit. Hören Sie, der Papst wird im Westen sein, bei uns aber, bei uns
--- sind Sie!«
-
-»Lassen Sie mich in Ruh, Sie Betrunkener!« murmelte Stawrogin und ging
-noch schneller weiter.
-
-»Stawrogin, Sie sind schön!« rief Pjotr Stepanowitsch fast wie in einem
-Rausch. »Wissen Sie es auch selbst, daß Sie schön sind? Das Teuerste an
-Ihnen ist, daß Sie es zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie
-schön Sie sind. Oh, ich kenne Sie jetzt auswendig! Ich sehe Sie mir oft
-heimlich, von der Seite an, aus einem Winkel! In Ihnen ist sogar
-Treuherzigkeit und echte Einfalt -- wissen Sie das auch? Ja, noch, noch
-sind die in Ihnen! Sie leiden offenbar, und leiden aufrichtig, dank
-dieser Treuherzigkeit. Ich liebe die Schönheit! Ich bin ein Nihilist,
-aber ich liebe Schönheit! Lieben denn Nihilisten die Schönheit nicht?
-Die lieben doch bloß Götzen nicht, nun, ich aber liebe einen Götzen! Und
-Sie, Sie sind mein Götze! Sie kränken niemanden, und doch werden Sie von
-allen gehaßt. Sie sehen auf alle gleich und doch werden Sie von allen
-gefürchtet, und das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf
-die Schulter zu klopfen. Sie sind ein furchtbarer, ein geborener
-Aristokrat. Wenn ein Aristokrat unter die Demokraten geht, ist er
-bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, das Leben zu opfern, Ihr eigenes
-ebenso wenig, wie das anderer Menschen. Sie sind genau so, wie er sein
-muß. Und ich, ich brauche gerade solch einen, wie Sie. Außer Ihnen wüßte
-ich keinen. Sie sind der Anführer, Sie sind Sonne, ich aber bin Ihr Wurm
-...«
-
-Und plötzlich küßte er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den
-Rücken und entsetzt riß er seine Hand zurück.
-
-Sie blieben stehen.
-
-»Wahnsinniger!« murmelte Stawrogin.
-
-»Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber!«
-hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, »aber ich habe den ersten
-Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt
-ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein
-einziger in ganz Rußland hat den ersten Schritt ausgedacht und weiß, wie
-man ihn machen muß. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an?
-Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich
-eine Fliege, eine Idee im Fläschchen; ein Kolumbus ohne Amerika!«
-
-Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen.
-
-»Hören Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr,« eilte jener wie gehetzt
-weiter in seiner Rede, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel
-anfaßte. »Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk.
-Wissen Sie auch, daß wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser
-sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schüsse
-abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ich verstehe
-nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrüger, aber kein Sozialist,
-ha--ha! Hören Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der
-Lehrer, der mit den Kindern über ihren Gott und über ihre Wiege lacht,
-ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit
-verteidigt, daß der Mörder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und
-somit, um Geld zu bekommen, unmöglich _nicht_ töten konnte, ist schon
-unser. Die Schuljungen, die einen Bauern töten, um zu sehen, was man
-dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne
-Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren,
-Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es
-selbst nicht einmal, daß sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam
-der Schuljungen und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht. Bei denen
-aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. Überall
-grenzenlose Ruhmsucht, unerhörte, tierische Genußsucht ... Wissen Sie
-überhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen?
-Als ich Rußland verließ, wütete die These Littrés, nach der Verbrechen
-Wahnsinn ist. Ich komme wieder -- und schon ist das Verbrechen nicht
-mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe
-Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. -- >Wie soll denn ein
-geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?< -- Doch
-das sind erst kleine Pröbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps
-schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind
-betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den
-Gerichtshöfen heißt es: >zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den
-Eimer<. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer
-ist ja nur, daß wir keine Zeit zum Warten haben, sonst könnten wir sie
-noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, daß wir keine Proletarier
-haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu
-führt es ...«
-
-»Ein Jammer gleichfalls, daß wir dümmer geworden sind,« brummte
-Stawrogin und setzte seinen früheren Weg fort.
-
-»Hören Sie, ich habe ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine
-betrunkene Mutter nach Hause führte, und die schimpfte es noch mit
-gemeinen Worten. Sie glauben, daß ich mich darüber freue? Bekommen wir
-es in die Hände, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn
-es nötig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus ...
-Aber eine oder zwei Generationen mit unerhörter Sittenverderbnis sind
-jetzt unbedingt nötig: vertierte Sitten, gemeine, schändliche Sitten, so
-daß der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen,
-selbstsüchtigen Ekel verwandelt -- das ist es, was nötig ist! Und dann
-ein bißchen >frisches Blut<, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen
-Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen
-und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrüger, aber kein
-Sozialist. Ha--ha--ha! Schade nur, daß wir so wenig Zeit haben. Ich habe
-Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden.
-Schnell -- wie? Ha--ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde,
-Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus
-gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte.
-Wissen Sie auch, daß dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als
-Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand für seinen
-Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht für seinen Gott ein.«
-
-»Nun, Werchowenski, ich höre Sie zum ersten Male, und höre Sie mit
-Verwunderung,« sagte Stawrogin, »Sie sind also wirklich kein Sozialist,
-sondern ein politischer ... Streber?«
-
-»Ein Betrüger, ein Betrüger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich
-bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich
-jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand geküßt. Aber es ist nötig,
-daß auch das Volk es glaubt, daß wir wissen, was wir wollen, und daß
-jene nur mit der >Keule fuchteln und die Eigenen schlagen<. Ach, nur
-Zeit! Der einzige Jammer ist bloß der, daß wir keine Zeit haben! Wir
-verkünden die Zerstörung ... warum nur, warum ist diese Idee so
-bezaubernd? Aber man muß, man muß die Knochen gelenkig machen. Wir legen
-Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine
-räudige >Gruppe<, jedes Häufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus
-diesen Gruppen solche Jäger heraussuchen, die zu jedem Schuß bereit sind
-und für die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der
-Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gerät in Schwung, wie's die Welt
-bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Rußland und
-weinen wird die Erde nach den alten Göttern ... Und dann, dann bringen
-wir ... Wen?«
-
-»Wen?«
-
-»Den Zarewitsch Iwan!«
-
-»We--en?«
-
-»Den Zarewitsch Iwan; Sie, Sie!«
-
-Stawrogin dachte einen Augenblick nach.
-
-»Einen Usurpator?« fragte er plötzlich und sah mit tiefer Verwunderung
-den Verzückten an. »Ah, also das ist Ihr Plan!«
-
-»Wir sagen zuerst, daß er sich >verbirgt<,« flüsterte leise wie ein
-Liebesgeständnis Werchowenski, der in der Tat wie betrunken war. »Wissen
-Sie auch, was dieses Wörtchen bedeutet: >er verbirgt sich<? >Aber er
-wird kommen, er wird kommen!< sagen wir. Die Legende, die wir
-verbreiten, wird besser sein, als die der Skopzen.[47] Er ist da -- aber
-noch hat ihn niemand gesehen. Oh, was für eine Legende wir zuraunen
-können! Doch die Hauptsache -- eine neue Kraft kommt! Gerade die aber
-tut ja not, gerade nach einer solchen sehnt man sich ja weinend! Was ist
-denn der Sozialismus: er hat ja nur alte Kräfte zerstört, neue aber
-nicht gebracht. Hier dagegen ist's eine Kraft, und noch was für eine!
-Eine noch nie dagewesene! Wir brauchen ja nur für einmal den Hebel, um
-die Erde aufzuheben. Alles wird sich erheben!«
-
-»So haben Sie im Ernst auf mich gerechnet?« fragte Stawrogin ironisch.
-
-»Warum lachen Sie und warum lachen Sie so boshaft? Erschrecken Sie mich
-nicht. Ich bin jetzt wie ein Kind, man kann mich zu Tode erschrecken,
-schon allein mit solch einem Lächeln. Hören Sie, ich werde Sie niemandem
-zeigen, niemandem: so muß es sein. Er ist da, aber keiner hat ihn
-gesehen. Er verbirgt sich. Oder wissen Sie, einem kann man Sie auch
-zeigen, von je Hunderttausend nur einem. Und über die ganze Erde hin
-wird es heißen: >Wir haben ihn gesehen, gesehen!< Haben doch die Leute
-den Iwan Filippowitsch,[48] ihren Zebaoth, den Herrn der Heerscharen,
->gesehen<, wie er im Wagen gen Himmel fuhr vor allen Menschen, haben es
->mit _eigenen_ Augen gesehen<. Sie aber sind nicht nur ein Iwan
-Filippowitsch: Sie sind schön, sind stolz wie ein Gott, mit der Aureole
-des Opfers, wollen nichts für sich selbst, und >verbergen< sich. Die
-Hauptsache ist die Legende! Sie werden alle besiegen, Sie sehen sie nur
-einmal an und siegen. Er bringt die neue Wahrheit und -- >verbirgt<
-sich. Und mittlerweile verbreiten wir ein paar Salomonische Aussprüche.
-Haben ja die Gruppen, die >Fünfer< -- brauchen keine Zeitungen! Wenn von
-zehntausend Bitten nur eine einzige erfüllt wird, so kommen alle mit
-Bitten. In jedem Kreise wird jeder Bauer wissen, daß da in einem
-gewissen Baumstamm eine Höhlung ist, in die man Bittschriften
-hineinlegen kann. Und die ganze Erde jauchzt auf: >Das neue gerechte
-Gesetz kommt zu uns!< und das Meer gerät ins Wogen und die Schaubude
-stürzt, -- dann aber werden wir daran denken, wie wir ein steinernes
-Gebäude errichten! Zum erstenmal! Denn bauen werden _wir_, nur wir, wir
-allein!«
-
-»Raserei!« murmelte Stawrogin.
-
-»Warum, warum wollen Sie nicht? Fürchten Sie sich etwa? Ich habe doch
-gerade deshalb Sie erwählt, weil Sie nichts fürchten. Unvernünftig, wie?
-Aber ich bin doch vorläufig noch Kolumbus ohne Amerika -- ist denn
-Kolumbus ohne Amerika vernünftig?«
-
-Stawrogin schwieg. Sie waren bei dem Hause angelangt und blieben an der
-Vorfahrt stehen.
-
-»Hören Sie,« Werchowenski beugte sich zu seinem Ohr, »ich mache es Ihnen
-ohne Geld, morgen beende ich es mit Marja Timofejewna ... ohne Geld, und
-morgen noch bringe ich Ihnen Lisa. Wollen Sie Lisa, morgen noch?«
-
-»Sollte er wirklich verrückt geworden sein?« fragte sich Stawrogin und
-lächelte. Die Tür öffnete sich.
-
-»Stawrogin, ist Amerika unser?« Werchowenski ergriff zum letztenmal
-seine Hand.
-
-»Wozu?« fragte Stawrogin ernst und streng.
-
-»Keine Lust also! -- das konnte ich mir ja denken!« stieß Pjotr
-Stepanowitsch in einem wahren Wutanfall hervor. »Aber das lügen Sie ja,
-Sie erbärmlicher, ausschweifender, brüchiger Herrensohn, ich weiß es
-besser: Sie haben sogar einen Wolfshunger danach! ... Begreifen Sie
-doch, daß Ihre Rechnung jetzt schon viel zu groß ist! Und ich kann doch
-nicht auf Sie verzichten! Es gibt keinen anderen auf der Welt als nur
-Sie! Ich habe Sie mir schon im Auslande ausgedacht; hab's getan, indem
-ich Sie sah. Hätte ich Sie nicht mit Augen gesehn, aus meiner Ecke, mir
-wäre auch nichts in den Sinn gekommen! ...«
-
-Stawrogin stieg, ohne zu antworten, die Stufen hinan.
-
-»Stawrogin!« rief ihm Werchowenski nach, »-- ich gebe Ihnen noch einen
-Tag Bedenkzeit ... nun, zwei ... nun, meinethalben drei! ... Mehr als
-drei kann ich nicht, dann aber -- Ihre Antwort!«
-
-
-
-
- Vierzehntes Kapitel.
- Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde
-
-
-Inzwischen geschah bei uns etwas, das mich zunächst nur in Erstaunen
-versetzte, Stepan Trophimowitsch aber erschütterte.
-
-Eines Morgens, noch vor acht Uhr, kam Nastassja, Stepan Trophimowitschs
-Mädchen, atemlos zu mir gelaufen, mit der Nachricht, ihr Herr sei
-»beschlagnahmt« worden. Anfangs konnte ich aus ihren Reden überhaupt
-nicht klug werden, doch schließlich erfuhr ich immerhin, daß Beamte in
-der Frühe zu ihm gekommen waren und Papiere beschlagnahmt hatten; diese
-hatte dann ein Soldat »zu einem Bündel zusammengebunden und auf einer
-Schiebkarre weggeschleppt.«
-
-Ich eilte sogleich zu meinem Freunde.
-
-Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und
-erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch
-kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des
-längeren eingegossen, doch noch nicht angerührt war. Stepan
-Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in
-alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich über seine
-Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags
-gewöhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum daß
-er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und
-Rock an -- was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen
-Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine
-Hand.
-
-»_Enfin un ami!_«{[126]} (Er atmete tief auf.) »_Cher_, ich habe nur zu
-Ihnen allein geschickt und sonst weiß noch niemand etwas davon. Man muß
-Nastassja sagen, daß sie die Türen schließt und keinen Menschen
-hereinläßt, außer natürlich _jene_, falls sie ... _Vous
-comprenez?_«{[111]}
-
-Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete.
-Selbstverständlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen
-auszufragen, und so erfuhr ich denn schließlich, nach zahllosen
-Unterbrechungen und unnützen Zwischensätzen, daß um sieben Uhr morgens
-»plötzlich« ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ...
-
-»_Pardon, j'ai oublié son nom. Il n'est pas du pays_, aber ich glaube,
-Lembke hat ihn mitgebracht, _quelque chose de bête et d'allemand dans la
-physionomie. Il s'appelle_ Rosenthal.«{[127]}
-
-»Rosenthal? Hieß er nicht Blümer?«
-
-»Blümer? Ja, richtig, Blümer hieß er. _Vous le connaissez? Quelque chose
-d'hébété et de très content dans la figure, pourtant très sévère, roide
-et sérieux._{[128]} Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, _je
-m'y connais_.{[129]} Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich,
-auf meine >Bücher und Manuskripte< einen Blick werfen zu dürfen, _oui,
-je m'en souviens, il a employé ce mot_.{[130]} Er hat mich nicht
-arretiert, sondern nur die Bücher ... _Il se tenait à distance_,{[131]}
-und als er seinen Besuch zu erklären begann, da sah er aus, als ob ich
-... _enfin il avait l'air de croire que je tomberai sur lui
-immédiatement et que je commencerai à le battre comme plâtre. Tous ces
-gens du bas étage sont comme ça_,{[132]} wenn sie es mit einem
-anständigen Menschen zu tun haben. Natürlich begriff ich sofort alles.
-_Voilà vingt ans que je m'y prépare!_{[133]} Ich öffnete vor ihm alle
-Schubfächer und übergab ihm alle Schlüssel. Ich übergab sie selbst, ich
-habe ihm alles selbst übergeben. _J'étais digne et calme._{[134]} Von
-den Büchern nahm er die ausländische Ausgabe Herzens, ein gebundenes
-Exemplar der >Glocke<, vier Abschriften meiner Dichtung _et enfin tout
-ça_.{[135]} Dann noch Papiere und Briefe _et quelques unes de mes
-ébauches historiques, critiques et politiques_.{[136]} Das alles haben
-sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer
-Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schürze bedeckt. _Oui, c'est
-cela_,{[137]} mit einer Schürze.«
-
-Das war ja Wahnsinn. Wer hätte hier etwas begreifen können? Ich suchte
-Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blümer ganz allein
-erschienen, oder waren, außer dem Soldaten, noch andere mit ihm
-gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas
-wagen können? Womit hatte er es erklärt?
-
-»_Il était seul, bien seul_, übrigens war noch jemand _dans
-l'antichambre, oui, je m'en souviens, et puis_{[138]} ... Übrigens, ich
-glaube, es war außerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine
-Wache. Man muß Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen.
-_J'étais surexcité, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de
-choses_{[139]} ..., übrigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es
-eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzählt,
-natürlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... _J'étais surexcité, mais
-digne, je vous l'assure._{[140]} Ich fürchte übrigens, daß ich, ich
-glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krämer
-nebenan genommen ...«
-
-»Aber wie hat sich das alles nur zutragen können! So sprechen Sie doch
-um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein
-Traum, den Sie da erzählen!«
-
-»_Cher_, ich bin auch selbst noch wie im Traum ... _Savez-vous! Il a
-prononcé le nom de Teliatnikoff_,{[141]} und ich glaube, gerade dieser
-war es, der sich im Vorzimmer versteckte. Ja, da fällt mir ein, er
-schlug einen Zeugen vor, und ich glaube, eben diesen Dmitri Mitritsch
-... _qui me doit encore quinze roubles de Whist, soit dit en passant.
-Enfin, je n'ai pas trop compris._{[142]} Aber ich war noch schlauer als
-sie, und was geht mich Dmitri Mitritsch an! Ich habe, glaube ich, sehr
-gebeten, daß niemand etwas davon erfahre, sehr gebeten, sehr, fürchte
-sogar, daß ich mich erniedrigt habe, _comment croyez-vous? Enfin il a
-consenti_{[143]} ... Nein, warten Sie, da fällt mir ein, das war er
-selbst, der darum bat, denn er sei nur gekommen, um zu >besehen<, sagte
-er, _et rien de plus_,{[144]} und weiter nichts ... und daß, falls man
-nichts findet, auch nichts weiter geschehen wird. So haben wir denn auch
-alles beendet _en amis, et je suis tout-à-fait content_.«{[145]}
-
-»Aber ich bitte Sie, er hat Ihnen doch einfach die in solchen Fällen
-üblichen Garantien angeboten, und Sie -- Sie haben ihn noch selbst davon
-abgebracht!« rief ich in freundschaftlichem Unwillen.
-
-»Nein, es ist schon besser so, ohne Garantien. Und wozu ein Skandal?
-Lieber so lange es noch geht _en amis_ ... Sie wissen doch, wenn man in
-der Stadt erfährt ... _mes ennemis ... et puis à quoi bon ce procureur,
-ce cochon de notre procureur, qui deux fois m'a manqué de politesse et
-qu'on a rossé à plaisir l'autre année chez cette charmante et belle
-Natalia Pawlowna, quand il se cacha dans son boudoir. Et puis, mon
-ami_,{[146]} widersprechen Sie mir nicht und entmutigen Sie mich nicht,
-ich bitte Sie, denn es gibt nichts Unerträglicheres, als wenn ein Mensch
-schon unglücklich ist und ihm dann hundert Freunde sofort noch erklären,
-wie dumm er gehandelt hat. Setzen Sie sich und trinken Sie Tee. Ich muß
-gestehen, ich bin sehr müde geworden ... sollte ich mich nicht hinlegen
-und eine Essigkompresse machen? Was meinen Sie?«
-
-»Aber selbstverständlich,« sagte ich, »und besser noch eine mit Eis. Sie
-sind sehr aufgeregt. Sie sind ja ganz bleich und Ihre Hände zittern.
-Legen Sie sich hin, erholen Sie sich und sprechen Sie vorläufig nicht.
-Ich werde mich zu Ihnen setzen und warten. Und nachher können Sie mir
-dann alles erzählen.«
-
-Doch er konnte sich noch nicht entschließen, sich hinzulegen, ich aber
-bestand darauf. Nastassja brachte Essig in einer Tasse, ich feuchtete
-ein Handtuch damit an, das ich ihm dann auf den Kopf legte. Darauf
-kletterte Nastassja auf einen Stuhl und schickte sich zu meiner nicht
-geringen Verwunderung an, in der Ecke vor dem Heiligenbilde das Lämpchen
-anzuzünden. Noch nie hatte ich früher ein Lämpchen bei ihm gesehen und
-nun war es plötzlich da und wurde sogar angezündet.
-
-»Das habe ich vorhin angeordnet, gleich nachdem sie fortgegangen waren,«
-sagte Stepan Trophimowitsch leise zu mir und sah mich dabei schlau an,
-»_quand on a de ces choses-là dans sa chambre et qu'on vient vous
-arrêter_,{[147]} so macht das unbedingt einen guten Eindruck und die
-müssen dann doch aussagen, daß sie gesehen haben ...«
-
-Als Nastassja mit dem Lämpchen fertig war, ging sie zur Tür, blieb aber
-dort stehen, legte mitleidig die rechte Hand an die Wange und begann,
-ihn mit bekümmertem Blick anzusehen.
-
-»_Eloignez-la_ unter irgendeinem Vorwand,« winkte er mir vom Diwan zu.
-»Kann dieses russische Mitleid nicht ausstehen, _et puis ça
-m'embête_.«{[148]}
-
-Doch sie ging schon von selbst hinaus. Es fiel mir auf, daß er immer
-wieder zur Tür blickte und zum Vorzimmer hinhorchte.
-
-»_Il faut être prêt, voyez-vous_,« (er sah mich dabei bedeutungsvoll an)
-»_chaque moment_{[149]} können sie kommen, einen festnehmen und huitt --
-weg ist ein Mensch!«
-
-»Herrgott! Wer kann kommen? Wer kann Sie festnehmen?«
-
-»_Voyez-vous, mon cher_,{[150]} ich habe ihn ganz einfach gefragt, als
-er schon fortgehen wollte: was wird man jetzt mit mir machen?«
-
-»Hätten Sie doch lieber gleich gefragt, wohin man Sie verschicken will!«
-rief ich unwillig.
-
-»Das meinte ich ja auch damit, aber er ging fort und sagte nichts.
-_Voyez-vous_: was die Wäsche anbetrifft, die Kleider, die warmen Kleider
-besonders, ich glaube, das kann man schon mitnehmen, denke ich, doch
-vielleicht schicken sie einen auch im Soldatenmantel fort. Aber ich habe
-fünfunddreißig Rubel« (er senkte plötzlich die Stimme und blickte
-ängstlich nach der Tür, durch die Nastassja hinausgegangen war)
-»heimlich durch die Westentasche, die ich ein bißchen aufgeschnitten
-habe, in die Weste hineingesteckt, sehen Sie hier, fühlen Sie ... Ich
-glaube, die Weste werden sie mir doch nicht ausziehen, u--und zum Schein
-habe ich in mein Portemonnaie sieben Rubel gelegt >alles, sozusagen, was
-ich habe<. Und hier im Tisch ist noch Kleingeld und Kupfergeld, so daß
-sie gar nicht auf den Gedanken kommen werden, daß ich noch Geld
-versteckt habe. Sie werden glauben, das sei wirklich alles. Denn Gott
-mag wissen, wo ich heute noch nächtigen werde.«
-
-Mir sank der Kopf auf die Brust ob solchem Wahnsinn. So, wie er es
-wiedergab, konnte man doch weder einen Menschen verhaften, noch
-Haussuchungen vornehmen. Daß er sich irgendwie täuschte, auch über das,
-was geschehen war, daran zweifelte ich jetzt nicht mehr. Allerdings
-hatte man ihm (nach seinen eigenen Worten) ein gesetzmäßigeres Vorgehen
-zugedacht, er aber war »_noch schlauer_« gewesen und hatte das selbst
-verhindert ... Freilich geschah das damals noch vor den neuen
-diesbezüglichen Gesetzen ... und freilich durfte damals, also noch vor
-kurzem, der Gouverneur in äußersten Fällen ... Aber was konnte denn hier
-für ein äußerster Fall vorliegen?
-
-»Es ist bestimmt ein Telegramm aus Petersburg gekommen,« sagte plötzlich
-Stepan Trophimowitsch.
-
-»Ein Telegramm! Ihretwegen? Weil Sie Herzens Bücher besitzen? Oder gar
-wegen Ihres Poems? Sie scheinen ja wirklich krank zu sein -- was für
-einen Grund kann man denn deshalb haben, _Sie zu arretieren_?«
-
-»Wer kann das wissen, in unserer Zeit, warum man arretiert wird?«
-flüsterte er rätselhaft.
-
-Ein unglaublicher, unmöglicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf.
-
-»Stepan Trophimowitsch, sagen Sie mir jetzt einmal wie einem Freunde,«
-rief ich, »wie einem aufrichtigen, treuen Freunde, ich werde Sie nicht
-verraten: gehören Sie nicht irgendeinem geheimen Verbande an?«
-
-Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und
-bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehörte oder nicht
-gehörte. Ich wurde nicht klug daraus.
-
-»Ja, _voyez-vous_, es kommt darauf an, wie man's nimmt. _Voyez-vous_
-...«
-
-»Wie man was >nimmt<?«
-
-»Wenn man immer mit dem ganzen Herzen für den Fortschritt gewesen ist,
-und ... wer kann denn sicher sein? Du glaubst, daß du nicht gehörst, und
-siehe da, du gehörst schließlich doch zu irgend etwas.«
-
-»Wie ist das möglich, hier handelt es sich doch nur um ja oder nein?«
-
-»_Cela date de Pétersbourg_,{[151]} als wir beide dort das Blatt gründen
-wollten. Da steckt die Wurzel. Wir drückten uns damals und man vergaß
-uns: jetzt aber haben sie sich wieder unserer erinnert. _Cher, cher_,
-kennen Sie mich denn nicht!« rief er plötzlich krankhaft erregt. »Man
-wird uns festnehmen, in einen Bauernschlitten setzen und dann: marsch
-nach Sibirien fürs ganze Leben! Oder man vergißt uns in einer
-Kasematte!«
-
-Und plötzlich begann er heiße, heiße Tränen zu weinen. Er bedeckte die
-Augen mit seinem seidenen Taschentuch und weinte und schluchzte ungefähr
-fünf Minuten lang. Ich konnte es nicht mit ansehen. Dieser alternde
-Mann, der jetzt zwanzig Jahre lang unser Freund und Lehrer, unser
-Patriarch gewesen war, der sich so hoch über uns allen zu halten
-verstanden hatte: der weinte plötzlich wie ein kleiner, ungezogener
-Junge, der den Stock, nach dem der Lehrer gegangen ist, fürchtet.
-Grenzenlos tat er mir leid. An den »Bauernschlitten« glaubte er
-sicherlich eben so fest, wie daran, daß ich neben ihm saß -- und
-erwartete ihn womöglich sofort, in der nächsten Minute schon. Und alles
-das für den Besitz der Werke Herzens oder irgendein eigenes Poem! Solch
-eine vollkommene Unkenntnis der alltäglichen Wirklichkeit war rührend
-und gleichzeitig doch auch widerlich.
-
-Endlich hörte er auf zu weinen, erhob sich vom Diwan und ging wieder im
-Zimmer auf und ab. Sein Gespräch setzte er ebenso unzusammenhängend
-fort, wie zuvor; dabei blickte er jeden Augenblick zum Fenster hinaus
-oder horchte, ob nicht jemand ins Vorzimmer trat. Alle meine
-Beteuerungen und Beruhigungen sprangen von ihm ab wie Erbsen von der
-Wand. Er hörte mir kaum zu, und hatte es dabei doch ersichtlich
-furchtbar nötig, daß ich ihn beruhigte. Er sprach denn auch beinahe nur
-in dieser Absicht. Ich sah bald ein, daß er jetzt ohne mich nicht
-auskommen konnte, mich jedenfalls um keinen Preis jetzt von sich
-gelassen hätte. So blieb ich denn bei ihm und wir verbrachten ungefähr
-zwei Stunden miteinander.
-
-Im Laufe des Gesprächs bemerkte er, daß Blümer unter anderem auch zwei
-Proklamationen, die er bei ihm irgendwo gefunden hatte, mitgenommen
-habe.
-
-»Proklamationen!?« Ich erschrak dummerweise. »Sind Sie denn ...«
-
-»Ach, man hat mir einmal zehn Stück ins Haus geworfen,« antwortete er
-geärgert. (Er sprach bald ungehalten und hochmütig mit mir, bald klagend
-und erniedrigt.) »Aber acht hatte ich schon beseitigt und Blümer hat nur
-noch zwei gefunden.«
-
-Und plötzlich errötete er vor Unwillen.
-
-»_Vous me mettez avec ces gens-là!_{[152]} Sie halten es also für
-möglich, daß ich zu diesen Schuften, diesen heimlichen Zusteckern
-gehören könnte, zu solchen, wie mein Söhnchen Pjotr Stepanowitsch einer
-ist, _avec ces esprits-forts de la lâcheté_!{[153]} O Gott!«
-
-»Ja, aber sollte man Sie nicht vielleicht irgendwie verwechselt haben
-... Übrigens, Unsinn, nein, das kann nicht sein!«
-
-»_Savez-vous_,« entriß es sich ihm plötzlich, »ich fühle zuweilen, _que
-je ferai là-bas quelque esclandre_.{[154]} Oh, gehen Sie nicht fort,
-lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! _Ma carrière est finie
-aujourd'hui, je le sens._{[155]} Ich ... wissen Sie, ich werde mich
-vielleicht auch auf jemanden stürzen und beißen, wie jener Leutnant ...«
-
-Er sah mich ganz sonderbar an, mit einem erschrockenen Blick, der aber
-zu gleicher Zeit auch selbst erschrecken zu wollen schien. Tatsächlich
-ärgerte er sich über irgendwen oder irgendetwas immer mehr, und zwar um
-so mehr, je länger der »Bauernschlitten« auf sich warten ließ.
-
-Plötzlich warf Nastassja, die aus der Küche ins Vorzimmer gegangen war,
-dort einen Kleiderhalter um. Stepan Trophimowitsch fuhr erschrocken auf
-und zitterte: als sich dann aber die Sache aufklärte, da schrie er sie
-an vor Wut, und jagte sie, mit den Füßen trampelnd, wieder zurück in die
-Küche.
-
-Nach einiger Zeit sagte er, indem er mich verzweifelt anblickte:
-
-»Ich bin verloren! _Cher_« -- er setzte sich plötzlich neben mich und
-sah mir traurig, unsäglich traurig, doch mit unverwandtem Blick, in die
-Augen. »_Cher_, ich fürchte ja nicht Sibirien, ich schwöre es Ihnen, oh,
-_je vous jure_,{[156]} ich fürchte etwas anderes ...« und sogar Tränen
-traten ihm in die Augen.
-
-Ich erriet sofort, schon an seinem Mienenspiel, daß er mir endlich etwas
-Besonderes mitteilen wollte, sich aber bis jetzt noch bezwungen hatte.
-
-»Ich fürchte die Schande,« flüsterte er schließlich geheimnisvoll.
-
-»Welche Schande? ... Im Gegenteil! Glauben Sie mir doch, Stepan
-Trophimowitsch, alles wird sich noch heute aufklären, und zwar zu Ihrem
-Vorteil ...«
-
-»Sind Sie so überzeugt, daß man mir verzeihen wird?«
-
-»Was reden Sie von verzeihen! Was für Worte Sie da wieder gebrauchen!
-Was haben Sie denn begangen? Ich versichere Ihnen doch, Sie haben nichts
-getan!«
-
-»_Qu'en savez-vous_{[157]} ... mein ganzes Leben war ... _Cher_ ... Es
-wird ihnen alles von mir einfallen ... Und wenn sie nichts finden, _um
-so schlimmer_!« fügte er plötzlich überraschend hinzu.
-
-»Um so schlimmer?«
-
-»Um so schlimmer.«
-
-»Das verstehe ich nicht.«
-
-»Mein Freund, mein Freund, nun, meinetwegen Sibirien, nach Archangelsk,
-Verlust aller Rechte, -- kommt man um, dann kommt man um! Aber ... ich
-fürchte das andere ...« (wieder Geflüster, angstvolle Augen und
-Geheimtuerei).
-
-»Aber was denn, was?«
-
-»Sie werden mich durchprügeln!« flüsterte er und sah mich wie verloren
-an.
-
-»Wer wird Sie durchprügeln? Wo? Warum?« rief ich erschrocken, denn ich
-glaubte schon, er habe den Verstand verloren.
-
-»Wo? Nun da ... wo das gemacht wird.«
-
-»Ja, wo wird denn das gemacht?«
-
-»Ach, _cher_,« flüsterte er mir beinahe schon ins Ohr, »plötzlich
-verschwindet unter einem ein Stück Diele und man fällt bis zur Hüfte in
-eine Öffnung ... Das weiß doch ein jeder ...«
-
-»Fabeln!« rief ich erratend, »das sind doch alte Fabeln. Ja, aber haben
-Sie denn wirklich bis jetzt an so etwas geglaubt?« Ich begann zu lachen.
-
-»Fabeln? So ganz grundlos entstehen solche Fabeln doch nicht. Ich hab es
-mir schon zehntausendmal in der Phantasie vorgestellt!«
-
-»Aber warum denn Sie, gerade Sie? Sie haben doch nichts getan?«
-
-»Um so schlimmer, sie werden einsehen, daß ich nichts getan habe, und
-prügeln dann erst recht!«
-
-»Und Sie sind überzeugt, daß man Sie zu dem Zweck nach Petersburg
-bringen wird?«
-
-»Mein Freund, ich habe schon gesagt, mir tut nichts mehr leid, _ma
-carrière est finie_.{[158]} Seit jener Stunde in Skworeschniki, als sie
-sich von mir verabschiedete, tut es mir um mein Leben nicht mehr leid
-... aber die Schande, die Schande, _que dira-t-elle_,{[159]} wenn sie es
-erfährt?«
-
-Verzweifelt sah er mich an und -- der Arme! -- errötete über und über.
-Ich senkte gleichfalls die Augen.
-
-»Sie wird nichts erfahren, denn man wird Ihnen nichts tun. Es ist mir,
-als ob ich zum erstenmal mit Ihnen spräche, Stepan Trophimowitsch,
-dermaßen haben Sie mich heute in Erstaunen gesetzt.«
-
-»Mein Freund, das ist doch keine Furcht. Nun, mögen sie mir da
-meinetwegen auch verzeihen, mich sogar wieder herbringen und mir auch
-sonst nichts antun -- aber gerade hier bin ich ja dann verloren! _Elle
-me soupçonnera toute sa vie_{[160]} ... mich, mich, den Dichter, den
-Denker, den Menschen, den sie zweiundzwanzig Jahre lang angebetet hat!«
-
-»Wird ihr gar nicht einfallen.«
-
-»Es wird, wird!« flüsterte er in tiefer Überzeugung. »Wir haben beide
-mehreremal darüber gesprochen, in Petersburg, bevor wir fortfuhren, als
-wir beide fürchteten. _Elle me soupçonnera toute sa vie_ ... und wie sie
-überzeugen? Es wird alles so unwahrscheinlich klingen. Ja, und wer wird
-mir denn hier in der Stadt glauben? _C'est invraisemblable ... Et puis
-les femmes_{[161]} ... Sie wird sich freuen. Sie wird sehr betrübt sein,
-sogar aufrichtig betrübt, wie ein treuer Freund, aber, im geheimen --
-wird sie sich freuen ... Ich gebe ihr eine Waffe gegen mich fürs ganze
-Leben. Oh, vernichtet ist es jetzt, mein ganzes Leben! Zwanzig Jahre ein
-so großes Glück mit ihr ... und nun dies!«
-
-Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
-
-»Stepan Trophimowitsch, sollten Sie nicht Warwara Petrowna sofort von
-dem Vorgefallenen benachrichtigen?« schlug ich vor.
-
-»Gott soll mich davor bewahren!« -- er fuhr zusammen und sprang sogar
-auf. »Auf keinen Fall, niemals, nach dem, was in Skworeschniki gesagt
-worden ist, nie--mals!«
-
-Seine Augen blitzten plötzlich.
-
-Wir saßen, glaube ich, noch eine gute Stunde und warteten immer noch auf
-irgendetwas -- es war das schon zu einer fixen Idee geworden. Er legte
-sich wieder hin, schloß sogar die Augen und lag ungefähr zwanzig Minuten
-ganz still, ohne ein Wort zu sprechen, so daß ich bereits glaubte, er
-sei eingeschlafen. Plötzlich aber erhob er sich jäh, riß das Handtuch
-vom Kopf, sprang vom Diwan auf und stürzte zum Spiegel, um sich sofort
-eine neue weiße Krawatte umzubinden, rief mit Donnerstimme Nastassja und
-befahl, ihm seinen Mantel, Hut und Stock zu geben.
-
-»Ich kann's nicht mehr aushalten,« sagte er, »ich kann nicht, ich kann
-nicht! ... Ich gehe selbst.«
-
-»Wohin?« Auch ich sprang auf.
-
-»Zu Lembke. _Cher_, ich muß, es ist meine Pflicht. Ja, meine Pflicht.
-Ich bin ein Bürger und ein Mensch, aber kein Strohhalm, ich habe Rechte,
-ich will mein Recht ... Ich habe zwanzig Jahre lang meine Rechte nicht
-mehr gefordert, ich habe sie mein ganzes Leben lang unverzeihlich
-vergessen ... aber jetzt werde ich sie verlangen. Er muß mir alles
-sagen, alles. Er hat gewiß ein Telegramm erhalten. Er darf mich nicht
-quälen. Wenn schon, denn schon -- dann soll er mich lieber sofort
-verhaften, verhaften, verhaften!«
-
-Er schrie die letzten Worte mit einer Stimme, die sich überschlug, und
-stampfte mit den Füßen.
-
-»Ich gebe Ihnen vollkommen recht,« sagte ich absichtlich so ruhig wie
-nur möglich, obgleich ich nicht wenig für ihn fürchtete. »Das ist
-wirklich besser, als mit einer solchen Sorge stillzusitzen. Nur Ihre
-ganze Stimmung kann ich nicht loben. Sehen Sie doch im Spiegel, wie Sie
-aussehen. Wie können Sie denn so zu Lembke gehen? _Il faut être digne et
-calme avec Lembke._{[162]} Man könnte Ihnen jetzt wirklich zutrauen, daß
-Sie sich auf jemanden werfen und ihn beißen!«
-
-»Ich liefere mich selbst aus! Ich gehe freiwillig in den Rachen des
-Löwen ...«
-
-»Ich gehe natürlich mit Ihnen.«
-
-»Anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet, ich nehme Ihr Opfer an,
-als Opfer eines treuen Freundes, aber nur bis zum Hause, nur bis zum
-Hause: denn Sie dürfen nicht, Sie haben nicht das Recht, sich noch
-weiter mit mir zu kompromittieren. _O, croyez-moi, je serai calme!_ In
-diesem Augenblick fühle ich mich _à la hauteur de tout ce qu'il y a de
-plus sacré_{[163]} ...«
-
-»Ich werde mit Ihnen vielleicht auch ins Haus gehen,« unterbrach ich
-ihn. »Gestern hat mich nämlich dieses dumme Komitee durch Wyssotzki
-benachrichtigt, daß man morgen zum Fest auf mich rechnet: als Anordner,
-oder wie sie da ... ich soll einer von den sechs jungen Herren sein, die
-nach den Teebrettern sehen, den Damen den Hof machen, den Gästen die
-Plätze aufsuchen und dabei eine weißrote Schleife an der linken Schulter
-tragen müssen. Ich wollte zuerst abschlagen -- aber warum soll ich jetzt
-nicht zum Gouverneur gehen, unter dem Vorwande, die Angelegenheit mit
-Julija Michailowna selbst besprechen zu wollen? So gehen wir denn beide
-zusammen.«
-
-Er hörte zu und nickte nur mit dem Kopf, doch wahrscheinlich hatte er
-nichts verstanden.
-
-Wir standen schon an der Tür.
-
-»_Cher_,« rief er plötzlich und streckte die Hand zu der Ecke aus, in
-der das Lämpchen brannte, »_cher_, ich habe nie an das da geglaubt, aber
-... lassen Sie mich, lassen Sie!« und er bekreuzigte sich.
-»_Allons!_«{[164]}
-
-»-- Ist recht so,« dachte ich bei mir, als ich nach ihm aus dem Hause
-trat, »unterwegs wird noch die frische Luft gut tun, wir werden uns
-beruhigen, wieder nach Hause kommen und uns schlafen legen ...«
-
-Ich hatte aber die Rechnung ohne Stepan Trophimowitsch gemacht. Gerade
-unterwegs geschah etwas, das ihn noch mehr erschüttern sollte und ihn
-endgültig vorwärts trieb ... so daß ich, ich muß gestehen, eine solche
-Kühnheit, wie er sie an diesem Morgen zeigte, von unserm Freunde gar
-nicht erwartet hätte. Mein armer Freund! Mein guter, lieber Freund!
-
-
-
-
- Fünfzehntes Kapitel.
- Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen
-
-
- I.
-
-Das Erlebnis, das wir unterwegs hatten, war gleichfalls eines von den
-sonderbaren. Doch ich muß wohl alles in derselben Reihenfolge erzählen,
-in der es sich zugetragen hat. Ungefähr eine Stunde bevor wir, Stepan
-Trophimowitsch und ich, aus dem Hause traten, schob sich durch die
-Stadt, von vielen neugierig betrachtet, ein Menschenhaufe von etwa
-siebzig oder mehr Mann: es waren Arbeiter der Spigulinschen Fabrik. Sie
-zogen ruhig, würdevoll, fast stumm und absichtlich in der strengsten
-Ordnung durch die Straßen. Später wurde behauptet, daß diese Leute als
-Abgesandte der etwa neunhundert Arbeiter, die es im ganzen in der Fabrik
-gab, sich tatsächlich nur aufgemacht hätten, um beim Gouverneur ihr
-Recht zu suchen, da der Fabrikdirektor in Abwesenheit der Besitzer sie
-bei der Entlassung und Abrechnung schmählichst betrogen hatte -- eine
-Tatsache, die heute keinem Zweifel mehr unterliegt. Andere behaupten
-freilich, daß siebzig Mann viel zu viel für eine Schar Abgesandte
-gewesen seien, und daß der Haufe aus den am meisten Geschädigten
-bestanden habe, die auf diese Weise einfach für sich selbst hätten
-bitten wollen; -- jedenfalls aber will niemand von den siebzig einen
-»allgemeinen Arbeiter-Aufstand« zugeben, von dem die Zeitungen hernach
-so fettgedruckt zu erzählen wußten. Wieder andere behaupten, diese
-siebzig Mann seien allerdings keine »gewöhnlichen«, dafür aber
-»politische« Aufständische gewesen -- und natürlich schieben dann
-diejenigen, welche die Sache so ansehen, mit Vorliebe die Schuld auf die
-in den vorhergegangenen Tagen heimlich zugesteckten Proklamationen. Aber
-wie dem auch sein mag (denn klar ist man sich bis heute noch nicht
-darüber), meiner eigenen Meinung nach hatten die Arbeiter diese
-zugesteckten Blätter überhaupt nicht gelesen, oder wenn doch, sie dann
-gar nicht verstanden, aus dem einfachen Grunde, weil die Verfasser
-derselben, trotz der Aufdringlichkeit ihres Stils, sich äußerst unklar
-ausdrücken. Da aber die Arbeiter bei der Abrechnung wirklich schändlich
-betrogen worden waren, und die Polizei, an die sie sich zuerst wandten,
-sich weiter nicht mit ihnen einlassen wollte, -- was war da
-naheliegender, als selbst in hellem Haufen zum Gouverneur zu ziehen,
-wenn möglich gar mit einer Aufschrift, die ihre Wünsche in Devisenform
-aussprach und an der Spitze vorangetragen wurde, sich vor dem
-Gouverneursgebäude aufzustellen, um dann, wenn der Gefürchtete erschien,
-sogleich auf die Knie zu fallen und ein Gejammer wie zur heiligen
-Vorsehung selber zu erheben? Es ist meine feste Überzeugung, daß es sich
-nur darum und um nichts anderes handelte, zumal das ein uraltes und lang
-überliefertes Mittel ist: das russische Volk hat von jeher ein Gespräch
-mit dem »General selber« allen anderen Verhandlungen vorgezogen -- und
-zwar eigentlich allein schon um der Ehre willen, ganz gleichgültig,
-womit das Gespräch endete. So fest bin ich davon überzeugt, daß ich
-glaube, daß selbst Pjotr Stepanowitsch, Liputin und vielleicht noch
-jemand, sagen wir Fedjka, die heimlich mit den Fabrikarbeitern
-gesprochen hatten (wie sich dies jetzt mit ziemlicher Sicherheit
-herausgestellt hat), doch weiter keinen Einfluß auf diesen »Gang zum
-Gouverneur« ausgeübt haben können, -- abgesehen davon, daß es überhaupt
-nur zwei, drei, höchstens fünf Arbeiter gewesen sind, mit denen sie
-nachweisbar gesprochen haben. Was aber den »Aufstand« betrifft, so
-werden wohl die Arbeiter, selbst wenn sie etwas von politischer
-Propaganda verstanden hätten, solchen geheimen Agitatoren doch kein
-Gehör geschenkt und ihr Gerede überhaupt nicht ernst genommen haben.
-Eine einzige Ausnahme machte höchstens Fedjka: diesem scheint es
-allerdings geglückt zu sein, und besser als Pjotr Stepanowitsch, mit den
-Arbeitern in vertrauliche Beziehung zu treten, denn an dem Brand in der
-Stadt, der in der übernächsten Nacht ausbrach, sind, wie man jetzt
-bestimmt weiß, im Bunde mit Fedjka noch zwei Fabrikarbeiter beteiligt
-gewesen. Und rechnet man dazu noch drei andere Arbeiter, die ein paar
-Wochen später in der nahen Kreisstadt verhaftet wurden, weil sie
-ebenfalls Feuer angelegt und geraubt hatten, so waren es im ganzen doch
-erst nur fünf von der Spigulinschen Fabrik, die man von anderer Seite
-verführt und aufgestachelt hatte.
-
-Aber wie es sich damit nun auch verhalten mag, jedenfalls durchzogen die
-siebzig oder mehr Arbeiter die Stadt, stellten sich schließlich in aller
-Ordnung auf dem Platz vor dem Hause des Gouverneurs auf und sahen dann
-mit offenen Mäulern wartend auf die Vorfahrt. Der Gouverneur war aber
-gerade nicht anwesend. Wie ich später gehört habe, hätten sie schon
-gleich, nachdem sie sich geordnet, die Mützen abgezogen -- etwa eine
-halbe Stunde bevor Herr von Lembke dann auf dem Schauplatz erschien. Die
-Polizei zeigte sich natürlich sofort: zuerst nur in einzelnen
-Vertretern, dann aber bald in möglichst geschlossenen Trupps. Man ging
-streng und drohend vor und befahl auseinander zu gehen. Die Arbeiter
-standen aber wie eine Herde Schafe, die am Zaun angelangt ist, und
-antworteten nur lakonisch, sie seien »zum General selber« gekommen --
-kurz, man begegnete fester Entschlossenheit. Da hörte denn das
-Anschreien auf, Nachdenklichkeit trat an seine Stelle, geheimnisvoll
-geflüsterte Anordnungen und strenge, geschäftige Sorge, die die höheren
-Polizeibeamten die Augenbrauen zusammenziehen ließ. Der Polizeimeister
-zog es vor, statt irgendwelche Maßregeln zu ergreifen, doch lieber die
-Ankunft von Lembkes abzuwarten. Sonst pflegte der Polizeimeister bei
-solchen Gelegenheiten mit seiner Troika zum Entzücken aller Kaufleute
-stets in vollem Galopp anzufahren, und womöglich in die Ansammler mitten
-hinein: diesmal aber tat er es nicht, wenn er auch beim Abspringen nicht
-ohne ein kräftiges Wort, das geeignet war, seine Popularität zu
-erhalten, auskommen konnte. Doch es ist entschieden nicht wahr, daß man
-Soldaten herbeigerufen und von irgendwoher telegraphisch Artillerie und
-Kosaken erbeten hätte: das sind Märchen, an die jetzt niemand mehr
-glaubt. Unsinn ist gleichfalls, daß man die Feuerwehr gerufen habe und
-mit der Spritze gegen das angesammelte Volk vorgegangen sei. Ilja
-Iljitsch schrie einfach im Eifer, daß ihm kein einziger »trocken aus dem
-Wasser kommen« solle -- und daraus hat man dann wahrscheinlich die
-Feuerwehrspritze gemacht, die auch in den Nachrichtenteil der
-Petersburger Zeitungen überging. Das einzig Richtige ist, daß man die
-Arbeiter sofort mit allen nur verfügbaren Polizisten umstellte, während
-nach von Lembke, der vor einer halben Stunde nach Skworeschniki gefahren
-war, sofort der zweite Polizeioffizier mit der Troika des
-Polizeimeisters geschickt wurde.
-
-Immerhin muß ich gestehen, daß mir noch eines unerklärlich scheint: wie
-kam es, wie war es möglich, daß man eine ruhige Versammlung gewöhnlicher
-Bittsteller so ohne weiteres und vom ersten Augenblick an gleich für
-einen politischen Aufstand halten konnte, der alles umzuwerfen drohte?
-Warum glaubte von Lembke selber nichts anderes, als er dreißig Minuten
-später mit dem Polizeioffizier eintraf? Am wahrscheinlichsten ist noch
-(doch das ist wieder nur meine eigene Meinung), daß Ilja Iljitsch, unser
-Polizeimeister, es einfach am allervorteilhaftesten und zweckmäßigsten
-fand, die Sache so und nicht anders aufzufassen, zumal er sich vor zwei
-Tagen während eines Gesprächs mit von Lembke überzeugt hatte, wie fest
-sein Vorgesetzter an eine baldige Wirkung der Proklamationen und an die
-Spigulinsche soziale Gefahr glaubte, so daß denn unser schlauer Ilja
-Iljitsch beim Fortgehen händereibend bei sich dachte: »Will sich in
-Petersburg auszeichnen, würde ihm leid tun, wenn sich alle Gefahr als
-Unsinn erweisen sollte -- nun, mir soll's recht sein ... werde danach
-vorkommendenfalls zu handeln wissen.«
-
-Der arme Andrei Antonowitsch hätte freilich in Wirklichkeit um alles in
-der Welt keinen Aufstand gewünscht, nicht einmal um der persönlichen
-Auszeichnung willen. Er war ein ungewöhnlich pflichttreuer Beamter, der
-sich bis zu seiner Verheiratung seine Unschuld bewahrt hatte. Und war er
-denn daran schuld, daß statt des stillen, geruhigen Postens und des
-unschuldigen Mienchens, die er sich erträumt, die vierzigjährige
-Fürstentochter ihn zu sich erhoben hatte? Ich weiß mit aller Sicherheit,
-daß gerade an diesem verhängnisvollen Morgen die ersten deutlichen
-Anzeichen eben jenes Zustandes bei ihm zutage traten, der ihn dann in
-das bekannte Schweizer Sanatorium gebracht hat, wo er jetzt, wie
-verlautet, wieder zu Kräften kommt. Gibt man aber zu, daß sich schon an
-diesem Morgen gewisse Anzeichen bemerkbar machten, -- nun, so kann man,
-meiner Meinung nach, nur annehmen, daß bei ihm auch schon am Tage vorher
-nicht alles ganz in Ordnung gewesen ist. Ich weiß es zudem dank der
-intimsten Mitteilungen ... (nun, nehmen Sie meinetwegen an, Julija
-Michailowna hätte mir später selbst, doch nicht mehr triumphierend,
-sondern _fast_ schon bereuend -- eine Frau bereut nie ganz -- einen Teil
-dieser Geschichte erzählt) -- ich weiß also, daß in der Nacht vorher, um
-etwa drei Uhr morgens, Andrei Antonowitsch seine Gemahlin plötzlich
-aufgeweckt und von ihr verlangt hat, daß sie sein »Ultimatum« anhöre.
-Die Forderung war dermaßen bestimmt gestellt worden, daß Julija
-Michailowna sich gezwungen sah, sich tatsächlich zu erheben, trotz ihres
-Unwillens und der Papilloten im Haar, um auf dem Diwan Platz zu nehmen
-und ihren Herrn Gemahl anzuhören, wenn auch mit einem sarkastischen
-Lächeln, aber immerhin anzuhören. In dieser Nacht begriff sie zum
-erstenmal, wie weit es mit ihrem Mann schon gekommen war -- und sie
-erschrak. Nun hätte sie sich eigentlich auch besinnen und erweichen
-lassen müssen -- sie aber verbarg sozusagen ihren Schreck vor sich
-selber und wurde noch eigensinniger. Sie hatte (wie offenbar jede Frau)
-einen besonderen Trick, ihren Mann zu ärgern: Julija Michailowna pflegte
-nämlich in solchen Fällen verächtlich zu schweigen, und zwar nicht nur
-zwei oder drei Stunden lang, sondern mitunter ganze vierundzwanzig oder
-gar dreimal vierundzwanzig Stunden hintereinander, wenn's ihr einmal
-darauf ankam. Sie schwieg dann, als ob Gott sie von Kindesbeinen an mit
-Stummheit und Taubheit geschlagen hätte, sie schwieg zu allem, was er
-auch sprechen mochte, sie hätte auch geschwiegen, selbst wenn Andrei
-Antonowitsch durch das Luftfenster gekrochen wäre, um sich vom dritten
-Stockwerk auf das Pflaster hinabzustürzen -- sie schwieg ein Schweigen,
-das für einen gefühlvollen Menschen wirklich unerträglich war. Wollte
-sie ihn nun für seine in den letzten Tagen begangenen Fehler und seinen
-eifersüchtigen Neid als Gouvernementsherrscher auf ihre administrativen
-Fähigkeiten strafen? war sie nun unwillig über seine Kritik ihres
-Verhältnisses zu unserer Gesellschaft und besonders zu der Jugend, ohne
-ihre feinen und weitsichtigen politischen Ziele zu verstehen? oder war
-es seine kränkende unsinnige Eifersucht auf Pjotr Stepanowitsch? --
-Kurz, wie dem auch war, jedenfalls entschloß sie sich auch jetzt nicht,
-nachzugeben, ungeachtet dessen, daß es schon drei Uhr morgens war und
-Andrei Antonowitsch sich tatsächlich in ungewöhnlicher Erregung befand.
-Er ging in ihrem teppichbelegten Boudoir hin und her und rund herum, und
-schüttete alles, alles aus, was sich in seinem Herzen angesammelt hatte,
-denn es war, wie er sagte, schon »über die Grenzen gegangen«. Er begann
-damit, daß alle »über ihn lachten« und ihn »an der Nase führten«. »Was
-scheren mich die Ausdrücke,« schrie er, als er ihr Lächeln bemerkte,
-»meinetwegen mag das nicht ganz wörtlich sein, dieses >an der Nase<,
-aber wahr ist es doch! ... Nein, meine Gnädige, jetzt ist der Augenblick
-gekommen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um spöttisches Lächeln und
-Weiberkoketterie. Wir sind jetzt nicht im Boudoir einer Zierdame,
-sondern wir sind wie zwei abstrakte Wesen im ... sagen wir in einem
-Luftballon, um uns die Wahrheit zu sagen.« (Er verhaspelte sich
-natürlich ein wenig, doch das machte weiter nichts, daß er nicht immer
-den richtigen Ausdruck für seine an sich ganz richtigen Gedanken fand.)
-»Sie, meine Gnädige, Sie sind es, die mich aus meinem früheren Stande
-herausgerissen hat. Diesen Posten habe ich nur Ihretwegen angenommen, um
-Ihren Ehrgeiz zu befriedigen ... Sie lächeln spöttisch? Triumphieren Sie
-nicht, noch ist es dazu zu früh! Wissen Sie, meine Gnädige, ich könnte
-mit diesem Posten vorzüglich fertig werden, und nicht nur mit diesem
-allein, sondern noch mit weiteren zehn, denn ich besitze Fähigkeiten ...
-aber mit Ihnen, meine Gnädige, in Ihrer Gegenwart -- kann man mit
-_nichts_ fertig werden, mit Ihnen zusammen, meine Gnädige, habe ich
-keine Fähigkeiten mehr! Zwei Mittelpunkte können nicht nebeneinander
-sein. Sie aber haben zwei zustande gebracht -- einen bei mir und den
-anderen bei sich im Boudoir -- zwei Zentren der Macht, meine Gnädige:
-aber ich werde das nicht mehr erlauben, hören Sie, ich werde das nicht
-länger dulden!! Im Dienst wie in der Ehe ist nur ein Zentrum möglich,
-zwei aber sind ein Ding der Unmöglichkeit ... Womit lohnen Sie es mir?«
-rief er plötzlich gereizt. »Unsere Ehe bestand bis jetzt nur darin, daß
-Sie mir täglich, stündlich bewiesen, daß ich nichtig, dumm und sogar
-gemein sei, und daß ich die ganze Zeit gezwungen war, Ihnen
-erniedrigenderweise zu beweisen, daß ich nicht nichtig und gar nicht
-dumm bin und, was die Gemeinheit angeht, sogar alle durch meinen Edelmut
-in Erstaunen setze. Sagen Sie mir doch bitte: ist das denn nicht
-erniedrigend? und zwar für beide Teile?« Hier begann er mit beiden Füßen
-auf dem Teppich zu trampeln, so daß Julija Michailowna gezwungen war,
-sich in strenger Würde aufzurichten. Da wurde er sofort ganz still,
-verfiel aber nun ins Gefühlvolle und begann zu schluchzen (jawohl, zu
-schluchzen) und schlug sich vor die Brust, und das dauerte wohl ganze
-fünf Minuten, während welcher Zeit das unerschütterliche Schweigen
-seiner Gattin ihn vollends um seine Fassung brachte, -- bis er
-schließlich das Falscheste tat, was er tun konnte: er gestand ihr, daß
-er auf Pjotr Stepanowitsch eifersüchtig war. Doch fast im selben
-Augenblick erriet er schon, daß er damit eine grenzenlose Dummheit
-begangen hatte, und wurde geradezu tierisch wild. Im Jähzorn schrie er
-alles Mögliche, schrie »Ich erlaube nicht, Gott zu verstoßen!« »werde
-Ihren unverzeihlichen gottlosen Salon in alle Winde auseinanderjagen!«
-»ein Gouverneur muß an Gott glauben und folglich auch seine Frau!« »Sie,
-Sie, meine Gnädige, gerade Sie müßten schon um der eigenen Würde willen
-für Ihren Mann stehen, selbst wenn er gar keine Fähigkeiten hätte (dabei
-habe ich aber Fähigkeiten!) und währenddessen sind gerade Sie der Grund,
-daß man mich hier verachtet, gerade Sie haben diese Auffassung von mir
-allen beigebracht! ...« Er schrie, er werde die ganze Frauenfrage
-vernichten, er werde dieses blödsinnige Fest für die Gouvernanten -- die
-der Teufel holen solle! -- morgen noch untersagen, und die erste
-Gouvernante, die ihm in den Weg komme, »von Kosaken« aus dem
-Gouvernement jagen lassen. »Absichtlich, absichtlich!« schrie er.
-»Wissen Sie auch, daß Ihre Nichtsnutze die Fabrikarbeiter aufhetzen und
-daß ich das weiß? Wissen Sie auch, daß diese selben jungen Leute
-_absichtlich_ Proklamationen verbreiten, ab--sicht--lich!? Wissen Sie
-auch, daß ich die Namen von vier solchen Banditen kenne und daß ich den
-Verstand verliere, endgültig, endgültig den Verstand!!! ...« Nun aber
-brach Julija Michailowna plötzlich ihr Schweigen und erklärte streng,
-sie wüßte selbst schon längst, was für verbrecherische Absichten gehegt
-würden, daß aber dies alles nur Dummheiten seien, die er viel zu ernst
-nähme, und was die unartigen Jungen beträfe, so kenne sie nicht nur vier
-Namen, sondern alle. (Das log sie.) Im übrigen aber habe sie deswegen
-noch lange nicht die Absicht, ihren Verstand zu verlieren, an den sie
-jetzt mehr denn je glaube, und ihr großes Ziel sei, alles in Harmonie
-aufzulösen: die Jugend zu ermutigen, sie zur Einsicht zu bringen,
-plötzlich und unerwartet diesen Jünglingen zu eröffnen, daß alle ihre
-Absichten bereits bekannt seien, und sie dann auf neue Ziele und eine
-vernünftige, segensreiche Tätigkeit hinzuweisen.
-
-Doch was geschah nun mit Andrei Antonowitsch! Als er erfuhr, daß Pjotr
-Stepanowitsch ihn wieder übertölpelt und sich offen über ihn lustig
-gemacht, daß er ihr weit mehr und viel früher als ihm alles mitgeteilt
-hatte, und schließlich, daß vielleicht gerade Pjotr Stepanowitsch der
-Urheber aller verbrecherischen Absichten war -- da geriet er einfach
-außer sich. »So wisse denn, du einfältiges, hämisches Frauenzimmer,«
-schrie er, gleichsam alle Ketten sprengend, »wisse denn, daß ich deinen
-verächtlichen Liebhaber im Augenblick noch verhaften lasse, ihn in
-Ketten lege und in eine Kasematte werfe, oder -- sofort unter deinen
-Augen aus dem Fenster auf die Straße springe!« Auf diese Tirade aber
-antwortete Julija Michailowna, fahl vor Ärger, mit einem langen, hellen
-Gelächter, einem Gelächter mit Abstufungen und Anschwellungen, genau,
-aber genau so wie im französischen Theater die für hunderttausend Francs
-engagierte Pariser Schauspielerin zu lachen pflegt, wenn ihr Mann es
-wagt, sie der Untreue zu verdächtigen. Von Lembke stürzte zum Fenster,
-plötzlich aber blieb er wie angewachsen stehen, faltete die Hände auf
-der Brust und blickte sich totenbleich mit Unheil verkündendem Blick
-nach der Lachenden um: »Weißt du, weißt du, Julä ...« murmelte er
-atemlos, mit beschwörender Stimme, »weißt du, ich kann mir wirklich
-etwas antun!« Aber dem neuen, noch stärkeren Gelächter, das diesen
-Worten folgte, hielt er nicht mehr stand: er biß die Zähne zusammen,
-stöhnte und plötzlich stürzte er sich -- nicht aus dem Fenster, sondern
--- auf seine Frau, über der er die Faust erhob! Doch er ließ sie nicht
-sinken, nein, dreimal nein; aber er verging auf der Stelle. Ohne die
-Füße unter sich zu spüren, stürzte er in sein Zimmer, wo er sich, so wie
-er war, in den Kleidern auf das Bett warf und den Kopf in die Decke
-wickelte. So lag er zwei Stunden lang -- ohne Schlaf, ohne Gedanken, mit
-einem Stein auf dem Herzen und mit stumpfer, unbeweglicher Verzweiflung
-in der Seele. Hin und wieder erschauerte er am ganzen Körper unter einem
-quälenden Schüttelfrost. Gedanken hatte er nicht, doch fielen ihm
-allerhand unzusammenhängende Sachen ein, die mit seinem jetzigen
-Zustande nichts zu tun hatten: so dachte er zum Beispiel an eine alte
-Wanduhr, die er vor fünfzehn Jahren in Petersburg besessen hatte und von
-der der große Zeiger abgefallen war ... oder an seinen lustigen Freund
-Milbois -- wie dieser einmal mit ihm im Alexanderpark einen Sperling
-gefangen und darauf furchtbar über diesen Jungenstreich gelacht hatte,
-als es ihnen plötzlich einfiel, daß der eine von ihnen schon
-»Kollegien-Assessor« war. Erst gegen sieben Uhr morgens schlief er
-langsam ein, ohne es selbst zu merken, und schlief ruhig und mit
-wundervollen Träumen. Erst gegen zehn Uhr erwachte er, besann sich,
-sprang plötzlich wild auf und schlug sich mit der Hand vor die Stirn:
-jäh war ihm alles wieder eingefallen. Weder das Frühstück, noch Blümer,
-noch der Polizeimeister, noch Beamte mit Meldungen wurden vorgelassen,
-von all dem wollte er nichts mehr wissen -- lief vielmehr wie von Sinnen
-in die Gemächer seiner Frau. Dort aber sagte ihm Sophia Antropowna, eine
-adlige alte Frau, die schon lange bei Julija Michailowna lebte, daß
-diese bereits vor einer Stunde mit einer ganzen Gesellschaft, in nicht
-weniger als drei Equipagen, nach Skworeschniki zu Warwara Petrowna
-Stawrogina gefahren sei, um dort die Säle zu besichtigen, da man das
-zweite Fest, das in zwei Wochen stattfinden sollte, dort zu arrangieren
-beabsichtigte, und der heutige Besuch schon vor drei Tagen mit Warwara
-Petrowna verabredet worden war. Bestürzt kehrte Andrei Antonowitsch in
-sein Arbeitszimmer zurück und befahl sofort, die Pferde anzuschirren.
-Kaum hielt er es aus, so lange zu warten, bis der Wagen vorfuhr. Seine
-Seele sehnte sich nach Julija Michailowna -- nur sehen wollte er sie,
-nur ein paar Minuten lang bei ihr sein! Vielleicht wird sie ihm einen
-Blick schenken? ihm zulächeln wie früher? und ihm verzeihen? Oh -- oh!
-»Wo bleiben denn die Pferde!« Mechanisch schlug er ein dickes Buch auf,
-das auf dem Tisch lag (es kam vor, daß er zuweilen so ein Buch befragte,
-indem er es aufs Geratewohl aufschlug und dann auf der rechten Seite die
-ersten drei Zeilen las). Sein Blick fiel auf den Satz: »_Tout est pour
-le mieux dans le meilleur des mondes possibles._«{[165]} _Voltaire_,
-»_Candide_«. Er spuckte wütend aus und eilte die Treppe hinab zum
-vorgefahrenen Wagen. »Nach Skworeschniki!« befahl er. Der Kutscher
-erzählte später, der Herr habe ihn die ganze Zeit zu schnellerem Fahren
-angetrieben, bis er plötzlich, als sie sich dem Herrenhause näherten,
-befahl, umzukehren und in die Stadt zurück zu fahren. »Schneller,
-schneller!« habe er auch dann noch ununterbrochen gerufen. »Doch als wir
-uns dem Stadtwall näherten,« erzählte der Kutscher, »da befahl der Herr,
-wieder anzuhalten, stieg dann aus und ging aufs Feld, ich dachte ... aus
-irgendeinem Grunde ... -- aber nein, er blieb mitten im Feld stehen und
-begann die Blümchen zu besehen ... so stand er dann lange Zeit, so daß
-ich gar nicht mehr wußte, was ich denken sollte.« Ich erinnere mich noch
-des Wetters an jenem Morgen: es war ein kalter und klarer, doch windiger
-Septembertag. Vor Andrei Antonowitsch, der vom Wege aufs Feld getreten
-war, lag die herbe Landschaft der kahlen Felder, von denen das Getreide
-schon längst fortgeschafft war; der rauschende Wind schaukelte noch hier
-und da armselige Stiele vergilbter Feldblumen ... Wollte er vielleicht
-sich und sein Schicksal mit den spärlichen, von Wind und Frost schon
-siechen und zerzausten Feldblumen vergleichen? Das glaube ich nicht. Ja,
-ich bin sogar überzeugt, daß Lembke die Blumen kaum bemerkt hat, daß er
-vielmehr alles, was er tat, ganz gedankenlos tat. Doch was man
-jedenfalls mit Sicherheit weiß, ist nur, daß jener Polizeioffizier des
-ersten Stadtreviers, der ihm mit dem Wagen des Polizeimeisters
-nachgeschickt ward, den Gouverneur unterwegs tatsächlich mit einem
-Strauß gelber Blümchen in der Hand antraf. Dieser Polizeioffizier, --
-Wassilij Iwanowitsch Flibustjeroff mit Namen, ein Beamter mit
-Begeisterung für seinen Beruf -- war auch erst seit kurzer Zeit in
-unserer Stadt, doch hatte er sich nichtsdestoweniger durch seinen
-unmäßigen Diensteifer und seinen angeboren unnüchternen Zustand schon
-allgemein bekannt gemacht. Kaum hatte er den Gouverneur erblickt, als er
-sofort aus dem Wagen sprang, um, ohne Rücksicht auf das Blumenbukett,
-sofort zu melden:
-
-»Exzellenz, in der Stadt ist Aufruhr.«
-
-»Wie?« fragte Andrei Antonowitsch, mit strengem Gesicht sich umwendend,
-doch ohne jedes Erstaunen, ganz wie er gewöhnlich in seinem Kabinett zu
-fragen pflegte.
-
-»Pristaff des ersten Reviers, Flibustjeroff, Exzellenz. In der Stadt ist
-Aufruhr!«
-
-»Flibustier?« wiederholte Andrei Antonowitsch nachdenklich.
-
-»Zu Befehl, Exzellenz. Die Spigulinschen sind aufständisch.«
-
-»Die Spigulinschen! ...«
-
-Irgendetwas schien ihm beim Namen Spigulin einzufallen. Er zuckte sogar
-zusammen und legte den Zeigefinger an die Stirn: »Die Spigulinschen!«
-Schweigend und immer noch nachdenklich ging er, ohne sich zu beeilen,
-zum Wagen zurück, setzte sich und befahl, nach der Stadt zu fahren.
-Flibustjeroff fuhr im Wagen des Polizeimeisters hinter ihm her.
-
-Ich glaube, Lembke wird unterwegs unklar an sehr verschiedene Sachen
-gedacht haben: doch es ist kaum anzunehmen, daß er, als er in die Stadt
-einfuhr, irgend eine bestimmte Absicht gehabt, noch sich eine
-Vorstellung von dem gemacht habe, was geschehen war. Als er aber
-plötzlich auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude die fest und ruhig
-wartenden »Aufständischen«, die Reihe der Polizisten und den machtlosen
--- vielleicht auch absichtlich machtlosen -- Polizeimeister erblickte,
-da strömte ihm alles Blut zum Herzen. Totenbleich stieg er aus dem
-Wagen.
-
-»Die Mützen ab!« sagte er kaum hörbar und atemlos. »Auf die Kniee!« rief
-er dann plötzlich laut -- am unerwartetsten wohl für ihn selbst. Und
-vielleicht war es gerade diese erschreckende Überraschung, die alles
-Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der
-Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten
-auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets
-durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; für solche Menschen aber ist es am
-gefährlichsten, wenn es einmal geschieht, daß ihr »Schlitten« sich auf
-irgendeine Weise losreißt und den Berg hinabsaust.
-
-Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen.
-
-»Flibustier!« rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz
-sinnlos, und seine Stimme brach plötzlich ab. Er stand und wußte noch
-nicht, _was_ er tun würde, doch fühlte er mit jeder Fiber, _daß_ er
-sofort irgend etwas tun werde.
-
-»Herrgott!« hörte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich,
-drei, vier wollten tatsächlich niederknieen, doch da schoben sich die
-anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und plötzlich fingen sie
-alle auf einmal zu sprechen an: »Exzellenz ... General ...« riefen sie
-durcheinander, »wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ...
-kannst du nicht ein Wort einlegen ...« usw., usw. Man konnte nichts
-verstehen.
-
-Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betäubt da, begriff
-nichts und hielt immer noch die Blümchen in der Hand. Den »Aufruhr«
-glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan
-Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien
-bringen sollte. Und zu alledem kam für ihn jetzt noch, daß er zwischen
-der Menge der »Aufständigen«, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten,
-plötzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute
-»aufwiegeln« sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit
-dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den
-er ständig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaßten Pjotr
-Stepanowitsch.
-
-»Ruten!« schrie von Lembke plötzlich noch überraschender.
-
-Totenstille trat ein.
-
-Das war der Anfang -- wenigstens soweit mir alles Nähere bekannt
-geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklären vermag. Doch
-die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbürgt, und auch
-ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. Übrigens gibt es noch
-einige Tatsachen.
-
-Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren
-augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon während der
-Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, höchstens drei,
-doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, daß
-alle oder die Hälfte der Arbeiter durchgeprügelt worden seien. Nicht
-wahr ist gleichfalls, daß man eine anständige vorübergehende Dame
-ergriffen und gleichfalls durchgeprügelt habe, wie später eine
-Petersburger Zeitung zu berichten wußte. Viel wurde ferner von einer
-Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem
-Armenhause, von der es hieß, sie habe, als sie auf dem Heimwege von
-einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte,
-sich in verständlicher Neugier vorgedrängt, und als sie sah, was da
-geschah, »solch eine Schmach!« ausgerufen und dazu ausgespieen. Und
-dafür, so hieß es, hatte man sie sofort gleichfalls »beschlagnahmt«.
-Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwähnt, sondern man begann
-im Eifer sogar schon für sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken
-gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, daß es eine solche
-Tarapygina hier überhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persönlich im
-Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer
-Tarapygina nie auch nur etwas gehört, ja, man war sogar richtig
-beleidigt, als ich zur Aufklärung der Sache das erwähnte Gerücht
-mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier überhaupt wiedergebe,
-so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe
-dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden
-gewesen wäre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der
-Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer
-ausgedrückt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist
-mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, daß Stepan
-Trophimowitsch mir plötzlich abhanden kam, kaum daß wir auf dem Platz
-vor dem Gouvernementsgebäude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes
-und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht über den Platz,
-hinführen, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich
-bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, -- und da war
-Stepan Trophimowitsch plötzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir
-sofort, daß er bestimmt an der gefährlichsten Stelle am ehesten zu
-finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fühlte ich, daß auch
-bei ihm »der Schlitten« sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg
-hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich weiß noch,
-ich erfaßte schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit
-unermeßlicher Überlegenheit an.
-
-»_Cher_,« sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene
-Saite klang, »wenn man schon öffentlich hier auf dem Platz so
-zeremonielos verfährt, was soll man dann noch von _diesem_ erwarten ...
-wenn er selbständig handeln dürfte?«
-
-Und er wies zitternd vor Unwillen, mit dem heißen Verlangen, jemanden
-herauszufordern, auf den zwei Schritt vor uns stehenden und uns
-anstarrenden Flibustjeroff.
-
-»_Diesem?_« rief Flibustjeroff sofort zornbebend und es wurde ihm
-offenbar dunkel vor den Augen. »Was für einen >diesen<? Wen meinst du
-damit hier? wer bist du überhaupt?« schrie er uns an, mit geballter
-Faust auf uns zutretend. »Wer bist du?« brüllte er wild, bis zur
-Tollheit erregt vor Diensteifer und Dünkel (dabei kannte er Stepan
-Trophimowitsch von Ansehen sehr gut).
-
-Noch einen Augenblick und der rasende Flibustjeroff hätte ihn schon am
-Kragen gepackt; doch zum Glück wandte auf das Gebrüll hin von Lembke den
-Kopf und sah verwundert doch aufmerksam auf Stepan Trophimowitsch: es
-war, als ob er nachdachte -- plötzlich aber winkte er ungeduldig mit der
-Hand ab und Flibustjeroff stand sofort stramm. Ich zog meinen Freund
-schnell aus der Menge. Vielleicht hatte auch er schon genug davon.
-
-»Gehen wir nach Hause, sofort,« sagte ich in sehr bestimmtem Tone. »Wenn
-man Sie jetzt nicht geschlagen hat, so verdanken Sie das nur Herrn von
-Lembke.«
-
-»Gehen Sie, mein Freund. Es war unrecht von mir, Sie mit hineinzuziehen.
-Sie haben noch eine Zukunft und eine Karriere vor sich, ich aber -- _mon
-heure a sonné_.«{[166]}
-
-Und er betrat festen Schrittes die Treppe des Gouvernementsgebäudes. Der
-Portier kannte mich: ich sagte ihm, daß wir beide zu Julija Michailowna
-wollten. Man führte uns in den Empfangssalon, wir setzten uns und
-warteten. Ich konnte meinen Freund nicht verlassen, zu sprechen aber,
-oder ihn zu bereden, hielt ich jetzt für überflüssig. Er sah aus, wie
-ein Mensch, der sich dem Tode fürs Vaterland geweiht hat. Wir setzten
-uns nicht nebeneinander, sondern er nahm in der einen Ecke Platz und ich
-in der gegenüberliegenden, die näher zur Eingangstür lag. Sein Blick war
-nachdenklich gesenkt, die Hände stützte er leicht auf den Silberknopf
-seines Stockes und den breitkrämpigen Hut hielt er müde in der linken
-Hand. So saßen wir an die zehn Minuten.
-
-
- II.
-
-Plötzlich trat von Lembke, in Begleitung des Polizeimeisters, mit
-schnellen Schritten ins Zimmer. Er blickte uns nur zerstreut an und
-wollte rechts in sein Arbeitszimmer gehen, doch schon stand Stepan
-Trophimowitsch vor ihm und verlegte ihm den Weg. Die hohe Gestalt, ja,
-die ganze so anders als die anderen wirkende Erscheinung Stepan
-Trophimowitschs machte augenscheinlich Eindruck auf von Lembke: er blieb
-stehen.
-
-»Wer ist das?« murmelte er verwundert. Doch wandte er den Kopf nicht zum
-Polizeimeister, sondern sah dabei starr Stepan Trophimowitsch an.
-
-»Kollegienassessor Stepan Trophimowitsch Werchowenski, Exzellenz,«
-antwortete Stepan Trophimowitsch mit einer würdevoll gemessenen Neigung
-des Kopfes.
-
-Seine Exzellenz fuhr fort, ihn anzusehen, doch übrigens mit einem
-ziemlich stumpfen Blick.
-
-»Sie wünschen?« fragte er mit dem bekannten Lakonismus der höheren
-Vorgesetzten, launisch, ungeduldig sein Ohr zu Stepan Trophimowitsch
-wendend, den er wohl für einen gewöhnlichen Bittsteller nahm.
-
-»Ein Beamter hat heute im Namen Eurer Exzellenz eine Haussuchung bei mir
-vorgenommen: ich wünschte ...«
-
-»Der Name, der Name?« fragte von Lembke ungeduldig, als ob ihm plötzlich
-etwas einfiel.
-
-Stepan Trophimowitsch nannte zum zweitenmal und noch würdevoller seinen
-Namen.
-
-»A--a--ah! Das ist ... das ist dieses Freidenkernest ... Mein Herr, Sie
-haben sich in einer solchen Weise ... Sie sind Professor? Professor?«
-
-»Ich hatte früher einmal die Ehre, der Jugend einige Kollegs zu lesen,
-an der ...schen Universität.«
-
-»Der Ju--gend?« von Lembke schrak sichtlich zusammen, wenn er auch --
-darauf könnte ich wetten -- kaum begriff, worum es sich hier handelte,
-noch mit wem er eigentlich sprach.
-
-»Das, mein Herr, das lasse ich nicht zu!« rief er plötzlich furchtbar
-erregt und aufgebracht. »Ich dulde keine Jugend! Das sind alles die
-Proklamationen. Das ist ein Angriff auf die Gesellschaft, mein Herr! Ein
-Angriff zur See! Ist Seeräuberei! Flibustjerismus! -- Was wünschen Sie?«
-
-»Im übrigen hat mich noch Ihre Frau Gemahlin gebeten, morgen auf dem
-Fest vorzulesen. Ich habe nicht die Absicht, hier um etwas zu bitten.
-Ich bin gekommen, um mein Recht zu verlangen ...«
-
-»Auf dem Fest? Das Fest wird nicht stattfinden! Ich untersage euer Fest!
-Kollegs? Kollegs?« rief Lembke wie toll.
-
-»Ich würde Sie sehr bitten, ein wenig höflicher mit mir zu sprechen,
-Exzellenz, und mich nicht anzuschreien wie einen Schuljungen.«
-
-»Sie ... vielleicht begreifen Sie, mit wem Sie sprechen?« fragte
-plötzlich von Lembke errötend.
-
-»Vollkommen, Exzellenz.«
-
-»Ich beschütze mit meiner Person die Gesellschaft, Sie aber wollen sie
-zerstören! ... Sie ... Übrigens, ich erinnere mich jetzt ..., waren Sie
-nicht Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina?«
-
-»Ja, ich war ... Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina.«
-
-»Und im Laufe von zwanzig Jahren sind Sie das Treibbeet alles dessen
-gewesen, was jetzt ausgebrochen ist ... alle Früchte ... Ich glaube, ich
-habe Sie soeben auf dem Platz gesehen. Hüten Sie sich, mein Herr, hüten
-Sie sich! Ihre Gedankenrichtung ist bekannt! Seien Sie überzeugt, daß
-ich das nicht aus dem Auge lasse! Ich kann Ihre Kollegs nicht gestatten,
-mein Herr, ich kann nicht! Mit solchen Bitten wenden Sie sich nicht an
-mich.«
-
-Und von Lembke wollte wieder in sein Arbeitszimmer treten.
-
-»Ich wiederhole, daß Sie sich täuschen, Exzellenz: es ist Ihre Frau
-Gemahlin, die mich gebeten hat -- nicht ein Kolleg zu lesen, sondern
-morgen auf dem Fest etwas Literarisches vorzutragen. Doch jetzt werde
-ich mich selbst davon zurückziehen. Meine untertänigste Bitte ist nur,
-mir, falls möglich, zu erklären: warum man heute bei mir eine
-Haussuchung vorgenommen hat? Man hat mir einige Bücher und Papiere
-genommen, mir teure Privatbriefe, und auf einer Schiebkarre durch die
-Stadt ...«
-
-»Wer hat das getan?« fuhr Lembke, plötzlich ganz zur Besinnung kommend,
-auf und wandte sich hastig zum Polizeimeister.
-
-In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür und die lange, plumpe Gestalt
-Blümers erschien. »Da! dieser selbe Beamte war es, Exzellenz,« sagte
-Stepan Trophimowitsch schnell, der den Eintretenden sofort bemerkt
-hatte.
-
-Blümer trat mit zwar schuldbewußtem, doch durchaus nicht nachgiebigem
-Ausdruck näher.
-
-»_Vous ne faites que des bêtises!_«{[167]} warf ihm von Lembke ärgerlich
-zu, und plötzlich verwandelte er sich vollständig, als käme er erst
-jetzt völlig zu sich.
-
-»Verzeihen Sie ...« sagte er ungewöhnlich verwirrt zu Stepan
-Trophimowitsch und errötete dabei stark, »das war alles wahrscheinlich
-nur eine Ungewandtheit, ein Mißverständnis ... nur ein Mißverständnis.«
-
-»Exzellenz,« bemerkte Stepan Trophimowitsch, »in meiner Jugend war ich
-einmal Augenzeuge eines charakteristischen Vorfalls. Im Foyer eines
-Theaters trat irgend jemand auf einen Herrn zu und gab ihm vor dem
-ganzen Publikum eine schallende Ohrfeige. Gleich darauf bemerkte er, daß
-der Herr, dem er die Ohrfeige gegeben, durchaus nicht derselbe war, dem
-er sie hatte geben wollen, sondern ihm nur ähnlich sah, und geärgert
-sagte er -- dabei eilig, ganz wie ein Mensch, der keine Zeit zu
-verlieren hat, -- genau dieselben Worte, die Exzellenz soeben mir zu
-sagen beliebten: >Verzeihen Sie ... ich habe mich geirrt, das war ein
-Mißverständnis, nur ein Mißverständnis.< Und als der Beleidigte darauf
-immer noch gekränkt war und seiner Empörung Ausdruck gab, da sagte er
-schließlich ärgerlich: >Aber ich versichere Ihnen doch, daß das ein
-Mißverständnis war, was schreien Sie hier denn noch<!«
-
-»Das ... das ist natürlich komisch ...« sagte von Lembke und verzog
-seinen Mund zu einem Lächeln.
-
-»Aber ... aber sehen Sie denn nicht, wie unglücklich ich selbst bin?«
-
-Er schrie es beinahe heraus und wollte schon, glaube ich, das Gesicht
-mit den Händen bedecken.
-
-Dieser unerwartete gequälte Ausruf, dieser erstickte Schmerz machten
-einen unerträglichen Eindruck. Es war wohl der Augenblick des ersten
-Erwachens, des ersten klaren Erkennens alles dessen, was seit dem
-vergangenen Tage geschehen war -- und gleich darauf vollständige,
-erniedrigende, sich ergebende Verzweiflung; wer weiß, vielleicht hätte
-er schon im nächsten Augenblick laut geschluchzt. Stepan Trophimowitsch
-sah ihn zuerst erschrocken an, dann senkte er plötzlich den Kopf und
-sagte mit einer tief mitfühlenden Stimme:
-
-»Exzellenz, beunruhigen Sie sich weiter nicht wegen meiner kleinlichen
-Klage, und befehlen Sie nur, daß man mir meine Bücher und Briefe
-zurückschickt ...«
-
-Er wurde unterbrochen. Gerade in diesem Augenblick kehrte Julija
-Michailowna mit der ganzen sie begleitenden Schar aus Skworeschniki
-zurück.
-
-
- III.
-
-Das erste war, daß sämtliche Insassen der drei Equipagen fast alle
-zugleich in den Salon drängten. Eigentlich ging man in Julija
-Michailownas Gemächer unmittelbar vom Vestibül aus nach links; doch
-diesmal drängten alle nach rechts in den großen Empfangssalon -- wohl
-bloß deshalb, weil Stepan Trophimowitsch sich in ihm befand. Davon und
-von allem Vorgefallenen wie auch von dem »Aufstand« der Spigulinschen
-Arbeiter waren sie schon durch Lämschin unterrichtet worden. Dieser war
-zur Strafe für irgendeine neue Unart nicht mitgenommen worden -- und so
-hatte er, der alles sogleich erfahren und teilweise selbst mit
-angesehen, schnell in hämischer Schadenfreude ein altes Kosakenpferd
-bestiegen und war der heimkehrenden Kavalkade entgegengeritten.
-
-Julija Michailowna wird, denke ich mir, denn doch einigermaßen bestürzt
-gewesen sein, trotz ihrer »höheren Entschlossenheit«, als sie solche
-Neuigkeiten vernehmen mußte; aber wohl nur auf einen Augenblick. Die
-politische Seite der Frage konnte sie nicht weiter beunruhigen, denn
-Pjotr Stepanowitsch hatte ihr schon viermal gesagt, daß man die
-Spigulinschen Frechlinge einfach alle durchprügeln müsse: Pjotr
-Stepanowitsch aber war seit einiger Zeit eine ungeheuere Autorität für
-sie. »Er wird es mir schon bezahlen müssen,« dachte sie bei sich, wobei
-das »Er« sich natürlich auf ihren Mann bezog. Ich muß noch bemerken, daß
-Pjotr Stepanowitsch gleichfalls an der allgemeinen Ausfahrt nicht
-teilgenommen hatte und seit dem frühesten Morgen von niemandem gesehen
-worden war. Erwähnen muß ich auch noch, daß Warwara Petrowna, nachdem
-sie die Gäste in Skworeschniki empfangen hatte, mit ihnen zusammen (in
-einem Wagen mit Julija Michailowna) in die Stadt zurückgekehrt war, um
-an der letzten Sitzung des Komitees teilzunehmen. Natürlich mußten die
-von Lämschin gebrachten Nachrichten, die Stepan Trophimowitsch betrafen,
-sie gleichfalls interessieren, vielleicht aber regten sie sie sogar auf.
-
-Die Heimzahlung, die Julija Michailowna sich vorgenommen hatte, ihrem
-Mann zu teil werden zu lassen, begann sofort, als sie in den
-Empfangssalon trat: das fühlte Lembke selbst schon nach dem ersten Blick
-auf seine schöne Gattin. Mit dem offensten, bezauberndsten Lächeln ging
-sie schnell auf Stepan Trophimowitsch zu, streckte ihm das elegant
-behandschuhte Händchen entgegen und überschüttete ihn mit den
-schmeichelhaftesten Worten -- ganz als ob an diesem Vormittage all ihr
-Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet gewesen wäre, Stepan
-Trophimowitsch ihr Entzücken darüber auszudrücken, daß sie ihn endlich
-bei sich begrüßen durfte. Über die Haussuchung verlor sie kein einziges
-Wort, nicht eine Silbe, als hätte sie überhaupt nichts davon gewußt.
-Kein Wort an ihren Mann, kein Blick auf ihn -- als wenn er gar nicht
-anwesend gewesen wäre! Dabei schien ihr das noch nicht einmal genug zu
-sein, sie nahm vielmehr Stepan Trophimowitsch einfach für sich in
-Beschlag und führte ihn mit sich in die andere Ecke des Salons, was so
-viel heißen sollte wie: daß sie es gar nicht für wert hielt, daß sein
-Gespräch mit Lembke, in dem er doch offenbar begriffen gewesen war, zu
-Ende geführt wurde. Ich glaube, daß Julija Michailowna damit trotz ihres
-so sicheren Auftretens doch wieder einen Fehler machte. Und hierbei half
-ihr dann noch Karmasinoff (der diesmal auf ihre besondere Bitte an der
-Fahrt teilgenommen und bei dieser Gelegenheit Warwara Petrowna
-gewissermaßen doch noch seinen Besuch gemacht hatte, worüber diese in
-ihrer kleinen Eitelkeit geradezu entzückt war). Karmasinoff trat als
-letzter in den Empfangssalon und rief, kaum daß er Stepan Trophimowitsch
-erblickte, noch in der Tür stehend, sogleich aufs Lebhafteste:
-
-»Wieviel Jahre, wieviel Lenze! Endlich ... _Excellent ami!_«{[168]}
-
-Und er trippelte auf Stepan Trophimowitsch zu, ohne darauf zu achten,
-daß er sogar Julija Michailowna unterbrach, und hielt ihm seine Wange
-zum Kuß hin.
-
-»_Cher_,« sagte mir Stepan Trophimowitsch noch am selben Abend, als er
-über die Erlebnisse dieses Vormittags sprach, »in jenem Augenblick
-dachte ich: wer ist nun von uns beiden gemeiner? Er, der mich umarmt, um
-mich zu erniedrigen, oder ich, der ich ihn samt seiner Wange verachte
-und doch küsse, obgleich ich mich einfach abwenden könnte ... O pfui!«
-
-»Nun, erzählen Sie, erzählen Sie doch alles, was Sie inzwischen erlebt
-haben,« lispelte Karmasinoff in seiner manierierten Sprechweise, -- als
-ob man das ganze Leben von fünfundzwanzig Jahren so einfach vornehmen
-und erzählen könnte. Aber diese törichte Oberflächlichkeit war nun
-einmal »höherer« Ton.
-
-»Erinnern Sie sich, wir haben uns zuletzt in Moskau beim Diner zu Ehren
-Granowskis gesehen, und seitdem sind vierundzwanzig Jahre vergangen ...«
-begann Stepan Trophimowitsch ruhig und vernünftig (also sehr wenig im
-»höheren« Tone).
-
-»_Ce cher homme_,«{[169]} unterbrach ihn Karmasinoff familiär mit seiner
-kreischenden Stimme und faßte ihn mit freundschaftlicher Vertraulichkeit
-an der Schulter. »Aber Julija Michailowna, so bringen Sie uns doch
-schnell zu sich hinüber! Dort wird er sich dann hinsetzen und uns alles
-erzählen.«
-
-»Dabei bin ich mit diesem alten, reizbaren Weibe von Mann nie Freund
-gewesen!« fuhr am selben Abend Stepan Trophimowitsch zitternd vor Wut
-fort, sich bei mir zu beklagen. »Damals waren wir noch Jünglinge und
-schon damals begann ich, ihn zu hassen ... ganz wie er mich, natürlich
-...«
-
-Julija Michailownas Salon füllte sich schnell. Warwara Petrowna befand
-sich in ganz besonders gespannter Stimmung, wenn sie sich auch
-krampfhaft anstrengte, gleichmütig zu erscheinen. Ich bemerkte ein
-paarmal ihren gehässigen Blick auf Karmasinoff und manchen bösen Blick
-auf Stepan Trophimowitsch -- böse schon im voraus, böse aus Eifersucht,
-aus Liebe: hätte Stepan Trophimowitsch jetzt in Gegenwart aller schlecht
-abgeschnitten oder hätte er sich von Karmasinoff irgend etwas bieten
-lassen, -- ich glaube, sie wäre aufgesprungen und hätte ihn womöglich
-geschlagen.
-
-Ich vergaß, zu erwähnen, daß auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte
-ich sie fröhlicher, sorgloser, glücklicher gesehen. Selbstverständlich
-war auch Mawrikij Nicolajewitsch zugegen. Außerdem bemerkte ich unter
-den jungen Leuten, die Julija Michailownas ständiges Gefolge waren und
-von denen Zeremonielosigkeit für Lustigkeit und billiger Zynismus für
-Intelligenz gehalten wurde, zwei oder drei neue Persönlichkeiten:
-irgendeinen angereisten, auffallend scharwenzelnden Polen, einen
-deutschen Doktor -- ein schon ältlicher Mann, der keinen Augenblick
-stillsitzen konnte und laut und mit Genuß in jeder Minute über seine
-eigenen Witze lachte -- und irgendeinen sehr jungen Petersburger
-Fürsten, eine automatische Figur mit Diplomatenhaltung und in furchtbar
-hohem Kragen -- ein Gast, den Julija Michailowna augenscheinlich ganz
-besonders schätzte und vor dessen Kritik ihr vielleicht sogar bangte,
-wenn sie an den Ton in ihrem Salon dachte ...
-
-»_Cher monsieur Karmazinoff_,« begann Stepan Trophimowitsch, der sich
-malerisch auf einen Diwan setzte und plötzlich die Worte ganz wie
-Karmasinoff manieriert skandierte, »_cher monsieur Karmazinoff_, das
-Leben eines Menschen unserer früheren Zeit muß, besonders wenn er
-gewisse Überzeugungen hat, selbst in einem Zeitraum von fünfundzwanzig
-Jahren eintönig erscheinen ...«
-
-Der Deutsche lachte schallend, ja geradezu wiehernd auf, wahrscheinlich
-in dem Glauben, Stepan Trophimowitsch habe etwas überaus Komisches
-gesagt. Dieser sah sich mit ostentativer Verwunderung nach ihm um, doch
-auf den Lacher machte er damit gar keinen Eindruck. Der junge Fürst sah
-sich gleichfalls mitsamt seinem hohen Kragen um und setzte sogar den
-Zwicker auf, um den Deutschen besser betrachten zu können, blickte aber
-dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, völlig gleichgültig, ohne jede
-Neugier auf ihn.
-
-»... eintönig erscheinen,« wiederholte Stepan Trophimowitsch
-absichtlich. »So ist es auch mit meinem Leben in diesem ganzen
-Vierteljahrhundert, _et comme on trouve partout plus de moines que de
-raison_,{[170]} -- und da ich dem vollkommen zustimme, so scheint es,
-daß ich in diesen fünfundzwanzig Jahren ...«
-
-»_C'est charmant, les moines_,«{[171]} flüsterte Julija Michailowna der
-neben ihr sitzenden Warwara Petrowna zu.
-
-Warwara Petrowna antwortete ihr darauf mit einem stolzen Blick.
-
-Karmasinoff aber ertrug den Erfolg der französischen Phrase nicht und
-fiel mit seiner kreischenden Stimme Stepan Trophimowitsch schnell ins
-Wort:
-
-»Was mich betrifft, so bin ich in der Beziehung vollkommen beruhigt und
-sitze jetzt schon das siebente Jahr in Karlsruhe. Ja, als im vorigen
-Jahr der Stadtrat dortselbst beschloß, ein neues Wasserleitungsrohr zu
-legen, da fühlte ich in meinem Herzen, daß diese Karlsruher
-Wasserleitungsfrage mir teurer und lieber war, als die gesamten Fragen
-meines lieben Vaterlandes ... wenigstens für die Zeit der sogenannten
-russischen Reformen.«
-
-»Sehe mich gezwungen, zu gestehen, daß ich Ihnen das nachfühlen kann,
-wenn auch gegen mein Herz,« sagte Stepan Trophimowitsch halb aufseufzend
-und senkte vielsagend den Kopf.
-
-Julija Michailowna triumphierte: das Gespräch wurde sowohl tief wie
-tendenziös.
-
-»Eine Röhre für den ... Schmutz?« erkundigte sich laut der Doktor.
-
-»Ein Abzugsrohr, Doktor, ein Abzugsrohr, und ich habe damals selbst
-mitgeholfen, das Projekt auszuarbeiten.«
-
-Der Doktor lachte wieder schallend auf. Nun begannen auch die anderen zu
-lachen, doch lachten sie jetzt schon dem Deutschen offen ins Gesicht,
-was dieser aber gar nicht gewahrte -- im Gegenteil, er schien sogar sehr
-vergnügt darüber zu sein, daß endlich alle mitlachten.
-
-»Erlauben Sie, Ihnen einmal _nicht_ beizustimmen, Karmasinoff,« beeilte
-sich Julija Michailowna zu bemerken. »Ich habe sonst nichts gegen
-Karlsruhe, aber Sie lieben zu mystifizieren, und diesmal glauben wir
-Ihnen nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele
-zeitgenössische und echt russische Typen geschaffen, ist so vielen
-zeitgenössischen und echt russischen Fragen auf den Grund gegangen und
-hat so richtig jene Hauptmomente unserer Zeit erkannt, die den Typ des
-heute wirkenden Menschen bestimmen, wie gerade Sie, Sie allein von
-allen? Und nun, bitte, versuchen Sie uns noch Ihre Gleichgültigkeit
-gegen das Vaterland und Ihr ungeheueres Interesse für die Karlsruher
-Leitungsrohrangelegenheit glauben zu machen! Haha!«
-
-»Ich habe allerdings,« begann Karmasinoff geziert, »im Typ Pogosheff
-alle Fehler der Slawophilen gezeigt und im Typ Nikodimoff alle Fehler
-der Westler ...«
-
-»Als ob er damit wirklich schon _alle_ gezeigt hätte!« flüsterte
-Lämschin ganz leise seinem Nachbar zu.
-
-»... aber das tue ich nur so nebenbei, nur um die überflüssige Zeit
-irgendwie totzuschlagen und ... um alle diese aufdringlichen
-Anforderungen und Erwartungen meiner Landesgenossen zu befriedigen.«
-
-»Es wird Ihnen wohl schon bekannt sein, Stepan Trophimowitsch,« fuhr
-Julija Michailowna ganz bezaubert fort, »daß wir morgen das Vergnügen
-haben werden, etwas Wundervolles zu hören ... eine von den letzten und
-schönsten Inspirationen Semjon Jegorowitschs -- sein >_Merci_<. Er
-kündet in dieser Arbeit an, daß er künftig nichts mehr schreiben werde,
-unter keiner Bedingung, für keinen Preis, selbst dann nicht, wenn ein
-Engel vom Himmel käme und ihn bäte, den unwiderruflichen Entschluß
-aufzugeben. Mit einem Wort, er legt jetzt die Feder für immer aus der
-Hand. Und dieses graziöse >_Merci_< ist an das Publikum gerichtet, ist
-sein Dank für die unermüdliche Begeisterung, mit der es so viele Jahre
-lang seine treue Arbeit für den russischen Gedanken begleitet hat.«
-
-Julija Michailowna war auf der Höhe der Seligkeit.
-
-»Ja, ich verabschiede mich, ich sage mein >_Merci_< und reise dann weg,
-und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schließen,« bemerkte
-Karmasinoff, den das Mitleid mit sich selbst mehr und mehr ergriff.
-
-Wie so viele unserer großen Schriftsteller (und wir haben ungeheuer viel
-große Schriftsteller) konnte er Lobsprüche nicht gleichmütig hinnehmen,
-sondern wurde ungeachtet seines ganzen Scharfsinnes sofort schwach und
-weich. Aber ich denke, das ist am Ende verzeihlich. Erzählt man doch,
-daß einer von unseren Shakespeares in einem Privatgespräch ganz offen
-gesagt habe: »Ja, wir _großen Männer_, wir« usw., und zwar ohne daß es
-ihm selbst aufgefallen wäre.
-
-»Ja, dort in Karlsruhe schließe ich dann für immer meine Augen. Uns
-großen Männern bleibt ja nichts anderes übrig, als, nachdem wir unser
-Werk getan, schnell die Augen zu schließen, ohne noch lange auf Dank zu
-warten. So werde auch ich es denn machen.«
-
-»Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich nach Karlsruhe zu Ihrem Grabe
-pilgern kann!« rief der Deutsche und lachte selbst maßlos laut darüber.
-
-»Jetzt kann man Tote auch mit der Eisenbahn versenden,« sagte plötzlich
-einer der unbedeutenderen jungen Herren.
-
-Lämschin quiekte nur so vor Vergnügen. Julija Michailowna zog, peinlich
-berührt, die Brauen zusammen.
-
-In diesem Augenblick trat Nicolai Stawrogin ein.
-
-»Und mir hat man gesagt, Sie wären aufs Polizeibureau gebracht worden?«
-sagte er, sich gleich an Stepan Trophimowitsch wendend.
-
-»Nein, es war im ganzen nur ein ... _bureaukratischer_ Zwischenfall,«
-antwortete Stepan Trophimowitsch lächelnd.
-
-»Ich kann aber versichern, daß dieses Mißverständnis auf meine
-Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird,« griff Julija
-Michailowna in das Gespräch ein. »Ich denke, daß Sie diese
-Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklärlich ist, nicht weiter
-beachten und uns trotzdem das Vergnügen bereiten werden, auf der
-literarischen Matinee etwas vorzutragen?«
-
-»Ich weiß nicht ... jetzt ... eigentlich ...«
-
-»Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglücklich ... und
-denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute,
-einen der bemerkenswertesten und unabhängigsten russischen Geister
-endlich persönlich kennen zu lernen, äußert Stepan Trophimowitsch
-plötzlich die Absicht, sich von uns zurückzuziehen.«
-
-»Das Lob ist ja so laut, daß ich es wohl nicht hören soll,« bemerkte
-Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prägend, »aber ich glaube nun einmal
-nicht, daß meine unwichtige Person für das Fest so unbedingt vonnöten
-sei. Übrigens, ich ...«
-
-»Aber Sie verwöhnen ihn mir ja viel zu sehr!« rief plötzlich Pjotr
-Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. »Kaum habe ich
-ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die
-Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhätscheln ihn die Damen im Salon
-unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm muß ja jetzt jeder Knochen vor
-Entzücken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal
-träumen lassen, -- kein Wunder, wenn er da anfängt, die Sozialisten
-anzuschwärzen.«
-
-»Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu
-großer Gedanke, als daß Stepan Trophimowitsch das nicht auch einsähe,«
-verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch.
-
-»Der Gedanke ist zwar groß, doch seine Verkünder sind das nicht immer,
-_mais brisons là, mon cher_,«{[172]} sagte Stepan Trophimowitsch, sich
-mit weltmännischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn.
-
-Da geschah plötzlich etwas völlig Unerwartetes.
-
-Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls
-schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat
-man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewiß alle gesehen
-hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal
-eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht
-weit von der Tür stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem
-Gesicht, dem Gespräch zugehört. Als jetzt die Bemerkungen über die
-Vorfälle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah plötzlich starr den
-jungen Fürsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte.
-Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein
-Ohr: er zuckte heftig zusammen, -- und kaum hatte Stepan Trophimowitsch
-seine Sentenz über die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon
-schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, daß er dabei
-Lämschin, der im Wege stand, zur Seite stieß. Lämschin sprang natürlich
-sofort mit gemachtem und übertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich
-mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn
-wirklich furchtbar verletzt.
-
-»Genug!« rief dieser, indem er energisch die Hand des erschrockenen
-Stepan Trophimowitsch ergriff und sie mit aller Kraft in der seinigen
-drückte. »Genug, über die Flibustiers ist das Urteil schon gefällt. Kein
-Wort weiter. Ich habe schon Vorkehrungen getroffen ...«
-
-Er sprach es laut und schloß mit scharfer Betonung. Der Eindruck, den
-seine Worte machten, war ein äußerst unangenehmer. Alle fühlten etwas
-Unheilvolles in der Luft. Ich sah, wie Julija Michailowna erbleichte.
-Der Eindruck wurde durch einen dummen Zufall abgeschlossen. Nachdem
-Lembke das von den Vorkehrungen gesagt hatte, wandte er sich schroff um
-und schritt schnell zur Tür, doch kurz bevor er sie erreichte, stolperte
-er über einen der Teppiche, klappte mit dem Oberkörper nach vorn und
-wäre beinahe gefallen. Einen Augenblick stand er stumm da, blickte auf
-die Stelle, wo er gestolpert war, sagte laut: »Das ist umzustellen,« und
-verließ das Zimmer. Julija Michailowna erhob sich sofort und ging ihm
-eilig nach. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, da sprach und tuschelte
-schon alles durcheinander, so daß es schwer war, aus dem Gewirr klug zu
-werden. Die einen sagten, er sei »nervös« und »überarbeitet«; andere
-wollten gehört haben, daß er gewissen Anfällen ausgesetzt sei; die
-dritten tippten heimlich mit dem Finger an die Stirn, und in einer Ecke,
-im Kreise der Jugend, hielt Lämschin sogar zwei Finger wie Hörnchen an
-die Stirn. Ja, man machte Andeutungen, munkelte von Familienszenen --
-doch sprach man davon selbstverständlich nicht laut, sondern nur
-flüsternd. Jedenfalls dachte niemand daran, jetzt fortzugehen; und
-vorläufig wartete man. Ich weiß nicht, was Julija Michailowna inzwischen
-hatte ausrichten können, doch schon nach einigen fünf Minuten kam sie
-zurück, und man merkte ihr nur an, daß sie sich sehr zusammennahm, um
-ruhig zu erscheinen. Sie antwortete ausweichend, sagte, Andrei
-Antonowitsch sei ein wenig erregt, aber das habe nichts auf sich, das
-wiederhole sich bei ihm schon von Kindheit an, sie wisse das alles »ganz
-genau«, und selbstredend werde das Fest morgen ihn wieder erheitern.
-Darauf richtete sie noch ein paar schmeichelhafte Worte an Stepan
-Trophimowitsch, jedoch nur um der gesellschaftlichen Form willen, und
-dann forderte sie mit erhobener Stimme die Mitglieder des Komitees auf,
-jetzt sofort mit der Sitzung zu beginnen. Nun erst begannen die anderen
-aufzubrechen, doch die beklagenswerten Vorfälle dieses verhängnisvollen
-Tages waren noch nicht zu Ende ...
-
-Schon in dem Augenblick, als Nicolai Stawrogin eintrat, hatte ich
-bemerkt, daß Lisa ihn schnell und forschend ansah und dann lange den
-Blick nicht von ihm abwandte, so lange nicht, daß es bereits auffiel.
-Ich sah, wie Mawrikij Nicolajewitsch, der hinter ihrem Stuhle stand,
-sich niederbeugte, wie um ihr etwas zu sagen, doch plötzlich seine
-Absicht wieder aufgab und sich schnell aufrichtete, worauf er mit
-schuldbewußtem Blick die Anwesenden überflog. Auch Nicolai Stawrogin
-erregte einige Neugier: sein Gesicht war bleicher als sonst und sein
-Blick ungewöhnlich zerstreut. Nachdem er beim Eintreten seine Frage an
-Stepan Trophimowitsch gerichtet hatte, vergaß er ihn gleich wieder --
-ja, ich glaube, vergaß sogar, zur Hausfrau zu treten. Lisa sah er kein
-einziges Mal an, doch nicht etwa, weil er es nicht wollte, sondern weil
-er, wie ich mit Sicherheit behaupten kann, auch sie nicht bemerkte. Und
-nun, in der Stille, die Julija Michailownas Aufforderung an die
-Mitglieder des Komitees folgte, hörten wir plötzlich Lisas klare und
-absichtlich laute Stimme:
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch, mir schreibt irgendein Hauptmann, der sich
-für Ihren Verwandten ausgibt, für den Bruder Ihrer Frau, ein Hauptmann
-namens Lebädkin, fortwährend unanständige Briefe, in denen er sich über
-Sie beklagt und sich bereit erklärt, Geheimnisse, die Sie betreffen, mir
-mitzuteilen. Wenn Sie tatsächlich sein Verwandter sind, so verbieten Sie
-ihm doch derlei Beleidigungen und befreien Sie mich von diesen
-Belästigungen.«
-
-Eine ungeheuere Herausforderung lag in diesen Worten, und das begriffen
-alle. Die Beschuldigung lag auf der Hand, wenn sie auch für sie selbst
-vielleicht ganz überraschend kam. Es war, wie wenn ein Mensch die Augen
-schließt, die Zähne zusammenbeißt und sich vom Dach hinabstürzt.
-
-Doch die Antwort Nicolai Stawrogins war noch sonderbarer. Vor allem war
-schon das seltsam, daß er durchaus nicht erstaunt oder erschrocken zu
-sein schien und Lisa bis zum Schluß mit der ruhigsten Aufmerksamkeit
-anhörte. Weder Verwirrung noch Zorn drückte sich auf seinem Gesicht aus.
-Und einfach, fest, sogar mit voller Bereitwilligkeit, antwortete er auf
-die verhängnisvolle Frage:
-
-»Ja, ich habe das Unglück, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin
-der Mann seiner Schwester, der geborenen Lebädkina, jetzt schon seit
-fast fünf Jahren. Seien Sie versichert, daß ich ihm Ihre Forderungen in
-kürzester Zeit ausrichten werde, und ich verbürge mich dafür, daß er Sie
-hinfort nicht mehr belästigen wird.«
-
-Nie werde ich das Entsetzen vergessen, das sich in Warwara Petrownas
-Gesicht ausdrückte. Wie von Sinnen erhob sie sich von ihrem Stuhl und
-streckte langsam wie zur Abwehr die rechte Hand vor sich aus. Nicolai
-Wszewolodowitsch sah sie an, sah Lisa an, die Zuschauer, und plötzlich
-lächelte er mit grenzenlosem Hochmut; und wortlos, ohne sich zu beeilen,
-verließ er den Salon. Alle sahen, wie Lisa vom Diwan aufsprang, kaum daß
-Stawrogin sich zur Tür wandte, und bereits eine Bewegung machte, um ihm
-nachzueilen, doch schon im nächsten Augenblick kam sie zur Besinnung und
-lief nicht, sondern ging still und leise, gleichfalls ohne ein Wort zu
-sagen und ohne jemanden anzusehen, hinaus, natürlich in Begleitung
-Mawrikij Nicolajewitschs, der sofort an ihrer Seite war ...
-
-Von der Aufregung und dem Gerede an diesem Abend in der Stadt schweige
-ich lieber. Warwara Petrowna hatte sich in ihrem Stadthause
-eingeschlossen, und Nicolai Wszewolodowitsch war, wie man zu berichten
-wußte, ohne die Mutter gesehen zu haben, nach Skworeschniki gefahren.
-Stepan Trophimowitsch bat mich am Abend, zu »_cette chère amie_«{[173]}
-zu gehen und anzufragen, ob er nicht zu ihr kommen dürfe. Ich wurde aber
-nicht empfangen. Er war maßlos erschüttert und weinte sogar. »Solch eine
-Ehe! Solch eine Ehe! Solch ein Schrecken in der Familie!« wiederholte er
-einmal über das andere. Aber zwischendurch gedachte er doch auch
-Karmasinoffs und schimpfte furchtbar über ihn. Zu dem Vortrag, den er
-auf der literarischen Matinee am nächsten Tage halten wollte, bereitete
-er sich eifrig vor, und -- o künstlerische Natur! -- tat es vor dem
-Spiegel. Und er suchte alle geistreichen Bemerkungen und alle Bonmots
-zusammen, die er je im Leben gemacht und die er in einem besonderen
-Heftchen notiert hatte, um sie nun in seinen Vortrag über die
-Sixtinische Madonna hineinzuflechten. »Mein Freund, ich tue das ja nur
-für die große Idee,« sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen.
-»_Cher ami_, ich habe mich nach fünfundzwanzigjährigem Stillsitzen
-plötzlich von meinem Platze gerissen und bin losgefahren, wohin -- das
-weiß ich nicht, aber ich bin losgefahren ...«
-
-
-
-
- Sechzehntes Kapitel.
- Die Matinee
-
-
- I.
-
-Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des
-vorhergegangenen »Spigulinschen« Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn
-Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wäre, hätte das Fest
-an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen -- eine so große und
-besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglück blieb
-sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die
-Stimmung der Gesellschaft überhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte
-niemand mehr, daß der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis
-vorübergehen werde, oder ohne »Entscheidung«, wie einige, sich im voraus
-die Hände reibend, sagten. Freilich bemühten sich viele, eine sehr
-finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch -- im
-allgemeinen gesprochen -- den russischen Menschen freut nun einmal über
-alle Maßen jeglicher öffentliche skandalöse Tumult. Allerdings kam bei
-uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloße
-Skandalsucht gewesen wäre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas
-unstillbar Böses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten
-Überdruß satt. Es hatte sich ein gewisser irreführender Zynismus
-eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem über
-die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich über ihre Gefühle im
-klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen
-Haß gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle
-verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt überein. Julija Michailowna
-aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde überzeugt,
-daß sie »umschwärmt« und alle Welt ihr »fanatisch ergeben« sei.
-
-Ich habe schon erwähnt, daß in unserer Stadt mittlerweile verschiedene
-sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trüben
-Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des Übergangs finden sich immer und
-überall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten
-»Anführern«, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, daß
-es allen voran geschieht) zu einem -- wenn auch sehr oft allerdümmsten,
-so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten -- Ziele eilen. Nein, ich
-rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder Übergangszeit pflegt dieses
-Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und
-zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von
-einem Gedanken zu haben; statt dessen drückt es aus allen Kräften bloß
-Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen
-bewußt zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Häufchens
-der »Anführer« zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und
-jenes Häufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefällt,
-wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was übrigens
-auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit
-angehört, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch
-gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach
-seinem Kommando alle möglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt
-wundern sich alle unsere soliden, klugen Köpfe über sich selbst: wie
-hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können?
-Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und
-zu was es einen Übergang bei uns gab -- das weiß ich nicht, und ich
-denke, das vermag niemand zu sagen, oder höchstens ein paar auswärtige
-Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, daß plötzlich die
-erbärmlichsten Leutchen ein gewisses Übergewicht bekamen, sich u. a.
-erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, während sie früher nicht
-einmal gewagt hätten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten
-Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten,
-begannen plötzlich, diesen Leuten zuzuhören und selber zu schweigen,
-manche aber fingen schon an, ihnen schmählichst und mit schadenfrohem
-Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lämschins, Telätnikoffs, kleine
-Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs,
-wehleidig und hochmütig lächelnde Jüdchen, Lachbrüder unter angereisten
-Reisenden, Dichter mit Großstadtrichtung und Dichter, die sich statt
-durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel
-auszeichneten, Majore und Obersten, die sich über die Sinnlosigkeit
-ihres Berufs lustig machten und für einen Rubel mehr sofort bereit
-waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die
-Eisenbahnverwaltung zu drücken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu
-werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschäftsleute,
-unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, --
-all das bekam bei uns das Übergewicht. Und über wen? Über den Klub, über
-alte Würdenträger, über Generale mit Stelzfüßen, über unsere strengsten
-und unzugänglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara
-Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von
-diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken ließ, so ist den anderen unserer
-Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betölpeln ließ, zum Teil
-doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon
-erwähnte, die Wirkung der _Internationale_. Diese Ansicht hat sich so
-festgesetzt, daß man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die
-Vorgänge erklärt. Und noch kürzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann
-von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse,
-unaufgefordert in überzeugtem Tone gesagt, daß er im Laufe von ganzen
-drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einfluß der Internationale
-gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem
-Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich näher zu erklären,
-da konnte er allerdings keinerlei Belege dafür anführen, außer dem
-einen, daß er es »mit allen Sinnen so empfunden« habe. Und überzeugt
-blieb er bei seiner Behauptung, so daß man schließlich nach Begründungen
-nicht weiter in ihn drang.
-
-Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon
-gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar
-womöglich hinter verschlossenen Türen. Doch welches Türschloß hält dem
-Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so
-wie in allen anderen Töchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und
-so kam es denn, daß auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt
-gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte
-ja so glänzend, so unvergleichlich werden; man erzählte schon
-Wunderdinge, sprach von zugereisten Fürsten mit Lorgnettes, von den zehn
-Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken
-Schulter tragen sollten. Manche wußten zu berichten, daß Karmasinoff zur
-Erhöhung der Einnahme eingewilligt habe, sein »_Merci_« in dem Kostüm
-einer Gouvernante vorzulesen, und daß die »Quadrille der Literatur«
-gleichfalls in Kostümen getanzt werden und jedes Kostüm eine bestimmte
-literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in
-einem besonderen Kostüm der »ehrliche russische Gedanke« -- an sich
-schon eine vollkommene Neuheit -- auftreten und tanzen. Wie sollte man
-da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn
-alle ein.
-
-
- II.
-
-Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunächst, am
-Vormittage, von zwölf bis vier, sollte die literarische Matinee
-stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und
-dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die
-Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf
-dieser Grundlage das Gerücht verbreiten, daß es nach der literarischen
-Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein
-Frühstück geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein
-Frühstück mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte
-kostete drei Rubel) verlieh diesem Gerücht etwas durchaus Glaubwürdiges,
-was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. »Würde ich denn sonst für
-nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest währt ja
-vierundzwanzig Stunden, na also -- ernährt einen dann auch. Sonst würde
-man ja verhungern.« So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich
-muß aber gestehen, daß Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn
-diesem verderblichen Gerücht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem
-Monat, in der ersten Begeisterung für ihren großen Plan, hatte sie jedem
-ersten besten von ihrem Fest erzählt; und daß auf diesem Fest Reden und
-Toaste gehalten werden würden, hatte sie sogar in eine der
-hauptstädtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr
-damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im
-stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte
-unser Hauptziel erklären und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte
-(ich wette, daß die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen
-Tischrede gebracht hat), sollte dann als »Korrespondenz« in die
-Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die höchsten Vorgesetzten zugleich
-rühren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und
-überall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehört
-nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf
-nüchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein
-Frühstück Voraussetzung. Später aber, als sich dank ihrer Bemühungen
-schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache
-machte, ward ihr sogleich klar und überzeugend bewiesen, daß, wenn man
-an ein Festessen dachte, für die Gouvernanten nur eine sehr geringe
-Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war
-somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen
-neunzig Rubeln für die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer
-ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form
-willen veranstaltete. Übrigens wollte das Komitee damit allen
-hochfliegenden Plänen zunächst nur einen Dämpfer aufsetzen, denn man war
-ja selbst keineswegs nur für das eine oder das andere, sondern man hatte
-sich eine dritte Möglichkeit ausgedacht, die sowohl versöhnend wie
-vernünftig war, nämlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch
-ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren
-Betrag für die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht
-ein; ihr Charakter verachtete die kleinbürgerliche Mitte. Und so
-beschloß sie sofort, daß, wenn das erste Projekt sich nicht
-verwirklichen ließ, man sich für das andere Extrem entscheiden müsse,
-also für eine ungeheuere Einnahme, deren Höhe den Neid aller anderen
-Gouvernements erwecken mußte.
-
-»Das Publikum muß doch endlich einsehen,« schloß Julija Michailowna ihre
-temperamentvolle Erklärung auf der Sitzung des Komitees, »daß der
-humanitäre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze körperliche
-Genüsse, daß das Fest im Grunde nur die Verkündung einer großen Idee
-ist, und deshalb muß es sich mit einem so ökonomisch wie nur möglich
-veranstalteten kleinen deutschen Ball begnügen, der einzig _pro forma_
-gegeben wird -- wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal
-nicht auskommen kann!« -- so sehr war er ihr plötzlich verhaßt.
-
-Schließlich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besänftigen.
-So hatte man denn u. a. die »Quadrille der Literatur« und ähnliche
-ästhetische Scherze als Ersatz für körperliche Genüsse in Vorschlag
-gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff
-endgültig eingewilligt, sein »_Merci_« vorzutragen (bis dahin hatte er
-alle mittels ausweichender Antworten in quälender Ungewißheit belassen)
-um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an
-Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte
-dann der Ball wiederum eine großartige Anziehungskraft erhalten, wenn
-auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht völlig dem Irdischen zu
-entschweben, beschloß man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und
-kleinem rundem Gebäck zu reichen, darauf einen Kühltrank und Limonade,
-und zum Schluß sogar noch Eis -- doch das sollte denn auch alles sein.
-Für diejenigen aber, die immer und überall Hunger und besonders Durst zu
-verspüren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein
-Büfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) übernehmen
-sollte. Natürlich mußte für die verabfolgten Speisen und Getränke
-gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem
-Publikum mitzuteilen war. Doch während der Matinee sollte das Büfett
-unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Geräusch
-den Vortrag störte, obgleich man für das Büfett einen Raum vorsah, der
-fünf Zimmer von dem weißen Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein
-»_Merci_« vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwürdigerweise wurde diesem
-Ereignis, dem Vortrag dieses »_Merci_«, wie mir scheint, von dem Komitee
-eine übertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die
-nüchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die
-Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, daß sie
-sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weißen Saales eine
-Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das
-Ereignis verewigt werden sollte, daß in dem und dem Jahre, an dem und
-dem Tage, hier in diesem Saal der große russische und europäische
-Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persönlich sein »_Merci_«
-gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in
-Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und daß
-schon abends auf dem Ball, also kaum einige fünf Stunden nach dem
-Vortrage, alle diese Gedächtnistafel würden lesen können. Wie ich genau
-weiß, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt
-hatte, daß das Büfett während der Matinee, wenn er las, unter keiner
-Bedingung geöffnet werde, trotz der Einwände etlicher Komiteemitglieder,
-daß ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbräuchen nicht ganz in
-Übereinstimmung befinde.
-
-So lagen die Dinge in Wirklichkeit, während man in der Stadt immer noch
-an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches
-Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur
-letzten Stunde. Unsere jungen Damen träumten nur noch von Konfekt und
-Eis. Man wußte, daß die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, daß
-die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, daß sogar aus der
-Umgegend viele kommen würden, und daß die Eintrittskarten bei diesem
-Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, daß außer der
-Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende
-Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte
-für ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmückung
-des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die
-Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus
-und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den
-Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so
-bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den
-Preis für die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel
-herabzusetzen. Man hatte nämlich zu Anfang tatsächlich befürchtet, es
-vermöchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafür auszugeben, und
-in Erwägung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei
-man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Töchter gab.
-Aber diese Befürchtung erwies sich als überflüssig; im Gegenteil, gerade
-die Töchter erschienen vollzählig. Selbst die ärmsten Beamten führten
-ihre sämtlichen Töchter heran, und es war ja klar, daß sie, falls sie
-keine Töchter gehabt hätten, auch im Traum nicht daran gedacht haben
-würden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner
-Sekretär erschien mit ganzen sieben Töchtern, dazu noch die Frau und
-eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel
-in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was für eine Revolution das
-in der Stadt abgab! Man bedenke bloß das eine, daß die Teilung des
-Festes zweierlei verschiedene Toiletten für jede Dame verlangte: ein
-Kleid für die literarische Matinee und ein Ballkleid für den Abend. Man
-bedenke, was das für manche Verhältnisse bedeutete! Wie sich später
-herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu
-diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaßen, sogar ihre
-Bettwäsche, ja, manche hatten womöglich ihre Matratzen zu den Juden
-getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele
-in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast
-alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den
-Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und
-all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu
-führen und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren
-diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei
-Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit
-Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvögeln mit Vergnügen am
-»Hofe« Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze
-Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in
-Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch
-denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen
-abgaben, -- und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den
-Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Haß gegen Julija
-Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt
-schimpfen natürlich alle über sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit
-denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, daß, wenn der Ball
-nicht geradezu glänzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten
-Anlaß zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens
-ein ungeheuerer werden würde. Und eben deshalb erwartete denn im
-geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so
-erwartet wurde, wie hätte er dann noch ausbleiben können?
-
-Um punkt zwölf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu
-den Festordnern gehörte, d. h. einer von den zehn »jungen Kavalieren mit
-der Bandschleife an der Schulter« war, so blieb ich Augenzeuge aller
-Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren
-Drängerei am Eingange. Wie es kam, daß alles schon vom ersten Schritt an
-fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich
-keinen Vorwurf machen: die Familienväter waren es nicht, die die
-Drängerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon
-auf der Straße ein wenig scheu geworden, als sie den für unsere Stadt
-ungewöhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die
-das Haus förmlich belagerte und sich gerader hineinwälzte, statt ruhig
-einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schließlich
-die ganze Straße versperrten. Im übrigen bin ich heute überzeugt, daß
-manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pöbel unserer Stadt
-gehörten, von Lämschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten
-eingeführt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die
-gleichfalls »Anordner« waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen
-unbekannte Personen, die aus Kreisstädten oder Gott weiß woher angereist
-waren. Diese Wilden begannen nun, kaum daß sie den Saal betreten hatten,
-sogleich und merkwürdig übereinstimmend (ganz als wären sie instruiert
-worden) nach dem Büfett zu fragen, und als sie erfuhren, daß es jetzt
-noch kein Büfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit
-einer bei uns bisher unerhörten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings
-waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren
-zunächst verblüfft durch die nie geschaute Pracht des Saales,
-verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde
-die Herrlichkeit an. Freilich war dieser große Weiße Saal tatsächlich
-sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von
-goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chören und Spiegelwänden, mit
-roten Vorhängen zwischen weißen Wandflächen, mit Marmorstatuen
-(gleichviel was für welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren
-Möbeln aus der Napoleonischen Zeit, weiß mit Gold und mit rotem Samt
-ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribüne für
-die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters,
-mit Stühlen in dichten Reihen völlig angefüllt, ausgenommen nur die drei
-breiten Durchgänge für das Publikum. Doch schon nach den ersten
-Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die
-sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. »Wir wollen vielleicht überhaupt
-keine Vorträge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum
-unverschämt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ...«
-Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter
-anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der
-junge angereiste Fürst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen
-einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende
-Bitte hin hatte auch er schließlich eingewilligt, das Festordnerband an
-seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden.
-Tags zuvor, an eben jenem denkwürdigen Vormittage, hatte ich ihn in
-Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, daß
-diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre
-Art zu handeln verstand. Als nämlich ein riesiger, pockennarbiger
-verabschiedeter Hauptmann, unterstützt von einem ganzen Haufen ihm
-nachdrängender fragwürdiger Gestalten, dem jungen Fürsten auf den Leib
-rückte und unablässig nach dem Büfett fragte, da winkte dieser kurz
-entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestörer
-wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem
-Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das »eigentliche« Publikum
-zu erscheinen und zog sich in drei langen Fäden durch die drei
-Durchgänge zwischen den Stuhlreihen zu den Plätzen hin. Das schlechtere
-Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und
-nach, aber das »gute« Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus;
-manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein.
-
-Schließlich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man
-schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu
-feierlicher Miene -- was bereits an und für sich ein schlechtes Zeichen
-ist. Doch »die Lembkes« erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und
-Brillanten glänzten und funkelten von allen Seiten; Parfüm verbreitete
-sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die
-Militärs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich
-erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa
-so blendend schön gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein
-entzückendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glänzten, in
-ihrem ganzen Gesicht lag ein Lächeln. Wie man sah, machte sie auf alle
-einen großen Eindruck. Man steckte die Köpfe zusammen und tuschelte.
-Jemand meinte, ihre Augen hätten, als sie in den Saal trat, Stawrogin
-gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals
-begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glück,
-Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall
-des vorhergegangenen Tages und stand verständnislos vor einem Rätsel.
-
-Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler,
-der gemacht wurde. Später erfuhr ich, daß Julija Michailowna bis zum
-letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr
-Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie
-sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr
-Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein
-Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Tränen
-gekränkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und
-tatsächlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag über verschwunden:
-zu der literarischen Matinee erschien er einfach überhaupt nicht. Und zu
-Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo
-er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen.
-
-Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribüne
-erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man
-grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung
-warten muß. Die Väter und Mütter wurden unmutig: »Lembkes tun ja
-wirklich furchtbar wichtig,« hieß es. Einige wußten zu erzählen, daß
-Lembke krank sei. Andere äußerten laut die Vermutung, daß das Fest wohl
-aufgeschoben werden würde.
-
-Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch führte Julija
-Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Märchen und die Wirklichkeit
-trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu
-sein. Überhaupt waren es in der höheren Gesellschaft nur wenige gewesen,
-die vermutet hatten, daß es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte.
-Seine Amtsführung hielten alle für gut. Sogar die Rutengeschichte bezog
-man in dieses Urteil ein. »Das wäre von Anfang an das Richtige gewesen,«
-sagten die Honoratioren, »sonst beginnen sie immer mit der Philantropie,
-bis sie schließlich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, daß
-gerade diese zur Philantropie als erstes nötig ist.« So urteilte man im
-Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. »So etwas muß man
-mit Kaltblütigkeit machen,« hieß es, »aber er ist es eben noch nicht
-gewöhnt.«
-
-Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna.
-Man wird von mir gewiß nicht verlangen, daß ich bis in alle Einzelheiten
-weiß, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das
-ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich weiß nur eines:
-daß sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und
-bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei
-Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrücklich vergeben worden.
-Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ...
-und als am Ende seiner weitläufigen Erklärungen von Lembke dennoch auf
-die Knie fiel, gequält von der entsetzlichen Erinnerung, daß er zu guter
-Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schönen Händchen
-und schließlich auch die Lippen seiner Gattin die glühenden Ergießungen
-der Reue dieses ritterlich zartfühlenden, doch nun von Rührung
-überwältigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewußt.
-
-Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glück. Mit offener Miene, in
-einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den
-mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Höhe ihrer Wünsche: das Fest,
-das Ziel und die Krönung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei
-ihren Plätzen -- in der ersten Reihe vor der Tribüne -- angelangt,
-blieben beide Lembkes stehen, grüßten und erwiderten die Grüße nach
-allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt
-auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Mißverständnis: das
-Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte plötzlich mir
-nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, -- nicht etwa irgendeinen
-Marsch oder sonst ein Stück, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub,
-wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute
-weiß ich, daß Lämschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den
-Festordnern gehörte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der
-erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natürlich konnte er sich immer
-noch damit entschuldigen, daß er es aus Dummheit oder aus Übereifer
-getan habe ... Doch ach, damals wußte ich noch nicht, daß jene an
-Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles
-zu beenden glaubten. Zur Erhöhung der Peinlichkeit der Situation, die im
-Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lächeln hervorrief, wurde
-plötzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra!
-geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur
-wenige, aber ich muß gestehen, sie hörten doch nicht so bald auf. Julija
-Michailowna schoß das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke
-blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und übersah, sich zu den
-Ruhestörern umwendend, mit majestätischem und strengem Blick den Saal
-... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit
-Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefährliche Lächeln,
-mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch
-angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein
-Gesicht auch jetzt einen gewissermaßen unheilvollen Ausdruck an und, was
-das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lächerlichen: den Ausdruck
-eines Gatten, der sich schließlich -- also sei es denn! -- zum Opfer
-bringt, nur um den höheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen
-... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flüsterte
-mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwören,
-unverzüglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um
-hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schändlichkeit, eine noch
-viel größere als die erste. Auf der Tribüne, auf der leeren Tribüne,
-wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man
-zunächst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas
-Wasser auf silbernem Tablett sah -- auf dieser selben leeren Tribüne
-erschien plötzlich die kolossale Gestalt des »Hauptmanns« Lebädkin in
-Frack und weißer Binde. Ich war so bestürzt, daß ich meinen Augen nicht
-traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und
-blieb hinten auf der Tribüne stehen. Da ertönte plötzlich aus dem
-Publikum ein erstaunter Ausruf: »Lebädkin! du?« -- und die dumme, rote
-Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem
-breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn,
-schüttelte plötzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu
-allem entschlossen, zwei Schritte vor und -- platzte plötzlich in Lachen
-aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glückliches Lachen,
-von dem die ganze schwere Masse seines Körpers ins Schaukeln geriet und
-die Äuglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast
-die Hälfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man
-Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und
-wechselte finstere Blicke; aber das währte alles kaum länger als eine
-halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und
-zwei Diener herbei; sie faßten behutsam den Hauptmann unter den Armen
-und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Lebädkin sah ihn unwirsch an,
-brummte aber schließlich: »Nun denn, wenn's so besser ist!« und schlug
-einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige
-Rückseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen
-Augenblick später erschien Liputin wieder auf der Tribüne. Auf seinen
-Lippen lag das süßeste Lächeln, wenn es auch immer noch, wie stets bei
-ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand
-hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an
-den vorderen Rand der Tribüne.
-
-»Meine Damen und Herren!« begann er, sich an das Publikum wendend.
-»Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das
-jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den
-Auftrag übernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer
-hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen
-Ziele ... ungeachtet seines äußeren Zustandes ... von demselben Ziele,
-das uns alle hier vereinigt hat ... die Tränen der armen gebildeten
-Mädchen unseres Gouvernements hinfüro abzuwischen, ... will dieser Herr,
-das heißt, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er
-sein Inkognito gewahrt zu sehen wünscht ... würde er, wie gesagt,
-dennoch sehr wünschen, daß seine Dichtung vor Beginn des Balles
-vorgetragen werde ... das heißt, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn
-der literarischen Vorträge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm
-nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde
-zugestellt wurde ... aber es will _uns_ (wen meinte er damit? Ich gebe
-diese zerhackte und unklare Rede wortwörtlich wieder) dennoch scheinen,
-daß es, im Hinblick auf die Naivität des Gefühls, die mit Humor
-verbunden ist, daß ... wie gesagt, daß das Gedicht dennoch vorgetragen
-zu werden verdiente, das heißt, nicht als etwas Ernstzunehmendes,
-sondern bloß als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee
-... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr
-um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.«
-
-»Lesen Sie!« dröhnte eine Stimme aus den letzten Reihen.
-
-»So soll ich es vorlesen?«
-
-»Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen!« riefen jetzt schon viele Stimmen.
-
-»Also denn -- mit Erlaubnis des verehrten Publikums ...« Liputin
-verbeugte sich und wand sich mit demselben süßen Lächeln.
-
-Aber es war doch, als könne er sich trotzdem nicht entschließen, und wie
-mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche
-Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. Übrigens
-wäre ein Seminarist von heute gewiß nicht unsicher geworden, aber
-Liputin gehörte ja schließlich doch noch zur alten Generation.
-
-»Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf
-aufmerksam zu machen, daß dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie früher
-zu Festen verfaßt wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz,
-jedoch unstreitig ein gefühlvoller, der überdies mit spielerischer
-Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit
-zum Gegenstande hat ...«
-
-»Lesen! Lies doch! Nur los!«
-
-Liputin faltete sein Papier auseinander. Natürlich kam niemand mehr
-dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines
-Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller
-Stimme darauf los.
-
-»Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem
-Dichter gewidmet:
-
- Lebe hoch! o Gouvernante!
- Freue dich und jubiliere,
- Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante,
- Oh, sei stolz und triumphiere!«
-
-»Das hat ja Lebädkin gemacht!« »Das ist ja ein echter Lebädkin!«
-ertönten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele
-lachten, manche klatschten sogar Beifall.
-
- »Feministin oder sonst was!
- -- Schrecklich ist's, wenn man bedenkt,
- Wie du früher dich gequält hast,
- Und dich nutzlos angestrengt!«
-
-»Hurra! Hurra!« unterbrach man wieder in den letzten Reihen.
-
- »Lehren, hieß es, dumme Göhren
- Manch französisches Gedicht,
- Doch die wollten dich nie hören,
- Wie das nun mal Kindespflicht.
-
- Ja, so war's, so ist's gewesen,
- Doch das laß begraben sein.
- Der Reformen großer Besen
- Führt 'ne andre Wertung ein ...«
-
-»Bra--avoooo!«
-
- »Also hör': seit dem Betriebe
- Der Reformen -- jetzt gib acht! --
- Wird die Freiheit und die Liebe
- Einzig noch vom Geld gemacht ...«
-
-»Stimmt! Bravooo! Hurra!«
-
- »Ja, mein Fräulein, sie ist bitter,
- Diese Wahrheit, -- nämelich:
- Auch der allergrößte Ritter
- Nimmt nicht ohne Mitgift dich!«
-
-»Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen
-Schritt!«
-
- »Drum, -- da wir nun tanzend spenden
- Eine Mitgift für das Weib,
- Die wir dir dann übersenden
- Zu 'nem bessren Zeitvertreib --
- Feministin oder sonst was:
- (Bleibst doch stets vom selben Holz)
- Mit 'ner Mitgift bist du etwas,
- Spuck auf alles und sei stolz!«
-
-Ich muß gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so
-erklärte Gemeinheit, daß die Möglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu
-entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade
-Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter
-steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen
-werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin.
-
-Übrigens schien Liputin selbst zu fühlen, daß er doch ein zu starkes
-Stück auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribüne und
-war sich offenbar nicht klar darüber, ob er noch etwas hinzusetzen
-sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht übrigens
-ganz ernst genommen. Die andere Hälfte war freilich um so gekränkter.
-Julija Michailowna erzählte später, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen.
-Einer der ehrwürdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und
-verließ mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer weiß, vielleicht hätte
-dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade
-jetzt Karmasinoff auf der Tribüne erschienen wäre. Sein kleines
-Figürchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weißer
-Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie
-erlöst an, als wäre er ihr Retter ...
-
-Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mußte unter allen Umständen
-mit Liputin sprechen.
-
-»Das haben Sie absichtlich getan!« rief ich empört und packte ihn am
-Arm.
-
-»Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht,« log er und spielte den
-Unglücklichen. »Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte,
-es wäre ein lustiger Scherz ...«
-
-»Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen
-Blödsinn in Knüttelversen für einen Scherz?!«
-
-»Ja, gewiß, jawohl.«
-
-»Das lügen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht
-erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit
-Lebädkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum
-Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum
-erschien denn Lebädkin im Frack? Schon daraus geht hervor, daß alles von
-Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach
-Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken hätte!«
-
-»Was geht das Sie an?« fragte mich da Liputin plötzlich mit sonderbarer
-Ruhe.
-
-»Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das
-Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?«
-
-»Ich weiß nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?«
-
-»Was das soll? Daß ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine
-Intrige gegen Julija Michailowna -- damit Sie's wissen!«
-
-Liputin sah mich von der Seite an.
-
-»Ja, und was geht das Sie an?« fragte er nochmals, lächelte, zuckte mit
-den Achseln und ging davon.
-
-Mich überlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in
-Erfüllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getäuscht zu haben!
-Was sollte ich tun? Ich hätte mich gern mit Stepan Trophimowitsch
-beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene
-Arten zu lächeln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt
-Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich
-nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit
-mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna
-eilen? Doch dazu war es noch zu früh: sie mußte eine noch viel
-nachhaltigere Lehre bekommen, um von der Überzeugung, alle Welt sei ihr
-»fanatisch ergeben«, geheilt zu werden. Sie hätte mir doch nicht
-geglaubt und mich nur für einen »Gespensterseher« gehalten. Ja, und was
-konnte sie jetzt noch tun? »Ach,« dachte ich, »was geht denn das
-schließlich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe
-nach Hause, _sobald es anfängt_.« (Ich gebrauchte wirklich diesen
-Ausdruck: »sobald es anfängt«, ich erinnere mich noch genau.)
-
-Aber jetzt mußte ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hören! Als ich
-noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, daß da eine
-Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar
-Frauen. Dieses »hinter den Kulissen« war ein recht enger Raum,
-eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Räumen verband und
-zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor
-warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte
-mich einer in Erstaunen: der Nächstfolgende nach Stepan Trophimowitsch.
-Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus
-irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten
-entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in
-unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna
-empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr
-den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte während des ganzen Essens
-geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen
-der anderen Gäste, Julija Michailownas Suite, gelächelt, und auf alle
-durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen
-Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf
-dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem
-Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan
-Trophimowitsch, flüsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und
-nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lächeln,
-aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, daß
-man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa
-vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit einem ergrauenden Bärtchen. Gekleidet
-war er anständig. Am merkwürdigsten an ihm war, daß er bei jeder
-Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie über seinem Haupte
-schüttelte und dann plötzlich niederfallen ließ, als wollte er einen
-Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede
-Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie
-gesagt, Karmasinoff zu hören.
-
-
- III.
-
-Im Saale war wieder etwas nicht ganz in Ordnung. Jedes Genie in Ehren!
-Und volles Verständnis für seine Eigentümlichkeiten im voraus! Aber
-warum müssen sich Genies, wenn sie älter werden, so oft wie -- nun,
-einfach wie kleine Knaben benehmen? Selbst wenn man ein Karmasinoff war
-und mit der Würde von fünf Kammerherren auftrat, wie konnte er nur ein
-solches Publikum eine ganze Stunde mit einem solchen Aufsatz langweilen?
-Nicht mehr als zwanzig Minuten hätte man es mit einem leicht
-verständlichen literarischen Vortrag ungestraft unterhalten dürfen.
-Dabei war man ihm, als er zuerst auftrat, äußerst ehrerbietig begegnet:
-selbst die allergesetztesten Herren hatten Wohlgefallen und Neugier, die
-Damen sogar Entzücken bekundet. Der Begrüßungsapplaus war indessen nur
-kurz und abgerissen gewesen. Dafür war aber in den letzten Reihen auch
-kein einziger Ausfall erfolgt. Und auch dann, als Karmasinoff zu
-sprechen angefangen hatte, geschah zunächst nichts eigentlich Störendes:
-lediglich Verwunderung griff allmählich um sich. Nur ganz am Anfang
-hatte sich ein kleiner Zwischenfall zugetragen: als Karmasinoffs
-piepsendes und quäkendes Stimmchen ertönte, lachte im Publikum jemand
-einfach laut auf. Ich habe schon früher erzählt, daß Karmasinoff eine
-hohe, schreiende Stimme hatte, die einer Frauenstimme glich, ein
-Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, daß er fein und vornehm
-lispelte. Die Umsitzenden wiesen den Störer übrigens sofort durch
-Zischen zur Ruhe, und so konnte denn Karmasinoff ungestört seine Rede
-beginnen. Zunächst erklärte er, daß er »ursprünglich überhaupt nicht
-habe lesen wollen« (was zu erklären eigentlich gar nicht nötig war),
-denn es gebe Zeilen, die »so unmittelbar aus dem Herzen fließen«, daß
-man sie gar nicht an die Öffentlichkeit tragen dürfe (ja warum trug er
-sie denn?). Aber da man ihn nun einmal so gebeten habe, so tue er es
-doch, und da er jetzt seine Feder für immer hingelegt und sich
-geschworen habe, nichts mehr zu schreiben, und weil das nun einmal
-beschlossene Sache sei, so habe er dieses Abschiedsopus doch noch
-geschrieben; und da er sich gelobt, nie etwas öffentlich vorzulesen,
-niemals und unter keiner Bedingung, so werde er denn jetzt einmal eine
-Ausnahme machen und, also sei es, dieses letzte Opus einem Publikum
-persönlich vorlesen, usw. usw. -- noch allerhand in diesem Sinne.
-
-Doch das wäre alles noch nicht so schlimm gewesen, und wer kennt denn
-schließlich nicht die Vorreden der Autoren? Ich will aber zugeben, daß
-bei der geringen literarischen Bildung unseres Publikums und der
-Reizbarkeit der hinteren Reihen auch das schon aufreizend mitwirken
-konnte. Nun wohl: wäre es unter diesen Umständen nicht weit besser
-gewesen, er hätte eine kurze Novelle vorgetragen oder ein kleines
-Geschichtchen von der Art, wie er sie früher manchmal schrieb -- zwar
-gedrechselt und geziert, aber mitunter doch ganz witzig? Damit wäre
-alles gerettet gewesen. Aber es sollte nun einmal nicht sein. Und so
-begann denn die Litanei! Oh Gott, was hatte er da alles
-zusammengetragen! Ich bin überzeugt, daß selbst ein Großstadtpublikum
-schließlich einen Starrkrampf bekommen hätte, nicht bloß ein Publikum
-wie unseres. Man denke sich das gezierteste und müßigste Geschwätz in
-einer Länge von fast zwei Druckbogen; und das trug dieser Herr zum
-Überfluß mit einer gewissen wehmütigen Herablassung vor, als wenn er
-eine Gnade erwiese, und schon darin allein lag etwas nahezu
-Beleidigendes für unser Publikum. Das Thema ... Aber wer konnte denn
-daraus klug werden, aus diesem Thema! Das war gewissermaßen ein Bericht
-über irgendwelche Eindrücke, untermischt mit irgendwelchen Erinnerungen.
-Doch Eindrücke wovon? Erinnerungen an was? -- Wie sehr unsere
-Gouvernementsköpfe während der ganzen ersten Hälfte des Vortrags auch
-die Stirn in Falten legten, -- sie konntens doch nicht bewältigen, so
-daß sie die zweite Hälfte bloß aus Höflichkeit anhörten. Nun ja, es war
-da viel von Liebe die Rede, von der Liebe des Genies zu einer Person,
-aber ich muß gestehen, das wirkte einigermaßen peinlich. Es paßte
-irgendwie nicht recht zu dem kleinen, dicken Figürchen des genialen
-Schriftstellers (wenigstens für mein Empfinden), daß er von seinem
-ersten Kuß sprach ... Und zudem sollten diese Küsse, was wiederum
-verletzend wirkte, durchaus ganz anders geküßt worden sein, als von der
-ganzen übrigen Menschheit, und dazu noch unter ganz besonderen
-Nebenumständen. Bei Karmasinoffs erstem Kuß wuchs ringsum Ginster
-(unbedingt gerade Ginster, oder wenigstens irgend so ein Kraut, von dem
-man sich erst nach einem botanischen Handbuch eine Vorstellung machen
-kann). Der Himmel aber hatte derweil unbedingt einen violetten
-Farbenton, den natürlich noch nie zuvor ein Sterblicher bemerkt hat,
-obschon ihn alle zwar gesehen haben, sogar schon mehrfach, doch ihn
-wahrzunehmen hat eben bisher noch kein einziger verstanden. »Nun aber
-seht,« -- so ungefähr wirkte Karmasinoffs Art -- »ich allein habe diesen
-Farbenton zum erstenmal wahrgenommen und beschreibe ihn jetzt euch
-Tölpeln wie eine ganz bekannte Sache!« Der Baum dagegen, unter dem das
-interessante Paar Platz genommen, war durchaus orangefarben. Der Ort, wo
-sie saßen, lag irgendwo in Deutschland. Plötzlich sahen sie Pompejus
-oder Kassius am Abend vor einer Schlacht und die Kälte der Begeisterung
-durchdrang sie sofort alle beide. Dann begann eine Nixe im Gebüsch zu
-zirpen und im Schilf spielte plötzlich Gluck auf der Geige. Das Stück,
-das er vortrug, wurde _en toutes lettres_{[174]} genannt, doch blieb es
-trotzdem uns allen unbekannt, so daß man in einem Musiklexikon
-nachschlagen müßte. Währenddessen aber stieg ein Nebel auf und ballte
-sich und ballte sich, und ballte sich so, daß er alsbald eher Millionen
-von Kissen glich, als einem Nebel. Plötzlich aber verschwand alles und
-das große Genie begibt sich an einem Wintertage, jedoch bei Tauwetter,
-über das Eis der Wolga. Zweieinhalb Seiten Übergang; und dennoch kommt
-er nicht hinüber, sondern fällt in ein Loch im Eise. Das Genie sinkt,
-versinkt, -- Sie meinen, es ertrinkt? Nein, es denkt auch nicht einmal
-daran: es fiel überhaupt nur deshalb in das Loch, um in dem Augenblick,
-als es schon bis über die Nase im Wasser versank und bereits zu
-schlucken begann, plötzlich ein Eisstückchen zu erblicken, ein winziges
-Eiskörnchen von der Größe einer kleinen Erbse, aber so rein und klar
-»wie eine gefrorene Träne«. In diesem Eisperlchen spiegelte sich dann
-Deutschland oder richtiger der Himmel Deutschlands, und das Spiel der
-Regenbogenfarben in diesem Eisperlchen erinnerte ihn an just die Träne,
-die, »weißt du noch, aus deinem Auge rann, als wir unter dem smaragdenen
-Baume saßen und du freudig ausriefst: >Es gibt kein Verbrechen!< --
->Ja<, sagte ich unter Tränen, >doch wenn es so ist, dann gibt es auch
-keine Gerechten<. Wir schluchzten auf und nahmen Abschied voneinander.«
-Sie ging an einen Meeresstrand und er begab sich in eine Höhle tief
-unter der Erde: er sinkt also hinab und hinab, drei Jahre lang sinkt er
-genau unter dem Moskauer Ssuchareffturm hinab, bis er plötzlich mitten
-im Innern der Erde ein Lämpchen findet und vor diesem Lämpchen einen
-Asketen. Der Asket betet. Das Genie drückt die Stirn an ein kleines
-vergittertes Fensterchen. Und plötzlich vernimmt es einen Seufzer. Sie
-glauben, der Asket habe geseufzt? Weit gefehlt! Das Genie wird doch
-nicht einen Asketen beachten! Nein, das war nur so ein Seufzer, doch
-dieser Seufzer erinnerte ihn an _ihren_ ersten Seufzer vor
-siebenunddreißig Jahren, »als wir, weißt du noch, in Deutschland unter
-dem achatenen Baume saßen und du zu mir sprachst: >Wozu lieben? Sieh,
-ringsum blüht es ockergelb und ich liebe, doch das Gelb wird aufhören zu
-blühen und ich werde aufhören zu lieben<. -- Dann ballte sich wieder ein
-Nebel zusammen, Ernst Amadeus Hoffmann erschien, eine Nixe flötete eine
-Melodie von Chopin und plötzlich tauchte aus dem Nebel über den Dächern
-Roms, einen Lorbeerkranz im Haar, Ancus Marcius auf. Ein Schauer der
-Ekstase lief uns über den Rücken und wir trennten uns auf ewig« usw.
-usw.
-
-Mit einem Wort, wenn ich es auch vielleicht nicht richtig wiedergebe
-oder es überhaupt nicht wiederzugeben verstehe, so war doch der Sinn des
-Geschwätzes gerade von dieser Art. Und dann: was ist das doch für eine
-schmähliche Sucht in unseren großen Geistern, Witze und Wortspiele im
-»höheren« und »literarischen« Sinne anzubringen! Der große europäische
-Philosoph, der große Gelehrte, Erfinder, der mühevoll Schaffende und
-Märtyrer, -- alle diese sich Mühenden und Beladenen sind für unser
-großes russisches Genie entschieden nur so eine Art Köche in seiner
-Küche. Er ist der Herr, sie aber erscheinen vor ihm mit der Zipfelmütze
-in der Hand und warten auf seine Befehle. Allerdings, er spöttelt
-hochmütig auch über Rußland, und überhaupt ist ihm nichts so angenehm,
-wie den Bankrott Rußlands in jeder Hinsicht vor den großen Geistern
-Europas wieder einmal festzustellen. Doch was ihn selbst betrifft, --
-oh, mit Verlaub, er selbst hat sich über diese großen Geister Europas
-natürlich schon längst emporgeschwungen: für ihn sind sie bloß Material
-zu seinen Wortspielen. Er nimmt eine Idee, die nicht in seinem Kopfe
-entstanden ist, verknüpft sie mit ihrer Antithese und das Wortspiel ist
-fertig. Es gibt Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine
-Wahrheit, also gibt es auch keine Gerechten; Atheismus, Darwinismus,
-Moskauer Glocken ... Doch wehe, er glaubt schon nicht mehr an Moskauer
-Glocken. Rom, Lorbeeren ... Doch er glaubt nicht einmal an Lorbeeren ...
-Hier ein obligatorischer Anfall von Byronschem Weltschmerz, dort eine
-Heinesche Grimasse, dann wiederum Anklänge an Petschorin[49], -- und so
-ging das fort und fort, wie eine in Schwung geratene Maschine ...
-»Übrigens, so lobt mich doch, lobt mich doch, denn das liebe ich über
-alle Maßen! Und ich sage ja nur so, daß ich die Feder für immer aus der
-Hand lege; nein, wartet nur und ihr werdet meiner noch dreihundertmal
-überdrüssig werden, werdet noch müde werden, mich zu lesen ...«
-
-Natürlich konnte das kein gutes Ende nehmen; das Schlimme war aber, daß
-es damit nun überhaupt anfing. Schon lange hatte im Saale ein Räuspern,
-Hüsteln, Schnauben begonnen, ein Hin- und Herrücken auf den Stühlen und
-Husten, kurz, es gab alle die bekannten Lebenszeichen, die stets
-einzusetzen pflegen, wenn bei einer literarischen Veranstaltung der
-Vortragende, wer er auch sei -- ja selbst wenn er das größte Genie ist
---, das Publikum länger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Doch der
-geniale Schriftsteller merkte nichts davon. Er fuhr fort zu lispeln und
-zu schnarren, ohne das Publikum überhaupt einer Beachtung zu würdigen,
-so daß schließlich eine allgemeine Verständnislosigkeit Platz griff. Und
-da nun geschah es, daß aus einer der hinteren Reihen plötzlich eine
-einsame, doch laute Stimme sich vernehmen ließ:
-
-»Gott, was für ein Unsinn!«
-
-Das war irgend jemandem wohl ganz unfreiwillig entschlüpft und gewiß --
-davon bin ich überzeugt -- ohne jede Absicht einer Demonstration. Ein
-Mensch war einfach müde geworden. Doch Herr Karmasinoff brach sofort ab,
-blickte spöttisch aufs Publikum, und plötzlich fragte er mit derselben
-affektierten Aussprache und der Miene eines verletzten Kammerherrn:
-
-»Mir scheint, meine Herrschaften, Sie sind des Zuhörens bereits gehörig
-überdrüssig?«
-
-Gerade hiermit aber beging er einen unverzeihlichen Fehler: daß er
-überhaupt ein Gespräch anknüpfte. Denn mit dieser Frage forderte er doch
-eine Antwort heraus, gab er jedem beliebigen aus dem Gesindel der
-hinteren Reihen die Möglichkeit, ja das Recht, nun gleichfalls laut im
-Saale zu reden, während man anderenfalls, wenn diese Frage und
-Unterbrechung nicht erfolgt wäre, sich zwar noch weiter geschnaubt und
-geschnaubt, aber schließlich doch alles bis zum Ende angehört hätte ...
-Oder erwartete er vielleicht als Antwort auf seine Frage stürmischen
-Beifall? Der blieb jedoch vollständig aus; im Gegenteil: alle waren
-gleichsam erschrocken, zogen sich in sich selbst zurück und verhielten
-sich ganz still.
-
-»Sie haben Ancus Marcius überhaupt nie gesehn, das sind lauter
-stilisierte Phrasen!« ertönte plötzlich eine gereizte, vor Verbissenheit
-schon überreizte Stimme.
-
-»Natürlich nicht!« stimmte sofort eine andere Stimme bei. »Heutzutage
-gibt's keine Gespenster, es gibt nur noch Naturwissenschaften. Werden
-Sie mit diesen fertig!«
-
-»Meine Herrschaften, nichts habe ich weniger erwartet, als solche
-Einwendungen,« sagte Karmasinoff, in der Tat maßlos verwundert. -- Dem
-großen Genie war in Karlsruhe das Vaterland völlig fremd geworden.
-
-»In unserem Jahrhundert ist es eine Schande, solchen Schwindel
-vorzutragen! -- gleich dem von den drei Walfischen, auf denen die Welt
-ruhen soll!«[50] schmetterte plötzlich eine Jungfrau in den Saal. »Zudem
-haben Sie, Karmasinoff, überhaupt nicht in das Innere der Erde zu einem
-Asketen hinabsinken können. Und wer redet denn jetzt noch von Asketen?«
-
-»Meine Herrschaften, am meisten wundert mich, daß das so ernst genommen
-wird. Übrigens ... übrigens ... Sie haben vollkommen recht. Niemand
-achtet die reale Wahrheit mehr als ich ...«
-
-Er lächelte zwar ironisch, war aber merklich doch sehr betroffen. Der
-Ausdruck seines Gesichts sagte indessen geradezu wörtlich: »Ich bin doch
-nicht so einer, wie ihr glaubt, ich bin doch ganz eurer Meinung, nur
-lobt mich, lobt mich mehr, lobt mich soviel wie möglich; denn das liebe
-ich über alles ...«
-
-»Meine Herrschaften,« rief er schließlich, aber nun schon durchaus
-verletzt, »ich sehe, daß mein armes Poemchen hier deplaziert war. Ja und
-auch ich selbst bin hier, wie mir scheint, deplaziert.«
-
-»Er zielte auf eine Krähe, traf aber eine Kuh!« schrie nun bereits mit
-lautester Stimme irgendein Esel in den Saal, wahrscheinlich ein
-Angeheiterter, doch diesen Ausruf hätte man schon unter keinen Umständen
-beachten sollen.
-
-»Ein wahres Wort!« Dazu respektloses Lachen.
-
-»Eine Kuh, sagen Sie?« griff dagegen Karmasinoff das Sprichwort sofort
-auf. Seine Stimme wurde immer kreischender. »Bezüglich des Vergleichs
-mit Krähen und Kühen erlaube ich mir keine Äußerung, meine Herrschaften.
-Ich achte sogar _jedes_ Publikum doch allzusehr, um mir Vergleiche, und
-seien es auch ganz unschuldige, zu erlauben. Aber ich dachte ...«
-
-»Ach, mein Herr, Sie sollten doch lieber nicht gar so ...,« fiel ihm
-jemand aus den letzten Reihen ins Wort.
-
-»... aber ich dachte, daß ich, da ich nun meine Feder für immer aus der
-Hand lege und Abschied nehme von meinem Leser, wenigstens bis zum Ende
-angehört werden würde ...«
-
-»Ja, aber ja, wir wollen Sie doch auch anhören, wir wollen doch ...«
-ertönten ein paar endlich mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe.
-
-»Lesen Sie, lesen Sie!« fielen mehrere begeisterte Damenstimmen ein und
-schließlich ertönte auch ein Applaus, freilich nur ein dünner,
-spärlicher.
-
-Karmasinoff lächelte schief und erhob sich von seinem Platz.
-
-»Glauben Sie mir, Karmasinoff, wir alle halten es sogar für eine Ehre,«
-konnte sich selbst die Adelsmarschallin nicht enthalten zu versichern.
-
-»Herr Karmasinoff,« erklang plötzlich eine junge, frische Stimme aus der
-Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers aus der
-Kreisschule, eines stillen, anständigen und prächtigen Menschen, der
-noch nicht lange Zeit bei uns weilte. Er war jetzt sogar von seinem
-Platze aufgestanden. »Herr Karmasinoff, wenn ich das Glück gehabt hätte,
-so zu lieben, wie Sie es uns beschreiben, so hätte ich wirklich nicht
-davon in einem Aufsatz gesprochen, der zum öffentlichen Vorlesen
-bestimmt war ...«
-
-Dabei errötete er über und über.
-
-»Meine Herren,« rief Karmasinoff, »ich habe nichts mehr hinzuzufügen!
-Ich übergehe den Schluß und entferne mich. Erlauben Sie mir nur noch,
-die letzten Zeilen zum Abschied zu lesen!«
-
-Und ohne sich hinzusetzen, begann er sogleich: »Ja, mein Freund und
-Zuhörer, lebe wohl! -- lebe wohl, mein Leser, ich bestehe nicht einmal
-darauf, daß wir als Freunde scheiden: In der Tat, wozu dich beunruhigen?
-Schilt, wenn du willst, schilt, wenn es dir Vergnügen macht! Aber mich
-deucht, es wäre besser, wir vergäßen uns für immer. Und wenn ihr alle,
-meine Zuhörer, plötzlich so gut wäret, mich auf den Knien und mit Tränen
-in den Augen zu bitten: >Schreibe noch, Karmasinoff, -- für uns, für das
-Vaterland, für die Nachwelt, für die Lorbeerkränze!< so würde ich euch
-sogar dann noch antworten, selbstredend mit allem Dank: >Nein, wir haben
-uns schon genug miteinander abgegeben, liebe Kompatrioten, _merci_! Es
-ist Zeit, daß wir uns trennen! _Merci, merci, merci!_<«
-
-Karmasinoff verbeugte sich zeremoniell, -- und ganz rot im Gesicht, als
-hätte man ihn gekocht, begab er sich hinter die »Kulissen«.
-
-»Niemand wird auf die Knie fallen, eitle Phantasie!« rief ihm eine
-Stimme nach.
-
-»Was für eine Eigenliebe!«
-
-»Aber das ist doch Humor,« glaubte jemand erklären zu müssen.
-
-»Nein, verschonen Sie uns bitte mit solchem Humor.«
-
-»Das war einfach eine Frechheit, meine Herren!«
-
-»Na, wenigstens hat er endlich Schluß gemacht!«
-
-»Das war aber eine Langeweile! -- daß Gott erbarm'!«
-
-Aber alle diese unhöflichen Ausrufe der letzten Reihen wurden übertönt
-von dem Applaus des anderen Publikums. Man rief Karmasinoff hervor.
-Einige Damen, an der Spitze Julija Michailowna und die Adelsmarschallin,
-versammelten sich vor der Tribüne. In den Händen hielt Julija
-Michailowna ein weißes Samtkissen, auf dem ein Lorbeerkranz in einem
-zweiten Kranz von Rosen lag.
-
-»Lorbeer!« rief Karmasinoff mit einem feinen und etwas boshaften
-Lächeln. »Ich bin natürlich gerührt und ich nehme diesen im voraus
-geflochtenen Kranz, der noch nicht verwelkt ist, mit aufrichtigem Danke
-an: aber ich versichere Sie, _Mesdames_,{[175]} ich bin plötzlich soweit
-Realist geworden, daß ich Lorbeeren heutzutage in den Händen eines Kochs
-besser aufgehoben fände, als in den meinigen ...«
-
-»Ja, ein Koch ist auch nützlicher!« rief der Seminarist, der mit auf der
-»Sitzung« bei Wirginskis gewesen war.
-
-Die Ordnung wurde gestört. In vielen Reihen stieg man auf die Stühle, um
-besser die Zeremonie der Überreichung des Lorbeerkranzes sehen zu
-können.
-
-»Ich würde jetzt für einen Koch noch drei Rubel zuzahlen,« ertönte eine
-laute Stimme.
-
-»Ich gleichfalls!«
-
-»Ich auch!«
-
-»Gibt es denn hier wirklich kein Büfett?«
-
-»Meine Herren, das ist einfach ein Betrug ...«
-
-Immerhin bewahrten die Ruhestörer noch einigen Respekt vor unseren
-Honoratioren und den anwesenden Polizeioffizieren. Ungefähr zehn Minuten
-nachher hatten sie sich denn auch alle wieder gesetzt. Aber die
-ursprüngliche Ordnung war doch nicht mehr vorhanden. Und in diesem
-Anfangsstadium eines drohenden Tumults mußte nun der arme Stepan
-Trophimowitsch auftreten ...
-
-
- IV.
-
-Ich hielt es nicht aus und eilte doch noch zu ihm hinter die Kulissen,
-um ihn anzuflehen, jetzt seinen ganzen Vortrag aufzugeben, ein
-Unwohlsein vorzuschützen und nach Hause zu fahren. Es sei nun alles
-schon verspielt und verloren, auch ich würde mein Festordnerband
-ablegen, meinen Ehrenposten aufgeben und mit ihm davongehen. Er war in
-diesem Augenblick gerade im Begriff, die Tribüne zu betreten: nun blieb
-er stehen, maß mich hochmütig vom Kopf bis zu den Füßen und fragte mit
-geradezu feierlichem Ernst:
-
-»Wie kommen Sie dazu, mein Herr, von mir eine solche Schändlichkeit zu
-erwarten?«
-
-Ich trat zurück, überzeugt, daß er ohne Katastrophe von dort nicht
-zurückkehren werde. In vollständiger Mutlosigkeit stand ich da, als
-plötzlich wieder die Figur des angereisten Professors vor mir
-auftauchte. Er ging immer noch auf und ab, in sich versunken und vor
-sich hinmurmelnd, aber ein triumphierendes Lächeln glitt hin und wieder
-über sein Gesicht, und von Zeit zu Zeit hob er immer noch die Faust, um
-sie dann wuchtig niedersausen zu lassen. Ich trat ganz unabsichtlich auf
-ihn zu.
-
-»Wissen Sie,« sagte ich, »erfahrungsgemäß hört kein einziges Publikum
-länger als zwanzig Minuten jemandem zu. Selbst die größte Berühmtheit
-wird es keine halbe Stunde ...«
-
-Er blieb stehen. Ein ungeheurer Hochmut lag auf seinem Gesicht.
-
-»Seien Sie unbesorgt,« brummte er verächtlich und ging an mir vorüber.
-
-In dieser Minute ertönte im Saale die Stimme Stepan Trophimowitschs.
-
-»Ach, daß Euch der ...!« fluchte ich und eilte in den Saal.
-
-Stepan Trophimowitsch hatte sich in den Stuhl gesetzt, noch bevor die
-Ordnung im Saale einigermaßen hergestellt war. Aus den ersten Reihen
-empfingen ihn nicht gerade wohlwollende Blicke. Im Klub hatte man in der
-letzten Zeit aufgehört, ihn besonders zu schätzen oder gar zu lieben.
-Aber immerhin war es schon viel, daß man ihn nicht einfach auszischte.
-Mich hatte die ganze Zeit die fixe Idee verfolgt, daß etwas Derartiges
-geschehen werde. Vermutlich bemerkte man ihn bei der allgemeinen
-Unordnung zunächst gar nicht. Doch was konnte er denn überhaupt
-erwarten, wenn man sogar mit Karmasinoff so verfahren war? Er war
-bleich; aus seiner Aufregung ersah ich, der ich ihn doch so gut kannte,
-daß er sein Erscheinen auf dieser Tribüne selber als eine Art
-Schicksalsfügung empfand. So stand er denn nach zehn Jahren wieder vor
-der Öffentlichkeit! Lieb und teuer war mir dieser Mensch. Und was fühlte
-ich nicht alles für ihn, als ich nun seine ersten Worte vernahm!
-
-»Meine Damen und Herren!« stieß er hervor, wie zu allem entschlossen,
-und doch mit einer Stimme, die vor innerer Erregung gleichsam keinen
-Atem hatte. »Meine Damen und Herren! Noch heute morgen lag einer dieser
-verbotenen und gesetzwidrigen Aufrufe vor mir, und ich stellte mir wohl
-zum hundertsten Mal die Frage: >Worin besteht das Geheimnis ihrer
-Macht?<«
-
-Der ganze Saal verstummte im Augenblick; alle Blicke wandten sich ihm
-zu. Kein Zweifel: wenigstens hatte er es verstanden, gleich mit den
-ersten Worten zu fesseln. Sogar hinter den Kulissen steckte man die
-Köpfe hervor: Liputin und Lämschin lauschten geradezu gierig. Julija
-Michailowna rief mich wieder mit einem Wink zu sich.
-
-»Halten Sie ihn auf, was es auch koste, halten Sie ihn auf!« flüsterte
-sie mir erregt zu.
-
-Ich zuckte nur mit der Achsel. Wie konnte man einen Menschen, der sich
-schon zu allem entschlossen hatte, noch aufhalten? Und ich verstand
-Stepan Trophimowitsch nur zu gut.
-
-»Aha, von den Proklamationen!« flüsterte man im Publikum.
-
-»Meine Damen und Herren, ich habe das ganze Geheimnis erraten. Das
-Geheimnis ihrer Macht und ihres Erfolges liegt in ihrer -- Dummheit!«
-(Seine Augen erglänzten.) »Ja, wäre das eine erklügelte Dummheit, eine
-Dummheit aus Berechnung -- oh, dann wäre sie genial! Aber man muß den
-Verfassern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie bringen sie nicht
-aus Berechnung, nein, sondern es ist einfach die allernaivste, die
-alleroffenherzigste, die allerbilligste Dummheit -- _c'est la bêtise
-dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple
-chimique_.{[176]} Wäre das alles ein wenig klüger ausgedrückt, so würde
-ein jeder die ganze Armseligkeit dieser billigen Dummheit einsehen. So
-dagegen bleiben alle in der Ungewißheit, denn keiner will es doch
-glauben, daß es wirklich so erstklassig dumm sei. >Es kann doch nicht
-sein, daß _nichts_ dahinter stecke<, sagt sich ein jeder, und man sucht
-nach dem geheimen Sinn, glaubt an ein Geheimnis und will zwischen den
-Zeilen lesen. Damit aber ist der Erfolg schon gesichert! Oh, noch nie
-hat die Dummheit eine so feierliche Belohnung erhalten, ungeachtet
-dessen, daß sie sie so oft verdient ... Denn, _en parenthèse_,{[177]}
-die Dummheit, wie das höchste Genie, sind innerhalb des Geschickes der
-Menschheit beide von gleichem Nutzen.«
-
-»Sentenzen der vierziger Jahre!« hörte man eine übrigens recht
-bescheidene Stimme sagen.
-
-Doch nun war es mit der Ruhe zu Ende: alles schrie und lärmte los.
-
-»Meine Herren, Hurra! Ich schlage vor, einen Toast auf die Dummheit
-auszubringen!« rief Stepan Trophimowitsch, den ganzen Saal gleichsam
-herausfordernd.
-
-Ich lief zu ihm, unter dem Vorwande, Wasser ins Glas zu gießen.
-
-»Stepan Trophimowitsch, lassen Sie davon ab, Julija Michailowna bittet
-Sie inständig ...« flüsterte ich schnell.
-
-»Nein, lassen _Sie_ von _mir_ ab, Sie müßiger junger Mann!« rief er mir
-mit lauter Stimme zu.
-
-Ich zog mich zurück.
-
-»_Messieurs!_« fuhr er fort, »wozu die Aufregung, warum dieses Geschrei
-des Unwillens, das ich höre? Ich bin ja mit dem Olivenzweig gekommen.
-Ich bringe das letzte Wort, denn in dieser Sache habe ich das letzte
-Wort -- und wir können uns versöhnen.«
-
-»Fort mit ihm!« riefen die einen.
-
-»Ruhig, laßt doch hören, laßt ihn zu Ende sprechen!« schrien die
-anderen.
-
-Besonders regte sich der junge Lehrer auf, der, nachdem er einmal zu
-sprechen gewagt hatte, nun sich nicht mehr halten konnte.
-
-»_Messieurs_, das letzte Wort in dieser Sache ist -- die gegenseitige
-Vergebung. Ich, ein alter Mann, ich erkläre feierlich, daß der Geist des
-Lebens noch ebenso stürmt wie früher und die lebendige Kraft auch in der
-jungen Generation nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus unserer jetzigen
-Jugend ist noch ebenso rein und licht, wie er es zu meiner Zeit war. Es
-ist nur eines geschehen: man hat die Ziele geändert, die eine Schönheit
-ward durch die andere ersetzt! Das ganze Mißverständnis liegt nur darin,
-was ist schöner: Shakespeare oder ein Paar Stiefel, Rafael oder ein
-Petroleur?«
-
-»Das ist eine Anklage!« brüllte man irgendwoher.
-
-»Das sind kompromittierende Fragen!«
-
-»_Agent-provocateur!_«{[178]}
-
-»Ich aber erkläre,« rief Stepan Trophimowitsch wie rasend, »ich aber
-erkläre, daß Shakespeare und Rafael -- höher als die Aufhebung der
-Leibeigenschaft, höher als das Volk, höher als der Sozialismus, höher
-als die gesamte junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als
-die ganze Menschheit stehen, und vielleicht die höchste Frucht sind, die
-es überhaupt geben kann! Die Form der Schönheit ist damit schon
-erreicht, die Prägung, ohne die ich vielleicht gar nicht einwilligen
-würde, zu leben ... O Gott!« er erhob die Arme, »vor zehn Jahren habe
-ich das in Petersburg genau so von einer Tribüne den Menschen zugerufen,
-mit denselben Worten, und ebensowenig haben sie mich damals verstanden,
-haben gelacht und gepfiffen wie jetzt ... O ihr kleinen, kleinen
-Menschen, was fehlt euch, daß ihr das nicht verstehen könnt? Ja, wißt
-ihr denn nicht, wißt ihr denn nicht, daß ohne den Engländer die
-Menschheit noch leben kann, auch ohne den Deutschen, ohne den russischen
-Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne
-Brot, nur ohne die Schönheit, nur ohne Schönheit kann sie nicht leben,
-denn da gäbe es überhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt! Hier liegt
-das ganze Geheimnis, liegt die ganze Weltgeschichte! Selbst die
-Wissenschaft würde ohne die Schönheit nicht einen Augenblick bestehen --
-wißt ihr das auch, ihr Lacher --, alles würde sich in Hamitentum
-verwandeln, nichts mehr würdet ihr erfinden, nicht einmal einen Nagel!
-... Dabei bleibe ich!« und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf
-den Tisch.
-
-Viele sprangen von ihren Plätzen, andere drängten sich näher zu der
-Tribüne. Alles das geschah schneller, als sich's beschreiben läßt, und
-erst recht schneller, als daß man Vorsichtsmaßregeln hätte treffen
-können -- wenn man überhaupt welche hätte treffen wollen!
-
-»Ihr habt es gut, ihr Verwöhnten an euren vollen Tischen!« brüllte schon
-unmittelbar vor der Tribüne der Seminarist und fletschte Stepan
-Trophimowitsch höhnisch an.
-
-Der bemerkte es und trat sofort bis an den äußersten Rand:
-
-»Habe nicht ich, nicht ich soeben noch gesagt, daß der Enthusiasmus
-unserer jungen Generation ebenso rein und licht ist wie früher, und daß
-sie nur deshalb ins Verderben geht, weil sie sich in den Formen des
-Schönen täuscht? Ist euch das zu wenig? Und wenn ihr bedenkt, daß ein
-gebeugter und beleidigter Vater zu euch spricht, ist es dann, -- o ihr
-kleinen Menschen! ... Kann man denn überhaupt noch leidenschaftsloser
-und klarer schauend über den Ansichten stehen? Undankbare, ungerechte
-Menschen ... warum wollt ihr nicht Frieden schließen ...«
-
-Und plötzlich brach er in hysterisches Schluchzen aus. Er wischte sich
-mit den Fingern die Tränen ab. Die Brust und die Schultern zitterten vor
-Schluchzen -- er vergaß alles um sich her.
-
-Eine wirkliche Panik ergriff das Publikum, fast alle erhoben sich von
-ihren Plätzen. Auch Julija Michailowna erhob sich schnell und zog ihren
-Mann von seinem Stuhle in die Höhe.
-
-»Stepan Trophimowitsch!« brüllte triumphierend der Seminarist. »Hier in
-der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt ein entsprungener
-Zuchthäusler herum, Fedjka mit Namen. Er stiehlt überall und vor nicht
-langer Zeit hat er einen neuen Mord verübt. Gestatten Sie die Frage:
-wenn Sie ihn vor fünfzehn Jahren nicht zur Begleichung einer
-Kartenschuld als Rekruten verkauft hätten, wäre er dann auch nach
-Sibirien gekommen? Hätte er dann auch Menschen ermordet im Kampfe ums
-Dasein? Was sagen Sie dazu, Herr Ästhetiker?«
-
-Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu beschreiben. Zunächst
-ertönte ein rasender Applaus. Es applaudierten natürlich nicht alle,
-vielleicht nur der fünfte Teil des Saales, aber der applaudierte dafür
-auch wie wahnsinnig. Der Rest des Publikums strömte zum Ausgang, der
-applaudierende Teil dagegen zur Tribüne hin, und so entstand ein
-allgemeines Gewühl. Damen schrien auf. Junge Mädchen weinten und wollten
-nach Hause. Lembke stand noch immer an seinem Platz und sah drohend um
-sich. Julija Michailowna verlor zum erstenmal in ihrem Leben völlig den
-Kopf. Stepan Trophimowitsch schien von den Worten des Seminaristen
-zuerst völlig zerschmettert zu sein, doch plötzlich erhob er beide Hände
-und rief:
-
-»Ich schüttle den Staub von meinen Füßen und verfluche ... Das ist das
-Ende ... das Ende ...«
-
-Und sich umkehrend lief er, gestikulierend und noch mit den Händen
-drohend, hinter die Kulissen.
-
-»Er hat die Gesellschaft beleidigt! ... Er schmäht uns! Werchowenski!«
-schrie man.
-
-Und schon wollte man hinter ihm her stürzen, was in diesem Augenblick
-schwer zu verhindern gewesen wäre, -- aber siehe da! nun sollte noch die
-letzte Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung einschlagen! Der
-dritte Redner, jener Maniak, der hinter den Kulissen hin und her
-geschritten war und in einem fort die Faust hochgehoben hatte, erschien
-plötzlich auf der Tribüne.
-
-Er hatte entschieden das Aussehen eines Verrückten. Mit breitem,
-triumphierendem Lächeln, voll unermeßlichen Selbstvertrauens übersah er
-die aufgeregte Menge, und es schien ihn nicht im geringsten zu
-verwirren, daß er vor solchem Publikum reden sollte, vielmehr schien er
-an der Unordnung sogar seine Freude zu haben, und zwar so
-augenscheinlich, daß gerade das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn
-lenkte.
-
-»Wer ist denn das?« hörte man fragen. »Was will denn der noch? Still!
-Pst! Was?«
-
-»Meine Herren!« begann dieser Mensch, ganz am äußersten Rande der
-Tribüne stehend, schreiend laut und fast mit einer ebenso
-kreischend-weibischen Stimme, wie Karmasinoff sie hatte, nur lauter und
-ohne das aristokratische Lispeln.
-
-»Meine Herren! Vor zwanzig Jahren, am Vorabend unseres Krieges mit dem
-halben Europa, war Rußland das Ideal aller Staats- und Geheimräte! Die
-Literatur stand im Dienst der Zensur! An den Universitäten lehrte man
-exerzieren! Das Heer wurde zum Ballett! Das Volk aber bezahlte stier und
-stumm Abgaben, schwieg und schmachtete unter der Knute der
-Leibeigenschaft! Patriotismus wurde zum Geschäft: man erpreßte von
-Lebenden und von Toten! Die nicht Schmiergelder nahmen, galten für
-revolutionär, denn sie störten die Harmonie! Die Birkenwälder wurden
-rasiert als Hilfe zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung. Europa zitterte.
-Doch in Rußland hatte es in dem ganzen sinnlosen Jahrtausend seiner
-Existenz noch niemals elender ausgesehen! Rußland war nur noch eine
-einzige Schmach und weiter nichts!« Und mit einer wüsten Bewegung erhob
-er die Faust, schüttelte sie drohend über seinem Haupte und ließ sie
-dann ingrimmig niedersausen, als wollte er mit einem einzigen Schlage
-einen unsichtbaren Gegner zerschmettern.
-
-Ein unbändiges Gebrüll erhob sich von allen Seiten. Ohrenbetäubendes
-Klatschen und Trampeln erschütterte den Saal. Es applaudierte schon
-beinahe die Hälfte der Anwesenden. Die Harmlosesten wurden mitgerissen:
-Rußland wurde öffentlich geschmäht, entehrt, vor dem ganzen Publikum
-heruntergerissen -- wie sollte man da nicht brüllen vor Entzücken?
-
-»Das ist's! ... Der weiß es! ... Der hat recht! Hurra ... Das ist besser
-als Ästhetik! ... Hurra!«
-
-Triumphierend fuhr der Maniak in seiner Rede fort: »Seit der Zeit sind
-zwanzig Jahre vergangen! Die Universitäten haben sich vermehrt! Das
-Exerzieren in den Hörsälen ist zur Legende geworden! An Offizieren im
-Heer fehlt's jetzt zu Tausenden! Die Eisenbahnen haben alles Kapital
-verschlungen und Rußland wie mit einem Spinngewebe überzogen, so daß man
-in zehn bis fünfzehn Jahren vielleicht auch wirklich wird reisen können.
-Die Brücken brennen nur selten, aber die Städte dafür um so häufiger.
-Auf den Gerichten werden salomonische Urteile gefällt, doch die
-Geschworenen nehmen Schweigegelder an, um nicht Hungers zu sterben! Die
-befreiten Leibeigenen peitschen sich jetzt gegenseitig, an Stelle der
-Gutsbesitzer, die es früher taten! Ozeane von Schnaps trinkt man aus,
-damit das Budget zustande kommt! Und in Nowgorod hat man vor der alten
-und unnützen Sophienkirche eine kolossale Kugel aufgestellt und
-feierlich enthüllt, als Denkmal der tausendjährigen Unordnung und
-Sinnlosigkeit, die wir jetzt glücklich hinter uns haben! Europa aber
-ärgert sich und fühlt sich von neuem beunruhigt ... Fünfzehn Jahre der
-Reformen! Indessen ist Rußland noch niemals, nicht einmal in den
-groteskesten Zeiten seines ganzen unsinnigen Bestehens, zu solch einer
-...«
-
-Seine letzten Worte wurden schon vom Gebrüll der Menge verschlungen. Man
-sah nur noch, wie er wieder die Faust erhob und sie dann wieder
-niedersausen ließ. Der Jubel überstieg bereits alle Grenzen. Man schrie,
-man heulte, man klatschte unbändig in die Hände. Sogar einzelne Damen
-riefen: »Genug! Besseres können Sie nicht mehr sagen!« Man war wie
-betrunken. Oben auf der Tribüne aber stand der Redner, überschaute alle
-und schmolz gleichsam in seinem Triumphgefühl.
-
-Ich sah nur noch, wie Lembke in unaussprechlicher Aufregung
-irgendjemandem irgendetwas befahl. Neben ihm stand Julija Michailowna
-kreideweiß. Der junge Fürst näherte sich ihnen schnell. Sie flüsterte
-ihm etwas zu. Doch in diesem Moment sah ich schon mehrere Herren auf der
-Tribüne, meist offizielle Persönlichkeiten, die sich blitzschnell auf
-den Redner warfen und ihn hinter die Kulissen schleppten. Irgendwie
-gelang es aber diesem doch noch, sich loszureißen, und im Augenblick
-stand er wieder auf der Tribüne, um, mit erhobener Faust, gerade noch
-schreien zu können:
-
-»Aber noch nie ist Rußland zu solch einer ...«
-
-Doch schon hatte man ihn wieder gepackt, überwältigt und schleppte ihn
-weg. Sogleich stürmte ein ganzer Haufe von etwa fünfzehn Mann hinter die
-Kulissen, um ihn zu befreien, stürmte seitlich an der Tribüne vorüber,
-riß eine Barriere um ...
-
-Ich sah nur noch, daß plötzlich -- ich traute meinen Augen nicht -- die
-Studentin (Wirginskis Schwester) auf der Tribüne stand. Sie hielt
-dieselbe Papierrolle in der Hand, war ebenso angezogen, ebenso rundlich,
-doch hinter ihr standen noch zwei oder drei Gesinnungsgenossinnen und
-zwei oder drei Genossen, unter diesen auch ihr Todfeind, der Gymnasiast.
-Ich vernahm sogar noch ihre ersten Worte:
-
-»Ich bin gekommen, um Ihnen von den Leiden der unglücklichen Studenten
-zu erzählen und alle zu einem Protest aufzurufen!« ...
-
-Doch da lief ich schon hinaus. Mein Festordnerband steckte ich in die
-Tasche, durch eine Hintertür gelangte ich auf die Straße. Mein erster
-Weg war natürlich zu Stepan Trophimowitsch.
-
-
-
-
- Siebzehntes Kapitel.
- Das Ende des Festes
-
-
- I.
-
-Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen
-und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch
-die verschlossene Tür:
-
-»Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von
-mir verlangen?«
-
-»Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre
-dazu beigetragen, daß alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan
-Trophimowitsch, machen Sie die Tür auf, man muß Vorkehrungen treffen.
-Die Bande kann schließlich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen
-...«
-
-Ich hielt mich für berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem
-fürchtete ich, daß er irgendeine Torheit begehen könnte. Aber zu meinem
-Erstaunen stieß ich bei ihm auf feste Entschlossenheit.
-
-»Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen
-für alles Gewesene, aber ich muß Ihnen wiederholen, daß ich mit allem
-abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bösen. Ich schreibe
-soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis
-jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn
-Sie so freundlich sein wollen. Heute aber -- >_Merci_<.«
-
-»Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, daß die Sache ernster ist,
-als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, daß Sie dort jemanden
-zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas!«
-(Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche
-Erinnerung!) »An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu
-schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen
-Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine
-besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher
-werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen
-...«
-
-Er stand auf und kam zur Tür.
-
-»Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben
-Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. _Dieu vous pardonne, mon
-ami, et Dieu vous garde._{[179]} Aber ich habe in Ihnen immer einen
-gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, daß Sie noch
-zur Besinnung kommen werden -- _après le temps_{[180]} natürlich, wie
-wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung über meine
-Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so möchte ich Sie an einen alten
-Gedanken von mir erinnern: daß bei uns in Rußland unzählige Menschen
-sich nur damit beschäftigen, mit größtem Wuteifer und mit einer
-Unermüdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, über alle anderen
-herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen.
-Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei >unpraktisch<, nur sich
-selbst machen sie ihn nie. _Cher_, bedenken Sie, daß ich erregt bin, und
-quälen Sie mich nicht. Noch einmal Dank für alles und scheiden wir
-voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum -- das heißt, vergessen wir
-uns gegenseitig so großmütig wie möglich. Das war von ihm übrigens nur
-eine Finte, daß er seine alten Leser so inständig bat, ihn zu vergessen.
-_Quant à moi_,{[181]} so bin ich nicht so selbstsüchtig und verlasse
-mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten
-Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund,
->leben Sie mehr<, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage
-wünschte (_ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et
-pleins de philosophie_{[182]}). Nicht zu viel Glück wünsche ich Ihnen,
-das würde langweilig werden. Aber ich wünsche Ihnen auch kein Unglück,
-sondern sage nur wie der Volksmund: >Leben Sie mehr<! Und versuchen Sie
-irgendwie, sich nicht zu grämen. Diesen überflüssigen Wunsch füge ich
-noch von mir aus hinzu. Und nun leben Sie wohl. Im Ernst gesagt: leben
-Sie wohl. -- Bleiben Sie nicht an meiner Tür, ich werde nicht
-aufmachen.«
-
-Er ging auch tatsächlich fort von der Tür und ich konnte nichts weiter
-von ihm erfahren. Ungeachtet seines Geständnisses, daß er »erregt« sei,
-hatte er langsam, fließend und eindringlich gesprochen. Natürlich war er
-mir aus irgendeinem Grunde gram und rächte sich nun auf diese Weise. Vor
-allem aber brachten ihn die Tränen, die er am Morgen vor dem Publikum
-geweint, wenn er auch vorher einen halben Sieg errungen hatte, in eine
-etwas komische Lage, und das fühlte er wohl selbst. Nun war aber gewiß
-kein Mensch gerade um die Schönheit und die Strenge der äußeren Formen
--- selbst im Verkehr mit seinen Freunden -- so besorgt wie Stepan
-Trophimowitsch. Oh, ich mache ihm keinen Vorwurf! Damals aber war es
-eben diese Erwägung, daß ein Mensch, der sich trotz aller Erschütterung
-in dieser gewissen Pedanterie und diesem Sarkasmus treu blieb, doch wohl
-nicht so erschüttert sein konnte, um nun geneigt zu sein, etwas
-Tragisches oder Außergewöhnliches zu unternehmen. So dachte ich damals
-bei mir, aber, o Gott, wie täuschte ich mich! Ich ließ doch gar zu
-vieles außer acht ...
-
-Hier möchte ich nun, obgleich ich damit den Ereignissen vorgreife,
-einige Zeilen aus dem Brief mitteilen, den Darja Pawlowna am anderen
-Tage tatsächlich erhielt.
-
-»_Mon enfant!_{[183]} Meine Hand zittert, aber ich habe mit allem
-abgeschlossen. Sie waren nicht zugegen bei meinem letzten Zusammenstoß
-mit den Menschen, bei diesem >Vortrag<, und Sie taten recht. Aber man
-wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren gänzlich verarmten
-Rußland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief,
-diesen kleinen Dummköpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heißt: daß
-sie dumme Närrchen sind. _Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et
-rien de plus, des petits_ Närrchen -- _voilà le mot_!{[184]} Der Würfel
-ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich
-weiß noch nicht, wohin ich meinen Fuß setzen werde. Alle, die ich
-liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes
-Geschöpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen
-vereinigt hätte, nach dem Willen eines kapriziösen und herrschsüchtigen
-Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen,
-seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine
-kleinmütigen Tränen vergossen habe; Sie, die in mir gewiß nichts anderes
-sehen können, als einen lächerlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie
-grüße ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens,
-Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf
-ewig verlassen! -- mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren,
-unwissenden, selbstsüchtigen Toren, wie mich Ihnen wohl täglich ein
-undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich -- o
-Schmerz! -- nicht vergessen kann ...«
-
-Der Brief war auf einem Bogen großen Formats geschrieben und vier Seiten
-lang ...
-
-... Ich pochte noch dreimal an die Tür, nachdem er mit den Worten, er
-werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurückgegangen war. Dann rief ich ihm
-zu, daß er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der
-Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich
-sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna.
-
-
- II.
-
-Hier sollte ich Zeuge einer empörenden Szene werden: die arme Frau wurde
-auf eine geradezu infame Weise betrogen. Ich sah es, aber ich war ja
-machtlos. Was hätte ich ihr denn sagen sollen? Ich hatte ja selbst nur
-erst unklare Vorgefühle, doch keinen einzigen Beweis für meinen
-Verdacht.
-
-Als ich eintrat, lag sie weinend unter Eau de Cologne-Kompressen und
-Eiswasser auf der Chaiselongue. Vor ihr standen Pjotr Stepanowitsch, der
-ununterbrochen redete, und der junge Fürst, der ununterbrochen schwieg,
-als hätte man ihm mit einem Schlüssel den Mund verschlossen.
-
-Unter Tränen warf sie Pjotr Stepanowitsch seine »Abtrünnigkeit« vor.
-Sonderbar war dabei, daß sie nur ihm allein und seiner Abwesenheit das
-Mißlingen und den ganzen Zusammenbruch des Festes zuschrieb.
-
-An Pjotr Stepanowitsch selber fiel mir eine merkwürdige Veränderung auf:
-er war ungewöhnlich ernst und offenbar mit irgendwelchen Gedanken
-beschäftigt. Sonst war er ja nie ernst gewesen, sondern hatte immer
-gelacht, selbst dann, wenn er sich ärgerte -- und er ärgerte sich oft.
-Auch jetzt war er sichtlich geärgert, sprach grob, nachlässig und
-rücksichtslos, voll Hast und Ungeduld. Er versicherte, daß er die ganze
-Zeit mit Kopfschmerzen und Übelkeit bei Gaganoff gelegen hätte, zu dem
-er, wie er sagte, schon am frühen Morgen gegangen wäre: an ein
-Erscheinen auf der Matinee sei auch nicht einmal zu denken gewesen.
-
-Jetzt drehte sich der ganze Streit hauptsächlich darum, ob die andere
-Hälfte des Festes, der Ball am Abend, stattfinden sollte oder nicht?
-
-Julija Michailowna wollte unter keiner Bedingung auf ihm erscheinen --
-oder vielmehr, sie wollte mit aller Gewalt darum gebeten werden, und
-zwar gerade von Pjotr Stepanowitsch. Sie hörte noch immer auf ihn wie
-auf ein Orakel, und da es durchaus in seinen dunklen Plänen lag, daß der
-Ball heute noch stattfand und Julija Michailowna auf ihm erschien, so
-bat er denn auch.
-
-»Warum weinen Sie denn? Sie müssen natürlich wieder eine Szene machen!
-Wir aber müssen jetzt zu einem Entschluß kommen. Was am Morgen verdorben
-wurde, machen wir am Abend wieder gut! Auch der Fürst ist ganz meiner
-Meinung. Tja, wenn der Fürst nicht gewesen wäre, womit würde das wohl
-geendet haben!«
-
-Daß dies auch die Meinung des Fürsten sei, war nun freilich nicht ganz
-richtig. Dieser war nämlich zunächst nur dafür, daß der Ball stattfand,
-nicht aber dafür, daß Julija Michailowna auf ihm erschien. Schließlich
-schien er aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden zu haben.
-
-Mich setzte nun vor allem die unglaubliche Frechheit Pjotr
-Stepanowitschs in Erstaunen. Daß an den gewöhnlichen Klatschgeschichten,
-die über die Art seines Verhältnisses zu Julija Michailowna umliefen,
-kein wahres Wort war, wußte ich. Er beherrschte diese Frau einfach
-dadurch, daß er auf alle ihre gesellschaftlichen Träume und ehrgeizigen
-Pläne, auf ihre Absicht, im Gouvernement eine besondere Rolle zu spielen
-und selbst den Petersburgern zu imponieren, in geschickter Weise einging
-und ihr mit den gröbsten Schmeicheleien um den Mund redete. Aber
-erstaunlich war es doch, wie rasch er sich jetzt wieder bei ihr in Gunst
-zu setzen wußte.
-
-Als sie mich eintreten sah, rief sie mit blitzenden Augen:
-
-»Da! fragen Sie ihn, er ist die ganze Zeit nicht von mir gewichen, ganz
-wie der Fürst! Und Sie, -- erklären Sie ihm doch bitte, daß dieser ganze
-Skandal nichts als eine Verschwörung gegen mich und Andrei Antonowitsch
-war! Oh, die hatten sich alle verschworen! Sie hatten einen gemeinsamen
-Plan! Es war alles im voraus darauf abgesehen!« ...
-
-»Sie irren sich, wie immer! Stets ein Poem im Kopf! Ich bin übrigens
-froh, den Herrn ...« er tat, als habe er meinen Namen vergessen ... »er
-wird uns seine Meinung sagen.«
-
-»Ich bin ganz der Ansicht Julija Michailownas,« beeilte ich mich zu
-erklären. »Daß eine Verabredung vorlag, das sah man doch nur zu
-deutlich. Ich bringe Ihnen im übrigen hier meine Bänder, Julija
-Michailowna. Ob der Ball zustande kommt oder nicht, das ist natürlich
-nicht meine Sache. Doch meine Rolle als Anordner ist zu Ende.
-Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht gegen meine Überzeugung handeln
-und -- gegen allen gesunden Menschenverstand.«
-
-»Hören Sie, hören Sie!« rief sie und schlug die Hände zusammen.
-
-»Ich höre ja schon ... Aber was ich noch sagen wollte,« wandte sich
-Pjotr Stepanowitsch zu mir, »ich bin jetzt überzeugt, daß alle irgend
-etwas gegessen haben müssen, wovon sie krank geworden sind. Meiner
-Meinung nach ist nichts geschehen, nichts, was nicht auch früher schon
-bei solchen Festen fast immer geschehen ist. Was für eine Verabredung
-sollte denn das gewesen sein? Es sind da ein paar scheußliche Dummheiten
-passiert, aber was hat das mit einer Verschwörung zu tun? Das war nicht
-gegen Julija Michailowna persönlich, sondern höchstens gegen ihre
-Günstlinge und Schützlinge gerichtet! Julija Michailowna! Was habe ich
-Ihnen den ganzen Monat ununterbrochen vorgehalten? Wovor habe ich Sie
-gewarnt? Nun, sagen Sie mir doch: wozu, wozu brauchten Sie dieses ganze
-Volk da? -- Wozu mit solch einem Pack sich abgeben? Warum und wozu war
-das nötig?«
-
-»Wann haben Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie begünstigten das, Sie
-verlangten sogar ... Sie selbst haben mir allerhand sonderbare Menschen
-zugeführt!«
-
-»Im Gegenteil, ich habe mich mit Ihnen wegen dieser Leute
-herumgestritten, aber nicht sie begünstigt und eingeführt! Jetzt soll
-ich es gewesen sein, der dieses Pack hier eingeführt hat, womöglich noch
-in letzter Zeit, als sie schon zu Dutzenden herbeiströmten, um diese
->literarische Quadrille< mitzumachen! Ich könnte wetten, daß es gerade
-diese Mimen gewesen sind, die alles mögliche Volk ohne Billetts
-eingeführt haben.«
-
-»Das dürfte stimmen!« bemerkte ich.
-
-»Sehen Sie, schon müssen Sie mir recht geben. Und erinnern Sie sich doch
-nur, welch ein Ton hier in der letzten Zeit eingerissen war! Das war ja
-schon die richtige Gemeinheit, das war ja ein Skandal und Lärm, daß
-einem die Ohren davon weh taten! Und wer begünstigte das? Wer deckte das
-alles mit seiner Autorität? Wer hat hier alle irre gemacht? Wer hat hier
-alle Spießer erbittert? Sind doch in Ihrem Album alle hiesigen
-Familiengeheimnisse karikiert! Und haben nicht Sie, gerade Sie alle
-unsere Stegreifdichter und Karikaturisten verwöhnt, haben Sie sich nicht
-sogar von einem Lämschin die Hand küssen lassen? Und hat nicht in Ihrer
-Gegenwart der Seminarist einen Staatsrat beschimpfen dürfen und der
-Tochter des Staatsrats mit seinen Schmierstiefeln das Kleid abgetreten?
-Warum wundern Sie sich nun noch, daß das Publikum Ihnen jetzt nicht
-gerade freundlich gesinnt ist?«
-
-»Aber das haben doch alles Sie selbst ... O Gott!«
-
-»Ich? ich habe Sie immer nur gewarnt! Worüber hätten wir uns denn sonst
-die ganze Zeit gestritten?«
-
-»Aber Sie lügen mir ja ins Gesicht!«
-
-»Nun ja, das kostet Ihnen ja weiter nichts, so was zu sagen. Sie haben
-jetzt ein Opfer nötig, an dem Sie Ihren Ärger auslassen können -- da
-komme ich Ihnen gerade recht. Ich werde mich lieber an Sie wenden, Herr
-...« Er konnte sich offenbar noch immer nicht auf meinen Namen besinnen.
-»Zählen wir's doch an den Fingern ab: ich behaupte, daß außer der
-Liputingeschichte keine einzige Verabredung sich nachweisen läßt,
-kei--ne ein--zige! Das werde ich Ihnen sogleich beweisen; aber nehmen
-wir zuerst Liputin. Er trat mit dem Gedicht des Dummkopfs Lebädkin auf
--- schön! oder vielmehr, das war nicht schön. Aber was soll denn das für
-eine >Verschwörung< sein? Er kam sich einfach geistreich vor! Im Ernst:
-geistreich! Er wollte einen Witz machen, uns unterhalten, erheitern, --
-verlassen Sie sich darauf! ... und nicht nur uns, sondern vor allen
-anderen die Protektrice Julija Michailowna erheitern! Und das ist alles!
-Sie glaubens nicht? Aber war denn das nicht ein Witz in genau demselben
-Tone, wie er hier schon den ganzen letzten Monat herrschte? Und wenn Sie
-wollen, daß ich alles sage: bei Gott, unter anderen Umständen wäre er
-vielleicht auch glatt durchgegangen! Der Scherz war meinethalben roh,
-na, sagen wir, war vielleicht ein starkes Stück, aber an sich doch
-schließlich witzig.«
-
-»Wie! Sie halten diese elende Handlungsweise Liputins auch noch für
-geistreich?« fragte Julija Michailowna empört, »eine solche Dummheit,
-eine solche Taktlosigkeit, eine solche Niederträchtigkeit und
-Gemeinheit, dieser Anschlag! Ja, dann gibt es keine andere Erklärung:
-dann sind Sie selbst mit jenen im Bunde!«
-
-»Na, natürlich doch! Ich saß ja hinter den Kulissen, habe von dort aus
-die ganze Maschine dirigiert. -- Wenn ich hinter einer Verschwörung
-gesteckt hätte, dann, glauben Sie mir, dann wäre das nicht bei Liputin
-allein geblieben! Folglich steckte ich wohl auch, Ihrer Meinung nach,
-hinter meinem Papachen? damit er absichtlich einen solchen Skandal
-heraufbeschwört? Ja, sagen Sie doch: wer ist nun _daran_ schuld, daß man
-auch Papachen zum Lesen aufforderte? Wer hat Ihnen noch gestern davon
-abgeraten, noch gestern, gestern!!«
-
-»_Oh, hier il avait tant d'esprit_,{[185]} und ich rechnete so auf ihn!
-Und dann, er hat doch Manieren! Ich dachte: er und Karmasinoff ... und
-nun statt dessen!« ...
-
-»Tja, und nun statt dessen! Aber ungeachtet des _tant d'esprit_, hat
-Papachen alles verpfuscht. Doch da ich das voraussah, so hätte ich, als
-Mitglied der überzeugend nachweisbaren Verschwörung gegen Ihr Fest,
-Ihnen doch wohl nicht abgeraten, diesen Ziegenbock zum Gärtner zu
-machen? Ist's nicht so? Indessen habe ich Ihnen tatsächlich abgeraten,
-habe noch gestern abgeraten, und zwar, weil ich schon so 'ne Vorahnung
-hatte, wie das enden würde. Natürlich habe ich nicht alle Details
-vorausgesehen, das wäre ja auch gar nicht möglich gewesen: er hat doch
-sicher selber nicht gewußt, womit er im nächsten Augenblick
-herausplatzen wird. So 'n nervöser Alter ist doch überhaupt kein Mensch
-mehr! Aber man kann da noch manches retten: schicken Sie gleich morgen,
-zur Genugtuung des Publikums, zwei Ärzte zu ihm, die sich nach seinem
-Gesundheitszustande erkundigen, oder schon heute, und dann so -- na, auf
-administrativem Wege in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm. Wenigstens
-würden dann alle lachen und einsehen, daß man keine Ursache hat, sich
-gekränkt zu fühlen. Ich kann ja noch heute auf dem Ball unter der Hand
-ein paar diesbezügliche Erklärungen abgeben, da ich ja der Sohn bin.
-Eine andere Sache ist es mit Karmasinoff, der hat sich schön als grüner
-Esel entpuppt und seinen Gallimathias eine ganze Stunde lang geleiert,
--- na, mit dem steckte ich Ihrer Ansicht nach doch zweifellos unter
-einer Decke! Den habe ich wohl ausdrücklich gebeten, mitzutun, um Julija
-Michailowna zu schaden!«
-
-»Oh, Karmasinoff, _quelle honte_!{[186]} Ich verging, ich verging vor
-Schande für unser Publikum!«
-
-»Na, ich wäre nicht vergangen, sondern hätte lieber ihm das Gehen
-beigebracht. Das Publikum war durchaus im Recht. Aber wer ist nun in
-diesem Fall wieder der Schuldige? Habe etwa ich Ihnen auch diesen
-aufgebunden? Habe ich bei seiner Vergötterung mitgeholfen? Doch, zum
-Teufel mit ihm! Aber der dritte, der Maniak, der Politiker! Das war
-schon eine andere Nummer! An dem haben sich schon alle versehen, aber
-nicht ich allein etwa!«
-
-»Ach, reden Sie nicht davon, das ist schrecklich, schrecklich! Daran bin
-ich, ich allein schuld!«
-
-»Tja, freilich, aber nun muß ich Sie doch verteidigen. So etwas kann
-niemand voraussehen, -- und wer, zum Teufel, kennt sich denn heute unter
-diesen >Aufrichtigen< überhaupt noch aus? Vor so einem ist man selbst in
-Petersburg nicht sicher. Er war Ihnen doch empfohlen! und wie noch!
-Sehen Sie nun nicht ein, daß Sie sogar verpflichtet sind, auf dem Ball
-zu erscheinen? Man weiß doch, daß Sie es waren, die ihn auf die Tribüne
-brachte: darum müssen Sie nun öffentlich zu erkennen geben, daß Sie sich
-mit ihm nicht solidarisch fühlen, daß der Kerl schon in den Händen der
-Polizei ist und daß man Sie auf unerklärliche Weise betrogen hat. Sie
-müssen es mit Unwillen kundgeben, daß Sie das Opfer eines Verrückten
-gewesen sind. Denn daß der Kerl ein Verrückter ist, sieht doch ein
-jeder! Ich kann diese Beißenden nicht ausstehen. Freilich rede ich
-selber manchmal noch schärfer, aber ich tu's doch nicht von der Tribüne
-aus! Und da reden noch die Leute wie absichtlich gerade jetzt von dem
-Senator!«
-
-»Von was für einem Senator? Wer redet ...?«
-
-»Tja, was weiß ich! Aber wie, haben Sie denn nichts von einem Senator
-gehört?«
-
-»Einem Senator? Nein!«
-
-»Ja, sehen Sie, man erzählt sich, daß irgendein Senator hierher
-geschickt werde, und daß man Sie von Petersburg aus absetzen will. Ich
-habe es von vielen gehört.«
-
-»Ich allerdings auch!« bestätigte ich.
-
-»Wer hat das gesagt?« fuhr Julija Michailowna auf und das Blut schoß ihr
-ins Gesicht.
-
-»Wer das zuerst gesagt hat? ... Wie soll ich das wissen. Die ganze Stadt
-redet so. Besonders gestern sprach man davon. Alle tun so ernst dabei,
-obgleich man gar nicht recht klug daraus werden kann. Natürlich -- die
-bißchen Klügeren und Kompetenteren, die reden ja nicht davon, aber auch
-von diesen hören manche aufmerksam zu.«
-
-»Welch eine Niederträchtigkeit! Und ... welch eine Dummheit!«
-
-»Na, wie gesagt, und schon deshalb müssen Sie erscheinen, um diesen
-Dummköpfen ...«
-
-»Ich sehe ein, ja, ich fühle es jetzt selbst, daß ich verpflichtet bin
-... aber wie, wenn mich eine neue Schande erwartet? Und wenn der Ball am
-Ende gar nicht zustande kommt? Keiner wird kommen, keiner, keiner! Sie
-werden sehen!«
-
-»Ach, da sollte man die Menschen nicht kennen! Wo blieben denn da die
-Toiletten? Sie als Frau sollten sich das doch selbst sagen! Sonderbare
-Menschenkenntnis!«
-
-»Die Adelsmarschallin wird bestimmt nicht erscheinen!«
-
-»Zum ... was ist da denn nun eigentlich passiert! Warum soll sie denn
-nicht erscheinen?« rief er plötzlich ganz wütend vor Ungeduld.
-
-»Die Schmach, die Blamage! Ich weiß nicht, was passiert ist, ich weiß
-nur, daß es mir nach alledem unmöglich ist, hinzugehen!«
-
-»So! Warum denn nicht? Ja, woran sind Sie denn eigentlich schuld? Ist
-denn nicht das Publikum an allem schuld? Wo waren denn die
-Stadtältesten, die Familienväter? -- deren Pflicht wäre es doch gewesen,
-die Taugenichtse zurückzuhalten. In keiner Gesellschaft und überhaupt
-nirgendwo kann die Polizei allein für alles einstehen. Bei uns verlangt
-aber jeder, der eintritt, daß hinter ihm ein Polizist stehe und ihn
-beschütze. Niemand begreift hier, daß jede Gesellschaft sich selbst
-beschützen muß. Aber was machen bei uns die Herren Honoratioren samt
-Frauen und Töchtern in solchen Fällen? Sie schweigen und blähen sich!
-spielen die Gekränkten! Nicht einmal diese Bengel von Störenfrieden im
-Zaum zu halten verstehen sie, selbst dazu reicht ihr gesellschaftlicher
-Instinkt nicht aus!«
-
-»Ach, das ist ja nur zu wahr! Sie schweigen, blähen sich und ... sehen
-sich um.«
-
-»Und wenn das wahr ist, so muß man das auch so sagen, daß alle es hören,
-furchtlos und streng! Sie müssen auf dem Ball erscheinen, und in den
-Zeitungen muß es stehen, daß Sie erschienen sind! Ich werde die Sache
-selbst in die Hand nehmen und Ihnen alles arrangieren. Wir bringen den
-Bericht in die Petersburger >Stimme< und in die >Börsennachrichten<.
-Versteht sich: mehr Aufmerksamkeit, das Büfett strenger beaufsichtigen,
-den Fürsten bitten, den Herrn da bitten! Und dann müssen Sie erscheinen,
-offen vor aller Welt, am Arme Andrei Antonowitschs. Wie geht es ihm
-übrigens?«
-
-»Oh, wie ungerecht, wie falsch, wie beleidigend haben Sie immer über
-diesen engelsguten Menschen geurteilt!« rief Julija Michailowna
-plötzlich, mit ganz überraschender Glut, fast unter Tränen aus und
-drückte ihr Taschentuch an die Augen.
-
-Diese Wendung kam für Pjotr Stepanowitsch so unerwartet, daß er im
-Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte.
-
-»Aber ich bitte Sie, ich ... ja, was denn! ... ich habe doch immer ...«
-
-»Niemals, niemals, niemals haben Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren
-lassen!«
-
-»Eine Frau kann man doch nie auskennen!« brummte Pjotr Stepanowitsch mit
-einem eigentümlichen Spottlächeln.
-
-»Das ist der gerechteste, der feinfühlendste Mensch! Der beste, der
-gütigste von allen!«
-
-»Aber ... ich bitte Sie, ich ... wieso, ich habe doch immer --
-namentlich in betreff der Güte ... habe ich ihm immer ...«
-
-»Nein, niemals! Aber lassen wir das. Ich bin schlecht für ihn
-eingetreten. Und vorhin hat diese Jesuitin, die Adelsmarschallin, auch
-einige sarkastische Bemerkungen wegen gestern fallen lassen.«
-
-»Oh, der ist es jetzt nicht mehr ums Gestrige zu tun, die hat von heute
-genug! Aber machte es Ihnen denn wirklich etwas aus, wenn sie nicht auf
-den Ball käme? Denn natürlich wird sie nicht kommen, nachdem sie selbst
-in einen solchen Skandal verwickelt worden ist! Möglich, daß sie nicht
-schuld ist, aber die Reputation ist doch hin: schmutzige Hände!«
-
-»Was heißt das? ... ich verstehe nicht, -- warum schmutzige Hände?«
-Julija Michailowna sah ihn verständnislos an.
-
-»Das heißt, ich will ja nichts behaupten, aber die ganze Stadt läutet es
-schon aus, daß sie die Geschichte begünstigt habe.«
-
-»Was? Aber was denn begünstigt?«
-
-»Ja, wissen Sie es denn noch nicht?« rief er mit vorzüglich gespieltem
-Erstaunen. »Stawrogin und Lisaweta Nicolajewna!« ...
-
-»Wie? Was?« riefen wir alle.
-
-»Ja, wissen Sie denn wirklich noch nichts? Na, hören Sie mal! Aber es
-haben sich doch soeben Tragiromane abgespielt! -- Es hat Lisaweta
-Nicolajewna gefallen, sich unmittelbar aus der Equipage der
-Adelsmarschallin in die Equipage Stawrogins hinüberzusetzen und >mit
-diesem letzteren< nach Skworeschniki zu entschlüpfen, mitten am
-hellichten Tage. Erst vor einer Stunde, noch nicht einmal einer Stunde.«
-
-Wir erstarrten. Natürlich stürzten wir uns dann ins Ausfragen, doch
-wunderlicherweise konnte er, obschon er selbst »zufällig« Augenzeuge
-gewesen sein wollte, von den näheren Umständen nichts Genaues erzählen.
-Geschehen war es angeblich folgendermaßen: Als die Adelsmarschallin nach
-der Matinee Lisa und Mawrikij Nicolajewitsch in ihrer Equipage
-heimbrachte und der Wagen vor dem Hause von Lisas Mutter (deren Füße
-immer noch krank waren) hielt, da wartete nicht weit, ungefähr
-fünfundzwanzig Schritt von der Vorfahrt, etwas abseits, eine andere
-Equipage. Und kaum war Lisa vor der Treppe ausgestiegen, -- da sei sie
-sofort zu jener Equipage geeilt; der Schlag habe sich geöffnet, sei
-zugeklappt; Lisa habe Mawrikij Nicolajewitsch nur noch zugerufen:
-»Schonen Sie mich!« -- und die Equipage sei in voller Karriere
-davongefahren nach Skworeschniki. Auf unsere hastigen Fragen: War das
-eine Verabredung? Wer saß in jener Equipage? -- antwortete Pjotr
-Stepanowitsch, er wisse nichts; zweifellos sei das abgekartet gewesen,
-doch Stawrogin habe er in der Equipage nicht gesehen; vielleicht saß nur
-der Kammerdiener im Wagen, der alte Alexei Jegorytsch. Auf die Frage:
-»Wie kam es denn, daß gerade Sie zugegen waren? Und woher wissen Sie,
-daß die Equipage nach Skworeschniki gefahren ist?« -- antwortete er, daß
-er zugegen gewesen sei, weil er gerade vorüberging, und als er da Lisa
-erblickte, sei er sogar zu jener Equipage geeilt (und dennoch wollte er
-nicht gesehen haben, wer in der Equipage saß, ein so neugieriger Mensch
-wie er!), Mawrikij Nicolajewitsch aber sei ihr nicht nur nicht
-nachgejagt mit dem anderen Gefährt, sondern habe nicht einmal versucht,
-Lisa zurückzuhalten, ja er habe noch mit beiden Händen die
-Adelsmarschallin zurückgehalten, die mit lauter Stimme geschrien habe:
-»Sie fährt zu Stawrogin! zu Stawrogin!« Da aber riß mir die Geduld und
-ich schrie, toll vor Wut, Pjotr Stepanowitsch ins Gesicht:
-
-»Das hast du, Schurke, alles veranstaltet! Nur dazu hast du auch den
-ganzen Vormittag gebraucht! Du hast Stawrogin geholfen, du hast die
-Equipage hingebracht, du hast sie aufgenommen, den Schlag geöffnet und
-zugeklappt ... du, du, du! ... Julija Michailowna, das ist Ihr Feind, er
-wird auch Sie ins Verderben bringen! Nehmen Sie sich in acht vor ihm!«
-
-Und ich stürzte Hals über Kopf hinaus.
-
-Noch heute begreife ich nicht und wundere mich, wie ich ihm das damals
-so zuschreien konnte. Aber ich hatte den Zusammenhang erraten: es war
-fast alles tatsächlich so geschehen, wie ich es ihm dort ins Gesicht
-schrie, doch das stellte sich erst später heraus. Das Entscheidende war
-wohl die gar zu offenkundige Unnatürlichkeit der Art, wie er die
-Nachricht mitteilte. Er hatte sie nicht sofort erzählt, als erste und
-außergewöhnliche Neuigkeit, sondern hatte getan, als wüßten wir sie
-bereits, als hätten wir sie schon von anderen hören können, -- was doch
-in dieser kurzen Zeit ganz unmöglich war. Und selbst wenn uns diese
-Kunde schon zu Ohren gekommen wäre, so hätten wir doch nicht so lange
-darüber geschwiegen, bis er davon anfing. Auch konnte er, gleichfalls
-wegen der Kürze der Zeit, unmöglich schon gehört haben, daß »die ganze
-Stadt« der Adelsmarschallin eine Schuld daran zuschrieb oder sonst etwas
-»ausläutete«. Zudem hatte er, als er uns Auskunft gab, etwa zweimal ganz
-eigentümlich, gewissermaßen gemein und leichtfertig, gelächelt,
-wahrscheinlich in dem Glauben, daß er uns Dummköpfe schon vollkommen
-überzeugt habe. Doch jetzt war es mir nicht mehr um ihn und seine
-Entlarvung zu tun; da ich ihm die wichtigste Tatsache doch glaubte, lief
-ich geradezu außer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe
-traf mich mitten ins Herz. Ich hätte weinen mögen vor Schmerz, ja
-vielleicht weinte ich auch wirklich. Ich wußte nicht und konnte nicht
-überlegen, was jetzt zu tun wäre. So eilte ich denn zunächst zu Stepan
-Trophimowitsch, aber der ärgerliche Mensch machte wieder nicht auf.
-Nastassja versicherte ehrfurchtsvoll flüsternd, daß er sich schlafen
-gelegt habe, doch ich glaubte ihr das nicht. Im Hause Lisas erfuhr ich
-einiges von den Dienstboten; sie bestätigten die Flucht, wußten aber
-selbst nichts Näheres. Im Hause herrschte große Unruhe; die kranke
-gnädige Frau hatte einen Ohnmachtsanfall nach dem anderen und Mawrikij
-Nicolajewitsch war bei ihr. Es erschien mir unmöglich, Mawrikij
-Nicolajewitsch herausbitten zu lassen. Bezüglich Pjotr Stepanowitschs
-sagte man mir auf meine Frage, daß er in den letzten Tagen allerdings
-sehr oft ins Haus gekommen sei, manchmal sogar zweimal am Tage. Die
-Dienstboten waren traurig und sprachen von Lisa mit einer gewissen ganz
-besonderen Ehrerbietung; sie wurde von ihnen geliebt. Daß sie verloren,
-rettungslos verloren war, -- daran zweifelte ich nicht, aber die
-psychologische Seite der Tat konnte ich entschieden nicht begreifen,
-besonders nicht nach der Szene zwischen Lisa und Stawrogin am
-vergangenen Tage bei Julija Michailowna. Mich in der Stadt bei
-schadenfrohen Bekannten zu erkundigen, unter denen die Nachricht sich
-jetzt natürlich schon verbreitet hatte, erschien mir widerlich, ja und
-für Lisa auch erniedrigend. Doch sonderbar war, daß ich zu Darja
-Pawlowna ging, wo ich übrigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen
-Hause wurde seit dem vergangenen Tage niemand empfangen); und ich weiß
-auch nicht, was ich ihr hätte sagen mögen und wozu ich dorthin eilte.
-Von dort begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatoff hörte mich finster und
-schweigend an. Erwähnen muß ich, daß ich ihn in einer so düsteren
-Stimmung antraf, wie noch nie zuvor; er war wie ganz in Gedanken
-vertieft und hörte mich an, als müßte er sich dazu überwinden. Er sagte
-so gut wie nichts und begann in seiner Dachstube auf und ab zu gehen,
-aus einer Ecke in die andere, wobei er lauter als sonst mit den Stiefeln
-auftrat. Als ich die Treppe bereits hinuntergegangen war, rief er mir
-plötzlich nach, ich solle doch zu Liputin gehen: »Dort werden Sie alles
-erfahren.« Zu Liputin ging ich nicht, doch, nachdem ich schon weit
-gegangen war, kehrte ich wieder um und ging zu Schatoff zurück, und
-nachdem ich die Tür halb aufgemacht, fragte ich lakonisch und ohne alle
-Erklärungen: ob er nicht heute noch zu Marja Timofejewna gehen könnte?
-Als Antwort darauf schimpfte Schatoff und ich ging weg. Ich füge hier
-gleich hinzu, um es nicht zu vergessen, daß er noch an demselben Abend
-tatsächlich nach jener äußersten Vorstadt zu Marja Timofejewna gegangen
-ist, die er seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Er fand sie bei
-bester Gesundheit und in heiterer Stimmung, Lebädkin dagegen in schwerer
-Betrunkenheit schlafend auf dem Diwan im ersten Zimmer. Schatoff war
-dort um neun Uhr abends. Das sagte er mir bereits am folgenden Tage, als
-wir uns in der Eile auf der Straße begegneten. Gegen zehn Uhr abends
-aber entschloß ich mich doch noch, auf den Ball zu gehen, freilich nicht
-mehr als »Festordner« (mein Band war ja auch bei Julija Michailowna
-geblieben), sondern nur aus quälender Neugier: ich wollte hören (ohne zu
-fragen), wie man im allgemeinen über alle diese Vorfälle sprach. Und
-dann wollte ich auch Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von ferne.
-Ich machte mir Vorwürfe und bereute es sehr, daß ich vorhin so von ihr
-weggelaufen war.
-
-
- III.
-
-Diese ganze Nacht mit ihren fast absurden Ereignissen und mit ihrem
-entsetzlichen »Ausgang« gegen Morgen kommt mir noch immer wie ein
-gräßlicher Traum oder Albdruck vor und ist -- wenigstens für mich -- der
-schwerste Teil meiner Chronik. Ich kam zwar etwas spät auf den Ball,
-doch immerhin noch rechtzeitig, um sein Ende mitzuerleben, -- so früh
-war es ihm bestimmt, sein Ende zu finden. Die Uhr ging schon auf elf,
-als ich an der Vorfahrt des Hauses der Adelsmarschallin anlangte.
-Derselbe weiße Saal, in dem die literarischen Vorträge stattgefunden
-hatten, war bereits, trotz der kurzen Zwischenzeit, ausgeräumt und in
-den Haupttanzsaal, wie man annahm, »für die ganze Stadt«, verwandelt
-worden. Aber wie schlimm meine Befürchtungen, nach diesem Verlauf der
-Matinee, für den Ball auch waren, eine solche Wirklichkeit hatte ich
-doch nicht vorausgesehen: von der höheren Gesellschaft hatte sich auch
-nicht eine einzige Familie eingefunden; selbst die Beamten von auch nur
-einiger Bedeutung fehlten alle; das aber war doch schon ein äußerst
-starkes Symptom. Was nun die Damen und jungen Mädchen betrifft, so
-erwiesen sich Pjotr Stepanowitschs Berechnungen (jetzt war seine
-Hinterlist schon offenkundig) als im höchsten Grade falsch: es waren nur
-äußerst wenige erschienen; auf vier Herren kam vielleicht eine Dame, und
-was waren das für Damen! »Irgendwelche« Frauen von Oberoffizieren
-gewöhnlicher Linienregimenter, von Postbeamten und anderen beamteten
-kleinen Leuten, drei Frauen von Ärzten mit ihren Töchtern, zwei bis drei
-Gutsbesitzerinnen (von den ärmeren dieses Standes), die sieben Töchter
-und die eine Nichte jenes Sekretärs, den ich gelegentlich schon erwähnt
-habe, Kaufmannsfrauen ... War das die Gesellschaft, die Julija
-Michailowna vorzufinden erwartet hatte? Selbst von den Kaufleuten war
-fast die Hälfte fern geblieben. Was nun die Männer anbelangt, so
-bildeten sie, trotz der geschlossenen Abwesenheit unserer ganzen
-Notabilität, dennoch eine dichte Masse, aber diese Masse machte einen
-zweideutigen, Mißtrauen erweckenden Eindruck. Natürlich gab es da auch
-ein paar überaus stille und ehrenwerte Offiziere mit ihren Frauen, ein
-paar gehorsamste Familienväter, wie z. B. jener selbe Sekretär und Vater
-seiner sieben Töchter. Doch alle diese stillen bescheideneren Leute
-waren sozusagen nur »in Ermangelung eines anderen Auswegs« gekommen, wie
-sich einer dieser Herren buchstäblich ausdrückte. Andererseits aber
-hatte sich die Menge der kecken Persönlichkeiten, im Vergleich zum
-Vormittage, anscheinend noch vermehrt und desgleichen die Anzahl
-solcher, die offenbar ohne Eintrittskarten hereingelassen waren, --
-diesen Verdacht hatten ich und Pjotr Stepanowitsch bereits am
-Nachmittage ausgesprochen. Vorläufig saßen sie alle noch im Büfettraum,
-und zwar begaben sie sich, wenn sie erschienen, sofort geradenwegs
-dorthin, wie zu einem verabredeten Sammelplatz. Wenigstens hatte ich
-diesen Eindruck. Das Büfett befand sich ganz am Ende der Zimmerreihe in
-einem geräumigen Saal, wo Prochorytsch sich mit sämtlichen Verlockungen
-der Klubküche etabliert und eine verführerische Ausstellung aller
-Imbisse, Liköre und Getränke aufgebaut hatte. Hier fielen mir Gestalten
-auf, die fast in zerrissenen Röcken, wenigstens in höchst zweifelhaften,
-gar zu wenig ballmäßigen Anzügen erschienen waren; dazu waren sie
-augenscheinlich nur mit größter Mühe und selbstredend nur für kurze Zeit
-ernüchtert, Leute, die man Gott weiß wo aufgetrieben hatte, jedenfalls
-nicht Einheimische, sondern Hergereiste aus anderen Städten. Es war mir
-natürlich bekannt, daß vom Komitee nach Julija Michailownas Idee
-beschlossen worden war, den Ball nach durchaus demokratischen
-Grundsätzen zu veranstalten, »ohne selbst Kleinbürgern den Zutritt zu
-verweigern, falls es geschehen sollte, daß jemand dieses Standes eine
-Eintrittskarte erwirbt«. Diese Worte hatte sie in ihrem Komitee dreist
-aussprechen können, denn sie durfte überzeugt sein, daß es von den
-ausnahmslos bettelarmen Kleinbürgern unserer Stadt auch nicht einem in
-den Sinn kommen würde, für drei Rubel eine Eintrittskarte zu lösen.
-Nichtsdestoweniger bezweifelte ich, daß man diese finsteren Leute in den
-fast zerrissenen Röcken hereinlassen konnte, selbst wenn das Komitee
-noch so demokratisch gesinnt war. Aber wer hatte sie denn jetzt
-hereingelassen und zu welchem Zweck schließlich? Liputin und Lämschin
-waren ihres Amtes als Festordner bereits enthoben (was sie jedoch nicht
-hinderte, auf dem Ball anwesend zu sein, zumal sie auch zu den in der
-»Quadrille der Literatur« Mitwirkenden gehörten); doch an die Stelle
-Liputins war jetzt, zu meiner Verwunderung, jener selbe Seminarist
-getreten, der durch seinen Zusammenstoß mit Stepan Trophimowitsch mehr
-als alles andere den »Skandal der Matinee« heraufbeschworen hatte, und
-Lämschin wurde gar ersetzt durch -- Pjotr Stepanowitsch in eigener
-Person. Was konnte man in dem Falle noch erwarten?
-
-Ich versuchte, von den Gesprächen einiges aufzufangen. Manche Ansichten
-überraschten durch ihre Ungereimtheit. So wurde z. B. in einer Gruppe
-behauptet, diese ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa sei von Julija
-Michailowna arrangiert worden und sie habe von Stawrogin Geld dafür
-angenommen. Man nannte sogar die Summe. Man behauptete, daß sogar das
-ganze Fest von ihr zu diesem Zweck veranstaltet worden sei; eben deshalb
-sei auch die halbe Stadt nicht gekommen, nachdem man erfahren, um was es
-sich handelte; Lembke selbst aber sei dadurch so erschüttert worden, daß
-diese Erschütterung seinen Verstand »zerrüttet« habe und nun »führe« sie
-ihn als Verrückten umher. -- Hierzu gab es viel Gelächter, sowohl
-lautes, offenes, wie heiseres, gemeines und lautlos verschlagenes,
-hinter dem sich eigene Gedanken bargen. Auch der Ball wurde von allen
-fürchterlich kritisiert und auf Julija Michailowna wurde schon ohne jede
-Rücksicht geschimpft. Es war das überhaupt ein merkwürdig ungeordnetes,
-bruchstückhaftes, betrunkenes und ruheloses Schwatzen, so daß es schwer
-hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas Bestimmtes daraus zu
-folgern. Doch in demselben Büfettsaal hatten sich auch viele harmlos
-lustige Leute niedergelassen, sogar einzelne Damen von der Sorte, die
-man mit nichts in Erstaunen setzen oder einschüchtern kann, äußerst
-liebenswürdige und lustige Geschöpfe, meist jene erwähnten
-Offiziersfrauen mit ihren Männern. Sie hatten sich in Gruppen an
-mehreren Tischchen niedergelassen und tranken fröhlich Tee. Der
-Büfettsaal wurde zur warmen Herberge nahezu für die Hälfte des
-erschienenen Publikums. Und dieses ganze hier versammelte Publikum mußte
-doch bald, wenn die Quadrille der Literatur begann, voll Neugier auf
-einmal in den Tanzsaal fluten. Es war geradezu unheimlich, sich das auch
-nur vorzustellen.
-
-Inzwischen hatte man im weißen Saale, dank der Mitwirkung des jungen
-Fürsten, drei magere Quadrillen zustande gebracht. Die jungen Töchter
-tanzten also und die Eltern sahen zu und freuten sich. Doch selbst von
-diesen ehrenwerten Familienhäuptern begannen schon viele heimlich zu
-überlegen, wie sie sich, nachdem die Töchter ihr Vergnügen gehabt,
-zeitiger entfernen könnten, und nicht erst dann, »wenn's anfängt«. Daß
-es aber unfehlbar wieder »anfangen« werde, davon waren entschieden alle
-überzeugt.
-
-Julija Michailownas Gemütszustand zu schildern, dazu wäre ich wohl kaum
-imstande. Ich habe dort nicht mit ihr gesprochen, obschon ich ziemlich
-in ihrer Nähe war. Meinen Gruß erwiderte sie nicht, da sie ihn nicht
-bemerkte (sie bemerkte ihn tatsächlich nicht). In ihrem Gesicht lag
-etwas Krankhaftes, ihr Blick war hochmütig und voll Verachtung, aber
-unstät und erregt. Sie überwand sich mit sichtlicher Qual, -- doch wozu
-eigentlich und für wen? Sie hätte unbedingt den Ball verlassen und vor
-allen Dingen ihren Gatten heimbringen sollen, sie aber blieb! Dabei
-konnte man es schon ihrem Gesicht ansehen, daß die Augen ihr nun
-»endlich aufgegangen« waren und daß sie auf nichts mehr hoffte. Sie rief
-auch nicht ein einziges Mal Pjotr Stepanowitsch zu sich (der ging ihr
-auch, glaube ich, schon selbst aus dem Wege; ich sah ihn im Büfettraum,
-er war übertrieben lustig). Aber sie blieb doch auf dem Ball und ließ
-ihren Mann nicht auf einen Augenblick von ihrer Seite. Oh, sie hätte
-noch vorhin am Nachmittage jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand
-mit aufrichtiger Empörung zurückgewiesen. Jetzt aber mußten ihr auch in
-der Beziehung die Augen endlich aufgegangen sein. Mir wenigstens war es
-schon auf den ersten Blick klar, daß sein Zustand sich im Vergleich zum
-Vormittage verschlimmert hatte. Er machte den Eindruck, als sei er sich
-überhaupt nicht dessen bewußt, wo er sich befand. Hin und wieder
-richtete er seinen Blick plötzlich mit ganz unerwarteter Strenge auf den
-einen oder anderen, zweimal z. B. auch auf mich. Einmal begann er zu
-sprechen, begann laut und wichtig, sprach aber den Satz nicht zu Ende,
-wodurch er einen bescheidenen alten Beamten, der zufällig in seiner Nähe
-stand, geradezu erschreckte. Doch selbst dieser Teil des Publikums, das
-im weißen Saale anwesend war, selbst diese Bescheidenen und Scheuen
-gingen finster und ängstlich Julija Michailowna aus dem Wege, obschon
-sie gleichzeitig äußerst sonderbare Blicke auf ihren Gemahl warfen,
-Blicke, deren Unverwandtheit und Offenheit mit der sonstigen
-Schüchternheit dieser Leute gar zu wenig harmonierte.
-
-»Sehen Sie, gerade dieser Zug war es, der mich plötzlich durchbohrte,
-und ich begann endlich zu erraten, wie es um Andrei Antonowitsch stand,«
-sagte Julija Michailowna später einmal zu mir.
-
-Ja, wieder war sie die Schuldige. Wahrscheinlich hatte sie sich am
-Nachmittage, als nach meiner Flucht aus ihrem Hause auf Pjotr
-Stepanowitschs Zureden hin beschlossen worden war, daß der Ball
-stattfinden und sie auf ihm erscheinen solle, -- wahrscheinlich hatte
-sie sich dann wieder in das Kabinett ihres Gatten begeben, zu ihrem
-Andrei Antonowitsch, den, wie sie meinte, nur der Skandal der Matinee
-»erschüttert« hatte, und dort wird sie wohl wieder alle ihre
-Verführungskünste angewandt haben, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Wie
-groß mußte demnach ihre Qual jetzt sein! Und dennoch blieb sie auf dem
-Ball! War es nun ihr Stolz, der sie trotz aller Pein auf ihrem Platz
-auszuharren zwang, oder hatte sie bereits den Kopf verloren -- ich weiß
-es nicht. Jedenfalls versuchte sie in geradezu erniedrigender Weise und
-mit freundlichem Lächeln (bei ihrem Hochmut!) einzelne Damen in ein
-Gespräch zu ziehen, doch die wurden sofort unsicher, antworteten
-mißtrauisch und einsilbig mit einem »ja« oder »nein« und gingen ihr
-sichtlich aus dem Wege.
-
-Von den wirklichen Würdenträgern unserer Stadt befand sich auf diesem
-Ball nur ein einziger, -- jener selbe wichtige General a. D., von dem
-ich schon einmal erzählt habe: der bei der Adelsmarschallin nach dem
-Duell zwischen Stawrogin und Gaganoff seiner alten Gewohnheit gemäß
-»gerade davon laut zu sprechen anfing, wovon alle nur heimlich zu
-flüstern wagten«, und der somit wieder einmal der allgemeinen Spannung
-die Tür öffnete. Jetzt spazierte er würdevoll durch alle Säle,
-beobachtete und hörte zu und bemühte sich, durch sein Mienenspiel recht
-offenkundig zu zeigen, daß er nur so, um die Sitten zu beobachten, mehr
-Studien halber, als um eines reinen Vergnügens willen, gekommen sei. Er
-endete damit, daß er sich ganz und gar Julija Michailowna zugesellte und
-nicht einen Schritt von ihr wich, sichtlich bestrebt, sie zu ermutigen
-und zu beruhigen. Gewiß war er ein Mensch von großer Herzensgüte, sehr
-vornehm und bereits so alt, daß man von ihm sogar Mitleid hinnehmen
-konnte; doch sich gestehen zu müssen, daß dieser alte Schwätzer sie,
-Julija Michailowna, zu bemitleiden und fast zu beschützen wagte, indem
-er sehr wohl begriff, daß er ihr mit seiner Anwesenheit eine Ehre
-erwies, das war doch mehr als ärgerlich. Der General aber hielt
-unentwegt Stand und schwatzte ohne aufzuhören.
-
-»Hm, man sagt, keine Stadt könne bestehen ohne sieben Gerechte ...
-sieben, glaub' ich, müssen es sein, entsin--ne mich nicht mehr genau der
-vor--schriftsmäßigen Zahl. Ich weiß nicht, wieviele von diesen sieben
-... unzwei--felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem
-Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der
-Anwesenheit derselben, mich nicht außer--halb jeder Gefahr zu empfinden.
-_Vous me pardonnerez, charmante dame, n'est-ce pas?_{[187]} Ich spreche
-natürlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Büfett, bin aber faktisch
-froh, daß ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser
-unschätz--barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich
-deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. Übrigens,
-amüsant. Warte nur noch auf diese >Quadrille der Li--te--ratur<, dann
-aber -- ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, muß
-mich früh hinlegen. Aber auch Ihnen würde ich raten, >in die Federchen
-zu gehen<, wie man _aux enfants_{[188]} zu sagen pflegt ... Bin
-eigentlich wegen der jungen Schön--heiten gekommen ... die ich natürlich
-nirgendwo in solcher Voll--zähligkeit antreffen könnte, wie hier ...
-Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren.
-Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jägern ... ist sogar
-wirklich nicht übel ... hm, in der Tat ... und das weiß sie auch selbst.
-Hab' mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die
-Mädel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Außer der
-Frische fak--tisch nichts. Übrigens, amüsant. Wenigstens für mich. Es
-gibt da Knöspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. Überhaupt ist in
-der russischen Schönheit der Frauenantlitze wenig von jener
-Regelmäßigkeit vorhanden und ... und ein bißchen läuft sie doch auf
-einen Pfannkuchen hinaus ... _Vous me pardonnerez, n'est-ce pas_{[189]}
-... übrigens immer bei gleichzeitig schönen Augen ... lachenden Augen.
-Diese Knöspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend
-be--zau--bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden
-sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Männern jenen traurigen
-In--dif--ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so
-überaus begünstigt ... vorausgesetzt, daß ich diese Frauenfrage richtig
-verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht übel; die Räume schön geschmückt. Es
-hätte schlechter sein können. Die Musik könnte sogar sehr viel
-schlechter sein ... ich sage nicht >sollte<. Ein übler Eindruck, daß
-überhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten übergehe ich. Böse
-ist, daß dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhüllt
-Cancan zu tanzen erlaubt. Ich würde es verzeihen, wenn es von ihm aus
-Freude geschähe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf
-ist es immer--hin noch zu früh, selbst für einen Apotheker ... Dort im
-Büfettsaal begannen zwei sich zu prügeln und wurden nicht
-hinausbefördert. Um elf aber müssen Raufbolde noch hinausbefördert
-werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ...
-ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann muß man der öffentlichen
-Meinung schon eine Konzession machen, -- vorausgesetzt, daß dieser Ball
-die dritte Morgenstunde überhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat
-doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm!
-Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. _Pauvre mère!_{[190]}
-Und die arme Lisa, -- Sie haben doch schon gehört? Man sagt, eine
-geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der
-Arena ... Hm! Ich müßte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von
-selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese >Quadrille der
-Li--te--ratur< beginnen?«
-
-Und schließlich begann denn auch die »Quadrille der Literatur«. Wenn in
-der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gespräch auf den
-bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten
-Worten unfehlbar von dieser »Quadrille der Literatur« gesprochen, und da
-sich niemand eine Vorstellung von dieser Aufführung machen konnte, so
-erregte sie natürlich übermäßige Neugier. Das aber war schon an sich die
-größte Gefahr für einen Erfolg, und -- wie groß war daher die
-Enttäuschung!
-
-Eine Seitentür des weißen Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde
-geöffnet und plötzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum
-drängte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich
-die Kunde bis zum Büfett und schon stürzte, wälzte sich von dort der
-ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weißen Saal, in den er wie
-eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen.
-Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrängen und ich
-blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte
-plötzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf,
-nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte.
-
-»Ich sitze die ganze Zeit am Büfett und beobachte,« flüsterte er ihr mit
-der Miene eines schuldbewußten Schulbuben zu, die er übrigens
-absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen.
-
-Sie wurde feuerrot vor Zorn.
-
-»Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrügen wollten, Sie
-unverschämter Mensch!« entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so daß es
-die Umstehenden hörten.
-
-Pjotr Stepanowitsch schlüpfte, äußerst zufrieden mit sich selbst, wieder
-flink davon.
-
-Es wäre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und
-fadere Allegorie vorzustellen, als es diese »Quadrille der Literatur«
-war. Und gewiß hätte man nichts ersinnen können, das weniger zu unserem
-Publikum paßte, als diese Allegorie; dabei hieß es, daß Karmasinoff sie
-erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich
-mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend
-auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und
-man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine
-besondere, selbständige Rolle übernehmen wollen. Die Quadrille bestand
-aus sechs kläglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal
-richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, daß sie sich etwa
-einen künstlichen Bart oder sonst einen billigen Blödsinn angeklebt
-hatten. Da war z. B. ein älterer Herr, nicht groß von Wuchs, im Frack --
-also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen --,
-mit einem ehrwürdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt
-und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte
-und tänzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle
-umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit
-gemäßigtem, doch schon heißer gewordenem Baßstimmchen allerhand Laute
-hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten
-Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske
-_vis-à-vis_ tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese
-Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten
-sollten, das blieb unaufgeklärt. »Der ehrliche russische Gedanke« wurde
-dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im
-Frack, in Handschuhen und -- in Fesseln (es waren richtige eiserne
-Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser
-»Gedanke« eine Mappe mit Akten über eine zu unternehmende Sache oder
-eine bevorstehende »Tat«. Aus seiner Fracktasche schaute ein
-entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die
-Ehrlichkeit des »ehrlichen russischen Gedankens« allen denen, die seine
-Ehrlichkeit bezweifelten, verbürgen sollte. Dies alles wurde von den
-Festordnern bereits mündlich erklärt, denn lesen konnte man den aus der
-Tasche hervorlugenden Brief natürlich nicht. In der erhobenen rechten
-Hand hielt der »ehrliche russische Gedanke« einen Pokal, ganz als wollte
-er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in
-einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm
-gegenüber aber tanzte ein gleichfalls schon älterer Herr, im Frack, doch
-mit einem schweren Knüppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine
-gefürchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift
-darstellen. Der Knüppel aber sollte wohl sagen: »Wenn ich mal zuschlage,
-bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen übrig.« Doch
-ungeachtet seines Knüppels konnte er auf keine Weise den durch die
-Brillengläser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des »ehrlichen
-russischen Gedankens« ertragen, weshalb er sich alle Mühe gab, nach
-links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum
-_pas de deux_ kam, wand, drehte, kringelte er sich förmlich und wußte
-nicht, wohin er sehen sollte, -- so sehr quälte ihn wahrscheinlich das
-Gewissen ... Doch wer kann schließlich alle diese stumpfsinnigen
-erklügelten Witzchen aufzählen und behalten! Alles war von dieser Art,
-so daß ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schämen begann. Und siehe,
-genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefühls spiegelte sich
-auch in allen übrigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den
-mürrischsten Physiognomien aus dem Büfettraum. Eine Zeitlang schwiegen
-alle und sahen mit geärgerter Verständnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch
-sich schämt, fängt er gewöhnlich an sich zu ärgern und ist dann zum
-Zynismus geneigt. Allmählich aber begann ein Gebrumm:
-
-»Was soll das denn eigentlich bedeuten?« brummte in einer Gruppe jemand
-von denen, die das Büfett belagert hatten.
-
-»Irgend 'nen Blödsinn.«
-
-»Das soll eine Art Literatur sein. Die >Stimme< wird kritisiert.«
-
-»Was geht das mich an!«
-
-In einer anderen Gruppe:
-
-»Diese Esel!«
-
-»Nein, nicht sie sind die Esel, sondern die Esel sind wir.«
-
-»Warum bist du denn ein Esel?«
-
-»Nein, ich bin kein Esel, aber ...«
-
-»Na, wenn selbst du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner!«
-
-In einer dritten Gruppe:
-
-»Mit einem Tritt sie alle hinauswerfen und dann hole sie der Teufel!«
-
-»... Den ganzen Saal ausfegen ...«
-
-In einer vierten:
-
-»Daß die Lembkes sich nicht schämen, zuzusehen!«
-
-»Warum sollen sie sich denn schämen? Du schämst dich doch nicht?«
-
-»Nein, ich schäme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur!«
-
-»Ja, und du bist nur ein Schwein ...«
-
-»In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball
-erlebt,« sagte eine Dame gehässig in nächster Nähe von Julija
-Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehört zu werden.
-
-Diese Dame -- eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig
-Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide -- war in der Stadt zwar
-allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war
-die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hölzernes Wohnhaus und eine
-karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich
-sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen
-Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von
-dieser nicht empfangen worden.
-
-»Und das war ja auch wirklich vorauszusehen,« fügte sie hinzu, indem sie
-frech Julija Michailowna in die Augen sah.
-
-»Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen?« fragte
-plötzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte.
-
-»Ach, aber doch wirklich nur aus Gutgläubigkeit!« versetzte jene Dame
-sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie hätte gar zu
-gern einen Wortwechsel angeknüpft), doch der alte General trat zwischen
-sie und Frau von Lembke.
-
-»_Chère dame_,« -- er beugte sich zu Julija Michailowna -- »wenn ich
-einen Rat geben dürfte, so wäre es der, jetzt heimzufahren. Wir
-behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich
-amüsieren. Sie haben alles getan, was nötig war, haben den Ball
-eröffnet, nun und ... jetzt überlassen Sie die Leute sich selbst ...
-Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an--schei--nend nicht wohl fühlt ...
-Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglück zustößt ...«
-
-Doch es war bereits zu spät.
-
-Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tänzer der »Quadrille«
-mit einer gewissen ungehaltenen Verständnislosigkeit betrachtet, als
-aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann
-er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum
-erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Büfettraum auf; sein Blick
-drückte das größte Befremden aus. Plötzlich erscholl lautes Gelächter
-über eines der in der »Quadrille« produzierten Stückchen: der
-Herausgeber der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden
-Zeitschrift«, der mit dem Knüppel in der Hand tanzte, empfand wohl
-endgültig, daß er die Brillengläser des »ehrlichen russischen Gedankens«
-nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wußte, wie er ihnen
-ausweichen sollte, begann er plötzlich, in der letzten Tour, den
-Brillengläsern verkehrt, d. h. auf den Händen, mit den Beinen in
-der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte
-Entstellungsmanier der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg
-erscheinenden Zeitschrift« veranschaulichen sollte, die unter Umständen
-selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lämschin auf den
-Händen zu gehen verstand, hatte er es übernommen, den Herausgeber mit
-dem Knüppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon
-gewußt, daß jemand auf den Händen gehen werde. »Das hatte man mir
-verheimlicht, absichtlich verheimlicht!« sagte sie später immer wieder,
-als sie in ihrer Verzweiflung und Empörung mir alles erzählte. Das
-Gelächter der Menge wurde natürlich nicht von der Allegorie
-hervorgerufen, an die man überhaupt nicht dachte, sondern galt einfach
-dem Anblick eines auf den Händen gehenden Menschen in einem Frack,
-dessen Schoße nun selbstredend umgeklappt herabhingen.
-
-Lembke brauste auf und bebte vor Erregung.
-
-»Der Nichtswürdige!« schrie er, indem er auf Lämschin wies. »Ergreift
-den Spitzbuben! Umkehren! Umkehren auf die Füße ... der Kopf ... damit
-der Kopf nach oben ... oben!«
-
-Lämschin sprang wieder auf die Füße. Das Gelächter verstärkte sich.
-
-»Hinausjagen alle Spitzbuben, die da lachen!« befahl plötzlich Lembke.
-
-Die Menge begann zu murren und zu johlen.
-
-»So geht das denn doch nicht, Exzellenz.«
-
-»Das Publikum darf man nicht beschimpfen.«
-
-»Selber ein Esel!« tönte es irgendwoher aus einer ferneren Ecke.
-
-»Die Flibustiers!« rief jemand vom entgegengesetzten Ende des Saales.
-
-Lembke drehte sich bei diesem Ruf hastig nach dieser Seite hin um und
-wurde ganz bleich. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem
-stumpfsinnigen Lächeln, als habe er plötzlich etwas begriffen, als
-erinnere er sich an etwas.
-
-»Meine Herren« ... angstvoll wandte sich Julija Michailowna an die
-näherrückende Menge, während sie gleichzeitig ihren Mann mit sich
-fortzuziehen suchte, »entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch, meine
-Herren, Andrei Antonowitsch fühlt sich nicht wohl ... er ist krank ...
-entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren!«
-
-Ich hörte es mit eigenen Ohren, wie sie »verzeihen Sie« sagte. Die Szene
-spielte sich sehr schnell ab. Aber ich weiß noch genau, daß schon in
-diesem Augenblick ein Teil des Publikums wegdrängte zum Ausgang des
-Saales, gleichsam erschrocken, und zwar geschah das gerade nach diesen
-Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar noch eines
-hysterischen weiblichen Ausrufs halb unter Tränen:
-
-»Ach, wieder ist's ganz so wie am Vormittage!«
-
-Und plötzlich, mitten in dieses bereits beginnende Gedränge, schlug auf
-einmal wieder eine Bombe ein, also tatsächlich »ganz so wie am
-Vormittage«:
-
-»Es brennt! Die ganze Vorstadt brennt überm Fluß!«
-
-Ich erinnere mich bloß nicht, wo dieser entsetzliche Schrei zuerst
-erschallte: ob im Saal oder -- ich glaube, es kam jemand aus dem
-Vestibül, vom Eingang hereingestürzt. Jedenfalls entstand sofort ein
-solcher Tumult, daß ich nicht einmal versuchen will, ihn zu schildern.
-Von dem Publikum, das sich zum Ball noch eingefunden hatte, stammte die
-Mehrzahl aus eben jener Vorstadt: es waren zumeist die Besitzer der
-dort, auf der anderen Seite des Flusses, belegenen hölzernen Häuser,
-oder deren Einwohner. Man stürzte zu den Fenstern, im Nu waren die
-Vorhänge zur Seite gezogen, die Stores herabgerissen. Die Vorstadt
-lohte. Freilich, der Brand begann erst, aber es lohte schon an drei ganz
-verschiedenen Stellen, -- und gerade das war das Erschreckendste.
-
-»Brandstiftung!« -- »Die Spigulinschen!« brüllte man im Gedränge.
-
-Ich habe noch ein paar überaus charakteristische Ausrufe behalten:
-
-»Hat doch mein Herz das vorausgefühlt, daß sie brandstiften werden, das
-hat es die ganzen letzten Tage vorausgefühlt!«
-
-»Die Spigulinschen, die Spigulinschen, wer denn sonst!«
-
-»Man hat uns absichtlich hier versammelt, um dort derweil anzünden zu
-können!«
-
-Diesen letzten, wunderlichsten Schrei stieß eine Frauenstimme aus; es
-war der unbedachte, der unwillkürliche Schrei einer Koróbotschka[52],
-die ihr Hab und Gut brennen sieht. Alles stürzte zum Ausgang. Das
-Gequetsche und Gedränge im Vorraum beim Suchen nach den Pelzen, Tüchern
-und Umhängen, das Gekreisch erschreckter Frauen und das Weinen der
-Töchter werde ich nicht weiter beschreiben. Es ist kaum anzunehmen, daß
-hierbei direkt gestohlen wurde, doch es ist schließlich kein Wunder, daß
-bei einem solchen Durcheinander manche ohne ihre Überkleider, die nicht
-zu finden waren, wegfuhren, worüber noch lange nachher in der Stadt
-vieles erzählt wurde, natürlich mit Erdichtungen und Übertreibungen.
-Lembke und Julija Michailowna wurden in der Tür von der Menge nahezu
-erdrückt.
-
-»Alle zurückhalten! Nicht einen hinauslassen!« brüllte plötzlich Lembke,
-indem er drohend die Hand gegen die Andrängenden ausstreckte. »Alle
-einzeln strengstens untersuchen, sofort!«
-
-Die Antwort darauf war aus dem Saal ein Hagel von kräftigen
-Schimpfwörtern.
-
-»Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch!« rief Julija Michailowna in
-vollständiger Verzweiflung.
-
-»Als erste verhaften!« schrie dieser und wies streng mit dem Finger auf
-sie. »Als erste untersuchen! Der Ball war inszeniert zum Zweck der
-Brandstiftung ...«
-
-Sie stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht (oh, dieser
-Ohnmachtsanfall war natürlich schon ein echter). Ich, der Fürst und der
-General stürzten zur Hilfe herbei; auch andere halfen uns in diesem
-schweren Augenblick, sogar einige von den Damen. Wir trugen die
-Unglückliche aus dieser Hölle zu ihrer Equipage; doch sie kam erst
-unterwegs, kurz vor ihrem Hause, zu sich und ihr erstes war, daß sie
-wieder nach Andrei Antonowitsch rief. Nach dem Zusammenbruch aller ihrer
-Phantastereien verblieb ihr als einziges nur noch ihr Andrei
-Antonowitsch. Es wurde sofort nach dem Doktor geschickt. Ich wartete
-eine ganze Stunde bei ihr, der Fürst gleichfalls; der General wollte in
-einer Anwandlung von Großmut (obgleich ihm der Schreck arg in die
-Glieder gefahren war) die ganze Nacht »am Bette der Unglücklichen«
-verbringen, schlief aber schon nach zehn Minuten, noch bevor der Arzt
-erschien, im Saal auf einem Lehnstuhl ein, wo wir ihn dann auch so
-schlafen ließen.
-
-Dem Polizeimeister, der vom Ball zur Brandstätte eilte, gelang es noch,
-Andrei Antonowitsch gleich nach uns hinauszuführen, und er wollte ihn zu
-Julija Michailowna in den Wagen setzen, indem er aus allen Kräften
-Seiner Exzellenz zuredete, »der Ruhe zu pflegen«. Ich verstehe nicht,
-warum er das nicht durchsetzte. Selbstredend wollte Andrei Antonowitsch
-von Ruhe nichts wissen und strebte mit Gewalt zur Brandstätte; aber das
-war doch kein vernünftiger Grund. So endete es denn damit, daß der
-Polizeimeister ihn noch in seinem eigenen Wagen zur Brandstätte brachte.
-Später erzählte er, Lembke habe unterwegs die ganze Zeit gestikuliert
-und »solche Ideen als Befehle hervorgestoßen, daß es wegen ihrer
-Ungewöhnlichkeit unmöglich war, sie auszuführen«. So ist denn nachher
-auch rapportiert worden: daß Se. Exzellenz sich zu der Zeit, infolge der
-»Plötzlichkeit des Schrecks«, bereits im Fieberdelirium befunden habe.
-
-Es erübrigt sich wohl, zu erzählen, wie der Ball endete. Einige Dutzend
-Taugenichtse und sogar ein paar Damen blieben in den Sälen. Die Polizei
-war nicht mehr da. Das Orchester mußte spielen, denn die Musikanten, die
-weggehen wollten, wurden verprügelt. Zum Morgen hin war »Prochorytschs
-ganze Bude« vertilgt, man soff bis zur Bewußtlosigkeit, tanzte den
-Kamarinskij ohne Zensur, besudelte die Räume; und erst bei Morgengrauen
-langte ein Teil dieser Bande, vollkommen betrunken, auf dem erlöschenden
-Brandplatz an, -- zu neuen Unruhen. Die andere Hälfte blieb und schlief
-gleich dort in den Sälen in steif besoffenem Zustande, mit allen Folgen
-eines solchen, auf den Plüschdiwans und in den Ecken auf dem Fußboden.
-Am nächsten Morgen wurden sie -- das war das erste, was man tat -- an
-den Beinen hervorgezogen und hinausgeschleift auf die Straße. Und damit
-endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements.
-
-
- IV.
-
-Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Flußufer gerade
-dadurch am meisten, daß es sich hierbei um eine so offenkundige
-Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, daß schon nach dem ersten
-Schrei »wir brennen«, sofort auch geschrien wurde, »die Spigulinschen«
-seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit
-herausgestellt, daß in der Tat drei »Spigulinsche« an der Brandstiftung
-beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der
-Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der öffentlichen
-Meinung, wie vom Gericht. Außer diesen drei Taugenichtsen (von denen
-einer bald gefangen wurde und alles gestand, während man der beiden
-anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch
-der sogenannte »Zuchthäusler-Fedjka« an der Brandstiftung beteiligt. Das
-ist aber auch alles, was man bisher über die Entstehung des Brandes
-sicher weiß; die Vermutungen sind eine Sache für sich. Was nun diese
-drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu
-angestiftet worden sind oder nicht -- diese Fragen sind selbst heute
-noch schwer zu beantworten.
-
-Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die
-Vorstadt dort überm Fluß fast nur aus hölzernen Häusern bestand, sowie
-infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit
-unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (übrigens ging der Brand genau
-genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle
-gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken,
-wovon später noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der
-Residenzblätter wurde unser Unglück doch stark vergrößert: was
-niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als
-ungefähr der vierte Teil der ganzen Vorstadt überm Fluß. Unsere
-Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhältnis zur Ausdehnung der Stadt und
-der Einwohnerzahl nur ein schwaches Häuflein ist, verrichtete ihre
-Aufgabe doch mit großer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch hätte sie wohl
-kaum des Brandes Herr werden können, selbst bei einmütiger Unterstützung
-von seiten der Bevölkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz
-vor Morgengrauen plötzlich ganz gelegt hätte.
-
-Als ich kaum eine Stunde nach der Flucht vom Ball am anderen Ufer
-anlangte, tobte das Feuer bereits mit größter Wut. Die ganze Straße, die
-dem Fluß parallel läuft, lohte. Es war taghell. Das Bild, das die
-Brandstätte bot, werde ich nicht weiter beschreiben: wer kennt es in
-Rußland nicht? In den Quergassen neben der brennenden Hauptstraße war
-ein maßloses Hasten und Gedränge. Hier war das Feuer mit Sicherheit zu
-erwarten und die Einwohner schleppten ihr Hab und Gut hinaus, gingen
-aber vorläufig doch noch nicht weg von ihren Häusern und saßen wartend
-auf ihren hinausgeschafften Kästen und Federbetten, ein jeder vor seinen
-Fenstern. Ein Teil der männlichen Einwohnerschaft verrichtete schwere
-Arbeit: da wurden erbarmungslos Zäune gefällt, ja wurden sogar ganze
-Hütten abgetragen, die nahe dem Feuer und unter dem Winde standen. Aus
-dem Schlaf geweckte kleine Kinder weinten, und Weiber, die ihr Gerümpel
-schon herausgeschleppt hatten, jammerten und heulten. Andere, die mit
-dem Herausschaffen noch nicht fertig waren, schafften inzwischen
-schweigend und energisch noch weiter heraus, was sie besaßen. Funken und
-fliegende Feuerbrände sprühten weit mit dem Winde; man löschte sie nach
-Möglichkeit. Auf dem Brandplatze selbst drängten sich die Zuschauer, die
-aus allen Ecken und Enden der Stadt herbeigelaufen waren. Manche halfen
-löschen, andere gafften nur so als Liebhaber. Ein großes Feuer in der
-Nacht macht immer einen erregenden und lustigen Eindruck; darauf beruhen
-die Feuerwerke. Doch bei diesen verläuft das Feuerspiel in schönen
-Linien und Formen und erweckt im Zuschauer, da er sich selbst vollkommen
-außer Gefahr weiß, eine fröhliche und leichte Empfindung, wie nach einem
-Glase Champagner. Etwas anderes ist ein wirklicher Brand: hierbei
-erzeugen der Schrecken und das doch immer vorhandene Gefühl einer
-gewissen persönlichen Gefahr im Zuschauer (selbstredend nicht im
-Bewohner des brennenden Hauses), neben dem erwähnten lustigen Eindruck
-eines nächtlichen Feuers, eine Art Gehirnerschütterung und wirken wie
-eine Herausforderung seiner eigenen zerstörenden Instinkte, die sich,
-ach! in jeder Seele verbergen, selbst in der Seele des sanftmütigsten
-Familienmenschen und Titularrats ... Diese lichtscheue Empfindung ist
-fast immer berauschend. »Ich weiß wirklich nicht, ob man einem
-Schadenfeuer ohne ein gewisses Vergnügen zusehen kann?« Diesen Satz
-sprach einmal wortwörtlich Stepan Trophimowitsch zu mir, als wir von
-einem nächtlichen Brande, dessen Zuschauer er ganz zufällig geworden
-war, heimgingen -- noch unter dem ersten Eindruck des Anblicks.
-Natürlich würde sich der nämliche Liebhaber nächtlicher Feuersbrünste
-auch selbst ins Feuer stürzen, um aus den Flammen ein Kind oder eine
-Greisin zu retten; aber das ist doch schon ein ganz anderes Kapitel.
-
-Ich schob mich hinter anderen Neugierigen durch das Gedränge und kam so
-ohne zu fragen zur wichtigsten und gefährlichsten Stelle, wo ich endlich
-Lembke erblickte. Ich suchte ihn im Auftrage von Julija Michailowna.
-Seine Stellung war seltsam und außergewöhnlich. Er stand auf einem
-niedergerissenen Bretterzaun; links von ihm, keine dreißig Schritte
-weit, ragte das schwarze Gerüst eines fast schon ganz ausgebrannten
-zweistöckigen hölzernen Hauses empor, mit Löchern statt der Fenster in
-beiden Stockwerken, mit eingestürztem Dach und mit immer noch leckenden
-Feuerzungen an den verkohlten Balken. Im Hintergrunde des Hofes, etwa
-zwanzig Schritt von diesem Hause, begann gerade ein gleichfalls
-zweistöckiges Nebengebäude zu brennen, und um dieses mühte sich aus
-allen Kräften die Feuerwehr. Rechts von Lembke wurde ein ziemlich großes
-hölzernes Gebäude, das zwar noch nicht brannte, aber schon mehrmals
-Feuer gefangen hatte, von der Feuerwehr und anderen Helfern zu retten
-gesucht, obschon es zweifellos nicht zu retten war. Lembke schrie und
-gestikulierte -- er stand mit dem Gesicht zu jenem Nebengebäude auf dem
-Hof -- und gab Befehle, die niemand ausführte. Ich dachte schon, daß man
-ihn hier ganz sich selbst überlassen und sich von ihm völlig
-zurückgezogen habe. Wenigstens fiel es mir auf, daß die dichte und aus
-Menschen sehr verschiedenen Standes bestehende Menge -- es waren da auch
-Herren und sogar der Oberpriester unserer Kathedralkirche -- seinen
-Ausrufen wohl neugierig und verwundert zuhörte, jedoch niemand mit ihm
-sprach oder den Versuch machte, ihn wegzuführen. Lembke, der bleich,
-doch mit blitzenden Augen dastand, stieß allerdings die sonderbarsten
-Dinge hervor; zum Überfluß war er noch ohne Hut, den er schon längst
-verloren hatte.
-
-»Alles Brandstiftung! Das ist Nihilismus! Wenn hier etwas loht, so ist
-das der Nihilismus!« vernahm ich von ihm fast mit Entsetzen, und wenn
-das auch schon vorauszusehen gewesen war, so hat doch die greifbare
-Wirklichkeit immer etwas Erschütterndes in sich.
-
-»Exzellenz,« -- neben ihm stand plötzlich ein Revierschutzmann -- »wenn
-Euer Exzellenz geruhen wollten, es mit der häuslichen Erholung zu
-versuchen ... Denn hier ist doch schon das bloße Stehen gefährlich,
-Exzellenz.«
-
-Dieser Polizeimann war, wie ich später erfuhr, vom Polizeimeister
-absichtlich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, mit dem
-Auftrage, auf ihn acht zu geben und nach Möglichkeit zu versuchen, ihn
-nach Hause zu bringen, im Falle einer Gefahr aber, wenn nötig, sogar
-Gewalt anzuwenden -- ein Auftrag, der ersichtlich über die Kraft des
-Beauftragten ging.
-
-»Die Tränen der Abgebrannten werden weggewischt werden, aber die Stadt
-werden sie niederbrennen. Das sind alles die vier Schurken, vier und ein
-halber! Man verhafte den Schurken! Er schleicht sich in die Ehre der
-Familien ein. Zum Anzünden der Häuser hat man die Gouvernanten benutzt.
-Das ist gemein, gemein! Ach, was tut der dort!« rief er plötzlich, als
-er auf dem Dach des nun bereits brennenden Nebengebäudes einen
-Feuerwehrmann erblickte, unter dem das Dach schon durchgebrannt war und
-um den ringsum Flammen hervorschlugen. »Holt ihn herunter, er wird
-durchs Dach fallen, er wird anbrennen, löscht ihn ... Was tut er dort?«
-
-»Er löscht selbst, Exzellenz.«
-
-»Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Gehirnen der
-Menschen, aber nicht auf den Dächern der Häuser. Man soll ihn
-herunterholen und alles liegen lassen! Lieber liegen lassen, lieber
-liegen lassen! Mag es selbst irgendwie! ... Ach, wer weint dort noch?
-Eine Alte! Eine Alte schreit, warum hat man die Alte vergessen?«
-
-Tatsächlich: im unteren Stock dieses bereits brennenden Nebenhauses
-schrie ein altes Weib, eine achtzigjährige Verwandte des Kaufmanns, dem
-das Haus gehörte. Aber man hatte sie nicht dort vergessen, sondern sie
-war selbst in das Haus zurückgekehrt, so lange das noch möglich war, mit
-der wahnsinnigen Absicht, aus ihrem Kämmerlein an der Ecke des Hauses
-ihr Federbett zu retten. Fast erstickend im Rauch und schreiend vor
-Hitze, denn die Flammen hatten das Kämmerlein nun schon erreicht, mühte
-sie sich, mit ihren altersschwachen Armen das Pfühl durch den
-Fensterrahmen, dessen Glasscheibe herausgeschlagen war,
-hindurchzuzwängen. Lembke stürzte zu ihr, um ihr zu helfen. Alle sahen,
-wie er zum Fenster lief, einen Zipfel des Pfühls ergriff und es mit
-aller Gewalt durch das Fenster zu ziehen begann. Da wollte es das
-Unglück, daß in eben diesem Augenblick ein herausgebrochenes Brett vom
-Dach herabfiel und den Helfer traf; es schlug ihn nicht tot, nur das
-eine Ende traf ihn am Halse, doch damit war die Laufbahn Andrei
-Antonowitschs eigentlich beendet, wenigstens bei uns; der Schlag warf
-ihn um und er blieb bewußtlos liegen.
-
-Endlich brach ein trübes, düsteres Morgengrauen an. Der Brand sank in
-sich zusammen; nach dem Winde trat plötzlich Windstille ein und dann
-begann ein langsamer, feiner Regen, wie durch ein feines Sieb. Ich war
-schon in einer anderen Gegend dieser Vorstadt, weit von jener Stelle, wo
-Lembke hingefallen war, und hier hörte ich unter den Leuten sehr
-sonderbare Gespräche. Eine seltsame Tatsache stellte sich heraus: ganz
-am Rande der Vorstadt, hinter Gemüsegärten auf freiem Platz, über
-fünfzig Schritte weit von den nächsten Gebäuden, stand ein erst kürzlich
-erbautes, nicht großes hölzernes Wohnhaus, und dieses entlegene Haus
-hatte ganz zu Anfang des Brandes gleichfalls, ja womöglich noch früher
-als alle anderen, zu brennen begonnen. Selbst wenn es niedergebrannt
-wäre, hätte es bei seiner einsamen Lage keines der anderen Häuser dieser
-Vorstadt anstecken können, und umgekehrt: auch wenn der ganze Stadtteil
-auf dieser Seite des Flusses niedergebrannt wäre, so hätte einzig dieses
-Haus verschont bleiben können, sogar bei noch so starkem Winde. Also
-mußte es selbständig und für sich allein in Brand geraten sein und
-folglich nicht ohne besondere Ursache. Doch die Hauptsache war, daß man
-ihm zum Niederbrennen keine Zeit gelassen hatte und daß in seinem
-Inneren dann sonderbare Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses
-neuerbauten Hauses, ein Kleinbürger, der in der nächsten Gasse wohnte,
-war sogleich bei Ausbruch des Feuers herbeigeeilt und hatte noch
-rechtzeitig den Brand ersticken können, indem er mit Hilfe der Nachbarn
-den in Brand gesteckten Holzvorrat für den Winter, dessen Stapel an der
-einen Seitenwand des Hauses stand, auseinanderriß und löschte.
-
-Doch in dem Hause hatten Menschen gewohnt: der in der Stadt wohlbekannte
-»Hauptmann« Lebädkin mit seiner Schwester und einer schon älteren
-Arbeiterin als Aufwartefrau. Und diese drei Einwohner, der Hauptmann,
-seine Schwester und die Arbeiterin, wurden nun, als man in das Haus
-eindrang, ermordet und augenscheinlich beraubt vorgefunden. (Eben
-hierher hatte sich dann der Polizeimeister vom Brandplatz begeben, kurz
-bevor Lembke das Pfühl rettete.) Bei Morgengrauen hatte sich das Gerücht
-von der Untat schon verbreitet und eine ungeheure Menge der
-verschiedensten Menschen, darunter sogar viele der soeben Abgebrannten,
-strömte zu diesem abgelegenen neuen Hause. Es war schwer, näher zu
-gelangen, so groß war dort das Gedränge. Man erzählte mir sogleich, daß
-man den Hauptmann mit durchgeschnittener Kehle, angekleidet auf der
-Schlafbank liegend, gefunden habe. Wahrscheinlich sei er wieder steif
-betrunken gewesen und man habe ihn wohl nur so hingeschlachtet, ohne daß
-ihm zu Bewußtsein kam, was da geschah. Blut aber sei aus ihm so viel
-geflossen »wie aus einem Ochsen«. Seine Schwester Marja Timofejewna
-dagegen sei von Messerstichen »ganz zerstochen« und habe an der Tür auf
-dem Fußboden gelegen, also habe sie mit dem Mörder gewiß schon im Wachen
-gekämpft und sich wohl wie rasend gewehrt. Der Aufwartefrau, die
-anscheinend gleichfalls vorher erwacht war, sei der Schädel
-eingeschlagen.
-
-Wie der Besitzer des Hauses erzählte, sei der »Hauptmann« noch am Morgen
-dieses Tages betrunken zu ihm gekommen, habe geprahlt und viel Geld
-gezeigt, an die zweihundert Rubel. Die alte, abgenutzte grüne
-Brieftasche des »Hauptmanns« fand man leer auf dem Boden liegen; doch
-Marja Timofejewnas Koffer war unangerührt, ebenso die silberne
-Verzierung des Heiligenbildes. Desgleichen fand man alles, was der
-»Hauptmann« an Kleidern besessen, vollzählig vor. Daraus ersah man, daß
-der Dieb sich beeilt hatte und jedenfalls ein Mensch gewesen sein mußte,
-der den Hauptmann und seine Gewohnheiten gut kannte, es nur auf das bare
-Geld abgesehen hatte und wußte, wo dieses sich befand. Hätte der
-Besitzer des Hauses den Brand nicht sofort bemerkt, so hätte der
-angezündete Holzstapel sicher das Haus in Brand gesteckt, »vor den
-verkohlten Leichen aber wäre man schwerlich hinter den wahren
-Sachverhalt gekommen«.
-
-So wurde der Tatbestand wiedergegeben. Hinzu kam dann noch ein Bericht:
-daß der eigentliche Mieter dieser Wohnung der Herr Stawrogin sei,
-Nicolai Wszewolodowitsch, der einzige Sohn der Generalin Stawrogina. Er
-sei sogar persönlich gekommen, um die Wohnung zu mieten, habe noch sehr
-zugeredet, denn der Besitzer habe sie gar nicht vermieten, sondern hier
-eine Kneipe einrichten wollen, aber Nicolai Wszewolodowitsch habe auf
-den Preis nicht geachtet und die Miete gleich für ein halbes Jahr
-vorausbezahlt.
-
-»Dieser Brand ist nicht ohne Grund entstanden,« hörte man in der Menge
-sagen.
-
-Doch die Mehrzahl schwieg. Die Gesichter waren finster, aber eine große,
-sichtliche Empörung war eigentlich nicht wahrzunehmen. Nur erzählte man
-sich ringsum noch mehr Geschichten von dem Herrn Stawrogin. So sprach
-man u. a. auch davon, daß die Ermordete seine Frau war, gestern aber
-habe er aus einem der ersten Häuser der Stadt, aus dem der Generalin
-Drosdowa, ein junges Mädchen, die Tochter der Generalin, zu sich
-gelockt, »auf unehrliche Weise«, und daß man eine Klage über ihn nach
-Petersburg einreichen werde. Daß aber seine Frau nun ermordet worden
-ist, das sei doch, wie man sieht, nur deshalb geschehen, damit er frei
-werde und jetzt die Drosdowa heiraten könne.
-
-Skworeschniki war nicht mehr als nur zwei und eine halbe Werst entfernt
-und ich weiß noch, mir kam der Gedanke: sollte ich nicht dorthin
-Nachricht schicken? Übrigens ist es mir nicht aufgefallen, daß jemand
-die Menge im besonderen aufgehetzt hätte, das muß ich schon der Wahrheit
-gemäß sagen, wenn mir auch flüchtig zwei oder drei Fratzen aus der Schar
-der »Büfettleute« auffielen, die gegen Morgen auf der Brandstätte
-erschienen und die ich sofort wiedererkannte. Doch besonders erinnerlich
-ist mir ein hagerer, großer Bursche, ein Kleinbürger, mit ausgemergeltem
-Gesicht und krausem Haar, dazu wie mit Ruß geschwärzt, -- ein Schmied,
-wie ich später erfuhr. Er war nicht betrunken, doch, im Gegensatz zu der
-finster dastehenden Menge, wie außer sich. Er wandte sich immer wieder
-an das ringsum stehende Volk, aber ich erinnere mich nicht mehr seiner
-Worte. Alles, was er zusammenhängend hervorbrachte, war nicht länger
-als: »Ja aber wie denn, Brüder, wie ist denn das? Bleibt das nun alles
-so und wird da nichts geschehen?« und er gestikulierte mit den Armen.
-
-
-
-
- Achtzehntes Kapitel.
- Ein beendeter Roman
-
-
- I.
-
-Aus dem großen Saal des Herrenhauses von Skworeschniki (demselben Saal,
-wo die letzte Zusammenkunft von Warwara Petrowna und Stepan
-Trophimowitsch stattgefunden hatte) konnte man das Feuer wie auf der
-Handfläche sehen. Bei Tagesgrauen, zwischen fünf und sechs Uhr morgens,
-stand dort, rechts am letzten Fenster des Saales, Lisa und sah starr in
-den verlöschenden Widerschein des Brandes. Sie war allein. Sie trug
-dasselbe Kleid, in dem sie auf dem Fest erschienen war, ein duftiges,
-zartgrünes Gewand, von Spitzen überrieselt, doch schon zerdrückt und
-jetzt in der Hast unordentlich angezogen. Als sie plötzlich bemerkte,
-daß es über der Brust nicht richtig geschlossen war, errötete sie und
-hakte es schnell zu, raffte ihr rotes Tuch vom Lehnstuhl auf, das sie
-gestern beim Eintreten dorthin geworfen hatte und schlang es sich um den
-Hals. Ihr prachtvolles Haar fiel in gelösten Locken auf ihre rechte
-Schulter. Ihr Gesicht sah müde aus, besorgt, doch ihre Augen brannten
-unter den zusammengezogenen Brauen. Sie trat wieder ans Fenster und
-drückte ihre heiße Stirn an das kalte Glas. Die Tür öffnete sich und
-Nicolai Wszewolodowitsch trat ein.
-
-»Ich habe einen Diener zu Pferde hingeschickt,« sagte er, »in zehn
-Minuten werden wir alles wissen. Die Leute sagen, daß der Stadtteil über
-dem Fluß, rechts von der Brücke, niedergebrannt sei. Das Feuer soll um
-Mitternacht ausgebrochen sein; jetzt ist es schon im Abflauen.«
-
-Er ging nicht bis ans Fenster heran, sondern blieb drei Schritte hinter
-ihr stehen; sie wandte sich nicht nach ihm um.
-
-»Nach dem Kalender hätte es schon seit einer Stunde hell sein müssen,
-und noch ist es dunkel wie in der Nacht,« sagte sie ärgerlich.
-
-»Die Kalender lügen alle,« bemerkte er schon mit liebenswürdigem Spott,
-schämte sich aber sofort und fügte schnell hinzu: »Nach dem Kalender ist
-es langweilig zu leben, Lisa.«
-
-Aber er fühlte, daß er dadurch das Gesprochene nur noch schlimmer
-gemacht hatte. Ärgerlich über sich selbst schwieg er ganz. Lisa lächelte
-bitter.
-
-»Sie scheinen in einer so niedergeschlagenen Stimmung zu sein, daß Ihnen
-zu einem Gespräch mit mir sogar die Worte fehlen. Aber beruhigen Sie
-sich, Sie haben das sehr zur rechten Zeit gesagt: ich lebe immer nach
-dem Kalender. Jeder meiner Schritte ist nach dem Kalender berechnet. Sie
-wundern sich?«
-
-Sie wandte sich schnell vom Fenster ab und setzte sich in den Sessel.
-
-»Bitte, setzen Sie sich gleichfalls. Wir werden nicht lange zusammen
-sein und ich möchte alles sagen, was ich sagen mag ... Warum sollten
-nicht auch Sie alles sagen, was Sie vielleicht sagen wollen?«
-
-Nicolai Wszewolodowitsch setzte sich neben sie und nahm leise, beinahe
-furchtsam, ihre Hand.
-
-»Was bedeutet diese Sprache, Lisa? Woher das plötzlich? Was soll das
-bedeuten: >Wir bleiben nicht lange zusammen<? Das ist schon der zweite
-rätselhafte Ausspruch in dieser halben Stunde nach deinem Erwachen aus
-dem Schlaf.«
-
-»Sie fangen an, meine rätselhaften Aussprüche zu zählen?« fragte sie
-lachend. »Aber erinnern Sie sich, daß ich gestern, als ich eintrat, mich
-als eine Tote Ihnen vorstellte? Sehen Sie, das haben Sie für nötig
-befunden, zu vergessen. Zu vergessen oder zu überhören.«
-
-»Ich erinnere mich nicht, Lisa. Warum als Tote? Man muß leben ...«
-
-»Und Sie verstummen? Ihnen ist ja die Beredsamkeit ganz und gar abhanden
-gekommen. Ich habe meine Stunde auf der Welt zu Ende gelebt und nun ist
-es genug. Erinnern Sie sich noch Christophor Iwanowitschs?«
-
-»Nein, ich erinnere mich nicht,« -- sein Gesicht verfinsterte sich.
-
-»Nicht Christophor Iwanowitschs? -- in Lausanne? Er verdroß Sie doch zu
-guter Letzt so entsetzlich. Wenn er kam, sagte er immer: >Ich komme nur
-auf einen Augenblick<, und dann blieb er den ganzen Tag. Ich möchte es
-nicht wie Christophor Iwanowitsch machen und den ganzen Tag bleiben.«
-
-Eine schmerzhafte Empfindung spiegelte sich in seinem Gesicht wider.
-
-»Lisa, es tut mir weh um diese verzerrte Sprache. Diese Grimasse kostet
-dich selbst zu viel. Wozu das alles? Warum?«
-
-Seine Augen brannten.
-
-»Lisa,« rief er aus, »ich schwöre es dir, ich liebe dich jetzt mehr als
-gestern, als du bei mir eintratest!«
-
-»Was für ein sonderbares Geständnis! Was soll das jetzt, dieses Gestern
-und Heute, und wozu beides mit dem Maß messen?«
-
-»Du verläßt mich nicht,« fuhr er fast verzweifelt fort, »wir verreisen
-zusammen, heute noch! Nicht? Nicht?«
-
-»Ah, pressen Sie meine Hand nicht so schmerzhaft! Wohin sollen wir denn
-heute noch reisen? Wieder irgendwohin, um >aufzuerstehen<? Nein, genug
-der Versuche ... und das geht mir auch zu langsam; ich bin nicht fähig
-dazu. Das ist zu hoch für mich. Wenn wir reisen sollen, dann schon
-gleich nach Moskau und dort Visiten machen und selbst empfangen -- das
-ist mein Ideal, wie Sie wissen, ich habe Ihnen schon in der Schweiz
-nicht verheimlicht, wie und wer ich bin. Da es uns aber unmöglich ist,
-nach Moskau zu reisen und dort Visiten zu machen, weil Sie verheiratet
-sind, so reden wir lieber gar nicht davon.«
-
-»Lisa! Was war denn das gestern?«
-
-»Es war das, was es war.«
-
-»Das ist unmöglich! Das ist grausam!«
-
-»Was tut's denn, daß es grausam ist? Und wenn es grausam ist, so tragen
-Sie es doch!«
-
-»Sie rächen sich an mir für die gestrige Phantasie ...« sagte er
-halblaut, mit dem Versuch, boshaft zu lächeln.
-
-Lisa flammte auf.
-
-»Was für ein niedriger Gedanke!«
-
-»Warum schenkten Sie mir dann ... >so viel Glück<? Habe ich ein Recht,
-das zu erfahren?«
-
-»Nein, Sie müssen sich schon irgendwie ohne Rechte behelfen; krönen Sie
-die Niedrigkeit Ihrer Vermutung nicht mit einer Dummheit. Heute wird es
-Ihnen nicht gelingen. Übrigens, fürchten Sie nicht gar die Meinung der
-Welt, und daß man Sie für dieses >so viel Glück< verurteilen wird? Oh,
-wenn es das ist, so beunruhigen Sie sich um Gottes willen nicht. Sie
-haben ja in diesem Fall nicht die geringste Veranlassung gegeben und
-sind niemandem Verantwortung schuldig. Als ich gestern Ihre Tür
-aufmachte, da wußten Sie nicht einmal, wer da eintrat. Es war eben nur
-meine Phantasie, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, und nichts weiter. Sie
-können allen dreist und siegesbewußt in die Augen blicken!«
-
-»Deine Worte, dein Hohn, jetzt schon eine ganze Stunde, bringen die
-Kälte des Grauens über mich! Dieses >Glück<, von dem du so gehässig
-sprichst, kostet mich ... alles. Kann ich dich denn jetzt verlieren? Ich
-schwöre dir, ich liebte dich gestern weniger. Warum nimmst du mir denn
-heute alles wieder? Weißt du auch, was sie mich kostet, diese neue
-Hoffnung? Ich habe sie mit dem Leben bezahlt!«
-
-»Mit dem eigenen oder dem anderer?«
-
-Stawrogin stand hastig auf.
-
-»Was heißt das?« fragte er und sah sie starr an.
-
-»Bezahlen Sie mit Ihrem oder mit meinem Leben? Das war es, was ich damit
-fragen wollte. Oder haben Sie jetzt völlig aufgehört, zu verstehen?« Das
-Blut schoß ihr ins Gesicht. »Warum sind Sie aufgesprungen? Warum starren
-Sie mich mit solch einem Ausdruck an?« Lisa blickte ihm plötzlich
-angstvoll in die Augen. »Sie erschrecken mich ... Was fürchten Sie denn
-so? Ich habe es schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie etwas fürchten,
-gerade jetzt, in dieser Minute ... Mein Gott, wie blaß Sie werden!«
-
-»Wenn du irgend etwas weißt, Lisa, ich schwöre dir, _ich_ weiß nichts
-... und habe soeben überhaupt nicht _davon_ gesprochen, als ich sagte,
-daß ich es mit dem Leben bezahlt hätte ...«
-
-»Ich verstehe Sie gar nicht,« sagte sie ängstlich stockend.
-
-Da erschien schließlich ein langsames, nachdenkliches Lächeln auf seinen
-Lippen. Er setzte sich still wieder hin, stützte die Ellenbogen auf die
-Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
-
-»Ein böser Traum und Wahn ... Wir sprachen von zwei ganz verschiedenen
-Dingen.«
-
-»Ich weiß nicht, wovon Sie gesprochen haben. Aber wußten Sie denn
-gestern wirklich nicht, daß ich Sie heute verlassen würde? Wußten Sie
-das wirklich nicht? Lügen Sie nicht! Sagen Sie, wußten Sie es oder
-wußten Sie es nicht?«
-
-»Ich wußte es ...« sagte er leise.
-
-»Nun also, was wollen Sie dann noch: Sie wußten es und nahmen den
->Augenblick<. Wozu nun diese Abrechnungen?«
-
-»Sage mir die ganze Wahrheit,« rief er in tiefem Leid: »als du gestern
-meine Tür aufmachtest, wußtest du es selbst, daß du sie nur auf eine
-Stunde aufmachtest?«
-
-Sie sah ihn mit Haß an.
-
-»Es ist doch wahr, daß selbst der ernsteste Mensch die sonderbarsten
-Fragen stellen kann. Was beunruhigen Sie sich deswegen? Sollte es
-wirklich aus Eigenliebe geschehen, weil eine Frau Sie zuerst verläßt,
-und nicht Sie die Frau? Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, ich merke
-unter anderem, seit ich bei Ihnen bin, daß Sie furchtbar großmütig zu
-mir sind, und gerade das kann ich von Ihnen nicht ertragen.«
-
-Er erhob sich vom Platz und ging ein paar Schritte durchs Zimmer.
-
-»Gut, mag das nun so enden ... Aber wie konnte das alles geschehen?«
-
-»Auch eine Sorge! Und die Hauptsache -- Sie wissen das ja selbst, so
-gut, als hätten Sie es an den Fingern abgezählt, wissen es besser, als
-alle auf der Welt, und rechneten sogar selbst damit! Ich bin eine höhere
-Tochter, mein Herz ist in der Oper erzogen, sehen Sie, das war die
-Ursache, das ist die ganze Lösung des Rätsels!«
-
-»Nein.«
-
-»Darin liegt nichts, was Ihre Eigenliebe kränken könnte. Es ist einfach
-die Wahrheit. Es begann mit einem schönen Augenblick, den ich nicht
-ertrug. Vor drei Tagen, als ich Sie vor aller Welt >beleidigte< und Sie
-mir so ritterlich antworteten, fuhr ich nach Hause und sagte mir, daß
-Sie mich gemieden hatten, weil Sie verheiratet waren, und nicht aus
-Verachtung, was ich als Dame der Gesellschaft am meisten fürchtete. Ich
-begriff, daß Sie mich Unsinnige beschützten, indem Sie mich mieden.
-Sehen Sie wohl, wie ich Ihre Großmut schätze. Da sprang dann Pjotr
-Stepanowitsch für Sie ein und erklärte mir alles. Er offenbarte mir, daß
-ein großer Gedanke Sie beherrsche, ein Gedanke, vor dem er und ich
-nichts sind, aber daß ich Ihnen dennoch >im Wege< stehe. Und sich zählte
-er immer mit; er wollte unbedingt, daß wir zu dreien seien, und er
-sprach noch die phantastischsten Dinge, sprach von einer großen Barke
-mit Rudern aus nordischem Ahorn, wie es in irgendeinem russischen Liede
-heißt. Ich lobte ihn, sagte ihm, er sei ein Dichter, und er nahm das
-alles für die barste Münze. Da ich aber auch ohnedem schon längst wußte,
-daß ich nur für einen Augenblick ausreichen würde, so nahm ich mich und
-entschloß mich. Nun, und das war alles, aber jetzt genug davon, und
-bitte keine Erklärungen mehr. Sonst geraten wir womöglich noch in
-Streit. Wie gesagt, fürchten Sie niemanden, ich nehme alles auf mich.
-Ich bin schlecht, kapriziös, ich habe mich von der opernhaften Barke
-blenden lassen, ich bin eine junge Dame der Gesellschaft ... Aber wissen
-Sie, ich habe bei alledem doch gedacht, daß Sie mich furchtbar lieben.
-Verachten Sie nicht die Törin und lachen Sie nicht über diese Träne, die
-jetzt fiel. Ich liebe es sehr, >mich selbst bemitleidend< zu weinen.
-Nun, genug, genug. Ich bin zu allem unfähig und Sie sind zu allem
-unfähig; zwei Nasenstüber beiderseits, finden wir uns also damit ab.
-Wenigstens leidet so die Eigenliebe nicht.«
-
-»Ein Traum und Wahn!« rief Nicolai Wszewolodowitsch und schritt, die
-Hände ringend, im Zimmer auf und ab. »Lisa, du Arme, was hast du dir
-angetan?«
-
-»Habe mich am Licht verbrannt, und das ist alles. Wie, Sie weinen doch
-nicht gleichfalls? Seien Sie anständiger, seien Sie gefühlloser ...«
-
-»Warum, warum bist du zu mir gekommen?«
-
-»Aber verstehen Sie denn nicht endlich, in welch eine komische Lage Sie
-sich mit solchen Fragen selbst bringen?«
-
-»Warum hast du dich selbst zugrunde gerichtet, so ungeheuerlich und
-töricht! Und was soll jetzt geschehen?«
-
-»Und das ist Stawrogin, der >blutdürstige Stawrogin<, wie hier eine
-Dame, die in Sie verliebt ist, Sie nennt! Hören Sie, ich habe es Ihnen
-doch schon gesagt: ich habe mein Leben auf eine Stunde gesetzt und bin
-jetzt ruhig. Tun Sie dasselbe auch mit Ihrem Leben ... übrigens, wozu
-sollten Sie das, Sie werden noch viele solcher >Stunden< und
->Augenblicke< haben!«
-
-»Ebensoviele wie du: ich gebe dir mein heiliges Wort, nicht eine Stunde
-mehr als du!«
-
-Er ging immer noch auf und ab und sah ihren schnellen, durchbohrenden
-Blick nicht, in dem plötzlich gleichsam Hoffnung aufleuchtete. Aber
-dieser Lichtstrahl erlosch in derselben Minute.
-
-»Wenn du den Preis meiner jetzigen _unmöglichen_ Aufrichtigkeit wüßtest,
-Lisa, wenn ich dir nur enthüllen könnte ...«
-
-»Enthüllen? Sie wollen mir irgend etwas enthüllen? Gott bewahre mich vor
-Ihren Enthüllungen!« unterbrach Sie ihn fast mit Schrecken.
-
-Er blieb stehen und wartete in Unruhe.
-
-»Ich muß Ihnen gestehen, in mir hat sich schon damals, schon in der
-Schweiz, der Gedanke festgesetzt, daß Sie etwas Entsetzliches auf der
-Seele haben müssen, etwas Schmutziges und Blutiges, und ... gleichzeitig
-etwas, das Sie furchtbar lächerlich macht. Hüten Sie sich, mir das zu
-enthüllen, wenn es so ist: ich würde Sie verspotten. Ich würde über Sie
-lachen solange Sie leben ... Oh, Sie erbleichen wieder? Ich werde ja
-nicht, ich werde nicht, ich gehe gleich fort.« Und sie erhob sich
-schnell mit einer angeekelten und verachtenden Bewegung.
-
-»Quäle mich, richte mich, schütte alle Wut über mich aus!« rief er in
-Verzweiflung. »Du hast das volle Recht dazu! Ich wußte, daß ich dich
-nicht liebe, und richtete dich zugrunde. Ja, ich >nahm den Augenblick<,
-ich nahm ihn an: ich hatte noch eine Hoffnung ... schon lange ... eine
-letzte ... Ich konnte dem Licht nicht widerstehen, das plötzlich mein
-Herz erhellte, als du bei mir eintratst, allein, als erste. Ich glaubte
-plötzlich ... Vielleicht glaube ich auch jetzt noch ...«
-
-»Eine so edle Aufrichtigkeit bezahle ich Ihnen mit gleichem: ich will
-nicht Ihre barmherzige Schwester sein. Es ist möglich, daß ich wirklich
-Krankenpflegerin werde, wenn ich nicht heute noch zur rechten Zeit zu
-sterben verstehe; aber wenn ich das auch würde, so ginge ich doch nicht
-zu Ihnen, obschon Sie selbstredend jedem Bein- oder Armlosen
-gleichwertig sind. Es hat mir immer geschienen, daß Sie mich an
-irgendeinen Ort bringen würden, wo eine böse Riesenspinne von
-Menschengröße sitzt, und wir würden dort unser Lebelang auf diese Spinne
-sehen und uns vor ihr fürchten. Und darüber wird dann unsere
-gegenseitige Liebe vergehen. Wenden Sie sich an Daschenka; die wird mit
-Ihnen gehen, wohin Sie wollen.«
-
-»Sie konnten es auch jetzt nicht unterlassen, sie zu erwähnen?«
-
-»Das arme Hündchen! Grüßen Sie sie von mir. Wußte sie es, daß Sie sie
-schon damals in der Schweiz für Ihr Alter bestimmten? Welch eine
-Fürsorge! Welch eine Vorsicht! -- Ach! Wer ist da?«
-
-In der Tiefe des Saales hatte sich kaum die Tür geöffnet: ein Kopf schob
-sich durch und zog sich schnell wieder zurück.
-
-»Bist du es, Alexei Jegorytsch?« fragte Stawrogin.
-
-»Nein, das bin nur ich,« sagte Pjotr Stepanowitsch, der sich nun von
-neuem und diesmal gleich bis zur Hälfte durch die Tür schob. »Guten Tag,
-Lisaweta Nicolajewna; auf alle Fälle wünsche ich einen guten Morgen.
-Wußte ich's doch, daß ich Sie beide in diesem Saal antreffen würde. --
-Ich bin wirklich nur auf einen Augenblick gekommen, Nicolai
-Wszewolodowitsch, -- bin um jeden Preis hergeeilt, nur auf ein paar
-Worte ... die allernotwendigsten ... nur ein paar Wörtchen!«
-
-Stawrogin ging, aber nach drei Schritten kehrte er zu Lisa zurück.
-
-»Wenn du jetzt gleich etwas erfahren wirst, Lisa, so wisse: ich bin
-schuld!«
-
-Sie fuhr zusammen und sah ihn scheu an; doch er ging schnell hinaus.
-
-
- II.
-
-Das Zimmer, in das sich Pjotr Stepanowitsch zurückzog, war ein großes
-ovales Vorzimmer. Bis zu seinem Erscheinen hatte der alte Diener Alexei
-Jegorytsch hier gesessen, den hatte er aber jetzt weggeschickt.
-
-Nicolai Wszewolodowitsch schloß die Saaltür hinter sich und blieb in
-Erwartung stehen. Pjotr Stepanowitsch sah ihn schnell und prüfend an.
-
-»Nun?«
-
-»Das heißt, wenn Sie es schon wissen sollten --« begann Pjotr
-Stepanowitsch eilig und als wolle er mit den Augen Stawrogin in die
-Seele springen, »so ist selbstverständlich niemand von uns schuld daran,
-besonders nicht Sie, denn es ist nur ein zufälliges Zusammentreffen ...
-eine Reihe von Zufällen ... mit einem Wort, juridisch kann man Ihnen
-nichts anhaben, und ich bin nur gekommen, um Sie zu benachrichtigen.«
-
-»Sie sind verbrannt? Ermordet?«
-
-»Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe
-Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heißt, wenn Sie
-die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal
-den Gedanken -- Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst,
-natürlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im
-Ernst so etwas sagen!) -- doch ich hätte mich niemals zur Ausführung
-entschlossen, für nichts in der Welt, nicht für hundert Rubel, -- denn
-ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen -- das heißt, ich, ich
-persönlich ...« (Er überhastete sich furchtbar und sprach wie eine
-Plappermühle.) »Aber nun hören Sie, was für ein Zusammentreffen von
-Zufällen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel
-dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf
-Lebädkin zweihundertunddreißig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, --
-hören Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee,
-beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wußte damals noch
-nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren würde oder nicht: -- gab
-ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee
-hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darüber werde ich mich
-nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so
-weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit
-einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen hätte. Da mir aber diese
-Tragödien scheußlich langweilig geworden waren -- ich spreche jetzt,
-merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrücke
-gebrauche --, da nun alles das meine Pläne kreuzte, so schwor ich mir,
-Lebädkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg
-zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab
-ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht?
-Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hören Sie jetzt, hören Sie,
-wohin das alles geführt hat ... --«
-
-Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer näher gerückt und wollte ihn
-schließlich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit
-Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand
-herunter.
-
-»Wie ... was!? ... Na ... bloß, so können Sie einem ja die Hand brechen
-... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ...«
-schnatterte er dann schon weiter, ohne sich über den Schlag viel zu
-wundern. »Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester
-am nächsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit
-dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und
-fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mußte mit dem Publikum seinen
-dummen Schulbubenstreich machen, -- Sie haben wohl schon davon gehört?
-auf der Matinee? Nun hören Sie, hören Sie doch: beide betrinken sich und
-schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt
-ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen
-auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribüne zu
-schubsen. Lebädkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollständig.
-Darauf folgt der bekannte Skandal -- Lebädkin wird steif betrunken nach
-Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus
-der Brieftasche und läßt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglück aber hatte
-Lebädkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da
-aber Fedjka nur darauf wartete -- er hatte bei Kirilloff etwas davon
-gehört (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschloß er sich,
-die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, daß Fedjka
-wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, -- dabei hat der Schurke
-eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer
-scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist
-dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der
-Teufel weiß, was das ist! Das ist eine solche Eigenmächtigkeit ... Sehen
-Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts
-verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen,
-in mir herumgetragen. Das ist so populär, so volklich ... aber ich habe
-sie immer für die kritische Zeit aufbewahrt, für den großen Augenblick,
-wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt plötzlich
-eigenmächtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo
-man den Atem anhalten und alles verheimlichen müßte! Nein, das ist eine
-solche Eigenmächtigkeit! ... Ich weiß ja noch nichts darüber: man
-spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den
-_unseren_ jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im
-Spiele hat -- gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heißt, sie ein bißchen
-vernachlässigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen >Fünfern< ist,
-das sehe ich, eine schlechte Stütze! Ein einziger großartiger,
-götzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf
-etwas Zufälliges und außerhalb Stehendes stützt ... Dann werden auch die
->Fünfer< gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls,
-wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, daß
-Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und daß darum die Stadt
-brennen mußte, so --«
-
-»Also man schreit das schon?«
-
-»Das heißt, nein, noch gar nicht, und ich muß gestehen, ich habe davon
-bis jetzt noch nichts gehört, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen,
-besonders mit den Abgebrannten? _Vox populi, vox Dei!_ Braucht es denn
-viel Zeit, um selbst das dümmste Gerücht zu verbreiten? Sie, wie gesagt,
-haben sich vor nichts zu fürchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor
-Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten
-das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei
-denn, daß Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff
-erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das
-beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde
-ihm noch heute ...«
-
-»Und die Leichen sind gar nicht verbrannt?«
-
-»Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehört zu machen
-verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß Sie so ruhig sind
-... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in
-Gedanken, so ist es doch -- na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber
-zugeben, daß das alles sehr schön Ihre Angelegenheiten in Ordnung
-bringt: Sie sind plötzlich ein freier Witwer und können noch in dieser
-Stunde das schönste Mädchen mit einem riesigen Vermögen heiraten, -- ein
-Mädchen, das noch dazu schon in Ihren Händen ist. Sehen Sie, was ein
-einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr?«
-
-»Sie wollen mich einschüchtern, Sie Dummkopf?«
-
-»Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das für
-ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um
-Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschüchtern? Als
-ob ich Ihnen zu drohen nötig hätte! Ich brauche Ihren freien Willen,
-aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich
-fürchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij
-Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer
-Droschke -- und wen sehe ich? -- Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem
-Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, -- im Mantel, völlig durchnäßt, er
-muß wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die
-Menschen doch den Verstand verlieren können!«
-
-»Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr?«
-
-»Es ist wahr, es ist wahr. Steht am Gartenzaun. Von hier -- na,
-dreihundert Schritte von hier, wenn ich mich nicht irre. Ich beeilte
-mich, an ihm vorüber zu kommen, aber er hat mich doch gesehen. Sie
-wußten es nicht? In dem Fall bin ich sehr froh, daß ich nicht vergessen
-habe, es Ihnen mitzuteilen. Sehen Sie, solch einer ist am
-gefährlichsten! wenn der einen Revolver bei sich hat! und zuletzt, die
-Nacht, die Nässe, die Erregung, und dann -- wie ist denn seine Lage
-jetzt, ha, ha! Was meinen Sie, warum sitzt er da?«
-
-»Er wartet natürlich auf Lisaweta Nicolajewna.«
-
-»So--o! Ja warum sollte sie denn zu ihm hinausgehen? Und ... in diesem
-Regen ... so ein Esel!« ...
-
-»Sie wird sogleich zu ihm hinausgehen.«
-
-»Aha! Das ist mir mal eine Neuigkeit! Also ... Aber hören Sie, jetzt hat
-sich doch Ihre Situation völlig geändert: wozu braucht sie jetzt den
-Mawrikij? Sie sind doch jetzt ein freier Witwer und können sie doch
-morgen heiraten? Weiß sie noch nichts? Dann überlassen Sie es mir, ich
-werde gleich alles in Ordnung bringen. Wo ist sie, man muß ihr doch auch
-eine Freude machen!«
-
-»Eine Freude?«
-
-»Sie fragen noch! Gehen wir.«
-
-»Und Sie glauben, daß sie vor diesen Leichen nichts errät?« fragte
-Stawrogin, indem er ihn mit halb zugekniffenen Augen ansah.
-
-»Natürlich nicht,« antwortete Pjotr Stepanowitsch, den Dummen spielend,
-»denn juridisch ... Ach, Sie! Und wenn sie es auch errät! Von den Frauen
-wird das alles so schnell abgetan! Sie kennen die Frauen noch nicht!
-Außerdem muß sie Sie doch ganz einfach heiraten, denn sie hat sich doch
-nun mal kompromittiert, ganz abgesehen davon, daß ich ihr von der
->Barke< schon erzählt habe: und habe gesehen, daß man gerade damit
-Eindruck auf sie macht -- da sieht man gleich, von welchem Kaliber das
-Mädchen ist. Beruhigen Sie sich, sie wird über diese Leichen so
-hinwegtreten, wie nichts! Außerdem sind Sie ja doch tatsächlich ganz
-unschuldig, vollständig unschuldig, nicht wahr? Sie wird die Erinnerung
-an diese Leichen nur aufbewahren, um Sie vom zweiten Jahre Ihrer Ehe an
-damit zu peinigen. Jedes Weib, das zum Altar geht, rächt sich so an
-ihrem Mann, aber was dann sein wird ... was wieder übers Jahr sein wird?
-Ha, ha, ha!«
-
-»Sie sind mit einer Droschke gekommen? Die Droschke wartet noch? Dann
-fahren Sie in dieser Droschke mit Lisa zu Mawrikij Nicolajewitsch. Sie
-hat mir soeben gesagt, daß sie mich nicht lieben kann, daß sie von mir
-geht, da wird sie selbstverständlich keine Equipage von mir annehmen.«
-
-»Aber was soll denn das bedeuten? Ist das wirklich ihr Ernst? Was hat
-denn das veranlassen können?« Pjotr Stepanowitsch sah ihn mit einem
-recht dummen Gesicht an.
-
-»Sie hat es irgendwie erraten, in dieser Nacht, daß ich sie gar nicht
-liebe ... was sie natürlich schon immer gewußt hat.«
-
-»Ja, aber wie -- lieben Sie sie denn nicht?« fragte Pjotr Stepanowitsch
-mit der Miene grenzenlosen Erstaunens. »Aber wenn das so ist, warum
-haben Sie ihr das dann nicht gestern gleich gesagt, daß Sie sie nicht
-lieben? Das ist doch eine schreckliche Gemeinheit von Ihnen, und wie
-stehe ich denn jetzt vor ihr da?«
-
-Stawrogin begann plötzlich zu lachen.
-
-»Ich lache über meinen Affen,« erklärte er sofort.
-
-»Ah! Sie haben's durchschaut, daß ich den Bajazzo spiele!« Pjotr
-Stepanowitsch lachte sogleich furchtbar lustig mit. »Ich hab's ja nur
-getan, um Sie zu amüsieren! Stellen Sie sich vor, ich hab's doch im
-Augenblick, wie Sie aus der Tür traten, Ihrem Gesicht angesehen, daß es
-bei Ihnen >Unglück< gegeben hat. Vielleicht sogar einen vollständigen
-Mißerfolg, wie? Nun, ich möchte schwören,« rief er, sich vor Entzücken
-fast verschluckend, »daß Sie die ganze Nacht im Saal nebeneinander wie
-Puppen auf den Stühlen gesessen, über hohe Sachen sich gestritten und so
-die ganze kostbare Zeit verbracht haben ... Doch, verzeihen Sie,
-verzeihen Sie, was geht das mich an! Ich wußte ja schon gestern, daß es
-bei Ihnen mit einer Dummheit enden werde. Ich habe sie Ihnen ja auch
-überhaupt nur gebracht, um Ihnen ein Vergnügen zu verschaffen, und um
-Ihnen zu beweisen, daß Sie es mit mir nicht langweilig haben werden!
-Dreihundertmal kann ich Ihnen noch mit so was dienen! Ich liebe es
-überhaupt, den Menschen gefällig zu sein. Und wenn Sie sie jetzt also
-nicht mehr brauchen, worauf ich ja rechnete, dann -- nun ja, dann bin
-ich eben hierhergefahren, um ...«
-
-»So haben Sie sie mir also nur zu meinem Vergnügen gebracht?«
-
-»Wozu denn sonst?«
-
-»Und nicht deshalb, um mich zu zwingen, meine Frau zu ermorden?«
-
-»So--o, ja haben Sie sie denn ermordet? Was für ein tragischer Mensch
-Sie sind!«
-
-»Gleichviel, Sie haben sie ermordet.«
-
-»Wieso denn ich? Aber ich sage Ihnen doch, ich bin da auch nicht mit
-einem Tropfen beteiligt. Indessen, Sie fangen an mich zu beunruhigen
-...«
-
-»Fahren Sie fort, Sie sagten: >Wenn Sie sie also jetzt nicht mehr
-brauchen, so ...<«
-
-»So überlassen Sie sie mir, selbstverständlich! Ich werde sie glänzend
-mit Mawrikij Nicolajewitsch verheiraten, den nicht ich unten am
-Gartenzaun aufgestellt habe -- setzen Sie sich nicht auch das noch in
-den Kopf! Ich fürchte ihn jetzt sogar. Wahrhaftig, wenn er vorhin einen
-Revolver gehabt hätte! ... Gut, daß auch ich einen habe! Da ist er --«
-(er zog einen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn, steckte ihn aber
-schnell wieder ein), »ich habe ihn wegen des weiten Weges zu mir
-gesteckt ... Übrigens, ich werde das alles im Augenblick beilegen: es
-wird ihr gerade jetzt wegen Mawrikij am Herzchen nagen ... es muß ja so
-sein ... und wissen Sie, bei Gott, sie tut mir sogar ein wenig leid!
-Bringe ich sie wieder mit Mawrikij zusammen, so wird sie von Stund an
-nur an Sie denken, Sie verhimmeln und ihn schelten, -- ein Weiberherz!
-Nun, Sie lachen schon wieder? Es freut mich riesig, daß Sie so heiter
-geworden sind. Nun, wie -- gehen wir? Ich fange sogleich von Mawrikij
-an, von denen aber ... den Toten ... wissen Sie, sollte man nicht jetzt
-lieber darüber schweigen? Sie wird es ja später doch erfahren.«
-
-Plötzlich stand Lisa in der Tür.
-
-»Was werde ich erfahren? Wer ist tot? Was sagten Sie von Mawrikij
-Nicolajewitsch?«
-
-»Ah! Sie haben uns belauscht?«
-
-»Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ist er tot?«
-
-»Ah! so haben Sie doch nichts gehört! Beruhigen Sie sich, Mawrikij
-Nicolajewitsch lebt und ist gesund, wovon Sie sich schon im Augenblick
-werden überzeugen können, denn er steht hier unten, am Wege, am
-Gartenzaun ... und steht dort, glaube ich, die ganze Nacht, durchnäßt,
-im Mantel ... Ich fuhr an ihm vorüber, er hat mich gesehn.«
-
-»Das ist nicht wahr. Sie sagten ... Wer ist getötet?«
-
-»Ermordet ist nur meine Frau, ihr Bruder Lebädkin und die Aufwärterin,«
-sagte Stawrogin mit fester Stimme.
-
-Lisa zuckte zusammen und erbleichte unheimlich.
-
-»Ein ganz sonderbarer Zufall, Lisaweta Nicolajewna, der dümmste Fall von
-einem Raubmord,« trommelte sofort wieder Pjotr Stepanowitsch los -- »ein
-Räuber, der den Brand benutzen wollte: der Dummkopf Lebädkin hatte allzu
-offen sein Geld gezeigt ... das benutzte dann Fedjka, ein entsprungener
-Zuchthäusler -- Sie werden von ihm gehört haben ... Ich bin sofort
-hierher geeilt ... ich war wie von einem Stein getroffen, wie Sie sich
-denken können, und Stawrogin war denn auch so erschüttert, als ich ihm
-das Geschehene mitteilte. Wir berieten uns gerade: ob man es Ihnen jetzt
-gleich sagen sollte oder noch nicht?«
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch, sagt er die Wahrheit?« brachte Lisa kaum
-hörbar hervor.
-
-»Nein, er sagt die Unwahrheit.«
-
-»Wie, die Unwahrheit?« fuhr Pjotr Stepanowitsch erschrocken auf. »Was
-soll denn das wieder heißen?«
-
-»Mein Gott, ich verliere den Verstand!« schrie Lisa auf.
-
-»Bedenken Sie doch, daß der Mensch ja wahnsinnig ist!« suchte Pjotr
-Stepanowitsch alles zu überschreien, »denn immerhin, es ist doch nun mal
-seine Frau, die man erschlagen hat! Sehen Sie doch, wie bleich er ist
-... Er war doch die ganze Nacht mit Ihnen zusammen, hat Sie nicht auf
-eine Minute verlassen, da kann er es doch nicht getan haben, wer wird
-denn ihn verdächtigen?!«
-
-»Nicolai Wszewolodowitsch, sagen Sie mir wie vor Gott, ob Sie schuld
-sind oder nicht, und ich schwöre Ihnen, ich werde Ihrem Wort glauben,
-wie dem Worte Gottes, und bis ans Ende der Welt werde ich Ihnen folgen,
-oh, ich folge! Ich folge wie ein Hündchen ...«
-
-»Was quälen Sie sie, warum, wozu, Sie phantastischer Kopf!« rief Pjotr
-Stepanowitsch wütend. »Lisaweta Nicolajewna, hören Sie mich an, Wort für
-Wort: er ist unschuldig, im Gegenteil, er ist wie vernichtet, er ist
-krank und phantasiert, Sie sehen es doch! In nichts, in nichts ist er
-schuldig! Das haben Raubmörder getan, denen man vielleicht schon morgen
-auf der Spur sein wird! Das hat Fedjka, der Zuchthäusler, getan, und
-noch einige aus der Spigulinschen Fabrik, die ganze Stadt spricht schon
-davon, deshalb bin ich ...«
-
-»Ist es so? Ist es so?« Am ganzen Körper zitternd erwartete Lisa ihren
-Urteilsspruch.
-
-»Ich habe nicht gemordet und ich war dagegen, aber ich wußte, daß man
-sie umbringen werde und habe nichts getan, um den Mord zu verhindern.
-Gehen Sie von mir, Lisa,« murmelte Stawrogin und ging in den Saal.
-
-Lisa bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging hinaus aus dem Hause.
-Pjotr Stepanowitsch wollte ihr schon nachstürzen, kehrte aber sofort um
-und ging in den Saal zu Stawrogin.
-
-»Also so sind Sie? So sind Sie? Also nichts fürchten Sie?« stieß er, wie
-irrsinnig vor Wut, unzusammenhängend, mit Schaum vor dem Munde, hervor.
-
-Stawrogin stand in der Mitte des Saales und erwiderte kein Wort. Er
-griff mit der linken Hand in sein Haar und lächelte blicklos. Pjotr
-Stepanowitsch riß ihn heftig am Ärmel.
-
-»Jetzt sind Sie verloren! Was? Also darauf haben Sie es angelegt? Alle
-geben Sie preis! Und selbst gehen Sie ins Kloster oder zum Teufel! Aber
-ich werde Ihnen ja doch den Garaus machen, auch wenn Sie mich nicht
-fürchten sollten!«
-
-»Ach, Sie sind es, der hier plappert?« Stawrogin bemerkte ihn jetzt
-erst. Und plötzlich, wie erwachend, rief er: »Laufen Sie, laufen Sie ihr
-nach, befehlen Sie einen Wagen, verlassen Sie sie nicht ... Laufen Sie,
-laufen Sie doch! Bringen Sie sie nach Haus, damit es niemand weiß, und
-sie nicht dorthin geht ... zu den Leichen ... den Leichen ... Setzen Sie
-sie mit Gewalt in die Equipage ... Alexei Jegorytsch! Alexei
-Jegorytsch!«
-
-»Still, schreien Sie nicht! Sie ist jetzt schon in Mawrikijs Armen ...
-Mawrikij wird sich nicht in Ihre Equipage setzen. Bleiben Sie! Das hier
-ist wichtiger, als die Equipage!«
-
-Er riß wieder den Revolver hervor. Stawrogin sah ihn ernst an.
-
-»Nun was, erschießen Sie mich,« sagte er leise, beinahe versöhnlich.
-
-»Pfui Teufel, welch eine Lüge der Mensch auf sich laden kann!« Pjotr
-Stepanowitsch erzitterte förmlich. »Bei Gott, ja, man sollte Sie
-totschlagen! Wahrlich, sie mußte ja einfach auf Sie spucken! ... Was
-können Sie denn noch für eine tragende Barke sein, Sie alter, morscher,
-hölzerner Kahn, der nur noch zum Abbruch taugt! ... Nun, wenn Sie sich
-doch wenigstens aus Bosheit, aus Bosheit jetzt aufrafften! Ach! So ist
-Ihnen wohl schon alles gleich, wenn Sie bereits selber um eine Kugel in
-Ihre Stirn bitten?«
-
-Stawrogin lächelte sonderbar.
-
-»Wenn Sie nicht solch ein Narr wären, so würde ich jetzt vielleicht >ja<
-sagen ... Wenn Sie nur ein bißchen klüger wären ...«
-
-»Gut, mag ich ein Narr sein, aber ich will nicht, daß Sie, meine
-wichtigere Hälfte, auch ein Narr sind! Verstehen Sie mich?«
-
-Stawrogin verstand ihn, vielleicht konnte nur er allein ihn verstehen.
-War doch Schatoff erstaunt gewesen, als Stawrogin ihm gesagt hatte, daß
-in Pjotr Stepanowitsch Enthusiasmus sei.
-
-»Gehen Sie jetzt zum Teufel, morgen werde ich vielleicht irgend was aus
-mir herausbringen. Kommen Sie morgen wieder.«
-
-»Ja? Ja?«
-
-»Was kann ich wissen! ... Gehen Sie zum Teufel, zum Teufel!«
-
-Und er verließ den Saal.
-
-»Wer weiß, vielleicht ist es auch besser so,« murmelte Pjotr
-Stepanowitsch und steckte den Revolver wieder ein.
-
-
- III.
-
-Er eilte hinaus, um Lisaweta Nicolajewna einzuholen. Sie war noch nicht
-weit gekommen: -- ein paar Schritte vom Hause entfernt, erreichte er
-sie. Alexei Jegorytsch, der ihr im Frack und ohne Hut, in einem Abstande
-von einem Schritt, in ehrerbietiger Haltung folgte, suchte sie
-zurückzuhalten: er sprach auf sie ein und suchte ihr vergeblich klar zu
-machen, daß sie doch auf die Equipage warten müsse; der Alte war dabei
-dem Weinen nahe.
-
-»Mach dich fort, der Herr wünscht Tee,« damit schob Pjotr Stepanowitsch
-den Alten beiseite und legte Lisaweta Nicolajewnas Hand auf seinen Arm.
-
-Sie zog die Hand nicht fort: offenbar war sie noch gar nicht bei voller
-Besinnung.
-
-»Erstens müssen Sie nicht dahin, nicht am Park vorüber,« begann Pjotr
-Stepanowitsch, »sondern hierher. Zweitens können Sie unmöglich zu Fuß
-gehen, denn bis zu Ihnen sind es gute drei Werst, und Sie sind nur in
-einem leichten Kleide. Wenn Sie nur ein wenig warten wollten. Ich bin in
-einer Droschke gekommen und die wartet noch auf mich. Ich werde Sie
-sofort hineinsetzen und dann so zurückbringen, daß niemand Sie sieht.«
-
-»Wie gut Sie sind ...« sagte Lisa freundlich.
-
-»Aber ich bitte Sie, in einem solchen Fall würde doch jeder humane
-Mensch an meiner Stelle ebenso ... --«
-
-Lisa sah ihn an und war verwundert.
-
-»Ach, mein Gott, und ich dachte, daß immer noch der Alte ...«
-
-»Hören Sie mal, es freut mich sehr, daß Sie es so ruhig auffassen, denn
-alles das ist doch ein fürchterliches Vorurteil. Wäre es also nicht das
-Vernünftigste, ich befehle dem Alten, sofort die Equipage anspannen zu
-lassen? Das dauert höchstens zehn Minuten, und wir gehen so lange auf
-die Treppe zurück und warten, wie?«
-
-»Ich möchte zuerst ... wo sind die Ermordeten?«
-
-»Natürlich! Das befürchtete ich ja! Nein, die lassen wir hübsch
-beiseite. Und das ist auch nichts für Sie!«
-
-»Ich weiß, wo sie sind, ich kenne das Haus.«
-
-»Nun, was, was wissen Sie? Ich bitte Sie, jetzt im Regen, im Nebel (da
-habe ich mir eine schöne Verpflichtung aufgeladen!) ... Hören Sie,
-Lisaweta Nicolajewna, entweder oder: Sie können mit mir auf die Droschke
-warten und gehen jetzt keinen Schritt weiter, oder aber, wenn Sie noch
-zwanzig Schritte weiter gehen, so erblickt uns Mawrikij Nicolajewitsch.«
-
-»Mawrikij Nicolajewitsch! Wo? Wo?«
-
-»Nun, wenn Sie zu ihm gehen wollen, so kann ich Sie meinethalben noch
-ein Stückchen begleiten und Ihnen zeigen, wo er steht. Ich selbst aber
-mache dann meinen ergebensten Diener: ich möchte jetzt nicht mit ihm
-sprechen.«
-
-»Er wartet auf mich, mein Gott!« Sie blieb plötzlich stehen und wurde
-über und über rot. --
-
-»Nun, was soll das! Wenn er ein Mensch ohne Vorurteile ist! Wissen Sie,
-Lisaweta Nicolajewna, das ist ja alles nicht mehr meine Sache, -- ich
-bin ja ganz unbeteiligt dabei, das wissen Sie selbst. Aber ich will doch
-Ihr Bestes ... Wenn es mit unserer >Barke< nun einmal nichts ist, wenn
-es sich herausgestellt hat, daß sie nur ein alter, verfaulter Kahn war,
-der nur noch zum Abbruch taugt ...«
-
-»Ach, wunderbar!« Lisa lachte hysterisch auf.
-
-»Ja, wunderbar, aber dabei fließen Ihnen die Tränen über die Wangen. Da
-ist mehr Festigkeit nötig. Die Frau soll den Männern nicht nachstehen.
-In unserer Zeit, wenn die Frau ... pfui, zum Teufel!« (Pjotr
-Stepanowitsch hätte beinahe ausgespuckt.) »Und die Hauptsache, nichts
-bedauern: vielleicht wird sich alles noch zum besten kehren. Mawrikij
-Nicolajewitsch ist ein Mensch ... mit einem Wort, ein gefühlvoller
-Mensch, wenn auch nicht gesprächig, was übrigens nichts auf sich hat,
-vorausgesetzt, daß er nur ein vorurteilsfreier Mensch ist ...«
-
-»Wunderbar, wunderbar,« lachte Lisa immer noch.
-
-»Ach nun, zum Teufel ... Lisaweta Nicolajewna,« sagte Pjotr
-Stepanowitsch plötzlich pikiert, »ich rede doch nur in Ihrem Interesse
-... denn was geht das schließlich mich an? Ich war Ihnen gestern zu
-Diensten, habe getan, was Sie selbst wollten, und heute ... Nun sehen
-Sie, von hier sieht man schon Mawrikij Nicolajewitsch! Dort steht er und
-sieht uns nicht. Haben Sie >Polinka Sachs< gelesen, Lisaweta
-Nicolajewna?« -- »Was ist das?«
-
-»Das ist eine Erzählung. Ich habe Sie als Student mal gelesen ... Da
-läßt ein Mann seine Frau auf der Villa wegen Untreue verhaften ...[53]
-Ah, nun, zum Teufel damit! Sie werden sehen, daß Mawrikij Nicolajewitsch
-Ihnen, noch bevor Sie zu Hause ankommen, einen Heiratsantrag macht. Er
-sieht uns noch immer nicht.«
-
-»Ach, möge er uns auch nicht sehen!« rief Lisa plötzlich in großer
-Angst. -- »Gehen wir fort, fort! In den Wald, aufs Feld!« Und sie lief
-zurück.
-
-»Aber Lisaweta Nicolajewna, das ist doch so kleinmütig!« rief Pjotr
-Stepanowitsch hinter ihr drein. »Und warum wollen Sie denn nicht, daß er
-Sie sieht? Im Gegenteil, blicken Sie ihm offen und stolz in die Augen
-... Wenn Sie etwa _deswegen_ ... ich meine, wegen der ... Jungfernschaft
-... so ist das doch das größte Vorurteil von allen, ist doch eine solche
-Rückständigkeit ... Aber wohin gehen Sie denn, wohin? Teufel, da läuft
-sie nun ... Kehren wir doch lieber zu Stawrogin zurück! Nehmen wir meine
-Droschke! ... Wohin laufen Sie? Dort ist das Feld, und ... So! -- da ist
-sie nun gefallen!«
-
-Er blieb stehen. Lisa war wie ein Vogel davongeflogen, ohne zu wissen,
-wohin. Pjotr Stepanowitsch war schon auf fünfzig Schritt
-zurückgeblieben. Da stolperte sie über einen kleinen Erdhügel und fiel.
-
-Im selben Augenblick hörte man einen kurzen Schrei: das war Mawrikij
-Nicolajewitsch, der sie jetzt plötzlich erblickt und fallen gesehen
-hatte, und im Augenblick schon quer über das Feld zu ihr lief.
-
-Pjotr Stepanowitsch stand im Nu hinter dem Parktor und zog sich dann
-schleunigst zurück, um sich ohne Zeitverlust in seine Droschke zu
-setzen.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch aber stand schon, angstvoll erschrocken, neben
-Lisa, half ihr aufstehen und hielt, über sie gebeugt, ihre Hand in
-seinen Händen. Das Unglaubliche, Unmögliche, das in dieser Begegnung
-lag, erschütterte ihn so, daß ihm Tränen über das Gesicht rannen. Er
-hatte sie erblickt, wie sie, die er so andächtig verehrte, wie
-wahnsinnig über das Feld lief, und das zu dieser Stunde, bei solchem
-Wetter, im Kleide, im zarten Kleide von gestern, das jetzt zerdrückt und
-vom Fall beschmutzt an ihr herabhing ... Er konnte kein Wort
-hervorbringen, nahm hastig seinen Mantel ab und bedeckte mit zitternden
-Händen ihre Schultern. Plötzlich schrie er auf: er hatte gefühlt, wie
-sie mit ihren Lippen seine Hand berührte.
-
-»Lisa!« rief er aus, »ich verstehe nichts, aber stoßen Sie mich nicht
-von sich!«
-
-»Oh, ja, gehen wir schnell von hier weg, verlassen Sie mich nicht!« und
-sie zog ihn an der Hand mit sich fort.
-
-»Mawrikij Nicolajewitsch,« erschreckt senkte sie die Stimme, »dort tat
-ich die ganze Zeit sehr tapfer, aber hier fürchte ich den Tod. Ich werde
-sterben, ich werde bald sterben, aber ich fürchte mich zu sterben,«
-flüsterte sie, und preßte krampfhaft seine Hand.
-
-»Oh, wenn doch irgend jemand! ...« er blickte sich in Verzweiflung um.
-»Wenn doch ein Vorüberfahrender! Ihre Füße werden naß, Sie ... werden
-den Verstand verlieren!«
-
-»Tut nichts, tut nichts,« beruhigte sie ihn, »mit Ihnen zusammen fürchte
-ich mich weniger, halten Sie mich an der Hand, führen Sie mich ... Wohin
-gehen wir jetzt? Nach Hause? Nein, ich will zuerst die Leichen sehn! Die
-Menschen sagen, daß man seine Frau ermordet hat, er aber sagt, er habe
-sie selbst ermordet; aber das ist doch nicht wahr, das ist doch nicht
-wahr? Ich möchte selbst die Ermordeten sehen ... die für mich ...
-ihretwegen hat er diese Nacht aufgehört, mich zu lieben ... Ich werde
-sie sehen und alles erfahren. Schnell, schnell, ich kenne dieses Haus
-... es hat dort gebrannt ... Mawrikij Nicolajewitsch, mein Freund,
-verzeihen Sie mir Ehrlosen nicht! Warum mir verzeihen? -- Warum weinen
-Sie? Geben Sie mir eine Ohrfeige und schlagen Sie mich tot hier auf dem
-Felde, wie einen Hund!«
-
-»Niemand ist jetzt Ihr Richter,« sagte Mawrikij Nicolajewitsch fest,
-»möge Gott Ihnen verzeihen, am wenigsten von allen aber bin ich Ihr
-Richter!«
-
-Doch sonderbar wäre es, wollte man ihr Gespräch wiedergeben. Dabei
-gingen sie weiter, Hand in Hand, schnell und eilig, wie Halbwahnsinnige
--- gerade in der Richtung zur Brandstätte.
-
-Mawrikij Nicolajewitsch hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben,
-irgendwo einen Wagen anzutreffen, aber ringsum blieb alles still und
-leer. Ein feiner, dünner Nebelregen verschleierte die ganze Landschaft.
-Jedes Licht und jede Farbe sog er auf und verwandelte Nähe und Ferne,
-Himmel und Erde unterschiedslos in eine einzige rauchige, bleierne
-Masse. Es war schon längst Tag und doch schien es noch nicht hell
-geworden zu sein. Und plötzlich tauchte aus diesem rauchigen, kalten
-Nebel eine Gestalt auf und kam den beiden entgegen, eine eigentümliche,
-seltsame Figur.
-
-Ich glaube, ich hätte meinen Augen nicht getraut, wenn ich an Lisaweta
-Nicolajewnas Stelle gewesen wäre; sie aber, im Gegenteil, sie schrie
-freudig auf und erkannte den Menschen sofort: Es war Stepan
-Trophimowitsch.
-
-Auf welche Weise er aus dem Hause gekommen war, wie er den Gedanken der
-Flucht, diese erklügelte Idee, verwirklicht hatte -- davon später.
-
-Er wird wohl schon an diesem Morgen Fieber gehabt haben, aber selbst die
-Krankheit, von der er übrigens selber vielleicht nichts gemerkt hat,
-vermochte ihn nicht zurückzuhalten. Tapfer stapfte er auf dem vom Regen
-aufgeweichten Wege darauf los. Offenbar hatte er bei seinem Unternehmen
-möglichst allein sein wollen, trotz seiner ganzen Lebensunerfahrenheit.
-
-Angezogen war er reisemäßig, das heißt, er hatte einen Mantel an, der
-von einem breiten lackledernen Gurt zusammengehalten wurde. Die
-Beinkleider staken in hohen, glänzenden Stiefelschäften, in denen er
-noch nicht recht zu gehen verstand. Augenscheinlich war alles neu und
-erst in diesen Tagen angeschafft. Ein Hut mit breitem Rand, ein
-wollener, fest um den Hals geschlungener Schal, ein Stock in der rechten
-Hand und in der Linken ein kleiner, aber sehr fest vollgestopfter
-Reisesack, vollendeten sein Kostüm. In derselben rechten Hand hielt er
-dann noch einen aufgespannten Regenschirm. Diese drei Gegenstände zu
-schleppen, den Regenschirm, den Stock und den Handkoffer, war ihm schon
-in der ersten Stunde recht unbequem, in der zweiten aber bereits
-furchtbar schwer.
-
-»Sind Sie das wirklich?« rief Lisa, und betrachtete ihn mit einem
-traurigen Erstaunen, nachdem der erste Ausbruch ihrer unbewußten Freude
-vorüber war.
-
-»_Lise!_« fuhr Stepan Trophimowitsch auf. »_Chère, chère_, sind Sie es
-wirklich ... in diesem Nebel? Sehen Sie, das Morgenrot! _Vous êtes
-malheureuse, n'est-ce pas?_{[191]} Ich sehe, ich sehe schon, erzählen
-Sie nichts und fragen Sie auch mich nicht. _Nous sommes tous malheureux,
-mais il faut les pardonner tous. Pardonnons, Lise_,{[192]} und wir
-werden frei sein auf ewig. Um sich von der Welt zu lösen und vollständig
-frei zu werden -- _il faut pardonner, pardonner et pardonner_!«{[193]}
-
-»Aber warum knien Sie denn vor mir nieder?«
-
-»Weil ich, indem ich von der Welt Abschied nehme, in Ihrem Bilde von
-meinem ganzen vergangenen Leben Abschied nehmen will!« Er weinte und
-führte ihre beiden Hände an seine verweinten Augen. »Ich knie jetzt vor
-allem, was in meinem Leben schön war, ich küsse es und danke ihm! Jetzt
-habe ich mich in zwei Hälften geteilt: dort der Wahnsinnige, der vom
-Himmel träumte, _vingt-deux ans_!{[194]} hier der niedergebeugte und
-verfrorene alte Erzieher ... _chez ce marchand, s'il existe pourtant ce
-marchand_{[195]} ... Aber wie Sie durchnäßt sind, _Lise_!« rief er
-plötzlich, wieder aufstehend, denn er fühlte, daß auch seine Knie auf
-der feuchten Erde naß geworden waren. »Und wie ist das möglich, Sie in
-diesem Kleide? ... und zu Fuß, und auf freiem Felde ... Sie weinen?
-_Vous êtes malheureuse?_ Ja richtig, ich habe doch etwas gehört ... Aber
-woher kommen Sie denn?« verdoppelte er seine Fragen, mit tiefer
-Verwunderung Mawrikij Nicolajewitsch ansehend, »_mais savez-vous l'heure
-qu'il est_?«{[196]}
-
-»Stepan Trophimowitsch, haben Sie dort etwas von Ermordeten gehört ...
-Ist es wahr? Ist es wahr?«
-
-»Diese Menschen! Ich sah den Feuerschein ihrer Taten die ganze Nacht am
-Himmel. Sie konnten ja gar nicht anders enden!« (Seine Augen flammten
-wieder auf.) »Ich laufe aus dem Dunst eines Fiebertraumes, laufe und
-suche Rußland, -- _existe-t-elle la Russie? Bah, c'est vous, cher
-capitaine!_{[197]} Niemals habe ich daran gezweifelt, daß ich Sie bei
-einem großen Ereignis treffen würde. ... Nehmen Sie aber wenigstens
-meinen Schirm! Und -- warum denn gerade zu Fuß? Um Gottes willen, nehmen
-Sie doch wenigstens meinen Schirm, denn ich werde sowieso irgendwo ein
-Fuhrwerk mieten. Sehen Sie, ich bin darum zu Fuß, weil _Stasie_« (das
-heißt: Nastassja) »es sonst durch die ganze Stadt geschrien hätte, daß
-ich fortfahre! So bin ich möglichst inkognito entschlüpft. Ich weiß
-nicht, in der Zeitung schreibt man jetzt von Mord und Totschlag auf den
-Landstraßen -- aber es kann doch nicht sein, denke ich, daß mich Räuber
-überfallen? _Chère Lise_, sagten Sie nicht, man hätte jemand ermordet?
-_Oh, mon Dieu_,{[198]} wie sehen Sie aus?«
-
-»Gehen wir, gehen wir!« rief Lisa wieder hysterisch weinend, und zog
-Mawrikij Nicolajewitsch mit sich fort. »Warten Sie, Stepan
-Trophimowitsch,« sie kehrte plötzlich zu ihm zurück, »warten Sie, lieber
-Armer, ich werde Sie segnen. Vielleicht wäre es besser, Sie zu binden,
-aber ich segne Sie lieber. Beten auch Sie für die >arme< Lisa -- so, ein
-wenig, ohne sich zu sehr anzustrengen, ja? Mawrikij Nicolajewitsch,
-geben Sie diesem Kinde seinen Schirm wieder, geben Sie unbedingt,
-unbedingt! So ... Gehen wir, gehen wir!«
-
-Sie langten vor dem verhängnisvollen Hause gerade in dem Augenblicke an,
-als die Volksmenge, die sich dort angesammelt hatte, davon sprach, wie
-vorteilhaft es für Stawrogin doch sei, daß man »seine Frau« ermordet
-hatte. Einige waren sehr erregt. Andere hörten schweigend zu. Am
-lebhaftesten ging es wie gewöhnlich unter den Angetrunkenen her:
-Schreihälse, Leute aller Art standen in Gruppen zusammen und erörterten
-heftig gestikulierend das Geschehene. Besonders fiel mir wieder jener
-Kleinbürger auf, der Schmied, den man sonst als stillen Menschen kannte,
-der aber, wenn ihn etwas seelisch aus dem Gleichgewicht brachte, dann
-plötzlich aus Rand und Band geraten konnte.
-
-Ich habe davon, was jetzt geschah, nicht alles gesehen: zu oft schob
-sich die Menge vor.
-
-Zuerst erblickte ich Lisa, plötzlich mitten im dichtesten Haufen, und
-ich erstarrte vor Schreck. Mawrikij Nicolajewitsch sah ich dagegen
-nicht, wahrscheinlich war er im Gedränge von ihr abgekommen, vielleicht
-nur auf ein paar Schritte. Natürlich mußte Lisa, die sich wie eine
-Irrsinnige durch die Menge drängte, allen auffallen, alle erregen.
-
-»Da ist die Stawroginsche!« rief mit einemmal jemand.
-
-»Sie morden nicht nur, sie wollen sich die Bescherung auch noch
-ansehen!« rief ein anderer.
-
-In diesem Augenblick sah ich, wie über ihrem Haupte eine Hand sich erhob
-und auf sie niederschlug.
-
-Lisa stürzte zu Boden.
-
-Hinter ihr ertönte ein wilder Schrei und Mawrikij Nicolajewitsch suchte
-sich mit aller Kraft zu ihr Bahn zu brechen und riß und stieß den
-Menschen, der ihm im Wege stand. Da wurde auch er schon von eben jenem
-Kleinbürger gepackt und zu Boden geworfen. Für einen Augenblick
-verschwamm alles im Gewühl. Einmal sah ich auch Lisa wieder: sie hatte
-sich erhoben, aber da traf sie schon ein zweiter, noch furchtbarerer
-Schlag. Ich konnte nichts mehr sehen. Da drängte aber die Menge schon
-zurück, es bildete sich ein leerer Kreis um die wie tot Daliegende: über
-sie gebeugt sah ich Mawrikij Nicolajewitsch, blutüberströmt, wimmernd
-vor Schmerz und verzweifelnd die Hände ringend. Ich weiß nicht mehr, was
-weiter geschah. Aber ich erinnere mich noch, wie ich plötzlich sah, daß
-man Lisa davontrug: man sagte, sie lebte noch.
-
-Der Schmied und noch drei andere wurden verhaftet. Vor Gericht erklärten
-sie später, daß sie selbst nicht wüßten, wie es eigentlich geschehen
-war. Auch ich war als Zeuge geladen und auch ich konnte nichts anderes
-aussagen, als daß es sich meiner Meinung nach um eine jähe, blinde und
-gleichsam zufällige Tat der Menge gehandelt hatte, um eine fast
-unbeabsichtigte, ja fast sogar unbewußte Tat, bei der es Schuldige
-eigentlich nicht gab. Das ist auch jetzt noch meine Meinung.
-
-
-
-
- Neunzehntes Kapitel.
- Der letzte Beschluß
-
-
- I.
-
-An diesem Morgen ist Pjotr Stepanowitsch von sehr vielen gesehen worden,
-und sie alle sagen jetzt aus, er habe sich in einem ungewöhnlich
-angeregten Zustande befunden.
-
-Um zwei Uhr nachmittags sprach er bei Gaganoff vor, der erst vor einem
-Tage von seinem Gut in die Stadt gekommen war und bei dem sich nun ein
-ganzer Schwarm von Gästen eingefunden hatte, die alle viel und eifrig
-über die Ereignisse sprachen. Dort hatte Pjotr Stepanowitsch dann noch
-weit mehr als die anderen gesprochen und schließlich auch erreicht, was
-er wollte. Vor allem sprach er über Julija Michailowna, ein Thema, das
-nach dem Vorgefallenen natürlich ungemein interessierte. Er erzählte von
-ihr, als ihr Vertrauter, der er kürzlich noch gewesen war, viele
-unerwartete Einzelheiten, und aus Versehen, selbstredend nur aus
-Versehen, teilte er einige ihrer Bemerkungen über einzelne allen
-bekannte Persönlichkeiten mit, womit er sofort die Eigenliebe mehrerer
-Anwesenden empfindlich traf. Es kam bei ihm heute alles so unklar und
-wirr heraus, ganz so wie bei einem nicht sehr schlauen Menschen, der
-sich von seinem ehrlichen Gewissen gezwungen sieht, so schnell wie
-möglich einen ganzen Berg angesammelter Mißverständnisse abzutragen, und
-der nun in seiner gradherzigen Ungewandtheit selbst nicht weiß, wo er
-anfangen und wo er enden soll. Ziemlich unvorsichtig, selbstverständlich
-nur unvorsichtig wirkte es auch, als er die Bemerkung fallen ließ, daß
-Julija Michailowna um das Ehegeheimnis Stawrogins gewußt und die ganze
-Intrige geleitet habe. In dieser Weise habe sie dann auch ihn, Pjotr
-Stepanowitsch, »hereingezogen«, weil er doch auch in diese arme Lisa
-verliebt war, und dabei habe sie ihn sogar so »gehandhabt«, daß er Lisa
-_beinahe_ selbst im Wagen zu Stawrogin begleitet hätte.
-
-»Ja, ja, meine Herren, Sie haben gut lachen, aber wenn ich nur gewußt
-hätte, wenn ich's nur gewußt hätte, womit das alles enden würde!« schloß
-er sein Gerede.
-
-Auf verschiedene erregte Fragen nach Stawrogin erklärte er noch, und
-zwar mit unerschütterlicher Bestimmtheit, daß die ganze Katastrophe mit
-den Lebädkins bloß ein reiner Zufall wäre: schuld an ihr sei einzig und
-allein Lebädkin selbst, da er das erhaltene Geld offen in den Kneipen
-gezeigt hatte. Das setzte er ganz besonders gut auseinander.
-
-Einer der Zuhörer bemerkte darauf, daß er sich vergeblich »verstelle«,
-daß er im Hause Julija Michailownas gegessen, getrunken und fast schon
-geschlafen habe, nun aber sie als erster verleumde -- was doch wohl
-nicht gerade so schön sei, wie er zu glauben scheine.
-
-Doch Pjotr Stepanowitsch verteidigte sich sofort:
-
-»Ich habe nicht deswegen dort gegessen und getrunken, weil ich kein Geld
-für meine Kost ausgeben wollte, und kann nichts dafür, daß man mich
-immer eingeladen hat. Im übrigen erlauben Sie mir wohl, selbst zu
-beurteilen, wie viel Dankbarkeit ich dafür jemandem schuldig bin.«
-
-Der Eindruck, den seine langen, krausen Reden machten, war im
-allgemeinen für ihn durchaus vorteilhaft. »Mag er auch nicht von weitem
-her sein,« meinte man im allgemeinen, denn einige in dem Kreise hielten
-ihn in der Tat nur für einen unbedeutenden Studenten oder für nicht sehr
-viel mehr, »aber was kann er denn für Julija Michailownas Dummheiten? Im
-Gegenteil, jetzt stellt es sich ja heraus, daß er sie noch
-zurückgehalten hat ...«
-
-Plötzlich, noch während er bei Gaganoff war, bald nach zwei Uhr, kam die
-Nachricht, daß Stawrogin, über den so viel geredet wurde, mit dem
-Mittagszuge nach Petersburg abgereist sei. Diese Kunde überraschte alle
-nicht wenig und erregte neue Dispute; viele runzelten die Stirn. Pjotr
-Stepanowitsch war so betroffen, daß, wie man erzählt, sein ganzes
-Gesicht sich veränderte und er sonderbar ausrief: »Wer hat ihn denn
-fortlassen können?« Und er verließ sogleich die Gesellschaft. Aber man
-hat ihn an diesem Tage noch in drei oder vier anderen Häusern gesehen.
-
-In der Dämmerstunde gelang es ihm endlich, wenn auch erst nach vieler
-Mühe, zu Julija Michailowna, die nichts mehr von ihm wissen wollte,
-vorzudringen. Von dieser ihrer Begegnung erfuhr ich erst drei Wochen
-später, und zwar von Julija Michailowna selbst, -- es war kurz vor ihrer
-Abreise nach Petersburg: sie teilte mir allerdings nichts Näheres mit,
-sondern bemerkte nur zusammenschaudernd, er hätte sie damals »über alle
-Maßen in Erstaunen versetzt«. Ich nehme an, daß er ihr einfach gedroht
-hat, sie als Helfershelferin anzuzeigen, wenn es ihr einfiele, irgend
-etwas zu »sagen«. Die Notwendigkeit aber, sie einzuschüchtern, war mit
-seinen damaligen Absichten, die sie natürlich nicht kannte, eng
-verbunden, und erst später, nach fünf Tagen, erriet sie, warum er ihrem
-Schweigen noch nicht getraut und sich vor neuen Ausbrüchen ihres
-Unwillens gefürchtet hatte.
-
-Es war gegen acht Uhr abends und schon ganz dunkel, als am Rande der
-Stadt, in einem kleinen, schiefen Häuschen, in dem der Fähnrich Erkel
-wohnte, die _Unsrigen_ sich versammelten. Diese Zusammenkunft der »Fünf«
-war von Pjotr Stepanowitsch selbst angesagt worden, er aber, der
-präsidieren sollte, verspätete sich unverzeihlich: die fünf warteten
-schon über eine Stunde auf ihn. Der junge Erkel war derselbe Fähnrich,
-der an jenem Abend bei Wirginski die ganze Zeit mit einem Bleistift in
-der Hand und einem Notizbuch vor sich stumm dagesessen hatte. Er war vor
-nicht langer Zeit bei uns eingetroffen, hatte sich in einer stillen
-Gasse am Rande der Stadt bei zwei alten Schwestern aus dem Bauernstande
-eingemietet und sollte schon bald wieder wegreisen. Bei ihm nun war es
-wohl am unauffälligsten, sich zu versammeln. Dieser sonderbare Junge
-zeichnete sich durch eine ganz außergewöhnliche Schweigsamkeit aus: er
-konnte zehn Abende in lustiger Gesellschaft und bei den ungewöhnlichsten
-Gesprächen zubringen, ohne selbst ein Wort zu sprechen, und bloß mit
-seinen großen Kinderaugen aufmerksam die Sprechenden beobachten und
-ihnen zuhören. Sein Gesicht war reizend und sogar durchaus nicht dumm.
-Zur »Fünf« gehörte er zwar nicht, doch die anderen glaubten, er hätte
-irgendwelche besonderen Aufträge. Jetzt weiß man, daß er überhaupt keine
-Aufträge gehabt hat und vielleicht selbst nicht einmal seine Stellung zu
-den anderen begriff. Er richtete sich einfach in allen Dingen nach Pjotr
-Stepanowitsch, den er erst vor kurzem kennen gelernt hatte. Ich glaube,
-wenn er statt seiner irgendein Monstrum kennen gelernt hätte und von
-diesem unter irgendeinem sozial-romantischen Vorwande überredet worden
-wäre, eine Räuberbande zu gründen und zur Kraftprobe irgendeinen ersten
-Besten zu ermorden und zu bestehlen -- er hätte es getan, er wäre
-hingegangen und hätte den ersten Besten ermordet und bestohlen. Er besaß
-noch irgendwo eine kranke Mutter, der er die Hälfte seines armseligen
-Gehaltes zuschickte, -- wie muß die wohl dieses blonde Köpfchen ihres
-Einzigen geküßt, wie für ihn gezittert, wie für ihn gebetet haben! Ich
-erzähle so viel von ihm, weil er mir so leid tut.
-
-Die Versammelten waren sehr erregt. Die Ereignisse der letzten Nacht
-hatten sie doch betroffen gemacht, und ich glaube, ihnen war sogar recht
-bange geworden. Der simple, wenn auch systematisch vorbereitete Skandal,
-an dem sie bis jetzt so eifrig Anteil genommen, hatte sich plötzlich auf
-eine für sie ganz unerwartete Weise entladen. Der Brand, die Ermordung
-der Lebädkins, die Wut des Volkes auf Lisa und deren Tod -- das waren
-lauter Überraschungen, die sie in ihrem Programm nicht vorgesehen
-hatten. Erregt warfen sie der sie lenkenden Hand Despotismus und
-Unaufrichtigkeit vor, und, während sie nun auf Pjotr Stepanowitsch
-warteten, redeten sie sich so in Hitze, daß sie zum Schluß beschlossen,
-endgültig eine kategorische Erklärung von ihm zu verlangen; sollte er
-aber auch diesmal eine Antwort umgehen wollen, so wollte man die »Fünf«
-einfach auflösen und an ihrer Stelle einen neuen geheimen Verband zur
-»Propaganda der Idee« gründen -- jetzt aber von sich aus und auf
-wirklich gleichberechtigenden und demokratischen Grundsätzen. Liputin,
-Schigaleff und der Volkskenner unterstützten besonders diesen Gedanken.
-Lämschin schwieg, doch sah er einverstanden aus. Wirginski war noch
-unentschlossen und wollte erst noch Pjotr Stepanowitsch anhören. Und so
-kam denn der Beschluß zustande, nach dem man zuerst Pjotr Stepanowitsch
-noch einmal vernehmen sollte. Dieser aber kam noch immer nicht; eine
-solche Vernachlässigung trug entschieden nicht zur Beruhigung der
-Gemüter bei. Erkel schwieg natürlich und reichte bloß den Tee herum, den
-er persönlich von den beiden Schwestern in Gläsern auf einem Teebrett
-brachte, da er das Dienstmädchen nicht hereinlassen wollte und auch den
-Samowar nicht im Zimmer aufstellen ließ.
-
-Endlich erschien Pjotr Stepanowitsch. Es war schon neun Uhr. Er trat mit
-schnellen Schritten an den runden Tisch vor dem Sofa, an dem die
-Gesellschaft Platz genommen hatte, behielt die Mütze in der Hand und für
-Tee dankte er. Er sah böse, streng und hochmütig aus. Offenbar hatte er
-den Gesichtern sofort angemerkt, daß man »rebellierte«.
-
-»Bevor ich meinen Mund aufmache, bringen Sie Ihre Sachen vor. Scheinen
-ja so was zu beabsichtigen,« bemerkte er mit einem bösen Spottlächeln,
-während seine Augen über die Physiognomien glitten.
-
-Da begann Liputin »im Namen aller« und erklärte mit einer Stimme, der
-man das Gekränktsein anhörte, daß man, wenn man so fortfahren wollte, um
-seinen eigenen Kopf spielte. Oh, nicht, daß sie sich fürchteten, nein,
-durchaus nicht, und sie seien sogar zu allem bereit, jedoch nur für die
-allgemeine Sache! (Bewegung und Zustimmung der anderen.) Darum soll man
-aber aufrichtig zu ihnen sein, damit sie im voraus Bescheid wüßten, denn
-»wohin soll das sonst führen?« (wieder zustimmende Bewegung und ein paar
-dumpfe Kehllaute). So zu handeln sei aber erniedrigend und gefährlich
-... Nicht, daß man sich fürchte, wie gesagt, aber wenn nur ein einziger
-handeln wolle und die anderen bloß gehorchen müßten, so könne zum
-Beispiel dieser eine lügen und die anderen fielen dann alle »wie die
-Tölpel herein«, (Ausrufe: ja, ja! Allgemeine Zustimmung.)
-
-»Zum Teufel, was wollen Sie denn?«
-
-»Was für eine Beziehung haben die Intrigen des Herrn Stawrogin zu der
-allgemeinen Sache?« brauste Liputin auf. »Mag er da meinetwegen auf
-irgendeine geheimnisvolle Weise zur Zentrale gehören, -- wenn nur diese
-phantastische Zentrale überhaupt existiert! -- Das ist es, was wir
-wissen wollen! Und währenddessen wird ein Mord begangen, die Polizei
-aufgeweckt -- und nach dem Faden kann man bis zum Knäuel gehen.«
-
-»Sie werden mit diesem Stawrogin schon hereinfallen, und wir
-gleichfalls,« fügte der Volkskenner hinzu.
-
-»Und ganz unnütz für die allgemeine Sache,« schloß Wirginski wehmütig.
-
-»Welch ein Blödsinn! Dieser Mord ist ein Zufall, von Fedjka begangen, um
-zu rauben.«
-
-»Hm! Ein merkwürdiges Zusammentreffen,« meinte Liputin gewunden.
-
-»Aber wenn Sie wollen, so sind gerade Sie daran schuld.«
-
-»Wieso ich?«
-
-»Ja, gerade Sie. Erstens haben Sie selbst an dieser Intrige
-teilgenommen, und zweitens, die Hauptsache, Ihnen war befohlen, Lebädkin
-fortzuschicken, das Geld hatten Sie schon erhalten -- was aber taten
-Sie? Wenn Sie ihn fortgeschickt hätten, wäre nichts passiert.«
-
-»Was? Aber waren denn Sie es nicht selbst, der die Idee gab, daß es
-nicht übel wäre, wenn man ihn das Gedicht vorlesen ließe?«
-
-»Eine Idee ist kein Befehl. Der Befehl war: abschicken!«
-
-»Befehl! Ein etwas sonderbarer Ausdruck ... Nein, im Gegenteil, Sie
-befahlen ja gerade, das Abschicken aufzuschieben.«
-
-»Sie haben sich getäuscht und nichts als Dummheit und Eigenmächtigkeit
-gezeigt. Der Mord aber ist Fedjkas Sache, und der hat ihn aus keinem
-anderen Grunde begangen, als dem, zu rauben. Sie hören bloß, daß man so
-redet, und schon glauben Sie alles aufs Wort! Haben ja einfach Angst
-bekommen! Stawrogin ist nicht so dumm, und der Beweis -- er ist um zwölf
-Uhr mittags nach einer Aussprache mit dem Vizegouverneur fortgefahren:
-wenn etwas derartiges gewesen wäre, so hätte man ihn nicht am hellichten
-Tage nach Petersburg reisen lassen!«
-
-»Aber wir behaupten ja gar nicht, daß Herr Stawrogin selber ermordet
-hat!« versetzte Liputin bissig und schon ohne Zurückhaltung. »Er hat
-sogar überhaupt nichts davon wissen können, ganz so wie ich; Sie aber
-wissen nur zu gut, daß ich von nichts wußte, wenn ich auch gleichzeitig
-selber wie ein Schaf in den Kessel kroch!«
-
-»Wen beschuldigen Sie denn?« fragte Pjotr Stepanowitsch und sah ihn
-finster an.
-
-»Ja, eben dieselben, die es nötig haben, Städte in Brand zu stecken.«
-
-»Das Dümmste ist dabei, daß Sie sich herauszureden suchen. Übrigens,
-wollen Sie nicht so freundlich sein, das durchzulesen und dann den
-anderen zu zeigen. Nur zur Kenntnisnahme.« Mit diesen Worten zog er
-Lebädkins Brief an Lembke aus der Tasche und reichte ihn Liputin. Der
-las den Brief augenscheinlich erstaunt durch und reichte ihn dann
-nachdenklich dem nächsten. Der Brief machte schnell die Runde um den
-Tisch.
-
-»Ist das aber auch wirklich Lebädkins Handschrift?« erkundigte sich
-Schigaleff.
-
-»Ja, es ist seine Handschrift,« bestätigten Liputin und Tolkatschenko
-(der Volkskenner).
-
-»Ich zeigte ihn nur zur Kenntnisnahme, und da ich wußte, daß Sie sich
-Lebädkins Tod so zu Herzen nehmen,« sagte Pjotr Stepanowitsch, indem er
-den Brief wieder zu sich steckte. »Auf diese Weise hat uns nun Fedjka
-vollkommen zufällig von einem sehr gefährlichen Menschen befreit. So
-kann einem manchmal der _Zufall_ zustatten kommen! Lehrreich, nicht
-wahr?«
-
-Die fünf tauschten schnell vielsagende Blicke aus.
-
-»Jetzt aber, meine Herren, ist die Reihe an mir, zu fragen,« sagte Pjotr
-Stepanowitsch, und nahm eine steifere Haltung an. »Gestatten Sie mir,
-Sie zu fragen, aus welchem Grunde Sie ohne Erlaubnis die Stadt in Brand
-gesteckt haben?«
-
-»Wa--as! Was heißt das? Wir die Stadt in Brand gesteckt? Der Kerl ist
-wohl krank!« ertönten erregte Ausrufe in der Runde.
-
-»Ich verstehe ja, Sie waren schon zu sehr in Schwung gekommen,« fuhr
-Pjotr Stepanowitsch unbeirrt fort, »aber so etwas ist doch nicht mehr
-ein Skandälchen mit Julija Michailowna. Ich habe Sie, meine Herren,
-hierhergerufen, um Ihnen die Größe der Gefahr zu zeigen, einer Gefahr,
-die Sie sich so dumm auf den Hals geladen haben und die jetzt außer
-Ihnen noch so viele andere bedroht.«
-
-»Erlauben Sie, wir wollten gerade Sie auf diesen Grad von Despotismus,
-mit dem man hinter dem Rücken der Mitglieder eine so ernste und zugleich
-so sonderbare Maßregel getroffen hat, aufmerksam machen,« sagte fast
-unwillig der bis dahin schweigsame Wirginski.
-
-»Sie leugnen also? Ich aber behaupte, daß Sie die Stadt in Brand
-gesteckt haben, Sie allein, meine Herren, und sonst niemand. Meine
-Herren, leugnen Sie es nicht, ich bin genau unterrichtet. Mit Ihrer
-eigenmächtigen Handlung haben Sie sogar die allgemeine Sache der Gefahr
-ausgesetzt. Sie sind hier nur ein einziger kleiner Knoten in einem
-riesigen Netz, und sind der Zentrale blinden Gehorsam schuldig.
-Währenddessen haben aber drei von Ihnen die Spigulinschen zur
-Brandstiftung überredet, ohne dazu auch nur die geringste Instruktion zu
-haben.«
-
-»Welche drei? Wer das? Welche drei von uns?«
-
-»Vorgestern haben Sie, Tolkatschenko, gegen vier Uhr nachts Fomka
-Sawjäloff in der Kneipe >Zum Vergißmeinnicht< zur Brandstiftung
-beredet.«
-
-»Aber hören Sie mal!« rief dieser aufspringend. »Ich habe ihm kaum ein
-Wort gesagt, ja, und selbst das ganz absichtslos, ganz einfach, nur so,
-weil man ihn mit den anderen am Morgen geprügelt hatte! Und ich ließ es
-gleich wieder bleiben, da ich sah, daß er doch zu betrunken war. Hätten
-Sie mich jetzt nicht daran erinnert, so würde ich es überhaupt ganz
-vergessen haben! Von diesem einen Worte konnte kein Brand entstehen!«
-
-»Sie sind wie der Mann, der sich wundert, daß von einem einzigen kleinen
-Funken eine ganze Pulverfabrik in die Luft fliegt.«
-
-»Ich habe es ihm in der Ecke und flüsternd ins Ohr gesagt ... Wie haben
-Sie das überhaupt erfahren können?« fragte plötzlich Tolkatschenko,
-selbst ganz betroffen.
-
-»Ich saß dort unterm Tisch. Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren,
-ich weiß jeden einzelnen Ihrer Schritte. Sie belieben hämisch zu
-lächeln, Herr Liputin? Ich weiß aber, zum Beispiel, daß Sie vorgestern
-um Mitternacht in Ihrem Schlafzimmer Ihre Frau gekniffen haben.«
-
-Liputin blieb der Mund offen und er wurde blaß.
-
-(Später stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch von dieser
-nächtlichen Heldentat Liputins durch dessen Magd Agafja, der er von
-Anfang an für Spionage Geld gezahlt hatte, unterrichtet worden war.)
-
-»Dürfte ich eine Tatsache konstatieren?« fragte plötzlich Schigaleff,
-sich vom Stuhl erhebend.
-
-»Konstatieren Sie.«
-
-Schigaleff setzte sich und sammelte seine Gedanken.
-
-»Soweit ich verstanden habe, und man kann ja da gar nichts mißverstehen,
-haben Sie selbst in der ersten Zeit und später noch einmal äußerst
-beredt -- wenn auch gar zu theoretisch -- von Rußland ein Bild
-entworfen, nach dem es von einem endlosen Netz von Fünfergruppen bedeckt
-ist. Jede der tätigen Gruppen hat, indem sie Proselyten macht und sich
-ins Endlose verzweigt, die Aufgabe, mit systematisch sich ausbreitender
-Propaganda das Ansehen der Regierung und ihrer Vertreter zu untergraben,
-in den Dörfern Zweifel, Zynismus, Skandale, volle Glaubenslosigkeit um
-jeden Preis zu verbreiten, was dann alles die Sehnsucht nach einem
-besseren Zustande hervorrufen soll, und schließlich mit Brandstiftungen,
-als dem volkstümlichsten Mittel, das Land im vorgeschriebenen Moment,
-wenn's nicht anders geht, selbst ins Verderben zu stürzen. -- Sind das
-Ihre Worte, die buchstäblich zu behalten ich mich bemüht habe? Ist das
-Ihr Programm, das Sie in der Eigenschaft eines von dem Zentralkomitee
-Bevollmächtigten uns mitgeteilt haben? eines zentralen, aber für uns bis
-jetzt vollkommen unbekannten und nahezu phantastischen Komitees?«
-
-»Allerdings, nur könnten Sie sich kürzer fassen.«
-
-»Jeder hat das Recht, so zu sprechen, wie er spricht. Indem Sie uns zu
-verstehen geben, daß es solcher einzelnen Knotenpunkte eines großen
-Netzes, das ganz Rußland bedeckt, schon mehrere hundert gibt, und indem
-Sie die Voraussetzung entwickeln, daß, falls jede Gruppe ihre Sache
-erfolgreich macht, ganz Rußland zum festgesetzten Termin, auf das Signal
-...«
-
-»Ach, zum Teufel, auch ohne Sie hat man schon genug zu tun!« fiel ihm
-Pjotr Stepanowitsch ungeduldig ins Wort und bewegte sich auf seinem
-Sessel.
-
-»Gut, ich werde mich kürzer fassen und nur noch eine Frage stellen: wir
-haben doch schon mehrere Skandale hier gehabt, wir haben die
-Unzufriedenheit der Bevölkerung gesehen, wir waren anwesend und
-beteiligten uns bei dem Sturz der hiesigen Administration und, endlich,
-sahen wir mit eigenen Augen den Brand. Womit sind Sie nun unzufrieden?
-Ist das nicht Ihr Programm? Und wessen können Sie uns beschuldigen?«
-
-»Der Eigenmächtigkeit!« schrie Pjotr Stepanowitsch jähzornig auf.
-»Solange ich hier bin, haben Sie nicht das Recht, ohne meine Erlaubnis
-zu handeln. Basta! Jetzt ist die Anzeige bereits fertig und vielleicht
-morgen oder heute Nacht schon wird man Sie alle verhaften. Da haben Sie
-es jetzt! Ich weiß es genau.«
-
-Nun blieben schon alle Münder offen.
-
-»Man wird Sie nicht nur als Brandstifter verhaften, sondern als >Fünf<!
-Dem Denunzianten ist das ganze Geheimnis des Netzes bekannt. Sehen Sie
-jetzt, was Sie da angerichtet haben!«
-
-»Bestimmt Stawrogin!« rief Liputin plötzlich.
-
-»Wie ... warum Stawrogin?« Pjotr Stepanowitsch stockte gleichsam. »Nein
---« er faßte sich sofort wieder »-- es ist Schatoff! Ich nehme an, Sie
-wissen alle, daß Schatoff seinerzeit auch zu uns gehörte. Ich muß
-gestehen, daß ich, der ich ihn von Personen, denen er vertraute, habe
-beobachten lassen, zu meinem Erstaunen erfahren mußte, daß ihm sogar die
-ganze weitere Einrichtung des Netzes kein Geheimnis ist, und daß er ...
-mit einem Wort -- alles weiß. Um sich nun von der Beschuldigung der
-früheren Teilnahme zu befreien, will er jetzt alle anzeigen. Bis gestern
-schwankte er vielleicht noch und ich schonte ihn. Jetzt aber haben Sie
-ihm mit dieser Brandstiftung den letzten Stoß versetzt: jetzt ist er
-erschüttert, aufgebracht, entschlossen. Morgen werden wir alle verhaftet
-... als Brandstifter und politische Verbrecher.«
-
-»Ist das wahr? ... Wie kann Schatoff das wissen? ...«
-
-Die Aufregung war unbeschreiblich.
-
-»Es ist vollkommen wahr. Ich habe nicht das Recht, Ihnen die Wege, auf
-denen ich alles erfahren habe, mitzuteilen. Nur eines kann ich für Sie
-tun: durch einen Menschen kann ich auf Schatoff so weit einwirken, daß
-er, ohne Verdacht zu schöpfen, die Denunziation noch aufschiebt, aber
-nur auf vierundzwanzig Stunden -- länger geht es nicht. Mehr tun -- kann
-ich nicht. Und so können Sie sich noch bis übermorgen früh sicher
-fühlen.«
-
-Alle schwiegen.
-
-»Ja -- kann man ihn denn nicht zum Teufel schicken!« schrie da als
-erster Tolkatschenko.
-
-»Hätte man schon längst tun sollen!« rief Lämschin und schlug mit der
-Faust auf den Tisch.
-
-»Aber wie?« brummte Liputin.
-
-Pjotr Stepanowitsch griff sofort diese Frage auf und setzte seinen Plan
-auseinander. Der bestand darin, Schatoff zur Abgabe der versteckten
-Setzmaschine an den einsamen Ort zu locken, wo sie vergraben war, morgen
-bei Anbruch der Nacht, und dann -- »dort schon das Nötige zu erledigen«.
-Pjotr Stepanowitsch erging sich in vielen wesentlichen Einzelheiten, die
-ich jetzt übergehe, und setzte noch einmal umständlich das uns schon
-bekannte Verhältnis Schatoffs zur Zentrale auseinander.
-
-»Das ist schon so,« bemerkte Liputin etwas unsicher, »aber nun wieder
-... ein neuer Fall von derselben Art ... ob das nicht doch zu auffallend
-sein wird ...«
-
-»Allerdings,« bestätigte Pjotr Stepanowitsch, »aber auch das ist
-vorgesehen. Wir haben ein Mittel, den Verdacht vollständig abzulenken.«
-
-Und mit der vorigen Ausführlichkeit erzählte er von Kirilloff, von
-dessen Absicht, sich zu erschießen, und daß er versprochen habe, mit dem
-Selbstmord bis zur bestimmten Zeit zu warten, und obendrein noch einen
-Brief, in dem er alles auf sich nahm, was man ihm in die Feder
-diktierte, zu hinterlassen.
-
-»Seine feste Absicht, sich das Leben zu nehmen -- sie ist philosophisch,
-doch meiner Meinung nach einfach verrückt --, wurde _dort_ bekannt,«
-fuhr Pjotr Stepanowitsch fort zu erklären. »_Dort_ aber verliert man
-weder ein Haar noch ein Stäubchen umsonst, alles wird zum Nutzen der
-allgemeinen Sache verwandt. Da man den Nutzen, den er damit bringen
-konnte, sofort einsah und sich überzeugte, daß sein Vorsatz
-unerschütterlich war, so gab man ihm das Geld zur Rückreise nach Rußland
-(aus irgendeinem Grunde wollte er nur in Rußland sterben), gab ihm einen
-Auftrag, den zu erfüllen er auf sich nahm (was er auch getan hat), und
-außerdem verpflichtete man ihn zu dem besagten Versprechen, sich erst
-dann zu erschießen, wenn man ihm das Signal geben würde. Er versprach
-alles. Und nicht zu vergessen, daß er aus ganz besonderen Gründen der
-Sache angehört und selbst wünscht, ihr nützlich zu sein. Mehr darf ich
-Ihnen nicht mitteilen. Morgen, _nach Schatoff_, werde ich ihm den Brief
-diktieren, daß er Schatoff umgebracht hat. Das wird sehr glaublich
-erscheinen: sie waren beide Freunde, fuhren zusammen nach Amerika, dort
-haben sie sich entzweit, und das wird alles im Brief erklärt werden ...
-und ... und ich glaube, je nach den Umständen, wird man ihm vielleicht
-noch einiges diktieren können, zum Beispiel, was die Proklamationen
-betrifft, und vielleicht teilweise auch den Brand. Übrigens, darüber
-werde ich noch nachdenken. Beruhigen Sie sich, er hat keine Vorurteile:
-er unterschreibt alles.«
-
-Trotzdem wurden einige Zweifel laut. Die Geschichte erschien doch zu
-phantastisch. Von Kirilloff hatten alle schon mehr oder weniger gehört.
-Liputin natürlich am meisten.
-
-»Plötzlich kann er aber nachdenken und nicht mehr wollen,« sagte
-Schigaleff, »denn so oder so, wie man's auch nimmt, er ist doch nun
-einmal verrückt, also kann man da gar nicht sicher sein.«
-
-»Seien Sie unbesorgt, er wird wollen,« schnitt Pjotr Stepanowitsch kurz
-ab. »Nach jener Abmachung bin ich verpflichtet, ihn am Vorabend zu
-benachrichtigen, also heute noch. Ich würde vorschlagen, daß Liputin mit
-mir zu ihm geht und sich selbst überzeugt und Ihnen dann mitteilt -- er
-kann ja von dort hierher zurückkehren --, ob ich die Wahrheit gesagt
-habe, oder nicht. Übrigens,« brach er plötzlich ab, maßlos gereizt und
-hochmütig, als ob er diesen Leuten schon zuviel Ehre antat, wenn er sich
-in dieser Weise mit ihnen abgab, ȟbrigens, machen Sie, was Sie wollen.
-Wenn Sie sich nicht entschließen, so ist der Bund zerrissen -- und zwar
-einzig wegen Ihres Ungehorsams und Verrats. So sind wir denn von diesem
-Augenblick an getrennt -- ein jeder für sich. Doch vergessen Sie nicht,
-daß Sie sich in diesem Fall, außer der Schatoffschen Anzeige und deren
-Folgen, noch eine andere kleine Unannehmlichkeit zuziehen, die Ihnen bei
-der Gründung Ihrer Gruppe bestimmt und unmißverständlich erklärt wurde,
-wessen Sie sich wohl noch erinnern werden. Was mich betrifft, meine
-Herren, so fürchte ich Sie nicht gerade sonderlich ... Aber denken Sie
-nur nicht, daß ich mich mit Ihnen gar so eng verbunden fühle ...
-Übrigens, das ist ja gleichgültig.«
-
-»Nein, wir entschließen uns,« erklärte Lämschin.
-
-»Einen anderen Ausweg gibt es nicht,« murmelte Tolkatschenko, »und wenn
-Liputin uns das von Kirilloff bestätigt, so ...«
-
-»Ich bin dagegen! Ich protestiere mit allem, was mir heilig ist, gegen
-einen solchen blutigen Entschluß!« rief Wirginski, plötzlich aufstehend.
-
-»Aber?« fragte Pjotr Stepanowitsch.
-
-»Was >aber<?«
-
-»Sie sagten >aber< ... und ich warte.«
-
-»Ich glaube, ich sagte nicht >aber< ... Ich wollte nur sagen, daß, wenn
-man sich dazu entschließt, so ...«
-
-»So?«
-
-Wirginski verstummte.
-
-»Ich denke, man kann sich über die eigene Lebensgefahr hinwegsetzen,«
-sagte plötzlich Erkel, der jetzt zum erstenmal den Mund auftat, »-- wenn
-das aber der allgemeinen Sache schaden kann, so, denke ich, darf man es
-nicht mehr wagen ... sich über die eigene Lebensgefahr hinwegzusetzen
-...«
-
-Er verwirrte sich und wurde rot. Wie beschäftigt auch ein jeder mit sich
-selbst war, sie blickten ihn doch alle erstaunt an -- dermaßen
-unerwartet kam es, daß auch er einmal sprach.
-
-»Ich bin für die allgemeine Sache,« sagte plötzlich Wirginski leise.
-
-Alle erhoben sich von den Plätzen. Es wurde beschlossen, einander am
-nächsten Tage um die Mittagszeit noch einmal zu benachrichtigen, ohne
-daß sich alle zu versammeln brauchten, und dann alles endgültig
-festzusetzen. Die Stelle, wo die Setzmaschine vergraben war, wurde
-mitgeteilt, und jedem seine Rolle und seine besondere Aufgabe
-eingeschärft. Darauf begaben sich Liputin und Pjotr Stepanowitsch, ohne
-Zeit zu verlieren, zu Kirilloff.
-
-
- II.
-
-An Schatoffs Denunziation zweifelte niemand; aber auch daran, daß Pjotr
-Stepanowitsch mit ihnen wie mit Hampelmännern spielte, zweifelte
-niemand. Trotzdem wußten sie alle, daß sie am nächsten Tage vollzählig
-zum Stelldichein erscheinen würden, und sie wußten, daß Schatoffs
-Schicksal entschieden war. Sie hatten das Gefühl, wie Fliegen in das
-Spinngewebe einer großen, giftigen Spinne gefallen zu sein; sie waren
-alle erbost, aber sie zitterten vor Angst.
-
-Pjotr Stepanowitsch hatte zweifellos sträflich unrecht an ihnen getan;
-es wäre alles viel harmonischer und _leichter_ gewesen, wenn er sich nur
-ein wenig bemüht hätte, die Wirklichkeit zu verschönen. Anstatt
-die Tat in einem anständigen Licht zu zeigen, sie als eine
-altrömisch-staatsbürgerliche Heldentat oder etwas Ähnliches auszumalen,
-hatte er nur die plumpe Angst vor sie hingestellt und die Gefahr für die
-eigene Haut, was doch schon einfach unhöflich war. Natürlich: alles ist
-nur Kampf ums Dasein, und ein anderes Prinzip gibt es überhaupt nicht,
-das weiß doch ein jeder, aber schließlich ... immerhin ...
-
-Doch Pjotr Stepanowitsch hatte keine Zeit, die alten Römer und ihre
-Tugenden heraufzubeschwören. Die Flucht Stawrogins hatte ihn für einen
-Augenblick vollständig aus der Fassung gebracht. Daß Stawrogin vor
-seiner Abfahrt den Vizegouverneur gesprochen habe, hatte er ihnen
-einfach vorgelogen: das war es ja gerade, daß er fortgefahren war, ohne
-auch nur einen Menschen zu sehen, selbst die eigene Mutter nicht! Und
-war es nicht tatsächlich rätselhaft, daß man ihn so ganz unbehelligt
-gelassen hatte? (Späterhin mußte die Stadtobrigkeit darüber besondere
-Rechenschaft geben.) Pjotr Stepanowitsch hatte sich den ganzen Tag
-überall nach Näherem erkundigt, jedoch nichts erfahren. Noch nie war er
-so beunruhigt, so erregt gewesen. Aber wie sollte er denn auch so
-einfach, so plötzlich auf Stawrogin verzichten können! Das war der
-Grund, warum er mit den »Unsrigen« nicht so rücksichtsvoll umging. Dazu
-banden sie ihm noch die Hände: er wollte Stawrogin sofort nachfahren,
-und statt dessen mußte er hier bleiben, um vorher noch auf alle Fälle
-die fünf »unlösbar zusammenzubinden«. Sein Vorhaben mit Schatoff hielt
-ihn zurück. »Werde doch diese fünf nicht umsonst aus der Hand lassen,
-können mir noch sehr zustatten kommen.« So ungefähr wird er wohl bei
-sich gedacht haben, denke ich mir.
-
-Pjotr Stepanowitsch war wirklich fest überzeugt, daß Schatoff
-denunzieren werde. Alles, was er den »Unsrigen« von der Anzeige gesagt
-hatte, war natürlich gelogen, denn nie hatte er eine solche bei Schatoff
-gesehen, noch ähnliches von seinen Spionen gehört; aber er war nun
-einmal überzeugt davon und konnte sich folglich nichts anderes denken.
-Er glaubte, Schatoff werde auf keinen Fall das jetzt Geschehene ruhig
-hinnehmen -- den Tod Lisas, Marja Timofejewnas Ermordung -- und sich
-gerade jetzt zur Denunziation entschließen. Wer kann es wissen,
-vielleicht hatte er auch einige Gründe, gerade das von Schatoff zu
-erwarten. Bekannt ist jetzt nur, daß er Schatoff persönlich haßte. Es
-hatte einmal einen Streit zwischen ihnen gegeben, Pjotr Stepanowitsch
-aber verzieh nie eine Beleidigung. Ich glaube sogar, daß dieses
-Persönliche der hauptsächlichste Beweggrund war.
-
-Die Bürgersteige sind in unserer Stadt sehr schmal, doch Pjotr
-Stepanowitsch schritt gerade in der Mitte, somit den ganzen Fußweg mit
-seiner Person einnehmend, und ohne Liputin überhaupt zu beachten. Dieser
-mußte nun entweder einen Schritt hinter ihm herlaufen oder, um mit ihm
-sprechen zu können, auf der schmutzigen Fahrstraße neben ihm traben.
-Plötzlich erinnerte sich Pjotr Stepanowitsch, wie er selbst vor zwei
-Tagen so durch den Schmutz gelaufen war, um mit Stawrogin, der ganz so
-wie er jetzt mitten auf dem Bürgersteig ging, Schritt halten und
-sprechen zu können. Ihm fiel der ganze Weg zu Wirginski ein und eine
-grenzenlose Wut ergriff ihn jäh.
-
-Doch auch Liputin verging der Atem vor Wut ob dieser beleidigenden
-Unhöflichkeit. Mochte Pjotr Stepanowitsch mit den »Unsrigen« umgehen,
-wie er wollte, aber mit ihm? -- mit ihm! Er, Liputin, _wußte_ doch mehr
-von der ganzen Geschichte, als alle die anderen der »Fünf«, er stand der
-Sache doch am nächsten, war am intimsten eingeweiht und hatte doch
-bisher, wenn auch nur mittelbar, aber jedenfalls erfolgreich, bei allen
-diesen Anzettelungen mitgewirkt! Oh, er wußte, daß Pjotr Stepanowitsch
-ihn sogar schon jetzt vernichten konnte, wenn es ihm darauf ankam, sagen
-wir, in einem _äußersten Fall_. Aber er haßte ihn schon lange; und weit
-mehr noch, als wegen dieser Gefahr, haßte er ihn wegen seines
-anmaßend-hochmütigen Verhaltens. Und jetzt, wo man sich zu einer solchen
-Sache entschließen mußte, erboste er sich über diese Umgangsart mehr als
-alle die anderen zusammen. Doch ach, trotzdem wußte er, daß er morgen
-bestimmt als erster »wie ein Sklave« zur Stelle sein und womöglich noch
-die anderen heranschleppen werde! Aber wenn er jetzt, noch vor morgen,
-diesen Pjotr Stepanowitsch auf irgendeine Weise hätte totschlagen
-können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, so hätte er es unbedingt
-getan.
-
-In seine Empfindungen versunken, schwieg er und trottete hinter seinem
-Quälgeist her, der ihn ganz vergessen zu haben schien. Da blieb Pjotr
-Stepanowitsch plötzlich auf einer unserer belebtesten Straßen stehen und
-trat in ein Gasthaus.
-
-»Wohin denn?« rief erschrocken Liputin. »Das ist doch ein Gasthaus!«
-
-»Ich will ein Beefsteak essen.«
-
-»Ich bitte Sie! ... aber hier ist es doch allezeit vollgepfropft!«
-
-»Macht nichts.«
-
-»Aber ... wir verspäten uns! Es ist schon gleich zehn.«
-
-»Zu dem da kann man nie zu spät kommen.«
-
-»Aber ich komme dann doch zu spät! Die warten doch dort auf mich!«
-
-»Na, mögen sie doch. Es wäre nur dumm von Ihnen, wenn Sie zu jenen noch
-zurückkehrten. Dank der Schererei mit Ihnen da habe ich heute noch nicht
-zu Mittag gespeist. Zu Kirilloff aber kommt man je später, desto
-besser.«
-
-Pjotr Stepanowitsch wünschte in einem besonderen Zimmer zu speisen.
-Liputin setzte sich geärgert und gekränkt in einen Sessel und sah zu,
-wie er aß. Es verging eine gute halbe Stunde. Pjotr Stepanowitsch
-beeilte sich nicht, aß mit großem Appetit, klingelte und verlangte
-anderen Senf, darauf Bier und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Er
-war tief nachdenklich -- er konnte tatsächlich beides zugleich: mit
-Appetit essen und tief nachdenklich sein. Liputins Haß steigerte sich
-schließlich so weit, daß er nicht mehr fähig war, seine Blicke von ihm
-loszureißen: das war fast schon eine Art Nervenkrampf. Er begleitete
-jedes Stückchen Fleisch vom Teller bis zum Munde, und er haßte Pjotr
-Stepanowitsch sogar schon dafür, wie er den Mund aufmachte, wie er
-kaute, wie er die saftigeren Bissen sich schmecken ließ, ja er haßte
-schließlich das Beefsteak selbst. Zum Schluß begann alles sich vor
-seinen Augen zu drehen; dazu im Kopf ein leises Schwindelgefühl; heiß
-und kalt lief es ihm abwechselnd über den Rücken.
-
-»Sie haben nichts zu tun, lesen Sie dies,« sagte plötzlich Pjotr
-Stepanowitsch und warf ihm ein Blatt Papier zu.
-
-Liputin näherte sich dem Licht. Das Papier war mit einer kleinen,
-unleserlichen Handschrift eng beschrieben und fast auf jeder Zeile
-korrigiert. Als er es durchgelesen, bemerkte er, daß Pjotr Stepanowitsch
-schon bezahlt hatte und bereits im Begriff war, fortzugehen. Auf der
-Straße reichte ihm Liputin das Papier zurück.
-
-»Behalten Sie es,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »werde Ihnen später sagen,
-wozu. Übrigens: wie finden Sie es?«
-
-Liputin erbebte förmlich vor Wut.
-
-»Ich finde ... eine solche Proklamation ... ist nichts weiter als eine
-einzige blödsinnige Lächerlichkeit ...«
-
-Seine Wut brach durch; es war ihm, als werde er plötzlich hochgehoben
-und weggetragen.
-
-»Wenn wir uns entschließen,« sagte er, am ganzen Körper vibrierend,
-»solche Proklamationen zu verbreiten, so erreichen wir nur, daß man uns
-ob unserer Dummheit und Unkenntnis der wahren Verhältnisse einfach
-verachtet!«
-
-»Hm! Ich denke anders,« meinte Pjotr Stepanowitsch, fest
-weiterschreitend.
-
-»Ich aber so. Sollten Sie das wirklich selbst verfaßt haben?«
-
-»Das ist nicht Ihre Sache.«
-
-»Ich glaube auch, daß das jämmerliche Gedicht >Die helle
-Persönlichkeit<, diese erbärmlichste Reimerei, die es überhaupt geben
-kann, nie und nimmer von Herzen selbst verfaßt worden ist!«
-
-»Das ist nicht wahr, das Gedicht ist gut.«
-
-»Ich wundere mich auch darüber,« fuhr Liputin zitternd und atemlos fort,
-»wie man uns überhaupt anempfehlen kann, so zu handeln, daß alles
-zusammenkracht. In Europa mag das zu wünschen, und für Europa mag's auch
-das einzig Richtige sein, denn dort gibt es Proletariat, wir aber sind
-hier, meiner Meinung nach, bloß Liebhaber und tun nur groß.«
-
-»Ich dachte, Sie wären Fourierist.«
-
-»Bei Fourier ist das ganz anders, ist es gar nicht das.«
-
-»Ich weiß, daß es Unsinn ist.«
-
-»Nein, das ist es nicht bei Fourier ... Verzeihung, aber ich kann
-unmöglich glauben, daß im Mai der Aufstand beginnen werde!«
-
-Liputin knöpfte sogar seinen Mantel auf, dermaßen heiß war ihm geworden.
-
-»Na, genug davon. Jetzt aber, damit ich es nicht vergesse,« Pjotr
-Stepanowitsch ging erstaunlich kaltblütig auf ein anderes Thema über,
-»dieses Blatt werden Sie eigenhändig setzen und drucken. Schatoffs
-Setzmaschine graben wir aus und morgen noch nehmen Sie sie zu sich. In
-möglichst kurzer Zeit setzen Sie und drucken Sie so viele Exemplare
-davon wie nur möglich, und dann werden wir sie den ganzen Winter über
-verbreiten. Die Mittel werden Ihnen angewiesen werden. So viele
-Exemplare wie nur möglich! Man wird sich von verschiedenen Stellen an
-Sie wenden.«
-
-»Nein, erlauben Sie schon, ich übernehme nicht eine solche ... Ich lehne
-es ab.«
-
-»Und werden es doch übernehmen. Ich handle nach der Instruktion der
-Zentrale und Sie müssen gehorchen.«
-
-»Ich glaube aber, daß unsere ausländischen Zentren die russische
-Wirklichkeit vergessen und jede Verbindung mit ihr eingebüßt haben, und
-darum einfach phantasieren ... Ich glaube sogar, daß statt der vielen
-Hunderte von >Fünfer<-Gruppen in Rußland wir allein die einzige sind,
-und ein Netz überhaupt nicht existiert!« keuchte Liputin endlich hervor.
-
-»Um so verächtlicher von Ihnen, daß Sie, ohne an die Sache zu glauben,
-ihr doch nachgelaufen sind ... und jetzt noch mir nachlaufen wie ein
-Hündchen.«
-
-»Nein, ich laufe nicht nach. Wir haben das volle Recht, zurückzutreten
-und eine neue Gesellschaft zu gründen.«
-
-»R--rrrüpel!« donnerte plötzlich Pjotr Stepanowitsch drohend und mit
-blitzenden Augen.
-
-Beide standen sich eine Zeitlang gegenüber. Dann wandte sich Pjotr
-Stepanowitsch und setzte selbstbewußt seinen Weg fort.
-
-Wie ein Blitz zuckte es durch Liputins Kopf:
-
-»Ich kehre um und gehe zurück. Wenn ich jetzt nicht umkehre, so werde
-ich nie mehr umkehren.«
-
-So dachte er genau zehn Schritte lang, beim elften aber flammte in ihm
-ein neuer und tollkühner Gedanke auf: er kehrte nicht um und ging nicht
-zurück.
-
-Sie näherten sich dem Filippoffschen Hause, doch noch bevor sie es
-erreichten, bogen sie in eine Quergasse ein, oder richtiger, in einen
-Fußweg auf dem abschüssigen Grabenrande am Zaun, an dem man sich halten
-mußte, um nicht auszugleiten. An der dunkelsten Ecke dieses alten
-schiefen Zaunes nahm Pjotr Stepanowitsch ein Brett heraus und kroch dann
-selbst schnell durch die Öffnung. Liputin wunderte sich, kroch aber
-trotzdem nach. Daran lehnten sie das Brett wieder so an, wie es vorher
-gestanden hatte. Das war derselbe geheime Gang, durch den Fedjka sich
-nachts zu Kirilloff stahl.
-
-»Schatoff darf es nicht wissen, daß wir hier sind,« flüsterte Pjotr
-Stepanowitsch in strengem Tone Liputin zu.
-
-
- III.
-
-Kirilloff saß wie gewöhnlich um diese Zeit auf seinem harten Sofa beim
-Tee. Er stand nicht auf, um den Eintretenden entgegenzugehen, warf nur
-erschrocken den Oberkörper vor und sah ihnen erregt entgegen.
-
-»Sie irren sich nicht,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »ich komme deswegen
-...«
-
-»Heute?«
-
-»Nein, nein, morgen ... ungefähr um dieselbe Zeit.«
-
-Und Pjotr Stepanowitsch setzte sich schnell an den Tisch und betrachtete
-mit einiger Unruhe Kirilloff. Der hatte sich aber schon wieder beruhigt
-und sah wie gewöhnlich aus.
-
-»Sehen Sie, diese da wollen es nicht glauben,« Werchowenski wies mit dem
-Kopf auf Liputin. »Sie ärgern sich doch nicht darüber, daß ich ihn
-mitgebracht habe?«
-
-»Heute nicht. Aber morgen will ich es allein.«
-
-»Aber nicht früher, als bis ich gekommen bin, und dann in meiner
-Gegenwart --«
-
-»Ich würde lieber nicht in Ihrer Gegenwart --«
-
-»Sie erinnern sich doch noch, daß Sie versprachen, alles zu schreiben
-und zu unterzeichnen, was ich Ihnen diktiere?«
-
-»Mir ist alles einerlei. Aber werden Sie jetzt lange bleiben?«
-
-»Ich muß einen gewissen Menschen sprechen und ungefähr eine halbe Stunde
-bleiben, dann gehe ich, aber diese halbe Stunde bleibe ich noch.«
-
-Kirilloff schwieg. Liputin hatte sich inzwischen etwas abseits, unter
-dem Bilde des Bischofs auf einen Stuhl gesetzt. Der vorige tollkühne
-Gedanke bemächtigte sich seiner mehr und mehr. Kirilloff bemerkte ihn an
-der dunklen Wand fast gar nicht. Liputin kannte die Theorie Kirilloffs
-schon von früher und hatte sie immer verlacht, jetzt aber schwieg er und
-sah sich finster im Zimmer um.
-
-»Ich möchte ganz gern Tee trinken,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »habe
-soeben ein Beefsteak gegessen und rechnete eigentlich darauf, bei Ihnen
-den Tee zu trinken.«
-
-»Trinken Sie, wenn Sie mögen.«
-
-»Früher boten Sie ihn selbst an,« bemerkte Pjotr Stepanowitsch
-säuerlich.
-
-»Das ist einerlei. Auch Liputin mag trinken.«
-
-»Nein, danke, ich ... kann nicht.«
-
-»Kann nicht oder will nicht?« Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell zu
-ihm um.
-
-»Ich werde bei ihm nicht noch anfangen Tee zu trinken,« lehnte Liputin
-ausdrucksvoll ab.
-
-Pjotr Stepanowitsch zog die Brauen zusammen.
-
-»Das riecht nach Mystizismus. Der Teufel soll aus euch allen klug
-werden!«
-
-Niemand antwortete ihm. Sie schwiegen wohl eine ganze Minute.
-
-»Aber eines weiß ich,« fügte er plötzlich schroff hinzu, »kein einziges
-Vorurteil kann auch nur einen von uns abhalten, seine Pflicht zu
-erfüllen.«
-
-»Stawrogin ist fortgefahren?« fragte Kirilloff.
-
-»Ja.«
-
-»Das hat er gut gemacht.«
-
-Pjotr Stepanowitschs Augen blitzten schon auf, doch er bezwang sich.
-
-»Mir kann's gleich sein, was Sie denken, wenn nur ein jeder sein Wort
-hält.«
-
-»Ich werde mein Wort halten.«
-
-»Übrigens, ich war immer überzeugt, daß Sie Ihre Pflicht erfüllen
-würden, wie ein unabhängiger und fortgeschrittener Mensch.«
-
-»Sie aber sind lächerlich.«
-
-»Meinetwegen, es freut mich sehr, daß ich Sie erheitere. Es freut mich
-immer, wenn ich mit irgend etwas gefällig sein kann.«
-
-»Sie wollen furchtbar gern, daß ich mich erschieße und fürchten doch,
-daß ich plötzlich nicht will.«
-
-»Das heißt, sehen Sie mal, Sie haben ja selbst Ihren Plan mit unserer
-Tätigkeit verbunden. Da wir nun mit Ihrer Absicht gerechnet haben, so
-ist schon Verschiedenes unternommen worden, so daß Sie jetzt auf keine
-Weise mehr zurücktreten können.«
-
-»Nur nichts von Pflicht.«
-
-»Verstehe, verstehe, es ist Ihr eigener freier Wille. Nur, daß sich
-dieser Ihr freier Wille in Tat umsetzt.«
-
-»Und ich werde alle Ihre Gemeinheiten auf mich nehmen müssen?«
-
-»Hören Sie, Kirilloff, haben Sie vielleicht plötzlich Angst bekommen?
-Wenn Sie zurücktreten wollen, so sagen Sie es bitte gleich.«
-
-»Ich habe keine Angst bekommen.«
-
-»Ich meinte nur, weil Sie etwas viel fragen.«
-
-»Werden Sie bald fortgehen?«
-
-»Sie fragen schon wieder?«
-
-Kirilloff betrachtete ihn mit Verachtung.
-
-»Nun, sehen Sie mal,« fuhr Pjotr Stepanowitsch, der sich immer mehr
-ärgerte und beunruhigte, fort, doch ohne den richtigen Ton finden zu
-können, -- »Sie wollen um der Einsamkeit willen, daß ich fortgehe, um
-sich sammeln zu können, doch all das sind gefährliche Anzeichen, für
-Sie, für Sie vor allen anderen. Sie wollen viel denken. Meiner Meinung
-nach wäre es besser, nicht zu denken, sondern es ohne dem zu tun. Nein,
-Sie -- wirklich, Sie beunruhigen mich.«
-
-»Mir ist nur das nicht recht, daß in jenem Augenblick solch ein Ekel bei
-mir sein wird, wie Sie.«
-
-»Nun, das ist doch einerlei. Ich kann ja auch hinausgehen und so lange
-draußen auf der Treppe stehen. Wenn Sie aber sterben wollen und dabei so
-wenig gleichmütig sind, so -- nun, ich meine, das ist alles sehr
-gefährlich. Ich werde also auf die Treppe gehen und Sie können
-meinetwegen denken, was Sie wollen: daß ich nichts von Ihnen verstehe,
-daß ich als Mensch unermeßlich tief unter Ihnen stehe ...«
-
-»Nein, nicht unermeßlich. Sie haben Begabungen; aber Sie verstehen sehr
-vieles nicht, weil Sie ein niedriger Mensch sind.«
-
-»Freut mich, freut mich. Wie gesagt, es freut mich sehr, Zerstreuung zu
-bieten ... in einer solchen Minute.«
-
-»Sie begreifen nichts.«
-
-»Das heißt, ich ... jedenfalls höre ich mit Hochachtung --«
-
-»Sie können nichts. Sie können sogar jetzt nicht Ihre kleinliche Wut
-verstecken, obgleich es für Sie doch unvorteilhaft ist, sie zu zeigen.
-Sie werden mich ärgern und ich werde vielleicht plötzlich noch ein
-halbes Jahr wollen ...«
-
-Pjotr Stepanowitsch sah nach der Uhr.
-
-»Ich habe niemals etwas von Ihrer Theorie verstanden, aber ich weiß, daß
-Sie sie nicht für uns ausgedacht haben, folglich werden Sie es auch ohne
-uns tun. Auch weiß ich, daß nicht Sie die Idee verschlungen haben,
-sondern die Idee hat Sie verschlungen, also werden Sie es auch nicht
-aufschieben.«
-
-»Wie? Mich hat die Idee verschlungen?«
-
-»Ja.«
-
-»Und nicht ich die Idee? Das ist gut gesagt. Sie haben einen kleinen
-Verstand. Nur necken Sie, ich aber bin stolz darauf.«
-
-»Vorzüglich, sehr schön so. Gerade so muß es ja sein, daß Sie stolz
-darauf sind.«
-
-»Genug, Sie haben ausgetrunken, gehen Sie jetzt.«
-
-»Zum Teufel, da wird man wohl müssen,« Pjotr Stepanowitsch erhob sich.
-»Aber immerhin ist es noch früh. Hören Sie, Kirilloff, bei der
-Mäßnitschicha treffe ich diesen Menschen, Sie wissen schon? Oder hat
-auch sie gelogen?«
-
-»Werden ihn nicht treffen, denn er ist hier und nicht da.«
-
-»Wie, hier! zum Teufel, wo?«
-
-»Sitzt in der Küche, ißt und trinkt.«
-
-»Wie wagt der Kerl! ...« Pjotr Stepanowitsch wurde rot vor Zorn. »Er war
-verpflichtet zu warten ... Unsinn! Er hat ja weder Geld noch einen Paß!«
-
-»Ich weiß nicht. Er ist gekommen, um sich zu verabschieden. Ist
-angekleidet und bereit, geht fort und kommt nicht wieder. Er sagte, daß
-Sie ein gemeiner Mensch sind und will nicht auf Ihr Geld warten.«
-
-»A--ah! Er fürchtet, daß ich ... nun ja, ich kann ihn auch jetzt, wenn
-... Wo ist er, in der Küche?«
-
-Kirilloff öffnete eine Seitentür zu einem kleinen, dunklen Zimmer, aus
-dem drei Stufen in die Küche hinabführten. Von der Küche war, gleich bei
-der Tür, durch eine Bretterwand eine Kammer abgeteilt, in der gewöhnlich
-das Bett des Dienstmädchens stand. Hier saß nun in der Ecke unter den
-Heiligenbildern Fedjka vor einem unbedeckten Brettertisch, auf dem ein
-halbes Liter Schnaps, Brot auf einem Teller und in einer irdenen
-Schüssel ein kaltes Stück Rindfleisch und Kartoffeln standen. Er aß mit
-Genuß und schien schon halb betrunken zu sein, doch war er in kurzem
-Pelz und augenscheinlich zum Aufbruch bereit. Hinter der Bretterwand in
-der Küche summte schon der Samowar, doch der war nicht für Fedjka
-aufgestellt, sondern Fedjka selbst blies ihn jeden Abend mit seiner
-ganzen Lungenkraft für »Alexei Nylitsch« an, »dieweil Sie daran überaus
-gewöhnt sind, nachts immerzu Tee zu trinken!« Ich vermute stark, daß das
-Rindfleisch und die Kartoffeln, da kein Mädchen im Hause war, von
-Kirilloff selbst schon am Morgen für Fedjka gebraten worden waren.
-
-»Was ist dir eingefallen?« rief Pjotr Stepanowitsch und stürzte die
-Stufen hinunter. »Warum hast du nicht dort auf mich gewartet, wo man es
-dir befohlen hat?«
-
-Und zornig schlug er mit der Faust auf den Brettertisch.
-
-Fedjka nahm eine würdevollere Haltung an.
-
-»Du, wart ein bißchen, Pjotr Stepanowitsch, wart ein bißchen,« sagte er,
-fast mit stutzerhafter Deutlichkeit die Worte aussprechend, »du mußt als
-erste Pflicht verstehen, daß du hier auf edlen Besuch bei Herrn
-Kirilloff, Alexei Nylitsch, bist, bei dem du dessen Stiefel putzen
-kannst, denn er ist vor dir ein gebildeter Verstand, du aber bist nur
-ein -- Pfui!«
-
-Und er spie elegant zur Seite, daß der Speichel trocken wie ein Wurf zu
-Boden flog. Man sah ihm Hochmut, Entschlossenheit und ein gewisses,
-höchst gefährliches, trügerisch ruhiges Klugredenwollen an -- bis zum
-ersten Ausbruch. Doch Pjotr Stepanowitsch hatte schon keinen Sinn mehr
-dafür, auf die Gefahr zu achten, und das vertrug sich schließlich auch
-nicht mit seiner Auffassung der Dinge. Und die Ereignisse und Mißerfolge
-dieses Tages hatten ihn zudem schon um jede Überlegung gebracht ...
-Liputin, der über den drei Stufen in der Tür stehen blieb, sah neugierig
-aus dem dunklen Zimmer in die Kammer hinab.
-
-»Willst du, oder willst du nicht einen richtigen Paß haben und gutes
-Geld zur Fahrt, wohin man dir gesagt hat? Ja oder nein?«
-
-»Siehst du, Pjotr Stepanowitsch, du hast mich von Anfang an betrogen,
-und darum bist du vor mir der reine Gauner, bist ganz wie eine
-verfluchte Hundelaus, -- siehst du, dafür halt ich dich. Du hast mir für
-unschuldiges Blut großes Geld und das Blaue vom Himmel herunter
-versprochen, und für Herrn Stawrogin hast du geschworen, und was ist
-dahinter? Es kommt immer nur deine Gaunerei heraus! Ich, so wie ich bin,
-bin mit keinem Tropfen Blut daran schuld, nicht, daß da
-tausendfünfhundert, dir aber hat Herr Stawrogin neulich so um die Ohren
-gewischt, daß auch wir das schon wissen. Jetzt drohst du mir von neuem
-und versprichst mir Geld, aber wofür -- darüber schweigst du. Ich aber
-denke so bei mir: du schickst mich nach Petersburg, um dich an Herrn
-Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch, zu rächen und rechnest auf meine
-Leichtgläubigkeit. Und somit gehst du als der erste Mörder aus allem
-hervor. Und weißt du auch, was du mit allein diesem einen Punkte schon
-wert geworden bist, daß du an Gott selbst, den wahrhaftigen Schöpfer,
-wegen deiner Verderbnis nicht mehr glaubst? Das ist schon ebenso wie
-Heide sein, stehst also auf einer Stufe mit Tatar oder Mordwine. Herr
-Kirilloff, Alexei Nylitsch, der ein großer Philosoph ist, hat dir schon
-mehrmals den wahren Gott, den heiligen Schöpfer aller Dinge, erklärt,
-und desgleichen die ganze Schöpfung der Erde wie alle zukünftigen
-Schicksale und die Verwandlung aller Kreaturen und alles Gewürms aus dem
-Buch der Apokalypse. Du aber bist wie ein unverständiges Götzenbild und
-verharrst in Taubheit und Stummheit, und hast dazu auch den Offizier
-Erteleff gebracht, ganz wie der leibhaftige Bösewicht und Verführer, so
-da heißt Atheist ...«
-
-»Ach du, besoffene Fratze! -- Beraubt selbst Heiligenbilder und
-verkündet jetzt noch Gott!«
-
-»Ja, siehst du, Pjotr Stepanowitsch, ich sage dir ganz aufrichtig, daß
-ich sie beraubt habe, aber ich habe bloß ein einziges Perlchen
-rausgenommen, und was kannst du wissen, vielleicht hat sich meine reuige
-Träne in demselben Augenblick im Schmelzofen des Allerhöchsten
-verwandelt für irgendein Unrecht, das mir geschehen ist, da ich doch
-nicht mal was habe, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Weißt du auch aus
-den Büchern, daß einmal in alten Zeiten ein Kaufmann mit ganz genau so
-einem Tränenseufzer und Gebet wie ich aus dem Heiligenschein der
-heiligen Mutter Gottes eine Perle stibitzt und dann später kniefällig
-vor allem Volk das ganze Geld der Gottesmutter zu Füßen gelegt hat, und
-daß ihn da die heilige Fürsprecherin mit dem goldgestickten Tuch
-gesegnet hat, daselbst vor allem Volk, so daß denn schon damals ein
-Wunder daraus geschah und von der Obrigkeit anbefohlen wurde, alles
-buchstäblich in die Reichsbücher einzutragen. Du aber hast eine Maus
-hineingesteckt, also hast du Gott selber beschimpft. Und wenn du nicht
-mein angeborener Herr wärst, den ich, als ich noch ein Junge war, auf
-meinen Armen gewiegt habe, so würde ich dich jetzt, so wie du da bist,
-mit eins totschlagen, ohne hier anders vom Fleck zu gehen!«
-
-Pjotr Stepanowitsch geriet in maßlosen Zorn.
-
-»Sprich, hast du heute Stawrogin gesehen?«
-
-»Das darfst du nicht wagen, daß du mich ausfragen tust. Herr Stawrogin
-steht in dieser Sache nur in Verwunderung vor dir da und hat sich nicht
-mal mit 'nem Wunsch dran beteiligt, was aber von einer Anordnung oder
-Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast mich rundherum betrogen!«
-
-»Das Geld bekommst du, und die zweitausend bekommst du auch, in
-Petersburg, am angegebenen Ort, alle auf einmal, und wirst noch mehr
-bekommen.«
-
-»Du, mein Bester, du lügst nur wieder, und es ist mir fast lustig zu
-sehen, was für ein leichtgläubiger Verstand du bist. Herr Stawrogin
-steht vor dir wie auf einer hohen Treppe und du kläffst nur von unten
-wie ein dummes Hündchen, während er von oben auf dich auch nur zu
-spucken schon für eine große Ehre für dich halten würde.«
-
-»Aber weißt du auch,« rief Pjotr Stepanowitsch in rasender Wut, »daß ich
-dich, Schurke, nicht einen Schritt von hier lasse und dich sofort der
-Polizei übergebe!«
-
-Fedjka sprang auf und seine Augen blitzten vor Jähzorn. Pjotr
-Stepanowitsch riß seinen Revolver hervor. Und nun kam es zu einem
-widerlichen kurzen Auftritt: noch bevor Pjotr Stepanowitsch zielen
-konnte, hatte Fedjka sich schon im Nu geduckt, gedreht und schlug ihn
-aus aller Kraft auf die Wange. Und schon im selben Augenblick klatschte
-der zweite furchtbare Schlag, dann der dritte, der vierte, immer auf die
-Wange. Pjotr Stepanowitsch stand wie duselig, seine Augen stierten, er
-murmelte etwas, und plötzlich stürzte er jäh zu Boden.
-
-»Da habt ihr ihn, nehmt ihn jetzt!« rief Fedjka mit einer
-triumphierenden Wendung, ergriff seine Mütze, zog schnell unter der Bank
-ein Bündel hervor und war verschwunden.
-
-Pjotr Stepanowitsch lag röchelnd am Boden. Liputin dachte schon, er
-werde gleich sterben. Kirilloff lief schnell in die Küche.
-
-»Mit Wasser muß man ihn!« rief er.
-
-Er schöpfte in Hast mit einem Blechgefäß Wasser aus dem Eimer, kam
-schnell zurück und goß es ihm über den Kopf. Pjotr Stepanowitsch bewegte
-sich, erhob den Kopf, setzte sich langsam auf und blickte unverständig
-vor sich hin.
-
-»Nun, wie ist es?« fragte Kirilloff.
-
-Pjotr Stepanowitsch sah ihn unbeweglich, doch noch ohne ihn zu erkennen,
-an. Da bemerkte er aber Liputin, der aus der dunklen Tür hervorgetreten
-war, und lächelte sein altes gemeines Lächeln. Plötzlich griff er
-schnell nach seinem auf der Diele liegenden Revolver und sprang auf.
-
-»Wenn es Ihnen morgen einfallen sollte, fortzulaufen ... wie der Schuft
-Stawrogin,« schrie er in wildem Ausbruch, kreidebleich, Kirilloff an,
-die Worte stockend und unklar hervorstoßend, »so hänge ich Sie am
-anderen ... Ende der Welt ... wie eine Fliege auf ... zerdrücke Sie ...
-verstanden!«
-
-Und er zielte mit dem erhobenen Revolver gerade auf Kirilloffs Stirn, --
-doch schon in derselben Sekunde besann er sich, riß seine Hand zurück,
-steckte den Revolver wieder in die Tasche und stürzte, ohne ein Wort zu
-sagen, aus dem Hause. Liputin lief ihm nach. Sie krochen wieder durch
-den Zaun und gingen, wie sie gekommen waren, auf dem schrägen
-Grabenrande, sich an den Brettern haltend, bis zur Bogojawlenskstraße.
-Pjotr Stepanowitsch ging so schnell, daß Liputin ihm kaum nachkommen
-konnte. Am nächsten Kreuzweg blieb er plötzlich stehen.
-
-»Nun?« wandte er sich herausfordernd nach Liputin um.
-
-Liputin erinnerte sich des Revolvers und zitterte noch von dem, was
-geschehen war; aber die Antwort fiel ihm plötzlich wie von selbst von
-den Lippen:
-
-»Ich denke ... ich denke, daß man >bis nach Taschkent< keineswegs so
-sehnsüchtig darauf wartet, was >der Student< da anpreist.«
-
-»Haben Sie gesehen, was Fedjka in der Küche trank?«
-
-»Was er trank? Branntwein trank er.«
-
-»Nun, so wissen Sie denn, daß er zum letzten Mal im Leben Branntwein
-getrunken hat. Ich empfehle, für fernere Erwägungen das zu behalten.
-Jetzt aber scheren Sie sich zum Teufel! Bis morgen sind Sie weiter nicht
-nötig ... Nur -- denken Sie an mich! keine Dummheiten machen!«
-
-Liputin jagte Hals über Kopf nach Haus.
-
-
- IV.
-
-Liputin hatte sich schon vor langer Zeit einen Paß auf einen fremden
-Namen besorgt. Es ist eigentlich eine sonderbare Vorstellung, daß dieser
-ordentliche kleine Mensch, dieser eigensinnige Familientyrann und vor
-allem Beamte (wenn er auch Fourierist war), daß dieser Kapitalist und
-Kuponschneider schon vor langer Zeit auf den phantastischen Gedanken
-hatte verfallen können, sich auf alle Fälle so einen Paß zu verschaffen,
-um sich mit ihm ins Ausland zu retten, _wenn_ ... Er gab also doch die
-Möglichkeit dieses »_Wenn_« zu, obschon er gewiß nicht hätte formulieren
-können, was er unter diesem »Wenn« verstand ...
-
-Jetzt aber hatte es sich plötzlich selbst formuliert, und noch dazu auf
-die allerunerwartetste Weise. Jener tollkühne Gedanke, mit dem er bei
-Kirilloff eingetreten war, nachdem er Pjotr Stepanowitschs »R--rrrüpel«
-eingesteckt hatte, bestand darin, morgen noch, womöglich vor
-Sonnenaufgang, alles zu verlassen und sich ins Ausland in Sicherheit zu
-bringen! Wer nicht glauben will, daß so phantastische Dinge in unserer
-alltäglichen Wirklichkeit geschehen, der möge sich die Lebensgeschichten
-unserer gegenwärtigen Emigranten im Ausland einmal näher ansehen. Kein
-einziger von ihnen hat eine vernünftigere Flucht hinter sich. Immer war
-es die gleiche ungebändigte Herrschaft der Hirngespinste und nichts
-weiter.
-
-Als Liputin zu Hause anlangte, war das erste, was er tat, daß er seinen
-Reisesack hervorholte und zu packen begann. Seine größte Sorge war das
-Geld, wie viel und wie er es retten konnte. Jawohl: »retten«, denn
-seiner Meinung nach durfte er nicht eine Stunde mehr säumen und mußte
-womöglich schon bei Sonnenaufgang unterwegs sein. Auch wußte er noch
-nicht recht, wo er am besten in den Zug steigen sollte; schließlich
-entschloß er sich, irgendwo auf der zweiten oder dritten Station
-einzusteigen, bis dorthin aber zu Fuß zu laufen. So plagte er sich denn
-mit seinem Reisesack herum, einen ganzen Wirbelsturm von Gedanken im
-Kopf, und -- plötzlich warf er alles hin und sank mit einem tiefen
-Stöhnen auf seinen Diwan und streckte sich auf ihm aus.
-
-Er fühlte deutlich, und plötzlich erkannte er ganz klar, daß er
-flüchten, nun ja, daß er wirklich flüchten werde, daß er aber die Frage,
-ob er _vor_ oder _nach_ Schatoff flüchten sollte, jetzt zu beantworten
-vollkommen außerstande war. Er empfand sich nur noch als einen
-willenlosen Körper, eine passive Masse, die schon von einer fremden
-unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fühlte, daß er, obschon er
-einen Auslandspaß besaß und ohne weiteres »_vor_ Schatoff« flüchten
-konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), -- daß er trotzdem
-nicht »_vor_ Schatoff«, sondern unbedingt erst »_nach_ Schatoff«
-flüchten werde, und daß es so schon beschlossen, unterschrieben und
-versiegelt war. In unerträglicher Qual, zitternd und sich über sich
-selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch,
-ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nächsten
-Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Stoß, der seinem
-schwankenden Entschluß die endgültige Richtung gab. Es war schon elf
-Uhr, als er die Tür seines Zimmers aufschloß und hinaustrat. Und das
-erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, daß der Räuber, Mörder und
-entsprungene Zuchthäusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt,
-Kirchen beraubt und Häuser in Brand gesteckt hatte, daß Fedjka, der
-berüchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer
-noch nicht hatte finden können, früh morgens, sieben Werst von der
-Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wußte es bereits.
-Liputin stürzte aus dem Hause, um Näheres darüber zu erfahren. Er hörte,
-daß man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit
-zerspaltenem Kopf gefunden, und daß die Polizei auf Grund einiger
-Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebädkins
-zweifellos zusammen gemordet und angezündet hatte, für den Mörder hielt.
-Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von
-Fedjka bei Lebädkin angeblich geraubten und unterschlagenen großen Summe
-Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ...
-Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und
-erfuhr dort, daß der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach
-Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett
-geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem plötzlichen Tode
-Fedjkas nichts Ungewöhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches
-Ende nehmen: aber das verhängnisvolle Übereinstimmen der Prophezeiung,
-daß Fedjka an diesem Abend »zum letztenmal Branntwein getrunken« habe,
-mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam
-und unheimlich, daß Liputin plötzlich aufhörte unschlüssig zu sein. Als
-er nach Hause zurückkam, stieß er mit einem Fußtritt den Reisesack unter
-den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit
-Schatoff angegebenen Platz, allerdings -- mit dem Paß in der Tasche.
-
-
-
-
- Zwanzigstes Kapitel.
- Die Reisende
-
-
- I.
-
-Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf
-Schatoff einen erschütternden und niederdrückenden Eindruck gemacht. Als
-ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstört.
-Später ging er zur Mordstätte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich
-weiß, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er
-unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrückte,
-desto mehr quälte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon
-aufstehen wollte, hingehen und -- alles sagen. Was dieses »Alles« war,
-das wußte er freilich selbst nicht genau. Beweise besaß er keine; er
-hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen
-Überzeugung genügten. Er hätte schließlich bloß sich selbst angegeben
-als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wäre er
-bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese »Schurken« -- so
-lautete sein eigener Ausdruck -- mitgerissen hätte!
-
-Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und
-genau gewußt, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch
-nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein
-Selbstvertrauen und seine höhnische Verachtung für »diese Leutchen« zu
-dem Aufschub bestimmt. Er würde mit diesem unschlauen Schatoff schon
-fertig werden, sagte er sich: er würde ihn einfach diesen ganzen Tag
-über bewachen lassen und, wenn es not tat, auch früher schon
-entscheidend eingreifen.
-
-Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas
-vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen hätte voraussehen können.
-
-Gegen acht Uhr abends -- gerade als die Unsrigen sich bei Erkel
-versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich ärgerten und
-aufregten -- lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf
-seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er quälte sich, entschloß
-sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgültig entschließen: fühlte
-vielmehr fluchend, daß das doch alles zu nichts führen werde.
-
-Allmählich schlief er ein. Ihm träumte, daß er in seinem Bett mit
-Schnüren gebunden sei und sich nicht bewegen könne, indes durch das
-ganze Haus furchtbare Schläge hallten, Schläge an den Zaun, an die
-Hoftür, an die Wand des Flügels, in dem Kirilloff wohnte --, so daß das
-ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, während zugleich eine
-ferne, bekannte, aber ihn quälende Stimme klagend seinen Namen rief.
-
-Plötzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung
-dauerten die Schläge an die Hoftür immer noch fort, und wenn sie auch
-längst nicht mehr so überlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren
-sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare quälende Stimme
-fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt
-nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt.
-
-Dazwischen hörte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere
-Stimme.
-
-Er sprang erschrocken sofort auf, öffnete das Klappfenster und steckte
-den Kopf hinaus.
-
-»Wer da?« rief er hinunter.
-
-»Wenn Sie Schatoff sind,« klang in einem eigentümlich stolzen Ton von
-unten eine Frauenstimme zurück, »so haben Sie die Güte, offen und
-ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht?«
-
-Er hatte diese Stimme erkannt.
-
-»Marie! ... Bist du es?«
-
-»Ja, gewiß bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke
-hier und kann nicht länger --«
-
-»Sofort ... ich will nur das Licht ...« Schatoff sprang eilig und
-aufgeregt zurück, begann mit zitternden Händen die Streichhölzer zu
-suchen, die sich aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, nicht finden
-ließen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten
-wieder die ungeduldige Stimme erklang, ließ er schließlich alles liegen
-und stürzte Hals über Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte
-zu öffnen.
-
-»Haben Sie die Güte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen
-Mann hier bezahle,« empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte
-ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag.
-Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher.
-
-»Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang
-durch diese schmutzigen Straßen gefahren haben, so sind Sie daran
-schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewußt, wo diese verdrehte
-Straße eigentlich ist. Bitte die dreißig Kopeken zu nehmen und mir zu
-glauben, daß Sie weiter nichts erhalten werden.«
-
-»Ach, Fräuleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die
-Wosnessensksche Straße befohlen, und diese hier ist die
-Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben bloß meinen
-Wallach unnütz in Schweiß gebracht.«
-
-»Wosnessensksche, Bogojawlensksche, -- das müssen Sie als Einwohner
-besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz
-zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie
-wüßten, wo das sei.«
-
-»Hier, hier sind noch fünf Kopeken,« damit zog Schatoff sein letztes
-Geldstück aus der Westentasche.
-
-»Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen!« fuhr Frau Schatowa auf,
-doch der Kutscher setzte schon seinen »Wallach« in Bewegung, und
-Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und führte sie
-in den finsteren Flur.
-
-»Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und
-... Wie du naß geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf -- wie
-schade, daß ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt' dich am
-Geländer ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, daß ich kein Licht
-... Ich werde sofort ...«
-
-Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die
-Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa
-stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen.
-
-»Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie!« rief er schließlich freudig und
-zündete das Licht an.
-
-Marja Schatowa sah sich flüchtig im Zimmer um.
-
-»Man hat mir zwar schon gesagt, daß Sie in einem entsetzlichen Zimmer
-wohnen, aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so wäre,« sagte sie
-launisch und ging zum Bett. »Ach, ich bin müde!« und sie sank kraftlos
-auf das harte Lager. »Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen
-Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie
-mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen
-gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier
-niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lästig
-falle, so haben Sie die Güte und sagen Sie's bitte gleich! Ich werde
-morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein
-Zimmer nehmen zu können ... Ach, nur müde bin ich jetzt!«
-
-Schatoff erbebte am ganzen Körper.
-
-»Wozu, Marie, das ist doch nicht nötig, nicht nötig, du brauchst nicht
-ins Gasthaus zu gehen! Was für ein Gasthaus überhaupt? Warum das, wozu?«
-und flehend faltete er die Hände.
-
-»Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen -- aber man muß
-trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, daß
-wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor --
-nun sind es schon drei Jahre, daß wir auseinandergegangen sind, übrigens
-ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, daß ich gekommen bin,
-um irgendeine der früheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur
-zurückgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in
-diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist.
-Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie
-nur das nicht!«
-
-»Oh, Marie! Das ist doch alles unnötig, gar nicht nötig!« stammelte
-Schatoff undeutlich.
-
-»Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, daß Sie das
-verstehen können, so will ich mir erlauben hinzuzufügen, daß ich, wenn
-ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe,
-weil ich Sie für keinen -- gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht
-sogar für einen viel besseren, als die anderen -- Schurken alle!«
-
-Ihre Augen blitzten auf. Sie mußte wohl viel von irgendwelchen
-»Schurken« erlitten haben!
-
-»Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa über Sie
-lustig machen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie gut sind. Ich habe es offen
-gesagt und Schönrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was
-rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, daß Sie
-vernünftig genug sein würden, um nicht lästig zu werden ... Ach, genug,
-nur müde bin ich!«
-
-Und sie sah ihn mit langem, gequältem, müdem Blick an. Schatoff stand
-vor ihr, fünf Schritte weit, und hörte scheu, aber gleichsam erneut, mit
-einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke
-und rauhe Mensch, der immer wie mit gesträubtem Fell wirkte, wie ein
-Rühr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde plötzlich ganz weich und wie von
-innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz
-Ungewöhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in
-seinem Herzen nichts zerstört. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser
-drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm
-gesagt, daß es ihn »liebe«. Für Schatoff hatte das eine Welt bedeutet:
-für ihn, der sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte, daß ihm je
-irgendein Weib sagen könnte, es »liebe« ihn. Er war keusch und schamhaft
-bis zur Wildheit, hielt sich für eine Mißgeburt, haßte sein Gesicht und
-seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man
-eigentlich nur auf Jahrmärkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb
-gab es für ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war
-er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jähzornigen und schweigsamen Art
-seinen Überzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses
-einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte -- daran glaubte
-er immer, immer, -- dieses Wesen, das er so maßlos hoch über sich
-stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nüchtern
-über sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh
-(das stand für ihn einfach außer Frage, ja eher kam es bei ihm noch
-umgekehrt heraus: daß er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun
-stand diese Frau, diese Marja Schatowa plötzlich wieder vor ihm, er sah
-sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmöglich, das zu fassen!
-So überrascht war er, und es lag für ihn in diesem Ereignis so viel von
-etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glück, daß
-er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar
-nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit
-diesem gequälten Blick ansah, da begriff er plötzlich, daß dieses
-einzige geliebte Geschöpf unsäglich gelitten haben mußte. Bei diesem
-Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie
-an: in diesem müden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon
-erloschen. Sie war gewiß immer noch schön -- in seinen Augen immer noch
-wie früher eine Schönheit. (In Wirklichkeit war sie fünfundzwanzig Jahre
-alt, ziemlich stark gebaut, über mittelgroß -- größer als Schatoff --,
-mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und großen
-dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die
-leichtsinnige, naive und gutmütige frühere Energie, die ihr großer
-Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mürrische
-Reizbarkeit, Enttäuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen
-Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewöhnt zu haben schien
-und der sie selbst sogar quälen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, daß
-sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er plötzlich zu
-ihr und erfaßte ihre beiden Hände:
-
-»Marie ... weißt du ... du bist vielleicht sehr müde, um Gottes willen,
-sei nicht böse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig
-Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur
-wolltest --?«
-
-»Was ist hier zu wollen? Natürlich will ich! was Sie noch immer noch für
-ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei
-Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!«
-
-»Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich!« Schatoff
-ging hin und her, »-- Holz -- ja, aber ... das heißt ... übrigens auch
-Tee, sofort!« Und plötzlich, wie nach einem harten Entschluß, schlug er
-mit der Hand und ergriff seine Mütze.
-
-»Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?«
-
-»Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ...«
-
-Er nahm seinen Revolver vom Bücherbrett.
-
-»Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ...«
-
-»Was für Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein
-Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, --
-alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt.«
-
-»Nicht nötig, nicht nötig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick
-... ich werde ohne Revolver ...«
-
-Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor
-Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und
-Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie,
-und auch wenn sie sich zufällig einmal trafen, so grüßten sie sich
-weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in
-Amerika nebeneinander »auf dem Fußboden gelegen«.
-
-»Kirilloff, Sie haben immer Tee: können Sie mir Tee und einen Samowar
-geben?«
-
-Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewöhnlich die
-ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb plötzlich stehen und
-sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich
-dieser ganz unerwartet hereingestürzt war.
-
-»Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht
-nötig, der Tee ist heiß. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach.«
-
-»Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir
-gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den
-Samowar.«
-
-»Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar später.
-Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Heiß, ganz heiß.
-Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel
-da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel.«
-
-»Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff!«
-
-»Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, daß Sie zu
-mir gekommen sind, ist auch gut.«
-
-»Kirilloff!« rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die
-Hände Zucker und Brot: »Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von
-Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn
-lassen könnten ... was würden Sie dann für ein Mensch sein, Kirilloff!«
-
-»Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls
-nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen
-Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird heiß sein.
-Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und
-werde an Sie und Ihre Frau denken.«
-
-Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles
-besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch
-trank sie nur eine halbe Tasse, und aß nur ein kleines Stückchen vom
-Brot. Für den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit
-gereizter Launenhaftigkeit.
-
-»Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ...« bemerkte
-Schatoff schüchtern; scheu bemüht, ihr zu dienen.
-
-»Natürlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee
-hergenommen, da Sie keinen hatten?«
-
-Schatoff erzählte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges
-gehört.
-
-»Ich weiß, daß er verrückt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht
-genug Toren gäbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehört, Sie
-haben von dort geschrieben.«
-
-»Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben.«
-
-»Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus Überzeugung Slawophile?«
-
-»Ich ... das heißt, nicht daß ich gerade ... Infolge der Unmöglichkeit,
-Russe zu sein, bin ich Slawophile geworden,« sagte er, gezwungen
-lächelnd, mit der Schwerfälligkeit eines Menschen, der zur unrechten
-Zeit und nur mit genauer Not einen Witz zustande bringt.
-
-»Sie sind nicht Russe?«
-
-»Nein, ich bin nicht Russe.«
-
-»Nun, das sind alles Dummheiten. Setzen Sie sich doch endlich, ich bitte
-Sie. Was laufen Sie immer hin und her? Sie denken, ich phantasiere?
-Vielleicht werde ich auch phantasieren. Sie sagen, es gibt hier nur Sie
-und ihn im Hause?«
-
-»Ja, nur wir zwei ... und unten wohnte ...«
-
-»Und alles solche Kluge! Wer wohnte unten? Sie sagten >unten<?«
-
-»Jetzt nicht mehr ... --«
-
-»Was, >jetzt nicht mehr<? Ich will es wissen.«
-
-»Ich wollte nur sagen, daß jetzt nur wir zwei hier wohnen, unten aber
-wohnten früher Lebädkins ...«
-
-»Das sind die, die man heute Nacht ermordet hat?« fuhr sie plötzlich
-auf. »Ich hörte davon. Wie ich ankam, hörte ich davon. Und dann hat es
-gebrannt?«
-
-»Ja, Marie, ja, und vielleicht begehe ich eine furchtbare Erbärmlichkeit
-in diesem Augenblick, wenn ich diese Schurken ungestraft lasse ...«
-
-Er war aufgestanden und schritt wie ein Verzweifelnder mit erhobenen
-Armen durch das Zimmer.
-
-Aber Marie verstand ihn nicht ganz. Sie war zu zerstreut. Sie fragte
-mehr, als daß sie zuhörte.
-
-»Ja, schöne Sachen spielen sich hier bei euch ab. Ach, wie das alles
-gemein ist! Was für Schurken sie alle sind! Aber so setzen Sie sich
-doch, ich bitte Sie, endlich einmal! -- oh, wie Sie mich reizen!«
-
-Und erschöpft senkte sie den Kopf auf das Kissen.
-
-»Marie, ich werde ja nicht ... Du legst dich vielleicht ein wenig hin,
-Marie?«
-
-Sie antwortete nicht und schloß nur übermüdet die Augen. Sie schlief
-fast sofort ein. Ihr bleiches Gesicht sah in diesem Augenblick wie das
-einer Toten aus. Schatoff sah sich im Zimmer um, setzte das Licht fester
-in den Leuchter, sah noch einmal unruhig auf ihr Antlitz, preßte fest
-die Hände vor sich zusammen und ging dann leise auf den Fußspitzen aus
-dem Zimmer in den Treppenflur. Dort stellte er sich mit dem Gesicht in
-eine Ecke, stützte die Stirn an die Wand und stand so zehn Minuten lang
-reglos. Er hätte wohl noch länger so gestanden, doch plötzlich vernahm
-er unten auf der Treppe leise, vorsichtige Schritte.
-
-Jemand kam die Treppe herauf.
-
-Schatoff erinnerte sich, daß er die Hofpforte zu schließen vergessen
-hatte.
-
-»Wer da?« fragte er verhalten.
-
-Der Unbekannte stieg langsam höher, ohne zu antworten. Als er oben
-angelangt war, blieb er stehen. Ihn zu erkennen war in der Dunkelheit
-unmöglich. Plötzlich hörte man die vorsichtige Frage:
-
-»Iwan Schatoff?«
-
-Schatoff nannte seinen Namen und streckte schnell den Arm aus, um dem
-Fremden den Weg zu verlegen; dieser aber griff nach seiner Hand und --
-in derselben Sekunde fuhr Schatoff zusammen, als hätte er ein Reptil
-berührt.
-
-»Warten Sie hier,« flüsterte er schnell, »kommen Sie nicht herein, ich
-kann Sie jetzt nicht empfangen. Meine Frau ist angekommen. Ich bringe
-das Licht her.«
-
-Als er mit dem Licht zurückkehrte, sah er einen jungen Fähnrich vor sich
-stehen, dessen Namen er nicht kannte, dessen Gesicht er aber schon
-einmal irgendwo gesehen haben mußte.
-
-»Erkel,« stellte sich der Jüngling vor. »Sie haben mich bei Wirginski
-gesehen.«
-
-»Ich erinnere mich; Sie saßen und schrieben. Hören Sie,« brauste
-Schatoff plötzlich auf, wild und wütend auf den Jungen zuschreitend,
-wenn er auch die Stimme immer noch dämpfte. »Sie haben beim Händedruck
-ein Zeichen gemacht. Wissen Sie, daß ich auf alle diese Zeichen einfach
-spucke! Ich erkenne sie nicht an ... will sie nicht ... Ich könnte Sie
-gleich die Treppe hinunter werfen, wissen Sie das auch ...!«
-
-»Nein, das weiß ich gar nicht, und ich verstehe auch gar nicht, warum
-Sie sich so ärgern,« sagte der Gast ganz ungekränkt und fast gutmütig.
-»Ich soll Ihnen nur etwas mitteilen, und darum bin ich gleich heute
-gekommen, um nicht unnütz Zeit zu verlieren. Sie haben eine
-Druckmaschine, die nicht Ihnen gehört und über deren Verbleib Sie
-Rechenschaft zu geben verpflichtet sind, wie Sie wohl selbst wissen
-werden. Man hat mich nun beauftragt, von Ihnen zu verlangen, diese
-Druckmaschine morgen um Punkt sieben Uhr abends Liputin zu übergeben.
-Und außerdem hat man mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß man weiter
-nichts mehr von Ihnen verlangen wird.«
-
-»Nichts mehr? Hat man das ausdrücklich --?«
-
-»Nicht das geringste. Ihre Bitte wird erfüllt und Sie sind von jetzt ab
-für immer ausgeschlossen. Dieses Ihnen mitzuteilen, hat man mich, wie
-gesagt, beauftragt.«
-
-»Wer hat Sie beauftragt?«
-
-»Die, die mir das Zeichen mitteilten.«
-
-»Kommen Sie aus dem Auslande?«
-
-»Das ... das kann Ihnen, glaube ich, gleichgültig sein.«
-
-»Eh, zum Teufel! Aber warum sind Sie nicht früher gekommen, wenn Sie
-beauftragt waren?«
-
-»Ich folgte den Instruktionen und ich war nicht allein.«
-
-»Verstehe, verstehe schon, Sie waren nicht allein. Eh ... Teufel! Aber
-warum ist denn Liputin nicht selbst gekommen?«
-
-Der Fähnrich überhörte die Frage.
-
-»So werde ich denn morgen um sechs zu Ihnen kommen und wir gehen dann zu
-Fuß -- dorthin. Außer uns dreien wird niemand da sein.«
-
-»Werchowenski auch nicht?«
-
-»Nein. Werchowenski fährt morgen vormittag mit dem Elfuhrzuge fort.«
-
-»Dachte ich es mir doch!« murmelte Schatoff knirschend und schlug sich
-mit der Faust aufs Bein. »Er zieht los, die Kanaille!«
-
-Er dachte einen Augenblick erregt nach. Erkel sah ihn aufmerksam an,
-schwieg und wartete.
-
-»Wie wollen Sie denn die ganze Druckerpresse wegschaffen? So etwas kann
-man doch nicht einfach ausgraben und in der Hand forttragen.«
-
-»Das ist auch gar nicht nötig. Sie zeigen uns nur die Stelle und wir
-überzeugen uns, ob sie wirklich dort vergraben ist. Wir wissen doch nur
-im allgemeinen, wo der Ort ist, aber nicht genau, an welcher Stelle.
-Haben Sie sonst jemandem die Stelle gezeigt?«
-
-Schatoff sah ihn an.
-
-»Und Sie, Sie, solch ein Knabe, -- solch ein dummer kleiner Knabe, --
-auch Sie sind mit dem Kopf in diese Falle gekrochen, wie ein richtiges
-Schaf? Aber was! -- die brauchen ja gerade solchen Saft! Nun, gehen Sie!
-E--eeh! dieser Schuft! dieser! -- Er hat euch alle betrogen und nun
-macht er sich selbst aus dem Staube!«
-
-Erkel sah ihn klar und ruhig an, aber als verstehe er ihn nicht ganz.
-
-»Werchowenski geflohen! Also richtig geflohen!« knirschte Schatoff voll
-Ingrimm.
-
-»Aber er ist ja noch hier, er ist ja noch gar nicht fortgefahren. Er
-wird erst morgen fortfahren,« bemerkte Erkel weich und begütigend. »Ich
-forderte ihn ausdrücklich auf, als Zeuge bei der Übergabe zugegen zu
-sein; an ihn ging auch meine ganze Instruktion,« plauderte er als junger
-unerfahrener Knabe aus. »Aber er willigte leider nicht ein, und dabei
-sagte er dann, daß er in diesen Tagen fortfahren müsse.«
-
-Schatoff blickte noch einmal mitleidig auf den naiven armen Jungen und
-schlug dann mit der Hand, als wollte er sagen: »Lohnt es sich denn
-überhaupt, daß man sie bedauert?«
-
-»Gut, ich komme,« sagte er plötzlich kurz, »aber gehen Sie jetzt,
-marsch!«
-
-»Also ich werde Sie morgen um Punkt sechs abholen,« sagte Erkel
-nochmals, grüßte dann höflich und stieg, ohne sich zu beeilen, die
-Treppe hinunter.
-
-»Kleiner Dummkopf!« konnte sich Schatoff nicht enthalten, ihm
-nachzurufen.
-
-»Wie?« fragte der andere schon von unten zurück.
-
-»Nichts, gehen Sie.«
-
-»Ich dachte, Sie sagten noch etwas.«
-
-
- II.
-
-Erkel war nur insofern ein »Dummkopf«, als der Hauptverstand in seinem
-Kopfe fehlte, eben der, auf den es ankommt, sozusagen der Kopf im Kopfe;
-doch von dem kleinerem dem untergeordneten Verstande hatte er eine ganze
-Menge, sogar so viel, daß dieser schon an Schlauheit grenzte. Fanatisch,
-kindlich der »allgemeinen Sache« ergeben, im Grunde aber nur Pjotr
-Werchowenski, hatte Erkel den Auftrag nach der Instruktion ausgeführt,
-die ihm bei der Verteilung der Rollen erteilt worden war. Pjotr
-Stepanowitsch hatte sich nämlich an jenem Abend, nachdem er ihm die
-Rolle des Abgesandten zugewiesen, noch die Zeit genommen, ungefähr zehn
-Minuten mit ihm unbelauscht zu sprechen. Sie waren zu dem Zweck zur
-Seite getreten. Erkels ganzer Ehrgeiz ging dahin, der »allgemeinen
-Sache« zu dienen, und um ihretwillen ordnete er sich blind jedem fremden
-Willen unter. Da nun aber solche Jünglinge, wie er, sich das
-Einer-Sache-dienen immer nur in Verbindung mit einer bestimmten Person
-vorstellen können, die ihrer Meinung nach die Idee dieser Sache
-repräsentiert, so richtete sich sein Wille schließlich ganz nach dem
-Pjotr Stepanowitschs. Erkel, der gefühlvolle, freundliche und gute
-Erkel, war vielleicht der kälteste und gefühlloseste unter den Mördern,
-mit denen Werchowenski Schatoff umstellt hatte. Ohne jeglichen
-persönlichen Haß, aber auch ohne mit der Wimper zu zucken, hätte er an
-dessen Ermordung teilgenommen.
-
-Es war ihm unter anderem anbefohlen worden, bei der Überbringung seiner
-Botschaft an Schatoff die Umgebung desselben gut zu mustern: als ihn nun
-Schatoff auf der Treppe empfing und ihm in der Aufregung mitteilte --
-wahrscheinlich ganz unwillkürlich --, daß seine Frau zurückgekehrt sei,
-da war Erkels instinktive Schlauheit groß genug, um ihm sofort zu sagen,
-daß er hier nicht die geringste Neugier weiter zeigen dürfe, während er
-gleichzeitig blitzschnell begriff, von welcher ungeheuren Bedeutung die
-Rückkehr dieser Frau für das Gelingen oder Nichtgelingen ihres Vorhabens
-sein konnte ...
-
-Mit dem letzteren sollte er nur zu recht haben: Marja Ignatjewnas
-Rückkehr rettete geradezu die »Schurken«, da sie Schatoff von jenen
-gefährlichen Gedanken ablenkte, und half ihnen noch, sich seiner zu
-»entledigen« ... Diese plötzliche Ankunft seiner Frau regte ihn maßlos
-auf, warf seine Gedanken in ganz neue Gleise und ließ ihn für sich
-selbst jede Vorsicht vergessen. Ja, gerade der Gedanke an seine eigene
-Gefahr kam ihm jetzt, wo er mit so ganz anderem beschäftigt war, am
-allerwenigsten in den Sinn. Im Gegenteil, die Nachricht, daß
-Werchowenski am nächsten Tage fliehen werde, beruhigte ihn in der
-Beziehung vollständig. Und an der Richtigkeit dieser Nachricht zweifelte
-er um so weniger, als sie andererseits seinen Verdacht vollkommen
-bestätigte.
-
-Nachdem er in das Zimmer zurückgekehrt war, setzte er sich still in eine
-Ecke, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub sein Gesicht in
-den Händen. Bittere Gedanken quälten ihn ...
-
-Und plötzlich hob er den Kopf, stand auf und ging auf den Fußspitzen zum
-Bett, um sie zu sehen.
-
-»Herrgott! Sie wird doch morgen bestimmt erkranken, es hat ja jetzt
-schon angefangen! Sie hat sich natürlich auf der Reise erkältet. Wie
-sollte sie auch nicht! -- ist sie doch gar nicht mehr an unser rauhes
-Klima gewöhnt! Und dann die Waggons, dazu noch die dritte Klasse, und
-draußen Sturm und Regen. Dabei hat sie nur so ein leichtes Mäntelchen
-an! Und sie sollte ich nun verlassen, so allein hier lassen, ohne jede
-Hilfe? Und ihr Reisetäschchen, wie leicht und klein das ist, wiegt ja
-keine zehn Pfund! Die Arme, wie erschöpft sie ist, wie viel sie ertragen
-hat! Sie ist stolz, darum klagt sie nicht! Aber erbittert, erbittert ist
-sie! Kommt noch die Krankheit hinzu -- selbst ein Engel ist in der
-Krankheit gereizt! Wie trocken und heiß jetzt ihre Stirn sein muß, was
-für Schatten unter den Augen liegen und ... und wie schön dieses ovale
-Gesicht ist und dieses herrliche Haar, wie ...«
-
-Aber er wandte schnell die Augen von ihr, ging eilig in seine Ecke
-zurück, wie erschrocken schon bei dem bloßen Gedanken, in ihr etwas
-anderes zu sehen, als ein unglückliches, gequältes Wesen, dem er helfen
-mußte.
-
-»Was sind das hier für _Hoffnungen_! Oh, wie niedrig, wie gemein der
-Mensch doch ist!«
-
-Er setzte sich wieder, vergrub wieder das Gesicht in den Händen und
-begann zu denken, ließ Erinnerungen an sich vorüberziehen ... und wieder
-träumte er von Hoffnungen.
-
-»Ach, müde bin ich, müde!« fiel ihm ihr Ausruf, ihre schwache kranke
-Stimme ein. »Herrgott! wie sollte ich sie denn jetzt verlassen --
-achtzig Kopeken ihr ganzes Geld! Gleich hielt sie ihr Beutelchen hin,
-wie klein, wie alt es war! ... Ist hergekommen, um zu arbeiten, zu
-verdienen, eine Stelle zu suchen -- was weiß sie denn von Stellen, was
-weiß sie denn von Rußland! Das ist doch alles wie bei störrischen
-kleinen Kindchen, alles eigene Phantasie, alles frei erdacht; und nun
-ärgert sie sich, die Arme, warum Rußland nicht ihren ausländischen
-Illusionen gleicht! Oh, ihr Unglücklichen, oh, ihr Unschuldigen! ...
-Aber hier ist es wirklich kalt ...«
-
-Und er erinnerte sich plötzlich, daß sie über Kälte geklagt und er ihr
-versprochen hatte, einzuheizen.
-
-»Holz ist hier, das könnte ich hereinholen, aber wenn sie dabei
-aufwacht? Es wird schon gehen! Aber wie wird es nun mit dem Kalbsbraten?
-Sie wird aufwachen und dann vielleicht doch essen wollen ... Nun, das
-später! Kirilloff schläft die ganze Nacht nicht. Aber womit könnte ich
-sie nur zudecken, sie schläft so fest! Und sie wird es bestimmt kalt
-haben, bestimmt kalt!«
-
-Er trat noch einmal leise zu ihr: der Kleiderrock hatte sich ein wenig
-verschoben und ihr Bein war fast bis zum Knie unbedeckt. Schatoff sah
-erschrocken weg, zog dann schnell seinen warmen Mantel aus und breitete
-ihn, bemüht, nichts zu sehen, über die entblößte Stelle. Er selbst blieb
-in einem dünnen alten Rock.
-
-Das vorsichtige Anheizen des Ofens, das leise Herumgehen auf den
-Fußspitzen, das Betrachten der Schlafenden, das Denken in der Ecke --
-all das nahm viel Zeit in Anspruch. Es vergingen zwei, drei Stunden.
-Inzwischen waren Werchowenski und Liputin auf dem Schleichwege zu
-Kirilloff gekommen und hatten ihn auf demselben Wege schon wieder
-verlassen. Endlich schlummerte auch Schatoff in seiner Ecke ein. Da
-stöhnte sie plötzlich: sie erwachte und rief ihn. Er sprang wie ein
-Verbrecher auf.
-
-»Marie! Ich war eingeschlafen ... sei nicht bös, Marie. Ach, wie gemein
-ich bin, Marie!«
-
-Sie hatte sich ein wenig erhoben, sah sich verschlafen und erstaunt um,
-als ob sie noch gar nicht recht begriff, wo sie sich befand, doch
-plötzlich fuhr sie unwillig, zornig auf.
-
-»Ich habe Ihr Bett eingenommen, ich bin vor Müdigkeit einfach so
-eingeschlafen ... Warum haben Sie das zugelassen? Warum haben Sie mich
-nicht sofort aufgeweckt? Wie haben Sie gewagt zu denken, daß ich Ihnen
-zur Last fallen will?«
-
-»Wie hätte ich dich denn aufwecken können, Marie?«
-
-»Es war Ihre Pflicht, mich aufzuwecken! Für Sie ist hier kein zweites
-Bett und ich habe Ihr Bett eingenommen. Sie hätten mich nicht in diese
-falsche Situation bringen sollen. Oder glauben Sie, daß ich gekommen
-bin, um Ihre Wohltaten auszunutzen? Sie werden sich sofort auf Ihr Bett
-legen, -- und ich lege mich in der Ecke auf ein paar Stühle ...«
-
-»Marie, ich habe hier gar nicht so viel Stühle und es ist auch nichts
-da, was ich unterbreiten könnte!«
-
-»Nun, dann einfach auf die Diele. Sie müßten ja sonst selbst auf der
-Diele schlafen. Ich will mich auf die Diele legen, sofort, sofort!«
-
-Sie erhob sich und wollte einen Schritt vorwärts treten, doch plötzlich
-nahm ein unerträglicher krampfartiger Schmerz ihr alle Kraft und alle
-Entschlossenheit und sie sank laut aufstöhnend aufs Bett zurück.
-Schatoff lief erschrocken zu ihr, und Marie, die ihr Gesicht im Kissen
-verbarg, ergriff seine Hand und preßte und bog seine Hand wie im Krampf
-in ihren Händen.
-
-So verging eine ganze Minute.
-
-»Marie, Liebling, hier ist ein Doktor Frenzel, ich kenne ihn, sogar sehr
-gut ... Ich werde zu ihm laufen, wie?«
-
-»Unsinn!«
-
-»Warum Unsinn? Sage, Marie, was tut dir denn weh? ... Sonst könnte man
-auch einen heißen Umschlag machen ... vielleicht auf den Magen, zum
-Beispiel ... Das verstehe ich auch ohne Doktor ... Oder ein Senfpflaster
-...«
-
-»Was?« fragte sie verwundert und sah ihn, den Kopf leicht erhebend,
-erschrocken an.
-
-»Das heißt, was denn, Marie?« fragte Schatoff, der sie nicht verstand.
-»Was fragst du? O Gott, ich rede vielleicht wirklich Unsinn! Marie,
-vergib, aber ich kann nichts verstehen ...«
-
-»Ach, lassen Sie mich, das geht Sie auch gar nichts an ... das zu
-verstehen ... Wäre ja auch nur komisch!« und sie lachte bitter auf.
-»Erzählen Sie mir irgend etwas. Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen
-Sie. Stehen Sie nicht bei mir und sehen Sie mich nicht an, darum bitte
-ich Sie ganz besonders -- schon zum fünfhundertstenmal!«
-
-Schatoff begann auf und ab zu gehen, sah zu Boden und strengte sich mit
-aller Gewalt an, nicht zu ihr hinzusehen.
-
-»Hier -- sei nicht böse, Marie, ich flehe dich an --, hier unten ist
-Kalbsbraten, nicht weit, und Tee ... Du hast vorhin so wenig gegessen
-...«
-
-Sie winkte eigensinnig und geärgert mit der Hand ab.
-
-Schatoff biß sich in Verzweiflung auf die Lippe.
-
-»Hören Sie, ich habe die Absicht, hier in der Stadt eine Buchbinderei zu
-eröffnen. Mit Teilhabern. Da Sie hier leben und die Verhältnisse kennen,
-so sagen Sie mir, was Sie dazu meinen: wird es sich lohnen oder nicht?«
-
-»Ach, Marie, bei uns liest man doch keine Bücher. Und es gibt ja auch
-gar keine! Wie soll er sich denn da Bücher einbinden lassen?«
-
-»Wer >Er<?«
-
-»Der hiesige Leser, der hiesige Einwohner überhaupt, Marie.«
-
-»So sprechen Sie doch verständlich! Denn was heißt das: >_er_<! -- wer
-aber dieser >_er_< ist -- ist mir unbekannt. Sie kennen die Grammatik
-nicht mehr.«
-
-»Das war doch im Geiste der Sprache ... Marie,« murmelte Schatoff.
-
-»Ach, gehen Sie mir mit Ihrem Geist! Habe das satt. Warum würde denn der
-hiesige Leser oder Einwohner nicht einbinden lassen?«
-
-»Weil, ein Buch lesen und ein Buch einbinden lassen -- zwei ganz
-verschiedene Zeiten der Entwicklung sind, und zwar zwei riesig große.
-Zuerst lernt er allmählich das Lesen, in Jahrhunderten natürlich, aber
-zerreißt und vernachlässigt das Buch, da er es noch nicht für eine
-ernste Sache hält. Ein Buch aber einbinden lassen, heißt schon das Buch
-achten, bedeutet, daß er nicht nur das Lesen lieben gelernt hat, sondern
-auch als eine große Sache anerkennt. Bis zu dieser Periode ist Rußland
-noch nicht gekommen. Europa bindet schon lange ein.«
-
-»Das ist, wenn auch pedantisch ausgedrückt, doch nicht dumm gedacht und
-erinnert mich an die Zeit von vor drei Jahren. Sie konnten zuweilen ganz
-geistreich sein, vor drei Jahren.«
-
-Sie sagte das ebenso gereizt, wie alle ihre früheren eigensinnigen
-Phrasen.
-
-»Marie, Marie,« wandte sich Schatoff gerührt zu ihr, »oh, Marie! Wenn du
-wüßtest, was alles in diesen drei Jahren vergangen und verschwunden ist!
-Ich hörte, daß du mich später verachtet haben sollst, weil ich meine
-Überzeugungen geändert habe! Aber was habe ich denn fortgeworfen? Doch
-nur die Feinde des lebendigen Lebens, veraltete Liberale, die sich vor
-persönlicher Unabhängigkeit fürchten, die Lakaien der Gedanken, Feinde
-der Persönlichkeit und Freiheit, die altersschwachen Anpreiser des Toten
-und der stinkenden Verwesung! Was steht denn hinter ihnen? -- doch nur
-Greisenhaftigkeit, die goldene Mittelmäßigkeit, spießerhafteste,
-erbärmlichste Unbegabtheit, neidische Gleichheit, Gleichheit ohne
-persönliche Würde, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie begreift, oder
-höchstens wie ein Franzose von dreiundneunzig sie begriff ... Doch die
-Hauptsache: überall sind Schurken, Schurken und Schurken!«
-
-»Ja, Schurken gibt es viele,« sagte sie kurz.
-
-Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, ein wenig auf der Seite, reglos, als
-fürchte sie, sich zu bewegen, den Kopf auf dem Kissen zurückgebogen, und
-sah mit müdem, doch heißem Blick auf die Zimmerdecke. Ihr Gesicht war
-bleich, ihre Lippen trocken und heiß.
-
-»Du stimmst mir bei, Marie, du stimmst mir bei?« rief Schatoff aus.
-
-Sie wollte den Kopf schütteln zum Zeichen der Verneinung, doch plötzlich
-wurde sie wieder von einem Krampf erfaßt. Wieder verbarg sie das Gesicht
-in dem Kissen und wieder preßte sie mit aller Kraft die Hand Schatoffs,
-der, außer sich vor Angst, zu ihr gestürzt war.
-
-»Marie, Marie! Aber das ist vielleicht etwas furchtbar Ernstes, Marie!«
-
-»Schweigen Sie ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!« rief
-sie fast jähzornig und drehte den Kopf auf dem Kissen, daß nun wieder
-ihr Gesicht zu sehen war. »Wagen Sie es nicht, mich mit Ihrem Mitleid
-anzusehen! Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie, sprechen Sie!«
-
-Schatoff ging wieder auf und ab und gab sich verzweifelte Mühe, nur von
-Gleichgültigem zu sprechen.
-
-»Womit beschäftigen Sie sich hier?« fragte sie, mit gereizter Ungeduld
-ihn unterbrechend.
-
-»Ich arbeite bei einem Kaufmann im Kontor. Wenn ich wollte, Marie,
-könnte ich hier ganz gutes Geld verdienen.«
-
-»Desto besser für Sie ...«
-
-»Ach, denk nur nicht, Marie, ich ... ich habe das nur so gesagt ...«
-
-»Und was tun Sie denn sonst noch? Was predigen Sie denn jetzt? Sie
-können doch nicht anders, als predigen. Das gehört schon einmal zu Ihrem
-Charakter!«
-
-»Ich predige Gott, Marie.«
-
-»An den Sie selbst nicht glauben. Diese Idee habe ich nie begreifen
-können.«
-
-»Lassen wir das, Marie, davon können wir später sprechen.«
-
-»Was war diese Marja Timofejewna hier?«
-
-»Davon wollen wir auch später sprechen, Marie.«
-
-»Wagen Sie es nicht, mir solche Bemerkungen zu machen! Ist es wahr, daß
-ihr Tod ein Verbrechen ... dieser Menschen ist?«
-
-»Zweifellos,« preßte Schatoff durch die Zähne hervor.
-
-Marie erhob plötzlich den Kopf und rief krankhaft erregt:
-
-»Wagen Sie es nie mehr, mir davon zu sprechen, nie mehr, nie mehr!«
-
-Und wieder fiel sie zurück, wieder übermannt von einem krampfartigen
-Schmerz. Das war schon der dritte Anfall. Ihr Gestöhn wurde lauter --
-laut bis zum Geschrei.
-
-»O Sie unerträglicher Mensch! O Sie entsetzlicher Mensch!« Sie warf sich
-hin und her, sie stieß erbarmungslos Schatoff fort, der am Bett stand
-und sich über sie beugte.
-
-»Marie, ich werde alles tun, was du willst ... ich werde gehen ...
-sprechen ...«
-
-»Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, was begonnen hat!«
-
-»Was hat begonnen, Marie?«
-
-»Ach, wie soll ich es wissen! Weiß ich denn etwas davon? ... Oh,
-verfl...! Oh ... im voraus sei schon alles verflucht!«
-
-»Marie, wenn du nur sagen wolltest, was begonnen hat ... denn sonst ...
-wie soll ich denn sonst etwas verstehen?«
-
-»Sie sind ein abstrakter Schwätzer ... Oh ... alles ... alles sei
-verflucht!«
-
-»Marie! Marie!«
-
-Er begann schon ernstlich zu befürchten, daß sie wahnsinnig geworden
-sei.
-
-Da richtete sie sich plötzlich halb auf und sah ihn mit furchtbarer,
-krankhafter, ihr Gesicht entstellender Wut an:
-
-»Ja, sehen Sie denn noch immer nicht, daß ich mich in Geburtswehen
-quäle? Mag es im voraus verflucht sein, dieses Kind!«
-
-»Marie,« rief Schatoff, der jetzt endlich begriff, um was es sich
-handelte. »Marie ... Warum hast du das nicht gleich gesagt?« Er besann
-sich sofort, und plötzlich ergriff er in energischer Entschlossenheit
-seine Mütze.
-
-»Wußte ich es denn, als ich hier eintrat? Wäre ich denn sonst zu Ihnen
-gekommen? Man sagte mir: erst nach zehn Tagen! Aber wohin gehen Sie
-denn, wohin wollen Sie, unterstehen Sie sich nicht!« ...
-
-»Nach der Hebamme! Ich verkaufe den Revolver: ganz zuerst muß jetzt Geld
---!«
-
-»Wagen Sie es nicht, unterstehen Sie sich nicht, nach der Hebamme zu
-gehen, einfach ein Weib, irgendeine Alte, ich habe noch achtzig Kopeken
-im Geldbeutel ... Bauernweiber gebären doch ohne fremde Hilfe ... Und
-krepiere ich, um so besser ...«
-
-»Das Weib schaffe ich zur Stelle, eine Alte gleichfalls. Nur wie ... wie
-soll ich, Herrgott, wie soll ich dich so allein lassen, Marie?«
-
-Doch er sagte sich, daß es immerhin besser war, sie jetzt allein zu
-lassen, als später ohne Hilfe zu sein, und er eilte wie gehetzt die
-Treppe hinunter.
-
-
- III.
-
-Ganz zuerst lief er zu Kirilloff. Es war schon gegen ein Uhr nachts.
-Kirilloff stand mitten im Zimmer.
-
-»Kirilloff, meine Frau gebiert!«
-
-»Das heißt, wie?«
-
-»Sie gebiert, sie gebiert ein Kind!«
-
-»Sie ... täuschen sich auch nicht?«
-
-»O nein, nein, sie hat schon Krämpfe! ... Sie braucht ein Weib,
-irgendeine Alte, unbedingt, sofort ... Kann man sie bekommen? Sie hatten
-hier doch immer viele alte Weiber ...«
-
-»Sehr schade, daß ich nicht zu gebären verstehe,« sagte Kirilloff ernst
-und nachdenklich, »das heißt, nicht ich gebären, aber so zu machen, daß
-ich nicht zu gebären verstehe ... oder ... Nein, das verstehe ich schon
-nicht zu sagen.«
-
-»Sie wollen wohl sagen, daß Sie bei der Geburt nicht zu helfen
-verstehen? Aber davon spreche ich ja nicht! Eine Alte, ein altes Weib,
-ich bitte Sie um ein altes Weib, eine Krankenwärterin, Pflegerin,
-Aufwärterin!«
-
-»Die Alte wird da sein, nur vielleicht nicht gleich. Wenn Sie wollen,
-werde ich anstatt ...«
-
-»Unmöglich! -- ich laufe jetzt zur Wirginskaja, zur Hebamme ...«
-
-»Gemeines Frauenzimmer.«
-
-»Ja, Kirilloff, ja, aber sie ist die beste! O ja, das wird alles ohne
-Ehrfurcht, ohne Freude, mürrisch, mit Geschimpf und Gotteslästerungen
-geschehen -- bei einem so großen, heiligen Geheimnis, wie es die Geburt
-eines neuen Menschen ist! ... Oh, und sie -- sie verflucht das Kind
-schon jetzt! ...«
-
-»Wenn Sie wollen, ich ...«
-
-»Nein, nein, aber während ich laufe (oh, ich werde die Wirginskaja schon
-heranschleppen!) währenddem könnten Sie von Zeit zu Zeit zu meiner
-Treppe gehen und vorsichtig hinaufhorchen, doch unterstehen Sie sich
-nicht, hineinzugehen, Sie würden sie erschrecken, hören Sie, daß Sie
-nicht hineingehen, horchen Sie bloß so -- auf alle Fälle! Nur wenn etwas
-Äußerstes geschehen sollte -- gehen Sie hinein!«
-
-»Verstehe. Geld noch einen Rubel. Hier. Ich wollte morgen ein Huhn,
-jetzt will ich nicht. Laufen Sie schnell, laufen Sie so schnell Sie
-können. Der Samowar ist die ganze Nacht.«
-
-Kirilloff ahnte nichts von den Absichten gegen Schatoff. Auch früher war
-ihm die Gefahr unbekannt gewesen, die Schatoff drohte. Er hatte nur
-gehört, daß Schatoff alte Abrechnungen mit »diesen Leuten« habe, doch
-wußte er nichts Näheres darüber, obschon er selbst durch gewisse
-Instruktionen aus dem Auslande (übrigens waren es nur ganz
-unverfängliche) mit dem »Fall Schatoff« gewissermaßen verknüpft war.
-Doch in der letzten Zeit hatte er alles abgelehnt, hatte sich von allem
-zurückgezogen, besonders was die »allgemeine Sache« irgendwie anging,
-und sich ganz seinem kontemplativen Leben hingegeben. Pjotr
-Werchowenski, der auf der Sitzung doch eigentlich nur deshalb Liputin
-aufgefordert hatte, mitzukommen, um ihn zu überzeugen, daß Kirilloff den
-»Fall Schatoff« tatsächlich auf sich nehmen werde, hatte im Gespräch mit
-Kirilloff kein Wort über Schatoff verloren, ja, ihn nicht einmal
-erwähnt: offenbar mit Absicht, da er nicht sicher war, ob Kirilloff
-nicht alles ablehnen würde, wenn er erfuhr, daß Schatoff als Opfer mit
-hineingezogen werden sollte. So hatte er denn diesen Teil der ganzen
-Angelegenheit auf den folgenden Tag verschoben, wenn die Tat bereits
-geschehen und alles schon »einerlei« war. Liputin war es allerdings
-aufgefallen, daß Pjotr Stepanowitsch gerade über Schatoff kein Wort
-sagte, doch war er andererseits selbst zu aufgeregt gewesen, um ihn
-darauf aufmerksam zu machen.
-
-Schatoff lief so schnell er nur konnte zu Wirginskis, fluchend über die
-Entfernung, die ihm heute endlos erschien.
-
-An dem Hause mußte er lange klopfen: alles schlief natürlich. Doch
-Schatoff schlug rücksichtslos und mit aller Kraft an die Fensterläden.
-Der Hofhund schlug an, riß an seiner Kette und heulte und bellte, daß
-sämtliche Hunde der Umgegend gleichfalls anschlugen.
-
-»Wer klopft? Was wünschen Sie?« ertönte endlich an einem Fenster die
-weiche Stimme Wirginskis, deren Sanftheit in so gar keinem Verhältnis zu
-der Störung stand.
-
-Der Fensterladen wurde geöffnet und gleich darauf auch das Klappfenster.
-
-»Wer ist da? Wer ist der Schuft?« kreischte wütend die Stimme der alten
-Jungfer, Wirginskis Schwägerin, deren Ton schon mehr als im Verhältnis
-zu der »Beleidigung« stand.
-
-»Ich bin Schatoff, meine Frau ist zu mir zurückgekehrt und wird gleich
-gebären ...«
-
-»So mag sie doch, scheren Sie sich zum Kuckuck!«
-
-»Ich bin nach Arina Prochorowna gekommen, ohne Arina Prochorowna gehe
-ich nicht fort!«
-
-»Sie kann doch nicht zu jedem gehen! In der Nacht ist eine andere Praxis
-... Scheren Sie sich zur Makschejewa, und daß Sie sich nicht
-unterstehen, noch weiterzulärmen!« rief zornknatternd die Weiberstimme.
-
-Doch Schatoff hörte gleichzeitig, wie Wirginski sie zu beschwichtigen
-und zu unterbrechen suchte. Die alte Jungfer aber ließ ihn einfach nicht
-zu Wort kommen und verteidigte ihren Platz am Fenster.
-
-»Ich gehe nicht fort!« schrie Schatoff wieder.
-
-»Warten Sie, warten Sie!« rief Wirginski und es gelang ihm endlich, die
-alte Jungfer zu verdrängen. »Ich bitte Sie, Schatoff, warten Sie noch
-fünf Minuten, ich werde Arina Prochorowna wecken, nur bitte klopfen Sie
-nicht mehr und schreien Sie bitte nicht ... Oh, wie ist das
-schrecklich!«
-
-Nach fünf endlosen Minuten erschien dann schließlich Arina Prochorowna.
-
-»Ihre Frau ist zu Ihnen gekommen?« ertönte ihre Stimme durch das
-Klappfenster, und zwar, zu Schatoffs nicht geringer Verwunderung,
-diesmal durchaus nicht geärgert, sondern höchstens befehlend wie
-gewöhnlich -- aber anders verstand Arina Prochorowna überhaupt nicht zu
-sprechen.
-
-»Ja, meine Frau -- und sie bekommt ein Kind.«
-
-»Marja Ignatjewna?«
-
-»Ja, Marja Ignatjewna. Natürlich, Marja Ignatjewna!«
-
-Ein Schweigen entstand. Schatoff wartete. Hinter dem Fenster hörte er
-flüstern.
-
-»Ist sie schon vor langer Zeit angekommen?« fragte Frau Wirginskaja
-wieder.
-
-»Heute abend, um acht. Bitte schnell, wenn Sie können!«
-
-Wieder wurde im Hause geflüstert, wieder schienen sie sich zu beraten.
-
-»Hören Sie, irren Sie sich nicht? Hat sie selbst Sie zu mir geschickt?«
-
-»Nein, sie hat mich nicht geschickt, sie will nur ein Weib haben, ein
-einfaches Weib, um mich nicht mit Ausgaben zu belasten, aber seien Sie
-unbesorgt, ich werde alles bezahlen.«
-
-»Gut, ich komme, ob Sie zahlen oder nicht. Ich habe stets die
-selbständigen Anschauungen Marja Ignatjewnas zu schätzen gewußt, wenn
-sie sich auch meiner vielleicht nicht mehr erinnert. Haben Sie die
-notwendigsten Sachen?«
-
-»Ich habe nichts, aber es wird alles, alles gleich zur Stelle sein! ...
-Also Sie kommen?«
-
-Damit lief Schatoff auch schon fort: diesmal zu Lämschin.
-
-»Es gibt doch in diesen Leuten noch Großmut!« dachte er auf dem Wege.
-»Die Überzeugungen und der Mensch, -- das sind, glaube ich, in vielem
-zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe ihnen vielleicht in manchem
-Unrecht getan! ... Alle Menschen sind schuldig, alle sind schuldig und
-... wenn doch alle das einsehen würden! ...«
-
-Bei Lämschin brauchte er nicht lange zu klopfen: es wurde überraschend
-schnell geöffnet. Lämschin war aber auch schon beim ersten Schlag aus
-dem Bett gesprungen und steckte -- mit bloßen Füßen, nur im Hemd -- im
-Nu den Kopf zum Luftfenster hinaus, ungeachtet dessen, daß er sich so
-einen Schnupfen zu holen riskierte; er aber war sonst sehr vorsichtig
-und stets um seine Gesundheit besorgt. Doch diese Scharfhörigkeit und
-Eile hatten einen besonderen Grund: Lämschin hatte nämlich nach der
-Sitzung bei Erkel überhaupt nicht einschlafen können und den ganzen
-Abend und die halbe Nacht nur so gezittert vor Aufregung. Ihm schwante
-die ganze Zeit, daß sogleich gewisse ungebetene und unerwünschte Gäste
-bei ihm erscheinen würden. Denn ihn, Lämschin, quälte am meisten die
-Nachricht von Schatoffs Denunziation. Und nun plötzlich, wie
-absichtlich, wurde so furchtbar laut und befehlend an sein Fenster
-geklopft! ...
-
-Als er Schatoff erblickte, erschrak er so, daß er sofort das Fenster
-zuschlug und ins Bett zurücklief. Schatoff aber begann wütend zu rufen
-und zu klopfen.
-
-»Wie dürfen Sie so schreien und klopfen mitten in der Nacht?« rief das
-Jüdchen drohend und doch fast vergehend vor Angst, -- und auch das erst
-nach ganzen zwei Minuten der Unentschlossenheit und erst nachdem er sich
-überzeugt hatte, daß Schatoff ganz allein gekommen war.
-
-»Hier haben Sie Ihren Revolver, nehmen Sie ihn zurück und geben Sie mir
-fünfzehn Rubel.«
-
-»Was soll das heißen, sind Sie besoffen? Das ist Raubmord! Und ich
-erkälte mich nur. Warten Sie, ich nehme ein Plaid um.«
-
-»Geben Sie sofort fünfzehn Rubel. Wenn nicht, so werde ich bis zum
-Morgen klopfen und schreien. Ich schlage Ihnen das Fenster ein!«
-
-»Aber ich werde die Polizei rufen und man nimmt Sie in Arrest!«
-
-»Ah, und bin ich denn stumm? Als ob ich nicht auch die Polizei rufen
-kann? Wer hat die wohl mehr zu fürchten, Sie oder ich?«
-
-»Und Sie können so häßliche Absichten haben ... Ich weiß, worauf Sie
-anspielen ... Warten Sie, warten Sie um Gottes willen, klopfen Sie nicht
-mehr! Erbarmen Sie sich, wer hat denn Geld in der Nacht? Wozu brauchen
-Sie überhaupt Geld, wenn Sie nicht betrunken sind?«
-
-»Meine Frau ist zu mir gekommen. Ich habe Ihnen zehn Rubel abgelassen,
-habe kein Mal geschossen, -- nehmen Sie den Revolver, nehmen Sie ihn
-sofort!«
-
-Lämschin streckte mechanisch seine Hand aus dem Fenster und nahm den
-Revolver entgegen: einen Augenblick wartete er, dann aber steckte er
-plötzlich den Kopf hinaus und lispelte mit steifer Zunge, ohne selbst zu
-begreifen, was er tat, und mit einem Schauer im Rücken:
-
-»Sie lügen, zu Ihnen ist gar keine Frau gekommen ... Das ... das ... Sie
-wollen einfach irgendwohin fliehen!«
-
-»Sie Kalb, wohin soll ich denn fliehen? Euer Pjotr Werchowenski flieht,
-aber nicht ich. Ich war soeben bei der Wirginskaja und sie war sofort
-bereit, zu mir zu kommen. Entschließen Sie sich! Meine Frau quält sich,
-ich brauche Geld, geben Sie das Geld!«
-
-Ein ganzes Feuerwerk von Gedanken sprühte sogleich im findigen Kopfe
-Lämschins auf. Alles nahm in seinen Augen plötzlich eine andere Wendung,
-aber die Angst ließ ihn immer noch nicht klar überlegen.
-
-»Ja aber, wie ist denn das ... Sie leben doch nicht mit Ihrer Frau?«
-
-»Für solche Fragen schlage ich Ihnen den Schädel ein!«
-
-»Ach, mein Gott, verzeihen Sie, ich begreife, ich war nur so bestürzt
-... Aber ich verstehe, verstehe. Aber ... aber wird denn Arina
-Prochorowna wirklich kommen? Sie sagten, daß sie schon gegangen sei?
-Wissen Sie, das ist doch gar nicht wahr. Sehen Sie, sehen Sie, sehen
-Sie, wie Sie die Unwahrheit sagen, auf jedem Schritt!«
-
-»Sie ist jetzt bestimmt schon bei meiner Frau ... Halten Sie mich nicht
-auf, ich bin nicht schuld daran, daß Sie dumm sind.«
-
-»Das ist nicht wahr, ich bin gar nicht dumm. Verzeihen Sie, aber ich
-kann auf keine Weise ...«
-
-Und er wollte schon, ganz aus der Fassung gebracht, zum drittenmal das
-Luftfenster schließen. Doch Schatoff brüllte derart auf, daß der Kleine
-sofort wieder den Kopf zum Fenster hinaussteckte.
-
-»Aber das ist doch schon einfach eine ... eine Beschlagnahme der
-Persönlichkeit! Was wollen Sie denn von mir, nun, was, was denn,
-formulieren Sie es doch! Und beachten Sie, beachten Sie, mitten in solch
-einer Nacht!«
-
-»Fünfzehn Rubel verlange ich, Schafskopf!«
-
-»Aber ich, ich will den Revolver vielleicht gar nicht zurücknehmen! Sie
-haben gar nicht das Recht, so was zu verlangen. Sie haben das Ding
-gekauft -- damit ist alles fertig, und Sie haben nicht das Recht! ...
-Solch eine Summe habe ich überhaupt nicht in der Nacht! Wo soll ich
-solch eine Summe hernehmen in der Nacht?«
-
-»Du hast immer Geld bei dir; ich habe dir zehn Rubel abgelassen, aber du
-bist ja ein bekannter Judenlümmel!«
-
-»Kommen Sie übermorgen, -- hören Sie, übermorgen früh, punkt zwölf Uhr,
-und ich gebe Ihnen alles, alles, ist's recht?«
-
-Schatoff schlug wieder unbändig an den Fensterrahmen.
-
-»Zehn Rubel her, und morgen früh fünf!«
-
-»Nein, _über_morgen früh fünf, aber morgen kann ich bei Gott nicht.
-Kommen Sie lieber gar nich! Kommen Sie lieber gar nich!«
-
-»Zehn Rubel, sag ich; o Schuft!«
-
-»Aber warum schimpfen Sie denn so? Warten Sie, ich muß doch erst Licht
-machen! Sie haben den Kitt von den Scheiben losgeschlagen ... Wer
-schimpft denn so in der Nacht? Hier!« und er reichte einen Schein aus
-dem Fenster.
-
-Schatoff ergriff ihn, -- es war ein Fünfrubelschein.
-
-»Das sind ja nur fünf!«
-
-»Bei Gott, ich kann nicht, und wenn Sie mich erstechen, ich kann nicht,
-übermorgen kann ich alles, aber jetzt kann ich gar nichts.«
-
-»Ich gehe nicht früher fort!« schrie Schatoff.
-
-»Nu, nehmen Sie noch das, nu, hier ist noch, sehen Sie, hier ist noch,
-aber mehr gebe ich nich. Schreien Sie sich meinetwegen die Kehle kaputt,
-ich geb nich mehr, was Sie da auch nich machen -- geb nich mehr, geb
-nich, geb nich!«
-
-Er war außer sich, in Verzweiflung, in Schweiß. Die beiden Geldscheine,
-die er noch gab, waren nur Einrubelscheine. Im ganzen hatte Schatoff
-sieben Rubel bekommen.
-
-»Daß dich der Teufel hole, ich komme morgen. Und ich haue dich,
-Lämschin, wenn du die acht Rubel nicht bereit hast!«
-
-»Und morgen bin ich einfach nich zu Haus, Dummkopf!« dachte Lämschin
-blitzschnell.
-
-»Warten Sie, warten Sie, Herr Schatoff!« rief er ihm plötzlich nach.
-»Warten Sie, kommen Sie zurück! -- Sagen Sie, bitte, ist es wirklich
-wahr, was Sie gesagt haben, daß Ihre Frau zurückgekommen ist?«
-
-»Esel!« sagte Schatoff ausspuckend und lief so schnell er konnte nach
-Hause.
-
-
- IV.
-
-Arina Prochorowna wußte nichts von dem in der Sitzung gefaßten Beschluß.
-Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner
-Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen
-gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender
-Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fügte wohl noch hinzu,
-daß er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina
-Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde
-entschloß sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz
-ihrer Müdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu
-ihm zu gehen. Sie hatte schon längst, wie sie sagte, diesen Schatoff für
-fähig gehalten, »eine bürgerliche Gemeinheit zu begehen«, und glaubte
-darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie
-aber hörte, daß Marja Ignatjewna zurückgekehrt war, da schöpfte sie
-sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte
-ließen sie eine gewisse »Umwandlung in den Gefühlen des Verräters«
-ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu
-verderben, nur um andere auszuliefern, würde anders aussehen und anders
-sprechen. Jedenfalls entschloß sich Arina Prochorowna sofort, alles mit
-eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschluß
-seiner Frau unendlich beruhigend -- als ob man ihm »fünf Pud« von der
-Seele genommen hätte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das
-Aussehen Schatoffs schien ihm im höchsten Grade Werchowenskis Verdacht
-zunichte zu machen.
-
-Schatoff hatte sich nicht getäuscht: als er zurückkam, fand er Arina
-Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten
-eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff
-mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das möglich war,
-mit Marie verständigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin »in der
-gemeinsten Verfassung«, das heißt, böse, gereizt und »im allerdümmsten
-Kleinmut« -- aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries sämtliche
-Einwendungen besiegt.
-
-»Was jammern Sie da, daß Sie keine teure Hebamme haben wollen?« sagte
-sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, »der reinste
-Blödsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen.
-Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes hätten Sie fünfzig Chancen,
-schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und
-Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie
-überhaupt, daß ich teuer bin? Sie können später bezahlen, von Ihnen
-werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere für
-eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist
-bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind -- das kann ich Ihnen morgen
-noch in einer Anstalt unterbringen, und später geben wir es ins Dorf zur
-Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell
-gesund, machen sich an eine vernünftige Arbeit und >entschädigen< dann
-meinetwegen Schatoff für das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht
-so groß sein werden ...«
-
-»Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belästigen ...«
-
-»Sehr rationell und bürgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird
-fast überhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, -- wenn er sich
-nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernünftigen
-Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten
-machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch
-die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn
-nicht mit Gewalt festhält, so schleppt er uns bis zum Morgen womöglich
-noch sämtliche Ärzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum
-Kläffen gebracht! Ärzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, daß
-ich für alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur
-Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. Übrigens kann er
-sich auch selbst nützlich machen, er braucht doch nicht nur zu
-Dummheiten fähig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die
-Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefühle mit >Wohltaten< zu
-verletzen. Was Teufel >Wohltaten<! Hat er Sie denn nicht selbst in diese
-Lage gebracht? Er hat Sie doch damals zum Bruch mit dieser Familie
-getrieben, in der Sie Lehrerin waren, mit dem selbstsüchtigen Ziel, Sie
-dann heiraten zu können!? Wir haben doch davon gehört ... Übrigens kam
-er doch selbst angelaufen und hat bei uns geschrien und getobt wie ein
-Verrückter. Ich binde mich wahrhaftig niemandem auf und bin nur um
-Ihretwillen gekommen, aus Prinzip, weil wir unter uns zur Solidarität
-verpflichtet sind. Das habe ich ihm übrigens auch gesagt. Wenn ich aber
-nach Ihrer Meinung hier überflüssig bin, dann sagen Sie es nur und --
-leben Sie wohl! Daß bloß kein Unglück geschieht, was so leicht zu
-verhüten wäre.« Und sie erhob sich sogar schon von ihrem Stuhl.
-
-Marie war aber so hilflos, litt dermaßen und -- um die Wahrheit zu sagen
--- fürchtete sich so maßlos vor dem, was ihr bevorstand, daß sie es
-jetzt selbst nicht mehr wagte, die Wirginskaja von sich zu lassen. Dafür
-aber war ihr diese Frau plötzlich geradezu verhaßt: die sprach da von
-ganz anderem, nur nicht von dem, was in Maries Seele vorging! Doch die
-Möglichkeit, in den Händen einer ungeschickten Hebamme zu sterben,
-besiegte den Widerwillen. Zu Schatoff jedoch wurde sie von nun an noch
-herrischer, noch unnachsichtiger: schließlich verbot sie ihm nicht nur,
-sie anzusehen, sondern er durfte nicht einmal mit dem Gesicht zu ihr
-gewandt stehen. Dabei wurden ihre Schmerzen immer stärker und ihre
-Flüche und selbst Schimpfworte immer sinnloser.
-
-»Ach, was da! wir schicken ihn einfach hinaus,« schnitt Arina
-Prochorowna kurz ab. »Mit seinem Gesicht erschreckt er Sie nur: bleich
-ist er wie ein Toter! Was haben denn Sie zu fürchten, Sie komischer
-Mensch? Das ist mir mal eine Komödie!«
-
-Schatoff antwortete nicht: er hatte sich vorgenommen, um nicht unnütz zu
-reizen, einfach nichts zu erwidern.
-
-»Ach, habe ich dumme Väter in solchen Fällen gesehen! Die verlieren nun
-mal immer den Verstand. Aber die haben dann doch wenigstens ...«
-
-»Hören Sie auf, oder gehen Sie, damit ich endlich sterbe! Kein Wort
-mehr! Ich will nicht, will nicht!« keuchte Marie in Qualen.
-
-»Da kann man ja überhaupt nichts mehr sprechen! Ich sehe nur, daß Sie
-die Vernunft verloren haben. Doch zur Sache: sagen Sie, haben Sie schon
-etwas vorbereitet? Antworten Sie, Schatoff, denn sie hat jetzt keinen
-Sinn dafür.«
-
-»Sagen Sie, bitte, was denn eigentlich nötig ist.«
-
-»Also nichts vorbereitet.«
-
-Sie zählte ihm das unbedingt Nötige auf, wirklich nur das Notwendigste.
-
-Einiges fand sich auch bei Schatoff. Marie zog einen kleinen Schlüssel
-hervor und reichte ihn ihm, damit er in ihrer Reisetasche suche. Da aber
-seine Hände zitterten, so dauerte es etwas länger, bis er das ihm
-unbekannte Schloß aufgemacht hatte, worüber Marie wieder außer sich
-geriet, doch als nun Arina Prochorowna ihm helfen und schneller öffnen
-wollte, da erlaubte sie wieder unter keiner Bedingung, daß diese ihre
-Tasche anrühre, und bestand mit kindischem Geschrei und Weinen darauf,
-daß nur Schatoff allein sie öffne.
-
-Nach anderen Sachen mußte er zu Kirilloff gehen. Kaum aber war er aus
-dem Zimmer, da rief ihn Marie auch schon wie rasend wieder zurück und
-beruhigte sich erst, nachdem Schatoff sofort wieder von der Treppe
-zurückgelaufen kam und ihr dann auseinandersetzte, daß er nur auf eine
-Minute und auch nur nach dem Notwendigsten fortgehen und sofort wieder
-da sein werde.
-
-»Na, Sie zu befriedigen ist aber schwer,« meinte Arina Prochorowna
-lachend, »bald muß man mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf sich
-nicht mal umkehren, bald ist es wieder so nicht recht; und wenn man
-Ihretwegen auf einen Augenblick fortgehen muß, fangen Sie zu weinen an.
-Na, nun regen Sie sich aber nicht so auf, reiben Sie sich nicht die
-verweinten Augen, -- ich lache doch nur.«
-
-»Er darf sich nicht unterstehen, überhaupt etwas zu denken!«
-
-»Tatata, wenn er nicht wie ein Bock in Sie verliebt wäre, würde er doch
-nicht die Hunde der ganzen Stadt zum Heulen bringen und wie verrückt
-durch die Straßen rennen! Bei mir hat er fast den Fensterrahmen
-herausgeschlagen.«
-
-
- V.
-
-Schatoff traf Kirilloff immer noch im Zimmer auf- und abgehend an, aber
-er war so zerstreut und mit sich beschäftigt, daß er die Ankunft von
-Schatoffs Frau einfach vergessen hatte, Schatoff selber jetzt zwar
-anhörte, doch ihn zuerst gar nicht verstand.
-
-»Ach ja,« erinnerte er sich dann plötzlich, und es war, als risse er
-sich nur mit großer Anstrengung und nur auf einen Augenblick von
-irgendeinem ihn beherrschenden Gedanken los, »ja ... die Frau ... Frau
-oder altes Weib? Warten Sie: und Frau, und altes Weib? Ich weiß schon.
-Ich war da. Die Alte wird kommen, nur nicht gleich. Nehmen Sie das
-Kissen. Was noch? Ja ... Warten Sie, kommt es bei Ihnen auch vor,
-Schatoff, daß Sie Minuten ewiger Harmonie haben?«
-
-»Wissen Sie, Kirilloff, das geht nicht so weiter! Sie müssen sich wieder
-angewöhnen, in der Nacht zu schlafen.«
-
-Jetzt erst erwachte Kirilloff und -- sonderbar: er sprach mit einemmal
-viel zusammenhängender und richtiger, als er sonst zu tun pflegte;
-wahrscheinlich hatte er alles das schon lange in Gedanken formuliert und
-vielleicht sogar aufgeschrieben:
-
-»Es gibt Sekunden, es sind im ganzen nur fünf oder sechs auf einmal, und
-plötzlich fühlen Sie die Gegenwart der ewigen Harmonie; einer vollkommen
-erreichten. Das ist nichts Irdisches; ich rede nicht davon, ob es
-himmlisch ist, sondern daß ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht
-aushalten kann. Man muß sich physisch verändern oder sterben. Das ist
-ein klares und unbestreitbares Gefühl. Als ob man plötzlich die ganze
-Natur fühlt und plötzlich sagt: ja, es ist richtig. Gott hat, als er die
-Welt schuf, am Abend jedes Schöpfungstages gesagt: >Ja, es ist richtig,
-es ist gut.< Das ... das ist nicht ein Ergriffensein, sondern nur so, --
-Freude. Man verzeiht auch nichts, denn es gibt nichts mehr, was zu
-verzeihen wäre. Es ist nicht, daß man liebt, oh, -- das hier ist höher
-als Liebe! Das Furchtbarste ist, daß es so schrecklich klar ist und eine
-solche Freude. Wenn es mehr als fünf Sekunden wäre, so würde die Seele
-es nicht aushalten und müßte vergehen. In diesen fünf Sekunden durchlebe
-ich das Leben und würde für sie mein ganzes Leben hingeben, denn sie
-sind das wert. Um zehn Sekunden zu ertragen, muß man sich physisch
-verändern. Ich denke, der Mensch muß aufhören, zu gebären. Wozu Kinder,
-wozu Entwicklung, wenn das Ziel erreicht ist? Im Evangelium ist gesagt,
-daß man nach der Auferstehung nicht mehr gebären, sondern wie Engel
-Gottes sein wird. Ein Fingerzeig. Ihre Frau gebiert?«
-
-»Kirilloff, haben Sie das oft?«
-
-»In drei Tagen einmal, in einer Woche einmal.«
-
-»Haben Sie nicht die Fallsucht?«
-
-»Nein.«
-
-»Dann werden Sie sie bekommen. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, ich
-habe gehört, daß die Fallsucht gerade so beginnen soll. Mir hat ein
-Epileptiker Wort für Wort so wie Sie den Zustand vor dem Anfall
-geschildert: fünf Sekunden gab auch er an, und auch er sagte, daß man
-mehr nicht ertragen könne. Denken Sie an Mohammeds Krug, der nicht Zeit
-hatte, überzufließen, während der Prophet auf seinem Pferde das Paradies
-umflog. Der Krug -- das sind dieselben fünf Sekunden; das erinnert zu
-sehr an Ihre Harmonie, und Mohammed war bekanntlich Epileptiker. Nehmen
-Sie sich in acht, Kirilloff, vor der Fallsucht!«
-
-»Die kommt zu spät,« sagte Kirilloff mit stillem Lächeln.
-
-
- VI.
-
-Die Nacht verging. Schatoff wurde fortgeschickt, gescholten,
-zurückgerufen und wieder gescholten. Maries Angst um ihr Leben erreichte
-den höchsten Grad: sie schrie, daß sie leben wolle, »unbedingt,
-unbedingt!« und »nicht sterben! nicht sterben!« Wäre Arina Prochorowna
-nicht bei ihr gewesen, so hätte es schlimm werden können; doch
-allmählich bekam sie die nervöse Patientin vollkommen in ihre Hand, bis
-diese schließlich wie ein Kind jedem einzelnen ihrer Worte gehorchte.
-Arina Prochorowna faßte sie -- ihr erprobtes Mittel -- mit Strenge an,
-sparte sich, wie gewöhnlich, jede Freundlichkeit, tat aber sonst
-meisterhaft ihre Pflicht.
-
-Der Tag brach an.
-
-Arina Prochorowna fiel es plötzlich ein, zu erzählen, daß Schatoff im
-Augenblick vorher auf den Treppenflur hinausgegangen sei, um zu Gott zu
-beten, und sie lachte darüber. Marie begann gleichfalls zu lachen, hart
-und höhnisch, als ob ihr von diesem Lachen leichter würde.
-
-Schließlich wurde Schatoff ganz hinausgeschickt. Ein kalter, feuchter
-Morgen brach an. Er stützte wieder die Stirn an die Flurwand, und stand
-so, wie er vorhin gestanden hatte, als Erkel zu ihm gekommen war. Er
-zitterte am ganzen Körper und fürchtete sich zu denken, aber sein Denken
-heftete sich an alles vor seinem Geist Erscheinende, wie es im Traum zu
-geschehen pflegt. Die Gedanken zogen ihn immer wieder mit sich fort,
-rissen aber dabei selbst fortwährend ab, wie mürbe Fäden.
-
-Aus dem Zimmer drang schon nicht mehr Gestöhn: das waren vielmehr
-entsetzliche, rein tierische Schreie, unerträgliche, unmögliche. Er
-wollte sich die Ohren zuhalten, doch konnte er es nicht und sank auf die
-Knie, unbewußt, immer nur das eine Wort stammelnd: »Marie, Marie,
-Marie!«
-
-Und dann plötzlich hörte er einen neuen Schrei, der ihm durch Mark und
-Bein fuhr und ihn aufspringen machte -- den schwachen, zitternden Schrei
-eines Kindes. ... Er bekreuzte sich und stürzte ins Zimmer. In Arina
-Prochorownas Händen wimmerte und bewegte sich mit winzigen Händchen und
-Füßchen ein rotes, runzliges, kleines Wesen, das bis zur Kläglichkeit
-hilflos war, das aber schrie und sich kund tat, ganz als hätte es
-gleichfalls ein großes Recht auf das Leben ...
-
-Marie lag wie ohnmächtig in den Kissen: nach einer Minute erst schlug
-sie die Augen auf und sah sonderbar, ganz sonderbar Schatoff an: das war
-ein ganz neuer Blick -- was für einer, das konnte er noch nicht
-verstehen, aber noch nie vorher hatte er einen ähnlichen Blick an ihr
-bemerkt.
-
-»Ein Knabe? ein Knabe?« fragte sie mit leiser, schwacher Stimme Arina
-Prochorowna.
-
-»Ein Bengel!« rief die zurück, die gerade das Kleine einwickelte.
-
-Als sie das Kindchen eingepackt hatte und sich nun anschickte, es
-zwischen zwei Kissen quer aufs Bett zu legen, gab sie es auf einen
-Augenblick Schatoff, damit er es halte. Marie, die das bemerkt hatte,
-winkte ihn heimlich heran, als ob sie sich vor Arina Prochorowna
-fürchtete. Er verstand sie sofort und trat mit dem kleinen Wesen zu ihr,
-damit sie es sehen konnte.
-
-»Wie ... nett er ist ...« flüsterte sie lächelnd, mit schwacher Stimme.
-
-Arina Prochorowna bemerkte zufällig Schatoffs Gesichtsausdruck und brach
-in heiteres Lachen aus: »Was der aber für ein Gesicht macht! So etwas
-habe ich noch nie gesehn!«
-
-»Lachen Sie nur, Arina Prochorowna ... Das ist eine große Freude ...«
-sagte Schatoff mit einfältig seligem Gesichtsausdruck: nach den paar
-Worten, die Marie über das Kind gesagt hatte, war er geradezu erstrahlt.
-
-»Ach, was ist denn das für eine große Freude!« lachte Arina Prochorowna,
-die geschäftig im Zimmer hin und her ging.
-
-»Das Geheimnis, daß es ein neues Wesen auf der Welt gibt; das große und
-unerklärliche Geheimnis, Arina Prochorowna -- wie schade, daß Sie das
-nicht verstehen!«
-
-Schatoff sprach wirr, wie benommen und verzückt. Als ob irgend etwas in
-seinem Kopfe hin und her wogte und sich von selbst, ohne seinen Willen,
-aus seiner Seele ergoß.
-
-»Es waren zwei, und plötzlich ist ein dritter Mensch, ein neuer Geist,
-ein ganzer, in sich vollendeter, wie ihn Menschenhand nimmer erschaffen
-kann; ein neuer Gedanke und eine neue Liebe ... sogar unheimlich ... Und
-es gibt nichts Höheres auf der Welt!«
-
-»Der redet was zusammen! Das ist doch einfach die Weiterentwicklung des
-Organismus und nichts anderes, nichts von Geheimnissen,« sagte Arina
-Prochorowna wieder mit aufrichtig heiterem Lachen. »So wäre ja jede
-Fliege ein Geheimnis. Nur sehen Sie: überflüssige Menschen sollten
-lieber nicht geboren werden. Schmiedet erst alles so um, daß sie nicht
-mehr überflüssig sind, dann könnt ihr sie gebären. Denn sonst -- da muß
-man ihn nun übermorgen in die Findelanstalt schleppen ... Übrigens, so
-muß es auch sein.«
-
-»Niemals werde ich ihn von mir fort in eine Anstalt geben!« sagte
-Schatoff, den Blick zu Boden gesenkt, mit fester Stimme.
-
-»Sie adoptieren ihn?«
-
-»Er _ist_ mein Sohn.«
-
-»Natürlich, er heißt Schatoff, nach dem Gesetz ist er ein Schatoff, und
-Sie haben keine Ursache, sich als Wohltäter des Menschengeschlechts
-aufzuspielen. Ohne Phrasen geht's ja nicht. Nun, nun, schon gut, nur
-noch eines, meine Herrschaften,« schloß sie endlich, sich bereits
-ankleidend, »ich muß nämlich jetzt gehen. Ich werde am Vormittag
-wiederkommen und auch am Abend, falls es nötig sein sollte; jetzt aber
-muß ich, da hier alles so glücklich überstanden ist, zu meinen anderen
-Patientinnen, die warten schon lange auf mich. Sie haben dort irgendwo
-eine Alte ... Aber Alte hin, Alte her, deshalb können auch Sie sich
-immer noch nützlich machen. Daß Sie sie mir nicht allein lassen! --
-setzen Sie sich als liebes Männchen an ihr Bett -- Marja Ignatjewna wird
-Sie, glaub' ich, jetzt nicht mehr fortjagen ... nun, nun, ich scherze ja
-nur ...«
-
-Bei der Pforte, die Schatoff für sie aufschloß, sagte sie noch zu ihm:
-
-»Sie haben mich für mein ganzes Leben erheitert! Geld nehme ich von
-Ihnen nicht, werd' noch im Schlaf lachen müssen. Komischeres als Sie in
-dieser Nacht, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehn.«
-
-Sie ging vollkommen zufrieden fort. Nach Schatoffs Aussehen und allen
-seinen Worten war es für sie klar wie das Sonnenlicht, daß dieser Mensch
-»sich jetzt in die Rolle des Vaters einfühlen wird und der letzte Lappen
-ist«, -- ans Denunzieren also überhaupt nicht denken werde. So eilte sie
-denn, obgleich die Wohnung einer Patientin am Wege lag, zuerst nach
-Haus, um diese Beobachtungen ihrem Mann zur Beruhigung mitzuteilen.
-
-»Marie, sie hat dir gesagt, daß du nicht gleich schlafen sollst, wenn
-das auch, fürchte ich, sehr schwer ist ...« begann Schatoff schüchtern.
-»Ich werde mich hier ans Fenster setzen und auf dich acht geben, nicht?«
-
-Und er setzte sich hinter dem Diwan ans Fenster, doch so, daß sie ihn
-auf keine Weise sehen konnte. Aber es verging nicht eine Minute, da rief
-sie ihn schon wieder und bat gereizt, ihr das Kissen zurechtzurücken. Er
-versuchte es vorsichtig. Sie sah böse zur Wand.
-
-»Nicht so, ach, nicht so ... Was für ungeschickte Hände!«
-
-Schatoff bemühte sich, es besser zu machen.
-
-»Beugen Sie sich zu mir,« sagte sie plötzlich und gab sich die größte
-Mühe, ihn nicht anzusehen.
-
-Er zuckte erschrocken zusammen, doch beugte er sich gehorsam zu ihr
-nieder.
-
-»Noch ... nicht so ... näher,« und plötzlich umschlang ihr linker Arm
-ungestüm seinen Hals und er fühlte ihren starken, feuchten Kuß auf
-seiner Stirn.
-
-»Marie!«
-
-Ihre Lippen bebten, sie bezwang sich sichtlich, doch plötzlich richtete
-sie sich halb auf und sagte mit blitzenden Augen:
-
-»Nicolai Stawrogin ist ein Lump!«
-
-Und kraftlos, als ob ihr plötzlich alle Stützen entzogen worden wären,
-fiel sie, hysterisch aufschluchzend, mit dem Gesicht auf das Kissen und
-drückte fest, fest Schatoffs Hand in ihren glühenden Händen.
-
-Von diesem Augenblick an ließ sie ihn nicht mehr von sich, und wollte
-»unbedingt, unbedingt«, daß er an ihrem Bett sitzen blieb. Sprechen
-konnte sie nur wenig, aber sie sah ihn an und lächelte ihm zu wie eine
-Glückselige. Sie schien plötzlich ganz unklug, eine ganze Törin geworden
-zu sein. Alles war jetzt gleichsam verwandelt. Schatoff weinte bald wie
-ein kleiner Knabe, bald sprach er Gott weiß wovon, sprach wild, wie
-benommen, begeistert; er küßte ihre Hände, und sie hörte ihm wie
-berauscht zu, vielleicht ohne zu verstehen, was er sprach, streichelte
-liebkosend mit ihrer geschwächten Hand sein Haar und schien sich an ihm
-nicht satt sehen zu können. Er erzählte ihr von Kirilloff, erzählte
-davon, daß sie beide jetzt »von neuem und auf ewig« zu leben beginnen
-würden, sprach von Gott und davon, daß alle Menschen gut seien ... Und
-in der Begeisterung holten sie dann wieder das Kindchen hervor, um es
-von neuem zu betrachten.
-
-»Marie,« rief er, als er das Kindchen in den Armen hielt, »nun hat das
-ein Ende, das mit den alten Quälereien und der ganzen veralteten
-Schmach! Wollen wir uns jetzt auf den neuen Weg durcharbeiten, wir drei
-zusammen, ja, ja! ... Ach so: wie werden wir ihn denn nennen, Marie?«
-
-»Ihn? Wie wir ihn nennen werden?« fragte sie verwundert, und plötzlich
-drückte sich in ihrem Gesicht ein unsagbarer Schmerz aus.
-
-Sie erhob die Hände, blickte Schatoff vorwurfsvoll an und warf sich dann
-aufschluchzend mit dem Gesicht auf das Kissen.
-
-»Marie, was hast du?« rief er maßlos erschrocken.
-
-»Und Sie konnten ... konnten ... Oh, Sie Undankbarer!«
-
-»Marie vergib, Marie ... Ich habe ja nur gefragt, wie wir ihn nennen
-sollen. Ich weiß nicht ...«
-
-»Iwan! Iwan!« rief sie, ihr glühendes, tränenüberströmtes Gesicht wieder
-erhebend. »Haben Sie denn wirklich an irgendeinen anderen _furchtbaren_
-Namen denken können!?«
-
-»Marie, um Gottes willen, beruhige dich! Oh, wie du nervös bist!«
-
-»Eine neue Kränkung, daß Sie das den Nerven zuschreiben! Ich könnte
-wetten; wenn ich gesagt hätte, ihn ... mit jenem anderen schrecklichen
-Namen zu nennen, so wären Sie sofort einverstanden gewesen, hätten es
-nicht einmal bemerkt! Oh, ihr Undankbaren, ihr Niedrigen, alle, alle!«
-
-Nach einer Minute versöhnten sie sich natürlich wieder. Schatoff
-beredete sie schließlich, einzuschlafen. Sie tat es denn auch, doch gab
-sie seine Hand auch jetzt noch nicht frei, wachte oft auf und blickte
-ihn an, ganz als hätte sie gefürchtet, er könnte fortgegangen sein, bis
-sie dann von neuem einschlief.
-
-Kirilloff schickte die Alte, um zu »gratulieren«, und sandte zugleich
-heißen Tee, heiße, selbstgebratene Koteletts und Bouillon mit Weißbrot
-für »Marja Ignatjewna«. Die Kranke trank gierig die Bouillon aus und
-zwang auch Schatoff, von den Koteletts zu essen, worauf die Alte das
-Kind von neuem einwickelte.
-
-Die Zeit verging. Schatoff schlief endlich gleichfalls ein, mit dem Kopf
-auf ihr Kissen gebeugt, todmüde. So fand sie Arina Prochorowna, die
-richtig ihr Wort hielt und wiederkam. Lachend weckte sie die beiden auf,
-sprach mit Marie über das Nötige, besah das Kindchen und verbot Schatoff
-wieder strengstens, die Kranke zu verlassen. Darauf ging sie, nach einem
-Witz über das »Ehepaar«, in dem etwas Verachtung und Hochmut lag, ebenso
-befriedigt fort, wie am Morgen.
-
-Es war schon dunkel, als Schatoff erwachte. Er zündete schnell das Licht
-an und lief nach der Alten. Gerade als er aus dem Zimmer trat, hörte er
-unten auf der Treppe die leisen, vorsichtigen Schritte eines Menschen,
-der herauf stieg. Er blieb erschrocken stehen. Es war Erkel.
-
-»Nicht weiter!« flüsterte ihm Schatoff zu, erfaßte hastig seine Hand und
-zog ihn mit sich nach unten zur Hofpforte. »Warten Sie hier, ich komme
-gleich, ich hatte Sie ganz und gar vergessen!«
-
-Er beeilte sich dermaßen, daß er nicht mal zu Kirilloff ging, sondern
-nur die Alte herausrief. Marie geriet in Verzweiflung darüber, daß er
-»auch nur daran denken« konnte, sie allein zu lassen!
-
-»Dafür ist es der allerletzte Schritt!« rief er begeistert. »Dann kommt
-der neue Weg, und niemals, niemals mehr werden wir an den alten
-Schrecken zurückdenken!«
-
-Es gelang ihm schließlich, sie irgendwie zu beruhigen. Er versprach
-ausdrücklich, um neun Uhr wieder zurück zu sein. Darauf küßte er sie
-fest, küßte das Kindchen und lief dann schnell nach unten zu Erkel.
-
-Sie begaben sich nach Skworeschniki in den Stawroginschen Park, wo
-Schatoff vor anderthalb Jahren an einer einsamen Stelle am Rande des
-Parkes, dort, wo schon der alte Kiefernwald begann, die ihm anvertraute
-Druckmaschine vergraben hatte. Es war ein wilder, abgelegener Ort, der
-weit vom Herrenhause lag. Von der Bogojawlenskschen Straße war er
-ungefähr eine Stunde entfernt.
-
-»Sollen wir denn den ganzen Weg zu Fuß gehen? Ich nehme eine Droschke.«
-
-»Ich möchte Sie sehr bitten, keine Droschke zu nehmen,« entgegnete
-Erkel. »Der Droschkenkutscher wäre sonst auch ein Zeuge.«
-
-»Zum Henker! ... Nun, einerlei, nur beenden, beenden!«
-
-Sie gingen sehr schnell.
-
-»Erkel, Sie kleiner Knabe!« rief Schatoff plötzlich und blieb stehen,
-»sind Sie in Ihrem Leben schon einmal glücklich gewesen?«
-
-»Sie sind jetzt wohl sehr glücklich?« fragte Erkel neugierig.
-
-
-
-
- Einundzwanzigstes Kapitel.
- Die mühevolle Nacht
-
-
- I.
-
-Wirginski beeilte sich im Laufe des Tages, zu allen »Unsrigen« zu
-laufen, um ihnen mitzuteilen, daß Schatoff »bestimmt nicht denunzieren
-werde«, da jetzt seine Frau zu ihm zurückgekehrt und er Vater geworden
-sei, und daß man, »da man doch das Menschenherz kennt«, unmöglich
-irgendeine Gefahr von seiner Seite zu befürchten habe. Aber außer Erkel
-und Lämschin traf Wirginski zu seiner Verwunderung niemand zu Hause.
-
-Erkel hörte ihn schweigend an und sah ihm klar in die Augen. Auf die
-Frage aber: »Werden Sie um sechs Uhr zu ihm gehen?« antwortete er mit
-dem ungetrübtesten Lächeln, daß er »ganz selbstverständlich« zu ihm
-gehen werde.
-
-Lämschin lag, augenscheinlich wirklich krank, zu Bett und hatte sogar
-die Decke um den Kopf gewickelt. Als Wirginski eintrat, erschrak er
-entsetzlich, und als Wirginski zu sprechen begann, fing er zur Antwort
-plötzlich an wie verrückt unter der Decke mit Händen und Füßen
-abzuwinken, was wohl so viel bedeuten sollte, wie: man solle ihn doch
-nur ums Himmels willen damit verschonen! Wirginskis Ausführungen über
-Schatoff ließen ihn aber doch aufhorchen. Die Nachricht, daß Wirginski
-von den anderen niemanden angetroffen hatte, regte den Kleinen aus
-irgendeinem Grunde furchtbar auf, doch beunruhigte auch er wiederum
-Wirginski mit der Mitteilung von Fedjkas Tod (Liputin hatte ihm diese
-Neuigkeit gebracht), den er hastig und zusammenhanglos erzählte. Auf die
-Frage aber, die Wirginski an ihn stellte: »Soll man nun hingehen oder
-soll man nicht hingehen?« begann er wieder mit Händen und Füßen unter
-der Decke abzuwinken, wobei er diesmal flehentlich hervorstieß, er sei
-ja doch »bloß eine Nebenperson! Weiß nichts, gar nichts!« Und zum
-Schluß: »Lassen Sie mich in Ru--u--uh!«
-
-Bedrückt und erregt kehrte Wirginski wieder heim. Was ihn am meisten
-bedrückte, war vielleicht, daß er seine Sorgen vor seiner Familie
-verbergen mußte. Er hatte sich so daran gewöhnt, seiner Frau alles
-mitzuteilen, daß er Geheimnisse kaum mehr ertragen konnte, und wenn
-jetzt nicht plötzlich ein neuer Gedanke, ein gewisser friedenstiftender
-Plan in ihm aufgetaucht wäre, so hätte er sich wohl auch wie Lämschin
-vor Seelenangst zu Bett legen müssen. Aber dieser neue Plan stärkte ihn
-allmählich und zum Schluß glaubte er sogar so fest an die Möglichkeit,
-ihn verwirklichen zu können, daß er der Dämmerung fast mit Ungeduld
-entgegensah und schon früher als verabredet zum Treffpunkt aufbrach.
-
-Es war das ein sehr finsterer Ort am Rande des Parkes von Skworeschniki.
-Ich bin später hingegangen, um mir die Stelle genau anzusehen: wie muß
-es ihnen dort unheimlich gewesen sein, an jenem rauhen, dunklen
-Herbstabend ...
-
-Es war so dunkel unter den Bäumen, daß man auf zwei Schritte den anderen
-nicht mehr sehen konnte, doch Pjotr Stepanowitsch, Liputin und später
-auch Erkel brachten Laternen mit. Ich weiß nicht, von wem und zu welchem
-Zweck hier irgendeinmal vor langer Zeit aus großen unbehauenen Steinen
-eine Grotte erbaut worden war. Der Tisch und die Bänke waren jetzt schon
-längst verfault und auseinander gefallen. Ungefähr zweihundert Schritte
-rechts von dieser Grotte endete der dritte Teich des Parks. Diese drei
-Teiche zogen sich, vom Herrenhause an, über eine Werst weit einer hinter
-dem anderen durch den ganzen Park. Es war schwer anzunehmen, daß man
-irgendein Geräusch, Geschrei oder selbst einen Schuß im Stawroginschen
-Herrenhause hören würde. Da Nicolai Wszewolodowitsch am Tage vorher
-fortgefahren und Alexei Jegorowitsch wieder in die Stadtwohnung
-zurückgekehrt war, so durften im Herrenhause nicht mehr als fünf oder
-sechs Dienstboten verblieben sein, lauter mehr oder weniger sozusagen
-invalide Leute. Jedenfalls konnte man annehmen, wenigstens mit
-ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß selbst in dem Falle, daß jemand von
-ihnen Schreie hörte, er sich doch nicht von der warmen Ofenbank erheben
-würde.
-
-Zwanzig Minuten nach sechs hatten sich schon alle -- außer Erkel, der
-mit Schatoff kommen sollte -- an der bezeichneten Stelle eingefunden.
-Pjotr Stepanowitsch kam diesmal nicht zu spät: er erschien zusammen mit
-Tolkatschenko, der finster und besorgt aussah und dessen ganze
-vorgespiegelte, frech-prahlerische Entschlossenheit verschwunden war.
-Tolkatschenko verließ Pjotr Stepanowitsch heute fast nicht auf einen
-Schritt, war ihm plötzlich, wie es schien, unermeßlich zugetan und
-flüsterte ihm jeden Augenblick geschäftig irgend etwas zu; dieser
-antwortete ihm meist überhaupt nicht oder brummte geärgert nur ein paar
-Worte, um ihn loszuwerden.
-
-Schigaleff und Wirginski waren sogar ein wenig früher eingetroffen als
-Pjotr Stepanowitsch. Als er erschien, traten sie sofort ein wenig zur
-Seite, in tiefem und offenbar absichtlichem Schweigen. Pjotr
-Stepanowitsch erhob die Laterne und betrachtete sie ungeniert mit
-beleidigender Aufmerksamkeit. »Die wollen wieder reden,« zuckte es ihm
-durch den Kopf.
-
-»Lämschin ist nicht gekommen?« fragte er Wirginski. »Wer hat es gesagt,
-daß er krank ist?«
-
-»Ich bin hier,« meldete sich Lämschin, plötzlich hinter einem Baum
-hervortretend.
-
-Er war in einem warmen Paletot und dazu noch in ein großes Plaid fest
-eingewickelt, so daß man ihn sogar mit der Laterne nur schwer in dieser
-Umhüllung erkennen konnte.
-
-»Also fehlt nur noch Liputin?«
-
-Da trat Liputin schweigend aus der Grotte. Pjotr Stepanowitsch erhob
-wieder die Laterne.
-
-»Warum haben Sie sich dorthin verkrochen, warum kamen Sie nicht gleich
-heraus?«
-
-»Ich nehme an, daß wir alle das Recht der Freiheit bewahren ... unserer
-Bewegungen ...« erwiderte Liputin, wahrscheinlich, ohne selbst recht zu
-wissen, was er eigentlich sagen wollte.
-
-»Meine Herren!« Pjotr Stepanowitsch erhob die Stimme -- gab somit zum
-erstenmal den Flüsterton auf, was einen gewissen Eindruck machte: »Sie
-verstehen, hoffe ich, daß wir hier nichts mehr breitzutreten brauchen.
-Gestern ist alles gesagt und durchgekaut worden, klar und bestimmt. Aber
-vielleicht will doch noch jemand, wie ich nach dem Ausdruck der
-Gesichter vermute, irgend etwas sagen? In dem Fall bitte ich, sich zu
-beeilen! Hol's der Teufel, wir haben wenig Zeit und Erkel kann ihn jeden
-Augenblick bringen ...«
-
-»Er wird ihn unbedingt mitbringen,« bemerkte aus einem unbekannten
-Grunde Tolkatschenko.
-
-»Wenn ich mich nicht irre, so muß er zuerst die Druckmaschine
-abliefern?« erkundigte sich Liputin, wiederum gleichsam, als ob er
-selbst nicht wußte, wozu er das eigentlich fragte.
-
-»Selbstverständlich, wozu denn Sachen verlieren!« Pjotr Stepanowitsch
-erhob wieder die Laterne und beleuchtete Liputins Gesicht. »Aber wir
-sind doch gestern übereingekommen, daß man sie nicht wortwörtlich in
-Empfang zu nehmen braucht. Er soll Ihnen nur die Stelle zeigen, wo sie
-hier vergraben ist, später können wir sie dann selbst herausgraben. Ich
-weiß, daß sie hier irgendwo zehn Schritt von irgendeiner Ecke der Grotte
-liegt ... Aber zum Teufel, Liputin, wie haben Sie das nur vergessen
-können!? Es war doch abgemacht, daß Sie ihn allein treffen und wir erst
-später hervortreten ... Sonderbar, daß Sie noch fragen, -- oder taten
-Sie es bloß so?«
-
-Liputin schwieg mit finsterem Gesicht.
-
-Alle schwiegen. Der Wind schaukelte die Wipfel der alten Kiefern.
-
-»Ich hoffe, meine Herren, daß ein jeder seine Pflicht tun wird,« sagte
-Pjotr Stepanowitsch, der die Geduld verlor, sichtlich gereizt.
-
-»Ich weiß, daß Schatoffs Frau zu ihm zurückgekehrt ist und heute Nacht
-ein Kind geboren hat,« begann plötzlich Wirginski aufgeregt,
-gestikulierend und sich so überstürzend, daß er kaum die Worte
-hervorzubringen vermochte. »Und da man doch das Menschenherz kennt ...
-können wir sicher sein, daß er jetzt nicht denunzieren wird ... er ist
-jetzt glücklich ... Ich war heute schon bei allen, fand aber niemanden
-zu Hause ... Ich meine, daß jetzt vielleicht nichts mehr zu befürchten
-ist ... --«
-
-Er brach ab vor Atemlosigkeit.
-
-»Wenn Sie, Herr Wirginski, plötzlich glücklich geworden wären,« -- Pjotr
-Stepanowitsch trat auf ihn zu, »würden Sie dann etwas aufschieben, was
-Sie sich vorgenommen haben, nicht eine Anzeige, davon kann hier
-natürlich nicht die Rede sein, -- aber irgendeine gewagte, bürgerliche
-Tat, die Sie schon vor Ihrem Glück beschlossen haben und die auszuführen
-Sie für Ihre Pflicht und Schuldigkeit halten, trotz der Gefahr für Sie
-und der Möglichkeit, Ihr Glück zu verlieren?«
-
-»Nein, ich würde es nicht aufschieben! Auf keinen Fall würde ich es
-aufschieben!« beteuerte Wirginski mit einem ganz eigentümlich
-tölpelhaften Übereifer und wieder ganz in Bewegung.
-
-»Sie würden lieber wieder unglücklich sein wollen, als die Tat nicht
-ausführen -- und sich für einen Lump halten, nicht wahr?«
-
-»Ja, ja ... Ich würde sogar ganz im Gegenteil ... würde sogar ein ganzer
-Lump sein wollen ... Das heißt, nein ... nicht so ... durchaus nicht ein
-Lump, sondern ... ich wollte sagen: im Gegenteil, lieber vollkommen
-unglücklich, als ein Lump ...«
-
-»Nun, so merken Sie sich, daß Schatoff diese Anzeige für seine
-bürgerliche Heldentat hält, für eine Tat, die er seiner höchsten
-Überzeugung schuldig ist. Und der Beweis: daß er doch auch sich selbst
-damit in Gefahr begibt und der Regierung ausliefert, obschon man ihm für
-die Anzeige natürlich manches verzeihen wird. So einer wird sein
-Vorhaben schon nie aufgeben. Den kann kein Glück besiegen: schon am
-nächsten Tage würde er sich besinnen, sich Vorwürfe machen, hingehen und
-es tun. Außerdem kann ich kein besonderes Glück darin erblicken, daß die
-Frau nach drei Jahren zu ihm zurückgekehrt ist, um Stawrogins Kind zu
-gebären.«
-
-»Aber es hat doch noch niemand seine Anzeige gesehen,« sagte Schigaleff
-plötzlich und eindringlich.
-
-»Die Anzeige habe _ich_ gesehen,« rief Pjotr Stepanowitsch, »sie ist
-fertig, und dieses müßige Gerede ist furchtbar dumm, meine Herren!«
-
-»Ich aber,« fuhr plötzlich Wirginski auf, »ich protestiere ... ich
-protestiere aus aller Kraft ... Ich will ... Hören Sie, was ich will:
-ich will, daß wir, wenn er kommt, ihm alle entgegengehen und ihn alle
-fragen: wenn es wahr ist, so soll er bereuen, und wenn er sein Ehrenwort
-gibt, so soll man ihn wieder freilassen. Auf jeden Fall aber -- Verhör,
-und das Urteil _nach_ dem Verhör! Und nicht, daß wir uns alle verstecken
-und ihn dann überfallen.«
-
-»Auf ein Ehrenwort die ganze allgemeine Sache setzen! -- das ist schon
-die Höhe aller Dummheit! Hol's der Teufel, wie das dumm ist!! Und was
-ist das für eine Rolle, die Sie im Augenblick der Gefahr spielen?«
-
-»Ich protestiere, ich protestiere, ich protestiere,« wiederholte
-Wirginski immer wieder.
-
-»Jedenfalls schreien Sie nicht so, wir können sonst das Signal nicht
-hören. Schatoff, meine Herren ... (Teufel noch eins, wie das jetzt dumm
-ist!) Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Schatoff Slawophile ist, das
-heißt so viel, wie einer der dümmsten Menschen ... Aber übrigens, zum
-Teufel, das ist schließlich gleichgültig! Sie bringen mich nur aus dem
-Konzept! ... Schatoff, meine Herren, war ein verbitterter Mensch, und da
-er immerhin noch zum Verband gehörte, ob er es wollte oder nicht, so
-hoffte ich bis zum letzten Augenblick, daß die allgemeine Sache sich
-seiner noch einmal werde bedienen können -- und zwar gerade als eines
-verbitterten Menschen. Ich habe ihn gehegt und geschont, trotz der
-ausdrücklichsten Instruktionen ... Ich habe ihn noch hundertmal mehr
-geschont, als er es wert war! Er aber endete damit, daß er seine Anzeige
-verfaßte, und nun -- hol's der Teufel, das ist ja zum Anspucken! ... Im
-übrigen soll es jetzt nur jemand von Ihnen zu versuchen wagen, sich noch
-zurückzuziehen! Kein einziger von Ihnen hat das Recht, die gemeinsame
-Sache zu verlassen! Sie können ihn meinetwegen noch alle vorher
-abküssen, wenn Sie durchaus wollen, aber die allgemeine Sache auf ein
-Ehrenwort hin aufs Spiel zu setzen, dazu haben Sie nicht das Recht! So
-können nur Schweine handeln, oder solche, die von der Regierung
-bestochen sind!«
-
-»Wer ist denn hier von der Regierung bestochen?« warf Liputin
-dazwischen.
-
-»Sie vielleicht. Es wäre schon besser, wenn Sie ganz den Mund hielten,
-Liputin. Sie sprechen ja nur so, nur aus Angewohnheit. Bestochen, meine
-Herren, sind alle diejenigen, die im Augenblick der Gefahr feig werden.
-Aus Angst findet sich immer ein Rüpel, der in der letzten Minute
-hinläuft und losschreit: >Ach, verzeihen Sie mir, und ich werde alle
-ausliefern!< Aber wissen Sie auch, meine Herren, daß man Sie jetzt für
-keine einzige Anzeige mehr begnadigen wird? Wenn man vielleicht auch
-Milderungsgründe zulassen würde -- nach Sibirien ginge es doch mit jedem
-von Ihnen! Abgesehen davon, daß Sie auch einem gewissen anderen
-Richtschwert nicht entgehen würden. Dieses andere Schwert aber ist etwas
-schärfer, als das der Regierung.«
-
-Pjotr Stepanowitsch war so wütend, daß er viel Überflüssiges sagte. Da
-trat Schigaleff fest drei Schritte auf ihn zu.
-
-»Seit dem gestrigen Abend habe ich die Sache bedacht,« begann er
-überzeugt und methodisch wie immer. (Ich glaube, selbst wenn die Erde
-sich in diesem Augenblick unter ihm aufgetan hätte, auch dann würde er
-weder den Ton, noch einen Ausdruck seiner Auseinandersetzung geändert
-haben.) »Und nachdem ich die Sache bedacht, bin ich zu dem Schluß
-gekommen, daß der beabsichtigte Mord nicht nur ein Verlust der kostbaren
-Zeit ist, die zu etwas weit Wesentlicherem und Näherliegendem verwandt
-werden könnte, sondern außerdem jenes verhängnisvolle Abweichen von der
-geraden Straße darstellt, das der Sache immer am meisten geschadet und
-ihren Erfolg auf Jahrzehnte hinausgeschoben hat, indem es die Sache dem
-Einfluß leichtsinniger und vornehmlich politischer Menschen, statt
-reinen Sozialisten unterstellt hat. Ich bin einzig zu dem Zweck
-hergekommen, um gegen das beabsichtigte Vorhaben offen zu protestieren
-und dann -- mich von diesem Augenblick an, den Sie, ich weiß nicht
-warum, den Augenblick der Gefahr nannten, zurückzuziehen. Ich gehe fort
--- doch nicht aus Furcht vor der Gefahr oder aus besonderen Gefühlen zu
-Schatoff, den >abzuküssen< ich absolut keine Lust habe, sondern einzig,
-weil diese Sache vom Anfang bis zum Ende buchstäblich meinem Programm
-widerspricht. Eine Denunziation haben Sie von mir nicht zu fürchten. Sie
-können ruhig sein -- ich werde Sie nicht anzeigen.«
-
-Und damit wandte er sich und ging.
-
-»Teufel, er geht ihnen entgegen und wird Schatoff warnen!« rief Pjotr
-Stepanowitsch und riß seinen Revolver hervor.
-
-Man hörte das Knacken des Hahnes.
-
-»Sie können überzeugt sein,« wandte sich Schigaleff ruhig wieder zurück,
-»daß ich, wenn ich Schatoff unterwegs treffen sollte, ihn vielleicht
-noch grüßen werde, ihn warnen aber, das ist nicht meine Sache!«
-
-»Aber wissen Sie auch, mein Herr Fourier, daß Ihnen das teuer zu stehen
-kommen kann?«
-
-»Ich bitte Sie, zu beachten, daß ich kein Fourier bin. Dadurch, daß Sie
-mich mit diesem süßlichen, apathischen Abstrahisten verwechseln,
-beweisen Sie nur, daß Sie mein Manuskript, wenn es auch in Ihren Händen
-gewesen ist, überhaupt nicht verstanden haben. In betreff Ihrer Rache
-aber sage ich Ihnen nur, daß Sie ganz umsonst den Hahn gespannt haben,
-in diesem Augenblick ist das für Sie durchaus unvorteilhaft. Wenn Sie
-mir aber für morgen oder übermorgen drohen, so brächte Ihnen die
-Ausführung, außer unnützer Mühe, doch keinen Gewinn: mich würden Sie
-zwar erschießen, früher oder später aber würden Sie doch zu meinem
-System kommen. Leben Sie wohl.«
-
-In diesem Augenblick ertönte ungefähr zweihundert Schritte weit aus dem
-Park, von der Seite des Teiches her, ein heller Pfiff. Liputin
-antwortete, wie verabredet, sofort gleichfalls mit einem Pfiff -- er
-hatte sich zu diesem Zweck am Morgen eine Kinderpfeife aus gebranntem
-Ton für eine Kopeke auf dem Markt erstanden, da er sich auf seinen
-ziemlich zahnlosen Mund nicht ganz verlassen konnte.
-
-Erkel hatte Schatoff schon vorher mitgeteilt, daß er mit Liputin einen
-Pfiff austauschen werde.
-
-»Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde abseits von ihnen vorübergehen
-und sie werden mich gar nicht bemerken,« sagte Schigaleff in
-eindringlichem Flüsterton.
-
-Und er ging ohne Hast und ohne den Schritt zu beschleunigen, tatsächlich
-durch den dunklen Park nach Haus.
-
-Heute ist es bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt, wie diese
-schreckliche Tat geschah. Zuerst trat Liputin Erkel und Schatoff ein
-paar Schritte von der Grotte entgegen. Schatoff grüßte ihn nicht und gab
-ihm auch nicht die Hand, sondern sagte sofort eilig und laut:
-
-»Wo ist denn hier die Anhöhe? Haben Sie nicht noch eine Laterne?
-Fürchten Sie sich nicht, hier ist so gut wie kein Mensch in der Nähe,
-wir könnten selbst mit Kanonen schießen, in Skworeschniki würde es doch
-niemand hören. Das ist übrigens hier, genau hier, genau auf dieser
-Stelle ...«
-
-Und er stieß mit dem Fuß auf die Erde -- es war gerade zehn Schritt von
-der hinteren Ecke der Grotte zum Walde hin. In diesem Augenblick stürzte
-sich, hinter einem Baum hervorlaufend, Tolkatschenko auf ihn, während
-Erkel ihn hinterrücks an den Ellenbogen packte und Liputin sich von
-vorne auf ihn warf. Die drei schlugen ihn sofort zu Boden und drückten
-ihn an die Erde. Da erst lief Pjotr Stepanowitsch mit dem Revolver
-herbei. Man sagt, Schatoff habe gerade noch Zeit gehabt, seinen Kopf zu
-ihm zu wenden und ihn zu erkennen. Drei Laternen erhellten die Szene.
-Schatoff stieß plötzlich einen kurzen und verzweifelten Schrei aus; doch
-man ließ ihm keine Zeit zum Schreien: Pjotr Stepanowitsch setzte ihm
-genau und sicher den Revolver mitten auf die Stirn, fest und senkrecht,
-und -- drückte den Hahn ab. Der Schuß war, glaube ich, nicht sehr laut,
-wenigstens hat ihn in Skworeschniki niemand gehört. Gehört hat ihn
-natürlich Schigaleff, der erst einige dreißig Schritte gegangen war --
-gehört hatte er auch den Schrei, doch hat er sich nach seiner eigenen
-Aussage weder umgewandt, noch war er stehen geblieben. Der Tod trat fast
-augenblicklich ein. Die volle Geistesgegenwart -- doch Kaltblütigkeit
-wohl kaum -- behielt nur Pjotr Stepanowitsch. Er hockte sich hin und
-durchsuchte eilig, doch mit fester Hand, die Taschen des Toten. Geld
-fand sich nicht in ihnen (Marja Ignatjewnas Beutelchen war unter ihrem
-Kissen geblieben); nur ein paar nichtssagende Zettelchen zog er hervor:
-einen Kontorzettel, ein Notizblatt mit dem Titel irgendeines Buches und
-eine alte ausländische Gasthausrechnung, die sich weiß Gott auf welche
-Weise zwei Jahre in Schatoffs Tasche erhalten hatte. Die Papiere steckte
-Pjotr Stepanowitsch zu sich, und als er plötzlich bemerkte, daß alle die
-Leiche umstanden, sie ansahen und nichts taten, begann er wütend und
-unhöflich zu schimpfen und sie anzutreiben. Tolkatschenko und Erkel
-liefen sogleich, sich nun wieder besinnend, in die Grotte und brachten
-zwei Steine, jeder an zwanzig Pfund schwer, die sie schon am Morgen
-vorbereitet, das heißt, fest mit Schnüren umbunden hatten. Da man
-verabredet hatte, die Leiche in den nächsten, den dritten Teich zu
-versenken, so mußten ihr diese Steine an den Hals und die Beine gebunden
-werden. Pjotr Stepanowitsch band sie an: Erkel und Tolkatschenko
-reichten sie ihm nur hin. Erkel gab ihm seinen Stein zuerst, und während
-Pjotr Stepanowitsch ihn murrend und schimpfend an die Füße der Leiche
-band, hielt Tolkatschenko seinen schweren Stein diese ganze ziemlich
-lange Zeit über senkrecht an den Schnüren in der Luft, wobei er sich
-stark und fast wie ehrerbietig mit dem ganzen Oberkörper nach vorne
-beugte, um ihn ohne Zeitverlust sofort hinreichen zu können, und verfiel
-kein einziges Mal darauf, die schwere Last inzwischen auf die Erde zu
-stellen. Als dann endlich beide Steine angebunden waren und Pjotr
-Stepanowitsch sich erhob, um zunächst seinen Blick prüfend über die
-Gesichter der Anwesenden zu führen -- da geschah plötzlich etwas ganz
-Sonderbares, etwas, das niemand erwartet hatte und das alle nicht wenig
-in Erstaunen setzte.
-
-Wie schon erwähnt, standen fast alle und taten nichts. Wirginski war,
-als die anderen sich auf Schatoff gestürzt hatten, wohl auch
-hinzugelaufen, doch hatte er weder geholfen, ihn zu halten, noch ihn
-überhaupt angerührt. Lämschin aber war erst nach dem Schuß unter den
-anderen aufgetaucht. Während der ganzen, vielleicht zehn Minuten
-währenden Untersuchung der Taschen und Anbindung der Steine hatten sie
-dann alle gleichsam einen Teil ihres Bewußtseins verloren. Sie standen
-um Pjotr Stepanowitsch herum und empfanden, statt Unruhe oder Erregung,
-zunächst nur so etwas wie Verwunderung. Liputin stand ganz vorn neben
-der Leiche. Wirginski, der sich hinter ihn gestellt hatte, sah über
-Liputins Schulter mit einer sonderbaren und gewissermaßen
-nebensächlichen Neugier auf die Leiche; ja er hob sich sogar auf die
-Fußspitzen, um besser sehen zu können. Lämschin aber versteckte sich
-hinter Wirginski und blickte nur zuweilen furchtsam hinter diesem
-hervor, worauf er sich dann sofort wieder versteckte. Als nun die Steine
-angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, begann Wirginski
-auf einmal zu zittern, und plötzlich -- warf er die Arme hoch und rief
-traurig mit lauter Stimme:
-
-»Das ist doch nicht das! nicht das! Nein, das ist doch gar nicht das!«
-
-Er hätte vielleicht noch etwas hinzugefügt zu seinem verspäteten Ausruf,
-aber Lämschin ließ ihm keine Zeit dazu: plötzlich packte er ihn
-hinterrücks und quetschte ihn mit aller Gewalt und schrie dabei ein ganz
-unmögliches Geschrei. Es gibt Augenblicke eines starken Schreckens, in
-denen der Mensch plötzlich wie nicht mit seiner eigenen Stimme
-aufschreit, sondern mit einer, die man nie an ihm gehört hat und deren
-Vorhandensein in ihm man nie für möglich gehalten hätte, und das kann
-manchmal sogar recht unheimlich sein. Lämschin schrie nicht mit einer
-menschlichen, sondern mit einer gleichsam tierischen Stimme. Dabei
-preßte er Wirginski krampfhaft von hinten zusammen, schrie ohne
-Unterlaß, schrie ohne Atem zu schöpfen, schrie immer ein und denselben
-Ton, während ihm die Augen fast hervorquollen und der Mund unheimlich
-weit aufgerissen blieb; mit den Beinen aber strampelte er so
-zitterschnell, als ob er mit ihnen einen Trommelwirbel auf der Erde
-schlagen wollte. Wirginski erschrak dermaßen, daß er selbst sofort wie
-ein Wahnsinniger losschrie und sich in einer so grimmigen Wut, wie man
-sie von Wirginski nie im Leben erwartet hätte, aus Lämschins Krallen zu
-befreien suchte, auf ihn, den er nur schwer fassen konnte, mit den
-Fäusten nach hinten losschlug, ihn kniff und kratzte. Endlich gelang es
-Erkel, Lämschin von ihm loszureißen. Doch kaum war Wirginski entsetzt
-gleich auf zehn Schritt von ihm fortgelaufen, da stürzte sich Lämschin,
-der nun Pjotr Stepanowitsch erblickte, plötzlich mit neuem Geschrei auf
-diesen, stolperte jedoch über die vor seinen Füßen liegende Leiche und
-riß Pjotr Stepanowitsch im Fall mit sich zu Boden. Er umkrallte ihn aber
-so fest und drückte seinen Kopf so krampfhaft an dessen Brust, daß weder
-Pjotr Stepanowitsch selbst, noch Tolkatschenko, noch Liputin ihn im
-ersten Augenblick losreißen konnten. Pjotr Stepanowitsch schrie,
-schimpfte, schlug ihn mit den Fäusten auf den Kopf, bis es ihm endlich
-gelang, sich irgendwie zu befreien; im Augenblick riß er seinen Revolver
-hervor -- doch Lämschin, den die anderen an den Armen hielten, fuhr fort
-zu schreien, trotz des auf ihn zielenden Revolvers, er schrie, schrie
-wie besessen! Bis schließlich Erkel, der schnell sein Taschentuch
-zusammengerollt hatte, ihm dieses gewandt in den aufgesperrten Mund
-steckte, so daß der Schrei dann ganz von selbst plötzlich abbrach.
-Tolkatschenko band ihm sofort mit einem Stück der übrig gebliebenen
-Schnur die Hände auf dem Rücken zusammen.
-
-»Das ist sehr sonderbar,« sagte Pjotr Stepanowitsch und betrachtete in
-beunruhigter Verwunderung den Verrückten.
-
-Er war sichtlich betroffen.
-
-»Ich hatte ihn ganz anders eingeschätzt,« fügte er nachdenklich hinzu.
-
-Vorläufig übergab man ihn Erkel, denn man mußte sich mit der
-Fortschaffung der Leiche beeilen: es war so viel geschrien worden, daß
-es doch jemand gehört haben konnte. Tolkatschenko und Pjotr
-Stepanowitsch nahmen die Laternen und hoben den Kopf des Toten, Liputin
-und Wirginski faßten ihn an den Füßen, und so wurde er dann getragen.
-Mit den beiden Steinen war die Last sehr schwer, die Entfernung aber
-betrug über zweihundert Schritte. Der Stärkste von ihnen war
-Tolkatschenko. Er gab wohl den Rat, gleichmäßig zu gehen, doch niemand
-hörte auf ihn, und so ging man denn, wie es gerade kam. Pjotr
-Stepanowitsch ging rechts und trug, ganz niedergebeugt, auf seiner
-Schulter den Kopf des Toten, wobei er noch mit der linken Hand den Stein
-von unten hielt. Da Tolkatschenko während der ganzen ersten Hälfte des
-Weges nicht darauf verfiel, den Stein gleichfalls zu stützen, so schrie
-ihn Pjotr Stepanowitsch schließlich fluchend an. Der Schrei war kurz und
-seltsam in der Stille: schweigend trugen sie weiter, bis plötzlich,
-schon dicht am Teich, wieder Wirginski, der unter der Last ganz gebeugt
-ging und wie erschöpft von ihrer Schwere, mit derselben lauten und
-weinenden Stimme ausrief:
-
-»Das ist nicht das, nein, nein, das ist gar nicht das!«
-
-Die Stelle, wo dieser dritte, ziemlich große Teich aufhört, zu dem man
-den Toten trug, war die einsamste und abgelegenste des ganzen Parks. Der
-Teich ist dort am Ufer vergrast. Sie stellten die Laternen nieder,
-schwenkten die Leiche hin und her und warfen sie ins Wasser. Ein
-dumpf-hohler Laut erscholl und klang lange nach. Pjotr Stepanowitsch
-erhob die Laterne und alle reckten neugierig die Hälse, um zu sehen, wie
-der Körper versank, aber es war schon nichts mehr zu sehen: die Leiche
-mit den beiden Steinen war sogleich versunken. Die dicken Wellenringe,
-die sich über die Fläche des Teiches ausbreiteten, vergingen schnell.
-Die Tat war vollbracht.
-
-»Meine Herren,« wandte sich Pjotr Stepanowitsch an alle, »jetzt gehen
-wir auseinander. Zweifellos müssen Sie nunmehr jenen Stolz empfinden,
-der mit der Erfüllung einer freien Pflicht verknüpft ist. Sollten Sie
-vielleicht bedauerlicherweise für solche Gefühle zu erregt sein, so
-werden Sie sie zweifellos morgen empfinden, wenn es schon eine Schande
-wäre, sie nicht zu empfinden. Die unverzeihliche Erregung Lämschins will
-ich als eine Art Fieberdelirium auffassen, zumal er ja tatsächlich seit
-dem Morgen krank sein soll. Ihnen aber, Wirginski, wird schon der erste
-Augenblick freien Nachdenkens beweisen, daß man im Interesse der
-allgemeinen Sache unmöglich auf ein Ehrenwort eingehen konnte, sondern
-einzig und allein so handeln mußte, wie wir es getan haben. Die Zukunft
-wird Ihnen zeigen, daß Schatoffs Anzeige schon fertig war. Ich bin
-bereit, auch Ihre Ausrufe zu vergessen. Eine Gefahr für uns ist nicht
-vorhanden. Es wird niemandem einfallen, irgendeinen von Ihnen zu
-verdächtigen, vorausgesetzt natürlich, daß Sie sich zu benehmen wissen.
-So hängt denn die Hauptsache ganz von Ihnen ab und von Ihrer
-Überzeugung, richtig gehandelt zu haben, -- eine Überzeugung, die, wie
-ich hoffe, sich schon morgen in Ihnen befestigen wird. Darum haben Sie
-sich ja auch -- unter anderem -- zu einer geschlossenen Organisation, zu
-einer freien Gesellschaft Gleichdenkender zusammengetan, um für die
-allgemeine Sache im gegebenen Moment die Energie miteinander zu teilen,
-und, wenn es nötig ist, einer den anderen zu beobachten und immer auf
-dem Posten zu sein. Jeder von Ihnen ist zu einer höheren Rechenschaft
-verpflichtet. Sie sind berufen, ein altersschwaches und im Stillstand
-langsam zu stinken anfangendes Reich zu erneuern. Das sollen Sie stets
-zu Ihrer Aufmunterung vor Augen haben! Ihre ganze Aufgabe besteht
-vorläufig nur darin, darauf hinzuwirken, daß alles zusammenstürzt: das
-Reich wie seine Moral. Übrigbleiben werden nur wir, die wir uns schon
-dazu vorausbestimmt und vorbereitet haben, die Macht in unsere Hände zu
-nehmen. Die Klugen ziehen wir zu uns herüber, und auf den Dummen reiten
-wir. Im übrigen muß man die Generation neu erziehen, um sie der Freiheit
-würdig zu machen. Noch viele Tausend Schatoffs stehen uns bevor. Wir
-organisieren uns, um die ganze Richtung in die Hand zu bekommen, da wäre
-es dumm, alles, was müßig daliegt und das Maul aufsperrt, nicht
-mitzunehmen. Ich begebe mich jetzt sofort zu Kirilloff und zum Morgen
-hin werde ich von ihm besagtes Dokument erhalten, in dem er vor dem Tode
-alles auf sich nimmt. Nichts kann wahrscheinlicher sein, als diese
-Kombination. Erstens stand er mit Schatoff auf feindschaftlichem Fuße:
-sie haben zusammen in Amerika gelebt, also haben sie Zeit gehabt, sich
-zu überwerfen. Man weiß, daß Schatoff seine Überzeugungen geändert hat;
-folglich ist ihre Feindschaft wegen dieser Überzeugungen entstanden.
-Hinzu käme noch die Furcht vor einer Denunziation. Das wird auch alles
-so geschrieben werden. Zum Schluß wird noch erwähnt, daß Fedjka in
-Kirilloffs Wohnung geschlafen hat. Das alles wird jeden Verdacht von
-Ihnen entfernen, denn es wird die Schafsköpfe in eine ganz andere
-Richtung treiben. Morgen, meine Herren, werden wir uns nicht sehen: ich
-muß auf ganz kurze Zeit in den nächsten Kreis fahren. Aber übermorgen
-werden Sie meine Mitteilungen erhalten. Ich würde Ihnen eigentlich
-raten, morgen zu Hause zu bleiben. Jetzt aber gehen wir alle je zwei
-zusammen auf verschiedenen Wegen zurück. Sie, Tolkatschenko, bitte ich,
-sich Lämschins anzunehmen und ihn nach Hause zu bringen. Sie können ihm
-alles auseinandersetzen und vor allen Dingen erklären, daß er mit seinem
-Kleinmut in erster Linie sich selbst schadet. Ihrem Schwager,
-Schigaleff, Herr Wirginski, ganz wie auch Ihnen, will ich nicht
-mißtrauen. Er wird nicht denunzieren. Es bleibt nur seine Handlung zu
-bedauern. Übrigens hat er ja noch nicht gesagt, daß er aus dem Verbande
-austreten will. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Doch
-jetzt schnell, meine Herren; wenn jene auch Schafsköpfe sind, so kann
-doch Vorsicht immerhin nicht schaden ...«
-
-Wirginski ging mit Erkel in die Stadt zurück. Letzterer trat noch, bevor
-er Lämschin Tolkatschenko überließ, mit diesem zu Pjotr Stepanowitsch
-und sagte, daß Lämschin sich besonnen habe, bereue, um Verzeihung bitte
-und sogar selbst nicht mehr wisse, was eigentlich vorhin mit ihm
-geschehen war. Pjotr Stepanowitsch ging allein fort: er wählte den
-längsten Weg, an der anderen Seite der Teiche, am Rande des Parkes
-entlang. Zu seiner Verwunderung holte ihn, als er schon die Hälfte des
-Weges zurückgelegt hatte, plötzlich Liputin atemlos ein.
-
-»Pjotr Stepanowitsch, aber Lämschin wird doch denunzieren!«
-
-»Nein, er wird zur Besinnung kommen und sich sagen, daß er dann als
-erster nach Sibirien ginge. Jetzt wird niemand mehr denunzieren. Auch
-Sie nicht.«
-
-»Aber Sie?«
-
-»Zweifellos werde ich Sie alle verschwinden lassen, sobald Sie sich nur
-einfallen ließen, etwas verraten zu wollen, und das wissen Sie. Aber Sie
-werden nicht denunzieren. Sind Sie mir deshalb zwei Werst nachgelaufen?«
-
-»Pjotr Stepanowitsch, Pjotr Stepanowitsch, aber wir werden uns doch
-vielleicht nie mehr sehen!«
-
-»Wie kommen Sie darauf?«
-
-»Sagen Sie mir nur eines!«
-
-»Nun, was denn? Übrigens wünsche ich, daß Sie sich packen.«
-
-»Nur eine Antwort, aber daß sie auch richtig ist: sind wir die einzige
->Fünf< in der Welt, oder ist es wahr, daß es einige Hundert solcher
->Fünfer<-Gruppen gibt? Ich frage im höheren Sinne, Pjotr Stepanowitsch!«
-
-»Das sehe ich Ihrer Verfassung an. Aber wissen Sie auch, daß Sie noch
-weit gefährlicher sind, als Lämschin?«
-
-»Ich weiß, ich weiß, aber -- die Antwort, Ihre Antwort!«
-
-»Sie dummer Mensch! Jetzt könnte es Ihnen, denke ich, doch schon ganz
-gleichgültig sein, ob es eine oder tausend sind.«
-
-»Also _eine_! Ich wußte es ja!« rief Liputin. »Ich habe es ja die ganze
-Zeit gewußt, daß es nur eine ist, bis jetzt, die ganze Zeit ...«
-
-Und ohne eine andere Antwort abzuwarten, kehrte er um und verschwand
-schnell in der Dunkelheit.
-
-Pjotr Stepanowitsch wurde ein wenig nachdenklich.
-
-»Nein, keiner wird denunzieren,« murmelte er dann überzeugt vor sich
-hin, »aber die >Fünf< muß eine Gruppe bleiben und gehorchen, oder ich
-werde sie ... Es ist doch ein Lumpenzeug, wirklich, dieses Volk!«
-
-
- II.
-
-Werchowenski ging zuerst zu sich nach Hause und packte, ohne sich im
-geringsten zu beeilen, seinen Reisekoffer. Um sechs Uhr morgens ging der
-Schnellzug ab. Den »Unsrigen« hatte er zwar gesagt, er werde nur auf
-kurze Zeit in die nächste Kreisstadt fahren, aber, wie es sich später
-herausstellen sollte, hatte er doch ganz andere Absichten. Als er mit
-dem Einpacken fertig war, bezahlte er seine Wirtin, die von ihm schon
-früher von seiner Abreise benachrichtigt worden war, und fuhr dann mit
-einer Droschke zu Erkel, der nicht weit vom Bahnhof wohnte. Und dann
-erst, nach ein Uhr nachts, begab er sich zu Kirilloff und benutzte
-wieder den geheimen Gang durch den Zaun.
-
-Pjotr Stepanowitschs Stimmung war furchtbar. Außer verschiedenen
-anderen, für ihn sehr wichtigen Unannehmlichkeiten (er hatte noch immer
-nichts über Stawrogin erfahren können) soll er noch im Laufe des Tages
-von irgendwoher (am wahrscheinlichsten wohl aus Petersburg) eine geheime
-Mitteilung erhalten haben, nach der ihm schon in nächster Zeit eine
-gewisse Gefahr drohte.
-
-Natürlich erzählt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und
-Einzelheiten über diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein?
-Das Nähere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der
-ganzen Angelegenheit haben beschäftigen müssen. Ich für mein Teil nehme
-denn auch nur nach meinen eigenen Erwägungen an, daß Pjotr Stepanowitsch
-außer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben können, und in
-dem Fall ist es allerdings sehr leicht möglich, daß man ihm jetzt auf
-der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen
-Zweifels selbst in Liputin fest überzeugt, daß Pjotr Stepanowitsch noch
-zwei, drei andere »Fünfer«-Gruppen gegründet hatte, und daß er in allen
-größeren Städten, wenn auch vielleicht nicht durchweg »Fünfer«-Gruppen
-hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen möglichen
-Menschen unterhielt. Nicht später als drei Tage nach seiner Abreise
-erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatsächlich den
-Befehl, ihn zu verhaften: für welche Vergehen, ob für die bei uns
-begangenen oder andere -- das weiß ich nicht. Dieser Befehl traf hier
-gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die
-Angst verstärken zu helfen, die plötzlich unsere immer noch so
-leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte,
-als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des
-Studenten Schatoff, sowie die rätselhaften Umstände, von denen sie
-begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spät: Pjotr
-Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er
-dann schnell über die Grenze entwischte. -- Doch ich greife vor.
-
-Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er böse und zanksüchtig aus:
-es war, als ob er Kirilloff außer der Hauptsache noch ganz persönlich
-etwas antun, sich an ihm für irgend etwas noch ganz besonders rächen
-wollte.
-
-Kirilloff war über sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, daß er
-schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet
-hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewöhnlich, der Blick der dunklen
-Augen schwer und unbeweglich.
-
-»Ich dachte, Sie kommen nicht,« sagte er schwer von der Sofaecke aus, in
-der er übrigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen.
-
-Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunächst, bevor er
-ein Wort sprach, prüfend Kirilloffs Gesicht.
-
-»Also alles in Ordnung und wir treten von unserem Vorhaben nicht zurück,
-das ist brav!« sagte er mit beleidigend gönnerhaftem Lächeln. »Nun, und
-daß ich etwas spät gekommen bin,« fügte er mit gemeiner Scherzhaftigkeit
-hinzu, »darüber hätten Sie sich doch nicht zu beklagen: habe Ihnen doch
-somit drei Stunden geschenkt.«
-
-»Ich will von Ihnen gar keine überflüssigen Stunden geschenkt haben, und
-du kannst mir überhaupt nichts schenken ... Dummkopf!«
-
-»Was?« Pjotr Stepanowitsch fuhr schon auf, beherrschte sich aber sofort.
-»Das ist mir mal eine Empfindlichkeit! Ach so, wir sind wohl erzürnt?«
-fragte er scharf, mit demselben beleidigenden Hochmut. »In so einem
-Augenblick ist Ruhe mehr am Platz. Am besten wäre es aber, sich für
-Kolumbus zu halten, und auf mich wie auf eine Maus, die einen überhaupt
-nicht beleidigen kann, herabzusehen. Das habe ich schon gestern
-anempfohlen.«
-
-»Ich will nicht auf dich wie auf eine Maus sehen.«
-
-»Was soll das, ein Kompliment? ... Hm, auch der Tee ist kalt -- also
-alles drunter und drüber. Nein, das ist mir zu unzuverlässig. Ah! aber
-was sehe ich denn dort auf dem Fensterbrett?« (er ging hin). »Wahrhaftig
--- ein Huhn mit Reis! ... Warum haben Sie mir das bis jetzt noch nicht
-angeboten? Wir befanden uns also in einer Gemütsverfassung, die sogar
-ein Huhn ...«
-
-»Ich habe gegessen, und das ist nicht Ihre Sache. Schweigen Sie!«
-
-»Oh, natürlich, und zudem ist das an sich ja auch ganz gleichgültig.
-Bloß mir ist es jetzt nicht gleichgültig: denken Sie sich, ich habe
-heute so gut wie gar nicht zu Mittag gespeist und darum, wenn jetzt
-dieses Huhn, wie ich annehme, nicht mehr nötig ist, -- wie?«
-
-»Essen Sie, wenn Sie können.«
-
-»Ei, danke, und dann nachher noch Tee.«
-
-Er setzte sich im Nu an den Tisch, am anderen Ende des Sofas, und machte
-sich mit ungewöhnlicher Gier ans Essen; doch gleichzeitig beobachtete er
-jeden Augenblick sein Opfer. Kirilloff sah ihm mit bösem Widerwillen
-regungslos zu, wie außerstande, seinen Blick von ihm loszureißen.
-
-»Einstweilen,« -- Pjotr Stepanowitsch sah plötzlich auf, fuhr aber fort
-zu essen -- »wie wird es denn damit? Also, wir treten nicht zurück, wie?
-Und der Zettel?«
-
-»Ich habe in dieser Nacht festgestellt, daß es mir einerlei ist. Werde
-schreiben. Die Proklamationen?«
-
-»Ja, auch die Proklamationen. Übrigens, ich werde Ihnen diktieren. Ihnen
-ist es doch ganz gleich. Könnte denn der Inhalt Sie in diesen Minuten
-wirklich noch beunruhigen?«
-
-»Das geht dich nichts an.«
-
-»Natürlich nicht. Übrigens ... im ganzen nur ein paar Zeilen: daß Sie
-mit Schatoff die Proklamationen verbreitet haben, unter anderem, mit
-Hilfe Fedjkas, der sich hier in Ihrer Wohnung verborgen hat. Dieser
-letzte Punkt über Fedjka und die Wohnung ist sehr wichtig, sogar der
-allerwichtigste. Sehen Sie, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen.«
-
-»Schatoff? Warum mit Schatoff? Auf keinen Fall schreibe ich von
-Schatoff.«
-
-»Das fehlte noch, was macht Ihnen denn das aus? Schaden können Sie ihm
-ja doch nicht mehr.«
-
-»Seine Frau ist zu ihm gekommen. Sie wachte auf und schickte zu mir
-fragen, wo er ist?«
-
-»Sie hat zu Ihnen geschickt, um zu erfahren, wo er ist? Hm ... das ist
-nicht ... Dann könnte sie ja wieder schicken ... Hören Sie, niemand darf
-erfahren, daß ich hier bin ...«
-
-Pjotr Stepanowitsch wurde unruhig.
-
-»Sie wird nicht erfahren, schläft wieder. Bei ihr ist eine Frau, Arina
-Wirginskaja.«
-
-»Schön, schön, und ... wird es auch nicht hören, denke ich? Wissen Sie,
-wäre es nicht besser, die Flurtür zu verriegeln?«
-
-»Wird nichts hören. Und wenn Schatoff kommt, verstecke ich Sie ins
-andere Zimmer.«
-
-»Schatoff wird nicht kommen; und Sie werden schreiben, daß Sie sich mit
-ihm wegen Verrat und Denunziation überworfen haben ... heute Abend ...
-und die Ursache seines Todes sind.«
-
-»Er ist tot!« stieß Kirilloff aufspringend hervor.
-
-»Heute um acht Uhr abends, oder richtiger, gestern um acht Uhr abends,
-denn jetzt ist es schon ein Uhr.«
-
-»Du hast ihn ermordet! ... Und ich habe das gestern vorausgewußt!«
-
-»Wäre auch was gewesen, das nicht vorauszusehen! Hier, sehen Sie, mit
-diesem Revolver!« (Er zog seinen Revolver aus der Tasche, anscheinend
-nur um ihn zu zeigen, doch steckte er ihn nicht wieder zurück, sondern
-behielt ihn in der rechten Hand, wie in Bereitschaft.) »Sie sind doch
-ein sonderbarer Mensch, Kirilloff, Sie wußten ja schon längst, daß es
-mit diesem dummen Menschen gerade ein solches Ende nehmen mußte. Was ist
-denn hier noch vorauszusehen? Ich habe es Ihnen schon mehrmals förmlich
-in den Mund gelegt. Schatoff bereitete eine Anzeige vor: ich beobachtete
-ihn; man konnte ihn auf keine Weise so lassen. Ja, und auch Sie hatten
-doch den Auftrag, auf ihn aufzupassen: Sie haben mir doch selbst noch
-vor drei Wochen ...«
-
-»Schweig! Das hast du ihn dafür, daß er dir in Genf ins Gesicht gespuckt
-hat!«
-
-»Auch dafür, und auch noch für anderes. Für vieles andere; übrigens ohne
-jede Bosheit meinerseits. Warum da aufspringen? Wozu Posen annehmen?
-Oho! Also so sind wir! ...«
-
-Er sprang auf und erhob seinen Revolver. Kirilloff hatte nämlich seinen
-Revolver, der schon seit dem Morgen geladen war, vom Fensterbrett
-genommen. Pjotr Stepanowitsch stellte sich in Positur und zielte auf
-Kirilloff. Der lachte böse auf.
-
-»Gesteh nur, Schurke, du hast deinen Revolver bloß darum genommen, daß
-ich dich erschieße ... Aber ich werde dich nicht erschießen ... obgleich
-... obgleich ...«
-
-Und wieder erhob er seinen Revolver und zielte auf Pjotr Stepanowitsch,
-wie außerstande, auf das Vergnügen zu verzichten: sich vorzustellen, wie
-das wäre, wenn er Pjotr Stepanowitsch jetzt mit einem Schuß
-niederstrecken würde. Pjotr Stepanowitsch wartete immer noch in Positur,
-wartete bis zum letzten Augenblick, wartete mit gespanntem Hahn, wobei
-er doch riskierte, selbst eine Kugel in die Stirn zu bekommen: von
-diesem »Maniak«, wie er Kirilloff kurzweg nannte, war das zu erwarten.
-Aber der »Maniak« ließ schließlich die Hand sinken, atemlos und zitternd
-und unfähig zu sprechen.
-
-»Sie haben gespielt, nun und genug jetzt.« Pjotr Stepanowitsch senkte
-gleichfalls seinen Revolver. »Ich wußte es ja, daß Sie spielten. Nur,
-wissen Sie, Sie wagten doch viel: ich hätte abdrücken können.«
-
-Und er setzte sich ziemlich ruhig wieder auf das Sofa und goß sich --
-übrigens doch mit ein wenig zitternder Hand -- Tee ein. Kirilloff legte
-den Revolver auf den Tisch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
-
-»Ich werde nicht schreiben, daß ich Schatoff getötet habe, und ... ich
-werde jetzt überhaupt nichts schreiben. Es wird keinen Zettel geben!«
-
-»Nicht?«
-
-»Nein.«
-
-»Welch eine Gemeinheit und was für eine Dummheit!« Pjotr Stepanowitsch
-wurde vor Wut ganz fahl im Gesicht. »Aber ich habe ja schon so etwas
-geahnt. Wissen Sie auch, daß ich mich nicht überrumpeln lasse! Aber, --
-wie Sie wollen! Wenn ich Sie mit Gewalt zwingen könnte, so würde ich es
-tun. Sie sind übrigens ein Schurke,« er verlor immer mehr seine
-Selbstbeherrschung, »Sie haben sich damals von uns Geld geliehen und uns
-dafür Langes und Breites versprochen ... Nur werde ich Sie doch nicht
-ganz ohne Resultat verlassen, werde wenigstens sehen, wie Sie sich jetzt
-selbst die Kugel durch den Kopf jagen.«
-
-»Ich will, daß du sofort gleich hinausgehst.« Kirilloff blieb
-entschlossen vor ihm stehen.
-
-»Nein, das tue ich auf keinen Fall,« lehnte Pjotr Stepanowitsch ab und
-ergriff wieder seinen Revolver. »Jetzt kann Ihnen ja aus Wut und Bosheit
-einfallen, alles aufzuschieben und morgen noch hinzugehen und zu
-denunzieren, um wieder Geld zu erhalten: dafür wird doch gut gezahlt.
-Hol' Sie der Teufel, solche Leutchen wie Sie sind zu allem fähig! Nur
-beunruhigen Sie sich nicht, ich habe alles vorgesehen: ich werde nicht
-vorher fortgehen, als bis ich Ihnen mit diesem Revolver gleichfalls den
-Schädel geöffnet habe, wie dem Schufte Schatoff. Wenn Sie selbst zu
-feige werden und es aufschieben wollen! Hol' Sie der Teufel!«
-
-»Du willst wohl unbedingt auch mein Blut sehen?«
-
-»Nicht aus Bosheit will ich es. Begreifen Sie doch, daß es mir
-persönlich ganz gleichgültig ist. Ich will es nur, um für unsere Sache
-ruhig sein zu können. Daß man sich auf einen Menschen nicht verlassen
-kann, sehen Sie doch selbst. Ich verstehe nichts davon, was Sie da ...
--- ich meine, warum Sie sich umbringen wollen. Nicht ich habe diese
-Phantasie für Sie ausgedacht, sondern Sie selbst, und mitgeteilt haben
-Sie Ihre Ideen zuerst nicht mir, sondern den anderen ausländischen
-Gliedern. Und vergessen Sie nicht, daß niemand es aus Ihnen
-herausgezogen hat, es kannte Sie ja auch niemand, sondern Sie selbst
-sind gekommen und haben Ihre Gedanken mitgeteilt -- aus Sentimentalität
-wahrscheinlich. Wer ist aber jetzt daran schuld, wenn damals daraufhin
-ein Plan für gewisse Taten hier in der Stadt entworfen wurde, und die
-Hauptsache: mit Ihrer Einwilligung und auf Ihren Vorschlag hin
-(vergessen Sie das nicht: auf Ihren Vorschlag hin!). Schon deshalb denke
-ich, daß Sie die Sache jetzt nicht mehr im Stiche lassen dürfen. Sie
-haben sich so benommen, daß Sie schon zu viel wissen. Wenn Sie nun
-Furcht bekommen haben und morgen hingehen, um zu denunzieren, wird das
-für uns dann vorteilhaft sein, oder nicht, was meinen Sie? Nein, Sie
-haben sich verpflichtet, Sie haben Ihr Wort gegeben, haben Geld
-genommen. Das können Sie alles unmöglich leugnen ...«
-
-Pjotr Stepanowitsch ereiferte sich mächtig, aber Kirilloff hörte ihm
-schon längst nicht mehr zu, sondern schritt wieder in Gedanken versunken
-auf und ab.
-
-»Schatoff tut mir leid,« sagte er endlich und blieb wieder vor Pjotr
-Stepanowitsch stehen.
-
-»Aber mir tut er ja auch lei... --«
-
-»Schweig, Schurke!« brüllte Kirilloff wild auf und machte eine
-furchtbare und unzweideutige Bewegung. »Ich schlage dich tot!«
-
-»Nun, nun, nun, schon gut, ich habe gelogen, ich gebe selber zu, es tut
-mir um ihn nicht ein bißchen leid; nun, schon gut!« Pjotr Stepanowitsch
-war ängstlich aufgesprungen und hielt den Arm wie zum Schutz erhoben.
-
-Kirilloff wandte sich plötzlich still von ihm ab und begann von neuem
-durch das Zimmer zu schreiten.
-
-»Ich werde es nicht aufschieben, gerade jetzt will ich mich umbringen:
-alle sind solche Schurken!«
-
-»Nun, das ist doch ein Gedanke! Selbstverständlich sind alle Schurken,
-und da es einen anständigen Menschen auf der Welt anekelt, so ...«
-
-»Dummkopf, ich bin ganz eben so ein Schurke wie du, wie alle, aber kein
-anständiger. Ein anständiger ist noch niemals nirgends gewesen.«
-
-»Na, endlich also erraten! Haben Sie denn wirklich bis jetzt noch nicht
-begriffen, Kirilloff, Sie mit Ihrem Verstande, daß alle ein und
-dieselben sind, daß es weder bessere noch schlechtere Menschen gibt,
-sondern nur klügere und dümmere, und daß, wenn alle Schurken sind (was
-nebenbei bemerkt Unsinn ist), es folglich einen Nichtschurken auch gar
-nicht geben kann?«
-
-»Ah! Und du lachst wirklich nicht?« fragte ihn Kirilloff mit einer
-gewissen Verwunderung. »Du sprichst mit Eifer und einfach ... Haben denn
-auch solche wie du Überzeugungen?«
-
-»Kirilloff, ich habe nie verstehen können, warum Sie sich töten wollen.
-Ich weiß nur, daß Sie es aus Überzeugung ... aus fester Überzeugung
-wollen. Aber wenn Sie das Bedürfnis fühlen, sich, wie man sagt,
-mitzuteilen, so stehe ich zu Ihrer Verfügung ... Nur muß man die Zeit im
-Auge behalten ...«
-
-»Wieviel ist die Uhr?«
-
-»Oho, punkt zwei,« sagte Pjotr Stepanowitsch mit einem Blick auf seine
-Uhr, und er zündete sich eine Zigarette an.
-
-»Ich glaube, ich werde doch noch mit ihm fertig,« dachte er bei sich.
-
-»Ich habe dir nichts zu sagen,« brummte Kirilloff.
-
-»Ich erinnere mich noch, daß da irgend etwas von Gott dabei war ... Sie
-haben es mir doch einmal erklärt, oder sogar zweimal ... Wenn Sie sich
-erschießen, so werden Sie Gott, so war es doch, wenn ich mich nicht
-täusche?«
-
-»Ja, ich werde Gott.«
-
-Pjotr Stepanowitsch lächelte nicht einmal, er wartete; Kirilloff blickte
-ihn fein an.
-
-»Sie sind ein politischer Betrüger und Intrigant, Sie wollen mich auf
-die Philosophie hinüberleiten und in Begeisterung bringen, und eine
-Versöhnung mit mir machen, um den Ärger zu vertreiben, und wenn ich mich
-versöhne, dann den Brief erbitten, daß ich Schatoff getötet habe.«
-
-Pjotr Stepanowitsch antwortete fast mit natürlicher Offenherzigkeit.
-
-»Nun, mag ich das auch gedacht haben. Nur -- ist Ihnen denn das in
-diesen letzten Augenblicken nicht ganz gleichgültig, Kirilloff? Worüber
-zanken wir uns überhaupt, sagen Sie doch bitte selbst: Sie sind solch
-ein Mensch, und ich bin wieder solch ein Mensch, nun, und was liegt denn
-daran? Und beide noch dazu ...«
-
-»Schurken.«
-
-»Gut, meinetwegen auch Schurken. Sie wissen doch, daß das nur Worte
-sind.«
-
-»Ich habe mein ganzes Leben nicht gewollt, daß es nur Worte sind. Ich
-habe auch nur deswegen gelebt, weil ich das immer nicht wollte. Ich will
-auch jetzt jeden Tag, daß es nicht nur Worte sind.«
-
-»Nun ja, ein jeder sucht, wo er es besser hätte. Ein Fisch ... das
-heißt, jeder sucht seinen Komfort ... in seiner Art; und das ist alles.
-Außerordentlich lange schon bekannt.«
-
-»Komfort, sagst du?«
-
-»Nun, lohnt es sich denn, sich um Worte zu streiten?«
-
-»Nein, du hast das gut gesagt: meinetwegen -- Komfort. Gott ist
-unentbehrlich und darum muß er sein.«
-
-»Nun, und wunderbar.«
-
-»Aber ich weiß, daß es ihn nicht gibt und nicht geben kann.«
-
-»Das ist schon richtiger.«
-
-»Begreifst du denn wirklich nicht, daß ein Mensch mit zwei solchen
-Gedanken nicht leben bleiben darf?«
-
-»Sich also erschießen muß?«
-
-»Begreifst du denn wirklich nicht, daß man sich nur allein deswegen
-erschießen kann? Du kannst es nicht begreifen, daß solch ein Mensch sein
-kann, ein einziger Mensch von allen euren tausend Millionen, einer, der
-nicht will und nicht erträgt.«
-
-»Ich verstehe nur, daß Sie, wie's scheint, schwanken ... Das aber ist
-höchst gemein.«
-
-»Auch Stawrogin ist von der Idee verschlungen,« sagte Kirilloff, die
-Bemerkung überhörend, und schritt finster durch das Zimmer.
-
-»Wie?« Pjotr Stepanowitsch spitzte die Ohren, »von was für einer Idee?
-Hat er Ihnen selbst irgend etwas gesagt?«
-
-»Nein, ich habe selbst erraten: Stawrogin, wenn er glaubt, so glaubt er
-nicht, daß er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, daß
-er nicht glaubt.«
-
-»Nun, Stawrogin hat noch etwas anderes, etwas Gescheiteres als das ...«
-brummte Pjotr Stepanowitsch ärgerlich, während er unruhig die neue
-Wendung des Gespräches verfolgte und den bleichen Kirilloff beobachtete.
-
-»Zum Teufel, er wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch.
-»Habe es ja immer vorausgefühlt, das war bei ihm nur eine Gehirnspirale,
-die ganze Idee, und weiter nichts. Solch ein Lumpenpack, diese Kerls,
-wahrhaftig!«
-
-»Du bist der letzte, der bei mir ist: ich würde nicht böse mit dir
-auseinandergehen wollen,« sagte plötzlich Kirilloff.
-
-Pjotr Stepanowitsch antwortete nicht sofort. »Weiß der Teufel, was das
-nun wieder bedeutet!« dachte er.
-
-»Glauben Sie mir, Kirilloff, daß ich nie etwas gegen Sie persönlich
-gehabt habe und immer ...«
-
-»Du bist ein Schurke und bist ein falscher Verstand. Aber ich bin ganz
-dasselbe wie du und erschieße mich, du aber bleibst lebendig.«
-
-»Sie wollen wohl sagen, daß ich so niedrig sei, daß ich am Leben bleiben
-will.«
-
-Er war noch nicht ganz sicher, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft war,
-ein solches Gespräch jetzt weiterzuführen, und entschloß sich daher,
-sich »den Umständen anzupassen«. Doch der Ton der Überlegenheit und die
-unverhohlene Verachtung, die Kirilloff immer für ihn hatte, reizten und
-ärgerten ihn aus irgendeinem Grunde diesmal noch viel mehr, als sonst,
--- vielleicht deshalb, weil Kirilloff, der schon in ungefähr einer
-Stunde sterben mußte (das behielt Pjotr Stepanowitsch trotz allem fest
-im Auge) für ihn bereits nur noch ein halber Mensch war, also jemand,
-dem man auf keine Weise mehr erlauben durfte, auch noch stolz und
-hochmütig zu sein.
-
-»Sie wollen, wie's scheint, damit vor mir großtun, daß Sie sich
-erschießen werden?«
-
-»Ich habe mich immer gewundert, daß alle leben bleiben,« sagte
-Kirilloff, der auch diese Bemerkung wieder überhörte.
-
-»Hm! nehmen wir an, daß das eine Idee ist, aber ...«
-
-»Du Affe, du stimmst zu, um mich zu besiegen. Schweig, du kannst nichts
-verstehen. Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.«
-
-»Sehen Sie, diesen Punkt habe ich bei Ihnen nie begreifen können: warum
-sind Sie dann Gott?«
-
-»Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und aus Seinem Willen kann
-ich nicht. Wenn nicht, so ist aller Wille mein und ich bin verpflichtet,
-Eigenwillen zu bezeugen.«
-
-»Eigenwillen? Und warum verpflichtet?«
-
-»Darum, weil aller Wille mein geworden ist. Wird denn wirklich kein
-einziger auf dem ganzen Planeten, nachdem er mit Gott ein Ende gemacht
-hat und nur an seinen Eigenwillen glaubt, es wagen, Eigenwillen zu
-beweisen, Eigenwillen gerade im Hauptpunkte? Das ist so, wie wenn ein
-Armer eine Erbschaft bekommt und erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack
-zu gehen, weil er sich für nicht stark genug hält, zu besitzen. Ich will
-Eigenwillen beweisen. Und wenn auch nur ich, ein einzelner, aber ich tue
-es.«
-
-»Tun Sie's nur!«
-
-»Ich bin verpflichtet, mich zu erschießen, weil der vollste, höchste
-Punkt meines Eigenwillens ist -- mich selbst zu töten.«
-
-»Aber Sie sind doch nicht der einzige, der sich selbst tötet; es gibt
-viele Selbstmörder.«
-
-»Mit einer Ursache -- ja. Aber ganz ohne alle Ursache und nur für
-Eigenwillen -- ich allein.«
-
-»Wird sich nicht erschießen,« zuckte es wieder durch Pjotr
-Stepanowitschs Gedanken.
-
-»Wissen Sie was,« bemerkte er geärgert, »ich würde an Ihrer Stelle, um
-Eigenwillen zu offenbaren, erst irgendeinen anderen, aber nicht mich
-selbst, umbringen. Könnten sich damit noch nützlich machen. Ich werde
-Ihnen sagen wen, wenn Sie nicht erschrecken. Dann brauchen Sie sich
-meinetwegen heute auch noch nicht zu erschießen. Man könnte sich
-besprechen.«
-
-»Einen anderen töten würde gleich der allerniedrigste Punkt meines
-Eigenwillens sein, und hierin bist du ganz enthalten. Ich bin nicht du:
-ich will den höchsten Punkt und töte mich.«
-
-»Glücklich mit eigenem Verstande darauf verfallen,« brummte Pjotr
-Stepanowitsch boshaft.
-
-»Ich bin verpflichtet, den Unglauben zu verkünden,« sprach Kirilloff
-weiter, durch das Zimmer schreitend. »Für mich ist nichts höher, als die
-Idee -- daß es Gott nicht gibt. Die ganze Geschichte der Menschheit
-spricht für mich. Der Mensch hat nichts anderes getan, als Gott sich
-ausdenken, um leben zu können, ohne sich totzuschlagen. Darin besteht
-die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich allein in der
-ganzen Weltgeschichte habe zum erstenmal Gott mir nicht ausdenken
-wollen. Mag man das für immer erfahren.«
-
-»Wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch wieder
-beunruhigt.
-
-»Wer soll es denn erfahren?« versuchte er ihn zu hetzen. »Hier sind nur
-Sie und ich! Liputin etwa?«
-
-»Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts in
-der Welt, was nicht einmal offenbar wird. Das hat _Er_ gesagt.«
-
-Und er wies in fieberhaftem Entzücken auf das Bild des Heilandes, vor
-dem das Lämpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgültig wütend.
-
-»An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lämpchen angezündet!
-Tun Sie das vielleicht auch >auf alle Fälle<?«
-
-Der andere schwieg.
-
-»Wissen Sie, meiner Meinung nach glauben Sie womöglich noch mehr als ein
-Pope.«
-
-»An wen? An _Ihn_? Höre,« Kirilloff blieb stehen und sah mit starrem,
-wie verzücktem Blick vor sich hin. »Höre eine große Idee: es war auf der
-Erde ein Tag und in der Mitte der Erde standen drei Kreuze. Einer am
-Kreuz glaubte so, daß er dem anderen sagte: >Wahrlich, ich sage dir,
-heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.< Der Tag verging, beide
-starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die
-Worte bewahrheiteten sich nicht. Höre: dieser Mensch war der höchste auf
-der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem,
-was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen -- nur ein Wahnsinn. Es war
-weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis
-zum Wunder. Das ist eben das Wunder, daß keiner vor ihm war noch nach
-ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur
-auch _Diesen_ nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht
-verschont haben und auch _Ihn_ zwangen, mitten in Lüge zu leben und für
-Lüge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lüge und beruht nur
-auf Lüge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten
--- Lüge und des Teufels Bühnenstück. Wozu dann leben, antworte, wenn du
-ein Mensch bist?«
-
-»Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene
-Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlässig. Doch erlauben Sie,
-wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lüge zu Ende ist und Sie erraten haben,
-daß die ganze Lüge nur daher kam, daß es den früheren Gott gab?«
-
-»Endlich hast du es verstanden!« rief Kirilloff begeistert. »Also kann
-man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat!
-Verstehst du jetzt, daß die ganze Errettung für alle ist -- allen diesen
-Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe
-nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, daß es Gott nicht gibt,
-und sich doch nicht sofort selbst tötete? Erkennen, daß es Gott nicht
-gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, daß man dadurch
-selbst Gott geworden ist -- ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls
-würde man sich unbedingt selbst töten. Wenn du erkenntest -- so bist du
-Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu töten, sondern wirst in
-der allergrößten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das
-erkennt, der muß sich unbedingt selbst töten, denn wer wird sonst
-beginnen und beweisen? Also töte ich mich selbst, unfehlbar, um zu
-beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaßen Gott und
-bin unglücklich, denn ich bin _verpflichtet_, Eigenwillen zu bezeugen.
-Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, Eigenwillen zu zeigen.
-Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglücklich und arm gewesen,
-weil er sich fürchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens
-durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig
-Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich
-unglücklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch
-des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin
-verpflichtet, fest daran zu glauben, daß ich nicht glaube. Ich werde
-beginnen und werde beenden, und werde das Tor öffnen. Und retten. Nur
-dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nächsten
-Generation physisch verändern. Denn in der jetzigen körperlichen Form
-kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den früheren Gott nicht sein.
-Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es
-schließlich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist -- Eigenwille!
-Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwürfigkeit
-beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist maßlos
-furchtbar. Ich töte mich, um meine Nichtunterwürfigkeit zu beweisen und
-meine neue furchtbare Freiheit.«
-
-Sein Gesicht war unnatürlich bleich, sein Blick unerträglich schwer. Er
-war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch fürchtete schon, er werde
-sogleich hinfallen.
-
-»Gib die Feder!« rief Kirilloff plötzlich ganz unerwartet in
-entschiedener Verzückung -- »diktiere, ich unterschreibe alles. Auch,
-daß ich Schatoff getötet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir
-lachhaft ist! Ich fürchte die Gedanken der anmaßenden Sklaven nicht! Du
-wirst selbst sehen, daß alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du
-aber wirst zerdrückt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube!«
-
-Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfaß und ein
-Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den günstigen Augenblick
-nicht zu verpassen, zitternd für das Gelingen.
-
-»Ich, Alexei Kirilloff, erkläre ...«
-
-»Wart! So will ich nicht! Erkläre wem?«
-
-Kirilloff bebte wie im Fieber. Diese Erklärung und irgendein besonderer
-plötzlicher Gedanke in bezug auf diese Erklärung hatten ihn, wie es
-schien, ganz und gar verschlungen, als ob sie ein Ausweg wäre, auf den
-sich, wenn auch nur auf einen Augenblick, sein müdgequälter Geist
-stürzte.
-
-»Erkläre wem? Will wissen wem?«
-
-»Ach, niemandem, allen, dem ersten, der es liest! Wozu das bestimmen?
-Der ganzen Welt!«
-
-»Der ganzen Welt? Bravo! Und daß keine Reue nötig ist! Ich will nicht
-bereuen. Und ich will auch nicht an die Obrigkeit!«
-
-»Aber nein doch, das ist ja auch gar nicht nötig, zum Teufel mit der
-Obrigkeit! Aber so schreiben Sie doch, wenn Sie ernstlich! ...« schrie
-Pjotr Stepanowitsch in hysterischer Nervosität ihn an.
-
-»Wart! Ich will erst eine Fratze mit herausgestreckter Zunge malen.«
-
-»Ach was, Unsinn! Teufel, das kann man auch ohne Malerei ausdrücken,
-einfach mit dem Ton.«
-
-»Mit dem Ton? Das ist gut. Ja, mit dem Ton, mit dem Ton! Diktier mir mit
-dem Ton!«
-
-»Ich, Alexei Kirilloff,« diktierte fest und befehlend Pjotr
-Stepanowitsch, über die Schulter Kirilloffs gebeugt und jeden
-Buchstaben, den dieser mit seiner zitternden Hand schrieb, mit den Augen
-verfolgend, »-- ich, Kirilloff, erkläre, daß ich heute, am ...sten
-Oktober, am Abend um acht Uhr, den Studenten Schatoff im Park getötet
-habe und zwar für Verrat und Anzeige der Proklamationen, sowie Fedjkas,
-der bei uns beiden im Filippoffschen Hause zehn Tage gewohnt und
-genächtigt hat. Ich erschieße mich aber heute mit einem Revolver nicht
-deswegen, weil ich bereue und euch fürchte, sondern weil ich schon im
-Auslande die Absicht hatte, mir das Leben zu nehmen.«
-
-»Und das ist alles?« fragte erstaunt und unwillig Kirilloff.
-
-»Kein Wort mehr!« sagte Pjotr Stepanowitsch, mit der Hand abwinkend, und
-suchte ihm das Papier zu entreißen.
-
-»Wart!« rief Kirilloff und legte fest seine Hand auf das Blatt. »Wart,
-Unsinn! Will noch sagen, mit wem ich erschlagen habe. Warum Fedjka? Und
-die Brandstiftung? Ich will alles und will sie noch ausschimpfen mit dem
-Ton, mit dem Ton!«
-
-»Genug, Kirilloff, ich versichere Ihnen, das ist vollkommen genug!«
-flehte Pjotr Stepanowitsch geradezu, denn er zitterte vor Angst, daß
-Kirilloff das Papier vielleicht wieder zerreißen werde. »Damit die es
-glauben, muß es so dunkel wie möglich sein, nur mit Andeutungen, gerade
-so! Man muß nur ein Eckchen der Wahrheit zeigen, nur soviel, um sie
-irrezuführen. Die werden sich schon selbst weit mehr vorlügen, als wir
-es könnten, und sich selbst werden sie natürlich mehr glauben als uns --
-und das ist doch gerade das Beste, das Allerbeste! Geben Sie her, es ist
-wundervoll so. Geben Sie! Geben Sie!«
-
-Und er bemühte sich immer noch, ihm das Papier zu entwenden, es ihm
-unter der Hand wegzuziehen. Kirilloff hatte die Augen weit aufgerissen,
-hörte wohl auch zu und schien sogar begreifen zu wollen, doch hatte er
-wahrscheinlich schon aufgehört, zu verstehen.
-
-»Teufel!« entfuhr es plötzlich wütend Pjotr Stepanowitsch. »Er hat ja
-noch gar nicht unterschrieben! Was starren Sie denn so, unterschreiben
-Sie doch!«
-
-»Ich will ausschimpfen ...« murmelte Kirilloff, nahm aber doch gehorsam
-die Feder und schrieb seinen Namen. »Ich will ausschimpfen ...«
-
-»Schreiben Sie meinetwegen: _Vive la république_,{[199]} und damit dann
-genug.«
-
-»Bravo!« schrie, brüllte fast Kirilloff vor Entzücken auf. »_Vive la
-république démocratique, sociale et universelle ou la mort!_ ... Nein,
-nein, nicht so. _Liberté, egalité, fraternité ou la mort._{[200]} Das
-ist noch besser, noch besser,« und er schrieb es mit sichtlichem
-Hochgenuß unter seinen Namenszug.
-
-»Genug jetzt, wirklich genug!« wiederholte Pjotr Stepanowitsch.
-
-»Wart, noch ein ... Ich, weißt du, ich werde noch einmal auf französisch
-unterschreiben: >_de Kirilloff, gentil-homme russe et citoyen du
-monde_.<{[201]} Hahahahaha!« lachte er auf. »Nein, nein, nein, wart,
-habe es noch besser gefunden, am allerbesten, Heureka! --
->_gentil-homme-séminariste russe et citoyen du monde civilisé_!<{[202]}
-Das ist am allerbesten ...« -- -- -- und er sprang jäh auf, ergriff
-plötzlich mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver, stürzte in das
-andere Zimmer und schlug die Tür fest hinter sich zu.
-
-Pjotr Stepanowitsch stand einen Augenblick nachdenklich da und sah
-gespannt auf die geschlossene Tür.
-
-»Wenn sofort -- dann ist es möglich, daß er abdrückt, fängt er aber an
-zu denken -- dann wird nichts geschehen.«
-
-Vorläufig nahm er das Blatt in die Hand, setzte sich wieder und sah das
-Geschriebene noch einmal durch. Die Abfassung gefiel ihm wieder
-ungemein.
-
-»Was fehlt uns jetzt! Es ist ja weiter nichts nötig, wie sie für eine
-Zeitlang ganz aus der Fassung zu bringen und abzulenken. Park? In der
-Stadt gibt es keinen Park. Aber sie werden schon mit ihrem eigenen
-Verstande auf Skworeschniki verfallen. Bis sie aber darauf verfallen,
-vergeht Zeit, bis sie suchen -- wieder Zeit, und finden sie die Leiche
--- so ist hier nur die Wahrheit geschrieben worden, folglich muß auch
-alles andere richtig sein, auch das von Fedjka. Was aber bedeutet
-Fedjka? Fedjka -- das ist der Brand, Fedjka, das sind Lebädkins:
-folglich ist alles aus dem Filippoffschen Hause gekommen, sie aber haben
-nichts davon gesehen, haben nichts durchschauen können, -- und gerade
-das wird sie schon vollends verwirren! Auf die Unsrigen aber werden sie
-überhaupt nicht verfallen. Es waren also Schatoff und Kirilloff und
-Fedjka und Lebädkin; warum sie aber einander totgeschlagen haben -- das
-ist dann für die Leute noch so eine kleine Frage zum Zeitvertreib. Zum
-Teufel, wo bleibt denn der Schuß! ...«
-
-Pjotr Stepanowitsch hatte die ganze Zeit, wenn er auch las und sich über
-die Abfassung freute, doch gleichzeitig jeden Augenblick mit quälender
-Unruhe gehorcht und -- plötzlich wurde er wütend. Erregt zog er die Uhr
-hervor: es war schon sehr spät; und Kirilloff mochte vor bereits zehn
-Minuten hinausgegangen sein ... Er ergriff das Licht und ging zur Tür
-des Nebenzimmers. An der Tür sah er plötzlich und kam es ihm zu
-Bewußtsein, daß auch das Licht schon heruntergebrannt war und vielleicht
-nach zwanzig Minuten auslöschen werde, daß ein anderes aber nicht
-vorhanden war. Vorsichtig umfaßte er mit der Hand die Klinke und
-horchte. Kein einziger Laut drang aus dem anderen Zimmer. Plötzlich
-öffnete er die Tür und erhob das Licht: da brüllte etwas auf und stürzte
-auf ihn zu. Hastig schlug er die Tür zu und stemmte sich mit aller Kraft
-gegen sie, aber schon war alles verstummt -- und wieder Totenstille.
-
-Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der
-Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem Öffnen der Tür, hatte er nur
-sehr wenig sehen können, aber er erinnerte sich doch des Gesichts
-Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte,
-und der tierischen Wut, mit der er zur Tür gestürzt war. Plötzlich regte
-sich etwas im Nebenzimmer.
-
-Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff
-seinen Revolver und sprang auf den Fußspitzen zur Seite in die
-entgegengesetzte Ecke, so daß er, falls Kirilloff die Tür öffnete und
-auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrücken konnte.
-
-Aber es blieb wieder alles ruhig.
-
-Daß Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte
-Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr.
-
-»Er stand offenbar und dachte,« ging es ihm blitzartig durch den Kopf.
-»Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brüllte auf und
-stürzte zur Tür -- hier sind zwei Möglichkeiten: entweder störte ich ihn
-gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrücken wollte, oder ...
-oder er stand und überlegte, wie er mich töten könnte. Ja, das wird's
-gewesen sein, er überlegte ... Er weiß, daß ich nicht vorher fortgehe,
-als bis er tot ist, daß ich ihn töten werde, wenn er selbst dazu zu
-feige ist -- also muß er mich zuerst töten, damit nicht ich ihn töte ...
-Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig:
-plötzlich macht er die Tür auf ... Die Schweinerei ist ja bloß, daß er
-an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschießen, um
-keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit >eigenem Verstande so weit
-kommen<, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das
-Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, spätestens
-... Muß Schluß machen, muß unbedingt, was es auch koste, Schluß machen
-... Was, -- totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier
-kann niemand denken, daß ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so
-auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in
-der Hand, daß man unbedingt glauben muß, er selbst ... Teufel, aber wie
-ihn nur erschießen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich
-stürzen und noch vor mir abdrücken. Teufel, nein, er wird natürlich
-nicht treffen ... Immerhin ...«
-
-So quälte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der
-unumgänglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen
-Unentschlossenheit andererseits. Schließlich nahm er wieder den Leuchter
-und trat wieder leise zur Tür, wobei er den Revolver hob und den Hahn
-spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke
-zu öffnen versuchte -- aber es gelang nicht: das Schloß kreischte nur
-und öffnete sich nicht. »Er wird sofort auf mich schießen!« dachte Pjotr
-Stepanowitsch, riß die Tür auf und erhob Licht und Revolver ... Doch
-kein Schuß ertönte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch.
-
-Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm
-zu entfliehen war unmöglich. Er hob das Licht noch höher und blickte
-noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal
-Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete.
-
-»Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?«
-
-Tatsächlich war das Luftfenster offen.
-
-»Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch.« Pjotr
-Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. »Unmöglich konnte
-er hier durch!« Plötzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas
-Ungewöhnliches erschütterte ihn.
-
-An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand links von der Tür ein
-Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen
-der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar
-sonderbar, -- unbeweglich, stramm, die Hände militärisch an den Nähten,
-den Kopf erhoben und mit dem Rücken fest an die Wand gepreßt ... Allem
-Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht
-glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schräg zu der Ecke und
-sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch
-nicht entschließen, weiter nach links zu gehen und das Rätsel zu lösen.
-Sein Herz schlug laut. Und plötzlich erfaßte ihn eine rasende Wut: er
-riß sich von der Stelle, schrie auf und stürzte trampelnd zu der
-furchtbaren Stelle.
-
-Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen,
-noch mehr von Entsetzen betäubt. Vor allem frappierte es ihn, daß die
-Gestalt sich trotz seines Schreies und wütenden Anlaufs nicht einmal
-bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede --
-ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wäre. Die Blässe des
-Gesichts war unnatürlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und
-sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch führte
-das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam
-dieses Gesicht an. Und plötzlich gewahrte er, daß Kirilloff, wenn er
-auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womöglich
-noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht »diesem Schurken« an
-das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun
-werde. Plötzlich aber schien es ihm, daß Kirilloffs Kinn sich bewege und
-über die Lippen ein Spottlächeln flimmere -- ganz als ob jener seinen
-Gedanken erraten hätte. Er erbebte und außer sich vor Wut packte er
-Kirilloff an der Schulter.
-
-Da geschah aber etwas dermaßen Unglaubliches, und geschah so schnell,
-daß Pjotr Stepanowitsch sich später in seiner Erinnerung selbst nicht
-mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berührt, als dieser plötzlich
-seinen Kopf fallen ließ und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand
-schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht
-erlosch. Im selben Augenblick noch fühlte er einen furchtbaren Schmerz
-im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und später wußte er
-nur noch, daß er, außer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den
-Zähnen ließ, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte.
-Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureißen. Und er stürzte
-fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem
-Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie:
-
-»Sofort, sofort, sofort, sofort!«
-
-Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter,
-durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstür, als
-plötzlich ein lauter Schuß erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur,
-in der Dunkelheit, und überlegte wohl fünf Minuten lang. Endlich kehrte
-er wieder um und ging in die Wohnung zurück. Zuerst mußte Licht
-geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen
-Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann
-den Lichtstumpf anzünden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle
-Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als hätte er am Abend
-vorher, als er in die Küche zu Fedjka gestürzt war, in der Ecke auf dem
-Küchenbrett flüchtig eine große rote Streichholzschachtel bemerkt.
-Tastend ging er also zuerst nach links, zur Küchentür, fand sie
-schließlich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem
-Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in
-der Dunkelheit eine große, noch nicht geöffnete Streichholzschachtel.
-Ohne anzuzünden, kehrte er eilig zurück und erst beim Schrank, auf
-derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beißenden
-Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm plötzlich sein
-gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fühlte er auch einen
-fast unerträglichen Schmerz in ihm. Er biß die Zähne zusammen, zündete
-mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er
-sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag,
-mit den Füßen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte
-sich in die rechte Schläfe geschossen und oben an der linken Seite des
-Kopfes hatte die Kugel wieder den Schädel durchschlagen. Blut und
-Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des
-Selbstmörders geblieben. Der Tod mußte sofort eingetreten sein. Nachdem
-Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder
-und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, schloß hinter sich die Tür,
-stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und
-beschloß dann, es nicht auszulöschen, da durch dieses Licht im Leuchter
-doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das
-Dokument und lächelte mechanisch. Darauf verließ er, ich weiß nicht
-warum, immer noch leise auf den Fußspitzen gehend, endgültig langsam das
-Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schloß ihn hinter
-sich sorgfältig mit dem Brett.
-
-
- III.
-
-Zehn Minuten vor sechs gingen Pjotr Stepanowitsch und Erkel auf dem
-Bahnhof längs des diesmal ziemlich langen Zuges auf und ab. Pjotr
-Stepanowitsch fuhr fort und Erkel begleitete ihn. Das Gepäck war schon
-aufgegeben, der Reisesack lag auf dem ausgesuchten Platz in einem Waggon
-der zweiten Klasse. Das erste Glockenzeichen war schon ertönt und man
-wartete auf das zweite. Pjotr Stepanowitsch sah sich wie gewöhnlich
-neugierig nach allen Seiten um, und betrachtete die Einsteigenden.
-Nähere Bekannte aber waren nicht zu sehen. Allem Anschein nach wollte
-Erkel in diesen letzten Minuten noch von etwas Wichtigerem sprechen --
-wenn er auch vielleicht selbst nicht wußte, wovon eigentlich; aber er
-wagte nicht anzufangen. Es schien ihm sogar, daß er Pjotr Stepanowitsch
-lästig fiel und daß dieser mit Ungeduld auf das zweite Glockenzeichen
-wartete.
-
-»Sie sehen so offen alle Menschen an,« bemerkte er etwas schüchtern, als
-wollte er warnen.
-
-»Warum soll ich denn nicht? Noch darf ich mich nicht verstecken. Ist
-noch zu früh. Beunruhigen Sie sich nicht. Nur eines fürchte ich, daß der
-Teufel mir den Liputin an den Hals schickt, der könnte es riechen und
-herlaufen!«
-
-»Pjotr Stepanowitsch, die sind nicht zuverlässig,« sagte Erkel endlich
-schüchtern.
-
-»Liputin?«
-
-»Alle, Pjotr Stepanowitsch.«
-
-»Unsinn, jetzt sind sie durch das Gestrige gebunden. Kein einziger wird
-verraten. Wer wird sich denn selbst ins Unglück stürzen, wenn er nicht
-den Verstand verloren hat?«
-
-»Aber die haben doch den Verstand verloren!«
-
-Dieser Gedanke war wohl auch Pjotr Stepanowitsch schon durch den Kopf
-gegangen. Darum ärgerte ihn diese Bemerkung Erkels noch mehr.
-
-»Sind Sie nicht auch schon feige geworden, Erkel? Ich verließ mich auf
-Sie eigentlich mehr, als auf die anderen zusammen. Jetzt weiß ich, was
-jeder von ihnen wert ist. Teilen Sie ihnen alles heute noch mündlich
-mit. Ich vertraue sie Ihnen an. Gehen Sie schon am Morgen zu allen.
-Meine schriftliche Instruktion können Sie ihnen morgen oder übermorgen
-vorlesen, wenn sie versammelt sind und fähig, sie zu verstehen ...
-Glauben Sie mir, die haben furchtbare Angst und werden jetzt weich wie
-Wachs sein ... Aber die Hauptsache, werden Sie nur nicht melancholisch
-...«
-
-»Ach, Pjotr Stepanowitsch, es wäre wirklich besser, wenn Sie nicht
-verreisten!«
-
-»Aber ich verreise doch nur auf ein paar Tage: ich bin ja im Augenblick
-wieder zurück.«
-
-»Pjotr Stepanowitsch,« sagte Erkel schüchtern, »und selbst wenn Sie auch
-nach Petersburg reisen sollten ... Ich verstehe doch, ich weiß doch, daß
-Sie nur das für die allgemeine Sache Notwendige tun.«
-
-»Von Ihnen habe ich auch nicht weniger als volles Verständnis erwartet,
-Erkel. Wenn Sie erraten haben, daß ich nach Petersburg fahre, so werden
-Sie auch verstehen, daß ich ihnen gestern, in jenem Augenblick, nicht
-gleich sagen konnte, daß ich in der Tat so weit reise. Ich hätte sie nur
-unnütz erschreckt. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie da alle waren.
-Aber Sie verstehen doch, daß ich es für die große und wichtige Sache tun
-muß, für unsere allgemeine Sache, und nicht etwa, um mich persönlich in
-Sicherheit zu bringen, wie vielleicht irgendein Liputin annimmt.«
-
-»Ich verstehe es ohne weiteres, Pjotr Stepanowitsch, und selbst wenn Sie
-ins Ausland fahren sollten, ich verstehe es doch, ich weiß, daß Sie Ihre
-Person nicht so aufs Spiel setzen dürfen, denn Sie sind alles, wir aber
-sind nichts. Oh, ich verstehe schon, Pjotr Stepanowitsch.«
-
-Die Stimme des armen Knaben bebte sogar.
-
-»Ich danke Ihnen, Erkel ... Au, Sie haben meinen kranken Finger
-berührt.« (Erkel hatte ihm recht fest die Hand drücken wollen und dabei
-nicht an die Verletzung gedacht; der kranke Finger war kunstvoll mit
-schwarzem Taffett verbunden.) »Aber ich kann Ihnen nur wiederholen, daß
-ich in Petersburg bloß ein wenig schnuppern will, bleibe dort im ganzen
-vielleicht vierundzwanzig Stunden -- und dann sofort wieder hierher.
-Zuerst werde ich mich hier auf dem Lande bei Gaganoff niederlassen, Sie
-verstehen doch -- der Leute wegen. Wenn aber die Unsrigen irgendeine
-Gefahr wittern sollten, so werde ich als erster diese Gefahr mit ihnen
-teilen. Sollte ich aber etwas länger in Petersburg bleiben müssen, so
-teile ich es Ihnen sofort mit ... auf dem bekannten Wege, und Sie sagen
-es dann den anderen.«
-
-Das zweite Glockenzeichen ertönte.
-
-»Ah, also noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich würde es
-nicht wünschen, daß diese Gruppe hier auseinanderfällt. Das heißt nicht,
-daß mir so sehr viel daran läge; nein; brauchen sich um mich weiter
-keine Sorgen zu machen: solcher Knötchen des großen Netzes habe ich ja
-genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine
-Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu
-verachten. Übrigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie
-auch fast allein mit diesen Mißgeburten hier zurücklasse: beunruhigen
-Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen
-... -- A--ah, und auch Sie heute?« rief er plötzlich mit ganz anderer,
-heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn
-zutrat, um ihn zu begrüßen. »Sie fahren also auch mit dem Schnellzug?
-Wohin denn? Zur Mama?«
-
-Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des
-Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitläufig mit Julija
-Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt
-verbracht.
-
-»Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen
-mir bevor. Und Sie nach Petersburg?« fragte der junge Mann frohgemut.
-
-»Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, daß ich nach Petersburg fahre?«
-fragte Pjotr Stepanowitsch noch fröhlicher und sah ihm lachend offen ins
-Gesicht.
-
-Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten.
-
-»Na, wenn Sie's erraten haben,« raunte ihm plötzlich Pjotr Stepanowitsch
-mit gedämpfter Stimme geheimnisvoll zu, »ich reise mit Briefen von
-Julija Michailowna und muß dort drei, vier Persönlichkeiten aufsuchen,
-und was für welche noch dazu! -- na, Sie ahnen wohl schon. Übrigens
-könnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt.
-Eine verflixte Aufgabe!«
-
-»Aber sagen Sie doch bitte, was fürchtet sie denn plötzlich so?«
-flüsterte nun auch der junge Mensch. »Sie hat sogar mich gestern nicht
-empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, für
-ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch
-noch so anständig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja förmlich, wie
-man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt.«
-
-»Nun, natürlich doch,« lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. »Ja,
-sehen Sie, sie fürchtet aber, daß man von hier aus schon geschrieben
-haben könnte ... das heißt, daß gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier
-ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier
-steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte -- ich werde
-Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzählen -- soviel mir die
-Ritterlichkeit zu erzählen erlaubt ... Mein Verwandter, Fähnrich Erkel,
-aus der Kreisstadt.«
-
-Der junge Mensch blickte flüchtig auf Erkel und berührte den Hut. Erkel
-grüßte militärisch.
-
-»Ach, wissen Sie, Werchowenski, acht Stunden im Eisenbahnwagen ist ein
-furchtbares Los. Mit uns fährt noch in der ersten Klasse Oberst
-Berestoff, ein urkomischer Kauz, mein Gutsnachbar: verheiratet mit einer
-Garina -- _née de Garine_.{[203]} Ist auch sonst in jeder Beziehung
-tadellos. Und wissen Sie, dabei hat er sogar Ideen. Hier hat er sich nur
-zwei Tage aufgehalten. Ein leidenschaftlicher Kartenspieler, nebenbei;
-spielt mit Vorliebe Jeralásch[54], sollte man da nicht ein Spielchen
-machen? Den vierten habe ich auch schon gefunden: Pripuchloff, ein
-Kaufmann aus dem T.schen, Millionär, aber, wissen Sie, ein richtiger
-Millionär, versichere Ihnen ... Ich mache Sie bekannt, eine urgemütliche
-Haut, und lachen werden wir! ...«
-
-»Oh, Jeralásch spiele ich mit dem größten Vergnügen, und besonders noch
-auf der Reise, aber ich fahre in der zweiten Klasse.«
-
-»Ach was, das ist doch ... auf keinen Fall, Sie setzen sich einfach zu
-uns. Ich werde sofort dem Zugführer sagen, daß Ihre Sachen in die erste
-Klasse zu bringen sind. Er gehorcht mir aufs Wort. Was haben Sie, einen
-_sac de voyage_?{[204]} ein Plaid?«
-
-»Famos, gehen wir!«
-
-Und Pjotr Stepanowitsch nahm selbst seinen Reisesack, Plaid und Buch und
-siedelte sofort mit der größten Bereitwilligkeit in die erste Klasse
-über. Erkel half ihm, die Sachen zu tragen. Da ertönte auch schon das
-dritte Glockenzeichen.
-
-»Nun, Erkel,« sagte Pjotr Stepanowitsch eilig und reichte ihm mit
-sichtlich anderweitig gefesseltem Interesse zum Abschied noch die Hand
-aus dem Fenster, »ich werde also mit ihnen Karten spielen.«
-
-»Aber wozu mir das noch erklären, Pjotr Stepanowitsch, ich verstehe ja
-schon, ich verstehe doch alles, Pjotr Stepanowitsch.«
-
-»Na, also dann auf glückliches ...« und auf den Anruf des jungen
-Menschen, der ihn mit den Partnern bekannt machen wollte, wandte er sich
-plötzlich vom Fenster zurück.
-
-Erkel sah seinen Pjotr Stepanowitsch nicht wieder.
-
-Traurig kehrte er nach Haus zurück. Nicht, daß es ihn beängstigt hätte,
-daß Pjotr Stepanowitsch sie so plötzlich verließ, aber ... aber er hatte
-sich so schnell von ihm fortgewandt, als dieser junge Zierbengel ihn
-rief und ... er hätte doch etwas anderes sagen können, als diese nicht
-zu Ende gesprochene Abschiedsredensart: »na, also dann auf glückliches«
-oder ... oder wenn er doch wenigstens die Hand fester gedrückt hätte!
-
-Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas
-anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar
-nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand
-...
-
-
-
-
- Zweiundzwanzigstes Kapitel.
- Stepan Trophimowitschs letzte Reise
-
-
- I.
-
-Ich bin überzeugt, daß Stepan Trophimowitsch furchtbare Angst hatte, als
-die für sein wahnsinniges Vorhaben bestimmte Zeit näher und näher
-rückte. Ich bin überzeugt, daß er unter dieser Angst sehr gelitten hat,
-besonders in der Nacht vor seinem Aufbruch, in jener furchtbaren Nacht.
-Nastassja erinnerte sich nachher, daß er sich spät zu Bett gelegt, dann
-aber fest geschlafen hatte. Doch das letztere will nicht allzuviel
-besagen, denn auch zum Tode Verurteilte sollen in der letzten Nacht
-sogar sehr fest schlafen.
-
-Wenn Stepan Trophimowitsch auch erst nach Sonnenaufgang loswanderte,
-also zu einer Zeit, in der ein nervöser Mensch sich immer ermutigt fühlt
-(der Major, der Verwandte Wirginskis, hörte ja sogar auf, an Gott zu
-glauben, sobald die Nacht vorüber war), so bin ich doch überzeugt, daß
-er sich vorher nie ohne Grauen hat vorstellen können, wie er sich allein
-und in einer solchen Lage auf der großen Landstraße befinden werde. Es
-wird aber wahrscheinlich etwas Tollkühnes in seinen Gedanken gewesen
-sein, das ihm zunächst die ganze Größe der schrecklichen Empfindung des
-plötzlichen Alleinseins milderte, nachdem er »_Stasie_« und seinen
-zwanzigjährigen warmen Platz verlassen hatte. Doch gleichviel: auch wenn
-er alle Schrecken, die ihn erwarteten, klar und deutlich vorausgesehen
-hätte, -- er wäre dennoch auf die große Landstraße hinausgegangen und
-hätte den Weg fortgesetzt! Hierin lag etwas Stolzes, etwas, das ihn
-trotz allem begeisterte. Oh, er hätte ja auf Warwara Petrownas herrliche
-Bedingungen eingehen und bei ihr bleiben können »_comme un_{[205]}
-gewöhnlicher Schmarotzer!« Er aber nahm die Gnade nicht an und blieb
-nicht bei ihr. Und siehe, jetzt geht er selbst von ihr und verläßt sie
-und erhebt »die Fahne der großen Idee«, um für diese auf der großen
-Landstraße zu sterben! Gerade so und nicht anders mußte er das
-empfinden; gerade so mußte seine Handlungsweise ihm selbst erscheinen.
-
-Mehr als einmal habe ich mir die Frage gestellt: warum ging er denn
-gerade zu Fuß fort, buchstäblich zu Fuß? Warum mietete er denn nicht
-wenigstens einen Wagen, wenn er schon mit der Eisenbahn nicht fahren
-wollte? Zuerst habe ich sie mir mit seiner fünfzigjährigen
-Lebensunerfahrenheit beantwortet, schließlich aber mit einer
-phantastischen Ideenverirrung unter dem Einfluß eines starken Gefühls
-erklärt. Es schien mir, daß ihm der Gedanke an Postkutsche und Pferde
-(selbst wenn sie Schellen und Glöckchen haben sollten) doch viel zu
-banal und prosaisch vorkommen mußte. Dagegen war Pilgerschaft, wenn auch
-mit dem Regenschirm in der Hand, viel schöner, viel liebend-rächender.
-Heute freilich, nachdem alles vorüber ist, nehme ich an, daß es sich im
-wesentlichen weit einfacher zugetragen hat. Er fürchtete sich wohl
-einfach, Pferde zu mieten, denn erstens hätte Warwara Petrowna das
-erfahren und ihn mit Gewalt zurückgehalten, er aber würde sich
-selbstverständlich ergeben haben, und dann -- fahre wohl auf ewig,
-große, heilige Idee! Und zweitens: wenn man schon Pferde und einen Wagen
-nahm, mußte man doch wissen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte?
-Das aber war sein größtes Leid in diesem Augenblick: einen bestimmten
-Ort wählen und nennen, wäre ihm geradezu unmöglich gewesen. Sobald er
-sich für irgendeinen bestimmten Ort entschloß, mußte ihm sein ganzes
-Unternehmen sofort in seinen eigenen Augen dumm und unmöglich erscheinen
--- das witterte er nur zu gut. Warum sollte es denn gerade diese Stadt
-sein? Warum nicht eine andere? Und was soll er denn dort tun? _Ce
-marchand_{[206]} suchen? Aber welchen _marchand_? Das war die
-allerschrecklichste Frage! Im Grunde gab es für ihn nichts Furchtbareres
-als _ce marchand_, den zu suchen er sich so Hals über Kopf vorgenommen
-hatte, und den zu finden er im Grunde selbstverständlich am allermeisten
-fürchtete. Nein, da war der weite Weg schon besser. Einfach drauf
-loswandern, wandern, wandern und an nichts denken, so lange wie
-nur möglich an nichts denken! Der weite Weg: das war etwas
-Langes-Langes-Weites, dessen Ende man gar nicht sah -- ganz wie ein
-Menschenleben, ganz wie ein Menschentraum ... Im weiten Wege lag eine
-Idee. In der Postkutsche aber -- was war denn da für eine Idee? Da war
-es zu Ende mit der Idee. Also: _Vive la grande route_{[207]} -- und dann
-wie Gott will!
-
-Nach dem plötzlichen und unerwarteten Zusammentreffen mit Lisa ging er
-in tiefem Selbstvergessen weiter.
-
-Der große Landweg führte in einer Entfernung von einer halben Werst an
-Skworeschniki vorüber, und -- sonderbar -- er bemerkte es zuerst gar
-nicht, daß er ihn betreten hatte. Klar zu denken oder auch nur die Dinge
-mit Bewußtsein zu sehen, war für ihn in diesem Augenblick unerträglich.
-Der feine Regen hörte bald auf, bald fing er wieder an; aber er bemerkte
-auch den Regen nicht. Und ebensowenig bemerkte er, daß er die
-Reisetasche sich über die Schulter geworfen hatte und daß ihm dadurch
-das Gehen bedeutend leichter wurde. Und schließlich hatte er so ungefähr
-eine ganze Werst oder anderthalb zurückgelegt, als er plötzlich stehen
-blieb und sich umsah. Der alte, schwarze, von Wagenspuren durchfurchte
-Weg mit seinen gepflanzten Weiden zog sich wie ein endloses Band vor ihm
-hin; rechts lag die leere Fläche längst abgeernteter Getreidefelder;
-links Gestrüpp und weiterhin ein Wäldchen. Und in der Ferne, weit, die
-kaum wahrnehmbare, schräg weggleitende Linie des Eisenbahndammes und auf
-ihm das Rauchwölkchen irgendeines Zuges, von dem aber kein Laut zu hören
-war. Eine gewisse Verzagtheit überkam Stepan Trophimowitsch, aber nur
-auf einen Augenblick. Er seufzte -- grundlos, stellte dann seine
-Reisetasche neben eine Weide und setzte sich, um sich auszuruhen. Beim
-Niedersetzen fühlte er, daß ihn fröstelte, und er wickelte sich in sein
-Plaid; bei der Gelegenheit bemerkte er auch den Regen, und er spannte
-den Schirm über sich auf. So saß er ziemlich lange, schob zuweilen die
-Lippen hin und her und hielt krampfhaft den Schirmstiel umklammert.
-Verschiedene Bilder zogen in fieberhaftem Reigen an ihm vorüber, eines
-immer schnell das andere aus seinem Bewußtsein verdrängend. »_Lise,
-Lise_,« dachte er, »und mit ihr _ce Maurice_ ... Sonderbare Menschen ...
-Aber was war das eigentlich für ein Brand und worüber sprachen sie doch,
-u--und ... und wer ist denn ermordet worden? Ich glaube, _Stasie_ hat
-noch nichts gemerkt und wartet noch mit dem Kaffee auf mich ... Im
-Kartenspiel? Habe ich denn Menschen im Kartenspiel verspielt? Hm! bei
-uns in Rußland, zur Zeit der sogenannten Leibeigenschaft ... Ach, Gott,
-aber Fedjka?«
-
-Er fuhr auf vor Schreck und blickte sich angstvoll um.
-
-»Wenn dieser Fedjka jetzt hier irgendwo hinter einem Strauch sitzt? Man
-sagt doch, er habe hier eine ganze Räuberbande an der großen Landstraße?
-O Gott, ich werde dann ... Ich werde ihm dann die ganze Wahrheit sagen,
-daß ich schuldig bin ... und daß ich zehn Jahre um ihn gelitten habe, --
-viel mehr, als er dort bei den Soldaten, und ... und ich gebe ihm mein
-Portemonnaie. Hm! _j'ai en tout quarante roubles, il prendra les roubles
-et il me tuera tout de même_.«{[208]}
-
-Vor Angst klappte er, ich weiß nicht warum, den Schirm wieder zusammen
-und legte ihn neben sich. Weit auf der Landstraße, zur Stadt hin,
-bemerkte er plötzlich ein Gefährt: unruhig sah er ihm entgegen und
-versuchte zu unterscheiden, was es war.
-
-»_Grace à Dieu_,{[209]} es ist ein Wagen und -- er fährt Schritt ... das
-kann nicht gefährlich sein. Diese hiesigen verhungerten Pferdchen ...
-Ich habe schon immer gesagt, daß die Rasse ... Übrigens nein, das war
-Pjotr Iljitsch, der im Klub immer von der Rasse gesprochen hat. Er hat
-im Spiel mit mir verloren ... oder nein, die Partie blieb _remis ... et
-puis_,{[210]} -- aber was ist denn da hinten ... es scheint ... ein Weib
-sitzt auf dem Wagen. Ein Weib und ein Mann -- _cela commence à être
-rassurant_.{[211]} Das Weib sitzt hinten und der Mann vorn, -- _c'est
-très rassurant_. Hinten am Wagen ist eine Kuh an den Hörnern angebunden,
-_c'est rassurant au plus haut degré_{[212]} ...«
-
-Der Wagen kam immer näher: es war ein fester, guter Bauernwagen. Das
-Weib saß auf einem vollgestopften Sack, der Mann vorn auf dem Wagenrand,
-so daß seine Beine zu der Wegseite, auf der Stepan Trophimowitsch saß,
-überm Rade herabbaumelten. Hinter dem Wagen trottete tatsächlich eine
-rote Kuh, die mit einem Strick um die Hörner an den Wagen gebunden war.
-Der Mann und das Weib starrten mit aufgerissenen Augen auf Stepan
-Trophimowitsch, und dieser genau so auf sie. So zogen sie an ihm
-vorüber. Doch als er sie schon gute zwanzig Schritt hatte weiterfahren
-lassen, erhob er sich plötzlich eilig und lief ihnen nach, um sie
-einzuholen. In der Nachbarschaft des Wagens schien es ihm
-natürlicherweise bedeutend sicherer zu sein. Doch kaum hatte er sie
-erreicht, da hatte er alles schon wieder vergessen und sich bereits von
-neuem in seine Gedanken und Vorstellungen versenkt. Er ging einfach
-nebenher und merkte gar nicht, daß er für den Mann und das Weib
-mittlerweile das rätselhafteste und interessanteste Objekt abgab, das
-man je auf der großen Landstraße antreffen konnte.
-
-»Sie, was sind Sie denn, von welchen Leuten denn eigentlich, wenn es
-nicht verboten is zu fragen?« fragte endlich das Weib, das nicht länger
-an sich halten konnte, als Stepan Trophimowitsch in der Zerstreutheit
-plötzlich auch sie ansah.
-
-Sie war vielleicht siebenundzwanzig Jahre alt, rundlich, mit dunklen
-Augenbrauen, roten Wangen und freundlich lächelnden roten Lippen,
-zwischen denen gleichmäßige weiße Zähne glänzten.
-
-»Sie ... Sie wenden sich an mich?« stotterte Stepan Trophimowitsch mit
-bekümmerter Verwunderung.
-
-»Muß wohl einer von den Kaufmännern sein,« meinte der Mann mit
-Überlegenheit.
-
-Der war ein stämmiger Bauer von ungefähr vierzig Jahren, mit einem
-breiten, nicht dummen Gesicht und großem blonden Bart.
-
-»Nein, ich bin nicht gerade von den Kaufleuten, ich ... ich ... _moi
-c'est autre chose_,«{[213]} verteidigte sich, so gut es ging, Stepan
-Trophimowitsch und blieb auf alle Fälle ein wenig zurück, so daß er
-jetzt neben der Kuh ging.
-
-»Muß wohl einer von den Herrschaften sein,« schätzte der Mann, als er
-die nicht russischen Worte vernommen hatte, und zog die Leine, um sein
-Pferd ein wenig aufzumuntern.
-
-»Ja, ich mein' auch, das sieht man doch, denn es ist doch ganz, als ob
-der Herr auf 'n Spaziergang gehen!« meinte wieder das muntere Weib.
-
-»Das ... das fragten Sie mich?«
-
-»Die Ausländer, die hier fahren, die gehen meistens da in die Eisenbahn,
-die dort hinten auf Schienen läuft, und Ihre Stiefel sind auch gar nich
-so wie hiesige ...«
-
-»Stiefel sind militärisch,« bemerkte selbstzufrieden und bedeutsam der
-Mann.
-
-»Nein, nicht gerade, daß ich Militär ... ich ...«
-
-»Was das doch für ein neugieriges Weibchen ist,« dachte Stepan
-Trophimowitsch ärgerlich, »und wie sie mich betrachten ... _mais
-enfin_{[214]} ... Mit einem Wort, es ist sonderbar, daß ich mir vor
-ihnen geradezu irgendwie schuldig vorkomme, und ich bin doch durchaus
-nicht schuldig vor ihnen!«
-
-Das Weibchen neigte sich vor und flüsterte mit dem Mann.
-
-»Wenn der Herr es nich für ungut nehmen will, so können wir Sie ja
-mitnehmen, wenn es man bloß angenehm ist.«
-
-Stepan Trophimowitsch wachte plötzlich gleichsam auf.
-
-»Ja, ja, meine Freunde, ich bin mit dem größten Vergnügen dabei, denn
-ich habe mich schon sehr müde gelaufen, nur -- wie komme ich denn dort
-hinauf?«
-
-»Wie sonderbar,« dachte er bei sich, »daß ich so lange neben dieser Kuh
-gegangen bin und es mir nicht in den Kopf gekommen ist, sie schon früher
-zu bitten, mich in den Wagen aufzunehmen ... Dieses >reale Leben< hat
-doch etwas überaus Charakteristisches!«
-
-Der Mann hielt aber das Pferdchen deshalb noch nicht an.
-
-»Ja, wohin will er denn?« erkundigte er sich mit einigem Mißtrauen.
-
-Stepan Trophimowitsch begriff nicht sofort.
-
-»Wohl nach Hatoff, mein' ich?«
-
-»Zu Hatoff? Nein, nicht gerade, daß ich zu Hatoff ... Und ich bin auch
-nicht ganz bekannt mit ihm ... aber ich habe schon von ihm gehört ...«
-
-»Nee, das Dorf Hatowo, 'n Dorf, neun gute Werst von hier.«
-
-»Ein Dorf? _C'est charmant_,{[215]} ja, ja, ich glaube auch schon davon
-gehört zu haben ...«
-
-Stepan Trophimowitsch ging immer noch, denn man machte noch nicht Miene,
-ihn aufzunehmen. Da kam ihm plötzlich ein genialer Einfall.
-
-»Sie glauben vielleicht, daß ich ... Ich habe einen Paß, ich bin --
-Professor, das heißt, wenn Sie wollen, Lehrer ... aber Oberlehrer. Ich
-bin Oberlehrer. _Oui, c'est comme ça qu'on peut le traduire._{[216]} Ich
-würde mich sehr gern in den Wagen setzen und ich werde ... ich werde
-Ihnen dafür einen Liter Branntwein kaufen.«
-
-»Ein halber Rubel von Sie, Herr, der Weg ist schwer.«
-
-»Und sonstig würde es man gar nich für uns angehen,« meinte auch das
-Weibchen.
-
-»Ein halber Rubel? Nun gut, ein halber Rubel. _C'est encore mieux, j'ai
-en tout quarante roubles, mais ..._«{[217]}
-
-Der Mann hielt endlich das Pferdchen an und Stepan Trophimowitsch wurde
-mit vereinten Kräften in den Wagen gezogen und neben das Weib auf den
-Sack gesetzt. Der Wirbelsturm von Gedanken verließ ihn auch jetzt nicht.
-Zuweilen fühlte er selbst, daß er irgendwie ganz besonders zerstreut war
-und gar nicht an das dachte, woran er eigentlich denken sollte, und
-wunderte sich darüber. Diese Erkenntnis bedrückte ihn schwer in manchen
-Augenblicken und kränkte ihn sogar.
-
-»Das ... was ist denn das da hinten eigentlich -- eine Kuh?« fragte er
-plötzlich das Weib.
-
-»Ach du mein! hat denn der Herr noch keine Kuh gesehn?« fragte das Weib
-lachend zurück.
-
-»In der Stadt gekauft,« bemerkte der Mann. »All unser Vieh ist im
-vergangenen Frühjahr krepiert. Pest. In unserer Gegend sind rundherum
-alle um die Ecke gegangen, kaum die Hälfte frißt noch weiter. Nichts zu
-machen. Schrei, wieviel du willst, es krepiert dir doch.«
-
-»Ja, das kommt bei uns vor in Rußland ... und überhaupt wir Russen ...
-nun, ja, es kommt vor,« meinte Stepan Trophimowitsch.
-
-»Wenn Sie nu Lehrer sind, was suchen Sie dann in Hatoff? Oder geht's
-noch weiter?«
-
-»Ich ... das heißt, nicht gerade, daß ich irgendwohin weiter wollte ...
-_C'est à dire_,{[218]} ich will zu einem Kaufmann.«
-
-»Ah, so! Dann wird's wohl nach Spassowo sein?«
-
-»Ja, ja, nach Spassowo, nach Spassowo. Übrigens ist das einerlei.«
-
-»Wenn Sie nu nach Spassowo zu Fuß gehen wollten, ach du mein! -- in
-Ihren Stiefelchen brauchten Sie dazu eine ganze Woche!« Das Weibchen
-lachte.
-
-»Ja, ja, aber das ist ganz gleichgültig, _mes amis_,{[219]} ganz
-gleichgültig,« brach Stepan Trophimowitsch ungeduldig ab.
-
-»Schrecklich neugieriges Volk. Das Weib spricht übrigens besser als er,
-und überhaupt habe ich bemerkt, daß seit der Aufhebung der
-Leibeigenschaft der Stil sich ein wenig verändert hat ... Was geht es
-sie übrigens an, ob ich nach Spassowo fahre oder nicht nach Spassowo?
-Ich bezahle ihnen doch die Reise, was drängen sie sich da so auf?«
-
-»Wenn man nach Spassoff will, so muß man noch mit'n Dampfschiff fahren,«
-bemerkte der Mann.
-
-»Ja, das muß er,« griff das Weib sofort auf, »denn mit Pferden längs dem
-Ufer hat er dreißig Werst Umweg zu machen.«
-
-»Vierzig,« verbesserte der Mann.
-
-»Und morgen grad um zwei Uhr kriegen Sie den Dampfer in Ustjewo fest!«
-triumphierte das Weibchen.
-
-Stepan Trophimowitsch schwieg aber hartnäckig. Da verstummten denn
-allmählich auch der Mann und das Weibchen. Der Mann zog hin und wieder
-mit aufmunterndem Zuruf die Leine an und das Weibchen machte von Zeit zu
-Zeit kurze Bemerkungen, auf die der Mann irgend etwas antwortete. Stepan
-Trophimowitsch schlummerte allmählich ein. Er war furchtbar erstaunt,
-als ihn plötzlich das Weibchen aufweckte und lachend sagte, daß sie
-schon angekommen seien, und er sich auf einmal in einem Dorf vor der
-Treppe eines dreifenstrigen Bauernhauses sah.
-
-»Eingeschlafen, Herr?«
-
-»Was ist das? Was?! Wo--o bin ich denn? Ach! Nun ... Nun, einerlei ...«
-Stepan Trophimowitsch seufzte tief auf und kletterte dann aus dem Wagen.
-
-Er sah sich traurig um; sonderbar und ganz furchtbar fremdartig erschien
-ihm plötzlich das Aussehen eines Dorfes.
-
-»Ach, den halben Rubel, den habe ich ganz vergessen!« wandte er sich mit
-einer völlig unbegründeten Hast zu dem Manne.
-
-Augenscheinlich bangte ihm schon vor der Trennung von den beiden.
-
-»Kann man in der Stube abmachen, wenn man erst eingetreten ist,«
-forderte ihn der Mann auf.
-
-»Hier ist es gut!« versuchte das Weibchen ihn zu ermutigen.
-
-Stepan Trophimowitsch trat auf die wackelige Holztreppe.
-
-»Ja, wie ist denn das nur möglich,« flüsterte er in tiefer und
-erschrockener Verständnislosigkeit vor sich hin und trat in das
-Bauernhaus. »_Elle l'a voulu_,«{[220]} stach es ihm plötzlich ins Herz.
-
-Und wieder vergaß er alles, vergaß selbst das, daß er ins Haus getreten
-war.
-
-Es war ein helles und ziemlich sauberes Bauernhaus mit drei Fenstern und
-zwei Zimmern, doch nicht eine Herberge, sondern nur so ein Haus, in dem
-vorüberfahrende Bekannte abstiegen. Stepan Trophimowitsch ging ohne die
-geringste Verwirrung in die Gastecke des ersten Zimmers, vergaß zu
-grüßen, setzte sich und verfiel in Gedanken. Das angenehme Gefühl der
-Wärme nach dreistündiger feuchter Kälte ergoß sich ungemein wohlig über
-seinen Körper. Sogar die Frostschauer, die ihm kurz und plötzlich über
-den Rücken liefen, -- wie das bei allen sehr nervösen Menschen vor einer
-Influenza zu sein pflegt, wenn sie plötzlich aus der Kälte in die Wärme
-kommen, waren ihm mit einem Male ganz eigentümlich angenehm. Er erhob
-den Kopf, und siehe da -- der leckere Duft von heißen Pfannkuchen, die
-die Bäuerin im Ofen briet, reizte seinen Geruchssinn. Mit einem
-kindlichen Lächeln auf den Lippen erhob er sich und trat vorsichtig zum
-Weibe.
-
-»Was ist denn das? Das sind doch Pfannkuchen, nicht wahr?« fragte er
-sie. »_Mais c'est charmant!_«{[221]}
-
-»Wollen der Herr vielleicht welche?« bot ihm das Weib sogleich höflich
-an.
-
-»Natürlich will ich, selbstverständlich will ich, und ... ich würde Sie
-auch noch um etwas Tee bitten.«
-
-»Ach, das Samowarchen aufsetzen? Ach, aber gern, gnädiger Herr!«
-
-Und auf einem großen Teller mit dickem blauen Muster erschienen sogleich
-die Pfannkuchen, wie nur die Bauern allein sie zu bereiten verstehen,
-halb aus Weizenmehl, ganz dünn und mit heißer, frischer Butter
-übergossen -- die herrlichsten Pfannkuchen der Welt. Stepan
-Trophimowitsch kostete mit Hochgenuß.
-
-»Wie schön sie sind, die Pfannkuchen, und wieviel Butter! Und wenn man
-jetzt noch _un doigt d'eau de vie_{[222]} ...«
-
-»Will der Herr nicht vielleicht ein Schnäpschen dazu?«
-
-»Das ist's, das ist's ja gerade, ein wenig nur, _un tout petit
-rien_{[223]} ...«
-
-»Für fünf Kopeken?«
-
-»Für fünf -- für fünf -- für fünf, _un tout petit rien_,« bestätigte
-Stepan Trophimowitsch kopfnickend mit seligem Lächeln.
-
-Bittet man einen einfachen Russen, etwas für einen zu tun, so wird er
-gern zu allem bereit sein, was in seinen Kräften steht; bittet man ihn
-aber, ein Schnäpschen für einen zu besorgen, so verwandelt sich die
-freundliche Bereitwilligkeit sofort in einen geschäftigen, freudigen
-Diensteifer, ja fast in verwandtschaftliche Fürsorge. Und wenn auch
-derjenige, der das Schnäpschen besorgt, genau weiß, daß man den Schnaps
-ganz allein trinken wird und er nicht einen Tropfen davon erhält, so
-scheint er doch gleichsam einen Teil des Genusses, den man beim Trinken
-haben wird, im voraus mitzuempfinden ... In kaum drei Minuten (die
-Schenke war nur ein paar Schritte vom Hause entfernt) stand vor Stepan
-Trophimowitsch eine Flasche und ein großes grünliches Schnapsglas.
-
-»Und das alles ist für mich?« fragte er höchst verwundert. »Ich habe
-immer Schnaps in meinem Weinschrank gehabt, aber ich habe nie gewußt,
-daß man soviel für nur fünf Kopeken bekommt.«
-
-Er goß das Glas bis zum Rande voll, erhob sich und schritt mit einer
-gewissen Feierlichkeit durch die ganze Stube zu der anderen Ecke, wo
-seine Reisegefährtin saß, -- das nette Weibchen, das ihm unterwegs mit
-den vielen Fragen so lästig geworden war. Das Weibchen wurde verlegen
-und sträubte sich, zu trinken, doch nachdem sie alles gesagt hatte, was
-der Anstand in solchen Fällen verlangt, erhob sie sich, nahm das Glas
-und trank ehrerbietig in drei Schlückchen (wie Frauen zu trinken
-pflegen) den Branntwein aus, worauf sie, das Gesicht zu einem
-schrecklichen Schmerzensausdruck ob des scharfen Weines verziehend, das
-Glas mit einer höflichen Verbeugung Stepan Trophimowitsch zurückreichte.
-Er erwiderte die Verbeugung würdevoll und kehrte mit geradezu stolzer
-Miene an seinen Tisch zurück.
-
-Es war das alles von ihm aus auf Grund einer plötzlichen Eingebung
-geschehen: noch eine Sekunde vorher hatte er nicht gewußt, daß er
-hingehen und dem Weibchen das Glas Branntwein anbieten werde.
-
-»Ich verstehe es tadellos, tadellos, mit dem Volk umzugehen, und das
-habe ich ihnen immer gesagt,« dachte er selbstzufrieden, als er sich den
-Rest des Branntweins eingoß, der ihn, wenn auch kein volles Glas
-übriggeblieben war, doch belebend erwärmte und ihm sogar ein wenig zu
-Kopf stieg.
-
-»_Je suis malade tout à fait, mais ce n'est pas trop mauvais d'être
-malade._«{[224]}
-
-»Wünschen Sie nicht eines davon zu kaufen?« ertönte plötzlich eine leise
-Frauenstimme neben ihm.
-
-Er sah auf und erblickte zu seiner Verwunderung eine Dame vor sich --
-_une dame et elle en avait l'air_{[225]} -- eine Dame von mehr als
-dreißig Jahren, die sehr bescheiden aussah, städtisch gekleidet war und
-ein großes graues Tuch um die Schultern trug. In ihrem Gesicht lag etwas
-sehr Angenehmes, das Stepan Trophimowitsch sofort ungemein gefiel. Sie
-war erst vor ein paar Minuten ins Haus zurückgekehrt. Ihre Sachen lagen
-noch auf der Bank neben Stepan Trophimowitsch: unter anderem eine
-Ledertasche, die er -- dessen erinnerte er sich plötzlich -- bei seinem
-Eintritt neugierig betrachtet hatte, und ein nicht sehr großer Sack aus
-Wachstuch. Aus eben diesem Sack hatte sie jetzt zwei hübsch gebundene
-kleine Bücher genommen, die sie Stepan Trophimowitsch hinhielt.
-
-»_Eh ... mais je crois que c'est l'Evangile ..._{[226]} Aber mit dem
-größten Vergnügen ... Ah, ich verstehe ... _Vous êtes ce qu'on appelle
-une_{[227]} Bibelverkäuferin? Ich habe, glaub ich, vor nicht allzu
-langer Zeit so etwas gelesen ... Fünfzig Kopeken?«
-
-»Fünfunddreißig Kopeken,« antwortete die Bibelfrau.
-
-»Mit dem größten Vergnügen. _Je n'ai rien contre l'Evangile, et
-..._{[228]} Ich habe es schon lange wieder einmal lesen wollen ...«
-
-Und im selben Augenblick kam es ihm zu Bewußtsein, daß er wohl seit
-dreißig Jahren keine Bibel mehr in der Hand gehabt hatte und sich
-überhaupt nur noch einiger Stellen erinnerte, die er vor ungefähr sieben
-Jahren in Renans »_Vie de Jésus_«{[229]} gelesen. Da er kein Kleingeld
-hatte, zog er seine vier Zehnrubelscheine hervor -- alles, was er besaß.
-Die Wirtin erbot sich, ihm einen Schein auszuwechseln, und da erst
-bemerkte er, daß sich inzwischen ziemlich viel Volk im Zimmer versammelt
-hatte, das ihn wahrscheinlich schon lange beobachtete, jedenfalls aber
-über ihn sprach. Doch auch über den Brand wurde gesprochen, von dem der
-Besitzer des Wagens und der roten Kuh alles mögliche berichtete, da er
-in der Stadt gewesen war und mehr wußte, als die anderen. Man sprach
-auch von den Spigulinschen und darüber, daß man »absichtlich angezündet«
-hätte.
-
-»Mit mir hat er kein Wort über den Brand gesprochen, als er mich
-herfuhr, sondern nur über anderes,« dachte Stepan Trophimowitsch
-flüchtig.
-
-»Väterchen, Stepan Trophimowitsch, gnädiger Herr! Sind Sie es denn
-wirklich, den ich sehe? Ach Gott, das hätte ich aber wirklich schon gar
-nicht erwartet! ... Haben mich wohl nicht erkannt?« rief plötzlich ein
-ältlicher Mann, der mit seinem glattrasierten Gesicht wie ein alter,
-altmodischer Hofsknecht aussah und einen langen Mantel mit
-hochgeschlagenem Kragen trug. Stepan Trophimowitsch erschrak, als er
-seinen Namen rufen hörte.
-
-»Verzeihen Sie,« murmelte er, »aber ich kann mich Ihrer nicht mehr ganz
-deutlich erinnern ...«
-
-»Haben mich vergessen, ach ja! Ich bin doch Anissim, Anissim Iwanoff.
-Ich diente beim seligen Herrn Gaganoff, und habe Euch, gnädiger Herr,
-mehr wie hundertmal mit Warwara Petrowna bei der seligen Awdotja
-Ssergejewna gesehn. Awdotja Ssergejewna aber hat mich mit Bücherchen
-nach Skworeschniki geschickt, ja, und zweimal habe ich Euch, gnädiger
-Herr, auch von ihr Petersburger Bonbons, oder wie sie da heißen, die
-Konfektchen, gebracht ...«
-
-»Ach doch, ich erinnere mich, Anissim,« sagte Stepan Trophimowitsch
-lächelnd. »Und du lebst jetzt hier?«
-
-»Ich lebe bei Spassoff, im W--schen Kloster, in der Ansiedlung, bei
-Marfa Ssergejewna, bei der Schwester von unserer seligen Awdotja
-Ssergejewna, vielleicht erinnert sich der gnädige Herr noch, die sich
-das Bein brachen, als sie unterwegs aus dem Wagen sprangen -- fuhren zum
-Ball. Jetzt leben sie allein beim Kloster und ich bin dortselbst bei
-ihr. Heute aber wollte ich, wie der Herr sehen, ins Gouvernement, um die
-Meinigen mal zu besuchen ...«
-
-»Nun ja, nun ja.«
-
-»Ach, hab ich mich was gefreut, als ich den gnädigen Herrn sah, waren
-immer so gnädig zu mir,« sagte Anissim mit gerührtem Lächeln. »Aber
-wohin fährt denn der gnädige Herr, und noch so ganz allein? ... Sind
-doch sonstig, glaub ich, nie so allein ausgefahren?«
-
-Stepan Trophimowitsch sah ihn erschrocken an.
-
-»Fährt der gnädige Herr nicht vielleicht gerade zu uns, nach Spassoff?«
-
-»Ja ... ja, ich fahre nach Spassoff. _Il me semble que tout le monde va
-à Spassoff ..._«{[230]}
-
-»Ach, und vielleicht gar zu Fjodor Matwejewitsch selber? Ach, wird der
-sich aber freuen! Hat doch immer den gnädigen Herrn so geliebt und
-spricht auch jetzt oft vom gnädigen Herrn ...«
-
-»Ja, ja, auch zu Fjodor Matwejewitsch.«
-
-»Das muß wohl sein. Das muß wohl sein. Hier die Männer, die wundern
-sich, sagen, daß man den gnädigen Herrn zu Fuß unterwegs ganz allein
-getroffen hat. Aber was! Dummes Volk bleibt doch immer dummes Volk!«
-
-»Ich ... Ich ... Weißt du, Anissim, ich habe gewettet, wie die Engländer
-das zuweilen machen, daß ich zu Fuß so und so viele Werst gehen könne,
-und da bin ich nun ...«
-
-Schweiß trat ihm an den Schläfen und auf der Stirn hervor.
-
-»Muß wohl sein, muß wohl sein ...« meinte ohrenspitzend Anissim und
-hörte mit wahrhaft unbarmherziger Neugier zu. Aber Stepan Trophimowitsch
-hielt dem nicht stand. Er verwirrte sich so, daß er schon aufstehen
-wollte, um aus dem Hause zu laufen. Da wurde aber der Samowar gebracht,
-und im selben Augenblick kehrte auch die Bibelfrau zurück. Wie ein
-Mensch, der sich an seinen Retter wendet, so bat Stepan Trophimowitsch
-jetzt schnell die Bibelfrau, mit ihm Tee zu trinken. Da trat Anissim
-zurück und ging bald darauf aus dem Zimmer.
-
-Unter dem Volk hatte sich tatsächlich schon die Frage erhoben: Was ist
-das für ein Mensch? War zu Fuß auf der Landstraße, sagt, er sei Lehrer,
-gekleidet ist er wie ein Ausländer und sprechen tut er wie ein kleines
-Kind, und mitunter antwortet er ganz so, als ob er fortgelaufen sei, und
-dabei hat er noch Geld! Kurz, es dauerte nicht lange und man begann zu
-erwägen, ob man nicht die Polizei benachrichtigen solle: »da es bei
-alledem in der Stadt auch nicht ganz ruhig ist.« Da kam Anissim gerade
-zur rechten Zeit in den Flur und beruhigte schnell die Gemüter. Er
-verkündete dem ganzen Publikum, daß Stepan Trophimowitsch nicht so was,
-wie ein Lehrer, sondern »selber ein großer Gelehrter« sei, der sich mit
-allen Wissenschaften beschäftigt, und früher sei er selber hiesiger
-Gutsbesitzer gewesen, lebe nun aber schon seit zweiundzwanzig Jahren im
-Hause der Generalin Stawrogina an Stelle des seligen Herrn, und in der
-ganzen Stadt sei er hoch angesehen und alle Menschen achteten ihn sehr.
-Im Adelsklub habe er oft an einem einzigen Abend an die tausend Rubel
-verspielt und dem Titel nach sei er »Rat«, was ebensoviel besagen wolle
-wie ein Oberstleutnant, also nur etwas weniger als ein voller Oberst.
-Und was das Geld anbeträfe, so könne man das, weil es doch die Generalin
-Stawrogin sei, gar nicht abzählen, usw., usw.
-
-»_Mais c'est une dame et très comme il faut_,«{[231]} dachte inzwischen
-Stepan Trophimowitsch und seufzte wie erlöst nach dem Anissimschen
-Angriff auf. Mit angenehmer Neugier betrachtete er seine neue Nachbarin,
-die übrigens den Tee von der Untertasse trank und den Zucker vom
-Stückchen dazu biß. »_Ce petit morceau de sucre ce n'est rien
-..._{[232]} Es ist etwas Edles und Unabhängiges und gleichzeitig --
-Stilles in ihr. _Le comme il faut tout pur_,{[233]} nur ein wenig wie
-von einer anderen Art.«
-
-Bald erfuhr er von ihr, daß sie Ssofja Matwejewna Ulitina hieß und
-eigentlich in K. wohnte, wo sie eine verwitwete Schwester unter den
-Bäuerinnen hatte. Auch sie war Witwe, da ihr Mann bei Sebastopol
-gefallen war.
-
-»Aber Sie sind noch so jung, _vous n'avez pas trente ans_.«{[234]}
-
-»Vierunddreißig,« sagte Ssofja Matwejewna lächelnd.
-
-»Wie, Sie sprechen auch französisch?«
-
-»Ein wenig nur: ich habe nachher in einem adligen Hause vier Jahre
-gelebt und da habe ich von den Kindern etwas gelernt.«
-
-Sie erzählte ferner, daß sie nach dem Tode ihres Mannes zunächst in
-Sebastopol als barmherzige Schwester geblieben sei, darauf habe sie
-verschiedene Stellen gehabt und jetzt gehe sie und verkaufe Bibeln.
-
-»_Mais, mon Dieu_,{[235]} waren Sie es vielleicht, mit der eine
-sonderbare, sogar sehr sonderbare Geschichte bei uns passierte?«
-
-Sie wurde rot: sie war es tatsächlich gewesen.
-
-»_Ces vauriens, ces malheureux!_«{[236]} ... begann Stepan
-Trophimowitsch mit einer Stimme, die vor Unwillen bebte: diese
-widerliche Erinnerung preßte ihm qualvoll das Herz zusammen und er
-verlor sich darob wieder in Gedanken.
-
-»Ach, sie ist schon fortgegangen,« dachte er erstaunt, als er plötzlich
-bemerkte, daß sie nicht mehr neben ihm saß. »Sie geht ziemlich oft fort
-und scheint ja mit irgend etwas sehr beschäftigt zu sein; ich glaube,
-sie ist sogar aufgeregt ... _Bah, je deviens égoïste!_«{[237]}
-
-Als er nach einiger Zeit aufsah, erblickte er wieder Anissim, diesmal
-aber mit einer geradezu bedrohlichen Gefolgschaft: das halbe Zimmer war
-von Bauern eingenommen, die alle Stepan Trophimowitsch nach Spassoff
-fahren wollten. Außer Anissim standen noch da: der Besitzer des Hauses,
-ferner der Mann, der ihn hergefahren hatte, sodann mehrere andere Männer
--- wie es sich herausstellte, lauter Fuhrleute -- und ein kleiner
-halbbetrunkener Mensch, der am allermeisten sprach, wie ein Tagelöhner
-gekleidet war, doch mit seinem rasierten Gesicht wie ein
-heruntergekommener Kleinbürger aussah. Und alle die zankten sich
-seinetwegen, zankten sich um den armen Stepan Trophimowitsch! Der
-Besitzer der Kuh versicherte in einem fort, daß im Wagen längs dem Ufer
-mindestens »vierzig Werst Umweg« zu machen seien, und daß man unbedingt
-mit dem Dampfer fahren müsse. Der halbbetrunkene Kleinbürger dagegen und
-der Hauswirt widersprachen eifrig:
-
-»Darum daß wenn du, mein Bruderherz, Seiner Hochwohlgeboren auch sagst,
-daß es über'n See wohl näher is, so is das wie's is, aber der Dampfer
-kommt doch nich!«
-
-»Wird kommen, er wird sicher kommen, noch 'ne ganze Woche wird er
-kommen!« beteuerte Anissim aufgeregt.
-
-»Schön, er kommt, das is wie's is, aber er kommt doch nie nich akkurat,
-und jetzt is doch die Zeit schon spät, und da kommt's vor, daß man ihn
-in Ustjewo runde drei Tage nich sieht!« schimpfte der Halbbetrunkene.
-
-»Morgen wird er sicher kommen, morgen um zwei Uhr, und in Spassoff kommt
-dann der gnädige Herr gerade noch zum Abend an!« rief Anissim.
-
-»_Mais qu'est-ce qu'il a cet homme?_«{[238]} fragte Stepan
-Trophimowitsch, der nicht wußte, um was es sich handelte, sich schon das
-Schlimmste dachte und zitternd sein Schicksal erwartete.
-
-Da drängten sich schließlich die Fuhrleute immer näher und boten sich
-an: bis Ustjewo verlangte jeder von ihnen drei Rubel. Die anderen
-schrien, drei Rubel seien wirklich nicht zu viel, da man den ganzen
-Sommer hindurch von hier bis Ustjewo für diesen Preis gefahren habe.
-
-»Aber ... hier ist es ja auch gut ... Ich will gar nicht fort,«
-stammelte Stepan Trophimowitsch abwehrend.
-
-»Hier ist's gut, gnädiger Herr, das ist schon wahr, aber bei uns in
-Spassoff ist es noch weit besser, und was wird Fjodor Matwejewitsch über
-den Besuch sich freuen!« ...
-
-»_Mon Dieu, mes amis_,{[239]} das kommt mir alles so unerwartet ...«
-
-Endlich kehrte zum Glück auch Ssofja Matwejewna zurück. Sie setzte sich
-aber traurig und wie zerschlagen auf die Bank.
-
-»So komme ich denn schon nicht mehr nach Spassoff!« sagte sie
-niedergeschlagen zur Wirtin.
-
-»Wie, auch Sie wollen nach Spassoff?« fragte Stepan Trophimowitsch
-plötzlich belebt.
-
-Es stellte sich heraus, daß eine Gutsbesitzerin, Nadeschda Jegorowna
-Swetlizyna, der Bibelfrau gestern gesagt hatte, sie solle sie in Hatoff
-erwarten, da sie dort durchfahren und sie dann nach Spassoff mitnehmen
-werde. Nun aber traf diese Nadeschda Jegorowna noch immer nicht ein.
-
-»Was soll ich jetzt tun?« fragte Ssofja Matwejewna ängstlich.
-
-»_Mais, ma chère et nouvelle amie_,{[240]} ich kann Sie doch
-gleichfalls, ganz wie diese Gutsbesitzerin, mitnehmen! ... in dieses,
-wie heißt es doch, in dieses Dorf, wohin ich fahre und den Fuhrmann
-schon angenommen habe! -- nun, und morgen sind wir dann beide in
-Spassoff ...«
-
-»Ja, fahren Sie denn auch nach Spassoff?«
-
-»_Mais que faire, et je suis enchanté!_{[241]} Und ich würde Sie mit dem
-größten Vergnügen hinbringen. Sehen Sie, die wollen es doch alle, daß
-ich hinfahre, und ich habe ja auch bereits einen ... Wen von euch habe
-ich denn nun engagiert?« fragte Stepan Trophimowitsch lebhaft die
-Bauern, plötzlich sehr damit einverstanden, nach Spassoff zu fahren.
-
-Eine Viertelstunde später saßen sie bereits in dem verdeckten Wagen: er
-ungemein angeregt und vollkommen zufrieden, sie mit ihrem Wachstuchsack
-und einem dankbaren Lächeln neben ihm. Anissim lief rund um den Wagen
-und bemühte sich wie für Geld.
-
-»Glückliche Reise, gnädiger Herr, habe mich so gefreut über das
-Wiedersehen!«
-
-»Adieu, adieu, leb wohl, mein Freund, leb wohl, adieu.«
-
-»Der gnädige Herr wird nun auch Fjodor Matwejewitsch wiedersehen ...«
-
-»Ja, mein Freund, ja ... auch Fjodor Pawlowitsch ... nur Adieu.«
-
-
- II.
-
-»Sehen Sie, mein Freund -- Sie erlauben mir doch, mich Ihren Freund zu
-nennen, _n'est-ce pas_?«{[242]} begann Stepan Trophimowitsch eilig,
-gleich nachdem sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte. »Sehen Sie, ich
-... _J'aime le peuple, c'est indispensable, mais il me semble que je ne
-l'avais jamais vu de près. Stasie ... cela va sans dire qu'elle est
-aussi du peuple ... mais le vrai peuple_,{[243]} das heißt, das
-wirkliche, das auf der weiten Landstraße ist, das, glaube ich, bekümmert
-sich um weiter nichts in der Welt, als um dieses eine: wohin ich
-eigentlich fahre ... Doch übergehen wir die Kränkungen. Ich glaube, ich
-spreche heute etwas durcheinander, aber das kommt wohl nur, denke ich,
-von der Eile ...«
-
-»Ich fürchte, Sie sind nicht ganz wohl,« bemerkte Ssofja Matwejewna, die
-ihn prüfend, wenn auch ehrerbietig ansah.
-
-»Nein, nein, man muß sich nur ein wenig fester einwickeln, und überhaupt
-... der Wind ist etwas frisch, etwas zu frisch, aber ... vergessen wir
-das. Ja, die Hauptsache ... ich wollte eigentlich gar nicht das sagen.
-_Chère et incomparable amie_,{[244]} ich glaube, daß ich fast glücklich
-bin, und schuld daran -- sind Sie! Mir tut das Glück nicht gut, denn
-dann vergebe ich gewöhnlich sofort allen meinen Feinden ...«
-
-»Das ist aber doch sehr gut.«
-
-»Nicht immer, _chère innocente. L'Evangile ... Voyez-vous, désormais
-nous le prêcherons ensemble_{[245]} und ich werde mit Freuden Ihre
-netten Büchlein da verkaufen. Ja, ich fühle, daß das sogar eine Idee
-ist, _quelque chose de très nouveau dans ce genre_.{[246]} Das Volk ist
-religiös, _c'est admis_,{[247]} aber es kennt noch nicht das Evangelium.
-Ich werde es ihm erklären ... In mündlicher Auslegung kann man leichter
-die Fehler dieses bemerkenswerten Buches korrigieren ... Dieses Buch ...
--- ich bin bereit, mich mit außerordentlicher Hochachtung zu diesem
-Buche zu verhalten. Ich werde auch auf der großen Landstraße nützlich
-sein können. Ich bin immer nützlich gewesen, ich habe _ihnen_ das immer
-gesagt _et à cette chère ingrate aussi_{[248]} ... Oh, vergeben wir,
-vergeben wir, lassen Sie uns vor allem vergeben, und allen allen
-vergeben und immer vergeben. Und hoffen wir, daß man auch uns vergeben
-wird. Ja, denn alle, jeder einzelne ist vor dem anderen schuldig. Alle
-sind schuldig! ...«
-
-»Das haben Sie, glaub ich, sehr schön gesagt.«
-
-»Ja, ja ... Ich fühle, daß ich sehr gut spreche. Ich werde sehr schön zu
-ihnen reden, aber ... aber ... was wollte ich denn eigentlich sagen? Ich
-komme immer ab und vergesse ... Ja -- würden Sie mir erlauben, mich
-nicht mehr von Ihnen zu trennen? Ich fühle, daß Ihr Blick und ... ich
-wundere mich sogar über Ihre Art und Weise. Sie sind gütig, Sie sprechen
-nur nicht ganz _comme il faut_{[113]} und gießen den Tee in die
-Untertasse ... und dazu dieses schreckliche Zuckerstückchen ... aber
-sonst ... -- in Ihnen ist etwas Wunderbares, und ich sehe in Ihren Zügen
-... Oh, erröten Sie nicht und fürchten Sie mich nicht als Mann! _Chère
-et incomparable, pour moi une femme c'est tout!_{[249]} Ich kann nicht,
-kann überhaupt nicht anders leben, als neben einer Frau, aber eben nur
-neben ihr ... Das heißt, ich meine, ich wollte sagen ... Oh, ich glaube,
-ich habe mich da entsetzlich versprochen ... Nur kann ich mich nicht
-mehr darauf besinnen, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, selig ist
-der, dem Gott immer eine Frau schickt und ... ich, ich glaube sogar, daß
-ich in einer gewissen Begeisterung bin. Auch in der großen Landstraße
-liegt eine höhere Idee! Ja, das -- das war es ja, was ich von dem
-Gedanken sagen wollte! -- jetzt ist es mir wieder eingefallen, vorhin
-hatte ich es ganz vergessen. Aber warum hat man uns fortgeschickt, in
-diesen Wagen gedrängt? Dort war es doch sehr schön, hier aber -- _cela
-devient trop froid. A propos, j'ai en tout quarante roubles et voilà cet
-argent_,{[250]} nehmen Sie es, nehmen Sie es, ich verstehe nichts davon
-... ich verliere es, man wird es mir stehlen, und ... Ich glaube, ich
-würde ganz gern ein wenig schlafen ... es dreht sich da irgend etwas in
-meinem Kopf. Ja, so, es dreht sich, dreht sich, dreht sich. Oh, wie Sie
-gut sind, womit decken Sie mich denn zu?«
-
-»Sie haben bestimmt eine gehörige Erkältung weg! Ich habe Sie mit meiner
-Decke zugedeckt, aber das Geld würde ich ...«
-
-»Oh, um Gottes willen, _n'en parlons plus, parce que cela me fait
-mal_,{[251]} oh, wie gut Sie sind!«
-
-Er hörte seltsam plötzlich auf zu sprechen und verfiel ungewöhnlich
-schnell in fieberhaften Schlaf.
-
-Der Landweg, auf dem sie siebzehn Werst bis Ustjewo zurückzulegen
-hatten, war recht uneben und der Wagen auch nicht gerade sehr elastisch.
-Stepan Trophimowitsch wachte von den Stößen oft auf, erhob sich dann
-schnell von dem kleinen Kissen, das Ssofja Matwejewna ihm unter den Kopf
-geschoben hatte, erfaßte erschrocken ihre Hand und fragte ängstlich:
-»Sind Sie da?« ganz, als ob er gefürchtet hatte, sie könnte weggehen und
-ihn allein lassen. Einmal sagte er, daß er im Traum einen offenen Rachen
-mit scharfen Zähnen gesehen habe, und daß ihm das sehr unangenehm
-gewesen sei. Ssofja Matwejewna machte sich schon nicht wenig Sorgen um
-ihn.
-
-Der Fuhrmann brachte sie zu einem großen Bauernhause, das vier Fenster
-zur Straße und auf dem Hof noch verschiedene Wohngebäude hatte. Stepan
-Trophimowitsch, der gerade in dem Augenblick der Ankunft aufwachte,
-stieg schnell aus und ging sofort ins zweite, das größte und beste
-Zimmer. Sein verschlafenes Gesicht nahm einen ungemein geschäftigen
-Ausdruck an. Er erklärte der Wirtin, einem großen, vierzigjährigen, sehr
-brünetten Weibe, das auf der Oberlippe fast einen Schnurrbart hatte, er
-wünsche das ganze Zimmer für sich allein und »daß Sie mir keinen
-Menschen hier herein lassen, schließen Sie die Türen zu, _parce que nous
-avons à parler. Oui, j'ai beaucoup à vous dire, chère amie._{[252]} --
-Ich bezahle Ihnen alles, ich bezahle, bezahle!« rief er, der Wirtin
-erregt abwinkend.
-
-Er sprach rasch, aber doch wie mit schwerer Zunge.
-
-Die Bäuerin hörte ihn unfreundlich an, und zum Zeichen des
-Einverständnisses schwieg sie nur; darin lag aber schon gleichsam etwas
-Drohendes. Stepan Trophimowitsch bemerkte davon natürlich nichts und
-verlangte eilig -- er beeilte sich entsetzlich --, sie solle nur schnell
-aus dem Zimmer gehen und ihm sofort das Essen bringen -- »und keine Zeit
-vertrödeln!« fügte er hinzu.
-
-Da aber hielt die Bäuerin mit dem Schnurrbart nicht mehr an sich:
-
-»Herr, das ist hier kein Gasthaus, wir haben kein Essen für die
-Reisenden. Krebse kann ich Ihnen noch kochen oder einen Samowar
-aufstellen, aber weiter auch nichts. Frischen Fisch wird's erst morgen
-geben.«
-
-Doch Stepan Trophimowitsch ertrug keinen Einwand und rief fuchtelnd in
-zorniger Ungeduld: »Bezahle, bezahle alles, nur schneller, schneller!«
-Endlich kamen sie dahin überein, daß eine Fischsuppe gekocht und ein
-Huhn gebraten werden sollte. Die Bäuerin sagte zwar, daß ein Huhn im
-ganzen Dorf nicht zu haben sei, einstweilen aber wollte sie doch
-versuchen, eines aufzutreiben, wenn sie es auch mit einer Miene
-versprach, als ob sie damit eine ungeheure Gefälligkeit erweise.
-
-Kaum war sie aus dem Zimmer, als Stepan Trophimowitsch sich schnell auf
-den Diwan setzte und Ssofja Matwejewna zwang, sich neben ihn zu setzen.
-Es war, für eine Bauernstube, ein recht eigentümlich möbliertes großes
-Zimmer. Außer einem gepolsterten Sofa standen noch zwei alte Lehnstühle
-darin, und an den Wänden, die mit alten gelben, zerrissenen Tapeten
-beklebt waren, hingen schauderhafte mythologische Öldruckbilder.
-Nur eine Ecke war noch Bauernstube: mit einer langen Reihe
-von Heiligenbildern, teils auf Holz, teils in dreiteiligen
-Metallschränkchen. In einer anderen Ecke stand hinter einer niedrigen
-Scheidewand ein Bett. Kurz, das Zimmer machte mit seiner halb
-städtischen, halb bäurischen Einrichtung einen unschönen Eindruck. Doch
-Stepan Trophimowitsch sah das alles überhaupt nicht, ja er warf
-überhaupt nicht einmal einen Blick durch das Fenster auf den großen See,
-der kaum dreißig Schritte vom Hause begann.
-
-»Endlich sind wir allein! Wir werden niemanden hereinlassen! Ich will
-Ihnen alles, alles, von Anfang an erzählen.«
-
-Doch Ssofja Matwejewna fiel ihm in nicht geringer Unruhe ins Wort:
-
-»Wissen Sie auch, Stepan Trophimowitsch ...«
-
-»_Comment, vous savez déjà mon nom?_«{[253]} fragte er, freudig lächelnd
-...
-
-»Ich hörte vorhin, wie Anissim Iwanowitsch Sie anredete, als Sie mit ihm
-sprachen. Aber ich möchte es wagen, Sie meinerseits auf etwas aufmerksam
-zu machen ...«
-
-Und sie flüsterte ihm, ängstlich nach der geschlossenen Tür blickend,
-zu, daß es hier im Dorf ein wahrer Jammer sei: die Bauern seien zwar von
-Hause aus Fischer, lebten aber mehr davon, daß sie im Sommer von den
-Reisenden, die hier auf das Dampfschiff warteten, so viel Geld
-verlangten, wie ihnen gerade einfiel. Das Dorf liege nicht an der großen
-Landstraße, sondern abseits, und man komme nur deswegen hierher, weil
-der Dampfer hier anlege, wenn aber nur etwas schlechteres Wetter sei, so
-komme er überhaupt nicht, und dann sammelten sich hier sehr viele
-Reisende an: jetzt zum Beispiel sei schon das ganze Dorf besetzt, und
-darauf warteten die Hauswirte nur, denn dann könnten sie für alles das
-Dreifache verlangen, der Mann aber dieser Bäuerin mit dem Schnurrbart
-sei sehr stolz und hochmütig, denn er sei der reichste Mann im Dorf, ein
-einziges seiner Netze koste allein schon an die tausend Rubel usw. usw.
-
-Stepan Trophimowitsch blickte geradezu vorwurfsvoll in das ungewöhnlich
-belebte Gesicht Ssofja Matwejewnas und machte mehrmals den Versuch, sie
-zu unterbrechen. Sie aber ließ sich nicht aufhalten und bekräftigte das
-Gesagte noch mit der Erzählung ihrer Erfahrungen, die sie im letzten
-Sommer auf der Durchreise mit einer adligen Dame hier gemacht hatte, --
-Erfahrungen, an die auch nur zurückzudenken für sie schon furchtbar war.
-
-»Und nun haben Sie, Stepan Trophimowitsch, dieses Zimmer für sich ganz
-allein verlangt ... Ich sage es ja nur, um zu warnen ... Dort im anderen
-Zimmer sind schon viele Reisende, ein älterer Mann und ein jüngerer Mann
-und noch eine Frau mit Kindern, und bis morgen zwei Uhr wird das ganze
-Haus bis zum Dach voll sein, da das Dampfschiff morgen bestimmt kommen
-wird, weil es jetzt schon zwei Tage nicht mehr gekommen ist. Und so
-werden denn die Leute für das besondere Zimmer und dafür, daß Sie das
-Essen bestellt haben, so viel von Ihnen verlangen, daß es selbst in den
-Hauptstädten unerhört wäre ...«
-
-Er aber litt, litt inzwischen aufrichtig.
-
-»_Assez, mon enfant_, ich flehe Sie an, _nous avons notre argent et
-après -- et après le bon Dieu_.{[254]} Es wundert mich nur, daß Sie mit
-Ihren hohen Auffassungen ... _Assez, assez, vous me tourmentez_,«{[255]}
-rief er nervös. »Vor uns liegt unsere ganze Zukunft, und Sie ... Sie
-wollen mir Angst machen vor der Zukunft ...«
-
-Und er begann nun, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen, wobei er zu
-Anfang dermaßen schnell sprach, daß es schwer war, zu folgen. Die
-Geschichte war sehr lang. Man brachte schon die Fischsuppe, brachte das
-Huhn, brachte endlich auch den Samowar, er aber sprach immer noch ... Es
-kam zwar alles ein wenig seltsam, wie eine Fieberphantasie, heraus, aber
--- er war ja auch tatsächlich krank. Das war eine plötzliche krampfhafte
-Anspannung seiner Verstandeskräfte, die in kurzer Zeit -- das sah Ssofja
-Matwejewna schon bekümmert voraus -- unfehlbar ins Gegenteil umschlagen
-mußte.
-
-Er begann mit seiner Kindheit, also mit der Zeit, als er noch »mit
-frischer Brust über grüne Wiesen lief«. Erst nach einer Stunde hatte er
-sich bis zu seinen beiden Ehen durchgearbeitet und dann begann die
-Erzählung des Berliner Lebens. Ich wage aber nicht, darüber zu spotten.
-Es lag für ihn tatsächlich etwas »Höheres« darin, oder um einen Ausdruck
-unserer Zeit zu gebrauchen: eine Art Kampf ums Dasein. Er sah jetzt
-diejenige Frau vor sich, die er schon für sein zukünftiges Leben erwählt
-hatte, und er beeilte sich, sie in seine ganze Vergangenheit
-einzuweihen. Seine Genialität sollte für sie kein Geheimnis mehr bleiben
-... Es ist wahrscheinlich, daß er Ssofja Matwejewnas Wert und Bedeutung
-vor sich selbst stark vergrößerte, aber das hatte weiter nichts auf
-sich, denn sie war jetzt schon seine Erwählte. Er konnte nun einmal
-nicht ohne Freundin auskommen auf der Welt ... Was machte es ihm da aus,
-daß er ihrem Gesicht ansah, wie wenig sie ihn verstand ...
-
-»_Ce n'est rien, nous attendrons_,{[256]} und vorläufig wird sie mit dem
-Vorgefühl begreifen können ...,« meinte er bei sich.
-
-»Mein Freund, ich brauche ja von Ihnen einzig und allein Ihr Herz!« rief
-er ihr, seine Erzählung unterbrechend, begeistert zu, »und jetzt dieser
-liebe, berückende Blick, mit dem Sie mir in die Augen sehen! Oh, erröten
-Sie nicht! Ich habe Ihnen doch schon gesagt ...«
-
-Am schleierhaftesten aber erschien die Geschichte der armen Ssofja
-Matwejewna, als er eine ordentliche Rede über das Thema hielt: »wie ihn
-niemand je hat verstehen können« und wie »bei uns in Rußland die Talente
-umkommen«. »Das war alles viel zu klug für mich,« sagte sie uns später
-melancholisch. Sie hörte ihm dabei mit sichtlichem Mitgefühl zu, wobei
-sie die Augen nur ein wenig weiter aufriß. Als sich aber Stepan
-Trophimowitsch auf den Humor warf und die geistreichsten Witzchen über
-unsere »Führenden und Herrschenden« lossprühen ließ, da verließ sie
-alles und jedes Verständnis und nur aus Mitgefühl mit dem Kranken
-versuchte sie noch zuweilen ein Lächeln zustande zu bringen, um
-wenigstens ein wenig auf seine Heiterkeit einzugehen, doch es gelang ihr
-so schlecht, daß Stepan Trophimowitsch schließlich selber ganz verwirrt
-davon abließ und mit noch größerer Wut und Bitterkeit auf die
-»Nihilisten« und »neuen Menschen« überging. Da aber wurde es ihr angst
-und bange zumut, und sie atmete erst wieder auf -- leider nur viel zu
-früh --, als der eigentliche Roman begann. Eine Frau bleibt immer Frau
-und wenn sie auch Nonne ist: so lächelte sie denn, schüttelte
-mißbilligend den Kopf und errötete mit gesenkten Augen, wodurch sie
-Stepan Trophimowitsch dermaßen in Ekstase brachte, daß er noch vieles
-hinzudichtete. Warwara Petrowna erschien in seiner Erzählung als
-wunderschöne Brünette -- »die Petersburg und noch viele europäische
-Hauptstädte entzückt hat« -- deren Mann »bei Sebastopol gefallen« war
-und das einzig darum, weil er sich ihrer Liebe nicht für würdig und sich
-für verpflichtet gehalten hatte, sie demjenigen, den sie in Wirklichkeit
-liebte, das heißt also Stepan Trophimowitsch, abzutreten ...
-
-»Oh, werden Sie nicht verlegen, meine Stille, meine Christin!« rief er
-Ssofja Matwejewna zu, als er fast schon selbst daran glaubte, was er
-erzählte. »Das war etwas Höheres, etwas so Zartes, daß wir uns beide das
-ganze Leben lang nicht ausgesprochen haben!«
-
-Als Grund einer solchen Lage der Dinge erschien darauf im weiteren
-Verlaufe der Erzählung eine schöne Blondine (wenn man darunter nicht
-Darja Pawlowna verstehen soll, so weiß ich wirklich nicht, wen Stepan
-Trophimowitsch damit gemeint haben könnte). Diese Blondine verdankte
-alles, was sie besaß, der Brünetten, die sie erzogen hatte und deren
-weitläufige Verwandte sie war. Die Brünette aber bemerkte bald die Liebe
-der Blonden zu Stepan Trophimowitsch und zog sich in sich selbst zurück.
-Die Blonde aber bemerkte gleichfalls die Liebe der Brünetten zu Stepan
-Trophimowitsch und zog sich auch in sich selbst zurück. Und so schwiegen
-sie denn alle drei, alle drei in sich selbst zurückgezogen, alle drei
-nichts als verkörperter Edelmut, und das währte dann zwanzig Jahre lang
-...
-
-»Oh, was war das doch für eine Liebe, was war das doch für eine
-Leidenschaft!« rief er in aufrichtigster Begeisterung aufschluchzend
-aus. »Ich sah die volle Blüte ihrer Schönheit« (der Brünetten), »sah sie
-mit wundem Herzen täglich an mir vorüberziehen, sie, die das stolze
-Haupt neigte, als schäme sie sich ihrer Schönheit!« Einmal sagte er
-statt ihrer Schönheit: »ihrer Fülle«. Schließlich behauptete er, er sei
-jetzt erst aus diesem zwanzigjährigen Traume erwacht. -- »_Vingt
-ans!_{[72]} Und nun plötzlich auf der großen Landstraße ...« Darauf
-folgte dann zum Schluß -- wahrscheinlich in einem Augenblick noch
-größerer Benommenheit -- die Erklärung dessen, was die heutige zufällige
-und doch so entscheidende Begegnung mit Ssofja Matwejewna für ihn wie
-für sie bedeutete.
-
-Ssofja Matwejewna erhob sich in schrecklichster Verlegenheit vom Sofa.
-Und als er gar noch den Versuch machte, vor ihr auf die Knie zu fallen,
-da begann sie vor Schreck zu weinen.
-
-Die Dämmerstunde neigte sich schon dem Abend zu: beide hatten sie
-bereits etliche Stunden in dem verschlossenen Zimmer verbracht ...
-
-»Ach nein, lassen Sie mich jetzt schon lieber in das andere Zimmer,«
-flüsterte sie erregt, »denn was werden sonst die Leute denken!«
-
-Endlich gelang es ihr, sich frei zu machen; er aber versprach ihr
-folgsam, sich sofort ins Bett zu legen. Beim Abschied klagte er, daß er
-starke Kopfschmerzen habe. Ssofja Matwejewna hatte ihre Sachen im
-vorderen Zimmer gelassen, wo sie mit den anderen zusammen zu übernachten
-beabsichtigte; doch es sollte anders kommen.
-
-In der Nacht geschah es nämlich, daß sich bei Stepan Trophimowitsch die
-mir und all seinen Freunden so wohlbekannte Cholerine einstellte, wie
-gewöhnlich nach nervösen Aufregungen. Die arme Ssofja Matwejewna kam
-also die ganze Nacht nicht zum schlafen. Da sie bei der Wartung des
-Kranken häufig durch das vordere Familienzimmer aus dem Hause gehen
-mußte, so störte sie die Schlafenden, die bald aufwachten und ungehalten
-wurden. Und als Ssofja Matwejewna zum Morgen hin gar den Samowar
-aufstellen wollte, da begannen sie auch noch zu schimpfen.
-
-Stepan Trophimowitsch war so lange, wie die Cholerine andauerte, halb
-bewußtlos: zuweilen schien es ihm wie durch einen Nebel, daß man den
-Samowar aufstellte, daß man ihm ein Himbeergetränk zu trinken gab, daß
-man ihm mit irgend etwas den Magen und die Brust wärmte. Dabei fühlte er
-die ganze Zeit und empfand es jeden Augenblick, daß »_Sie_« bei ihm war
-und für ihn sorgte, daß »_Sie_« es war, die da kam und ging, die ihn
-zudeckte und wärmte! Um drei Uhr morgens wurde ihm ein wenig besser: er
-setzte sich auf, ließ die Beine über den Bettrand baumeln, und
-plötzlich, ohne sich dabei etwas zu denken, fiel er vor ihr auf die
-Knie. Dieser zweite Kniefall war nicht mehr so harmlos wie der erste: er
-fiel ihr einfach zu Füßen und küßte »den Saum ihres Kleides« ...
-
-»Um Gottes willen, ich bin das doch gar nicht wert,« stammelte die Arme
-erschrocken und bemühte sich vergeblich, ihn wieder auf das Bett zu
-heben.
-
-»Meine Retterin,« hauchte er andächtig und faltete wie im Gebet die
-Hände. »_Vous êtes noble comme une marquise!_{[257]} Ich -- ich bin ein
-Nichtswürdiger! Oh, ich bin mein ganzes Leben lang ehrlos gewesen ...«
-
-»Ach, beruhigen Sie sich doch, bitte!« flehte Ssofja Matwejewna.
-
-»Ich habe Ihnen vorhin alles vorgelogen, aus Ruhmsucht, zur
-Verschönerung, aus Eitelkeit, -- alles, alles, bis aufs letzte Wort! Ich
-Nichtswürdiger, ich Nichtswürdiger!«
-
-So ging denn der Anfall von Cholerine in einen Anfall hysterischer
-Selbstbeschuldigung über. (Ich habe ja schon früher von diesen Anfällen,
-bei Gelegenheit der Reuebriefe an Warwara Petrowna, gesprochen.)
-Plötzlich erinnerte er sich jetzt Lisas und der Begegnung mit ihr am
-Morgen.
-
-»Das war so furchtbar,« sagte er, »da war bestimmt ein Unglück
-geschehen, ich aber habe in meinem Egoismus nicht einmal gefragt, und
-nun weiß ich auch nichts! Ich habe nur an mich gedacht! Aber was war
-denn mit ihr geschehen, wissen Sie es nicht, was da geschehen ist?«
-flehte er wieder Ssofja Matwejewna an.
-
-Gleich darauf schwor er, daß er nicht »untreu« werden könne und zu
-»_Ihr_« -- d. h. zu Warwara Petrowna -- zurückkehren müsse.
-
-»Wir werden jeden Tag zu ihrer Treppe gehen« (das hieß nun wieder er mit
-Ssofja Matwejewna zusammen) »und wenn sie sich in ihre Equipage setzt,
-um ihre Morgenspazierfahrt zu machen, so werden wir still zusehen ...
-Oh, ich will, daß sie mich auch auf die andere Wange schlägt: mit
-Begeisterung will ich es! Ich werde ihr auch meine andere Wange
-hinhalten, _comme dans votre livre_!{[258]} Jetzt habe ich ... ja, jetzt
-erst habe ich verstanden, was das heißt, seine andere Wange ...
-hinhalten. Ich habe das früher niemals verstehen können!«
-
-Für Ssofja Matwejewna waren das die zwei furchtbarsten Tage ihres
-Lebens: noch heute denkt sie nicht anders als mit Schrecken an sie
-zurück. Stepan Trophimowitsch erkrankte so ernstlich, daß er am nächsten
-Tage unmöglich mit dem Dampfschiff, das diesmal pünktlich um zwei Uhr
-ankam, nach Spassoff weiterfahren konnte, sie aber wagte es nicht, ihn
-allein zu lassen, und so blieb sie denn in Ustjewo bei ihm. Nach ihren
-Worten soll er sich sogar sehr darüber gefreut haben, daß das
-Dampfschiff endlich fortgefahren war:
-
-»Nun und wunderschön, so ist es sehr gut, sehr gut,« murmelte er aus dem
-Bett heraus, »ich fürchtete schon die ganze Zeit, daß wir fortfahren
-müssen. Hier aber ist es sehr schön, hier ist es am besten ... Sie
-werden mich doch nicht verlassen? O nein, Sie verlassen mich nie mehr!«
-
-Einstweilen war es aber »hier« durchaus nicht so schön. Er wollte jedoch
-nichts von ihren Unannehmlichkeiten wissen. In seinem Kopf war jetzt nur
-Platz für eine Menge Phantasien. An seine Krankheit dachte er überhaupt
-nicht, denn er hielt sie ja nur für eine schnell vorübergehende
-Erkältung, und sprach die ganze Zeit davon, wie sie beide, wenn er erst
-wieder gesund sei, »diese kleinen Bücher« verkaufen würden. Und
-plötzlich bat er sie, ihm aus dem Evangelium vorzulesen.
-
-»Ich habe es lange nicht mehr gelesen ... im Original. Aber, nicht wahr,
-es könnte mich doch jemand beim Kauf eines dieser kleinen Bücher dies
-oder jenes fragen, und dann könnte ich mich irren ... Man muß sich doch
-immerhin etwas vorbereiten ...«
-
-Sie setzte sich an sein Bett und schlug das Buch auf.
-
-»Sie lesen vorzüglich,« unterbrach er sie schon nach der ersten Zeile.
-»Ich sehe schon, ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe!« fügte er
-unklar, aber begeistert hinzu.
-
-Und überhaupt war er die ganze Zeit in einem ununterbrochen begeisterten
-Zustande.
-
-Sie begann ihm die Bergpredigt vorzulesen.
-
-»_Assez, assez, mon enfant_,{[259]} genug ... Glauben Sie wirklich, daß
-_das_ noch immer nicht genug ist?«
-
-Und kraftlos schloß er die Augen. Er war sehr schwach, doch verlor er
-noch nicht die Besinnung. Da erhob sich denn Ssofja Matwejewna, da sie
-glaubte, daß er schlafen wolle. Aber siehe da -- er war sofort wieder
-wach und hielt sie zurück.
-
-»Mein Freund, ich habe mein Lebelang gelogen. Selbst dann, wenn ich die
-Wahrheit sprach. Ich habe nie um der Wahrheit willen gesprochen, sondern
-immer nur für mich, das habe ich auch früher schon gewußt, aber jetzt
-erst sehe ich es so recht ein ... Oh, wo sind diese Freunde, die ich mit
-meiner Freundschaft zeitlebens beleidigt habe?! Und sie alle, alle!
-_Savez-vous_,{[260]} ich glaube, ich lüge auch jetzt! Bestimmt lüge ich
-auch jetzt! Die Hauptsache ist, daß ich mir selbst glaube, wenn ich
-lüge! Am allerschwersten ist es im Leben, zu leben und nicht zu lügen
-... und ... und den eigenen Lügen nicht zu glauben, ja, ja, gerade das!
-Aber warten Sie, das kommt alles später ... Wir werden zusammen,
-zusammen ...« fügte er plötzlich enthusiastisch hinzu.
-
-»Stepan Trophimowitsch,« begann Ssofja Matwejewna zaghaft, »sollte man
-nicht in die Stadt nach einem Arzt schicken?«
-
-Er war maßlos erstaunt.
-
-»Warum? _Est-ce que je suis si malade? Mais rien de sérieux._{[261]} Und
-wozu andere Menschen? Dann wird man es noch erfahren, daß ich hier bin,
-und -- was wird dann sein? Nein, nein, keine fremden Menschen ... wir
-beide, wir beide!«
-
-»Wissen Sie,« sagte er nach kurzem Schweigen, »lesen Sie mir noch etwas
-vor, so, schlagen Sie auf gut Glück das Buch auf und lesen Sie das,
-worauf Ihr Blick zuerst fällt.«
-
-Ssofja Matwejewna schlug das Buch auf und las.
-
-»Wo es sich von selbst aufschlägt, wo es sich von selbst aufschlägt,«
-wiederholte er.
-
-»>Und dem Engel ... --<«
-
-»Was ist das? Woraus? Woraus ist das?«
-
-»Das ist aus der Apokalypse.«
-
-»_Oh, je m'en souviens, oui, l'Apocalipse. Lisez, lisez._{[262]} Ich
-wollte über unsere Zukunft etwas hören, darum ließ ich Sie so eine
-Stelle auf gut Glück lesen, ich will wissen, was Sie da gefunden haben.
-Lesen Sie weiter, vom Engel, vom Engel ...«
-
-»>Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das sagt Amen, der
-treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß
-deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder
-warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich
-dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar
-satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und
-jämmerlich, arm, blind und bloß.<«
-
-»Das ... und das steht in Ihrem Buch!« rief er erregt, mit glänzenden
-Augen, und erhob sich vom Kissen, »diese wundervolle Stelle habe ich nie
-gekannt! Hören Sie: eher kalt, kalt, als lau, _nur_ lau! Oh, ich werde
-ihnen das auslegen! Nur verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht
-allein! Wir werden es ihnen beweisen, wir werden es auslegen!«
-
-»Aber ich werde Sie ja nicht verlassen, Stepan Trophimowitsch, beruhigen
-Sie sich, ich werde Sie nie verlassen!« sagte sie und erfaßte seine
-Hand, die sie mit Tränen in den Augen an ihre Brust drückte. (»Er tat
-mir schon gar zu leid in diesem Augenblick,« erzählte sie uns später.)
-
-Seine Lippen begannen zu zucken wie im Krampf.
-
-»Aber, Stepan Trophimowitsch, soll man nicht doch jemanden von den
-Ihrigen benachrichtigen lassen, oder vielleicht auch -- Ihre Bekannten?«
-
-Da aber erschrak er dermaßen, daß sie ganz unglücklich darüber war, ihn
-noch einmal daran erinnert zu haben. Zitternd und bebend flehte er sie
-an, »nur um Gottes willen niemanden zu benachrichtigen, noch sonst etwas
-zu tun!« Und er nahm ihr das Wort ab und beschwor sie: »Niemanden,
-niemanden! Wir allein, nur wir beide allein, _et nous partirons
-ensemble_.«{[263]}
-
-Schlimm war es auch, daß sich die Hauswirte beunruhigten, ungehalten
-wurden und der armen Ssofja Matwejewna auf den Hals rückten. Sie
-bezahlte ihnen und zeigte ihnen Geld: damit beruhigte sie sie für einige
-Zeit; aber der Wirt wollte die Legitimationspapiere Stepan
-Trophimowitschs sehen. Der Kranke wies mit hochmütigem Lächeln auf
-seinen kleinen Reisekoffer, in dem Ssofja Matwejewna denn auch einen
-alten Ausweis fand. Bald aber verlangte der Bauer, daß man den Kranken
-fortschaffen solle, denn er könne schließlich sterben und was gäbe das
-dann für Scherereien. Ssofja Matwejewna sprach auch mit ihm über den
-Arzt, doch es stellte sich heraus, daß, wenn man ihn aus der Stadt holen
-wollte, die Kosten unerschwinglich wären. Und so kehrte sie denn
-niedergeschlagen zu ihrem Kranken zurück, der allmählich schwächer und
-schwächer wurde.
-
-»Jetzt lesen Sie mir noch eine Stelle vor ... von den Schweinen,« sagte
-er plötzlich.
-
-»Wovon?« fragte Ssofja Matwejewna entsetzt.
-
-»Von den Schweinen ... das ist auch hier ... _ces cochons_{[264]} ...
-ich erinnere mich, die Teufel fuhren in die Schweine und die Schweine
-stürzten sich in den See und kamen alle um. Lesen Sie mir das unbedingt
-vor: ich werde Ihnen nachher sagen, wozu ... Ich will es wortwörtlich
-hören, wortwörtlich ...«
-
-Ssofja Matwejewna kannte die Bibel gut und fand sofort jene Stelle aus
-Lukas, Kapitel 8, 32--37, die ich der Erzählung all dieser Ereignisse
-vorgeschrieben habe. Ich bringe sie hier noch einmal:
-
-»>Es war aber daselbst eine große Herde Säue an der Weide auf dem Berge.
-Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er
-erlaubte ihnen.
-
-Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Säue; und
-die Herde stürzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen.
-
-Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkündigten's
-in der Stadt und in den Dörfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da
-geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem
-die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und
-vernünftig, und sie erschraken.
-
-Und die es gesehen hatten, verkündigten's ihnen, wie der Besessene war
-gesund worden.<«
-
-»Mein Freund,« sagte Stepan Trophimowitsch in großer Erregung,
-»_savez-vous_, diese wundervolle und ... ungewöhnliche Stelle ist mir
-mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstoßes gewesen ... _dans ce
-livre_{[265]} ... so daß ich diese Stelle noch aus der Kindheit --
-behalten habe. Jetzt aber ist mir ein neuer Gedanke gekommen, _une
-comparaison_.{[266]} Ich habe jetzt furchtbar viele Gedanken: Sehen Sie,
-das ist genau so wie unser Rußland. Diese Teufel und Dämonen, die aus
-dem Besessenen in die Schweine fahren -- das sind alle schlechten Säfte,
-alle Miasmen, aller Schmutz, alle Teufel und Beelzebuben, die sich in
-unserem lieben Kranken, in unserem Rußland angesammelt haben, schon seit
-vielen, vielen Jahrhunderten! _Oui, cette Russie, que j'aimais
-toujours._{[267]} Aber ein großer Gedanke und ein mächtiger Wille werden
-es aus der Höhe segnen, ganz wie diesen wahnsinnigen Besessenen, und
-alle diese Unreinlichkeit, diese ganze Gemeinheit, die sich auf der
-Oberfläche angesammelt hat und langsam angefault ist ... sie werden noch
-selbst darum bitten, in die Schweine fahren zu dürfen! Ja, und sie sind
-ja vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und jene und
-Petruscha ... _et les autres avec lui_,{[268]} und ich vielleicht der
-erste an der Spitze, und wir werden uns, wir Wahnsinnigen und
-Besessenen, vom Fels in das Meer stürzen und alle ertrinken, und dorthin
-gehören wir auch, dahin müssen wir, denn nur dazu allein taugen wir
-noch! Aber der Kranke selbst wird wieder gesunden und wird sich >zu
-Füßen Jesu< setzen ... und alle werden ihn mit Verwunderung schauen ...
-Meine Liebe, _vous comprendrez après_, jetzt aber regt mich das sehr auf
-... _Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble._«{[269]}
-
-Er begann zu phantasieren und schließlich verlor er das Bewußtsein. So
-verging der ganze folgende Tag. Ssofja Matwejewna saß an seinem Bett und
-weinte, schlief schon die dritte Nacht nicht und vermied es nach
-Möglichkeit, den Wirtsleuten unter die Augen zu kommen, denn sie ahnte
-schon, daß diese irgend etwas beabsichtigten. Am nächsten Morgen wachte
-Stepan Trophimowitsch auf, erkannte sie wieder und streckte ihr die Hand
-entgegen. Sie bekreuzte sich mit neuer Hoffnung. Er aber wollte
-plötzlich aus dem Fenster sehen.
-
-»_Tiens, un lac_,«{[270]} sagte er, »ach Gott, und ich habe ihn noch gar
-nicht gesehen ...«
-
-In diesem Augenblick rollte eine Equipage vor das Haus und in den
-Zimmern wurde es lebendig.
-
-
- III.
-
-Es war Warwara Petrowna in eigener Person, die mit einem Viererzug in
-ihrer größten Equipage mit zwei Dienern und Darja Pawlowna angefahren
-kam. Das Wunder erklärte sich sehr einfach: der neugierige Anissim war
-in der Stadt gleich am anderen Tage in das Haus Warwara Petrownas
-gegangen und hatte dort den Dienstboten erzählt, daß er Stepan
-Trophimowitsch allein in einem Dorf angetroffen habe, und daß der
-gnädige Herr von dort nach Ustjewo weitergefahren sei, und zwar in
-Begleitung einer gewissen Ssofja Matwejewna. Da nun Warwara Petrowna
-sich über die Flucht ihres Freundes sehr aufgeregt und überall nach ihm
-zu fragen und zu forschen befohlen hatte, so war ihr sogleich gemeldet
-worden, was Anissim erzählt hatte. Selbstredend mußte Anissim nun
-unverzüglich vor der Herrin erscheinen und alles nochmals erzählen, und
-nachdem sie ihn aufmerksam angehört hatte -- besonders die Schilderung
-der Abfahrt in einem Wagen mit irgendeiner Ssofja Matwejewna --, da ward
-noch im selben Augenblick die Equipage bestellt. Auf frischer Spur
-ging's dem Flüchtling nach. Von seiner Krankheit wußte sie natürlich
-noch nichts.
-
-Ihre strenge und befehlende Stimme machte selbst den Wirtsleuten bange.
-Sie ließ hier nur halten, um sich zu erkundigen, wann Stepan
-Trophimowitsch nach Spassoff weitergefahren sei. Als sie nun erfuhr, daß
-er noch da war und krank zu Bett lag, da stieg sie sofort aus und trat
-erregt in das Haus.
-
-»Nun, wo ist er denn hier?« fragte sie. »Ah, das bist du!« rief sie
-plötzlich, als sie Ssofja Matwejewna, die gerade in diesem Augenblick
-aus dem Krankenzimmer trat, in der Tür erblickte. »Ich sehe es schon
-deinem schamlosen Gesichte an, daß du es bist. Hinaus, Schändliche! Daß
-mir sofort keine Spur mehr von ihr im Hause bleibe! Jagt sie hinaus, --
-geh! oder ich lasse dich auf ewig ins Gefängnis stecken! Bewacht sie mir
-solange in einem anderen Hause. Sie hat ja schon einmal im Gefängnis
-gesessen, kann also wieder hinein. Und du,« wandte sie sich befehlend an
-den Hauswirt, »daß du mir nicht wagst, jemanden hereinzulassen, solange
-ich hier bin! Ich bin die Generalin Stawrogina und nehme das ganze Haus
-für mich in Beschlag. Du aber, meine Beste, du wirst mir noch Rede
-stehen!«
-
-Die bekannte Stimme wirkte erschütternd auf Stepan Trophimowitsch. Er
-begann zu zittern. Aber da trat sie schon ins Zimmer, trat an sein Bett.
-Ihre Augen blitzten. Sie stieß mit dem Fuß einen Stuhl heran, setzte
-sich, lehnte sich steif zurück und rief Dascha unwillig zu:
-
-»Geh vorläufig hinaus! Kannst solange bei den Wirtsleuten bleiben! Was
-ist das plötzlich für eine Neugier? Und die Tür zieh hinter dir etwas
-fester zu!«
-
-Eine ganze Weile fixierte sie stumm, mit einem seltsamen Raubtierblick
-sein erschrockenes Gesicht.
-
-»Nun, wie geht es Ihnen, Stepan Trophimowitsch? Wie war denn der
-Spaziergang?« fragte sie plötzlich mit grimmiger Ironie.
-
-»_Chère_,« stotterte Stepan Trophimowitsch wie benommen, »ich habe die
-russische Wirklichkeit kennen gelernt ... _Et je prêcherai l'Evangile
-..._«{[271]}
-
-»Oh, Sie schamloser, undankbarer Mensch!« rief sie zornig aus, die Hände
-erhebend. »Ist es Ihnen noch nicht genug, daß Sie mich so bloßstellen
-und mit irgendeiner ... Oh, Sie alter, schamloser Wüstling!«
-
-»_Chère ..._«
-
-Seine Stimme versagte und er konnte nichts mehr hervorbringen, er sah
-sie vor Entsetzen nur mit weit offenen Augen an.
-
-»Was ist das für eine?«
-
-»_C'est un ange ... C'était plus qu'un ange pour moi_,{[272]} sie hat
-die ganze Nacht ... Oh, schreien Sie nicht, erschrecken Sie sie nicht,
-_chère, chère_ ...«
-
-Warwara Petrowna sprang plötzlich polternd vom Stuhl auf; angstvoll rief
-sie: »Wasser, Wasser!«
-
-Stepan Trophimowitsch kam allerdings schon wieder zu sich, aber sie
-zitterte immer noch vor Schreck und blickte bleich in sein entstelltes
-Gesicht: jetzt erst begriff sie, wie ernst sein Zustand war.
-
-»Darja,« flüsterte sie schnell der hereinstürzenden Darja Pawlowna zu,
-»sofort nach dem Arzt, nach Doktor Salzfisch! Schicke sofort Jegorytsch,
-er soll hier Pferde mieten und in der Stadt einen anderen Wagen nehmen.
-Daß er mit Salzfisch noch vor dem Abend hier ist!«
-
-Dascha ging schnell hinaus, um den Befehl auszuführen. Stepan
-Trophimowitsch sah Warwara Petrowna immer noch mit demselben
-erschrockenen Blick aus weit offenen Augen an. Seine weiß gewordenen
-Lippen bebten.
-
-»Warte, Stepan Trophimowitsch, warte, Täubchen, nur einen Augenblick,«
-redete sie ihm wie einem kleinen Kinde zu. »So warte doch, wart doch,
-sieh, Darja wird gleich zurückkommen und ... Ach, mein Gott, Wirtin,
-Wirtin, so komm doch du wenigstens, Mütterchen!«
-
-Und in ihrer Ungeduld lief sie selbst nach der Bäuerin.
-
-»Sofort, sofort _jene_ wieder zurückbringen! Bring sie mir sofort
-zurück, zurück!«
-
-Zum Glück war Ssofja Matwejewna mit ihren Sachen kaum aus dem Hause
-gegangen, so daß man sie schon nach ein paar Schritten einholte. Sie
-wurde zurückgebracht. Sie war aber so erschrocken, daß ihre Hände und
-Knie zitterten. Warwara Petrowna ergriff ihre Hand, wie ein Geier ein
-Küken, und zog sie eilig zu Stepan Trophimowitsch.
-
-»Hier, hier haben Sie sie! Ich habe sie doch nicht aufgefressen! Sie
-dachten wohl schon, daß ich sie einfach verschlungen habe?«
-
-Stepan Trophimowitsch ergriff Warwara Petrownas Hand und drückte sie an
-seine Augen, und plötzlich schluchzte er auf, schmerzhaft, krampfartig.
-
-»Beruhige dich, beruhige dich doch, mein Täubchen, beruhige dich,
-Väterchen ... Nun ... Ach, mein Gott, aber so beru--hi--gen Sie sich
-doch!« rief sie außer sich. »Oh, mein Peiniger, mein ewiger, ewiger
-Peiniger!«
-
-»Meine Liebe,« brachte Stepan Trophimowitsch endlich, zu Ssofja
-Matwejewna gewandt, hervor, »bleiben Sie, meine Liebe, dort -- im
-anderen Zimmer ... ich will hier noch etwas sagen ...«
-
-Ssofja Matwejewna beeilte sich sofort, hinauszugehen.
-
-»_Chérie ... chérie ..._« -- er rang nach Atem.
-
-»Sprechen Sie noch nicht, Stepan Trophimowitsch, warten Sie noch ein
-wenig, bis Sie sich erholt haben. Hier ist Wasser. Aber so war--ten Sie
-doch noch!«
-
-Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Stepan Trophimowitsch hielt
-krampfhaft ihre Hand fest. Sie ließ ihn noch lange nicht sprechen. Da
-zog er ihre Hand an die Lippen und bedeckte sie immer wieder mit Küssen.
-Sie biß die Zähne zusammen und blickte irgendwohin in einen Winkel.
-
-»_Je vous aimais!_«{[273]} entrang es sich ihm endlich. Noch nie hatte
-sie von ihm ein solches Wort gehört, und so gesprochen.
-
-»Hm!« war ihre Antwort.
-
-»_Je vous aimais toute ma vie ... vingt ans!_«{[274]}
-
-Sie schwieg immer noch -- zwei, drei Minuten lang.
-
-»Als aber Dascha in Aussicht stand, da erschien er parfümiert --« stieß
-sie plötzlich unheimlich flüsternd hervor. Stepan Trophimowitsch
-erstarrte nur so.
-
-»... Mit einer neuen Krawatte ...«
-
-Wieder Schweigen -- ungefähr zwei Minuten lang.
-
-»Und die Zigarre, entsinnen Sie sich?«
-
-»Mein Freund,« stammelte er, von Schrecken erfaßt.
-
-»Die Zigarre, am Abend, am Fenster ... der Mond schien ... nach den
-Stunden im Park ... in Skworeschniki? Entsinnst du dich, entsinnst du
-dich!« und sie sprang auf, ergriff sein Kissen an beiden Ecken und
-schüttelte es mitsamt seinem Kopf. »Entsinnst du dich noch, du leerer,
-leerer, ehrloser, kleinmütiger, ewig, ewig leerer Mensch!« zischte sie
-nahezu in ihrem ingrimmigen Geflüster, um nicht zu schreien. Dann ließ
-sie ihn fahren und fiel zurück auf den Stuhl, das Gesicht mit den Händen
-bedeckt. »Genug!« sagte sie kurz, sich steif aufrichtend. »Zwanzig Jahre
-sind vergangen, die bringt man nicht zurück; dumm war auch ich.«
-
-»_Je vous aimais_,« -- er legte beschwörend seine Hände zusammen.
-
-»Was sagst du mir immer _aimais_ und _aimais_! Genug!« Sie fuhr wieder
-auf. »Und wenn Sie jetzt nicht sofort einschlafen, so werde ich ... Sie
-brauchen Ruhe! Schlafen Sie, schlafen Sie sofort! Schließen Sie die
-Augen! Ach, mein Gott, vielleicht will er frühstücken? Was essen Sie?
-Was darf er essen? Ach Gott, wo ist denn _jene_? wo ist _jene_?«
-
-Warwara Petrowna setzte gleich das ganze Haus in Bewegung. Doch Stepan
-Trophimowitsch stammelte, daß er jetzt allerdings lieber schlafen würde,
-ein wenig nur, _une heure_, und dann -- _un bouillon, un thé ... enfin
-il est si heureux_.{[275]} Er lag ganz still und es war wirklich, als
-sei er im Einschlafen (wahrscheinlich stellte er sich nur so). Warwara
-Petrowna wartete noch ein wenig und ging dann auf den Fußspitzen zur
-Tür.
-
-Im anderen Zimmer setzte sie sich hin, schickte die Hauswirte einfach
-hinaus und befahl Dascha, »_jene_« hereinzuführen. Es begann ein ernstes
-Verhör.
-
-»Erzähle mir jetzt, meine Liebe, alle Einzelheiten. Setze dich hierher,
-so! Nun?«
-
-»Ich traf Stepan Trophimowitsch ...«
-
-»Warte. Schweig. Ich sage dir im voraus, daß ich dich, falls es dir
-einfallen sollte, mir etwas vorzulügen oder etwas zu verheimlichen, noch
-aus deinem Grabe wieder herausholen werde! Nun?«
-
-»Ich traf Stepan Trophimowitsch ... wie ich gerade in Hatowo war ...«
-begann Ssofja Matwejewna, atemlos vor Angst.
-
-»Wart, sei still! was trommelst du gleich los? Zuerst sage mir, was du
-selbst für ein Vogel bist?«
-
-Die erzählte nun, so gut sie konnte, übrigens in kurzen Worten, von sich
-und ihrem Leben. Sie fing mit Sebastopol an. Warwara Petrowna hörte
-schweigend zu, saß steif auf ihrem großen Stuhl und sah der Erzählerin
-streng und unverwandt in die Augen.
-
-»Warum bist du so erschrocken? Warum siehst du zu Boden? Ich liebe
-solche, die mir offen in die Augen sehen und mit mir streiten. Fahre
-fort!«
-
-Jene erzählte von der Begegnung, von den Büchern, erzählte, wie Stepan
-Trophimowitsch der Bäuerin den Schnaps angeboten hatte ...
-
-»So ist's gut, vergiß nichts, erzähle alles,« sagte Warwara Petrowna.
-Ssofja Matwejewna erzählte also weiter, wie sie mit Stepan
-Trophimowitsch hierher nach Ustjewo gefahren war und wie er »schon ganz
-krankes Zeug« gesprochen und hier dann sein ganzes Leben von Anfang an
-und mehrere Stunden lang erzählt hatte.
-
-»Erzähle von seinem Leben.«
-
-Ssofja Matwejewna verstummte plötzlich und schaute hilflos drein.
-
-»Hiervon verstehe ich schon gar nichts mehr zu erzählen,« stotterte sie,
-dem Weinen nahe. »Und ich habe auch nichts davon verstanden.«
-
-»Das lügst du. Nichts verstehen, das konntest du gar nicht.«
-
-»Von einer schwarzhaarigen vornehmen Dame sprach er lange,« sagte Ssofja
-Matwejewna schließlich zögernd und errötete entsetzlich, da es ihr
-plötzlich auffiel, wie wenig Warwara Petrowna mit ihrem viel helleren
-Haar jener geschilderten schwarzhaarigen Schönheit glich.
-
-»Von einer Schwarzhaarigen? -- Was erzählte er denn? Sprich!«
-
-»Er ... er erzählte, wie diese vornehme Dame schon ganz furchtbar in ihn
-verliebt gewesen wäre, zwanzig Jahre lang, und wie sie immer nicht
-gewagt hätte, es ihm zu sagen, und ... und wie sie sich vor ihm geschämt
-hat, denn sie war schon gar zu dick ...«
-
-»Dieser Esel!« sagte Warwara Petrowna nachdenklich, doch überzeugt vor
-sich hin.
-
-Ssofja Matwejewna war nun wirklich schon am Weinen.
-
-»Ich weiß hiervon gar nichts mehr zu erzählen, denn ich war selbst in
-großer Angst um ihn und habe auch gar nichts verstanden, da er doch ein
-Mensch von so großem Verstande ist ...«
-
-»Über seinen Verstand zu urteilen steht nicht so einer Krähe zu, wie du
-eine bist. Hat er bei dir angehalten?«
-
-Ssofja Matwejewna erzitterte.
-
-»Ha! er sich in dich verliebt? -- Sprich!« herrschte Warwara Petrowna
-sie an. »Hat er bei dir angehalten?«
-
-»Beinah hörte es sich wirklich so an,« brachte sie aufschluchzend hervor
-... »Nur habe ich das alles gar nicht beachtet, denn er war doch krank,«
-fügte sie hinzu und sah mit festem Blick auf.
-
-»Wie heißt du?«
-
-»Ssofja Matwejewna.«
-
-»Nun, dann wisse, Ssofja Matwejewna, daß dieser Mensch das
-erbärmlichste, leerste Menschlein ist ... Mein Gott, mein Gott! Du
-hältst mich wohl für eine Nichtswürdige?«
-
-Die riß die Augen auf.
-
-»Für eine Nichtswürdige, eine Tyrannin, die sein Leben zerstört hat?«
-
-»Wie kann denn das sein, wenn Sie jetzt doch selbst weinen!«
-
-Tatsächlich standen Warwara Petrowna Tränen in den Augen.
-
-»Nun, setz dich, setz dich, brauchst nicht zu erschrecken. -- Sieh mir
-noch einmal in die Augen, ganz offen! Warum wirst du rot? Dascha, komm
-her, sieh sie dir an: was glaubst du, hat sie ein reines Herz ...«
-
-Und zu Ssofja Matwejewnas größter Verwunderung, vielleicht aber zu ihrem
-noch größeren Schreck, streichelte ihr Warwara Petrowna plötzlich die
-Wange.
-
-»Schade nur, daß du dumm bist. Dümmer als es deinen Jahren ansteht. Gut,
-meine Liebe, ich werde mich deiner annehmen. Sehe schon, daß alles das
-Unsinn ist. Bleibe solange hier in der Nähe, man wird dir hier eine
-Wohnung mieten, -- Kost und alles übrige bekommst du von mir ... bis ich
-dich rufen lasse.«
-
-Ssofja Matwejewna versuchte erschrocken einzuwenden, daß sie fort müsse.
-
-»Wohin? Deine Bücher kaufe ich dir alle ab, und du bleibst hier. Du
-hättest ihn doch, wenn ich nicht gekommen wäre, auch nicht verlassen?«
-
-»Für keinen Preis hätte ich ihn allein gelassen,« sagte Ssofja
-Matwejewna leise, doch mit fester Stimme und trocknete sich die Augen.
-
-Doktor Salzfisch traf erst spät in der Nacht ein. Es war ein ehrwürdiger
-alter, kleiner Herr und ein recht erfahrener Arzt, der erst unlängst
-infolge eines ambitiösen Streites mit der ihm vorgesetzten Behörde
-seinen offiziellen Posten verloren hatte. In demselben Augenblick hatte
-Warwara Petrowna ihn aus allen Kräften zu »protegieren« angefangen. Er
-untersuchte Stepan Trophimowitsch aufmerksam und gewissenhaft, fragte
-dies und das, und berichtete sodann Warwara Petrowna, daß der Zustand
-des Kranken »sehr bedenklich« sei und daß man sich »auf das Schlimmste
-gefaßt machen« müsse. Warwara Petrowna, die in den zwanzig Jahren sich
-von der Vorstellung völlig entwöhnt hatte, daß irgend etwas, das Stepan
-Trophimowitsch persönlich anging, ernst zu nehmen oder gar gefährlich
-sein könnte, war tief erschüttert und erbleichte sogar.
-
-»Ist denn wirklich gar keine Hoffnung mehr?«
-
-»Das ist nicht gesagt, denn Hoffnung ist nie ausgeschlossen, aber ...«
-
-Warwara Petrowna wachte die ganze Nacht bei dem Kranken und konnte kaum
-den Morgen erwarten. Als Stepan Trophimowitsch die Augen aufschlug und
-zu sich kam (er war die ganze Zeit bei Besinnung, nur wurde er von
-Stunde zu Stunde schwächer), trat sie entschlossen zu ihm.
-
-»Stepan Trophimowitsch, man muß auf alles vorbereitet sein. Ich habe den
-Priester rufen lassen. Sie müssen Ihre Pflicht tun ...«
-
-Da sie seine religiösen Überzeugungen kannte, so fürchtete sie sehr eine
-Absage. Er aber sah sie nur erstaunt an.
-
-»Unsinn, Unsinn!« rief sie erregt, denn sie glaubte schon, er wolle sich
-widersetzen. »Jetzt handelt es sich nicht mehr um Kindereien. Haben doch
-genug Dummheiten gemacht!«
-
-»Aber ... bin ich denn wirklich schon so krank?«
-
-Nachdenklich willigte er ein. Zu meiner nicht geringen Verwunderung
-erfuhr ich später von Warwara Petrowna, daß das Sterben ihn gar nicht
-geschreckt hat. Möglich, daß er einfach nicht an seinen Tod glaubte und
-die Krankheit nur für eine vorübergehende Erkältung hielt.
-
-Er beichtete und nahm das Abendmahl -- und zwar mit großer
-Bereitwilligkeit. Alle, auch Ssofja Matwejewna, die Wirtsleute und
-selbst die Dienstboten kamen, um ihn nach Empfang des heiligen
-Sakraments zu beglückwünschen. Alle ohne Ausnahme weinten still, als sie
-sein eingefallenes, müdes Gesicht sahen, und die bleichen, zuckenden
-Lippen.
-
-»_Oui, mes amis_, und es wundert mich nur, daß ihr euch alle so ...
-sorgt. Morgen werde ich wahrscheinlich aufstehen, und wir ... fahren
-dann ... _Toute cette cérémonie_{[276]} ... der ich natürlich alles
-lasse, was recht und billig ist ... war doch ...«
-
-»Ich würde Sie bitten, Väterchen, noch nicht fortzugehen,« hielt Warwara
-Petrowna den Priester zurück, der sein Ornat schon ablegen wollte.
-»Könnten Sie nicht, wenn der Tee gebracht wird, mit ihm noch über
-Religiöses sprechen, um seinen Glauben zu stärken.«
-
-Das tat der Priester denn auch; alle saßen oder standen in der Nähe des
-Kranken.
-
-»In unserer sündigen Zeit,« führte er aus, die Teetasse in der Hand und
-in singendem Tone, »ist der Glaube an den Allmächtigen die einzige
-Zuflucht des Menschengeschlechts, in allen Leiden und Nöten des Lebens,
-ganz wie die Zuversicht auf die ewige Seligkeit, die den Gerechten
-verheißen ...«
-
-Stepan Trophimowitsch war plötzlich wie neu belebt: ein feines
-Spottlächeln glitt über seine Lippen.
-
-»_Mon père, je vous remercie, et vous êtes bien bon, mais ..._«{[277]}
-
-»Was ist da noch für ein _mais_, durchaus kein _mais_!« fiel ihm Warwara
-Petrowna aufspringend erregt ins Wort. »Väterchen,« wandte sie sich
-wieder an den Popen, »das, das ist solch ein Mensch, das ist solch ein
-Mensch ... nach einer Stunde wird man ihn noch einmal das Abendmahl
-nehmen lassen müssen! Sehen Sie, solch ein Mensch ist das!«
-
-Stepan Trophimowitsch lächelte zurückhaltend.
-
-»Meine Freunde,« sagte er, »Gott ist mir schon deswegen unentbehrlich,
-weil er das einzige Wesen ist, das man ewig lieben kann ...«
-
-Ob er nun in der Tat gläubig geworden war, oder ob die mächtige
-Zeremonie des letzten Abendmahls nur die künstlerische Empfänglichkeit
-seiner Natur angeregt hatte, -- jedenfalls hat er noch mit fester Stimme
-und, wie man mir sagte, auch mit echtem Gefühl einige Gedanken
-ausgesprochen, die zu manchen seiner früheren Überzeugungen in geradem
-Widerspruch standen.
-
-»Meine Unsterblichkeit ist schon deswegen notwendig, weil Gott doch
-nicht das Unrecht wird begehen wollen, das Feuer der Liebe, das einmal
-in meinem Herzen zu Ihm entbrannt ist, ganz auszulöschen. Was aber ist
-teurer als Liebe? Die Liebe steht höher als das Sein, die Liebe ist die
-Krone des Seins, wie sollte da das Leben ihr nicht untertan sein? Wenn
-ich Ihn jetzt lieben gelernt habe, und diese meine Liebe mir eine Freude
-ist -- wie wäre es dann möglich, daß Er mich und meine Freude wieder
-auslöschte und uns in Nichts verwandelte? Wenn es einen Gott gibt, so
-bin auch ich unsterblich! _Voilà ma profession de foi._«{[278]}
-
-»Es gibt einen Gott, Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, es
-gibt einen Gott,« beschwor ihn Warwara Petrowna, »lassen Sie doch
-endlich Ihre Dummheiten, lassen Sie sie doch wenigstens einmal im
-Leben!« (Sie hatte wohl seine _profession de foi_ nicht recht
-verstanden.)
-
-»Mein Freund,« sagte er mit wachsender Begeisterung, wenn auch seine
-Stimme mehr und mehr versagte, »mein Freund, als ich begriff ... diese
-andere hingehaltene Backe, da ... begriff ich im selben Augenblick --
-noch manches. _J'ai menti toute ma vie_,{[279]} mein ganzes, ganzes
-Leben lang! Ich würde gern ... übrigens, morgen ... Morgen fahren wir
-alle ...«
-
-Warwara Petrowna brach in Tränen aus. Er suchte jemanden mit den Augen.
-
-»Hier ist sie, hier ist sie!« rief Warwara Petrowna schnell und zog
-Ssofja Matwejewna an der Hand zu ihm hin. Er lächelte gerührt.
-
-»Oh, ich würde sehr gern wieder leben wollen!« rief er mit einem
-ungewöhnlichen Zustrom von Kraft. »Jede Minute, jeder Augenblick des
-Lebens müssen für den Menschen eine Seligkeit sein ... müssen, müssen es
-unbedingt! Das ist die Pflicht des Menschen, es selbst so zu machen; das
-ist sein Gesetz, -- ein geheimes Gesetz, das es aber trotzdem unbedingt
-gibt ... Oh, ich würde jetzt gern Petruscha sehen wollen ... und sie
-alle ... und Schatoff!«
-
-Ich muß hier bemerken, daß sie noch nichts von Schatoff wußten, weder
-seine Schwester Darja Pawlowna, noch Warwara Petrowna, noch selbst Dr.
-Salzfisch, der als letzter aus der Stadt gekommen war.
-
-Stepan Trophimowitsch regte sich, statt ruhig zu sein, weit über seine
-Kräfte auf.
-
-»Allein schon der immerwährende Gedanke, daß es etwas unendlich
-Gerechteres und Glücklicheres gibt als mich, erfüllt auch schon mein
-ganzes Ich mit unermeßlicher Rührung und -- Herrlichkeit, -- oh, wer ich
-auch sei, was ich auch getan habe! Viel notwendiger als das eigene Glück
-ist für den Menschen das Wissen und der allgegenwärtige Glaube, daß es
-irgendwo schon ein vollkommenes und ruhiges Glück für alle und für jeden
-gibt ... Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, daß
-der Mensch sich stets vor etwas unermeßlich Großem beugen kann. Wollte
-man aber den Menschen das unermeßlich Große nehmen, so würden sie das
-Leben nicht mehr auf sich nehmen und in Verzweiflung den Tod suchen. Das
-Unermeßliche und Unendliche ist für den Menschen ebenso notwendig, wie
-dieser kleine Planet, auf dem er lebt ... Meine Freunde, alle, alle: es
-lebe der Große Gedanke! Der Ewige, unermeßliche Gedanke! Jeder Mensch,
-wer er auch sei, muß sich davor beugen, daß der Große Gedanke existiert!
-Sogar der dümmste Mensch braucht unbedingt wenigstens irgend etwas
-Großes. Petruscha ... Oh, wie gern ich sie alle wiedersehen würde! Sie
-wissen nicht, sie wissen nicht, daß auch in ihnen immer ganz derselbe
-Ewige Große Gedanke enthalten ist!«
-
-Doktor Salzfisch war bei der Zeremonie nicht zugegen gewesen. Als er nun
-plötzlich eintrat, war er entsetzt: er trieb sofort die ganze
-Versammlung auseinander und bestand darauf, daß der Kranke unbedingt
-Ruhe haben müsse.
-
-Stepan Trophimowitsch starb nach drei Tagen, nachdem er die letzte Zeit
-in voller Bewußtlosigkeit gelegen hatte. Er erlosch gleichsam, wie ein
-zu Ende gebranntes Licht. Warwara Petrowna ließ noch in Ustjewo das
-Totenamt für den Verstorbenen halten und brachte dann die Leiche ihres
-armen Freundes nach Skworeschniki. Sein Grab auf dem Kirchhofe ist heute
-bereits mit einer Marmorplatte bedeckt, doch die Aufschrift und das
-eiserne Gitter sollen erst im Frühling gemacht werden.
-
-Die Abwesenheit Warwara Petrownas aus der Stadt dauerte ganze acht Tage.
-Mit ihr zusammen, in derselben Equipage, kam auch Ssofja Matwejewna, die
-sich nun, wie's scheint, endgültig bei ihr niedergelassen hat.
-Bemerkenswert ist noch, daß Warwara Petrowna sofort, nachdem Stepan
-Trophimowitsch die Besinnung verloren hatte -- also noch am selben
-Morgen --, Ssofja Matwejewna aus dem Hause schickte und ganz allein den
-Kranken bis zu seinem Tode pflegte. Kaum aber war er verschieden, da
-ließ sie auch »jene« wieder zu sich rufen. Das Anerbieten (richtiger,
-der Befehl) Warwara Petrownas, für immer nach Skworeschniki zu ziehen,
-erschreckte die arme Ssofja Matwejewna entsetzlich, doch alle ihre
-ängstlichen Einwendungen wurden von Warwara Petrowna überhaupt nicht
-angehört:
-
-»Unsinn! Ich werde selbst für dich die Bibeln verkaufen gehen. Habe ich
-doch jetzt niemanden mehr auf der Welt.«
-
-»Sie haben doch noch Ihren Sohn, gnädige Frau,« bemerkte Doktor
-Salzfisch, der zugegen war.
-
-»Ich habe keinen Sohn,« sagte Warwara Petrowna kurz und -- hatte es
-somit vorhergesagt.
-
-
-
-
- Dreiundzwanzigstes Kapitel.
- Der Schluß
-
-
- I.
-
-Alle die begangenen Schandtaten und Verbrechen wurden erstaunlich
-schnell bekannt, weit schneller, als Pjotr Stepanowitsch angenommen
-hatte. Es begann damit, daß die unglückliche Marja Ignatjewna nach der
-Nacht, in der ihr Mann ermordet worden war, sehr früh, noch vor
-Sonnenaufgang, aus tiefem Schlaf erwachte, und zu ihrem Schreck und zu
-ihrer Angst Schatoff nicht bei sich, nicht an ihrem Bett, noch im Zimmer
-sah. In einer Ecke schlief nur die von Arina Prochorowna besorgte
-Wärterin. Diese vermochte aber die Kranke nicht zu beruhigen, und
-schließlich wußte sie nichts anderes zu tun, als schnell zu Arina
-Prochorowna zu laufen, nachdem sie ihrer Pflegebefohlenen noch
-versichert hatte, daß Wirginskis bestimmt wissen würden, wo Schatoff
-geblieben war, und wann er zurückkehren werde.
-
-Währenddessen war auch Arina Prochorowna in nicht geringer Aufregung:
-sie wußte schon durch ihren Mann, was im Park zu Skworeschniki geschehen
-war. Wirginski war erst um elf Uhr nachts in einem furchtbaren Zustande
-nach Hause gekommen: er hatte die Hände gerungen und sich auf das Bett
-geworfen, um das Gesicht in den Kissen zu vergraben und immer nur unter
-Zucken und Beben, schluchzend, immer nur dies eine zu wiederholen: »Das
-ist doch nicht das, nicht das; das ist ja gar nicht das!«
-Selbstverständlich endete es schließlich damit, daß er seiner Frau, die
-unablässig in ihn drang, alles beichtete -- übrigens doch nur ihr
-allein. Arina Prochorowna hieß ihn im Bett bleiben und schärfte ihm
-strengstens ein, daß er, falls er heulen wolle, dann ins Kissen heulen
-solle, damit es die anderen nicht hörten, und daß er ein Esel wäre, wenn
-er sich am nächsten Tage etwas anmerken ließe. Darauf überlegte sie
-rasch und machte sich dann schnell daran, auf alle Fälle gewisse
-Vorkehrungen zu treffen: alle zweifelhaften Papiere und Bücher, und
-vielleicht sogar Proklamationen konnte sie teils noch beiseite schaffen,
-teils spurlos vernichten. Nach kurzem Nachdenken sagte sie sich aber,
-daß sie selbst, ihre Schwester, die Tante und die Studentin weiter
-nichts zu fürchten hatten, ja, und vielleicht nicht einmal ihr
-langohriges Brüderlein -- Schigaleff. Als dann gegen Morgen die Wärterin
-kam und sie zu Marja Ignatjewna rief, verlor sie weiter keinen
-Augenblick und ging sofort zu ihrer Kranken. Übrigens wollte sie sich
-auch selbst überzeugen, wie es sich damit verhielt, was ihr Mann in der
-Nacht, halb unzurechnungsfähig, von den Versicherungen Pjotr
-Stepanowitschs erzählt hatte: daß Kirilloff alles auf sich nehmen und
-sich erschießen werde.
-
-Aber sie kam zu spät. Marja Ignatjewna hatte, nachdem sie die Wärterin
-zu Arina Prochorowna geschickt, es nicht lange allein ausgehalten, war
-aufgestanden, hatte sich irgendwie halb angezogen, und war dann selbst
-zu Kirilloff in den Flügel gegangen, da er, wie sie meinte, ihr am
-ehesten sagen konnte, wo ihr Mann geblieben war. Man kann sich
-vorstellen, wie das, was sie dort erblickte, auf die Wöchnerin wirkte.
-Merkwürdigerweise hat sie dabei den Brief, den Kirilloff hinterlassen
-hatte und der sichtbar auf dem Tische lag, gar nicht gelesen, -- sie
-wird ihn in ihrem Schreck und Entsetzen wohl gar nicht bemerkt haben.
-Sie lief in die Dachstube zurück, ergriff ihr kleines Kind und verließ
-das Haus. Der Morgen war feucht, Nebel stand ringsum. Kein Mensch war in
-dieser abgelegenen Straße zu sehen. Sie lief und lief, atemlos, immer
-weiter durch den kalten sumpfigen Straßenschmutz und schließlich begann
-sie, an die Häuser zu klopfen. Im ersten Hause wurde nicht aufgemacht,
-im zweiten hörte sie endlich Stimmen. Doch sie verlor die Geduld, zu
-warten, und lief zum dritten Hause. Das war das Haus unseres Kaufmanns
-Titoff. Hier rief sie große Bestürzung hervor: sie schrie und
-versicherte zusammenhanglos, man habe ihren Mann, Schatoff, ermordet.
-Titoffs wußten, wer Schatoff war, und kannten zum Teil auch seine
-Lebensgeschichte. Sie erschraken nicht wenig, als sie von dieser fremden
-Frau hörten, daß sie vor noch nicht vierundzwanzig Stunden geboren habe
-und nun kaum bekleidet in dieser Kälte mit dem fast nackten Kindchen
-herumlief. Zuerst glaubte man, sie habe den Verstand verloren, um so
-mehr, als man aus ihren Worten nicht recht klug werden konnte, wer nun
-eigentlich ermordet worden war: Kirilloff oder ihr Mann? Marja
-Ignatjewna aber wollte schon wieder aus dem Hause laufen, da sie wohl
-trotz ihrer Erregung merkte, daß man ihr nicht ganz glauben zu wollen
-schien; doch da hielt man sie mit Gewalt zurück, obgleich sie furchtbar
-schrie und um sich schlug. Jedenfalls ging man sofort zu Kirilloff, um
-zu sehen, was mit ihm geschehen war -- und so wußte denn schon nach zwei
-Stunden die ganze Stadt von dem Selbstmord Kirilloffs und dem Brief, den
-er hinterlassen hatte. Die Polizei erschien zum Verhör bei Marja
-Ignatjewna, die noch bei Bewußtsein war. Und eben hierbei stellte es
-sich heraus, daß sie Kirilloffs Schreiben gar nicht gelesen hatte, warum
-sie aber zu dem Schluß gekommen war, daß auch ihr Mann tot sei --
-darüber konnte man von ihr nichts Vernünftiges erfahren. Sie schrie
-immer nur, wenn jener ermordet sei, dann sei auch ihr Mann ermordet,
-denn -- »sie waren zusammen, zusammen!« Gegen Mittag verlor sie das
-Bewußtsein; sie starb am übernächsten Tage, ohne noch einmal zu sich zu
-kommen. Das erkältete Kindchen starb noch vor ihr.
-
-Inzwischen war Arina Prochorowna bei Schatoffs angelangt: als sie weder
-die junge Mutter noch das Kind vorfand, sagte sie sich sofort, daß hier
-etwas Schlimmes geschehen sein müsse, und wollte schon wieder nach Haus
-zu ihrem Mann laufen, doch noch an der Pforte besann sie sich und
-schickte die Wärterin in den Flügel zu Kirilloff, damit sie sich bei
-diesem erkundige, ob er etwas wisse, oder ob die Kranke bei ihm war. Die
-Frau kam mit entsetztem Geschrei zurückgelaufen. Arina Prochorowna hielt
-ihr sofort den Mund zu und brachte sie mit dem bekannten Argument: »Wenn
-du was sagst, so wird man dich für die Schuldige halten!« zum Schweigen
-und verließ dann selbst schnell den Hof.
-
-Selbstredend erschien die Polizei noch am selben Morgen bei ihr, da sie
-ja Schatoffs Frau entbunden hatte. Es war aber nicht viel, was man von
-ihr erfuhr: kaltblütig und sehr sachlich erzählte sie, was sie bei
-Schatoffs gesehen und gehört hatte, doch von den letzten Vorfällen
-behauptete sie, weder etwas Näheres zu wissen, noch überhaupt das
-Geschehnis begreifen zu können.
-
-Man kann sich vorstellen, wie groß die Aufregung in der Stadt war.
-Wieder eine »Geschichte«, wieder ein Mord! Und jetzt kam noch etwas
-anderes hinzu: es war nun klar, daß es also doch eine geheime
-Verschwörerbande gab: revolutionäre Brandstifter, Aufrührer und Mörder.
-Der furchtbare Tod Lisas, die Ermordung der Frau Nicolai Stawrogins,
-Stawrogins Verhalten, der Brand, der Ball für die Gouvernanten, die
-Ungebundenheit in der Umgebung Julija Michailownas: das alles kam
-zusammen! Sogar in dem plötzlichen Verschwinden Stepan Trophimowitschs
-wollte man unbedingt etwas Bedeutsames sehen. Ja, es gingen schon sehr,
-sehr schlimme Urteile und Gerüchte über Stawrogin um. Am Abend dieses
-Tages erfuhr man auch die Abreise Pjotr Stepanowitschs, doch
-sonderbarerweise wurde darüber am allerwenigsten gesprochen -- am
-meisten dagegen sprach man von dem »Senator«, der aus Petersburg bereits
-eingetroffen sein sollte. Vor dem Filippoffschen Hause stand den ganzen
-Vormittag über eine ansehnliche Volksmenge. Die Polizei wurde durch
-Kirilloffs »Brief an die ganze Welt« zunächst tatsächlich irre gemacht.
-Man glaubte an die Ermordung Schatoffs durch Kirilloff und an den
-Selbstmord des »Mörders«. Übrigens glückte die Irreführung doch nicht so
-ganz. Das Wort »Park« zum Beispiel, das sich ohne nähere Ortsangabe in
-dem Brief fand, war für keinen ein Rätsel, wie Pjotr Stepanowitsch
-erwartet hatte. Die Polizei jagte vielmehr sofort nach Skworeschniki,
-und zwar nicht nur deshalb, weil es einen anderen Park weder in der
-Stadt noch in deren Umkreise gab, sondern gewissermaßen schon aus bloßem
-Instinkt, da doch alle Schrecken der letzten Tage teils mittelbar, teils
-unmittelbar mit Skworeschniki verbunden waren. (Ich muß hier bemerken,
-daß Warwara Petrowna schon am Morgen dieses Tages aus ihrem Stadthause
-auf die Suche nach Stepan Trophimowitsch ausgefahren war.) Die Leiche
-Schatoffs wurde am Abend desselben Tages im Teich gefunden: neben der
-Grotte hatten die Mörder in unglaublichem Leichtsinn Schatoffs Mütze
-liegen lassen, und von dort aus ließen sich dann deutliche Spuren bis
-zur Fundstelle verfolgen. Dieser Umstand sowie einige ärztliche
-Feststellungen bei der Leichenschau legten sofort den Verdacht nahe, daß
-Kirilloff Helfershelfer gehabt haben müsse. Man vermutete zunächst eine
-»Schatoff-Kirilloffsche geheime Gesellschaft«, die mit den
-Proklamationen irgendwie in Zusammenhang stehen mußte. Wer aber waren
-diese Leute? Von den »Unsrigen« ahnte man an diesem Tage noch nicht das
-geringste. Aus dem Briefe war nur hervorgegangen, daß Fedjka, den man
-überall vergeblich gesucht, gerade in diesen Tagen völlig unbemerkt bei
-Kirilloff hatte leben können! ... Der Hauptkummer aller blieb, daß man
-aus dem ganzen Wirrwarr der Tatsachen nichts Allgemeines und
-Zusammenhängendes kombinieren konnte. Und ganz unmöglich ist es
-abzusehen, zu welchen abenteuerlichen Folgerungen man noch gekommen
-wäre, wenn man nicht plötzlich, schon am anderen Tage, den ganzen wahren
-Sachverhalt erfahren hätte -- dank Lämschin.
-
-Der hielt es nicht aus. Es geschah mit ihm das, was sogar Pjotr
-Stepanowitsch zum Schluß vorauszufühlen begonnen hatte. Lämschin war
-zuerst der Obhut Tolkatschenkos, dann Erkels anvertraut worden und
-verbrachte diesen ganzen Tag im Bett: er lag, anscheinend ganz zahm, mit
-dem Gesicht zur Wand, sprach kein Wort und antwortete nicht einmal, wenn
-man zu ihm redete. So erfuhr er denn auch nichts davon, was in der Stadt
-geschah. Da fiel es aber Tolkatschenko, der natürlich alles wußte, gegen
-Abend ein, den von Pjotr Stepanowitsch ihm ausdrücklich gegebenen
-Auftrag, Lämschin zu bewachen, einfach abzuschütteln und die Stadt zu
-verlassen, d. h. sich einfach aus dem Staube zu machen. Wahrlich, Erkel
-hatte recht, als er sagte, sie hätten doch schon alle die Vernunft
-verloren. Hier mag gleich erwähnt sein, daß auch Liputin an eben diesem
-Tage aus der Stadt verschwand, und zwar schon am Morgen. Das erfuhr man
-aber erst am Abend des nächsten Tages, als die Polizei sich zu Liputin
-begab und dort nur dessen vor Angst über die Abwesenheit des Gatten und
-Vaters zitternde Familie vorfand. Doch ich fahre fort, von Lämschin zu
-erzählen. Kaum war er also allein geblieben (Erkel war, da er sich auf
-Tolkatschenko verlassen zu können glaubte, fortgegangen), als er sofort
-aus dem Hause lief und natürlich sehr bald die ganze Lage der Dinge
-erfuhr. Ohne nach Haus zurückzukehren, begann er zu laufen, weiter und
-immer weiter. Aber die Nacht war so dunkel und sein Vorhaben dermaßen
-grausig und schwer, daß er schon nach ein paar Straßen umkehrte und doch
-nach Hause ging, wo er sich für die ganze Nacht einschloß. Ich glaube,
-gegen Morgen machte er einen Selbstmordversuch; aber der mißlang ihm. So
-saß er in dem verschlossenen Zimmer bis zum Mittag des nächsten Tages,
-und -- plötzlich lief er schnurstracks auf die Polizei. Man sagte, er
-sei dort auf den Knien herumgerutscht, habe geschluchzt und gekreischt
-und die Diele geküßt, habe in einem fort geschrien, er sei nicht einmal
-wert, die Stiefel der vor ihm stehenden »Würdenträger« zu küssen. Man
-beruhigte ihn und war sehr freundlich zu ihm. Das Verhör zog sich durch
-ganze drei Stunden hin. Er gestand alles, alles, erzählte die letzten
-Einzelheiten, griff vor, überhastete sich mit seinen Geständnissen und
-mischte, ohne danach gefragt zu sein, alles mögliche Unnötige hinein. Im
-allgemeinen aber wußte er die Sache doch ganz anschaulich darzustellen:
-die Tragödie mit Schatoff und Kirilloff, die Feuersbrunst, die Ermordung
-der Lebädkins usw. traten als das Unwichtigere mehr in den Hintergrund;
-in den Vordergrund aber traten: Pjotr Stepanowitsch, der Geheimbund,
-seine Organisation, die Fünfergruppen, das Netz. Auf die Frage, warum
-man denn so viele Menschen ermordet, so viele Verbrechen begangen hatte,
-antwortete er mit eilfertigem Eifer: »Zur systematischen Erschütterung
-der Grundfesten und zur systematischen Zersetzung der ganzen
-Gesellschaft und alles bisher Bestehenden; um alle zu entmutigen und aus
-allem einen einzigen großen Brei zu machen, dann aber die auf diese
-Weise zerrüttete, kranke, zynische, ungläubige Masse, die sich jedoch
-bis zum äußersten nach einer leitenden Idee und nach Selbsterhaltung
-sehnt, -- plötzlich in die Hand zu nehmen, die Fahne des Bundes zu
-erheben und im übrigen sich auf das weitverzweigte Netz der
->Fünfergruppen< zu stützen, die inzwischen ihrerseits alle nicht müßig
-gewesen sind, Jünger geworben und praktisch alle Möglichkeiten geprüft
-und alle schwachen Stellen des Gegners ausfindig gemacht haben, so daß
-man genau weiß, wo er am besten zu fassen ist.« Er schloß mit der
-Mitteilung, daß hier in unserer Stadt von Pjotr Stepanowitsch nur der
-erste Versuch einer solchen systematisch hervorgerufenen Unordnung
-gemacht worden sei -- sozusagen eine Art Prüfung des Programms der
-ferneren Tätigkeit nicht nur dieser, sondern auch aller übrigen
-Fünfergruppen. Letzteres sei aber seine -- d. h. Lämschins -- eigene
-Vermutung und er bäte nur, daß man das alles nicht vergesse, vielmehr in
-Betracht ziehe, bis zu welchem Grade er aufrichtig sei und wie gut er
-den Sachverhalt klarlege, so daß er noch sehr nützlich sein könnte, wenn
-die Polizei sich seiner annehmen wollte. Auf die Frage, ob es viele
-solcher »Fünfergruppen« in Rußland gäbe, antwortete er, es gäbe ihrer
-eine unzählige Menge, die wie ein Netz ganz Rußland umspinne. Daran hat
-er, wie mir scheint, selbst vollkommen aufrichtig geglaubt, wenn er auch
-keine Beweise anführen konnte. Vorzeigen konnte er nur ein im Auslande
-gedrucktes Programm der Gesellschaft und ferner ein Projekt der
-»Entwicklung des Systems aller weiteren Handlungen«, das von Pjotr
-Stepanowitsch selbst geschrieben war. Es erwies sich, daß Lämschin den
-ganzen langen Satz von der »Erschütterung der Grundfesten« wortwörtlich,
-ohne ein Komma oder einen Punkt zu vergessen, nach diesem Blatt zitiert
-hatte, trotz seiner Beteuerung hinterher, daß es seine eigene Auffassung
-sei. Über Julija Michailowna äußerte er sich erstaunlich scherzhaft und
-sogar ohne gefragt zu sein, indem er wieder vorgriff, daß sie »ganz
-unschuldig« sei und man sie »nur zum besten« gehabt habe. Bemerkenswert
-ist aber, daß er auch Nicolai Stawrogin von jeder Teilnahme an dem
-Geheimbunde, sowie von jedem Einverständnis mit Pjotr Stepanowitsch
-freisprach. (Von den geheimnisvollen lächerlichen Hoffnungen Pjotr
-Stepanowitschs auf Stawrogin ahnte Lämschin natürlich nichts.) Auch die
-Ermordung der Lebädkins war nach seinen Worten von Pjotr Stepanowitsch
-ganz allein den Mördern befohlen worden, ohne jeden Anteil Stawrogins,
-und nur in der schlauen Absicht, diesen in ein Verbrechen
-hereinzuziehen, um dann über ihn Macht zu bekommen -- anstatt der
-Dankbarkeit aber, auf die er zweifellos gerechnet, habe Pjotr
-Stepanowitsch nur heftigen Unwillen und sogar Verzweiflung in dem
-»edlen« Nicolai Wszewolodowitsch hervorgerufen. Und zum Schluß fügte
-Lämschin in seinen Aussagen über Stawrogin noch hinzu -- übrigens
-gleichfalls ungefragt und sich überhastend, augenscheinlich in der
-Absicht, einen Wink zu geben --, daß dieser ein ungeheuer wichtiges Tier
-sei, nur müsse das unbedingt ein Geheimnis bleiben; aufgehalten habe er
-sich bei uns sozusagen inkognito, und dabei habe er hochwichtige geheime
-Aufträge gehabt, und deshalb sei es sehr möglich, daß er aus Petersburg
-bald wieder zu uns zurückkehren werde (Lämschin war überzeugt, daß
-Stawrogin in Petersburg sei), dann aber schon mit ganz anderen Aufträgen
-und mit einer Suite von solchen Persönlichkeiten, von denen man
-vielleicht auch bei uns schon bald hören werde, und alles das habe er
-von Pjotr Stepanowitsch gehört, dem »geheimen Feinde Nicolai
-Stawrogins«.
-
-Hierzu eine Randbemerkung: zwei Monate später gestand Lämschin, er habe
-Stawrogin absichtlich von allem freigesprochen, und zwar in der Hoffnung
-auf dessen Protektion: er habe geglaubt, Stawrogin werde ihm dann aus
-Dankbarkeit in Petersburg eine bedeutende Erleichterung seiner Strafe
-erwirken können und ihm vielleicht auch nach Sibirien Geld und
-Empfehlungen schicken. Aus diesem zweiten Geständnis ersieht man erst,
-wie hoch Stawrogin auch von einem Lämschin eingeschätzt wurde.
-
-Am selben Tage wurde natürlich auch Wirginski verhaftet, und im Eifer
-verhaftete man auch gleich seine ganze »Familie«. (Heute sind Arina
-Prochorowna, ihre Schwester und Tante sowie die Studentin schon längst
-wieder frei und es heißt sogar, auch Schigaleff werde in kürzester Zeit
-aus der Untersuchungshaft entlassen werden, da er in keine Kategorie der
-Angeklagten hineinpasse.) Wirginski bekannte sich sofort in allen Dingen
-schuldig: er war krank und hatte hohes Fieber, als man ihn verhaftete.
-Man erzählt, er habe sich fast gefreut: nun sei es »vom Herzen gewälzt«,
-soll er gesagt haben. Jetzt heißt es von ihm, daß er seine Aussagen
-wahrheitsgetreu und sogar mit einer gewissen Würde mache, doch von
-seinen »hellen Hoffnungen« noch immer nicht lasse und nur den
-politischen Weg, auf den er so unverhofft und unschuldig gelockt worden
-war, verwünsche (im Gegensatz zum sozialen). Sein Verhalten während des
-Verbrechens im Park soll, glaube ich, zur Milderung seiner Strafe in
-Betracht gezogen werden. Wenigstens behauptet man das allgemein bei uns.
-
-Anders steht es mit dem Schicksal Erkels. Der schweigt seit seiner
-Verhaftung hartnäckig, oder er entstellt die Wahrheit soviel er nur
-kann. Noch hat man kein einziges Wort der Reue aus ihm herauszuholen
-vermocht. Und doch hat er selbst in den strengsten Richtern Sympathie
-erweckt, -- durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch
-die erwiesene Tatsache, daß er nur das fanatische Opfer eines
-politischen Verführers ist, vor allem aber durch sein jetzt bekannt
-gewordenes Verhältnis zu seiner armen Mutter, der er monatlich fast die
-Hälfte seines kleinen Gehaltes zugeschickt hat. Seine Mutter ist jetzt
-hier: sie ist eine schwache, kranke, vorzeitig alt gewordene Frau. Sie
-weint und wirft sich -- es ist wortwörtlich zu nehmen -- den Richtern zu
-Füßen, um für ihren Sohn Gnade zu erflehen.
-
-Liputin wurde schließlich in Petersburg verhaftet, nachdem er dort zwei
-volle Wochen sich aufgehalten hatte. Mit ihm war etwas ganz
-Unwahrscheinliches geschehen, etwas, das man sich nur schwer erklären
-kann. Er, der einen Paß auf einen fremden Namen und bei beträchtlichen
-Geldmitteln durchaus die Möglichkeit hatte, ins Ausland zu entkommen,
-war trotzdem in Petersburg geblieben: eine Zeitlang hatte er Stawrogin
-und Pjotr Stepanowitsch gesucht, dann aber hatte er plötzlich zu trinken
-begonnen und ein über alle Maßen ausschweifendes Leben geführt, ganz wie
-ein Mensch, der jede gesunde Vernunft sowie jede Vorstellung von seiner
-Lage verloren hat. Verhaftet wurde er denn auch in einem Bordell, in
-betrunkenem Zustande. Jetzt soll er aber wieder zur Vernunft gekommen
-sein, durchaus nicht den Mut verloren haben, in seinen Aussagen lügen
-und zu der Gerichtsverhandlung sich mit einer gewissen Feierlichkeit und
-Hoffnungsfreudigkeit vorbereiten (?). Ja, er soll sogar die Absicht
-haben, vor Gericht eine Rede zu halten.
-
-Tolkatschenko dagegen, der irgendwo im Nachbarkreise zehn Tage nach
-seiner Flucht verhaftet wurde, verhält sich weit bescheidener, lügt
-nicht und verstellt sich nicht, sondern sagt alles, was er weiß, ohne
-sich dabei freisprechen zu wollen, ist aber gleichfalls ein wenig zum
-»Reden« geneigt: er spricht viel und gern, und wenn man auf die Kenntnis
-des Volkes und dessen revolutionäre (?) Elemente zu sprechen kommt, dann
-beginnt er sogar zu posieren und nach Effekt zu haschen. Auch er soll,
-wie man hört, eine Rede zur Gerichtsverhandlung vorbereiten. Überhaupt
-sind er und Liputin nicht allzu eingeschüchtert, und das ist eigentlich
-sonderbar.
-
-Wie gesagt, das gerichtliche Urteil in dieser Sache ist noch nicht
-gesprochen.
-
-Unsere Gesellschaft jedoch hat sich jetzt, nach drei Monaten, schon
-wieder einigermaßen erholt, gesammelt, und sich sogar eine eigene
-Meinung gebildet -- allerdings eine dermaßen eigene, daß jetzt viele bei
-uns Pjotr Stepanowitsch für ein Genie halten, oder doch wenigstens für
-einen Menschen mit »hoch genialen Anlagen«.
-
-»Da sieht man, was Organisation bedeutet!« sagt man im Klub und erhebt
-dabei den Finger. Übrigens ist das alles furchtbar harmlos, und
-schließlich sind es nicht einmal viele, die so reden.
-
-Andere dagegen urteilen weit weniger günstig über ihn, und wenn sie ihm
-auch eine große Begabung nicht absprechen, so tadeln sie doch seine
-vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit, bei schrecklicher Abstraktion
-und ungeheuerlicher und stumpfer Entwicklung nur nach einer Seite hin
-und daraus folgendem außergewöhnlichen Leichtsinn.
-
-Das Urteil über seine Moral ist natürlich bei allen das gleiche; darüber
-streitet schon niemand mehr.
-
-Ich weiß eigentlich nicht, wen ich der Vollständigkeit halber noch zu
-erwähnen hätte. Mawrikij Nicolajewitsch ist irgendwohin auf immer von
-hier weggereist. Lisas Mutter ist kindisch geworden ... Nur eine düstere
-Geschichte bleibt mir noch zu erzählen übrig. Ich werde mich mit den
-Tatsachen begnügen.
-
-Warwara Petrowna war nach ihrer Rückkehr mit der Leiche Stepan
-Trophimowitschs aus Ustjewo wieder in ihrem Stadthause abgestiegen. Die
-Neuigkeiten, die sich hier inzwischen angesammelt hatten und die sie nun
-alle mit einem Male erfuhr, erschütterten sie entsetzlich. Es war Abend;
-alle waren müde und man ging früher zu Bett.
-
-Am folgenden Morgen übergab die Kammerzofe Darja Pawlowna mit
-geheimnisvoller Miene einen Brief. Sie sagte, sie hätte ihn erst spät am
-Abend erhalten, als alle schon schliefen, und nicht gewagt, Darja
-Pawlowna aufzuwecken. Der Brief war nicht mit der Post gekommen, sondern
-in Skworeschniki von einem unbekannten Menschen Alexei Jegorowitsch
-eingehändigt worden. Dieser aber habe den Brief gestern Abend ihr -- der
-Kammerzofe -- selbst überbracht und sei darauf sofort nach Skworeschniki
-zurückgefahren.
-
-Darja Pawlowna betrachtete mit klopfendem Herzen lange diesen Brief und
-wagte nicht ihn zu öffnen. Sie wußte, von wem er war: so schrieb nur
-Nicolai Stawrogin. Sie las die Aufschrift auf dem Kuvert: »An Alexei
-Jegorytsch zur Übergabe an Darja Pawlowna, heimlich.«
-
-Hier ist dieser Brief, Wort für Wort, ohne Korrektur auch nur des
-geringsten Fehlers in den Sätzen dieses russischen Edelmannes, der
-ungeachtet seiner ganzen europäischen Bildung die Grammatik seiner
-Muttersprache nicht zu Ende gelernt hatte.
-
- »Liebe Darja Pawlowna,
-
- Sie wollten einmal >als Krankenschwester< zu mir kommen und nahmen
- mir das Wort ab, Sie zu rufen, wenn es nötig wird. Ich fahre in zwei
- Tagen und werde nie mehr wiederkehren. Wollen Sie mit mir gehen?
-
- Im vorigen Jahr habe ich mich wie seinerzeit Herzen als Bürger des
- Kantons Uri aufnehmen lassen, und das weiß niemand. Ich habe mir
- dort schon ein kleines Haus gekauft. Ich habe noch zwölftausend
- Rubel; wir fahren dann fort und werden dort ewig leben. Ich werde
- sonst niemals nirgend wohin mehr reisen.
-
- Die Stelle ist sehr öde, eine Schlucht; die Berge beengen den Blick
- und den Gedanken. Es ist sehr düster. Ich tat es, weil das kleine
- Haus gerade verkauft wurde. Wenn es Ihnen nicht gefällt, so verkaufe
- ich es und kaufe ein anderes an einem anderen Ort.
-
- Ich bin nicht gesund, aber von den Halluzinationen hoffe ich mich
- durch die dortige Luft zu befreien. Physisch; moralisch aber wissen
- Sie alles; nur, ist es auch wirklich alles?
-
- Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzählt. Aber nicht alles.
- Sogar Ihnen nicht alles! Übrigens, ich bestätige, daß ich mit dem
- Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie nachher
- nicht mehr gesehen und darum sage ich es hier. Schuld bin ich auch
- vor Lisaweta Nicolajewna; aber hiervon wissen Sie alles; hier haben
- Sie fast alles vorausgesagt.
-
- Kommen Sie lieber nicht. Daß ich Sie zu mir rufe, ist eine
- schreckliche Gemeinheit. Ja und warum sollten Sie auch mit mir Ihr
- Leben begraben? Mir sind Sie lieb und im Leid war es mir wohl bei
- Ihnen: nur bei Ihnen allein habe ich von mir laut sprechen können.
- Daraus folgt aber nichts. Sie haben es selbst geprägt: >als
- Krankenschwester< -- das ist Ihr Ausdruck; wozu so viel opfern?
- Begreifen Sie auch, daß ich Sie nicht bemitleide, wenn ich Sie rufe,
- und nicht achte, wenn ich Sie erwarte. Und währenddessen rufe ich
- Sie und erwarte ich Sie doch. Jedenfalls brauche ich Ihre Antwort,
- denn man muß sehr schnell fahren. In dem Falle werde ich allein
- fortfahren.
-
- Ich hoffe nichts von Uri; ich fahre einfach. Ich habe nicht mit
- Absicht diesen düsteren Ort gewählt. In Rußland bin ich an nichts
- gebunden, -- hier ist mir alles ebenso fremd wie überall. Es ist
- wahr, in Rußland liebte ich am allerwenigsten zu leben; aber selbst
- in Rußland habe ich nichts zu hassen vermocht!
-
- Ich habe überall meine Kraft versucht. Sie rieten mir einmal dazu:
- >um sich selbst zu erkennen<. In den Versuchen für mich selbst und
- in den Versuchen nach außen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie
- auch früher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als
- grenzenlos. Vor Ihren Augen ertrug ich die Ohrfeige von Ihrem
- Bruder. Ich bekannte öffentlich meine Ehe. Aber an was diese Kraft
- anlegen -- das ist es, was ich nie gesehen habe, auch jetzt nicht
- sehe, trotz Ihres Beifalls in der Schweiz und Ihres Zuspruchs, dem
- ich traute. Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch früher immer,
- eine gute Tat zu begehen wünschen und empfinde Vergnügen dabei;
- daneben aber will ich auch Böses und empfinde dabei gleichfalls
- Vergnügen. Aber dieses wie jenes Gefühl ist, ganz wie früher, immer
- zu klein und flach, sehr stark aber pflegt es nie zu sein. Meine
- Wünsche sind viel zu wenig stark; sie können nicht leiten. Auf einem
- Balken kann man über einen Fluß schwimmen, auf einem Holzspan aber
- nicht. Ich schreibe das nur, damit Sie nicht denken, daß ich mit
- irgendwelchen Hoffnungen nach Uri fahre.
-
- Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos
- ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschöpft:
- aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben
- mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, daß ich sogar
- auf unsere Verneiner mit Haß geblickt habe, aus Neid auf ihre
- Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefürchtet; ich konnte denen
- nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus
- Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das
- Lächerliche fürchte, -- das Lächerliche kann mich nicht schrecken,
- -- sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anständigen
- Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und
- Neid für sie hätte, so würde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen
- sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie
- ich mich hin und her gewälzt habe!
-
- Du, mein liebster Freund, Du zartes und großmütiges Geschöpf, das
- ich nun endlich erraten habe! Vielleicht träumen Sie davon, mir so
- viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schönem aus Ihrer
- wundervollen Seele zu überschütten, daß Sie hoffen, schon damit
- endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu können? Nein, Sie
- sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach
- sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglücklich sein. Ihr
- Bruder hat mir einmal gesagt, daß derjenige, der die Verbindung mit
- seiner Erde verliert, sofort auch seine Götter verliert, das heißt
- also alle seine Ziele. Über alles kann man endlos streiten, aber aus
- mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Großmut und ohne jede
- Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und
- schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und --
- erschoß sich: aber ich weiß doch, daß er deshalb hochherzig war,
- weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine
- Vernunft verlieren können und werde nie in dem Maße an eine Idee
- glauben können, wie er. Ich kann mich in dem Maße nicht einmal mit
- einer Idee beschäftigen. Nie, nie werde ich mich erschießen können!
-
- Ich weiß, daß ich mich töten müßte, mich wie ein scheußliches Insekt
- von der Erde wegfegen; aber ich fürchte den Selbstmord, denn ich
- fürchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich weiß, daß das noch ein
- Betrug sein würde, -- der letzte Betrug in der endlosen Reihe der
- Betrüge. Was hätte es für einen Nutzen, sich selbst zu betrügen, nur
- um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir
- niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung.
-
- Verzeihen Sie, daß ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur
- Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert
- Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen genügen, wenn man
- jemand >als Krankenschwester< ruft.
-
- Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim
- Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fünf Jahren in
- Petersburg in der wüsten Zeit gemacht. Niemand weiß es, daß ich bei
- ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse füge ich bei.
-
- Nicolai Stawrogin.«
-
-Darja Pawlowna ging sofort zu Warwara Petrowna und gab ihr den Brief.
-Diese las ihn durch und bat darauf Dascha, sie allein zu lassen, da sie
-den Brief noch einmal lesen wolle. Aber sie rief sie schon sehr bald
-zurück.
-
-»Wirst du fahren?« fragte sie fast zaghaft.
-
-»Ja, ich werde fahren,« antwortete Dascha.
-
-»Dann mach dich bereit! Wir fahren zusammen!«
-
-Dascha sah sie fragend an.
-
-»Was soll ich hier jetzt noch? Ist es nicht einerlei, wo ich weiterlebe?
-Ich werde mich gleichfalls in Uri aufnehmen lassen und in der Schlucht
-leben ... Sei unbesorgt, werde euch nicht stören.«
-
-Sie begannen schnell einzupacken, um noch mit dem Mittagzuge abfahren zu
-können. Es war aber noch keine halbe Stunde vergangen, als Alexei
-Jegorytsch aus Skworeschniki eintraf und meldete, daß Nicolai
-Wszewolodowitsch plötzlich am Morgen angekommen war, mit dem Frühzuge,
-und sich in Skworeschniki befinde, aber »in einem Zustande, daß der Herr
-auf die Fragen nicht zu antworten geruhten, durch alle Zimmer gingen,
-und sich dann in seiner Hälfte eingeschlossen haben ...«
-
-»Ich bin ohne Befehl des Herrn hergefahren, um zu melden,« fügte Alexei
-Jegorytsch verhalten, mit sehr aufmerksamem Blick hinzu.
-
-Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an und fragte nicht weiter. Im
-Augenblick war der Wagen bereit. Sie fuhr mit Dascha nach Skworeschniki.
-Während der Fahrt soll sie sich mehrmals bekreuzt haben.
-
-In »seiner Hälfte« waren alle Türen unverschlossen, doch Nicolai
-Wszewolodowitsch war nirgendwo zu finden.
-
-»Sollte der Herr nicht vielleicht im oberen Stock sein?« fragte
-Fomuschka vorsichtig.
-
-Es war sonderbar, daß diesmal mehrere Dienstboten Warwara Petrowna in
-die »Hälfte des Herrn« folgten, während die anderen im großen Saal
-warteten. Noch nie hatten sie es gewagt, so die Etikette zu
-überschreiten. Warwara Petrowna bemerkte es wohl, aber sie schwieg.
-
-Man stieg in den oberen Stock. Dort waren nur drei Zimmer, doch in
-keinem einzigen fand man ihn.
-
-»Ja, sollte der Herr nicht vielleicht dahin gegangen sein?« fragte
-jemand und wies auf die Tür zur Dachkammertreppe.
-
-Tatsächlich war diese sonst stets geschlossene kleine Tür zur Dachkammer
-diesmal offen. Eine schmale, lange und sehr steile Treppe führte hinauf.
-
-»Dorthin gehe ich nicht! Aus welchem Grunde hätte er dorthin gehen
-sollen?« fragte Warwara Petrowna, unheimlich erbleichend, und sah sich
-nach den Dienstboten um. Die sahen sie an und schwiegen. Dascha
-zitterte.
-
-Dann stürzte Warwara Petrowna die Treppe hinauf. Dascha folgte ihr. Doch
-kaum hatte Warwara Petrowna in die Dachkammer hineingesehen, als sie
-aufschrie und bewußtlos hinfiel.
-
-Der Bürger des Kantons Uri hing hier gleich hinter der kleinen Tür. Auf
-dem kleinen Tisch lag ein Stück Papier, auf dem mit Blei gekritzelt die
-Worte standen:
-
-»Niemanden beschuldigen. Ich selbst.«
-
-Auf demselben Tischchen lag ferner ein Hammer, ein Stück Seife und ein
-großer Nagel. Die starke seidene Schnur, mit der Nicolai Stawrogin sich
-erhängt hatte, war dick eingeseift. Alles wies auf volle Absicht hin und
-auf klares Bewußtsein bis zum letzten Augenblick.
-
-Die Annahme, daß die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn
-geschehen sei, wurde von unseren Ärzten nach der Obduktion mit aller
-Entschiedenheit zurückgewiesen.
-
-
-
-
- Erster Anhang.
- Material zum Roman »Die Dämonen«.
- Aus den Notizbüchern F. M. Dostojewskis[55]
-
-
- 1. Januar 1870.
-
-
- _Stawrogin_ (der Fürst)
-
-Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus gräflichem Hause,
-den Graf Tolstoi in »Kindheit und Jugend« dargestellt hat[56]. Ein Typ
-aus der Urbevölkerung, der unbewußt von seiner eigenen typischen Kraft
-beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht weiß, worauf sie sich
-aufbauen [fußfassen] könnte. Solche autochthonen Typen sind häufig
-entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie
-gehen bis zum Äußersten des Geißler- oder Skopzentums. Es ist das eine
-außergewöhnliche, für sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas
-verlangt und sucht, worauf sie Fuß fassen [stehen bleiben] und das sie
-sich zur Richtschnur nehmen könnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlösung von
-den Stürmen verlangt und die vorläufig doch unmöglich _nicht_ stürmen
-kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich
-schließlich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und
-Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch,
-urtümlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache
-Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine
-unumfaßbare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu
-Schmerzen und die sich während der Zeit des Suchens und des Umherirrens
-mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente stürzt, bis
-sie auf einer so starken Idee Fuß faßt, die ihrer unmittelbaren
-tierischen Kraft vollkommen proportional ist, -- auf einer Idee, die
-dermaßen stark ist, daß sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu
-weihevoller Stille beruhigen kann.
-
-Überhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist
-zurückgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig
-machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn für einen Nihilisten
-(z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein für einen Nihilisten. Nur
-Gr. sieht, daß das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er
-meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter
-ihnen gibt. Der Fürst spottlacht immer, was Gr. mißfällt und verletzt.
-Gr. denkt schließlich, W. habe den Fürsten in der Hand. Mitunter
-überraschen Gr. am Fürsten Ausbrüche sowohl von Ernst wie von Zartheit.
-Ein sehr ernstes Gespräch. Ein tiefer Zug, daß der Fürst sehr viel und
-aufmerksam zuhört. Aber die Mutter fürchtet ihn doch immer. W. nahm ihn
-schon in die Hand (d. h. er glaubte, daß es ihm gelungen sei), doch bald
-wurde es selbst dem sorglosen W. klar, daß das etwas anderes war. Er
-will übrigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U--ffs hin) den
-Fürsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist bloß leichtsinnig und
-sorglos, wenn es aber nötig ist -- sehr klug: er gewahrt plötzlich, daß
-er den Fürsten nicht in den Mord hineinziehen kann, daß es hier gar
-nicht das ist, was er vermutet hatte, daß der Fürst nur zuhört, schweigt
-und aufpaßt, ja sogar selbst auf Sch--ffs Seite steht. Da löst W. mit
-einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den
-Fürsten. Der Verdacht fällt dennoch zum Teil auf den Fürsten; doch nun
-nimmt plötzlich der Fürst selbst die Sache in die Hand und enthüllt
-sich.
-
-Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U--ff; dieser
-gesteht. Geht geradeswegs zum Zögling, zeigt ihr seine ganze tiefe
-Liebe, stellt aber Bedingungen -- sie ist mit Begeisterung
-einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Götzen zerstören und
-Schiffe verbrennen. Ist, falls nötig, bereit, sich von der Erbschaft
-loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fügt sich. Schreckt den
-Gouverneur und den großen Schriftsteller. Hat großmütig Mitleid mit der
-jungen Schönheit, die er brutal und schroff verstößt wegen eines
-leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn für
-einen Nihilisten und ließ es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu
-spielen; er ließ sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war
-nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und
-gewissensruhige Überzeugung.) Überhaupt: er überzeugt sich, daß ehrlich
-und besonders ein _neuer_ Mensch zu sein, nicht so leicht ist, daß dazu
-nicht Enthusiasmus allein genügt, was er auch ihr, dem Zögling seiner
-Mutter, erklärt: »Ich werde kein _neuer_ Mensch sein, ich bin viel zu
-unoriginell dazu,« sagt er, »aber ich habe endlich einige wertvolle
-Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will.« Doch vor jeder
-Wiedergeburt oder Auferstehung -- Selbstüberwindung; und deshalb: »du
-bist mir nötig, du wirst mich retten mit deiner Stille«. Er sagt:
-»Früher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind,
-jetzt aber sehe ich ein, daß die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die
-Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum müssen zuerst
-wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfäulnis, auf uns ruht der
-Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen.«
-
- 7. März 1870.
-
-
- _Stawrogin_ (Fürst)
-
-Der Fürst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmütiger
-Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der
-Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrücker der Bauern.
-
-Er ist _Ideenmensch_. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn
-ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie
-sich in ihm _verkörpert_, in seine Natur übergeht (immer mit Leiden und
-Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre
-sofortige Umsetzung in die Tat.
-
-Während seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine Überzeugungen
-geändert. Seine Überzeugungen ändern heißt für ihn sofort auch sein
-ganzes Leben ändern, so daß er schon mit der geheimen Absicht
-zurückkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen.
-Er ist plötzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist maßlos
-mißtrauisch und vermutet immer das Schlimmste, -- eine Erscheinung, die
-bei einem festen Menschen, für den sich entscheiden, die Schiffe
-verbrennen und handeln heißt, sehr verständlich ist. Dieser Mensch kann
-noch vor dem Entschluß zweifeln, wenn er noch nicht ganz überzeugt ist;
-zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner
-Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus.
-
-Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstüberwindung und daß Gott
-und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung,
-desgleichen die Freiheit.
-
- 11. März 1870.
-
-
- Der letzte Entwurf zum _Fürsten Stawrogin_
-
-Als der Fürst ankam, hatte er bereits alle Zweifel überwunden. Er ist --
-ein _neuer_ Mensch. Er bricht mit zwei Mädchen, beabsichtigt auch mit
-der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen
-geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut
-spöttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgültige
-Lösung und die große Idee gefunden hat. Er hört vorläufig alle an,
-widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmütig lustig über Gr., ist
-krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen
-Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und
-Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt -- da er endlich erraten
-will: worauf diese Menschen so fest stehen können? (_NB._ Mit W. frühere
-Beziehungen.) Einzig Goluboff erschüttert ihn, doch mit Enthusiasmus
-gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), daß dieses ganz und gar auch
-sein Gedanke ist, die von ihm gefundene Überzeugung. Er ist
-zurückgekehrt, um seine Verstöße, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder
-gutzumachen. Versöhnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin,
-tritt für die verübte Religionsspötterei ein, sucht die Mörder auf, und
-schließlich erklärt er feierlich dem Zögling, daß er sie liebt, erklärt
-die Bedingungen. Sie bestehen darin, daß er von nun an ein Russischer
-Mensch ist und daß man sogar an das glauben muß, was von ihm bei
-Goluboff gesagt wurde, (daß Rußland und der russische Gedanke die
-Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Während der
-ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die
-wildeste Energie in der neuen Überzeugung aus und setzt seine Mutter in
-Erstaunen. Dem Zögling sagt er, er habe sie beobachtet und sich
-überzeugt, daß er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie
-dieselben Überzeugungen hat. Und dann plötzlich erschießt er sich.
-
-
- _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_
-
-Der Hauptgedanke, an dem der Fürst krankt und den er in sich trägt, ist
-folgender: wir haben die Rechtgläubigkeit, unser Volk ist groß und
-schön, weil es glaubt und weil es die _Rechtgläubigkeit_ hat; wir Russen
-sind stark und stärker als alle, weil wir eine unermeßliche
-rechtgläubige Volksmasse haben. Würde im Volk der Glaube an die
-Rechtgläubigkeit wankend werden, so würde es sofort anfangen sich zu
-zersetzen, ein Vorgang, der bei den Völkern des Westens bereits begonnen
-hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus,
-Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebüßt, und hat ihn
-dort einbüßen _müssen_. (Bei uns ist natürlich die obere Volksschicht,
-die sogenannte höhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem
-Westen übernommen -- folglich hier nur »Gras im Feuer« und hat nichts zu
-bedeuten.)
-
-Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur
-jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schließlich sogar
-die Frage: _kann_ man überhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann,
-wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der
-Rechtgläubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine
-Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, früher begonnen,
-bei uns -- wird sie eben später beginnen, beginnen aber wird sie
-unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar
-unvermeidlich ist, so muß man sogar wünschen, daß es noch schneller
-geschehe -- je schneller desto besser.
-
-(Der Fürst bemerkt plötzlich, daß er mit den Anschauungen W--s
-übereinstimmt: daß alles verbrennen das Beste ist.)
-
-Es ergibt sich also folgendes:
-
-1. daß die geschäftigen Leute, die diese Frage für leer und überflüssig
-halten und glauben, daß man auch ohne sie auskommen könne, Pöbel und
-Insekten sind, Gras im Feuer;
-
-2. daß es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man
-zivilisiert, d. h. Europäer ist, überhaupt glauben? Ich meine:
-einwandlos an die Göttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben?
-(Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, daß man an Christi
-_Göttlichkeit_ glaubt.)
-
-_NB._ Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit
-einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, daß die Gesellschaft das reine
-Verständnis Christi nicht hat rein erhalten können (der Katholizismus
-ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist
-Molokanentum)[59].
-
-3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann),
-vermag dann die Menschheit überhaupt ohne Glauben zu leben (mit der
-Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen
-werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben
-bloß irgend etwas, so stürzt die _ganze_ sittliche Grundlage des
-Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine
-zieht das andere nach sich.
-
-Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein
-wissenschaftliches Ethos) überhaupt möglich?
-
-Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke
-aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtgläubig.
-
-Wenn aber die Rechtgläubigkeit für den Zivilisierten unmöglich ist (und
-in hundert Jahren wird halb Rußland zivilisiert sein), so ist folglich
-alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rußlands nur eine
-zeitweilige. Auf daß sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles
-unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben?
-
-Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lösen: Kann
-man überhaupt ernstlich und wahrhaft glauben?
-
-Hierin liegt _alles_, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes,
-seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zukünftiges Sein.
-
-Ist es aber unmöglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so
-unverzeihlich, wenn jemand verlangt, daß man alles verbrennen soll.
-Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes
-Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist
-selbstverständlich menschenfreundlicher.)
-
-Das also wäre das Rätsel?
-
-_NB._ Sie können natürlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung
-obiger Thesen vieles einwenden, können streiten, nicht zustimmen, z. B.
-von der gelehrten rechten Seite behaupten, daß das Christentum nicht in
-der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man
-Christus nur als gewöhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen
-auffaßt (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen
-Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum
-sei keineswegs eine Notwendigkeit für die Menschheit und durchaus nicht
-die _Quelle des lebendigen Lebens_ (die hitzigen Kleinen schreien ja
-schon, daß es sogar schädlich sei), daß z. B. die Wissenschaft der
-Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal
-geben könne. Diese Widersprüche sind natürlich zu erwarten, ist doch die
-Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie,
-Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist, daß
-Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlöser noch
-Quelle des Lebens sein kann, daß die Wissenschaft allein niemals das
-ganze menschliche Ideal erfüllen wird, und daß die Lebensquelle, die
-Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der
-Verzweiflung und die Bedingung _sine qua non_ für das Sein der ganzen
-Welt in diesen Worten enthalten ist: _Und das Wort ward Fleisch_, und im
-Glauben an diese Worte. Früher oder später werden doch alle darin
-übereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man
-an all das glauben, woran zu glauben die Rechtgläubigkeit befiehlt? Wenn
-nicht, so ist es viel besser und humaner -- alles zu verbrennen und sich
-Werchowenski anzuschließen.
-
-
- _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_
-
-_Der Fürst_: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz
-besonders hervor, daß diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als
-sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies
-ist, daß wir beide ihre unermeßliche Bedeutung und die unbedingte
-Notwendigkeit ihrer Lösung erkannt haben.«
-
-»_Ach!_ Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslösen!« rief Schatoff (d. h.
-also die langsame Zersetzung). »Besser ist, wir leben in der Gegenwart
-und erfüllen das Gegenwärtige, ohne daran zu zweifeln, daß weiterhin
-Gott helfen wird.«
-
-»Versuchen Sie es, so zu leben!« sagte der Fürst lachend und ging.
-
-
- _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_
-
-»Darum ist Werchowenski auch so ruhig,« sagt der Fürst, »weil er
-überzeugt ist, daß das Christentum für das lebendige Leben der
-Menschheit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar positiv
-schädlich sei, und daß die Menschheit, wenn man das Christentum
-vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, _wirklichem_ Leben aufleben
-würde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der
-Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch
-sie untergehen.«
-
-»Und was wird dann sein?«
-
-»Eine tote Maschine, die natürlich nicht zu verwirklichen ist, aber ...
-vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten
-wird man die Welt schon so weit ertöten können, daß sie vor Verzweiflung
-wirklich lieber wird tot sein wollen. >Berge fallt über uns und deckt
-uns zu.< Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der
-Wissenschaft sich für die Ernährung als unzureichend erweisen und es eng
-sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ...
-werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das
-andere geschieht. Es wird so sein müssen, besonders wenn die
-Wissenschaft es so für richtig hält).«
-
-»Erklären Sie das näher,« sagt Schatoff.
-
-»Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft
-weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich
-aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten müssen.
-Die Wissenschaft sagt: >Du bist nicht schuld daran, daß die Natur es so
-eingerichtet hat<, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb,
-folglich heißt es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der
-Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie,
-nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische
-Erfahrung bestätigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich,
-was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevölkerung ohne Nahrung
-und Heizmaterial aushalten können? Und wird dann die Wissenschaft zur
-rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen könnte? Das Verbrennen der
-Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im
-Menschen, _der einzig seinen eigenen Kräften überlassen ist_, -- sind
-bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden
-das vorläufig noch schändlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von
-vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir
-nicht einmal bemerken oder womöglich für Tugenden halten). Jetzt sehen
-Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum eine Notwendigkeit ist
-und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes für die Menschheit, die der Mensch
-allein, von sich aus, nie würde erlangt haben, -- wenn Sie glauben, daß
-der Mensch von seiner Wiege an in _unmittelbarer Verbindung mit Gott
-steht_, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der
-Erscheinung Christi, und schließlich, wenn Sie glauben, daß der Mensch,
-nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt,
-unfehlbar untergegangen wäre, und man folglich glauben _muß_, daß Gott
-mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, -- dann (d. h. wenn
-Sie sich dem Christentum ergeben haben) würden Sie sich niemals mit dem
-Gefühl des Kinder-Verbrennens aussöhnen. Da haben Sie jetzt eine
-vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthält nur das Christentum
-allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den
-Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der
-Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen
-und untergehen.
-
-Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn
-die Frage bloß darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die
-Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die
-Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu
-Gleichgültigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und
-aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch
-andererseits glaube ich fest, daß das Christentum die Menschheit retten
-würde.«
-
-_Schatoff_: »Wie, wie?«
-
-_Der Fürst_: »Es enthält alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so
-auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, daß alle Christusse wären,
-würde dann der Pauperismus überhaupt möglich sein? Im Christentum wäre
-sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial erträglich (nicht die
-Neugeborenen umbringen, sondern selbst für meinen Bruder sterben).«
-
-_Schatoff_: »Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?«
-
-_Der Fürst_: »Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch
-überhaupt glauben?
-
-Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten
-Plan. Übrigens, viele mühen sich darum, schreiben und reden darüber. Wir
-sorgen uns aus Leichtsinn und aus Ärger nur um das Gegenwärtige und
-glauben, das sei alles, was nötig ist. Andere wiederum denken sich
-verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, daß das
-Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation,
-nicht nur mit der gegenwärtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide
-wissen doch, daß das alles Unsinn ist und daß es nur zwei Initiativen
-gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich für das
-zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um
-festzustellen, was in seiner Kraft aus der Überzeugung kommt und was
-einfach nur aus der Natur.«
-
-
- _Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_
-
-_Schatoff_: »Wenn der Mensch sich verändern wird -- wie wird er dann mit
-seinem Verstande leben können? Der Besitz des Verstandes entspricht nur
-dem gegenwärtigen Organismus.«
-
-_Der Fürst_: »Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand überhaupt nötig
-sein wird?«
-
-_Schatoff_: »Was denn sonst? Wohl etwas Höheres?«
-
-_Der Fürst_: »Zweifellos etwas viel Höheres.«
-
-_Schatoff_: »Ja, kann es denn überhaupt etwas Höheres als den Verstand
-geben?«
-
-_Der Fürst_: »So fragt die Wissenschaft, aber -- sehen Sie, dort an der
-Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft weiß, daß sie ein Organismus
-ist, daß sie irgendein Leben lebt und Eindrücke hat, sogar ihre eigene
-Vorstellung, und Gott weiß was noch alles. Kann aber die Wissenschaft
-auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze
-erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natürlich nicht und das
-wird sie auch niemals können. Um das erfahren zu können, müßte man
-wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der
-Wissenschaft das unmöglich ist, so kann ich annehmen, daß sie mir auch
-das Wesen eines anderen höheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen
-vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner
-Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand
-mehr geben sollte.«
-
-»Sie haben mich ganz wirr gemacht,« sagt Schatoff, »aber ich werde von
-Ihnen nicht ablassen.«
-
-_Der Fürst_: »Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes,
-d. h. der Erkenntnis, für das höchste Sein von allen, die es überhaupt
-geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die
-Wissenschaft, sondern der Glaube, und schließlich kann man sagen, daß
-hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst
-zu schätzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit),
-ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt nötig. Ein jedes Wesen muß sich
-für das Allerhöchste halten. Die Wanze hält sich bestimmt für höher als
-Sie, und sie würde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz
-abgesehen davon, daß sie es nicht kann, sondern würde unbedingt gerade
-Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schließlich ist
-alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und
-merken Sie sich noch, daß der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade
-deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand über alles
-stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist,
-so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt
-verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, daß
-es höher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefühl
-der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der
-menschliche Verstand ist so eingerichtet, daß er beständig an sich nicht
-glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine
-Existenz für ungenügend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum
-Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar
-Übergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der
-Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen
-Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel
-fällt niemals, der Teufel ist so gefallen, daß er immer liegt, der
-Mensch fällt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden
-entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und
-die französische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, daß allen
-verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Umgeburt.
-Wer ist schuld daran, daß man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird
-natürlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein
-Resultat -- ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer
-eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, daß >die
-Zeit nicht mehr sein wird<, wie der Engel in der Apokalypse schwört. Und
-vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, daß die Teufel -- wissen!
-Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedächtnis,
-und nicht nur der Mensch allein, allerdings -- vielleicht nicht
-menschliche Erkenntnis und menschliches Gedächtnis. Sterben kann man gar
-nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist überhaupt nicht.«
-
-_Schatoff_: »Solcher Gespräche, wie das unsrige, gibt es in Rußland
-unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich über mich nur lustig
-machen?«
-
-»Und was wäre denn dabei so schlimm?« fragte der Fürst lachend.
-
-_Schatoff_: »Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtgläubigkeit
-als das Wesen Rußlands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie
-Sie, kann nicht darüber spotten.«
-
-_Der Fürst_: »Das tue ich ja auch gar nicht.«
-
-_Schatoff_: »Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich würde gern kein
-Buchmensch sein. Was muß ich dazu tun?«
-
-_Der Fürst_: »Glauben Sie.«
-
-_Schatoff_: »An die Rechtgläubigkeit und Rußland?«
-
-_Der Fürst_: »Ja.«
-
-_Schatoff_: »Ja, natürlich, dann ist man erlöst. Ich ... vielleicht
-glaube ich. Warum schweigen Sie?«
-
-_Der Fürst_: »Sie glauben also nicht.«
-
-_Schatoff_: »Und Sie?«
-
-_Der Fürst_: »Aber was habe ich denn damit zu tun?«
-
-_Schatoff_: »Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?«
-
-_Der Fürst_: »Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch
-auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: >ich werde nicht von
-Ihnen ablassen!< Das wünsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich
-wünsche, daß Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst.
-Ich habe meine Gründe ...«
-
-
- _Stepan Trophimowitsch Werchowenski_ und _Schatoff_
-
-_Stepan Trophimowitsch_ zitiert Tschatzki[61]:
-
- »Zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel,
- Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...«
-
-_Schatoff_ greift sofort auf: »Tschatzki begriff überhaupt nicht, als
-beschränkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er
-dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im stärksten
-Unwillen: >Den Wagen mir, den Wagen!< weil er nicht einmal fähig ist,
-von selbst darauf zu verfallen, daß man die Zeit auch anders als >zur
-Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel< verbringen kann -- sogar
-in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und für ihn
-existierte außer seinem Kreise überhaupt nichts, -- das ist der Grund,
-warum er über das Leben der höheren Moskauer Gesellschaft in solche
-Verzweiflung gerät, ganz als ob es außer diesem Leben in Rußland ein
-anderes gar nicht gegeben hätte. Das russische Volk übersah er einfach,
-wie dies alle unsere >Vorderen<[62] taten, übersah es um so mehr, je
-mehr er zu den >Vorderen< gehörte. Je mehr Herr er war und je mehr
-Vorderster, um so mehr empfand er Haß -- nicht gegen die russischen
-Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. Über das russische
-Volk, über seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine
-Bedeutung und seine große Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als
-über den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die
-Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und überhaupt
-alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64]
-
-Tschatzki ließ sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde
-in Paris leben zu können, Cousin zu hören und womöglich mit
-Tschaadajeffschem[65] oder Fürst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden
-oder, wenn er Freidenker war, mit einem Haß auf Rußland, wie etwa
-Belinski und _tutti quanti_[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht
-einmal vorstellen, daß es in Rußland noch eine andere Welt als die der
-Moskauer höheren Gesellschaft geben könnte, weil -- er selbst ein
-Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese
-stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klüger waren als er! Aber
-wenn er auch dumm war, dafür hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht
-von weitem her war, dafür war sein Gedanke doch originell -- denn damals
-waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie,
-was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wüßten, wie
-weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst
-tuenden Moskowitern zurückgeblieben sind, und dabei halten Sie und
-Ihresgleichen sich immer noch für >Vordere<! Wer auf den alten Formen
-des Liberalismus reitet, der ist schon zurückgeblieben. Die Form des
-Liberalismus muß immer originell sein, jede Generation muß eine neue
-haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner
-Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persönlichem Haß gegen
-Rußland endet, ist Rückstand und Blödsinn, Sie aber sehen das nicht ein
-und halten es noch für das Vorderste und Höchste, das es überhaupt gibt.
-
-Und bitte auch nicht zu vergessen, daß der Zar das Volk befreit hat,
-nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht
-einmal begriffen, daß die Zaren unvergleichlich liberaler und
-fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand
-mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das
-Volk zu befreien, war den Zaren schon längst vertraut, dem Dekabristen
-Tschatzki aber kam er überhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis
-wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter
-Kuratel gestellt, -- und warum nur? Waren sie denn so schlechte
-Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil
-sie einfach nicht origineller auf Rußland zu sehen verstanden, weil sie
-ihre Moskauer höhere Gesellschaft für ganz Rußland hielten. Ich könnte
-wetten, daß die Dekabristen das Volk sofort befreit hätten, bestimmt
-aber ohne ihm Land zu geben -- wofür das Volk ihnen unbedingt sofort die
-Köpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer größten Verwunderung bewiesen
-hätte, daß nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Rußland ausmacht.
-Aber, schließlich -- auch ohne Köpfe hätten sie nichts verstanden,
-obgleich es gerade ihre Köpfe waren, die sie am meisten am Verstehen
-hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Großen hat
-es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren«.[69]
-
-
- _Stepan Trophimowitsch_ und _Schatoff_
-
-»Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal
-daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und
-sündhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen über Gott, aber was
-für Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie
-verderbt, wie neidisch, wie ruhmsüchtig! Indem Sie Christus beseitigen
---, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schönheit und Güte aus der
-Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?«
-
-_Stepan Trophimowitsch_: »Ich glaube, hierüber ließe sich noch ein wenig
-streiten -- aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als
-an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen
-Schönheit zu verehren?«
-
-_Schatoff_: »Und zu gleicher Zeit doch nicht an >das Wort ward Fleisch<
-zu glauben, d. h. daß das Ideal leibhaftig gegenwärtig war, folglich auf
-Erden nicht unmöglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist?
-Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus
-ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, daß
-auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so
-himmlischen Glanze tatsächlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht
-nur geistig, als Ideal -- daß das sowohl möglich wie natürlich ist. Die
-Anhänger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergötterten,
-bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glück es ist, diese
-Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt
-nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die
-da sahen, welch ein Glück diese Leibhaftigkeit gab, kaum daß der Mensch
-anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer
-Schönheit zu nähern, -- wunderten sich, staunten, und wollten
-schließlich selbst diese Seligkeit genießen: sie wurden Christen und
-freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben
-darin, daß >das Wort< wirklich >Fleisch ward<. Darin liegt der ganze
-Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie
-niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und
-Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. Übrigens, Sie würden es ihr
-nehmen können, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen könnten.
-So zeigen Sie es doch!«
-
- * * * * *
-
-_Stepan Trophimowitsch_ sagt: »Immerhin muß man sich doch über das
-übermäßige Quantum Dummheit wundern, das in Rußland steckt.«
-
-_Der Fürst_: »Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von
-der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.«
-
-_Stepan Trophimowitsch_: »Die aber bei uns doch so viel Stützkraft
-gefunden haben und finden, und zu denen alles hinströmt, -- wenn auch
-die Hinströmenden meinetwegen nur Knaben und Mädchen sind, so sind es
-doch nicht zehnjährige, sondern immerhin zwanzig- und über
-zwanzigjährige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so
-dumm zu sein.«
-
-_Schatoff_: »Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst
-die Sechzigjährigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen?
-Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar
-Professoren und Direktoren und alle möglichen Autoritäten für die Idee
-der Aufteilung Rußlands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein!
-Ist das denn nicht ebenso dumm?
-
-Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor
-kurzem erzählte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren
-mit Belinski darüber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der
-Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation
-gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klüger? Ist denn die
-Idee, daß alle Völker des Westens national sein und wir sie deswegen
-achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden
-Volkes andächtig anerkennen müssen, die Russen aber unter keinen
-Umständen sie selbst sein dürfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken
-etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], -- ist diese Idee
-etwa nicht dümmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den
-Genossenschaften reden? Ja, genau genommen stützen sich diese Knaben
-gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat
-durch die Unkenntnis Rußlands und die Verleugnung seiner Selbständigkeit
-die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so
-stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhältnis zu
-jeder Gesellschaft, also dürfen sie sich auch nicht wundern oder sich
-beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, daß sie vor
-moralischen Pedanterien nicht zurückschrecken, sondern morden und
-brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie
-die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage
-Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen übergeben, sich von allem
-Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster
-einschreiben können. Folglich können alle, die das nicht wollen, auch
-mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.«
-
-
- _Schatoff_
-
-_Schatoff_ spricht während der Sitzung:
-
-»Ich schäme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu
-unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjährige
-Knaben sind klüger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind
-Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß alle, hingerissen von Ihrer
-Kühnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen
-zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie
-fest Sie glauben, daß das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte,
-endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschließen zu können. Sie
-sind ja sogar dermaßen davon überzeugt, daß Sie mit ruhigem Gewissen
-bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu
-morden. Sie sind so unreife Knaben, daß Sie nicht einmal die gewöhnliche
-Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen -- ganz abgesehen von alldem
-anderen --, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen
-kommen, zu Ihnen, den grünen Jungen! Sie sind dermaßen flach und dumm,
-daß Sie überzeugt sind, Sie hätten eine große Entdeckung gemacht, ohne
-auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, daß die Menschheit
-das alles wohl schon längst getan hätte, wenn das die Wahrheit wäre, und
-nicht tausend Jahre lang gelitten hätte, einzig um auf Sie zu warten.
-Sie schämen sich nicht, so zu lügen, wie Sie es in Ihren Proklamationen
-tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu übernaiv bemerken, dies
-sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und daß Sie
-genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich
-nicht einmal träumen, daß jede Lüge und jede Entstellung der Tatsachen
-in ungewöhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und daß dann die Menschen
-sehen werden, daß Sie absichtliche Lügner sind, und daß Ihnen dann
-niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest
-überzeugt, daß die Lügen weiter nichts auf sich hätten, daß sie vielmehr
-allen gefallen und die Menschen sich über Ihre geschickten Lügen nur
-freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im
-Stich lassen werden -- Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand --, um zu
-Ihnen überzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen -- ohne dabei
-selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schämen sich nicht, zu
-schreiben, daß Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar
-Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen
-auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und
-sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind
-überzeugt, daß alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden
-und sich nur nach den Aluminiumpalästen sehnen, in denen man nach
-Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Männer in besondere
-Zimmer führen kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, daß eine so
-kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein
-Spielzeug, nur verrät, daß Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft
-die Rute geben müßte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, daß Sie
-sich nicht einmal bemüht haben, die Proklamation sorgfältiger zu
-redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Rußland Ihrer
-Meinung nach verfahren könnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen
-und sich verwandeln soll, wird es sich nur über Ihre Dummheit wundern;
-doch wenn es sehen wird, daß Sie außerdem noch Bösewichter sind, wird es
-Sie als schädliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge
-beseitigen. Doch leider sind ja auch _Alle_ nicht klüger als Sie und das
-kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden
-losgelöst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben geführt und
-beständig unter Vormundschaft gelebt haben.«
-
-»Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges
-lieb gewonnen, um für dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht
-und Leichtsinn aufgehäuft. Wenn man sich um das Leben gemüht, wenn man
-es sich durch Arbeit erworben hätte, selbständig, mit Leid und Kampf,
-mit Mühen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch
-vor allen Dingen durch Arbeit -- die eigene Mühe ist ja die Hauptsache
---, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so hätte man
-Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es würden sich
-lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses
-Erlebte und Durchlebte würde allen teuer sein. Teuer wäre dann auch das
-Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch würde man die lebenden
-Tatmenschen schätzen, die dann einen ganz anderen Einfluß auf die
-Menschen hätten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt würde die
-Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser
-Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! -- diese
-deutsche Vormundschaft! O Gott, was für eine Lehre das ist! Es gibt kein
-einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus
-eigener Kraft hat retten können, -- selbst in der flammendsten
-Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, daß
-eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plünderer und
-Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein
-Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord
-anlocken und für sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, daß diese
-Gesellschaft überhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und daß
-dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schön gewesen sei!
-Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, daß das
-Volk sich schon vollständig, aber vollständig von Ihnen losgesagt hat!
-Nun wohl! -- versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter
-Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch
-schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!«
-
-Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch.
-wie außer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich
-einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom
-Volke haben ja gerade das bewirkt, daß die Gesellschaft erstens nichts
-mehr hat, was ihr teuer ist und wofür sie einstehen würde, und zweitens,
-da sie sieht, daß hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und
-es dafür einsteht und dabei ein so volles Leben lebt -- so hat das der
-Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgültig zu hassen, also
-gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff
-sagen wollte, als er von diesem Haß der Belinski und unserer sämtlichen
-Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Haß leugnen
-wollen, so ist es klar, daß sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es
-doch: sie glaubten, daß sie das Volk »hassend liebten«, und so sagten
-sie es auch von sich. Aber sie schämten sich nicht einmal ihres Ekels
-vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berührung kamen. (In der
-Theorie allerdings liebten sie es.)
-
-_Stepan Trophimowitsch_ (Gr.) sagt: »Ja, aber das Volk wurde doch ebenso
-bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, daß es
-russisches Volk geblieben und _nicht_ unter der Vormundschaft entartet
-ist und _nicht_ Rußland haßt.«
-
-_Schatoff_: »Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von
-Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort
-wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk für etwas
-Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler
-herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres,
-eigenes Leben ließ man ihm unangerührt, und wenn es auch viel zu
-erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, daß es auch
-sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen
-Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen
-hatten dann bald nur für Deutschland noch Liebe übrig, für ihr Vaterland
-aber und für ihr eigenes Volk nur Verachtung und Haß. So war es ja
-überall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse
-zu mißachten.«
-
-
- Fragen und Antworten
-
-»Sie bieten das Glück an. Aber selbst wenn wir annehmen, daß Sie im
-Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natürlich absurd ist,
-doch worüber ich vorläufig nicht streiten will), so ersieht man doch
-schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Köpfe
-unreif, flach und leichtsinnig sind und somit -- wie wenig sie zum
-Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht
-einsehen, daß eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine
-Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht
-so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen
-doch, daß alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf
-daß sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der
-Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenüber
-lossage, von seiner Persönlichkeit und ihrer Sicherstellung, -- dazu
-sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die
-gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet,
-und doch -- bis zu welch einem Grade ist sie noch überall unzureichend!
-So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltägliches
-Bedürfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was
-bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch
-unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf
-verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es
-auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen
-aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, daß alles auf
-Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und für nichts
-eine Garantie geboten werden soll, wenn's nicht gerade die
-Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie
-kurzweg, daß es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben
-werde und folglich seien Garantien gar nicht nötig. Aber so etwas kann
-doch nur ein Verrückter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so
-ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben.
-
-Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie
-wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen,
-von Gott und schließlich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie
-antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit
-erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht
-beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lösen? Und deshalb -- wie
-könnten denn alle sich Ihnen anschließen und sich sofort zu der neuen
-Gesellschaft umschaffen [umgebären]? Ihnen wird nur ein Häufchen
-leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswürdige, die Sie mit der
-Aussicht auf Plünderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in
-Jahrhunderten entstehen kann, wie können Sie dann versprechen, dasselbe
-in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstäblich ausdrücken)?
-Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine
-Verantwortung übernehmen Sie für die Ströme von Menschenblut, die Sie
-vergießen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reißen Sie auch nur nieder,
-weil das am leichtesten ist.«
-
-»Überhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Köpfe. Die
-zukünftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der
-allgemeinen Zerstörung, je schneller desto besser.«
-
-»Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es
-nicht weiß, wofür; hauen, brennen und plündern wird nur ein Haufe
-geheimer Bösewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm
-annehmen: Vernichtung der Persönlichkeit, des Eigentums, Gottes und der
-Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wäre,
-könnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in
-Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und
-selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plündern hinreißen lassen
-sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas
-anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und -- nun ja --
-vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres.«
-
-»Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, daß wenigstens eine Welt
-untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine
-mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein
-wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir
-oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder stürzen, und so weiter,
-bis schließlich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim
-ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: daß
-erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird.«
-
-»Aber auf Grund wessen sind Sie denn so überzeugt, daß Ihr Programm
-unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste
-Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen
-Volkes im besonderen? Sie können das Gegenteil doch mit nichts beweisen,
-höchstens den Einwand vorbringen, daß es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber
-es ist doch möglich, daß Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur
-deshalb so erscheint; dann aber können Sie doch nicht verlangen, daß
-alle übrigen Menschen ausschließlich zu diesem Zweck gleichfalls zu
-Dummköpfen werden, nur um Ihnen folgen zu können. Aber siehe da, Sie
-weigern sich ja, darüber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht für uns
-ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung
-und Überzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen
-scheinen, daß Streit unter allen Umständen Entwicklung der Sache ist.
-Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die
-gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren Überzeugungen nicht
-übereinstimmen.«
-
-»Alles das ist Unsinn und Finessen!«
-
-»Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, daß Ihr Programm
-richtig ist, wie können Sie dann das Verbrechen der Zerstörung auf Ihr
-Gewissen nehmen?«
-
-»Wir glauben aber, daß unser Programm richtig ist, und daß ein jeder,
-der es annimmt, glücklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch fürs
-Blut, denn nur mit Blut wird Glück erkauft.«
-
-»Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an
-Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich.«
-
-»Wir sind überzeugt, daß man es damit kaufen kann, und das genügt uns.«
-
-»Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: daß es Ihnen um keinen Preis
-gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen
-einige Plünderungen, Brandstiftungen, Morde und Verführungen, nehmen wir
-selbst an, daß Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk
-aber wird Sie dafür doch sofort aufknüpfen; nicht aber Ihr Programm
-annehmen, denn dieses Programm ist widernatürlich und außerdem auf der
-größten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der
-Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses
-Zuchthaus übersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und
-niemals wird er seine persönliche Freiheit für eine solche Knechtschaft
-verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier
-ausliefern.«
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Sie wollen morden und plündern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre
-tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten überall
-durchfielen und sich als nichtswürdige Bengel erwiesen.
-
-
- _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Stepanowitsch Werchowenski_
-
-»Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden muß. Damit (mit der
-Zerstörung) muß naturgemäß jede Sache beginnen; das weiß ich, und darum
-beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich weiß nur, daß man
-damit beginnen muß, alles übrige ist nur zeitraubendes Geschwätz. Alle
-diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen -- sind Unsinn. Je
-mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist's, denn auf
-diese Weise erhält man noch einige Zeit künstlich das Leben eines
-Dinges, das doch unbedingt sterben und einstürzen muß. Je schneller
-desto besser, je früher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst
-natürlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man muß alles zerstören,
-um das neue Gebäude aufbauen zu können, das alte Gebäude aber mit
-Stützen noch zu stützen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.«
-
-»Nun, z. B., du weißt, daß du früher oder später doch einmal sterben
-mußt, warum erschießt du dich denn nicht jetzt gleich -- je schneller
-desto besser?«
-
-»Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden muß.«
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich
-weiß, daß man es jetzt machen muß, und so mache ich es denn. Auch ihr
-wußtet das, du und deine Generation, doch ihr weintet bloß. Wir aber
-weinen nicht, sondern tun's einfach.«
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
- _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Werchowenski_
-
-»Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, hätte dabei aber nicht
-einmal einem Huhn etwas zuleide tun können.«
-
-»Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war
-Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm
-sagte, daß er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewußt habe.
-Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen
-zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich
-erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen
-Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des
-Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jüngling war[73]. Belinski
-wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D's, der
-Christus verteidigte, begann er Christus zu schmähen. >Und immer macht
-er, wenn ich schimpfe, eine so betrübte, niedergeschlagene
-Physiognomie,< sagte Belinski plötzlich, indem er mit dem gutmütigsten,
-unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufällig
-Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten
-Eisenbahnstrecke. >Ich kann nicht kaltblütig warten<, sagte Belinski zu
-ihm, >ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwählt und jeden Tag
-sehe ich mir den Bahnbau an.< Oh, wenn er, der Arme, gewußt hätte, mit
-welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die
-Erbauer der Bahn! Belinski sagte: >Ich bin nicht so wie die anderen, ich
-bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein
-werde, -- wird man erfahren, wen man begraben hat.<[74] D. schloß sich
-ihm an und begann über die Eisenbahn zu sprechen, dann über die
-zukünftigen Eisenbahnen überhaupt, über die Beheizung der Wagen und
-schließlich über die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer
-teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller
-Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden müsse.
-Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen
-Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen über diese, wie
-ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: >Brennholz will er mit
-der Eisenbahn befördern!< Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie
-sich vor, er glaubte wirklich, daß man mit der Eisenbahn nur Passagiere,
-von Waren aber höchstens die feinsten und wertvollsten _articles de
-Paris_{[280]} befördern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit
-... Aber er begriff doch mehr als alle.«
-
-»Dann haben alle wohl viel begriffen!«
-
-»Mein Freund, ich habe mich vom tätigen Leben zurückgezogen ... Jetzt
-unter den Tätigen sein, das will und kann ich nicht ...«
-
-»Ja, zu was könntest du jetzt auch noch taugen!«
-
-
- Charakteristik Pjotr Werchowenskis
-
-»Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben
-etwas an. Ich weiß nur, daß man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen
-kann, und das ist alles, worauf es ankommt.«
-
-Wenn er vom Volk spricht, bekundet er plötzlich in einem Punkt eine
-himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit
-(eine unbedingt so sonderbare, daß die Ungeheuerlichkeit sofort in die
-Augen springt.) Unter Gelächter wird er überführt, werden seine
-Behauptungen widerlegt; aber _bemerkenswert_ ist, daß ihn das nicht im
-geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fühlt
-sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltblütig
-und nachlässig nimmt er es hin:
-
-»Vielleicht ist es auch so,« sagt er, »aber das ist doch ganz einerlei,
-nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man jetzt einen Aufstand
-machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen.«
-
-Man antwortet ihm, daß auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen
-wird, wenn er nicht das Volk kennt, und daß die Proklamation eine
-Absurdität ist.
-
-»Das ist Unsinn,« antwortet er, »laßt mich nur eine Viertelstunde ohne
-Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen.«
-
-Man versichert ihm, daß das Volk weit fester sitze, er aber sagt: »Na,
-das ist erst recht Unsinn!« und weist auf die Tatsachen hin --
-Räuberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] --. »Und ihr seht es ja
-selbst ein, daß das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst
-verstummt und nichts mehr zu sagen wißt. (Auf die goldene Urkunde[76]
-hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht
-gehen?«)
-
-Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines
-Vaters (z. B., daß nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und
-der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er überhaupt
-keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu
-entgegnen, gibt sogar offen zu, daß er das nicht weiß, aber: »nicht
-darauf kommt es an«.
-
-Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig.
-
-Die Rede seines Vaters bei der Fürstin hat er nicht einmal gehört.
-
-Und dabei schlägt er den Vater doch vollkommen. (»Mit ihm kann man nicht
-streiten,« sagt der Vater.)
-
-Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal
-annähernd bekannt, er hat nur gehört, daß es so etwas wie Slawophile und
-Westler gibt, aber: »_alles das ist Unsinn_« und »nicht darum handelt es
-sich.«
-
-Schreibt sogar unorthographisch.
-
-
- Charakteristik Stepan Trophimowitschs
-
-Porträt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schönheiten.
-
-Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt.
-
-_Die charakteristischen Züge._ -- Eine lebenslängliche Ziellosigkeit und
-Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefühlen, unter der er früher
-gelitten hat, die aber jetzt zu seiner _zweiten Natur geworden_ ist.
-(Der Sohn macht sich darüber lustig.)
-
-Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein höchst charakteristischer Zug.)
-
-Wünscht sehnsüchtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den früheren
-Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen.
-
-Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die
-Überlebenden zurück (»ich und Timofei Granowski«).
-
-Er ist -- ein berühmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine
-kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche
-Aufzeichnungen über den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand
-zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich
-unbewußt auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten
-kommt -- liebt das. Spricht häufig ohne Fürwörter.
-
-Ist wirklich ehrlich, rein und hält sich für die tiefste Allwissenheit.
-Widerstandsunfähigkeit in Ansichtssachen.
-
-Großer Poet, jedoch nicht ohne Phrase.
-
-Hat das russische Leben ganz übersehen.
-
-»Tschurrt sich«[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht.
-
-55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen,
-Turgenjeff u. a.
-
-Liebt Champagner.
-
-Rolle eines Ssacks[78].
-
-Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Tränen vergossen.
-
-»Laßt mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab.«
-
-George Sand und seine Götzen blicken fortwährend durch den Ernst hervor.
-
-Echter Dichter. _Dies irae_, Goldenes Zeitalter, Griechische Götter! Ein
-inspiriertes Kapitel. Hat das Pekuniäre gut geordnet. Bildchen,
-Memoirchen (usw. in dieser Art).
-
-Sein Sohn wird im Auslande erzogen.
-
-Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger).
-
-_NB._ Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder.
-
-»Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig.«
-
-Ist klug und geistreich.[79]
-
-
-
-
- Zweiter Anhang.
- Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten Kapitel des Romans
- »Die Dämonen«[80]
-
-
- I.
-
-... Ungefähr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres
-Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das außerhalb der Stadt
-am Fluß lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich
-plötzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befühlte hastig und
-erregt seine Seitentasche, und -- ein Lächeln glitt über sein Gesicht.
-Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen
-Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden
-Bischof Tichon gelangen könnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals
-untertänigst vor ihm und bat ihn höflich, ihm zu folgen; doch an der
-Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistöckigen Klostergebäudes
-lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mönch den Gast geschickt und
-wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser führte nun Stawrogin
-durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls
-fortwährend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem
-Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer
-fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich
-Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mönch stellte auch noch
-verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber
-keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf,
-daß man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er
-sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei
-der letzten Tür des Korridors angelangt waren, blieb der Mönch stehen
-und öffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wäre,
-erkundigte sich familiär bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob
-man eintreten könne, stieß aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die
-Tür weit auf und ließ mit einer Verbeugung den »teuren« Gast an sich
-vorüber. Nachdem er aber den klingenden »Dank« empfangen hatte,
-verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut
-hätte.
-
-Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick
-erschien in der Tür des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war
-ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, in einem einfachen
-Leibrock, wie er unter dem Meßgewand getragen wird, ein Mensch, der dem
-Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lächeln hatte und
-einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen
-Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehört hatte.
-
-Stawrogin hatte inzwischen Näheres über ihn zu erfahren gesucht, doch
-was er an Urteilen über ihn zu hören bekam, war sehr verschieden und
-sogar äußerst widerspruchsvoll gewesen. Trotzdem hatten selbst die
-entgegengesetztesten Aussagen etwas Gemeinsames gehabt, und zwar: sowohl
-die Anhänger wie die Gegner Tichons (und solche gab es) hatten alle
-gleichsam irgend etwas von ihm verschwiegen -- die einen wahrscheinlich
-aus Geringschätzung oder Verachtung, die anderen, die Anhänger und sogar
-die leidenschaftlichsten, aus einer gewissen Scheu, als ob sie etwas von
-ihm hätten verheimlichen wollen, irgendeine seiner Schwächen, vielleicht
-sogar -- eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit. Stawrogin hatte erfahren,
-daß er schon seit sechs Jahren in unserem Kloster wohnte, und daß zu ihm
-nicht nur das einfache Volk pilgerte, sondern auch die angesehensten
-Persönlichkeiten fuhren, daß er sogar im fernen Petersburg
-leidenschaftliche Anhänger und vornehmlich Anhängerinnen hatte.
-Andererseits aber hatte er von einem würdevollen alten »Klubherrn«, und
-zwar einem gottesfürchtigen, gehört, daß »dieser Tichon« so gut wie
-vollkommen verrückt oder wenigstens ein ganz unbegabter Mensch sei und
-»zweifellos mitunter trinke«. Hierzu möchte ich von mir aus bemerken,
-obgleich ich damit vorgreife, daß letzteres entschieden nicht der
-Wahrheit entsprach; er hatte nur kranke Füße -- irgendein hartnäckiges
-rheumatisches Leiden -- und von Zeit zu Zeit war er irgendwelchen
-nervösen Krämpfen oder Anfällen unterworfen. Ferner hatte Stawrogin
-gehört, daß der zurückgezogene Bischof -- sei es aus Charakterschwäche
-oder aus einer »bei seinem Rang unverzeihlichen Nachlässigkeit« -- es
-nicht verstanden habe, im Kloster besondere Ehrfurcht für sich zu
-erwecken. Es hieß sogar, daß der Archimandrit, ein in seinen
-Amtspflichten sehr strenger Mann, der außerdem wegen seiner
-Gelehrsamkeit berühmt war, zu Tichon ein gewissermaßen feindliches
-Gefühl nähre und ihm -- natürlich nicht offen, sondern nur mittelbar --
-unordentliches Leben und fast Ketzerei vorwerfe. Die Brüderschaft des
-Klosters verhielt sich zu dem Kranken, wenn auch nicht gerade
-nachlässig, so doch, sagen wir, familiär.
-
-Die zwei Zimmer, aus denen die Zelle Tichons bestand, waren etwas
-sonderbar eingerichtet. Neben den klobigen alten Klostermöbeln, deren
-Lederbezug schon recht abgenutzt war, befanden sich daselbst drei oder
-vier elegante Gegenstände: ein teurer Lehnstuhl, ein prachtvoller großer
-Schreibtisch, ein teurer geschnitzter Bücherschrank, Tischchen und
-Etageren -- lauter geschenkte Sachen; auf dem Fußboden ein kostbarer
-bucharischer Teppich und neben ihm eine einfache geflochtene Matte. An
-den Wänden hingen Gravüren mit mythologischen oder »weltlichen«
-Darstellungen, in der Ecke aber war ein großer Heiligenschrank, dessen
-Heiligenbilder in Gold und Silber schimmerten. Eines von ihnen war sehr
-alt und enthielt Reliquien. Seine Bibliothek, hieß es, sollte
-gleichfalls sehr sonderbar zusammengesetzt sein: neben den Werken der
-großen Kirchenväter sollte sie Werke »der Theaterdichtkunst (!),
-vielleicht aber noch schlimmere« enthalten.
-
-Nach den ersten Begrüßungsworten, die aus einem ungewissen Grunde von
-beiden ein wenig befangen und sogar kaum verständlich ausgetauscht
-wurden, führte Tichon den Gast in sein Kabinett, wies ihm einen Platz
-neben dem Tisch auf dem Sofa an, und setzte sich selbst auf einen
-geflochtenen Lehnstuhl. Stawrogin war immer noch sehr zerstreut -- er
-schien es von einer inneren, bedrückenden Erregung zu sein. Man hätte
-glauben können, daß er sich zu etwas Ungewöhnlichem entschlossen habe,
-das, einmal getan, nicht mehr rückgängig zu machen wäre, dessen
-Erfüllung aber seine Kraft doch zu übersteigen schien. Er blickte sich
-im Zimmer um, doch augenscheinlich ohne etwas zu bemerken; er dachte,
-doch wußte er natürlich selbst nicht, was. Die Stille weckte ihn
-schließlich und es schien ihm plötzlich, daß Tichon gleichsam verschämt
-die Augen zu Boden gesenkt hielt und daß ein ganz überflüssiges,
-unbeholfenes Lächeln um seine Lippen spielte. Das rief sofort
-Widerwillen in ihm hervor; er wollte schon aufstehen und weggehen, um so
-mehr, als Tichon seiner Meinung nach entschieden betrunken war. Da erhob
-aber Tichon plötzlich die Augen und sah ihn mit einem so festen,
-gedankendurchdrungenen Blick an und zu gleicher Zeit mit einem so
-unerwarteten und rätselhaften Ausdruck, daß er fast zusammenfuhr. Es
-schien ihm plötzlich aus irgendeinem Grunde, daß Tichon schon wisse,
-warum er zu ihm gekommen war, daß man ihn schon von seinem Besuch
-benachrichtigt habe (obgleich kein Mensch in der ganzen Welt _diesen_
-Grund seines Besuches wissen konnte), und wenn er nicht als erster zu
-sprechen anfing, dies nur deshalb nicht tat, weil er ihn schonen wollte,
--- vielleicht weil er fürchtete, ihn zu demütigen.
-
-»Sie kennen mich?« fragte Stawrogin schroff. »Habe ich mich Ihnen
-vorgestellt oder nicht, als ich eintrat? Ich bin so zerstreut ...«
-
-»Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich habe Sie schon einmal vor
-vier Jahren gesehen, hier im Kloster ... zufällig.«
-
-Tichon sprach nicht schnell, gleichmäßig, mit einer weichen Stimme, und
-er sprach die Worte klar und deutlich aus.
-
-»Vor vier Jahren bin ich überhaupt nicht in diesem Kloster gewesen,«
-entgegnete Stawrogin in einem Ton, der an Grobheit grenzte; »nur als
-Knabe bin ich hier gewesen, als Sie noch gar nicht hier waren.«
-
-»Vielleicht haben Sie es vergessen?« bemerkte Tichon vorsichtig, doch
-ohne darauf zu bestehen.
-
-»Nein, ich habe es nicht vergessen; und es wäre auch lächerlich, wenn
-ich mich dessen nicht mehr erinnern würde,« bestand Stawrogin wiederum
-unverhältnismäßig heftig auf seiner Behauptung. »Sie haben vielleicht
-nur von mir gehört und sich dann irgendeine Vorstellung von mir gemacht,
-und so glauben Sie jetzt, daß Sie mich gesehen hätten.«
-
-Tichon schwieg. Da bemerkte Stawrogin, daß es über sein Gesicht zuweilen
-wie ein Nervenzucken lief, ein Kennzeichen seiner Krankheit.
-
-»Ich sehe nur, daß Sie heute nicht ganz wohl sind,« sagte er, »ich
-glaube, ich tue besser, wenn ich fortgehe.«
-
-Er erhob sich sogar vom Sofa.
-
-»Ja, ich fühle seit gestern starke Schmerzen in den Füßen, und in der
-Nacht habe ich wenig geschlafen ...«
-
-Tichon verstummte. Seinen Gast aber hatte die vorige Nachdenklichkeit
-schon von neuem und ganz plötzlich überfallen. Das Schweigen dauerte
-lange an, mehr als zwei Minuten.
-
-»Sie haben mich vorhin beobachtet?« fragte Stawrogin plötzlich erregt
-und mißtrauisch.
-
-»Ich habe Sie angesehen und mich dabei der Gesichtszüge Ihrer Mutter
-erinnert. Zwischen Ihnen und ihr ist bei äußerer Unähnlichkeit viel
-innere, geistige Ähnlichkeit.«
-
-»Durchaus keine Ähnlichkeit, besonders keine geistige. Sogar überhaupt
-keine!« rief Stawrogin wieder ganz unverhältnismäßig erregt und heftig.
-»Sie sagen das nur so aus Mitleid zu mir und ... Unsinn! ... Kommt denn
-meine Mutter hierher?«
-
-»Ja, zuweilen.«
-
-»Das wußte ich nicht. Habe es niemals von ihr gehört. Kommt sie oft?«
-
-»Fast in jedem Monat einmal; aber auch öfter.«
-
-»Habe es niemals gehört. Kein einziges Mal ... Nie gehört ... Sie haben
-dann natürlich von ihr schon erfahren, daß ich verrückt bin?« fügte er
-plötzlich hinzu.
-
-»Nein, nicht gerade verrückt. Übrigens habe ich auch von dieser
-Auffassung gehört, aber von anderen.«
-
-»Sie haben wohl ein gutes Gedächtnis, wenn Sie so viele Dummheiten
-behalten können. Und von der Ohrfeige haben Sie gleichfalls gehört?«
-
-»Ja, einiges.«
-
-»Das heißt also alles. Sie haben ja ungemein viel Zeit übrig. Und vom
-Duell?«
-
-»Auch vom Duell.«
-
-»Sie hören hier allerdings erstaunlich viel. Wozu druckt man bei uns
-eigentlich Zeitungen? Schatoff hat Ihnen wohl gesagt, daß ich kommen
-werde? Nicht?«
-
-»Nein. Ich kenne Herrn Schatoff, aber jetzt habe ich ihn lange nicht
-mehr gesehen.«
-
-»Hm. Was haben Sie dort für eine Karte? Sehe ich recht! Die Karte des
-letzten Krieges! Was machen Sie denn damit?«
-
-»Ich orientiere mich auf der Landkarte nach dem Text. Es ist eine
-interessante Beschreibung.«
-
-»Zeigen Sie; ja, das ist keine schlechte Darstellung. Aber doch eine
-sonderbare Lektüre für Sie.«
-
-Er zog das Buch zu sich heran und blickte flüchtig hinein. Es war eine
-umfangreiche Geschichte des letzten Krieges, gut dargestellt, --
-übrigens nicht so sehr vom militärischen als vielmehr vom rein
-literarischen Standpunkte aus. Nachdem er das Buch zu sich umgedreht
-hatte, schob er es plötzlich ungeduldig wieder zurück.
-
-»Ich weiß wirklich nicht, warum ich hergekommen bin!« stieß er gereizt
-hervor, Tichon gerade in die Augen blickend, als ob er von ihm eine
-Antwort darauf erwartete.
-
-»Sie scheinen auch nicht ganz gesund zu sein?«
-
-»Ja, ich bin nicht ganz gesund.«
-
-Und plötzlich erzählte er in kurzen, schroffen Worten -- manches war nur
-schwer zu verstehen --, daß er besonders nachts so etwas wie
-Halluzinationen unterworfen sei, daß er zuweilen irgendein boshaftes,
-ein spöttisches und »vernünftiges« Wesen neben sich sehe oder fühle, »in
-verschiedenen Gestalten und von verschiedenem Charakter, doch ist es
-stets ein und dasselbe Wesen -- ich aber ärgere mich dann immer ...«
-
-Wild und wirr war dieses Geständnis; man hätte wirklich glauben können,
-daß ein tatsächlich Wahnsinniger es machte. Doch bei alledem sprach
-Stawrogin mit einer so sonderbaren Aufrichtigkeit, wie sie wohl noch nie
-jemand an ihm gesehen hatte, mit einer Offenheit, die ihm sonst gar
-nicht eigen war, daß man glauben konnte, der frühere Mensch in ihm sei
-plötzlich -- und auch für ihn selbst ganz unverhofft -- spurlos
-verschwunden. Er schämte sich nicht im geringsten, die Angst zu zeigen,
-die er vor seinem Gespenst hatte. Doch das währte nur einen Augenblick
-und verschwand dann ebenso schnell, wie es sich eingestellt hatte.
-
-»Aber alles das ist natürlich Unsinn,« unterbrach er sich plötzlich
-ärgerlich. »Ich werde zum Arzt gehen.«
-
-»Tun Sie das unbedingt,« riet ihm Tichon zu.
-
-»Sie sagen das so bestimmt ... Haben Sie denn solche Menschen schon je
-gesehen, wie mich, mit solchen Erscheinungen?«
-
-»Ja, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich nur noch eines Offiziers,
-nach dem Tode seiner Frau, seines unersetzlichen Kameraden. Von einem
-anderen habe ich nur gehört. Beide sind sie im Auslande geheilt worden
-... Leiden Sie schon lange daran?«
-
-»Ungefähr seit einem Jahr, aber das ist ja alles Unsinn. Ich werde zum
-Arzt gehen. Das ganze ist ja doch nur ein Unsinn, ein furchtbarer
-Unsinn! Das bin ich selbst in verschiedenen Gestalten und weiter ist es
-nichts. -- Da ich soeben diese ... Phrase hinzugefügt habe, denken Sie
-jetzt gewiß, daß ich immer noch zweifle und mich noch nicht überzeugt
-habe, daß ich es bin und nicht wirklich der Teufel?«
-
-Tichon blickte ihn fragend an.
-
-»Und ... Sie sehen ihn wirklich?« fragte er, ohne die Erklärung
-Stawrogins, daß es ganz zweifellos eine krankhafte Halluzination sei,
-überhaupt zu beachten, »sehen Sie wirklich eine Gestalt?«
-
-»Sonderbar, daß Sie das noch fragen, nachdem ich Ihnen doch schon gesagt
-habe, daß ich ihn sehe,« entgegnete Stawrogin, nach jedem Wort mehr und
-mehr gereizt. »Selbstverständlich sehe ich ihn. Ich sehe ihn so, wie ich
-jetzt Sie vor mir sehe, zuweilen aber sehe ich ihn und bin doch nicht
-überzeugt, daß ich sehe, obgleich ich sehe ... zuweilen aber bin ich
-überzeugt, daß ich sehe, und ich weiß bloß nicht, wen ich sehe: mich
-oder ihn ... Ach, Unsinn ist das alles! Sie aber -- können Sie sich denn
-das ganz und gar nicht vorstellen, daß es wirklich ein Teufel ist?«
-fügte er lachend die Frage hinzu: er ging etwas gar zu schnell auf den
-spöttischen Ton über. »Das wäre doch Ihrem Beruf angemessener?«
-
-»Es ist wahrscheinlich nur Krankheit, wenn es auch ...«
-
-»Wenn es auch was?«
-
-»Wenn es auch Teufel zweifellos gibt, doch kann man sie sehr verschieden
-auffassen.«
-
-»Ich werde Ihnen sagen, warum Sie vorhin Ihren Blick senkten,«
-unterbrach ihn Stawrogin mit gereiztem Spott. »Sie schämten sich für
-mich, weil ich -- an den Teufel glaube, doch unter dem Anscheine, daß
-ich selbst nicht glaube, Ihnen schlau die Frage stellte: gibt es ihn in
-Wirklichkeit oder nicht?«
-
-Tichon lächelte unbestimmt.
-
-»Und wissen Sie, es steht Ihnen durchaus nicht, wenn Sie die Augen
-niederschlagen: es ist unnatürlich, geziert und lächerlich. Und um Ihnen
-in der Grobheit Genüge zu tun, werde ich Ihnen sofort vollkommen ernst
-und unverschämt die ganze Wahrheit sagen: ja, ich glaube an den Teufel,
-glaube kanonisch an ihn, an den Teufel als Persönlichkeit, nicht als
-Allegorie, und ich brauche überhaupt niemanden zu fragen oder etwas über
-ihn erfahren zu wollen, -- da haben Sie alles! Sie müssen jetzt sehr
-froh sein ...«
-
-Nervös, unnatürlich lachte er auf.
-
-Tichon blickte ihn mit einem weichen, beinahe ein wenig schüchternen
-Blick fast neugierig an.
-
-»Glauben Sie an Gott?« warf ihm plötzlich Stawrogin die Frage zu.
-
-»Ich glaube.«
-
-»Es steht doch geschrieben, wenn du glaubst und dem Berge befiehlst, von
-der Stelle zu rücken, so wird er von der Stelle rücken ... Übrigens,
-Blödsinn! Aber ich will Sie doch fragen: werden Sie einen Berg von der
-Stelle rücken oder nicht?«
-
-»Wenn Gott es befiehlt, werde ich auch Berge versetzen,« sagte Tichon
-leise und zurückhaltend, und allmählich senkte er wieder den Blick.
-
-»Nun, das ist ebensogut, wie: Gott macht es selbst. Nein, _Sie, Sie_,
-als Belohnung für den Glauben an Gott?«
-
-»Es kann sein, daß ich ihn vielleicht auch nicht von der Stelle rücken
-werde.«
-
-»>Vielleicht<? Das ist nicht übel. Warum zweifeln Sie denn?«
-
-»Ich glaube nicht vollkommen.«
-
-»Wie? _Sie_ nicht vollkommen? Nicht ganz?«
-
-»Ja ... vielleicht glaube ich nicht vollkommen.«
-
-»Nun! Aber wenigstens glauben Sie doch, daß Sie ihn mit Gottes Hilfe von
-der Stelle rücken würden, und das ist schließlich nicht wenig. Das ist
-immerhin mehr, als jenes >_très peu_<{[281]} eines, der gleichfalls
-Bischof, Erzbischof war ... Allerdings -- das ist wahr -- unter dem
-Säbel ... Sie sind natürlich auch Christ?«
-
-»Deines Kreuzes, Herr, werde ich mich nicht schämen,« sagte Tichon
-flüsternd, -- es war ein sonderbares Flüstern, und er senkte den Kopf
-noch tiefer. Seine Mundwinkel zuckten nervös.
-
-»Aber kann man auch an den Teufel glauben, wenn man überhaupt nicht an
-Gott glaubt?« fragte Stawrogin lächelnd.
-
-»Oh, sogar sehr, das tun fast alle,« sagte Tichon, erhob seinen Blick
-und lächelte gleichfalls.
-
-»Ich bin überzeugt, daß Sie solch einen Glauben immerhin achtbarer
-finden, als volle Glaubenslosigkeit ... Oh, Pope!« rief Stawrogin
-auflachend. Wieder lächelte Tichon ihm zu.
-
-»Im Gegenteil, der vollständige Atheismus ist weit achtbarer, als die
-weltliche Gleichgültigkeit,« entgegnete er heiter und gutmütig.
-
-»Oho, also so sind Sie!«
-
-»Der vollständige Atheist steht auf der vorletzten höchsten Stufe zum
-vollständigsten Glauben -- mag er sie dann betreten oder nicht --, der
-Gleichmütige dagegen hat überhaupt keinen Glauben außer einer schlechten
-Angst.«
-
-»Aber Sie ... -- Haben Sie die Apokalypse gelesen?«
-
-»Ja.«
-
-»Erinnern Sie sich der Stelle: >Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea
-schreibe ...<«
-
-»Ich weiß, wundervolle Worte.«
-
-»Wundervoll? Sonderbarer Ausdruck für einen Bischof, und überhaupt sind
-Sie ein Sonderling ... wo haben Sie hier das Buch?« fragte Stawrogin
-auffallend eilig und erregt und seine Augen suchten es auf dem Tisch,
-»ich will es Ihnen vorlesen ... haben Sie die russische Übersetzung?«
-
-»Ich weiß, ich kenne die Stelle, ich kenne sie ganz genau,« sagte
-Tichon.
-
-»Kennen Sie sie auswendig? Sagen Sie sie!« ...
-
-Er senkte schnell die Augen, stützte beide Hände auf die Knie und
-wartete ungeduldig.
-
-Tichon sagte Wort für Wort:
-
-»Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das saget Amen, der
-treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß
-deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder
-warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich
-dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich, und habe
-gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und
-jämmerlich, arm, blind und bloß ...«
-
-»Genug,« unterbrach ihn Stawrogin, »das ist für die Mittelsorte, für die
-Gleichmütigen, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe Sie sehr.«
-
-»Und ich Sie,« sagte Tichon halblaut.
-
-Stawrogin verstummte und versank wieder in seine Gedanken. Das kam wie
-ein Anfall über ihn, schon zum drittenmal. Und auch das »ich liebe Sie«
-hatte er wie in einem Anfall gesagt, wenigstens ganz überraschend für
-sich selbst. Es verging mehr als eine Minute.
-
-»Ärgere dich nicht,« sagte Tichon plötzlich ganz leise, und berührte mit
-dem Finger vorsichtig, als ob er sich scheue, seinen Ellenbogen.
-
-Stawrogin fuhr zusammen und runzelte unwillig die Stirn.
-
-»Woher wissen Sie, daß ich mich ärgerte?« fragte er hastig. Tichon
-wollte etwas sagen, doch er unterbrach ihn in ungewöhnlicher Erregung.
-
-»Warum glaubten Sie, daß ich mich unbedingt ärgern mußte? Ja, ich
-ärgerte mich, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich Ihnen
-gesagt hatte: >ich liebe Sie<. Sie haben recht, aber Sie sind ein grober
-Zyniker, niedrig denken Sie von der menschlichen Natur. Es hätte kein
-Ärger zu sein brauchen, wenn es nur ein anderen Mensch gewesen wäre, und
-nicht ich ... Übrigens, hier handelt es sich nicht um den Menschen,
-sondern um mich. Immerhin sind Sie ein Sonderling und ein
-Geistesschwacher ...«
-
-Er regte sich immer mehr auf und, sonderbar, tat sich in den Worten
-überhaupt keinen Zwang an:
-
-»Hören Sie, ich liebe keine Spione und Psychologen, wenigstens nicht
-solche, die in meine Seele kriechen. Ich rufe niemanden in meine Seele,
-ich brauche niemanden, ich verstehe mit mir selbst auszukommen. Sie
-glauben, daß ich Sie fürchte?« fragte er mit lauterer Stimme und erhob
-herausfordernd sein Gesicht. »Sie sind wohl vollkommen überzeugt, daß
-ich gekommen bin, Ihnen ein >furchtbares< Geheimnis zu offenbaren? Nun,
-so hören Sie denn, daß ich Ihnen überhaupt nichts sagen werde, nichts
-von einem Geheimnis, denn ich habe Sie überhaupt nicht nötig ...«
-
-»Es hat Sie betroffen gemacht, daß das Lamm den kalten mehr liebt als
-den bloß lauen,« sagte Tichon, »Sie wollen nicht _nur_ lau sein. Ich
-ahne es, daß eine ungewöhnliche, vielleicht furchtbare Absicht Sie
-quält. Wenn es so ist, so flehe ich Sie an, quälen Sie sich nicht und
-sagen Sie alles, womit Sie gekommen sind.«
-
-»Und Sie wissen es so genau, daß ich mit irgend etwas gekommen bin?«
-
-»Ich ... erriet es an Ihrem Gesicht,« flüsterte Tichon und senkte wieder
-den Blick.
-
-Stawrogin war etwas bleich und seine Hände zitterten ein wenig. Einige
-Sekunden lang sah er unbeweglich und stumm Tichon an, als ob er sich
-endgültig entschlösse. Dann zog er aus der Seitentasche seines Rockes
-irgendwelche Druckbogen hervor und legte sie auf den Tisch.
-
-»Das sind die Blätter, die zur Verbreitung bestimmt sind,« sagte er mit
-einer etwas stockenden Stimme. »Wenn auch nur ein einziger Mensch sie
-liest, dann, das sage ich Ihnen, werde ich sie nicht mehr verbergen,
-dann werden alle sie lesen. So ist es beschlossen. Ich habe Sie
-überhaupt nicht nötig, denn ich habe selbst schon alles bei mir
-beschlossen. Aber lesen Sie ... Während des Lesens sagen Sie nichts,
-aber wenn Sie es gelesen haben -- dann sagen Sie alles ...«
-
-»Soll ich?« fragte Tichon unentschlossen, zögernd.
-
-»Lesen Sie; ich bin schon längst ruhig.«
-
-»Nein, ohne Brille kann ich es nicht entziffern ... kleine Schrift ...
-ausländisch.«
-
-»Hier ist die Brille,« sagte Stawrogin, reichte sie ihm vom Tisch und
-lehnte sich zurück in die Ecke des Sofas. Tichon versenkte sich in die
-Lektüre.
-
-
- II.
-
-Der Druck war tatsächlich ausländisch -- drei broschierte Druckbogen von
-gewöhnlichem Postpapier kleineren Formats. Wahrscheinlich hatte er sie
-in einer der geheimen russischen Druckereien im Auslande setzen lassen.
-Auf den ersten Blick glichen sie sehr einer Proklamation. Als
-Überschrift stand: »Von Stawrogin«.
-
-Ich nehme dieses Dokument unverändert in meine Chronik auf.
-Wahrscheinlich kennen es jetzt schon viele. Ich habe mir nur erlaubt,
-die orthographischen Fehler zu korrigieren, die ziemlich zahlreich waren
-und die mich sogar gewissermaßen wundernahmen, da doch der Autor
-immerhin ein gebildeter und belesener Mensch war (natürlich relativ
-gesprochen). Im Stil dagegen habe ich nichts verändert, trotz der
-Unrichtigkeiten und sogar Unklarheiten. Jedenfalls ersieht man aus
-ihnen, daß der Verfasser kein Schriftsteller war.
-
-Nur eine Bemerkung will ich mir doch noch erlauben, obgleich ich damit
-vorgreife. Meiner Meinung nach ist dieses Dokument -- ein krankhaftes
-Erzeugnis, ein Werk des Teufels, der sich dieses Menschen bemächtigt
-hatte. Es ist, wie wenn ein Kranker, den ein großer, scharfer Schmerz
-peinigt, sich in seinem Bette wälzt, einzig in dem Verlangen, eine
-Stellung einzunehmen, die ihm wenigstens auf einen Augenblick
-Erleichterung schafft, oder nicht einmal Erleichterung, sondern bloß den
-alten Schmerz durch einen anderen Schmerz verdrängt, wenn auch nur auf
-einen Augenblick. Und dann kommt es ihm natürlich nicht mehr auf die
-Schönheit oder Vernünftigkeit der Stellung an. Der Ausgangspunkt dieses
-Dokuments war -- das furchtbare, ungeheuchelte Bedürfnis einer Strafe,
-einer öffentlichen Hinrichtung. Und dabei war dieses Bedürfnis, das
-Kreuz auf sich zu nehmen, in einem Menschen, der an das Kreuz nicht
-glaubte, -- »doch auch das macht schon eine Idee aus«, -- wie einmal
-Stepan Trophimowitsch gesagt hat, wenn auch in einem ganz anderen
-Zusammenhange.
-
-Und doch wirkt dabei das ganze Dokument wie etwas Wildes und Verwegenes,
-obgleich es anscheinend mit einer ganz anderen Absicht geschrieben
-worden ist. Der Autor erklärt darin, daß er das »unmöglich _nicht_
-schreiben konnte«, daß er dazu »gezwungen« war -- und das ist ziemlich
-wahrscheinlich: er hätte gern den Kelch umgangen, wenn er es gekonnt
-hätte, aber er konnte es, wie es scheint, tatsächlich nicht und griff
-nur nach der Möglichkeit einer neuen Gewalttat. Ja, fürwahr: ein Kranker
-wälzt sich auf dem Lager und will den einen Schmerz durch den anderen
-betäuben -- und siehe, da schien ihm der Kampf mit der Gesellschaft die
-leichteste Lage, und so wirft er denn der Gesellschaft die
-Herausforderung zu. Ja, schon aus der Tatsache, daß ein solches Dokument
-entstehen konnte, fühlt man eine neue, unerwartete und ehrfurchtslose
-Herausforderung der Gesellschaft. Da heißt es: nur schnell irgendeinen
-Feind finden ...
-
-Doch wer weiß, vielleicht ist das Ganze, d. h., sind diese Blätter mit
-der ihnen zugedachten Veröffentlichung -- wiederum nichts anderes, als
-ein gebissenes Gouverneursohr, nur in einer anderen Gestalt? Warum mir
-das sogar jetzt noch in den Sinn kommt, jetzt, nachdem sich schon so
-vieles erklärt hat, -- das weiß ich selbst nicht. Ich führe weiter keine
-Beweise an gegen eine etwaige Vermutung, die Tat, von der in dem
-Dokument die Rede ist, sei falsch, d. h., vollkommen erdichtet. Am
-wahrscheinlichsten ist, daß man die Wahrheit irgendwo in der Mitte
-suchen muß ... Doch ich greife zu weit vor; es ist besser, ich wende
-mich zu dem Dokument selbst zurück.
-
- * * * * *
-
-Und Tichon las folgendes:
-
-
-
-
- Anmerkung
-
-
-S. 160. Die Antwort Kirilloffs auf die Frage nach Gott ist ein absoluter
-Widerspruch, wie nein und ja: »_Jewó njet, no on jestj_«. Man könnte
-ebensogut sagen: »Er ist nicht, aber es gibt ihn.«
-
-S. 896 sagt Schatoff zu Kirilloff: »Gib mir, Bruder, ich gebe es dir
-morgen wieder.« Die Anrede mit dem Wort »Bruder« ist unter Russen so
-üblich, wie im Deutschen die Anrede mit »Freund« oder »Lieber«.
-
-Die russische Frau wird von russischen Männern häufig »Freund« genannt,
-obschon es die Form »Freundin« auch gibt. Es ist das psychologisch nicht
-unwichtig.
-
- _E. K. R._
-
-
-
-
- Fußnoten
-
-
-[1] Das Wort »bürgerlich« ist hier und im folgenden nur als
-parteipolitische Bezeichnung zu verstehen, wie es nach der französischen
-Revolution und besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von
-liberalen, für europäische Kultur und Bürgerfreiheit schwärmenden,
-republikanisch oder mindestens konstitutionell gesinnten Russen mit
-Stolz gebraucht wurde. Es bezeichnete unter den russischen
-Schillerianern den »sich seiner Würde bewußten Kulturmenschen«, im
-Gegensatz zum »Untertan« der herrschenden Autokratie. E. K. R.
-
-[2] Die Klassiker der russischen Literatur sind fast alle zeitweise
-verbannt gewesen oder haben unter geheimer polizeilicher Aufsicht
-gestanden. Vgl. S. 1119. Die nach Sibirien verbannten Dekabristen wurden
-geradezu als heilige Opfer verehrt. Vgl. Anm. S. 1093, 1094. E. K. R.
-
-[3] Ein Kreis junger Dichter in den dreißiger und vierziger
-Jahren. Lyriker, schwächere Romantiker, die sich fast alle den
-sozialen und politischen Fragen fernhielten. Ihre zum Teil
-melancholisch-pessimistischen Dichtungen wurden von dem berühmten
-Kritiker und »Realisten« Belinski alsbald schonungslos kritisiert und
-damit war ihr Ruhm untergraben. E. K. R.
-
-[4] Die vier bedeutendsten literarisch-politischen Persönlichkeiten
-derselben Zeit. Vgl. die Anmerkungen S. 1099, 1112, 1118 und 1081. E. K.
-R.
-
-[5] Der unter Nikolai I. gebräuchliche vorsichtige Ausdruck für das
-Eingreifen der politischen Geheimpolizei -- der sogenannten »Dritten
-Abteilung« --, vor der niemand sicher war. E. K. R.
-
-[6] D. h., er ist um Mitteilung seines politischen Bekenntnisses ersucht
-worden wegen einiger Äußerungen in einem Privatbrief über
-innerpolitische Maßnahmen (»Umstände«). Die Dritte Abteilung der
-Geheimpolizei kontrollierte auch die Privatkorrespondenz, und ein jeder,
-der zu einer Universität in Beziehung stand, galt unter Nikolai I.
-bereits für »verdächtig«. E. K. R.
-
-[7] Humoristische Anspielung auf die am 23. April 1849 in Petersburg
-verhafteten 30 »Petraschewzen«, von denen 20 -- unter diesen auch
-Dostojewski -- zum Tode verurteilt, doch zu Zuchthaus und Verbannung
-begnadigt wurden. Über die von einzelnen Petraschewzen geplante
-Fourier-Übersetzung vgl. Bd. XI der Ausgabe, »Autobiographische
-Schriften«, S. 87. E. K. R.
-
-[8] Die übliche Umschreibung für »von der Dritten Abteilung verfolgt,
-bezw. bestraft worden sein«. E. K. R.
-
-[9] Der unter Nikolai I. mundtot gemachten Fortschrittler. E. K. R.
-
-[10] Eine Art Whistspiel. Wörtlich: Unsinn, Wirrwarr. E. K. R.
-
-[11] Vgl. S. 1118, Anm. E. K. R.
-
-[12] Die ersten Jahre nach der drückenden Regierungszeit Nikolais I.
-(1825--55), als unter dem jungen »Zar-Befreier« die großen Reformen
-vorbereitet wurden, bis 1861, 62. E. K. R.
-
-[13] Die regierungsfeindlichen russischen Zeitschriften erschienen in
-der Schweiz und in London und waren in Rußland nur als Konterbande
-erhältlich. E. K. R.
-
-[14] Verfasser eines empfindsamen Buches über die Schrecken der
-Leibeigenschaft »Eine Reise von Petersburg nach Moskau«; wurde dafür
-sofort (1790) zum Tode verurteilt, doch schließlich nur in Ketten nach
-Ostsibirien verschickt, später von Paul I. begnadigt. Beging Selbstmord,
-als man ihm wieder mit Sibirien drohte. E. K. R.
-
-[15] Wjek, »Das Jahrhundert«, hier als Titel einer Zeitschrift gedacht.
-L. Kambek ein Kritiker. E. K. R.
-
-[16] Eine Redensart wie »am Ende der Welt,« wo Makar noch nie gewesen
-ist, unter jenen Umständen in Petersburg das Verbannungsland Sibirien.
-E. K. R.
-
-[17] Der Tag der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861. E. K. R.
-
-[18] Vgl. Vorbemerkung. E. K. R.
-
-[19] Eine Dorfgeschichte von Grigorowitsch, die 1847 eine neue
-Anschauungsweise einleitete (daß der Bauer auch ein Mensch sei) und der
-Literatur ein neues Stoffgebiet erschloß. E. K. R.
-
-[20] Der Führer einer größeren Schar aufsässiger Bauern nach der
-Bauernbefreiung. Vgl. S. 1115, 2. Anmerkung. E. K. R.
-
-[21] Der Aufstand der Polen im Jahre 1863 hatte zur Folge, daß der
-russische Nationalstolz mächtig hervorbrach. E. K. R.
-
-[22] Die beste deutsche Schule in Petersburg. E. K. R.
-
-[23] Fürst von Nowgorod, 1151--1202, fiel auf einem Eroberungszuge gegen
-die Polowzer. Anspielung auf den sorglosen Willen dieses Fürsten zu
-nationaler (normannischer!) Ausbreitung. E. K. R.
-
-[24] Gogol bekannte sich seit 1846 zur offiziellen Orthodoxie. E. K. R.
-
-[25] Vetter und Cousine dürfen sich nach den Satzungen der russischen
-Kirche nicht heiraten. E. K. R.
-
-[26] In Karmasinoff hat Dostojewski I. Turgenjeff karikiert. E. K. R.
-
-[27] Zu Kirilloffs eigenartig falscher Ausdrucksweise Näheres in der
-»Vorbemerkung«. E. K. R.
-
-[28] Der Held in Lermontoffs Roman »Der Held unserer Zeit«: Eroberer von
-Frauenherzen. E. K. R.
-
-[29] Die Gutsbesitzerin Frau Korobotschka in Gogols Roman »Die toten
-Seelen«: der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen alten Frau.
-E. K. R.
-
-[30] Antwort Gogols auf den Vorwurf, seine Menschen seien nur mit Spott
-und Verachtung geschaut, weshalb er auch nicht einen guten Zug an ihnen
-wahrgenommen habe. Dostojewski hat dagegen in seinem ersten Werk
-denselben unscheinbaren russischen Menschen als einen Träger größter
-Menschenliebe und seelischer Zartheit geschildert -- als Protest gegen
-Gogols Darstellung. E. K. R.
-
-[31] Volkstümliche Anrede der Droschkenkutscher. E. K. R.
-
-[32] Die orthodoxe Kirche ließ damals eine Ehescheidung noch nicht zu.
-E. K. R.
-
-[33] Teilnehmer an der Verschwörung und dem Aufstande gegen die
-Autokratie im Dezember 1825 -- meist Gardeoffiziere und die geistige
-Elite Rußlands. Die Führer wurden gehenkt, die übrigen auf Lebenszeit
-nach Sibirien verbannt (Siehe Anhang). E. K. R.
-
-[34] Im Roman »Väter und Söhne« -- der erste Versuch einer
-Charakterisierung des »Nihilisten«: von der Zensur sehr entstellt, da
-sie alle geschilderten guten Eigenschaften Basaroffs strich. E. K. R.
-
-[35] Der Typ eines Gutsbesitzers in Gogols Roman »Die toten Seelen«:
-»Ein durchtriebener leichtsinniger Kerl, Schwätzer, Lügner, unehrlicher
-Spieler ... der schnell mit jedem bekannt wird und, bevor man sich's
-versieht, einen duzt ... Er erzählte lügenhafte Anekdötchen, brachte
-Zwietracht zwischen Verlobte. Er war überhaupt sehr vielseitig und stets
-zu allem bereit. Was er tat, geschah aber nicht aus Gewinnsucht, sondern
-infolge einer eigentümlichen Sprunghaftigkeit und Unruhe des
-Charakters.« E. K. R.
-
-[36] Die altrussische Sitte, nach der Kinder ihre Eltern nicht duzen
-durften, besteht auch heute noch in allen guten russischen Familien,
-während das »Du« nur in herzlicher, unformeller Unterhaltung üblich ist.
-E. K. R.
-
-[37] Siehe Anmerkung S. 313. E. K. R.
-
-[38] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667--71. Freiheitsheld. 1671
-hingerichtet. E. K. R.
-
-[39] Burschikose Abkürzung für Petersburg. E. K. R.
-
-[40] 1861. Siehe Anm. S. 451. E. K. R.
-
-[41] Nach altrussischem Brauch werden Leichen in offenem Sarge auf den
-Kirchhof getragen, wo der Sarg erst vor der Versenkung in die Gruft
-geschlossen wird. E. K. R.
-
-[42] Siehe S. 307, 430, 431. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft
-durch Alexander II. (1861) machte sich alsbald unter dem zum Teil schwer
-geschädigten Landadel eine reaktionäre Gegenbewegung bemerkbar, die die
-Regierung zeitweilig nicht wenig beunruhigte. Zwanzig Jahre später
-konnte man ihr öffentlich die Schuld an dem Attentat auf den Zaren (13.
-III. 1881, einen Monat nach dem Tode Dostojewskis) zuschreiben, während
-es im Grunde eine Tat des »Terrorismus« war: gleich den vielen anderen
-Attentaten (seit 1866) eine Antwort der revolutionären Jugend auf die
-scharfen Maßnahmen gegen ihre Führer und Kameraden. E. K. R.
-
-[43] Berühmter Roman des »Realisten« und radikalen Publizisten
-Tschernyschewski (1828--1889, seit 1865 politischer Sträfling):
-geschrieben während der Untersuchungshaft 1863, als Kunstwerk belanglos,
-doch als anschauliche Vorführung der erstrebten Reformen -- u. a. die
-Möglichkeit der Ehescheidung -- von ungeheuerem Einfluß auf die Jugend.
-E. K. R.
-
-[44] Kondratij F. Rylejeff, geb. 1795, Dichter, von Puschkin und Byron
-beeinflußt, suchte durch Verherrlichung historischer Gestalten
-Bürgersinn und Unabhängigkeitsgefühl zu wecken, wurde als einer der 121
-»Dekabristen« (siehe Anm. Bd. I, S. 300) abgeurteilt und am 14. Juli
-1826 als einer der fünf zum Tode durch den Strang Verurteilten gehängt.
-Seine »Dumy« (historische Lieder der Ukraine) waren lange Zeit nur
-handschriftlich verbreitet. E. K. R.
-
-[45] Die orthodoxe Kirche schied damals noch keine Ehe, die in ihr
-geschlossen worden war, und grundsätzlich steht sie auch heute noch auf
-dem Standpunkt, daß eine Ehe »nur der Tod lösen darf«. E. K. R.
-
-[46] In den letzten Lebensjahren Belinskis ist Dostojewski (von
-1845--1848) an diesen Abenden persönlich zugegen gewesen. E. K. R.
-
-[47] Sekte der Schneidlinge, die ein legendäres Buch für die einzige
-göttliche Offenbarung hält. E. K. R.
-
-[48] Anspielung auf den Heiland der Geislersekte. E. K. R.
-
-[49] Die Hauptperson in Lermontoffs Roman »Der Held unserer Zeit«
-(1841), meist für ein Produkt des Byronismus in Rußland gehalten, im
-Grunde jedoch etwas typisch Russisches: ein skeptisch-blasierter
-»überflüssiger Mensch«, seelisch Nihilist, doch ohne die Kraft und den
-Enthusiasmus der späteren sogenannten »Nihilisten«, die Tolstoi »die
-einzigen Gläubigen« genannt hat und die z. T. auch hier in den »Dämonen«
-geschildert sind. E. K. R.
-
-[50] Bis zur Zeit der Aufklärung in Rußland verbreitete Vorstellung vom
-Weltall, dessen Maschinerie angeblich von Engeln aufgezogen wurde. E. K.
-R.
-
-[51] Die »gemäßigt« liberale Petersburger Tageszeitung »Die Stimme«,
-deren Bedeutung damals (1871) schon zurückgegangen war. Auch die übrigen
-Masken verspotten liberale oder nicht ausgesprochen nationalistische
-Zeitschriften. E. K. R.
-
-[52] Der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen Frau in Gogols
-Roman »Die toten Seelen«: in ihren Kombinationsversuchen kommt sie auf
-Vermutungen, die kein Mensch für möglich halten würde, -- eine
-Charakterzeichnung von so genialem Realismus, daß ihr Name bereits
-adjektivisch gebraucht wird. E. K. R.
-
-[53] Roman von Drushinin, der 1847 großen Beifall fand: der Mann
-verzeiht seiner reuig zuückgekehrten Frau und das Glück ist nachher
-»tiefer«. E. K. R.
-
-[54] Eine Art Whistspiel. E. K. R.
-
-[55] In formgetreuer Wiedergabe der zum Teil sprunghaft notierten Sätze.
-E. K. R.
-
-[56] Irtenjeff -- Tolstois jugendliches Selbstporträt. E. K. R.
-
-[57] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667--1670. Machte das Land von
-Kasan bis Persien unsicher, wollte dann gegen die unbeliebten
-moskauschen Bojaren ziehen, wurde jedoch geschlagen, gefangen und
-hingerichtet. Vielbesungener Freiheitsheld (s. S. 378). E. K. R.
-
-[58] Der als Gott-Vater angebetete Heilige der Geißlersekte. Mitte des
-XVII. Jahrhunderts. Spielt innerhalb der Sekte eine größere Rolle als
-der Papst im Katholizismus. Der jeweilige regierende Nachkomme Danilas
-nennt sich »Christus«. S. 650, 651, Anspielung, daß Stawrogin als »Prinz
-Iwan« mehr sein würde als ein »Iwan Filippowitsch«. Der »Zarewitsch
-Iwan« ist »der lichte Prinz« im russischen Märchen. E. K. R.
-
-[59] Molokanen (Milchesser), russische Sekte an der Wolga seit dem
-Anfang des XIX. Jahrhunderts, so genannt, da sie auch in der Fastenzeit
-Milch genießen. Protestantisch insofern, als sie die Bibel sehr hoch
-halten und die Entstehung der Sekte auf Berührung mit den
-protestantischen deutschen Kolonisten zurückzuführen ist. Im übrigen
-glauben sie das Urchristentum zu besitzen, und ein jeder kann sich die
-Heilige Schrift nach eigener Überzeugung auslegen. E. K. R.
-
-[60] Herzen, dem Sohn der Protestantin Louise Haag, war der um jeden
-Preis geforderte blinde orthodoxe Glaube der Slawophilen -- besonders
-der Romantiker unter diesen -- ebenso unmöglich, wie die mokante Skepsis
-seines Vaters, des russischen Aristokraten Jakowleff. Die Wissenschaft
-war für ihn »gleichfalls Liebe«. Das Gefühl der Religion ersetzte ihm
-eine hohe Meinung von der »Würde des Menschen«. Auf dieser Grundlage
-bekämpft Herzen das absolutistische Regierungssystem zunächst als
-Republikaner, in seinen letzten Lebensjahren jedoch nicht mehr als
-prinzipieller Antimonarchist. Als Fortsetzer der aufrufenden Arbeit
-Belinskis, als Publizist und glänzender Schriftsteller hatte er um die
-Mitte des 19. Jahrhunderts (1848--63) den größten Einfluß auf die
-geistige Entwicklung Rußlands. (Geb. 1812 in Moskau, seit 1847 Emigrant,
-1870 gest. in Paris.) Dostojewski hat erst später (1876 im »Jüngling«,
-1880 in der »Puschkinrede«) die Westler, zu denen Herzen, Belinski,
-Tschaadajeff und Granowski gezählt wurden, gleichfalls als Träger der
-»russischen Idee« anerkannt. E. K. R.
-
-[61] Die Hauptperson in Gribojedoffs klassischer Komödie »Verstand
-schafft Leid« (geschrieben 1823, durfte erst 1833 verstümmelt gedruckt
-werden): Tschatzki kehrt von seinen Reisen im Auslande, erfüllt von
-Heimatliebe, nach Moskau zurück, ärgert sich aber sogleich dermaßen über
-seine Landsleute, über ihren gedankenlosen Materialismus, ihr
-Strebertum, das für sie der einzige Antrieb zu ihrem Staatsdienst ist,
-über ihre stolzlose Ausländerverehrung, daß er noch am selben Tage in
-Verzweiflung nach seinem Wagen ruft, um wieder zu verreisen. Der
-aufrüttelnde Einfluß dieser im Originaltext bis in die sechziger Jahre
-nur handschriftlich, doch in ungezählten Tausenden von Exemplaren
-verbreiteten Satire ist nicht abzuschätzen: Die Jugend wollte sich nicht
-mehr zu diesen von D. von Wisin, Gribojedoff, Gogol usw. gezeigten
-Spiegelbildern der Gesellschaft entwickeln, gab in den dreißiger Jahren
-mit Tschaadajeff Rußland fast auf, nannte sich international, um in den
-vierziger Jahren mit Belinski, in den fünfziger Jahren mit Herzen, in
-den sechziger Jahren mit Tschernyschewski immer wieder -- wie diese --
-auf dem Umwege über Europa erst recht zu Rußland zurückzukehren. Ihr
-Anschluß an Dostojewski -- nach ihrem Anschluß an Tolstoi -- steht im
-wesentlichen erst noch bevor. E. K. R.
-
-[62] Die im Russischen übliche Bezeichnung für geistige Führer,
-Koryphäen, wie überhaupt für fortschrittlich gesinnte bedeutende
-Menschen. Hier von dem slawophilen Schatoff-Dostojewski in feindlich
-herabsetzendem Sinne gebraucht, da die Fortschrittler meist Westler
-waren oder für Westler gehalten wurden. E. K. R.
-
-[63] Siehe S. 300, Anm. Die Gründer des geheimen »Wohlfahrtsvereins« und
-der anderen Geheimbünde -- meist Offiziere, sowie ehemalige Freimaurer
-oder Söhne von solchen -- erstrebten anfangs (etwa 1816--18) nur eine
-freiheitliche Umgestaltung der russischen Autokratie nach westlichen
-Vorbildern (England). Doch ihr bedeutendster Vertreter, Oberst Paul von
-Pestel (Adjutant des Feldmarschalls Grafen Wittgenstein und Haupt des
-Südlichen Geheimbundes in Kiew) war von Anfang an für die Republik und
-die Beseitigung des Kaiserhauses. Pestel arbeitete für Rußland eine
-Verfassung in Anlehnung an die der Nordamerikanischen Staaten und der
-Schweiz aus, ging aber in vielem sehr viel weiter und plante bereits
-eine Bodenreform auf staatswirtschaftlicher Grundlage, weshalb er »ein
-Sozialist vor dem Sozialismus«, aber wegen seines Absolutismus auch
-»eher ein Bonaparte als ein Washington« genannt worden ist. Das Land
-sollte nach seinem Plan den Bauern überwiesen werden, da anderenfalls
-die Proklamation der Republik »nur eine leere Namensänderung wäre«. (Das
-hat Dostojewski noch nicht gewußt).
-
-Der plötzliche Tod Alexanders I. und die Ungewißheit über seinen
-Nachfolger verleitete die Geheimbündler zu einem verfrühten Aufstand (am
-14. Dezember 1825 -- daher »Dekabristen«), der von Nikolai I. mit
-Kartätschen niedergeschlagen wurde. Es folgten über 1000 Verhaftungen.
-Die Tragödie der Hinrichtung ihrer Führer durch den Strang (ursprünglich
-sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der
-»heilige« Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die
-übrigen als Sträflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung
-der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder während ihres sibirischen
-Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur
-Folge, daß die Dekabristen als Helden und Märtyrer verehrt wurden und so
-unzählige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen
-in Rußland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann
-auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein »Verbannter«
-und »Verfolgter« zu sein, zu erklären, und weshalb um diese beiden Worte
-ein gewisser »klassischer Glanz spielt« (siehe Seite 2.) Die
-literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil
-erst in jüngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt
-noch unveröffentlicht. E. K. R.
-
-[64] Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R.
-
-[65] Tschaadajeffs Vorliebe für den Papismus war so bekannt, daß sogar
-das Gerücht von seinem Übertritt eine Zeitlang glaubwürdig erschien. E.
-K. R.
-
-[66] Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine
-Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R.
-
-[67] In späteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter über
-Belinski. Vgl. Bd. XI., »Alte Erinnerungen«. E. K. R.
-
-[68] Günstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von
-Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjährigen
-Thronfolgers Iwan und Regent, im selben Jahr von dessen Mutter Anna
-Leopoldowna nach Sibirien verbannt, im nächsten Jahre von der Zarin
-Elisabeth zurückgerufen. Zeichnete sich durch Grausamkeit in der
-Regierung aus; ließ zwar vom Volk Abgaben für frühere Jahre eintreiben,
-verfolgte aber besonders den russischen Adel und die Geistlichkeit. E.
-K. R.
-
-[69] Raskol = Spaltung: Bezeichnung für die russische Kirchenspaltung,
-d. h. die Absonderung der sogenannten Altgläubigen von der Staatskirche
-wegen der Korrektur der Gesang- und Gebetbücher, die durch das
-Abschreiben immer fehlerhafter geworden waren und deshalb 1654 auf
-Anordnung des Patriarchen Nikon in ihrem richtigen Text neuhergestellt
-wurden. Mit diesem Raskol ist hier von Dostojewski die erste Absonderung
-einer unteren Volksschicht gemeint. Mit der zweiten Absonderung einer
-oberen Schicht seit Peter sind die Westler gemeint -- das Westlertum der
-russischen Herrenkaste als Folge der Europäisierung Rußlands durch Peter
-den Großen. E. K. R.
-
-[70] Dostojewski hat ursprünglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines
-Romans machen wollen, den bedeutenden »Westler«, der in einem Schreiben
-von Rußland gesagt hatte, es habe keine Geschichte, keine Tradition,
-»denn es hatte und hat keine leitende Idee, die Völker aber leben und
-gedeihen nur, wenn sie eine [eigene] Idee haben und verwirklichen.« Nach
-der Veröffentlichung seines »Schreibens« suchte Tschaadajeff sich in
-einer »Apologie« zu rechtfertigen, in der er seine Kritik Rußlands zum
-Teil abschwächt, doch auch so blieb sie für Dostojewski zeitlebens ein
-Dorn im Fleisch. E. K. R.
-
-[71] Anspielung auf Tschernyschewskis berühmten Roman »Was tun?« (1863),
-in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzählt
-werden (Aluminiumpaläste des Volkes, Arbeit bei Gesang, Wanderung nach
-dem Süden, freie Liebe usw.). Den ungeheuren Erfolg jedoch errang der
-phantastische Roman -- nach den künstlerisch hochwertigen, doch als
-Spiegelbilder der Gegenwart auf die Jugend »trostlos« wirkenden Werken
-Gogols, Herzens, Turgenjeffs -- durch die mit größtem Temperament und
-Optimismus gezeigte Rettungsmöglichkeit aus diesem »korrumpierten«
-Leben: »ins Volk« zu gehen, selbst wieder Volk zu werden. Die Ausführung
-dieser Idee durch die Helden des Romans wirkte dazu wie eine Offenbarung
-und bewog unzählige Menschen der gebildeten Schicht, ihr Leben hinfort
-buchstäblich unter dem Volk wie unter Gleichstehenden zu verbringen oder
-sich ihm ganz zu widmen. Die Möglichkeit zu gläubiger Hingabe war für
-sie natürlich wichtiger als die Frage nach dem künstlerischen Wert des
-Romans oder manchem selbstgeübten Dilettantismus. Zudem lag in dieser
-Idee etwas sehr Russisches, das einem noch unbewußten Triebe in den
-Menschen jener Zeit entgegenkam. Auch Tolstoi und viele andere sind ja
-später diesen Weg gegangen. Überdies waren die im Roman geschilderten
-Menschen in ihrer sich als Selbstverständlichkeit gebenden
-Menschlichkeit trotz aller Utopien so entwaffnend, wie es etwa hier in
-den »Dämonen« nicht die lauten Revolutionäre, sondern die fast stummen,
-doch im Innersten neuen Menschen sind. (Auch die vier starken, stolzen
-Frauengestalten in den »Dämonen« haben in der russischen Literatur viele
-Vorgängerinnen). Daher Dostojewskis Geständnis im 9. Kapitel: »Oh, wie
-quälte ihn dieses Buch!« usw. und seine wiederholten leidenschaftlichen
-Angriffe gegen die übernaiven Zukunftsträume in diesem Roman, die bei
-der Jugend die radikalsten politischen Forderungen zur Folge hatten,
-jeden lebenserfahrenen Menschen aber beängstigen mußten. E. K. R.
-
-[72] Näheres über diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der
-sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe
-»Autobiographische Schriften«, Seite 169--173. E. K. R.
-
-[73] D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten
-Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat
-Dostojewski später noch ausführlicher wiedergegeben: in Bd. XI,
-»Autobiographische Schriften«, Seite 313. E. K. R.
-
-[74] Belinski war schwindsüchtig und starb schon 1848, siebenunddreißig
-Jahre alt. (Auch seine späteren, von der Jugend gleichfalls
-angeschwärmten Nachfolger, die als Kritiker den Kampf gegen die »Kunst
-um der Kunst willen« immer radikaler fortsetzten, sind jung gestorben:
-Dobroljuboff 1861 mit vierundwanzig Jahren, Pissareff 1868 mit
-siebenundzwanzig Jahren. Dobroljuboffs Art, dem berühmten Turgenjeff
-Wahrheiten ungeniert ins Gesicht zu sagen, ist in der Unverfrorenheit
-Pjotr Werchowenskis gegenüber Karmasinoff wiedergegeben.) E. K. R.
-
-[75] Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in
-einem Petersburger öffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche
-Untersuchung des Falles ergab ein abschreckendes Bild von der
-großstädtischen Verrohung. E. K. R.
-
-[76] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den
-Bauern das Gerücht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in
-einer Goldenen Urkunde (sie glaubten, Zarenworte würden nur in Gold
-geschrieben) sei dies zu lesen, aber die Beamten und der Adel hätten die
-Urkunde unterdrückt. Gegen die aufsässigen, plündernden Bauernhaufen
-mußte wiederholt Militär vorgeschickt werden. E. K. R.
-
-[77] »Tschurr« heißt »Grenze«, doch bei Spielen im Freien zugleich: »Ich
-darf nicht angerührt werden! ich stehe außerhalb (der Grenzen) des
-Spiels!« -- Aus dem süddeutschen »Bonde!« und dem norddeutschen »Es
-brennt!« läßt sich keine ähnlich drastische Ableitung bilden, die das
-Verhalten Stepan Trophimowitschs so erschöpfend bezeichnete: die wenig
-männliche Art, sich persönlich vor einer Gefahr zu sichern, indem man
-sich mit einem billigen Mittelchen dem Kampfe entzieht, sich für
-unantastbar erklärt und »abgrenzt«.
-
-[78] In Drushinins Roman »Polinka Ssacks« der Gatte, der seiner Frau den
-Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E.
-K. R.
-
-[79] Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach
-dem schönen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessen
-Romane Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre noch Beifall
-gefunden hatten, ein Jahrzehnt später jedoch schon vergessen waren, --
-zum Teil nach dem bekannten Moskauer Geschichtsprofessor T. N.
-Granowski, dem Freunde von Herzen, Belinski, Bakunin, Stankewitsch u.
-a., die um 1840 im geistigen Leben Moskaus eine Rolle spielten. Auch
-Granowski war eine schöne Erscheinung, von gepflegtem Äußeren, das (nach
-Herzens Ausspruch) ein wenig an einen feinen protestantischen Pastor
-erinnerte. Seine Frau war eine Deutsche, kinderlos, in ihrer Erscheinung
-ihm so ähnlich, daß sie wie seine Schwester wirkte. Seit 1839 hielt
-Granowski, der bei den Studenten und freien Zuhörern sehr beliebt war,
-und auch sonst allgemein verehrt wurde, an der Moskauer philosophischen
-Fakultät seine Vorlesungen, doch war es ihm u. a. verboten, über die
-Reformation oder eine Revolution zu lesen, da die Aufgabe der seit dem
-Dekabristenaufstand vom Zaren gehaßten Universitäten nichts weiter sein
-sollte, als die Erziehung der Studenten »zu treuen Söhnen der orthodoxen
-Kirche, zu treuen Untertanen für den Kaiser und zu guten Bürgern für das
-Vaterland«. Während der Regierung Nikolais I. (1825--1855) hatte jeder
-Schriftsteller von einigem Wert unter dem geistigen Druck und den
-persönlichen Verfolgungen der Reaktion zu leiden. So war das
-»Verfolgtwerden« unbedingt eine Ehre. Stepan Trophimowitschs Ehrgeiz und
-zugleich Furchtsamkeit in der Beziehung ist durchaus lebenswahr
-geschildert, obschon sich für diesen Zug keine Porträtähnlichkeit
-nachweisen läßt: Kukolnik war in seinen patriotischen Dramen
-Überpatriot, Granowski als Westler zwar liberal gesinnt, doch ein
-Charakter, dem ähnliche kleine Eitelkeiten und Schwächen fern lagen.
-1876 schreibt Dostojewski selbst über Granowski: »Das war einer unserer
-ehrlichsten Stepan Trophimowitsche (in meinem Roman >Die Dämonen< der
-Typ des Idealisten der vierziger Jahre, den unsere Kritiker richtig
-gezeichnet fanden ...) und vielleicht sogar einer ohne den geringsten
-komischen Zug, der diesem Typ sonst leicht anhaftet ...« Während
-Granowskis Freunde, die Hegelverehrer Bakunin, Belinski, Herzen u. a.
-später Atheisten und Sozialisten wurden, blieb Granowski bei seinem
-Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und hielt es mit den deutschen
-Romantikern.
-
-Gegen diesen sogenannten »_Idealismus der vierziger Jahre_«, den Stepan
-Trophimowitsch vertritt, läßt Dostojewski die historischen Nachfolger
-dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr
-Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten »_Realismus der
-sechziger Jahre_« ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem
-unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri »Merci« und in
-Stepan Trophimowitschs »Dichtung in lyrisch-dramatischer Form«, wie in
-seiner unrussischen Schwärmerei für Abstraktionen) werden die von den
-Seminaristen vergötterten Naturwissenschaften und die angewandte
-entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt.
-
-Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwürfen sind Entgegnungen auf fast
-wörtlich wiedergegebene Aussprüche Bakunins, des Begründers des
-revolutionären Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff.
-
-Letzterer (Prototyp Pjotr Werchowenskis) hatte die Lehre Bakunins -- von
-der Notwendigkeit der radikalen Zerstörung der bisherigen
-Gesellschaftsform, damit die neue Form vom Volk nach ganz anderen,
-wirklich neuen Grundsätzen geschaffen werden könne -- sogleich in die
-Tat umzusetzen versucht und 1869 in Moskau die Mitglieder seines
-Geheimbundes zur Ermordung eines ihrer Genossen (des Studenten Iwanoff)
-zu zwingen gewußt. Wie W. Ssolowjoff hervorhebt, ist in den »Dämonen«
-»der Netschajeffprozeß vorweggenommen«. Der Roman war 1871 zum Teil
-schon gedruckt, als der Prozeß erst begann. (Näheres über Netschajeff
-und die Netschajewzen -- den »Prozeß der Siebenundachtzig« -- siehe Band
-XI, »Autobiographische Schriften«, S. 323--351.) Netschajeff selbst
-entkam zunächst nach der Schweiz, wurde aber 1872 an Rußland
-ausgeliefert und starb nach zwanzigjähriger Kerkerhaft im
-Schlüsselburger Gefängnis. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen
-Charakter von »stählerner Energie«. Seine Ideen über die
-»Pandestruktion« veröffentlichte er 1869 in Genf in einem Blatt, das er
-»Das Volksgericht« nannte. Pläne für den zukünftigen Aufbau wurden von
-ihm überhaupt nicht geduldet. Unter sein Bild schrieb er die Worte: »Das
-Werk der Zerstörung ist getan, -- das Werk des Aufbaus steht bevor und
-wird nicht nur eine Generation beschäftigen.« Von seinem Grundsatz, daß
-auch Jesuitismus und Macchiavellismus im Kampf der Klassen als Mittel
-anzuwenden seien, haben sich seine Lehrer Bakunin und andere Anarchisten
-alsbald losgesagt.
-
-In der Philosophie Kirilloffs hat Dostojewski die Gedanken Michael
-Bakunins wiedergegeben und weitergesponnen, -- wie übrigens auch in den
-folgenden Romanen »Der Jüngling«, »Die Brüder Karamasoff«, und in
-kleineren Werken. Bakunin wollte vor allem »die Idee >Gott< in den
-Menschen töten«.
-
-Vorläufer Stawrogins sind in gewissem Sinne fast alle Helden Puschkins.
-Aber auch Tschatzki und die Helden Lermontoffs, Gontscharoffs,
-Turgenjeffs u. a. sind eine Vorbereitung zu dieser Gestalt. E. K. R.
-
-[80] S. Bd. I, Vorbemerkung. E. K. R.
-
-
-
-
- Übersetzung französischer Textstellen
-
-
-{[1]} Sie haben mich wie eine alte Stoffmütze behandelt!
-
-{[2]} das heißt, ein [Narr], der meine Existenz einfach zerschmettern
-kann
-
-{[3]} in jedes Land, ..., wo Makar seine Kälber auf die Weide bringt
-
-{[4]} Ich bin ein [einfacher Schmarotzer], nichts mehr! Aber wirklich
-nichts mehr!
-
-{[5]} unter den Seminaristen
-
-{[6]} Lieber Freund
-
-{[7]} Blumenstrauß der Kaiserin (französische Parfümmarke)
-
-{[8]} für unser heiliges Rußland
-
-{[9]} aber lassen Sie uns unterscheiden
-
-{[10]} Unter uns gesagt
-
-{[11]} Haudegen
-
-{[12]} ausgezeichnete Freundin
-
-{[13]} Sie wissen, unter uns ... Mit einem Wort
-
-{[14]} um uns seine Macht zu zeigen
-
-{[15]} was für eine wilde Idee!
-
-{[16]} meine gute Freundin
-
-{[17]} Schönes Kind!
-
-{[18]} Aber, meine Liebe ...
-
-{[19]} Aber, meine gute Freudin
-
-{[20]} Und dann, da wir immer mehr Mönche als Gründe finden
-
-{[21]} Nun ja, Teuerste
-
-{[22]} und dann
-
-{[23]} Ein Hitzkopf, aber ein guter Mensch.
-
-{[24]} Oh, ein dumme Geschichte! Gute Freundin, ich habe auf Sie
-gewartet, um Ihnen zu erzählen ...
-
-{[25]} Alle klugen und fortschrittlichen Männer Rußlands waren, sind und
-werden immer [Kartenspieler] und [Trinker] sein
-
-{[26]} Aber, unter uns
-
-{[27]} Mein Liebster, ich bin ein ...
-
-{[28]} Aber sie ist ein Kind!
-
-{[29]} Ja, ich benutzte das falsche Wort ... Aber ... Es spielt keine
-Rolle ...
-
-{[30]} gleich
-
-{[31]} Ja, ja, ich kann nicht
-
-{[32]} diesem lieben Sohn
-
-{[33]} Er ist so ein Kindskopf!
-
-{[34]} Und schließlich das Lächerliche
-
-{[35]} Ich bin ein Galeerensträfling, ein Badinguet (Deckname Napoleons
-III. auf der Flucht), ein ...
-
-{[36]} Mir doch egal!
-
-{[37]} Das ist mir egal, und ich rufe die Freiheit aus! Zum Teufel mit
-Karmazinoff! Zum Teufel mit Lembke!
-
-{[38]} Sie werden mich unterstützen als Freund und Zeuge, nicht wahr?
-
-{[39]} ja, das ist das Wort
-
-{[40]} oder etwas in dieser Art
-
-{[41]} ich erinnere mich. Schließlich ...
-
-{[42]} er war wie ein kleiner Idiot
-
-{[43]} Wie!
-
-{[44]} von userem armen Freund
-
-{[45]} unser heiliges Rußland
-
-{[46]} Aber das geht vorbei.
-
-{[47]} ... zum Unglück. Sie werden mich begleiten, nicht wahr?
-
-{[48]} Oh großer, gütiger Gott!
-
-{[49]} und ich beginne zu glauben
-
-{[50]} In Gott? Ein Gott hoch oben, der groß und gütig ist?
-
-{[51]} Er tut alles, was ich will.
-
-{[52]} Gott, Gott! ... Endlich eine Minute Glück!
-
-{[53]} Sie und das Glück, Sie kommen zur gleichen Zeit!
-
-{[54]} Aber
-
-{[55]} ich war so nervös und krank. Und dann ...
-
-{[56]} Das ist ein Träumer von hier. Er ist der beste und jähzornigste
-Mann der Welt.
-
-{[57]} und sie werden ihm eine Gefälligkeit erweisen
-
-{[58]} Mein Freund!
-
-{[59]} Letztendlich ist es lächerlich.
-
-{[60]} Dieser Mawrikij
-
-{[61]} ein anständiger Mann, immerhin ...
-
-{[62]} an diese arme Freundin ... schließlich
-
-{[63]} Tante, Tante
-
-{[64]} Diese arme Tante
-
-{[65]} dieser Liputin, den ich nicht verstehe ...
-
-{[66]} Ich bin undankbar!
-
-{[67]} alles ist gesagt, ... Es ist schrecklich!
-
-{[68]} Sie ist ein Engel
-
-{[69]} Nun ja
-
-{[70]} schließlich
-
-{[71]} Die arme Freundin
-
-{[72]} Zwanzig Jahre!
-
-{[73]} Er ist ein Ekel. Doch, ...
-
-{[74]} ein anständiger Mann, immerhin
-
-{[75]} Diese Leute glauben, daß die Natur und die menschliche
-Gesellschaft in Wirklichkeit anders sind, als Gott sie gemacht hat
-
-{[76]} Mit dieser lieben Freundin
-
-{[77]} Aber laß uns von etwas anderem sprechen.
-
-{[78]} in der Schweiz
-
-{[79]} Das war dumm, aber was kann man tun? Alles ist gesagt.
-
-{[80]} Schließlich -- alles ist gesagt
-
-{[81]} Der liebe Gott
-
-{[82]} wenn es Wunder gibt?
-
-{[83]} und lasse alles gesagt sein!
-
-{[84]} was man Altar nennt!
-
-{[85]} Lassen Sie mich allein, mein Freund
-
-{[86]} sehen Sie
-
-{[87]} Aber Lisa, was haben Sie denn?
-
-{[88]} liebe Kusine
-
-{[89]} Aber meine gute und ausgezeichnete Freundin ... welche Unruhe!
-
-{[90]} das schmerzende Pochen
-
-{[91]} Kurz gesagt, das ist ein verlorender Mann, wie ein entlaufender
-Sträfling.
-
-{[92]} Das ist ein unredlicher Mann, und ich glaube, er ist ein
-entlaufender Sträfling oder etwas Ähnliches.
-
-{[93]} Peter, mein Kind
-
-{[94]} Aber mein Kind!
-
-{[95]} possenhafter Charakter
-
-{[96]} Sie haben Recht
-
-{[97]} Erhaben!
-
-{[98]} Sohn, lieber Sohn
-
-{[99]} Er lacht.
-
-{[100]} Sei's drum
-
-{[101]} Ja, das ist das Wort
-
-{[102]} Krach um seinen Namen machen, [ohne zu bemerken, daß] sein Name
-...
-
-{[103]} Er lacht. Er lacht viel ... Er lacht ständig
-
-{[104]} Umso besser. Doch lassen wir das.
-
-{[105]} Ich wollte ihn bekehren. [Sie lachen natürlich.] Das arme
-[Tantchen], sie wird Schönes zu hören kriegen!
-
-{[106]} Dort ist irgendwas Blindes und Verdächtiges.
-
-{[107]} Das sind einfach nur Faulenzer
-
-{[108]} Ihr seid Faulpelze! Eure Flagge ist ein Lumpen, machtlos!
-
-{[109]} Eine Dummheit dieser Art
-
-{[110]} Du verstehst es nicht. Doch lassen wir das.
-
-{[111]} Verstehen Sie?
-
-{[112]} Kalesche
-
-{[113]} gebührend
-
-{[114]} mit voller Kraft
-
-{[115]} wohltätiger Kauz
-
-{[116]} Quadrille der Literatur
-
-{[117]} Laßt ihr unreines Blut über unsere Felder fließen!
-
-{[118]} Keinen Zoll von unserer Erde, nicht einen Stein aus unserem
-Festungen!
-
-{[119]} Ja, dieser Vergleich ist erlaubt. Es war wie ein kleiner
-Donkosake, der auf seinem eigenen Grab hüpft.
-
-{[120]} Ich habe das vergessen.
-
-{[121]} Genug!
-
-{[122]} Teuerste, genug!
-
-{[123]} mangelndes Benehmen
-
-{[124]} ohne daß es sichtbar wird!
-
-{[125]} Vorwarnung
-
-{[126]} Endlich ein Freund!
-
-{[127]} Bitte entschuldigen Sie, Ich habe seinen Namen vergessen. Er ist
-nicht von hier, ... eine irgendwie dumme und deutsche Physignomie. Er
-heißt Rosenthal.
-
-{[128]} Sie kennen Ihn? Irgendeine Stumpfsinnigkeit und
-Selbstzufriedenheit ist in seiner Gestalt, und dennoch etwas Strenges,
-Steifes und Ernsthaftes.
-
-{[129]} Die kenne ich.
-
-{[130]} ja, ich erinnere mich, er hat dieses Wort benutzt
-
-{[131]} Er hält sich zurück
-
-{[132]} Jedenfalls schien er zu glauben, daß ich ihn angreife und direkt
-niederschlage. All die Leute aus den unteren Schichten sind so.
-
-{[133]} Seit zwanzig Jahren bin ich bereit.
-
-{[134]} Ich war würdevoll und ruhig.
-
-{[135]} und kurzum, all das
-
-{[136]} und einige meiner historischen, kritischen und politischen
-Entwürfe
-
-{[137]} Ja, so war es
-
-{[138]} Er war allein, ziemlich allein, [übrigens war noch jemand] im
-Vorzimmer, ja, ich erinnere mich. Und dann ...
-
-{[139]} Sehen Sie, ich war stark erregt. Er redete und redete ... über
-einen Haufen Sachen ...
-
-{[140]} Ich war stark erregt, aber würdevoll, seien Sie versichert.
-
-{[141]} Wissen Sie, er sprach den Namen Telätnikoff an
-
-{[142]} der mir immer noch fünfzehn Rubel vom Whist schuldet, nebenbei
-gesagt. Na ja, ich habe es nicht ganz verstanden.
-
-{[143]} was denken Sie? Letztendlich stimmte er zu
-
-{[144]} und nichts mehr
-
-{[145]} als Freunde, und ich bin voll und ganz einverstanden.
-
-{[146]} Meine Feinde ... und dann, wozu soll dieser Staatsanwalt gut
-sein, dieses Schwein von einem Staatsanwalt, der mich zweimal beleidigte
-und der letztes Jahr bei der charmanten und schönen Natalia Pawlowna
-eine feine Abreibung erhalten hatte, als er sich in ihrem Boudoir
-versteckte. Und dann, mein Freund
-
-{[147]} wenn man diese Dinge in seinem Zimmer hat, und wenn sie kommen
-um dich festzunehmen
-
-{[148]} Schick sie fort ... und es geht mir auf die Nerven.
-
-{[149]} Man muß vorbereitet sein, sehen Sie, ... jederzeit
-
-{[150]} Sehen Sie, mein Teuerster
-
-{[151]} Das kommt aus Petersburg
-
-{[152]} Sie haben mich mit diesen Leuten zusammengebracht!
-
-{[153]} Mit diesen Freidenkern der Feigheit!
-
-{[154]} Wissen Sie, ... als wenn ich hier eine Art Skandal produziere.
-
-{[155]} Meine Karriere ist heute beendet, ich fühle es.
-
-{[156]} Ich schwöre es Ihnen
-
-{[157]} Was wissen Sie davon
-
-{[158]} meine Karrriere is zu Ende
-
-{[159]} was wird sie sagen
-
-{[160]} Sie wird mich ihr ganzes Leben lang verdächtigen
-
-{[161]} Das ist unwahrscheinlich ... Und dann, die Frauen
-
-{[162]} Man muß würdevoll und ruhig bei Lembke sein.
-
-{[163]} Oh, glauben Sie mir, ich werde ruhig sein! ... auf dem Höhepunkt
-von allem, was am heiligsten ist ...
-
-{[164]} Gehen wir!
-
-{[165]} Alles für das Beste in der besten aller möglichen Welten.
-
-{[166]} Meine Stunde hat geschlagen.
-
-{[167]} Sie machen nichts als Dummheiten
-
-{[168]} Ausgezeichneter Freund!
-
-{[169]} Dieser liebe Mann
-
-{[170]} und da man überall mehr Mönche als Vernunft findet
-
-{[171]} Bezaubernd, die Mönche
-
-{[172]} aber lassen Sie uns hier abbrechen, meine Liebe
-
-{[173]} dieser lieben Freindin
-
-{[174]} in vollem Umfang
-
-{[175]} meine Damen
-
-{[176]} Das ist Dummheit in Reinform, etwa wie eine einfache Chemikalie.
-
-{[177]} nebenbei gesagt
-
-{[178]} Lockspitzel!
-
-{[179]} Möge Gott dir vergeben, mein Freund, und möge Gott dich
-beschützen.
-
-{[180]} mit der Zeit
-
-{[181]} Was mich betrifft
-
-{[182]} diese armen Leute haben manchmal so bezaubernde Worte voller
-Philosophie
-
-{[183]} Mein Kind!
-
-{[184]} Oh, das sind die armen kleinen Taugenichtse, sonst nichts, die
-kleinen [Närrchen] -- Das ist das Wort
-
-{[185]} Oh, gestern war er so geistreich
-
-{[186]} Welche Schande!
-
-{[187]} Charmante Dame, Sie werden mir vergeben, nicht wahr?
-
-{[188]} den Kindern
-
-{[189]} Sie werden mir verzeihen, nicht wahr
-
-{[190]} Arme Mutter!
-
-{[191]} Sie sind traurig, nicht wahr?
-
-{[192]} Wir sind alle traurig, aber wir müssen vergeben. Lisa, lassen
-sie uns vergeben
-
-{[193]} man muß vergeben, vergeben und vergeben!
-
-{[194]} zweiundzwanzig Jahre!
-
-{[195]} Im Haus des Kaufmanns, wenn es den Kaufmann denn gibt!
-
-{[196]} Aber wissen Sie wie spät es ist?
-
-{[197]} Existiert Rußland? Ha, das sind Sie, lieber Hauptmann!
-
-{[198]} Oh, mein Gott
-
-{[199]} Es lebe die Republik
-
-{[200]} Es lebe die demokratische, soziale und universale Republik, oder
-Tod! ... Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.
-
-{[201]} von Kirilloff, einem russischen Gentleman und Weltbürger
-
-{[202]} einem russischen Gentleman-Seminaristen und Bürger der
-zivilisierten Welt!
-
-{[203]} geborene Garin
-
-{[204]} Reisetasche
-
-{[205]} wie ein
-
-{[206]} Diesen Kaufmann
-
-{[207]} Es lebe die Fernstraße
-
-{[208]} Ich habe zusammen vierzig Rubel, er wird das Geld nehmen und
-mich trotzdem töten.
-
-{[209]} Gott sei Dank
-
-{[210]} unentschieden ... und dann
-
-{[211]} Das fängt beruhigend an.
-
-{[212]} Das ist sehr beruhigend ... das ist im höchsten Grad beruhigend
-
-{[213]} Ich bin jemand anderes.
-
-{[214]} aber schließlich
-
-{[215]} Das ist reizend
-
-{[216]} Ja, so könnte man das übersetzen.
-
-{[217]} Das ist sogar besser, ich habe vierzig Rubel, aber ...
-
-{[218]} Um es auszusprechen
-
-{[219]} meine Freunde
-
-{[220]} Sie wollte es
-
-{[221]} Ach wie schön!
-
-{[222]} einen Fingerbreit Wodka
-
-{[223]} ein kleines bißchen
-
-{[224]} Ich bin ziemlich krank, aber es ist nicht schlimm, krank zu sein
-
-{[225]} Eine Dame, die auch so aussah
-
-{[226]} Ah ... aber ich glaube das ist das Evangelium ...
-
-{[227]} Sie sind, was man eine Bibelverkäuferin nennt?
-
-{[228]} Ich habe nichts gegen des Evangelium, und ...
-
-{[229]} Das Leben Jesu
-
-{[230]} Mir scheint es, daß alle nach Spassoff gehen ...
-
-{[231]} Aber sie ist eine Dame und eine wahre Respektsperson
-
-{[232]} Dieses kleine Stück Zucker ist nichts ...
-
-{[233]} makellos respektvoll
-
-{[234]} Sie sind keine dreißig Jahre alt
-
-{[235]} Aber, mein Gott
-
-{[236]} Diese Bösewichte, diese Unglücklichen!
-
-{[237]} Bah, ich werde zum Egoisten!
-
-{[238]} Aber was ist mit dem Mann los?
-
-{[239]} Mein Gott, meine Freunde
-
-{[240]} Aber meine teure und neue Freundin
-
-{[241]} Aber was tun, und ich bin begeistert!
-
-{[242]} nicht wahr?
-
-{[243]} Ich liebe die Menschen, das ist unerläßlich, aber es scheint
-mir, daß ich ihnen niemals nahe war. Stasie ... Es versteht sich von
-selbst, daß sie aus dem Volk stammt ... aber von den wahren Menschen
-
-{[244]} Liebe und unvergleichliche Freundin
-
-{[245]} liebste Unschuldige. Das Evangelium ... Sie sehen, von nun an
-werden wir zusammen beten
-
-{[246]} etwas ganz neues dieser Art
-
-{[247]} zugegebenermaßen
-
-{[248]} und dieser netten Undankbaren auch ...
-
-{[249]} Liebe Unvergleichbare, für mich ist eine Frau alles!
-
-{[250]} Es wird zu kalt. Übrigens, ich habe vierzig Rubel und hier ist
-das Geld
-
-{[251]} Laß uns nicht mehr reden, weil es mir weh tut
-
-{[252]} Weil wir reden müssen. Ja teure Freundin, ich habe Ihnen viel zu
-sagen.
-
-{[253]} Wie, Sie kennen schon meinen Namen?
-
-{[254]} Genug mein Kind, [ich flehe Sie an,] wir haben unser Geld und
-dann -- und dann den gütigen Gott.
-
-{[255]} Genug, genug, Sie quälen mich
-
-{[256]} Es ist nichts, wir werden warten
-
-{[257]} Sie sind edel wie eine Marquise!
-
-{[258]} wie in Ihrem Buch!
-
-{[259]} Genug, genug, mein Kind
-
-{[260]} wissen Sie
-
-{[261]} Bin ich wirklich so krank? Aber es ist nichts Ernstes.
-
-{[262]} Oh, ich erinnere mich, ja, die Apokalypse. Lesen Sie, lesen sie.
-
-{[263]} und wir werden zusammen weggehen
-
-{[264]} diese Schweine
-
-{[265]} in diesem Buch
-
-{[266]} ein Vergleich
-
-{[267]} Ja, dieses Rußland, was ich immer geliebt habe.
-
-{[268]} und die andern mit ihm
-
-{[269]} Sie werden später verstehen ... Zusammen werden wir es später
-verstehen.
-
-{[270]} Schau, ein See
-
-{[271]} Und ich werde das Evangelium predigen ...
-
-{[272]} Sie ist ein Engel ... Sie war mehr als ein Engel für mich
-
-{[273]} Ich liebte Sie!
-
-{[274]} Ich liebte sie man ganzes Leben lang ... zwanzig Jahre!
-
-{[275]} Eine Stunde, [und dann] -- eine Brühe, einen Tee ... endlich ist
-er so glücklich.
-
-{[276]} Ja, meine Freunde, ... Die ganze Zeremonie
-
-{[277]} Mein Vater, ich danke Ihnen, und Sie sind sehr gut, aber ...
-
-{[278]} Dies ist mein Glaubensbekenntnis.
-
-{[279]} Ich habe mein ganzes Leben gelogen
-
-{[280]} Pariser Artikel
-
-{[281]} sehr wenig
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
-Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
-Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
-nach:
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
- Erste Abteilung: Fünfter Band.
- Erste Abteilung: Sechster Band.
- Die Dämonen
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1921.
- 11. bis 20. Tausend
-
-Für diese ebook-Ausgabe wurden der fünfte und der sechste Band
-vereinigt. Band 6 beginnt mit »Elftes Kapitel«.
-
-Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen
-Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
-ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
-Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
-nach der Titelseite eingefügt.
-
-Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
-
-Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen
-Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der _public domain_ zur
-Verfügung gestellt.
-
-Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert.
-
-Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
-(»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
-Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen.
-
-Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
-Buchstabe »ä« (oder auch »jä«) steht für den kyrillischen Buchstaben
-»ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde
-vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
-
- Agafja (Agaphia)
- Bogojawlenskstraße (Bogojavlenskschen Straße)
- Marja Ignatjewna (Maria Ignatjewna)
- Iwan (Iwán)
- Iwanoff (Iwanow)
- Nicolai (Nikolai)
- Nicolajewitsch (Nikolajewitsch)
- Nicolajewna (Nikolajewna)
- Praskowja (Proskowja)
- Semjonytsch (Ssemjonytsch)
- Stawrogin (Stowrogin)
- Stepan (Stephan)
- Zarewitsch (Zaréwitsch)
-
-Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde
-unverändert übernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll.
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
-russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 14]:
- ... die nur miteinander streiten, das ganzen Leben in ...
- ... die nur miteinander streiten, das ganze Leben in ...
-
- [S. 37]:
- ... jetzt irgendein Andrejeff, un rechtgläubiger Narr mit ...
- ... jetzt irgendein Andrejeff, c'est à dire un rechtgläubiger
- Narr mit ...
-
- [S. 78]:
- ... sozialen Republik und Harmonie« hätten sein können. ...
- ... sozialen Republik und Harmonie« hätte sein können. ...
-
- [S. 120]:
- ... ganze ungewöhnlichen Pose vor mir stehen. ...
- ... ganz ungewöhnlichen Pose vor mir stehen. ...
-
- [S. 139]:
- ... mir zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ...
- ... mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ...
-
- [S. 200]:
- ... beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbel ...
- ... beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbeln ...
-
- [S. 330]:
- ... zu ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ...
- ... zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ...
-
- [S. 464]:
- ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt bost, ...
- ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ...
-
- [S. 784]:
- ... hielt, sich daraus einen Vers zu machen oder etwas ...
- ... hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas ...
-
- [S. 880]:
- ... oder Geld, davon schon ganz zu geschweigen. Du hast ...
- ... oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast ...
-
- [S. 1073]:
- ... autochthone Typen sind häufig entweder Stenka Rasins ...
- ... autochthonen Typen sind häufig entweder Stenka Rasins ...
-
- [S. 1085]:
- ... sehen Sie einmal: wenn sie glauben, daß das Christentum ...
- ... sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 5-6: Die Dämonen, by
-Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 5-6: DIE DÄMONEN ***
-
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-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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- http://www.gutenberg.org
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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