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-Project Gutenberg's Riesen und Drachen der Vorzeit, by Rudolf Bommeli
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-this ebook.
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-
-Title: Riesen und Drachen der Vorzeit
- Geschichte der Erde, Dritter Teil
-
-Author: Rudolf Bommeli
-
-Release Date: April 16, 2020 [EBook #61850]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESEN UND DRACHEN DER VORZEIT ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
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- Die gedruckte Fassung wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen
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-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
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- Geschichte der Erde
-
- Dritter Teil
-
- Riesen und Drachen
- der Vorzeit
-
- Von
- R. Bommeli
-
- *
- Mit zwei Farbentafeln
- und 32 Illustrationen
-
- Zweite Auflage
- *
-
- Stuttgart 1921 Berlin
- J. H. W. Dietz Nachfolger | Buchhandlung Vorwärts
- G. m. b. H. | G. m. b. H.
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
-
- Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
-
-
-
-
-Inhalts-Verzeichnis.
-
-
- Seite
-
- =Aus alten Mären= 5
-
- =Allerlei Könige= 8
-
- =Amphibien oder Lurche= 13
-
- =Kriechtiere= (Reptilien oder Saurier) 18
- Alte Krokodilier 18
- Schlangen- oder Langhalsdrachen 22
- Fischdrachen 25
- Schreckdrachen 29
- Lindwürmer (Zanklodon und Greßlyosaurus) 31
- Iguanodonten 33
- Amerikanische Größen 36
- Diplodokus 41
- Panzer- und Horndrachen 43
- Afrikaner 46
- Buschklepper 52
- Maasechsen oder Seeschlangen 53
- Vogeleidechsen oder Flugdrachen 54
-
- =Vögel= 57
- Untergang der alten Herrscher und Aufstieg der neuen Klasse 57
- Ur- und Kreidevögel 58
- Befiederte Giganten 63
-
- =Säugetiere= 68
- Einiges über Ursprung und Entwicklung 68
- Wale 71
- Zahnarme (Riesenfaultiere und Riesenpanzertiere) 73
- Huftiere 79
- Rüsseltiere 89
-
-
-
-
-Bilder-Verzeichnis.
-
-
- Seite
-
- 1. Schädel und Zahn vom Mastodonsaurus 14
-
- 2. ~Andrias Scheuchzeri~ (Scheuchzers Riesensalamander) 16
-
- 3. Belodon oder Neckarsaurier 19
-
- 4. Gangeskrokodil 20
-
- 5. Nothosaurus 22
-
- 6. Skelett des Plesiosaurus 23
-
- 7. Plesiosaurus, rekonstruiert 24
-
- 8. Ichthyosaurus (Fischdrache) 26
-
- 9. Skelett des Iguanodon 34
-
- 10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten Regentropfen 35
-
- 11. Brontosaurus 38
-
- 12. Diplodokus 40
-
- 13. Dach- oder Panzerdrache 42
-
- 14. Dreihorndrache 44
-
- 15. Schädel eines Wolfsauriers aus dem südafrikanischen Trias 47
-
- 16. Dickschnäbelige Flugechse 56
-
- 17. Urvogel von Eichstädt. Im Mineralogischen Museum in Berlin 60
-
- 18. Hesperornis (Königsvogel) 62
-
- 19. Brontornis und Hadrosaurus 65
-
- 20. Walfisch der heutigen Zeit 71
-
- 21. Lebendes Faultier 74
-
- 22. Skelett des Riesenfaultiers 75
-
- 23. Lebendes Gürteltier 78
-
- 24. Ausgestorbenes Riesengürteltier 79
-
- 25. Schädel des Dinozeras 82
-
- 26. Irischer Riesenhirsch 85
-
- 27. Skelett des Höhlenbären 87
-
- 28. Schädel des Machairodus 88
-
- 29. Dinotherium 90
-
- 30. Mastodon 91
-
- 31. Mammut 93
-
- 32. Die Umgebung von Zürich in der Eiszeit 95
-
-
- =Farbige Tafeln=: Juralandschaft Seite 17, Kreidelandschaft Seite 49.
-
-
-
-
-Aus alten Mären.
-
-
-Es ist eine weitverbreitete Meinung, daß der Mensch in früheren Zeiten
-nicht nur viel gesünder und langlebiger, sondern auch viel größer und
-stärker gewesen und daß unser Geschlecht überhaupt in absteigender
-Linie begriffen sei. Zahllose Sagen berichten von Riesen und
-Riesenvölkern, im Vergleich zu denen wir allerdings nur als verkümmerte
-Zwerge, als Liliputaner erscheinen. Je weiter wir in der Geschichte
-zurückschreiten, desto gewaltiger, gottähnlicher ist die „Krone der
-Schöpfung“, und am gewaltigsten ist naturgemäß das Stammelternpaar.
-Nach arabischen Überlieferungen hat dasselbe die Größe von Dattelpalmen
-erreicht, und dessen Gräber, die unweit der Hafenstadt Dschidda
-am Roten Meere den „Gläubigen“ gezeigt werden, sollen tatsächlich
-auf gigantischen Wuchs schließen lassen. Zu Anfang des achtzehnten
-Jahrhunderts nahm sich ein französischer Gelehrter, Henrien, in
-verdienstlicher Weise die Mühe, hierüber eine wissenschaftliche
-Untersuchung anzustellen, und fand durch Berechnung, daß Adam 38,5
-Meter und dessen schönere Hälfte 37 Meter gemessen habe. Dergleichen
-Titanen wurden aber in der Folge immer seltener und verschwanden bald
-gänzlich. Ajax, der „hervorragendste“ Griechenheld im Trojanischen
-Kriege (zwölftes Jahrhundert vor Christo), der alle um Haupt und
-Schultern überragte, erreichte bloß 10 Ellen (6 Meter) und der berühmte
-Goliath gar nur 6 Ellen und eine Hand. Immerhin wird berichtet, daß die
-alten Helvetier sowie die Zimbern und Teutonen zu Cäsars Zeiten immer
-noch durchweg 5 Meter hoch gewesen seien. Für den imposanten Wuchs der
-Zimbern zeugt das Skelett des Herzogs Teutoboch, eines Heerführers,
-der von dem römischen Feldherrn Marius Anno 101 vor Christo geschlagen
-wurde. Ein französischer Chirurg namens Mazurier wollte seinen
-Mitbürgern weismachen, daß er dessen „Grab“ gefunden habe. Dieses soll
-9 Meter lang gewesen sein. Nach den Behauptungen des phantasievollen
-Wundarztes hatte das noch ziemlich gut erhaltene Skelett 7½ Meter (!)
-Länge, die Schulterbreite betrug 3 und der Durchmesser des Schädels
-1½ Meter. Da kann es eigentlich nicht wundernehmen, wenn auch die
-Tierwelt mit allerlei Extravaganzen aufmarschierte. In allen Landen
-wimmelte es von scheußlichen Lindwürmern und Drachen, die zu bezwingen
-eine besonders rühmliche Aufgabe „preiswerter“ Helden und kühner Recken
-war. Nicht nur die Dichter von Heldengesängen, auch wir Schulkinder
-hielten die Drachentöter in besonderen Ehren, und heute noch lesen wir
-von den Taten eines Herkules, des hörnenen Siegfried und Struthans von
-Winkelried mit großem Vergnügen.
-
-Die +eigentlichen Drachen+ waren geflügelt und besaßen einen
-Schlangenleib, manche hatten Löwenfüße und Löwenhäupter, andere
-Adlerklauen und Adlerköpfe. Sie konnten Feuer speien und ihr Blick,
-ihr Geifer und ihr Blut waren tödlich, ihre Ausdünstungen bewirkten
-Gewitter und pestilenzialische Krankheiten und entvölkerten ganze
-Gegenden.
-
- „Und horch, eine Märe durchkreiset das Land:
- Nidwalden verheeret ein Drache!
- Es drohet dem Ländchen ein gräßliches Los,
- Schon decken das einsame traurige Moos
- Die Knochen von Menschen und Tieren.“
-
-Die +Lindwürmer+ dachte man sich flügellos und bald mehr schlangen-,
-bald mehr krokodilähnlich (Tatzelwürmer); sie waren häufig die Behüter
-kostbarer Schätze. Die größten unter ihnen konnten durch ihre heftigen
-Bewegungen, zumal durch wildes Schlagen mit dem Schwanze Erdbeben
-erregen. Nach der persischen Göttersage schuf Ahriman, der Gott des
-Bösen und der Finsternis, den Drachen Dahaka, der die Welt verwüsten
-sollte. Bei den nordischen Germanen spielte die vom Höllengott Loke und
-der Riesin Angoboda gezeugte Midgardschlange eine ähnliche Rolle. Sie
-reichte um den ganzen Erdkreis herum und erzeugte Ebbe und Flut. Beim
-Weltuntergang kämpft sie gegen die Götter und wird vom Wettergott Thor
-mit dem Wunderhammer Miölnir erschlagen; der siegreiche Gott ertrinkt
-aber in den Giftströmen, die sie über ihn ergießt. Besser bekannt --
-wenigstens dem Namen nach -- ist die gemeine große Seeschlange, welche
-regelmäßig jedes Jahr zu ganz bestimmter Zeit auftaucht, um dann wieder
-spurlos zu verschwinden.
-
-Das alte, heil’ge, ewige Meer beherbergt eine Menge fabelhafter
-Ungetüme, außer riesigen Fischen, Walen und Seeschlangen besonders
-kolossale Kraken oder Polypen, Verwandte des gewöhnlichen
-Tintenfisches. Der dänische Bischof Pontoppidan (gestorben 1765)
-berichtet von einem Riesenpolypen, welcher eine halbe Wegstunde
-Durchmesser hatte und Hügel und Seen trug. Auf seinem Rücken konnte
-ein Regiment Soldaten exerzieren. Seine Arme waren stärker als die
-Mastbäume der größten Schiffe.
-
-Ich kann hier nicht untersuchen, wie und wodurch all die Mären von
-Riesen und Drachen entstanden sind, ich denke mir, daß ihnen gar
-mancherlei Ursachen zugrunde liegen werden. Viele sind wohl lediglich
-der „Lust am Fabulieren“ geschuldet, sie sind Erfindungen der
-Phantasie oder stellen starke Übertreibungen von wirklich Geschautem
-dar, wobei durch Überlieferung, Zusätze und Ausschmückungen eben ein
-phantastisches Fabelwesen entstand wie Pontoppidans Riesenpolyp.
-Von Seefahrern und Entdeckungsreisenden wurden wohl auch manche
-Fabeleien erfunden, um sich ein großes Ansehen zu geben oder um
-allfällige Konkurrenten abzuschrecken. Bei der großen Unwissenheit in
-naturwissenschaftlichen Dingen und dem krassen Aberglauben früherer
-Zeiten war es ein leichtes, den Mitmenschen die größten Bären
-aufzubinden.
-
-Etwas anderes ist es mit den Riesen und Ungeheuern der alten
-Göttersagen (Mythen), dieselben sind wohl durchweg Personifikationen
-von Naturkräften und Naturereignissen: Kälte, Hitze, Sturm, Erdbeben,
-Fruchtbarkeit, Überschwemmungen, Toben des Meeres, Epidemien usw.
-Sodann haben wohl auch die Funde großer Knochen zu mancherlei
-Fabeleien Anlaß gegeben, besonders die ziemlich häufigen und gut
-erhaltenen Skelettreste von Mammut- und Mastodonelefanten, Flußpferden,
-Nashörnern, Riesenhirschen, Walfischen. Die angeblichen Skelette des
-Helden Ajax und des Königs Teutoboch bestanden höchstwahrscheinlich
-aus Knochen ausgestorbener Riesentiere. Mit diesen wird sich das
-vorliegende Bändchen befassen; es ist also ein kurzer Auszug oder
-wenn wir wollen eine Sammlung von Stichproben aus der Lehre von den
-ausgestorbenen Geschöpfen (Paläontologie), wobei einige Kenntnisse der
-geologischen Perioden und Formationen vonnöten sind, was der Leser im
-zweiten Bändchen unserer Geschichte der Erde: +Die Weltalter+, Nr. 21
-der „Kleinen Bibliothek“, findet.
-
-
-
-
-Allerlei Könige.
-
-
-Die Frage, ob die Lebewesen der Vorzeit die heutigen an Körpergröße,
-Stärke und Lebensdauer weit überragt haben, ist immer noch nicht
-erledigt, denn die Antwort ist nicht so leicht und einfach, daß
-sie sich mit Ja oder Nein abtun ließe. Der Leser mag sich gleich
-selber davon überzeugen. In den ältesten Schichtgesteinen, in den
-Urtonschiefern, Grauwackensandsteinen, Schiefertonen des Algonkium
-und Kambrium fehlt die Pflanzenwelt fast gänzlich, und es hat den
-Anschein, als ob damals nur Tange und verwandte Gewächse existiert
-hätten. Nun mögen unter diesen wohl auch Riesenformen gewesen sein,
-gibt es doch in den heutigen Meeren solche von 200 bis 300 Meter Länge
-(Birnentang); aber höhere, holzige Pflanzen nach Art unserer Bäume
-gab es wohl noch nicht. Die Pflanzenwelt hat „klein“ angefangen und
-Jahrmillionen hindurch nur aus Algen und moosartigen Formen bestanden;
-erst in der Silurperiode hat sie es zu größeren Landpflanzen und erst
-in der sogenannten Steinkohlenzeit zu üppiger Entwicklung gebracht.
-Nun war das Festland mit großen Wäldern bedeckt, und diese bestanden
-aus den berühmten Siegel- und Schuppenbäumen, Riesenschachtelbäumen
-(Kalamiten) und Baumfarnen. (Siehe Geschichte der Erde, zweiter Teil,
-Seite 35 ff.[1]) Das waren nun freilich gewaltige Riesen, denn die
-heutigen Vettern der Siegel- und Schuppenbäume, die Bärlappgewächse
-und Moosfarne, sind kleine, unscheinbare, schwächliche Pflänzchen,
-von deren Dasein die meisten Menschen nicht einmal eine Ahnung haben,
-und die Nachkommen der Riesenschachtelbäume sind die Schachtelhalme
-oder „Katzenschwänze“, deren stattlichste einheimische Art unter
-dem Namen Zinnkraut bekannt ist. Das möchte in der Tat zum Gedanken
-verleiten, daß die Pflanzenwelt wenigstens zur Steinkohlenzeit viel
-großartiger und üppiger als heute gewesen, daß die Natur damals
-größere Lebenskraft besessen und daß seitdem ein gewaltiger Rückgang,
-eine Verarmung und Verkrüppelung, eine Degeneration stattgefunden
-habe. Das wäre indessen entschieden ein Trugschluß. Wir dürfen
-nicht vergessen, daß die seltsamen Bäume des Steinkohlensumpfes die
-größten und höchstentwickelten Gewächse jener Zeit waren und daß
-sie von der heutigen Baumwelt sowohl hinsichtlich der Größe als
-auch in bezug auf anatomischen Bau, Zahl und Mannigfaltigkeit der
-Arten und Lebenserscheinungen -- sie tragen zum Beispiel Blüten und
-Samen, jene nicht -- weit in Schatten gestellt werden. Nach jenen
-Steinkohlenpflanzen kamen die Blütenpflanzen: die Nadelhölzer, die
-Palmen, die verschiedenartigen Laubbäume und all die wundervollen
-Blumen, also kein Niedergang, sondern ein gewaltiger Aufstieg. Aber
-dieser Aufstieg vollzog sich in verwickelten Kurven und hatte eben den
-Untergang der meisten alten Formen zur Folge, was bei jedem Fortschritt
-zutage tritt, weshalb ja die Anhänger des Alten den Fortschritt so
-fürchten und hassen, sie wissen oder ahnen wenigstens: das ist ihr
-Tod. So sehen wir denn, daß zu jedem Zeitalter, in jeder Periode
-irgendeine Klasse, Ordnung, Familie oder Gattung besonders hervorragt
-und die anderen Zeitgenossen überragt, sie gewissermaßen beherrscht,
-worauf wieder der Abstieg und meist völliges Aussterben erfolgt,
-daher das Wort von den Königen und Herrscherdynastien des Tier- und
-Pflanzenreiches. Nahmen im ältesten Altertum gewisse Tange den höchsten
-Rang ein, so rückten später die Schuppen-, Siegel- und Schachtelbäume
-an deren Stelle. Diese wurden im Mittelalter der Erde durch Zapfenfarne
-(Farnpalmen) und Urnadelhölzer verdrängt, und hernach folgten die
-modernen Nadelhölzer und Laubbäume. Es ist nicht wahrscheinlich, daß es
-je gewaltigere Baumriesen gegeben hat als die heutigen Eichen, Ahorne,
-Linden, Kastanien, Tannen, Fichten, Kiefern, Mammutbäume, Kokospalmen,
-Affenbrotbäume, Gummibäume, Fieberheilbäume und Pfefferminzbäume, welch
-letztere über 120 Meter hoch werden.
-
-Wie verhält sich’s nun mit den Tieren? Von ihren ältesten Vertretern
-ist uns ebensowenig bekannt wie von den ältesten Pflanzen; doch kann
-es keinem Zweifel unterliegen, daß auch die Tierwelt, die offenbar aus
-einem Zweige der Urpflanzen, und zwar aus Uralgen hervorgegangen ist,
-mit sehr einfachen und kleinen Formen, ähnlich den heutigen Urtieren,
-angefangen hat. Ein pfenniggroßer Batzenstein (Nummulit) gilt da
-schon als Koloß, denn er ist millionenmal größer als die kleinsten
-Aufgußtierchen; das wäre so eine Art „Urkönig“. In den ältesten
-versteinerungführenden Schichten treten uns keine Giganten entgegen;
-alles ist noch zwerghaftes Kleingetier. Erst im Silur und Devon
-treffen wir kraftstrotzende Gestalten: Riesenkrebse, Geradhörner und
-Panzerfische. Zwar haben auch die seltsamen Lappenkrebse (Trilobiten,
-siehe zweiter Teil, Seite 21 ff.) den Anspruch erhoben, als „Könige“
-zu gelten, und ihre größten Arten von 20 bis 30 Zentimeter Länge waren
-verhältnismäßig recht stattliche Gesellen, die auch hinsichtlich
-ihrer Organisation sicherlich ihre Zeitgenossen überragten, aber der
-Seraphim und dessen Vettern (Pterygotus, Eurypterus, Stylonurus)
-tragen den Namen +Riesenkrebse+ (Gigantostraken) doch mit größerem
-Rechte, erreichten sie doch bis 2 Meter Länge. Niemals, weder vor-
-noch nachher, haben sich Krebse zu dieser erstaunlichen Größe
-emporgeschwungen. Aber es waren auch recht ungeschlachte Gesellen, die
-im Kampf ums Dasein eine traurige Rolle spielten und bald von der Bühne
-abtreten mußten, denn Großsein tut es nicht allein.
-
-Das gilt auch von den Geradhörnern, Vorfahren der heutigen
-Tintenfische, die ebenfalls mehrere Meter lang wurden und mit
-kegelförmiger gekammerter Schale versehen waren. Die heutigen
-Tintenfische oder Kopffüßer, wie der wissenschaftliche Klassenname
-lautet, weisen indes viel mächtigere Vertreter auf, gibt es doch in
-unseren Ozeanen Tintenfische mit 10 Meter langen Fangarmen.
-
-Auch die Insekten, die uns zum erstenmal in der Steinkohlenformation
-entgegentreten, haben ihre Riesen: gewaltige Schaben und Termiten
-und phantastische Gespenstheuschrecken von 50 Zentimeter Länge, mit
-wallnußgroßem Kopf und scharfem Schnabel. Aber diese „Insektenkönige“
-bilden keineswegs die Blüte ihrer Klasse, vielmehr einen bizarren
-Auswuchs, dessen Gipfel bald abdorrte. Seinen höchsten Triumph feiert
-der Insektentypus in den heutigen Käfern, Schmetterlingen, Wespen,
-Bienen und Ameisen.
-
-Aber damit sind wir viele Jahrmillionen vorausgeeilt und müssen
-nochmals zurück zum Altertum der Erdgeschichte, zum Zeitalter der
-Riesenkrebse und Geradhörner. Derweil ist nämlich der rastlos
-tätigen Natur die Schaffung eines neuen Typus gelungen, nämlich des
-+Wirbeltiers+. Damit hat sie eine ganz neue Bahn betreten, die zu den
-höchsten Höhen führte und eine fast unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit
-ermöglichte. Während die bisherigen Typen: Urtiere, Pflanzentiere,
-Würmer, Sterntiere, Weichtiere und Gliederfüßer sich im tobenden
-Kampfe ums Dasein dadurch zu schützen suchten, daß sie ihre Leiber
-in ein äußeres Skelett, ein Gehäuse, eine Schale oder einen Panzer
-steckten, probierten es die Wirbeltiere mit einem +inneren+ Skelett,
-einem achsenständigen Knochenbau. Diese Entwicklung vollzog sich
-aber nicht sprungweise, sondern tappend und unsicher in zahllosen,
-bald fehlgeschlagenen, bald mit Erfolg gekrönten Versuchen. Die
-ältesten Entwicklungsreihen waren nicht erhaltungsfähig und sind daher
-unbekannt; doch unterliegt es keinem Zweifel, daß das Wirbeltier einem
-uralten Zweig des wunderbar mannigfaltigen Wurmkreises entsprossen ist.
-Noch heute existiert eine kleine, aber höchst merkwürdige Gruppe von
-Meeresbewohnern, welche das Bindeglied zwischen den beiden jetzt so
-weit auseinanderliegenden Tierkreisen bildet. Das sind die sogenannten
-+Manteltierchen+, deren Jugendstadien direkt zum niedersten Wirbeltier,
-dem berühmten +Lanzettfischchen+ hinüberleiten.
-
-Die ersten Wirbeltiere treten auf in der sogenannten +Silurformation+,
-der dritten Hauptabteilung des Altertums der Erde (der paläozoischen
-Ära). Es sind abenteuerlich gestaltete Wesen mit knorpeligem
-Innenskelett und starkem Hautpanzer (Panzerköpfe, Schildköpfe und
-Flügelfische, deren Bild der Leser in Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“,
-Seite 34 und 35, findet). Die meisten Arten waren von kleiner Gestalt
-und geringer Bewegungsfähigkeit, bei denen das Wirbeltierprinzip nicht
-recht zur Geltung kommt. Aber die +Schreckensfische+ der +Devonzeit+
-(Dinichthys und Titanichthys) waren Riesen von 6 Meter Länge und
-meterlangem Kopf. Indessen auch sie vermochten sich nicht lange zu
-behaupten und starben noch in der Devonzeit aus. Dem Panzerfisch erging
-es wie dem treulosen Knappen in Uhlands Ballade: „Und wie er rudert und
-wie er ringt, der schwere Panzer ihn niederzwingt.“
-
-Erfolgreicher waren die +Haie+, die sich des starren, hindernden
-Panzers entledigten und die Haut nur mit zahnartigen Stacheln
-schützten, dafür aber an Beweglichkeit, Furchtbarkeit des Gebisses und
-Schärfe der Sinne eine solche Vollkommenheit erlangten, daß sie sich
-zu Herren des Ozeans emporschwingen konnten; sie sind die „Könige“
-der Fischwelt geblieben bis auf unsere Tage. Leider eignet sich ihr
-Körper nicht für den Versteinerungsprozeß, da ihr Skelett aus leicht
-vergänglichem Knorpel besteht und nur Zähne und Flossenstacheln
-verknöchert sind. Diese finden sich in manchen Gesteinschichten
-geradezu massenhaft und lassen auf gewaltige Ungeheuer schließen. Der
-+sägezähnige Riesenhai+ (~Carcharodon megalodon~) der Braunkohlenzeit,
-ein Koloß mit 15 Zentimeter langen und ebenso breiten dreieckigen
-Zähnen, mag seine heutigen Vettern an Größe noch übertroffen haben und
-darf wohl den gewaltigsten aller Geschöpfe zugezählt werden.
-
-
- [1] Die voraufgegangenen beiden Bändchen der +Geschichte der Erde+
- enthalten: Erster Teil, +Wie Berg und Tal entstehen+ (Nr. 15 der
- „Kleinen Bibliothek“); zweiter Teil, +Die Weltalter+ (Nr. 21 der
- „Kleinen Bibliothek“).
-
-
-
-
-Amphibien oder Lurche.
-
-
-Eidechse und Salamander ähneln sich derart, daß man beide für
-Angehörige derselben Familie halten könnte, etwa wie Katze und
-Tiger; allein das Studium ihres Körperbaus und ihrer Entwicklung hat
-ergeben, daß sie zwei verschiedenen Klassen angehören und nicht näher
-miteinander verwandt sind als Walfisch und Fledermaus. Die Salamander
-bilden mit den Blindwühlen, Kiemenmolchen, Fröschen und Kröten die
-Klasse der +Amphibien+, deren Junge echte Wassertiere und gleich
-den Fischen mit Kiemen ausgerüstet sind. Manche behalten die Kiemen
-zeitlebens, andere verlieren sie und atmen im erwachsenen Zustand
-durch Lungen. Sie machen eine Verwandlung durch, was oft mit einer
-auffallenden Änderung der ganzen Gestalt und Lebensweise verbunden ist
-(Kaulquappe und Frosch). Doch gibt es auch Ausnahmen.
-
-Die Eidechsen, Blindschleichen, Schlangen, Krokodile und Schildkröten
-stehen entschieden höher; sie atmen niemals durch Kiemen und machen
-keine Verwandlung durch. Man hat sie daher von den echten Amphibien
-getrennt und zur Klasse der +Kriechtiere+ oder +Reptilien+ vereinigt.
-
-Die heutigen Lurche sind eine heruntergekommene Gesellschaft und lassen
-nicht mehr erkennen, welche bedeutende Rolle ihre Vorfahren gespielt
-haben. Letztere standen in der Steinkohlenzeit an der Spitze der
-gesamten Tierwelt und weisen achtunggebietende Vertreter auf. Da ist
-einmal der +Kohlendrache+ (Anthrakosaurus), ein Riesenmolch von der
-Größe des Nilkrokodils, aber breiter, schwerfälliger und plumper als
-dieses, während der „+Echsenstammvater+“ oder Ursaurier (Archegosaurus)
-von schlankerem Bau und höchstens 1,5 Meter Länge war. Eine fußlose
-Form, +Dolichosoma+ (von ~dolichos~: lang und ~soma~: Leib), mit
-langem, spitzigem, schmalem Kopf gleicht einer Riesenschlange. Sie
-hatte aber keine Lunge wie die echten Schlangen, sondern Kiemen an
-den Seiten des Halses und bewohnte die großen Sümpfe und Seen der
-Steinkohlenperiode. Reste dieses sonderbaren Lurches wurden in England,
-Irland und Böhmen, solche von verwandten Gattungen in Nordamerika
-gefunden.
-
-Neben den genannten existierten zahlreiche kleinere Arten von der
-Größe der heutigen Molche. Einige derselben scheinen mit Vorliebe in
-Baumhöhlen gehaust zu haben, denn man findet ihre Skelette nicht selten
-in hohlen Siegel- und Schuppenbäumen.
-
-[Illustration: Abb. 1. Schädel und Zahn vom Mastodonsaurus.]
-
-Ein gewaltiges Tier wurde in der schwäbischen Triasformation gefunden,
-der +Zitzenzahndrache+ (~Mastodonsaurus giganteus~), wohl 4 Meter
-lang, wovon reichlich ein Meter auf den Kopf entfällt. Das furchtbare
-Gebiß mit 10 Zentimeter langen Eckzähnen deutet auf eine räuberische
-Lebensweise. Sehr häufig findet man Fährten von dergleichen Amphibien,
-ohne daß man feststellen könnte, von was für Arten dieselben
-herrühren. Da die Abdrücke handförmig sind, so spricht man allgemein
-von +Handtieren+. (Siehe Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, Seite 7.)
-Auffallend ist der Größenunterschied zwischen den vorderen und den
-hinteren „Händen“. Jene Fährten sind dadurch zustande gekommen, daß die
-betreffenden Tiere über feuchtes See- oder Meeresufer dahingeschritten
-sind. Der sandige oder schlammige Lehm erhärtete hierauf; später
-wurden die Fußtapfen bei steigender Flut ausgefüllt, und so entstand
-ein Abguß der Fährten.
-
-Schon eine flüchtige Betrachtung ergibt, daß die alten (fossilen)
-Amphibien von den heutigen in mancher Beziehung abweichen, und bei
-genauer Untersuchung des Körperbaus wird das noch offensichtlicher. Die
-jetzigen Lurche (Molche, Frösche) sind nackt, die alten tragen einen
-Knochenplatten- oder Schuppenpanzer, weshalb sie +Panzerlurche+ genannt
-werden. Sie stimmen also hierin mit den Reptilien oder Sauriern überein
-(Eidechsen, Krokodile). Auch sonst haben sie große Verwandtschaft mit
-letzteren, aber auch mit gewissen Knorpelfischen, vereinigen also die
-Merkmale von drei heute scharf geschiedenen Wirbeltierklassen. Das
-Skelett ist meist knorpelig oder nur teilweise verknöchert und die
-Wirbel sind oft nur angedeutet, die Augenhöhlen meist groß und mit
-einem brillenartigen Knochenring versehen. Auf der Stirn befand sich
-ein unpaares drittes Auge, das bei den jüngeren Amphibien verkümmert,
-aber immerhin noch nachweisbar ist. Selbst beim Menschen ist die
-rudimentäre Anlage dieses unpaaren Auges als sogenannte Zirbeldrüse des
-Gehirns vorhanden.
-
-Für die +Abstammung+ der Amphibien ist außer den angeführten
-anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen die Existenz
-einer kleinen, aber interessanten Tiergruppe, die sich bis auf
-unsere Tage erhalten hat, von hervorragender Bedeutung; das sind die
-+Lurchfische+ oder +Doppelatmer+. Der berühmteste unter diesen ist
-der +Barramundi+ (~Ceratodus~) Südaustraliens, ein walzenförmiges,
-2 Meter langes Schuppentier, dessen steife, gleichfalls beschuppte
-paarige Flossen als Schreitbeine benutzt werden können. Er besitzt
-noch Kiemen für die Wasseratmung, hat aber die Schwimmblase in eine
-Art Lunge umgewandelt, so daß er im Notfall direkt Luft einatmen kann.
-Zwei verwandte Gattungen Südamerikas und Südafrikas können des Wassers
-völlig entbehren. Wenn die Sümpfe und Bäche, in denen sie leben,
-austrocknen, so stellen sie die Kiemenatmung ein und benutzen ihre
-primitiven Lungen, das heißt die zelligen Schwimmblasen. Hier sehen
-wir klar, welchen Weg die Natur gegangen ist, um aus flossentragenden
-Wassertieren vierbeinige Landtiere zu schaffen. Es hat also in der
-Vorzeit, wahrscheinlich in der Devonperiode, unter den Fischen eine
-Scheidung stattgefunden; der größere Teil beharrte beim Wasserleben
-und änderte daher die Organisation nicht mehr wesentlich; ein kleiner
-Teil suchte sich dem Landleben anzupassen, und aus ihm gingen alle
-höheren Wirbeltiere bis zur „Krone der Schöpfung“ hervor. Die heutigen
-Lurch- oder Molchfische sind gewissermaßen lebende Petrefakten, die
-letzten Überlebenden einer längst verschwundenen Klasse, die von den
-Fischen zu den Amphibien und Reptilien und weiterhin zu den Säugetieren
-und Vögeln hinüberführte.
-
-[Illustration: Abb. 2. ~Andrias Scheuchzeri~ (Scheuchzers
-Riesensalamander).]
-
-Unter den +jüngeren+ fossilen Lurchen hat es nur eine einzige Art
-zur Berühmtheit gebracht; damit verhält sich’s folgendermaßen: In
-einem Steinbruch bei Öhningen am Untersee (Baden) fand man zahllose
-Versteinerungen aus der Tertiär- oder Braunkohlenzeit, darunter auch
-das Skelett eines ziemlich großen Wirbeltiers. Der alte Scheuchzer,
-Stadtphysikus und Professor der Mathematik in Zürich (1672 bis 1733),
-ein ausgezeichneter Gelehrter und trefflicher Naturforscher, dem aber
-das Bestreben, die im Entstehen begriffene Erdgeschichte mit der Bibel
-in Einklang zu bringen, einen bösen Streich spielte, glaubte darin
-Schädel, Wirbelsäule und Arme eines jungen Menschen zu erkennen. Er
-hielt es für eines jener „unglücklichen Adamskinder“, das in der
-Sintflut umgekommen, und nannte es +~Homo diluvii testis~: Mensch,
-Zeuge der Sintflut+. Ihm erschien es als „ein recht seltenes Denkmal
-jenes verfluchten Menschengeschlechts der ersten Welt. Die Abbildung
-gibt zu erkennen den umcreyß des Stirnbeins, die Augenleisen, das Loch
-an der untern Augenleise, welches dem großen Nerven vom fünften Paar
-den Durchpaß giebet, Überbleibsel des Gehirns, das Jochbein, etwas
-übriges von der nasen, ein ziemlich stück von denen kauenden Mäußlein,
-weiteres 16 Rückgrad-Wirbel und Anzeigen der Leber.“ Dazu dichtete ein
-frommer Gottesmann das rührende Sprüchlein:
-
- Betrübtes Beingerüst von einem armen Sünder,
- Erweich’ das steinern Herz der neuen Bosheitskinder.
-
-[Illustration: Juralandschaft.
-
-Tiere: Im Vordergrund Teleosaurus, Rhamphorhynchus, Pterodaktylus,
-Archäopteryx.
-
-Im Hintergrund Fisch- und Schlangendrache, Brontosaurus.
-
-Pflanzen: Farne, Sagobäume, Schachtelhalme.]
-
-Dem wackeren Scheuchzer war es mit seiner Sintfluttheorie hauptsächlich
-darum zu tun, den Zeitgenossen glaubhaft zu machen, daß die
-Versteinerungen Überreste von wirklichen Tieren und Pflanzen und nicht
-bloß sogenannte „Naturspiele“ oder durch allerlei geheimnisvolle
-Zauberkräfte hervorgerufene „Zeichen“ seien. Auch war damals von der
-voradamitischen Zeit und den geologischen Perioden und Formationen
-noch nichts bekannt. Das hier abgebildete Skelett befindet sich in
-der Züricher paläontologischen Sammlung und ist vom berühmten Cuvier
-(sprich Küwieh, gestorben 1832 zu Paris) als +Riesensalamander+
-(~Salamandra gigantea~) bezeichnet worden. Das Tier weicht aber von
-den eigentlichen Salamandern in wesentlichen Punkten ab und wurde von
-Tschudi umgetauft in ~Andrias Scheuchzeri~, was soviel bedeutet als
-Scheuchzers Menschenbild. In den Braunkohlen bei Bonn und in Böhmen
-sind zwei kleinere Arten vorweltlicher Riesenmolche gefunden worden.
-Der nächste lebende Verwandte des ~Andrias~ ist der +japanische
-Riesensalamander+ (~Andrias japonicus~), der 90 Zentimeter lang wird
-und dem Öhninger Riesen an Größe nur wenig nachsteht. Es ist ein
-häßliches Geschöpf mit breitem, plattem Kopf, warziger schwärzlicher
-Haut und plumpen Füßen, lebt mit Vorliebe in Gebirgsbächen und den
-mit Wasser gefüllten Kratern erloschener Vulkane und nährt sich von
-allerlei Wassertieren, frißt in der Not auch seinesgleichen auf.
-Zahlreiche Tiergärten sind im Besitz lebender Exemplare.
-
-
-
-
-Kriechtiere.
-
-(Reptilien oder Saurier.)
-
-
-Das +Altertum+ der Erde (paläozoisches Weltalter, Algonkium bis Perm)
-hat es in langsamer Entwicklung durch ungezählte Jahrmillionen hindurch
-bis zum Amphibium -- zum Panzerlurch -- gebracht, und das war ein
-großer Schritt; aber das +Mittelalter+ (Trias-, Jura- und Kreidezeit)
-schuf drei neue Tierklassen: Reptilien, Vögel und Säugetiere, und
-gesellte ihnen die moderne Pflanzenwelt mit echten Nadelhölzern und
-dem Heer der höheren Blütenpflanzen. Zu erstaunlicher Entwicklung
-sowohl in bezug auf Zahl und Mannigfaltigkeit als auch hinsichtlich der
-Körpergröße brachten es die Saurier, und gar manche derselben erinnern
-an die phantastischen Ungeheuer der Sage, weshalb sie häufig geradezu
-als „Drachen“ bezeichnet werden. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen,
-daß sie lange vor dem Auftreten des Menschen, des ~homo sapiens~, samt
-und sonders schon ausgestorben waren. Hätten jene Drachen sprechen
-können, so würden sie, wie Quinet das ausdrückt, gesagt haben: „Wir
-sind die Könige der Welt. Kein anderes Wesen erhebt sich bis zu uns.
-Das Reptil ist die höchste, göttergleiche Gestalt; in ihm vollendet und
-krönt die Natur ihr Werk.“
-
-Die heutigen Reptilien mit ihren vier Ordnungen der Eidechsen,
-Schlangen, Krokodile und Schildkröten bilden ein armseliges Häuflein
-gegenüber ihren ausgestorbenen Vorfahren, welche mehr als ein Dutzend
-Ordnungen mit annähernd siebzig Familien aufweisen, wobei in Betracht
-zu ziehen ist, daß wir von der untergegangenen Tierwelt naturgemäß
-nur einen verschwindend kleinen Teil kennen. Von dem großen Buch
-der Erdgeschichte sind nur wenige Kapitel und von diesen oft nur
-wenige Seiten oder gar nur einzelne schlecht erhaltene rätselhafte
-Schriftzeichen auf uns gekommen. Im folgenden mögen einige der
-berühmtesten Typen in Wort und soweit möglich auch im Bild dem Leser
-vor Augen geführt werden.
-
-
-Alte Krokodilier.
-
-[Illustration: Abb. 3. Belodon oder Neckarsaurier.]
-
-Gegen das Ende des Altertums (jüngste Steinkohlenperiode und Perm)
-erscheinen Reptilien von eidechsenartiger Gestalt, aber sie haben
-noch viele Merkmale mit Panzerlurchen gemein, besonders im Bau der
-Wirbelsäule, der Glieder und der Zähne. Sie haben sich also aus
-Uramphibien entwickelt, und zwar in der Weise, daß sie die Kiemenatmung
-vollständig unterdrückten und ausschließlich mit Lungen atmeten, womit
-eine Vervollkommnung des Blutkreislaufs, gänzliche Verknöcherung des
-Skeletts und vollkommenere Entwicklung der Jungen im Ei, teilweise
-sogar im Mutterleib nebenher ging. Zu achtunggebietender Entfaltung
-bringen sie es in der Triaszeit. Eine der berühmtesten Formen ist
-der +Pfeilzahn+ oder +Belodon+ (~belos~: Pfeil und ~odon~: Zahn),
-von Professor Fraas +Nikrosaurus+, das heißt +Neckarsaurier+ oder
-+Neckardrache+ getauft. Seine prachtvollen Überreste sind aus dem
-schwäbischen Keuper,[2] und zwar aus dem sogenannten Stubensandstein
-von Stuttgart zutage gefördert worden und nun im Stuttgarter
-Naturalienkabinett aufgehoben. Der Neckarsaurier war, wie unsere
-Abbildung veranschaulicht, ein sehr stattliches krokodilartiges Reptil
-mit langgestreckter, wohlbezahnter Schnauze und kräftigem Panzer. Es
-muß eine Länge von mehr als 6 Meter erreicht haben; der Kopf allein ist
-zirka 1 Meter lang. Die Nasenlöcher sind nicht vorn an der Schnauze,
-sondern weit oben in der Nähe der Augen, also wohl Spritzlöcher, wie
-die heutigen Walfische sie haben. Das Tier war hierdurch instand
-gesetzt, das beim Ergreifen der Beute eingedrungene Wasser durch die
-Nasenlöcher zu entfernen, ohne die Kiefer aus dem Wasser bringen und
-öffnen zu müssen. So sehr der Neckardrache aber auch an Krokodile
-erinnert, so weicht er doch von diesen in manchen Merkmalen sehr
-bedeutend ab. „Der erste Blick schon zeigt,“ sagt Fraas, „daß der
-Keuper hier einen Saurier bietet, der mit keinem der lebenden sich
-vergleichen läßt, so wenig er mit einem Saurier der Juraperiode stimmen
-will. Von oben gesehen hat der Schädel einige entfernte Ähnlichkeit mit
-den ostasiatischen Krokodilen, dem Gangesgavial und dem Krokodil von
-Java, aber die Nasenlöcher, die bei diesen am Vorderrand der Schnauze
-sind, fallen ins hintere Dritteil der Schädellänge. Auch von der Seite
-gesehen ist kein Krokodil mit solcher Pferdenase bekannt. Andererseits
-erinnert die Lage der Nase in der Augengegend an Eidechsen, dagegen
-sind Eidechsen mit langen Schnauzen und schmalen Kiefern wieder
-etwas Fremdartiges. Fast möchte man an Wale und Delphine denken. Die
-Zähne stecken wie bei krokodilartigen Tieren in besonderen Höhlen
-und ersetzen sich auf dieselbe Weise. Sie sind in Form und Größe
-mannigfaltiger als bei jedem anderen bekannten Reptil, dabei die
-Wurzel eher schwächer als die Krone. Der Zahl nach sind es 175 bis
-180. Vorn stehen große kegelförmige Fangzähne, auf diese zunächst
-kleinere und nach hinten wieder größere und flachere Kauzähne. Die
-bikonkaven, das heißt auf beiden Seiten ausgehöhlten Wirbelkörper, der
-zweite Halswirbel, ein Hakenschlüsselbein, das Darmbein erinnern an
-die Warneidechsen (große 1,5 Meter lange Eidechsen, die hauptsächlich
-in Afrika vorkommen), dagegen die Halsrippen, Rückenrippen,
-Schwanzwirbelbogen und das Schulterblatt wieder an Krokodile. Der
-Fuß stimmt wieder am meisten mit dem Gangeskrokodil, dem Gavial und
-jurassischen Panzersauriern überein.“
-
-[Illustration: Abb. 4. Gangeskrokodil.]
-
-Die auffallende Erscheinung, daß ein altes Lebewesen die Merkmale von
-mehreren heute scharf getrennten Familien, Ordnungen oder gar Klassen
-vereinigt, als wäre es aus Bruchstücken von solchen zusammengeflickt
-worden, ist ganz allgemein und erklärt sich aus der Tatsache, daß
-jeweils aus einer gewissen Stammform eine Menge Nebenstämme, Äste
-und Zweige hervorgegangen sind. Nach dem alten Schöpfungsglauben war
-hierfür keine vernünftige Erklärung möglich, und die älteren Forscher
-standen der Erscheinung verständnislos gegenüber.
-
-Außer Württemberg haben auch Franken, Braunschweig und Nordamerika
-Belodonten geliefert. Eine verwandte, viel kleinere, aber sehr
-zierliche Gattung, nur etwa 1 Meter lang, ist der +Aëtosaurus+. Bei
-Stuttgart wurden auf einer Steinplatte nicht weniger als zwei Dutzend
-vollständige Individuen gefunden; das Prachtstück ist im Stuttgarter
-Naturalienkabinett zu sehen. Im gemütlichen Schwabenland hat es einst
-von Krokodilen und Drachen nur so gewimmelt, und wir werden noch des
-öfteren darauf zu sprechen kommen.
-
-An dieser Stelle mag noch ein +Tatzelwurm+, der +Teleosaurus+, das
-heißt der „vollkommene Drache“ erwähnt werden. (Siehe Juralandschaft,
-das große Reptil im Vordergrund.) Er stand ungefähr in der Mitte
-zwischen den Neckarsauriern und den heutigen Krokodilen, speziell dem
-Gangesgavial, daher auch der seltsame Name, welcher besagt, daß er
-mit der modernen Tierwelt vollkommen (~teleos~) übereinstimmt. Das
-Tier wurde 5 bis 6 Meter lang, trug einen starken Rücken-, Brust-
-und Bauchpanzer und hatte vier kräftige Pratzen, deren Zehen durch
-Schwimmhäute verbunden waren. Die Vorderglieder waren nur halb so lang
-als die hinteren und dienten wohl hauptsächlich, um sich damit am Ufer
-emporzuschieben. Der Schädel endet in eine lange schmale Schnauze
-mit vielen spitzigen, ungleich hoch und schief stehenden Zähnen.
-(Siehe Tafel Juralandschaft.) Die Nahrung bestand wohl aus Fischen,
-Tintenfischen, kleineren Lurchen und Reptilien, gelegentlich auch aus
-Tangen. Die „Tatzelwürmer“ hielten sich vermutlich in seichten Buchten
-auf und waren gute Schwimmer; auf dem Lande waren ihre Bewegungen
-watschelnd und ungeschickt. Trotz ihrer „Vollkommenheit“, welche sie
-fast zu modernen Geschöpfen macht, hatten sie doch auch reaktionäre
-Rückfälle; ihre Wirbel waren nämlich denen der Uramphibien und Fische
-ähnlich, steckten also gewissermaßen noch im Altertum drin, eine Folge
-von erblicher Belastung. Wunderschöne versteinerte Exemplare findet man
-in der Juraformation bei Holzmaden und Boll (Württemberg) und bei Banz
-in Franken, auch in England und Frankreich.
-
-
- [2] Die deutsche Triasformation zerfällt in drei Hauptteile, daher
- der Name Trias, nämlich in Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper.
-
-
-Schlangen- oder Langhalsdrachen.
-
-[Illustration: Abb. 5. Nothosaurus.]
-
-Auf unserer Abbildung 5 gewahren wir ein seltsames Reptil mit
-langem, schlankem Hals und weit aufgesperrtem Rachen -- es ist
-ein +Nothosaurus+ (Bastardechse), ein Mittelding oder Bastard von
-Schlangendrache und Urkrokodil, offenbar ein gefährlicher Seeräuber,
-der sich aber auch am Strande leidlich gut bewegen konnte. Der
-Schlangenhals, der mindestens 20 Wirbel zählt, befähigte ihn, die
-Beute aus beträchtlicher Tiefe heraufzuholen. Der flache, eckige Kopf
-birgt ein sehr kleines Gehirn, weist also von vornherein auf wenig
-Intelligenz, aber die Sinnesorgane sind gut ausgebildet. Eines Panzers
-bedurfte das Tier nicht; es vermochte sich mit Hilfe des scharfen
-Gebisses und der großen Beweglichkeit des Halses gegen Feinde genügend
-zu schützen. Daß es von ausgesprochenen Landtieren abstammt und sich
-nur allmählich wieder ans Element seiner Urahnen -- der devonischen
-Urmolche -- angepaßt, also in gewissem Sinne den umgekehrten
-Entwicklungsgang der letzteren eingeschlagen hat, ist so gut wie
-erwiesen. Man kennt nämlich auch kleinere Formen mit gewöhnlichen
-Schreitbeinen und solche, die erst an den Vorderfüßen Schwimmhäute
-haben.
-
-[Illustration: Abb. 6. Skelett des Plesiosaurus.]
-
-Die Nachkommen der Nothosaurier setzten die angefangene Entwicklung
-fort und paßten sich immer besser ans Meerleben an. Dies führte zum
-Typus der eigentlichen +Schlangendrachen+ oder +Plesiosaurier+. Das
-sind höchst merkwürdige Tiergestalten. In England, wo die schönsten
-Exemplare gefunden wurden, verglich man sie mit einer durch den
-Körper einer Schildkröte gezogenen Riesenschlange, daher der Name.
-Der auffallendste Körperteil ist der lange Schwanenhals, der bis 41
-Wirbel zählt. Beiläufig mag erwähnt werden, daß der Hals des Schwanes
-23, der Giraffenhals bloß 7 Wirbel besitzt. Die Riesen unter den
-Schlangendrachen hatten einen 4 bis 5 Meter langen Hals bei einer
-Gesamtlänge von zirka 9 Meter. Auf demselben saß ein kegelförmiger,
-verhältnismäßig kleiner Eidechsenkopf mit spitzen Krokodilszähnen.
-Das Rumpfskelett ist sehr kräftig gebaut und läßt auf eine gewaltige
-Muskulatur schließen. Irgendwelche Spuren von Bepanzerung sind nie
-gefunden worden; der Körper war somit nackt und wohl nur mit einer
-schlüpfrigen Lederhaut bedeckt, was für schnelles Schwimmen und Tauchen
-von großem Vorteil war. Der nicht sehr lange, aber doch kräftige
-Schwanz trug vermutlich eine Flosse, welche als Steuer diente. Die
-Beine waren zu gewaltigen Paddeln umgewandelt, also ausschließlich
-zum Rudern, nicht zum Gehen an Land eingerichtet. Die langen Finger
-steckten in einer dicken Haut wie in einem Fausthandschuh, glichen
-somit den Paddeln der Seeschildkröten; aber sie erreichten eine viel
-bedeutendere Größe.
-
-[Illustration: Abb. 7. Plesiosaurus, rekonstruiert.]
-
-Die Schlangendrachen waren sicherlich höchst gefährliche Räuber, der
-Schrecken des Meeres. Aus bescheidenen Anfängen in der Trias entwickeln
-sie sich zu immer riesigeren Formen und sterben in der Kreidezeit
-aus, so daß die heutige Tierwelt nichts Ähnliches aufweisen kann. Der
-Plesiosaurus war sozusagen das Urbild eines schwimmenden Wirbeltiers
-von höherer Organisation; was sich an ihm bewährt hat, finden wir
-auch heute noch, aber auf viele getrennte Ordnungen verteilt. Die
-Schädelmerkmale müssen wir bei den Krokodilen und Eidechsen, die Wirbel
-bei den Fischen, den Brustkorb bei den Schildkröten suchen; den langen
-Hals hat der Schwan geerbt, die Ruderfinnen und den Steuerschwanz
-der Delphin; doch ist bei diesem der Schwanz zu einem wichtigeren
-Schwimmorgan geworden. Man kann es bedauern, daß so interessante Sippen
-wie die Schlangendrachen verschwunden sind, aber das ist der Welt
-Lauf; alles ist vergänglich und muß Neuem Platz machen; wie wäre sonst
-überhaupt Neues und Besseres und Schöneres möglich?
-
-
-Fischdrachen.
-
-Ein Zeitgenosse und Konkurrent des Plesiosaurus ist der Ichthyosaurus
-(von ~ichthys~: Fisch und ~saurus~: Echse), zum Scherz wohl auch das
-„schwäbische Haustier“ genannt, denn der schwäbische „+schwarze+“
-+Jura+ birgt dessen versteinerte Reste in fabelhafter Zahl, als wären
-sie dort förmlich gezüchtet worden. Offenbar lebten jene Seeräuber
-scharenweise in sogenannten Schulen beisammen gleich den Walfischen,
-Walrossen und Seehunden. Außer in Schwaben, das sieben Arten geliefert
-hat, findet man sie in Bayern, Frankreich, England, Spitzbergen,
-Nord- und Südamerika, Ostindien, Australien und Neuseeland. Die
-untere Juraformation Englands (Lias) weist nicht weniger als 26 Arten
-auf. Die Fischdrachen haben sich ans Wasserleben noch vollkommener
-angepaßt als die Schlangendrachen und gleich den Walen, die eine
-ähnliche Entwicklung durchgemacht haben, die Fischform angenommen.
-Die ältesten Arten (Mixosaurus, Phalarodon usw.) sind von geringer
-Größe und lassen erkennen, daß sie von landbewohnenden Panzermolchen
-abstammen. Jahrmillionen hindurch waren die Fischdrachen neben den
-verwandten Schlangendrachen die Beherrscher des Meeres, denn es waren
-gar großschnauzige und gewalttätige Herren, erreichte doch die größte
-Art, ~Ichthyosaurus ingens~, das heißt der Riesen-Fischdrache, 12
-Meter Länge, wovon fast ein Drittel auf den Kopf entfällt. In den
-ungeheuren Kiefern steckten über 200 scharfe, spitze Zähne, und zwar
-nicht in besonderen Höhlen, sondern in einer gemeinsamen Rinne des
-Kieferknochens; sie wurden nur durch das Zahnfleisch aufrecht gehalten
-und fielen nach dem Tode leicht aus. Eine solche Befestigung der Zähne
-findet sich heute noch bei zwei Walfischarten.
-
-[Illustration: Abb. 8. Ichthyosaurus (Fischdrache).]
-
-Einen merkwürdigen Anblick bieten die Augen; sie sind von erstaunlicher
-Größe -- wie Teller -- und geschützt durch einen aus zahlreichen
-Platten bestehenden Knochenring. Wir dürfen wohl annehmen, daß dessen
-Besitzer imstande war, auch in beträchtlicher Tiefe wie im Dunkel der
-Nacht die Beute zu erspähen. Wie beim Neckarsaurier befinden sich
-die Nasenlöcher im hinteren Teile der langen Schnauze, unmittelbar
-vor dem Augenwinkel, und haben wohl als Spritzlöcher funktioniert,
-was auf unserer Juratafel angedeutet ist. Wahrscheinlich waren die
-Tiere imstande, lange unter Wasser zu verweilen, jedoch genötigt,
-von Zeit zu Zeit an der Oberfläche zu erscheinen, um frische Luft
-einzuatmen. Zum Unterschied von den Schlangendrachen ist der Hals
-sehr kurz, kaum erkennbar. Die Wirbelsäule besteht aus zirka 150
-Wirbeln, welche ähnlich geformt sind wie jene der Fische. Die
-Schwanzregion ist an einer gewissen Stelle häufig abgeknickt, was von
-der großen schweren Ruderflosse, die sie zu tragen hatte, herrührt.
-Die Glieder sind zu kräftigen Ruderflossen entwickelt und gleichen
-äußerlich den Walfischfinnen. Außer paarigen Paddeln und der großen
-Schwanzflosse besaßen die Tiere noch eine gewaltige Rückenflosse, die
-in mehrere Lappen geteilt war und sich von der Mitte des Rückens bis
-zum Schwanz hinzog. Bei dem auf Seite 26 abgebildeten Exemplar sind
-merkwürdigerweise alle Flossen sehr schön erhalten, so daß man jetzt
-nicht mehr auf bloße Vermutungen angewiesen ist. „Alles an diesem Tier
-ist merkwürdig,“ schreibt O. Fraas; „von der Form eines Schwertwals,
-besaß es die Schnauze eines Delphins, die Zähne eines Krokodils, den
-Kopf einer Eidechse, die Wirbel eines Fisches, das Brustbein des
-australischen Schnabeltiers und breite Ruderfüße eines Wals.“ Von einer
-schützenden Körperbedeckung ist nichts zu entdecken, die Haut war
-vollkommen nackt.
-
-Wie halbverdaute und unverdaute Reste in der Magengegend und die in
-großer Menge vorhandenen Exkremente (Kotballen) beweisen, bestand die
-Nahrung der Fischdrachen hauptsächlich aus Fischen und Kopffüßern
-(Tintenschnecken, Ammoniten und Belemniten). Durch den Tintenbeutel der
-letzteren ist oft der Mageninhalt dunkel gefärbt. Die versteinerten
-Kotballen oder +Koprolithen+ zeigen stets mehr oder weniger deutliche
-Spiralfurchen, was offenbar von einer spiralig gewundenen Hautfalte
-des Mastdarms, der sogenannten Spiralklappe, herrührt. Dasselbe ist
-von einigen Panzerlurchen bekannt. Unter der heutigen Tierwelt weisen
-nur die interessanten Lurchfische, die Haie und Störe, alles sehr alte
-Sippschaften, einen derartigen Apparat auf. Die Koprolithen, die durch
-ihren Gehalt an Phosphorsäure sich als Dünger eignen, finden sich in
-einzelnen Schichten des englischen Lias in solcher Menge, daß sie
-bergmännisch abgebaut werden. Beim Anschleifen zeigen sie oft hübsche
-Zeichnungen, so daß sie auch zur Herstellung von Knöpfen und Broschen
-benutzt werden, gewiß eine höchst auffällige Verwendung von Exkrementen.
-
-Die Ichthyosaurier brachten die Jungen lebendig zur Welt, entgegen
-allen Gewohnheiten der Reptilien. Man fand einige Weibchen in
-„interessanten“ Umständen, die Jungen schön entwickelt und völlig
-unversehrt hinter dem Magen, mit der Schnauze nach hinten gerichtet.
-Bei einigen Funden gewinnt man den Eindruck, daß die Jungen
-verschlungen worden seien, und es ist daher wahrscheinlich, daß die
-nimmersatten Fresser dem Kannibalismus gehuldigt und ihr eigen Fleisch
-und Blut nicht verschont haben.
-
-Vielleicht interessiert es den Leser, noch einiges zu hören über die
-Gewinnung der Saurierleichen in Württemberg. Oskar Fraas schreibt
-darüber:
-
- Da bekanntlich der Wissenschaft die Mittel immer fehlen, die
- gerade nur in ihrem Interesse aufgewendet werden sollen, so muß
- sie sich an sehr unwissenschaftliche Arbeiten anlehnen, in diesem
- Falle an die Gewinnung von Bodenplatten für Hausfluren, Keller und
- Viehställe, oder an die Industrie in Mörtel und Zement, oder gar
- ans duftige Schieferöl. Die eine ruft in Schwaben, die andere in
- Frankreich und England die Saurier wieder ins Leben. In Schwaben
- sind es die Orte Holzmaden, Zell, Ohmden, Isingen, Boll, darin seit
- Jahrhunderten die Plattenindustrie getrieben wird. Der Name von
- +Boll+, des alten, schon von Bauhin[3] verherrlichten Badeortes,
- ist dem Auslande der bekannteste. Auf einer Quadratrute Oberfläche
- (eine Rute = 3 Meter) liegt durchschnittlich ein „Tierle“,
- wie der Arbeiter die Saurier nennt. Da liegen sie in ihren
- vieltausendjährigen Steinsärgen, vom Schiefer dicht umhüllt, nur
- die rohen Umrisse erkennt man gleich den in Leinwand gewickelten
- Mumien. Man sieht den Kopf durchblicken, die Wirbelsäule, die
- Lage der Glieder, die ganze Länge des Tieres, und raschen Blickes
- erkennt an dieser Form schon der Arbeiter, ob’s ein Tier ist
- mit Flossen oder mit „Pratzen“ (das heißt ob Ichthyosaurus oder
- Teleosaurus). Ist doch ein „Pratzentier“ ums Dreifache mehr wert
- als eines mit Flossen. Aber nicht danach bloß richtet sich der
- Preis: das Wichtigste ist, wie und wo das Tier liegt, ob im festen,
- dauerhaften „Fleins“, was das Erwünschteste ist, ob es Schwefelkies
- führt, was leider die schönsten Stücke oft unbrauchbar macht, und
- namentlich, ob am Stück nichts fehlt, wenn die Platte durch das
- Schrämen oder durch natürliche Abgänge entzweiging. Bis zu 100
- Gulden (210 Franken oder 168 Mark) wird für ein vollständiges
- Tier bezahlt. Der Arbeiter tut keinen Schritt zum Verkauf des
- Fundes, er stellt ihn ruhig zur Seite, weiß er doch, daß fast von
- Woche zu Woche die Käufer kommen, die Unterhändler der Kabinette
- und wissenschaftlichen Sammlungen. Kein Pferdehandel wird je
- mit solchem Eifer abgeschlossen, mit solchem Aufgebot aller
- Beredsamkeit und Entfaltung aller Künste und Kniffe, als der
- Saurierhandel, und keiner erfordert neben genauer Kenntnis der
- Stücke so viele Schlauheit, um nicht, da ohnehin die Katze im
- Sacke gekauft wird, zu Schaden zu kommen. Kein Kauf endlich kommt
- zustande, ohne daß der Käufer noch die besondere Verpflichtung
- eingehen muß, mit verschiedenen Wein- und Mostflaschen dem
- gefallenen Helden eine Totenfeier zu veranstalten.
-
- Noch steht aber das schwierigste Geschäft bevor, es gilt jetzt,
- den Saurier zu „putzen“, das heißt ihn aus der Schieferhülle zu
- lösen und seine alten Knochen ans Licht der Sonne zu bringen. Nur
- Vertrauten darf solche Arbeit überlassen werden, eine unkundige
- Hand „schindet“ das Tier. Monatelang dauert bei manchen die Arbeit,
- denn mehr mit Grabstichel und Nadel, als mit Hammer und Meißel muß
- das Gebirge (Gestein) vom Knochen genommen werden. Wer nicht selbst
- schon den Grabstichel geführt hat, versteht nichts von den Freuden,
- die den Kenner erfüllen, wenn er den Verlauf eines Knochens im
- Schiefer verfolgt und jeden Tag ein Stückchen, schließlich das
- harmonische Ganze des Tieres vor Augen legt.
-
-
- [3] Johann Bauhin, geboren 1541 zu Basel, machte große Reisen durch
- Europa, war ein vorzüglicher Botaniker, zuletzt Leibarzt des
- Herzogs von Württemberg.
-
-
-Schreckdrachen.
-
-Bei einer früheren Gelegenheit wurde darauf hingewiesen, daß die
-Katastrophentheorie, wonach von Zeit zu Zeit alles Lebende vernichtet
-und die Welt plötzlich umgestaltet worden, als überwunden gelte;
-sie verträgt sich mit den Ergebnissen der neueren Forschung nicht
-und steht im Widerspruch mit der gesamten modernen Weltanschauung.
-Die Wissenschaft weist nach, daß seit den ältesten Zeiten eine
-ununterbrochene Entwicklung stattgefunden hat und daß auch in der
-Vorzeit dieselben Naturkräfte und -gesetze wirksam gewesen sind
-wie heute. Wenn aber die Meinung aufkam, daß die Entwicklung stets
-in derselben Weise und demselben Tempo vor sich gegangen wie in
-unseren Tagen, so lag auch hierin wieder ein kleiner Irrtum. Wie
-das Auftürmen von Falten- und Überschiebungsgebirgen, das Absinken
-riesiger Erdschollen, das Hereinbrechen des Ozeans, der Wechsel
-des Klimas periodisch erfolgte, unterbrochen durch lange Pausen,
-so auch die Veränderungen in der Pflanzen- und Tierwelt. Es gibt
-Zeiten verhältnismäßig großer Ruhe, wo die Welt fast stillzustehen
-scheint, und wieder solche gewaltiger Bewegung, wo alles wankt und
-ein allgemeiner Umsturz sich geltend macht. Das sind die großen
-Epochen der Erdgeschichte, die sich mit jenen der Menschheits-
-oder Kulturgeschichte vergleichen lassen. Im Gefolge der großen
-Umwälzungen, die eine neue Periode einleiten, tauchen zahlreiche neue
-Typen auf, während alte, die jenen nicht mehr die Stange halten können,
-verschwinden oder doch die Herrschaft abgeben und sich aufs Altenteil
-zurückziehen. Die Fortschrittler stürmen vorwärts und entwickeln
-immer neue, immer gewaltigere Kräfte, bis auch ihre Zeit abgelaufen
-ist. So erging es auch den +Schreckdrachen oder Dinosauriern+ (von
-~deinos~ oder ~dinos~: schrecklich). Das war ein himmelstürmendes
-Titanengeschlecht, eine Sippschaft von ebenso kolossalen wie seltsamen,
-zum Teil geradezu fabelhaften Wesen, und diese Riesensippe endete mit
-einer winzigen, unbedeutenden Art, die sich als lebendes Fossil bis
-in unsere Tage hinübergerettet hat. Dieser „letzte Mohikaner“ ist die
-+Brückeneidechse+ Neuseelands (~Hatteria~), bis vor kurzem ebenso
-unbeachtet und unbekannt wie die uralten Molchfische der südlichen
-Halbkugel, die überhaupt einer ganzen Reihe überlebter Typen noch eine
-kümmerliche Existenz ermöglicht hat. Das meterlange Tier, das heute
-sehr selten und offenbar im Aussterben begriffen ist, sieht äußerlich
-einer gewöhnlichen Eidechse ähnlich, hat aber Fischwirbel gleich den
-Fisch- und Schlangendrachen und auch sonst allerlei Merkmale, welche
-nur bei den Uramphibien und Urreptilien vorkommen, steht also in
-gewissen Beziehungen noch tiefer als die Schreckensechsen der Trias-,
-Jura- und Kreideperiode.
-
-Die Schreckdrachen erinnern in Größe und Gestalt vielfach an die
-Drachen der Sage, können aber diesen nicht als Vorbilder gedient haben,
-da sie schon vor dem Auftreten des Menschen ausgestorben waren. Man
-kennt heute zirka 50 Gattungen mit mehr als 100 Arten, und Jahr um
-Jahr werden wieder neue erstaunliche Funde gemacht. Außer Europa haben
-besonders Nordamerika und Ostafrika solche geliefert. Es sind darunter
-Tiere, welche mehr als Elefantengröße haben, aber auch solche, die nur
-die Größe einer Katze erreichen. Merkwürdigerweise zeigen manche im
-Knochenbau entschiedene Annäherung an Vögel, woraus wohl geschlossen
-werden darf, daß beide aus einer gemeinsamen Wurzel abstammen, die man
-allerdings zur Stunde noch nicht kennt, die aber möglicherweise eines
-Tages gefunden wird. Im folgenden mögen einige der wichtigsten und
-interessantesten Gattungen dem Leser in Bild und Wort vor Augen geführt
-werden.
-
-
-Lindwürmer.
-
-Im zweiten Teil dieser Erdgeschichte wurde darauf hingewiesen, daß nach
-der großen Steinkohlenperiode, während welcher Jahrmillionen hindurch
-sehr gleichartige Zustände in bezug auf Verteilung von Land und
-Meer, Klima, Pflanzen- und Tierwelt geherrscht haben, ein gewaltiger
-Umschwung eingetreten sei. Auf der nördlichen Halbkugel fanden
-großartige Erdverschiebungen statt; es bildeten sich tiefe Spalten, die
-den schmelzflüssigen Massen in der Tiefe als Ausbruchspforten dienten
-und Anlaß zur Bildung zahlloser Vulkane und vulkanischer Ergüsse gaben.
-Niedriges Sumpfland wechselte mit Brackwasser- und Süßwasserseen,
-neue Gebirge entstanden; dann wurde das Festland vielfach zur
-Wüste und die salzigen Binnenmeere trockneten aus, so daß mächtige
-Salzlager entstanden (Staßfurt bei Magdeburg und Sperenberg), die sich
-besonders durch ihren Reichtum an Kalisalzen auszeichnen. Auf der
-südlichen Halbkugel war derweil eine Eiszeit eingetreten und hatte den
-verweichlichten Steinkohlenpflanzen den Garaus gemacht. Es entwickelte
-sich in Anpassung an die neuen Zustände eine ganz neue Pflanzenwelt.
-Dann brach der Ozean herein und lagerte über der Steinkohlen-, Perm-
-und Buntsandsteinformation Meereskalk (Muschelkalk) ab. Aber auch
-dieses Meer war nicht „ewig“; zumal im nördlichen und nordwestlichen
-Teil Europas bewirkten bedeutende Bodenschwankungen ein langsames
-Austrocknen desselben; an seine Stelle traten wieder Seen und Sümpfe,
-und diese machten der Sand- und Lehmwüste Platz. Es entstehen die roten
-Mergel und Tone, die grauen und roten Sandsteine (Silbersandstein und
-Schilfsandstein Stuttgarts), die man als Keuper bezeichnet (oberste
-Trias). Die Siegel- und Schuppenbäume sind verschwunden und ersetzt
-durch allerlei Nadelhölzer, worunter manche mit breiten ledrigen
-Blättern; die Farne sind teilweise verdrängt durch palmenähnliche
-Sagobäume (Palmenfarne) und die Rohrbäume (Kalamiten und Kalamarien)
-durch echte Schachtelhalme, welche jene an imposantem Wuchs bei
-weitem nicht erreichen und furchtbar eintönige steife Dschungel von
-armsdicken, 4 bis 6 Meter hohen Stangen bilden. Die Flüsse vermögen
-sich meist nicht bis zum offenen Meer zu behaupten, sondern versiegen
-im Wüstensand oder endigen in flachen Mulden, in sumpfigen Steppenseen,
-die sich mit Schlamm und Sand füllen. Da und dort werden Flußläufe
-durch vorrückende Wanderdünen zerschnitten und teilweise zugefüllt,
-wodurch das Land am Unterlauf der Wasserzufuhr verlustig geht und
-in einen großen Friedhof verwandelt wird. Alles Lebende geht dort
-zugrunde, und der nächste Wüstensturm deckt die Leichen mit Sand und
-Staub. So sah es zur Keuperzeit aus in der Heimat der triadischen
-„Lindwürmer“, im Schwabenland.
-
-Im Süden Stuttgarts bei Degerloch fand man vor etlichen Jahrzehnten
-die versteinerten Knochen eines seltsamen Ungeheuers, welchem der
-hervorragende württembergische Geologe und Paläontologe Quenstedt den
-Namen des „+schwäbischen Lindwurms+“ beilegte. Sein wissenschaftlicher
-Name ist +Zanklodon+, nach den riesigen Greifzähnen, welche die Form
-eines Winzermessers haben (~zagkle~ oder ~zankle~: Winzermesser und
-~odon~: Zahn). Ein Oberschenkelknochen ist 75 Zentimeter lang und ein
-Hinterfuß bedeckt eine Fläche von ¼ Quadratmeter. Das gewaltige Tier
-erreichte insgesamt eine Länge von zirka 7 Meter. Die Vorderglieder
-sind verhältnismäßig klein und konnten jedenfalls nicht zum Gehen
-benutzt werden, dienten vielmehr als Greifhände; dagegen waren
-Hinterglieder und Schwanz sehr kräftig entwickelt, woraus zu schließen
-ist, daß dieser Lindwurm aufrecht auf den Hinterbeinen einherging.
-Er erinnert so einigermaßen an ein Känguruh, war aber viel größer,
-plumper und schwerfälliger als dieses und konnte trotz des muskulösen
-Schwanzes keine großen Sprünge machen. Der Schwanz diente wohl als
-Stütze in der Ruhelage und außerdem als Balancierstange. Die Zehen
-waren mit ungeheuren Krallen bewaffnet, deren Hornsubstanz, weil
-leicht verweslich, natürlich nicht mehr vorhanden ist. Der Kopf war
-nicht sehr groß und mit einem scharfen Raubtiergebiß versehen. Die
-Natur hat hier versucht, einen Zweifüßer zu schaffen, der nicht
-mehr am Boden hinkriechen muß, sondern stolz erhobenen Hauptes
-als geborener Herrscher dahinschreiten kann. Der Name +Reptil+ --
-Kriecher, Schleicher -- will hier nicht mehr recht passen, und doch
-ist kein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Lindwürmern und den
-Neckarsauriern, die zur gleichen Zeit und in den gleichen Gegenden
-lebten.
-
-Überreste eines nahen Verwandten, der zu Ehren seines Entdeckers den
-Namen +Greßlyosaurus+ erhielt, fand man bei Liestal in Baselland. Der
-unglückliche Greßly, ein vorzüglicher Geologe, verfiel in geistige
-Umnachtung und wurde von der fixen Idee befallen, daß er in jenen
-Lindwurm verwandelt worden sei. In Thüringen, Frankreich und Südafrika
-stieß man ebenfalls auf Spuren derartiger Drachen; manche von ihnen
-konnten noch nicht aufrecht gehen, sondern krochen nach alter Väter
-Weise auf allen vieren.
-
-
-Iguanodonten.
-
-[Illustration: Abb. 9. Skelett des Iguanodon.]
-
-Während die „schwäbischen Lindwürmer“ schon im Keuper wieder
-verschwanden, haben sich ähnliche Formen viel länger erhalten und
-sind erst in der Kreidezeit ausgestorben. Zu diesen gehören die
-+Iguanodonten+, von denen man sich früher ganz falsche Vorstellungen
-gemacht hat, da lange Zeit nur einzelne Knochen bekannt waren. Nun
-besitzt man aber die vollständigen Skelette dieser Kreidedrachen.
-Besonders Belgien hat prachtvolle Exemplare geliefert, und das
-Paläontologische Museum in Brüssel besitzt etwa zwei Dutzend derselben.
-Es macht einen nachhaltigen Eindruck, unter jenen vorweltlichen
-Riesen umherzuwandeln. Gleich den Zanklodonten, denen sie an Größe
-gleichkamen, schritten sie aufrecht einher, ihren Kopf, der mit dem
-langen Hals einen rechten Winkel bildet, spähend bald links, bald
-rechts wendend. Der Name bedeutet soviel wie die „Leguanzähnigen“. Man
-fand nämlich zunächst nur einzelne Zähne, welche denen einer heutigen
-Eidechse, des +Leguans+ -- +Iguana+ -- ähnlich sind. Die Leguane sind
-abenteuerlich gestaltete 1½ Meter lange Rieseneidechsen Südamerikas
-und Westindiens, welche sich auf dem Wasser ebenso gewandt bewegen
-wie auf dem Erdboden und im Geäst der Bäume. Ihres wohlschmeckenden
-Fleisches wegen werden sie von den Eingeborenen gejagt. Zu den
-Kammeidechsen oder Leguanen gehört auch der Basilisk, etwas kleiner als
-der gemeine Leguan, mit hohen Hautlappen auf Rücken und Schwanz. Nun
-weiß man heute, daß die ausgestorbenen Iguanodonten mit den lebenden
-Kammeidechsen nicht näher verwandt sind, aber der Name ist geblieben.
-Die Bezahnung der Iguanodonten ist eine unvollständige, indem der
-vordere Teil der Kiefer zahnlos und vermutlich mit einer Art hornigem
-Schnabel versehen war. Die großen spatelförmigen Zähne sind am Rande
-gekerbt und greifen scherenartig übereinander. Sie erscheinen fast
-immer stark abgenutzt, waren also wohl zum Abbeißen und Kauen harter
-Pflanzenstoffe, vielleicht zum Abweiden der Baumkronen eingerichtet.
-Nebenbei mögen auch Schaltiere als Nahrung gedient haben. Jedenfalls
-waren die Iguanodonten keine blutdürstigen Bestien, sondern langsame,
-schwerfällige Geschöpfe. Daß ihre +geistigen+ Fähigkeiten gering
-waren, geht schon aus der geringen Größe der Schädelhöhle hervor. Zur
-Verteidigung dienten außer den Kiefern der große und ungemein kräftige
-Schwanz und die Daumen der Vorderglieder, die je zu einem Sporn oder
-natürlichen Dolch umgewandelt waren, der von den übrigen Fingern
-senkrecht abstand. Lange Zeit hielt man diesen Sporn für einen zum
-Schädel gehörigen Hornzapfen und zeichnete das Tier mit einem Horn. Wir
-werden übrigens später eine verwandte Form kennen lernen, die wirklich
-ein Horn getragen hat. Auffallend ist die Tatsache, daß die Hinterfüße
-nur drei Zehen nebst einer verkümmerten vierten Zehe besitzen und im
-anatomischen Bau mit denjenigen der großen Laufvögel eine gewisse
-Übereinstimmung zeigen, so daß die Iguanodonten seinerzeit geradezu
-als Ornithopoden, das heißt Vogelfüßer, bezeichnet worden sind. Ihre
-Fährten, die auf Sandsteinplatten der Kreideformation zu Tausenden und
-in allen Größen vorhanden sind, wurden denn auch anfangs für Fährten
-von Riesenvögeln gehalten. (Siehe Abbildung 10, Brontozoumfährte). Daß
-in der Tat nicht nur zufällige Ähnlichkeiten mit Vögeln bestehen, zeigt
-die Übereinstimmung des Iguanodonfußes mit dem des Hühnchens im Ei.
-Der Vogelembryo (Keim) hat zuerst Iguanodonfüße und erhält erst durch
-Verkümmerung und teilweise Verschmelzung einzelner Knochen richtige
-Vogelfüße. Freilich ist nicht daran zu denken, daß die Vögel etwa
-von Iguanodonten, überhaupt von Dinosauriern abstammen, aber aller
-Wahrscheinlichkeit nach haben die beiden Stämme eine gemeinsame Wurzel.
-Die Trennung hat wohl schon in der Trias, wenn nicht bereits in der
-Permperiode stattgefunden. Hier läßt uns die Überlieferung im Stich;
-von der großen Chronik der Erdgeschichte fehlen einige Bände völlig.
-Aber glückliche Funde können auch da in ungeahnter Weise Licht bringen.
-
-[Illustration: Abb. 10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten
-Regentropfen.]
-
-Wie artenreich die Sippschaft der „Vogelfüßer“ gewesen, läßt sich
-einigermaßen ahnen aus der großen Zahl und Mannigfaltigkeit der
-Fährten, das heißt der Abdrücke, welche die verschollenen Saurier
-auf dem feuchten Sand und Schlamm der Ufer zurückgelassen haben. An
-der englischen Küste bei Hastings sowie in verschiedenen Gegenden
-Deutschlands findet man Fußspuren von 20 bis 75 Zentimeter Größe, und
-in Nordamerika sind dergleichen Funde noch häufiger. Manche Fährten
-ergeben eine Schrittweite von 3 und 4 Meter, lassen also auf Tiere von
-fabelhafter Größe schließen, aber wie dieselben ausgesehen, weiß zur
-Stunde niemand zu sagen.
-
-Zum Schlusse dieses Kapitels mögen noch zwei wissenschaftlich
-interessante Formen erwähnt werden: der +Kompsognathus+ und der
-+Hadrosaurus+ (Trachodon), ersterer aus dem schwäbischen und
-fränkischen Jura bekannt, ein sehr leicht gebautes, zierliches Tier von
-Katzengröße, mit vogelähnlichem Schädel, langen schlanken Hinterbeinen,
-dreizehigen Vogelfüßen und langem Schwanz; letzterer ein großer, 8
-bis 9 Meter langer Schreckdrache von der Gestalt eines Iguanodon,
-jedoch mit seltsamem riesigem Entenschnabel und einem ebenso seltsamen
-pflasterartigen Gebiß, das aus zirka 2000 kleinen Zähnen besteht. Man
-fand ein solches Tier mit erhaltener Haut, die mit Schuppen bedeckt
-war. Der Hadrosaurus stammt aus der obersten Kreide Amerikas. Von
-beiden Gattungen sind europäische und amerikanische Vettern bekannt.
-(Siehe Abbildung 19.)
-
-
-Amerikanische Größen.
-
-Europa war zur Jurazeit fast ganz vom Meere bedeckt; nur einzelne
-Inseln und uralte Gebirgsmassen erhoben sich über dasselbe. Hier war
-somit zur Entfaltung einer großartigen Landfauna (Tierwelt) nicht
-genug Raum vorhanden, und so kommt es, daß zwischen den Schreckdrachen
-der Triaszeit und denjenigen der Kreideperiode eine große Lücke
-besteht. Fast möchte man glauben, mit dem Ende der Keuperzeit sei eine
-ungeheure Katastrophe, etwa eine allgemeine Sintflut hereingebrochen,
-habe die ganze Tierwelt vernichtet, und nach vielen Hunderttausenden
-von Jahren habe die Natur wieder von vorn angefangen. Allein jene
-Überflutung fand nicht überall statt; in Nordamerika zum Beispiel blieb
-auch während der auf die Trias folgenden Jurazeit ein ausgedehntes
-Festland bestehen, und dort konnten sich die Landtiere der Keuperzeit
-weiter entwickeln. In der unteren Kreide erreichten sie die höchste
-Entfaltung. Von Nordamerika kamen denn auch vor Jahren wunderbare
-Mären von fremdartigen Sauriern, die an Größe und Seltsamkeit der Form
-alles bis dahin Bekannte in Schatten stellten. Skeptische Naturen
-nahmen jene Berichte mit einem gewissen Mißtrauen entgegen, aber die
-wissenschaftlichen Darstellungen namhafter Paläontologen und vor
-allem die in den Museen aufgestellten Funde selber machten es zur
-Gewißheit, daß man es nicht mit romantischen Übertreibungen einer
-sensationslüsternen Presse zu tun habe.
-
-Der gewaltigste unter den amerikanischen Schreckdrachen scheint der
-+Atlantosaurus+ gewesen zu sein, dessen Überreste im Staate Wyoming
-am Ostabhang des Felsengebirges gefunden wurden. Der Name ist der
-griechischen Göttersage entnommen. Der Riese Atlas, der Sohn eines
-Götterriesen (Titanen) und einer Meergöttin, hatte sich mit seiner
-ganzen Sippschaft gegen den Himmelvater Zeus empört, wurde aber
-besiegt und dazu verurteilt, an den Grenzen der Erde, wo Tag und Nacht
-zusammenkommen, nämlich an der jetzigen Meerenge von Gibraltar, den
-Himmel zu tragen. Atlas bedeutet auch in der Tat soviel wie „Träger“.
-Balkenträger an Gebäuden werden daher auch Atlanten genannt. Nach
-einer anderen Sage war er Besitzer der berühmten Hesperidengärten,
-einer Art Paradies in der Gegend des heutigen Marokko, und wurde vom
-griechischen Halbgott Perseus wegen seiner Ungastlichkeit mit Hilfe
-des Medusenhauptes zum Gebirge versteinert. Nach ihm wurde auch der
-Atlantische Ozean benannt.
-
-Der +~Atlantosaurus immanis~+, das heißt der entsetzliche
-Riesendrache, war ein Koloß von 30 Meter Länge bei 9 Meter Höhe. Diese
-ungeheure Fleischmasse bewegte sich auf vier ungefähr gleich großen
-säulenförmigen Beinen, die je fünf Zehen mit hufartigen Klauen besaßen
-und nach Art der Eidechsenglieder gebaut waren. Die Oberschenkelknochen
-sind annähernd 2½ Meter lang und an ihrem oberen Ende ½ Meter dick.
-Es wird uns dies nicht wundernehmen, wenn wir bedenken, daß ja das
-Tier, das sie zu tragen hatten, „die Größe eines ziemlich ansehnlichen
-Hauses“ erreicht haben mußte. Ja, diese mächtigen Knochen hätten wohl
-kaum ausgereicht, die enorme Last zu tragen und fortzuschleppen,
-wenn nicht durch besondere Vorrichtungen das Gewicht des Körpers
-herabgemindert worden wäre. Die Wirbel, von denen die größten einen
-Meter Durchmesser besaßen, waren nämlich hohl und zu Lebzeiten des
-Tieres wahrscheinlich mit Luft erfüllt, nur die Wirbel des dicken und
-langen Schwanzes waren massiv.
-
-[Illustration: Abb. 11. Brontosaurus.]
-
-Nahe Verwandte des Atlantosaurus sind der +Barosaurus+ (der „Schwere“)
-und der +Brontosaurus+. Ersterer ist in allen Skeletteilen bekannt;
-er erreicht eine Länge von 20 Meter, sein Nackenwirbel einen
-Durchmesser von reichlich einem Meter. Der Brontosaurus, ist ebenso
-groß und besaß einen ungeheuer langen Plesiosaurushals mit 13 Wirbeln.
-Wir geben nach einem vollständigen Skelett eine Rekonstruktion des
-Tieres, wie es lebend etwa ausgesehen haben mag. Auch beim Brontosaurus
-sind die Wirbel mit großen Luftkammern versehen, selbst die drei
-ersten Schwanzwirbel besitzen solche. Als weiteres Merkmal verdient
-hervorgehoben zu werden die im Verhältnis zum Körper winzige Größe
-des Kopfes und der Gehirnhöhle. „Das Gehirn,“ sagt Neumayr, „ist so
-außerordentlich klein, wie es im Verhältnis wohl bei keinem anderen
-höheren Tier bis jetzt bekannt ist.“
-
-Diese amerikanischen Riesen mußten somit höchst stumpfsinnige Geschöpfe
-gewesen sein und tief unter den heutigen Beherrschern der Tierwelt
-gestanden haben. Wir dürfen uns dieselben auch nicht vorstellen als
-grimme, stets in Kampf und Krieg lebende Drachen, denn sie waren
-Pflanzenfresser und mochten also wohl den damaligen Gewächsen, nicht
-aber der Tierwelt verderblich gewesen sein. Der Brontosaurus oder
-Donnerdrache (vom griechischen ~bronte~: Donner, ~brontogenes~: vom
-Donner erzeugt) mochte ein Gewicht von zirka 380 Doppelzentner erreicht
-haben, während dasjenige des Indischen Elefanten bloß 30 bis 40
-Doppelzentner beträgt. Ober- und Unterschenkel samt Fuß maßen 4 Meter,
-die Dornfortsätze der Kreuzwirbel ½ Meter. Die wandelnde Fleischlawine
-mag bis zum Rücken eine Höhe von 6 Meter, mit hoch gehobenem Kopf
-9 Meter erreicht haben. (Die Angaben, wonach die größten Formen 12
-Meter hoch gewesen sein sollen, scheinen nicht vertrauenswürdig zu
-sein.) Selbst die ausschweifendste Phantasie war nie imstande, sich
-ein solches Biest auszudenken, und staunend fragt man sich, wie ein
-solches „Reptil“ sich bewegen und ernähren konnte. Man denke sich
-einen Donnerdrachen durch die Straßen einer Stadt dahinschreiten! Er
-könnte bequem zu den Fenstern des dritten Stockes hineingucken, und die
-Kronen der Bäume in den städtischen Anlagen böten ihm eine angenehme
-Weide. Ein Ochse würde sich daneben fast wie ein Bauernhaus neben einem
-Münster ausnehmen. Und welch ein Anblick müßte es gewesen sein, zu
-sehen, wie der Koloß sich auf seinen stämmigen Hinterbeinen und dem
-ungeheuren Schwanz erhob! Vielleicht haben sich die Tiere vorwiegend
-im Wasser aufgehalten nach Art der Flußpferde, wobei die Pflanzenwelt
-der Ufer abgeweidet und nebenbei allerlei Getier mit verschlungen
-wurde. Da wie bei den Atlantosauriern die größeren Wirbel, die einen
-Meter Durchmesser besaßen, Luftkammern hatten, wurde das spezifische
-Gewicht beträchtlich herabgemindert. Der vierte Halswirbel ist größer
-als der Schädel, und der Hohlraum der Kreuzbeinwirbel übertrifft die
-Hirnhöhle um ein Mehrfaches, so daß es scheint, als hätten die Tiere
-den Hauptteil ihres Zentralnervensystems nicht in den Kopf, sondern in
-das Hinterteil verlegt. Mit den intellektuellen Anlagen muß es folglich
-sehr schlimm bestellt gewesen sein.
-
-Die Gestaltungskraft der Natur hatte sich hier verrannt; durch
-eine bloße Steigerung der Masse schuf sie etwas Unnatürliches und
-verurteilte diese „Überriesen“ zu schnellem Untergang. Vielleicht
-ward dieser beschleunigt durch einen Klimawechsel oder durch das
-Überhandnehmen gefährlicher Raubtiere.
-
-
-+Diplodokus.+
-
-[Illustration: Abb. 12. Diplodokus.]
-
-Neben den plumpen, massigen Atlantosauriern, wozu auch der Brontosaurus
-gerechnet wird, erscheint der Diplodokus (Doppelbalken) geradezu als
-eine zierliche Form. Er entstammt den gleichen Fundorten wie die
-vorigen und gehört gleichfalls der unteren Kreide an, dem sogenannten
-Wealden, das heißt der „Wälderformation“. Diese hat insofern manche
-Ähnlichkeit mit der Steinkohlen- und der Keuperformation, als die
-damaligen Festländer mit großen Sümpfen und Moorwäldern bedeckt waren
-und ein langandauernder Kampf zwischen Land und Meer herrschte.
-Aus jener Zeit stammen zahlreiche Steinkohlenflöze, die allerdings
-im allgemeinen von geringer Mächtigkeit sind, aber doch an manchen
-Orten bergmännisch abgebaut werden, so am Osterwald, am Deister, in
-Schaumburg und Bückeburg. Sie sind natürlich nicht aus den typischen
-Steinkohlenpflanzen (Siegel- und Schuppenbäumen usw.) hervorgegangen,
-denn jene existierten ja längst nicht mehr, sondern aus Pflanzen
-der Jura- und der ältesten Kreidezeit, hauptsächlich aus Farnen,
-Nadelhölzern und Sagobäumen (Zykadeen, Farnpalmen). Der Gattung
-Diplodokus gehören Tiere von 16 bis 25 Meter Länge und 3 bis 4
-Meter Höhe an. In welcher Stellung sich dieselben bewegt haben, ist
-noch nicht festgestellt und je nachdem gelangt man zu verschiedenen
-Höhenangaben. Der 6 Meter lange Hals gleicht einer Riesenschlange
-und trägt einen großen, 60 Zentimeter langen Kopf, der etwelche
-Ähnlichkeit mit einem Pferdekopf hat, die Nasenlöcher befinden sich
-jedoch weit hinten bei den Augen. Die Kiefer sind nur im vorderen
-Teil bezahnt, die hinteren Zähne fehlen gänzlich; wir haben es also
-weder mit einem Raubtiergebiß, noch mit dem eines Pflanzenfressers zu
-tun. Die Zähne sind lang, dünn, stäbchenförmig und stehen ziemlich
-weit auseinander, wie die Zähne eines Rechens. Der ungeheure Schwanz
-zählt nicht weniger als 60 Wirbel. Es ist nicht leicht, sich die
-Lebensweise dieses märchenhaften Drachen vorzustellen. Man hat daran
-gedacht, daß er im Wasser nach Muscheln, Schnecken, Fischen, Krabben
-und Lurchen grundelte, wobei die Zähne nicht zum Beißen, sondern als
-Seiher dienten, also die gleiche Funktion ausübten wie das Fischbein
-der Bartenwale. Das hat in der Tat viel Wahrscheinlichkeit für sich.
-Die größte Art (~Diplodocus Carnegiei~) wurde vor einigen Jahren auf
-Kosten des bekannten Stahlkönigs Carnegie ausgegraben und im Museum
-zu Pittsburg aufgestellt. Das Berliner Museum besitzt einen Gipsabguß
-davon, weitere befinden sich in Wien, Paris und London. Überreste nahe
-verwandter Gattungen wurden in Südamerika, Frankreich und England
-entdeckt.
-
-[Illustration: Abb. 13. Dach- oder Panzerdrache.]
-
-Einen hochinteressanten Fund machten vor kurzem die Gebrüder Sternberg
-im westlichen Teil der Union, sie förderten den vollständigen Kadaver
-eines Diplodokus mit erhaltener Hautbedeckung zutage. Das betreffende
-Riesenvieh scheint durch einen Unglücksfall umgekommen und auf eine
-Sandbank im Flusse geschwemmt worden zu sein. Dort wurde es zu einer
-Mumie ausgetrocknet und durch gewaltige Schlammassen, die später zu
-Tonschiefer erhärteten, zugedeckt. Die Haut ist mit seltsamen zarten
-Schuppen gespickt. Der ganze Kadaver, der auf dem Rücken lag, bedeckte
-eine Fläche von 12 Quadratmeter.
-
-
-+Panzer- und Horndrachen.+
-
-[Illustration: Abb. 14. Dreihorndrache, rechts oben ein Pteranodon.]
-
-Diese stehen den vorigen an Größe beträchtlich nach, sehen aber
-dafür um so putziger, wirklich drachenhaft aus. Fast möchte man
-wähnen, ein phantasievoller Fabulierkünstler des Mittelalters
-hätte dieselben erfunden. +Die Panzerdrachen oder Dachdrachen+
-(+Stegosaurier+) waren plumpe Riesen von mindestens Elefantengröße,
-jedoch weit beträchtlicherer Länge, nämlich bis zu 10 Meter! Sie
-hatten wieder die Gewohnheit der alten Reptilien angenommen, das heißt
-sich einen dicken Panzer angeschafft, also ein Rückfall auf eine
-tiefere Entwicklungsstufe; denn das Hautskelett ist das ursprüngliche,
-das älteste; erst verhältnismäßig spät machte sich das innere
-Knochenskelett geltend, wodurch das erstere allmählich überflüssig
-wurde, weil es die aufsteigende Entwicklung hinderte. Der Rückenpanzer,
-der sich vom Kopf bis zur Schwanzspitze erstreckte, bildete ein
-schützendes Dach aus starken, dicken Schilden und war überdies mit
-einem ungeheuren Kamm versehen, der aus zwei Reihen aufrechtstehender
-meterlanger Platten bestand. Am Ende des langen Schwanzes waren jene
-Knochentafeln zu spitzigen halbmeterlangen Stacheln reduziert. Das war
-zweifelsohne eine sehr gefährliche Waffe, und der Koloß konnte damit
-furchtbare Schläge austeilen. Die Kehlgegend war durch einen besonderen
-Knochenharnisch geschützt. Offenbar fehlte es zu jener Zeit (untere
-Kreide) nicht an mächtigen Feinden. Die Glieder sind ungleich lang, und
-zwar sind die vorderen wieder beträchtlich kürzer als die hinteren.
-Die Zahl der Zehen betrug je fünf, jedoch waren bei den Hinterfüßen
-die beiden äußeren verkümmert, so daß das Tier nur mit je drei Zehen
-austrat. Dadurch entstanden sonderbare Fährten, die den Eindruck
-erweckten, als seien zwei ganz verschiedene Tierarten (Herr und
-Diener) stets miteinander oder vielmehr hintereinander auf dem nassen
-Boden dahingewandelt. Der kleine Kopf mit einer Art Iguanodongebiß
-endete in einen plumpen Schnabel, was dem gepanzerten Ungeheuer ein
-besonders phantastisches Aussehen verschaffte. Besondere Erwähnung
-verdient die Schädelhöhle; dieselbe ist nämlich sehr klein, so daß
-nur ein winziges Gehirn in derselben Platz hatte. Der Rückenmarkkanal
-im Kreuzbein ist wohl zehnmal so groß als die Hirnhöhle, so daß man
-von einem „Kreuzbeinhirn“ gesprochen hat. Letzteres bestand aber
-selbstverständlich nicht aus Hirnsubstanz, sondern aus Nerven für den
-kolossalen Hinterkörper.
-
-Diese Panzerdrachen haben sich wohl durch eine geradezu beispiellose
-Dummheit ausgezeichnet. Sie konnten wahrscheinlich gleich den
-Iguanodonten aufgerichtet auf den Hinterbeinen einherschwanken, aber
-ebensogut auf allen vieren davonstapfen.
-
-Ein ebenso wunderlicher Kauz, ein Vetter des vorigen, war der
-+Dreihorndrache+ (+Trizeratops+), 8 bis 9 Meter lang, wovon 2 Meter
-auf den spitzdreieckigen, vorn ebenfalls in einen Schnabel endigenden
-Kopf entfallen. Dieser Schreckdrache, der also im Gegensatz zu seinem
-mikrozephalen Vetter zu den „Großköpfen“ gehört, trug neben einem
-meterlangen Horn über der Nase noch zwei seitliche hintere Hörner über
-den Augen. Der Hinterkopf endete in einen knöchernen Nackenschirm, der
-am Rande mit zackigen Knochenplatten besetzt war und wie eine große
-Halskrause aussieht. Die Zähne deuten auf Pflanzennahrung und haben
--- bei Reptilien etwas Unerhörtes -- zwei Wurzeln, was sonst nur bei
-Säugetieren vorkommt. Auch die Glieder weisen gewisse Säugetiermerkmale
-auf, die Zehen tragen nämlich große Hufe, wie diejenigen der Huftiere
-(Schweine, Pferde, Wiederkäuer). Dazu der gehörnte Kopf, der an gewisse
-Urhufer der Braunkohlenzeit gemahnt.
-
-Diese Säugetierähnlichkeit ist noch größer beim +Einhorndrachen+
-(+Monoklonius+) mit mächtigem, nach rückwärts gekrümmtem Horn, dem
-+Zweihorndrachen+ (+Dizeratops+) und dem +Stierdrachen+ (+Torosaurus+),
-alle der oberen Kreideformation Nordamerikas angehörend. Vereinzelte
-Bruchstücke einer nahe verwandten Art wurden auch bei Wiener-Neustadt
-gefunden. Dem winzigen Gehirn nach zu schließen, sind alle Horndrachen
-sehr stumpfsinnige Geschöpfe gewesen.
-
-
-Afrikaner.
-
-Nordamerika galt als das Paradies der Schreckdrachen, und seine
-Reptilienwelt überragte alles bis anhin Bekannte. Da trat Afrika als
-Konkurrent auf, und zwar -- wer hätte das für möglich gehalten? --
-mit Erfolg. Zunächst richtete die Südspitze des Schwarzen Erdteils
-die Augen der Paläontologen auf sich. Dort -- in der sogenannten
-Karrooformation -- entdeckte man nämlich eine Menge versteinerter
-Knochen, welche von einer höchst seltsamen Tierwelt zeugten, die in
-der Perm- und Triaszeit dort gehaust. Die einen jener Knochentrümmer
-schienen einer besonderen Gruppe von Uramphibien (Wickelzähnern,
-Panzerköpfen) anzugehören, andere waren entschieden reptilienhaft
-und manche, besonders die Zähne, wiesen auf niedere Säugetiere hin.
-Die Bezahnung ließ nämlich eine Gruppierung in Schneide-, Eck- und
-Backenzähne erkennen. Sollte man es hier mit den Stammvätern der
-höchststehenden Tierklasse zu tun haben? Sollte nun Licht in die
-Dunkelheit ihrer Herkunft fallen? Die hochgespannten Erwartungen
-der Forscher erfüllten sich nicht. Immerhin ist zu sagen, daß jene
-Afrikaner höchst interessante Zwischenformen (Kollektiv- oder
-Sammeltypen) und daß die berühmtesten unter ihnen, die +Theromorphen+,
-das heißt die +Säugetierähnlichen+, offenbar Seitenzweige jenes
-Hauptastes sind, dem die Ursäugetiere entstammen. Zwischen beiden
-bestehen nicht bloß oberflächliche Ähnlichkeiten (Analogien), sondern
-enge verwandtschaftliche Beziehungen.
-
-[Illustration: Abb. 15. Schädel eines Wolfsauriers aus der
-südafrikanischen Trias. ~a.~ Oberkiefer. ~b.~ Unterkiefer.]
-
-Die „+Säugetierähnlichen+“ bewohnten übrigens nicht ausschließlich
-Südafrika, sondern auch Amerika, Ostindien, Europa (Rußland, England,
-Frankreich, Deutschland, Schweiz). Sie scheinen samt und sonders schon
-in der Triaszeit ausgestorben zu sein; die heutige Tierwelt hat nichts
-Gleichartiges. Man kennt zirka 100 Gattungen; ihre versteinerten
-Skelette sind meist schlecht, oft nur in wenigen Knochenstücken
-erhalten und dann schwer zu deuten. Unter den vielen Arten gibt es
-Zwerge, die nur die Größe einer Ratte erreichen, aber auch einzelne
-schwerfällige Riesen von Nashorngröße. Ich führe nur zwei Vertreter mit
-Namen an, den +Wolfsaurier+ (+Lykosaurus+), ein Raubtier mit scharfem
-Gebiß, und den plumpen +Pareiasaurus+ (+Backensaurier+), ein bizarres,
-drei Meter langes Monstrum, ein „dackelhafter Bär“ auf kurzen, dicken,
-geknickten Beinen, deren unglaublich dicke Zehen wahrscheinlich zum
-Graben eingerichtet und mit großen Krallen versehen waren. Er hielt
-sich wohl mit Vorliebe an der Küste auf und ernährte sich von allerlei
-kleinem Getier, das er aus der Erde hervorscharrte. Der breite, kurze
-Schädel war mit vielen Höckern und der Unterkiefer mit zapfenartigen
-Auswüchsen geziert. Von einem ähnlichen Biest (Sklerosaurus) fand man
-Überreste im Buntsandstein von Riehen bei Basel. Aber damit sind wir
-mit Afrika und den Afrikanern noch keineswegs zu Ende.
-
-In den allerjüngsten Zeiten ging uns von dem rühmlich bekannten
-Stuttgarter Geologen Fraas die unverhoffte Kunde zu, daß drüben in
-Deutsch-Ostafrika sich ein Drachenfriedhof befinde, der mit den
-amerikanischen Fundorten im Staate Wyoming in jeder Hinsicht den
-Vergleich aushält. Dort ist nun eine reichsdeutsche Expedition seit
-einigen Jahren beschäftigt, die wunderbaren Reste ausgestorbener
-Tierriesen auszugraben und der wissenschaftlichen Untersuchung
-zugänglich zu machen. Jene Gigantosaurier (Riesendrachen) scheinen
-ihren amerikanischen Vettern, den Atlantosauriern, Zanklodonten,
-Panzerdrachen usw. mindestens ebenbürtig zu sein. Wie in Wyoming
-liegen die Knochen teilweise an der Oberfläche oder in geringer Tiefe,
-aber deren Konservierung und Transport zur Meeresküste und von dort
-nach Europa ist ein ebenso schwieriges wie kostspieliges Geschäft.
-Das Berliner Museum hat bereits durch jene Funde eine erstaunliche
-Bereicherung erfahren.
-
-Die Grabungen werden am Tendaguruhügel, nordwestlich von Lindi
-vorgenommen, wobei benachbarte Negerstämme das Ausgraben und den
-Transport besorgen. Die Arbeiten sind mit sehr großen Schwierigkeiten
-verbunden. Fürs erste sind jene Gegenden mit fast undurchdringlichem
-Gras- und Buschwald bewachsen und weit ab von Verkehrslinien, sodann
-macht die Regenzeit jede Arbeit unmöglich, und im Sommer, wo gar kein
-Regen fällt, hat man mit Hitze, Fiebern, Nahrungsmangel und einem Heer
-bösartiger Insekten zu kämpfen, nicht zu rechnen mit den Überfällen von
-Löwen, Leoparden und Schlangen.
-
-[Illustration: Kreidelandschaft.
-
-Tiere: Maassaurier, Kreidevögel (Ichthyornis), im Hintergrund ein
-Iguanodon.
-
-Pflanzen: Zypressen, Palmen, Weiden.]
-
-Im ersten Jahre wurde mit 150 Arbeitern begonnen, im zweiten mit
-200, und diese Zahl stieg allmählich auf 500. Es sind drei
-übereinanderliegende Saurierschichten vorhanden, die verschiedenen
-Zeiten, aber insgesamt der ältesten Kreideperiode angehören, somit
-gleichaltrig sind wie die berühmten Kreideschichten in Nordamerika.
-Welche Riesen (Gigantosaurier) zutage gefördert wurden, mag folgender
-Vergleich zeigen:
-
- Ein Oberarmknochen des Diplodokus mißt 0,95 Meter
- „ „ „ Gigantosaurus „ 2,10 „
- „ Halswirbel „ Diplodokus „ 0,65 „
- „ „ „ Gigantosaurus „ 1,2 „
- „ Schulterblatt „ Diplodokus „ 1 „
- „ „ „ Gigantosaurus „ 2 „
- Eine Rippe „ Diplodokus „ 1,86 „
- „ „ „ Gigantosaurus „ 2,5 „
- Der Hals „ Diplodokus „ 7 „
- „ „ „ Gigantosaurus „ 12 „
-
-Neben einem solchen afrikanischen Riesendrachen erscheint der größte
-lebende Bewohner Afrikas, der Elefant, tatsächlich als ein Zwerg.
-Leider fand man bis jetzt niemals vollständige Skelette, sondern nur
-einzelne Knochen, so daß es schwer hält, sich ein Bild vom ganzen Tier
-zu machen.
-
-Über die afrikanischen Arbeiter, welche auf die 20 Fundstellen
-verteilt waren, sind die Leiter der Expedition des Lobes voll. ~Dr.~
-Hennig berichtet darüber: „Wenn man auf der Ausreise von Aden ab das
-schwarze Gesindel der Hafenstädte kennen lernt, so bildet sich ein
-unter Umständen schon in der Heimat eingeflößtes schlechtes Vorurteil
-in verstärktem Maße aus. Schon in Lindi, das dem großen Verkehrsweg
-einigermaßen entrückt ist, herrschen wesentlich erfreulichere Zustände,
-wie selbst Daressalam gegenüber nichtdeutschen Häfen ein günstigeres
-Zeugnis ausgestellt werden kann. Im unberührten Lindi-Hinterland aber
-sitzt eine Bevölkerung, die ich aufrichtig liebgewonnen habe. Am
-wichtigsten und erstaunlichsten zugleich war die Anstelligkeit, mit der
-sie nicht nur die ungewohnten Grabgeräte handhaben lernten, sondern
-sehr bald sich auch in die feineren Präparationsarbeiten hineinfanden.
-Bei den oft brüchigen Knochen in härterer Gesteinsumhüllung erforderte
-die Präparation zweifellos Hingabe an die Arbeit, Sorgfalt,
-Gewissenhaftigkeit. Bei dem Umfang, den das Werk bald annahm, war es
-unmöglich, diesen Teil der Arbeit uns selbst vorzubehalten, ganz
-abgesehen von der Bedenklichkeit des Unterfangens, sich als Europäer
-der vollen Tagesglut im windgeschützten glühenden Schacht dauernd
-auszusetzen.
-
-Wenn man wünschenswerte Eigenschaften im Neger nicht findet, so
-liegt das in sehr, sehr vielen Fällen nicht am Objekt, sondern am
-Sucher! Denn auch ohne fremde Erziehung, schon aus eigenem Wesen
-heraus, weisen die Eingeborenen im Süden der Kolonien manchen sehr
-sympathischen Zug auf. Der Grundton ihres Wesens ist Sorglosigkeit;
-sie kann sich als Fatalismus, als Mangel an Voraussicht (zumal in
-Verpflegungsfragen) äußern, sie gibt sich aber auch in jener heiteren
-Gemütsart kund, die jederzeit zu Scherz und Spiel bereit und für Humor
-überaus empfänglich ist, die auch über erlittenes Ungemach schnell
-hinwegzuhelfen vermag. Ich habe gesehen, daß beim Abbrennen eines
-Dorfes nach der unter Geschrei und Gezänk beendeten Löscharbeit sofort
-die Aufräumungsarbeiten mit lustigem Gesang aufgenommen wurden.
-
-Endlich ist die Intelligenz keineswegs zu verachten. Und zwar
-besteht nicht nur Empfänglichkeit für Neues und Ungewohntes, sondern
-vielfach auch eine gewisse aktive Beweglichkeit, die den Dingen aus
-eigenem Antrieb entgegengeht. Der erste Eindruck der Arbeiten bei der
-umwohnenden Bevölkerung war natürlich eine Verwunderung darüber, daß
-die Europäer etwas in ihrem armen Lande zu finden und auszunutzen
-verstanden, was sie selbst nie beachtet noch zu verwenden gewußt
-hatten. Es drangen zweifelnde Fragen bis zu uns, was denn wohl aus den
-Funden gemacht werden könne; die einzigen Möglichkeiten, die ihnen
-dabei vorschwebten, waren: Zaubermittel, Geld oder Tücher! Dann traten
-doch aber bald auch tieferforschende Fragen auf, nach dem Namen und
-Wesen des Tieres, nach der Herkunft solcher Reste und ihrem Alter,
-nach der Lebensweise und dem Vorhandensein in der Gegenwart, ganz
-vereinzelt wohl auch der staunende Gedanke: woher wissen die Weißen das
-alles? Das letztere Problem hörte ich übrigens mit der ersichtlich voll
-zufriedenstellenden Antwort lösen: ‚Die Europäer lernen so etwas in der
-Schule.‘ ... Der Gedanke, daß dort, wo sie jetzt schafften und lebten,
-einst Meer gewesen sei, daß zur Zeit, da diese Ungeheuer ihr Wesen
-trieben, es noch keine Menschen gegeben habe, daß die versteinerten
-Muscheln, Schnecken, Fische an Ort und Stelle im Wasser gestorben
-seien, wo sie doch seit Menschengedenken nur Busch zu sehen gewohnt
-waren, bereitete ihrer Vorstellungskraft keinerlei Schwierigkeiten.“
-
-Über die ausgegrabene Saurierwelt selbst schreibt ~Dr.~ Hennig: „Die
-ungeheure Größe einiger der ostafrikanischen Dinosaurier macht sie zu
-den gewaltigsten überhaupt je bekannt gewordenen Landbewohnern der
-Erde. Ist die Größe an sich auch ohne sonderliche wissenschaftliche
-Bedeutung, so war sie doch selbst für Fachkreise eine Überraschung,
-hauptsächlich aber für uns, die wir diese Giganten aus dem Erdreich
-herausschälen durften.
-
-Erreichte nun der Oberarmknochen bei der größten Form mehr denn 2
-Meter, so mißt er bei der kleinsten nur wenige Zentimeter. Nicht
-selten kam es vor, daß Skeletteile so verschieden gestalteter Wesen
-durcheinanderlagen. Da war es dann natürlich nicht schwer, die
-zusammengehörenden herauszufinden. Unangenehmer war es schon, wenn
-viele beieinander gefundene Wirbel, Rippen, Beine Hoffnung auf ein
-nahezu vollständiges Skelett erweckt hatten und dann etwa ein sich
-einstellender dritter Oberschenkel von der Anwesenheit mindestens
-zweier Individuen gleicher Größe zeugte. Am schwierigsten aber
-gestaltete sich die Trennung in zwei Fällen, wo sich ganze Herden
-von fünfzig und mehr Individuen kleinerer Art auf engem Raume
-beisammenfanden.
-
-Wiederum an anderen Stellen gab es wahre Trümmerstätten, wo nur
-die festeren Bein- und Flächenknochen verschiedenster Sorten in
-Mengen angehäuft lagen. Viele Kadaver sind wohl eine Zeitlang im
-Wasser umhergetrieben, ehe sie auf den Boden sanken oder strandeten
-und nun erst endgültig eingebettet wurden. Dabei konnten leicht
-einige Teile des Körpers abfaulen und weit entfernt zur Ablagerung
-gelangen. Wie aber sind die riesigen Tiere in solchen Mengen in
-ein Küstengewässer geraten? Man könnte etwa annehmen, ein flaches
-Wattenmeer sei zur Ebbezeit auf weite Strecken hinaus trockengefallen
-und jene Kolosse hätten den halbtrockenen Meeresboden nach Tangen und
-kleinen Wassertieren abgesucht, die ihnen zur Nahrung dienten, die
-rückströmende Flut habe ihnen dann in Unebenheiten des Strandes den
-Rückweg abgeschnitten und vielen ein Grab bereitet. Es ließe sich auch
-denken, daß bei dem Auf- und Niedersteigen des Küstengebiets kleinere
-Inselpartien nach und nach abgescheuert und später samt den darauf
-zusammengedrängten Bewohnern gänzlich verschlungen wurden.... Um über
-derartige Möglichkeiten eine Entscheidung herbeizuführen, hätte es
-geologischer Untersuchungen in weiterem Rahmen bedurft. Dafür gebrach
-es uns in Ansehung der Hauptaufgabe leider an Zeit.
-
-Ein Bild läßt sich aber auch so gewinnen von dem wundersam
-vielgestaltigen Leben, das sich hier am Rande des Kreidemeers
-abgespielt haben muß. Da trotteten stumpfsinnig jene Ungeheuer mit
-einem mehr als 12 Meter langen und bis 2 Meter dicken Hals, mit
-Beingestellen, die alles gewohnte Maß übersteigen; da tummelte sich die
-große und kleine Drachenbrut bis hinab zum winzigsten Eidechslein; da
-zogen Herden gepanzerter Schreckgestalten daher, mit mächtigen Stacheln
-auf Rücken und Schwanz; da eilten auch kleine, flinke Saurier, auf
-den Hinterbeinen erhoben; da flogen andere durch die Luft; da gab es
-neben fleischfressenden Räubern auch Giganten, die ihren Riesenleib
-von Pflanzen und kleineren Seetieren ernährten.“ (Aus ~Dr.~ Hennig, Am
-Tendaguru.)
-
-Der Leser möchte vielleicht gern wissen, welcher Zeitraum seit dem
-Untergang jener riesenhaften und wunderbar mannigfaltigen Tierwelt
-verflossen ist. Leider ist die Wissenschaft gegenwärtig noch nicht
-imstande, darauf eine genaue Antwort zu geben; man muß sich mit bloßen
-Schätzungen begnügen, und diese schwanken zwischen vier und zehn
-Millionen Jahren.
-
-
-Buschklepper.
-
-Als die gewaltigen Kolosse der Jura- und Kreideperiode -- die
-stumpfsinnigen Atlantosauren, Brontosauren, Gigantosauren,
-Zanklodonten, Iguanodonten, Panzerdrachen und hundert andere verwandte
-Formen -- die damaligen Festländer bewohnten, die eine von den heutigen
-ganz abweichende Gestalt und Ausdehnung hatten, mußten goldene Zeiten
-für die Wegelagerer und Freibeuter sein. An solchen fehlte es in der
-Tat nicht. Der größte unter allen scheint der +Tyrannosaurus+ gewesen
-zu sein, dessen Skelett vor kurzem in Montana (Nordamerika) aufgefunden
-und im New Yorker Naturhistorischen Museum aufgestellt worden ist. Er
-wird als ein 12 Meter langes Biest mit meterlangen Kiefern und 6 bis 18
-Zentimeter langen Zähnen geschildert. Er war mit solcher Riesenkraft
-und so furchtbaren Waffen ausgerüstet, daß er sich wohl an jeden
-anderen Riesen heranwagen konnte. Seine Landsleute und Zeitgenossen,
-der +Allosaurus+ und der +Lälaps+, stellten sich ihm würdig an
-die Seite. Sie konnten zweifelsohne trotz ihrer Größe gewaltige
-Sprünge ausführen, da Schwanz und Hinterbeine ungeheuer muskulös und
-die größeren Knochen zudem hohl waren, wodurch das Körpergewicht
-beträchtlich herabgemindert ward. Der +Nashorndrache+ (+~Ceratosaurus
-nasicornis~+), beträchtlich kleiner und zierlicher, ist 4 bis 5 Meter
-lang, hat kurze Vorderbeine mit vier Fingern und große Hinterbeine
-mit drei Zehen. Auf der Nase trug das Tier ein großes Horn. Der
-Nashorndrache mag große Ähnlichkeit mit dem Iguanodon besessen haben,
-war aber schlanker, leichter und flinker als letzteres.
-
-Weit verbreitet war der +Megalosaurus+ (der Große), dessen Reste aus
-Europa, Afrika, Ostindien, Australien und Südamerika bekannt sind. Er
-erreichte 8 Meter Länge, sein Oberschenkel 1 Meter, das Schulterblatt
-80 Zentimeter. Die 4 Zentimeter langen Zähne sind vorn und hinten
-zugeschärft und fein gesägt.
-
-
-Die Maasechsen oder Seeschlangen.
-
-Alljährlich um die Zeit der sauren Gurke pflegt die berühmte
-Seeschlange aufzutauchen, die irgend ein forscher Kapitän in irgend
-einem Gewässer gesehen haben will. Sie führt ein sehr kurzfristiges
-Dasein, nicht in den Fluten des Ozeans, sondern im Blätterwald.
-Etwas anderes war es mit den Seeschlangen der Kreidezeit; jene
-machten wirklich die Meere unsicher; aber keines Menschen Auge hat
-sie geschaut. Schon gewisse Meerkrokodile der Jurazeit sind von so
-schlankem Bau, daß sie ein schlangenähnliches Aussehen haben, so der
-schwäbische +Geosaurus+, der die Umformung des Schreitfußes zum Ruder
-sehr schön erkennen läßt und uns zeigt, wie aus einem Landkrokodil ein
-Seekrokodil geworden ist. Die +Maasechsen+ oder +Mosasaurier+ zeigen in
-noch höherem Grade schlangenähnlichen Habitus. Es sind langgestreckte
-Eidechsen mit Schwimmfüßen und großem Ruderschwanz. Die langen
-kräftigen Kiefer zeigen ein starkes Raubtiergebiß. Man kennt über
-fünfzig Arten, die sich auf Europa, Amerika und Australien verteilen.
-Der Körper war mit Schuppen bedeckt. Ihre Entdeckung fällt in eine
-sehr bewegte Zeit, nämlich ins Ende des achtzehnten Jahrhunderts.
-
-Die ersten Reste eines Maassauriers, nämlich bedeutende Teile eines
-Schädels, wurden in einem Steinbruch bei Mastricht an der Maas
-aufgefunden, woher denn auch diese Riesengattung den Namen erhalten
-hat. Darüber wird berichtet:
-
- Ein ~Dr.~ Hoffmann ließ das Stück mit vieler Mühe und Kosten heben
- und ausarbeiten. Der Fund machte Aufsehen und erregte den Neid des
- Steinbruchbesitzers, des Domherrn Godin, der das Stück reklamierte,
- und dem es auch vom Gericht zugesprochen wurde. Als im Jahre
- 1795 die Truppen der französischen Republik das Fort St. Pierre
- bombardierten, befahl der General, der um den wissenschaftlichen
- Schatz im nahen Hause des Domherrn wußte, dasselbe zu schonen.
- Dieser, nicht weniger um seinen Schatz besorgt als der General und
- wenig erbaut von dessen rücksichtsvoller Aufmerksamkeit, ließ es
- bei Nacht in der Stadt verstecken und hoffte so nach der Übergabe
- des Platzes sein Stück zu retten. Vergeblich! Der Volksrepräsentant
- Freycinet verstand hinter das Geheimnis des Geistlichen zu kommen
- und ließ öffentlich den zweiten Entdeckern des Sauriers 600
- Flaschen Wein zusichern. Das wirkte unwiderstehlich; schon am
- nächsten Morgen brachten zwölf Grenadiere im Triumph das Stück, um
- ihren Lohn zu empfangen.
-
-Jener Maassaurier, zu Ehren des Entdeckers ~Mosasaurus Hoffmanni~
-getauft, mag eine Länge von 7 bis 8 Metern erreicht haben; es sind aber
-seitdem Riesen von drei- und vierfacher Länge mit 1 bis 1½ Meter langen
-Kiefern gefunden worden. (Die berühmten Riesenschlangen Südamerikas:
-Abgottschlange oder Boa, Anakonda und Tigerschlange werden etwa 7
-Meter lang.) Daß die Maassaurier von Landeidechsen abstammen, ist
-zweifellos, denn ältere Formen, die in Dalmatien gefunden wurden, haben
-noch Schreitbeine und gleichen den Varanen, das sind Eidechsen von
-erstaunlicher Größe. Vertreter derselben in der heutigen Lebewelt sind
-die sogenannten Warneidechsen Afrikas, Südasiens und Australiens. Die
-bekannteste Art ist die +Nileidechse+, 2 Meter lang, sehr räuberisch,
-von den alten Ägyptern als Vertilgerin der Krokodileier und junger
-Krokodile gefeiert.
-
-
-Vogeleidechsen oder Flugdrachen.
-
-Die Reptilien des Mittelalters (Trias-, Jura-, Kreidezeit) begnügten
-sich nicht damit, ihre Herrschaft zu Wasser und zu Land auszuüben,
-sie dehnten dieselbe auch auf den Luftkreis aus gleich wie gewisse
-Nachfahren des Alluviums (Gegenwart). Die „Kriecher“ begründen die Ära
-der Aeronautik der Wirbeltiere, nachdem die Insekten das Problem schon
-Jahrmillionen vorher gelöst hatten. Sollte man denken, daß aus der
-Klasse der Neckarsaurier, Maassaurier, Fisch- und Schlangendrachen,
-Atlantosaurier, Zanklodonten und Iguanodonten „+Segler der Lüfte+“
-hervorgegangen? Alle Flugdrachen besitzen einen vogelartigen Kopf mit
-langen dünnen Kiefern, die vermutlich an den Spitzen mit Horn überzogen
-waren, große Augen, ein überaus leichtes Skelett mit pneumatischen,
-das heißt lufterfüllten Knochen und einem sonderbaren Flugapparat, den
-wir bei keinem heutigen Flieger finden. Die Hinterfüße sind durchaus
-reptilienhaft gebaut, mit vier bis fünf Zehen, die zweifelsohne
-scharfe Krallen trugen. Die Vorderglieder haben je nach der Art drei
-oder vier oder fünf Finger, von denen der äußerste, also der „kleine“
-ungeheuer lang, länger als der ganze Rumpf ist und die dünne, faltige
-Flughaut trägt, woher denn auch die zuerst bekannte Gattung den Namen
-„Flugfinger“, Pterodaktylus, erhalten hat. Wunderbarerweise ist eine
-solche Flughaut als Abdruck auf dem Gestein erhalten; sie stimmt in
-der Form mit einem Schwalben- oder Möwenflügel überein, hat also
-offenbar einem guten Segler angehört. Es gibt aber auch Arten mit
-breitem und kurzem Flügel, wahrscheinlich Strandbewohner, die sich
-von allerlei kleinen Wassertieren ernährt haben. Sie mögen sich in
-ihrer Ruhe reihenweise auf die Küstenfelsen gesetzt oder an die Bäume
-angehakt haben; wenn dann die Ebbe eingetreten, werden sie in schrägem
-Schwebeflug zum Strande herniedergeschwebt sein und die vom Meer
-zurückgelassene krabbelnde und zappelnde Beute eingeheimst haben.
-
-Die +Schnabelschnauzen+ zeichneten sich durch besonders große Augen
-aus, die wie bei den Fischdrachen durch einen Ring von Knochentäfelchen
-geschützt waren (Räderaugen). Die spitzen, ungleich langen Zähne sitzen
-in weiten Abständen in den Kiefern und sind nach vorn gerichtet. Der
-lange Schwanz ist von einer Scheide aus verknöcherten Sehnen umgeben
-und besitzt hinten eine flossenartige Verbreiterung. Mit seiner Hilfe
-konnte sich der Drache in die Höhe schnellen, außerdem diente er als
-Steuer.
-
-[Illustration: Abb. 16. Dickschnäbelige Flugechse (Pterodaktylus).]
-
-Der +Pterodaktylus+ hatte einen verkümmerten Schwanz und ziemlich
-dicken Kopf, der in einem rechten Winkel auf der Wirbelsäule saß.
-Manche Arten hatten nur die Größe eines Sperlings, andere die eines
-Geiers. Während die einen noch eine ähnliche Bezahnung wie die
-Schnabelschnauzen aufweisen, besitzen andere nur ganz winzige Zähnchen,
-und eine dritte Gruppe ermangelt der Bezahnung völlig; dies ist auch
-der Fall bei der Gattung +Pteranodon+, das heißt „+Zahnloser Flieger+“
-(griechisch ~pteron~: Flügel, ~pteros~: geflügelt, ~a~: kein, ~odon~:
-Zahn). Damit erreichen die Flugechsen die höchste Ausbildung, denn
-das ganze Tier ist sozusagen nur noch Flugapparat. Die papierdünnen
-zahnlosen Kiefer bilden einen langen, sehr leichten Schnabel; der
-Hinterkopf ist in einen ebenso leichten spornartigen Kamm ausgezogen;
-alles übrige, Rumpf, Hinterglieder und Schwanz, ist sehr klein.
-Diese Segler aus der oberen Kreideformation von Kansas (Nordamerika)
-übertrafen die größten fliegenden Vögel, erreichten sie doch 6 bis 7
-Meter Spannweite (der Kondor 3 Meter). Der Pteranodon war zweifelsohne
-ein wunderbarer Flieger und hat wohl den größten Teil seines Lebens
-schwebend in der Luft zugebracht. Schade, daß dieser Wunderdrache
-verschwunden ist.
-
-
-
-
-Vögel.
-
-
-Untergang der alten Herrscher und Aufstieg der neuen Klasse.
-
-Das Verschwinden der Riesengeschlechter der mittelalterlichen Saurier
-ist verschiedenen Ursachen zuzuschreiben. Als solche haben wir in
-erster Linie die Riesenhaftigkeit, die Plumpheit und Schwerfälligkeit,
-die geringe Fortpflanzungsfähigkeit und den großen Futterbedarf
-anzusehen. Es ist eine allgemein verbreitete Erscheinung, daß gerade
-die Riesenformen, sowohl unter Pflanzen wie unter Tieren, sich am
-schnellsten erschöpfen, während die kleineren Formen eine viel größere
-Lebenskraft haben. Welches Land könnte auf die Dauer Herden von
-Atlantosauriern, Brontosauriern, Gigantosauriern, Diplodoken usw.
-ernähren? Die Riesenformen ersticken sozusagen unter ihrer eigenen
-Last. Dabei sind sie von ihrer Umgebung weit mehr abhängig als die
-Kleinen. Jede Schwankung des Klimas, womit zugleich ein Wechsel der
-Pflanzenwelt verbunden ist, muß ihnen gefährlich werden, da sie durch
-ihre einseitige Entwicklung jede Anpassungsfähigkeit verloren haben.
-Wenn ein wasserreiches Land zur trockenen Steppe oder gar zur Wüste
-ward, oder wenn es umgekehrt langsam sank und das Meer vordrang, so
-gab’s für jene tappigen, schwer beweglichen Fleisch- und Knochenberge
-kein Entrinnen mehr. Dazu kam aber noch, daß ihnen aus anderen
-Klassen sehr gefährliche Konkurrenten erwachsen waren, den Fisch-
-und Langhalsdrachen in furchtbaren Haien und Seesäugetieren, den
-Landsauriern in den Landsäugetieren, den Flugdrachen in den Vögeln.
-Diese letzteren mögen selbst manchen Vertretern der Dinosaurier
-gefährlich geworden sein. Der Reptilientypus war einer besseren
-Ausbildung, einer Steigerung der Organisation nicht mehr fähig, wohl
-aber war dies beim Vogeltypus der Fall. Hier finden wir vor allem
-eine scharfe Trennung und bessere Ausbildung des Blutkreislaufs.
-Arterielles und venöses Blut mischen sich nirgends, und letzteres wird
-durch intensive Sauerstoffzufuhr, das heißt bessere Atmung rascher
-aufgefrischt. Es findet eine lebhaftere Verbrennung, infolgedessen
-Steigerung der Bluttemperatur und der Lebensenergie statt; die
-Verdauung wird eine viel raschere, der Stoffwechsel ein regerer;
-das Gehirn erhält mehr Blut und die beiden Halbkugeln des Großhirns
-erfahren bedeutende Förderung. Das leichte, luftige und zugleich warme
-Federkleid sichert die Warmblütigkeit des Körpers noch beträchtlich
-und verschafft dem Vogel die Unabhängigkeit von der Lufttemperatur und
-dem Klimawechsel; die Kälte der Nacht, des Winters, des Hochgebirges,
-des Pols, selbst der Eiszeit vermag ihm nichts mehr anzuhaben. Dazu
-die sorgfältige Brutpflege, das Anlernen der Jungen und die höhere
-Intelligenz, das alles mußte dieser neuen Klasse den Vorrang und den
-endlichen Sieg verschaffen.
-
-Woher die Vögel eigentlich stammen? Die Frage ist noch offen. Man
-könnte an die Flugdrachen denken, aber damit ist’s nichts; zwischen
-beiden Gruppen gibt’s wohl mancherlei Ähnlichkeiten (Analogien), die
-durch gleichartige Lebensweise bedingt sind wie zwischen Fisch und
-Walfisch, aber keine Blutsverwandtschaft. So ist der Flugapparat eines
-Flugfingers oder einer Schnabelschnauze anatomisch etwas ganz anderes
-als ein Vogelflügel, wie auch der Flügel einer Fledermaus und der eines
-Schmetterlings anatomisch und entwicklungsgeschichtlich miteinander
-nicht zu vergleichen sind. Nun haben wir früher gehört, daß gewisse
-Schreckdrachen -- Iguanodon und Verwandte -- im Bau der Hinterglieder
-auffallend an große Laufvögel erinnern, weshalb sie den Namen der
-Vogelfüßigen (Ornithopoden) erhalten haben. Das scheint darauf
-hinzuweisen, daß wir in jener Gegend den Ursprungsort der Vögel zu
-suchen haben. Beide so verschieden geartete Stämme haben offenbar eine
-gemeinsame Wurzel, die bei den Urreptilien der älteren Triaszeit oder
-der Permzeit zu suchen wäre. Das ist alles, was sich über den Ursprung
-der Vögel sagen läßt.
-
-
-Ur- und Kreidevögel.
-
-Daß Vögel sich im allgemeinen für den Versteinerungsprozeß schlecht
-eignen, dürfte ohne weiteres klar sein, und es erscheint daher fast
-wie ein Wunder, daß trotz alledem 400 bis 500 fossile Arten bekannt
-sind, freilich teilweise in so dürftigen Resten, daß es oft geradezu
-unmöglich ist, eine Artbestimmung vorzunehmen, weshalb auch die
-bezüglichen Zahlenangaben sich in einem ziemlich weiten Spielraum
-bewegen. Und wie gering sind obige Zahlen, wenn wir bedenken, daß sie
-sich auf Jura-, Kreide-, Tertiär- und Eiszeit, also auf Millionen
-Jahre verteilen, und wenn wir uns ferner vergegenwärtigen, daß heute
-nicht weniger als 10000 Arten leben. Hieraus erhellt ohne weiteres,
-wie lückenhaft die Stammesgeschichte der Vögel sein muß; aber gerade
-deshalb ist jeder gute Fund, zumal aus älterer Zeit, von größtem
-Interesse.
-
-Das war nun speziell der Fall beim ältesten Vogel, den man zur
-Stunde kennt, dem +Erz- oder Urvogel+ der obersten Juraformation,
-einem Zeitgenossen des Flugfingers (Pterodaktylus), Brontosaurus und
-Kompsognathus.
-
-Im Jahre 1861 wurde im lithographischen Schiefer von Solnhofen (Bayern)
-ein Fund gemacht, der die Naturforscher in die größte Aufregung
-versetzte. Es handelte sich um das Skelett eines Tieres, das Federn
-getragen und halb Reptil, halb Vogel gewesen zu sein schien. Kopf, Hals
-und die meisten Teile des Rumpfes fehlten, dagegen waren Schultergürtel
-und Becken, Vorder- und Hinterglieder sowie der lange Schwanz teils
-ganz, teils in größeren Bruchstücken erhalten. Andreas Wagner,
-damals Direktor der paläontologischen Sammlung in München, hielt das
-Tier für ein richtiges Reptil und gab ihm den Namen +Gryphosaurus+,
-+Greifsaurier+. Der Engländer Owen und andere erkannten aber in ihm
-einen Vogel und nannten ihn +Archäopteryx+, was soviel wie +Urvogel+
-bedeutet. Das merkwürdige Geschöpf wurde um einen sehr hohen Preis
-zum Kaufe angeboten und wanderte endlich für die Summe von 600 Pfund
-Sterling (12000 Mark oder 15000 Franken) ins Britische Museum in London.
-
-Kaum hatten sich die Engländer des Vogels bemächtigt, so berichteten
-die Zeitungen, das wunderbare Unikum von Solnhofen sei eine schlaue
-Täuschung, ein Rhamphorhynchusskelett, dem man in kunstvoller Weise
-Federn angeätzt oder eingraviert habe. Darob unverhohlene Schadenfreude
-und großer Jubel bei allen denen, welchen die Entdeckung des Urvogels
-ein Dorn im Auge gewesen war. Allein die Briten kehrten sich nicht
-an dieses Geschrei, waren sie doch vollständig von der Echtheit des
-„teuren“ Fossils überzeugt. Und der Urvogel hat wirklich gelebt.
-
-Im Jahre 1877 wurde bei Eichstätt, 3½ Stunden vom Fundort des ersten,
-ein zweites Exemplar entdeckt, das weit vollständiger und schöner
-erhalten war als das erste. Dieses wurde nach langen Unterhandlungen
-vom Mineralogischen Museum der Universität Berlin um die Summe von
-20000 Mark angekauft, nachdem zahlreiche andere Institute darauf
-reflektiert, aber die nötige Summe nicht zusammengebracht hatten.
-
-[Illustration: Abb. 17. Urvogel von Eichstätt. Im Mineralogischen
-Museum in Berlin.]
-
-Der Archäopteryx steht, wie wir nun mit voller Sicherheit wissen, den
-Vögeln viel näher als den Reptilien; er ist etwa zu drei Vierteln
-Vogel, zu einem Viertel Reptil; Ober- und Unterkiefer sind mit Zähnen
-versehen, welche in besonderen Höhlen stecken, was bekanntlich bei
-keinem lebenden Vogel vorkommt. Wohl aber sind mitunter bei jungen
-Exemplaren, insbesondere bei Papageien, schwache Andeutungen von
-Zähnen vorhanden. Die Wirbel sind auf beiden Seiten ausgehöhlt wie
-bei tiefstehenden Amphibien und Reptilien, und die Rippen zeigen
-gleichfalls Reptiliencharakter. Der Schwanz gleicht einigermaßen dem
-einer Eidechse und besteht aus zwanzig langgestreckten Wirbeln. An
-jedem Wirbel waren aber zwei Schwanzfedern befestigt. Bei den heutigen
-Vögeln tritt nur im Embryonalleben ein längerer Schwanz auf, nachher
-verwachsen die einzelnen Wirbel zu einem kurzen Stück, dessen Endglied
-die steifen Steuerfedern trägt. (Der Archäopteryx stellt also einen
-Sammel- und Embryonaltypus dar.) Auch die vorderen Glieder, welche zu
-Flügeln verwandelt sind und lange Schwungfedern tragen, zeigen keine
-so weitgehende Umbildung wie bei den heutigen Vögeln, indem die drei
-Finger nicht miteinander verwachsen, sondern vollständig ausgebildet
-und mit Krallen versehen sind, so daß sie möglicherweise auch zum Gehen
-auf dem Boden, jedenfalls aber zum Festhalten an Bäumen verwendet
-werden konnten (ein vierfüßiger Vogel!). Die hinteren Glieder waren
-gleichfalls teilweise mit Federn bedeckt, und vielleicht fanden sich
-solche auch am Halse, indem sie eine Art Krause bildeten; der übrige
-Körper war wohl nackt.
-
-In keinem anderen Teil der Juraformation ist bis jetzt ein Vogel
-gefunden worden und auch für den Fränkischen Jura ist’s nur ein
-glücklicher Zufall. Übrigens mußten dort die Verhältnisse zur fossilen
-Erhaltung von allerlei Getier sehr günstig sein. Zur jüngeren
-Jurazeit befand sich dort ein Meer mit vielen Koralleninseln und
-Korallenklippen. Zwischen den Korallenbauten befanden sich Lagunen,
-das heißt stille, seichte Gewässer, auf deren Boden sich Kalkschlamm
-und feinster Kalksand niederschlugen, woraus die Plattenkalke und
-lithographischen Schiefer hervorgingen. Die Fluten schleuderten
-zahlreiche Meertiere über die Riffe in die Lagunen, und Stürme trugen
-vom nahen Festland mancherlei Landbewohner herzu. Der breiartige
-Kalkschlamm hüllte die getöteten Wesen sofort ein und verhinderte deren
-rasche Verwesung. Der durch häufige Winde vom Festland herübergewehte
-Staub legte sich über die Kalkschicht und bildete eine tonige Lage, die
-sogenannte Fäule, worauf sich das Spiel wiederholte.
-
-Der Urvogel, dessen Größe zwischen der einer Taube und eines Huhnes
-schwankte, war sicherlich ein schlechter Flieger und konnte
-sich mit manchem Flugdrachen nicht messen; aber er verkörperte
-nichtsdestoweniger ein höheres Prinzip und trug wenigstens in seinen
-Nachkommen den Sieg davon.
-
-[Illustration: Abb. 18. Hesperornis.]
-
-Beträchtlich zahlreicher sind Vogelfunde in der Kreideformation, und
-Nordamerika (Kansas) hat deren mehrere in so prächtigem Zustande
-geliefert, daß deren Skelette vollständig konstruiert werden konnten.
-Ein bedeutsames Merkmal haben alle diese Vögel mit dem jurassischen
-Urvogel gemeinsam, sie tragen nämlich in ihren Kiefern echte Zähne.
-Unsere Abbildung führt uns eine amerikanische Art vor Augen, den
-+Königsvogel+, ~Hesperornis regalis~ (von ~hesperis~: abendländisch,
-~ornis~: Vogel und ~regalis~: königlich). Derselbe erreichte eine
-bedeutende Größe, denn das Skelett mißt von der Schnabelspitze bis zum
-Ende der Zehen nahezu 2 Meter. Die Flügelknochen und der bei guten
-Fliegern stark vorspringende Kiel des Brustbeins sind verkümmert,
-wohingegen die Beine kräftig entwickelt und zum Rudern eingerichtet
-sind. Der Schwanz war breit und bestand aus zwölf Wirbeln, er zeigt
-gleichfalls Anpassung ans Wasserleben. Hesperornis konnte nicht
-fliegen, er zeigt mehrfach Anklänge an den heutigen Strauß, und der
-amerikanische Paläontologe Marsh bezeichnet ihn daher „als einen
-wasserbewohnenden, fleischfressenden Strauß“. Manche Skeletteile, so
-das Becken, erinnern noch an Reptilien; auch der Schwanz zeigt eine für
-Vögel ungewöhnlich große Zahl von Wirbeln.
-
-Außer dem ungeflügelten Hesperornis ist noch die Gattung +Ichthyornis+,
-der +Fischvogel+, genauer bekannt. Auch dieser zeigt Anklänge an
-niedere Wirbeltiere, und es sind zum Beispiel die Wirbelkörper an
-beiden Seiten ausgehöhlt, was in der Jetztwelt nur bei den Fischen
-und bei einigen Amphibien und Reptilien der Fall ist. Ichthyornis war
-übrigens ein vorzüglicher Flieger, wie die Flügelknochen und das stark
-gekielte Brustbein beweisen. Im ganzen sind aus der Kreide etwa 20
-Arten von Vögeln bekannt geworden.
-
-
-Befiederte Giganten.
-
-Auch die Klasse der Vögel hatte ihre Heroenzeit, ihre Giganten und
-Titanen. In Patagonien (Südamerika) entdeckte man in alttertiären
-Schichten (ältere Braunkohlenzeit) die Reste eines ungeheuren Vogels,
-+Brontornis+, das heißt +Donnervogel+ genannt. Derselbe erreichte die
-Höhe von 4 Meter und ist wohl der größte aller lebenden und fossilen
-Vögel. Die Mittelzehen waren etwa 30 Zentimeter (1 Fuß) lang und sehr
-dick, die Nagelglieder 5,5 Zentimeter lang und 5 Zentimeter breit; das
-ganze Bein hatte eine Länge von 162 Zentimeter.
-
-Etwas kleiner als dieser Riese der Riesen war die Gattung
-+Phororhakos+, die sehr genau bekannt ist. Der Schädel der größten
-Art ist 65 Zentimeter lang, also länger als der Kopf eines großen
-Pferdes. Der hohe, seitlich stark zusammengedrückte Schnabel ist
-hakenförmig gekrümmt wie bei den Raubvögeln. Die Flügel waren wie bei
-Brontornis und bei den heutigen Straußen verkümmert, daher zum Fliegen
-unbrauchbar. Wegen der großen, sehr stark gekrümmten Krallen waren
-die patagonischen Riesenvögel wahrscheinlich auch zu Fuß schlecht
-bestellt und jedenfalls keine so gewandten Läufer wie die lebenden
-Strauße. Die Schädel zeigen oft Knochenwucherungen, die unzweifelhaft
-von schweren Verletzungen herrühren. Vielleicht lieferten die Männchen
-untereinander heftige Kämpfe um die Weibchen. Über die Art der
-Ernährung wissen wir nichts Sicheres; es ist aber wahrscheinlich, daß
-jene Riesen nach Art der Geier die Leichen gefallener größerer Tiere
-verzehrten, vielleicht auch Jagd auf junge Reptilien machten (ähnlich
-wie der Schuhschnabelvogel am Weißen Nil, welcher den jungen Krokodilen
-nachstellt) oder gar ausgewachsene angriffen, wie unser Bild auf Seite
-65 darstellt. Wir sehen dort im Vordergrund einen Donnervogel, der
-einen Hadrosaurus angreift. Im Hintergrund erblicken wir rechts einen
-zweiten Dinosaurier, links einen Phororhakos. Wie die neuesten Funde
-wahrscheinlich machen, sind die iguanodonähnlichen Hadrosaurier erst in
-der älteren Braunkohlenzeit gänzlich verschwunden.
-
-[Illustration: Abb. 19. Brontornis und Hadrosaurus.]
-
-Auch in der sogenannten Eiszeit, die der Braunkohlenzeit folgte und
-der Gegenwart unmittelbar vorausging, waren die südlichen Teile der
-Erde von zahlreichen Riesenvögeln bewohnt, so besonders Australien.
-Wundervolle Reste solcher Riesenstrauße wurden auf Neuseeland gefunden.
-Der +elefantenfüßige Schreckensvogel+ (~Dinornis elephantopus~) stand
-an Größe dem patagonischen Donnervogel nicht viel nach und einige
-Vettern desselben (man kennt heute 20 verschiedene Arten!) scheinen
-ihm ebenbürtig gewesen zu sein. Die Riesenstrauße, die +Moas+ der
-Neuseeländer, haben sich in einzelnen Arten bis in die Gegenwart
-erhalten und sind allem Anschein nach erst im achtzehnten Jahrhundert
-ausgestorben, besser gesagt, von den Eingeborenen ausgerottet worden.
-Nach verschiedenen Berichten wurde noch in der zweiten Hälfte des
-achtzehnten Jahrhunderts von europäischen Seefahrern auf Neuseeland ein
-riesiger Vogel erblickt, der die Größe eines Moa besessen haben mag,
-und die Heldenlieder der Eingeborenen erzählen noch von den Kämpfen mit
-jenen Riesen. Ein alter Häuptling, der um die Mitte des neunzehnten
-Jahrhunderts starb, behauptete, daß er in seiner Jugend noch Moafleisch
-gegessen habe. Der ausgezeichnete Naturforscher Hochstetter, der uns
-so viel Interessantes von der merkwürdigen Doppelinsel berichtet,
-bringt die unter den dortigen Eingeborenen, den Maori, übliche
-Menschenfresserei in Zusammenhang mit dem Verschwinden der Moas. Diese
-müssen zur Zeit, als die Maori einwanderten, ungemein zahlreich gewesen
-sein und die wichtigste Nahrungsquelle des Volkes gebildet haben, da
-die Insel außerdem sehr wenig bot. Als die Moas ausgerottet waren,
-kehrte die Not ein, die Menschen fingen an, aus Mangel an anderweitiger
-genügender Nahrung sich gegenseitig aufzuzehren, und daher der
-furchtbare Kannibalismus, dem erst durch die Einführung von Schweinen
-und Kartoffeln durch die Europäer ernsthaft gesteuert werden konnte.
-
-Eine auffallende und mit allen Erfahrungen über die tierische
-Bevölkerung isolierter Inseln im Widerspruch stehende Erscheinung
-ist die große Individuen- und Artenzahl riesiger Laufvögel, die
-sich auf einem so kleinen Gebiet wie Neuseeland anhäufen konnten.
-Man hat deshalb angenommen, daß in jener Gegend vor kurzem noch
-weit größere Festlandsmassen existiert hätten und durch teilweises
-Versinken derselben die zahlreichen Arten auf die übriggebliebene Insel
-zusammengedrängt worden seien.
-
-Auch auf Madagaskar hat man Reste eines Riesenvogels gefunden, unter
-anderen eine große Zahl von Eiern, von denen eines dem Rauminhalt nach
-etwa 150 Hühnereiern gleichkommt. Nach den Aussagen der Eingeborenen
-soll jener Vogel heute noch existieren.[4] Das alles weist auf
-ehemalige größere Landanhäufungen auf der südlichen Halbkugel, denn
-niemals bringen isolierte Inseln so gewaltige Tiere hervor wie die
-Moas und die madagassischen Riesenstrauße.
-
-Daß diese nicht fliegen konnten, ist wohl selbstverständlich; sie
-scheinen aber nicht einmal gute Läufer gewesen zu sein. Da ist es
-erklärlich, daß sie von den Insulanern ausgerottet wurden. Die Moas
-zählt man zu den Scharrvögeln; sie sollen mit ihren ungemein kräftigen
-Füßen die Erde nach allerlei Wurzeln aufgewühlt haben. Daneben
-verzehrten sie wohl auch Reptilien und Insekten.
-
-
- [4] Die Hoffnung, im Innern der Insel solche zu finden, ist indes
- nicht in Erfüllung gegangen.
-
-
-
-
-Säugetiere.
-
-
-Einiges über Ursprung und Entwicklung.
-
-Endlich kommen wir zu jener Klasse, die sich zuletzt zu einer
-glänzenden Höhe emporgeschwungen, die unbedingte Herrschaft über alle
-anderen angetreten hat, diese Herrschaft zur Stunde weiter ausübt und
-immer noch in aufsteigender Bewegung begriffen ist. Das gilt freilich
-nur für einen beschränkten Teil der ganzen Klasse, speziell für die
-eigentlichen „+Herren+“; andere gehen zurück und zahlreiche Formen sind
-bereits ausgestorben. Für die Paläontologie kommen nur die letzteren
-in Betracht, das sind zirka 1000 Arten, während man etwa 2000 lebende
-zählt. Was sie im allgemeinen über alle anderen Tierklassen hinaushebt,
-das ist die treffliche Brutpflege -- die Jungen werden mit der
-Muttermilch ernährt -- und die beispiellose Entwicklung des Gehirns.
-Über ihre Abstammung besteht noch keine Klarheit; doch ist es mehr als
-wahrscheinlich, daß wir ihre Wurzeln bei den Reptilien, und zwar in der
-Nähe der +Theromorphen+ (der Säugetierähnlichen), zu suchen haben, die
-selber wieder von Panzerlurchen oder Wickelzähnern abstammen.
-
-Damit stimmt auch die Tatsache überein, daß die niedersten Säugetiere
-der Gegenwart, die Kloakentiere Australiens: Schnabeltier und
-Ameisenigel, die keine lebendigen Jungen zur Welt bringen, sondern
-Eier legen, mancherlei reptilienhafte Züge aufweisen. Die Abzweigung
-von den Theromorphen muß schon frühzeitig erfolgt sein, wahrscheinlich
-in der älteren Triaszeit. In der Jura- und Kreideformation sind nur
-wenige und recht dürftige Funde gemacht worden. Die einen scheinen
-niedrigen Kloakentieren anzugehören, während andere unzweifelhaft von
-Beuteltieren herrühren. Diese besitzen nämlich am Unterkieferwinkel
-einen hakenförmigen Fortsatz, der den übrigen Säugern fehlt. Außerdem
-haben die Weibchen in der Beckengegend zwei kleine Knochen, die als
-Stütze für eine Hauttasche dienen, in welcher die hilflosen Jungen
-längere Zeit herumgetragen werden. (Übrigens haben die Kloakentiere
-ebenfalls Beutelknochen.) Während des Mittelalters (Trias, Jura,
-Kreide) scheinen die Säuger von ganz untergeordneter Bedeutung
-gewesen zu sein; erst in der Tertiärzeit treten sie in erstaunlicher
-Machtfülle und Vollkommenheit auf den Plan. Eine so sprungweise,
-gleichsam explosive Entwicklung erscheint aber sehr unnatürlich, und
-somit ist die Vermutung wohl berechtigt, daß die Hauptentwicklung, das
-heißt der Aufstieg von den Kloakentieren zu den Beuteltieren und von
-diesen zu den modernen, höheren Ordnungen (Huftiere, Wale, Raubtiere,
-Nagetiere, Affen usw.) in untergegangenen oder unzugänglichen oder doch
-unerforschten Ländern stattgefunden hat.
-
-Die drei Unterklassen der Säuger können mit drei organisatorisch und
-zeitlich weit auseinanderliegenden Wanderzügen verglichen werden. Die
-erste Unterklasse (Kloakentiere), aus der jüngsten Trias stammend,
-hat sehr geringe Spuren hinterlassen und konnte neben der alles
-beherrschenden Saurierklasse nicht emporkommen. Hätten sich nicht
-zufälliger- und glücklicherweise die obengenannten zwei Gattungen
-der Ameisenigel und Schnabeltiere im weltabgeschiedenen Australien
-erhalten, so wüßten wir von jener Tierwelt, die auf Jahrmillionen
-zurückblicken kann, so gut wie nichts. Sie trugen wohl in sich den Keim
-zur höheren Entwicklung, fanden aber keinen Ausweg aus dem Elend ihrer
-Pariaskaste.
-
-Die zweite Unterklasse (Beuteltiere) unterschied sich von der ersten
-beträchtlich. Die heute noch lebenden Beutler, die fast ausschließlich
-Australien angehören, wo sie keine Konkurrenten hatten, sind nur ein
-schwacher Abglanz ehemaliger Herrlichkeit. Vorzeiten waren sie fast
-über die ganze Erde verbreitet, traten in zahlreichen Unterordnungen,
-Familien, Gattungen und Arten auf und zählten wahre Riesen unter sich.
-Zu letzteren gehört zum Beispiel der +Riesenwombat+ (+Diprotodon+),
-ein Beutelnagetier von der Größe eines Nashorns. Mit seinen Nagezähnen
-konnte es die größten Bäume fällen und deren Rinde abschälen. Ein
-überlebender Vetter, der heutige gewöhnliche Wombat Neuhollands,
-erreicht nur die Größe eines Dachses. Auch die ausgestorbenen
-Känguruharten waren riesige Geschöpfe, neben denen sich die heutigen
-Känguruhs, die größten überlebenden Beutler und die größten
-einheimischen Säugetiere Australiens, geradezu kläglich ausnehmen.
-
-Gewisse Beuteltiere -- und zwar gerade die größten, wie Wombat und
-Känguruh -- kommen niemals in nördlichen Ländern vor, sondern bleiben
-auf die Südhalbkugel beschränkt, und auch die fossilen kleinen
-nordischen Arten Europas und Nordamerikas sind nie zu hoher Bedeutung
-gelangt und rasch wieder verschwunden. Daraus scheint hervorzugehen,
-daß die Beuteltiere im Süden, vielleicht auf dem Südpolarkontinent
-entstanden sind, womit die Tatsache vortrefflich harmoniert, daß
-Australien und Südamerika, die so weit auseinanderliegen und schon seit
-undenklichen Zeiten getrennt sind, ganz gleichartige Formen aufweisen;
-denn beide standen nach ihrer Trennung noch mit dem Südpolarland im
-Zusammenhang und also wenigstens mittelbar miteinander in Verbindung.
-Natürlich müßte dabei vorausgesetzt werden, daß am Südpol ehedem ein
-viel wärmeres Klima geherrscht, und dafür sind auch in der Tat genügend
-Beweise vorhanden.
-
-Als die Beuteltiere nach Norden wanderten, stießen sie auf höhere
-Säugetierordnungen, denen sie erliegen mußten. Jene höheren Säuger aus
-dem Norden drangen überall sieghaft vor und rotteten die schwächeren,
-das heißt schlechter organisierten aus. Letztere entgingen in
-Australien nur durch die Isolierung der Landmassen dem Untergang, denn
-das Meer setzte den Eroberern ein Ziel.
-
-In Südamerika drangen höhere, flinke und intelligente Säuger erst spät
-vor und sind durch eine seltsame Verkettung von allerlei Umständen
-teilweise wieder verschwunden, so daß sich die Beutler auch dort
-länger, sogar bis in unsere Zeit erhalten konnten. Manches, wie zum
-Beispiel das Verschwinden der großen Säuger in Südamerika, ist noch
-rätselhaft, wie denn überhaupt auf diesem Gebiet noch unendlich vieles
-zu erforschen und aufzuhellen ist.
-
-Die höheren Säugetiere, die sich von den niederen hauptsächlich dadurch
-auszeichnen, daß ihre Jungen in reiferem Zustand geboren werden,
-zerfallen in zahlreiche Ordnungen, die sehr verschiedene Stufen der
-Entwicklung aufweisen. Gewöhnlich unterscheidet man zehn Ordnungen,
-nämlich Waltiere, Zahnlose, Nagetiere, Fledermäuse, Raubtiere,
-Klippdachse, Huftiere, Rüsseltiere, Halbaffen und Primaten, zu welch
-letzteren die Affen und der Mensch gezählt werden. Wir müssen uns auch
-hier auf einige wenige besonders hervorragende Größen beschränken.
-
-
-Wale.
-
-Die größten Vertreter der Säugetiere und der Tierwelt überhaupt sind
-die Walfische. Gewaltigere Riesen als diese hat es nie gegeben.
-Leider scheinen sie rasch ihrem Untergang zuzutreiben, nicht infolge
-natürlichen Zwanges, sondern lediglich wegen der unersättlichen
-menschlichen Profitwut und barbarischen Rücksichtslosigkeit, die
-nun einmal von der heute noch herrschenden Gesellschafts- und
-Wirtschaftsordnung unzertrennlich sind.
-
-[Illustration: Abb. 20. Walfisch der heutigen Zeit.]
-
-Die Wale haben sich in so hohem Grade an das Wasser angepaßt, daß
-sie außerhalb desselben nicht mehr leben können, obschon sie durch
-Lungen atmen. Ein gestrandeter Walfisch ist unrettbar verloren. Da
-sich zum Schwimmen die Fischform oder Torpedoform am besten bewährt
-hat, so haben sie dieselbe ebenfalls angenommen und hierin sogar viele
-Fische „überflügelt“. Die Vorderglieder sind zu handartigen Paddeln
-reduziert und die Finger stecken in einer festen Haut wie in einem
-Fausthandschuh. Sie dienen zur Steuerung und zur Herstellung der
-Gleichgewichtslage. Die hinteren Glieder sind vollständig verkümmert,
-da sie überflüssig geworden sind und nur hinderlich wären. Zur
-Fortbewegung des kolossalen, ganz mit Fett und Öl durchtränkten Körpers
-dient die wagrechte Schwanzflosse, die nach Art einer Schiffschraube
-funktioniert, jedoch weit besser arbeitet als die besten Propeller
-unserer Maschineningenieure. Bei den Bartenwalen (Grönlandswal,
-Finnfisch) ist der Schwanz zugleich die einzige, aber furchtbare Waffe.
-
-Man könnte leicht auf die Vermutung gelangen, daß die Wale direkt
-von Fischen oder von großen Meersauriern (etwa den berühmten
-Fischdrachen) abstammen, mit welch letzteren sie viele Berührungspunkte
-gemein haben. Wir wissen aber heute, daß davon nicht die Rede sein
-kann; jene Übereinstimmungen sind lediglich durch die gleichartige
-Lebensweise erzeugt worden; es sind „Analogien“ und keine Beweise von
-Blutsverwandtschaft. Die Wale sind unzweifelhaft die Abkömmlinge von
-Landtieren, wahrscheinlich von gepanzerten Urhuftieren, deren Vettern
-die sogenannten Zahnlosen waren, von denen wir noch sprechen werden.
-Die Abtrennung der Wale und ihre Anpassung ans Meer muß schon in der
-Kreidezeit erfolgt sein, und in der Kreideformation müssen überhaupt
-die Ahnen der heutigen höheren Säugetiere gesucht werden.
-
-Der älteste fossile Wal ist das +Zeuglodon+ (+Jochzahn+), so genannt,
-weil die zweiwurzeligen Backenzähne die Form eines Joches haben, das
-heißt aus zwei durch einen Querbalken verbundenen Teilen bestehen.
-Das erste vollständige Skelett stammt aus Alabama im Süden der Union
-und besaß angeblich eine Länge von 38 Meter -- man hatte nämlich die
-Reste mehrerer Exemplare zusammengesetzt. Das +große Zeuglodon+, auch
-+Basilosaurus+ (+Königsdrache+) getauft, erreichte eine Länge von 20
-Meter, während die größten unter den heutigen Walen nahezu 30 Meter
-lang und 1500 Kilozentner schwer werden, das heißt das Gewicht von
-zirka 200 Ochsen erreichen. Man kennt heute ein Dutzend Zeuglodonarten
-aus Nordamerika, England, Ägypten und Australien.
-
-Die Zeuglodonten hatten einen schlanken, deutlich abgesetzten und
-beweglichen Kopf mit scharfem Raubtiergebiß und besaßen noch nicht die
-ausgesprochene Torpedoform wie die heutigen Wale. Sie lebten in der
-älteren Tertiär- oder Braunkohlenperiode und verschwanden im mittleren
-Tertiär (Molassezeit).
-
-Auch die +heutigen+ Wale kommen fossil vor, haben somit ein
-beträchtliches Alter; jedenfalls existieren sie schon seit
-Hunderttausenden von Jahren. Ihre Reste sind häufig, ganze Skelette
-jedoch äußerst selten. Die schwammigen Knochen fallen nach dem Tode
-des Tieres bald auseinander und sinken auf den Grund. In der Tiefe
-hat aber das Wasser infolge hohen Druckes und wohl auch wegen seines
-Säuregehaltes eine erhöhte Lösungsfähigkeit und löst dieselben auf,
-wobei schließlich nur die überaus soliden und harten Ohrknochen
-(Felsenbeine) übrigbleiben. Natürlich unterliegen auch die Skelette
-der übrigen Tierarten demselben Schicksal, weshalb der Meeresgrund im
-allgemeinen arm an gut erhaltenen Tierresten ist.
-
-
-Zahnarme.
-
-(Riesenfaultiere und Riesenpanzertiere.)
-
-Die Wissenschaft bezeichnet sie auch als +Zahnlose+, +Edentaten+, aber
-beide Ausdrücke sind gleich schlecht gewählt. Wohl gibt es darunter
-zahnlose Geschöpfe, aber auch solche mit sehr vielen Zähnen; immerhin
-steht das Gebiß auch bei diesen auf tiefer Entwicklungsstufe. Die
-Zahnarmen bilden gleich den Walen eine in der Jetztwelt isolierte
-Gruppe recht verschiedenartiger Geschöpfe, die weder unter sich noch
-zu den übrigen +Haartieren+, wie die Säuger auch genannt werden, große
-Verwandtschaft erkennen lassen. Gerade weil man die einzelnen Familien
-nirgends gut unterbringen kann, hat man sie zu einer besonderen Ordnung
-in einer Art Gerümpelsammlung zusammengeworfen.
-
-Besonderes Aufsehen erregten seinerzeit die Funde in der sogenannten
-Pampasformation Südamerikas, der großen Lehmebene der Laplatastaaten
-und Patagoniens. Zur Diluvialzeit, während welcher die Länder der
-nördlichen gemäßigten und kalten Zone mit ungeheuren Eismassen
-bedeckt waren, lebten dort im Süden riesenhafte +Faultiere+, welche
-wie eine Wiederholung gewisser alter Riesensaurier erscheinen. In
-intellektueller Hinsicht mögen sie auch jenen Drachen wenig überlegen
-gewesen sein, wie sich denn überhaupt die Klasse der Säugetiere
-keineswegs mit imponierenden Repräsentanten eingeführt hat. Die
-Säugetiere haben Jahrmillionen gebraucht (Triaszeit bis Gegenwart), um
-endlich das zu werden, was sie heute sind.
-
-[Illustration: Abb. 21. Lebendes Faultier.]
-
-Sehen wir uns nun jene südamerikanische Säugetierwelt genauer an.
-Heute hausen dort zwerghafte Epigonen der alten Riesengeschlechter.
-Die jetzigen Faultiere der dichten Urwälder Südamerikas (man
-unterscheidet zweizehige und dreizehige, Unau und Ai) zeichnen sich
-durch exemplarische Faulheit aus und tragen ihren Namen mit vollem
-Recht. Diese „Baumsklaven“, wie sie ein Naturforscher bezeichnet hat,
-sind zwar gewandte Klettertiere, die hierin vielfach an Affen erinnern,
-aber sie machen von ihren Seiltänzerkünsten wenig Gebrauch und führen
-in den Baumkronen des Urwaldes ein höchst langweiliges Stilleben. Mit
-den großen Sichelkrallen haken sie sich an wagrechten Ästen und Zweigen
-fest und bringen so Tage und Nächte unbeweglich zu, bis sie vom Hunger
-oder der Liebe in gelinden Trab versetzt, das heißt veranlaßt werden,
-aus ihrem vorsintflutlichen Phlegma herauszutreten und ihre Künste am
-hohen Seile zu zeigen. Haben sie ihre spießbürgerlichen Extravaganzen
-gesühnt, so setzen sie sich in einer passenden Astgabel fest und
-halten ein gesundes Schläfchen, das acht und mehr Tage dauern kann,
-denn ihr Wahlspruch lautet: Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Wie
-es scheint, können sie wochenlang ohne Nachteil fasten und besitzen
-überhaupt eine unglaublich große Lebenszähigkeit. Die gräßlichsten
-Verstümmelungen ertragen sie „mit der Ruhe eines Leichnams“, alles
-Beweise, daß sie einer uralten Sippe angehören und sich nur durch
-außergewöhnlich günstige Umstände in die Gegenwart herübergerettet
-haben. Einen vortrefflichen Schutz gewährt ihre Behaarung, welche mit
-dürrem Riedgras Ähnlichkeit hat und mit der Färbung der Baumäste gut
-übereinstimmt, so daß ein ruhig herabhängendes oder sitzendes Tier im
-Halbdunkel des Urwaldes äußerst schwer zu entdecken ist.
-
-[Illustration: Abb. 22. Skelett des Riesenfaultiers (Megatherium) aus
-dem Pampasschlamm Argentiniens.]
-
-Sie erreichen ungefähr die Größe einer Wildkatze; ihre Vorfahren aber
-wurden 3 Meter hoch und annähernd 5 Meter lang, standen somit an Größe
-dem Elefanten nicht viel nach, übertrafen ihn aber noch an Plumpheit
-des Knochenbaus. Die Oberschenkel waren mindestens halb so dick wie
-lang und der Schwanz bildete einen mächtigen Stützpfeiler, fast in der
-Art wie beim Iguanodon und verwandten Sauriern. Das unsäglich plumpe
-+Megatherium+, das heißt Großtier, besaß in den mächtigen Kiefern
-18 vierkantige Backenzähne, die auf grobe, harte Pflanzennahrung
-hinweisen, und an den Zehen gewaltige Klauen zum Scharren. Alles
-an diesem Urweltler geht ins Riesenhafte, ist auf Massenwirkung
-berechnet, ausgenommen das Gehirn, welches von einer selbst für
-Faultiere bejammernswerten Zwerghaftigkeit war. Es scheint, als habe
-sich die Natur dieser erbärmlichen mißratenen Geschöpfe geschämt und
-sie deshalb in den Orkus geworfen. Jedenfalls ist es verständlich, daß
-die besser ausgerüsteten und intelligenteren Konkurrenten mit ihnen
-leicht fertig wurden. Daß sie trotz alledem vom mittleren Tertiär
-(Miozän) bis zum Ende der Eiszeit sich halten konnten, erscheint
-fast wie ein Wunder. Über ihre Lebensweise weiß man nichts Gewisses,
-nicht einmal, ob sie Wald- oder Steppentiere gewesen. Jedenfalls ist
-so viel klar, daß sie nicht wie ihre zwerghaften Nachkommen im Geäst
-der Bäume affenartig herumgeturnt haben. Man dachte sich, daß sie oft
-nach Iguanodonart auf den Hinterbeinen, den kolossalen Schwanz als
-Stütze benutzend, einhergeschwankt und das Laubwerk abgeweidet, wohl
-auch kleinere Bäume einfach ausgegraben und deren Kronen verspeist
-haben. Aber schon Darwin äußerte hierüber Zweifel, und neuere Forscher
-haben die Ansicht geäußert, daß die Riesentiere ihre großen Klauen zum
-Ausscharren von allerlei Wurzeln und Knollen benutzt und ihre Nahrung
-in erster Linie dem Erdboden entnommen haben. Jedenfalls vertilgten
-sie ansehnliche Quantitäten und waren nicht gerade wählerisch, konnten
-wohl auch gleich ihren Nachfahren lange fasten. Daß sie auch sonst
-nicht an großer Empfindsamkeit litten, beweist ein fossiler Schädel,
-dessen Dach durch den Sturz eines Baumes oder den Tatzenschlag eines
-Kollegen völlig zertrümmert, aber wieder hübsch zusammengeheilt war.
-„Man muß wirklich staunen,“ sagt Neumayr, „daß ein warmblütiges Tier
-eine solche Verletzung überleben konnte.“ Das auf Seite 75 abgebildete
-Skelett ist dasjenige des +Großen Riesenfaultiers+, ~Megatherium
-giganteum~ oder ~americanum~, von dem schon Anno 1789 in Argentinien
-ein vollständiges Skelett ausgegraben und nach Madrid gebracht worden
-war, wo es zu allerlei seltsamen Betrachtungen Anlaß gab. Aus dem
-Diluvium von Argentinien, Brasilien, Chile, Ekuador, Zentralamerika und
-den südlichen Vereinigten Staaten Nordamerikas sind außer der genannten
-noch mehrere andere Arten und Gattungen bekannt geworden.
-
-Etwas kleiner, aber noch plumper als das ~Megatherium giganteum~
-war das +Mylodon+ (+Mahlzahn+), das gleichfalls in den „Katakomben
-für ausgestorbene Ungeheuer“, in der Pampasformation Argentiniens,
-außerdem aber auch in Nordamerika gefunden wird. Die Haut desselben,
-von der sich Reste erhalten haben, ist mit kleinen Knochenkörperchen
-vollgespickt, was darauf hinzuweisen scheint, daß die Stammeltern der
-Riesenfaultiere einen Panzer aus Knochentafeln trugen. Das Becken des
-Mylodon ist breiter und tiefer als selbst beim Elefanten, woraus zu
-schließen ist, daß es einen sehr umfänglichen Verdauungsapparat besaß
-und enormer Nahrungsmengen bedurfte; da mußten die Zähne freilich ein
-leistungsfähiges Mühlwerk darstellen.
-
-Die in denselben Gebieten vorkommende Gattung +Megalonix+, auch in
-Höhlen gefunden, zeichnet sich durch elliptische Backenzähne und
-geradezu fabelhaft große Krallen aus, während das +Skelidotherium+ sich
-durch die Dicke seiner Knochen hervortat. Das war, soweit bis jetzt
-bekannt, das plumpste aller Landsäugetiere; der Oberschenkelknochen ist
-beträchtlich dicker als lang. Es ist auf Südamerika beschränkt.
-
-Ein Vetter desselben, das +Grypotherium+, scheint stellenweise in
-Höhlen gehaust zu haben. In einer dicken Mistlage am Boden einer
-Höhle Patagoniens an der Meeresküste fand man Knochen und große
-Hautstücke, die eingebettete Knochenkörner und lange, steife
-gelbliche und rotbraune Haare erkennen ließen. Es gelang, die harten
-Fellstücke aufzuweichen, worauf sich ein durchdringender Fäulnisgeruch
-entwickelte, der eine Menge von Aasfliegen herbeilockte. Das
-Interessanteste ist aber folgendes: „Die untersuchten Fellstücke waren
-auf der Innenseite so sauber vom Fleische entblößt und abgeschabt, daß
-sie nur von Menschen, nicht aber von Tieren abgebalgt sein können.
-Von manchen Stücken kann man sagen, daß sie zugeschnitten sind, um
-als Kleidungsstücke verwendet zu werden.“ Man fand in der erwähnten
-Höhlenschicht auch aufgeschlagene Knochen sowie allerlei Steingeräte,
-so daß die gleichzeitige Anwesenheit des Menschen als erwiesen gelten
-darf. Kein Zweifel, der Urmensch hat das Grypotherium gejagt und dessen
-Fleisch und Fell benutzt. Es wurde sogar die Vermutung geäußert, der
-Eiszeitmensch habe mit jenem Riesenfaultier zusammengewohnt, das
-heißt er habe es als eine Art Haustier gehalten. Über die Ernährung
-besteht noch keine Übereinstimmung. Nach den einen Forschern weist der
-Zahnbau auf weiche Kost: Laub und Kräuter, andere machen auf die großen
-Scharrkrallen aufmerksam, welche doch wohl zum Ausgraben von Wurzeln
-dienten; vielleicht wurden auch allerlei hervorgescharrte Insekten und
-Würmer mit verspeist.
-
-Die +Gürteltiere+, niedrigstehende altertümliche Säuger Südamerikas,
-besitzen einen aus Knochenplatten bestehenden Panzer und erinnern
-damit an Schildkröten, denen sie auch hinsichtlich Langsamkeit und
-Stumpfsinnigkeit ähneln. Die kleinste Art, der +Schildwurf+, auch
-+Gürtelmaus+ genannt, wird nur spannenlang und führt nach Art der
-Maulwürfe eine unterirdische Lebensweise, die größte Form, das heutige
-Riesengürteltier, erreicht die Größe eines Schweines und hat in den
-Kiefern zirka hundert stiftförmige Backenzähne. Alle sind im Besitz
-von Sichelkrallen, mit denen sie Erdhöhlen graben und nach Insekten
-und Würmern wühlen; sie sind übrigens Allesfresser und nehmen auch
-Aas und Früchte an. In der Gefangenschaft werden sie meist mit
-rohem Pferdefleisch, Brot und Milch ernährt. Ihr Fleisch soll sehr
-schmackhaft sein, weshalb sie viele Feinde haben und immer seltener
-werden. Bei Verfolgung kugeln sie sich zusammen oder graben sich mit
-erstaunlicher Schnelligkeit in den Boden ein.
-
-[Illustration: Abb. 23. Lebendes Gürteltier.]
-
-Die +ausgestorbenen+ waren schwerfällige, unbehilfliche Riesen, so die
-+Glyptodonten+, welche die Größe einer Kuh erreichten. Sie konnten
-sich nicht zusammenkugeln, weil der Panzer starr war wie bei den
-Schildkröten. Der Kopf war gleichfalls mit Knochenplatten geschützt und
-der Schwanz steckte in einem dicken Knochenfutteral. Man kennt mehrere
-Dutzend Arten solcher Panzertiere, deren Wohngebiet sich von Patagonien
-bis zum südlichen Teile der nordamerikanischen Union erstreckte.
-Interessant ist die Beobachtung, daß die großen Panzer derselben von
-den Urmenschen als Aufbewahrungsstätten benutzt wurden. Die Knochen
-sind herausgenommen, und häufig findet man im Innern bearbeitetes
-Hirschgeweih, zertrümmerte Schädel, aufgeschlagene Röhrenknochen und
-Zähne eines riesigen Urnagers, welche offenbar als Messer dienten. Wie
-eine Überlieferung aus jener längst verflossenen Zeit klingt die Kunde,
-daß heute noch im Staate San Paolo (Brasilien) Gürteltierpanzer als
-Wiegen Verwendung finden.
-
-
-Huftiere.
-
-Die Huftiere weisen einen großen Formenreichtum auf und machen im
-ganzen durchaus den Eindruck von +modernen+ Geschöpfen, doch sind
-darunter auch einige altertümliche Typen, nämlich die Nashörner,
-Tapire und Flußpferde. Die alte Einteilung in Einhufer, Zweihufer und
-Vielhufer hat sich als unnatürlich und daher unbrauchbar erwiesen,
-denn sie steht mit der Entwicklung der Ordnung, soweit dieselbe zur
-Stunde bekannt ist, im Widerspruch. Die aufgefundenen fossilen Huftiere
-beweisen nämlich, daß der ganze Stamm in zwei nebeneinander her gehende
-Zweige sich gabelte, in solche mit gerader und solche mit ungerader
-Hufzahl. Zu den Paarhufern oder Paarzehern gehören die Schweine,
-Flußpferde und Wiederkäuer, zu den Unpaarhufern die Tapire, Nashörner
-und Pferde.
-
-[Illustration: Abb. 24. Ausgestorbenes Riesengürteltier.]
-
-Unter den ausgestorbenen Vorfahren derselben finden wir einige
-originelle Gesellen, die wohl der Erwähnung wert sind. Besonders schöne
-Funde wurden in Nordamerika gemacht, wo ähnlich den „Katakomben“
-der Pampasformation und den berühmten Saurierfriedhöfen förmliche
-Knochenlager entdeckt worden sind.
-
-Im nordwestlichen Teil der Union sind Binnenseeablagerungen bekannt,
-welche die erstaunliche Mächtigkeit von 10000 Fuß erreichen und
-stellenweise einen ungeheuren Reichtum an seltsamen Säugetierresten
-bergen. Besonders berühmt sind die ~Mauvaises Terres~ (schlechte Erde),
-sprich mowäs tär, ein Wüstengebiet in Wyoming, wo Auswaschung und
-Abtragung durch Wasser aus den Tertiärschichten die abenteuerlichsten
-Formen, Klippen, Obelisken, Säulen, Burgruinen und dergleichen
-herausmodelliert haben, so daß man glaubt, die Ruinen einer großen
-Festung vor sich zu sehen. Dem Bericht einiger amerikanischer Geologen
-entnehme ich folgendes:
-
- „Diese Region ist von der eigentümlichsten geologischen
- Beschaffenheit, die wohl nirgends auf Erden ihresgleichen hat.
- Die Karawane zog gegen Südwesten in den zwei ersten Tagen über
- einförmige, leicht gewellte Ebenen, deren Boden mit Salpeter
- geschwängert war. So weit das Auge reichte, sah man keinen
- Baum oder Busch, wohl aber manchen blühenden Kaktus und in den
- Niederungen sogenannte Milchpflanzen. Da und dort traf man eine
- Kolonie von Präriehamstern, sonst kein lebendes Wesen in dieser
- wasserarmen Gegend. Am sechsten Tage kamen die ~Mauvaises Terres~
- in Sicht, die einen wahrhaft überraschenden, unbegreiflichen
- Anblick bieten. Im Hintergrund einer weit ausgedehnten Ebene fielen
- die Strahlen der Abendsonne auf eine gewaltige Trümmerstadt, die
- eben mit rosenfarbigem Lichte übergossen war. In ihr erhoben
- sich Mauern und Bastionen, große Paläste mit mächtigen Kuppeln
- und andere Bauten von wunderbaren, seltsamen Gestalten. Das
- Ganze machte einen überwältigenden Eindruck, als über alle Maßen
- phantastisch. In Abständen von verschiedener Entfernung erhoben
- sich über dem schneeweißen Boden backsteinrötliche Burgen mit
- Zinnen und Pyramiden, auf deren Spitzen die mächtigsten Blöcke
- lagen, die scheinbar vom Winde hin und her geschaukelt wurden.
- Mitten in diesem Chaos geologischer Ruinen erhebt sich, einem
- Leuchtturm vergleichbar, eine bei 300 Fuß hohe Felsensäule. Der
- Indianer nennt es die verwünschte Stadt, darin namentlich auch
- ein großes Amphitheater auffällt, mit ockerfarbigen, ausgezackten
- Mauern umgeben. Der Boden besteht vielfach aus einer dicken
- Lage fossiler Knochen, von denen manche aufs vortrefflichste
- erhalten sind, und an vielen Orten lag eine ganze Beinstätte von
- Zähnen, zerbrochenen Kinnladen, Knochen und Wirbeln in Ton oder
- fleischfarbigen Mergel eingebettet.“
-
-Von der überaus individuen- und artenreichen Tierwelt mögen nur zwei
-Formen Erwähnung finden, das +Koryphodon+ und das +Dinozeras+,
-von welchen ersteres auch in Europa vorkommt, letzteres aber auf
-Amerika beschränkt ist. Das +Koryphodon+ (der Name stammt von der
-Beschaffenheit der Unterkieferzähne, ~koryphe~ heißt die Spitze)
-vereinigt die Merkmale der verschiedenen Huftiere und wurde deshalb von
-einigen als Stammvater derselben oder doch wenigstens als derjenige der
-Elefanten betrachtet. Beides ist unmöglich, denn jene Ausgangs- oder
-Urformen müssen schon in der Kreide gelebt haben. Wahrscheinlich bilden
-sie einen Seitenzweig jener noch unbekannten Stammformen. Im höchsten
-Grade auffallend ist der im Verhältnis zu heutigen Säugern geringe
-Inhalt der Schädelkapsel. Der amerikanische Paläontologe Cope schildert
-das Tier folgendermaßen:
-
- „Nach dem Skelett glich Koryphodon in der allgemeinen Erscheinung
- wahrscheinlich einem Bären mehr als irgendeinem anderen lebenden
- Tiere, nur mit dem Unterschied, daß seine Füße ganz wie die eines
- Elefanten waren, und zu den Körperverhältnissen eines Bären müssen
- wir noch einen Schweif von mittlerer Länge fügen. Ob sie behaart
- waren, wissen wir nicht, denn von ihren Verwandten, den Elefanten,
- sind einige behaart (Mammut), andere nackt. Der Scheitel war ohne
- Zweifel kahl und mag bei alten Tieren nur mit einer dünnen Oberhaut
- wie bei Krokodilen bedeckt gewesen sein, so daß sie dem Feinde eine
- rauhe, undurchdringliche Stirne entgegenstellen konnten. In seinen
- Bewegungen glich Koryphodon ohne Zweifel dem Elefanten mit seinem
- schwankenden Paßgange. Als Ersatz für den Mangel an Geschwindigkeit
- kann die furchtbare Bewaffnung mit mächtig vorspringenden Eckzähnen
- gelten, welche namentlich im Oberkiefer stärker und länger waren
- als bei Raubtieren. Die Größe der einzelnen Arten schwankt zwischen
- derjenigen eines Ochsen und der eines Tapirs. Die Hauptnahrung von
- Koryphodon war vermutlich vorwiegend pflanzlicher Natur, aber ohne
- strenge Beschränkung auf ein bestimmtes Futter; ohne Zweifel waren
- sie, wie die jetzigen Schweine, bis zu einem bedeutenden Grade
- Allesfresser.“
-
-Die Koryphodonten scheinen nur dem unteren Eozän anzugehören und schon
-im Anfang der Tertiärzeit ausgestorben zu sein, jedoch nicht, ohne
-würdige Nachkommen hinterlassen zu haben. Ihnen folgten nämlich die
-Dinozeraten oder Schreckhörner (von ~deinos~ oder ~dinos~: schrecklich
-und ~keras~: Horn), gewaltige, plumpe Kolosse, die im Fußbau mit den
-Koryphodonten übereinstimmen und deren äußere Erscheinung zwischen
-Elefant und Nashorn ungefähr die Mitte hielt. Nach dem einstimmigen
-Urteil der Gelehrten gehören dieselben zu den absonderlichsten Typen,
-die je gelebt haben. Ihre Reste kommen nur in den ~Mauvaises Terres~
-vor, dort aber in solcher Menge, daß der Amerikaner Marsh allein über
-200 Exemplare in seiner Sammlung zusammenbrachte. Der am seltsamsten
-geformte Körperteil beim Dinozeras ist der Schädel, ein Monstrum, „das
-unter allen Tieren seinesgleichen nicht findet“. Der Unterkiefer trägt
-einen breiten, abwärts gerichteten Fortsatz des Knochens, der fast wie
-eine Axt aussieht. Im Oberkiefer fehlen die Schneidezähne, dafür sind
-aber die Eckzähne zu gewaltigen Hauern vergrößert, welche wie beim
-Walroß weit nach unten ragen. Auf der Oberseite des Schädels sitzen
-drei Paar Knochenwülste, die von vorn nach hinten an Größe zunehmen und
-höchstwahrscheinlich Hörner getragen haben, von denen die hinteren eine
-kolossale Größe erreicht haben dürften. Ein Tier mit sechs Hörnern, das
-ist etwas so Absonderliches, Ungeheuerliches, daß der Naturforscher
-stutzt und nach einer anderen Deutung sucht. Man hat denn auch die
-Hörner niemals gefunden; allein Horn ist sehr schlecht erhaltungsfähig
-und findet sich selten fossil, und es scheint keine Möglichkeit
-vorhanden, jene Stirnzapfen anders zu erklären.
-
-[Illustration: Abb. 25. Schädel des Dinozeras.]
-
-Als dritter im Bunde reiht sich den genannten würdig an das
-+Titanotherium+ (Riesentier), auch +Brontotherium+, das heißt
-+Donnertier+ genannt, ein Vetter der Nashörner. Hinsichtlich der
-Gestalt mochte es zwischen Tapir und Rhinozeros die Mitte halten, stand
-aber einem Elefanten an Größe wenig nach (4 Meter lang, 2,3 Meter
-hoch). Der lange niedrige Schädel mit lächerlich kleiner Hirnhöhle
-zeigt über den Nasenbeinen zwei stumpfe Knochenzapfen, die offenbar
-große Hörner trugen. Das kräftige Gebiß und die dicken Beine, von denen
-die vorderen vier, die hinteren drei Hufe trugen, scheinen dafür zu
-sprechen, daß wir es hier mit einem sumpfbewohnenden Pflanzenfresser zu
-tun haben.
-
-Die Sippe der Titanotherien war im älteren Tertiär (ältere
-Braunkohlenformation) Nordamerikas sehr zahlreich vertreten; kennt man
-doch zur Stunde nicht weniger als 15 verschiedene Gattungen mit zirka
-20 Arten. Neben ihnen lebten zahlreiche Rhinozerosse -- man kennt über
-50 Arten --, von denen die ältesten Formen noch keine Hörner hatten
-und daher +Azeratherien+, das heißt +Ohnhorntiere+ getauft wurden;
-allmählich wurden die Nasenbeine kräftiger und wurden gar durch eine
-knöcherne Nasenscheidewand gestützt, um eine solide Unterlage für die
-mächtigen Hörner zu bilden. Damit geht parallel eine Verlängerung des
-Schädels und die Verkümmerung der Schneide- und Eckzähne, wie denn
-stets die Änderung eines Organs diejenige eines anderen nach sich
-zieht. (Die gleiche Entwicklung haben übrigens auch die Titanotherien
-durchgemacht.)
-
-Die Nashörner (mit und ohne Horn) waren nicht nur sehr arten- und
-individuenreich, sondern hatten auch eine sehr große Verbreitung; sie
-bewohnten Nordamerika, Afrika, Europa und ganz Asien bis zum Eismeer.
-
-Die nordamerikanischen Fundstätten sind außer durch ihre zahlreichen
-phantastischen Biester noch besonders berühmt durch die ans Wunderbare
-grenzende Vollkommenheit der Entwicklungsreihen des +Pferdestammes+.
-Sie haben die unbestreitbaren Beweise für die überraschende Tatsache
-geliefert, daß unsere heutigen Einhufer (Pferd, Esel, Zebra) von
-+fünfzehigen Tieren der älteren Braunkohlenzeit+ (Eozän) abstammen und
-daß sie mit Nashorn und Tapir blutsverwandt sind.
-
-Als Ausgangspunkt des amerikanischen Stammbaums wird die Gattung
-+Phenakodus+ genannt. Dieselbe lebte in der ältesten Tertiärzeit und
-stellte einen ausgezeichneten Sammeltypus dar, indem das Skelett
-typische Merkmale von Raubtieren, Elefanten und Huftieren in seltsamem
-Gemisch vereinigt. Die Glieder endigen in fünf Zehen, von denen jedoch
-die erste und fünfte den Boden nicht berühren. Die mittlere oder dritte
-Zehe ist die stärkste und bildet den Hauptpfeiler des Fußes, worin ein
-hervorstechendes Charakteristikum der Unpaarzeher liegt. Auf Phenakodus
-folgt die Gattung +Eohippus+, die am Vorderfuß vier Zehen und von der
-fünften nur noch einen verkümmerten Rest, am Hinterfuß dagegen bloß
-drei Zehen besitzt. Von da leiten die Gattungen in schönster Weise bis
-zu den heutigen Einhufern herauf: +Orohippus+, vorn mit vier Zehen,
-wovon die eine stark zurücktritt; +Mesohippus+, etwa dem europäischen
-Paläotherium entsprechend, mit drei Zehen, am Ende des Eozän;
-+Miohippus+ (+Anchitherium+) im Miozän, gleichfalls mit drei Zehen; die
-beiden letzten Gattungen noch mit schwachen Andeutungen (Rudimenten)
-einer vierten Zehe; +Protohippus+ oder +Hippotherium+ im unteren
-Pliozän, mit drei Zehen, nämlich der zweiten, dritten und vierten,
-wovon nur die mittlere den Boden berührt; +Pliohippus+ und endlich das
-+Pferd+, mit einer einzigen, sehr starken, nämlich nur mit der dritten
-Zehe; erste und fünfte sind vollständig verschwunden, zweite und vierte
-als die rudimentären Griffelbeine nur noch angedeutet.
-
-Einige Mittelformen sind schon frühzeitig auf den damals noch
-vorhandenen Landbrücken nach Europa und Asien ausgewandert, so
-besonders das +Paläotherium+, +Alttier+, das durch die klassischen
-Untersuchungen des großen Cuvier Berühmtheit erlangt hat.
-Merkwürdigerweise ist der Pferdestamm in seinem Ursprungsland, in
-Amerika gänzlich ausgestorben, während er sich bei uns lebenskräftig
-und entwicklungsfähig erhalten hat. Zur Zeit der Entdeckung der
-„Neuen Welt“ besaß letztere nämlich keinerlei Einhufer; fast die
-ganze riesenhafte, vielgestaltige und merkwürdige Säugetierwelt der
-Braunkohlen- und der Eiszeit war verschwunden; die heutigen Pferde
-Amerikas stammen von eingeführten europäischen ab.
-
-Die +Zweihufer+ (+Wiederkäuer+) haben ebenfalls eine lange
-und interessante Geschichte hinter sich, doch weisen ihre
-Entwicklungsreihen noch große Lücken auf. Indessen fördern die
-Paläontologen, speziell diejenigen Nordamerikas, denen großartige
-Hilfsmittel zu Gebote stehen, Jahr um Jahr neue überraschende Funde
-zutage, so daß man fast mit Sicherheit voraussagen kann: in absehbarer
-Zeit werden die fehlenden Glieder gefunden und die Abstammungsreihen
-geschlossen sein.
-
-[Illustration: Abb. 26. Irischer Riesenhirsch.]
-
-Von den zahlreichen fossilen Wiederkäuern mag hier nur eine einzige
-Art Erwähnung finden, nämlich der +irische Riesenhirsch+, dessen
-Geweihenden über 3 Meter auseinander liegen. Besonders schön erhaltene
-Skelette finden sich in den Torfmooren Irlands. Der Riesenhirsch lebte
-noch mit dem Menschen zusammen; ja es ist sogar vermutet worden,
-daß er in Deutschland erst im Mittelalter ausgestorben sei. Das
-Nibelungenlied, dessen Entstehung ins zwölfte Jahrhundert angesetzt
-wird, führt nämlich unter der Jagdbeute des „hörnenen Siegfried“ auch
-einen „Schelch“ an, welchen Namen man von schelchen, das heißt schief
-oder schwankend laufen, abgeleitet hat. Der schwankende Gang sollte
-seine Ursache in der Schwere des Tieres und der Größe des Geweihs
-haben. Die betreffende Stelle lautet:
-
- Drauf nun schlug er schiere einen Wisent und einen Elch,
- Starker Ure viere und einen grimmen Schelch.
-
-Demgegenüber wird behauptet, daß der Schelch nichts anderes sei als der
-männliche Elch (Elentier).
-
-Der Riesenhirsch ist in Europa offenbar schon am Ende der
-Gletscherzeit, als sich die Steppen und Bergeshöhen wieder zu bewalden
-begannen, ausgestorben; nur in Irland mit seinen ausgedehnten
-Wiesenflächen und Mooren hat er sich noch etwas länger halten können.
-
-Den riesigen Pflanzenfressern der Diluvialzeit standen auch gewaltige
-Fleischfresser gegenüber. Das häufigste Raubtier war der +Höhlenbär+,
-größer als der Eisbär und der graue Bär Nordamerikas; er erreichte eine
-Länge von 10 Fuß und eine Höhe von 4 bis 4½ Fuß.
-
-[Illustration: Abb. 27. Skelett des Höhlenbären.]
-
- „Wie heutzutage der Bär am liebsten in Höhlen und Felsklüften sich
- aufhält,“ berichtet O. Fraas in seinem Werke „Vor der Sintflut“,
- „so waren auch die Höhlen, die zur Diluvialzeit schon zugänglich
- waren, der Wohnort dieser nächtlichen Räuber. Lange Zeiten
- hindurch wohnten sie ausschließlich in den Höhlen, jedes andere
- Tier als Eindringling zurückweisend. Lange Zeiten hindurch blühte
- das Geschlecht; Jahrtausende verflossen, in denen eine Höhle die
- Wiege und das Grab von Generationen war. Im Hohlenstein (auf der
- Schwäbischen Alb) lagen auf einem Raum von wenigen Quadratklaftern
- in einer Tiefe von 6 Fuß 110 Schädel, 275 Unterkiefer usw., kurz
- eine Menge von Skelettstücken, die zum mindesten 400 Individuen
- angehörten. Unter ihnen sind alle Altersstufen vertreten, alle
- Knochen, alle Zähne, vom Milchzahn bis zu vollständig abgenutzten
- Zahnstumpen, beide Geschlechter, dazu eine Reihe kranker und
- verletzter Knochen. Die Knochenbrüche waren so häufig, daß man
- zur Genüge ersehen konnte, wie der Höhlenbär zu jener Zeit schon
- um seine Existenz zu kämpfen hatte, ob es gleich die Paradieszeit
- der Räuber war. Wer dem Höhlenbär ohne Zweifel am meisten Rippen
- einschlug und Knochen zerschmetterte, war wohl das Pferd, das,
- der Menge von Knochen nach zu urteilen, die Lieblingsnahrung des
- Meisters Petz bildete. Doch verschmähte er auch nicht Ochsen, Elen,
- Hirsch, Schaf und Elefant, die zerbissen und abgenagt jetzt mit den
- Knochen ihrer Sieger und Meister ruhig im Lehme liegen. Großartige
- Höhlen und Grotten, die heutzutage durch ihren imposanten Anblick
- überraschen, verschmähte er, ein kleiner Schlupf, ein sicherer
- Winkel war ihm lieber, am liebsten Höhlen, deren Eingang gerade so
- weit war, daß ein Individuum, mit dem Hinterteil voraus einfahrend,
- den Gang ausfüllte. Das ist noch die Gewohnheit der Bären, daß
- sie, hinter sich gehend, den Rücken gedeckt halten, um dem Feinde,
- der allenfalls ihn verfolgte oder in einer Höhle angriffe, Zähne
- und Tatzen weisen zu können. Fast an allen Bärenhöhlen kann man
- deshalb da, wo der Schlupf sich verengt, eine Glättung und Politur
- der Felsen wahrnehmen, beziehungsweise eine inkrustierte glatte
- Schichte beobachten, die im Laufe der Zeit vom durchgezwängten
- Bärenfell aufgetragen wurde, so etwa wie sich Felssteine glätten,
- die, weil irgend von religiöser Bedeutung, den Küssen andächtiger
- Gläubigen ausgesetzt sind.“
-
-[Illustration: Abb. 28. Schädel des Machairodus.]
-
-In Italien, Frankreich und England tritt der Höhlenbär zurück vor der
-+Höhlenhyäne+, die in Deutschland ziemlich selten ist. Hyäne und Bär
-scheinen sich also gemieden zu haben. Wie die lebenden Verwandten, so
-hatte die Höhlenhyäne die Gewohnheit, die Knochen der Beutetiere zu
-zermalmen, wozu sie durch die Stärke ihres furchtbaren Gebisses und die
-mächtige Entwicklung der Kaumuskulatur besonders befähigt war. Man wird
-also schon aus der Art und Weise, in welcher die Knochen bearbeitet
-sind, auf die Existenz der einen oder anderen Raubtiergattung schließen
-können.
-
-Die +Katzenfamilie+ stellt mehrere Vertreter, darunter einen
-+messerzähnigen Tiger+ (~Machairodus~), einen nahen Verwandten der
-tertiären Machairodusarten, und den gewaltigen +Höhlenlöwen+, der über
-einen großen Teil von Europa verbreitet, jedoch nicht in solcher Anzahl
-vorhanden war wie Bär und Hyäne. In Spanien und Frankreich kommen zudem
-zwei große Pantherarten vor, so daß Europa damals eine an Artenzahl
-wie an Riesenhaftigkeit der Formen großartigere Raubtierfauna besaß
-als irgend ein Kontinent heutzutage, selbst Afrika und Asien nicht
-ausgenommen.
-
-
-Rüsseltiere.
-
-Wer schon je vor dem Elefantenhaus eines Zoologischen Gartens
-gestanden, wird den Eindruck empfunden haben, daß die Bewohner
-desselben etwas durchaus Fremdartiges an sich haben, als würden sie aus
-einer anderen Welt stammen. Sie scheinen zu den heutigen Säugetieren
-nicht zu passen und bilden in der Tat eine seltsame isolierte Gruppe,
-die sich in keiner der großen Hauptabteilungen unterbringen läßt,
-weshalb man daraus eine besondere Ordnung gemacht hat, eben die der
-+Rüsselträger+ oder +Proboszidier+. Das ist eine alte Sippschaft
-mit einer berühmten Vergangenheit, ein wahrhaft aristokratischer
-Stamm, dessen heutige Vertreter als wandelnde Petrefakten anzusehen
-sind. Der älteste zurzeit bekannte Ahne lebte zu Beginn der Tertiär-
-oder Braunkohlenzeit (Eozän) neben den Stammvätern der Wiederkäuer,
-Pferde, Schweine, Nagetiere und Raubtiere. Zu jener Zeit existierten
-die Alpen, der Jura, die Karpathen, der Himalaja und die Anden
-noch nicht; an Stelle der Schweiz flutete das Meer, und in England
-wuchsen Mammutbäume, Zimmet-, Lorbeer- und Feigenbäume, Fächer- und
-Fiederpalmen. Jener Stammvater -- er wurde Möritherium getauft -- war
-ein tapirähnlicher, keineswegs großer Bewohner Ägyptens, ohne Stoßzähne
-und eigentlichen Rüssel; er vermittelt den Übergang zu den Seekühen.
-Bei den Nachkommen werden die Schneidezähne zu mächtigen Hauern, und
-der Rüssel, der infolgedessen seine Wühltätigkeit aufgeben konnte,
-wurde zum Greiforgan. Der Stamm spaltet sich nun in mehrere Zweige, die
-sich in verschiedener Richtung entwickeln und teilweise früh aussterben.
-
-[Illustration: Abb. 29. Dinotherium.]
-
-Zu den auffallendsten Typen der ganzen Gruppe gehört das
-+Schreckenstier+ (+Dinotherium+), eines der größten aller Landtiere,
-vermutlich ein Bewohner großer Flüsse und Sümpfe wie das Nilpferd.
-Aus dem Eppelsheimer Sand des Mainzer Beckens ist ein vollständiger
-Schädel bekannt geworden, der zirka 1 Meter lang und 60 Zentimeter
-breit war; andere Funde in Württemberg, Frankreich und der Schweiz
-lassen auf eine Schädellänge von 2 Meter bei 1 Meter Höhe schließen.
-(Das Riesenschreckenstier [~Dinotherium gigantissimum~] besaß reichlich
-5 Meter Länge bei 4½ Meter Rückenhöhe.) Abweichend von den Elefanten
-hatten die Dinotherien im Oberkiefer keine Stoßzähne, wohl aber im
-verlängerten, bogenförmig abwärts gekrümmten Unterkiefer. Vielleicht
-dienten dieselben als eine Art Karst, um die Stauden am Ufer der
-Gewässer auszuhacken. Die Schreckenstiere tauchen im mittleren Tertiär
-auf und verschwinden am Ende desselben wieder. Mit ihnen wetteiferten
-an Größe die +Mastodonten+, welche die ganze nördliche Halbkugel,
-außerdem Südamerika und Afrika bewohnten.
-
-[Illustration: Abb. 30. Mastodon.]
-
-Beim +Altmastodon+ (Paläomastodon) waren die oberen Schneidezähne
-säbelförmig und abwärts gerichtet, die unteren Stoßzähne als lange
-Schaufeln entwickelt. Offenbar dienten sie zum Aufpflügen des Bodens,
-woraus weiterhin geschlossen werden darf, daß diese Riesentiere keine
-Sumpfbewohner mehr waren, sondern das Trockene vorzogen. Bei den
-eigentlichen Mastodonten oder +Zitzenzähnern+, nach der Beschaffenheit
-der Backenzähne so getauft, werden die oberen Stoßzähne und der Rüssel
-immer länger, während die unteren Stoßzähne verkümmern und schließlich
-ganz verschwinden. Die Backenzähne sind kleiner, aber zahlreicher als
-beim Elefanten und, wie bereits erwähnt, mit zitzenförmigen Höckern
-versehen.
-
-Mastodonreste finden sich in großer Zahl und in den verschiedensten
-jungtertiären Gebieten, in der Schweizermolasse zum Beispiel bei
-Elgg, Winterthur, Käpfnach und an anderen Orten, in Deutschland bei
-Öhningen, auf der Rauhen Alb und bei Eppelsheim am Rhein (Mainzer
-Becken), in Frankreich bei Sansans, bei Lyon usw. Bei Sansans im
-südwestlichen Frankreich fand man neben einem prachtvollen Schädel
-mit vier völlig erhaltenen Stoßzähnen die Knochenreste von Mäusen,
-Maulwürfen, Igeln und Fledermäusen, Fischen, Reptilien und Vögeln,
-ferner von Hunden, Katzen, Mardern, Hirschen und Antilopen, Tapiren,
-Nashörnern und Schweinen, Elefanten und Affen bunt durcheinander
-gewürfelt. Es wurde jene wunderbare, Fundstätte -- offenbar ein alter
-Sumpf oder See, in welchen von Flüssen und Bächen Tierleichen aus der
-ganzen Umgebung zusammengeschwemmt wurden -- vom unermüdlichen Lartet
-zuerst auf eigene Kosten durchwühlt, bis die französische Regierung die
-Forschungsarbeiten mit jährlichen Geldbeiträgen unterstützte, worauf
-ein förmliches Bergwerk auf Petrefakten eröffnet werden konnte.
-
-Trotz der Häufigkeit der Mastodonreste sind vollständige Skelette
-jedoch sehr selten; eines der schönsten ist dasjenige von Turin,
-nach welchem die Rekonstruktion auf Seite 91 hergestellt ist. Die
-Mastodonten treten in Europa im mittleren Tertiär auf und verschwinden
-am Ende desselben; ihnen folgen die eigentlichen Elefanten; in Amerika
-dagegen sind sie noch im Diluvium in großer Zahl vorhanden. Sie
-bildeten dort eine wertvolle Jagdbeute des Urmenschen und sind offenbar
-erst dessen Verfolgungen erlegen. Sie spielten dort dieselbe Rolle wie
-in Europa und Asien die Mammute, auf die wir gleich zu sprechen kommen
-werden.
-
-Während die Mastodonten überallhin wanderten, die damals noch
-bestehenden Landbrücken zwischen Afrika und Europa, Indien und
-den großen Sundainseln, Europa und Amerika benutzend und fast die
-ganze Erdoberfläche sich unterwerfend, erfolgte in aller Stille die
-Bildung einer neuen Gattung. Durch Änderung des Klimas und damit
-der Pflanzenwelt erfolgte, wie es scheint in Indien, eine Änderung
-im Gebiß. Die Backenzähne, auf saft- und fleischlose harte Nahrung
-angewiesen, wurden breiter und falteten sich, wobei eine sehr
-breite Mahlfläche entstand. Es kommen die ersten echten Elefanten,
-die ebenfalls Wanderungen nach allen Seiten unternahmen und den
-Zitzenzähnern schwere Konkurrenz machten.
-
-[Illustration: Abb. 31. Mammut.]
-
-Und was für Gestalten waren das! Der +Urelefant+ (+~Elephas antiquus~+)
-hatte 5 Meter Rückenhöhe und 5 Meter lange Stoßzähne, übertraf noch
-Dinotherium und Mastodon an Riesenhaftigkeit und gilt zur Stunde als
-das größte aller Landsäugetiere. Aber der +Wanderelefant+ (~Elephas
-nomadicus~) Ost- und Südasiens, der +Elefant des Südens+ (~Elephas
-meridionalis~) Südeuropas, der +Kaiserelefant+ (~Elephas imperator~)
-des südlichen Nordamerika, der +Kolumbuselefant+ (+Elephas Columbi+)
-des mittleren Nordamerika und das +Mammut+ (~Elephas primigenius~)
-Europas, Asiens und Amerikas standen dem Urelefant nur um ein Geringes
-nach. Und da die Welt voller Gegensätze ist, so fehlten auch die
-Zwerge nicht, die durch ein ungünstiges Geschick vom großen Kontinent
-weggerissen und auf kleine Inseln gewissermaßen interniert wurden,
-wobei sie verkümmerten. Auf Sizilien und Malta, Kreta und Zypern lebten
-Elefanten, die nur die Größe eines Kalbes erreichten.
-
-Das berühmteste und bekannteste aller ausgestorbenen Rüsseltiere ist
-das +Mammut-+ oder +Mammonttier+ (~Elephas primigenius~), dessen
-riesige Zähne und Knochen zu unzähligen Sagen und zu den seltsamsten
-gelehrten Disputationen Anlaß gegeben haben. Die Mammutreste wurden
-bald für Gebeine irgendeines Heiligen, bald für solche von Riesen,
-bald für „Figurensteine“ gehalten. Heute noch werden solche in
-manchen Kirchen als Reliquien aufbewahrt, und im Jahre 1789 trugen
-die Chorherren des heiligen Vinzent zu Valencia in Spanien den
-Schenkelknochen eines Mammutelefanten bei Prozessionen herum, „um
-durch diesen vermeintlichen Arm des Heiligen dem ausgedörrten Lande
-Regen zu erflehen“. Item, wenn’s nur geholfen hat, wie Peter Hebel
-zu sagen pflegte. Daß die im Jahre 1577 unweit der Stadt Luzern
-ausgegrabenen Mammutknochen von einem Baseler Professor für „Gebeine
-der +aufrührerischen gefallenen+ Engel“ erklärt und wie diese dann
-„sorgfältig gesammelt und anständig begraben wurden“, wollen wir hier
-nicht unerwähnt lassen. In der Michaeliskirche zu Hall am Kocher findet
-sich, wie Jäger berichtet, ein riesiger Stoßzahn in eisernen Bändern
-aufgehängt mit folgender Inschrift:
-
- Tausend sechshundert und fünf Jahr
- Den dreyzehnten Februar ich gefunden war
- Bey Neubronn in dem Hallischen Land
- Am Bühler Fluß zur linken Hand
- Sammt großen Knochen und lang Gebein,
- Sag, Lieber, was Arth ich mag seyn.
-
-Das Mammut hat vorzugsweise den Norden bevölkert; am häufigsten muß
-dasselbe in Sibirien gewesen sein, dort sind nämlich manche Schichten
-von seinen Knochen ganz erfüllt.
-
-Neumayr sagt darüber:
-
- Es gibt wohl nichts, was dieses Verhältnis besser bezeichnen
- könnte als der Umstand, daß etwa ein Drittel von allem Elfenbein,
- welches in den Handel kommt, von den diluvialen Mammuten
- Sibiriens herrührt; ja, selbst auf den so überaus unzugänglichen
- neusibirischen Inseln, welche nördlich vom asiatischen Festland
- unter etwa 75 Grad nördlicher Breite im Eismeer liegen, findet sich
- das fossile Elfenbein in solcher Menge, daß lange Zeit hindurch die
- Elfenbeinsammler die gefahrvolle Schlittenfahrt über das gefrorene
- Meer wagten, um diese Schätze zu heben.
-
-[Illustration: Abb. 32. Die Umgebung von Zürich in der Eiszeit.]
-
-Eine derartige Erscheinung zu erklären, war nicht leicht, und eine
-Lösung des Rätsels schien lange Zeit unmöglich. Man dachte zunächst
-an eine gewaltige Überschwemmung -- Sintflut --, welche die Elefanten
-aus dem südlichen Asien nach Sibirien geschwemmt haben sollte, allein
-bei nur halbwegs ruhiger Überlegung mußte man die Unmöglichkeit einer
-solchen Hypothese einsehen. Nun war noch ein zweiter Ausweg möglich:
-Die gewaltigen Rüsseltiere konnten in Sibirien gelebt haben, dann
-mußte aber das Klima ein ganz anderes, es mußte bis zum Polarkreis ein
-gemäßigtes gewesen sein. Das war noch zur Braunkohlenzeit tatsächlich
-der Fall, aber wir wissen nun auch, daß das Mammut zu einer Zeit in
-Europa lebte, als dieses großenteils von Eismassen bedeckt war. Wie
-ist aus diesem Labyrinth von Widersprüchen ein Ausweg möglich? Ein
-paar glückliche Funde haben die Frage in ziemlich befriedigender Weise
-gelöst. Aus dem gefrorenen Boden Sibiriens tauen nämlich gelegentlich
-ganze Mammutleichen heraus, die durch das Eis in so wunderbarer Art
-konserviert sind, daß das Fleisch von wilden Tieren gefressen werden
-kann. Bei derartigen Funden stellte es sich nun heraus, daß der
-Mammutelefant, abweichend von seinen heutigen Vettern in Afrika und
-Ostindien, mit einem dichten Pelz bekleidet war, der vorn und auf dem
-Rücken eine lange Mähne bildete, die wahrscheinlich bis auf die Knie
-herniederhing. Es ist dies eines der schlagendsten Beispiele dafür, daß
-aus dem Vorkommen einzelner Tiertypen niemals sichere Schlüsse auf das
-Klima gezogen werden können, denn es ist nie ausgeschlossen, daß Tiere,
-deren nächste Verwandte heute ausschließlich auf die Tropen beschränkt
-sind, ehemals in einem gemäßigten oder selbst kalten Klima gelebt haben.
-
-Das erste samt allen Weichteilen erhaltene Mammut wurde im Jahre 1799
-im Lena-Eis (Sibirien) entdeckt, allein erst sieben Jahre später
-vernahm der Naturforscher Adams davon, und als er an Ort und Stelle
-kam, fand er nur noch das durch die Bänder zusammengehaltene Skelett,
-einen Teil der Haut, ein Auge, einiges von den Eingeweiden und etwa
-30 Pfund Haare, welche die Eisbären in den Boden getreten hatten;
-alles übrige hatten die Raubtiere gefressen. Die kostbaren Reste
-gelangten nach Petersburg und sind nun im dortigen Naturalienkabinett
-aufgestellt. Seitdem sind mehrere eingefrorene, wohlkonservierte
-Leichname nach vieltausendjähriger Ruhe aufgefunden worden.
-
-Man hat die Frage aufgeworfen, wovon denn die mächtigen Tiere, die eine
-Länge von 5 Meter bei 3 Meter Höhe erreichten, im kalten Klima gelebt
-haben. Auch darüber gaben die Funde genaue Antwort: Die Speisereste,
-die zwischen den Zähnen und im Magen gefunden wurden, bestanden nämlich
-der Hauptsache nach aus Zweigen von Nadelhölzern, wie sie heute noch in
-Sibirien vorkommen.
-
- * * * * *
-
-Wir wollen uns jetzt von dem Leser, der uns freundlich gefolgt ist,
-verabschieden. Die geschilderten wunderbaren Lebewesen muten an wie die
-Darstellungen aus einem Märchen, und dennoch steht das Geschilderte mit
-unauslöschlichen Zeichen in den Gesteinsschichten der Erde eingegraben.
-Das, was wir boten, ist freilich nur ein Ausschnitt aus jener
-gewaltigen Geschichte der Entwicklung, aber es wird doch das Lesen in
-der Geschichte der Erde fördern, die zu einem Gemeingut aller werden
-sollte.
-
-
-
-
-Namen- und Sachregister.
-
-
- Seite
-
- Abgottschlange 54
-
- Adam und Eva 5
-
- Aëtosaurus 21
-
- Ajax 5
-
- Algonkium 8
-
- Allosaurus 53
-
- Altmastodon 91
-
- Alttier 84
-
- Ameisenigel 68, 69
-
- Anakonda 54
-
- Andrias Scheuchzeri 16
-
- Anthrakosaurus 13
-
- Archäopteryx 59
-
- Archegosaurus 13
-
- Azeratherien 83
-
-
- Bären 86
-
- Bärlappgewächse 8
-
- Barosaurus 37
-
- Barramundi 15
-
- Bartenwale 72
-
- Basilosaurus 72
-
- Bastardechse 22
-
- Batzensteine 9
-
- Bauhin 28
-
- Belodon 19
-
- Beuteltiere 68, 69
-
- Boll 28
-
- Brontornis 63
-
- Brontosaurus 37
-
- Brontotherium 82
-
- Brontozoum 35
-
- Brückeneidechse 30
-
-
- Ceratodus 15
-
- Ceratosaurus 53
-
- Cuvier 17, 84
-
-
- Dachdrache 45
-
- Devonzeit 11
-
- Diluvialzeit 86
-
- Dinichthys 11
-
- Dinornis 64
-
- Dinosaurier 30 ff.
-
- Dinotherium 89
-
- Dinozeras 81
-
- Diplodokus 41
-
- Diprotodon 69
-
- Dizeratops 46
-
- Dolichosoma 13
-
- Donnerdrache 39
-
- Donnertier 82
-
- Donnervogel 63
-
- Doppelatmer 15
-
- Drachen 6, 18 ff.
-
- Dreihorndrache 46
-
- Dschidda 5
-
-
- Echsenstammvater 13
-
- Edentaten 73
-
- Eichstätt 60
-
- Einhorndrache 46
-
- Eiszeit 86
-
- Elefanten 89 ff.
-
- Entwicklungsreihen 83, 89
-
- Eohippus 84
-
- Eozän 83, 89
-
- Eurypterus 10
-
-
- Faultiere 73, 74
-
- Fischdrache 25
-
- Fische, fossile 11
-
- Fischvögel 63
-
- Flugdrachen 54
-
- Flugfinger 55
-
- Flugsaurier siehe Flugdrachen.
-
-
- Geosaurus 53
-
- Geradhorn 10
-
- Gigantosaurier 48
-
- Glyptodon 78
-
- Greifsaurier siehe Urvogel.
-
- Greßlyosaurus 32
-
- Grypotherium 77
-
- Gürtelmaus 78
-
- Gürteltiere 78
-
-
- Hadrosaurus 36, 64
-
- Haifische 11
-
- Handtier 14
-
- Helvetier 5
-
- Henrien 5
-
- Hesperornis 63
-
- Hippotherium 84
-
- Höhlenbär 86
-
- Höhlenhyäne 88
-
- Höhlenlöwe 89
-
- Huftiere, fossile 79
-
-
- Ichthyornis 63
-
- Ichthyosaurus 25
-
- Iguana siehe Leguan.
-
- Iguanodon 33
-
- Insekten der Steinkohlenzeit 10
-
-
- Jochzahn 72
-
-
- Kaiserelefant 93
-
- Kalamiten 8
-
- Kambrium 8
-
- Känguruh 69
-
- Kloakentiere 68, 69
-
- Kohlendrache 13
-
- Kolumbuselefant 93
-
- Kompsognathus 36
-
- Königsdrache 72
-
- Königsvogel 63
-
- Koprolithen 27
-
- Koryphodon 80
-
- Kraken 6
-
- Kreidevögel 63
-
- Krokodile 18
-
-
- Lälaps 53
-
- Langhalsdrachen 22
-
- Lanzettfisch 11
-
- Lappenkrebse 10
-
- Leguan 33
-
- Lindwürmer 6, 31
-
- Lithographischer Schiefer 59
-
- Lurchfische 15
-
-
- Maasechse 53
-
- Machairodus 88
-
- Mahlzahn 77
-
- Mammut 93
-
- Manteltiere 11
-
- Mastodon 91
-
- Mastodonsaurus 14
-
- Mastricht 54
-
- ~Mauvaises Terres~ 80
-
- Mazurier 5
-
- Megalonix 77
-
- Megalosaurus 53
-
- Megatherium 75
-
- Mesohippus 84
-
- Midgardschlange 6
-
- Miohippus 84
-
- Moa 66
-
- Möritherium 89
-
- Mosasaurier 53
-
- Mylodon 77
-
-
- Nashorndrache 53
-
- Nashörner 83
-
- Neckardrache 19
-
- Nikrosaurus siehe Neckardrache.
-
- Nileidechse 54
-
- Nothosaurus 22
-
- Nummulit 9
-
-
- Ohnhorntiere 83
-
- Öhningen 16
-
- Orohippus 84
-
-
- Paarhufer 79, 84
-
- Paläotherium 84
-
- Pampasformation 73
-
- Panzerdrache 45
-
- Panzerfische 11
-
- Pareiasaurus 47
-
- Pfeilzahn 19
-
- Pferdestamm 83
-
- Phenakodus 83
-
- Phororhakos 64
-
- Plesiosaurus 23
-
- Pliohippus 84
-
- Pontoppidan 7
-
- Primaten 70
-
- Protohippus 84
-
- Pteranodon 56
-
- Pterodaktylus 55
-
- Pterygotus 10
-
-
- Reliquien 94
-
- Rhamphorhynchusskelett 59
-
- Rhinozeros 83
-
- Riesen der Sage 5
-
- Riesenfaultier 75
-
- Riesengürteltier 78
-
- Riesenhaie 12
-
- Riesenhirsch 85
-
- Riesenkänguruh 69
-
- Riesenkraken 6, 10
-
- Riesenkrebse 10
-
- Riesenpanzertiere 78
-
- Riesenpolypen 10
-
- Riesensalamander 16
-
- Riesenschlangen 54
-
- Riesenschreckenstier 90
-
- Riesenvögel 63
-
- Riesenwombat 69
-
- Rüsseltiere 89
-
-
- Salamander 13, 16
-
- Sammeltypen 59, 81, 83
-
- Säuger, fossile 72 ff.
-
- Schachtelhalme 8, 31
-
- Scheuchzeri (Andrias) 16, 17
-
- Schildwurf 78
-
- Schlangendrachen 23
-
- Schnabelschnauze 55
-
- Schnabeltier 68, 69
-
- Schreckdrachen 30
-
- Schreckensfisch 11
-
- Schreckenstier 89
-
- Schreckhörner 81
-
- Schreckvogel 64
-
- Schwäbischer Lindwurm 32
-
- Sintflutmensch 16
-
- Skelidotherium 77
-
- Sklerosaurus 48
-
- Solnhofen 59
-
- Stegosaurier 45
-
- Steinkohlenformation 8
-
- Stierdrache 46
-
-
- Tange 8
-
- Teleosaurus 21
-
- Tendaguru 48
-
- Theromorphen 47, 68
-
- Teutoboch 5
-
- Tiger 88
-
- Tintenfische 10
-
- Titanotherium 82
-
- Torosaurus 46
-
- Trilobiten 10
-
- Trizeratops 46
-
- Tyrannosaurus 52
-
-
- Unpaarhufer 79
-
- Ureidechse 13
-
- Urelefant 93
-
- Urfische 11
-
- Urvogel 59
-
-
- Varane 54
-
- Vogeleidechsen 54
-
- Vögel, fossile 58
-
- Vogelfüßer 35
-
- Vögel und Reptilien 57
-
-
- Walfische 71
-
- Wanderelefant 93
-
- Wiederkäuer 84
-
- Wolfsaurier 47
-
- Wombat 69
-
- Wyoming 80
-
-
- Zahnarme 73
-
- Zanklodon 32
-
- Zeuglodon 72
-
- Zimbern 5
-
- Zitzenzahnechse 14
-
- Zitzenzähner 91
-
- Zweihorndrache 46
-
- Zweihufer 84
-
- Zwergelefanten 94
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-
-Entwicklungstheorie
-
-Darwins Lehre
-
-Gemeinverständlich dargestellt von
-
-Dr. S. Tschulok
-
-Privatdozent für Allgemeine Biologie an der Universität Zürich.
-
-Mit 49 Abbildungen im Text.
-
-VIII und 312 Seiten. Preis gebunden 25 Mark.
-
-Dieses Werk soll die seit längerer Zeit vergriffene =Darwinsche
-Theorie= von =E. Aveling= ersetzen. Wir hoffen, daß die von einem
-anerkannten Fachgelehrten verfaßte =Entwicklungstheorie= einem ebenso
-großen Interesse begegnen wird, wie es seinerzeit bei dem Avelingschen
-Buch der Fall war.
-
-Der Verfasser schreibt einleitend zu seiner Arbeit unter anderem:
-
-Im vorliegenden Werk ist der Versuch gemacht worden, die
-Entwicklungsstheorie in einer Art und Weise darzustellen, die von
-der bisher üblichen stark abweicht. Die Auffassung, die dieser neuen
-Darstellung zugrunde liegt, ist vom Verfasser in der nur Fachmännern
-zugänglichen wissenschaftlichen Literatur begründet worden. Die
-Anforderungen, die an die Vorkenntnisse der Leser gestellt werden, sind
-sehr bescheiden. Dagegen wird beim Leser der gute Wille vorausgesetzt,
-etwas zu lernen.
-
-Die populäre Literatur hat die Mission, dem Leser aus den breiten
-Volksschichten die Arbeitsweise und die Ergebnisse der Wissenschaft
-in einem seinem Fassungsvermögen angepaßten Stil beizubringen. Aber
-die populäre Literatur soll und kann nicht zum Schlaraffenland
-werden, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Wer etwas
-lernen will, muß den festen Willen haben, sich durch die schwierige
-Materie durchzuarbeiten. Und gerade das arbeitende Volk weiß es doch
-am besten, daß alles, was Bestand haben soll, durch Arbeit errungen
-werden muß. Man strebe also auch nicht nach einem „mühelosen“ Erwerb
-wissenschaftlicher Anschauungen, sondern suche sich die Grundbegriffe
-klarzumachen, mit denen die Wissenschaft arbeitet, und die Tatsachen,
-von denen sie sich zu den weltumspannenden Gedanken erhebt. Dann
-erst sind die erworbenen Anschauungen aus einer richtigen und festen
-Grundlage aufgebaut.
-
-
-Liebknechts
-
-Volksfremdwörterbuch
-
-Sechzehnte Auflage.
-
-Neu bearbeitet, berichtigt und vermehrt. Preis gebunden 30 Mark.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Riesen und Drachen der Vorzeit, by Rudolf Bommeli
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESEN UND DRACHEN DER VORZEIT ***
-
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