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-The Project Gutenberg EBook of Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV,
-1. Hälfte, by Ludwig Reinhardt
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte
-
-Author: Ludwig Reinhardt
-
-Release Date: April 7, 2020 [EBook #61775]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULKTURGESCHICHTE DER NUTZPFLANZEN, 1 ***
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-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, the University of
-Michigan and the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert; Rechtschreibvarianten
- wurden nicht vereinheitlicht, sofern die Verständlichkeit
- des Textes dadurch nicht berührt wird. Fremdwörter und
- Transliterationen (vorwiegend aus dem Griechischen) wurden weder
- korrigiert noch vereinheitlicht.
-
- Die gedruckte Fassung wurde in einer Frakturschrift gesetzt, in
- der die Großbuchstaben I und J identisch sind; die Auswahl in
- der vorliegenden Ausgabe erfolgte daher mitunter willkürlich.
- Im Sachregister wird nunmehr zwischen den Begriffen mit den
- Anfangsbuchstaben I und J unterschieden, was im Original nicht
- möglich war.
-
- Einige Bildtafeln enthalten mehrere Abbildungen. Das Verzeichnis
- der Tafeln wurde der zweiten Hälfte dieses Bandes entnommen.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
- den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- Das Caret-Symbol (^) steht vor hochgestellten Zeichen.
-
- ####################################################################
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-
-
- Kulturgeschichte der Nutzpflanzen
-
-
-
-
- Die Erde und die Kultur
-
- Die Eroberung und Nutzbarmachung
- der Erde durch den Menschen
-
- In Verbindung mit Fachgelehrten
- gemeinverständlich dargestellt von
- ~Dr.~ Ludwig Reinhardt
-
- Bd. IV~ in zwei Teilen
- Kulturgeschichte der Nutzpflanzen
-
- München 1911
- +Verlag von Ernst Reinhardt+
-
-
-
-
- Kulturgeschichte der Nutzpflanzen
-
- von
-
- ~Dr.~ Ludwig Reinhardt
-
- Band IV, 1. Hälfte
-
- Mit 57 Abbildungen im Text und 90 Kunstdrucktafeln
-
- München 1911
- +Verlag von Ernst Reinhardt+
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Die emsige Forscherarbeit der letzten Jahrzehnte hat auf dem weiten
-Gebiete der allgemeinen Kulturgeschichte eine Fülle von Material
-zusammengetragen, das aber, dem Nichtfachmann unzugänglich, in
-wissenschaftlichen Zeitschriften und Monographien verborgen war. Es
-aus diesem Dornröschenschlaf zu erwecken und dem weiten Kreise der
-Gebildeten zugänglich zu machen, war eine lockende Aufgabe, der ich
-mich in Gemeinschaft mit dem Geographen und Nationalökonomen ~Dr.~ R.
-+Hotz+ und anderen Fachgelehrten gern unterzogen habe. In gewissem
-Sinne bildet es eine Ergänzung und Erweiterung des in gleichem Verlage
-erschienenen Sammelwerkes „Vom Nebelfleck zum Menschen“; denn wenn dort
-versucht wurde, die lange Geschichte der Menschwerdung zu schildern, so
-soll in „+Die Erde und die Kultur+“ gezeigt werden, wie der Mensch im
-Laufe der Jahrtausende die Erde erobert und seinen Zwecken dienstbar
-gemacht hat.
-
-Die Gliederung des Gesamtwerkes ist die folgende: Band I: Die Erde und
-ihr Wirtschaftsleben (von ~Dr.~ R. +Hotz+). Band II: Kulturgeschichte
-des Menschen. Band III: Kulturgeschichte der Nutztiere. Band IV:
-Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Jeder Band ist in sich abgeschlossen
-und einzeln käuflich. Band IV ist soeben erschienen, Band I und III
-erscheinen im Laufe des Jahres 1911, Band II im Sommer 1912, so daß
-spätestens im Herbst des Jahres 1912 das ganze Werk vollständig sein
-wird.
-
-In dem vorliegenden Doppelband „+Die Kulturgeschichte der
-Nutzpflanzen+“ suchte ich das fortzusetzen, was einst der feinsinnige
-Philologe Victor +Hehn+ für einen Teil der bekanntesten Kulturpflanzen
-begonnen hatte: eine Geschichte ihrer Domestikation und ihrer Wanderung
-über die Erde im Gefolge des Menschen zu geben. Ein Menschenalter
-ist seit dem Erscheinen von Hehns Werk verflossen, manches hat sich
-geändert, dazu habe ich den Gegenstand nach allen Seiten erweitert;
-denn nicht nur die Kulturpflanzen sollen in dem Werke behandelt
-werden, sondern die Nutzpflanzen im weitesten Sinne des Wortes.
-Eine Fülle von Literatur war zu sichten und zu bearbeiten, fast zu
-groß für die Arbeitskraft eines einzelnen Menschen. Ich habe mich
-bemüht, allen wissenschaftlichen Ballast wegzulassen und durch
-gründliches Quellenstudium das heute Sichergestellte in klaren Zügen
-gemeinverständlich darzustellen.
-
-Besondere Sorgfalt wurde auf die Bilder verwendet, die auf
-Kunstdrucktafeln, größtenteils nach noch unveröffentlichten
-Photographien, dem Texte beigegeben werden.
-
-Allen Gelehrten, die mich in meiner Arbeit in zuvorkommender
-Weise unterstützt haben, spreche ich auch an dieser Stelle meinen
-verbindlichen Dank aus.
-
- +Basel+, im Oktober 1910.
-
- =~Dr.~ Ludwig Reinhardt.=
-
-
-
-
-Inhalt des ersten Bandes.
-
-
- 1. Die Getreidearten. 1. Der Weizen und seine Abarten 1
-
- 2. Die Getreidearten. 2. Gerste, Roggen, Hafer, Hirse und
- Buchweizen 26
-
- 3. Die Getreidearten. Reis und Mais 52
-
- 4. Die Fruchtbäume. 1. Teil 72
-
- 5. Die Fruchtbäume. 2. Teil 155
-
- 6. Die Agrumen 237
-
- 7. Die Gemüsearten 256
-
- 8. Eßbare Knollengewächse 349
-
- 9. Die Ölgewächse 399
-
- 10. Der Zucker 436
-
- 11. Der Kaffee 454
-
- 12. Der Tee 475
-
- 13. Der Kakao 500
-
- 14. Die Gewürze 516
-
- 15. Die berauschenben Getränke 596
-
- 16. Die betäubenden Pflanzenstoffe 647
-
- 17. Der Tabak 665
-
- 18. Die Gärungserreger 683
-
-
-
-
-Tafelverzeichnis des ersten Bandes.
-
- 1. Getreidearten 16
-
- 2. Alter Pflug; Die Entwicklung des Pfluges 16
-
- 3. Dreschen in Galiläa 16
-
- 4. Dampfdreschmaschine 16
-
- 5. Dampfpflug 32
-
- 6. Dampfpflug 32
-
- 7. Mohrenhirse; Buchweizen 48
-
- 8. Reisfeld 48
-
- 9. Singhalesen beim Pflügen 56
-
- 10. Reisfelder; Pflanzen des Reises 56
-
- 11. Entkernen des Reises; Dreschen des Reises 56
-
- 12. Singhalesinnen b.Reisstampfen 56
-
- 13. Maisscheune der Zulu 64
-
- 14. Maismühle der Zulu 64
-
- 15. Längsspalier von Birnen 81
-
- 16. Kreuzspalier von Birnen 81
-
- 17. Blühende Mandelbäume; Traubenernte 81
-
- 18. Konservenfabrik in Lenzburg 81
-
- 19. Maulbeerbäume; uralter Feigenbaum 129
-
- 20. Alter Ölbaumhain in Arco 129
-
- 21. Ölbaum in Antibes 152
-
- 22. Olivenhain auf Capri; Dattelpalmen am Nil 152
-
- 23. Dattelpalmen in Algier; Dattelernte in Algerien 168
-
- 24. Kokospalme in Westafrika 168
-
- 25. Ölpalme; Zuckerpalme 176
-
- 26. Kokospalmen; verschiedene Palmen 176
-
- 27. Arekanüsse; Sagopalmen 176
-
- 28. Auf Arekapalmen kletternde Inder 176
-
- 29. Talipotpalme 185
-
- 30. Seychellenpalme; Victoria Regia 185
-
- 31. Fächerpalme 192
-
- 32. Bananenhain; Verladung von Bananen 192
-
- 33. Mangobaum 201
-
- 34. Brotfruchtbaum; Brotfrucht 201
-
- 35. Zweig der Brotfrucht 201
-
- 36. Baobab; Malaienwohnung 201
-
- 37. Kolabäume 208
-
- 38. Durian; Mangostane 208
-
- 39. Ananas; Tamarindenallee 208
-
- 40. Melonenbaum 208
-
- 41. Tropisches Gewächshaus 216
-
- 42. Fruchtladen auf Ceylon; Fruchtladen in Südindien 216
-
- 43. Kastanienbäume; Alter Feigenbaum 232
-
- 44. Johannisbrotbaum; Zitronenhain in Salo 232
-
- 45. Japanische Küche 289
-
- 46. Japanischer Gemüsehändler 289
-
- 47. Artischockenpflanzung; Wassermelonen 337
-
- 48. Kürbisbaum 337
-
- 49. Japanische Bäuerin; Japanischer Bauer 352
-
- 50. Papyrusdickicht; Maniokpflanzung 352
-
- 51. Fufustampfen auf d. Goldküste; Yamsknollen auf Jamaika 368
-
- 52. Yamsknollen; Frauen in Bonaberi 368
-
- 53. Champignonkultur bei Paris; Champignonernte 392
-
- 54. Verarbeitung von Champignons 392
-
- 55. Schibutterbäume; Szenerie aus dem Urwald 416
-
- 56. Rizinuspflanzung; Karnaubapalme 416
-
- 57. Wildes Zuckerrohr 441
-
- 58. Zuckerrohrernte; Zuckerrohrernte 441
-
- 59. Liberiakaffee 465
-
- 60. Liberiakaffee 465
-
- 61. Pflücken der Teeblätter 480
-
- 62. Pflücken der Teeblätter 480
-
- 63. Singhalesinnen Tee verlesend 480
-
- 64. Trocknen der Teeblätter 480
-
- 65. Teestrauch 489
-
- 66. Mateernte 489
-
- 67. Kakaosaatbeete 512
-
- 68. Junge Kakaopflanzung 512
-
- 69. Kakaoernte 512
-
- 70. Kakaobaum; Vanillestrauch 512
-
- 71. Vanillepflanzung 520
-
- 72. Pfefferrebe 520
-
- 73. Wilder Hopfen; Hopfengarten 545
-
- 74. Hopfenpflücker; gedörrter Hopfen 545
-
- 75. Zimtbaum; Schälen des Zimtrohrs 577
-
- 76. Muskatnüsse; Gewürznelkenbäume 577
-
- 77. Hydraulische Kelter; Moderne Weinfässer 625
-
- 78. Faune nach Rubens; Champagnerkellerei 625
-
- 79. Kokapflanze; Pulquegewinnung 640
-
- 80. Opiumraucher; Opuntie 640
-
- 81. Blühender Tabak 672
-
- 82. Anlage einer Tabakpflanzung 672
-
- 83. Trockenscheune in einer Pflanzung 672
-
- 84. Reifer Tabak; Trockenscheune (Inneres) 672
-
- 85. Sortieren der Tabakblätter 680
-
- 86. Fermentieren der Tabakblätter; Zigarettenfabrik 680
-
- 87. Knetmaschinen 697
-
- 88. Moderner Backraum 697
-
- 89. Malztenne der Löwenbrauerei; Sudhaus der Löwenbrauerei 705
-
- 90. Gärkeller der Löwenbrauerei, Lagerkeller der Löwenbrauerei 705
-
- 91. Hofbräuhaus (außen) 705
-
- 92. Hofbräuhaus (innen) 705
-
-
-
-
-I.
-
-Die Getreidearten
-
-Der Weizen und seine Abarten.
-
-
-Die ältesten vom Menschen in Kultur genommenen Nutzpflanzen sind,
-soweit wir dies heute zu beurteilen vermögen, +Weizen+ und +Gerste+,
-die irgendwo in Vorder- oder Mittelasien, von fürsorgenden Frauen
-gesammelt und gehegt, später auch angepflanzt, mit der Zeit durch
-fortgesetzte Auslese zu Spendern besonders großer, mehlreicher
-Körnerfrüchte gediehen. Diese wurden nicht nur ihnen und ihren Kindern,
-sondern auch den zunächst ausschließlich von der Jagd und später, nach
-der Zähmung und Aufzucht von Haustieren, von Viehzucht lebenden Männern
-zu einer immer unentbehrlicheren Zukost zu der von diesen gelieferten
-Fleischnahrung.
-
-Während der Mann der Urzeit mit seinen Sippengenossen der Jagd oblag,
-suchte die Frau für sich und ihre Kinder, soweit sie nicht mehr von ihr
-gestillt wurden, was damals in Analogie mit heute noch auf derselben
-Kulturstufe lebenden Völkern zwei bis drei Jahre gedauert haben mag,
-die für sie erreichbare, hauptsächlich aus Vegetabilien und kleinen
-Tieren wie Würmern, Schnecken, Heuschrecken, Käfern, Raupen, Fröschen,
-Eidechsen, Schlangen und dergleichen bestehende Nahrung. Mit dem
-ziemlich langen Grabstock versehen, den sie als Universalwerkzeug und
-Waffe stets bei sich führte, zog sie, von ihren Kindern begleitet, in
-die Speise irgend welcher Art zur Stillung des stets regen Hungers
-versprechende Nachbarschaft des jeweiligen Lagerplatzes, um hier alle
-möglichen, ihr als nahrhaft bekannten Wurzeln, Früchte und Sämereien
-zu sammeln und zugleich alle ihr dabei entgegentretenden kleineren
-Tiere zu erbeuten. Was nicht sofort verzehrt wurde, wanderte als Vorrat
-in die mitgeführte Felltasche und später in den aus Binsen oder Bast
-geflochtenen Korb, um dann, roh oder schwach am Feuer geröstet, als
-Speise zu dienen. Unbeweglich, wie sie durch die Mutterschaft geworden
-war, zog sie notgedrungen das für sie erreichbare minderwertige
-Kleinere dem begehrenswerteren Größeren vor.
-
-Der viel beweglichere Mann dagegen bevorzugte als Nahrung die
-vorzugsweise in Schlingen und Fallgruben oder durch Anschleichen
-und Hetzen von ihm erbeuteten größeren Tiere. Aber in dem Maße als
-die Bevölkerung des Landes zunahm und der Wildreichtum durch die
-unausgesetzten Jagden sich verminderte, nahm diese Nährpflanzen zur
-Stillung des Hungers suchende Tätigkeit der Frau an Bedeutung stetsfort
-zu. So kam sie in der Fürsorge für sich und ihre Kinder nach und nach
-dazu, nicht bloß gewisse Reviere mit ihr allein bekannten Standorten
-nahrhafter Pflanzen, deren Zahl für jene sehr wenig wählerischen
-Menschen der Urzeit selbstverständlich unvergleichlich größer war, als
-wir es uns heute vorstellen können, für sich zu reservieren, sondern
-auch später in fürsorgender Arbeit selbst Samen dieser Nahrungspflanzen
-auszustreuen, in der berechtigten Erwartung, hier einst mühelos für die
-Ihrigen ernten zu können.
-
-[Illustration: Bild 1.
-
-Mit Steinkugel beschwerter Grabstock eines Buschmannweibes in der
-Stellung, wie er zum Ausgraben von nahrhaften Wurzeln von ihr in den
-Boden getrieben zu werden pflegt.
-
-(Stark verkleinert.)]
-
-Wir Kulturmenschen, die das gewohnheitsmäßige Erleben selbst der
-außergewöhnlichsten Erscheinungen vollständig abgestumpft hat, so daß
-wir dieselben als ganz selbstverständlich hinnehmen und gar nicht mehr
-darüber nachdenken, übersehen gewöhnlich, welche außergewöhnliche
-Begabung und Verstandesschärfe dazu erforderlich waren, bis ein Mensch,
-und zwar ein armseliges, schwaches +Weib+, von der fürsorgenden
-Mutterliebe getrieben, voll Hoffnung, dereinst hier ernten zu können,
-die ersten Samenkörner einer Nährpflanze in die vorher von ihr mit dem
-Grabstock gelockerte Erde streute.
-
-Den alten Griechen, welche den ersten Regungen menschlicher Gesittung
-näher standen als wir, erschien ein planvolles Erdenken des Ackerbaues,
-dem der primitivere Hackbau vorausging, als für menschliche
-Verstandeskräfte vollkommen unerfaßlich und undenkbar. Deshalb
-schrieben sie diese so überaus wertvolle, den Keim zu aller höheren
-Gesittung überhaupt legende Erfindung einer Gottheit zu. Und so wie
-sie dachten alle anderen Völker der Erde auf gleicher Erkenntnisstufe,
-die alle diese so überaus folgenschwere Erfindung als Geschenk einer
-Gottheit betrachteten und nicht als Produkt menschlichen Denkens
-auffaßten.
-
-Mit dem ersten Pflanzenbau, den solchermaßen die fürsorgende
-Mutterliebe einer intelligenten Frau der Urzeit in den Sinn gab,
-selbst wenn er nur von Wanderhorden am Sommerlagerplatz armselig
-genug betrieben wurde, waren alle künftigen Fortschritte der
-Menschheitsentwicklung im Keime gegeben. Nicht nur hörte damit der
-Mensch auf als Almosenempfänger in den Wild- und Wurzelgärten der Natur
-von der Laune des Augenblicks und vom Zufall des Tages abzuhängen,
-seine Zukunft wurde eine mehr und mehr gesicherte, von der ungewissen
-Jagd unabhängige.
-
-Diese friedliche, ihr innerhalb des Familienverbandes eine zunehmende
-Macht verleihende Tätigkeit der Frau führte sie früher schon auf eine
-höhere Kulturstufe als den Mann, der lange nur als ein geduldetes
-Anhängsel der +Mutterfamilie+ erschien; denn in der Haushaltung, die
-das Weib der Urzeit mit ihren Kindern führte, war der Mann lange Zeit
-nur eine Art Pensionär, der für die Gunst, von der Pflanzenspeise
-mitessen zu dürfen, vom Ertrage seiner Jagd wenigstens etwas
-beizusteuern hatte.
-
-Erst auf einer späteren Entwicklungsstufe der Menschheit wurde das
-Weib, weil es schwächer war und sich nicht gegen solche Vergewaltigung
-von seiten des Mannes zu wehren vermochte, von diesem als Sklavin und
-Arbeitstier betrachtet. Für sich selbst zog er das süße Nichtstun vor
-und bürdete alle Arbeit dem Weibe auf. Aber mit dem Überhandnehmen der
-Volkszahl genügten die Frauenarme bald nicht mehr, um den zunächst
-ausschließlich von diesen geübten Hackbau zur Fütterung der sich
-mehrenden Stammesgenossen zu bewältigen, zumal ihnen alle sonstigen
-Hausgeschäfte: das Kochen, das Weben der Kleidung, das Gerben der
-Häute, das Formen und Brennen des Tons zu Geschirr, der Hausbau und
-was sonst noch in den Bereich ihrer Pflichten fiel, oblagen. Und die
-Zahl dieser weiblichen Arbeiten wurde mit der besseren Lebenshaltung
-in zunehmendem Maße gesteigert, so daß die Frauenkraft mit dem besten
-Willen allen an sie gestellten Forderungen nicht mehr genügen konnte.
-Da galt es männliche Kraft zur Gewinnung der für die wachsende
-Bevölkerung immer wichtiger werdenden Nährfrüchte zu gewinnen. Diese
-aber leistete zunächst nicht der freie Mann, dem die Arbeit von jeher
-als größter Schimpf galt, wie wir bei allen auf dieser Kulturstufe
-verharrenden Menschheitsstämmen zu beobachten vermögen, sondern dazu
-wurden die Kriegsgefangenen verwendet, die man bis dahin getötet, d. h.
-den gefürchteten Geistern mächtiger Verstorbener, die sich allmählich
-zu Gottheiten entwickelten, geopfert hatte, weil man nichts mit ihnen
-anzufangen wußte. So erkannten die Stämme der jüngeren Steinzeit bald,
-daß diese Tötung eine unbegreifliche Verschwendung gewesen war. Deshalb
-wurde sie als unzweckmäßig abgeschafft und man begnügte sich als Opfer
-für die siegverleihenden Mächte die Anführer oder nur wenige, durch das
-Los bestimmte Männer aus der Zahl der Gefangenen zu schlachten. Die
-übrigen blieben am Leben und mußten als Knechte den Acker bestellen und
-alle schwere Arbeit verrichten.
-
-Noch intensiver vermochte man den Landbau zu betreiben, als zu diesen
-unfreien Hörigen als ersten männlichen Arbeitern die Zugkraft des
-zunächst bloß zur Milch- und Fleischgewinnung vom Manne gezüchteten
-Rindes hinzukam, das den als Fortbildung der Hacke erfundenen einfachen
-Hakenpflug zur Auflockerung des Bodens vor der Aussaat des Getreides
-durch den zum Ackerfelde bestimmten Boden zu ziehen hatte. Besonders
-ausgiebig konnte der durch Kastration dem menschlichen Willen
-gefügiger gemachte Stier als Ochse den Pflug ziehen, und mit seiner
-Mithilfe vermochte man immer größere Ländereien dem Anbaue der Nahrung
-spendenden ältesten Nutzpflanzen dienstbar zu machen.
-
-In dem Maße als sich der äußere Betrieb des Feldbaues vervollkommnete,
-verbesserte sich auch die Beschaffenheit der in menschliche Pflege
-und Kulturauslese verbrachten Körnerfrüchte, die neben den eßbaren
-Baumfrüchten und Wurzelknollen, welche aber erst später in Anbau
-genommen werden konnten, als die ältesten Nutzpflanzen des Menschen zu
-gelten haben. Schon auf der Stufe des umherziehenden Sammlers müssen
-dem Menschen die in dichten Beständen beieinander wachsenden Grasarten
-in erster Linie als Nahrungspflanzen aufgefallen sein. Mochten ihre
-mehlreichen Samen auch nur klein sein, so ersetzten sie den Mangel
-an Größe durch ihre leicht anzuhäufende große Zahl. Und als er zum
-Aussäen der Getreidekörner übergegangen war, griff er unwillkürlich,
-um eine größere Menge davon zusammenzubringen, nach den großen, in
-möglichst kräftig aufgeschossenen Halmen befindlichen Samen. Schon
-damit war der erste Schritt zur unbewußten Zuchtwahl getan, welche von
-selbst weiterschritt, wenn auf dem zur Aussaat gewählten Feld unter den
-ziemlich dicht nebeneinander aufschießenden Halmen im Ringen nach Luft
-und Licht die kräftigeren Pflanzen die Oberhand gewannen, während die
-schwächlicheren unterdrückt wurden und damit aus der Zucht ausschieden.
-
-Je nach den klimatischen Verhältnissen und der Beschaffenheit des
-Bodens entwickelte sich die betreffende, in die Pflege des Menschen
-genommene Pflanze nach verschiedenen Richtungen weiter. Dazu kam die
-ihr innewohnende Variabilität oder Veränderungsfähigkeit, welche
-plötzlich neue Eigenschaften in ihr zutage treten ließ. Diese
-auffallenden abweichenden Formen suchte sich der Mensch, wenn sie
-sich als für ihn nützlich erwiesen, besonders aus und vermehrte sie
-durch getrennte Aussaat. So entwickelten sich unwillkürlich aus
-einer und derselben Stammpflanze mit der Zeit die mannigfaltigsten
-Kultursorten, die ihre Herkunft aus jener einen Art kaum glaublich
-erscheinen ließ. Daher kommt es, daß alle seit längerer Zeit in der
-Pflege und Kulturauslese des Menschen befindlichen Nutzgewächse eine
-solch unübersehbare Mannigfaltigkeit von Formen aufweisen und in so
-zahlreiche Unterarten mit allen Übergängen ineinander zerfallen, daß es
-ganz unmöglich ist, sie alle zu scheiden.
-
-Die älteste vom Menschen in Pflege und Kulturauslese genommene
-Getreideart war zweifellos neben der Gerste, die besonders in Europa
-die erste Verbreitung besaß, der +Weizen+ (~Triticum vulgare~). Er
-wurde irgendwo im westasiatischen Steppengebiet von einem heute
-nicht mehr festzustellenden, zu Ansässigkeit und höherer Kultur
-fortgeschrittenen Volke aus einem Wildlinge mit kleinen Samen zur
-wichtigen Nährfrucht mit großen, mehlreichen Körnern erhoben. Der
-gemeinsame Besitz dieser sicher schon vor mehr als 10000 Jahren in
-menschliche Obhut und Pflege genommenen Grasart bei den ältesten
-Kulturvölkern Westasiens und Ägyptens, wie auch bei den aus dem
-Innern Asiens, den Oasen am Südrande des Tarimbeckens etwa im
-vierten vorchristlichen Jahrtausend nach Osten gewanderten und als
-bereits reine Ackerbauer in den fruchtbarsten, aus Löß, dem besten
-Getreideboden, bestehenden Gegenden Nordchinas ansässig gewordenen
-Chinesen ließen eine zentralasiatische Herkunft des Weizens annehmen.
-So hat vor allem der Straßburger Botaniker H. Graf zu Solms-Laubach
-eingehend dazutun versucht, daß die Wiege der Weizenkultur in
-Zentralasien gesucht werden müsse, zu einer Zeit als die Wüste Gobi
-noch vom Meere bedeckt war und die Chinesen und die westasiatischen
-Kulturvölker noch näher beieinander wohnten. Als dann mit dem
-Verschwinden des Meeres die Existenzbedingungen des Menschen in jenen
-niederschlagsarmen Gegenden sich verschlimmerten, seien erstere nach
-Osten und letztere nach Westen ausgewandert und hätten diese ihre
-wichtige älteste Kulturpflanze mitgenommen.
-
-So schön nun diese Annahme klingt und so verlockend sie auch auf
-den ersten Blick erscheint, so kann sie doch wohl kaum länger
-aufrechterhalten werden, denn bisher ist noch nirgends in Zentralasien
-wildwachsender Weizen angetroffen worden, wohl aber in Westasien.
-Dort ist neuerdings mit großer Wahrscheinlichkeit in Persien und am
-Antilibanon die wilde Stammform des Weizens mit kleinen Samenkörnern
-und ziemlich brüchiger Spindel, alles Merkmalen, die auf ursprüngliche
-Wildheit und nicht bloß Verwilderung schließen lassen, gefunden worden.
-Zuletzt gelang es Aaronsohn im Jahre 1906, sie auch am Südostabhang
-des Hermon im Westjordanlande, in Rosch Pinah und an den Ostabhängen
-des Dschebel Safed und Kanaan in einigen voneinander abweichenden
-Spielarten nachzuweisen, wobei allerdings die Möglichkeit nicht ganz
-ausgeschlossen ist, daß wir es in diesem letzteren Falle mit seit
-langer Zeit verwilderten einstigen Kulturformen des Menschen zu tun
-haben.
-
-Jedenfalls sprechen alle uns bekannten geschichtlichen Tatsachen
-dafür, daß die Weizenkultur ihren ältesten nachweisbaren Herd in
-der durch ein reichverzweigtes Kanalnetz bewässerten und dadurch zu
-einem äußerst fruchtbaren Lande gemachten Ebene des Zweistromlandes
-zwischen Iran im Osten und Kleinasien im Westen hatte. Hier in
-Mesopotamien, wo das uralaltaische Volk von Sumer und Akkad, d. h.
-Süd- und Nordbabylonien das älteste für uns nachweisbare Kulturzentrum
-schuf, das dann allmählich von den eingewanderten Semiten eingenommen
-wurde, die jene Kultur völlig in sich aufnahmen und in eigenartiger
-Weise weiterbildeten, war die ganze Lebenshaltung des Volkes auf
-den im reich bevölkerten Lande intensiv betriebenen Weizenbau neben
-der Kultur von Gerste und Hirse, wie auch Sesam als Fettspender,
-gegründet. Der älteste griechische Geschichtschreiber Herodot, der
-ums Jahr 460 v. Chr. das Land bereiste, war von den Getreidekulturen
-Babyloniens so entzückt, daß er später bei der Beschreibung jenes
-Landes sagte: „Assyrien ist so übermäßig fruchtbar, daß das
-Getreide einen zweihundertfachen, ja in den besten Jahren einen
-dreihundertfachen Ertrag gibt und daß die Blätter des Weizens und der
-Gerste reichlich vier Finger breit werden, Hirse und Sesam aber sehen
-dort aus wie Bäume.“ Wenn wir auch von der offenkundigen Übertreibung
-dieses Berichterstatters absehen, so ist doch so viel sicher, daß
-der Weizen dort außerordentlich üppig gedieh. Der große Schüler des
-Aristoteles und nach dessen Tod im Jahre 322 Haupt der peripatetischen
-Schule, Theophrastos (390-286 v. Chr.) in Athen, schreibt in seiner
-Pflanzengeschichte: „In Babylonien ist man genötigt, den Weizen
-nicht nur einmal, wie in anderen fruchtbaren Gegenden, sondern sogar
-zweimal abzusicheln, zum drittenmal aber mit Schafen abzuweiden; erst
-dann kann man ihn in den Halm wachsen lassen, weil er sonst zu üppig
-in die Blätter treibt. Er gibt dort 50- bis 100fältigen Ertrag. Die
-große Fruchtbarkeit erlangt der Boden Babyloniens durch Bewässerung.“
-Noch Berosos, ein Priester zu Babylon, der im dritten vorchristlichen
-Jahrhundert drei Bücher über babylonische Geschichte in griechischer
-Sprache schrieb, berichtet, daß der Weizen in der Gegend seines
-Wohnortes wildwachsend angetroffen werde.
-
-Auch im ältesten Ägypten, dessen Kulturvolk auf eingehende
-astronomische Kenntnisse gestützt einen schon sehr genau ausgerechneten
-Kalender im Jahre 4241 v. Chr. einführte, also damals schon eine
-staunenswerte Höhe der Kultur errungen hatte, erhielt der Weizen
-den Vorrang vor der Gerste und wurde seit den ältesten für uns
-nachweisbaren Dynastien in solcher Menge angepflanzt, daß die
-Schriftsteller des Altertums die ganze fruchtbare Niederung am Delta
-des Niltales mit einem einzigen, großen Weizenfelde verglichen.
-Der Weizen hieß im Altägyptischen ~su~ und wurde wie der Spelt
-~bôti~ und die Gerste ~ati~ in zwei Sorten, einer weißen und einer
-roten, kultiviert. Seine Fruchtkörner finden sich fast regelmäßig
-unter den Totenspeisen. Wie sie als Nährfrucht für die Lebenden
-von der größten Bedeutung waren, so sollten sie auch die Geister
-der Verstorbenen nicht entbehren. Die altägyptischen Grabdenkmäler
-zeigen uns schon ganz deutlich begrannten und unbegrannten Weizen,
-wie auch sämtliche Vorgänge beim Pflügen, Säen, Ernten, Dreschen
-und Magazinieren des Getreides. Der Pflug aus der Pyramidenzeit,
-d. h. dem Beginne des dritten vorchristlichen Jahrtausends war ein
-gekrümmtes, vorn zugespitztes Holz von einem Baumast, an welchem,
-durch Baststricke oder Weidengeflecht befestigt, sich die Deichsel
-befand. Er wurde meist von Rindern und nur ausnahmsweise von vier
-Männern zu Paaren gezogen. Die Kornfrucht wurde mit kurzen Sicheln
-in Kniehöhe abgeschnitten, in Garben zusammengeschnürt und diese
-auf Eseln nach der im Freien auf etwas erhöhter, dem Winde leicht
-Zutritt gewährender Stelle errichteten Tenne gebracht, wo man sie
-auflöste und über die Ähren Rinder oder Esel im Kreise herum trieb,
-damit sie die Körner austräten. Währenddem wendete ein Arbeiter mit
-einer Holzgabel die niedergetretenen Haufen um. Vermittelst der Worfel
-wurde dann die Frucht von der Spreu geschieden, d. h. Männer warfen
-die ausgetretene Masse mit Schaufeln in die Höhe, so daß der Wind die
-Spreu wegfegte, während die schweren Körner zur Erde fielen. Vielfach
-wurde die Tätigkeit des Windes durch Hin- und Herschwingen eines Wedels
-unterstützt. Dann wurde das Getreide, nachdem es durch ein Rohrsieb
-vom anhaftenden Staub und Unkrautsamen befreit worden war, in Säcke
-geschaufelt und auf den Rücken der Arbeiter in die oben geöffneten,
-hohen, runden Speicher getragen. In den staatlichen Magazinen wurde
-das Getreide in größerer Menge für Zeiten der Not auf viele Jahre
-hinaus aufgespeichert. Da der Weizen die Hauptkulturpflanze des
-Niltales bildete, gehörte auch Weizengebäck zu den Hauptnahrungsmitteln
-der alten Ägypter. Nachdem das Korn von den Frauen auf einfachen
-Handmühlen gemahlen worden war, wurde es mit Wasser zu einem Teig
-angemacht, der vielfach mit den nackten Füßen geknetet und zu den
-verschiedensten Fladen und Kuchen verarbeitet wurde. Diese wurden dann
-teils in heißer Asche, teils auf erhitzten Steinplatten, meist jedoch
-in bienenkorbähnlichen, etwa 1 m hohen Backöfen, die innen geheizt
-wurden und auf welche die fladenförmigen Brote außen angeklebt wurden,
-gargebacken und in der Regel, um sie schmackhafter zu machen, mit
-Sesamkörnern bestreut. Solches Weizenbrot galt im alten Ägypten als
-das vornehmste Opferbrot. Die Weizenkultur war noch zur Römerzeit in
-Ägypten so ausgedehnt, daß teilweise die Proletarier in Rom mit deren
-Erträgnis gefüttert wurden. So wurden unter Kaiser Augustus allein
-20 Millionen römischer ~modii~ (= 175 Millionen Liter) Weizen aus
-Alexandrien nach Rom verschifft, und wenn auch dieser von Plinius in
-seinem Bericht über die Güte der nach Rom gesandten Tributleistungen
-der von den Römern unterjochten Völker dem italienischen,
-böotischen und sizilischen Weizen nachgestellt wird, so ist dies
-nur damit zu erklären, daß die Ägypter zu diesen Zwangslieferungen
-begreiflicherweise nicht die besten Sorten Getreide genommen haben
-werden.
-
-Auch in Syrien und Palästina war der Weizen als Getreidefrucht sehr
-angesehen und wurde neben der Gerste viel kultiviert, wie schon
-verschiedene diesbezügliche Stellen aus dem Alten Testamente dartun.
-So wird in Jesaias, 25 gesagt, daß man Weizen und Gerste, wie auch
-Spelt jegliches an seinen Ort säe und solches nach der Ernte durch
-Darübertreiben von Rindern ausdresche. Dabei wurde als Tenne ein wenn
-möglich erhöhter, dem Wind allseitig Zutritt gebender Ort gewählt. Nur
-ausnahmsweise wurde eine in den anstehenden Fels gehauene Vertiefung,
-in welcher man sonst die Trauben bei der Weinbereitung mit den Füßen
-zertrat und die deshalb von Luther bei seiner Bibelübersetzung als
-Kelter bezeichnet wurde, zum Dreschen benutzt, wie beispielsweise im
-Buche der Richter 6, 11, wo der Engel des Herrn sich unter eine Eiche
-zu Ophra setzte, „die war Joas, des Vaters der Efriter, und sein Sohn
-Gideon (der Held und Heerführer -- Richter -- der Israeliten im 12.
-Jahrhundert v. Chr., der sein Volk von der siebenjährigen Herrschaft
-der Midianiter befreite) drosch Weizen in der Kelter, daß er flöhe vor
-den Midianitern“. Und als der Engel seine Botschaft ausgerichtet hatte,
-daß der Herr mit ihm sei und er die Midianiter schlagen werde wie einen
-einzelnen Mann, hieß ihn Gideon warten, bis er ihm ein Speiseopfer
-geleistet habe. „Und Gideon ging und schlachtete ein Ziegenböcklein und
-nahm ein ~epha~ ungesäuertes Mehl (d. h. aus ungesäuertem Teig
-gebackenes Fladenbrot) und legte (das gekochte) Fleisch in einen Korb
-und tat die Brühe in einen Topf und brachte es zu ihm heraus unter die
-Eiche und trat herzu. Da sprach der Engel Gottes: Nimm das Fleisch und
-das Ungesäuerte und laß es auf dem Fels, der hier ist, und gieße die
-Brühe aus. Und er tat also. Da reckte der Engel des Herrn den Stecken
-aus, den er in der Hand hatte, und rührete mit der Spitze das Fleisch
-und das ungesäuerte Mehl an. Und das Feuer fuhr aus dem Fels und
-verzehrte das Fleisch und das ungesäuerte Mehl. Und der Engel des Herrn
-verschwand aus seinen Augen.“ Da baute Gideon daselbst dem Herrn einen
-Altar und hieß ihn: der Herr des Friedens.
-
-Sehr frühe schon in vorgeschichtlicher Zeit kam auch der Weizen mit
-der Gerste und der Hirse wie zu den neolithischen Hackbauern Europas,
-so auch nach Osten zu dem alten Kulturvolke der Chinesen, als sie noch
-im Innern Asiens saßen. Bei ihrer, wie bereits bemerkt, in das vierte
-vorchristliche Jahrtausend zu setzenden Auswanderung in die fruchtbaren
-Gegenden Nordchinas waren sie schon längst im Besitze dieser wertvollen
-Nährfrucht. In den chinesischen Annalen wird von einem Kaiser namens
-Schen-nung berichtet, der ums Jahr 2800 v. Chr. lebte und anordnete,
-daß bei einem alljährlich wiederkehrenden großen Feste in symbolischer
-Handlung die fünf wichtigsten Kulturpflanzen der damaligen Zeit
-ausgesät werden sollten. Unter ihnen befand sich neben der Gerste, dem
-Reis, den Sojabohnen und der Hirse auch der Weizen.
-
-Die in den neolithischen Pfahlbauansiedlungen Mitteleuropas am
-häufigsten neben der für Europa älteren Gerste angebaute Körnerfrucht
-war nach den eingehenden Untersuchungen des verstorbenen Züricher
-Botanikers Oswald Heer der kleinkörnige Pfahlbauweizen, eine heute
-ausgestorbene Weizenart, welche durch ihre sehr kleinen Körner
-anzeigt, daß diese Getreideart noch sehr wenig durch künstliche Zucht
-und Auslese veredelt worden war. Daneben wurde der Emmer und das
-Einkorn oder der Zwergweizen, zwei ebenfalls sehr wenig ausgiebige
-Getreidearten, angepflanzt. Erst zu Beginn der Bronzezeit, etwa um
-1800 v. Chr., wurde durch die regeren Handelsverbindungen mit den
-östlichen Mittelmeerländern, die durch ihre großen, mehlreichen Samen
-sich als hochgezüchtete Art ausweisende, ertragreiche ägyptische
-Kulturvarietät, der sogenannte Mumienweizen -- so genannt, weil er
-sich den altägyptischen Mumien mitgegeben findet -- zu den Hackbauern
-Mitteleuropas gebracht.
-
-Auch bei den Griechen der homerischen Zeit war neben Gerste und Spelt
-der Weizen das Hauptgetreide, dessen Körner auch den Pferden und
-dem Federvieh, soweit solches schon in menschlicher Pflege stand,
-verfüttert wurden. So wurden nach der Ilias die schnellfüßigen Rosse
-des Diomedes und nach der Odyssee die zwanzig Gänse, die Penelope
-auf ihrem Gute in Ithaka besaß, mit „lieblich schmeckendem Weizen“
-(~pyrós~) gefüttert. Und als Hektor zum Kampfe gegürtet aufbricht,
-redet er, bevor er den zweiräderigen Schlachtwagen besteigt, seine
-beiden Pferde an: „Wohlauf, ihr meine Rosse, zeigt euch dankbar für die
-gute Pflege, die euch Andromache (seine Gattin) angedeihen ließ, indem
-sie euch köstlichen Weizen und Wein vorsetzte, so oft ihr nach Futter
-und Trank verlangtet.“
-
-Von späteren griechischen Autoren schreibt Theophrast in seiner
-Pflanzengeschichte zu Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts:
-„Es gibt viele Sorten von Weizen. Sie haben ihre Namen von ihrem
-Vaterlande oder von anderen Dingen und unterscheiden sich in der
-Farbe, Größe und Gestalt und anderen Eigenheiten der Körner, sind
-auch an Wirkung und Nährkraft verschieden. Mancher Weizen wird im
-Herbst, mancher dagegen im Frühjahr gesät. Es gibt auch eine Sorte,
-die in drei, eine, die in zwei Monaten reif wird; auf Euböa soll er
-von der Aussaat bis zur Reife nur 40 Tage brauchen. An Nährwert
-sind manche Sorten so verschieden, daß Kämpfer, die in Böotien kaum
-drei Pfund verzehren, deren fast fünf brauchen, wenn sie nach Athen
-kommen. Der Grund solcher Verschiedenheit liegt im Boden und in der
-Luft.“ Und Columella, ein aus Spanien nach Rom gekommener römischer
-Ackerbauschriftsteller aus dem ersten Jahrhundert n. Chr., sagt in
-seinem Buche über den Landbau: „Die wichtigsten und dem Menschen
-nützlichsten Getreidearten sind Weizen (~triticum~) und Spelt (~semen
-adoreum~, d. h. beim Opfer dargebrachter Samen; sein gewöhnlicher
-Name war bei den Römern ~far~). Wir kennen mehrere Weizensorten; für
-den Anbau eignet sich aber diejenige am besten, die ~robus~ genannt
-wird, weil sie sich durch Gewicht und Glanz auszeichnet. Den zweiten
-Rang nimmt der Siligoweizen ein; er gibt ein köstliches Brot, wiegt
-aber leicht. Die dritte Sorte ist der Dreimonatsweizen; er ist bei den
-Landleuten sehr beliebt, denn er hilft aus, wenn Regen, Überschwemmung
-oder eine andere Ursache die zeitige Aussaat verhindert hat. Dieser
-ist übrigens auch eine Siligosorte. Alle übrigen Weizenarten kann man
-recht gut entbehren, es sei denn, daß man seine Freude daran hat, recht
-vielerlei zu besitzen und zur Schau zu stellen.“
-
-Columellas Zeitgenosse Plinius meint: „Der Weizen saugt das Land
-am meisten aus. In verschiedenen Gegenden werden verschiedene
-Getreidearten gebaut, und dieselbe Art führt auch nicht überall
-denselben Namen. Die gemeinsten sind Spelt (~far~), früherhin auch
-~adoreum~ genannt, ferner ~siligo~ -- wie der Spelt grannenlos -- und
-Weizen. Siligo heißt eine zarte Weizensorte, sie ist weiß, kraftlos,
-leicht und eignet sich für feuchten Boden. Jenseits der Alpen hält sie
-sich nur im Lande der Allobroger und Meminer (keltischer Bergvölker
-in der ~Gallia narbonensis~, d. h. Südostfrankreich), in den andern
-geht sie nach zwei Jahren in Weizen über. Eine andere Weizenart,
-~arinca~, wird in Gallien, jedoch auch in Italien angepflanzt; in
-Ägypten, Syrien, Kilikien, Kleinasien und Griechenland dagegen
-vorzugsweise ~zea~ (eine Art Spelt), ~olyra~ (eine Art Weizen) und
-~tiphe~ (Einkorn). -- Ägypten liefert ein feines Weizenmehl, das
-aber dem italienischen an Güte nachsteht.“ Später schreibt er, um
-zu sagen, wie fruchtbar der Weizen sein könne: „In der byzakischen
-Landschaft Afrikas (Algerien) gibt ein Maß ausgesäten Weizens bei der
-Ernte 150 Maß zurück. Der dortige Prokurator hat dem Kaiser Augustus
-eine Weizenstaude geschickt, welche aus +einem+ Korne gewachsen war,
-sich aber in fast 400 Halme teilte. Das klingt kaum glaublich; aber
-die darüber gewechselten Briefe sind noch vorhanden. Er hat auch dem
-Nero eine Weizenstaude mit 360 Halmen aus +einem+ Korn geschickt.
-Hundertfältigen Ertrag geben auch die Felder in Sizilien, Bätika
-(die nach dem Flusse Baetis = Quadalquivir genannte südlichste, ganz
-Andalusien umfassende Provinz Spaniens), Ägypten.“
-
-Seit dem Altertum werden in Europa wie in allen Kulturländern die
-verschiedensten Arten von begranntem oder unbegranntem Weizen angebaut,
-auf deren Unterschiede wir hier nicht eintreten können. Es genüge
-zu bemerken, daß heute jährlich etwa 90 Milliarden Kilogramm Weizen
-geerntet werden. Dabei nimmt der Weizenbau immer noch gewaltig zu,
-indem stetsfort neue Strecken Kulturlandes hierfür in Bearbeitung
-genommen werden. Unter allen Zerealien bedarf der Weizen am meisten
-Wärme; er verlangt nämlich eine mittlere Sommertemperatur von
-+14° C. Gegenwärtig ist der Weizenbau über die ganze gemäßigte
-und subtropische Zone der Alten und Neuen Welt verbreitet. In der
-heißen Zone kann sein Anbau nur noch auf Bergen stattfinden, deren
-Temperatur derjenigen unserer Gegenden entspricht. Am besten geeignet
-zur Weizenkultur ist lehmhaltiger Kalkboden; doch ist auch lehmiger
-Sandboden sehr gut dafür. Wenn zu viel Lehm vorhanden ist, ist der
-Boden zu feucht und gibt einen nur geringen Ertrag an Samenkörnern.
-Sonst nimmt es der Weizen nicht allzu genau mit der Bodenart. Er flieht
-nur übermäßige Feuchtigkeit und verlangt kohlensauren Kalk, daneben
-natürlich die unentbehrlichen Nährstoffe wie Stickstoff, phosphorsauren
-Kalk und Alkalien. Um rationelle Getreidekultur zu betreiben, muß
-also der Ackerbauer die natürliche und chemische Zusammensetzung des
-Bodens, auf dem er Getreide pflanzen will, genau kennen und die Düngung
-desselben dementsprechend regeln. Am besten ist dabei entschieden
-der Stalldünger, der die Ackerkrume nicht nur chemisch, sondern auch
-physikalisch verbessert.
-
-Außerdem ist es nötig, daß der Acker, auf dem der Weizen gedeihen soll,
-sorgfältig von Unkraut gereinigt sei, weil dieses Kulturgewächs sich
-leicht durch allerlei Unkraut verdrängen läßt. Aus diesem Grunde läßt
-man zwischenhinein auf dem zur Weizenkultur verwendeten Boden eine
-Kultur wie Runkelrüben oder Tabak wachsen, die das Unkraut vertilgt.
-Überhaupt soll möglichster Fruchtwechsel geübt werden, damit der Boden
-trotz der Düngung nicht einseitig ausgesogen werde.
-
-Die Entwicklung und das Reifen des Korns sind, was die Zeitdauer
-betrifft, hauptsächlich vom Klima und von der Getreidesorte abhängig.
-Das als Winterkorn bezeichnete Getreide wird in den nördlichen Gegenden
-der gemäßigten Zone im Oktober, in den südlichen jedoch erst im
-Dezember gesät. Das Sommerkorn dagegen kommt erst im März oder April
-zur Aussaat. Für ein einigermaßen rauhes Klima kann als Grundregel
-gelten, daß das Korn keine Spur von Wachstum zeigt, so lange die
-Temperatur niedriger als + 6° C. ist, und daß es ungefähr drei Wochen
-wachsen muß, bevor es der Winterkälte Widerstand zu leisten vermag.
-
-Um eine reiche Ernte zu erzielen, muß das Saatkorn völlig reif und
-schwer sein, sich trocken anfühlen, leicht durch die Finger gleiten
-und durch die Unkraut-Auslesemaschinen vom Unkraut befreit sein.
-Um allfällige, dem unbewaffneten Auge unsichtbar an ihm haftende
-Krankheitskeime, besonders des Getreiderostes und Stinkbrandes zu
-entfernen, wird es zudem vor der Aussaat gekalkt oder geschwefelt;
-letzteres ist die am meisten geübte, gründlichste und zugleich
-billigste Methode. Dazu wird das Saatkorn in einem Bottich mit einer
-Lösung von 300 g schwefelsaurem Kupfer auf 100 Liter Wasser gewaschen,
-wobei die obenauf schwimmenden leichten Körner als zur Saat ungeeignet
-entfernt werden. Bei dem nur auf kleineren Bauernhöfen geübten Kalken
-wird das Korn mit einer aus 1,5 Liter ungelöschtem Kalk auf 100 Liter
-Wasser hergestellten Kalkmilch begossen und dabei fortgesetzt mit
-der Schaufel umgewendet, damit jedes einzelne Korn gut mit der Masse
-imprägniert werde.
-
-Diese Vorsichtsmaßregel ist durchaus nötig, denn der Weizen wird wie
-alle Kulturpflanzen von verschiedenen bösartigen Pilzkrankheiten
-heimgesucht. Beim +Stinkbrand+ werden die Fruchtknoten mit einer stark
-nach Heringslake riechenden, klebrig-schmierigen Sporenmasse erfüllt.
-Kommen solche erkrankte Ähren unter das Getreide, und werden gemahlen,
-so können große Mengen von Mehl vollständig unbrauchbar gemacht werden.
-Noch verbreiteter und, wenn möglich, bösartiger ist der +Getreiderost+,
-der alle Getreidearten heimsucht. Es bilden sich dabei an den Blättern
-rötliche Flecken, die die Entwicklung der Pflanze hindern und nicht
-bloß den Ertrag herabsetzen, sondern auch das Eingehen der erkrankten
-Pflanze bewirken können. Rost kommt aus der germanischen Wurzel
-~rud~, d. h. rot. Bei den Griechen hieß er ~erisýbē~ und bei den
-Römern ~rubigo~ (von ~rubus~ rot). Aus Furcht vor dieser schlimmen
-Getreidekrankheit opferten die letzteren sogar dem Gotte Rubigus und
-feierten zur Abwendung der Krankheit am 25. April die Rubigalien.
-
-Schon den Bauern des Mittelalters war es aufgefallen, daß die
-Rostkrankheit des Getreides sich immer nur da zeigte, wo in der Nähe
-der Felder Berberitzensträucher standen. Obgleich durchaus kein Beweis
-für diesen Zusammenhang erbracht werden konnte, war der Glaube daran
-schon so tief gefestigt, daß häufig die Gerichte die Entfernung von
-Berberitzensträuchern aus der Nähe von Getreidefeldern beantragten.
-Erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit wurde von der wissenschaftlichen
-Forschung der untrügliche Beweis erbracht, daß die Praxis ganz richtig
-erkannt hatte. Ein und derselbe Pilz (~Puccinia graminis~) bedarf zu
-seinem Fortkommen des Wirtswechsels, indem er in der einen Generation
-auf den Getreidehalmen und in der folgenden auf den Blättern der
-Berberitze, wo er hellgelbe Pusteln verursacht, sich ansiedelt, um
-endlos diesen Kreislauf aufs neue zu vollführen. Deshalb dürfen auch
-absolut keine Berberitzensträucher in der Nähe von Getreidefeldern
-geduldet werden. Dies sei nur nebenbei bemerkt, um begreiflich zu
-machen, wie sehr eine Desinfektion des Saatkornes nötig ist.
-
-[Illustration: Bild 2. Weizenälchen (~Tylenchus scandens~), stark
-vergrößert.]
-
-Von tierischen Parasiten des Weizens ist vor allem das +Weizenälchen+
-(~Tylenchus scandens~) zu nennen, welches das sogenannte Gichtigwerden
-oder den +Faulbrand+ des Weizens verursacht und dadurch oft gewaltigen
-Schaden anrichtet. Die jungen Älchen dringen in die Blütenähre ein
-und bilden, ähnlich wie manche Insektenlarven Galläpfel, eine abnorme
-Entwicklung des Korns, was man als Gicht oder Radenkorn bezeichnet.
-Die Weibchen legen darein eine große Menge Eier und sterben, wie
-auch die Männchen, ab. Aus den Eiern entwickeln sich geschlechtslose
-Larven, die in Anabiose, eingetrocknet den staubigfaserigen Inhalt des
-Gichtkorns bilden. Gelangt letzteres mit den gesunden Weizenkörnern
-in den feuchten Ackerboden, so werden die winzigen Würmchen durch
-Wasserzufuhr wieder lebendig, gelangen zu einer jungen Weizenpflanze,
-kriechen an derselben hinauf, halten sich bei trockener Witterung in
-den Blattscheiden ohne Bewegung und Lebenszeichen auf, suchen aber
-bei einfallendem Regen mit dem Emporwachsen des Halmes immer weiter
-nach oben zu kommen und gelangen so zu einer Zeit schon in die oberste
-Blattscheide, da sich die Blüte zu bilden beginnt. In diese dringen sie
-nun ein, wachsen zur Geschlechtsreife heran, paaren sich und pflanzen
-sich fort, um den Kreislauf stets wieder aufs neue zu vollenden.
-Bemerkenswert ist die außerordentliche Zählebigkeit der Weizenälchen,
-die, wie mehrfache Versuche bewiesen, nach 20 und mehr Jahren völliger
-Eintrockung bei Befeuchtung wieder aufleben. Naturgemäß tritt der
-Faulbrand in nassen Jahren stärker auf als in trockenen. Der Landmann
-muß sich gegen den Schädling dadurch schützen, daß er alle gichtigen
-Körner des Weizens -- am besten durch Verbrennen -- vernichtet und
-zum Säen nur gesundes, in einer halbprozentigen Kupfervitriollösung
-gebeiztes Saatgut verwendet.
-
-So vorbereitet wird das Korn mit voller Hand, breitwürfig, wie man zu
-sagen pflegt, auf den durch Pflügen und Eggen vorbereiteten Boden gesät
-und durch nochmaliges Eggen möglichst in ihn hineingebracht; denn alle
-an der Oberfläche liegen bleibenden Körner erliegen der Kälte oder der
-Sonnenwärme, oder werden von den danach lüsternen Vögeln, besonders
-Tauben, weggepickt. Viel besser als die Menschenhand besorgen dies
-Geschäft die modernen Sämaschinen, die ausgezeichnet rasch und gut
-arbeiten und über die Hälfte des Saatkorns ersparen, indem sie den
-Samen gleich in die Erde versenken.
-
-Vierzehn Tage nach der Aussaat erscheinen die ersten Keime, so daß
-der Ackerboden einen grünen Anflug erhält. Im Laufe des Frühjahrs und
-Sommers wächst nun das Korn im Wechsel von Regen und Sonnenschein
-heran, treibt seine Blüten, die durch den Wind mit dem reichlich
-ausstäubenden Pollen befruchtet werden, und läßt den Samen reifen.
-Sobald die Samenkörner so fest geworden sind, daß sie ohne große
-Anstrengung durch den Nagel gerade noch einen Eindruck bekommen,
-beginnt die Ernte, die in kleineren Betrieben noch von Hand, sonst
-aber in zunehmendem Maße ebenfalls durch Maschinen besorgt wird. Durch
-Maschinen wird es auch gedroschen, geworfelt, gesiebt und dabei die
-Getreidekörner nach der Größe sortiert, während das Stroh automatisch
-zu Bündeln vereinigt wird. Die Getreidesäcke werden in gut gelüfteten
-Scheunen aufbewahrt -- in den Zentren des Getreidebaus benutzt man
-dazu besondere Silos mit automatisch arbeitenden Elevatoren. Für den
-menschlichen Gebrauch wird dann das Korn in den Mühlen gemahlen und
-kommt als Mehl verschiedenster Sorte teils zum Bäcker, teils an die
-Makkaroni- oder Schiffszwiebackfabrikanten oder wird sonstwie in den
-einzelnen Haushaltungen zur Herstellung von allerlei Eßwaren verwendet.
-
-Jahrtausende hindurch haben unsere Ahnen der vorgeschichtlichen und
-frühgeschichtlichen Zeit das zur Herstellung des Breies, der Grütze und
-später auch des Fladenbrotes nötige, damals noch äußerst grobkörnige
-und vielfach mit feinen Gesteinssplittern vermengte Mehl selbst
-herstellen müssen. Zu diesem Zwecke wurde das meist kurz geschnittene
-Korn durch die Hufe der darüber getriebenen Rinder, Ziegen oder Schafe
-ausgetreten -- woher überhaupt die lateinische Bezeichnung des Weizens
-~triticum~ (von ~tritare~ = austreten), d. h. das „Ausgetretene“
-herrührt -- und in Vorratsbehältern verschiedenster Gestalt aufbewahrt.
-Daraus holten sich die Frauen jeweilen ihren täglichen Bedarf an Korn.
-Wie heute noch im Orient, konnte man einst früh morgens noch vor dem
-Morgengrauen das Reibegeräusch der primitiven steinernen Handmühlen in
-den Siedlungen der Stein- und Bronzezeit hören, in denen die Frauen
-das Mehl zur Herstellung des Breies oder der flachen, ungetriebenen
-Brotfladen für das Frühstück herstellten. Es war dies die erste Arbeit
-des Tages, soviel Korn als für die erste Mahlzeit der Hausgenossen
-nötig war, zu Mehl zu mahlen. Deshalb heißt es in den Lobsprüchen eines
-tugendsamen Weibes aus den Sprüchen Salomos (Kap. 31, Vers 15) von
-„der Frau, die morgens früh aufsteht, wenn es noch Nacht ist, und die
-Speise für ihren Mann, die Kinder und das Gesinde bereitet“, d. h. auf
-der Handmühle das für den ersten Tagesbedarf erforderliche Korn zu Mehl
-mahlt.
-
-[Illustration: Bild 3. Auf einer Handmühle Korn zu Mehl verreibende
-Ägypterin.
-
-Statuette aus Kalkstein um 2600 v. Chr., jetzt im Alten Museum in
-Berlin.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 1.
-
-1. Roggen, 2. blühendes Roggenährchen, 3. Spelt oder Dinkel, 4.
-vierzeilige Gerste, 5. Emmer, 6. unbegrannter Weizen, 7. begrannter
-Weizen, 8. reifes Ährchen von unbegranntem Weizen, 9. zweizeilige
-Gerste, 10. Hafer, 11. Haferährchen in der Blüte, 12. sechszeilige
-Gerste, 13. Ährchen der zweizeiligen Gerste.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 2.
-
- (Phot. von E. Reinhardt.)
-
-Holzpflug mit Metallspitze, wie er heute noch in Toskana verwendet
-wird. Die gleiche Form war schon im Altertum üblich. Im Hintergrunde
-Stützbäume für Weinreben.]
-
-[Illustration: Die Entwicklung des Pfluges, dargestellt in den Modellen
-des Deutschen Museums in München (Phot. und Verlag von M. Stuffler).]
-
-Ursprünglich bestanden diese Handmühlen, die uns in großer Zahl in
-den prähistorischen Museen entgegentreten, aus zwei losen Steinen,
-einem kleineren, walzenförmigen, der auf einem größeren, flachen über
-das zu mahlende Korn hin und her gerieben wurde. Später wurden zwei
-annähernd gleich große Steine so zugehauen, daß der obere, an welchem
-exzentrisch ein hölzerner Handgriff angebracht war, um den unteren
-herumgedreht werden konnte, wie dies heute noch an den im Morgenlande
-überall gebräuchlichen Hausmühlen zu sehen ist. Solche einfache
-steinerne Handmühlen besaßen noch die deutschen Stämme zur Zeit
-der Völkerwanderung. Gotisch hießen sie ~quairnus~, althochdeutsch
-~quirn~ oder ~quern~. An letztere erinnern noch manche Eigennamen wie
-Querner, Kerner, Körner, die also gleichbedeutend mit unserem Worte
-Müller sind, und Ortsnamen wie Quirnfurt, Querfurt, Körnbach usw. Daß
-aber ganze Orte nach der Handmühle ~quirn~ bezeichnet wurden, zeigt,
-daß es im Mittelalter neben den kleineren auch größere Mühlen gab, wie
-sie nicht in jedem Hause, nicht einmal an jedem Orte vorkamen, weil
-sie sonst kein unterscheidendes Kennzeichen für die Benennung hätten
-abgeben können. Wahrscheinlich wurden sie später so vergrößert, daß
-sie durch Tiere getrieben wurden, was bei den Griechen und Römern der
-späteren Zeit bereits allgemein üblich war. Aber mit dem Untergange
-der hellenisch-römischen Kultur verfielen in den Bedrängnissen der
-Völkerwanderungszeit diese bequemen Einrichtungen an den meisten Orten
-und kamen außer Gebrauch. So benutzten die Germanenstämme des frühen
-Mittelalters noch ausschließlich die kleinen Handmühlen. Erst nach
-und nach kamen bei ihnen die von den Römern in den von ihrer Kultur
-befruchteten Gebieten gebauten ~molinae~, d. h. meist schon durch
-Wasser- statt Tierkraft getriebenen Mühlen auch in Germanien allmählich
-in Aufnahme. Deren Anlage erheischte jedoch so viel Vorbereitungen, wie
-Erwerb von Wasserrechten und Land, Stauung des Wassers, Einrichtung der
-Wasserräder und der an sie gekuppelten Maschinen, daß diese „Mülinen“,
-wie sie im späteren Mittelalter genannt wurden (franz. ~moulin~),
-sich nur sehr langsam neben den allgemein gebräuchlichen Quirnsteinen
-einbürgerten.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 3.
-
- (~Copyright by Underwood & Underwood~.)
-
-Das Dreschen des Getreides in Galiläa. Die gleiche Art war schon im
-Altertum üblich.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 4.
-
-Dampfdreschmaschine mit Strohselbstbinder der Maschinenfabrik Heinrich
-Lanz in Mannheim. (Im Betrieb auf Gut Boldebuck in Mecklenburg.)]
-
-Die Wassermühlen waren übrigens durchaus keine römische Erfindung,
-sondern dienten schon sehr früh im Orient zum Ersatze der menschlichen
-oder tierischen Kraft bei der Mehlbereitung. Bereits Mithridates der
-Große (132-66 v. Chr.), der im Jahre 88 von den Küstenländern am
-Schwarzen Meere aus ganz Kleinasien eroberte und daselbst alle Römer,
-etwa 80000 an der Zahl, ermorden ließ, besaß in seinem Reiche welche.
-Es waren dies oberschlächtige Wasserräder, die früher bekannt waren und
-dem Mühlenbetriebe dienten als die unterschlächtigen, von denen uns
-erst der römische Kriegsingenieur unter Cäsar und Augustus, Vitruvius,
-berichtet. Öffentliche Wassermühlen kamen in Rom erst zu Ende des 4.
-Jahrhunderts n. Chr. unter den Kaisern Honorius und Arkadius auf, und
-das älteste darauf bezügliche Gesetz aus dem Jahre 398 zeigt deutlich,
-daß sie damals noch eine neue Einrichtung waren, die man durch
-öffentlichen Schutz sichern mußte. Darauf bezügliche Befehle wurden
-noch gegen das Ende des 5. Jahrhunderts von Kaiser Zeno erneuert.
-Diese Mühlen lagen an den Kanälen, die Wasser nach Rom führten, und
-konnten, da sie nur von wenig Wasser getrieben wurden, jedenfalls nur
-verhältnismäßig geringe Kraft entwickeln. Als der Gotenkönig Vitiges im
-Jahre 536 den Feldherrn des oströmischen Kaisers Justinian, Belisar, in
-Rom belagerte und die 14 großen Wasserleitungen der Stadt verstopfen
-ließ, geriet dieser in große Verlegenheit, nicht wegen Wassermangel
-überhaupt -- denn dagegen sicherte ihn der Tiberstrom --, sondern wegen
-Verlustes desjenigen Wassers, das die Mühlen trieb, die alle an diesen
-Kanälen lagen. Pferde und Ochsen, die man zum Treiben der Mühlen hätte
-gebrauchen können, fehlten den Einwohnern der belagerten Stadt. Da
-geriet Belisar auf den Gedanken, die Mühlen auf im Tiber verankerte
-Fahrzeuge zu bringen und sie vom Strome treiben zu lassen. Damit wurde
-er zum Erfinder der Schiffsmühlen. Diese funktionierten ganz gut.
-Und als die Belagerer starke Balken in den Strom warfen, um sie zu
-zerstören, schützten sich die Belagerten durch vorgezogene Ketten.
-
-[Illustration: Bild 4 u. 5. Durch Arbeitssklaven oder wohl häufiger
-durch ein Maultier getriebene Mühle aus Pompeji. (Nach Mau.)
-
-4. Die aus Lava gehauenen beiden Mahlsteine samt dem gemauerten
-Unterteil ohne die zerfallenen Holzteile, die zum Bewegen des oberen
-Steines um den festliegenden unteren dienten; 5. Querschnitt derselben
-mit Rekonstruktion der Holzteile.]
-
-Vor der Erfindung der Wassermühlen war tierische oder menschliche Kraft
-zum Treiben der Mühlen gebräuchlich. Bei der Unmenge von Sklaven,
-über die man in Rom verfügte, besorgten diese lange Zeit hindurch das
-Drehen der großen Mühlen, die aus zwei Steinen aus rauhem Trachyt
-bestanden, wie man an den uns in Pompeji ziemlich zahlreich erhaltenen
-Exemplaren sehen kann. Die Unterlage bildete ein kreisförmiger, großer
-Stein mit erhöhtem Rand. In seiner Mitte ruhte ein am oberen Ende
-wagerecht abgestutzter Kegel, aus dessen Mitte ein kurzer Eisenzapfen
-hervorragte, der in eine entsprechende Höhlung einer eisernen Scheibe
-am sogenannten Läufer paßte. Dieser Läufer war ein sanduhrförmiger
-Doppeltrichter, in den oben das Getreide geschüttet wurde, um durch
-vier Löcher, von welchen die Eisenscheibe durchbohrt war, zwischen
-Bodenstein und Läufer zu geraten und beim Drehen des letzteren zermalmt
-zu werden. Das fertig gemahlene Mehl wurde am Rande der Unterlage mit
-der Hand hinweggenommen.
-
-Neben diesen moderneren Mühlen haben die Römer noch lange Zeit hindurch
-ihr Getreide geröstet von Sklaven in Mörsern stampfen lassen. Vom
-lateinischen ~pinsere~ stampfen nannte man die Leute, die dieses
-Geschäft besorgten, ~pinsores~, später ~pistores~. Besonders wurde
-dies mit dem alsbald zu besprechenden Spelt oder Dinkelweizen gemacht,
-da damit die Hüllspelzen desselben leichter zu entfernen waren.
-Verordnungen über die Mühlensklaven kommen noch unter dem Kaiser
-Valentinian vor, der von 364-375 regierte. Erst unter dem 379 von
-Gratian zum Mitregenten ernannten Theodosius dem Großen, der 395 in
-Mailand starb, nachdem er sein Reich unter seine beiden Söhne Arkadius
-und Honorius geteilt hatte, hörte man, wie uns Antonius berichtet, auf,
-Sklaven zu halten und Mühlen von Menschen treiben zu lassen.
-
-Windmühlen waren im Altertum noch nicht im Gebrauch. Diese kamen
-vielmehr erst um die Mitte des 11. Jahrhunderts in Deutschland auf.
-Jahrhunderte hindurch blieb dann hier das Mühlenwesen auf der einmal
-erreichten Stufe stehen, bis von den praktischen Nordamerikanern aus
-ein mächtiger Anstoß zu Verbesserungen im Mühlenbetriebe erfolgte.
-In Pennsylvanien und am Mississippi bestanden bereits zu Anfang des
-vergangenen Jahrhunderts Mühlen, die die Leistungen der europäischen
-Mühlen weit übertrafen, indem sie auf Großbetrieb eingerichtet waren.
-Dazu kam die Anwendung der Dampfmaschine zuerst 1784 in England, dann
-1825 in Deutschland, und zwar Magdeburg, und 1828 in Frankreich, so
-daß von dieser Zeit an Dampfmühlen nach amerikanischem System rasche
-Ausbreitung fanden. Vom Jahre 1834 an, da Sulzberger solche Neuerung
-einführte, wandte man eiserne Walzen statt der Mühlsteine an, wodurch
-das Mahlverfahren noch weiter gehoben wurde, bis zuletzt der höchste
-Aufschwung durch die Erfindung von Porzellanwalzen im Jahre 1874 durch
-den Züricher Wegmann erfolgte.
-
-Wie der Weizen das Hauptgetreide des klassischen Altertums war, so
-ist er es heute noch bei allen romanischen Völkern, wie auch bei den
-Engländern, die ihn Korn, wie wir den Roggen nennen. Man stellt daraus
-das „weiße Gebäck“ dar. Die Körner sind entweder durch den reichen
-Gehalt an einer als Kleber bezeichneten Eiweißart glasig oder durch
-relativen Mangel daran in Verbindung mit Vorwiegen des Stärkemehls
-mehlig. Keine von beiden Formen ist im Extrem zum Verbacken sehr
-tauglich. Im ersteren Falle liefert er ein sehr festes Produkt, im
-letzteren dagegen bäckt er wegen des mangelhaften Klebergehaltes
-nur schlecht. Deshalb wird der rein mehlige Weizen besonders zur
-Stärkefabrikation benutzt, während der kleberreiche speziell zur
-Herstellung von Nudeln, Makkaroni und Grieß Verwendung findet. Die
-Bedeutung vieler deutscher Seestädte, welche mit Getreide nach dem
-Auslande handelten, wie Danzig und Königsberg, bestand vorzugsweise
-darin, daß man dort Gemische unseres mehligen deutschen Weizens mit dem
-glasigen russischen Weizen herstellte, wie sie von den verschiedenen
-Absatzgebieten gewünscht wurden.
-
-Das Weizenstroh ist zwar kurz, aber doch wertvoll und wird meist
-zu Häcksel verschnitten. Eine auf sehr schlechtem Boden in Toskana
-gezogene Sorte liefert in ihren dünnen, festen Halmen das Material zu
-den geschätzten florentiner Strohhüten.
-
-Von echten Weizenarten sind noch der +Zwerg+- oder +Binkelweizen+
-(~Triticum compactum~) und seine vorgeschichtliche Varietät, der
-+Kugelweizen+ (~Triticum compactum globiforme~) zu nennen. Letzterer
-wurde bereits in neolithischen Stationen in Bosnien, Ungarn,
-Oberitalien und Süddeutschland gefunden und dehnte dann sein Gebiet
-im Laufe der Bronzezeit bis nach Dänemark aus. Ersterer wurde,
-wie verschiedene Funde beweisen, in der Schweiz von der jüngeren
-Steinzeit bis in die römische Epoche ununterbrochen kultiviert. In
-der Westschweiz baut man stellenweise den Zwergweizen heute noch an,
-während der Kugelweizen sich in Schweden und Norwegen bis in die
-Gegenwart erhielt und dort noch ziemlich verbreitet ist. Der +welsche
-Weizen+ (~Triticum turgidum~) wurde bis jetzt nur in vorgeschichtlichen
-Fundstellen Oberitaliens und der Schweiz gefunden, hat aber nie in
-Europa eine größere Bedeutung erlangt.
-
-Viel wichtiger als diese mehr historisches Interesse beanspruchenden
-Weizenarten sind die bespelzten Weizensorten, der +Spelt+, +Emmer+ und
-+Einkorn+. Unter ihnen ist der +Spelt+ oder +Dinkelweizen+ (~Triticum
-spelta~) weitaus der wichtigste. Olivier will ihn nebst Weizen 1807 in
-Mesopotamien wildwachsend angetroffen haben. Doch wurde er zu keiner
-Zeit weder in Babylonien, noch Ägypten angebaut. Auch im Sanskrit,
-im Indischen und Persischen fehlt ein Name für ihn, während seine
-europäischen Namen auf eine alte Kultur im östlichen Europa hindeuten.
-Heute wird er vorzugsweise nur noch in Süddeutschland und der Schweiz,
-dann in Südtirol und Nordspanien in größerem Umfange angebaut. Aber
-auch hier, wie auch in Italien und Frankreich, wo er früher viel
-angepflanzt wurde, ist er mehr und mehr auf den Aussterbeetat gesetzt
-worden. Besonders sind es die alamannischen Stämme, die noch aus
-alter Gewohnheit an der früher von ihnen als „Korn“ bezeichneten
-Getreideart hängen. Seine Ähre gleicht derjenigen des gemeinen Weizens
-in allen wesentlichen Punkten, abgesehen davon, daß die Ährchen etwas
-weitläufiger an der Spindel verteilt sind. Nur insofern ist ein
-durchgreifender Unterschied zu konstatieren, als die Ährenspindel bei
-der Reife, als ursprüngliches Merkmal aller darin nicht durch Kultur
-verbesserter Getreidearten, noch zerbrechlich ist und die Körner bei
-der Reife von den Spelzen eingeschlossen bleiben und auch beim Dreschen
-nicht wie beim Weizen ausfallen. Um das Speltkorn aus der Umhüllung
-herauszuschälen, ist ein eigener Mahlprozeß, das sogenannte Schälen
-oder Gerben erforderlich, das in den Mühlen in besonderen Gängen, den
-„Gerbgängen“, vorgenommen wird.
-
-In der Kultur hat der Spelt immerhin gewisse Vorzüge vor dem gemeinen
-Weizen, indem er geringe Ansprüche an Boden und Klima macht und seine
-Körner vor dem Raube durch die Sperlinge und andere Vögel gesichert
-sind, die oft große Teile der Weizenfelder verwüsten. Auch die
-Festigkeit des Halmes ist beim Spelt eine höhere als beim Weizen, so
-daß schwerer Gewitterregen das Getreide nicht so leicht knickt und zu
-Boden schlägt. Wo aber ein guter Boden und ausreichende Sommerwärme
-zur Verfügung stehen, da übertrifft bei rationeller Kultur der Ertrag
-des Weizens denjenigen des Speltes beträchtlich, und das mag wohl der
-Grund sein, weshalb der Anbau des Speltes auch in den Gebieten, wo er
-alteingesessen ist, mehr und mehr zurückgeht.
-
-Das Speltkorn liefert ein gelbliches Brotmehl, das im allgemeinen
-weniger geschätzt wird als das Weizenmehl. Als Handelsware trifft man
-vielfach, besonders in Süddeutschland, den Speltgrieß an, der als
-Einlage zu Suppen sehr beliebt ist. Zu demselben Zwecke wird der
-gleichfalls vom Spelt gewonnene Grünkern verwendet, der die noch
-unreifen Körner darstellt, die aus den gedörrten, unreifen Ähren durch
-Schälen gewonnen werden.
-
-Die Heimat des Speltes ist vermutlich Südosteuropa, d. h. Südrußland
-oder Westasien, jedenfalls ein Land mit kurzen Wintern und heißen
-Sommern. Er ist ein typisches Wintergetreide, das im Herbst gesät und
-im Frühsommer geerntet wird; als Sommerfrucht kommt er kaum je zur
-Aussaat. Schon daß er eine solche Winterfrucht ist, beweist seine
-Herkunft aus dem russisch-asiatischen Steppengebiet. Dort wird das
-Getreide stets im Herbst gesät und im Frühjahr geerntet; auf diese
-Weise entgeht es der alles versengenden sommerlichen Hitze. Denselben
-Entwicklungsgang haben dort viele Gewächse, die ihn auch nach ihrer
-Einwanderung in Gegenden ohne Sommerdürre wie die unserige bewahrt
-haben, so die Trespenarten und andere Gräser, die bei uns im September
-keimen, über Winter wachsen solange es nicht zu kalt ist, jedenfalls
-nicht vom Froste groß leiden, im Juli ihre Früchte reifen lassen und
-dann absterben. Diese Tatsache gibt uns einen willkommenen Fingerzeig,
-weshalb und woher Winterfrucht in Gegenden wie bei uns aufkam, wo
-sonst nur Sommerfrucht zu gedeihen und also auch heimisch zu sein
-vermag. So hat auch das mittelländische Getreide, wie Volkart zuerst
-darauf hinwies, bei seiner Wanderung nach Norden als Kulturpflanze die
-Aussaat im Herbste beibehalten. Aus dem Wintergetreide entstanden dann
-in hohen Lagen, die erst später besiedelt wurden, nach und nach auch
-Sommergetreideformen; es ist dies ein Prozeß, den wir übrigens noch
-heute beim Roggen zu verfolgen vermögen.
-
-A. de Candolle und Buschan geben das südöstliche Europa als die
-Heimat der Speltkultur an, von wo aus sie nach Mittel- und Südeuropa
-eingeführt worden wäre. Dies ist vom pflanzenbiologischen Standpunkte
-aus sehr wohl möglich; ist doch, wie Hoops hervorhebt, auch der
-Roggen, ebenfalls ursprünglich eine Winterfrucht, zweifellos in diesen
-Gegenden zu Hause. Volkart dagegen meint, der Spelt sei ursprünglich
-mediterraner Herkunft; dies wohl mit Unrecht. Auch der namhafte
-Straßburger Botaniker H. Graf zu Solms-Laubach, der die Heimat des
-Speltes wie die der anderen Hauptkulturformen des Weizenstammes nach
-Zentralasien verlegt, dürfte im Irrtum sein, schon aus dem Grunde, daß
-dieses Getreide, soweit wir bis jetzt wissen, weder in früherer noch in
-neuerer Zeit in Zentral- und Ostasien kultiviert wurde. Weit eher noch
-dürfte Westasien, diese uralte Wiege der menschlichen Kultur, der wir
-so viele pflanzliche und tierische Erwerbungen, wie auch technische
-und geistige Kulturgüter zu verdanken haben, als Heimat des Speltes in
-Frage kommen.
-
-Schon im ältesten Ägypten wurde neben Weizen und Gerste auch Spelt
-gepflanzt. Die alten Ägypter nannten ihn ~bôti~ und unterschieden von
-ihm eine weiße und eine rote Sorte. Der Grieche Theophrast im vierten
-vorchristlichen Jahrhundert nennt Spelt das alexandrinische Korn,
-und der Römer Plinius im 1. Jahrhundert n. Chr. bemerkt, das aus ihm
-bereitete Mehl sei feiner und weißer als gewöhnliches Weizenmehl,
-obwohl es nach der Angabe seines Zeitgenossen, des griechischen Arztes
-Dioskurides aus Kilikien, weniger Nährwert als Weizenbrot besitze
-und leichter austrockne. In Ägypten selbst galt allerdings Speltmehl
-für geringwertiger als Weizenmehl, denn nur das letztere ward zu den
-Opferbroten verwendet.
-
-In Europa war der Spelt schon zur Bronzezeit nördlich der Alpen
-bekannt und wurde von den an den Seeufern ansässigen Pfahlbauern der
-frühen Metallzeit in ihren Hackfeldern am Lande angebaut. Ist nun
-diese Tatsache durch Funde unwiderleglich bewiesen, so ist anzunehmen,
-daß er damals sicher auch in Südfrankreich kultiviert wurde; denn
-die alte Völkerverkehrsstraße vom Mittelmeer nach der Westschweiz,
-wo wir die verkohlten Speltkörner in den Überresten der Pfahlbauten
-der Bronzezeit finden, führte das Rhonetal aufwärts. Wahrscheinlich
-war aber der Spelt zur Bronzezeit schon im ganzen Mittelmeergebiet
-heimisch und dürften mit der Zeit Spuren einer solchen prähistorischen
-Speltkultur auch bei Ausgrabungen in Italien zum Vorschein kommen.
-Jedenfalls haben ihn später besonders die Römer als altgewohntes
-Getreide kultiviert und ihn in der Folge innerhalb des ganzen von ihnen
-beherrschten Reiches populär gemacht. Sie, die in der ältesten Zeit
-ausschließlich von Spelt lebten und auch noch in späterer Zeit als
-äußerst konservativ im Kulte dessen Körner, gewöhnlich geröstet, mit
-Salz ihren Göttern als gebräuchlichstes Opfer darbrachten, waren die
-Hauptträger der Speltkultur. Plinius bezeichnet ihn als die gemeinste
-Kornfrucht Italiens und sagt, daß er in den Hülsen aufbewahrt werde,
-da er sich nicht gut aus ihnen dreschen lasse. Varro, der fruchtbarste
-und bedeutendste Gelehrte Roms (116-27 v. Chr.) gibt an, daß, wenn man
-den in den Ähren aufbewahrten Spelt zu verspeisen beabsichtige, man ihn
-im Winter vom Speicher hole, in Holzmörsern zur Enthülsung stampfe und
-dann röste.
-
-Dieses von ihnen als ~far~ bezeichnete Getreide, das bei den Griechen,
-die es kaum anpflanzten, ~zeiá~ oder ~zeá~ hieß, eine Bezeichnung,
-die übrigens heute als Genusname dem aus Amerika zu uns gekommenen
-Mais verliehen wurde, brachten die Römer nach Gallien, Germanien
-und Britannien und empfahlen es den dortigen Völkern zum Anbau. Das
-deutsche Dinkelgebiet hält sich genau innerhalb der Grenzen des
-alten römischen Reiches. Ihre Nachfolger in der Hochschätzung des
-Speltbaues waren dann später die Alamannen, die nach dem Verlassen
-ihrer ostelbischen Heimat beim Einwandern ins römische Dekumatenland
-ihn dort kennen lernten. Sie nannten dieses Getreide, das auch in
-solchem Boden noch gedieh, in welchem der Weizen keinen guten Ertrag
-mehr gab, ~spelta~, ein Wort, das dann den Römern im Laufe des 3. und
-4. Jahrhunderts durch den Getreidehandel mit jenen geläufig wurde. Seit
-jener Zeit ist bis auf den heutigen Tag die Speltkultur in Deutschland
-vorzugsweise eine Eigentümlichkeit des schwäbischen Stammes geblieben,
-an der dieser mit großer Zähigkeit festhielt, bis in neuerer Zeit die
-Verdrängung desselben durch den profitableren Weizen auch hier nach und
-nach überhand nahm.
-
-Noch ältere Bestandteile unseres Getreidebaues, die aber in noch
-weit geringerem Grade als der Spelt kultiviert werden, sind die uns
-schon bei den neolithischen Pfahlbauern Mitteleuropas vor 4000 bis
-5000 Jahren begegnenden +Emmer+ und +Einkorn+. Erstere, mit dem Spelt
-sehr nahe verwandte Weizenart (~Triticum dicoccum~) hat gleichfalls
-eine zerbrechliche Ährenspindel und am Korn festsitzende Spelzen.
-Während aber beim Spelt die Ährchen besonders locker an der Spindel
-befestigt sind, stehen sie beim Emmer vielmehr dicht gedrängt. Wie beim
-Emmer ist auch beim Einkorn (~Triticum monococcum~) die zweizeilig
-ährchentragende Ähre stets begrannt; für gewöhnlich entwickelt sich
-aber in jedem Ährchen nur eine einzige reife Frucht.
-
-Obschon diese Getreidearten von allen am genügsamsten sind und mit
-überaus magerem Boden und rauher Lage vorlieb nehmen, werden sie aber
-wegen ihres noch geringeren Ertrages heute bei uns in geringerem
-Umfange als selbst der Spelt angepflanzt. In Deutschland sind sie
-fast nur in Schwaben und Thüringen anzutreffen. Dagegen stehen sie in
-Gebirgsgegenden Südeuropas, besonders in Spanien, Frankreich, Italien,
-Serbien, ebenso in Kleinasien, Ägypten, Abessinien und Arabien immer
-noch in Ehren. In Europa werden ihre Samenkörner wie diejenigen des
-Speltes zur Gewinnung von Grünkern, Grieß und Stärkemehl benutzt.
-
-Das war in vorgeschichtlicher Zeit anders. Da war man noch nicht so
-verwöhnt und anspruchsvoll wie heute und baute auch diese weniger
-ergiebigen Getreidearten gerne. Von der neolithischen Zeit, besonders
-aber von der Bronzezeit an, wurden sie nicht nur in Vorderasien und
-Ägypten, sondern auch in den Mittelmeerländern und in Mitteleuropa
-kultiviert. In Ägypten findet sich besonders der Emmer (altägyptisch
-~emrai~ genannt) in den Grabbeigaben der ältesten Pharaonendynastien
-und noch in der fünften Dynastie, die auf die Zeit der großen
-Pyramidenerbauer folgte (2700-2550), wurden vielfach die Leichen in
-Spreu von Emmer gelegt und die Grabkammer damit aufgefüllt. In den
-Trümmern von Hissarlik-Troja fand Schliemann unter den verkohlten
-Vegetabilien das Einkorn so massenhaft aufgespeichert, daß es damals
-als Brotgetreide zweifellos die erste Stelle muß eingenommen haben.
-Auch in Syrien und Palästina bildete es einst ein sehr wichtiges
-Getreide. Es ist das im Alten Testament mehrfach erwähnte ~Kussémet~,
-aus dem einst die Juden und ihre syrischen Nachbarn, wie später die
-Araber ihr Brot bereiteten. Nach Indien scheint seine Kultur niemals
-vorgedrungen zu sein.
-
-Eine wilde Stammform kennen wir bis jetzt nur von letzterem, dem
-Einkorn, die in Mesopotamien, in Syrien am Antilibanon, in Kappadocien,
-in Kleinasien und im Taurusgebiet, aber auch in Griechenland und
-Serbien in wildem Zustande in der Form von ~Triticum aegilopoides~
-gefunden wird.
-
-
-
-
-II.
-
-Die Getreidearten.
-
-Gerste, Roggen, Hafer, Hirse und Buchweizen.
-
-
-Zeitlich ebenso früh wie der Weizen wurde von den Steinzeitvölkern die
-+Gerste+ (~Hordeum vulgare~) angepflanzt, die die Hauptnährfrucht der
-Indogermanen war und bei ihnen wenigstens in das 4. vorchristliche
-Jahrtausend zurückreicht. In Europa scheint sie die älteste überhaupt
-angepflanzte Getreideart gewesen zu sein, die in der frühneolithischen
-Zeit ausschließlich angebaut wurde, bis schließlich von Osten her
-aus Asien auch der Weizen hinzukam, den wir dann in der späteren
-neolithischen Zeit neben der älteren Gerste als Brotfrucht antreffen.
-Die Kulturgerste stammt von der von den Kaukasusländern bis Persien und
-Beludschistan einerseits und Mesopotamien andererseits verbreiteten
-wilden Gerste (~Hordeum spontaneum~) ab. Diese steht der zweizeiligen
-Gerste am nächsten und unterscheidet sich von ihr fast nur durch
-die brüchige Spindel der Ähre, die der Mensch mit der Zeit durch
-entsprechende Kulturauslese in eine zum Zwecke der leichteren Ernte
-notwendige zähe Spindel umwandelte. Bei dieser Kornfrucht sind
-im Gegensatz zum Weizen und Roggen, bei welchen jeder Absatz der
-Ährenspindel nur ein einziges Ährchen trägt, stets drei Ährchen
-nebeneinander gestellt, um welche die Hüllspelzen eine Art Manschette
-bilden. Sind nun sämtliche Ährchen voll ausgebildet, so erhält man
-sechs Reihen derselben, die sich entweder deutlich voneinander abheben,
-dann haben wir die sechszeilige Gerste vor uns, oder von denen
-nur die Mittelzeile deutlich hervortritt, während die Nebenzeilen
-ineinander fließen, wie bei der gemeinen, auch vierzeiligen Gerste.
-Bleiben dagegen die seitlichen Ährchen unentwickelt, so resultiert die
-zweizeilige Gerste.
-
-Von einer zweizeiligen Urform haben sich die vier- und sechszeiligen
-Gerstearten schon in sehr früher vorgeschichtlicher Zeit ausgebildet;
-denn letztere treten uns nicht bloß in den neolithischen
-Pfahlbauten Mitteleuropas, sondern auch in den Grabbeigaben der
-ältesten ägyptischen Dynastien aus dem vierten vorchristlichen
-Jahrtausend entgegen. Ja, die sechszeilige Gerste war, in der Abart
-~H. pyramidatum~ mit pyramidenförmig zugespitzten Ähren, im ganzen
-Altertum bis in junge historische Zeiten hinein die gewöhnlichste
-Kulturart, während die vierzeilige erst in neuerer Zeit wenigstens in
-Europa größere Bedeutung erlangte. Heute ist letztere wohl hier die
-verbreitetste Saatgerste.
-
-Neben dem allerdings viel häufiger angepflanzten Weizen finden wir
-auch die Gerste, im Altägyptischen ~ati~ genannt und in einer weißen
-und roten Sorte unterschieden, im Niltal schon zur Zeit der ältesten
-Dynastien kultiviert. Doch scheint sich hier namentlich die arme
-Bevölkerung damit ernährt zu haben und daraus hergestelltes Brot oder
-Brei ihren Toten ins Grab mitgegeben zu haben. In den ungebrannten,
-nur an der Sonne getrockneten Backsteinen der Stufenpyramide von
-Daschur aus dem Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends
-fanden sich außer langgeschnittenem Stroh, Unkraut und den Blättern
-mehrerer Sumpfpflanzen Überreste der vierzeiligen und sechszeiligen
-Gerste neben solchen von Weizen. Als Beigabe aus Gräbern des alten
-Reiches kam in Sakkara eine Schale mit zertrümmerten Gerstenähren,
-im Gräberfeld von Theben dagegen erhärtete Breiklumpen von grob
-zerriebenen Gerstenkörnern zutage. Auch in Wandmalereien finden wir
-Ähren dargestellt, die in äußerst schematischer Weise den Charakter der
-Gerstenähre zeigen.
-
-Weiter nördlich und westlich finden wir in den neolithischen
-Fundplätzen Kleinasiens und Süd- bis Mitteleuropas neben verkohlten
-Überresten des Zwergweizens auch solche von Gerste, deren Körner
-durch außerordentliche Kleinheit ausgezeichnet sind. Eine schon etwas
-großkörnige Gerstenart finden wir in den schweizerischen Pfahlbauten,
-in denen neben dem kleinen Pfahlbauweizen die kurze sechszeilige Gerste
-nach den Untersuchungen von Oswald Heer weitaus das häufigste Getreide
-war. Neben ihr wurde auch die dichte sechszeilige und die zweizeilige
-Gerste angepflanzt, aber sehr viel seltener als die kurze sechszeilige
-Gerste, die als das eigentliche Pfahlbaugetreide bezeichnet werden
-kann. Jedenfalls nahm sie den weitaus größten Raum in den primitiv
-genug mit der Holzhacke in gerodeten Waldlichtungen angelegten und
-niemals gedüngten Hackfeldern der Pfahlbauern ein, die, sobald ihr
-Ertrag durch Erschöpfung des Bodens nachließ, verlassen wurden, um auf
-frisch gerodetem, jungfräulichem Boden durch neue ersetzt zu werden.
-
-Auch in den Überresten der jüngeren Steinzeit Nordeuropas wie in
-denjenigen der ganzen Bronze- und Eisenzeit finden wir die Gerste
-durch ganz Mitteleuropa von Ungarn bis Frankreich recht häufig.
-Besonders im Norden hat sie sich in der Folge so gut eingebürgert, daß
-sie beispielsweise in Schweden bis tief ins 15. Jahrhundert hinein
-überhaupt das einzige dort angebaute Getreide war, während Roggen und
-Weizen bis in die Mitte jenes Jahrhunderts als für jene Gegenden neue
-und ungewöhnliche Getreidearten bezeichnet wurden. Kürzlich fand man,
-wie schon früher wiederholt, in der Fundschicht einer dem 5. oder
-6. Jahrhundert n. Chr. angehörenden Ansiedlung in der schwedischen
-Provinz Östergötland einen kleinen halbkugeligen verkohlten Gegenstand,
-der sich bei genauerer Untersuchung als ein grobgemahlenes, mit
-Steinsplitterchen des Mahlsteines vermischtes vorgeschichtliches
-Gerstenbrot erwies.
-
-Meist läßt sich allerdings an den vorgeschichtlichen Gerstenkörnern
-nicht sicher bestimmen, welcher Art von Gerste sie angehören, und
-auch die Schriftsteller des Altertums sprechen sich in der Regel
-nicht deutlich genug über die Verschiedenheit der Gerstensorten aus.
-Stets ist es die kurze sechszeilige Gerste, das Hauptgetreide der
-Pfahlbauern, welche wir neben dem Weizen deutlich erkennbar auf den
-griechischen Münzen abgebildet finden. Sie ist es, die wir auf den
-ältesten, nur auf einer Seite geprägten Münzen aus dem 6. Jahrhundert
-v. Chr. (Münzen der griechischen Stadt Metapontion am Meerbusen
-von Tarent in Unteritalien) in Form einer prächtig ausgeführten,
-langen, begrannten Ähre als das Symbol der ~pólis~, des städtischen
-Gemeinwesens, abgebildet finden. Ein Vierdrachmenstück einer andern
-griechischen Stadt, nämlich Leontinon auf Sizilien, aus dem fünften
-vorchristlichen Jahrhundert zeigt um einen Löwenkopf herum vier
-einzelne Körner derselben Getreideart. Zwei Münzen aus Skotussa und
-Methydrion in Thessalien geben Abbildungen eines einzelnen Ährchens des
-grannenlosen Winterweizens wieder, während ein Obolos von Orchomenos in
-Böotien ein einzelnes Weizenkorn derjenigen Abart des gemeinen Weizens
-zeigt, welche gegenwärtig als englischer Weizen bezeichnet und heute
-noch vorzugsweise in den Mittelmeerländern angebaut wird.
-
-Auf einer zweiten Münze von Metapontion aus späterer Zeit als
-die erstgenannte, sitzt auf der dichtgedrängten kurzen Ähre der
-sechszeiligen Gerste eine Wanderheuschrecke, auf der Rückseite aber ist
-Apollon mit dem Lorbeerzweig, der die Gerstenfelder vor der furchtbaren
-Heuschreckenplage bewahrende Gott, dargestellt. Auf einer anderen
-Münze aus dieser unteritalischen Stadt ist neben der Gerstenähre eine
-Zwergmaus auf einem Gerstenblatte dargestellt und auf der Rückseite
-Ceres, die Beschützerin der Gerstenfelder vor der Mäuseplage, in
-deren Haar die Ähren derselben Gerstenart geflochten sind. „Selbst in
-diese kleinen Ähren, wie in die fast ebenso kleinen auf campanischen
-Münzen -- neben dem Pferdekopf --“ sagt der verstorbene Züricher
-Botaniker Oswald Heer 1865, in einer Arbeit über die Pflanzen der
-Pfahlbauten, „wußte der Künstler den Charakter der heiligen (kurzen,
-sechszeiligen) Gerste zu legen, während auf modernen Münzen, so denen
-der französischen Republik von 1848, kein Mensch zu unterscheiden
-vermag, ob Gerste, oder Weizen, oder Roggen dargestellt sein soll.“
-Auf einer andern Münze von Metapontion ist der Sperling, dieser stete
-Begleiter des Getreides, auf einer weiteren die Getreidemücke neben der
-Gerstenähre deutlich erkennbar abgebildet. Daraus können wir schließen,
-daß das Getreide schon damals unter denselben tierischen Feinden wie
-heute zu leiden hatte. Wenn nun auch aus den metapontischen Münzen
-nicht zu entscheiden ist, welche Art von Gerste gemeint sei, so zeigen
-uns diejenigen von Leontinon nach der Gestalt der einzelnen Körner,
-daß wir es hier mit der kleinen, kurzen, sechszeiligen Gerste zu tun
-haben, wie sie schon von den neolithischen Pfahlbauern angebaut wurde,
-die also der Urtypus der heiligen, auf den altgriechischen Silbermünzen
-dargestellten Gerste ist.
-
-Die Griechen der homerischen Zeit, zu Ende des vorletzten Jahrtausends
-v. Chr., übten schon längst den Anbau dieser Gerste neben demjenigen
-von Weizen aus. In der Ilias und Odyssee ist neben dem Weizen (~pyrós~)
-vielfach von der Gerste (~kri~), bei den späteren Griechen ~krithé~
-genannt, die Rede, die fast stets den schmückenden Beinamen „die weiße“
-(~leukón~) trägt. So werden in beiden Epen die Pferde mit Gerste und
-~ólyra~, das ist eine Art Spelt, gefüttert. Dioskurides sagt uns
-nämlich in seiner Arzneimittellehre, daß die ~ólyra~ zu derselben
-Pflanzenart wie der Spelt (~zeiá~) gehöre, aber etwas weniger als
-dieser nähre. Auch aus ihm werde Brot gebacken. Der eigentliche Spelt
-(~zeiá~) kommt nicht in der Ilias, sondern nur in der jüngeren Odyssee
-vor. Als der Atride Agamemnon, dem Sohn des Odysseus, Telemachos, bei
-seinem Besuche in Mykene als übliches Gastgeschenk Pferde schenken
-wollte, sagt dieser zu ihm: O Sohn des Atreus, willst du mir ein
-Geschenk machen, so möge dies klein und wertvoll sein. Die Rosse, die
-du mir schenken willst, möchte ich lieber nicht annehmen. Sie bleiben
-besser bei dir, denn du herrschest über weite Gefilde, wo viel Klee
-wächst und Weizen, Spelt (~zeiá~) und weiße Gerste; Ithaka dagegen ist
-(weil gebirgig) nicht für Rosse passend, dagegen für Ziegen.
-
-In der Ilias wird „auf der Tenne die weiße Gerste leicht von den
-Füßen der darüber getriebenen Ochsen ausgedroschen“, und im ganzen
-griechischen Altertum galt die „weiße Gerste“ als besser als die
-„rötliche Gerste“, wie schon Theophrast unterscheidet. Und der
-griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. sagt: „Die
-Gerste ist am besten, wenn sie weiß und rein ist. Sie enthält zwar
-weniger Nahrungsstoff als der Weizen, doch ernährt ein aus gerösteter
-Gerste gekochter Trank (~ptisánē~, woraus bei den Römern z. B. Plinius
-~tisana~, und daraus unsere Bezeichnung Tisane nicht nur für eine
-Gerstenabkochung, sondern für jede durch Abkochen von Arzneistoffen
-hergestellte Flüssigkeit wurde) doch stark, weil sich beim Kochen viele
-Teile der Gerste ablösen. Man braucht übrigens die Gerste (auch als
-Arznei) in verschiedenen Zubereitungen innerlich und äußerlich.“
-
-Im ganzen Altertum war vornehmlich +geröstete Gerste+ ein
-außerordentlich wichtiges und verbreitetes Nahrungsmittel; ja
-sie dürfte überhaupt eine der frühesten, wenn nicht die früheste
-Zubereitungsart des Getreides zur Nahrung des Menschen darstellen,
-von der wir Kunde haben. So hat schon der vorhin genannte
-Züricher Botaniker Oswald Heer zu Anfang der 1860er Jahre bei der
-wissenschaftlichen Untersuchung der aus den schweizerischen Pfahlbauten
-herrührenden Getreideüberreste festgestellt, daß in der neolithischen
-und noch zur Metallzeit aus der Gerste keinerlei Brot hergestellt
-wurde, sondern daß dieses so überaus häufig kultivierte Getreide, das,
-wie gesagt, die wichtigste pflanzliche Nahrung jener vorgeschichtlichen
-Mitteleuropäer bildete, stets nur geröstet gegessen worden sein muß.
-Erst durch das Rösten wurden die Grannen und Hülsen der Gerste so
-brüchig, daß sie leicht entfernt werden konnten. Dies ließ sich auf
-keine andere Weise bewerkstelligen. Das ist auch der Grund, weshalb
-die geröstete Gerste noch im ganzen Altertum eine so überaus wichtige
-Rolle spielte, und, als sie die Menschen nicht mehr aßen, sie dieselbe
-nach altgeheiligter Sitte noch ihren Verstorbenen in die unterirdische
-Behausung als Totenspeise mitgaben und den Göttern opferten.
-
-Während also die Gerste von den Pfahlbauern stets geröstet gegessen
-wurde, verfertigten sie aus den übrigen Getreidearten Brei und flaches,
-nur 1,5-2,5 cm hohes, fladenartiges Brot, und zwar außer Weizen-
-auch Hirsebrot, welch letzterem meist auch zerquetschte Weizenkörner
-mit Leinsamen zur Erhöhung des Wohlgeschmacks beigemischt wurden.
-Diese rundlichen Brotfladen der Pfahlbauern, von denen sich mehrere
-Überreste bis auf unsere Tage erhielten, sind auf der oberen Seite
-ganz unregelmäßig runzelig, auf der unteren Seite dagegen, wo sie
-auf dem heißgemachten Stein auflagen, glatt und hohl. Die sonst kaum
-zu schälende Gerste aber wurde durch Rösten genießbar gemacht und so
-gegessen; aus ihr verfertigte man keinerlei Brot, sonst hätte man
-Überreste davon finden müssen. Auch die ältesten Ägypter aßen die
-Gerste geröstet und gaben sie geröstet ihren Toten zu deren Speisung
-im Geisterlande mit, wie uns zahlreiche Gräberfunde kundtun. Auch bei
-den alten Juden spielte die geröstete Gerste, ~kali~, d. h. Geröstetes
-genannt, eine sehr wichtige Rolle neben dem aus Weizen und Spelt
-gebackenen Brot, das auch bei ihnen gebräuchlich war. Die uns allen von
-Jugend auf bekannte, idyllische Geschichte der Moabiterin Ruth, die
-nach dem Tode ihres Mannes nach Bethlehem (d. h. Brotstadt) kam und
-durch ihre Verheiratung mit Boas die Stammutter des Davidschen Hauses
-wurde, spielt zur Zeit „da die Gerstenernte anfing.“ Auch ihr wurde
-wie den anderen an der Einheimsung der Ernte Beteiligten ~kali~, also
-geröstete Gerste verabreicht. Der junge David, der seines Vaters Herden
-weidete, brachte seinen im Felde lagernden Brüdern Brot aus gerösteter
-Gerste (~kali~), und auch dem vor Absalon fliehenden David, wird außer
-Weizen, Gerste, Mehl, Saubohnen und Linsen, geröstete Gerste (~kali~),
-gebracht, und auch von den Linsen wird ausdrücklich gesagt, daß sie
-geröstet gewesen seien.
-
-Auch bei den Griechen der homerischen Zeit spielte die geröstete
-Gerste, von ihnen ~álphiton~ genannt, eine wichtige Rolle und wurde,
-wie in der Odyssee geschildert wird, in ledernen Schläuchen (meist
-aus Ziegenfell) statt des Brotes auf die Reise mitgenommen. Auch
-Odysseus Sohn Telemachos befiehlt, als er seine weite Reise nach Mykene
-antreten will, der Dienerin Eurykleia (der „weithin Berühmten“) 20 Maß
-~alphiton~, d. h. von den Hüllen befreite und grob gemahlene, geröstete
-Gerste in wohlgenähte Lederschläuche zu tun, um sie zur Wegzehrung für
-sich und seine Begleiter mitnehmen zu können. Stets wird in der Odyssee
-beim feierlichen Opfer geröstete Gerste auf das zu schlachtende Rind
-oder sonstiges Opfertier als Opfer an die Gottheit gestreut, und als
-die Gefährten des Odysseus auf den Rat des Eurylochos frevelhafterweise
-einige dem Sonnengotte gehörige Rinder schlachten und den Göttern
-als Opfer darbringen wollten und es ihnen dazu an „weißer Gerste“
-gebrach, so bestreuten sie dieselben wenigstens mit Eichenblättern.
-Als Nestor einen Ochsen schlachten wollte, brachte Aretos in einem
-Becken Weihwasser herbei und hielt in der anderen Hand ein Körbchen
-mit gerösteter Gerste. Da nahte auch Thrasymedes mit einer scharfen
-Axt in den Händen, um den Ochsen niederzuschlagen, und so begann der
-alte Nestor die feierliche Handlung, indem er seine Hände wusch und
-geröstete Gerste auf das Tier streute.
-
-Noch in viel späterer Zeit bildete geröstete Gerste auch bei den
-Griechen eine wichtige Nahrung des Menschen. So bestand noch in der
-klassischen Zeit in Athen eine vom berühmten Gesetzgeber der Athener,
-Solon (639-559 v. Chr.), einem der sieben Weisen, erlassene Verordnung,
-wonach jede junge Frau bei ihrer Verheiratung ein ~phrýgetron~
-genanntes Gefäß zum Rösten der Gerste in den jungen Hausstand
-mitzubringen hatte. Und als die Griechen sich nach und nach von
-dieser altertümlichen Nahrung emanzipierten, durfte geröstete Gerste
-wenigstens bei keinem Opfer fehlen. In den Traditionen des uralten
-Kultes der Demeter (soviel als ~Gē-mḗtēr~, d. h. „Mutter Erde“ als
-Hervorbringerin der Brotfrucht) auf Kreta wie in Eleusis bei Athen
-galt die Gerste als das „älteste Korn“ und „geröstete Gerste“ als die
-einst von den Ahnen gegessene wichtigste Speise aus dem Pflanzenreiche
-als die unerläßliche Grundlage im Opferritual. Dabei wurde die meist
-schwach geröstete Gerste, zwischen den Mahlsteinen enthülst und grob
-zerkleinert, mit Wasser angerührt und allein oder mit Zutat von
-Leinsamen oder Olivenöl gegessen.
-
-Noch der 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch, der Pompeji und Herculaneum
-verschüttete, als Befehlshaber der beim Kap Misenum, bei der
-gleichnamigen Stadt stationierten Flotte umgekommene ältere Plinius
-sagt in seiner Naturgeschichte: „Schrot (grobes Mehl) von gerösteter
-Gerste (~polenta~) ziehen die Griechen dem aus anderem Getreide
-hergestellten Schrote vor. Sie übergießen die Gerste mit Wasser,
-trocknen sie eine Nacht hindurch, rösten sie am folgenden Tage und
-schroten (~frangere~, d. h. brechen) sie auf der Mühle. Manche rösten
-die Gerste stärker, besprengen sie dann nochmals mit Wasser und
-trocknen sie wieder, bevor sie dieselbe auf die Mühle bringen. Zu
-20 Pfund Gerste werden 3 Pfund Leinsamen, ½ Pfund Koriander und ein
-~acetabulum~ (ein kleines, auf dem Ständer mit Essig und Öl stehendes
-Salzschälchen) voll Salz genommen. Das alles wird geröstet und in der
-Mühle mit der Gerste vermengt. -- In Italien wird die Gerste nicht
-angefeuchtet, nur geröstet und dann zu feinem Mehl (~farina~, im
-französischen ~farine~ noch erhalten) gemahlen (~molere~); man gibt
-ihr dieselben Zusätze und fügt noch Rispenhirse (~milium~) bei. Die
-Alten aßen Gerstenbrot; jetzt dient es fast nur noch zu Viehfutter;
-dagegen wird eine Gerstenabkochung (~tisana~) für stärkend und heilsam
-gehalten. Der berühmte Arzt Hippokrates (460 v. Chr. auf der Insel
-Kos geboren, bereiste Griechenland, Kleinasien, Skythien, starb 364
-in Larissa in Thessalien, führte die Geheimnisse der Ärzteschule der
-Asklepiaden ins Leben ein, begründete die Lehre von den Krisen und die
-Diätetik) hat dieser Gerstenabkochung ein eigenes Buch (Schriftrolle)
-gewidmet.“
-
-[Illustration:
-
- Tafel 5.
-
-Moderner Dampfpflug von J. Kemna in Breslau, der eine Leistung von bis
-zu 100 Morgen im Tag erzielt.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 6.
-
-Siebenschariger Dampfpflug von J. Kemna in Breslau, der eine
-Arbeitsbreite von 2,5 m besitzt und mit einer Geschwindigkeit
-von ca. 2,5 m in der Sekunde gezogen wird.]
-
-Wie bei den Griechen und Römern war ihrem ganzen Stamme, den ältesten
-Indogermanen, die Gerste das „Korn“ schlechthin, dessen einzelne Körner
-bei ihnen das kleinste Gewicht und Längenmaß bildeten. Wäre der Weizen
-damals deren Hauptkornart gewesen, so wäre das Weizenkorn und nicht das
-Gerstenkorn zu einem solchen Zwecke herangezogen worden. Nur bei einem
-Zweige derselben, bei den Römern, wurde die Gerste sehr frühzeitig aus
-ihrer Rolle als Hauptnahrungsmittel durch den von ihnen ~far~ genannten
-Spelt verdrängt, und so diente bei ihnen tatsächlich das Speltkorn als
-Maßeinheit. Doch wurde bei ihnen neben dem Spelt auch noch in späterer
-Zeit die zweizeilige Gerste als Sommerfrucht, die sechszeilige Gerste
-dagegen als Winterkorn gebaut. Die zweizeilige Gerste preist schon
-der römische Ackerbauschriftsteller Columella im ersten christlichen
-Jahrhundert wegen ihres Gewichts und der Weiße ihres Mehls. Heute ist
-sie in einer großkörnigen Sorte die am meisten kultivierte Sommergerste
-Mitteleuropas und Englands. In den gebirgigen Gegenden Oberbayerns
-und der Schweiz geht sie mit dem Roggen bis zur obersten Grenze des
-Getreidebaus.
-
-Irgendwo in Vorderasien ist die wild wachsende Gerste nicht nur
-zur Kulturpflanze mit festerer Spindel, sondern auch mit größeren,
-mehlreicheren Körnern und so allmählich ausgiebigerem Ertrage gezüchtet
-worden und drang mit der Zeit von ihrer ältesten Anbaustätte, wo wir
-sie jedenfalls schon vor mehr als 10000 Jahren als angepflanzt annehmen
-dürfen, wie zu den Neolithikern der Mittelmeerländer, so auch östlich
-nach China, wo sie uns auch schon sehr frühe, nämlich zu Beginn des
-dritten vorchristlichen Jahrtausends, entgegentritt.
-
-Die Gerste erfordert für einen erfolgreichen Anbau einen ziemlich
-guten Boden; hingegen macht sie in bezug auf die Sommerwärme nur
-geringe Ansprüche und durchläuft ihren Entwicklungsgang von der Keimung
-bis zur Kornreife in verhältnismäßig kurzer Zeit. Eine mittlere
-Sommertemperatur von 8° C. genügt schon, um sie zur Reife zu bringen.
-So geht ihr Anbau wie derjenige des Roggens bis zum Nordkap und in
-den Alpen bis gegen 2000 m über Meer. Sie gedeiht noch im nördlichen
-Schottland, auf den Orkney- und Faröerinseln, am Weißen Meer wie in
-Nordamerika und Australien. In Nordeuropa mit Einschluß des nördlichen
-Deutschlands, wo nach den neuesten Forschungen die Urheimat der
-Indogermanen gelegen haben muß, ist sie von den ältesten Zeiten bis in
-die Gegenwart die Hauptbrotfrucht geblieben, so daß sie dort noch heute
-als „Korn“ schlechthin bezeichnet wird.
-
-In diesen nördlichen Ländern mit kurzem Sommer wird hauptsächlich
-die vierzeilige Gerste als Sommerfrucht angebaut, da sie ihre
-Vegetationszeit auf 90 Tage einzuschränken vermag. In Mitteleuropa und
-der Schweiz dagegen wird die ertragreichere zweizeilige Gerste jener
-in der Regel vorgezogen. Doch steht die produzierte Gerstenmenge fast
-in allen Ländern hinter der Weizenmenge zurück; deshalb wird nur in
-den nordischen Gebieten: Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland aus
-klimatischen Gründen mehr Gerste als Weizen gebaut. Auf den britischen
-Inseln ist der Ertrag der beiden Getreidearten annähernd gleich. Die
-Hauptmasse der Gerstenproduktion kommt aus Rußland, an zweiter Stelle
-müssen Deutschland und Österreich-Ungarn genannt werden, die ungefähr
-gleiche Mengen davon hervorbringen. Von außereuropäischen Ländern
-kommen als Gerstenproduzenten namentlich Nordamerika, Algerien und
-Ägypten in Betracht. Auch in Chile und Australien wird ziemlich viel
-Gerste gebaut. In wärmeren Gegenden, namentlich in Japan, pflanzt man
-eine nackte Gerste, deren Früchte nicht von den Spelzen umschlossen
-werden. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der dort als Würze zum
-Reis genossenen Shojusauce; zu dem Zwecke wird sie mit zerquetschten
-Sojabohnen vermengt und die Masse, wie wir später kennen lernen werden,
-durch Hinzufügen eines bestimmten Pilzes gären gelassen.
-
-Obschon das Mehl der Gerste zum Brotbacken weniger geeignet ist als
-Weizen- und Roggenmehl, wird in den nördlichen Ländern wie Schottland,
-Dänemark und Skandinavien dennoch das Brot meist daraus bereitet. Bei
-uns in Mitteleuropa kommt der Gerste die größte Wichtigkeit für die
-Malzgewinnung zur Bierbrauerei, sowie zur Herstellung von Malzzucker
-und Malzextrakt zu. Man läßt zu diesem Zwecke die Früchte durch
-Befeuchten mit Wasser keimen, bis sie etwa ein 5 mm langes
-Würzelchen getrieben haben, wobei sich die Masse durch den dabei
-entwickelten Lebensprozeß stark erwärmt. Ist durch die Mitwirkung eines
-in den Samenkörnern enthaltenen, als Diastase bezeichneten Fermentes
-bei der Keimung ein großer Teil der unlöslichen Stärke in löslichen
-Zucker umgewandelt, so wird die Keimung durch starkes Erhitzen (Dörren)
-unterbrochen, das Malz zur Extraktion des Zuckers gekocht und diese
-Lösung zur Bierbereitung weiterhin in alkoholische Gärung gebracht.
-Ein Zusatz von Hopfen gibt dann der Flüssigkeit den bittern Geschmack.
-Außerdem wird die Gerste durch Abschälen zu Grütze, Grieß und Graupen
-verarbeitet. Ferner dient sie als beliebtes Futtermittel für das
-Federvieh, und geschrotet als Kraft- oder Mastfutter für größere
-Haustiere. In Südeuropa werden auch die Pferde mit Gerste gefüttert.
-
-So alt der Anbau von Weizen und Gerste in Asien und Europa ist, so
-jungen Datums ist hier die Kultur von +Roggen+ und +Hafer+. Diese
-beiden Getreidearten haben weder die alten Babylonier, Ägypter, Inder
-und Chinesen, noch die homerischen Griechen gekannt. Selbst die
-Griechen der klassischen Zeit und die Römer haben deren Anbau als
-Feldfrucht noch nicht geübt. Diese beiden Nährfrüchte, die in der
-Gegenwart bei uns eine so große Bedeutung erlangt haben, sind, wie
-auch die Bluthirse im Süden Osteuropas, von den Slawen zuerst als
-Feldfrucht angepflanzt und veredelt worden, und zwar zu einer Zeit, als
-sich bereits die griechischen und römischen Stämme von der arischen
-Gesamtfamilie, zu der auch die Slawen gehörten, getrennt und im Süden
-Europas gesonderte Wohnstätten bezogen hatten. Nur die germanischen
-Stämme, welche länger wie jene mit den Slawen in Berührung blieben,
-nahmen von diesen frühzeitig den Bau der beiden neuen Getreidearten an.
-
-Unter den angestammten Getreidearten der Alten Welt ist der +Roggen+
-(~Secale cereale~) mit dem Hafer entschieden der jüngste. Er kann
-in Mitteleuropa erst in der Übergangsperiode von der Bronze- zur
-Eisenzeit nachgewiesen werden. Den Pfahlbauten der Schweiz fehlte
-er noch gänzlich, während er hier zur Römerzeit angebaut wurde,
-wie mehrfache Funde und Angaben der Schriftsteller beweisen. In
-Dänemark tritt er in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten auf;
-doch findet er sich am allerhäufigsten in den frühmittelalterlichen
-slawischen Niederlassungen. Die Slawen brachten ihn den finnischen
-und germanischen Stämmen, bei denen er, die ältere Gerste überholend,
-vielfach das Hauptbrotgetreide, das „Korn“ schlechthin, wurde.
-
-Die Heimat des Roggens ist in der sarmatischen Ebene in Südrußland
-zu suchen, von wo aus sein Anbau nach Norden zu den eben genannten
-Volksstämmen, sowie westwärts nach Thrakien gelangte. Zuerst erwähnt
-ihn der ältere Plinius (23 n. Chr. in Como geboren und 79 als
-Befehlshaber der Flotte bei Misenum beim Vesuvausbruch umgekommen)
-als die Hauptbrotfrucht der keltischen Bevölkerung der Poebene; doch
-hat dem vornehmen Römer das kräftige, daraus bereitete Brot, das
-„Schwarzbrot“, so wenig als den verweichlichten Kulturnationen unserer
-Zeit behagt. Er schreibt in seiner Naturgeschichte: „Der Roggen
-(~secale~), den die Tauriner am Fuße der Alpen ~asia~ nennen, ist das
-geringste Getreide, kann nur zur Stillung des Hungers dienen, gibt
-übrigens viele Körner, hat einen dünnen Halm und liefert ein dunkles,
-schweres Mehl. Um diesen Geschmack zu verbessern, mischt man ihm Spelt
-bei; aber dennoch ist er dem Magen im höchsten Grade zuwider. Er wächst
-in jedem Boden, trägt etwa hundertfältig und schont den Boden“ --
-was übrigens durchaus nicht der Fall ist. Auch der griechische Arzt
-Galenos (131-200 n. Chr.), der uns das zweite bekannte Zeugnis über den
-Roggen überliefert hat, kann sich mit ihm durchaus nicht befreunden.
-Er sagt über ihn in seiner Schrift von den Eigenschaften der Speisen:
-„Auf vielen Äckern Thrakiens und Makedoniens habe ich eine Getreideart
-gesehen, die der Granne und dem ganzen Äußeren nach unserer asiatischen
-~típhē~ (wahrscheinlich Einkorn) ähnlich war. Ich fragte die Leute
-nach dem Namen, und sie antworteten, die ganze Pflanze wie auch der
-bloße Samen heiße ~bríza~. Das daraus bereitete Brot riecht unangenehm
-und ist schwarz.“ So wenig nun auch das Roggenbrot bei den Gebildeten
-jener Zeit Anklang fand, so scheint sich doch die Roggenkultur
-damals südwärts ausgedehnt zu haben; denn in einem diokletianischen
-Erlaß aus dem Beginne des 4. Jahrhunderts wird der Roggen unter den
-Getreidepflanzen an dritter Stelle gleich hinter Weizen und Gerste
-genannt.
-
-In Oberitalien und den Alpengegenden wird er heute noch ziemlich
-viel gepflanzt; doch ist sein Hauptverbreitungsgebiet Deutschland
-und Westrußland, wo er das „Korn“ schlechthin genannt wird. In
-diesen Ländern ist das schwarze Roggenbrot ein Hauptnahrungsmittel
-der Landbevölkerung. Ist es auch etwas weniger nahrhaft als das aus
-Weizenmehl hergestellte Weißbrot, so ist es dafür schmackhafter und
-hält sich viel länger weich und genießbar als letzteres, das leicht
-austrocknet und dadurch seinen Wohlgeschmack verliert. Enthält der
-Weizen 64 Prozent Stärkemehl und gegen 13 Prozent Eiweißstoffe, so
-enthält das Roggenkorn nur 60 Prozent Stärkemehl und 11 Prozent Eiweiß.
-Außer zum Brotbacken wird der Roggen noch zum Branntweinbrennen
-verwendet. Die Kleie, welche beim Mahlen des Roggenkorns als Abfall
-zurückbleibt, dient, wie auch das ganze geschrotene Korn, als
-Viehfutter; außerdem wird der Roggen als voluminöse Halmfrucht oft vor
-seiner Reife als Grünfutter geschnitten und an das Vieh verfüttert. Das
-Stroh findet als Häcksel und zur Einstreu für das Vieh, beim Dachdecken
-und in der Papierfabrikation, ebenso zur Herstellung von Strohmatten,
-Flaschenmuffen und ähnlichen Gebrauchsgegenständen Verwendung.
-
-Der Roggen stellt weit geringere Ansprüche an die Güte des Ackerbodens
-und ist auch mit einer geringeren Sommerwärme zufrieden als der Weizen.
-In Skandinavien gedeiht der Roggen selbst noch am Nordkap, und in den
-Alpen steigt er so hoch hinauf als die höchsten Felder reichen. So
-findet er sich bei Findelen im Kanton Wallis noch bei 2075 m und
-bei Lü im Münstertal bei 1900 m Höhe neben der Gerste angebaut.
-Er wird sowohl einjährig als Sommerroggen, als auch zweijährig als
-Winterroggen angebaut, indem man die Saat frühzeitig im Herbst
-anpflanzt und den Keimlingen dadurch Zeit zu reichlicher Bestockung
-gewährt. Die Roggenähre ist in ihrer Zusammensetzung derjenigen des
-Weizens sehr ähnlich, doch hüllen die beiden viel kleineren Hüllspelzen
-nicht wie dort das ganze Ährchen ein. In jedem Ährchen entwickeln
-sich nur zwei Blüten, so daß die reifen Körner in der Ähre in vier
-Längsreihen angeordnet sind.
-
-Als einziger Rispenträger unter unseren Getreidegräsern kann der
-+Hafer+ (~Avena sativa~) nicht leicht mit einer anderen Getreideart
-verwechselt werden. Er stammt höchst wahrscheinlich vom Flughafer
-(~Avena fatua~) ab, den noch die Römer nur als unbrauchbares
-Feldunkraut kannten. Als Kulturform unterscheidet er sich von der
-wilden Stammform hauptsächlich dadurch, daß, abgesehen von den
-größeren Körnern, die Spindel der Ährchen nicht mehr so brüchig ist
-und die Früchte deshalb nicht so leicht abfallen. Diese Veredelung
-wurde gleichfalls durch zielbewußte Kulturauslese erreicht, und zwar
-vermutlich in Südostrußland, in der kaspisch-kaukasischen Ebene oder
-in dem daran angrenzenden turkestanischen Tiefland. Von hier drang er
-schon in vorgeschichtlicher Zeit westwärts, wo wir ihn nördlich der
-Alpen in den schweizerischen Pfahlbauten und in etwa gleichzeitigen
-Landansiedelungen Deutschlands schon zur Bronzezeit antreffen. Hier
-lernten ihn später die Römer als menschliches Nahrungsmittel kennen.
-Sie staunten über das „barbarische Brotkorn“ der Germanen, wie sie es
-nannten; denn sie sahen in dem Kulturhafer nur den ihnen als lästiges
-Ackerunkraut bekannten Flughafer, den sie höchstens als Viehfutter und
-Arzneimittel gelten ließen.
-
-Die Griechen der homerischen Zeit kannten den Hafer noch nicht. Der
-erste griechische Schriftsteller, der ihn erwähnt, ist der Arzt
-Dieuches aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr., der sagt, man
-könne aus dessen Körnern einen Brei kochen, der leichter verdaulich
-als der gewöhnlich genossene Gerstenbrei sei. Der ausgezeichnete
-griechische Botaniker Theophrastos (371-286 v. Chr.) kennt ihn nur
-als ein Ackerunkraut, ebenso der ältere Cato (234-149 v. Chr.), der
-in seiner Schrift über den Landbau sagt, man müsse den Hafer beim
-Hacken und Jäten des Getreides als lästiges Unkraut ausreißen. Auch
-die römischen Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) und Ovid (43 vor bis 17
-nach Chr.) kennen ihn nur als solches. Ersterer sagt in einer seiner
-Eklogen, d. h. ausgewählten Gedichte: „Meine Felder liegen öde; da, wo
-ich Gerste gesät, wächst der unglückselige Taumellolch (~lolium~) und
-unfruchtbarer Hafer (~sterilis avena~)!“ Und in seiner Georgika, einem
-Gedicht über den Landbau, klagt er: „Gar mancher sät zu früh, seine
-Saat verdirbt und sein Feld trägt dann nichts als unnützen Hafer (~vana
-avena~).“
-
-Erst der römische Ackerbauschriftsteller Columella aus Spanien im 1.
-Jahrhundert n. Chr. spricht von seiner Verwendung als Viehfutter:
-„Hafer wird gesät, um grün oder als Heu verfüttert zu werden; man läßt
-auch welchen stehen, um wieder Samen zu bekommen.“ Sein Zeitgenosse
-Plinius (23-79 n. Chr.) meint: „Der Hafer (~avena~) ist ein unter
-dem Getreide vorkommendes Unkraut und entsteht durch Entarten der
-Gerste. Die germanischen Völker säen ihn und essen keinen anderen Brei
-als Haferbrei.“ Der 131 n. Chr. in Pergamon in Kleinasien geborene
-griechische Arzt Claudios Galenos, der zuerst in seiner Vaterstadt
-und dann in Rom, wo er um 200 starb, die Heilkunst ausübte, schreibt
-über den ~brómos~, was man bisher mit Hafer übersetzte, da Plinius
-an einer Stelle die eßbaren Samen einer Getreideart so bezeichnet,
-das aber wahrscheinlicher eine Wickenart bedeutet, da Galenos ihn
-ausdrücklich als Hülsenfrucht bezeichnet: „Der ~brómos~ wird in großer
-Menge in Asien angebaut, besonders in Mysien, das über Pergamon liegt.
-Er dient als Futter für das Zugvieh; von Menschen wird nur zur Zeit
-von Hungersnot daraus gebackenes Brot gegessen. Außer einer Hungersnot
-wird er nur selten, und dann in Wasser gekocht und mit süßem Wein
-oder eingekochtem Most oder Honigwasser gegessen. Er gibt nicht gar
-viel Nahrung und das aus ihm bereitete Brot schmeckt nicht angenehm,
-bekommt aber gut.“ Wenn wir nun auch diese Notiz nicht für den Hafer
-verwenden können, so ist uns doch aus späterer Zeit der Anbau von Hafer
-als Viehfutter wenigstens im oströmischen Reiche verbürgt. Als solcher
-erscheint er zwar noch nicht als Getreide für den Menschen, wohl aber
-unter den Futterkräutern fürs Vieh im bereits erwähnten Erlaß des
-Kaisers Diokletian (239-313) und der Kirchenvater Hieronymus (340-420)
-sagt an einer Stelle, der Hafer werde wie die Wicke von den weidenden
-Tieren gefressen. So dient er auch heute noch in Norditalien wie in
-Griechenland nur als Grünfutter, während als Pferdefutter allgemein
-Gerste benutzt wird.
-
-[Illustration: Bild 6. Flugbrand des Getreides (~Ustilago segetum~).
-
-~a~ Vom Flugbrand befallener Hafer.
-
- Der Parasit dringt in die junge Haferpflanze ein und entwickelt
- sich in derselben unsichtbar weiter, bis bei der Blütenbildung das
- mitgewandelte Pilzmyzel in die jungen Fruchtknoten eindringt und
- dort, reichlich ernährt, das ganze Korn zerstört, indem es ihn in
- einen Haufen winzigster Brandsporen umwandelt.
-
-~b~ In Wasser keimende Brandspore bei 800facher Vergrößerung.]
-
-Das eigentliche Kulturgebiet des Hafers als Getreidefrucht des Menschen
-ist das Europa nördlich der Alpen, so weit es nicht zu kalt für ihn
-wird. Bezüglich seiner Ansprüche an die Beschaffenheit des Ackerbodens
-ist er genügsamer als alle übrigen Getreidearten. Er kann ebensogut
-auf geringem Sandboden, als auf schwerem Tonboden oder auf Moorboden
-angebaut werden. Trotzdem ist seine geographische Verbreitung nicht
-so groß als diejenige von Weizen und Gerste, weil sein Anbau ein
-wärmeres Klima erfordert und er sich langsamer als jene entwickelt.
-Im Norden erreicht seine Kultur den 70. Breitengrad nicht und in den
-Alpen steigt er nicht über 1670 m Meereshöhe. Man baut ihn
-als Sommergetreide mit früher Aussaat. Er leidet wie die übrigen
-Getreidearten vornehmlich durch den Flugbrand, der in nassen Jahren
-große Verheerungen anrichtet.
-
-Den meisten Hafer produzieren die Vereinigten Staaten von Nordamerika,
-dann folgen Rußland und Deutschland mit Mengen, welche die
-Weizenproduktion der betreffenden Länder noch weit übersteigen. Auch
-Frankreich und Österreich liefern beträchtliche Mengen. Im Verhältnis
-zur Größe des bebauten Landes ist die Haferproduktion in den nordischen
-Ländern: Schweden, Norwegen, Dänemark, Schottland und Kanada besonders
-groß; in Schweden liefert z. B. der Hafer mehr als die Hälfte alles
-überhaupt gewonnenen Getreides. Dort und in Norwegen wird aus ihm ein
-trockenes, jahrelang haltbares Fladengebäck, das Fladbrot -- eine Art
-Zwieback -- verfertigt, das als Volksnahrung eine große Rolle spielt.
-Auch in Schottland bäckt man aus dem Hafermehl harte, ungesäuerte
-Kuchen. Das nationale Frühstücksessen der Schotten, Iren und vieler
-Engländer aber ist die mit Milch gekochte Hafergrütze, der ~porridge~,
-der vor dem Aufkommen des Kaffees auch bei uns in Süddeutschland und
-der Schweiz als „Habermus“ als solches figurierte und neuerdings sich
-glücklicherweise immer mehr als äußerst rationelles erstes tägliches
-Essen einbürgert. Sonst wird der Hafer zu Schleimsuppen, Grütze, Grieß
-und Brei verwandt, besonders aber an Pferde verfüttert. Haferstroh
-dient wie dasjenige der übrigen Getreidearten in der Landwirtschaft als
-Streu und wird zu Häcksel verschnitten.
-
-[Illustration: Bild 7. Rispenhirse (~Panicum miliaceum~). (Nach Hegi.)]
-
-Weiter sind die +Hirse+arten wichtige Getreidegräser. Diese ein- bis
-zweiblütigen Rispengräser sind leicht daran zu erkennen, daß die Deck-
-und Vorspelze hart und häufig glänzend sind. Eine der größten der
-gegen 500 bekannten Arten ist die +Rispenhirse+ (~Panicum miliaceum~),
-deren Stammform bisher unbekannt ist. Jedenfalls ist sie irgendwo in
-Zentralasien zur Kulturpflanze erhoben worden und hat von da schon
-sehr frühe ihren Eroberungszug über die ganze Alte Welt angetreten.
-So gelangte sie schon in der neolithischen Zeit nach Mitteleuropa
-und wurde hier von den Stämmen der jüngeren Steinzeit neben Gerste
-und Weizen angepflanzt. In den neolithischen Pfahlbauten der Schweiz
-finden wir die Hirsekörner so verquetscht und zu brotähnlichen Massen
-verknetet, daß eine Bestimmung der Art nach den Körnern unmöglich ist.
-Auch aus den antiken Schriftstellern werden wir nicht klug, welche
-Hirseart von den von ihnen beschriebenen fremden Völkern verzehrt
-wurde. Im ganzen scheint die Rispenhirse darunter verstanden worden
-zu sein: doch ist daneben damals schon in Mitteleuropa eine zweite
-Art nachweisbar. Es ist dies die +Kolbenhirse+ (~Panicum italicum~),
-deren Stammform als ~Panicum viride~, ein durch die gemäßigte Zone
-der alten Welt verbreitetes Unkraut bildet. Sie unterscheidet sich
-von der kultivierten Form nur durch geringere Größe und das spontane
-Abfallen der Fruchtähren bei der Reife. Auch diese Wildhirse scheint
-in Innerasien zuerst als Getreide in die Pflege des Menschen genommen
-worden zu sein und hat sich früh nach allen Richtungen verbreitet.
-Schon ums Jahr 2800 v. Chr. treffen wir sie neben Weizen, Gerste, Reis
-und Sojabohne in China angebaut. Noch früher muß sie in Nordindien
-kultiviert worden sein, wo sie die Arier bei ihrer Einwanderung
-als die gewöhnliche Brotfrucht der Eingeborenen überall angebaut
-fanden. Doch verschmähten sie selbst zunächst dieses Korn, das ihnen
-minderwertig erschien. Wie im Sanskrit treffen wir eine Bezeichnung
-für sie im Altägyptischen, doch ist ihre Kultur weder im Niltal, noch
-in Mesopotamien zu größerer Bedeutung gelangt, da hier offenbar schon
-ältere Getreidearten so gut eingebürgert waren, daß sie sie nicht aus
-ihrer herrschenden Stellung zu verdrängen vermochte. Dagegen war sie
-von jeher bei den Negern in Afrika das Hauptgetreide. Wie der spätere
-Plinius, sagt der um 25 n. Chr. verstorbene weitgereiste griechische
-Geograph Strabon aus Amasia im Pontusgebiet: „In Äthiopien leben die
-Leute (Neger) von Rispenhirse (~kénchros~) und von Gerste (~krithḗ~)
-und machen aus beiden ihren Trank.“ Auch bei den Steppenvölkern
-Südrußlands war die Hirse die wichtigste Nährfrucht. So sagt derselbe
-Autor: „Das Tal des ins Schwarze Meer fließenden Thermodon ist feucht,
-mit frischem Grün bedeckt, ernährt Herden von Rindern und Pferden und
-die meisten Felder sind mit Kolbenhirse (~élymos~) und Rispenhirse
-(~kénchros~) bestellt. Noch nie haben die Leute in diesem Tale
-Hungersnot erlebt.“ Auch im Hochlande von Armenien fanden die Griechen
-im Jahre 400 v. Chr. auf ihrem Rückzuge nach der unglücklichen Schlacht
-von Kunaxa laut dem Berichte ihres Führers Xenophon, der ihn in seiner
-Anabasis beschrieb, die Kolbenhirse (~élymos~) als Hauptgetreide
-angepflanzt.
-
-Die ältesten Griechen bauten die Hirse nicht an. Nirgends wird sie in
-den homerischen Epen erwähnt. Von den griechischen Schriftstellern
-nennt sie zuerst Hesiod im achten vorchristlichen Jahrhundert, aber an
-einer wahrscheinlich später eingeschobenen Stelle. Erst den späteren
-Griechen war sie wohlbekannt, sowohl die Rispenhirse ~kénchros~,
-als auch die Kolbenhirse ~élymos~ oder ~melínē~. Der griechische
-Pflanzenkundige Theophrast (390-286 v. Chr.) erwähnt beide als Getreide
-(~sítos~) und sagt, daß man sie im Sommer säe. Besonders die Spartaner
-werden uns als Hirseesser bezeichnet; auch in Athen war der Hirsebrei
-ein gewöhnliches Gericht. Doch urteilt der aus Anazarbos in Kilikien
-gebürtige griechische Arzt Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts
-n. Chr. in seiner Arzneimittellehre: „Die Rispenhirse (~kénchros~)
-hat, wenn sie in Brot verwandelt wird, weniger Nährkraft als anderes
-Getreide. Als Brei wird sie arzneilich gebraucht, auch legt man sie
-geröstet in Säckchen auf schmerzende Stellen. -- Die Kolbenhirse
-(~élymos~) heißt auch ~melínē~; sie ist ein der Rispenhirse ähnliches
-Getreide, wird ebenso zu Speise und Arznei gebraucht, hat aber weniger
-Nährkraft als jene.“
-
-Eine etwas größere Rolle als in Griechenland, wo sie im ganzen nur
-geringe Bedeutung erlangte, spielte die Hirse bei den Volksstämmen
-Italiens. Auch bei ihnen wurden beide Arten gepflanzt, die Rispenhirse
-als ~milium~ und die Kolbenhirse als ~panicum~. Letzterer Name hängt
-mit ~panis~ = Brot zusammen und beweist, daß das Mehl der Kolbenhirse,
-wie schon bei den neolithischen Pfahlbauern, vorzugsweise zu
-fladenartigem, nicht getriebenem Brot verbacken wurde, während man aus
-dem gemahlenen Korn der Rispenhirse mit Vorliebe einen in der Regel
-nur mit Wasser, ausnahmsweise mit Milch gekochten Brei herstellte.
-In seiner Naturgeschichte sagt Plinius: „Die Rispenhirse (~milium~)
-gedeiht vorzüglich in Kampanien, man kocht dort aus ihr einen weißen
-Brei (~puls~) und bäckt aus ihr ein recht süßes Brot. Die sarmatischen
-Völker (Nomadenvölker im Norden des Schwarzen Meeres, ein Teil der
-Skythen) leben vorzugsweise von solchem Hirsebrei, mischen auch
-rohes Mehl mit Pferdemilch oder mit Blut aus den Schenkeladern des
-Pferdes und essen es so. Die Neger kennen keine andere Feldfrucht als
-Rispenhirse und Gerste. -- Die Kolbenhirse (~panicum~) ist in ganz
-Gallien gebräuchlich; in Italien pflanzt man sie in der Landschaft, die
-der Po durchfließt, und mischt (gemahlene) Saubohnen hinzu, ohne welche
-man dort überhaupt nichts zubereitet. Die pontischen Völker (besonders
-in Kaukasien und dem nördlichen Kleinasien) ziehen die Kolbenhirse
-jeder anderen Speise vor.“ Auch die iberischen Volksstämme bauten ihn
-mit Vorliebe an. So sagt der überaus gelehrte Marcus Terentius Varro
-(116-27 v. Chr.) in seiner Schrift über den Landbau: „In den Erdgruben,
-die man in Spanien zur Aufbewahrung des Getreides anlegt, hält sich
-die Rispenhirse (~milium~) mehr als 100 Jahre lang gut.“ Und der aus
-Spanien stammende Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert
-n. Chr. schreibt: „Zum Getreide kann man auch die Kolbenhirse
-(~panicum~) und die Rispenhirse (~milium~) rechnen. Sie verlangen einen
-leichten, lockeren Boden und gedeihen selbst auf magerem Sand, wenn
-er nur feucht ist und Regen darauf fällt; trockenen und tonigen Boden
-scheuen sie. Vor dem Frühjahr darf man sie nicht säen, weil sie die
-Wärme lieben; die beste Zeit der Aussaat ist Ende März. Die Aussaat ist
-an sich wohlfeil, weil man dem Maß nach nicht viel streut; später macht
-sich aber ein oftmaliges Behacken und Jäten nötig. Die Ernte geschieht,
-bevor die Samen ausfallen, indem man die Samenrispen (~spicae~) mit
-der Hand abpflückt. Man hängt sie alsdann in die Sonne, trocknet sie,
-hebt sie dann auf dem Kornboden auf, und so halten sie sich länger
-als anderes Getreide. Aus der Rispenhirse bereitet man Brot, das
-sich gut essen läßt, solange es noch warm ist. Die Kolbenhirse wird
-durch Stampfen (in Holzmörsern) von der Schale befreit und gibt dann,
-besonders mit Milch gekocht, einen Brei, der nicht übel schmeckt. Die
-Rispenhirse kann ebenso zu Brei gekocht werden.“
-
-Trotzdem die Hirse bei den Volksstämmen Italiens gebaut wurde,
-trat sie, gleich der Gerste, vor dem Spelt und später dem Weizen
-zurück. Nur wenn die letzteren nicht gut gerieten, war man über jene
-mindergeschätzten, aber ausgiebigeren Getreidearten froh. Speziell in
-der Poebene und im südlichen Gallien wurden sie noch lange von den
-dort wohnenden keltischen Stämmen bevorzugt. Als Cäsar die Hafenstadt
-Massalia (das heutige Marseille) belagerte, ernährten sich die
-Einwohner mit alter Hirse und verdorbener Gerste, die sie für derartige
-Zeiten der Not aufgespeichert hatten. In ähnlicher Weise wurden noch zu
-Anfang des 6. nachchristlichen Jahrhunderts während einer Hungersnot zu
-Pavia und Tortona große Mengen von Hirse aus den städtischen Magazinen
-zu sehr niedrigen Preisen an das Volk abgegeben, ein Beweis dafür, daß
-der Hirsebau sich im keltischen Oberitalien auch unter römischer und
-gotischer Herrschaft behauptete.
-
-Bis ins 18. Jahrhundert hinein war der Hirsebau in Mitteleuropa
-ziemlich verbreitet, und bei unseren Vorfahren bildete der Hirsebrei
-neben dem Hafermus die tägliche Morgenkost, die seither durch
-Kaffee und Brot verdrängt wurde. Nur in Nordchina, Zentralasien und
-Südrußland bildet diese Körnerfrucht heute noch eine der wichtigsten
-Getreidearten, die als Brei und Kuchen von jedermann täglich genossen
-wird. Vom Kaspischen Meer bis zur Donaumündung ist die Hirse sogar die
-Hauptnährfrucht, und bis vor 50 Jahren war es in Südrußland allgemein
-geübte Sitte, den Toten außer Brot und Branntwein einen Topf voll
-Hirsebrei mit ins Grab zu geben.
-
-Tiefer nach Afrika hinein drang der Anbau dieser nordischen Hirsearten
-niemals vor, da hier verschiedene einheimische Hirsearten bereits große
-Bedeutung erlangt hatten. Unter ihnen ist vor allem die +Negerhirse+
-(~Pennisetum spicatum~) zu nennen, deren Heimat das tropische Afrika
-ist. Von hier aus drang sie früh nach Ägypten und teilweise auch
-Palästina vor, wo sie schon im Alten Testament als ~duchn~ genannt
-wird, eine Bezeichnung, die heute noch bei den Arabern gebräuchlich
-ist, während die Neger sie gewöhnlich ~mavele~ nennen. Sie wird 2 m
-hoch und bildet walzenförmige Fruchtstände von über 30 cm Länge und
-bis 4 cm Dicke, in denen die Körner sich dichtgedrängt finden. Das
-daraus gewonnene feine Mehl wird, mit Wasser angemacht, zu einer
-wohlschmeckenden Grütze gekocht, die in vielen Gegenden Afrikas die
-Hauptnahrung der Eingeborenenbevölkerung bildet.
-
-Allerdings ist in diesem Kontinente eine andere Hirseart noch viel
-beliebter und deshalb verbreiteter. Es ist dies die +Mohrenhirse+ oder
-das +Neger+- bzw. +Kafferkorn+ (~Andropogon sorghum~), von den Arabern
-~durra~, von den Negern jedoch meist ~mtamma~ genannt. Von ihr gibt es
-eine Menge Varietäten, die 2-7 m hoch werden, bis 1 m lange und 7-10 cm
-breite Blätter treiben und schließlich eine mehr oder weniger gedrängte
-endständige Rispe hervorbringen, an denen die 4-5 mm langen und
-3-4 mm breiten Früchte sitzen. Bei der wilden Urform, dem aleppischen
-Bartgrase (~Andropogon halepense~), die über die wärmeren Gebiete der
-ganzen Erde verbreitet ist und in manchen Gegenden an Wasserläufen
-große Dickichte bildet, fallen die die Ährenpaare tragenden Ästchen des
-Blütenstandes nach der Fruchtreife ab, während sie bei den Kulturformen
-stets erhalten bleiben. Auch werden die Früchte der wilden Form ganz
-und gar von den Hüllspelzen umhüllt, während dies nur bei einer
-einzigen, noch wenig durch Kulturauslese veränderten Kulturform der
-Fall ist. Die zahlreichen Kulturvarietäten unterscheiden sich nun
-durch Gestalt, Größe und Farbe der Hüllspelzen, die von Schneeweiß zu
-Gelb, Rot, Braun und Schwarz wechseln, wie auch durch die Gestaltung
-der Rispe, die bald weitschweifig und flatterig wie bei der Stammform
-ist, bald mehr oder weniger gedrängte, elliptische bis kugelige Kolben
-bildet.
-
-Die Mohrenhirse nimmt mit trockenem, magerem Boden vorlieb und eignet
-sich deshalb besser als irgend eine andere Pflanze zum Anbau in solchen
-tropischen und halbtropischen Gegenden, wo auf eine kürzere Regenzeit
-eine langanhaltende Trockenzeit folgt. Deshalb bildet sie nicht nur in
-Afrika, wo sie heimisch ist und zuerst in Kultur genommen worden zu
-sein scheint, sondern auch in Indien und China die Hauptbrotfrucht,
-die in zahlreichen Spielarten gezogen wird. Aus ihrer Heimat Afrika
-gelangte sie schon zur Zeit der ältesten Dynastien um die Mitte
-des 4. vorchristlichen Jahrtausends nach Ägypten, wo sie neben den
-älteren hier eingeführten Getreidearten als ~boti~ ziemlich häufig
-gepflanzt wurde; wenigstens wird ihre Frucht ziemlich häufig unter
-den Grabbeigaben gefunden, auch ist sie mehrfach deutlich erkennbar
-an den Wänden der Grabkammern abgebildet worden. So findet sich auf
-einem Wandgemälde im Grabe des Amenembe eine Ernteszene der Mohrenhirse
-dargestellt. Die mannshohen, unten hellgrün und oben gelb mit rotem,
-kolbenförmigen Fruchtstand gemalten Halme werden dabei aus dem Boden
-gezogen, in Garben gebunden und nach der Tenne getragen, wo sie
-vermittelst einer Hechel von ihren Körnern befreit werden.
-
-[Illustration: Bild 8. Die Mohrenhirse (~Andropogon sorghum~). Nach
-Hegi.]
-
-Später drang die Mohrenhirse auch nach Westasien vor, ohne daß wir
-allerdings geschichtliche Dokumente dafür besäßen. Noch heute wird sie
-wie in Oberägypten, so in Palästina und Vorderasien ziemlich häufig
-angebaut. In der Folge kam sie auch nach Indien, wo sie um die Wende
-der christlichen Zeitrechnung bereits bekannt war, doch fehlt ein
-Sanskritname für sie. Nach China soll sie angeblich im 4. Jahrhundert
-nach Chr. als „Hirse aus dem Lande Shu“ eingeführt worden sein.
-Heute nährt sich ein großer Teil der ¾ Milliarden Einwohner Indiens
-und Chinas vorzugsweise von dieser Hirseart statt von Reis, wie man
-gewöhnlich annimmt.
-
-In ihrer alten Heimat Afrika ist sie, wie schon der Name Mohrenhirse
-oder Kafferkorn besagt, die weitaus wichtigste Getreidefrucht
-geblieben, aus welcher nicht nur fladenartiges Brot und Brei, sondern
-auch ein als ~merissa~ bezeichnetes, sehr beliebtes Bier hergestellt
-wird. Zu dem Zwecke werden die Körner der Mohrenhirse zuerst in Wasser
-aufgeweicht, sodann vorübergehend in die Erde vergraben, um das Keimen
-derselben zu bewirken. Ist dies erreicht, so werden sie zu einem groben
-Mehl zerstampft, in einem irdenen Topf gekocht und die durch Filtration
-daraus gewonnene klare, zuckerhaltige Flüssigkeit in Kalabassen einer
-langsamen Gärung unterzogen. Nach 1-2 Tagen ist das leicht berauschende
-Getränk fertig.
-
-Die ältesten Griechen und Römer haben die Mohrenhirse nicht gekannt.
-Der erste römische Autor, der uns von ihr berichtet, ist der 79
-n. Chr. beim Vesuvausbruch umgekommene ältere Plinius, der in seiner
-Naturgeschichte schreibt: „Vor etwa zehn Jahren ist in Italien eine
-aus Indien stammende Hirseart (~milium~) eingeführt worden, welche
-dunkelfarbig und großkörnig ist und einen rohrartigen Halm hat. Sie
-wird bis sieben Fuß hoch. Ihre Blütenrispe wird Mähne (~phoba~)
-genannt; sie gibt von allen Getreidearten den höchsten Ertrag,
-von einem einzigen Halme 3 Sextarien (= 1,54 Liter).“ Trotz ihres
-außerordentlichen Ertrages fand sie aber in Italien damals nicht recht
-Eingang, wahrscheinlich weil das dem Roggen ähnliche, schwärzliche
-Mehl den verwöhnten Römern nicht behagte. Kein späterer Autor spricht
-mehr von ihr, so daß wir annehmen müssen, daß sie bald wieder völlig
-aus Italien verschwand. Erst durch die Araber wurde sie wieder in
-die Mittelmeerländer eingeführt. So erwähnt sie aus Italien zuerst
-wieder Petrus de Crescentiis ums Jahr 1300 unter dem Namen ~milica~.
-Doch diente sie damals vorzugsweise als Viehfutter und nur in
-Teuerungszeiten wurde das daraus gewonnene Mehl mit anderem gemischt
-genossen.
-
-Einzig der Umstand, daß diese Getreideart sieben Monate zu ihrer
-Entwicklung bedarf, hat es bewirkt, daß diese sonst so wertvolle,
-ertragreiche Körnerfrucht nicht weiter nordwärts in Europa Verbreitung
-fand. Ihre Nordgrenze findet sie hier in Südtirol, wo sie unter dem
-Namen Sirch gepflanzt wird. Hier scheint aber diese Getreideart früher
-allgemeiner angepflanzt worden zu sein, da bis vor kurzem der Grundzins
-in diesem Korn bezahlt werden mußte. Von hier kommen auch meist die
-abgeernteten und vermittelst metallener Kämme entkörnten Fruchtrispen,
-die man bei uns sehr viel zur Anfertigung von Besen und groben Bürsten,
-die man fälschlicherweise als Reisbesen oder Reisbürsten bezeichnet,
-benutzt.
-
-In der Neuzeit hat sich die Mohrenhirse weitherum, so weit das Klima
-warm genug für sie ist, verbreitet. Auch in Nordamerika wurde sie im
-19. Jahrhundert vielfach angepflanzt, erwies sich aber empfindlicher
-gegen nasse Kälte und bedarf einer höheren Sommerwärme zur Reifung
-ihrer Samen als der dort einheimische Mais. Sie wird wie dieser, nur
-noch enger gepflanzt, außerdem müssen die betreffenden Felder öfter
-gejätet werden, da die jungen Pflänzchen der Mohrenhirse sich langsamer
-als diejenigen des Maises entwickeln, weshalb sie in größerer Gefahr
-sind, vom Unkraut unterdrückt zu werden. Später treiben sie nach dem
-Abschneiden ein zweites Mal Halme, wodurch es möglich wird, nach einer
-Grünfutterernte eine Körnerernte zu gewinnen, vorausgesetzt natürlich,
-daß die klimatischen Verhältnisse es gestatten.
-
-Eine ebenfalls aus Afrika stammende Abart der Mohrenhirse ist die
-+Zuckerhirse+ (~Andropogon saccharatus~), die höher wird als jene und
-eine weitschweifige Rispe besitzt. Auch sie wird weitherum in Afrika
-und anderen Tropenländern ihrer Samen wegen angebaut, die indessen
-nicht so gut schmecken wie diejenigen der Mohrenhirse. Dafür enthalten
-ihre Stengel ziemlich viel Zucker, der sich daraus gewinnen läßt. In
-den weniger heißen Ländern, wo sie ihre Früchte nicht mehr reifen
-läßt, dient sie als nahrhafte Futterpflanze. Auch sie gelangte aus
-ihrer zentralafrikanischen Heimat frühe nach Ägypten und Vorderasien
-und von da nach China, wo sie heute noch als Kao-liang, d. h. große
-Hirse, eine weite Verbreitung besitzt. In letzterem Lande wird sie
-erst zu Beginn der christlichen Zeitrechnung erwähnt, hat sich aber
-dadurch die besondere Gunst der Bevölkerung erworben, daß sich aus dem
-von ihr ausgepreßten Zuckersafte, der dort niemals zur Zuckergewinnung
-benutzt wird, ein beliebtes alkoholhaltiges Getränk herstellen läßt.
-Besonders in der Mandschurei ist dieser Kao-liang das gewöhnliche Korn
-und wird dort in sehr ausgedehntem Maße gepflanzt. In den Berichten
-aus dem japanisch-russischen Krieg konnte man genug von diesen hohen
-Kao-liangkulturen lesen, die den Soldaten gute Deckung und willkommene
-Fourage bot. Zur Gewinnung von Zucker wird dieses Getreidegras
-neuerdings auch in Nordamerika in größerem Maßstab angepflanzt.
-
-Gleicherweise afrikanischen Ursprungs und hier seit sehr alter Zeit als
-Getreide angepflanzt ist die +Negerhirse+ (~Pennisetum spicatum~) --
-nicht mit der Mohrenhirse zu verwechseln.
-
-Diese 1-2 m hohe Hirseart mit 8-10 cm langer und 2-4 cm dicker,
-kolbiger Fruchtrispe spielt heute noch in ihrer Heimat als Nährfrucht
-eine große Rolle und ist bei den Negerstämmen Zentralafrikas ein
-Hauptgegenstand des Hackbaues. Im letzten vorgeschichtlichen
-Jahrtausend muß sie auch nach Ägypten und von da später weiter nach
-Vorderasien gekommen sein; denn zu Beginn des sechsten vorchristlichen
-Jahrtausends erwähnt sie der jüdische Prophet Hesekiel unter dem Namen
-~dochan~ als eine Getreideart Babyloniens, aus der man Brot bereite.
-Dieser Ausdruck hat sich bis heute in der arabischen Bezeichnung
-~duchn~ für Negerhirse erhalten. Sie wird ebenfalls im Orient,
-besonders in Südarabien und in Indien angebaut, und aus ihren Samen
-stellen die Araber ihren Kuskus genannten Fruchtbrei her, der, wenn
-möglich, mit Hammelfett oder Hammelfleisch gekocht wird und so beliebt
-ist, wie anderwärts der damit gekochte Reis.
-
-In höheren Gebirgslagen Abessiniens heimisch und daselbst im großen
-unter dem Namen +Tef+ angebaut, ist eine Art von Liebesgras,
-~Eragrostis abessinica~, die nur 0,5 m hoch wird. Die sehr kleinen,
-kaum hirsekorngroßen, aber sehr zahlreichen Samen liefern der
-gesamten Bevölkerung Abessiniens das allgemeinste und beliebteste
-Brot, das gewöhnlich in eine gepfefferte Fleischsauce getaucht oder
-mit Erbsenbrei, sonst auch nur mit Salz, Pfeffer und Butter gegessen
-wird. Dieses Getreide wurde nach den zahlreichen auf uns gekommenen
-Überresten einst im alten Ägypten häufig angebaut, wird aber dort nicht
-mehr gepflanzt. Heute wird es nur noch in Abessinien bis zu 2200 m über
-Meer in verschiedenen weißen, grünen und roten Spielarten kultiviert.
-Die Ernte geschieht schon 3-4 Monate nach der Aussaat, was ein großer
-Vorzug dieser Brotfrucht ist.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 7.
-
-Mohrenhirse (~Andropogon sorghum~) in Deutsch-Ostafrika (nach Karsten &
-Schenck, „Vegetationsbilder“).]
-
-Endlich ist noch eine rasenartig wachsende, durchschnittlich 1 m hoch
-werdende Getreideart zu erwähnen, der +Korakan+ (~Eleusine coracana~),
-der in Indien seine Heimat hat, aber heute außer dort besonders auch
-im tropischen Afrika bei den Negervölkern als ~uimbi~ sehr viel zur
-Gewinnung von Brot und Bier angepflanzt wird. Auch von ihr gibt es
-eine Menge von Kulturformen, die sich in den verschiedenen Gegenden
-ihres Kulturgebietes ausbildeten. In Ostafrika wird sie in höheren
-Lagen, oft mit größerer Sorgfalt als es sonst zu geschehen pflegt, in
-wohlbewässerten Feldern angebaut.
-
-[Illustration:
-
- (Nach Photographie von Apotheker Max Dietrich, Rietschen O. L.)
-
-Buchweizenfeld.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 8.
-
-Landschaft auf Sumatra mit als Sawahs bezeichneten Reisfeldern; rechts
-unten befindet sich ein Wächterhäuschen. Im Hintergrund führt eine aus
-Bambusrohr errichtete Brücke über den Fluß.]
-
-[Illustration: Bild 9. Der Buchweizen (~Fagopyrum esculentum~).]
-
-Außer den bisher betrachteten Grasarten, die bekanntlich alle monokotyl
-sind, hat auch eine dikotyle Pflanze aus der nächsten Verwandtschaft
-der Knöteriche, der +Buchweizen+ (~Fagopyrum esculentum~), ein
-naher Verwandter von Sauerampfer und Rhabarber, einige Bedeutung
-als Getreidefrucht erlangt. Mit zwei anderen Polygonumarten, deren
-Kultur auf Zentralasien beschränkt blieb, hat er seine Heimat in der
-nördlichen Mongolei und Mandschurei, dann um den Amur- und Baikalsee
-herum, wo er heute noch wild gefunden wird. Er ist ein einjähriges,
-bis 60 cm hoch werdendes Kraut, mit gestielten, herzförmigen Blättern,
-weißen oder rötlichen Blüten und dreikantigen, glänzendbraunen Nüßchen,
-die den Bucheckern ähnlich sind und deshalb diesem Getreide den Namen
-Buchweizen verschafften. Er ist höchst anspruchslos in bezug auf den
-Boden und wächst noch im magersten Sande. Dann hat er entsprechend
-seiner asiatischen Heimat mit kurzen, warmen Sommern und langen, kalten
-Wintern eine kurze Vegetationsperiode und empfiehlt sich durch seine
-schmackhaften Früchte, während die Blüten eine gute Bienenweide liefern.
-
-Als Kornfrucht wird der Buchweizen besonders in Rußland viel
-angepflanzt und daraus Grütze und Kuchen bereitet. Wer je jenes Land
-bereist hat, dem werden die besonders zu Festzeiten in gewaltigen
-Mengen verspeisten ~blini~, d. h. Pfannkuchen aus Buchweizenmehl,
-aufgefallen sein, die in recht viel Butter dünn wie Papierblätter oder
-auch dicker gebacken werden. Mit saurer Sahne und ausgelassener Butter
-vorgesetzt, bilden sie einen Leckerbissen hocheleganter Diners wie der
-einfachsten Bauernkost. Wer es vermag, leistet sich als Zukost dazu
-geräucherten Lachs und Kaviar.
-
-Wie in ganz Rußland, so hängt heute noch auch in Norddeutschland der
-gemeine Mann von alters her an seiner Grütze aus Buchweizen, dessen
-Körner als Mastfutter denselben Wert wie Gerste und als Pferdefutter
-einen größeren als Hafer besitzen. Da die Buchweizenkörner mit einer
-sehr harten Schale umgeben sind, so müssen sie immer zuerst geschrotet
-werden, bevor sie als Futter dienen. Gemahlen werden sie, meist mit
-Weizenmehl vermischt, zu Brot verbacken. Auch als Grünfutter wird der
-Buchweizen angebaut und dient sehr häufig als Gründünger.
-
-Im nördlichen China und in Japan wird er viel angebaut, erst seit
-kurzem auch in Nordindien und auf Ceylon. Die alten Kulturvölker in
-Vorderasien und am Mittelmeer kannten ihn nicht. Erst zu Ausgang des
-Mittelalters kam er nach Europa. Seine früheste Erwähnung findet sich
-im Zinsregister des mecklenburgischen Dorfes Gadebusch (bekannt durch
-den Heldentod des Dichters Theodor Körner) vom Jahre 1436, und 1546
-gab Hieronymus Bock eine genaue Beschreibung der damals noch nicht
-allgemein in Deutschland bekannten Pflanze. In Süddeutschland nennt
-man ihn gewöhnlich Heidekorn, d. h. ein von den Heiden gekommenes
-Getreide. Ein anderer deutscher Name ist Taterkorn, was so viel
-bedeutet als Brotfrucht der Tataren. Jedenfalls haben diese den
-Buchweizen nach Rußland übermittelt und hat Viktor Hehn Unrecht, wenn
-er das seltsame, aus Nordindien stammende und erst im Jahre 1417 in
-Mitteleuropa auftauchende Wandervolk der Zigeuner, das ums Jahr 1000
-aus seiner ursprünglichen Heimat zunächst nach Persien und Armenien
-auswanderte, dann längere Zeit in Ländern griechischer Zunge, und
-zwar wahrscheinlich Kleinasien, umherzog, in diesen Tatern erblickt.
-Da diese ruhelos umherschweifenden Stämme keinen Ackerbau treiben, so
-können sie auch unmöglich Verbreiter einer besonderen Kornart gewesen
-sein, das zudem in ihrer ursprünglichen Heimat ganz unbekannt war.
-
-Während der Buchweizen im Norden über Rußland nach Deutschland kam,
-scheinen ihn die Franzosen erst durch die Vermittlung der Araber
-(Sarazenen) erhalten zu haben, da sie ihn als ~blé sarasin~ bezeichnen.
-Die ums Jahr 1225 unter dem Drucke der Mongolen aus Zentralasien
-nach Vorderasien ausgewanderten Türken werden diese Kornfrucht nach
-Armenien gebracht haben, von wo aus sie bei der Ausdehnung der
-Türkenherrschaft nach Kleinasien und in die Länder am östlichen
-Mittelmeer gelangte. Durch die im späteren Mittelalter als Seeräuber
-das ganze Mittelmeer unsicher machenden Araber, die gewöhnlich als
-Sarazenen bezeichnet wurden, scheint der Buchweizen an die Gestade
-des westlichen Mittelmeers verbreitet worden zu sein; daher rührt
-wohl die französische Bezeichnung her. Zu Ende des 16. Jahrhunderts
-bildete er schon ein ziemlich allgemeines Nahrungsmittel der Armen
-in manchen Gegenden Frankreichs. Im 18. Jahrhundert wurde er durch
-ganz Europa und seit dem 19. auch in Nordamerika kultiviert. Wie
-in Norddeutschland und bei den Slawen ist er in manchen Tälern der
-Ostalpen eine beliebte Brotfrucht, so besonders in Tirol, wo er Plent
-heißt (aus dem Italienischen ~polenta~) und das aus seinem nahrhaften
-Mehl hergestellte Gericht Sterz genannt wird.
-
-Kräftiger, dauerhafter und im Ertrag sicherer, wenn auch mit weniger
-ausgiebigem, dickschaligem und nicht so wohlschmeckendem Korn, das
-zudem auch leichter bei der Reife ausfällt, ist der aus Sibirien
-stammende +tatarische Buchweizen+ (~Fagopyrum tataricum~). Er besitzt
-wie der gemeine Buchweizen saftige, ästige, meist rotgefärbte Stengel
-mit herzförmigen, gestielten Blättern, aber in schlaffe Trauben
-geordnete grünliche Blüten und an den Kanten buchtig gezähnte Nüßchen.
-Deutsche Botaniker brachten ihn im 18. Jahrhundert aus Sibirien, wo er
-schon lange kultiviert wird, nach St. Petersburg, von wo aus er über
-Europa verbreitet wurde. Da er aber ein bitteres und schwärzeres Mehl
-als der gemeine Buchweizen liefert, wird er meistens nur zu Grünfutter
-verwendet.
-
-
-
-
-III.
-
-Die Getreidearten.
-
-Reis und Mais.
-
-
-So wichtig die bisher von uns betrachteten Grasarten als Körnerfrüchte
-für die Existenz des Menschen waren, so kann doch keine dieser
-Nährpflanzen es an Bedeutung und weiter Verbreitung mit dem +Reis+
-(~Oryza sativa~) aufnehmen, von dem reichlich die Hälfte aller
-Menschen, d. h. etwa 750 Millionen, mehr oder weniger lebt. Vor allem
-sind es die Asiaten, die vorzugsweise oder fast ausschließlich von
-ihm leben, indem sie seine in kochendem Wasser erweichten Körner fast
-ohne Zutat, mit fettem Hammelfleisch als Pilau in Vorderasien, oder
-mit allerlei scharfen Gewürzen und Fisch- oder Hühnerfleisch in Süd-
-und Ostasien, verzehren. Aus gemahlenem Reis werden in Indien die
-verschiedensten Speisen, auch Brot, zubereitet. In Ostasien, besonders
-in Japan, werden die drei täglichen Mahlzeiten nach dem Worte für
-gekochten Reis als Morgen-, Mittag- und Abendreis bezeichnet. In
-Japan setzen arme Gebirgsbewohner, die sich mit Buchweizen, Gerste
-und Weizen begnügen müssen, wenigstens Greisen, Kindern und Kranken
-Reis als Speise vor. Während in China, Korea und Japan der Reis die
-hauptsächlichste Körnerfrucht ist, heißt er in Indien und Hinterindien
-das Getreide schlechtweg.
-
-Im tropischen Australien, durch ganz Südasien bis nach Westafrika kommt
-in sumpfigen Gebieten, selbst in Gegenden, wo der Mensch ihn nicht
-anbaut und auch nie angebaut hat, so daß ein Verwildern ausgeschlossen
-ist, der wilde Reis vor, der sich nur darin vom langbegrannten
-Kulturreis unterscheidet, daß seine Früchte nach dem Reifen abfallen,
-eine Eigenschaft, die fast alle wilden Getreidearten im Gegensatz zu
-den Kulturformen besitzen. Im oberen Niltale, wo er nach Schweinfurth
-die Gewässer massenhaft bedeckt, werden die von den Eingeborenen
-hochgeschätzten Früchte des wilden Reises aus dem Wasser geschöpft,
-um als willkommene Speise zu dienen. Auch sonst überall werden seine
-abfallenden Früchte von den auf der Stufe der Sammler lebenden
-Naturvölkern regelmäßig gesammelt und nach leichter Röstung im Feuer,
-wodurch der mehlige Inhalt der Körner aufquillt und so der Verdauung
-leichter zugänglich gemacht wird, als beliebte Zukost zur tierischen
-Nahrung gegessen. Ganz in derselben Weise wird in Nordamerika der in
-seichten Gewässern, wie am Ufer der Seen und Ströme der Nordweststaaten
-der Union und im südlichen Kanada wildwachsende +Tuscarora+- oder
-+Wasserreis+ (~Zizania aquatica~), der 2-2,5 m hoch wird und eine
-beliebte Nahrung für die Fische und Wasservögel bildet, auch von den
-Indianern gesammelt und verspeist. Doch ist die Pflanze nicht wie der
-Reis durch Veredlung zur Kulturpflanze erhoben worden, obwohl sie
-dieselben guten Eigenschaften wie jener aufweist.
-
-Welches Volk den Reis zuerst in seine Pflege nahm und durch zielbewußte
-Kulturauslese die große Brüchigkeit seiner Ährenspindel beseitigte, so
-daß die Frucht am Halme geerntet zu werden vermochte, das können wir
-nicht mehr feststellen. Nur das eine wissen wir, daß diese bedeutsame
-Kulturtat irgendwo in Südasien geschah, und zwar wahrscheinlich
-in Hinterindien. In Südchina finden wir dieses Getreide zuerst in
-größerem Maßstabe angebaut. Schon im Jahre 2800 v. Chr. hat nach dem
-altchinesischen Werke Schu-King der bereits erwähnte Kaiser Schen-nung
-die fünf heiligen Erntegewächse, außer Hirse, Weizen, Gerste und
-Sojabohnen auch den Reis als eines der wichtigsten Nahrungsmittel
-des Menschen beim Frühjahrsfeste selbst gepflanzt, um durch diese
-feierliche Handlung dem Volke die Wichtigkeit des Anbaues derselben
-vor Augen zu führen. Im Jahre 2356 v. Chr. ließ dann der Kaiser Jao am
-Jang-tse-Kiang ausgedehnte Bewässerungsanlagen zur Erleichterung der
-Reiskultur anlegen und regelte durch bestimmte Gesetze die Verteilung
-der Einkünfte von den Reisfeldern. Von China gelangte der Reisbau früh
-schon nach Korea und Japan, wie er von Hinterindien aus nach Indien
-gebracht wurde, um von da auch nach den Sundainseln und Philippinen,
-wie auch nach Ceylon zu wandern. Auf der Insel Java soll der Legende
-zufolge der Reis bereits im Jahre 1084 v. Chr. angepflanzt worden
-sein. Aus Indien kam die Reiskultur während der ersten Hälfte des
-letzten vorchristlichen Jahrtausends nach Persien, von da westwärts
-in die durch ihren Wasserreichtum zu seinem Anbau sehr geeignete
-Euphratniederung und erst spät in die Länder am Mittelmeer. Auf dieser
-Wanderung veränderte sich die indische Sanskritbezeichnung dieser
-Nährfrucht ~vrîhi~ in ~brizi~ der iranischen Sprachen, und, aus dem
-Altpersischen entstellt, erhielten die Griechen ihre Benennung ~óryza~,
-aus dem sich dann die verschiedenen neusprachlichen Benennungen, auch
-das deutsche Reis, herausbildeten.
-
-Die alten Babylonier und Ägypter kannten dieses südasiatische Getreide
-so wenig als die Juden des Alten Testaments. Erst durch die Feldzüge
-Alexanders des Großen trat es in den Gesichtskreis der Kulturvölker am
-Mittelmeer, nachdem manche weitgereiste Griechen, wie beispielsweise
-Herodot, schon vorher unbestimmte Kunde von einer in Indien wachsenden
-Pflanze erhalten hatten, deren Körner von der Größe eines Hirsekorns in
-einer Hülse stecken, mit der letzteren gekocht und so gegessen werden.
-Die erste sichere Nachricht über den Reis verdanken wir Aristobulos,
-einem Begleiter Alexanders des Großen auf seinen Heerzügen in Asien von
-334-324 v. Chr., der im hohen Alter eine Geschichte des ruhmreichen
-Königs und seiner Feldzüge, verbunden mit einer Naturschilderung der
-von jenem durchzogenen Länder verfaßte. Seine Schrift ist uns nicht
-erhalten; aber der zur Zeit Cäsars und Augustus’ lebende griechische
-Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien, daher Siculus genannt, teilt
-uns folgenden Passus daraus mit: „Aristobulos sagt, der Reis (~óryza~)
-stehe in Indien auf Beeten, die eingedämmt und mit Wasser bedeckt
-sind. Die Höhe dieser Pflanze betrage vier Ellen; sie trage viele
-Ähren und viele Körner, reife zur Zeit, da die Plejaden untergehen
-und werde wie der Spelt durch Stampfen enthülst. Er wachse auch in
-Baktriana, Babylonien, Susis und im unteren Syrien.“ Also nicht bloß
-in Indien, sondern auch schon am oberen Oxus und in Vorderasien
-wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. diese wasserliebende Getreidepflanze
-kultiviert. Auch des Aristobulos Zeitgenosse Theophrast (390-286), der
-von Teilnehmern am berühmten Alexanderzuge diesbezügliche Mitteilung
-erhielt, beschreibt uns die Nährpflanze ganz richtig: „Die Indier bauen
-den sogenannten Reis (~óryzon~) in Menge an und kochen daraus Brei
-(~hépsaina~). An sich sieht er dem Spelt (~zeiá~) ähnlich, enthülst
-aber den Graupen (~chóndros~). Er ist leicht verdaulich (~éupeptos~).
-Die Pflanze sieht dem Taumellolch (~aíra~) ähnlich, muß lange Zeit
-hindurch im Wasser stehen, bildet aber keine Ähre, sondern eine Rispe
-wie die Rispenhirse (~kénchros~) und die Kolbenhirse (~élymos~).“
-Selbst sein, wie auch vordem Alexanders des Großen Lehrer, Aristoteles,
-der ein Jahr nach des letzteren unerwarteten Tod in Babylon, nämlich
-322 in Chalkis auf Euböa starb, also von dem 327 erfolgten Eindringen
-seines vormaligen Zöglings in Indien noch Kenntnis erhalten hatte,
-berichtet in seiner Tiergeschichte von einem aus Reis gewonnenen Wein,
-indem er sagt: „Wenn die Elefanten von einem eisernen Geschoß verwundet
-sind, so gibt man ihnen Öl zu trinken; wollen sie dieses nicht, so gibt
-man ihnen eine abgekochte Mischung von Öl und Reiswein (~oínos orýzas~,
-also nach unserem Sprachgebrauch Arrak).“ Später erwähnt solchen auch
-Strabon. Er sagt nämlich: „Die Indier sind sehr mäßig, trinken nur bei
-Festen Wein, und dieser ist aus Reis gemacht statt aus Gerste. Ihre
-Hauptspeise ist Reisbrei.“ Dieser Geschichtschreiber berichtet auch bei
-der Erzählung der Kämpfe zwischen Eumenes und Seleukos, daß ersterer
-wegen Getreidemangels seine Truppen in der persischen Hochebene mit
-Reis, Sesam und Datteln ernährt habe, mit welchen Produkten jene Gegend
-reich gesegnet sei!
-
-Der ums Jahr 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebende griechische
-Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten schreibt in seinen 15
-Büchern ~Deipnosophistai~, die wichtige Nachrichten über Leben, Sitte,
-Kunst und Wissenschaft der alten Griechen enthalten, daß Megasthenes,
-der unter dem 281 von Ptolemaios Keraunos ermordeten König Seleukos
-Nikator von Syrien Agent und als solcher in Indien gewesen war, in
-seinem von Indien handelnden Buche berichtet, daß dort bei Gastmählern
-einem jeden ein Tischchen vorgesetzt werde. Auf dieses werde eine
-goldene (tatsächlich wie Gold aussehende Messingschüssel) Schüssel mit
-gekochtem Reis gestellt und dazu noch allerlei gute Gaben gereicht. Von
-der dazu damals schon gebräuchlichen scharfen Currysauce berichtet er
-uns nicht, obschon er wohl selbst an solchem Mahle teilgenommen hat.
-
-Sehr merkwürdig ist, daß, nachdem die Griechen eine solche richtige
-Vorstellung der Reispflanze gehabt hatten, der gelehrte Römer Plinius
-der Ältere (23-79 n. Chr.) eine solch falsche Beschreibung derselben,
-die nach ihm fleischige Blätter haben soll, in seiner Naturgeschichte
-liefern konnte. Bei den Griechen und Römern war der Reis eine für
-die bürgerliche Küche durchaus ungebräuchliche Speise, obschon er in
-späterer Zeit, um die Wende der christlichen Zeitrechnung, infolge der
-regen Handelsverbindungen mit dem Osten zu recht billigem Preise zu
-haben war. Rät doch der Dichter Horaz (65-8 v. Chr.) in einer seiner
-Satiren einem Geizigen: „Ist dein Magen leer, so fülle ihn noch mit
-einem Reisbrei (~ptisanarium oryzae~, d. h. Abkochung von Reis), der
-nicht teuer ist; für acht As (etwa 32 Pfennig) bekommst du eine
-Portion, mit der du den Bauch gehörig füllen kannst.“ Selbst bei den
-nach fremdländischen Erzeugnissen begierigen Reichen fand er keinen
-rechten Beifall. Er wurde vielmehr von den griechischen Ärzten, die
-zwar selbst keine sehr hohe Meinung von seiner Verdaulichkeit und
-seinem Nährwerte hatten, hauptsächlich als Krankenspeise verordnet. So
-nennt ihn Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. mäßig nahrhaft, und
-Galenos im 2. Jahrhundert n. Chr. als schwerer verdaulich als Graupen
-(~chóndros~), dabei weniger nahrhaft und nicht so wohlschmeckend wie
-diese.
-
-Wie im Altertum blieb der Reis das ganze Mittelalter hindurch erst
-recht eine Luxusnahrung der südeuropäischen Bevölkerung, die auch nur
-spärlich als Leckerei in die Länder nördlich der Alpen gelangte, wo
-diese Kornfrucht bis in unsere Zeit bei der großen Menge, namentlich
-bei der ländlichen Bevölkerung, einen nur bei Krankheit oder als
-Festspeise mit Milch, Mandeln und Zucker verspeisten Luxusartikel
-bildete. Auch haben weder die Römer, noch die Byzantiner je den
-Versuch gemacht, die Reispflanze im Abendlande selbst zu kultivieren.
-Dies taten erst die Araber, die ihn zu Ende des 7. Jahrhunderts, als
-sie erobernd nach Westen bis an die Gestade des Atlantischen Ozeans
-vordrangen und den unterjochten Ländern ihre Kultur aufzwangen, aus
-Syrien nach Ägypten und ganz Nordafrika, und im 8. Jahrhundert auch
-nach Spanien und Sizilien brachten. Bei ihrem Bestreben, die von
-ihnen gewonnenen Länder nach dem Abbilde derer, aus denen sie kamen,
-einzurichten, führten sie überall, wohin sie erobernd gelangten, die
-Reiskultur als diejenige ihres Lieblingskornes ein. Überall legten sie
-Kanäle und Rieselfelder zur Anpflanzung dieser Sumpfpflanze an und
-verhandelten den Überschuß ihrer Ernten an die umwohnenden christlichen
-Völker.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 9.
-
-Singhalesen auf Ceylon beim Pflügen eines unter Wasser gesetzten
-Reisfeldes mit Hilfe von Büffeln.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 10.
-
-Unter Wasser gesetzte Felder mit angepflanztem Reis auf Sumatra.
-Links auf einer Erhöhung die aus Palmblättern erbaute Hütte des die
-Reispflanzungen bei der Fruchtreife hütenden Malaien.
-
-Das Pflanzen der Reissetzlinge in Japan.]
-
-Nach der Eroberung der maurischen Königreiche, deren letzten Rest,
-Granada, Ferdinand V., der Katholische, von Aragon im Jahre
-der Entdeckung Amerikas, 1492, gewann, gingen die ausgedehnten
-arabischen Reisfelder in den Besitz des letzteren über. Und da
-glücklicherweise keine religiösen Bedenken die Fortsetzung der Werke
-der Ungläubigen verboten, wurde von der christlichen Bevölkerung
-Spaniens auch der muhammedanische Reisbau übernommen. Und als zu
-Anfang des 16. Jahrhunderts sich die spanische Macht in Neapel und
-bald auch in Oberitalien festsetzte, wurde der Anbau des Reises auch
-dahin verbracht und bald ebenfalls nach Südfrankreich ausgedehnt;
-um so mehr, als er einträglicher war als die bisher hier gebaute
-gewöhnliche Körnerfrucht. Bloß das dadurch bedingte Überhandnehmen
-des Sumpffiebers, der Malaria, ließ in der Folge mehr und mehr eine
-Einschränkung seines Anbaus durch die Obrigkeit aufkommen. So durften
-die Reisfelder nicht zu nahe bei den menschlichen Wohnungen sein.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 11.
-
-Das Entkernen des Reises in Japan.
-
-Das Dreschen zur Enthülsung des Reises in Japan.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 12.
-
-Singhalesinnen auf Ceylon mit einem zum Enthülsen des Reises dienenden
-Holzstampfer, mit einer Worfel zum Säubern und einem Tonkrug zum Kochen
-des enthülsten Reises.]
-
-Ziemlich spät erst gelangte die Reiskultur nach Nordamerika. Als
-erster erhielt im Jahre 1647 der englische Gouverneur des Staates
-Virginia, Sir William Berkeley, aus seiner Heimat einen halben Bushel,
-d. h. 18 Liter Reissaat, die 16 Bushel, d. h. 576 Liter guten Reis
-lieferten; jedoch währte es bis zum Jahre 1694, bis die Reiskultur in
-Nordamerika als wirklich eingeführt gelten konnte. In diesem Jahre
-lief ein holländisches Schiff, von Madagaskar kommend, den Hafen von
-Charleston in Südkarolina an. Bei dieser Gelegenheit machte der Kapitän
-dem Gouverneur Thomas Smith einen Besuch und schenkte ihm auf dessen
-Bitte einen kleinen Sack Reissaat, den er zufällig an Bord hatte. Smith
-wollte versuchen, auf einem sumpfigen Stück Land, das ihm gehörte, den
-Reis anzupflanzen; und dieser Versuch fiel glänzend aus. Er war der
-erste Anfang der blühenden Reiskultur in Südkarolina, das heute noch
-das Renommee besitzt, den besten Reis zu pflanzen. Allerdings stammt
-heute ein großer Teil dessen, was als Karolinareis im Handel verkauft
-wird, aus Java. Schon im Jahre 1724 wurden etwa 18000 Faß Reis aus dem
-Staate Karolina ausgeführt, doch blieben hier auch später Mais und
-Weizen das wichtigste Nahrungskorn der Bevölkerung, während er in Asien
-fast das ausschließliche Nahrungsmittel der Reis bauenden Bevölkerung
-bildet. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam die Reiskultur auch nach
-Brasilien, wo die Pflanze in der Folge teilweise verwilderte.
-
-Heute wird der Reis in allen Weltteilen gebaut, soweit die sommerliche
-Hitze wenigstens vier Monate andauert und 29° C. erreicht, wenn auch
-immer noch Südasien den Löwenanteil an seinem Anbau aufweist und drei
-Viertel allen im Welthandel vorkommenden Reises von Bengalen und
-Burma geliefert werden. Das Anbaugebiet, das nur von einigen Ländern
-genau bekannt ist, kann man für die ganze Erde auf etwa 700000 qkm
-abschätzen, eine Jahresernte auf 120 Milliarden kg und deren Wert auf
-6000 Millionen Mark veranschlagen. Davon erntet Britisch-Ostindien
-jährlich 25 Milliarden kg, von denen es 1700 Millionen kg jährlich
-exportiert. Auf Java beträgt die Produktion etwa 3 Milliarden kg;
-Kochinchina führt etwa 700 Millionen kg und Siam 500 Millionen kg aus.
-Japan erntet etwa 3 Milliarden kg, die Vereinigten Staaten dagegen nur
-64 Millionen kg, wovon 10 Millionen kg als Karolinareis zur Ausfuhr
-gelangen. In Europa wird in der Poebene etwa 1 Milliarde kg Reis von
-200000 Hektaren geerntet, dann kommt Spanien mit 20000 und Portugal mit
-4000 Hektaren Reisland. Auch in Griechenland wird etwas Reis gebaut,
-und sogar im Rhonetal in Frankreich. Doch ist diese Kultur nur von
-geringer Bedeutung.
-
-Infolge der mehrtausendjährigen Kultur in den verschiedensten Klimaten
-und Nährböden hat der Reis zahllose Varietäten gebildet, die sich gar
-nicht überblicken lassen. Im Museum von Kalkutta findet man nicht
-weniger als 1104 verschiedene Sorten Reis, die in Britisch-Indien
-kultiviert werden; außerdem figurieren dort noch weitere 300
-verschiedene Arten Reis aus anderen Gegenden. Auf Ceylon allein sollen
-161 verschiedene Arten Reis angepflanzt werden, und in Hinterindien,
-China und Japan sollen mehr als 1400 Sorten desselben existieren. Alle
-diese Arten sind aber nur Kulturvarietäten einer einzigen botanischen
-Spezies, die von den Gelehrten eben ~Oryza sativa~ genannt wird.
-
-Bei der edelsten Sorte desselben bleiben die einzelnen Körner nach
-dem Dämpfen getrennt und verkleben nicht, im Gegensatz zu dem außer
-Stärkemehl einen hohen Gehalt an Amylodextrin besitzenden Klebreis,
-dessen längliche, durch hellrote Farbe ausgezeichneten Körner beim
-Garwerden zusammenkleben und bald in Brei übergehen. Doch kommt diese
-letztere Sorte kaum je zu uns und wird dann vorzugsweise zu Backwerk
-verwendet. Was wir als Reiskleister essen, ist nur der in der Küche
-durch falsche Zubereitung verdorbene gute, nicht klebende Reis. Um
-dieses herrliche Nahrungsmittel mit Genuß essen zu können, muß es in
-der richtigen Weise zubereitet werden, was folgendermaßen geschieht:
-Nach gründlicher Waschung wird die betreffende Menge Reis mit reichlich
-Wasser aufs Feuer gesetzt und darin gekocht, bis er gar ist, d. h.
-man nimmt von Zeit zu Zeit einzelne Körner desselben heraus und sucht
-sie zwischen den Fingern zu zerdrücken. Sobald dies geschehen kann,
-wird das Wasser abgegossen, der Reis gut durcheinander gemischt und
-der betreffende Topf mit dem Deckel geschlossen, um den Inhalt noch
-durch den heißen Dampf gar werden zu lassen. Solchermaßen zubereiteter
-Reis wird nie klebrig oder gar kleisterig und ist erst das, was die
-Reiskenner unter gut zubereitetem Reis bezeichnen, der als Bestandteil
-der indisch-holländischen Reistafel oder nach indischer Art nur mit
-Fleisch und Curry versetzt gegessen wird und eine Delikatesse ersten
-Ranges ist, die einem den Speichel im Mund zusammenfließen macht, wenn
-man nur daran denkt.
-
-Alle Reisarten, mögen sie von zwergigen oder hochwachsenden Sorten
-stammen, begrannte und grannenlose Früchte mit kleinen oder großen
-Körnern tragen, früh oder spät reifen, weiße, gelbe, rote, braune oder
-schwarze, behaarte oder unbehaarte Früchte mit weichen oder harten
-Körnern erzeugen, verlangen wenigstens eine periodische Bewässerung,
-welche die Reiskultur treibenden Gegenden so stark versumpft und
-in ihnen die Entstehung von Wechselfieber begünstigt, daß diese
-Körnerfrucht beispielsweise in Italien nur in größerer Entfernung von
-bewohnten Ortschaften gebaut werden darf.
-
-Schon an den Nährsalzen der Frucht erkennt man, daß der Reis von einer
-Wasserpflanze stammt, die sich im Gegensatz zu den übrigen Körner-
-oder gar Knollenfrüchten dem Leben auf dem Lande durchaus noch nicht
-angepaßt hat. Wie alle Tiere, sind auch alle Pflanzen, die einst in
-frühester Urzeit dem Meere als dem Ursprung alles Lebens entstiegen
-und sich, von Luft statt Wasser umgeben und in Licht gebadet, dem
-Leben am Lande anpaßten, ursprünglich, der salzigen Flut, in der sie
-einst lebten, entsprechend, sehr kochsalz- und dadurch natronreich.
-Die Pflanzen haben sich nun als sehr viel früher dem Leben am Lande
-angepaßte und durch ihre Assimilation überhaupt erst den Tieren die
-Existenz daselbst ermöglichende Lebewesen sehr viel mehr von ihrer
-natronreichen Urheimat, dem Meere, emanzipiert und das Natron in ihren
-Geweben durch das Alkalimetall des Erdbodens, das Kali, ersetzt, und
-zwar um so weitgehender, je landfester sie wurden. Nun ist der Reis das
-kaliärmste und dadurch das für die Nieren reizloseste Nahrungsmittel,
-das wir kennen, das besonders allen Nierenkranken nicht warm genug kann
-anempfohlen werden. Milch enthält schon 5mal, Mehlspeisen 6mal, Erbsen
-12mal, Rindfleisch 19mal, Bohnen 21mal und Kartoffeln gar 26-28mal mehr
-Kalisalze als der Reis.
-
-Trotz dieses großen Vorzuges spielt aber der Reis leider in
-unserer Ernährung nicht die Rolle, die ihm gemäß seiner großen
-Leichtverdaulichkeit und Nahrhaftigkeit zukommen sollte. In letzter
-Zeit ist zwar darin eine erhebliche Besserung eingetreten; denn noch
-vor hundert Jahren galt der Reis als Luxusartikel, den man höchstens
-etwa bei festlichen Anlässen zu einer süßen Platte verwendete.
-Damals war der jährliche Verbrauch nicht mehr als 100 g pro Kopf der
-Bevölkerung Deutschlands, während er heute doch wenigstens auf 2,5 kg
-jährlich für jeden Einwohner dieses Reiches gestiegen ist. Aber das ist
-wahrhaftig nicht viel, im Vergleich mit der Unmenge von Kartoffeln,
-die die Deutschen genießen. Der Engländer, der die Kartoffeln auch
-nicht verschmäht, ißt dreimal mehr Reis als der Deutsche. Deutschland
-führt jährlich Reis im Werte von 40-50 Millionen Mark ein, davon
-verzehrt es aber nur für 30 Millionen Mark; der Rest wandert, meist als
-Reisstärke, wieder nach dem Ausland.
-
-[Illustration: Bild 10.
-
-Der Reis (~Oryza sativa~). Nach Hegi.]
-
-Der Kulturreis ist wie alle Getreidearten eine einjährige Pflanze,
-die auf einem durchschnittlich 1,2 m hohen, nicht sehr kräftigen,
-hohlen Halme mit verhältnismäßig breiten, 30 cm langen, am Rande etwas
-scharfen und an der Basis bewimperten Blättern eine endständige,
-überhängende Rispe mit einblütigen Ährchen und 30-60, ja sogar 100 und
-mehr Samenkörner entwickelt. Aus praktischen Gründen unterscheidet
-man +Wasser+- und +Bergreis+, die abweichende Anforderungen an den
-Boden stellen. Beide verlangen zu ihrer Entwicklung eine Wärme, wie
-sie nur in der heißen Zone und in den wärmeren Gegenden der gemäßigten
-Zone gefunden wird. Nur in Gegenden, in denen es ununterbrochen 4
-Monate hindurch heiß ist, gedeiht der Wasserreis, der zwar viel
-Bodenfeuchtigkeit, aber keine allzugroße Luftfeuchtigkeit verlangt.
-Überall da, wo in den Tropen während 10 Monaten eine ziemlich
-gleichmäßige Temperatur herrscht, können 2 Jahresernten von demselben
-Felde eingeheimst werden. Der Bergreis verträgt eine kühlere Temperatur
-als der sonst ertragreichere und ausschließlich in den Welthandel
-gelangende Wasserreis. Daher sehen wir in Südasien sein Anbaugebiet
-im Gebirge aufwärtssteigend da beginnen, wo dasjenige des letzteren
-aufhört. Es ist dies bei einer Erhebung von 1000 m der Fall. Von da bis
-zu 1600 m Höhe liefert er sichere Erträge; denn sein Anbau wird in die
-warme Jahreszeit verlegt und seine Entwicklung nimmt im Gegensatz zum
-Wasserreis, der meist 5 bis 6 Monate zur Vollendung seines Wachstums
-bedarf, nur 4 Monate in Anspruch. Unter 1000 m würde der Bergreis zwar
-auch noch gedeihen, aber bei vorhandenen Wachstumsbedingungen wird der
-Wasserreis vorgezogen, der mehr und bessere Frucht gibt.
-
-Ein leichter, etwas sandiger Boden in ebener Lage ist dem Bergreis
-am förderlichsten, während der Wasserreis tonigen Boden mit schwach
-sandiger Krume vorzieht. Ein Reisfeld darf nicht die geringste
-Beschattung, weder von Bergen, noch Bäumen haben, sondern muß tagsüber
-dem vollen Sonnenschein ausgesetzt sein. Da aller Reis in künstlich
-unter Wasser gesetzten Feldern angepflanzt werden muß, legt man die
-Reisfelder im gebirgigen Gelände terrassenförmig übereinander an,
-indem man sie von oben herab der Reihe nach berieselt und durch Dämme
-von etwa 60 cm Höhe mit Durchstichen voneinander trennt. Diese in
-Indonesien als +Sawahs+ bezeichneten Reisfelder, die oft bis zu großer
-Höhe ins Gebirge hinaufsteigen und zu oberst künstliche Teiche, die
-sie speisen, tragen, folgen den Konturen der Berge und verleihen
-dadurch der tropischen Landschaft, in der sonst das Wirken des Menschen
-gegenüber der Fülle der Vegetation vollkommen verschwindet, ein
-bestimmtes, als Zeichen menschlicher Tätigkeit angenehm berührendes
-Gepräge.
-
-Infolge dieser starken Bewässerungsnotwendigkeit wird manchenorts,
-namentlich in China und Japan, aber auch in Südungarn und Italien,
-mit dem Reisbau zugleich Fischzucht verbunden, wobei die Fische,
-gewöhnlich Karpfen, sich dadurch nützlich erweisen, daß sie die den
-jungen Reispflanzen schädlichen Insektenlarven, Würmer und Schnecken
-wegfressen. Müssen dann später die Reisfelder trocken gelegt werden, so
-finden diese Fische ihre Zuflucht in den tiefen Abzugsgräben, die zu
-diesem Zweck in den Reisfeldern angelegt sind.
-
-Nachdem die übrigens gut zu düngenden Felder bewässert sind, setzt man
-die jungen Reispflanzen, die man vorher in einem Saatbeete gezogen hat
-und etwa 30-40 Tage wachsen ließ, auf sie in gewissen Abständen über.
-Sind die Stecklinge festgewachsen, so wird wieder Wasser ins Feld
-geleitet und damit fortgefahren, bis die Pflanzen anfangen gelb zu
-werden; dann läßt man das Wasser ab, um das Reifwerden der Körner zu
-befördern.
-
-Beginnt der Reis reif zu werden, so gilt es die meist gewaltigen
-Scharen von diebischen Reisvögeln und andere Körnerfresser, die sich
-hungrig hinter das ihnen willkommene Futter hermachen wollen, durch
-allerlei Scheuchapparate zu vertreiben. Ist er reif geworden, so
-werden die Fruchtrispen kurz abgeschnitten und getrocknet, dann --
-soweit er nicht verkauft wird -- in Scheunen aufbewahrt, aus welchen
-die Frauen den täglichen Bedarf holen und dreschen, d. h. gewöhnlich
-in hölzernen Mörsern mit Holzkeulen stampfen, bis die Körner sich
-aus den Spelzen lösen. Die leeren Ähren und das Stroh werden dann
-mit der Hand entfernt und die enthülsten Körner auf einen Korbteller
-geschüttet und geworfelt, wobei sich im Winde die Spreu von den Körnern
-scheidet. Zuletzt wird der Reis zur Entfernung des ihn noch umgebenden
-Silberhäutchens geschält, d. h. nochmals gestampft, was von den
-wechselweise zustoßenden Frauen im Takte geschieht. Bei allen diesen
-Manipulationen werden in den verschiedenen Ländern die verschiedensten
-Gebräuche beobachtet, da dem Asiaten der Reis ein heiliges Gewächs ist,
-bei dessen Behandlung alles leichtsinnige Lachen und Schwatzen verboten
-ist. Nach Europa gelangt der Reis meist noch in den Hülsen; als solcher
-heißt er in Südasien ~paddy~, in Amerika dagegen ~rough rice~, d. h.
-rauher Reis. Bei uns wird er dann in besonderen Mühlen geschält und
-außerdem poliert, indem die Körner in einen Zylinder geschüttet werden,
-in welchem sich eine mit Wolle überzogene Rolle rasch dreht; dabei wird
-durch einen kleinen Zusatz von Öl der gewünschte appetitliche Glanz zu
-erhöhen gesucht.
-
-Vermöge seiner vorhin hervorgehobenen großen Leichtverdaulichkeit
-in Verbindung mit hohem Nährwert ist der Reis besonders für die
-Bewohner der Tropen, die leicht an Verdauungsstörungen und Leberleiden
-erkranken, von der größten Bedeutung. Deshalb fühlen sie sich auch bei
-dieser Kost so überaus wohl und genießen täglich gewaltige Portionen
-davon, nämlich ungefähr 1 kg, indem sie ihn mit Zugabe von Gemüse,
-allerlei scharfen Gewürzen und kleinen Mengen tierischer Nahrung,
-besonders getrockneten Fischen genießen. Trotzdem sie jahraus, jahrein
-täglich dreimal denselben Reis, auf dieselbe Weise bereitet, genießen,
-entleidet er ihnen niemals.
-
-Aber auch alkoholische Getränke wissen sie aus ihm zu bereiten, indem
-sie ihn zuerst zwölf Stunden in Wasser aufweichen, dann die Körner
-kochen bis sie weich geworden sind, sie abkühlen und durch Hinzufügen
-einer Hefe in alkoholische Gärung kommen lassen. Das so gewonnene,
-leicht an Sherry erinnernde berauschende Getränk, das die Japaner
-~sake~ nennen, wird in Fässer gefüllt, die ihrerseits wieder in einer
-Strohhülle stecken. Das gewöhnlich 13 Prozent Alkohol enthaltende
-Getränk gelangt in glasierten Ton- oder Porzellanflaschen in den Handel
-und wird heiß aus winzigen Porzellantäßchen, und zwar beim Beginn der
-Mahlzeit, getrunken. Auf ähnliche Weise erlangen die Chinesen aus
-Reis, der mit verschiedenen Gewürzen versetzt wurde, einen ~samschu~
-genannten Branntwein, der etwa 36 Prozent Alkohol enthält. In Ostindien
-dient gemälzter Reis zur Herstellung von Arrak, der sonst aus Melasse
-bei der Gewinnung des Rohrzuckers, mancherorts, wie in Goa, auch aus
-Palmensaft gemacht wird. Die Abfälle vom Polieren des Reises, bestehend
-aus zerbrochenen Körnern und Schalenresten, wie auch der auf dem
-Schiffstransport durch das Meerwasser zu Schaden gekommene Reis, der
-als Nahrungsmittel nicht mehr zu verwenden ist, wird zu Stärkemehl
-verarbeitet. Solches Reismehl, das reicher an Fett ist als der
-geschälte Reis, ist ein sehr gutes Futter- und Mastmittel für Rindvieh.
-Die meiste Reisstärke dient aber als Appretur, um Baumwollstoffe
-schwerer und haltbarer erscheinen zu lassen, und geht auf diese Weise
-wiederum nach Indien, das den Reis lieferte, zurück. Endlich ist auch
-das Reisstroh ein sehr wertvolles Produkt, welches namentlich in der
-Papierfabrikation und in der Korb- und Hutflechterei eine vielfache
-Verwendung findet.
-
-Eine andere Grasart, die als Getreide für den Menschen eine ungemein
-große Bedeutung erlangt hat, ist der +Mais+ (~Zea mais~). Sie ist die
-einzige Körnerfrucht, mit der uns der amerikanische Kontinent beschenkt
-hat. Nirgends mehr wird sie in wildem Zustande angetroffen; doch ist
-es höchst wahrscheinlich, daß sie ursprünglich in Mexiko heimisch war
-und dort zuerst von uns unbekannten, zu höherer Gesittung gelangten
-Indianerstämmen in Zucht und Pflege genommen wurde; hat uns doch dieses
-Land neuerdings eine zweite, wildwachsende Art der Gattung geliefert.
-
-Bei der Entdeckung Amerikas fanden die Spanier diese für die dortige
-Bevölkerung wichtigste Nährfrucht überall im Lande, soweit es das
-Klima zuließ, in Kultur. Alle Indianersprachen hatten eine Bezeichnung
-für sie, und speziell die Inselkaraiben, die Tainos, mit denen es
-Kolumbus und die Spanier zuerst zu tun hatten und die sie dann durch
-schonungslose Ausbeutung und strengen Frondienst auf den von ihnen
-angelegten Gütern im Laufe von etwa 50 Jahren zum Aussterben brachten,
-nannten sie ~mahiz~, ein Ausdruck, den dann die Spanier annahmen
-und später mit der Nutzpflanze in den europäischen Sprachgebrauch
-einführten. Bei allen Indianerstämmen, von den Inkas Perus bis zu
-den Moundbuilders in Nordamerika östlich vom Mississippi wurde der
-Mais als Hauptnahrungsmittel nebst Bohnen, Kürbis und Tabak in
-verschiedenen Varietäten gepflanzt. Und wie seine Samenkörner den
-Lebenden als wichtigstes Nahrungsmittel dienten, so wurden sie den
-Toten als Wegzehrung in ihre unterirdischen Behausungen mitgegeben.
-Im alten Mexiko hieß die Göttin des Ackerbaus Cinteutl nach der
-Bezeichnung für Mais ~cintli~ und erhielt, wie die Demeter bei den
-Griechen, oder Ceres bei den Römern, die ersten Fruchtkolben der
-Maisernte als Weihegabe. Zur Entfernung der harten Schalen kochten die
-Azteken Mexikos die Maiskörner zuerst mit Ätzkalk, um sie dann auf
-dem dreibeinigen Mahlstein mit einer steinernen Walze zu zerreiben
-und die Masse, mit Wasser zu einem steifen Brei angemacht, in runden
-Fladen (altmexikanisch ~tlaxcalli~, spanisch ~tortilla~) auf flachen
-Tontellern über dem Feuer zu backen. An Knollenfrüchten wurden Batate,
-Mandioka und Yams gebaut, während der spanische Pfeffer (~Capsicum~)
-das beliebteste Gewürz bildete. Ähnlich war es im alten Peru. In den
-Tempeln von Cusco, der Hauptstadt des peruanischen Reiches der Inka,
-bereiteten die Sonnenjungfrauen das Maisbrot für die Opfer, wie die
-Frauen in den Haushaltungen es für ihre Familienangehörigen bereiteten.
-Außer den Kartoffeln, die im Lande selbst aus Wildlingen zur
-Kulturpflanze erhoben wurden, war auch hier der Mais die Hauptnahrung
-der Bevölkerung. Die Ketschua, die Träger der Inkakultur, hatten ihn
-aus ihrer Urheimat im Norden, dem Gebiete von Quito, mitgebracht. In
-den tropischen Anden gedieh er noch sehr gut in 1900 m Höhe und fand
-sich auch an dem Titicacasee im Süden Perus bis 3900 m und mehr Höhe
-angepflanzt.
-
-In Europa wurde der Mais zuerst in spanischen Gärten zu Anfang des 16.
-Jahrhunderts gesät und kam dann bald auch als Rarität in manche Gärten
-Mitteleuropas, ohne daß man wußte, daß die Pflanze aus der Neuen Welt
-stamme. Zuerst wird die Pflanze in dem 1537 in Basel erschienenen
-lateinischen Pflanzenwerke des Ruellius: ~De natura stirpium~ als aus
-Griechenland oder Asien gekommenes „türkisches Getreide“ genannt; aber
-die erste genauere Beschreibung derselben findet sich in dem 1543
-in Basel gedruckten deutschen Kräuterbuche des Tübinger Botanikers
-Leonhard Fuchs. Auch nach ihm ist der Mais aus der Türkei gekommen,
-wächst gerne und war damals schon in Deutschland ganz gemein. Erst
-spätere Autoren, wie der Nürnberger Joh. Joachim Camerarius in seinem
-1590 in Frankfurt a. M. erschienenen Kräuterbuch und der Regensburger
-Apotheker J. Wilhelm Weinmann in seinem vierbändigen, von 1737-1745
-herausgegebenen Pflanzenatlas sprechen mit Text die Ansicht aus, der
-Mais stamme aus Amerika. „Dieses Korn“, so schreibt der Erstgenannte,
-„wird unbillich Türkisch genannt; denn es wächst nicht in Asia in
-der Türkei, sondern in India, so gegen Mitternacht liegt, von
-dannen man es zu uns gebracht und gewehnet. Die Indianer nennen dies
-Korn in ihrer Sprache Maiz. Sie machen Gruben mit dem Pfahl und werfen
-4-5 Körner hinein und machen es wieder zu, um es vor den Papageien
-zu schützen. Die Samen werden vorher in Wasser gequellt. In wenigen
-Tagen schießt es auf und ist in vier Monaten zeitig.“ Camerarius kennt
-bereits vier Sorten desselben, darunter die buntscheckige.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 13.
-
-(~Copyright by F. O. Koch.~)
-
-Maisscheune der Zulukaffern.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 14.
-
-Zulufrauen Mais mahlend.
-
-(~Copyright by F. O. Koch.~)]
-
-Erst im 17. Jahrhundert gelangte der Mais aus den Gärten, wo er
-mehr als Zier-, denn als Nutzpflanze gehalten wurde, auf die Felder
-und wurde hier auch in Europa als Getreidefrucht gezogen. Besonders
-waren es die Venezianer, die ihn überall auf ihren Handelsreisen im
-Orient verbreiteten. Der jetzt noch gebräuchliche Name „türkischer
-Weizen“ soll wohl nur andeuten, daß der Mais aus weiter Ferne zu uns
-gekommen sei, wie die englische Bezeichnung ~turkey~ für den ebenfalls
-aus Mexiko zuerst nach Europa gelangten Truthahn. In den Pyrenäen
-heißt er spanisches Korn und die Türken nennen ihn ägyptisches Korn,
-die Deutschen aber Welschkorn. Durch die regen Handelsbeziehungen
-der Europäer mit Asien gelangte dann der Mais schon während der
-im Jahre 1644 zu Ende gegangenen Mingdynastie zu Anfang des 17.
-Jahrhunderts nach China und bald darauf auch nach Japan. Heute wird er
-in ausgedehntem Maße in Afrika bei den verschiedensten Negerstämmen
-angebaut und ist wie in den Tropen und Subtropen, so auch in alle
-Länder mit gemäßigtem Klima vorgedrungen, so daß man sagen kann, daß er
-nächst dem Reis die größte Anzahl Menschen ernährt und als Riesenmais
-und Bandmais, d. h. einer Abart mit weißgestreiften Blättern, auch als
-Zierpflanze bei den Kulturvölkern der Erde Eingang gefunden hat.
-
-Der Mais, wie er uns heute in gegen 60 Varietäten entgegentritt, ist
-ohne Zweifel eine schon erheblich veränderte Kulturform, von der
-sich die Urform vermutlich durch verzweigte weibliche Blütenstände
-unterschied. Als solche Rückschläge in die alte Form kommen auch
-heute noch gelegentlich fingerartig geteilte Kolben vor. Er ist eine
-Riesenform unter den Gräsern, die eine Höhe von 5-6 m erreichen kann
-und mit großen, bis fast 2 m langen und 10 cm breiten Blättern versehen
-ist. Je nördlicher er angebaut werden soll, um so niedriger zur Reife
-gelangende Sorten muß man wählen, wenn man Korn von ihm zu ernten
-beabsichtigt. Bei uns reift er meist nur in den wärmeren Jahren seine
-Früchte; doch lohnt sein Anbau gleichwohl als nahrhaftes Grünfutter.
-Dafür eignet sich auch noch für Mittel- und Norddeutschland der große
-badische Mais von 2-2,5 m Höhe. In Oberitalien, Ungarn, Südfrankreich
-und Spanien ist er wie im wärmeren Amerika fast das wichtigste
-Volksnahrungsmittel geworden, indem aus seinem Mehle durch Kochen
-mit Wasser eine in Italien als Polenta, an der unteren Donau jedoch
-als Mamaliga bezeichnete Art Pudding hergestellt wird, von dem sich
-Hunderttausende von Bauern und Arbeitern Tag für Tag ernähren. Ist aber
-das Maismehl durch Feuchtwerden verdorben, indem sich ein bestimmter
-Pilz darin angesiedelt hat, so wirkt die aus solchem hergestellte
-Polenta giftig, so daß dann häufig Massenerkrankungen entstehen. Diese
-in Italien als +Pellagra+ bezeichnete Vergiftung, deren Symptome
-übrigens der durch den Genuß verdorbener Kicher- und Platterbsen
-erzeugten, in Südeuropa und Nordafrika heimischen Erkrankung ähneln,
-nimmt einen chronischen Verlauf mit alljährlichen, meist im Frühjahr
-erfolgenden Nachschüben. Sie beginnt mit heftigen Magen- und
-Darmstörungen und einem eigentümlichen Ausschlag, bei welchem die Haut
-sich rötet, anschwillt und schließlich in Fetzen abgeht. Später treten
-dann Nervenlähmungen und Verbiegungen der Gelenke als Folge einer
-Rückenmarkserkrankung auf, desgleichen allgemeine Ernährungsstörungen,
-geistige Verwirrung und schließlich geht der davon Betroffene an
-Entkräftung zugrunde. Wegen dieses tückischen „Maidismus“, der
-gelegentlich auch an Tieren, besonders an Pferden, beobachtet wird, ist
-die Aufbewahrung der Maiskörner an einem trockenen, gut gelüfteten Orte
-und die Verwendung unverdorbenen Mehles für die Ernährung des Volkes
-von größter Bedeutung.
-
-[Illustration: Bild 11. Der Mais (~Zea mais~), bei ~a~ eine der
-männlichen, am Scheitel der Pflanze befindlichen Blütenähren
-vergrößert. (Nach Hegi.)]
-
-Für Tiere, namentlich das Federvieh, aber auch für Rinder und Schweine,
-die gemästet werden sollen, gibt es kein besseres Nahrungsmittel als
-den Mais, der noch mehr nährende Bestandteile als andere Getreidearten,
-Weizen eingeschlossen, enthält. Es ist nur schade, daß die Keime ein Öl
-enthalten, das dem Maismehl einen wenig angenehmen Geschmack verleiht.
-Es kommt vor, daß selbst Pferde nach einiger Zeit einen Widerwillen
-gegen Mais zeigen, namentlich wenn er ihnen als Mehl vorgesetzt wird.
-Die aufgeweichten und geschroteten Körner scheinen aber den Tieren
-weniger schnell zu widerstreben.
-
-Aber auch für den Menschen ist der Mais wegen seiner
-Leichtverdaulichkeit besonders in Form des +Maizena+, eines fein
-gemahlenen und entfetteten Maismehles, von größter Bedeutung und
-eignet sich besonders für die Ernährung von Kindern, Schwachen und
-Rekonvaleszenten. Nur für das Brotbacken ist er ungeeignet, da er
-nicht aufgeht, sondern eine kompakte Masse bleibt. Wird ihm jedoch 25
-Prozent Weizenmehl hinzugesetzt, so verliert er diesen Fehler. Aus
-einer solchen Mischung gebackenes Brot ist besonders in der Türkei sehr
-beliebt.
-
-In den Vereinigten Staaten ißt man die jungen, unreifen Fruchtkolben,
-geröstet oder in Salzwasser abgekocht, als schmackhaftes Gemüse, oder
-die noch weichen Maiskörner werden, mit Streuzucker und Zimt oder
-einem anderen Gewürz versetzt und zu Törtchen oder Kuchen verbacken,
-verzehrt. Auch anderwärts werden die unreifen Früchte auf verschiedene
-Weise zubereitet, auch eingemacht. Die Eingeborenen Südamerikas stellen
-dagegen auf äußerst primitive Weise aus reifen Maiskörnern ein als
-~chicha~ (sprich ~tschitscha~) bezeichnetes gegorenes Getränk dar,
-das einst überall beliebt war, heute sich aber nur noch in Bolivien
-besonderer Wertschätzung erfreut. Allerdings ist seine Bereitung wie
-diejenige der Kawa der Südseeinsulaner keine für uns Europäer sehr
-appetitliche, so daß man es begreift, daß mit dem Kulturfortschritt,
-der auch in Südamerika seinen Einzug hält, dieses altväterliche
-Getränk an Beliebtheit zusehends einbüßt. Es wird nämlich in der
-Weise hergestellt, daß Frauen -- selten Männer -- die weichgekochten
-Maiskörner kauen und dann in einen Behälter speien, worin der Speichel,
-mit warmem Wasser verdünnt, das Stärkemehl des Mais in Dextrin und
-Zucker verwandelt, deren Lösung durch die allgegenwärtigen Hefepilze
-schließlich in alkoholische Gärung übergeführt wird. So war es noch
-bis vor kurzem üblich, daß, wie man bei uns einem Gaste ein Glas
-Limonade oder Wein vorsetzt, der Indianer dem bei ihm Einkehr
-haltenden Fremdling einen Krug ~chicha mascada~, d. h. selbstgekaute
-~chicha~ anbot, um ihm seine Freundschaft zu beweisen. In Mexiko wird
-die ~chicha~ etwas appetitlicher aus Gerstenwasser und Maismehl unter
-Zusatz von Ananasscheiben, welches man zusammen gären läßt, Zucker,
-Nelken und Zimt bereitet.
-
-Die unreifen Maisstengel sind so reich an Zucker, daß man diesen daraus
-fabrikmäßig zu gewinnen versucht hat. In Mexiko bereitet man durch
-Gärung des zuckerreichen Saftes ein als ~pulque de mahiz~ bezeichnetes
-berauschendes Getränk. Man entkörnt die Maiskolben von Hand, im großen
-aber durch besondere Maschinen und benutzt die Spindeln als Brennstoff.
-In Afrika dienen letztere wie bei uns das Klosetpapier und aus den
-Körnern wird mit Vorliebe ein süßes, schwach alkoholhaltiges Bier
-bereitet. Bei uns wird der Mais vielfach zu Stärkemehl und Spiritus
-verarbeitet. Wenn die Körner nicht zu Mehl vermahlen und in Brei-
-oder Kuchenform gegessen werden, so läßt man sie im Wasser aufquellen
-und ißt sie geröstet, wobei sie aufspringen. Dermaßen behandelt und
-mit Zucker bestreut, genießt man sie in Menge besonders auch in
-den muhammedanischen Ländern. Die Hüllen der Fruchtkolben dienen
-zum Polstern und Flechten und liefern ein wertvolles Material zur
-Papierbereitung. In vielen Gegenden Amerikas dient auch ein daraus
-herausgeschnittenes zartes Stück unmittelbar als Zigarettenumhüllung.
-Die Malaien kochen diese Häutchen in einer Zuckerlösung und bringen sie
-getrocknet als Zigarettenpapier in den Handel.
-
-Die Maiskultur bleibt sich überall ziemlich gleich und ist sehr
-einfach, da man nach der Aussaat im wesentlichen nur dafür Sorge zu
-tragen hat, daß das Unkraut nicht zu sehr überhand nimmt. Nachdem der
-Boden gedüngt und tüchtig umgepflügt ist, werden in einem Abstande
-von 25-40 cm Löcher in den Boden gemacht, mit je 3 bis 5 Samenkörnern
-belegt und wiederum geschlossen. Der Mais wächst dann heran und bedarf
-bis zur Reife 3½-4 Monate. Gegen das Ende der Vegetationsperiode bildet
-sich dann oben an dem mit Zuckersaft gefüllten, nicht hohlen Stengel
-ein Büschel männlicher Blüten, deren in großer Menge gebildete leichte
-Pollen ausstäuben und durch den Wind auf die in den Achseln der Blätter
-verborgenen, einzig ihre klebrigen Narben herausstreckenden weiblichen
-Blüten übertragen werden. Nach der Befruchtung verwendet die Pflanze
-allen in ihr angesammelten Zuckersaft, um die Samen mit Nährstoffen für
-den Keimling zu füllen, und schließlich stirbt sie völlig ausgesogen
-ab. Sie wird dann meist als Brennmaterial verwendet, wobei die so
-erlangte Asche zur Düngung des Bodens dient. In den nichttropischen
-Ländern, wo das Vieh nachts in die Ställe getrieben wird, benutzt
-der Landmann den vertrockneten Mais auch als Streu für das Vieh.
-Sonst bilden die Blätter und Halme (auch getrocknet) ein geschätztes
-Viehfutter und die Scheiden der Kolben finden nach der Ernte für die
-Papierfabrikation und als Zigarettenhüllen usw. vielfache Verwendung.
-Man unterwirft sie auch einem einfachen Hechelprozesse und benutzt die
-isolierten Fasern als Polstermaterial u. dgl.
-
-Infolge seines überaus kräftigen und ausgiebigen Wachstums, welches
-ihn gegen äußere Einflüsse widerstandsfähig macht, wird der Mais
-von relativ wenigen Schädlingen angegriffen. Am bekanntesten unter
-denselben ist der Maisbrand, der aber selten eine wirklich bedrohliche
-Form annimmt. Junge Maispflanzen tötet er, ältere schwächt er und regt
-die von ihm befallenen Stellen des Stengels zu kropfigen Anschwellungen
-an. Weniger bekannt ist die bisher nur auf Java beobachtete
-Lijer-Krankheit, welche die jungen Pflanzen befällt und tötet und
-wegen ihres epidemischen Charakters gefährlicher ist als die anderen
-Krankheitsformen des Maises. Der Erreger dieser Krankheit ist ein
-Peronospora-Pilz, dessen Sporen durch den Wind von Maisfeld zu Maisfeld
-getragen werden und so rasch ausgedehnte Maiskulturen zum Absterben
-bringen. Bekanntlich sind es auch Peronospora-Arten, die den von den
-Landwirten so gefürchteten „falschen Mehltau“ der Reben und eine der
-schlimmsten Kartoffelkrankheiten hervorrufen, wobei die von ihnen
-befallenen Blätter zuerst wie Schimmel aussehende Flecken bekommen, die
-sich rasch ausdehnen und das Blattgewebe zerstören, so daß die Blätter
-sich bräunen.
-
-Auch wenn der Mais geerntet ist, sind seine Samenkörner allerlei
-Schädlingen ausgesetzt. Besonders suchen sie kleine Kornwürmer
-heim, die in vier Arten vorkommen und durch ihre riesige Vermehrung
-ungeheuren Schaden anrichten können. Die Weibchen legen bis 6000 Eier,
-von denen jedes auf ein Maiskorn geklebt wird. Nach 4-5 Tagen kriecht
-daraus eine winzige Larve hervor, die sich in das Innere hineinbohrt,
-um den Inhalt in etwa 14 Tagen zu verzehren. Dann puppt sie sich ein
-und wird zum geflügelten Insekt, um nach der Paarung ihren Kreislauf
-in derselben Weise zu vollenden. Am besten werden diese schädlichen
-Insekten durch fortwährendes Umschaufeln des Maises verscheucht. In den
-Schiffsräumen wird der Mais mit dem giftigen Claytongas desinfiziert,
-mit welchem auch die Ratten und das andere Ungeziefer getötet werden.
-
-Der größte Teil des geernteten Maises wird in den Produktionsländern
-selbst verbraucht. Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
-begannen die Vereinigten Staaten von Nordamerika und die Republiken
-Südamerikas, besonders Argentinien, ihn in zunehmendem Maße nach
-Europa zu exportieren, wo er heute, obschon nahrhafter, um ein Drittel
-billiger als Weizen zu haben ist. Deshalb wird vielfach das Weizenmehl
-mit dem billigeren Maismehl „verfälscht“. Obschon das Maismehl zur
-Hälfte aus reinem Stärkemehl besteht, eignet es sich wegen seiner
-graugelben Farbe doch nicht zur Stärkefabrikation. Doch gewinnt man
-aus den zum Keimen gebrachten Samen das zu etwa 20 Prozent in ihnen
-enthaltene hellgelbe, nicht leicht ranzig werdende Maisöl, das nur
-teilweise zur Vermengung mit den teueren Sorten von Tafelöl, der
-Hauptsache nach jedoch in den Seifen- und Farbenfabriken verwendet
-wird. Im vergangenen Jahr wurden nicht weniger als 160000 Hektoliter
-desselben produziert. Die bei der Auspressung des Öls zurückbleibenden
-Kuchen finden großen Absatz als Viehfutter. Daneben wird das
-verzuckerte Stärkemehl des Maises, wenn auch bisher nur in beschränktem
-Maße, zur Spiritusfabrikation verwendet, wobei als Nebenprodukt
-ebenfalls etwas Maisöl gewonnen wird.
-
-In Argentinien nahm im vorletzten Jahre die Maiskultur gegen drei
-Millionen Hektare in Anspruch und die Ernte wurde auf 3500 Millionen
-kg geschätzt, während die Weizenernte 4500 Millionen kg betrug. In
-Nordamerika macht die Maisernte nicht weniger als 75000 Millionen kg
-aus. Die mit Mais bebaute Fläche beträgt in den Vereinigten Staaten
-nicht weniger als 40 Millionen Hektar gegen 18 Millionen Hektar Weizen
-und 74 Millionen Hektar gesamtes Getreideland. Der Hauptsitz der
-Maiskultur, die natürlich im großen mit Maschinen der verschiedensten
-Art betrieben wird, liegt in dem flachen, fruchtbaren Staate Kansas,
-das von zahlreichen, in den Mississippi mündenden Flüssen und von
-verschiedenen miteinander konkurrierenden Eisenbahnen durchzogen
-wird. Dadurch besitzt jener Staat billige Transportwege nach der als
-Hauptstapelplatz dafür dienenden Hafenstadt New Orleans.
-
-Wie in Spanien, Italien, Griechenland und den Balkanstaaten bildet auch
-in zahlreichen Gegenden Afrikas der Mais eines der Hauptnahrungsmittel
-der Eingeborenen. In den deutschen Kolonien wird er nur in Togo
-und Ostafrika seit längerem angebaut. Togo führte im Jahre 1907 20
-Millionen kg im Werte von 1199000 Mark aus, während Ostafrika nur
-für 21000 Mark exportierte. In der Regel wird er hier überall zweimal
-geerntet. Nach Kamerun, Südwestafrika und den Südseeinseln ist er erst
-in neuerer Zeit gelangt, doch bürgert er sich auch hier schon ein. Die
-Regierung sucht möglichst solche Spielarten einzuführen, die sich dem
-Klima und Boden anpassen und sichere Ernten liefern.
-
-Seinen Hauptbedarf an Mais bezieht Deutschland heute aus Nordamerika,
-nämlich für 50397000 Mark, sodann aus Argentinien für 22951000 Mark.
-Die gesamte Maiseinfuhr Deutschlands im Jahre 1906 hatte einen Wert von
-112,7 Millionen Mark.
-
-
-
-
-IV.
-
-Die Fruchtbäume.
-
-
-Erster Teil.
-
-
-Noch viel mehr als die Getreidearten, die verhältnismäßig rasch ihre
-Vegetationsperiode vollenden und nach der Ernte den Menschen wieder
-frei geben, binden ihn die Obstbäume an die Scholle. Diese wachsen
-langsam und müssen lange gezogen, getränkt und vor Beschädigungen
-durch den Sturm und Angriffe wilder Tiere beschützt werden, bis sie --
-dann aber auch jährlich ganze Menschenalter hindurch -- eßbare Früchte
-liefern. Deshalb vermochte der vorgeschichtliche Mensch erst nachdem er
-sein unstetes Leben ganz aufgegeben und für mehr oder weniger dauernd
-festen Wohnsitz bezogen hatte, auch die für ihn wahrscheinlich die
-älteste Nahrung spendenden Fruchtbäume in Kulturpflege zu nehmen und
-ihre Früchte nach und nach durch zielbewußte Auslese der besten Sorten
-zur Nachzucht zu vervollkommnen.
-
-Schon die Mitteleuropäer der jüngeren Steinzeit hatten außer
-verschiedenen Getreidearten wenigstens eine Art von Obstbäumen in
-Kulturpflege. Es waren dies +Apfel+bäume (~Pirus malus~), deren kleine,
-fast nur aus Kerngehäuse mit wenig, wohl noch recht säuerlichem
-Fruchtfleisch bestehenden Früchte sich verkohlt in den Überresten der
-meist durch Brand untergegangenen Pfahldörfer am Rand der Schweizer
-Seen vorfanden. Dank der konservierenden Moorerde, in der sie 5000
-Jahre und mehr lagen, sind sie noch so vorzüglich erhalten, daß wir
-über diese älteste bei uns kultivierte Obstsorte recht gut unterrichtet
-sind. Es war ein überaus kleinfrüchtiger, noch sehr wenig durch
-Domestikation verbesserter Apfel, der neben dem Holzapfel des Waldes
-in ziemlichen Mengen geerntet wurde und mit den Haselnüssen und den
-Getreidearten als Vorrat für den Winter diente. Seltener ganz, meist
-halbiert müssen die Früchte an der Sonne gedörrt worden sein, um sie
-als willkommene Zukost zum Brot zu genießen.
-
-Dieser noch kaum durch Kultur veredelte kleine Apfel der neolithischen
-Pfahlbauten war aber nicht etwa ein Abkömmling unseres wilden,
-sogenannten Holzapfels, der sich durch völlige Kahlheit der Blätter
-von allen Kulturformen unterscheidet, sondern gleichfalls wie die
-übrigen Kulturgüter jener Menschen ein Import aus Westasien. Und zwar
-scheinen vorzugsweise zwei Arten von Wildlingen durch Zuchtwahl und
-Kreuzung zur Bildung der ältest nachweisbaren Äpfelsorten beigetragen
-zu haben, nämlich einerseits der Strauchapfel (~Pirus pumila~) dem
-man noch häufig im Kaukasus und den südlichen Altaigebirgen wild
-wachsend begegnet, und andererseits eine Form aus Vorderasien, die
-auch noch in Kleinasien vorkommt, der filzigblätterige Apfel (~Pirus
-dasyphylla~). Dieser letztere gilt speziell als die Stammpflanze
-unserer Reinetten. Als weitere wichtige Stammeltern unserer heute zu so
-ansehnlicher Größe gediehenen und mit vorzüglichem, süßem bis saurem
-Fruchtfleisch versehen, auch wegen ihrer Haltbarkeit sehr geschätzten
-Speiseäpfel kommen noch der glattblätterige Apfel (~Pirus silvestris~)
-aus Westasien und der pflaumenblätterige Apfel (~Pirus prunifolia~)
-aus Mittelasien in Betracht. Letzterer, der in Nordchina, Südsibirien
-und der Tatarei seine Heimat hat und durch seine gelben bis blutroten
-Früchte ausgezeichnet ist, gilt als Stammform des Astrachaner Apfels
-und des russischen Eisapfels.
-
-Der Kulturapfel, von dem heute über 600 verschiedene Arten bekannt
-sind, bildet in seiner ältesten Heimat Westasien gelegentlich kleine
-Wälder. Diese erstrecken sich nördlich von Kleinasien bis nach
-Zentralasien hinein. Er gedeiht nur in einem mäßig warmen Klima und
-konnte deshalb nicht allzuweit südlich vordringen. In kühleren Lagen
-Syriens gedeiht er noch, aber kaum mehr in Ägypten. So hat er im Lande
-der Pharaonen keinerlei Rolle gespielt und findet sich nirgends unter
-den Obstarten abgebildet, auch haben sich keinerlei Überreste von
-ihm in Gräbern gefunden. In den Hieroglyphentexten kommt nun einige
-Male das Wort ~dappich~ für eine Frucht vor, die man nur als Apfel
-deuten kann, um so mehr als der Apfel im Hebräischen ~tappuch~ und im
-Arabischen ~taffach~ heißt. Nun muß der Apfelbaum zur Zeit der 19.
-Dynastie (1350-1205 v. Chr.), also im neuen Reiche von Syrien her nach
-Ägypten eingeführt worden sein; denn Tempelinschriften in Theben tun
-uns kund, daß König Ramses II. (1292-1225), dessen wohlerhaltene
-Mumie sich im Museum von Bulak bei Kairo befindet, Apfelbäume in
-seinen Gärten im Delta pflanzen ließ. Und noch von Ramses III. der
-20. Dynastie (1198-1167 v. Chr.) erfahren wir, daß er den Priestern
-des großen Ammontempels in Theben nicht weniger als 848 Körbe voll
-Äpfel als Opfergabe überreichen ließ. Aber was die königlichen Gärtner
-zustande brachten, das konnte nicht dem gemeinen Volke gelingen. Und so
-blieb der Apfelbaum dem ägyptischen Volke bis auf den heutigen Tag ein
-Fremdling, da er dort infolge der andauernden übergroßen Wärme keine
-Früchte mehr zeitigt.
-
-Aus denselben Gründen ist der Apfelbaum auch den Bewohnern Palästinas
-mehr oder weniger fremd geblieben. Auch dort scheint er früher, so
-lange das Klima infolge der reicheren Bewaldung kühler war, in den
-höheren Lagen gut gediehen und auch Frucht getragen zu haben, wie wir
-verschiedenen Stellen des Alten Testaments entnehmen können. Aber mit
-dem Wärmer- und Trockenerwerden des Klimas war sein Schicksal in diesem
-Lande besiegelt. Dagegen sagten ihm die klimatischen Verhältnisse
-des gebirgigen Armenien und Kleinasien gut zu und so gedieh er hier
-vortrefflich und verbreitete sich über das ganze Land. Von Kleinasien
-her gelangte er schon gegen das Ende des vorletzten Jahrtausends
-v. Chr. nach Griechenland, wo er ziemlich viel kultiviert wurde. Nicht
-bloß in den homerischen Epen wird er erwähnt, sondern seine als
-~mḗlon~ bezeichnete Frucht spielt auch im Mythos eine gewisse Rolle.
-So galt der aus dem Orient -- angeblich Indien -- über Kleinasien
-nach Griechenland gekommene Gott des Natursegens, Dionysos, wie als
-Schöpfer des Weinstocks, so auch als derjenige des Apfelbaums, den
-er der Liebesgöttin Aphrodite schenkte. Dadurch wurde der Apfel zum
-Sinnbilde der Liebe. Aphrodite ihrerseits schenkte drei goldene Äpfel
-dem Hippomenes, mit denen dieser die schnellfüßige Atalante zum
-Weibe gewann. Eris aber erregte durch den goldenen Apfel, den sie
-an der Hochzeit des Peleus und der Thetis unter die Gäste warf, die
-Eifersucht der drei ersten Göttinnen, woher der Ausdruck Erisapfel im
-Sinne von Zankapfel stammt. Eine ähnliche Rolle spielte der Apfel in
-der bekannten Geschichte, in welcher Paris, der Sohn des trojanischen
-Königs Priamos, unter denselben drei Göttinnen die Wahl zu treffen
-hatte und ihn als Siegespreis der Schönsten derselben, Aphrodite,
-darbot. Die goldenen Äpfel der Hesperiden aber hatte Gäa, die Mutter
-Erde, der Hera bei der Vermählung derselben mit Zeus als Symbol der
-Fruchtbarkeit geschenkt. Herakles holte sie im Lande der Hyperboräer,
-wo sie von drei der Hesperiden und vom hundertköpfigen Drachen Ladon
-bewacht wurden.
-
-Eine noch weitere Verbreitung als bei den Griechen fand die Kultur
-des Apfelbaums bei den Römern, die die Frucht in Anlehnung an das
-griechische ~mḗlon malum~ nannten. Schon der ältere Cato (234-149
-v. Chr.) meldet uns in seiner Schrift über den Landbau, daß die
-Apfelbäume in Pflanzschulen gesät und später gepfropft würden. Um die
-Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts sagt der ältere Plinius
-in seiner Naturgeschichte: „Es gibt sehr viele Sorten Äpfel, die man
-alle mit verschiedenen Namen bezeichnet, und manche haben den Mann,
-der sie erzeugte, andere ihre Heimat berühmt gemacht. Die sogenannten
-appianischen Äpfel hat ein Mann namens Appius, aus der Familie des
-Appius Claudius (der 312 v. Chr. Zensor war und die berühmte, von Rom
-nach Capua führende, später bis Brundisium, dem heutigen Brindisi,
-verlängerte, nach ihm benannte Straße anlegte) dadurch erzeugt, daß er
-Äpfel auf Quittenstämme pfropfte. Sie haben den Geruch der Quitten.
-Es gibt auch Äpfel, die blutrot sind, was davon herrührt, daß sie auf
-einen Maulbeerstamm gepfropft wurden. (Natürlich sind diese Erklärungen
-falsch.) Im allgemeinen röten sich die Äpfel auf der Sonnenseite. Aus
-allen Apfelsorten bereitet man Wein. Die wilden Äpfel haben einen
-sauern Geschmack und jeder saure Apfel ist imstande, durch seine Säure
-die Schärfe eines Schwertes stumpf zu machen.“
-
-Auch sein Zeitgenosse, der aus Spanien nach Rom gekommene
-Ackerbauschriftsteller Columella sagt: „Es gibt sehr verschiedene
-Sorten Äpfel; sie schmecken gut und befördern die Gesundheit.“ Und
-der aus Pergamon gebürtige griechische Arzt Claudios Galenos (131-200
-n. Chr.) meint: „Unreife Äpfel sind zwar durchaus schädlich, reife
-dagegen roh, gebraten und gekocht sehr gesund.“ Sie wurden gerne als
-Wintervorrat aufbewahrt. Wie man dies zu tun habe, darüber schreibt
-der überaus gelehrte und fruchtbare römische Schriftsteller Marcus
-Terentius Varro (116-27 v. Chr.) in seiner Schrift über den Landbau:
-„Die dauerhaften Apfelsorten wie beide Quittensorten (die Birnen- und
-Apfelquitten) müssen an einem trockenen, kühlen Orte auf Spreu liegend
-aufbewahrt werden. Beim Bau der Obstkammer (~oporotheca~, von den
-Griechen entlehnt) muß von vornherein dafür besorgt sein, daß ihre
-Fenster nach Norden stehen und daß der (kühle) Nordwind Einlaß habe;
-jedoch müssen die Fenster für gewöhnlich mit Läden geschlossen sein,
-weil allzuviel Wind das Obst austrocknet und welk macht. Man gibt auch
-der Decke, den Wänden, dem Boden einen marmorartigen Überzug (von
-Stuck), damit sie desto kühler sind. Manche richten die Obstkammer
-so ein, daß sie darin speisen, und sich dabei an der Pracht der dort
-lagernden Früchte ergötzen können. Es gibt freilich Leute in Rom,
-die das Obst kaufen, statt es selbst zu ziehen, und schmücken damit
-ihre Obstkammer; das sollte man nicht nachahmen. Die Äpfel legt man in
-der Obstkammer auf Bretter oder auf Stroh oder auf Wollflocken, die
-Granatäpfel in Fässer, die mit Sand gefüllt sind, die Quitten werden
-schwebend aufgehängt, Birnen werden in (durch Kochen) eingedickten
-Weinmost gelegt; Spierlingsfrüchte (+sorbum+ von ~Sorbus domestica~)
-und Birnen werden auch zerschnitten und an der Sonne getrocknet, die
-ersteren halten sich auch an jedem trockenen Orte lange frisch. Rüben
-werden in Senf, Walnüsse in Sand gelegt.“
-
-Der ältere Cato (234-149 v. Chr.) verlangt von der Wirtschafterin,
-die das Hauswesen im Landhause (~villa~) besorgt und für alle
-Bewohner derselben kocht, sie müsse viele Hühner und Eier im Vorrat
-halten. „Ferner muß sie getrocknete Birnen, Spierlingsfrüchte,
-Feigen, getrocknete Weinbeeren, in eingedicktem Most liegende
-Spierlingsfrüchte, auch Birnen und Trauben in Fässern, ebenso Quitten
-vorrätig haben. Sie muß Trauben haben, die in Weinmost, in Krügen und
-in der Erde aufbewahrt werden. Außerdem muß sie frische pränestische
-Nüsse im Krug unter der Erde, scantianische Äpfel in Fässern und
-andere Obstarten, die man aufzubewahren pflegt, auch wilde, haben.“
-Außerdem verlangt er von ihr, sie müsse die Kunst Mehl und Schrot, die
-damals noch von jeder Haushaltung selbst hergestellt wurden, zu machen
-verstehen, dürfe keine Schwätzerin sein und sich mit den Nachbarinnen
-umhertreiben, auch ohne Befehl des Hausherrn oder der Hausfrau nicht
-opfern, solle reinlich sein und auch die Villa rein halten, täglich,
-bevor sie zu Bett gehe, den Herd reinigen, an Festen den Herd bekränzen
-und an diesen Tagen dem Hausgotte opfern.
-
-Von den in der späteren Kaiserzeit unterschiedenen 29 Äpfelsorten
-gediehen die berühmtesten bei der Stadt Abella in Kampanien, die
-jedenfalls hier eine sehr alte, schon von den Kelten betriebene
-Äpfelkultur besaß; denn ihren Namen wird sie von der keltischen
-Bezeichnung ~aball~ für Äpfel erhalten haben. Der römische
-Ackerbauschriftsteller Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. sagt von den
-Apfelbäumen: „Es gibt deren viele Sorten, und es wäre zu weitläufig,
-sie aufzuzählen. Sie lieben einen kräftigen, fetten Boden, der nicht
-durch Bewässerung, sondern von Natur feucht ist; besteht er aber aus
-trockenem Sand oder Ton, so tut die Bewässerung gut. An kalten Orten
-setzt man sie auf die Südseite der Berge. Man braucht die Erde um sie
-weder durch Ackern, noch durch Graben aufzulockern; daher passen sie
-gut auf Wiesen. Mist verlangen sie zwar nicht, nehmen ihn aber gerne
-an, auch kann er mit Asche gemischt sein. Beim Beschneiden nimmt man
-am besten nur was trocken oder falsch gewachsen ist weg. Der Apfelbaum
-dauert nicht so viele Jahre wie der Birnbaum. Läßt er seine Äpfel vor
-der Zeit der Reife fallen, so spaltet man eine Wurzel und keilt einen
-Stein in den Spalt (natürlich ist dies Unsinn). Hängen die Äpfel in
-zu großer Zahl am Baum, so nimmt man die schlechtesten weg (damit
-sich die anderen umso schöner entwickeln). Die Zeit der Veredlung ist
-der Februar und März. Apfelreiser gedeihen auf Apfel- und Birnbäumen,
-Weißdorn, Pflaume, Spierling, Pfirsich, Platane, Pappel, Weide. -- Die
-Äpfel, welche aufbewahrt werden sollen, müssen sorgfältig ausgelesen
-werden. Man legt sie an einem dunkeln, windfreien Orte in abgesonderten
-Haufen auf Stroh und teilt die Haufen oft. Manche schließen sie auch
-in ausgepichte große Tonkrüge, deren Deckel mit Gips verstrichen wird,
-oder hüllen sie in Ton oder bestreichen nur die Stiele mit Ton, oder
-legen sie auf Hürden, die mit Spreu belegt sind, oder decken sie von
-oben mit Stroh. Die sogenannten Kugeläpfel kann man ohne weiteres
-ein ganzes Jahr aufbewahren. Manche Leute senken auch die in gut
-ausgepichten und verpichten Gefäßen befindlichen Äpfel unter Wasser.
-Andere nehmen die Äpfel einzeln vom Baum, tauchen ihre Stiele in
-siedendes Pech, legen sie reihenweise auf die Gestelle und decken sie
-mit Nußblättern. Viele legen sie zwischen Sägespäne von Pappel- oder
-Tannenholz. Es ist bekannt, daß man die Äpfel so legen muß, daß der
-Stiel unten ist, und daß man sie nicht eher anrühren darf, als bis man
-sie braucht. Auch Wein und Essig wird aus Äpfeln wie Birnen gemacht.“
-
-Die von ihnen in Italien angepflanzten besseren Äpfelsorten brachten
-die Römer mit den übrigen von ihnen verbreiteten Obstsorten auch
-über die Alpen nach Gallien und Germanien. Hier gab es zwar bereits
-kultivierte Äpfel, aber doch noch nicht so feine Arten, wie sie die
-Römer aus Italien mitbrachten, auch kannte man noch nicht die von jenen
-geübten Methoden der Veredelung des Obstes durch Pfropfen. In allen
-von den Römern beeinflußten romanischen und germanischen Sprachen
-führen sowohl die Obstarten als auch die Ausdrücke für ihre Veredelung
-(wie impfen, aus dem lateinischen ~impu(t)are~) ausnahmslos Namen,
-die aus dem Lateinischen entlehnt sind. Nur +ein+ Obstname, nämlich
-derjenige des Apfels, ist in den Sprachen Mitteleuropas nicht aus dem
-Lateinischen entlehnt, sondern altes Erbgut der hier ansässigen Stämme.
-Er lautet althochdeutsch ~apful~, nordisch ~appel~, urkeltisch ~aball~,
-altslawisch ~jabluko~. Es ist deshalb anzunehmen, daß der Apfel, die
-einzige Obstart, für die sich beim Eindringen der römischen Obstkultur
-in den ersten Jahrhunderten nach Christus der altangestammte Name
-in Germanien behauptete, hier schon in einer seit der Pfahlbauzeit
-erhalten gebliebenen kultivierten, wenn auch minderwertigen Art
-bekannt war, die sich allerdings ganz wesentlich vom römischen Apfel
-unterschied. Er spielte in der Mythologie der alten Deutschen eine
-nicht unbedeutende Rolle, indem er nach altgermanischer Vorstellung
-als Symbol der Mutterbrust und der nährenden Liebe galt. In der
-nordischen Mythologie sind Äpfel die Speise der Asen, des mächtigsten
-Göttergeschlechts, das von den Riesen seinen Ursprung nahm. Iduna war
-ihre Bewahrerin und sie besaßen die Kraft, den zu verjüngen, der sie aß.
-
-Überall da, wo nun die Römer nördlich der Alpen ihre Militärstationen
-gründeten und Märkte anlegten, machten sie bald auch Versuche mit
-der Anpflanzung südlicher Obstsorten, die ihnen für ihre gewohnte
-bessere Lebensführung unentbehrlich waren. So wissen wir aus der
-Naturgeschichte des älteren Plinius (23-79 n. Chr.), daß die Belgier
-schon zu seiner Zeit eine besondere kernlose Art von Äpfeln zogen.
-Im 6. Jahrhundert bedankt sich der romanisierte Franke Venantius
-Fortunatus bei seinem Freunde und Landsmann Gregor von Tours
-(eigentlich Georgius Florentius geheißen, um 540 in Clermont-Ferrand
-geboren, von 573-594 Bischof von Tours) in einem uns erhaltenen
-poetischen Billett für Äpfel und Apfelpfropfreiser, die dieser
-ihm gesandt hatte. In Karls des Großen ~Capitulare de villis vel
-curtis imperii~, d. h. seinen Verordnungen über die Einrichtung und
-Bewirtschaftung der königlichen Domänen aus dem Jahre 812, durch die er
-auf sein Volk vorbildlich wirken wollte und die für uns das wichtigste
-Dokument der frühmittelalterlichen Garten- und Obstkultur sind, werden
-frühe und späte, säuerliche und süße Sorten, auch Daueräpfel unter
-den damals gebräuchlichen Bezeichnungen wie Gosmaringer, Geroldinger,
-Crevedeller und Sperauker genannt. Diese Bezeichnungen stammen meist
-von Orten Süddeutschlands, wo innerhalb des Dekumatenlandes sehr früh
-die von den Römern eingeführte Apfelkultur in Blüte kam und wertvolle,
-aus dem Süden stammende, Sorten kultiviert wurden.
-
-Ein ausgedehnter Raum sollte in den Meierhöfen zum Aufbewahren von
-Obstsorten verschiedenster Art, besonders von Äpfeln, eingerichtet
-sein. Als ein Obstgarten erscheint in der altsächsischen Dichtung
-vom Heliand der Garten Getsemane. In ihm, den man sich möglichst
-ungepflegt als einen mit Obstbäumen bestandenen Rasenplatz vorzustellen
-hat, gab die Bauerndirne ihrem Geliebten ein Stelldichein und
-fanden bei festlichen Anlässen die Lustbarkeiten statt. Den in ihm
-befindlichen Obstbäumen wurde meist nur geringe oder gar keine Pflege
-zuteil. Vorbildlich in der Obstkultur gingen vor allem die Klöster den
-Bauern mit gutem Beispiel voran; denn im frühen Mittelalter waren sie
-ganz besonders die Heger und Pfleger der von den Römern übernommenen
-Kulturgüter, und wenn die Mönche auf ihren stetigen Wanderungen eine
-neue Sorte entdeckten, so brachten sie dieselbe mit in ihr Kloster.
-Und aus dem Klostergarten gelangten später Pfropfreiser davon in die
-Gärten der benachbarten Dörfer. So berichtet uns der Geschichtschreiber
-des Klosters Morimund, daß die Brüder, die auszogen, um eine neue
-Kolonie zu gründen, Samen und Pflänzlinge von allen Sorten für den
-Garten des neu zu gründenden Klosters mitnahmen. Die Mönche, welche
-nach Altenkampen im Kölnischen gingen, nahmen die graue Reinette mit,
-welche im Bassigny um Morimund häufig war. Von Altenkampen verpflanzten
-sie andere Mönche desselben Ordens nach Walkenried, von dort nach
-Pforte, von Pforte nach Leubus in Schlesien, von wo sie sich durch ganz
-Schlesien verbreitete. So ist auch der Borsdorfer Apfel ein Produkt der
-Cistersiensermönche von Pforte, den sie mit südländischen Pfropfreisern
-auf dem für Obst- und Weinpflanzungen besonders geeigneten Ackerhofe
-zu Borsendorf bei Dornburg an der Saale gezogen hatten. In demselben
-Pforte wird zuerst im Jahre 1271 ein Obstgärtner als ~magister pomi~
-erwähnt. So verbreiteten sich durch die segensreiche Kulturtätigkeit
-dieser Mönche diese edleren Obstsorten, die sie auch auf die Wildstämme
-der umliegenden Bauernhöfe pfropften. Bald drang so statt der wilden
-Kirschen, sauren Holzäpfel und Schlehen wohlschmeckendes Obst als
-weitergeleitetes altes Erbe des römischen Kulturvolkes auch in die
-entlegensten Gaue Germaniens vor.
-
-Was seither die vorzugsweise von Laien fortgeführte Veredelung aus
-dieser westasiatischen Obstart gemacht hat, ist genugsam bekannt, so
-daß wir nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es genüge, hier zu
-bemerken, daß nicht nur in ganz Europa, sondern auch in Nordamerika,
-besonders Kalifornien, die Apfelkultur sich zu ganz außerordentlicher
-Blüte entfaltet hat, so daß in einem Jahre schon über eine Milliarde
-Kilogramm frischen Obstes von dort allein nach England eingeführt
-wurde. Auch getrocknet, mit Zucker als Kompott oder zu Mus eingekocht
-gelangen die Äpfel heute überall in den Handel, und aus ihnen wird
-auch an vielen Orten ein angenehm säuerlicher, schwach alkoholhaltiger
-Trank als sogenannter Äpfelwein hergestellt.
-
-Fast ebenso viele Formen wie von den Kulturäpfeln gibt es von den
-kultivierten +Birnen+ (~Pirus communis~), deren Stammeltern ebenfalls
-aus Westasien zu uns gelangten. Besonders waren es die orientalische
-herzblätterige Birne (~Pirus cordata~) und die persische Birne (~Pirus
-persica~), die miteinander und später auch mit unserer einheimischen
-Holzbirne gekreuzt wurden und zu zahlreichen Varietäten Anlaß gaben.
-Daher kommt es denn auch, daß weder die Äpfel- noch die Birnensorten
-samenbeständig sind. Durch die Aussaat entstehen fast stets nur Bäume
-mit ganz minderwertigen Früchten. Um nun die gewünschten edlen Früchte
-zu erhalten, muß der Wildling veredelt werden, d. h. man schneidet
-den oberen Teil desselben ab und schiebt in die Wundfläche zwischen
-Rinde und Holz einen Zweig der guten Sorte, ein „Edelreis“. Nachdem
-die betreffende Wundstelle gut verbunden und durch Aufstreichen von
-Baumwachs luftdicht abgeschlossen ist, verwächst der Wildling mit
-dem Edelreis; jener übernimmt die Ernährung des letzteren, das nun
-austreibt und eine neue Krone bildet.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 15.
-
-Längsspalier von Birnbäumen auf einer der Obstpflanzungen der
-Konservenfabrik Lenzburg (Schweiz).]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 16.
-
-Kreuzspalier von Birnbäumen auf einer der Obstpflanzungen der
-Konservenfabrik Lenzburg (Schweiz).]
-
-Die Kultur der Birne ist wie diejenige des Apfels schon aus
-klimatischen Gründen Syrien und Ägypten fremd, dagegen in Persien und
-Armenien eine uralte. Über Kleinasien gelangte sie schon ebensofrüh
-als diejenige des Apfels nach Griechenland, wo die Birne bei Homer
-~ónchnē~, vom großen Pflanzenkundigen Theophrast daneben auch ~ápios~
-und bei den Griechen später ausschließlich ~ápios~ genannt wurde.
-Außer der Insel Thasos war besonders auch der Peloponnes durch den
-Reichtum an Birnen bekannt. Ja, nach der Angabe des um 200 n. Chr.
-in Alexandrien lebenden Athenaios führte diese Halbinsel aus diesem
-Grunde auch den Beinamen Apia, d. h. Birnenland. Nach Italien müssen
-nach dem Funde des bronzezeitlichen Pfahlbaus von Baradello schon die
-aus dem Norden des Balkans dahin wandernden Stämme des vorletzten
-Jahrtausends v. Chr. den Birnbaum gebracht haben. In der Folge nahm
-sein Anbau in Italien, wo die Birne ~pirum~ genannt wurde, immer
-größere Ausdehnung an. In seiner Schrift über den Landbau sagt der
-ältere Cato (234-149 v. Chr.): „Es gibt eine Menge Birnensorten, so
-die volemische, anicianische, sementivische, tarentinische (von den
-Griechen aus Tarent übernommen), Most- und Kürbisbirne und andere. Sie
-werden gepflanzt und gepfropft.“ 200 Jahre später schreibt Plinius
-in seiner Naturgeschichte: „Es gibt eine sehr große Menge von
-Birnensorten. Roh sind sie sämtlich selbst für ganz gesunde Leute
-schwer verdaulich und werden daher Kranken verboten. Auch die Waldbirne
-wird getrocknet, um sie als Arznei zu gebrauchen.“ Sein Zeitgenosse,
-der griechische Arzt Dioskurides, meint: „Alle Birnen (~ápios~), und
-es gibt deren viele Sorten, haben zusammenziehende Kräfte. Verzehrt
-man rohe Birnen nüchtern, so schaden sie leicht. Aus Birnen macht
-man Birnenwein, wie man auch welchen aus Quitten, Spierlingen und
-Johannisbrot macht. Alle diese Weine haben etwas Zusammenziehendes und
-sind gesund.“ Nach dem ebenfalls um die Mitte des 1. Jahrhunderts
-n. Chr. lebenden, aus Spanien nach Rom gekommenen Ackerbauschriftsteller
-Columella wurden aus noch nicht ganz reifen Birnen und Äpfeln an der
-Sonne gedörrte Schnitze hergestellt, die nebst getrockneten Feigen
-einen sehr wichtigen Teil der Nahrung der ländlichen Bevölkerung
-bildeten. Zur Mostgewinnung pflanzte man besondere Mostbirnen, und
-feinere Birnen wurden in eingekochtem Most konserviert. Palladius im
-4. Jahrhundert rät, die Birnbäume 30 Fuß auseinanderzusetzen, die Erde
-aufzulockern und feucht zu halten, auch einmal jährlich zu düngen.
-„Zweckmäßiger als aus Samen ist es, sie durch Pfropfen von Wildstämmen
-zu gewinnen, und zwar pfropft man sie auf wilde Birnbäume, Apfelbäume
-und, wie einige angeben, auch auf Mandel- und Granatbäume, Quitten und
-Eschen (griechische Schriftsteller fügen dieser Liste die Maulbeerbäume
-hinzu und sagen, daß die darauf gewachsenen Birnen rot werden). Will
-man Birnen lange aufbewahren, so sucht man mit der Hand gepflückte,
-ganz unbeschädigte, noch nicht völlig reife aus, tut sie in ein
-ausgepichtes Gefäß, befestigt darauf den Deckel ganz dicht, legt es so
-um, daß der Deckel nach unten kommt und vergräbt es an einer Stelle, um
-die jahraus, jahrein Wasser fließt. Man hebt auch Birnen in Spreu und
-Getreide auf.“
-
-Neben der als ~ápios~ bezeichneten Kulturbirne wurden von den
-Griechen die als ~áchras~ bezeichneten wilden Birnen gelegentlich
-noch gesammelt und gegessen. In der Urzeit muß dies eine regelmäßige
-Nahrung der Griechenstämme gewesen sein, wie das uralte Fest der
-Achraden bei den Argivern beweist, und wie das aus dem Holz des wilden
-Birnbaums geschnitzte Herabild zu Tiryns auf den wilden Birnbaum
-als ersten Nährbaum der Tiryntier hinweist. Je weiter wir in der
-Menschheitsgeschichte zurückgehen, desto ausschließlicher finden wir
-den wilden Birnbaum mit seinen herben, wenig zum Genusse verlockenden
-Früchten als Nahrungsspender. So wurden zur jüngeren Steinzeit, wie
-uns die Funde in den Kulturschichten der Pfahlbaustationen von Wangen
-und Robenhausen in der Schweiz beweisen, neben wilden Äpfeln auch wilde
-Birnen gesammelt und, in Schnitze geschnitten und an der Sonne gedörrt,
-als Wintervorrat aufgehoben. Die saftige Kulturbirne aber fehlte bis
-ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Mitteleuropa durchaus.
-Sie gelangte im Gegensatz zum Apfel, der sich hier bereits seit dem
-Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends kultiviert vorfand, erst
-durch die Römer der Kaiserzeit in die Länder nördlich der Alpen. Zwar
-wurden Samenkerne dieser Obstarten nicht im Wegwurf der römischen
-Militärstationen gefunden, was bei der Kleinheit und Vergänglichkeit
-derselben einigermaßen begreiflich ist. Wohl aber fanden sich die viel
-größeren und sehr harten Steinkerne der bald zu besprechenden Pflaumen,
-Mirabellen, Kirschpflaumen, Süß- und Sauerkirschen, Pfirsiche und
-Aprikosen und die Schalen der Walnüsse und großen Haselnüsse, nicht
-bloß in den ausgemauerten, sondern vornehmlich in den zahlreichen
-mit Holz ausgekleideten Schachtbrunnen der Saalburg bei Homburg, die
-nachweislich schon von den Römern selbst im 2. Jahrhundert n. Chr.
-durch ausgemauerte Brunnen ersetzt und zugeschüttet wurden. Hier lagen
-sie in einer Schlammschicht 5-10 m unter der Oberfläche. Daß sie etwa
-erst in späteren Jahrhunderten in die Brunnen geworfen sein könnten,
-ist unter diesen Umständen völlig ausgeschlossen, ganz abgesehen davon,
-daß das Kastell unter Gallienus (260-268 n. Chr.) definitiv an die
-Germanen verloren und von jenen eingeäschert und zerstört wurde und
-seither keine menschliche Niederlassung mehr hier vorhanden war. Erst
-einige Jahrhunderte später ist dann die Kulturbirne von den Germanen in
-Pflege genommen worden, worauf die Bildung von althochdeutsch ~pira~,
-später ~bira~ aus dem lateinischen ~pirum~ deutet.
-
-In dem aus dem Jahre 812 datierenden Verzeichnis der auf den Gütern
-Karls des Großen zu haltenden Obstbäume figurieren neben den ~pomarii~,
-den Apfelbäumen, auch die ~pirarii~, von denen ebenfalls mehrere
-Sorten erwähnt werden, so süßere, frühreife und spätreife. Und der im
-Jahre 849 verstorbene fränkische Mönch Walahfrid Strabo, ein großer
-Gartenfreund, der es trotz seiner edlen Abkunft nicht verschmähte,
-durch tüchtiges Zugreifen, wie er selbst sagt, sich die Hände schwielig
-zu machen und zu bräunen, hat in einem lateinischen Gedichte „über
-die Pflege der Gärten“ beschrieben, wie er in seinem Garten im Juli
-Pfirsiche und im August Feigen, Pflaumen, Nüsse und große volemische
-Birnen pflücke, von denen eine die ganze Hand ausfüllt. Zu den von
-den Römern übernommenen Birnensorten sind dann durch die Bemühungen
-der Klöster und später auch der Laien zahlreiche neue hinzugekommen.
-So zählt Valerius Cordus in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
-mehr als 50 in Mitteldeutschland kultivierte Sorten auf, die sich
-inzwischen, besonders durch die Bemühungen belgischer Obstzüchter, ganz
-wesentlich vermehrt haben.
-
-Vom Obstbau der alten Kulturvölker haben wir nur eine geringe Kenntnis,
-da ihre Schriftsteller von solch allgemein bekannten Dingen keine
-Aufzeichnungen hinterließen. In Ägypten und Babylonien hat das Kernobst
-keinerlei Rolle gespielt, wohl aber in dem durch seine Höhenlage
-kühleren Persien, in welchem Lande schon zu den Zeiten des älteren
-Kyros (um 550 v. Chr.) die Straßen, welche von der Hauptstadt nach
-den Provinzen führten, mit Obstbäumen als nützlichen Schattenspendern
-bepflanzt waren. Schon damals hatten die persischen Großkönige die
-Gepflogenheit, bei feierlichen Anlässen Obstbäume mit eigener Hand zu
-pflanzen, -- beides Sitten, die sich bis auf unsere Zeit erhalten haben.
-
-Schon sehr frühe drang der Obstbau aus Vorderasien über Kleinasien
-zu den Griechen und später zu den Römern, die sich seiner mit Liebe
-annahmen. Schon bei Homer finden wir die zwischen den Krautgärten
-gelegenen Obstgärten der Vornehmen erwähnt, die in der Regel von
-älteren Familienangehörigen besorgt wurden. So finden wir in der
-Odyssee die Obhut der Obstbäume vorzugsweise Greisen anvertraut, die
-niedergebückt im Garten pflanzten, gruben und beschnitten. So hat sich
-auch der greise Laertes, Odysseus Vater, in seine Gärten zurückgezogen,
-und sein Genosse hierin war der gealterte Sklave Dolios, den einst
-Penelope von ihres Vaters Hause in dasjenige ihres Gatten Odysseus mit
-hinübergebracht hatte.
-
-Der Baumgarten des Altertums war wie der Rebberg durch eine Mauer,
-einen Graben oder einen Zaun, später auch durch eine lebende Hecke als
-Privateigentum abgegrenzt. Wer nun diese Grenze nicht respektierte,
-machte sich eines frevelhaften Einbruchs in fremdes Eigentum schuldig.
-Wie schwer solche Vergehen bisweilen geahndet wurden, beweist uns
-die von dem griechischen Geschichtsschreiber Apollodoros berichtete
-Episode des Herrschers von Kalydon auf Kreta Oineus (d. h. Winzer), der
-seinen eigenen Sohn Toxeus (d. h. den Schützen) tötete, weil dieser es
-frevelhaft gewagt hatte, den Graben, der seinen Weinberg umschloß, zu
-überspringen.
-
-Nach der Schilderung in der Odyssee trug Laertes bei seinen Arbeiten im
-Obstgarten zum Schutz seiner Beine vor Beschädigungen durch die Dornen
-ein Paar alter Beinschienen aus Leder und dazu einen geflickten Rock.
-Der Garten war von einer Dornenhecke umgeben und enthielt wohlgepflegte
-Apfel-, Birn-, Feigen- und Ölbäume. Ein hoher Birnbaum fiel besonders
-auf; unter ihm stand Odysseus nach seiner Heimkehr, eine Weile mit der
-Rührung kämpfend, da er seinen Vater in der Ferne beobachtet. Und als
-er sich ihm zu erkennen gibt, erinnert er ihn an die Zeit der Kindheit,
-als er ihm einst 13 Birnbäume, 10 Äpfelbäume, 40 Feigenbäume und 50
-Weinstöcke zu eigener Nutznießung schenkte.
-
-Die alten Römer nannten ihre Obstgärten nach den vorzugsweise darin
-kultivierten Apfelbäumen ~pomarium~, während sie den Lustgarten
-~hortus~, den Blumengarten ~floralium~ und den Küchengarten mit den
-Gemüsen ~hortus pinguis~ oder ~rusticus~, d. h. den fetten oder
-ländlichen Garten nannten. In den großen Obstgärten der Reichen waren
-zugleich Magazine zum Aufbewahren von Obst, wie auch daran sich
-anschließende bescheidene Wohnungen für die Gärtnerdienst tuenden
-Sklaven vorhanden. Sonst wissen wir sehr wenig von ihnen, nur so viel,
-daß in ihnen, wie wir bald sehen werden, schon eine ganze Menge aus dem
-Osten importierter Fruchtbäume gediehen.
-
-Im Mittelalter waren, wie gesagt, die Klöster die Träger und
-Überlieferer der altrömischen Kultur und ihrer Erzeugnisse. Sie
-haben sich ein besonderes Verdienst um die Erhaltung und Ausbreitung
-der von den Römern eingeführten Nutzpflanzen, besonders der aus dem
-Süden importierten Obstbäume erworben. Selbstverständlich waren
-die Klostergärten ebenso eingefriedigt wie diejenigen der Bauern.
-In einem Weistum vom Jahre 1500 wird sogar vorgeschrieben, daß der
-aus senkrechten Stöcken mit dazwischen geflochtenen Ruten oder
-schräg aufgerichteten Brettern, von denen immer mehrere durch einen
-senkrechten Pfahl gehalten wurden, hergestellte Zaun mannshoch sein
-solle. Was dann noch an Hühnern und sonstigem Geflügel hinübersteige,
-das dürfe der Bauer totschlagen. Nach den uns erhaltenen Zeichnungen
-aber ist seine Höhe für gewöhnlich nicht mehr als 1 m gewesen.
-
-In diesen Gärten wurde nicht sehr streng zwischen Gemüse- und
-Obstgarten unterschieden. Oftmals wird erwähnt, daß Bäume im
-Kohlgarten gestanden haben. War ein besonderer Baum- oder Obstgarten
-vorhanden, so waren darin nur wenige Sorten vertreten, und zwar
-meist Äpfel und Birnen, seltener Steinobst oder gar Nüsse. Noch der
-römische Geschichtsschreiber Tacitus (54-117 n. Chr.) hielt in seiner
-ethnographischen Schilderung Germaniens dieses Land für schon zu kalt
-zum Obstbau, nur für Getreidebau geeignet. Die Einwohner desselben, so
-schrieb er, nährten sich von ganz einfachen Speisen wie wilden Äpfeln
-und Beeren, frischem Wildbret und saurer Milch.
-
-Diese Lebensweise hat sich im Laufe des Mittelalters, als auch
-Germanien das Erbe der altrömischen Kultur antrat, gründlich geändert.
-Deutschland war nicht zu rauh für die Obstzucht; die Obstbäume gediehen
-vielmehr ganz gut, soweit sie das gegenüber den Mittelmeerländern viel
-rauhere Klima ertrugen. Und den Anstoß zu diesem Wechsel legten die
-Römer selbst durch ihre Kolonisation, die die Schätze an wertvollen
-Nutzpflanzen, die ihr Land durch den Import aus dem Morgenlande
-aufwies, über den eisumgürteten Grenzwall der Alpen hinüber in die
-durch ihren Reichtum an Wäldern und Sümpfen ausgezeichneten und
-dadurch für die Römer zunächst nur abschreckenden Länder des Nordens
-brachten. Auch Italien selbst war einst ein solch armes Waldland
-gewesen, als es von den Italikern besiedelt wurde. Und als es durch
-Rodung und nachfolgenden Ackerbau schon einigermaßen kultiviert war,
-erschien es den älteren Griechen als ein Land, das im Vergleich schon
-mit ihrem eigenen und noch viel mehr mit dem an Kultur viel weiter
-fortgeschrittenen Orient einen nordischen, primitiven Charakter trug
-und dessen Produktion in noch ziemlich später Zeit vorwiegend in Holz,
-Vieh und Getreide bestand. Noch der im Jahre 286 v. Chr. in Athen
-verstorbene Schüler des Aristoteles, Theophrastos von der Insel Lesbos,
-der Begründer der antiken Pflanzenkunde, der eine uns noch erhaltene
-„Naturgeschichte der Gewächse“ schrieb, rechnet Italien zu den wenigen
-Ländern am Mittelmeer, wo noch Schiffsbauholz vorkommt. Und als der
-prunkliebende König Hieron II. von Syrakus, der im Jahre 269 v. Chr.
-nach einem entscheidenden Siege über die sogenannten Mamertiner in
-seiner Vaterstadt zur Herrschaft gelangte, die er als tüchtiger Regent
-und Bundesgenosse der Römer bis zu seinem Tode im Jahre 215 ausübte,
-sich ein riesiges Getreideschiff baute, so fand sich nach dem Berichte
-des um 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebenden griechischen
-Grammatikers Athenaios aus Naukratis in Ägypten nur im brettischen
-Gebirge in Italien ein Baum, der als Hauptmast dienen konnte. Es war
-dies im heutigen, aus Laricio-Kiefern bestehenden Nilawalde, der aber
-damals auch mit Eichen oder Buchen untermischt gewesen sein muß, da
-ein Sauhirt, der seine Herde zur Eichel- oder Bucheckernmast in den
-Wald trieb, der Auffinder dieser damals schon bemerkenswerten Rarität
-war.
-
-Von ungeheuren, unwirtlichen Wäldern auf der italischen Halbinsel
-hören wir auch durch die römische Überlieferung. Den ciminischen
-Wald beim heutigen Viterbo nördlich von Rom beschreibt der römische
-Geschichtsschreiber Livius (59 v. bis 17 n. Chr.) unter dem Jahre 308
-v. Chr., also nach der Zeit Alexanders des Großen, als so schrecklich,
-wie nur die später von den Römern betretenen Wälder Germaniens. Von
-einem ähnlichen Grauen vor diesem entsetzlichen Waldgebiete muß auch
-der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebende römische Geschichtsschreiber
-Florus erfaßt gewesen sein, der wie Livius eine Geschichte Roms von
-der Gründung der Stadt bis zu Kaiser Augustus schrieb. Er berichtet,
-daß damals der Prätor C. Manlius zu Anfang des von 218-201 v. Chr.
-dauernden zweiten punischen Krieges zum Entsatze des von den Bojern,
-einem teils in Oberitalien, teils zwischen Alpen und Donau seßhaften
-keltischen Volksstamme, bedrängten Mutina (dem heutigen Modena)
-herbeirückte, sein Heer in den unwegsamen Wäldern fast aufgerieben
-wurde. Noch schlimmer erging es nach demselben Autor dem Prätor L.
-Postumius in dem litanischen Wald, aus welchem von seinem ganzen Heere
-nur wenige Mann den Ausweg fanden.
-
-Und dieses Waldland Italien, das ursprünglich außer Haselnüssen,
-Holzäpfeln, Schlehen, Holzbirnen, Eicheln, Bucheckern und Waldbeeren
-keinerlei eßbare Früchte trug, schildert uns der im Jahre 116 v. Chr.
-geborene und 27 v. Chr. verstorbene bedeutendste Gelehrte Roms, Marcus
-Terentius Varro, es sei dermaßen mit aus dem Morgenlande eingeführten
-Fruchtbäumen besät, daß es wie ein großer Obstgarten erscheine! Edle
-Äpfel und Birnen, Quitten und Mandeln, Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche,
-Feigen, Granaten, Oliven, Maulbeeren, Kastanien, Walnüsse, Pistazien
-wurden zur römischen Kaiserzeit in Menge auf jener einst aller eßbaren
-edleren Früchte mangelnden Halbinsel gezogen.
-
-Die Vermittler dieser Umwandlung, von deren Reichtum in der Folge ganz
-Europa bis auf unsere Tage solch großen Nutzen zog, bildeten Sklaven
-und Freigelassene aus Syrien, Kilikien und den verschiedenen Ländern
-Kleinasiens. Nach den glücklich durchgeführten asiatischen Kriegen, die
-eine Fülle Kriegsgefangener auf den römischen Markt brachten, wimmelte
-Italien von ihnen lange vor dem großen römischen Sittenmaler Juvenalis
-(47-130 n. Chr.), der sich in einer Satire beklagt, es sei so weit
-gekommen, daß der syrische Fluß Orontes sich in den Tiber ergieße.
-Er meint damit: Rom und seine Umgebung sei dermaßen von Syriern
-überschwemmt, daß man sich an den Orontes versetzt glauben könne. Diese
-syrischen Sklaven waren durch Arbeitsamkeit, Ausdauer und Ergebenheit
-gegen ihre Herren ausgezeichnet. Schon der römische Komödiendichter
-Plautus (254-184 v. Chr.) nennt sie das allergeduldigste Geschlecht
-der Menschen. Dem Kriegshandwerke abgeneigt, waren sie als Träger
-einer überaus alten Kultur aufs beste vertraut mit dem Aufziehen und
-Pflegen von Pflanzen, besonders Obstbäumen, die sie durch sachkundige
-Beschneidung und Düngung zu ergiebigster Fruchtbildung veranlaßten.
-Aufs beste verstanden sie sich auf das Veredeln, dessen Methoden uns
-schon von altgriechischen Autoren eingehend geschildert werden, von den
-späteren römischen Schriftstellern über Obstbau nicht zu reden, die
-sich sehr eingehend über diese Materie aussprechen. Sagt doch bereits
-der ältere Plinius (23-79 n. Chr.): „In der Veredelung der Bäume haben
-die Menschen schon längst das Höchste erreicht“, bemerkt aber dazu,
-daß man eine Sünde begehen würde, alles auf gut Glück durcheinander
-veredeln zu wollen; „denn Dornsträucher (~spina~) darf man nicht
-pfropfen, weil sich sonst die Blitze nicht leicht sühnen lassen und
-jeder Blitzschlag mit zwei-, drei- oder vierfacher Gewalt einschlägt,
-wenn man zwei-, drei- oder vierfach veredelt hat.“ An einer anderen
-Stelle meint derselbe Plinius: „Auf die Veredelung (~inserere~, d. h.
-einsäen) mag wohl die Natur selbst den Menschen aufmerksam gemacht
-haben, indem durch Vögel oder Winde öfter Samen auf Bäume gebracht
-werden und auf diesen gedeihen. So habe ich z. B. einen Kirschbaum auf
-einer Weide, eine Platane auf einem Lorbeer, einen Lorbeer auf einem
-Kirschbaum und allerlei der Art gesehen. Auch Kerne, die von Dohlen als
-Vorrat in Ritzen alter Mauern gesteckt werden, geben Veranlassung zu
-dergleichen Erscheinungen.“ -- Das +Okulieren+ (~inoculatio~) besteht
-darin, daß man von einem Baume ein Auge mit etwas Rinde abschneidet
-und in einen anderen Baum einsetzt, von dem man ein eben solches Stück
-Rinde weggeschnitten hat, Vergil (70-19 v. Chr.) lehrt auch, in dem
-Knoten, auf dem eine Knospe sitzt, ein Loch zu machen und eine fremde
-Knospe in dieses zu setzen. Beim +Pfropfen+ (~insitio~) schneidet man
-den Stamm mit der Säge durch, glättet die Wunde mit der Hippe (dem
-gekrümmten Rebmesser), schiebt das Pfropfreis zwischen Holz und Rinde,
-wie es von altersher geschieht, oder spaltet den Stamm und setzt die
-Reiser in den Spalt. Nach Cato (234-149 v. Chr.) soll man die Wunde
-„mit einer Mischung von Ton, Kreide, Sand und Kuhmist verstreichen.“
-
-Ein ungenannter Grieche der klassischen Zeit schreibt in den Geoponika,
-einer ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung von Auszügen aus
-guten alten griechischen Schriften über Land- und Gartenwirtschaft:
-„Es sind drei Arten der +Veredelung+ (~enkentrismós~ von ~kéntron~
-Gerte, Reis, also zu deutsch Reiseinfügung) im Gebrauch. Veredelt man
-so, daß man den Stamm durchschneidet, von der Wunde aus einen Keil
-zwischen Rinde und Holz treibt und in die so entstandene Höhlung das
-Reis (~énthema~) einfügt, so nennt man dieses Verfahren ~emphyllismós~
-(von ~phýllon~ Blatt). Spaltet man aber den Stamm, nachdem er quer
-durchschnitten ist, in der Mitte und setzt das Reis in den Spalt ein,
-so heißt dieses Verfahren insbesondere ~enkentrismós~.
-
-In beiden Fällen der Veredelung muß man rasch zu Werke gehen, damit
-weder die Wunde des Stammes, noch das Reis austrocknet. Die Reiser,
-welche man einsetzt, müssen zweijährig sein und die Dicke eines
-kleinen Fingers haben und sich in zwei oder drei Enden teilen; die
-einjährigen wachsen zwar leicht an, sind aber unfruchtbar. (Im
-Mittelalter dagegen verwendete man gleich heute, wie beifolgender
-alter Holzschnitt zeigt, stets einjährige Edelreiser, die natürlich
-vollkommen fruchtbar sind. Man schneidet sie im Winter, in der Zeit der
-Knospenruhe, ab und bewahrt sie meist in feuchtem Sand, damit sie nicht
-zu stark eintrocknen, und pfropft damit beim Trieb im Frühjahr.) Die
-Reiser werden zehn oder mehr Tage vor der Veredelung von ihrem Baume
-geschnitten und in einem gut zugedeckten Topfe aufbewahrt, damit sie
-nicht zu sehr eintrocknen. Die Knospen müssen an ihnen noch geschlossen
-sein, an dem zu veredelnden Baume aber eben aufbrechen wollen, wenn
-man die Reiser einsetzt, und eben deswegen müssen die Reiser schon
-vorher abgeschnitten sein. Es zeigt auch die Erfahrung, daß sie weit
-leichter anwachsen, wenn sie nicht mehr frisch sind. Der Grund dieser
-Erscheinung ist darin zu suchen, daß sie in ganz frischem Zustande,
-weil voll Saft, auch dicker sind; würde man sie so einsetzen, so würden
-sie in der ersten Zeit, ehe sie anwachsen, noch schwinden, wodurch
-Ritze entstehen würden, in welche die Luft eindringen kann. -- Werden
-Reiser in die Ferne verschickt, so tut man sie in einen Topf, dessen
-Boden mit feuchtem Ton bedeckt ist. Man steckt sie in den Ton, schließt
-den Topf und verstreicht gut alle Fugen am Deckel.“
-
-Die Technik des Pfropfens war bei den alten Griechen und Römern zu
-einer in der Jetztzeit kaum wieder erreichten Virtuosität ausgebildet.
-Man glaubte damals, soweit man sich nicht durch abergläubische
-Erwägungen, von denen Plinius eine erwähnt, bestimmen ließ, jedes
-beliebige Reis auf jeden beliebigen Baum pfropfen zu können, und
-erreichte damit auch in der Tat Erstaunliches. So will derselbe Plinius
-einen Baum gesehen haben, der an seinen verschiedenen Ästen mehrere
-Äpfel- und Birnensorten, Granaten, Feigen, Weintrauben, Oliven und
-Nüsse zugleich trug; doch soll er nicht lange gelebt haben. Schon beim
-römischen Dichter Vergilius Maro (70-19 v. Chr.) trägt die Platane
-Äpfel, die Esche Birnen, der Erdbeerbaum Nüsse und die Ulme Eicheln,
-und bei Palladius, um 380 n. Chr., ist in seinem Buche über den Landbau
-kein Baum, von dem nicht ausgesagt würde, er könne die und die fremden
-Früchte zu tragen gezwungen werden.
-
-[Illustration: Bild 12. Das Pfropfen der Obstbäume im Mittelalter mit
-einjährigen Reisern. (Nach einem Baseler Holzschnitt von 1548.)
-
-Die mit Baumharz verstrichene Wunde ist noch vorsorglich mit einem
-Leinwandlappen umbunden, was heute nicht mehr üblich ist und auch im
-Altertum nicht angewendet wurde.]
-
-Über diese Virtuosität, die Natur zu vergewaltigen und zu mißbrauchen,
-wie er sich ausdrückt, entsetzte sich zwar mancher, wie der biedere
-Plinius, als über einen den Zorn der Götter wachrufenden Frevel. So
-aberwitzig auch solche Künsteleien erscheinen mochten, so hatten sie
-doch das Gute, die Mannigfaltigkeit und Vollkommenheit der einst in
-Italien fremden, nun aber durch die regen Verbindungen mit dem an
-Fruchtbaumsorten so reichen Orient hier eingebürgerten Früchte immer
-weiter zu steigern. Wenn die römischen Aristokraten nach Ablauf ihres
-Jahres aus Syrien oder einer anderen der an der Ostgrenze des Reiches
-gelegenen Provinzen heimkehrten und manche angenehme Frucht, die dort
-auf ihre Tafel gekommen war, nach Italien und auf ihre Villen zu
-versetzen wünschten, so hatten sie in ihren syrischen, kleinasiatischen
-und persischen Sklaven außerordentlich erfahrene und geschickte
-Gärtner, die ihnen beim Großziehen und Veredeln der mitgebrachten
-Pflanzenschätze behilflich waren und zur Belohnung dafür die goldene
-Freiheit oder wenigstens eine gnädige, milde Behandlung erwarten
-durften.
-
-So hat der Orient, dem wir die Gewinnung der meisten Fruchtsorten,
-die Kaprifikation der Feige, die Füllung der Rosen, Violen und
-anderer Blumen und die Hochzuchten zahlreicher Gemüsearten verdanken,
-durch seine infolge Kriegsunglückes in den letzten vorchristlichen
-Jahrhunderten nach dem Herrenlande Italien verbrachten gartenkundigen
-Einwohner diese ihre neue Heimat aufs weitgehendste mit neuen
-gärtnerischen Zuchtprodukten befruchtet. Und aus Italien brachten
-die Römer die ihnen zu Hause liebgewordenen Fruchtarten in ihre
-nördlichen und westlichen Provinzen, die sie damit beschenkten, indem
-sie dieselben dort anpflanzten und heimisch werden ließen. So war es
-mit den verschiedenen Äpfel- und Birnensorten, wie noch mit so mancher
-anderen Fruchtart, mit der wir uns im folgenden zu beschäftigen haben,
-der Fall.
-
-Welchen Fortschritt die Kultur dieser beiden so wichtigen Fruchtbäume
-im Altertum gemacht hat, lehrt uns folgende von F. Unger aufgestellte
-Zusammenstellung, die wir allerdings nicht belegen. So kannten
-
- Theophrast (um 300 v. Chr.) von Äpfeln 2, Birnen 3 Sorten,
- Cato d. ältere (um 160 v. Chr.) „ „ 7, „ 6 „
- Plinius d. ältere (um 70 n. Chr.) „ „ 36, „ 41 „
- Palladius (um 380 n. Chr.) „ „ 37, „ 56 „
-
-Diese sind dann in der Folge um mehr als das Dreißigfache vermehrt
-worden, so daß man gegenwärtig von jeder Art über 1500 Spielarten
-zählt, die sich durch Größe, Gestalt, Farbe, Konsistenz, Geschmack und
-Zeit der Reife oft außerordentlich voneinander unterscheiden.
-
-Zu den durch die Vermittlung der Römer dem Europa nördlich der Alpen
-verschafften Obstbäumen des Orients gehört auch die mit den Äpfeln nahe
-verwandte +Quitte+ (~Cydonia vulgaris~), die heute noch in den Wäldern
-des nördlichen Persien beim Kaspischen Meer, südlich vom Kaukasus
-in Armenien und Kleinasien wildwachsend mit kleinen, unscheinbaren,
-gelben Früchten gefunden wird. In ihrer Heimat ist sie schon im
-zweiten vorchristlichen Jahrtausend von einem uns unbekannten Volke in
-Pflege genommen und zu einer großfrüchtigen Kultursorte umgewandelt
-worden. Dem babylonisch-ägyptischen Kulturkreise blieb auch dieser
-Obstbaum fremd, schon weil er als die Kühle liebender Gebirgsbaum die
-anhaltende Wärme der Niederungen nicht ertrug. Schon zu Beginn des
-letzten christlichen Jahrtausends muß er westwärts gewandert und in
-Kleinasien gepflanzt worden sein. Seine früheste urkundliche Erwähnung
-findet er bei dem aus Lydien gebürtigen griechischen Dichter Alkman ums
-Jahr 650 v. Chr. Dann nennt ihn ums Jahr 600 v. Chr. der griechische
-Dichter Stesichoros aus Sizilien in seinem Stücke Helena und 50 Jahre
-später der durch Schillers Ballade uns allen wohlbekannte Dichter
-Ibykos aus Rhegion in Unteritalien. Also war diese Frucht und der
-sie hervorbringende Baum schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert den
-Griechen allgemein bekannt. Sie bezeichneten ihn als ~mḗlon kydṓnion~,
-d. h. kydonischen Apfel (woher der noch heute geltende botanische
-Gattungsname ~Cydonia~ herrührt), weil sie ihn zunächst aus dem Gebiete
-der Kydonen an der Nordwestküste Kretas bezogen. Dahin war er einst von
-der karischen Südküste Kleinasiens als ein der Liebesgöttin heiliger
-Fruchtbaum gelangt. Als dann die Griechen den Fruchtbaum in Pflege
-nahmen, weihten sie seine von ihnen meist nur als „goldene Äpfel“
-bezeichneten Früchte gleichfalls ihrer Liebesgöttin Aphrodite und
-benutzten sie als Geschenk bei Liebesspielen und als bräutliche Gabe.
-Bei der Hochzeit trug die Griechin der alten Zeit die der Liebesgöttin
-geweihte Quitte als Unterpfand einer glücklichen Ehe in der Hand und
-brachte sie ihrem Gatten als Zeichen dafür, daß sie sich nunmehr dem
-Dienste der Aphrodite weihe, ins Haus, eine Sitte, die der berühmte,
-zu den sieben Weisen gerechnete Gesetzgeber der Athener, Solon (639
-bis 559 v. Chr.), zum offiziellen Hochzeitsritus erhob und die sich in
-Attika im Laufe der Jahrhunderte durch allen Wechsel der Zeiten bis auf
-den heutigen Tag erhielt.
-
-Die schön gelbe Frucht, die sich wegen ihrer Herbe roh nicht genießen
-ließ, die aber mit Honig eingekocht eine von ihnen als Delikatesse
-geschätzte, aromatisch duftende, feinschmeckende, ~mēlo~- oder
-~kydōnomḗli~ genannte süße Speise lieferte, haben die Griechen schon
-im Altertume sehr geschätzt. Die Hippokratiker bedienten sich ihrer
-als Arznei gegen Durchfall. Gleichwohl scheint Viktor Hehn im Irrtum
-zu sein, wenn er die goldenen Äpfel der griechischen Sage nicht als
-idealisierte Äpfel, sondern als Quitten auffaßt, was ihm dann andere
-kritiklos nachsprachen. Von den griechischen Kolonien Unteritaliens
-gelangte dann die Quitte auch zu den Römern, die aus dem griechischen
-~mḗlon kydṓnion~, d. h. kydonischer Apfel, ~malum cotoneum~ machten,
-ein Ausdruck, aus welchem dann später das althochdeutsche Kutina
-und schließlich das neuhochdeutsche Quitte hervorging, während die
-Früchte heute noch im Italienischen ~mela cotogna~ heißen. Der aus
-Spanien nach Rom gekommene Ackerbauschriftsteller Columella zählt drei
-Sorten Quitten (~cydonium~) auf, nämlich ~struthium~, ~chrysomelinum~
-und ~musteum~, letzteres offenbar eine Mostquitte. Nach ihm kennt
-Plinius um 75 n. Chr. schon sechs Sorten, die nicht nur als Genuß-,
-sondern auch als Heilmittel verwendet wurden, nämlich eine goldgelbe,
-gefurchte, ~chrysomelum~ genannte, eine ausgezeichnet riechende
-weiße einheimische, eine ebenfalls geschätzte neapolitanische, eine
-~strutheum~ genannte kleinere und noch wohlriechendere Spätsorte und
-eine ~musteum~ (d. h. Mostquitte) genannte Frühsorte. Unter ihnen
-sind sowohl Äpfel- als Birnenquitten zu verstehen, die schon Cato ums
-Jahr 150 v. Chr. unterschied. Zur letzten von ihm erwähnten Sorte
-bemerkt Plinius: „Die mulvianische Quitte ist dadurch entstanden,
-daß die gewöhnliche Quitte (~cotoneum~) auf ~strutheum~ gepfropft
-wurde. Sie ist die einzige Sorte, welche roh gegessen werden kann.
-Alle Quittensorten sieht man jetzt in den Empfangszimmern der Männer
-aufgestellt und vor die Bildsäulen der Nachtgottheiten gelegt. In den
-Zäunen wachsen auch kleine, wilde Quitten von vortrefflichem Geruch.“
-Sein Zeitgenosse, der aus Kilikien gebürtige, in Rom tätige griechische
-Arzt Dioskurides meint: „Die Quitten bekommen dem Magen gut, sind
-gekocht milder als roh. Um Quittenwein zu machen, welcher ~kydonítēs~
-und ~mēlítēs~ heißt, läßt man zerstoßene Quitten 30 Tage lang in Most
-und seiht diesen dann durch. Um ~mēlomḗli~, auch ~kydōnomḗli~ genannt,
-zu bekommen, legt man Quitten, denen die Kerne genommen sind, in Honig.
-Um dem Olivenöl den angenehmen Geruch der Quitten zu geben, legt man
-Quitten so lange hinein, bis der Zweck erreicht ist.“
-
-Schon der Grieche Theophrast im 4. vorchristlichen Jahrhundert
-wußte, daß „wie aus den Samen der Kulturbirne (~ápios~) die elende
-wilde Birne (~áchras~) und aus dem Samen des edlen Apfels eine
-schlechte, saure Sorte gezogen werde, so zieht man aus der edlen
-Quitte (~strúthion~) die wilde Quitte (~kydṓnion~).“ Und Palladius
-im 4. Jahrhundert n. Chr. sagt, daß man die Quitten durch Pfropfen
-vermehre: „Die Quittenbäume (~cydonius~) lieben einen kühlen, feuchten
-Standort. Man pfropft am besten Quitten auf Quitten. Aber auf diesem
-Baume gedeihen auch Pfropfreiser von Granaten, Spierlingen und allen
-apfelähnlichen Früchten, welche sogar dadurch verbessert werden. Man
-hebt die geernteten reifen Quitten auf verschiedene Art auf, und will
-man sie in Honig legen, so zerschneidet man sie vorher mit einem Messer
-aus Rohr oder Elfenbein in vier Stücke.“
-
-Mit den übrigen Obstarten brachten die Römer auch den Quittenbaum
-in die nördlichen Provinzen des Reichs, wo er sich auch nach dem
-Untergange der Römerherrschaft erhielt, so daß er im Inventare der
-Gärten Karls des Großen aus dem Jahre 812 als ~cotoniarius~ figuriert.
-Bei der heiligen Hildegard, Äbtissin von Rupertsberg bei Bingen
-(1098-1197), wird er als ~quotanus~, beim Dominikaner Albertus Magnus,
-Graf von Bollstädt, einem der größten Gelehrten des Mittelalters
-(1193-1280), als ~coctanus~ oder ~citonius~ erwähnt. Da aber seine
-Früchte nur mit Honig oder später Zucker eingemacht genießbar sind,
-hat er beim Volke keine besonders große Bedeutung erlangt. In Italien
-werden übrigens noch jetzt wie zur Zeit des Plinius reife Quitten in
-den Zimmern aufgestellt, um diese mit deren angenehmem Duft zu erfüllen.
-
-Durch die Vermittlung der Phönikier, die diesen Fruchtbaum überall
-in den von ihnen gegründeten Kolonien anpflanzten, erhielten die
-alten Griechen den +Granatapfel+ (~Punica granatum~). Dieser ist
-in ganz Vorderasien, vom nordwestlichen Indien über Persien bis
-Kleinasien, zu Hause, erscheint im wilden Zustande stets strauchartig
-und besitzt nur kleine Früchte, die erst durch Kulturauslese zu
-Faustgröße gediehen. Durch seine feuerroten Blüten und seine
-rotwangigen, kernreichen Früchte mit säuerlichem Fruchtfleisch mußte
-er frühe schon die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich ziehen,
-der ihn dann in seine Pflege nahm und ihn in Beziehungen zu seinem
-Hauptgotte, dem Sonnengotte, brachte. Als Kultpflanze spielte er im
-syrisch-phönikischen Gottesdienste eine wichtige Rolle und verbreitete
-sich über das Gebiet der Westsemiten, bei denen er ~rimmôn~ genannt
-wurde, als ~ahrmani~ nach Ägypten, wo wir ihm im neuen Reiche zuerst
-begegnen. Die älteste Erwähnung desselben finden wir an der Wand der
-Grabkammer des Schreibers Anna, der unter Thutmosis I. (1547-1501
-v. Chr.) starb. Hier wird er unter den Bäumen des Totengartens
-erwähnt, unter denen der Geist des Verstorbenen wandelnd gedacht war.
-Da jener Fürst Thutmosis den ersten Feldzug nach Syrien unternahm,
-scheint die Granate als Folge desselben nach dem Niltale gekommen zu
-sein. Die älteste Darstellung des Granatbaums stammt aus der Zeit
-des erfolglosen Reformators der ägyptischen Staatsreligion Amenhotep
-IV. am Ende der 18. Dynastie (1375-1358 v. Chr.) in einem Grabe bei
-seiner damaligen Residenz, dem heutigen Teil el Amarna nördlich von
-Theben, während die ältesten Granatfrüchte unter den Totenbeigaben
-eines Grabes der 20. Dynastie zur Zeit Ramses IV. (1167-1148 v. Chr.)
-aus der Totenstadt von Theben gefunden wurden. Diese Granatäpfel sind
-kleiner und einfacher gebaut als die heutigen. Während nämlich letztere
-meist 6-8 Fruchtfächer besitzen, haben die ersteren deren nur 4-6.
-In späterer Zeit finden wir diesen Fruchtbaum auch auf Wandgemälden
-und seine Früchte unter den Opfergaben ziemlich häufig abgebildet.
-Aus seinen schön roten Blüten flocht man Girlanden, mit denen man die
-mumifizierten Toten schmückte, und aus seinem säuerlichen Fruchtfleisch
-stellte man eine Art Limonade her, die in den altägyptischen Texten
-als ~schedech-it~ erwähnt wird. Diese Frucht war so beliebt, daß sich
-die Juden auf ihrer Wüstenwanderung unter Moses, wie uns im Pentateuch
-berichtet wird, nach den Granatäpfeln und Weintrauben Ägyptens
-zurücksehnten. Und als sie sich ums Jahr 1250 v. Chr. Kanaan erobert
-und im Lande häuslich niedergelassen hatten, wandten sie den im Lande
-schon längst angebauten Granatbäumen große Sorgfalt zu; denn auch in
-ihrem Kulte spielte bald die Blüte und die Frucht des Granatbaums eine
-bedeutungsvolle Rolle. Ihre Priester mußten nämlich, wenn sie ins
-Heiligtum eintraten, ein Kleid anhaben, an dessen Saum Granatäpfel
-hingen. Auch der zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends
-unter ungeheurem Aufwand an Geld gebaute salomonische Tempel barg
-in seinen zahlreichen Verzierungen häufig das Granatapfelmotiv, und
-speziell die Säulen trugen Kapitäle in Form von aufgeschichteten
-vergoldeten Granatäpfeln. Was die praktische Verwendung der säuerlichen
-bis süßen Früchte anbetrifft, so wurden sie auch bei den Juden außer
-als Speise in frischem Zustande zur Herstellung eines durstlöschenden
-Saftes verwendet. So gab es im alten Palästina eine Ortschaft
-Gath-rimmôn, was „Kelter des Granatapfels“ bedeutet. Bekannt ist ihre
-Rolle in dem um 800 v. Chr. entstandenen Hohen Liede, wo es in Kap.
-6, 6 von der Geliebten heißt: „Deine Wangen sind wie ein Ritz am
-Granatapfel zwischen deinen Zöpfen“ und in Vers 10: „Ich ging hinab
-in den Nußgarten, zu schauen die Sträucher am Bach, nachzusehen, ob
-der Weinstock blühete, ob die Granatbäume grüneten,“ oder ebendort 4,
-13: „Dein Gewächs ist wie ein Lustgarten von Granatbäumen mit edlen
-Früchten.“
-
-Auch in ganz Vorderasien muß der Granatapfel und ein aus seinem
-sauersüßen Fruchtsafte hergestellter Trank beliebtes Genußmittel
-gewesen, was uns die Stelle von Herodot verrät, daß der Perserkönig
-Dareios I. (Sohn des Hystaspes, Großneffe des Kyros, der nach Kambyses
-kinderlosem Absterben und der Ermordung des falschen Smerdis 521
-v. Chr. den Thron bestieg, bekanntlich 490 den Zug zur Unterjochung
-Griechenlands unternahm, die an dem Siege der Griechen unter Miltiades
-bei Marathon scheiterte, und 485 starb) diese Frucht nicht missen
-mochte.
-
-Von Kleinasien aus, und zwar speziell aus Karien, kam der Granatapfel
-ebenfalls in Verbindung mit religiösen Anschauungen zu den Griechen,
-denen sein Kernreichtum ein Sinnbild der Fruchtbarkeit war, weshalb
-sie ihn den chthonischen Gottheiten Demeter (= ~Gḗ mḗtēr~, d. h.
-Mutter Erde) und Persephone weihten. Schon zu homerischer Zeit scheint
-man den Granatbaum gekannt zu haben, da in der Odyssee neben Birn-
-und Apfelbäumen auch Granatbäume (jonisch ~roiḗ~) in den Gärten
-des Alkinoos und Laertes erwähnt werden. Der berühmteste Arzt des
-Altertums, Hippokrates (460-364 v. Chr.), empfiehlt den Saft des
-Granatapfels, in Attika ~roá~ genannt, als Labetrunk für Kranke,
-besonders Fiebernde, und der Schüler des Aristoteles, Theophrast im
-4. vorchristlichen Jahrhundert, schreibt, daß die Granatblüte auch
-gefüllt vorkomme, so daß sich ihre Masse wie bei einer gefüllten Rose
-ausbreitet. Über 400 Jahre später sagt Dioskurides: „Der Granatapfel
-(~roá~) schmeckt gut, ist gesund, gibt aber sehr wenig Nahrung.“
-
-Da die Römer diese Frucht nicht nach dem Griechischen nannten, sondern
-als punischen Apfel (~malum punicum~) oder Granatapfel (~malum
-granatum~, woraus das italienische ~melogranato~ oder ~granato~
-entstand) bezeichneten, muß die Bekanntschaft derselben durch die
-Punier, d. h. Karthager, vermittelt worden sein, doch werden sie den
-Baum selbst wohl zweifellos durch die Griechen Kampaniens erhalten
-haben. Noch Plinius sagt: „Bei Karthago wachsen die besten Granatäpfel;
-es gibt davon verschiedene Sorten. Ihr Genuß bekommt nicht sonderlich
-gut. Die einzelnen Teile des Baumes gebraucht man als Heilmittel.“
-Und der ums Jahr 120 n. Chr. verstorbene witzige Epigrammdichter
-Martialis schrieb einem Freunde bei Zusendung eines Körbchens mit
-diesen Früchten: „Du erhältst keine kernlosen afrikanischen Granaten,
-sondern inländische Früchte aus meinem Garten.“ Trotzdem das Klima von
-Mittelitalien den Anbau des die Wärme liebenden Granatbaumes nicht
-gerade günstig war, wurde er hier gepflanzt; doch wurden die viel
-süßeren nordafrikanischen Sorten, die einst von den Phönikiern aus
-Syrien eingeführt worden waren, den ziemlich saueren einheimischen
-Sorten bei weitem vorgezogen. So besitzen wir noch ein Zeugnis aus
-der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, worin Flavianus Myrmecius in
-einem kleinen Gedichte seinen Freund Rufus Festus Avienus bittet, er
-möchte ihm, wenn sein Schiff aus Afrika komme, einige dort gewachsene
-süße Granatäpfel senden. Sein eigener Garten trüge zwar auch solche,
-aber sie seien sauer und herb und nicht den nektargleichen Früchten zu
-vergleichen, wie sie die warme Sonne Afrikas hervorbringe.
-
-Wie bei den Griechen, die ihnen den Granatbaum übermittelten, erhielt
-er auch bei den Römern eine gewisse sakrale Bedeutung. So trug nach
-altem römischen Opferritual die das Abbild der römischen Matrone aus
-der Urzeit darstellende Gattin des Oberpriesters auf dem Haupte einen
-Granatbaumzweig, dessen Enden mit einem weißen Wollfaden verknüpft
-waren, wie das Haupt ihres Mannes mit einem Ölzweig geschmückt war.
-
-Die aus der karthagischen Zeit übernommenen Granatbaumanpflanzungen
-kultivierten die Römer in ihrer Provinz Afrika weiter und zogen eine
-sehr süße, blutrote, scheinbar kernlose, d. h. sehr weichkernige Sorte,
-die den Vandalen, die im Jahre 429 von Spanien aus unter Geiserich nach
-Nordafrika einfielen und 439 hier ein ausgedehntes Reich gründeten,
-besonders gemundet zu haben scheint. Auch die Araber ließen sich
-seine Kultur angelegen sein und brachten ihn, als sie nach dem Siege
-von Xeres de la Frontera 711 Südspanien besetzten, dahin. Hier wurde
-diese Frucht in der Folge viel gezogen und die im 10. Jahrhundert von
-den Mauren gegründete Stadt Granada erhielt von der Granate, deren
-Abbild dann auch ins Stadtwappen überging, ihren Namen. Sonst ist die
-arabische Bezeichnung der Frucht ~roma~.
-
-In den altbyzantinischen Geweben, die dann das Abendland nachahmte,
-spielt das Granatapfelmuster eine große Rolle. Gern pflanzte man dort
-wie im ganzen Abendlande den Strauch mit den hübschen Blüten in Kübel
-und stellte ihn zur Einfassung von Treppen und zur Verzierung von
-Altanen auf. Von dem spätgriechischen Namen der Blüte, ~balaústion~ --
-wohl auch einem orientalischen Fremdwort -- hat sich das italienische
-~balaustro~ und davon ~balaustrata~ gebildet, woraus unser Balustrade
-entstand. Vom säuerlichen, rotgefärbten Fruchtsafte stellt man die
-Grenadine her, jenen Sirup, der mit Wasser verdünnt auf sehr angenehme
-Weise den Durst löscht. Heute haben aber die Zitrone und die Orange dem
-Granatapfel den Platz geraubt, den er bei den Alten einnahm. Doch noch
-jetzt verknüpft das Volk in Griechenland, wo man die Pflanze häufig
-verwildert antrifft, mit der Frucht die Vorstellung reichen Segens und
-der unzählbaren Menge, und die feuerrote Blüte ist als Geschenk ein
-Zeichen feuriger Liebe. Im Mittelalter aber diente allgemein wie in
-Südeuropa, so auch bei uns eine Abkochung der Frucht als Fiebermittel,
-bis die Chinarinde im 16. Jahrhundert aufkam und dieses ältere Mittel
-verdrängte.
-
-Auch die +Mispel+ (~Mespilus germanica~) stammt aus dem Orient, und
-zwar ist sie in Nordpersien zu Hause. Dieser Baum, dessen wenig
-schmackhafte Früchte nur im überreifen, teigigen Zustande genießbar
-sind und sich im allgemeinen in unserer verwöhnten Zeit keines
-besonderen Ansehens erfreuen, kam frühzeitig nach Griechenland, wo er
-schon von dem ums Jahr 700 v. Chr. auf der Insel Paros lebenden Dichter
-Archilochos und später von Theophrastos aus Lesbos (390 bis 286
-v. Chr.) unter dem Namen ~méspilon~ erwähnt wird. In Italien war er
-nach Plinius noch zur Zeit Catos, der im Jahre 149 v. Chr. starb,
-unbekannt, gelangte aber nach dem makedonischen Kriege aus Makedonien
-unter seinem griechischen Namen dahin. Plinius spricht mehrfach vom
-~mespilus~, und Palladius im 4. Jahrhundert nach Chr. sagt: „Die
-Mispeln gedeihen an warmen Orten gut, aber auch an kalten. Man zieht
-sie aus Stecklingen, welche im März oder November in gut bearbeiteten
-und gedüngten Boden eingesetzt werden. Der Baum wächst sehr langsam.
-Man pfropft die Mispel im Februar auf Mispel- oder Birn- oder
-Apfelstämmchen; dabei nimmt man das Reis von der Mitte des Stammes,
-denn von der Spitze genommen taugt es nichts. Immer muß in den Spalt
-gepfropft werden, denn beim Propfen in die Rinde gedeiht es nicht. Die
-Früchte nimmt man vom Baume, ehe sie eßbar sind, denn sie bleiben auch
-am Baume sehr lange hart. Man verwahrt sie in ausgepichten Töpfen oder
-hängt sie einzeln auf, oder legt sie in eingedickten Most; auch legt
-man sie so in Spreu, daß sie sich nicht berühren.“
-
-Daß die Römer den Mispelbaum im südlichen Gallien bereits vorfanden,
-beweist, daß er vermutlich von der griechischen Kolonie Massalia aus
-in das Gebiet der Rhone gebracht wurde. Durch die Römer wurde er auch
-in ihren nordischen Militärstationen angesiedelt. Im Mittelalter wurde
-er in Frankreich und Deutschland so häufig angepflanzt, daß er heute
-vielerorts verwildert auftritt, so daß noch Carl von Linné, der ihm den
-Beinamen des „Deutschen“ gab, glaubte, er sei in Deutschland von jeher
-heimisch gewesen. Auch er gehört als ~mespilarius~ zu den Bäumen, die
-im ~Capitulare de villis~ und in zwei Garteninventaren aus der Zeit
-Karls des Großen aus dem Anfange des 9. Jahrhunderts vorgeschrieben
-werden.
-
-Viel besser als die „deutsche Mispel“ schmeckt die seit kaum hundert
-Jahren in die Mittelmeerländer eingeführte +japanische Mispel+
-(~Eriobotrya japonica~), deren gelbe, angenehm säuerliche Früchte
-von den Franzosen kurz ~nèfles~, d. h. Mispeln, genannt werden. Wer
-an der Riviera oder in Algerien gereist ist, dem sind die im ersten
-Frühjahre als erstes Obst reifenden Früchte, wie auch der dichtbelaubte
-Baum mit seinen großen, oben glänzenden und unten dicht wollfilzigen,
-lederartigen Blättern sehr wohl bekannt. Obschon wenig haltbar,
-gelangen die Früchte, seit wir durch gute Zugsverbindungen nach der
-Durchtunnelung der Alpen dem Süden gleichsam näher sind, immer häufiger
-zu uns und werden jetzt regelmäßig in den Früchtehandlungen zum Kaufe
-angeboten. Diesen Bürger Ostasiens brachte Sir Joseph Banks im Jahre
-1778 aus Japan zuerst nach England, von wo er bald in die ihm mehr
-zusagenden, weil wärmeren Länder am Mittelmeer gelangte. Doch gedeiht
-er noch ganz gut an dem vor rauhen Winden geschützten Nordufer des
-Genfersees. Auch in Chile wurde er zu Beginn des vorigen Jahrhunderts
-eingeführt. Er hat sich dort so gut eingebürgert, daß seine Früchte in
-jenem Lande wie in den Mittelmeerländern zum gemeinsten Obste gehören.
-
-Noch unschmackhafter als die faden Mispeln sind die gleichfalls
-erst, wenn sie durch längeres Hängen am Baume teigig geworden sind,
-genießbaren, mehligen Früchte des +Spierlings+ (~Sorbus domestica~),
-der Kulturform der Eberesche (~Sorbus aucuparia~), die aber gleichwohl
-schon im Altertum gerne gegessen wurden. Die sie liefernden Bäume
-wurden schon von den alten Griechen und Römern kultiviert. Der
-griechische Pflanzenkenner Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr.
-beschreibt ausführlich den von ihm ~oía~ genannten Spierlingsbaum
-und sagt: „Manche Spierlingsbäume tragen runde, andere längliche
-Früchte, die sich auch durch den Geschmack unterscheiden; im
-ganzen sind die runden wohlriechender und süßer. Sie sind leicht
-dem Wurmstich ausgesetzt, wie auch die Bäume selbst, die am besten
-an kalten, feuchten Stellen gedeihen.“ Palladius im 4. Jahrhundert
-sagt. „Die Spierlingsbäume (~sorbus~) werden im April gepfropft,
-und zwar auf andere Spierlingsbäume, auf Quitten und auf Weißdorn.
-Man hebt die Früchte in irdenen, gut geschlossenen Gefäßen auf,
-die man an einem trockenen, sonnigen Orte in die Erde gräbt; auch
-zerschneidet man sie in Stücke und dörrt diese an der Sonne. Diese
-Schnitzchen kocht man dann, wenn sie gegessen werden sollen. Man
-hängt ferner die Früchte einzeln an einem schattigen, trockenen
-Orte auf, soll auch Wein und Essig aus ihnen gemacht werden.“
-Nördlich der Alpen werden die Spierlingsbäume zuerst im ~Capitulare
-de villis~ Karls des Großen von 812 und im Entwurf des St. Galler
-Klostergartens vom Jahre 820 erwähnt. Seine im Hochsommer in großen
-Trauben reifenden scharlachroten bis gelben Beeren, die besonders von
-den Drosseln begierig gefressen werden, dienen, wie auch diejenigen
-des Elsenbeerbaumes (~Sorbus torminalis~), vielfach zur Herstellung
-eines würzig schmeckenden, starken Schnapses, der besonders gegen
-Durchfall getrunken wird. Der Baum, der sie liefert, ist ursprünglich
-in Südeuropa zu Hause und verdankt seine Überführung nach dem Norden
-ebenfalls den Römern. Im Mittelalter wurde er wie die Mispel häufig
-kultiviert. In Süddeutschland und Frankreich wird er noch jetzt
-vielfach als Obstbaum gezogen, doch hat hier seine Kultur nie größere
-Bedeutung erlangt, so wenig als diejenige des +Weißdorns+ (~Crataegus
-oxyacantha~), dessen als +Rotdorn+ bezeichnete rotblühende Form als
-prächtiger Baum überall gezüchtet wird. Seine roten, wenig fleischigen,
-als +Mehlbeeren+ bezeichneten Früchte werden von den anspruchslosen
-Kindern gern gegessen. Bloß einige neuerdings bei uns eingeführte
-amerikanische Arten, wie ~Crataegus coccinea~ haben saftigere, auch von
-den Erwachsenen gern genossene Früchte von der Größe einer Kirsche,
-die auch wegen ihrer prächtigen, lebhaft roten Farbe ein Schmuck des
-Baumes sind. Immerhin ist dieser bei uns einheimische Strauch, der
-häufig in Wäldern der Gebirgsgegenden wild vorkommt, insofern für die
-Obstbaumzucht von Bedeutung, als er als Unterlage zum Aufpfropfen
-edler Birnensorten dient. Aber auch die leuchtend roten Scheinfrüchte
-der einheimischen wilden und verwilderten Rosen, die +Hagebutten+,
-bieten in ihrem fleischig gewordenen Blütenboden nach Entfernung der
-ihn innen bedeckenden kleinen, weichen Haare und der eingeschlossenen
-einsamigen, nußähnlichen Früchtchen mit Zucker gekocht ein durch
-seinen Wohlgeschmack ausgezeichnetes Fruchtmus, das, als „Buttenmost“
-bezeichnet, geradezu einen Leckerbissen bildet, dessen einfache
-Abkunft man ihm gar nicht anmerken würde. Aber auch roh bilden sie,
-wenn ein Frost über sie gegangen ist und sie infolgedessen einen süßen
-Geschmack erlangt haben, eine noch heute von den Kindern gern gegessene
-Speise. Schon die Pfahlbauern müssen sie gesammelt und gegessen haben;
-denn man fand die Samenkerne der Hundsrose in größerer Menge in den
-spätneolithischen Pfahlbauten von Robenhausen und Moosseedorf.
-
-Zur Pfahlbauzeit war man ja in bezug auf die pflanzliche Nahrung
-sehr wenig wählerisch, so hat man außer den Hagebutten auch die
-schwarzen +Holunder+- und +Attichbeeren+ (von ~Sambucus nigra~ und
-~S. ebulus~), dann die Wasser- und Buchnüsse, die Mehl- und anderen
-Beeren wie Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Heidel- und Preißelbeeren,
-die Haselnüsse, Holzäpfel und Holzbirnen, Schlehen und Wildkirschen
-gesammelt und gegessen. Reste von der +Kornelkirsche+ (~Cornus mas~)
-sind nicht unter jenem Wegwurfe gefunden worden, so daß der Strauch,
-der sich im Frühjahr über und über mit gelben Blüten bedeckt und später
-schön kirschrote, glänzende Steinfrüchte von pflaumenähnlicher Gestalt,
-nur bedeutend kleiner und von säuerlichem Geschmack, reifen läßt,
-damals noch nicht nördlich der Alpen vorkam. In den Pfahlbautenresten
-von Castione bei Parma in Oberitalien sind seine Fruchtsteine dagegen
-zahlreich gefunden worden. Im ganzen Altertum wurden seine Früchte
-gegessen. In der Ilias und Odyssee werden sie als ~kranía~ erwähnt,
-auch Theophrast spricht von ihnen. Da man im Altertume aus den geraden
-Stämmchen Lanzenschäfte machte, nennt der römische Dichter Vergil die
-Kornelle (~cornus~) gut zum Krieg. Plinius unterscheidet männliche
-und weibliche Sträucher und findet nur das Holz der ersteren zu
-Lanzenschäften geeignet, da es zu den härtesten Holzarten gehöre; das
-des weiblichen aber sei schwammig. Was für eine Pflanze er unter der
-letzteren Bezeichnung meint, läßt sich allerdings nicht sagen. Er sagt:
-„Die Kornelkirschen werden zur Speise gezogen und der griechische Arzt
-Dioskurides empfiehlt sie zum Einmachen.“ Wie solche Konserven bei den
-alten Römern hergestellt wurden, teilt uns sein Zeitgenosse Columella
-mit. Er sagt in seinem Buche über den Landbau: „Die Kornelkirschen,
-welche wie Oliven gegessen werden, die Nagelpflaumen (eine gewisse
-Sorte der Kulturpflaume), Haferpflaumen (auch Krieche von ~Prunus
-insititia~, stammt wahrscheinlich aus dem Orient, ist dornig und
-einem Schlehenbaume ähnlich, trägt ebensolche, nur doppelt so große
-Früchte je nach den Kultursorten von dunkelblauer, rötlicher, gelber
-oder grüner Farbe und säuerlichem Fruchtfleisch, weshalb sie schon im
-Altertum in Südeuropa häufig angepflanzt wurde) und die verschiedenen
-Sorten von Birnen und Pflaumen werden in folgender Weise eingemacht.
-Man sammelt sie, wenn sie weder überreif, noch allzu unreif sind.
-Sie werden einen Tag lang im Schatten getrocknet und dann mit einer
-Mischung von gleichviel Essig und eingedicktem Most übergossen. Es ist
-auch etwas Salz beizufügen, damit keine Würmchen oder andere Tierchen
-in der Masse entstehen. Noch besser ist es übrigens ⅔ eingedickten
-Most und nur ⅓ Essig zu nehmen. Die Birnen sammelt man, wenn sie der
-Reife nahe sind, untersucht sie genau, ob sie keine Fehler oder Würmer
-haben, legt sie in einen irdenen, ausgepichten Topf, gießt aus halb
-eingetrockneten Trauben bereiteten Wein oder eingedickten Most darüber,
-so daß der Topf voll und jede Birne mit der Flüssigkeit bedeckt ist,
-verschließt den Topf mit einem Deckel und verstreicht den Ritz mit
-Gips. Übrigens können die Birnen wie die Äpfel auch in Honig aufbewahrt
-werden. Ich rate wenigstens so viele in Honig zu legen, daß sie für
-Fälle vorrätig sind, in denen sie Kranken nützlich sein können. Mit
-anders eingemachten darf man sie jedoch nicht mischen, sonst verdirbt
-eines das andere. Sonst werden Äpfel und Birnen von recht süßem
-Geschmack, die aber noch nicht ganz reif sein dürfen, mit einem aus
-Rohr oder Knochen verfertigten Messer zerschnitten und an die Sonne
-gelegt, bis sie eintrocknen. Hat man recht viel solcher gedörrter
-Äpfel- und Birnenschnitzchen in Vorrat, so sind sie nebst getrockneten
-Feigen ein sehr wichtiger Teil der ländlichen Nahrung für den Winter.“
-In Rußland werden die Kornelkirschen viel gegessen und auch mit Zucker
-eingemacht. Auch bei den Türken bilden sie eine beliebte Speise und
-werden unter dem griechischen Namen ~krania~ überall auf den Straßen
-von Konstantinopel, Smyrna usw. von Händlern ausgeboten. Mit Wasser
-verdünnt bildet ihr Saft ein angenehmes, Scherbet (vom arabischen
-~scharab~ für Trank) genanntes Getränk. Ebenso werden die süßen
-pflaumengroßen Früchte von ~Prunus ursina~, eines bedornten baumartigen
-Strauchs Vorderasiens, der besonders am Antilibanon in Menge wild
-wächst, wie auch diejenigen des kleinen, ganz der Erde angepreßten
-Gebirgsstrauchs ~Prunus prostrata~, sehr gerne gesammelt und gegessen.
-
-Eine weit größere Rolle als diese doch recht bescheidenen, kaum
-kultivierten Früchte spielen die zu den Rosenblütlern gehörenden
-+Kirschen+ und +Pflaumen+. Diese sind in den edlen Kultursorten
-erst in geschichtlicher Zeit nach Südeuropa und von da über die
-Alpen nach Norden gelangt. Die vorgeschichtlichen Europäer kannten
-als Steinobst einzig die herben, wenig schmackhaften Früchte der
-+Vogelkirsche+ (~Prunus avium~), der +Traubenkirsche+ (~Prunus
-padus~) und +Schlehe+ (~Prunus spinosa~). Reste von ihnen sind in den
-neolithischen Pfahlbauten der Schweiz, Italiens und Österreichs und in
-den verschiedensten bronzezeitlichen Stationen Mitteleuropas gefunden
-worden. Auch die primitiveren Völker des Altertums sammelten sie noch,
-um sich ihrer als Speise zu bedienen. Bei manchen Volksstämmen erfreute
-sich die Traubenkirsche besonderer Beliebtheit. So berichtet uns der
-griechische Geschichtsschreiber Herodot (484 v. Chr. in Halikarnassos
-geboren und um 424 zu Thurii in Unteritalien gestorben) von den
-Argippäern, „plattnasigen Leuten mit langem Kinn, die nördlich von den
-Skythen am Fuße hoher Berge wohnen und eine eigene Sprache reden“, --
-man hat in ihnen wohl mit Recht die Vorfahren der heutigen Baschkiren
-am Südende des Uralgebirges vermutet -- daß sie von den Früchten eines
-~póntikon~ genannten feigenbaumgroßen Baumes leben, der saubohnengroße,
-kernhaltige Früchte besitzt. „Die Argippäer schlagen die reifen Früchte
-in Tücher, pressen eine dicke, schwarze Flüssigkeit heraus, welche
-~aschy~ heißt. Diese genießen sie ohne Beimischung oder mit Milch. Aus
-den Trebern machen sie Kuchen, welche ihre Speise sind.“ Dieses von
-Herodot beschriebene Verfahren traf der deutsche Forscher Adolf Ermann,
-wie er in seiner Reisebeschreibung durch Sibirien berichtet, noch bei
-den heutigen Baschkiren, in deren Sprache sich merkwürdigerweise noch
-derselbe Name für den Traubenkirschsaft wie vor mehr als 2000 Jahren,
-nämlich ~atschui~, findet. Daraus dürfen wir mit Recht schließen, daß
-Herodot unter dem ~póntikon~ den Traubenkirschbaum verstand.
-
-Auch die Früchte der in ganz Mittel- und Südeuropa wildwachsend
-angetroffenen +Schlehe+ (~Prunus spinosa~) wurden trotz ihres herben
-Geschmacks, der erst nachdem Frost auf sie eingewirkt hat etwas
-angenehmer säuerlich wird, von den unverwöhnten Gaumen der Menschen
-der Stein- und frühen Metallzeit gegessen und teilweise ein Mus
-daraus gemacht, wie uns der ältere Cato aus der ersten Hälfte des
-2. vorchristlichen Jahrhunderts von den Römern berichtet. Noch die
-später heilig gesprochene Äbtissin Hildegard, Vorsteherin des Klosters
-Rupertsberg bei Bingen (1098-1197), führt die Schlehe unter den
-Obstbäumen ihrer Zeit an. Bis in die Neuzeit hinein war Schlehenmus
-eine auf dem Lande beliebte Zukost zu Brot, auch wurde daraus eine
-Art Schnaps gebrannt. In der Moldau-Wallachei werden die Schlehen roh
-gegessen und auch getrocknet für den Winter aufbewahrt. Mit Traubenmost
-zusammengestampft geben sie den roten, mandelartig schmeckenden
-Schlehenwein.
-
-Die heutige Kulturform der +Süßkirsche+ (~Prunus avium~) ist zweifellos
-im nördlichen Kleinasien von einer dortigen Art Vogelkirsche gezüchtet
-worden. Der römische Naturkundige Plinius der Ältere berichtet um die
-Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts, daß die Kirsche ihren Namen
-~kérasos~ von der gleichnamigen Stadt an der Südküste des Schwarzen
-Meeres zwischen Sinope und Trapezunt erhielt, die im Jahre 68 v. Chr.
-durch den römischen Feldherrn Lucius Licinius Lucullus zerstört wurde.
-Dieser durch seinen Tafelluxus und seine Schlemmerei sprichwörtlich
-gewordene vornehme Römer habe von dorther im Jahre 64 v. Chr. den
-Kirschbaum bei seinem Triumph in Rom aufgeführt und so nach Italien
-verpflanzt. Die Stelle in seiner Naturgeschichte lautet wörtlich
-folgendermaßen: „Ehe Lucius Lucullus den Mithridates besiegt hatte,
-wuchsen in Italien keine Kirschbäume (~cerasus~). Im Jahre 680 nach
-Roms Erbauung brachte er den ersten aus dem Pontusgebiet nach Italien,
-und er hat sich in weniger als 120 Jahren bis Britannien verbreitet.“
-Merkwürdigerweise erwähnt aber der griechische Geschichtschreiber
-Plutarchos (50-120 n. Chr.) diese Tatsache in seinem „Leben des
-Lucullus“ mit keinem Wort. Jedenfalls hat es schon lange vor
-Lucullus kleine Süßkirschen in Italien gegeben, nur hat dieser Römer
-eine besonders edle Sorte aus dem von ihm verwalteten Kleinasien
-mitgebracht, wie auch Servius in einer Erläuterung zu Vergils Georgica
-zur Tat des Lucullus hinzufügt: „Übrigens wuchsen in Italien schon
-vor der Zeit des Lucullus Kirschen, aber harte.“ Jedenfalls müssen,
-wie schon aus der griechischen Benennung dieser Frucht hervorgeht, zu
-des Lucullus Zeit um die sinopische Kolonie Kerasos Edelkirschen von
-besonderer Güte kultiviert worden sein, denn zweifellos erhielt jene
-kleinasiatische Stadt ihren Namen von den in großer Zahl um sie herum
-angepflanzten Edelkirschbäumen und nicht umgekehrt die Kirsche ihren
-Namen von jener Stadt, wie die alten Autoren sagen. Übrigens sollen
-nach Koch die Bewohner der pontischen Gebirge noch heute die Süßkirsche
-mit dem Namen ~kirash~ bezeichnen. Derselbe Autor weist auch auf eine
-Mitteilung des griechischen Arztes Dioskurides aus der Mitte des 1.
-Jahrhunderts n. Chr. hin, wonach der pontische „Kerasia“-Baum Gummi
-ausschwitze, eine Erscheinung, die ausschließlich der Süßkirsche und
-niemals der Sauerkirsche zukommt. Dieser Kirschgummi soll nach den
-Angaben dieses griechischen Arztes „ein gutes Mittel gegen den Husten
-und überhaupt gesund sein“.
-
-Auf kleinasiatischem Boden, am Idagebirge und bei Milet, scheint man
-veredelte Süßkirschen schon zur Zeit des Königs Lysimachos gekannt zu
-haben, der 361-281 v. Chr. lebte, nach dem Tode Alexanders des Großen
-als einer von dessen Feldherrn Thrakien zu einer selbständigen Satrapie
-erhob und sich 306 mit den übrigen Diadochen den Königstitel beilegte.
-Ja, schon Theophrastos und sein Zeitgenosse Diphilos von Siphnos aus
-dem Ende des 4. vorchristlichen Jahrhunderts beschreiben den Kirschbaum
-als einen in Griechenland bekannten und angebauten Fruchtbaum. Ersterer
-sagt, man erkenne den Baum schon von weitem, er sei im ganzen nicht
-sehr reich an Ästen, habe weiße, der Birnenblüte ähnliche Blüten und
-rote Früchte so groß wie Saubohnen. Er wachse mit Linden zusammen
-vorzüglich an Gewässern und schwitze einen Gummi aus. Daß Theophrast
-ihn so ausführlich beschreibt, beweist, daß er für die meisten seiner
-Landsleute noch etwas Neues war.
-
-Bei dem regen Verkehr der Griechen untereinander konnte es nicht
-ausbleiben, daß der edle Süßkirschbaum früh in die griechischen
-Kolonien nach Sizilien und Unteritalien gelangte. Doch wurde er von
-hier erst verhältnismäßig spät an die Römer abgegeben. So nennt noch
-der ältere Cato, der im Jahre 149 v. Chr. gestorbene unversöhnliche
-Gegner Karthagos, in seinen Schriften über den Landbau die Kirsche als
-Kulturgewächs überhaupt nicht, und der im Jahre 27 v. Chr. gestorbene
-Varro, einer der gelehrtesten Männer Roms, gedenkt ihrer nur ein
-einziges Mal, indem er sagt, daß der Kirschbaum (~cerasus~) zur Zeit
-des kürzesten Tages gepfropft werde. Servius bezeugt, daß in Italien
-schon vor der im Jahre 64 v. Chr. erfolgten Heimkehr des Lucullus
-aus Kleinasien, wo er als Statthalter amtete, Kirschbäume gewachsen
-seien, aber nur solche mit kleinen, harten Früchten. Demnach scheint
-also der Feinschmecker Lucullus nur eine besonders großfrüchtige
-und wohlschmeckende Kulturform der Süßkirsche in Mittelitalien
-angesiedelt zu haben. Von hier aus verbreitete sich der Obstbaum durch
-die Vermittlung der Römer nach Norden, so daß er also nach Plinius
-schon 120 Jahre nach jener Kulturtat des reichen Lucullus bis nach
-Britannien vorgedrungen war. Derselbe Plinius sagt fernerhin: „Es
-werden verschiedene Sorten Kirschen gezogen, gute auch in Belgien
-und am Rhein. Kürzlich ist durch Pfropfen auf Lorbeer eine Sorte
-geschaffen worden, die ~laurea~ heißt, herb, aber nicht unangenehm
-schmeckt. Der Kirschbaum liebt einen kühlen Standort, seine Früchte
-reifen früh, man trocknet sie auch an der Sonne oder bewahrt sie wie
-Oliven in Fässern auf. In Ägypten ist es ihm zu warm, so daß dort
-der Kirschbaum selbst bei der größten Sorgfalt nicht gedeiht.“ Und
-der römische Ackerbauschriftsteller Palladius im 4. Jahrhundert
-n. Chr. schreibt: „Der Kirschbaum liebt einen kalten Standort, an einem
-warmen bleibt er klein, einen heißen erträgt er gar nicht. Er liebt
-Berge und Hügel. Junge wilde Kirschstämmchen versetzt man im Oktober
-oder November in den Garten und veredelt sie anfangs Januar. Man sät
-auch die Früchte und aus diesen kommen die Bäumchen äußerst schnell.
-Ich habe auch selbst erlebt, daß Kirschzweige, die ich als Stützen in
-Weingärten gesteckt hatte, schnell zu Bäumen heranwuchsen. Ich habe es
-am besten befunden, zwischen Rinde und Holz zu pfropfen. Man pfropft
-Kirschreiser auf Kirschbäume, Pflaumenbäume, Platanen; andere sagen
-auch, man könne sie auf Pappeln pfropfen. Der Kirschbaum steht gern
-einzeln, liebt das Behacken, verdirbt aber durch Mist. Martialis sagt,
-wenn man Kirschen (~cerasum~) ohne Kern habe wolle, so müsse man den
-Baum auf 2 Fuß zurückschneiden, dann bis zur Wurzel spalten, das Mark
-ganz herauskratzen, beide Teile zusammenbinden und die Wunde mit Mist
-verstreichen. Nach Jahresfrist ist die Wunde fest verwachsen. Nun wird
-der Stamm mit Reisern, die noch keine Frucht getragen, gepfropft, und
-diese tragen dann, wie Martialis versichert, kernlose Früchte. (Dies
-ist natürlich Unsinn!) Kirschen werden nur aufbewahrt, wenn sie an der
-Sonne getrocknet sind.“ Der römische Arzt Celsus meint: „Die Kirsche
-ist dem Magen gesund,“ und sein griechischer Kollege Dioskurides sagt:
-„Der Genuß frischer Kirschen (~kerásion~) hat andere Wirkung als der
-getrockneter.“
-
-Als aus dem Pontusgebiet, einer Gebirgsgegend mit kalten Wintern
-stammend, fühlte sich dieser Fruchtbaum nördlich der Alpen offenbar
-besonders wohl und zeitigte hier besonders wohlschmeckende Früchte,
-die zudem den großen Vorzug besaßen, zu einer Zeit zu reifen, da die
-übrigen Obstarten noch im Rückstande waren. In dem gleichmäßig milden
-Italien hatte er eben diese für ihn günstigsten Verhältnisse nicht
-gefunden.
-
-Jedenfalls haben sich unter den verschiedenen Kirschenarten, die von
-den römischen Schriftstellern der Kaiserzeit erwähnt werden, auch
-+saure Sorten+ befunden; denn auf zwei Wandgemälden in Pompeji sollen
-nach dem Urteil gewiegter Kenner auch Darstellungen von Sauerkirschen
-abgebildet sein. Weiterhin hat man, was noch viel mehr besagen will,
-in dem Schachtbrunnen des befestigten Lagers der Saalburg bei Homburg
-vor der Höhe unzweideutige Kerne der Sauerkirsche gefunden. Der sie
-liefernde Baum, die +Sauerkirsche+ (~Prunus cerasus~), dürfte in
-Transkaukasien, wo er heute noch wildwachsend angetroffen wird und wo
-auch die Süßkirsche besonders üppig gedeiht, heimisch sein. Er scheint
-eine Abart der Vogelkirsche von geringerer Größe und im Gegensatz zu
-jener, die unterseits behaarte Blätter besitzt, mit völlig kahlen
-Blättern zu sein, die auch viel leichter als jene Wurzelschößlinge
-treibt. Diese Sauerkirsche kam etwas später als die Süßkirsche zu
-den Griechen und Römern. Deren Einführung muß durchaus unbemerkt vor
-sich gegangen sein; wenigstens erfahren wir nichts darüber von den
-Schriftstellern des Altertums, die sonst alles Neue gewissenhaft
-anzuführen pflegen. Süße und sauere Arten haben wir uns jedenfalls
-auch unter den verschiedenerlei Sorten von Kirschbäumen (~ceresarii~)
-zu denken, die im ~Capitulare de villis~ Karls des Großen angeführt
-werden. Im Laufe des Mittelalters hat sich die Kirschenzucht in
-Mitteleuropa intensiv entwickelt und spielt heute für viele Gegenden
-eine bedeutende Rolle, indem die Früchte, soweit sie nicht frisch
-gegessen werden, zur Bereitung einer trefflichen Konfitüre und eines
-starken Schnapses, des Kirschwassers, in England ~cherry brandy~
-geheißen, benutzt werden.
-
-Mit der Frucht übernahmen die alten Deutschen auch die Bezeichnung
-der Römer dafür; denn das deutsche Wort Kirsche ist so gut wie das
-französische ~cerise~ und das englische ~cherry~ vom lateinischen
-~cerasus~ abzuleiten. Zuerst hieß die Frucht Kerasbeere, dann
-Kersbeere, Kerschbeere und schließlich einfach Kersche oder Kirsche.
-Noch vielfach wird in Norddeutschland das aus dem Kersbeere entstandene
-Kesber oder Kesper dafür gebraucht. Die Bezeichnung Wissel dagegen,
-aus dem unser Weichsel wurde, scheint der alte vorrömische Name der
-Deutschen für die einheimische Vogelkirsche zu sein, der dann speziell
-auf die Sauerkirsche übertragen wurde. Die +Felsenkirsche+ oder der
-+echte Weichsel+ (~Prunus mahaleb~) mit kleinen, blauschwarzen,
-bitterlichen Früchten stammt aus Südosteuropa und dem Orient.
-~Mahaleb~ ist die ursprüngliche arabische Bezeichnung des Gewächses,
-das erst im 16. Jahrhundert nach Westeuropa kam und namentlich in
-Frankreich rasch Verbreitung fand. Wegen des wahrscheinlich durch
-einen Gehalt an Kumarin hervorgebrachten Wohlgeruchs seines Holzes
-und namentlich seiner Rinde wird es zur Parfümierung von allerlei
-Spezereien gebraucht, besonders aber zur Herstellung von wohlriechenden
-Pfeifenrohren verwendet, indem namentlich im Elsaß und um Baden bei
-Wien die Kultur des Weichsels, dessen Stockausschläge benützt werden,
-im großen Maßstabe getrieben wird.
-
-Dem deutschen Schlehe, althochdeutsch ~slêha~, entspricht das slawische
-~sliva~ in der Bedeutung von Pflaume, wie dem französischen ~crèque~
-das deutsche Krieche und das niederdeutsche Kreke nachgebildet sind.
-Weit edler als die Schlehe ist die +Pflaume+, die bereits von den
-Griechen der älteren Zeit als Obst gekannt und geschätzt war unter
-der Bezeichnung ~kokkýmēlon~ (deren erste Hälfte wahrscheinlich ein
-orientalisches Wort ist und kaum Kuckuck bedeutet). In einer der
-Idyllen des aus Syrakus gebürtigen griechischen Dichters Theokrit, die
-ums Jahr 280 v. Chr. verfaßt wurde, wird die Ankunft der Geliebten
-so süß genannt wie der Frühling im Gegensatz zum Winter und die
-Pflaume im Gegensatz zur Schlehe (~brábylon~). Der Begründer der
-Botanik Theophrast im 4. vorchristlichen Jahrhundert spricht vom
-Pflaumenbaum und vom Gummi, der aus ihm quillt und vielfach ärztliche
-Verwendung fand. Neben der Bezeichnung ~kokkýmēlon~ kennt er auch den
-Namen ~prúmnon~, unter welchem die Pflaume von den Griechen zu den
-Römern gelangte, welche daraus ~prunum~ machten. Der berühmte, 131
-n. Chr. in Pergamon geborene und um 200 in Rom verstorbene griechische
-Arzt Claudius Galenos berichtet, daß die Frucht des Pflaumenbaums
-(~kokkymḗlea~) in Asien ~prúmnon~ heiße. Der Pflaumenbaum (~Prunus
-insititia~) wächst in Südeuropa und durch Kleinasien bis zum Kaspischen
-Meere wild und wurde, wie die Kulturschichten der neolithischen und
-bronzezeitlichen Pfahlbauniederlassungen der Schweiz, Oberitaliens und
-Österreichs beweisen, schon in früher vorgeschichtlicher Zeit durch
-die regen Handelsbeziehungen mit dem Süden in Mitteleuropa eingeführt,
-wo der Baum dann später, der menschlichen Aufsicht entwachsen,
-verwilderte. Die großfrüchtige Kulturpflaume aber ist gleich der
-Kirsche in den Ländern südlich vom Schwarzen Meer, in Armenien und
-Transkaukasien, aus der dort heimischen Wildpflaume gezüchtet worden,
-während die größere +Zwetsche+ (~Prunus domestica~) im Kaukasus und
-nördlichen Persien heimisch ist. Die Kultur dieser Steinobstarten kam
-etwa im 5. vorchristlichen Jahrhundert und diejenige der Pflaume etwas
-später nach Syrien, wo sie besonders um die Stadt Damaskus in später
-als besonders wohlschmeckend gerühmten Arten kultiviert wurde. Das
-Wort Zwetsche soll nach Schmeller aus dem griechischen ~damáskenon~
-entstellt sein, eine Deutung, die jedenfalls falsch ist. Zu Beginn des
-3. vorchristlichen Jahrhunderts, d. h. nach Eröffnung des Orients durch
-Alexander den Großen, kamen diese Steinobstarten nach Griechenland und
-über die süditalischen griechischen Pflanzstädte etwa zu Anfang des 2.
-vorchristlichen Jahrhunderts unter dem griechischen Namen ~prúmnon~ zu
-den Römern. Der ältere Cato (234-149 v. Chr.) nennt in seiner Schrift
-über den Landbau den Pflaumenbaum nur einmal als einen in seiner
-römischen Heimat wenig bekannten Obstbaum. Plinius dagegen behauptet,
-daß alle Pflaumenarten erst nach Cato in Mittelitalien eingebürgert
-worden seien. Jedenfalls wurden sie erst im augusteischen Zeitalter in
-den Gärten der Römer häufiger gepflanzt, nachdem besonders die Krieche,
-d. h. die runde, schwarzbraune Pflaume und die gelbe Mirabelle durch
-die Kriegszüge des Pompejus in Westasien den Römern bekannt geworden
-waren. Sie schätzten diese Früchte so, daß sie nach Plinius schon in
-der zweiten Hälfte des 1. christlichen Jahrhunderts in den Gärten der
-vornehmen Römer in großer Menge und zahlreichen Spielarten gezogen
-wurden. Dieser Autor sagt in seiner Naturgeschichte: „Es gibt eine
-ungeheure Schar von Pflaumen, bunte, schwarze, weiße und solche, die
-man Gerstenpflaumen nennt, weil sie mit der Gerste reifen. Eine andere,
-ebenso gefärbte Sorte, welche später reift und größer wird, heißt
-Eselspflaume, weil sie sehr wohlfeil ist. Es gibt auch Pflaumen von
-Onyxfarbe, aber beliebter sind die wachsgelben und purpurroten, von
-den ausländischen die wegen ihres Wohlgeruchs geschätzte armenische
-(unter letzterer ist zweifellos die Aprikose verstanden).“ Die mit der
-Obstkultur vertrauten syrischen und kleinasiatischen Sklaven veredelten
-auch diese Frucht immer mehr und pfropften die edle Pflaume sogar auf
-den wilden Schlehdorn. So berichtet der Dichter Horaz (65-8 v. Chr.),
-daß bei seinem Landhause Pflaumen auf Dornen wüchsen, und Plinius
-meldet: „Merkwürdig sind die auf Walnußbäume gepfropften Pflaumen; sie
-sehen aus wie Nüsse, schmecken aber wie Pflaumen und heißen Nußpflaumen
-(~nuciprunum~). In Bätica (der nach dem Bätisflusse genannten,
-Südspanien umfassenden altrömischen Provinz) pfropft man Pflaumen
-auf Apfelbäume und auf Mandelbäume. Der Kern der letztgenannten ist
-wie ein Mandelkern. Als beste Art gilt die Damaszenerpflaume; dieses
-Erzeugnis Syriens, das seinen Namen von Damaskus hat, wächst auch seit
-langer Zeit in Italien, wo sie jedoch einen größeren Kern und weniger
-Fleisch hat, auch beim Trocknen keine Runzeln bekommt, weil ihr die
-heimische Sonne fehlt.“ Nach dem griechischen Arzt Claudios Galenos
-aus Pergamon (131-200 n. Chr.) ist die spanische Pflaume die beste
-nach der Damaszener, und Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. gibt an,
-daß die Pflaume im Januar am besten auf Pflaume gepfropft werde; man
-könne sie auch auf Pfirsich-, Mandel- und Apfelbäume pfropfen, aber
-die Früchte verlören dabei an Güte. „Die Pflaumen werden auf Hürden an
-der Sonne getrocknet, auch taucht man frisch gepflückte Pflaumen in
-siedendes Meer- oder Salzwasser und trocknet sie dann entweder in einem
-Backofen oder an der Sonne.“ Der erwähnte Galenos sagt: „Die Pflaumen
-(~kokkýmēlon~) werden fast alle bei der Reife süß, geben nicht viel
-Nahrung, können im Vorrat getrocknet werden.“ Dioskurides meint, daß
-die Pflaumen dem Magen nicht sehr gut bekommen, am besten noch die
-getrockneten Damaszener Pflaumen.
-
-Gleich den übrigen Obstarten haben die Römer auch die Pflaumen und
-Zwetschen nördlich von den Alpen angesiedelt. Diese Einführung der dort
-vorher unbekannten Fruchtbäume nach dem Norden haben die Funde aus den
-Schachtbrunnen der Saalburg und aus einem spätrömischen Pfahlbau bei
-Fulda in Form von Steinkernen dieser Obstarten bestätigt. Wie aus dem
-griechischen ~prúmnon~ das ~prunum~ der Römer entstand, so ging aus dem
-Pluralis des Lateinischen ~pruna~ das althochdeutsche ~pfruma~ und aus
-diesem schließlich ~pflume~, Pflaume hervor. Im ~Capitulare de villis~
-Karls des Großen aus dem Jahre 812 werden ~prunarii diversi generis~,
-d. h. Pflaumenbäume verschiedener Sorten erwähnt, worunter wohl nicht
-bloß Pflaumen-, sondern auch Zwetschenbäume in mehreren Spielarten zu
-verstehen sind.
-
-Die großfrüchtige Zwetsche, die in Turkestan und im südlichen
-Altaigebirge ihre Heimat hat, kam erst mit den Turkvölkern nach dem
-Abendlande. Erst vor 400 Jahren wurde sie durch die massenhafte
-Einfuhr der getrockneten Früchte aus Ungarn und Mähren, wohin sie
-von der Türkei aus bald gelangte, bei uns bekannt. Auch die von der
-in Turkestan und Vorderasien heimischen und in Persien angebauten
-+Kirschpflaume+ (~Prunus cerasifera~) stammende Mirabelle -- die
-~Myrobalane~ der älteren Botaniker -- kam erst in der zweiten Hälfte
-des 16. Jahrhunderts in Mitteleuropa in Aufnahme. In Europa wird die
-großfrüchtige Türkenzwetsche seit längerer Zeit besonders an der
-unteren Donau im großen gezogen. Dort begegnet man, besonders in
-Bosnien, ganzen Wäldern von Zwetschenbäumen, deren Früchte im Herbst
-4-6 Wochen hindurch die Hauptnahrung der Bevölkerung bilden und in
-gedörrtem Zustande massenhaft nach Europa und anderwärts ausgeführt
-werden. Von dem überreichen Ertrag wird auch ein beliebter Branntwein,
-Sliwowitza genannt (von ~sliva~, verwandt mit Schlehe, Zwetsche),
-hergestellt, der in Unmengen im Lande selbst konsumiert und auch
-exportiert wird.
-
-Im Laufe des Mittelalters ist in dem durch seine Obstbaumzucht
-hervorragenden Frankreich außer anderen saftigen, süßen Spielarten
-auch die +Reineclaude+ hervorgegangen, die einer nicht festgestellten
-französischen Königin zu Ehren diesen Namen erhielt, wie heute noch
-neue Varietäten von Obst oder Blumen gerne nach vornehmen Damen
-genannt werden. Von Europa sind dann die verschiedenen Pflaumen- und
-Zwetschenarten nach Nordamerika eingeführt worden, wo sie sich rasch
-einbürgerten. Gleich allen anderen Obstarten werden sie besonders in
-Kalifornien im großen gezüchtet und in eisgekühlten Eisenbahnwagen
-überallhin durch die Vereinigten Staaten versandt, wo sie willige
-Abnehmer finden.
-
-Edle Früchte hat der Mensch ferner in der armenischen Pflaume oder der
-+Aprikose+ (~Prunus armeniaca~) und der persischen Pflaume oder dem
-+Pfirsich+ (~Prunus persica~) -- früher nach Linné ~Amygdalus persica~,
-d. h. persische Mandel genannt -- gewonnen. Beide Fruchtbäume stammen
-aus dem Innern Asiens noch jenseits des Kirschen- und Pflaumenlandes,
-und zwar die Aprikose aus dem östlichen Turkestan, der Dsungarei,
-der südlichen Mandschurei und Nordchina und der Pfirsich (chinesisch
-~tao~) aus Mittelchina, wo in den Gebirgen der Provinzen Schen-si
-und Kan-su eine als ~Prunus davidiana~ bezeichnete sehr nahestehende
-Art mit kleinen Früchten, die vielleicht die Stammpflanze des
-Kulturpfirsichs ist, heute noch wildwachsend angetroffen wird. Das
-Volk, das beide Fruchtarten zuerst in seine Pflege nahm, sind die
-Chinesen. Aus den Berichten in den chinesischen Annalen wissen wir,
-daß ihr Anbau in verschiedenen Varietäten bis ins 3. vorchristliche
-Jahrtausend zurückreicht. Nur sehr langsam verbreitete sich ihre Kultur
-west- und südwärts. Weder im Sanskrit noch im Hebräischen existiert
-ein Name für diese Früchte. Den Ägyptern wurden beide erst in der
-griechisch-römischen Periode bekannt.
-
-Wie die Forschungen des Sinologen Bretschneider die bis dahin in
-Kleinasien gesuchte Heimat von Aprikose und Pfirsich nach Ostasien
-verlegten, so haben sie uns auch einen Einblick in die Wanderung dieser
-beiden Steinobstarten nach Westen verschafft. Wir wissen jetzt aus
-chinesischen Annalen, daß im Jahre 128 v. Chr. der kühne chinesische
-General Tschang-kiën bis zu den Ländern am Oxus und Jaxartes vordrang.
-Seit diesem denkwürdigen Zuge entspann sich zwischen den Chinesen und
-dem Volke der Ansi, in denen man mit großer Wahrscheinlichkeit die
-Parther vermutet, ein lebhafter Handelsverkehr, der das ganze letzte
-Jahrhundert v. Chr. andauerte. Dieser muß das Verbreitungsgebiet der
-beiden Obstsorten westwärts ausgedehnt haben. Und die Ansi ihrerseits
-besorgten den Austausch der aus China kommenden Waren mit den
-angrenzenden Distrikten Vorderasiens, mit Persien und Mesopotamien.
-Aus Persien gelangte dann der Pfirsichbaum und aus Armenien der
-Aprikosenbaum nach der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., als die
-römische Kaisermacht sich nach dem Untergange des Königs Mithridates
-im Jahre 63 Armeniens und bald darauf auch Persiens bemächtigte,
-zuerst nach dem Lande der Sieger, Italien. Hier nahmen nun die vorhin
-erwähnten syrischen Sklaven der vornehmen Römer diese beiden neuen
-Fruchtbäume in Pflege, und bald wurden sie auch nach Griechenland und
-in die übrigen Provinzen des römischen Reiches gebracht.
-
-Dieser ihrer Geschichte gemäß weiß kein römischer Schriftsteller weder
-der ausgehenden Republik, noch des augusteischen Zeitalters irgend
-etwas vom Pfirsich. Erst auf einem Wandgemälde der im Jahre 79 n. Chr.
-durch den bekannten Vulkanausbruch verschütteten Stadt Pompeji findet
-sich eine bildliche Darstellung dieser Frucht, und der bei jener
-Katastrophe als Befehlshaber der beim Kap Misenum stationierten
-römischen Flotte umgekommene ältere Plinius berichtet, daß zu seiner
-Zeit eine einzelne Frucht des Pfirsich (~persica~), der weder in
-Italien, noch in Kleinasien und Griechenland heimisch, sondern aus
-Persien nach Italien gebracht worden sei, mit 300 Sesterzien, das sind
-nach unserem Gelde etwa 45 Mark, bezahlt wurde, so selten und kostbar
-war sie damals noch. Man nannte sie nach dem Orte ihrer Herkunft
-~persica mala~, d. h. persische Äpfel, auch ~persica~ allein, die
-Aprikosen dagegen ~armeniaca mala~, d. h. armenische Äpfel. Aus dem
-~persica~ der Römer hat sich dann später das ~pesca~ der Italiener,
-das ~pêche~ der Franzosen und das Pfirsich der Deutschen gebildet.
-Die ~armeniaca~ dagegen wurden später von den Römern in Anlehnung an
-ihre Benennung im Griechischen ~prēkókkion~, die wir bei Dioskurides
-und Galen finden, meist als ~praecoqua~ bezeichnet, eine Benennung,
-die uns Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. noch anführt, indem er
-berichtet, daß die sogenannten Aprikosen im Januar auf Pflaumen
-gepfropft werden. Und zwar haben die Römer, wie uns Galen belehrt,
-eine bessere Aprikosensorte mit der Bezeichnung ~praecoquum~ versehen,
-während sie der geringeren die Benennung ~armeniacum~ beließen. Aus
-dem ~praecoquum~ der Römer haben dann die Araber, die bei ihrem
-Siegeszuge über Syrien und Nordafrika den Fruchtbaum kennen lernten,
-ihr ~albarkuk~ (wobei ~al~ der Artikel ist) gebildet, und diesen
-übernahmen dann die Italiener als sie in Sizilien und Unteritalien mit
-der sarazenischen Kultur in Berührung kamen und den Fruchtbaum von
-dorther kennen lernten. Wie die Italiener aus dem arabischen ~albarkuk~
-ihr ~albercocco~ bildeten, formten die Spanier, die die Bezeichnung
-mit der Frucht den Mauren entlehnten, ihr ~albaricoque~, woraus das
-französische ~abricot~ und aus diesem wiederum das deutsche Aprikose
-wurde.
-
-Der griechische Arzt Galenos meint, der Pfirsich sei dem Magen nicht
-sehr zuträglich, verdaue sich aber besser, wenn man ihn vor als nach
-der Mahlzeit esse. Ein Jahrhundert vor ihm erklärten Dioskurides:
-„Der Pfirsich ist eine gesunde Speise, wenn er gehörig reif ist,“ und
-Plinius: „Der Pfirsich bekommt einem besser als die Pflaume und das
-meiste andere Obst. Bei der Pfirsichsorte, die man ~duracinum~ (aus dem
-Griechischen ~dōrakinón~ laut Geoponika) nennt, geht das Fleisch nicht
-vom Kern.“ Diese allein läßt sich nach Palladius „auf verschiedene
-Weise eine Zeit lang aufbewahren.“ Bei den gewöhnlichen Sorten war dies
-nicht möglich; denn Gargilius Martialis klagt: „Man hat auf mancherlei
-Weise versucht, Pfirsiche lange aufzubewahren, aber vergeblich.“
-Nach Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. kann man Pfirsichbäume aus
-Kernen ziehen, die im November oder Januar mit der Spitze nach unten
-in tief gegrabene Beete, je zwei Fuß voneinander gelegt werden, oder
-auf Wildlinge pfropfen, und zwar auf Pfirsiche, Mandeln, Pflaumen
-und Aprikosen. „Am besten werden die Früchte an warmen Stellen, auf
-sandigem, feuchtem Boden. Wachsen die Bäume an kalten und windigen
-Stellen, so gehen sie ein, wenn sie nicht vor Kälte und Wind geschützt
-werden. Im Herbst wird die Erde um die Bäume aufgehackt und sie werden
-mit ihren eigenen Blättern gedüngt. Um große Früchte zu bekommen,
-begießt man den Baum zur Blütezeit 3 Tage lang mit Ziegenmilch.“
-
- Tafel 17.
-
-[Illustration:
-
- (Phot. von E. Reinhardt.)
-
-Blühende Mandelbäume bei Assisi in Umbrien.
-
-Traubenernte in der Provence in Südfrankreich.]
-
- Tafel 18.
-
-[Illustration: Das Einmachen von Obst in der Konservenfabrik Lenzburg.]
-
-Wie rasch diese geschätzten Obstsorten durch die Römer nordwärts der
-Alpen gebracht wurden beweist die Tatsache, daß bereits zu Columellas
-Zeit gegen das Ende des 1. christlichen Jahrhunderts eine besondere
-gallische Pfirsichsorte bekannt war. In den ältesten Schachtbrunnen
-der Römer auf der Saalburg sind, wie bereits erwähnt, sowohl Aprikosen-
-wie Pfirsichkerne gefunden worden. Auch im Pfahlwerk des Fuldatales
-aus spätrömischer Zeit kamen 25 Pfirsichsteine zum Vorschein; wie
-Vonderau berichtet, wurde ein Teil derselben einer Kulturschicht
-entnommen, die auch mehrere Bruchstücke der glänzend-roten ~terra
-sigillata~ enthielten. Pater de la Croix entdeckte beim Dorfe Sanxay
-in Poitou einen kleinen Pfirsichkern in einer Mauer, die aus dem
-2.-4. Jahrhundert n. Chr. stammen soll. Ein anderer Fund wurde aus
-dem Pfahlwerk von Paladru im Departement Isère aus der Merowingerzeit
-gemacht. Unter den ~persicarii diversi generis~, d. h. Pfirsichbäumen
-verschiedener Art, die wir im Verzeichnis der Obstbäume aus den
-Gärten Karls des Großen 812 erwähnt finden, werden sich jedenfalls
-auch Aprikosen befunden haben, welche im Mittelalter teils zu den
-Pfirsichen, teils zu den Pflaumen gerechnet wurden. Noch Albertus
-Magnus (geb. 1193 in Schwaben, gest. 1280 in Köln), einer der größten
-Gelehrten des Mittelalters, nennt den Pfirsich ~prunum persicum~
-und die Aprikose ~prunum armeniacum~, und die Botaniker des 16.
-Jahrhunderts sahen die Aprikose meist als eine Pfirsichsorte an.
-
-Heute blüht die Kultur der Pfirsiche und Aprikosen außer um Paris, wo
-besonders diejenigen von Montreuil berühmt sind, besonders im südlichen
-Nordamerika, speziell in Kalifornien, das ganze Bahnzüge davon frisch
-oder getrocknet nach den östlichen Vereinigten Staaten versendet.
-Ebenso in Südamerika, speziell in Argentinien, wohin diese Obstbäume
-durch die Jesuiten gelangten, werden sie im großen gezogen. Jetzt
-finden wir in der Nähe der alten Niederlassungen der Spanier reiche
-Bestände völlig wildwachsender Bäume, die von den Argentiniern nicht
-bloß ihrer Früchte, sondern auch ihres Holzes wegen geschätzt werden.
-Oft findet sich der rasch wachsende Baum mitten in den sonst baumlosen
-Pampas des Holzes wegen ~kultiviert~.
-
-Auch in Chile spielen sie neben dem übrigen von Europa dorthin
-importierten Obst eine große Rolle. Prof. Otto Bürger schreibt
-darüber in seinem Buche: Acht Lehr- und Wanderjahre in Chile: „In der
-Vorkordillere bilden Pfirsiche, süße und saure Kirschen -- ~cerezos~
-und ~guindos~ -- fruchtbeladene Haine. Nach der chilenischen Weihnacht
-beginnt die Zeit ihrer Reife. Da sind die Verkaufsstände voll Kirschen,
-~duraznos~ und ~priscos~ (verschiedene Sorten Pfirsiche), ~ciruelas~
-(Pflaumen) und Frühbirnen. Was umschließt allein das Wort ~durazno~ für
-eine Fülle von Früchten, die sich durch Größe, Form, Farbe, Glätte,
-Flaum, früheres oder späteres Reifen voneinander unterscheiden und
-dementsprechend verschiedene Namen im Volke führen. Der Pfirsich oder
-~durazno~ (offenkundig aus dem lateinischen ~duracinum~ abzuleiten)
-ist seit der Eroberung in Chile heimisch (1541 wurden die nördlichsten
-Provinzen durch die Spanier erobert, nachdem Diego de Almagro 1536
-von Peru aus zuerst dorthin vorgedrungen war) und war schon um die
-Mitte des 18. Jahrhunderts der gemeinste Obstbaum. Eine grünlichgelbe
-Sorte mit roten Wangen, bei welcher der Kern freiliegt, wird ~prisco~
-genannt. Die ~duraznos~ werden in Menge getrocknet und dann, wenn es --
-wie meistens -- mit dem Kern geschieht, als ~huesillos~ oder ohne ihn
-als ~orejones~ bezeichnet und vom Volke mit ~mote~ (gekochten Weizen-
-oder Maiskörnern) gegessen. Die ~ciruelas~ (Pflaumen) und ~damascos~
-(Aprikosen) sind ebenfalls schon lange in Chile heimisch und gedeihen
-wie die ~duraznos~ am besten in Mittelchile, während die Feigenbäume
--- ~las higueras~ --, die im Dezember die größeren und saftigeren
-~brevas~ und im Herbste die kleineren und süßen ~higos~ liefern, im
-Norden sogar noch besser vorwärts kommen. Die getrockneten Feigen
-sind die der zweiten Ernte. Unter ~tunas~ versteht man die Früchte
-eines ursprünglich auf den Antillen beheimateten Kaktus (~Opuntia
-tuna~). Die ~nisperas~, d. h. Mispeln, sind die gelblichen, rundlichen
-Früchte eines japanischen Baumes (~Eriobotrya japonica~), die in ihren
-vollständigen, traubigen Fruchtständen gebrochen werden. Sie haben
-einen säuerlichen Geschmack und sind ein wenig das Aschenbrödel unter
-ihren Genossen. Der Spanier hat einen Spruch:
-
- „~Quien come nisperas~ Wer (japanische) Mispeln ißt
- ~I bebe cerveza~ Und Bier trinkt
- ~I beza a mujeres viejas,~ Und alte Weiber küßt,
- ~Ni come, ni bebe, ni beza!~“ Der hat nicht gegessen,
- getrunken, geküßt.
-
-Außerdem gibt es bräunlichgrüne Lucumafrüchte von der Größe eines
-Apfels von einem aus Peru stammenden dichtbelaubten Sapotaceenbaume
-(~Lucuma obovata~). Weiter gibt es in Chile eine wilde Art (~L.
-valparadisea~), welche die feuchten und schattigen Schluchten der
-Provinzen Aconcagua und Valparaiso bewohnt, deren viel kleinere Früchte
-wohl süß, aber zugleich adstringierend schmecken und darum nicht
-gegessen werden. Birnen und Äpfel liefert der Süden, vom Rio Biobio ab,
-in wahren Prachtexemplaren; es gibt Birnen von einer Größe und süßen
-Saftigkeit und Äpfel der verschiedensten Sorten von einer Feinheit
-und Reinheit der Zeichnung und des Aromas, die unseren besten nicht
-nachstehen. Aus gewissen Sorten wird seit alters Äpfelwein -- ~chicha
-de manzana~ -- in vorzüglicher Qualität hergestellt, dessen Fabrikation
-von den Deutschen der Provinz Valdivia ausgedehnt und vervollkommnet
-wurde.
-
-Und was gibt es noch? Vor allem Trauben, schwarze und gold-grüne, die
-ebenfalls wie die Wassermelonen mit rotem Fleisch -- ~sandias~ -- und
-die gelben Melonen zu den Artikeln des Massenkonsums gezählt werden
-dürfen, so beliebt und billig sind sie, dann Orangen -- ~las neranjas~
---, die aber erst im September am wohlschmeckendsten werden, saure
-und süße Limonen, Mandeln, Walnüsse und ~avellanos~, die chinesische
-Haselnuß, die schwere Menge, und dann noch etwas echt Chilenisches,
-~piñones~, die Samen der Araukarie des Südens. Ferner die einheimische
-und europäische Erdbeere, die aus Brasilien oder Peru eingeführte
-Ananas und Banane, ~platanos~ genannt, die ~chirimoya~ (~Anona
-cherimolia~), eine Frucht von ganz apartem, wunderbarem Aroma, und die
-~palta~ (~Persea gratissima~), welche den Lorbeergewächsen zugehört.
-Diese reifen in den gegen das Meer hin offenen, warmen und feuchten,
-gegen die trockenen, eisigen Winde der Hochkordillere geschützten
-~Chacras Quillótas~.“
-
-Welche Fülle von herrlichem Obst hat also nicht die Alte Welt der
-Neuen zu ihren zahlreichen einheimischen Produkten hinzugegeben, die
-auch sehr schätzenswert sind! Wir werden im folgenden Abschnitte
-einige der wichtigsten unter denselben kennen lernen. Sonst sind außer
-den +Guajaven+ (~Psidium pyriferum~) mit birnförmigen und dem nahe
-verwandten ~Psidium pomiferum~ mit kugeligen, pflaumen- bis apfelgroßen
-Früchten vom Ansehen der Orangen, unter deren lederartiger Schale ein
-nach innen schön rosenrot gefärbtes, zartes Fruchtfleisch von Erd-
-und Himbeergeschmack sich findet, die eirunde und über faustgroße
-westindische +Anchojebirne+ (von ~Grias cauliflora~) zu nennen. Unsere
-Kirschen vertreten im warmen Südamerika die vorzüglich in Guiana
-heimische +Pitanga+ (von ~Eugenia michelii~) und die +Jabuticaba+ (von
-~Eugenia cauliflora~). Die Frucht der letzteren von der Größe unserer
-Herzkirsche hat unter der zarten, schwarzen Haut ein weißes, weiches,
-sehr saftiges Fleisch mit 2-3 Kernen. Sie steht an Geschmack unseren
-Kirschen nach, reift in Brasilien am Ende des Winters (September und
-Oktober) und ist doppelt geschätzt, da sie zu der Zeit die einzige
-Frucht bildet, welche frisch zu haben ist. Eine andere Frucht von
-der Größe und Form unserer Pflaumen sind die +Ibametara-Arten+ (von
-~Spondias myrobalanus~) u. a., die in Westindien und dem nördlichen
-Südamerika wildwachsen und hier überall, wie auch anderwärts in den
-Tropen, wohin alle diese Fruchtbäume verbracht wurden, vom Menschen
-angepflanzt werden, weil er ihre wohlschmeckenden, süßen Früchte
-überaus schätzt, Mus daraus bereitet und allerlei Getränke davon macht.
-
-Kehren wir nach diesem kurzen Abstecher nach Südamerika in unsere
-Heimat zurück, so ist in bezug auf die Kultur der Pfirsiche und
-Aprikosen zu bemerken, daß sie bei uns nur in südlichen Gegenden
-oder an sonniger, geschützter Lage gut gedeihen, aber als Hochstämme
-wohlschmeckendere Früchte denn als Spalierbäume liefern. Mit Vorliebe
-zieht man sie in den ebenfalls sonnige Lage beanspruchenden Weingärten;
-aber auch in den wärmeren Obstgärten gedeihen sie gut. Besonders
-die sattroten, direkt dem Stamm aufsitzenden, vor den Blättern
-erscheinenden Blüten des Pfirsichs verleihen durch ihre hübsche Färbung
-zwischen dem weißen Blust des übrigen Kernobstes und den rosafarben
-angehauchten Apfelblüten einem gemischten Obstgarten ein höchst
-eigenartiges, manchmal geradezu bezauberndes Gepräge.
-
-Im Gegensatz zum Pfirsich, dessen saftige äußere Fruchtschale gegessen
-wird, ißt man bei der verwandten +Mandel+ (~Amygdalus communis~) den
-Samenkern, der in einer süßen und bitteren Abart vorkommt. Diejenigen
-der letzteren Sorte enthalten in erheblicher Menge die giftige
-Blausäure und sind deshalb, in größerer Menge genossen, auch dem
-Menschen schädlich, während sie kleinen Tieren sicheren Tod bringen.
-Sie dienen vorzugsweise zum Würzen der Speisen. Die süßen Mandeln
-dagegen werden ihres Ölgehaltes wegen gegessen und allerlei Gebäck
-und Mehlspeisen zugesetzt. Unter der samtig behaarten äußeren Haut,
-welche zur Zeit der Reife in einem Längsspalt aufspringt, befinden
-sich die in der Regel sehr harten, festen Schalen. Man kultiviert
-aber auch Formen mit brüchigen Schalen, die Knack- oder Krachmandeln,
-deren Samen wie Nüsse gegessen werden. Die Fruchtknoten aller Kirsch-,
-Pflaumen- und Mandelarten, die bekanntlich mit dem Kernobst in die
-Familie der Rosazeen gehören, enthalten zwei Samenanlagen, von denen
-aber in der Regel nur eine zur Ausbildung gelangt; entwickeln sich
-aber in den Knackmandeln beide, so entstehen solche Exemplare, die als
-„Vielliebchen“ dienen.
-
-Der Mandelbaum wächst in Afghanistan, Turkestan, Persien wild und
-kommt auch hier mit bittern und süßen Samen vor. Indien und Ostasien
-ist er ursprünglich fremd; dort hat man auch keine einheimische
-Bezeichnung für ihn. In den Schriften des Sanskrit wird er nicht
-erwähnt, ebensowenig in der älteren chinesischen Literatur. Erst in
-chinesischen Werken des 10. oder 11. Jahrhunderts wird er angeführt,
-und zwar als „Baum aus den Ländern der Muhammedaner“. Er scheint also
-durch die Handelsbeziehungen der Chinesen mit Baktrien als Tausch
-gegen Aprikose und Pfirsich von dort her nach China gelangt zu sein.
-Auch in den vorgeschichtlichen Niederlassungen Südeuropas hat man
-nirgends Spuren von Mandeln gefunden. Aber in Persien begegnen wir
-diesem Fruchtbaum sehr früh. Von dort gelangte er schon vor der
-Mitte des letzten vorgeschichtlichen Jahrtausends nach Syrien und
-Kleinasien und von da vor dem Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. nach
-Griechenland. Seine Frucht wird als ~naxía amygdálē~, d. h. Mandel von
-Naxos -- einer Insel der Cycladen, welche, weil in der Mitte zwischen
-dem südlichen Kleinasien und Griechenland liegend, eine natürliche
-Zwischenstation beim Übergang von Kleinasien nach Griechenland
-bildet -- zuerst von Phrynichos, einem Dichter der älteren attischen
-Komödie und Zeitgenossen des Aristophanes im 5. Jahrhundert v. Chr.
-erwähnt. Bei den attischen Komödiendichtern des 4. vorchristlichen
-Jahrhunderts ist seine Frucht als ~amygdálē~ schlechthin schon ganz
-gewöhnlich. Von den Griechen lernten dann die Römer den Fruchtbaum
-kennen. Noch gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kennt Cato in
-Italien die Mandeln nur als fremde Importware unter der Bezeichnung
-„griechische Nüsse“, als Beweis dafür, daß die Römer diese Früchte
-durch Vermittlung der Griechen Unteritaliens erhalten hatten. Erst bei
-Columella, einem römischen Ackerbauschriftsteller des 1. Jahrhunderts
-n. Chr., ist der Mandelbaum unter der griechischen Bezeichnung
-~amygdala~ auch in Mittelitalien heimisch, während seine Früchte immer
-noch griechische Nüsse heißen. Die Bezeichnung ~amygdala amara~ und
-~dulcia~, d. h. bittere und süße Mandeln, treten uns zum erstenmal
-in der „Zusammenstellung der gebräuchlichsten Medikamente“ des
-Scribonius Largus entgegen, die noch vor der Mitte des 1. christlichen
-Jahrhunderts verfaßt wurde. Seither ist die Pflanze in ganz Italien
-eingebürgert, und aus dem griechisch-lateinischen ~amygdale~ ist im
-Laufe der Jahrhunderte das italienische ~mandorle~ und daraus unser
-Mandel geworden. In allen Gärten stehen in Italien die Mandelbäumchen
-im Februar und März im Schmucke ihrer schneeigen Blüten, bevor noch die
-Blätter hervorgekommen sind. Ihre Früchte sind nicht bloß eine beliebte
-Volksnahrung, sondern man gewinnt heute auch aus ihnen ein als sehr
-mild geschätztes Öl, aus den bittern dagegen das in der Parfümerie
-Verwendung findende Bittermandelöl und ein bei Husten reizmilderndes
-blausäurehaltiges Wasser, das übrigens gleicherweise auch aus den
-Kirschlorbeerblättern bereitet wird.
-
-Nördlich der Alpen ist der Mandelbaum, soweit er in den klimatisch
-milderen Gegenden noch zu gedeihen vermag, erst in nachrömischer Zeit
-naturalisiert worden. Bei den Ausgrabungen des römischen Militärlagers
-der Saalburg bei Homburg vor der Höhe hat man keine Spur von Mandeln
-gefunden, und der Fund einer Mandelschale in dem wahrscheinlich
-spätrömischen Pfahlwerk im Tale der Fulda nördlich des Mains wird
-von den maßgebenden Forschern mit einem Fragezeichen registriert.
-Der althochdeutsche Name ~mandulae~ hat zwar gegenüber dem gelehrten
-angelsächsischen ~amigdal~ einen entschieden volkstümlichen Anstrich,
-er kann aber wegen des unverschobenen ~d~ frühestens im 8. Jahrhundert
-aufgenommen worden sein. Im ~Capitulare de villis~ Karls des Großen vom
-Jahre 812 und in dem nach dem Muster desselben abgefaßten Entwurfe zum
-St. Galler Klostergarten vom Jahre 820 werden unter den zu pflanzenden
-Bäumen auch ~amandalarii~, d. h. Mandelbäume aufgeführt, aber in den
-Inventaren der kaiserlichen Gärten vom Jahre 812 fehlen sie.
-
-Der Mandelbaum, der in bezug auf Kälte noch empfindlicher ist als der
-Pfirsichbaum, scheint also auch in der Karolingerzeit nur ausnahmsweise
-und wohl nur in einigen besonders warmen Landesteilen gezogen worden
-zu sein. Obwohl er gegenwärtig am Oberrhein und in der Rheinpfalz
-recht gut gedeiht und seine Früchte reift, so pflegen wir doch auch
-heute noch die Mandel zu den Südfrüchten zu zählen. Ähnlich war es im
-Mittelalter. Die Mandeln, welche damals in Deutschland konsumiert und
-zu medizinischen Zwecken verwendet wurden, stammten wohl größtenteils,
-wie heute noch, aus Italien. Die Bewohner Nordfrankreichs dagegen
-scheinen ihren Bedarf an Mandeln außer aus den südlichen Teilen des
-eigenen Landes namentlich aus Spanien bezogen zu haben, wie die
-Geschichte des altfranzösischen Namens ~almande~ vermuten läßt.
-
-Die nahe Verwandtschaft zwischen Mandel und Pfirsich spricht sich auch
-darin aus, daß beide sehr leicht gekreuzt werden können und auch dann
-noch reichlich Früchte tragen. Wie der Pfirsich seine rosenroten,
-treibt auch die Mandel ihre weißen Blüten vor der Entfaltung der
-Blätter, damit diese um so ausgiebiger von den Bienen befruchtet
-werden. Wie in den Mittelmeerländern wird auch im Süden der Vereinigten
-Staaten, besonders in Kalifornien, die Mandelkultur manchenorts im
-großen getrieben.
-
-In den lichten Wäldern Transkaukasiens und Armeniens ist die wegen
-ihrer süßen, saftigen Trauben so geschätzte +Weinrebe+ (~Vitis
-vinifera~) zu Hause, wo sie heute noch wild, wenn auch mit kleinen
-und wenig schmackhaften, etwas herben Früchten gefunden wird. Als
-Schlingpflanze rankt sie sich wie bei uns die Waldrebe von Baum zu
-Baum und klettert in die Wipfelregion ans Licht empor. Hier ist sie
-wohl zuerst durch Kulturauslese veredelt und zur Kulturpflanze mit
-großen, süßen Früchten gemacht worden. Doch ist Westasien nicht die
-ausschließliche Heimat dieser Waldliane. Ihr Vorkommen reicht von
-hier ostwärts bis in das gemäßigte Mittelasien hinein und westwärts
-über ganz Südeuropa und einen Teil Mitteleuropas. Doch wurde sie
-hier nirgends kultiviert, sondern, wie Funde aus Südfrankreich, der
-Schweiz und Norditalien beweisen, wurden ihre Früchte schon zur
-Steinzeit gelegentlich vom Menschen gesammelt und gegessen, wo wir
-dann zur Seltenheit einmal ihre harten Samen unter dem Speiseabfall
-seiner Niederlassungen finden. Immerhin sind manche Angaben über
-das Wildvorkommen der Rebe in Süd- und Mitteleuropa mit Vorsicht
-aufzunehmen, da diese Kulturpflanze in den Weinbau treibenden Ländern
-leicht verwildert und dann als dort heimisch angesehen wird. So ist es
-sehr zweifelhaft, ob die in Baden und im Elsaß gefundenen angeblich
-wilden Reben wirklich ursprünglich wild wachsend oder nicht bloß seit
-der Einführung des Weinstocks in diesen Gegenden verwildert sind, was
-immerhin das wahrscheinlichste sein dürfte, da sonst wilde Reben in
-Deutschland außerhalb der Weinbauregion noch nicht nachgewiesen werden
-konnten.
-
-Der heute über die ganze Welt ausgedehnte Rebbau hat seinen Ursprung
-in den Ländern südlich des Kaukasus und des Kaspisees genommen,
-wo die wilde Rebe ganz besonders üppig gedeiht und den Menschen
-geradezu zu ihrer Domestikation auffordert. Von Armenien kam er im
-4. vorchristlichen Jahrtausend nach Babylonien, Syrien und Palästina
-und läßt sich von der 5. Dynastie, d. h. seit 2700 v. Chr. an auch in
-Ägypten nachweisen. Über Kleinasien und Griechenland wanderte er dann,
-wie wir später bei der Besprechung des Weinbaus eingehender sehen
-werden, nach Italien und von da nördlich der Alpen zu den gallischen
-und rätischen Stämmen und zuletzt zu den Germanen.
-
-Alle Ausdrücke dieser Völker, die auf den Weinbau Bezug haben, sind dem
-Lateinischen entnommen von ~vindemia~ (franz. ~vendange~) Wingert oder
-Weinlese bis ~mustum~ (franz. ~moût~) Most und ~vinum~ (franz. ~vin~)
-Wein.
-
-Sehr zahlreich sind die Anweisungen der antiken Ackerbauschriftsteller
-über die beste Art des Rebbaus. Schon der im 8. Jahrhundert v. Chr.
-lebende griechische Dichter Hesiod singt: „Wenn der Frühling beginnt
-und die Schwalbe kommen will, dann mache dich ans Beschneiden der
-Weinstöcke (~oínē~),“ und „wenn der Orion und der Sirius bis zur Mitte
-des Himmels steigen, dann ist die Zeit da, in der du die Trauben
-abschneiden und nach Hause bringen mußt.“ Varro und Columella berichten
-eingehend über die Anlage des Weingartens (~vinea~) und die Behandlung
-der Rebe (~vitis~). Letzterer meint: „Die Zahl der verschiedenen
-Weinsorten ist so zahllos wie die Sandkörner der libyschen Wüste; denn
-jede Gegend und fast jeder kleine Ort hat seine besonderen Sorten und
-für diese besondere Namen. Manche haben auch ihren Namen geändert,
-indem sie anderswohin versetzt wurden; manche haben in ihrer neuen
-Heimat ihre Eigentümlichkeit verloren, so daß sie der Ursorte gar nicht
-mehr ähnlich sind. Ganz richtig haben schon Cato und nach ihm Celsus
-gesagt, man solle nur Weinsorten pflanzen, die in gutem Rufe stehen,
-und solle sie nur in dem Falle behalten, daß sie sich als gut bewähren.
-Für einen recht günstigen Standort müssen wir recht edle Sorten wählen,
-für einen ungünstigen aber solche, die große Mengen von Trauben zu
-geben pflegen.“
-
-Wie von jeher die Orientalen, so waren auch die alten Griechen und
-Römer große Liebhaber der Traube, die von ihnen als die edelste der
-Früchte gepriesen wurde. Um solche möglichst lange essen zu können,
-wurde sie frisch oder gedörrt und auf die mannigfaltigste Weise
-konserviert aufbewahrt. Verschiedene solche Verfahren beschreibt
-Columella. Von seinen zahlreichen Angaben über die Aufbewahrung von
-Trauben wollen wir hier einige anführen: „Um Trauben (~uva~) ein Jahr
-lang frisch zu erhalten, verpicht man ihren Stiel sogleich, wenn man
-sie vom Stocke geschnitten hat. Dann füllt man ein neues irdenes Gefäß
-mit recht trockener Spreu, die man durch Sieben vom Staube gereinigt
-hat, und legt die Trauben darauf. Alsdann bedeckt man das Gefäß mit
-einem andern, verpicht die Fuge mit Lehm, der mit Spreu vermischt
-ist, stellt das Gefäß auf ein recht trockenes Gestell und bedeckt es
-mit trockener Spreu. Eine andere Art, Trauben frisch zu erhalten, ist
-folgende: In einen großen Tonkrug (~dolium~) wird eingedickter Most
-gegossen, über diesen werden Stöcke in die Quere eingeklemmt, die
-jedoch den Most nicht berühren dürfen. Auf diese Stöcke werden neue
-irdene Schüsseln gesetzt und in diese die Trauben so gelegt, daß sie
-einander nicht berühren. Dann werden die Deckel auf die Schüsseln
-gelegt und verstrichen. Nächstdem setzt man neue Stöcke über den
-Schüsseln ein und auf diese neue Schüsseln, und fährt so fort, bis das
-ganze Faß voll ist. Endlich setzt man den Deckel auf, der gut gepicht
-und inwendig tüchtig mit eingedicktem Most bestrichen wird, worauf man
-die Fugen noch mit Asche verklebt. Andere tun eingedickten Most in das
-Tongefäß, stemmen Stöcke hinein, hängen die Trauben an die Stöcke, so
-daß sie den Most nicht berühren, legen den Deckel auf und verstreichen
-ihn. Andere legen Trauben schichtweise in Gerstenkleie, oder Sägemehl
-von Pappeln oder Tannen, oder Gipsmehl. Mein Onkel Marcus Columella
-(zu Gades in Spanien) tat die Trauben in große Tonkrüge, die in- und
-auswendig stark gepicht waren; sie durften einander nicht berühren und
-von jeder war der Stiel in siedendes Pech getaucht. War der Deckel
-aufgelegt und die Fuge mit Gips verstrichen, so wurde auch der Gips
-noch tüchtig gepicht, so daß durchaus keine Feuchtigkeit eindringen
-konnte. Nun wurden die Krüge in Quell- oder Brunnenwasser gestellt und
-so mit einem Gewichte beschwert, daß sie ganz unter der Oberfläche
-blieben. Auf solche Weise halten sich die Trauben vortrefflich, müssen
-aber, wenn sie herausgenommen sind, gleich gegessen werden, weil sie
-sonst sauer werden. Als allgemeine Regel muß noch die aufgestellt
-werden, daß man Äpfel und Trauben nicht an demselben Orte aufbewahren
-darf, ja daß der Geruch der Äpfel nicht einmal aus einiger Entfernung
-die Trauben erreichen darf, denn er verdirbt sie.“
-
-Häufig wurden auch Traubenbeeren und ganze Trauben an der Sonne
-getrocknet (~uva passa~) und dann in Töpfen aufbewahrt. Vielfache
-Verwendung fand in der griechischen und römischen Küche auch der durch
-Kochen eingedickte Traubenmost (~defrutum~), wie auch der aus sauer
-gewordenem Wein hergestellte Essig (~acetum~).
-
-Alle diese Produkte hat schon vorher der Orient gekannt und benützt.
-So sind von der Traube gelöste, getrocknete Weinbeeren seit der Zeit
-der Pyramidenerbauer, d. h. seit dem Beginne des 3. vorchristlichen
-Jahrtausends, häufig als Wegzehrung den Toten mitgegeben worden und
-finden sich teilweise so gut in den altägyptischen Gräbern erhalten,
-daß sich der Zucker darin noch nachweisen läßt.
-
-Wie die Rebenkultur heute in Mitteleuropa betrieben wird, ist genugsam
-bekannt, so daß wir nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es
-genüge hier zu bemerken, daß der Weinstock einer sorgfältigen Pflege
-bedarf, viel Sonne und einen kalkreichen, steinigen, d. h. viel Wärme
-verschluckenden Boden verlangt. Aber wenn auch alle diese Bedingungen
-erfüllt sind, ist die Rebe, wie die Erfahrung gelehrt hat, nur dann
-wirklich ertragreich und liefert wertvolle Trauben, wenn sie richtig
-geschnitten wird. Die Fortpflanzung geschieht durch Stecklinge, die
-meist mit drei Augen, d. h. Knospen zur Verwendung gelangen. Das
-unterste derselben wird in die Erde gesteckt; die beiden andern treiben
-aus und geben je nach der Kraft des Triebes mehr oder weniger lange
-Schosse, die man im Herbst zurückschneidet, und zwar den oberen so,
-daß 8-9 Augen bleiben, die anderen aber viel weiter zurück, so daß nur
-zwei Augen bleiben. Jenes Reis ist das Tragholz für das nächste Jahr;
-denn die an ihm befindlichen Augen entwickeln Triebe, welche nach dem
-4. oder 5. Blatte Blüten erzeugen. Man läßt an diesen Trieben nur eine
-bestimmte Zahl Blätter stehen, nach dem 2. oder 3. oberhalb der letzten
-Blütentraube bricht man den Schoß ab, um nicht unnütz Nährstoffe nach
-dem fernerhin nicht weiter brauchbaren Triebe gelangen zu lassen. Hat
-das Tragholz, der sogenannte Schenkel, abgetragen, so schneidet man
-dasselbe mit dem hakenförmig gekrümmten Rebmesser ab, das die Römer
-der Kaiserzeit in Gallien und in den von den Legionären aus Gallien
-und Hispanien am linken Rheinufer gepflanzten Rebbergen schon in
-gleicher Weise besaßen wie wir heute noch, die wir ja einst die ganze
-Rebkultur mit allen Geräten und diesbezüglichen Bezeichnungen von jenen
-übernahmen.
-
-Während das Tragholz im Sommer seine Früchte an den Seitentrieben
-zeitigte, entwickelte der oben erwähnte, kurz auf zwei Knospen
-zurückgeschnittene „Zapfen“ aus demselben wieder zwei lange Triebe, die
-man bis zum Herbste auswachsen läßt. Sie können eine sehr beträchtliche
-Länge erreichen und bringen Blätter und in den Achseln derselben
-Knospen hervor. Von ihnen treiben in demselben Jahre alle, ausgenommen
-die obersten, in Form von schwachen Zweigen aus, die „Geize“ genannt
-werden. Da diese im ersten Jahre überhaupt nicht zum Blühen kommen,
-und auch im zweiten Jahre, wenn sie zu Tragholz werden, auch nur
-schwächlich blühen würden, schneidet sie der Weinbauer weg, läßt ihnen
-aber meist 2-3 Blätter. Diesen letzteren kommt nämlich eine doppelte
-Bedeutung zu. Es entsteht nämlich neben dem Geize eine zweite Knospe,
-die sich als eine Achselknospe aus dem untersten Schuppenblatte äußerst
-kräftig entwickelt und einerseits zu ihrer Ernährung der beiden Blätter
-des bei ihr stehenden Geizes bedarf, andererseits aber auch leicht zum
-Austreiben käme, wenn man den Geiz bis zum Grunde entfernen würde.
-
-Im Herbst wird nun wieder an den beiden Schossen des Zapfens der
-Schnitt in der Weise ausgeführt, daß der obere mit 8-10 Augen zum
-Schenkel wird und im nächsten Jahre das Tragholz liefert; die untere
-wird dagegen abermals zum Zapfen. An den in den Treibhäusern gezogenen
-Reben schneidet man das Tragholz viel weiter zurück, so daß an dem bis
-zu 15 Jahren tragfähigen Haupttrieb seitlich knorrige Stümpfe stehen
-bleiben, aus denen dann eine neue Tragrebe gezogen wird. Hier läßt man
-meist auch nur zwei Trauben zur Ausbildung gelangen. Durch Auspflücken
-der zu reichlichen Beerenanlagen bringt man es dahin, daß die
-bleibenden zuweilen eine ganz außergewöhnliche Größe erreichen. So hat
-man in England durch die sorgfältigste Pflege und reichliche Düngung
-Trauben von über 7,5 kg Schwere mit pflaumengroßen Früchten
-gezogen, die jedenfalls diejenigen, die die Kundschafter der Juden aus
-dem Lande Kanaan brachten, noch weit übertreffen.
-
-Noch jetzt ist jenes den Israeliten bei ihrem Zuge durch die Wüste
-gelobte Land, Palästina, ein vorzügliches Weinland, wo die Kultur der
-Rebe heute noch wohl in derselben Weise wie vor 4000 Jahren betrieben
-wird. Die Weinberge sind meist auf hügeligem Gelände angelegt, weil die
-terrassenförmig aufsteigenden Hänge dem Weinbau günstig sind und dieses
-Terrain sich weniger für Getreidebau eignet. Doch ist auch viel flaches
-Gebiet mit Reben bepflanzt und zahlreiche Namen von Ortschaften, die
-heute keinen Rebbau mehr haben, weisen darauf hin, daß dies früher, vor
-der dem Wein feindseligen muhammedanischen Invasion noch der Fall war.
-Zum Schutze gegen Menschen und Tiere, unter welch letzteren besonders
-die Füchse zu nennen sind, die sich bei der Traubenreife als ungebetene
-Gäste zum Schmause einstellen, werden die Weinberge im Orient mit
-1-2 m hohen trockenen Steinmauern, die noch mit Dornen bewehrt sein
-können, oder mit lebenden Hecken von dem aus Amerika eingewanderten
-Feigenkaktus umgeben. Mitten darin baut man aus losen, unbehauenen
-Steinen einen 5-6 m hohen Turm, der oben eine von Laubwerk oder Matten
-beschattete Hütte trägt, wo der Weinbauer bei der Traubenreife sein
-Lager aufschlägt, um den Weinberg, den er von hier aus gut zu übersehen
-vermag, Tag und Nacht zu überwachen. Da diese Hütten häufig erneuert
-werden müssen, so erscheinen sie schon einem Hiob (27, 18) als Bild der
-Vergänglichkeit.
-
-In den Weinbergen Palästinas werden nicht nur Reben, sondern auch
-andere Fruchtträger, wie Feigen-, Aprikosen-, Pfirsich- Apfel-,
-Birn-, Mandel-, Quitten- und Granatbäume gepflanzt, deren Früchte
-verführerisch locken. Da bleibt dem Fellachen, d. h. Bauern, bei der
-diebischen Natur seiner Volksgenossen nichts anderes übrig, als diese
-Schätze sorgfältig zu bewachen; denn was er nicht hütet, erntet er
-auch nicht. Schon die unreifen Trauben und Früchte überhaupt liebt der
-Morgenländer wie unsere Kinder sehr, indem er sie entweder roh oder
-mit Essig und reichlich Olivenöl angemacht als Salat ißt. So zieht der
-Winzer bei der Fruchtreife mit Sack und Pack in die Weinbergshütte
-hinaus, um hier mit seiner Familie so lange zu hausen -- das Kleinvieh
-bringt er in den kühlen Nächten im dunkeln Raum des Wachtturmes unter
-dem Turmabschluß, wo er Wache hält, unter --, bis alles aufgegessen
-oder verkauft ist.
-
-Bei der Neuanlage eines Rebbergs werden die Stecklinge als etwa
-1,3 m lange Ruten gewöhnlich Ende Februar in 50 cm tiefe und 20 cm
-breite Gruben in 2-4 m allseitiger Entfernung versenkt. Eine solche
-Neupflanzung trägt dann im dritten Jahre die ersten Trauben. In manchen
-Gegenden, besonders in der Ebene, läßt man die Reben am Boden liegen,
-in andern zieht man sie aufrecht an Fruchtbäumen irgend welcher Art
-oder an Pfählen in die Höhe. Schon im Februar wird der Rebberg,
-nachdem die Erde durch mehrmaligen Regenfall genügend erweicht ist,
-mit dem schon von den Vorfahren vor einigen tausend Jahren gebrauchten
-primitiven hölzernen Hakenpflug gepflügt oder, wo dieser nicht
-hinkommen kann, mit der Hacke gelockert und die Reben bis auf wenige
-kurze Ruten mit kräftigen Augen beschnitten. Im Laufe des Frühjahrs
-wird das Land noch zwei- bis dreimal zur Beseitigung des Unkrauts und
-zur Auflockerung des Bodens gepflügt oder behackt. Nach vollendeter
-Traubenblüte entwickelt sich dann üppiges Laubwerk und es treiben bis
-3 m lange Schößlinge, deren Spitzen nach Bedarf entfernt werden.
-
-Die Trauben, die in der Ebene schon im Juni, im Gebirge erst im Juli zu
-reifen beginnen, erlangen nach ihrer Reife eine Länge von zwei Spannen
-und ein Gewicht von 1,5 kg mit großen, feinhäutigen, saftigen Beeren.
-Sie werden, weil den Einwohnern als rechtgläubigen Muhammedanern der
-Genuß des Weines verboten ist, entweder an Ort und Stelle gegessen
-oder auf den nächsten Markt zum Verkaufe gebracht, wo sie nicht mehr
-als höchstens 8 Pfennige das Kilogramm kosten. Mancherorts wird der
-Überschuß zu Rosinen, Traubenhonig und Traubenkuchen verarbeitet,
-um als solche in den Handel gebracht zu werden; die Beeren mancher
-nichtreifender Sorten dagegen werden zur Herstellung einer süßen
-Limonade, wie sie sonst aus Zitronensaft bereitet wird, verwendet.
-
-Die zu Rosinen bestimmten Trauben werden korbweise in ein Gefäß mit
-geklärtem Laugenwasser, dem etwas Öl beigegeben ist, getaucht und auf
-einem geebneten Dörrplatz im Weinberg oder auf Matten ausgebreitet
-10-15 Tage lang zum Dörren der Sonnenhitze ausgesetzt. Die Benetzung
-mit Lauge und Öl hat den Zweck, daß die Rosinen schön weich und von
-der Sonne nicht allzusehr verbrannt werden, sie zugleich auch einen
-gewissen Glanz erhalten. Zuletzt werden sie von den Stielen abgelesen
-und nach der Größe sortiert.
-
-Der Traubenhonig wird in der Weise gewonnen, daß der ausgepreßte
-Traubensaft mit einer weichen Kalksteinmasse vermischt, umgerührt und
-über Nacht stehen gelassen wird. Dabei verbindet sich die Weinsäure mit
-dem Kalk zu einer unlöslichen Verbindung und wird bei diesem Vorgange
-zugleich der aus Pektin bestehende, die Lösung trübende Pflanzenschleim
-niedergeschlagen. Der so durch den Kalk geklärte und in seiner Herbe
-gemilderte Saft wird dann abgeschöpft und bis zu Sirupdicke eingekocht.
-100 Teile Trauben geben etwas mehr als 20 Teile Traubenhonig, der sehr
-gern als Zukost zum Brot verspeist wird und pro Kilogramm nur 20-30
-Pfennige kostet.
-
-Die Traubenkuchen werden teilweise ähnlich wie der Traubenhonig
-bereitet. Den durch den kohlensauren Kalk der Kalksteinmasse abgeklärte
-und von der Säure befreite Traubensaft läßt man etwas einkochen und
-rührt Mehl oder Gries und hernach Pinien- oder Kiefernsamen hinein.
-Der so entstandene dicke Brei wird auf Tücher gestrichen, an der Sonne
-getrocknet, um als dünne Fladen abgenommen und verspeist zu werden. 1
-kg kostet in Palästina etwa 1.50 bis 1.80 Mark.
-
-Auch die christlichen Araber produzieren wenig Wein, um so mehr aber
-die in Palästina niedergelassenen Europäer, besonders die als höchst
-wertvolle Erwerbung des Landes daselbst ihre Kolonien gründenden
-Templer, die meist aus dem Schwabenlande stammen und das solide
-deutsche Bauerntum nach dem Morgenlande verpflanzten. Der Palästinawein
-ist ein sehr kräftiges Getränk von etwas herbem Geschmack. Weinkeltern
-(vom lat. ~calcatura~), wie sie die Kanaaniter und Israeliten hatten
-und wie man sie noch in manchen Weinbergen sieht, werden nicht mehr
-benutzt. Es waren dies zwei in Felsen gehauene Becken, von denen das
-größere, in welchem die Trauben mit den Füßen ausgetreten wurden,
-etwa 4 m auf jeder Seite mißt. Dasselbe wurde gelegentlich auch zum
-Ausdreschen von Getreide benützt. Sein flacher Boden neigt nach einer
-Ecke, wo eine Rinne es mit dem kleineren, tiefer liegenden Becken zur
-Aufnahme des Mostes (aus dem lateinischen ~mustum~) verbindet. Von
-da aus wurde dieser in mit nach innen gekehrtem Fell gebildete und
-mit Harz oder Pech verstrichene Schläuche aus Tierhaut gefaßt, oder
-man goß ihn, wie die christlichen Araber noch immer tun, in irdene
-Gefäße und leerte ihn nach der Gärung mit Zurücklassung der Hefe in
-andere Gefäße. Der Araber, der alles Süße liebt, zeigt eine Vorliebe
-für süßen und starken Wein, den er aus Trauben keltert, die 14 Tage
-lang schön ausgebreitet in der Sonne lagen. Der daraus gepreßte Saft
-ist süß, zugleich aber stark berauschend. Wenn die Araber Weinmost
-lange aufbewahren wollen, so pflegen sie ihn zu kochen und dann erst in
-Tonkrüge zu füllen, in die oben am Halse etwas Olivenöl als Verschluß
-hinzugefügt wird. Das Weinbereitungsgeschäft vollzieht sich im
-Morgenlande noch rascher als im Abendlande, da die zerdrückten Trauben
-schon nach 6-12 Stunden in Gärung übergehen und also nicht lange stehen
-bleiben dürfen.
-
-Weitere aus Asien zu uns gelangte Fruchtbäume sind die mit den Ulmen-,
-Nessel- und Feigengewächsen verwandten +Maulbeerbäume+. Lange vor
-dem aus Ostasien stammenden weißen ist der westasiatische +schwarze
-Maulbeerbaum+ (~Morus nigra~) ins Mittelmeergebiet und von da aus nach
-Mitteleuropa eingeführt worden. Seine ursprüngliche Heimat deckt sich
-mit derjenigen der Kulturrebe und erstreckt sich vom Gebirgsland von
-Armenien bis gegen Persien. Er erschien zu Ende des 6. vorchristlichen
-Jahrhunderts in Griechenland und von da ein Jahrhundert später auch
-in Italien. Schon der Dichter Aeschylos, der im Jahre 456 v. Chr.
-in Sizilien starb, spricht in zweien seiner Tragödien von ~môra~
-(~plur~. von ~môron~), die später auf Maulbeeren bezogen wurden, aber
-im gewöhnlichen Sprachgebrauch Brombeeren heißen. Im Volksgebrauch
-sind nämlich die Maulbeeren wegen ihrer Gestalt und Färbung zunächst
-als Brombeeren bezeichnet worden. Dem diese Früchte tragenden
-Baum aber gaben die Griechen, weil er völlig verschieden von der
-Brombeerstaude war, den Namen ~sykáminos~. Dies war aber eigentlich
-ihre Bezeichnung für die +Sykomore+ oder den +Maulbeerfeigenbaum+
-(~Ficus sycomorus~), der ursprünglich in Ägypten zu Hause war, aber
-früh in Westasien von Palästina, Syrien und Cypern bis nach Karien und
-die Insel Rhodos angepflanzt wurde. Die Griechen lernten ihn dort auf
-ihren Handelsfahrten kennen und bildeten aus dem syrischen Namen der
-Früchte ~schikmim~, einem Pluralis, mit Anlehnung an die griechische
-Bezeichnung für Feige ~sýkos~ ihr ~sykáminos~ als Namen für den Baum.
-
-Als nun der Maulbeerbaum bei seinem Vordringen nach Westen zu den
-Griechen der kleinasiatischen Küste gelangte, nannten sie ihn wegen
-der Ähnlichkeit der Blätter und seiner ganzen Gestalt mit der
-Sykomore eben auch ~sykáminos~. Nicht nur in der Naturgeschichte
-der Pflanzen des Theophrastos (390-286 v. Chr.), sondern noch bei
-späteren Schriftstellern werden beide Bäume mit demselben Worte
-bezeichnet. Der zur Zeit Cäsars und Augustus lebende griechische
-Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien unterschied zuerst die beiden
-Fruchtbäume, indem er erklärte, es gebe zwei Arten ~sykáminos~:
-die eine trage brombeer-, die andere feigenähnliche Früchte. Zum
-Unterschiede von der eigentlichen Brombeere (~môron~) nannte man die
-Früchte der brombeerfrüchtigen ~sykáminos sykómōron~. So entstand
-der jüngere Name des Maulbeerbaums ~sykómoros~, welcher bald als
-vollkommen gleichbedeutend mit ~sykáminos~ gebraucht und auch auf den
-ägyptischen ~sykáminos~, den Maulbeerfeigenbaum, ausgedehnt ward, der
-davon heute noch Sykomore heißt. Das gemeine Volk aber blieb bei der
-Bezeichnung ~môron~ (Brombeere) für Maulbeere und unter diesem Namen
-kam die Frucht von den Griechen Unteritaliens zu den Römern, die den
-Namen um so williger annahmen, als ~morum~ auch bei ihnen die von den
-Griechen übernommene Benennung der Brombeere war. Später drang auch das
-Wort ~sycomorus~ ein, das für Maulbeere und Brombeere gleicherweise
-gebraucht wurde; da unterschied man die Maulbeere als Baumbrombeere
-von der gewöhnlichen oder Waldbrombeere. Auch im Lateinischen des
-Mittelalters hieß der Baum ~morus~ und die Frucht ~morum~ (~plur.
-mora~). Unter diesem Namen wird er im ~Capitulare de villis~ und in
-den beiden Garteninventaren Karls des Großen aus dem Jahre 812 und
-im Entwurf zum St. Galler Klostergarten aus dem Jahre 820 unter den
-anzupflanzenden Obstbäumen angeführt.
-
-Der Maulbeerbaum erreicht eine ansehnliche Größe und trägt ein dunkles
-Laub, das im Frühling spät hervorbricht. Daher bezeichnet ihn Plinius
-im 1. christlichen Jahrhundert als den weisesten unter den Bäumen, der
-sich erst hervorwage, wenn kein Frühlingsfrost mehr zu fürchten sei.
-Die süßsäuerlichen, dunkelroten Beeren munden erst, wenn sie völlig
-reif sind, und müssen dann rasch verzehrt werden, da ihr Saft leicht
-in saure Gärung übergeht. Man pflückt sie daher im Süden frühmorgens
-und genießt oder verkauft sie, ehe die Hitze des Tages sie verdorben
-hat, heute noch wie in alter Zeit, da der römische Dichter Horaz
-im augusteischen Zeitalter solches in einem Gedichte aussprach.
-Mit ihrem roten Safte bemalten sich üppige Weiber und lose Männer
-beim Mummenschanz die Wangen und färbten vielfach auch ihren Wein
-dunkelrot. Der als Zeitgenosse des Horaz um die Wende der christlichen
-Zeitrechnung lebende, im Jahre 17 n. Chr. in der Verbannung in der
-Stadt Tomi in der heutigen Dobrudscha am Westrande des Schwarzen Meeres
-verstorbene römische Dichter Ovid erzählt uns im vierten Buche seiner
-Metamorphosen, woher die rote Farbe der Maulbeeren stamme, nämlich vom
-Blute des Pyramus, als dieser sich wegen seiner von einem Löwen getötet
-geglaubten Geliebten Thisbe unter dem Maulbeerbaume den Tod gab. Es
-ist dies eine durchaus kleinasiatische, auch bei anderen Pflanzen mit
-rotsaftigen Früchten wiederkehrende Sage, die diesmal in Babylonien vor
-sich gegangen sein soll, wohl als Erinnerung an die Herkunft des Baumes
-aus dem fernen Osten.
-
-Plinius sagt vom Maulbeerbaum: „Die Gärtnerkunst hat an diesem Baum
-nicht viel ausgerichtet, auch durch Veredeln nicht; doch zeigen sich
-die Früchte an Größe verschieden.“ Nach Athenaios um 200 n. Chr.
-labten sich an letzteren besonders die Kinder. In der Geoponika,
-einer wahrscheinlich ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung
-von Auszügen aus alten griechischen Schriften über Land- und
-Gartenwirtschaft, wird gesagt, daß man die Maulbeere auf Kastanie,
-Speiseeiche, Apfel- und wilden Birnbaum, auf Terpentin-Pistazie, Ulme
-und Silberpappel pfropfe; in letzterem Falle würden die Maulbeerfrüchte
-weiß.
-
-Der +weiße Maulbeerbaum+ (~Morus alba~) war dem Altertum und dem
-Mittelalter vollkommen fremd; denn erst im 15. Jahrhundert gelangte
-dieser im zentralen und östlichen Asien heimische Baum von kleinerem
-Wuchse, glatteren und zarteren Blättern als sein Schwesterbaum, die
-schwarze Maulbeere, und süßen, etwas faden, weißen Früchten mit der
-Einführung der ostasiatischen Seidenraupenkultur aus China nach
-Südeuropa. Diesem Insekte behagen die viel rauheren und gröberen
-Blätter des schwarzen Maulbeerbaumes nicht, und so führte man mit
-seiner Zucht auch den ostasiatischen weißen Maulbeerbaum bei uns ein.
-Überall in Norditalien und Südfrankreich, wo die Seidenraupenzucht
-in großem Maßstabe betrieben wird, treffen wir diesen Baum in langen
-Reihen angepflanzt an, um ihn seiner Blätter zu berauben, die jenem
-Tiere verfüttert werden, damit es daraus groß werden und schließlich
-seine Seidenhülle bei der Verpuppung spinnen könne. In Deutschland
-bemühte sich besonders Friedrich der Große um die gewinnbringende
-Zucht desselben und damit um die Anpflanzung des weißen Maulbeerbaums,
-dessen Laub das einzige Futter ist, das den Seidenraupen gereicht
-werden kann. Doch hatte er dabei nur geringen Erfolg, da das Klima zu
-rauh für das Gedeihen jener Tiere ist.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 19.
-
-Reihe von weißen Maulbeerbäumen, deren Blätter den Seidenraupen als
-Futter dienen, im Kanton Tessin.
-
-Uralter Feigenbaum in Roscoff (Finisterre). Der Baum bedeckt eine
-Fläche von 600 qm.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 20.
-
-Ein Hain alter Ölbäume bei Arco in Südtirol.]
-
-Nahe verwandt mit dem Maulbeerbaum ist, wie wir übrigens schon aus der
-Ähnlichkeit der Maulbeeren und Maulbeerfeigen schließen können, der
-+Feigenbaum+ (~Ficus carica~), der sehr gern wild in Felsspalten wächst
-und von Nordwestindien bis in die Mittelmeerländer vorkommt. Verwildert
-begegnet man ihm hier überall sehr häufig, aber wahrhaft wildwachsend
-fand ihn Th. Kotschy an den Ufern des nördlichen Euphrat. Der Stamm ist
-strauch- bis baumartig, kann bei einem Durchmesser von 40-50 cm bis
-10 m hoch werden. Das Holz ist leicht und porös und hat ein schwammiges
-Mark wie dasjenige des Holunders. Der Bast, die Blätter und Früchte
-sind mit Milchgefäßen versehen. Die Frucht ist eine Scheinfrucht von
-grünlicher, purpurroter, brauner oder fast schwarzer Farbe, innen
-fleischig, gelb bis rot und besteht aus dem fleischig gewordenen,
-urnenartig vertieften Fruchtboden, auf welchem -- von außen unsichtbar
--- die winzigen Blüten und später die sehr kleinen Samen sitzen. In
-Südeuropa gibt ein völlig ausgewachsener Feigenbaum jährlich etwa 100
-kg frische Feigen, die im getrockneten Zustande etwa 30 kg schwer
-sind. Diese bilden in den südlichen Ländern ein Hauptnahrungsmittel
-für Menschen und Tiere und werden frisch und gedörrt als gesundes
-Obst gegessen. Infolge der mehrtausendjährigen Kultur gibt es eine
-große Menge von Varietäten. Alle werden am besten durch Stecklinge
-fortgepflanzt, durch Samen nur dann, wenn neue Spielarten gewonnen
-werden sollen.
-
-Der Feigenbaum verlangt nasse Winter mit nur 2° C. Kälte und trockene
-Sommer mit bis zu 55° C. in der Sonne, eine gegen Nord- und Ostwinde
-geschützte Lage und sandigen Humusboden mit kalkigem Untergrund. Da nur
-die jungen Zweige Früchte hervorbringen, werden die Spitzen der jungen
-Triebe abgekneift, wenn sie etwa 12 cm lang sind, damit sie im nächsten
-Jahre reichlich tragen. Ist die junge Pflanze 3 m hoch geworden, so
-spitzt man sie ein, um ihr Wachstum in die Breite zu veranlassen.
-Wächst ein Zweig zu üppig ins Holz, so drückt man seine Spitze gegen
-das Ende hin mit dem Finger so zusammen, daß die weiche, saftige
-Substanz dem Drucke nachgibt, wodurch das Längenwachstum aufhört und
-der Saft in die Teile zurückgeht, in denen er notwendig ist. Dadurch
-und durch das Biegen der Zweige in Bogen, die Spitze nach abwärts,
-werden diese Teile sehr fruchtbar. Im Frühjahr müssen die Bäume
-gedüngt werden; dabei werden sie bis über 100 Jahre alt.
-
-Irgendwo im semitischen Westasien ist der Feigenbaum in grauer Vorzeit
-in Kulturpflege genommen worden, und zwar soll nach der Lautgestalt
-der semitischen Bezeichnungen ~tinu~ für Feigenbaum und ~balasu~ für
-Feige nach Lagarde im Wohngebiet des Bachrâstammes im südöstlichen
-Arabien die engere Heimat der Kulturfeige sein, eine Annahme,
-die der Straßburger Botaniker Graf H. von Solms-Laubach auch aus
-naturgeschichtlichen Gründen für glaubhaft hält. Schon sehr früh wurde
-der Feigenbaum in Syrien und Palästina heimisch und ließ hier eine
-Fülle süßer Früchte reifen, die den Bewohnern eine wichtige Nahrung
-lieferten. Das Alte Testament erwähnt ihn oft, namentlich in Verbindung
-mit dem Weinstock. So bedeutete bei den Juden Palästinas die Redensart:
-unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, so viel als ein ruhiges,
-friedliches Dasein genießen.
-
-Als die Herrscher Ägyptens im mittleren Reich zu Beginn der 12.
-Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in regere Verbindung mit Syrien traten,
-gelangte der Feigenbaum von dort nach dem Niltal, wo wir seine
-Darstellung in einem Grabe eben jener 12. Dynastie in Beni Hassan
-antreffen. Dort ist unter anderem eine Feigenernte dargestellt.
-Auf einem niederen, seine Zweige weit ausstreckenden Feigenbaum,
-dessen gelappte, blaugrüne Blätter sehr deutlich erkennbar wieder
-gegeben sind, sehen wir drei durch ihre Körperfarbe als Hundsaffen
-(~Cynocephalus ursinus~), die im uralten Ägypten besondere Verehrung
-genossen, charakterisierte Affen, die sich die Feigen schmecken lassen,
-während unter dem Baume ein Mann damit beschäftigt ist, die braungelben
-Feigen von den Zweigen zu pflücken und sie in einen aus Papyrus
-geflochtenen viereckigen Korb zu legen. Ein anderer ist eben im Begriff
-seinen mit Tragriemen versehenen, ganz mit Feigen gefüllten Korb vom
-Boden aufzuheben, um ihn von dannen zu tragen. Unter den Opferspenden
-und als Grabbeigabe werden die Feigen nur selten angetroffen, doch
-waren sie im Niltal eine wichtige Medizin und wurde aus ihnen eine
-Art Wein hergestellt. Sie hießen im Ägyptischen ~dab~ und der sie
-liefernde Feigenbaum ~nuhi net dab~, d. h. Feigensykomore. Auch bei
-den Juden wurden übrigens die Feigen, die eine wichtige Volksnahrung
-bildeten, medizinisch verwendet. So wird uns berichtet, daß Hiskias,
-der König von Juda, der von 728-697 regierte und den Jahvekult
-wiederherstellte, 701 von den Assyrern unter Sanherib hart bedrängt,
-einen lebensgefährlichen Karbunkel bekam und von diesem durch den
-Propheten Jesaias geheilt wurde, indem er durch ein Feigenpflaster die
-Geschwulst zum Aufbrechen brachte. Noch Plinius berichtet, daß in Wein
-gesottene Feigen das beste Mittel zum Reifwerdenlassen von Karbunkeln
-und Furunkeln seien.
-
-[Illustration: Bild 13.
-
-Feigenernte im alten Ägypten. Grabgemälde in Beni Hassan. (Nach
-Woenig.)]
-
-Von Syrien verbreitete sich die Feigenkultur früh nach Kleinasien, wo
-später besonders in Karien eine so gute Sorte gezogen wurde, daß diese
-in Menge exportiert wurde. Auch in Lydien galten die Feigen neben
-dem Wein so sehr als die ersten Güter des Lebens, daß nach Herodot
-diejenigen, die dem Könige Kroisos (Crösus) den Zug gegen den Perser
-Kyros abrieten, sich darauf beriefen, jene Menschen tränken nicht
-einmal Wein, sondern Wasser, und hätten auch keine Feigen zur Nahrung.
-Das homerische Zeitalter Griechenlands zu Ende des 2. vorchristlichen
-Jahrtausends kannte die westasiatische Feige noch nicht. An den
-wenigen Stellen, an denen vom Feigenbaum die Rede ist, handelt es sich
-unverkennbar um den als ~erineós~ bezeichneten wilden Feigenbaum,
-der schon in vorhistorischer Zeit über das ganze Mittelmeergebiet
-verbreitet war. So berichtet die Ilias von einem großen wilden
-Feigenbaum, der vor Troja stand, und die Odyssee von einem solchen,
-der über dem Strudel der Charybdis (bei Messina) sich erhob. Noch in
-augusteischer Zeit berichtet der um 25 n. Chr. verstorbene, aus Amasia
-in Pontos gebürtige griechische Geograph Strabon, daß zu seiner Zeit
-bei Troja, wo der Simoïs und Skamander zusammenfließen, eine rauhe,
-mit wilden Feigenbäumen besetzte Stelle sei, und damals noch der vom
-Dichter Homeros erwähnte wilde Feigenbaum (~erineós~) gezeigt werde.
-Nur in einer offenkundig ganz späten Stelle der an sich gegenüber
-der Ilias ziemlich jüngeren Odyssee wird der süße Feigenbaum (~sykéē
-glykerḗ~) als neben anderen Fruchtbäumen im Garten des Phäakenkönigs
-Alkinoos stehend erwähnt. Diese Stelle wird allgemein als ein
-Einschiebsel aus späterer Zeit aufgefaßt. Die Forschung hat sicher
-festgestellt, daß die Griechen an der kleinasiatischen Küste erst
-im 9. Jahrhundert v. Chr. mit dem von ihnen als ~sykḗ~ bezeichneten
-Feigenbaume mit eßbaren Feigen, ~sýkoi~ genannt, von Osten her bekannt
-wurden. Der im 8. Jahrhundert in Böotien lebende Dichter Hesiod kennt
-diesen edlen Feigenbaum noch nicht; erst Archilochos ums Jahr 700
-v. Chr. erwähnt Feigen als Erzeugnis seiner Heimatinsel Paros.
-In Attika soll die Personifikation der Frucht hervorbringenden
-mütterlichen Erde, Demeter (eigentlich ~Gē mḗtēr~) den Feigenbaum
-als Geschenk dem Phytalos, der sie gastlich aufnahm, aus der Erde
-haben hervorsprießen lassen, wie bei anderer Gelegenheit Athene den
-Ölbaum. Der griechische Geschichtschreiber Pausanias berichtet in
-seiner zwischen 160 und 180 n. Chr. verfaßten Reisebeschreibung durch
-Griechenland, er habe noch die Inschrift auf dem Grabe des Heroen
-gelesen, die folgendermaßen lautete:
-
- Hier hat Phytalos einst, der Held, die hehre Demeter
- Gastlich empfangen, und hier zuerst erschuf sie die Frucht ihm,
- Die von dem Menschengeschlecht die heilige Feige genannt wird;
- Seitdem schmückt des Phytalos Stamm nie alternde Ehre.
-
-Wein und Feigen wurden in Griechenland bald allgemeines
-Lebensbedürfnis, das arm und reich gleichermaßen zum täglichen Mahle
-verlangte. Wohl jeder Athener war, wie es Plato von sich aussagt,
-~philósykos~, d. h. ein Feigenfreund. Neben Sikyon, der Gurkenstadt im
-Peloponnes, nahe der Meerenge von Korinth, rühmte sich die Landschaft
-Attika der besten Feigen; und wie stolz gerade die Athener auf dieses
-Produkt ihrer Kulturen waren, lehrt die von einem aus ihrem Kreise
-erfundene Sage, der mächtige Perserkönig Xerxes habe sich nach seiner
-Niederlage gegen die griechische Flotte bei Salamis im Jahre 480
-v. Chr. bei jeder Mittagstafel durch ihm vorgesetzte attische Feigen
-daran erinnern lassen, daß er das Land, in welchem sie wüchsen, noch
-nicht sein nenne und jene Früchte, statt sie sich von den Einwohnern
-als seinen Untertanen steuern zu lassen, als ausländische Ware kaufen
-müsse.
-
-Mit der griechischen Kolonisation gelangte der Feigenbaum schon früh
-auch nach Sizilien und Unteritalien. Von hier aus wurden dann die
-Bewohner Mittelitaliens mit ihm bekannt und aus dem griechischen
-~sýkos~ wurde das lateinische ~ficus~. Ja, er findet sich sogar in
-die Sage von der Gründung Roms verflochten, indem die ausgesetzten
-Zwillinge, Romulus und Remus, von der Wölfin unter dem ruminalischen
-(von ~rumen~, Zitze) Feigenbaum sollen gesäugt worden sein. Es ist
-ganz derselbe Zug der Sage, der den den Juden der späteren Zeit ganz
-unentbehrlichen Feigenbaum in den Garten Eden, das Paradies, versetzen
-ließ.
-
-Noch zur Zeit des Kaisers Tiberius wurden nach Plinius wie heute edle
-Feigenarten direkt von Syrien nach Italien verpflanzt. Besonders
-beliebt in Rom waren nach ihm die kaunischen, die überall auf den
-Straßen der Weltstadt von fahrenden Obsthändlern ausgerufen wurden.
-Diese kaunischen Feigen haben einmal dem Marcus Crassus, als er gegen
-die Parther zu Felde ziehen und an Bord des Schiffes gehen wollte,
-Verderben prophezeit, indem ein Feigenverkäufer kaunische Feigen mit
-dem Geschrei: ~cavneas~ ausbot, worin die Worte ~cave ne eas~ „hüte
-dich zu gehen!“ lagen. Es war dies im Jahre 53 v. Chr., als der wegen
-seines ungeheuren Reichtums von 30 Millionen Mark mit dem Beinamen
-~dives~, d. h. der Reiche belegte Triumvir (neben Cäsar und Pompejus)
-sich als Prokonsul nach Syrien begab, um die Parther zu bekriegen,
-wobei er bei Carrhae besiegt und dann hinterlistig getötet wurde.
-
-Derselbe Plinius berichtet, daß die Feigen so groß wie Birnen werden,
-und daß man zu seiner Zeit nicht weniger als 29 verschiedene Sorten
-derselben unterschieden habe, die in Italien angepflanzt wurden; doch
-seien die besten Eßfeigen von den Römern aus Kleinasien und Nordafrika
-bezogen worden. „Wo es Feigen von vorzüglicher Güte gibt,“ sagt er,
-„da trocknet man sie an der Sonne und bewahrt sie in Kästchen auf. Die
-Insel Ebusus (jetzt Iviza, die größte der Pityusen- oder Fichteninseln
-bei den spanischen Balearen) liefert ausgezeichnete Ware, auch das Land
-der Marruciner (in Latium). Wo sie in größerer Menge vorhanden sind,
-füllt man große Fässer damit, wie in Asien; in der afrikanischen Stadt
-Ruspina füllt man sie in kleinere. Getrocknete Feigen werden statt Brot
-gegessen. Der Genuß frischer Feigen dagegen ist der Gesundheit nicht
-zuträglich.“ Außer als beliebte Volksnahrung, die sie überall im Süden
-bis auf den heutigen Tag geblieben sind, verwandte man sie auch zur
-Essigbereitung. Der aus Gades (dem heutigen Cadix) in Spanien gebürtige
-römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr.
-rühmt solchen besonders. Er schreibt: „Es gibt Gegenden, die Mangel
-an Wein und also auch an Essig haben. In solchen muß man die Feigen
-so reif als möglich sammeln, namentlich, wenn schon Regen eingetreten
-ist und sie von selbst vom Baume fallen. Man tut sie in große Töpfe
-und läßt sie da gären. Ist die Gärung so weit vorgeschritten, daß die
-Feigen sauer geworden sind, wird alle Flüssigkeit, die nun aus Essig
-besteht, sorgsam geseiht und in ausgepichte, wohlriechende Gefäße
-gegossen. Solcher Essig ist ausgezeichnet gut und scharf, und wird nie
-trübe und schimmelig, wenn er nicht an einem feuchten Orte steht.“
-
-Wie Plinius, meint auch sein Zeitgenosse, der aus Kilikien gebürtige
-griechische Arzt Dioskurides: „Frische Feigen sind, wenn auch reif,
-dem Magen schädlich, erregen Ausschlag und Schweiß, beschwichtigen
-Durst und Hitze. Trocken sind sie nahrhaft, erwärmen auch, erregen
-Durst, bekommen dem Magen gut.“ Die reifen Früchte müssen gleich nach
-dem Abpflücken gegessen werden und dürfen nicht viel mit den Fingern
-gedrückt werden; daher soll nach Plinius der ältere Cato, der im Jahre
-149 v. Chr. verstorbene unversöhnliche Gegner des wieder aufblühenden
-Karthago, im römischen Senat eine frühreife (~praecox~) Feige aus
-Karthago vorgewiesen und gesagt haben: „Ich frage euch, wann glaubt
-ihr, daß diese Frucht vom Baume gebrochen wurde?“ Wie nun alle sie als
-frisch anerkannten, fuhr er fort: „So wisset denn, daß sie vorgestern
-in Karthago gepflückt wurde; so nahe an unseren Mauern haben wir den
-Feind, daher stimme ich für die Vernichtung desselben.“ Als er diese
-Worte gesprochen -- fährt Plinius fort -- ward der Krieg gegen Karthago
-beschlossen, welcher mit der Zerstörung jener Stadt endete. Jedenfalls
-wird jenes fanatisch die gefürchtete Rivalin Roms hassende Original,
-das als Zensor die altrömische Sittenstrenge und Einfachheit der
-Lebensweise aufrecht zu erhalten bestrebt war, eine unreif in Karthago
-gepflückte und erst unterwegs durch Liegen zum Reifen gebrachte Frucht
-in der Kurie vorgezeigt haben, um die Kriegserklärung durchzudrücken.
-
-Gemäß der volkstümlichen Ansicht, die Dioskurides und Plinius
-vertreten, daß nämlich frische Feigen der Gesundheit nicht zuträglich
-seien, wohl aber getrocknete, wurden tatsächlich auch vorzugsweise
-getrocknete Feigen gegessen. Nach Columella wurden sie in der Sonne
-gedörrt und, in gut gepichte, weite Tonkrüge festgetreten und unten
-und oben mit Fenchel bestreut, gut verschlossen an einem trockenen
-Orte aufbewahrt. So erhielten sie sich sehr lange gut. „Andere suchen
-die saftigsten frischen Feigen aus, teilen sie mit einem aus Rohr
-verfertigten Messer oder mit den Fingern, lassen sie an der Sonne
-einschrumpfen und kneten sie dann zur Mittagszeit, wenn sie von der
-Sonne durchwärmt sind, nach Sitte der Afrikaner und Spanier zu Kuchen
-zusammen, die Sterne, Blumen oder Brote darstellen, trocknen sie
-dann vollends in der Sonne und legen sie endlich in Gefäße.“ Welche
-Mengen dieser getrockneten Feigen gelegentlich von einzelnen verzehrt
-wurden, läßt uns der Geschichtschreiber Julius Capitolinus ahnen, wenn
-er schreibt: „Clodius Albinus, welcher von dem in Gallien stehenden
-römischen Heere zum Kaiser ausgerufen wurde (als Gegenkaiser des
-Septimius Severus, von dem er alsbald 196 n. Chr. bei Lyon geschlagen
-wurde, wobei er umkam), war, wie Cordus in seinem Werke erzählt,
-so gefräßig, daß man es kaum für möglich halten sollte. So z. B.
-verzehrte er nüchtern 500 getrocknete Feigen von der Sorte, welche die
-Griechen ~kallistruthia~ nennen, oder 100 kampanische Pfirsiche oder
-10 hostiensische Melonen oder 20 Pfund lavikanische Trauben oder 100
-Feigendrosseln oder 400 Austern.“
-
-Der gelehrte Varro (116-27 v. Chr.) schreibt: „Die Samen der Feigen
-sind so klein, daß kaum Pflänzchen aus ihnen entstehen können. Man
-pflanzt daher in der Baumschule (~seminarium~) lieber junge Reiser
-von Feigenbäumen, als daß man Samen sät. Letzteren wendet man nur an,
-wenn man keine frischen Reiser haben kann, wie z. B. dann, wenn man
-sich ausländische Feigensorten will über das Meer kommen lassen. In
-diesem Falle werden reife Feigen an Bindfäden gebunden, getrocknet,
-verschickt und so in die Erde gelegt. Auf diese Weise sind die
-Feigensorten, welche jenseits des Meeres heimisch sind, nach Italien
-gekommen.“ Nach einem griechischen Schriftsteller der Geoponika wurde
-die Feige auch auf Maulbeerbäume und Platanen gepfropft, und zwar
-nicht bloß wie andere Bäume im Frühjahr, sondern auch im Sommer bis
-zur Wintersonnenwende. Columella schreibt: „Den Feigenbaum darf man
-bei Kälte nicht pflanzen. Er liebt sonnige, steinige und felsige
-Stellen. Er gedeiht schnell, wenn man ihn in eine weite Grube setzt.
-Alle Feigensorten werden, obgleich sie sich durch Geschmack und Ansehn
-unterscheiden, auf einerlei Weise gepflanzt. An kalte Standorte, die im
-Herbste wasserreich sind, bringt man Frühsorten, damit die Ernte vor
-eintretendem Regen eingebracht werden kann. An warme Stellen pflanzt
-man Spätsorten. Will man eine Frühsorte künstlich in eine Spätsorte
-verwandeln, so bricht man die ersten Früchte, wenn sie noch klein sind,
-ab, worauf der Baum andere treibt, welche dann erst im Winter reifen.
-Zuweilen ist es nützlich, den Feigenbäumen, wenn das Laub bei ihnen
-hervorbricht, die Spitzen abzuschneiden und hierdurch die Fruchtbarkeit
-zu steigern. Jedenfalls bekommt es dem Baume sehr gut, wenn man ihm zur
-Zeit, da die Blätter treiben, mit rotem Ton nebst dem Preßrückstand
-von Oliven und Menschenkot, so weit seine Wurzeln reichen, begießt.
-Dadurch werden die Feigen größer, fleischiger, besser.“
-
-Schon in der römischen Kaiserzeit kamen die Feigen von der karischen
-Küste Kleinasiens als eine besonders vorzügliche Sorte unter dem
-Namen ~caricae~ nach Rom, obschon auch in Italien ganz gute Sorten
-wuchsen. Feigen nebst Datteln und Honig bot man am Neujahrstage
-den Göttern als Opfer und den Freunden als Geschenk dar. Schon im
-Altertum wurde der Feigenbaum in Spanien und Nordafrika, wie auch im
-südlichen Frankreich angepflanzt. Heute reicht sein Kulturgebiet von
-der Bretagne bis zum Kap der guten Hoffnung. Nach China gelangte er
-erst nach dem 8. Jahrhundert, in der Neuzeit nach Australien und bald
-nach der Entdeckung des neuen Weltteils auch nach Amerika, wo er heute
-besonders in Kalifornien im großen gezogen wird. In den eigentlichen
-Tropen wächst der Feigenbaum zwar ganz gut, wenigstens da, wo das Klima
-nicht zu feucht ist, jedoch erreichen seine Früchte daselbst nirgends
-dieselbe Vollkommenheit wie in den Subtropen.
-
-Der Feigenbaum wird selten höher als 6 m. Überall im Orient wird
-er meist in Gärten gezogen, die höchstens einigemal gehackt oder
-umgepflügt werden. Man vermehrt ihn dort durch Ableger. Will man von
-einem Baum eine andere Sorte Feigen erzielen, so schneidet man den
-Stamm unmittelbar am Boden ab und vollzieht die Veredelung durch
-Einsenken von Pfropfreisern in je einen Spalt. Die Edeltriebe können
-schon im ersten Jahre über mannshoch werden und sogar einige Früchte
-tragen. Zuerst kommen die Frühfeigen, die im April noch unreif mit Salz
-als Delikatesse verspeist werden. Im Mai treiben die Sommerfeigen, die
-Anfang Juni reifen und als schöne, große, grünhäutige, sehr saftige
-Erstlinge auf den Markt kommen. Von Ende Juli bis November reifen die
-verschiedenen anderen Sorten in ununterbrochener Reihenfolge, bis im
-Dezember, wenn schon alle Blätter durch die Winterstürme weggefegt
-sind, die letzten Spätfeigen gepflückt werden. Ein guter Teil der
-Feigen wird in Palästina frisch verzehrt, ein bedeutend größerer aber
-an der Sonne getrocknet. Wenn die Feigen eines Baumes infolge des
-welk gewordenen Stieles schlaff herabhängen, so schüttelt man den
-Baum, liest die abgefallenen Früchte zusammen und breitet sie auf
-der Erde aus, um sie etliche Tage an der Sonne trocknen zu lassen.
-Zur Aufbewahrung für den Winter werden sie in weithalsige Tonkrüge
-fest zusammengepreßt, damit die Luft keinen Zutritt habe und sie sich
-weich und gut erhalten. Getrocknete Feigen werden auch vermöge ihres
-reichen Zuckergehaltes zur Schnapsfabrikation verwendet. In Gegenden,
-in denen die Sonnenwärme nicht zum Dörren der Feigen genügt, werden
-sie in besonderen Öfen getrocknet und gelangen dann in Kisten verpackt
-zum Versand. Die sehr große, weißlichgelbe Smyrnafeige läßt sich sehr
-gut dörren und gibt im Jahre zwei Ernten. Von ihr werden jährlich 35
-Millionen kg im Werte von 6,5 Millionen Mark ausgeführt. Viele Sorten
-eignen sich jedoch nicht zum Trocknen und müssen roh verzehrt werden.
-Besonders im Sommer halten sie sich nicht lange, sondern gehen bald in
-Gärung über und sind dann an ihrem säuerlichen Geschmack erkenntlich.
-Man bewahre sie deshalb auch getrocknet an einem möglichst kühlen Ort
-auf, lasse sie in fester Verpackung und schütze sie vor dem Zutritt
-der Luft. Der weiße Staub, der an der Oberfläche getrockneter Feigen
-zu bemerken ist, rührt von ausgetretenem Traubenzucker her. In manchen
-Gegenden Italiens überstreut man die Feigen mit Kastanienmehl, wodurch
-ihnen Feuchtigkeit, aber auch Zucker entzogen wird. Vielfach wird auch
-Mus aus den Feigen gemacht. In Spanien macht man daraus einen Käse, dem
-man geschälte Mandeln, Haselnüsse, Pinien- und Pistaziennüsse, feine
-Kräuter und Gewürze zusetzt. Getrocknet und braun geröstet liefern sie
-den Feigenkaffee.
-
-Die Eßfeigenbäume sind die nur Fruchtblüten enthaltenden weiblichen
-Feigenstöcke, während die nichtkultivierten männlichen Stöcke die
-nichteßbaren +Bocksfeigen+ liefern. Letztere hießen im Altertum bei den
-Griechen ~erinón~, bei den Römern ~caprificus~ und dienten damals schon
-zur Befruchtung der in der Kultur zu eßbaren Früchten ausgebildeten
-Früchte der weiblichen Pflanze. Diesen Vorgang nennt man Kaprifikation.
-Damit hat es folgende Bewandtnis: Die als Bocksfeigen bezeichneten
-Früchte der nicht durch Kultur veredelten männlichen Feigenbäume
-stellen Urnen dar, die bloß an der Mündung männliche Pollenblüten,
-sonst aber ausschließlich sogenannte Gallenblüten tragen. Letztere
-sind von einer winzigen Inquiline oder Gallwespe, der +Feigenwespe+
-(~Blastophaga grossorum~) mit dem Legestachel angebohrte und mit je
-einem Ei belegte Fruchtblüten, deren Fruchtknoten zur Galle wird, indem
-die weiße, fußlose Larve des Insekts die ganze Samenanlage zu ihrem
-Wachstume verbraucht. Wenn die kleinen Wespen herangewachsen sind,
-verlassen sie die Gallen. Und zwar schlüpfen die flügellosen Männchen
-zuerst aus, indem sie durch Zerbeißen der sie beherbergenden Galle ein
-Loch in ihrer Kinderwiege zum Ausschlüpfen herstellen. Später tun dies
-auch die beflügelten Weibchen, die alsbald von den Männchen noch in der
-Urne der Bocksfeige befruchtet werden. Nun streben sie in die Weite.
-Indem sie zu diesem Zwecke zur Urnenmündung emporklettern, beladen
-sie sich am ganzen Körper mit dem Blütenstaub der dort gelegenen
-Pollenblüten, den sie beim Aufsuchen neuer Urnen an die Narben der
-der Befruchtung harrenden Fruchtblüten abstreifen. Sie suchen nämlich
-ausschließlich diejenigen Urnen auf, die sich in einem jüngeren
-Entwicklungsstadium befinden, um dort ihre Eier in die Fruchtknoten zu
-legen. In die normalen Fruchtblüten der gewöhnlichen Feige können diese
-Wespen keine Eier legen, da ihr Legestachel zu kurz ist, um bis an die
-Fruchtknotenhöhle hinabgestoßen zu werden. Die dort hineingesenkten
-Eier bleiben in einer für ihre Weiterentwicklung ungünstigen Stelle des
-Griffels liegen und gehen zugrunde. Der dabei auf die Narben gebrachte
-Pollen aber befruchtet diese Blüten, während der auf die Gallenblüten
-gelangte wirkungslos bleibt, da deren Narben mehr oder weniger
-verkümmert sind. Diese letzteren dagegen besitzen einen kurzen Griffel
-und sind zur Aufnahme des Insekteneies vorzüglich geeignet. Sie bringen
-nun auch die jungen Wespen hervor, welche jeweilen die Befruchtung der
-Feigen zu übernehmen haben.
-
-[Illustration: Bild 14. 1 urnenförmiger Blütenstand der Eßfeige von
-aus Gallen der nicht eßbaren Bocksfeige ausgeschlüpften winzigen
-Feigenwespen besucht, 2 langgriffelige Fruchtblüte der Eßfeige, 3 die
-aus einer kurzgriffeligen Fruchtblüte der Bocksfeige hervorgegangene
-Galle, 4 aus einer solchen ausschlüpfende Feigenwespe, in 5 das Tier
-ganz dargestellt.]
-
-Die Kaprifikation der Feige wird in der Weise vorgenommen, daß man
-vom männlichen wilden Feigenbaume Zweige mit Feigen oder einzelne
-Feigen abschneidet und sie oben in kultivierte weibliche Feigenbäume
-hineinhängt. Aus den bald verwelkenden wilden Feigen sind dann die
-Gallwespen gezwungen, auszukriechen und die zahmen Feigen aufzusuchen
-und zu befruchten. Diese Kaprifikation ist eine Erfindung der
-Semiten Arabiens und Syriens, die diese Methode mit der Feigenkultur
-weiter verbreiteten, um dem Abfallen der weiblichen Eßfeigen infolge
-Nichtbefruchtung zu wehren. So wurde sie auch von den alten Griechen
-geübt. Schon der Vater der griechischen Geschichtschreibung Herodot
-erwähnt sie im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Drei Generationen
-später schreibt der treffliche Pflanzenkenner Theophrastos in seiner
-Pflanzenkunde darüber: „Dem Abfallen der Früchte des Feigenbaumes
-(~sykḗ~) beugt man durch die Kaprifikation (~erinasmós~) vor. Man
-hängt nämlich, wenn es geregnet hat, an den zahmen Baum wilde Feigen,
-Bocksfeigen (~erineós~), aus denen Gallwespen (~psḗn~) hervorkommen,
-welche in die zahmen Feigen von deren Außenende aus hineinkriechen.
-Daß eine Frucht kaprifiziert ist, erkennt man daran, daß sie rot, bunt
-und derb wird, während die nichtkaprifizierte weiß und kraftlos ist.
-Übrigens fallen die Feigen ohne Kaprifikation nicht überall ab; in
-Italien z. B. sollen sie hängen bleiben und deshalb wird dort jenes
-künstliche Mittel nicht angewendet. Auch in den nördlichen Gegenden
-und auf magerem Boden Griechenlands soll die Kaprifikation nicht
-nötig sein, wie bei Phylakos im Gebiet von Megara und in manchen
-Gegenden bei Korinth. Auch bei Wind, namentlich bei Nordwind, fallen
-die Feigen leichter ab, besonders wenn sie in großer Menge vorhanden
-sind, desgleichen werfen Frühsorten leichter ab als späte, weshalb man
-letztere nicht kaprifiziert.“
-
-Einen Sinn hat die Kaprifikation in der Gegenwart nur dann, wenn
-man keimfähige Samen zur Vermehrung der Feigenbäume zu erhalten
-begehrt. Da aber die Feigenbäume heute nicht mehr aus Samen, sondern
-aus Stecklingen gezogen werden, ist die Kaprifikation eigentlich
-überflüssig; denn im Laufe der Zeit und durch die Kultur begünstigt,
-hat die Feige die Eigenschaft erworben, auch ohne Bestäubung durch
-die Wespen saftig und süß zu werden. Doch wird sie gleichwohl an den
-meisten Orten, namentlich in Unteritalien, Sizilien, Griechenland
-und den griechischen Inseln, Kleinasien, Syrien, Tripolis, Algier,
-Südspanien und Portugal noch immer ausgeführt, indem man glaubt, daß
-sie das Abfallen der unreifen Feigen verhindere und eine frühere Reife
-herbeiführe, sowie daß ein kaprifizierter Baum sehr viel mehr Feigen
-trage, als ein nichtkaprifizierter. Die Kaprifikation unterbleibt
-dagegen in Nord- und Mittelitalien, Tirol, Sardinien, Südfrankreich,
-Nordspanien, Portugal, Ägypten, auf den Kanaren und den Azoren. Diese
-eigentümliche Befruchtungsart durch speziell angepaßte kleine Wespen
-finden wir übrigens bei allen Ficusarten, deren die Tropen eine Fülle
-oft sehr großer, baumartiger Formen beherbergen. Aber nur noch die
-Sykomore -- von den alten Griechen so, d. h. Feigenmaulbeerbaum genannt
--- wird in Ägypten, wo ihre Früchte seit uralter Zeit ein beliebtes
-Volksnahrungsmittel sind, kaprifiziert.
-
-Die +Sykomore+ (~Ficus sycomorus~), der Maulbeerfeigenbaum, ist ein
-13-16 m hoher Baum Afrikas mit dickem Stamm und immergrünen, fast
-herzförmig eirunden Blättern. Seine walnußgroßen, gelblichen Früchte
-von angenehm süßem und gewürzhaftem, maulbeerähnlichem Geschmack treten
-in Büscheln oft zu Hunderten unmittelbar aus dem Stamm und werden von
-Menschen und Tieren sehr gerne gegessen. Um vollkommen reif zu werden,
-sticht oder ritzt man sie einige Tage vor der Reife an, wobei ein
-bitter schmeckender Saft abfließt. Der Baum liebt feuchten Boden und
-wächst deshalb mit Vorliebe am Wasser. Das weiche, schwer verwesliche
-Holz war im Niltal das wichtigste einheimische Werkholz, das zu
-allerlei Geräten, besonders aber zur Herstellung der Mumiensärge diente.
-
-Infolge des mannigfachen Nutzens, den sie gewährte, begreifen wir die
-Hochachtung, welche die Sykomore im alten Ägypten als der Isis und
-Hathor, den Göttinnen der Fruchtbarkeit und Liebe, geweihter Baum
-genoß. Sie hieß altägyptisch nuhi und galt als Typus eines Baumes, nach
-welchem andere neu eingeführte genannt wurden, z. B. der Feigenbaum:
-die Feigensykomore, der Weihrauchbaum: die Weihrauchsykomore, die
-Terpentinpistazie: die Harzsykomore usw. Nicht bloß aß das Volk
-seit den ältesten nachweisbaren Zeiten gerne seine gewöhnlich als
-„Eselsfeigen“ bezeichneten Früchte, sondern opferte diese mit Vorliebe
-den Toten. Den Ägyptern des alten Reiches war der Reichtum des
-Nillandes an Sykomoren ein besonderer Stolz und sie fügten meist dem
-Namen ihres Landes „~Kem~“, was „Schwarze Erde“, d. h. fruchtbares
-Schwemmland des Nils, im Gegensatz zur sterilen gelben Wüste bedeutet,
-zur Kennzeichnung der kultivierten, baumtragenden Niederung, das
-Deutbild eines Baumes bei; und zwar war es die Sykomore, nach welcher
-sie ihre Heimat auch das „Land des Nuhibaumes“ nannten, etwa wie sich
-ein Teil Deutschlands das „Land der Eichen“ nennen kann. In ihrem
-Schatten lebten die Lebenden und aßen ihre Früchte, die auch den Toten
-die liebste Opfergabe war, so daß sich ganze Körbe davon getrocknet
-in den Grabkammern fanden. Zweige und Blätter derselben dienten zum
-Schmucke der Mumien, die in Särgen aus Sykomorenholz ruhten. Und nicht
-nur stand als „Baum des Lebens“ nach dem Totenbuch der alten Ägypter
-eine Sykomore am Eingang zum Reiche der Seelen, sondern im Laube
-dieser Bäume dachte man sich die Geister der Verstorbenen mit Vorliebe
-hausend. Darum ist es nach dem Zeugnis so vieler Steleninschriften der
-heißeste Wunsch des Abgeschiedenen, unter einer Sykomore zu wohnen.
-Deshalb pflegte man diese Bäume in eigenen Grabgärtchen, die wenn
-möglich von Wasser aus dem Nilstrom umflossen waren, zu pflanzen. Noch
-zur Zeit der 18. und 19. Dynastie, d. h. im neuen Reiche (von 1550
-bis 1200 v. Chr.), wünscht sich der Tote in stehender Formel: „Möge
-meine Seele (~ka~) sitzen auf den Zweigen des Grabgartens, den ich
-mir bereitet habe; möge ich mich erfrischen tagtäglich unter meiner
-Sykomore.“ So war einst dem anspruchloseren Bewohner des Landes die
-Sykomore auch im Diesseits ein „Baum des Lebens“, zugleich Obdach
-gegen die sengende Hitze des Mittags und Nahrungsspenderin. Erst in
-späterer Zeit nahm ihre Wertschätzung gegenüber anderen Fruchtspendern
-ab und ihre Früchte, die Eselsfeigen, galten jüngeren Geschlechtern
-für weniger schmackhaft. Dem gibt der jüdische Prophet Amos im 8.
-vorchristlichen Jahrhundert Ausdruck, indem er zu König Amazia sagt,
-daß jene Früchte nur noch die dürftige Nahrung der Kuhhirten bilden:
-„Ich bin kein Prophet, noch eines Propheten Sohn, sondern ich bin ein
-Kuhhirt, der Maulbeerfeigen ablieset.“ Auch bei den übrigen Völkern
-des Altertums waren die Eselsfeigen wenig geschätzt. So schreibt der
-griechische Geschichtschreiber Strabon: „In Ägypten gibt es einen
-Maulbeerbaum (~sykáminos~), dessen Frucht ~sykómōron~ heißt; sie
-ist einer Feige ähnlich, schmeckt aber nicht sonderlich gut.“ Und
-Dioskurides beschreibt ihn, wie schon 300 Jahre vor ihm Theophrast,
-sehr ausführlich: „Der ägyptische Maulbeerbaum (~sykáminos~), der,
-wie dessen Frucht, auch ~sykómōron~ heißt, ist ein großer Baum, dem
-Feigenbaum ähnlich, sehr saftreich, hat dem Maulbeerbaum (~mōréa~)
-ähnliche Blätter und trägt drei- bis viermal des Jahres Früchte, die
-aus dem Stamme selbst kommen. Sie sind denen des wilden Feigenbaums
-ähnlich, haben aber keine Kerne und werden nur reif, wenn man sie mit
-den Fingernägeln ritzt oder mit eisernen Nägeln kratzt. Die meisten
-Bäume dieser Art wachsen in Karien, auch auf Rhodos, überhaupt an
-Orten, welche arm an Weizen sind; sie geben dort einigen Schutz gegen
-Hungersnot. Die Frucht gibt übrigens nur wenig Nahrung. Die Rinde des
-Baumes verwundet man absichtlich, fängt den ausfließenden Milchsaft
-mit einem Badeschwamm (~spóngos~) oder mit Wolle auf, trocknet ihn und
-braucht ihn innerlich und äußerlich zu Heilzwecken.“
-
-Wie das gemeine Volk im Niltal seit alters gerne die Sykomorenfrüchte,
-trotz ihres etwas faden Geschmackes ißt, so schmausen südlicher
-wohnende Eingeborenenstämme Afrikas die Früchte nahe verwandter Arten.
-So wächst beispielsweise in Ostafrika eine besondere Maulbeerfeigenart,
-die ~Ficus capensis~, deren Früchte in allen Ortschaften der
-Landschaft Usambara auf den Markt kommen, aber an Wohlgeschmack
-diejenigen der echten Sykomore lange nicht erreichen. Übrigens findet
-man auch in Südpersien zwei wilde Feigenarten (~Ficus persica~ und
-~Ficus iohannis~) mit haselnußgroßen, eßbaren Früchten, die von den
-anspruchslosen Eingeborenen gerne gegessen werden.
-
-Wie der süßfrüchtige Feigenbaum ist auch der edle +Ölbaum+ (~Olea
-europaea~) ein Gewächs des südlichen Vorderasiens, das in dieser seiner
-eigentlichen Heimat von den dort wohnenden semitischen Volksstämmen
-früh veredelt und durch Kulturauslese zu lohnendem Fruchtertrage an dem
-für alle vorzugsweise von fettarmer Pflanzenkost, besonders Getreide,
-lebenden Menschen so wertvollen Öle gebracht wurde. Die älteste Öl
-liefernde Kulturpflanze der Menschheit scheint der +Sesam+ (~Sesamum
-indicum~) gewesen zu sein, ein heute noch von Westafrika bis Japan
-in umfangreichem Maße angebautes einjähriges Kraut mit schön hellrot
-gefärbten, an den Fingerhut gemahnenden Blüten, das Indien zu seiner
-Heimat hat. Hier wurde es zur Kulturpflanze erhoben und gelangte von
-da schon sehr früh nach Babylonien, wo im Altertume alles Öl aus
-Sesam bereitet wurde. In den erst später zu höherer Kultur gelangten
-Ländern am Mittelmeer ist diese ältere Ölpflanze durch den jüngeren
-Ölbaum verdrängt worden, der im nördlichen, nahe dem Meere gelegenen
-Syrien oder Kilikien von den dort wohnenden Stämmen, vermutlich aus
-der engeren Verwandtschaft der Chethiter, schon im 3. vorchristlichen
-Jahrtausend zur Kulturpflanze erhoben wurde. Die wildwachsende Form mit
-kleinen, nur mit einem sehr dünnen Fruchtfleisch umgebenen Früchten
-findet sich seltener als Baum, meist als Strauch durch ganz Westasien
-und wurde schon in vorgeschichtlicher Zeit durch Vögel, die seine
-Früchte verzehrten, durch das ganze Mittelmeergebiet verbreitet.
-Noch heute tritt er uns überall bis zu den Azoren und Kanaren in
-den Macchien als +Oleaster+ entgegen. Wie die Feige gedeiht auch
-der zur wertvollen Kulturpflanze erhobene edle Ölbaum am besten auf
-Kalkboden in nicht zu großer Entfernung vom Meere. Schon sehr früh
-hat er sich über ganz Syrien verbreitet. Jedenfalls war er überall in
-Kanaan angepflanzt, als die Juden ums Jahr 1250 das Land eroberten,
-und ihre späteren Herrscher, besonders David und Salomo, beförderten
-dessen Anbau in jeder Weise. Das aus den Oliven gewonnene Öl wurde
-von den Juden in der mannigfaltigsten Weise verwendet: zum Schmälzen
-der Mehlspeisen, zum Opfer, zum Brennen in der Lampe und zum Salben
-des Haupthaares und Körpers überhaupt. Es galt auch als wertvolles
-Tausch- und Zahlmittel. So erfahren wir, daß König Salomo, der von 993
-bis 953 v. Chr. regierte, die am Tempelbau beschäftigten phönikischen
-Arbeiter teilweise mit Olivenöl entlohnte. Den Überschuß ihrer
-Ölproduktion verkauften die Juden nach den Zeugnissen der Bibel an
-die Phönikier und nach dem reichen, stark bevölkerten Ägypten, das
-allerdings schon längst eigene Ölbaumkulturen besaß. Der Begründer der
-Botanik, Theophrastos im 4. vorchristlichen Jahrhundert, berichtet
-von ausgedehntem Olivenbau in der Thebais, vermutlich den Oasen der
-libyschen Wüste, wo der Baum heute noch vielfach gepflanzt wird, sagt
-aber, daß auch das übrige Ägypten ein an Ölbäumen reiches Land sei.
-Da sie aber einen trockenen Boden lieben, gedeihen diese aber hier
-nur soweit, als die Überschwemmung von seiten des Niles fehlt. Aus
-demselben Grunde fehlte der Ölbaum auch in den Niederungen von Euphrat
-und Tigris, wo als Fettspender ausschließlich die Sesampflanze angebaut
-wurde.
-
-Über Kleinasien gelangte der Ölbaum in der ersten Hälfte des 2.
-vorchristlichen Jahrtausends zu den Griechenstämmen am Ägäischen Meer.
-Während noch Hehn bestritt, daß in homerischer Zeit der Ölbaum in
-Griechenland selbst angebaut wurde, und annahm, daß alles Olivenöl,
-das damals vornehmlich zum Salben des Körpers von den Griechen
-gebraucht wurde, als Importware durch die Phönikier aus Syrien gebracht
-worden sei, wissen wir heute mit Sicherheit, daß der Ölbaum schon in
-mykenischer Zeit um die Mitte des vorletzten Jahrtausends v. Chr. in
-Griechenland selbst angebaut wurde. Nicht nur hat man auf mehreren
-bildlichen Darstellungen aus jener Zeit unverkennbare Darstellungen
-von Ölbäumen und in verschiedenen der Paläste Kretas und auf der Insel
-Thera steinerne Ölmühlen aus mykenischer Zeit gefunden, sondern in den
-Königsgräbern von Mykene fanden sich auch eine Anzahl Olivenkerne. Also
-muß der Baum damals schon im Lande selbst kultiviert worden sein und
-haben seine Früchte als Speise gedient.
-
-Was in den homerischen Epen als phönikischer Import angeführt wird,
-war nicht sowohl reines, als parfümiertes Olivenöl, mit dem die Helden
-nach dem Bade von den Mägden eingerieben wurden. Mit solch duftendem
-Öle salbten sich nach Homer nicht nur die Menschen, sondern auch die
-unsterblichen Götter, so Hera, die sich dem Zeus angenehm machen
-wollte. In der Schatzkammer des Odysseus wie des Telemachos lag neben
-Gold, Silber, Erz, Kleider und Wein auch Olivenöl (~élaion~). Wie
-Telemachos nach dem Bade mit Öl gesalbt und mit schönen Kleidern
-angetan wurde, „daß er aussah wie ein unsterblicher Gott“, salbte
-Patroklos auch die Mähne seiner Streitrosse, wenn sie gewaschen
-worden waren, mit Olivenöl. Desgleichen tat Achilleus mit den Mähnen
-seiner Pferde, die als Söhne des Windgottes Zephyr unsterblich waren.
-Und wie die liebreizende Aphrodite nach Homer auf Cypern, dem Orte
-ihrer besonderen Verehrung, von den Chariten mit ambrosischem Öle
-gesalbt wurde, dessen Duft, wenn es bewegt wurde, Himmel und Erde
-durchdrang, so salbte sie damit auch den Leichnam ihres von Achilleus
-gefällten Lieblings Hektor. Mit ihm reinigte Athene gleicherweise das
-gramerfüllte Gesicht von Odysseus treuer Gattin Penelope während des
-Schlafes, damit es bei ihr, die sich in Trauer um ihren verschollenen
-Gemahl weder gewaschen noch gesalbt hatte, mit der unsterblichen
-Schönheit leuchte, die die schönbekränzte Liebesgöttin umgibt, wenn sie
-damit gesalbt zum lieblichen Reigen der Chariten geht. Aber nicht nur
-das Olivenöl, auch das Holz des Ölbaums, und zwar des ~elaíē~ genannten
-Kulturbaums, spielt in den homerischen Epen eine nicht unbedeutende
-Rolle. Nicht nur standen im Garten des Phäakenkönigs Alkinoos reichlich
-Frucht tragende Ölbäume, sondern aus Olivenholz waren die Keule des
-Kyklopen Polyphem, der Stiel der Streitaxt des Peisandros und das
-Bettgestell, das sich Odysseus in seiner Heimat Ithaka eigenhändig
-gezimmert hatte, angefertigt.
-
-Um so merkwürdiger muß es uns erscheinen, daß Herodot berichtet, der
-Ölbaum sei erst zur Zeit des attischen Gesetzgebers Solon (639-559
-v. Chr.) nach dem griechischen Festlande gebracht worden. Damals kann
-nicht der Kulturölbaum an sich, sondern nur eine höher gezüchtete
-Abart mit größeren Früchten nach Hellas gekommen sein. In der Tat
-weisen die in mykenischen Fundschichten zutage getretenen Steinkerne
-auf eine noch recht kleinfrüchtige Olivenart hin. Nach der attischen
-Sage soll Athene selbst dem Könige Theseus auf der Burg den Ölbaum
-geschaffen haben, und nach der Erzählung der Bewohner von Elis soll
-ihn Herakles von den Hyperboräern im äußersten Nordwesten dorthin
-gebracht haben. In zahlreichen griechischen Mythen ist vom Ölbaum die
-Rede, und mit Zweigen von ihm bekränzte man nach uralter Sitte die
-Sieger der Wettkämpfe in Olympia. Mit Vorliebe nahm man sie von den
-Bäumen in den heiligen Bezirken, die teilweise ein sehr hohes Alter
-aufwiesen. So stand auch auf dem Marktplatze der Stadt Megara, westlich
-von Athen, ein uralter Ölbaum, dessen Jugend bis in die Heroenzeit
-hinaufgereicht haben soll. Von solchen als heilig und unverletzlich
-gehaltenen Ölbäumen ist auch in Athen die Rede. So waren im Garten der
-Akademie solche der Athene geweihte und daher unantastbare Ölbäume,
-die von dem alten, durch die Stadtgöttin selbst auf der Akropolis
-einst hervorgezauberten und später nach der Verbrennung durch die
-Perser im Jahre 481 v. Chr. durch Wurzelschößlinge verjüngten Baume
-stammten und das Öl lieferten, von dem ein Krug voll beim gymnischen
-Agon während des großen, von Peisistratos um 540 v. Chr. gestifteten
-Panathenäenfestes den Siegespreis bildete.
-
-Über die Erschaffung des Ölbaums auf der Akropolis in Athen berichtet
-uns ein ungenannter griechischer Autor, jedenfalls ein Athener, in
-den Geoponika, dessen 9. Buch ausschließlich vom Ölbaume und seinen
-Früchten handelt: „Anfänglich war die Erde ganz mit Wasser bedeckt.
-Da tauchte zuerst Attika aus dem großen Meere hervor, und es entstand
-ein Streit zwischen dem (Meergott) Poseidon und (der aus dem Haupte
-des Zeus entsprungenen) Athene, nach wessen Namen die da zu gründende
-Stadt benannt werden sollte. Zeus entschied, sie sollte dem gehören,
-der ihr das beste Geschenk gäbe. Poseidon gab der Stadt einen Hafen
-und Schiffswerften, Minerva aber schuf auf der Burg einen an Blüten
-und Früchten reichen Ölbaum, bekränzte sich mit dessen Zweigen, ward
-als Siegerin erklärt und nach ihrem Namen wurde die Stadt Athen
-genannt. Infolge dieser Begebenheit werden die Sieger in öffentlichen
-Wettkämpfen mit Ölzweigen bekränzt. Übrigens hat sich noch gefunden,
-daß ein Ölblatt auch anderweitig gute Dienste leisten kann; schreibt
-man nämlich darauf ~Athēná~ und bindet es um den Kopf, so
-vergeht das Kopfweh.“
-
-Schon zu Beginn des 6. vorchristlichen Jahrhunderts hatte der weise
-Gesetzgeber Solon, der einer der sieben Weisen war, eingehende
-Bestimmungen über den Oliven- und Feigenbau in Attika erlassen.
-Nach ihm hat besonders Peisistratos sich den Anbau des nützlichen
-Ölbaumes auf der kahlen und damals schon durch Entwaldung baumlosen
-Landschaft Attikas angelegen sein lassen. Und als die Griechen ihre
-Kolonisation nach Westen ausdehnten, nahmen sie selbstverständlich
-den Anbau des Olivenbaums so gut als denjenigen des Weinstocks und
-des Feigenbaums als für sie unentbehrliche Nutzpflanzen mit sich. So
-bedeckten sich im Laufe des 7. und 6. vorchristlichen Jahrhunderts die
-Gestade Siziliens und Süditaliens mit jenen Pflanzen. Plinius sagt,
-daß nach Fenestella (der unter der Regierung des Kaisers Tiberius, die
-von 14-37 n. Chr. währte, lebte) es zur Zeit des Lucius Tarquinius
-Priscus (des 5. römischen Königs, eines Etruskers, der von 616-578
-regierte) in Italien, Spanien und Afrika noch keine kultivierten
-Ölbäume gegeben habe. Erst unter der Regierung von dessen Sohn Lucius
-Tarquinius Superbus (der seinen Schwager Servius Tullius stürzte, um
-von 534-510 zu regieren) sei der erste Ölbaum nach Latium gekommen.
-Von da verbreitete er sich dann allmählich nach Norden bis an den
-Südabfall der Alpen, soweit ihm das Klima überhaupt vorzudringen
-gestattete. Diese Periode des Aufblühens des römischen Gemeinwesens war
-eine Zeit des lebhaftesten Verkehrs mit den griechischen Ansiedelungen
-Campaniens. Daß nun Griechen die Vermittler der Ölbaumkultur bei den
-Römern waren, beweisen schon die lateinischen Bezeichnungen ~oliva~ und
-~oleum~ (Öl), die dem Griechischen ~elaíā~ und ~élaion~ entlehnt sind,
-wie übrigens auch sämtliche auf die Ölbereitung bezüglichen Ausdrücke.
-Schon im 1. Jahrhundert v. Chr. war Italien bis auf die Gegend nördlich
-vom Apennin, deren Klima bis heute keinen Ölbau duldet, so reich an
-Ölbäumen, daß es damals hierin allen übrigen Ländern am Mittelmeer den
-Rang ablief.
-
-Der aus Spanien nach Rom gekommene römische Ackerbauschriftsteller
-Columella schreibt in seinem Buche über den Landbau: „Von allen Bäumen
-ist der Ölbaum dem Range nach der erste und erfordert dennoch den
-geringsten Aufwand. Für gewöhnlich trägt er nur ein Jahr ums andere,
-aber sein Fruchtertrag verdoppelt sich, wenn man ihn gut pflegt;
-andererseits bringt er doch auch dann einigen Nutzen, wenn man ihn
-viele Jahre hindurch vernachlässigt, und läßt sich durch bessere Pflege
-innerhalb Jahresfrist wieder in guten Stand bringen. Es gibt viele
-Olivensorten und im allgemeinen gilt bei ihnen die Regel, daß die
-großen besser zum Verspeisen, die kleinen dagegen besser zur Gewinnung
-von Öl sind. Große Hitze und große Kälte ist allen Sorten schädlich.
-Man pflanzt daher in heißen Gegenden diese Bäume am besten an nach
-Norden gelegenen Abhängen, in kälteren aber gegen Süden. Tiefe Täler
-und hohe Berge passen nicht für sie, sondern mäßige Hügel, wie man
-sie im Sabinerlande und im ganzen südlichen Spanien antrifft.“ Dann
-gibt er ausführliche Anleitung über die Anlage von Ölbaumpflanzungen
-(~olivetum~), auf die wir hier nicht näher eintreten wollen.
-
-Columellas Zeitgenosse Plinius berichtet, daß im 505. Jahre Roms (249
-v. Chr.) unter dem Konsulat des Appius Claudius und Lucius Iunius 2
-Pfund Olivenöl 10 Asse (über 5 Mark) kosteten, daß im Jahre 74 v. Chr.
-dagegen 10 Pfund Olivenöl bloß 1 As (etwa 47 Pfennige) zu stehen
-kam, und 22 Jahre später unter des Gnäus Pompejus drittem Konsulat
-Italien einen solchen Überfluß daran besaß, daß noch welches in die
-Provinzen ausgeführt werden konnte. Dazu bemerkt er: „Zur Zeit des
-Hesiodus (im 8. Jahrhundert v. Chr.) muß man es mit der Olivenzucht
-(in Griechenland) noch nicht weit gebracht haben; denn er behauptet,
-niemand habe damals von seinen Ölbaumpflanzungen Nutzen gehabt. Jetzt
-aber besitzt man für diese Bäume eigene Baumschulen und erntet schon
-zwei Jahre, nachdem man sie aus ihnen herausgenommen hat, Früchte.
-Es gibt verschiedene Sorten von Oliven. Vergil nennt sie ~orchites~,
-~radius~ und ~posia~. Die Olivenernte folgt auf die Traubenernte und
-die Behandlung des Öles ist anfangs schwieriger als diejenige des
-Mostes. Je reifer die Olive (~bacca~, d. h. Beere), desto fetter ist
-ihr Saft, aber desto schlechter schmeckt er. Die Zeit, in der Güte
-und Menge des Öls am besten in ihr vereinigt sind, zu der man sie
-also am liebsten erntet, ist die, da sie anfangen sich dunkel zu
-färben, da die Römer sie ~drupa~, die Griechen ~drypetis~ nennen. Die
-frühreifen Olivensorten erntet man gleich nach Beginn des Herbstes;
-die dickschaligen läßt man bis zum März hängen, und mehrere von
-diesen fangen nicht einmal vor dem 8. Februar an, eine dunkle Farbe
-zu bekommen. Vom Baume genommene Oliven darf man nicht lange stehen
-lassen, da jeder Verzug die Ölmasse in ihnen vermindert, dagegen die
-Schleimmasse vermehrt. Frisches Öl ist zum Verspeisen am besten; wenn
-es über ein Jahr alt ist, schmeckt es schlecht, was beim Weine nicht
-der Fall ist. Außer dem Öl gewinnt man den Ölabgang (~amurca~), der zum
-Düngen der Ölbäume, zum Einölen der Krüge, zum Tränken der Tenne, auf
-welcher gedroschen werden soll, zum Bestreichen des Getreidespeichers,
-um Holzwürmer und anderes Ungeziefer abzuhalten, und als Heilmittel gut
-ist.“
-
-Welche Bedeutung dem Olivenöl nicht bloß als Nahrungs- und
-Beleuchtungsmittel, sondern vor allem auch zur Körperpflege bei den
-Völkern des Altertums zukam, beweist der Ausspruch desselben Plinius,
-der sagt: „Es gibt zwei Flüssigkeiten, welche dem menschlichen
-Körper sehr willkommen sind; innerlich der Wein und äußerlich das
-Olivenöl; beide stammen von Bäumen, aber der Wein ist jedenfalls
-entbehrlicher als das Öl.“ Der griechische Philosoph Demokritos aus
-Abdera in Thrakien (460-360 v. Chr.), der die Torheiten der Menschen
-belächelte und das höchste Glück der Menschen in völlige Seelenruhe
-setzte, erwiderte auf die Frage, wie man gesund bleiben und seine
-Tage verlängern könne, mit der diätetischen Regel: „Innerlich Honig,
-äußerlich Olivenöl.“ An einer anderen Stelle, an der er die Bedeutung
-der Öleinreibung bespricht, meint Plinius: „Das Olivenöl hat die
-Eigenschaft, in die Haut eingerieben den Körper zu erwärmen, gegen
-Kälte zu schützen und die Hitze des Kopfes zu kühlen. Bei den Griechen
-steht auf den für die Gymnastik bestimmten Plätzen Öl, mit dem sich
-jeder umsonst salben darf. Auch der römische Staat erweist dem Ölbaum
-hohe Ehre, indem sich die Ritterscharen am 15. Juli mit dessen Zweigen
-bekränzen, was auch die siegreichen Feldherrn bei Ovationen tun.“
-
-Wie schon in Griechenland ein Kranz aus Ölzweigen die höchste
-Auszeichnung des bei den Wettkämpfen siegenden Volksgenossen
-war, so trugen auch bei den Römern die im Felde gewesenen Diener
-lorbeergeschmückter Feldherrn einen Kranz von Ölzweigen. Der Ölzweig
-war den Alten überhaupt das Sinnbild des Friedens, und Besiegte, die um
-Frieden zu bitten kamen, trugen Ölzweige in den Händen. Dies wurde dann
-weiter auf den Frieden einer höheren Welt übertragen, wenn die frisch
-aufgenommenen Mitglieder der samothrakischen Mysterien Ölzweige trugen,
-oder wenn auf den Grabsteinen der ältesten Christen eine Taube mit dem
-Ölzweig im Schnabel dargestellt wurde. Im Altertum müssen die Ölbäume
-nur auf einem beschränkten Umkreis um die Ortschaften angepflanzt
-worden sein, was aus dem lateinischen Sprichwort hervorgeht: ~extra
-oleas vagari~, d. h. über die Ölbäume hinausschweifen, im Sinne von zu
-weit gehen, übers Ziel schießen.
-
-Bei der großen Bedeutung des Olivenöls für die antike Welt, kann es
-uns nicht wundern, daß von den Regierenden außer Brotkorn auch Öl dem
-Proletariat der Stadt Rom umsonst gespendet wurde. So berichtet uns
-Aelius Spartianus im Leben des Kaisers Septimius Severus, daß dieser
-bei seinem Tode im Jahre 211 einen Getreidevorrat in der Hauptstadt
-hinterließ, durch den der Bedarf auf sieben Jahre gedeckt war, so daß
-täglich 75000 Scheffel (~modius~) verausgabt werden konnten -- es
-ist dies eine Menge, die reichlich zur Ernährung von 600000 Menschen
-hinreichte, so viele müssen also damals in Rom vom kaiserlichen
-Getreide gelebt haben --, „von Olivenöl aber hinterließ er so ungeheure
-Vorräte, daß sie auf fünf Jahre nicht bloß den Bedarf der Stadt Rom,
-sondern für ganz Italien genügten“. Bei der gewaltigen Produktion
-von Olivenöl ist es daher begreiflich, daß zur römischen Kaiserzeit
-ziemlich große Mengen desselben, außer aus Italien, auch aus Istrien
-und Dalmatien in die nördlich davon gelegenen Länder ausgeführt und
-daselbst gegen Vieh, Häute und Sklaven ausgetauscht wurden. Von
-Massalia, dem heutigen Marseille, aus, wohin die Griechen den Ölbaum
-schon im Jahre 680 v. Chr. mit dem Weinstocke verpflanzt hatten,
-rückte die Kultur dieser Nutzpflanzen in die durch ein warmes Klima
-und Kalkboden besonders für den Ölbaum geeignete Provence vor, wo die
-Ölbaumkultur bei der Eroberung durch die Römer bereits ausgedehnte
-Verbreitung besaß. Unter der Römerherrschaft wurde sie über das ganze
-südliche Gallien verbreitet. Im 7. Jahrhundert wird schon das Baumöl
-von Burdigala (Bordeaux) erwähnt.
-
-Von dem Ertrage der Ölbaumpflanzungen, die sich der ganzen ligurischen
-Küste entlang erhoben, wurden die Volksstämme des Hinterlandes, wie der
-griechische Geschichtschreiber Strabon sagte, gegen Vieh, Häute und
-Honig mit dem zum Brennen der Öllampen nötigen Öle versorgt. Es als
-Fett zum Kochen zu benutzen, damit konnten sie sich zunächst so wenig
-befreunden, wie die übrigen Barbaren, auch die Griechen und Römer,
-als sie zuerst damit bekannt gemacht wurden. Auch konnte es nicht
-fehlen, daß die Küstengebiete Spaniens, soweit sie sich zum Anbau des
-Ölbaumes eignen, zur Zeit der römischen Herrschaft Ölbaumpflanzungen
-erhielten, die bis heute so gedeihen, als wären sie von jeher dort
-heimisch gewesen. Ebenso wurden die windgeschützten sonnigen Abhänge
-der norditalienischen Seen mit diesem nützlichen Fruchtbaume aus dem
-nördlichen Syrien bepflanzt, der auch ganz Nordafrika besiedelte
-und seit dem 15. Jahrhundert auf den Kanarischen Inseln, seit dem
-16. Jahrhundert am Kap, ebenso in Mexiko und Peru, wohin ihn 1560
-Antonio Ribero brachte, angebaut wird. Bald wurde er auch in Chile
-und Kalifornien, das heute gewaltige Ölbaumplantagen aufweist, wie
-auch in Australien heimisch. Er wird heute in etwa 40 Kulturvarietäten
-angepflanzt, die aber leicht in die Urform zurückschlagen. An der
-Nordgrenze seines Verbreitungsgebietes leidet er leicht durch Frost in
-kalten Wintern.
-
-Die ganze Erscheinung des Ölbaumes mit den schmalen, oben mattgrünen,
-unten silberiggrau schimmernden Blättern auf knorrigem Stamme
-deutet auf seine Herkunft aus einem Klima mit längeren Perioden von
-Trockenheit. Im wilden Zustande, als Oleaster, ist er strauchartig mit
-verdornten Zweigspitzen und bildet undurchdringliche Dickichte, während
-er durch Kultur zu einem 6-8 m hohen, dornlosen Baume wird, der ein
-Alter bis zu 1000 Jahren erreicht. Er verlangt einen trockenen, vor
-Wind geschützten Kalkboden und muß vom zweiten Jahre an reichlich mit
-stickstoffhaltigem Dünger versehen werden. Die Vermehrung geschieht
-am zuverlässigsten durch Samen, woraus Wildlinge hervorgehen, die wie
-die ebenfalls zur Vermehrung benutzten Stecklinge und Wurzelauswüchse
-im zweiten Jahre durch Pfropfen oder Okulieren veredelt werden
-müssen. Am vorteilhaftesten ist die Niederstammzucht, wobei durch
-regelmäßiges Abkneifen der Zweigspitzen und Auslichten der erschöpften
-Tragzweige das Austreiben junger Fruchtzweige veranlaßt werden muß. Die
-Tragbarkeit beginnt mit dem 7. Jahre, wird mit dem 10. Jahre lohnend
-und erhält sich vom 40. bis zum 100. Jahr auf der Höhe.
-
-Im Mai oder Juni ist der Ölbaum über und über mit lieblich duftenden,
-kleinen, gelblichweißen Blüten bedeckt, die an diejenigen unseres
-Hartriegels (~Ligustrum vulgare~) erinnern, der auch in Wirklichkeit
-ein naher Verwandter desselben ist. Die Frucht ist eine 4 cm
-lange, pflaumenartige, dunkelviolette bis schwarze Steinbeere, die
-vom November bis Ende Januar geerntet wird, und zwar beträgt die
-durchschnittliche Ernte eines vollkräftigen Baumes zwischen 70 und
-75 kg Früchte, die in ihrem grünlichweißen Fruchtfleisch zwischen
-30 und 50 Prozent Öl enthalten. Das ursprünglichste Verfahren bei
-der Olivenernte besteht darin, daß Männer auf die Bäume steigen
-und die Oliven mit Stangen hinunterschlagen, die dann von Frauen
-und Kindern am Boden gesammelt werden, wobei auch die schon früher
-abgefallenen überreifen oder faulenden mit den guten zusammen kommen.
-Begreiflicherweise ist das daraus gepreßte Öl nicht von besonders guter
-Qualität. Will man feines Olivenöl gewinnen, so muß man die Oliven
-einzeln vom Baume pflücken und alle minderwertigen beseitigen, auch die
-Pressung möglichst beschleunigen, bevor diese irgendwelche Veränderung
-erfahren haben. Das allerfeinste Öl gewinnt man bei schwacher Pressung,
-wenn die Steinkerne der Früchte unzerdrückt bleiben. Es ist dies
-das „Jungfernöl“, dessen geschätzteste Sorte aus Nizza und Lucca in
-Oberitalien kommt. Doch wird im Großbetriebe kaum je so verfahren,
-sondern die Pressung gleich bis zum Zermalmen der Kerne gesteigert.
-Der so gewonnene Brei gelangt in Säcke, die kalt gepreßt werden. Das
-abfließende Öl ist die nächstbeste Qualität, das Provenceröl, so
-genannt, weil es am meisten in der Provence gewonnen wird. Aus den
-Rückständen und den weniger guten Früchten macht man unter Anwendung
-von Wärme das weniger gute, geringwertigere Baumöl, welches als
-Brennöl und besonders zur Herstellung milder Seifen -- speziell der
-Marseillerseife -- Verwendung findet. Heute wird das Olivenöl vielfach
-durch den Zusatz von Erdnußöl verfälscht, das neuerdings in großer
-Menge besonders nach Frankreich eingeführt wird.
-
-Als Nahrungs- und Heilmittel, wie auch in der Technik zum Ölen und
-zur Herstellung von Seife, ebenso zur Salbung und letzten Ölung
-der Katholiken spielt das Olivenöl eine bedeutende Rolle. Obschon
-Südfrankreich etwa 26 Millionen kg davon hervorbringt und das übrige
-Frankreich aus anderen Pflanzen über 80 Millionen kg Öl erzeugt, deckt
-es damit seinen eigenen Bedarf noch nicht. Es führt deshalb noch
-reichlich Olivenöl aus Süditalien ein. So soll das meiste Provenceöl
-aus Apulien stammen. Es wird von Bari aus nach Nizza verschifft, wo
-es als Provenceöl verkauft wird. Italien produziert 1,6 Millionen
-Hektoliter Olivenöl im Werte von 200 Millionen Franken und führt davon
-für 70 Millionen Franken aus. Spanien produziert 10,6 Millionen kg
-Olivenöl und führt für etwa 12 Millionen Mark aus. Griechenland erntet
-etwa 122 Millionen kg Oliven und führt für etwa 3 Millionen Mark
-aus. Algier besitzt etwa 4 Millionen Ölbäume, und Tunis verschifft
-durchschnittlich 3,5 Millionen kg Olivenöl im Jahre. Syrien erzeugt
-etwa 7 Millionen kg Olivenöl.
-
-Wie seit dem frühesten Altertum, so ist heute noch der Ölbaum der
-nützlichste Baum, ja geradezu das Wahrzeichen Syriens und Palästinas.
-Fast jedes Dorf ist von einem Ölbaumhain umgeben, dessen Bäume außer
-gelegentlichem Ausputzen der Zweige und Umpflügen des Landes, um
-Atmungsluft leichter zu den Wurzeln gelangen zu lassen, keinerlei
-Pflege bedarf. Unverwüstlich leben sie weiter und tragen jährlich ihre
-Früchte, die den größten Reichtum des Landes bilden. Der Fellache,
-d. h. Landmann, sagt: Der Weinstock sei eine ~sitt~, eine zärtliche
-Dame und verlange Pflege und Aufmerksamkeit, der Feigenbaum sei eine
-~fellacha~, eine abgehärtete Bäuerin, die schon bei wenig sorgfältiger
-Behandlung gedeihe, der Ölbaum sei aber eine ~bedauije~, ein auch
-in der Wildnis und bei absoluter Vernachlässigung noch arbeitsames
-Beduinenweib.
-
-Der Ölbaum bedarf zu seinem Gedeihen einzig nur ein von anderen
-Kulturen freies Land; er duldet nicht, daß man Weinreben oder
-Feigenbäume dazwischen pflanzt. Diese Unduldsamkeit des Ölbaumes
-erklärt uns, weshalb in der Bibel stets Weinstock und Feigenbaum,
-aber nie Weinstock und Ölbaum nebeneinander genannt sind. Wie
-unsere Obstarten wird er aus Wildlingen veredelt, aber nicht durch
-Pfropfreiser, wie noch zur Zeit des Apostels Paulus, sondern durch
-Okulieren. Selten zieht man die jungen Wildlinge aus Samen, da
-es bei ihrem äußerst langsamen Wachstume zu lange ginge, bis sie
-veredelungsfähig wären, und auch veredelt würden sie Jahre hindurch
-unansehnliche Bäumchen bleiben. Es werden vielmehr die um den
-knorrigen Wurzelstock der alten Bäume drängenden Schößlinge, deren
-frische Jugendkraft dem alttestamentlichen Psalmendichter zu dem Bilde
-Veranlassung gibt: „Deine Kinder sind wie Ölzweige um den Tisch herum,“
-als Ableger verwendet. Sobald sie einigermaßen erstarkt sind, werden
-sie zur Zeit der Olivenblüte okuliert. Man schneidet am Wildling ein
-rechteckiges Stück Rinde aus, überträgt ein von einem fingerdicken
-Edelreis genommenes gleichgroßes Stück mit guten Augen auf den
-Ausschnitt und verbindet die Veredelung auf eine Dauer von 12 Tagen mit
-Bast.
-
-War die Veredelung von Erfolg begleitet, so löst man die veredelten
-Stämmchen vermittelst einer Axt derart vom Mutterbaume los, daß man
-ihnen ein klotzartiges Stück des Wurzelstocks beläßt. Hierauf schneidet
-man ihre Edeltriebe ziemlich nahe der Verbindungsstelle ab, weil sie
-im ersten Jahre, da sie selbständig Wurzel fassen, nicht genügend Saft
-hätten, diese Triebe weiter zu entwickeln, und versetzt sie. Bereits
-vom dritten Jahre an kann ein solcher Baum Früchte tragen. Will man
-einen schon großen, wilden oder halbzahmen Ölbaum veredeln, so bringt
-man an jedem Ast in Mannshöhe eine Veredelung an und trennt oberhalb
-derselben in Form eines Ringes die Rinde bis auf das Holz los, damit
-sich die Säfte des Baumes mehr dem Edelreise zuwenden. Im Herbst werden
-dann nach der Ernte die Äste an der geringelten Stelle mit dem Beil
-abgeschlagen; sie abzusägen würde, wie die Fellachen sagen, dem Baume
-schaden.
-
- Tafel 21.
-
-[Illustration: Ein großer Ölbaum bei Antibes an der Riviera.]
-
- Tafel 22.
-
-[Illustration: Olivenhain auf Capri.
-
-Dattelpalmen an den Ufern des Nils in Ägypten.]
-
-Der Olivenertrag ist nur jedes zweite Jahr ein reichlicher, wobei ein
-großer Baum etwa 120 kg Oliven ergibt, aus denen 25 Liter Öl gewonnen
-werden kann. Bei der Ernte werden sehr viele Oliven roh verspeist,
-andere eingemacht und der Rest zur Gewinnung von Öl verwendet, wobei
-das beste und feinste Öl aus den unreifen Oliven gewonnen wird. Je
-fleischiger nämlich die Olive wird, desto weniger und geringer ist
-das Öl, das sie gibt. Die zur Ölbereitung bestimmten Beeren werden
-zunächst auf dem flachen Dache oder am Boden ausgebreitet und dann
-einige Zeit aufgehäuft, „damit sie“, wie der Fellache sagt, „in Gärung
-geraten“. Hierauf kommen sie in die Ölpresse, die aus einem wagrechten,
-kreisrunden Stein mit tellerartiger Vertiefung besteht, in welcher ein
-aufrecht stehender Mühlstein durch ein Maultier oder einige Männer
-im Kreise bewegt wird. Nachdem die Oliven von diesem Steine zu Brei
-zermalmt sind, werden sie in einer der Weinkelter ähnlichen Presse
-ausgepreßt, wobei das Öl in eine kleine, auszementierte Zisterne läuft
-und aus dieser in Lederschläuche oder große irdene Gefäße gefüllt
-wird. Ärmere Leute schütten die Oliven wie in der Vorzeit in die Mulde
-eines Felsens und zerdrücken sie mit einem walzenförmigen Stein.
-Die zermalmten Früchte werden in einem Kessel mit siedendem Wasser
-übergossen, worauf das Öl oben zu schwimmen kommt und abgeschöpft wird.
-Dieses Öl dient als Nahrung, als geschätzte Arznei, als Brennmaterial
-zur Erhellung der Hütten während der langen Winternächte und zum Salben
-des ganzen Körpers, wovon die Leute stark und kräftig zu werden glauben.
-
-Wie in allen Gegenden, in welchen der Ölbaum gedeiht, kann man sich
-auch in Palästina eine Mahlzeit ohne Oliven kaum denken. Sie werden
-meist in der Weise konserviert, daß man sie, nachdem ihr Fruchtfleisch
-durch leichtes Klopfen mit einem Stein aufgerissen wurde, in
-Salzwasser legt, oder man verbringt sie in große Strohkörbe, streut
-Salz darauf, fügt zur Würze Zweige der Raute bei, bedeckt sie mit
-Steinen, vermischt sie nach zehn Tagen mit Olivenöl und genießt sie,
-auf solche Weise haltbar gemacht, das ganze Jahr hindurch. Dergleichen
-Oliven und Olivenöl, das sich heute noch wie vor 3000 Jahren bei
-der Witwe zu Sarepta im Kruge der ärmsten Bäuerin findet, sind mit
-Weizenbrot, in Zeiten der Teuerung auch Gersten- und Durrabrot, die
-Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung. Das Olivenöl vertritt bei den
-Bauern ganz die Stelle des Schmalzes und der Butter, die nur die
-nomadisierenden herdenbesitzenden Beduinen gebrauchen, und wenn der
-Landmann, der Fellache, seinen frisch aus dem Ofen kommenden Brotfladen
-in etwas Öl eintauchen kann, so gilt ihm das als Leckerbissen. Alle
-Orientalen, die es sich leisten können, lieben es, nicht bloß ihre
-Salate und Gemüse, sondern überhaupt sämtliche Speisen förmlich in Öl
-schwimmend zu genießen.
-
-Aus dem gelben, im Innern dunkel geaderten und gefleckten Holz, das
-angenehm nach Öl duftet und eine hübsche Politur annimmt, werden in
-manchen Gegenden Palästinas, besonders in Betlehem, allerlei hübsche
-Gebrauchsgegenstände angefertigt, die von den Fremden gerne als
-Andenken gekauft werden.
-
-Ein aus alten Stämmen schwitzendes, vanilleartig riechendes Gummiharz
-dient in Italien zum Räuchern. Auch die Früchte des +amerikanischen
-Ölbaums+ (~Olea americana~) in Carolina und Florida werden in ihrer
-Heimat gegessen. Das überaus harte Holz der alten Bäume wird dort
-als ~devil-wood~ vielfach bearbeitet. Seine Blüten sind beinahe so
-wohlriechend wie diejenigen des in China, Cochinchina und Japan
-wachsenden +wohlriechenden Ölbaums+ (~Olea fragrans~), eines etwa 2 m
-hoch werdenden immergrünen Strauchs, dessen Blüten zur Parfümierung des
-chinesischen Tees, wie ihn der Abendländer liebt, benutzt wird.
-
-
-
-
-V.
-
-Die Fruchtbäume.
-
-Zweiter Teil.
-
-
-Mit den im vorigen Abschnitte aufgezählten Fruchtbäumen ist das
-Verzeichnis der der alten Kulturwelt geschenkten Gaben der Ceres noch
-lange nicht erschöpft. Man denke zunächst nur an die große Schar von
-köstliche Frucht tragenden Palmen, denen im Haushalte des Menschen die
-allergrößte Bedeutung zukommt. Schon durch ihre äußere Erscheinung
-bestimmen sie vielerorts den Charakter der Landschaft; denn in den
-Tropen erreichen sie vielfach eine gewaltige Größe und genießen infolge
-ihrer ungemein großen Nützlichkeit eine hohe Verehrung, ja mancherorts
-geradezu göttliche Ehre.
-
-In Europa gibt es gegenwärtig nur eine einzige wildwachsende Palme,
-die ganz unscheinbar ist und auch dem Menschen nur geringen Nutzen
-gewährt. Es ist dies die +Zwergpalme+ (~Chamaerops humilis~), welche
-in Südspanien, in Süditalien und in Griechenland an heißen, trockenen
-Standorten Gestrüppe bildet. Besonders häufig aber ist sie im
-trockenen, warmen Nordafrika, wo sie den europäischen Kolonisten das
-größte Hindernis bei der Urbarmachung des Bodens bildet, indem ihre
-über 1 m tief eindringenden Wurzeln darin ein undurchdringliches, kaum
-zu beseitigendes Geflecht bilden, deren Ausrodung überaus mühevoll
-und kostspielig ist. Ihr Stamm ist so niedrig, daß er oft kaum über
-die Erde emporragt; er trägt eine Krone von fächerförmigen Blättern,
-an deren Achseln die mit gelben, zweihäusigen Blüten besetzten
-Blütenstände hervortreten. Die weiblichen erzeugen einsamige Beeren,
-die eine gewisse Ähnlichkeit mit Oliven aufweisen.
-
-Die früher als lästiges Unkraut betrachtete Palme hat sich
-als Nutzpflanze erwiesen, indem aus den Fasern ihrer Blätter
-Polstermaterial für Matratzen und Kissen gewonnen wird, das gegenüber
-den Pferdehaaren den Vorzug besitzt, 75 Prozent billiger zu sein und
-nicht von Insekten angegriffen zu werden. Der Verkaufspreis der
-Rohblätter am Gewinnungsorte in Algerien, wo die Pflanze am häufigsten
-ausgebeutet wird, beträgt 2 Mark pro Zentner, und da ein fleißiger Mann
-4 Zentner in einem Tage schneiden kann, so verdient er einen guten
-Taglohn. Dies gilt in bezug auf die öffentlichen Ländereien Algeriens,
-wo die Blätter der Zwergpalme von eingewanderten Spaniern, die
-gleichzeitig Spartgras schneiden, und von Arabern abgeerntet werden,
-während die Frauen und Kinder sie hecheln. Solche gehechelte Blätter
-gelten 8-9 Mark pro Zentner und kommen seit 1845 in zunehmendem Maße
-als „vegetabilisches Pferdehaar“ nach Europa, besonders Frankreich,
-in den Handel. Außerdem werden die Blätter neuerdings auch zur
-Papierfabrikation benutzt.
-
-Von dieser Zwergpalme erhielt die kleine Insel Palmaria bei Spezia
-ihren Namen, da sie von ihr einst förmlich überwuchert war. Schon
-der treffliche griechische Botaniker Theophrastos (350-286 v. Chr.)
-unterschied sie deutlich von der +Dattelpalme+, obschon sie denselben
-Namen trug. Er sagt, sie wachse häufig auf Kreta, aber noch mehr
-auf Sizilien und aus ihren breiten Blättern würden Körbe und Matten
-geflochten. Noch heute ist dies der Fall, außerdem verfertigt man
-Kehrbesen aus ihnen, dreht Stricke daraus und ißt gelegentlich
-die jungen Gipfeltriebe, Wurzeln und Früchte. Von dieser wenig
-schmackhaften Kost ernährten sich nach dem Berichte des Cicero (106-43
-v. Chr.) in seiner zweiten Rede gegen Verres die Matrosen der an der
-Küste Siziliens von ihrem Führer verlassenen Flotte. In einer Satire
-des römischen Dichters Horaz (65-8 v. Chr.) ist von aus Blättern dieser
-Palme verfertigten Kehrbesen die Rede, mit denen die Mosaikfußböden
-gereinigt würden, und der zu Gades in Spanien geborene römische
-Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. spricht von
-daraus verfertigten Palmmatten, mit denen sein Onkel zu Gades (Cadix)
-in der das südliche Spanien umfassenden Provinz Baetica während der
-größten Sommerhitze seine Weinreben bedecke.
-
-Die erste größere Palme, die uns an der Riviera durch ihre zierliche
-Erscheinung erfreut, ist die +Dattelpalme+ (~Phoenix dactylifera~),
-die hier als weit nach Norden vorgeschobener Vorposten des
-sonnenreichen Südens erscheint und auch niemals Früchte zeitigt.
-Durch ganz Nordafrika von Marokko und den Kanaren bis Syrien, Persien
-und Arabien ist sie der heutigen muhammedanischen Bevölkerung eine
-zum Lebensunterhalt völlig unentbehrliche Fruchtpflanze, deren
-zierliche Kronen von Fiederblättern überall, wo sie auftauchen,
-die menschlichen Ansiedelungen ankündigen. Ihre süßen, sehr
-wohlschmeckenden und nahrhaften Früchte bilden das tägliche Brot und
-zugleich den wichtigsten Handelsartikel der Araber, die sich ihren
-Anbau sehr angelegen sein lassen. Sie gedeiht am besten zwischen
-dem 19. und 35.° nördlicher Breite, und bedarf nach Norden zu einer
-mittleren Jahreswärme von 21-23°, um genießbare Früchte zu zeitigen.
-Sie verlangt Sandboden mit Grundwasser zu ihrem guten Gedeihen und
-will ihren Blätterschopf in der Sonnenglut baden. Kein Sturm bricht
-oder entwurzelt sie, da ihr Stamm von den verflochtenen Fasern der
-Blattstiele umgeben wird und ihre zahlreichen, sehr tief reichenden,
-zähen Wurzeln sie überaus fest im Boden verankern. Ihr 20-30 m, in
-einzelnen Fällen sogar 40 m hoher Stamm trägt einen Schopf von 40 bis
-80 Stück 2-3, ja 4 m langer, graugrüner Fiederblätter, die das Licht
-durchlassen, so daß an ihrem Fuße noch Gemüse und kleinere Fruchtbäume
-gedeihen. Zudem spenden sie willkommene Kühlung, indem die Blätter,
-je stärker sie von der Sonne bestrahlt werden, um so mehr Wasser
-verdunsten lassen, wobei Wärme gebunden wird. Meist bildet sich in
-jedem Jahr nur ein neues Blatt, während ein altes abstirbt; dies
-fällt nicht ab, wird aber bei den in Kultur befindlichen Bäumen von
-Menschenhand entfernt.
-
-Die einzelnen Exemplare der Dattelpalme sind männlich oder weiblich
-und bringen ihre Fruchtorgane in großen Rispen hervor. Jede Rispe
-enthält beim männlichen Baum etwa 12000 Blüten, beim weiblichen
-dagegen 100-200 Fruchtansätze. Dabei überträgt die Luftströmung den
-Pollen von den hängenden Rispen des männlichen auf die Blütenstände
-des weiblichen Baumes. Die Getrenntgeschlechtlichkeit dieser Pflanze,
-deren weibliche Individuen die Datteln hervorbringen, war bereits den
-alten Babyloniern, Ägyptern und Griechen bekannt, und sie wußten sehr
-gut, daß Gruppen von vereinzelt stehenden weiblichen Bäumen nur dann
-Frucht ansetzen, wenn stäubende männliche Blütenrispen in ihre Kronen
-aufgehängt werden.
-
-Derselbe Prozeß der Auslese und Kultur, der aus einem Wildling den
-edlen Ölbaum schuf, hat auch in Südwestasien in vorgeschichtlicher
-Zeit die Dattelpalme geschaffen. Als die Stammpflanze derselben gilt
-die wilde Dattelpalme (~Phoenix silvestris~), die noch heute in Iran
-und dem wüstenhaften Vorderindien weit verbreitet gefunden wird, aber
-kaum eßbare, kleine, herbe Früchte liefert. Als Ursprungsland der
-Dattelkultur wird meist Südarabien angesehen, doch ist die älteste
-für uns nachweisbare Stätte der Anpflanzung des veredelten Baumes
-Babylonien, das Tiefland des Euphrat und Tigris, zu einer Zeit bevor
-noch die semitische Einwanderung hier stattfand, die diesen Fruchtbaum
-als höchst kostbares Kulturgut mit andern solchen Kulturgütern
-übernahm. Schon die Siedelungen des altbabylonischen Volkes von Sumer
-und Akkad waren, wie heute noch diejenigen der Araber, im Schatten der
-Dattelpalmen errichtet. Ein uns erhaltener babylonischer Hymnus zählt
-uns 360 Arten -- eine mystische astrologische Zahl, die bei diesen
-abergläubigen Menschen eine große Rolle spielte -- von Nutzen dieses
-Baumes auf, der bei den Assyrern, wie uns verschiedene Basreliefs auf
-Alabaster beweisen, geradezu als heilig verehrt wurde. Der älteste
-griechische Geschichtschreiber, Herodot, der ums Jahr 460 v. Chr.
-Babylonien selbst bereiste, berichtet in seiner Geschichte des Orients
-und Griechenlands, daß die Dattelpalme der einzige Baum sei, der in
-den Ebenen Babyloniens gepflanzt werde und dort in ganzen Hainen
-wachse. „Man sieht dort weder Ölbäume, noch Reben, noch Feigenbäume.
-Nur Dattelpalmen wachsen überall und tragen Früchte, aus welchen man
-Speisen, Wein und honigsüßen Saft gewinnt. Die Leute pflegen ihre
-Palmen sehr gut und binden die Blütenrispen der männlichen Bäume in die
-Krone der weiblichen, fruchttragenden, damit die Gallwespe (~psēn~)
-von jenen auf diese übergehe und sie zur Reife bringe. Geschieht dies
-nicht, so fallen die Früchte ab. Es tragen nämlich die männlichen
-Dattelbäume in ihren Rispen Gallwespen wie die Feigenbäume.“ Diese
-Behauptung, die kein anderer Schriftsteller des Altertums wiederholt,
-war natürlich unrichtig, indem dies geschieht, damit der Wind die
-Befruchtung vornehme. Er schloß nur aus der in seiner Heimat am
-Feigenbaum geübten Sitte auf diese ihm sonst unerklärliche babylonische
-Gepflogenheit, die später der große Schüler des Aristoteles,
-Theophrastos (390-286), ganz richtig erklärt, indem er bemerkt, daß man
-dies tue, um den Blütenstaub sicher auf die weiblichen Blüten gelangen
-zu lassen.
-
-Herodot berichtet weiter: „Meistens führen sie (die Babylonier) Krüge
-von Palmwein darauf“ -- nämlich auf ihren runden, gepichten Fahrzeugen,
-auf denen sie den Euphrat hinunter nach Babylon fahren. Eingehender
-berichtet uns der griechische Geschichtschreiber Xenophon, ein Schüler
-des Sokrates (440-355 v. Chr.), über die von ihm in Babylonien
-beobachteten Dattelpalmen. Als er im Jahre 400 die zehntausend Mann
-griechischer Truppen, die dem jüngeren Kyros gegen dessen Bruder
-Artaxerxes Mnemon zu Hilfe gezogen waren, nach der unglücklichen
-Schlacht bei Kunaxa über das armenische Hochland nach der Südküste des
-Schwarzen Meeres und von da weiter nach Byzanz führte, baute er, um
-die breiten, brückenlosen Kanäle zu passieren, Brücken aus Palmstämmen
-und quartierte dann seine Leute in Dörfern ein, in denen großer Vorrat
-von Getreide, Dattelwein und Dattelessig war. „Die Datteln selbst,
-welche dem Gesinde gegeben wurden, waren so wie diejenigen, welche
-man in Griechenland sieht; diejenigen aber, die für die Herrschaft
-bestimmt waren, besaßen eine wundervolle Schönheit und Größe. Der Farbe
-nach waren sie dem Bernstein gleich. Auch wurden sie getrocknet zum
-Verspeisen aufbewahrt. Aß man die getrockneten zum Trank, so schmeckten
-sie zwar süß, bewirkten aber Kopfweh. Dort aßen die Soldaten auch zum
-erstenmal das Hirn der Dattelpalme (~enképhalon tu phoínikos~). Sie
-bewunderten das Aussehen und den eigentümlich angenehmen Geschmack
-dieser Speise; aber sie bewirkte ebenfalls starkes Kopfweh. Übrigens
-stirbt jede Palme ab, wenn ihr das Gehirn genommen wird.“ Und an einer
-anderen Stelle schreibt er: „Sie (die Soldaten) fuhren dann auf ihnen
-(den wasserdicht zusammengenähten und mit Heu ausgestopften Fellen,
-die ihnen als Fahrzeuge dienten) hinüber (über den Euphrat) und holten
-sich aus der Stadt (Charmande) aus Datteln hergestellten Palmwein und
-Hirsebrot, dergleichen in der Gegend im Überfluß zu haben war.“
-
-Auch der ältere Plinius sagt um die Mitte des 1. christlichen
-Jahrhunderts, daß nicht nur der aus den in Wasser eingeweichten
-Datteln gepreßte Dattelwein, sondern auch die frischen Datteln Kopfweh
-verursachen, getrocknet weniger. Die Dattelpalme sei nach dem Weinstock
-und Ölbaum der edelste Baum; man unterscheide viele Sorten, von denen
-die sogenannten königlichen Datteln zu Babylon die berühmtesten
-seien. Im Süden seien auch die Syagren (d. h. Wildschweindatteln) und
-Margariden berühmt; letztere seien kurz, rund und weiß, weshalb sie
-auch ihren Namen von der Perle (~margarita~) erhalten hätten. Nach
-diesen seien die Sandaliden (d. h. Sandalendatteln) und Karyoten (d.
-h. Nußdatteln)[A] die geschätztesten. Vorzugsweise sei Judäa durch
-seine Dattelpalmen berühmt. Ihr Hauptwert bestehe in dem fetten Safte
-mit weinartigem, süßem Honiggeschmack. Die weniger saftigen dortigen
-Datteln heißen Nikolaen;[B] sie seien ungemein groß, so daß vier davon
-zusammen die Länge einer Elle ausmachen. Weniger ansehnlich, aber im
-Geschmack fast ebensogut wie die Karyoten seien die Adelphiden (d.
-h. Geschwisterdatteln), während die dritte hierher gehörige Art, die
-Pateten (d. h. zertreten aussehenden Datteln), zu viel Saft haben,
-weswegen sie noch am Baume platzen und dann wie zertreten aussehen.
-Eine mehr trockene Sorte seien die langen, schlanken Daktylen (die den
-eigentlichen Dattelnamen tragen); „diese, die wir den Göttern weihen,
-nennen die Juden, welche sich durch Verachtung der Götter auszeichnen,
-Chydäen (d. h. Ausschuß).“
-
-Daß dieser edle Fruchtbaum schon sehr früh von Babylonien nach Syrien
-und Palästina gelangte, kann uns nicht überraschen. Allerdings gedieh
-er in letzterem Lande in den höheren Lagen nicht mehr recht, so daß er
-im Alten Testament keine nennenswerte Rolle als Fruchtbaum spielte.
-Noch David, der zweite König von Israel, der Jerusalem zur Residenz
-erhob und nach Sauls Fall 40 Jahre lang (1033-993 v. Chr.) den Thron
-von Juda behauptete, zählt die Dattelpalme nicht unter den Bäumen
-auf, die man in den Gärten pflanzen solle. Aber in den Ebenen und an
-der Küste Syriens gedieh sie vortrefflich und war bald ein durchaus
-unentbehrlicher Fruchtbaum, den auf ihren Küstenfahrten zu verbreiten
-sich die schiffahrtkundigen Phönikier angelegen sein ließen. Sie
-brachten ihn zuerst bei der Aussendung von Kolonien nach Nordafrika, wo
-das von ihnen gegründete und später mit Rom rivalisierende Karthago die
-Dattelpalme als Wappenbild auf ihre Münzen schlug.
-
-Durch die regen Verbindungen mit Syrien und Babylonien gelangte die
-Dattelpalme schon zu Ende des 3. vorchristlichen Jahrtausends, etwa
-gleichzeitig mit dem Feigenbaum, nach Ägypten, wo sie uns in den
-Darstellungen an den Wänden der Gräber der 12. Dynastie, also zu Beginn
-des mittleren Reiches unter der Bezeichnung ~bunnu~ oder ~phunnu~ zum
-erstenmal als offenbar nicht mehr seltener Fruchtbaum entgegentritt.
-So sehen wir in einer hübschen Darstellung des Grabes Nr. 2 zu Beni
-Hassan, wie erwachsene Bäume dieser Art gefällt werden, was wohl
-nicht der Fall gewesen wäre, wenn dies eine kostbare Neueinführung
-gewesen wäre. In der Folge war die Dattelpalme ein in Ägypten viel
-angepflanzter und neben der Dumpalme häufig dargestellter Baum, dessen
-Früchte zahlreich unter den Totenbeigaben gefunden werden. Aus den
-Stengeln der Fiederblätter -- altägyptisch ~bai~ genannt -- stellte
-man Stöcke, Käfige und leichte Stühle her, während die Fiedern selbst
--- altägyptisch ~utu~ -- zum Flechten von Matten, Körben, Sandalen und
-dergleichen mehr dienten. Von den altägyptischen Ärzten wurden den
-Kranken häufig Datteln zum Abführen verordnet.
-
-Neben der Dattelpalme wurde von den alten Ägyptern auch ein dem
-Sonnengotte Ra geheiligter, besonders in der Sonnenstadt Heliopolis
-verehrter adlerähnlicher Vogel, der sich alle 500 Jahre selbst
-verbrennen und aus der Asche verjüngt auferstehen sollte, ebenfalls
-~bunnu~ oder ~phunnu~ genannt. Nun besteht zweifellos zwischen diesen
-beiden gleichgenannten Dingen irgend eine nicht mehr zu ergründende
-sagenhafte Beziehung, die den Griechen durch Vermittlung phönikischer
-Handelsleute zu Gehör kam. So nannten sie diesen mythischen Vogel
-und die Dattelpalme aus ~phunnu~ verändert ~phoínix~ und gaben den
-semitischen Kaufleuten von der Küste Syriens selbst diese Bezeichnung,
-während später die Römer diesem Handelsvolke den sichtlich aus ~bunnu~
-abgeleiteten Namen ~puni~ oder ~poeni~ gaben.
-
-Dem homerischen Zeitalter war die Dattelpalme noch durchaus fremd.
-Erst an einer Stelle der Odyssee, die nicht früher als aus dem 9.
-vorchristlichen Jahrhundert stammen dürfte, wird in Worten höchster
-Bewunderung von einer heiligen Palme auf der Insel Delos gesprochen,
-mit der der vielgewanderte Dulder Odysseus die schlanke Tochter
-des Königs der Phäaken, Nausikaa, vergleicht, die ihn nach seinem
-Schiffbruch, als er nackt und ohne irgend welche Habe von den Wogen ans
-Land geworfen wurde, freundlich aufnahm und zu ihrem Vater Alkinoos
-geleitete. Es war das die einzige Palme, die er auf seinen weiten
-Wanderungen sah; ja, er sagt von ihr, daß sonst nirgends auf Erden
-ein solcher Baum wachse, als nur dort: „denn nicht trägt ein solches
-Gewächs sonst irgend die Erde.“
-
-Wenn schon die zierliche Gestalt des nicht Frucht tragenden Baumes
-im Abendlande solches Entzücken erregte, so wird man begreifen, daß
-im Morgenlande selbst, wo der Baum durch seine wohlschmeckenden,
-nahrhaften Früchte dem Menschen ganz unentbehrlich ist, er als
-Inbegriff der durch große Nützlichkeit hervorgehobenen Schönheit von
-den Dichtern in den schönsten Bildern besungen wird. Wer denkt da
-nicht an die Stelle im Hohen Lied des Alten Testaments, dem einzigen
-uns erhaltenen, ums Jahr 800 v. Chr. entstandenen und ganz mit Unrecht
-dem König Salomo zugeschriebenen Erzeugnis der weltlichen Lyrik der
-Hebräer, da der Sänger seine Geliebte in begeisterten Worten beschreibt
-und von ihr sagt: „Dein Wuchs gleicht der Palme und deine Brüste den
-Datteltrauben“, dann an den Gebrauch der Israeliten und Vorderasiaten
-überhaupt, ihre Töchter mit Vorliebe ~tamar~, d. h. Dattelpalme zu
-heißen.
-
-Die athenische Sage berichtet, daß ihr mythischer König Theseus nach
-der Überwindung des Minotaurus auf seiner Heimfahrt von Kreta auf
-Delos gelandet sei und mit seinen Genossen zu Ehren des dort verehrten
-Gottes Apollon ein Kampfspiel aufgeführt habe. Die Sieger seien dann
-mit Zweigen jener berühmten Palme geschmückt worden, und seither sei
-der Palmwedel das Symbol des Siegers und der Siegesfreude. Schon in
-der Mitte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts stiftete der Tyrann
-Kypselos, der Herrscher der auf phönikischen Ursprung zurückgehenden
-Stadt Korinth, eine eherne Palme als Weihgeschenk für den delphischen
-Apollon, wie später auch die Athener nach ihrem Doppelsiege über die
-Perser am Flusse Eurymedon im Jahre 466 v. Chr. Endlich prägten Ephesus
-und andere Griechenstädte, so auf Kreta und Euböa, Palmen auf ihre
-Münzen.
-
-Von den Griechen kam die Dattelpalme zu den Römern, die vorher bloß die
-auf heißen Standorten Siziliens und Unteritaliens wachsende Zwergpalme
-(~Chamaerops humilis~) gekannt hatten. Auch bei ihnen war der
-Palmwedel das Abzeichen und der Preis des Siegers in den öffentlichen
-Spielen wie bei den Triumphzügen, und mit ihm bestickten sie als
-ganz besondere Auszeichnung die ~tunica palmata~, das kurzärmelige,
-wollige Unterkleid, das die Männer unter der Toga trugen. Die ersten
-Dattelpalmen auf italienischem Boden pflanzten die unteritalischen
-Griechen um die dem Apollon geweihten Tempel und von ihnen drangen
-sie mit der Zeit zu den Römern vor, von denen der Geschichtschreiber
-Livius das erste Exemplar aus dem Jahre 291 v. Chr. aus dem Hain des
-Apollo in der Hafenstadt Antium in Italien erwähnt. Aber erst im
-letzten vorchristlichen Jahrhundert kamen die Früchte dieses Baumes
-als Handelsartikel durch die Vermittlung der Griechen häufiger zu
-den Römern unter der dem semitischen Worte dafür ~dachel~ entlehnten
-griechischen Bezeichnung ~dáktyloi~, woraus das lateinische ~dactyli~
-und zuletzt unser deutsches Wort Dattel wurde. Daß nun die Griechen aus
-dem von den Phönikiern gehörten Wort ~dachel dáktyloi~ machten, mag
-wohl auf einer Ideenverbindung mit dem Worte Finger, was ~dáktylos~
-eigentlich bedeutete, beruhen, da diese Früchte entfernt fingerförmige
-Gestalt besitzen.
-
-Da die Dattelpalme auf europäischem Boden keine süße Frucht trägt, sind
-mit dem Untergang der antiken Welt auch die anmutigen hier gepflanzten
-Exemplare, weil keine Früchte tragend, als nutzlos zugrunde gegangen.
-Die Araber dagegen verbreiteten dieses ihr heimatliches Gewächs überall
-hin, wo sie ihren Fuß setzten. So soll der Kalif Abdurrahman I. um
-das Jahr 756 in einem Garten bei Cordova mit eigener Hand die erste
-Dattelpalme auf spanischem Boden gesetzt haben, von der alle übrigen in
-Spanien abstammen sollen. Oft soll er sie in sehnsüchtiger Erinnerung
-an die arabische Heimat betrachtet haben. Die Sarazenen brachten den
-Baum wiederum nach Sizilien und Süditalien, wo sich seiner in der Folge
-die Christen bemächtigten, um die Blattwedel am Palmsonntage weihen zu
-lassen und das Jahr über als Schmuck in ihren Wohnungen aufzubewahren.
-Dieser Sitte verdankt Italien seinen größten Palmenhain, der sich bei
-Bordighera zwischen San Remo und Ventimiglia unter fast 44° nördlicher
-Breite befindet. Eßbare Früchte liefern sie natürlich hier nicht, dafür
-aber müssen sie ihre Blattwedel opfern. Die Einwohner dieses Städtchens
-haben das durch Gewohnheit geheiligte Vorrecht, zum Osterfest Palmen
-nach Rom zu liefern, und diese Industrie schuf mit der Zeit die über
-4000 Stämme zählende Palmenanpflanzung. Dieses Vorrecht verlieh Papst
-Sixtus V. im Jahre 1586 der Familie Bresca als Belohnung dafür, daß
-ein Glied dieser Familie, ein Schiffskapitän, in jenem Jahre, während
-der Aufstellung des unter Kaiser Caligula 39 n. Chr. aus Heliopolis
-in Ägypten nach Rom gebrachten und damals den vatikanischen Zirkus
-schmückenden Obelisken auf dem Platz von St. Peter in Rom, als die
-trockenen Taue zu versagen drohten, durch den rechtzeitigen Ruf:
-„Wasser auf die Taue!“ dem die Aufstellung besorgenden Baumeister
-Fontana aus schwerer Verlegenheit half.
-
-Den Palmwedel hat die christliche Kirche, wie so viele andere Symbole
-der Bildersprache des Orients entnommen. Wie Palmenwedel bei den
-Festen des Osiris in Ägypten, beim feierlichen Einzuge der Könige
-in Jerusalem prangten, die Sieger in Olympia schmückten und die
-Festgewänder römischer Imperatoren zierten, so bedient sich ihrer
-heute noch die katholische Kirche in Erinnerung an den Einzug des
-Christus (d. h. Messias) in die jüdische Hauptstadt. Bei der Feier des
-Palmsonntags sollen sie nicht bloß ein Zeichen des Sieges des Urhebers
-des Christentums, sondern zugleich ein Bild himmlischer Reinheit sein,
-deren Beispiel jener gab. Damit nun die Palmwedel möglichst farblos
-weiß bleiben, d. h. sich ohne Ausbildung des Blattgrüns entwickeln,
-werden die Kronen vom Hochsommer an fest zusammengebunden, so daß die
-innersten Blätter, vom Licht unberührt, vergeilen. Der Reisende, der um
-diese Zeit die Riviera di Ponente besucht, sieht dann die Palmwipfel
-in Form von riesigen Kugeln und begreift anfangs nicht, was diese
-Verstümmelung des schönen Baumes bezweckt. Im Dunkeln gehalten, werden
-solche Wedel auch schlank und lang. An ihren Enden laufen sie spitz aus
-und bleiben biegsam und weich, so daß sie leicht in beliebige Formen
-geflochten werden können.
-
-Aber auch das ältere Judentum benutzt noch die Palmwedel in Verbindung
-von Myrte und Bachweide zum Feststrauß für das Laubhüttenfest, das
-ursprünglich ein Erntefest war. Es verlor aber nach der Zerstreuung
-der Juden, die sich in der Fremde dem Handel zuwandten, diese seine
-Bedeutung und behielt nur die andere geschichtliche bei, eine
-Erinnerung an den göttlichen Schutz während der Wüstenwanderung zu
-sein, als ihre Vorfahren unter Mose in Hütten aus Palmzweigen wohnten.
-Die Bestandteile dieses, bei jenem im Oktober gefeierten Feste zur
-Aufstellung gelangenden Straußes mußten gewisse Bedingungen erfüllen,
-so auch der Palmwedel, der für die Juden grün bleiben muß. Der Schopf
-zu diesem Zwecke gehaltener Palmen wird in Bordighera weniger stark
-zusammengebunden, so daß auch die jüngeren Blätter etwas Licht erhalten
-und ergrünen können. Sie bleiben zugleich kürzer, schließen mit
-stumpfer Spitze ab und werden härter als diejenigen für die Katholiken.
-
-Früher trug auch die Umgegend des kalabrischen Reggio und von
-Palermo auf Sizilien ganze Palmenwaldungen, die aber als Nachlaß der
-ungläubigen Sarazenen von den Christen zerstört wurden. Einzig in
-Südspanien, bei Elche, befindet sich noch ein aus mohammedanischer
-Zeit herrührender Palmenwald von etwa 60 000 Stämmen, der nicht
-nur Blätter für fromme Gläubige liefert, sondern auch genießbare
-Früchte zeitigt. An der Riviera wird neuerdings sehr häufig neben der
-Dattelpalme die ihr sehr ähnliche kanarische Phönix gepflanzt, von ihr
-nur durch gedrängteren, üppigeren Wuchs und kräftigere Blattentwicklung
-verschieden. Ihre Blätter werden gleichfalls häufig zu der an der
-Riviera blühenden Palmenflechterei benutzt.
-
-In den Oasen Nordafrikas und Westasiens ist die Dattelpalme das
-wichtigste Kulturgewächs, ohne welches der Mensch hier nicht
-existieren könnte. Hier treibt sie ihre Wurzeln sehr tief in den
-Boden, bis die wasserführende Schicht erreicht ist, so daß sie ohne
-künstliche Bewässerung üppig gedeiht. Alles an ihr wird von den armen
-Oasenbewohnern verwertet. Die Früchte sind das fast ausschließliche
-Nahrungsmittel, das roh, getrocknet oder gekocht täglich mehrmals
-gegessen wird. In Körbe gepreßt oder in Sand gegraben, können sie bis
-zwei Jahre aufbewahrt werden und verderben selbst in der brennendsten
-Sonnenhitze nicht. Deshalb bilden Datteln auf den Karawanenreisen ein
-unentbehrliches Proviantmittel. Der Stamm der Dattelpalme liefert
-die Pfosten der Häuser, die Gerüste zu den Ziehbrunnen, die Bretter
-zu Türen und das Werkzeugmaterial überhaupt. Die Blätter dienen zur
-Bedachung der Hütten, die Rippen zur Einzäunung der Grundstücke wie
-auch zu Wanderstäben; ihre Fiedern werden zu Sandalen und Körben
-geflochten. Aus dem Fasergewebe der Blattansätze werden sehr haltbare
-Stricke gedreht, die besonders widerstandsfähig gegen Salzwasser
-sind und deshalb vielfach in der Schiffahrt Verwendung finden; die
-Herzblätter der Stammspitze liefern den wohlschmeckenden Palmkohl und
-durch Anzapfen des Stammes erhält man einen zuckerhaltigen Saft, der
-vergoren einen berauschenden Wein liefert. Meist aber wird solcher
-Dattelwein durch Gärenlassen von mit Wasser verdünntem Dattelhonig
-gewonnen, der durch Auspressen der frischen Datteln erhalten wird.
-
-Die Fortpflanzung der Dattelpalme geschieht bisweilen durch die
-Fruchtkerne, in denen das Nährgewebe für den Embryo in Form von
-hornartig hartem Holzstoff angehäuft ist, das dann durch Fermente
-gelöst und in Zucker verwandelt wird, um dem jungen Pflänzchen zum
-Wachstume zu dienen. Am häufigsten aber wird dieser Fruchtbaum durch
-Schößlinge vermehrt, die man im Herbste aus der unmittelbaren Nähe des
-Mutterbaumes ausgräbt, verpflanzt und etwa drei Monate lang begießt,
-von wo an sie sich selbst erhalten können. Nach sechs bis acht Jahren
-beginnen diese die ersten Blüten zu treiben, aber erst vom 20. Jahre
-an liefern sie volle Erträge, die bis zum 70. oder 80. Jahre andauern.
-Von da an wird der Ertrag geringer, und etwa im Alter von 100 Jahren
-sterben die Bäume ab.
-
-Stets werden die weiblichen Dattelpalmen in der Weise befruchtet, daß
-man in ihre Rispen Teile eines stäubenden männlichen Blütenstandes
-befestigt oder darüber schüttelt, damit der Pollen in reichen Mengen
-auf erstere hinunterfalle. In einem Fruchtstande gelangen meist über
-hundert Beeren zur Entwicklung, die dann im Herbste geerntet werden,
-doch nicht gleichzeitig. Man pflückt nämlich diejenigen, die als
-Vorrat aufbewahrt werden sollen, vor ihrer völligen Reife, um sie
-an der Sonne ausreifen, zugleich aber auch trocken und fest werden
-zu lassen. Die am Baume völlig reif gewordenen ißt man vorweg. Als
-Durchschnittsernte rechnet man auf einen Baum einen Jahresertrag von 50
-kg, die an Ort und Stelle etwa drei Mark wert sind.
-
-Endlich hat die Dattelpalme auch in der Kunst eine wichtige Rolle
-gespielt. Bei den alten Babyloniern gab ihr Stamm den Anlaß zur
-Entstehung der später aus Stein nachgebildeten runden Säule, während
-ihr Wipfel das in der babylonischen und assyrischen Kunst so beliebte
-Motiv der Palmette gab, welches dann die Griechen aus dem Orient
-übernahmen. In Ägypten dagegen wurden die Säulen aus Papyrus und Lotus
-nachgeahmt; dadurch entstand die kanelierte Säule, die die Griechen
-von dorther übernahmen und in ihrer dorischen und korinthischen Säule
-weiter bildeten. Da sie ihnen aber nüchtern vorkam, wurde sie mit
-den Blättern des im Mittelmeergebiet in mehreren Arten verbreiteten
-Acanthus gekrönt, wodurch das korinthische Kapitäl entstand. Die
-Voluten des ionischen Kapitäls dagegen sind wahrscheinlich den
-gewundenen Gehäusen der Tonnenschnecken (~Dolium~) nachgebildet. So hat
-die Dattelpalme den weitgehendsten Einfluß auf die allgemeine Kultur
-des in ihrem Bereiche lebenden Volkes ausgeübt.
-
-Die im tropischen Afrika einheimische und namentlich an den Flußufern
-sehr verbreitete +Ukindu+- oder +wilde Dattelpalme+ (~Phoenix
-reclinata~) liefert ungenießbare, holzigtrockene Früchte, doch werden
-die Fiedern der Blätter zu Flechtereien aller Art benutzt. Wichtiger
-als sie ist die indische +Dattel-Zuckerpalme+ (~Phoenix silvestris~),
-die nur 9 bis 13 m hoch wird und eine dichte, halbkugelige Krone aus
-3 bis 5 m langen Fiederblättern trägt. Sie wird in ihrer Heimat,
-besonders in Bengalen, seit unvordenklicher Zeit zur Gewinnung
-von Palmenzucker kultiviert. Ende Oktober entfernt man an ihr die
-unteren Blätter, die zum Flechten von Matten und Säcken für die
-Zuckerverpackung oder als Brennmaterial dienen, und macht einige Tage
-später an jener entblößten Stelle einen Einschnitt in den Stamm,
-in welchen man ein gespaltenes Bambusröhrchen einsetzt, das den
-aus der Wunde rieselnden süßen Saft in ein Gefäß leitet. Der Saft
-fließt besonders nachts, und zwar um so stärker, je kühler sie ist.
-Früh morgens geht der Eigentümer mit seinen Gehilfen von Baum zu
-Baum, um den Saft zu sammeln und sofort an Ort und Stelle zu einem
-~gur~ genannten Sirup zu kochen. Dieser wird meist verkauft und von
-besonderen Zuckerkochern zu Palmenzucker eingedickt. Wenn der Saftfluß
-nach etwa acht Tagen erschöpft ist, so läßt man die Wunde zuheilen und
-versucht eine Woche später an einer anderen Stelle nach vorhergehendem
-Schälen des Stammes weiteren Saft zu gewinnen. Ein vollkräftiger Baum
-kann während der Erntezeit in 50 Nächten abgezapft werden und liefert
-240 Sihr (= 100 Liter) süßen Saft, aus denen 24 Sihr (= 10 Liter) Sirup
-eingekocht wird. Die Bäume werden aus Samen auf gutgedüngtem Boden
-gezogen und werden nach Ablauf des fünften Lebensjahres zum erstenmal
-angezapft. Die erste Ernte beträgt nur die Hälfte des Ertrags eines
-vollkräftigen Baums. Durchschnittlich beträgt die Erntefähigkeit 40,
-unter besonders günstigen Verhältnissen 45 bis 50 Jahre.
-
-Ganz außerordentliche Wichtigkeit kommt der Königin der Palmen,
-der +Kokospalme+ (~Cocos nucifera~) zu, die überall in den Tropen
-in der Nähe der Küsten schon seit sehr langer Zeit eine geradezu
-unentbehrliche Nutzpflanze bildet. Da die übrigen 28 Arten der
-Palmengattung ~Cocos~ im Küstengebiet von Mittelamerika heimisch sind,
-muß auch sie, die man nirgends mehr wild findet, von dorther stammen,
-wie zuerst Martius vermutete. Sie hat sich teils durch den Menschen,
-der sie überall mit sich nahm, teils durch die Meeresströmungen über
-den ganzen Tropengürtel verbreitet. Als ausgeprägte Strandpflanze,
-von der man sagt, daß sie nur soweit gedeiht, als der Seewind sie
-erreicht, sind nämlich ihre mächtigen, undeutlich dreikantigen Früchte
-auf lange andauernden Transport durch die salzige Flut eingerichtet.
-Zu diesem Zwecke haben sie eine 2 Finger dicke, außerordentlich zähe
-und dauerhafte Faserhülle, die als Schwimmkörper dient; außerdem ist
-der Keimling in eine steinharte Schale eingeschlossen, welche auch
-nach allfälliger Auflösung der äußeren Faserhülle den zarten Keimling
-vor der schädlichen Einwirkung des scharfen Meerwassers abhält.
-Dieser Umstand erklärt es, weshalb die zierliche Palme, deren wehende
-Blätterkronen einen der schönsten und charakteristischen Züge der
-tropischen Landschaft bilden, sich auch ohne Zutun des Menschen als
-vielfach einzigen Vertreter der Baumvegetation auf allen Koralleninseln
-der Südsee angesiedelt hat.
-
-Ursprünglich ist die Kokospflanze eine ausschließliche Küstenpflanze.
-Erst durch den Menschen wurde sie auch fern von der Küste angesiedelt.
-Da, wo sie ihre Wurzeln ins Grundwasser tauchen kann, das auch salzig
-sein darf, gedeiht sie nämlich auch fern von der Salzflut. So hat man
-sie neuerdings nicht bloß in Indien und auf Ceylon, sondern auch in
-Ostafrika bis 500 km vom Meere entfernt angesiedelt. Und sie kommt
-hier so gut als an der Küste fort. Sie wird gewöhnlich nur etwa 20 m
-hoch, kann aber gelegentlich 25 bis 30 m Höhe erreichen. Auf ihrem
-von den vorherrschenden Winden meist etwas gekrümmten, schlanken,
-geringelten Stamm von 30 bis 60 cm Durchmesser erhebt sich eine Krone
-von 10-12 bis 5 m langen, gefiederten Blättern, deren unterseits
-rinnenförmig ausgehöhlter Stiel am Grunde von einem zähen, braunen
-Geflecht umgeben ist. Aus den Achseln der untersten Blätter kommen
-die bis 1 m langen, zusammengedrückten Blütenscheiden hervor, welche
-lange, vielfach verzweigte Kolben mit gelben männlichen und grünen
-weiblichen Blüten umschließen. Aus letzteren gehen die 29 : 26 cm
-messenden, blaß aschgrauen bis rötlichen Früchte hervor, die fast ein
-Jahr zu ihrer Reife brauchen. Ein jeder Fruchtkolben, deren mehrere
-gleichzeitig am Baume zu sehen sind, trägt 10 bis 30 Nüsse. So reifen
-das Jahr über an einem Baume günstigenfalls bis 150 Nüsse; doch
-rechnet man durchschnittlich nur auf einen Jahresertrag von 60 bis 80
-Nüssen per Baum in vier bis fünf Ernten. Die junge Nuß ist mit einer
-milchigen Flüssigkeit, der Kokosmilch, erfüllt, die einen süßlichen,
-etwas zusammenziehenden Geschmack besitzt und frisch ein angenehmes,
-kühlendes Getränk bildet. Bei der Reife verdichtet sich diese milchige
-Flüssigkeit in den äußeren Partien zu einem festen, weißen Kern, der
-neben Eiweißstoffen besonders reichlich Fett enthält. In der Höhlung
-dieses festen Teiles des Nährgewebes findet sich aber auch nach
-der Reife noch ein flüssiger Teil als Milch, welche später bei der
-Keimung zuerst zur Verwendung gelangt. Der kleine Keimling liegt im
-festen Nährgewebe unterhalb des Keimlochs des nicht fehlgeschlagenen
-Fruchtknotenfaches.
-
- Tafel 23.
-
-[Illustration: Dattelpalmen in Algier.
-
-Dattelernte in einer nordafrikanischen Oase.]
-
- Tafel 24.
-
-[Illustration: Fruchttragende Kokospalme in Westafrika mit einem Neger,
-der im Begriffe ist sie zu besteigen, um Nüsse herunterzuholen.]
-
-In einem zusammenhängenden, dichten Besiedelungsgebiet wächst
-die Kokospalme besonders in ganz Südasien, der indischen und
-polynesischen Inselwelt in dichten Hainen und befriedigt die meisten
-Lebensbedürfnisse der Eingeborenen, deren Existenz sich ohne sie
-gar nicht mehr denken ließe. Keine andere Nutzpflanze läßt sich an
-vielseitiger Verwendung auch nur annähernd mit ihr vergleichen.
-Von ihr sagt ein indisches Sprichwort, daß sie 999 Nutzanwendungen
-gewähre und die 1000. sei überhaupt noch nicht gefunden. Aus der Rinde
-der Kokospalme gewinnt man den Kokosgummi, womit sich die Bewohner
-von Tahiti und anderer Inseln der Südsee die Haare bestreichen, um
-ihnen Halt zu geben. In Indien werden die äußeren, gerbstoffhaltigen
-Teile des Stammes zum Gerben benutzt. Der vom 35. Jahre an stark
-verholzende Stamm dient als oft einziges Nutzholz zum Bauen und zur
-Herstellung der Möbel und verschiedensten Geräte. Zur Anfertigung
-feiner Möbel wird er besonders viel nach England ausgeführt. Die
-Blätter benutzt man zum Dachdecken, sowie zu Matten und anderen
-Geflechten, wie besonders Hüten und Regenschirmen, die Blütenscheiden
-und alten, ausgetrockneten Blätter zusammengerollt zu Fackeln, die
-Mittelrippe zu Kämmen, die zusammengebundenen Blätter zu Besen.
-Das junge Mark unter der Endknospe, das einen süßen, an Haselnuß
-erinnernden Geschmack besitzt, wird wie die ganz jungen Blätter als
-Gemüse, sogenannten Palmkohl, gegessen. Das Fasernetz am Grunde der
-Blätter, noch mehr aber die faserige Hülle der Früchte dient zu
-unverwüstlichen Tauen, Stricken und Geflechten, besonders Matten,
-Teppichen und Läufern, aber auch zu Besen, Pinseln und Bürsten. Aus
-den noch geschlossenen Blütenscheiden wird durch Umschnürung mit
-jungen Kokosblättern und Anschneiden der Toddy genannte Palmwein und
-aus diesem durch Destillation Arrak, durch Einkochen ein Sirup und
-endlich ein sehr angenehm schmeckender brauner Zucker, der Palmzucker
-(~tschakara~, mit dem Sanskritworte ~sackara~, von dem unser Zucker
-abstammt, zusammenhängend), von dem über 110 Millionen kg jährlich
-produziert werden, gewonnen. Der dünnmilchige Saft besonders der
-unreifen Früchte dient als überaus angenehmes, erfrischendes Getränk,
-während der wie Haselnuß schmeckende weiße Kern roh verspeist oder
-zerrieben dem Curry und anderen Speisen hinzugefügt wird, auch preßt
-man aus ihm das zu 68 Prozent in ihm enthaltene Öl in Form eines
-weißen, dem Schweineschmalz ähnlichen, bloß etwas unangenehm riechenden
-Fettes, das zum Schmälzen der Speisen, als Brenn- und Salböl dient,
-zu welch letzterem Zwecke es vielfach mit Sandelholz parfümiert wird.
-Besonders aber dient es wie das afrikanische Palmöl zur Herstellung von
-Kerzen und Seifen. Kokosseife ist besonders bei Seeleuten sehr beliebt,
-da sie die einzige ist, die auch im Meerwasser schäumt. 15 Nüsse geben
-durchschnittlich 2 Liter Kokosnußfett. Die Preßrückstände geben ein
-wertvolles Viehfutter. Die harte Schale liefert Gefäße und Löffel
-und wird in Europa zu allerlei Drechslerwaren, namentlich Knöpfen,
-verarbeitet.
-
-Welch ungeheure Werte der Mensch der Kokospalme verdankt, kann man sich
-einigermaßen vorstellen, wenn man bedenkt, daß einzig die Insel Ceylon,
-auf der die Europäer erst seit etwa 30 Jahren systematisch größere
-Anpflanzungen dieser Palme vornahmen, aus ihren wenigstens 30 Millionen
-Kokosbäumen jährlich einen Ertrag von rund 325 Millionen Mark bezieht,
-während der Reis einen solchen von 112 Millionen Mark, der neuerdings
-im großen Maßstabe gepflanzte Tee aber einen solchen von 100 Millionen
-Mark liefert. Deshalb wird die Kokospalme auch in allen tropischen
-Kolonien Deutschlands in Menge kultiviert. Die größten und wertvollsten
-Bestände besitzen die Südseeinseln, wo sich neben den Kokoshainen
-der Eingeborenen auch große, von Europäern angelegte Kokosplantagen
-befinden. In Afrika wird sie in den Küstenstrichen fast nur von den
-Eingeborenen kultiviert. Trotzdem haben die deutschen Kolonien im Jahre
-1906 für 6¼ Millionen Mark der als Kopra bezeichneten getrockneten
-Kokosnuß exportiert. Da die Gesamteinfuhr Deutschlands an Kopra in
-demselben Jahre 16,9 Millionen Mark betrug, so ergibt sich, daß dieses
-Land jetzt schon mehr als ein Drittel seines Koprabedarfes aus seinen
-Kolonien zu decken vermag.
-
-Die Eingeborenen der Tropen pflanzen die Kokospalme gern in und
-um ihre Dörfer an, meist nur in kleineren Beständen, seltener als
-größere Pflanzungen. Diese werden in der Regel von den Europäern
-angelegt. Die Kultur der Kokospalme ist eine höchst einfache. Die
-Vermehrung geschieht ausschließlich durch die Früchte, welche man nach
-der Ernte noch 3-4 Wochen lang ausreifen und ankeimen läßt, bevor
-man sie zur Aussaat verwendet. Wenn der Keimling etwa 2 cm aus der
-Frucht herausragt, werden die Nüsse ihrer Länge nach in Furchen eines
-aus sandiger, reich mit Salz oder Asche gedüngter Erde bestehenden
-Saatbeetes gelegt und lose mit Erde bedeckt. Nach 7 bis 9 Monaten
-werden die jungen Palmen an ihren definitiven Bestimmungsort gebracht,
-wobei man sie etwa 7 m auseinander pflanzt. Doch müssen sie noch
-längere Zeit bei allzu großer Hitze beschattet, gegen das weidende Vieh
-beschützt und regelmäßig mit Holzasche gedüngt werden. Nach dem ersten
-Jahre fangen die Blätter an gefiedert zu werden, d. h. sie verlieren
-ihre für das Jugendstadium charakteristische zusammenhängende Form. Am
-Ende des zweiten Jahres haben sie am Grunde einen Durchmesser von 8 cm.
-Im dritten Jahre nimmt der Fuß der Krone die Gestalt eines Hufeisens an
-und der Stamm beginnt sich über die Erde zu erheben. Im vierten Jahre
-hat er 12 und im fünften Jahre 24 Blätter. In den folgenden Jahren
-setzt er noch weitere 12 Blätter an, damit ist seine Krone vollständig.
-Nun wendet sich das Wachstum mehr auf den Umfang der Pflanze. Vom
-siebenten oder achten Jahre an beginnt die Palme zu blühen und das
-ganze Jahr hindurch Früchte zu zeitigen. Die volle Tragfähigkeit tritt
-aber meist erst im zwölften Jahre ein und dauert bis zum sechzigsten
-bis achtzigsten Jahre, dann nimmt der Ertrag ab, so daß der Baum
-schließlich umgehauen und durch eine junge Kokos ersetzt wird. Doch
-kann der Baum ein Alter von 90-100 Jahren erreichen.
-
-In bezug auf den Boden ist die Kokospalme nicht besonders wählerisch,
-wenn sie nur genug Wasser, am liebsten brackiges hat. Am besten sagt
-ihr ein tiefgründiger, humusreicher Lehm zu. Außer Wind, der ihr
-überall an der Küste in reichem Maße zuteil wird, verlangt sie vor
-allem reichen Sonnenschein. Luft und Licht sind zwei ihrer wichtigsten
-Lebensbedingungen. Im Schatten verkümmert sie; daher finden wir niemals
-Kokospalmen im geschlossenen Hochwalde. Im Halbschatten wächst sie
-mangelhaft, bildet nur einen ganz dünnen Stamm und die wenigen Früchte,
-die sie hier hervorbringt, sind klein und unansehnlich.
-
-Begreiflicherweise war dieses Tropengewächs, das sehr früh die
-Gestade Indiens besiedelte, den älteren Kulturvölkern am Mittelmeer
-unbekannt. Die erste Beschreibung von ihm gab unter den Griechen der
-pflanzenkundige Aristotelesschüler Theophrast (390-286 v. Chr.) in
-seiner Naturgeschichte der Gewächse nach dem Bericht, den er über die
-Kokospalme durch Begleiter Alexanders des Großen auf dessen Zuge nach
-Indien erhalten. Er nannte sie ~kúki~. Der ägyptische Großkaufmann
-Kosmas aus Alexandrien, der ums Jahr 550 mit seinem Begleiter Menas
-auf einer Handelsreise bis Südafrika und Indien gelangte und später
-als Mönch seine Reise beschrieb, sah in den Küstengebieten Indiens,
-der von ihm ~Taprobane~ genannten Insel Ceylon und auf den Malediven,
-die er besuchte, in Menge die von ihm ~argéllion~ genannte Kokospalme;
-es ist dies das ~nargil~ der Perser und Araber, das aus dem indischen
-~narikela~ stammt. Er sagt, daß man den von ihr gewonnenen süßen, in
-alkoholische Gärung übergehenden Saft ~konchusúra~ nenne. Nach ihm
-hat der weitgereiste Venezianer Marco Polo mit seinem Vater Niccolò
-und seinem Oheim Maffeo Polo 1293 und 1294 auf seiner Heimreise von
-China über Indonesien und Indien die Kokospalme häufig gesehen und
-in seinem während der Gefangenschaft bei den Genuesen diktierten
-Bericht beschrieben. Er nennt sie nur den „Palmbaum mit den indischen
-Nüssen“. Der Name Kokosnuß wurde erst nach des Portugiesen Magelhaens’
-Fahrten, der als erster Europäer die nach ihm benannte Meerenge
-zwischen Patagonien durchfuhr und im November 1520 in den Stillen Ozean
-gelangte, um am 27. April 1521 in einem Gefecht auf der Marianeninsel
-Matan umzukommen, bei den Seeleuten bekannt. Nach Garcias und Klöden
-soll er daher stammen, daß die portugiesischen Seeleute sie infolge
-der Ähnlichkeit der drei Keimlöcher der inneren Frucht mit den beiden
-Augen und der Nase einer Meerkatze (~macoco~) ~coco~ nannten. Die
-Erforscher der malaiischen Inselwelt Rumphius und Thunberg im 17.
-Jahrhundert nannten die Kokospalme nach der Bezeichnung der Amboinesen
-Kulapa-Baum. Da sie im Sanskrit Indiens als ~narikela~ vorkommt,
-muß sie dort schon vor 3-4000 Jahren bekannt gewesen sein. An der
-Malabarküste wird sie als ~tenga~, d. h. Südfrucht bezeichnet, weil sie
-von Süden her, speziell aus Ceylon, dort eingeführt wurde. Auf Tahiti
-heißt sie ~ari~, wie sie auch von manchen Malaienstämmen genannt wird.
-Jedenfalls hat sich diese von Martius als „wandelnde Seeuferpalme“
-bezeichnete Kulturpflanze, die unfruchtbar bleibt, wenn sie nicht vom
-Menschen gepflegt wird, zunächst durch die Meeresströmungen, dann durch
-den Menschen von der pazifischen Küste Mittelamerikas zuerst über ganz
-Ozeanien und dann die südasiatische Inselwelt verbreitet und wurde erst
-nach der Entdeckung Amerikas im Bereiche des Atlantischen Ozeans, in
-Westafrika, an den Küsten Brasiliens und im Gebiete ganz Westindiens
-angesiedelt. Dagegen fanden die ersten Spanier, die von Mexiko nach der
-Küste des Stillen Ozeans hinabstiegen, sie reichlich auf der Westküste
-Mexikos wie ganz Mittelamerikas angepflanzt. Neu-Kaledonien ist die
-südlichste Insel, an deren Nordküste die Kokospalme noch gedeiht.
-Ihre nördlichste Verbreitung aber hat sie auf den Sandwich-Inseln,
-beinahe unter dem Wendekreis des Krebses, gefunden, wo sie aber infolge
-ungenügender Sonnenwärme nur spärlich Früchte hervorbringt. Dort
-genossen in vorchristlicher Zeit nur die Männer die Früchte, die den
-Weibern ~tabu~ waren und nicht einmal von ihnen berührt werden durften,
-bis einmal eine mutige Häuptlingsfrau, von ihrem Manne gegen die Rache
-der Priester beschützt, dieses altgeheiligte Verbot übertrat und, da
-sie von den Göttern für diesen Frevel nicht bestraft wurde, ihrem
-Geschlecht das Recht zum Genuß der herrlichen Früchte verschaffte.
-
-Eine besonders für Westafrika sehr wichtige Palme ist die +Ölpalme+
-(~Elaeis guineensis~), deren Vorkommen auf das tropische Afrika
-beschränkt ist. Von der Westküste, wo sie sich in einem breiten
-Streifen vom Gambia- bis zum Kuanzafluß findet, dringt sie nordöstlich
-bis zum Albertsee und südöstlich bis zum Nordende des Nyassasees vor.
-Sie kommt also auch im ganzen Kongobecken vor, wird aber im wilden
-Zustande nur verhältnismäßig selten angetroffen. Die einzige außer
-ihr noch vorhandene Elaeis-Art, ~Elaeis melanococca~, die gleichfalls
-rote, zur Gewinnung von Öl benützte Früchte besitzt, hat ihre Heimat im
-tropischen Amerika, wo sie um Bahia, an der Mündung des Amazonenstroms,
-in Guiana, Venezuela und auf dem Isthmus von Panama wild wächst.
-Deshalb vermutet man, daß auch die westafrikanische Ölpalme im
-Dorado der Palmen, dem nördlichen Südamerika und Mittelamerika, ihre
-ursprüngliche Heimat hat, von der sie schon im Tertiär auf der damals
-noch bestehenden Landbrücke nach Westafrika gelangte.
-
-Die westafrikanische Ölpalme ist ein sehr schönes Gewächs, gedeiht
-aber nur dort, wo ein feuchtes, heißes Klima herrscht. Nur unter den
-natürlichen Lebensbedingungen, im Walde, erreicht sie ihre normale
-Höhe von 20 m, in der Kultur aber wird sie meist bloß 10-15 m hoch.
-Ihr tief geringelter, mannsstarker Stamm schwillt vielfach über dem
-Boden etwas an und ist unter den natürlichen Verhältnissen im obersten
-Teil meist noch mit den Resten abgestorbener Blattstiele bedeckt. In
-der Entfernung dieser, damit die Palme zum Herunterholen der reifen
-Früchte bestiegen werden könne, beschränkt sich in der Regel die
-ganze Pflege seitens der Eingeborenen. Die schöne Blattkrone besteht
-aus 20-25 Wedeln bis zu 7 m Länge mit etwa 1 m langen Fiedern, die
-sich aber schlecht zum Flechten eignen. In den Blattachseln des
-Wipfels brechen die mit kätzchenartig angeordneten Blüten reichlich
-besetzten Blütenstände hervor, die, wie bei den meisten Palmen,
-getrennten Geschlechts sind, jedoch in der nämlichen Krone, nicht
-auf verschiedenen Individuen sich entwickeln. Eine Palme bringt
-während des Jahres durchschnittlich drei bis vier der massigen, nicht
-herabhängenden Fruchtstände zur Reife. Sieben Monate nach der Blüte
-reifen die Früchte heran. 600-800, ja bis 1500 an der Zahl finden sie
-sich an einer riesigen, meist 20-30, gelegentlich bis 50 kg schweren
-Traube, durch kurze Stacheln voneinander getrennt. Sie sitzen sehr fest
-und sind wegen ihres gedrängten Wachstums unregelmäßig abgeplattet und
-erscheinen fett glänzend, von hochgelber bis zinnoberroter Farbe. Am
-Oberteile sind sie braunschwarz angelaufen. Zu äußerst bestehen sie
-aus einer dünnen Lage eines fettreichen, faserigen Fleisches, das eine
-dickschalige, steinharte, mit einem bläulich weißen Kerne versehene Nuß
-umschließt. Etwa ein Drittel des Gewichtes der Fruchtstände wird von
-den Früchten selbst gebildet. Deren ölhaltiges Fruchtfleisch bildet
-eine Lieblingsnahrung der Affen und Papageien, aber auch des Menschen,
-der es roh oder noch häufiger gekocht in Form der bei den Negern sehr
-beliebten Palmölsuppe verzehrt. Besonders aber gewinnt er daraus
-das für ihn so wichtige Palmöl, das ihm als Fettzusatz zu seiner an
-Fett sonst so armen Pflanzenkost, außerdem aber zur Beleuchtung, zum
-Einreiben des Körpers und als Arznei dient.
-
-Zur Ölgewinnung wird der ganze Fruchtstand der Ölpalme abgehauen,
-sobald die Palmnüsse reif sind. Dann werden die einzelnen Früchte
-ausgebrochen und deren äußeres Fleisch durch Kochen in Wasser oder
-durch Liegenlassen an der Sonne erweicht. Darauf werden sie in Mörsern
-gestampft, wobei sich das Fleisch vom Kern löst und zugleich das im
-Fruchtfleisch enthaltene Öl heraustritt. Dieses schön orangerote,
-wohlschmeckende Palmöl wird zum geringeren Teil von den Eingeborenen
-selbst im Haushalt verwendet, zum größeren Teil jedoch an die
-europäischen Faktoreien verkauft. Im tropischen Westafrika, wo die
-Ölpalme manchenorts ausgedehnte Wälder bildet, wird es in solchen
-Mengen erzeugt, daß es gegenwärtig den wichtigsten Handelsartikel
-dieser Gegenden bildet.
-
-Aus den nach der Ölgewinnung übrigbleibenden bräunlichen, harten
-Kernen wird das weiße Palmkernöl gewonnen, das sogar noch feiner und
-wertvoller als das Palmöl ist. Dies wird von den Eingeborenen auf
-sehr primitive Weise durch Aufklopfen der Kerne und Auspressen des
-Samens gewonnen. Der weitaus größte Teil der Kerne gelangt aber in die
-Faktoreien, um nach Europa gesandt zu werden, wo die Ölgewinnung aus
-diesen vermittelst eigens dafür konstruierter Maschinen geschieht.
-Die Abfälle bei der Ölbereitung, Palmkuchen genannt, geben ein
-ausgezeichnetes Viehfutter.
-
-Der Nutzen der Ölpalme beschränkt sich aber nicht bloß auf die
-ölreichen Früchte. Sie liefert nämlich außerdem in ihren stattlichen
-Wedeln das Material zur Umzäunung von Gehöften und zu größeren
-Fischereianlagen, sowie paarweise zur Herstellung leichter und
-zäher Tragkörbe. Die starken Blattrippen dienen als geschätztes
-Material für den Hausbau und zur Herstellung von Palisaden, aus den
-Fiederblättern werden Körbe und viele andere Geräte geflochten und
-aus den Rippen gute Besen hergestellt. Die außerordentlich festen
-Gefäßbündel der Wedelstiele vertreten die Stelle von Darmsaiten bei
-den Musikinstrumenten der Eingeborenen. Endlich wird aus der Ölpalme
-der bei den Eingeborenen so beliebte, frischem Äpfelmost ähnliche,
-anfangs süße, bald aber durch Hefegärung stark alkoholhaltige und dann
-berauschende Palmwein gewonnen. Zur Erlangung kleinerer Mengen davon
-schneidet man die männlichen Blütenstände ab, zu derjenigen größerer
-Mengen jedoch wird die Palme mit axtartigen Werkzeugen gefällt, indem
-man damit das ganze Wurzelwerk durchhaut. Nachdem die Stämme 1-2
-Wochen am Boden gelegen haben, schneidet man ihnen mit dem Buchmesser
-die Wedel ab und höhlt da, wo das Mark in das Herzblatt ausläuft, von
-oben aus ein ziemlich großes Loch in den Stamm, das mit einer kleinen
-Öffnung bis auf die untere Seite desselben durchgeführt wird. Durch
-dieses Loch wird eine dünne Holzröhre gesteckt, durch welche der Saft
-tropfenweise in einen untergestellten Topf abläuft. Durch Schneiden und
-Brennen wird das Loch täglich etwas erweitert, ein Vorgang, den die
-Neger als das „Rufen des Palmweins“ bezeichnen. In den ersten 16 Tagen
-fließt der süßeste Saft aus, dann wird der Ausfluß stärker, aber das
-Produkt ist wässeriger. Nach höchstens 30 Tagen ist der Saftreichtum
-des Stammes erschöpft. Dieser Palmwein wird von den Eingeborenen dem
-von der Kokospalme gewonnenen vielfach vorgezogen.
-
-Bei dem großen Nutzen der Ölpalme für den Menschen kann es uns
-nicht wundern, daß der dem Neger so unentbehrliche Fruchtbaum im
-18. Jahrhundert durch westafrikanische Negersklaven nach Westindien
-gebracht wurde, wo er in ähnlicher Weise wie in seiner Heimat
-kultiviert wird. Am besten gedeiht er im lockeren Buschwald, wo auch
-die Fruchtstände am größten werden. Sonst wächst er auch willig auf
-trockenem und leichtem, wie auf feuchtem und schwerem Boden. Entweder
-werden zuerst Stecklinge aus reifen Früchten gezogen und dann in
-Abständen von etwa 2 m verpflanzt, oder die Früchte werden gleich in
-entsprechenden Entfernungen in den Boden gesteckt. Der Baum braucht bis
-zur vollen Entwicklung etwa 10 Jahre; dann fängt er an zu blühen und
-Früchte zu tragen, was wenigstens bis zum 60. Jahre andauert. Da jedes
-Jahr 3-7 Früchtbündel zur Reife gelangen, kann man im Durchschnitt
-bei geregelter Kultur wohl auf 50 kg Früchte pro Baum rechnen. Da
-nun 250 kg frischer Früchte 24,5 kg Öl im Fruchtfleisch und 32 kg
-Kerne liefern, die ihrerseits etwa 15 kg Kernöl abgeben können, so
-besteht also fast ⅙ des Fruchtgewichtes aus Öl. Da aber dieses nicht
-restlos aus ihnen gewonnen werden kann, so ist die wirkliche Ausbeute
-eine bedeutend geringere und beträgt oft nicht einmal die Hälfte des
-tatsächlich Vorhandenen. So gewinnt der Neger mit seinen unvollkommenen
-Verfahren aus 50 kg Früchten, die also die mittlere Jahresernte
-einer Palme darstellen, bloß 2,94 kg Öl und 3,84 kg Kerne. Die
-Fruchtfleischrückstände enthalten noch sehr viel brauchbares Fett, das
-durch kräftigeres Pressen leicht zu gewinnen wäre.
-
-So lange die Ölpalmen jung sind, müssen sie namentlich gegen die Glut
-der regelmäßig am Ende der Trockenzeit von den Negern angefachten
-Steppenbrände geschützt werden. Haben sie aber eine gewisse Höhe
-erreicht, so ertragen sie, ohne Schaden zu erleiden, sowohl die
-Umschließung durch andere, sie überragende Gewächse, als auch
-monatelange Überschwemmung ihres Standortes und die auflodernden
-Flammen der Grasbrände.
-
-Im Zentrum der Palmenentwicklung, dem Waldgebiet des nördlichen
-Südamerika, ist die +Weinpalme+ (~Raphia vinifera~) heimisch, die
-außerdem in Brasilien und Westafrika verbreitet ist. Der Stamm erreicht
-bloß 5-10 m Höhe, besitzt aber bis 15 m lange Blätter mit gewaltigen,
-oft über 2 m langen Fiedern. Durch Abschneiden der sich entwickelnden
-Blütenkolben werden große Mengen eines zuckerigen Saftes gewonnen, der
-durch alkoholische Gärung einen ebenfalls viel genossenen Palmwein
-liefert; dieser soll aber an Güte dem von anderen Palmen gewonnenen
-nicht gleichkommen. In Südasien und Indonesien werden verschiedene
-andere Palmen als Weinpalmen bezeichnet, da sie ebenfalls zur Bereitung
-von Palmwein benutzt werden.
-
-Andere Palmengattungen liefern in ihren steinharten, weißen Früchten
-einen wertvollen Ersatz für das durch die zunehmende Ausrottung der
-Elefanten und die allmählich sich vermindernde Mammutelfenbeingewinnung
-in Nordsibirien immer seltener und kostbarer werdende Elfenbein.
-Es sind dies die von verschiedenen Palmenarten stammenden, als
-„vegetabilisches Elfenbein“ auf den Markt gelangenden Steinnüsse.
-Zuerst erlangten als solches die Nüsse der südamerikanischen
-+Steinnußpalme+ (~Phytelephas macrocarpa~) Bedeutung, die seit dem
-Jahre 1826 in zunehmender Menge in der Kulturwelt Verwendung finden
-und deshalb einen der wichtigsten Handelsartikel des Staates Kolumbia
-bilden. In ihrer Heimat, den Wäldern am Magdalenenstrom und dessen
-Zuflüssen, werden sie von den Eingeborenen schon seit uralter Zeit zu
-allerlei Schnitzereien verwendet. Zwei Spanier, Ruiz und Pavon, machten
-bereits in einem 1798 erschienenen Werke die wissenschaftliche Welt auf
-diese Palme und ihre Nüsse aufmerksam und gaben ihr den bis heute in
-Geltung gebliebenen lateinischen Namen ~Phytelephas macrocarpa~, der
-die großfrüchtige Pflanzenelfenbeinpalme bedeutet.
-
- Tafel 25.
-
-[Illustration: Ölpalmenhain in Westafrika.
-
-Ansicht eines sumatranischen Dorfes mit einer blühenden Zuckerpalme in
-der Mitte und einem Bambustrieb rechts.]
-
- Tafel 26.
-
-[Illustration: Gruppe von Kokospalmen auf Java.
-
-Verschiedene Palmenarten auf Java.]
-
-Die Steinnußpalme ist auf Südamerika beschränkt, liebt feuchte
-Standorte und steigt den Flußläufen entlang aus den Niederungen bis zu
-1000 m Höhe. Sie wächst meist in Gruppen, selten in größeren Beständen.
-Der höchstens 6 m hohe Stamm ist teils von seinem eigenen Gewicht,
-teils von den Luftwurzeln auf den Boden gedrückt. Darin und in ihrem
-ganzen übrigen Aussehen gleicht sie auffallend der vorhin erwähnten
-südamerikanischen Ölpalme (~Elaeis melanococca~). Bei der nahe mit ihr
-verwandten Steinnußpalme mit etwas kleineren Früchten (~Phytelephas
-microcarpa~) ist die Stammbildung fast ganz unterdrückt, so daß sie
-sich mit ihrem Wipfel nur wenig über den Boden erhebt.
-
- Tafel 27.
-
-[Illustration: Junger Singhalese auf Ceylon mit zwei Fruchtbündeln von
-Arekanüssen und zwei Kakaofrüchten davor.
-
-Sagopalmen auf Celebes.]
-
- Tafel 28.
-
-[Illustration: Auf Arekapalmen kletternde Inder, die ihre Füße zum
-besseren Kletternkönnen mit einem Tuch verbunden haben.]
-
-Die Bäume sind getrennt geschlechtig, und zwar sind die männlichen
-Exemplare stärker und aufrechter als die weiblichen. In den Achseln
-der riesigen Blätter entwickeln sich die Blütenstände, welche an den
-weiblichen Palmen über kopfgroße, kugelige Sammelfrüchte bilden,
-die aus je sechs oder mehr eng aneinander gepreßten, holzigen
-Einzelfrüchten mit höckeriger Oberfläche bestehen, die wiederum vier
-bis sechs hornige Samen in besonderen Fächern aufweisen. In diesen
-20-60 g schweren, etwa hühnereigroßen Samen, den Steinnüssen, liegt
-von einer schwarzbraunen Schale umgeben der weiße, sehr harte Kern,
-bestehend aus einem von dickwandigen Steinzellen mit reichlich Eiweiß
-und Öl im Innern gebildeten Nährgewebe, das selbst nach 24stündigem
-Liegen im Wasser nicht wesentlich erweicht. Beim Keimen aber sieht man
-diese steinharte Masse plötzlich weich werden, indem dabei Fermente
-ausgeschieden werden, die dem Keimling den wie beim Dattelkern sehr
-harten Reservevorrat lösen und ihn in Form von Traubenzucker für dessen
-Wachstum zugänglich machen. In diesem Stadium läßt sich ein angenehm
-schmeckendes, süßes Getränk aus ihnen gewinnen, das als solches, oder
-erst gegoren, von den Eingeborenen genossen wird. Diese Keimung der
-Samen erfolgt, wie Kulturversuche ergaben, sehr leicht an feuchten
-Orten der Tropen, so daß für die Anzucht der Steinnußpalme keinerlei
-Vorrichtungen wie Saatbeete erforderlich sind.
-
-Diese Palmnüsse bilden den wichtigsten Handelsartikel für die am
-Meerbusen von Mexiko gelegenen Teile Südamerikas, und zwar sind
-naturgemäß diejenigen Sorten am geschätztesten, deren Inneres dem
-echten Elfenbein in Farbe und Tönung am nächsten kommt. Besonders
-trifft dies bei der Sorte „Savanilla“ zu, deren gelblicher Kern
-gebrauchtem Elfenbein auffallend ähnelt. Sie werden auf der Drehbank
-bearbeitet und besonders in der Beinknopfindustrie in ungeheuren
-Mengen verbraucht. Da sie sich gut färben lassen, verfertigt man auch
-künstliche Korallen, Türkise usw. daraus. Die Abfälle werden zur
-Darstellung von Pflanzenalbumen, einem speziell für Färbereizwecke
-dienenden Eiweiß, leider aber auch zur Verfälschung von gepulverten
-Gewürzen, die kaffeebraune Steinschale gepulvert zur weiteren
-Verschlechterung von Kaffeesurrogaten verwendet.
-
-Seit dem Jahre 1876 werden in zunehmendem Maße auch Steinnüsse aus
-Polynesien unter der Bezeichnung +Tahitinüsse+ bei uns eingeführt, die
-genau dieselben Eigenschaften wie die südamerikanischen besitzen, sich
-aber infolge ihrer ansehnlicheren Größe noch besser verwenden lassen.
-Wie sich später herausstellte, stammen sie nicht von den Tahiti-
-oder Gesellschaftsinseln, sondern von den weiter im Westen gelegenen
-Karolinen, Salomons- und Fidschiinseln von drei verschiedenen Arten der
-Palmengattung ~Coelococcus~, die auf den genannten Inseln in größeren
-Beständen gedeihen und einen recht ansehnlichen Export herbeigeführt
-haben. Im Gegensatz zu den südamerikanischen Steinnüssen enthalten sie
-innerhalb der Steinzellen Kriställchen von oxalsaurem Kalk in der Öl-
-und Eiweißschicht eingebettet, bedürfen daher zu ihrer Bearbeitung
-eines besonders gehärteten Stahls. Sie dienen ebenfalls vorzugsweise
-der Knopffabrikation; jährlich werden etwa 13 Millionen kg derselben
-gegenüber 38 Millionen kg südamerikanischer Steinnüsse über Hamburg
-eingeführt.
-
-Von großer Bedeutung für sämtliche Südasiaten und Indonesier ist die
-ursprünglich in Südasien heimische +Arekapalme+ (~Areca catechu~), die
-wegen ihrer diesen Menschen als Genußmittel unentbehrlichen Nüsse in
-den Tropen daselbst häufig angepflanzt wird. Es ist dies eine wunderbar
-zierliche Palme von 10-20 m Höhe mit dünnem, kerzengeradem, weißem
-Stamm und einer Krone von dunkelgrünen Fiederblättern, deren einzelne
-Fiedern etwas nach aufwärts gebogen sind, und leicht vom Winde bewegt
-werden, so daß die bilderreiche indische Dichtung diese Palme mit einem
-von der Gottheit in die Erde geschossenen Pfeile vergleicht, dessen
-Kielfedern noch vom Fluge erzittern. Viele Europäer bezeichnen sie als
-die anmutigste aller asiatischen Palmen, ja manche als die schönste
-der Palmen überhaupt. Das Wichtigste und Wertvollste an ihr sind die
-an einem nahezu 0,5 m langen Kolben erzeugten, im reifen Zustande
-orangefarbenen Früchte von der Größe kleiner Hühnereier, die unter
-einer glatten Außenhaut eine dicke, faserige Mittelschicht und unter
-dieser eine gelbliche, dünne Schale besitzen, an welcher der Same
-fest angewachsen ist. Letzterer ist sehr hart und enthält ein weißes,
-von fast bis zum Zentrum eindringenden schwarzen Platten durchzogenes
-Nährgewebe, das sehr reich an einem Katechu genannten Gerbstoff
-ist, der als solcher daraus gewonnen und in großen Mengen ausgeführt
-wird. Noch viel wichtiger aber ist ihr Gebrauch als Genußmittel der
-Eingeborenen. Die Nuß ist nämlich ein wesentlicher Bestandteil des
-„Betels“, der in ganz Süd- und Ostasien mit Leidenschaft von jedermann
-gekaut wird. Man wickelt zu diesem Zwecke ein Stückchen derselben in
-das Blatt des Betelpfeffers (~Piper betel~) ein, fügt etwas gelöschten
-Kalk, dann Gambir und eventuell Gewürze wie beispielsweise Kardamomen
-hinzu und kaut dies wie die Arbeiter und Matrosen bei uns den
-Priemchentabak. Durch den Reiz dieses Gemisches werden große Mengen
-eines roten Speichels ausgeschieden, der Zahnfleisch und Zähne rot
-färbt und jene Betelkauer zu Virtuosen des Spuckens gemacht hat, die
-darin höchstens durch die gumkauenden Yankees übertroffen werden.
-
-Die Arekapalme gedeiht sowohl in Meereshöhe, wo sie häufig im Verein
-mit der Kokospalme gezüchtet wird, als auch in größeren Erhebungen,
-wenn auch selten über 1000 m über Meer. Sie ist seit unvordenklicher
-Zeit über ganz Südasien verbreitet und, da sie im wilden Zustande nicht
-mehr vorzukommen scheint, ist es unmöglich, mit absoluter Sicherheit
-ihre engere Heimat festzustellen. Doch kann kaum ein Zweifel darüber
-bestehen, daß dies die Sundainseln sind. Zur Gewinnung der ihnen
-geradezu unentbehrlichen Arekanüsse wird sie von den Eingeborenen
-jeweilen in nur wenigen Exemplaren um ihre Wohnungen gepflanzt. Die
-Früchte fallen erst nach der Vollreife von den Fruchtzapfen ab. Unter
-besonders günstigen Umständen beträgt die Jahresproduktion einer Palme
-800 Früchte, doch können durchschnittlich nicht mehr als 250-300
-angenommen werden. Die Tragbarkeit beginnt im fünften und endet
-gewöhnlich im dreißigsten Jahre. Ausgedehnte Arekapalmenplantagen
-gibt es auf Ceylon, das außer seinem eigenen großen Verbrauch etwa 13
-Millionen kg davon jährlich ausführt, dann besonders in Nordindien
-und auf der Halbinsel Malakka. Neuerdings wird sie auch auf den
-Philippinen, in Neuguinea, ganz Indonesien und Ostafrika für den Export
-angepflanzt; denn für mehrere hundert Millionen Menschen ist ihr Genuß
-zum Kauen ein geradezu unentbehrliches Reizmittel, dem sie so wenig als
-die Gewohnheitsraucher dem Tabak entsagen würden.
-
-Die Betelnüsse werden gepflückt, bevor sie vollständig reif sind,
-in dem Zustande nämlich, in welchem die unter der faserigen Hülle
-liegende Schale noch nicht ganz verhärtet ist. Für die Beurteilung
-ihrer Güte ist die Größe durchaus nicht maßgebend, sondern nur das
-Aussehen des aufgeschnittenen Kerns. Wenn der weiche, markige Teil,
-der den härteren roten Teil durchsetzt, eine bläuliche Schattierung
-besitzt und der rote, gerbstoffhaltige Teil tiefrot ist, wird die Nuß
-für erste Qualität erklärt. Wenn aber der markige Teil weiß ist und zu
-sehr vorherrscht, was der Fall ist, wenn sie zu reif geworden ist, so
-besitzt sie dann nicht mehr den gewünschten, stark zusammenziehenden
-Geschmack und wird daher als geringwertig betrachtet. Meist werden
-die Nüsse, nachdem sie von ihrer faserigen Hülle befreit wurden, mit
-einem scharfen Messer halbiert und an der Sonne getrocknet. Manchmal
-werden die Halbstücke vor dem Trocknen gekocht. Am geschätztesten ist
-der Artikel, wenn er in folgender Weise hergestellt wurde. Die -- also
-unreif -- geernteten Nüsse werden enthülst und in wenig Wasser gekocht.
-Dabei entsteht eine rote, dicke, gallertige Brühe, die eingedampft und
-getrocknet wird. Sie dient zum Einreiben der Nüsse, nachdem dieselben
-in Stücke geschnitten und an der Sonne getrocknet wurden. Die Stücke
-werden dadurch glänzend schwarz und in dieser Zubereitung als eine
-Delikatesse ersten Ranges betrachtet. Auch ungeschnitten werden die
-Nüsse zuweilen getrocknet, im übrigen aber nach demselben Verfahren
-behandelt. Der Verbrauch an den Produktionsorten der Nüsse geschieht
-häufig ohne jede Zubereitung oder nach einem kurzen Einweichen in
-heißem Wasser.
-
-Die Kultur der Betelpalme erfolgt wie diejenige der Kokospalme. Oft
-werden beide Palmen durcheinander auf demselben Grundstücke angebaut.
-Die frischen Nüsse von bester Beschaffenheit werden in Saatbeeten in
-Abständen von 20-30 cm zum Keimen gebracht. Wenn sie 1-1½ Jahre alt
-sind, werden sie in der Hauptregenzeit auf ein Feld 3 m auseinander
-ausgepflanzt, in welchem vorher Bananenstauden als Schattenspender
-wachsen gelassen wurden. Später ist den Arekapalmen die volle
-Sonnenbestrahlung sehr dienlich und man pflanzt sie sogar häufig als
-Schattenspender für Kakao, Betelpfeffer und andere Nutzpflanzen. Wenn
-auch ihre Krone voll der Sonne ausgesetzt sein soll, so liebt sie doch
-einen Boden, der durch Beschattung frisch und kühl erhalten wird. In
-Anbaugebieten dieser Palme mit langen Trockenzeiten ist eine mehrmalige
-gründliche Bewässerung der Arekaanpflanzung während der Trockenzeit
-nötig.
-
-Als Nahrungspflanze sehr wichtig für die Bewohner der Molukken und
-von Neuguinea sind die verschiedenen ostindischen +Sagopalmen+, die
-im Innern des Stammes eine große Menge Stärkemehl als Reservevorrat
-aufspeichern, um am Ende ihres Lebens den mächtigen Blütenstand
-aufzubauen und die Früchte reifen zu lassen. Die wichtigste derselben
-ist die gesellig wachsende, 8-12 m Höhe bei einem Durchmesser von
-0,6-1,5 m erreichende echte +Sagopalme+ (~Metroxylon rumphii~, nach
-dem 1627 in Hanau geborenen und 1702 gestorbenen Rumphius benannt, der
-lange auf der Insel Amboina lebte und diese Palme zuerst beschrieb).
-Sie treibt im Alter von 10-12, ausnahmsweise auch 15 Jahren,
-schwachrötliche Blüten in großer Menge an einer gewaltigen, die Palme
-überragenden, endständigen, vielfach verzweigten Blütenrispe. Je mehr
-die Früchte ihrer Reife entgegengehen, desto mehr schwindet natürlich
-das Stärkemehl aus dem Stammkern, da es ja zur Fruchtbildung verwandt
-wird. Sobald die pflaumengroßen, von einem gelbbraunen, glänzenden
-Schuppenpanzer umgebenen trockenen Früchte reif sind, ist der
-Stärkevorrat erschöpft, doch lebt der Baum noch einige Jahre weiter und
-stirbt im 20. bis spätestens 25. Lebensjahre.
-
-Ganz ähnlich verhält es sich mit der ihr nahe verwandten ~Metroxylon
-sagus~, die im Gegensatz zu der vorgenannten keine Dornen an den
-den Blattstiel umgebenden Blattscheiden trägt. Diese +unbewehrte
-Sagopalme+, wie man sie im Gegensatz zur vorgenannten dornigen nennen
-könnte, birgt weniger und geringwertigeres Stärkemehl. Während erstere
-mehr auf den Molukken und in Neuguinea wächst und neuerdings auch,
-seitdem eine größere Nachfrage nach Sago vorhanden ist, anderwärts
-angepflanzt wird, wird die dornige Sagopalme mehr im westlichen Teil
-des malaiischen Archipels, namentlich auf Borneo, Sumatra und Java,
-wild und kultiviert angetroffen und liefert weitaus den größten Teil
-des von Singapur aus in den Welthandel gelangenden Sagos.
-
-Kurz bevor nun die Sagopalmen zu blühen beginnen, werden sie etwa
-im 9. oder 10. Jahre zur Gewinnung des in ihnen in reicher Menge
-angesammelten körnigen Stärkemehls gefällt und in 2-3 m lange Blöcke
-zersägt, die sich leicht aufspalten lassen. Der dadurch freigelegte,
-ziemlich feste Kern wird in großen Schollen losgebrochen und diese
-werden in einem Troge zu grobem Mehl zerstampft. Dieses Mehl wird nun
-zur Ausscheidung der Fasern mit Wasser vermischt und durch ein Sieb in
-einen andern Trog gegossen. Nachdem sich das Stärkemehl auf dem Boden
-niedergeschlagen hat und das Wasser abgelassen wurde, wird es in den
-ersten Trog zurückgeschaufelt, mit Wasser vermischt und nochmals durch
-das Sieb getrieben. Dieses Verfahren wird ein drittes und manchmal
-noch ein viertes Mal wiederholt. Dann ist die Reinigung vollzogen und
-das Stärkemehl für den Gebrauch für die Eingeborenen fertig, die sich
-fladenartige, dünne Brote daraus herstellen und sie als Zukost zu ihren
-Fischen oder anderer tierischer Kost essen.
-
-Zur Herstellung des +Sagos+ -- das Wort stammt aus dem Malaiischen und
-heißt eigentlich ~sagu~, was „eßbares Mehl“ ohne nähere Bezeichnung
-der Herkunft bedeutet -- wird das sich nach dem Schlämmen absetzende
-Mehl, wenn halb getrocknet, zerstoßen und durch ruckweises Hin- und
-Herschütteln in einem Tuche, das an zwei von der Decke des Schuppens,
-in dem die Zubereitung stattfindet, herabhängenden Seilen befestigt
-ist, zu kleinen, als „Perlen“ bezeichneten Kügelchen geformt. Die diese
-Arbeit verrichtenden Leute müssen besonders geschickt sein, da von der
-Art des Schüttelns die Größe der Sagokügelchen abhängt. Diese werden
-dann durch Siebe mit verschiedenen Maschen gesondert, in heißen Schalen
-unter beständigem Rühren schwach geröstet und dann, auf großen Öfen
-ausgebreitet, bei mäßiger Hitze vollständig getrocknet. Der Sagoertrag
-eines einzelnen Baumes schwankt je nach der Gründlichkeit der Gewinnung
--- meist ist sie eine sehr oberflächliche -- zwischen 200 und 350 kg.
-Die Gesamtmenge des jährlich von Singapur aus in den Handel gebrachten
-Sagos wird auf 50 Millionen kg berechnet. Noch weit mehr konsumieren
-die Eingeborenen, die zum großen Teil davon leben.
-
-Die Sagopalme wird besonders in sumpfigen Talgründen, den Wasserläufen
-entlang, angepflanzt. Eine kräftige Sagopalme erzeugt 300-400 kg
-Stärkemehl. Dabei erneuert sich die Anlage von selbst, indem man von
-jedem Baum, nachdem er gefällt ist, einen Schößling treiben läßt,
-der seine Stelle einnimmt. Dieser ist meist nach 8 bis 10 Jahren
-schlagreif und verlangt keinerlei Pflege. Die ersten Sagoproben
-brachte der weitgereiste Venezianer Marco Polo (1256-1323) 1295 nach
-Venedig. Aber erst durch die Portugiesen kam die Ware seit dem 16.
-Jahrhundert in den Handel. Da man aber in neuerer Zeit fand, daß Sago
-nur ein reines Stärkemehl ist, so bereitet man aus dem Stärkemehl
-der Kartoffel deutschen Sago, der denselben Nährwert besitzt. Jetzt
-wird die Sagopalme außer in ihrer Heimat noch an vielen Orten der
-Tropen, besonders auch in Westindien, kultiviert. In derselben Weise
-werden auch verschiedene Verwandte des echten Sagobaumes ausgebeutet.
-Ein minderwertiges, nicht in den Handel gelangendes Sago gewinnt man
-übrigens auch aus dem Marke der kürzeren, plumpen Stämme verschiedener
-+Farnpalmen+, deren einfach gefiederte, große, lederartige Blätter an
-Stelle der eigentlichen Palmenwedel unter dem Namen Palmenzweige bei
-Leichenfeierlichkeiten verwendet werden.
-
-Eine der berühmtesten Palmen ist die 20-25 m hohe fächerblättrige
-ostindische +Talipotpalme+ (~Corypha umbraculifera~), die in den
-feuchtesten Strichen Ceylons und des Festlandes wächst und zur
-leichteren Wasserverdunstung gewaltige Blätter von 7-8 m Länge und
-5-6 m Breite entwickelt. Unter einem solchen Blatte können zehn
-Personen mit Leichtigkeit Platz und Schutz finden. So ist es nicht
-zu verwundern, daß die Eingeborenen sich aus ihr sehr zweckmäßige
-Sonnen- und Regenschirme herstellen, die sich die Vornehmen unter
-ihnen, besonders die Häuptlinge, von ihren Dienern über den Kopf halten
-lassen. Auch zum Decken der Häuser werden sie benutzt, während die
-Blattknospen als Palmkohl gegessen werden und man aus dem Stamm eine
-geringe Sorte Sago gewinnt. Jahrzehnte hindurch sammelt diese Palme
-das nötige Nährmaterial, um am Ende ihres Lebens den außerordentlich
-mächtigen, Tausende von weißen Blüten tragenden, reich verzweigten
-Blütenstand hervorzubringen und dann, nach der Fruchtbildung,
-abzusterben. Auf die in Längsstreifen gespaltenen Blätter ritzen
-die Inder und Singhalesen mit eisernen Griffeln ihre Schrift ein.
-Alle heiligen Schriften der Buddhisten Ceylons bestehen aus solchem
-Schreibmaterial, das zu Büchern aufeinandergelegt und durch Schnüre
-zusammengefaßt wird. Die Blattfasern dienen zu Stricken usw. Das weiche
-Holz des Stammes wird kaum benutzt, dagegen dient das innere Mark
-besonders in Zeiten der Not zur Gewinnung von Sago. Ähnlich, nur noch
-vielseitiger, ist die Verwendung der nahe verwandten +Gebangpalme+
-(~Corypha gebanga~) der Sundainseln. Eine andere Verwandte, die
-ebenfalls in Vorder- und Hinterindien heimische +Kitulpalme+ (~Caryota
-urens~) liefert namentlich Fasern und durch Ausschneiden der sich zum
-Auftrieb bereitenden Blütenstände einen süßen Saft in solcher Menge --
-bis über 50 Liter in 24 Stunden --, daß nicht nur Palmwein, sondern
-durch Eindampfen auch bräunlicher Palmzucker (~tschakara~) daraus
-gewonnen wird.
-
-Zur Palmweingewinnung von etwas geringerer Güte dient auch eine andere
-Fächerpalme, die überall im feuchtwarmen Gebiete des tropischen Afrika
-als +Delebpalme+ und in Südasien und der asiatischen Inselwelt in einer
-wenig verschiedenen Abart als +Palmyrapalme+ (~Borassus flabellifer~)
-gedeiht. Die stattliche, durchschnittlich 20 m Höhe erreichende Palme
-ist in ihrer afrikanischen Abart dadurch ausgezeichnet, daß der
-Stamm in seinem oberen Teile bauchig angeschwollen ist, was bei der
-südasiatischen Form durchaus fehlt, indem der Stamm der letzteren
-durchwegs zylindrisch ist und sich nach oben hin etwas verjüngt.
-Sie ist wie die meisten Palmen von der größten Nützlichkeit für die
-Eingeborenen, die alles an ihr benutzen. Neben der Kokospalme ist
-sie, die von den Malaien ~lontar~ genannt wird und durch die ganze
-indonesische Inselwelt bis Neuguinea vorkommt, die Hauptnutzpalme
-besonders Ostindiens, und ein uraltes indisches Lobgedicht auf sie
-zählt nicht weniger als 801 Nutzanwendungen von ihr auf. Sie ist für
-Ostindien deshalb so bedeutsam, weil sie dem Menschen gerade dann
-einen bedeutenden Teil seiner Nahrung liefert, wenn Reis und andere
-Lebensmittel hoch im Preise stehen, die Produkte der Palmyrapalme aber
-billig sind, da sie umsonst aus den Wäldern gewonnen werden können. Sie
-wird auch eigens zur Nahrung kultiviert und die jungen Keime werden
-als wohlschmeckendes Gemüse (Palmkohl) gern gegessen. Aus dem Marke
-gewinnt man Sago. Die kokosnußähnlichen Früchte von der Größe eines
-Kinderkopfes dienen Menschen und Vieh zur Nahrung. Sie werden roh und
-geröstet gegessen und sind für Millionen Inder eine Hauptnahrung.
-
-Durch das Abschneiden der noch von den Scheiden umgebenen jungen
-Kolben der männlichen Bäume wird der Toddy genannte Palmwein gewonnen.
-Man beginnt von der Spitze her von diesen Kolben dünne Scheiben
-abzuschneiden; dabei tritt ungefähr acht Tage nach dem ersten Schnitt
-das Ausfließen des Saftes ein, welches so lange anhält, bis der ganze
-Kolben weggeschnitten ist, was vier bis sechs Monate dauert. Man kann
-daraus entnehmen, welche große Mengen süßen Palmsaftes auf diese Weise
-gewonnen werden. Durch Einkochen desselben und Behandeln mit Kalk
-wird brauner Palmzucker, von den Eingeborenen ~tschakara~ genannt,
-hergestellt.
-
- Tafel 29.
-
-[Illustration: Blühende Talipotpalme auf Ceylon.]
-
- Tafel 30.
-
-[Illustration: Junge Seychellenpalme im botanischen Garten von
-Buitenzorg auf Java.
-
-Vorn ~Victoria regia~ und hinten ein afrikanischer Leberwurstbaum
-(~Kigelia africana~) im botanischen Garten von Buitenzorg auf Java.]
-
-In den jungen, noch nicht reifen Früchten ist das Nährgewebe der Samen
-gallertartig weich und wohlschmeckend. Das harte, hornartige Nährgewebe
-der reifen Frucht ist ebenfalls eßbar, wenn es durch Fermentwirkung
-bei der Keimung weich geworden ist. Zu diesem Zwecke läßt man die
-Samen ankeimen, indem man sie in lockere Erde gräbt. Meist jedoch wird
-der keimende Samen seiner Entwicklung zum Keimpflänzchen überlassen;
-wenn dieses dann die Größe einer kräftigen Mohrrübe erreicht hat,
-liefert es in verschiedener Zubereitung eine schmackhafte Speise.
-Namentlich die inneren, zarteren Teile des Keimpflänzchens, das
-sogenannte Herz, werden wegen ihrer zarten Beschaffenheit zum Essen
-bevorzugt. Die jungen, weißlichen Blätter dienen als Schreibmaterial,
-während die älteren grünen Blätter in ähnlicher Weise wie diejenigen
-der Fächerpalmen zu Matten, Körben, Säcken, Hüten, Fächern und zur
-Bedeckung der Hütten benutzt werden. Das durch seine Härte und
-Dauerhaftigkeit, besonders seine Widerstandskraft gegen die sonst
-kaum eine pflanzliche Substanz verschonenden Termiten ausgezeichnete
-Holz älterer Bäume dient zum Hausbau und wird als Tischlerholz zu
-allen nur erdenkbaren Gegenständen verarbeitet. Aus den dunkelfarbigen
-Rindenschichten älterer Bäume werden in Europa Spazierstöcke und
-mancherlei Drechslerwaren verfertigt. Das Holz jüngerer Bäume dagegen,
-das nur in den äußeren Teilen des Stammes sehr hart ist, wird, nachdem
-man den weichen inneren Teil entfernt hat, zu Wasserröhren, Dachrinnen
-usw. benutzt. Die Blattscheiden endlich liefern einen sehr wertvollen
-Faserstoff, der als Borassus- oder Palmyrapiassave in den Handel kommt.
-
-Auch bei der in den Wäldern Ostafrikas, Ostindiens und Indonesiens
-bis zu den Molukken heimischen +echten Zuckerpalme+ (~Arenga
-saccharifera~), in Malabar Gomutipalme genannt, die 16-19 m hoch wird
-und 6,5-8 m lange Blätter treibt, besteht der Hauptnutzen im süßen,
-durch Abschneiden der jungen Blütenkolben, selten durch Einschnitte
-in den Stamm in Menge gewonnenen Saft, den man zur Herstellung eines
-stark berauschenden Palmweins, noch häufiger aber durch Einkochen zur
-Gewinnung eines dunkeln Palmzuckers benutzt. Aus dem Mark bereitet
-man eine Art Sago. Zwischen dem Ursprung der Blattstiele stehen
-roßhaardicke schwarze Fasern, die als Gomutifasern oder Ejuh in den
-Handel gelangen und zur Herstellung von Schnüren, Segeln, Ankertauen
-und Besen verwendet werden. Ihre mit Zucker eingemachten unreifen
-Früchte gelten in Cochinchina als Leckerbissen, aber das saftige
-Fleisch der reifen Steinfrüchte ist so brennend, daß die Lippen
-davon anschwellen. Auch das rote Fruchtfleisch der kastaniengroßen
-Früchte der vorhin erwähnten, bis 16 m hohen ostindischen +Kitulpalme+
-(~Caryota urens~), mit bis 6,5 m langen doppeltgefiederten Blättern,
-kann wegen des heftigen Brennens, das sie im Munde verursachen, in
-reifem Zustande nicht genossen werden.
-
-Außerordentlich beliebt bei den Malaien und in wenigen Dörfern
-Javas, Sumatras und Borneos fehlend, ist die +Salakpalme+ (~Zalacca
-edulis~), eine stammlose, buschige Palme mit großen, stacheligen
-Fiederblättern. Die Blätter dienen zum Dachdecken, und die mit einem
-braunroten Schuppenpanzer umgebenen eiförmigen Früchte bergen drei von
-einer weichen, weißen Fruchtmasse eingehüllte Samen. Deren angenehm
-säuerliches, etwas zusammenhängendes Fruchtfleisch wird roh, mit Zucker
-oder gekocht gegessen. Oft bezahlen die Malaien dafür sehr hohe Preise.
-
-Eine niedrige Schirmpalme, welche vielfach als Topfpflanze bei
-uns kultiviert wird, ist die in China heimische und früh nach der
-Insel Bourbon verpflanzte ~Livistona chinensis~, deren Früchte, die
-+Latanenäpfel+, unter der dünnen sich leicht ablösenden Schale ein
-schmackhaftes Fleisch enthalten.
-
-Eine der Hauptnahrungspflanzen der süd- und mittelamerikanischen
-Indianer ist die bei einer Stammdicke von 13-21 cm 25-29 m hoch
-werdende +Pupunhapalme+ (~Guilelmia speciosa~) mit 2-2,3 m langen
-Blättern. Deren Früchte bilden gekocht und geröstet eine sehr
-wichtige Speise der Eingeborenen, weshalb sie den Baum um ihre Hütten
-anpflanzen. Aus den Samen wird auch Palmöl gewonnen. Dieser Fruchtbaum
-der tropischen Waldgebiete Amerikas steht schon so lange in der Kultur
-des Menschen, daß er nur noch durch Schößlinge fortgepflanzt werden
-kann.
-
-Gleicherweise liefern die Früchte der auf dem Gebiet von
-Britisch-Honduras große Wälder bildenden +Cohunepalme+ (~Attalea
-cohune~) das dem Kokosnußöl bei weitem vorgezogene Cohuneöl, das
-bei 24° C. gerinnt. Diese schöne Palme bringt nur +eine+ Ernte im
-Jahre hervor, gewöhnlich aus 700-800 Früchten bestehend. Wenn die
-Früchte von den Bäumen gefallen sind, werden sie gesammelt und in
-sehr roher Weise zur Ölgewinnung benutzt. Ihre sehr harten Schalen
-werden mit einem Stein aufgeschlagen und die Kerne in einen hölzernen
-Mörser geworfen, in dem sie zerstoßen werden. Die dabei entstehende
-Masse wird in Kesseln gekocht und das an die Oberfläche kommende Öl
-abgeschöpft. In unreifem Zustande enthalten die Früchte eine kühle,
-angenehm schmeckende Flüssigkeit, die sehr abführend wirkt. Hat sich
-diese Flüssigkeit zu einem weichem Kern verdichtet, so wird derselbe
-zerstoßen, mit wenig warmem Wasser übergossen und durch ein Tuch
-geseiht. Die erhaltene milchige Flüssigkeit dient zur Vermischung mit
-Kaffee und zur Herstellung einiger Gerichte. Aus dem süßen Safte der
-Palme wird ein weinartiges Getränk bereitet. Die bis 9 m langen Blätter
-mit 1 m langen Fiedern dienen zur Bedachung der Hütten.
-
-Auch aus den eßbaren Früchten der brasilischen ~Alfonsia oleifera~ und
-noch mehr aus denjenigen der westindischen +Macahubapalme+ (~Acrocomia
-sclerocarpa~) wird ein sehr wohlriechendes Öl gewonnen, das vielfach
-zur Fabrikation von feinen Toilettenseifen Verwendung findet. Letztere
-Palme ist 6-12 m hoch; ihr Stamm verdickt sich am Grunde etwas und
-wird von 3-5 m langen, lebhaft grünen Blättern gekrönt, die mit
-braunen Stacheln bewehrt sind. Die kugeligen, olivengrünen Früchte
-von der Größe einer Aprikose enthalten einen sehr harten Kern, der
-eine schöne Politur annimmt und deshalb vielfach von den Negern zu
-Schmucksachen verarbeitet wird. Um das Öl zu erhalten, werden die Samen
-leicht geröstet und in einer Mühle zu Brei zerrieben. Derselbe wird
-schwach erwärmt, zu einem Viertel seines Gewichts mit kochendem Wasser
-vermischt und in einen Sack gebracht, der zwischen zwei erwärmten
-Eisenplatten gepreßt wird. Das erhaltene Öl reinigt man, indem man es
-kocht und filtriert. Nach dieser Behandlung hat es die Beschaffenheit
-von Butter, ist goldgelb gefärbt, riecht veilchenähnlich und besitzt
-einen süßlichen Geschmack. Es dient meist als Speisefett und kommt auch
-nach Europa. In verschlossenen Gefäßen läßt es sich lange aufbewahren.
-Der Luft ausgesetzt, verliert es bald seine schöne gelbe Farbe und sein
-angenehmes Aroma.
-
-In sumpfigen Niederungen des Amazonenstroms und sonst in Brasilien
-wächst die bis 30 m hohe +Assaipalme+ (~Euterpe oleracea~), die
-schlehenartige Früchte zeitigt. Diese werden, wenn reif, in irdene
-Töpfe gelegt und mit warmem Wasser übergossen, das bald eine purpurne
-Färbung annimmt. Nach einer Stunde wird der größte Teil des Wassers
-abgegossen, etwas kaltes Wasser hinzugefügt und das inzwischen weich
-gewordene Fruchtfleisch mit den Händen zerdrückt. Sind die grünlichen
-Steine entfernt, so wird die rahmartige Flüssigkeit durch ein Sieb
-getrieben und ist zum Genusse fertig. Als ~assai~ wird es überall in
-den Ortschaften von Straßenverkäufern feilgeboten. Außerdem werden die
-Blattknospen aus dem Innern der Blattscheiden gekocht als Gemüse oder
-roh als Salat (Palmkohl) feingeschnitten und mit Öl und Essig gemischt
-gegessen. Die Stämme dienen häufig zu Pfählen und Palisaden.
-
-Weiter ist die brasilische +Wein-+ oder +Mostpalme+ (~Oenocarpus
-bacaba~), die in ihrer Heimat überall um die Wohnungen der Eingeborenen
-angepflanzt wird, von Wichtigkeit, da die gekochten und gepreßten
-Früchte viel süßes Öl zum Küchengebrauche und zum Brennen und außerdem
-ein beliebtes weinartiges, von den Indianern ~bakaba~ genanntes Getränk
-liefern. An Nützlichkeit wird sie noch von der in Nordbrasilien und im
-Orinokogebiet heimischen +Moritzpalme+ -- nach dem 1665 gestorbenen
-Prinzen Moritz von Nassau, einem Beförderer der Botanik so genannt
--- (~Mauritia vinifera~) übertroffen, deren bis über 32 m hoher und
-0,3-0,6 m dicker Stamm innen schwammig-weich ist und eine Art Sago
-liefert, der in Scheiben geschnitten eine brotähnliche Speise gibt.
-Fleisch und Kern der hühnereigroßen Früchte werden gegessen, der
-durch Abschneiden der unentwickelten Blütenscheiden gewonnene süße
-Saft liefert den betäubenden Palmwein der Guaraniindianer, während
-die Oberhaut der Blätter vortreffliche Schnüre und Netze gibt und der
-äußere Teil des Stammes als Nutzholz dient. Nach Alexander von Humboldt
-ernährt diese Palme ausschließlich die im Mündungsgebiet des Orinoko
-lebenden wilden Stämme der Guarani, welche sich Hängematten aus den
-Blattstielen machen und dieselben zwischen den Stämmen ausspannen,
-um in der Regenzeit, wenn das Mündungsgebiet des Flusses weithin
-überschwemmt ist, ganz auf diesen Bäumen zu leben.
-
-Nicht weniger nützlich ist für die Eingeborenen Chiles die +chilenische
-Palme+ (~Jubaea spectabilis~), die einzige Palme Chiles und die
-südlichste Amerikas, die auf ein kleines Gebiet der Küstenkordillere
-vom Meeresstrand bis 800 m Höhe beschränkt ist. Sie erreicht 25 bis
-28 m Höhe bei einem Stammdurchmesser von 1-2 m. Diese dickste
-aller Palmen der Erde besitzt eine Krone von 50-60 2,5 m langen
-Fiederblättern. Sie blüht erst in einem Alter von 60 Jahren, und
-zwar fällt der Beginn der Blütezeit in den Oktober, den chilenischen
-Frühling. Dann platzt die Hülle, die den Blütenstand einschließt, mit
-lautem Knall. Der darin geborgene fleischige Blütenkolben entfaltet
-gegen hundert Zweige, die zugleich mit männlichen und weiblichen
-strohgelben, etwas rötlichen Blüten besetzt sind. Aus den weiblichen
-entwickeln sich walnußgroße, apfelgelbe Steinfrüchte, deren den Kern
-umhüllendes Fruchtfleisch an den Geschmack der Mispel erinnert. Die
-Samenkerne, ~coquitos~ genannt, von denen ein einziger Baum in einem
-guten Jahr 10000 zur Reife bringt, dienen als Ersatz für Mandeln und
-sind namentlich in Peru sehr begehrt. Wie von allen Palmen werden
-auch von ihr alle Teile ausgenutzt. Aus den Fasern des Stammes wird
-eine zur Bedachung der Häuser geeignete Pappe gemacht, aus den
-Fiedern der Blätter verfertigt man Körbe und Flechtwerk aller Art,
-oder zerschleißt sie zu Polsterungsmaterial, die Mittelrippen werden
-nach Europa exportiert und dort zu Spazierstöcken verarbeitet, aus
-dem Stamme jedoch, wobei die Palme geopfert wird, gewinnt man den zu
-Konfitüren der häuslichen Küche unentbehrlichen Palmenhonig (~miel de
-palma~). Bestellt man in einem Restaurant Chiles beispielsweise einen
-Pfannkuchen, so fragt der Kellner, der ihn serviert: „mit Zucker oder
-Palmenhonig?“ Der Chilene zieht letzteren vor, der sich alsdann aus
-der angebohrten Blechbüchse in dünnem, aber zähem gelbbraunen Strahl
-auf das Gebäck ergießt. Zur Gewinnung dieses Palmenhonigs werden die
-in Mittelchile noch in größeren Beständen wachsenden Palmen bevor der
-Frühlingstrieb erfolgt in der Weise an der Wurzel gefällt, daß sie noch
-durch einen Teil des Stammes mit dem Erdreich in Verbindung bleiben.
-Dann wird das oberste Stammende nach Entfernung der Krone gekappt
-und ein Gefäß darunter gestellt. Während des 6-8 Monate andauernden
-Ausflusses von süßem Saft liefert sie insgesamt 300-400 Liter
-desselben. Dabei muß nur von Zeit zu Zeit für eine neue Schnittfläche
-gesorgt werden, da sich die alte mit der Zeit verstopft. Der Saft wird
-dann auf Sirupdicke eingekocht. Eine Palme liefert 60-100 Liter Honig.
-
-Im Innern Afrikas ist die +äthiopische Fächerpalme+ (~Borassus
-aethiopum~), deren Stamm im zweiten Drittel angeschwollen ist, häufig
-und wird auch teilweise von den Negern angepflanzt, da ihre kopfgroßen,
-2-2,5 kg schweren Nüsse ihnen allgemein zur Nahrung dienen und
-teilweise so wichtig sind wie die Datteln den Arabern. Auch die Triebe
-der jungen Sämlinge werden roh gegessen.
-
-Verwandt mit ihr und der Deleb- beziehungsweise Palmyrapalme (~Borassus
-flabellifer~) ist die im Westgebiet des Indischen Ozeans heimische
-+Seychellenpalme+ (~Lodoicea seychellarum~). Sie selbst ist noch
-nicht sehr lange bekannt, während ihre bis 40 cm langen und 10 bis
-13 kg schweren, vortrefflich zum Schwimmen über weite Meeresstrecken
-eingerichteten, seltsam zweilappigen Früchte, deren Nährgewebe wie
-dasjenige der Kokosnüsse schmeckt und gerne verspeist wird, schon im
-Mittelalter in Indien und Hinterindien bekannt waren. Aus unbekannter
-Ferne fand man sie bisweilen am Strande der Küste Vorderindiens
-oder der vorgelagerten Inselgruppe der Malediven angeschwemmt. Kein
-Mensch wußte zu sagen, woher diese merkwürdigen Gebilde kamen, und
-so bildete sich die Sage aus, daß sie als eine Zauberfrucht am
-Grunde des Meeres wüchsen. Deshalb nannte man sie Meerkokosnüsse
-oder Wundernüsse Salomos, auch maledivische Nüsse, weil sie zumeist
-von den Malediven nach dem indischen Festland in den Handel kamen.
-Auf den Malediven mußte jede solche entdeckte Nuß als Eigentum des
-Fürsten bei Todesstrafe sofort diesem gebracht werden, der sie dann
-verschenkte oder verkaufte. Ihrer großen Seltenheit und geheimnisvollen
-Herkunft entsprechend galt sie als ganz außerordentlich wertvoll und
-man schrieb ihr die wunderbarsten Wirkungen zu. Besonders die Malaien
-ließen sich daraus kostbare, wundertätige Trinkgefäße schnitzen. 1602
-brachte der holländische Admiral Hermanson zuerst eine solche Nuß, die
-er von einem indischen Fürsten geschenkt erhalten hatte, nach Europa,
-wo ihr dieselben wunderbaren Kräfte wie in Indien zugeschrieben wurden.
-Kaiser Rudolf II. (1552-1612) bezahlte für einen daraus geschnitzten
-Becher, der als zauberkräftiger Talisman galt und heute noch in der
-Schatzkammer des Kaiserhauses in Wien aufbewahrt wird, nicht weniger
-als 4000 Goldgulden (im heutigen Werte von über 12000 Mark), eine
-für die damalige Zeit ganz ungeheure Summe. Erst im Jahre 1769 wurde
-gelegentlich einer vom Herzog von Praslin angeordneten Untersuchung
-der Seychellengruppe auf einer winzig kleinen, nach Praslin benannten
-Insel die Mutterpflanze in Gestalt der bis 40 m hohen Palme mit 7 m
-langen und 4 m breiten Blattwedeln gefunden, und 1770 brachte ein
-unternehmender französischer Kauffahrer diese Meernüsse in Menge
-nach Kalkutta, wo er sehr gute Geschäfte damit machte. Später kamen
-sie vielfach als Kuriosität in europäische Sammlungen. Daß die
-Mutterpflanze getrenntgeschlechtig ist und nicht in dichten Beständen,
-sondern zwischen den übrigen Urwaldbäumen zerstreut wächst, trägt nicht
-wenig dazu bei, daß ihre Vermehrung nur überaus langsam fortschreitet.
-Zudem brauchen die Früchte nicht weniger als sieben Jahre zum Reifen.
-Erst ein Jahr nach dem Pflanzen derselben erscheint der Keimling, der
-oft mehrere Meter unter der Bodenoberfläche dahinkriecht, bis er nach
-oben hervorbricht. Bis ein Baum Blüten trägt, vergehen 30-40 Jahre.
-
-[Illustration: Bild 15. Nuß der Seychellenpalme (~Lodoicea
-seychellarum~). Nach dem Original im Baseler botanischen Institut.]
-
-In Oberägypten häufig ist die 8-9,5 m hoch werdende +Dumpalme+
-(~Hyphaene thebaica~), eine der wenigen Palmen, deren Stamm
-sich 3 bis 4mal gabelt. Sie kommt in verschiedenen Arten in ganz
-Afrika vor. Die etwa die Größe und Form einer Birne erreichenden
-bräunlichgelben, völlig glatten Früchte besitzen um die harten
-Samen ein süßes, wohlschmeckendes Fruchtfleisch, das besonders die
-Affen und Elefanten, aber auch die Menschen sehr lieben. In manchen
-Gegenden, so beispielsweise im Ambolande, bilden die Früchte dieser
-„Pfefferkuchenpalmen“ ein sehr wichtiges Nahrungsmittel. Auch in
-Ägypten gelangen sie heute noch wie zur Zeit der ältesten Dynastien zum
-Verkauf. Die alten Ägypter aßen sie mit Vorliebe und gaben sie ihren
-Toten als Wegzehrung mit. So finden wir sie häufig als Grabbeigaben,
-besonders der 12. Dynastie seit dem Beginne des vorletzten Jahrtausends
-v. Chr. Die Dumpalme hieß bei den Ägyptern ~mama~ und deren Früchte
-~kuku~. Aus den Blättern wurden Sandalen hergestellt, deren sich
-mehrere erhielten, so eine im Museum in Florenz.
-
-Eine neuerdings auch bei uns eingeführte, äußerst wertvolle
-Tropenfrucht sind die +Bananen+ oder +Paradiesfeigen+, auch +Pisang+
-genannt. Diese mit den Liliengewächsen verwandten Pflanzen stellen
-die Riesen unter den Stauden dar, indem ihr krautiger, nach außen
-ausschließlich von dicken Blattscheiden gebildeter Stamm 6 bis zu
-10 m Höhe erreicht. Nur wenn die Pflanzen als Abschluß ihres Daseins
-zur Blüte gelangen, durchwächst dann im Innern ein solider Körper als
-sogenannter Krautstamm den Stengel. Die außerordentlich großen, 3-4 m
-langen und 60-90 cm breiten, saftig grünen Blätter besitzen eine sehr
-starke Mittelrippe, von der sich parallele Seitennerven abzweigen,
-zwischen denen sie der Wind oft arg zerschlitzt.
-
-Die Bananenstaude bringt nur +ein+ Fruchtbüschel hervor, das aber
-mit seinen Früchten 30-50 kg schwer wird und 60-100, bei einigen
-Abarten bis 300 Einzelfrüchte enthält. Nachdem die Frucht gereift
-ist, stirbt die Pflanze ab. Die Blüten brechen nach Beendigung des
-Größenwachstums der Pflanze hervor und sitzen an einem bis 1,5 m
-langen, meist hängenden Kolben, und zwar in 12-16 Ringen von je 15-20
-fruchtbaren weiblichen Blüten, von denen jede mit einem großen, roten,
-blauen oder violetten Deckblatte umgeben ist. Diejenigen der oberen
-Scheiden, die am weitesten herabhängen, sind männlich und fallen nach
-dem Verblühen samt den Blätterscheiden ab, während der Achsenteil, an
-dem sie befestigt waren, erhalten bleibt und auch später noch weit über
-den reifen Fruchtstand hinausragt. Dann folgen einige unfruchtbare
-Zwitterblüten und darunter erst die fruchtbaren weiblichen, die nach
-der Befruchtung die 20-30 cm langen und 5-8 cm dicken, schön gelb bis
-rot gefärbten, sechskantigen, nicht aufspringenden Früchte hervorgehen
-lassen. Diese gurkenförmig länglichen, sichelförmig gekrümmten,
-ursprünglich dreifächerigen, weichen Beeren weisen bei sämtlichen
-kultivierten Sorten als Zeichen einer uralten Kultur, bei der alles
-Gewicht auf die möglichst reiche Entwicklung des Fruchtfleisches
-gelegt wurde, keinerlei Samen mehr auf, so daß diese Kulturpflanze
-sich nur noch durch Stecklinge fortpflanzt. Bei der wildwachsenden
-südasiatischen Stammpflanze sind sie gedrückt kugelig, während sie bei
-den kultivierten Arten zugunsten des Fruchtfleisches unterdrückt wurden
-und nur noch als dunkle Punkte zu erkennen sind. Die Bananenfrüchte
-schmecken, wie sich ein jeder von uns wohl selbst zu überzeugen
-vermochte, wie mehlige, sehr aromatische Birnen und besitzen einen
-außerordentlich hohen Nährwert.
-
-Mit der vollständigen Entwicklung der Blüte hat das Wachstum der Banane
-sein Ende erreicht, mit der Reife der Früchte stirbt der Schaft und
-wird vom Menschen umgehauen, entwickelt aber neue Nebensprossen. Die
-Lebensdauer beträgt je nach Boden, Klima und Eigenschaft der Spielart 9
-Monate bis 3 Jahre, ist aber unter günstigen Lebensverhältnissen meist
-nicht länger als 12-14 Monate. Beträgt sie unter dem Äquator 9 Monate,
-so nimmt dieser Zeitraum in demselben Verhältnisse zu, je weiter vom
-Äquator entfernt die Kultur dieser Obstpflanze getrieben wird.
-
- Tafel 31.
-
-[Illustration: Die aus dem südlichen China stammende Fächerpalme
-~Livistona chinensis~ mit Früchten in einem Garten in Kamerun. Die auch
-als Latanenäpfel bezeichneten Früchte besitzen unter der dünnen, sich
-leicht ablösenden Schale ein schmackhaftes Fleisch. Diese Palme wird
-wie andere niedere Schirmpalmen häufig als Zimmerpflanze kultiviert.]
-
- Tafel 32.
-
-[Illustration: Bananenpflanzung auf Jamaika.
-
-Verladung von Bananen ins Schiff auf Jamaika.]
-
-Der +gemeine Pisang+ (~Musa paradisiaca~) hat einen schlankeren Wuchs,
-schmalere Blätter und längere, aber weniger schmackhafte Früchte als
-der +Bananenpisang+ oder die eigentliche +Banane+ (~Musa sapientum~).
-Von beiden Arten gibt es sehr viele Varietäten (in Amerika allein
-440), neben +Obstbananen+ auch solche, die sich nur zum Kochen und
-Backen eignen. Man nennt diese +Mehlbananen+. Aus ihnen, die roh ein
-herbes Fruchtfleisch aufweisen und nur gekocht schmecken, kann ein
-Mehl erhalten werden, daß in einigen Gegenden Afrikas, z. B. am Albert
-Edward Nyansa, ein wichtiges Nahrungsmittel bildet. Anderswo wird
-aus den unreifen Bananen ein Mehl bereitet, aus dem man Bananenbrot
-bäckt. In manchen Gebieten Afrikas ernährt sich die Bevölkerung beinahe
-ausschließlich von Bananen, und auch in Mittel- und Südamerika wie
-auch auf den Südseeinseln bilden sie roh, geröstet oder gekocht die
-Hauptnahrung des Menschen. Aus dem Safte der sehr zuckerhaltigen
-Obstbanane wird auch ein sehr angenehmes, kühlendes Getränk von
-weinartigem Geschmack hergestellt, das frisch süß und moussierend
-schmeckt, bei längerem Stehen jedoch säuerlich wird und durch
-alkoholische Gärung stark berauschend wirkt. Um diesen Bananenwein
-noch stärker und gehaltreicher zu machen, wird ihm vielfach, so in
-Ostafrika, geröstetes Kafferkorn oder Durra (~Andropogon sorghum~) mit
-Wasser beigefügt. Das Herz, d. h. das Mark des Stammes und die jungen
-Schosse dienen in der mannigfaltigsten Zubereitung als beliebte Speise,
-die saftigen Blattscheiden und der noch nicht erhärtete Wurzelstock
-werden von den Negern gegessen und aus dem Schafte der Blätter, der als
-Wasserreservoir dient, kann ein trinkbares Wasser herausgepreßt werden.
-Im Süden Chinas werden die Blüten zu einem geschätzten Salat verwendet.
-Die großen Blätter dienen zum Decken der Hütten, zu Sonnenschirmen, als
-Teller zum Auftragen der Speisen und dergleichen. Einige Male langsam
-durch die Glut eines gelinden Feuers hin- und hergezogen, werden sie
-weich und geschmeidig wie Papier und dienen dann als ein vorzügliches,
-wasserdichtes Packmaterial, in denen man beispielsweise die Tabake von
-Manila versendet. Die Blattscheiden enthalten Fasern, die seit den
-ältesten Zeiten zu Matten, Stricken und anderem Flechtwerk, sowie zu
-Geweben und zu Zunder verwendet werden. Aus dem Schafte aber wird eine
-Art Hanf bereitet, der auf den Philippinen von der dort zur Gewinnung
-des sogenannten Manilahanfes in ausgedehntem Maßstabe gepflanzten
-Faserbanane (~Musa textilis~), in Vorderindien und in Ozeanien, auch
-von ~Musa sapientum~, auf den Antillen, in Guiana und Angola von ~Musa
-paradisiaca~ und in Neusüdwales auf der vor kurzer Zeit aus Abessinien
-dort eingeführten ~Musa ensete~ gewonnen wird.
-
-Da nun der Schaft der Banane nach der Bildung der Früchte allmählich
-abstirbt, keimfähige Samen aber nicht ausgebildet werden, so beruht
-die Erhaltung und Vermehrung der Art allein auf der Tätigkeit
-des Wurzelstocks, der sich durch die reichliche Entwicklung von
-Seitensprossen, sogenannten Schößlingen, auszeichnet. Hat eine
-Banane Frucht getragen, so wird sie meist über der Wurzel abgehauen,
-um das Mark derselben zum Essen zu verwenden. Von den während der
-Entwicklung des Schaftes, bis die Fruchtbildung sich vollzogen hatte,
-unterdrückten Schößlingen läßt man gewöhnlich nur zwei gegen das Ende
-der Fruktifikation des Hauptstammes zur Weiterentwicklung gelangen und
-schlägt dann den schwächeren mit dem ausgedienten Haupttrieb ab. Die
-Vermehrung der Bananen erfolgt ausschließlich durch solche Schößlinge,
-welche man in der Nähe ihrer Basis von der Mutterpflanze abschneidet
-und in mit altem, gerottetem Mist gedüngte, etwa 30 cm tiefe
-und ebenso breite Pflanzlöcher steckt, wo sie so weit mit Erde bedeckt
-werden, daß nur etwa 5 cm des Schößlings frei herausragt.
-
-Die Banane stellt eine der schönsten und anmutigsten Pflanzenformen
-dar, die neben den Palmen das Hauptmotiv jeder vom Menschen bewohnten
-Tropenlandschaft bildet und überall um die Hütten der Eingeborenen
-gepflanzt wird. Als ursprüngliche Küstenpflanze liebt sie die von der
-Seeluft erreichte Niederung. Nicht als ob sie nur in der Nähe des
-Meeres fortkäme; sie erreicht aber da ihre üppigste Entwicklung. Außer
-Wärme und Feuchtigkeit, die um so größer sein müssen, je höher die
-betreffende Spielart wird, verlangt sie einen geschützten Standort;
-denn ihr schlimmster Feind ist der Wind, der ihre großen Blätter bis
-auf die Mittelrippe in lauter schmale Streifen spaltet. Wenn nun
-dieser Vorgang immer wieder, bei allen sich neu entwickelnden Blättern
-wiederholt wird, so büßt die Staude sehr an der Fähigkeit ein, Früchte
-zu erzeugen und verliert sie schließlich ganz. Wird ihr solcher Schaden
-in erheblichem Maße vor der Blüte zuteil, so treibt sie überhaupt
-keine Blüte; hat sich bereits ein Fruchtbündel angesetzt, so reift es
-unvollkommen aus. Auch wird sie leicht vom Sturme geknickt. Deshalb
-müssen da, wo nicht Bodenerhebungen Schutz gewähren, tiefwurzelnde
-Bäume als Windbrecher gepflanzt werden. Der Boden muß reich an
-Nährsalzen sein, und zwar sagt feuchter, tiefgründiger und humusreicher
-Lehmboden der Pflanze am besten zu. Deshalb findet sich die Banane
-vorzugsweise an den Flußläufen angepflanzt, wo sie zugleich die für sie
-nötige Bodenfeuchtigkeit findet. In solcher Weise kultiviert, liefert
-sie zwölf Monate nach dem Setzen eines Schößlings eine Fruchttraube von
-30-40 kg Gewicht, die gelegentlich auch, wie gesagt, auf 50 kg steigen
-kann.
-
-Die Kultur der Banane ist sehr einfach. Man pflanzt die Schößlinge 2 m
-weit auseinander, am liebsten am Rande von sumpfigen Wassern. Ungefähr
-8 Monate nach der Anpflanzung erscheint ein dunkelvioletter Knoten an
-dem Punkt, wo sich die obersten Blätter trennen. Bald tritt er frei
-aus seiner Umgebung hervor, an einem langen Stiele hängend, der sich
-beugt unter dem Gewichte der inzwischen entwickelten, die Form eines
-zugespitzten Eies aufweisenden Blütenhülle. Kaum zur vollen Größe
-ausgebildet, öffnet sich ein Blatt dieses Blütenkolbens und rollt sich
-bis zur Basis zurück, indem es eine Reihe von 5-6 Blüten dem Blicke
-freilegt. Danach entfalten sich die übrigen Blätter der Blütenhülle
-eins nach dem andern, bis schließlich 20-30 Blütenbündelchen aufgedeckt
-sind, die alle an dem einen Stiele hängen. Wenn die Blätter der
-Blütenhülle verwelken und abfallen, beginnen die Fruchtknoten zu
-schwellen, und von da bis zu ihrer Reife vergehen 3-4 Monate. In dieser
-Zeit wendet sich die Nahrungszufuhr der Pflanze auf die zahlreichen
-Früchte, deren Haupternte vom Januar bis Mai stattfindet. Da aber die
-Banane bereits lange vor der Blüte, wenn sie erst einige Meter hoch
-ist, neue Schößlinge aus ihrem Wurzelstocke hervortrieb, von denen man
-allerdings in geordneten Plantagen nur zwei stehen läßt, damit nicht
-ein undurchdringlicher Wald entstehe, und diese später blühen und
-Früchte zeitigen, so kommt es, daß man immer Blüten und Früchte auf
-einer Bananenpflanzung findet. Einzig in den Gegenden, in denen eine
-längere Trockenzeit herrscht, läßt die Fruchtreife in dieser Zeit nach,
-so daß manchenorts die Tropenbewohner, die sich fast ausschließlich von
-ihr ernähren, bisweilen kurze Zeit ohne Bananen sind, da sich diese
-fleischigen Früchte nicht längere Zeit aufbewahren lassen, selbst wenn
-man sie noch grün abschneidet. Weil sie leicht verderben und auch
-viele Liebhaber unter der Tierwelt besitzen, so besonders Affen, dann
-unter den Vögeln namentlich die prächtig gefärbten, bis 50 cm langen
-Bananenfresser (~Musophagae~) und verwandte Arten, dann Eichhörnchen,
-Fledermäuse, verschiedene Insekten und andere, werden die Früchte vor
-der völligen Reife, wenn sie noch grüngelb sind, geerntet und die
-Fruchttrauben unter Dach zur vollständigen Reife gebracht. Dabei färbt
-sich die äußere Fruchtschale der Banane goldgelb, des gemeinen Pisang
-purpurrot bis schwarz, wobei das Fruchtfleisch mehr und mehr erweicht
-und sich die Stärke desselben ganz in Zucker verwandelt. Es gibt keine
-andere Pflanze, die auf so kleinem Raum mehr Nahrungsstoff bietet als
-die Banane, die auf derselben Grundfläche 3½mal mehr Nahrungsstoff als
-die Kartoffel und 15mal mehr als der Weizen liefert. Dabei erneuern
-sich die Stauden, die nur kurze Wurzeln besitzen, weshalb sie einzeln
-stehend leicht vom Sturme zu Boden geworfen werden, aus dem Wurzelstock
-60-80mal. In der glühenden Sonnenhitze und bei der größten Trockenheit
-beschatten und befeuchten sie den Boden selbst und bewirken durch
-die bedeutende nächtliche Wärmeausstrahlung ihrer riesigen Blätter
-ein Sinken der Temperatur um 5° C., so daß sich infolgedessen der
-Wasserdunst der Atmosphäre auf ihnen verdichtet, in großen Tropfen
-zusammenfließt, am Schafte niedersickert und die Erde rings um die
-Wurzeln anfeuchtet, als ob sie begossen sei. Nur den einen Nachteil
-hat sie, eben als Folge ihrer außerordentlichen Leistungsfähigkeit,
-daß sie den Boden in hohem Maße aussaugt. Deshalb schlägt man die
-Pflanze nach der Ernte ihrer Fruchttraube nieder, zerschneidet sie in
-Stücke und düngt damit den stehengebliebenen Wurzelstock mit den neuen
-Töchterpflanzen.
-
-Die Banane ist wohl eine der ältesten Fruchtpflanzen, die der
-innerhalb der Tropenzone aus der Tierheit hervorgegangene Mensch
-in seine Pflege nahm, da sie sehr rasch wuchs und ihm mühelos
-in kürzester Zeit reichen Ertrag brachte. Ihre Heimat ist die
-südostasiatische Inselwelt, von wo aus sie ihrer vorzüglichen Früchte
-wegen vom Menschen schon in vorgeschichtlicher Zeit fast über die
-ganze Tropenwelt verbreitet wurde. Jedenfalls wurde sie bei der
-Entdeckung Amerikas wenigstens auf der Westseite dieses Kontinents,
-besonders in Mittelamerika und Peru, angepflanzt gefunden, was
-bei der gelegentlichen Verschlagung malaiischer Schiffe an dieses
-Gestade schließlich auch kein Wunder ist. Der Peruaner Garcilasso
-de la Vega, ein Nachkomme der Inkas, der in den Jahren 1530-1568
-lebte, sagt in seinen spanisch geschriebenen ~Commentarios reales~
-ausdrücklich, daß zur Zeit der Inkas in den gemäßigten Regionen der
-Mais, die Quinoapflanze, die Kartoffel, und in den heißen die Bananen
-den Hauptbestandteil der Nahrung der Eingeborenen ausmachten. Noch
-andere Autoren führt Alexander von Humboldt in seinem französisch
-geschriebenen Buche „Neuspanien“ an und sagt selbst, daß an den
-Ufern südamerikanischer Ströme bei Indianerstämmen, die in keinerlei
-Beziehungen mit europäischen Niederlassungen gestanden haben, neben den
-Maniok- auch Bananenpflanzungen anzutreffen gewesen seien. Auch hat der
-amerikanische Geschichtsforscher Prescott alte Werke oder Handschriften
-gesehen, denen zufolge die Bewohner von Tumbez an der Küste von Peru
-dem dort 1531 landenden Pizarro Bananen als Gastgeschenk brachten. Wenn
-nun auch nach diesen allerdings nicht absolut beweisenden Zeugnissen
-die Banane in Amerika vor der Invasion der Spanier höchstens an
-der Westküste jenes Kontinents zu finden war, so hat sie zur Zeit
-der Entdeckung Amerikas sicher in Westindien und im nordöstlichen
-Südamerika gefehlt. Dort wurde sie sehr früh von den Portugiesen
-eingeführt, und zwar war es der Pater Thomas de Berlengas, der sie im
-Jahre 1516 von den Kanarischen Inseln nach San Domingo brachte, von wo
-sie auf die übrigen Antillen und später auch nach Brasilien gelangte,
-so daß sie jetzt allenthalben zu finden und auch verwildert ist.
-
-Von der südostasiatischen Inselwelt verbreitete sich die Banane nach
-allen Seiten und wurde schon längst auch im Indusgebiet angepflanzt,
-als die Griechen im Heere Alexanders des Großen im Jahre 327 v. Chr.
-das Pandschab durchzogen. Obschon deren Früchte dort allgemein als
-Volksnahrung dienten, hielt sie Alexander für ungesund und verbot
-sie seinen Soldaten zu essen. Später erwähnt Plinius die Banane
-unter dem Namen ~pola~, doch wird ihre Frucht wegen ihrer großen
-Verderblichkeit kaum je in den Bereich der Mittelmeerländer gekommen
-sein. Dieses ~pola~ des Plinius ist das Sanskritwort ~pala~, das Frucht
-bedeutet, aus dem auch das Wort Banane hervorging, während ~pisang~
-die malaiische Bezeichnung ist. ~Musa~ wurde dann die Pflanzengattung
-von Linné nach der arabischen Bezeichnung ~muz~ für die Pflanze, die
-sich schon im 13. Jahrhundert bei Ibn Baithar findet, genannt, und
-zwar ~Musa sapientum~, weil die indischen Weisen (~sapientes~) von den
-Früchten lebten und ~Musa paradisiaca~, weil sie im Paradiese stand.
-Später hieß man sie auch Paradiesfeige oder Adamsapfel, weil sie nicht
-nur feigenartig schmeckt, sondern weil sie auch für den Baum der
-Erkenntnis des Guten und Bösen im Paradiese, von dem Eva dem Adam zu
-essen gab, gehalten wurde.
-
-Überall in den Tropen sind die Bananenfrüchte ein sehr wichtiger
-Handelsartikel, der nach und nach für die ganze Kulturwelt von
-Bedeutung geworden ist; denn durch die rasch fahrenden Schiffe
-der Gegenwart ist dieses kostbare Erzeugnis der Tropen auch den
-Bewohnern der klimatisch gemäßigten Länder zugänglich gemacht
-worden. Besonders wird sie in großen Mengen aus Mittelamerika nach
-den so obstfreundlichen Vereinigten Staaten eingeführt. So sind von
-Nordamerikanern, speziell Minor C. Keith in Costarica, allein 15000
-Hektar Land mit ~Musa~ bepflanzt worden, aus denen im Jahre 1908
-über 15 Millionen Bündel Bananenfrüchte von durchschnittlich 30 kg
-Gewicht im Wert von beinahe 20 Millionen Mark geerntet und nach den
-Vereinigten Staaten eingeführt wurden. Bei ihrer geringen Haltbarkeit
-müssen sie, sobald sie reif sind, in mit Kühlvorrichtungen versehenen
-Schiffen und Eisenbahnen rasch spediert werden und schmecken dann
-unendlich viel besser als die unreifen Früchte, die wir bisher aus
-Westindien erhielten. So sind sie in allen Schichten der Bevölkerung
-der Vereinigten Staaten zu einem eigentlichen Volksnahrungsmittel
-geworden, ein Beispiel, das in Europa Nachahmung verdiente, da sie
-eine vortrefflich bekömmliche und wohlschmeckende Nahrung bilden. Um
-den Schwierigkeiten des Transportes aus dem Wege zu gehen, wurden
-sie in England zuerst getrocknet eingeführt. Seitdem aber die
-Transportverhältnisse sich gebessert haben und man gelernt hat, diese
-Früchte fast reif zu uns zu bringen, gelangen sie in immer größerer
-Menge frisch nach Europa und finden hier immer mehr Anklang, so daß
-sie im Begriffe sind, sich zu einem Welthandelsartikel wie die Orangen
-aufzuschwingen. Hat doch Deutschland allein in den sieben ersten
-Monaten des Jahres 1909 78 Millionen kg davon eingeführt.
-
-Bei uns wird die südchinesische +Zwergpalme+ (~Musa cavendishi~), wie
-auch die kleinbleibende ~Musa coccinea~ in Warmhäusern kultiviert
-und als Zimmerpflanze gehalten. Sie, wie auch die größte aller
-Bananensorten, die ~Musa ensete~ aus Abessinien mit roten Blattstielen
-und Hauptnerven, werden gleichfalls im Sommer auf Rasenrabatten allein
-oder mit anderen Blattpflanzen, besonders ~Ricinus~ und ~Canna~
-zusammen angepflanzt. Diese ~enzeht~ der Abessinier ist die größte
-aller Krautpflanzen überhaupt. Eine fünfjährige Pflanze im Palmenhause
-zu Kew bei London hatte schon über 10 m Höhe und unten am Schaft 2 m
-Umfang erreicht und besaß 6,5 m lange und 1 m breite Blätter. Wegen
-dieser letzteren scheinen die alten Ägypter bereits die Pflanze
-als Viehfutter kultiviert zu haben; denn es ist eine altägyptische
-Darstellung bekannt, in welcher Nilpferde eine Bananenpflanzung
-verwüsten. Durch Einschnitte in den mächtigen Schaft fließt ein
-köstlich schmeckender Saft aus, der von den Abessiniern, mit Milch
-und etwas Butter vermischt, sehr gerne gegessen wird. Das Innere des
-Schaftes, wie auch die Schößlinge geben gekocht ein gutes Gemüse, das
-von vielen ostafrikanischen Volksstämmen als wichtigste pflanzliche
-Nahrung genossen wird. In ihrer Heimat trägt auch sie reichlich
-Früchte, die wie alle anderen Bananensorten mit Vorliebe auch von den
-Affen gegessen werden. Plündernd fallen sie in die Pflanzungen des
-Menschen ein und schaden hauptsächlich dadurch, daß sie mehr verwüsten
-als fressen. Auch den Maisfeldern sind sie sehr gefährlich, indem
-sie beim Plündern der Maiskolben von Staude zu Staude springen und
-natürlich jedesmal die Staude abbrechen. Die Abessinier sind, weil sie
-keine Schrotgewehre zur Einschüchterung dieser frechen Diebe besitzen,
-dieser Landplage gegenüber fast machtlos. Sie behelfen sich damit, daß
-sie wie anderwärts die Bananentrauben abschneiden, bevor sie reif sind,
-sie aber zum Nachreifen in die Erde vergraben; denn von dort stehlen
-sie die Affen nicht.
-
-Eine andere, in Treibhäusern nicht selten angetroffene Art ist
-der auf Madagaskar heimische „+Baum der Reisenden+“ (~Ravenala
-madagascariensis~), der auf einem ebenfalls bis 10 m hohen, blattlosen
-Stamm einen Schopf großer, zweizeilig gestellter, im Gegensatz zu den
-eigentlichen Bananen gestielter Blätter trägt. Seinen Namen hat er
-daher, daß die Reisenden auf jener großen, Afrika benachbarten Insel
-die Blattstiele mit ihren hohlen Wanderstöcken anstechen, um das
-herausfließende schmackhafte Wasser zu trinken.
-
-Wahrscheinlich auf der Halbinsel Malakka heimisch und von da im
-gesamten tropischen Asien und auf der malaiischen Inselwelt kultiviert,
-ist als eine der köstlichsten Tropenfrüchte die +Mangostane+ (~Garcinia
-mangostana~) zu erwähnen. Sie wächst an einem 20-25 m hohen Baume mit
-dicken, dunkelgrünen Blättern und ist eine fast kugelige Frucht von
-5-7 cm Durchmesser, welche innerhalb einer dicken, weinroten Schale
-ein schneeweißes, weiches, sehr süßes und aromatisches Fruchtfleisch
-enthält, in welchem die Samen eingebettet sind. Das Fleisch ist als
-Mantel des Samens zu deuten.
-
-Angenehm säuerliche Früchte von etwa 1 kg Gewicht, deren Saft
-sowohl zur Würze an Speisen getan, als auch zu kühlenden Getränken
-benutzt wird, besitzt die nahe Verwandte der Mangostane, ~Garcinia
-pedunculata~, ein gegen 20 m hoher Baum in Bengalen. Die getrockneten
-Früchte pflegt man mit Vorliebe auf Seereisen mitzunehmen.
-
-In Hinterindien, Südchina und dem malaiischen Archipel heimisch sind
-die +Jambosen+ oder +Rosenäpfel+, auch Malaienäpfel genannt, die auf
-6-12 m hohen, immergrünen Bäumen aus der Familie der Myrtengewächse
-wachsen. ~Jambosa malaccensis~ trägt apfelgroße runde, rote, ~Jambosa
-vulgaris~ dagegen, die noch auf den ostindischen Inseln wildwachsend
-angetroffen wird, blaßgelbe, rosenrot angehauchte birnförmige,
-rosenartig riechende Beerenfrüchte von der Konsistenz des Apfels, die
-in einer weiten Höhle einen olivengroßen Kern bergen. Beide werden
-ihres Wohlgeschmacks wegen in allen Tropengegenden, besonders den
-Sandwich- und Fidschiinseln, neuerdings auch in Brasilien, auf den
-Antillen und auf Madeira kultiviert. Ihre in Zucker eingemachten,
-weinsäuerlich riechenden Blüten werden bei fieberhaften Krankheiten
-verabreicht.
-
-Ähnliche birnförmige, wohlschmeckende Früchte wie letztgenannte Art
-liefert die ebenfalls in Südindien heimische ~Jambosa macapa~, die auch
-anderwärts, so besonders auf Mauritius, in mehreren Abarten kultiviert
-wird. Dasselbe ist mit der in Südchina zur Kulturpflanze erhobenen
-~Jambolifera pedunculata~ der Fall, deren schwarze, süße Früchte einen
-nicht unwichtigen Handelsartikel bilden.
-
-In Südasien, besonders Indonesien, werden ebenfalls häufig ~Sandoricum
-indicum~ wegen ihrer kleinen, orangeähnlichen Früchte und ~Dillenia
-serrata~ und ~D. elliptica~ wegen ihrer über apfelgroßen, sauersüßen,
-schleimigen Früchte, wie auch ~Erioglossum edule~ und ~Lansium
-domesticum~ wegen ihrer Steinfrüchte angebaut. Besonders angenehm
-schmeckt auch der große +Molukkenapfel+ (von ~Xanthochrymus dulcis~ und
-~X. pictorius~).
-
-Ebenfalls in Südasien heimisch und von da über die ganze Tropenwelt
-verbreitet ist der 10-15 m hohe +Mangobaum+ (~Mangifera indica~) mit
-lederartigen, länglichen, ganzrandigen Blättern und wohlriechenden,
-kleinen, weißen Blüten, deren nierenförmige, außen grüne bis gelbe,
-in einem rötlichgelben, saftreichen, sauersüßen Fruchtfleisch einen
-einzigen großen harten Samen umschließenden, ei- bis faustgroßen
-Früchte, die Mangos, von vielen Europäern als die edelste der
-Tropenfrüchte erklärt werden. Manche Kulturformen liefern noch größere
-Früchte, die bis 1 kg schwer werden. Sie schmecken sehr süß, aromatisch
-und durch ihren Gehalt an Zitronensäure erfrischend säuerlich. Allen
-Sorten ist aber ein mehr oder weniger ausgesprochener Geschmack nach
-Terpentin eigen, welcher manchem den Genuß verleidet. Damit sich dieser
-verliere legt man die geschälte Frucht einige Zeit in Wasser. Auch die
-Samen werden geröstet gegessen und schmecken dann wie Kastanien. Der
-Mangobaum, der in Südindien und Ceylon noch wild gefunden wird, aber
-als solcher nur kleine Früchte zeitigt, ist heute in vielen Varietäten
-über die ganze Tropenwelt verbreitet und wird in einer besonders
-wohlschmeckenden Sorte auch in Brasilien kultiviert.
-
-In Südasien heimisch, aber ebenfalls im ganzen Tropengürtel vielfach
-kultiviert, ist der indische +Mandelbaum+ (~Terminalia catappa~), ein
-großer Baum mit mächtiger Laubentwicklung mit abwechselnd gestellten,
-gegen das Ende der Zweige zusammengehäuften, ganzrandigen, gestielten
-Blättern, welche am Anfange der Trockenzeit schön rot werden, später
-aber abfallen. Aus den in ährenartigen Infloreszenzen stehenden
-kleinen, sitzenden Blüten entwickeln sich außen etwas fleischige, in
-der Mitte zusammengedrückte Steinfrüchte, die in dem sehr harten Stein
-einen wie Mandeln schmeckenden, länglich eirunden Samen einschließen,
-der eine beliebte Speise bildet.
-
- Tafel 33.
-
-[Illustration: Ostindischer Mangobaum (~Mangifera indica~) in Rio
-de Janeiro. (Nach einer in der Sammlung des botan. Instituts der
-Universität Wien befindlichen Photogr. von M. Ferrez.)]
-
- Tafel 34.
-
-[Illustration: Ein junger Brotfruchtbaum in Westafrika. (~Artocarpus
-incisa.~)
-
-
- (~Copyright by F. O. Koch.~)
-
-Junge Früchte des Tschakfruchtbaumes (~Artocarpus integrifolia~).]
-
- Tafel 35.
-
-[Illustration: Ein Zweig des Brotfruchtbaumes mit jungen Früchten aus
-Ceylon. (~Artocarpus incisa.~)]
-
- Tafel 36.
-
-[Illustration: Während der sommerlichen Trockenzeit entblätterte Baobab
-oder Affenbrotfruchtbäume in der Steppe am unteren Kongo (nach Chun).
-
-Malaienwohnung auf Sumatra mit Melonenbaum.]
-
-Ebenso geschätzt ist der gleichfalls über die gesamten Tropen
-verbreitete, wahrscheinlich in Ostindien heimische +Gombo+ oder
-+Ochro+ (~Hibiscus esculentus~), eine baumartige Malvacee, deren
-wohlschmeckende junge Früchte, besonders gekocht, sehr beliebt
-sind. Ähnlich verhält es sich mit dem sehr nahe damit verwandten
-+Moschushibiscus+ (~Hibiscus moschatus~), der ebenfalls in den
-heißesten Gebieten Ostindiens heimisch ist und von da aus die weiteste
-Verbreitung fand. Seine Samen besitzen einen zarten Bisamgeruch, der
-sie auch für die Parfümerie Verwendung finden ließ.
-
-Einen, als die Europäer erschienen, in ganz Indonesien von Sumatra bis
-zu den Markesasinseln angebauten Fruchtbaum stellt der +Brotfruchtbaum+
-(~Artocarpus incisa~) dar, der zu den Maulbeergewächsen gehört. Es
-ist dies ein 13-17 m hoher, einen zähen, fadenziehenden Milchsaft
-führender, einhäusiger Baum, mit 33-50 cm dickem Stamm und bis 1 m
-langen, oft 50 cm breiten, derben, tiefeingeschnittenen Blättern.
-Diese sind an den Schößlingen oft ganzrandig, an den Sprossen und
-stärkeren Zweigen dagegen nur zwei- bis dreilappig, während sie sonst
-bis neun Lappen aufweisen. Sie sind oben dunkelgrün, von gelblichen
-Nerven durchzogen, fast ganz glatt, unten rauh, bleicher gefärbt und
-mit hervortretenden Rippen. Beim Welken durchlaufen sie die ganze
-Farbenreihe zwischen dunklem Grün und brennendem Rot. Das eine Ende ist
-oft noch samtgrün, während die Mitte goldgelb leuchtet und das andere
-Ende purpurn oder scharlachrot strahlt. Die männlichen Blütenstände
-sind kätzchenartig gestellt und entspringen von den jungen Zweigen,
-während die weiblichen eirund sind und aus den älteren Zweigen
-hervorgehen. Die Frucht ist eine über kopfgroße, bis 2 kg schwere
-Scheinfrucht mit einem saftigen, nahrhaften Fleisch, in der als Zeichen
-sehr langer Kultur meist keine Samen mehr zur Ausbildung gelangen. In
-Scheiben geschnitten und mit oder ohne Fett gebacken, schmecken sie wie
-die besten Kartoffeln. Auch die Samen, falls welche vorhanden sind, ißt
-man in heißer Asche geröstet wie Kastanien. Man zieht aber diejenigen
-Kulturvarietäten, die keine Samen mehr erzeugen, den anderen vor, weil
-ihre Fruchtstände saftiger sind und einen höheren Nährwert besitzen.
-Die Südseeinsulaner ernähren sich zum größten Teile von den Früchten
-dieser Pflanze, von der zwei bis drei Bäume für den ganzen Unterhalt
-eines Menschen genügen sollen. Die Heimat des Brotfruchtbaums scheint
-in Java und den Sundainseln zu liegen, wo der deutsche Naturforscher in
-holländischen Diensten Rumphius (1627-1702) eine anscheinend wilde Form
-desselben angetroffen haben soll.
-
-Der Brotfruchtbaum wird nur auf ungeschlechtlichem Wege durch
-Schößlinge künstlich vermehrt. Er gedeiht im geeigneten Klima in
-jedem Boden, selbst in solchem, der zu keiner anderen Kultur benutzt
-werden kann. Der Baum bleibt 60 bis 70 Jahre lang tragbar; dabei
-währt die Ernte 9 Monate lang, nämlich von November bis Juli, und
-ist so außerordentlich ausgiebig, daß, wie der Weltumsegler James
-Cook (1728-1779) sich ausspricht, „einer, der in seinem Leben 10
-Brotfruchtbäume gepflanzt hat, seine Pflicht gegen sein eigenes
-und sein nachfolgendes Geschlecht ebenso vollständig und reichlich
-erfüllt hat, als ein Einwohner unseres rauhen Himmelstrichs, der
-sein ganzes Leben hindurch während der Kälte des Winters gepflügt,
-in der Sommerhitze geerntet und nicht nur seine jetzige Haushaltung
-mit Brot versorgt, sondern auch seinen Kindern etwas an barem Geld
-kümmerlich erspart hat.“ Das roh nicht eßbare, mehlige Fleisch der
-halbreifen, grünen Früchte wird geröstet, zu Brot verbacken und als Mus
-gegessen. Das Backen geschieht in heißer Asche oder auf heißen Steinen,
-seltener in Öfen. Dabei wird das Innere der Früchte beim Braten weiß
-und weich wie Brotkrume, muß indessen gleich gegessen werden, da es
-nach 24 Stunden musig und fad wird. Nur in Scheiben geschnitten und
-getrocknet hält sich die Frucht zwei Jahre, kann so den Schiffszwieback
-ersetzen und wird auch von den Spaniern als solcher gebraucht. Die
-Schiffsmannschaften ziehen diese Nahrung dem Brote vor. Auf den
-Südseeinseln benutzt man die unreife Brotfrucht auch zur Herstellung
-eines sehr schmackhaften Muses, indem man sie nur wenig röstet, dann
-von der Schale befreit, das Fruchtfleisch in kaltes Wasser bringt
-und darauf zu Brei quirlt. Eine sehr schmackhafte Speise bereitet
-man ferner aus der geöffneten unreifen Brotfrucht, indem man ihr die
-Rinde und das Kernhaus nimmt und sie in einem Mörser tüchtig stampft.
-Dann gießt man darauf die aus dem saftigen Kern einer reifen Kokosnuß
-durch Versieben entstandene dicke Milch, die man durch kleine, aus
-feinen Kokosfasern geflochtene Beutel preßt. Von den Europäern wird
-die unreife Brotfrucht meist in dünne Scheiben geschnitten, in Butter
-oder sonstigem Fett gebacken gegessen, was eine sehr feine Speise gibt,
-die, wie mir eine Jugenderinnerung sagt, in bezug auf den Geschmack an
-knusperig gebratene Kartoffeln erinnert.
-
-Ist die Mehrzahl der Brotfrüchte reif geworden, so findet die
-Haupternte statt. Die reifen Früchte sind goldgelb, weich, inwendig
-breiig, von widerlich süßem Geruch und Geschmack. Dieser Brei gilt
-als ungesund und wird kaum gegessen. Dagegen verwendet man die feste
-Rinde und das Kerngehäuse der geernteten Früchte, indem man sie in
-Holzmörsern zu einer teigigen Masse zusammenstampft, die man in ~mahe~
-genannten Laiben, sorgfältig in Blätter und Bast gehüllt, jahrelang an
-einem kühlen Orte aufbewahren kann, wobei sie durch längeres Lagern
-noch an Güte gewinnen. Die Südseeinsulaner backen daraus nach Bedarf,
-nachdem sie den Teig haben gären lassen, Kuchen von bernsteingelber
-Farbe und etwas herbem, aber durchaus nicht unangenehmem Geschmack, der
-feinem Weizenbrot oder -- nach Anson -- gebratenen Kartoffeln ähnlich
-sein soll. Mit dem Saft von Orangen getränkt, soll das Brot süß wie
-Apfelkuchen schmecken. Auch kann man den Brotfruchtteig wie Pudding
-zubereiten. Von dieser aufbewahrten Brotmasse nähren sich die Insulaner
-von August bis Oktober, während welcher Zeit der Brotfruchtbaum keine
-Früchte trägt.
-
-Außer den Früchten liefert der Brotfruchtbaum noch andere nützliche
-Produkte, so die Rinde zum Gerben und Färben, den Bast junger Zweige
-zur Herstellung von ~tapa~ oder Rindenstoff, den Milchsaft zur
-Herstellung von Vogelleim und Kitt; ein durch Einschnitte in den Stamm
-gewonnenes Harz (das ~dammar selo~ der Malaien) kommt wie Kopallack
-zur Herstellung von Firnis in den Handel. Das gelbe Holz benutzt man
-zum Häuserbau, zur Gewinnung von Booten und Holzgeräten. Die Blätter
-verwendet man wie starkes Papier zum Einwickeln von Gegenständen und
-Aufbewahren von Lebensmitteln. Die halbverwelkten, bunten Blätter
-werden von den Eingeborenen an der Mittelrippe aufgeschlitzt und als
-Kopfbedeckung benutzt; sonst dienen sie auch als Tischtücher, Teller
-und Servietten. Im tropischen Amerika wird der echte Brotfruchtbaum
-wegen seiner schönen Belaubung mehr als Alleebaum, denn als Fruchtbaum
-gepflanzt.
-
-Der erste Bericht vom Brotfruchtbaum datiert aus dem Jahre 1697 von
-dem englischen Seefahrer William Dampier (1652-1715), der ihn in
-Menge auf den Marianen oder Ladronen, d. h. Diebesinseln -- jetzt
-bekanntlich deutsche Kolonie -- angepflanzt fand. Genauere Nachrichten
-über diesen so nützlichen Fruchtbaum verdanken wir dem Reiseberichte
-des deutschen Naturforschers Joh. Reinhold Forster (1729 bis 1798), der
-mit seinem Vater den Kapitän James Cook auf seiner zweiten Reise um die
-Welt von 1772 bis 1775 begleitete und später bis zu seinem Tode als
-Botanikprofessor in Halle tätig war. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts
-brachte Sonnerat den Brotfruchtbaum nach der Insel Mauritius. Später
-wollte König Georg III., der 22jährig 1760 auf den englischen Thron
-gelangte, den er bis zu seinem Tode 1820 behauptete, auf Wunsch der
-englischen Kolonisten in Amerika ihn in Westindien einführen. In seinem
-Auftrage gelang es nun dem englischen Kapitän Bligh (sprich Blei) 774
-junge Brotfruchtbäume einzuschiffen; allein die Expedition wurde durch
-eine Meuterei der Mannschaft vereitelt. Erst die zweite Expedition
-war von Erfolg begleitet. Von 1150 jungen Brotfruchtpflanzen überstand
-ein großer Teil die Reise. 550 derselben wurden im Januar 1793 in St.
-Vincent gelandet, die übrigen -- außer fünf für den Garten von Kew
-bei London bestimmten -- kamen nach Jamaika. Die Hoffnung, durch die
-Brotfruchtbäume ein neues Nahrungsmittel für die Sklaven in Amerika
-zu erhalten, verwirklichte sich aber nur sehr unvollständig; denn
-jene zogen der Brotfrucht die besser schmeckende Banane vor, die roh
-zu genießen ist, sich ebenso leicht anpflanzen läßt und eher Früchte
-trägt. Auch dem Südseeinsulaner ist es nicht angenehm, daß er die
-Brotfrucht erst noch zubereiten muß, ehe er sie essen kann. „Daher
-träumt er sich“ -- sagt Forster -- „auch in seinem Paradiese eine
-Brotfrucht, die keiner Zubereitung bedarf und frisch vom Baume weg
-gegessen werden kann.“ Bei der Geburt eines Kindes pflanzt er einen
-Brotfruchtbaum, der für das Kind allein bestimmt ist.
-
-Auf dem indischen Festland, auf welches die Brotfrucht schon sehr
-früh verpflanzt wurde, ist außer dem weichhaarigen Brotfruchtbaum
-(~Artocarpus pubescens~) mit ebenfalls eßbaren Früchten, die noch weit
-größere und äußerst wohlschmeckende Früchte reifen lassende Verwandte,
-der nach der indischen Bezeichnung ~tschaka~ für die Frucht als
-+Tschakfruchtbaum+ (~Artocarpus integrifolia~) zu Hause. Seine großen
-Blätter sind ganzrandig und die bis 40 kg schweren Tschakfrüchte von
-ebenfalls grüner Farbe besitzen innen ein außerordentlich aromatisch
-schmeckendes, gelbes Fruchtfleisch, das Menschen und Tiere mit
-Leidenschaft essen. Besonders die Rinder riechen die Früchte von
-weitem und eilen herbei, um sich der von ihnen so geliebten Speise zu
-bemächtigen; doch gönnt ihnen der Mensch gewöhnlich nur die Schale.
-Der schon sehr lange domestizierte, in ganz Südindien, Ceylon und
-Indonesien anzutreffende Baum scheint seine eigentliche Heimat an der
-Malabarküste zu haben, wo er manchenorts noch wildwachsend angetroffen
-wird. Im Jahre 1782 wurde er nach Jamaika, bald hernach nach Brasilien
-und an die verschiedensten Orte der Tropen verpflanzt, wo er überall
-wegen seiner aromatischen Früchte geschätzt wird.
-
-Vielleicht noch mehr als sie geschätzt, sowohl von den Europäern als
-auch ganz besonders von den Eingeborenen, wird die im malaiischen
-Archipel und auf der Halbinsel Malakka heimische, jetzt aber auch
-vielfach in ganz Süd- und Südostasien kultivierte +Durianfrucht+.
-Auch sie wird über kopfgroß, ist mit derben, kegelförmigen Stacheln
-besetzt und wird so schwer, daß der Aufenthalt unter dem hochwipfligen
-Baum zur Zeit der Fruchtreife geradezu lebensgefährlich ist. Teils
-deswegen, teils auch weil den reifen Früchten von den gefräßigen
-Flughunden als Lieblingsnahrung sehr nachgestellt wird, nimmt man sie
-meist vor der vollsten Reife ab. Der Geschmack des weichen inneren
-Fleisches der fünfklappigen Kapsel ist der einer stark mit Fruchtäther
-gewürzten süßen Eierkreme, die geradezu berückend wirkt. Dabei hat sie
-aber leider einen Beigeschmack und vor allem einen Duft, der zwischen
-faulen Eiern und sehr stark riechenden Zwiebeln schwankt. Deshalb
-können sich viele Europäer nicht dazu entschließen, sie auch nur zu
-versuchen. Jedenfalls ist der Genuß des Durians wegen des unangenehmen
-Geruchs in guter Gesellschaft verpönt und es darf demselben in den
-Hotels, wie auch in den Geschäftsräumen der Kaufleute nur in einem
-besonderen Raume nachgegangen werden. Der die Durianfrüchte liefernde
-Baum (~Durio zibethinus~) gehört zu den Malvengewächsen und stellt
-einen hohen Baum mit länglichen, ganzrandigen, lederigen Blättern dar.
-Sein Hauptverbreitungsgebiet ist das südliche Asien mit Einschluß von
-Indonesien.
-
-Mit dem Durian verwandt ist der durch seine massige Größe, besonders
-des Stammes, der bis zu 10 m Durchmesser erreicht, ausgezeichnete,
-in den Steppen Mittelafrikas häufig vorkommende +Affenbrotbaum+
-(~Adansonia digitata~). Seine sehr großen, einen Umfang von 60 cm
-erreichenden weißen Blüten werden durch die den Kolibris ähnlichen
-Nektarinen oder Honigvögel im Fluge bestäubt, die emsig die Blumen
-besuchen, um den von ihnen gespendeten Honig zu naschen und die sich
-daran gütlich tuenden kleinen Insekten zu haschen. Die Früchte sind
-oben dicke und unten dünnere gurkenartige Körper, von oft mehr als
-40 cm Länge und 10 cm Dicke, die unter der hellen Schale, in einem
-säuerlichen Marke große, schwarze Samen enthalten. Beide sind eßbar und
-werden von den Negerstämmen verzehrt, die auch den Bast des Stammes
-seit uralter Zeit als wichtiges Bindematerial, namentlich auch zur
-Anfertigung von Stricken und dünnen Seilen, benutzen. In neuerer Zeit
-gelangt derselbe in größeren Mengen in den europäischen Handel und
-dient vielfach auch zur Herstellung eines dem alten Büttenpapiere
-ähnlichen Papieres.
-
-Noch beliebter als das Mark seiner Früchte ist dasjenige einer
-australischen Art (~Adansonia gregorii~), welche der +Sauregurkenbaum+
-genannt wird. Da zur Zeit der völligen Fruchtreife in der Trockenzeit
-die Blätter der Affenbrotbäume abgefallen sind, so bieten sie mit
-ihren an sehr langen Stielen hängenden Früchten einen überaus
-merkwürdigen Anblick dar.
-
-Ebenso große, gleichfalls mit einem säuerlichen Fruchtfleisch erfüllte,
-an 2-2,5 m langen Stielen herabhängende Früchte besitzt der im
-tropischen Westafrika bis zum Seengebiet verbreitete +Leberwurst-+
-oder +Fetischbaum+ (~Kigelia africana~), dessen in langen Trauben
-herabhängende, sehr große, hellrötliche Blüten ebenfalls von den
-Honigvögeln besucht und befruchtet werden. Seine Früchte dienen außer
-zu Zauber mancherlei Art mit Vorliebe als Opfergaben an die als
-Fetische verehrten Seelen der Verstorbenen; daher der Name Fetischbaum.
-Östlich vom Seengebiet wird er nicht mehr im wilden Zustande
-aufgefunden. Hier vertritt ihn die verwandte ~Kigelia aethiopica~.
-
-An der feuchtheißen Westküste des tropischen Afrika, von Oberguinea
-(Sierra Leone) bis zur Kongomündung, wächst in den Küstenurwäldern
-und landeinwärts bis 360 km von der Küste der +Kolabaum+ (~Cola
-acuminata~). Es ist dies ein 10-18 m hohes Gewächs mit glänzenden,
-lederartigen Blättern und getrenntgeschlechtigen, gelben Blüten, die in
-Rispen wie beim Kakao oft unmittelbar aus dem Stamm oder aus älteren
-Zweigen entstehen. Nach der Befruchtung bilden sich aus ihnen die aus
-4-6 Kapseln bestehenden Früchte, die sternförmig um den Fruchtstiel
-angeordnet sind. Jede Kapsel enthält bis zu sechs fast kastaniengroße,
-etwa 30 g schwere rötlich-braune Samen. Letztere schmecken stark
-bitter, besitzen aber einen Gehalt von 2,4 Prozent Koffein und 0,023
-Prozent Theobromin, wodurch sie anregend auf das Nervensystem und die
-Muskulatur bei Ermüdung wirken. Deshalb werden sie eifrig von den
-Negern gesammelt und gekaut, wie die Peruaner zu demselben Zwecke die
-Blätter der Kokapflanze kauen. Auf ihren langen, oft Monate dauernden
-Handelsreisen durch schwach bevölkerte Gebiete würden die Eingeborenen
-ohne den Genuß der Kolanüsse nicht auskommen, der ihnen für lange
-Zeit das Gefühl von Hunger und Durst unterdrückt und sie zugleich vor
-Ermüdung schützt.
-
-Wegen dieser seiner hochgeschätzten Früchte wird der Kolabaum, wie
-auch ein Verwandter, +Cola macrocarpa+, seit langem von den Negern
-angepflanzt und werden seine Früchte, die Kola- oder Gurunüsse, als
-gesuchter Handelsartikel weithin durch ganz Zentral- und Nordafrika
-in Tausch gebracht. Denn außer den anregenden und die Müdigkeit
-beseitigenden Stoffen enthalten sie in beträchtlicher Menge auch
-wirkliche Nährstoffe, wie Eiweiß, Stärkemehl und Zucker. Den größten
-Kolahandel betreibt das Hinterland der Goldküste, vor allem die
-Landschaft Gondja. Von hier aus gelangen die Kolanüsse vor allem nach
-dem Sudan, jedoch selten oder gar nicht nach Europa. In Deutsch-Togo
-und Kamerun sind neuerdings auch von Europäern Kolapflanzungen angelegt
-worden und die Ausfuhr der Kolanüsse, die im Jahre 1907 in Kamerun
-schon einen Wert von 21000 Mark darstellte, dürfte in der Zukunft
-bedeutend steigen, da sie in der Heilkunde eine zunehmende Wichtigkeit
-erlangt haben. Man stellt daraus Kolapillen, Kolapastillen, Kolawein,
-dann Tinkturen, Extrakte und Liköre her, die bei Nervenschwäche
-und in der Rekonvaleszenz von Krankheit gute Dienste leisten, auch
-für Sportsleute bei anstrengenden Kraftleistungen unentbehrlich
-sind. Deshalb wird neuerdings die Einführung der Kolapräparate als
-Stärkungsmittel bei der Armee zur Erlangung höchster Marschleistungen
-versucht. Am besten wird die gemahlene Nuß dem Kakao beigemischt und
-mit Gewürzen aller Art und Zucker zu einer Kolaschokolade verarbeitet.
-Auf diese Weise bekommt man ein Anregungs- und Stärkungsmittel, das
-zugleich ein Nahrungsmittel ersten Ranges darstellt, da es unmöglich
-ist, in konzentrierterer Form als in ihr Nährstoffe auf engstem Raume
-darzubieten. Als Kaffee-Ersatz eignen sich die Kolanüsse trotz ihres
-hohen Koffeingehaltes, der sogar höher als selbst beim Kaffee ist,
-nicht, da beim Rösten derselben etwa die Hälfte des Koffeins verloren
-geht.
-
-Durch Negersklaven ist der Kolabaum zu Anfang des vorigen Jahrhunderts
-auch nach Amerika verpflanzt worden. Dort wird er jetzt, besonders
-auf den Antillen, vielfach und mit gutem Erfolge auch von den Weißen
-angebaut. Der Baum liefert vom 8.-10. Jahre an volle Erträge, bestehend
-in etwa 4000 Nüssen jährlich. Auf dieser Höhe des Ertrages hält er sich
-bis zum 50. Jahre. Westindische Pflanzer sind der Ansicht, daß, wenn
-der Preis der Kolanüsse nur die Hälfte des Kaffeepreises erreichen
-würde, die Kolapflanzungen einträglicher als die Kaffeeplantagen wären.
-
-Ein anderer großer Baum des tropischen Westafrika, die Intsia africana,
-liefert über 20 cm lange scharlachrote, bohnenartige Hülsen, deren
-fleischige Samenmäntel namentlich von den Eingeborenen gerne gegessen
-werden. Eine weitere baumartige Leguminose des tropischen Afrika, die
-heute in der gesamten Tropenwelt kultiviert wird und sich daselbst
-auch vielfach verwildert vorfindet, ist die +Tamarinde+ (~Tamarindus
-indica~), die gleichfalls Hülsen, und zwar von 14 cm Länge, mit
-angenehm säuerlichem Fruchtfleisch entwickelt. Dieses letztere ist sehr
-erquickend und leicht verdaulich, wirkt aber schwach abführend und
-wird daher auch als Arzneimittel -- meist in Form von Pastillen --
-verwendet. In Ostindien werden auch die übrigens wenig schmackhaften
-Samen besonders in Zeiten der Not geröstet oder gekocht gegessen.
-
-Aus seiner engeren Heimat in Zentralafrika im Gebiet des oberen Nil
-gelangte der Tamarindenbaum schon sehr früh ins obere Niltal und
-wurde auch unter dem Namen ~nutem~, was „Schotenbaum“ im allgemeinen
-bedeutet, von den alten Ägyptern kultiviert. Sein Fruchtmus wurde nach
-dem Papyrus Ebers bereits als Abführmittel verwendet. Eine größere
-Bedeutung erlangte er in Ostindien, wohin er in früher Vorzeit kam und
-als geschätzter Frucht- und Schattenspender willkommen geheißen wurde.
-Von dorther lernten die Araber seine Früchte kennen und gaben ihm den
-Namen, den er in Europa besitzt; denn die arabischen Ärzte machten das
-daraus hergestellte Fruchtmus als leichtes, angenehmes Abführmittel
-zuerst im Abendlande unter der Bezeichnung Tamarinde bekannt. Letzteres
-stammt aus dem Arabischen und ist aus ~tamr~ (hebräisch ~tamar~)
-Dattelpalme und ~hindi~ indisch entstanden, bedeutet also indische
-Dattel, offenbar infolge der Ähnlichkeit des Fruchtmuses beider
-Pflanzen. Sie muß schon sehr früh nach Indien gekommen sein und wurde
-dort als Schattenbaum in der Nähe der Häuser und den Straßen entlang
-kultiviert, da sie schon in der alten Sanskritliteratur mehrere Namen
-besitzt. Die Griechen und Römer kannten die Tamarinde und deren Mus
-noch nicht. Als Amerika entdeckt wurde, folgte sie der Völkerwanderung
-nach dem neuen Erdteil und wurde namentlich in Westindien willkommen
-geheißen. Später verbreitete sie sich über die Südseeinseln, wo sie
-zwar nicht überall, aber doch auf den größeren Eilanden hier und da
-zu finden ist. Sie fehlt nur in wenigen tropischen Gegenden, und
-zwar solchen, die weitab vom großen Verkehr liegen, wie Neuguinea
-und im Innern Brasiliens. Überall ist sie der beliebteste Alleebaum,
-der außer den Früchten, die gedörrt oder in Form von Mus besonders
-aus Ost- und Westindien, wie auch Ekuador in den Handel kommen, auch
-durch sein schweres Holz sehr nützlich ist. Infolge seiner schönen
-Maserung und Farbe ist es für Möbel sehr geschätzt, dient aber auch
-zur Herstellung von allerlei Werkzeugen und Stampfmörsern für Reis und
-Ölfrüchte. In Form von Holzkohle ist es ein vorzügliches Rohmaterial
-für Schießpulver. Die Tamarinde wird aus Samen gezogen und wächst auf
-jedem Boden, ausgenommen sumpfigem.
-
- Tafel 37.
-
-[Illustration:
-
- (Nach Photogr. von W. Busse in „Karsten u. Schenck,
- Vegetationsbilder“.)
-
-Im Vordergrund Kolabäume, dahinter Pandanus und Ölpalmen bei Mokundange
-in Kamerun. Über den Wolken ist der kleine Kamerunberg sichtbar.]
-
- Tafel 38.
-
-[Illustration: Frucht des Durian (~Durio zibethinus~) auf Ceylon.
-
-Fruchtzweig der Mangostane (~Garcinia mangostana~).
-
-(Beide nach einer in der Sammlung des botan. Institutes der Universität
-Wien befindlichen Photographie.)]
-
-Im tropischen Westafrika heimisch ist der 10-20 m große, durch eine
-sehr reiche Fruchtentwicklung ausgezeichnete +Akeebaum+ (~Blighia
-sapida~), dort Amejichian genannt. Auf einem Sklavenschiffe nach
-Amerika gebracht, hat sich der Baum auf den westindischen Inseln und in
-Venezuela unter dem Namen ~akee~ sehr verbreitet und wird heute seiner
-Früchte wegen in großem Maße kultiviert; diese stellen mandelartige,
-aber fast zur Hälfte von einem dicken, weißen Samenmantel umgebene
-Bohnen dar. Zu dreien liegen sie in einer dreifächerigen, an ihrer
-Spitze dreiklappig aufspringenden Kapsel. Ihr Samenmantel ist von
-äußerstem Wohlgeschmack und wird im tropischen Amerika an Stelle von
-Eierspeisen aufgetischt.
-
- Tafel 39.
-
-[Illustration: Ananaspflanzung auf Jamaika.
-
-Allee von Tamarindenbäumen in Surabaya auf Ostjava.]
-
- Tafel 40.
-
-[Illustration: Melonenbaum in Surabaya an der Nordküste der Insel Java.]
-
-Aus der Familie der Ebenholzgewächse liefern eine ganze Reihe von
-Arten der Gattung der +Götterpflaumenbäume+ (~Diospyros~) in den
-Tropen der alten und neuen Welt geschätzte Früchte und werden deshalb
-vielfach angebaut. Der bekannteste darunter ist der in Japan heimische
-+Kakibaum+ (~Diospyros kaki~), dessen orangengroße, prächtig gelb oder
-rötlich gefärbte, angenehm süß schmeckende Beerenfrüchte das wichtigste
-Obst in Japan und China darstellen. Neuerdings werden sie vielfach
-auch in Italien angepflanzt, wo sie noch an den oberitalienischen
-Seen gedeihen. Von dort gelangen sie als beliebtes Obst in unsere
-Südfruchthandlungen. Wegen ihres reichen Gehaltes an Gerbstoff dürfen
-sie nicht mit eisernen Messern geschnitten werden. Derselbe bedingt die
-Verwendung ihres Saftes in Ostasien zum Dauerhaftmachen von Netzen und
-Fischereigerät, von Packpapier und Anstrichfarben.
-
-Außer diesen Götterpflaumen ist in Ostasien auch der die +chinesischen+
-oder +japanischen Haselnüsse+ liefernde +Litschibaum+ (~Litchi
-chinensis~) ein wichtiger Obstspender, der seiner äußerst angenehm
-schmeckenden Nüsse wegen in vielen Varietäten kultiviert wird. Er
-ist ein etwa 6 m hoher Baum aus der Familie der Sapindazeen oder
-Seifenbaumgewächse mit zwei- bis dreijochig gefiederten, lanzettlichen,
-oben glatten Blättern, gestielten Blüten in Rispen und 4 cm dicken,
-eiförmigen, rotbraunen, mit zahlreichen annähernd sechseckigen Schilden
-bedeckten Früchten, die in der Mitte je eine kurze Erhabenheit
-tragen. Der braune Same ist vom saftreichen Samenmantel umhüllt. Der
-ursprünglich in China und auf den Philippinen heimische Baum wird
-nicht nur in ganz Ostasien, sondern auch in Westindien und anderen
-Tropengebieten kultiviert.
-
-Im nördlichen Südamerika heimisch, wo sie noch zahlreich in einer
-Form mit kleineren Früchten wildwachsend in den Küstengebieten
-angetroffen wird, und von da noch vor der Entdeckung des neuen
-Weltteils überall im tropischen Amerika angepflanzt, so daß sich
-zahlreiche Kulturvarietäten ausbildeten, ist die +Ananas+ (~Ananassa
-sativa~). Sie wird je nach den Sorten 0,5-1,25 m hoch und entwickelt
-Früchte von 2-12 und sogar 15 kg Gewicht, letzteres aber nur bei sehr
-sorgfältiger Kultur; wird diese vernachlässigt, so sinkt das Gewicht
-von 2 auf 1 kg und von 12 auf 5 kg und noch weniger. Die Farbe der
-Früchte ist purpur-, scharlach- oder schwarzrot, gelb, grün oder weiß
-in den verschiedensten Schattierungen. Aus einer Rosette von 0,3-0,8 m
-langen, steifen, gezähnten Blättern wächst ein kurzer Fruchtstengel
-heraus, der in einen Blütenzapfen endigt und daher nur +eine+ Frucht
-trägt. Aus ihrem brasilianischen Namen ~nana~ bildeten die Portugiesen
-die Bezeichnung Ananas, während die Spanier sie wegen der Ähnlichkeit
-der Frucht mit einem Pinienzapfen ~pinas~ nannten. Christoph Kolumbus
-lernte sie auf seiner zweiten Reise im Jahre 1493 auf der westindischen
-Insel Guadeloupe kennen. Alle Schriftsteller, die zuerst über Amerika
-schrieben, erwähnen sie; so gibt der Spanier Hernandez de Oviedo in
-seiner 1535 erschienenen Naturgeschichte Indiens die erste Beschreibung
-und Abbildung der Pflanze und sagt, daß sie in den warmen Gegenden
-von Tahiti und Mexiko wachse, und Geronimo Benzone meint in seiner
-1568 erschienenen Geschichte der Neuen Welt, keine Frucht auf Gottes
-Erdboden könne angenehmer sein als sie. Bei den Azteken hieß sie
-~matzatli~. Die erste Ananas kam im Jahre 1514 nach Spanien. Als man
-einmal eine solche Karl V. zu kosten geben wollte, mißtraute er der
-Sache und wollte die Frucht durchaus nicht kosten. Im Jahre 1592 kam
-die Pflanze nach Bengalen, bald darauf nach Südchina. Schon vorher
-war sie durch die Portugiesen nach Java gelangt, wo sie 1599 bereits
-eingebürgert war und von da aus gelegentlich auch nach Europa gebracht
-wurde. Heute ist sie über die ganze Tropenwelt verbreitet.
-
-Die ersten Kulturversuche in Europa in Treibhäusern schlugen fehl,
-bis zu Ende des 16. Jahrhunderts der holländische Kaufmann Le Cour im
-Gewächshause seines Gartens zu Driehock bei Leiden die ersten eßbaren
-Früchte erzielte. In Deutschland gewann Kaltschmidt in Breslau 1703
-die erste reife Frucht. Bald hernach hat sie in diesem Lande Wilh.
-Weinmann in Wort und Bild beschrieben und populär gemacht, so daß
-sie in der Folge mehrfach auch bei uns ihre überaus aromatischen
-Früchte reifte, die roh mit Zucker genossen oder zu Bowlen verwendet
-sehr geschätzt werden. Ihr Saft, der in den Tropen vielfach auch zu
-Wein und Branntwein verarbeitet wird, enthält ein sehr wirksames,
-Bromelin genanntes Ferment, das bei 40-50° C. Fleisch löst und es in ein
-haltbares Pepton verwandelt. Deshalb benützen die Neger Westindiens
-den Ananassaft gegen Diphtherie, wie die Amerikaner und nach ihnen die
-Europäer den Saft der Früchte des gleich zu besprechenden Melonenbaums
-zu demselben Zwecke anwandten.
-
-Die Früchte der wilden Ananas sind viel kleiner und bedeutend weniger
-schmackhaft als die äußerst aromatischen kultivierten, die über 15
-Prozent Zucker enthalten und als Zeichen einer sehr alten Kultur meist
-keine Samen mehr bilden. Nur eine weiße verwilderte Art in Ostindien
-entwickelt in ihren Früchten noch welchen. Sie wird in mehreren
-bezüglich Gestalt, Größe, Farbe und Geschmack der Früchte verschiedenen
-Spielarten gezogen, von denen bei der Entdeckung Amerikas bereits drei
-vorhanden waren. In Brasilien gedeiht sie am besten. In Peru wird aus
-ihrem Safte ein sehr wohlschmeckendes weinartiges Getränk bereitet. Die
-Vermehrung erfolgt nur auf vegetativem Wege entweder durch Schößlinge
-des ausdauernden Wurzelstocks oder noch besser durch den aus der
-fleischigen Fruchtachse vorsichtig herausgedrehten Blätterschopf,
-den man einfach kurz vor der Regenzeit in den gut gedüngten Boden
-steckt, worauf die Frucht nach einem Jahre geerntet werden kann.
-Merkwürdigerweise geben die als Stecklinge gepflanzten Blätterschöpfe
-der Früchte viel gewürzreichere und süßere Früchte als die aus den
-Wurzelstöcken entstandenen Sprosse. Nur wenn letztere frühzeitig von
-der Mutterpflanze losgelöst und sorgfältig angepflanzt werden, tragen
-sie ebenfalls gute Früchte. Die Blätter enthalten ein sehr feines und
-festes, als +Pitafaser+ bezeichnetes Gespinnstmaterial, derentwegen die
-Pflanze jetzt ebenfalls umfangreich kultiviert wird, und zwar besonders
-in Westindien und den Bahamainseln, die Millionen von Früchten nach
-Nordamerika und Europa auf den Markt bringen. Da sie aber unreif
-gepflückt werden müssen, um den Transport möglich zu machen, so haben
-sie bei uns lange nicht das feine Aroma, das ihnen nur dann zukommt,
-wenn sie vollreif geerntet werden können.
-
-Eine weitere, ebenfalls für das gesamte Tropengebiet von der größten
-Bedeutung gewordene Obstpflanze des tropischen Amerikas ist der
-+Papai+ oder +Melonenbaum+ (~Carica papaya~), ein naher Verwandter
-der Passionsblumengewächse, den die Karaiben Westindiens ~ababai~
-nannten. Vor der Ankunft der Europäer wurde er in Brasilien, auf
-den Antillen und besonders in Mexiko angepflanzt. Es ist dies ein
-getrennt geschlechtlicher, 6-9 m hoher, schlanker, unverzweigter, fast
-staudenartiger Baum, der ungemein schnell aus den Samen schießt, das
-ganze Jahr hindurch blüht und Früchte trägt, aber schon im vierten
-Jahre abstirbt. Der Stamm, dessen Holzkörper von einem gelben, bitteren
-Milchsaft strotzt, trägt an der Spitze einen Schopf langgestielter,
-handförmig gelappter Blätter. Zwischen diesen letzteren sind die
-männlichen oder weiblichen halbfingerlangen, weißen Blüten angebracht,
-von denen letztere nach der Befruchtung einfächerige, vielsamige,
-fleischige Beeren von Form und Größe einer Melone hervorbringen, die
-wegen ihres wohlschmeckenden, zuckerreichen Fruchtfleisches so beliebt
-sind, daß der Baum kurze Zeit nach der Entdeckung Amerikas über das
-ganze Tropengebiet verbreitet wurde. Das 2 cm dicke, fast butterartige,
-etwas mehlige, rotgelbe, wohlschmeckende Fruchtfleisch bildet eine
-Höhlung, deren innere Wand von zahlreichen braunen oder braun-grünen
-Samen ausgekleidet wird, die wegen ihres starken Kressengeschmacks vor
-dem Genusse der Früchte entfernt werden müssen. Doch sind letztere
-heute durch Kulturauslese so weit verbessert worden, daß die besseren
-Sorten vollständig samenlos geworden sind. Man ißt sie roh mit Zucker,
-auch gekocht und eingemacht; die unreifen Früchte werden wie bei uns
-die Gurken mit Salz und Essig eingemacht oder in Stücke geschnitten
-wie Gemüse zubereitet. Der nicht bloß in den Früchten, sondern auch in
-allen übrigen Teilen der Pflanze, besonders den Blättern, enthaltene
-Milchsaft besitzt zu 50 Prozent ein pepsinartiges Ferment, das Eiweiß
-verdaut. Es ist dies das Papain, das in neuerer Zeit statt Pepsin bei
-Verdauungsschwäche gegeben wird, wie es eine Zeitlang bei Diphtherie
-zur Auflösung der Membranen durch Bepinselung damit benützt wurde.
-Überall dort, wo die Pflanze kultiviert wird, besonders in ihrer
-Heimat, dem tropischem Amerika, setzt man frisch geschlachtetem und
-sonst zähem Fleisch etwas Blätter oder Milchsaft des Melonenbaums beim
-Kochen hinzu, wodurch es alsbald weich und leicht verdaulich wird.
-
-Wie bei vielen Kulturpflanzen ist auch die Stammpflanze des
-Melonenbaums nicht bekannt. Sehr wahrscheinlich ist diese Nutzpflanze
-ein Kreuzungsprodukt mehrerer Arten, die in den feuchten Gebirgstälern
-des nördlichen Südamerikas und Mittelamerikas wild vorkommen. Es gibt
-dort noch manche Formen, deren Früchte sogar ein bei weitem feineres
-Aroma als diejenigen des gewöhnlichen Melonenbaums besitzen. Dahin
-gehört z. B. die köstliche Chamburu der tieferen Lagen der Anden von
-Ekuador. Von Brasilien bis Westindien ist der als Mamão bezeichnete
-Melonenbaum ein sehr geschätzter Obstbaum, der von den Indianern und
-zugewanderten Weißen und Schwarzen wie die Banane neben ihren Häusern
-gezogen wird. Seine Übertragung nach Ostindien und der malaiischen
-Inselwelt durch die Portugiesen muß schon im 16. Jahrhundert erfolgt
-sein; bereits im Jahre 1626 kamen Samen von ihm aus Ostindien nach
-Neapel. Seine weitere Verbreitung über die ganze Tropenwelt der Erde
-erfolgte in den beiden letzten Jahrhunderten.
-
-Im tropischen Südamerika wie auch im gegenüberliegenden Teile
-Westafrikas sind die gelben, roten oder schwarzen +Icacopflaumen+ (von
-~Chrysobalanus icaco~) heimisch, die sowohl frisch, als eingemacht
-trotz ihres etwas herben Beigeschmackes gerne von den Eingeborenen
-und ansässigen Weißen gegessen werden. In Westindien hat der 19
-bis 22 m hohe, zu den Guttiferen gehörende +Mammeibaum+ (~Mammea
-americana~) mit breit ausladender Krone seine Heimat, der wegen seiner
-wohlschmeckenden, über faustgroßen, rötlichgelben Früchte ebenfalls
-seinen Weg über das Tropengebiet beider Hemisphären fand. Sie, die
-meist Mammeiäpfel genannt werden, obschon sie mit den Äpfeln nichts
-zu tun haben, enthalten in einer dicken, bitter schmeckenden Rinde
-ein goldgelbes, den Aprikosen ähnlich schmeckendes Fleisch und werden
-deshalb überall, wo der Baum angepflanzt wird, roh oder als Marmelade
-gerne gegessen.
-
-Ebenfalls in Westindien und im nördlichen Südamerika heimisch ist
-die Sapotazee ~Lucuma mammosa~, ein Milchsaft führender Baum, der
-eiförmige, an Geschmack den Bergamottbirnen ähnliche Früchte reifen
-läßt, die als +Mammeizapote+ oder +surinamsche Mispeln+, in Peru als
-Lucuma, in ganz Mittel- und Südamerika, wo der Baum häufig angepflanzt
-wird, viel gegessen werden. Ein in denselben Gegenden wild wachsender
-und auch häufig angebauter Baum ist der ihm sehr nahe verwandte
-+Breiapfelbaum+ (~Achras sapota~), in seiner Heimat Zapota, von
-den Spaniern dagegen ~nispero~, d. h. Mispel genannt, der eine der
-bevorzugtesten Tropenfrüchte liefert, deren süßes, weiches Fleisch
-von sehr angenehmem Geschmacke ist. Deshalb wird er auch sonst in
-den heißesten Landstrichen der Erde allgemein kultiviert. Besondere
-Wertschätzung genießen die 4 cm dicken Früchte bei den Brasiliern, die
-aus ihm ein sehr wohlschmeckendes Mus bereiten, das auch exportiert
-wird. Da die Fledermäuse sehr lüstern über sie herfallen, wenn sie zu
-reifen beginnen, werden sie meist schon vor der Reife abgenommen, um
-sie auf dem Lager nachreifen zu lassen.
-
-Derselben Familie der milchsaftführenden Sapotazeen, von denen uns
-Artgenossen der malaiischen Inselwelt das wertvolle Guttapercha
-liefern, gehört der +Sternapfelbaum+ (~Chrysophyllum cainito~) an,
-dessen purpurrote, glatte, runde, süße Früchte ein von den Antillen
-über das tropische Amerika und die übrige heiße Zone verbreitete
-Delikatesse bilden. Der Lieferant dieses wohlschmeckenden Obstes
-ist ein schöner Baum von 9-12 m Höhe mit großen, auf der Unterseite
-goldglänzenden Blättern (daher auch der Name Goldblattbaum) und
-kleinen purpurroten Blüten. Nicht minder beliebt ist der gleichfalls
-in Westindien heimische +Marmeladeapfel+ (~Vitellaria mammosa~).
-Nahe Verwandte haben sehr ölreiche Samen wie beispielsweise der
-westafrikanische +Butterbaum+ (~Butyrospermum parkii~), der die später
-zu besprechende Schibutter liefert.
-
-Ebenfalls in Westindien heimisch ist der +Acajoubaum+ (~Anacardium
-occidentale~), der auch nach Brasilien und Westafrika verbreitet
-wurde und besonders im Kongogebiet vielfach angepflanzt wird. Der
-ziemlich hohe, mit umgekehrt eiförmigen Blättern bedeckte Baum erzeugt
-Früchte, welche großen Bohnen gleichen. Sie sind dadurch ungemein
-auffällig, daß ihr Stiel zur Zeit der Reife mächtig anschwillt und
-einen etwa 8 cm langen, birnförmigen, fleischigen Körper bildet,
-der süßsäuerlich schmeckt und als erfrischendes Obst gerne gegessen
-wird. Die eigentliche Früchte kommen unter dem Namen „amerikanische
-Elefantenläuse“ in den Handel. Sie enthalten einen sehr ölreichen,
-geröstet eßbaren Samen, der aber von einer Schale umschlossen wird,
-die in zahlreichen Höhlungen ein äußerst scharfes, an der Luft
-schwarz werdendes Öl enthält. Von diesem auf der äußeren Haut leicht
-Entzündungen und Blasen erzeugenden Reizstoffe macht man in der
-Tierarzneikunde Gebrauch.
-
-Zu den Myrtengewächsen gehört die ursprünglich ebenfalls im
-tropischen Amerika heimische und von da über den ganzen Tropengürtel
-verbreitete +Guajave+ (~Psidium guajava~), deren bald birn-, bald mehr
-apfelförmige, beerenartige, grüne oder gelbe Früchte von Pfirsichgröße
-mit einem goldgelben bis rosenroten, süßsäuerlichen, angenehm
-schmeckenden Fruchtfleisch erfüllt sind und sehr gerne teils roh, teils
-gekocht als Kompott oder Marmelade gegessen werden. Auch wird ein
-sehr geschätztes Gelee von ihnen gewonnen. Besonders eignet sich dazu
-die Schale und das Innere der Frucht, das mit etwas lästigen kleinen
-Kernen, wie bei den Johannisbeeren, erfüllt ist. Überall in den Städten
-Südamerikas kauft man als dulce eingekochtes Guajavenmus, das, in
-kleine Blechkisten gefüllt, allenthalben auf den Straßen der Städte
-feilgeboten wird.
-
-Dieselbe Heimat wie die Guajaven haben die mit den Magnolien nahe
-verwandten +Gewürz-+ oder +Zimtäpfel+ (~Anona squamosa~), die bis 2
-kg schwer werden und ein starkes, gewürziges Aroma besitzen. Obschon
-sie einen stark zusammenziehenden Terpentingeschmack aufweisen, an
-den sich der europäische Gaumen erst gewöhnen muß, steht dieses Obst
-doch überall in hoher Gunst und wird etwa auch einmal in unseren
-Delikateßläden angeboten.
-
-In die Familie der Lorbeergewächse endlich gehört ein hoher Fruchtbaum
-mit schönen Lorbeerblättern, ~Persea gratissima~, der ursprünglich
-gleichfalls im tropischen Amerika heimisch war und besonders von
-den alten Mexikanern kultiviert wurde, jetzt aber überall in den
-Tropen gezogen wird und selbst noch in Südspanien aushält. Die
-olivengrüne, birnförmige Frucht erreicht eine Länge von 10 cm und
-enthält ein weißes, sehr stark aromatisches, zucker- und fettreiches
-Fruchtfleisch, das man allein, oder mit Kognak oder Sherry übergossen,
-sehr gerne genießt. Bei den Mexikanern hieß die Frucht ~ahuaca~ oder
-~aguacate~, daraus machte man Avagatobirne, endlich Advokaten- und
-sogar Alligatorbirne. An diesem Beispiel sieht man wie merkwürdige
-Verballhornisierungen einheimischer Bezeichnungen entstehen, wenn
-fremde Zungen sie sich zurecht legen.
-
-Endlich sei noch als wichtiger Fruchtbaum Indonesiens und Polynesiens
-der von den Kanaken auf Hawai (Sandwichinseln) ~ohia~, von den Malaien
-Sumatras dagegen ~jambo~ genannte Baum mit apfelartigen Früchten
-(~Metrosideros polymorpha~) genannt.
-
-Selbstverständlich gibt es außer den genannten Obstarten noch eine
-Menge anderer, denen aber keine so große Bedeutung zukommt wie diesen.
-Doch wird diese kurze Aufzählung der wichtigsten Tropenfrüchte genügen,
-um zu zeigen, welche Fülle herrlicher Früchte das das Pflanzenleben
-in hohem Maße begünstigende Sonnenlicht innerhalb der Wendekreise
-hervorbringt. Wie überaus ärmlich ist dagegen die ursprünglich in
-Europa heimische Fruchtvegetation, bevor sie durch den Import aus
-Westasien in unvergleichlicher Weise bereichert wurde. Unser Kontinent
-mit seinem niederschlagsreichen, mit Nebel und Winterkälte reichlich
-bedachten Waldklima besaß in der Vorzeit außer den Beerenfrüchten
-der Waldlichtungen wie Erdbeere, Brombeere, Himbeere, Heidelbeere,
-Preiselbeere und Moosbeere, welch letztere in Sümpfen und Torfmooren
-wächst, nur Holzapfel und Holzbirne, Schlehe und Vogelbeere, die faden
-Früchte von Weiß- und Rotdorn, die Vogelkirschen und Haselnüsse. Auch
-das waldbedeckte Italien und Griechenland, in das die Viehzucht und
-Ackerbau treibenden Stämme der Italiker und Hellenen einzogen, barg
-durchaus nicht mehr als diese hier aufgezählten ärmlichen Fruchtarten.
-Alles andere, ohne das wir uns diese sonst klimatisch so bevorzugten
-Landstriche gar nicht vorstellen können, hat noch vor dreitausend
-Jahren und weniger jenen Gegenden vollkommen gefehlt. Da erntete man
-nicht bloß zum Genusse der als Haustiere in eingehegten Plätzen um die
-Hütten der Menschen gehaltenen Schweine, sondern auch für die Menschen
-die eiweißreichen, aber herben Eicheln und die ölreichen Bucheckern,
-die man zerrieben und mit Wasser angemacht zu Brot und Fladen buk.
-
-Niemand würde glauben, daß die Edelkastanien und Walnüsse, die heute
-als selbstverständliche Produkte des warmen Südeuropas angesehen
-werden, auch hier erst verhältnismäßig spät eingebürgerte Fremdlinge
-sind. Wie die großen Haselnüsse als pontische Nüsse, gelangten auch
-die Kastanien und Walnüsse als persische oder königliche Nüsse,
-weil sie aus Lydien, also einer Gegend stammten, die dem persischen
-Könige untertan war, nach Griechenland. Und als diese überseeischen
-Schalenfrüchte, die in Säcken auf den Markt, z. B. von Athen,
-gelangten, schon längst hier eingebürgert waren, schwankte noch
-ihre Benennung so sehr, daß der populäre Name „Zeus-Eichel“, ~Diós
-bálanos~, der in Griechenland meist die Kastanie bezeichnete, in
-der entsprechenden lateinischen Form ~juglans~ (~Jovis glans~ =
-Jupiterseichel) die Bedeutung Walnuß erhielt.
-
- Tafel 41.
-
-[Illustration: Melonenbäume, Kaffeestauden und andere Kulturpflanzen
-der Tropen im Gewächshaus der deutschen Kolonialschule in Witzenhausen
-a. d. Werra.]
-
- Tafel 42.
-
-[Illustration: Fruchtladen auf Ceylon mit einheimischen Früchten, an
-der Schnur hängt eine Bananenstaude.
-
-Fruchtladen in Südindien, oben hängen Ananas und Bananen, rechts an die
-Wand gelehnt ein Haufen Zuckerrohrstengel.]
-
-In ihrer nördlicheren Urheimat bezeichneten die Griechen mit dem Worte
-~bálanos~, wie die Römer mit ~glans~, die einst auch dem Menschen zur
-Nahrung dienende Eichel, von der noch der einer hochkultivierten Zeit
-angehörende Plinius in seiner Naturgeschichte sagt: „Eicheln machen den
-Reichtum vieler Völker aus. Bei Getreidemangel werden sie getrocknet,
-gemahlen und zu Brot verbacken; in Spanien werden auch Eicheln zum
-Nachtisch aufgetragen. In Asche gebraten schmecken sie besser.“ Damit
-sind jedenfalls die Früchte der in Italien und auf der Iberischen
-Halbinsel wachsenden Speiseeiche (~Quercus esculus~) gemeint, während
-in Griechenland die Knoppereiche (~Quercus aegilops~) eine für
-anspruchslose Menschen eßbare und noch jetzt vom Landvolk gegessene
-Eichel hervorbringt. In der älteren Zeit wurden diese Eicheln nicht nur
-in Zeiten des Getreidemangels, sondern regelmäßig gegessen. So sagt
-der aus Askra in Böotien gebürtige griechische Dichter Hesiod im 8.
-Jahrhundert v. Chr.: „Wo gerechte Menschen wohnen, da ist Hungersnot
-unbekannt. Ihnen geben die Götter reichlichen Unterhalt, Eichen
-(~drýs~), die mit Eicheln (~bálanos~) beladen sind, Honig, Schafe.“
-Und Herodot im 5. vorchristlichen Jahrhundert schreibt in seiner
-Geschichte: „Nach dem Tode des (um 820 v. Chr. lebenden Königssohns,
-der Sparta Gesetze gab und es dann verließ, ohne je wieder dahin
-zurückzukehren) Lykurgos wurden die Spartaner bald mächtig, bekamen
-Lust zu Eroberungen und fragten in Delphi an, ob sie wohl Arkadien
-(nördlich von Lakonien, dessen Hauptstadt Sparta war) erobern könnten.
-Die Pythia antwortete: ‚In Arkadien wohnen viel eichelverzehrende
-Männer, die werden euch zurückschlagen.‘“
-
-Als die Griechenstämme in Hellas einwanderten, übertrugen sie
-begreiflicherweise das alte Wort ~bálanos~ (Eichel) auf verschiedene
-neue Früchte, unter denen sich auch die wilde +Edelkastanie+ (~Castanea
-esculenta~) befand. Dieser Baum ist in einer kleinfrüchtigen Form
-in ganz Südeuropa heimisch und tritt uns auch weiter nördlich schon
-in vorgeschichtlicher Zeit entgegen. So finden wir sein Holz in
-Norditalien bei der Herstellung der bronzezeitlichen Pfahlbauten und
-Terramaren verwendet, und in den verkohlten Überresten der Terramaren
-der ältesten Eisenzeit aus dem Beginne des letzten vorchristlichen
-Jahrtausends ließen sich seine Früchte ebenfalls nachweisen. Auch
-auf der Iberischen Halbinsel reicht der Nachweis des Vorkommens von
-Kastanien bis in die Übergangszeit von der Stein- zur Bronzezeit
-zurück. Da nun die Früchte dieses Wildlings von den alten Griechen so
-wenig als von der heutigen Bevölkerung Griechenlands gegessen wurden,
-empfanden sie auch keinerlei Bedürfnis, diese Früchte mit besonderem
-Namen zu belegen. Erst als großfrüchtige ausländische Sorten in
-Griechenland aufkamen, mußte man unterscheidende Bezeichnungen für sie
-schaffen. Dabei behalf man sich damit, daß man sie zunächst einfach
-nach den Ländern ihrer Herkunft benannte.
-
-Noch der hochgebildete Xenophon, ein Schüler des Sokrates, kannte
-keinen Namen für diese Früchte, als sie ihm im Hochlande von Armenien
-zuerst unter die Augen kamen. Als er im Jahre 400 v. Chr. die
-zehntausend Mann griechischer Soldtruppen, die dem jüngeren Kyros
-gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon zu Hilfe gezogen waren, nach
-der unglücklichen Schlacht bei Kunaxa über das armenische Hochland
-zum Schwarzen Meere und von da nach Byzanz zurückführte, fand er im
-Lande der Mosynoiken bei Trapezunt „unter den Dächern der Häuser große
-Vorräte von breiten Nüssen, welche durchaus keinen Einschnitt hatten.
-Diese Früchte bildeten das wichtigste Nahrungsmittel der Einwohner
-und wurden teils gekocht, teils zu Brot verbacken.“ Daß Xenophon bei
-der Umschreibung der Kastanien als „breite Nüsse ohne Ritze“ an die
-Walnüsse zum Vergleiche gedacht hat, ist offenkundig. Merkwürdig aber
-bleibt unter allen Umständen die Tatsache, daß er kein besonderes Wort
-für diese ihm fremdartig vorkommenden Früchte anzugeben weiß.
-
-Nach dem trefflichen Pflanzenkundigen Theophrast (390-286 v. Chr.)
-scheint die einheimische Benennung der Kastanie Zeus-Eichel (~Diós
-bálanos~) gewesen zu sein. Und als großfrüchtige Kastanien aus den
-Ländern am Südrande des Schwarzen Meeres nach Griechenland importiert
-wurden, erhielten sie die Bezeichnung Eicheln oder Nüsse aus Herakleia,
-Sinope oder Paphlagonien, oder auch sardische Eicheln, nach Sardes, der
-Hauptstadt von Lydien. Letztere Bezeichnung gebraucht beispielsweise
-der aus Sinope stammende, als Dichter der neuattischen Komödie im
-3. vorchristlichen Jahrhundert in Athen lebende Diphilos, der sagt:
-„Die Eicheln von Sardes sind sehr nahrhaft und gesund, doch schwer zu
-verdauen, namentlich in rohem Zustande“. Sein Zeitgenosse Nikander
-bezeichnet sie zum erstenmal mit dem Namen, der ihnen später haften
-bleiben sollte; er nennt sie nämlich „kastanische Nüsse“, doch wußte
-niemand später anzugeben, wo das Land Kastanis liege. Heute wissen
-wir, daß diese Bezeichnung gar nicht auf eine geographische, sondern
-auf eine sprachliche Benennung zurückgeht, die dem Kastanienbaum
-im Armenischen zukam. ~Kaskeni~ bedeutet nämlich im Armenischen
-Kastanienbaum und ~kask~ Kastanie. Aus ersterem entstand dann die
-griechische Bezeichnung „kastanische Nuß“ (~kastanaikón káryon~)
-und später mit Weglassung des Wortes Nuß einfach ~kastánaion~ oder
-~kástanon~. Letztere Bezeichnung treffen wir beispielsweise in dem
-Buche des Atheners Mnesitheos, der nach dem um 200 n. Chr. lebenden
-Athenaios sagt: „Die Kastanien (~kástanon~) heißen auch euböische
-Nüsse; sie sind schwer zu verdauen, machen aber diejenigen, die sie gut
-verdauen können, fett. Übrigens sind sie gleich anderen Nüssen gekocht
-oder geröstet eine viel gesündere Speise als roh.“
-
-[Illustration: Bild 16. Die Edelkastanie (~Castanea esculenta~).
-
-~a~ blühender Zweig mit oben männlichen und unten weiblichen Blüten an
-den Blütenähren, ~b~ männliche, ~d~ weibliche Blüte; ~c~ drei weibliche
-Blüten in einer Fruchthülle; ~e~ drei Samen in einer Fruchthülle, ~i~
-dieselben im Durchschnitt; ~f-h~ junge Kastanien. (Nach Hegi.)]
-
-Mit der Frucht übernahmen auch die Römer die Bezeichnung derselben von
-den Griechen. Wann nun dieser Fruchtbaum nach Italien kam, läßt sich
-nicht mehr sagen. Wahrscheinlich hat ihn der römische Komödiendichter
-Plautus (254-184 v. Chr.), der die griechischen Stücke des eben
-erwähnten Diphilos und seines älteren Rivalen Menandros (342-290
-v. Chr.) nachahmte, gekannt. Er spricht nämlich an einer Stelle von
-einem das Dach beschattenden Baum, der eine „weiche Nuß“ (~mollescam
-nucem~) trage. Nun kann darunter sowohl eine weichschalige, als eine
-weich zu essende Nuß verstanden sein. Allem nach scheint aber ersteres
-das wahrscheinlichere zu sein, so daß wir also darunter wohl die
-Kastanie zu verstehen haben. Aber bei dem Mangel eines feststehenden
-Namens kann wohl von einer allgemeinen Kultur dieser Bäume in Italien
-vor dem Beginn des 2. vorchristlichen Jahrhunderts keine Rede sein.
-Noch der ältere Cato (234-149 v. Chr.), der als Zensor die altrömische
-Einfachheit in der Lebensweise und Sittenstrenge aufrechterhalten
-wissen wollte, erwähnt in seiner sonst alle in Italien angepflanzten
-Bäume anführenden Schrift über den Landbau die Kastanien so wenig als
-Walnüsse und Mandeln, nur die von den Griechenstädten Süditaliens
-nach Kampanien versetzten großen Haselnüsse, die den Griechen aus dem
-Pontusgebiet zugekommen waren.
-
-Erst zu Ende der Republik tritt uns der Baum und die Frucht als
-zweifellos in Italien heimisch entgegen. Unter der von den Griechen
-übernommenen Bezeichnung „kastanische Nuß“ (~castanea nux~ oder kurz
-~castanea~) erwähnt sie zuerst der römische Dichter Vergil (70-19
-v. Chr.), indem er an einer Stelle seiner Eklogen sagt „Ich will dir
-Kastanien (~castanea nux~) und wachsgelbe Pflaumen (~prunum~) geben“
-und an einer andern: „Wir haben schmackhaftes Obst, auch weiche
-Kastanien und Vorrat von Käse.“ Dann nennt der Dichter Ovid (43 vor bis
-7 n. Chr.) diese Frucht, indem er von seiner Geliebten Amaryllis sagt:
-„sie liebte Kastanien und Nüsse“.
-
-Der ältere Plinius (23-79 n. Chr.) sagt in seiner Naturgeschichte:
-„Auch die Kastanien (~castanea~) werden Nüsse (~nux~) genannt, obschon
-es passender wäre, sie Eicheln (~glans~) zu nennen. Sie sind mit
-Stacheln besetzt, wozu sich bei den Eicheln nur der Ansatz findet.
-Obgleich sie die Natur unter ihrer Stachelschale versteckt hat, sind
-sie doch sehr häufig. Zuweilen stecken in einer einzigen Schale drei
-Kerne. Die Haut, welche zwischen Schale und Kern liegt, verschlechtert,
-wie bei den Nüssen, den Geschmack. Man verspeist sie lieber geröstet
-als roh. Sie werden auch gemahlen und können dann ein Brot geben.
-Ursprünglich sind sie in Sardes heimisch, und deswegen nennen sie
-die Griechen auch sardische Eicheln; denn Zeus-Eicheln sind sie erst
-später genannt worden, als sie durch gute Pflege veredelt waren. Jetzt
-gibt es mehrere Arten von Kastanien; die tarentinischen sind flach,
-die sogenannte ~balanitis~ ist runder, die ~pura~ geht leicht aus der
-Schale, die ~salariana~ ist flach, die ~corelliana~ ist gut, ebenso
-die von ihr gezogene ~eterejana~, doch stellt nur ihre rote Schale sie
-über die dreikantigen, gemeinen schwarzen, welche auch Kochkastanien
-(~coctiva~) heißen. Die besten Kastanien wachsen um Tarent und Neapel.
-Bei den geringen Kastaniensorten zieht sich die Schale bis in den Kern;
-sie sind daher schwer verdaulich und dienen nur zu Schweinefutter.“
-
-Sein Zeitgenosse, der griechische Arzt Dioskurides, sagt in seiner
-Arzneilehre: „Die Kastanie hat verschiedene Namen: sardische Eichel,
-~lópimon~, ~kástanon~, auch ~móton~, Zeus-Eichel. Sie sind der Wirkung
-nach den eßbaren Früchten der Eichenbäume ähnlich; besonders haben die
-Häute zwischen Schale und Fleisch zusammenziehende Eigenschaften.“
-Zur Erklärung der Bezeichnungen corellianische und eterejanische
-Kastanien schreibt derselbe Autor an einer andern Stelle: „Als eine
-Merkwürdigkeit mag hier folgendes erwähnt werden: Der römische Ritter
-Corellius, aus Ateste gebürtig, veredelte einmal im Neapolitanischen
-einen Kastanienbaum mit dessen eigenem Reise, und aus diesem erwuchs
-eine vortreffliche Kastaniensorte, die noch jetzt nach jenem Ritter
-die corellianische heißt. Später veredelte sein Freigelassener namens
-Eterejus diese Kastanie wieder, und nun zeigte sich der Unterschied,
-daß die corellianische reichlichere, die eterejanische aber bessere
-Früchte trug.“
-
-In den ~Geoponika~ sagt ein griechischer Autor, daß die (schwarze)
-Maulbeere auf Kastanie (~kástanon~) und Speiseeiche (~phagós~ von
-~phageín~, essen) gepfropft werde. Und der zur Zeit Cäsars und
-Augustus’ lebende griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien,
-daher Siculus zubenannt, schreibt in seinem Geschichtswerk: „In
-Arabien wird gediegenes Gold in Stücken gefunden, welche die Größe
-einer Kastanie (~káryon kastanaikón~) haben“, und an einer andern
-Stelle: „Im Lande der Ichthyophagen (d. h. Fischesser, bei den Alten
-zwei Völker, in Gedrosien und Arabien) wachsen viele Ölbäume, deren
-Frucht einer Kastanie ähnlich ist.“ Der aus Spanien gebürtige römische
-Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. sagt:
-„Der Kastanienbaum (~castanea~) ist der Steineiche (~robur~) ähnlich
-und deswegen zu Pfählen für den Weinstock sehr brauchbar. Die Frucht
-(~nux~, d. h. Nuß) wird im Herbst in zweimal gegrabenen Boden gesät
-und keimt rasch. Neben jede steckt man einen kurzen Rohrstab, um
-beim Jäten zu wissen, wo sie liegt. Sobald die Stämmchen zweijährig
-sind, verpflanzt man so viele, daß die bleibenden je zwei Fuß
-auseinanderstehen, damit sie einander nicht schaden. Die Samen werden
-deswegen dichter gelegt, weil sie durch verschiedene Zufälle am Keimen
-verhindert werden können, z. B. durch Trockenheit oder ein Übermaß von
-Nässe, durch Mäuse und Maulwürfe.“ Und Palladius sagt im 4. Jahrhundert
-n. Chr.: „Versetzt man Kastanienbäumchen (~castanea~), die irgendwo
-von selber gewachsen sind, so gedeihen die so schlecht, daß man oft
-zwei Jahre lang nicht weiß, ob sie am Leben bleiben oder nicht. Besser
-als im November werden die Kastanien im Februar gesät, nachdem man
-sie zuerst, im Schatten getrocknet und 30 Tage mit Flußsand bedeckt
-hat stehen lassen und dann durch Werfen in kaltes Wasser geprüft hat,
-welche untersinken und somit gut sind und welche schwimmen und damit
-bekunden, daß sie krank sind. Wenn sie zweijährig sind, werden die
-jungen Bäumchen versetzt. Wenn sie angewachsen sind, pfropft man sie,
-und zwar, wie ich selbst probiert, im Monat März oder April in die
-Rinde; doch kann man sie auch okulieren. Man pfropft Kastanien auf
-Kastanien oder Weiden (~salix~). Doch reift in letzterem Falle die
-Frucht später und schmeckt weniger angenehm. Man hebt die Kastanien in
-Hürden auf, doch so, daß sie nicht aufeinander liegen, oder man legt
-sie so einzeln in Kies, daß sie sich nicht berühren, oder man tut sie
-in neue irdene Töpfe und vergräbt diese an einem ziemlich trockenen
-Orte, oder man bewahrt sie in Körben auf, die luftdicht mit Lehm
-bestrichen sind, oder unter feiner Gerstenspreu, oder in Behältern, die
-dicht aus Binsen geflochten sind.“
-
-Mit den gleich zu besprechenden Walnüssen kamen auch die Kastanien
-in der römischen Kaiserzeit über die Alpen und daraus wurden in den
-römischen Kolonien von den sich hier ansiedelnden Veteranen die
-betreffenden Fruchtbäume gezogen. So fanden sich in den älteren, später
-von den Soldaten selbst mit allerlei Wegwurf zugeschütteten Brunnen
-des römischen Kastells auf der Saalburg zahlreiche Walnußschalen, und
-bei Ausgrabungen in Mainz stieß man wiederholt auf Kastanien, welche
-von der Beliebtheit dieser beiden Fruchtarten bei den Römern Kunde
-geben. Venantius Fortunatus, der Freund und Landsmann des fränkischen
-Bischofs Gregor von Tours in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts
-n. Chr. sandte seiner Freundin Radegunde ein Körbchen mit Kastanien,
-das von einem poetischen, uns noch im Wortlaut erhaltenen Billette
-begleitet war, worin er ihr als ländliche Gabe ~molles~ (d. h. weiche)
-~castaneas~, „die der Baum auf dem Felde trug“ anbietet. Später
-verordnete Karl der Große die Anpflanzung von ~castanearios~ in den
-kaiserlichen Krongütern. Nach England kam dieser Baum erst am Anfang
-des 16. Jahrhunderts.
-
-Die eßbare Kastanie geht weniger weit nach Norden als der Nußbaum.
-In warmen Lagen Deutschlands, wie am Rhein, wurde er aber schon in
-den ersten Jahrhunderten n. Chr. eingebürgert. Teilweise ist er hier
-verwildert und hat sich so gut eingelebt, daß er beispielsweise auf
-den Bergen um Heidelberg herum und an der Bergstraße geradezu zu einem
-Charakterbaum der Landschaft wurde. Weder zur Römerzeit noch auch
-später drang er nach Norddeutschland vor, wo es ihm zu rauh ist und er
-keine Früchte mehr zeitigt, so daß er höchstens als Zierbaum gehalten
-werden kann. Deshalb fehlt auch sein Name gänzlich in den Orts- und
-Flurnamen Mittel- und Norddeutschlands. Nur in Italien, Südfrankreich,
-Spanien, Korsika, Sardinien usw. bildet der edle Kastanienbaum ganze
-Waldungen. So sehr sind seit der Römerzeit seine schmackhaften Früchte
-in diesen Gebieten zur Volksnahrung geworden, daß man in Frankreich die
-Trägheit der Korsen ihren Kastanien zuschrieb. In der Tat genügt einer
-korsischen Familie der Besitz von zwei Dutzend Kastanienbäumen und
-einer das ganze Jahr hindurch im Freien weidenden Ziegenherde, um alle
-ihre Bedürfnisse zu decken.
-
-Nach der Eroberung Teneriffes durch die Spanier am Ende des 15.
-Jahrhunderts wurde der Kastanienbaum auch auf diese Insel verpflanzt.
-Auch hier bildet er ausgedehnte Waldungen und gedeiht so üppig wie
-in seiner Heimat, dem nördlichen Kleinasien, wo Wutzer auf seiner
-Orientreise nicht nur gewaltige Bäume der großen Haselnußart, sondern
-auch Platanen und Kastanien sah, deren Größe ihn in Erstaunen versetzte.
-
-Die Früchte einer in Nordamerika vorkommenden Spielart des
-Kastanienbaums finden dieselbe Verwendung wie diejenigen der
-altweltlichen. Auch werden dort die der ~Castanea pumila~, der
-~Chincapin~, gegessen. Ebenso hat China in der ~Castanea chinensis~
-und Indonesien in der ~Castanea argentea~ und ~Castanea tungurrut~
-einen Ersatz für unsere Eßkastanie. Übrigens gibt es in den Tropen der
-ganzen Erde verschiedene Bäume, die den Kastanien an Wohlgeschmack
-gleichkommende Früchte besitzen, die sowohl roh als geröstet gegessen
-werden. Unter ihnen ist der wichtigste ~Bombax malabaricum~, ein
-ungeheurer Baum Ostindiens mit süßen, angenehm schmeckenden Samen.
-Auch die mehlreichen Samen von ~Carolinea princeps~ in Guiana und
-dem übrigen nördlichen Südamerika und von ~Carolinea insignis~ auf
-den Antillen schmecken geröstet wie Kastanien und werden, wie die
-jungen Blätter und Blumen als Gemüse gern verspeist. Ähnlich schmecken
-die süßen Samen von ~Melicocca bijuga~ und ~Cupania tomentosa~ in
-Westindien. Ausgezeichnet süß, kastanienartig schmecken auch die
-Samen des westafrikanischen Baumes ~Blighia sapida~, die samt dem
-fleischigen, sie umgebenden Mantel gekocht und gebraten gern gegessen
-werden. Durch Negersklaven wurde der Baum auch nach Westindien
-gebracht, wo er öfter kultiviert angetroffen wird. Dasselbe ist
-bei ~Laurus chloroxylon~ in Brasilien und bei ~Sloanea dentata~ im
-nördlichen Südamerika der Fall. Auch der durch seine kindskopfgroßen
-Früchte ausgezeichnete +Topfbaum+ (~Lecythis ollaria~) des tropischen
-Amerika ist seiner kastanienartigen Samen wegen beliebt und wird,
-wie auch mehrere andere ~Lecythis~-Arten mit ähnlichen Samen, häufig
-angepflanzt. Endlich ist noch der australische Baum ~Castanospermum
-australe~ zu nennen, dessen aus der Hülse gelösten kastaniengroßen
-Samen wie Kastanien verspeist werden.
-
-Vom nordwestlichen Himalaja, Beludschistan und Afghanistan, wo er nach
-Atchison von 2200 bis 2800 m Höhe gefunden wird, über Nordpersien bis
-nach Kleinasien ist der +Walnußbaum+ (~Juglans regia~) heimisch, der
-überall in seiner Heimat in größeren Beständen im Gebirge wächst und
-den Anwohnern in seinen Nüssen eine willkommene Nahrung spendet. Zu den
-Griechen kamen sie gleich den Kastanien unter der Bezeichnung persische
-oder königliche Nüsse (aus dem bereits mitgeteilten Grunde, weil dort
-im persischen Kleinasien ein König herrschte) oder als sinopische
-Nüsse (~káryon~), weil sie auch von der Hafenstadt Sinope am Südrande
-des Schwarzen Meeres in größeren Mengen nach Griechenland gebracht
-wurden. Dem Namen nach sind sie also für uns nicht von den Kastanien
-unterscheidbar. Wie die Kastanie wurde sie von den Griechen auch ~Diós
-bálanos~, d. h. Zeus-Eichel genannt, unter welcher Bezeichnung sie
-dann später durch Vermittlung der Griechen Süditaliens zu den Römern
-kam, welche sie in derselben Weise ~juglans~ (zusammengezogen aus
-~Jovis glans~, d. h. Jupiterseichel) nannten. Ihre ölreichen Kerne
-scheinen sich bei den Griechen keiner besonderen Wertschätzung erfreut
-zu haben; denn der griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert
-n. Chr. schreibt: „Die königlichen Nüsse (~káryon basilikón~), welche
-bisweilen auch persische Nüsse genannt werden, sind schwer zu verdauen,
-schaden dem Magen, erzeugen Galle, machen Kopfweh, sind namentlich bei
-Husten zu vermeiden. Dagegen ist ihr Genuß Nüchternen, welche Erbrechen
-bewirken wollen, nützlich. Mit Feigen und Raute vermischt gibt man sie
-als Vorbeugungsmittel gegen Gift, vertreibt mit ihnen, wenn man sie
-in Menge verzehrt, die Bandwürmer, benutzt sie noch sonst innerlich
-und äußerlich, setzt auch die verkohlten Schalen und Kerne einigen
-äußerlich anzuwendenden Mitteln bei. Aus den zerstampften Nüssen preßt
-man Öl. Übrigens bekommen frische dem Magen weit besser als alte.“
-Sonst schweigen sich die griechischen Autoren über den Walnußbaum
-aus. Wir wissen nur, daß die lakedämonischen Jungfrauen zur Zeit des
-Einsammelns der Nüsse (~plur. kárya~) ein danach ~Kárya~ genanntes Fest
-zu Ehren der ~Artemis karyátis~ feierten, und daß deshalb ~karyatízein~
-den bei diesem Feste abgehaltenen Tanz tanzen bedeutete. Danach heißen
-Karyatiden die an einem solchen Nußfeste tanzenden Jungfrauen, die ein
-attischer Bildhauer als Gebälkträgerinnen -- auch einfach Koren, d. h.
-Mädchen genannt -- an der Südhalle des Erechtheions auf der Akropolis
-in Athen in für alle Zeiten vorbildlicher Weise darstellte.
-
-Geschätzter als bei den Griechen waren die Walnüsse bei den Römern,
-die den Walnußbaum ziemlich häufig angepflanzt zu haben scheinen. Der
-überaus gelehrte Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.) schreibt
-über die Walnuß: „Diese herrliche, große Frucht heißt ~glans~, weil
-sie in ihrer grünen Schale einer Eichel (~glans~) ähnlich sieht;
-~juglans~ heißt sie von Jupiter (Stamm ~Jov~) und ~glans~. Sie heißt
-auch Nuß (~nux~), weil sie den Körper schwarz färbt, wie die Nacht
-(~nox~) die Luft.“ An einer anderen Stelle sagt er: „Hat man Walnüsse
-(~nux juglans~), Datteln (~palmula~) und sabiner Feigen (~ficus~)
-eingemacht, so schmecken sie um so besser, je eher man sie verzehrt;
-denn die Dattel wird durch das Alter blaß, die Feige morsch, die
-Walnuß trocken.“ Er hält aber dafür, daß die Nußbäume ihrer Umgebung
-schädlich seien: „Neben einem Eichenwald gedeiht der Ölbaum schlecht,
-neben Kohl (~olus~) der Weinstock, der sich sogar von jenem wegneigt;
-auch die Walnußbäume (~juglans~) machen rings um sich her das Erdreich
-unfruchtbar.“
-
-Der berühmte Redner Cicero, der im Jahre 43 v. Chr. ermordet wurde,
-sagt an einer Stelle seiner nach seinem Landgute Tuskulanum bei der
-altlatinischen Stadt Tusculum im Sabinergebirge benannten Schrift: „Der
-syrakusanische Tyrann Dionysius (der ältere, 431-367 v. Chr.) war so
-mißtrauisch, daß er sich vor dem Rasiermesser fürchtete und sich den
-Bart von seinen Töchtern mit glühenden Walnußschalen wegbrennen ließ.“
-Der 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch umgekommene Plinius meint wie Varro:
-„Der Schatten der Walnußbäume ist von großem und schädlichem Einfluß,
-tötet gleich dem der Pinien, Rot- und Weißtannen alle anderen Pflanzen,
-verursacht sogar dem Menschen Kopfweh.“ Und von seinen Früchten sagt
-er: „Die Walnüsse (~nux juglans~) haben keinen großen Wert, obgleich
-ihr Gebrauch bei Hochzeitsfeierlichkeiten eingeführt ist. Die Natur
-hat diese Frucht dadurch ausgezeichnet, daß sie den in einer holzigen
-Schale liegenden Kern noch in eine weiche Schale einschloß. Daß sie
-von den Königen Persiens stammt, beweist der Umstand, daß sie bei den
-Griechen königliche Nüsse (s. vor. Stelle bei seinem Zeitgenossen
-Dioskurides) heißen; auch nennt man jetzt noch die beste Sorte
-~persicon~ und ~basilicon~. Kopfnuß (~káryon~) heißt eine Sorte
-wahrscheinlich deswegen, weil sie durch ihren starken Geruch Kopfweh
-verursacht. Die gerbstoffreiche grüne Schale wird zum Färben der Wolle
-benutzt, die ganz jungen Nüsse dienen zum Braunfärben der Haare. Im
-Alter werden die Walnüsse ölig. Die Sorten unterscheiden sich nur nach
-der Schale, welche fest oder zerbrechlich, dünn oder dick, in Fächer
-geteilt oder einfach ist. Die Schale zerfällt in zwei Teile, der Kern
-selbst ist durch Zwischenhäute vierteilig.“
-
-Auch andere, besonders griechische Schriftsteller sprechen von der
-Sitte, die sich bis heute in Griechenland erhielt, im Augenblicke da
-die Neuvermählte das hochzeitliche Gemach betrat, Nüsse unter die Gäste
-und Kinder zu streuen, damit Zeus-Jupiter, nach welchem die Nüsse
-hießen, der jungen Frau Fruchtbarkeit schenken möge. So fordert der
-römische Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) in einer seiner Eklogen auf:
-„Streuet Nüsse (~nuces~) dem Hochzeitspaar aus!“ Auch Ovid (43 v. bis
-7 nach Chr.) spricht an zwei Stellen von Walnüssen, das eine Mal, da
-er von seiner Geliebten Amaryllis (Pseudonym, nach der Bezeichnung der
-schönen, von Vergil in seinen Hirtengedichten besungenen Hirtin oder
-Nymphe gleichen Namens, der die „Glänzende“ bedeutet) sagt: sie liebte
-Kastanien und Nüsse, und das andere Mal, da er von derselben meldet:
-ihr fehlten weder Nüsse noch Mandeln. Palladius im 4. Jahrhundert
-n. Chr. sagt von der Kultur des Walnußbaumes: „Die ~nux juglans~
-liebt feuchte, kühle, steinige Höhen, kommt aber auch an wärmeren
-vor. Man zieht sie aus an der Sonne getrockneten Nüssen, die in der
-Weise gepflanzt werden, daß man einen Stein oder Backstein unter sie
-legt, damit sie keine einfache Pfahlwurzel, sondern geteilte Wurzeln
-treiben. Die Bäumchen sollen alle 2 bis 3 Jahre versetzt werden,
-dadurch gedeihen sie besser. Die Wurzeln dürfen dabei nicht beschnitten
-werden; man bestreicht sie aber mit Rindermist, streut auch Asche in
-die Grube. Man macht die Gruben recht tief und auch weit voneinander
-entfernt, weil ein Walnußbaum selbst dem anderen durch seine Traufe
-schadet. Man lockert die Erde rings um den Stamm zuweilen auf, damit
-dieser im Alter nicht so leicht hohl wird. Ist er aber doch hohl
-geworden, so haut man ihn von einer Seite bis zur Höhlung auf, damit
-Sonne und Wind eindringen und die Fäulnis hemmen können. Werden die
-Nüsse zu hart oder knotig, so muß man einen Schnitt rings in der
-Rinde machen, um die schlechten Säfte abzuführen. Andere schneiden in
-diesem Fall die Wurzelspitze ab, oder bohren ein Loch in die Wurzel
-und schlagen einen Pflock von Buchsbaumholz hinein. Will man gemeine
-Walnüsse in die tarentinische Sorte (mit weicher Schale) verwandeln,
-so steckt man nur den von der harten Schale befreiten fleischigen
-Kern, wickelt ihn aber zuvor zum Schutz gegen Ameisen in Wolle. Will
-man einen schon tragenden Baum in einen tarentinischen verwandeln,
-so begießt man ihn ein ganzes Jahr lang monatlich dreimal mit Lauge.
-Die Reife der Nuß erkennt man daran, daß sich ihre äußere Schale
-ablöst. Ihre Aufbewahrung geschieht entweder unter Spreu oder Sand
-oder trockenen Walnußblättern oder in einem Kasten von Walnußholz oder
-zwischen Küchenzwiebeln, denen sie zugleich den scharfen Geschmack
-benehmen. Man kann nach Angabe vieler Gärtner Walnußreiser im Februar
-auf Erdbeerbäume (~arbutus~) pfropfen, am besten in den Stamm, ebenso
-auf Pflaumen- oder auf Walnußbäume.“ Dem fügt ein griechischer Autor in
-der ~Geoponika~ bei: „Pfropfreiser des Walnußbaumes (~káryon~) wachsen
-nicht leicht an, jedoch gelingt die Veredlung, wenn man sich nicht
-gleich abschrecken läßt und sorgfältig zu Werke geht. Einige Gärtner
-heben 2- und 3jährige Walnußbäumchen aus, pfropfen die Wurzeln und
-setzen sie wieder ein.“
-
-Mit den Kastanien brachten die Römer auch die Walnüsse über die Alpen
-und pflanzten sie um ihre Militärstationen. So fanden sich auch im
-Wegwurf der Saalburg zerbrochene Schalen von Walnüssen, die dort einst
-von den Legionären oder deren Angehörigen verspeist wurden. So scheint
-der Walnußbaum zuerst um die römischen Kastelle gewachsen zu sein, um
-im Laufe von Jahrhunderten von da weiter ins Land hinauszugelangen. So
-sind Ortsnamen, die mit Nuß- zusammenhängen, in der Rheingegend schon
-in den ältesten auf uns gekommenen Urkunden nachweisbar, so der Flecken
-Nußloch bei Heidelberg, der zuerst im Jahre 776 und das Dorf Nußbaum
-bei Bretten in Baden, das zum ersten Male im Jahre 883/884 belegt ist.
-Dazu kommen später Nußdorf (erster Beleg 1134), Nußbach bei Oberkirch
-(1196), Nußbach bei Triberg (1284) und Nußbaum bei Mosbach (1335). Daß
-der Baum in Gallien besonders intensiv kultiviert wurde beweist der
-spätlateinische Name ~nux gallica~, dessen Reflex wir im deutschen
-Walnuß und im englischen ~walnut~ haben. Die Anpflanzung des Nußbaums
-wird sowohl im ~Capitulare de villis~ wie in den beiden uns erhaltenen
-Garteninventaren Karls des Großen aus dem Beginne des 9. Jahrhunderts
-angeordnet. In der Hünenburg bei Rinteln an der Weser aus dem 10. bis
-11. Jahrhundert n. Chr. wurden Stücke von Walnußschalen gefunden.
-Heute hat sich der Nußbaum überallhin, wo es ihm nicht zu kalt ist,
-verbreitet und wird seiner ölreichen Nüsse, die ein sehr gutes Tafelöl
-liefern, und seines sehr gesuchten Holzes wegen viel gepflanzt.
-
-Die +Haselnuß+ (~Corylus avellana~) ist fast in ganz Europa und in
-Vorderasien heimisch. Hier war sie schon den Menschen der Steinzeit
-ein beliebtes Nahrungsmittel und wir finden ihre zerbrochenen Schalen
-im Wegwurfe der Pfahlbauern der jüngeren Stein- und der Bronzezeit. An
-einzelnen Fundstellen finden sie sich zu ganzen Schichten angehäuft.
-Erst die Griechen und hernach die Römer haben außer der einheimischen
-wilden Art auch schon größere und feinere, kultivierte Arten gekannt,
-so die +lombardische+ oder +Lambertsnuß+ (~Corylus tubulosa~) und die
-+türkische Haselnuß+ (~Corylus colurna~). Der Erzeuger der ersteren
-ist ein stattlicher Strauch, derjenige der letzteren dagegen ein Baum,
-der in seinem Vaterlande, im Pontusgebiet bis Armenien, ganze Wälder
-bildet. Beide kamen aus dem nördlichen Kleinasien über die Städte am
-Pontus als ~kárya póntika~, d. h. pontische Nüsse, nach Griechenland,
-von wo sie in die griechischen Kolonien Siziliens und Unteritaliens
-gelangten. Hier wurden sie mit besonderer Vorliebe kultiviert, so daß
-die bei der Stadt Abella in Campanien wachsende Haselnuß -- welche
-der beiden vorhin genannten groß-kernigen Sorten es war, ist nicht
-entschieden -- als ~nux abellana~ von den Römern, die deren Kultur von
-den Griechen übernahmen, besonders geschätzt wurde.
-
-Durch die Römer wurden diese pontischen Haselnußrassen gleichzeitig
-mit Walnuß und Kastanie in ihren transalpinen Provinzen eingeführt.
-So fand man im Wegwurf in den Brunnen des römischen Feldlagers der
-Saalburg nicht nur zahlreiche Schalen der gewöhnlichen Haselnuß,
-sondern auch der großen Lamberts- und türkischen Haselnüsse. Auf Grund
-dieser Funde dürfen wir annehmen, daß die ~avellanarii~, d. h. die
-Haselnußstauden, die in den Gärten Karls des Großen gezogen wurden,
-nicht sowohl einheimische, wilde, die ja sonst gar nicht besonders
-angeführt worden wären, als vielmehr die lambertsche oder die türkische
-Haselnuß waren. Im 16. Jahrhundert wurden dann echte türkische
-Haselnüsse durch Valerius Cordus, der sie von einem ungarischen
-Gesandten in Konstantinopel erhielt, direkt bei uns eingeführt und in
-Gärten Mitteleuropas kultiviert. Allerdings erreicht sein Erzeuger bei
-uns lange nicht die stattliche Größe, die er in seiner Heimat in den
-Pontusländern aufweist.
-
-Solche haselnußartige Samen bieten sehr zahlreiche Pflanzen aller
-möglichen Länder, unter denen wir nur die chilenische, brasilische,
-westindische und nordamerikanische Haselnuß, die Waldmandel Westindiens
-und verschiedener Waldbäume des nördlichen Südamerika mit teilweise
-mandelartigem Aussehen nennen wollen. Die brasilischen Nüsse, von den
-Einheimischen ~juvias~ genannt, sind vierkantige, braune Samen von der
-Größe einer Walnuß mit ölreichem Kern, der wie Mandeln schmeckt. Der
-sie hervorbringende stattliche Baum (~Bertholletia excelsa~) wächst
-überall in den Wäldern von Guiana, Venezuela und Nordbrasilien und
-wird zur Zeit der Samenreife stets von den Indianern aufgesucht, die
-diese wohlschmeckenden Nüsse sehr lieben und viele Wochen hindurch
-davon leben. Leider werden sie bald ranzig und lassen sich deshalb
-nicht längere Zeit aufbewahren. Außerdem gibt es in denselben Gebieten
-einen souari genannten hohen Baum (~Caryocar butyrosum~) und in
-Ekuador einen nahen Verwandten desselben, den ~pequi~-Baum (~Caryocar
-amygdaliferum~), die den Mandeln ähnliche ölreiche Samen aufweisen.
-
-Von geringerer Bedeutung, aber für uns wichtiger sind die
-Pistaziennüsse und das Johannisbrot, die wir ebenfalls aus dem warmen
-Süden erhalten. Ihre Erzeuger, die Pistazie und der Johannisbrotbaum,
-ohne die wir uns die alten Kulturländer am Mittelmeer nicht mehr
-vorstellen können, sind ebensowenig wie die früher betrachteten
-Fruchtbäume hier heimisch, sondern erst in geschichtlicher Zeit vom
-Menschen dort angesiedelt worden. Die +echte Pistazie+ (~Pistacia
-vera~) hat ihre Heimat im südlichen Kaukasus, in Mesopotamien
-und Syrien, wo sie stellenweise noch wild wachsend in größeren
-Beständen angetroffen wird. Sie ist ein 6-9 m hoher Baum mit unpaarig
-gefiederten, abfallenden Blättern, kurzen Blütenrispen und eiförmig
-länglichen, 2,5-4 cm großen Steinfrüchten. Diese besitzen einen dünnen
-Überzug von grünem, rot angehauchtem Fleisch und darunter unter
-holziger Schale angenehm mandelartig schmeckende, haselnußgroße,
-länglich dreikantige, grüne Kerne, die Pistazienmandeln oder syrischen
-Nüßchen (ital. ~pistacchi~), die im Orient roh gegessen und zu allerlei
-Backwerk, auch zur Gewinnung von Öl verwendet werden, das aber leicht
-ranzig wird. Früher dienten sie auch als Heilmittel; jetzt werden sie
-nur noch in der Küche, von Zuckerbäckern und Metzgern zum Würzen der
-feineren Würste verwendet.
-
-In Babylonien ist die Pistazienkultur uralt und schon damals werden die
-Früchte wie heute noch in Syrien und Ägypten eine Lieblingsnäscherei
-der vornehmen Haremsdamen gewesen sein. Sie hießen im Assyrischen
-~butnu~ und als ~botnim~ kamen sie nach Syrien und Palästina, wo sie
-zur Zeit der jüdischen Erzväter bekannt waren. Als die Brüder Josephs,
-von der Hungersnot gedrängt, zum zweitenmal nach Ägypten zogen, nahmen
-sie als Geschenke an den Minister des Pharao, in dem sie ihren Bruder
-nicht vermuteten, unter den erlesenen Landesfrüchten auch Pistazien
-mit. Von da an hat man keine Nachricht mehr vom Vorhandensein dieses
-Fruchtbaums in Syrien, bis nach der Erschließung Vorderasiens durch den
-Zug Alexanders des Großen ums Jahr 330 v. Chr. die Griechen Kunde von
-ihm erhielten. So berichtet Theophrast, der Schüler des Aristoteles:
-„In Indien wächst ein Baum, der der Terebinthe ähnlich ist, dessen
-Früchte aber wie Mandeln sind. Er soll auch in Baktrien wachsen; die
-Früchte sollen besser als Mandeln schmecken und werden deshalb dort
-lieber gebraucht als diese.“ Dieser Autor kennt noch keinerlei Namen
-für diese Frucht. Ein solcher erscheint erst hundert Jahre später, zu
-Ende des 3. vorchristlichen Jahrhunderts beim griechischen Dichter
-Nikander, der schreibt: „Am wild brausenden indischen Strome Choaspes
--- es ist dies der Fluß von Susa -- tragen die Äste der Pistazien
-(~pistákia~) Früchte gleich Mandeln.“ Den Namen ~pistákion~, d. h.
-Pistazie nennt wiederum hundert Jahre später der aus Apamea in Syrien
-gebürtige Geschichtschreiber Poseidonios. Er sagt, daß in Arabien und
-Syrien die sogenannte Pistazie wachse, deren grünliche Kerne zwar
-den Pinienkernen an Geschmack nachstehen, aber einen angenehmen Duft
-haben. In der Folge wird der Pistazienbaum mehrfach von medizinischen
-Schriftstellern erwähnt, so vom griechischen Arzte Dioskurides,
-der um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine reichhaltige
-Arzneimittellehre verfaßte und darin über dessen Früchte schreibt:
-„Die Pistaziennüsse (~pistákion~), welche in Syrien wachsen, sind
-den Piniennüssen (~stróbilos~) ähnlich und bekommen dem Magen gut.“
-Ähnlich schreibt der im Jahre 131 n. Chr. in Pergamon geborene und ums
-Jahr 200 in Rom verstorbene berühmte Arzt Galenos: „Die Pistaziennüsse
-(~pistákion~) wachsen bei Alexandria in Ägypten, aber noch weit
-häufiger bei der Stadt Berrhoea in Syrien. Sie geben wenig Nahrung,
-sind aber gesund.“
-
-Plinius nennt unter den Bäumen Syriens den, „der die bekannten
-Pistaziennüsse (~pistacium~) trägt“ und berichtet, daß ihn der Römer
-Lucius Vitellius -- nicht zu verwechseln mit dem nachmaligen Kaiser
-Aulus Vitellius --, der zur Zeit des Tiberius zwischen den Jahren
-20 und 30 n. Chr. Legat in Syrien war und von dorther allerlei
-Gartenfrüchte und Obstbäume auf sein Landgut bei der Stadt Alba in
-Mittelitalien verpflanzte, nach Italien, und Flaccus Pompejus, ein
-römischer Ritter, der mit Vitellius Kriegsdienste tat, nach Spanien
-brachte. In Mittelitalien wird aber jedenfalls das Klima zu rauh
-für den empfindlichen medisch-persischen Baum gewesen sein; denn
-noch in Kalabrien und auf Sizilien, wo ihn in der Folge die Römer
-akklimatisierten, liefert er weniger schmackhafte Früchte als in seiner
-orientalischen Heimat.
-
-Auch in Sizilien und Sardinien wuchs der Baum, von dem gewöhnlich
-Edelreiser auf die im Mittelmeergebiet überall heimische
-Terpentinpistazie gepfropft wurden. Noch im 4. Jahrhundert n. Chr.
-berichtet uns Palladius, der selbst Güter auf der Insel Sardinien
-besaß, vom Anbau dieses Fruchtbaumes. Aber die Kultur desselben
-muß in den Stürmen, die die Völkerwanderung über Italien brachte,
-vollständig außer Gebrauch gekommen sein, und es blieb den Arabern
-vorbehalten, mit so manchen anderen asiatischen Kulturpflanzen wie
-Dattelpalme, Mohrhirse, Safran und Zitrone auch die Pistazie wieder
-an dafür geeigneten Orten am Mittelmeer, das sie ja um die Wende des
-1. christlichen Jahrtausends völlig beherrschten, angesiedelt zu
-haben. Seitdem sie die Pistazie wiederum in Sizilien und Süditalien
-anpflanzten, blieb der Fruchtbaum bis auf den heutigen Tag in der
-Kultur der sie in der Herrschaft ablösenden Christen, die die Früchte
-gerne aßen und in der Küche verwandten. Am häufigsten trifft man bei
-uns die sizilischen Pistazien; die tunesischen sind wegen ihrer schönen
-grünen Farbe besonders geschätzt, während diejenigen Aleppos sehr groß
-und gelb sind.
-
-Wie der Pistazienbaum wurde auch der +Johannisbrotbaum+ oder
-+Caroubier+ (~Ceratonia siliqua~) erst durch die Araber in den
-wärmeren Gegenden am Mittelmeer als Spender eines billigen
-Volksnahrungsmittels angesiedelt. Dieser heute namentlich in den
-östlichen Mittelmeerländern weit verbreitete Hülsenfrüchtler stellt
-einen nicht sehr hohen, breitausladenden, schattenreichen Baum dar mit
-paarig gefiederten, lederartigen Blättern. Sein bevorzugter Standort
-sind die sonnendurchwärmten, felsigen Halden in der Nähe des Meeres,
-die vor dem kalten Nordwind geschützt sind; denn dieses sonnenverwöhnte
-Kind Vorderasiens liebt diesen durchaus nicht. Hier wächst er langsam,
-trägt erst nach zwanzig Jahren, dauert aber jahrhundertelang aus.
-Seine flachen, hornartig gekrümmten Schoten mit süßem, nahrhaftem
-Fruchtfleisch, das innen glänzend dunkle, bohnenartige Samen birgt,
-werden nicht nur mit Vorliebe von Schweinen, Pferden und Eseln, sondern
-auch vom Menschen roh und geröstet oder gebacken überall im Orient
-gegessen. Auch auf unsern Jahrmärkten erscheint das Johannisbrot
-als geschätzter Leckerbissen mit der Süßholzwurzel und den schwarzen
-Lakritzenstangen. Lakritz ist aus dem griechischen ~glykyrrhíza~, d.
-h. Süßwurzel zusammengezogen, und erfreut hier besonders die Kinder.
-Aus den als Karuben bezeichneten Fruchthülsen -- das Wort stammt aus
-dem arabischen ~charrûb~ -- wird auch ein süßer, honigähnlicher Saft
-gepreßt, der als ~keratomeli~, d. h. Hörnchenhonig im Morgenlande sehr
-beliebt ist. Nach ihrer hörnchenartig gekrümmten Form nannten die
-alten Griechen, die den Baum selbst nicht kannten, sondern nur die aus
-dem Orient eingeführten Früchte gelegentlich auf dem Markt kauften,
-die Johannisbrotschoten ~kerátia~ oder ~kerōnia~, d. h. Hörnchen und
-glaubten irrtümlicherweise, sie kämen aus Ägypten. Erst der Schüler
-von Aristoteles, Theophrastos (390-286 v. Chr.), versichert mit
-Nachdruck, sie kämen nicht von dorther, sondern aus Syrien und Ionien;
-denn zu seiner Zeit war der Karubenbaum bis Knidos im südwestlichen
-Kleinasien und bis zur Insel Rhodos im Ägäischen Meere vorgedrungen.
-Auch Strabon, der ums Jahr 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph
-aus der kleinasiatischen Stadt Amasia südlich vom Schwarzen Meer, sagt,
-er wachse nicht in Ägypten, sondern zugleich mit der Dattelpalme in
-Äthiopien, wo er in Menge gedeihe.
-
-Seine eigentliche Heimat hat der Johannisbrotbaum in Syrien, wo er
-mit anderen Fruchtbäumen und Nutzpflanzen vermutlich vom uralten
-Volke der Chetiter in Kultur genommen und veredelt wurde. Einst, wie
-jetzt, bildeten seine süßen Schoten dort und in Palästina eine gemeine
-Speise. Johannes der Täufer soll sich während seines Aufenthalts
-in der Wüste damit genährt haben, weshalb sie überhaupt den Namen
-Johannisbrot erhielten. Noch den Reisenden neuerer Zeit wird der
-angebliche Baum gezeigt, von dessen Früchten der Vorläufer des Messias
-sein Leben während der Zurückgezogenheit in der Wüste gefristet
-haben soll. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn, das im 15. Kapitel des
-Evangeliums nach Lukas berichtet wird, begehrt der verlorene Sohn, der
-zum Schweinehirten herabgesunken ist, seinen Hunger mit den Hörnchen
-(im Urtext ~apó tón keratión~, fälschlich von Luther, der die wahre
-Bedeutung dieses Wortes nicht kannte, mit Treber übersetzt), die die
-Schweine fraßen, zu stillen, aber niemand gab sie ihm. Diese Hörnchen
-sind nichts anderes als das Johannisbrot.
-
- Tafel 43.
-
-[Illustration: Bäume mit eßbaren Kastanien am Vierwaldstättersee.]
-
-[Illustration:
-
- (Photographie von G. Kraskowits.)
-
-Gewöhnlicher Feigenbaum und Feigenopuntie auf der Insel Korfu.]
-
- Tafel 44.
-
-[Illustration: Johannisbrotbaum.
-
-(Nach einer Photogr. von L. Adamovic in „Karsten u. Schenck,
-Vegetationsbilder“.)
-
-Zitronenhain bei Saló am Gardasee.]
-
-Auch die alten Ägypter kannten das Johannisbrot, das unter dem
-Namen ~dscharudsch~ oder ~garuta~, d. h. Schote, aus Syrien zu
-ihnen gebracht wurde. Man aß es hier trocken oder eingekocht und
-bereitete daraus einen ~tarruku~ genannten süßen Trank. Auch als
-Medizin wurde es viel angewandt. Unter den Totenbeigaben sind in
-Kahun aus Gräbern der 12. Dynastie im mittleren Reich (2000-1788
-v. Chr.) Reste von Schoten des Johannisbrotbaumes, samt Fruchtkernen,
-ebenso in solchen des ägyptisch-griechischen Gräberfeldes von Hawara
-im Fajûm gefunden worden. Nach Unger findet sich Johannisbrot auch
-auf einer altägyptischen Darstellung von Totenspeisen in einem Grabe
-der 12. Dynastie abgebildet. Später wurde der Fruchtbaum in Ägypten
-selbst angepflanzt. So fand Kotschy in einem Sarkophag neben einer
-Mumie einen Stock, der sich bei mikroskopischer Untersuchung als vom
-Johannisbrotbaum herrührend erwies.
-
-Die alten Griechen haben diesen Fruchtbaum noch nicht in ihrem Lande
-gezogen. Sie brachten seine Früchte als Rückfracht aus dem Orient mit
-und vermittelten ihre Kenntnis auch den Römern, die sie zunächst als
-~siliquae graecae~, d. h. griechische Schoten, bezeichneten. Später
-werden sie vielfach als syrische Schoten bezeichnet, als man erkannte,
-daß sie aus Syrien stammten und nur durch die Griechen übermittelt
-wurden. Dioskurides und Galenos rühmen diese Schoten als Speise
-durchaus nicht. Ersterer sagt: „Das frische Johannisbrot (~kerátion~)
-bekommt, wenn es genossen wird, schlecht; das getrocknete schmeckt
-besser, besonders, wenn die Schalen und Kerne nicht mitgegessen
-werden.“ Und letzterer meint: „Das Johannisbrot (~kerátion~) ist
-keine gesunde Speise, kommt aus dem Morgenland, sollte aber nicht
-von dort geholt werden.“ Also war noch zur Zeit des Arztes Galenos
-gegen Ende des 2. nachchristlichen Jahrhunderts das Johannisbrot
-durchaus nur Gegenstand der Einfuhr aus dem Orient und erst im 4.
-Jahrhundert lehrt Palladius, der Verfasser eines noch im Mittelalter
-viel benutzten Werkes über den Landbau, ausführlich wie der Baum
-gepflanzt und veredelt werden soll, so daß man annehmen muß, daß er
-damals auch in Italien selbst wuchs. Immerhin könnte diese Stelle ein
-späteres Einschiebsel sein, da sie in einigen Handschriften fehlt und
-der fleißige Benutzer des Palladius, Petrus Crescentius, über den Baum
-schweigt. Wenn er nun auch damals jedenfalls in beschränkter Zahl in
-Italien selbst kultiviert wurde, so war doch diese Produktion ohne
-größere Bedeutung.
-
-Erst die Araber nahmen die mehr oder weniger verschwundene Kultur
-dieses Fruchtbaumes wieder auf und verbreiteten ihn in Sizilien,
-Süditalien, Spanien, wie in ganz Nordafrika im Bereiche ihrer
-Herrschaft. Ihre Bezeichnung Charruben für die Früchte ist ins
-Italienische ~carruba~, ins Spanische ~garroba~ -- oder mit dem
-arabischen Artikel al davor als ~algarroba~ -- ins Portugiesische
-~alfarroba~ und ins Französische ~caroube~ übergegangen, was an sich
-schon mit Sicherheit beweist, daß sie diesen Ländern die Kenntnis
-dieser Frucht vermittelten. Sie ihrerseits hatten von den Griechen
-die als ~kerátia~ bezeichneten Bohnen der Johannisbrotschoten, die
-sich durch eine auffallend übereinstimmende Größe auszeichnen, als
-Gewichtseinheit angenommen und dies dem Abendlande übermittelt. So
-dient uns heute noch das von ihnen als kleinstes Gewicht angenommene
-Karat, d. h. eben die nach dem griechischen ~kerátion~ bezeichnete
-Johannisbrotbohne als Gewichtseinheit für Gold, Diamanten und alle
-Juwelen überhaupt, wie in Persien das Weizenkorn ~gändum~ als kleinste
-Gewichtseinheit dient, und die nächst höhere die Kichererbse ~nukhûd~
-ist. Dabei ist 1 ~nukhûd~ = 4 ~gändum~.
-
-Seitdem die Araber den Johannisbrotbaum überallhin an den Gestaden des
-Mittelmeers, soweit er gedeihen kann, angesiedelt haben, pflanzt man
-ihn gerne auch als Schattenbaum zur Straßeneinfassung und inmitten
-der Felder. Soll der Baum aber nicht bloß Schatten gewähren, sondern
-auch reichlich Früchte tragen, so muß er von Zeit zu Zeit beschnitten
-werden wie der Weinstock und der Ölbaum. Die nördliche Grenze seiner
-Verbreitung fällt ungefähr mit derjenigen der Orangen und Zitronen
-zusammen. In Kleinasien und Syrien wird er als Fruchtspender so
-geschätzt, daß er geradezu göttliche Verehrung bei Muhammedanern und
-Christen genießt. Er ist dem heiligen Georg geweiht, dem sagenhaften
-kappadozischen Prinzen, der unter Diokletian (regierte von 284-313
-n. Chr.) als Märtyrer gestorben sein soll, nachdem er einst einen
-Lindwurm besiegt hatte, der ein Mädchen zu verschlingen drohte. Schon
-die Kreuzfahrer führten diesen streitbaren Heiligen symbolisch in
-ihrem Panier und seither ist er der Schutzheilige aller Berittenen.
-In Griechenland und im Orient überhaupt sind Georgskapellen unter
-Johannisbrotbäumen häufig.
-
-Wie bei allen Kulturgewächsen haben sich auch bei ihm die
-verschiedensten Varietäten gebildet, die sich durch Form, Größe,
-geringere oder größere Süßigkeit und Haltbarkeit der Schoten
-unterscheiden. Doch gilt im allgemeinen, daß je wärmer das Klima
-ist, in welchem er wächst, er um so mehr Zucker in seinen Schoten zu
-entwickeln vermag und um so süßer der aus ihnen ausgepreßte Honig wird.
-In letzterem Falle werden die Preßrückstände den Schweinen vorgeworfen.
-Auch das harte Holz wird geschätzt und die tanninhaltige Rinde dient
-zum Gerben. Vom Orient aus wird das Johannisbrot bis tief nach Rußland
-hinein und in die nordischen Länder exportiert, wo es als billiger
-Leckerbissen auf keinem Volksmarkte fehlt.
-
-Eine eßbare, wohlschmeckende Kernfrucht bietet auch der in ganz
-Indonesien, besonders den Molukken wild wachsende und auch angepflanzte
-+Katappabaum+ (~Terminalia catappa~). Die Frucht, deretwegen der Baum
-auch sonst in den Tropen, besonders auf den Antillen kultiviert wird,
-hat Ähnlichkeit mit der Walnuß und enthält einen bis zwei mandelartige
-Kerne. Ähnliche Samen bieten verschiedene andere Terminaliaarten in
-Südindien, Ozeanien und Südamerika. Gleicherweise werden auf den Inseln
-der Südsee die Kerne der Früchte von ~Inocarpus edulis~, ~Sterculia
-balanghas~ und ~St. foetida~ als fast tägliche Speise gegessen. Ebenso
-finden die ölreichen Samen zahlreicher Nadelholzgewächse als Speise der
-Menschen Verwendung, so diejenigen verschiedener Kiefern und Fichten,
-wie der +Zirbelkiefer+ (~Pinus cembra~), der +Fichte der Norfolkinsel+
-östlich von Australien, der als Ziergewächs bei uns in Töpfen gezogenen
-~Araucaria excelsa~ und der +südamerikanischen Araukarie+ (~Araucaria
-imbricata~). Dieser von den Indianern als ~pehuén~ bezeichnete
-Nadelbaum ist diözisch, d. h. weist männliche und weibliche Exemplare
-auf und bildet auf Sandboden lichte Bestände, die entfernt an unsere
-Kiefernwälder erinnern. Sein Stamm bildet eine mächtige Säule von
-bis zu 60 m Höhe, ist unten kahl und trägt oben einen schirmartigen
-Wipfel, dessen herunterhängende Äste an den Spitzen wieder nach
-aufwärts streben. Die Fruchtzapfen benötigen zwei Jahre zur Reife
-und enthalten 100 bis 200 mehlige, ähnlich wie Kastanien schmeckende
-Samen, die im Februar und März reifen. Um diese von den Spaniern, die
-sie ebenfalls sehr lieben, ~piñones~ genannten, doppelt mandelgroßen
-Nüsse zu erlangen, unternehmen die Indianer zur Zeit der Reife große
-Wanderungen. Diese pflanzliche Speise ist für sie um so wichtiger, je
-weiter sie von den Weißen entfernt wohnen und je schwerer sie sich von
-jenen die gewöhnlichen Getreidearten durch Tausch gegen Wildpret und
-Felle verschaffen können. Ein einziger Zapfen genügt für einen Indianer
-zur Ernährung für einen Tag, wenn er noch etwas Fleisch zu sich nimmt.
-Durch ihren reichen Ölgehalt sind sie nicht sehr leicht verdaulich und
-lassen sich auch nicht längere Zeit hindurch aufbewahren. Doch bereiten
-die Eingeborenen daraus ein Gebäck, das sich lange Zeit erhält. So
-können sie die von ihnen sehr geschätzten Samen aufs weitgehendste
-ausnützen.
-
-In den Mittelmeerländern finden besonders die +Piniennüsse+, gewöhnlich
-Pignolen genannt, zahlreiche Liebhaber und kommen dort überall in
-den Handel. Der Nüsse und des Holzes wegen wird die Pinie auch in
-Südtirol kultiviert. Die Pinienzapfen reifen erst im vierten Jahre.
-Zur Gewinnung der Nüsse werden besondere Sorten mit sehr dünner,
-zerbrechlicher Schale gezogen, entsprechend den als Butternüsse
-bezeichneten, weichschaligen Walnüssen und den weichschaligen
-Bruchmandeln. So gewährt der berühmte Pinienwald bei Ravenna, die
-Pineta, den Bewohnern reichlichen Gewinn durch die überallhin nach
-Italien verschickten Samen, trotzdem die Bestände durch den kalten
-Winter 1879-80 und durch einen Waldbrand stark gelitten haben. Sie
-sind ziemlich groß, schmecken wie Mandeln und werden roh zu allerlei
-Speisen und in Zucker eingemacht gegessen, auch zur Darstellung eines
-fetten süßen Öles benutzt. Sie bilden auch für Griechenland, besonders
-den Peloponnes, einen nicht unwichtigen Ausfuhrartikel. Schon der
-Grieche Athenaios (um 200 n. Chr.) in Alexandrien erwähnt die Ausfuhr
-der Piniennüsse von dort nach Ägypten. Dioskurides sagt von ihnen:
-„Die Samen der Pinien (~pítys~) und Kiefern (~peúkē~) werden ~pityís~
-genannt. Sie befördern die Verdauung und erwärmen etwas, sind auch
-für sich oder mit Honig gegen Husten und Brustübel nützlich.“ Sein
-Zeitgenosse Plinius unterscheidet 4 Sorten der Piniennüsse (~pinea
-nux~), deren eine, „die tarentinische, eine so dünne Schale besitzt,
-daß man sie zwischen den Fingern zerbrechen kann. Sie werden deshalb
-oft schon am Baume von den Vögeln gefressen.“ Er bemerkt, daß die
-Tauriner (die jetzigen Piemontesen) die von der Schwarzkiefer
-(~pinaster~ = ~Pinus laricio~) stammenden Samen, in Honig gekocht, als
-treffliches Mittel gegen den Husten in den Handel bringen und meint
-ferner: „Die Pinienkerne stillen den Durst und helfen gegen Magensäure
-und Nierenleiden, heilen auch, mit Wasser gekocht, das Blutspucken.
-Mit Wein oder einer Abkochung von Datteln getrunken, führen sie die
-Galle ab. Gegen heftigeren Magenschmerz und Nierenübel mischt man
-Gurkensamen und Portulaksaft hinzu.“ Palladius um 380 n. Chr. sagt:
-„Die Pinienzapfen können reif oder überreif von den Bäumen genommen
-werden, doch muß es geschehen, bevor sich die Zapfen öffnen. Die Kerne
-lassen sich nur dann aufbewahren, wenn sie gut gereinigt und getrocknet
-sind.“ Diese Bemerkung ist ganz richtig. Nur aus den Zapfen genommen
-und sorgfältig getrocknet lassen sie sich einige Zeit aufbewahren.
-
-
-
-
-VI.
-
-Die Agrumen.
-
-
-Unter der Bezeichnung ~agrumi~ faßt der Italiener die verschiedenen
-Vertreter der Gattung ~Citrus~, also die Zitronen, Orangen,
-Mandarinen usw. zusammen. Die Kultur dieser in seinem Lande und
-neuerdings auch bei uns so beliebten Früchte scheint uns untrennbar
-mit dem Begriffe Italien oder Spanien zu sein. Seit Goethe in seinem
-Mignonlied der Sehnsucht des Nordländers nach den sonnigen südlichen
-Gestaden so treffenden Ausdruck gegeben hat, können wir uns das
-glückliche warme Mittelmeergebiet nicht vorstellen ohne das satte
-Grün dieser Fruchtbäume, ohne den würzigen Blütenduft der Zitronen
-und das prächtige Gleißen der schimmernden „Goldorangen“. Dem ist
-aber nicht immer so gewesen. Es sind vielmehr noch keine tausend
-Jahre verstrichen, seitdem die ersten Vertreter dieser Produkte
-ostasiatischer Kultur dem Fruchtbaumbestande Südeuropas durch die
-damals das Mittelmeer beherrschenden Araber einverleibt wurden.
-
-Das Altertum hat diese Früchte durchaus nicht gekannt. Wohl kennen die
-römischen Schriftsteller das Wort ~citrus~, mit dem sie aber einen
-ganz anderen Begriff als wir verbanden. Die Bedeutung dieses Wortes
-verstehen wir erst, wenn wir daran erinnert werden, daß sie dasselbe
-wie so unendlich viele andere Kulturgüter und deren Bezeichnungen
-den in bezug auf Gesittung weiter als sie fortgeschrittenen Griechen
-verdankten. ~Citrus~ ist das romanisierte ~kédros~ der Griechen, das
-mit dem Namen Zeder zusammenhängt. Darunter verstanden die Römer wie
-die Griechen, von denen sie Wort und Begriff übernahmen, das duftende,
-den Würmern widerstehende Holz verschiedener Nadelhölzer, besonders
-Zedern-, Wacholder- und Lebensbaumarten, das zur Herstellung von
-mottensicheren Truhen zur Aufbewahrung der ja vorzugsweise aus Wolle
-hergestellten Kleider diente. Für die Römer der Kaiserzeit war es
-wohl in erster Linie das schön gemaserte, wohlriechende weil öl- und
-harzdurchtränkte Holz der nordafrikanischen Zypressenart ~Callitris
-quadrivalvis~ -- die Produzentin des echten Sandarakharzes --, welche,
-weil durch ihren starken Duft vor Motten schützend, zur Fabrikation
-von solchen Kleiderkisten -- Schränke kannte man damals noch nicht --
-diente.
-
-Von den Griechen hatten sie vernommen, daß auch die starkduftenden,
-im übrigen aber nicht eßbaren Früchte eines aus dem Orient bezogenen
-Baumes vortrefflich zur Abwehr von Motten in den Kleiderkisten seien.
-Es waren dies eiförmige, über faustgroße grüne bis gelbe Früchte
-mit einer überaus dicken, reich mit ätherischen Ölen durchsetzten,
-feinhöckerigen Schale, die wir im Deutschen als +Zedraten+ oder
-+Zitronatzitronen+ bezeichnen, weil aus ihren würzigen, dicken Schalen
-durch Kochen in Zucker das Zitronat hergestellt wird. Die Zedraten, von
-den Italienern ~cedro~ genannt, sind weit größer als unsere bekannten
-Zitronen und erreichen in runden, bis stark in die Länge gezogenen
-Formen oft die Größe eines Menschenkopfes. Ihr Fruchtfleisch enthält
-einen mäßig sauren Saft -- jedenfalls bedeutend weniger als bei der
-Zitrone -- dem durch den Gehalt an Zitronensäure fäulniswidrige
-Eigenschaften innewohnen.
-
-Diese Zedraten waren schon den alten Ägyptern als ~kitri~ und den
-Hebräern zur Zeit des Moses als ~hadar~ bekannt. Der Baum scheint
-zur Zeit der 18. Dynastie (1580-1350 v. Chr.) aus Südasien nach dem
-Niltal gekommen zu sein, wo ihn später die Griechen kennen lernten.
-Bei den letzteren galt die wenig schmackhafte, säuerliche Frucht der
-Zedrate nicht nur als gutes Mittel um, in die Kleiderkisten gelegt, die
-Motten davon fernzuhalten, sondern geradezu als ein äußerst wirksames
-Gegengift. Nach ihrem Dafürhalten konnte, wer immer davon aß, in den
-nächsten darauffolgenden Stunden nicht vergiftet werden.
-
-So empfahl der um 200 n. Chr. in Alexandrien und Rom lebende
-griechische Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten als bestes
-Schutzmittel gegen Vergiftung eine in Honig gekochte Zedrate zu
-essen. Wer morgens früh ein halbes Glas des daraus gepreßten Saftes
-genieße, dem können den ganzen Tag über Gifte nichts anhaben. In
-seiner 15 Bücher umfassenden Schrift „~Deipnosophistai~“, die wichtige
-Nachrichten über Leben, Sitte, Kunst und Wissenschaft der alten
-Griechen enthalten, schreibt er: „Daß der Kedrosapfel (~kedrómēlos~)
-ein Mittel gegen Gift ist, weiß ich von meinem Landsmann, welcher
-Statthalter von Ägypten war. Er hatte einige Verbrecher dazu
-verurteilt, in dem zu Tierkämpfen bestimmten (Amphi-)Theater von
-wilden Tieren getötet zu werden. Als diese dahin geführt wurden,
-gab ihnen unterwegs eine mitleidige Frau einen Kedrosapfel, den sie
-zufällig bei sich hatte. Die Leute aßen ihn, wurden gleich darauf den
-wilden Bestien vorgeworfen und auch von Aspisschlangen gebissen, litten
-aber gar nicht. Der Statthalter wunderte sich nicht wenig darüber; und,
-wie er erfuhr, daß sie einen Kedrosapfel gegessen, ließ er am folgenden
-Tage dem einen eine solche Frucht geben, dem anderen nicht. Jener blieb
-gesund, dieser aber starb vom Schlangenbiß auf der Stelle. Dieser
-Versuch wurde öfters, und immer mit demselben Erfolg wiederholt.“
-Diese Aspis der Griechen und Römer war, nebenbei bemerkt, die Ara, d.
-h. Aufgerichtete der alten Ägypter, gräzisiert als „Uräus“-schlange
-bezeichnet, die man als Sinnbild der Erhabenheit zu beiden Seiten der
-Sonnenkugel des Gottes Ra über dem Portal der altägyptischen Tempel
-eingemeißelt findet und deren Nachbildung der Pharao als zierendes
-Abzeichen seiner Hoheit und Herrschergewalt an seinem Diadem über der
-Stirne trug. Diese bis 2,25 m lange ägyptische Brillenschlange (~Naja
-haje~) ist noch größer als ihre südasiatische Verwandte und wird von
-jeher in Ägypten sehr gefürchtet. Wie heute noch die Gaukler auf den
-Straßen vor allem Volke die so überaus gefürchtete, in Ledersäcken
-verwahrte „Haje“ vorführen, so produzierten sich mit ihr schon Moses
-und Aaron vor dem Pharao. Sie war es auch, mit der sich die berühmte
-Buhlerin Kleopatra, Königin von Ägypten und nacheinander die Geliebte
-von Julius Cäsar und Marcus Antonius, nach des letzteren Selbstmord
-nach der verlorenen Seeschlacht von Aktium im Jahre 30 v. Chr. tötete,
-um nicht von ihrem ihren Gunstbezeugungen unzugänglichen Überwinder
-Octavianus Augustus im Triumph in Rom vorgeführt zu werden. Bevor
-dieses so viele Männer mit ihren Verführungskünsten bestrickende Weib
-in den Tod ging, ließ sie ihre vertrautesten Dienerinnen von solchen
-Schlangen beißen, um zu sehen, welchen Effekt der gefährliche Biß auf
-sie haben werde.
-
-Der +Zedratbaum+ (~Citrus decumana~), dessen oft fast nur aus Schale
-bestehenden, bis 6 kg schweren Früchte eines saftigen Fruchtfleisches
-in der Regel entbehren, ist ein 3-5 m hoher Baum mit stumpfen,
-dunkelgrünen Blättern, die an breitgeflügeltem Stiele sitzen, und
-weißen, wohlriechenden Blüten. Seine Heimat ist höchstwahrscheinlich
-im malaiischen Archipel zu suchen, wo er heute noch in zahlreichen
-Spielarten, auch solchen mit saftigem, säuerlichsüßem bis süßem
-Fruchtfleisch kultiviert wird. Schon früh kam er nach Indien,
-Hinterindien und China, in welch letzterem Lande er schon zu
-Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends unter dem Namen
-yu gepflanzt wurde. Von Indien aus gelangte er nach der Mitte des
-letzten vorchristlichen Jahrtausends nach Medien und Persien, wo
-ihn die Griechen auf dem berühmten Zuge Alexanders des Großen ins
-Innere Asiens von 334 bis 324 v. Chr., der ihnen überhaupt eine
-Fülle neuer Naturprodukte aus dem Pflanzenreiche vermittelte, kennen
-lernten. Der pflanzenkundige Theophrastos (390-286 v. Chr.), nach
-Alexander selbst Schüler des großen Aristoteles, beschreibt diesen
-Baum, den er jedenfalls nur von der Beschreibung der Teilnehmer am
-Alexanderzuge kannte und nicht selbst sah, in seiner Pflanzengeschichte
-folgendermaßen: „Medien und Persien erzeugt unter anderen
-eigentümlichen Gewächsen auch den medischen oder persischen Apfel
-(~mḗlon~). Das Blatt dieses Baumes sieht fast genau so aus wie das
-der Andráchlē (~Arbutus andrachne~), auch hat der Baum Dornen wie der
-Birnbaum (~ápios~) und der Weißdorn (~oxyákanthos~); sie sind glatt,
-sehr spitzig und stark. Der Apfel wird nicht gegessen, allein er hat,
-so wie auch das Blatt des Baumes, einen sehr angenehmen Geruch; und der
-Apfel schützt Kleider, zwischen die er gelegt wird, vor Motten. Auch
-dient er als Arznei. Der Baum, der am besten auf lockerem, feuchtem
-Erdreich gedeiht, hat das ganze Jahr hindurch Früchte. Während man
-reife abnimmt, sind auch unreife und Blüten daran vorhanden.“
-
-Von den Griechen erhielten die Römer die Kenntnisse vom medischen
-Apfel. Der römische Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) nennt ihn in
-Italien zuerst als „goldenen“ oder „Glücksapfel“. Er sagt von ihm in
-seiner Georgica: „In Medien wächst der Glücksapfel (~felix malum~),
-dessen Saft den jämmerlichen, lang anhaltenden Geschmack hat, aber
-ein herrliches Mittel gegen verschlucktes Gift ist. Der Baum selbst
-hat eine gewaltige Größe, sieht dem Lorbeer sehr ähnlich, riecht aber
-ganz anders. Die Blätter werden von keinem Winde abgerissen; auch die
-Blüte trotzt dem Sturm. Der Meder nimmt sie in den Mund, um dem Atem
-Wohlgeruch zu geben, und Greise stärken mit ihr die schwach werdende
-Brust.“ Man glaubte, wie verschiedene griechische Schriftsteller der
-römischen Kaiserzeit berichten, in ihnen die Äpfel der Hesperiden vor
-sich zu haben. Es waren dies der Sage nach die Töchter des Atlas und
-der Hesperis, die mit dem Drachen Ladon die „goldenen Äpfel“ der Hera
-im Garten der Götter im äußersten Westen des Okeanos bewachten, die
-dann der berühmte Heros Herakles auf Geheiß des delphischen Gottes
-Apollon im Dienste des Königs Eurystheus von Mykenä holte.
-
-Der gelehrte ältere Plinius (23-79 n. Chr.) schreibt in seiner
-Naturgeschichte über ihn: „Aus dem Ausland stammt der medische
-Apfelbaum, den man auch ~cedrus~ nennt; er trägt Früchte, die man gegen
-Gifte braucht. Als Speise genießt man sie nicht, aber sie riechen
-vortrefflich, und auch die dem Erdbeerbaum (~unedo~) gleichenden
-Blätter, zwischen denen Dornen stehen, riechen. Dieser Geruch teilt
-sich Kleidern, zwischen welche man die Früchte legt, mit und schützt
-gegen Mottenfraß. Der Baum hat jederzeit Früchte, reife und unreife
-zugleich. Man hat diese Bäume, weil sie so ausgezeichnete Arznei
-liefern, in irdene Töpfe, welche Luftlöcher haben, gepflanzt und sie in
-andere Länder zu versetzen gesucht; denn jung gedeihen sie bis jetzt
-nur in Medien und Persien.“ An einer anderen Stelle nennt er die Frucht
-Citrusapfel (~malum citreum~) und den Baum ~citrea~, spricht auch von
-Citrusöl (~oleum citreum~), das von den Vornehmen bereits als Parfüm
-gebraucht wurde.
-
-Sein Zeitgenosse, der aus Anazarbos in Kilikien gebürtige, um die
-Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Rom praktizierende griechische
-Arzt Dioskurides schreibt in seinem Buche über Arzneiwissenschaft:
-„Allgemein bekannt ist der medische oder persische Apfel, auch
-~kedrómēlon~, von den Römern ~kítrion~ (= ~citreum~) genannt. Der
-Baum hat das ganze Jahr hindurch Früchte, und diese sind länglich,
-runzlig, goldfarbig und haben einen starken, aber angenehmen Geruch.
-Die Samen sind denen der Birne ähnlich. Man legt die Früchte in Wein
-und braucht dann diesen gegen Gifte. Auch kocht man sie, und spült sich
-mit der Abkochung den Mund aus, um ihn wohlriechend zu machen. Legt man
-die Früchte in Kleiderkisten, so sollen keine Motten hineinkommen.“
-Und der im Jahre 131 n. Chr. in Pergamon geborene und um 200 in Rom
-verstorbene griechische Arzt Galenos sagt: „Der auch ~kítrion~ genannte
-medische Apfel besteht aus drei Teilen: dem sauren, der in der Mitte
-liegt, dem fleischigen, der den sauren umgibt, und der wohlriechenden,
-gewürzhaften Schale. Wird letztere in Menge genossen, so ist sie schwer
-zu verdauen; kleingerieben und in geringer Menge stärkt sie dagegen die
-Verdauung. Das saure, nicht eßbare Mittelstück legt man in Essig, um
-diesen zu verstärken. Die fleischige Masse, die weder sauer noch scharf
-ist, wird mit Essig und Fischsauce (~garum~) gegessen.“
-
-Der bereits erwähnte Athenaios (um 200 n. Chr.) sagt: „Aus den Komikern
-ersieht man, daß der Kedrosapfelbaum aus Asien nach Griechenland
-versetzt wurde“ und an anderer Stelle: „Zur Zeit des Theophrast
-und bis auf die Zeit unserer Großväter hat kein Mensch Kedrosäpfel
-gegessen; sie wurden dagegen in Kleiderschränke gelegt.“ Zu seiner Zeit
-wurde der, wie Plinius meldet, in Kübel aus gebranntem Ton in Medien
-gepflanzte Zedratbaum wie zur Zeit Ludwigs XIV. und seiner Nachahmer
-die Orangenbäume zur Zierde der Villen vornehmer Römer in deren Alleen
-aufgestellt. Bald lernte man ihn aber auch im Lande selbst ziehen. So
-beschreibt uns der Grieche Florentinus ums Jahr 218 n. Chr. die Kultur
-der von ihm ~kítria~ genannten Bäume ganz in der Art der heute noch in
-Italien betriebenen Agrumen, und fügt hinzu, daß reiche Leute sie auch
-in freiem Lande an nach Süden gerichteten Wänden pflanzen und sie im
-Winter zudecken, da sie vom Froste leicht eingehen. „Die Früchte werden
-schwarz, wenn man Reiser des ~kítrion~-Baumes auf Apfelbäume, rot
-dagegen, wenn man sie auf (schwarze) Maulbeerbäume pfropft; auch lassen
-sie sich auf Granatbäume pfropfen.“
-
-Fast zweihundert Jahre später gibt uns der noch im Mittelalter viel
-gelesene römische Ackerbauschriftsteller Palladius ums Jahr 380 n. Chr.
-ausführliche Kunde über die Kultur des Zedratbaums, dessen Früchte
-teilweise schon einen süßen Saft in ihrem inneren Fruchtfleisch
-entwickelt hatten. Er schreibt: „Im Monat März nimmt man die Vermehrung
-des Citrusbaums (~citri arboris~) vor, und zwar auf vier verschiedene
-Arten, nämlich durch Samen, Äste, Stecklinge und Keulen. (Hier
-folgen die näheren Angaben über das Vorgehen dabei, die uns nicht
-interessieren.) Man pfropft ihn auch an warmen Stellen im April, an
-kalten im Mai nicht in die Rinde, sondern in den Stamm selbst, den
-man über der Wurzel spaltet. Man kann auch Zedratreiser, wie einige
-behaupten, auf Birn- und Maulbeerbäume pfropfen, aber man muß dann das
-Propfreis dadurch schützen, daß man ein Körbchen oder Töpfchen darüber
-stülpt.
-
-Der Citrusbaum liebt einen lockeren Boden, ein warmes Klima und
-fortwährende Nässe. Am liebsten steht er an warmen, bewässerten, dem
-Meere nahe gelegenen Stellen. Will man’s aber erzwingen, daß er in
-einem kalten Klima wachsen soll, so muß er von Winden geschützt und
-auf der Südseite stehen, muß auch den Winter über eine Umhüllung von
-Stroh bekommen. Man glaubt, daß er auch besser gedeiht, wenn in seiner
-Nähe Flaschenkürbisse (~cucurbita~) gepflanzt werden, deren Sprosse man
-auch verbrennt, um eine dem Citrusbaum förderliche Asche zu bekommen.
-Um größere Früchte zu erzielen, gräbt man die Erde um den Baum
-fleißig um. Man darf aber an ihm, außer dürren Ästen, fast nie etwas
-abschneiden.
-
-Martialis sagt, der Citrusbaum habe in Assyrien immerfort Früchte;
-dieselbe Erfahrung habe ich in meinen in Sardinien und bei Neapel
-gelegenen Gütern gemacht. Dort sind Boden und Luft lau und genügend
-feucht. An den auf diesen Gütern stehenden Bäumen hängen immer unreife
-Früchte, wenn reife abgenommen werden, und Blüten, während die unreifen
-Früchte wachsen. Man sagt, das Mark der Citrusfrucht werde süß, wenn
-man die zu pflanzenden Kerne drei Tage lang in Honigwasser oder in
-Schafsmilch, was noch besser ist, aufweicht. Manche bohren im Monat
-Februar unten in den Stamm ein schiefes Loch, das aber auf der andern
-Seite nicht herauskommen darf. Aus diesem lassen sie Saft fließen, bis
-die Früchte sich bilden, dann füllen sie das Loch mit Lehm aus und
-behaupten, durch dieses Verfahren werde die Mitte der Citrusfrucht
-süß. -- Die reife Frucht hält sich am Baume hängend fast das ganze
-Jahr, und jedenfalls besser, als wenn man sie in Gefäße legt. Will man
-sie pflücken und nachher längere Zeit aufbewahren, so nimmt man sie
-in einer mondlosen Nacht in der Weise ab, daß noch ein beblättertes
-Zweigstück bleibt, und legt jede so, daß sie die andern nicht berührt.
-Manche Leute legen auch jede Citrusfrucht einzeln in ein besonderes
-Gefäß, verstreichen den Deckel mit Gips und stellen die Gefäße an einen
-schattigen Ort. Die meisten aber heben sie in Zederspänen (besonders
-Spänen von Wacholder und Lebensbäumen) oder in Häckerling oder Spreu
-auf.“
-
-Was für Künsteleien die von den reichen Römern als Gärtner in ihren
-Landhäusern mit Vorliebe gehaltenen syrischen Sklaven, die sich mit
-der Pflege dieser empfindlichen Importbäume abgaben, gelegentlich an
-solchen Früchten vornahmen, darüber berichtet uns Julius Africanus,
-ein zur Zeit des Kaisers Alexander Severus (222-235 n. Chr.) lebender
-Christ, der sagt: „Um zu bewirken, daß eine Citrusfrucht, ein Apfel,
-eine Birne, ein Granatapfel usw. die Gestalt eines Tieres oder sonst
-eines beliebigen Gegenstandes annehme, so umschließt man sie, wenn sie
-die Hälfte ihres Wachstums erreicht haben, mit einer entsprechenden,
-aus Gips oder Lehm geformten, in zwei Hälften geschnittenen,
-getrockneten und in letzterem Falle im Töpferofen gebrannten Form.“
-
-In den Wirren der Völkerwanderung ging dieser nutzlose Luxusbaum der
-Römer, mit dem die germanischen Stämme nichts anzufangen wußten, in
-Italien unter, wurde aber im späteren Mittelalter wieder aus dem Orient
-hier eingeführt. Heute wird er wieder ziemlich viel unter dem Namen
-~cedro~ in Italien kultiviert, um aus dem Wertvollsten an den Früchten,
-der dicken, würzigen Schale, durch Einkochen in Zucker das +Zitronat+
-zu gewinnen, das einen für die Konditoreien begehrten Handelsartikel
-bildet. Auch ein für die Parfümerien verwendbares ätherisches Öl läßt
-sich daraus gewinnen. Noch mehr als in Italien wird aber der Zedratbaum
-im westlichen Mittelmeergebiet und auf den Azoren angepflanzt,
-obschon man neuerdings die Schalen einiger fruchtbarerer Spielarten
-der Zitrone, oder besser gesagt Limone, vielfach zur Herstellung von
-Zitronat verwendet.
-
-Diese Zedrat-Zitronen, die eigentlich allein den Namen Zitronen
-verdienen und tatsächlich auch bei den meisten Völkern diesen Namen
-führen -- nur die Deutschen und Franzosen nennen die Limonen Zitronen
--- variieren außerordentlich in ihrer Form und viele Abänderungen
-sind durch Pfropfen und Veredeln fixiert worden. So bekommt man neben
-stark in die Länge gezogenen auch fast runde Zedraten zu sehen.
-Manche Sorten erreichen eine gewaltige Größe und ein Gewicht von bis
-10 kg. Eine solche besonders große, rundliche, durch stark höckerige
-Schale und feinen Wohlgeruch ausgezeichnete Zedrate mit sehr saurem
-Fruchtfleisch wird als +Adams-+ oder +Paradiesapfel+ bezeichnet, weil
-sie im Mittelalter allgemein von Juden und Christen für die verbotene
-Frucht des Paradieses gehalten wurde. Ganz abgesehen davon, daß
-sich Adam, wenn wir seine Existenz zugeben, sehr wohl gehütet haben
-würde, in eine solche saure, unschmackhafte Frucht zu beißen, da er
-wohl bessere im Garten Eden zur Verfügung hatte, wissen wir heute
-bestimmt, daß der hebräische Mythus unter dem Baum der Erkenntnis
-des Guten und Bösen zweifellos die Dattelpalme verstand, die einer
-der ältesten Fruchtbäume Babyloniens war, wo die Juden, von den
-babylonischen Semiten beeinflußt, ihre Schöpfungssagen ausbildeten.
-Und weil die auf fabelhafte Fruchtbarkeit des Paradieses hinweisende
-großfrüchtige Zedrate heute noch neben dem Palmblatt und allerlei
-Zweigen beim Laubhüttenfest -- ursprünglich einem Erntefest -- der
-Juden Verwendung findet, wird sie vielfach aus Korfu, Palästina und
-Marokko, wo sie die Araber mit Vorliebe anpflanzen, bei uns eingeführt
-und kann bei vorgeschriebener Form einen sehr hohen Geldwert erlangen.
-Die lithauische Jüdin Pauline Wengeroff schreibt im 1. Band ihrer
-„Memoiren einer Großmutter -- Bilder aus der Kulturgeschichte der
-Juden Rußlands im 19. Jahrhundert“ über diese von ihr als Eßrog
-bezeichnete Frucht bei der Beschreibung des Versöhnungstages, des am
-10. des Monats Tischri (September oder Oktober) gefeierten Fest- und
-Fasttages der Juden: „Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um
-einen Eßrog (zitronenähnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt)
-zu kaufen; und frohgelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen
-völlig fehlerfreien Eßrog -- einen sogenannten ‚Mibuder‘ -- zu finden.
-Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu jener Zeit
-der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in geringer
-Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war.
-Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres Hauses je
-einen Eßrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prächtigen
-Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in einem
-Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht
-Feiertage des Laubhüttenfestes (~Sukkoth~) beim Morgengebet benützt.
-Die Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß
-dazu gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten irdenen
-Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank,
-lachte, plauderte nach Herzenslust.“
-
-Manche andere Spielarten dieser großen Zedrate werden auch nur
-gezüchtet, um ihre riesigen Früchte zur Schau zu stellen, wozu sie sich
-schon deshalb besonders eignen, weil sie sich länger halten als alle
-übrigen Früchte der Gattung ~Citrus~. Eine chinesische, den Europäern
-übrigens wegen des faserigen Fleisches wenig mundende Varietät bildet
-in ihrer Heimat einen Leckerbissen, den die Chinesen selbst in fremden
-Ländern nicht missen mögen, weshalb diese Früchte überallhin, wo jene
-sich niederlassen, nach Kalifornien, Hawai usw. exportiert werden.
-Die Chinesen schälen die innere, weiße, widerlich bitter schmeckende
-Schale mit größter Sorgfalt ab, um zum rötlichen, süßlich-sauren
-Fruchtfleisch zu gelangen, das sie nicht nur roh, sondern auch in Form
-von Mus und Gelee essen. Aus dem Saft bereiten sie ein erfrischendes
-Getränk und die Schalen kandieren sie, ähnlich wie wir dies mit den
-Pomeranzenschalen tun. Übrigens gibt es einige Spielarten, die auch dem
-Europäer sehr wohl schmecken; vor allem gilt dies von der +Pompelmuse+
-von Batavia, einer wirklich köstlichen Frucht, die in Indonesien häufig
-gezogen wird.
-
-Der Baum, der die leuchtend gelben +Zitronen+ zeitigt, die die
-Italiener und Engländer mit Recht mit ihrem geschichtlichen Namen
-als +Limonen+ bezeichnen, war den Mittelmeervölkern des Altertums
-durchaus unbekannt, bis ihn die Araber im Laufe des 10. Jahrhunderts
-in Palästina und Ägypten, sowie in ganz Nordafrika ansiedelten. Im 11.
-Jahrhundert wurde er durch sie in Spanien, bald darauf auch in dem von
-ihnen eroberten Sizilien angepflanzt, wo der Italiener Falcando im
-Jahre 1260 besonders um Palermo herum diesen bevorzugten Schützling der
-Araber in Menge kultiviert fand. Denn dieses Volk, dem der Koran den
-Genuß alkoholhaltiger Getränke verbot, suchte sich am sauren, angenehm
-erfrischenden und den Durst löschenden Safte der von ihnen als ~limûn~
-bezeichneten Zitronen, den sie mit gezuckertem Wasser vermischt als
-bevorzugtes Getränk vor der Einführung des Kaffees tranken, schadlos zu
-halten. Sie selbst hatten die Frucht eben als ~limûn~ von den Persern
-erhalten, die wiederum sie aus Indien unter dem dort gebräuchlichen
-Namen ~limu~ entlehnt hatten. Von den Arabern lernten die Italiener
-die Frucht als ~limone~ und den daraus bereiteten beliebten Trank
-als ~limonata~ kennen, woraus wir Deutsche unsere Limonade bildeten.
-Kreuzfahrer und Handelsleute der italienischen Seestädte, vorzugsweise
-Venedig, Pisa und Genua, brachten die Limone zuerst nach Europa, wo sie
-nördlich der Alpen nicht unter dieser jüngeren Bezeichnung, sondern der
-älteren, die auf der Bekanntschaft mit dem Zedrat-Citrus fußte, bekannt
-wurde. Auch hier lernte man, als dann die Frucht häufiger aus Italien
-dahin kam, wie im Orient den sauren Saft derselben und die aromatisch
-duftende, an wohlriechendem ätherischen Öl reiche Schale als angenehme
-Beigabe zu vielen Speisen schätzen und sie auch in Verbindung mit dem
-zu gleicher Zeit bekannt werdenden Zucker zu Limonaden und Bowlen
-verwenden. Auch als Medikament fand sie weithin Verbreitung; ist doch
-ihr saurer Saft stark fäulnishemmend und demnach sehr günstig bei allen
-Leiden, die mit Darmfäulnis zusammenhängen, wie ihr saurer Saft die
-beim Fieber erhöhte Alkalescenz des Blutes herabsetzt.
-
-Die Heimat des +Zitronenbaumes+ (~Citrus medica var. limonum~) ist das
-östliche Südasien von den mittleren Tälern am Südfuße des Himalaja über
-Nordbirma nach dem südlichen China und Cochinchina. Noch heute wird er
-von Gurwal bis Sikkim, in den Kasia- und Garrobergen wild wachsend in
-oft größeren Beständen gefunden. Zur weit größere und edlere Früchte
-zeitigenden Kulturpflanze wurde er wohl in Cochinchina erhoben, von
-wo er allmählich nach China und Japan verpflanzt wurde. Über Indien
-gelangte er etwa im 8. Jahrhundert n. Chr. nach Persien in den
-Machtbereich der Araber, die ihn dort kennen lernten und allmählich in
-dem ganzen von ihnen eroberten Gebiete ansiedelten. Von ihnen lernten
-die Kreuzfahrer den Baum und dessen Früchte in Syrien und Palästina
-kennen. Von solchen aus dem Morgenlande heimkehrenden Kreuzfahrern
-ist er gegen das Ende des 11. Jahrhunderts an der Riviera angesiedelt
-worden. Aber einen größeren Aufschwung nahm dessen Kultur erst vom 14.
-Jahrhundert an, bis sie im 17. Jahrhundert durch das Populärwerden
-der Limonade in Europa erst volle Bedeutung erlangte. Ums Jahr 1655,
-da der 1602 in Pescina in den Abruzzen (Süditalien) geborene Kardinal
-Jules Mazarin (eigentlich Mazarini, gestorben 1661) das Staatsruder
-Frankreichs führte, traten in Paris, wie zuvor in Italien, die ersten
-Limonadiers auf, um dort, wie bald hernach in den übrigen größeren
-Städten Europas eine ähnliche Rolle wie die sie darin später ablösenden
-Cafetiers zu spielen.
-
-Der Zitronenbaum ist ein strauchartiger kleiner Baum, der selten über
-5 m Höhe hinausgeht, sehr empfindlich ist und schattige Standorte
-bevorzugt. An sonnigen Standorten wächst er nur, wenn er sehr viel
-Wasser zur Verfügung hat. Sein glattberindeter, aus einem sehr
-feinen, gelben Holze bestehender Stamm trägt eine lichte Krone
-glänzend grüner, kahler Blätter, die im Gegensatz zu denjenigen des
-Zedrat- und Orangenbaums einen ungeflügelten Blattstiel besitzen. Die
-weißen, außen etwas rötlich angelaufenen Blüten duften sehr stark und
-sind wohlriechender, aber nicht so haftend als die ganz weißen der
-Orange. Die uns allen von Jugend auf genugsam bekannten eiförmigen
-gelben Früchte mit saftigem, saurem Fruchtfleisch werden zum Export
-noch grün gepflückt, in einem „Fermentierhaus“ 2-3 Wochen lang bei
-einer Temperatur von etwa 50° C. nachreifen gelassen, wobei die
-Schale dünn und gelb wird, und dann noch längere Zeit bei niedriger
-Temperatur gehalten, wonach sie sehr lange haltbar sind. Aus den
-minder schönen und guten Früchten wird an deren Produktionsort der in
-Küche und Haushaltung, weil gesunder als Weinessig, immer häufiger
-Anwendung findende Zitronensaft gepreßt, der sich im Fruchtfleisch in
-strahlenmäßig angeordneten, wasserhellen kleinen Beutelchen befindet,
-während aus den Schalen das angenehm duftende Zitronen- oder Limonenöl
-gewonnen wird, indem durch einen Nadelapparat die es umschließenden
-Ölbehälter angestochen werden. Aus den Schalen der unreifen Zitronen
-dagegen stellt man das Petitgrainöl her. Diese Substanzen kommen wie
-die Zitrone selbst in bedeutenden Mengen in den Handel, so daß sie eine
-sehr wichtige Einnahmequelle der Zitronenkultur treibenden Einwohner
-Südeuropas bilden. Die wichtigsten Produktionsorte für Europa sind
-außer dem Dorado hierfür, Sizilien, das allein jährlich über eine
-Milliarde dieser Früchte exportiert, die Riviera di Ponente westlich
-von Genua, dann Spanien, Portugal und Nordafrika. Dieselbe Rolle
-spielen für das Gebiet der Vereinigten Staaten Florida und Kalifornien,
-die heute immense Zitronenkulturen in Plantagenbetrieb aufweisen.
-
-Man macht heute ausgedehnten Gebrauch vom sauren Safte der Zitronen,
-der schon im Kräuterbuch des kurfürstlich pfälzischen Leibarztes
-Tabernämontanus nicht bloß „als wider die innerliche Faulung und
-das Gifft sehr gut und kräftig“ gepriesen, sondern auch „gegen alle
-Traurigkeit und Schwermüthigkeit des Hertzens und die Melancholey“
-angelegentlich empfohlen wird. Nach ihm widerstehe die Schale der
-Frucht wie die Rinde dem Gift, daher solle man sie zur Zeit der Pest
-„im Munde halten, auch einen Rauch damit machen“. Jedenfalls wirkt der
-Zitronensaft, wie bereits bemerkt, antiseptisch, d. h. die Fäulnis im
-Magen-Darmkanal herabsetzend und bei Mundfäule heilend. Daher ist er in
-Verbindung mit dem Genusse frischer Gemüse das wirksamste Vorbeugungs-
-und Bekämpfungsmittel des Skorbuts oder Scharbocks, der vormals
-den Seefahrern zur Zeit der Segelschiffe auf ihren lange währenden
-Meeresfahrten gewaltig zusetzte und bis zur Gegenwart der größte Feind
-der Polarfahrer war. Bei allen Marinen der Erde besteht die Vorschrift,
-der Mannschaft bei längerer Seefahrt Zitronen zum Genusse von deren
-Saft zu verabreichen, weshalb wir diese südasiatische Frucht im
-eisernen Bestand aller Schiffsvorräte finden.
-
-Auch die Symbolik hat sich mannigfach der Zitrone bemächtigt. Das
-Aromatische, Erquickende und Belebende dieser Frucht hat sie vielfach
-auch zum Sinnbild des Lebens, zum Abzeichen des Schutzes gegen alle dem
-Leben feindlichen Einflüsse überhaupt gemacht. Daher schützt auch die
-Zitrone nach altem Glauben, wie die etwas minder saure Zedrate, nicht
-bloß gegen Gift, sondern auch vor Verzauberung und allen schädlichen
-Einwirkungen der Geisterwelt auf Menschen und Tiere. Daher rührt ihre
-mannigfache Verwendung als Gegenzauber beim gemeinen Volke im Süden
-her und die damit zusammenhängende Sitte, daß die Leichenträger bei
-Begräbnissen eine Zitrone in der Hand halten, wie auch einst die den
-Scheiterhaufen besteigenden indischen Witwen diese Frucht als Abwehr
-der finsteren Mächte mit sich auf ihrem Todesgange trugen. Diese
-fürchterliche Sitte der Witwenverbrennung ist jetzt glücklicherweise
-durch ein streng von den Engländern gehandhabtes Gesetz verboten. Sie
-war übrigens der Ausfluß der absurden Lehre vom Karma, die ihrerseits
-eine Folge der Wiederverkörperungslehre ist. Nach ihr ist eine jede
-Witwe schuld an dem Tode ihres Gatten durch eine schwere Sünde, die
-sie in einem früheren Leben begangen hat. Deshalb wird, selbst wenn
-sie ein Kind sein sollte, das noch gar nicht mit dem ihr einst von
-den Eltern angetrauten Manne zusammengelebt hat, jede Witwe in Indien
-von den Angehörigen, die über den von ihr verursachten Todesfall in
-der Familie aufs äußerste erzürnt sind, ihres Schmuckes beraubt,
-muß zeit ihres Lebens in Trauergewandung gehen, wird verachtet und
-oft genug mißhandelt. Man gönnt ihr kein freundliches Wort mehr und
-Wiederverheiratung ist vollständig ausgeschlossen. Unter diesen
-Umständen war es kein Wunder, daß viele Witwen den freiwilligen, ihr
-als großes Verdienst angerechneten Tod durch Verbrennung mit der
-Leiche des Gatten dem freudlosen, überaus leidvollen Leben, dem sie
-entgegensahen, vorzogen.
-
-Eine Varietät der echten Limone oder Zitrone ist die +süße Limone+ oder
-+Lumie+ mit süßem Fruchtfleisch, die hauptsächlich als Zierfrucht und
-ihres ätherischen Öles wegen kultiviert wird. Ausschließlich in den
-Tropen und nicht mehr im Mittelmeergebiet wächst die +Limonelle+ oder
-+Zitronelle+, ein kleines, schmächtiges Bäumchen mit zierlichen, sehr
-sauren, meist rundlichen Früchten, die eine glatte, grüne, bei der
-Reife gelblich werdende dünne Schale besitzen. Im malaiischen Archipel
-und in vielen anderen tropischen Gegenden ersetzen sie die Zitronen und
-werden besonders in Westindien viel zur Herstellung von Limonellensaft
-im großen kultiviert.
-
-Für uns noch viel wichtiger als die Zitrone, die mehr in der Küche
-Verwendung findet, ist die +Orange+, die für Mitteleuropa und die
-nördlichen Vereinigten Staaten bald eine der wichtigsten Obstarten
-bildet, da sie seit den besseren Eisenbahnverbindungen in solchen
-Mengen und zu einem so billigen Preise eingeführt wird, daß selbst der
-Ärmste sich den Genuß dieser Frucht um einen geringen Preis leisten
-kann. Sie ist für uns um so wertvoller, da sie gerade im Winter, wenn
-das übrige Obst, soweit es nicht konserviert zu werden vermag, selten
-ist, geerntet wird und überall zu haben ist. Diese süße Varietät
-der Orange bezeichnet man gewöhnlich als +Apfelsine+, die bittere
-dagegen, die nicht zu uns kommt, +Pomeranze+. Die zunächst nur für
-die viel früher als die süße bei uns bekannt gewordene bittere Abart
-aufgekommene Bezeichnung Orange, die nach der charakteristischen
-ziegelroten Färbung der Früchte dann auch eine Farbenbezeichnung wurde,
-ist auf das Sanskritwort ~nagrunga~ zurückzuführen, mit dem die alten
-Inder diese rotschimmernde Frucht bezeichneten. Von ihnen erhielten
-die Perser den Baum mit dem indischen Namen ~narungschi~ und gaben ihn
-an die Araber weiter, die daraus das Wort ~naranschi~ bildeten. Daraus
-formten die Byzantiner ~nerantzi~, die Italiener ~naranci~ und später
-mit abgeschliffenem ~n~ ~aranci~, ~arangi~ und endlich die Franzosen
-~orange~. Aus dem italienischen ~aranci~ bildete das mittelalterliche
-Latein das Wort ~aurantium~ mit Bezugnahme auf den hineinspielenden
-Begriff ~aurum~, Gold, wegen der wie Gold gleißenden Früchte. Die
-botanischen Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhunderts bezeichneten
-die Früchte als ~poma aurantia~, woraus das deutsche Pomeranze und das
-polnische ~pomarancza~ hervorging.
-
-Die chinesische Abstammung der verlockend gefärbten süßen Abart gibt
-sich sehr deutlich in dem deutschen Worte Apfelsine zu erkennen, was
-Apfel von Sina, d. h. China bedeutet. Und in der Tat gelangte die
-süße Orange erst im Jahre 1548 aus Südchina durch die Vermittlung der
-Portugiesen nach Portugal und von da nach Spanien und in die übrigen
-Mittelmeerländer. Noch weist die italienische Bezeichnung derselben
-~portogallo~ deutlich auf diese ihre Herkunft über Portugal hin.
-
-Daß die Portugiesen die Vermittler dieser und anderer chinesischer
-Fruchtbäume waren, hängt ganz einfach damit zusammen, daß sie eben
-zuerst jenes Land betraten und sich in einen Tauschhandel mit den
-Bewohnern einließen. Das erste europäische Schiff, das in China,
-und zwar im Jahre 1517 landete, war ein portugiesisches und die
-Portugiesen waren es, die bereits 1557 die erste Niederlassung von
-Europäern in China gründeten. Es ist dies Macao, ein befestigter Ort
-auf einer Insel an der Mündung des Perlflusses in Südchina, welches der
-Hauptstapelplatz des Handels mit China war, bis vor kaum mehr als 50
-Jahren die englische Niederlassung Hongkong es dann weit überflügelte.
-
-Wie der Apfelsinenbaum sich von Portugal aus an den Küsten des
-Mittelmeeres bis tief nach Westasien hinein ausbreitete, um neben dem
-Zitronenbaum in warmen, windgeschützten Lagen gepflanzt zu werden, da
-die Frucht bald allgemeinen Beifall fand, so brachten ihn Portugiesen
-und Spanier in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch nach
-Amerika, wo er in den tropischen und subtropischen Gegenden wunderbar
-gedieh und mit der Zeit überallhin in der Neuen Welt verbreitet wurde.
-
-Die ursprüngliche Heimat des +Orangenbaums+ (~Citrus aurantium s.
-vulgaris~), ist das Gebirgsland südlich vom Himalaja über Birma
-nach Südchina und Cochinchina, also dieselben Gegenden, die wir als
-die Heimat des Zitronenbaumes angeführt haben. Wie der Zitronenbaum
-wurde er wohl in Südchina zuerst in Kultur genommen und veredelt. Er
-bildet stattlichere Bäume als jener, aber seine Blätter haben an den
-Blattstielen herzförmige Flügel und seine rein weißen Blüten duften
-weniger angenehm als diejenigen des Zitronenbaums.
-
-Wie der Zitronenbaum die mannigfaltigsten, in bezug auf Gestalt,
-Farbe, Größe und Geschmack der Früchte abweichenden Kultursorten
-hervorgebracht hat, ja, in der Limetta, die besonders an der
-ostafrikanischen Küste vielfach angepflanzt wird, eine süßfrüchtige Art
-besitzt, so hat sich auch der Orangenbaum in zahllose samenbeständige
-Kulturvarietäten aufgelöst, von denen wir hier nur die süße, die wir
-in allen Fruchtläden zu Gesicht bekommen, und die bittere besprechen
-wollen.
-
-Die süße Abart (~Citrus aurantium chinense s. dulcis~) besitzt
-schwach blaßgrüne, wenig aromatische Blätter. Die kugelige Frucht ist
-orangefarbig, selten gelb und enthält unter einer meist dünnen Schale
-ein schwach säuerliches, wohlschmeckendes, in den hochkultivierten
-Sorten bereits kernlos gewordenes Fruchtfleisch. Der Baum ist wie die
-anderen Citrusarten empfindlich gegen kalte Winde, deshalb zieht man
-ihn wie den Zitronenbaum, mit dem er dieselben Gegenden als für den
-Anbau geeignet teilt, soweit er solchen Winden ausgesetzt ist, in
-Reihen, die durch dichte Hecken eng nebeneinander gepflanzter Zypressen
-geschützt werden. Diese hohen Zypressenhecken fallen einem jeden auf,
-der durch die Provence oder Algier reist.
-
-Von Genua bis Marseille findet man ihn an den geschützten Lagen
-angepflanzt, dann besonders in Sizilien, Spanien, Portugal, Nordafrika;
-in Nordamerika besitzen besonders Kalifornien und Florida gewaltige
-Orangengärten. Erst in Sizilien und von da weiter südlich erreicht er
-die Größe unseres Apfelbaums und liefert dann, gut gehalten, 600-800
-Früchte jährlich, während ein ausgewachsener Zitronenbaum bei voller
-Kraftentfaltung sogar 1000-1100 Früchte in demselben Zeitraum liefert.
-Man rechnet nach Theobald Fischer in den berühmten Zitronen- und
-Orangengärten in der ~Conca d’oro~ bei Palermo einen durchschnittlichen
-jährlichen Rohgewinn von 3000 Lire vom Hektar. Was das besagen will,
-geht daraus hervor, daß die einträglichsten Gemüse- und Fruchtgärten
-bei Paris es nur zu einem jährlichen Rohgewinn von 2500-2700 Franken
-auf den Hektar bringen. Dies ist allerdings nicht zu vergleichen mit
-dem Ertrage der Südfrüchte in Kalifornien, wo der Morgen, also etwas
-mehr als ¼ Hektar bis 4000 Mark einträgt und eine 5 Morgen umfassende
-Erdbeer- oder Obstplantage ein Einkommen von 7-10000 Mark abwirft.
-Allerdings ist der Geldwert drüben bedeutend geringer als bei uns, so
-daß wir einen entsprechenden Abzug machen müssen, um diese Verhältnisse
-auf die unsrigen zu übertragen.
-
-Es gibt eine Unzahl von Apfelsinensorten, von denen aber nur einige
-wenige zu uns gelangen, worunter außer der gewöhnlichen die immer
-beliebter werdende Blutapfelsine (~var. sanguinea~) mit blutrot
-gestreiftem oder ganz blutrotem, süßem Fruchtfleisch, ebenso die
-doppelfrüchtige Orange, bei der jede Frucht in ihrem oberen Teile
-sozusagen noch eine zweite enthält, ferner auch die violette Orange,
-deren Blätter, Blüten und unreifen Früchte teilweise violett überhaucht
-sind und welche, wie die kleine buchsbaumblättrige Orange nur als
-Zierbaum gezüchtet wird. Die gleichfalls meist nur als Zierstrauch
-dienende myrtenblättrige Orange besitzt mispelgroße Früchte, die
-zuweilen auch wie die chinesische Bigaradie eingemacht werden.
-
-Viel länger im Mittelmeergebiet bekannt als die, wie gesagt, erst im
-Jahre 1548 direkt von China nach Portugal eingewanderte süße Art,
-ist die bittere, die stets im Mittelalter unter den ~poma aurantia~
-verstanden war. Die Äste und Zweige des Baumes sind mit Dornen besetzt,
-die Blätter sind dick, tief dunkelgrün und riechen sehr aromatisch;
-sie bilden die offizinellen Orangenblätter, die zur Herstellung eines
-wohlschmeckenden Tees Verwendung finden. Aus ihnen und den jungen
-Trieben wird ebenso wie aus den unreifen Früchten das als ~essence
-de petit grain~ bezeichnete ätherische Öl gewonnen. Besonders reich
-an dem Glykosid Hesperidin sind die jungen Früchte, die ebenfalls
-als ~Aurantia immatura~ offizinell sind, d. h. in den Apotheken
-und Drogerien gehalten werden. Aus den relativ großen, weißen, an
-Wohlgeruch diejenigen des Apfelsinenbaums übertreffenden Blüten wird
-in großen Mengen das ebenfalls für die Parfümerie wichtige Nafa-
-oder Neroliöl -- auch Orangenöl genannt --, ebenso das Orangenwasser
-gewonnen. Die kugeligen, tief orangeroten Früchte enthalten ein
-bittersaures Fruchtfleisch, dessen Saft wie derjenige der Zitrone
-zur Herstellung von Limonade dient, besonders aber zur Bereitung der
-berühmten Orangenmarmelade benutzt wird. Zu diesem Zwecke werden
-jährlich viele Schiffsladungen Sevillaorangen nach der schottischen
-Stadt Dundee, wo dieses Genußmittel hauptsächlich bereitet wird,
-importiert. Die sehr dicke, rauhe Schale von tiefer Orangefarbe kommt
-als kandierte Pomeranzen- oder bittere Orangenschale oder auch einfach
-getrocknet in den Handel. Sie ist die offizinelle Pomeranzenschale
-und enthält bis zu 2,4 Prozent das angenehm riechende, aber bittere
-Bigaradieöl. Sie wird vorzugsweise zur Bereitung von Likören
-(Pomeranzenlikören, Curaçao, Kurfürstlichem Magenbitter aus Danzig
-usw.), zur Würze von Weinen (Bischofessenz) und allerlei Konfitüren
-benutzt. Da der Stamm des bitterfrüchtigen Orangenbaums sich als
-besonders widerstandsfähig erwiesen hat, so benutzt man ihn auch häufig
-als Unterlage, um auf ihn andere, weniger widerstandsfähige Citrusarten
-aufzupfropfen. Eine Varietät des Pomeranzenbaums ist die chinesische
-Bitterorange oder Bigaradie, die kleiner als die Sevillaorange und fast
-kugelrund ist und häufig in Sirup eingemacht wird, zumal in Frankreich,
-wo sie als ~bigaradier chinois~ in allen Delikatessenhandlungen der
-Großstädte zu finden ist.
-
-Aus seiner südostasiatischen frühesten Kultur gelangte der bittere
-Pomeranzenbaum sowohl nach Hinterindien und den Sundainseln, als über
-Indien nach Persien. Seit dem Ende des 9. christlichen Jahrhunderts
-ist er in Arabien nachweisbar. Die Araber verbreiteten ihn dann im
-10. Jahrhundert nach Afrika und Spanien. Im Jahre 1002 finden wir ihn
-auch in dem damals von den Arabern (Sarazenen) besetzten Sizilien
-frisch eingeführt, wo er auch heute noch einen wesentlichen Bestandteil
-der Agrumenplantagen bildet. Die Kreuzfahrer sahen ihn in Syrien und
-Palästina und haben ihn wahrscheinlich mit dem Zitronenbaum an die
-Riviera gebracht.
-
-In China und Japan wird die +japanische Zwergorange+, ~kumquat~ oder
-~kinkan~ genannt, viel kultiviert. Es ist dies ein niedriger, gegen
-Frost empfindlicher Strauch mit kleinen, schmalen Blättern, winzigen
-Blüten und etwas über kirschgroßen, von einer sehr aromatischen Schale
-bedeckten säuerlichen Früchten, die namentlich von Kindern, auch roh,
-gegessen werden. Meist werden sie aber in Sirup eingemacht und gelten
-als Delikatesse. In neuerer Zeit werden sie in dieser Zubereitung auch
-exportiert. In Ostindien werden die Früchte einer anderen Citrusart,
-~marmelo~ genannt, häufig gegessen und ebenfalls besonders gerne mit
-Zucker eingekocht. Von ihnen rührt unsere Bezeichnung Marmelade her.
-Aus den höchst aromatischen Fruchtschalen der erst seit dem Ende
-des 17. Jahrhunderts bekannten +Bergamotte+ (~Citrus bergamea~) mit
-blaßgelben Früchten und angenehm säuerlichem Fleisch, das aber für
-gewöhnlich nicht gegessen wird, gewinnt man das für die Parfümerien
-und die Apotheken sehr wichtige Bergamottöl, während die sehr kleinen
-Früchte der myrtenblätterigen Abart (~Citrus myrtifolia~) in Zucker
-eingekocht die beliebten „Chinois“ bilden. Wie für alle Agrumen, ist
-auch für diese Sizilien der Hauptproduktionsort, das über 100000 kg
-Bergamottöl und fast ebensoviel aus Pomeranzen gewonnenes Portugalöl
-(vom italienischen ~portogallo~ für die bitterfrüchtige Pomeranze)
-jährlich exportiert. Das Bergamottöl ist ein dünnflüssiges, angenehm
-riechendes, bitter schmeckendes ätherisches Öl, welches bei längerem
-Stehen einen gelben, festen Bodensatz, den Bergamottölkampfer,
-ausscheidet.
-
-In Cochinchina und Südchina ist auch die +Mandarine+ (~Citrus nobilis~)
-zu Hause, wo sie seit Urzeiten unter dem Namen ~kan~ kultiviert wird.
-Sie ist heute noch in China und in Japan, in welch letzterem Lande sie
-~mikan~ genannt wird, die vorzugsweise angebaute Orange, die hier den
-Winter über in großer Menge und sehr billig zum Verkauf kommt. Der
-Mandarinenbaum ist in allen Teilen kleiner als der Apfelsinenbaum und
-durch einen buschigeren Wuchs ausgezeichnet. Die lanzettlichen, schwach
-gekerbten Blättchen sitzen an kurzen, kaum geflügelten Blattstielen.
-Die in Büscheln stehenden weißen Blüten liefern die bekannten, an den
-Polen abgeflachten, kleinen, orangeroten, süßen Früchte, die jetzt
-ebenfalls Gegenstand bedeutenden Exportes aus Italien und Spanien
-geworden sind. Der Mandarinenbaum gedeiht an der Riviera sogar besser
-als der Apfelsinenbaum. Wie gegen Frost, ist er auch gegen heiße,
-trockene Winde empfindlich, die hier vollkommen fehlen. Aus seiner
-ostasiatischen Heimat gelangte er ziemlich früh nach den Sundainseln,
-wo er viel angebaut wird. Erst im Jahre 1828 ist er in Südeuropa
-und 1848 in San Remo an der Riviera eingeführt worden. Wegen des
-feinen, aber nicht jedermann zusagenden Geschmacks hat die Kultur
-der Mandarine im Mittelmeergebiet in den letzten 30 Jahren einen
-ganz außerordentlich großen Umfang angenommen und hat besonders im
-westlichen Mittelmeergebiet, in Spanien, Algier, Malta, sowie auch noch
-in der Provence und in Ligurien Fuß gefaßt.
-
-Ohne weiter auf verschiedene andere, namentlich in Ostindien
-kultivierte Citrusarten mit oft ziemlich großen Früchten einzugehen,
-die meist Varietäten der Zitrone sind, wollen wir hier noch einer durch
-Veredelung festgehaltenen monströsen Zitronenform gedenken, welche
-in Indien hervorging und als +buddhafingerige Zitrone+ beim dortigen
-Volke zu allerlei abergläubigen Vorstellungen Veranlassung gab. Diese,
-auch in manchen Gärten der Riviera gezogene Art ist eigentlich nichts
-anderes als eine erblich gewordene Mißbildung, wie z. B. der Blumenkohl
-und unter den Haustieren Mopse, Dachshunde usw. Sie beruht darauf, daß
-die einzelnen Fruchtfächer statt zu einer runden Frucht vereinigt zu
-bleiben, an ihren Enden frei hervorwachsen. Dadurch bekommt die Frucht
-fünf Fortsätze, die entfernt an die vorgestreckten Finger einer Hand
-erinnern.
-
-Noch merkwürdiger ist die ebenfalls bisweilen in den Gärten der
-ligurischen Küste angetroffene +Bizzarria+, ein Citrusbaum, der
-zugleich Orangen und Zitronen trägt, aber auch solche, welche die
-Mitte zwischen jenen beiden Fruchtarten einhalten und solche, an
-welchen einzelne Fächer das Aussehen von Orangen, andere wiederum
-dasjenige von Zitronen besitzen. Ihre Entstehung ist bis jetzt nicht
-endgültig aufgeklärt worden. Die einen halten sie für Bastarde,
-während andere meinen, sie seien bei der Veredelung durch zufällige
-Vermischung der Eigenschaften der Unterlage und des aufgepfropften
-Edelreises entstanden. Sonst weisen die Bastarde im allgemeinen wohl
-eine Verschmelzung der elterlichen Eigenschaften, aber kein getrenntes
-Nebeneinander derselben wie in diesem Falle bei der Bizzarria auf.
-Andererseits lehrt die Erfahrung, die wir täglich bei der Veredelung
-unserer Obstbäume, der Rosen und sonstigen Gewächse machen, daß die
-Unterlage ohne allen Einfluß auf das Edelreis bleibt, daß beide
-vielmehr ihre besonderen Eigenschaften unvermischt beibehalten.
-
-Nun gibt es aber einen richtigen Bastard zwischen Orange und Zitrone,
-die man als +süße Zitrone+ oder +Limette+ bezeichnet. Sie hat kleine
-weiße Blüten, eine rundliche bis eiförmige Frucht und geflügelte
-Blattstiele. Das süßliche, etwas aromatische Fruchtfleisch wird roh
-oder gekocht gegessen und auch zum Einmachen verwendet. Da aber die
-Frucht weder die vollen Eigenschaften der Zitrone, noch diejenigen der
-Orange besitzt, hat sie keinen besonderen Wert und findet sich deshalb
-nur selten angebaut.
-
-
-
-
-VII.
-
-Die Gemüsearten.
-
-
-Das Hackfeld, der Vorläufer des Ackerfeldes, auf dem die Körnerfrüchte
-als Hauptnahrungsmittel aus dem Pflanzenreiche gezogen wurden, ist
-so alt als die menschliche Kultur überhaupt; denn das ist ja das
-Kennzeichen der letzteren, daß sich in ihr der Mensch freigemacht hat
-von den Zufälligkeiten der Jagd und vorsorgend Nährfrüchte für kommende
-schmale Tage zieht. Viel jünger als das Hackfeld ist der als +Garten+
-bezeichnete eingehegte Teil des in Kultur genommenen Bodens, der die
-Gemüse genannten Nahrungspflanzen umschließt. Zum Begriff Garten
-gehört nun durchaus nicht der Begriff des Zierlichen, den er erst
-erlangte, als er zum Ziergarten wurde, sondern es ist das schlichte,
-eingehegte Pflanzland beim Hause, im Gegensatz zum offenen Acker. Das
-Wort steht begrifflich in enger Beziehung zum gotischen ~gairdan~
-umgürten, einhegen. Dies Pflanzland in nächster Nähe des Hauses lag mit
-diesem zusammen in +einer+ Umzäunung, deshalb wurde bei den Germanen
-der Völkerwanderungszeit ein Diebstahl aus demselben als Einbruch in
-eingehegtes Gut schwerer bestraft als ein solcher aus dem Acker.
-
-Vom Gemüsegarten des Altertums ist uns im ganzen nur wenig bekannt;
-doch lernen wir in einer auf uns gekommenen Schilderung die in ihm
-gepflanzten Kräuter kennen. Es ist diejenige des Gärtchens eines
-einfachen römischen Landmannes zur Zeit des Augustus, worin der Dichter
-Vergil (78-19 v. Chr.), der berühmte Verfasser der Äneis, in einem
-bukolischen, ~moretum~, d. h. „Mörsergericht“ benannten Gedicht sagt:
-
- „Hier war Kohl, hier kräftig die Arme ausstreckender Mangold,
- Hier weitwuchernder Ampfer und heilsame Malven und Alant,
- Hier die süßliche Möhre und buschige Häupter des Lauches,
- Hier auch grünte einschläfernd der Mohn mit kalter Betäubung,
- Auch der Salat grünte, der labend die edleren Schmäuse beschließt.
- Häufig auch sproßte empor der Rettich mit fleischiger Wurzel,
- Und schwer hing an kräftigem Stengel der gelbliche Kürbis.“
-
-Ein griechischer Autor unbekannten Namens, in der ~Geoponika~
-genannten, ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung von Auszügen
-aus guten, alten Schriften über die Land- und Gartenwirtschaft gibt uns
-wenigstens über die Anschauungen der Alten in betreff des Gemüsebaues
-einen Begriff. Die Stelle ist wichtig genug, um hier wörtlich angeführt
-zu werden. Er sagt: „Die Gärtnerei ist für das menschliche Leben von
-der größten Wichtigkeit. Wer Gemüsegärtnerei treibt, hat darauf zu
-sehen, daß der Samen gut, der Boden passend, Wasser und Mist vorhanden
-sind. Aus gutem Samen zieht man gute Pflanzen; passender, fruchtbarer
-Boden gibt Gedeihen; Wasser gibt dem Gemüse seine gehörige Größe; der
-Mist macht die Erde mürbe, so daß sie das Wasser leichter aufnimmt und
-den Wurzeln mitteilt.
-
-Zur Gärtnerei eignet sich vorzugsweise eine Erde, die weder sehr rauh
-ist, noch im Sommer große Risse bekommt. Reiner Ton, der im Winter fest
-zusammenfriert, im Sommer aber ganz austrocknet, tötet entweder das in
-ihm Gepflanzte oder macht es schwach und dünn. Ein solches Erdreich
-kann man kaum durch Beimischung von Dünger auflockern. Durch die
-Sprünge, die es beim Eintrocknen im Sommer bekommt, wird es vollends
-unbrauchbar. Ein allzurauher (sandiger) Boden kann weder die Pflanzen
-ernähren, noch Wasser behalten. Um die Erde zu probieren, wäscht man
-sie mit Wasser und hält sie für gut, wenn sie vielen, lockeren Schlamm
-als Bodensatz gibt, dagegen für schlecht, wenn sie sich wie Wachs
-kneten läßt.
-
-Den besten Dünger für Gemüse gibt jedenfalls die Asche; sie ist von
-Natur warm und tötet die Erdflöhe, Würmer und ähnliche Tierchen. An
-Güte folgt dann der Taubenmist, der ebenfalls die kleinen Tiere tötet
-und in geringer Menge dasselbe leistet, was eine große Menge andern
-Mistes. Manche ziehen den Eselsmist dem Taubenmist vor und behaupten,
-er mache die Gemüse süßer. Ausgezeichnet gut ist jedenfalls auch der
-Ziegenmist. Fehlt es an den eben besprochenen Mistarten, so kann man
-auch andern brauchen; jedoch soll er, wenn möglich, nicht frisch sein,
-weil er dann Gewürm erzeugt. Hat er ein Jahr gelegen und wurde er dabei
-oft gewendet, so ist er gut.“
-
-Dann gibt er ausführliche Anleitung zur Bearbeitung des Bodens und zum
-Anlegen der Gartenbeete, die Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. 12
-Fuß lang und 6 Fuß breit zu machen empfiehlt. Letzterer Autor sagt:
-um trockenen Boden regelmäßig bewässern zu können, umgebe man die
-Beete mit schmalen Dämmen, die so eingerichtet sind, daß man von oben
-her Wasser in sie einfließen lassen kann, das dann auf andere Beete
-weiterfließt, sobald man den Damm unten öffnet. „Jede Aussaat soll bei
-zunehmendem Mond, jede Ernte bei abnehmendem gemacht werden.“ Noch mehr
-als heute spielte im Altertum der Aberglaube in der Bewirtschaftung
-der Güter eine große Rolle. So rät Palladius gegen Nebel und Rost den
-Garten durch Erzeugen von Rauch mit schwelendem Unkraut zu schützen.
-„Um den Hagel abzuwehren, droht man dem Himmel mit blutigen Beilen,
-oder umgibt den ganzen Garten mit Zaunrüben, oder schlägt eine Eule mit
-ausgebreiteten Flügeln an, oder bestreicht die eisernen Gartenwerkzeuge
-mit Bärenfett. Manche mischen auch Bärenfett mit Öl und bestreichen
-damit die Sicheln und Hippen (gekrümmten Gartenmesser), wenn sie
-damit schneiden wollen. Das muß ganz geheim gemacht werden, soll aber
-dann so wirksam sein, daß dann kein Nebel und kein einziges Tier mehr
-schadet; bleibt die Anwendung des Mittels nicht geheim, so verliert es
-augenblicklich seine ganze Kraft. Ganze Weinberge schützt man gegen
-Hagel, indem man in deren Mitte das Fell eines kleinen Seehunds über
-einen kleinen Weinstock deckt. Alle Samen sollen in Gärten und Feldern
-vor jedem Unheil sicher sein, wenn man sie vor der Aussaat mit dem Saft
-der Wurzeln der Springgurke tränkt. Ebensogut geschützt dagegen sollen
-sie sein, wenn man den Schädel einer Stute oder Eselin im Garten oder
-im Felde aufstellt. Ein solcher Schädel soll Segen über alles bringen,
-was er anguckt.“ Dasselbe Mittel wird auch in der ~Geoponika~
-als probat für das Gedeihen der Gartengewächse empfohlen, wie auch
-das Beimengen von geschnittenem Wegdorn oder zerriebenem getrockneten
-Bockshornklee (griechischem Heu) in das Wasser, mit dem man begießt.
-
-In ähnlicher Weise wie im Altertum wurde der frühmittelalterliche
-Gemüsegarten gemäß den sehr geschätzten und von den Schreibkundigen
-abgeschriebenen Anleitungen der alten Autoren besorgt. Auch die Anlage
-desselben hatte man von den Römern übernommen, und zwar waren es vor
-allem die Klöster, die den Völkern Mitteleuropas dieses alte Kulturerbe
-übermittelten. Besonders waren es die Benediktinermönche, die eine
-große Anzahl von den Römern übernommener Kulturpflanzen über die Alpen
-brachten und im 8. und 9. Jahrhundert einen geregelten Gartenbau in
-Deutschland einführten. Solche Benediktinermönche befanden sich auch
-am Hofe Karls des Großen, dieses gewaltigen Mannes, der neben seinen
-sonstigen bedeutenden Leistungen noch Zeit fand, den Garten und seine
-Kultur zu fördern. In seinem berühmten ~Capitulare de villis~,
-einer Ordnung für die Einrichtung der kaiserlichen Domänen, vom Jahre
-812, schrieb er genau vor, welche Pflanzen auf seinen Hofgütern zu
-halten seien, so daß wir uns ein ziemlich gutes Bild davon machen
-können, wie es damals in diesen Gärten aussah, um so mehr, als auch
-zwei Inventaraufnahmen seiner Hofgüter Asnapium und Treola erhalten
-sind. Danach wuchsen in ihnen außer Apfel-, Birn-, Kirsch-, Pflaumen-,
-Quitten-, Mispel-, Pfirsich-, Aprikosen-, Vogelbeer- und Maulbeerbäumen
-und Gebüschen von großen welschen Haselnüssen allerlei Gewürzkräuter
-und Gemüse wie Kohl, Mohrrüben, Saubohnen, Kohlrabi, Zwiebeln,
-Knoblauch, Schnittlauch, Petersilie, Kerbel, Melde, Bohnenkraut, Dill,
-Wiesen- und Gartenkümmel, Koriander, Thymian, Minze, Fenchel, Kresse,
-Lattich, Endivie, Erbsen, Melonen, Gurken, Koloquinten, Mohn, Sellerie,
-Senf, Anis, aber auch eine Menge heute nicht mehr gebräuchlicher
-Heilkräuter, wie Fieberwurz, Haselwurz, Flöhkraut, Schlangenwurz,
-Raute, Sadebaum, Frauenminze, Malve, Griechisch Heu, Springwurz,
-Poley, Rosmarin, Meerzwiebel, Hauswurz, Salbei, Allermannsharnisch,
-Liebstöckel, Meisterwurz und dergleichen mehr. Blumen, die hier
-gezogen wurden, wie Rose, Lilie, Nelke, blaue Schwertlilie, Akelei,
-Goldlack, Krokus und Päonie verdankten das zunächst nicht der Freude an
-ihrer Schönheit, sondern der schon ihrem Dufte, mehr aber noch ihren
-zerquetschten Blumenblättern beigelegten Heilwirkung, wie auch der
-Krapp seines Färbevermögens wegen gezogen wurde.
-
-Aus dem Jahre 830 besitzen wir den allerdings nicht zur Ausführung
-gelangten Bauriß des schon damals bedeutenden Klosters von St.
-Gallen. In ihm werden drei Arten von Gärten unterschieden, nämlich
-Obst-, Gemüse- und Arzneikräutergarten. Der Obst- oder Baumgarten
-diente zugleich als Begräbnisplatz. Er ist als ein großes, mit Mauern
-umgebenes viereckiges Feld gezeichnet, das auf der Seite der Klausur
-mit einem einzigen Eingange versehen ist. Die fünf Reihen Gräber
-gruppierten sich symmetrisch um das Kreuz in der Mitte und beherbergten
-zwischen sich 15 Bäume. Wichtiger war der Gemüsegarten, der wohl zuerst
-angelegt wurde, da die Mönche schon wegen der Forderung vegetabilischer
-Kost zum Gemüsebau verpflichtet waren. Er lag südlich vom Baumgarten
-und bildete ein in zweimal neun Parzellen eingeteiltes Rechteck, in
-welchem 18 verschiedene Gemüsearten gezogen wurden. Viel kleiner war
-der sich daran anschließende Arzneikräutergarten mit 16 kleinen Beeten,
-der neben dem Spital für kranke Brüder lag, in welchem sich der als
-Arzt amtende Klosterbruder aufhielt.
-
-Gehen wir nach dieser kurzen Übersicht über die nachweislich für uns
-ältesten Gärten zu den ältesten in Europa kultivierten Gemüsen über, so
-ist zunächst festzustellen, daß schon die spätneolithischen Pfahlbauern
-an den Ufern der Schweizer Seen vor 4000 Jahren nach einzelnen
-Samenfunden die Erbse in einer auffallend kleinen Form, ebenso Pastinak
-und Mohrrüben pflanzten. Dazu kamen in der Bronzezeit die Linse in
-einer kleinkörnigen Form, die sich zu Beginn der Eisenzeit auch in
-Norddeutschland nachweisen läßt, und später die Saubohne.
-
-Beginnen wir eine eingehendere Würdigung der einzelnen Gemüsearten
-mit der +Gartenerbse+ (~Pisum sativum~), deren Bekanntschaft in
-Mitteleuropa eine schon sehr alte ist, wie auch die hier altererbte
-Benennung beweist. Erbse kommt vom althochdeutschen ~araweiz~, das
-mittelhochdeutsch ~erweiz~ lautet und zum neuhochdeutschen Erbse
-wurde. Von den Germanenstämmen haben einzig die Angelsachsen den
-einheimischen Namen ~earfe~ auf die Wicke übertragen und dafür das
-lateinische Lehnwort ~pise~ (~von pisum~), neuenglisch ~pea~ für die
-Erbse eingeführt. Die alten Griechen bezeichneten dieses Gemüse,
-das sie allerdings nicht sehr viel angepflanzt zu haben scheinen,
-in früherer Zeit als ~órobos~, in späterer jedoch meist als ~písos~
-oder ~píson~, woraus dann die Römer, als sie die Nutzpflanze von
-ihnen kennen lernten, ~pisum~ machten. Dieses Gemüse muß schon in
-früher Zeit in Italien populär gewesen sein, sonst hätte nicht das
-plebejische römische Geschlecht der Calpurnier, aus welcher der große,
-aus altpatrizischem Geschlechte stammende Julius Cäsar (100-44 v. Chr.)
-seine Frau Calpurnia nahm, den Beinamen der Pisonen erhalten; denn
-solche volkstümliche Beinamen können nur einer dem Volke altbekannten
-Speise oder Feldfrucht entnommen worden sein.
-
-Zur Zeit des Theophrastos im 4. vorchristlichen Jahrhundert wurde diese
-Pflanze überall in Griechenland angebaut. Ihre Kultur muß hier wie in
-der Schweiz schon sehr alt sein, denn man hat verkohlte kleine Samen
-von ihr schon in der mykenischen Niederlassung von Hissarlik, dem alten
-Troja, gefunden. Auch im alten Ägypten wurde sie bereits angepflanzt
-und muß nach den zahlreichen Funden von als Totenspeise mitgegebenen
-Samen in Gräbern des mittleren Reiches, besonders der 12. Dynastie
-(2000-1788 v. Chr.), wie auch der der griechisch-römischen Periode
-angehörenden Nekropole von Hawara im Fajûm eine beliebte Speise gewesen
-sein. Der ägyptische Name ist uns nicht überliefert worden, wohl aber
-der koptische, der ~ti-lakonte~ lautet und auf eine Einwanderung aus
-Westasien nach dem Niltal hinweist.
-
-Die Heimat dieser Kulturpflanze ist unbekannt, da sie nirgends mehr
-in wildem Zustande gefunden wird. Manche Botaniker vermuten, daß sie
-eine Kulturform der +grauen Erbse+ (~Pisum arvense~) sei, die durch
-eckige, braun und graugrün gescheckte Samen ausgezeichnet ist. Diese
-letzteren wurden weder in Pfahlbauten, noch in alten Gräbern gefunden,
-doch will sie Unger in einem luftgetrockneten Backstein der aus der
-Zeit der 5. Dynastie (um 2700 v. Chr.) stammenden Stufenpyramide von
-Daschur gefunden haben. Sie wird im Orient und in Europa kultiviert
-und findet sich wildwachsend in Hecken und Gebirgswäldern Nord- und
-Mittelitaliens; in Griechenland und Syrien kommt sie außerhalb der
-Kulturen nur verwildert vor. Da die wenigen aus Fundstellen der
-neolithischen, Bronze- und Eisenperiode stammenden Erbsen, wie Buschan
-gezeigt hat, eine allmähliche Größenzunahme erkennen lassen, je
-jüngeren Alters sie sind, so ist es in der Tat höchst wahrscheinlich,
-daß die Gartenerbse von der grauen Erbse (~Pisum arvense~) abstammt.
-
-In Griechenland wurde die Erbse sicher schon zur Zeit Homers angebaut.
-Von Norditalien kam sie früh schon nach der Schweiz, wo sie zur
-Bronzezeit ziemlich häufig um die Pfahlbauansiedelungen angepflanzt und
-ihre Samen, wie wir aus den verkohlten Überresten ersehen, als Vorrat
-für den Winter gesammelt wurden. Für Deutschland ist ihre Kultur mit
-Sicherheit erst aus der Hallstattzeit zwischen 750 und 400 v. Chr.
-nachgewiesen worden. Sie ist gegen Kälte und Trockenheit empfindlich
-und dürfte ihre engere Heimat in Südeuropa haben, von wo aus sie in der
-großkörnigeren Kulturform erst zu Beginn des Mittelalters nach Mittel-
-und Nordeuropa gelangte. In den Verordnungen Karls des Großen, über die
-in seinen Krongütern zu haltenden Pflanzen aus dem Jahre 812 wird sie
-als ~pisum mauriscum~ zum Anbau empfohlen. Als die Angeln und Sachsen
-vom Unterlauf von Weser und Elbe im 5. Jahrhundert -- zuerst der Sage
-nach unter Hengist und Horsa im Jahre 449 -- nach England übersetzten
-und sich dieses Land nach wiederholten Einwanderungen unterwarfen, war
-ihnen die Erbse noch völlig unbekannt, weshalb sie später, als sie
-damit bekannt wurden, das lateinische Lehnwort dafür übernahmen. Bei
-Beginn der literarischen Überlieferung war sie in den altnordischen
-Ländern bereits eingebürgert und wird im Jahre 1273 unter den Früchten
-genannt, von denen dem Herkommen gemäß Zehnten an die Geistlichkeit
-zu entrichten sind. Doch aß man von ihnen stets nur die ausgereiften,
-getrockneten Samenkörner. Das Verspeisen der noch unreifen grünen
-Körner, wie dies bei uns Sitte ist, scheint erst zu Anfang des 17.
-Jahrhunderts von Holland aus verbreitet worden zu sein. Fuller, der
-1660 die Gärten von Surrey im südöstlichen England beschrieb, bemerkt,
-daß man grüne Erbsen kaum anderswo her als aus Holland bekommen könne.
-Noch um die Mitte des 17. Jahrhunderts galten junge, grüne Erbsen in
-Frankreich als ein teuerer Leckerbissen der Vornehmen. So erzählt
-man vom Vater des großen Condé, daß er ums Jahr 1645 über hundert
-alte Franken für einen Litron, d. h. 8/10 Liter dieses zarten Gemüses
-bezahlt habe. In einer 1665 aufgeführten Komödie betitelt: ~La comédie
-des coteaux ou des friands marquis~ erklärt eine der Hauptpersonen,
-daß ihre Mittel ihr erst dann grüne Erbsen zu essen erlauben, wenn
-dieselben nicht teuerer als für 100 Franken das Litron zu haben sein
-werden. Zu demselben Preise handelte sie Heinrich I. von Bourbon, Prinz
-von Condé (geb. 1552, focht mit Heinrich von Navarra an der Spitze der
-Hugenotten, starb schon am 5. März 1588 vermutlich von seiner Gattin
-vergiftet), der Vater des als Feldherrn berühmten großen Condé, auf dem
-Markte für sich selbst ein. Noch zu Colberts Zeiten, der 1683 starb,
-waren sie so teuer, daß in seiner 1695 erschienenen Biographie erzählt
-wird, Feinschmecker hätten das Vergnügen, ein Litron junge Erbsen zu
-essen, mit nicht weniger als 200 Franken erkauft. Im Jahre 1696 schrieb
-Frau von Maintenon (eigentlich Françoise d’Aubigné, zuerst Erzieherin
-der königlichen Kinder, dann die Geliebte und zuletzt, 1685 heimlich
-getraut, die Gemahlin Ludwigs XIV.) in einem Briefe: „Hinsichtlich der
-grünen Erbsen ist alles beim Alten. Seit vier Tagen sind unsere Prinzen
-bloß auf dreierlei Dinge erpicht: sie wollen erstens grüne Erbsen
-essen, dann freuen sie sich, welche gegessen zu haben und möchten
-fernerhin am liebsten beständig welche essen.“ In einem andern Briefe
-von ihr heißt es: „Das Erbsenthema dauert immer noch an; die Ungeduld
-und das Vergnügen, sie zu verzehren, die Unersättlichkeit immer noch
-mehr davon zu begehren, das sind die Hauptpunkte, über die der Hof seit
-vier Tagen verhandelt.“ Noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts ließ
-die Marquise de Pompadour -- ursprünglich Jeanne Antoinette Poisson
---, die 1745 am Pariser Hofe erschien, um dann die Mätresse Ludwigs
-XV. (1715-1774) zu werden und sich bei ihm unentbehrlich zu machen,
-mehrfach durch den Polizeileutnant von Paris alle jungen, grünen Erbsen
-der Hauptstadt aufkaufen, um damit als kostbarem Leckerbissen den König
-bewirten zu können. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sie ein
-so billiges Gemüse, daß sich alle Kreise der Bevölkerung dessen Genuß
-zu leisten vermochten.
-
-Die Erbsen gedeihen fast in jedem nahrhaften, nicht frisch gedüngten
-Boden, jedoch muß jedes Jahr mit dem Platze gewechselt werden. Sonst
-lieben sie eine freie sonnige Lage und lockeres Erdreich. Im Gegensatz
-zu den eigentlichen Erbsen, deren reife Samenkörner ausschließlich
-gegessen werden, nennt man diejenigen Formen, von denen nur die
-unreifen, grünen Samen verzehrt werden, +Ausmach+- oder +Pahlerbsen+,
-während von den +Zuckererbsen+ die ganz jungen, zuckerreichen
-Hülsen verspeist werden. Beide zerfallen in hohe Formen, die mit
-Stecken gestützt werden müssen, und in niedrig bleibende Formen, die
-solches nicht nötig haben, da sie bloß 20-30 cm hoch werden. Die
-+Lupinenerbsen+ sind durch sehr große, nahe beieinander stehende
-und dadurch viereckig gepreßte Samen ausgezeichnet. Einheimische
-afrikanische Erbsen von einiger Bedeutung sind die +ägyptische+ und die
-+abessinische Erbse+ (~P. jomardi~ und ~P. abessinicum~), die in ganz
-Nordostafrika vielfach kultiviert werden.
-
-Schon in homerischer Zeit haben die Griechen die +Kichererbse+
-(~Cicer arietinum~) unter dem Namen ~erébinthos~ angepflanzt. Dieses
-Wort steht nun in sprachlichem Zusammenhang mit dem althochdeutschen
-~araweiz~ (Erbse), weshalb manche Autoren wie V. Hehn diese griechische
-Bezeichnung für die Erbse in Anspruch nehmen, was aber jedenfalls
-unrichtig ist, da schon der bedeutendste Botaniker Altgriechenlands,
-Theophrast (390-286 v. Chr.), die Bezeichnung ~erébinthos~ bestimmt für
-die Kichererbse und nicht für die gemeine Gartenerbse, die er ~órobos~
-nennt, braucht. Wegen der Ähnlichkeit ihrer am Ende etwas umgebogenen
-Schoten mit einem Widdergehörn hieß sie später bei ihnen vielfach nur
-~kríos~, was Widder bedeutet. Unter dieser Bezeichnung gelangte sie
-zur Kenntnis der Römer, so daß der römische Ackerbauschriftsteller
-Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. sie als ~cicer~ bezeichnet,
-~quod arietinum vocatur~, d. h. die Kichererbse, welche auch die
-„Widderkopfähnliche“ genannt wird. Plinius sagt, sie habe etwas
-Saftiges an sich und es gebe von ihr nach Größe, Farbe, Gestalt und
-Geschmack der Samenkörner verschiedene Sorten. Ihre Hülsen seien im
-Gegensatz zu den langen der übrigen Hülsenfrüchte rund. Der griechische
-Arzt Galenos im 2. Jahrhundert n. Chr. sagt: „Die reifen Kichererbsen
-(~erébinthos~) sind schwer zu schroten. Bei vielen Völkern werden sie
-gekocht vom Menschen verzehrt; sie blähen, sind aber sehr nahrhaft.
-Manche Leute essen sie auch, so lange sie noch jung und grün sind, was
-auch bei den Saubohnen der Fall ist.“
-
-Die Römer scheinen die Kichererbsen durch die süditalischen Griechen
-kennen gelernt zu haben; denn ihre Bezeichnung dafür, nämlich cicer,
-ist zweifellos aus dem griechischen ~kríos~ hervorgegangen, und hat
-sich in wenig veränderter Form in allen romanischen Sprachen bis auf
-den heutigen Tag erhalten. Ihre Heimat scheint südlich vom Kaukasus, in
-Armenien und Persien zu suchen zu sein, von wo aus sie sich einerseits
-nach Indien, wo wir sie sehr früh unter der Sanskritbezeichnung
-~chennuka~ treffen, andererseits nach Syrien und Ägypten verbreitete,
-ohne indessen in diesen Ländern eine größere Bedeutung für die
-Volksernährung zu erlangen. Wahrscheinlich hat der Prophet Jesaias, der
-seit 740 v. Chr. zu Jerusalem wirkte, unter der Bezeichnung ~ketsech~
-diese Hülsenfrucht verstanden. In homerischer Zeit war sie als
-~erébinthos~ ein Volksnahrungsmittel wie aus einer Stelle im 13. Buche
-der Ilias hervorgeht, wo sie neben der Saubohne genannt wird. Helenos,
-der Sohn des Königs Priamos von Troja, hatte auf den Atriden Menelaos,
-König von Sparta, Bruder des Agamemnon, des Fürsten des goldreichen
-Mykene, und Gatte der Helena, die Paris, ein anderer Sohn des Priamos
-ihm entführt hatte, wodurch überhaupt der Feldzug der Griechen gegen
-die Feste Troja veranlaßt wurde, einen Pfeil abgeschossen, der aber von
-der Rüstung des Helden absprang, „wie auf weiter Tenne im Wehen des
-Windes die dunkeln Saubohnen (~kýamos~) und Kichererbsen (~erébinthos~)
-von der Wurfschaufel springend fliegen“.
-
-Durch das ganze Altertum wurde die Kichererbse in den östlichen
-Mittelmeerländern in ziemlicher Menge angebaut und war wie in
-Vorderasien und Ägypten, so auch in Italien recht populär; leitet sich
-doch der Familienname des bekannten römischen Redners zu Ende der
-Republik Cicero (106-43 v. Chr.) von ihr ab. Wie Zwiebeln und Linsen
-in Athen, bildeten Zwiebeln und Kichererbsen im alten Italien die
-frugale Mahlzeit der ärmeren Volksklasse wie der römische Dichter Horaz
-(65-8 v. Chr.) in einer seiner Satiren sagt; daher wurden auch bei
-den seit dem Jahre 173 v. Chr. alljährlich vom 28. April bis 3. Mai
-durch ausgelassene mimische Aufführungen und Zirkusspiele gefeierten
-Feste der altitalischen Göttin der Blumen und des Frühlings Flora, das
-zum erstenmal 238 v. Chr. als Floralien in größerem Maßstabe aber in
-unregelmäßigen Intervallen gefeiert wurde, Saubohnen und Kichererbsen
-unter das Volk ausgestreut, das sie mit Gelächter aufzufangen suchte.
-Noch heute wird diese Fruchtpflanze in Italien viel angebaut und ihre
-Samen werden als beliebte Volksspeise gegessen, ebenso in Spanien,
-wo die Garbanzos das tägliche Gericht der niederen und mittleren
-Volksklassen bilden. Auch in Südfrankreich, Griechenland, ganz
-Nordafrika bis Ägypten, Ostindien und China werden sie viel angebaut
-in Varietäten mit schwarzen, roten, gelben und weißgelben Samen. Sie
-verlangen einen warmen, kräftigen, sandigen Boden und gedeihen noch gut
-in Gegenden, wo Bohnen, Erbsen und Linsen vertrocknen. In Deutschland
-werden sie -- und zwar gedeiht hier am besten die schwarzsamige Art
--- hin und wieder als Kaffeesurrogat angebaut, auch eignen sie sich
-gut zum Mästen des Federviehs. Das Kraut wird von den Pferden gerne
-gefressen. Da ihr das Klima nicht warm genug ist, fristet sie aber bei
-uns nur ein kümmerliches Dasein.
-
-Besser dagegen wächst hier die als deutsche Kichererbse oder
-Kicherling, auch weiße Erve bezeichnete, aus Südeuropa stammende
-+Saatplatterbse+ (~Lathyrus sativus~), die noch heute vielfach als
-nahrhaftes Grünfutter gepflanzt wird, und deren Samen unreif und reif
-wie Erbsen gegessen werden, aber weniger wohlschmeckend als diese
-sind. Die Griechen nannten sie ~láthyros~ und die Römer ~cicercula~.
-Theophrast sagt von ihr, sie leide leicht durch Würmer, und Columella
-rät, sie, die der Erbse (~pisum~) ähnle, im Januar oder Februar
-zu säen, und zwar auf guten Boden bei feuchtem Himmel. Sie sauge
-von allen Hülsenfrüchten (~legumina~) den Boden am wenigsten aus,
-entspreche aber selten der Erwartung, die man auf sie setze, weil
-ihr zur Blütezeit Trockenheit und Südwind schaden, und diese träten
-gerade oft dann ein, wenn sie in Blüte stehe. Heute noch wird sie im
-gebirgigen Griechenland als ~lathuri~ und in Italien als ~cicerchia~
-zur Gewinnung der etwas bitteren Samen als Speise für die Menschen
-angebaut. Ihr sehr nahe stehen die wie diese in den Mittelmeerländern
-teilweise noch wildwachsend angetroffene +Kicherplatterbse+ (~Lathyrus
-cicera~), die ~cicera~ der alten Römer mit rotvioletten Blüten und die
-+Ocherplatterbse+ (~Lathyrus ochrus~), die ~óchros~ der Griechen und
-~ervilia~ der Römer mit gelben Blüten, die heute noch in Südeuropa
-fürs Vieh, seltener zur Gewinnung der Samen als Speise des Menschen
-angepflanzt werden, weil sie bitter und schwer verdaulich sind.
-Letztere heißt in Italien ~araco nero~.
-
-Kaum mehr angebaut wird die in den östlichen Mittelmeerländern
-heimische +Erdplatterbse+ (~Lathyrus amphicarpus~), deren Blüten nach
-der Befruchtung negativ heliotropisch werden und sich wie die der
-Erdnuß in den Boden bohren, um hier zu reifen. Theophrast und Plinius
-erwähnen sie als Kulturpflanze unter der Bezeichnung ~arachnida~.
-Ihr nahe verwandt ist die als +Saubrot+ oder +Erdeichel+ bezeichnete
-~Lathyrus tuberosus~, die an den Wurzeln haselnußgroße, außen schwarze,
-innen weiße Knollen entwickelt, die süßlich schmecken, besonders nach
-dem Kochen in Salzwasser wohlschmeckend wie Kastanien sind und einen
-nach Rosen duftenden flüchtigen Stoff enthalten. Sie sind besonders bei
-den Tataren als Speise beliebt. Die Schweine wühlen mit Vorliebe nach
-ihnen, da sie dieselben leidenschaftlich gerne essen. Die Knollen von
-~Lathyrus montanus~, die ähnlich schmecken, dienen in Hochschottland
-als sehr beliebte Nahrung. Man trocknet sie, um sie als Proviant auf
-die Reise mitzunehmen, und bereitet aus ihnen mit Hilfe von Wasser und
-Hefe ein wohlschmeckendes geistiges Getränk.
-
-Von weiteren für den Menschen heute noch gelegentlich in Betracht
-kommenden Hülsenfrüchten ist die im östlichen Mittelmeergebiet
-heimische weiße +Lupine+ (~Lupinus albus~) mit weißen Blüten und
-gelbweißen Samen zu nennen. Sie wurde im Altertum in Westasien, Ägypten
-und den Mittelmeerländern nicht bloß als Grünfutter angepflanzt,
-sondern deren Samen dienten auch ohne Teuerung als geschätzte Nahrung
-und Arznei für Menschen und Tiere. Von Theophrast im 4. vorchristlichen
-Jahrhundert an erwähnen sie alle sich mit Agrikultur beschäftigenden
-Autoren und loben sie teilweise wegen ihres Wohlgeschmacks und ihrer
-großen Nahrhaftigkeit. Von den Griechen erhielten sie die Römer, die
-sie anbauten, um sie teils als Gründünger zu benutzen, teils die
-mehlreichen, aber bittern Samen als Speise zu ernten. Sie wird heute
-noch in Italien, wie im Orient kultiviert. Im 16. Jahrhundert baute
-man sie am Rhein und im 18. Jahrhundert in Sachsen als Feigen- oder
-Wolfsbohne an. Besonders zum Gründüngen ist sie wertvoll, das Vieh
-aber verschmäht sowohl Blattwerk, als Samen derselben. Die +gemeine
-Gartenlupine+ (~Lupinus hirsutus~) mit blauen oder purpurroten, auch
-fleischfarbenen Blüten, die an allen Teilen weichhaarig ist, ist im
-Mittelmeergebiet zu Hause und wurde bereits von den alten Griechen
-kultiviert, deren Samen den ärmeren Volksgenossen als Nahrung dienten,
-wie heute noch die an Kultur am weitesten zurückgebliebenen Bewohner
-des Peloponnes, die die unzugänglichsten Landschaften Griechenlands
-bewohnenden Mainoten, die ihre Häuser festungartig ohne Fenster
-errichten und in ausgedehntem Maße der Blutrache huldigen, sie zur
-Gewinnung der Samen als Speise anpflanzen. Sonst dient sie meist nur
-noch als Viehfutter, da das Vieh Kraut und Samen der Gartenlupine
-eifrig frißt.
-
-Ebenso häufig wird die gleichfalls aus den Mittelmeerländern stammende
-+sizilische+ oder richtiger +ägyptische Lupine+ oder +Wolfsbohne+
-(~Lupinus termis~) in Südeuropa angebaut, die ebenfalls ziemlich
-weichhaarig ist, weiße Blüten mit blauen Schiffchen hat und Samen
-hervorbringt, welche denen der weißen Lupine gleichen, aber größer und
-eckiger sind. Sie wurde besonders im alten Ägypten angebaut, wo die
-Samen als Volksnahrung dienten und mit Vorliebe den Toten als Speise
-in ihre unterirdische Behausung mitgegeben wurden. Von den Ägyptern
-erhielten sie die Griechen, die sie als ~térmos~ bezeichneten, eine
-Benennung, die aus Ägypten stammt und sich im arabischen ~termus~ bis
-auf den heutigen Tag erhielt. Tatsächlich essen die Fellachen Ägyptens
-noch heute gern ihre in Salzwasser gekochten und geschälten Samen. Auch
-in Italien findet man sie noch ziemlich oft angepflanzt. Von dort kam
-sie zu uns, wo sie zwar noch reiche Futtermassen gibt, aber ihre Samen
-nicht mehr oder spät zur Reife bringt. Das Vieh liebt sie in hohem Maße.
-
-Ihr gegenüber bevorzugten die Kulturvölker des Altertums die
-+Futterwicke+ (~Vicia sativa~), die sie nicht ausschließlich als
-Grünfutter, wie wir, sondern gelegentlich auch noch als Speise für den
-Menschen anpflanzten. Diese heute noch in den Mittelmeerländern wild
-angetroffene Futterpflanze hieß bei den Griechen ~bíkion~ und bei den
-Römern ~vicia~. Columella schreibt über sie: „Die Wicke wird, wenn
-sie grün verfüttert werden soll, um die Herbst-Nachtgleiche gesät;
-baut man sie aber der Samen wegen, so wird die Aussaat im Januar
-vorgenommen. Man kann sie auf ungepflügten Boden säen, besser aber
-ist es, vorher zu pflügen. Man sät morgens, jedoch nicht eher als bis
-der Tau verschwunden ist; auch darf man nicht mehr säen, als was an
-demselben Tage unter den Boden gebracht werden kann. Die geringste
-nächtliche Feuchtigkeit verdirbt sie.“ Der griechische Arzt Galenos im
-2. Jahrhundert n. Chr. sagt von ihr: „Die Wicke wird als Viehfutter
-gebraucht, doch in Hungersnot auch von Menschen, besonders wenn sie
-noch jung ist, gegessen, gibt aber eine schlechte Speise. Bei uns heißt
-sie nur ~bíkion~, bei den Attikern auch ~árakos~.“ Heute heißt sie
-in Griechenland ~bíkos~. Daß die Wicke als Nahrung für den Menschen
-schon früh auch in Palästina -- wie wohl allgemein in Westasien und
-Ägypten -- angebaut wurde, zeigt uns die Stelle beim Propheten Jesaias,
-der seit 740 v. Chr. in Jerusalem wirkte. Da wird in Kap. 28, 27 vom
-Ackermann gesagt, er säe Wicken aus wie Weizen, Gerste oder Spelt und
-schlage nach der Ernte die Körner derselben mit einem Stecken aus, um
-sie zur Speise zu gewinnen.
-
-Der Wicke sehr nahestehend ist die nach der altrömischen Bezeichnung
-dafür ~ervum~ als +Erve+ bezeichnete ~Vicia ervilia~, die noch heute
-allgemein in Griechenland unter dem Namen ~orobi~ oder ~robi~ als
-Futter für das Rindvieh gepflanzt wird. Dieser Name zeigt noch deutlich
-seine Abstammung aus dem altgriechischen ~órobos~ für Erbse. Sie diente
-einst auch dem Menschen als Nahrung. Von ihr unterschied bereits der
-pflanzenkundige Theophrast im 4. vorchristlichen Jahrhundert einige
-Sorten nach Farbe und Geschmack der Samen. Der griechische Arzt
-Dioskurides schreibt um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., da sie
-nur noch in Zeiten der Teuerung als menschliche Nahrung diente, von
-ihr: „Die Erve (~órobos~) ist allgemein bekannt; ihr Genuß schadet
-dem Menschen, mästet aber das Rindvieh.“ Sein Zeitgenosse Columella
-aus dem südlichen Spanien meint: „Die Erve (~ervum~) bedarf einen
-mageren Boden, der auch nicht feucht sein darf; sie wächst sonst zu
-üppig und verdirbt. Man kann sie im Januar und Februar säen. Wird sie
-im März gesät, so soll sie dann ein schädliches Futter für die Kühe
-geben.“ Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr., der Verfasser eines noch
-im Mittelalter vielbenutzten Werkes über den Landbau, behauptet sogar,
-die im März gesäte Erve (~ervum~) mache das Rindvieh toll. Diese
-lateinische Bezeichnung ~ervum~ hängt zweifellos wie das griechische
-~órobos~ sprachlich mit dem althochdeutschen ~araweiz~, aus dem dann
-unser Wort Erbse hervorging, zusammen.
-
-Wie die Lupine, Wicke und Erve ist auch die +Linse+ (~Ervum lens~)
-eine uralte Kulturpflanze, die im östlichen Mittelmeergebiet heimisch
-ist und hier sehr früh schon in die menschliche Pflege gelangte und
-dahin veredelt wurde, daß sie größere Samen produzierte. In Syrien
-und Ägypten wird sie seit grauer Vorzeit vom Menschen angepflanzt.
-So fanden sich zu einem Brei gekochte, aber noch teilweise deutlich
-als solche erkennbare Linsen in Tonnäpfchen neben grobgemahlener,
-gerösteter Gerste mehrfach unter den Grabbeigaben des mittleren
-Reiches, speziell der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in einer noch
-heute in Ägypten kultivierten kleinsamigen Abart. Ferner tritt uns die
-Linse in altägyptischen Inschriften entgegen, so auch auf dem berühmten
-Gemälde aus dem Grabe Ramses III. der 20. Dynastie (1198-1167 v. Chr.)
-in Theben, das uns einen Blick in die königliche Bäckerei tun läßt.
-Dort bemerken wir unter anderem auch einen Diener, der vor dem Kessel
-hockt und für die Bäcker Linsen kocht. Die Linsen befinden sich in zwei
-neben ihm stehenden Körbchen. Noch in den späteren Zeiten der römischen
-Herrschaft trieben die Ägypter im Delta, namentlich in Pelusium an
-einer der Nilmündungen, einen lebhaften Handel mit Linsen, die auf
-Segelschiffen weithin über die Küsten des östlichen Mittelmeeres
-verfrachtet wurden. Noch in der Kaiserzeit wurden viel Linsen nebst
-Getreide zur Fütterung der Proletariermassen der Hauptstadt nach
-Italien gebracht. So wissen wir, daß das mächtige Transportschiff,
-das im Jahre 39 n. Chr., zur Zeit des Kaisers Caligula (regierte von
-37-41 n. Chr.), den ungeheuer schweren, 25,5 m langen Obelisken von
-der Fassade des Tempels des Sonnengottes Re in Heliopolis nach Rom
-brachte, als Ballast 120000 Scheffel Linsen aus Ägypten mitbrachte.
-Dieser gewaltige Monolith aus Syenit mit heute unkenntlich gewordenen
-Hieroglyphen wurde damals im vatikanischen Zirkus aufgestellt. Noch
-steht auf seinem Sockel die Widmung an Augustus und Tiberius zu lesen.
-Unter Papst Sixtus V. wurde er dann 1586 von seinem alten Standort bei
-der Sakristei von St. Peter unter gewaltigen Schwierigkeiten in die
-Mitte der Ellipse des Platzes vor der Peterskirche aufgestellt und
-dabei festgestellt, daß das Gewicht dieses Kolosses 963537 römische
-Pfund beträgt. Übrigens beweist die ganz unägyptische, dagegen sehr
-stark semitisch anmutende ägyptische Bezeichnung ~arshana~ für Linsen,
-daß diese Samenpflanze Ägypten ursprünglich fremd war und aus Westasien
-ins Niltal gelangt sein muß.
-
-Auch bei den alten Juden dienten die Linsen bereits im 2.
-vorchristlichen Jahrtausend als sehr beliebte Speise, wie die uns
-allen von Jugend auf bekannte Geschichte Esaus, d. h. des Behaarten,
-beweist, der als Sohn Isaaks und der Rebekka um ein Linsengericht sein
-Erstgeburtsrecht an seinen nach ihm geborenen Zwillingsbruder Jakob
-verkaufte. In dieser Erzählung des Alten Testaments wird die Farbe des
-Linsengerichtes als rot bezeichnet, was darauf hinweist, daß jene Samen
-vor dem Kochen nach gehörigem Aufweichen in Wasser enthülst wurden,
-ein Brauch, der jetzt noch in Ägypten üblich ist und ihnen eine
-rosenrote Farbe verleiht. Als David, der als zweiter König von Israel
-nach Sauls Fall von 1033 v. Chr. 40 Jahre lang, bis 993 den Thron von
-Juda behauptete, vor seinem aufrührerischen Sohne Absalom in die Wüste
-östlich vom Jordan floh, da brachten seine Freunde ihm und seinen
-Begleitern Weizen, Gerste, Mehl, geröstete Ähren, Saubohnen, +Linsen+,
-Grütze, Honig, Butter, Käse, Schafe und Rinder, „denn sie dachten, das
-Volk werde hungrig, müde und durstig sein in der Wüste“. Und als die
-Philister sich versammelten, um gegen David zu ziehen, da „versammelten
-sie sich zu einer Rotte und war daselbst ein Stück Acker voll Linsen.
-Da trat Samna, der Sohn Hagas, des Harariters, mitten auf das Stück
-und schlug die Philister und Gott gab ein großes Heil.“ Die hebräische
-Bezeichnung ~adaschim~ für Linsen hat sich übrigens im arabischen
-~adas~ oder ~ads~ bis auf den heutigen Tag erhalten.
-
-Da sie leichter verdaulich und zudem nahrhafter als die Erbsen sind,
-wurden sie wie in ganz Vorderasien und im Nilland auch in Kleinasien
-angepflanzt und als Volksnahrungsmittel gegessen. Dazu wurden sie
-meist mit Öl und Knoblauch gekocht; bisweilen wurde auch in Zeiten
-der Not eine Art Brot daraus gebacken. Reste derselben kleinsamigen
-Abart der Linse wie in Ägypten fanden sich auch in der zweituntersten
-spätneolithischen Schicht von Troja, dem heutigen Hissarlik, dann
-in den bronzezeitlichen Ansiedelungen Ungarns, Norditaliens und der
-Schweiz. Auch aus Fundstätten der Eisenperiode sind Überreste von
-Linsen mehrfach zutage gefördert worden. Das vergleichende Studium
-all dieser Funde führte nun Buschan zu dem Ergebnis, daß alle
-vorgeschichtlichen Linsen weit kleiner sind, als die jetzt gebauten.
-Dabei ist es ziemlich sicher, daß die kultivierte Linse von der auf
-einigen Plätzen von Kleinasien bis Afghanistan häufig anzutreffenden
-Feldlinse (~Lens schnittspahni~) abstammt.
-
-Nach den Angaben der Schriftsteller des Altertums war die Linse von
-alters her ein Nahrungsmittel besonders der ärmeren Volksklassen;
-in Zeiten der Not wurde ihr Mehl mit Gerstenmehl vermischt zu Brot
-verbacken. Ihrer großen Bedeutung als Volksnahrungsmittel entsprechend
-war ihr Anbau ein sehr ausgedehnter. Noch zur Römerzeit bildete sie
-einen wichtigen Exportartikel des Landes. Auch die Griechen der älteren
-Zeit bauten sie unter dem Namen ~phakós~ viel an und bezeichneten
-das daraus bereitete Gericht ~phakḗ~, doch aß sie seit der Mitte des
-5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen nur noch das niedere Volk.
-Der Begüterte und Gebildete enthielt sich jedoch dieser gemeinen
-Nährfrucht. In einer Komödie des attischen Dichters Aristophanes (geb.
-um 455 v. Chr., trat 427 zuerst als Dichter auf und starb 387) heißt
-es von einem Athener: „jetzt, da er reich geworden ist, mag er keine
-Linsen mehr, während er früher, da er noch arm war, aß was ihm vorkam.“
-Und beim Lustspieldichter Phenecrates aus Athen, der um 440 bis 415
-v. Chr. dramatisch tätig war, ruft eine Person in einem Stücke: „Nur
-keine Linsen! -- Wer Linsen ißt, riecht aus dem Munde.“ Die Römer
-nannten sie ~lens~, was darauf hindeutet, daß sie diese Nährfrucht
-schon vor ihrer Bekanntschaft mit den Griechen kannten, und bezogen sie
-während der Kaiserzeit, wie wir bereits sahen, in großen Mengen aus
-Ägypten. Der ältere Cato (234 bis 149 v. Chr.) lehrt in seinem Buche
-über die Landwirtschaft, wie man Linsen zu säen habe und wie man sie
-am besten mit Essig zubereite. Auch bei den Totenmählern setzte man
-im alten Italien wie dem Verstorbenen, so auch den Lebenden Linsen
-und Salz als geschätzte Speise vor. Durch die Vermittlung der Römer
-lernten dann die Völker nördlich der Alpen, wie schon die hier heute
-noch gebräuchlichen Bezeichnungen dafür beweisen, diese ihnen bis dahin
-unbekannte Nährfrucht kennen.
-
-Wie einst im Altertum sind die Linsen heute noch den Beduinen
-Palästinas, Mesopotamiens und Arabiens ein sehr wichtiges
-Nahrungsmittel, weshalb sie außer in Westasien auch in ganz
-Nordostafrika viel angebaut werden. Im Hochlande von Abessinien wird
-übrigens eine besondere Varietät unserer Linse in verschiedenen Sorten
-kultiviert und dient als beliebtes Volksnahrungsmittel.
-
-Die einzige in vorgeschichtlicher Zeit in Mittel- und Nordeuropa
-angepflanzte +Bohne+ ist die +große+ oder +Saubohne+, auch +Puffbohne+
-genannt (~Vicia faba major~ und ~minor~) mit schwarzgefleckten weißen
-Blüten, die heute in zahlreichen Varietäten kultiviert wird. Es war
-dies die Bohne der alten Germanen, der ~kýamos~ der Griechen, die
-~faba~ der Römer, nach der das berühmte Patriziergeschlecht der Fabier
-genannt wurde, dessen Mitglieder, 306 an der Zahl, im Jahre 477
-v. Chr. im Kampf gegen die Bewohner von Veji bis auf einen einzigen,
-in Rom zurückgebliebenen Knaben fielen. Allerdings besaß die Bohne bei
-den Völkern des Altertums nicht solche Verbreitung und Beliebtheit wie
-Erbse und Linse; aber bei manchen Völkern stand sie in um so höherem
-Ansehen. Bei den Hebräern war die Saubohne nach dem Zeugnisse der
-Bibel schon ums Jahr 1000 v. Chr. als Volksnahrungsmittel bekannt und
-beliebt. Auch die alten Ägypter aßen sie. So haben sich in einem Grabe
-des mittleren Reiches aus der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in der
-Totenstadt von Theben einige, gegenüber der heutigen etwas kleinere
-Samen der Saubohne als Totenbeigabe gefunden. Immerhin erlangte
-diese Nährfrucht keinerlei Bedeutung für das Land, so daß wir die an
-sich falsche Behauptung des griechischen Geschichtschreibers Herodot
-(484-424 v. Chr.), der ja selbst in Ägypten und Babylonien war und
-dem wir ein Urteil in dieser Sache zuerkennen dürfen, einigermaßen
-begreifen. Er schreibt nämlich: „Saubohnen pflanzt man aber nicht in
-Ägypten, und die herauskommen, ißt man nicht so (wie bei uns -- also
-roh, so lange die Samen noch unreif sind), noch speist man sie gekocht.
-Die Priester ertragen nicht einmal ihren Anblick.“ Als Grund der
-Verpönung mutmaßt Herodot die starken Blähungen, die sie verursachen.
-Der griechische Schriftsteller Plutarch (50-120 n. Chr.) dagegen
-sagt, die Saubohnen seien den ägyptischen Priestern verboten, weil
-sie zu stark nähren. Das ist natürlich eine falsche Annahme dieses
-Autoren. Wir werden bald erkennen, was der wirkliche Grund dieser
-Speiseentsagung war.
-
-Bei den Griechenstämmen dagegen spielten die Saubohnen schon seit den
-ältesten Zeiten eine nicht unwichtige Rolle als Nahrungsmittel. So
-werden schon in der Ilias ~kýamoi melanochrōes~, d. h. schwarzsamige
-Bohnen, die nichts anderes als Saubohnen waren, als Speise der Helden
-erwähnt, und in den Trümmern von Troja sind reichliche verkohlte
-Vorräte von Saubohnen gefunden worden, die heute noch nach Schliemann
-eine der gewöhnlichsten Ackerfrüchte der Troas bilden. In Griechenland
-und noch mehr in Italien war sie von jeher bis heute ein sehr
-beliebtes Volksnahrungsmittel. Auf griechischem Boden tritt sie uns
-vorgeschichtlich in einem bronzezeitlichen Fund aus Heraklea auf Kreta
-entgegen. In Oberitalien ist sie sogar aus dem Ende der neolithischen
-Zeit vor etwa 4000 Jahren nachgewiesen. Nördlich der Alpen läßt sie
-sich, wie die Funde der Pfahlbauten des Bieler, Neuenburger und Murtner
-Sees beweisen, erst in der Bronzezeit zwischen 1800 und 1500 v. Chr.,
-und in Norddeutschland erst zu Beginn der als Hallstattperiode
-bezeichneten ersten Eisenzeit nach 750 v. Chr. nachweisen. Im
-europäischen Norden haben wir Funde von Saubohnen bis jetzt erst aus
-der Völkerwanderungszeit, doch beweist der gemeingermanische Bohnenname
--- althochdeutsch ~bôna~ --, der nur dem Gotischen fehlt, daß ihr Anbau
-bis in die vorgeschichtliche Zeit zurückreicht. Jedenfalls kannten sie
-die Angeln und Sachsen vor ihrer Auswanderung nach England, wie die
-angelsächsische Bezeichnung ~bean~, altnordisch ~bon~, althochdeutsch
-~bôna~, mittelhochdeutsch ~bone~ für das neuhochdeutsche Wort Bohne
-beweist. Wenn freilich der ältere Plinius, der von 45-52 n. Chr. in
-der römischen Reiterei in Germanien diente und unter den Kaisern
-Nero und Vespasian mehrere hohe Zivil- und Militärämter bekleidete,
-in seiner Naturgeschichte berichtet, die römischen Soldaten hätten
-die Nordseeinsel Burcana (vielleicht das heutige Borkum) wegen der
-Menge der dort angeblich wild wachsenden Bohnen Fabaria genannt, und
-wenn derselbe Autor an einer anderen Stelle eine weitere Nordseeinsel
-mit dem augenscheinlich germanischen Namen Baunonia „Bohneninsel“
-erwähnt, so ist unter diesen wildwachsenden ~fabae~ oder Bohnen nach
-de Candolle, Buchenau und Krause nicht die Saubohne, sondern eine
-Erbsenart, ~Pisum maritimum~, zu verstehen, die heute noch massenhaft
-auf den Dünen der Nordseeinseln wild wächst.
-
-Nach den eingehenden Untersuchungen von Buschan lassen sich unter den
-seit der Bronzezeit kultivierten vorgeschichtlichen Bohnen wenigstens
-zwei Abarten unterscheiden, nämlich eine kleinere, rundliche, die den
-östlichen Fundstätten: Kleinasien, Griechenland, Ungarn und Schweiz
-eigen ist, und eine längere, flache, die in Spanien, Südfrankreich
-und Deutschland ausschließlich gefunden wird. In Oberitalien scheinen
-beide zusammenzutreffen. Wahrscheinlich sind sie von entgegengesetzten
-Richtungen ausgegangen, die kleinere, rundliche vom Orient und die
-lange, flache von Westen. De Candolle hat diesen doppelten Ursprung
-vermutet und seine Ansicht ist durch Buschans Untersuchungen bestätigt
-und ergänzt worden. Die Heimat der ersteren ist in Südkaspien,
-diejenige der letzteren dagegen in Spanien und Nordafrika zu suchen.
-Beide Abarten, die unserer Sau- und Pferdebohne entsprechen, sind nahe
-Verwandte der wilden Wicke, und zwar dürfte die Stammart der Form
-mit längeren, flachen Bohnen ~Vicia narbonensis~ sein, eine in den
-Mittelmeerländern und in Westasien bis nach dem Kaukasus, Nordpersien
-und Mesopotamien hin wild wachsende Wickenart, die schon im Altertum
-kultiviert wurde. Heute noch wird diese als schwarze Ackerbohne
-bezeichnete Art in Frankreich und Italien, aber auch bei uns in
-leichtem Boden als Viehfutter angebaut und gibt in mildem Klima einen
-reichen Ertrag an Körnern.
-
-Die schwarzen Flecken in den weißen Blüten der Saubohne galten im
-Altertum als Schriftzeichen des Todes; demgemäß galt die Pflanze
-als Symbol des Todes. Deshalb durften die ägyptischen Priester
-keine Saubohnen essen, während das Volk solche, im Altägyptischen
-~arschan~ genannt, aß. Auch der 580 v. Chr. in Samos geborene große
-griechische Philosoph Pythagoras der 529 nach Kroton in Unteritalien
-übersiedelte, um der Gewaltherrschaft des Tyrannen Polykrates von
-Samos zu entgehen, und hier einen später weit verbreiteten, durch die
-ägyptische Geheimlehre weitgehend beeinflußten Bund stiftete, der
-ethische und politische Zwecke verfolgte, verbot seinen Schülern den
-Genuß von Saubohnen. Sonst wurden solche vornehmlich bei Totenmählern
-und Trauerfesten als Speise aufgetragen. Auf dem heiligen Wege von
-Athen nach Eleusis stand ein dem Bohnengott Kyamites geweihter Tempel,
-in welchem das zu den dem Dienste der unterirdischen Mächte und des
-Unsterblichkeitsglaubens gewidmeten Mysterien ausziehende Volk dem mit
-dem Tod in Zusammenhang gebrachten Gotte Saubohnen als Todessymbole
-opferte. Auch im alten Italien brachte man den Unterirdischen
-Bohnenopfer dar, so warf der Hausvater an dem am 9., 11. und 13. Mai
-gefeierten Feste der Lemurien zur Versöhnung der als schreckhafte,
-übelwollende Spukgeister gedachten Lemuren oder bösen Geister
-Verstorbener nachts schwarze Saubohnen über den Kopf hinter sich, um
-sich und die Seinigen von deren Macht zu lösen; und am 21. April, an
-welchem Tage der Sage nach die Stadt Rom gegründet worden sein soll,
-besprengte man am Feste der altitalischen Hirtengöttin Pales -- deren
-Name, nebenbei bemerkt, dem Worte ~palatium~ auf dem palatinischen
-Hügel zugrunde liegt, woraus dann unsere Bezeichnung Palast
-hervorging --, den Palilien, den Boden mit einem in Wasser getauchten
-Lorbeerzweige, entzündete darauf ein Feuer mit Bohnenstroh und sprang
-zur Entsühnung darüber, trieb auch seine Herdentiere hindurch, um sie
-im kommenden Jahre vor Erkrankung und allem Bösen zu schützen. In Athen
-dienten weiße und schwarze Bohnen, die als Ja und Nein galten, zur
-Abstimmung.
-
-Auch bei anderen Völkern Europas, besonders bei den Germanen und
-Slawen, wurden Saubohnen speziell zu Totenopfern gebraucht. Die
-verschiedenen, auf die Saubohnen bezüglichen Zeugnisse der Inder,
-Griechen, Römer, Germanen und Slawen hat nun L. von Schröder eingehend
-geprüft und kam dabei zum sichergestellten Ergebnis, daß die Saubohnen
-schon in der indogermanischen Urzeit als Speise für die Lebenden und
-dann auch als Opfer für die Geister der Abgeschiedenen bekannt und
-beliebt waren. Während sich dieser uralte Gebrauch bei den meisten
-indogermanischen Stämmen mehr oder weniger verwischte, blieb er
-besonders bei den in sakralen Dingen so überaus konservativen Römern in
-der altertümlichen Form als nächtlicherweile mit abgewandtem Gesicht
-dargebrachtes Opfer an die Geister der Verstorbenen erhalten. Das
-altertümliche ist hier eben die scheue Abwehr dieser gefürchteten
-Geister. Aber über die Indogermanen hinaus muß dieses Bohnenopfer
-an die Totengeister in der Urzeit in der Alten Welt weit verbreitet
-gewesen sein; denn auch die Ägypter und Vorderasiaten übten solches
-einst, und daher rührt die Scheu der Lebenden, besonders wenn sie
-priesterliche Funktionen ausübten, diese mehr und mehr als Totenspeise
-geltende Frucht zu essen. Weil sie den Toten geopfert wurde, galt sie
-eben vielen als unrein und ungeeignet als Speise der Lebenden.
-
-Bei den Indogermanen Südeuropas blieb die Saubohne aber auch für die
-Lebenden späterhin die wichtige Speise, die sie den Vorfahren jener
-Stämme seit grauer Vorzeit gewesen war. Zahlreiche Stellen aus den
-Schriften des Altertums sprechen von ihr als geschätztem Nahrungsmittel
-für Menschen und Tiere. Schon in Homers Ilias werden sie wie die
-Kichererbsen auf der Tenne durch Worfeln gereinigt. Nach dem römischen
-Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. wurden
-sie von Mitte November bis Ende Dezember auf recht fettem oder gut
-gedüngtem Boden, am besten im Tale nach vorhergehendem Pflügen, wie
-das Getreide gesät und dann geeggt, damit sie recht tief zu liegen
-kamen. Er meint: „Die Saubohnen (~fabae~) erschöpfen das Land nicht so
-sehr wie manche andere Frucht; jedenfalls gedeiht aber das Getreide
-auf einem Acker, der brach gelegen hat, besser, als auf einem, der
-jene Hülsenfrucht (~siliqua~) getragen hat. Das Ausdreschen der
-Bohnen macht keine Schwierigkeit. Man legt eine mäßige Anzahl von
-aufgelösten Bündeln an das eine Ende der Tenne, vier bis fünf Leute
-treiben die Bündel mit den Füßen allmählich bis ans andere Ende und
-schlagen sie dabei mit Stöcken. Sind sie ans Ende gelangt, so legen
-sie das ausgedroschene Bohnenstroh auf einen Haufen; die Bohnen selbst
-liegen auf der Tenne, und über diese werden auch die übrigen Bündel
-hingetrieben und ausgedroschen. Um dann die Bohnen noch von der
-Spreu zu sondern, bringt man sie auf einen Haufen, wirft sie mit der
-Worfschaufel (aus Holz) weit weg, wobei die Spreu eher niederfällt
-und sich dabei absondert.“ Wenig später als Columella schreibt der
-ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Unter den Hülsenfrüchten
-nimmt die Saubohne (~faba~) den ersten Rang ein. Das aus ihnen
-gewonnene Mehl heißt ~lomentum~ und vergrößert das Gewicht anderer
-Mehlsorten, was auch die übrigen Hülsenfrüchte tun. Die Saubohne wird
-vielfach für Menschen und Vieh als Nahrung gebraucht und deswegen
-in den Handel gebracht. Bei den meisten Völkern wird sie unter das
-Getreide, besonders die Kolbenhirse, gemischt. Nach alter Sitte
-wird auch Saubohnenbrei bei Opfern verwendet. Übrigens glaubt man,
-daß der Genuß der Saubohnen die Sinne abstumpft und Schlaflosigkeit
-verursacht. Aus diesem Grunde hat Pythagoras ihren Genuß verboten,
-oder, wie andere meinen, weil er glaubte, in ihnen stäken die Seelen
-Verstorbener. Jedenfalls braucht man sie um dieses Glaubens willen bei
-Leichenfeierlichkeiten (zum Totenschmause). Varro gibt an, der Priester
-der Schutzgottheiten esse erstens deswegen keine Saubohnen, weil Seelen
-in ihnen stecken, und zweitens, weil auf ihren Blüten Trauerbuchstaben
-stehen. Es gilt übrigens als ein gutes Vorzeichen, wenn man vom Felde
-eine Saubohne mit nach Hause bringt; deshalb wird sie auch ~referiva~
-genannt. Bei Versteigerungen steckt man sie ebenfalls zu sich, um einen
-guten Kauf zu machen. Jedenfalls ist sie die einzige Feldfrucht, welche
-sich bei zunehmendem Monde wieder füllt, wenn sie hohl genagt ist.
-(Natürlich auch ein Aberglaube, der daran trotz ihrer hohen Bildung
-so reichen Römer!) In Seewasser oder anderem gesalzenen Wasser kann
-man sie nicht weich kochen. Man sät sie entweder im Herbste, oder im
-Frühling; doch glauben die meisten Leute, die Herbstsaat gebe Hülsen
-und Stengel, die das Vieh lieber frißt. Während der Blütezeit ist ihr
-reichliche Bewässerung zuträglich, nachher aber nicht. In Mazedonien
-und Thessalien pflügt man sie, sobald sie zu blühen begonnen hat, zur
-Düngung unter.“ Der um 150 n. Chr. lebende römische Schriftsteller
-Gellius sagt: „Der römische ~flamen dialis~ (Oberpriester des Jupiter)
-darf weder eine Ziege, noch rohes Fleisch, noch Efeu, noch Saubohnen
-berühren, noch auch deren Namen aussprechen.“ Der griechische Arzt
-Dioskurides, im 1. Jahrhundert n. Chr., behauptet von der Saubohne
-(~kýamos~), sie sei jung oder alt schwer zu essen, blähe, mache
-schweren Atem und störe den Schlaf. Doch bekomme sie besser, wenn
-man das erste Wasser beim Kochen weggieße. Das Mehl der Bohne werde
-äußerlich als Heilmittel aufgelegt. Auch sein Volksgenosse und Kollege
-Galenos im 2. Jahrhundert n. Chr. urteilt über sie, sie blähe, man
-möge sie zubereiten wie man wolle. Man gebe sie als Brei gekocht oder
-gebacken vornehmlich den Gladiatoren zu essen, da sie viel Fleisch
-ansetze, das aber nicht fest, sondern mehr schwammig sei. Junge, grüne
-Saubohnen essen manche Leute roh oder kochen sie mit Zusatz von Fett.
-Auch als Pferdefutter waren sie neben der Gerste sehr beliebt. So
-schreibt Columella: „Sind gesunde Pferde mager, so kommen sie schneller
-durch gerösteten Weizen als durch Gerste zu Kräften. Auch gibt man
-ihnen Wein zu trinken. Später geht man allmählich von dieser Fütterung
-ab und gewöhnt sie an Saubohnen und reine Gerste.“
-
-Trotz ihrer blähenden Wirkung war die Saubohne auch bei den Kelten und
-Iberiern als Nährfrucht sehr verbreitet. Von der keltischen Bevölkerung
-der Poebene sagt Plinius, daß sie, wie die übrigen Gallier, zum
-Mehle der Kolbenhirse (~panicum~) stets auch Saubohnenmehl mischten.
-Überhaupt werde dort nichts ohne Beigabe von Saubohnenmehl bereitet.
-Diese Vorliebe hat sich lange erhalten. Auch die Germanen nahmen später
-diese Nährfrucht von ihren Nachbarn an. So ist ihr Anbau durch das im
-5. Jahrhundert in mittelalterlichem Latein aufgezeichnete Volksrecht
-der salischen Franken und durch das Breviarium und das ~Capitulare
-de villis~ Karls des Großen vom Jahre 812 genugsam bezeugt. Da in
-letzterem von ~fabae majores~, d. h. größeren Saubohnen die Rede ist,
-so waren damals offenbar neben diesen auch die kleineren in Kultur,
-letztere vielleicht nur als Viehfutter, wie heute noch. Die größere
-Art aber, die eigentliche Saubohne, dient noch jetzt in ganz Südeuropa
-als beliebtes Volksnahrungsmittel und ihre unreifen Samen werden
-gern roh mit Brot verspeist. Vom frühen Mittelalter an bildeten sie
-mit den Erbsen und Linsen recht eigentlich eine Hauptnahrung weiter
-Kreise der Bevölkerung Mitteleuropas. Alle drei Hülsenfrüchte wurden
-in der christlichen Zeit mit der Einführung strenger Fasttage als
-gebräuchlichste Fastenspeise besonders häufig kultiviert.
-
-Im Morgenlande dagegen waren die Saubohnen früh in Mißkredit geraten.
-So vermieden es die alten Ägypter schon im letzten vorchristlichen
-Jahrtausend, Saubohnen als nach ihrer Ansicht unreine Speise zu essen.
-Sie zogen deren Samenkörnern diejenigen der in den Teichen massenhaft
-gezogenen, aus dem fernen Indien zu ihnen gelangten blaublühenden
-Lotosblume (~Nelumbium speciosum~) vor, die lange Zeit allgemein
-als Nahrung dienten, so daß sie die Griechen und Römer geradezu als
-ägyptische Bohnen (~fabae aegyptiacae~) bezeichneten. Als aber die
-sie liefernde Pflanze eine immer größere Rolle im Kultus spielte und
-damit zu einer heiligen gestempelt wurde, verboten die Priester auch
-dem gemeinen Volke den Genuß dieser Speise, die sie selbst wegen der
-Heiligkeit, die von ihnen der Erzeugerin der Samen beigemessen wurde,
-schon längst mieden. Dieses Verbot war um so leichter durchzuführen,
-als die alten Ägypter in den Samen der bereits erwähnten Wolfsbohne
-(~Lupinus termis~) -- arabisch ~termus~ -- eine kräftige, heute
-noch im Niltal vielfach angepflanzte Nahrung besaßen. Später wurden
-dann in jenem Lande als wichtige Körnerfrucht die im tropischen
-Afrika heimische Bohnenart mit schwarzgenabelten Samen, ~Dolichos
-melanophthalmos~, eingeführt.
-
-Die alten Griechen dagegen lernten durch den Zug Alexanders des
-Großen nach Indien im Jahre 327 v. Chr. eine damit verwandte niedere
-Bohnenart kennen, von der sie Samen in ihre Heimat mitbrachten. Es
-ist dies die heute noch in Ostindien im großen angebaute ~Dolichos
-biflorus~, deren junge Hülsen und reife Samen als beliebte Nahrung
-für Menschen und Tiere dienen. Ihre Blüten sind violett oder weiß,
-die Samen dunkel gefärbt und werden nur von der vornehmsten Kaste der
-Brahmanen als für sie, die Göttersöhne, unpassende Speise verschmäht.
-Der ausgezeichnete Pflanzenkenner Theophrast, der nach Alexander dem
-Großen Schüler des Aristoteles war, erwähnt sie unter der Bezeichnung
-~dólichos~. Er schreibt über sie in seiner Pflanzengeschichte: „Die
-~dólichos~ ist eine Hülsenfrucht; sie steigt hoch an Stangen empor und
-trägt dann Früchte. Fehlt die Stange, so mißrät sie und überzieht sich
-mit Mehltau.“ Der griechische Arzt Dioskurides um die Mitte des 1.
-Jahrhunderts n. Chr. dagegen nennt sie ~phasíolos~ und sagt von ihr,
-sie sei schwer zu verdauen, blähe, mache einen schweren Atem. Grün
-gekocht bekomme sie besser. Als ~phasiolus~ tritt sie uns bei Plinius
-entgegen, der in seiner Naturgeschichte angibt, man esse von ihr die
-grünen Hülsen mit den Samen. Man könne sie in jedes beliebige Land
-von Mitte Oktober bis Anfang November säen. Sind sie reif, so müssen
-sie bald geerntet werden, da sonst die Samen leicht ausfallen und
-dann verloren gehen. Sein Zeitgenosse Columella nennt sie ~faseolus~
-und sagt, man säe sie zur Zeit, da die Hirse geerntet werde, wenn
-nämlich die Hülsen jung vom Menschen gegessen werden sollen. „Sollen
-aber reife Samen gezogen werden, so sät man sie erst Ende Oktober oder
-Anfang November. -- Wenn man Salat einmacht, so legt man auch ganze
-grüne Bohnen (mit der Hülse: ~faseolus viridis integer~) dazwischen;
-sie müssen vorher einen Tag und eine Nacht in Salzwasser geweicht
-und dann wieder etwas getrocknet sein.“ Mit den Römern, die sie
-ziemlich häufig gegessen zu haben scheinen, gelangte sie auch in die
-Länder nördlich der Alpen, wo sie aber nicht gedeihen konnte, da es
-ihr hier zu kalt war. Wenn wir daher im ~Capitulare de villis~ Karls
-des Großen vom Jahre 812 neben den ~fabae majores~, den Saubohnen,
-die uns von gleichzeitigen Geschichtschreibern als beliebte Speise
-der Franken hingestellt werden, als weiteres Gemüse den ~faseolus~
-erwähnt finden, so kann dies kaum eine der durch ihr Wärmebedürfnis
-ausgezeichneten Dolichosarten, wie sie noch in Italien gedieh, gewesen
-sein, sondern war nach Körnicke vermutlich die rotblühende Felderbse
-(~Pisum arvense~), von der wir sahen, daß sie schon im Altertum in
-den Mittelmeerländern kultiviert wurde. Jedenfalls steht fest, daß
-der Name ~phaseolus~ im Mittelalter auf die Erbse übertragen wurde.
-Die Bezeichnung ~fasol~ (und das davon herrührende faseln) war in
-Oberdeutschland bis zum Bekanntwerden der amerikanischen Gartenbohne,
-ja noch bis ins 17. Jahrhundert hinein der allgemein angewandte
-volkstümliche Name für Erbsen. Vom 16. Jahrhundert ging er dann auf
-die damals neu eingeführte Gartenbohne über, begünstigt vom zufälligen
-Gleichklang des amerikanischen Wortes ~frisol~ für letztere, woraus das
-spanische ~frijol~ für Saubohne und ~fajol~ für Gartenbohne und daraus
-endlich das neuhochdeutsche Fisole stammt.
-
-Unsere +gemeine Gartenbohne+ oder +Fisole+ -- italienisch ~fagiolo~
-und neugriechisch ~fasulia~ -- auch +Schminkbohne+ genannt, weil das
-Mehl ihrer Samen die Haut glättet und deshalb als ein Bestandteil
-der weißen Schminke benutzt wurde (~Phaseolus vulgaris~), die in 70
-Spielarten windend als Stangen-, Speck-, Kugel-, Eier- und Negerbohnen,
-oder nicht windend als Busch-, Zwerg-, Zucker- oder Frühbohnen auf
-dem Felde und im Garten der grünen, unreifen Hülsen und reifen Samen
-halber kultiviert wird, stammt mit der von den Peruanern ebenfalls
-als Gemüsefrucht gezogenen +Feuerbohne+ (~Phaseolus multiflorus~)
-aus Südamerika und verdrängte nach ihrer Einführung durch die
-Spanier mit ihren ertragreicheren und härteren, weißen Samen bald
-die schwarzsamige Dolichosbohne Ostindiens aus Südeuropa. Diese
-heute bei uns allgemein verbreiteten neuweltlichen Gartenbohnen
-hat man nicht nur in Südamerika, in den Gräbern des Totenfeldes
-von Ancon in Peru, sondern auch in Nordamerika als Grabbeigabe in
-vorgeschichtlichen Gräbern gefunden, als Beweis dafür, daß dieses
-Gemüse schon lange vor der Entdeckung Amerikas durch die Europäer aus
-seiner südamerikanischen Heimat, wo sie zur Kulturpflanze erhoben
-wurde, durch den ganzen Kontinent, und zwar in mehreren Spielarten,
-die wir heute noch kultivieren, bis weit nach Norden verbreitet
-worden war. Die großen botanischen Werke aus der zweiten Hälfte des
-16. Jahrhunderts unterscheiden sehr wohl zwischen amerikanischen und
-ägyptischen, d. h. also Dolichosbohnen. Der französische Arzt und
-Botaniker Clusius (Charles de l’Ecluse, geb. 1525 zu Arras, war von
-1571-1587 kaiserlicher Gartendirektor in Wien unter Maximilian II. und
-von 1593 an Professor der Botanik in Leiden in den Niederlanden, wo er
-1609 starb) sah die weißsamige Gartenbohne zuerst 1564 bei Gelegenheit
-einer naturwissenschaftlichen Reise in Spanien und kurz darauf die
-Feuerbohne mit grellroten Blüten und schmutzig rot oder violett und
-schwarz marmorierten Samen in einem Kloster zu Lissabon. Dort erhielt
-er auch Bohnensamen aus Brasilien zum Geschenk. Diesen brachte er nach
-seiner Heimat Frankreich mit und ließ ihn hier wachsen. Die daraus
-erzielten Samen schenkte er an seine Freunde weiter, die sie wiederum
-in ihren Gärten pflanzten. So verbreiteten sich diese „welschen“ oder
-„Stangenbohnen“ in den verschiedensten Arten immer weiter unter dem
-Volke und wurden zu dem unentbehrlichen Gemüse, das sie heute sind;
-doch ging die Kunde der Einführung der ersteren aus der Neuen Welt
-später verloren, bis erst im 18. Jahrhundert diese Tatsache aufs neue
-erkannt wurde. So war der Regensburger Apotheker J. Weinmann einer der
-ersten, der in seinem vierbändigen, von 1737-1745 herausgegebenen, in
-Kupfer gestochenen Pflanzenatlas mit erläuterndem Text die Ansicht
-äußert, daß die Gartenbohnen wie der Mais aus Amerika stamme. Er
-unterscheidet diese als amerikanische und brasilische Bohnen sehr
-wohl von den vor der Entdeckung Amerikas einzig in Europa gepflanzten
-ägyptischen Bohnen der Gattung Dolichos.
-
-Schon im 17. Jahrhundert waren diese amerikanischen Gartenbohnen so
-volkstümlich, daß ihre Samen zu dem von den niederländischen Malern mit
-Vorliebe dargestellten Bohnenfeste benutzt wurden. Dieses am 5. Januar
-gefeierte „Bohnenkönigsfest“, in Frankreich unter der Bezeichnung „~Le
-roi boit~“ bekannt, war ein Nachklang an die römischen Saturnalien,
-einem der ältesten und volkstümlichsten italischen Feste, das in Rom
-am 17. Dezember zu Ehren Saturns, des altitalischen Gottes der Saaten
-und der Fruchtbarkeit überhaupt, gefeiert wurde. Dieses unter den
-römischen Kaisern auf eine volle Woche ausgedehnte Fest bedeutete
-eine sinnbildliche Rückkehr zu jenen glücklichen Zeiten, da unter
-der Regierung des als Herrscher von Latium gedachten Gottes, den man
-dem griechischen Gotte Chronos gleichstellte, nur Friede und Freude,
-allgemeine Freiheit und Gleichheit unter den Menschen geherrscht haben
-sollen. Daher wurden die Saturnalien mit ausgelassenem Jubel und
-allgemeinem Schmausen begangen, an dem auch die Sklaven Anteil hatten.
-Sie saßen mit ihren Herrn zu Tische und wurden von diesen zuerst
-bedient, genossen überhaupt unbeschränkte Freiheit. Man beschenkte
-sich gegenseitig mit allerhand Geschenken, besonders mit Wachskerzen
-und kleinen Tonfiguren, wie sie die Kinder als Spielzeug gebrauchten,
-eine Sitte, deren Nachhall in der christlichen Weihnachtsfeier nicht zu
-verkennen ist.
-
-Auch in der römischen Armee wurde das Fest, aber in ihrer Weise
-gefeiert. Durchs Los wurde ein König für die Festzeit bestimmt, dem
-sich alle zu fügen hatten. Seine unbeschränkte Macht hatte aber bald
-ein Ende, indem er am Ende der Saturnalien als Sühnopfer geschlachtet
-wurde. Ein Zeichen, wie brutal diese Berufssoldaten, die ja für
-Straßenbau und andere Werke der Kultur in den Provinzen zweifellos sehr
-große Verdienste sich erwarben, im tiefsten Grunde waren. Später wurde
-meist ein Verbrecher mit dieser zweifelhaften Würde bekleidet, indem
-man ihm einige Tage vor der Hinrichtung diese letzte Freude gewährte.
-Und als das römische Weltreich in den Wirren der Völkerwanderung
-zugrunde gegangen war, hatte sich in Frankreich, England, in den
-Niederlanden und am Rhein dieser aus der Zeit der römischen Besatzung
-stammende, ursprünglich ernsthafte Brauch als scherzhaftes Volksfest
-erhalten. Es fand am 5. Januar statt und der König des Tages wurde in
-jeder Familie in der Weise gewählt, daß ein Königskuchen verspeist
-wurde, in welchem eine Bohne hineingebacken war; wer diese in seinem
-Stücke fand, war König und wählte sich eine Königin und einen Hofstaat,
-der ihn auf alle erdenkliche Weise bedienen mußte. So oft der König
-trank, mußte der ganze Kreis rufen: Der König trinkt! weshalb eben
-dieses Fest in Frankreich nur „~le roi boit~“ genannt wurde. Wer
-den Ruf unterließ, der mußte „zur Strafe trinken“, wie man sich in
-Studentenkreisen ausdrückt „in die Kanne steigen“, oder etwas zahlen
-oder ein Pfand geben, das nachher ausgelost wurde und damit wiederum
-Gelegenheit zu neuen Lachereien und ausgelassenen Scherzen gab. Bei
-dieser burlesken Feier wurde auch das berühmte, bisher allerdings in
-einem zuverlässigen alten Texte noch nicht aufgefundene „Bohnenlied“
-gesungen, das mit Zweideutigkeiten so gepfeffert war, daß heute
-noch das Sprichwort von einer allzustarken Zumutung sagt, es gehe
-noch über das Bohnenlied. Daß solche ausgelassene häusliche Szenen
-die derben, naturalistischen niederländischen Maler zur Wiedergabe
-reizten, ist ja sehr wohl begreiflich. So haben flämische wie
-holländische Maler, Katholiken wie Protestanten, wie Jakob Jordaens,
-die beiden David Teniers, Jan Steen, Gabriel Metsu und wie sie alle
-heißen, mit innerlichstem Vergnügen dieses lachende, mutwillige Fest
-geschildert. Außer den Niederlanden kannten auch das von deutschen
-Franken durchsetzte Nordfrankreich sowie England die Sitte sogut wie
-in Deutschland die Rheingegend. „Diser Brauch der Künigreich, darinn
-auch viel Buoberei geschicht, ist fürnehmlich gmein am Reinstrom“, sagt
-im 16. Jahrhundert der bekannte süddeutsche, lange im Elsaß lebende
-Sittenschilderer Sebastian Franck, der 1542 in Basel starb.
-
-Eine noch weit wichtigere Rolle, als bei uns die aus Südamerika
-eingeführten Gartenbohnen, spielt in ganz Ostasien die +Sojabohne+
-(~Glycine hispida~) als eine überaus wichtige Kulturpflanze. Von
-den vier in Asien und Afrika wachsenden Glycinearten kommt die
-wahrscheinlich ihre Stammform bildende Art in China, Japan und den
-Amurländern wild vor. Als solche ist sie viel kleiner und weniger
-verzweigt als die Kulturpflanze, die sich in vielen Varietäten in
-weiter Verbreitung in Asien, besonders in China und Japan vorfindet.
-Sie ist eine einjährige Pflanze mit 0,5-1 m hohem, etwas windendem
-Stengel, langgestielten, dreizähligen Blättern, die wie Stengel und
-Zweige dicht rotbraun behaart sind, kurzgestielten Blütenträubchen
-mit kleinen, unscheinbaren, blaßvioletten Blüten und sichelförmig
-gekrümmten, trockenhäutigen, rötlich behaarten Hülsen mit 2-5 Samen.
-Sie braucht zu ihrer Entwicklung viel Licht und hochgradige Wärme und
-gedeiht außer in den Tropen nur in den Subtropen als Sommergewächs.
-Für eine ergiebige Kultur verlangt sie trockenen, tiefgründigen, an
-mineralischen Nährstoffen reichen Boden. Ein großer Vorzug derselben
-besteht in einer bedeutenden Anpassungsfähigkeit an Boden und
-Klima, in der Immunität gegen Schmarotzerpilze und nie versiegender
-Fruchtbarkeit. Bei uns in Mitteleuropa hat sie begreiflicherweise
-keine befriedigenden Resultate gegeben, da ihre Vegetationszeit selbst
-im warmen Klima 130 Tage beträgt und daher die Samen hier nicht mehr
-reifen. Diese letzteren sind rundlich, länglich oder nierenförmig,
-gelblich, braunrot, grünlich oder schwarz. Ihr Nährwert ist gegenüber
-den übrigen Hülsenfrüchten ein sehr hoher und durch hohen Fettgehalt
-ausgezeichnet. In dem so überaus volkreichen China lebt ein großer
-Teil der Bevölkerung von Sojagerichten, auch dient sie vielfach zur
-Gewinnung von Speiseöl. Hier ist die Kultur der Sojabohne bereits seit
-4700 Jahren nachzuweisen, indem Kaiser Schen-nung ums Jahr 2800
-v. Chr. solche neben den damals gebräuchlichen vier Getreidearten:
-Reis, Gerste, Weizen und Hirse beim Frühlingsfeste zur Aufmunterung des
-Volkes höchst eigenhändig pflanzte. Wie in China wird auch in Japan,
-das ebensowenig Tiermilch produziert und deshalb keine Butter besitzt,
-der aus ihnen gewonnene fettige Brei zum Schmelzen der Speisen benutzt
-und die sehr eiweißreichen Sojagerichte dienen in diesem Lande bis zu
-einem gewissen Grade als Ersatz des nur selten gegessenen Fleisches.
-Besonders wertvoll sind die Sojabohnen den Japanern zur Herstellung
-der von ihnen als große Delikatesse geschätzten Sojasauce +Shoju+, die
-nicht nur in ganz Ost- und Südasien sehr beliebt ist, sondern auch
-in Europa mehr und mehr Anerkennung findet; dient sie doch in erster
-Linie zur Bereitung der berühmten englischen Worcestersauce, die ja in
-vielen vornehmen Haushaltungen auch des Kontinentes gebraucht wird. Um
-die Shojusauce zu bereiten werden gleiche Teile Sojabohnen und Weizen
-genommen und 1-3 Teile Wasser hinzugefügt. Die Bohnen werden halbgar
-gekocht, der Weizen geröstet und gemahlen, darauf wird alles gründlich
-vermengt und etwas gedämpfter Reis mit Kulturen des Schimmelpilzes
-~Aspergillus oryzae~ dazu getan. Das Ganze wird in Holzkästen drei Tage
-lang einer Temperatur von +25° C. ausgesetzt, wobei sich die Masse
-vollständig mit Schimmel bedeckt. Hierauf wird sie mit Hinzugabe von
-1-6 Teilen Kochsalz in große Holzkübel getan, worin sie längerer Gärung
-bei möglichst niedriger Temperatur überlassen wird. Der anfangs dicke,
-graue Brei wird wiederholt umgerührt, wobei er allmählich flüssiger
-wird und schließlich eine braune Farbe annimmt. Die Gärung dauert 2-5
-Jahre und das Produkt ist um so feiner, je länger sie bestanden hat.
-Neben dem ziemlich dicken, tiefbraunen Shoju, von dem man wegen seiner
-Stärke nur sehr wenig nehmen darf, wird in Japan noch ein anderes
-Sojapräparat, ein weniger durchgreifend vergorener Brei, der +Miso+,
-viel verwendet. Ebenfalls als Würzmittel dient der aus einem wässerigen
-Auszuge der gekochten Sojabohnen durch Kochsalz gefällte +Tofu+.
-Daneben werden verschiedene andere Präparate aus dieser Bohnenfrucht in
-Verbindung mit Salz und meist auch gekochtem Reis von allen Schichten
-der Bevölkerung Japans in großer Menge gegessen. Sehr beliebt und durch
-Händler überall auf den Straßen der japanischen Städte feilgeboten sind
-besonders süße Kuchen aus Sojabohnenmehl und ein aus gekochten und
-zerquetschten Sojabohnen durch Gärung infolge Stehenlassens im Keller
-erzeugter, mit Shojusauce gewürzter Käse. In Österreich dagegen werden
-die Sojabohnen als beliebtes Kaffeesurrogat benutzt.
-
-Die wichtigste Bohnenart Ostindiens ist die +Mungobohne+ (~Phaseolus
-mungo~), deren junge Sprossen ebenfalls rotbraun behaart sind. Die
-sehr kleine, 4-5 cm lange Hülse enthält 10-15 grasgrüne Samen, die
-kaum ein Drittel so groß wie Erbsen sind und einen deutlichen Nabel
-aufweisen. Sie ist im Lande selbst heimisch und wächst im Himalaja
-bei etwa 2000 m Höhe wild. Die ansehnliche Zahl von Spielarten und das
-Vorhandensein von drei verschiedenen indischen Namen für sie beweisen
-mit Sicherheit, daß diese Nährfrucht schon sehr lange in jenem Lande
-gebaut wird. Sehr früh kam sie nach Ägypten und in die Länder am oberen
-Nil, später auch nach Ostafrika, wo sie ebenfalls sehr geschätzt und
-wie unsere Gartenbohnen zubereitet wird. Sonst ist die hauptsächlich
-in Afrika gepflanzte Bohne die hochwindende +Helmbohne+ (~Dolichos
-lablab~) mit sehr langgestielten Blütentrauben, die nach dem Verblühen
-noch weiter wachsen. Die kahle, ziemlich flachgedrückte Hülse enthält
-2-5 bohnengroße Samen, deren weißer Nabel fast die ganze Längsseite
-derselben einnimmt und durch seine Form an die Raupen früherer
-Soldatenhelme, wie sie namentlich in Bayern getragen wurden, erinnert.
-Ursprünglich im tropischen Afrika heimisch, wird diese Pflanze jetzt
-der jungen Hülsen und schwarzen oder braunen Samen wegen überall in
-den Tropen und Subtropen als eine der wichtigsten Gemüsepflanzen
-in vielen Varietäten kultiviert. Ebenfalls afrikanischen Ursprungs
-scheint die nirgends mehr wild angetroffene +Lubiabohne+ (~Dolichos
-lubia~) zu sein, die schon lange in der Nilgegend, ebenso in Syrien,
-Persien und Indien angebaut wird. Im alten Ägypten war sie noch nicht
-bekannt; jedenfalls hat sie sich erst im Laufe der letzten zwei
-Jahrtausende nach Vorder- und Südasien verbreitet. Gleicherweise ist
-der gelbblühende +indische Bohnenstrauch+ (~Cajanus indicus~), der
-namentlich in Ostindien, aber auch in Italien und Südamerika fleißig
-kultiviert wird, in Afrika heimisch. Er findet sich im tropischen Teile
-des Kontinents bis nach Oberägypten hin wild, und wird heute noch in
-Nubien und dem ägyptischen Sudan der Samen wegen angebaut, die nach
-Form und Größe unseren Erbsen gleichen, aber nicht so wohlschmeckend
-und zudem schwer verdaulich sind. Dieser Schmetterlingsblütler muß
-bereits im alten Ägypten angebaut worden sein, da man unter den vorhin
-mehrfach genannten Gräberfunden des mittleren Reiches in Theben aus der
-Zeit der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) auch einen Samen von ihm fand.
-
-Die +mondförmige Bohne+ (~Phaseolus lunatus~) dagegen, die heute in
-Afrika fast überall zwischen den Wendekreisen angebaut wird und sich
-neuerdings über Indien nach China verbreitet hat, stammt zweifellos aus
-Südamerika, wo sie ausschließlich in Zentralbrasilien und in der Region
-des Amazonenstromes wild gefunden wird. Ihre Samen finden sich mehrfach
-unter den Grabbeigaben des Totenfeldes von Ancon in Peru. Schon vor der
-Ankunft der Europäer hatte sich diese Bohnenart in einer durch die
-Kultur großfrüchtig gewordenen Form durch ganz Süd- und Zentralamerika
-verbreitet und scheint dann durch portugiesische Sklavenhändler
-zuerst nach der Guineaküste gebracht worden zu sein, von wo aus sie
-sich mit der Zeit über ganz Afrika und später auch Süd- und Ostasien
-verbreitete. Erst vor wenigen Jahrzehnten ist endlich die mit 30-40 cm
-langen, hellgrünen Hülsen ausgestattete +Riesenbohne+ (~Phaseolus
-sesquipedalis~), die ein ausgezeichnetes Gemüse liefert, aus ihrer
-Heimat, dem tropischen Amerika, nach Südasien und Südeuropa gebracht
-worden, wo sie sich zunehmender Beliebtheit erfreut.
-
-Im warmen Afrika heimisch, wo sie in Nubien, Kordofan, Sennar und
-Abessinien wildwachsend angetroffen wird, ist der heute vielfach
-zwischen den Wendekreisen, auch in der Türkei und in Griechenland,
-besonders aber in Ostindien als Gemüsepflanze angebaute +eßbare
-Eibisch+ (~Hibiscus esculentus~) oder die +Gombobohne+, auch ~ochro~,
-von den Arabern ~bamia~, im Sudan ~weka~ genannt. Sie hat gelbe Blüten
-und wird medizinisch wie unser Eibisch verwendet. Die ganz jungen
-Früchte werden wie Kapern eingemacht, die alten bis 8 cm langen
-fünfkantigen Samenkapseln dagegen werden unreif als wohlschmeckende
-und nahrhafte Speise ganz gekocht oder man benutzt dazu nur die
-unreifen, bohnenförmigen, grauen Samen, die viel Schleim enthalten
-und teilweise den Speisen hinzugesetzt werden. Die reifen Bohnen
-dagegen verwendet man zu einem beliebten, warm getrunkenen, wie Kaffee
-bereiteten und deshalb auch als Gombokaffee bezeichneten Getränk.
-Sie werden gebrannt, zerstoßen und mit heißem Wasser ausgezogen; die
-dadurch entstandene kaffeeartige Brühe besitzt einen sehr angenehmen,
-gewürzhaften Geschmack und wirkt nicht nervenerregend wie der arabische
-Kaffee. Die Kultur der Pflanze ist in Ägypten eine sehr alte und findet
-sich bereits in einem Grabe der 12. Dynastie (2000-1877 v. Chr.) in
-Beni Hassan dargestellt. In von der Darstellung der Rebenkulturen
-abweichenden Laubengängen, die dicht mit den rankenden Schossen
-der Pflanze überzogen sind, sind drei Arbeiter mit dem Abpflücken
-der charakteristisch dargestellten Schoten beschäftigt. Einer
-derselben, der hockt, da ihm der niedere Bogengang nicht erlaubt sich
-aufzurichten, wirft die Früchte in einen hohen Korb mit durchbrochenem
-Geflecht. Der daneben in einem höheren Bogen ganz aufrecht stehende
-zweite Arbeiter trägt in seiner Linken einen kleinen, viereckigen,
-an zwei Schnüren getragenen Korb und langt mit der Rechten nach den
-Früchten in das Gerank hinein. Der dritte bückt sich, um Nachsuche in
-den Stauden zu halten, während ein vierter Arbeiter in zwei großen,
-an einer Stange über der Schulter getragenen Körben die gepflückten
-Früchte wegträgt.
-
-Im Mittelalter hat der arabische Gelehrte Abdul Abbas Enabati, der 1216
-Ägypten bereiste, den Gombo gut beschrieben, ebenso der Venezianer
-Prosper Alpino (1553-1617), der ihn nach einem Aufenthalt in Ägypten
-in seinem Werk über ägyptische Pflanzen genau abbildete und als
-~Bamia moschata~ beschrieb. Ein naher Verwandter desselben ist der
-+Bisameibisch+ (~Hibiscus abelmoschus~), der ebenfalls in Ägypten wie
-überall in den Tropen, auch in Amerika, kultiviert wird. Es ist ein
-2-3 m hoher, in Ostindien heimischer Strauch mit großen, gelben,
-im Grunde dunkelroten Blüten. Seine erbsengroßen, nierenförmigen,
-schwarzbraunen, in frischem Zustande stark nach Bisam (Moschus)
-riechenden und bitterlich schmeckenden Samen mit erhabenen braunen
-Rippen, die Bisam- oder Abelmoschuskörner, dienten früher als
-krampfstillendes Mittel; jetzt werden sie nur noch zu Parfümerien,
-besonders zur Herstellung des wohlriechenden zyprischen Haarpuders
-verwendet. Früher benutzte man sie auch, namentlich in Frankreich, zur
-Anfertigung von Rosenkränzen. Die Stengel dieses, wie besonders auch
-des zu diesem Zwecke in Indien gepflanzten ~Hibiscus tetraphyllus~
-liefern juteartige Bastfasern, die als Bandakaifasern in den Handel
-gelangen und in Nordamerika auch zur Papierfabrikation benutzt werden.
-
-Unter den Doldenblütlern sind +Pastinak+ und +Mohrrübe+ die ältesten
-Gemüsepflanzen, deren durch Kultur fleischig gewordene Wurzeln, wie wir
-sahen, schon vor mehr als 4000 Jahren von den neolithischen Pfahlbauern
-an den Ufern der Schweizerseen gegessen wurden. Allerdings mögen sie in
-jener Frühzeit noch recht bescheidene Speise dem hungernden Menschen,
-der sie in Kultur nahm, geboten haben; denn diese allenthalben in
-Europa und Nordasien wild wachsenden Pflanzen haben von Natur aus eine
-magere, dünne Pfahlwurzel, da eine fleischige für sie zwecklos ist.
-Sie sind einjährige Pflanzen, die blühen und Frucht tragen wollen.
-Selbst durch reichliche Ernährung und sorgfältige Pflege sind sie
-nicht dazu zu bringen, fleischige Wurzeln zu bilden; das tun sie nur
-dann, wenn man sie nicht in einem Jahre ihre Vegetationszeit vollenden
-läßt, so daß sie gezwungen werden zur Beendigung ihres Daseins, das
-in der Fruchtbildung gipfelt, für das nächste Jahr Nahrungsstoffe
-aufzuspeichern. Hierdurch erst schwellen die Wurzeln an und geben
-eine schmackhafte Kost ab. Diesen Prozeß hat man mehrfach künstlich
-studiert, so unter den ersten der gelehrte französische Landwirt
-Vilmorins vom Jahre 1832 an. Er mochte es anstellen wie er wollte,
-durch kein Mittel konnte er von ihm ausgesäte wilde Mohrrüben zur
-Verdickung ihrer Wurzel durch Aufspeichern von Reservenahrungsstoffen
-bringen. Erst als er sie gegen Ende Juni zum drittenmal säte, zu einer
-Zeit also, da die Pflanzen statt der ihnen sonst zu Gebote stehenden
-acht Monate nur deren zwei zu ihrem Wachstume zur Verfügung hatten,
-bildeten nicht alle, aber einige wenige Exemplare Reservespeicher
-durch Anschwellung ihrer sonst dünnen Pfahlwurzeln, um im kommenden
-Jahre ihren in der Fruchtbildung gipfelnden Vegetationsprozeß zu Ende
-zu führen. Auf diese Weise hat die Pflanze, die nur +ein+ Jahr leben
-sollte, aber nicht vergehen wollte ohne Frucht getrieben zu haben,
-sich die Möglichkeit geschaffen, doppelt so lange zu leben. Diese paar
-sorgsam überwinterten Möhren beendeten ihren Vegetationsprozeß im
-nächsten Jahre, und unter den von ihnen erzielten Sämlingen erwies sich
-etwa ein Fünftel als getreue Erbinnen der mütterlichen Fähigkeiten.
-Die schönsten, dickwurzeligsten unter ihnen wurden ausgesucht, um zur
-Vermehrung verwendet zu werden. Schon in der vierten Generation war die
-Gewohnheit, im ersten Jahre keine Frucht zu treiben, bei der Mehrzahl
-der Nachkommen vorherrschend. Noch einige Generationen weiter, und der
-Prozentsatz der Pflanzen, die nach alter Sitte im ersten Jahre blühten,
-war fast gleich Null, und aus der wilden Möhre war eine Gemüsepflanze
-geworden, die als zweijährige in allen Fällen reichen Reservestoff in
-ihrer dick und fleischig gewordenen Wurzel aufspeicherte.
-
-Was in der Gegenwart das zielbewußte Experiment, das hat in der
-Vergangenheit gelegentlich der Zufall gezeitigt. So sind vielfach
-aus unschmackhaften Wildlingen vor Tausenden von Jahren schmackhafte
-Gemüsepflanzen geworden. Unter ihnen hat der in manchen Gegenden
-angebaute +Pastinak+ (~Pastinaca sativa~) eine weiße, der weißen
-Varietät der gelben Rübe sehr ähnliche Wurzel. Durch ihren scharfen
-Geruch und stark aromatischen Geschmack kann sie aber leicht von dieser
-unterschieden werden. Ihre Stammform ist eine bei uns auf feuchten
-Wiesen und an Flußufern häufig wild vorkommende einjährige Pflanze
-mit gelben, stark aromatisch riechenden Blüten. Bei der zweijährigen
-Kulturform, die 30-90 cm hoch wird, ist die Wurzel wie die der gelben
-Rübe zu bedeutender Mächtigkeit gebracht worden. Sie kommt bei uns nur
-vereinzelt auf den Markt und spielt fast mehr die Rolle eines Gewürzes,
-als die eines selbständigen Gemüses, wie etwa die Petersilie. Sie
-gedeiht am besten in tiefgründigem, lehmigem Boden und wurde wie bei
-den Pfahlbauern der späteren neolithischen und Bronzezeit auch bei
-den alten Ägyptern, die sie ~makmakchai~ nannten, angebaut; ebenso
-bei den Griechen, die sie ~elaphobóskon~, d. h. Hirschfraß nannten.
-Diese eigentümliche Bezeichnung erklärt uns der um die Mitte des 1.
-Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische Arzt Dioskurides, indem er
-in seinem Arzneibuch schreibt: „Der Pastinak ist eine Doldenpflanze
-mit zwei Finger breiten, sehr langen, zurückgebogenen und etwas rauhen
-Blättern. Der Stamm hat mehrere Äste, die Dolden tragen, welche denen
-des Dills ähnlich sind, gelbliche Blüten und Samen wie sie der Dill
-hat. Die Wurzel ist etwa drei Finger breit lang, einen Finger dick,
-weiß, süß, eßbar. Auch der junge, zarte Stamm wird als Gemüse gegessen.
-Man sagt, die Hirsche fräßen die Pastinakwurzel als Schutzmittel gegen
-Schlangenbiß und gibt deshalb zu gleichem Zwecke auch den Menschen
-die Samen in Wein.“ Sein Zeitgenosse, der ältere Plinius, nennt auch
-das ~elaphoboscon~, daneben aber auch ~pastinaca~, von dem er zwei
-Arten erwähnt. Auch im Mittelalter wurde der Pastinak in Süd- und
-Mitteleuropa angepflanzt. Noch vor hundert Jahren spielte er bei uns
-eine ziemlich große Rolle als Gemüsepflanze, bis er durch den Anbau der
-Kartoffel mehr und mehr eingeschränkt und in vielen Gegenden von jener
-völlig verdrängt wurde, obschon er einige Vorteile vor der so häufig
-gepflanzten Mohrrübe gewährt. Er liefert nämlich auf geeignetem Boden
-höhere Erträge nahrhafteren Futters, seine Kultur ist leichter und sie
-ist widerstandsfähiger gegen die Kälte und erträgt sogar im Freien
-unsere strengen Winter. Die feineren Sorten werden nur für die Küche
-gebaut und müssen frostfrei überwintert werden. Die Samen wurden früher
-medizinisch benutzt. Eine nahe verwandte zweijährige Art, ~Pastinaka
-sekakul~, die in Syrien und Ägypten heimisch ist, wird sehr viel im
-Orient als wohlschmeckendes Wurzelgemüse angepflanzt.
-
- Tafel 45.
-
-
-[Illustration: Japanische Küche, in welcher teilweise Wurzelgemüse
-zubereitet werden.]
-
-[Illustration:
-
- Tafel 46.
-
-Japanische Gemüsehändler in Tokio.]
-
-Die +Mohrrübe+ oder +Möhre+, auch +gelbe Rübe+ genannt (~Daucus
-carota~), stammt von einem bei uns auf trockenen Wiesen und an
-Wegrändern häufig angetroffenen einjährigen Wildling, dessen dünne,
-fadenförmige Wurzel von schwach aromatischem Geruch in der Kultur zu
-einer dicken, fleischigen Pfahlwurzel wurde. Sie ist eine zweijährige,
-30-60 cm hoch werdende Doldenpflanze, die in jedem gut zubereiteten,
-dungkräftigen Boden, wenn er locker ist und eine sonnige Lage aufweist,
-gedeiht. Bei Mangel an Kalksalzen im Boden sinkt der Zuckergehalt,
-der bei der Speisemöhre durchschnittlich 1,58 Prozent beträgt. Bei
-den Futtermöhren kommt es hauptsächlich auf großen Ertrag an. Als
-Speisemöhren dienen die mit zarterer, zuckerreicher, aus Weiß rot oder
-gelb gewordener fleischiger Wurzel, die sich bei den Frankfurter Möhren
-allmählich zuspitzt, während sie bei den Pariser und Holländer Möhren,
-die wir Karotten nennen, kurz und unten rundlich abgestumpft ist und
-in ein feines Würzelchen ausläuft. Mit Trockenfutter gemengt, sind die
-Mohrrüben ein sehr gedeihliches Futter für alle Haustiere und eignen
-sich auch für die Mästung; auch das Kraut wird von den Rindern gern
-gefressen. Der gelbrote Farbstoff heißt Karotin. Aus dem Safte bereitet
-man einen Sirup, wie das süße Wurzelfleisch auch zu Kuchen verwendet
-wird. Geröstet dient es als Kaffeesurrogat. Die Mohrrübe wurde wie die
-gewöhnliche oder weiße Rübe nicht nur von den Griechen und Römern,
-sondern auch von den germanischen Völkern vor ihrem Bekanntwerden mit
-der römischen Kultur unter dem althochdeutschen Namen ~morha~ angebaut
-und gern gegessen. Allerdings mögen die von ihnen kultivierten Sorten
-keine besonderen Vorzüge vor denen anderer Völker gehabt haben. Wenn
-nun Plinius berichtet, daß sich der Kaiser Tiberius, der von 14-37
-n. Chr. regierte, seine Mohrrüben alljährlich von Germanien kommen
-ließ und der Rettich in Germanien die Größe „neugeborener Kinder“
-erreichte, so ist nicht etwa an einheimische Möhren und Rettiche zu
-denken, die von den Germanen selbst kultiviert worden wären, sondern
-handelt es sich dabei jedenfalls um eingeführte römische Sorten, die
-in den Militärkolonien am Rhein gezogen wurden und unter dem kühleren
-Himmel Germaniens besonders gut gediehen. Karl der Große empfahl sie
-als ~carruca~ seinen Franken zur Kultur und ließ sie auf seinen Gütern
-bauen. Erst im Mittelalter ist dann diese Gemüsepflanze in Mitteleuropa
-recht heimisch geworden und wurde in großem Maße angepflanzt. Schon am
-Anfang des 17. Jahrhunderts hatte man eine weiße und gelbe Varietät,
-und seither sind zahlreiche neue Arten gezüchtet worden.
-
-Ebenso beliebt wie die Möhre war bei den alten Römern die
-+Zuckerwurzel+ (~Sium sisarum~), die zu derselben Familie der
-Umbelliferen wie jene gehört und in Ostasien, speziell China,
-einheimisch sein soll. Jedenfalls gelangte sie von Asien zuerst nach
-den Mittelmeerländern, wo sie im Altertum ziemlich häufig angebaut
-worden zu sein scheint. Die Griechen nannten sie ~sísaron~ und die
-Römer, die sie von jenen durch deren unteritalische Kolonien kennen
-lernten, ~siser~. Der griechische Arzt Dioskurides sagt um die
-Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.: „Die Zuckerwurzel (~sísaron~)
-ist allgemein bekannt. Die Wurzel schmeckt gekocht gut, bekommt
-dem Magen vortrefflich und vermehrt den Appetit.“ Ein Zeitgenosse,
-der Römer Columella, rät die Zuckerwurzel (~siser~) im August auf
-tief umgegrabenen, gedüngten Boden zu säen und so wenig als möglich
-zu versetzen, damit sie besser wachse. Und Plinius sagt in seiner
-Naturgeschichte: „Die Zuckerwurzel (~siser~) hat Kaiser Tiberius
-dadurch zu Ehren gebracht, daß er sie alle Jahre aus Germanien
-kommen ließ. Gelduba heißt ein am Rhein gelegenes Kastell, bei dem
-die Zuckerwurzel in bester Sorte wächst. Man ersieht daraus, daß sie
-sich für kalte Länder eignet. Im Inneren der Wurzel befindet sich ein
-Strang, den man bei gekochten herauszieht, der aber immer noch einen
-großen Teil seiner Bitterkeit zurückläßt, die man jedoch durch Honig
-dämpft und so in Wohlgeschmack verwandelt.“ Die infolge des großen
-Zuckerreichtums von 4,5 Prozent sehr süße und zugleich gewürzhaft
-schmeckende Wurzel wird heute noch als ~sisaro~ in Italien, wie auch
-bei uns als schmackhaftes, nahrhaftes und leicht verdauliches Gemüse
-angepflanzt. Sehr nahe mit ihr verwandt ist die ausschließlich in China
-als Gemüse und geschätzte Arznei angepflanzte +Ninsiwurzel+ (~Siser
-ninsing~), die früher als „indianische Kraftwurzel“ auch bei uns
-offizinell war und für das beste Surrogat der kostbaren chinesischen
-Ginsengwurzel (von der Umbellifere ~Panax ginseng~) galt, die in
-den Gebirgen ihrer Heimat wächst und bei den Chinesen als eine der
-geschätztesten Arzneipflanzen gilt und deshalb von Linné ~Panax~,
-d. h. Allheilkraut genannt wurde. Die Chinesen verwenden sie gegen
-Nervenschwäche, Erschöpfung und Schwächezustände aller Art; deshalb
-wird sie von ihnen auch allen Arzneien als Panazee zugesetzt. 1610 kam
-sie unter dem Namen ~Pentsao~ durch die Holländer nach Europa und wurde
-auch hier häufig angewandt. Am meisten geschätzt wird der Ginseng der
-Tartarei.
-
-Der mit den Kohlarten, den Rüben und dem Senf nahe verwandte +Rettich+
-(~Raphanus sativus~) ist, in gleicher Weise wie Pastinak, Möhre und
-Zuckerwurzel aus einheimischen Wildlingen hervorgingen, aus dem als
-Ackerunkraut bei uns häufigen Hederich (~Raphanus raphanistrum~)
-hervorgegangen. Außer seiner fleischigen Wurzel ist er von ihm
-eigentlich nur durch die gleichmäßig verlaufende, glatte Hülse
-ausgezeichnet, die beim Hederich noch perlschnurartig eingeschnürt
-ist. Diese Pflanze mit violetten Blüten und walzenrunden Hülsen mit
-braunschwarzen, runden Samen ist wahrscheinlich in Westasien zwischen
-dem armenischen Hochland und Syrien zur Kulturpflanze erhoben worden
-und wird seit dem Altertum im ganzen Mittelmeergebiet in mehreren
-Varietäten kultiviert. Er gedeiht besonders gut auf gedüngtem,
-kalkhaltigem Boden und bedarf ziemlicher Wärme und reichlicher
-Wasserzufuhr. Auf dem mit ihm bepflanzten Lande wechselt man meist mit
-Salat und Sellerie ab.
-
-Vom +Gartenrettich+ (~Raphanus sativus rapiferus~) mit großer,
-weißfleischiger, außen verschieden, weiß bis gelb und braun,
-rötlich oder violett gefärbter Knollenwurzel von meist scharfem
-Geschmack unterscheidet man zweijährigen +Winter-+ und einjährigen
-+Sommerrettich+. Der erstere bildet die ursprüngliche Art, die erst im
-nächstfolgenden Frühjahr zum Samentragen angepflanzt wird, wobei die
-in der Wurzel aufgespeicherten Nährstoffe zur Blüten- und Samenbildung
-aufgebraucht werden. Er hält sich auch den ganzen Winter hindurch,
-während der aus ihm hervorgegangene Sommerrettich schon um Weihnachten
-den Geschmack verliert. Die Wurzel verdankt ihren scharfen Geschmack
-einem schwefelhaltigen ätherischen Öle.
-
-Weil er den Appetit und die Verdauung anregt, wurde der Gartenrettich
-schon von den alten Ägyptern, die ihn ~nun~ nannten, angepflanzt. Der
-älteste griechische Geschichtschreiber, Herodot von Halikarnassos, im
-dorischen Teil der kleinasiatischen Küste zwischen Milet und Rhodos
-(484-424 v. Chr.), der Ägypten und Vorderasien bereiste, meldet uns,
-daß Rettiche neben Zwiebelgewächsen als Beikost den Fronarbeitern
-beim Bau der Pyramide des Cheops (Chufu, um 2900 v. Chr.) in großer
-Menge verabreicht wurden, wie noch zu seiner Zeit daran zu lesen
-gewesen sei. Und der römische Naturkundige, der ältere Plinius (23-79
-n. Chr.), schreibt in seiner Naturgeschichte: „In Ägypten wird der
-Rettich sehr geschätzt, weil man aus den Samen ein reichliches Öl
-gewinnt. Wenn es die Umstände irgend gestatten, säen die Ägypter lieber
-Rettiche als andere Früchte; denn sie ziehen davon mehr Gewinn als
-vom Getreide und geben weniger Abgaben davon.“ Auf den altägyptischen
-Denkmälern des mittleren Reiches, so in verschiedenen Gräbern der
-12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) von Beni Hassan, finden wir ihn
-abgebildet, entweder beblättert -- so in einem Korb mit Zwiebeln --
-oder unbeblättert. Letzteres ist bei einer Darstellung an den Wänden
-des Tempels von Karnak der Fall, wo wir zwei deutlich als solche
-charakterisierte Rettichwurzelknollen zwischen anderen Opfergaben
-abgebildet finden.
-
-Bei den Griechen und Römern war dieses Knollengewächs als Zukost zu
-Brot oder Fladen sehr beliebt. Die Griechen nannten ihn ~raphanís~
-und die Römer ~armoracea~, welch letztere Bezeichnung später
-irrtümlicherweise von den älteren deutschen Botanikern auf den den
-Alten nicht bekannten Meerrettich bezogen und deshalb diesem verliehen
-wurde. Er wurde in mehreren Sorten in den Gärten gezogen. Schon der
-griechische Pflanzenkundige Theophrast unterschied in der zweiten
-Hälfte des 4. vorchristlichen Jahrhunderts vier Rettichsorten. Der
-korinthische wachse am stärksten und bilde seine Wurzelknollen über
-der Erde, statt wie die übrigen in derselben. Der liothasische, auch
-thrakische genannt, sei am unempfindlichsten gegen die Winterkälte.
-Der böotische aber schmecke am besten, er sei rund; der kleonäische
-dagegen lang ausgezogen. Je glatter die Blätter, desto lieblicher, je
-rauher aber, desto schärfer sei der Geschmack dieses Wurzelgemüses. Wie
-der römische Naturforscher Plinius (23-79 n. Chr.), so sagt auch der
-griechische Arzt Dioskurides (131-200 n. Chr.), daß die Wurzelknolle
-des Rettichs mit Salz oder Essig verspeist werde, und daß arme Leute
-auch das Kraut als Gemüse kochen. Nach Plinius soll der Rettichwurzel
-durch das Kochen die Schärfe genommen werden. So werde sie milder und
-könne wie Kohlrüben (~napus~) gegessen werden. Sein Saft, der ja noch
-heute mit Zucker gegen Husten genommen wird, sei für die Brust heilsam.
-Im Tempel zu Delphi habe man dem Apollo einen Rettich von Gold,
-eine Runkelrübe von Silber und eine Rübe von Blei als Weihgeschenk
-dargebracht. „Daraus sieht man, daß unser Feldherr Manius Curius nicht
-in Delphi geboren ist, denn er saß, wie die Jahrbücher erzählen, an
-seinem Herde und war damit beschäftigt, Rüben zu braten, als Gesandte
-der Samniten kamen und ihm Gold boten, das er aber zurückwies.“
-Derselbe Autor sagt, der Grieche Moschion habe ein besonderes Werk über
-den Rettich geschrieben. Er soll im Winter am gesündesten zu essen
-sein und stoße weniger auf, wenn man hinterher reife Oliven esse. Der
-Weinstock scheue sich vor dem Rettich und ziehe sich vor ihm zurück,
-wenn er neben ihm stehe. Daß die Völker nördlich der Alpen den Rettich
-von den Römern kennen lernten, beweist schon das deutsche Radi und
-Radieschen wie Rettich, ebenso das französische ~radis~ und englische
-~radish~, das vom lateinischen ~radix~ (Wurzel), der vulgär-römischen
-Bezeichnung dieser Wurzelknolle, herrührt. Erst seit dem Mittelalter,
-da Karl der Große sie auf seinen Gütern anpflanzen ließ, hat sie
-bei den Germanen und später auch bei den Slawen weitere Verbreitung
-gefunden.
-
-Außer dem Gartenrettich kannten die Kulturvölker am Mittelmeer wohl
-bereits im Altertum die +Radieschen+ (~Raphanus sativus radicula~)
-oder +Monatsrettiche+ mit kleiner, kugeliger oder rübenförmiger
-Knollenwurzel und roter, violetter oder weißer Schale. Sie sind
-einjährig und werden in mehreren Varietäten in Glashäusern, in
-Mistbeeten oder im Freien gepflanzt. Diese stammen nicht vom
-einheimischen Hederich, sondern von einer anderen, in Westasien
-wildwachsenden Art. Aus Zentralasien dagegen stammt der +Ölrettich+
-(~Raphanus sativus oleiferus~) mit kleiner, holziger Wurzel, aber
-ölreichen Samen, der der Stammform am nächsten steht und besonders in
-China angepflanzt wird. Er liefert als Sommerfrucht fast denselben
-Ertrag wie der Winterraps, nur erfordert die Kultur mehr Umsicht als
-diejenige des Rübsens, ist aber sicherer. Das von ihm gewonnene Öl ist
-nicht ganz so gut wie Rüböl; das Stroh ist härter als Rübsenstroh,
-aber die Schoten sind als Viehfutter nahrhafter als jenes. Von solcher
-Verwendung der Rettiche im alten Ägypten war bereits die Rede. Ein
-ostasiatischer Ölrettich ist der in Japan heimische +geschwänzte
-Rettich+ (~Rhaphanus caudatus~), der dort wegen seiner langen,
-genießbaren und sehr wohlschmeckenden Samenschoten im großen angebaut
-wird und teilweise auch schon in unseren Gärten Eingang gefunden hat.
-
-Ein ähnliches, schwefelhaltiges, ätherisches Öl wie die Rettiche
-besitzt der +Meerrettich+ (~Cochlearia armoracea~), eine mit den
-Rettichen sehr nahe verwandte, ausdauernde Kruzifere. Sie liebt
-Lehmboden, wird 60-90 cm hoch, trägt weiße Blüten und elliptische
-Schötchen; doch reifen an der Kulturform fast niemals Früchte. Sie
-wird wegen des unterirdischen Wurzelstocks gezogen, der bei der wilden
-Stammform wie auch bei der wiederum verwilderten Form nur dünn und
-holzig ist, während er bei der Kulturform dick und fleischig wurde,
-und ist in Ost- und Südrußland heimisch, wird aber verwildert durch
-ganz Europa und neuerdings auch in Nordamerika an Flußufern gefunden.
-Auf ihrer Wanderung nach Westen hat sie ihren russischen Namen Chren
-weithin bewahrt; so findet er sich in allen slawischen Sprachen wieder.
-Auch in Wien ist der Kren genannte Meerrettich gerade so populär wie
-die saure Gurke in Berlin. Im westlichen Frankreich pflegte man ihn
-früher ~moutarde des allemands~ zu nennen. Früher benutzte man ihn
-auch arzneilich. Sein deutscher Name Meerrettich hat mit dem Meer
-durchaus nichts zu tun und sollte Mährrettich, in der Bedeutung von
-Pferderettich, geschrieben werden. Jedenfalls ist seine Ableitung durch
-Verballhornung aus der mittellateinischen botanischen Bezeichnung
-~armoracea~, wie sie von manchen Botanikern erklärt wird, durchaus
-falsch.
-
-Von den Römern haben die Mitteleuropäer die +weiße Rübe+, auch
-+Stoppelrübe+ -- weil sie meist im Herbst auf den Stoppeln gebaut
-wird -- oder Turnips genannt (~Brassica rapa rapifera~), kennen
-gelernt. Dabei wurde aus dem lateinischen ~rapa~ das althochdeutsche
-~raba~ und ~ruoba~. Sie ging aus der wilden Rübe hervor, deren
-ursprünglich spindelförmige, dünne Wurzel durch Kultur fleischig
-wurde und eine mächtige Entfaltung erlangte, und bildete schon bei
-den Römern neben der menschlichen Nahrung ein wichtiges Viehfutter.
-Sie wurde nach Columella, dem in Gades in Spanien geborenen römischen
-Ackerbauschriftsteller im 1. Jahrhundert n. Chr., zweimal im Jahr, und
-zwar zu denselben Zeiten wie der Rettich, am besten aber im August,
-gesät. Er sagt, sie gebe dem Menschen und dem Vieh Nahrung und werde
-besonders in Gallien in bedeutender Menge als Viehfutter angebaut. Er
-gibt genau an, wie sie in Salz eingemacht werden soll. Doch die beiden
-Ärzte Galenos und Dioskurides sind, wie wir heute noch, der Ansicht,
-daß sie sehr wenig nahrhaft sei und blähe. Ersterer sagt, man müsse
-sie zweimal kochen, wenn sie einem gut bekommen soll. Karl der Große
-empfahl sie den Franken zum Anbau. Bei allen Germanenstämmen spielte
-sie das ganze Mittelalter hindurch eine wichtige Rolle neben dem als
-~krût~, d. h. Kraut bezeichneten, ebenfalls mit Vorliebe in Salz
-eingemachten Kohl. So neckt der Begründer der höfischen Dorfpoesie,
-der Minnesänger Neidhart von Reuenthal, der zwischen 1210 und 1240
-dichtete, in einem uns erhaltenen Poem seine bäuerliche Geliebte mit
-ihrer Vorliebe für Rüben. Mit ihrem Kraut klein gehackt, gedämpft
-und mit Speck gekocht, waren sie als ~rüebekrût~ ein gebräuchliches
-Klosteressen. Eine besonders wohlschmeckende Abart mit verhältnismäßig
-langer, aber dünn bleibender Wurzel bilden die Teltower oder märkischen
-Rüben, so genannt nach der Stadt Teltow in der Mark Brandenburg, in
-deren Umgebung sie zuerst im großen gezüchtet wurden und die noch heute
-Berlin und das Land weithin mit ihren Erzeugnissen versorgt.
-
-Von den Kulturvölkern des Altertums wurde auch die +Runkelrübe+
-(~beta~), von uns auch +Rübenmangold+ genannt (~Beta vulgaris~), nicht
-nur vom Vieh, sondern auch von den Menschen gern gegessen. Sie ist im
-Mittelmeergebiet und in Westasien heimisch und wurde, wie aus einer
-Abbildung in einem Grabe der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) von Beni
-Hassan bei Theben hervorgeht, in Ägypten schon zur Zeit des mittleren
-Reiches kultiviert. Da sehen wir einen Mann im Lendenschurz, wie ihn
-alle Arbeiter im Niltal damals trugen, ein großes, knolliges Gewächs
-in Gestalt einer Runkelrübe zu einem Bündel von askalonischen Zwiebeln
-auf ein großes Tragbrett legen. Heute noch wird sie in mehreren
-Varietäten im Niltal kultiviert. Auch die Griechen und Römer bauten
-sie als Gemüse an. Plinius sagt, man säe sie im Frühling und Herbst
-und esse sie mit Linsen und Saubohnen, setze auch, um ihren matten
-Geschmack zu verbessern, Senf hinzu. Die Ärzte hätten übrigens die
-Meinung aufgestellt, sie sei weniger zuträglich als Kohl, und manche
-wollten sie nicht essen und behaupteten, sie seien eine Speise, die nur
-Starken gut bekomme. Sie wachse meist als aus der Erde hervorragende
-Rübe und sei um so schöner, je breiter sie werde. Man könne sie dadurch
-breit machen, daß man etwas Schweres auf sie legt, sobald sie anfängt
-sich zu färben. In günstigem Boden wie bei Circeji könne sie zwei Fuß
-breit werden.
-
-Die zweijährige Pflanze stammt bestimmt von einer an den Küsten
-Europas bis nach der Nordsee verbreiteten Meldenart mit dünner
-Pfahlwurzel, ~Beta maritima~, und bildet im ersten Jahr die Rübe
-aus, die im September oder Oktober reift. Nur etwa 1 Prozent der
-Pflanzen entwickelt wie die wilde Form schon im ersten Jahr einen
-Stengel, treibt Blüten und reift den Samen, und zwar wird dieser
-Rückfall in frühere Zustände nachgewiesenermaßen durch die Nachtfröste
-des Frühjahrs ausgelöst. Die zur Samenzucht auserlesenen Rüben
-werden im zweiten Jahre wieder ausgepflanzt, aber auch unter diesen
-kommen Abweichungen vor, Trotzer, die im zweiten Jahre noch nicht
-blühen und ein drittes Jahr leben möchten. Die meist aus dem Boden
-hervorwachsenden Rüben gedeihen noch überall, wo Wintergetreide gebaut
-werden kann. Die gewöhnlichste Vorfrucht vor ihrem Anbau ist gedüngtes
-Wintergetreide oder Gerste, die Nachfrucht Sommergetreide oder
-Hülsenfrüchte. Die eiweißreichsten Formen sind die Futterrunkelrüben,
-die zuckerreichsten, deren Zuckergehalt man bis 10 und 18 Prozent
-getrieben hat, sind die zur Rübenzuckerfabrikation verwendeten
-Zuckerrüben und die mit dünner Schale, zartem Fleisch und purpurrotem
-Saft versehenen Salatrunkeln oder roten Rüben, in Süddeutschland Rahnen
-genannt, werden als Salatpflanzen kultiviert, um gekocht und in Essig
-eingelegt oder frisch als Suppe -- in Norddeutschland als Betensuppe,
-in Rußland als Borschtsch -- gegessen zu werden. In bezug auf Nährwert
-stehen die Runkelrüben zu weißen Rüben wie 9 : 16, zu Kohlrüben wie
-11 : 9 und zu Kartoffeln wie 40-46 : 20.
-
-Mit anderen kräftigen Futterarten zusammen geben sie ein
-vortreffliches Mastfutter, haben aber leider wie alle hochkultivierten
-Nutzpflanzen unter zahlreichen tierischen und namentlich pflanzlichen
-Feinden zu leiden. Bei den Zuckerrüben tritt z. B. häufig ein als
-Rübenmüdigkeit bezeichneter plötzlicher Stillstand im Wachstum ein, der
-dadurch hervorgerufen wird, daß ein kleiner Fadenwurm, das Rübenälchen
-(~Heterodera schachtii~ und ~H. radicicola~) an den Wurzelfasern der
-Rüben saugt. Man bekämpft diese Krankheit durch mehrmaligen Anbau von
-Fangpflanzen wie Rübsen und Raps, die man nach etwa vier Wochen, sobald
-sich die Einwanderung der Fadenwürmer mikroskopisch nachweisen läßt,
-durch Herauspflügen zerstört, wobei dann die Würmchen zum größten Teil
-absterben.
-
-Die Runkelrübe wird auch als +Mangold+ oder +römischer Spinat+
-(~Beta cicla~) auf Blattsubstanz kultiviert; dabei hat sie eine
-kaum fleischige Wurzel, aber stärker entwickelte Blattstiele von
-grünweißer, gelber oder roter Farbe. Man genießt die Blätter als Spinat
-und die fleischigen Blattstiele und mittelsten Blattrippen gedämpft
-und an Süßbuttersauce wie Spargel. Schon die alten Griechen bauten
-ihn, wie jetzt die Perser und Inder, als Gemüse an. Der attische
-Lustspieldichter Aristophanes (455-387 v. Chr.) wirft dem großen
-Euripides vor, seine Mutter sei eine Gemüsehändlerin gewesen und habe
-Mangold auf den Markt gebracht. Die Römer kannten zwei Abarten davon.
-Karl der Große empfahl auf seinen Gütern den Anbau von ~beta’s~. Von da
-an verbreitete sich die Kultur des Mangolds nach und nach durch ganz
-Europa und gelangte im 17. Jahrhundert auch nach Nordamerika.
-
-Durch eine ganz außerordentliche Fülle von Kulturformen, nämlich etwa
-120, ist der +Gartenkohl+ (~Brassica oleracea~) ausgezeichnet, dessen
-Stammpflanze, der Saatkohl, auf den felsigen Küsten Europas vom Strande
-Norditaliens bis nach Helgoland und der dänischen Insel Laland, auch im
-südlichen England und Irland wild wächst. Schon in vorgeschichtlicher
-Zeit ist dieser Wildling von irgend welchen Küstenbewohnern Europas
-angepflanzt und durch Kulturauslese zur Kulturpflanze erhoben worden,
-wie die Stämme im Innern die Melde (~Chenopodium~) anpflanzten, so daß
-schon zur jüngsten Steinzeit nicht bloß die Blätter, sondern auch die
-Samen derselben, die nach dem Botaniker Oswald Heer zu den häufigsten
-Vorkommnissen im neolithischen Pfahlbau von Robenhausen gehören,
-gegessen wurden. Letzteres geschieht auch heute noch zu Zeiten von
-Hungersnot in Südrußland als Ersatz für das fehlende Brot, indem die
-Samen, zu einem Teig verbacken, gegessen werden.
-
-Die ältesten Ägypter haben den Kohl nicht gekannt. Erst die Griechen,
-die sich seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert in einigen
-Küstenstädten zu Handelszwecken niedergelassen hatten, brachten ihn
-ins Land, wo er unter der griechischen Bezeichnung ~krámbē~ hie und da
-angebaut wurde. So finden wir Überreste von ihm unter den Totenbeigaben
-der griechisch-römischen Nekropole von Hawara im Fajûm. Die Griechen
-scheinen den Kohl so hoch wie die Rüben geschätzt zu haben. Theophrast
-im 4. vorchristlichen Jahrhundert unterscheidet drei Arten von Kohl:
-den krausblätterigen, den glattblätterigen und den wilden, und der vier
-Jahrhunderte nach ihm lebende griechische Arzt Dioskurides aus Kilikien
-sagt: „Der Kohl ist gesünder, wenn er nur warm gemacht, als wenn er
-eigentlich gekocht oder gar zweimal gekocht wird. Er wird auch als
-Arznei zu mancherlei Kuren verwendet.“
-
-In noch höherem Ansehen als bei den Griechen stand der Kohl bei den
-Römern, bei denen er ~brassica~ hieß. Auch sie scheinen ihn wie die
-Griechen mit Vorliebe roh gegessen zu haben. Schon der ältere Cato
-(234-149 v. Chr.), der unversöhnliche Gegner des wiederaufblühenden
-Karthago, preist ihn geradezu als das beste Gemüse. Er sagt von ihm:
-„Der Kohl ist das allerbeste Gemüse. Iß ihn roh oder gekocht. Willst
-du ihn roh essen, so tauche ihn in Essig; dann ist er der Verdauung
-förderlich und gesund. Etwas Kohl mit Essig vor der Mahlzeit und wieder
-etwas nach der Mahlzeit genossen, tut wohl. Gekochter Kohl dient mit
-Zusätzen vielfach als Arznei. Als Speise für Kranke wird er erst eine
-Zeitlang in Wasser gelegt, dann darin in einem Topfe tüchtig gekocht.
-Darauf wird das Wasser abgegossen, Olivenöl, etwas Salz, Kreuzkümmel
-und Mehl hinzugetan und wieder tüchtig gekocht.“ Mit diesem Kohlgemüse
-behandelte er, wie jeder andere ~pater familias~ -- unter der Familie
-wurden bei den alten Römern nicht bloß die Angehörigen, sondern auch
-das aus leibeigenen Sklaven bestehende Gesinde verstanden -- der guten,
-alten Zeit die Seinigen in Krankheitsfällen.
-
-Der aus Spanien um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts nach
-Rom gezogene Ackerbauschriftsteller Columella zählt den Kohl mit dem
-Salat, der Kresse, der Zuckerwurzel, dem Pastinak, der Artischocke
-und den Küchenkräutern Koriander, Kerbel, Dill zu den Gemüsen, die
-sowohl im Herbst als im Frühjahr gesät werden können. Besser aber
-sei es, dies im Frühjahr, und zwar im Februar zu tun. „Hat die junge
-Kohlpflanze Blätter getrieben und soll versetzt werden, so bestreicht
-man ihre Wurzel mit flüssigem Mist und legt drei Streifen von Seetang
-darum, ehe man sie einpflanzt. Dadurch wird bewirkt, daß später die
-Blätter beim Kochen, auch ohne Zusatz von Soda, grün bleiben. In kalten
-Gegenden und in solchen, in denen es oft regnet, verpflanzt man den
-Kohl am besten um die Mitte von April. Ist die Pflanze eingesetzt und
-hat Wurzel gefaßt, so wächst sie um so kräftiger und bildet um so
-größere Blätter und Sprosse, je öfter man sie behackt und bedüngt.“
-
-Man schnitt vom Kohl den ganzen Sommer und Herbst über die Blätter
-ab, um sie, roh oder gekocht, als Speise zu genießen. Als besonders
-wohlschmeckend und zart galten nach Plinius (23-73 n. Chr.) die jungen
-Sprosse. Dieser Gelehrte ist in seiner Naturgeschichte ungehalten
-darüber, daß die Genußsucht unter seinen Landsleuten immer weitere
-Kreise erfaßt habe und sie sich nicht mit den Speisen der biedern,
-tapfern Vorfahren, vor allem auch mit dem Kohl, den jene mit Vorliebe
-gegessen hätten, begnügen wollen. Er schreibt darüber: „Der Kohl, den
-die Griechen nicht sonderlich schätzen, spielte bei den Römern eine
-sehr bedeutende Rolle, und dessen medizinische Eigenschaften hielt Cato
-für sehr wichtig. Man sät, pflanzt und schneidet ihn das ganze Jahr.
-Nach dem Frühjahrsschnitt treibt er gleich wieder und diese Triebe sind
-noch wohlschmeckender und zarter als die Blätter. -- Dem Schwelger
-Apicius und dem von ihm verleiteten Prinzen Drusus (dem jüngeren Bruder
-des Kaisers Tiberius, geboren 38 v. Chr., unterwarf im Jahre 15
-v. Chr. Rätien, drang in drei Feldzügen in den Jahren 12-9 v. Chr. vom
-Rhein her tief nach Germanien ein und starb auf dem Rückzug infolge
-eines Sturzes vom Pferd) schmeckte der Kohl nicht und deshalb bekam er
-Vorwürfe von seinem Vater Tiberius Claudius Nero.“
-
-Plinius, der uns solches berichtet, fährt dann fort: „Statt sich mit
-der einfachen Lebensweise unserer Vorfahren zu begnügen und sich
-aus den eigenen Gemüsegärten die für den Unterhalt nötige Speise zu
-holen, hält man es jetzt für klüger, mit Gefahr des Schiffbruchs
-und des Ertrinkens in die Tiefe des Meeres zu tauchen, um dort
-Austern aufzusuchen, Geflügel jenseits des verrufenen Phasisflusses
-zu holen (jetzt Rioni genannter Fluß in dem durch die Giftmischerin
-Medea berüchtigten Kolchis, nach dem die giftige Herbstzeitlose
-~Colchicum~ genannt wurde, während die hier gemeinten Vögel die von
-dort bezogenen, nach dem Phasisflusse als ~phasiani sc. galli~, d.
-h. Hühner von Phasis, genannten Fasanen sind) und anderes Geflügel
-(nämlich Perlhühner, von den Römern ~numidae aves~, d. h. numidische
-Vögel genannt) aus Numidien (etwa dem heutigen Algerien entsprechendes
-Königreich, das seit 49 v. Chr. römische Provinz war) und von den
-Gräbern der Neger, oder mit Raubtieren zu kämpfen und sich von
-Bestien fressen zu lassen, die man zur Speise für andere Leute fangen
-wollte (bezieht sich wohl auf die Bären, deren Fleisch auch die Römer
-gern aßen). In unserer Zeit hat die Schwelgerei alles aufs äußerste
-gesteigert: Der Reiche will bessere Früchte essen als der Arme, er
-will Weine trinken, die wuchsen, ehe er lebte, er will von vielen
-Feldfrüchten nur das Mark genießen, er will anderes Brot essen als
-das Volk, und das Getreide wird in allen Schichten der Gesellschaft,
-bis zum ganz gemeinen Mann hinab, verschieden zubereitet. Auch in
-Gemüsen macht man einen Unterschied, selbst in solchen, die man für ein
-As (Kupfergeld im Werte von 4 Pfennigen) kauft. Mancher Stengelkohl
-(~caulis~) wird jetzt so groß gezogen, daß ihn der Mittelstand nicht
-gebrauchen kann, weil er für seinen Tisch zu groß ist. Den Spargel
-(~corruda~) läßt die Natur wild wachsen, damit ihn jeder nach Belieben
-stechen kann. Jetzt aber stellt man künstlich gezogenen Spargel
-(~asparagus~) zur Schau und in Ravenna wiegen drei Stück davon zusammen
-ein Pfund. Solche Ungeheuer werden für den Bauch gezogen! Wollte jemand
-dem Vieh verbieten, Disteln zu fressen, so klänge das sonderbar; es
-gibt aber Disteln (gemeint sind die Artischocken), deren Genuß sich
-für arme Leute von selbst verbietet, weil sie zu teuer sind. Selbst im
-Wasser liegt ein Unterschied. Der Reiche trinkt im Sommer Schnee oder
-Eis und läßt sich Dinge wohl schmecken, die den Gebirgen lästig sind.“
-
-Von den verschiedenen, im alten Rom verzehrten Kohlsorten erwähnt
-Plinius den Tritianer oder Stengelkohl, der stets bis zur Spitze mit
-Erde behäufelt wurde, so daß sich am Strunk keine Blätter bildeten.
-Weil man von ihm nur die zarten, weißen Stengel aß, hieß diese Sorte
-insbesondere ~caulis~ (d. h. Stengel). Beim Cumaner schlossen die
-Blätter den Strunk ein und es bildete sich ein breiter Kopf; besonders
-große Köpfe (~caput~) bildete der aus dem aricischen Tale stammende
-Lacuturrische, so genannt, weil dort ein See mit einem Turm am Ufer
-steht. Der Aricische wuchs nicht hoch und hatte zahlreiche, zarte
-Blätter; man hielt diese Sorte für die beste, weil sie neben jedem
-Blatte besondere Sprosse ausbildete. Schlanker war der Pompejaner,
-dessen Blätter schmäler waren und lockerer standen. Einen dünnen
-Strunk und große Blätter von scharfem Geschmack besaß der Bruttische,
-während diejenigen des Sabellischen wunderlich kraus waren. Die an der
-Meeresküste wachsende Kohlart ~halmyridion~ (wohl der Meerkohl ~Crambe
-maritima~) aber wurde besonders auf lange Meeresreisen mitgenommen,
-weil er sich, in leere Ölkrüge möglichst luftdicht eingepreßt, sehr
-lange grün erhielt. Alle diese Sorten Kohl wurden nach Plinius durch
-einen Reif viel wohlschmeckender.
-
-Sauerkraut haben die alten Römer und Griechen noch nicht gekannt.
-Bei ihnen konservierte man den Kohl auf andere Weise. Des Plinius
-Zeitgenosse Columella berichtet uns darüber folgendes: „Gegen die
-Zeit der Weinernte macht man verschiedene Kräuter ein, wie Portulak
-und später Kohl, den einige auch zahme ~battis~ nennen. Diese Kräuter
-werden sorgfältig gereinigt und im Schatten ausgebreitet. Am dritten
-Tage wird Salz auf den Boden der Tonkrüge, in denen sie aufbewahrt
-werden sollen, gestreut, dann wird jedes der genannten Kräuter für sich
-hineingelegt, Essig darüber gegossen und Salz aufgestreut. Salzlake
-darf man für diese Kräuter nicht in Anwendung bringen.“
-
-So wenig als die Gartenmelde ist der Kohl von den germanischen
-Stämmen des Altertums angepflanzt worden, sondern sie lernten ihn von
-den Römern kennen, wobei sie aus dem lateinischen ~caulis~, d. h.
-Stengel, ihre Bezeichnung Kohl für ihn bildeten. Besonders durch die
-Vermittlung der Klostergärten ist dieses Gemüse im frühen Mittelalter
-in den Ländern nördlich der Alpen populär gemacht worden, wobei von
-den verschiedenen von den Römern übernommenen Kulturvarietäten des
-Kohls besonders auch der Kopfkohl, althochdeutsch ~chapuz~ -- vom
-mittellateinischen ~caputium~ (Kopf), mittelhochdeutsch ~kabez~ und
-neuhochdeutsch ~kabis~ -- viel angebaut wurde. Das ganze Mittelalter
-hindurch war er ein äußerst beliebtes Volksgericht, was schon dadurch
-bezeugt wird, daß nach altem Brauch die Pflanzplätze für Gemüse einfach
-nach der vorzugsweise angebauten Krautart Kohlgärten hießen. Ein
-~Calendarium~ des 14. Jahrhunderts sagt, Kohl essen dürfe man das ganze
-Jahr, nur im Dezember nicht, und ein Samländer, dem die preußischen
-Ordensritter ihre Burg zu Balga zeigten und der sie dort Kohl essen
-sah, riet seinen Landsleuten, die Ritter nicht anzugreifen; denn wer
-könne einem Volke widerstehen, das so genügsam sei und Gras als Speise
-verwende.
-
-Die von uns heute besonders angepflanzten Kohlsorten sind: 1. der
-+Blattkohl+, der der Stammform am nächsten steht, mit flacher, von
-ausgebreiteten Blättern gebildeter, selten etwas aufgerichteter
-Rosette an hohem Stengel; 2. der +Winterkohl+ mit hohem Stengel und
-flachen, mehr oder weniger zerschlitzten, krausen Blättern, die sich
-nicht zu einem Kopfe schließen; 3. der +Rosenkohl+, der dem vorigen
-an Wuchs ähnlich ist und ebenfalls einen hohen Stengel bildet, an
-dessen Spitze sich ein halbgeschlossener Kopf mit blasigen Blättern
-befindet; aus den Achseln der unteren Blätter aber, die beizeiten
-abgestoßen werden, wachsen zu kleinen, dicht geschlossenen Köpfchen
-werdende Seitenknospen hervor, die zu Winterbeginn ein feines Gemüse
-abgeben. Vielfach werden die ausgerissenen Stengel mit Wurzelballen
-an einem frostfreien Orte, mit Laub bedeckt, aufbewahrt, damit die
-„Rosen“ bleicher und zarter werden; 4. der +Wirsing+ mit blasigen,
-krausen Blättern, die sich zu einem Kopfe schließen. Diese Abart heißt
-auch Welschkohl, weil sie zuerst in Südeuropa kultiviert wurde und
-von dort wahrscheinlich erst im 17. Jahrhundert mit andern Gemüsen
-bei uns eingeführt wurde; 5. der +Kopfkohl+ oder +Kabis+, schlechthin
-als +Kraut+ bezeichnet, mit ebenfalls gedrängtem Wuchs, an dem nur
-die äußeren Blätter locker auseinander treten, während die nun meist
-völlig glatt gewordenen inneren einen festgeschlossenen Kopf bilden.
-Man unterscheidet Früh- und Spätkraut, wie auch Weiß- und Rotkraut, bei
-welch letzterem die gleichfalls zu einem runden Kopfe geschlossenen
-Blätter durch einen intensiven Farbstoff rot bis violett gefärbt
-sind. Während der Rotkohl dünn gehobelt als Gemüse gekocht und als
-Salat mit Essig und Öl, Salz, Pfeffer und Senf roh gegessen wird,
-wird der Weißkohl, wie auch das Filderkraut mit länglichem, weißem
-Kopfe, gehobelt und, mit Salz und Dill oder Wacholderbeeren bestreut,
-in Tonnen eingelegt, wobei sich eine durch den Milchsäurebazillus
-eingeleitete Gärung vollzieht und +Sauerkraut+ entsteht. Dieses mit
-Recht als Nationalspeise der Deutschen bezeichnete Gericht kam erst
-im Mittelalter als eine Entlehnung von den Slawen, die heute noch die
-Hauptsauerkrautesser sind, zu den Deutschen, die es bis heute noch
-nicht recht an die Franzosen weiterzugeben vermochten. Wie der römische
-Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. angibt,
-machten die Römer zwar auch Kohl ein, aber in ganzen Köpfen mit Salz
-überstreut und Essig übergossen. Diese als ~compositum~ -- woraus dann
-das mittelhochdeutsche ~kumpost~ hervorging bezeichnete Kohlkonserve
-wurde als römisches Erbe in den Klöstern des frühen Mittelalters
-hergestellt, fand aber keinen Eingang beim Volke. Erst das slawische
-Verfahren der Sauerkrautbereitung hat dann wenigstens in Deutschland
-allgemeine Verbreitung gefunden.
-
-Während wir das Sauerkraut nur als Gemüse zu Kartoffeln oder Erbsen
-mit Schweinefleisch essen, verzehren es die Russen häufig in der
-Suppe. Es ist ein Bestandteil der zwei russischen Nationalsuppen,
-~Borschtsch~ und ~Schtschi~ genannt. Beides sind mit einem Stück
-gekochtem Rindfleisch und viel Gemüse hergestellte Fleischbrühen.
-Erstere enthält außer Weißkohl hauptsächlich rote Rüben und Tomaten,
-die sie ganz rot färben, letztere dagegen vorzugsweise Spinat oder
-Sauerampfer, die ihr eine grüne Farbe verleihen. Zu beiden wird in
-verhältnismäßig großen Töpfen säuerlicher Rahm genossen. Überhaupt ist
-der Kohl in der verschiedensten Zubereitung ein Hauptnahrungsmittel der
-niederen Bevölkerung Rußlands wie bei uns die Kartoffel, und wird in
-gewaltigen Mengen angepflanzt. Auch das Militär pflanzt seinen eigenen
-Kohl; jede Truppeneinheit bekommt ihr besonderes Kulturfeld, und
-diejenige Kompagnie, die den besten Kohl erzielt hat, wird vom Kommando
-ausgezeichnet.
-
-Alles Kraut, auch das Sauerkraut, will nach schon altrömischer
-Gewohnheit reichlich mit Fett, Speck oder Schmalz gekocht sein.
-Wie einst in Italien und dann im Mittelalter bei uns sind heute
-noch Kohlsuppen und Kohlgemüse durch ganz Europa in fast allen
-Gesellschaftskreisen beliebt. Er ist auch ein Bestandteil des
-englischen Nationalgerichtes, ~joint~ genannt, das in der Weise
-hergestellt wird, daß man in derselben Pfanne Kartoffeln mit Spinat und
-Kohl ohne Butter, aber mit Schaffleisch ohne Salzbeigabe kocht.
-
-Weiter haben wir 6. den +Kohlrabi+, bei dem auf Kosten und unter
-ziemlicher Unterdrückung der Blattbildung sämtliche Nährstoffe
-sich im stark verdickten, fleischigen Stengel ansammeln. Dadurch
-ist der anfangs dünne Strunk zu einem fleischigen, grünen, weißen
-oder rotvioletten Knollen angeschwollen, aus dem dann die Blätter
-entspringen. Wie beim Früh- und Spätkraut gibt es auch bei ihm eine im
-Herbst gesäte frühe Sorte, welche aber weniger fein ist als die späte,
-im Frühjahr gesäte. Dieser wird als geschätztes Gemüse gekocht, dem man
-die zarteren Blätter beifügt; 7. der +Blumenkohl+, dessen Blütenstand
-zu einer fleischigen Masse entartet ist und weitaus das feinste Gemüse
-aus der Kohlsippe liefert. Neuerdings wird er massenhaft aus Italien,
-wo seine Kultur in der neueren Zeit sehr schwungvoll betrieben wird,
-zur Winterszeit bei uns eingeführt; 8. der +Spargelkohl+, mit seinem
-italienischen Namen auch ~Broccoli~ genannt. Er wurde, wie schon aus
-dem Namen hervorgeht, aus dem Süden bei uns eingeführt.
-
-In West- und Südeuropa werden noch verschiedene andere Kohlarten
-kultiviert, so der durch starke Verlängerung des Stengels
-hervorgegangene +Baum-+ oder +Riesenkohl+, eine Abart, welche
-Mannshöhe erreicht und hauptsächlich als Futtergemüse angebaut wird.
-Von ihm werden jeweilen nur die Blätter abgebrochen und als beliebtes
-Gemüse auch für den Menschen gekocht. In Portugal bilden seine Blätter
-eine Hauptspeise der Bevölkerung, und auf der englischen Kanalinsel
-Jersey, wo diese Kohlsorte 4-5,5 m hoch wird, macht man aus seinen
-Stengeln, die sonst, getrocknet, höchstens als Brennmaterial Verwendung
-finden, seit etwa 40 Jahren Spazierstöcke, die als Spezialität der
-Insel gerne von den Fremden als Andenken mitgenommen werden. Auch im
-ganzen Morgenland bis Persien und Abessinien wird allerlei Kohl zum
-Teil in solch hohen Formen gepflanzt und von den Eingeborenen gerne
-roh, mit Knoblauch oder Zwiebeln und Brot gegessen.
-
-In ihrer Verwandtschaft zu den Kohlgemüsen am nächsten stehend, aber
-von einer anderen, gleichfalls wie der wilde Kohl im nordwestlichen
-Deutschland noch teilweise wild, sonst aber allenthalben verwildert
-vorkommenden Stammpflanze, dem Raps (~Brassica napus~) sich ableitend,
-den wir unter den ölliefernden Pflanzen kennen lernen werden, ist die
-als +Kohlrübe+ oder +Erdkohlrabi+ (~Brassica napobrassica~) bekannte
-Rübe, deren gelbe Varietät ein beliebtes Speisegemüse bildet, während
-die weiße meist nur als Viehfutter benutzt wird. Diese Rübe mit
-ihren bis kindskopfgroß anschwellenden Wurzelknollen ist wohl die
-anspruchsloseste von allen Gemüsesorten, da sie in äußerst exponierter
-Lage und in jedem Boden, in welchem andere Kohlarten unmöglich mehr
-fortkommen, noch gut gedeiht.
-
-Je primitiver der Kulturzustand eines Volkes ist, um so größer
-ist die Auswahl der wildwachsenden Kräuter, deren saftige, grüne
-Blätter gesammelt und, anfänglich roh, später, mit der Erfindung von
-Kochgeschirren, in denen Wasser zum Sieden gebracht werden konnte,
-auch gedämpft und mit Salz versetzt und so schmackhafter gemacht,
-verspeist wurden. Um sich das mühsame Suchen nach dergleichen Speise,
-wie auch nach eßbaren Wurzeln und Samen der verschiedensten Pflanzen
-zu erleichtern, war es sehr naheliegend, daß hier und dort eine um
-ihre eigene Ernährung und diejenige ihrer Kinder besorgte Frau, zu
-deren Hauptbeschäftigung das Suchen von pflanzlicher Speise gehörte,
-an nur ihr bekannten, leicht erreichbaren Orten solche durch Aussaat
-anpflanzte und so den ersten Grund zum Hackbau legte. Durch Auswahl der
-kräftigsten und die gewünschten Eigenschaften vorzugsweise aufweisenden
-Exemplare zur jeweiligen Vermehrung durch Samen ergab sich dann von
-selbst eine Kulturauslese, welche nach und nach zur Rassenverbesserung
-führte. Wenn wir nun, wie vorhin erwähnt, solche Mengen von Meldesamen
-in der über 4000 Jahre alten Kulturschicht des spätneolithischen
-Pfahlbaues von Robenhausen im Kanton Zürich finden, so dürfen wir wohl
-den naheliegenden Schluß daraus ziehen, daß das meiste desselben,
-wenn nicht aller, aus kultivierter Melde und nicht von wildwachsender
-gesammelt wurde, da ja jene Leute einen ausgedehnten Hackbau am Lande,
-in der Nähe ihrer Pfahlbauansiedelungen, betrieben und verschiedene
-Getreidearten und Lein, nebst Mohn, Erbse, Pastinak und Möhre
-pflanzten, zu denen in der Bronzezeit die uns später in einer etwas
-ergiebigeren Art mit größeren Samen bei den Kelten entgegentretende
-Zwergsaubohne und kleine Feldlinse, beide damals noch mit äußerst
-kleinen Samen, hinzukamen.
-
-Jedenfalls ist seit Urzeiten neben anderen saftigen Kräutern auch
-die +Brennessel+ (~Urtica urens~ und ~dioica~) gesammelt und als
-Gemüse verspeist worden, wie dies heute noch manchenorts auch bei uns
-geschieht. So sagt schon der berühmte griechische Arzt Hippokrates (460
-bis 364 v. Chr.): „Die Nessel (~knídion~) gehört zu denjenigen Stoffen,
-die den Leib reinigen.“ Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr. sagt:
-„Will man Nesseln essen, so brüht man sie vorher ab.“ Der römische
-Dichter Horaz (65-8 v. Chr.) schreibt in einer seiner Episteln: „Man
-kann ganz einfach von Kräutern (~herba~) und Nesseln (~urtica~)
-leben.“ Meist wurden sie gepfeffert genossen, wofür der unter Tiberius
-lebende römische Feinschmecker M. Gabius Apicius in seinem berühmten
-Kochbuch folgendes Rezept gab: „Man siede Nesseln, seihe das Wasser ab,
-zerkleinere sie fein mit dem Wiegemesser und dämpfe das Gewiegte auf
-heißer Asche mit Olivenöl, füge Fischsülze (~garum~) und gestoßenen
-Pfeffer hinzu, verrühre die Mischung mit Zusatz von Eiern und bestreue
-das Gericht mit Pfeffer.“ Plinius berichtet, daß die Brennessel zur
-Blutreinigung genossen werde: „Die jungen Frühjahrstriebe gewähren
-eine nicht unangenehme Nahrung, auf deren Gebrauch manche Leute
-gewissenhaft halten, weil sie glauben, dadurch für das ganze Jahr jede
-Krankheit abhalten zu können. Die Wurzel der Nessel bewirkt auch,
-daß Fleisch, mit dem sie gekocht wird, zarter wird. Die Nessel dient
-in sehr verschiedener Weise zu Heilzwecken, worüber namentlich der
-(griechische) Naturforscher Phanias geschrieben hat. Ihr Samen muß zur
-Erntezeit gesammelt werden, und man bezieht den besten von Alexandria.“
-Nesselsamen mit Pfeffer gekocht wurde nach Ovids ~ars amandi~ von
-manchen Leuten als Aphrodisiakum genommen, auch wurde daraus, wie
-Plinius berichtet, Öl gewonnen. Der 87 v. Chr. in Verona geborene und
-57 in Rom gestorbene römische Dichter Catull schreibt in einem seiner
-kleinen Gedichte: „Ich habe einen tüchtigen Schnupfen und Husten gehabt
-und mich mit Basilie (~ocimum~) und Nessel kuriert.“ Der griechische
-Arzt Galenos dagegen (geb. 131 n. Chr. in Pergamon, praktizierte
-daselbst und dann in Rom, wo er um 200 starb) meint: „Die Brennessel
-hat nur geringe Kräfte, wird aber von Leuten gegessen, die Hunger
-haben, und bekommt ihnen gut.“
-
-Noch im Mittelalter wurden die Blätter und Samen des wilden +Senfes+,
-wie auch des +Sauerampfers+ (~Rumex acetosa~) bei uns gesammelt
-und gegessen, wie wir heute noch die zarten, jungen Blätter des
-+Löwenzahns+ (~Taraxacum officinale~) sammeln, um sie wie Spinat
-gekocht oder als Salat angemacht zu verspeisen. Durch Kultur ist aus
-dem wilden Sauerampfer eine langblätterige Varietät als +spanischer
-Spinat+ und eine breitblätterige Varietät als +französischer Spinat+
-oder +Oseille+ hervorgegangen. Wurzel, Kraut und Früchte des
-Sauerampfers wurden früher arzneilich verwendet, und heute noch dienen
-die viel oxalsaures Kali enthaltenden Blätter als Zutat zu Suppen und
-Gemüsen, wie auch als Salat. In den Klostergärten des Mittelalters
-wurde der an grasreichen gedüngten Stellen der Alpweiden gefundene
-+Alpensauerampfer+ (~Rumex alpinus~) kultiviert, um den fleischigen,
-verzweigten Wurzelstock als Rhabarbersurrogat zu benutzen. Als
-+englischen Spinat+ oder +Gartenampfer+ wird besonders in England
-die 2 m hohe, zweijährige Ampferart ~Rumex patientia~ angebaut, die
-in Mittel- und Südeuropa wild wächst. Unser +Spinat+ oder +Binetsch+
-(~Spinacia oleracea~) ist eine Meldenart, die im wilden Zustande
-nicht mehr gefunden wird, doch, wie ihre nächsten Verwandten, aus
-dem Hochlande von Iran stammen dürfte. Den Griechen und Römern war
-sie unbekannt. Die Kultur des Spinats scheint am Ende des Altertums
-unter dem Namen ~ispany~ in Persien aufgekommen zu sein und gelangte
-dann einesteils als ~isfany~ nach Indien und unter dem chinesischen
-Namen „persisches Kraut“ bis in die Mandschurei, anderenteils als
-~isfanâdsch~ zu den Arabern, die ihn zuerst nach Europa, und zwar nach
-Spanien brachten, von wo er sich als französisch ~épinards~, englisch
-~spinage~, hochdeutsch Spinat und süddeutsch Binetsch weiter nach
-Norden verbreitete. Jedenfalls war er bei uns noch im 16. Jahrhundert
-neu und wenig bekannt. Man kultiviert ihn als im Frühjahr gepflanzten
-Sommerspinat mit länglicheirunden Blättern und ungehörnten Früchten,
-und als Winterspinat, der im Herbst gesät und im Frühjahr geschnitten
-wird, mit spießförmigen, zweizähnigen Blättern und Früchten mit 2-4
-stachelartigen Hörnchen. Ersterer wird bevorzugt, weil er weniger
-leicht in Samen schießt. Die Blätter liefern gedämpft und gehackt ein
-sehr zartes, blutbildendes Gemüse, das gerne als Fastenspeise genossen
-wird. Zu diesem Zwecke füllt man in Griechenland Gebäck mit Spinat und
-einigen Gewürzkräutern, und in Frankreich verbäckt man den Samen zu
-Brot.
-
-Als +neuseeländischer Spinat+ wird seit dem Jahre 1772 auch in Europa
-eine dem Portulak verwandte, in Neuseeland, Australien und den
-Norfolkinseln heimische, 1 m hohe ästige Eiskrautart (~Tetragonia
-expansa~) mit eirunden Blättern, gelblichgrünen Blüten und
-vierhörnigen, fest sitzenden Früchten kultiviert, die schon länger auch
-in Südamerika und Japan gepflanzt wird. Als Nährpflanze viel wichtiger
-ist der +Peruspinat+ oder die +Reismelde+ (~Chenopodium quinoa~),
-eine unserem gemeinen Unkraut, der weißen Melde ähnliche, mehlig
-bestäubte, gegen 1 m hohe Pflanze mit ovalen und eckigen Blättern,
-in sehr ästigen Rispen vereinigten Blüten und gelblichweißen Samen.
-Wegen letzteren, die in Wasser oder Milch abgekocht, in Breiform
-oder auch zu Mehl gestampft und dann geröstet als ein schmackhaftes
-und tägliches Nahrungsmittel an Stelle des Getreides im westlichen
-Südamerika von Chile bis Mexiko gegessen werden, wird diese in Chile
-und Peru noch in einer Höhe von 4000 m über Meer, wo Roggen und Gerste
-nicht mehr gedeihen, angepflanzte Meldenart als das Hauptnahrungsmittel
-neben den Kartoffeln geschätzt. Auch die Blätter geben, wie bei uns
-Spinat und Gartenampfer, ein gutes Gemüse. Alexander von Humboldt,
-der von 1799-1804 mit Bonpland Süd- und Mittelamerika bereiste, gab
-die ersten Nachrichten über diese Kulturpflanze, deren Spielart
-mit weißen Samen als die ergiebigste gilt und zum Anbau auch für
-Norddeutschland paßt. Als +Erdbeerspinat+ wird die aus Südeuropa
-stammende Blattmelde (~Chenopodium foliosum~) teils ihrer wie Spinat
-benutzten Blätter, teils der zahlreichen, hochroten, erdbeerähnlichen,
-aber fade schmeckenden Früchte wegen kultiviert. Die Beeren geben eine
-wenig haltbare Farbe. In der Walachei schminken sich die Bauernweiber
-mit ihnen. Wie die weiße und grüne Melde, deren Blätter auch bei uns
-in manchen Gegenden als Gemüse gesammelt und, wie Spinat gekocht,
-gegessen werden, Kulturpflanzen Ostindiens sind, so wird auch bei uns
-die im nördlichen Europa bis Sibirien heimische, schon bei den Alten
-als Speise verzehrte +Gartenmelde+ oder +wilder Spinat+ (~Atriplex
-hortense~) mit herzförmig-dreieckigen, gezähnten, roten Blättern
-stellenweise, so besonders in Frankreich als ~arroche~, angebaut.
-Von ihrer strauchartigen Verwandten, der an den europäischen Küsten
-wachsenden +Portulakmelde+ (~Atriplex portulacoides~), werden die
-jungen Sprosse wie Kapern eingemacht, während die säuerlichsalzigen
-Blätter und zarten Stengel der in Südeuropa heimischen +Meermelde+
-(~Atriplex halimus~) in England und Holland als Salat gegessen werden.
-Die jungen Sprosse ersetzen in Portugal den Spargel.
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-Seit sehr langer Zeit werden die fleischigen Blätter des über Asien,
-Europa und Afrika verbreiteten und längst auch in die Neue Welt
-verpflanzten +Portulaks+ (~Portulaca oleracea~) -- bei den Griechen
-~andráchnē~, bei den Römern ~portulaca~ genannt -- roh als Salat
-angemacht oder gekocht als Gemüse gegessen. Nach Columella wurden
-sie wie der späte Kohl gegen die Zeit der Weinernte mit Salz und
-Essig eingemacht. Sonst waren der Lattich (~lactuca~) und die Endivie
-(~intubum~) die Hauptsalatkräuter der Römer, indem sie aus ihnen
-mit Zuhilfenahme von Fleischbrühe, Olivenöl, Zwiebeln, Honig und
-Essig ihren nach dem Essig (~acetum~) als ~acetarium~ bezeichneten
-Salat herstellten. Im Mittelalter genoß man mit Salz, Essig und
-Öl angemachten Salat vorzugsweise aus Lauch, Zwiebeln, Boretsch,
-Pfefferminze und Petersilie. Heute werden die verschiedensten
-Blattgemüse und Wurzeln dazu verwendet. Salat kommt vom italienischen
-~salato~ gesalzen, woraus zunächst das französische ~salade~ und
-daraus erst unser deutsches Salat wurde. Essig, Öl, Salz, Pfeffer und
-Senf sind die Hauptingredienzien dazu, und zwar mische man das Öl
-vor dem Essig mit den Blättern, damit der Saft infolge der fettigen
-Umhüllung ganz in den pflanzlichen Teilen bleibe und das Fett den
-Salat durchdringen könne. Ein altes Sprichwort sagt, der Salat solle
-von einem Verschwender mit Öl, von einem Geizhals mit Essig, von einem
-Weisen mit Gewürzen und Salz versehen und von einem Narren gemischt
-werden, dann werde er recht sein. Die Römer der Kaiserzeit pflegten
-ihr Abendessen mit Salat zu beginnen, während ihre Vorfahren zur Zeit
-der Republik es mit ihm zu beschließen pflegten. Dazu wurde gewöhnlich
-Lattich genommen, der im Rufe stand, den Schlaf zu befördern. Der
-Geschichtschreiber Flavius Vopiscus berichtet uns von dem im Jahre 275
-75jährig vom Senate gewählten und schon im folgenden Jahre auf einem
-Zuge gegen die Goten in Kleinasien von den Soldaten ermordeten Kaiser
-Marcus Claudius Tacitus, er habe sehr mäßig getrunken und gespeist,
-aber viel Salat gegessen, um sich einen recht sanften Schlaf zu
-verschaffen. Desgleichen berichtet Suetonius vom Kaiser Augustus, daß
-er, wenn er durstig war und doch kein Getränk zu sich nehmen wollte,
-ein Stückchen Gurke oder von einer Lattichstaude in den Mund nahm,
-um daran zu kauen. Einmal soll ihm die Klugheit seines Arztes Musa
-das Leben gerettet haben, indem er ihm Salat verordnete, den ihm der
-vorige Arzt Gajus Ämilius aus allzugroßer Ängstlichkeit verboten hatte.
-Nach dieser Aufsehen erregenden Heilung des Staatsoberhauptes stieg
-das Ansehen des Salates, wie Plinius uns berichtet, in Rom so hoch,
-daß man sogar die Erfindung machte, ihn in mit Essig versetztem Honig
-aufzubewahren, bis es wieder frischen gab.
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-Durch die Römer kam dann der Salat in die Länder nördlich der Alpen
-und wurde hier in der Folge sowohl in den Klostergärten, als auf den
-Edelhöfen gepflanzt. Zuerst wird der Salat auf deutschem Gebiet in
-Ekkehards Benediktionen aus dem Kloster St. Gallen, später dann auch
-als Gericht höherer weltlicher Kreise erwähnt, allerdings mit dem
-Hinzufügen, daß solche Speise auf die Dauer für Kraft und Aussehen
-unvorteilhaft sei. Erst im 15. Jahrhundert wurde sein Genuß, besonders
-in der Form von Lattich, in Mitteleuropa gemein, und zwar in der von
-Italien her gebräuchlichen Weise, ihn, außer mit Essig zu versetzen,
-mit Öl einzufetten. Genießt doch heute noch der Italiener mit Vorliebe
-auch andere grüne Gemüse mit Öl übergossen.
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-Der +Gartenlattich+ (~Lactuca sativa~) stammt von dem im gemäßigten und
-südlichen Europa und in Westasien wachsenden wilden Lattich (~Lactuca
-scariola~) und wurde schon im frühen Altertum als Salatpflanze gezogen,
-so von den Persern zur Zeit des Königs Kambyses, des Sohnes von Kyros,
-der diesem 529 v. Chr. folgte, 525 Ägypten eroberte und 522 auf dem
-Rückzuge nach Persien starb. Die alten Griechen nannten ihn ~trídax~
-und bauten ihn in wenigstens drei Sorten an, die Römer hießen ihn nach
-dem Milchsaft ~lac lactuca~ und pflanzten hauptsächlich vier Sorten:
-den cäcilianischen Salat mit grünen bis roten, krausen Blättern, den
-kappadozischen mit bleichen, kammförmig eingeschnittenen, dicken
-Blättern, den weißen, sehr krausblätterigen aus der Provinz Bätica (dem
-südlichen Spanien, nach dem Flusse Bätis so genannt) und aus der Nähe
-der Stadt Gades (dem heutigen Cadix) und den zyprischen rötlichweißen
-mit glatten, sehr zarten Blättern. Columella, der uns diese aufzählt,
-berichtet uns zugleich, daß sie in der hier angegebenen Reihenfolge von
-Januar bis April in gut gedüngten Boden gesät würden, reichlich Wasser
-erhielten und durch Auflegen einer Scherbe auf den Wipfelsproß am
-Aufschießen verhindert und gezwungen würden, mehr in die Breite als in
-die Höhe zu wachsen.
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-Aus den frühmittelalterlichen Klostergärten und den Gärten der
-Vornehmen, besonders des mächtigen Frankenkönigs Karl, dem späteren
-Kaiser, ging der Gartenlattich mit den anderen von den Römern
-übernommenen Gemüsearten in die Gärten Mittel- und schließlich
-auch Nordeuropas über und aus dem lateinischen ~lactuca~ wurde
-das französische ~laitue~, das deutsche Lattich und das englische
-~lettuce~. Und mit diesem Salatkraut wurde auch sein alter Begleiter,
-der +Boretsch+ (~Borrago officinalis~) übernommen, der fortan keinem
-Gemüsegarten fehlte. Diese aus Südeuropa und Kleinasien stammende
-Pflanze mit borstenhaarigen Blättern, gewöhnlich dunkelblauen, in
-manchen Varietäten aber himmelblauen, blaßroten und weißen Blüten
-war schon im Altertum außer als Bienenweide auch als Heilmittel für
-mancherlei Krankheit geschätzt, und schon die alten Griechen und Römer
-fanden, daß ihre Blätter und Blüten, fein gewiegt, dem Lattichsalat
-einen feinen, gurkenähnlichen Geschmack verleihen. Aus diesem Grunde
-ist sie bis auf den heutigen Tag im ländlichen Garten in Ehren
-geblieben.
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-Heute unterscheiden wir drei Hauptarten von Lattich: 1. den
-+Schnittsalat+ mit hell- oder dunkelgrünen, rotgefleckten oder
-dunkelroten Blättern in offener Rosette, die man allmählich von innen
-nach außen absticht. 2. den +Bindsalat+ oder +römischen Salat+ mit
-länglichen, aufrechten, eine geschlossene Rosette bildenden Blättern,
-die man zusammenbindet, um die inneren zu bleichen. Mit Recht findet
-der als ~laitue~ bezeichnete französische Bindsalat durch die ganze
-Kulturwelt rasche Verbreitung. 3. den +Kopfsalat+ mit breiten, blasig
-aufgetriebenen, kopfförmig zusammenschließenden Blättern; dieser
-wird am häufigsten gebaut und unter Strohmatten überwintert. Alle
-diese Salatarten, die heute noch in Südeuropa die Lieblingsspeise
-des gemeinen Mannes bilden, haben sich heute über die ganze Erde
-verbreitet. Nach China gelangte der Lattich ums Jahr 600 n. Chr. aus
-dem Westen.
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-In derselben Weise wie der Salat wurde von den Griechen und Römern die
-Endivie angepflanzt und, wie Plinius uns berichtet, über den Winter in
-Krügen eingemacht und später gekocht, als ob sie frisch sei. Früher
-nahm man an, daß sie aus Indien stamme, doch wissen wir jetzt, daß sie
-von der im Mittelmeergebiet wild wachsenden ~Cichorium divaricatum~
-gewonnen wurde. Die +Endivie+ (~Cichorium endivia~) wird besonders
-in der krausen Varietät häufig als Salatpflanze in den Gemüsegärten
-kultiviert. Die breitblätterige Abart kommt dagegen unter dem Namen
-Eskariol auf den Markt. Bei beiden werden wie beim Bindsalat die eine
-lockere Rosette bildenden und meist zu einem Kopf zusammenschließenden
-Blätter gewöhnlich zusammengebunden, um durch Lichtentzug gebleicht zu
-werden. Dadurch schmecken sie ungemein zart; aber selbst die feinste
-Pariser ~chicorée~ ist immer noch härter als Kopfsalat.
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-Bei den Alten galt die überall in den Mittelmeerländern wildwachsende
-Endivie, mit Essig vermischt gegessen, als dem Magen gesund und
-allerlei Übel heilend. Plinius berichtet, daß die wildwachsende
-Endivie in Ägypten ~cichorium~, die zahme dagegen, die kleiner und
-saftiger sei, ~seris~ heiße. Die Magier behaupten, wer sich mit dem
-Saft einer ganzen Zichorie und Olivenöl einreibe, der werde anmutiger
-und erreiche seine Wünsche leichter. Deshalb nennen manche die Pflanze
-auch ~chreston~ (d. h. brauchbar), andere ~pankration~ (d. h. alles
-beherrschend), die wildwachsende heiße auch ~hedypnois~ (d. h. süßen
-Schlaf bewirkend). Nach dem gelehrten Varro (116-27 v. Chr.) wurde die
-Endivie für die Gänse gesät, die aber nicht darauf getrieben wurden,
-weil sie die Blätter teils zertreten, teils so viel von ihnen fressen
-würden, daß sie stürben. Man schneide deswegen die Blätter selbst für
-die Tiere ab und gebe ihnen ihre richtige Portion davon. Und Palladius
-im 4. christlichen Jahrhundert gibt an, daß man sie im Monat Oktober
-säe; sie liebe einen lockeren, feuchten Boden und man weise ihr ein
-ebenes Beet an, damit die Wurzeln nicht durch Regengüsse entblößt
-würden.
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-Sehr viel bitterer als die Endivie ist die gemeine +Zichorie+
-oder Wegwart (~Cichorium intybus~), eine, im Gegensatz zu jener
-einjährigen, ausdauernde Pflanze mit kurzgestielten, blauen Blüten.
-Sie findet sich wild in ganz Mittel- und Südeuropa, Nordafrika und dem
-gemäßigten Asien, wurde aber, da sie häufig an Wegen und auf Feldern
-auftritt, vielfach vom Menschen über die Grenzen ihres ursprünglichen
-Vaterlandes hinaus verbreitet. Die jungen Blätter wurden schon von den
-Griechen und Römern teils von wildwachsenden, teils aber auch schon
-kultivierten Pflanzen als Gemüse und Salat benutzt. Columella sagt
-um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., daß sie, die er ~intybum~
-nennt, dem übersättigten Gaumen behage. Auch sein Zeitgenosse, der
-ältere Plinius, spricht mehrfach von ihr und empfiehlt sie als gesunde
-Speise. Heute pflanzt man zu diesem Zwecke den Brüsseler Witloof und
-den französischen Kapuzinerbart, deren Wurzeln, in einem dunkeln
-Keller in Pferdedünger eingepflanzt, farblose, äußerst zarte Blätter
-treiben, die als Salat gegessen werden. Die lange, möhrenförmige,
-ungemein bitter schmeckende Wurzel wird arzneilich benutzt und bildet,
-mit Zucker eingemacht, die Hindläufte der Konditoren; namentlich
-aber hat sie im letzten Jahrhundert als Kaffeesurrogat eine ungemein
-große Bedeutung erlangt. Deshalb wird die Zichorie in Frankreich,
-Belgien, Holland, Mittel- und Süddeutschland, Böhmen, Ungarn und
-Rußland im großen angebaut. Die kultivierte Wurzel ist stärker als
-die wild gewachsene, fleischig, mit verhältnismäßig breiter Rinde und
-erreicht ein Gewicht von 200-400 g. Ende September, wenn die untersten
-Blätter gelb werden und abzusterben beginnen, werden die Wurzeln,
-die frisch auch als Beigabe zu Viehfutter verwendet werden, um den
-Stoffwechsel anzuregen, geerntet, gewaschen, zerschnitten, getrocknet,
-dann in eisernen Trommeln geröstet und gemahlen. Ein Zusatz von 1-5
-Prozent Sesam- oder Erdnußöl beim Rösten verbessert den Geschmack.
-Das Zichorienmehl wird zuletzt in Dampftrommeln feucht gemacht, in
-Pakete verpackt und kommt als +Zichorienkaffee+ in den Handel. Sein
-Aroma erinnert entfernt an den Kaffee, doch entbehrt er natürlich der
-auf das Nervensystem anregend wirkenden Bestandteile und wirkt bei
-anhaltender Benutzung nachteilig auf die Verdauung. Er wird vielfach
-mit Runkelrübenpreßlingen, Ziegelmehl, Ocker und Ton verfälscht. Schon
-um die Mitte des 18. Jahrhunderts röstete man in Haushaltungen am
-Nordrande des Harzes Zichorienwurzeln, um sie als Kaffeesurrogat zu
-benutzen; um 1790 begannen Braunschweiger und Magdeburger Kaufleute
-dieses Präparat für den Handel herzustellen. Es vermochte sich dann
-besonders während der Kontinentalsperre bei der ärmeren Bevölkerung
-einzubürgern, so daß immer mehr Fabriken errichtet wurden. Gegenwärtig
-besitzt das Deutsche Reich über 100 und Europa 450 Zichorienfabriken.
-Deutschland liefert für rund 9 Millionen Mark Rohstoffe und für 18
-Millionen Mark Fabrikate von Zichorie.
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-Als weitere Salatkräuter sind die Kressearten zu nennen, die teilweise
-schon von den alten Griechen und Römern angepflanzt und, wie der
-griechische Arzt Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.
-berichtet, mit Wasser, Salz und Milch gegessen wurden. Besonders die
-+Gartenkresse+ (~Lepidium sativum~), die von Südeuropa und Nordafrika
-bis Indien heimisch ist, wurde, wie heute noch, so schon im Altertum
-in Ägypten kultiviert. Doch dürfte ihr Anbau dort nicht erheblich
-über das 2. Jahrhundert v. Chr. hinausgehen. Den alten Alexandrinern
-galt sie als leckeres, gewürzhaftes Gemüse, das als Salat gegessen
-wurde. Auch von den Griechen der späteren Zeit wurde sie geschätzt.
-Von den Römern wurde sie ~nasturcium~, d. h. Nasenquäler genannt, weil
-ihre Schärfe bis in die Nase hinein verspürt werde. Sie scheint im
-östlichen Mittelmeergebiet, vielleicht in Kleinasien, zur Kulturpflanze
-erhoben worden zu sein und wird heute bei uns häufig kultiviert, um
-als Salat und Beilage zu Fleisch und Gemüse zu dienen. Dabei hat
-sie den Vorzug, außerordentlich rasch zu wachsen; auch wirken ihre
-jungen Triebe anregend auf Appetit und Verdauung. Früher wurde sie
-auch medizinisch benutzt, wie ihre Verwandte, das +Pfefferkraut+
-(~Lepidium latifolium~), die am Meeresstrand und an Salinen in Europa,
-Mittelasien und Nordafrika wächst. Auch sie wird seit dem Mittelalter
-in Gärten kultiviert, um die pfefferartig scharf brennenden Blätter
-zu Saucen verwenden zu können. Die in Quellen, Bächen und Gräben mit
-schlammigem Grund in ganz Europa, Nord- und Ostasien heimische, auch
-nach Nordamerika übergeführte +Brunnenkresse+ (~Nasturtium officinale~)
-wird bei uns vielfach kultiviert, um ihre durch den Gehalt an einem
-ätherischen Öle rettichartig scharf schmeckenden Blätter als Salat
-zu essen. Sie verlangt reines, leicht strömendes Wasser und wird vom
-Oktober bis April geerntet. Später hört die Ausbeute auf, da dann
-die Blütenbildung beginnt, in deren Verlauf die Blätter steif und
-ungenießbar werden. Sie galt seit den ältesten Zeiten als heilkräftig
-und stand daher als Zugemüse in hohem Ansehen. So erwähnt sie schon
-die heilige Hildegard, Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen,
-als brunnencrassum besonders als Mittel gegen Fieber. Heute wird sie
-im großen gezogen und gelangt in Menge auf den Markt, und zwar sind
-die Hauptproduktionsorte Dreienbrunnen bei Erfurt und die Umgegend von
-Paris. Um aber als Salat gegessen zu werden, soll sie mit Zitronensäure
-statt Essig angemacht werden, da der Essig ihren charakteristischen
-Geschmack beeinträchtigt. Endlich wird auch die aus Südamerika
-eingeführte +Kapuzinerkresse+ (~Tropaeolum majus~), weil ähnlich scharf
-schmeckend, als Salat gegessen, während ihre Blütenknospen und unreifen
-Früchte, in Salz und Essig eingelegt, wie Kapern Verwendung finden.
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-Eine beliebte Salatpflanze ist ferner der +Feldsalat+ oder das
-+Rapünzchen+ (~Valerianella oliteria~), das in ganz Mittel- und
-Südeuropa als Ackerunkraut wächst, aber, um zartere Pflänzchen zu
-bekommen, auch im Gemüsegarten kultiviert wird, wo sie größer, kahler
-wird und sich durch Selbstbesamung fortpflanzt. Sie gehört der den
-Korbblütlern nahestehenden Familie der Baldriangewächse an und wird
-im ersten Frühjahr gesammelt und auf den Markt gebracht. Dann der
-+Sellerie+ oder +Eppich+ (~Apium graveolens~), dessen Stammpflanze
-mit kleinen, etwas knollig verdickten Wurzeln fast in ganz Europa,
-Westasien und Nordafrika an feuchten Orten in der Nähe der salzhaltigen
-Meeresküste wild wächst. Bei den Griechen hieß er ~sélinon~, bei den
-Römern dagegen ~apium~. Schon in Homers Odyssee wird erzählt, daß auf
-der Insel der Kalypso die Wiesen mit Veilchen und Sellerie bedeckt
-gewesen seien, so schön, daß sie selbst den Göttern wohlgefielen. Mit
-Kränzen aus wildem Sellerie pflegten die Griechen ihre Grabmäler zu
-schmücken und solchen auch bei den Leichenschmäusen zu verzehren. Nach
-Plinius stimmten Chrysippos und Dionysios darin überein, daß es unrecht
-sei, den Sellerie an Speisen zu tun, da er nur zum Leichenschmaus
-gehöre. Er war den Göttern der Unterwelt geweiht und bezeichnete
-im griechischen Volksglauben Trauer und Tränen. Der griechische
-Geschichtschreiber Plutarch (50-120 n. Chr.) erzählt uns in seiner
-Biographie des korinthischen Feldherrn Timoleon, der 343 v. Chr. die
-Stadt Syrakus von ihrem Tyrannen Dionysios dem Jüngeren befreite und
-340 die Karthager am Flusse Krimissos besiegte, daß ihm einst mit
-seinem Heere Maulesel begegnet seien, die mit Sellerie beladen gewesen
-seien. Das hielten die Soldaten für eine üble Vorbedeutung, weil es
-Sitte war, die Denkmäler der Toten mit Sellerie zu bekränzen. Plinius
-aber berichtet, daß man dem Sellerie in Achaja die Ehre erweise, mit
-ihm diejenigen zu bekränzen, die in den heiligen Spielen zu Nemea
-gesiegt haben. Auch bei den alten Römern galt er durch griechischen
-Einfluß als Sinnbild des Todes und der Trauer. So hieß die Redensart
-~apio indiget~, es gibt nur noch Eppich für ihn, so viel als es steht
-schlimm mit ihm, er ist dem Tode nahe. Bei den heutigen Griechen
-dagegen gilt er als glückbringend und wird nebst Knoblauch und Zwiebeln
-in den Zimmern aufgehängt.
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-Während der wilde Sellerie widerlich durchdringend riecht und eine fast
-ungenießbar bittere Wurzel besitzt, ist ihr Geschmack beim kultivierten
-Sellerie bedeutend gemildert. Das hohe Alter seiner Kultur erklärt uns
-das Vorhandensein der so verschiedenen Kulturvarietäten. So pflanzt
-man +Krautsellerie+ mit langgestielten, aufrecht stehenden Blättern
-und kleiner Wurzel, +Bleich-+ oder +Stengelsellerie+ mit fleischigen,
-zarten Blattstielen und +Knollensellerie+ mit kurzgestielten Blättern
-und großer, rundlicher Wurzel, welche als Küchengewürz und Salat mit
-Essig und Öl gegessen wird. In Zucker eingemacht, liefert sie mit
-Weißwein ein der Ananasbowle täuschend ähnliches Getränk. Sie wirkt
-reizend auf die harnabsondernden Organe und gilt als sexuell reizendes
-Mittel.
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-Die +Petersilie+ (~Petroselinum sativum~) ist eine zweijährige
-Umbellifere der Mittelmeerländer, die vom Arzte Dioskurides unter dem
-Namen ~petrosélinon~, d. h. Felsensellerie, als eine wildwachsende
-Heilpflanze erwähnt wird, die dann auch die Römer unter derselben
-Bezeichnung als Medikament verwendeten. Ob sie schon im Altertum
-angebaut wurde, ist uns nicht bekannt; doch wird dies aus der römischen
-Kaiserzeit wohl anzunehmen sein. Erst im ~Capitulare de villis~ Karls
-des Großen vom Jahre 812 wird sie bestimmt unter den anzubauenden
-Pflanzen erwähnt. Im 16. Jahrhundert wurde sie im Garten von Olivier de
-Serres gezogen. Die englischen Gärtner erhielten sie nach dem Berichte
-eines Zeitgenossen im Jahre 1548. Obgleich ihre Kultur weder ein hohes
-Alter aufweist, noch von besonderer Wichtigkeit ist, so hat sie sich
-doch bereits in zwei Rassen gespalten, eine Form mit krausen Blättern,
-die als Suppengewürze dienen, und eine andere, deren fleischige Wurzel
-gegessen wird.
-
-Aus dem gemäßigten Westasien scheint der +Gartenkörbel+ (~Scandix
-cerefolium~) zu stammen, den die älteren griechischen Autoren nicht
-erwähnen, gleichwohl aber gekannt haben müssen. Um die Mitte des
-1. Jahrhunderts n. Chr. wird sie als Gemüsepflanze von Dioskurides
-und Plinius unter der Bezeichnung ~cerefolium~ genannt. Sie wurde
-angepflanzt und muß schon im 2. Jahrhundert v. Chr. von den Griechen zu
-den Römern gelangt sein, um dann zunächst zu den Romanen zu gelangen,
-die sie heute noch ~cerfeuil~ nennen. Viel wichtiger als sie war einst
-das heute ganz aus unserem Gemüsegarten verschwundene +Myrrhenkraut+
-(~Smyrnium olus-atrum~), von der schon der Aristotelesschüler
-Theophrastos als einer wichtigen medizinischen Pflanze unter dem
-Namen ~hipposélinon~, d. h. Pferdesellerie spricht. Drei Jahrhunderte
-später sagt Dioskurides von ihr, daß man ihre Blätter und Wurzeln als
-Speise benütze. Als ~olus antrum~ wurde sie von den Römern kultiviert,
-als ~olisatum~ befahl sie Karl der Große auf seinen Meierhöfen
-anzupflanzen. Später wurde diese in den Mittelmeerländern wildwachsend
-angetroffene Pflanze auch bei den Italienern des Mittelalters als
-~macerone~ angebaut. Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts kannte man in
-Frankreich und England die Überlieferung, daß diese Pflanze einst
-in den Gemüsegärten gehalten wurde, später aber wird sie nicht mehr
-erwähnt.
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-Ein von den älteren Griechen als köstlichste Beigabe jeder Speise
-gehaltene Würzpflanze, die zugleich, noch mehr als alle vorgenannten
-Kräuter, für eine kostbare Medizin galt, die alle Gifte aufhebe,
-die bösartigsten Wunden heile, Blinde sehend und Greise jung mache,
-war das +Silphium+, griechisch ~sílphion~. Es war eine in der
-nordafrikanischen Landschaft Kyrene wildwachsende Doldenpflanze,
-deren etwas knoblauchartig riechende Blätter und junge Sprosse als
-feinstes Gemüse in ganzen Schiffsladungen nach Griechenland gebracht
-wurden. Sie bildete den Reichtum des Landes von Kyrene, der ihren
-Bewohnern großen Wohlstand brachte und als wichtigstes Landesprodukt
-auf den dortigen Münzen abgebildet wurde. Der Silphionhandel ist uns
-auch auf der berühmten Arkesilasschale im ~Cabinet des Médailles~ der
-Nationalbibliothek in Paris abgebildet. Auf ihr sitzt an Deck eines
-Schiffes, das bald absegeln und die kostbare Ware in die Fremde tragen
-soll, Arkesilas, der König von Kyrene, auf einem Klappsessel, auf dem
-bärtigen Kopfe einen spitzen Strohhut mit aufgebogenen Rändern und mit
-einem langen, weißen Chiton und einem schwarzrot gestreiften Himation
-bekleidet, dessen Bordüre eingewebte Stickerei trägt. Zu Füßen des
-Königs, unter dem Sessel, liegt, um das Land Afrika anzudeuten, ein
-Panther. Der König hält das Szepter in der Rechten und weist mit der
-Linken nach der Wage, auf der das Silphion abgewogen wird, das in
-Binsensäcken verpackt ist. Ein Mann scheint dem Könige zu melden: Es
-besteht Gleichgewicht. Die große Wage ist an einer Rahe aufgehängt.
-Ein als Silphiumarbeiter bezeichneter Mann legt das Silphium zurecht.
-Neben ihm stehen zwei Korbträger, von denen einer sich umwendet und den
-König frägt: Soll ich wegnehmen? Er fürchtet offenbar zu gut gewogen
-zu haben. Darunter sehen wir unbärtige Matrosen unter der Aufsicht
-eines Wächters die mit Silphium gefüllten Binsensäcke im Schiffsraum
-aufeinander legen. Sogar die Jahreszeit der Handlung ist sehr sinnig
-angedeutet. Es ist Spätherbst; denn über dem Schiffe sehen wir Zugvögel
-dahinziehen, von denen sich einige, von der langen Meerfahrt erschöpft,
-auf dem Takelwerk des Schiffes niederlassen wollen, aber von einem
-zahmen Affen wenig liebenswürdig verscheucht werden.
-
-Alle Teile der kostbaren Silphionpflanze wurden von den danach
-lüsternen Griechen verwendet. Die jungen Blütenschäfte wurden sowohl
-roh als gekocht als Salat und Gemüse gegessen; der Stengel galt
-als hochfeine Delikatesse, während die Blätter als Gemüse gekocht
-wurden. Der eingedickte Saft von Stengel und Wurzel wurde als sehr
-geschätztes Gewürz und Allheilmittel fast mit Gold aufgewogen; er
-bildete das kostbare ~laserpitium~ der Römer. Schon unter dem Kaiser
-Nero verschwand diese Pflanze mit ihren so geschätzten Produkten völlig
-aus dem Handel, und trotz eingehenden Forschungen konnte bis heute
-nicht ermittelt werden, welche Pflanze eigentlich unter dem Silphion
-der Alten zu verstehen sei. Vielleicht, daß man später einmal in einem
-entlegenen Gebiete des Innern von Barka in Tripolis diese spurlos
-verschwundene, und nicht in Kultur genommene Silphionpflanze der
-Alten findet. Ihr sehr ähnlich, aber nicht mit ihr identisch, ist die
-+Teufelsdreckpflanze+ oder der +Stinkasant+ (~Ferula asa foetida~), der
-seit Alexanders des Großen Zug nach Persien und Indien als „persisches
-Silphion“ bekannt war und in gleicher Weise wie das seit dem 7.
-vorchristlichen Jahrhundert verwendete echte afrikanische Silphion von
-den Griechen und Römern benutzt wurde. Heute noch werden die einzelnen
-Teile der Pflanze wie einst diejenigen der kyrenischen Art teils roh
-als Salat, teils gekocht als Gemüse, speziell als Beigabe zu Fleisch,
-der eingedickte Saft aber als Allheilmittel verwendet. Im Gegensatz
-zum echten Silphion, das als wohlriechend bezeichnet wird, riecht
-das persische widrig knoblauchartig. Von Persien bis China dient der
-Stinkasant als hochgeschätzte Arznei und sein eingedickter Milchsaft
-kommt noch heute in großer Menge als wertvolles Heilmittel zu uns nach
-Europa und in alle Kulturländer der Erde. Über ihn und seine Geschichte
-soll im Abschnitt über Heilpflanzen Genaueres mitgeteilt werden.
-
-Eine bei fast allen Völkern der Alten Welt seit grauer Vorzeit
-überaus beliebte Würze und Zukost zur faden Brotnahrung sind
-die meist im Innern Asiens heimischen Laucharten, deren scharfe
-Zwiebeln von den ihre Herden hütenden Nomaden eifrig gesucht
-und als Delikatesse gegessen werden. Sehr frühe sind diese
-zentralasiatischen Zwiebelgewächse als geschätztes Zugemüse in
-die alten Kulturländer Vorderasiens und am Nil eingeführt worden.
-Soweit wir es zurückverfolgen können, waren Zwiebeln und Knoblauch
-Bestandteile der allgemeinen Volksnahrung Ägyptens. Sie galten sogar
-im Lande als heilig, so daß man bei ihnen schwur und die Priester und
-Frommen aus Scheu sie nicht einmal zu berühren wagten. Während ihrer
-Wüstenwanderung sehnten sich die Israeliten nach den Lauchgewächsen
-des Niltals, wie 4. Mose 5, 11 gesagt wird: „Wir gedenken der Fische,
-die wir in Ägypten umsonst aßen, und der Aggurmelonen, Wassermelonen
-(~battichim~, von Luther irrtümlich mit Pfeben, d. h. Kürbisse
-übersetzt), Lauch, Zwiebeln und Knoblauch.“ Diese alle wurden im
-Niltal in Menge gepflanzt und von den Ägyptern gerne gegessen, wenn
-wir auch, wie Wildemann zuerst schlagend nachwies, von der Wahrheit
-der Herodotschen Angabe abstrahieren müssen, wonach beim Bau der
-großen Pyramide des Cheops (um 2900 v. Chr.), wie auf derselben noch
-zu seiner Zeit mit Hieroglyphen soll verzeichnet gewesen sein, allein
-für die Rettich-, Zwiebel- und Knoblauchkost der Fronarbeiter 1600
-Silbertalente, d. h. über 7,5 Millionen Mark aufgewendet worden seien.
-
-Schon zur Zeit der ältesten ägyptischen Dynastie, die mit der
-Thronbesteigung des Menes 3400 v. Chr. beginnt, waren die Zwiebeln und
-Knoblauch im Pharaonenlande viel kultivierte Pflanzen, deren große
-Wertschätzung als gesunde, schmackhafte Speise die ihr im ganzen Lande
-gespendete Verehrung genugsam erklärt. Zwiebeln in überreicher Menge
-gehörten in Ägypten zu den gebräuchlichsten Opfergaben. So finden wir
-sie -- altägyptisch ~hudsch~ und ~badschar~ genannt, welch letzteres
-mit dem hebräischen ~besel~ (Plural ~besalim~) zusammenhängt, aus
-welch letzterem sich dann das arabische ~basal~ bildete -- mit dem
-nicht minder geschätzten Knoblauch, altägyptisch ~schagin~, und der
-Schalotte auf den Darstellungen an den Wänden der Totenkammern schon
-des alten Reiches, teils in Füllhörnern steckend, teils in Bündeln
-frei auf den Opfertischen liegend, teils zu glockenartigen Gebilden
-zusammengebunden, sehr deutlich abgebildet. Die Zwiebeln in solcher
-Glockenform den Göttern zu spenden war vielleicht ein Vorrecht der
-durch das Tragen des Leopardenfells ausgezeichneten Priesterkaste.
-Einen solchen opfernden Priester erblicken wir auf einem Grabgemälde
-des mittleren Reiches in der Totenstadt Theben. Derselbe hält in
-seiner linken das Weihrauchbecken und bringt mit seiner Rechten das
-Trankopfer dar, indem er aus einem Gefäße geweihten Wein auf die unter
-der Zwiebelglocke liegenden Früchte spendet. Der Genuß von Zwiebeln
-und Knoblauch war zwar den Priestern selbst verboten, weil sie, wie
-der griechische Schriftsteller Plutarch (50-120 n. Chr.) meint, den
-Durst reizen. Als eigene Erklärung der Priester führt Plutarch dagegen
-an, daß die Enthaltung vom Genusse der Zwiebelgewächse deshalb bei
-ihnen geschehe, weil die Pflanze bei abnehmendem Monde wachse. Seiner
-persönlichen Meinung gibt er Ausdruck, indem er hinzufügt: „In der
-Tat schickt sich die Zwiebel weder für fastende Büßer, noch für die,
-welche fröhliche Feste begehen: den ersteren erweckt sie Begierden und
-den letzteren lockt sie Tränen ins Auge“. Doch galten die Zwiebeln wie
-die übrigen Lauchgewächse den Alten als gesunde Speise und heilsam,
-weil sie, wie Plinius erklärt, „die Verdauung befördern und Winde in
-Bewegung setzen“. Dieser Autor kennt die Zwiebel ausschließlich als
-Kulturgewächs; denn er sagt ausdrücklich in seiner Naturgeschichte:
-„Wilde Zwiebeln gibt es nicht.“ Wie in Assyrien, Babylonien und ganz
-Vorderasien wurden die Zwiebeln in verschiedenen Kulturrassen seit
-den ältesten nachweisbaren Zeiten auch in Ägypten kultiviert und vom
-Volke roh und gekocht in Menge gegessen. In einem Grabe des mittleren
-Reiches in der Totenstadt von Theben finden wir auf einem Gemälde
-die Zwiebelernte geschildert. Ein Gärtner zieht diese ansehnlichen
-Knollengewächse aus den quadratischen Gemüsebeeten, in denen sie
-kultiviert wurden, aus, um sie zu je vieren in Bündel zu binden. So
-brachte man sie in Körben auf den Markt. Auf einem Relief in Sakkara
-trägt eine, vermutlich aus dem Gemüsegarten heimkehrende dienende Frau
-einen Korb mit Artischocken auf dem Kopfe und drei sehr langblättrige
-Zwiebeln über die Schulter geschlagen.
-
-[Illustration: Bild 17.
-
-Zwiebeln (~Allium cepa~) als Opfergaben. Nach einem altägyptischen
-Gemälde in Beni Hassan. (Aus Lepsius, Denkmäler.)]
-
-Diese ägyptischen Zwiebel- und Knoblaucharten, die heute noch in Menge
-im Niltal wie im ganzen Morgenland gegessen werden, halten keinen
-Vergleich mit den unsrigen, viel schärfer beißenden aus, so daß wir
-sehr wohl die Sehnsucht der in der Wüste hungernden und durstenden
-Juden nach dieser schmackhaften, saftigen Speise begreifen können.
-Wie vor Jahrtausenden kommen sie noch jetzt in Menge auf den Markt
-und können um geringes Geld selbst von den Ärmsten gekauft werden, um
-als meist roh genossene Zukost zum Brote zu dienen. Die ägyptischen
-Zwiebeln sind schneeweiß, besitzen namentlich jung äußerst zarte
-Häute, sind ungemein mild und besitzen durchaus nicht die Schärfe und
-den beißenden Geschmack, der unsere Zwiebelarten kennzeichnet. Auch
-der dortige Knoblauch ist sehr mild schmeckend. Schon Plinius rühmt
-den lieblichen, süßen Geschmack, den er in Ägypten und Palästina
-besitze. Wie die Zwiebel fand er bei den alten Ägyptern in zahlreichen
-Krankheitsfällen, selbst bei Zahnschmerzen, Verwendung.
-
-[Illustration: Bild 18.
-
-Gärtner, Zwiebeln zu Bündeln bindend. Nach einem altägyptischen Gemälde
-in Beni Hassan. (Aus Lepsius, Denkmäler.)]
-
-Auch in späterer Zeit waren die Zwiebelgewächse in Vorderasien
-höchst wichtige und beliebte Gemüse. So wird uns von griechischen
-Schriftstellern berichtet, daß am persischen Hofe in Susa der Verbrauch
-von Zwiebeln und Knoblauch an der Tafel des Großkönigs und seines
-Gesindes ein gewaltiger war. So soll außer Kümmel, Silphion und anderen
-Würzen ein Talent Gewicht (26,2 kg) Knoblauch und ein halbes Talent
-Zwiebeln, letztere von der scharfen Art, als tägliches Bedürfnis
-des Hofes angesetzt gewesen sein. Das hohe Alter der Zwiebeln als
-Würzmittel bei den Völkern am Mittelmeer wird auch durch Homer bezeugt,
-der sie schon unter dem Namen ~krómmyon~ kennt. In der Ilias heißen
-sie Beiessen zum Mischtrank, den die schönlockige Hekamede dem durstig
-aus der Schlacht heimgekehrten Nestor bereitet, und dieser Held läßt
-(im 11. Gesange) seinen Gästen einen Tisch vorsetzen, auf dem sich
-neben frischem Honig und Brot „aus heiligem Mehl“ eine eherne Schüssel
-mit Zwiebeln (~krómmyon~) befand, „die zum Trunke trefflich munden“.
-Dabei stand ein mit Wein gefüllter Krug, in welchen noch Ziegenkäse auf
-einem Reibeisen gerieben und weißes Mehl darein gestreut war. In der
-Odyssee trägt der weit gereiste Odysseus eine prächtige Tunika „fein
-wie das Häutchen um die trockene Zwiebel“. Ebenso alt oder vielleicht
-noch älter als diese homerischen Stellen ist vermutlich der Name einer
-einst megarischen Ortschaft Krommyon, der jedenfalls von der dort in
-besonderer Menge oder Güte angebauten Zwiebel abzuleiten ist. In ganz
-Griechenland, wie später in Italien, waren die Zwiebelgewächse eine
-sehr beliebte Volksnahrung; aber mit der steigenden Bildung schlug
-bei den höheren Ständen die Vorliebe dafür in ihr Gegenteil um, und
-Zwiebel- und Knoblauchgeruch verriet den Mann aus dem niedrigen
-Volke. Wie der Lustspieldichter Aristophanes (455-387 v. Chr.) das
-bäuerliche Zwiebelessen geißelt, so verwünscht der feinfühlende Horaz
-(65-8 v. Chr.) den Knoblauch, den man künftig Verbrechern statt des
-Schierlings geben möge! Vermöge ihres durchdringenden Geruches und
-scharfen Geschmackes schrieb man den Zwiebelgewächsen im allgemeinen
-auch abergläubische Heilkraft zu, besonders die Fähigkeit, bösen Zauber
-zu brechen. Schon in der Odyssee wird die von den Menschen schwer,
-von den Göttern aber leicht zu grabende Pflanze ~móly~ mit schwarzer
-Knollenwurzel und milchweißer Blüte erwähnt, die dem Odysseus von
-Hermes zum Schutze gegen den Zauber der Kirke gegeben wurde. Damit ist
-jedenfalls ~Allium nigrum~ gemeint.
-
-Die +Sommerzwiebel+ oder +gemeine Zwiebel+ (~Allium cepa~) ist in
-wildem Zustande nicht mehr bekannt; doch sind neuerdings durch kleinere
-Dolden ausgezeichnete Wildlinge in Zentralasien gefunden worden,
-die mit der Stammpflanze sehr nahe verwandt, ja vielleicht mit ihr
-identisch sein dürften. Jedenfalls ist das innere Asien ihre Heimat,
-von wo sie sich schon früh allseitig verbreitete. So wird sie im
-Chinesischen durch einen einzigen Buchstaben (~tsung~) bezeichnet,
-was nach Bretschneider auf ein sehr altes Vorkommen bei jenem Volke
-hinweist und sehr wahrscheinlich macht, daß diese Pflanze in den einst
-von ihnen vor ihrer im 3. Jahrtausend v. Chr. vor sich gegangenen
-Wanderung nach Osten innegehabten Ursitzen in Oasen am Südrande des
-Tarimbeckens zwischen Chotan und Lop-nor einheimisch war. Das Sanskrit
-kennt für die Zwiebel die drei Namen: ~palandu~, ~latarka~ und
-~sukandaka~, was auf Invasion der Würzpflanze auf verschiedenen Wegen
-nach Altindien spricht. Wie von alters her wird die Zwiebel heute noch
-in ganz Asien in zahlreichen Varietäten mit runden, plattrunden oder
-birnförmigen Knollen angepflanzt. In bezug auf Geschmack gibt es alle
-Abschattierungen von sehr scharfen bis ganz milden Sorten. Schon bei
-den Mittelmeervölkern des Altertums wurden milde, süße und scharfe,
-herbe Zwiebeln unterschieden. Erstere, die noch jetzt hauptsächlich
-im Orient gezogen werden, lassen sich gut roh essen ohne irgendwie
-die Tränendrüsen zu reizen. Sie dienten auch den Kulturvölkern am
-Mittelmeer vorzugsweise als Volksnahrungsmittel, das bei den Griechen
-und Römern in besonderen Abteilungen des Gemüsegartens, bei ersteren
-~krommyónes~ (vom griechischen ~krómmyon~, Zwiebel), bei letzteren
-~cepinae~ (vom lateinischen ~cepa~, Zwiebel) genannt, gepflanzt
-wurde. Besondere fliegende Händler (griechisch ~krommyopóles~,
-lateinisch ~ceparii~) boten in den Straßen der Städte diese Ware feil
-und fanden guten Absatz. Schon der pflanzenkundige Theophrast im 4.
-vorchristlichen Jahrhundert unterschied mehrere Zwiebelarten, die er
-wie seine Zeitgenossen nach den Orten, von wo aus sie in den Handel
-kamen, benannte, so sardische, knidische, samothrakische, sethamische
-und askalonische Zwiebeln. Nach ihm war besonders die Insel Kimolos,
-nördlich von Melos, das uns die berühmte Venus von Milo im Louvre in
-Paris bescherte, durch ihre Zwiebelkulturen berühmt und erhielt daher
-den Beinamen ~Krommyúsa~, d. h. Zwiebelinsel.
-
-Nicht minder beliebt als in Griechenland waren die Zwiebeln auf
-der italischen Halbinsel, wo die Römer ausgedehnte Zwiebelgärten
-besaßen. Als geschätzte Speise siedelten sie dieses Küchengemüse
-auch in ihren Provinzen an. So brachten sie die Zwiebel als ~cepa~
-zu Beginn der christlichen Zeitrechnung auch in die Länder nördlich
-der Alpen, speziell Germanien. Hier wurde sie aber erst zu Beginn des
-Mittelalters beim Volke gebräuchlicher unter dem Namen Zwiebel oder
-Bolle, was beides aus dem spätlateinischen ~cepulla~ (Diminutivum
-von ~cepa~), wie das italienische ~cipolla~, entstand. Allerdings
-schätzten die Deutschen dieses Gewächs viel weniger als die Romaioi im
-oströmischen Reiche, bei denen beispielsweise an der kaiserlichen Tafel
-in Byzanz der Zwiebelverbrauch so stark war, daß der langobardische
-Bischof Liudprand von Cremona in Oberitalien, der Gesandte des
-Deutschen Kaisers Ottos des Großen am Hofe Königs Nikephoros II.
-(963-969), sich daran stieß. „Der Beherrscher der Griechen“, sagt er
-in seinem Gesandtschaftsbericht vom Jahre 968, „trägt langes Haar,
-Schleppkleider, weite Ärmel und eine Weiberhaube..., nährt sich von
-Knoblauch, Zwiebeln und Lauch und säuft Badewasser (d. h. mit Wasser
-verdünnten resinierten, d. h. geharzten Wein)“. Und ein anderes Mal:
-„Er befahl mir zu seiner Mahlzeit zu kommen, die tüchtig nach Zwiebeln
-und Knoblauch duftete und mit (Oliven-) Öl und Fischlake besudelt
-war.“ Um dieselbe Zeit machte freilich ein Morgenländer, der Araber
-Ibn Hauqual, der die Hauptstadt von Sizilien, Palermo, besuchte, den
-Einwohnern dieser Stadt den Vorwurf, daß sie morgens und abends rohe
-Zwiebeln äßen, wodurch ihr Gehirn verstört und ihre Sinne abgestumpft
-würden. Man sehe das an ihrem Benehmen und an ihrem Aussehen. Sie
-trinken lieber stehendes als laufendes Wasser, scheuen sich vor keiner
-stinkenden Speise, sind schmutzig am Leibe, ihre Häuser sind unrein, in
-den prächtigsten Wohnungen laufen die Hühner herum usw.
-
-Auch im Abendland werden eine Menge von Kulturvarietäten der Zwiebel
-angepflanzt. Die bemerkenswertesten darunter sind die gewaltig
-große, rötliche bis weiße, fast kugelige Madeirazwiebel von mildem,
-süßem Geschmack, aber im Winter nicht haltbar und nur in wärmeren
-Gegenden ihre volle Größe erreichend, und die leider ebenfalls nicht
-haltbare Bellegarde von ovaler Form, oft von 50 cm Umfang und 1,5 kg
-Gewicht, mit feinem, süßem Fleisch. In der ganzen Kulturwelt werden
-die Zwiebeln als Küchengewürz benutzt, in Süd- und Osteuropa dagegen
-roh oder geröstet wie Obst oder Gemüse gegessen. Sie enthalten ein
-schwefelhaltiges ätherisches Öl und wirken dadurch in Übermaß reizend
-auf den Magen, erzeugen übelriechende Atmung und Ausdünstung. Die
-Vermehrung geschieht durch die sogenannten Steckzwiebeln, kleine
-Zwiebelchen, die sich nach der Aussaat im ersten Jahre bilden und, im
-zweiten Jahre ausgesetzt, die küchenfähige Zwiebel liefern. In Essig
-eingemacht kommen sie unter dem Namen Perlzwiebeln in den Handel.
-
-Im ganzen milder als diese zweijährige gemeine oder Sommerzwiebel
-schmeckt die ausdauernde +Winterzwiebel+ oder der +Röhrenlauch+
-(~Allium fistulosum~) mit mehreren länglichen, nebeneinander stehenden
-Zwiebeln, sonst der vorigen ähnlich. Sie stammt aus dem südlichen
-Sibirien, vom Altai bis nach Daurien, und kam erst am Ausgang des
-Mittelalters über Rußland nach Europa. Im 16. Jahrhundert gab Dodoens
-eine wenig kenntliche Abbildung von ihr. Weil sie sich sehr stark
-vermehrt und winters im freien Lande aushält, wird sie in Gärten häufig
-kultiviert; doch benutzt man meist nur die Blätter als Küchengewürz und
-zum Füttern von jungen Truthühnern.
-
-Die +Schalotte+ (~Allium ascalonicum~) -- deutsch auch Aschlauch -- hat
-ihren Namen von der Stadt Ascalon, wo sie früher viel gebaut wurde und
-von wo aus sie durch Kreuzritter nach Europa gebracht wurde. Sie wird
-nirgends mehr wild gefunden und scheint eine mit der gemeinen Zwiebel
-verwandte Form zu sein, die schon im Altertum in Syrien, Palästina
-und Kleinasien gepflanzt wurde. Die vorderasiatischen Semiten waren
-von jeher wie heute noch die Juden große Zwiebelfreunde und pflanzten
-und aßen sie in Menge. Ammianus Marcellinus erzählt uns aus dem Leben
-des Kaisers Marcus Aurelius, daß, als er auf einer Reise nach Ägypten
-im Jahre 175 n. Chr. durch Palästina kam, ihm der Gestank und Lärm
-der Juden so lästig wurde, daß er schmerzlich ausgerufen haben soll:
-„O Markomannen, Quaden und Sarmaten (es sind dies Stämme, die er vor
-kurzem besiegt hatte), habe ich doch noch schlimmere Leute als ihr
-seid gefunden!“ -- Noch heute werden die Zwiebelgewächse von den
-Israeliten, wie auch von den Orientalen und Russen sehr geschätzt. Die
-Schalotten haben pfriemenförmige und nicht aufgeblasene Blätter wie die
-vorigen, sind ausdauernd und werden, da bei uns der Same nicht reift,
-durch Brutzwiebeln fortgepflanzt. Die Zwiebeln mit äußeren braungelben
-und inneren violetten Hüllen schmecken milder und feiner als die
-gewöhnlichen Zwiebeln und werden als besseres Küchengewürz benutzt. Um
-sie ein Jahr lang zu erhalten, dörrt man sie über dem Ofen.
-
-Der +Porree+ oder die +Welschzwiebel+ (~Allium porrum~) mit weißer,
-rundlicher Zwiebel, fast ohne Nebenzwiebeln und hellpurpurroten,
-statt wie bei der Schalotte violetten Blüten, ist eine Kulturform
-des im Mittelmeer heimischen ~Allium ampeloprasum~, welche Art als
-Sommerporree gepflanzt wird und pikanter als der gemeine Porree
-schmeckt. Wie Zwiebeln und Knoblauch wurde der Porree schon im Altertum
-in Gärten kultiviert und besonders im Orient sehr geschätzt. Die alten
-Ägypter nannten ihn edsche und auch im Alten Testament wird er mehrfach
-erwähnt. Bei den Griechen hieß er ~prasiás~, bei den Römern dagegen
-~porrum~ und hatte nach Plinius bei letzteren besonders dadurch ein
-hohes Ansehen erlangt, daß ihn Kaiser Nero seiner Stimme wegen in jedem
-Monat an bestimmten Tagen mit Öl aß und dabei gar nichts anderes, nicht
-einmal Brot, genoß. Derselbe Autor meldet, daß der römische Ritter
-Mela, als er wegen schlechter Verwaltung seiner Provinz vor den Kaiser
-Tiberius gefordert wurde, sich in der Verzweiflung damit vergiftete,
-daß er soviel Porreesaft trank als drei Silberdenare wiegen. Er sei
-dann auf der Stelle und ohne Schmerzen gestorben. Sonst galt der Porree
-den Alten -- nach Dioskurides am besten gekocht, wobei das Wasser
-zweimal abgegossen wurde, und dann in kaltes Wasser gelegt -- als
-schleimlösendes Mittel bei Husten und wurde nach Columella, mit Öl und
-Gersten- oder Weizenmehl vermischt, zu demselben Zwecke dem Rindvieh
-gegeben. Der bissige Epigrammendichter Martial (40-120 n. Chr.), der
-aus seiner spanischen Heimatstadt Bilbilis zur Zeit Neros nach Rom
-kam und Schmeichler und Günstling der auf jenen folgenden Kaiser war,
-rät einem Freunde: „Hast du stinkenden Porree gegessen, so schließe
-wenigstens den Mund, wenn du jemand küssen willst.“
-
-Wichtiger als er ist der +Knoblauch+ (~Allium sativum~), der in
-der Dsungarei in Zentralasien heimisch ist und, wie wir bereits
-feststellten, schon bei den ältesten Babyloniern und Ägyptern
-gepflanzt wurde. Er ist ausdauernd, hat breitlineale, flache Blätter
-und eine Blütendolde, in der zwischen zahlreichen Zwiebelchen wenige
-weißlichrosenrote Blüten stehen, die keinen Samen entwickeln. Er
-kommt bei uns verwildert vor und wird wie die vorigen am besten in
-sandigem Boden kultiviert. Mit den Zwiebeln wurde er schon im hohen
-Altertume bei den alten Kulturvölkern Vorderasiens und in Ägypten
-angebaut. Im Sanskrit hieß er ~mahuschuda~, bei den Juden ~schumin~,
-bei den Griechen ~skórodon~, bei den Römern ~allium~, das dann in
-die verschiedenen Sprachen lateinischen Ursprungs überging, z. B.
-italienisch ~aglio~, französisch ~ail~. Die Mitteleuropäer kannten ihn
-schon bevor die Römer ihre Kultur über die Alpen brachten. Lauch ist
-ein gemeingermanisches Wort, das vornehmlich Knoblauch bezeichnet,
-der den Germanenstämmen eine beliebte Würze bildete. Beklagt sich
-doch schon der byzantinische Gesandte Sidonius Apollinaris über den
-üblen Geruch des germanischen Volkes der Burgunder vom vielen Lauch-
-und Zwiebelnessen. Nach Plinius wurde er viel als Arznei angewandt,
-besonders auf dem Lande. Esse man ihn ungekocht, so gebe er dem Atem
-einen sehr unangenehmen Geruch. Der Schriftsteller Menandros behaupte
-zwar, man könne dem Munde den Knoblauchgeruch nehmen, wenn man
-geröstete Runkelrüben hernach kaue. Um ihn und die Küchenzwiebel lange
-aufzubewahren, befeuchte man sie mit lauem Salzwasser oder hänge sie
-eine Zeitlang zum Dörren über glühenden Kohlen auf; manche höben den
-Knoblauch auch in Spreu auf. Auf den Feldern wachse wilder Knoblauch,
-den man ~alum~ nenne. Man koche ihn und werfe ihn aus, wo Vögel der
-Saat Schaden zufügen; diejenigen, welche davon fräßen, würden alsbald
-betäubt, so daß man sie mit Händen greifen und unschädlich machen könne.
-
-Schon im Altertum aß das gemeine Volk in den Mittelmeerländern wie
-noch heute gern den Knoblauch, der bei den Griechen und Römern
-in besonderen, griechisch ~skorodṓnes~, lateinisch ~alliinae~
-genannten Abteilungen des Gemüsegartens gepflanzt und durch ambulante
-Knoblauchhändler (griechisch ~skorodopṓles~, lateinisch ~alliarii~)
-verkauft wurde. Noch in unseren Tagen lebt der arme Grieche oft
-wochenlang vom Genusse des Knoblauchs. Die Geizigen gaben ihren
-Sklaven Knoblauch zu essen, wie uns die Schriftsteller mehrfach
-berichten, und eine ~skorodálmē~ genannte Brühe aus Knoblauch und Salz
-gehörte zu den altgriechischen Volksgerichten. So beliebt er aber
-beim ungebildeten, armen Volke war, so sehr wurde er wegen seines
-starken Duftes von den gebildeten, vornehmen Kreisen verabscheut und
-sein Geruch von ihnen durchaus verpönt. ~Allium olet~, der Knoblauch
-stinkt, war eine Redensart, mit der ihn diese Kreise besonders im
-reichen Rom abweisend kennzeichneten. In einer Komödie des lateinischen
-Dichters Plautus (254-184 v. Chr.) wird ein Mann aus dem Volke mit
-dem Ausruf angeschnauzt: „Mensch, schere dich zum Teufel, du stinkst
-nach Knoblauch!“ Und Marcus Terentius Varro, der fruchtbarste und
-bedeutendste Gelehrte Roms (116-27 v. Chr.) sagt in einer seiner
-Schriften: „Unsere Väter und Urgroßväter waren recht brave Leute,
-obgleich ihre Worte einen derben Knoblauch- und Zwiebelgeruch hatten.“
-Feinfühlige Römer der späteren Zeit entsetzten sich ob dieses
-plebejischen Genußmittels; so läßt der Dichter Horaz (65-8 v. Chr.)
-in einer seiner Epoden seinen Gönner Maecenas, den Freund des Kaisers
-Augustus, der ihm sein Landgut Sabinum schenkte, wissen: „Du hast
-mich, mein verehrter Gönner, Maecenas, mit einem Futter bewirtet, das
-giftiger ist als Schierling und tödlicher als Vipernblut; du hast
-mir Knoblauch zu essen gegeben, dieses Teufelszeug, das die harten
-Eingeweide der Schnitter vielleicht verdauen können, das aber in
-meinem Leibe wie ein wütendes Ungeheuer tobt, dieses Teufelsgift, mit
-dem Medea einst den Jason so gräßlich beschmierte, daß selbst die
-feuerschnaubenden Stiere sich nicht an ihn wagten. Wart, verehrter
-Gönner, wenn du dir wieder so ein Knoblauchspäßchen mit mir erlaubst,
-so werde ich meinerseits dir alles mögliche Unheil an den Hals
-wünschen.“
-
-Heute sind nur noch die Juden, wie auch die Russen und Türken besondere
-Freunde des Knoblauchs, der sonst wegen seiner widerwärtigen, lange
-anhaltenden Ausdünstung auch bei den Kulturvölkern des Abendlandes in
-Verruf erklärt ist. Er wird in verschiedenen Varietäten kultiviert,
-von denen der spanische Lauch und der Schlangenlauch die feinsten
-sind. Letzterer liefert die Perlzwiebeln oder Rockambolen (aus
-dem italienischen ~rocambole~), die stets nur durch Zwiebelbrut
-fortgepflanzt werden können. Wie der Knoblauch wird auch der in
-Südeuropa wild wachsende +Sandlauch+ (~Allium scorodoprasum~)
-kultiviert und als Küchengewürz verwendet. Die Italiener nennen
-ihn ~agliporro~. Der auch von uns vielfach benutzte +Schnittlauch+
-(~Allium schoenoprasum~) mit kleinen, weißen, länglichen, in Büscheln
-beisammenstehenden Zwiebeln, einen Rasen bildenden hohlen Blättern
-und wenig höheren Blütenschäften von rotvioletten Blüten wächst auf
-Gebirgswiesen in ganz Europa bis nach dem südlichen Schweden, in
-Sibirien bis nach Kamtschatka und auch in Nordamerika, da aber nur in
-der Nähe der kanadischen Seen. Nach De Candolle steht die in den Alpen
-vorkommende Form der angebauten am nächsten. Von den Alten wurde sie
-nicht angepflanzt, höchstens etwa auf freiem Felde gesammelt und als
-Medizin oder Küchengewürz verwendet. Erst im Mittelalter wurde sie zur
-Kulturpflanze erhoben und wird heute auch in Norditalien als ~erba
-cipollina~ gezogen. Die kleinen, dichtgedrängten Zwiebelchen setzen
-einen umfangreichen Wurzelstock zusammen, dessen röhrenförmige Blätter
-man wegen ihres angenehm würzigen Geschmacks abschneidet, um sie als
-Würze in die Suppe zu tun oder dem Salat beizufügen. Nicht zu tief
-abgeschnitten, wachsen sie bald wieder nach und bilden daher ein sehr
-dankbares Gartengewächs.
-
-Schon von den alten Ägyptern, Griechen und Römern wurde der ~Spargel~
-(~Asparagus officinalis~) als geschätzte Gemüsepflanze gezogen. Diese
-Pflanze, die von Spanien bis zur Dsungarei und vom Mittelmeer bis
-Norwegen besonders an Flußufern wild wächst, treibt im Frühjahr aus
-dem Wurzelstock fleischige, saftige, weißliche oder blaßrote bis
-grünliche Sprosse, Pfeifen genannt. Diese verlängern sich über der Erde
-in den reich verzweigten, grünen, bis 1,5 m hohen glatten Stengel,
-an welchem im Herbste zahlreiche rote Beeren erscheinen. Nachdem
-man anfänglich nur die saftigen Sprosse des wildwachsenden Spargels
-gesammelt, wurde diese Pflanze früh aus der Wildnis in die Gärten
-übernommen und durch Kultur veredelt. Dabei suchte man auf künstlichem
-Wege durch Behäufeln mit Erde oder tiefes Setzen der Pflanzen die so
-bleich bleibenden jungen Sproßspitzen möglichst lang und fleischig zu
-erhalten und stach sie mit eigenen Spaten ab, sobald sie die Oberfläche
-des Bodens erreichten. So treffen wir den Kulturspargel bereits unter
-den Opfergaben im Grabe der Stufenpyramide von Sakkara aus der 5.
-Dynastie (2750-2625 v. Chr.) abgebildet. Da liegen auf einem Tische
-neben Feigen, Flaschenkürbissen und länglichen gerippten Aggurmelonen
-dreifach gebundene Spargelbündel, damit der Verstorbene, der sie
-im Leben gern aß, auch im Tode nicht entbehre. Auf einer anderen
-Darstellung sind sogar die Blattschüppchen des sonst blattgrünfreien,
-weißen Sprosses mit hellgrüner Farbe angedeutet.
-
-[Illustration: Bild 19. Ägyptische Opfergaben.
-
-Seitlich links und rechts oben und unten Flaschenkürbisse (~Lagenaria
-vulgaris~), zwischen den beiden oberen eine Aggurmelone (~Cucumis
-chate~); darüber ein Bündel Spargeln.
-
-(Nach Woenig.)]
-
-Bei den Griechen hieß der Spargel ~aspáragos~, d. h. der nicht
-Gesäte, weil man ihn damals schon durch Stecklinge in den Gärten
-fortpflanzte. Das ungebildete Volk in Griechenland glaubte nach dem
-Berichte des Dioskurides durch Tragen eines Spargelsprosses als Amulett
-unerwünschten Kindersegen fernhalten zu können; auch wurde er bei
-mancherlei Krankheit als Heilmittel eingenommen. In seiner Schrift über
-den Landbau gibt uns der ältere Cato (234-149 v. Chr.) ausführliche
-Mitteilungen über seinen Anbau und rät als besten Dung für ihn den
-Schafmist, da anderer Mist Unkraut erzeuge. Daß er so eingehend
-über ihn spricht, beweist, daß diese von den wohllebenden Griechen
-Unteritaliens eingeführte Kultur damals bei den Römern noch neu war.
-Noch um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts wurde nach Plinius
-und Columella der wildwachsende Spargel, weil als Arznei wirksamer
-als der gezähmte, gesammelt. Plinius sagt, den Spargel (~corruda~)
-lasse die Natur wild wachsen, damit ihn jeder nach Belieben stechen
-könne; jetzt aber stelle man künstlich gezogenen Spargel (~asparagus~)
-zur Schau, von welchem der in Ravenna gezogene „gemästete“ so dick
-werde, daß drei Stück zusammen ein Pfund wiegen (was für das Stück
-115 g ausmacht). Sein Genuß solle dem Magen wohltun; auch genieße
-man ihn bei Bauchweh mit einem Zusatz von römischem oder Kreuzkümmel
-(~cuminum~), oder koche ihn mit Wein. Suetonius berichtet uns, daß der
-Kaiser Augustus, wenn er sagen wollte, es müsse etwas schnell fertig
-werden, er den Ausdruck zu gebrauchen pflegte: „schneller als Spargel
-beim Kochen gar wird“. Wie diese Spargeln der Römer ausgesehen haben,
-das lehren uns verschiedene Küchengegenstände darstellende Wandgemälde
-in Pompeji, auf denen man solche in Bündel zusammengebunden neben
-Zwiebeln, Rettichen, Rüben und einer Art kleiner Kürbisse abgebildet
-findet. In Böotien pflegten einst Neuvermählte mit Kränzen aus
-Spargelkraut geschmückt zu werden, wohl um anzudeuten, daß das Rohe
-durch Kultur verfeinert werde, wie die Ehe und die Familie die Sitten
-der Völker veredle.
-
-Wie schon das aus dem lateinischen ~asparagus~ abgeleitete Wort Spargel
-beweist, haben die Römer den Spargelbau nach Gallien und Germanien
-gebracht. Aber wegen seiner anspruchsvollen Kultur konnte er hier kein
-allgemein gebräuchliches Gemüse werden, sondern blieb ein Luxusgemüse
-der Vornehmen. Erst im 10. Jahrhundert hören wir überhaupt wieder etwas
-vom Anbau des Edelspargels in Mitteleuropa. Doch begann er erst im 16.
-Jahrhundert hier als Leckerei aufzukommen. So schreibt der deutsche
-Geistliche Hieronymus Bock (nach der damaligen Sitte der Gelehrten in
-Tragus latinisiert, 1498 bis 1554) in seinem 1539 erschienenen „New
-Kreutterbuch“ vom Spargel als eines „gemeinen Sallats (einer mit Salz
-angemachten Speise) der Walen (Welschen) und Hispanier, der nunmehr
-auch, wie andere Leckerbißlein ins Teutschland kommen ist, ein lieblich
-Speis für die Leckermäuler“. Sein Schüler Tabernaemontanus (nach
-seinem Geburtsort Bergzabern so genannt, starb 1590 als Leibarzt des
-Pfalzgrafen Johann Kasimir bei Rhein in Heidelberg) gibt in seinem erst
-nach seinem Tode 1613 herausgegebenen Kräuterbuch, auf Cato gestützt,
-Kulturanweisungen des Spargels, von dem er berichtet, daß er „im
-Rheingau bei Weynhagen um denen feuchten Wiesen so überflüssig gezogen
-wurde, datz mann ihn zur Spais genugsam bekommen könnte“. Er schreibt
-seinem Genusse heilkräftige Wirkung auf die Nieren zu und beruft
-sich dabei als Gewährsmann auf Serenus Sammonicus, den Leibarzt des
-römischen Kaisers Caracalla (Sohn des Septimius Severus, bestieg 211
-23jährig mit seinem Bruder Geta, den er im Jahre darauf ermorden ließ,
-den Thron und wurde 217 auf Anstiften des Macrinus bei Edessa selbst
-ermordet), der Spargelköpfe in Wein bei Erkrankung der Nieren empfohlen
-habe. Weil sie harntreibend wirken empfahl sie auch der Arzt Becher
-1663 in seinem ~Parnassus medicinae~ als Stärkungsmittel der Nieren,
-das sich auch für Leber und Milz nützlich erweise.
-
-Erst in der Neuzeit hat der Spargel als geschätztes feineres Gemüse in
-weiteren Kreisen Verbreitung gefunden, und zwar nahmen zuerst einige
-Städte am Mittellauf des Rheins, besonders Mainz, wo er heute noch
-sehr viel und in besonderer Güte gezogen wird, seine Kultur auf. Von
-da an drang sein Anbau ostwärts durch ganz Deutschland, so daß er hier
-heute überall auch auf den Tisch der bürgerlichen Kreise gelangt,
-während er früher nur den Vornehmen erreichbar war. Er wird in großen
-Plantagen in mehreren Varietäten gepflanzt, und zwar am ausgedehntesten
-um Braunschweig, Erfurt, Berlin, Lübeck, Ulm und Argenteuil bei
-Paris, wo teilweise auch Riesenformen, die denjenigen von Ravenna in
-römischer Zeit durchaus ebenbürtig sind, gezogen werden. Um Erfurt
-herum sind weit über 2000 ha Land der Spargelkultur gewidmet. Da nun
-ein Hektar durchschnittlich mit 25000 Pflanzen besetzt ist, von denen
-jede einzelne ¼–½ kg Stangen liefert, so kann man sich einigermaßen
-vorstellen, um welche Mengen dieses zarten, wohlschmeckenden Gemüses es
-sich hier handelt. Dabei bezahlt der Importeur genannte Zwischenhändler
-25-50 Mark, später wohl auch nur 15 Mark für 50 kg. Und er verkauft
-sie wieder zu einem solchen Preise, daß auch der Minderbemittelte sich
-gelegentlich diesen Leckerbissen verschaffen kann.
-
-Ein lockerer, durchlässiger, gut gedüngter Boden eignet sich am besten
-zur Spargelkultur. Das Saatgut wird in Zwischenräumen von 30-35 cm
-gestreut, um den Wurzeln Spielraum zu lassen. Die Zwischenräume werden
-mit Kompost ausgefüllt. Nach 3-4 Wochen erscheinen die jungen Keime.
-Nun werden die Schwächlinge unter ihnen ausgerodet und nur die als
-„Klauen“ bezeichneten kräftigen Keimlinge, die starke Wurzeln ansetzen,
-weiter gepflegt und mit gelegentlichen Düngergüssen gespeist. Nach
-drei Jahren kann die erste, bescheidene Ernte gehalten werden, die
-bis 25 Jahre hindurch alle Frühjahre wiederholt wird, wenn aus den
-Klauen die „Pfeifen“ genannten jungen Sprosse ausbrechen und dem Lichte
-entgegenstreben. Beim wilden Spargel, der nur wenige Zentimeter unter
-der Erdoberfläche wurzelt, sind natürlich die Pfeifen dementsprechend
-kurz. Beim kultivierten jedoch sitzt die Wurzel tiefer in der Erde,
-auch wurde noch ein Erdhügel über sie geschichtet, der sich als Wall
--- denn eine Wurzel liegt neben der anderen in kurzen Abständen --
-lang hinzieht, so daß die ganze Plantage aus Wällen und dazwischen
-gelegenen Gräben besteht. So muß der junge Sproß erst einen langen Weg
-durch das Erdreich zurücklegen, ehe er das Licht der Sonne erblickt.
-Doch dazu läßt es der Züchter gar nicht kommen. Er sticht ihn ab,
-bevor er zutage tritt. Denn nur solange der Sproß in der Erde steckt,
-besitzt er eine zarte, weiße Farbe. Sobald die Sonne ihn trifft,
-wird er violett und grün. Darum gehen die Spargelstecher morgens vor
-Sonnenaufgang hinaus aufs Feld und spähen sorgsam nach den feinen
-Rissen im Boden, die bekunden, daß hier ein Sproß durchbrechen will.
-Dann graben sie ihn sorgfältig aus und schneiden oder brechen ihn
-dicht an der Klaue ab. Der gestochene Spargel wird dann gewaschen und
-in ausgemauerten Erdgruben aufbewahrt, wenn nicht gleich verpackt und
-auf den Markt gebracht. Statt wie früher nur einige Wochen, dauert
-die Stechzeit heute volle zwei Monate. Sehr viel Spargeln werden von
-den Konservenfabriken, von denen Braunschweig allein über 30 mit mehr
-als 3000 Arbeitern zählt, verarbeitet, indem sie, zuerst geschält und
-einige Minuten in Wasser gekocht, in Büchsen mit schwach gesalzenem
-Wasser übergossen, eingelötet und darin noch anderthalb Stunden in
-kochendes Wasser gelegt werden. So halten sie sich jahrelang und
-schmecken auch dem verwöhntesten Gaumen wie frische. So kann man sie
-das ganze Jahr über zu so billigem Preise kaufen, daß heute die noch
-in den 1870er Jahren mit großem Gewinn betriebene Spargeltreiberei in
-Mistbeeten zwecklos geworden ist und nur noch aus alter Gewohnheit von
-einigen Herrschaftsgärtnern betrieben wird.
-
-Die Spargelliebhaber, die ihn als Salat oder mit dicken Saucen
-vorziehen, sind in der Minderheit. Die meisten lieben das Gericht,
-wenn es in Salzwasser gekocht und mit brauner Butter übergossen wird,
-so wie es schon John Gray im 17. Jahrhundert seinen Landsleuten, den
-Engländern, empfahl: „Die Sprosse oder jungen Keime des Spargels,
-leicht gekocht und mit Butter angerichtet, empfehlen sich dem Gaumen
-durch köstlichen Geschmack und werden im Frühjahr unter den Speisen
-hochgeschätzt.“ Doch, wenn auch in der Zubereitung des Spargels die
-Ansichten zumeist ungeteilt sind, so gehen sie doch bei der Beurteilung
-der einzelnen Qualitäten wesentlich auseinander. Denn nicht alle Völker
-lieben gleich uns die weißen Spargelköpfe. In Frankreich, in Italien
-und auch in Süddeutschland bevorzugt man den Spargel, dessen Köpfe
-schon von der Sonne grün oder violett gefärbt wurden, da diese mehr
-Asparagin angesammelt haben und einen strengeren Geschmack besitzen.
-Neuerdings beginnen diese „französischen Spargelspitzen“, wie sie von
-Argenteuil aus in Menge nach Paris und den anderen großen Städten
-ausgeführt werden, sich auch bei uns einzubürgern.
-
-Bekanntlich verleiht der Spargel dem in größerer Menge abgesonderten
-Harn einen eigentümlichen, an Veilchen erinnernden Geruch. Das feine,
-zarte Laubwerk, aus welchem im Juli kleine, gelblichweiße Blüten
-hervorschauen, um im Herbst erbsengroße, rote Beeren hervorgehen zu
-lassen, dient zur Garnierung von Sträußen. Aus den kleinen, schwarzen
-Samen, die für den Spargelzüchter als Aussaatgut von Wert sind,
-wurde zur Zeit der von Napoleon I. im Jahre 1806 zur Schädigung des
-englischen Handels verhängten Kontinentalsperre ein Kaffeesurrogat
-hergestellt, das aber keinen besonders guten Geschmack gehabt haben
-muß; denn man ging rasch nach der Aufhebung der Sperre wieder zur
-anregenden Kaffeebohne zurück. Übrigens werden im Mittelmeergebiet auch
-die ersten zarten Triebe mehrerer anderer Arten wie diejenigen des
-gemeinen Spargels benutzt.
-
-Ein Genußmittel mehr der Reichen ist bei uns auch die +Artischocke+
-(~Cynara scolymus~), nach dem italienischen ~articiocco~ von uns so
-genannt. Dieses ausdauernde, 1 m hohe Distelgewächs mit violetten
-Blüten und großen, unterseits weißfilzigen Blättern stammt aus
-Nordafrika. Nach dem griechischen, um 200 n. Chr. in Alexandria
-lebenden Grammatiker Athenaios hatten die Soldaten des ägyptischen
-Königs Ptolemaios Euergetes I., der von 247-221 regierte, in Libyen
-eine Menge wilder ~kýnara~ gefunden und sich damit ernährt. Jener
-König, der ein Schüler des großen Philosophen Aristarch war, sagt im
-zweiten Buche seiner Schriften: „In der Gegend von Berenice in Libyen
-ist der Fluß Lethon, in dessen Umgebung die bunte Distel (~kínara~)
--- eine Art wilde Artischocke -- sehr häufig wächst. Alle Soldaten,
-die ich bei mir hatte, sammelten sie, reinigten sie von den Stacheln,
-verzehrten sie und boten auch mir davon an.“
-
-Schon im alten Ägypten wurde sie häufig angepflanzt und findet sich in
-der verschiedensten Weise an den Wänden der Grabkammern abgebildet.
-In seinem Buch über „die Pflanzen im alten Ägypten“ schreibt Franz
-Wönig: „Auf den Opfertischen, Fruchttabuletts und in den Gemüsekörben
-fehlt der längliche, runde Blütenkopf der Artischocke nur selten.
-Ich habe mir von altägyptischen Monumenten bisher 35 verschiedene
-Modifikationen derselben kopieren können. Sie tritt ebenso oft in der
-sorgsamsten Ausführung, wie im flüchtigen Umriß auf. Auf farbigen
-Darstellungen erscheint der Kopf der Artischocke dunkelgrün oder
-lebhaft grün koloriert; mehrfach sind auch die einzelnen Hüllblätter
-noch besonders umrandet.“ Auch sehr große Formen müssen bereits damals
-im Niltal gepflanzt worden sein, was uns des um 25 n. Chr. verstorbenen
-griechischen Geographen Strabon Mitteilung, daß die Artischocken in
-Maurusea (Nordafrika) zwölf Ellen hoch und zwei Handbreiten dick
-werden, einigermaßen begreiflich erscheinen läßt; denn unter günstigen
-Kulturbedingungen erreicht die Pflanze tatsächlich eine gewaltige Größe
-und Stärke.
-
-[Illustration: Bild 20. Artischockenformen von altägyptischen
-Wandmalereien. (Nach Woenig.)]
-
-Als ~skólymos~ kannten sie die Griechen und später als ~carduus~
-auch die Römer. Plinius nennt die Artischocke ausdrücklich eine
-Speisepflanze der orientalischen Völker. Und durch Vermittelung des
-Handels mit Ägypten muß dieses Gemüse auch zuerst nach Griechenland
-gelangt sein, wo es neben der schon früher von ihnen als Gemüse
-benutzten und ~kýnara~ genannten +bunten Distel+ (~Scolymus maculatus~)
-angepflanzt wurde. Daß diese Überführung der Artischocke von Ägypten
-nach Griechenland bereits vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert
-erfolgte, beweist jenes überaus anmutige Gedicht des im 8. Jahrhundert
-v. Chr. lebenden, aus Askra in Böotien gebürtigen griechischen Dichters
-Hesiod, worin es heißt: „Sobald die Zeit der Getreideernte da ist,
-wetze die Sicheln, wecke das Gesinde, verlaß die schattigen Sitze und
-den Morgenschlaf. Eile, die Getreidefrucht nach Hause zu schaffen,
-damit es dir nicht an Nahrung zum Lebensunterhalte fehle. Steh frühe
-auf! denn die Morgenröte nimmt nur ein Drittel der Arbeit in Anspruch.
-Die Morgenröte fördert jede Arbeit. Wenn die Artischocke (~skólymos~)
-blüht, die Zikade auf den Bäumen ihren schwirrenden Gesang ertönen
-läßt, die Zeit des arbeitsvollen Sommers da ist, die Hitze Kopf,
-Glieder und Leib austrocknet, dann setze dich in eine schattige Höhle,
-labe dich an Wein von Naxos, den du mit klarem Quellwasser mischest, an
-Maza (d. h. einem aus in Wasser gekochtem Gerstenschrot oder Weizenmehl
-hergestelltem Brei), Milch und gebratenem Rindfleisch und befiehl den
-Knechten, die heilige Frucht der Demeter (d. h. Mutter Erde) auf der
-gut geebneten Tenne im Luftzuge zu dreschen. Die ausgedroschenen und
-geworfelten Körner miß sorgfältig ab und verwahre sie gut.“ Es müssen
-die Artischocken, von denen hier die Rede ist, kultivierte Exemplare
-gewesen sein; denn nach dem Begründer der Botanik, Theophrast, im 4.
-vorchristlichen Jahrhundert, ist die von ihm als ~kaktos~ bezeichnete
-wilde Verwandte der Artischocke nur in Sizilien und nicht in
-Griechenland zu finden.
-
-Bei den Römern der Kaiserzeit bildeten die Artischocken eine Speise
-der Reichen, für deren Zubereitung der unter Tiberius (der von 14
-bis 37 n. Chr. regierte) lebende römische Feinschmecker Apicius, der
-Verfasser eines einst von den Vornehmen viel gebrauchten Kochbuches,
-so viel Rezepte gab, daß er damit den Unwillen der weniger materiell
-angelegten gebildeten Zeitgenossen hervorrief. Nach Plinius, der
-uns solches überliefert hat, zog man dieses feine Gemüse besonders
-bei Karthago in Nordafrika und Corduba (dem jetzigen Cordoba) in
-Südspanien, wobei man auf einem kleinen Felde für 6000 Sesterzien
-(etwa 900 Mark) Artischocken gewinnen konnte. Zugleich berichtete er
-uns, daß sie in einer Mischung von Wasser und Honig mit Silphium und
-Kreuzkümmel konserviert werden. Die fleischigen Hüllkelchblätter und
-den Blütenboden der vor ihrer Entfaltung geernteten Blüten empfiehlt
-auch der berühmte griechische Arzt Galenos in Rom in der zweiten
-Hälfte des 2. christlichen Jahrhunderts, mit Koriander, Wein, Olivenöl
-und der berühmten Fischsauce ~garum~ angemacht, zu essen. Der Römer
-Palladius um 380 n. Chr., der Verfasser eines noch im Mittelalter
-vielfach benutzten Werkes über den Landbau, empfiehlt den Samen der
-Artischocke (~carduus~) im Februar oder März bei zunehmendem Mond
-in ein schon vorbereitetes Beet, je einen halben Fuß voneinander,
-mit der Spitze nach oben, nur bis zum ersten Fingergelenk in die
-Erde zu stecken, nachdem man sie zuvor drei Tage lang mit Lorbeeröl,
-Nardenöl, Opobalsamum (Mekkabalsam), Rosensaft und Mastixöl befeuchtet
-und getrocknet habe. Durch letzteres Verfahren erhielten sie den
-Wohlgeschmack der angewandten Mittel. Diese Pflanze liebe einen
-gedüngten, lockeren Boden, sei aber in einem festen sicherer gegen
-Maulwürfe und andere feindliche Tiere geschützt. Jedes Jahr trenne man
-die jungen Triebe vom alten Stock und lasse ihnen dabei etwas Wurzel.
-Die Blütenköpfe, deren Samen man zur Aussaat sammeln wolle, müsse
-man mit einer Decke versehen, damit Sonne und Regen die Samen nicht
-verderben; auch müsse man solchen Pflanzen alle jungen Triebe nehmen,
-damit die zur Ausbildung kommenden Blütenköpfe recht groß würden.
-
-Während des Mittelalters haben die Völker Europas die Artischocke
-als Gemüse nicht gekannt, während sie innerhalb des Bereiches der
-Araberherrschaft kultiviert wurde. Sie kam dann mit den Sarazenen nach
-Sizilien und Spanien. Von Süditalien drang sie um 1466 nach Florenz,
-1473 nach Venedig, zu Anfang des 15. Jahrhunderts nach Frankreich
-und später auch nach England vor. Heute wird diese Gemüsepflanze in
-mehreren Varietäten kultiviert, und zwar am besten aus im Januar
-in Töpfen gesäten Samen. Die an ihrer Basis samt dem Blütenboden
-durch Kultur fleischig gewordenen Hüllblätter bilden namentlich in
-Frankreich, wo die ~artichaut~ eine große Rolle spielt, in Fleischbrühe
-gekocht oder in Öl gesotten ein geschätztes Gemüse. Auch sind sie in
-Italien wie in den übrigen Mittelmeerländern ein beliebtes Gericht,
-das überall zu billigem Preise zu haben ist und geradezu als ein
-Volksnahrungsmittel bezeichnet werden darf.
-
-Eine sehr nahe Verwandte der echten Artischocke ist die +Cardone+ oder
-+spanische Artischocke+ (~Cynara cardunculus~), die in Marokko und
-den Küsten des östlichen Mittelmeerbeckens heimisch ist und dort von
-den Arabern zur Kulturpflanze erhoben wurde. Sie ist der vorigen sehr
-ähnlich, nur höher im Stengel und mit kleinen Blütenköpfen. Von ihr
-werden die Herzblätter und markigen Stengel- und Blattstielteile in
-verschiedener Zubereitung genossen. Um recht bleich und zart zu werden,
-wird die Pflanze drei Wochen vor der Ernte mit Stroh umwickelt und
-möglichst hoch behäufelt, so daß nur die Spitze derselben hervorschaut.
-Dies geschieht im September. Die Kultur der Cardone kam noch später als
-diejenige der Artischocke nach Mitteleuropa, welch letztere im 16.
-Jahrhundert von Italien aus zuerst bei den Vornehmen aufkam und sich
-mit der Zeit auch die Bürgerkreise eroberte.
-
-Ebenso jungen Datums ist die Kultur der +Schwarzwurzel+ (~Scorzonera
-hispanica~), deren wissenschaftlicher botanischer Name auf eine
-Herkunft von Spanien hindeutet. Sie wächst wild in ganz Süd- und
-Mitteleuropa bis zum Kaukasus, wird 60-90 cm hoch, hat schmale
-Blätter und goldgelbe Blüten. Ihre außen schwarze und innen weiße,
-von Milchsaft wie die ganze Pflanze durchzogene Wurzel wurde früher
-arzneilich benutzt, dient jedoch in der Gegenwart, im Herbste
-des ersten oder zweiten Jahres herausgenommen, als schmackhaftes
-Gemüse. Wegen ihrer geringen Ausgiebigkeit wird sie vorzugsweise von
-den wohlhabenden Städtern konsumiert und ist auf dem Lande wenig
-bekannt. In Gegenden, wo die Kultur des weißfrüchtigen Maulbeerbaums
-Schwierigkeiten bereitet, werden die Blätter als Ersatzfutter für die
-Seidenraupen verwendet.
-
-Gleichfalls erst seit der Neuzeit werden bei uns mehrere Kulturformen
-des +Rhabarbers+ (~Rheum undulatum~ und ~rhaponticum~) der starken,
-saftigen Blattstiele wegen als Küchengewächs angebaut und bilden,
-besonders im April und Mai, wenn das Obst selten und teuer ist, einen
-einträglichen Marktartikel. Von ihrer Oberhaut befreit bilden die
-an der Basis roten Stengel, in Scheiben geschnitten und mit Zucker
-gekocht, eine angenehm säuerliche Speise, die als Kompott oder Kuchen
-gegessen wird, auch zur Füllung von Pasteten dient. Besonders in
-England und Frankreich wird der Rhabarber in vielen Spielarten angebaut
-und dient in ersterem Lande, wie auch in Schlesien, zur Weinbereitung.
-Vielfach hält man ihn auch bloß seiner schönen, großen Blätter wegen
-als Zierpflanze in Anlagen, ohne die Stengel zu verwerten.
-
-In Nordindien, in den Landschaften am Fuße des Himalaja, ist die
-+gemeine Gurke+ (~Cucumis sativus~) heimisch, wo sie noch in ähnlichen,
-aber bitterfrüchtigen Formen wildwachsend gefunden wird. Diese seit
-wenigstens 3000 Jahren in Indien angebaute Pflanze wurde erst im 2.
-Jahrhundert v. Chr., als Schan-kien von seiner Gesandtschaftsreise
-nach Baktrien zurückgekehrt war, in China eingeführt. Weit früher
-gelangte sie nach Westasien und in die Länder am Mittelmeer. In
-Ägypten läßt sie sich unter dem Namen ~schupi~ schon in Grabbeigaben
-des mittleren Reiches (12. Dynastie, 2000-1788 v. Chr.) in der
-Nekropole von Kahun bei Theben und dem der griechisch-römischen Zeit
-angehörenden Gräberfelde von Hawara im Fajûm nachweisen. Die Griechen
-der homerischen Zeit kannten sie noch nicht; denn sie gelangte erst
-ums Jahr 600 v. Chr. von Kleinasien nach Hellas, wo sie allerdings
-bald weite Verbreitung fand. So veränderte das bei Korinth gelegene
-Städtchen Mekone, d. h. Mohnstadt, seiner großen Gurkenanpflanzungen
-wegen seinen Namen, der noch im 8. vorchristlichen Jahrhundert,
-zu des Dichters Hesiod Zeit, der allein gebräuchliche war, nach
-der griechischen Bezeichnung für Gurke ~síkyos~ in Sikyon, d. h.
-Gurkenstadt. Auch bei den Römern, die die Gurken von den süditalischen
-Griechen erhielten, war diese Gartenfrucht sehr beliebt. Plinius und
-Columella geben an, daß sie, wenn sie an feuchten Orten gepflanzt
-würden, keiner Pflege bedürfen. In Italien wüchsen grüne, sehr
-kleine Arten, in den Provinzen dagegen sehr große, wachsgelbe und
-dunkelfarbige. Sie suchten das Wasser auf, flöhen dagegen das Öl.
-Kaiser Tiberius habe täglich Gurken (~cucumis~) gegessen; für ihn
-wurden sie in gutgedüngten, in Glimmer gedeckten, auf Rädern fahrbaren
-Behältern gezogen, die den Winter über bei sonnigem Wetter ins Freie,
-bei Kälte aber in ein gewärmtes Haus gezogen wurden. Auf den Gedanken,
-heizbare Kästen zu bauen, verfielen die kaiserlichen Hofgärtner noch
-nicht. Die weniger wohlhabenden Römer mußten sich mit konservierten
-Gurken begnügen. Zu diesem Zwecke legten sie dieselben in Heu, Sand
-oder Salzwasser, worin sie sich nach Plinius fast bis zum Erscheinen
-der neuen hielten. Diese Gurken des Altertums waren eine größere, jetzt
-nicht mehr gebaute Art, die gedämpft mit Beigabe von Essig, Senf,
-Kümmel, Sellerie und Pfeffer, aber auch in Honig eingemacht gegessen
-wurde. In seinen zehn Büchern über Kochkunst (~de re coquinaria~) gibt
-uns Apicius verschiedene Rezepte zu deren Zubereitung.
-
-Die heute von uns kultivierten Gurken kamen erst im frühen Mittelalter
-von Byzanz aus, wo sie mit einem persisch-aramäischen Wort als
-~anguria~ bezeichnet wurden, als ~agurka~ zu den Slawen, die heute noch
-leidenschaftliche Verehrer der Gurken sind, und unter der Bezeichnung
-Gurken im 17. Jahrhundert zu den Deutschen. Schon vor 200 Jahren wußten
-die Lausitzer Wenden auch ohne Mistbeete die schönsten Gurken zu
-ziehen und heute ist der Spreewald die Gurkenkammer von Berlin, wo man
-nach slawischer Sitte in Salzwasser eingelegte „saure Gurken“ oder in
-Essig, Meerrettichstückchen, Pfeffer und Senf eingemachte „Essig- oder
-Senfgurken“ als billiges Volksnahrungsmittel überall zu essen bekommt.
-Erstere schmecken durch Milchsäuregärung, wobei die in Salzwasser von
-richtiger Beschaffenheit sich entwickelnden Milchsäurebazillen aus
-dem Zucker der Gurke Milchsäure bilden, sauer, ohne daß auch nur ein
-Tropfen Essig dazukommt. Heute sind die Gurken als äußerst beliebtes
-Salatgemüse über alle Weltteile, soweit Europäer sich angesiedelt
-haben, verbreitet. Von den zahlreichen, durch die Kultur entstandenen
-Spielarten wird nur die Feldgurke im großen kultiviert. Sie verlangt
-warme, sonnige Lage, einen gut gedüngten, humusreichen, lockeren,
-gleichmäßig feuchten Boden. Zur Aussaat nimmt man 3-4jährigen Samen.
-Man bestellt die Beete im April und sät, wenn die Nachtfröste vorbei
-sind. Die Haupternte findet im August statt, wobei man vom Hektar etwa
-100000 Stück erntet. Die Hauptproduktionsgebiete sind Holland, das
-schon im April ganze Schiffsladungen von in Treibhäusern gezogenen
-Gurken nach England sendet, dann Böhmen, Mähren, Ungarn, Rußland, in
-Deutschland der Spreewald, dessen Hauptort Lübbenau allein jährlich
-2 Millionen Stück produziert, Erfurt, Quedlinburg, Naumburg und Ulm.
-Meist werden die unreifen Früchte, welche im Orient wohlschmeckender
-sind und daselbst roh und ungeschält zur Speise dienen, als Salat und
-auf mancherlei Weise eingemacht gegessen.
-
- Tafel 47.
-
-[Illustration: (Phot. von E. Reinhardt.)
-
-Artischockenpflanzung in der toskanischen Fruchtebene.
-
-Verladung von Wassermelonen in Chile.]
-
- Tafel 48.
-
-[Illustration: Aus Mittelamerika stammender Kalabassen- oder Kürbisbaum
-in einem Garten in Kamerun.]
-
-Nach den Funden und Darstellungen auf den Denkmälern wurde im alten
-Ägypten schon unter den ersten Dynastien die +ägyptische Gurke+ oder
-+Aggurmelone+ (~Cucumis chate~) mit großer, länglicher Frucht, die
-noch jetzt im Morgenlande allgemein kultiviert und frisch verzehrt
-wird, neben der Wassermelone und dem Flaschenkürbis kultiviert. Diese
-ägyptische Gurke, die außer in Südasien auch im tropischen Afrika
-heimisch ist, wo sie von vielen Reisenden gesammelt wurde, ist eine
-der wilden Stammform der Melone (~Cucumis melo~) sehr nahestehende, ja
-vielleicht sogar mit ihr identische Art, die nach Schweinfurth von den
-Ägyptern selbst zur Kulturpflanze erhoben wurde. Sie hieß altägyptisch
-~kadi~, woraus die Araber ~katta~ und die Botaniker in Anlehnung an
-das Arabische ~chate~ machten. Als die Israeliten unter Moses’ Führung
-hungrig und durstig durch die wasserlose Wüste der Sinaihalbinsel
-wanderten, gedachten sie sehnsüchtig der guten in Ägypten genossenen
-Verpflegung, indem es im 4. Buch Moses 11, 5 heißt: „Wir gedenken
-der Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und der ~bischûim~ und
-~battichim~ (von Luther fälschlicherweise mit Kürbis und Pfeben, d.
-h. Feldkürbis übersetzt, heißt aber tatsächlich Aggurmelonen und
-Wassermelonen), Lauch, Zwiebeln und Knoblauch.“ Diese beiden so überaus
-saftige Früchte hervorbringenden Kürbisarten haben wir dem Weltteile
-Afrika zu verdanken, und im alten Ägypten haben sie ihre erste
-sorgfältige Zucht durch Kulturauslese erfahren. Wie sie heute noch
-ein köstliches, hochgeschätztes Erzeugnis des Niltales bilden, muß es
-schon zur Zeit der Pyramidenerbauer ein solches gewesen sein. Bald
-nach der Überschwemmung des dem heißen, trockenen Lande eigentlich das
-Leben spendenden und deshalb mit Recht einst göttlich verehrten Nils
-schießen die Aggurmelonen und Wassermelonen in Ägypten üppig empor und
-entwickeln ihre Früchte ungemein schnell, weshalb sie von den Frucht-
-und Gemüsehändlern der ägyptischen Städte mit dem Rufe feilgeboten
-werden: „Zart und frisch, und hat sich in der Nacht gestreckt!“ Auf
-den Denkmälern des alten Ägyptens treten uns diese Melonen als häufig
-angepflanzte und überall gern gegessene Früchte sehr häufig entgegen,
-teils grün, teils gelb gemalt und vielfach braun oder rot umrissen,
-bisweilen auch die Rippen durch braune Linien angedeutet. Sie fehlen
-selten unter den Opfergaben und den bei Gesellschaften zur Erfrischung
-gespendeten Speisen, welche die Diener auf Servierbrettern herumbieten,
-damit sich jedermann nach Belieben davon bediene. Ihr Laub gehört
-zu den pflanzlichen Resten in den Totenkammern, die zur einstigen
-Schmückung des Sarkophags dienten.
-
-Die Aggurmelone, die bereits der in Padua als Botanikprofessor wirkende
-und 1617 verstorbene Prosper Alpino in seinem 1592-1640 erschienenen
-Buche unter dem heute noch gebräuchlichen Namen ~chate~ erwähnt --
-er sah sie bei seinem Aufenthalte im Niltale selbst dort wachsen --,
-wird in Ägypten reif und unreif gegessen. Ihre länglichen, bis 40 cm
-langen, gerippten Früchte sind grüner, weicher, süßer und verdaulicher
-als diejenigen der gemeinen Gurke. Wenn sie auch nach Aussehen und
-Geschmack der Gurke ähneln, so sind doch die Blätter und Blüten nicht
-wie bei dieser, sondern wie bei der Melone, die ja eine sehr nahe Abart
-derselben ist, gebildet.
-
-Wie die Aggur- und Wassermelone war auch die eigentliche +Melone+
-(~Cucumis melo~) den Griechen der homerischen wie auch der klassischen
-Zeit vollkommen fremd. Von keinem griechischen Schriftsteller wird
-deren honiggleiche Süßigkeit -- dient doch eingekochter Melonensaft
-heute noch im Orient an Stelle des Zuckers zur Herstellung von
-Limonaden und allerlei süßem Gebäck --, deren herrlicher Duft und der
-köstliche Wohlgeschmack ihres goldgelben bis zartweißen Fleisches
-hervorgehoben. Auch die römischen Schriftsteller wissen nichts von
-einer solchen Frucht zu melden, die doch in einem Lande, in dem so
-viele Feinschmecker lebten und in welchem alle irgendwie geschätzten
-Früchte von den Dichtern besungen wurden, einmal hätte erwähnt werden
-müssen. Wenn auch unsere süße Melone sicher fehlte, so lehren uns
-doch einige Mosaikbilder und Wandgemälde aus den im Jahre 79 n. Chr.
-verschütteten Städten Herkulanum und Pompeji und einige Stellen bei
-Autoren, die von einem eßbaren Kürbisgewächs handeln, daß ein solches,
-das griechisch ~pépōn~ oder ~mēlopépōn~ und lateinisch ~pepo~ oder
-~melopepo~ genannt wurde, damals existiert haben muß. Schon der große
-Hippokrates (460-364 v. Chr.) erwähnt in seiner Schrift über die Diät
-den ~pépōn~ und nach ihm Plinius, Dioskurides und Galenos, aber kein
-Schriftsteller rühmt sie als angenehm zu essen. Auch der griechische
-Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten, der um 200 n. Chr.
-in Alexandrien und Rom lebte, spricht in seinen ~Deipnosophistae~,
-die wichtige Nachrichten über Leben, Sitte, Kunst und Wissenschaft
-der alten Griechen enthalten, von ihr, weiß aber nichts besonders
-Rühmenswertes von der von ihm als Gurkenart bezeichneten ~síkyos
-pépōn~ zu berichten. Auch Palladius gegen das Ende des 4. Jahrhunderts
-spricht von einer ~melo~, deren Kerne im März zwei Fuß voneinander in
-gutbearbeitetes, vorzugsweise sandiges Erdreich gelegt werden. „Vor
-dem Legen werden die Samen drei Tage lang in Meth oder Milch geweicht,
-dann erst getrocknet. Hierdurch bekommen die Früchte einen lieblichen
-Geschmack. Wohlriechend werden sie, wenn sie viele Tage lang zwischen
-trockenen Rosenblättern gelegen haben.“
-
-Erst im 5. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung wird von den
-antiken Schriftstellern eine kurzweg nach dem griechischen ~mḗlon~, d.
-h. Apfel oder Quitte als ~melo~ bezeichnete Gartenfrucht erwähnt, die
-wie Pfirsiche zu den Delicien, d. h. Köstlichkeiten gerechnet wurde.
-Damals erst ist die +süße+ oder +Zuckermelone+, die weder Ägypten, noch
-die Mittelmeerländer vorher gekannt hatten, ebenfalls aus Westasien
-in das Abendland gekommen. Nach Westasien scheint sie aus Indien
-gelangt zu sein; denn in letzterem Lande wird eine in bezug auf Blätter
-und Blüten mit der kultivierten Melone durchaus übereinstimmende
-Pflanze gefunden, deren Früchte meist nur die Größe einer Pflaume,
-nur ausnahmsweise diejenige einer Orange erreichen. Oft besitzen sie
-einen ausgesprochenen Geschmack und Geruch nach Melonen, oft aber
-sind sie ganz geruchlos und schmecken fade. Aus ihrer nordindischen
-Heimat gelangte sie etwa zu Beginn der christlichen Zeitrechnung
-westwärts nach Afghanistan und Turkestan, wo sie erst ihre höchste
-Vollkommenheit erreichte. Aus den Landschaften Turkestans kam sie dann
-im 8. christlichen Jahrhundert zu den Chinesen. Da nun diese seit dem
-2. Jahrhundert v. Chr., wie wir durch die Gesandtschaft von Schang-kien
-wissen, mit dem alten Baktrien und Sogdiana in Verkehrsbeziehungen
-standen, muß ihre Kultur vorher auf die südlichen Oasen von Buchara
-beschränkt gewesen sein. Der weitgereiste Venezianer Marco Polo, der
-sich von 1271-1295 in Zentral- und Ostasien aufhielt, sagt von der
-Landschaft am Amu-darja (dem Oxus der Alten) um die Stadt Balch, daß
-dort die besten Melonen der Welt wachsen. Man schneide sie rundherum
-in Streifen, lasse sie an der Sonne trocknen und halte sie dann als
-Handelsware überall im Lande feil. So gedörrt seien sie süßer als
-Honig. Dasselbe rühmt der arabische Reisende Ibn Batuta, der von
-1340-1350 Zentralasien und China bereiste, von den Melonen von Charism,
-und der ungarische Orientalist Hermann Vambéry, der von 1863-1869
-als Derwisch verkleidet Persien und das Turkmenenland bereiste, von
-denjenigen von Chiwa. Letzterer schreibt in seinem Buche: „Reisen
-in Zentralasien“: „Für Melonen hat Chiwa keinen Rivalen, nicht nur
-in Asien, sondern in der ganzen Welt. Kein Europäer kann sich einen
-Begriff machen vom süßen, würzigen Wohlgeschmack dieser köstlichen
-Frucht. Sie schmilzt im Munde, und mit Brot gegessen ist sie die
-lieblichste und erquicklichste Speise, die die Natur bietet.“ Auch
-Persien ist, wie alle Reisenden, die dieses Land besuchten, einstimmig
-versichern, ein vorzügliches Melonenland, in welchem die feinsten
-Sorten gezogen und in Unmengen auf den Markt gebracht werden. Es gibt
-dort eine große Zahl von Varietäten, die oft von Dorf zu Dorf wechseln;
-darunter einige von weitverbreitetem Ruhme, so süß, daß die Perser
-darüber lachen, wenn man ihnen erzählt, daß man in Europa die Melonen
-mit Zucker esse. Der berühmte Ägyptologe Heinrich Brugsch Pascha,
-der 1883 Prinz Friedrich Karl von Preußen auf dessen Orientreise
-begleitete und zweimal als Gesandtschaftsattaché Persien bereiste,
-rühmt mit begeisterten Worten die Güte der überall in Persien zum Kaufe
-angebotenen Melonen, deren vorzügliches Gedeihen er ganz wesentlich der
-kräftigen Düngung mit Taubenmist zuschreibt. Überall im Orient sieht
-man in den Ortschaften die aus mit der Mündung nach außen gekehrten
-Tonkrügen aufgebauten Taubentürme, deren Bewohner als heilige Tiere
-vor den Moscheen gefüttert werden und als einzigen Nutzen dem Menschen
-ihren Mist gewähren, den dieser auch gerne als für ihn wertvolle Gabe
-in Empfang nimmt, um ihn regelmäßig seinen Melonenkulturen zuzuführen.
-
-Die +Wassermelone+ (~Citrullus vulgaris~), im südlichen Rußland
-+Arbuse+ oder nach der Benennung der heutigen Griechen ~angúrion~
-auch +Angurie+ genannt, ist im südlichen und mittleren tropischen
-Afrika heimisch, wo die saftigen Früchte den Menschen und Tieren in
-trockenen Gebieten als Labsal dienen. In ihrer Heimat überzieht die
-Pflanze oft weithin die öden Länderstrecken, doch sind ihre ziemlich
-kleinen Früchte bei sonst gleichem Aussehen der Stöcke das eine
-Mal sehr bitter, das andere Mal ganz angenehm schmeckend. Selbst
-die Eingeborenen, die sich ihrer als Nahrung bedienen, können nach
-Livingstone diese Eigenschaft nicht nach äußeren Merkmalen feststellen,
-sondern schlagen die Früchte erst mit einer Hacke an, um dann zu
-untersuchen, ob der Saft des Fruchtfleisches angenehm oder bitter
-schmeckt. Dieser Wildling hat durch Kulturpflege die großfrüchtige,
-saftige Wassermelone aus sich hervorgehen lassen, die niemals mehr
-bittere Eigenschaften zeigt. Sie kam sehr früh schon ins Niltal und
-wurde, wie verschiedene Abbildungen an den Wänden der Grabkammern
-beweisen, von den alten Ägyptern kultiviert, die sie ~banti~ nannten.
-Die Juden sehnten sich auf ihrer Wüstenwanderung nach ihnen, die sie
-~abattichim~ nannten. Schon damals muß sie in Syrien, Arabien und
-selbst Indien, wo sie den Sanskritnamen ~chaya-pula~ führte, angebaut
-worden sein. Die alten Griechen und Römer scheinen sie nicht gekannt zu
-haben, da sie nirgends von den alten Autoren erwähnt wird. Dagegen fand
-sie in Westasien weite Verbreitung. Aus Turkestan, wo sie im frühen
-Mittelalter neben der Melone viel angepflanzt worden sein muß, gelangte
-sie erst im 10. Jahrhundert n. Chr. nach China unter der Bezeichnung
-~sikua~, was nach Bretschneider Melone des Westens bedeutet. Die
-Araber, die sie in Anlehnung an das hebräische ~abattichim battich~
-nannten, verbreiteten sie über ganz Nordafrika bis nach Spanien, wo sie
-seither als ~batteca~, woraus dann das französische ~pastèque~ wurde,
-sehr viel, wie auch in ganz Südeuropa bis nach Rußland hinein angebaut
-wird und im Sommer überall eine Hauptnahrung der ärmeren Volksklassen
-bildet. Wer kennt nicht die köstlichen Gemälde des spanischen Malers
-Bartolomé Estéban Murillo (1618-1682) mit den verlumpten Sevillaner
-Gassenjungen, die sich neben der Weintraube die Wassermelone, von
-der sie sich gierig große Stücke in den Mund schieben, schmecken
-lassen. Von Spanien kam sie sehr bald nach Westindien und dem Festland
-von Amerika, wo sie jetzt von Chile bis in die Vereinigten Staaten
-in großem Umfange angebaut wird. Allerdings gelangt sie hier wie
-anderwärts nur in den warmen Gebieten zu ihrer Vollkommenheit. Schon
-bei uns ist es ihr zu kalt. Die 10-15 kg schweren, fast kugeligen,
-dunkel- oder gellgrünen, in letzterem Falle weißlich gefleckten Früchte
-haben zu äußerst ein ungenießbares, härtliches, weißes und darunter ein
-weiches, saftiges, süßes, dunkel- bis hellrotes, seltener gelbes oder
-weißes Fleisch, worin die schwarzen, gelben oder roten Samen liegen. In
-ganz Südeuropa und im Orient dienen sie roh als beliebte Volksnahrung;
-härtere Arten werden gekocht und, mit Mehl vermischt, gebacken
-genossen. Im Orient und in allen wärmeren Ländern werden ihre Früchte,
-obschon den Melonen an delikatem Geschmack weit nachstehend, recht
-süß und wohlschmeckend, so daß sie sehr beliebt sind. Aus der Krim
-werden sie in einer etwas faden, aber außerordentlich saftigen Abart
-überallhin transportiert und unter dem Namen „Arbusen“ spottbillig
-verkauft, so daß jedermann sich im Herbst ihren Genuß leisten kann. Bei
-den Tataren und Kleinrussen, bei denen sie als Steppenpflanze besonders
-gut gedeiht, werden sie zu allen Mahlzeiten gegessen, indem ihr überaus
-saftiges Fleisch statt des Wassers zum Brote geschlürft wird. Auch aus
-ihrem Safte kann, wie aus demjenigen der süßen Melone, Zucker gewonnen
-werden.
-
-Bei ihrer großen Beliebtheit ist es sehr begreiflich, daß die Spanier
-sie früh nach der Neuen Welt verpflanzten. In Peru und Chile, welch
-letzteres im Norden schon 1541 von den Spaniern besetzt wurde, gedeihen
-diese Früchte ausgezeichnet und sind eine wichtige Volksnahrung
-geworden. So schreibt Prof. Otto Bürger in seinem Buche: Acht Lehr- und
-Wanderjahre in Chile: „Von Januar bis März steht das Land im Zeichen
-der Sandias und Melonen. Namentlich die Sandias, die Wassermelonen mit
-dem roten Fleisch (~Citrullus vulgaris~), die auch in Südeuropa so
-begehrt vom Volke sind, bilden für den Chilenen, ob hoch oder niedrig,
-das Schönste des Jahres. Das gewöhnliche Volk und insbesondere der
-~Róto~ (d. i. der Zerlumpte, die Kaste der armen Tagelöhner, in der das
-indianische Blut noch am reinsten pulsiert und die die beharrlichsten
-Trunkenbolde der Welt umfaßt), nährt sich in jener Zeit von kaum
-etwas anderem. In den volkreichen Stadtvierteln entstehen zu dieser
-Zeit besondere Baracken, in denen tagtäglich ganze Wagenladungen an
-primitiven Tischen verzehrt werden. Das Stück kostet 15-50 Centavos (=
-25,5-85 Pfennige), aber die teuersten besitzen eine kolossale Größe und
-können von +einem+ nicht bezwungen werden. Billiger sind die gelben
-Melonen (~Cucumis melo~), welche dem Ausländer mehr zusagen, und die er
-~au naturel~ oder mit Zucker ißt, während sie der bessere Chilene am
-leckersten mit Pfeffer und Salz findet.“
-
-Außer der als ~pépōn~ bezeichneten Aggurmelone oder ägyptischen Gurke
-haben die alten Griechen noch eine andere, als ~kolokýntē~ oder ~síkya
-indikḗ~, d. h. indische Gurke bezeichnete Cucurbitazee gepflanzt, deren
-kleine, wenig schmackhafte Früchte nur gekocht oder gebraten gegessen
-wurden. Meist wird diese Frucht als Kürbis übersetzt, was indessen
-durchaus unrichtig ist. Auch konnte sie nicht die +Koloquinte+ oder
-+Bittergurke+ (~Citrullus colocynthis~) bedeuten, die im Orient und in
-Nordafrika einheimisch ist, in Masse auf den trockenen Abhängen wild
-wächst und einst den Straußen als Futter diente. Ihre faustgroße, runde
-Frucht ist sehr bitter und wirkt abführend, wird aber gleichwohl von
-den armen Tuaregstämmen in der Sahara, geröstet und auf den Handmühlen
-vermahlen, verzehrt. Ähnlich ist die Wirkung der im Orient heimischen
-+Prophetengurke+ (~Citrullus prophetarum~), so genannt, weil ihr
-bitteres Mus dem Propheten Elias, mit Zusatz von geröstetem Mehl, als
-Speise gedient haben soll.
-
-Der einzige Kürbis, den die Alten kannten, war der +Flaschenkürbis+
-(~Lagenaria vulgaris~), dessen Frucht in den Kulturen die
-verschiedenartigsten Formen zeigt und durch die Härte seiner
-Schale ausgezeichnet ist, so daß sie getrocknet und ausgehöhlt als
-natürlicher Wasserbehälter benutzt werden kann. Charakteristisch für
-sie ist auch die bei Kürbissen ziemlich seltene weiße Blüte. Ihr
-Fruchtfleisch ist meist bitter, manchmal geradezu giftig, doch ist
-es bei einigen Varietäten auch süß und schmackhaft. Seine Heimat
-hat der Flaschenkürbis im mittleren Vorderindien, wo er heute noch
-in den feuchten Wäldern von Malabar wildwachsend gefunden wird.
-Ebenso hat man ihn auf den Molukken, in Abessinien und Ostafrika
-wild in Felsengebieten entdeckt. Von diesen beiden Regionen der
-alten Welt hat sich die Pflanze mit ursprünglich durchaus bitterem
-Fruchtfleisch über alle Tropengebiete und gemäßigten Länder mit
-genügender Sommerwärme ausgebreitet. Daß schon im Sanskrit der gemeine
-Flaschenkürbis als ulavu von einer andern, ~kututumbi~ genannten
-bitteren Art unterschieden wird, spricht für das hohe Alter seiner
-Kultur. Im 1. Jahrhundert n. Chr. wird seiner in einem chinesischen
-Werke von Tschong-tschi-tschu Erwähnung getan. In Ägypten tritt er
-uns verhältnismäßig spät, nämlich erst im mittleren Reich zur Zeit
-der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) entgegen, indem sich seine
-Frucht, auch mehrfach ausgehöhlt als Behälter, unter den Totenbeigaben
-vorfand. Doch hat seine Kultur dort, im Gegensatz zur Aggur- und
-Wassermelone, keine große Bedeutung erlangt. Den älteren Griechen war
-der Flaschenkürbis vollkommen fremd, ebenso den Römern zur Zeit der
-Republik. Erst zur römischen Kaiserzeit im 1. Jahrhundert n. Chr.
-beschreibt der römische, aus Spanien gebürtige Ackerbauschriftsteller
-Columella verschiedene seiner Fruchtformen, welche als Behälter für
-Flüssigkeiten aller Art, besonders Milch und Honig, und als Trinkgefäß
-verwendet werden konnten, daneben aber auch den Jungen als eine Art
-Schwimmblase zur Erlernung des Schwimmens dienten. Nach ihm spricht der
-79 n. Chr. beim Vesuvausbruch umgekommene Plinius von ihr als einer
-gurkenähnlichen Pflanze, die er ~cucurbita~ nennt. Er schreibt in
-seiner Naturgeschichte darüber: „Den Gurken sind die Flaschenkürbisse
-(~cucurbita~) ähnlich; wie jene scheuen sie die Kälte, lieben feuchten
-Boden und Mist. Sie kriechen wie die Gurken mit ihren rankenden
-Sprossen an rauhen Wänden hinauf bis aufs Dach, klettern überhaupt gern
-in die Höhe, können sich aber nicht selbst tragen. Ihr Wachstum ist
-sehr rasch, und man benutzt sie, um Zimmer mit ihnen auszukleiden oder
-Lauben mit ihnen zu decken. Man hat zwei Sorten: bei der ersteren hängt
-die schwere Frucht an einem dünnen Stiele, die letztere jedoch kriecht
-an der Erde hin. Wie den Gurken gibt man auch den Flaschenkürbissen
-allerlei Gestalten, vornehmlich in geflochtenen Formen, in die man
-die jungen Früchte steckt. Sie nehmen dann beim Wachsen die Gestalt
-der Form an und diese stellt gewöhnlich eine gewundene Schlange vor.
-Läßt man sie freihängen, so hat man sie schon 9 Fuß lang werden sehen.
-Ihre Anwendung ist verschieden. Beim Verspeisen wird die Schale
-fortgeworfen. Sie gelten übrigens für eine gesunde und leichte Speise.
-Die Kerne, welche an beiden Enden der Frucht liegen, geben lange
-Früchte, die in der Mitte liegenden runde. (Natürlich ist dies eine
-unsinnige Behauptung, wie Plinius deren nicht selten aufstellt.) Man
-trocknet die Kerne im Schatten, weicht sie aber, wenn man sie pflanzen
-will, zuerst in Wasser auf. Die längsten und dünnsten Früchte hat man
-zum Verspeisen am liebsten. Diejenigen Flaschenkürbisse, deren Samen
-man zur Aussaat gebrauchen will, schneidet man gewöhnlich erst mit
-Eintritt des Winters ab, trocknet sie dann im Rauch und gebraucht
-sie, um in ihrem hohlen Innern Sämereien, Wein und dergleichen
-aufzubewahren. Man hat auch ein Verfahren erfunden, nach welchem man
-die Flaschenkürbisse wie Gurken zum Verspeisen aufbewahren kann, so
-daß sie sich fast bis zu der Zeit halten, da es wieder frische gibt.
-Die Aufbewahrung geschieht in Salzbrühe. Man soll sie auch an einem
-schattigen Orte in einer Grube, deren Boden mit Sand bedeckt ist,
-aufbewahren können, indem man sie von oben mit trockenem Heu und dann
-mit Erde zudeckt.“
-
-In der Folge wurde der Flaschenkürbis überall in Südeuropa häufig
-angepflanzt und fand nach der Entdeckung Amerikas auch im neuen
-Kontinent, wohin ihn die Spanier zuerst brachten, überall willige
-Aufnahme und rasche Verbreitung unter den Eingeborenen. Da man ihn
-auch in manchen peruanischen Gräbern fand, glaubten einige Forscher,
-er sei in Amerika zu Hause gewesen, was heute sicher als unrichtig
-festgestellt wurde. Samen des Flaschenkürbisses stammen in Südamerika
-stets nur aus Gräbern, die jüngeren Datums als das Jahr 1500 sind; denn
-manche Gräberfelder wurden noch lange nach der Ankunft der Europäer auf
-diesem Kontinente weiter benutzt.
-
-Als Behälter zur Aufnahme von Flüssigkeiten ist jedenfalls die
-getrocknete und ausgehöhlte Kürbisschale, die man gewöhnlich als
-+Kalabasse+ bezeichnet, uralt. Jedenfalls haben wir in ihr die
-Urform des Gefäßes zu erblicken, die erst in sehr viel späterer
-Zeit vom Menschen in gebranntem Ton nachgeahmt wurde. Wie nun der
-Flaschenkürbis in der alten Welt dem Menschen einen natürlichen
-Behälter darbot, benutzte der Mensch der neuen Welt zu demselben
-Zwecke außer den getrockneten hohlen Schalen der einheimischen
-Kürbisse, von denen alsbald zu reden sein wird, auch die ähnlich
-beschaffenen Früchte des in Mittelamerika heimischen +Kalabassenbaums+
-(~Crescentia cucurbitana~), der in fünf verschiedenen Arten vorkommt.
-Allgemein in Westindien, Südamerika und neuerdings auch in Westafrika
-kultiviert wird die 6-9 m hohe ~Crescentia cujete~ mit gebüschelten,
-lanzettförmigen Blättern, grünlichen, gelb und rot gescheckten Blüten
-und großen, rundlichen, 30 cm im Durchmesser haltenden Früchten, die in
-einer grünen, holzigen Rinde ein schwammig-saftiges, säuerlich-süßes
-Mark mit den Samen beherbergen. Dieses Mark wird in Amerika arzneilich
-benützt, aus der Fruchtschale, der eigentlichen Kalabasse, verfertigt
-man oft mit Schnitzereien verzierte Gefäße, Schalen, Löffel usw. Das
-Holz dagegen dient in der Möbeltischlerei.
-
-Wie der Flaschenkürbis in Südasien heimisch ist eine andere in ihren
-Früchten technisch wichtige Kürbisart, nämlich der +Schwammkürbis+
-(~Luffa cylindrica~), der heute im ganzen Tropengebiet kultiviert
-wird, auch nach Amerika gebracht wurde und dort verwilderte. Die
-ziemlich großen, länglichen, glatten Früchte können besonders unreif
-wie die Blätter gekocht genossen werden; wichtiger aber ist das in
-den reifen Früchten erhärtende, stark ausgebildete Gefäßbündelnetz,
-das den +vegetabilischen+ oder +Luffaschwamm+ liefert. In Wasser
-erweichend dient er statt des tierischen Schwammes zum Reinigen und
-Frottieren der Haut, dann zu Schuhsohlen, Badepantoffeln, Mützen,
-Körbchen, Sattelunterlagen, Bilderrahmen und kommt zum Teil aus
-Ägypten, besonders aber aus Japan in den Handel. Die unreifen Früchte
-der gleicherweise in Südasien heimischen ~Luffa acutangula~, deren
-Kultur sich heute über die ganzen Tropen erstreckt, werden wie Gurken
-gegessen, die Wurzeln und Samen dagegen als Abführmittel benutzt.
-
-Sämtliche +echten Kürbisse+ dagegen sind in der Neuen Welt heimisch
-und haben sich erst seit deren Entdeckung durch die Europäer, also
-seit dem 16. Jahrhundert, über die Alte Welt verbreitet. Alle zehn
-bekannten Arten sind im warmen Amerika, nördlich bis Kalifornien, zu
-Hause, doch sind mehrere, so namentlich die drei einjährigen Arten, im
-wilden Zustande noch nicht aufgefunden worden. Daß sie schon lange in
-der Kultur des Menschen stehen, beweist die Tatsache, daß Samenkerne
-verschiedener Arten als Totenbeigaben auf dem vorkolumbischen
-altperuanischen Gräberfelde von Ancon gefunden wurden. Auch wurden in
-ganz Amerika schon lange vor der Ankunft der Europäer verschiedene
-Kürbisarten von den Indianern angebaut, die den dahin gelangenden
-Weißen, wie auch den Botanikern in Europa, die sie später kennen
-lernten, vollkommen neu waren. Dies wird uns von Acosta und anderen
-Spaniern von Peru und Mittelamerika, von späteren Einwanderern auch
-von Nordamerika bezeugt. Bis zum Lande der Huronen an den kanadischen
-Seen gab es Kürbisse. Von den letzteren berichtet uns ein französischer
-Reisender des 16. Jahrhunderts, daß sie in Menge „~les citrouilles du
-pays~“ anpflanzten. Ein anderer gleichzeitiger Schriftsteller nennt die
-„~citrouilles~“ des südlichen Kanada süß und verschieden von denjenigen
-Europas. Sie seien so groß wie unsere Melonen und ihr Fleisch sei so
-gelb wie Safran.
-
-Der +gemeine Kürbis+ (~Cucurbita pepo~) hat seine Heimat in Mexiko und
-Texas, von wo aus er durch die Spanier sehr bald nach der Entdeckung
-der Neuen Welt nach Spanien gebracht wurde, um sich von da rasch
-ostwärts über Südeuropa zu verbreiten. Gleichzeitig mit dem Mais und
-dem spanischen Pfeffer oder der Paprikapflanze finden wir ihn als
-Novität in dem 1543 in Basel gedruckten Kräuterbuch des Leonhard Fuchs
-sehr gut dargestellt mit zwei- bis dreiteiligen Ranken und rotgelben
-Blüten. In Analogie mit dem als „türkisch Korn“ -- was wohl so viel
-als von weither gekommen heißen soll -- bezeichneten Mais benennt
-dieser Autor den Kürbis als „türkisch Cucumer, auch Meer-Cucumer
-oder Zuccomarin“ und versichert, „daß er vor kurtzen jaren erst zu
-uns gebracht worden, was man aus seinen Namen wohl mag abnehmen“. Im
-Laufe des 16. Jahrhunderts hat sich dann diese Gartenfrucht rasch bei
-uns eingebürgert, teils wegen ihres eßbaren Fruchtfleisches, teils
-aber auch der schmackhaften Fruchtkerne wegen, auf welche nach einer
-Bemerkung von M. Lobelius aus dem Jahre 1576 die Bauern sehr erpicht
-waren. Die einjährige Pflanze mit liegenden, bis 10 m langen Stengeln,
-dottergelben, einzelstehenden Blüten und kugeligen, oft sehr großen
-Früchten mit weißem oder gelbem, genießbarem Fleisch wird in vielen
-Varietäten kultiviert. Sie gedeiht, wo der Mais gedeiht, und liefert
-bei gutem Anbau bis 60000 kg vom Hektar. Jede Pflanze soll nur acht
-Früchte zur Reife bringen; sobald sie vier Nebenranken getrieben hat,
-bricht man die Spitze der Hauptranke ab und nach dem Fruchtansatz
-auch diejenigen der Nebenranken. In ganz Südeuropa dienen die Früchte
-auf die mannigfaltigste Weise zubereitet der ärmeren Volksklasse
-als geschätzter Zusatz zur Brotnahrung, sie bilden ferner ein
-vortreffliches Mastfutter für Schweine, auch wird aus ihnen Branntwein
-gewonnen. Aus den Samen läßt sich ein feines Speiseöl pressen. Zur
-Herstellung von Kompott eignen sich besonders der +Markkürbis+ und
-der nichtrankende +virginische Kürbis+. Zum Verspeisen sind auch der
-+silbergraue+, der +melonengelbe+, der +Astrachan-+ und +Ohiokürbis+ zu
-empfehlen. Der besonders in Südasien viel gepflanzte +Moschuskürbis+
-hat wohlschmeckende, melonenähnliche Früchte, deren Fleisch nach
-Moschus duftet und schmeckt. Sehr zahlreich sind die +Zierkürbisse+,
-von denen etwa zu nennen sind: der +Türkenbundkürbis+, mit grün, gelb
-und rot gestreiften Früchten, der nichtrankende +Pastetenkürbis+, auch
-Bischofsmütze genannt, mit flacher, am Stiel gewölbter, gelber, grüner
-und orange mit weiß gestreifter Frucht, dann der +Mantelsackkürbis+ mit
-dunkelgrüner, am Ende sackartig aufgetriebener Frucht, dessen Samen
-mit solchen von anderen Arten in den altperuanischen Gräbern von Ancon
-gefunden wurden, und viele andere Formen wie +Apfel-+, +Birnen-+,
-+Zitronen-+, +Glocken-+, +Warzenkürbis+. Die weitaus größten Früchte
-besitzt der +Riesenkürbis+. Sie werden 20-100 kg schwer, sind kugelig,
-plattgedrückt oder gerippt und haben ein feineres, wohlschmeckenderes
-Fleisch als die eigentlichen Zierkürbisse, deren Fleisch nicht gegessen
-wird.
-
-Endlich hat uns Südamerika auch zwei als wertvolle Bereicherungen
-unseres Gemüsegartens gepflanzte Nachtschattenarten geliefert, nämlich
-den Liebesapfel oder die Tomate und die Eierpflanze oder Aubergine. Der
-+Liebesapfel+ (~Lycopersicum esculentum~) mit übelriechenden, behaarten
-Blättern, gelben Blüten, glänzend roten, gelbroten, gelben oder weißen
-Früchten, heißt mit einer amerikanischen Bezeichnung +Tomate+. Der
-große Baseler Botaniker Kaspar Bauhin (1560-1624) bezeichnet die Art
-1596 als ~Tumatle Americanorum~, und die ersten von den Botanikern des
-16. Jahrhunderts ihr beigelegten Namen wie „peruanischer Apfel“ lassen
-vermuten, daß man sie aus Peru erhalten hatte. Jedenfalls wurde sie auf
-dem südamerikanischen Festlande von den Eingeborenen früher angebaut
-als auf den Antillen. Die Ausgangsform war eine ganz kleinblütige Art
-mit kirschgroßen Früchten, die im Küstengebiet Perus heute noch wild
-wachsend angetroffen wird. Heute wird die einjährige Pflanze in der
-ganzen Kulturwelt, besonders in den englischen Kolonien, in Indien,
-dann in Süd- und Mitteleuropa in vielen Varietäten angebaut und liefert
-in ihren Früchten ein wohlschmeckendes und zuträgliches Gemüse, das
-auch gerne roh als Salat gegessen wird. Um Neapel und Rom sieht man
-ganze Felder mit dieser Frucht bepflanzt. Den Namen Liebesapfel
-verdankt sie dem Glauben, daß die so schön gefärbte Frucht zärtliche
-Gefühle erwecke.
-
-Die +Eierpflanze+ (~Solanum melongena~), von den Franzosen ~aubergine~
-genannt, mit 60 cm hohem, krautartigem Stengel, eirunden Blättern und
-lilafarbigen, großen Blüten trägt ovale bis längliche, dunkelviolette,
-gelbe oder weiße Früchte, denen man durch kochendes Wasser das in
-ihnen enthaltene Narkotische entzieht. In Spanien, Südfrankreich,
-Italien, der Wallachei und im Orient werden sie häufig auf Feldern
-zum Küchengebrauche gezogen. Bei uns verwendet man sie vorzugsweise
-als Zutat an Saucen, Suppen, Ragouts usw.; auch werden sie vielfach
-gedünstet gegessen.
-
-Ein naher Verwandter, ~Solanum quitoense~, ein bis 2 m hoher
-Halbstrauch aus Peru, trägt genießbare Früchte von der Größe und Farbe
-einer kleinen Orange, die im ganzen westlichen Südamerika als Obst
-beliebt sind und auch zur Herstellung von kühlenden Getränken dienen.
-Weil sie vielfach um Quito, die Hauptstadt von Ekuador kultiviert
-werden, nennt man sie meist +Orangen von Quito+. Neuerdings werden sie
-auch in England gezogen.
-
-Von ~Solanum anthropophagorum~ endlich, der +Tomate der Kannibalen+,
-einem auf den Fidschiinseln kultivierten, etwa 1,5 m hohen Halbstrauch,
-wurden die tomatenähnlichen Beeren als Würze zu den einstigen
-Menschenopferschmäusen gegessen, weshalb man diese Pflanze auch bei
-jeder Bure, d. h. einem Opferplatz, wohin die Körper der Erschlagenen
-gebracht wurden, um dort verzehrt zu werden, in kleinen Anpflanzungen
-regelmäßig zog. Heute, da der Menschenfraß auf jenen Inseln abgeschafft
-ist, dient sie als beliebte Würze zu allerlei Tierfleisch. In gleicher
-Weise werden verschiedene andere Nachtschattenarten ihrer genießbaren
-Früchte wegen in den Tropen kultiviert, so ~Solanum aethiopicum~ in
-Afrika, ~Solanum edule~ in Guinea, ~Solanum macrocarpum~ auf Mauritius
-und Madagaskar.
-
-Endlich wäre noch die derselben Familie der Nachtschatten angehörende
-+Juden-+ oder +Blasenkirsche+ (~Physalis alkekengi~) zu nennen, die
-aus dem Laubwalde Europas als Zier- und Nutzpflanze in die Gärten
-übernommen wurde. Sie hat schmutzigweiße Blüten und kirschgroße,
-glänzendrote Beeren, die von dem nach dem Verblühen sich stark
-vergrößernden und zur Zeit der Fruchtreife als Schauapparat ebenfalls
-lebhaft rot gefärbten Kelch tutenförmig umschlossen werden. Während
-das Kraut giftig ist, sind die süßlich sauren Früchte eßbar. Sehr
-viel wohlschmeckender aber als sie sind die in ihrer Heimat roh oder
-eingemacht eine sehr beliebte Speise bildenden Früchte der peruanischen
-Verwandten, ~Physalis edulis~, die jetzt in den tropischen und
-subtropischen Gärten allgemein kultiviert wird. Ihre als Ananaskirschen
-bezeichneten Früchte werden bisweilen auch zu uns gebracht und in den
-Delikateßläden feilgehalten.
-
-
-
-
-VIII.
-
-Eßbare Knollengewächse.
-
-
-Außer den mancherlei Früchten waren wohl die stärkemehlreichen
-Wurzelknollen, die keine Gifte oder sonst schädliche Stoffe enthielten,
-die vom Menschen zur Stillung seines Hungers am meisten gesuchten
-Pflanzenteile. Am Feuer geröstet, waren sie sehr wohl geeignet, seinen
-stets regen Hunger zu stillen. Daß dabei die Menschen der Urzeit
-keine Kostverächter waren und viele Wurzelknollen und andere Teile
-von Pflanzen aßen, die wir heute zu essen verschmähen, das ist ganz
-selbstverständlich. So verzehrten die Pfahlbauern Mitteleuropas zur
-späteren Stein- und Bronzezeit nicht bloß die mehlreichen Früchte
-der +Wassernüsse+ (~Trapa natans~), deren Schalen wir in ihren
-Speiseabfällen finden, sondern wohl auch deren fleischige Wurzeln, die
-heute noch viele Liebhaber unter den Naturvölkern finden. So werden
-sie, wie die nach Kastanien schmeckenden Nüsse, geröstet, in Menge
-selbst von den Bewohnern Kaschmirs, und in einer nahe verwandten Art
-(~Trapa bicornis~) von den Chinesen, die sie in besonderen Teichen
-kultivieren, als Speise namentlich der ärmeren Volksklasse gegessen.
-
-Den alten Ägyptern dienten zu demselben Zwecke die Wurzelknollen der
-+Papyrusstaude+ und verschiedener +Seerosen+. Man aß sie roh, geröstet
-oder gekocht und verwendete sie, zu Brei zerstoßen, wie die alten
-Schriftsteller berichten, insbesondere zur Ernährung der Kinder, die
-noch keine gröbere Kost ertragen konnten. An der in ihrer Gestalt und
-Farbe unserer weißen Seerose ähnlichen +ägyptischen Lotospflanze+
-(~Nymphaea lotus~) und deren Schwester, der +himmelblauen Seerose+
-(~Nymphaea coerulea~), war aber nicht bloß der knollige Wurzelstock,
-dessen angenehm süßlicher Geschmack gerühmt wird, als Speise geschätzt,
-sondern auch die kleinen braunen, eiweißhaltigen Samen, die in einer
-fächerreichen, kugeligen Frucht von schmutziggrüner Farbe liegen. Die
-Lotospflanze hieß bei den alten Ägyptern ~suschin~, im Hebräischen
--- daraus entlehnt -- ~schuschan~, eine Bezeichnung, welche später
-auf die weiße Lilie überging und uns in dem Namen Susanna erhalten
-ist. Noch heute heißt die weiße Lilie im Arabischen ~susan~. Auch bei
-den ältesten Griechen wurde die weiße Lotos als Lilie (~leírion~)
-bezeichnet. Der älteste griechische Geschichtschreiber, Herodot, der um
-460 v. Chr. selbst in Ägypten war, berichtet darüber: „Die Früchte der
-Lotospflanze (~lōtós~) aber schneiden sie (die Ägypter) ab und trocknen
-sie an der Sonne. Hierauf zerstoßen sie die darin befindlichen Körner,
-welche dem Mohn ähnlich sind, und bereiten sich mit Hilfe des Feuers
-Brot daraus. Auch die Wurzel ist eßbar und schmeckt nicht übel; sie
-ist rundlich und von der Größe einer Quitte.“ Nach ihm berichtet der
-große, pflanzenkundige Schüler des Aristoteles, Theophrast (390-286
-v. Chr.): „Der Lotos wächst in Ägypten auf den Feldern, wenn sie der
-Nil überschwemmt. Ihre weiße Blüte schließt sich bei Sonnenuntergang
-und verbirgt die Frucht; bei Sonnenaufgang aber tritt sie wieder über
-das Wasser und öffnet sich. Dies wiederholt sie bis die Frucht reif
-ist und die Blumenblätter abgefallen sind. Die Frucht ist so groß wie
-der größte Mohnkopf und ebenso in Fächer geteilt. In dieser liegt der
-Same dicht und sieht so aus wie Hirsekorn (~kénchros~). Die Ägypter
-legen die reifen Früchte in Haufen zusammen und lassen sie liegen,
-bis die Schale gefault ist, worauf die Samen herausgenommen werden.
-Diese trocknet man, zerstampft sie und bäckt Brot daraus. Die Wurzel
-des Lotos heißt kórsion, ist rund, so wie eine Quitte, hat eine
-schwärzliche Rinde wie die Kastanie. Das Innere ist weiß; gekocht oder
-gebraten wird es wie Eidotter gegessen und ist sehr wohlschmeckend. Man
-kann sie auch roh essen.“
-
-Als dann um 500 v. Chr. von Persien her der rosenrot blühende +indische
-Lotos+ (~Nelumbium speciosum~) im Niltal eingeführt und kultiviert
-wurde, haben die Ägypter auch dessen olivenkerngroße, braune, in
-Vertiefungen der der Brause einer Gießkanne ähnelnden Frucht steckenden
-Samen und die mehlreichen Wurzelknollen gern gegessen. Der vorhin
-erwähnte Herodot meint sie, wenn er sagt: „Neben dem Lotos haben die
-Ägypter auch noch andere im Wasser wachsende Lilien, deren Frucht einer
-Wespenwabe gleicht, worin Samen, so groß wie Olivenkerne, in Menge
-sitzen; man ißt sie frisch und gedörrt.“ Diese Samen waren die ~kýamoi
-aigýptioi~ oder ~fabae aegyptiacae~, d. h. ägyptischen Saubohnen der
-griechischen und römischen Schriftsteller des Altertums, die eine
-sehr beliebte Volksnahrung der alten Ägypter bildeten und nur von
-den Priestern gemieden wurden, da die sie erzeugende Pflanze in den
-Kult aufgenommen war und als heilig galt. Von dieser Pflanze, der
-heiligen ~padma~ der Inder, die noch heute in ihrer Heimat Südasien,
-besonders aber in China und Japan der mehlreichen Wurzelknolle und
-der wohlschmeckenden Samen wegen in stehenden Gewässern viel gezogen
-wird, schreibt Theophrast in seiner Pflanzenkunde: „Die ~kýamos~
-wächst in Sümpfen und stehenden Gewässern Ägyptens. Ihre Stämme
-werden bis vier Ellen lang, sind fingersdick, krustenlos, haben aber
-inwendig Scheidewände, welche quer durchgehen. Auf den Stämmen stehen
-die Fruchtköpfe, die wie runde Wespennester aussehen und in jeder
-Vertiefung eine etwas hervorragende saubohnenähnliche Frucht tragen.
-Es sind in jeder Frucht gewöhnlich 30 Bohnen enthalten. Die Blume
-ist doppelt so groß wie eine Mohnblume und tief rosa gefärbt. Die
-Frucht steht über der Wasserfläche. Neben den Früchten kommen große
-Blätter hervor, wie breitkrempige Hüte; ihre Stiele sehen aus wie
-die der Früchte. Die Wurzel ist dicker als die des dicksten Schilfes
-und hat ebensolche Scheidewände wie der Stamm. Sie wird roh, gekocht
-und geröstet verzehrt. Die Pflanze wächst häufig wild, wird aber
-auch gesät, indem man deren Samen in Ton wickelt und mit diesem ins
-Wasser senkt. Wo die Pflanze einmal steht, da dauert sie sehr lange
-aus. Die Wurzel ist stark, der Schilfwurzel ähnlich, aber dornig.
-Deswegen vermeidet sie das Krokodil, weil es fürchtet, seine Augen
-an den Dornen zu verletzen. Die Pflanze wächst auch in Syrien und
-Kilikien, trägt dort aber keine reifen Früchte. Sie wächst auch bei
-Torone in Chalchidike in einem mäßig großen See und in diesem bringt
-sie ihre Frucht zur Reife.“ Später schreiben der aus Kilikien gebürtige
-griechische Arzt Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.
-und der um 200 n. Chr. in Alexandria und Rom lebende, aus Naukratis in
-Ägypten stammende griechische Grammatiker Athenaios, daß der ~kýamos
-aigýptios~ in Ägypten in reicher Fülle wachse, sich aber auch in Asien
-und Kilikien in stehenden Gewässern finde. Die eßbaren Samen würden
-auch ~kibórion~ genannt, während die Wurzel ~kolokásia~ genannt und
-ebenfalls gegessen werde.
-
-Schon bei den ältesten Griechenstämmen war die durch unbestimmte
-Berichte aus Ägypten beeinflußte Sage von den Lotophagen, d. h.
-Lotosessern, sehr verbreitet. Läßt doch schon Homer in der Odyssee
-seinen Helden Odysseus zu den Lotophagen, worunter wohl zweifelsohne
-die Ägypter zu verstehen sind, gelangen und erzählt in phantasiereicher
-Weise von der seltsamen Wirkung der Frucht:
-
- „Doch von den Lotophagen geschah nichts Leides den Männern
- Unserer Schar; sie reichten vom Lotos ihnen zu kosten.
- Wer des Lotos Gewächs nur kostete, süßer denn Honig,
- Nicht an Mahnung zum Aufbruch dachte der, noch an die Rückkehr,
- Sondern sie trachteten dort in der Lotophagen Gesellschaft
- Lotos pflückend zu bleiben und abzusagen der Heimat;
- Aber ich führt an die Schiffe die Weinenden wieder mit Zwang hin,
- Zog sie in die geräumigen Schiffe und band sie fest an die Bänke;
- Doch die andern ermahnt ich und trieb die werten Genossen
- Schleunig hinwegzufliehn, in die hurtigen Schiffe sich rettend,
- Daß nicht einer, vom Lotos gereizt, noch vergäße der Heimat.
- Alle stiegen hinein auf die Ruderbänke sich setzend,
- Saßen gereiht und schlugen die grauliche Woge mit Rudern.“
-
-Nun kann aber dieser honigsüße Lotos Homers nicht die Frucht der
-ägyptischen Lotosblume, die keineswegs süß ist, gewesen sein, sondern
-war vermutlich diejenige des dem Judendorn nahe verwandten ~Zizyphus
-lotos~, eines dort und in anderen Ländern am Mittelmeer wachsenden
-Strauches mit längeren Dornen und größeren Früchten, die ein
-gelblichweißes, mehliges Fruchtfleisch von schleimigem, sehr süßem, an
-Datteln erinnerndem Geschmack besitzen und heute noch im Orient, wo der
-Strauch wild wächst, gern von der einheimischen Bevölkerung gegessen
-werden.
-
- Tafel 49.
-
-[Illustration: Japanische Bäuerin mit Wurzelgemüsen und Blumen.
-
-Japanischer Bauer mit Regenmantel aus Reisstroh.]
-
- Tafel 50.
-
-[Illustration: Papyrusdickicht am Flusse Anapo bei Syrakus.
-
-Fünf Monate alter Maniok oder Cassave (~Manihot utilissima~) in Buenga,
-Westafrika.]
-
-Der +Papyrus+ (~Cyperus papyrus~) -- altägyptisch ha -- ist ein niemals
-in schnellfließenden, tiefen Gewässern, sondern im seichten Wasser der
-Strombuchten, am Rande der Seen und in Sümpfen wachsende, bis 5 m hohe
-Grasart des tropischen Afrika, die einst in ganz Ägypten sehr häufig
-war, heute aber nur noch in Nubien und den Ländern am Oberlaufe des
-Nils wildwachsend in ausgedehnten Beständen angetroffen wird. Ihre
-fleischige Grundachse ist ein Hauptnahrungsmittel der Flußpferde, die
-sie mit ihren kräftigen, weit vorstehenden Schneidezähnen leicht aus
-dem schlammigen Boden heben, um sie schmatzend zu verzehren. Ihrem
-Beispiel folgten die Menschen. Wie heute noch die Stämme im oberen
-Nilgebiet, so haben schon die alten Ägypter die saftige, mehlreiche,
-aromatisch schmeckende Grundachse der Papyruspflanze, die erst im Alter
-verholzt, roh und gekocht als beliebte, billige Speise gegessen. Auch
-das untere Ende des saftreichen dreikantigen Stengels wurde von
-ihnen, weil infolge des reichen Zuckergehaltes süß schmeckend, gern
-wie anderwärts das Zuckerrohr gekaut, um den Saft auszusaugen. Schon
-der Vater der griechischen Geschichtschreibung, Herodot (484 v. Chr.
-in der kleinasiatischen Stadt Halikarnaß geboren, bereiste Ägypten und
-Babylonien, war seit 456 wieder in Griechenland, ging dann 443 nach der
-griechischen Pflanzstadt Thurii in Süditalien, wo er um 424 verstarb)
-schreibt: „Die Bewohner des ägyptischen Marschlandes reißen den Papyrus
-(~býblos~), der alljährlich nachwächst, aus dem Schlamm, schneiden
-das Obere ab, um es sonst zu verwenden; das ellenlange Wurzelstück
-dagegen essen oder verkaufen sie. Soll es recht gut schmecken, so
-wird es zuvor in einem heißen Ofen geröstet und dann erst gegessen.“
-Eine ausführliche Beschreibung der Pflanze und ihres Nutzens gibt uns
-der pflanzenkundige Theophrast (390-286 v. Chr.), der von ihr sagt:
-„In Ägypten kommen zahlreiche Wasserpflanzen vor; dieselben sind im
-allgemeinen süß und eßbar. Der ~pápyros~ wächst nicht in tiefem Wasser,
-sondern nur etwa 2 Ellen oder auch weniger tief. An Dicke kommt die
-Wurzel der Handwurzel eines starken Mannes gleich und dabei wird sie
-über 10 Ellen lang. Sie tritt über den Boden hervor, schickt seitlich
-viele dünne Wurzeln nach unten, nach oben aber dreikantige, bis 4
-Ellen hoch wachsende Stengel, die man insbesondere ~pápyros~ heißt.
-Solche Stengel treibt die Wurzel überall in Menge. Diese sind zu
-vielerlei brauchbar. Man macht aus ihnen Fahrzeuge, und aus dem Baste
-(~bíblos~) werden Segel, Matten, Seile, Kleider und viele andere Dinge
-geflochten. Im Ausland ist das daraus gewonnene Papier (~ta bíblia~)
-allgemein bekannt. Für die Eingeborenen ist aber die Nahrung, die sie
-aus dem ~pápyros~ ziehen, am wichtigsten. Sie kauen ihn roh, gekocht
-und geröstet, verschlucken den Saft und speien das übrige aus. Die
-(älteren) Wurzeln dienen statt Holz zum Brennen und zum Verfertigen
-von allerlei Geräten.“ Fast dreihundert Jahre später schrieb der aus
-Sizilien gebürtige griechische Geschichtschreiber Diodor, da er vom
-häuslichen Leben und der Kinderpflege der Ägypter handelte, daß den
-Eltern unglaublich wenig Kosten für die Ernährung der Kinder erwachsen,
-„denn sie kochen ihnen die nächste beste einfache Speise; auch geben
-sie ihnen von der Papyrusstaude den untern Teil zu essen, soweit man
-ihn im Feuer rösten kann... Daher kostet ein Kind seinen Eltern, wenn
-es erwachsen ist, im ganzen nicht über 20 Drachmen“ (etwa 12 Mark).
-
-Ein naher Verwandter des Papyrus ist das eßbare +Cypergras+ (~Cyperus
-esculentus~), auch Erdmandel genannt, deren Knollen man auch
-bisweilen mit anderen Pflanzenresten in den altägyptischen Sarkophagen
-als beliebte Totenspeise findet. So fand man welche in Gräbern des
-mittleren Reiches (2160-1788 v. Chr.) in Der el bahri bei Theben.
-Die im Berliner ägyptischen Museum aufbewahrten sollen nach A.
-Braun rundlicher und kleiner sein, als die heutigentags in Ägypten
-kultivierten. Die Pflanze hieß bei den alten Ägyptern gaiu und die
-Wurzelknolle ~schabin~. Der erste Grieche, der die Pflanze erwähnt,
-ist Theophrast. Er sagt von ihr: „Die ~malinathállē~ wächst in der
-Nähe der Flüsse Ägyptens auf sandigem Boden, ist rund von Gestalt,
-an Größe der Mispel gleich, ohne Kern und ohne Schale. Aus dieser
-Masse kommen Blätter wie beim Zypergras hervor. Die Leute sammeln die
-Knollen und kochen sie in Gerstenbier; auf diese Weise werden sie sehr
-süß. Sie werden auch allgemein zum Nachtisch gegessen.“ In ähnlicher
-Weise drückt sich der ältere Plinius (23-79 n. Chr.) aus: „In Ägypten
-wächst das ~anthalion~; es hat die Größe und Rundung einer Mispel,
-weder Kern noch Schale, aber Blätter wie Zypergras. Es wird gegessen,
-nachdem es durch Feuer zubereitet ist.“ Noch heute ist die Erdmandel
-oder Chufa eine für die Völker Nordafrikas sehr wichtige und deshalb
-allgemein angebaute Nährpflanze, deren Knollen überall in den Basaren,
-auch in Ägypten und im Orient als ~hab el asis~, d. h. vorzügliche
-Knolle, zu kaufen sind. Aus letzteren bereiten die Araber ein sehr
-süßes, wohlschmeckendes Getränk, ~scherbet~ genannt (vom Arabischen
-~schariba~ = trinken abzuleiten). Überall, wo die Araber einst
-herrschten, wurde die Pflanze häufig angebaut, so auch in Sizilien
-und Süditalien, und neuerdings wird sie wegen des süßen Geschmacks
-ihrer nahrhaften Wurzelknolle auch in Süddeutschland und Österreich
-kultiviert. Vielfach trifft man sie auch in Südasien und sogar in
-Amerika an. Die stärkemehl-, öl- und zuckerreichen Wurzelknollen von
-ausgezeichnetem mandelartigem Geschmack werden vielfach in den Handel
-gebracht und dienen zur Gewinnung eines als Speiseöl sehr geschätzten
-Öles. Da die Pflanze auch längere Trockenzeiten mit Leichtigkeit zu
-überstehen vermag, so bilden ihre Knollen, die roh und gekocht in
-der verschiedensten Zubereitung gegessen werden, in dem trockeneren
-Südafrika eines der wichtigeren Nahrungsmittel, weshalb die Erdmandel
-in vielen Teilen Afrikas, u. a. auch in Deutsch-Südwestafrika, angebaut
-wird.
-
-Auch die nahrhaften Wurzeln verschiedener anderer Pflanzen wurden und
-werden manchenorts vom Menschen gegessen. So bildeten die mehlhaltigen
-Wurzelstöcke gewisser +Farnkräuter+ die fast ausschließliche
-Pflanzennahrung der Maori Neuseelands vor ihrer Entdeckung durch
-die Europäer. Sie waren um 1300 n. Chr. von Norden her auf dieses
-Eiland eingewandert und bewohnten ausschließlich die Nordinsel, sich
-hier vorzugsweise vom Fischfang und der Jagd ernährend. Noch als der
-berühmte Seefahrer James Cook den Südwinter 1773 bei ihnen verbrachte,
-hatten sie daran und am Fleische der gewaltigen, flügellosen Vögel,
-die in zahlreichen Arten jene Insel bewohnten, genügend zu essen;
-als aber letztere zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerottet wurden
-und die Eingeborenenbevölkerung sich so weit vermehrt hatte, daß die
-Fleischnahrung als notwendige Zukost zur eiweißarmen Wurzelnahrung
-im Innern, wo kein Fischfang möglich war, mangelte, da begannen die
-Maori notgedrungen, sich gegenseitig aufzufressen, bis die Europäer
-durch Einführung der Schweine als Eiweißnahrung und der Kartoffeln
-an Stelle der viel geringwertigeren Farnwurzeln als Pflanzenkost der
-chronischen auf dieser übervölkerten Insel herrschenden und zu den
-Gräueln des Kannibalismus führenden Hungersnot ein Ende machten, worauf
-der Menschenfraß von selbst aufhörte. Heute noch dienen allerlei
-Farnwurzeln, namentlich von ~Pteris aquilina~, im Himalaja und in Japan
-zur Ernährung des Menschen.
-
-Noch häufiger aber werden andere stärkemehlhaltige Wurzelstöcke als
-Nahrung benutzt, so vor allem diejenigen der in der ganzen Inselwelt
-des Stillen Ozeans und Südasiens heimischen +Tahitipfeilwurz+ (~Tacca
-pinnatifida~), auf Tahiti und den benachbarten Inseln ~pia~ genannt.
-Diese niedrige, ausdauernde Staude wird hier überall, wie auch in
-Queensland, dem malaiischen Archipel, Indien, Südchina und der
-Ostküste von Afrika um Sansibar herum wegen ihrer stärkemehlreichen
-Wurzelknollen kultiviert, obgleich dieselben eine Schärfe besitzen,
-welche selbst durch mehrmaliges Auswaschen nicht vollständig entfernt
-werden kann. Von den Europäern wird sie deshalb gewöhnlich mit Essig
-gegessen, der die Schärfe unterdrückt. In China und Cochinchina dienen
-auch die gekochten Blattstiele zur Nahrung. Von dieser Pflanzenknolle
-wird ein sehr geschätztes Stärkemehl gewonnen, das als ostindisches
-~Arrowroot~, d. h. Wurzelmehl, in den Handel gelangt, meist aber an Ort
-und Stelle verbraucht wird. Neuerdings wird diese Pfeilwurz mit bestem
-Erfolg auch im Kamerungebiete und in Deutsch-Südwestafrika angebaut
-und zur Gewinnung von Stärkemehl benutzt, das vielfach auch von den
-Fidschi-, Samoa- und Sandwichinseln, wie auch von Neuguinea in den
-Handel kommt.
-
-Sonst wird das Arrowroot des Handels meist aus Wurzelstöcken
-verschiedener im tropischen Südamerika heimischer Pflanzen aus der
-Familie der Marantazeen, einer Art Gewürzlilien, gewonnen. Dieses
-Wurzelmehl gewannen die Indianer schon lange vor ihrer Bekanntschaft
-mit den Europäern und nannten es ~aruruta~ (von ~aru~ Mehl und ~ruta~
-Wurzel), woraus die Engländer irreführenderweise ihr ~arrowroot~
-machten, was also „+Wurzelmehl+“ und nicht „Pfeilwurz“ bedeutet, wie
-man glauben könnte. Das beste Stärkemehl liefert ~Maranta arundinacea~,
-eine 2-3 m hohe Staude mit geradem, schlankem Stengel, langen,
-ovallanzettlichen, unterseits etwas behaarten Blättern, kleinen weißen
-Blüten, die in kurzen Ähren an den verzweigten Blütenständen erscheinen
-und welchen Kapselfrüchte von der Größe der Johannisbeeren folgen.
-Der fleischige Wurzelstock verzweigt sich im Boden; seine einzelnen
-Glieder, „Finger“ genannt, werden 25 bis 45 cm lang, sind weiß und
-müssen zur Zeit des Absterbens der Stengel, wenn sie am stärkereichsten
-sind, geerntet werden. Wenn der Wurzelstock jung ist, enthält er nur
-7-8 Prozent Stärkemehl, dann wächst der Gehalt allmählich und erreicht
-im 10.-12. Monat, je nach der Gunst des Klimas, 25-26 Prozent. Die
-abgeschnittenen Stauden dienen als Gründüngung, während die mit Hacken
-ausgegrabenen Wurzelstöcke geschält, gewaschen, zwischen Walzen
-zerquetscht und die Stärkemehlkörnchen auf feinen Sieben ausgeschlämmt
-werden. Darauf folgt die Trocknung in großen, flachen Kupferpfannen,
-in welche die Stärke mit neusilbernen Schöpflöffeln übertragen wird,
-und darauf das Verpacken in Fässer oder noch besser in Zinnkisten.
-Aus ihrer Heimat im tropischen Südamerika war die Pfeilwurz vor der
-Ankunft der Europäer überall in Westindien verbreitet und wird schon
-lange auch in Ostindien, Afrika und Australien im großen kultiviert.
-Besonders in Süd- und Westafrika hat sich ihr Anbau in neuerer Zeit
-sehr gehoben. Natal führt davon jährlich bis zu 300000 kg aus, wovon
-das kg im Großhandel etwa 1 Mark kostet. Solches Arrowroot wird in
-Westindien auch von ~Calathea allouya~ gewonnen, einer Pflanze mit
-rundlichen, kleinen Knollen, die wie die Maranta von den Eingeborenen
-Guianas und Westindiens häufig als Knollenpflanze bei den Häusern
-angebaut wird. Dann wird aus verschiedenen Cannaarten, die mit Maranta
-nahe verwandt sind und wie diese kultiviert werden, Arrowroot gewonnen,
-das unter dem Beinamen Tulema (verdorben aus ~tous les mois~) bekannt
-ist, ~Canna discolor~ aus Mittelamerika soll wenig, aber eine sehr gute
-Sorte geben, die in Trinidad unter dem Namen ~Cannaroot~ in den Handel
-kommt. Während die verschiedensten südamerikanischen Cannaarten, so
-namentlich ~C. gigantea~ aus Brasilien und ~C. paniculata~ aus Peru,
-zur Stärkemehlgewinnung angepflanzt werden, wird nur die ebenfalls
-in Peru heimische ~Canna edulis~ in Süd- und Mittelamerika, wie seit
-langer Zeit auch im östlichen Australien für den Export im großen
-angebaut. In ihrer Heimat Peru heißt sie ~adeira~ und werden ihre
-Knollen wie bei uns die Kartoffeln gegessen. Sie ist außerordentlich
-zähe und genügsam an den Boden und wird im Gegensatz zur weißen
-Arrowrootpflanze (~Maranta arundinacea~ mit der weißen Blüte), weil
-sie scharlachrote Blüten und dunkelpurpurfarbene Früchte besitzt, die
-rote Arrowrootpflanze genannt. In Queensland hat sie infolge ihrer
-leichteren Erntebereitung, trotzdem ihr Produkt weit geringere Preise
-erzielt, die Marantakultur schon fast ganz verdrängt. Sonst kommt die
-meiste Cannastärke von St. Kitts in Westindien nach London auf den
-Markt.
-
-Andere nennenswerte Arrowrootquellen sind einige Ingwerarten Ostindiens
-aus der Gattung Curcuma, deren eine die als Gewürz gebrauchte Gelbwurz
-liefert; die beste Sorte liefert ~Curcuma angustifolia~. Das daraus
-gewonnene Stärkemehl wird meist auf den indischen Basaren unter
-einheimischen Namen verkauft und kommt kaum in den europäischen Handel,
-doch soll es vielfach zur Verfälschung des echten Arrowroots aus
-~Maranta arundinacea~ gebraucht werden. In Westindien dient zu der
-seltener vorkommenden Verfälschung derselben eine ihr ähnlich sehende
-Stärke, die von verschiedenen Cycadeen oder Palmfarnen, besonders
-~Zamia tenuis~, ~furfuracea~ und ~pumila~, gewonnen wird. Dem gleichen
-Zwecke dienen die im Tieflande Mexikos wachsenden großen Samen des
-Palmfarns ~Dioon edule~. In Chile ist ~Astroemeria pallida~ eine
-Arrowrootquelle; das gewonnene Produkt dient aber nur dem einheimischen
-Verbrauch.
-
-Eine als Nahrungsmittel außerordentlich wichtige Knollenfrucht
-liefert die südamerikanische Wolfsmilchart ~Manihot utilissima~.
-Dieses Wurzelgewächs wird in Westindien und den Vereinigten Staaten
-+Cassava+, in Zentralamerika, Kolumbien, Venezuela, Peru, Ekuador und
-Bolivien +Yuca+, in Brasilien, Argentinien und Paraguay aber +Mandioca+
-genannt. Und als +Maniok+ wird es auch von den Europäern in Amerika
-gewöhnlich bezeichnet, während es die in Westafrika, wo es früh durch
-südamerikanische Sklavenhändler eingeführt wurde, lebenden Weißen als
-Cassada oder Stockyams bezeichnen. Besonders an der Küste Westafrikas,
-wo es die Eweer Agbeli nennen, wird es neben dem ebenfalls aus
-Südamerika eingeführten Mais als Hauptbrotfrucht gepflanzt. Man
-unterscheidet in seiner Heimat bittern und süßen Maniok; der letztere
-wird als ~Manihot aipi~ bezeichnet, ist mehr in Südbrasilien, Paraguay
-und Nordargentinien zu Hause, hat lange Staubbeutel und ungeflügelte,
-nur etwas eckige Kapseln, während ersterer dagegen mehr aus
-Nordbrasilien, Guiana und Westindien stammt und kurze Staubbeutel und
-breitgeflügelte Kapseln besitzt. Obschon der süße Maniok, namentlich
-in kühleren Gegenden, besser gedeiht als der bittere, auch in bezug
-auf den Boden weniger anspruchsvoll ist und kürzere Zeit, nämlich 8-10
-Monate, zur Reife gebraucht, wird er weniger als der bittere angebaut,
-der reicheren Ertrag geben soll und dessen Knollen sich im Boden auch
-besser halten sollen als die süßen. Sie sind größer als letztere und
-nicht weißlich, sondern dunkel gefärbt. Die Pflanze gehört zu den
-halbholzigen Sträuchern, der weißliche, spröde Stengel ist mit dickem
-Mark gefüllt, mehrfach verästelt und wird 1,5-2 m, unter günstigen
-Verhältnissen sogar 3 m hoch. Er ist schwach mit bläulichgrünen,
-drei- bis siebenlappigen Blättern besetzt und trägt rispiggestellte
-unscheinbare Blüten männlichen und weiblichen Geschlechts, aus welch
-letzteren Kapselfrüchte hervorgehen. Die fleischigen Wurzeln stehen
-in Büscheln beisammen und bilden den Dahlien- oder Georginenknollen
-ähnliche, nur bedeutend größere und schwerere, außen meist rotbraun,
-innen dagegen gelbweiß wie die Kartoffel gefärbte, fingerförmig
-auseinanderstehende Knollen mit derber Schale. Meist erreichen sie
-nur 30-45 cm Länge, können aber auch bis 70 cm Länge und ein Gewicht
-von 4-5 kg erlangen. Sie enthalten gleich dem Strauche einen äußerst
-giftigen Milchsaft, der schon wenige Minuten nach dem Genuß den Tod
-herbeiführt. Durch Unkenntnis dieser Verhältnisse bei der ihnen bis
-dahin unbekannten Knollenfrucht gingen zahlreiche der schwarzen, aus
-Ostafrika mitgenommenen Suaheliträger auf dem letzten großen Zuge
-Stanleys kongoaufwärts zum Entsatze von Emin Pascha an Vergiftung
-zugrunde. Glücklicherweise läßt sich aber das Gift, das aus Blausäure
-besteht, schon teilweise durch sorgfältiges und wiederholtes
-Auswaschen, vollständig aber durch Rösten und Kochen entfernen. Die
-Hitze verflüchtigt es so schnell, daß dünne Wurzelschnitten, einige
-Stunden an der Sonne getrocknet, dem Vieh als Futter verabreicht werden
-können, und sogar, falls sie völlig trocken sind, auch vom Menschen
-gegessen werden dürfen. Vor ihrer Zubereitung raspelt und zerreibt
-man die Knollen, preßt die Masse aus, wäscht sie wiederholt im Wasser
-aus und drückt sie schließlich durch ein Bambusrohrgeflecht. Das
-dabei Zurückbleibende ist das Mandiocamehl, in Südamerika meist nur
-~farinha~, d. h. Mehl genannt, das, zu Brot oder Kuchen gebacken oder
-mit Wasser zu Brei verrührt, in einem großen Teile Südamerikas für die
-ärmere Bevölkerung das ist, was die Kartoffel für Irland. Aus dem durch
-das Bambusgeflecht abgelaufenen Wasser schlägt sich reines Stärkemehl
-nieder, das als +Tapioka+ (aus dem ~tipiok~ der Indianer entstanden),
-Manioksago oder brasilianisches Arrowroot in den Handel gelangt und
-als Kindermehl oder zu feinem Backwerk verwendet wird. Damit sich das
-Mandiocamehl leichter zu Brot backen läßt, wird es in Amerika vielfach
-mit Weizenmehl vermischt. Als Würze zu den etwas fade schmeckenden
-Maniokklößen oder dem Tapiokabrei genießt man vielfach den mit Pfeffer
-gekochten frischen Milchsaft der Pflanze, und sogar die Blätter werden
-gekocht als Gemüse gegessen. Da die Kultur des Manioks eine äußerst
-einfache ist, die Pflanze selbst mit geringem Boden vorlieb nimmt und
-bei geringer Arbeit einen hohen Ertrag liefert, so ist es kein Wunder,
-daß sie sich aus ihrem Stammland Brasilien, wo sieben verschiedene
-Arten derselben angebaut werden, über ganz Südamerika, Mexiko und
-die Antillen schon vor der Ankunft der Europäer verbreitet hatte.
-Im 16. Jahrhundert kam sie durch die Portugiesen nach Westafrika,
-wo sie sich mit der Zeit weithin verbreitete; später ward sie auch
-nach Asien gebracht und wird da stellenweise angebaut, so besonders
-auf der Halbinsel Malakka. Doch nimmt heute noch Brasilien weitaus
-die erste Stelle in bezug auf den Export von Tapioka ein. Hat doch
-dieses Land eine Jahresausfuhr von 15 Millionen kg im Wert von über
-einer Million Mark, nach ihm kommt Singapur mit 12,4 Millionen kg. Die
-deutschen Kolonialgebiete in Westafrika produzieren fast nur für den
-Eigenbedarf, weil von seiten der Europäer bis jetzt keine Nachfrage
-nach diesem Artikel besteht. Doch hat Togo immerhin im Jahre 1906 schon
-250000 kg im Werte von fast 22000 Mark ausgeführt. Die Kultur ist so
-überaus einfach und ergiebig, daß sie selbst dem arbeitsscheuen Neger
-einleuchtet und sich von selbst bis nach Westafrika quer durch den
-Kontinent ausbreitete. Sowohl in Deutsch-Ostafrika als auch namentlich
-im portugiesischen Teile spielt sie heute eine große Rolle. Der Maniok,
-der von den Deutschen Westafrikas im Gegensatz zum eigentlichen, wie
-wir gleich sehen werden, rankenden Yams auch als Stockyams bezeichnet
-wird, gedeiht am besten auf trockenem Sandboden, während er bei zu
-großer Feuchtigkeit, z. B. im Gebirge, durch starken Giftgehalt
-ausgezeichnet ist und dann mit der größten Vorsicht durch die vorhin
-genannten Maßnahmen entgiftet werden muß.
-
-In seiner Heimat Brasilien, wie in Afrika und auf Malakka, wird der
-Maniok in der denkbar einfachsten Weise angepflanzt, indem man ein
-Stück Urwald mit Axt und Feuer lichtet und den Grund behackt. In
-Abständen, die mit Rücksicht auf die Größe des sich entwickelnden
-Strauches durchschnittlich 1,5-2 m betragen, werden etwa 30 cm lange
-Stengelstücke, an denen in ausgiebigster Weise Knospen angelegt sind,
-die in der folgenden Vegetationsperiode zur Entwicklung gelangt
-wären, bis nahezu zur Hälfte schräg in den Boden gesteckt. Schon nach
-2 bis 3 Wochen bemerkt man das Austreiben der Knospen, welche sich
-dann sehr schnell entwickeln, so daß bereits nach sieben Monaten,
-während welcher nur ein- bis zweimal zur Beseitigung des gröbsten
-Unkrauts gehackt zu werden braucht, die Ernte der Knollen beginnen und
-infolge der stetigen Entwicklung neuer Knollen mehrere Monate fast
-ununterbrochen fortgesetzt werden kann. Dabei müssen die Knollen,
-die sich an der Luft nicht gut halten, bis zu ihrem Verbrauche im
-Boden belassen werden, worin sie sich ausgezeichnet konservieren. In
-Westafrika wird der Maniok in ausgedehnten, meist sorgsam gehegten
-Feldern bei den Negerdörfern gebaut, indem um jede Pflanze ein
-Erdhaufen zusammengeharkt wird, welcher infolge der Belaubung der über
-Mannesgröße erreichenden Stauden meist frei von Unkraut bleibt. Dabei
-kann man auf einen Ernteertrag von 5 kg Knollen pro Pflanze rechnen mit
-einem Mehlertrag von etwa 33 Prozent. Die anfänglich leeren Abstände
-benützt man vielfach zum Anbau schnellwachsender Pflanzen wie Mais oder
-Bergreis und legt häufig Mischkulturen von Maniok und Bananen an. Auch
-der Maniok hat seine Feinde, von denen namentlich Raupen mitunter in
-größeren Mengen an die Pflanze herangehen. Bedeutend mehr wird aber
-die durch einen Fadenpilz hervorgerufene Kräuselkrankheit der jungen
-Triebe gefürchtet. Einfallende Schwärme von Wanderheuschrecken können
-durch Abfressen des für sie trotz der Giftigkeit unschädlichen Laubes
-großen Schaden anrichten, ebenso Wildschweine und in Amerika Agutis
-durch Wegfressen der Knollen trotz ihrer Bitterkeit. Die Blätter fallen
-vielfach auch Hirschen und Antilopen zum Opfer.
-
-[Illustration: Bild 21. Die Batate oder süße Kartoffel (~Ipomaea
-batatas~). Blühender Zweig und Wurzelknollen.]
-
-Eine andere uralte Kulturpflanze des tropischen Amerika ist die
-+Batate+ oder +süße Kartoffel+ (~Ipomaea batatas~), die durchaus nicht
-mit der gemeinen Kartoffel verwandt ist, sondern ein Windengewächs mit
-eßbaren Wurzelknollen ist. Wegen der großen Ähnlichkeit der letzteren
-mit den Kartoffelknollen in Verbindung mit deren ausgesprochen süßem
-Geschmack wurden sie als süße Kartoffeln bezeichnet. Die Pflanze
-ist ausdauernd, sie hat aus einer Wurzel mehrere lange, auf dem
-Boden kriechende Stengel, langgestielte, breite, tiefeingeschnittene
-Blätter, zu 3-4 an einem ebenfalls langen Stiele aus den Blattwinkeln
-hervorbrechende große, purpurrote, rötliche oder weiße Trichterblüten
-und entwickelt mehrere lange, walzen- oder spindelförmige, spitz
-zulaufende, außen purpurrote, weiße oder gescheckte, inwendig aber
-weiße, weiche mehlreiche Wurzelknollen, die im allgemeinen nur
-ein Gewicht von 1-2 kg erreichen; doch sind solche von 6 kg keine
-Seltenheit, und auf Java soll man sogar Knollen von 25 kg gezogen
-haben. Obschon die Pflanze noch nirgends im wilden Zustande angetroffen
-wurde, so ist doch höchst wahrscheinlich Brasilien ihre engere
-Heimat, da dort verwandte wilde ~Ipomaea~-Arten angetroffen werden,
-deren Knollen gleichfalls gegessen werden können. Seit den ältesten
-Zeiten wird sie durch das ganze tropische Amerika von Paraguay und
-Peru, in welch letzterem Lande sie ~apichu~ genannt wird und nach den
-Gräberfunden von Ancon schon von den vorgeschichtlichen Indianerstämmen
-angepflanzt wurde, bis Mexiko und den Antillen kultiviert, und zwar in
-einer großen Zahl von Kulturvarietäten, die indessen nicht durchweg
-beständig zu sein scheinen. Sie wurde im Jahre 1519 in Europa bekannt,
-indem Pigafetta über ihre Kultur in Brasilien berichtete. Bald darauf
-wurde sie in Spanien eingeführt und von dort und den Kanaren kam sie
-noch vor der Kartoffel nach England. Wegen ihrer großen Vorzüge als
-Nährfrucht verbreitete sie sich sehr rasch über die Alte Welt und
-fand sich schon im 17. Jahrhundert in ausgedehntem Maße in Ostasien,
-besonders China, angepflanzt. Man baut sie gegenwärtig außer sehr
-allgemein in Amerika, wo sie sich den ganzen Süden der Vereinigten
-Staaten erobert hat, in Nordafrika, Ostindien, China, Japan und dem
-malaiischen Archipel an. Selbst in Südeuropa hat man sie einzubürgern
-versucht; doch ist es ihr hier nicht warm genug, so daß sie nicht recht
-zu gedeihen vermag.
-
-Die Kultur der Batate, deren Namen die Engländer als die ihnen von den
-beiden Knollengewächsen zuerst bekannt gewordene als ~potatoe~ auf
-die Kartoffel übertrugen, erfordert in den warmen Ländern sehr wenig
-Arbeit. Sie wächst in jedem Boden, ist aber für ausgiebige Düngung
-dankbar. Man steckt die Saatknollen, oder falls man Stecklinge erhalten
-kann, meist diese in Abständen von 1 m in den Boden, nachdem der Boden
-durch Hacken gelockert und das Unkraut als Gründüngung untergegraben
-ist. Die beste Pflanzzeit ist in den Tropen die zweite Regenzeit oder,
-falls nur eine existiert, die zweite Hälfte derselben; doch pflanzt
-man meist während der ganzen Regenzeit, um stets frische Süßkartoffeln
-zu haben. Meist setzt man sie als Zwischenfrucht auf Feldern, die zum
-zweiten Male Mais tragen. Und zwar wählt man die Zeit, da der Mais
-schon 30-40 cm hoch ist und als Schattenpflanze für die jungen Bataten
-dienen kann. Nach zwei Monaten wird der Mais geerntet, nach fünf
-Monaten aber die Bataten entweder ohne Zwischenfrucht, oder man sät
-noch einmal Mais dazwischen. Andere Zwischenfrüchte, wie z. B. Bananen,
-wählt man jetzt nicht mehr oder nur selten. Dadurch, daß die Stengel
-der Bataten auf dem Erdboden kriechen und mit zahlreichen Blättern
-versehen sind, unterdrücken sie die Entwicklung von Unkräutern. Man
-braucht also nicht zu hacken, sondern kann den Boden fest lassen,
-wodurch auch die Ausbildung großer und mehr runder Knollen begünstigt
-wird. Bei der Ernte, welche etwa Anfang April beginnt, werden die
-Knollen für den jedesmaligen Bedarf oder in gewissen, meist nicht sehr
-großen Quantitäten mit möglichster Schonung der Pflanze herausgenommen.
-Diese setzt dann fortwährend neue Knollen an, so daß die Felder oft
-erst nach zwei bis drei Jahren erneuert werden. Nachher aber werden
-die Blätter kleiner und die Knollen bleiben aus, so daß die Kulturen
-frisch angelegt werden müssen. Die Ernte soll man möglichst nur bei
-trockenem Wetter vornehmen. In vielen Fällen heben die Knollen zur
-Zeit der Ernte, da das Laub gelb zu werden beginnt, die Erde empor und
-lassen sich leicht auffinden und mit der Hacke ausgraben. Der Wert der
-durch einen großen Reichtum an Stärkemehl und Milchsaft ausgezeichneten
-Knollen wird durch ihre geringe Haltbarkeit beeinträchtigt, zumal in
-einem feuchten Klima. Vor allem müssen sie in einem trockenen, luftigen
-Raum aufbewahrt werden. Zu diesem Zwecke baut man gutgedeckte Scheuern,
-worin sie aufgehängt oder, wie es die Neger meist machen, lose
-aufeinander geschichtet werden. Man ißt sie aber meist bald nach der
-Ernte und bereitet sie in derselben Weise wie die Kartoffeln zu, indem
-man sie in Butter geröstet und als Puree oder Salat zubereitet ißt.
-Sie sind sehr bekömmlich und nahrhaft, zart und von angenehmem, süßem
-Geschmack, sind leichter verdaulich, stehen aber für unser Empfinden
-in bezug auf Wohlgeschmack weit hinter den Kartoffeln zurück. Im Ofen
-getrocknet oder in Zucker eingelegt, lassen sie sich auch konservieren;
-auch benutzt man sie zur Gewinnung eines berauschenden Getränkes, das
-in Westindien ~mobby~, bei den Portugiesen aber marmoda heißt. Die von
-Würmern angefressenen, die leicht faulen, und die unreifen Knollen
-können als Viehfutter verwendet werden. Als ebensolches dienen auch die
-Blätter und Stengel; erstere werden bisweilen auch solange sie jung
-sind wie Spinat gekocht vom Menschen gegessen, schmecken aber nicht
-sehr gut.
-
-Unter der Bezeichnung +Yams+ oder +Igname+ werden seit uralter Zeit
-verschiedene kletternde Knollenpflanzen aus der Gattung ~Dioscorea~
-(nach dem griechischen Arzte Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. so
-genannt) im tropischen Amerika, in Afrika und Asien kultiviert, deren
-wilde Stammformen meist nicht mehr zu finden sind. Von den zahllosen
-Formen sind ~Dioscorea batatas~, ~sativa~ und ~alata~ die wichtigsten.
-Unter ihnen hat die erstgenannte mit Sicherheit in China und dem
-indo-malaiischen Gebiet ihre Heimat; hier wird sie in den ältesten auf
-uns gekommenen Schriften mit einheimischen Namen erwähnt. Ferner hat
-sich herausgestellt, daß der in Südamerika für sie gebräuchliche Name
-Igname, der sich mit dem Gewächs weithin verbreitet hat und beinahe
-ebenso oft gebraucht wird als die Bezeichnung ~Yams~, aus Westafrika
-stammt und wahrscheinlich mit der Frucht durch Sklaven dahin gelangte.
-Alle Yamsarten sind windende Pflanzen mit bis 6 m langem, dünnem,
-hartem, vielfach noch mit Dornen ausgestattetem Stengel, spiral darum
-herumlaufenden herzförmigen Blättern, getrennt geschlechtigen,
-unscheinbaren grünen, der Johannisbeertraube ähnlichen Blüten, harten,
-herzförmigen, ungenießbaren Früchten, 0,5-1 m und mehr langen, bis
-10 kg schweren fleischigen Knollen mit dunkler Rinde und mehlreichem
-Inhalt. Bei vielen sind letztere stark bitter oder geradezu giftig,
-in welch letzterem Falle sie einen ekelhaften Geruch beim Kochen von
-sich geben. Durch Wässern und längeres Kochen werden aber diese Stoffe
-vollständig beseitigt, so daß sie dann eine sehr wohlschmeckende
-Speise abgeben, die an Nährwert der Kartoffel gleichkommt. Sie werden
-geschält, zerschnitten, weich gekocht, in Holzmörsern zerstampft und
-der so entstandene dicke Brei mit Pfeffer und Öl gewürzt verzehrt.
-
-[Illustration: Bild 22. Der Yams (~Dioscorea batatas~). Ein rankender
-Zweig und junge Wurzelknollen.]
-
-Der Yams verlangt einen guten, durchlässigen, humusreichen Boden,
-weshalb er meist auf früherem Waldboden kultiviert wird, und ein
-feuchtwarmes Klima. Als Saatgut dienen kleine Knollen, die vielfach
-nicht unterirdisch, sondern an den Blattwinkeln entstehen. Solche
-überirdische Knollen werden besonders von einigen afrikanischen
-Yamssorten erzeugt, die speziell in Abessinien kultiviert werden
-und überhaupt keine unterirdischen Knollen bilden. Je größer die
-gepflanzten Knollen oder Knollenstücke sind, um so kräftigere
-Schößlinge treiben sie aus und um so mehr Frucht setzen sie an. In
-Abständen von 1 m häufelt man die Erde zu kleinen Hügelchen auf,
-pflanzt die Knollen dort ein und steckt gleichzeitig bei jeder eine
-Stange, die zwar nicht die Höhe, aber die Stärke einer Hopfenstange
-haben muß. Sobald die Ranken einige Fuß lang sind, bindet man sie wie
-Bohnenranken an. Im übrigen besteht die Pflege in mehrmaligem Jäten des
-Unkrauts und Auflockern des Bodens, außerdem in wiederholtem Anhäufeln
-nach Bedarf um die sich bildenden Knollen herum. Eine Zwischenfrucht
-ist nicht zu empfehlen, höchstens etwa Mais oder Bataten, wobei dann
-aber selbstverständlich größere Abstände nötig sind.
-
-Im ganzen wird der Yams von den Kolonisten nur selten feldbaumäßig
-wie von den Eingeborenen angepflanzt, sondern nur zum Hausgebrauch
-in Gärten den Zäunen entlang, oder zur Belaubung von Veranden gleich
-den Zierkürbissen gezogen. Nach 9-11 Monaten sind die Knollen reif,
-was man am Welken der Stengel merkt; man wartet aber, bis die Stengel
-völlig abgestorben sind und ihre sämtlichen Nährstoffe in die Knollen
-geschafft haben. Der Durchschnittsertrag darf auf 2-4 kg per Pflanze
-gerechnet werden, was bei Abständen von 1 m 20-40000 kg pro Hektar
-ergibt. Hat man schwächliche oder kleine Knollen zur Aussaat benutzt,
-so braucht man mehrere Jahre zum Erzielen von großen Knollen; da
-muß man mit 1 kg schweren Knollen zufrieden sein. Mittelstarke
-Saatknollen geben Ernteknollen von 2-5 kg. Riesenknollen von 15-18
-kg sind ausnahmslos das Produkt des Wachstums mehrerer Jahre. Auf
-den Fidschiinseln, wo die Yamskultur durch die Eingeborenen in hoher
-Blüte steht, versteht man Knollen von 1,8 m Länge und 50 kg Gewicht zu
-erzielen. Die Leute dort geben an, daß man zur Erzielung von so großen
-Knollen einen harten, nicht bearbeiteten Boden brauche; auch bereitet
-man den Pflanzen durch untergelegte Steine einen künstlichen Widerstand
-und pflegt dabei zu sagen, der Yams müsse sich erst ärgern, um seine
-ganze Kraft zu zeigen. Auch die Eingeborenen von Neuguinea vermögen
-Riesenknollen von 40 kg Gewicht zu erzielen.
-
-In ganz Westafrika ist der Yams neben dem Maniok eine der wichtigsten
-Nährpflanzen, ja geradezu die Kartoffel der Eingeborenen und der
-dort lebenden Europäer. An der Küste gedeiht er nicht so gut wie im
-Binnenlande; hier ist neben Mais der Cassava oder Stockyams genannte
-Maniok die Hauptknollenfrucht, während die Knollen des gewöhnlichen
-Yams in großen Mengen aus dem Innern eingeführt werden. Im Binnenlande,
-in welchem der Yams zu Hause ist, wächst er dort am besten, wo am
-Fuß der sanft ansteigenden Gebirgszüge und in den Tälern sich ein
-guter, lockerer Humusboden abgelagert hat. Schon im Monat Februar,
-zur Zeit des Harmattan und am liebsten nach dem Grasbrand, der den
-Boden mit seiner fruchtbaren Asche düngt, begibt sich der schwarze
-Yamsbauer in den Busch, um sich entweder auf dem eigenen Land oder
-dem seiner Familie oder seines Stammes den Platz für die anzulegende
-Pflanzung herzurichten, indem er mit seinem Buschmesser den Boden vom
-niedrigen Gestrüpp, Buschwerk und Gras, falls der Brand letztere noch
-nicht vernichtet hat, säubert. Palmen und größere Laubbäume bleiben
-als wohltuende Schattenspender stehen, außerdem leitet er die rasch
-wachsenden Yamslianen durch Palmrippen zu diesen Bäumen, an denen sie
-dann ähnlich wie der Hopfen hoch hinaufranken. Zu dichte Baumgruppen
-lichtet der Neger dadurch, daß er den einen oder andern Baum unten über
-der Erde am Stamm abbrennt. Dadurch stirbt er ab, wird dürr und liefert
-im kommenden Jahr gutes Brennholz für die Küche. Das abgehauene und
-rasch dürr gewordene Gestrüpp wird nun auf Haufen gebracht und an Ort
-und Stelle verbrannt. Dann werden in 1-1,5 m Abständen mit der Hacke
-rundliche Erdhaufen in der Größe unserer Ameisenhügel gemacht und in
-jeden solchen mit der Hand eine kleine Yamsknolle mit 1-2 Triebaugen
-gepflanzt. Leicht mit Erde zugedeckt, treibt sie schon nach 2-3 Wochen
-eine armlange Ranke, die nun einen Pfahl erhält. Ist ein Baum in der
-Nähe, so erhält die Yamsranke nur eine Palmrippe der Ölpalme, die zwar
-im Boden rasch morsch wird, aber nur dazu dienen soll, sie auf den
-benachbarten Baum zu leiten. Die übrigen Pflanzen erhalten im Busch
-gehauene, unten zugespitzte und in den Boden gesteckte Pfähle wie
-unsere Bohnenstangen. Nun hat der Yamsbauer während der folgenden 6-8
-Monate bis zur Ernte den Boden mit der kurzen Hacke zu lockern und vom
-Unkraut freizuhalten. Ist das Yamsfeld weit entfernt, so baut sich der
-Neger dabei eine kleine Hütte, in der er mit den Seinigen haust. Für
-die jungen Söhne pflanzt der Vater gewöhnlich eine Reihe von 20 bis
-30 Yamsstöcken, deren Ertrag sie für sich verkaufen dürfen. Auch die
-Frau bekommt 2-3 Reihen, etwa 60-80 Yamspflanzen, über deren Ertrag
-sie frei verfügen kann. Ist der Mann gut zu ihr, so darf sie zwischen
-den einzelnen Yamsreihen Tomaten, Fetri oder Kaschokeln, Pfeffer und
-Zwiebeln pflanzen. Zu Anfang Oktober schneidet der Neger die Yamsranke
-am Kopfe der Knolle in der Weise ab, daß noch eine dünne Scheibe an
-ihr hängen bleibt, und pflanzt sie in denselben Hügel etwas abseits
-gleichsam noch einmal. Die ausgewachsenen, armdicken, 30-50 cm langen
-und bis 10 und 12,5 kg schweren, reifen Knollen werden vorläufig noch
-im Boden belassen und nach Bedarf daraus entnommen. Bringt der Neger
-mehrere Lasten Yams nach Hause, so werden die einzelnen Stücke an
-einer schattigen, kühlen Ecke im Hof in die Erde gegraben, damit sie
-frisch bleiben, und nach Bedarf in der Küche verbraucht. Die wieder
-gepflanzte Ranke setzt bei günstiger Witterung 3, 4 und mehr kleine,
-etwas verkrüppelte Knollen, ~teta~ genannt, an. Diese Knollen sind
-nach 6 bis höchstens 8 Wochen reif und bilden die Saatfrucht für das
-nächste Jahr. Ende November, wenn die Ranken dürr geworden sind,
-werden die großen und kleinen Knollen geerntet. Diese Yamsernte ist der
-willkommene Anlaß zu einem fröhlichen mit Schmaus, Trinkgelagen aus
-Palmwein und Tanz gefeierten Fest. Für die westafrikanischen Neger, die
-wir hier besonders im Auge haben, ist es zugleich das Neujahrsfest.
-Lautes Freudengeschrei ertönt überall auf den Feldern und in den
-Dörfern. Am Morgen opfern die Priester den Fetischen, in denen sie die
-Geister ihrer Verstorbenen hausend wähnen, Yams mit Palmöl gemischt.
-Man beschenkt sich gegenseitig mit Yams, und das Lieblingsgericht der
-Neger, der „Fufu“, wird in großen Mengen aus der Frucht hergestellt
-und verzehrt. Zu diesem Zwecke werden die Yamsknollen von den Weibern
-auf denen sonst alle Arbeit ruht, geschält, zerkleinert und gekocht,
-um dann zuletzt in einem mörserartig ausgehöhlten Holzblock mit
-Holzstampfern zu Brei gestampft zu werden. Dieser Brei wird dann in
-Form eines brotleibähnlichen Klumpens aufgetischt und, da er etwas
-fade schmeckt, mit Palmöl- und Pfeffersuppe, die daneben gestellt
-werden, gewürzt gegessen. Der Hausherr bekommt mit seinen Söhnen eine
-besondere Schüssel, die Hausfrau mit ihren Töchtern desgleichen. Beim
-Essen trennt jeder mit Zeige- und Mittelfinger ein Stück des Brotbreies
-ab, drückt mit dem Daumen eine Vertiefung hinein und fährt mit dem
-Stück durch die daneben stehende scharfe Sauce, um bei dieser Prozedur
-möglichst viel davon in der eingedrückten Höhlung aufzufangen. Schnell,
-ohne lange gekaut zu werden, wird der Bissen hinuntergeschluckt. Was
-der Neger täglich an Yams gebraucht, holt er sich jeweilen vom Felde.
-Sobald aber die Ranken dürr geworden sind, werden die Yamsknollen
-ausgegraben und in das auf der Plantage aus dünnen Pfählen mit quer
-daran festgebundenen Palmrippen errichtete und mit Palmblättern
-gedeckte Yamshaus gebracht, wo sie möglichst trocken aufbewahrt werden
-müssen. An den vier Innenwänden des überaus luftigen Yamshauses wird
-jede Knolle vermittelst Schlingpflanzen festgebunden und hält sich
-so 6-8 Monate, gröbere Sorten sogar 10-12 Monate lang, da die Luft
-beständig Zutritt hat. Diese Eigenschaft ist von großer Bedeutung, da
-er die einzige Frucht bildet, die im Lande aufbewahrt werden kann.
-Mais, der zweimal im Jahre geerntet wird, ist schon nach kurzer
-Zeit vom Kornwurm angegriffen, und die Wurzelknolle des Maniok oder
-Stockyams hält sich ausgegraben höchstens drei Tage. Missionar Fies hat
-die Namen von 42 Yamssorten aus Togo notiert und sagt, es gebe noch
-weitere, denen aber keine große Bedeutung zukomme. Ist die Yamsernte
-gut ausgefallen, so verkauft der Yamsbauer von den Früchten an die
-Küstenneger oder auch an die Europäer, die ihn ebenfalls gerne essen;
-denn der Handel mit dem verhältnismäßig hoch im Preise stehenden Yams
-ist recht einträglich und dürfte in der wirtschaftlichen Entwicklung
-der hier gelegenen deutschen Kolonien, besonders von Togo, eine
-wichtige Stellung einnehmen.
-
-[Illustration: Bild 23. Der Taro (~Colocasia esculenta~).
-
-Die in der Erde ruhende Knollenwurzel ist nicht sichtbar.]
-
- Tafel 51.
-
-[Illustration: In Holzmörsern Yamsknollen zum Fufu genannten Brei
-zerstampfende Frauen an der Goldküste in Westafrika.
-
-Neger mit Yamsknollen, Kokosnüssen und Bananen auf Jamaika.]
-
- Tafel 52.
-
-[Illustration: Yamsknollen, Ananas und Bananen in Kamerun.
-
-Frauen in Bonaberi, Kamerun, gekochte Yamsknollen stoßend, um Fufu
-daraus zu bereiten.]
-
-Neben dem Yams spielen die Knollen eines in Polynesien +Taro+,
-in Westafrika aber +Dinde+ genannten Aronsstabgewächses mit der
-lateinischen Bezeichnung ~Colocasia antiquorum~, eine sehr wichtige
-Rolle. Während der Regenzeit und der ersten Hälfte der Trockenzeit
-ist er für die Polynesier und an der Küste lebenden Neger Westafrikas
-sogar die wichtigste Feldfrucht. Auch im malaiischen Archipel, in
-Ostasien bis Japan, in Indien, Südarabien, Ägypten und Ostafrika
-ist die Tarokultur recht verbreitet, wenn sie auch fast nirgends
-als Hauptkultur betrieben wird. Ebenso ist sie durch den Einfluß
-der Araber nach Algerien und Südspanien gelangt, doch spielt sie
-hier, wie auf den Kanaren, in Westafrika und in Amerika eine sehr
-untergeordnete Rolle. Der Taro ist eine mehrjährige Pflanze mit
-langgestielten, breiten Blättern in Herzform, einem kolbenförmigen,
-von einer großen Scheide umgebenen Blütenstand von etwa 15 cm Länge
-und einer bis kopfgroßen, rundlichen Wurzelknolle, neben welcher sich
-am Wurzelhalse noch kleine Tochterknollen entwickeln. Je nach den
-verschiedenen Arten, die sich schon äußerlich an der verschiedenen,
-grünen oder violetten Färbung der Blattrippen und Stengel unterscheiden
-lassen, sind die Knollen außen weiß, gelblich, rötlich oder violett,
-innen aber stets weiß und recht stärkereich. Sie enthalten 2,5 Prozent
-Eiweiß und 15 Prozent Stärke. Roh können sie nicht gegessen werden,
-da sie einen scharfen Stoff enthalten, der aber schon beim Kochen und
-Rösten in Asche oder auf heißen Steinen, welch letzteres Verfahren fast
-ausschließlich in der Südsee geübt wird, verschwindet. Man genießt sie
-in der verschiedensten Zubereitung wie unsere Kartoffeln, besonders
-auch in Form von Taroschnitten geröstet, und ißt auch die Blätter,
-nachdem man die starken Rippen von ihnen entfernt hat, gekocht als
-Gemüse.
-
-Die Heimat des Taro ist Südasien, speziell Indien, von wo aus sich die
-Nutzpflanze allseitig verbreitete, soweit der Mensch sie in Pflege
-nahm. In China wird sie etwa seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. erwähnt.
-Die ersten europäischen Seefahrer trafen ihre Kultur bereits in Japan
-und in ganz Ozeanien, bis zum nördlichen Teile Neuseelands vor. Bei
-den Kulturvölkern Westasiens und des Mittelmeergebiets ist die Pflanze
-im Altertum nicht heimisch geworden, nur im Niltal wurde sie etwa seit
-der Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends gepflanzt, wie uns
-Theophrast berichtet. Die Beschreibung von Dioskurides und Plinius um
-die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. einer ägyptischen Knollenpflanze,
-dürfte sich eher auf den indischen Lotos als auf sie beziehen. Aber im
-Mittelalter wurde sie unter der arabischen Bezeichnung ~kolkâs~, woraus
-dann von den abendländischen Gelehrten, insbesondere vom Venezianer
-Prosper Alpino, der eine Reise nach Ägypten ausführte, wonach er ein
-Buch über „ägyptische Pflanzen“ schrieb, und als Professor der Botanik
-in Padua 1617 starb, die Bezeichnung ~colocasia~ entstand, im Niltal
-häufig gepflanzt und breitete sich damals über Nubien und Sennar nach
-Afrika aus.
-
-Die Kultur des Taro ist derjenigen des Yams ähnlich, nur daß man
-natürlich, da sie keine Kletterpflanze ist, keiner Stangen bedarf.
-Am besten eignet sich dazu sandiger Lehm, der recht feucht sein und
-durch fleißiges Behacken locker gehalten werden muß. Das Wärmebedürfnis
-der Pflanze ist kein besonders großes, vielmehr verlangt sie
-außer reichlicher Wasserzufuhr Schatten, den man ihr meist durch
-Dazwischenpflanzen von Bananen zuteil werden läßt. Andererseits benutzt
-man sie wiederum vielfach und mit Erfolg zur Beschattung junger
-Kaffee- und Kakaopflanzen. Die Vermehrung geschieht entweder durch
-die Tochterknollen, die aber viel Zeit zur Entwicklung brauchen, oder
-zweckmäßiger durch den oberen Teil der Knollen früherer Ernten, die in
-Abständen von etwa 1 m gepflanzt werden. Die Güte und Zartheit des beim
-Kochen eine gelbliche Farbe annehmenden und einen etwas schleimigen,
-jedoch nicht unangenehmen Geschmack aufweisenden Fleisches der 0,5-2
-kg schweren Knollen hängt neben der Sorte, der Feuchtigkeit und dem
-Boden, von der Sorgfalt der Bearbeitung ab. Namentlich muß das Feld von
-Unkraut rein gehalten werden. Schon nach zwei Monaten sind die ersten
-Knollen genießbar, nach fünf bis sechs Monaten haben die frühreifen
-Sorten bereits ihre definitive Größe erreicht, die anderen werden
-nach acht bis zwölf Monaten geerntet; länger darf man nicht warten,
-da sonst die Knolle wieder austreibt. Die gleichfalls gut brauchbaren
-Tochterknollen kann man aber schon vorher mit Vorsicht ausgraben, ohne
-die Pflanze zu schädigen. Nur in Gegenden mit ausgeprägter Trockenzeit
-welken die Blätter vollständig; man muß sich deshalb die Zeit des
-Auspflanzens merken, um die Erntezeit nicht zu verpassen. Ein großer
-Vorteil ist, daß die Knolle sich im Boden wenigstens einige Monate
-hindurch hält, so daß man ernten kann je nach Bedarf; auch ist die Zahl
-der Tochterknollen in gutem Boden eine sehr reiche, was die Vermehrung
-sehr erleichtert. Nur einen Nachteil besitzt der Taro, daß er nämlich
-in bezug auf Boden und Klima wählerisch ist und bedeutend weniger
-Ertrag gibt als die meisten anderen, für den Anbau zur Verfügung
-stehenden Knollengewächse.
-
-Außer dem Taro werden übrigens in Ostasien und Polynesien noch eine
-Reihe anderer Aronsstabgewächse wegen ihrer mehlhaltigen Knollen
-angebaut, so z. B. die 1 m hohe ~Alocasia macrorhiza~ mit noch größeren
-Blättern, deren Knolle aber dem Taro an Güte nachsteht und zudem
-einen außerordentlich scharfen, giftigen Saft enthält. Zur Entfernung
-desselben muß sie lange eingeweicht und unter Erneuerung des Wassers
-gekocht werden. Ferner werden in denselben Gegenden hier und da Arten
-der Gattung ~Amorphophallus~ kultiviert, die aus einer mächtigen, oft
-über 15 kg schweren Knolle nur ein einziges, bis 3 m hohes, riesiges,
-mehrfach gelapptes Blatt erzeugen, nach dessen Absterben dann ein
-ebenfalls sehr großer, kolbiger, mit dunkelvioletter Scheide umgebener
-Blütenstand hervortreibt, der in der Vollblüte einen ekelhaften
-Aasgeruch verbreitet. Die Schärfe der Knollen muß ebenfalls durch
-mehrfaches Auswässern und längeres Kochen zerstört werden. In Japan
-wird besonders ~Alocasia rivieri~ kultiviert, aus deren Knollen die
-Japaner ein ~konniyak~ genanntes Stärkemehl gewinnen. Auf den Molukken
-wird zuweilen die auch in wildem Zustande sehr gemeine ~Alocasia
-campanulata~ gepflanzt. Andere Arten werden in Vorderindien und Afrika
-benutzt, freilich aber nicht kultiviert.
-
-Den Taro vertreten im tropischen Amerika seit alter Zeit andere
-Aronsstabgewächse der Gattung ~Xanthosoma~, die in Westindien +Taya+,
-in Brasilien dagegen +Mangareto+ genannt werden. Wie der Maniok und
-andere amerikanische Nutzpflanzen sind sie dann durch die Portugiesen
-schon sehr früh nach Westafrika übergeführt worden, wo sie in manchen
-Gegenden der Küste, z. B. in Kamerun, noch heute eine weit größere
-Rolle spielen als der Taro. Von den asiatischen Arten unterscheiden
-sich die Pflanzen leicht durch den milchigen Saft, während er beim Taro
-durchsichtig ist. Die wichtigste Art ist ~Xanthosoma sagittifolium~,
-die wegen ihrer weißen, ganz angenehm, wenn auch weniger gut als die
-Kartoffel schmeckenden mehligen Knollen ~Mangareto branco~, d. h.
-weiße Mangareto genannt wird. Die apfelgroße, als sehr schmackhaft
-geltende Hauptknolle wird von einer Anzahl nur nußgroßer Tochterknollen
-umgeben, die besser als die größeren schmecken. Die violette Taya hat
-violette Blattstiele und grünviolette Blätter; eine andere Sorte wird
-Bananentaya genannt. Die Touca besitzt viel kleinere und mehr graugrüne
-Blätter; ihre besonders wohlschmeckenden Knollen sind innen gelb und
-behalten die Farbe auch beim Kochen. Auch von diesen Pflanzen ißt man
-die gekochten Blätter als Gemüse.
-
-Ein anderes amerikanisches Knollengewächs, das mühelos reiche
-Ernten liefert, ist eine Kürbisart, die schon die Azteken in Mexiko
-kultivierten. Sie nannten sie ~chayotli~, was „stacheliger Kürbis“
-heißt. Daraus wurde ihre heutige mexikanische Bezeichnung +Chayote+.
-Ihre Verbreitung nach Westindien, wo sie +Chocho+ genannt wird,
-wurde durch die Tatsache begünstigt, daß sie außer den mehlreichen
-Wurzelknollen, die oft 10 kg schwer werden und äußerlich wie im
-Geschmack der Yamswurzel gleichen, nur im frischen Zustande ein
-bitteres, abführendes, durch Kochen in Wasser leicht zu beseitigendes
-Prinzip enthalten, 10-15 cm lange, rauhhaarige, bleichgrüne oder
-gelblichweiße Früchte liefern, welche große, eßbare Samen enthalten.
-Letztere können roh kaum genossen werden, schmecken auch gekocht
-recht fade, doch lassen sich aus ihnen durch Hinzufügen von Zucker
-und Zitronensaft ausgezeichnete Marmeladen und Fruchtspeisen
-herstellen. Sie vertragen auch gut den Export, nur muß man sich vor
-Verletzung derselben hüten, da sie dann alsbald zu faulen beginnen.
-Gute Sorten haben etwa Nußgeschmack und sind viel mehliger als der
-Kürbis oder die Gurke. In Algier und auf Réunion hat man sie als
-Gemüseobstpflanze eingeführt, auch findet man sie jetzt vielfach in
-Ostindien angepflanzt. Wo sie sehr häufig ist, wie in Westindien,
-dient die Frucht auch als Schweinefutter, aber wohl nirgends in so
-ausgedehntem Maße wie in Jamaika, wo diese Pflanze eigens zum Zwecke
-der Schweinemast angebaut wird. Die jungen, noch nicht beblätterten
-Sprosse werden in Mexiko als Spargel gegessen und sollen ähnlich wie
-dieser schmecken. In Paris und anderswo wird das leichte Fasergewebe
-der Pflanze zur Herstellung von Damenhüten verwendet. Die Kultur
-erfolgt wie bei einem gewöhnlichen Kürbis in sandiger Erde in Abständen
-von 1 m in der einen und von 3 m in der andern Richtung durch Pflanzen
-der der Frucht entnommenen Samen. Wenn nicht geduldet wird, daß das
-Unkraut den Boden überwuchert, wachsen die Pflanzen außerordentlich
-schnell und liefern noch in demselben Jahre eine Ernte ihrer großen,
-grünen, stacheligen Früchte. Im nächsten Jahre kann eine Aberntung
-von Wurzelknollen stattfinden; diese erzeugt nämlich Nachkommen, die
-abgelöst werden können, ohne daß die Lebenstätigkeit der Pflanze
-gestört wird. Zugleich kann abermals eine Ernte von Früchten
-stattfinden. Diese Doppelernten können noch sechs bis sieben Jahre
-wiederholt werden, wenigstens in Gegenden, wo kein Frost auftritt. Nach
-Ablauf dieser Zeit ist aber die Pflanze erschöpft und muß durch Stecken
-eines Sämlings neu gepflanzt werden. Da sie keinerlei Kulturarbeit
-erfordert und sich innerhalb der heißen Zone leicht an Boden und Klima
-anpaßt, verdient sie als äußerst nützliches Tropengewächs allgemeine
-Beachtung und weitere Verbreitung.
-
-Das weitaus nützlichste Kulturgewächs aber, das der an Pflanzen
-mit eßbaren Wurzelknollen so reiche Kontinent Amerika den Ländern
-mit gemäßigtem Klima, so vor allem auch Europa schenkte, ist
-die +Kartoffel+ (~Solanum tuberosum~). Bedenken wir, daß allein
-Deutschland jährlich etwa 30 Milliarden kg Kartoffeln erzeugt und
-zum weitaus größten Teil als Nährfrucht verbraucht, ferner daß in
-diesem Lande ein volles Achtel des Ackerlandes auf den Anbau dieser
-Knollenfrucht verwendet wird, so kann man schon daraus ermessen, welche
-ungemein große Bedeutung dieser Amerikanerin allenthalben, wo Europäer
-sich niedergelassen haben, zukommt. Sie stammt aus den gemäßigten
-Gegenden des westlichen Südamerika, dem Gebiete der Anden von Chile
-und Peru, und wurde daselbst seit ältester Zeit von den Eingeborenen
-als Nahrungsmittel verwendet und im Laufe vieler Jahrhunderte durch
-Kulturauslese zu der hochgezüchteten Knollenfrucht, wie sie den
-Europäern bei der Entdeckung des Inkareiches entgegentrat, entwickelt.
-Ihr Wert beruht ausschließlich in den stärkemehlreichen Knollen, die
-keine Wurzelanschwellungen, sondern zu Reservestoffspeichern verdickte
-unterirdische Stengel analog den Ausläufern der Erdbeerpflanze sind
-und wie die übrigen Teile der Pflanze namentlich dicht unter der Haut
-den Giftstoff Solanin enthalten, der allerdings bei den Kultursorten
-ein sehr unbedeutender ist und leicht durch Kochen beseitigt wird.
-Immerhin sind auch bei uns schon Vergiftungsfälle vorgekommen, so
-namentlich, wenn zu junge, unzeitige Knollen mit der Schale gegessen
-wurden. Die Blätter erzeugen das Stärkemehl, das in den unterirdischen,
-verdickten Stengeln aufgespeichert wird. Im Gegensatz zu diesen blaß
-bleibenden Trieben unter der Erde ergrünen die oberirdischen Triebe und
-erzeugen außer den dunkelgrünen Blättern, welche mit Hilfe der Energie
-der Sonnenstrahlen die Kohlensäure der Luft zerlegen, den Sauerstoff
-ausatmen und den Kohlenstoff zurückbehalten, um ihn in Verbindung
-mit den Bestandteilen des Wassers zum Aufbau der Stärkemehlkörnchen
-zu verwenden, an ihrem Gipfel Dolden von weißen, rötlichen oder
-violetten Blüten, je nachdem die Knollen weiße, rötliche oder
-violette Schalen bilden. Die Frucht ist die bekannte grüne, zuweilen
-weißliche, etwas über kirschgroße Beere, die viele Samen enthält.
-Die Zucht aus Samen ist zur Bildung neuer Formen durch Kreuzung von
-einer gewissen Bedeutung; doch wird sie für die Vermehrung der Pflanze
-nicht verwendet, da die Knollen der daraus gezogenen Kartoffeln, wie
-diejenigen der wild wachsenden Arten höchstens pflaumengroß werden.
-Letztere sind erst durch langjährige Kultur dazu gebracht worden, viel
-größere Knollen zu erzeugen, die man dann auf vegetativem Wege vermehrt.
-
-So wird die Kartoffel lediglich durch Knollen vermehrt, die,
-sobald sie über eine bestimmte Größe hinausgehen, unbeschadet der
-Wachstumsmöglichkeit in Stücke geschnitten werden können, an denen
-dann die daran befindlichen Augen austreiben. Durch die Boden-, weniger
-durch die Klimaverschiedenheit nimmt die Kartoffel unter auffallender
-Vergrößerung mannigfaltigste Form, Farbe und Beschaffenheit an und
-ändert sich der Ertrag und der Stärkemehlgehalt ihrer Knollen. Sie
-gedeiht am besten in einem tiefgründigen, lockeren, etwas sandigen
-Boden in warmer, sonniger Lage; in feuchtem Lehmboden oder in nassem
-Moorboden verringert sich sowohl der Ertrag an Knollen, als auch ihr
-Stärkemehlgehalt ganz bedeutend. Die Saatknollen wählt man im Herbst
-aus und lagert sie sorgfältig. Im Frühjahr setzt man sie in Reihen.
-Die Triebe entwickeln sich nun kranzförmig rings um die Mutterknolle
-und werden in der Weise angehäufelt, daß in die Mitte derselben Erde
-gebracht wird, so daß die unbedeckt bleibenden beblätterten Stengel
-sich sternförmig nach außen niederbiegen und bei mehrmaligem Anhäufeln
-ein flacher Erdhügel entsteht, in welchem sich die jungen Knollen
-ausbilden. Die frühesten Sorten werden schon Mitte Juli reif, doch
-erfolgt die Haupternte erst im September und Oktober, nachdem das
-Kraut abgedorrt ist. Das Ausnehmen geschieht mit Hacke und Forke
-(vom lateinischen ~furca~, Gabel), oder mit dem Pfluge. Die großen
-Ansprüche, welche die Aussaat und die Ernte der Kartoffeln an die
-menschliche Arbeitskraft stellen, haben neuerdings zur Erfindung
-von besonderen Maschinen zum Legen und Ausgraben der Knollenfrüchte
-geführt. Zur Erzielung gesunder und sehr großer Kartoffeln sollte jede
-Saatknolle einen Wachsraum von 1 qm erhalten; doch begnügt man sich
-meist mit einem bedeutend kleineren Raum. Durchschnittlich erntet man
-pro Hektar 13000-18000 kg, doch können die Erträge unter günstigen
-Umständen auf 20000-40000 steigen. Die Knollen sollen in trockenen,
-kühlen Kellern aufbewahrt werden. Gleich nach der Ernte reifen sie
-noch nach, wobei sie Kohlensäure abgeben und Wärme entwickeln, wie
-alle Lebewesen überhaupt beim Lebensprozesse. Bald nimmt dann die
-Lebenstätigkeit ab und ruht fast völlig, bis sie im Frühjahr neu
-erwacht. Dies geschieht um so später, je kühler und trockener sie
-lagern. Sie halten deshalb im Frühjahr auf einem luftigen Boden viel
-länger ohne zu keimen als im Keller, und wenn sie auch einschrumpfen,
-so werden sie durch Legen ins Wasser leicht wieder glatt. In den
-austreibenden Keimen findet sich besonders der Giftstoff Solanin,
-so daß diese sorgfältig vor dem Genusse der Knollen entfernt werden
-müssen. Bis zum Frühjahr verlieren sie etwa 10-12 Prozent ihres
-Gewichtes durch Atmung. Bei starken Kältegraden tritt ein Erfrieren
-der Kartoffeln ein, wobei das Leben der Knollen getötet wird und sie
-nach dem Auftauen infolge der Desorganisation sehr rasch faulen. Bei
-geringen Kältegraden, schon bei +2-3° C., tritt ein Süßwerden der
-Kartoffeln ein, was oft auch Erfrieren genannt wird. Die Ursache
-liegt darin, daß bei derartigen Temperaturen die Knollen den aus
-dem Stärkemehl sich bildenden Zucker nicht veratmen können und ihn
-aufspeichern. Bewahrt man solche süßgewordene Kartoffeln mehrere Tage
-bei Temperaturen von 10-16° C. auf, so verliert sich dieser unangenehme
-Geschmack infolge Verbrennens des angesammelten Zuckers. Wird eine
-Kartoffel gekocht, deren Reservevorrat noch intakt ist, dann quellen
-die in ihr enthaltenen Stärkekörner durch Wasseraufnahme stark auf,
-drücken mit großer Kraft gegen die Wände der Zellen, in denen sie
-eingeschlossen sind, und bewirken dadurch, daß die Gänge und Spalten
-zwischen den einzelnen Zellen und die Zellen selbst aufgerissen werden
-bis zu ihrer völligen Trennung. Zu junge Knollen und solche, aus denen
-im Frühjahr das Stärkemehl teilweise wieder verschwunden ist, indem
-es zur Ernährung der austreibenden Knospen verwendet wurde, werden
-begreiflicherweise nicht mehr „mehlig“.
-
-Die Kartoffel wird jetzt überall auf der bewohnten Erde kultiviert,
-wo es ihr nicht zu warm oder zu kalt ist. In Europa geht sie bis zum
-70° nördlicher Breite und in Deutschland bis zu 1000 m Meereshöhe;
-im Kanton Bern findet sie sich noch bei 1400 m und im Kanton Wallis
-am Simplon mit der Saubohne sogar bis zu 2000 m über Meer angebaut.
-Die gegen 3000 kultivierten Spielarten werden nach der Form in
-runde oder Lärchenkartoffeln, spitze oder Hornkartoffeln und lange
-oder Nierenkartoffeln, nach der Reifezeit in frühe, mittelfrühe und
-späte Kartoffeln, endlich nach der Verwendung in Speise-, Futter-
-und Brennkartoffeln eingeteilt. Letztere werden vorzugsweise zur
-Bereitung von Spiritus verwendet. Sie enthalten 9-25, im Mittel
-18 Prozent Stärkemehl neben bloß 0,6-4,4, durchschnittlich 2,0
-Prozent Eiweißstoffen und rund 1 Prozent Gummi und Salzen, besonders
-viel Kalisalzen. Indem nun diese Kalisalze nach dem Essen von
-Kartoffeln ins Blut gelangen, entziehen sie der Chlornatrium-, d.
-h. Kochsalzlösung des Blutes teilweise das Natron, das sich mit dem
-Kali als dem stärkeren Alkali verbindet und als für den Körper nicht
-weiter verwendbarer Stoff durch die Nieren ausgeschieden wird. Dieser
-Kochsalzverlust muß nun durch Einnahme dieser Verbindung gedeckt
-werden; deshalb schmeckt uns die Kartoffel nur mit Salz und mit
-gesalzenen Speisen wie Heringen, die gleichzeitig das ihr fehlende
-Eiweiß enthalten. Jedenfalls ist die Kartoffel weniger nahrhaft als das
-Getreide, weil in ihr das Stärkemehl mit einer weit geringeren Menge
-Eiweiß als in jenen verbunden ist. Unmöglich können wir mit ihr allein
-auskommen, sondern müssen Fett durch Schmälzen und etwas Eiweiß in Form
-von Hülsenfrüchten, Brot oder Fleisch dazu genießen. Dann ist sie eine
-sehr gute Speise, die wir auch tatsächlich nicht mehr missen möchten.
-
-Diese Knollenfrucht wurde zuerst von den Indianern der chilenischen
-Anden in Pflege genommen und nach und nach durch Kulturauslese zur
-großknolligen, nahrhaften Nutzpflanze erhoben. Die noch jetzt zwar
-nicht mehr auf dem Festlande, wohl aber auf der chilenischen Insel
-Chiloe an steilen, felsigen, meist in der Nähe der Seeküste in
-gemäßigter Lage wildwachsend angetroffene Kartoffelpflanze bringt nur
-kleine, unschmackhafte, wässerige Knollen hervor und hat immer weiße,
-und zwar im Gegensatz zur kultivierten, wohlriechende Blüten. Im alten
-Kulturreiche der Inkas, das außer Peru auch Chile und Ekuador umfaßte,
-wurde diese Nährfrucht, die, nach der Zahl der schon damals vorhandenen
-Spielarten zu urteilen, schon seit Jahrtausenden in Kultur gestanden
-haben muß, überall angepflanzt, als der vormalige Schweinehirt, dann
-Soldat Francisco Pizarro mit einem Häuflein von Glücksrittern wie er
-selbst, die Uneinigkeit im Hause der „Sonnensöhne“ klug benutzend,
-durch Treulosigkeit, Verrat und unerhörte Grausamkeit das Land
-im Jahre 1533 einnahm, um dann 1541 63jährig von seines Genossen
-Almagros Sohn ermordet zu werden. Zuerst finden wir die Kartoffel in
-einer im Jahre 1553 in Sevilla gedruckten Chronik Perus von Petrus
-Ciça als trüffelartige Frucht erwähnt. Bald nach 1560 brachten die
-Spanier sie in ihre Heimat nach Spanien, von wo aus sie nach Italien
-gelangte. Hier nannte man sie nach ihrer Ähnlichkeit mit der Trüffel
-~tartufulo~, d. h. Trüffel, woraus dann die Deutschen, als sie von
-Italien her mit dem Knollengewächs bekannt wurden, ihre zu Anfang des
-17. Jahrhunderts noch allgemein gebräuchliche Bezeichnung Tartuffel
-bildeten, das später in Kartoffel umgeändert wurde. Der Erneuerer der
-Botanik Clusius (eigentlich Charles de l’Ecluse, 1526 in Arras geboren,
-war von 1573-1587 Hofbotaniker in Wien und von 1593 bis zu seinem 1609
-erfolgten Tode Professor der Pflanzenkunde in Leiden in Holland),
-schreibt in seinem 1609 erschienenen Buch über ausländische Pflanzen,
-dieses Knollengewächs sei in Italien sehr gemein; man genieße die als
-~tartufoli~ bezeichneten Knollen wie die Rüben und den Pastinak zum
-Fleisch, füttere aber damit vorzugsweise die Schweine. Die ersten
-Kartoffeln erhielt jener Gelehrte zu Anfang des Jahres 1588 von einem
-Freunde aus Belgien zugesandt. Damals war sie aber, durch die spanische
-Herrschaft eingeführt, teilweise schon in Burgund in Kultur.
-
-Unabhängig von der Einführung durch die Spanier in die iberische
-Halbinsel, von wo sie sich dann nach Italien und dem übrigen Südeuropa
-verbreitete, gelangte die Kartoffel nach England. Und zwar herrschte im
-18. und teilweise noch im 19. Jahrhundert bei den Gelehrten allgemein
-die Ansicht, daß sie zuerst durch den Engländer Franz Drake nach
-England eingeführt worden sei, von wo aus sie dann ihren Siegeszug
-nach dem europäischen Kontinent angetreten habe. Deshalb wurde diesem
-verdienten Manne 1853 ein Denkmal in der badischen Stadt Offenburg
-gesetzt. Diese Annahme hat sich bei genauerer Untersuchung als durchaus
-unrichtig erwiesen. Diesem Manne kommt nur das Verdienst zu, die
-Batate oder süße Kartoffel nach Europa gebracht zu haben, wo es ihr
-allerdings nur im Süden warm genug war, um zu gedeihen. So verbreitete
-sie sich bald über die heißen Gegenden der Alten Welt, ohne den Völkern
-Europas einen nennenswerten Nutzen zu bringen. Die Kartoffel dagegen
-gelangte zuerst auf britisches Gebiet durch den Sklavenhändler Hawkins,
-der sie bald nach 1565 aus Peru nach Irland brachte. Sie fand aber
-in jenem Lande, das heute diese Knollenfrucht vor allen anderen der
-Erde konsumiert, zunächst noch keine Beachtung. Im Jahre 1584 wurde
-sie durch den Schiffskapitän Walter Raleigh aus Virginien abermals
-nach Irland gebracht, wo er sie zunächst auf seinem Gute Yonghal
-pflanzte; von dort aus kam sie nach Lancashire in England. Dann soll
-Thomas Herriott 1586 ebenfalls Kartoffelknollen aus Virginien nach
-England gebracht haben. Doch ist hierzu zu bemerken, daß die Kartoffel
-in Virginien selbst im 16. Jahrhundert noch nicht kultiviert wurde,
-sondern vermutlich auf dem Handelswege, wenn nicht durch Raub auf
-einem Flibustierzuge in den Besitz der dort niedergelassenen Engländer
-gelangte, um von diesen den Schiffskapitänen nach Europa mitgegeben
-zu werden. Durch Franz Drake erhielt der Botaniker Gerard außer
-Bataten auch einige Saatkartoffeln, die er 1596 in seinem Garten in
-London anpflanzte. 1610 brachte Walter Raleigh abermals Kartoffeln aus
-Nordamerika nach seiner Heimatinsel Irland. Hier aber fand sie immer
-noch keine Aufnahme beim Volke, bis die Royal Society 1663 ihren Anbau
-durch alle möglichen Mittel zu befördern suchte, um der hier infolge
-von Mißernten des Getreides immer wieder auftretenden Hungersnot
-zu steuern. Trotz allen Bemühungen von Privaten und gemeinnützigen
-Gesellschaften, diese Nährfrucht im Lande einzuführen, wurde die
-Kartoffel in England erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts allgemeiner
-bekannt.
-
-In Deutschland wurde die Kartoffel zuerst 1588 als Kuriosität in den
-kaiserlichen Gärten von Frankfurt am Main und Wien durch den bereits
-genannten Clusius unter der Bezeichnung ~Papas peruvianorum~ gepflanzt.
-Erst der von einem Hugenotten aus Amiens in der Picardie stammende,
-1560 in Basel geborene und hier 1624 als Stadtarzt und Professor für
-Anatomie und Botanik verstorbene Kaspar Bauhin gab ihr im Jahre 1590
-den ihr bis auf den heutigen Tag verbliebenen wissenschaftlichen
-Namen ~Solanum tuberosum~. In Frankreich kam die Kartoffel als große
-ausländische Rarität 1616 auf die königliche Tafel, ein Jahr nachdem
-der 1601 als Sohn Heinrichs IV. und der Maria von Medici geborene
-Ludwig XIII. unter Vormundschaft seiner Mutter die Regierung seines
-Reiches angetreten hatte, als sein Vater dem Anschlage des Mörders
-Ravaillac erlegen war. Um 1630 scheint sie zuerst in Lothringen und
-im Lyonnais angebaut worden zu sein; aber das ganze 16. Jahrhundert
-hindurch wurde sie nur versuchsweise angepflanzt und spielte als
-Nährmittel noch keinerlei Rollen. Noch unter Ludwig XIV. (1638
-geboren, regierte seit seines Vaters Tod am 14. Mai 1643, zuerst unter
-Vormundschaft seiner Mutter Anna von Österreich und des Ministers Jules
-Mazarin, dann nach des letzteren Tode 1661 selbständig bis zu seinem
-1715 erfolgten Tode, sein Reich in völliger Zerrüttung hinterlassend)
-war sie nur ein Leckerbissen der Vornehmen, von dem das gemeine Volk
-nichts wissen mochte. Um sie nun bei der konservativ an ihrem Hirse-
-und Haferbrei nebst Weizen- und Roggenbrot hängenden Landbevölkerung
-einzuführen, soll ein findiger Apotheker folgende List angewandt
-haben. Er versah mit Kartoffeln bestellte Felder mit Warnungstafeln,
-auf denen allen, die es wagen sollten, die kostbaren Feldfrüchte zu
-stehlen, empfindliche Strafen angedroht wurden. Durch diesen Kunstgriff
-soll dann erzielt worden sein, was durch einfache Empfehlung nicht
-erreicht werden konnte. Die Bauern der Umgegend stahlen die verbotene
-Frucht und lernten sie so kennen. Der König -- es soll Ludwig XV.
-gewesen sein --, die Königin und die Höflinge sollen sogar eine
-Zeitlang die Kartoffelblüte im Knopfloche getragen haben, um diese
-Knollenfrucht bei den Untertanen beliebt zu machen. Aber trotz allem
-Liebeswerben beharrten die französischen Bauern bei der Ablehnung
-der Kartoffel. Erst durch Parmentier, der sie in Deutschland kennen
-gelernt hatte, fand sie bald nach 1770 zunächst im Osten des Landes
-weitere Verbreitung. Als der Engländer Arthur Young kurz vor der großen
-Revolution von 1791 das Land bereiste, war sie in weiten Gebieten,
-namentlich in Westfrankreich, eine noch fast unbekannte Nährfrucht,
-und unter hundert Bauern, meint er, hätten sich gewiß neunundneunzig
-geweigert, sie auf irgendwelche Weise zubereitet auch nur in den Mund
-zu nehmen. Hier wie anderswo trugen erst die Hungersnöte von 1793 und
-1817 zur Überwindung des Vorurteils gegen die Amerikanerin das ihrige
-bei, so daß sich die Bevölkerung nach und nach entschloß, sie bei sich
-einzuführen.
-
-In Deutschland trugen die Nöte des Dreißigjährigen Krieges viel zur
-Einführung der Kartoffel bei, so daß sie hier früher als in Frankreich
-sich allgemeinerer Anerkennung erfreute. Schon um die Mitte des 17.
-Jahrhunderts wurde sie in Baden, Franken, Sachsen, Braunschweig und
-Westfalen gebaut. Friedrich II., der Große, der von 1740 bis 1786
-regierte, verbreitete durch Gewaltmaßregeln den Anbau der schon
-1738 in Preußen eingeführten Kartoffel in Pommern und Schlesien. Im
-Siebenjährigen Krieg, den er im Bunde mit England gegen Österreich,
-Rußland, Frankreich, Schweden, Sachsen und die Mehrzahl der deutschen
-Reichsstände von 1756-1763 führte, zeigte sich dann der Nutzen der
-Einführung dieser Mehlfrucht, ohne welche die Not und das Elend im
-Mißjahr 1770 noch viel größer geworden wären. Aber auch in Deutschland
-begann erst nach Abschaffung der reinen Brache ums Jahr 1780 ihr
-Anbau im großen. Als nach den Befreiungskriegen die wohlfeile Zeit
-anbrach, begann man sie in umfangreichem Maße auch als Viehfutter und
-zur Spiritusbrennerei zu verwenden. Um 1726 kam sie nach Schweden, um
-1730 wurde sie bei Bern kultiviert und um 1760 war sie in den meisten
-Ländern eine bekannte Frucht, die von 1770 an größere Verbreitung
-in Böhmen und Ungarn fand. Nach Böhmen war sie von Brandenburg aus
-gekommen, weshalb sie in jenem Lande heute noch Bramborg heißt.
-Aber erst im 19. Jahrhundert wurde sie die beliebte und geradezu
-unentbehrliche Speise, als welche sie uns heute entgegentritt. Auch
-die russische Regierung wollte nicht zurückbleiben und ermunterte das
-Volk zu deren Anbau durch das Aussetzen von Prämien. In Griechenland
-verbreitete sich der Kartoffelbau erst, als der zum Könige des Landes
-ernannte Prinz Otto von Bayern 1833 mit bayerischen Truppen in Nauplia
-landete und die Verwaltung des Landes nach abendländischem Muster
-organisierte. Die Engländer verpflanzten sie in alle ihre Kolonien;
-schließlich fand sie auch im nördlichen China Aufnahme. Heute ist sie
-über die ganze Kulturwelt verbreitet und schätzt man die Produktion in
-Europa und den Vereinigten Staaten auf etwa 200 Milliarden kg, was eine
-ganz respektable Zahl bedeutet.
-
-[Illustration: Bild 24 und 25. Der die Kartoffelkrankheit bewirkende
-Pilz ~Phytophthora infestans~.
-
-~a~ ein von diesem Pilz befallenes Kartoffelblatt; ~b~ Schnitt
-durch dasselbe mit den durch die Spaltöffnungen des Blattes zutage
-tretenden Sporenbehälterträgern; ~c~ Reifer Sporenbehälter; ~d~ junger
-Sporenbehälter mit sich zu Sporen teilenden Zellen; ~e~ freibewegliche
-Sporen mit den die Bewegung vermittelnden Wimperfäden.]
-
-[Illustration: Bild 26. Der Koloradokäfer (~Doryphora decemlineata~).
-~a~ erwachsener Käfer, ~b~ Eierhäufchen, ~c~ Larven in verschiedenen
-Stadien, ~d~ Puppen.]
-
-Mit dem allgemeineren Anbau der Kartoffel stellten sich aber auch
-verschiedene Krankheiten, wie sie mit Vorliebe die Kulturgewächse
-heimsuchen, ein. So verursachte von 1845-1850 die von einem
-Schmarotzerpilze aus der Familie der Peronosporeen (~Phytophthora
-infestans~) hervorgerufene Kartoffelkrankheit verheerende Epidemien
-in ganz Mitteleuropa. Vereinzelt war sie schon seit 1830, nach ihrer
-Einschleppung aus Amerika, in Deutschland beobachtet worden, doch
-erst seit dem regenreichen Sommer 1845, der zu ihrer Entwicklung sehr
-günstig war, fand sie allgemeine Verbreitung. Seit dieser Zeit ist sie
-nie mehr ganz verschwunden; doch ist die Wirkung des Pilzes offenbar
-in den letzten Jahrzehnten eine schwächere geworden und verursacht
-nur noch in sehr nassen Sommern größeren Schaden. Durch Infektion der
-Knollen verursacht sie die Knollenfäule, die sich nur durch Verwendung
-gesunder Knollen als Saatgut verhüten läßt. In neuerer Zeit hat man
-mehrfach widerstandsfähigere Sorten mit dickeren Schalen gezüchtet,
-die von der Krankheit weniger zu leiden haben. Von tierischen Feinden
-schaden der Kartoffel namentlich Engerling, der Drahtwurm, die Raupen
-der Nonne und Saateule, wie auch des Totenkopfes, endlich der nach
-seiner Heimat, den Tälern des Koloradoflusses im nordamerikanischen
-Felsengebirge, als Koloradokäfer bezeichnete Blattkäfer ~Doryphora
-decemlineata~, der zuerst die Kartoffelernten der westlichen Staaten
-Nordamerikas Jahre hindurch dermaßen vernichtete, daß man in vielen
-Distrikten den Anbau der Kartoffeln ganz aufgab. Unaufhaltsam schritt
-der Koloradokäfer seit 1859 nach dem Osten der Union vor, überall
-permanente Kolonien gründend, und trat 1877 in der Nähe von Mühlheim
-am Rhein und bei Torgau in Schlesien auf, ohne daß ermittelt werden
-konnte, wie er dorthin gelangt war, obschon die meisten Staaten
-Europas versucht hatten, durch ein im Frühjahr 1875 erlassenes Verbot
-der Einfuhr amerikanischer Kartoffeln sich den lästigen Schmarotzer
-vom Leibe zu halten. Dank dem sofortigen energischen Eingreifen der
-preußischen Regierung vermochte die Gefahr in der Folge abgewendet zu
-werden, wenn der Koloradokäfer auch 1888 nochmals bei Torgau, wo man
-ihn vernichtet wähnte, in größerem Maße auftrat.
-
-Von anderen südamerikanischen Nachtschattenarten mit knolligen
-Reservestoffspeichern ist noch die +Sumpfkartoffel+ (~Solanum
-commersoni~) zu erwähnen, die in Argentinien und Uruguay heimisch
-ist und am La Plata häufig neben der Kartoffel gezogen wird, da
-sie mancherlei Vorzüge vor jener besitzt. Am besten gedeiht sie in
-schwerem, nassem Lehmboden, wobei das gelbe, bisweilen grünliche
-Fleisch seine ursprüngliche Bitterkeit mehr und mehr verliert. Als die
-Europäer nach Südamerika vordrangen, war sie die in Brasilien, wo die
-Kartoffel völlig unbekannt war, allein kultivierte Knollenfrucht aus
-der Familie der Nachtschattengewächse. Später wurde sie hier durch die
-eigentliche Kartoffel völlig zurückgedrängt. Auch in Europa hat sie
-sich bis jetzt nicht einzubürgern vermocht. So werden besonders in
-Frankreich fortgesetzt Versuche zu ihrer Akklimatisation gemacht, doch
-hat es bis jetzt nicht glücken wollen, sie hier zur Reife zu bringen.
-Im Jahre 1901 tauchte dort plötzlich in der Kultur des Gutsbesitzers
-Labergerie in Verrières (Dep. Vienne) eine sehr ertragreiche und
-gegen die gewöhnliche Kartoffelkrankheit widerstandsfähige Varietät
-mit violettem Fruchtfleisch auf. Außerdem zeichnete sie sich dadurch
-aus, daß sie auch in den Blattachseln sehr große Luftknollen erzeugte,
-die bis 21 cm lang, 8 cm breit und 850 g schwer wurden. Fünf an einem
-Bächlein gepflanzte Stöcke gaben 10 kg Knollen, ein anderer deren 2,5
-kg, darunter eine gegliederte Knolle von 1 kg Gewicht. Allerdings
-zeigte diese vielversprechende violette Abart zahlreiche Rückschläge in
-den gelben Urtypus. In Deutschland und Österreich waren die Ergebnisse
-hauptsächlich wegen des Ausbleibens der Reife noch weniger günstige;
-doch dürfte diese Kartoffel in einem warmen Klima vielversprechend
-sein. Zudem ist sie leicht durch Kultur auf fruchtbarem Boden dahin zu
-bringen, daß ihr Fruchtfleisch seine Bitterkeit verliert.
-
-Die Indianer der Anden von Peru und Bolivia, denen wir die für die
-Kulturwelt so überaus wichtige Kartoffelkultur verdanken, bauen außer
-der Kartoffel eine Reihe anderer Knollengewächse an, von denen dem
-einen oder anderen vermutlich eine größere Zukunft beschieden sein
-mag. Unter ihnen ist die von den Peruanern +Oca+ genannte ~Oxalis
-tuberosa~ die wichtigste. Diese Verwandte des Sauerklees hat große,
-gelbe, in langgestielten Dolden stehende Blüten mit am Rande gekerbten
-Blumenblättern und je nach der Sorte längliche oder runde, bis 7 cm
-lange, im allgemeinen unter Hühnereigröße bleibende außen weiße, gelbe,
-rosafarbene oder rotviolette Knollen, die 10-12 Prozent Stärkemehl
-enthalten, sich leicht kochen lassen und auch gut schmecken, aber
-6-10 Tage der Sonnenwärme ausgesetzt werden müssen, um den ihnen
-sonst innewohnenden säuerlichen Geschmack zu verlieren. Bei längerem
-Aussetzen an die Sonne verlieren die Knollen einen Teil des Saftes und
-bekommen einen deutlich süßen Geschmack. Durch Frost und Mazerieren
-in stehendem Wasser bereiten sich die Peruaner eine Art Käse, Caya
-genannt, der trotz seines ekelhaften, faulendem Fleisch ähnlichen
-Geruches von den Eingeborenen sehr geschätzt wird. Die Vermehrung
-geschieht durch Knollen, die man in Abständen von einem Meter einlegt;
-die Ernte erfolgt im Herbst, wenn das Kraut durch Frost zerstört ist.
-Die Knollen lassen sich an einem kühlen Ort oder in trockenem Sand gut
-aufbewahren; auch kann man sie den Winter über in der Erde lassen. Ihre
-Zubereitung geschieht wie bei der Kartoffel; meist werden sie geschält
-und etwa 20 Minuten in Wasser gekocht mit Zusatz von etwas Soda, die
-ihnen eine schöne Bernsteinfarbe gibt. Mit Pfeffer und Salz geben sie
-ein angenehm schmeckendes, leicht verdauliches Gericht. Der Hauptvorzug
-der Oca vor der Kartoffel besteht in ihrer Ergiebigkeit, die dadurch
-außerordentlich gesteigert werden kann, daß man sie anhäufelt. Die
-Blätter und Spitzen der Schößlinge können wie Sauerampfer als Gemüse
-gekocht oder als Salat genossen werden. Sie ist seit längerer Zeit
-in Mittelfrankreich eingeführt. Eine andere, aus Mexiko stammende
-vielblätterige Sauerkleeart (~Oxalis esculenta~) hat rübenförmige
-Knollen von 10-20 cm Länge und 2-5 cm Dicke. In Wasser mit Salz gekocht
-sollen sie ähnlich wie gelbe Rüben schmecken; auch lassen sich die
-Blüten als Salat und die Blätter wie Sauerampfer verwenden. Beide Arten
-verdienen es, in den Bergregionen der Tropen angebaut zu werden.
-
-Auf der Hochebene der Anden Perus wird auch eine als +Maca+ bezeichnete
-Art Kapuzinerkresse (~Tropaeolum tuberosum~) ihrer kastanienförmigen
-Knollen wegen gepflanzt. Frisch soll sie wässerig und von fadem
-Geschmack sein, doch wird sie von den Eingeborenen gerne gegessen
-und deshalb viel angebaut. Ähnlich wie die Oca kann man auch sie
-durch Besonnung und nachheriges Gefrierenlassen zum Süßwerden, zur
-Einschrumpfung und zu jahrelanger Haltbarkeit bringen. Ebenso werden
-in Chile die Knollen einiger Arten der Gattung ~Tropaeolum~ von den
-Eingeborenen gegessen und teilweise angebaut. Wichtiger als diese ist
-der +Ulluco+ (~Ullucus tuberosus~), eine Meldenart mit zarthäutigen,
-je nach der Varietät außen weiß, rosa, rötlich, gelb, violett, innen
-dagegen gelb bis grünlich gefärbten, länglichen oder runden Knollen,
-die etwas kleiner sind als Kartoffeln. Die kletternden, überall Wurzeln
-bildenden Stengel tragen langgestielte, herzförmige, glänzend-grüne,
-dicke Blätter. Es gibt unter ihnen schlechtere und bessere Sorten;
-letztere werden sehr gerühmt, schmecken aber in Wasser gekocht etwas
-fade, weshalb man sie mit Pfeffer ißt. Auf solche Weise gewürzt munden
-sie sehr und sollen an Güte den Ocas gleichkommen, sollen aber schwerer
-verdaulich sein und sich frisch nur zwei Monate halten. Besonnt aber
-und dem Frost ausgesetzt, sollen sie sich wie die vorigen über ein Jahr
-aufbewahren lassen. Außerdem läßt sich das Kraut wie Spinat benutzen.
-Die Ernte findet im Spätherbst statt, wenn das Kraut abgestorben ist,
-und zwar ist die Ergiebigkeit eine ganz außerordentliche. So hat man
-beispielsweise aus fünf ausgepflanzten Knollen in Gent und in Riga
-nicht weniger als 2000 allerdings meist ziemlich kleine Knollen erzielt.
-
-In weit tieferen Lagen als die vorgenannten Knollengewächse gedeiht in
-den Bergen von Venezuela und Kolumbien ein als +Arracacha+ bezeichnetes
-Doldengewächs mit fast einem halben Meter langen, dreiteilig
-gespaltenen Blättern und gelblichen oder dunkelvioletten Blüten. Die
-Güte und der Nährwert der Knolle wird vielfach von den Reisenden
-gerühmt. Sie wird wie die Kartoffel verwendet, auch Stärkemehl und ein
-alkoholisches Getränk wird daraus gewonnen; doch wird die Pflanze kaum
-je außerhalb ihrer Heimat angetroffen, da sie sich nicht sehr leicht
-akklimatisiert. Eine dieser als ~Arracacia xanthorhiza~ genannten
-Umbellifere nahe verwandte Art, ~Arracacia moschata~ wird in Mexiko
-in ähnlicher Weise benutzt und ziemlich häufig angepflanzt. Auch sie
-dürfte vor allen Dingen für solche Gebirgsgegenden in den Tropen in
-Betracht kommen, wo die Kartoffel wegen zu großer Feuchtigkeit schlecht
-gedeiht, während die vorher besprochenen Knollengewächse in besonders
-hohen und trockenen Gebirgsgegenden der Tropen versucht werden sollten.
-
-Im östlichen Nordamerika dagegen ist ein anderes Knollengewächs
-heimisch, das sich sehr wohl zum Anbau in kälteren Gegenden eignet
-und auch in Mitteleuropa reiche Erträge liefert. Es ist dies der
-+Erdapfel+ oder +Topinambur+ (~Helianthus tuberosus~), ein im Staate
-Indiana wildwachsend gefundener Verwandter unserer Sonnenblume
-(~Helianthus annuus~), der schon von den Indianern im Gebiet der
-heutigen Vereinigten Staaten und von Kanada angepflanzt wurde. Er
-hat einen 2,5-3,8 m hohen, blattreichen Stengel und gelbe, 8 bis 10 cm
-im Durchmesser haltende Blütenköpfe, die bei uns nur in warmen
-Herbsten zur Entwicklung gelangen. Zuerst kam er 1617 nach England
-und ein Jahr später durch Lescarbot nach Frankreich, wo man ihn bald
-darauf als ~topinambaux~ zu verkaufen anfing. Die Wilden aber nannten
-ihn, wie letzterer Autor in seiner ~histoire de la nouvelle France~
-erzählt, ~chiqiuebi~. Der erste Europäer, der in Nordostamerika die
-Bekanntschaft der ovalen, außen rötlichen, innen aber weißen, spitz
-zulaufenden Knollen bei den Indianern machte, war der Engländer
-Champlain, der im Jahre 1603 berichtet, daß die Eingeborenen diese
-den Geschmack von Artischocken besitzenden Wurzeln anbauen. Auch der
-Name Topinambur scheint aus der Sprache eines nordamerikanischen
-Indianerstammes herzurühren. Die Pflanze gedeiht noch im schlechtesten
-Boden und ist winterhart; ihr Ertrag kommt im allgemeinen demjenigen
-der Kartoffel ziemlich nahe, dabei ist sie viel einfacher und billiger
-zu pflanzen. In nahrhaftem Boden setzt eine Pflanze 4-5 kg sehr
-nahrhafter, nach dem Kochen in Wasser angenehm süßlich schmeckender
-Knollen an. Diese können im November geerntet und den Winter über in
-trockenem Sand aufbewahrt werden; oder man kann sie auch im Boden
-belassen und nach Bedarf herausnehmen, in welchem Falle sie mit Stroh
-bedeckt werden, damit die Erde zur leichteren Entnahme frostfrei
-bleibe. Trotz der großen Vorzüge hat die Pflanze, nachdem sie kurz nach
-dem 1648 zu Ende gegangenen Dreißigjährigen Krieg nach Deutschland
-eingeführt wurde, nur vorübergehend für den Menschen Bedeutung als
-Nährpflanze erlangt und wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts durch die
-Kartoffel verdrängt. Noch dient sie in manchen Gegenden dem Menschen
-zur Speise, doch wird sie bei uns fast nur noch als Viehfutter und zur
-Spiritusgewinnung angepflanzt, obschon ihre Wurzelknollen einen sehr
-angenehmen Artischockengeschmack besitzen und sehr nahrhaft sind. In
-neuester Zeit bindet man den Flugsand mit Vorliebe mit Topinambur.
-
-Weit größere Bedeutung als er scheint eine andere nahe Verwandte
-aus dem südlichen Nordamerika erlangen zu wollen. Es ist dies der
-+~Helianthi~+, in seiner Heimat meist ~Salsifis~ genannt, ein
-Kreuzungsprodukt von ~Helianthus doronicoides~ und ~decapetalus~,
-das eine Pflanze von 3,5 m Höhe mit dunkelgrünem Laub und goldgelben
-Blütenköpfchen darstellt. Das Kraut gibt ein vorzügliches Grünfutter
-und die saftigen, verdickten Wurzeln bilden ein sehr schmackhaftes,
-leichtverdauliches und dabei sehr nahrhaftes Gemüse, das mit der Zeit
-noch große Bedeutung erlangen wird. Der Ertrag ist sehr bedeutend,
-indem eine einzige Pflanze bis 9,5 kg Wurzelknollen ergibt. Ein
-Hektar Land mit ~Helianthi~ bepflanzt bringt wenigstens 100000 kg
-Knollen, also um die Hälfte mehr, als wenn die Fläche mit Kartoffeln
-bepflanzt worden wäre. Man pflanzt ihn von November bis Ende April in
-irgendwelchen gedüngten Boden. Ein einmaliges Behacken und Behäufeln
-genügt. Gegen Mitte November beginnt die Ernte, sobald die Stengel
-vertrocknet sind. Man kann aber auch die Knollen an Ort und Stelle im
-Boden lassen, die Büschel abschneiden und die Oberfläche mit einer
-guten Schicht Stroh bedecken, damit der Frost das Herausnehmen der
-Knollen nicht erschwere. Die Pflanze widersteht der größten Hitze wie
-der größten Kälte Nordamerikas und ist berufen, nicht als Ersatz der
-Kartoffel, wohl aber als wichtiges, billiges Wintergemüse eine ungemein
-bedeutende Rolle zu spielen. Sind die Knollen des ~Helianthi~ gegen das
-Frühjahr hin geschrumpft, so genügt es, sie einige Stunden ins Wasser
-zu legen, damit sie Aussehen und Geschmack von frischen erhalten.
-
-Dem östlichen Nordamerika, von Kanada bis Virginien, gehört eine dem
-~Topinambur~ ähnliche Knollenwurzel von ~Apios tuberosa~ an. Dieselbe
-soll wie Artischocken schmecken und wird stellenweise angepflanzt und
-als Speise gegessen. Desgleichen finden ihre Samen Verwendung. Für die
-Westküste Nordamerikas jenseits des Felsengebirges dient die mehlreiche
-Wurzel von ~Lupinus littoralis~ denselben Zwecken. Am meisten wird
-sie von den Bewohnern des Staates Kolumbia als Nahrung benutzt. Eine
-dritte Leguminose, die +Batatenbohne+ (~Stizolobium tuberosum~) auf den
-Antillen, zeichnet sich durch eine kindskopfgroße Knollenwurzel, eine
-vierte, die +Rübenbohne+ (~Pachyrhizus angulatus~) auf den Philippinen
-und Molukken, durch eine dicke, rübenartig schmeckende Wurzel aus. Sie
-ist im ganzen tropischen Asien bekannt und wird teilweise angebaut. Von
-der Batatenbohne dienen auch die Samen dem Menschen zur Nahrung.
-
-Im Orient werden die großen Zwiebeln von ~Crocus edulis~, zur Zeit, da
-sie eben zu treiben beginnen, gern gegessen und kommen in Menge auf den
-Markt. In ähnlicher Weise wird in der Türkei die Zwiebel des Safrans
-roh oder gekocht verzehrt. Als Gemüsepflanze kommt für uns Europäer
-neuerdings auch der in China und Japan heimische Knollenziest (~Stachys
-tuberifera~) in Betracht, der ebenfalls sehr nahrhafte Wurzelknollen
-bildet, die kastanienähnlich schmecken und sehr leicht verdaulich sind,
-so daß sie sich besonders für Leute mit schwacher Verdauung eignen.
-Die Pflanze wurde 1887 zuerst in Crosnes in Frankreich eingeführt,
-gedeiht mit Leichtigkeit in einem durchlässigen, nahrhaften Boden und
-leidet nicht durch Frost. Nach dem Absterben des Krautes können die
-Knollen geerntet werden, doch läßt man sie gewöhnlich bis zum Gebrauch
-im Boden, da sie sich außerhalb der Erde nicht lange halten. Ihr
-Geschmack ist sehr fein; mit Vorliebe werden sie wie die vorigen mit
-holländischer Sauce zubereitet.
-
-Berühmt durch äußersten Wohlgeschmack sind manche unterirdische
-Knollenbildungen bei Pilzen. Von den in Europa wachsenden sind die
-+Trüffeln+ die geschätztesten. Es sind dies die unter der Erde sich
-bildenden fleischigen Fruchtkörper einiger Pilze aus der Familie der
-Tuberazeen, deren als Mycel bezeichnetes feines Geflecht von weißen
-Fäden sich spinnwebeartig im Waldboden ausbreitet und nach Art der
-~Mykorrhiza~ in Symbiose mit den Wurzeln der verschiedensten Waldbäume
-lebt. Vorzüglich gedeihen diese Pilze im humusreichen, kalkhaltigen
-Boden um Eichen, Hain- und Rotbuchen, Kastanien und Haselnußsträucher.
-Wird der Waldbestand abgeholzt, so verschwinden auch die Trüffeln;
-wenn aber der Boden wieder mit Gehölz bewachsen ist, so erscheinen
-sie alsbald aufs neue. Von den etwa 50 Arten in Europa ist die in den
-Laubwäldern, besonders Eichenwaldungen, Südfrankreichs und Italiens,
-selten auch in der Rheingegend vorkommende +schwarze Trüffel+ (~Tuber
-melanosporum~) mit dunkelbrauner Oberfläche und schwärzlichen Adern
-besser als die außen gleichgefärbte, innen aber mit schwärzlichgrauen
-Adern durchzogene ~Tuber brumale~, die bis zu 1 kg schwer und dann über
-faustgroß wird. Die meisten in den Handel kommenden Trüffeln haben
-die Größe einer mittleren Kartoffel oder einer welschen Nuß, sind
-kugelig und mit zahlreichen Wärzchen besetzt. Sie zeigen die Härte
-einer Kartoffel und sind außen schwarzrötlich, innen dagegen hell- oder
-dunkelviolett gefärbt. Am geschätztesten sind die von Périgueux in
-Südfrankreich versandten sogenannten Périgordtrüffeln, die man durch zu
-diesem Zwecke abgerichtete Hunde oder Schweine, die dem aromatischen
-Geruch des Fruchtkörpers des Trüffelpilzes nachgehen und den Erdboden
-an den Stellen, wo sich solche finden, aufzuwühlen beginnen, aufsucht.
-Übrigens gibt es in Frankreich auch viele geübte Trüffelsucher, die
-ohne weitere Hilfsmittel das Vorhandensein von Trüffeln an gewissen
-Veränderungen, kleinen Spalten oder dergleichen, der Bodenoberfläche
-erkennen. Sie liegen 2 bis 10 cm tief und geben den spezifischen
-Geruch von sich, um allerlei Insekten und Würmer herbeizulocken, die
-die winzigen Sporen, mit denen sie sich beim Fressen an der Trüffel
-besudeln und die sie auch in ihrem Kote von sich geben, zu verbreiten
-haben.
-
-[Illustration: Bild 27. Fruchtkörper einer Trüffel (~Tuber rufum~),
-schwach vergrößert. Im Innern dunkle Scheidewände, an denen die
-Sporenmasse ausreift.]
-
-Bei der in Südfrankreich betriebenen Trüffelkultur handelt es sich
-nicht um die Aufzucht aus den Sporen, die bis vor kurzem nicht gelingen
-wollte, sondern um Verbreitung und reichlichere Entwicklung bereits
-im Boden befindlicher Mycelien durch die von ihnen bewohnten Wurzeln
-lebender Bäume, besonders Eichen. Bei Aufzucht von solchen Sämlingen
-aus Trüffelrevieren lassen sich schon nach zehn Jahren reichliche
-Trüffelernten gewinnen. Erst in jüngster Zeit hat man regelrechte
-Trüffelkulturen zustande gebracht, indem man die in Laboratorien
-zum Keimen gebrachten Sporen der Trüffel mit Rübenschnitzeln oder
-zerkleinerten Eicheln vermischte und die darin erzielten Mycelien,
-d. h. Pilzfäden, mit der Beigabe von Rüben oder Eicheln in jungen
-Eichenwäldern sorgfältig in den Boden eingrub, damit der Pilz die
-Symbiose mit dem Wurzelgeflecht der Bäume eingehe. Solche Kulturen
-lassen schon nach 4 bis 5 Jahren die erste ausgiebige Trüffelernte
-gewinnen. Der französische Trüffelhandel datiert seit dem Jahre
-1770 und erstreckt sich jetzt nicht bloß über Süd-, sondern auch
-Mittelfrankreich. Am meisten dieses von den Feinschmeckern überaus
-hochgeschätzten Leckerbissens erzeugt die Provence. Besonders berühmt
-sind die Trüffelkulturen am Fuße des Mont Ventoux im Departement
-Vaucluse, der bei allen Gebildeten durch die Schilderung bekannt ist,
-die der berühmte italienische Dichter Francesco Petrarca von seiner im
-Jahre 1336 mit seinem Bruder Gerardo unter großen Schwierigkeiten und
-ohne Führer unternommenen Besteigung gab, als die Freude an pittoresker
-Naturbetrachtung zum erstenmal bei den Menschen des Abendlandes zum
-Durchbruch gelangte. Die Abhänge dieses Berges wurden seit 1858 neu
-mit Eichen aufgeforstet, die nun eine reiche Trüffelernte abwerfen.
-Seither kommt in der Stadt Apt im Departement Vaucluse jeden Winter
-eine Trüffelernte von 15000 kg zu Markt. Der Ertrag dieser Knollenart
-für ganz Frankreich läßt sich auch nicht annähernd abschätzen, doch
-muß er ein ganz gewaltiger sein, wenn man bedenkt, daß die Ausfuhr
-dieses Landes sich auf mehr als 1,5 Millionen kg im Werte von etwa 35
-Millionen Franken jährlich beziffert.
-
-[Illustration: Bild 28. Das Innere der Trüffel, sehr stark vergrößert.
-Das Pilzmyzel endet in Fruchtschläuchen (~asci~), in denen je vier mit
-stacheliger Hülle umgebene Sporen sich befinden. (Nach Tulasne.)]
-
-Das Trüffelsammeln, das heute berufsmäßig betrieben wird, war früher
-ein Sport, dem viele große Herren mit Leidenschaft oblagen. Damals
-beherrschten die vornehmen Dilettanten das Feld, das heute einen
-lohnenden Beruf für viele bildet. Der Herzog Victor Amadeus II.
-von Savoyen (1675-1730), der im Frieden von Utrecht 1713 außer dem
-Königstitel die Insel Sizilien bekam, die er dann 1720 gegen die
-Insel Sardinien vertauschte, hatte eine besondere Vorliebe für die
-Trüffel„jagd“, wie sie von den Franzosen gern genannt wird. Sein
-Sohn Karl Amadeus III., der von 1730 bis 1773 das Land regierte,
-teilte diese Vorliebe und hielt sich ganze Meuten von Trüffelhunden
-und erfahrenen Jagdgehilfen, mit denen er alljährlich mehrmals große
-Trüffeljagden abhielt. Mit Vorliebe wurden solche den Gästen zu Ehren
-abgehalten. Auch der Herzog von Cumberland war ein passionierter
-Trüffeljäger, gleich Ludwig XV. und vielen deutschen und polnischen
-Königen. Zu diesem Zwecke wurden an den Höfen des 18. Jahrhunderts
-stets sorgfältig abgerichtete Trüffelhunde gehalten, deren erste
-Exemplare ums Jahr 1720 von Burgund nach Deutschland kamen.
-
-In Deutschland kommt die schwarze Trüffel nur im wärmeren Südwesten,
-besonders im Rheintal vor. Hier könnte sie mit Erfolg gezüchtet werden,
-wodurch viel deutsches Geld, das für französische Trüffeln außer Land
-geht, im Lande behalten werden könnte. Außer den beiden genannten
-berühmtesten Trüffelarten werden aber noch verschiedene andere
-gegessen, so die +weiße italienische Trüffel+ (~Tuber magnatum~) mit
-hellbrauner, glatter Oberfläche und starkem knoblauchartigem Geruch,
-dann ~Tuber aestivum~ und ~T. mesentericum~, deren Fruchtfleisch mit
-hellbraunen Adern durchzogen ist, ferner die sogenannte +Holztrüffel+
-(~Tuber excavatum~ und ~T. rufum~), die alle am häufigsten in
-Frankreich und in Italien, doch auch stellenweise in Deutschland
-vorkommen. Eine der wichtigsten Arten für letzteres Land ist die
-sogenannte +weiße deutsche Trüffel+ (~Choiromyces maeandriformis~) mit
-etwa faustgroßen, außen blaßbraunen, innen weißen, mit wenigen dunkeln
-Adern durchzogenen Knollen. Sie findet sich besonders in Schlesien
-und Böhmen, außerdem in Oberitalien und England. Volkswirtschaftlich
-von großer Bedeutung sind zwei in den Mittelmeerländern vorkommende
-Arten, ~Terfezia leonis~ und ~T. boudieri~, die schon von den Römern
-sehr geschätzt wurden und von ihnen in großer Menge aus Nordafrika und
-später auch aus Syrien bezogen wurden. Hier überall schmarotzen diese
-Pilze an den Wurzeln von Helianthemumarten. Von der nordafrikanischen
-Bezeichnung ~terfez~ für sie ist nicht nur die wissenschaftliche
-Bezeichnung ~Terfezia~, sondern wahrscheinlich auch die italienische
-Benennung ~tartufi~ und daraus unser Trüffel wie auch Kartoffel (aus
-dem Italienischen ~tartufoli~) abzuleiten. Diese Trüffelarten besitzen
-ein sehr angenehmes Aroma und galten bei den Alten wie alle Trüffeln
-überhaupt als die Sinnlichkeit anregendes Mittel. Sie wurden damals
-schon gebraten oder mit Rotwein gekocht und mit Olivenöl genossen,
-auch als Bestandteil von Pasteten, oder als Zusatz zu Fleischspeisen,
-Brühen, Suppen usw. verwendet. An den Rändern der Sahara kommen
-diese letztgenannten Arten in solchen Mengen vor und werden von
-der Eingeborenenbevölkerung, besonders in Algerien, in derartigen
-Quantitäten gesammelt, daß sie für jene fast ebenso wichtig ist als die
-Kartoffeln für uns. Die Trüffeln müssen in luftigen Räumen aufbewahrt
-werden und kommen in Fässern verpackt oder als Konserven oder in Wein
-gekocht und dann in Öl eingemacht in den Handel. Frische Trüffeln
-halten sich im Erd- oder Sandbett in guten Kellern bis 14 Tage und
-länger.
-
-Den Trüffeln schließen sich naturgemäß, obschon sie keine
-unterirdischen Knollen, sondern oberirdische Fruchtkörper in Form
-von Hüten bilden, die verschiedenen andern +eßbaren Pilze+ an, die
-im Gegensatz zum grünen Gemüse verhältnismäßig sehr reich an Eiweiß
-sind, so daß man sie mit Recht als das Fleisch des Waldes bezeichnet
-hat. Durch ihre Schmackhaftigkeit und ihr angenehmes Aroma haben sie
-von jeher ihre Liebhaber besonders bei den Feinschmeckern gefunden,
-wenn sich auch die große Menge des Volkes, aus Angst sich zu vergiften,
-bis jetzt, sehr mit Unrecht, ablehnend dagegen verhielt; denn es
-sind an wirklich giftigen Pilzen noch sehr wenig Menschen gestorben.
-Diejenigen, die davon krank wurden, wurden es dadurch, daß sie im
-Übermaß alte, bereits in Zersetzung übergegangene Pilze aßen. Solche
-nachteilige Folgen können aber auch von andern überständigen und in zu
-großen Mengen gegessenen Speisen hervorgerufen werden.
-
-Die Pilze verdienen es in der Tat, ein Volksnahrungsmittel zu werden,
-da sie nicht nur herrlich schmecken, sondern auch recht nahrhaft sind.
-Wenn sie auch zu neun Zehnteln aus Wasser bestehen, so ist doch ein
-Viertel des verbleibenden Restes für den Menschen ausnutzbares Eiweiß,
-so daß sie bei den steigenden Lebensmittelpreisen und der zunehmenden
-Fleischteuerung gerade für die weniger Bemittelten einen willkommenen
-Ersatz des Fleisches bilden. 1 kg frische Pilze enthält etwa ebensoviel
-ausnutzbares Eiweiß als 100 g frisches Fleisch. Und zwar sind junge
-Pilze nach den Untersuchungen von Kohlrausch und Lösecke eiweißreicher
-als alte. So beträgt der Eiweißgehalt des getrockneten Hutes junger
-Pilze nach Margiewicz beim Steinpilz 44,99 Prozent, beim Birkenröhrling
-43,90, beim Rothautröhrling 40,91, beim Butterröhrling 40,74, beim
-Filzröhrling 39,85, beim echten Reizker 38,12, beim Hallimasch 28,16,
-beim echten Gelbling 27,77 Prozent. Zudem besitzen sie außer etwas
-Fett und Kohlehydraten einen reichen Gehalt an Nährsalzen, besonders
-phosphorsauren und Kaliverbindungen, so beim getrockneten Steinpilz,
-als dem nährsalzreichsten, 19 Prozent, während im besten Ochsenfleisch
-nur 17 Prozent davon enthalten sind. In frischem Zustande beträgt der
-Nährsalzgehalt durchschnittlich ½-2 Prozent. Auf die Trockensubstanz
-berechnet enthält an Nährsalzen der Steinpilz also 19 Prozent, der
-Pflaumenrößling 15, der Nelkenschwindling 10,75, die Spitzmorchel 9,0,
-der echte Gelbling 8,19, der Butterröhrling 6,38, der Traubenziegenbart
-6,23, der Kuhröhrling 6,0, das Schafeuter 2,8 Prozent. Bei diesem
-Nährwert lohnt es sich schon der Mühe, die zahlreichen eßbaren Pilze,
-die der Wald umsonst bietet, und die der Mensch aus Unkenntnis
-und Trägheit darin verfaulen läßt, zu sammeln, wobei das Suchen
-dieser Pflanzen an sich schon Körper und Geist günstig beeinflußt.
-Welche Freude bietet nicht eine solche Exkursion für alt und jung,
-welcher Jubel schallt da nicht durch Wald und Feld, wenn sich die
-verschiedensten Pilze an den dem Kenner wohlbekannten Standorten
-finden, und wie schmecken zu Hause diese Schwämme, die man selbst
-gesucht hat, weit besser als Markthallenware! Zudem lassen sie sich
-durch Trocknen oder Sterilisieren oder Einmachen in Essig konservieren
-und so jederzeit als schmackhafte Würze und Beilage verwenden. Um die
-eßbaren von den giftigen Pilzen zu unterscheiden, gibt es zahlreiche
-Pilzbüchlein mit schön kolorierten Tafeln, unter denen das vom
-Kaiserlichen Gesundheitsamte in Berlin herausgegebene Pilzmerkblatt,
-das zur Orientierung vollkommen genügt, schon für 10 Pfennige zu haben
-ist. Hauptsächlich sollte es die Schule übernehmen, auf Ausflügen die
-Jugend mit den eßbaren und nichteßbaren Pilzen bekanntzumachen. So
-würde die übertriebene Furcht vor giftigen Pilzen durch Aufklärung
-weiterer Volksmassen am ehesten zu beheben sein; denn es gibt
-glücklicherweise nur verhältnismäßig wenig giftige Pilze, und diese
-sind zudem von der Natur als solche deutlich gekennzeichnet, so daß man
-sie mit einiger Übung leicht und untrüglich als solche herausfinden
-kann. Die Hauptsache aber bleibt stets, daß die Pilze frisch und in
-mehr jugendlichem Zustande gepflückt als Speise verwendet werden,
-da alte, verdorbene Exemplare von eßbaren Sorten vielfach ebenso
-schädlich als die eigentlich giftigen sind. Fast alle Pilzvergiftungen
-lassen sich darauf zurückführen, daß solche verdorbene Pilze verspeist
-wurden. Und wer im Volke sie nicht selbst essen mag, der sammle und
-verkaufe sie und kaufe sich mit dem daraus erworbenen Gelde eine
-ihm besser zusagende Speise. Die Armen ernähren sich auch nicht mit
-Erdbeerschnitten, obgleich die Erdbeeren im Walde umsonst zu haben sind.
-
- Tafel 53.
-
-[Illustration: Champignonkultur der Konservenfabrik ~Amieux frères~ in
-unterirdischen Gewölben bei Paris.
-
-Champignonernte für ~Amieux frères~ in Paris.]
-
- Tafel 54.
-
-[Illustration: Verarbeitung von Champignons in der Konservenfabrik
-~Amieux frères~ in Paris.]
-
-Der geschätzteste der eßbaren Hutpilze und der einzige unter
-ihnen, der im großen Maßstabe künstlich gezüchtet wird, ist der
-+Feldblätterschwamm+ oder +Brachpilz+ (~Agaricus campestris~), besser
-unter dem französischen Namen +Champignon+ bekannt. Er findet sich
-vom Mai bis Oktober auf sandigen Waldwiesen und auf Weideplätzen, in
-gedüngten Feldern und Obstgärten, in Weingärten und an Waldrändern in
-Europa, Asien, Nordamerika und Nordafrika und bildet bis 10 cm breite,
-weiße bis bräunliche fleischige Hüte. Eine besonders aromatische
-Varietät wird vielfach in Kellern und andern dunkeln Räumen mit
-möglichst gleichmäßiger Temperatur gezogen. Bei der Anlage solcher
-Kulturen bringt man nicht zu alte käufliche Champignonbrutziegel aus
-Pferde- und Kuhmist mit etwas Gartenerde, die mit den Myzelien des
-Brachpilzes durchwachsen sind, in Beete von frischem, strohfreiem,
-durch vorherige Behandlung nicht mehr gärungsfähigem Pferdemist,
-die nach 3-4 Wochen etwa 3 cm hoch mit lockerer, sandiger Erde bedeckt
-werden. Die Brutbeete werden durch öfteres Begießen feucht gehalten.
-Dabei durchwuchert das Pilzfadengeflecht rasch das gesamte Nährsubstrat
-und schreitet dann, nachdem es ihm seine Nährstoffe entzogen hat, zur
-Bildung der Fruchtkörper. Wenn letztere nach 7-8 Wochen hervorbrechen,
-werden sie, bevor sich der Hut zu sehr in die Breite entwickelt hat,
-an der Stielbasis mit einem Messer abgeschnitten und auf den Markt
-gebracht. Läßt der Ertrag nach einigen Wochen nach, so werden neue
-Beete angelegt. Besonders um Paris herum wird die Champignonkultur
-in den zahllosen unterirdischen Steinbrüchen mit ihrer gleichmäßigen
-Wärme im großen betrieben und bildet für zahllose einfache Leute eine
-lohnende Beschäftigung, die auch in Deutschland mit aller Energie
-betrieben werden sollte; denn dieser vortreffliche Speisepilz wird in
-der feinen Küche sehr viel verwendet und der aus ihm bereitete Extrakt
-bildet ein vorzügliches Würzmittel für Suppen und Saucen. Schon die
-römischen Feinschmecker schätzten seinen delikaten Geschmack sehr und
-Kaiser Nero, dem es gewiß nicht an guten Bissen fehlte, soll ihn sogar
-als Götterspeise bezeichnet haben. Bis in unsere Zeit gab es Gourmets,
-besonders französische, die diesen beliebten Pilz gern eigenhändig
-sammelten und zubereiteten. Franzosen waren es auch, die den Champignon
-in deutsche Küchen einführten, namentlich vornehme Emigranten, die,
-auf den Broterwerb angewiesen, sich in der Fremde nicht selten der
-in ihrer Heimat hochkultivierten Kochkunst widmeten und dadurch
-mitunter ein Vermögen erwarben. Die einfachste Art der Zubereitung
-ist, ihn in frischer Butter zu dünsten und mit ein wenig Zitronensaft
-zu beträufeln. Manche Leute behaupten, daß sein Aroma angenehmer
-hervortrete, wenn man statt Butter Ochsenmark verwende. Auch in
-Ausbackteig gebacken schmeckt er nicht übel, und wohl kaum ein anderer
-Pilz findet so viel Verwendung wie er zu Saucen, Ragouts und Frikassees.
-
-Neben dem Champignon wird der +Steinpilz+ (~Boletus edulis~), in
-Frankreich ~cèpe~ genannt, sehr geschätzt und kommt getrocknet in
-Schnitzen und als Ölkonserve in den Handel. Ihn durch Aussäen von
-Sporen auf Stellen im Walde zu übertragen, wo er bisher fehlte, ist
-nicht gelungen, wohl aber bei der +Nußkraterelle+ (~Craterellus
-nucleatus~), die im Aroma nur der Perigordtrüffel nachsteht. In Japan
-wird ein außerordentlich schmackhafter Pilz (~Agaricus shitake~) in
-großen Massen gezüchtet, indem seine Kultur für ganze Distrikte des
-japanischen Waldes die einzige Art der Forstbenutzung bildet. Nach
-dem Laubfall werden jüngere Stämme und armdicke Äste verschiedener
-Laubholzarten gefällt, etwa 100 Tage im Walde liegen gelassen und
-dann in meterlange Stöcke zersägt, die mit tiefen Einschnitten
-versehen werden. Die an den Pilzkulturplätzen stets gegenwärtigen
-Sporen des Schitakepilzes nisten sich in diese Wundstellen ein, das
-sich entwickelnde Pilzmyzel verwandelt das Holz in eine weißliche,
-brüchige Masse und schon im Herbst des ersten Jahres, besonders aber
-im zweiten und in den folgenden vier Jahren nach der Infektion brechen
-teils aus der Rinde, teils aus der Schnittwunde die Pilze hervor,
-die merkwürdigerweise je größer, desto besser und teuerer sind.
-Prof. Mayr hat versucht, den Schitakepilz bei uns einzuführen. Dabei
-zeigte es sich, daß Buche, Hainbuche und Birke sich am besten zur
-Aufzucht desselben eignen, daß jedoch die jungen Kulturen sehr unter
-den einheimischen Pilzen, die sich an denselben Stellen ansiedeln,
-und unter Schneckenfraß zu leiden haben. Doch sollen die Versuche
-fortgesetzt werden. Jedenfalls wäre der Pilz geeignet, im Regenwalde
-der tropischen und subtropischen Kolonien am Holze der wertlosen
-Baumarten, die doch nur das Wachstum der wertvollen behindern,
-gezüchtet zu werden.
-
-Schon die Römer der Kaiserzeit schätzten die Trüffel, die sie ~tuber~
-nannten, wie auch die verschiedenen anderen Speisepilze. Am höchsten
-stand in ihrer Wertschätzung der in den Wäldern von ganz Italien
-heimische und heute noch beim Volke als Speise beliebte +Kaiserling+
-(~Agaricus caesareus~), den sie ~boletus~ nannten. Er sieht dem
-Fliegenschwamm ähnlich, weshalb verhängnisvolle Verwechslungen
-vorkommen können. Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte, daß er,
-wie auch die +Steinpilze+ (~suillus~), zu seiner Zeit bei den Vornehmen
-in Mode kam. Beide wachsen um die Wurzeln von Eichen, und zwar wachsen
-die besten an denen der Stieleiche; „die unter Steineichen, Zypressen
-und Pinien aber sind schädlich. Man ißt sie auf gut Glück und sie
-bilden jedenfalls eine vortreffliche Speise, doch sind sie auch schon
-zu entsetzlichen Verbrechen benutzt worden. So ist der Kaiser Tiberius
-Claudius durch Gift ums Leben gekommen, das seine (zweite) Gemahlin
-Agrippina unter ein Gericht Kaiserschwämme gemischt hatte.“ Der
-Geschichtschreiber Suetonius (70-140 n. Chr.), der Geheimschreiber des
-Kaisers Hadrian, sagt in seiner Biographie des 52 n. Chr. erst 43 Jahre
-alt vergifteten Kaisers Claudius, dieser sei sehr gierig nach diesen
-Schwämmen gewesen. Und in der Biographie Neros bemerkt er dazu: „Wenn
-auch Kaiser Nero nicht an der Vergiftung seines Stiefvaters Claudius
-geradezu schuld gewesen ist, so hat er doch jedenfalls darum gewußt:
-Das leugnete er auch gar nicht und nannte die Kaiserlinge (~boletus~)
--- denn in diesen war das Gift dem Claudius beigebracht worden -- eine
-Speise für Götter.“ Und derselbe Autor sagt in seiner Biographie des
-Tiberius: „Kaiser Tiberius gab dem Asellius Sabinus 200000 Sesterzien
-(etwa 30000 Mark) für einen Dialog, worin der Kaiserling, die
-Feigendrossel, die gewöhnliche Drossel und die Auster (als die feinsten
-Leckerbissen) um den Vorrang stritten.“ Der Satiriker Martial (40-120
-n. Chr.) erwähnt in seinen Gedichten öfter den Kaiserling. In einem
-Epigramm sagt er: „Ich begreife wahrhaftig nicht, Poeticus, wie du mich
-zu Tische laden und dabei so grob sein kannst, mir Mießmuscheln, an
-denen ich mir die Lippen zerschneide, Steinpilze (~suillus~), die für
-die Schweine gehören, und eine im Käfig krepierte Elster vorzusetzen,
-während du deinen Bauch mit gemästeten Austern, Kaiserlingen und zarten
-Turteltauben anfüllst.“ In einem andern ruft er aus: „Bist du denn
-verrückt, Caecilianus, daß du dich allein hinsetzest und Kaiserlinge
-vor aller Welt issest (ohne mich zu solchem Mahle einzuladen)? -- Du
-bist ein gefräßiges Leckermaul und ich wünsche dir einen Kaiserling in
-den Hals, wie ihn Kaiser Claudius gegessen hat.“ Und in einem seiner
-Xenien meint er von einem Schlemmer: „Silber, Gold und kostbare Kleider
-entbehrt das Leckermaul leicht, aber Kaiserlinge wahrhaftig nicht.“
-
-Der griechische Arzt Claudios Galenos (131-200 n. Chr.) bezeichnet
-in seiner Schrift über die Eigenschaften der Nahrungsmittel die
-Kaiserlinge, die auf allerlei Weise gewürzt gegessen werden, als
-geschmacklos, aber jedenfalls als die unschädlichste Sorte Pilze:
-„Nach ihnen folgen dem Range nach die +Champignons+ (~amanítai~).
-Der Sicherheit wegen sollte man andere Pilze gar nicht anrühren,
-denn es sind schon viele Leute durch sie vergiftet worden. Ich kenne
-sogar jemand, der nach dem reichlichen Genuß nicht gehörig gekochter
-Kaiserlinge (~bōlítēs~), die doch für ganz unschädlich gelten, schwere
-Zufälle, Ohnmacht und kalten Schweiß bekam, und sich nicht eher
-erholte, als bis er die Schwämme ausgespien hatte.“ Plinius empfiehlt
-an dritter Stelle die +Steinpilze+ (~Boletus edulis~), von den Römern
-~suillus~, d. h. Schweinepilz genannt. „Diese aber“, fährt er fort,
-„werden am leichtesten zu Vergiftungsversuchen gebraucht. So sind vor
-kurzer Zeit ganze Familien und ganze Tischgesellschaften damit ums
-Leben gekommen, so Annaeus Serenus, Oberst bei der Garde Neros, so
-Tribunen und Zenturionen. Wie ist es möglich, daß jemand sich nach
-einer so gefährlichen Speise kann gelüsten lassen?
-
-Manche haben die Pilze nach den Bäumen, bei denen sie wachsen, als
-eßbar oder giftig unterscheiden wollen; aber diese Unterscheidung kann
-denen nicht helfen, die von fremden Leuten gesammelte Pilze kaufen.
-Alle giftigen Pilze sehen bläulich aus, und sie sind für um so giftiger
-zu halten, je ähnlicher der Saft des Baumes, bei dem er gewachsen, dem
-des Feigenbaumes (also milchig) ist.
-
-In manchen Fällen können Pilze auch als Heilmittel gebraucht werden. So
-hält Glaucias die Kaiserlinge für magenstärkend. Die Steinpilze werden,
-mit einer Binse durchstochen, aufgehängt und getrocknet; so kommen sie
-von Bithynien aus in den Handel. Sie werden gegessen um rheumatische
-Entzündungen des Unterleibs zu heilen, dienen auch äußerlich gegen
-Fehler der Haut.
-
-Ich will ferner noch einige allgemeine Bemerkungen über die
-Zubereitung der Pilze geben, weil sie der einzige Leckerbissen sind,
-den die vornehmen Leute eigenhändig zubereiten, wobei sie im voraus
-in Erwartung des bevorstehenden Genusses ganz selig sind, und die
-Pilze mit Elektron- (Silber und Gold gemischt) oder Silbermessern
-zerschneiden.
-
-Schädlich sind diejenigen Pilze, die beim Kochen härter werden;
-solche werden unschädlich, wenn man sie mit Zusatz von Soda tüchtig
-durchkocht. Auch dadurch schützt man sich vor Vergiftung durch sie, daß
-man sie mit Fleisch oder mit Birnenstielen kocht. Auch Birnen, welche
-gleich nach den Pilzen gegessen werden, sind nützlich; ferner ist Essig
-ein Mittel, das ihrem Gifte entgegenwirkt.“
-
-Der Arzt Galenos rät gegen Pilzvergiftung Wermut oder Raute mit Essig
-zu trinken und fährt fort: „Asklepiades gibt bei Pilzvergiftung rohen
-Rettich in Menge zu essen und ungemischten Wein dazu zu trinken.
-Ich aber habe in Mysien einen Mann kennen gelernt, der denjenigen,
-die an Pilzvergiftung litten, Hühnermist eingab, und ich habe dann
-selbst Versuche mit diesem Mittel angestellt, indem ich den Mist
-fein zerrieb und in mit Wasser oder Honig gemischten Essig tat.
-Die Patienten bekamen alsbald, nachdem sie die Mischung getrunken
-hatten, Erbrechen und genasen sodann. Dabei ist zu beachten, daß der
-Mist von freigehenden Hühnern weit wirksamer ist als derjenige von
-eingesperrten.“
-
-Auch die Trüffeln fanden bei den alten Griechen und Römern ihre
-Liebhaber. So sagt Plinius von den Trüffeln (~tuber~), die Martial
-in einem Epigramm an Wohlgeschmack nur den Kaiserlingen nachstehen
-läßt: „Sie sollen nach heftigen, im Herbst eintretenden Regengüssen
-und Gewittern entstehen. Ihre Entstehung und die Tatsache, daß sie
-ganz ohne Wurzel wachsen, berechtigen, sie zu den wunderbaren Dingen
-zu rechnen. Sie liegen ganz in der Erde ohne mit ihr in irgend einem
-Zusammenhang zu stehen und ohne sie emporzutreiben. Sie haben eine
-eigentümliche Rinde und finden sich meist in trockenem, sandigen Boden
-unter Gebüsch. Sie erreichen die Größe einer Quitte und die Schwere
-eines Pfundes. Es gibt zwei Arten derselben: eine sandige, welche den
-Zähnen schadet, und eine reine. Übrigens unterscheidet man sie nach
-ihrer braunroten oder schwarzen und inwendig weißen Farbe. Am höchsten
-werden die afrikanischen geschätzt. Wie sie entstehen, und ob sie
-Leben haben, weiß man nicht, wohl aber, daß sie zuletzt verfaulen.
-Dem gewesenen Praetor Lartius Licinius, der zu Carthago in Spanien
-(dem heutigen Cartagena) die Rechtspflege verwaltete, ist es, wie ich
-weiß, vor wenigen Jahren passiert, daß er auf einen Denar, der in eine
-Trüffel eingewachsen war, so biß, daß sich seine Vorderzähne schief
-bogen, woraus man auf die Art und Weise, wie die Erde sich zu Trüffeln
-ballt, schließen kann. Als sicher kann man es jedenfalls ansehen, daß
-sie entstehen, aber auch als sicher, daß man sie nicht anpflanzen kann.
-
-Den Trüffeln ähnlich ist das Misy in der Provinz Cyrenaika (dem
-heutigen Barka in Tripolis); es zeichnet sich durch lieblichen Geruch
-und Geschmack aus, ist aber fleischiger; auch ist ihnen in Thracien
-das ~iton~ und in Griechenland das ~geranion~ ähnlich. -- Bei Mytilenä
-soll es nun Trüffeln geben, wenn Trüffelsamen durch Überschwemmung von
-Tiarä, wo sie sehr häufig sind, herabkommt. In Kleinasien finden sich
-die beliebtesten zu Lampsacus und Alopekonnesus, in Griechenland um
-Elis.“
-
-Endlich sagt der griechische Arzt Galenos, der einer der gesuchtesten
-Ärzte Roms war und zur Zeit des Septimius Severus daselbst starb: „Die
-Trüffel (~hýdron~) muß man zu den Wurzeln oder Knollen zählen. Sie
-haben an sich wenig Geschmack, werden mit Gewürz gegessen, und sind
-unschädlich.“
-
-Wie in Europa, so finden übrigens auch überall anderwärts verschiedene
-Pilze als geschätzte Nahrung des Menschen Verwendung, unter denen wir
-wegen seiner außergewöhnlichen Größe nur den als ~indian potatoe~
-bezeichneten +Riesenpilz+ ~Lycoperdon solidum~ erwähnen wollen, der
-überall in den Südstaaten der nordamerikanischen Union auf eben
-abgeholztem Waldboden erscheint. Er erreicht ein Gewicht von 8-15 kg
-und wurde von den Indianern gern verzehrt. Ebenso lebten einst die in
-die Wälder flüchtenden Negersklaven fast gänzlich von ihm.
-
-Wie die Pilze sind auch viele Arten von +Seetang+ eine vom Menschen
-gern gegessene, von der Natur gespendete Speise. So werden eine ganze
-Anzahl derselben an den verschiedenen Küsten teils roh, teils gekocht
-gegessen. Manche derselben enthalten außer knorpligem Schleim auch
-ziemliche Mengen von Stärkemehl und Zucker. Ebenso verhält es sich
-mit manchen +Flechten+, unter denen die +Mannaflechte+ (~Lecanora
-esculenta~) die bekannteste ist. Sie wächst vorzugsweise in den
-Steppen von Südrußland bis Zentralasien in großer Menge auf sonst
-von Vegetation völlig entblößtem, lehmigem Boden oder nacktem Fels,
-locker mit der Unterlage, auf der sie haftet, verbunden, ohne von ihr
-Feuchtigkeit, sondern nur einige Nährsalze zu verlangen. Sie wird daher
-durch Winde, die ja in diesen Steppen eine außerordentliche Gewalt
-annehmen, leicht losgerissen, in Vertiefungen angesammelt, oder durch
-heftige Stürme auch wohl in weitere Entfernungen getragen, wo sie dann
-das höchst merkwürdige Phänomen des Mannaregens hervorbringt, das in
-Kleinasien und Persien zu verschiedenen Malen und auch an anderen Orten
-beobachtet wurde. Diese meist in haselnußgroßen Stücken gefundene
-Flechte enthält außer Stärkemehl und Inulin über 23 Prozent Gallerte
-und wird von den armen Steppenvölkern, vermahlen und zu Brot gebacken,
-gern gegessen. Sie wurde fälschlicherweise von Ehrenberg für das Manna
-der Bibel erklärt, das wir unter den Zuckerarten kennen lernen werden.
-
-Überall im Norden wird auch die als „isländisches Moos“ bezeichnete
-+Renntierflechte+ (~Cetraria islandica~) als ein nach Entfernung des
-ihr anhaftenden Bitterstoffes durchaus nicht zu verschmähende Nahrung
-nicht nur für die Renntiere, die sich hauptsächlich von ihr ernähren,
-sondern auch für den Menschen gegessen und teilweise ebenfalls zu Brot
-verbacken. In den zirkumpolaren Gegenden, wo es mit der pflanzlichen
-Nahrung sehr übel bestellt ist, nimmt der hungrige Mensch dankbar
-solche Nahrung entgegen. Und wenn Eskimos ein Renntier erlegt haben,
-ist ihnen der mit dieser Flechte erfüllte Renntiermagen ein sehr
-geschätzter Leckerbissen, dessen Inhalt sie sorgfältig sammeln, um ihn
-mit Blut vermischt für festliche Anlässe aufzubewahren, bei denen er
-dann nur mit Herbeiziehung der allerbesten Freunde als eine Leckerei
-ohnegleichen gegessen wird. Doch muß man schon ein genügsames Kind der
-Arktis sein, um an einem solchen Kompott ein so großes Wohlgefallen zu
-haben.
-
-
-
-
-IX.
-
-Die Ölgewächse.
-
-
-Hinsichtlich ihres Vermögens der Arbeitsleistung und Wärmebildung im
-Körper stehen die Fette hoch über den Eiweißkörpern und Kohlehydraten,
-d. h. den Stärkemehl und Zucker enthaltenden Nahrungsstoffen. Beträgt
-der Verbrennungswert dieser letzteren, sowohl der Eiweißkörper als der
-Kohlehydrate, 4,1 Wärmeeinheiten pro g, so beläuft sich dieser Betrag
-beim Fett auf 9,3 Wärmeeinheiten pro g. Bei dieser mehr als doppelten
-Nährkraft ist es kein Wunder, daß namentlich der in einem kalten Klima
-lebende Mensch, der reichlich durch Ausstrahlung verloren gehende
-Wärme zu ersetzen hat, mit Vorliebe fettreiche Speisen verzehrt, die
-er, solange er auf der Jägerstufe lebte, in den Fettablagerungen der
-von ihm erbeuteten Tiere fand. Noch heute klingt es in den Sagen
-aller Nordvölker durch, welch große Bedeutung dem Nierenfett und dem
-Knochenmark als vielbegehrtem Leckerbissen der Vorzeit zukam. Als
-der Mensch sich zum Viehzüchter erhob, konnte er dieses instinktive
-Bedürfnis nach Fett im fetten Fleische und dem Speck, später auch in
-der aus der Milch gewonnenen Butter seiner Herdentiere befriedigen.
-
-Erst als er zum Hackbau sich erhob und infolgedessen notgedrungen
-an die von ihm bearbeitete Scholle gebunden war, suchte er seinen
-Fettbedarf aus dem Pflanzenreiche zu decken. Dieser war ein besonders
-großer, da die mehlreichen Samen und Wurzelknollen, wie auch die grünen
-von ihm verspeisten Pflanzenteile in der Regel auffallend arm an Fett
-sind. Deshalb war er darauf angewiesen, seine Mehlspeisen zu schmälzen;
-nur so schmeckten sie ihm. Wie heute noch unsere Landbevölkerung ihre
-Schmarren und Knödel in Schmalz oder Butter bäckt und Butter oder
-fetten Käse zum Brote genießt, so suchte die Hackbäuerin der Urzeit
-unter den Pflanzen ihrer Umgebung instinktiv nach solchen, die Fett
-in ihren Samen enthielten. Diese zerquetschte sie und genoß sie als
-solche; auf einer höheren Stufe jedoch preßte sie das Fett aus ihnen
-aus und benutzte es zum Schmälzen ihrer aus dem Mehl der verschiedenen
-Getreidearten bereiteten Fladen und Breie. Um solche Fettspender stets
-zur Hand und in größerer Menge zu haben, nahm sie solche in Hegung
-und vermehrte dann durch Kulturauslese den Ertrag an dem gewünschten
-Rohstoff.
-
-Einer der ältesten Ölspender der Menschheit ist der +Sesam+ (~Sesamum
-indicum~), der seit sehr langer Zeit in Südasien, speziell Indien,
-im großen kultiviert wird. Seine Heimat ist nach A. de Candolle
-das östliche tropische Asien, insbesondere Indonesien, wo er
-heute noch, beispielsweise auf Java, wild angetroffen wird. Der
-Berliner Botaniker Ascherson dagegen hält unter Berücksichtigung
-der pflanzengeographischen Ermittlungen Afrika für die Heimat der
-Sesampflanze, da von den 12 Arten der Gattung ~Sesamum~ nicht weniger
-als 10 diesem Erdteile angehören. Trotzdem scheint uns letztere
-Annahme wenig wahrscheinlich. Jedenfalls läßt sich für uns ihre Kultur
-zuerst in Indien nachweisen, wo der Engländer Watt in Behar und im
-nordwestlichen Himalaja eine der Sesampflanze sehr nahestehende wilde
-Art fand. Schon vor 3500 Jahren drang die Sesamkultur aus Indien in
-die Euphratländer, wo nach Herodots Zeugnis alles Öl aus Sesamsamen
-gewonnen wurde. Er schreibt darüber: „In Assyrien (und Babylonien) hat
-man kein Olivenöl, dagegen gebraucht man dort das Öl, das man vom Sesam
-(~sḗsamon~) gewinnt, der dort baumhoch wird.“ Nach Ägypten kam die
-Kultur des Sesams erst während der Mitte des letzten vorchristlichen
-Jahrtausends, wo ihn Theophrastos (390-286 v. Chr.) zuerst erwähnt.
-Früher war er im Niltal vollständig unbekannt und wird weder im Kult,
-noch auf den Denkmälern der alten Ägypter erwähnt; auch finden sich
-in den Grabbeigaben keinerlei Spuren von ihm. Auch das Alte Testament
-kennt ihn durchaus nicht, was doch der Fall sein müßte, wenn ihn die
-Juden vor ihrem Auszuge in Ägypten kennen gelernt hätten. Auch nach
-China kam er erst zu Beginn der christlichen Zeitrechnung; wenigstens
-wird erst in einem Buche des 5. Jahrhunderts seiner Erwähnung getan.
-Er heißt dort ~chi-ma~, während er im Sanskrit ~tila~, im Indischen
-~gingils~, im Malaiischen ~widjin~ und im semitischen Vorderasien
-~simsim~ hieß, woraus dann die Griechen ~sḗsamon~ machten. Die alten
-Ägypter scheinen die Pflanze ~ake~ genannt zu haben, während sie
-die Samen derselben ~schemschem~ hießen. Letzteres ist also die
-ägyptisierte semitische Bezeichnung; demnach müssen es Semiten gewesen
-sein, die diese Kulturpflanze in Ägypten einführten. Wie diese uralte
-Kulturpflanze in der indischen Kultur eine wichtige Rolle spielt, so
-tat sie es auch im frühen Mittelalter bei den Arabern, die sie ~semsem~
-nannten. Welche bedeutende Rolle sie bei jenen spielte, bekunden schon
-die Märchen aus Tausend und Einer Nacht, wo das Wort Sesam als ~semsem~
-einen Zauberspruch zum Öffnen von Türen bildet.
-
-[Illustration: Bild 29.
-
-Der Sesam (~sesamum orientale~).]
-
-Heute bildet der Sesam eine sehr wichtige Nutzpflanze für China,
-Japan, ganz Süd- und Vorderasien, Ost- und Westafrika und neuerdings
-sogar Amerika; denn er hat sich fast das ganze Gebiet der Tropen
-und Halbtropen erobert. Er ist ein einjähriges, aufrechtes Kraut
-mit ungeteilten Blättern und einzeln in den Blattachseln stehenden,
-rachenförmigen, hellroten Blüten. Ein blühendes Sesamfeld gewährt
-einen sehr hübschen Anblick. Die reife Frucht ist eine längliche,
-stumpf-vierkantige Kapsel, welche von der Spitze nach der Basis
-aufspringt und in jedem Fache eine Anzahl etwa 3 mm langer und 1,5 mm
-breiter, zu beiden Seiten abgeplatteter Samen von braunschwarzer,
-rötlicher oder gelblicher Farbe trägt. Nach diesen Farbendifferenzen
-des Samens, die als Beweis uralter Kulturvarietäten ins ferne Altertum
-zurückgehen, unterscheidet man eine dunkle und eine helle Sesamsaat.
-Letztere gibt ein besseres, erstere aber ein reichlicheres Öl von
-gelber Farbe, fast ohne Geruch und von angenehm süßem Geschmack, das
-die vorzügliche Eigenschaft besitzt, nicht leicht ranzig zu werden. Da
-die Samen außer größeren Mengen Eiweiß durchschnittlich 56,8 Prozent
-Öl besitzen, ist ihr Nährwert ein sehr großer, so daß sie in Form von
-Mehl oder als daraus gewonnenes Öl und selbst als Ölkuchen die tägliche
-Nahrung für die große Mehrzahl der indischen Bevölkerung bilden.
-
-Der Sesam gedeiht am besten in möglichst gleichmäßig warmem Klima auf
-leichtem, lehmig-sandigem Boden. Sein Anbau erfordert keine große Mühe
-und bringt in der Regel reiche Erträge. Die ganze Kultur der Pflanze
-liegt in den Händen der Eingeborenen, die ihn vorzugsweise als Brotkorn
-für ihren eigenen Bedarf bauen und nur aus dem Überschuß des Ertrages
-Öl pressen, das sie meist verkaufen. Eine vorzügliche Sorte baut man in
-Ägypten und Palästina an, wo aus Sesammehl die berühmte Fastenspeise
-~chalba~, eine Art mit Zitronat und Honig versetzter Kuchen, bereitet
-wird. Die grob zerstoßenen Samen dienen auch zur Herstellung eines
-nahrhaften Breies, der selbst Europäern mundet, und das gewöhnliche
-Brot, wie auch alle Kuchen, werden mit den ganzen Samen bestreut, so
-wie man bei uns den Mohn- oder Kümmelsamen verwendet. Meist jedoch wird
-auch hier das in ihnen enthaltene Öl ausgepreßt und im Haushalt als
-Speiseöl und zur Beleuchtung verwendet, während die Preßkuchen Menschen
-und Tieren als Nahrung dienen.
-
-Das Sesamöl ist von süßlichem, sehr angenehmem Geschmack, völlig
-geruchlos und wird erst nach langer Zeit durch Aufnahme von Sauerstoff
-aus der Luft ranzig. Da die Sesamsamen durchschnittlich 56 Prozent
-desselben enthalten, ist der Ertrag daran ein sehr reichlicher. Doch
-schwankt bei ihnen wie bei allen hier zur Besprechung gelangenden
-andern Fettlieferanten der Fettgehalt je nach Klima und Kulturmethode;
-auch ist die Ausbeute an Öl je nach der Gewinnungsmethode verschieden.
-Stets werden die Samen zuerst in Stampfen oder neuerdings zwischen
-Walzen zerquetscht und unter Zusatz von Wasser auf Filtergängen
-gemahlen, um die Zellen, die das Öl enthalten, zu zerreißen. Aus den
-tropischen oder subtropischen Produktionsländern gelangt der als
-Überschuß der Ernte verkaufte Sesam meist als Samen nach Europa,
-und zwar hauptsächlich nach Marseille, wo erst das Öl in großen
-Pressen gewonnen wird, um dann bei der Kunstbutterbereitung, bei
-der Seifenfabrikation und zum Verschneiden des Olivenöls Verwendung
-zu finden. Die Rückstände, welche außer Fett noch 36 Prozent Eiweiß
-enthalten, liefern ein sehr wertvolles Viehfutter. Ostindien führt
-jährlich gegen 200 Millionen kg Sesamsamen und 13,5 Millionen kg
-Sesamöl aus; Ost- und Westafrika exportiert etwa halb soviel.
-Deutschlands Sesameinfuhr beträgt jährlich etwa 615 Millionen kg im
-Werte von 15 Millionen Mark.
-
-In Indien, wie in ganz Südasien und Ozeanien stehen seit alter Zeit die
-67 Prozent Fett enthaltenden +Kokosnüsse+ als beliebtes Speisefett
-im Gebrauch. Das ölreiche, weiße Nährgewebe derselben ist für die
-Eingeborenen ein wichtiges Nahrungsmittel, das feingerieben den
-verschiedensten Mehlspeisen zugesetzt wird. Außerdem stellt es einen
-wichtigen Handelsartikel dar, das sich seit der Mitte des vorigen
-Jahrhunderts den europäischen Weltmarkt erobert hat. Hierzu wird es an
-der Sonne getrocknet und heißt dann +Kopra+. Als solches kommt es nach
-Europa, wo es in großen Kesseln erwärmt wird; das dabei ausgeschmolzene
-Fett sammelt sich oben an und wird abgeschöpft. Es ist schön weiß
-und schmeckt milde, hat aber einen unangenehmen Geruch, wird auch
-leicht ranzig. Die moderne Technik hat es aber zustande gebracht, das
-Kokosnußfett von seinen unangenehm riechenden Bestandteilen zu befreien
-und ein Fett in den Handel zu bringen, das als sehr geschätzter,
-billiger und sehr haltbarer Ersatz für tierische Fette unter dem Namen
-+Kunerol+, +Palmin+ usw. sich mit Recht einer zunehmenden Verwendung
-als Speisefett an Stelle oder gemischt mit Milchbutter erfreut. Der
-weitaus größte Teil des Kokosnußfetts wird aber zur Herstellung
-von Kerzen und Seifen verbraucht. Weil Kokosseife die einzige ist,
-die auch im salzigen Meerwasser schäumt, ist sie besonders bei den
-Seeleuten sehr beliebt. Die Gesamteinfuhr Deutschlands an Kopra beträgt
-gegenwärtig etwa 18 Millionen Mark, wovon es jetzt schon über ein
-Drittel aus seinen Kolonien decken kann. Weitaus am meisten liefert
-Samoa im Werte von gegen 3 Millionen Mark. Aus 7000 Früchten erhält
-man 1000 kg Kopra. Das Zerschneiden und Trocknen der Kokoskerne wurde
-zuerst von den Franzosen in Ostafrika praktiziert und dann von einer
-Hamburger Firma auch auf den Südseeinseln eingeführt.
-
-Für den europäischen Markt war früher und ist heute noch das +Olivenöl+
-das wichtigste Speise- und Brennfett. Aus den am besten mit der Hand
-abgenommenen Oliven, die 56-70 Prozent Fett enthalten, wird bei
-schwacher Pressung in der Kälte das gelbliche, süße, feine Speiseöl
-gewonnen, während man bei stärkerem Druck und warmer Pressung das
-gewöhnliche Öl gewinnt, das vielfach als Lampenöl Verwendung findet,
-besonders aber bei der Seifenfabrikation benutzt wird. Dem guten
-Olivenöl der Provence verdankt die Marseiller Seife ihren guten
-Ruf, von der nach beiläufiger Schätzung jährlich 600000 Zentner
-gewonnen werden. Die Preßrückstände werden schließlich noch mit
-Wasser ausgekocht, wodurch allerdings nur geringwertige Ölsorten
-gewonnen werden, die höchstens als Maschinenöl dienen können. Sie
-sind trübe und werden in Knochenkohlefiltern geklärt. Aber selbst
-aus ihren Rückständen läßt sich durch langsame Zersetzung in halb mit
-Wasser gefüllten Zisternen, wobei sich alles noch vorhandene Öl auf
-der Oberfläche der fürchterlich riechenden Flüssigkeit sammelt und
-abgeschöpft wird, ein noch für Fabriken verwendbares Öl gewinnen.
-Solches Öl ist auch das Tournantöl, das in der Türkischrotfärberei eine
-große Rolle spielt.
-
-Noch wichtiger als die bisher genannten Öle ist das +Palmöl+, das
-aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme (~Elaeis guineensis~) gewonnen
-wird. Es kann geradezu als das wichtigste aller Fettstoffe aus dem
-Pflanzenreiche gelten, von dem Deutschland jährlich für gegen 40
-Millionen Mark einführt. Es dient hauptsächlich zur Seifen- und
-Kerzenfabrikation, wird aber auch zur Herstellung von Kunstbutter
-verwendet. Die Preßrückstände bilden ein beliebtes Viehfutter, aber
-auch ein Verfälschungsmittel für Gewürze, namentlich für Pfeffer.
-
-Die Heimat der Ölpalme ist, wie wir sahen, das tropische Westafrika,
-wo sie manchenorts weit sich erstreckende Wälder bildet. Eigentlich
-angebaut wird sie selten; in der Regel beschränken sich die
-Eingeborenen darauf, vor Beginn der Regenzeit die überflüssigen Wedel
-mit dem Buschmesser zu entfernen und die ganze Krone durch Ausbrennen
-von Ungeziefer zu reinigen. Sie haben dann nur zu ernten, aus den
-Palmnüssen das Fruchtfleisch auszubrechen, dasselbe durch Kochen in
-Wasser oder Liegenlassen in der Sonne zu erweichen und in Mörsern zu
-zerstampfen, wobei das Öl heraustritt. Dasselbe ist orangegelb, hat
-einen angenehmen Geschmack, riecht leicht nach Veilchenwurzel und hat
-bei Zimmertemperatur Butterkonsistenz. Den Negern dient es allgemein
-als Speisefett; doch wird es mit der Zeit weiß und ranzig. Den
-Überschuß ihres Öles und die Palmkerne verkaufen sie an die Europäer,
-die aus den letzteren in Europa vermittelst eigens dazu konstruierter
-Maschinen das Palmkernöl gewinnen, das noch wertvoller als das Palmöl
-aus dem Fruchtfleische der Palmnüsse ist.
-
-In Westafrika ist auch die +Schibutter+ beliebt, die aus den Samen des
-im Sudan heimischen Schibaums (~Butyrospermum parkii~) gewonnen wird.
-Hier findet sich der etwa 9 m hohe, zu den Sapotazeen gehörende Baum
-von der Tracht eines Apfelbaums vorzugsweise an trockenen und steinigen
-Orten von Senegambien bis zu den Ufern des Nils, meist im lichten
-Buschwald. Der Stamm ist rauh, reich verästelt und hat eine breite,
-aber nicht dichte Krone. Die langgestielten, ovalen, etwas lederigen,
-in der Jugend mit rostfarbenem Filz bedeckten Blätter sind büschelartig
-an den Enden der dicken Zweige zusammengedrängt. Die Blüten sind
-kurzgestielt und haben ebenfalls einen rostfarbenen Filzbelag. Die
-Früchte sind eirunde, einsamige, grüne Beeren, deren äußere Schicht von
-einem weichen, wohlschmeckenden, gelben Fleische gebildet wird, das die
-Eingeborenen gerne essen. Darunter liegt +ein+ glänzendbrauner Samen
-von Taubeneigröße ohne Nährgewebe, aber mit ölreichen, fleischigen
-Kotyledonen (Samenlappen), die die Schibutter liefern. Diese ist ein
-hellgrünliches Fett von angenehmem Geruch und Geschmack, das nicht
-leicht ranzig wird und von den Eingeborenen zum Backen und Kochen, zum
-Einreiben des Körpers, zum Brennen in den Lampen usw. gebraucht wird.
-In der europäischen Industrie dient sie zur Herstellung von Kerzen und
-Seife. Hierzu ist sie so geeignet als das Palmöl, vor dem sie noch den
-Vorzug hat, daß sie nicht gebleicht zu werden braucht.
-
-In den deutschen Kolonien Togo und Kamerun kommt der Schibaum überall
-in den Steppen wild vor. Die Neger bauen ihn kaum an, weil die wilden
-Bestände ihrem Bedarf vollständig genügen. Weil der Baum vorzugsweise
-im Innern vorkommt und der Transport an die Küste durch Träger viel
-zu teuer ist, lohnt sich der Absatz an die europäischen Faktoreien in
-den meisten Fällen schlecht. Mit den besseren Transportmitteln und der
-stärkeren Nachfrage würde sich auch das Angebot an Schinüssen steigern.
-Auch würde der Anbau des Baumes den Eingeborenen keine Schwierigkeit
-machen, zumal er mit dem schlechtesten Boden vorlieb nimmt und sehr
-geringer Feuchtigkeit bedarf. Aus Togo werden etwa für 30000 Mark
-Schifrüchte jährlich ausgeführt. Obwohl die Schibutter den Vorzug hat,
-sich auch bei der Berührung mit Luft lange zu halten, ohne ranzig
-zu werden, so eignet sie sich weniger für den Handel als die reifen
-Früchte. Aus diesen gewinnen die Eingeborenen das Fett, indem sie die
-Samen nach Entfernung der Schale in Wasser kochen und dann zerstampfen.
-Das sich an der Oberfläche sammelnde Öl wird abgeschöpft und erkalten
-gelassen.
-
-Ähnlich wie die Früchte des Schibutterbaumes werden diejenigen eines
-im westafrikanischen Urwald wachsenden, ansehnlichen, 30-40 m hohen,
-von den Duallas in Kamerun +~nyabi~+ genannten Baumes, den wir auf
-beifolgender Tafel gefällt vorführen, verwendet. Derselbe besitzt
-eine dicke Borke ähnlich der Eiche, darunter eine Milchsaft führende
-Schicht, und ein außerordentlich hartes, rötliches Holz ähnlich dem
-Mahagoni, nur noch feinporiger, das gerne als Werkholz benutzt wird,
-obschon der bei der Bearbeitung desselben entwickelte Holzstaub die
-Schleimhäute stark reizt. Die apfelgroßen, grünen Beerenfrüchte
-enthalten drei kastanienartige, nur länglichere Samenkerne, die
-bei der Reife in einem schleimigbreiigen Fruchtfleische liegen. Bei
-der während der Regenzeit erfolgenden Reife sammeln die Neger die
-abgefallenen Früchte, kochen sie in Wasser weich, drücken sie nach dem
-Erkalten mit den Händen aus und sieden das so entstandene Mus dann
-nochmals, wonach sie das weiße, gänseschmalzartige Fett abschöpfen.
-Trotz seinem etwas eigentümlichen Beigeschmack wird es von den
-Eingeborenen so gerne wie Palmöl als Speise zu ihrer sonst fettarmen
-Pflanzenkost gegessen.
-
-Als weiteren Fettspender besitzt das tropische Westafrika den
-+Butterfruchtbaum+ (~Pentadesma butyraceum~). Es ist dies ein hoher
-Baum mit gegenständigen, großen, länglicheirunden Blättern, großen,
-roten, einzelstehenden Blüten, aus denen fleischige Früchte von der
-Größe kleiner Melonen hervorgehen. In ihnen liegen 4 cm lange und 3 cm
-dicke rote Samen, aus deren fleischigen Kotyledonen die Eingeborenen
-ein gelbes Fett gewinnen, das sie als Zusatz zu ihrem ~fufu~ genannten
-Brei aus stärkemehlhaltigen Knollen sehr lieben.
-
-Fernerhin wachsen dort einige baumartige Sapotazeen mit gestielten,
-lederartigen Blättern und eirunden Früchten, die als +Illipenüsse+
-von den Negern gesammelt werden, um aus den ölreichen, fleischigen
-Kotyledonen ein ebenfalls geschätztes Speisefett zu gewinnen. Ebenso
-finden sich dort baumartige Euphorbiazeen mit großen, langgestielten
-Blättern und Steinfrüchten, die als +Osangilenüsse+ aus dem
-Kamerungebiet in den Handel kommen. Aus diesen, die von den Deutschen
-als Kerzennüsse bezeichnet werden, gewinnt man gleichfalls durch Kochen
-der Samen mit fleischigen, ölreichen Samenlappen ein als Speisefett
-geschätztes Öl.
-
-In den Küstenregionen des tropischen Westafrika, aber auch im Innern,
-wächst stellenweise in größeren Mengen der zu den Leguminosen
-gehörende +Owalabaum+ (~Pentaclethra macrophylla~) mit gelblichweißen
-Blüten und 60-80 cm langen und 10 cm breiten Hülsen, deren verholzte
-Klappen sich bei der Reife oft plötzlich und mit großer Gewalt
-zurückrollen, so daß die 8-10 Samen mitunter weit fortgeschleudert
-werden. Letztere sind 8 cm lang, 5 cm breit und 1 cm dick. Sie
-haben eine glänzende holzige Samenschale, die sie befähigt, wenn
-sie von den an der Küste befindlichen Bäumen aus ins Meer fallen,
-unbeschadet der Keimkraft weite Reisen mit den Meeresströmungen zu
-machen. So hat man an der norwegischen Küste wiederholt solche und
-andere Hülsen tropischer Leguminosen angeschwemmt gefunden, die noch
-vollkommen entwicklungsfähig waren. Die dicken Kotyledonen sind sehr
-ölreich, enthalten außerdem über 30 Prozent Stickstoff, sind also
-stickstoffreicher als unsere Hülsenfrüchte. Das daraus gepreßte Öl
-eignet sich sehr gut für die Kerzen- und Seifenindustrie, und die
-Preßrückstände liefern ein vorzügliches Viehfutter. Die Eingeborenen
-benutzen sie als geschätztes Nahrungsmittel, das sie teils roh, teils
-gekocht, teils zu einem sehr nahrhaften Brot gebacken genießen.
-
-Nicht minder beliebt ist das Dika-Brot, das besonders die Gabunneger
-gerne essen. Es wird durch Einwirkung eines milden Feuers aus den
-ebenfalls sehr ölreichen Samen des +Dikabaumes+ (~Irvingia gabunensis~)
-hergestellt. Es ist dies ein bis 30 m hoher, breit ausladender Baum des
-tropischen Westafrika mit langen Zweigen, welche erst nach den Enden zu
-reichlicher verästelt sind und große lederartige Blätter tragen. Die
-Frucht ist eine grüne, eirunde, ziemlich große Steinfrucht mit saftigem
-Fruchtfleisch, in welchem die sehr eiweiß- und ölreichen Samen stecken.
-
-Große ölreiche Samen haben auch die bis 30 m hohen +Karapabäume+
-(~Carapa guianensis~), die die Küsten des tropischen Westafrika,
-aber auch Guianas und der Karaiben bewohnen. Ihre Frucht ist eine
-10 cm dicke, fünffächerige, kugelige, holzige, in jedem Fache 6-8
-kantige, kastaniengroße, braune Samen enthaltende Kapsel, welche sich
-mit fünf Klappen öffnet. Die rundlichen Samen enthalten eine braune,
-holzige Schale, welche sie befähigt, durch die Meeresströmungen
-getrieben, unbeschadet der Keimkraft, weite Seereisen zu machen.
-In ihren fleischigen Kotyledonen enthalten sie zu 60 Prozent ein
-für die Industrie sehr wertvolles Öl, das Karapaöl, dessen große
-Bitterkeit indessen eine Verwendung desselben bei der Bereitung von
-Speisen ausschließt; doch ist es für die Seifenfabrikation sehr gut
-geeignet. Gleichfalls in Guiana, wie auf den Antillen und an der
-westafrikanischen Küste wächst ~Carapa procera~, das ein ähnliches
-bitteres Öl liefert, das von den Negern hauptsächlich zu dem Zwecke
-gewonnen wird, um ihre Körper zum Schutze gegen Insekten damit
-einzuschmieren. ~Carapa moluccensis~ in Südasien dagegen liefert
-ein Öl, das in der Seifenfabrikation verwendet wird. In Indien und
-Ceylon betrachten die Eingeborenen dieses Öl als ein gutes Mittel
-gegen Rheumatismus. Wie das westafrikanische Karapaöl dient dasjenige
-der Samen eines eben dort heimischen rankenden Strauches ~Omphalea
-diandra~, die bis zu 65 Prozent eines bernsteinfarbenen Öles enthalten,
-den Negern zu mannigfacher Verwendung.
-
-Ein anderer Fettspender, der im tropischen Afrika weit verbreitet ist
-und namentlich im Gebiet des oberen Niger und in Sierra Leone seit
-längerer Zeit, in Togo dagegen erst neuerdings von den Eingeborenen
-gepflanzt wird, ist ~Polygala butyracea~, ein Strauch von mehr
-als 1 m Höhe mit rutenförmigen, behaarten Stengeln und langen,
-schmalen, kurzbehaarten Blättern. Endständig entwickeln sich aus den
-Blütentrauben Kapselfrüchte mit länglichen Samen, die 18 Prozent eines
-bräunlichgelben, butterartigen Fettes enthalten, das einen angenehmen,
-nußartigen Geschmack besitzt und die Speisen, denen es zugesetzt wird,
-trefflich würzt.
-
-Ostafrika besitzt einen Ölspender im +Fettbaum+ (~Allanblackia
-stuhlmanni~), einem von den Eingeborenen ~mkani~ genannten, über 20 m
-hohen Baum mit lederartigen, glänzenden Blättern und 30 cm langen
-goldgelben Früchten, von denen eine einzige 0,5 kg Fett liefert. Da
-dasselbe sich für die Kerzen- und Seifenfabrikation wohl eignet, dürfte
-dieser Baum einige Bedeutung erlangen, sobald bessere Verbindungen mit
-dem Innern hergestellt sein werden.
-
-Wichtiger noch ist für das tropische Ostafrika eine riesige
-Schlingpflanze, die sich an den Bäumen des Urwaldes emporrankt. Es ist
-dies der +Kouëme+ oder +Talerkürbis+ (~Telfairia pedata~). Er bringt
-30-50 cm lange und 15-20 cm breite, gelbe, gurkenartige Früchte hervor,
-die unter einer faserigen Hülle eine erhebliche Zahl von in Längsreihen
-angeordneten, dunkelbraunen, fast talergroßen, runden, auf beiden
-Seiten abgeplatteten Samen bergen. Ihr Geschmack ist ein angenehmer,
-mandelartiger; deshalb bilden sie in ähnlicher Weise wie bei uns die
-Mandeln eine beliebte Speise, die roh, geröstet oder gekocht von den
-Negern gegessen wird. Aber sie enthalten nicht bloß 59 Prozent eines
-schmackhaften, leicht verdaulichen Fettes, sondern auch viel Eiweiß,
-bilden also ein wertvolles Nahrungsmittel, das einst in größeren
-Mengen ausgeführt werden wird, sobald die Eingeborenen sie häufiger
-pflanzen und die Samen regelmäßig auf den Markt bringen werden. Zur
-Zeit scheitert ihre Einführung in die europäische Industrie daran, daß
-es noch keine Maschine zum Schälen der Samen gibt; und wiederum können
-Schälmaschinen erst dann gebaut werden, wenn eine größere, dauernde
-Anfuhr nach Europa gesichert ist. Übrigens existiert auch in Togo eine
-verwandte Kürbisart mit ähnlichen Früchten.
-
-Südasien besitzt einen trefflichen Fettspender in der der Mangostane
-verwandten ~Garcinia indica~, einem Baum mit hängenden Zweigen,
-dunkelgrünen Blättern, apfelgroßen Früchten mit purpurrotem
-Fruchtfleisch und nieren- oder halbmondförmigen Samen, aus denen man
-die +Kokumbutter+ gewinnt, ein talgartiges, weißes, brüchiges Fett
-von schwachem, nicht unangenehmem Geruch, das bei 35° C. schmilzt,
-bei 24° C. erstarrt und zur Verfälschung der Schibutter, in England
-auch zur Bereitung von Pomade dient. Ferner im +indischen Butterbaum+
-(~Illipe butyracea~), einem etwa 16 m hohen Baum mit behaarten,
-verkehrt eiförmigen Blättern, hängenden, blaßgelben Blüten und
-länglichen Beerenfrüchten. Er ist im Himalaja heimisch und wächst in
-Ostindien auf Anhöhen. Seine Samen liefern die +Fulwabutter+, ein
-talgartiges, angenehm riechendes und schmeckendes, weißes Fett, das
-zur Herstellung von Seife, als Brennmaterial und auch zu medizinischen
-Zwecken verwendet wird. Vor allem aber wird es von den Eingeborenen
-als Speisefett geschätzt, das sich selbst im heißen Klima Indiens
-monatelang unverändert erhält. Deshalb wird es im Lande selbst völlig
-verbraucht, so daß es nicht im Handel erscheint. Auch die Preßkuchen
-dienen dem Menschen als Nahrung. Der Saft der Blüten wird auf Zucker
-verarbeitet.
-
-Auch die Samen von ~Illipe malabrorum~, dem +Gallertbaum+ auf Malabar
-und Ceylon, liefern ein grünlichgelbes Speiseöl, das nicht leicht
-ranzig wird. Seine weißen, fleischigen Blüten und die gelblichen,
-dichtbehaarten, kugeligen Früchte werden gegessen. Der +Mahdukabaum+
-(~Illipe latifolia~) liefert in seinen Samen ein als +Mahwabutter+
-bezeichnetes Fett, das als Brenn- und Speiseöl, zur Herstellung von
-Seife usw. verwendet wird. Die Preßkuchen dienen zur Betäubung der
-Fische. Dieser Fettspender ist ein mäßig hoher Baum mit gelben,
-wohlriechenden Blüten und mit 5 cm langen, eiförmigen, braunen
-Früchten, der im gebirgigen Ostindien, besonders in Bengalen, wächst.
-Seine Blüten verwelken nicht nach der Befruchtung, werden vielmehr
-fleischig und speichern reichlich Zucker in den Blumenblättern auf,
-um erst nach dem Fruchtansatz abzufallen. Sie schmecken wie Rosinen,
-werden getrocknet und bilden eine wichtige Nahrung der Eingeborenen.
-Ein Baum liefert bis 150 kg der süßen Blüten. Sie sind um so mehr
-geschätzt, als sie mit großer Regelmäßigkeit auftreten und deshalb
-bei Mißernten eine wichtige Ersatzspeise bilden. Man verarbeitet sie
-auch auf Branntwein, der in Gudscherat und in Bengalen in großer Menge
-verbraucht wird, frisch den Europäern aber verderblich sein soll.
-
-Den hier aufgezählten südasiatischen Fetten ähnlich ist in Südamerika
-das gelbliche, frisch nach Muskatnußbutter riechende, aber bald
-ranzig werdende +Virolafett+, das in der Kulturwelt zur Kerzen- und
-Seifenfabrikation dient. Unendlich viel wichtiger als Fettspender
-ist aber nicht nur für diesen Erdteil, sondern überhaupt die zur
-Familie der Leguminosen gehörende +Erdnuß+ (~Arachis hypogaea~),
-deren Heimat Südamerika, und zwar speziell Brasilien ist, von wo sie
-sich noch vor dem Eintreffen der Weißen über das ganze tropische
-Amerika verbreitete, nach der Entdeckung des Erdteils durch Kolumbus
-bereits im 16. Jahrhundert nach Westafrika gelangte und sich bald
-über den Tropengürtel der Erde ausdehnte. Der Spanier Oviedo, der
-sich von 1513-1524 auf der Insel Kuba aufhielt, nennt sie zuerst in
-seiner Chronik von Indien (also Amerika) vom Jahre 1547. Er sagt von
-der Erdnuß, daß sie in den Gärten der Indianer gemein sei und von
-ihnen ~mani~ genannt werde, ein Name, den sie übrigens auch jetzt
-noch dort führt. Ausführlicher beschreibt sie der spanische Arzt
-Nikolaus Monardes (1493-1578) in seinem erst nach seinem Tode 1579 in
-Antwerpen gedruckten Werke über Indien. Er sagt darin, daß in Peru
-eine merkwürdige Frucht ohne Wurzel und Stengel in der Erde wachse
-gleich der Trüffel. Sie besitze mehrere Kerne, die, wenn die Früchte
-trocken seien, in ihnen klappern wie die Mandel in ihrem Gehäuse. Die
-Erdnuß bildet ein einjähriges, niedriges, sich am Boden ausbreitendes
-Kraut, das mit magerem, selbst sandigem Boden zufrieden ist, der aber
-durchaus einen bestimmten, wenn auch nicht sehr bedeutenden Kalkgehalt
-besitzen muß. Bei völligem Mangel an Kalk bringt nämlich die Erdnuß,
-wie eingehende Versuche unwiderlegbar bewiesen, ihre Früchte nicht zu
-voller und ausgiebiger Entwicklung.
-
-Von dieser Nutzpflanze, die eine uralte Kulturform der in Brasilien
-nicht seltenen ~Arachis prostrata~ zu bilden scheint, unterscheidet
-man zwei Formen, welche aber nicht selten ineinander übergehen,
-nämlich eine niederliegende und weniger behaarte, die vorzugsweise
-in Afrika kultiviert wird, und eine aufrechte, etwas mehr behaarte,
-die vornehmlich in Asien gepflanzt wird. Nach diesen ihren
-Hauptkulturgebieten bezeichnet man sie auch als ~Arachis africana~ und
-~A. asiatica~.
-
-[Illustration: Bild 30. Die Erdnuß (~Arachis hypogaea~).]
-
-Dieses in den größten Kulturformen bis 50 cm hoch werdende Kraut von
-ausgebreitetem Wuchs mit behaarten Stengeln und Blättern trägt eine
-Pfahlwurzel, welche an ihrem unteren Teile zahlreiche Nebenwurzeln
-entwickelt. Diese sind meist mit Bakteroidenknöllchen gespickt,
-jenen kleinen symbiontischen Laboratorien, in denen mit Hilfe der
-von der Pflanze herbeigelockten und in der Wurzel angesiedelten
-Stickstoffbakterien der sonst dem Gewächs unzugängliche Stickstoff
-der Luft zu salpeter- und salpetrigsauren Salzen gebunden wird. Auf
-diese Weise kann sich die Pflanze, wie die übrigen Leguminosen, die
-alle diese Lebensgemeinschaft mit bestimmten, mit dieser Fähigkeit der
-Stickstoffbindung ausgestatteten winzigen Bodenbakterien eingegangen
-sind, selbst in dem an gebundenem Stickstoff ärmsten Boden ansiedeln
-und darin vortrefflich gedeihen. Die Blätter sind abwechselnd gestellt
-und tragen nur zwei Paare länglicheiförmiger Fiederblättchen. Aus den
-Blattachseln entspringen kurze Ähren von 2-3 ziemlich großen, gelben
-Schmetterlingsblüten. Nach deren Verblühen infolge eingetretener
-Befruchtung streckt sich die bis dahin kaum entwickelte Blütenachse
-allmählich zu einem 5-20 cm langen, an seinem Ende den Fruchtknoten
-tragenden Stiel, wird, während er, so lange er die Blüte trug, positiv
-heliotropisch war, d. h. dem Sonnenlichte zustrebte, damit die die
-Befruchtung vollziehenden Insekten die Blüten leicht finden konnten,
-auf einmal negativ heliotropisch, d. h. flieht das Licht und bohrt
-sich mehr und mehr in die Erde ein, wo die Samen vor den Angriffen
-lüsterner Tiere geschützt heranreifen. Die Frucht ist eine mit einem
-Netz von stärkeren Längs- und schwächeren Querrippen bedeckte, ziemlich
-dickwandige Hülse, die 1-4, meist jedoch 2 bohnengroße, ölige, süße
-Samen mit dünner, spröder, weißlicher, rötlicher oder bräunlicher
-Schale umschließt. In ihnen fehlt zwar das Nährgewebe, doch ist
-der Nährstoffvorrat der jungen Pflanze in den dicken, fleischigen
-Kotyledonen aufgespeichert. Ihr großer Gehalt an Fett, Eiweißstoffen,
-Stärkemehl und Zucker (zusammen 80-85 Prozent des Gewichtes) verleiht
-den Samen einen sehr großen Nährwert, weshalb sie überall in den
-Tropen als Nahrungsmittel von den Eingeborenen sehr geschätzt werden.
-Sie werden von ihnen geröstet, gekocht oder gemahlen und gebacken
-gegessen.
-
-Diese von allen Menschenstämmen heißer Landstriche fleißig kultivierte
-Nutzpflanze gedeiht als echte Tropenpflanze innerhalb des Tropengürtels
-weitaus am ergiebigsten, kann aber auch noch in den Subtropen gebaut
-werden. Sie gedeiht auch ohne große Feuchtigkeit auf sandigem Boden.
-Das Pflanzen findet kurz vor oder bei Beginn der Regenzeit statt und
-ist sehr einfach. Man macht nämlich in bestimmten Abständen kleine
-Löcher in den Boden und legt in jedes zwei Samen. Nach 10-12 Tagen
-erscheinen dann die jungen Keimlinge, die bald zu buschigen Pflanzen
-aufwachsen. Der Raum zwischen den jungen Erdnußpflänzchen muß in der
-Folge durch Jäten von Unkraut freigehalten werden. Bei der Ernte, die
-in der Regel am Ende der auf die Regenzeit folgenden Trockenperiode
-stattfindet, wenn sämtliche Blätter abgestorben sind, wird der Boden
-leicht mit der Hacke oder einem anderen Gerät gelockert und die
-mehr oder weniger vertrockneten Reste mit den anhängenden Früchten
-vorsichtig ausgehoben. Diese bleiben nun zum Trocknen 14 Tage am
-Boden liegen; dann erst werden sie abgepflückt und verwendet oder in
-entsprechender Verpackung nach Europa gesendet.
-
-In neuerer Zeit werden die Erdnüsse, welche 38-55 Prozent eines dem
-Olivenöl ähnlichen und demselben fast gleichwertigen fetten Öles
-enthalten, zur Darstellung des Erdnußöles in großen Mengen auch nach
-Europa gebracht, und zwar meist nach Marseille, wenig nach Deutschland.
-Dort wird das Öl fabrikmäßig aus ihnen gewonnen. In erster Linie dient
-es zur Seifebereitung; daneben findet ein großer Teil als Speiseöl
-und bei der Schokoladefabrikation Verwendung, meist mit Olivenöl
-vermischt, dessen etwas herber Geschmack durch das milde Erdnußöl
-gemildert wird. Dieses gemischte Speiseöl kommt unter dem Namen
-Oliven- oder +Tafelöl+ in den Handel. In der Regel werden die Erdnüsse
-dreimal ausgepreßt. Die erste Pressung liefert das feinste Tafelöl,
-die zweite Öl zur Seifenbereitung, die dritte Schmieröl. Die eiweiß-
-und stärkemehlreichen Rückstände werden zu sogenannten Erdnußkuchen
-geformt und in gleicher Weise wie die Kokosnuß-, Sesamkuchen usw. als
-außerordentlich nahrhaftes Viehfutter in der Landwirtschaft verwendet.
-Auch das Erdnußstroh wird vom Vieh sehr gern gefressen. Für die
-Menschen aber sind in den Hülsen geröstete Erdnüsse ein beliebter
-Leckerbissen, nach welchem besonders die Kinder sehr lüstern sind. Wie
-in Nordamerika, wo sie ~peanuts~ heißen, werden sie auch bei uns in
-zunehmendem Maße verzehrt. Außerdem finden sie, gemahlen und mit Zucker
-und Gewürzen versetzt, zur Herstellung von Biskuits und Suppen von sehr
-hohem Nährwert, die in ihrem Geschmack lebhaft an Bohnensuppe erinnern,
-vielfache Verwendung. Auch würden sie sich sehr zur Vermischung mit
-Schokolade eignen.
-
-Seinen Bedarf an Erdnüssen deckt der europäische Großhandel zum weitaus
-größten Teil aus Westafrika, wo sie an der Küste vom Senegal bis
-zum Kunene überall in ziemlicher Menge angepflanzt werden. Und zwar
-liegt die gesamte Erdnußkultur bemerkenswerterweise in den Händen der
-Eingeborenen, ist also ein Erzeugnis freiwilliger und selbständiger
-Negerarbeit. Diese Leute sind also doch nicht ganz so faul, wie sie
-in der Regel von den Europäern gescholten werden. Schon im Jahre
-1902 betrug die westafrikanische Ausfuhr an Erdnüssen 160 Millionen
-kg im Werte von 21,5 Millionen Mark. Daran beteiligt sich in erster
-Linie Senegambien, wo die französische Kolonialregierung diesem
-Erzeugnisse verstärkte Aufmerksamkeit zuwendet. In diesem Lande,
-das nach Dr. Westermann schon im Jahre 1837 670000 kg ausführte,
-betrug die Erdnußausfuhr im Jahre 1897 76 Millionen kg im Werte von
-etwa 15 Millionen Mark. Sierra Leone verschifft jährlich 30000 kg,
-Oberguinea etwa 10 Millionen kg (1840: 1200 kg). In Togo, Kamerun und
-Deutsch-Ostafrika, wo der Anbau der Erdnuß seit langem bekannt ist und
-ebenfalls ausschließlich von den Eingeborenen geübt wird, beträgt die
-Ausfuhr zusammen jetzt schon etwa 3 Millionen kg im Werte von etwa
-400000 Mark. Sie wird aber mit den Jahren bedeutend steigen, da die
-Kultur dieser Nutzpflanze wegen der geringen Anbauschwierigkeiten und
-der großen Ergiebigkeit auch hier einen gewaltigen Aufschwung zu nehmen
-beginnt.
-
-Eine weitere ölreiche Hülsenfrucht, die ihre Samen ebenfalls erst in
-der Erde reifen läßt, ist die +Erderbse+ (~Voandzia subterranea~). Es
-ist dies ein im tropischen Afrika in umfangreichem Maße angebautes
-einjähriges Kraut, das außer einer Pfahlwurzel weithin auf dem Boden
-kriechende Verzweigungen des Stengels entwickelt. Es trägt kleeartige
-dreiteilige Blätter und kurzgestielte einzelne Blüten, die nach der
-Befruchtung sich dem Boden zuwenden und sich durch eine drehende
-Bewegung der Blütenachse, unterstützt von rückwärts gerichteten
-steifen Borsten, in denselben hineinbohren. Die in der Erde reifenden
-Früchte sind kurze Hülsen mit in der Regel nur +einem+ Samen, der
-länglich-kugelig, dunkelbraun oder gelblich, größer als eine Erbse ist
-und reichlich Öl enthält. Besonders in Ostafrika, wo die Heimat der
-Pflanze zu suchen ist, werden die Früchte gerne gegessen, kommen aber
-nicht in nennenswerten Mengen zum Export.
-
-[Illustration: Bild 31. Die Erderbse (~Voandzia subterranea~). ~a~
-ganze Pflanze, ~b~ einzelne Frucht.]
-
-Afrika ist auch das Ursprungsland der +Rizinusstaude+ (~Ricinus
-communis~), die an mehreren Orten, wie im Ambolande, am Kilimandjaro,
-in Abessinien und Kordofan wildwachsend angetroffen wird und
-stellenweise größere Bestände bildet. Diese wegen ihrer schönen
-Erscheinung bei uns öfter in Gärten als Zierpflanze gezogene große,
-einjährige Staude wird in Europa nur 2-2,5 m hoch, während sie in
-ihrer Heimat bis 12 m Höhe erreicht. Ihre großen, handförmig gelappten
-Blätter dienen in Bengalen als Futter des großen Eria-Seidenspinners
-(~Saturnia cynthia~), der dort zur Gewinnung einer allerdings gelben
-Seide gezogen wird. Die 16 Varietäten, die es von ihr gibt, weisen auf
-eine uralte Kultur im Schwarzen Erdteil hin; und tatsächlich haben
-schon die ältesten Ägypter sie angepflanzt. Sie hieß bei ihnen ~dekam~
-und der Same ~kiki~. Die alten Griechen nannten aber die Pflanze selbst
-~kiki~ und sagten, daß die Ägypter daraus ein Brennöl herstellen. Schon
-Herodot im 5. vorchristlichen Jahrhundert schreibt, daß die Ägypter
-den Wunderbaum (~sillikýprion~), den sie ~kiki~ nennen, anpflanzen.
-„Dieser trägt seine übelriechenden Früchte sehr reichlich. Sie werden
-gesammelt, zerstampft, gepreßt, oder geröstet und dann gekocht. So
-fließt das Öl aus, das ebenso gut wie Olivenöl in der Lampe brennt,
-aber stark rußt.“ Der 400 Jahre später lebende griechische Geograph
-Strabon sagt: „In Ägypten wird der ~kiki~ auf Feldern angebaut. Er
-liefert Öl, das fast überall den Bauern zum Brennen und ärmeren Leuten,
-sowohl Männern als Weibern, zum Salben dient.“ Und der griechische Arzt
-Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. meint, das Kikiöl tauge nicht als
-Speise, wohl aber als Brennöl und zum Herstellen von Pflastern.
-
-Zur Gewinnung von Brennöl hat sich die Pflanze vom Niltal über
-Westasien nach Indien verbreitet. Bei den alten Juden hieß sie
-~kikajon~, wie wir aus der Stelle beim Propheten Jonas lesen, der unter
-Jerobeam II. von Israel, dem Sohn und Nachfolger des Joas (regierte von
-790-749 v. Chr.), von Jahve den Auftrag erhielt, dem gottlosen Ninive
-den Untergang anzudrohen, wenn es sich nicht bessere. Und als sich
-die Bewohner tatsächlich zu Gott wandten und verschont blieben, ging
-Jonas verdrossen aus der Stadt hinaus, „setzte sich gegen Morgen der
-Stadt und machte sich daselbst eine Hütte; in deren Schatten setzte
-er sich, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Gott der Herr
-aber verschaffte ihm einen ~kikajon~ (von Luther fälschlich mit Kürbis
-übersetzt) -- also eine Rizinusstaude --, der wuchs über Jonas, daß
-er Schatten gab über sein Haupt. Und Jonas freute sich sehr über den
-~kikajon~; aber der Herr sandte des Morgens, da die Morgenröte anbrach,
-einen Wurm, der stach den ~kikajon~, daß er verdorrete.“
-
-Heute wird die Rizinusstaude außer in Westafrika besonders in Süd-
-und Ostasien, wie auch in Amerika in großer Menge zur Ölgewinnung
-angebaut. Man sät sie meist als Zwischenfrucht zu Beginn der Regenzeit
-und schneidet am Ende der Trockenzeit die Rispen, kurz bevor sich
-die Fruchtkapseln öffnen, ab, um sie an der Sonne zu trocknen.
-Dabei öffnen sie sich von selbst und lassen die ziemlich großen,
-meist glänzendgrauen, mitunter auch schwarzen oder rotbraunen Samen
-herausfallen. Diese sind innen weiß, öligfleischig, talgweich,
-enthalten 52-55 Prozent des durch Pressung gewonnenen gelblichen,
-dickflüssigen +Rizinus-+ oder +Kastoröls+, das bekanntlich ein mildes
-Abführmittel ist, aber gleichwohl von den Chinesen vielfach als
-Speiseöl benutzt wird. In Südasien wird es meist als Brennöl gebraucht,
-da es ein helles, weißes Licht gibt. Sonst wird es vielfach zur
-Herstellung von Kerzen und Seifen verwendet. Leider wird es an der Luft
-leicht ranzig, so daß in Europa die Samen eingeführt werden, aus denen
-hier erst das Öl gepreßt wird. Da aber die Rückstände das Ricin, ein
-äußerst heftiges, das Blut zur Gerinnung bringendes Gift enthalten,
-sind sie trotz ihres hohen Nährwertes als Viehfutter ungeeignet.
-
-Noch viel schärfer reizend wirkt auf die Darmschleimhaut das
-+Krotonöl+, das aus den Früchten von ~Croton tiglium~, einem nur
-4 bis 6 m hohen, in Indien heimischen Baum aus der Familie der
-Wolfsmilchgewächse gewonnen wird. In seiner Heimat wird er als
-Schattenspender für Kaffee-, Kakao-, Vanille- und Kardamompflanzen
-oder zur Bildung von Hecken, die von allen Tieren streng gemieden
-werden, angebaut. Von dem zähflüssigen gelben Öl genügt ein Tropfen
-zur ausgiebigen Darmentleerung und, ebensoviel auf die Haut
-gebracht, bewirkt Blasen. Ebenfalls, wenn auch schwächer abführend,
-ist das tiefgelbe, zähflüssige +Purgiernußöl+, das von den Samen
-der im nördlichen Südamerika heimischen ~Jatropha curcas~ stammt.
-Als Heckenpflanze oder Stützpflanze für Vanille und Pfeffer wird
-der Strauch jetzt in fast allen, tropischen Ländern gezüchtet, am
-ausgedehntesten wohl auf den Kapverdischen Inseln, die jährlich bis 5
-Millionen kg Samen nach Europa ausführen, um hier das Öl zu pressen,
-das ein vorzügliches Brennöl ist und auch als Schmieröl und in der
-Seifenfabrikation befriedigt.
-
- Tafel 55.
-
-[Illustration: Schibutterbäume in der Steppe von Togo (nach
-Photographie von W. Busse in „Karsten und Schenck, Vegetationsbilder“).
-
- (Phot. von Missionar Schkölziger.)
-
-Szenerie aus dem Urwald am Mongofluß bei Bombe in Kamerun.
-
-Im Vordergrund ist ein zur Gewinnung von Bauholz gefällter Naybibaum,
-dessen Früchte zur Bereitung einer weißen Pflanzenbutter verwendet
-werden. Dahinter befindet sich eine junge Ölpalme.]
-
- Tafel 56.
-
- (~Copyright by F. O. Koch.~)
-
-[Illustration: Rizinusplantage in Ostafrika.
-
-Karnaubapalme (~Copernicia cerifera~) in Brasilien (nach Photographie
-von Ule in „Karsten und Schenck, Vegetationsbilder“).]
-
-Ein Öl, das zunehmende Bedeutung in der Industrie erlangt hat und
-von dem Deutschland jährlich, zumeist aus Amerika, für 25 bis 30
-Millionen Mark einführt, ist das +Baumwollsamenöl+, das in China und
-in Mittelasien schon seit Jahrhunderten in sehr primitiven Mühlen
-gewonnen wird. Aus ägyptischem Baumwollsamen gepreßtes Öl wurde zuerst
-1852 versuchsweise auf den europäischen Markt gebracht. Bis man auf
-diese neue Verwendungsmöglichkeit aufmerksam wurde, bildeten die Samen
-der Baumwollarten bei der Gewinnung des Spinnstoffes ein Nebenprodukt,
-das lange Zeit als lästiger, wertloser Abfall angesehen und als
-solcher verbrannt oder in den nächsten Fluß geschüttet wurde. So hat
-der Mississippi Millionen Zentner davon in den Atlantischen Ozean
-getragen. Heute ist dieses lästige Abfallsprodukt ein so wertvoller
-Rohstoff geworden, daß die Samenernte und das daraus gewonnene Öl noch
-lukrativer sind als die Baumwollernte selbst. Von einem 1 Hektar großen
-Baumwollfeld kann man etwa 1000 kg Samen ernten, und da diese 20-25
-Prozent fettes Öl enthalten, so ist deren Ausbeute sehr beträchtlich.
-Die Baumwollsamen werden in Ölmühlen gemahlen und das daraus gewonnene
-Öl dient hauptsächlich zur Herstellung von Kunstbutter und Seife. Es
-ist dickflüssig, trübe, von brauner bis schwarzbrauner Farbe, gereinigt
-dagegen hellgelb und von angenehmem nußartigem Geschmack. Es findet
-namentlich in Nordamerika als Speiseöl, aber auch zur Verfälschung
-anderer wertvoller Speiseöle Verwendung. Das in den Vereinigten Staaten
-unter dem Namen Olivenöl verkaufte Tafelöl besteht zu 90 Prozent
-aus Baumwollsamenöl. Die Preßrückstände, die man heute schalen- und
-haarefrei herzustellen vermag, bilden ein sehr wertvolles Kraftfutter
-für das Vieh.
-
-Im Gegensatz zu den anfänglich besprochenen Fettstoffen, die nicht
-trocknende Öle darstellen, sind die beiden letztgenannten, das Rizinus-
-und Baumwollsamenöl, trocknende Öle, welche infolge des Besitzes von
-Olëinsäure an der Luft zu einem durchsichtigen, harzartigen Körper
-eintrocknen. Zu solchen gehören ferner das Lein-, Leindotter-, Mohn-,
-Hanf-, Raps-, Rübsen-, Sonnenblumensamen-, Haselnuß-, Walnuß-,
-Kürbissamenöl u. a. m.
-
-Die älteste in Europa nachweisbare, Fett liefernde Kulturpflanze ist
-der +Lein+ oder +Flachs+, den schon die neolithischen Pfahlbauern
-nicht bloß zur Gewinnung eines Faserstoffes, sondern vor allem
-auch zum Verspeisen der ölreichen Samen anpflanzten, wie sie dies
-gleicherweise mit dem Mohn taten, dessen Samen sich ebenfalls
-in ihrer Hinterlassenschaft im moorigen Schlamm der seither
-größtenteils verlandeten Seen an den Stellen vorfand, die einst
-Pfahlbauansiedelungen trugen. Er wurde teils allein, teils mit anderen
-Körnerfrüchten zusammen in Form von Brei oder Fladen verspeist. So
-fand man in der Hinterlassenschaft des neolithischen Pfahlbaues von
-Robenhausen im Kanton Zürich eine Art Flachskuchen in Form einer aus
-Flachssamen zusammengesetzten dünnen Scheibe, außerdem Reste eines
-Hirsebrotes, dem einzelne Weizenkörner und Flachssamen beigemengt
-sind. Heute noch wird in Indien der Lein nur seiner ölreichen Samen
-wegen angebaut, während seine Fasern keine Verwendung finden; auch in
-Abessinien dient der Lein ausschließlich als Speisepflanze. Noch im
-Altertum aßen die Mittelmeervölker seine Samen regelmäßig; deshalb
-finden wir sie unter den Totenspeisen der Ägypter aus dem alten und
-mittleren Reiche, also bis zur Mitte des vorletzten christlichen
-Jahrtausends. Ebenso finden wir sie bei den alten Griechen zeitig als
-beliebte Speise neben den Mohn- und Sesamkörnern; und zwar wurden
-sie mit Vorliebe als Beimischung zu Hirsebrot verwandt oder für sich
-als Brei, oftmals mit Honig vermengt, genossen. Urkundlich erwähnt
-sie zuerst in solcher Zubereitung im 7. vorchristlichen Jahrhundert
-der Dichter Alkman aus der Stadt Sardes in Kleinasien, der von süßen
-Kuchen, aus Mohn-, Lein- und Sesamsamen spricht. Der griechische
-Geschichtschreiber Thukydides berichtet, daß in dem 431-404 v. Chr.
-zwischen der dorisch-spartanischen und der ionisch-attischen
-Bundesgenossenschaft geführten sogenannten peloponnesischen Kriege, der
-die Macht Athens brach, gleichzeitig aber ganz Griechenland schwächte,
-Taucher der von den Athenern belagerten Inselstadt Sphakteria unter
-dem Wasser in Schläuchen Mohnsaat in Honig und zerstoßene Leinsaat als
-willkommene Speise zuführten. Auch in dem nördlich vom Po gelegenen
-Oberitalien gab es nach Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts
-n. Chr. bei den dort wohnenden keltischen Stämmen eine sehr süße
-ländliche Speise aus Leinsaat, die aber damals nur noch bei Opfern
-Verwendung fand, von den Lebenden aber nicht mehr gegessen wurde.
-
-Während heute die meisten Länder den Lein als Gespinstpflanze bauen,
-wird er außer in Indien und Abessinien nur noch in Ägypten und Rußland
-vornehmlich der ölhaltigen Samen wegen kultiviert. Nur die guten,
-ausgereiften Samen dienen in diesen Ländern zur Aussaat; die minder
-guten oder unreifen dagegen werden zur Gewinnung eines als pflanzliches
-Speisefett sehr geschätzten Öles benutzt, mit dem man in jenen Gegenden
-wie auch manchenorts in Europa, z. B. in Böhmen, Schlesien, Thüringen
-und wohl auch Brandenburg, das landesübliche Gebäck schmälzt. Die
-Fruchtkapseln der Leinpflanzen enthalten je zehn eiförmige, glatte,
-bräunliche Samen, die 31-35 Prozent eines aus indischen Produkten
-hellgelben, aus nördlicheren dagegen bräunlichgelben Öles bergen, das
-durch kaltes Pressen in feinerer Qualität als Speiseöl, durch warmes
-Pressen dagegen in geringerer Qualität als Industrieöl gewonnen wird.
-Doch müssen die Samen vorher 2 bis 6 Monate lagern, da das Öl sonst
-trübe und schleimig wird. Das meist goldgelbe, dickflüssige, etwas
-scharf, aber sonst angenehm schmeckende und riechende Öl wird an der
-Luft durch Sauerstoffaufnahme leicht ranzig, heller und trocknet ein.
-Bis auf 290° C. erhitzt, wird es zäher, trocknet leichter ein und
-liefert den Firnis, der als schützender Überzug auf Holz und Eisen
-gebraucht wird. Ganz besonders wird er mit Mennige verrieben zum
-konservierenden Anstrich aller Eisenkonstruktionen an Brücken, Häusern,
-Einhegungen usw. verwendet, da er mit jener eine äußerst fest haftende,
-lange vor Rost schützende Vereinigung eingeht. Auf diesen ersten
-Überzug wird dann in der Regel graue Ölfarbe aufgetragen. Auf höhere
-Temperatur gebracht wird es noch konsistenter und als Buchdruckerfirnis
-brauchbar. Auch zu wasserdichten Stoffen, besonders zu Linoleum,
-wird es verwendet. Mit Schwefel zusammengeschmolzen, liefert es eine
-plastische, erhärtende, aber brüchige Masse, die zur Verfälschung und
-als sehr schlechter Ersatz für Kautschuk auf den Markt gelangt. Die
-frischen Leinsamen werden bekanntlich in der Apotheke geführt, weil
-sie in Wasser gekocht, wie die Quittensamen und andere, große Mengen
-Schleim aus der obersten Samenschale abgeben, welcher zu Umschlägen und
-als Breikissen gebraucht wird. Die nach dem Pressen zurückbleibenden
-Reste endlich bilden als Lein- oder Ölkuchen ein vorzügliches
-Viehfutter.
-
-Bis zum Mittelalter hat man die Samen dieser Ölpflanze zerquetscht
-und gegessen. Erst nach der Zeit der Kreuzzüge begann man das Öl als
-solches zu gewinnen und zu verwenden. Vorher hatte man in Deutschland
-alles zu ritualen und Speisezwecken verwendete Öl für Kirchen und
-Klöster in Form von Olivenöl aus dem Süden, aus den romanischen Ländern
-als vielbegehrten Handelsartikel eingeführt. Dieser Import hörte dann
-auf, und da das einheimische Öl billig zu stehen kam, fand es bald
-ausgedehnte Verwendung. Dabei wurde seit dem 13. Jahrhundert neben
-dem Leinsamen auch der 51-55 Prozent Öl enthaltende +Mohnsamen+ als
-Fettspender gezogen, um aus letzterem das ~mâgöl~ zu gewinnen. Denn
-~mâgo~ oder ~mâg~ hieß althochdeutsch der Gartenmohn, den schon Karl
-der Große in den Verordnungen für seine Landgüter anzupflanzen befahl.
-Auch der fränkische Mönch Walahfried Strabo empfahl um die Mitte des 9.
-Jahrhunderts dessen Anbau in einem uns erhaltenen lateinischen Gedicht,
-weil den Körnern schlafbringende Kraft innewohne. Zur Gewinnung der
-ölreichen Samen haben schon die neolithischen Pfahlbauern eine der
-Stammpflanze des Gartenmohns sehr nahe stehende Mohnart in ziemlicher
-Menge angebaut. Dies beweist uns die große Menge von Mohnkörnern, die
-sich in manchen ihrer einstigen Niederlassungen vorfanden. So kam in
-Robenhausen, wo wir selbst schon vor 20 Jahren Ausgrabungen beiwohnten,
-außer zahlreichen vereinzelten Sämchen ein Mohnkopf und ein ganzer
-Kuchen aus verkohlten Mohnsamen zum Vorschein, der aus Tausenden
-kleiner, zu einer Masse zusammengebackener Sämchen besteht. Es scheinen
-also schon damals die Samen in Form von Mohnkuchen gegessen worden zu
-sein. Aber ein Öl daraus zu pressen, verstand man damals wie noch lange
-später nicht. Erst nach den Kreuzzügen kam solches in Mitteleuropa
-auf, und im späteren Mittelalter trat dann die Erzeugung von Öl aus
-Mohnsamen so sehr in den Vordergrund, daß man die Pflanze selbst
-~mâgöl~ nannte.
-
-Heute ist in den weiten Gebieten, in denen Opium gewonnen wird,
-der Mohnsamen ein wichtiges Nebenprodukt, und zwar gibt der weiße
-Mohnsamen feineres Öl, während der blauschwarze einen reicheren
-Ertrag daran liefert. Man gewinnt aus ihnen 60-80 Prozent eines
-dünnflüssigen, klaren Öles. Und zwar finden auch hier zwei Pressungen
-statt. Das erstemal wird der Samen kalt gepreßt. Dadurch gewinnt man
-ein blaßgelbes Öl von angenehmem Geschmack und Geruch, das den großen
-Vorteil hat, schwer ranzig zu werden; deshalb findet es vorzugsweise
-als Speiseöl Verwendung. Bei der zweiten warmen Pressung erhält man das
-dunkelgefärbte sogenannte rote Mohnöl, das unangenehm nach Leim riecht
-und einen kratzenden Geschmack besitzt, weshalb man es nur industriell
-verwendet. Besonders dient es zur Seifenfabrikation, aber auch zur
-Herstellung von Firnis und Malerfarben, da es ebenfalls an der Luft
-mit der Zeit eintrocknet. Zur Bereitung feiner Ölfarben benutzt man
-lieber das Öl der 40 bis 70 Prozent davon enthaltenden +Walnußkerne+,
-das ohne rissig zu werden trocknet. Auch als Speiseöl ist letzteres
-vortrefflich und fand früher auch als Brennöl Verwendung, da es ein
-schönes, helles Licht liefert. In derselben Weise werden bisweilen auch
-die 60 Prozent Fett enthaltenden +Haselnüsse+ zur Ölgewinnung gepreßt.
-Soweit der Haschisch im Orient als betäubendes Genußmittel Verwendung
-fand, verzehrte man auch die 31-33 Prozent Öl enthaltenden Samen des
-ihn liefernden +Hanfes+ als willkommene pflanzliche Fettspeise. Erst
-sehr viel später fanden die zähen Fasern der Stengel dieser Pflanze
-zu allerlei Gespinsten Verwendung, zu welchem Zwecke ausschließlich
-der mittelasiatische Hanf aus dem Morgenlande in Europa eingeführt
-wurde. Zuerst bauten ihn hier nach dem Berichte des griechischen
-Geschichtschreibers Herodot die Skythen, aber noch nicht zur Verwendung
-des Faserstoffs, wie ausdrücklich bemerkt wird, sondern als Genußmittel
-an, um sich durch Verbrennen der Hanfsamen auf im Feuer heiß gemachten
-Steinen in niederen, allseitig geschlossenen Zelten aus Wollfilzdecken
-mit einem tragenden Gerüst aus Holzstangen zu betäuben. Die ölreichen
-Samen jedoch werden sie kaum gegessen haben, da sie wohl aus der
-Milch ihrer Herdentiere Butter gewannen, die sie zur Schmälzung ihrer
-Mehlgerichte verwendeten.
-
-Viel wichtigere Ölpflanzen sind bei uns +Raps+ und +Rübsen+, die heute
-fast in ganz Europa, besonders aber in Frankreich und Belgien viel
-angepflanzt werden. Sie treten uns geschichtlich erst spät, und zwar
-zuerst um Erfurt herum angebaut, entgegen, breiteten sich dann aber
-auch am weitesten aus, da sie sich vorzüglich zum Brennen am Docht
-eigneten. Aus diesem Grunde hielt man sie in der Vorzeit, bevor das
-Petroleum als Beleuchtungsmittel aufkam, in hohen Ehren. Das Rapsöl
-ist dickflüssiger als das olivenbraune Rüböl. Heute dienen sie weniger
-als Brenn-, denn als Schmieröle, werden aber auch der Kunstbutter
-zugesetzt, um sie salbenförmig, streichfähig zu machen. Bei dem
-ungeheuren Bedarf der Seifen- und Schmierölindustrie genügen aber
-die europäischen Kulturen nicht, vielmehr werden aus Ostindien große
-Mengen davon importiert. Der Raps ist eine gelbe Kohlrübe, auch Erdrübe
-genannt, die, weil man sie in Blüten schießen läßt, nur eine dünne und
-holzige Pfahlwurzel hat; der Rübsen ist die dem Raps entsprechende Form
-der weißen Rübe. Beide werden in zwei Formen gezogen, als im Herbste
-gesäte und im folgenden Sommer zur Reife gelangende Winterform und
-eine andere, im Frühjahr gesäte, die noch in demselben Jahre ihren
-Vegetationszyklus vollendet. Dabei ist die Winterform ölreicher als die
-Sommerform. So enthält der Sommerraps 35 Prozent, der Sommerrübsen 34
-Prozent Öl, während der Winterraps 37-39 Prozent und der Winterrübsen
-35-38 Prozent desselben aufweist. Die Kultur dieser Fettspender ist in
-vorgeschichtlicher Zeit von um die Nord- und Ostsee wohnenden Völkern
-vorgenommen worden und hat sich im vorletzten vorgeschichtlichen
-Jahrtausend nach Westasien und im letzten vorgeschichtlichen nach
-Ostasien verbreitet.
-
-Ein anderer als Fettspender wichtiger Kreuzblütler ist der +Flachs+-
-oder +Leindotter+ (~Camelina sativa~), eine 0,3-1 m hohe einjährige
-Pflanze mit kleinen, gelben Blüten und länglichen, dottergelben, sehr
-kleinen Samen, die 27-31 Prozent Fett enthalten. Diese im gemäßigten
-Europa wie in Nordasien heimische Pflanze wird besonders in Belgien,
-in den Niederlanden und in Süddeutschland als Ölpflanze angebaut. Sie
-ist in ihrem Ertrage sicherer als der Sommerraps und der Sommerrübsen
-und wird gern angebaut, wenn der Winterraps infolge zu intensiver
-Kälte zugrunde ging. Dagegen saugt sie den Boden stärker aus und
-ist weniger einträglich als jener. Das hellgelbe, fast geruch- und
-geschmacklose aus den Samen gewonnene Öl dient als Speiseöl und zur
-Seifenfabrikation; nur wird es leicht ranzig.
-
-Die weißen, grauen, gelben bis schwarzen Samen der aus Mexiko
-stammenden +Sonnenblume+ enthalten etwa 32 Prozent klares, blaßgelbes,
-geruchloses, angenehm schmeckendes Öl, das sich gut als Speiseöl
-verwenden läßt, meist jedoch der Seifen- und Firnisfabrikation dient.
-Als die Europäer in das atlantische Gebiet Nordamerikas gelangten,
-fanden sie außer Mais, das als Hauptnährfrucht diente, Bohnen, Kürbis,
-Tabak auch Sonnenblumen von den Indianern angepflanzt, deren Samen
-man röstete und zu Mehl zerrieb. Bald nach der Entdeckung Amerikas
-gelangte die Sonnenblume nach Europa und verbreitete sich allmählich
-bis Südasien. Heute stammt das meiste in den Handel gelangende
-Sonnenblumensamenöl aus Ungarn, Italien, dem südlichen Rußland und
-Indien.
-
-Selbst die +Bucheckern+, die 15-28 Prozent Fett enthaltenden Früchte
-der Rotbuche, werden in Thüringen, Hannover, am Rhein und in Frankreich
-gepreßt und das hellgelbe, klare, mild schmeckende, fast geruchlose
-Bucheckernöl daraus gewonnen. Kalt gepreßt liefert es ein gutes
-Speiseöl und dient zur Fälschung des Mandelöls; heiß gepreßt dagegen
-ist es bräunlich, dient als Brennöl und zur Seifenbereitung, wobei
-es weiche, gelbliche, später grünlich werdende Seifen liefert. Die
-Preßrückstände können nur an Schweine und Wiederkäuer, nicht aber an
-Pferde verfüttert werden, da sie das giftige Cholin enthalten, gegen
-das die ersteren unempfindlich sind, das aber Pferden schädlich wird.
-
-Reiche Buchensamenjahre, wie sie alle 8-10 Jahre vorkommen, liefern
-unendliche Massen dieser köstlichen, billigsten Ölfrucht, die man
-meist nutzlos im Walde verfaulen läßt, statt sie auszunützen. Am
-ausgiebigsten sammelt man die Bucheckern durch Anschlagen stärkerer
-Äste mit einem hölzernen Hammer, wobei die herabfallenden Früchte in
-untergelegte Tücher aufgefangen werden. Die Herstellungskosten für
-einen Liter Bucheckernöl, das als Back- und Salatöl meist allen anderen
-Schmälzmitteln vorgezogen wird, stellen sich insgesamt auf höchstens
-40 Pfennige. Die Aufbewahrung desselben geschieht am besten in großen,
-gut verschlossenen Steinkrügen; auch empfiehlt es sich, dasselbe nach
-Verlauf eines halben Jahres nochmals abzudampfen. Derart behandelt hält
-es sich wenigstens drei Jahre lang ohne zu verderben.
-
-Die Früchte des zum Färben dienenden +Saflors+ (~Carthamus
-tinctorius~), die 20 bis 30 Prozent eines sich besonders als Brennöl
-eignenden Öles enthalten, und die der +Nigersaat+ (~Guizotia
-abessinica~), einer Pflanze des tropischen Afrika, die 40-50 Prozent
-enthalten, werden ebenfalls auf fettes Öl verarbeitet. Das Nigersaatöl
-erinnert durch den Geschmack an Nußöl und findet besonders in
-Ostindien, wo man den Wert dieses Öles schon lange schätzen gelernt
-hat, bei der Zubereitung von Speisen vielfach Verwendung. Die Nigersaat
-gedeiht sehr leicht auf jedem Boden und liefert schon vier Monate nach
-der Aussaat reife Samen. Die Pflanze ist eine bis 1,5 m hohe, an ihren
-oberen Teilen rauhhaarige, unten dagegen fast kahle Komposite mit
-gegenständigen, schmalen, gezähnten Blättern und gelben Blüten, die
-nach der Befruchtung durch Insekten etwa 5 mm lange und 3 mm breite,
-glänzendschwarze Samen liefern. Da sie sehr eiweißreich sind, geben die
-Preßrückstände ein außerordentlich nahrhaftes und deshalb gesuchtes
-Futter. In ihrer Heimat, dem tropischen Afrika, hat dieser wichtige
-Fettspender nicht die verdiente Kultur gefunden. Nur in Abessinien baut
-man ihn in umfangreicherem Maße an. Besonders hat aber Ostindien den
-Wert dieser Ölpflanze erkannt und kultiviert sie in Menge. Neuerdings
-sollte ihr in Ostafrika, wo sie heimisch ist, vermehrte Aufmerksamkeit
-geschenkt werden, da sie in ihren Samen einen wertvollen, viel nach
-Europa eingeführten Handelsartikel bildet.
-
-Aus den Samen von ~Bactris minor~ wird auf Trinidad und Jamaika
-ein gelbliches Fett mit Veilchenaroma und süßem Geschmack, die
-+Macajabutter+, gewonnen und allgemein als Speisefett verwendet.
-Sehr ergiebig sind die Samen von ~Litsea sebifera~, deren Fett der
-Kerzenfabrikation dient. Die Früchte eines einzigen Baumes geben
-genügend Material zur Herstellung von 500 Kerzen. Das +Rettichöl+
-wird in China wie das Sesamöl zur Bereitung der schwarzen Tusche zum
-Schreiben verwendet; das +Senföl+ dagegen, das zu 22-29 Prozent in den
-Senfsamen enthalten ist, dient in Indien als ausgezeichnetes Brennöl.
-Heute wird der Senf in Indien nicht mehr als Gewürzpflanze, sondern
-fast nur noch zur Gewinnung dieses Öls kultiviert.
-
-Ein sehr feines, geruch- und farbloses, süßliches Öl ist dasjenige
-von ~Moringa oleifera~, das +Behenöl+, das für die Parfümerie und
-Uhrenmacherei sehr geschätzt wird. Ebenfalls für die Kosmetik von
-Bedeutung ist das +Mandelöl+, zu dessen Bereitung man süße und bittere
-Mandeln mischt; doch enthalten die bitteren Mandeln weniger Öl,
-nämlich nur 43-48 Prozent, als die süßen, die 50-55 Prozent davon
-aufweisen. Da sie aber außerdem über 24 Prozent Eiweißkörper besitzen,
-so liefern die nach der Pressung zurückbleibenden Preßkuchen ein sehr
-gutes Viehfutter. Das Mandelöl ist hellgelb, geruchlos, angenehm
-schmeckend, dünnflüssiger als Olivenöl, wird aber leicht ranzig. Es
-kommt mit Mohn-, Nuß-, Pfirsichkern- und Aprikosenkernöl verfälscht
-in den Handel. Letztere beiden Öle werden auch an und für sich von
-Südfrankreich aus als „süßes Mandelöl“ verkauft. Echtes Mandelöl, das
-in der Parfümerie und zur Fabrikation der sehr festen Mandelseife
-verwendet wird, stammt fast nur aus England.
-
-In den bitteren Mandeln ist das Mandelöl an das Amygdalin gebunden,
-einen Körper, der ihnen den bitteren Geschmack verleiht. Außerdem ist
-darin ein Ferment, Emulsin genannt, enthalten, welches beim Verreiben
-der bitteren Mandeln mit Wasser das Amygdalin in Traubenzucker,
-Bittermandelöl und Blausäure spaltet. Da nun etwa 0,8 Prozent
-der Verbindung Bittermandelöl-Blausäure in den bitteren Mandeln
-enthalten ist, so ist es begreiflich, daß bittere Mandeln eine
-giftige Wirkung äußern. Ein Dutzend derselben kann bei Erwachsenen
-schon schwere Vergiftungen hervorrufen. Das Bittermandelöl wird in
-der Likörfabrikation und Medizin, am häufigsten aber zum Parfümieren
-billiger Seifen, z. B. der Kokosnußseifen, verwendet. Allerdings hat
-hier der Mensch tätig eingegriffen und es der Natur gleichgetan,
-indem er im synthetisch aus Benzol und Salpetersäure hergestellten
-Nitrobenzol, auch Mirbanöl genannt, einen vollständigen Ersatz für
-das Bittermandelöl als Parfümeriemittel schuf. Deshalb ist letzteres
-in der gewerblichen Verwendung fast völlig durch das künstliche
-Produkt verdrängt worden. Aus den süßen Mandeln dagegen wird die für
-kosmetische Zwecke geschätzte Mandelkleie hergestellt.
-
-Ebenfalls in der Parfümerie, Pharmazie und Seifenfabrikation viel
-verwendet wird die aus den Kakaobohnen gewonnene +Kakaobutter+,
-die zu 52 Prozent in diesen enthalten ist. Sie wird in der Weise
-aus ihnen ausgezogen, daß die gerösteten und geschälten Bohnen auf
-etwa 80° C. erwärmt, in Zwilchsäcke gepackt und das Öl dann zwischen
-warmen Preßplatten ausgequetscht und hernach filtriert wird. Es
-ist weißlich, von mildem, angenehmem Geschmack und Geruch nach
-Kakao und wird schwer ranzig. In gleicher Weise wird das Fett der
-Muskatnüsse, die +Muskatbutter+, aus den zurückgestellten, kleinen,
-schadhaften, feingemahlenen Nüssen durch Auspressen in erwärmtem
-Zustande gewonnen. Die talgartige, rötlichbraune Masse wird dann in
-Metallgefäßen erstarren gelassen und kommt in kleinen Würfeln in den
-Handel. Sie riecht angenehm nach Muskatnuß und dient besonders der
-Parfümfabrikation.
-
-Zur Kerzenfabrikation dient der +chinesische Talg+, das weiße bis
-grünliche Fett der Samen des chinesischen Talgbaumes (~Sapium
-sebiferum~), von welchem diese ganz umhüllt sind. Dieser Baum ist eine
-kahle, in China und Japan heimische Euphorbiazee, die in diesen Ländern
-seit alter Zeit kultiviert wird. Er wurde aber auch nach Ostindien
-und allen wärmeren Ländern beider Erdhälften verpflanzt und gedeiht
-meist sehr gut. Die in den Monaten November und Dezember gesammelten
-Samen werden in große, mit Löchern versehene Holzzylinder gebracht und
-mit heißem Wasserdampf behandelt, wobei der Talg abfließt, um nach
-dem Erstarren noch einmal geschmolzen und filtriert zu werden. Er
-bildet erstarrt mattweiße, brüchige Stücke, die in mächtigen Platten
-von 40-50 kg Gewicht in den Handel gelangen und vornehmlich in der
-Kerzenfabrikation Verwendung finden. Die zurückgebliebenen Samen,
-deren Nährgewebe sehr ölreich ist, werden in Steinmörsern zerstampft,
-mit Wasser erhitzt und gepreßt, wobei ein von den Chinesen ~fing-yu~
-genanntes flüssiges Fett erhalten wird, das man zur Firnisfabrikation
-und als Brennöl benützt.
-
-Diesem chinesischen Talg ähnlich ist der in Ostindien durch Auskochen
-der gerösteten und gemahlenen Samen der ~Vateria indica~ gewonnene
-+Vateriatalg+, der zuerst gelblich, später aber farblos ist, ganz
-angenehm schmeckt und riecht und in England zur Kerzenfabrikation dient.
-
-Sehr verbreitet ist im Pflanzenreich die Ausscheidung eines Überzuges
-von +Wachs+ an Organen, besonders Blättern, bei denen die Verdunstung
-herabgesetzt werden soll. Auch an Früchten ist gelegentlich dieser
-Wachsüberzug zu finden, man denke nur an den leichten Wachsüberzug
-unserer Pflaumen und Zwetschen, der sie wie bereift erscheinen läßt.
-Allerdings ist in der Regel die Wachsausscheidung eine viel zu geringe,
-als daß sie sich ausbeuten und technisch verwerten ließe. Nur ganz
-ausnahmsweise ist dies der Fall, so bei der in Nordamerika heimischen
-+Wachsgagel+ (~Myrica cerifera~). Es ist dies eine unserer, auf den
-norddeutschen Heiden weit verbreiteten, stark riechenden Gagel (~Myrica
-gale~) verwandte Art, deren erbsengroße, braune Früchte von einer
-schneeweißen Wachskruste bedeckt sind. Kocht man die Beeren in Wasser,
-so sinken sie unter und das Wachs sammelt sich an der Oberfläche der
-Flüssigkeit als fettige Masse an, wird abgeschöpft und in flachen
-Schüsseln erkalten gelassen. Ein Strauch gibt 10-15 kg Beeren mit etwa
-25 Prozent dieses als +~Myrica~+- oder +Myrtenwachs+ bezeichneten
-vegetabilischen Wachses. Es ist härter als Bienenwachs, geschmacklos,
-von schwachem Balsamgeruch und wurde von den Indianern in Menge
-verzehrt. Jetzt dient dieses Myrtlewachs, wie es die Amerikaner nennen,
-zur Anfertigung von Kerzen, die nach dem Auslöschen einen angenehmen
-Geruch verbreiten. Diesem ähnlich ist das von ~Myrica carolinensis~
-in Nordamerika, von ~Myrica carcassana~ in Neugranada und ~Myrica
-quercifolia~, ~M. cordifolia~ und ~M. laciniata~ am Kap der Guten
-Hoffnung durch ebenfalls Auskochen mit Wasser gewonnene grünliche, sehr
-schwach balsamisch riechende vegetabilische Wachs, das wie Bienenwachs
-benutzt und mit diesem vermengt verwendet wird.
-
-Auf dieselbe Art wird in China und Japan das sogenannte +Japanwachs+
-aus den Beeren des von Japan längs der Ostküste Asiens bis in den
-Himalaja verbreiteten +Wachs-Sumachs+ (~Rhus succedanea~) gewonnen
-und ebenfalls meist zu Kerzen verarbeitet. Auch die Beeren von ~Rhus
-vernicifera~ und ~silvestris~ werden in gleicher Weise durch Auskochen
-und Pressen zur Gewinnung von Wachs verarbeitet. Dieses ist blaßgelb,
-nach längerem Liegen außen dunkelgelb bis bräunlich mit schneeweißem
-Anflug. Es ist das für den Handel weitaus wichtigste Pflanzenwachs,
-das seit dem Jahre 1854 in großen Mengen in Form zentnerschwerer
-Blöcke oder Scheiben nach Europa und Amerika gelangt. Von ihm werden
-in London allein jährlich mehr als 200000 kg umgesetzt. Es hat die
-Eigentümlichkeit, beim Einschmelzen bis 30 Prozent Wasser aufzunehmen,
-es wird daher auch oft mit Wasser verfälscht. In Japan wird es als
-Ersatz für tierischen Talg und Bienenwachs, auch zum Aufpolieren von
-gedrechselten Gegenständen aus Holz, bei uns dagegen hauptsächlich
-für Wachsstreichhölzchen und Wachskerzen, überhaupt als Zusatz zu
-Bienenwachs verwendet; es ist nämlich nur halb so teuer wie dieses.
-Ein naher Verwandter des Wachs-Sumachs ist übrigens der giftige
-+Firnis-Sumach+ (~Rhus vernicifera~), ein hoher Baum, aus dessen Stamm
-durch Einschnitte der Firnis gewonnen wird, mit Hilfe dessen die
-Japaner ihren so vortrefflichen, unverwüstlichen Lack herstellen, der
-in einem späteren Abschnitte eingehender besprochen werden soll.
-
-Außerordentlich reich an einem wachsartigen Harz sind manche
-+Balanophoren+, fleischige Wurzelschmarotzer der Tropen von
-staudenartiger Tracht, die, weil sie des Blattgrüns und größerer
-Blätter völlig entbehren, eher an Pilze als an hoch organisierte
-Gewächse erinnern. Die getrockneten Pflanzen brennen angezündet mit
-leuchtender Flamme, deshalb werden sie beispielsweise in Südamerika als
-~siejas~ auf den Märkten verkauft und an kirchlichen Feiertagen wie
-Kerzen verbrannt. Auf Java zerstößt man solche frische Balanophoren zu
-Brei und bestreicht mit dieser Paste dünne Bambusstäbchen, welche als
-Taschenkerzchen dienen.
-
-Technisch wichtiger ist das Wachs der +Wachspalme+ (~Ceroxylon
-andicola~), die auf den Anden Südamerikas in den Staaten Columbien,
-Ekuador und Neugranada in 2000-3000 m Höhe wächst. Sie besitzt einen
-bis 75 m hohen, geringelten Stamm von mehr als 30 cm Durchmesser, der
-in der halben Höhe anschwillt und von unten bis oben von einer etwa
-6 mm starken Schicht blaßgelben, spröden Wachses bedeckt ist, das ihm
-ein marmorartiges Aussehen verleiht. Obschon es zu ⅖ mit Harz vermischt
-ist, wird es ziemlich wie Bienenwachs benutzt und neuerdings in großer
-Menge in die verschiedenen Kulturländer, auch nach Europa, eingeführt.
-Die gefiederten Blätter werden 6-7,5 m lang und sind oben dunkelgrün,
-unten silberweiß. Das Wachs, das einen namhaften Handelsartikel bildet,
-gewinnt man durch Abschaben der gefällten Stämme, von denen jeder
-etwa 12 kg liefert. Mit Talg zusammengeschmolzen gibt es eine gute
-Kerzenmasse, die aber gelb ist, weil dieses Baumwachs nicht gebleicht
-werden kann. Das Holz ist sehr dauerhaft und wird besonders als Bauholz
-geschätzt. Mit den Blättern deckt man, wie mit denjenigen der meisten
-anderen Palmenarten, Dächer und benutzt sie zu allerlei Flechtwerk.
-
-Ebenfalls in Südamerika, aber im östlichsten Zipfel dieses Kontinents,
-nämlich in den brasilischen Provinzen Ceara, Pernambuco und Rio
-Grande besonders an Flußufern heimisch, ist die gleichfalls Wachs
-liefernde +Karnaubapalme+ (~Copernicia cerifera~). Es ist dies ein
-12-15 m hoher Baum, dessen blaugrüne, bereifte, bis 2 m langen Blätter
-eine kugelrunde Krone bilden. Auf feuchtgründigem Boden bildet er
-oft ansehnliche Bestände. Sein Holz ist sehr dauerhaft und wird als
-Nutzholz verwendet, während die Blätter zu Bedachung der Hütten und als
-Flechtmaterial dienen, auch einen starken Faserstoff zur Herstellung
-der in jedem Hause statt der Betten gebräuchlichen Hängematten, von
-Stricken usw. liefern. Die jüngeren derselben, die als Viehfutter
-verwendet werden können, liefern ein strohgelbes Wachs, das beide
-Blattflächen bedeckt. An der Oberseite der Blätter ist die Wachsschicht
-dicker und sitzt loser, so daß sie sich beim Schütteln der Blätter in
-Form kleiner Schuppen ablöst, an der Unterseite jedoch ist sie dünner
-und sitzt fester, so daß man das betreffende Wachs nur durch Abschaben
-gewinnen kann. Wenn die jungen Fächerblätter sich eben auszubreiten
-beginnen, schneidet man sie vorsichtig ab, trocknet sie und klopft
-sie so lange mit einem Stock, bis die Wachsschichten vollständig
-abgefallen sind. Das so erhaltene grauweiße Pulver wird dann über einem
-freien Feuer zusammengeschmolzen oder mit wenig Wasser in einem Topfe
-gekocht. Nach einer anderen Methode taucht man die Blätter in heißes
-Wasser und sammelt das auf der Oberfläche sich abscheidende flüssige
-Wachs, um es in tönerne Formen zu gießen, in denen es zu etwa 2 kg
-schweren Kuchen erstarrt. Dieses rohe Karnauba-Wachs ist schmutzig
-gelblichgrün, stellenweise bräunlich, hart, spröde, geschmacklos und
-wird -- früher ausschließlich in Europa, jetzt meist schon in Brasilien
--- gereinigt und ist dann von blaßgrünlich-gelber Farbe, dichtem Gefüge
-und sehr schwach aromatischem Geruch. Es wird seit dem Jahre 1852 in
-zunehmendem Maße auch nach Europa ausgeführt, um hier zur Herstellung
-von Siegellack, Kerzen, weichen Firnissen, als Schuhmacherwachs und
-zum Glänzendmachen des Sohlleders verwendet zu werden. Es läßt sich so
-wenig als das Wachs der Wachspalme künstlich bleichen, doch wird ihm
-seine Sprödigkeit durch Beimengung von Talg oder Bienenwachs genommen.
-Viele Menschen beschäftigen sich ausschließlich mit der Gewinnung
-desselben. Jährlich werden etwa 2 Millionen kg exportiert und fast
-ebensoviel im Lande selbst verbraucht. Aus den trockenen Blättern
-flicht man Matten, die violetten, haselnußgroßen, bitteren Früchte
-werden roh oder gekocht von den Indianern gegessen und deren geröstete
-und gemahlene Kerne geben ein nahrhaftes Getränk als Ersatz des
-Kaffees. Aus dem Marke des Stammes gewinnt man ein schmackhaftes Mehl
-und die Blattknospen geben einen trefflichen Palmkohl.
-
-Außer als Nahrung haben die verschiedenen Fettkörper im Laufe der
-Kulturentwicklung der Menschheit besonders zur Gewinnung von Seife
-und Beleuchtungsmaterial eine große Bedeutung gewonnen. Die Seife ist
-eine keltische Erfindung, bestehend aus einer Mischung von Fett mit
-Asche, später mit Aschenlauge, und stellt chemisch betrachtet ein
-Salz dar, in welchem alkalische Basen mit Fettsäuren verbunden sind.
-Von den Alkalien werden sowohl Kali als Natron verwendet; zuerst
-benutzte man sie zusammen, später aber, als man beide voneinander zu
-scheiden vermochte, getrennt, wobei die Kaliseifen als eine weiche,
-schmierige Masse, die Natronseifen jedoch in harter Form gewonnen
-wurden. Die keltische Bezeichnung für die Seife ist ~saipo~, ein Wort,
-das im Deutschen sich als Seife erhielt. Unter der Bezeichnung ~sapo~
-gelangte sie zu den Römern, die vorher, wie alle antiken Völker, außer
-gefaultem Urin oder gewissen, Saponine oder Seifenstoff enthaltenden
-Pflanzenabkochungen vor allem die Holzasche als natürliche Soda zum
-Waschen benutzt hatten. Nach Plinius bereiteten die Gallier feste und
-flüssige Seife aus Ziegentalg und Buchenasche und benutzten sie als
-äußerliche Arznei und Haarverschönerungsmittel. Erst Galenos (131-200
-n. Chr.) spricht von der deutschen Seife, die als Reinigungsmittel
-benutzt werde. Durch die Verwendung von gebranntem Kalk bei der
-Herstellung der Aschenlauge wurden dann später bessere Seifen erzielt.
-Nachdem die Seifensiederei aus einem in jedem Haushalt für sich
-hergestellten Geschäft in den gewerblichen Betrieb übergegangen war,
-scheint sie sich jahrhundertelang durch das ganze Mittelalter hindurch
-ohne besondere Fortschritte erhalten zu haben. Schon im 9. Jahrhundert
-hatte Massalia, das heutige Marseille, einen bedeutenden Seifenhandel,
-und zwar diente dort vorzugsweise das Olivenöl als Fett bei der
-Seifenbereitung. Ihm verdankt die Marseillerseife bis auf den heutigen
-Tag ihren guten Ruf. Im 15. Jahrhundert lag der Seifenhandel besonders
-in den Händen Venedigs, und im 17. Jahrhundert hatten Savona, Genua
-neben Marseille die Führung darin. Eine mächtige Förderung erhielt die
-Seifenindustrie seitdem der französische Chemiker Chevreul die Natur
-der Fette und mithin das Wesen des Verseifungsprozesses kennen gelehrt,
-andererseits die Entwicklung der Sodaindustrie einen mächtigen Anstoß
-zur Verbesserung des Verfahrens der Seifengewinnung gegeben hatte.
-Gegenwärtig wird aus Liverpool allein mehr Seife jährlich ausgeführt
-als vor der Begründung der Sodaindustrie aus sämtlichen Häfen
-Großbritanniens zusammengenommen. Weiterhin wurde die Seifenindustrie
-durch die Einführung von Palmöl, Kokosöl, südamerikanischem und
-australischem Tiertalg und nordamerikanischem Fichtenharz begünstigt.
-Das Kokosöl gestattete die Herstellung der Leimseifen; es kam um 1830
-zuerst nach Deutschland und Douglas bereitete aus ihm auf kaltem
-Wege die erste Kokosnußöl-Sodaseife für medizinische Zwecke. Heute
-führt Deutschland rund 1,8 Millionen kg Seife ein und 10 Millionen
-kg Seife aus. Was es selbst verbraucht, ist nicht anzugeben, doch
-stellt dies eine sehr große Menge dieses heute völlig unentbehrlichen
-Reinigungsmittels dar.
-
-Wie die Seifenbestandteile, das Öl und die Holzaschenlauge, so
-entstammt auch alles Beleuchtungsmaterial direkt oder indirekt dem
-Pflanzenreiche. Der älteste Lichtspender ist das flackernde Holz des
-Herdfeuers, das seinen warmen Schein schon dem unstet nach tierischer
-Beute umherschweifenden Höhlenbewohner der Urzeit, wie dem durch
-Feldbau und Viehzucht ansässig gewordenen Neolithiker in seiner
-bescheidenen Behausung erstrahlen ließ. Ihm folgte auf einer späteren
-Stufe als spezifiziertes Beleuchtungsmittel der schräg in einen Ständer
-aus unverbrennlichem Material, am besten aus Metall, sobald solches
-bekannt und zu haben war, gesteckte Kienspan; denn schon sehr früh
-wird der Mensch die Beobachtung gemacht haben, daß Holz um so leichter
-und mit um so größerer Flamme brennt, je harzreicher es ist. Deshalb
-suchte er bei den Nadelhölzern die harzreichsten Teile, das Wurzelwerk,
-zur Beleuchtung zu erlangen. Die Kulturvölker des Altertums benutzten
-daneben auch mit Pech und Wachs getränkte Flachsschnüre, und in
-späterer Zeit in Pech getauchte oder mit Wachs überzogene getrocknete
-Binsen oder Streifen von dürrem Papyrusmark. Auch Schilfrohr, dessen
-Höhlung mit Fett ausgegossen war, diente als Vorläufer der Kerze.
-Diese selbst scheint erst in der römischen Kaiserzeit als ~candela~ --
-das sich im französischen ~chandelle~ erhielt -- aufgekommen zu sein
-und wurde schon damals sowohl aus Wachs, als aus Talg hergestellt und
-demnach als ~cerea~ (von ~cera~ = Wachs) oder ~sebacea~ (aus ~sebum~ =
-Talg) unterschieden. Man stellte sie in der Weise her, daß man dürre
-Binsenstengel oder Streifen von Papyrusmark, später auch Flachsfäden
-als Docht so oft in geschmolzenes Fett oder Wachs tauchte, bis die
-Fetthülle im Verhältnis zum Kern eine ansehnliche Dicke erreicht
-hatte. Besonders bei Leichenbegängnissen wurden bei den vornehmen
-Griechen und Römern der späteren Zeit große Kerzen in den Dimensionen
-unserer Kirchenlichter getragen, während im Haushalte besonders bei
-festlichen Anlässen kleinere gebraucht wurden, die man in Leuchter der
-verschiedensten Konstruktionen steckte. War der Lichtträger sehr hoch,
-damit die dareingesteckten Kerzen weithin leuchteten, so hieß er (nach
-~candela~ = Kerze) ~candelabrum~.
-
-In Deutschland wurde die Talgkerze erst im 9. Jahrhundert bekannt und
-begann hier allmählich den bis dahin üblichen Kienspan zu verdrängen.
-Wachskerzen dagegen kamen erst im 14. Jahrhundert in Gebrauch, waren
-aber auch an Höfen reicher Fürsten immer noch etwas Kostbares, mit
-dem man sehr sparsam umging. Im Laufe des 15. Jahrhunderts erst wurde
-der Gebrauch von Wachskerzen durch die katholische Kirche immer mehr
-gesteigert und dehnte sich im 16. Jahrhundert ins Fabelhafte aus; so
-wurde beispielsweise zu Luthers Zeiten allein in der Schloßkirche zu
-Wittenberg etwa 36000 Pfund Wachskerzen im Jahre als Opferspenden
-verbrannt. Dieser mit dem Kult in Zusammenhang stehende Luxus blieb
-aber auf die Gotteshäuser beschränkt; denn die Bürger und Bauern
-begnügten sich in ihren Häusern mit den viel billigeren Talglichtern,
-deren Herstellung die Hausfrau immer noch selbst besorgte. Im
-November, wenn die Feldarbeit beendet war, begann wie für den
-Mann die Drescharbeit in der Tenne, so für die Frau die Zeit des
-„Lichtstippens“. Durch wiederholtes Eintauchen des aus Leinen und
-später Baumwolle angefertigten Dochtes in geschmolzenen Talg wurden
-die Lichter auf die gewöhnliche Dicke gebracht. Erst seit dem 17.
-Jahrhundert wurden die Unschlittkerzen auf der Form gegossen, und zwar
-dünnere für die Werktage und dickere für die Feiertage.
-
-Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begann man den Talg durch Entfernung der
-Ölsäure vermittelst Pressen härter zu machen und ihm das öligschmierige
-Aussehen zu nehmen. 1823 erschienen die wichtigen Untersuchungen über
-die Fette tierischen Ursprungs des französischen Chemikers Chevreul,
-denen zufolge zwei Jahre später Cambacérès, der zuerst die geflochtenen
-und außerdem chemisch mit Schwefelsäure zubereiteten Dochte in
-Anwendung brachte, Kerzen aus Fettsäuren herzustellen versuchte; doch
-waren diese braun, fühlten sich immer noch fettig an und verbreiteten
-einen unangenehmen Geruch. Die ersten einigermaßen brauchbaren Kerzen
-brachte ein Herr von Milly in Paris auf. Er war vormals Kammerherr
-Karls X. gewesen, hatte aber durch die Julirevolution und die danach
-folgende Abdankung des Königs 1830 seinen Posten verloren; deshalb
-errichtete er, um sich eine neue Existenz zu gründen, zu Paris eine
-kleine Fabrik zur Herstellung von Kerzen. Die erste Entdeckung, die
-er machte, bezeichnete schon einen sehr erheblichen Fortschritt. An
-Stelle der kaustischen Soda, die Chevreul und sein Teilhaber Gay-Lussac
-zur Verseifung der Fette seit 1825 angewandt hatten, benutzte er
-dazu den Ätzkalk und erhielt dadurch eine Kalkseife, aus der die
-Fettsäuren zur Herstellung von Kerzen sich mit Hilfe der Schwefelsäure
-leicht abscheiden ließen. Durch anfänglich kalte, im Verlaufe jedoch
-gesteigerte und zuletzt warme Pressungen waren die bei gewöhnlicher
-Temperatur festen Fettsäuren leicht von der Olëinsäure zu trennen.
-Die aus den festen Fettsäuren, der Palmitin- und Stearinsäure (vom
-griechischen ~stéar~ = Fett), die in der ersten Zeit als eine einzige
-betrachtet und ihrer perlmutterartig glänzenden Krystalle wegen (nach
-dem lateinischen ~margarita~ = Perle) Margarinsäure genannt wurden,
-bis man auch sie voneinander zu scheiden vermochte, bereiteten Kerzen
-hatten jedoch den einen Übelstand, daß der Masse ein kleiner Rest Kalk
-beigemengt blieb, der sich beim Verbrennen in den Docht sog und dessen
-Porosität verringerte. Auch darin schaffte Milly Abhilfe, indem er den
-Docht statt wie nach Cambacérès mit Schwefelsäure mit Borsäure tränkte,
-welche alle Aschenbestandteile zu winzigen, glasartigen Kügelchen
-zusammenschmilzt. Ebenso begegnete er dem für die Kerzenfabrikation
-fatalen Bestreben der nunmehr vorzugsweise zur Herstellung von Kerzen
-verwendeten Stearinsäure zu kristallisieren und infolgedessen im Innern
-der Formen Hohlräume zu bilden. Man hatte zwar in der arsenigen Säure
-schon ein Mittel gegen diesen Umstand in Anwendung gebracht, doch war
-dasselbe zu gesundheitsgefährlich, um sich auf die Dauer im Gebrauch
-halten zu können.
-
-Milly fand zuerst, daß ein geringer Zusatz von Wachs zur Stearinsäure
-eine gleichmäßige und durchgängig zusammenhängende Masse gebe.
-Späterhin entdeckte er, daß die Stearinsäure nur kristallisiert, wenn
-sie in sehr dünnflüssigem Zustande in die Formen gegossen wird, daß
-sie aber ein völlig gleichmäßiges Gefüge erhält, wenn sie bei einer
-Temperatur verarbeitet wird, die dem Schmelzpunkte so nahe liegt, daß
-die Masse eben nur fließend erhalten wird.
-
-Solchergestalt verbesserte Stearinkerzen brachte Milly 1834 unter
-dem Namen ~bougies de l’étoile~ in den Handel, doch waren sie in der
-ersten Zeit ihres hohen Preises wegen mehr ein Luxusgegenstand für
-Reiche als ein volkstümlicher Beleuchtungsartikel. Um sie zu einem
-Gegenstand allgemeinen häuslichen Verbrauchs zu machen, bedurfte man
-weiterer Verbesserungen in der Methode der Stearinfabrikation. Den
-wesentlichsten Vorteil zog man aus der Entdeckung, daß die flüssige
-Olëinsäure ein sehr wertvolles Material für die Seifenfabrikation sei,
-das das Olivenöl sogar in vielen seiner Eigenschaften zu ersetzen
-imstande ist. Durch Höherwertung des einen Bestandteils mußten aber die
-anderen sich billiger gestalten, und diese wirtschaftliche Tatsache kam
-der Stearinsäure zugute. Auch konnte man jetzt im festen Material dem
-geflochtenen Docht eine so starke Drehung geben, daß sich die Spitze
-desselben fortwährend nach außen drehte und so an der Peripherie der
-Flamme stets genug Sauerstoff zur Verbrennung zu Asche fand. Im Jahre
-1839 gab es allein in Paris neun Fabriken, die solche neue, immer
-höheren Ansprüchen genügende Kerzen herstellten. Andere Länder blieben
-nicht zurück, und ganz besonders gelangte diese neue Industrie in
-Österreich zu großer Bedeutung.
-
-[Illustration: Bild 32. Lampe der Mammutjäger der frühen Nacheiszeit
-aus einem roten Sandsteingeröll mit einer Art Griff, aus der Höhle
-von La Mouthe in der Dordogne. Auf der Unterseite ist der Kopf eines
-Steinbocks eingeritzt. (⅓ natürliche Größe.)]
-
-Als Beleuchtungsmittel noch viel gebräuchlicher als die Kerzen
-waren seit dem frühesten Altertum die +Lampen+, in denen zuerst
-tierisches, später auch pflanzliches Fett vermittelst eines aus
-einem Holzsplitter oder noch besser aus irgend welchen getrockneten
-Pflanzenfasern bestehenden Dochts verbrannt wurde. Die älteste Lampe
-war ein ausgehöhlter Stein, und erst nach Erfindung der Töpferkunst
-eine aus Ton gebrannte, zuerst offene und später, zum Schutze gegen
-das Ausschütten und das Hineingelangen von Verunreinigungen mehr
-oder weniger geschlossene kleine Schüssel. Solche Lampen, in denen
-besser als fester tierischer Talg nach der Erlangung von ölspendenden
-Kulturpflanzen flüssiges fettes Öl verbrannt wurde, besaßen schon
-die ältesten Ägypter und Assyrer. Meist waren sie aus Ton gebrannt,
-seltener aus Metall und nur ausnahmsweise aus Alabaster oder Glas
-hergestellt. Sie bestanden aus einem runden oder ovalen Ölbehälter mit
-einer meist in der Mitte gelegenen Öffnung zum Eingießen des Öles,
-einer oder mehreren vorspringenden Tüllen für den Docht an der einen
-und einem Griff oder Henkel an der anderen Seite. Von den einfachsten
-bis zu den kunstvollsten, kostbarsten Formen waren alle Übergänge
-vorhanden, darunter außer kleinen auch große, die bis zu 12 und mehr
-Flammen nebeneinander brennen lassen konnten. Sie hingen an Ketten oder
-standen wie die Kerzen auf einem bei den Römern ebenfalls ~candelabrum~
-genannten Träger. Aus der römischen Kaiserzeit haben uns, abgesehen
-von den Funden in Pompeji, besonders die Gräber eine reiche Ausbeute
-an Lampen geliefert, da es Sitte war, den Toten Lampen mitzugeben, die
-eigens zu diesem Zwecke fabriziert wurden und nicht zu praktischem
-Gebrauch geeignet waren.
-
-Die ersten Christen verzierten ihre Lampen mit christlichen Emblemen,
-wie dem Christusmonogramm, dem Lamm, der Taube oder dem ein Lamm auf
-seinem Rücken tragenden guten Hirten. Aus den beim Katakombenkultus
-gebrauchten Lampen zum Aufhängen vermittelst Kette an der Decke oder
-einem Holz- oder Metallarm entwickelte sich die während des ganzen
-Mittelalters gebrauchte Hängelampe, die sowohl für Kultuszwecke in
-christlichen Kirchen und muhammedanischen Moscheen, als auch für
-Profanzwecke überall im Gebrauche stand. Das übliche Öl, das darin
-verbrannt wurde, war in Europa meist Rüböl und der Docht ein massiver
-Runddocht, während der Flachdocht erst 1783 durch Leger in Paris,
-der hohle Docht 1789 durch den in Genf geborenen Techniker Argand in
-London aufkam. Letzterer war auch der Erfinder des nach ihm benannten
-Brenners mit doppeltem Luftzug, indem er den bis dahin über der Flamme
-angebrachten blechernen Zugzylinder durch einen gläsernen ersetzte.
-
-Eine vollständige Umwälzung in der Lampenfabrikation brachte die
-Einführung des +Petroleums+ hervor, für die Silliman in den Vereinigten
-Staaten 1855 die erste Lampe konstruiert haben soll. Zwar hatte man
-schon im Altertum gelegentlich Erdöl in Lampen gebrannt. So berichten
-Dioskurides und Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. vom
-Erdöl von Agrigent auf Sizilien, das als „sizilisches Öl“ in Lampen
-gebrannt wurde. Auch das Erdöl der „Pechquelle“ bei Bechelbronn im
-Unterelsaß, die schon 1498 erwähnt wird, soll im 16. Jahrhundert zum
-Brennen in Ampeln benutzt worden sein. Im 19. Jahrhundert diente
-das zu Amiano unweit Parma gefundene Erdöl zur Beleuchtung einiger
-italienischer Städte, namentlich Genuas. Seit uralter Zeit betrachtete
-man die mancherorts aus dem Boden hervorsickernde brennbare Flüssigkeit
-mit heiliger Scheu und benutzte sie als geschätzte Medizin. Die
-heiligen Feuer der Erdölgegend von Baku waren den Anhängern Zoroasters
-ein Gegenstand religiöser Verehrung und sind es ihren Nachkommen,
-den Parsen, bis auf den heutigen Tag geblieben. Weil ihre Priester
-an den Orten, wo das „ewige Feuer“ brannte, die Versöhnung mit Gott
-vermittelten, nannte man sie ~nephtar~, d. h. Versöhnungsorte, wovon
-sich der Name Naphtha für Petroleum oder Erdöl ableitet. Erst vom
-Jahre 1859 an datiert der Beginn der Petroleumbenutzung in weiteren
-Kreisen, zuerst der Vereinigten Staaten, dann auch Europas und der
-ganzen Kulturwelt. 20 Jahre später wurde die Petroleumlampe durch die
-Konstruktion der Glühlampe von Edison entthront, die ganz wesentlich
-zur Verbreitung des elektrischen Lichtes in den Haushaltungen beitrug.
-
-
-
-
-X.
-
-Der Zucker.
-
-
-Der älteste Süßstoff der Menschheit war der in hohlen Bäumen oder
-Felsklüften von wilden Bienen gesammelte +Honig+. Erst sehr viel später
-lernte der Mensch die mancherlei süßen Säfte, die das Pflanzenreich
-hervorbringt, für sich verwenden. So wird er schon sehr früh
-gelegentlich der Verletzung eines aufschießenden Triebes irgend einer
-Palme beobachtet haben, daß nach einer solchen die Pflanze den zum
-Aufbau des jungen Pflanzenleibes nötigen Nährsaft in Menge aus der
-Wunde hervorträufeln läßt. Dieser schmeckt durch den darin enthaltenen
-Traubenzucker süß und kann, durch Verdampfen des Wassers in einem
-Gefäß eingedickt, als eine bräunliche, krümelige Masse oder, durch
-Alkoholgärung in leicht schäumenden Most verwandelt, als eine Art Wein
-genossen werden. Fast alle Palmen haben einen solchen süßen Saft,
-den sie bei Verletzung des aufschießenden Triebes in Menge spenden.
-So liefert eine einzige auf solche Weise behandelte Kokospalme im
-Jahre mehr als 250 Liter Palmensaft, der ein Fünftel seines Gewichts
-Zucker enthält. Eingedickt liefert er einen vortrefflich mundenden,
-als ~schakara~ bezeichneten +Palmzucker+. Nächst der Kokospalme ist
-die indische Dattelzuckerpalme eine für die Zuckergewinnung besonders
-geschätzte Palmenart. Von ihr sollen jährlich über 65 Millionen kg
-Zucker gewonnen werden, der meist in Indien selbst konsumiert wird.
-
-Eine natürliche Zuckerart, die statt Traubenzucker Mannit enthält,
-ist das +Manna+, das den bei ihrer Wanderung durch die Wüste zu
-verhungern drohenden Juden vom Himmel herabgefallen sein soll. Als für
-sie unerwartete Himmelsgabe fanden sie es an einem Sommermorgen, als
-ihr Hunger aufs höchste gestiegen war, unter den Tamariskenbüschen,
-welche in den Tälern des Sinai, die sie durchzogen, heute noch in
-Menge wachsen. Diese etwa 7 m hoch werdende Mannatamariske (~Tamarix
-mannifera~) produziert diesen Süßstoff spontan nach dem Stiche
-einer bestimmten kleinen Schildlaus (~Coccus manniparus~). Diese
-Tamariskenart ist eine nahe Verwandte der fränkischen Tamariske, welche
-aber nur am Sinai und im Steinigen Arabien, wo sie ganze Wälder bildet,
-jene glänzendweißen, honigsüßen Tropfen in der heißesten Zeit, im Juni
-und Juli, von den von der betreffenden Schildlaus angestochenen Zweigen
-herabträufeln läßt. Nur vor Aufgang der Sonne aufgelesen sind sie von
-der Kühle der Nacht noch in festem Zustand und werden seit Urzeiten von
-den umwohnenden Araberstämmen in lederne Schläuche gesammelt und müssen
-dann sofort an einem kühlen Ort aufbewahrt werden. Die Araber, welche
-sie als man bezeichnen, woraus die Juden das Wort ~manna~ bildeten,
-sammeln davon am Sinai jährlich etwa 250 kg und verzehren sie als ihren
-bevorzugten Leckerbissen mit Brot. Sie sagen, er sei süßer als Honig
-und geben ihn kaum je an Fremde ab. Nun sammeln auch die Mönche des St.
-Katharinenklosters am Sinai davon in lederne Schläuche und benutzen
-es als willkommenen Süßstoff teils selbst, teils verkaufen sie es für
-teures Geld an die gläubigen Pilger, die den Sinai mit dem Serbal, dem
-Berge der Gesetzgebung, besuchen.
-
-Im Orient und im Mittelmeergebiet wächst noch ein anderer natürlicher
-Zuckerspender. Es ist dies die +Manna+- oder +Blütenesche+ (~Fraxinus
-ornus~), deren bis armdicke Zweige durch den Stich der Mannazikade, am
-häufigsten aber durch täglich wiederholte Kreuzschnitte oder mehrfache,
-schief aufsteigende Einschnitte bis ins Holz angezapft werden, wonach
-ein bräunlicher Saft hervorträufelt, der schon nach wenigen Stunden
-durch Verdunstung zu einer weißlichen, kristallinischen Masse von sehr
-süßem Geschmack erhärtet. Es ist dies der Mannazucker, der heute noch
-namentlich in Sizilien und Kalabrien in Kulturgärten gewonnen wird und
-in den Handel kommt, seitdem die Araber, die im Jahre 827 Besitz von
-jener Insel ergriffen, den Eingeborenen jene natürliche Zuckergewinnung
-durch Einschnitte auch an der gewöhnlichen Esche (~Fraxinus excelsior~)
-lehrten. Die beste Sorte ist das Röhrenmanna, das von den dünneren
-Zweigen gewonnen wird, während das von älteren Zweigen gesammelte
-Manna weniger rein ist. Es besteht bis zu 60 Prozent aus Mannit,
-einem zuckerähnlichen Körper, der kein Kohlehydrat ist und sich von
-den echten Zuckerarten durch mehr Wasserstoff und die Unfähigkeit,
-in alkoholische Gärung zu kommen, unterscheidet. Einen ähnlichen
-natürlichen Zuckerspender, dessen Erzeugnis von den Eingeborenen
-gerne gesammelt und gegessen wird, bildet der +australische Manna+-
-oder +Zuckergummibaum+ (~Eucalyptus mannifera~), aus dessen Rinde und
-Blättern Tröpfchen eines mannaartigen Saftes in reichlicher Menge
-hervorquellen. Dieses Manna ist etwas schleimig, weniger süß als die
-echte Manna der arabischen Tamariske und gelinde abführend. Es kommt in
-manchen Gegenden in den Handel.
-
-Obschon außer diesen noch sehr zahlreiche Pflanzensäfte zuckerhaltig
-sind und manchenorts zur Gewinnung von Zucker verwendet werden, kommen
-nur wenige für den Betrieb im großen in Betracht. So hat man in
-Nordamerika, und zwar in Louisiana schon zu Ende des 18. Jahrhunderts
-begonnen, aus dem Safte des wildwachsenden +Zuckerahorns+ (~Acer
-saccharinum~) Zucker zu gewinnen, und in Europa liefert der Spitzahorn
-und Silberahorn ebenfalls Zuckersaft, der namentlich früher in größeren
-Mengen gewonnen und auf Zucker verarbeitet wurde. Zu diesem Zwecke
-bohrt man Ende Januar und im Februar 30-45 cm über der Erde an mehreren
-Stellen schräg aufwärts gerichtete Bohrlöcher von 4 cm Tiefe in den
-Stamm und steckt Röhrchen hinein, die den Saft in untergestellte Gefäße
-leiten. Der Ausfluß des Saftes dauert für jeden Stamm fünf Tage, dann
-vernarbt die Wunde. Nach vielen Versuchen ist diese Operation ohne
-erkennbaren Nachteil für den Baum und kann bis Mitte März, bis sich
-die Blätter entwickeln, ausgeübt werden. Der so erhaltene Saft ist
-wasserklar und enthält bis 5 Prozent Zucker, so daß aus 20 kg Saft bis
-1 kg Rohzucker gewonnen werden kann. In Amerika gibt ein Baum etwa
-2,5-3 kg Zucker. In Ungarn lieferten 200 Bäume 39 kg sehr schönen
-Rohzucker und dazu noch Sirup im Wert von etwa 12 kg Rohzucker. Als der
-Rübenzucker noch nicht aufgekommen war, spielte diese Zuckergewinnung
-eine wichtige Rolle. So erreichte die Ahornzuckerproduktion der
-Vereinigten Staaten Nordamerikas im Jahre 1840 gegen 18 Millionen kg,
-nahm aber seither bedeutend ab. In Kanada beträgt die Jahresproduktion
-immer noch 3-3,5 Millionen kg und für das gesamte Nordamerika 5
-Millionen kg -- meist aus dem Steinahorn, im Westen auch aus dem
-Weichahorn. Diese Bäume, die 30-40 m hoch werden, gedeihen am besten
-auf fruchtbarem Ackerboden, sind meist durch den Wald in Gruppen
-zerstreut, seltener bilden sie geschlossene Waldungen. Im Vorfrühling,
-zur Zeit der kalten Nächte und der allmählich wärmer werdenden Tage,
-dem sogenannten „Zuckerwetter“, beginnt der Saft in den Bäumen zu
-steigen. Um diese Zeit trifft man die Vorbereitungen zur Zuckerernte.
-Mit den nötigen Geräten beladen rücken die Zuckersieder zu zweien oder
-dreien in die Wälder. Der eine bohrt die Bäume an und schafft immer
-frischen Saft herbei, den der andere in einem großen Kessel einkocht.
-Ist ein Dritter vorhanden, so besorgt der die kleinen Handreichungen,
-schafft die nötigen Lebensmittel herbei und kocht. Nach zwei bis
-drei Monaten kehren sie wieder zurück, häufig mit einem Ergebnis von
-750-1000 kg Zucker, der, auf so kunstlose Art gewonnen, braun ist, aber
-durch geringe Beimengungen von Apfelsäure einen so angenehmen Geschmack
-aufweist, daß er höher geschätzt wird als der gewöhnliche weiße Zucker,
-den man übrigens durch Raffinieren sehr leicht aus ihm gewinnen kann.
-
-In Frankreich stellte man zur Zeit der Kontinentalsperre aus dem
-ausgepreßten Safte des +Mais+ Zucker her, wie einst in den Nordstaaten
-Amerikas vor dem Bürgerkriege aus demjenigen des +Sorghum+ oder der
-+Mohrenhirse+ (~Andropogon sorghum~), einer Art Bartgras. Durch den
-aus dem letzteren gewonnenen Zucker wollte man dem aus dem Zuckerrohr
-der Südstaaten hergestellten Konkurrenz machen und damit der Sklaverei
-selbst einen Stoß versetzen. Man gewinnt daraus in der Tat einen
-vortrefflichen Sirup und die Rückstände bilden ein ausgezeichnetes
-Viehfutter; bloß die Gewinnung eines kristallisierten Zuckers stößt auf
-Schwierigkeiten. Erst nach vollendeter Reife der Samen kann man fast
-zwei Drittel des etwa 9 Prozent des Saftes betragenden Zuckergehalts
-in kristallisiertem Zustand gewinnen. Doch ist dann der Stengel schon
-stark verholzt und muß gebrüht werden, um als Viehfutter dienen zu
-können.
-
-Viel rationeller ist es, den Saft des dem Sorghum nahe verwandten
-~Zuckerrohrs~ und der +Zuckerhirse+ zur Gewinnung von Zucker zu
-verarbeiten. Das taten denn auch seit wenigstens der Mitte des letzten
-vorchristlichen Jahrhunderts die Hindus in Indien, wo die griechischen
-Begleiter Alexanders des Großen nach dem Überschreiten des Indus im
-Jahre 327 v. Chr. im Pandschab, d. h. Fünfstromland, wie gemeldet wird,
-als erste Europäer „an festem Honig sich labten, der nicht von Bienen
-stammte“. Immerhin kann diese gelbbraune Substanz auch Palmenzucker
-gewesen sein. Jedenfalls ist dies die früheste Nachricht, die wir von
-einer durch Eindampfen von süßen Pflanzensäften gewonnenen Zuckerart
-besitzen. Der Schüler des bedeutenden Lehrers Alexanders des Großen,
-Aristoteles, und nach dessen Tod im Jahre 322 Haupt der peripatetischen
-Schule, zugleich der erste namhafte Botaniker, Theophrastos (390-286
-v. Chr.), berichtet als erster von einem „süßen Salz, das sich in
-Indien von selbst aus einer rohrartigen Pflanze erzeuge“. Damit kann
-nur der Rohrzucker gemeint sein. Nach ihm ist von den Schriftstellern
-des Altertums, die das Zuckerrohr erwähnen, der bedeutendste Gelehrte
-Roms, Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.), zu nennen, der schreibt:
-„In Indien wächst ein Rohr von mittlerer Baumhöhe, aus dessen zähen
-Wurzeln man einen Saft preßt, der dem Honig an Süßigkeit gleichsteht.“
-Dann berichtet der Erzieher und Leiter des jugendlichen Nero, Lucius
-Annaeus Seneca (2-65 n. Chr.), in seiner 84. Epistel: „In Indien soll
-in den Blättern einer Rohrart ein Honig gefunden werden, der entweder
-vom Taue jenes Himmels, oder aus dem süßen Safte des Rohres stammt.“
-Der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon aus Amasia
-in Pontos meldet: „Megasthenes spricht von einem in Indien wachsenden
-großen Rohr, welches süß ist, und er glaubt, diese Süßigkeit sei
-die Folge der Sonnenhitze, welche den Saft der dortigen Pflanzen
-einkoche. Er spricht auch von einem Rohr, das ohne Zutun der Bienen
-Honig gibt.“ Der um die Mitte des 1. christlichen Jahrhunderts lebende
-griechische Arzt Dioskurides aus Anazarbos in Kilikien erwähnt in
-seiner reichhaltigen Arzneimittellehre: „Eine Art Honig, die man
-~sáccharon~ nennt, findet sich in Indien und dem Glücklichen Arabien
-auf Rohr. Die Masse sieht aus und kaut sich zwischen den Zähnen wie
-Salz. Sie löst sich in Wasser auf und ist dem Magen, der Blase und den
-Nieren gesund.“ Sein Zeitgenosse, der ältere Plinius, sagt: „Das beste
-~sáccharon~ erzeugt Indien; es kommt aber auch in Arabien vor. Es ist
-eine Art Honig, der sich in einer Rohrart sammelt, weiß wie Gummi ist,
-zwischen den Zähnen bricht, höchstens in Stücken von Haselnußgröße
-vorkommt und nur als Arznei dient.“ Der große Arzt Claudios Galenos
-(geb. 131 in Pergamon, praktizierte daselbst, dann in Rom, wo er ums
-Jahr 200 verstarb) meint: „Das sogenannte ~sacchar~, das aus Indien und
-dem Glücklichen Arabien gebracht wird, ist, wie man sagt, eine sich an
-Rohr findende verhärtete Masse, eine Art Honig, doch nicht so süß wie
-unser Honig, hat jedoch ungefähr dieselben arzneilichen Eigenschaften,
-bekommt aber dem Magen besser.“ Endlich schreibt der griechische
-Kriegsschriftsteller Aelianus, der unter Trajan, der von 98-117
-regierte, lebte: „Das eigentliche Getränk der indischen Elefanten ist
-Wasser; die für den Krieg bestimmten bekommen aber Wein, der nicht aus
-Trauben, sondern aus Reis und einem Rohr bereitet ist.“
-
- Tafel 57.
-
-[Illustration:
-
- (Nach Phot. von R. v Wettstein.)
-
-Verwildertes blühendes Zuckerrohr in Brasilien.]
-
- Tafel 58.
-
-[Illustration: Zuckerrohrernte auf Jamaika.
-
-Zuckerrohrernte auf den Antillen.]
-
-Alle diese auf uns gekommenen Mitteilungen des Altertums über den
-indischen Rohrzucker, denen der Vollständigkeit wegen noch die Angabe
-des zu Beginn des 2. christlichen Jahrhunderts lebenden Arztes Gallus
-hinzuzufügen ist, daß man das indische Salz als kostbare Medizin bei
-Krankheiten verwende, lassen mit großer Deutlichkeit erkennen, daß der
-indische Rohrzucker noch in der römischen Kaiserzeit sehr selten und
-deshalb teuer war, wohl als Arznei, aber keineswegs als alltäglich
-gebrauchter Süßstoff Verwendung fand. Als solcher diente das alte
-Süßungsmittel, der Honig, der noch das ganze Mittelalter hindurch bis
-in die Neuzeit bei uns den gewöhnlichen Süßstoff zur Bereitung von
-Kuchen und süßen Getränken bildete. Alle altertümlichen Gebäckarten,
-wie Pfeffer- und Lebkuchen, Leckerli und Honigbrötchen enthalten stets
-Honig statt Zucker.
-
-Das +Zuckerrohr+ (~Saccharum officinale~) ist eine unserem Schilfrohr
-sehr ähnliche Grasart, deren Heimat Südasien, speziell die heiße
-Niederung von Bengalen ist, jenes von den Schmelzwässern des
-Himalaja reich bewässerte Land, das wegen seiner unerschöpflichen
-Fruchtbarkeit von jeher als der Garten Indiens gepriesen wurde. Hier
-wurde das Zuckerrohr ursprünglich, wie später in China, auf den
-Philippinen und den Südseeinseln, als Nahrungspflanze gezogen und erst
-nachträglich bloß zur Gewinnung des aus ihm gepreßten süßen Saftes
-im großen kultiviert, und zwar ausschließlich durch Stecklinge, so
-daß die Pflanze im Laufe der mehr als 3000 Jahre, während welcher
-sie auf ungeschlechtlichem Wege vermehrt wird, die Fähigkeit, Samen
-hervorzubringen, ganz eingebüßt hat.
-
-Aus Nordindien kam das Zuckerrohr gegen das Ende des 3. Jahrhunderts
-n. Chr. nach China, und zwar im Jahre 286 als Tribut des Königreichs
-Funam in Indien. Ein von 627-650 n. Chr. herrschender chinesischer
-Kaiser entsandte dann einen Gelehrten nach der indischen Provinz Behar,
-um dort die Zuckerfabrikation zu studieren. Zweihundert Jahre später
-als nach China drang die Kultur des Zuckerrohrs nach Südpersien und
-Arabien vor. In Persien wurde die indische Bezeichnung ~schakara~ (im
-altindischen Sanskrit noch ~sarkura~) in ~schakar~, im Arabischen in
-~sukkar~, als welches es sich mit dem zu a abgekürzten arabischen
-Artikel al als ~azucar~ im Spanischen und Portugiesischen erhielt,
-während es im Englischen zu ~sugar~, im Italienischen zu ~zucchero~,
-im Deutschen zu Zucker und im Französischen zu ~sucre~ wurde. Das
-griechische ~sáccharon~, das als ~saccharum~ ins Lateinische überging,
-steht dem persisch-indischen ~schakara~ noch näher.
-
-Im 6. Jahrhundert n. Chr. war der Anbau des Zuckerrohrs von seinem
-Ursprungsherde Indien westlich bis Gondisapur am persischen Meerbusen
-vorgedrungen, wohin sich die Nestorianer geflüchtet hatten, als
-das Konzil zu Ephesus im Jahre 431 ihre Lehre, wonach zwischen der
-göttlichen und menschlichen Natur in Christus scharf zu unterscheiden
-sei, für ketzerisch erklärt und ihr Haupt, den Patriarchen Nestorius
-von Byzanz, abgesetzt und verbannt hatte. Sie führten dem Orient die
-Keime klassischliterarischer und wissenschaftlich medizinischer Bildung
-zu, namentlich auch die Anfangsgründe chemischer Kenntnisse. Die
-durch rege Schiffahrt unterhaltenen Beziehungen der Stadt Gondisapur
-zu Indien bewirkten zugleich, daß sich der Einfluß der indischen
-Arzneilehre dort geltend machte und eine Akademie erblühte, die nicht
-nur die Traditionen der griechischen Medizin und Naturwissenschaften
-in sich aufnahm, sondern dieselben auch, mit den indischen Kenntnissen
-befruchtet, wesentlich förderte. Hier wurde allem Anscheine nach die
-Kunst der Zuckerraffinerie erfunden, wie der persische Name „~kand~“
-für den gereinigten Zucker -- in unserer Bezeichnung Zuckerkandel
-beziehungsweise Kandiszucker noch zu erkennen -- vermuten läßt.
-
-In der Folge waren es die Araber, welche das Zuckerrohr in größeren
-Mengen pflanzten, um Zucker daraus zu gewinnen. So soll der Kalif
-Mostadi ben Villa von Bagdad bei den prunkvollen Festlichkeiten zu
-Ehren seiner Vermählung im Jahre 1087 einen so großen Tafelaufsatz aus
-Konfekt haben herstellen lassen, daß zu seinem Aufbau 5000 kg Zucker
-nötig waren. Wenn auch dieser Bericht zweifellos eine von der blühenden
-orientalischen Phantasie diktierte Übertreibung darstellt, so kann doch
-schlechterdings nicht bezweifelt werden, daß die Araber den Zucker
-schon in beträchtlicher Menge gewonnen haben müssen. Bei ihnen lernten
-ihn die Abendländer auf ihren Kreuzzügen im Morgenlande kennen. So
-meldet uns der Mönch Albertus Aquensis, daß die Kreuzfahrer im Gelobten
-Lande aus Mangel an anderen Nahrungsmitteln „süßes, honigreiches
-Schilfrohr“, das sie da und dort im Lande der Ungläubigen angepflanzt
-fanden, also Zuckerrohr gekaut hätten, um dessen Saft zu schlürfen.
-Nach Venedig gelangte der erste Zucker im Jahre 996 aus Alexandrien.
-Dort soll er später aus seinem rohen Zustand, wie ihn die Araber
-lieferten, in die heute noch gebräuchliche Kegelform des Zuckerhutes
-gebracht worden sein. Durch die Vermittlung der venezianischen
-Kaufleute wurde er dann nach der Zeit der Kreuzzüge auch im Abendlande
-bekannt; aber auch hier fand er wie einst im Morgenlande vorzugsweise
-nur ärztliche Verwendung als kostbares Heil- und Stärkungsmittel. Ja
-er war noch zu Ende des 17. Jahrhunderts so teuer, daß man sich in
-Deutschland nur in den vornehmsten Haushaltungen seiner bediente.
-
-Das Zuckerrohr selbst brachten die Araber im 8. Jahrhundert nach
-Ägypten (766 wuchs es schon bei Assuan in Oberägypten), ganz Nordafrika
-und sogar (714) nach Spanien und im 9. Jahrhundert nach Zypern,
-Rhodus, Kreta, Malta, Sizilien und Kalabrien. In Sizilien blieb dessen
-Kultur auch nach der Vertreibung der Araber bestehen. So schenkte
-König Wilhelm II. von Sizilien dem Kloster St. Benedikt bei Palermo
-im Jahre 1166 eine -- jedenfalls von den Arabern eingerichtete --
-Mühle zum Zerquetschen des Zuckerrohrs mit Privilegien, Arbeitern
-und Zubehör. In Venedig, das in sehr regen Handelsbeziehungen mit
-dem muhammedanischen Orient stand, lassen sich bereits im Jahre 1150
-Zuckerbäcker nachweisen. Die drei wichtigsten Produktionsländer des
-Zuckers im Mittelalter waren Syrien, Ägypten und Zypern, von wo ihn die
-Handelsschiffe der Venezianer holten, um ihn den Völkern Mitteleuropas
-zu vermitteln. Die Bedeutung dieser Länder schwand erst als Vasco da
-Gama im Jahre 1498 den direkten Weg nach Ostindien um das Kap der Guten
-Hoffnung fand und der Zwischenhandel mit indischem Zucker und den
-mancherlei im Abendlande so überaus beliebten Gewürzen in die Hände
-der Portugiesen fiel. Damit war der dominierende handelspolitische
-Einfluß Venedigs und damit seine Seemacht für immer gebrochen; an
-Stelle des Mittelmeeres wurde der Atlantische Ozean der Schauplatz des
-Weltverkehrs.
-
-Der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer ließ das Zuckerrohr
-im Jahre 1420 nach der damals neu entdeckten Insel Madeira schaffen;
-von da gelangte es bald nach den Kanaren, wo in der Folge eine
-besonders feine Sorte Zucker erzeugt wurde. Daher rührt die Bezeichnung
-Kanarienzucker für die feinste Sorte. Von den kanarischen Inseln
-verbrachte Kolumbus das Zuckerrohr auf seiner ersten Reise 1490, die
-mit der Entdeckung des neuen Weltteils gekrönt wurde, nach San Domingo,
-wo er es auf seiner zweiten Reise im Jahre 1495 gut gedeihend antraf.
-Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde es nach den übrigen westindischen
-Inseln, 1531 durch die Jesuiten zugleich mit den dasselbe anbauenden
-Negern nach Brasilien und 1553 durch Cortez nach Mexiko verbracht, wo
-die Eingeborenen bereits aus Mais Zucker zu gewinnen verstanden. Im
-ganzen tropischen Amerika, besonders auf den westindischen Inseln,
-gedieh es in der Folge so gut, daß diese Länder, schon von 1570 an,
-eine solche Menge Zucker auf den Weltmarkt brachten, daß Sizilien
-seine Zuckerproduktion ums Jahr 1580 einzustellen begann, da es
-gegen die überseeische Produktion in Amerika nicht mehr anzukämpfen
-vermochte. Selbst Ostindien konnte nicht mehr mithalten und mußte
-seine Zuckerproduktion verkleinern, da sein Zucker für Europa zu
-teuer zu stehen kam. Diese gewaltige Zuckerproduktion, womit es alle
-Konkurrenten aus dem Felde schlug, war Amerika nur durch die beständige
-Zufuhr von Negersklaven aus Afrika ermöglicht, die hier als billiges
-Arbeitsmaterial auf den Plantagen verwendet wurden. Länder, die zu
-dieser Kultur freie Arbeiter anstellen mußten, konnten mit jenem Lande
-nicht konkurrieren.
-
-Obschon alles heute gebaute Zuckerrohr von derselben Art abstammen
-muß, sind im Laufe der Zeit unter den Einwirkungen des veränderten
-Bodens und Klimas die mannigfaltigsten, hauptsächlich an Unterschieden
-der Farbe des Stengels kenntliche Varietäten entstanden, die stets
-nur durch Stecklinge vermehrt werden, wozu man meist die obersten,
-ausnahmsweise auch die untersten Glieder mit 2-3 Augen des knotigen,
-saftreichen, nicht hohlen Stengels verwendet. Daraus erwachsen Pflanzen
-mit ausdauernden dicken, knotigen, dicht verschlungene Rasen bildenden
-Wurzeln, 4-5, ganz ausnahmsweise bis 12 Stück 3-4, in seltenen Fällen
-auch 6 m hoher und 3-5 cm dicker, runder, knotig gegliederter Halme mit
-einem lockeren, zelligen, saftigen Mark, von einer dichten, festen,
-glatten und glänzenden Oberhaut bedeckt, die in der Jugend mit einem
-weißen Reif versehen ist. Oben sind die Halme hellgrün und durchlaufen
-nach unten zu alle Nuancen durch Purpur bis zum welken Gelb bei der
-Reife. Die Farbe ist bei den verschiedenen Spielarten bald grün, bald
-gelb oder violett, bald purpurn oder verschiedenfarbig gestreift.
-Die mit ihrer Basis an den Knoten den Halm 30 cm hoch scheidenartig
-umfassenden Blätter sind 1,25-1,3 m lang, 6-7 cm breit, glatt, sehr
-fein, aber scharf gezähnt mit einer breiten, weißlichen, auf dem Rücken
-gewölbten Mittelrippe. In dem Maße wie der Halm wächst, dorren die
-unteren Blätter ab, bis das Rohr zur Ernte reif ist. Dabei hat der
-Stengel, der allein Verwendung findet, unten eine Dicke von 6 cm und
-unter Umständen ein Gewicht von 10 kg und darüber erreicht. Er enthält
-nur bis zu einer gewissen Höhe hinauf Zucker. Gipfel und Blätter bergen
-zwar auch viel Saft, aber keinen süßen.
-
-Das Zuckerrohr wird schon so lange vom Menschen angepflanzt, daß
-es wohl gelegentlich verwildert, wie auf einzelnen Inseln des
-Großen Ozeans, aber nirgends mehr wild angetroffen wird. Am besten
-gedeiht es in einem feuchtwarmen Klima mit verhältnismäßig hoher
-Bodenfeuchtigkeit, die man zum Teil auch durch künstliche Bewässerung
-erreichen kann. Der Boden muß, wie eingehende Versuche ergaben, neben
-den Silikaten des Aluminiums und Kaliums namentlich Kalk enthalten,
-der bei Fehlen durch Düngung, z. B. von Gips, ersetzt werden muß. In
-solchen tief umgegrabenen, jungfräulichen oder gut gedüngten Boden
-werden die Stecklinge in 1-1,25 m voneinander abstehenden Rinnen in
-60-65 cm Abstand beinahe horizontal eingesteckt. Fällt nur spärlicher
-Regen, so müssen sie sorgfältig begossen werden; ist dagegen ein
-Überschuß von Feuchtigkeit vorhanden, so muß dieser durch die Rinnen
-abgeleitet werden, damit dem Verfaulen der Stecklinge vorgebeugt werde.
-Die Wurzeln beginnen sich rasch zu entwickeln und bald schießt der
-erste Stengel empor; erst wenn dieser eine Höhe von 50 cm erreicht hat,
-entwickeln sich noch 4-5 oder mehr Seitenstengel, die aber an Stärke
-hinter dem Hauptstengel zurückstehen.
-
-Die Zuckerrohrpflanzung muß während des ersten Wachstums des Rohrs
-durch Jäten des üppig wuchernden Unkrauts und durch Behäufeln der
-Pflanze, um sie vor dem Austrocknen zu schützen, sorgfältig gepflegt
-werden, bis die Blätter der Pflanze so hoch geworden sind, daß sie
-genug Schatten werfen, um damit das Unkraut unterdrücken zu können.
-Dann ist das Jäten nicht mehr nötig. Werden die Pflanzen größer, so
-nimmt man ihnen ihre untersten Blätter, damit die Sonne bis zum Stengel
-dringe und einen möglichst großen Zuckergehalt in ihm bewirken könne,
-dann aber auch, um diese abgebrochenen, großen Blätter horizontal auf
-den Boden unter die Pflanzen zu legen, damit wenn sie sich neigen
-sollten, ihre Knoten nicht Wurzel schlagen können, wodurch das Rohr an
-Zuckergehalt bedeutend verlieren würde. Nach etwa acht Monaten haben
-die Rohrstengel ihre volle Größe erreicht. Von da an muß das Wetter
-möglichst trocken sein, damit sich reichlich Zucker in den Stengeln
-ansammle.
-
-Die Ernte beginnt +vor+ der Blütezeit, wenn sich das Rohr und die
-mittleren stehen gebliebenen Blätter desselben gelb zu färben beginnen.
-Die Blüten würden nach etwa zehn Monaten in Form von 60 cm langen,
-buschartigen, aus sehr zahlreichen Einzelblütchen bestehenden Rispen
-nur bei einigen wenigen kultivierten Zuckerrohrsorten zum Vorschein
-kommen. Die meisten Sorten blühen aber überhaupt nicht mehr, da aus
-technischen Gründen durch Jahrhunderte hindurch das Rohr vor der
-Ausbildung der Blüte abgehauen wurde und sich die Pflanze so allmählich
-daran gewöhnte, diese überhaupt nicht mehr zu bilden. Noch viel
-seltener bringt sie Früchte hervor; diese sind vielmehr wie die Keimung
-derselben erst in jüngster Zeit beobachtet worden.
-
-Beginnen die mittleren Blätter zu welken und schwellen die unteren,
-besonders viel Zucker enthaltenden Stengelglieder von dem in ihnen
-angehäuften Safte an, so wird das Zuckerrohr abgehauen. In Abteilungen
-verteilt streifen die Arbeiter erst die Blätter von den Stengeln ab
-und hauen dann mit großen, im romanischen Amerika ~machete~ genannten
-Buschmessern das Rohr an der Wurzel ab, während andere die noch
-unreifen Spitzen desselben abschneiden. Dann werden die Stengel, zu
-Bündeln vereinigt, auf Maultierkarren nach dem Zuckerhause gebracht, wo
-sie zuerst gewogen und der Zuckergehalt in ihnen bestimmt wird, damit
-der Fabrikant berechnen könne, wieviel kristallisierbaren Zucker sie
-liefern werden. Die Stengel des Zuckerrohrs enthalten nämlich gegen 90
-Prozent Saft und in diesen 18-20 Teile Rohrzucker. Von diesem letzteren
-werden indessen höchstens 8-10 Prozent gewonnen, beinahe die Hälfte
-desselben geht bei der mangelhaften Gewinnungsmethode verloren, gegen 6
-Prozent bleiben allein im Rohr zurück.
-
-[Illustration: Bild 33. Eine Zuckerfabrik im 16. Jahrhundert: Das
-Ausquetschen des Zuckerrohrs.
-
-(Nach Piso und Marggraf, ~Historia nat. Brasiliae~. Elzevir. 1648.)]
-
-[Illustration: Bild 34. Eine Zuckerfabrik im 16. Jahrhundert. Das
-Einsieden des aus dem Zuckerrohr gepreßten Saftes.
-
-(Nach Piso und Marggraf, ~Historia nat. Brasiliae~. Elzevir. 1648.)]
-
-In der Fabrik werden die Zuckerrohrstengel zunächst zwischen zwei
-kannelierten Stahlwalzen -- früher bediente man sich dabei hölzerner
-Walzen -- zerquetscht und vermittelst hydraulischer Pressen der Saft
-ausgedrückt. Dieser letztere gelangt dann in mehrere, etwas tiefer
-liegende offene Pfannen, in denen er durch Verdampfen des Wassers zu
-Sirupkonsistenz eingedickt wird. Weil er wegen seines Eiweißgehaltes
-leicht in Gärung übergeht und dann sauer wird, versetzt man ihn in
-der Pfanne sofort mit etwas gelöschtem Kalk (2 kg auf 360 Liter
-Saft). Während des starken Kochens steigen alle Unreinigkeiten mit
-dem geronnenen Eiweiß als Schaum an die Oberfläche und werden mit
-großen, flachen Kellen abgeschöpft. Ist der Saft so weit eingedickt,
-daß er beim Abtröpfeln Fäden zieht, so wird er so rasch als möglich in
-hölzerne Kühltröge geschöpft, wo er schnell zum braunen +Rohzucker+,
-~Muscovado~ genannt, auskristallisiert. Im Filtrierzimmer stehen große
-Fässer mit fein durchlöchertem Boden auf einem Gerüst über einem
-Bassin. In diese Fässer wird nun die konzentrierte Rohzuckerlösung
-gebracht und einige Zeit stehen gelassen. Dabei scheidet sich der
-Zucker kristallinisch als bräunliche, krümelige Masse aus, und der
-nicht kristallisierbare Teil wird zuletzt als bräunlicher Sirup,
-+Melasse+ genannt, ablaufen gelassen. Nun hat man die Erfahrung
-gemacht, daß je länger die Rohrzuckerlösung der Luft ausgesetzt bleibt,
-um so weniger Zucker sich in Kristallform ausscheidet und um so mehr
-flüssig bleibender Sirup sich bildet. Daher kam man auf die Neuerung,
-den Zuckersaft in luftleer gepumpten Pfannen, sogenannten Vakuumpfannen
-einzudicken. So bildet sich nur noch wenig Melasse, die dann durch
-Zentrifugieren aus dem krümelig auskristallisierten Rohzucker entfernt
-wird. Erfrorene und unreif geerntete Rohre geben viel Melasse. Aus
-dieser Melasse, die auch beim Vakuumverfahren immer noch meist
-über fünf Prozent des gesamten gewonnenen Zuckers beträgt, wird,
-soweit er nicht als solcher in den Handel gelangt, um in den ärmeren
-Haushaltungen an Stelle von Honig verwendet zu werden, durch Verdünnen
-mit Wasser und Vergärenlassen +Rum+ gebrannt. Wird der Rohrzucker durch
-Sieden und Läutern in mit feuchtem Ton bedeckten Gefäßen noch mehr
-gereinigt, so heißt er +Kassonade+, +Farin+ oder +Farinzucker+, auch
-+Mehl-+ oder +Puderzucker+.
-
-Dieser Zucker wird nun meist erst in Europa in besonderen
-Zuckerraffinerien noch weiter geläutert und gereinigt und in weißen
-+Hutzucker+ verwandelt. Die erste Raffination ergibt den Lumpenzucker
-und die zweite den Melis, so genannt nach der Insel Melita-Malta, wo
-die Araber einst Zuckerraffinerien besaßen und diese Methode übten. Der
-feinste gereinigte Zucker heißt +Raffinade+ oder +Feinzucker+, dessen
-beste Sorte der nach den gleichnamigen, einst durch ihre Zuckerkultur
-ausgezeichneten Inseln genannte Kanarienzucker ist. +Kandiszucker+, der
-nach dem persischen Worte ~kand~ für gereinigten Zucker so genannte
-kristallisierte Zucker, wird dadurch erzeugt, daß man in eine stark
-eingedickte Zuckerlösung, in welcher noch kein Zucker zur Ausscheidung
-gelangte, Fäden hineinhängt, an denen der Zucker in vielseitigen
-Prismen auskristallisiert. Da man beim Sieden des Zuckers sehr viel
-Heizmaterial verbraucht, so verwendet man dazu die als +Bagasse+
-bezeichneten trockenen, holzigen Fasern des Zuckerrohrs, die nach der
-Auspressung des Saftes als Abfall zurückbleiben.
-
-Die gesamte Rohrzuckerfabrikation der Welt wird auf 5 Milliarden kg
-geschätzt, von denen Westindien und danach Niederländisch-Indien
-und Hawai das meiste liefern. Es würde uns nun zu weit führen, hier
-aufzuzählen, zu welch großer Bedeutung der Zucker, besonders nach der
-Einführung von Kaffee, Tee und Schokolade, in der Kulturwelt gelangt
-ist und wie er auch bei der Herstellung der mancherlei Gebäcke nach und
-nach den früher hierfür ausschließlich verwendeten Honig verdrängte.
-Noch im 17. Jahrhundert war er so teuer, daß alle weniger Bemittelten
-sich mit Honig oder der als Abfall bei der Zuckerraffinerie gewonnenen
-Melasse begnügen mußten. Da er sich nun nicht bloß als Genußmittel,
-sondern als Nahrungsmittel von hohem Nährwert erwies, den sich
-verschaffen zu können alle Volksschichten anstrebten, mußte es von
-unseren Voreltern als eine große Kalamität empfunden werden, als zu
-Beginn des vorigen Jahrhunderts durch die von Napoleon I. aufgebrachte
-Kontinentalsperre alle Handelsverbindungen Englands und seiner
-Kolonien mit dem europäischen Festlande lahmgelegt wurden und dadurch
-die Einfuhr von Kolonialzucker ganz außerordentlich eingeschränkt
-wurde. Mit den übrigen Kolonialwaren wurde der Zucker so teuer, daß
-ein Pfund desselben 4 Mark kostete. Da suchte man notgedrungen aus
-einheimischen zuckerhaltigen Pflanzen diesen Stoff zu gewinnen. Von
-diesen erwies sich in der Folge die +Runkelrübe+ als das geeignetste
-Ausgangsmaterial, auf deren Zuckergehalt zuerst der Chemiker Marggraf
-in Berlin im Jahre 1747 aufmerksam gemacht hatte. Allerdings gewann
-er aus den Rüben nur etwa 6 Prozent Zucker. Nach vielen vergeblichen
-Versuchen, diesen Zuckergehalt der Rüben im großen auszubeuten,
-gelang es erst in den 1820er Jahren, die +Rübenzucker+industrie mit
-günstigem Erfolge zu betreiben und aus dem Safte der Runkelrüben, die
-bald zu eigentlichen Zuckerrüben veredelt wurden, einen Zucker von
-untadelhafter Beschaffenheit zu gewinnen.
-
-Den Grund zu dieser Neuerung legte im Jahre 1801 Marggrafs Schüler
-Friedrich Karl Achard, der mit Unterstützung des Königs Friedrich
-Wilhelms III. von Preußen, welcher die Bedeutung der einheimischen
-Zuckererzeugung erkannt hatte, auf dem Gute Kunern bei Breslau in
-Niederschlesien zuerst Runkelrüben zur Zuckergewinnung pflanzte und
-eine Zuckerrübenfabrik errichtete, nachdem er schon 1796 auf seinem
-Gute Kaulsdorf bei Berlin Rübenzucker hergestellt hatte. Doch betrug
-die Ausbeute an Zucker zunächst nur 2-3 Prozent und die Fabrikation
-hatte auch sonst mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Zu
-Hilfe kam ihr nun die durch die Kontinentalsperre hervorgerufene
-Zuckerteuerung. Ihr Verursacher, Kaiser Napoleon I., hatte selbst
-einen Preis von einer Million Franken für die gelungene Darstellung
-von Zucker aus inländischen Pflanzen ausgesetzt. Durch diese doppelte
-Aussicht gereizt und durch den ungeheuren Eingangszoll auf Rohrzucker
-begünstigt, der diesen, den man doch nicht entbehren mochte, ganz
-fabelhaft verteuerte, lernte man trotz der geringen Ausbeute doch
-nach und nach Nutzen ziehen. Von ganz wesentlichem Einflusse wurde
-dabei die Entdeckung der günstigen Wirkung, welche der Zusatz von
-Knochenkohle bei der Behandlung des Zuckersaftes auszuüben vermag. Die
-französische Regierung, die selbst im Besitze von Kolonien war, welche
-Rohrzucker, wenn auch in mäßigen Mengen, erzeugten, kam freilich in
-Verlegenheit, ob sie hinsichtlich der Zuckerfabrikation die Kolonien
-gegen das Mutterland oder das Mutterland gegen die Kolonien schützen
-solle. Zuletzt aber behielt auch bei ihr die Verpflichtung zum Schutze
-der einheimischen Rübenzuckerindustrie die Oberhand und diese hat
-ihr die Begünstigung auch reichlich vergolten. So wurde Frankreich
-neben Deutschland das erste Land, in welchem die Runkelrübe zur
-Zuckergewinnung angepflanzt wurde. Seit dem Jahre 1811 besaß es eine
-ansehnliche Zahl von Rübenzuckerfabriken, besonders nachdem Delessert
-das Darstellungsverfahren von Zucker aus dem Rübensafte vervollkommnet
-hatte. Aber nach Aufhebung der Kontinentalsperre gingen auch hier wie
-in Deutschland die meisten Rübenzuckerfabriken ein.
-
-Erst vom Jahre 1820 datiert der neue Aufschwung und der schließlich
-großartige Erfolg der Rübenzuckerindustrie, so daß heute in ganz Europa
-von den Ufern der Garonne bis zum Ural zahlreiche Rübenzuckerfabriken
-bestehen und selbst England angefangen hat, Rübenzucker herzustellen,
-obschon gerade dieses Land alle Ursache hätte, dem Zucker seiner
-Kolonien keine Konkurrenz zu machen. Seit dem Jahre 1850 bis heute
-hat sich die Rübenzuckerindustrie mehr als verdreißigfacht, so daß
-Mitteleuropa, speziell Deutschland, nicht bloß seinen eigenen Bedarf
-deckt, sondern noch viel Zucker auszuführen vermag. Dabei liefert
-der Rübenzucker ein Produkt, das dem besten Rohrzucker an Güte nicht
-im mindesten nachsteht, und zwar benötigt man zur Herstellung von
-1 Zentner Rohzucker durchschnittlich 12,5 Zentner Zuckerrüben. Es
-ist dies eine heute durch Zucht spezialisierte, d. h. in bezug auf
-Zuckergehalt bedeutend angereicherte Runkelrübe, welche am besten auf
-gründlich gepflügtem und fleißig geeggtem, fettem, lehmigem Boden
-gedeiht, der tüchtig gedüngt werden muß, da die Rüben demselben
-reichlich Nährsalze entziehen. Im März wird die Zuckerrübe ausgesät.
-Bald kommen die jungen Pflanzen zum Vorschein. Mehrmals muß nun zuerst
-von Hand, dann mit der Hacke gejätet, dabei auch die zu eng stehenden
-Pflänzchen ausgedünnt werden. Wenn die Rübe eine bestimmte Größe
-erreicht hat, wird sie ein- oder zweimal behäufelt, wobei derjenige
-Teil der Pfahlwurzel, der über die Erde hervorragt, mit Erde bedeckt
-wird. Man hat nämlich durch zahlreiche Versuche festgestellt, daß das
-Licht umgekehrt wie bei den Stengeln des Zuckerrohrs nachteilig für die
-Zuckerbildung in der fleischigen Pfahlwurzel der Runkelrübe ist. Diese
-nimmt nach und nach an Umfang zu und in demselben Maße wächst auch ihr
-Zuckergehalt, der schließlich durch Kultur und fortwährende Auslese
-der süßesten Sorten von ursprünglich 6 auf 14, ja sogar 18 und 20
-Prozent stieg.
-
-Gewöhnlich läßt man die Rüben nur mäßig groß werden. Sobald der
-Zuckergehalt in ihrer Wurzel seinen Höhepunkt erreicht hat, werden sie
-aus dem Boden gepflügt. Dann werden an ihnen die Blätter und die Krone
-ausgeschnitten, damit die Zuckerrüben später nicht in den Speichern
-weiterwachsen können, da dadurch ihr Zuckergehalt bald erschöpft werden
-würde. Die Blätter werden meist auf dem Felde zurückgelassen, um als
-Dünger zu dienen; nur in Jahren, in denen das Futter knapp ist, werden
-sie als Viehfutter benutzt, obschon ihr Nährwert nur ein geringer ist.
-
-So zubereitet werden die Rüben auf dem Felde zu großen Haufen
-aufgestapelt und mit Stroh und Erde bedeckt. Aus diesen Reservevorräten
-holt man so viel in die Fabrik, als verarbeitet werden kann. Zuerst
-werden die Rüben in einem Röhrenkomplex in fließendem Wasser gereinigt,
-dann durch eine Maschine in einem zylindrischen Kasten in kleine
-Stücke geschnitten und zu Brei zerrieben, der durch etwas Wasser
-ausgelaugt und schließlich, in Tücher von grober Wolle eingeschlagen,
-durch eine hydraulische Presse ausgedrückt wird. Der Saft wird dann
-auf verschiedene Weise, zuletzt durch Passieren eines Filters mit
-Knochenkohle, gereinigt und im Vakuumapparat vermittelst Dampf in
-luftverdünnten Kesseln eingekocht. Ungefähr 85 Prozent von dem darin
-eingedickten Saft besteht dann aus Zucker, der durch Zentrifugieren von
-der Melasse getrennt wird.
-
-Der so gewonnene Zucker ist pulverförmig und muß gereinigt werden. Zu
-diesem Zweck wird er von neuem in Wasser gelöst und, mit Knochenkohle
-und Ochsenblut vermischt, in großen Kesseln gekocht. So raffiniert
-wird der flüssige Zucker in Formen gegossen, in welchen eine langsame
-Kristallisation stattfindet. Zuletzt werden die Formen in die
-Schwitzkammern gebracht und die Melasse aus ihnen entleert; schließlich
-gewinnt man reinen Zucker in Form von Kegeln oder Würfeln. Der
-Preßrückstand der Zuckerrüben, die +Preßlinge+, dienen als Viehfutter.
-
-Die Rübenzuckerindustrie ist für unsere Landwirtschaft von allergrößter
-Bedeutung geworden, weil durch sie dem Boden die höchste Rente
-abgewonnen wird; sie hat auch einen starken Export namentlich nach den
-Vereinigten Staaten hervorgerufen, der dem Lande viel Geld einbringt.
-In Deutschland bestanden im Jahre 1908 358 Rübenzuckerfabriken, die
-gegen 13000 Millionen kg Zuckerrüben verarbeiteten und daraus 2135
-Millionen kg Rohzucker gewannen. Damit steht dieses Land in der
-Produktion des Rübenzuckers obenan. Ihm folgen der Reihe nach Rußland
-mit 1470 Millionen kg, Österreich mit 1345 Millionen kg, Frankreich
-mit 760 Millionen kg, Belgien mit 285 Millionen kg und endlich die
-Niederlande mit 180 Millionen kg. Die Zuckerproduktion der ganzen
-Welt im Betrage von etwa 11 Milliarden kg besteht zur größeren
-Hälfte -- etwa 6 Milliarden kg -- aus Rübenzucker und zur kleineren
--- 5 Milliarden kg -- aus Rohrzucker. Letzterer wird besonders auf
-Kuba, der Perle der Antillen, gepflanzt, das im Jahre 1906/07 allein
-1486 Millionen kg Zucker aus Zuckerrohr produzierte. Java erzeugte
-im Jahre 1905 1039 Millionen kg; der Süden der Vereinigten Staaten
-im gleichen Jahre 342000 kg und Hawai 370 Millionen kg. Weitere
-wichtige Erzeugungsländer für Rohrzucker sind Mauritius, Ägypten, die
-Philippinen und Portoriko mit je 100-200 Millionen kg Produktion;
-ferner China und Indien, deren Ertrag sich jedoch nicht sicher
-bestimmen läßt, da sie fast ausschließlich für den eigenen bedeutenden
-Konsum arbeiten.
-
-Da das Zuckerrohr wie alle aus Stecklingen oder Pfropfreisern
-auf vegetativem Wege vermehrten Pflanzen im Laufe der Zeit an
-Widerstandskraft gegen äußere, schädliche Einflüsse eingebüßt hat,
-so ist man bestrebt, es auch auf generativem Wege fortzupflanzen, um
-dadurch weiterer Entartung desselben vorzubeugen. Zu diesem Zwecke
-erforschte man genau, welche Kultursorten noch nicht so weit entartet
-sind und noch normale Blüten entwickeln; dabei fanden sich bei keiner
-mehr normale Verhältnisse. Selbst beim zucker- und blütenreichen
-Cheribonrohr von Java waren die Pollenkörner zum größten Teile
-vertrocknet, also völlig untauglich zur Bestäubung. Da benützte man zur
-Befruchtung dieser noch nicht völlig in bezug auf Geschlechtsorgane
-degenerierten Kultursorte den Pollen von zwei wilden Arten, dem
-~Saccharum ciliatum~ und dem Kassurrohr und erzielte damit kräftige
-Keimlinge, die teilweise noch eine weit größere Höhe erreichten als
-ihre Muttervarietäten. Sie waren recht zuckerreich und wurden dann in
-der gewöhnlichen Weise vegetativ fortgepflanzt, wobei sich die Mehrzahl
-derselben sehr gut hielt. Daraus lassen sich gewiß mit der Zeit gute,
-neue Kulturvarietäten entwickeln.
-
-Vor allem waren diese auf geschlechtlichem Wege erzeugten
-Zuckerrohrarten absolut frei von der in Java als Sereh bezeichneten
-und sehr gefürchteten Krankheit, die sich darin äußert, daß das Rohr
-niedrig bleibt und keine großen Halme mehr treibt, dafür zahlreiche
-Seitentriebe erzeugt, wodurch es einer Grassorte mit wohlriechender
-Wurzel, dort ~sereh~ genannt (~Andropogon schoenanthus~) sehr ähnelt,
-schließlich verkümmert und abstirbt. Diese Krankheit ist nicht auf
-irgend welche infektiöse Keime zurückzuführen, sondern ist eine
-erbliche Entartungserscheinung, die von Jahr zu Jahr stärker wird, wenn
-die Stecklinge serehkranken Rohren entnommen werden. Dagegen hilft am
-besten die Kultur von aus Samenpflanzen gezogenen Stecklingen.
-
-Von tierischen Schädlingen sind in Amerika besonders der
-Zuckerrohrkäfer, dann der Zuckerrohrwickler, dessen Raupe sich
-ebenfalls in das Zuckerrohr einbohrt, zwei Ameisenarten und die
-Zuckerschildlaus einigermaßen gefürchtet. Außerdem werden die
-mannigfachsten Pilzkrankheiten am Zuckerrohr beobachtet, so der Brand,
-der rote und Blattrost, die Ananas- und Dongkellankrankheit, die
-Gelbflecken-, Rotflecken-, Ring-, Augen- und Blattfleckenkrankheit der
-Blätter und verschiedene andere, auf die wir hier nicht näher eingehen
-können.
-
-
-
-
-XI.
-
-Der Kaffee.
-
-
-Es liegt in der menschlichen Natur das instinktive Bedürfnis, gewisse
-Stoffe in sich aufzunehmen, die weder als Kraftquelle dienen, noch
-als Ersatzmittel für verbrauchte Körperbestandteile eine Bedeutung
-haben, wohl aber eine angenehm anregende Wirkung auf das Nervensystem
-ausüben und etwa vorhandene Müdigkeit oder geistige Trägheit rasch
-beseitigen. Durch diese Eigenschaften sind sie dem Menschen fast
-ebenso unentbehrlich wie die Nahrungsstoffe geworden, mit denen er
-den stetigen Stoffverlust beim Lebensprozesse ersetzt. Unter diesen
-Genußmitteln ist, abgesehen vom Alkohol, der leider durch die ihm
-innewohnende Verleitung zur Unmäßigkeit eine überaus verhängnisvolle
-Rolle spielt, der vom Chemiker als dreifach methyliertes Xanthin
-bezeichnete Körper, eine stickstofffreie, kristallisierbare Verbindung,
-die man als Koffeïn bezeichnet, die weitaus wichtigste.
-
-Diesen durch keine besonderen Merkmale gekennzeichneten Stoff hat
-der Mensch mit wunderbarem Scharfsinn überall in der ihn umgebenden
-Pflanzenwelt herauszufinden vermocht, so die Araber in der Kaffeebohne,
-die Chinesen im Tee, die Neger West- und Zentralafrikas in der
-bitteren Kolanuß und im Mus der Dodoa, die Südafrikaner im Buschtee,
-den Blättern einer Cyclopiaart, die Eingeborenen Südamerikas im Mate
-oder Paraguaytee, der von den Blättern der paraguayschen Stechpalme
-gewonnen wird, und in den Samen einer Guarana genannten brasilianischen
-Schlingpflanze, endlich die Indianer Mittelamerikas im Kakao und
-diejenigen Nordamerikas im Apalachentee, der aus den Blättern mehrerer
-Stechpalmenarten, die um den mexikanischen Meerbusen wachsen, gewonnen
-wird. Diese Erscheinung ist um so auffallender, als das Koffein sich
-weder durch seinen Geruch, noch durch seinen Geschmack irgendwie
-verraten kann, ebensowenig als das zweifach methylierte Xanthin, das
-außer dem Koffeïn im Tee als Theophyllin und im Kakao und in der
-Kolanuß als Theobromin vorhanden ist.
-
-In der Auffindung all dieser koffeïn- und theobrominhaltigen
-Genußmittel offenbart sich ein erstaunlicher Scharfsinn der
-Naturvölker. Das allermerkwürdigste ist aber, daß es dem Menschen
-gelang, alle solche die Nerven anregenden und das Müdigkeitsgefühl
-beseitigenden Substanzen enthaltende Pflanzen in der Natur aufzufinden,
-und zwar in jeder Pflanze wiederum den an diesen Alkaloiden reichsten
-Teil herauszubekommen und nur diesen zu verwenden!
-
-In den betreffenden Samen oder Blättern ist das Koffeïn, wie auch
-die übrigen verwandten Stoffe, eine Art für die Pflanze nicht weiter
-benutzbarer Ausscheidung, ein dem Harnstoff verwandtes Endprodukt des
-Stoffwechsels, ähnlich wie die Purinkörper im Tierleibe, die hier
-zu oft höchst bunter Färbung des Körpers, wie z. B. im mannigfachen
-Gefieder der Vögel und in den Zeichnungen der Schmetterlinge und Käfer
-Verwendung finden. Und zwar sind diese Stoffe in den betreffenden
-Pflanzen in gerbsaurer, daher zunächst bitter schmeckender Verbindung
-vorhanden.
-
-Würdigen wir zunächst das bei uns weitaus populärste Genußmittel aus
-dieser Gruppe, den +Kaffee+, ohne den die Kulturmenschen der Gegenwart
-sich das Leben gar nicht mehr vorstellen könnten. Wie ist eigentlich
-der Mensch auf den Genuß dieses Getränkes verfallen? Niemand vermag uns
-da eine zutreffende Antwort zu geben.
-
-In einer zu Ende des 17. Jahrhunderts in Rom geschriebenen Abhandlung
-über den Kaffee berichtet uns der Italiener Fausto Naironi, daß im
-Jahre 1440 ein Hirte aus dem Gallastamme in der Gebirgslandschaft
-Kaffa im südlichen Abessinien, wo die Kaffeestaude dichte, buschartige
-Bestände bildet, den Mönchen des benachbarten abessinischen Klosters
-voller Erstaunen erzählt habe, daß seine Herde, statt wie gewöhnlich
-zu schlafen, die ganze Nacht hindurch erregt herumgesprungen sei,
-worauf die Mönche, welche der Ansicht waren, diese Erscheinung ließe
-sich nur dadurch erklären, daß die Tiere ein besonders anregendes
-Kraut gefressen hätten, bald feststellten, daß auf dem Platze, wo
-die Herde geweidet hatte, eine große Anzahl von Sträuchern kürzlich
-ihrer Blätter und Früchte beraubt worden waren. Sie sollen dann einige
-Früchte dieser Sträucher, die nichts anderes waren als Kaffeesträucher,
-gepflückt und an sich selbst die anregende Wirkung verspürt haben, so
-daß sich von dieser Zeit an diejenigen Mönche, welche die Nacht im
-Gebet verbringen mußten, mit dem Getränk, das sie durch Abkochen der
-Früchte bereiteten, den Schlaf vertrieben. Dann soll diese Entdeckung
-in weitere Kreise gedrungen und zur Kenntnis von ein paar arabischen
-Kaufleuten gelangt sein, die sich sofort daran machten, dieses so
-wichtige Produkt auszubeuten.
-
-Anders als diese abessinische Sage -- denn mit einer solchen, der dazu
-noch alle Anzeichen höchster Unwahrscheinlichkeit anhaftet, haben wir
-es zu tun -- lautet die Legende, die die Araber über die Entdeckung
-der anregenden Wirkung der Kaffeepflanze erzählen. Diese ist dem
-orientalischen Geschmacke entsprechend mit solchen phantastischen
-Wundern ausgeschmückt, daß es nicht der Mühe lohnt, näher darauf
-einzugehen. Auch sie schreibt in letzter Linie Hirten die Entdeckung
-der eigentümlich anregenden und den Schlaf verscheuchenden Wirkung der
-Produkte des Kaffeestrauches zu.
-
-Dem mag nun sein, wie ihm will, jedenfalls sind die Beeren des in
-Afrika heimischen und dort in mehreren Arten noch wildwachsend
-angetroffenen Kaffeestrauches im abessinischen Hochlande zuerst wegen
-ihrer anregenden Wirkung auf das Nervensystem vom Menschen benutzt
-worden. Bei den regen Handelsverbindungen mit Südarabien konnte es
-nicht fehlen, daß das Genußmittel zu Anfang des 16. Jahrhunderts
-dorthin gelangte, und zwar zuerst 1507 nach Aden und bald darauf auch
-nach Mekka. Ein von Aden gebürtiger Mufti, d. h. Rechtsgelehrter,
-Dhabani -- so erzählt der zu Anfang des 15. Jahrhunderts lebende
-Rechtsgelehrte Scheik Abd-elkader Ansari -- sah auf einer Reise nach
-Adjam an der Westküste des Roten Meeres seine Landsleute Kaffee
-trinken, versuchte den Trank selbst und erfuhr dabei, daß er wach
-erhält und den Schlaf vertreibt. Von diesem neuen Genußmittel brachte
-er Bohnen in seine Heimat mit und verbreitete nach seiner Rückkehr
-den daraus bereiteten Trank unter den Derwischen, einer Art Mönchen,
-zur besseren Abhaltung der vorgeschriebenen Gebetstunden. Der Genuß
-dieses Anregungsmittels griff aber bald um sich; denn er war der hier
-ansässigen muhammedanischen Bevölkerung um so willkommener, als ihr
-den Lehren des Korans zufolge der Genuß geistiger Getränke verboten
-war. Allein wie alles Neue, so fand auch der Kaffee seine Gegner. Als
-im Jahre 1511 ein neuer Statthalter, Khair Beg, nach Mekka kam, der
-den aus den Kaffeebohnen bereiteten braunen Trank noch nicht kannte,
-und die heiteren Kaffeegelage in den Höfen und unter den schattigen
-Säulenhallen der Moscheen sah, ließ er die Leute, die diesen ihm
-unbekannten Trank schlürften, auseinandertreiben. Dieses Getränk schien
-ihm, weil aufregend, gegen die Satzungen des Korans zu verstoßen, und
-so berief er eine Versammlung von Gelehrten, die über die Zulässigkeit
-seines Genusses entscheiden sollten. Ihr präsidierten zwei Ärzte,
-die Gebrüder Hakim Ani, und diese erklärten den Kaffee für „kalt und
-trocken“ und deshalb verwerflich. Ihnen schloß sich die Mehrzahl der
-Versammlung an, und so ward der Genuß von Kaffee verboten und die
-Niederlagen desselben zerstört. Es wurde damals behauptet, daß die
-Gesichter aller Kaffeetrinker einst am Tage des Gerichts noch schwärzer
-erscheinen würden, als der Kaffeetopf, aus dem sie das Gift getrunken.
-Wer immer des Genusses von Kaffee überführt wurde, den ließ man,
-rückwärts auf einem Esel reitend und dem Spott der Menge preisgegeben,
-durch die Straßen von Mekka führen. Der Statthalter berichtete über
-diese seine Verordnung an den Sultan von Kairo als seinem Vorgesetzten,
-der diese Verordnung guthieß. Aber da der Kaffee hier beim gemeinen
-Volke wie bei den Gelehrten bereits Eingang gefunden hatte, mußte das
-Dekret bald von ihm zurückgenommen und durften die Kaffeeschenken in
-Mekka wieder eröffnet werden. Ja der neue Statthalter, selbst ein
-eifriger Verehrer des Kaffees, scheute sich nicht, denselben öffentlich
-in Gesellschaft seiner Gäste zu trinken. Diesem Beispiele folgten bald
-auch andere ansehnliche Personen.
-
-Durch die in der muhammedanischen Welt vorgeschriebenen Wallfahrten
-nach Mekka wurde der Kaffee bald in Ägypten und Syrien bekannt. So
-lernte Sultan Selim I., der in den Jahren 1516 und 1517 Syrien,
-Palästina und Ägypten eroberte, hier den Kaffee kennen. Doch ging es
-bis zum Jahre 1554, bis zwei Kaufleute, Hakim von Aleppo und Schems
-von Damaskus, die ersten Kaffeehäuser in Konstantinopel errichteten.
-Das Geschäft scheint sehr gut gegangen zu sein; denn schon nach
-drei Jahren kehrte Schems als reicher Mann nach Damaskus zurück.
-Und der wohltätige Einfluß, den das äthiopische Getränk auf die
-Geistestätigkeit der es Genießenden ausübte, hatte zur Folge, daß alle
-möglichen Leute, besonders Gelehrte und Beamte, selbst Paschas, in
-den Kaffeehäusern, die sich bald vermehrten, zusammenströmten, so daß
-diese bald Mittelpunkte des geselligen Lebens wurden und als solche
-~mektâb-i-irfân~, d. h. Schulen der Gebildeten, genannt wurden. Ja,
-die muhammedanischen Priester fingen an sich zu beklagen, daß die
-Moscheen immer weniger, dafür aber die Kaffeehäuser immer mehr besucht
-würden. Sie erklärten, daß die Kaffeehäuser für das Heil der Seele
-noch verderblicher seien als die Wirtshäuser. In einer Eingabe an den
-Mufti gaben sie an, der Kaffee sei eine Art Kohle, und solche zu essen
-habe der Prophet im Koran verboten. Und tatsächlich wurde der Kaffee
-unter Sultan Murad II. verboten. Aber man wußte sich zu helfen und
-trank ihn hinter verschlossenen Türen weiter, bis ein neuer Mufti nach
-Konstantinopel kam und erklärte, der Kaffee sei keine Kohle, deshalb
-könne er von jedem Muselmann getrunken werden. Infolgedessen wurden
-die Kaffeehäuser wieder eröffnet und mehrten sich bald dermaßen, daß
-der Großvezier sie als einträgliche Steuerobjekte auffaßte. So mußte
-jeder Kaffeewirt täglich 1 Zechine (venezianisches Goldstück im Werte
-von etwa 16 Mark) Steuer bezahlen und durfte gleichwohl nicht mehr
-als 1 Asper (= 15 Pfennigen) für eine Tasse Kaffee verlangen. Der
-Großvezier Köprili ließ während der Minderjährigkeit Muhammeds IV. die
-Kaffeehäuser aufs neue schließen, als er sich überzeugt hatte, daß
-in ihnen zu viel politisiert wurde. Aber trotz dieser Maßregel nahm
-der nun einmal populär gewordene Kaffeeverbrauch in Konstantinopel
-nicht ab, da man dieses Getränk überall auf den Plätzen und in den
-Straßen feilbot. Als Köprilis Nachfolger ans Ruder kam, ließ er die
-Kaffeehäuser unbehelligt. Aber aus der arabischen Literatur jener Zeit,
-die ebensoviel Spott- als Lobgedichte auf den Kaffee enthält, kann man
-deutlich erkennen, mit welch fortwährenden Kämpfen seine Verbreitung
-allenthalben in muhammedanischen Ländern errungen wurde.
-
-Die erste Kunde von diesem braunen, das Nervensystem anregenden Getränk
-brachte, soviel wir wissen, der den Orient bereisende Augsburger Arzt
-Leonhard Rauwolf nach Deutschland. Er hatte ihn im Jahre 1573 in einem
-Kaffeehaus in Aleppo kennen gelernt und berichtete darüber in seinem
-1582 erschienenen Reisewerke, betitelt „Raiß in die Morgenländer“
-folgendes: „Die Türken haben in Halepo ein gut Getränke, welliches sie
-hoch halten, Chaube von ihnen genannt, das ist gar nahe wie Dinten so
-schwarz und ist in gebresten, sonderlich des Magens, gar dienstlich.
-Dieses pflegens am Morgen fru, auch an offenen Orten, vor jedem
-manigulich, ohne alles Abschuchen (Abscheu) zu trinken, aus jrdenen und
-Porzellanischen tiefen Schälein so warm als sie’s könnden erleiden,
-setzend offt an, thond aber kleinen trinklein und lassens gleich
-weitter, wie sie neben einander im Kreiß sitzen, herumbgehen. Dieser
-Trank ist bei Ihnen sehr gemain.“
-
-Die erste Beschreibung der Kaffeepflanze gab dem Abendlande der
-gelehrte Arzt und Botaniker Prosper Alpino, Professor zu Padua, in
-seinem 1592 erschienenen lateinischen Buche über die Pflanzen Ägyptens.
-Er hatte nämlich bei seinem Aufenthalte zum Studium der Flora des
-Niltals im Garten eines vornehmen Türken in Kairo einen Kaffeestrauch
-gesehen. Er bezeichnete den Strauch als ~arbor Bon cum fructu suo
-Buna~. Rauwolf hatte den Strauch als ~Bunnu~ und Bellus, der 1596 Samen
-der Kaffeepflanze an Clusius gesandt hatte, als ~Bunca~ bezeichnet.
-Nun muß der Name ~bunnu~ oder ein diesem ähnlicher die ursprüngliche
-Bezeichnung der Kaffeepflanze gewesen sein, die die Abessinier heute
-noch ~bun~ nennen. Auch die Araber bezeichnen mit ~bun~ sowohl die
-Kaffeepflanze als die Kaffeebohne, während sie den aus den gerösteten
-Kaffeebohnen hergestellten Trank ~kahweh~ (sprich ~kachweh~) nennen.
-Dieses alte arabische Wort ist nach dem Orientalisten A. Mez
-ursprünglich die Bezeichnung für Wein, die dann auf den neuen Trank
-übertragen wurde. Aus dieser arabischen Benennung ist unser Wort
-Kaffee entstanden, das durchaus nicht von Kaffa, der abessinischen
-Provinz als der Heimat des Kaffees, abzuleiten ist. Schon der vorhin
-genannte Paduaner Botaniker Prosper Alpino, der auch eine allerdings
-recht unvollkommene Abbildung der Kaffeepflanze veröffentlichte, gab
-an, daß aus den Früchten ein ~caova~ genanntes Getränk bereitet werde,
-das anregend auf die Geistestätigkeit und die Phantasie wirke. Auch
-Bellus spricht in seinem Briefe an Clusius 1596, daß die Ägypter aus
-den Samen des Kaffees, die sie zuerst über Feuer rösten und dann in
-einem Holzmörser fein zerstoßen, das braune Getränk ~cave~ bereiten,
-und 1615 schrieb der Italiener Pietro della Valle seinen Verwandten in
-der Heimat von diesem von ihm als ~kawhe~ bezeichneten neuen Getränk,
-es sei von schwarzer Farbe, wirke im Sommer kühlend, im Winter dagegen
-erwärmend.
-
-Abgesehen vom türkischen, also noch durchaus zum Orient gehörenden
-Konstantinopel, war die durch ihren immer noch regen Handel mit dem
-muhammedanischen Morgenlande in Verbindung stehende Stadt Venedig
-der erste abendländische Ort, in welchem Kaffee getrunken wurde.
-Es war dies im Jahre 1624. Doch kamen erst 1642 größere Mengen
-dieses Genußmittels nach Venedig, und 1645 wurde daselbst das erste
-Kaffeehaus errichtet. Aber erst zu Ende des 17. Jahrhunderts kam das
-den Muhammedanern entlehnte Getränk in den Städten Italiens wenigstens
-bei den Vornehmen, die ihn zu bezahlen vermochten, in Mode und wurden
-die Kaffeehäuser in Italien zahlreicher. Nach Frankreich kam der Kaffee
-im Jahre 1644, und zwar nach Marseille, wo 1659 das erste Kaffeehaus
-errichtet wurde. Auch in England führte sich der Kaffee rasch ein;
-1650 bestand schon ein Kaffeehaus in Oxford, und 1652 eines in London.
-In Paris ließ der Gelehrte Thevenot im Jahre 1658, kurz nach seiner
-Rückkehr aus dem Orient, zum erstenmal bei einem Diner seinen Gästen
-Kaffee als Nachtischgetränk vorsetzen; aber das fremdartige Getränk
-mundete ihnen nicht, so daß eine Wiederholung des Versuches unterblieb.
-Erst zu Ende der sechziger Jahre des 17. Jahrhunderts, unter Ludwig
-XIV., wurde das Kaffeetrinken in Paris in den Kreisen der Vornehmen
-durch Soliman Aga, den Gesandten Muhammeds III., einigermaßen populär.
-Le Grand d’Aussy berichtet, daß jener Türke seinen Gästen den Kaffee
-nach orientalischer Sitte servieren ließ. Es reichten ihn leibeigene
-Diener in glänzenden Porzellantassen auf goldbefransten Servietten.
-Die fremdartige Einrichtung der Zimmer, das Sitzen auf Diwans oder
-Teppichen am Boden, die mit Hilfe eines Dolmetschers geführte
-Unterhaltung interessierte besonders die Damen noch mehr als der
-gereichte Kaffee. Überall wurde in Hofkreisen davon gesprochen, und
-schließlich gingen alle Vornehmen zu dem interessanten Türken, um seine
-merkwürdige Wohnung und seinen braunen Trank kennen zu lernen. Jeder,
-der etwas auf sich hielt, wollte von letzterem gekostet haben.
-
-In Paris eröffnete im Jahre 1670 ein Armenier namens Pascal, der im
-Dienste eines türkischen Arztes gestanden hatte, auf dem Quai de
-l’Ecole das erste Pariser Kaffeehaus, das nach dem darin feilgebotenen
-Getränke Café genannt wurde. Es war eine „~boutique~“ nach Art der
-orientalischen, ohne irgend welche gefällige Ausstattung. Deshalb
-gefiel es dem feineren Publikum, das damals allein Kaffee zu trinken
-begann, durchaus nicht, und der Armenier machte recht schlechte
-Geschäfte. Den Grund des Mißerfolges erkannte richtig der Sizilianer
-Francesco Procopio, der sich in Paris durch die Einführung des
-Gefrorenen einen Namen gemacht hatte. Er richtete gegenüber der alten
-~Comédie française~ eine Schankwirtschaft ein, in welcher er außer
-Kaffee auch Tee, Schokolade, Eis und verschiedene Liköre feilbot. Und
-da sein Lokal hübsch ausgestattet und gefällig dekoriert war, fehlte
-es ihm bald nicht an Gästen. Seine Erfolge ermutigten andere, solche
-Erfrischungsorte zu eröffnen, so daß Paris schon im Jahre 1676 eine
-große Zahl solcher Cafés aufwies.
-
-Da der Kaffeegenuß der um sich greifenden Trunksucht zu steuern schien,
-begünstigte ihn Ludwig XIV. so sehr er konnte. Doch war er noch so
-teuer, daß er nur für die Wohlhabenden erschwinglich war. So kostete
-damals das Pfund Kaffeebohnen 140 alte Franken, und die Tasse 2 Sous
-und 5 Deniers; dafür kann das Getränk freilich nicht sehr stark gewesen
-sein, wenn der Kaffeeschenk auf seine Rechnung kommen wollte. Auch
-galt sein Genuß nicht als ganz ungefährlich; die Marquise de Sévigné
-rät darum ihrer Tochter, der Gräfin Grignan, in einem Briefe aus dem
-Jahre 1680, dem Kaffee etwas Milch zuzusetzen, „um seine Schädlichkeit
-zu mildern“. Im Jahre 1674 reichten die Frauen in London eine Petition
-gegen den Kaffee als gesundheitsschädliche Neuerung ein, und 1675
-ließ Karl II. aus politischen Gründen die Kaffeehäuser, die sich
-sehr rasch vermehrten und zu Sammelplätzen der Vornehmen, Gelehrten
-und Politiker wurden, als „Brutstätten der Revolution“ in seinem
-ganzen Reiche polizeilich schließen. Doch mußte er sein Verbot schon
-nach wenigen Tagen zurückziehen, da er es nicht auf eine Revolte der
-zahlreichen Liebhaber des Kaffees ankommen lassen wollte. Englische
-Spottgedichte aus jener Zeit nennen den Kaffee einen „Kienrußsirup,
-schwarzes Türkenblut, eine ekelerregende Abkochung aus alten Schuhen
-und Stiefeln“ usw., vermochten aber mit allem Lächerlichmachen nicht,
-seinen weiteren Siegeslauf durch die Welt aufzuhalten.
-
-Im Jahre 1680 ward das erste Kaffeehaus im Haag und 1683, nach der
-Entsetzung von Wien, das erste solche in Österreichs Hauptstadt
-errichtet. Hier war es ein gewisser Kolschitzky, dem als Belohnung für
-den Mut, mit dem er sich als Türke verkleidet durch den Belagerungsring
-hindurchgeschlichen hatte, um der durch Kara Mustapha aufs äußerste
-bedrängten Stadt vom Nahen des Ersatzheeres unter Herzog Karl von
-Lothringen Kunde zu bringen, die im verlassenen türkischen Lager
-gefundenen Säcke mit Kaffee überlassen wurden, damit er den braunen
-Trank bereite und ihn den Liebhabern desselben ausschenke.
-
-Nach Deutschland kam der Kaffee von Holland und Frankreich her um 1670.
-Am Hofe des Großen Kurfürsten war er im Jahre 1675 im Gebrauch. Das
-erste deutsche Kaffeehaus wurde 1679 in Hamburg von einem englischen
-Kaufmann errichtet. Ihm folgten Leipzig 1684, Nürnberg und Regensburg
-1686, Köln 1687, Stuttgart 1712, Augsburg 1713 und Berlin 1721. Um die
-Mitte des 18. Jahrhunderts war der Kaffeegenuß an allen deutschen Höfen
-und bei der wohlhabenden Bevölkerung ziemlich allgemein verbreitet
-und die Kaffeebohnen bildeten einen wichtigen Handelsartikel für
-Hamburg und Bremen. Aber auch in Europa ging die Einführung des
-Kaffees nicht ohne Widerstand vor sich. Besonders die Ärzte bekämpften
-vielfach seinen Genuß der gesundheitschädlichen Wirkungen wegen und
-verbreiteten besonders die von Alpino aus dem Orient mitgebrachte
-irrtümliche Ansicht, daß der Kaffee Unfruchtbarkeit im Gefolge habe.
-Die Volkswirtschaftler eiferten in jener Blütezeit des Merkantilismus
-dagegen, daß große Summen für den teuren Kaffee ins Ausland gingen.
-Deshalb wurde sein Genuß vielfach durch die Regierungen verboten oder
-durch hohe Zölle und Steuern nur für die Bemittelten möglich gemacht.
-In Schweden wurde er im Jahre 1750 und in Hessen-Darmstadt 1766
-gänzlich verboten. Auch Friedrich der Große versuchte vergeblich seinen
-Verbrauch einzuschränken. In dem Bestreben, Preußen wirtschaftlich
-abzuschließen und das Geld im Lande zu behalten, hatte er besonders die
-damals noch teueren Kolonialwaren mit hohen Zöllen belegt und suchte
-sie zu monopolisieren. Am liebsten hätte er den Kaffee ganz verboten;
-das Landvolk sollte sich nicht an ihn gewöhnen, „denn das ist mit die
-Absicht“, antwortete er auf eine Beschwerde, „daß nicht so viel Geld
-für Kaffee aus dem Lande gehen soll. Übrigens sind Seine Majestät
-höchstselbst in der Jugend mit Biersuppe erzogen worden. Mithin können
-die Leute ebensogut mit Biersuppe erzogen werden. Das ist viel gesünder
-als der Kaffee.“
-
-Wenn Friedrich der Große auch nicht so weit ging wie Landgraf
-Friedrich von Hessen, der den Kaffee in seinem Lande bei 100 Talern
-Strafe verbot, so wollte er die Sucht seiner Untertanen nach diesem
-Genußmittel in andere Bahnen lenken. Zu diesem Zwecke wurden Marggraf
-und einige andere Chemiker beauftragt, an Stelle des damals meist nur
-in gebranntem Zustande von den Holländern bezogenen Kaffees Surrogate
-zu schaffen, was zur Entstehung von Eichelkaffee, von Kaffee aus Gerste
-und Roggen, ja selbst aus Rüben und Roßkastanien führte. Erst später,
-nämlich um das Jahr 1790, kam der Zichorienkaffee auf, nachdem man
-zuvor die gerösteten Wurzeln der Möhren, der Rüben und des Löwenzahns
-als Kaffeesurrogate verwendet hatte. Aber alle diese Kaffeeersatzmittel
-erfreuten sich durchaus nicht des Beifalls des Publikums, so daß
-dieses nach wie vor lieber den sehr teueren echten Kaffee, der ihm
-die gewünschte anregende Wirkung verschaffte, zu kaufen begehrte. Als
-der König sah, daß er den Leuten den Kaffee nicht verbieten könne, so
-wollte er wenigstens zugunsten des Fiskus ein gutes Geschäft damit
-machen. So führte er im Jahre 1781 ein Kaffeemonopol in Preußen ein,
-das die dem Bürgerstande angehörenden Konsumenten zwang, den gebrannten
-Kaffee vom Staat, und zwar 24 Lot (= 408 g) zum Preise von einem Taler,
-d. h. sechsmal so teuer als früher zu kaufen. Nur Adelige, Beamte und
-Geistliche konnten Brennscheine erhalten, die ihnen erlaubten, den
-billigeren rohen Bohnenkaffee zu kaufen und ihn selbst zu brennen.
-
-Im Laufe des 19. Jahrhunderts hat sich der Kaffee die ganze Kulturwelt
-erobert und ist an Stelle der alten Breie von Hirse oder Hafer und
-dicken Suppen zum eigentlichen Frühstücksgetränk geworden. Besonders in
-Deutschland, das seiner Einführung so viel Widerstand entgegensetzte,
-hat er geradezu eine Kulturmission erzielt, indem er ganz wesentlich
-dazu beitrug, die noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts allgemein
-gebräuchliche Unsitte, zu allen Tageszeiten Wein und Bier in großen
-Mengen zu trinken, allmählich verdrängte und damit unwillkürlich
-verfeinernd auf die Sitten der Bevölkerung einwirkte. Wir alle wissen,
-daß der schwarze Trank die Nerventätigkeit und das Denken anregt, das
-Unbehagen der Müdigkeit beseitigt und durch den ganzen Körper ein
-wohliges Gefühl des Angeregtseins verbreitet. Außer dem Koffeïn, das
-von 0,9-1,5 Prozent darin enthalten ist, wovon aber beim Rösten mehr
-als die Hälfte verloren geht, haben wir im Kaffee einige Prozente
-eines flüchtigen sogenannten empyreumatischen Öles, Koffeon genannt,
-das sich durch das Rösten in den Bohnen entwickelt. Genießt man dieses
-abdestillierte Öl in Substanz, so entstehen Schweiß, Schlaflosigkeit
-und heftige Blutwallungen. Dieses Öl gibt dem Kaffee sein Aroma,
-das aber durch die Beimischung eines in den feineren Sorten etwas
-reichlicher vorhandenen zweiten Öles modifiziert wird. Dazu gesellen
-sich Kaffeesäure, ziemlich viel Eiweiß, etwas Zucker und eine
-Gerbsäure von besonderer Art, welche mit Eisenlösung einen grünlichen
-statt wie sonst einen blauen Niederschlag gibt, dann etwas Fett und
-Pflanzenschleim.
-
-Guter Kaffee muß nicht nur vollständig reif gepflückt werden, sondern
-auch nachher noch im grünen Stadium den nötigen Reifungsprozeß
-durchmachen, wodurch er erst den köstlichen Wohlgeschmack und das
-herrliche Aroma gewinnt, das der Kulturmensch an ihm schätzt. Nicht
-genügend durch Lagern gereifter Kaffee schmeckt rauh und gehaltlos. Um
-nun das unserem Geruchs- und Geschmackssinn so angenehme flüchtige Öl
-und andere Zersetzungsprodukte der Bohnen zu gewinnen, röstet man den
-Kaffee nach vorherigem, kurzem Abspülen der Bohnen in Wasser, wobei
-man sich auch davon überzeugen kann, ob sie gefärbt waren, am besten
-in kugelartigen verschlossenen Gefäßen, wobei die Bohnen unablässig
-in Bewegung gehalten werden müssen. Dabei soll jede Bohne durch und
-durch, aber doch nicht zu stark geröstet werden. Das Rösten ist zu
-beenden, wenn die Bohnen plötzlich aufschwellen, braunrot werden und
-zu glänzen beginnen. Dann setzt man ihnen etwas Zucker zu, der von der
-Hitze sofort schmilzt und sie mit einer das Aroma besser bewahrenden
-Karamelhülle umgibt. Der Röstprozeß darf nun durchaus nicht zu lange
-fortgesetzt werden. Bloß braunrot gerösteter Kaffee enthält mehr Aroma
-als solcher, der kastanienbraun gefärbt oder gar durch Verkohlen
-schwarzbraun geworden. Je länger das Rösten fortgesetzt wird, um so
-mehr verlieren die Bohnen an Gewicht, nehmen dafür aber an Größe zu.
-So verliert z. B. braunroter Kaffee 15 Prozent an Gewicht und nimmt
-30 Prozent an Größe zu; schwarzbraun gebrannter verliert dagegen 25
-Prozent an Gewicht, gewinnt dagegen 50 Prozent an Umfang. Nach dem
-Brennen soll der Kaffee durch Ausschütten auf eine kalte Platte rasch
-abgekühlt werden, da um so mehr Aroma verloren geht und dabei ein
-unangenehmer Beigeschmack entsteht, je länger die Bohnen ihre hohe
-Temperatur behalten. Dann wird er fein gemahlen, wodurch das Ausziehen
-der löslichen Stoffe mit kochendem Wasser erleichtert wird.
-
-Die gebrannte Bohne ist außerordentlich empfindlich gegen alles sie
-Berührende und muß am besten in metallenen oder gläsernen Gefäßen
-aufbewahrt werden. Man soll nur kleine Mengen aufs mal, dafür aber
-recht oft rösten, da frisch gebrannter Kaffee das beste Getränk liefert
-und außerdem das fette Öl in den zu lange aufbewahrten gerösteten
-Bohnen leicht ranzig wird. Auch ist das Wasser, das zur Herstellung
-des Kaffeeaufgusses verwendet wird, von großer Bedeutung. Je weniger
-es erdige Bestandteile, vor allem Kalk, und dafür doppeltkohlensaures
-Natron enthält, um so mehr löst es die Bestandteile des Kaffees und
-nimmt sie in sich auf. Deshalb sind Badeorte mit Mineralwasser, z. B.
-Karlsbad, wegen ihres vorzüglichen Kaffees berühmt. Dasselbe läßt sich
-erreichen, wenn man dem Wasser vor dem Aufgießen etwa eine Messerspitze
-voll doppeltkohlensaures Natron zusetzt. Auch das Kochen des Kaffees
-muß vermieden werden, da er dabei den größten Teil seines Aromas
-verliert.
-
- Tafel 59.
-
-[Illustration: Ernte von Liberiakaffee durch Malaiinnen auf einer
-Plantage Sumatras.]
-
- Tafel 60.
-
-[Illustration: Sträucher von Liberiakaffee auf Sumatra. Die auf der
-primitiven Leiter aus Bambusrohr stehende Malaiin zeigt die schweren,
-schwarzen Fruchttrauben, die sie zu pflücken im Begriffe steht.]
-
-Um einen möglichst wohlschmeckenden Kaffee zu erzeugen, ist vor allem
-auch die größte Sauberkeit bei der Zubereitung ein Haupterfordernis.
-Besser als Filter aus Blech, die den Geschmack des durchlaufenden
-heißen Wassers durch die Berührung mit Eisen sehr leicht verderben,
-sind solche aus Porzellan, Email oder Flanell zu verwenden. Das
-Wasser darf nicht mehr als 70° C. Wärme haben, da dann das feinste
-Aroma erzielt wird und die weniger feinen Elemente des Kaffees
-ungelöst bleiben. Am besten ist es, auf den im Filter befindlichen
-zusammengedrückten, gemahlenen Kaffee zunächst eine kleine Menge
-heißen Wassers zu schütten und etwas ziehen zu lassen. Eine größere
-Menge würde die Löcher des Filters leicht verstopfen. Nachher gießt
-man das übrige Wasser nach. Den Trank selbst genießt man mit Milch
-und Zucker nach Belieben versetzt, am besten gleich nach seiner
-Herstellung, warm. In einer Tasse Kaffee, die aus etwa 8 g Kaffeebohnen
-bereitet wurde, findet sich dann 0,1 g Koffeïn. Gestützt auf diese
-Feststellung läßt sich jeder Kaffee leicht auf seine Güte prüfen. Dies
-tat kürzlich ~Dr.~ Strunk in Berlin und stellte dabei fest, daß man
-den besten und stärksten Kaffee in den erstklassigen Hotels erhält,
-denn in diesen wies die Tasse einen Gehalt von durchschnittlich 0,11
-Koffeïn auf, geht also noch über den Durchschnitt hinaus. Sogenannter
-Mokkakaffee enthielt sogar 0,12 Koffeïn. Demgegenüber wird ein
-sehr dünner Kaffee in der Berliner Volksküche verabreicht; dieser
-enthält nämlich bloß 0,01 Koffeïn. Nicht viel besser ist der in den
-Studentenwohnungen verabreichte; derselbe weist durchschnittlich 0,02
-Koffeïn auf. Er stellt also in bezug auf Koffeïnwirkung ein höchst
-unschuldiges Getränk dar, das fürwahr keinerlei Schädigung auf das
-Nervensystem ausüben dürfte.
-
-Der Kaffee regt, wie wir alle durch vielfache eigene Erfahrung wissen,
-in hohem Maße das Nervensystem an, beseitigt die Müdigkeit, belebt die
-Gedanken und Vorstellungen und beschleunigt die Blutzirkulation. Auch
-kalt ist dünner Kaffee bei anstrengenden Touren und bei der Feldarbeit
-sehr angenehm und erhöht die körperliche Leistungsfähigkeit im
-Gegensatz zu den geistigen Getränken, die vielmehr erschlaffend wirken.
-Nur für nervöse, reizbare, leicht an Herzklopfen und Schlaflosigkeit
-leidende Personen ist er nicht zu empfehlen; auch wirkt ein Übermaß
-desselben schädlich selbst für Gesunde. In solchen Fällen ist der
-neuerdings in den Handel gelangende koffeïnfreie Kaffee oder irgend
-eins der zahlreichen beim Volke beliebten Kaffeesurrogate zu empfehlen.
-
-Von den etwa 30 in Afrika wildwachsenden Arten des Kaffeestrauches
-kommen nur zwei für die Kultur im großen in Betracht, nämlich der
-sogenannte +echte+ oder +arabische Kaffee+ (~Coffea arabica~), der
-aus dem südlichen Abessinien stammt, und der +Liberiakaffee+ (~Coffea
-liberica~) -- so genannt nach dem Staate Liberia, wo er wild wächst --
-aus Westafrika. Der letztere ist derber, größer und breitästiger als
-der arabische Kaffeestrauch. Er ist im Gegensatz zu ersterem, der eine
-Gebirgspflanze darstellt und als solche bergige Lagen bevorzugt, eine
-Tieflandpflanze, die in ihrer Heimat nicht höher als 140 m über den
-Meeresspiegel steigt und ein feuchtwarmes Klima, sowie einen leichten,
-etwas sandigen Boden liebt. Bis vor etwa 40 Jahren wurde ausschließlich
-der arabische Kaffeestrauch kultiviert; da er aber der später noch zu
-besprechenden Kaffeeblattkrankheit in hohem Maße ausgesetzt ist, wurde
-seither auch der dagegen und anderen Parasiten gegenüber viel weniger
-empfindliche liberische Kaffeestrauch besonders in den asiatischen und
-afrikanischen Produktionsländern angebaut.
-
-Der arabische oder echte Kaffeebaum ist ein heute noch von Abessinien
-und der Küste von Mozambique bis zum Victoriasee und bis Angola
-wildwachsend angetroffener immergrüner Strauch von 5-6, selten 8 oder
-9 m Höhe. Der schlanke Stamm ist mit grünlichgrauer, glatter Rinde
-bedeckt und trägt viele dünne, wagerecht oder leicht abwärts geneigte
-Zweige, die kurzgestielte, 6-10 cm lange und 3-4 cm breite, länglich
-eiförmige, zugespitzte, glatte, oben glänzend dunkelgrüne, unten
-blaßgrüne Blätter besitzen, aus deren Achseln 4-16 kurzgestielte,
-sehr rasch verblühende, in Aussehen und Geruch den Jasminblüten
-ähnliche weiße Blüten hervorbrechen und schließlich kirschengroße
-Steinfrüchte mit schleimigem, süßem Fruchtfleisch zeitigen. Die
-Blütezeit des arabischen Kaffeestrauches zieht sich durch drei Monate
-hindurch, während der an der afrikanischen Westküste, besonders in
-Liberia heimische, bis zu 16 m hochwerdende, großblätterige liberische
-Kaffeestrauch fast das ganze Jahr hindurch blüht. Der letztere eignet
-sich also seiner Herkunft nach viel besser für Niederungen bis
-höchstens 200 m Seehöhe, wobei ihm das feuchte und warme Klima der
-Küsten besonders zusagt, während ersterer als eine Gebirgspflanze erst
-in Höhen, die über 200 m über dem Meeresspiegel liegen, gedeiht.
-
-Der Kaffeestrauch verlangt zu seinem Gedeihen einen guten, fruchtbaren
-Boden und eine gleichmäßige Wärme und Feuchtigkeit, viel Luft und
-Licht, in heißen Gegenden aber genügend Schatten, Schutz gegen Wind
-und sorgfältige Reinhaltung des Bodens von Unkraut. Zuerst zieht
-man junge Pflänzchen in Samenbeeten. Wenn diese etwa zweijährig
-sind, setzt man sie auf die eigentlichen Felder aus, die in tieferen
-Lagen Schattenbäume enthalten müssen, da ihnen hier die direkte
-Sonnenbestrahlung schädlich ist. In höheren Lagen, bis 1500 m,
-können solche fehlen. Im dritten oder vierten Jahr beginnen die
-Pflanzen Blüten und Früchte zu tragen, liefern aber erst vom sechsten
-oder achten Jahre an vollen Ertrag daran, der nach 20-30 Jahren
-zurückzugehen pflegt; dann müssen die Sträucher durch neu angepflanzte
-ersetzt werden. Ein Strauch liefert 2-3, nur ganz ausnahmsweise 5 oder
-gar 6 kg handelsreinen Kaffee.
-
-Die Früchte des arabischen Kaffees sind erst dunkelgrüne, dann gelbe,
-später dunkelkarmoisinrote, rundlich eiförmige Beeren von der Größe
-kleiner Kirschen, während diejenigen des Liberiakaffees im reifen
-Zustande blauschwarz und doppelt so groß als jene sind. In ihnen liegen
-um ein saftiges, süßes Fruchtfleisch zwei von einer pergamentartigen,
-glatten, strohfarbenen Hülle und darunter noch von einem silberfarbigen
-Häutchen umgebene, innen flache und nach außen gewölbte Samen, deren
-gelblichweißes Nährgewebe hornartig hart ist und keinerlei Stärke
-enthält. Es kommt aber auch vor, daß gelegentlich nur eine Bohne
-zur Entwicklung gelangt, die dann nicht innen abgeflacht, sondern
-vollkommen rund und etwas größer als die gewöhnlichen Bohnen ist.
-Es sind das die sogenannten männlichen Bohnen oder Perlbohnen, die
-sorgfältig ausgesondert werden, weil sie höher im Preise stehen als
-die gewöhnlichen Doppelbohnen. Als Perlkaffee bilden sie überhaupt die
-teuerste Sorte Kaffee, die in den Handel gelangt, obschon diese ihre
-hohe Bewertung nur ein Vorurteil ist.
-
-Die Ernte darf erst nach der vollständigen Reife der Früchte
-vorgenommen werden und muß mit großer Sorgfalt geschehen, da nicht
-sämtliche Früchte zu gleicher Zeit das Reifestadium erreichen, beim
-Liberiakaffeebaum auch Blüten geschont werden müssen. Nach Eintritt der
-Reife lassen die Araber die Früchte an den Bäumen, bis sie von selbst
-abfallen oder leicht zu schütteln sind. Dieser Behandlungsweise werden
-die vortrefflichen Eigenschaften des nach dem Ausfuhrhafen im südlichen
-Arabien als Mokka bezeichneten Kaffees zugeschrieben. Doch, was wir als
-Mokkakaffee genießen, ist meist eine auserlesene brasilianische Sorte
-mit eigentümlich ellipsoiden Bohnen. Diesen brasilianischen Kaffee
-sammelt man auch durch Schütteln des Baumes über einem weißen Laken, um
-sie vor Schmutz, Sand und dergleichen zu schützen. In Gegenden jedoch,
-wo es viel regnet, wie auf Java, ist dieses Verfahren nicht möglich,
-da das Fleisch der Früchte schnell fault und die Früchte durch einen
-kräftigen Regenfall zu Boden geschlagen werden. Deshalb sammelt man sie
-dort sobald sie einigermaßen reif sind und verarbeitet sie weiter. In
-Ostindien gelten diejenigen Kaffeebohnen als die besten, die aus dem
-Kote von Schleichkatzen und Schakalen gesammelt werden, was allerdings
-begreiflich ist, da diese Tiere nur die reifsten Beeren fressen und
-deshalb die von ihnen unverdaut abgehenden Samen von besonderer Güte
-sind.
-
-Früher trocknete man die abgelesenen Früchte auf der Erde und zerbrach
-die äußeren Hüllen in Holzmörsern durch Handarbeit oder in einer
-Art Mühle in Tierbetrieb, was auch jetzt noch teilweise geschieht.
-In neuester Zeit und auf fortgeschrittenen Betrieben werden die
-Früchte, um die Kaffeebohnen von dem sie einhüllenden Fleische zu
-befreien, unmittelbar nach dem Pflücken in Maschinen zerquetscht und
-auf ein Sieb gebracht, dessen Maschen gerade groß genug sind, um die
-Bohnen durchzulassen, das Fruchtfleisch aber zurückzubehalten. Das
-letztere findet als Dünger Verwendung. Die noch mit der Pergamenthülle
-bedeckten Bohnen dagegen werden in den Gärraum gebracht, wo die an
-ihnen haftenden Fruchtfleischreste einen Fäulnisprozeß durchmachen,
-worauf sie sich durch Waschen leicht entfernen lassen. Nach dem Waschen
-trocknet man sie an der Sonne, nach dem älteren System auf gemauerten
-Tennen, nach dem neueren jedoch in großen, flachen Karren auf niedrigen
-Rädern, die, auf Schienen laufend, des Nachts oder bei schlechtem
-Wetter in einen langen Schuppen gerollt werden. Die Farbe der Bohnen
-wird nur durch ihren Feuchtigkeitsgehalt bedingt. So sind die blauen
-Bohnen feuchter als die grünen und die grünen wiederum feuchter als
-die gelben, während ein langsames Trocknen bei feuchter Witterung dem
-Kaffee eine bleierne Farbe verleiht.
-
-Bei dem trockenen Verfahren werden die Bohnen gleich nach dem Pflücken
-durch Ausbreitung am Boden vermittelst der Sonnenwärme getrocknet, bis
-man beim Umrühren der Früchte die Bohnen in ihren Hüllen rasseln hört.
-Dann bringt man sie in Speicher, wo man sie beliebig lange aufbewahren
-kann. Zur Entfernung der Pergamenthülle werden sie dann, wie der auf
-nassem Wege vom Fruchtfleisch befreite Kaffee, in Mörsern mit langen
-hölzernen Stampfern, in der Regel aber in Maschinen bearbeitet.
-Auf solche Weise von den Hülsen befreit, werden sie nach der Größe
-sortiert und poliert. Der Reinertrag an verkaufsfertigen Bohnen beträgt
-durchschnittlich ein Fünftel des Gewichts der frischen Früchte.
-
-Neben der Hauptblüte des Kaffeebaumes gibt es eine Vor- und Nachblüte,
-die aber weniger von Bedeutung sind; so handelt es sich gleichwohl um
-eine Haupterntezeit, die auf Java alle 4-6 Monate stattfindet. Doch
-wird auch hier in zunehmendem Maße der weniger empfindliche und rascher
-wachsende liberische Kaffeestrauch, der stets Blüten und Früchte
-nebeneinander trägt und deshalb eine periodische Ernte vollkommen
-ausschließt, gepflanzt. Zur Aussaat werden jeweilen die schönsten und
-größten Beeren ausgesucht, die von in der Fülle ihrer Kraft stehenden
-Bäumen stammen, d. h. nicht zu jung und nicht zu alt sind. Da der Same
-des Kaffees seine Keimkraft schnell verliert, bedient man sich, um ihn
-in fern abliegende Gegenden zu verpflanzen, besser nicht der Samen,
-sondern junger Pflänzchen, die in kleinen, mit Glas gedeckten Kisten
-an Deck mit größter Behutsamkeit transportiert werden müssen. Beim
-Anpflanzen werden sie gleich wie die aus Sämlingen an Ort und Stelle
-gezogenen jungen Pflanzen unter dem Schutz von Schattenbäumen groß
-gezogen. Häufig werden zwischen den Kaffeesträuchern, so lange diese
-noch jung sind, auch andere Pflanzen angebaut, so in Brasilien Mais und
-Bohnen, die gleichzeitig dazu bestimmt sind, die allzugrell scheinende
-Sonne abzuhalten. Sobald jedoch die Kaffeepflanzen groß geworden sind
-und anfangen Früchte zu tragen, müssen diese Zwischenpflanzen entfernt
-werden, da sie dann den Ertrag verringern. Zwischen den Kaffeebäumen
-muß das rasch emporwuchernde Unkraut regelmäßig entfernt werden, was
-bei Großbetrieben durch besondere Maschinen geschieht. Dann muß die
-Plantage auch gedüngt werden; besonders ist eine Zufuhr von Phosphor
-vonnöten. Je tiefgründiger der Boden, um so mehr können sich die
-Pfahlwurzeln entwickeln und um so älter werden die Bäumchen. Als
-Gebirgspflanze gedeiht der arabische Kaffeestrauch am besten in Tälern
-oder an Abhängen, wo er vor Winden geschützt ist. Am besten sagen ihm
-Temperaturen zu, die zwischen 15 und 25° C. schwanken, und Regenmengen
-zwischen 220 und 330 cm im Jahr.
-
-Aus Abessinien ist der echte Kaffeestrauch zuerst nach dem
-südlichen Arabien gelangt, wo seine Kultur beschränkt blieb, bis
-auf Veranlassung des Bürgermeisters von Amsterdam, Nikolas Witsen,
-Direktor der holländischen Handelskompagnie, der Gouverneur von
-Batavia, van Hoorn, im Jahre 1650 einige Kaffeebäumchen von Mekka
-nach Batavia auf der Insel Java bringen ließ, die aber infolge
-einer Überschwemmung wieder eingingen. Keinen besseren Erfolg hatte
-die Sendung des holländischen Kommandanten von Malabar, Adrian van
-Ommeren, vom Jahre 1696. Kurz darauf gelang es Hendrik Zwaardekron
-diese Nutzpflanze dort einzubürgern. Sie wurde in großen Plantagen
-angepflanzt, von deren Ertrag bald auch die Muhammedaner Westasiens
-mit diesem Genußmittel versorgt werden konnten. Später wurde die
-Kaffeekultur von den Holländern auch auf die anderen Sundainseln
-und auf Ceylon ausgedehnt. Im Jahre 1710 wurden von Batavia aus
-mehr als hundert junge Kaffeebäumchen nach Amsterdam gesandt, wo
-sie im Treibhaus des Botanischen Gartens Unterkunft fanden. Eines
-derselben erhielt im Jahre 1713 Ludwig XIV. durch den Direktor
-des Amsterdamer Gartens Namens Pancras. Er ließ es im Garten von
-Marly bei Paris sorgsam aufziehen, und nach ihm veröffentlichte dann
-der Botanikprofessor am ~Jardin du roi~ in Paris, Antoine de
-Jussieu, in den ~Mémoires de l’Academie des sciences~ eine genaue
-Beschreibung der Pflanze. Ein anderes Exemplar gelangte von Amsterdam
-nach Surinam, wo dann die Holländer die Kaffeekultur erfolgreich
-einzubürgern vermochten.
-
-Von der einen Kaffeepflanze in Marly wurden Samen erzielt, die junge
-Pflänzchen ergaben, von denen der vorgenannte Antoine de Jussieu
-dem Schiffskapitän de Clieu d’Erchigny im Jahre 1721 drei Exemplare
-mitgab, um sie nach der Insel Martinique zu bringen. Infolge großen
-Wassermangels auf der langen Reise, die den Offizier zwang, die ihm
-zugewiesene Wasserration zum größten Teile zur Erhaltung seiner
-Pfleglinge zu verwenden und selbst Durst zu leiden, brachte er nur
-+ein+ Exemplar lebend an den Bestimmungsort. Hier angepflanzt, mußte es
-beständig von Sklaven bewacht werden, damit es nicht gestohlen werde.
-Es gedieh vorzüglich und wurde die Stammpflanze aller westindischen
-Kaffeebäume, deren Kultur sich in der Folge rasch über das tropische
-Amerika verbreitete.
-
-Im Jahre 1725 pflanzte de la Motte-Aigron, der Gouverneur von Cayenne,
-daselbst das erste Kaffeepflänzchen, das er sich verstohlenerweise bei
-seinem Aufenthalt in Surinam zu verschaffen gewußt hatte. Von dort her
-gelangte die Pflanze 1740 nach Brasilien. Im Jahre 1730 wurde die erste
-Kaffeeplantage auf Guadeloupe und durch Nicholas Lewes desgleichen auf
-Jamaika angelegt. Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Sumatra
-die ersten Anbauversuche gemacht, die aber erst von 1819 an, als die
-Insel unter holländische Herrschaft kam, Erfolg hatten. 1822 begann
-der Kaffeebau auf Celebes und 1832 in Costarica, und zwar an letzterem
-Orte durch den deutschen Kaufmann Wallerstein. Endlich kam der
-Kaffeebau 1892 auch nach Deutsch-Ostafrika, wo er heute besonders in
-der Landschaft Usambara blüht. Auch in Kamerun sind neuerdings größere
-Anpflanzungen von Liberiakaffee gemacht worden.
-
-Der westindische Kaffee, der im 18. Jahrhundert, als er sich mit dem
-Javakaffee in den Welthandel teilte, in hoher Blüte stand, ging im 19.
-Jahrhundert infolge der Abschaffung der Sklaverei und fortwährender
-politischer Umwälzungen so sehr zurück, daß man an seiner Stelle Tabak
-und Zuckerrohr bevorzugte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte
-sein Anbau jedoch in Mexiko und namentlich in Brasilien auf, in welch
-letzterem Lande er allerdings schon seit 1808 für den Welthandel
-zunehmende Bedeutung erlangt hatte. Früher noch kam er in Ostindien
-auf, wo besonders Ceylon reiche Kaffeeplantagen besaß, bis im Jahre
-1869 dort zuerst die durch einen Rostpilz, ~Hemileia vastatrix~,
-hervorgerufene gefürchtetste Blattfleckenkrankheit des arabischen
-Kaffeebaums ausbrach, die im Jahre 1875 dort und auf dem indischen
-Festlande einen so verderblichen Charakter annahm, daß in der Folge
-die Kaffeekultur in diesen Ländern fast ganz aufgegeben werden mußte
-und durch den Anbau von Tee verdrängt wurde, soweit sie nicht durch
-die Kultur des durch größere Samen ausgezeichneten, infolge seiner
-größeren Robustheit mehr Widerstandskraft gegen den Pilz aufweisenden
-Liberiakaffees ersetzt wurde. Dieser Pilz, der sich dann auch in den
-Kaffeegärten Deutsch-Ostafrikas zeigte, hat dem Kaffeebau auf Ceylon
-bis zum Jahre 1880, also in zehn Jahren, einen Schaden von über 300
-Millionen Mark verursacht und viele vorher vermögliche Pflanzer
-ruiniert.
-
-[Illustration: Bild 35. Der Rostpilz des Kaffeestrauches (~Hemileia
-vastatrix~).
-
-~a~ vom Rostpilz befallenes Blatt, ~b~ aus einer Spaltöffnung des
-Blattes sich hervordrängende Dauersporen in Büscheln.]
-
-Dieser so verhängnisvolle Krankheitserreger, gegen den bis jetzt
-kein sicheres Bekämpfungsmittel gefunden wurde, erzeugt ½–¾ cm
-große orangegelbe Flecken an der Unterseite der Blätter der von ihm
-befallenen Pflanze, indem sich hier aus den Spaltöffnungen des Blattes
-zahlreiche Dauersporen in Büscheln hervordrängen, die abfallen und
-allseitig ausstäuben. Sie sind so ungemein leicht, daß der leiseste
-Lufthauch sie überallhin auf andere Blätter trägt, wo sie keimen und,
-in das Zellgefüge der Blätter eindringend, die Krankheit verbreiten.
-Der ganze Entwicklungsprozeß dauert nicht länger als einen Monat,
-wodurch sich die schnelle Verbreitung der Seuche erklärt. Wenn viele
-Blätter zu gleicher Zeit von der Krankheit befallen werden und
-abfallen, so geht der Baum ein. In jedem Falle wird er aber durch
-diese Infektion so stark in seinem Allgemeinbefinden angegriffen,
-daß er mehrere Jahre hindurch einen ganz geringen Ertrag liefert.
-Bordeauxbrühe und Tabakwasser töten zwar die Sporen der ~Hemileia~,
-aber gegen das Umsichgreifen der Seuche schützt nur ein Radikalmittel
-wie die Vernichtung aller von der Krankheit befallener Sträucher.
-Besonders in Java, wo die Krankheit im Jahre 1876 zuerst auftrat, um
-dann 1882 auf der ganzen Insel zu wüten, half man sich dadurch, daß
-man die zarte arabische Kaffeepflanze durch die bedeutend kräftigere
-Liberiakaffeepflanze ersetzte. Neuerdings wird dort wiederum erstere
-als eine feinere Bohnensorte liefernde Pflanze vorgezogen, indem man
-sie auf junge Sämlinge von Liberiakaffee pfropft, was recht gute
-Resultate liefert, indem so der arabische Kaffeestrauch größere
-Widerstandskraft gegen die Infektion erlangt.
-
-Die gewaltige Verbreitung, welche dieser Pilz in den 1870er Jahren
-erreichte, ist namentlich darauf zurückzuführen, daß er von einer Abart
-der arabischen Kaffeepflanze, der ~Coffea travancorensis~, die er
-zuerst befiel, auf ~Coffea arabica~ überging und in der letzteren eine
-neue, ihm zusagende Nährpflanze fand, in der er sich, von dem zu seiner
-Entwicklung außerordentlich geeigneten feuchtwarmen Klima begünstigt,
-in der ausgiebigsten Weise ausbreitete. Dies hat man in ähnlicher Weise
-auch an anderen Rostpilzen beobachtet, daß ein Übergang von der einen
-Pflanzenart auf eine andere nahe verwandte, besonders wenn diese durch
-längere Kultur verzärtelt war, einem solchen Krankheitspilz besondere
-Bösartigkeit verlieh, so daß er eine bis dahin unbekannte Ausdehnung
-erlangte und eine in hohem Maße zerstörende Wirkung ausübte. Da die
-Ansteckung mit der ~Hemileia~ in den ersten Stadien nur sehr schwach
-zu erkennen ist, sollten für den Plantagenbetrieb niemals junge
-Pflänzchen von auswärts bezogen werden, sondern zur Anpflanzung sollten
-jeweilen nur in Bordeauxbrühe desinfizierte Samen verwendet werden,
-bei denen man eine Garantie hat, daß die Übertragung des Schädlings
-ausgeschlossen ist.
-
-In Ostafrika haben sich die Larven eines Bockkäfers, ~Herpetophyas
-fasciatus~, als Schädlinge der Kaffeebäumchen erwiesen, in Westafrika
-dagegen speziell beim Liberiakaffee ein Borkenkäfer, ~Apate
-franciscea~. In Südamerika entstehen an den Kaffeesträuchern vielfach
-Wurzelknoten durch die Invasion winziger Würmchen. Doch ist der dadurch
-erwachsene Schaden bisher kein sehr großer gewesen. Endlich hat eine
-Mottenlarve, ~Cemiostoma coffeellum~, in einigen Teilen Amerikas
-wie auf der Insel San Domingo und in Brasilien große Verheerungen
-angerichtet.
-
-Die Republik Costarica führt den Kaffeebaum als Wappenschild.
-
-Der Kaffeeverbrauch der Erde ist in beständigem Steigen begriffen.
-Weitaus am meisten Kaffee wird in Amerika erzeugt und getrunken. Von
-der jährlich auf der ganzen Erde hervorgebrachten Menge von gegen einer
-Milliarde kg Kaffeebohnen erzeugt Brasilien gegen 700 Millionen kg und
-das übrige Südamerika, namentlich Venezuela und Kolumbia, gegen 60
-Millionen kg. Zentralamerika baut ebenfalls viel Kaffee an und seine
-Produktion beläuft sich auf etwa 100 Millionen kg. Gegenüber dieser
-Kaffeeproduktion Amerikas ist die in Ostindien und Java geerntete
-Kaffeemenge eine verschwindend kleine; sie beläuft sich nämlich auf
-nur etwa 40 Millionen kg. Erzeugt nun Amerika den meisten Kaffee, so
-liefert Abessinien, die Heimat dieser Kulturpflanze, immer noch den
-besten Kaffee. Dieses äthiopische Produkt wird nach der Somaliküste
-gebracht und dort von indischen Händlern aufgekauft. Aus der Landschaft
-Yemen in Südarabien stammt der arabische Kaffee, von seinem früheren
-Exporthafen auch Mokka genannt, der aber leider nicht zu uns kommt,
-da er in Persien, Vorderasien und Ägypten aufgebraucht wird. Unser
-gewöhnlicher „Mokka“ ist nichts als ausgesuchter kleinbohniger
-Java- oder Ceylonkaffee, welche Produktionsorte mit Celebes, das
-den rötlichgelben großbohnigen Menadokaffee liefert, den besten
-zu uns gelangenden Kaffee erzeugen. In Frankreich wird besonders
-der von Manila exportierte ausgezeichnete Kaffee der Philippinen
-verbraucht. Hinter diesen südasiatischen Kaffeesorten steht der
-brasilianische und an Qualität rangieren in letzter Linie derjenige
-von Venezuela und Haiti. Meist zieht man hellgefärbte Sorten den
-dunkeln vor. Großbohnige, in Größe und Farbe gleichmäßige Sorten geben
-im allgemeinen die beste Garantie für völlige Reife, sorgfältige
-Behandlung und Sortierung.
-
-Nach den Vereinigten Staaten, die jährlich gegen 500 Millionen kg
-Kaffee verbrauchen, kommt Deutschland, das im letzten Jahre 189
-Millionen kg Kaffee im Werte von 162 Millionen Mark einführte. Auf
-die Zahl der Einwohner berechnet verbraucht Holland weitaus am meisten
-Kaffee, nämlich 5,8 kg pro Jahr und Kopf der Bevölkerung. Ihm folgen
-die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 5,75 kg, Deutschland mit
-3,12 kg, die Schweiz mit 2,98 kg, Frankreich mit 1,38 kg, England mit
-0,45 kg und endlich Rußland mit 0,10 kg. Der Kaffeekonsum der beiden
-letztgenannten Länder ist nur deshalb so klein, weil dort an seiner
-Stelle um so mehr Tee getrunken wird.
-
-Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Afrika außer dem Kaffeestrauch noch
-eine andere anregende Nutzpflanze besitzt. Es ist dies der +Katstrauch+
-(~Catha edulis~), ein dem Pfaffenhütchen (~Evonymus europaeus~) sehr
-nahe verwandter Strauch aus der Familie der Spindelbaumgewächse, der
-von Abessinien bis zum Kaplande in gebirgigen Gegenden verbreitet ist
-und unter anderem auch in Arabien kultiviert wird. Der Gebrauch der
-Blätter des Katstrauchs als Genußmittel ist in Arabien und Abessinien
-älter als derjenige der Kaffeebohnen. Sie werden gekaut und frisch oder
-häufiger getrocknet zur Herstellung eines mit Honig versüßten Aufgusses
-wie diejenigen des chinesischen Tees benutzt. Auch sie enthalten eine
-das Nervensystem anregende Substanz, das ~Celastrin~, das ebenfalls
-dazu dient, körperlich und geistig anzuregen, die Müdigkeit und den
-Schlaf zu verscheuchen; im Übermaß aber soll es betäubend wirken. Nach
-Europa gelangt dieses Genußmittel durchaus nicht, da hier Kaffee und
-Tee vollkommen eingebürgert sind und dieses dagegen nicht aufzukommen
-vermag. Der Reisende ~Dr.~ Roth sagt von ihm: „Die Sitte des Katkauens,
-die ich in Yemen kennen lernte, gehört zu den einladendsten, der sich
-der Araber beim Frühstück, zum Mittagessen und selbst in den heitern
-Nächten hingibt. Man zieht zu letzterem Zwecke die kultivierte Pflanze
-der wildwachsenden weit vor. Es wird bei den Wohlhabenderen damit viel
-Luxus getrieben, und so wie man bei uns dem Fremden eine Tasse Tee oder
-Kaffee anbietet, wird derselbe dort mit den grünen Zweigbündeln des Kat
-beehrt. Die im Zimmer der Vornehmen umherliegenden entblätterten Zweige
-sind der Maßstab der Wohlhabenheit und der Gastfreundschaft.“ Im Aufguß
-mit heißem Wasser genossen, schmecken und wirken die Katblätter ähnlich
-wie chinesischer Tee, der uns im nächsten Abschnitt beschäftigen soll.
-
-
-
-
-XII.
-
-Der Tee.
-
-
-Wie der Kaffee ostafrikanischen Ursprungs, so ist der Tee
-ostasiatischer Herkunft, und zwar verdanken wir seine Verwendung als
-Genußmittel dem uralten Volke der Chinesen, das ihn nach dem Berichte
-alter Chroniken im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung aus dem Süden
-erhalten haben soll. Aber erst zu Beginn des 9. Jahrhunderts n. Chr.
-kam der Teegenuß in China mehr in Aufnahme. Nach Japan wurde er durch
-einige Priester eingeführt, die ihn in China kennen gelernt hatten;
-aber erst im 15. Jahrhundert erreichte er in diesem Lande einen
-größeren Umfang.
-
-Der Teestrauch, dessen dunkelgrüne, lederartige, glänzende Blätter
-den Ostasiaten den ihnen unentbehrlichen, das Nervensystem anregenden
-Trank spenden, gehört mit der ihm sehr nahe verwandten Camellia zu
-den den Myrtengewächsen nahestehenden Ternströmiaceen (nach dem
-Schweden C. Ternström so genannt, der China durchforschen wollte,
-aber vor Erreichung seines Zweckes 1745 starb). Er hat seine Heimat
-im gebirgigen südlichen Asien, wo er außer auf der südchinesischen
-Insel Hainan in Assam und den südlich davon gelegenen Bergländern noch
-heute im wilden Zustande gefunden wird. Die Gattung ~Thea~ umfaßt
-16 in Hinterindien, China und Japan wild wachsende Arten, die man
-in Eutheen mit gestielten, nickenden Blüten und nicht abfallenden
-Kelchblättern und Camellien mit ungestielten, aufrechten Blüten und
-abfallenden Kelchblättern einteilt. Zu letzteren gehört die ~Thea
-japonica~, die als Zierpflanze bekannte und beliebte Camellie,
-zu ersteren dagegen die ~Thea chinensis~, deren Blätter uns den
-chinesischen Tee liefern. Sie kommt in zweierlei Arten vor, die ~Thea
-chinensis~ im engeren Sinne, die, sich selbst überlassen, etwa 7-10 m
-Höhe erreicht, als Kulturgewächs jedoch zum bequemeren Einsammeln der
-Blätter kaum 1,5-2 m hoch gehalten wird, und die 10-15 m hohe ~Thea
-assamica~, die fast doppelt so große, schneller reifende Blätter wie
-jene besitzt und weniger zur Bildung von Blüten neigt, die -- statt
-wie beim chinesischen Teestrauch zu 2-5 Stück -- einzeln aus den
-Blattwinkeln hervorbrechen. Letztere beansprucht wärmere Lagen und
-fruchtbareren Boden und verhält sich zum chinesischen Teestrauch wie
-der liberische Kaffeebaum zum echten arabischen. Beide Pflanzenarten
-und die davon abgeleiteten Kreuzungsprodukte, deren Blätter aber oft
-an Aroma minderwertig sind, gedeihen in verschiedenen Klimaten und
-auf verschiedenem Boden üppig und überdauern sogar ziemlich kalte
-Winter, vorausgesetzt, daß sie warme Sommer haben, in denen sie ihre
-Blättermasse reichlich zu entwickeln vermögen. Frost können sie nicht
-ertragen und haben auch von der Trockenheit zu leiden. Am besten sagt
-ihnen ein mäßig warmes, feuchtes Klima auf subtropischen Inseln und
-Küsten, näher am Äquator dagegen in kühlerer Berglage in 1000-2000 m
-Höhe zu.
-
-Die beiden Teearten sind buschig verzweigte, immergrüne Sträucher mit
-wechselständigen, kurz gestielten, lanzettförmigen, gekerbten Blättern,
-die wie die jüngsten Zweigspitzen nur in ihrer Jugend zum Wärmeschutz
-seidig weiß behaart sind, während sie im entwickelten Zustande kahl und
-lederartig erscheinen. Aus den Achseln der Blätter treten beim Assamtee
-einzeln, beim chinesischen aber zu zweien bis fünfen, etwa den Umfang
-eines Markstücks erreichende, schwach nach Jasmin riechende, weiße
-Blüten hervor. Die kleinen Kelchblätter wie die Blumenblätter sind
-in der Sechszahl vorhanden. Die über zweihundert Staubfäden sind am
-Grunde verwachsen und der behaarte Fruchtknoten umschließt in jedem der
-Fächer zwei hängende Samenanlagen. Die Frucht ist eine runde, gelbbraun
-punktierte, dünnwandige, holzige Kapsel, die in drei aufspringenden
-Fächern je einen kirschkerngroßen, glänzend braunen Samen mit
-gelblicher Keimgrube birgt.
-
-Der Teestrauch gedeiht am besten in einem feuchtwarmen Klima in
-sonniger Lage; deshalb werden die Teegärten mit Vorliebe an nach
-Süden gerichteten Abhängen angelegt, weil sich dann kein Wasser an
-den Wurzeln der Pflanzen ansammeln kann, was ihrem Wachstum schaden
-würde. Sie bedürfen keiner Schattenbäume und gedeihen am besten
-auf lockerem, festem Boden. Nachdem das Erdreich, auf welchem eine
-Teeplantage angelegt werden soll, durch Pflügen oder Umgraben und Eggen
-gehörig bearbeitet worden ist, wird es sofort bepflanzt. Ist der Boden
-sehr mager, so muß er zuvor gedüngt werden, damit er reichen Ertrag
-liefere; auch muß er ziemlich viel Kalk enthalten. In ihm wird nun
-die Teepflanze in der Regel durch etwa einjährige Samen, die man in
-Reihen 1,25 m voneinander entfernt zu zweien oder zu dreien in
-den Boden legt, gewonnen. Der Samen keimt unter günstigen Umständen
-nach fünf bis sechs Wochen und ein paar Wochen später kann man schon
-Pflanzen von 10 cm Höhe haben. Weniger empfehlenswert ist die
-Anzucht in besonderen Saatbeeten, da die Wurzeln der jungen Pflänzchen
-außerordentlich empfindlich sind und beim Überführen in die definitiven
-Standorte fast immer leiden, wodurch nicht unerhebliche Ausfälle
-entstehen. Dabei legt man, um den Boden auszunützen, in den ersten zwei
-oder drei Jahren Zwischenpflanzungen, am besten von Mais, an, welche
-auch für genügende Beschattung der jungen Teepflanzen sorgen.
-
-Weil es dem Teestrauch ein Bedürfnis ist, dem Wind freien Durchtritt
-zu gewähren, läßt man zwischen den einzelnen Exemplaren einen gewissen
-Abstand; auch läßt man ihn nicht hoch aufschießen, sondern beschneidet
-ihn immer wieder rücksichtslos, wie wir dies mit unseren Hecken tun,
-damit er reichlich Seitenschosse erzeuge und zum dichten Busch werde.
-Wenn der Teestrauch drei Jahre alt geworden ist, kann mit dem Pflücken
-der Blätter begonnen werden. Gewöhnlich erntet man dieselben in China
-dreimal im Jahre. Zuerst, Anfang März bis Mitte April, unmittelbar vor
-der Regenzeit, pflückt man die ersten Frühlingsblätter, aus denen der
-feinste Tee gewonnen wird. Nach der Regenzeit, Ende Mai oder Anfang
-Juni, folgt die zweite, die sogenannte große Ernte, die qualitativ die
-bedeutendste ist und zum großen Teil ins Ausland gesendet wird, aber
-an Feinheit des Aromas der ersten Ernte nachsteht. Die dritte Ernte,
-Ende Juli oder Anfangs August, ist wegen der groben, wenig aromatischen
-Blätter recht minderwertig und wird daher in vielen Gegenden gänzlich
-unterlassen, da die Erhaltung der betreffenden Blätter für das Gedeihen
-des Strauches und somit auch für die Güte der ersten Ernte des nächsten
-Jahres von großer Bedeutung ist.
-
-In der Regenzeit wird alles Pflücken der Blätter vermieden, weil es für
-die Qualität des Tees nachteilig ist, solche zu pflücken, die vom Regen
-naß sind; der Tee schmeckt nämlich dann flau. Auch das Äußere des Tees
-wird durch die Feuchtigkeit benachteiligt, da feuchte Blätter sich bei
-der Bearbeitung zu mehreren zusammenzurollen pflegen und dann nur mit
-großer Mühe auseinandergebracht werden können. Früh morgens, wenn der
-Tau der Nacht verdunstet ist, beginnt man mit dem Pflücken der Blätter
-und fährt damit fort, bis man eine zur betreffenden Tagesverarbeitung
-genügende Menge hat. Dabei müssen die Blätter vor ihrer vollen
-Entwicklung geerntet werden, wenn sie eben im Begriffe sind, die
-Blattflächen auseinanderzurollen.
-
-Wenn auch der Teestrauch bereits im Alter von drei bis fünf Jahren
-beginnt, Erträge zu liefern, so erhält man erst vom zehnten Jahre
-an Vollernten von 1 kg und mehr jährlich pro Strauch. Aber um diese
-Zeit werden die Blätter oft schon groß und minderwertig, so daß man
-sich, wie bei der Kultur der Rebe, damit behilft, den Strauch stark
-bis auf einen oder wenige Zweige zu beschneiden, damit sich reichlich
-junge Schosse bilden. Aber die Blätter dieser letzteren erreichen
-nie die Güte, welche die ersten besaßen, so daß man es vorzieht, die
-Bäumchen bereits nach dem zehnten Jahre zu entfernen und neue Aussaaten
-vorzunehmen, wie dies z. B. auf Ceylon überall zu geschehen pflegt.
-
-Je jünger und zarter die geernteten Blätter sind, desto besseren Tee
-liefern sie; doch ist erst in den ganz ausgewachsenen Blättern der
-Höchstgehalt an Teeïn, das mit dem Koffeïn identisch ist, und den
-übrigen, dem Tee seinen Wert verleihenden Substanzen, erreicht. Diese
-sind im mittleren Blattgewebe enthalten. Auf einen Hektar Teepflanzung
-rechnet man durchschnittlich eine Ernte von 3000 kg Teeblättern
-jährlich. Aber auf den besten Teepflanzungen erntet man bis 10000
-kg pro Jahr. Beim Pflücken der Blätter, das meist Frauen und Kinder
-besorgen, wird peinlichste Sauberkeit beobachtet. Die Pflückerinnen
-müssen täglich baden und sich getrockneter Fische und anderer stark
-riechender Speisen enthalten. Ja, die feinste Sorte aus den zartesten
-Blättern der ersten Ernte, die in China den Kaiser- oder Blumentee
-liefern, der kaum je in den Handel gelangt und vom Hofe selbst, der ihn
-mit 600 Mark das kg bezahlt, aufgekauft wird, pflückt man sogar mit
-Handschuhen. Damit beide Hände frei bleiben, tragen die Pflückerinnen
-an einer Schnur um den Hals gehängt ein Körbchen auf der Brust,
-ziehen mit der Linken einen Zweig an sich und brechen mit der Rechten
-die Blätter am Stiel ab. Eine Person vermag täglich 6-7 kg Blätter
-einzusammeln, die dann nach der Zubereitung zu Tee 75 Prozent ihres
-Gewichts verlieren, so daß also 4 kg frische Blätter 1 kg Tee liefern.
-
-Je nach der weiteren Bearbeitung erhält man nun zwei ganz verschiedene
-Sorten, den +schwarzen+ und den +grünen Tee+, die durchaus nicht,
-wie man früher glaubte, von verschiedenen Pflanzen, sondern von
-derselben stammen, nur durch verschiedene Behandlung der Blätter
-erzielt werden. Der +grüne Tee+, wie ihn die Ostasiaten lieben, weil
-er infolge weit geringerer Zersetzung kräftiger auf die Nerven als der
-von uns bevorzugte schwarze Tee wirkt, wird in der Weise gewonnen, daß
-die Blätter unmittelbar nach dem Einbringen „gedämpft“ werden, damit
-sie ihre Farbe behalten, und schließlich eine Röstung erfahren. Zu
-diesem Zwecke werden sie in Hürden aus Bambusstäben über Kessel mit
-dampfendem Wasser gehalten oder in tiefen Pfannen bei starker Hitze
-in ihrem eigenen Safte gedämpft, wobei sie unausgesetzt mit Stöcken
-rasch umgerührt werden, bis sie beginnen rote Ränder zu zeigen. Dann
-werden sie wie beim schwarzen Tee, nur in schnellerer Aufeinanderfolge,
-mit den Händen gerollt und über Feuer geröstet. Durch dieses rasche
-Trocknen wird dem Gerbstoff in den Blättern keine Zeit zum Oxydieren
-gelassen, während gleichzeitig auch einer späteren chemischen
-Zersetzung in der Masse vorgebeugt wird. Zum Schluß werden sie, nachdem
-man ihnen noch die gewünschte blaugrüne Farbe, die nicht jeder Tee
-annimmt, durch Bestäuben mit einer Mischung von Indigo, Curcuma und
-Gips verliehen hat, vermittelst Sieben sortiert und die Ware nach
-nochmaligem Rösten noch warm in mit Stanniol gefütterte Kisten verpackt.
-
-Der +schwarze Tee+, der weitaus die Hauptmenge des Fabrikats ausmacht,
-da er vorzugsweise zum Export gelangt, wird ganz anders behandelt.
-Zunächst läßt man die Blätter auf flachen Bambushürden 24 Stunden
-und länger welken, wobei die Blätter unter allerlei chemischen
-Veränderungen, die vorzugsweise in einem Freiwerden des Teeïns aus
-seiner gerbsauren Verbindung und in einer Zunahme von löslichen
-Stickstoffverbindungen bestehen, etwa 20-28 Prozent ihres Gewichtes
-verlieren. Durch dieses Welken werden die Blätter zugleich für die
-weitere Bearbeitung geeigneter gemacht. Da sie gerollt werden sollen,
-wird dadurch das Austreten des Saftes bei jenem Prozesse vermindert und
-bewirkt, daß sie sich später leichter rollen lassen und dabei weniger
-leicht zerbrechen. Unmittelbar nach dem Welken werden die Blätter
-20-30 Minuten lang auf Rolltischen mit den Händen gerollt. Die so
-entstandenen Ballen werden auseinander gelöst, auf geflochtenen Tellern
-ausgebreitet und mit feuchten Tüchern bedeckt, um das Austrocknen zu
-verhüten und die Temperatur in der leicht gärenden Masse niedrig zu
-halten. Diese Gärung findet durch ausschließlich im Teeblatte selbst
-enthaltene Fermente statt, wobei durch das Freiwerden eines ätherischen
-Öles das Aroma entsteht. Nach zwei bis drei Stunden ist dieser Prozeß
-abgelaufen und dann hat sich die Blattmasse rotbraun verfärbt. Nun
-werden die Blätter nochmals gerollt und danach getrocknet. Dieser
-letztere Prozeß soll möglichst zuerst in der Sonne und dann in
-Trockenmaschinen bei 100° C. geschehen. Danach folgt das durch Frauen
-besorgte Verlesen oder das Sortieren durch Maschinen. Schließlich
-wird der Tee nochmals in offenen Sieben über hellem Kohlenfeuer gut
-getrocknet und erwärmt, um die absolute Luftfeuchtigkeit in der
-Verpackung, welche beim Transport zur Schimmelbildung führen würde,
-zu vermindern, sorgfältig in große, innen mit Stanniol ausgekleidete
-Kisten verpackt und dann verlötet, damit er sein feines Aroma
-möglichst unverändert behalte. Wie bei der Verpackung ist auch bei der
-Aufbewahrung des Tees darauf zu achten, daß nicht riechende Stoffe
-in der Nähe sind und die Ware nicht der Luft, dem Lichte und der
-Feuchtigkeit ausgesetzt ist. Übrigens wird nur den besseren Teesorten
-eine solch sorgfältige Behandlung zuteil. Für den Verbrauch im Inlande
-werden die geringwertigen Blätter einfach an der Sonne getrocknet und
-mit gefurchten Steinen gerollt. Der so gewonnene Tee hat ein angenehmes
-Aroma, eine rötliche Farbe und einen süßlichen Geschmack, hält sich
-aber nicht lang.
-
-China erzeugt sowohl schwarzen wie grünen Tee in großen Mengen, während
-Japan nur grünen, Ceylon und Java nur schwarzen, Indien nur wenig
-grünen Tee (für die mittelasiatischen Länder) produziert und nach
-Europa und Amerika fast nur schwarzen Tee verschifft. Die besseren
-Sorten des bei uns wenig beliebten grünen chinesischen Tees -- von
-den Chinesen Lo-tscha genannt -- sind: der Kaiser- oder Blumentee,
-der aus etwas größeren Blättern der ersten Ernte zu ziemlich großen
-Körnchen gerollt wird; er wird vom kaiserlichen Hofhalt, den Mandarinen
-und reichen Chinesen verbraucht. Dann der Chu-tscha oder Perltee, der
-aus den Blättern der Knospen der ersten Ernte zu ganz feinen Körnern
-gerollt wird; er wird aus Ning-po und Schang-hai besonders nach den
-Vereinigten Staaten und Marokko ausgeführt, wo vielfach wie in Ostasien
-der grüne chinesische Tee dem schwarzen bevorzugt wird. Drittens der
-Hei-son, d. h. blühender Frühling, der aus den gekräuselten Blättern
-der ersten Ernte gerollt und in zwei Qualitäten hergestellt wird.
-Aus den Abfällen dieser Sorten wird endlich ein Twan-kai genannter
-Ausschußtee hergestellt.
-
- Tafel 61.
-
-[Illustration: Singhalesin auf Ceylon beim Pflücken der Teeblätter, die
-sie hinter sich in den Korb wirft.]
-
- Tafel 62.
-
-[Illustration: Singhalesinnen auf Ceylon beim Pflücken der Teeblätter
-unter Aufsicht eines sich mit Schirm gegen die Sonnenstrahlen
-schützenden Aufsehers.]
-
- Tafel 63.
-
-[Illustration: Singhalesinnen auf Ceylon, die von ihnen gepflückten
-Teeblätter nach der Qualität verlesend.]
-
- Tafel 64.
-
-[Illustration: Das Trocknen der Teeblätter auf Hürden in Ceylon.]
-
-Der schwarze Tee Chinas wird in die beiden Gruppen +Oolong+ und +Bohea+
-geschieden. Oolong bedeutet grüner Drache; dieser Name rührt daher,
-weil er von vielen gelblichgrünen Blättern durchsetzt ist. Die Oolongs
-geben einen kräftigeren Aufguß von mehr gelber Farbe als die
-Boheas, die wirklichen schwarzen Teesorten Chinas, die einen dunklen,
-schwächeren Aufguß geben. Sie werden in fünf Sorten geschieden: Die
-feinste Sorte wird von den Engländern ~caper~, von den Chinesen
-aber He-chu-tscha, d. h. schwarzer Perlentee, genannt. Sie ist
-rötlichschwarz, glänzend und besteht aus zu Perlen gerollten Blättern
-und gibt einen dunkelrötlichen Aufguß von reichem Aroma. Dann folgt als
-noch sehr feine Qualität der Peko (eigentlich ~pak-ho~, d. h. weißer
-Flaum), der aus den zarten, gegen die Spitze hin mit weißen, seidigen
-Haaren bedeckten Knospenblättern und frisch entfalteten Blättern meist
-der ersten Ernte hergestellt wird. Die reichlich bei der Herstellung
-dieses Tees abfallenden Haare geben mit behaarten jungen Knospenteilen
-und älteren Blättern vermengt die Pekoblüten. Der Souchong (eigentlich
-~sou-tschong~, d. i. kleine Sorte) wird aus den kleinen Knospenblättern
-der zweiten Ernte gebildet, während der Pouchong (~pau-tschong~, d. h.
-gefaltete Sorte) aus den gefalteten mittelgroßen Blättern der zweiten
-Ernte besteht. Der viel Zeit für die Zubereitung erfordernde Congou
-(eigentlich ~kong-fo~, d. h. mühevolle Sorte) -- von den Chinesen meist
-nur ~hung-tscha~, d. h. roter Tee genannt -- besteht aus den 3-8 cm
-langen, 1-3 cm breiten Blättern der zweiten Ernte. Von ihm werden noch
-zwei besondere Sorten unterschieden, nämlich der Karawanentee, der
-meist nach Rußland exportiert wird, und der Kaisow-Congou mit kleinen,
-feingekräuselten Blättern, der vielfach von Kennern für die beste aller
-Teesorten angesehen wird.
-
-Da in Japan die Ernte fast ununterbrochen stattfindet, treten in dem
-vom grünen chinesischen und indischen weit an Güte übertroffenen
-japanischen Tee keine so wesentlichen Unterschiede in der
-Zusammensetzung je nach den einzelnen Ernten wie in China hervor.
-Nichtsdestoweniger unterscheidet man Peko, welcher die kleinsten,
-Souchong, welcher die mittleren, und Congou, welcher die größten
-Blätter enthält. In seinen feinsten Sorten Uji, Kioto und Ogura
-wird der japanische Tee in der Provinz Yamaschiro erzeugt. Die in
-den benachbarten Landschaften Omi und Tamba gebauten Teesorten
-sind geringwertiger, werden aber in den größten Mengen auf den
-Markt gebracht. Der japanische Tee gibt einen hellfarbigen Aufguß
-von eigentümlichem, reichem Geschmack und wirkt kräftig auf das
-Nervensystem.
-
-Wie der Chinese den grünen Tee zur Erzielung der gewünschten schönen
-blaßgrünen Farbe färbt, so parfümiert er sowohl den grünen, als auch
-den schwarzen Tee durch vorübergehenden Zusatz wohlriechender Blumen,
-um ihn so für den europäischen Konsumenten angenehmer zu gestalten.
-Die zu letzterem Zwecke am meisten gebrauchten Blüten sind diejenigen
-von Jasmin, Orangen, Nelken, Rosen, der Gardenie, der wohlriechenden
-Aglaia, von ~Illicium amsatum~, ~Magnolia fuscata~, ~Chloranthus
-conspicuus~ und besonders diejenigen des wohlriechenden Ölbaums (~Olea
-fragrans~); ferner werden die Wurzeln von ~Iris florentina~ und das Öl
-von ~Bixa orellana~ dazu verwendet. In Indien und Ceylon ist solches
-Parfümieren des Tees verpönt. Und in der Tat, wer sich erst an den
-Geschmack unparfümierten, reinen Tees gewöhnt hat, dem widersteht der
-apothekenhafte Geschmack dessen, was als chinesischer Tee den Europäern
-aufgetischt wird.
-
-Neben diesen beiden Hauptsorten, dem grünen und schwarzen Tee, gibt
-es noch verschiedene andere, so besonders den für die Nomaden der
-Mongolei, die Tibeter und Mongolenstämme Sibiriens und Rußlands, wie
-die Kalmücken, zu einem eigentlichen Volksgetränk gewordenen und daher
-als beliebtestes Tauschmittel dienenden +Backstein+- oder +Ziegeltee+.
-Er wird aus Abfällen geringer Sorten, aus älteren, lederartigen
-Teeblättern und anderen Blättern, namentlich von Weiden, mit Hilfe
-von Reiswasser und Serum von Ochsen- und Schafblut zu viereckigen,
-länglichen Tafeln von gegen 2 kg Gewicht zusammengepreßt und dann in
-Öfen oder an der Luft getrocknet. Dieser Backsteintee macht auch das
-schlechteste Wasser der Steppen trinkbar und wird vom Kaiser von China
-seinen mongolischen Truppen als Sold verabreicht. Er muß beim Gebrauch
-mit einem Hackmesser auseinandergeschlagen, in einem Holzmörser
-zerstampft und darauf in Wasser gekocht werden, bis er auseinanderfällt
-und weich genug ist, um mit Zusatz von meist ranziger Schaf- oder
-Ziegenbutter und Salz weniger als Getränk, denn eine Art Gemüse, samba
-genannt, verzehrt zu werden.
-
-Das Teetrinken ist in China und Japan eine in allen Volksschichten
-gleichmäßig verbreitete Sitte, die mit Kunst zu üben den Knaben und
-Mädchen durch besondere Lehrer gelehrt wird, wie unsere Kinder etwa
-Tanzunterricht erhalten. Man brüht den Tee dort in kleinen, irdenen
-Töpfen an, die desto wertvoller sind, je länger sie im Gebrauche stehen
-und je mehr Absatz sich im Innern des Gefäßes niedergeschlagen hat. Der
-Tee wird stets warm in kleinen Täßchen ohne Zucker und Milch getrunken.
-Bestellt man in jenen Ländern in einem Teehaus, die dort die Rolle
-unserer Wirtshäuser spielen, Tee, so wird in der Regel kein Teetopf
-benutzt, sondern der Tee wird einfach in den Tassen abgebrüht, während
-ein schüsselförmiger durchlochter Deckel verhütet, daß die Blätter beim
-Trinken in den Mund geraten.
-
-Die vornehmen Chinesen pflegen eine durchlöcherte Kapsel aus Silber
-oder Gold an einer kleinen Kette aus demselben Metall bei sich zu
-führen, mit dem sie sich den Tee selbst bereiten, indem sie, falls
-ihnen die Lust zu einem derartigen Genuß ankommt, die Kapsel mit Tee
-füllen, und sie einige Minuten in eine Tasse mit heißem Wasser halten.
-
-Während die Chinesen und Japaner einen sehr schwachen Teeaufguß
-trinken, lieben ihn die Engländer sehr stark und bevorzugen dabei
-ihren Ceylontee. Weniger stark lieben ihn die Russen, bei denen er
-ebenfalls zum eigentlichen Nationalgetränk wurde. Die ärmeren Klassen
-der russischen Bevölkerung trinken den ganzen Tag hindurch Tee, aber
-sehr stark verdünnt. In jedem Hause brodelt das Wasser im Samowar,
-einem meist urnenförmig gestalteten, gewöhnlich durch glühende Kohlen
-geheizten Kessel, dessen Wasser ausschließlich zur Teebereitung
-verwendet wird. Man nimmt dafür nur wenig Teeblätter und gießt immer
-wieder heißes Wasser auf die schon ausgelaugten Teeblätter.
-
-In den hohen Gesellschaftskreisen Rußlands wird wohl -- mit Ausnahme
-derjenigen von China und Japan -- der beste Tee getrunken, den es gibt,
-und zwar gewöhnlich ohne Zucker und Milch, dafür aber mit Zusatz von
-einer Zitronenscheibe oder einigen Tropfen Zitronensaft, wodurch das
-Aroma verstärkt werden soll. Nur die von Viehzucht lebenden Tataren
-kochen ihn mit Milch unter Hinzufügen von etwas Salz. Im Norden
-von Europa, wie in Deutschland und Frankreich, pflegt man vielfach
-etwas Rum in den Tee zu tun. So dient er vor allem zur Bereitung
-des Punsches. Das Wort Punsch stammt aus dem Indischen und bedeutet
-ursprünglich das Zahlwort ~pandsch~, d. h. fünf (z. B. in der
-wohlbekannten Bezeichnung Pandschab, d. h. Fünfstromland enthalten),
-weil in dieses Getränk fünf Bestandteile eintreten, nämlich Wasser,
-Zucker, Tee, Rum und Zitronensaft.
-
-Der von China, Ceylon oder sonstwoher importierte Tee wird stets
-von den großen europäischen Importfirmen je nach dem Geschmacke
-der betreffenden Abnehmer und Konsumenten gemischt. Durch eine
-solche Vermischung verschiedener Sorten wird eine Ergänzung der
-Eigenschaften derselben bewirkt und kann so besser jede persönliche
-Geschmacksliebhaberei befriedigt werden, und zwar bei gleichzeitiger
-Verbilligung infolge des Zusetzens leichter Sorten zu schweren.
-Durch solche Vermischungen, die von den großen Teeimportfirmen als
-Geschäftsgeheimnis sorgfältig gehütet werden, erhält das Publikum
-ein billigeres und zugleich ein ihm besser zusagendes Getränk, als
-wenn es eine reine Sorte genösse. In letzterem Falle müßte es, um
-einen wirklich guten Tee zu bekommen, eine feine, teure Qualität
-verwenden, die es jedoch so zu nehmen hätte, wie sie gerade ist, auch
-wenn ihr diese oder jene Unvollkommenheit anhaftete. Die Vermischung
-muß stets bei trockenem Wetter vorgenommen werden, und danach hat
-der Tee mindestens 10 Tage unberührt zu lagern, bis er seine guten
-Eigenschaften erlangt hat. Übrigens wird auch der Kaffee in ähnlicher
-Weise vermischt in den Handel gebracht, wobei jedes größere Geschäft
-seine bei den Kunden als beliebt erprobte Zusammensetzung vornimmt.
-
-Was den Teekonsum der Völker Europas anbetrifft, so steht England
-weitaus an der Spitze mit gegen 3 kg pro Jahr und Kopf der Bevölkerung,
-dann folgen Holland -- das daneben noch viel Kaffee verbraucht -- mit
-0,6 kg und Rußland mit 0,5 kg. Weit weniger als diese verbrauchen die
-Schweiz, nämlich 100 g, Deutschland 50 g und Frankreich nur 20 g,
-ebenfalls pro Jahr und Kopf der Bevölkerung. Die Franzosen trinken
-dafür als Frühstücksgetränk viel Schokolade, die in den letzten
-Jahrzehnten in Paris geradezu ein Volksgetränk wurde. Doch erfreut sich
-seit der letzten Weltausstellung auch der Tee in Paris zunehmender
-Beliebtheit.
-
-Daß dieser letztere zum Lieblingsgetränk so vieler Nationen geworden
-ist, verdankt er seinem Gehalt an einem ätherischen brenzlichen Öle,
-das ihm das angenehme Aroma verleiht, und zwei Alkaloiden, die in
-gleicher Weise wie jenes das Nervensystem angenehm anregen. Das dem Tee
-seinen spezifischen Geruch verleihende ätherische Öl ist zitronengelb,
-abscheidbar, erstarrt leicht, schwimmt auf dem Wasser und regt, in
-reinem Zustande genossen, ungeheuer auf und verursacht in großen Gaben
-selbst den Tod. Da es aber im grünen Tee nur zu 1 Prozent, im schwarzen
-sogar nur ½ Prozent enthalten ist und seine Wirkung außerdem durch
-die Gerbsäure herabgesetzt wird, so wirkt es bei mäßigem Genusse des
-Tees bloß anregend und belebend auf das Nervensystem, erzeugt aber
-im Übermaß Aufgeregtheit, Schlaflosigkeit und Eingenommenheit des
-Kopfes. Ebenso wirkt das mit dem Koffeïn identische Alkaloid Teeïn
-von bitterem Geschmack, das zu 0,8 bis 4,5 Prozent neben dem ihm sehr
-nahe verwandten Theophyllin darin enthalten ist. Die Gerbsäure aber,
-die im Tee zu 10-25 Prozent enthalten ist, verleiht ihm einen herben,
-zusammenziehenden Geschmack und wirkt leicht stopfend auf die Gedärme.
-Beim Erkalten des Teeaufgusses bewirkt die Ausscheidung von Gerbsäure
-eine Trübung desselben. Damit nun der Tee nicht bitter werde, darf das
-heiße Wasser nicht zu lange mit den Blättern in Berührung bleiben. Nach
-längstens 10 Minuten sind die erwünschten Bestandteile der Teeblätter
-extrahiert und dann soll die dieselben bergende Kapsel aus dem Aufguß
-entfernt werden.
-
-Der angenehme Geschmack des Teeaufgusses wird durch das richtige
-Verhältnis aller dieser Bestandteile zueinander bestimmt, und dieses
-Verhältnis hängt ganz davon ab, wie das heiße Wasser verwendet wird.
-Die Chinesen als die ersten Teekenner der Welt legen so großes Gewicht
-auf die richtige Zubereitung dieses Getränkes, daß ausführliche
-wissenschaftliche Werke darüber existieren. Über die Herstellung dieses
-Getränkes sagt der chinesische Kaiser Kien-long in einem Gedicht:
-„Setze über ein mäßiges Feuer ein Gefäß mit drei Füßen, dessen Farbe
-und Form darauf deuten, daß es schon lange im Gebrauch ist. Fülle es
-mit klarem Wasser von geschmolzenem Schnee. Laß dieses Wasser bis zu
-dem Grade erwärmt werden, bei welchem der Fisch weiß und der Krebs
-rot wird. Gieße dieses Wasser in eine Tasse auf feine Blätter einer
-ausgewählten Teesorte, lasse es etwas stehen, bis die ersten Dämpfe,
-welche eine dicke Wolke bilden, sich allmählich vermindern und nur
-leichte Nebel auf der Oberfläche schweben. Trinke alsdann langsam
-diesen köstlichen Trank, und du wirst kräftig gegen die fünf Sorgen
-werden, welche gewöhnlich unser Gemüt beunruhigen. Man kann die süße
-Ruhe, welche man einem so zubereiteten Getränke verdankt, schmecken,
-fühlen, jedoch nicht beschreiben.“
-
-Um einen guten Tee zu bereiten, muß das zum Anbrühen des Tees zu
-verwendende Wasser weich sein, d. h. möglichst wenig Kalksalze
-enthalten. Ist es hart, so muß ihm doppeltkohlensaures Natron, und
-zwar eine Messerspitze voll pro Liter, zugesetzt werden. Das Wasser
-soll kochen, aber nur ganz kurze Zeit, da es sonst schal wird. Bereits
-gekochtes Wasser darf nicht ein zweites Mal gekocht und zum Teeaufguß
-verwendet werden, da dann alle Gase aus ihm entwichen sind, die das
-Aroma des Tees gut binden oder festhalten. Die Zubereitung muß in
-einem Gefäß aus Porzellan oder gebranntem Ton vor sich gehen und darf
-niemals in einem solchen aus Eisen geschehen, da die Gerbsäure das
-letztere angreift. Das Gefäß wird vorher erwärmt, indem man es mit ein
-wenig des eben zu sieden beginnenden Wassers ausspült, bevor man die
-Teeblätter in einer Aluminium- oder Nickelkapsel hineintut, wenn man
-nicht vorzieht, das an den in den Handel gelangenden chinesischen
-und japanischen Teetöpfen befindliche Porzellan- oder Tonfilter zu
-benutzen, das gleich nach dem Ausschänken der ersten Portion die
-Blätter zurückhält und aus der Flüssigkeit heraushebt. 5-8 Minuten
-nach der Hinzufügung des frisch siedenden Wassers wird die Kapsel mit
-den Teeblättern herausgezogen. Indischer Tee darf nicht länger als 5
-Minuten ziehen, da er sonst widerlich bitter schmeckt. Feinschmecker
-lassen den Tee sogar nur 3 Minuten ziehen, und das ist durchaus
-genügend, um die wertvollen Bestandteile des Tees aus den Blättern
-zu extrahieren. Läßt man die Teeblätter zu lange im Aufguß, so wird
-der Tee durchaus verdorben, indem er sich durch einen Überschuß
-von Gerbsäure und Gummi dunkel färbt, unangenehm bitter wird und
-nicht nur an Aroma und Milde, sondern auch an Bekömmlichkeit stark
-Einbuße erleidet. Durch zu langes Ausziehenlassen der Teeblätter
-erhält man statt eines wohlschmeckenden, erquickenden Getränkes eine
-unschmackhafte, durch den reichen Gerbsäuregehalt bittere und den
-Verdauungsorganen nachteilige Brühe. Richtig zubereiteter Tee darf
-nicht zu dunkel, sondern muß hellbraun sein mit sanftem, an Rosenduft
-erinnerndem Aroma. Um diesen würzigen Duft zu kosten, darf er nicht
-durch Beifügen von Vanille verdeckt werden, was entschieden als eine
-Geschmacksverirrung zu bezeichnen ist. Die meisten Teeliebhaber trinken
-dunkeln, meist zu lange an den Blättern gelassenen Tee mit viel Zucker
-und Milch. Da ihm die brenzlichen, aromatischen Öle des Kaffees, die
-auf den Magen ungünstig wirken, fehlen, so ist besonders für Personen
-mit schwachem Magen der Teegenuß entschieden zuträglicher als der
-Kaffeegenuß. Im übrigen wirkt er ähnlich anregend wie der Kaffeeaufguß
-auf das Nervensystem, beseitigt die Müdigkeit und üble Laune, bringt
-ein Gefühl allgemeiner Behaglichkeit und Heiterkeit des Geistes
-hervor und unterdrückt eine leichte Berauschung und Schläfrigkeit.
-Die Chinesen sagen von ihm: „Der Tee entfernt das Fett und läßt den
-Menschen nicht schlafen; er spült Unreinlichkeiten fort, vertreibt
-Schläfrigkeit, heilt Kopfweh und verhütet es.“
-
-Die Verwendung des Tees als belebendes und anregendes Genußmittel ist
-in China sehr alt. Eine japanische Sage meldet, daß ein im Jahre 519
-von Indien nach China gekommener buddhistischer Priester in frommem
-Eifer das Gelübde tat, sich des Schlafes zu enthalten, um eine Zeitlang
-anhaltend zu beten. Da ihn aber der Schlaf dennoch überwältigte,
-schnitt er sich in heiligem Zorn zur Sühne seine Augenlider ab und warf
-sie auf die Erde. Da geschah ein Wunder. Aus ihnen erwuchs plötzlich
-die den Schlaf verscheuchende Teestaude, deren Blätter in ihrer Gestalt
-und durch einen Besatz von Wimperhaaren die Form der abgeschnittenen
-Augenlider nachahmen. So sinnig diese Sage auch erscheinen mag, so
-ist sie schon in der Datierung grundfalsch; denn die Teepflanze ist
-schon lange vor dem 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in China als
-Arznei- und Genußmittel benutzt worden. Bereits im Jahre 2700 v. Chr.
-erwähnt das Buch ~Pent-sao~ den Teestrauch, und 500-600 v. Chr. im
-„~Rya~“ desgleichen. Seine Blätter sollen um 150 v. Chr. zuerst zur
-Herstellung eines als Getränk benutzten Aufgusses verwendet worden
-sein. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hat der Ausleger des letztgenannten
-Werkes Einzelheiten über die Pflanze und den Gebrauch ihrer Blätter
-zu Aufgüssen gegeben. Damals soll schon ein chinesischer Minister Tee
-getrunken haben; aber erst im 6. Jahrhundert verschaffte sich der Tee
-allgemeinen Eingang und wurde in China Nationalgetränk, angeblich
-nachdem ein Leibarzt des Kaisers seinem Herrn das Kopfweh damit
-vertrieben hatte. Jedenfalls war die Pflanze ums Jahr 600 n. Chr. in
-ganz China als Genußmittel angebaut. Seiner Wertschätzung für dieses
-Getränk soll der chinesische Kaiser Kien-long dadurch Ausdruck gegeben
-haben, daß er einen von ihm auf einer Jagdpartie gedichteten Lobgesang
-auf den Tee auf Porzellantassen schreiben ließ, die er zu kaiserlichen
-Geschenken verwendete. Im Geschichtsbuche ~Kiang-mo~ wird gesagt, der
-Kaiser Te-tsing habe im 14. Jahre seiner Regierung, d. h. 782 n. Chr.,
-einen Zoll auf Tee gelegt. Gegen das Ende des 9. Jahrhunderts berichtet
-der arabische Reisende Abuzeid-el-Hazen, daß die Steuer auf Tee eine
-der hauptsächlichsten Einnahmequellen des Kaisers von China sei.
-
-Im Jahre 810 brachten chinesische Priester den Teestrauch nach Japan,
-wo seine Blätter bald in derselben Weise wie in China zum beliebten
-Volksgetränk wurden. Von Ostasien aus verbreitete sich die Sitte
-des Teetrinkens erst im 15. Jahrhundert nach Mittelasien, wo die
-Tibeter bald große Liebhaber desselben wurden. Die Araber, die seit
-dem 9. Jahrhundert in Handelsbeziehungen, hauptsächlich Seidenstoffe
-betreffend, zu den Chinesen standen, beschrieben den Tee zuerst unter
-der Bezeichnung ~tscha~. Im Chinesischen bedeutet ~tschai-yé~ junges
-Blatt und daraus zusammengezogen ~tscha~ = Tee; dieses wird im Dialekt
-von Kanton wie ~tschai~ ausgesprochen. Dieses Wort ist als ~tsja~ in
-die Sprache der Japaner und als ~tschai~ in diejenige der Russen und
-Portugiesen übergegangen. Die bei den übrigen europäischen Völkern
-gebrauchten Namen Tee, ~thé~, ~té~, ~tea~ und das lateinische ~thea~
-stammen wahrscheinlich von dem im Dialekte Fo-kiens in Südchina
-üblichen Worte ~tia~, das in A-moy ~tai~ und in Fu-tschan ~ta~ lautet.
-Die älteste in Deutschland nachweisbare Bezeichnung für Tee stammt aus
-dem Jahre 1657 und lautet ~herba schac~.
-
-Die erste Nachricht vom chinesischen Tee als Genußmittel der Ostasiaten
-soll ums Jahr 1550 durch einen persischen Kaufmann dem Geographen
-Ramusio in Venedig zu Ohren gekommen sein. Aber wie falsch die
-Vorstellung der Abendländer von diesem Genußmittel der Ostasiaten
-war, beweist die Mitteilung des Italieners Giovanni Botero aus dem
-Jahre 1590, wonach die Chinesen eine Pflanze anbauten, aus der sie ein
-angenehmes Getränk preßten, das sie an Stelle des Weines tränken. Damit
-war natürlich der Tee gemeint, aber seine Gewinnung völlig unrichtig
-geschildert, als Beweis dafür, daß man über seine Herstellung noch
-völlig im unklaren war. Der Reisende Maffei erwähnt ihn ebenfalls in
-seiner lateinisch geschriebenen Historie Indiens vom Jahre 1588; aber
-erst im Jahre 1610 brachten die Holländer in Bantam von chinesischen
-Kaufleuten gegen Salbeiblätter eingetauschten Tee mit nach Hause. 1638
-erhielt eine russische Gesandtschaft in der Mongolei als Gegengeschenk
-für etliche Zobelfelle einige Pfund Tee, den sie nach ihrer Rückkehr
-in Moskau nach chinesischer Sitte zubereiten ließ. Damit fand sie
-ordentlichen Beifall, so daß sich die Reichen noch mehr dieses
-neuartigen Genußmittels zu verschaffen suchten.
-
-Im Abendlande war der Portugiese Alvarez Semedo, der sich längere
-Zeit in Makao aufgehalten hatte, der erste, der 1643 den chinesischen
-Teestrauch beschrieb und über die Zubereitung der Blätter
-berichtete. 1658 wurde die Pflanze von Piso in seinem Werke über
-die Naturgeschichte und Medizin beider Indien deutlich erkennbar
-abgebildet. Im Jahre 1712 gab dann der berühmte Reisende, Arzt und
-Naturforscher Kämpfer nicht nur eine gute Zeichnung des Teestrauches,
-sondern auch eine ausführliche Beschreibung der Teefabrikation
-in China. 1763 erhielt Carl von Linné durch den schwedischen
-Schiffskapitän Ekeberg lebende Teepflanzen für den botanischen Garten
-in Upsala und führte die damals schon gebräuchliche Bezeichnung ~thea~
-in die wissenschaftliche Nomenklatur ein.
-
- Tafel 65.
-
-[Illustration: Zweige des Teestrauches (~Thea assamica~) mit Blättern,
-Blüten und Früchten auf Ceylon.]
-
- Tafel 66.
-
-[Illustration: Eine Anhäufung von Matezweigen. Im Hintergrund Matebäume
-(~Ilex paraguayensis~).]
-
-Die erste abendländische Gesellschaft, die dieses neue Genußmittel
-in Europa einzuführen versuchte, war die holländisch-indische
-Handelsgesellschaft. Bis zum Jahre 1630 war es ihr auch in ziemlichem
-Umfange gelungen, den Teegenuß in Holland populär zu machen. Dabei
-wurde sie ganz wesentlich durch die Lobpreisungen unterstützt, die
-einige namhafte holländische Ärzte dem daraus bereiteten Getränke
-zuteil werden ließen. So sollte er die Lebenskraft steigern, das
-Gedächtnis stärken, alle seelischen Tätigkeiten erhöhen und das Blut
-in ausgiebigster Weise verdünnen. Gegen Fieber mußte man Dutzende von
-Tassen desselben trinken, was von sehr guter Wirkung sein sollte.
-
-Von Holland brachten die Lords Albington und Ossiro den Tee im Jahre
-1660 zuerst nach England, und ihre Frauen servierten den Gästen
-dieses neue Getränk und machten es in weiteren Kreisen Londons
-bekannt. Bald darauf wurde es auch in einigen Londoner Trinkhäusern
-als fremde Novität ausgeschänkt. Doch war der Tee noch im Jahre 1664
-in London etwas so überaus Seltenes, daß die englisch-ostindische
-Handelsgesellschaft ihrer Königin ein sehr kostbares Geschenk mit zwei
-Pfund Tee zu machen glaubte. Das Pfund Tee wurde damals in London zum
-Preise von 65 Livres verkauft, obwohl es in Batavia nur 3-4 Livres
-kostete. Daraus kann man entnehmen, welch enormen Gewinn die Holländer
-durch den Import des Tees nach Europa machten.
-
-Trotz dieses hohen Preises und der starken Besteuerung, die auf dem Tee
-lastete, war das Teetrinken in England ums Jahr 1700 schon allgemein
-verbreitet, wenn auch gegen diese Neuerung, gleichwie gegen den Genuß
-von Kaffee und Schokolade von manchen Leuten energisch zu Felde gezogen
-wurde. So bezeichnete ein französischer Gelehrter, Patin, den Tee als
-„~l’impertinente nouveauté du siècle~“, d. h. die unverschämte Neuheit
-des Jahrhunderts. Nach dem im Jahre 1782 erschienenen Buche von Le
-Grand d’Aussy über die Geschichte des Privatlebens der Franzosen war
-nämlich der Tee im Jahre 1636 in Paris bekannt geworden und bald zu
-Ansehen gelangt, weil ihn der Kanzler Séguier unter seinen besonderen
-Schutz nahm. In Holland gab man ihm ums Jahr 1670 den Spottnamen
-„Heuwasser“. Trotz diesen und zahlreichen anderen Angriffen behagte
-aber doch das neue, zweifellos angenehm schmeckende und anregende
-Getränk den Vornehmen, die sich dasselbe zu kaufen vermochten, zumal
-damals auch der Rohrzucker in größerer Menge aus den in den Tropen
-gelegenen Kolonien in Europa eingeführt wurde und als nötige Würze
-den Geschmack desselben für die abendländischen Zungen bedeutend
-verbesserte.
-
-Von Autoren, die den Tee rühmten, sind Molinari 1672, Albino 1684,
-Pechlin 1684, Blankaert 1686 und Blegna 1697 zu nennen. Der Mann
-aber, der trotz den zahlreichen Anfeindungen das neue Getränk am
-nachhaltigsten lobte und am meisten für seine Verbreitung tat, war
-der im Jahre 1618 zu Alkmar geborene und als Leibarzt des Kurfürsten
-von Brandenburg im Jahre 1686 verstorbene holländische Arzt ~Dr.~
-Cornelis Dekker, besser bekannt unter dem Beinamen Bontekoe, der
-davon herrührte, daß an der elterlichen Wohnung in Alkmar ein mit
-einer bunten Kuh bemaltes Aushängeschild befestigt war. Dieser danach
-gewöhnlich als Cornelis Bontekoe bezeichnete Holländer studierte in
-Leiden und lebte nach beendigtem Studium im Haag, später in Amsterdam,
-Hamburg und zuletzt in Berlin, wo er als Arzt ständig mit seinen
-Kollegen in Streit lebte. Nur dem Schutze seines fürstlichen Patienten
-und Gönners verdankte er seine große Popularität, die auch seinen
-Werken zuteil wurde. Er war ein Anhänger der Lehre, daß das Blut des
-Menschen schon zur Vorbeugung, besonders aber bei bereits entstandener
-Krankheit, verdünnt werden müsse; dazu empfahl er in einer 1667
-erschienenen, bald auch ins Französische und Lateinische übersetzten
-Abhandlung besonders den Genuß von Tee, aber auch von Kaffee und
-Schokolade. In Deutschland machte er den Tee zuerst ums Jahr 1657 am
-Hofe des Großen Kurfürsten bekannt. Trotz mancher Übertreibungen und
-zahlreicher Irrtümer über die Wirkung des Tees, deren sich Bontekoe
-schuldig machte, ist nicht zu leugnen, daß er mit seiner Propaganda
-für den Genuß desselben viel Gutes stiftete, sei es auch nur insofern,
-als ihm das große Verdienst gebührt, als Erster den Kampf gegen den
-übermäßigen Genuß alkoholhaltiger Getränke, die er durch Tee, Kaffee
-und Schokolade ersetzt wissen wollte, aufgenommen zu haben. Und obschon
-Generationen nach ihm dieser Kampf gänzlich ruhte und erst in unserer
-Zeit mit größerer Energie wieder aufgenommen wurde, ist doch die Arbeit
-von Cornelis Bontekoe nicht vergeblich gewesen; denn sie legte den Keim
-zu der glücklicherweise immer weitere Kreise in ihren Bann ziehenden
-Bewegung, die dahin zielt, geistige Getränke als für das Wohlergehen
-des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes überaus nachteilige
-und die größte soziale Gefahr in sich bergende Genußmittel immer
-mehr zu unterdrücken und durch die viel harmloseren und hygienisch
-ratsameren Getränke Tee, Kaffee und Schokolade, die durchaus keine so
-allgemeingefährlichen Gifte wie die alkoholischen Getränke sind, zu
-ersetzen.
-
-Nach Bontekoe hat der holländische Arzt ~Dr.~ Steven Blankaert am
-nachhaltigsten für die Empfehlung dieses neuen Genußmittels gewirkt.
-In seinem 1686 erschienenen Werke über den Gebrauch und Mißbrauch
-des Tees empfiehlt er dieses Getränk sehr, warnt aber zugleich
-vor dem Übermaß desselben. Daß nun zunächst kein Mißbrauch mit
-diesem Genußmittel getrieben wurde, dafür sorgte schon der teure
-Preis, den man dafür bezahlen mußte, solange er das Monopol der
-holländisch-indischen Handelsgesellschaft war und zudem vom Fiskus
-hoch besteuert wurde. Der Tee war so teuer als der Kaffee und deshalb
-nur für die Wohlhabenden erschwinglich. So steht beispielsweise in
-einer Verordnung der Stadt Nimwegen in Geldern, daß für jedes Pfund
-rohe Kaffeebohnen eine Abgabe von 8 Stuiver (etwa 60 Pfennigen), für
-jedes Pfund gebrannte Bohnen oder Kaffeepulver aber 11 Stuiver und
-Tee sogar ein Gulden an den Pächter der Akzise zu entrichten sei. Die
-Wirte der Kaffeehäuser, von denen es schon damals eine ganze Anzahl
-gab, wurden noch stärker besteuert, indem sie für rohen Kaffee 12 und
-für gebrannten Kaffee oder Kaffeepulver 16 Stuiver bezahlen mußten. Und
-damit das geliebte Getränk rein zu haben sei, wurden alle Kaffeehändler
-und Schenker, die den Kaffee verfälschten, mit einer Strafe von 100
-Gulden bedroht. Nach Sonnenuntergang durfte kein Kaffee mehr gebrannt
-werden und das „Stampfen“ und „Präparieren“ des Kaffees durfte nur im
-Laden geschehen. Kaffeemühlen kannte man damals noch nicht, die Bohnen
-wurden wie heute noch bei den Arabern in Mörsern zerstampft, und daher
-kommt es, daß auch wir noch von Kaffeepulver an Stelle von gemahlenem
-Kaffee sprechen. Ähnliche Bestimmungen wie für den Kaffee gab es für
-den Tee.
-
-Die Ausfuhr von Kaffee und Tee wurden durch die Verordnung von
-denselben Bestimmungen betroffen, wie sie heutzutage für den Export
-von Spirituosen existieren. Kein Händler durfte Kaffee oder Tee aus
-dem Distrikt des einen Akzisenpächters in den eines anderen bringen,
-ohne mit einem Schein des Akzisenpächters, aus dessen Distrikt die Ware
-ausgeführt wurde, versehen zu sein. Dieser Schein mußte außer dem Namen
-des Exporteurs einen Vermerk über die Menge des Kaffees oder Tees, eine
-Angabe, womit die Ware möglicherweise vermischt war, ob der Kaffee
-gebrannt oder ungebrannt war und schließlich die Angabe des Ortes, nach
-welchem sie ausgeführt werden sollte, enthalten.
-
-Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an wurde der chinesische Tee auch
-in Deutschland zuerst als ~herba theae~ in den Apotheken geführt, so
-1657 in der Taxe von Nordhausen, 1662 in derjenigen von Liegnitz,
-1662 in derjenigen von Ulm. Im 18. Jahrhundert begannen ihn die
-vornehmeren Leute als Genußmittel zu trinken und erst vom Beginne des
-19. Jahrhunderts an bürgerte er sich hier auch beim Mittelstande ein,
-erlangte aber bei weitem nicht die Popularität des Kaffees. Noch im
-Jahre 1815 kostete eine Tasse Tee in Paris 1,25 Franken, während eine
-Tasse Kakao mit 1 Franken und eine Tasse Kaffee mit 80 Centimes bezahlt
-wurde. Daraus kann man sich einen Begriff über die damals anderwärts
-bezahlten Preise machen. Diese hohen Preise wurden aber hauptsächlich
-dadurch bedingt, daß der Fiskus dieses Genußmittel in weitgehendem
-Maße besteuerte und zu einer ergiebigen Einnahmequelle machte. Durch
-dieses ungerechtfertigte Vorgehen wurde beim Volke, das an diesem
-Genußmittel bald Gefallen fand, viel böses Blut erregt. Manchenorts kam
-es sogar zu Auflehnungen gegen die Regierung. So führte der Unwille
-gegen die von England auch den Kolonien auferlegte hohe Teesteuer in
-Nordamerika zum bekannten Teesturm, bei welchem einige kühne Bostoner
-Bürger am 26. Februar 1773 eine Ladung von 18000 Pfund englischen Tees
-ins Meer warfen. Diese Revolte war der Ausgangspunkt der Lostrennung
-des englischen Nordamerika von seinem Mutterlande und der Bildung der
-Vereinigten Staaten von Nordamerika. So hat Englands kurzsichtige
-Krämerpolitik ihm damals seine reichste Kolonie entfremdet und der
-Tee spielte eine geradezu weltgeschichtliche Rolle, wie sie sonst nur
-wenigen pflanzlichen Erzeugnissen beschieden war.
-
-Bis zur ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts versah China die ganze
-Welt mit Tee. Heute noch ist China das Land, das die ausgedehntesten
-Teegärten der Welt besitzt und im Shan-Lande zwischen Birma und Tonking
-den besten, am chinesischen Hofe gebrauchten Tee hervorbringt. Den
-Mittelpunkt der Teeproduktion bildet die nördlich von Jün-nan tief im
-Innern, am Oberlauf des Jang-tse-kiang oder blauen Flusses gelegene,
-bergige Provinz Sze-tschwan, wo besonders die große Stadt Tschöng-fu
-den Export betreibt. Dort gedeiht der Teestrauch zwischen 40° und 27°
-nördlicher Breite meist in Höhenlagen von 500 m und mehr. Außerdem
-wird er in den Provinzen Kuan-tung, Fu-kian, Kiang-si, Tschi-kiang und
-Ngan-hui kultiviert, und zwar entweder in zerstreuten Büschen oder in
-Reihen zwischen den Feldern, besonders Reisfeldern, auf den mehr oder
-weniger hohen Dämmen. Den durch Samen fortgepflanzten Tee stutzt man im
-dritten Jahre auf etwa 60 cm und sammelt von da an die neu entwickelten
-Blätter, um Tee daraus zu bereiten. Von dort ging die Teeausfuhr nach
-Europa lange Zeit auf dem Landwege über Kiachta und Maimatschin nach
-Nischni-Nowgorod und St. Petersburg. Noch heute genießt der russische
-Karawanentee einen hohen Ruf, da er schon wegen der hohen Spesen des
-weiten Transportes nur aus Blättern von bester Qualität hergestellt
-wird. Später ging er größtenteils auf dem Seewege nach Europa, gelangt
-aber seit der Erbauung der transsibirischen Bahn meist wiederum auf dem
-Landwege dahin.
-
-In Japan trifft man die besten Teeplantagen von 30° bis 25° nördlicher
-Breite. Die allerbeste Teesorte in Japan liefert die Landschaft
-Udsi, westlich von Kioto, in der Nähe des Meeres gelegen. Sie ist
-ausschließlich für die Familie des Kaisers bestimmt und kommt
-ebensowenig wie der sogenannte chinesische Kaisertee je in die Hände
-von Europäern.
-
-In den letzten Jahrzehnten ist die Teekultur in die verschiedensten
-warmen Länder ausgedehnt worden, so zuerst auf Java, wo sie im
-Jahre 1826 eingeführt wurde, dann 1827 in Bengalen und 1835 in
-der sieben Jahre zuvor den Birmesen abgenommenen Provinz Assam am
-Südfuße des Himalaja. Hier hatte der englische Botaniker Bruce die
-als ~Thea assamica~ bezeichnete wilde Teepflanze entdeckt. Das gab
-die Veranlassung, daß die Regierung 1835 die ersten Teepflanzungen
-anlegen ließ, die 1839 an die damals gegründete Assam Tea Company
-abgetreten wurden. Man kultivierte zunächst die einheimische Pflanze,
-hatte aber erst vom Jahre 1851 an Erfolg, als man dieses an den Schutz
-des feuchtwarmen Urwaldes gewöhnte Gewächs, das sich als zu zart für
-die Kultur in offenen Gärten erwies, mit der chinesischen Teepflanze
-kreuzte. Damit erzielte man so schöne Kulturen, daß ein wildes
-Spekulationsfieber ausbrach, das 1865 seinen Höhepunkt erreichte.
-Noch 1888 lieferte Assam zwei Drittel des in Indien erzeugten Tees.
-Der Assamteestrauch hat größere, statt 12 bis 22 cm lange, außerdem
-deutlicher zugespitzte Blätter als der chinesische, die der Textur
-nach dünner und heller sind. Diese werden reichlicher erzeugt und
-bleiben auch länger weich als diejenigen des chinesischen Teestrauches.
-Überhaupt ist dieser Wildling noch nicht so abgehärtet wie der schon so
-lange in Kultur befindliche chinesische Teestrauch, ist besonders gegen
-Trockenheit und Frost empfindlicher als dieser. Diese nachteiligen
-Eigenschaften wurden durch die Kreuzung beider zum größten Teile
-behoben; doch läßt sich noch kein definitives Urteil über deren Wert
-fällen.
-
-Bald nach der Einführung des Teeanbaus in Assam wurde er auch in
-den weiter westlich gelegenen Südabhängen des Himalaja, besonders
-um Dardschiling, dann in den Nilgeris oder Blauen Bergen hinter der
-Malabarküste und endlich auch in Ceylon eingeführt. 1842 begannen
-die ersten Versuche der Teekultur in Ceylon; aber erst nach 1873
-wurde die Kultur in immer größerem Maße eingeführt als Ersatz des
-durch die Laubkrankheit des arabischen Kaffeestrauchs zugrunde
-gerichteten Kaffeebaus. Diese gebirgige, für den Anbau des Teestrauches
-außerordentlich günstig beschaffene Insel brachte dann in kurzer
-Zeit mehr Tee auf den europäischen Markt als das doppelt so große
-Java. Übrigens wird auf Ceylon, wie in ganz Indien und auf Java
-ausschließlich die widerstandskräftigere Kreuzung der ~Thea chinensis~
-mit der ~Thea assamica~ angepflanzt, der einen recht kräftigen und
-gehaltvollen Tee liefert; doch erreicht dieser nicht das feine Aroma
-des chinesischen Tees.
-
-Auch in Brasilien wurden schon im Jahre 1810 in der Gegend von Rio de
-Janeiro Versuche mit der Teekultur angestellt, aber der Anbau in der
-Folge wieder aufgegeben, da die Blätter dort entschieden von ihrem
-Aroma einbüßten und zudem die dortige Bevölkerung dem einheimischen,
-gleichfalls koffeïnhaltigen Mate oder Paraguaytee den Vorzug gab.
-Im Jahre 1828 ist dann auch in Kalifornien, 1848 in Südkarolina und
-Tenessee und 1859 in Australien der Tee probeweise angebaut worden;
-seine Kultur ist dann aber ebenfalls wegen zunehmender Verschlechterung
-der hier erzeugten Qualität wieder aufgegeben worden. Bessere Resultate
-erzielte man in Natal und besonders im Kaukasus, wo sich die russische
-Regierung viel von der Zukunft dieser Kultur verspricht.
-
-Die Gesamtproduktion von Tee läßt sich nicht schätzen, da China und
-Japan gewaltige Mengen davon selbst verbrauchen. In den Welthandel
-gelangen jährlich über 2 Milliarden kg, von denen 760 Millionen kg aus
-China und Japan, 720 Millionen kg aus Britisch-Indien, 560 Millionen
-kg aus Ceylon und 5,5 Millionen kg aus Java ausgeführt werden. Noch im
-Jahre 1820 erhielten Europa und Nordamerika zusammen ausschließlich
-aus China 16 Millionen kg, von denen ¾ auf England entfielen. Heute
-konsumiert Deutschland jährlich etwa 4 Millionen kg im Werte von
-beinahe 8 Millionen Mark. Das macht jährlich pro Kopf ⅙ kg Tee.
-Wichtigere Konsumenten sind Holland mit ½ kg, dann Rußland mit 1 kg
-und England mit 2-2½ kg Teeverbrauch pro Kopf und Jahr. Hauptteemarkt
-Europas ist London, dann folgen Hamburg, Bremen, Marseille und Odessa.
-
-Wie seit langer Zeit die Ostasiaten und neuerdings auch Russen und
-Engländer ihren Tee außerordentlich lieben, so sind die Einwohner
-von Paraguay, Argentinien, Südbrasilien, Chile, Peru und Bolivia
-leidenschaftliche Trinker von +Mate+, den sie den ganzen Tag über
-genießen. Mate bedeutet das Gefäß, in welchem der Aufguß der
-betreffenden Blätter getrunken wird, und dieser Name ging schließlich
-auf das Getränk selbst, sowie auf die dasselbe liefernde Pflanze über.
-Die Spanier bezeichnen den Matetee als ~yerba mate~ und die Portugiesen
-als ~erva mate~. Beide Wörter stammen vom lateinischen ~herba~ Kraut,
-und ~yerba~ oder ~erva~ nennt das Volk gemeinhin den Trank, der vom
-Ärmsten wie vom Reichsten getrunken und dem Gaste als erster Willkomm
-dargeboten wird. Förmlich -- wie nun einmal der Südamerikaner, ob
-Indianer oder Abkömmling der spanischen Eroberer ist -- wird derselbe
-nie versäumen, dem Hausherrn ein Kompliment bezüglich der Güte seiner
-~yerba~ zu machen, und die Gespräche über gute oder weniger gute
-~yerba~ nehmen oft einen beträchtlichen Raum in der sonst einförmigen
-Unterhaltung dieser ~caballeros~ ein.
-
-[Illustration: Bild 36. Blätter und Blütenknospen von ~Ilex
-paraguayensis~, des wichtigsten Mate liefernden Strauches in
-natürlicher Größe. (Nach Neger und Vanino, Der Paraguay-Tee).]
-
-[Illustration: Bild 37. ~a~ das ~bombilla~ genannte Saugrohr, das in
-das Gefäß ~b~, die ~calabaza~, gesteckt wird, um den Mate zu schlürfen.
-
-(Nach Neger und Vanino, Der Paraguay-Tee.)]
-
-Der in seiner Wirkung dem chinesischen Tee ähnliche, wenn auch
-weniger Koffeïn -- nämlich nur 0,5 bis 1 Prozent statt wie jener
-1,5-3, ja 4 Prozent zu besitzen -- und auch weniger ätherisches Öl
-enthaltende und etwas herb schmeckende +Paraguaytee+ wird von einer
-großen, Sträucher bis kleine Bäume bildenden Stechpalmenart (~Ilex
-paraguayensis~) ohne stachelspitzig gebuchtete Blätter und zahlreichen
-nahe damit verwandten Arten gewonnen, die von Südbrasilien durch
-Paraguay und Uruguay bis zu den Kordilleren Argentiniens in gebirgigen
-Gegenden wild wachsen. Auf einem kurzen Stamm aus sprödem, leicht
-faulendem Holz befindet sich eine ziemlich dichte, schön gewölbte
-Krone von 5 cm langen, lanzettlichen, an den Rändern leicht gezackten,
-immergrünen Blättern. Aus kleinen, weißlichen, im Oktober und November
-erscheinenden Zwitterblüten, die aber durch Abort auf verschiedenen
-Pflanzen zweihäusig sich entwickeln, so daß die einen nur weibliche
-Stempelblüten, die anderen nur männliche Staubgefäßblüten tragen,
-bilden sich dunkelviolette Kapseln, welche die sehr harten Samenkerne
-enthalten. Die Matebäume treten einzeln und in Gruppen, untermischt mit
-subtropischen und tropischen Gewächsen auf. Von den als „~mineros~“
-bezeichneten Arbeitern, vielfach Indianern, werden die wildwachsenden
-Bäume beschnitten, indem sie erst größere Äste und von diesen die
-Zweige abhauen, die dann mit den daran befindlichen Blättern durch
-Ziehen durch ein nicht rauchendes Feuer zum Welken gebracht werden,
-worauf man sie auf einem hölzernen Gerüst über einem mäßigen Feuer
-röstet. Dann bleiben sie eine kurze Zeit auf einem Haufen liegen,
-um zu schwitzen, d. h. fermentieren. Hierauf werden sie nochmals in
-Schuppen schnell über Feuer getrocknet, bis selbst die Zweige dürr
-geworden sind. Endlich werden sie auf einer Tenne ausgebreitet, die
-Blätter abgestreift und in Holzmörsern zerstampft, neuerdings aber
-in eigenen Yerbamühlen zwischen Walzen zerkleinert und liefern so
-den in Segeltuchsäcken oder Lederballen in den Handel gelangenden
-Matetee. Aufgüsse desselben werden nicht nur in den Gegenden, in
-denen der Strauch vorkommt, sondern auch in Chile, Peru und Bolivia
-als Nationalgetränk von jedermann täglich genossen. Dies geschieht in
-der Weise, daß man auf die nie verlöschende Glut des Herdes schnell
-einige Zweige oder in manchen sehr holzarmen Gegenden trockene
-Fladen von Lamaexkrementen oder polsterförmige Klumpen einer Llareta
-genannten Umbellifere legt und darüber ein Gefäß mit Wasser erhitzt.
-So viel pulverisierte Mateblätter als man zwischen zwei Fingern halten
-kann, werden in eine mate genannten Kalabasse -- eine ausgehöhlte
-Kürbisschale von eigentümlicher Gestalt -- getan, heißes Wasser
-darauf gegossen und möglichst heiß getrunken, indem man den Aufguß
-ohne Zuckerzusatz mit einem ~bombilla~ genannten, unten blasenförmig
-erweiterten, rings geschlossenen, siebartig durchbrochenen Röhrchen,
-meist aus Silber, aufsaugt. Dadurch wird wie beim chinesischen Tee das
-Nervensystem angenehm angeregt. Fortgesetzter unmäßiger Genuß des Mate
-soll Magenreizung und Nervenzerrüttung herbeiführen. Gewöhnlich gießt
-man den ersten Aufguß, der wohl infolge der Zubereitung der Mateblätter
-am Feuer etwas rauchig schmeckt, nach kurzem Verweilen an den Blättern
-weg und kann dann durch Nachfüllen mit Wasser dieselbe Portion
-wenigstens dreimal ausziehen lassen.
-
-Schon die vorgeschichtlichen Peruaner liebten den Mate und gaben ihren
-Toten als Speise im Geisterreich Mateblätter mit, die sich ziemlich
-häufig in den Gräbern des Totenfeldes von Ancon in Peru als Grabbeigabe
-vorfinden. Zur Zeit der spanischen Eroberung war er außer bei den
-peruanischen Inkastämmen, von denen das Gräberfeld von Ancon herrührt,
-auch bei den Guaranis und anderen Indianerstämmen in hohem Ansehen.
-Es ist dies ein Beweis dafür, welch weitreichender Tauschverkehr
-unter den Indianerstämmen Südamerikas schon lange vor der Ankunft der
-Europäer bestand; denn der Matestrauch hat seine Heimat nur in den
-Niederungen im Bereiche des La Platastromes und seine Blätter wurden
-von dort über die hohen, beschwerlichen Andenpässe nach Peru, Chile und
-Bolivia auf viele Tausende von Kilometern Entfernung als geschätzte
-Tauschware transportiert. Zur Zeit der theokratisch-patriarchalischen
-Jesuitenherrschaft in Paraguay von 1608-1768 übernahmen die weißen
-Patres von ihren Schützlingen, den Indianern, den Mate, dessen
-gute Eigenschaften sie bald erkannten, so daß sie ihn dem damals
-schon in Amerika angebauten Kaffee vorzogen. Sie verstanden es, den
-Ilexbaum zu pflanzen und besaßen ausgedehnte Kulturen davon, eine
-Kulturerrungenschaft, die mit ihrer Vertreibung verloren ging. Spätere
-Anbauversuche schlugen fehl, und erst ganz neuerdings ist es zuerst dem
-Deutschen Friedrich Neumann auf der Kolonie Nueva Germania in Paraguay
-gelungen, den Samen, der notorisch seine volle Keimfähigkeit erst
-erlangt, wenn er einen Vogelmagen passiert hat, keimfähig zu machen,
-indem er ihn mit Maiskörnern vermischt Hühnern verfütterte. In die
-humusreiche Walderde ausgestreut, keimten nun die aus den Exkrementen
-ausgewaschenen Samen, aber die Hühner, deren Magen die Samen passiert
-hatten, kränkelten davon und starben schließlich. Diese nur einseitig
-befriedigenden Resultate veranlaßten einen anderen Deutschen namens
-Jürgens ein zweckmäßigeres Verfahren zur Erzielung keimfähiger Samen
-zu entdecken. Nach zahlreichen Versuchen fand er, daß die Einwirkung
-von reiner rauchender Salzsäure während drei Minuten mit nachfolgendem
-gehörigen Auswaschen der Samen bis der letzte Rest von Säuregeschmack
-aus dem Waschwasser verschwunden ist, sehr befriedigende Resultate
-liefert. Die in besonderen Saatkästen ausgesäten Samen beginnen, recht
-feucht erhalten, nach 1½-2 Monaten zu keimen und werden, wenn sie
-30-50 cm hoch geworden sind im Juli und August in Reihen mit
-3,5 m Abständen nach allen Richtungen ins Freie gepflanzt. Als
-Schattenpflanzen benutzt man dazwischen gesäten Mais, bis die Bäumchen
-erstarkt sind. Im dritten Jahre nach dem Anpflanzen werden die
-inzwischen 1,5-2 m hoch gewordenen Bäumchen etwas zurückgeschnitten,
-damit sie mehr Buschform annehmen. Von da an kann man jedes Jahr die
-allmählich heranwachsenden Bäume etwas auslichten und deren Zweige zur
-Gewinnung von Mate benutzen. Alle 3 Jahre kann eine ausgiebige Ernte
-erfolgen.
-
-Da durch den bis jetzt üblichen Raubbau die Bestände wildwachsender
-Matepflanzen schon bedenklich gelichtet sind, andererseits der
-Matekonsum in Südamerika von Jahr zu Jahr zunimmt und noch mehr
-wachsen wird, wenn -- wie voraussichtlich -- der Mategenuß auch
-in anderen Ländern als Südamerika allgemein geworden sein wird,
-so hat die Matekultur eine sehr große Zukunft. Bis jetzt gibt es
-Matekulturen nur in Nueva Germania in Paraguay und am Rio Pardo in
-Brasilien, welche 4 Jahre nach dem Umsetzen der Keimlinge eine Ernte
-von 4-6 kg trockener Yerba pro Strauch ergaben. Eine solche läßt
-sich alle drei Jahre vornehmen. Die als Yerbales bezeichneten wilden
-Matebestände Paraguays umfassen etwa 1460000 ha und waren vormals
-Staatseigentum, bis sie nach dem Kriege von 1864-1869 vom Staate teils
-verpachtet, teils verkauft wurden. Die Ernte dauert vom Dezember bis
-August, weil zu dieser Zeit das Laub der Matesträucher am dichtesten
-ist, und wird, wie gesagt, meist von Indianern unter Aufsicht von
-weißen Aufsehern vorgenommen. Neuerdings wurde der Matetee, der in
-Südamerika täglich von über 20 Millionen Menschen genossen wird, und
-schon im 18. Jahrhundert als +Jesuitentee+ in den Handel gelangte,
-auch in Nordamerika, England und der Schweiz eingeführt, hat aber
-hier, obschon er weit billiger ist als der chinesische oder indische
-Tee und ganz angenehm schmeckt, gleichwohl bisher nur sehr geringen
-Beifall gefunden. Die Gesamterzeugung von Mate beträgt in Paraguay,
-Argentinien und Südbrasilien jährlich etwa 100 Millionen kg, die, wenn
-wir auch nur einen Ausfuhrpreis von 56 Pfennigen pro kg rechnen --
-tatsächlich beträgt der Preis im Kleinverkauf bis 2,50 Mark pro kg --,
-einen Gesamtwert von über 56 Millionen Mark repräsentieren. Gegenüber
-der jährlichen Kaffeeproduktion der Welt von gegen 1000 Millionen kg
-und von Tee im Betrag von 2000 Millionen kg ist dies ja wenig; doch hat
-der Mateverbrauch in Südamerika in letzter Zeit riesig zugenommen, denn
-noch im Jahre 1726 betrug die Mateproduktion erst 625000 kg. Im Jahre
-1780 stieg sie bereits auf 2,5 Millionen kg und 1855 auf 7,5 Millionen
-kg.
-
-Endlich wird noch aus den getrockneten, lederartigen Blättern einer in
-den Urwäldern der Insel Bourbon als Überpflanze auf Bäumen wachsende
-Orchidee, ~Angraecum fragrans~, ein als +Fahantee+ bezeichneter Aufguß
-bereitet, der pur oder mit Zucker versüßt wie Tee getrunken wird.
-Dieser Tee entbehrt aber durchaus der belebenden Eigenschaften, wie
-sie chinesischer Tee und Mate besitzen, und ist nur eine unschuldige,
-aber angenehm zu trinkende Lösung des den Wohlgeruch des Waldmeisters,
-des Ruchgrases und der Tonkabohne bedingenden Riechstoffes Kumarin,
-der allerdings in größeren Mengen Kopfschmerzen verursacht. Dieses
-Genußmittel hat sich nicht über seine engere Heimat verbreitet.
-
-
-
-
-XIII.
-
-Der Kakao.
-
-
-Weitläufig verwandt mit dem Teestrauch ist der zu den Sterculiazeen
-gehörende +Kakaobaum+ (~Theobroma cacao~), dessen Heimat das tropische
-Amerika vom 23° nördlicher bis zum 20° südlicher Breite ist.
-Lebensbedingung für ihn ist ein warmes, feuchtes Waldklima. Der wilde
-Kakao, der von Südmexiko bis nach dem Staate Bahia in den Vereinigten
-Staaten von Brasilien im Urwalde wild gefunden wird, liefert
-minderwertige, äußerst herbe und bittere Samen in kleineren Früchten
-als dies bei dem schon von den Indianern in vorgeschichtlicher Zeit in
-Kultur genommenen, veredelten Baume der Fall ist. Gleichwohl werden
-sie heute noch von den Indianern gesammelt und auf den Markt gebracht,
-während sie das sie einhüllende angenehm süßsäuerliche, saftige
-Fruchtfleisch als willkommene Nahrung selbst genießen.
-
-Der Kakaobaum ist in seinem natürlichen Zustand ein etwa 10 bis 14 m
-hoch werdender immergrüner Baum von 25-30 cm Stammdurchmesser mit
-ausgebreiteter Krone. Gewöhnlich läßt man ihn aber nur 3-8 m hoch
-werden. Die zimtbraune, ziemlich dicke Rinde liegt um einen porösen,
-leicht rosa gefärbten Holzkörper. Der Stamm trägt eine Menge meist
-schlanker Äste, an denen die kurzgestielten, länglich ovalen, spitz
-zulaufenden, 20-35 cm langen Blätter sitzen. Jung sind sie pfirsichrot,
-werden aber, nachdem sie sich entwickelt haben, glänzend dunkelgrün; an
-der Unterseite sind sie matter gefärbt und leicht behaart.
-
-Der Baum treibt das ganze Jahr hindurch Blüten und Früchte, die aus dem
-Stamm und den älteren Zweigen unmittelbar hervorsprießen, was bei der
-Größe und Schwere der letzteren eine äußerst zweckmäßige, ja notwendige
-Einrichtung ist, da die schwächeren, dünneren Zweige solcher Belastung
-nicht gewachsen wären und brechen würden. Die Stellen, an denen sie
-erscheinen, entsprechen den Blattachseln; nur wird dieser Sachverhalt
-durch den Abfall der Blätter verwischt.
-
-Die Blüten brechen in Büscheln hervor und sind ziemlich langgestielt.
-Über fünf rosenroten, lanzettlichen Kelchblättern finden sich
-ebensoviel kappenförmige, zitronengelbe, rötlich geaderte
-Blumenblätter. Von den zehn pfirsichroten Staubblättern erzeugen nur
-fünf Pollen in je vier gesonderten Pollenfächern. Der Fruchtknoten
-ist fünffächerig und umschließt mehrere zweireihig angelegte
-Samenanlagen. Die Frucht ist eine kurzgestielte rotgelbe Beere, die
-einer zugespitzten, von zehn stumpfen Längsrippen durchzogenen,
-12-20 cm langen und 6-10 cm dicken Gurke gleicht, welche in einer
-derben, bald holzig werdenden Schale in einem saftigen, farblosen
-Fleisch 40-60 blaßrote, in fünf Längsreihen angeordnete mandelförmige,
-aber dickere Samen umschließt. Sie sind von einer dünnen, wenn trocken
-brüchigen Samenschale umgeben und bestehen ausschließlich aus dem
-derbfleischigen Keimlinge, in dessen Kotyledonen das Nährgewebe sich
-findet. In frischem Zustande schmecken sie, besonders bei der besten
-Sorte von Soconusko, sehr herb und bitter. Man nimmt ihnen diese übeln
-Eigenschaften durch eine besondere Zubereitung, von der bald die Rede
-sein soll.
-
-In den windgeschützten Tälern des tropischen Amerika, deren weicher,
-humusreicher Boden von großen und kleinen Wasserströmen feucht
-erhalten wird, trägt der Kakaobaum an den Flußufern das ganze Jahr
-hindurch Blüten und Früchte nebeneinander. Dort wird er auch mit
-Vorliebe in der durch Kultur veredelten Form vom Menschen angebaut.
-Als Waldbaum, der nicht besonders fest im Boden wurzelt, muß er
-namentlich Schutz vor starken Winden haben, die nicht bloß die Früchte
-vor ihrer Reife abschlagen, sondern auch die Bäume entwurzeln. So warf
-auf der Insel Martinique ein Orkan mit +einem+ Stoß alle Kakaobäume
-der sehr umfangreichen Pflanzungen um. Deshalb errichtet man die
-Kakaopflanzungen mit Vorliebe in windgeschützten Tälern oder zwischen
-Waldstreifen als Windbrechern.
-
-Wie der wilde Kakaobaum als Waldbaum gewöhnlich im Schatten größerer
-Bäume wächst, so muß man auch dem veredelten Kakaobaum in der Kultur
-Schattenbäume beigeben. So lange er jung ist, dienen meist Bananen als
-solche, später gibt man ihm in Amerika den Korallenbaum (~Erythrina
-corallodendron~) der deshalb von den Spaniern „Mutter des Kakaobaumes“
-genannt wird. Dieser ist hierzu auch durch die geringen Ansprüche, die
-er an den Boden stellt, sehr geeignet. Da nun den Kakaobäumen schon
-durch die Schattenbäume viel Licht weggenommen wird, darf man nicht
-zu dicht pflanzen, was zur Folge hat, daß eine Kakaoplantage stets
-einen bedeutenden Raum beansprucht. Man rechnet vier- bis sechshundert
-Kakaobäume auf einen Hektar Land.
-
-Es gibt wohl kein landwirtschaftliches Produkt, dessen Kultur
-mehr Mühe, Ausdauer und Unkosten verursacht, als der Kakao; aber
-andererseits gibt es auch wenig Produkte, die, wenn sie gut
-einschlagen, größeren Gewinn bringen, als er, da die Erträge von Jahr
-zu Jahr verblüffend steigen. Vor allem verlangt der Kakaobaum zu seinem
-Gedeihen einen lockeren, tiefgründigen, an Kalk und Phosphorsäure
-reichen Boden, am besten Urwaldboden. Ferner muß ihm eine gleichmäßige
-Temperatur von 24-28° C. und reichlich Feuchtigkeit zuteil werden, die
-aber wieder nicht in der Form heftiger Güsse auf ihn fallen darf, weil
-solche die Früchte beschädigen. Grundwasser muß durchaus vermieden
-werden, auch sind die tierischen Schädlinge, namentlich die Termiten
-und Schnecken, von ihm abzuhalten. Sodann muß der Boden reingehalten
-und das überflüssige Holz abgeschnitten werden.
-
-In solchen für seine Kultur geeigneten Boden wird der Samen der
-Kakaobäume entweder direkt gesetzt, oder noch besser in weitmaschigen,
-mit Moos ausgefütterten und Erde gefüllten Binsenkörben ausgesät, die
-dann später, wenn die jungen Pflänzchen genügend erstarkt sind, direkt
-in den Boden der Plantagen eingesetzt werden, da die Wurzeln aus ihnen
-ungehindert in die Erde einzudringen vermögen. Gleichzeitig bieten
-diese Pflanzkörbe in der ersten Zeit einen sehr wertvollen Schutz gegen
-die Termiten, die gefährlichsten Feinde der jungen Kakaopflänzchen.
-Die Sämlinge in Saatbeeten zu ziehen, ist durchaus unratsam, da deren
-Wurzeln noch empfindlicher gegen äußere Eingriffe als selbst diejenigen
-der Kaffeebäumchen sind.
-
-Wenn die Sämlinge 8-10 Monate alt geworden sind, werden sie in 3,5-6 m
-allseitigem Abstand eingepflanzt, während die definitiven Schattenbäume
-in 12 m Abstand gepflanzt werden. Den jungen Kakaopflanzen spenden
-zuerst Mais und später Bananen den nötigen Schatten. Wenn sie eine Höhe
-von etwa 1 m erlangt haben, werden sie beschnitten. Man nimmt ihnen
-alle Seitenschosse bis auf die drei oder vier obersten, damit sie eine
-breite Krone ausbilden. Auch beim spätern Wachstum verhindert man das
-in die Höhe Wachsen derselben, indem man sie nur 3 bis höchstens 8 m
-hoch werden läßt, damit das Pflücken der Früchte bequemer vor sich
-gehen könne.
-
-Schon nach vier Jahren trägt der Baum die ersten Blüten und Früchte,
-aber erst nach zwölf Jahren beginnt er seine ausgiebigste Entwicklung
-zu erreichen. Von da an nimmt seine Fruchtbarkeit progressiv steigend
-bis zum 25. oder 30. Jahre zu, um dann langsam abzunehmen; doch
-kann der Baum bis zu seinem 50. Jahr Früchte tragen. Der Ertrag ist
-den Jahren nach verschieden, auch wechselt er bei den verschiedenen
-Bäumen. Alleinstehende Bäume produzieren am stärksten. Sie können
-300-400 Früchte tragen, doch rechnet man bei einer größeren Pflanzung
-durchschnittlich nicht mehr als 25 Früchte pro Baum jährlich, die
-1 kg trockenen Kakao ergeben, weil das Trocknen der Bohnen einen
-Gewichtsverlust von 30-40 Prozent zur Folge hat.
-
-Die, wie gesagt, das ganze Jahr hindurch reifenden Früchte brauchen
-vom Beginn ihrer Entwicklung bis zu ihrer Vollreife eine Zeit von vier
-Monaten. Man erntet sie auch das ganze Jahr hindurch, doch finden die
-Haupternten in Brasilien im Februar und Juli, in Mexiko im März und
-April, in Westafrika im Oktober und November statt. Die Früchte müssen
-mit größter Vorsicht teils von Hand, teils durch lange Stöcke, an deren
-Ende ein Messer befestigt ist, von Stamm und Zweigen gepflückt werden,
-damit die Blüten der kommenden Ernte dabei nicht Schaden leiden. Die
-Reife der Früchte verrät sich durch die rotgelbe Farbe und den dumpfen
-Ton, den sie beim Beklopfen geben als Zeichen dafür, daß sich der Same
-von seiner Hülle gelöst hat.
-
-Bei der Ernte werden die Früchte zum Nachreifen 3-4 Tage auf einen
-Haufen gelegt, und zwar am besten in der Faktorei, nicht aber im
-Freien, wo sie dem Ungeziefer und der Witterung schutzlos preisgegeben
-sind. Während dieser Zeit soll bereits, begünstigt durch das umgebende
-Fruchtmus, die Gärung der Bohnen beginnen. Darauf werden sie durch
-Aufschlagen aufeinander oder auf einen harten Gegenstand „gebrochen“
-oder mit einem stumpfen Messer in der Mitte quer aufgeschnitten,
-wobei aber die mandelförmigen, im frischen Zustande weißen bis
-rosenroten Samen, eben die Kakaobohnen, nicht zerquetscht oder
-angeschnitten werden dürfen. Die Haufen leerer Fruchtschalen läßt man
-in Verwesung übergehen und benützt sie als Düngemittel, da sie nicht
-unerhebliche Mengen von dem für den Kakaobaum so wichtigen Kalk und von
-Phosphorsäure enthalten. Auch das Fruchtmus wird unbegreiflicherweise
-fortgeworfen, trotzdem es sich sehr gut zur Bereitung von Gelees und
-Likören eignen würde. Benützten doch die Indianer am Orinoko, wie
-Alexander von Humboldt mitteilt, nur das Fruchtmus und warfen alles
-übrige, auch die bitteren Kerne fort. Und heute noch verwenden die
-ärmeren Leute in Amerika die Fruchtschalen des Kakaos zur Herstellung
-eines ganz angenehm schmeckenden Tees.
-
-Bei der auf niedriger Stufe stehenden Kultur werden die Kakaobohnen
-einfach getrocknet und zusammengepackt. Derartige Samen, die man im
-Handel als „ungerotteten“ Kakao bezeichnet, haben einen bitteren,
-herben Geschmack und sind zur Schokoladebereitung durchaus ungeeignet.
-Sie finden nur bei der Fabrikation des entölten Kakaos Verwendung.
-Für die Schokoladefabrikation müssen die Bohnen noch einer weiteren
-Behandlung unterworfen werden. Zu diesem Zwecke werden sie in Körben
-nach dem Fermentierhaus gebracht, wo sie auf einem hölzernen, mit
-Löchern zum Ablaufen des Fruchtsaftes versehenen Boden möglichst
-luftdicht auf einem Haufen, der alle 12 Stunden durcheinander
-geschaufelt wird, vergären müssen; es ist dies ein sehr wichtiger
-Prozeß, von dessen umsichtiger Leitung vor allem die Güte der Ware
-abhängt. Die Fermentation, bei der es sich höchst wahrscheinlich
-um eine Milchsäuregärung handelt, soll nämlich in erster Linie den
-Geschmack der Kakaobohnen verbessern. Nach 3-4 Tagen werden die
-Bohnen an der Sonne oder bei künstlicher Hitze getrocknet, wobei sie
-alle Viertelstunden gekehrt werden müssen. Zum Schluß werden sie in
-großen Trommeln mit fein gemahlener roter Erde herumgedreht, wobei sie
-behufs einer besseren Konservierung außen an den Schalen rot gefärbt
-werden. Der innere Teil bleibt von der Färbung unberührt. Durch dieses
-Färben wird nicht bloß die sehr wichtige völlige Austrocknung der
-Bohnen begünstigt, sondern erfahrungsgemäß auch das sonst so schnell
-erfolgende Schimmeln derselben verhindert. Die „gerotteten“ Kakaobohnen
-sind innen rotbraun, lassen sich durch einen leichten Druck mit dem
-Finger von der sie umgebenden Schale lösen und zeigen einen angenehmen,
-ölig milden Geschmack, der mit einem eigentümlichen süßlichen
-Nachgeschmack verbunden ist. Das volle Aroma erhalten sie aber erst
-nach einer bestimmten Lagerzeit, so daß der geerntete Kakao in der
-Regel erst nach einem Jahre verkäuflich wird. Dabei gelangt er teils in
-Ballen, teils in Fässern in den Handel.
-
-Den meisten Kakao erzeugt Südamerika, und zwar speziell Ekuador, das
-beinahe ein Drittel der Gesamtproduktion liefert, dann Trinidad,
-während man in Venezuela, wo die Kakaopflanzungen sehr gut gediehen,
-in neuester Zeit der Kaffeekultur den Vorzug gab. Mexiko, das die
-berühmte Soconuscobohne liefert, führt wegen des starken eigenen
-Gebrauchs wenig Kakao aus. Aus Brasilien kommen mehr minderwertige
-Sorten, während die besten Sorten aus Carácas und Trinidad in den
-Handel gelangen. Diese haben beinahe einen doppelt so hohen Wert als
-die geringeren Sorten von Ekuador und San Thomé. Der Kakao von Surinam
-steht an Wert ungefähr in der Mitte zwischen jenen. Aus den deutschen
-Kolonien sind der Samoa- und Neuguineakakao weitaus die besten und
-werden so hoch bezahlt wie der Carácaskakao, während der Plantagenkakao
-von Kamerun und Togo ungefähr demjenigen von San Thomé gleichgeschätzt
-wird. Doch ist dort die Kakaokultur in starkem Aufblühen begriffen
-und verspricht zu einem der bedeutendsten Produktionsorte für dieses
-wichtige Kolonialprodukt berufen zu sein. Derjenige der Philippinen,
-wohin der Baum schon im Jahre 1670 verpflanzt wurde, ist wie derjenige
-von Ceylon mittlerer Qualität.
-
-Von Kakao kommen jährlich etwa 32 Millionen kg in den Welthandel.
-Die Gesamtproduktion ist natürlich viel höher, läßt sich aber nicht
-schätzen, da diese Frucht auch in den Produktionsländern reiche
-Verwendung findet. Deutschland verbraucht jährlich für über 41
-Millionen Mark Kakaobohnen und führt aus seinen Kolonien, besonders
-Kamerun, dann Samoa und Togo, für gegen 3 Millionen Mark aus; doch
-glaubt man in den nächsten Jahren das 3- bis 5fache dieser Summe zu
-erreichen. Hauptmärkte für Kakao sind London, Havre, Amsterdam, Hamburg
-und Bordeaux.
-
-Der Kakao ist nicht nur ein köstliches Genußmittel, sondern zugleich
-auch ein sehr wertvolles Nahrungsmittel. Er besteht nämlich zur Hälfte,
-d. h. 52 Prozent, aus einem mild schmeckenden, butterartigen Fett,
-der Kakaobutter, die vielfach, um die Verdaulichkeit des Kakaos für
-schwache Magen zu erhöhen, in hydraulischen Pressen abgepreßt wird,
-um an die Zuckerbäckereien, Parfümerien und Apotheken abgegeben zu
-werden. An letzterem Orte wird sie, da sie nur sehr schwer ranzig
-wird, zu feineren Pomaden, Stuhlzäpfchen und allerlei kosmetischen
-Mitteln verarbeitet. Außerdem enthält sie 20 Prozent Eiweiß, 10 Prozent
-Stärkemehl, 6 Prozent Wasser, 1,5 Prozent Zucker, 2 Prozent Zellulose
-oder Zellstoff, 4 Prozent Kakaofarbstoff, 3 Prozent Nährsalze und 1,5
-Prozent Theobromin, d. i. zweifach methyliertes Xanthin, das in seiner
-Wirkung auf die Muskeln und das Zentralnervensystem etwas weniger
-anregend als das Koffeïn oder Teeïn, d. h. dreifach methyliertes
-Xanthin ist. Im Kakao sind auch noch Spuren von Koffeïn zu finden, doch
-sind die Mengen desselben in den im wärmeren Südamerika zur Bereitung
-der als Genußmittel sehr beliebten dunkelbraunen +Guaranapaste+
-dienenden Samen der ~Paullinia sorbilis~, eines mit rankenden
-Zweigen kletternden Strauches, neben dem Theobromin sehr viel größer.
-Zu der leicht belebenden Wirkung des Kakaos trägt auch noch das
-ätherische Öl bei, das beim Rösten der Bohnen entsteht und dem Kakao
-sein spezifisches Aroma verleiht.
-
-In den heißen Niederungen des östlichen Mexiko, speziell auf der
-Halbinsel Yucatan und südlich davon bis nach Guatemala hinein, ist wohl
-von einem der Mayastämme die wilde Kakaopflanze in Kultur genommen und
-zur wertvollen Nutzpflanze des Menschen erhoben worden. Wenigstens
-ist die Bezeichnung ~cacau~ ein Mayawort, das dann die benachbarten
-Stämme Mexikos mit den Früchten und bald auch mit dem Fruchtbaum selbst
-übernahmen, um ihm weitgehendste Pflege angedeihen zu lassen; denn sie
-schätzten als für sie vornehmstes Genußmittel neben dem berauschenden
-Pulque, der nur Männern von einem gewissen Alter an zu trinken
-gestattet war, in hohem Maße die das Nervensystem anregende Wirkung der
-Kakaobohne, die sie in der heute noch üblichen Weise rotteten, dann
-rösteten und fein zerstoßen mit heißem Wasser und Maismehl angerührt
-als ~choco latl~, d. h. Kakaowasser, genossen. Von diesem Worte stammt
-unsere Bezeichnung Schokolade ab. Zum Versüßen der etwas bitteren
-Brühe benutzten sie ausschließlich Honig und versetzten sie außerdem
-gerne mit allerlei Gewürz, vor allem auch Vanille. Um die Masse zu
-konservieren, wurden die zerriebenen, gerösteten Kakaobohnen zu Tafeln
-und Blöcken gepreßt, denen man jeweilen die zur Herstellung des Trankes
-nötige Menge entnahm. Das geringere Volk, dem dieses Getränk zu teuer
-war, begnügte sich mit einem Aufguß der Schalen oder dem zerstoßenen
-Fruchtfleisch der Kakaofrucht mit Maismehl und Pfeffer.
-
-Als der spanische Abenteurer Fernando Cortez, von Velasquez, dem
-Statthalter von Kuba, mit 11 Schiffen 670 Mann und 14 Geschützen
-zur Eroberung von Mexiko ausgesandt, im Sommer 1519 in dieses Land
-eindrang und es für den König von Spanien eroberte, fand er darin eine
-ausgedehnte Kultur des Kakaobaumes in wohlgepflegten Plantagen vor. Die
-Eingeborenen betrachteten ihn als eine für sie sehr wichtige Nahrung
-spendende Pflanze und schrieben ihm und seinen Früchten gleichzeitig
-auch wundertätige Eigenschaften zu. Ähnlich wie im Mittelalter der
-Pfeffer in Europa, dienten die Kakaobohnen nicht nur in Mexiko, sondern
-in ganz Mittelamerika als landläufige Münze, wobei tausend Stück
-ungefähr den Wert von 2,80 Mark hatten. Cortez schrieb darüber an
-Kaiser Karl V.: „Diese Samenkörner sind im ganzen Lande so geschätzt,
-daß man sie als Münze gebraucht und auf dem Markt und allerorten seine
-Einkäufe damit bezahlt.“ Auch die Steuern an den Herrscher wurden
-darin entrichtet. So bezahlte die Stadt Tobasco jährlich 16 Millionen
-Kakaobohnen an den Kaiser Montezuma, in dessen Staatsschatz bei der
-Eroberung Mexikos die Spanier nicht weniger als 2½ Millionen Pfund
-solcher Bohnen vorfanden. Übrigens dienen die Kakaobohnen heute noch in
-einem großen Teil Südamerikas als landläufige Scheidemünze. Dabei sind
-72 Bohnen = 43 Pfennigen.
-
-Eine alte mexikanische Legende erzählt, Quezalcoatl habe aus dem
-Lande, in welchem die ersten Söhne der Sonne wohnten, den Samen
-des Kakaobaumes (~cacaohoaguahuitl~) auf die Erde gebracht, um
-den Menschen eine angenehme Speise zu verschaffen, die auch von
-den Göttern geschätzt wurde. Vielleicht hat der Schwede +Carl von
-Linné+ diese Legende gekannt. Wenn dies aber nicht der Fall war, so
-war er wenigstens selbst so entzückt von diesem Getränke, daß er
-die Schokolade 1769 in den „~Amoenitates academicae~“, d. h. den
-Akademischen Vergnügungen, eingehend behandelte und dem Kakaobaum den
-Namen ~Theobroma~, d. h. Götterspeise ~cacao~, gab. Andere seiner
-gelehrten Zeitgenossen verabscheuten aber aus Vorurteil dieses ihnen
-unbekannte neue Getränk; ja die Botaniker Clusius (Charles d’Ecluse)
-und Benzoni fanden dasselbe -- wohl weil ohne Zucker genossen -- nur
-für die Schweine genießbar. Der fein gebildete Franzose Le Grand
-d’Aussy bezeichnete noch im Jahre 1782 die Schokolade als eine recht
-unschmackhafte Brühe „~une bouillie assez dégoutante~“.
-
-Die Spanier, welche die Schokolade (~chocolatl~) am Hofe des Kaisers
-Montezuma kennen gelernt hatten, brachten die erste Kunde davon nach
-Europa. In seinen Berichten an Kaiser Karl V. berichtet Cortez, „daß
-eine einzige Tasse von diesem kostbaren Getränk genüge, um einen
-Mann auf einem Tagemarsch frisch zu erhalten“. Dieser gewalttätige
-Mann zwang sie seinen Soldaten, die auf dem Eroberungszuge nach dem
-Hochlande von Mexiko die größten Strapazen durchzumachen hatten,
-geradezu auf, und diese lernten dieses Getränk bald schätzen. Schon im
-Jahre 1520 sandten sie Kakaobohnen zur Herstellung der Schokolade nach
-dem Mutterlande, hielten aber die Art der Gewinnung derselben geheim.
-Allgemein bekannt wurde die Fabrikation erst im Jahre 1606 durch den
-Florentiner Antonio Carletti, der während seines Aufenthaltes auf den
-westindischen Inseln die Herstellung und den Gebrauch des Kakaos und
-der Schokolade kennen gelernt hatte. Die Ausfuhr der Kakaobohnen war
-aber nur der Regierung gestattet, bis im Jahre 1728 König Philipp V.
-von Spanien das Monopol des Kakaoverkaufs in allen Ländern an eine zu
-diesem Zwecke gebildete internationale Gesellschaft verkaufte.
-
-Als die Spanier im Jahre 1519 unter Fernando Cortez in Mexiko
-eindrangen, war der Anbau der Kakaopflanze und der Genuß ihres in
-Wasser verrührten gerösteten Samenpulvers nicht bloß auf dieses Land
-beschränkt, sondern auch als eine seit Jahrhunderten betriebene Kultur
-in ganz Zentralamerika, Kolumbien, Venezuela, Guiana, Ekuador, Peru,
-dem nördlichen Brasilien und einem Teil der westindischen Inseln
-verbreitet. Allerdings übernahmen die spanischen Einwanderer zunächst
-in Mexiko die Sitte des Kakaotrinkens von den Eingeborenen. Bald
-frönten ihm in ganz Mittelamerika die vornehmen Damen in solcher
-Weise, daß sie sich dieses Getränk von Dienerinnen sogar in die Kirche
-nachtragen ließen. Als ein Bischof in Mexiko wagte, gegen diese Unsitte
-aufzutreten, besuchten die erzürnten Schönen seine Kirche nicht mehr,
-um ihren Kakao in der Kirche eines weniger strengen Priesters weiter
-trinken zu können. Durch die mancherlei Beziehungen mit Westindien und
-Mittelamerika wurde das Kakaotrinken bald auch in Spanien populär.
-Von jenem Lande, in welchem die ersten europäischen Fabriken zur
-Verarbeitung der Kakaobohnen entstanden, und das heute noch das am
-meisten Kakao verzehrende Land Europas ist, kam die als Schokolade
-bezeichnete gezuckerte Kakaobrühe zuerst an den eng mit Spanien
-liierten Wiener Hof, von wo aus er 1615 durch Anna von Österreich,
-die Gemahlin Ludwig XIII., an den Pariser Hof gelangte. Zu einiger
-Geltung kam sie aber erst im Jahre 1661, unter dem Einfluß von Maria
-Theresia von Spanien, der Gemahlin Ludwigs XIV., die sich aber --
-wie die Herzogin von Montpensier in ihren Memoiren angibt -- noch
-versteckte, um ihre Schokolade zu trinken. Der Genuß derselben mußte
-also damals selbst am Hofe Frankreichs noch als etwas Ungewohntes oder
-gar Verpöntes angesehen worden sein. Indessen schon 1671 konnte die
-Freifrau von Sévigné an ihre Tochter, die Gräfin Grignan, schreiben:
-„~Vous ne vous portez pas bien, le chocolat vous remettra~.“ Freilich
-mußte damals die Schokolade als Heilmittel ihre Wirkung versagt haben;
-denn in einem späteren Briefe wird sie als „~source des vapeurs~“, d.
-h. Ursache von Blutandrang gegen den Kopf -- ~et des palpitations~
-(also Herzklopfen) -- angegeben.
-
-In Paris erhielt zuerst ein abgedankter Offizier namens Chaillon die
-alleinige Erlaubnis, Schokolade auszuschänken. Er fand auch guten
-Zuspruch von der Bürgerschaft, die dieses höfische Getränk gerne
-kostete. So machte er glänzende Geschäfte und konnte sich schon nach
-wenigen Jahren in den Ruhestand zurückziehen. Doch ging die Einführung
-dieses neuen Genußmittels auch in Frankreich nicht ohne Angriffe von
-den verschiedensten Seiten ab. Zunächst leisteten gewisse Kreise, so
-besonders die Geistlichen, diesem von ihnen vielfach als „Erzeugnis
-des Bösen“ bezeichneten neuen Getränk energischen Widerstand. Ja, in
-einem Schreiben an den Bischof von Cleve im Jahre 1572 bezeichnete der
-Italiener Benzoni dieses Getränk sogar als „Schweinefutter“. Allmählich
-aber begannen ihn manche Ärzte gutzuheißen. So verteidigte ein Pariser
-Arzt, namens Bachot, 1684 vor der dortigen Fakultät eine These, in
-welcher er gut zubereitete und gesüßte Schokolade als eine der edelsten
-Erfindungen pries, die weit mehr als Nektar und Ambrosia würdig sei,
-die Speise der Götter zu bilden. Doch war sie durch ihren hohen Preis
-zunächst nur ein Genußmittel der Reichen. Erst als im Jahre 1776 unter
-der Regierung Ludwigs XVI. die erste Schokoladefabrik in Frankreich
-errichtet wurde, die das Monopol für den Verkauf bekam und ihren Kakao
-aus den französischen Kolonien bezog, begann der Schokoladekonsum in
-Frankreich allgemeiner zu werden.
-
-Der vorhin genannte Florentiner Antonio Carletti, der die Schokolade in
-Westindien kennen gelernt hatte, führte sie ums Jahr 1607 in Italien
-ein und machte die Verarbeitung der Kakaobohnen in jenem Lande bekannt.
-Von Italien aus verbreitete sich diese Kenntnis allmählich über ganz
-Mittel- und Nordeuropa.
-
-Ums Jahr 1625 begann sich die Schokolade in England und annähernd
-gleichzeitig auch in Holland einzubürgern. Die erste Schokoladefabrik
-wurde in England im Jahre 1657 errichtet; gleichzeitig entstanden
-in London auch sogenannte Schokoladehäuser im Stil unserer heutigen
-Kaffeehäuser. In Deutschland wurde die Schokolade durch das Buch des
-bereits bei der Besprechung des Tees erwähnten holländischen Leibarztes
-des Großen Kurfürsten, ~Dr.~ Kornelis Bontekoe, betitelt: „Traktat über
-Gewürz, Tee, Kaffee, Schokolade, 1679“, bekannt. Er brachte ihn zuerst
-nach Berlin mit. Später verbot dann Friedrich der Große die Einfuhr
-von Schokolade in ganz Preußen und beauftragte den Chemiker Markgraf,
-der Ähnliches schon für den Kaffee versucht hatte, ein Surrogat
-derselben herzustellen, wozu er Lindenblüten benutzte. Da aber dieses
-Ersatzmittel begreiflicherweise sehr wenig Anklang fand, so behauptete
-sich auch hier in der Folge die Schokolade so gut als Kaffee und Tee,
-die in Preußen unter Friedrich dem Großen ebenfalls durch Erzeugnisse
-des eigenen Landes ersetzt werden sollten.
-
-Die erste deutsche Schokoladefabrik wurde vom Fürsten Wilhelm von
-Schaumburg-Lippe im Jahre 1756 in Steinhude errichtet, und als Arbeiter
-wurden mit der Verarbeitung der Kakaobohnen vertraute Portugiesen
-dahin berufen. Seither hat dieses Produkt in allen Kulturländern
-immer mehr Aufnahme gefunden und sein Konsum wächst zusehends, und
-zwar wird es nicht mehr nur als Leckerei genossen, sondern bildet wie
-ursprünglich in Spanien und den Kreolenstaaten Südamerikas mehr und
-mehr ein nahrhaftes und gesundes Volksgetränk. In Frankreich herrscht
-in den besser situierten Kreisen bereits allgemein der Brauch, morgens
-zum Frühstück Schokolade zu trinken, und auch in Deutschland hat
-dieses wertvolle Geschenk der Tropen durchaus erfolgreich den Kampf
-mit dem leider nur allzusehr eingebürgerten Bier aufgenommen. Auch
-hier wird der Genuß der Schokolade als nahrhaftes und wohlschmeckendes
-Frühstücksgetränk immer allgemeiner. Außerdem wächst überall der Genuß
-der Speiseschokolade in sehr starkem Maße. Während noch in der Mitte
-des vorigen Jahrhunderts der Kakaoverbrauch in Deutschland nur etwa 0,5
-Millionen kg jährlich betrug, stieg er langsam auf 2 Millionen kg im
-Jahre 1870, dann auf 5 Millionen kg bis 1890, auf 15 Millionen kg bis
-1900 und erreichte in den Jahren 1906 und 1908 bereits je 35 Millionen
-kg; außerdem wurden an fertigen Präparaten 671200 kg holländisches
-Kakaopulver und 1061400 kg Schweizer Schokolade eingeführt. Nur Amerika
-verbraucht mehr Kakao als Deutschland, das allein etwa 200 Kakao- und
-Schokoladenfabriken besitzt. Zu diesen heute vom Deutschen Reiche
-verbrauchten 40 Millionen kg lieferten seine tropischen Kolonien erst
-etwa 2 Millionen kg Kakao im Jahr, während die Weltproduktion an
-Kakaobohnen, soweit sie in den Handel gelangen, rund 150 Millionen kg
-beträgt. Da aber die Gesamtkakaoindustrie bereits 145 Millionen kg
-beansprucht, so ist die Kakaokultur für die tropischen Kolonien, die
-sich dafür eignen, sehr aussichtsreich.
-
-Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts geschah die Fabrikation der
-Schokolade ausschließlich durch Handarbeit, indem die gerösteten Bohnen
-in einem metallenen Mörser zu Pulver zerstoßen und die so erhaltene
-Masse mit Zucker und mancherlei Gewürz, besonders Vanille, aber
-vielfach auch Zimt und Nelkenpulver vermischt, zu einem Teig geknetet
-wurde, den man in irgend einer Form trocknen ließ. Seit im Jahre 1778
-der Franzose Doret die erste Maschine zum Mahlen der Kakaobohnen
-konstruierte, ist die Technik der dafür gebrauchten Maschinen immer
-mehr verbessert worden. Dabei werden die durch Schütteln in einem
-Sieb und durch strömende Luft zur Entfernung des Staubes gereinigten
-Kakaobohnen auf einem zweiten Sieb in drei Gruppen gleicher Größe
-geschieden, damit sie bei dem nun folgenden Röstprozesse gleichmäßig
-gar werden, was bei verschiedener Größe derselben nicht zu erreichen
-wäre, da die kleinen Bohnen dabei vor den großen gar würden.
-
-Das Rösten bezweckt das eigentliche Aroma und den Geschmack der Bohnen
-hervorzurufen und zugleich das Stärkemehl teilweise in leichter in
-Wasser lösliches Dextrin zu verwandeln. Ferner werden dadurch die in
-ihnen enthaltenen Bitterstoffe durch Zersetzung entfernt und außerdem
-durch das damit verbundene Austrocknen die Schalen leichter lösbar und
-die Bohnen geeigneter zum Vermahlen gemacht. Dieser Prozeß findet in
-großen, um ihre Achse rotierenden Trommeln statt, wobei die Temperatur
-lange nicht so hoch wie beim Brennen der Kaffeebohnen zu sein braucht.
-Sie darf überhaupt eine solche von 130-140° C. nicht überschreiten;
-erfahrene Arbeiter wissen am Aussehen der Bohnen genau den richtigen
-Zeitpunkt zu treffen, wann die Röstung unterbrochen werden muß. Damit
-kein Aroma verloren gehe und die Samenschalen sich leichter von den
-Bohnen lösen, müssen die gerösteten Bohnen möglichst schnell aus den
-Trommeln entfernt und abgekühlt werden, was dadurch geschieht, daß man
-vermittelst eines Ventilators einen kalten Luftstrom auf die heiße
-Masse richtet. Dann werden die Kakaobohnen in besonderen Maschinen
-gebrochen und die leichten Samenhülsen, die etwa 12 Prozent des Samens
-ausmachen, durch einen Ventilator weggeblasen und dienen als Abfall zur
-Feuerung.
-
-Die gebrochenen Kakaobohnen werden nun zwischen rotierenden Granit-,
-oder neuerdings Porzellanwalzen, welche weit besser sind, gemahlen,
-mit Zucker vermischt und zum Schluß die Gewürze, wie Vanille und
-verschiedene ätherische Öle zur Aromatisierung beigefügt. Die durch
-Erwärmen auf 35-40° C. geschmolzene Masse wird zuerst flach gewalzt
-und in gleiche Teile von gewünschtem Gewicht zerschnitten, die
-dann mit der Hand in Blechformen hineingedrückt werden. Wenn die
-Schokoladetafeln völlig erkaltet sind, nimmt man sie aus den Formen
-und verpackt sie möglichst sorgfältig in Staniol und darüber Papier
-eingewickelt und versendet sie in Kisten. So, luftdicht verpackt,
-können sie jahrelang aufbewahrt werden. In jüngster Zeit kommt von der
-in der Herstellung von fester Eßschokolade für die ganze Kulturwelt
-tonangebenden Schweiz aus immer mehr die Beigabe von Milch in die
-Schokoladenmasse, wie sie die Firma Cailler in Broyes in den Freiburger
-Alpen zuerst einführte, auf. Es ist dies eine äußerst glückliche von
-zahlreichen anderen Schokoladefabriken sofort aufgegriffene Neuerung,
-die den Wohlgeschmack und Nährwert der Eßschokolade noch bedeutend
-erhöht und sie so zart macht, daß sie auf der Zunge förmlich wie
-Butter zerschmilzt. Auch andere Fett- und Eiweißspender lassen sich
-in sie verarbeiten; besonders scheint das Erdnußmehl als Beigabe zu
-Schokolade eine große Zukunft zu haben. Auch Bananenmus ist sehr
-zweckmäßig. Überhaupt stehen wir erst ganz am Anfang einer rationellen
-Kakaoverwertung für den menschlichen Konsum und es lassen sich heute
-alle Kombinationsmöglichkeiten dieses hervorragenden Genußmittels
-überhaupt noch nicht übersehen.
-
-Das eine ist jedenfalls heute schon ganz sicher, daß die Eßschokolade
-bei den jetzigen, als billig zu bezeichnenden Preisen in Anbetracht
-ihres überaus hohen Nährwerts nicht bloß eine Delikatesse oder
-Leckerei, sondern ein wichtiges Nahrungsmittel darstellt. Sie ist
-überhaupt das beste Verproviantierungsmittel für die Schule, für
-Ausflüge und anstrengende Touren aller Art, bei denen Herz und
-Muskeln ein großes Maß von Arbeit zugemutet wird. Es ist nämlich
-kaum möglich in anderer Form bei gleich geringem Volumen und Gewicht
-gleich viel Nahrungsstoff in Verbindung mit einem die Muskeln und das
-Nervensystem zu erhöhter Arbeitsleistung anregenden Reizmittel, wie
-solches die Schokolade im Theobromin in angenehmster Form darbietet,
-mit sich zu führen. Und wem die Süße nicht behagt, der esse dazu, wie
-dies jedermann tun sollte, Brot und so wird auch ihm die Schokolade
-vortrefflich munden.
-
- Tafel 67.
-
-[Illustration: Frisch angelegte Saatbeete für Kakao mit Schutzdächern
-gegen zu intensive Sonnenbestrahlung in Kamerun.
-
-Junge Kakaopflanzen kurz vor der Verpflanzung in Kamerun.]
-
- Tafel 68.
-
-[Illustration: Junge Kakaopflanzung in Kamerun mit Bananen als
-Schattenbäumen.]
-
-Als Frühstücksgetränk verdient die Schokolade entschieden den Vorzug
-vor dem bei uns bereits eingebürgerten Kaffee. Früher wurde sie
-durch Aufkochen von Eßschokolade gewonnen, bis der Holländer C. J.
-van Houten (1801-1887) ein Verfahren fand, durch Entfernung des
-überschüssigen Fettes aus den Kakaobohnen ein Kakaopulver herzustellen,
-aus dem in einfacher Weise ein schmackhaftes, auch für schwache Magen
-leicht verdauliches Getränk hergestellt zu werden vermochte. Damit
-sich dieses Kakaopulver nach dem Übergießen mit kochendem Wasser
-möglichst ohne Satzbildung in der Flüssigkeit verteile, wurde
-es nach dem Entfetten mit Alkalien behandelt. Dabei wird bis zu drei
-Prozent Pottasche in die Masse hineingebracht, was von manchen Ärzten
-als bedenklich für die Gesundheit beanstandet wird. Doch kann dies
-jedenfalls nicht sehr schädlich sein, erhöht aber die Annehmlichkeit
-des Trinkens bedeutend, indem sich ohne diese Beimischung die Masse
-nur schwer im Wasser verteilt erhalten läßt und rasch einen starken
-Bodensatz bildet, der durch Umrühren wieder in Suspension gebracht
-werden müßte.
-
- Tafel 69.
-
-[Illustration: Kakaoernte in Kamerun.]
-
- Tafel 70.
-
-[Illustration: Ein Kakaobaum mit Früchten in allen Stadien der
-Entwicklung in Kamerun.
-
-Ein Vanillestrauch mit halbreifen Schoten in Kamerun.]
-
-Eigentliche Ersatzmittel für Schokolade und Kakao sind nicht bekannt
-geworden, während man für den Kaffee mehrere, und für den Tee viele
-versucht hat. Neuere Reisende erzählen von einem schokoladeähnlichen
-Getränk im Innern Afrikas, das besonders im westlichen Sudan allgemein
-im Gebrauch ist. Man gewinnt es aus dem Mus der zerstoßenen Früchte der
-dort +~Dodoa~+ genannten ~Parkia africana~, das man in kleine Kuchen
-formt und in dieser Gestalt weithin als Tauschobjekt in den Handel
-bringt; besonders werden sie von der muhammedanischen Bevölkerung des
-Sudans gern gegessen. Durch Auflösen in heißem Wasser gewinnt man
-daraus ein angenehm schmeckendes und gleichzeitig anregendes Getränk.
-Aber diese Kuchen kommen ebensowenig nach Europa als die bereits
-erwähnte +Guaranapaste+ aus den durch einen Gehalt von 2,6-3 Prozent
-Koffeïn und daneben etwas Theobromin gleichfalls anregend auf das
-Nervensystem wirkenden getrockneten Samen von ~Paullinia cupana~, die
-als brasilianischer Kakao von den Indianern an Stelle des echten Kakaos
-genossen wird.
-
-Die Guaranapflanze ist ein in Nord- und Westbrasilien und Südvenezuela
-heimischer Kletterstrauch aus der Familie der Sapindazeen oder
-Seifenbaumgewächse. Sie wurde zuerst von Alexander von Humboldt
-und Bonpland auf ihrer berühmten, von 1799-1804 ausgeführten Reise
-am Orinoko gefunden und 1821 von Knuth beschrieben. Der Strauch
-ist identisch mit der 1826 vom Botaniker Martius am Amazonenstrom
-entdeckten ~Paullinia sorbilis~, wird aber nach der älteren Bezeichnung
-~cupana~ genannt. ~Guaraná~ oder ~uaraná~ bedeutet in der Tupisprache
-Schlingpflanze. Diese Bezeichnung übernahmen dann die Europäer von
-den Indianern und bezeichneten damit den Schlingstrauch und sein
-Produkt. Die Guaranapflanze klettert ohne Ranken vermöge ihrer
-spreizenden Äste an den Waldbäumen in die Höhe. Die aus fünf eiförmigen
-Fiederblättchen bestehenden Blätter sitzen an einem 8 cm langen Stiel.
-Die unscheinbaren, kleinen, weißen Blüten stehen in den Blattachsen
-in Rispen und sind kurz gestielt; aus ihnen gehen langgestielte,
-haselnußgroße, mit drei Klappen aufbrechende Kapselfrüchte hervor,
-die meist nur einen, fast kugeligen, dunkelbraunen, der Roßkastanie
-ähnlichen Samen von 1-1,3 cm Durchmesser und 0,5-0,8 g Gewicht
-bergen. Darin liegt unter einer dünnen Schale der weiße Keimling ohne
-Nährgewebe, aber mit großen, halbkugeligen, im trockenen Zustande
-schwer trennbaren, stärkemehlreichen Keimblättern. Neben dieser echten
-Guaranapflanze gibt es in denselben Gegenden Brasiliens noch zwei
-andere, ähnliche Guaranaarten, von denen die eine kleinere Blätter und
-bittere Früchte als die echte hat und nur im Falle der Not von den
-Indianern gesammelt wird.
-
-Die echte Guaranapflanze wird in manchen Gegenden Brasiliens kultiviert
-und meist durch Stecklinge, seltener aus Samen gezogen. Man zieht
-sie an Stützen wie die Weinrebe, nur weiter auseinander. Im 3. oder
-4. Jahre trägt sie schon Früchte, und von dieser Zeit an wird sie
-jährlich in derselben Weise wie die Rebe beschnitten. Im Juli blüht
-sie und im November werden die Früchte reif. Eine gut behandelte
-Pflanze trägt über 40 Jahre hindurch durchschnittlich 2 kg Früchte
-jährlich. Diese werden nach der Ernte zuerst in Wasser gelegt, um die
-holzige Fruchthülle leichter entfernen zu können. Dann werden die Samen
-am Feuer getrocknet und sorgfältig geröstet, in großen Holzmörsern
-mit Stößern aus hartem Holz zerstampft und daraus mit Zusatz von
-etwas kaltem Wasser ein feiner Teig gemacht, der in Brotlaib- oder
-Wurstgestalt geformt und erst an der Sonne, hernach am Ofen getrocknet
-wird. Wenn die Masse ganz fest und fast steinhart geworden ist,
-wird sie als ~uaraná~ in den Handel gebracht. Sie ist braun, von
-bitterem, etwas zusammenziehendem, schwach säuerlichem Geschmack
-und riecht ähnlich wie gerösteter Kaffee. Im Innern Brasiliens und
-im nordwestlichen Bolivien ist die Guaranapaste ein sehr wichtiger
-Handelsartikel, den man dort in derselben Weise benötigt, wie den
-Kaffee an der Küste. Dabei ist er sehr billig, indem 1 kg nur 1,50
-Mark kostet. Er wird in derselben Weise wie Schokolade mit Wasser
-bereitet unter Hinzufügen von Zucker nach Bedarf und Neigung. Zuerst
-wird mit einer Raspel die für den jeweiligen Gebrauch nötige Menge von
-der Paste abgefeilt und mit einem silbernen Löffel in einen Becher mit
-Wasser verrührt und dann genossen. Die Eingeborenen können wohl ohne
-Fleisch und Mehl, niemals aber, vom reichsten Bürger bis zum ärmsten
-Hirten, ohne den geliebten Uaranátrank sein, der mit Recht von manchen
-Reisenden als „brasilianischer Kakao“ bezeichnet wird. Vielfach wird
-die pulverisierte Paste mit Maniokmehl zusammengestampft, zu kleinen
-Broten geformt und am Feuer gebacken. Mit der Guarana, die wie der
-Kakao nicht nur ein Genußmittel, sondern vermöge ihres hohen Nährwertes
-ein Nahrungsmittel ist, vermögen die Indianer längere Zeit zu leben,
-ohne abzumagern, und sehen dabei so gesund und kräftig aus, als ob sie
-mit Fleisch genährt würden.
-
-Nach Europa gelangte die Guaranapaste zuerst im Jahre 1817 von Rio de
-Janeiro aus, indem ein französischer Gesandtschaftsoffizier dieselbe an
-Cadet nach Paris sandte. 1826 wurde vom Bruder des vorhin erwähnten,
-Südamerika bereisenden Martius der wirksame Stoff daraus isoliert
-und als Guaranin bezeichnet; doch erkannte man 1840, daß dieser mit
-dem Koffeïn identisch ist. Durch den Koffeïngehalt wirkt die Guarana
-vorzüglich bei Migräne und Neuralgien und wird deshalb in der ganzen
-Kulturwelt dagegen genommen. Da sie den Blutdruck steigert und damit
-die Harnabsonderung vermehrt, wirkt sie auch bei Herz- und Nierenleiden
-günstig. In größeren Dosen übt sie durch ihren reichen Gerbstoffgehalt
-eine adstringierende Wirkung und wird deshalb wie in ihrer Heimat, so
-auch bei uns gegen Abführen angewandt. Aus den Früchten ziehen die
-Indianer einen schönen gelben Farbstoff aus, den sie zum Bemalen des
-Gesichtes verwenden.
-
-
-
-
-XIV.
-
-Die Gewürze.
-
-
-Die meisten Speisen, die der Mensch genießt, sind an sich geschmacklos,
-da die einzelnen Bestandteile derselben, sowohl das Stärkemehl, als
-das Eiweiß und Fett an sich keinen Geschmack oder Geruch besitzen. Nun
-aber ist nicht bloß der liebliche Duft, sondern vor allem der angenehme
-Geschmack einer Speise für deren Bekömmlichkeit von allergrößter
-Bedeutung; denn dadurch erst werden die Verdauungssäfte in ausgiebiger
-Menge zur Absonderung gebracht, so daß diese auch recht verdaut werden
-kann. Deshalb haben alle Völker der Erde, soweit sie zum Hackbau und zu
-einem unbesorgteren Lebensgenusse gelangten, allerlei wohlriechende und
-angenehme oder scharfschmeckende Pflanzen ihrer Umgebung zur Würzung
-ihrer sonst fade schmeckenden Nahrung verwendet. Je mehr nun die
-Völker ihre Produkte untereinander austauschten, um so mannigfaltiger
-wurde die Auswahl derselben. Und gerade die heißen Landstriche der
-Erde, in denen das Pflanzenwachstum weitaus am energischsten erfolgt
-und die stärksten Würzen und kräftigsten Gifte und Heilstoffe erzeugt
-werden, lieferten die wirksamsten derselben. Die hier wohnenden Völker
-verkauften von ihrem Überfluß an die in klimatisch weniger begünstigten
-Gegenden Lebenden. So sind wir Europäer auch hierin in erster Linie den
-Tropen tributpflichtig geworden. Und wenn auch die Zeiten längst dahin
-sind, in denen man die fremdländischen Gewürze mit Gold und Silber
-aufwog, und eine ganz unbegreifliche, heute vollständig verschwundene
-Sucht nach schweren Gewürzen die Völker ergriffen hatte, so sind es
-doch noch ziemlich bedeutende Summen, die jährlich für fremdländische
-Gewürze ausgegeben werden. So hat z. B. Deutschland im Jahre 1908
-für rund 14 Millionen Mark allerlei Gewürze aus dem Ausland bezogen.
-Obenan steht unter ihnen noch immer der Pfeffer, von dem für 5661000
-Mark bezogen wurde, ferner für 340000 Mark Paprika, so daß also das
-deutsche Volk für das Pfeffern seiner Speisen gegen 6 Millionen Mark
-ans Ausland bezahlt hat. Nächst dem Pfeffer kommen die Gewürznelken,
-von denen Deutschland für 1,5 Millionen kaufte, dann Zimt für 3,5
-Millionen Mark und Muskatnüsse für 1,2 Millionen Mark. Trotz des
-künstlichen Vanillins wurden 90000 kg Vanilleschoten für 1260000 Mark
-bezogen, ferner aus Südeuropa und Kleinasien 28200 kg Safran, wofür
-1692000 Mark bezahlt wurden. Dieses ist weitaus das teuerste aller
-Gewürze; denn in der Reichsstatistik für das Jahr 1907 wurde ein
-Kilogramm davon mit 60 Mark bewertet; nächst ihm kommt, wenn auch erst
-in weitem Abstande, die Vanille, von der das Kilogramm mit 14 Mark
-bezahlt wurde.
-
-Beginnen wir unsere Betrachtung mit diesem zweifellos feinsten und
-aromatischsten aller Gewürze, der +Vanille+, deren Bekanntschaft uns
-die Spanier nach der Entdeckung der Neuen Welt zuerst vermittelten.
-In der Literatur Mitteleuropas erwähnt sie zuerst der französische
-Botaniker Clusius (Charles de l’Ecluse, geb. 1526, von 1593 bis zu
-seinem 1609 erfolgten Tode Professor der Botanik in Leiden) in einem
-1605 erschienenen Werke. Wo er dieses Produkt zuerst kennen lernte,
-ist nicht ersichtlich, doch muß es durch spanisch-österreichische
-Vermittlung geschehen sein. Die Spanier lernten die Vanille im Bereiche
-der Kakaokultur in Mexiko zuerst kennen, wo sie im östlichen Teile
-des Landes ihre älteste Heimat hat. Wie wir dies heute noch bei der
-Bereitung des Kakaos tun, würzten die bei ihrer Entdeckung durch die
-Europäer zu recht hoher Kultur fortgeschrittenen Azteken, die Einwohner
-Mexikos, ihre Schokolade, ~chocolatl~ genannt, mit der von ihnen als
-~tlilxochitl~ bezeichneten Vanille, während die Spanier in der Folge
-das einheimische Wort ~vaynilla~, d. h. Schötchen, für dieses ihnen
-neue Gewürz in Aufnahme brachten. Im Jahre 1510 brachten sie es zum
-erstenmal nach Europa, und zwar nach Spanien.
-
-Die in den Handel gelangenden Vanilleschoten sind bekanntlich die auf
-besondere Weise zubereiteten Früchte einer Orchidee, bei denen manche
-Arten, wie beispielsweise die auf den Alpenwiesen wachsende Männertreu
-(~Nigritella~), denselben auf der Anwesenheit des Vanillins beruhenden
-Duft in den Blüten aufweisen. Von dieser über 7000 Arten umfassenden
-Familie der Orchideen, die nur in 1,5 Prozent in Europa heimisch sind,
-dagegen vorzugsweise die feuchten Gebirgstäler des äquatorialen und
-subtropischen Amerika, wie auch Indiens und Hinterindiens bewohnen
-und darin, wie beispielsweise in den Anden, bis beinahe 3300 m
-emporsteigen, sind viele auf der Borke von Bäumen hoch oben auf deren
-Geäst lebende Epiphyten oder Überpflanzen, die vielfach fälschlich als
-Schmarotzer bezeichnet werden, was sie durchaus nicht sind, da sie sich
-selbständig ernähren, ohne je ihre Wirte anzuzapfen.
-
-Die Vanillepflanze (~Vanilla planifolia~) ist kein solcher
-„hochgeborener“ Baumbewohner, sondern wie sämtliche bei uns wachsenden
-Orchideen ein ursprünglich bodenständiger Erdbewohner, der sich an ihm
-Stütze gewährenden Bäumen und Sträuchern emporrankt, um dann später
-durch Absterben der Erdwurzeln die Verbindung mit dem Boden zu lösen
-und eine durch Luftwurzeln aus der Atmosphäre lebende Überpflanze zu
-werden. Diese Kletterpflanze besitzt einen runden, fingerdicken, sehr
-lang werdenden, tiefgrünen Stengel, der große, dunkelgrüne, fleischige
-Blätter und ihnen gegenüber je eine als Haft- und Nährorgan zugleich
-dienende, blattgrünfreie und deshalb weißliche Luftwurzel, die oft
-bis zur Erde herabreicht. Aus den Blattwinkeln treten die großen,
-traubenförmig gestellten, gelblich- bis weißgrünen, in der Mitte etwas
-aufgeblasenen, wohlriechenden Blüten hervor, die nur einen Tag geöffnet
-bleiben und nach der Befruchtung durch ein bestimmtes Insekt 20-30 cm
-lange, dreikantige, mit einer großen Zahl überaus kleiner, schwarzer
-Samenkörner gefüllte Schotenfrüchte hervorgehen lassen.
-
-Bevor diese völlig reif sind, d. h. wenn die vorher grünen eben gelb zu
-werden beginnen, werden sie gepflückt oder abgeschnitten. Zu letzterem
-Zwecke sind die Arbeiter mit einer langstieligen Schere und einem mit
-Blättern ausgelegten Körbchen versehen. In diesem Zustande sind sie
-noch geruchlos. Ihr feines Aroma entwickelt sich erst beim Trocknen,
-das möglichst rasch zu geschehen hat. Bevor sie dieser Prozedur
-unterworfen werden, taucht man sie einige Sekunden in kochendes
-Wasser, um die ihnen anhaftenden Insekteneier zu vernichten und die
-Entwicklung des Wohlgeruchs zu befördern. Hierauf werden die danach
-tiefbraun gefärbten Früchte zuerst auf Gitterrosten erhitzt, dann an
-der Sonne getrocknet und noch warm in Blechkasten gelegt, in denen
-sie völlig austrocknen, wobei sie drei Viertel ihres ursprünglichen
-Gewichtes verlieren. Darin bleiben sie etwa drei Monate liegen, bis sie
-ihr volles Aroma entwickelt haben und durch Ausschwitzung mit feinen,
-weißen Kristallnadeln aus Vanillin bedeckt sind. Dabei werden sie öfter
-untersucht und diejenigen Schoten, die zu feucht sind und infolgedessen
-in Gärung übergehen könnten, entfernt. Schließlich bindet man sie in
-Bündel von je 50 Stück zusammen und bringt diese, in Zinnbüchsen, die
-etwa 5 kg Vanille enthalten, eingelötet, in den Handel.
-
-Ihren Wert erhalten die Vanilleschoten durch das bis zu 4 Prozent
-in ihnen enthaltene, äußerst wohlriechende Vanillin, das eines der
-am häufigsten benutzten feineren Gewürze darstellt. Außer in ihrem
-Heimatlande Mexiko, wo die Vanille besonders in der Umgebung der
-Stadt Oaxaca gezogen wird, kultiviert man sie heute an vielen Orten
-der Tropen. So wurde sie wegen des hohen Preises der Schoten, von
-denen 1821 1 Pfund 120 Mark und 1860 1 Pfund in Holland 22,50 Mark
-kostete, von den Holländern 1819 nach Java eingeführt, gedieh dort
-auch ganz gut, blühte reichlich, brachte aber keine Früchte hervor. Da
-erkannte der Direktor des Versuchsgartens in Buitenzorg, Theysmann,
-daß die Schuld nur der mangelnden Befruchtung der Blüten zukomme,
-da eben an diesem neuen Standorte die bestimmten, in der Heimat die
-Pollenübertragung vollziehenden Insekten fehlten. Sobald man diesem
-Mangel durch künstliche Befruchtung der Blüten abhalf, indem man den zu
-winzigen Kölbchen, den Pollinien, verwachsenen Blütenstaub mit Hilfe
-von zugespitzten Bambusstäbchen auf die Narbe der Blüten übertrug,
-hatte man einen vollen Erfolg. Alle Blüten müssen gleich am Morgen,
-an dem sie aufgegangen sind, befruchtet werden, und zwar kann ein
-flinker Arbeiter an einem Morgen 1000 Blüten bestäuben. Wenige Tage
-danach kann man bereits diejenigen Blüten auslichten, die keine Früchte
-ansetzen. Einen Monat nach der Blütenbefruchtung erreichen die Früchte
-schon ihre endgültige Größe, bedürfen aber zu ihrer völligen Reife
-noch weiterer fünf Monate, und zwar werden die der Sonne ausgesetzten
-Schoten die besten. Die Ernte findet auf der nördlichen Erdhälfte von
-Dezember bis Februar, auf der südlichen dagegen von Juni bis August
-statt. Dabei rechnet man im Durchschnitt auf einen Ertrag von 100-200
-kg marktfertiger Ware auf den Hektar. Seit Anfang der 1860er Jahre hat
-man die Vanillekultur besonders intensiv auf den französischen Inseln
-Réunion und Bourbon betrieben, die heute weitaus am meisten Vanille
-exportieren, nämlich jährlich etwa 100000 kg. An zweiter Stelle kommen
-die gebirgigen Seychellen-Inseln, auf denen diese Kulturpflanze im
-Jahre 1868 eingeführt wurde. Doch lohnt die Kultur dieser Nutzpflanze
-nicht mehr die Kosten, da der Wert der Vanille im Laufe des vergangenen
-Jahrhunderts von 240 Mark auf 8-10 Mark für das Kilogramm sank. Zu
-diesem gewaltigen Preisabschlag trug besonders die neuerdings gelungene
-künstliche Herstellung des Vanillins bei, das man jetzt im großen
-aus dem im Kambium (Bastmantel) der Nadelhölzer enthaltenen Glykosid
-Koniferin gewinnt. Dabei leisten 10 g künstlich erzeugtes Vanillin so
-viel wie 500 g feinste Bourbonvanille. Dieses Gewürz wird im Haushalt
-und in der Konditorei viel gebraucht, sollte aber von reizbaren,
-schwachnervigen Menschen recht mäßig oder gar nicht angewendet werden,
-da es in größeren Mengen zu stark erregt und erhitzt. So meidet man im
-heißen Amerika den Genuß der Vanille aus diesen Gründen fast ganz.
-
-Die Vanillekultur ist verhältnismäßig sehr einfach. Sie wird meist
-in unvollständig gelichteten Wäldern betrieben, in welchen man die
-jüngeren Bäume als Schattenspender und zugleich Stützen für die
-kletternde Orchidee stehen läßt. Da der wie bei allen Orchideen sehr
-kleine Same bei der Kulturpflanze meist nicht mehr keimfähig ist,
-verwendet man für die Vermehrung derselben meist Stecklinge von 1 m
-Länge mit 3-4 Blättern, die 15-20 cm tief in die Erde gesteckt und
-darin möglichst fest gedrückt werden, während die Spitze an einer
-Stütze befestigt wird. Im dritten Jahre beginnt die Pflanze Früchte
-zu entwickeln, die man aber zur Schonung der Pflanze nicht alle
-befruchtet. Dieselben erreichen vom vierten bis zum achten Jahre ihre
-höchste Vollkommenheit; doch bleibt die Staude bis zum zwanzigsten
-Jahre tragfähig.
-
-Die Vanillepflanze gedeiht nur in tropischen Gebieten mit möglichst
-gleichmäßiger Wärme, ohne größere Temperaturschwankungen und
-ausgiebiger Feuchtigkeit der Luft und des Bodens. Als Waldpflanze
-erträgt sie keinen Wind, selbst dann, wenn er warm ist, deshalb schützt
-man sie durch 4-5 m hohe heckenartige Umfriedigungen davor, oder indem
-man sie im Schatten von Schutzbäumen (meist Banane oder Kalabassenbaum)
-oder an Spalieren von ansehnlicher Höhe zieht, die ebenfalls den
-nötigen Schatten gewähren müssen und aus diesem Grunde nicht von Osten
-nach Westen gezogen werden dürfen. An diesen können nicht nur die
-Zweige in der zweckentsprechenden Weise auseinander gebreitet werden,
-sondern lassen sich alle Vorteile erzielen, welche man bei der Kultur
-solcher kletternder Pflanzen erstrebt. Die in ihrer Heimat im Urwalde
-wachsende Vanille wird meistens nicht reif, da die Affen eine besondere
-Vorliebe für diese schmackhaften Schoten haben und dafür sorgen, daß
-diese nicht in menschliche Hände geraten.
-
- Tafel 71.
-
-[Illustration: Eine Vanillepflanzung im Botanischen Garten von Viktoria
-in Kamerun.]
-
- Tafel 72.
-
-[Illustration: An Stützbäumen emporrankende Pfefferreben auf Sumatra.]
-
-Neuerdings hat man in den deutschen Kolonialgebieten mit bestem
-Erfolg den Anbau dieser Kulturpflanze eingeführt und wird hier mit
-der Zeit einen ansehnlichen Teil der gegen 330000 kg betragenden
-Gesamtproduktion der Erde gewinnen, so daß das Deutsche Reich seinen
-Bedarf von etwa 41000 kg im Werte von 1 Million Mark daraus zu
-bestreiten vermag.
-
-Ebenfalls eine an Bäumen emporrankende Kletterpflanze ist die in
-Südasien heimische +Pfefferrebe+ (~Piper nigrum~), die sowohl den
-schwarzen, als auch den weißen Pfeffer liefert. Ihr holziger, bis
-2 cm im Durchmesser haltender Stamm steigt an den sich ihm zur Stütze
-darbietenden Bäumen 6-7 m empor, indem er sich durch Luftwurzeln an
-sie anklammert. Die herzförmigen, mit langer Träufelspitze versehenen,
-etwas lederigen Blätter stehen an ziemlich langen Stielen spiralförmig
-am Stamme. Denselben gegenüber brechen die ährenartigen Blütenstände
-hervor, die nach der Befruchtung rote, mit einer dünnen Lage von
-Fruchtfleisch umgebene Beeren liefern. Dieselben enthalten unter einer
-innen braunroten, mit dem scharfen Piperin, einer gelben öligharzigen
-Substanz, erfüllten Samenschale, die in einem reichen, mehligen
-Nährgewebe liegenden, gleichfalls durch jenen scharfen Stoff vor dem
-Gefressenwerden durch unberufene Tiere geschützten Samen.
-
-Ihre Heimat hat die Pfefferrebe in den Wäldern der Malabarküste,
-wo sich die Eingeborenen ihrer hübschen roten Früchte jedenfalls
-schon im zweiten vorchristlichen Jahrtausend zur Würze ihrer an sich
-etwas faden Reisnahrung bedienten. Denn gerade in den Tropen mit
-ihrem erschlaffenden, warmen Klima besteht überall das unumgängliche
-Bedürfnis nach scharfen Gewürzen als Zukost zur an sich wenig die
-Geschmacksnerven reizenden Kost aus stärkemehlreichen Samen, Früchten
-oder Wurzelknollen. Schon in den altindischen Epen ist vom Pfeffer
-die Rede, welcher neben dem Salz als Würze der Speisen bezeichnet
-wird. Wahrscheinlich bedeutet das Wort Malabar -- aus ~malichabar~
-entstanden -- „Pfefferland“; denn im Sanskrit, der ausgestorbenen
-Sprache Altindiens, ist ~malicha~ die ursprüngliche Bezeichnung für den
-Pfeffer, während bar im Arabischen Land bedeutet. Dieser Name ihres
-Landes ist übrigens den Eingeborenen von Malabar fremd; sie nennen es
-vielmehr Malajálam, was Hügelland, oder Kéralam, was Kokosnußland heißt.
-
-Von den Wäldern von Malabar, wo die Eingeborenen die Pfefferrebe
-an Waldrändern an Stützbäumen oder, der leichteren Ernte wegen, an
-Spalieren ziehen, hat sich der Anbau dieser Kulturpflanze besonders
-nach der Halbinsel Malakka und dem benachbarten malaiischen Archipel
-gewandt. Nicht mehr wie noch im Mittelalter in Indien, sondern hier
-wird heute der meiste Pfeffer erzeugt. Der Hauptausfuhrhafen dafür
-ist Singapur. Von den über 30 Millionen kg Pfeffer, die jährlich auf
-den Weltmarkt gelangen, entfällt reichlich die Hälfte auf Sumatra, an
-dessen Ostküste besonders dieses so geschätzte Gewürz erzeugt wird.
-Neuerdings ist die Pfefferkultur auch auf Neuguinea, Westafrika und
-Westindien ausgedehnt worden.
-
-Sie wird ursprünglich in der Weise betrieben, daß man einen oder
-mehrere Stecklinge von 30 cm Länge, meist Ranken, am Fuße eines
-Baumes am Waldsaum oder einer Waldlichtung pflanzt und den gleichen
-Vorgang bei allen benachbarten Bäumen wiederholt. Neuerdings aber
-legt man regelrechte Plantagen an, indem man die Stecklinge an 3-4 m
-hohen Stangen hinaufranken läßt. Schon nach zwei Jahren haben sie
-rings um die Stütze einen dichten, grünen Mantel gebildet, im dritten
-beginnen sich die Früchte zu zeigen und im vierten tritt die volle
-Ertragsfähigkeit ein. Diese erreicht vom siebenten bis neunten Jahre
-ihre Höhe, indem jede Pflanze bis zu 35 Fruchtähren mit je 20-30
-Früchten hervorbringt, so daß die einzelne Pflanze nicht selten 3,5
-kg Beeren liefert. Nach 15 Jahren vermindert sich der Ertrag und die
-Pflanzungen müssen erneuert werden.
-
-Zwischen Blüte- und Fruchtzeit verlaufen jeweilen drei Monate, so daß
-im Jahre drei Ernten möglich sind. Meist erntet man aber nur zweimal
-jährlich, zuerst von Dezember bis Februar und dann von Mai bis Juli.
-Die Ernte nimmt ihren Anfang, wenn sich die Beeren zu röten beginnen
-und währt mehrere Monate, da nicht alle Beeren gleichzeitig sich
-röten. Um +schwarzen Pfeffer+ zu erhalten, sammelt man die Beeren vor
-ihrer Reife, d. h. wenn die untersten Früchte sich zu röten beginnen,
-läßt sie an der Sonne trocknen und sortiert sie je nach der Größe. Um
-+weißen Pfeffer+ zu erhalten, läßt man die Beeren völlig reif werden,
-legt sie 2-3 Tage in Wasser und entfernt dann die durch leichte Gärung
-weich gewordene äußere Fruchthülle teils durch Reiben zwischen den
-Händen oder Stampfen mit den Füßen, teils durch kaffeetrommelartige
-Rotationsapparate, die an mehreren Stellen siebartig durchbrochen sind,
-um die vom fleischigen Mantel befreiten Fruchtkörner hindurchtreten
-zu lassen. Gereinigt und je nach ihrem Reifegrad sortiert, werden sie
-in Ballen verpackt und kommen so in den Handel. Der Pfeffer verdankt
-seinen scharfen Geschmack einem darin zu 1 Prozent enthaltenen
-ätherischen Öl und dem bis zu 9 Prozent vorhandenen Piperin, das bei
-Magenschwäche anregend auf die Absonderung der Verdauungssäfte wirkt.
-
-Die Pfefferrebe ist ein echtes Tropengewächs, das außerhalb des engeren
-Tropengürtels nirgends gedeiht. Als ursprüngliche Waldpflanze verlangt
-sie wie die Vanille eine ziemliche Luft- und Bodenfeuchtigkeit nebst
-Halbschatten. Wo diese Bedingungen erfüllt sind, bietet ihr Anbau
-keinerlei Schwierigkeiten.
-
-Wie die heutigen Hindus ihn mit Kardamomen, Ingwer, Kurkuma oder
-Gelbwurzel und anderen Ingredienzen mit Zuhilfenahme von Kokosnußmilch
-zur Herstellung ihrer als Curry (sprich Körri) bezeichneten scharfen
-gelben Brühe benützen, mit welcher sie ihren dreimal täglich genossenen
-gedämpften Reis, dem sie, wenn möglich, etwas getrockneten Fisch
-zusetzen, würzen, so taten es schon ihre Vorfahren vor 3000 und mehr
-Jahren. In den Veden finden wir außer der Bezeichnung ~malicha~ für
-den schwarzen Pfeffer auch die Benennung ~pippali~ für den bald zu
-besprechenden langen Pfeffer, der schärfer als jener ist. Da nun
-die Hindus schon in der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen
-Jahrtausends ihre Fahrten bis zum Persischen Meerbusen und zum Roten
-Meere ausdehnten, so kann es kein Wunder sein, daß die Kulturvölker
-des Orients beide Arten schon früh kennen lernten. Zuerst erhielten
-die Perser dieses Gewürz. Sie übertrugen wohl aus Mißverständnis den
-indischen Namen ~pippali~ für den langen Pfeffer auf den schwarzen
-Pfeffer, und da sie kein l in ihrer Sprache besitzen, machten sie
-daraus ~pippari~. Die Griechen, denen sie die Kenntnis und den Gebrauch
-dieses starken Gewürzes übermittelten, machten daraus ~péperi~, und
-zwar bezeichneten sie den langen Pfeffer als ~péperi makrón~ (d. h. den
-großen Pfeffer) im Gegensatz zum gewöhnlichen Pfeffer, den sie einfach
-~péperi~ nannten. Die Römer lernten ihn von den Griechen kennen und
-machten aus ~péperi piper~, dabei bezeichneten sie den langen Pfeffer
-als ~piper longum~. Vom lateinischen ~piper~ entwickelte sich dann das
-~pepper~, ~pfeffer~ und ~poivre~ der europäischen Sprachen.
-
-Die erste Kenntnis vom Pfeffer erhielten die Griechen durch den dem
-Abendlande eine neue Welt eröffnenden Siegeszug Alexanders des Großen
-durch ganz Vorderasien bis nach Indien, das er im Jahre 327 v. Chr.
-betrat. Nach Besiegung des indischen Königs Poros am Hydaspes (dem
-heutigen Flusse Dschelam im Pandschab) durchzog der makedonische
-König das Fünfströmeland (Pandschab), ward aber endlich durch die
-Unzufriedenheit seines Heeres zur Rückkehr gezwungen, die er zu
-Lande durch Gedrosien (Beludschistan) bewerkstelligte, während sein
-Unterfeldherr Nearchos die Flotte nach dem Persischen Meerbusen
-führte. Die erste genauere Kunde von diesem indischen Gewürz gibt uns
-der Schüler von Alexanders Lehrer Aristoteles und nach dessen Tod
-Haupt der peripatetischen Schule in Athen, Theophrastos (gestorben 286
-v. Chr.). Dieser vortreffliche Pflanzenkenner unterscheidet bereits
-schwarzen und langen Pfeffer. Erst der griechische Arzt Dioskurides
-nennt in seiner reichhaltigen, um die Mitte des ersten christlichen
-Jahrhunderts verfaßten Arzneimittellehre auch den weißen Pfeffer.
-Sein Zeitgenosse, der ältere Plinius, teilt uns sogar die damals
-geltenden Preisnotierungen für die verschiedenen Pfeffersorten mit.
-Nach ihm kostete der lange Pfeffer, der sich als der schärfste aller
-Pfefferarten bis weit ins Mittelalter hinein besonderer Wertschätzung
-erfreute, 15 Denare (= etwa 9 Mark) das Pfund, während der schwarze zu
-4 (= 2,40 Mark) und der weiße zu 7 Denaren (= 4,20 Mark) das Pfund zu
-haben waren. Dem fügt er bei: „Es ist sonderbar, daß sich der Pfeffer
-(~piper~) beliebt gemacht hat. Andere Dinge empfehlen sich durch
-Süßigkeit, wieder andere durch Schönheit; der Pfeffer aber konnte
-nur durch seinen scharfen Geschmack und dadurch gefallen, daß er aus
-Indien kommt. Dort wächst er wild; bei uns wird er für Gold und Silber
-gekauft. Verfälscht wird er mit Wacholderbeeren, die merkwürdigerweise
-ihm im Geschmack ähneln; auch in bezug auf Gewicht wird er auf
-mancherlei Weise durch beschwerende Zusätze gefälscht.“
-
-Um Pfeffer, Zimt, Ingwer und die anderen so hochgeschätzten Gewürze
-Indiens, die zu hohen Preisen guten Absatz fanden, nach dem Römerreiche
-zu bringen, bestand damals ein reger Handel mit dem gepriesenen
-Gewürzlande Indien, den zumeist wie in der Vorzeit die Bewohner
-der Landschaft Jemen in Südarabien, dem „Glücklichen Arabien“
-der Alten, als den schon durch die geographische Lage gegebenen
-Zwischenhändlern übermittelten. Doch fuhren damals die römischen
-Schiffe mit griechischer Bemannung aus Alexandrien durch den bereits
-von den alten Pharaonen angelegten Südwasserkanal nicht nur bis zum
-Stapelplatz ~Arabia felix~, sondern teilweise selbst bis nach Indien.
-Der um 100 n. Chr. zu Nikomedia in Bithynien geborene und unter Kaiser
-Marcus Aurelius um 170 verstorbene griechische Schriftsteller Flavius
-Arrianus, der 136 unter Hadrian Präfekt von Kappadokien war, schreibt:
-„Nach der Handelsstadt Nelekynda am südwestlichen Ufer Indiens kommen
-viele Schiffe, weil dort vortrefflicher Pfeffer (~péperi~) in Menge zu
-haben ist“, und sein schon ums Jahr 25 n. Chr. verstorbener Landsmann
-Strabon, der weit in der Welt herumgekommen war, berichtet: „Früher
-wagten sich kaum zwanzig Schiff aus dem Arabischen Meerbusen (dem
-Roten Meere) hinaus; jetzt aber segeln große Flotten nach Indien und
-bis ans äußerste Ende von Äthiopien (Afrika) und bringen die teuersten
-Waren nach Ägypten, von wo sie wieder nach allen Ländern ausgeführt
-werden. In Alexandreia ist die Hauptniederlage für jene Waren; denn die
-Lage dieser Stadt ist für den Handel äußerst günstig.“ Dort unterlag
-der Pfeffer wie die übrigen Gewürze und Kostbarkeiten Indiens und
-Äthiopiens -- wie wir aus einem Berichte aus dem Jahre 176 n. Chr.
-wissen -- einem römischen Durchgangszoll. Die vornehmen Griechen und
-Römer der Kaiserzeit benützten ihn als Medizin, wie auch zu allerlei
-Würze von Speise und Trank. Schon durch seine ferne Heimat und den
-nicht für jedermann erschwinglichen Preis bildete er eine kostbare
-Ware, mit deren Anwendung man gerne prunkte. So lernten ihn die
-deutschen Barbaren kennen und schätzen. Von dem Gotenkönig Alarich wird
-uns berichtet, daß, als er mit seinem Heere im Jahre 408 Rom belagerte,
-er sich erst zur Aufhebung der Belagerung verstand, nachdem ihm die
-Römer 5000 Pfund Gold, 30 000 Pfund Silber, 4000 seidene Kleider, 3000
-Pfund Pfeffer und andere Kostbarkeiten entrichtet hatten.
-
-Der erste Abendländer, der die Pfefferpflanze in ihrer Heimat wachsen
-sah und später beschrieb, war der griechische Großkaufmann Kosmas
-aus Alexandrien in Ägypten, ein Zeitgenosse des oströmischen Kaisers
-Justinian I., der sich bekanntlich vom Bauer zum Basileus (König)
-emporgeschwungen hatte und von 527-565 n. Chr. regierte. Mit einem
-gewissen Menas hatte dieser Kosmas ums Jahr 540 eine Handelsreise
-nach Indien und Ostafrika unternommen und später, als er mit jenem,
-dem Zuge ihrer Zeit folgend, der bösen Welt entsagte, um das
-engelgleiche Gewand anzuziehen, d. h. Mönch zu werden, schrieb er in
-seiner Vaterstadt, dem lebenslustigen, reichen Alexandreia, wo er
-predigend umherzog, einen uns erhaltenen Bericht über seine Reise,
-der von musterhafter Gewissenhaftigkeit zeugt. Er gibt uns darin
-eine ausführliche Beschreibung der von den Alten Taprobane genannten
-Insel Ceylon, „jenseits dem Pfefferlande und indischen Meere“. Nach
-seiner denkwürdigen Fahrt nach Indien, die damals noch als etwas ganz
-Außergewöhnliches galt, erhielt dann dieser Mönch Kosmas von seinen
-Zeitgenossen den Beinamen Indikopleustes, d. h. Indienfahrer.
-
-Nach ihm war der Venezianer Marco Polo der erste Europäer, von dem
-wir wissen, daß er die indische Pfefferrebe in ihrer Heimat wachsen
-sah. Er war mit seinem Vater Niccolo und seinem Onkel Maffio Polo,
-auf deren zweiter ostasiatischen Reise, die 1271 angetreten wurde,
-nach China gekommen, wo er 17 Jahre blieb, um zuletzt ein hoher
-chinesischer Beamter zu werden und als solcher das ganze Reich, außer
-den beiden südlichen Provinzen Kwang-si und Kwan-tung kennen lernte,
-auch Osttibet, Jün-nan und Nordbirma bereiste. Im Jahre 1292 traten
-die Poli die Rückreise zu Schiff über Südasien an und besuchten bei
-dieser Gelegenheit Hinterindien, Borneo, Sumatra, Ceylon, das westliche
-Vorderindien, den Persischen Meerbusen, Nordpersien, Armenien und
-Kleinasien. Auf dieser drei Jahre dauernden Rückreise, von der sie 1295
-nach Venedig zurückkehrten, lernten sie auch Südasien so gut kennen,
-daß sie während des ganzen Mittelalters die besten Kenner dieses
-Kontinents blieben, außer etwa dem Araber Ibn Batûta (1302-1377),
-der ebenfalls Vorderasien und China besuchte, aber sich nur kurz in
-diesen Ländern aufhielt. Seinen Reisebericht diktierte Marco Polo
-1298 in genuesischer Gefangenschaft, in die er während eines Krieges
-zwischen Venedig und Genua geraten war. Das Buch wurde in mehrere
-Sprachen übertragen und war im Abendlande bald so bekannt, daß es
-zu den gelesensten Schriften des späteren Mittelalters gehörte.
-Durch die glänzenden Schilderungen des fabelhaften Reichtums und der
-ungeheuren Ausdehnung der Städte Ostasiens blendete es die Völker
-des Abendlandes, die gar zu gerne jene vielbeneideten Länder kennen
-gelernt oder noch lieber für sich gewonnen hätten. Deshalb trugen
-Marco Polos Berichte über das goldreiche Ostasien und die Gewürzländer
-Südasiens ganz wesentlich zu der zwei Jahrhunderte später erfolgten
-Entdeckung Amerikas bei; denn der im Dienste des spanischen Königs
-Ferdinands V., des Katholischen, am 3. August 1492 vom Hafen Palos mit
-drei kleinen Caravellen mit 120 Mann Besatzung nach Westen segelnde
-Genuese Cristophoro Colombi (Kolumbus) wollte nicht einen neuen
-Weltteil entdecken, sondern das Gewürzland Indien und das goldreiche
-Zipangu (Japan), den Pfefferstapelplatz Zaiton (Tsi-uen-tschou an der
-Fokienstraße) und das reiche Quinsay (Hang-tschou-fu) entdecken. Und
-nicht nur an jenem denkwürdigen 12. Oktober 1492, als er auf der Insel
-Guanahani (jetzt Watlings Island) landete, sondern bis zu seinem 1526
-erfolgten Tode hat Kolumbus dem Glauben gelebt, Indien aufgefunden
-zu haben, dessen wertvolle Produkte es nun aufzufinden und mit gutem
-Gewinn in Europa zu verkaufen galt.
-
-Die nächste Folge der Reisen der Poli war die Ausbreitung des
-Christentums in China, der die in religiöser Beziehung völlig
-indifferente Mongolendynastie keine Hindernisse in den Weg legte.
-Erst als 1368 durch die Revolution des echten Chinesentums gegen die
-mongolische Dynastie der Yuen die usurpatorische mongolische Herrschaft
-in China zusammenbrach und die christenfeindliche Dynastie der Ming
-ihre Herrschaft antrat, blieb der Osten Asiens für das Abendland
-wieder völlig in Dunkel gehüllt. Als einziger Europäer gelangte im 15.
-Jahrhundert der Italiener Nicolo Conti, ein Venezianer und Kaufmann
-wie Marco Polo, nach Indien, Ceylon und Birma, und zwar nachdem
-er seinen christlichen Glauben abgelegt und den Islam angenommen
-hatte. Infolgedessen vermochte er auch ungestraft Vorderindien zu
-durchkreuzen, Hinterindien zu besuchen und sich sogar auf Sumatra und
-Java längere Zeit aufzuhalten. Auch er sah die Pfefferrebe in ihrer
-Heimat wachsen. Die nächsten Europäer, denen dies wieder beschieden
-war und die dann den direkten Seeweg nach Indien fanden, waren die
-Portugiesen, die, wie wir bald sehen werden, unter der Führung des
-kühnen Seefahrers Vasco da Gama am 23. Mai 1498 in Kalikut an der
-Malabarküste, mitten im Zentrum der damaligen Pfefferkultur, landeten,
-um dann den Handel mit diesem über alles geschätzten Gewürz an sich zu
-reißen.
-
-Den Pfefferhandel in seine Hände zu bekommen, wollte damals etwas
-heißen, und es war der größten Opfer wert, dieses Monopol den Arabern
-und Venezianern zu entreißen; denn im Mittelalter steigerte und
-verallgemeinerte sich der Gebrauch dieses Gewürzes so unsinnig, daß
-die Krämer wie im alten Rom geradezu piperarii, d. h. Pfefferhändler
-genannt wurden. In der Bezeichnung Pfeffersäcke, die sich für die
-Kaufleute bis zur Gegenwart erhielt, liegt noch heute ein Beigeschmack
-großen Reichtums. Der Pfeffer war das ganze Mittelalter hindurch
-im ganzen Abendlande ein überaus gesuchter Handelsartikel, mit
-dem man wie in der römischen Kaiserzeit Speise und Trank, sogar
-das süße Gebäck, wie beispielsweise die mancherlei Pfefferkuchen,
-würzte. Das Urteil über eine Mahlzeit hing damals geradezu von der
-Pfefferbeigabe ab; so lautet eine häufig wiederkehrende Wendung in
-den mittelalterlichen Beschreibungen von Festmahlzeiten: „Daz ezzen
-was guot, wile wole gepfefferôt.“ Diese uns heute ganz unbegreifliche
-Vorliebe für Pfeffer und alle scharfen Gewürze überhaupt kann man sich
-nur dadurch erklären, daß eben unsere Altvordern wie heute noch die
-Bauernbevölkerung sehr fette Speisen aßen und die Zugabe der scharfen
-Gewürze die Verdaulichkeit dieser schweren Speisen durch Reizung der
-Verdauungsdrüsen förderte.
-
-Wie Zimt, Gewürznelken und Muskatnuß, wie wir bald sehen werden, in
-der holländischen Geschichte von der allergrößten Bedeutung waren,
-so spielte der ostindische Pfeffer eine sehr wichtige Rolle in der
-Geschichte Venedigs während des späteren Mittelalters. Damals war
-jene Stadt an der Adria der Mittelpunkt des Handels zwischen Europa
-und Asien und hatte etwa 3000 Kauffahrteischiffe von allerdings meist
-nur 10-100 und nur ganz ausnahmsweise bis 700 Tonnen (zu 1000 kg)
-Ladefähigkeit im Mittelmeere schwimmen. Diese segelten teilweise bis
-nach den Niederlanden, speziell Brügge, das damals neben Augsburg und
-Nürnberg die wichtigste Handelsstadt nördlich der Alpen war, um die
-kostbaren Produkte des Morgenlandes dem Abendlande zu vermitteln. Die
-Marine Venedigs war die größte des Mittelalters und besaß zur Zeit
-ihrer höchsten Blüte im 14. Jahrhundert 25-30000 Köpfe Bemannung.
-Nach ihr kam diejenige von Genua, dessen Hauptbedeutung im westlichen
-Mittelmeer lag. Während Pisas Blüte bereits gegen das Ende des 13.
-Jahrhunderts zu welken begann, hob sich Florenz allmählich, um dessen
-Erbe anzutreten. Nachdem es 1421 von Genua die Hafenstadt Livorno
-gekauft hatte, konnte es als drittwichtigste Seestadt jener Zeit
-gelten. Namentlich tat sich Florenz in Herstellung von Wollgeweben,
-Seidenstoffen, Gold- und Silberbrokat hervor. Schon um 1338 gab es in
-jener Stadt 200 Tuchwebereien, die jährlich 80000 Stück Tuch lieferten.
-Den Handel unterstützte ein vorzüglich eingerichtetes Bankwesen, das
-sich über alle wichtigeren mitteleuropäischen Städte ausdehnte.
-
-Solche einheimische Industrie besaß nun Venedig allerdings nicht;
-es war vor allem Seehafen und vermittelte den Kulturvölkern des
-Abendlandes die Produkte des Morgenlandes. Unter diesen war der
-Pfeffer Indiens, den indische Schiffer an die Gestade des Roten Meeres
-und arabische Karawanen von da den Venezianern an ihre Schiffe in
-Syrien und Ägypten brachten, weitaus der wichtigste Handelsartikel.
-Ja, man kann sagen, daß Venedig in erster Linie am Pfeffer, als dem
-damals begehrtesten Gewürze Indiens, reich geworden ist. Deshalb lag
-ihm mit besonderer Rücksicht auf dieses Gewürz alles daran, sich das
-Rote Meer und Ägypten offen zu halten. Unmengen von Pfeffer wurden
-im ~fondaco dei tedeschi~ in Venedig an die Agenten der reichen
-Handelsherren von Augsburg und Nürnberg verkauft und auf den Rücken von
-Maultieren über die Alpen nach Deutschland gebracht, wo er geradezu
-die Bedeutung eines überall gangbaren Zahlmittels erlangte. Im 13. und
-14. Jahrhundert nahm er entschieden den ersten Rang unter sämtlichen
-Gewürzen ein; er stand so hoch im Preise, daß ärmere Leute von dem
-regelmäßigen Gebrauche desselben absehen mußten und die Bezeichnung
-„~cher comme poivre~“ sprichwörtlich wurde. Damals waren einige Pfund
-Pfeffer ein geradezu fürstliches Geschenk.
-
-Der sehnliche Wunsch, die so begehrten teuren Gewürze Indiens, außer
-Pfeffer auch Gewürznelken, Zimt, Muskatnuß und Ingwer, auf direktem
-Wege, ohne den arabischen und venezianischen Zwischenhandel, billiger
-zu beziehen, trieb die Spanier und Portugiesen in erster Linie dazu
-an, den direkten Wasserweg nach Ostindien durch Umschiffung Afrikas
-zu finden. Und als dies dem portugiesischen Kapitän Vasco da Gama als
-erstem gelang, indem er am 20. Mai 1498 in Kalikut an der Malabarküste
-landete, um dann im August 1499 nach Lissabon zurückzukehren, brachte
-er schon damals eine reiche Ladung indischer Gewürze mit heim. Da an
-der Ware 600 Prozent verdient wurden, brach er 1502 mit 20 Schiffen
-abermals nach dem Pfefferlande auf. Bei dieser Gelegenheit gründete
-er Kolonien auf Mosambik und Sofala an der ostafrikanischen Küste und
-kehrte 1503 mit 13 reich beladenen Schiffen, die mit nicht weniger als
-5 Millionen kg Gewürz aus dem Hafen von Kalikut an der Malabarküste
-ausliefen, nach Portugal zurück. Diese Ladung repräsentierte natürlich
-einen ungeheuren Wert und brachte den Portugiesen zum großen Ärger der
-in ihrer Haupteinnahmequelle bedrohten Venezianer ungeheuren Gewinn.
-Deshalb ward Vasco da Gama 1524 von König Johann III. (inzwischen
-war Emanuel I., unter dem der Seeweg nach Ostindien gefunden und das
-portugiesisch-ostindische Kolonialreich begründet, dann im Jahre 1500
-durch Cabral auch Brasilien entdeckt und in Besitz genommen worden war,
-1521 gestorben) abermals mit 16 Schiffen nach Indien gesandt, kam aber
-von dieser letzten Reise nicht mehr zurück, indem er am 24. Dezember
-1524 55jährig in Kotschin an der Malabarküste starb. Er hat wie kein
-anderer Portugiese seinem Vaterlande die größten Dienste geleistet
-und ihm ganz wesentlich zum Höhepunkt seiner Blüte verholfen, den es
-zu Beginn des 16. Jahrhunderts erklomm. Damals war Lissabon die erste
-Handelsstadt Europas und verdiente an den indischen Gewürzen riesige
-Summen. Aber schon unter Johann III. (gestorben 1557) sank das Reich
-infolge seiner klerikalen Politik (Inquisition, Judenverfolgungen,
-Einfluß der Jesuiten) und mußte seine Macht und bald auch seine
-wichtigsten indischen Kolonien an die protestantischen Niederländer
-abtreten.
-
-Von dem Momente an, da die Gewürze Indiens auf dem Wasserwege direkt
-nach Europa gebracht wurden, sank nun natürlich die Bedeutung Venedigs
-als Hauptvermittlerin des Gewürzhandels sehr bald dahin und dafür
-nahm die Hansa als Zwischenhändlerin der von Portugal eingeführten
-indischen Gewürze nach Mittel- und Nordeuropa ihren Aufschwung und
-machte sehr gute Geschäfte, bis die Holländer nach Besetzung der
-wichtigsten portugiesischen Gewürzländer in Indien diesen Handel für
-sich in Anspruch nahmen. Da sie die indischen Gewürze als ihr Monopol
-ansahen und die Preise selbst bestimmten, so erhöhten sie den von den
-Portugiesen gemachten Gewinn von 600 Prozent auf 1000 Prozent. Ein
-solch gutes Geschäft ließen sich aber die Engländer nicht entgehen
-und jagten den Holländern bei der ersten besten Gelegenheit die
-Pfefferküste ab und verdrängten sie ganz aus Indien.
-
-Merkwürdigerweise war man aber in Europa sehr skeptisch gegen diesen
-ums Kap der Guten Hoffnung dahin gebrachten Pfeffer gesinnt, wie heute
-noch die Hausfrauen die natürliche Vanille und andere Rohprodukte dem
-künstlich hergestellten Vanillin als angeblich besser bevorzugen. Im
-Jahre 1518 verbot sogar der Rat von Bonn den Verkauf solchen um Afrika
-herum statt über Alexandrien und Venedig importierten Pfeffers. Nach
-und nach sah man aber das Unberechtigte solchen Vorurteils ein und
-benutzte ihn bald ausschließlich, weil er begreiflicherweise bedeutend
-billiger zu stehen kam als der durch den arabischen Zwischenhandel
-gegangene venezianische. Trotzdem aber der Pfeffer mit der Zeit
-sehr billig wurde, nahm mit der Verfeinerung des Geschmackes seine
-Verwendung mehr und mehr ab und ist heute auf ein Minimum gesunken.
-
-Während des Altertums und Mittelalters waren noch einige andere
-Pfefferarten bei uns im Gebrauch, so vor allem der schon von den
-alten Griechen und Römern überaus geschätzte +lange Pfeffer+ (~Piper
-longum~), von dem wir bereits berichteten, daß er, weil schärfer, von
-jenen viel teurer als der weiße und schwarze Pfeffer bezahlt wurde. Aus
-demselben Grunde, weil schärfer und beißender als der schwarze Pfeffer,
-ist er auch heute noch in Asien viel beliebter als in Europa. Diese
-wohl im östlichen Teil des malaiischen Archipels einheimische holzige
-Kletterpflanze hat länglichovale Blätter und ihre Einzelfrüchte stehen
-nicht frei an der Spindel wie diejenigen des schwarzen Pfeffers,
-sondern so dicht gedrängt, daß sie beim Reifen zu einer festen Masse
-zusammenwachsen. Diese Pfefferart wird auf den malaiischen Inseln,
-wie auch in Vorderindien viel angebaut. So gesucht sie im Altertume
-und teilweise noch im Mittelalter im Abendlande war, so gelangt sie
-jetzt nur ganz ausnahmsweise in den europäischen Handel. Früher waren
-auch ihre in Indien noch heute viel gebrauchten Wurzelstöcke als
-„Pfefferwurzeln“ bei uns offizinell. Sie enthalten zahlreiche Ölzellen,
-welche ihnen einen scharfen, aromatischen Geschmack verleihen.
-
-Auch der einst in Europa als Gewürz viel gebrauchte +Cubebenpfeffer+
-ist heute bei uns nur noch als Medikament für Entzündungen der Harnwege
-und Harnblase in den Apotheken zu finden. Er stammt von einem bis 6 m
-hohen, rankenden, zweihäusigen Strauch (~Piper cubeba~), dessen Heimat
-Südasien, besonders Sumatra, Java und Südborneo ist. Außer hier wird
-er aber auch in Westindien kultiviert. Und zwar wird er nur selten
-für sich allein gepflanzt; in der Regel dient er als Zwischenpflanze
-auf Kaffeeplantagen, wobei er an den Schattenbäumen zu einer recht
-stattlichen Entwicklung gelangt. Seine Fruchtähren sind etwas länger
-als diejenigen des schwarzen Pfeffers, die Beeren ungefähr von gleicher
-Größe, aber die Früchte sitzen anfangs dicht an der Ährenspindel
-und verschmälern sich erst später an ihrer Basis stielartig. Diese
-Stiele sind daher nicht wie sonst von der Frucht abgegliedert. Die
-Früchte, welche einen kampferartigen Geruch besitzen, schmecken weniger
-scharf, als durchaus gewürzhaft und enthalten sowohl in der mittleren
-Fruchtschicht als auch in der Samenschale Kristallgruppen von Cubebin,
-die an der gleichen Stelle auftreten wie das Piperin in der Samenschale
-von ~Piper nigrum~ und ~longum~. Sie wirken in kleinen Dosen wie
-Pfeffer, regen den Appetit etwas an und befördern die Verdauung, stören
-aber beide bei länger fortgesetzter Verwendung. Der Name Cubeben stammt
-aus dem Hindustanischen. Sie waren in der indischen Volksmedizin schon
-längst in Gebrauch, als der Orient sie auf dem Wege des Handels kennen
-lernte. Die arabischen Ärzte erwähnen sie als indisches Gewürz. Von
-ihnen lernte das Abendland diese Droge kennen, die vom 13. Jahrhundert
-an einen namhaften Handelsartikel für Europa bildete, den vornehmlich
-die Venezianer und Genuesen ihm vermittelten. Er diente hier aber
-ausschließlich als ein kostbares Gewürz. Erst zu Anfang des 19.
-Jahrhunderts lernten englische Offiziere auf Java von den Eingeborenen
-die vorhin genannte medizinische Anwendung der Cubeben kennen, und
-seit 1818 bedient man sich ihrer in Europa als Medikament, nachdem sie
-als Gewürz hier schon längst außer Gebrauch gekommen waren.
-
-Von der größten Bedeutung für die Südasiaten und deshalb in großen
-Mengen angepflanzt ist der +Betelpfeffer+ (~Piper betle~). Ursprünglich
-im malaiischen Archipel zu Hause, hat er sich heute über ganz
-Indien, Hinterindien und Indonesien verbreitet. Hier werden seine
-ovalen, brennend gewürzhaft schmeckenden Blätter, die scharfe, die
-Speichelabsonderung anregende Stoffe enthalten, zum Betelkauen
-verwendet, dem jedermann, Mann und Frau, alt und jung, frönt. Zu diesem
-Zwecke wird ein Blatt mit Kalkmilch (aus mit Wasser abgelöschtem
-gebranntem Kalk) bestrichen und darauf eine dünne, in Wasser gekochte
-Querscheibe der eiförmigen Arekanuß nebst Catechu oder Gambir gelegt.
-Das ganze wird zusammengerollt und dient als solches zum Kauen. Durch
-den Zusatz von Kalkmilch erhält der Speichel eine gelbrote Farbe,
-welche sich auch den Zähnen der Betelkauer mitteilt. Päckchen von 20-30
-solcherweise präparierter und zusammengebundener Betelpfefferblätter
-werden überall in Südasien zum Verkauf ausgelegt wie bei uns die
-Zigarren. Der dabei zur Anwendung gelangende Catechu ist ein Extrakt
-aus dem Holze der Catechuakazie und Gambir eine Abkochung der Blätter
-und jungen Triebe von ~Uncaria gambir~; beide sind sehr reich an
-Gerbstoff und wirken zusammenziehend auf die Schleimhaut des Mundes.
-
-Der sogenannte +japanische Pfeffer+ entstammt einem in Japan, Korea
-und Nordchina heimischen Strauche aus der Familie der Rutazeen
-(~Xantophyllum piperitum~), der in zwei Klappen aufspringende Früchte
-von der Größe des schwarzen Pfeffers hervorbringt, als dessen Ersatz
-sie dienen. Der auch als ~Kumba~ bezeichnete +Negerpfeffer+ stammt von
-einem im tropischen Westafrika häufigen Baume (~Xylopia aethiopica~)
-aus der Familie der Anonazeen. Es sind die schotenartig aussehenden,
-4-5 cm langen, kaum 0,5 cm dicken, walzenförmigen, meist etwas
-gekrümmten, im trockenen Zustande schwarzen Früchte dieses Baumes, die
-wegen ihrer Schärfe von manchen Negerstämmen mit Vorliebe zum Würzen
-ihrer Speisen verwendet werden. Andere Arten der Gattung kommen in
-Ostafrika und Amerika vor und werden dort vielfach auch zum Würzen
-verwendet. Als +Tasmaniapfeffer+ werden in Tasmanien die Früchte des
-dort und im südöstlichen Australien im Gebirge wildwachsenden, 3-4 m
-hohen Strauches ~Drimys aromatica~ aus der Familie der Magnoliazeen
-zum Würzen verwendet, da sie ebenfalls einen beißenden, gewürzhaften
-Geschmack besitzen.
-
-Viel wichtiger als diese, die nur eine sehr beschränkte lokale
-Verwendung finden, ist der in Zentralamerika heimische +rote
-spanische Pfeffer+, auch +Paprika+ genannt, von ~Capsicum annuum~,
-der durch die Spanier nach Europa gelangte und daher die Bezeichnung
-spanischer Pfeffer erhielt. Wie der indische Pfeffer den Hindus und
-Malaien, so dient er den dortigen Indianern als beliebte Zukost zu
-ihrer sonst faden Breinahrung. Diese zu deutsch Beißbeere genannte
-Nachtschattenart hat sich durch lange fortgesetzte Kultur in eine große
-Menge von Spielarten gespalten, deren aufgeblasene Beerenfrüchte von
-Rot bis Gelb und Dunkelviolett schwanken. Sie enthalten das scharfe,
-beißende Capsicin, das vor allem zu Zugpflastern bei Rheumatismus
-Verwendung findet. Der +gelbe spanische Pfeffer+ (~Capsicum luteum~),
-der jetzt besonders in Ostindien gepflanzt wird und als ~piment de
-Mozambique~ in den Handel kommt, liefert die schärfsten Sorten, die
-für europäische Zungen geradezu ungenießbar sind und bei den nicht an
-deren Genuß Gewöhnten eine Schwellung von Zunge und Lippen bewirken.
-Sehr scharf ist auch der rote +Cayennepfeffer+, von ~Capsicum crassum~,
-~minimum~, ~baccatum~ usw., deren Früchte getrocknet und zerkleinert,
-oft noch mit Salz und Weizenmehl vermischt, in den Handel kommen.
-Der +Quittenpfeffer+ (~Capsicum cydoniforme~), der ~pellpepper~ der
-Engländer und ~poivron~ der Franzosen, erzeugt dagegen saftige Früchte,
-die fast keine Schärfe besitzen und deshalb roh oder eingemacht wie
-Obst gegessen werden können. Zwischen beiden Arten liegen zahlreiche
-Mittelsorten, auf die wir hier nicht näher eingehen können. In Europa
-wird der Paprika besonders von denjenigen Volksstämmen bevorzugt,
-die wie z. B. die Serben und Magyaren, gern rohe Gehirne von Kälbern
-und Schafen verspeisen. Bekannt ist seine Verwendung zum ungarischen
-Nationalgericht, dem ~Guljasch~, und zu den von den Engländern
-geliebten ~mixed pickles~ und der Worchestersauce.
-
-Ähnlich wie Paprika wird von uns auch mehr als Reizmittel zu dem an
-sich keinen ausgesprochenen Geschmack besitzenden Fleisch der +Senf+
-oder +Mostrich+ genossen, den schon die alten Griechen und Römer in
-ähnlicher Weise benutzten. Aus der lateinischen Bezeichnung ~sinapis~
-ist überhaupt das deutsche Senf entstanden, da die Römer seine
-Bereitung und Anwendung in die Länder nördlich der Alpen brachten.
-Gotisch heißt er ~sinap~, angelsächsisch ~senep~, althochdeutsch
-~senaf~, mittelhochdeutsch ~senef~ und neuhochdeutsch ~senf~. Im
-~Capitulare de villis~ Karls des Großen aus dem Jahre 812 erscheint er
-als ~sinape~ unter den anzubauenden Pflanzen. Im 13. Jahrhundert finden
-wir das Kraut in England im großen angebaut und dort, wie auf dem
-europäischen Festland, zur Senfbereitung verwendet. Unser Speisesenf
-wird von den beiden, den Kohl- und Rübenarten sehr nahe verwandten
-Kreuzblütlern, dem +schwarzen+ und dem +weißen Senf+ (~Sinapis nigra~
-und ~alba~) gewonnen, deren Heimat das südliche Europa, Nordafrika
-und Westasien ist. In Kleinasien oder Griechenland scheint die wilde
-Art, welche ursprünglich nur ein Ackerunkraut war, vom Menschen zuerst
-zur Würze verwendet und später auch angepflanzt worden zu sein. Noch
-im Mittelalter wurden vom Senfkraut nicht bloß die Samen verwertet,
-sondern auch die Blätter als Gemüse genossen. Die Griechen nannten die
-Senfpflanze ~sínēpi~, ~sínapi~ oder ~nápy~ -- dabei ist die Silbe ~si~
-ein Augmentativum, um die Schärfe des Senfs noch mehr hervorzuheben
--- gleicherweise die Römer, die sie von ersteren kennen lernten,
-~sinapi~. Sie pflanzten sie in ihren Gemüsegärten an. Theophrast im
-3. Jahrhundert v. Chr. und Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. geben
-uns eine Anleitung zu ihrer Kultur und sagen, daß sie im Herbst gesät
-werde. Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., der sie auch
-im Frühjahr zu säen rät, gibt uns das erste Rezept zur Herstellung
-von Speisesenf. Er sagt: „Den sorgfältig gereinigten Samen läßt man
-zwei Stunden im Wasser aufweichen und stößt ihn dann, mit den Händen
-herausgenommen und ausgedrückt, in einem neuen, wohlgereinigten Mörser
-klein. Darauf zieht man die ganze zerriebene Masse in der Mitte des
-Mörsers zusammen, drückt sie fest, legt einige glühende Kohlen darauf,
-gießt mit Soda versetztes Wasser darüber, wodurch der bittere Geschmack
-beseitigt wird, läßt sodann das Wasser wieder abfließen, gießt weißen
-scharfen Essig hinzu, rührt die Masse um und seiht sie durch. Die so
-gewonnene Flüssigkeit ist vorzüglich zum Einmachen der Rüben dienlich.“
-Sie wurde aber auch als Würze zu Fleischspeisen genossen. Palladius im
-4. Jahrhundert n. Chr. rät, Senfsamen mit Honig, Olivenöl und Essig zu
-mischen.
-
-Heute wird die Senfpflanze, die der Kaiser Diokletian 301 n. Chr.
-in einem Edikt anführt, nicht bloß in ganz Europa, sondern auch
-in Nordamerika und Indien viel angepflanzt. Der schwarze Senf
-hat eigentlich braune, kleine, kugelige Samen, der weiße dagegen
-hellfarbige, viel größere, etwa fünfmal so schwere. Dazu kommt
-noch eine dem schwarzen Senf ähnliche Abart mit besonders scharf
-schmeckenden Samen, der besonders bei Sarepta am unteren Laufe der
-Wolga in Südrußland von den dort angesiedelten württembergischen
-Kolonisten angepflanzt wird und als Sareptasenf bezeichnet wird. Sie
-kommt bei uns im Handel nur sehr selten vor, dagegen ist das daraus
-bereitete Senfmehl ein bei uns als „englischer“ oder „russischer“ Senf
-viel verwendeter Artikel.
-
-Außer Eiweißkörpern und Öl enthalten die Samen des weißen Senfes
-das kompliziert zusammengesetzte Sinalbin und ein Ferment Myrosin,
-das die Eigenschaft besitzt, das Sinalbin bei Gegenwart von Wasser
-chemisch zu zerlegen, so daß neben Zucker und anderen Stoffen daraus
-das Sinalbinsenföl entsteht, ein geruchloses, gelbes, scharfes Öl, das
-blasenziehend wirkt, weshalb der weiße Senf pulverisiert zu den lokal
-starke Hautreize ausübenden Senfpflastern verwendet wird. Die Samen
-des schwarzen Senfes enthalten ebenfalls Myrosin, wenn auch bedeutend
-weniger als die des weißen -- weshalb es behufs besserer Ausbeute an
-Senföl zweckmäßig ist, den weißen und schwarzen Senf zu mischen --,
-dabei aber einen andern, ebenfalls durch Myrosin spaltbaren Körper, aus
-dem das farblose, gleicherweise auf der Zunge brennende, durchdringend
-scharf riechende Allylsenföl entsteht.
-
-Die Bereitung des Speisesenfes ist nach den Ländern sehr verschieden.
-Am meisten wird er wohl in dem alle solche scharfen Würzen liebenden
-England hergestellt und genossen. Zu diesem Zwecke werden die Senfsamen
-zerrieben und das zu 30 Prozent in ihnen enthaltene Senföl, das ein
-vorzügliches Brennöl liefert, abgepreßt. Das Senfmehl wird dann
-gewöhnlich mit Essig und Zucker angerührt. In Mitteleuropa nahm man im
-Mittelalter meist jungen Wein, sogenannten Most (aus der lateinischen
-Bezeichnung ~mustum~ hervorgegangen). Aus der Bezeichnung ~mustum
-ardeum~, d. h. scharfer Most, der in den Klöstern zuerst aufkam,
-entstand dann das französische ~moutarde~ und das norddeutsche
-Mostrich, während die Westfalen und Rheinländer Mostard und Mostert
-sagen. Noch der 1590 als Leibarzt des Kurfürsten Johann Kasimir bei
-Rhein in Heidelberg verstorbene, nach seinem Geburtsort Bergzabern
-Tabernaemontanus genannte Elsässer Arzt sagt uns in seinem Kräuterbuch,
-daß der Speisesenf aus zerstoßenen Senfsamen und Most hergestellt
-werde. Heute sind in England am geschätztesten der weiße Senf von
-Cambridge und der schwarze von Yorkshire, die in den großen englischen
-Senffabriken fast ausschließlich zur Verarbeitung gelangen.
-
-Wie Senf wird zur Würzung der Saucen, die besonders den faden
-Fischspeisen beigegeben werden, auch das Produkt eines anderen
-Kreuzblütlers verwendet. Es sind dies die +Kapern+. Sie bestehen
-aus den noch im Knospenzustande gepflückten und mit Salz in Essig
-eingemachten Blüten des dornigen Kapernstrauches (~Capparis spinosa~),
-die sich später weiß oder rötlich entfaltet hätten. Der bis meterhohe
-Strauch ist im Mittelmeergebiet heimisch, wo er seine Zweige mit
-Vorliebe an grell von der Sonne beschienenen Felsen herabhängen läßt.
-Er wird deshalb der leichteren Erreichbarkeit wegen vielfach in seiner
-Heimat angepflanzt. Als Surrogat dafür werden häufig die Blütenknospen
-der aus Südamerika stammenden Kapuzinerkresse (~Tropaeolum
-majus~) und des einheimischen Ginsters (~Spartium scoparium~),
-ebenso in Norddeutschland die allerdings weniger wohlschmeckenden
-Blütenknospen der überall an stehenden Gewässern und Quellen häufigen
-Sumpfdotterblume (~Caltha palustris~) und die kleineren des im
-Frühjahr überall häufigen, durch seine gelben Blüten auffallenden
-Scharbockkrautes (~Ficaria ranunculoides~) eingemacht und gegessen.
-
-Zu ähnlichem Zwecke dient der ebenfalls schon von den Alten als
-Würze gebrauchte +Lorbeer+ in seinen aromatisch duftenden Blättern
-und Früchten. Die an ausgiebigeren Gewürzen arme mittelalterliche
-Küche bediente sich dazu der Sprosse stark duftender einheimischer
-Lippenblütler wie +Bohnenkraut+, +Thymian+, +Salbei+, +Pfefferminze+,
-+Melisse+ und +Majoran+, dann des +Rosmarins+ und +Lavendels+, durch
-einen reichen Gehalt an ätherischen Ölen reicher Halbsträucher der
-Felsenheide des Mittelmeergebiets -- italienisch ~machia~, französisch
-~maquis~ genannt -- deren blaue beziehungsweise violette Lippenblüten
-mit den daran haftenden aromatisch riechenden Blättern und Zweigen im
-Altertum viel zum Winden von Kränzen benutzt wurden, mit denen man
-die Bildsäulen der Laren, der wohlwollenden, schützenden Geister der
-abgeschiedenen Vorfahren, schmückte. Deren Bilder wurden ursprünglich
-am häuslichen Herd in einem besonderen, als ~lararium~ bezeichneten
-Schrein aufbewahrt, später aber wurden diese Schutzgötter des Hauses
-auch in Gärten und auf Straßen in Hermen verehrt.
-
-Die beiden letztgenannten, durch ein wohlriechendes Öl ausgezeichneten
-strauchartigen Lippenblütler Rosmarin und Lavendel empfahl schon Karl
-der Große in seinen Vorschriften zur Bepflanzung der Gärten seiner
-Landhäuser vom Jahre 812 und trug so wesentlich dazu bei, diese
-Fremdlinge aus Italien auch nördlich der Alpen heimisch werden zu
-lassen, wo sie dann keinem besseren Küchengarten des Mittelalters
-fehlten, so wenig als das ebenso wohlriechende einjährige Kraut
-+Basilikum+ mit hellgrünen, kleinen Blättern und weißen Lippenblüten
-mit weit vorgestreckter Unterlippe, das durch die Vermittlung der
-Muhammedaner aus seiner Heimat Indien nach Europa gelangte und
-besonders bei den Serben und allen Südslawen überhaupt eine große Rolle
-im Volksleben spielt. Jedem Leser der serbischen Volkslieder wird es
-auffallen, welch große Bedeutung dem Kraute Basilikum beigelegt wird.
-
-Noch viel wichtiger als diese heute fast ganz außer Gebrauch
-gekommenen volkstümlichen Gewürze war für die mittelalterliche Küche
-der ~Safran~, die aromatisch riechenden, dunkelgelben Narben des im
-Orient heimischen ~Crocus sativus~, der vornehmeren Verwandten des
-bescheidenen europäischen Frühlingskrokus (~Crocus vernalis~). Diese
-weißblühende, kleine Lilienart ist ein Kind der sich von Kleinasien
-bis Persien erstreckenden vorderasiatischen Steppe, wo sie zuerst
-irgendwo ihrer duftenden, leuchtendgelben Narben wegen in menschliche
-Pflege genommen wurde. Im Orient wurde der Safran seit Urzeiten
-verwendet und spielte in der ältesten persischen und indischen Medizin
-wegen seiner stark erregenden Wirkung als Arzneimittel, dann als
-Gewürz und Färbemittel, eine sehr große Rolle. König Salomo und Homer
-erwähnen ihn, der berühmte griechische Arzt Hippokrates verwendete
-ihn und im ganzen Altertum galt er als König der Pflanzen. Für die
-Morgenländer bildete er einen sehr wichtigen Handelsartikel, mit dem
-wohl die schiffahrtkundigen Phönikier die Griechen zuerst bekannt
-machten. Der bedeutendste Pflanzenkenner des Altertums, Theophrastos
-von Lesbos (390-286 v. Chr.), unterscheidet in seiner uns erhaltenen
-Pflanzengeschichte sehr wohl den duftenden ~Crocus sativus~ des
-Morgenlandes von dem duftlosen, weißen Frühlingskrokus Attikas und
-hebt den aus Nordafrika stammenden cyrenäischen Safran als besonders
-gut hervor. Sonst galt sowohl bei den Griechen, als auch den Römern,
-zu denen erstere den ~krókos~ gebracht hatten, der kilikische aus dem
-südöstlichen Asien als der edelste.
-
-In seiner Schrift über den Landbau schreibt der aus Spanien nach
-Rom gekommene Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.:
-„Mysien, Lydien, Apulien, Kampanien sind durch ihr herrliches Getreide
-berühmt; der Tmolus (ein Gebirg Lydiens) und Korykus (eine Hafenstadt
-Kilikiens) durch Safran (~crocus~), Judaea und Arabien durch kostbare
-Wohlgerüche. Übrigens werden jetzt sogar in Rom Zimtkassien- und
-Weihrauchbäume gezogen, auch sieht man ganze Gärten mit Myrrhen und
-Safran bestellt. Hierin liegt ein Beweis, daß Italien ein Land ist,
-in welchem bei gehöriger Pflege die Gewächse fast aller Erdstriche
-gedeihen können.“ -- An einer anderen Stelle sagt dieser Autor: „In
-den Gärten suchen die Bienen Nahrung an den weißen Lilien, auch
-pflanzt man für sie (im Februar) Zwiebelknollen von korykischem und
-sizilischem Safran.“ Sein Zeitgenosse, der aus Kilikien stammende
-griechische Arzt Dioskurides schreibt: „Der beste Safran (~krókos~)
-ist der korykische aus Sizilien, der zweite an Güte ist derjenige,
-welcher auf dem Olymp in Lykien wächst, der drittbeste kommt aus Aegae
-in Aeolien; der aus Kyrenaika (östlich von Tripolis) und aus Sizilien
-ist schwächer, obgleich saftreich und leicht auszupressen; er täuscht
-daher viele. Zum arzneilichen Gebrauch hat derjenige den Vorzug, der
-ziemlich lang, frisch und gut gefärbt ist, beim Reiben gut riecht, beim
-Befeuchten die Hände färbt, nicht verschimmelt ist und etwas scharf
-schmeckt.“ Er führt dann die verschiedenen Verfälschungen und deren
-Erkennungszeichen an und sagt, Thessalos behaupte, der Safran sei das
-einzige wirklich gut riechende Ding. Plinius hält den wild wachsenden
-Safran für den besten und sagt, in Italien bringe der Safranbau keinen
-Vorteil. Dann fährt er fort: „Der angepflanzte Safran (~crocus~) wird
-breiter, größer, glänzender, ist aber weit schwächer und artet überall
-aus. Mucianus gibt an, man verpflanze in Lykien den Safran im 7. oder
-8. Jahre auf einen bearbeiteten Boden, und so werde der Ausartung
-vorgebeugt. Zu Kränzen braucht man den Safran nirgends, denn seine
-Blätter sind fast haardünn. Dagegen ist Safran ein herrlicher Zusatz
-zu Wein, insbesondere zu süßem. Gerieben dient er dazu, die Theater
-mit Wohlgeruch zu erfüllen. Die Ernte fällt in die Zeit des kürzesten
-Tages, und das Trocknen geschieht im Schatten. Man bewahrt ihn in
-hölzernen Büchsen auf. Er dient als Arznei, hat auch die Eigenschaft,
-daß man nach seinem Genusse vom Wein nicht trunken werden kann, und
-daß selbst ein Kranz davon die Berauschung verhindert. Diese Blume hat
-schon in Homers Zeiten in Ehren gestanden.“
-
-Die Vornehmen des kaiserlichen Rom trieben einen gewaltigen Luxus
-sowohl mit dem Safran, den sie außer als Arznei auch zur Würze von
-Speisen und Getränken benutzten, als auch mit den wohlriechenden
-Blüten des orientalischen Krokus. Wenn schon zur Zeit der Republik
-der Dichter Lucretius Carus (98-55 v. Chr.) den Gebrauch kennt, die
-Sitze der Aristokratie im Theater mit wohlriechendem Safranwasser
-zu besprengen, und nach dem römischen Geschichtschreiber Sallustius
-Crispus (86-35 v. Chr.) Metellus Pius durch ein Gastmahl gefeiert
-wurde, bei dem der Speisesaal wie ein Tempel drapiert und der Boden mit
-duftenden Krokusblüten bestreut war, so ist nicht zu verwundern, daß
-der Luxus damit zur Kaiserzeit keine Grenzen mehr kannte. So wurden
-zur Zeit des Kaisers Hadrian, der, nach Trajans Tod im Jahre 117
-von seinem Heere in Syrien zum Kaiser ausgerufen, bis 138 regierte,
-die Statuen im Theater mit duftender Safranessenz gesalbt und sogar
-hohle Erzstatuen mit feinen Poren dermaßen eingerichtet, daß solches
-Parfüm daraus nach Belieben hervorquoll. So schreibt Senecas Neffe
-Lucanus (geb. 39 n. Chr. zu Corduba in Spanien, wurde Quästor und
-Augur zu Rom und entleibte sich 65, als er wegen Beteiligung an der
-Pisonischen Verschwörung gegen Nero zum Tode verurteilt wurde) in
-einem Pharsalia betitelten Gedichtbuch: „In Afrika war ein junger
-Römer von der Schlange Hämorrhois gebissen worden, da drang aus seiner
-Haut Blut hervor, gleich wie mit Safran parfümiertes Wasser aus den
-Poren hervorgepreßt wird, mit denen man künstlich die ganze Oberfläche
-hohler Bildsäulen durchbohrt hat.“ Und Petronius berichtet in einer
-seiner Satiren: „Bei einem Gastmahl war die Veranstaltung getroffen,
-daß aus jedem Kuchen und jedem Obst bei der geringsten Berührung
-flüssig gemachter Safran floß.“ Damals war der Safrangeruch einer der
-beliebtesten Parfüms der vornehmen Griechen und Römer. Von Kaiser
-Hadrian berichtet sein Biograph Aelius Spartianus ferner: „Kaiser
-Hadrianus teilte zu Ehren seiner Schwiegermutter Gewürze (~aroma~)
-unter das Volk aus und ließ zu Ehren (seines Vorgängers im Imperium)
-des Trajanus (wohlriechenden) Balsam und (in Wasser oder Wein gelösten)
-Safran die Stufen des Theaters herunterfließen.“ Der Geschichtschreiber
-Aelius Lampridius schreibt vom Kaiser Heliogabalus, der 218 wie Hadrian
-in Syrien auf Anstiften seiner Großmutter Julia Maesa von den Legionen
-17jährig zum Kaiser ausgerufen wurde und den orgiastischen Dienst
-seines syrischen Gottes Elagabalus, dessen Oberpriester er zu Emesa
-war und nach dem er sich nannte (denn eigentlich hieß er Valerius
-Avitus Bassianus), in Rom einführte, bis er schon 222 von seiner
-Leibgarde, den Prätorianern ermordet wurde, er habe seine Betten und
-bei Gastmählern die Polster, auf denen seine Gäste zu Tische lagen,
-mit Safran wie mit Blumenblättern von Rosen oder Lilien, Veilchen,
-Hyazinthen und Narzissen füllen lassen und habe nur in Bassins
-gebadet, dessen Wasser mit wohlriechenden Essenzen, besonders Safran,
-wohlriechend gemacht worden war.
-
-Außer als Parfüm war der Safran bei den alten Griechen und Römern
-besonders auch als Medikament geschätzt, das im Rufe stand, gegen die
-verschiedensten Übel helfen zu können. Wenig Rezepte wurden damals
-von den Ärzten der Vornehmen, meist Griechen, verschrieben, in denen
-dieser Bestandteil fehlte. Diesem Beispiele folgten ihre geistigen
-Erben, die byzantinischen und arabischen Ärzte. Und als durch die
-Kreuzzüge das Abendland in engere Berührung mit dem ihm an Kultur
-überlegenen Morgenlande kam, gelangte die hohe Wertschätzung des
-Safrans als Gewürz und Heilmittel auch dahin. Diese Tatsache beweist
-schon die im Abendlande geläufig gewordene Bezeichnung Safran, die aus
-dem arabischen ~za’fran~ herrührt -- aus ~zahafaran~ abgekürzt --, ein
-Wort, das seinerseits mit dem arabischen asfar gelbsein zusammenhängt.
-
-Wie im Orient, der damals die Erzeugung und den Handel mit Safran
-ausschließlich in den Händen hatte, wurde der Safran trotz seines
-überaus hohen Preises auch im Abendlande als ein wichtiges Arzneimittel
-und eines der hervorragendsten Gewürze überaus geschätzt. Vielfach
-hieß -- wie beispielsweise in Basel -- die Zunft der Krämer nach
-ihrem kostbarsten Handelsartikel im frühen Mittelalter die Zunft
-zum Safran, und als ihr Gildeabzeichen figuriert die stilisierte
-dreigespaltene Narbe dieses Liliengewächses, die ihrem Aussehen nach
-der heraldischen Lilie der Bourbonen in Frankreich sehr nahe kommt.
-Seitdem die Kreuzfahrer im 11. Jahrhundert die Pflanze nach dem
-Abendlande brachten, wird sie in Italien und Südfrankreich angebaut.
-Viel früher noch wurde der Safran in Spanien, wohin die Araber schon
-im 10. Jahrhundert seine Kultur brachten, angepflanzt. Dieses Land
-hat das ganze Mittelalter hindurch bis in die Gegenwart fast ganz
-Europa mit seinem Produkte versorgt und besitzt heute noch besonders
-in der durch den Ritter Don Quichote als dessen Heimat bei uns
-bekannt gewordenen Landschaft Mancha, südlich von Madrid, ausgedehnte
-Safranpflanzungen. Im 15. und 16. Jahrhundert war der Safranbau auch
-in Mitteleuropa von Belang, ging aber hier mit dem Zurückgehen von
-dessen Wertschätzung fast ganz ein. Kleinere Mengen davon werden nur
-noch in Niederösterreich, dann bei Orleans, ziemlich viel dagegen in
-Südfrankreich gewonnen. Letzteres liefert 2-4000 kg jährlich,
-während die Produktion von Spanien 45000 kg beträgt.
-
-Die Safrankultur erfolgt in der Weise, daß man die zwiebelartigen
-Knollen, die übrigens auf der Balkanhalbinsel roh und gebraten als
-beliebte Speise gegessen werden, in Abständen von 8-10 cm in 20 cm
-auseinanderstehenden Reihen setzt. Bei der Blüte im Frühling werden
-die orangeroten Narben meist von Frauen und Kindern gepflückt und
-noch an demselben Tage über einem leichten Kohlenfeuer getrocknet.
-Man erhält dadurch ein gesättigt rotbraunes, loses Haufenwerk sich
-fettig anfühlender Fäden, die stark aromatisch, fast betäubend riechen,
-gewürzhaft bittersüß schmecken und gekaut den Speichel intensiv gelb
-färben. Die Masse zieht sehr leicht Feuchtigkeit aus der Luft an
-und enthält außer Safrangelb von außerordentlichem Färbungsvermögen
-ein gelbes, dickflüssiges, schweres, ätherisches Öl, das Safranöl,
-von brennendem Geschmack und dem charakteristischen Safrangeruch.
-Gegenwärtig schwankt der Preis des Safrans je nach der Ernte zwischen
-32 und 160 Mark das kg. Dieser hohe Preis wird erklärlich, wenn man
-erwägt, daß die Narben von 70000-80000 Blüten gepflückt werden müssen,
-um 1 kg Safran zu ergeben. Er verlockt aber auch dazu, den Safran
-zu verfälschen, indem man ihm pulverisierte Blüten des Saflors, der
-Arnika, der Ringelblume, der Granate, dann gefärbte Kollodiumfäden
-zufügt und ihn mit Baryt und Gips beschwert. Auch werden bereits
-extrahierte Narben gefärbt und als ungebrauchte Ware verkauft.
-Jedenfalls ist es sehr zu raten, ihn nicht in gemahlenem Zustande als
-Pulver zu kaufen, da dann Verfälschungen leichter zu erkennen sind.
-
-Schon die medizinischen Schriftsteller des Altertums beklagen sich über
-solche Betrügereien an diesem kostbaren Stoffe. Der ältere Plinius
-meint, daß überhaupt keine andere Ware so sehr gefälscht werde als
-gerade er. Deshalb war während des ganzen Mittelalters der Handel mit
-Safran scharf kontrolliert. So bestand im Jahre 1374 ein besonderes
-~officio dello zafferano~ zur Überwachung des Safranhandels in
-Venedig, und in anderen großen Städten waren ähnliche Kontrollstellen
-vorhanden, so in Augsburg und Nürnberg, wo im 15. Jahrhundert strenge
-Polizeigesetze diesem Handelsartikel besondere Aufmerksamkeit
-schenkten. Die Strafe für Safranfälschung bestand darin, daß solche
-Betrüger lebendig samt ihrer verfälschten Ware verbrannt wurden.
-Solchen Tod erlitten 1449 Jobst Friedenkem, 1456 Hanns Kölbell und
-Lienhard Frey, „weil sie gefälschten Safran für gut verkauft“. Die
-Else Pragerin, die den beiden letztgenannten „darzugeholfen“, wurde
-lebendig begraben. In demselben Jahre 1456 wurden in Zofingen in der
-Schweiz zwei Bürger wegen Fälschung des Safrans und anderer Gewürze
-lebendig verbrannt samt einer Frau, welche ihnen dabei behilflich
-gewesen war. Noch 1499 wurden dem Hannsen Bock in Nürnberg wegen
-„betrüglicher Arznei“ beide Augen ausgestochen. Später begnügte man
-sich bei der Verfälschung des Safrans und anderer solcher Drogen
-damit, diese öffentlich durch den Scharfrichter verbrennen zu lassen
-und dem Schuldigen eine sehr hohe Geldstrafe aufzuerlegen. Noch ein
-Erlaß Heinrichs II. von Frankreich (Sohn Franz I. und Claudias, Tochter
-Ludwigs XII., seit 1533 mit Katharina von Medici vermählt, regierte
-von 1547 bis zu seinem den 10. Juli 1559 infolge einer Augenverletzung
-bei einem Tournier erfolgten Tode) bedrohte die Safranfälscher mit
-energischer körperlicher Züchtigung, und auf dem Reichstage in
-Augsburg 1551 wurde sogar ein für das ganze Deutsche Reich gültiges
-Polizeigesetz gegen „geschmierten“ Safran erlassen. Neuerdings wird
-als billiger Ersatz des echten Safrans der +Kapsafran+ in den Handel
-gebracht, er besteht aus den getrockneten Blüten einer Skrofulariazee
-vom Kap, ~Lyperia crocea~, die annähernd Geruch, Geschmack und
-Färbungsvermögen des Safrans besitzen.
-
-Von weiteren europäischen Gewürzen von größerer Bedeutung, die zugleich
-eine wichtige Rolle als Arzneimittel spielten, haben wir zunächst
-den +Hopfen+ (~Humulus lupulus~) zu nennen, der schon den Griechen
-und Römern zu Heilzwecken diente. Die Griechen nannten ihn das
-wildwachsende (~ágrion~) ~kléma~, die Römer dagegen nach Plinius ~lupus
-salictarius~, d. h. Weidenwolf, weil er andere Pflanzen umschlingt
-und ihnen Schaden zufügt. Gebraucht wurden damals schon wie heute
-hauptsächlich die tannenzapfenähnlichen Fruchtähren, die am Grunde mit
-goldgelben, körnerartigen Drüschen besetzt sind, welche der Pflanze
-den eigentümlichen Geruch und den gewürzhaftbittern Geschmack geben.
-Außer einer geringen Menge einer narkotisch wirkenden Substanz, um
-dessen Willen der Hopfen in England wie Opium geraucht wurde und noch
-geraucht wird, enthält das aus den Drüsenkörnern bestehende, getrocknet
-rötlichgelbe Hopfenmehl der reifen Früchte ein aromatisches Öl, ferner
-das Hopfenbitter, das dem Biere den bitterlichen Geschmack verleiht und
-Hopfenharze, welche die Entwicklung der Milchsäurebakterien verhindern,
-die die Güte des Bieres beeinträchtigen. Zugleich fällen die Gerbstoffe
-des Hopfens die Eiweißstoffe des Malzes aus der Würze und wirken so
-konservierend auf das Bier. Aus diesen Gründen wird der Hopfen seit
-dem frühen Mittelalter dem Biere als Würze zugesetzt und hat als
-solche eine sehr große Bedeutung erlangt, so daß er in bedeutendem Maße
-angebaut wird.
-
-[Illustration: Bild 38. Um eine Stütze sich windender Hopfensproß
-(von ~Humulus lupulus~) mit ambosartigen Klimmhaken zum Festhalten,
-von denen ein einzelner, abgelöster links bei stärkerer Vergrößerung
-dargestellt ist.]
-
-Die ersten europäischen Hopfengärten werden in einer Urkunde Pipins
-des Kurzen vom Jahre 768 erwähnt. In der Folge legten sich besonders
-die Klöster auf den Hopfenbau, da sie dieses Würzmittels bei der
-Bierbereitung bedurften. Erst als das Bierbrauen in die Hände
-der Bürgerlichen gelangte, pflanzte man auch in Laienkreisen den
-Hopfen, der bis dahin von den Bauern meist nur von den wilden oder
-verwilderten, in ganz Europa in Hecken und Gebüschen, besonders an
-Flußufern wachsenden Exemplaren gesammelt wurde. Im Gegensatz zu diesem
-wilden Hopfen, der noch häufig zur Fälschung des guten mitbenutzt wird,
-ist der kultivierte heute durch Kulturauslese sehr viel gehaltreicher
-geworden, weshalb er allein in den Handel kommt. Da die Hopfenpflanze
-getrenntgeschlechtig ist, werden selbstverständlich nur weibliche
-Pflanzen angebaut, deren Fruchtstände dann im Herbste geerntet werden.
-Der Hopfen ist eine ausdauernde Pflanze, die zumeist 15-20 Jahre
-aushält, bis sie wiederum frisch aus Samen gezogen wird. Er wird an
-hohen Stangen oder Drahtgerüsten gezogen, von denen er im Herbste
-herabgerissen wird, um zu Hause vorsichtig die Früchte abzupflücken,
-die auf den geräumigen mehrstöckigen Speichern der Hopfenbauern in
-Horden getrocknet werden, was in 4-5 Tagen geschehen ist. Dabei müssen
-sie häufig gewendet werden. Unterbleibt dies, so wird der Haufen rot
-und dadurch minderwertig, oft beinahe ganz wertlos. Die Hopfenfrüchte
-müssen reichlich gelbes Hopfenmehl aufweisen und ein reines, würziges,
-knoblauch- oder käseartiges Aroma besitzen. Nach dem Verkauf werden
-sie gut getrocknet und, vielfach geschwefelt, damit möglichst wenig
-Luft daran bleibt, in Ballen von 2 m Länge und 0,75 m Breite von
-65-100 kg Gewicht zusammengepreßt. Da sich der Hopfen schlecht hält,
-wird er am besten an einem kühlen Orte in Metallkisten aufbewahrt.
-Andere Konservierungsmethoden, wie das Besprengen mit Alkohol haben
-sich nicht bewährt; dagegen werden vielfach, so besonders in Amerika,
-Hopfenextrakte verwendet. Doch vermögen sie nicht alle Eigenschaften
-des Hopfens zu ersetzen. Die Stengel des Hopfens werden in nördlichen
-Ländern zu Stricken, Matten, Säcken und anderen groben Geweben, sonst
-in der Papierfabrikation, die Blätter als Viehfutter und die jungen
-Schößlinge als Gemüse verwendet. Von der Welternte des Hopfens von
-106,95 Millionen kg im Jahre 1908 entfallen 30 Prozent auf Deutschland,
-das besonders in Franken, Schwaben, Baden und Elsaß in ausgedehntem
-Maße Hopfen pflanzt. An zweiter Stelle steht England, doch suchen die
-Vereinigten Staaten von Nordamerika den alten Kulturländern auch hierin
-den Vorrang streitig zu machen.
-
-Seit dem Altertum sind verschiedene Arten der Gattung ~Artemisia~,
-+Beifuß+, mehr als Arznei, denn als Gewürz bekannt und geschätzt.
-~Artemisía~ nannten sie die Griechen -- von ~artemḗs~ gesund -- weil
-sie deren Gebrauch für die Gesundheit förderlich hielten. Unter ihnen
-war speziell der +Wermut+ (~Artemisia absinthium~), ein 0,6 bis 1,25 m
-hohes, stark aromatisch, aber widerlich riechendes, überall an
-Zäunen und unbebauten Plätzen wachsendes Kraut mit feingefiederten,
-ursprünglich weißgrauen Blättern und gelben Blüten, sehr beliebt.
-Die Griechen nannten die Pflanze ~apsínthion~ und danach die Römer
-~absinthium~. Von ihr schreibt der griechische Arzt Dioskurides: „Das
-~apsínthion~ (von den Deutschen Wermut genannt, nach ~werm-uot~, d.
-h. wärmende Wurzel wegen der erhitzenden Eigenschaft dieser Pflanze)
-ist äußerst bitter, es ist allgemein bekannt. Die beste wächst im
-Pontosgebiet und in Kappadokien auf dem Taurusgebirge. Sie erwärmt,
-zieht zusammen, befördert die Verdauung und ist in vielen Fällen
-ein wichtiges Heilmittel. Man versetzt auch die schwarze Tinte zum
-Schreiben mit Wermut, weil sich dann die Mäuse nicht daran wagen.“ Und
-Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Es gibt mehrere Arten von
-Wermut (~absinthium~, auch ~apsinthium~ geschrieben); die sogenannte
-santonische kommt aus einer Landschaft Galliens (die Santonen waren
-Kelten und wohnten in Aquitanien), die pontische aus dem Pontus, wo
-sich (wie er Theophrast nachschreibt) die Schafe damit mästen, aber
-davon (Theophrast sagt vorsichtig: wie einige sagen, was Plinius
-wegläßt) die Galle verlieren. Die pontische Wermut ist die beste,
-weil bitterer als die italische, hat aber ein süßes Mark. Dieses
-äußerst nützliche Kraut ist allgemein bekannt und zu sehr vielen
-Heilzwecken im Gebrauch. Es wird auch bei den Latinischen Festen in Rom
-verwendet, wo vierspännige Wagen am Capitolium um die Wette fahren.
-Wer da den Sieg errungen hat, trinkt Wermut, wahrscheinlich weil
-unsere Vorfahren geglaubt haben, Gesundheit sei eine recht ehrenwerte
-Belohnung.“
-
- Tafel 73.
-
-[Illustration: Wild wachsender Hopfen aus Bayern.
-
-Hopfengarten der Kgl. Akademie in Weihenstephan (Bayern).]
-
- Tafel 74.
-
-[Illustration: Hopfenpflücker in der Holledau, Bayern (meist böhmische
-Wanderarbeiter).
-
-Gedörrte und zum Versand bereite Hopfenfruchtähren.]
-
-Dieses bitterste aller Kräuter mußte nach der uns erhaltenen Verordnung
-über die auf den Krongütern zu haltenden Nutzpflanzen aus dem Jahre 812
-auch in den Gärten der Meierhöfe Karls des Großen angepflanzt werden
-und spielte das ganze Mittelalter hindurch als ~wermuota~ eine wichtige
-Rolle als Heilmittel. Noch heute ist es als solches beim Volk in hohem
-Ansehen und wird zu bitterem Tee und Magentropfen, zur Herstellung von
-Wermutbier und Wermutlikören viel benutzt. Bekannt ist die Liebhaberei
-der Franzosen zum angeblich erregenden, tatsächlich aber den Magen
-reizenden Absinth, dessen Herstellung und Verkauf glücklicherweise
-neuerdings in der Schweiz, wo besonders die Welschen bedeutende
-Konsumenten desselben waren, verboten wurde.
-
-Im Altertum wurde schon bei den Ägyptern und später bei den Griechen
-und Römern auch der +baumartige Beifuß+ (~Artemisia arborea~)
-angebaut und zur Herstellung von Arzneien aller Art, besonders
-Wermutwein benutzt. Als der Heilgöttin Isis geweiht, trugen die
-Priester derselben, wie uns Plinius berichtet, deren Zweige, die er
-~absinthium~ nennt, bei den öffentlichen Umzügen feierlich vor sich
-her. Auch in Europa dienen heute noch Wermutzweige, so wie der gemeine
-Beifuß und andere stark riechende Kräuter zum Weihbunde, d. h. zu den
-Kräutern, welche in katholischen Kirchen auf Maria-Himmelfahrt oder
-Maria-Krautweihe (den 15. August) vom Priester geweiht werden. Es ist
-dies ein direkt durch römische Vermittelung vom Isiskulte herrührender
-Gebrauch; denn Isis mit dem Horusknäbchen auf dem Arm ist das
-unmittelbare Vorbild der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskinde.
-
-Nicht minder berühmt war seit dem Altertum der halbstrauchartige,
-in den Mittelmeerländern wild wachsende +Eberreis+ (~Artemisia
-abrotanum~), den man häufig zu duftenden Kränzen, besonders aber als
-Arznei verwendete. Schon Theophrast erwähnt ihn als ~abrótonon~ und
-sagt, er werde zu Kränzen gebraucht, während ihn Dioskurides als
-Heilmittel nennt und beifügt, er wachse häufig in Kappadokien, dem
-asiatischen Galatien und in Syrien. Auch wurde er zur Herstellung
-eines mit ihm und anderen Gewürzen bereiteten (Oliven-) Öls verwendet.
-Und der aus Spanien im 1. Jahrhundert n. Chr. nach Rom gekommene
-Ackerbauschriftsteller Columella meint: „Das Bauchweh verliert sich
-beim Haarvieh, vornehmlich bei Maultieren und Pferden, augenblicklich,
-wenn es schwimmende Enten sieht (!); als Arznei tut ihm aber ein Trank
-von zarten Lorbeerblättern und Eberreis (~abrotanum~) sehr wohl.“ Es
-wird jetzt noch in den Mittelmeerländern häufig in den Küchengärten
-angepflanzt und heißt bei den Neugriechen ~pikróthanos~ und bei den
-Italienern ~abrotano~.
-
-Der +gemeine Beifuß+ (~Artemisia vulgaris~) wird ebenfalls kultiviert,
-weil sein Kraut als Küchengewürz und die Wurzel als krampfstillendes
-und schweißtreibendes Mittel dient. Ehemals wurde letztere als
-Zaubermittel und Vorbeugungsmittel gegen das Ermüden an die Füße
-gelegt; daher der Name Beifuß. Ein Büschel dieses Krautes hängen
-die Landleute gerne in den Wohnstuben als „Fliegenkraut“ auf, weil
-sich die Fliegen abends gern in Menge daran setzen und dann leichter
-gefangen und getötet werden können. Die unmittelbar vor dem Aufblühen
-gesammelten Blütenköpfe des in der Kirgisensteppe und südlich davon
-wild wachsenden, neuerdings aber in zunehmendem Maße angepflanzten
-+Wurmbeifußes+ (~Artemisia cina~) liefern eines der bekanntesten
-Wurmmittel, die zur Abtreibung von Spulwürmern und Pfriemenschwänzen
-(~Oxyuris~) dienenden +Zitwer+- oder +Wurmsamen+, deren bitterer
-Extraktivstoff das Santonin bildet, das neuerdings statt der
-Wurmsamenlatwerge in Zucker- oder Schokoladezeltchen als Wurmmittel
-gegeben wird.
-
-Noch weiter östlich in Asien, nämlich in der Mongolei heimisch ist
-der +Dragonbeifuß+ (~Artemisia dracunculus~), das französische
-~estragon~, das als geschätztes Küchengewürz in Mitteleuropa seit
-alter Zeit kultiviert wird. Die blühenden Stengelspitzen riechen
-angenehm gewürzhaft, schmecken bitterlich und dienen zur Bereitung des
-Estragonessigs. Dragon kommt vom lateinischen ~draco~, Drache, Schlange
-(~dracunculus~ heißt kleiner Drache) und wurde der Pflanze von den
-mittelalterlichen Ärzten gegeben, weil nach Plinius das Tragen dieser
-Pflanze vor dem Gebissenwerden durch Giftschlangen schütze.
-
-Ein anderes viel verwendetes einheimisches Gewürz ist der +gemeine
-Kümmel+, die getrockneten Früchte der zweijährigen Kümmelpflanze
-(~Carum carvi~) aus der Familie der Umbelliferen, die im mittleren und
-nördlichen Europa bis zur Birkengrenze auf guten, trockenen Wiesen
-wild wächst. Sie ist die älteste in Europa nachweisbar als Gewürz
-verwendete Pflanze, da im neolithischen Pfahlbau von Robenhausen aus
-dem dritten vorchristlichen Jahrtausend verkohlte Samenkörner von ihr
-zutage traten. Jedenfalls aber wird sie damals noch nicht vom Menschen
-angepflanzt worden sein, da ihm die Wildlinge genug Samen boten. Doch
-ist diese Gewürzpflanze in Vorderasien schon sehr früh kultiviert
-worden, wie wir aus einer Stelle des seit 740 v. Chr. unter den Königen
-Usias, Jothan, Ahas und Hiskias zu Jerusalem wirkenden Propheten
-Jesaias in Kap. 28, 25 entnehmen, wo es vom Ackermann heißt: „er streut
-Wicken und wirft Kümmel, er säet Weizen und Gerste, jegliches, wo er
-es haben will, und Spelt an seinen Ort,“ und in Vers 27: „denn man
-drischet die Wicken nicht mit Eggen und läßt auch nicht ein Wagenrad
-über den Kümmel gehen, sondern die Wicken schlägt man aus mit einem
-Stabe und den Kümmel mit einem Stecken“.
-
-In größeren Mengen wird der Kümmel seit dem Mittelalter in Holland,
-bei Halle, Erfurt, Hamburg, Nürnberg, Ostpreußen, Tirol, Norwegen,
-Schweden, Finnland und Rußland auf Feldern kultiviert. Man sät ihn
-während der Baumblüte in Reihen auf kalkhaltigen, warmen, trockenen
-Boden, im Herbst schneidet man das Kraut bis zum Herzblatt ab und
-verbraucht es als Viehfutter. Im folgenden Jahr blüht der Kümmel im
-Mai und muß geschnitten werden, sobald die oberste Fruchtdolde zu
-reifen beginnt und die übrigen noch grüne, aber entwickelte Früchte
-haben. Man bindet ihn in kleine Bündel und trocknet ihn. Der Same
-enthält viel ätherisches Öl, schmeckt beißend gewürzhaft und wird
-den verschiedensten Speisen als Gewürz zugesetzt. Aus ihnen wird
-durch Destillation auch das ätherische Kümmelöl gewonnen, das in der
-Branntweinindustrie ausgedehnte Verwendung findet. Den besten Kümmel
-liefert Holland, der dort schon in fränkischer Zeit kultiviert wurde.
-Er wird in den mittelalterlichen Arzneibüchern als beliebtes Heilmittel
-oft genannt; so pries ihn als solches schon im 12. Jahrhundert die
-heilige Hildegard, Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen, die
-auch die erste Nachricht von der Verwendung des Hopfens als Bierwürze
-gab. In den städtischen Spezereitaxen wird Kümmel zuerst 1304 in
-Brügge, dann in der Mitte des 15. Jahrhunderts in Danzig angeführt. Die
-Wurzelknollen des in Westdeutschland nicht seltenen +knolligen Kümmels+
-(~Carum bulbocastanum~), auch Erdkastanie genannt, werden manchenorts,
-besonders in der Walachei und Moldau gegessen.
-
-Statt unseres Kümmels gebrauchten die alten Griechen und Römer als
-Arznei und Gewürz die Samen des bei ihnen angebauten, in den östlichen
-Mittelmeerländern wild wachsenden +römischen+ oder +Kreuzkümmels+
-(~Cuminum cyminum~). Dieses heute auf Sizilien und Malta, wie auch
-in Ostindien häufig angebaute einjährige Doldengewächs mit weißen
-oder rötlichen Blüten besitzt doppelt so lange Früchte wie diejenigen
-unseres Kümmels von stark aromatischem, unangenehmem, entfernt an
-Fenchel erinnerndem Geruch und scharf bitterlichem Geschmack. Sie
-enthalten ein ätherisches Öl von hellgelber Farbe und durchdringend
-kümmelartigem Geruch, welches als römisches Kümmelöl bei der Bereitung
-„magenstärkender“ Liköre verwendet wird.
-
-Im ganzen Altertum war er wie in den Mittelmeerländern heute noch als
-Küchengewürz und Arznei geschätzt. Er hieß bei den alten Ägyptern
-~tapnen~, einem Worte, dem man häufig in dem medizinischen Papyri
-begegnet. Daneben bedienten sie sich auch einer semitischen Bezeichnung
-~kamnini~, die mit dem hebräischen ~kammôn~ zusammenhängt. Seine Samen
-befanden sich mehrfach unter den Totenbeigaben in den altägyptischen
-Gräbern. Die Griechen nannten ihn ~kýminon~ und danach die Römer,
-die ihn durch jene kennen lernten, ~cyminum~. Dioskurides sagt von
-ihm: „Das ~kýminon~ schmeckt gut, vorzüglich das äthiopische, das
-Hippokrates (460-364 v. Chr.) das königliche nennt; nach ihm folgt
-an Güte das ägyptische und dann die übrigen Sorten. Es wächst im
-asiatischen Galatien, in Kilikien, bei Tarent und an mehreren anderen
-Orten. Es dient als Gewürz und Heilmittel.“ Theophrast schreibt: „Das
-~kýminon~ trägt schmale, gestrichelte Samen in reichlicher Menge; es
-wird für die Küche angepflanzt und dabei vorgeschrieben, daß man bei
-der Aussaat fluchen und schimpfen soll.“ (Damit wollte man die bösen
-Geister vertreiben, die dem Wachstume der Saat schaden konnten.) Eine
-Abart dieses Kümmels nennt Dioskurides ~káros~ und fügt hinzu: „er
-ist ein kleiner, allbekannter Same, der ein gutes Gewürz gibt; auch
-die Wurzel wird zur Speise gekocht“. Diesen Kümmel nannten die Römer
-nach den Griechen careum; so sagt Columella: „Das ~careum~ dient als
-Gewürz,“ und Plinius: „Der ~careum~ (= Kümmel) stammt aus dem Auslande
-und hat seinen Namen von seinem Vaterlande Karien. Man benützt ihn
-vorzugsweise für die Küche; er gedeiht in jedem Boden, der beste kommt
-jedoch aus Karien und nächstdem aus Phrygien.“
-
-Als Arznei gegen Blähungen und beliebtes Gewürz ist unter den
-Doldenblütlern ferner der +gemeine Fenchel+ (~Foeniculum vulgare~)
-mit ausdauerndem, 1-2 m hohem Stengel zu nennen. Er wächst von den
-Azoren bis Persien und Kurdistan, von Nordafrika bis Ungarn wild und
-wird stellenweise in Deutschland, Südfrankreich, Galizien, Rumänien,
-Indien, China und Japan kultiviert. Die jungen Pflanzen werden auf
-Saatbeeten gezogen und im Juli versetzt, wie der Kümmel behandelt
-und im Herbste geschnitten. In kälteren Gegenden werden die Wurzeln
-für den Winter gedeckt. Die Samen können zwei- bis dreimal geerntet
-werden. Das Kraut dient als Viehfutter, während die durch das
-ätherische Fenchelöl angenehm aromatisch riechenden und gewürzhaft
-süßlich schmeckenden Früchte als Küchengewürz zum Einmachen von
-Gurken usw., auch als Appetit anregendes Mittel angewendet werden.
-Mit pulverisierten Sennesblättern und Süßholzwurzeln zusammen bilden
-sie einen Hauptbestandteil des leicht abführenden „Brustpulvers“. Wie
-anderswo Kümmel, bäckt man in Thüringen und Tirol Fenchel ins Brot.
-
-Der +römische Fenchel+ ist eine Abart des ~Foeniculum dulce~, die in
-Südfrankreich, Italien und auf Malta angepflanzt wird. Er schmeckt
-etwas süßer und milder, sonst wie voriger. Auch die Früchte des in den
-Mittelmeerländern wildwachsenden +beißenden Fenchels+ (~Foeniculum
-piperitum~) werden als Gewürz benutzt.
-
-Seit den ältesten Zeiten diente der Fenchel den Chinesen, Indern,
-Ägyptern und den Völkern am Mittelmeer als Arznei und Küchengewürz. Als
-~schamari hout~ findet er sich mehrfach in den medizinischen Papyri
-angeführt. Auch bei den Griechen und Römern wurde er als Küchengewürz
-und Arznei verwendet. Schon Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr.
-erwähnt den Fenchel als ~márathron~ und Dioskurides sagt von ihm vier
-Jahrhunderte später: „Vom Fenchel (~márathron~) wird das Kraut oder
-der Samen gegessen, um die Milch zu vermehren. Der letztere bekommt
-dem Magen gut. Man zieht aus der Pflanze und deren Samen den Saft,
-um ihn für schwache Augen zu verwenden.“ Noch hundert Jahre später
-schreibt der Arzt Galenos aus Pergamon: „Der Fenchel (~márathron~)
-wächst wild, wird aber auch angesät, und nicht bloß als Gewürz, sondern
-auch als Speise benutzt, zu welchem Zwecke man die Pflanze fürs ganze
-Jahr in Essig oder eine Mischung von Essig und Salzwasser legt.“ Wie
-ein griechischer Schriftsteller in der ~Geoponika~, sagt gleicherweise
-der aus Spanien stammende Römer Columella: „Beim Einmachen der Oliven
-dient Fenchelsamen als Gewürz.“ Die Römer nannten ihn ~foeniculum~.
-Plinius schreibt von ihm: „Die Schlange bekommt im Winter eine neue
-Haut und streift die alte mit Hilfe des Fenchels (~foeniculum~) ab.
-Den Menschen dient der Fenchel als Gewürz, auch wird er zur Stärkung
-schwacher Augen gebraucht, worauf man durch die Beobachtung gekommen
-ist, daß ihn die Schlangen zu diesem Zwecke verwenden.“ Und Palladius
-im 4. Jahrhundert n. Chr. schreibt: „Man sät den Fenchel (~foeniculum~)
-im Februar auf einer sonnigen und etwas steinigen Stelle.“ Später
-erfahren wir, daß Karl der Große dessen Anbau gleich demjenigen der
-übrigen Doldengewächse mit würzhaft schmeckenden Samen auf seinen
-Gütern anordnete. Im Mittelalter wurde er allgemein noch mehr als Anis
-geschätzt.
-
-Dem Fenchel sehr ähnlich ist der +gemeine Dill+, auch +Gurkenkraut+
-genannt (~Anethum graveolens~), der seit dem Altertume in derselben
-Weise wie jener verwendet wird. Er findet sich bereits in den
-altägyptischen Texten als ammisi erwähnt und wurde nach dem
-medizinischen Papyrus Ebers hauptsächlich gegen Kopfweh verordnet.
-Er wächst noch heute in Ägypten und in Südeuropa wild. Die Griechen
-nannten ihn wegen seines starken Geruches ~ánēthon~. Dioskurides sagt,
-daß man die Dolde und den Samen desselben verwende, um die Verdauung
-zu verbessern und die Milchabsonderung zu steigern; zu viel und zu
-oft genossen schwäche er jedoch. Palladius schreibt: „Man sät den
-Dill (~anethum~) im Februar. Er verträgt jedes Klima, doch ist ihm
-das mäßig warme am liebsten. Man darf ihn nicht dicht säen. Manche
-decken den Samen gar nicht mit Erde, weil sie glauben, kein Vogel gehe
-daran. Fehlt es an Regen, so begießt man ihn.“ Die Römer brachten
-dieses Gewürz über die Alpen, und Karl der Große ließ es in seinen
-Gärten anpflanzen. Seither fehlt es nicht mehr in den Küchengärten
-Mitteleuropas. Noch heute wird das junge Kraut, besonders aber die
-Dolden mit den reifen Früchten wegen des kräftigen Geschmacks und
-Geruchs als Küchengewürz, zum Einmachen von Sauerkraut, Gurken u. dgl.
-benutzt. Das ätherische Öl wurde früher wie dasjenige des Anis gegen
-krampfartige Unterleibsbeschwerden angewendet.
-
-Ebenso alt ist in den Mittelmeerländern die Kultur des +Korianders+
-(~Coriandrum sativum~), dessen Früchte ebenfalls erst durch die
-Römer in Mitteleuropa bekannt wurden. Diese heute noch im Orient, in
-Südeuropa und auch bei uns hier und da als Sommergewächs angebaute
-und dann auch verwilderte Gewürzpflanze stammt aus Westasien, wird
-30-60 cm hoch und trägt kugelige, braungelbe Früchte, die eigentümlich
-angenehm und mildaromatisch riechen, mit schwachem, an Wanzen
-erinnernden Beigeruch, der sich vor der Reife weit stärker, auch
-am Kraut zeigt. Daher der Name, vom griechischen ~kóris~ Wanze, im
-Deutschen Wanzenkraut lautend. Die Samen dienen als Küchengewürz,
-zu Backwerk aller Art, Likören und wurden früher auch abführenden
-Arzneien zugesetzt. Das frische Kraut soll betäubend wirken. Seine
-Samen wurden von jeher als Gewürz und Arznei verwendet. Sie finden
-sich schon in altägyptischen Gräbern. Die ärztlichen Papyri nennen
-den Koriander mehrfach als ~unschi~ und erwähnen auch eine asiatische
-Sorte desselben. Er wurde vielfach als Arznei gebraucht und seine Samen
-dienten nach den hieroglyphischen Aufzeichnungen dazu, den Wein noch
-berauschender zu machen. Auch die hebräischen und Sanskritschriften
-kennen ihn. Theophrast und Dioskurides erwähnen ihn als ~koríannon~;
-letzterer sagt, man nenne ihn auch ~kórion~, er sei allgemein bekannt
-und werde äußerlich und innerlich zu Heilzwecken verwendet. Als
-~coriandrum~ kam er zu den Römern. Plinius schreibt von ihm: „Den
-Koriander findet man nicht wild; der beste kommt aus Ägypten. Er
-dient als Arznei, auch rät Marcus Varro (116-27 v. Chr.), Fleisch im
-Sommer mit Essig, worin sich zerstoßener Koriander und Kreuzkümmel
-befinden, vor Fäulnis zu schützen.“ Sein Zeitgenosse Columella rät,
-ihn im Frühjahr und Herbst auf gedüngten Boden zu säen. Karl der Große
-ließ ihn auf seinen Krongütern anpflanzen, doch finden wir ihn in
-Mitteleuropa erst wieder im 16. Jahrhundert erwähnt.
-
-Ebenfalls ein einjähriger Doldenblütler ist der ursprünglich in
-Ägypten, Kleinasien und auf den griechischen Inseln heimische +gemeine
-Anis+ (~Pimpinella anisum~), der schon im Altertum kultiviert wurde,
-um die angenehm, eigentümlich riechenden, süßaromatisch schmeckenden
-Samen als Gewürz und Arznei zu verwenden. Dioskurides schreibt von
-ihm: „Der Anis (~ánison~) ist als Gewürz und Arznei gesund. Der beste
-ist frisch, voll, ohne Staub, hat einen starken Geruch. Dem kretischen
-gibt man den Vorzug, ihm zunächst steht der ägyptische.“ Durch die
-Griechen wurden die Römer damit bekannt gemacht. Plinius sagt von
-ihm: „Der Anis (~anisum~) gehört zu den Speisen, welche Pythagoras
-(aus Samos, siedelte 529 v. Chr. nach Kroton in Unteritalien über, wo
-er als Gründer und Mittelpunkt des weit verbreiteten pythagoräischen
-Bundes wirkte) besonders empfohlen hat, und zwar sowohl roh als
-gekocht. Jedenfalls ist er, grün und getrocknet, an allen Speisen, die
-gewürzt werden, gut. Er wird auch an die Bodenrinde der Brote getan.
-Er gibt dem Atem einen guten Geruch, dem Gesicht ein jugendlicheres
-Ansehen und erleichtert schwere Träume, wenn man ihn so über dem
-Kopfkissen aufhängt, daß der Schlafende ihn riecht. Er bewirkt auch
-tüchtige Eßlust; so hat man ihn denn auch wegen seiner vortrefflichen
-Eigenschaften den Unübertrefflichen (~anicatum~) genannt.“ Sein
-Zeitgenosse Columella gibt an: „Ägyptischer Anis dient als Gewürz beim
-Einmachen der Oliven“, und Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. rät, ihn
-im Februar oder März auf gut bearbeiteten, gedüngten Boden zu säen.
-Durch die Römer wurden die Länder nördlich der Alpen mit ihm bekannt.
-Heute wird er als sehr wichtiges Gewürz fast in allen Erdteilen
-angebaut, so besonders in Deutschland, Böhmen, Mähren, Rußland,
-Skandinavien, Holland, Frankreich, Spanien, Bulgarien, Syrien, Indien
-und Chile. Er wird als Küchengewürz besonders zu Backwerk benutzt und
-das daraus destillierte Anisöl wird zu Likören, speziell der Anisette,
-verwendet. In Norddeutschland kocht man häufig Borsdorfer Äpfel mit
-Anis. Sein Geruch ist den Tauben sehr angenehm, weshalb man sie mit
-demselben leicht wieder auf den Schlag nach Hause lockt. Im Handel wird
-der Anissamen zuweilen mit demjenigen des giftigen Schierlings (~Conium
-maculatum~), dem sie sehr ähnlich sehen, vermischt, wodurch schon
-wiederholt Vergiftungsfälle vorkamen.
-
-An Geruch, Geschmack und Wirkung dem gemeinen Anis sehr ähnlich ist
-der +echte Sternanis+, der von einem 6-8 m hohen, immergrünen, in
-China, Japan und den Philippinen heimischen Baum aus der Familie
-der Magnoliazeen (~Illicium anisatum~) gewonnen wird. Er wächst
-vorzugsweise in den hohen Gebirgen von Jün-nan in Südwestchina,
-wo er auch kultiviert wird und besitzt ziemlich große lederartige
-Blätter, blaßgrünlichweiße Blüten und sternförmige, matt-graubraune
-Kapselfrüchte von angenehm süß aromatischem, eigentlich mehr an
-Fenchel als Anis erinnerndem Geschmack. In ihrer Heimat werden sie
-schon lange als Heilmittel und Gewürz verwendet und wurden 1588 von
-Sir Thomas Cavendish von den Philippinen zuerst nach Europa, und
-zwar nach London gebracht; doch haben sie erst die Holländer als
-Medikament und bei der Teezubereitung verwendet. Heute bilden sie
-eine überaus wichtige Droge des Weltmarktes, da sie 5 Prozent des
-farblosen ätherischen Anisöles enthalten und zu dessen Darstellung
-benutzt werden. Letzteres ist namentlich für die Likörfabrikation ganz
-unentbehrlich. Von diesem Baume kommt auch das Holz als Anisholz in
-den Handel; es wird vielfach von Tischlern und Drechslern verarbeitet.
-Dem echten Sternanis sehr ähnlich sehen die Früchte des +unechten
-Sternanis+ aus, die von einem als ~Illicium religiosum~ bezeichneten,
-weil um die buddhistischen Tempel in Japan angebauten und dort Sikimmi
-genannten, dem echten Sternanisbaume nahe verwandten immergrünen Baume
-stammen. Sie sind giftig und sind nur daran zu erkennen, daß sie nicht
-wie jene nach Anis, sondern aromatisch nach Kardamomen oder Kampfer
-riechen und zuerst sauer, dann bitter schmecken. Bisweilen werden sie
-zur Verfälschung des echten Sternanis benutzt, wodurch wiederholt
-Vergiftungsfälle vorkamen.
-
-Neben Anis, Fenchel, Dill, Kümmel und Koriander war im Mittelalter
-auch die durch einen reichen Gehalt an ätherischen Ölen aromatisch
-duftende +Raute+ (~Ruta graveolens~) ein im Abendland sehr beliebtes,
-in allen Bauerngärten angetroffenes Gewürz. Für Indien sehr wichtig
-dagegen waren schon im Altertum wie heute die ebenfalls durch einen
-reichen Gehalt an ätherischem Öl, das ihnen einen kampferartigen Geruch
-und Geschmack verleiht, äußerst aromatisch schmeckenden +Kardamomen+,
-die im Leben des gewürzeliebenden Südasiaten eine wichtige Rolle
-spielen. Durch den Handel mit Indien wurden die Bewohner Westasiens
-und schließlich auch die Mittelmeervölker mit ihnen bekannt. Der
-griechische Arzt Dioskurides schreibt über dieses Gewürz, das den
-reichen Griechen und Römern vornehmlich als Arznei diente: „Das beste
-~kardámōmon~ wird über Komagene (nordöstlichste Provinz Syriens,
-zwischen dem Euphrat und Amanosgebirge), Armenien und dem Bosporus
-nach Italien gebracht, stammt aber aus Indien und Arabien. Man gibt
-demjenigen den Vorzug, das nicht leicht bricht, voll und geschlossen
-ist, einen angreifenden Geruch und einen scharfen, etwas bitteren
-Geschmack hat. Es erwärmt und dient als Arznei.“ Sein Zeitgenosse
-Plinius sagt: „Das ~cardamomum~ besteht aus länglichrunden Samen und
-wird in Arabien gesammelt. Man unterscheidet davon drei Arten: eine
-sehr grüne und fette mit scharfen Kanten, schwer zerreiblich, was man
-vorzüglich schätzt. Die zweite Art ist rötlichweiß, eine dritte ist
-kürzer und dunkler gefärbt; noch schlechter ist die gefleckte, leicht
-zerreibliche, schwach riechende. Der Geruch des echten ~cardamomum~
-muß demjenigen des ~costus~ gleichkommen. Diese Sorte wächst auch in
-Medien. Das Pfund kostet 3 Denare (= 1.80 Mark).“ Im 6. Jahrhundert
-n. Chr. erwähnt der römische Arzt Alexander Trallianus die Kardamomen,
-dann 1154 der weitgereiste Araber Edrisi als Produkt Ceylons; 1259
-waren sie in Köln zu haben. 1563 unterscheidet der Portugiese Garcia da
-Orta eine Malabar- und eine Ceylonsorte. Auch der nach seiner Herkunft
-von Bergzabern bei Straßburg als Tabernaemontanus bezeichnete Arzt am
-kurfürstlichen Hofe von Heidelberg führt 1584 die Kardamomen in seinem
-Arzneibuche an.
-
-Noch heute kommen unter der Bezeichnung Kardamomen die Samen
-verschiedener Arten ausdauernder Stauden aus der Familie der
-Scitamineen oder Gewürzlilien in den Handel, um als Arznei, Gewürz und
-zugleich zur Herstellung von Parfüm zu dienen. Weitaus die wichtigste
-derselben, die in Deutschland und den anderen Kulturstaaten offizinell
-ist, stammt von der echten +Kardamome+ (~Elatteria cardamomum var.
-minor~), einer in den feuchten Bergwäldern Malabars an der südlichen
-Westküste Indiens einheimischen Ingwerverwandten mit 2-3 m hohen
-Stengeln, 40-75 cm langen, lanzettlichen Blättern und knolligen,
-dichtgeringelten Wurzelstöcken. In den sich nach der Blüte bildenden
-langen, dreifächerigen, gelben Kapseln finden sich 4 bis 5 mm lange,
-braune, etwas eckige, rauhe Samen, die ihren würzigen Geschmack
-einem flüchtigen, frisch in Wasser destilliert farblosen ätherischen
-Öl, dem Kardamomöl, verdanken. Die Pflanze, die in ihrer Heimat an
-Stellen abgeforsteter Wälder zahlreich aus dem Boden sprießt, wird
-besonders in Malabar, aber auch in Ceylon, Cochinchina, Siam, Jamaika,
-Deutsch-Ostafrika und anderen Orten des engeren Tropengürtels im
-großen angebaut. Es geschieht dies teils durch Wurzelteilung, teils
--- was die Regel ist -- durch Samen, die in ziemlichen Abständen in
-lockeren, humusreichen Boden gepflanzt werden. In einem Jahre sind
-die Pflänzchen 30-40 cm hoch, geben im dritten Jahre die erste kleine
-und im vierten Jahre eine Vollernte; dabei bleiben sie etwa sechs
-Jahre tragbar. Vor der völligen Reife, wenn die grünen Kapseln in gelb
-überzugehen beginnen, werden sie einzeln mit Scheren abgeschnitten und
-zum Nachreifen zunächst einige Tage in einem Magazin auf Haufen gelegt.
-Dann trocknet man sie vorsichtig in der Sonne, drischt die Samen
-heraus und bringt sie zum Versand. Als Durchschnittsertrag rechnet man
-an den Hauptproduktionsorten in Südwestindien und auf Ceylon 200 kg
-marktfertige Ware auf das Hektar, ein Ergebnis, das unter günstigen
-Verhältnissen und bei sorgsamer Pflege oft um die Hälfte und mehr
-überschritten wird.
-
-Von einer größeren, in Ceylon heimischen Kardamomart (~Elatteria
-cardamomum var. major~) werden gelbrote, eckige, rauhe Samen von
-eigentümlichem, starkem Geruch gewonnen und in kleinen Posten
-nach England exportiert. In Siam, auf Sumatra, Java und einigen
-anderen malaiischen Inseln wächst ~Amomum cardamomum~ mit vielen
-keilförmigen Samen in Kapseln, die etwas kleiner als Kirschen sind.
-Sie werden fast ausschließlich nach Südfrankreich exportiert. Als
-Bastardkardamom kommen etwas stachlige, kleine Kapseln von Bangkok aus
-in den Handel; auf Java dagegen ist der Javakardamom heimisch, der
-von geringer Qualität ist. Besser ist der Nepal- und Bengalkardamom.
-Wenig gekannt ist der auf Madagaskar an sumpfigen Standorten
-wachsende schmalblätterige Kardamom. Sehr nahe verwandt damit ist der
-Kamerunkardamom, der neuerdings nach Hamburg auf den Markt gebracht
-wird und ein außerordentlich feines, wohlriechendes ätherisches Öl
-liefert, kaum aber als Gewürz gebraucht wird. Eine andere äußerst
-aromatische, nicht pfefferartig schmeckende Art ist der abessinische
-Kardamom, der aber kaum nach Europa gelangt.
-
-Mit schwachem Aroma, aber scharf beißend dagegen ist der Samen der in
-Westafrika wachsenden ~Cardamomum malagetta~ mit rauher, brauner Schale
-und weißlichem Kern, der als +Paradies+- oder +Guineakörner+ oder
-+Malagettapfeffer+ in den Handel kommt. Die Pflanze, die von Oberguinea
-bis Kamerun wild wächst, wird von den Negern vielfach angebaut, so daß
-sie einem Distrikte den Namen Pfefferküste eintrug. Sie ist dann von
-den als Sklaven dahingebrachten Negern auch in Westindien eingeführt
-worden und wird dort häufig kultiviert. Auch sie besitzt einen
-krautartigen Stengel mit schmalen, schilfartigen Blättern und einem
-kurzgestielten Blütenschaft, der am Ende einen Schopf von prächtigen,
-rosenroten, großen, an unsere Cannablüten erinnernden Blüten trägt. Die
-Samen dieser Pflanze, die in England häufig dazu verwendet werden, dem
-Brandy und Whisky einen schärferen Geschmack zu erteilen, wie ihn die
-mit abgestumpften Geschmacksnerven ausgestatteten Gewohnheitstrinker
-lieben, sind dem Neger Westafrikas für seinen faden, aus den
-Wurzelknollen des Yams verfertigten, kleisterartigen Mehlbrei, genannt
-~fufu~, ebenso unentbehrlich, wie der schwarze Pfeffer dem Hindu für
-seine tägliche Reiskost.
-
-Wie die Afrikaner bereiten sich die Inder ihre scharfe Pfeffersauce
-mit den verschiedensten Zutaten zum schwarzen Pfeffer, so namentlich
-auch mit der +echten+ oder +langen Kurkuma+ oder +Gelbwurzel+ -- auch
-+gelber Ingwer+ genannt -- (~Curcuma longa~), einer nahen Verwandten
-der Kardamomen, die im Hindustani Indiens ~haldi~, bei den Arabern
-dagegen ~kurkum~ heißt, woraus sich unsere Bezeichnung Kurkuma bildete.
-In Indien wird sie vielfach als Arznei, dann als Würze zu fast allen
-Speisen, besonders aber als wichtiger Bestandteil des berühmten
-Currypulvers verwendet. Schon im Altertum gelangte sie von dort aus mit
-den Kardamomen zu den Kulturvölkern am Mittelmeer. Der griechische Arzt
-Dioskurides sagt von ihr: „Es gibt eine Art Cypergras (~kýpeiros~), das
-in Indien wächst, dem Ingwer ähnlich ist, aber beim Kauen safrangelb
-wird und bitter schmeckt. Streicht man es auf ein behaartes Muttermal,
-so gehen die Haare daselbst aus.“ Wie im Altertum hat die Kurkuma auch
-im Mittelalter als Arznei bei den arabischen Ärzten eine gewisse Rolle
-gespielt. Von Indien aus erstreckte sich damals der Handel mit ihr so
-weit, als die arabische Herrschaft reichte. Ihre ursprüngliche Heimat
-ist wahrscheinlich Hinterindien und der malaiische Archipel; doch ist
-sie sehr früh nach Vorderindien gelangt, wo sie jetzt weit mehr als
-anderswo kultiviert wird. Hingegen wächst in Vorderindien neben einer
-Reihe Arten, die keinen Farbstoff enthalten, auch eine Art wild, die
-einen gelben Farbstoff liefert, der allerdings weit weniger schön ist
-und nur noch selten benutzt wird, sich aber für manche Zwecke, wie
-z. B. zur Herstellung eines künstlichen Goldlacks, besser eignet wie
-die gewöhnliche Kurkuma. Es ist dies die +runde Kurkuma+ (~Curcuma
-aromatica~) mit birnförmigem Wurzelstock von 3-5 cm Länge und daran
-befindlichen fingerdicken Ausläufern, die in Längsschnitten in den
-Handel gelangt, aber kaum nach Europa kommt.
-
-Von der vorhin genannten echten oder langen Kurkuma -- lang genannt,
-weil sich der im Durchschnitt orangebraune Wurzelstock in eine Anzahl
-mannsfingerdicker und -langer Seitentriebe verästelt -- gibt es mehrere
-Spielarten, die nach ihren Produktionsländern benannt werden. Die
-chinesische, die vorzugsweise auf der Insel Formosa erzeugt wird, gilt
-für die beste, dann folgen an Güte diejenigen von Bengalen und Pegu,
-die sich beide durch eine intensive Färbung auszeichnen. Auch die Sorte
-von Madras wird als eine feine Qualität betrachtet, während diejenige
-von Java wegen ihrer matten Farbe nur geringe Preise erzielt. Als die
-geringwertigsten gelten diejenigen von Bombay und Scinde. Die Pflanze
-treibt hohe, mit 30 cm langen, breit lanzettlichen Blättern besetzte
-Schäfte, die in einen Blütenstand von dichtsitzenden, rahmgelben
-Blüten enden, die von schön violett gefärbten Schaublättern überragt
-werden. Da aber in der Kultur seit undenklicher Zeit die Blütentriebe
-als nutzlose Kraftverschwendung der Pflanze ausgebrochen werden, so
-hat sie die Fähigkeit, keimbare Früchte zu erzeugen, mit der Zeit
-ganz eingebüßt, so daß sie jetzt ausschließlich durch Wurzelknollen
-vermehrt wird. Diese werden in fruchtbaren, von Überschwemmungen
-verschonten Boden in Abständen von 60 cm nach jeder Richtung im
-April und Mai gepflanzt und im Dezember geerntet, wobei man als
-Durchschnittserträgnis 5000 kg vom Hektar annimmt. Die Wurzelstücke
-werden zunächst in heißes Wasser getaucht, um ihre Keimkraft zu
-zerstören, dann 3-4 Tage an der Sonne getrocknet und schließlich in
-Säcke verpackt.
-
-Noch wichtiger und auch bei uns bekannter als sie ist ihr naher
-Verwandter, der +Ingwer+ (~Zingiber officinale~), dessen etwa
-daumendicke und in frischem Zustand fleischige Wurzelstöcke, die
-2,2 Prozent eines hellgelben ätherischen Öles und ein brennend
-schmeckendes Harz enthalten, wegen ihres aromatischen Geruches und
-feurig gewürzhaften Geschmackes seit den ältesten Zeiten in ihrer
-Heimat Ostindien als Medizin und Gewürz verwendet werden. Im Sanskrit
-heißt er ~sringavera~. Früh schon wurde er durch den Handel nach Westen
-gebracht und gelangte um die Wende der christlichen Zeitrechnung durch
-das Rote Meer zu den Griechen und Römern, die ihn nach der arabischen
-Bezeichnung ~zindschebil~, d. h. Wurzel von Zindschi, ~zingiberi~
-nannten und als kostbares Gewürz und Medikament schätzten. Der
-griechische Arzt Dioskurides, um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.,
-sagt in seiner Arzneikunde von ihm: „Der Ingwer (~zingíberis~) ist ein
-eigentümliches Gewächs, das im troglodytischen Arabien sehr häufig
-wächst. Das frische Kraut wird gekocht zu vielen Dingen, wie bei uns
-die Raute (~pḗganon~) gebraucht, indem man es zu Tränken und gekochten
-Speisen mischt. Die Wurzeln sind klein wie beim Cypergras (~kýpeiros~),
-weißlich, wohlriechend und von pfefferartigem Geschmack. Man wählt zum
-Gebrauch die nicht von Würmern zerfressenen Wurzeln. Weil sie leicht
-verderben, werden sie eingemacht und in irdenen Gefäßen nach Italien
-gebracht; sie sind dann zum Verspeisen fertig und werden samt ihrer
-Brühe verbraucht. Der Ingwer erwärmt, befördert die Verdauung, ist dem
-Magen gesund; er wird auch Gegengiften zugesetzt und hat in seiner
-Wirkung Ähnlichkeit mit dem Pfeffer.“ Auch Plinius sagt in seiner
-Naturgeschichte: „Der Ingwer, den man ~zimpiberi~ oder ~zingiberi~
-nennt, hat einen pfefferartigen Geschmack, wächst in Arabien und bei
-den Troglodyten. Das Pfund kostet 6 Denare (= 3.60 Mark).“
-
-Das Ansehen des Ingwers wuchs im Abendlande noch bedeutend im Laufe
-des Mittelalters, da er als eine der begehrtesten Spezereien des
-Levantehandels durch die Vermittlung der Araber und Venezianer auf
-den europäischen Markt gebracht wurde. Aus Italien kam er im 9.
-Jahrhundert zuerst nach Deutschland und im 10. Jahrhundert nach
-England. Scribonius Largus nennt ihn ~gingiber~ und die heilige
-Hildegard von Rupertsberg bei Bingen im 12. Jahrhundert ~ingeber~.
-Später ist er als ~imber~ allgemein bekannt und besonders auch von den
-Ärzten angewandt. Er war damals als Gewürz und Arznei so angesehen,
-daß in manchen Städten, wie beispielsweise in Basel, die Gasse der
-Gewürzkrämer nach ihm als einem der wichtigsten Repräsentanten der von
-jenen geführten Drogen einfach „Imbergasse“ hieß, eine Bezeichnung,
-die sich hier bis auf den heutigen Tag erhielt. Immerhin wurde sein
-übermäßiger Genuß von manchen gerügt. So sagt der württembergische
-Dichter Bebel (1475-1516) von einem Bürgermädchen: „Wein und Gewürze,
-Zimt, Pfeffer und Ingwer haben ihr Blut verdorben --“.
-
-Die erste direkte Nachricht über die lebende Pflanze stammt vom
-weitgereisten Venezianer Marco Polo (1256-1323), der 1295 aus China
-nach seiner Vaterstadt zurückkehrte und später seine Erlebnisse und
-Beobachtungen zusammenstellte. Um dieselbe Zeit beschrieb sie ein
-anderer Italiener, Pegolotti, der 1292 bis nach Indien gelangte. Der
-Spanier Mendoza brachte den Ingwer zu Anfang des 16. Jahrhunderts nach
-Westindien, und schon 1547 sollen von dort, speziell von Jamaika, 1,1
-Millionen kg exportiert worden sein. 1585 begann die Ausfuhr von San
-Domingo und 1654 diejenige von Barbados nach Spanien. Noch heute wird
-er in Westindien im großen angebaut; doch ist sein Hauptproduktionsland
-nach wie vor seine alte Heimat Ostindien geblieben, wo er in ungeheurem
-Maße verbraucht wird und an Wichtigkeit als Gewürz dem Pfeffer nur
-wenig nachsteht. Er gilt dort als beinahe so notwendig als das tägliche
-Brot, da man glaubt, die innern Organe des menschlichen Körpers
-könnten ohne seine Mitwirkung ihre Tätigkeit nicht ausüben. Trotz dem
-ungeheuren eigenen Verbrauche führt Ostindien noch jährlich über 5
-Millionen kg Ingwer im Werte von 5 Millionen Mark hauptsächlich nach
-England und seine Kolonien aus, wo er vorzugsweise zur Herstellung
-des beliebten ~ginger-ale~, d. h. des Ingwerbieres, verwendet wird.
-Cochinchina führt jährlich 4 Millionen kg Ingwer aus und China, das
-selbst sehr viel davon konsumiert, beinahe ebensoviel, und zwar meist
-mit Zucker eingemacht. Auch Jamaika und Sierra Leone exportieren große
-Mengen. Auch in Afrika wird er vielfach von den Eingeborenen angebaut
-und gedeiht vorzüglich.
-
-[Illustration: Bild 39. Der Ingwer (~Zingiber officinale~).]
-
-Der Ingwer verlangt neben ausgiebiger Sonnenwärme vor allem große
-Luftfeuchtigkeit, kann aber keine allzugroße Nässe des Bodens ertragen.
-Am besten gedeiht er auf lockerem, sandigem, nahrhaftem Lehmboden.
-Hier wird er in derselben Weise wie die Kurkuma ausschließlich
-durch Wurzelstöcke vermehrt, die zu diesem Zwecke in kleine Stücke
-zerschnitten werden. Jedes mit Augen versehene Stück liefert ein neues
-Exemplar der 1-2 m hohen Pflanze mit zwei Reihen langer, schilfartiger,
-schmaler Blätter und kleinen, weißen, rotgestreiften oder
-gelblichweißen und dann violett gefleckten Blüten, die aber infolge der
-viele Jahrhunderte umfassenden, ausschließlich auf ungeschlechtigem
-Wege durch Wurzelknollenableger bewirkten Fortpflanzung die Fähigkeit,
-keimfähigen Samen hervorzubringen, vollständig eingebüßt haben.
-Die Saatknollen werden im März in Abständen von 30 cm in den meist
-gutgedüngten Boden gesteckt und liefern nach 9-10 Monaten, während
-welcher Zeit sie von Unkraut rein gehalten werden müssen, eine
-reichliche Ernte, die gleich wie bei den Kartoffeln erfolgt. Sobald die
-Stengel vollständig verwelkt sind, werden die Wurzelstöcke ausgegraben
-oder ausgepflügt, gereinigt und in Wasser gründlich gewaschen. Um
-+schwarzen Ingwer+ zu bereiten, der seine Schale behält, werden sie
-dann durch Kochen während einer Viertelstunde in Wasser ihrer Keimkraft
-beraubt und abgetötet, dann in der Sonne vollständig getrocknet und
-sind so versandfähig. Um aber +weißen Ingwer+ herzustellen, sucht
-man aus den gewaschenen Wurzelstöcken die schönsten aus und schabt
-mit einem Messer die dunkle Schale vollständig ab. Dabei werden alle
-Auswüchse und dunkeln Stellen ausgeschnitten. Nach wiederholtem
-Waschen in kaltem Wasser werden diese nunmehr weiß aussehenden
-Ingwerknollen an der Sonne getrocknet, wobei sie, der schützenden
-Schale beraubt, von selbst absterben. Der +gezuckerte Ingwer+, eine
-beliebte Delikatesse, die in steigendem Maße nach Europa importiert
-wird, wird aus den noch weichen, halbreifen Wurzelstöcken gewonnen,
-kurz bevor die Blütenstengel austreiben. Diese werden nach sorgfältiger
-Reinigung in lauwarmem Wasser mit heißem Wasser übergossen und dann
-so lange gesotten, bis sie leicht mit einer Gabel durchstochen werden
-können. Dann werden sie einen Tag in kaltes Wasser gelegt, mit einem
-Messer geschabt, wiederum 2 bis 3 Tage in täglich erneutes frisches
-Wasser getan und mit kochendem Sirup von 1 kg Zucker auf 2 Liter
-Wasser zweimal in einem Zwischenraum von 2 Tagen übergossen, dann
-auf Schüsseln oder Hürden gelegt und wie Zitronat getrocknet und
-verpackt. In Indien und China kommt diese auf der Zunge etwas beißende
-Spezerei seit sehr langer Zeit als beliebter Leckerbissen in mit
-Bambus umflochtenen irdenen Töpfen in den Handel und gelangte wohl in
-ähnlicher Verpackung schon zur römischen Kaiserzeit -- wie wir von
-Dioskurides erfuhren -- nach Italien, wo allerdings nur die Reichen
-seinem Genusse als sehr teure Arznei frönen konnten.
-
-Eine andere Ingwerart Ostasiens, aus der nach dem als Botanikprofessor
-1617 in Padua gestorbenen Italiener Prosper Alpini ~Alpinia~ genannten
-Gattung der Liliazeen ist der +Galgant+ (~Alpinia officinarum~), dessen
-bis 1 m langer und bis 2 cm dicker braunroter, angenehm gewürzhaft
-riechender, aber ingwerartig scharf brennender Wurzelstock in 5-10 cm
-lange Stücke geschnitten heute noch bei uns als aromatisches Mittel
-zu Likören, Essig usw. dient. Seine ursprüngliche Heimat scheint an
-der Süd- und Ostküste der chinesischen Insel Hainan zu liegen, wo die
-Pflanze einzig wild angetroffen wird; doch wurde sie schon im Altertum
-außer dort auch auf der gegenüberliegenden Halbinsel Leitschou und den
-benachbarten Küsten, ebenso in Siam angepflanzt und in ganz China als
-beliebtes Gewürz verhandelt. Auch in Indien wurde sie neben den vorhin
-genannten Ingwerarten benutzt und erscheint im ~Ayur veda Susrutas~
-als ~kula yoga~. Ob die alten Griechen und Römer diese Droge schon
-kannten, ist höchst fraglich, wennschon einige Forscher -- wohl mit
-Unrecht -- vermuten, der ~Cyperus babylonicus~ des Plinius sei unser
-Galgant gewesen. Erst die arabischen Ärzte des früheren Mittelalters,
-von denen der berühmte Razes (eigentlich Muhammed Ibn Zakkaria ar-Râzi,
-lebte von 850-923 und stellte unter dem zweiten Kalifen aus dem
-Stamme der Abbasiden, Mansur in Bagdad, das Gesamtgebiet der Medizin
-dar), dann der ihm ebenbürtige, etwas jüngere Avicenna (eigentlich
-Ibn Sina, 980-1037, der Verfasser eines Kanons der Medizin, der
-wie der 9. Band des Werkes von Râzi bis ins 16. Jahrhundert an den
-europäischen Hochschulen Gegenstand medizinischer Vorlesungen war),
-ferner Alkindi und andere den Galgant als geschätztes Heilmittel
-anführen, machten ihn im Abendlande bekannt. Der arabische Geograph
-Ibn Khurdadbah im 9. und der sarazenische Reisende Edrisi aus Sizilien
-im 12. Jahrhundert berichten über seine Einfuhr. Der bis nach Ostasien
-gedrungene Venezianer Marco Polo, der die erste Kunde von der nach
-ihm ~zipangu~ (verdorben aus dem chinesischen ~dschi-pon-kwo~, d. h.
-Sonnenursprungsland, oder einfach ~Dschi-pon~, woraus die Japaner
-~Nippon~ als die gebräuchliche Bezeichnung ihres Landes machten)
-genannten und als sehr goldreich geschilderten „chinesischen Inselwelt“
-Japan nach Europa brachte, schreibt nach seiner 1295 erfolgten Rückkehr
-in seine Vaterstadt über den Anbau der Pflanze in China. Außer dieser
-kleineren Galgantsorte kannte er bereits eine größere, aus Java
-stammende, von ~Alpinia galanga~, mit doppelt so dickem, bis 4 cm
-starkem, heller gefärbtem und weniger aromatischem Wurzelstock, die im
-europäischen Handel nur wenig angetroffen wird. Auch der Portugiese
-Garcia da Orta in Goa erwähnte 1563 diese beiden Sorten, eine kleinere
-aus China und eine größere aus Java. Ähnliches berichten Acosta und
-Linschotten. Die erste gute Abbildung veröffentlichte der Deutsche in
-holländischen Diensten Rumphius im Jahre 1754.
-
-Der von den 4-5-, besser aber 10jährigen Pflanzen gewonnene und an der
-Luft getrocknete Wurzelstock des Galgants wurde etwa gegen das Ende des
-8. Jahrhunderts durch arabische Vermittlung als arzneilich geschätzte
-Pflanze in Deutschland bekannt. Der um die Mitte des 9. Jahrhunderts
-lebende Bischof Salomo III. von Konstanz erwähnt in einem Formelbuche
-den Galgant als ~calanganum~. Die heilige Hildegard, Äbtissin des
-Klosters Rupertsberg bei Bingen im 12. Jahrhundert, behandelt die
-~galgan~ benannte Wurzel ausführlich als Heilmittel. Die erste
-Erwähnung des daraus gewonnenen ätherischen Öles findet sich in der
-Arzneitaxe der Stadt Frankfurt am Main vom Jahre 1587. Erst 1870 wurde
-durch den Engländer Fletcher Hancé durch das Auffinden der Stammpflanze
-der kleinen Sorte die früher allgemein geltende Annahme berichtigt, daß
-beide Sorten von demselben Gewächs abstammen. Die Bezeichnung Galgant
-soll nach ihm aus dem chinesischen ~liang-kiang~ stammen, was so viel
-bedeutet als „feiner oder milder Ingwer“. Hieraus wurde die arabische
-Benennung ~khulendjan~ bzw. ~khalangian~ und aus letzterem unser
-~galanga~.
-
-Neben dem Galgant spielte auch der von den Deutschen als +Kostwurz+
-bezeichnete +~Costus~+ besonders als Magenmittel im Mittelalter eine
-große Rolle. Die Droge stammt von einer 1,5-2 m hohen Ingwerart
-Ostindiens (~Costus speciosus~) mit großen, schönen, rötlichweißen wie
-mit einem rostfarbigen Reif bestreuten Blüten, deren Wurzelstock aber
-schärfer und bitterer schmeckt als derjenige des Ingwers. Schon im
-Altertum wurde er neben dem Ingwer viel als Würze und Medizin in die
-Kulturländer Vorderasiens und am Mittelmeer gebracht. Schon Theophrast
-erwähnt ihn unter dem Namen ~kóstos~ als Gewürz. ~Dioskurides~ sagt:
-„Der beste ~kóstos~ kommt aus Arabien, ist weiß, leicht und riecht
-stark, aber angenehm. Ihm folgt an Güte der indische, der auch leicht,
-aber dunkelfarbig ist. Die dritte Sorte ist der syrische, der schwer,
-buchsbaumgelb und von stechendem Geruch ist. Man gebraucht ihn als
-Arznei. Er wird auch durch Beimischung der stärksten Wurzeln des
-Alants von Kommagene (in Syrien) verfälscht.“ In seiner Beschreibung
-der Umschiffung des Roten Meeres sagt der griechische Schriftsteller
-Arrianus im 2. Jahrhundert n. Chr., daß von Minnagara am Ausfluß des
-Indus und der südöstlich davon gelegenen Hafenstadt Barygaza ~kóstos~
-in den Handel gebracht werde. Im Mittelalter befaßten sich besonders
-die Araber mit dem Zwischenhandel der in Menge nach Europa gebrachten
-Droge, die heute für uns nur noch historisches Interesse besitzt.
-
-Heute noch von einiger Bedeutung als Gewürz und Heilmittel ist dagegen
-die +Kalmuswurzel+, die in derselben Weise wie der Ingwer kandiert
-besonders in Persien und Arabien als äußerst beliebtes Konfekt gegessen
-wird. Seit dem frühen Altertum wird der bitter aromatische Wurzelstock
-des gegenwärtig überall bei uns an den Ufern der Weiher verwildert
-angetroffenen Kalmus (~Acarus calamus~), in derselben Weise wie der
-Ingwer mit Honig oder später Zucker eingemacht, aus Asien importiert.
-Die Heimat dieser Wasserpflanze ist nach den neueren Untersuchungen
-zweifellos Südostasien. Die Kalmuspflanze wird nämlich einzig in
-Südchina und Hinterindien fruktifizierend angetroffen. Am Fuße des
-Himalaja und von da an westlich setzt sie keinerlei Früchte mehr an
-und pflanzt sich nur auf ungeschlechtigem Wege durch Wurzelausläufer
-fort. Die wohlriechende aromatische Kalmuswurzel ist eines der
-ältesten Gewürze und Heilmittel der südasiatischen Völker. Unter der
-Sanskritbezeichnung ~vacha~ spielte sie in der altindischen Medizin
-wie später in derjenigen des Morgenlandes eine große Rolle als die
-Verdauung beförderndes und die Geschlechtstätigkeit anregendes Mittel.
-Durch den morgenländischen Zwischenhandel gelangte die Droge als Arznei
-zu den Babyloniern, Ägyptern, Juden und älteren Griechen, denen allen
-jedoch die Pflanze selbst, von der sie herrührte, völlig unbekannt
-blieb. Im alten Ägypten treffen wir die Kalmuswurzel unter der
-Bezeichnung ~kanna~ oder heiliges Rohr, auch phönikisches Rohr, da die
-Phönikier ihnen auf dem Handelswege diese orientalische Ware geliefert
-zu haben scheinen. Sie wird in fast allen in den hieroglyphischen
-Texten uns erhaltenen Parfümrezepten und in zahlreichen Arzneirezepten
-erwähnt, ebenso gebrauchten sie die Juden unter demselben Namen
-~kanna~; so wird sie schon in der von Jahve Mose um 1280 v. Chr. am
-Sinai gegebenen Vorschrift zum heiligen Salböl erwähnt, das aus den
-edelsten Myrrhen und Kassie zu 500 Sekel und Zimt und Kalmus zu 250
-Sekel in einem Hin Olivenöl vermischt werden sollte. Damit sollte
-die Bundeslade und sollten alle heiligen Geräte samt der Stiftshütte
-gesalbt werden.
-
-Noch der große Pflanzenkenner Theophrast sagt zu Beginn des 3.
-vorchristlichen Jahrhunderts von ihrer Herkunft: „Der Kalmus
-(~kálamos~, gleichbedeutend mit Schilf) wächst jenseits des Libanon
-in einem großen Sumpf und erfüllt, wenn er trocken ist, die Luft mit
-Wohlgeruch.“ Zu jener Zeit hatten die Griechen bei Gelegenheit von
-Alexanders des Großen Siegeszug nach dem fernen Osten die damals
-bereits in Westasien angesiedelte Pflanze kennen gelernt. Der aus
-Kilikien gebürtige griechische Arzt Dioskurides und der römische
-Naturforscher Plinius, die beide um die Mitte des 1. Jahrhunderts
-n. Chr. lebten, kennen näher bei Europa gelegene Fundorte der Pflanze
-als Syrien. Ersterer weiß einen Standort derselben in Kleinasien und
-letzterer außer in Galatien auch auf Kreta. Plinius fügt dem hinzu:
-„Der meiste Kalmus (~acoron~) wächst in Kolchis, sowohl am Flusse
-Phasis, als auch überall in den Gewässern. Frisch hat die Wurzel
-mehr Kraft als alt. Die kretische ist weißer als die pontische. Man
-schneidet sie in fingerlange Stücke und trocknet sie im Schatten“,
-und Dioskurides sagt, daß der aromatische ~kálamos~ Blätter wie die
-Schwertlilie (~íris~) habe und daß der wohlriechende den Magen erwärme
-und gegen viele innere Leiden gut sei.
-
-Erst ums Jahr 1557 wurde der Kalmus in Mitteleuropa eingeführt. Die
-erste Beschreibung und Abbildung der Pflanze, die er ~acorum~ nannte,
-gab in einem 1565 erschienenen Buche der italienische Botaniker
-Pierandrea Matheoli. Dieser hielt sich von 1554-1577 in Prag auf und
-erhielt eine getrocknete Kalmuspflanze vom Gesandten des deutschen
-Kaisers Ferdinand I. am türkischen Hofe in Konstantinopel, Ghislenius
-Busbequius, die dieser in einem großen See bei Nicomedia in Bithynien
-gesammelt hatte. Bald darauf wurde die Pflanze von dem damals als
-Hofbotaniker in Wien lebenden Clusius (Charles de l’Ecluse), der sie
-1574 aus Konstantinopel lebend erhalten hatte und in der Kaiserstadt
-an der Donau kultivierte, an die verschiedenen botanischen Gärten
-Mitteleuropas versandt und verbreitete sich von da aus überallhin, um
-bald, der menschlichen Pflege sich entziehend, zu verwildern. Im Jahre
-1588 gab Camerarius an, daß ~Acorus~ erst seit einigen Jahren in die
-Gärten eingeführt sei, jedoch häufig in Lithauen und den pontischen
-Ländern wachse. 1611 wird in der dritten Auflage seines Kräuterbuchs
-von demselben Autor Pontus, Galatien und Kolchien als das Vaterland
-der Pflanze angegeben. 1590 verpflanzte Kaspar Bauhins Sohn Johann
-die Kalmuspflanze von Basel nach Montbéliard, und 1591 verbreitete
-sie Sebitz bei Straßburg. Seitdem die Pflanze in Mitteleuropa gedieh,
-machte man einen Unterschied zwischen asiatischer und europäischer
-Kalmuswurzel. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts erkannte man, daß die
-Wurzel der bei uns wachsenden Pflanze der asiatischen gleichwertig
-sei. Die erste gute Abbildung der Pflanze lieferte Rheede in seinem
-von 1678 bis 1703 erschienenen ~Hortus malabaricus~. 1697 wird in der
-Apothekertaxe des Rates von Halberstadt neben dem indischen Kalmus
-auch der einheimische, und zwar beide zu gleichen Preisen, angeführt.
-Das ätherische Öl findet sich zuerst 1582 in der Taxe der Stadt
-Frankfurt am Main erwähnt. Heute findet sich der Kalmus nicht bloß in
-ganz Europa, sondern auch in Nordamerika, wo er im 18. Jahrhundert
-eingeführt wurde, wildwachsend und bringt überall seine zwitterigen
-Blüten, niemals aber Früchte hervor. Diese rasche Verbreitung der
-Pflanze hängt mit den offizinellen Eigenschaften ihrer Wurzel zusammen,
-die noch von der heutigen Medizin gewürdigt werden. Sie enthält
-außer ätherischem Öl einen Bitterstoff und zwei Alkaloide (Calamin
-und Cholin) und wird außer als Magenmittel auch zur Likörfabrikation
-verwendet.
-
-[Illustration: Bild 40. Blütenzweig des echten Zimtbaums (~Cinnamomum
-ceylanicum~).]
-
-Eine sehr viel wichtigere Arzneidroge und sehr geschätztes Gewürz
-Südasiens, das heute noch eine große Bedeutung für Europa hat, ist
-der +Zimt+, der von einer in den Bergwäldern Ceylons heimischen
-Lorbeerart gewonnen wird. Der Zimtbaum (~Cinnamomum ceylanicum~) ist
-ein in der Wildnis, wo er nicht beschnitten wird, 6-10 m Höhe und
-einen Stammdurchmesser von 45-52 cm erreichender immergrüner Baum von
-unregelmäßigem Wuchs, dessen knotige Äste sich wagerecht ausbreiten. In
-den Zimtgärten baut man ihn als 3-4 m hohen Strauch, weil die dünnen
-Zweige der Sträucher einen feineren Zimt geben als die starken Äste
-der Bäume. Die glatte Rinde ist außen graubraun, innen gelblichrot;
-an jungen Schößlingen ist sie manchmal grün oder gelbgefleckt. Die
-glatten, lederartigen, dunkelgrünen Blätter sind eiförmig, 10-15 cm
-lang, stumpf zugespitzt und von fünf Hauptadern durchzogen. Bei ihrer
-Entfaltung sind sie rot angehaucht, färben sich dann gelb, olivengrün
-und schließlich dunkelgrün. Die in Rispen geordneten Blüten sind außen
-seidenhaarig, weißlich und innen gelbgrün gefärbt und strömen zur
-Blütezeit im Januar und Februar einen schwachen, nicht allen Menschen
-angenehmen Geruch aus. Die Früchte sind einsamige, in reifem Zustande
-braune Beeren mit einem dünnen Überzug von Fruchtfleisch.
-
-Der Baum ist in allen seinen Teilen nützlich. Aus den Wurzeln kann
-Kampfer gewonnen werden, das Holz nimmt eine schöne Politur an und
-wird viel in der Tischlerei verwendet. Aus den Blättern, die wie
-Gewürznelken schmecken und einen aromatischen Geruch ausströmen, wenn
-sie zerquetscht worden, wird ein geschätztes Parfüm destilliert; ein
-weniger beliebtes Parfüm liefern die Blüten. Durch Auskochen kann
-aus den Früchten Pflanzentalg gewonnen werden. Die Rinde dient als
-geschätzte Arznei und Gewürz. Aus den Schößlingen endlich werden
-Spazierstöcke verfertigt.
-
-In seiner Heimat Ceylon wurde der Zimt bis zum Jahre 1770
-ausschließlich von wildwachsenden Bäumen gewonnen. Seitdem wird er
-durch Samen oder Stecklinge in Plantagen kultiviert, die jährlich
-behackt und sorgfältig von Unkraut freigehalten werden. Dadurch wird
-eine viel bessere Qualität als die von Wildlingen erzielt; doch eignet
-sich zu seiner Kultur nur ein 20 km breiter Küstenstreifen im Südwesten
-der Insel bis zu 500 m Meereshöhe. Die Anbauversuche in anderen
-Tropengebieten haben vielfach fehlgeschlagen; nur das Kamerungebiet
-scheint in einer Höhe von 500-1000 m günstige Verhältnisse darzubieten.
-Am besten geeignet zu seiner Kultur ist sandiger, mit Humus
-vermischter, kieselsäurereicher Boden; nur auf ihm erzeugt er eine
-hellfarbige, dünne, aromatische Rinde. Wie anderer, besonders zu fetter
-und zu nasser Boden, so beeinträchtigt auch zu üppiges, ebenso ein
-kümmerliches Wachstum die Qualität der Rinde, die dann dunkler, dick
-und arm an Aroma wird. Meist geschieht der Anbau des rascheren Ertrages
-wegen durch Stecklinge, die man 3 m weit auseinander in Reihen,
-zwischen denen Gänge hindurchführen, pflanzt. Den jungen Sträuchern ist
-eine leichte Beschattung nötig. Haben die Stämmchen nach 3-4 Jahren
-eine Länge von gegen 3 m erreicht, so werden sie 10-15 cm über dem
-Boden abgeschnitten. Diese Erstlingsernte steht an Menge erheblich und
-auch an Güte etwas den folgenden Ernten nach. Aus dem Stumpf treibt
-nun bald eine ganze Anzahl von Schößlingen aus, von denen man aber nur
-vier bis sechs sich entwickeln läßt. Nach 1½-2 Jahren werden auch diese
-geerntet, sobald die grünlichgraue Farbe der Rinde beginnt, einen
-bräunlichen Ton anzunehmen. Die Arbeiter in den Zimtplantagen haben
-auch sonst noch allerlei Merkmale, an denen sie den richtigen Zeitpunkt
-der Ernte erkennen. Zweimal im Jahr, jedesmal nach der Regenzeit, wenn
-der Saftumlauf in den Zimtbäumen den höchsten Grad erreicht hat, werden
-die Pflanzungen besichtigt und ihre reifen Schößlinge ausgehauen. In
-Ceylon sind Mai-Juni und Oktober-November die beiden Erntemonate für
-Zimt, und zwar wird dem Mai der Vorzug gegeben, weil die Schößlinge
-dann saftreicher sind und sich infolgedessen leichter schälen lassen.
-
-Mit einem Haumesser bewaffnet durchsuchen die Arbeiter die
-Zimtpflanzung nach reifen Schößlingen, die ungefähr 1,5 cm Durchmesser
-besitzen. Bevor solche abgeschlagen werden, ritzt man die Rinde an
-einer Stelle mit dem Fingernagel, um zu sehen, ob sie sich leicht vom
-Holz löst. Bleibt die Rinde zäh am Holz hängen, so wird der betreffende
-Schößling geschont, bis er, wenn möglich, das nächste Mal ein
-befriedigenderes Resultat liefert, oder, falls dies nicht der Fall und
-der richtige Zeitpunkt der Ernte überschritten ist, dennoch abgehauen
-und als alte Rinde in die Destillerie gegeben wird.
-
-Jeder Arbeiter schneidet soviel Stücke ab, als er in einem Bündel zu
-tragen vermag. Dann werden die abgehauenen Schößlinge in der Plantage
-selbst von den Blättern und kleinen Zweigen befreit und nach einem
-Schuppen gebracht, wo sie in der Weise geschält werden, daß in ihre
-Rinde zwei Längsschnitte an einander gegenüberstehenden Stellen und
-außerdem in Abständen von 30-50 cm einige Rundschnitte gemacht werden.
-Mit Hilfe eines kleinen, sichelförmigen Messers, das zwischen Holz
-und Rinde geschoben wird, geht dann das Schälen leicht von statten.
-Bleibt die Rinde an einer Stelle hängen, so reibt man sie an der
-betreffenden Stelle auf der Außenseite mit dem Messerstiel so lange,
-bis sie sich löst. Mehrere der Rindenstücke werden dann ineinander
-gesteckt, diese Ruten dann zu dicken Bündeln zusammengeschnürt, diese
-auf Haufen gelegt und mit Tüchern bedeckt, um wenigstens 24 Stunden
-so zu verbleiben. Dadurch tritt eine Art Gärung ein, welche das
-Abschaben der geruch- und geschmacklosen äußeren Rindenschicht oder
-Borke sehr erleichtert. Dieses Abschaben geschieht vermittelst des
-vorhin erwähnten gekrümmten Messers. Dabei werden die Rindenstücke
-mit der Innenseite auf einen glatten Stab gelegt, der eine solche
-Dicke hat, daß das Rindenstück glatt auf ihm aufliegen kann. Diese
-Arbeit erfordert viel Geschicklichkeit und Übung; denn, wenn ein Rest
-von Borke zurückbleibt, gewinnt der Zimt einen bitteren Geschmack.
-Andererseits dürfen keine Löcher in die Rinde geschabt werden, trotzdem
-sie oft auf nur ¼ mm Dicke gebracht werden muß. Nachdem die geschabten
-Stücke oberflächlich getrocknet sind, werden sie zu etwa 1 m langen
-Ruten zusammengesteckt (lateinisch ~canella~ Röhrchen genannt, weshalb
-der Zimt die Bezeichnung Kaneel erhielt), oben und unten auf die
-richtige Länge geschnitten, auf Regalen getrocknet, wobei sich die
-einzelnen Rindenstücke zur Form eines Zylinders zusammenrollen und
-die Rute einige Festigkeit erhält. Zuletzt wird der Zimt sortiert
-und zur Verschiffung in ungefähr 45 kg schwere Ballen verpackt. Die
-minderwertige Rinde und aller Abfall, bisweilen sogar die Blätter,
-wandern in die Destillerie, um das als Heilmittel wichtige Zimtöl
-daraus zu gewinnen. In Ceylon, dessen Zimtkulturen fast den gesamten
-Zimtbedarf der Erde decken, rechnet man auf das Hektar etwa 180 kg
-marktfertigen Zimt; doch kann dieser Betrag bei sorgfältiger Pflege
-und Erntebereitung erheblich überschritten werden. Der Ceylonzimt
-ist weitaus der beste, da der ceylonische Zimtbaum bei der Kultur in
-anderen Ländern überall ausartet. Der nach dem Verschiffungshafen
-Tellichery an der Malabarküste genannte südindische Zimt ist auch sehr
-gut. Zweiter Güte ist der javanische und dritter der amerikanische Zimt
-aus Französisch-Guiana und Brasilien. Bis jetzt haben die Anbauversuche
-dieses Gewürzbaumes weder in Kamerun, noch in Deutsch-Ostafrika, wo er
-ganz gut gedeiht, nennenswerte Erträge gebracht.
-
-Die ceylonischen Zimtgärten nehmen ungefähr 13500 Hektare ein, und
-liefern jährlich etwa 900000 kg Zimt im Werte von 9 Millionen Mark.
-Von der Ausfuhr gehen 80-90 Prozent nach England. Cochinchina baut
-nordwestlich der Stadt Taifu etwa 150000 kg Zimtrinde, die meist
-die Chinesen an sich ziehen. Im ganzen dürfte die jährliche Ernte
-echten Zimts 1,5 Millionen kg nicht überschreiten. Feiner Ceylonzimt
-wird in London durchschnittlich mit 2 Schilling (2 Mark) das Pfund
-bezahlt, während Zimt anderer Herkunft nur 10 Pence (0,85 Mark) gilt.
-Kassienzimt ist um vier Fünftel billiger als Ceylonzimt.
-
-Dieser letztere, meist nur +Kassia+ genannt, stammt von verschiedenen,
-dem echten Zimtbaum sehr ähnlichen, nur etwas größer und kräftiger
-werdenden Verwandten derselben Gattung ~Cinnamomum~, die in
-Hinterindien und Südchina wild wachsen und dort, wie auch in
-Ostindien und dem malaiischen Archipel, neuerdings auch in Süd- und
-Mittelamerika kultiviert werden. Die häufigst angepflanzte Art ist
-~Cinnamomum cassia~. Dieser Baum wird in derselben Weise, nur nicht
-so sorgfältig wie der echte Zimt kultiviert. Er findet sich außer
-in Cochinchina besonders in den südchinesischen Provinzen Kuang-si,
-Kuang-tung und Kuei-tschou angepflanzt. Von hier stammt weitaus der
-größte Teil der als chinesischer Zimt bezeichneten Kassia, den die
-Kulturländer verbrauchen. Nächstdem kommt Bengalen und Malabar in
-Britisch-Indien und Java und Sumatra in Holländisch-Indien. Gute Kassia
-ist ein billigerer Ersatz des teuren, echten Ceylonzimts und wird
-häufig unter dessen Namen in den Handel gebracht. Sie ist dicker und
-kräftiger als Zimt, bricht kürzer, schmeckt beißender und ist ärmer an
-Aroma. Diese Unterschiede verschwinden um so mehr, je feiner die Kassia
-und je geringer der Zimt ist. Besonders in gemahlenem Zustand wird
-Kassia sehr häufig als Zimt verkauft, oder kommt mit Zimt vermischt als
-reiner Zimt in den Handel. Die +Kassiablüten+ haben einige Ähnlichkeit
-mit den Gewürznelken, sind nur etwas kleiner. Sie stellen die in der
-Sonne getrockneten, ganz jungen Früchte des besonders in Südjapan
-kultivierten ~Cinnamomum dulce~ bald nach dem Verblühen der Blüten
-dar und werden gleicherweise wie die Rinde als Arznei und Gewürze
-verwendet. Als Zimtnägelein standen sie im Mittelalter hoch im Preise
-und wurden besonders zur Herstellung des als Hippokras bezeichneten
-Würzweins benutzt. Die Kultur und Ernte der Zimtkassia ist ganz analog
-derjenigen des echten Zimts.
-
-Die Kassia wird seit Urzeiten vom alten Kulturvolke der Chinesen
-als geschätzte Arznei und Würze verwendet. Schon in einem auf den
-chinesischen Kaiser Schen-nung ums Jahr 2800 v. Chr. zurückgeführten
-Kräuterbuche wird sie unter dem Namen ~kwai~ angeführt, der sich in
-China unverändert bis heute für Zimt erhalten hat. Sie ist es auch,
-welche unter dem heute noch gebräuchlichen Namen ~kasia~ neben dem
-echten Zimt schon im frühen Altertum auf dem Seewege an die Küsten
-des Roten Meeres gebracht und von dort aus an die Kulturvölker im
-Bereiche des östlichen Mittelmeerbeckens weiter verhandelt wurde. In
-einem uralten, an der Wand des Laboratoriums des Tempels von Edfu (18.
-Dynastie 1580-1350 v. Chr.) in Hieroglyphen eingemeißelten Rezept zu
-heiligem Räucherwerk wird Zimt als ~kainamaa~ aufgeführt. Und als die
-unternehmende Tochter und Erbin des ägyptischen Königs Thutmosis I.,
-Hatschepsut, die mit ihrem Halbbruder Thutmosis II. verheiratet war
-und nach dessen Tode von 1516-1481 v. Chr. selbständig über Ägypten
-herrschte, im 9. Jahre ihrer Regierung eine Expedition von fünf
-Schiffen nach dem Lande Punt (Südarabien) sandte, brachte diese außer
-Weihrauch, Gold und Elfenbein auch Zimt in größerer Menge nach der
-Residenz Theben mit. Da nun im Lande Punt kein Zimt wuchs, müssen ihn
-indische Handelsschiffe dahin gebracht haben.
-
-Zu Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends war der Zimt als
-kostbarer Handelsartikel Vorderasiens auch den Juden und den Phönikiern
-unter dem Namen ~kinnamon~ bekannt. So lesen wir in dem zur Zeit der
-israelitischen Könige, deren drei erste Saul (1055 bis 1033 v. Chr.),
-David (1033-993) und Salomo (993-953) waren, verfaßten Pentateuch im
-2. Mose 30, 22 u. f. welche Wertschätzung dieses ferne Produkt Indiens
-bei den ältesten Juden besaß. Dort heißt es: „Und der Herr (Jahve)
-redete mit Mose (am Sinai um 1280 v. Chr.) und sprach: Nimm zu dir die
-besten Spezereien 500 (Sekel) und Zimt halb soviel, nämlich 250, und
-Kalmus auch 250, und Kassia 500 nach dem Sekel des Heiligtums und Öl
-vom Ölbaum 1 Hin, und mache ein heiliges Salböl nach der Apothekerkunst
-und salbe damit die Hütte des Stifts und die Lade des Zeugnisses,
-den Tisch mit all seinem Geräte, den Leuchter mit seinem Geräte, den
-Räucheraltar, den Brandopferaltar mit all seinem Geräte und das Handfaß
-mit seinem Fuß; und sollst sie also weihen, daß sie das Allerheiligste
-seien, denn wer sie anrühren will, der soll geweiht sein. Und sollst
-mit den Kindern Israels reden und sprechen: Dieses Öl soll mir eine
-heilige Salbe sein bei euren Nachkommen. Auf Menschen soll es nicht
-gegossen werden, du sollst auch seinesgleichen nicht machen; denn es
-ist heilig, darum soll’s euch heilig sein. Wer ein solches (Öl) machet
-oder einem andern davon gibt, der soll von seinem Volk ausgerottet
-werden.“
-
-Dann findet sich der Zimt in der den Sprüchen Salomos nachgeahmten
-„Weisheit Jesu, des Sohnes Sirach“, die ein gelehrter jüdischer
-Priester von angesehener Lebensstellung ums Jahr 180 v. Chr. in
-Alexandrien in griechischer Sprache verfaßte, und in der im Jahre 68
-auf 69 n. Chr. in Ephesus ebenfalls griechisch abgefaßten Offenbarung
-des Johannes erwähnt, und zwar in letzterer Schrift dort, wo von den
-Waren die Rede ist, die die Kaufleute Babylons verkaufen: Silber,
-Gold, Edelstein, Perlen, Seide, Purpur und Scharlach, Zimt, Weihrauch,
-Thymian, Salben, Wein, Öl, Weizen, Vieh usw.
-
-Phönikische Kaufleute brachten den Zimt unter der von ihnen dafür
-gebrauchten Bezeichnung kinnamon zu den Griechen und müssen
-ihnen dabei recht abenteuerliche Geschichten über dessen Herkunft
-und Gewinnung erzählt haben; denn gleich der erste griechische
-Schriftsteller, der diese kostbare, als Gewürz und Arznei
-gleich hochgeschätzte Droge erwähnt, der Vater der griechischen
-Geschichtschreibung Herodot (484 bis 424 v. Chr.), der selbst Ägypten,
-Syrien und Babylonien bereiste, schreibt über ihn: „Die Araber sind
-nicht imstande anzugeben, in welchem Lande der Zimt (~kinnámōmon~)
-wächst, doch vermuten einige, er wachse in den Ländern, in denen
-Dionysos (der angeblich aus Indien stammende, über Kleinasien nach
-Griechenland gekommene orientalische Gott des Natursegens und der
-bei seinen Festen zum Ausdruck kommenden ausgelassenen Lebensfreude)
-erzogen worden. Große Vögel brächten die Späne herbei, welche die
-Phönikier ~kinnámōmon~ nennen, welchen Namen wir von ihnen entlehnt
-haben. Die Vögel trügen den Zimt in ihre an unzugängliche Felsen
-gebauten Nester. Um ihn nun von da zu bekommen, legten die Araber große
-Stücke Fleisch von krepierten Rindern, Eseln usw. unter die Felsen
-und versteckten sich dann. Die Vögel trügen die Fleischstücke in ihre
-Nester und überlüden sich so damit den Magen, daß sie herunterstürzten,
-worauf der Zimt gesammelt und nach den anderen Ländern hin verhandelt
-würde.“
-
-Noch Aristoteles (384-322 v. Chr.), seit 343 Lehrer Alexanders des
-Großen, -- sein Vater Nikomachos war in Stagira in Makedonien Leibarzt
-und Vertrauter des Königs Amyntas II. von Makedonien gewesen -- meldet
-uns solche zu seiner Zeit herum gebotene und geglaubte Märchen, indem
-er in seiner Naturgeschichte sagt: „Das Zimtvögelchen soll in den
-Gegenden, wo es heimisch ist, Zimt zusammentragen und sein Nest daraus
-auf den Zweigen hoher Bäume bauen. Die Bewohner des Landes sollen es
-von da mit Pfeilen, deren Spitze von Blei ist, herabschießen und so
-den Zimt gewinnen.“ Sein Schüler Theophrast (390-286 v. Chr.) weiß
-uns, nachdem inzwischen Alexander der Große seinen Zug nach Indien
-ausgeführt hatte, schon Positiveres über den Zimt, wie auch über Kassia
-zu berichten. Er schreibt in seiner Pflanzengeschichte: „Über Zimt
-(~kinnámōmon~) und Kassia (~kasia~) berichtet man folgendes: Beide
-sollen Sträucher von unbedeutender Höhe, dabei dem Keuschbaum (~ágnos~,
-~Vitex agnus castus~) ähnlich sein und viele holzige Zweige haben. Wenn
-man den ganzen Zimtbaum fällt, so soll man ihn in fünf Teile teilen.
-Die jungen Triebe sollen den besten Zimt geben und man schneidet davon
-Stücke eine Spanne lang oder wenig länger. Was darunter folgt gibt
-die zweite Sorte und wird kürzer geschnitten; dann folgt die dritte
-und vierte Sorte. Die letzte Sorte ist der Wurzel am nächsten und die
-schlechteste; denn da ist wenig Rinde. Überhaupt wird nur die letztere
-gebraucht, nicht das Holz. Deswegen sind eben die Zweige am besten;
-denn sie haben die meiste Rinde.
-
-Andere behaupten ebenfalls, es seien Sträucher, aber es gebe eine
-weiße und schwarze Sorte. Es geht auch die Sage, daß sie in Schluchten
-wachsen, worin viele Schlangen leben, deren Biß tödlich ist. In diese
-Schluchten gehe man zum Sammeln des Zimts mit geschützten Händen und
-Füßen. Das Gewonnene teile man in drei Teile, bestimme den einen für
-den Sonnengott und entscheide durch das Los, welchen er bekommen solle.
-Gehen die Leute fort, so soll der dem Sonnengott zuteil gewordene Zimt
-sogleich verbrennen. Das ist aber natürlich nur Fabel.
-
-Von der Kassia sagt man, sie habe dickere Ruten, deren Rinde man
-nicht abschälen könne. Deswegen verfahre man, da man auch von ihr nur
-die Rinde will, folgendermaßen: Man schneidet die Ruten in Stücke,
-welche zwei Finger lang oder etwas länger sind. Diese näht man in eine
-frische, abgezogene Tierhaut; dann erzeugten sich aus der Fäulnis der
-Haut und des Holzes Würmer, die das Holz wegfräßen, die Rinde aber
-wegen ihres scharfen Geruches und ihrer Bitterkeit nicht anrühren.“
-
-Um 50 v. Chr. berichtet uns der griechische Geschichtschreiber Diodoros
-aus Sizilien in seinem Geschichtswerk: „In Arabien wachsen Costus,
-Kassia, Zimt und andere Herrlichkeiten in solcher Menge, daß man dort
-Dinge, die man bei uns nur sparsam auf die Altäre der Götter legt, zum
-Heizen der Kochherde verwendet, und daß Dinge, die man anderwärts nur
-in kleinen Proben sieht, dort als Streu für die Leute gebraucht werden.
-Namentlich wächst in Arabien der sogenannte Zimt, ein ausgezeichnet
-nützlicher Stoff, nebst Gummi und wohlriechendem Terpentin in
-unermeßlichem Überfluß.“
-
-Auch der 25 n. Chr. gestorbene griechische Geograph Strabon, der weite
-Reisen durch das Römerreich machte, war noch im Wahn befangen, daß
-das Glückliche Arabien, das doch nur den Zimt und die anderen Gewürze
-von Indien her bezog, solchen selbst hervorbringe. Er sagt in seinem
-Geographiebuch: „Im arabischen Gewürzland soll Weihrauch und Myrrhe
-von Bäumen, Kassia aber von Sträuchern gewonnen werden, die meiste
-Kassia jedoch, wie manche behaupten, aus Indien. Es wächst in diesem
-Gewürzland auch Zimt und Narde; den meisten Wein gewinnt man dort
-von Palmen.“ Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Daß der Nil
-zu der Zeit schwelle, wo das oberhalb Ägyptens liegende Negerland
-von Platzregen überschwemmt wird, hat man von Leuten erfahren, die
-im Arabischen Meerbusen bis zum Zimtlande geschifft sind, oder von
-solchen, die von den Ptolemäern auf die Elefantenjagd ausgesandt
-wurden.“
-
-Der um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische Arzt
-Dioskurides zählt verschiedene Sorten Zimt und deren Eigenschaften auf
-und meint, die beste müsse eigentümlich wohlriechen und scharf, fast
-beißend und erhitzend schmecken. Er werde als Arznei, als Parfüm für
-Salben und sonst zu gar mancherlei Zwecken gebraucht. Sein Zeitgenosse
-Plinius, der 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch umkam, war schon besser
-als seine griechischen Vorgänger unterrichtet. Er schreibt in seiner
-Naturgeschichte: „Zimt (~cinnamomum~) und Kassia (~casia~) trägt
-Arabien nicht. Übrigens haben die alten Schriftsteller und namentlich
-Herodot über den Zimt allerlei Fabeln berichtet, so z. B. daß er in
-der Heimat des Bacchus von unzugänglichen Felsen und Bäumen aus dem
-Neste des Vogels Phönix teils durch das Gewicht hineingetragenen
-Fleisches herabgestürzt, teils mit Pfeilen herabgeschossen werde.
-Ferner müsse man an den dortigen Sümpfen, um die Kassia zu gewinnen,
-gegen die Krallen gräßlicher Fledermäuse und gegen geflügelte Schlangen
-kämpfen. Das sind nun lauter Fabeln, durch die man den Preis der
-Ware zu steigern suchte. Es schließt sich an die genannte Sage noch
-eine zweite, daß nämlich durch die Hitze der südlichen Sonne auf der
-ganzen Halbinsel ein unbeschreiblicher Wohlgeruch erzeugt werde, in
-welchem sich die Würze und Balsamdüfte so vieler Pflanzen vereinten,
-daß z. B. die Flotte Alexanders des Großen auf hohem Meere die Nähe
-Arabiens zuerst durch den Geruch entdeckt habe. Lauter Erdichtung!
-Denn Zimt und Kassia wachsen im Lande derjenigen Neger, welche mit den
-Troglodyten verwandt sind. Die Troglodyten kaufen den Zimt von ihren
-Nachbarn und verhandeln ihn weithin übers Meer auf Flößen, welche weder
-durch Steuerruder gelenkt, noch durch Ruder oder Segel in Bewegung
-gesetzt, ja nicht einmal durch den Verstand der Menschen regiert
-werden, sondern nur auf gut Glück drauflos fahren. Sie gehen übrigens
-Mitte Winters in See, zur Zeit da vorzüglich Südostwinde wehen. Diese
-treiben sie geradewegs durch die Meerbusen hin, und nach der Fahrt um
-das Vorgebirge führt sie der Westsüdwest in den Hafen der Gebaniter,
-welcher Ocilia heißt. So kaufen denn die Gebaniter vorzugsweise den
-Zimt auf und sagen, die Zimtverkäufer kämen in fünf Jahren kaum
-einmal und viele von ihnen verunglückten. Für den Zimt tauschen die
-Troglodyten Glas- und Bronzewaren, Kleider, Spangen und Geschmeide ein.
-
-Der Zimtstrauch wird höchstens 2 Ellen, mindestens aber 1 Hand hoch
-und sieht wie vertrocknet aus. So lange er grün ist, hat er keinen
-Wohlgeruch; er hat Blätter wie der Dosten (~origanum~), steht gerne
-trocken, wächst bei starkem Regen schlecht, verträgt den Schnitt gut.
-Er wächst in Ebenen, aber zwischen dichtem Dornengebüsch, so daß man
-ihm schwer beikommt. Die Ernte wird nur vorgenommen, wenn ein Gott es
-erlaubt, welchen die Eingeborenen Assabinus nennen, manche aber für
-den Jupiter halten. Die Erlaubnis zur Ernte gibt der Gott nur gegen
-ein Opfer von 44 Rindern, Ziegen und Widdern. Vor Aufgang der Sonne
-und nach deren Untergang darf nicht geschnitten werden. Der Priester
-des Gottes teilt die Zweige mit einer Lanze, sondert den Anteil des
-Gottes aus; das übrige verpackt der Kaufmann. Nach anderen Angaben
-bekommt jener Gott ein Drittel, ein anderes die Sonne, ein Drittel der
-Kaufmann. Über die drei Teile soll zweimal gelost werden; der Anteil
-der Sonne soll von selbst in Flammen aufgehen. Am höchsten im Preise
-stehen die Zweigenden, welche in Stücke von Handlänge geschnitten sind;
-für geringer gelten die hinter jenen stehenden, kürzer geschnittenen
-Stücke. Am wenigsten werden die der Wurzel zunächst stehenden Teile
-geschätzt; denn sie haben am wenigsten Rinde, und gerade in der Rinde
-liegt der Wert. Das Holz des Zimtstrauchs wird verachtet, weil es
-scharf und nach Dosten riecht. Man nennt es ~xylocinnamomum~ und
-bezahlt das Pfund mit 10 Denaren (6 Mark).
-
-Manche unterscheiden eine hellere und eine dunklere Sorte von Zimt.
-Früher gab man ersterer den Vorzug; jetzt gilt die dunkle und sogar die
-gefleckte für besser. Am sichersten kann man den Zimt für gut erklären,
-wenn er nicht rauh ist und wenn gegeneinander geriebene Stücke nur
-langsam zerbröckeln. Weiche oder mit loser Oberhaut überzogene Stücke
-achtet man gar nicht. Den Preis des Zimts bestimmt einzig der König der
-Gebaniter. Das Pfund galt sonst 1000 Denare (600 Mark). Jetzt ist er
-um die Hälfte im Preise gestiegen, weil die Barbaren, wie man erzählt,
-ganze Wälder abgebrannt haben; aus welchem Grunde weiß man nicht
-sicher. Es gibt auch Schriftsteller, welche behaupten, daß die Südwinde
-im Zimtlande so heiß wehen, daß sie im Sommer die Wälder versengen.
-
-Kaiser Vespasian (geb. 9 n. Chr., wurde 69 nach Othos Sturz von seinen
-Legionen zum Kaiser ausgerufen, bestieg den Thron, nachdem sein
-Legat Antonius Primus den Kaiser Vitellius gestürzt hatte, schloß 71
-den Janustempel, starb 79) ist der erste gewesen, welcher in allen
-Tempeln des Kapitols und im Friedenstempel in Gold gefaßte Zimtkränze
-aufhing. Ich habe auch eine sehr schwere Wurzel des Zimtstrauches
-im Palatinischen Tempel gesehen, den Augusta (dritte Gemahlin des
-Augustus, 38 v. Chr. von Tiberius Claudius Nero geschieden, übte großen
-Einfluß auf Augustus aus, sicherte ihrem Sohne Tiberius die Nachfolge
-durch Wegräumung mehrerer Glieder des julischen Geschlechts, hieß
-eigentlich Livia Drusilla, erhielt aber 14 n. Chr. im Todesjahre des
-Augustus den Namen Julia Augusta, d. h. „die erhabene Julia“, starb 29)
-ihrem Gemahl Augustus erbaut hat. Die Wurzel lag auf einer goldenen
-Schale. Jahr für Jahr drangen Tropfen aus ihr hervor und verhärteten,
-bis der Tempel von einer Feuersbrunst verzehrt wurde.“ Weiter berichtet
-Plinius:
-
-„Auch die Kassia ist ein Strauch, der auf Ebenen neben dem Zimte
-wächst, auf Bergen aber stärkere Triebe bildet. Die Schale ist dünn,
-bildet keine eigentliche Rinde und wird um so höher geschätzt, je
-zarter sie ist, was sich beim Zimt gerade umgekehrt verhält. Der
-Strauch wird 3 Ellen hoch und hat 3 verschiedene Farben. Schlägt er
-aus, so ist er einen Fuß hoch weiß, einen halben Fuß höher rot, weiter
-hinauf dunkelfarbig. Dieser Teil wird am höchsten geschätzt, der rote
-geringer, der weiße gar nicht. Am wertvollsten ist die frische Kassia,
-welche einen sanften Geruch und mehr einen brennenden, als allmählich
-erwärmenden und sanft beißenden Geschmack hat, an Farbe purpurbraun,
-an Gewicht leicht ist und kurze, nicht zerbrechliche Röhrchen bildet.
-Man nennt diese Sorte mit einem ausländischen Namen lada, eine andere
-heißt von ihrem balsamischen Geruch ~balsamodes~; sie ist aber bitter,
-wird mehr von Ärzten gebraucht, wie die dunkelfarbige zu Salben. Keine
-andere Ware hat so verschiedene Preise. So kostet das Pfund bester
-Kassia 50 Denare (30 Mark), geringere nur 5 Denare (3 Mark).“
-
-Neben Zimt und Kassia hat übrigens schon das Altertum aus Indien die
-wohlriechenden Blätter und wohl auch die Rinde einer von uns als
-+Mutterzimt+ (~Cassia tamala~) bezeichneten Kassienart bezogen, die
-als ~malabáthron~ bei den Griechen und Römern als kostbares Parfüm
-sehr beliebt waren. Aus ihnen wurde auch eine viel begehrte Salbe
-hergestellt, die an Beliebtheit fast die berühmte indische Nardensalbe
-erreichte. Der griechische Schriftsteller Arrianus, der im Jahre 136
-unter Hadrian Präfekt von Kappadokien war und unter Mark Aurel starb,
-sagt in seinem Bericht über die Umschiffung des Roten Meeres, daß
-viele Schiffe nach dem am Südwestufer Indiens gelegenen Handelsplatz
-Nelecynda fahren, weil dort Pfeffer und ~malabáthron~ in Menge und
-besonderer Güte zu haben seien.
-
-Wie diese kostbaren Gewürze vom Persischen Golf nach Babylonien
-gelangten, so wurden sie über das Rote Meer und Alexandrien nach den
-Mittelmeerländern ausgeführt. Und als später die Droge durch die
-Wirren der Völkerwanderung immer seltener und unerschwinglicher wurde,
-bedienten sich besonders die Ärzte ihrer als wertvolle Arznei. So
-ging durch sie das lateinische ~cinnamomum~ ins mittelhochdeutsche
-~cinment~, weiter Zimmet und schließlich das neuhochdeutsche Zimt über.
-Ein großer Teil der Ware muß aber zu Beginn des Mittelalters aus China
-bezogen worden sein, welche Tatsache allein uns den bei den Persern und
-Arabern üblichen Ausdruck dar ~Chini~ (Holz von China) für Zimt und
-Kassia erklärlich macht. Später nannten die Venezianer und Portugiesen
-den Zimt wie jede aromatische Rinde ~canella~, welcher Ausdruck dann
-als ~canelle~ ins Französische überging.
-
-Die Zimtwälder um Kolombo auf Ceylon werden erst im Jahre 1340 von
-dem 1302 in Tanger geborenen, bis China und Südasien vorgedrungenen
-arabischen Reisenden Ibn Batuta erwähnt, der 1352 auch Timbuktu
-besuchte und 1377 in Fes starb. Im Jahre 1444 beschrieb der
-venezianische Kaufmann Nicolo Conto die Zimtbäume der von ihm als
-Saillana bezeichneten Insel Ceylon, teilte aber nichts über die
-Ausfuhr des Gewürzes mit. Erst der Portugiese Lorenzo da Almeida, der
-im Hafen von Point de Galle Schiffe mit Zimt und Elefanten verladen
-sah, berichtete darüber eingehend im Jahre 1505. Die Portugiesen, die
-sich an der Küste Ceylons niederließen, legten zunächst auf diesen
-Handelsartikel keinen großen Wert, wurden aber bald eines anderen
-belehrt. So unterschied bereits 1536 Garcia da Orta den Zimt von Ceylon
-von demjenigen der Philippinen und Java; der erstere war damals 40mal
-teurer als die letzteren, im Jahre 1644 aber nur noch 5mal teurer.
-Im Jahre 1546 erfahren wir aus einem Briefe des Florentiners Filippo
-Sassetti an Franzesco I. di Medici, daß die Zweige regelmäßig alle drei
-Jahre geschält würden. Zur Erlangung von Stockausschlägen wurden die
-Bäume einfach gekappt. Dies und das Einsammeln der Rinde der wilden
-Bestände, die vorzugsweise durch eine Drossel vermehrt wurden, welche
-die reifen Beeren verzehrte und die unverdaulichen Samen in noch völlig
-keimfähigem Zustande von sich gab, besorgten Angehörige einer
-besonderen Kaste, die Chalias oder Zimtschäler.
-
- Tafel 75.
-
-[Illustration:
-
- (~Copyright by F. O. Koch.~)
-
-Zimtbaum auf Ceylon.
-
- (~Copyright by F. O. Koch.~)
-
-Das Schälen der Zimtrinde.]
-
- Tafel 76.
-
-[Illustration: Muskatnüsse.
-
-(Nach Photographie von H. Schenck in „Karsten u. Schenck,
-Vegetationsbilder“.)
-
-Gewürznelkenbäume (~Caryophyllus aromaticus~) auf Zanzibar.
-
-(Nach Photographie von Busse in „Karsten u. Schenck,
-Vegetationsbilder.“)]
-
-Bis zur Ansiedelung der Portugiesen, die seit 1505 einen regelmäßigen
-Verkehr mit der Insel unterhielten, war der Zimthandel ein
-einträgliches Monopol der einheimischen Könige, deren Geschlecht aus
-Nordindien stammte und seit 543 v. Chr. die Singalesen beherrschte.
-Als die Portugiesen sich der Küste Ceylons im Jahre 1580 bemächtigten,
-legten sie den Herrschern im Innern einen Tribut von 125000 kg Zimt
-auf und versprachen ihnen dafür die Hilfe Portugals. Bald aber machten
-sie sich so verhaßt, daß der König von Kandy die Holländer gegen
-sie zu Hilfe rief. Diesen hatte schon Philipp II. den Handel mit
-Lissabon untersagt; so versuchten sie, sich den Zimt auf direktem
-Wege zu verschaffen. Im Jahre 1596 kamen die ersten wohlbewaffneten
-holländischen Handelsschiffe in den Indischen Ozean und 1632 begann
-die Verdrängung der Portugiesen von Ceylon, die 1658 eine vollständige
-und dauernde war. Sofort erhoben die Holländer den Zimt zu ihrem
-ausschließlichen Monopol. Die arme Kaste der Chalias oder Zimtschäler
-wurde schwer bedrückt. Jedes Mitglied derselben mußte vom 12. Jahre
-an einen Pingo, d. h. 28 kg Zimtrinde während einer Ernte abliefern
-und im Laufe der Jahre stieg die Menge sogar auf 303 kg! Die
-Gegenleistung bestand in Befreiung von Steuern und kleinen Rationen an
-Reis. Begreiflicherweise suchten die Chalias sich dieser unwürdigen
-Behandlung durch Flucht in die Berge zu entziehen. Dafür mußten die
-Zurückbleibenden um so anstrengender arbeiten. Niemand sonst durfte
-Zimtbäume pflanzen oder Zimt schälen. Jeder Grundbesitzer mußte es dem
-holländischen Beamten melden, wenn er auf seinem Grund und Boden eine
-Zimtpflanze entdeckt hatte. Verheimlichung wurde sehr strenge, unter
-Umständen mit dem Tode bestraft. Die kleinsten Veruntreuungen beim
-Einsammeln der Rinde brachten Täter wie Hehler unerbittlich den Tod.
-
-Ein Jahrhundert lang zogen die Holländer aus dem Zimtmonopol einen
-reichen Gewinn, der manchmal 7 Millionen Mark im Jahre überstieg. Die
-meisten Zimtbäume befanden sich auf dem Gebiete des Königs von Kandy.
-Wenn dieser aber feindselig auftrat, sank die Einnahme bedeutend und
-brachte nur etwa 1 Million Mark ein. Um sich nun von den Launen dieses
-Herrschers unabhängig zu machen, schlug ein Einnehmer des Distrikts
-Kolombo namens de Koke dem holländischen Gouverneur Falk im Jahre 1765
-vor, den Zimtbaum auf eigenem Gebiete zu pflanzen. Anfangs wies der
-Große Rat in Batavia diesen Vorschlag zurück; doch waren die Vorteile
-zu verlockend, so daß man sich endlich zu einer Einwilligung verstand.
-Die Ausführung war indessen nicht leicht. Die Häuptlinge behaupteten,
-daß kultivierter Zimt minderwertig sei; auf ihr Betreiben hin
-widersetzten sich dieser Neuerung auch die Eingeborenen. Schließlich
-drang die holländische Regierung mit ihren Forderungen doch durch, aber
-die Eingeborenen suchten den Kulturen insgeheim zu schaden, indem sie
-dieselben mit heißem Wasser begossen oder anderweitig die Pflänzlinge
-zu ruinieren suchten. Nur drakonische Strenge sicherte das Unternehmen.
-So wurde jedes Zerstören von jungen Pflanzen mit Abhauen der rechten
-Hand bestraft. Bald versuchten die Holländer mit etwa 200000 kg
-Zimtrinde, die sie aus den eigenen Kulturen gewannen, den gesamten
-europäischen Bedarf zu decken, ohne Bezüge der Ernte aus dem Königreich
-Kandy im Innern der Insel machen zu müssen. Dabei sorgten sie durch
-gewaltsame Mittel dafür, daß die hohen Preise dieser Droge nicht etwa
-durch Überproduktion herabgedrückt wurden. Vor allem beschränkten sie
-die Kulturbäume auf eine bestimmte Anzahl und ließen in gesegneten
-Jahren stets einen Teil der zu reichlichen Ernte ins Meer werfen oder
-verbrennen. Auch im Mutterlande räumte man, um eine Preisdrückerei zu
-verunmöglichen, im Übermaß sich ansammelnde Vorräte durch Verbrennen
-hinweg; lieber sollte die Arbeit ganz umsonst gewesen sein, als daß man
-sich selbst seinen Volksgenossen gegenüber zu einer Verbilligung der
-Ware herabließ. So berichtet der Franzose Beaumaré, er sei im Juni 1760
-Augenzeuge davon gewesen, wie man beim Admiralitätsgebäude in Amsterdam
-zwei Tage nacheinander -- abgesehen von Muskatnuß -- für zusammen
-etwa 16 Millionen Livres Zimt verbrannt habe, was einen köstlichen
-Wohlgeruch über das ganze Land verbreitete.
-
-Im Kriege mit den Holländern besetzten die nach den Zimtgärten jener
-lüsternen Engländer 1795 Ceylon, das ihnen 1802 im Frieden von Amiens
-regelrecht abgetreten wurde. Sie fanden die Zimtkulturen im blühendsten
-Zustande und nutzten sie als Erben der alten Machthaber in derselben
-Weise wie jene aus. Die englisch-ostindische Handelsgesellschaft
-übernahm das höchst einträgliche Monopol und führte es im Sinne der
-Holländer weiter. Der erste Gouverneur, North, erließ sogar eine
-Verordnung, durch welche nicht nur Neuanlagen verboten wurden, sondern
-auch die bereits bestehende Anzahl der Zimtgärten eine Einschränkung
-erfuhr. 1815 kam nach Beseitigung des bis dahin noch regierenden
-Eingeborenenfürsten die ganze Insel unter die Administration der
-englischen Krone, die das Zimtmonopol bis 1833 aufrechterhielt, dann
-aber aufgeben mußte, da der Zimtbaum inzwischen durch die Holländer
-auf Sumatra, Java und Borneo und durch die Franzosen auf Isle de
-France (dem heutigen Mauritius), Bourbon und in Cayenne angesiedelt
-worden war, ohne allerdings dort das vorzügliche Produkt wie in Ceylon
-zu geben, das heute mit seiner höchst aromatischen Rinde noch immer
-den Weltmarkt beherrscht. Wenn nun auch die englische Regierung das
-Zimtmonopol notgedrungen aufheben mußte, so belegte sie dafür den
-Zimt 1833 mit einem sehr hohen Zoll von 200 Prozent; erst im Jahre
-1853 wurde dieser aufgehoben und der Zimtbaum und der Handel mit
-dessen Rinde freigegeben, worauf sich die Zimtgärten auf der Insel
-wieder vermehrten. Doch haben neuerdings andere Kulturen den Zimt auf
-Ceylon zurückgedrängt, so daß China, das schon zu Anfang des vorigen
-Jahrhunderts durch Anbau von Zimt und Kassia im großen England scharfe
-Konkurrenz gemacht hatte, jetzt den meisten Zimt liefert.
-
-Erst in der Gegenwart ist diese Droge, die früher in der Arzneikunde
-und feinen Küche eine sehr viel wichtigere Rolle spielte als heute,
-billig und damit jedermann zugänglich geworden. Noch im späten
-Mittelalter war dies nicht der Fall. Es sei hier nur an jene mehrfach
-von Malern geschilderte Begebenheit erinnert, da Kaiser Karl V., „in
-dessen Reich die Sonne nicht unterging,“ im Frühling 1530, von Italien
-zurückkehrend, den in den Grafenstand erhobenen reichen Kaufherrn Jakob
-Fugger in Augsburg besuchte. Dieser damals reichste Mann Deutschlands
-hatte dem trotz seines gewaltigen Länderbesitzes und seiner reichen
-Einnahmen nur zu oft in Geldnöten steckenden Kaiser gegen Schuldschein
-eine sehr bedeutende Summe geliehen. Als dieser sich bei seinem Besuche
-entschuldigte, daß er dem Kaufmanne das Geld noch nicht zurückerstattet
-habe, fröstelte ihn und er begann über den Unterschied des deutschen
-und italienischen Klimas zu sprechen. Da brachte der reiche Jakob
-Fugger einige Bündel der überaus kostbaren indischen Zimtrinde herbei,
-legte sie in den Kamin, des Kaisers Schuldschein darauf und zündete das
-an. Das war in den Augen der Zeitgenossen nicht nur ein fürstliches
-Geschenk, sondern die größte Ehre, die er dem Kaiser erweisen konnte;
-denn damals kostete ein Lot (15 g) Zimt etwa 10 Mark.
-
-[Illustration: Bild 41.
-
-Blütenzweig und Frucht eines weiblichen Muskatnußbaums (~Myristica
-fragrans~).]
-
-Viel mehr geschätzt als heute war im Mittelalter neben Pfeffer und
-Zimt auch die +Muskatnuß+, die von einem den Zimtbäumen weitläufig
-verwandten, 10-15 m hohen, immergrünen, in allen seinen Teilen stark
-aromatisch riechenden Baume (~Myristica fragrans~) stammt. Er wuchs
-ursprünglich wild auf den Bandainseln in den Molukken und einem Kranz
-darum gelegener kleiner Inseln. Heute existiert er jedoch nur noch
-als Kulturform. Die sehr große Krone sitzt auf einem bis 70 cm dicken
-Stamme, dessen schmutzig olivengrüne Rinde und rötliches Mark einen
-Saft besitzen, der durch Berührung mit der Luft rot wird. Es gibt von
-ihm männliche und weibliche Bäume, die an den reich verästelten Zweigen
-bis 10 cm lange, länglicheiförmige, dunkelgrüne, glatte, lederige,
-kurzgestielte Blätter tragen und aus den Blattwinkeln die unscheinbaren
-Blüten hervorbrechen lassen. Die männlichen Blüten bilden Rispchen
-mit einfacher weißer Blütenhülle, während die gelblichen weiblichen
-einzeln stehen und innerhalb der etwas kleineren, dreizähnigen Hülle
-einen einfächerigen Fruchtknoten besitzen, der eine einzige Samenanlage
-umschließt. Die äußerlich einigermaßen einem Pfirsich ähnliche Frucht
-ist eine kugelige, zuerst grüne, dann leuchtend ockergelbe, hängende
-Beere von 3-7,5 cm Durchmesser, deren äußeres Fruchtfleisch sich bei
-der Vollreife spaltet und den fleischigen, in längliche Lappen sich
-teilenden, karminroten Samenmantel erblicken läßt, der den nußartigen
-Samen umschließt und, getrocknet, wobei er allerdings seine schöne
-Farbe einbüßt und goldgelb wird, als +Macis+ oder +Muskatblüte+ in
-den Handel gelangt. Der darunter liegende nußartige Samen besitzt
-unter einer dünnen, harten, holzigen Schale einen Kern, der getrocknet
-die bekannte Muskatnuß bildet, die außer einem ätherischen Öl, dem
-Muskatnußöl, ein Fett, die Muskatnußbutter enthält, die ausgepreßt
-werden kann. Die Muskatnuß zeigt auf ihrer Oberfläche die Furchen,
-die von den Lappen des Samenmantels hervorgebracht werden, und die
-marmorierte Zeichnung in ihrem Innern rührt davon her, daß das
-Nährgewebe des Samens tief zerklüftet ist; und gerade in diesen
-Klüften befindet sich in einer bräunlichen Substanz das aromatische
-Muskatnußöl, nebst der Butter, die zusammen 33 Prozent ihres Gewichtes
-ausmachen. Sie werden durch Pressen der erwärmten Samen in Form einer
-bräunlichen, stark muskatnußartig riechenden Masse gewonnen, die häufig
-in den Apotheken Verwendung findet.
-
-Nächst einer gleichmäßigen, hohen Temperatur verlangt der Muskatnußbaum
-viel Feuchtigkeit im Boden und in der Luft und eine nährstoffreiche,
-lockere Erde, wie sie der durch Verwitterung von trachytischer Lava und
-vulkanischem Sande entstandene sandiglehmige, humusreiche Boden seiner
-Heimat aufweist. Er verleugnet niemals seine Waldbaumnatur, indem er
-sein ganzes Leben in der wasserdampfgeschwängerten Luft des Urwaldes,
-oder wenigstens im Schatten von Nachbarbäumen stehen will. Auf den
-Bandainseln gibt man ihm durchwegs den hohen gemeinen Canarienbaum
-(~Canarium commune~) als schattenspendenden Gesellschafter. Dieser
-ist auf den Molukken heimisch, seine Fruchtkerne werden wie süße
-Mandeln gegessen und sein Harz dient zur Herstellung von Fackeln. Der
-Muskatnußbaum wird in von Bananen beschatteten Beeten, die sorgfältig
-von Unkraut und Ungeziefer rein gehalten werden müssen, aus den Samen
-gezogen und, wenn er 0,8-1,0 m hoch geworden ist, in Abständen von
-6-8 m an seinen bleibenden Standort versetzt, an welchem durch
-vorheriges Pflanzen jener größeren Schattenbäume für die Abhaltung
-allzu großen Sonnenbrandes gesorgt wurde. Dabei pflanzt man auf 20
-weibliche Bäume, die ja einzig Frucht tragen, einen männlichen, der zu
-deren Befruchtung dient. Die weitere Pflege und das Beschneiden des
-Baumes, das nicht allzu ausgiebig erfolgen darf, da er sehr empfindlich
-gegen Verwundungen ist, geschieht vollständig wie beim Kakaobaum. Bei
-guter Pflege wird der Muskatnußbaum im achten Jahre tragbar, erreicht
-aber erst im 14. bis 16. Jahre seine Vollkraft, die er ungefähr 30
-Jahre lang bewahrt. Dann geht er seiner Erschöpfung entgegen, deren
-rascherer oder kürzerer Verlauf von der Behandlung abhängt. Wenn
-dieselbe mustergültig ist, kann der Baum seine Tragfähigkeit auf 80 und
-sogar 90 Jahre ausdehnen. Gut gehaltene Bäume liefern mit Leichtigkeit
-1500 bis 2000 Nüsse jährlich, doch rechnet man beim Plantagenbau meist
-nicht mehr als 2,5 kg getrockneter Nüsse und ein Viertel dieses
-Betrages für Macis.
-
-Von der Blüte bis zur Reife der Früchte vergehen neun Monate. Wenn
-nun auch das Blühen und Fruchttragen unabhängig von der Jahreszeit
-beständig vor sich geht, so spricht man gleichwohl von zwei bis drei
-Erntezeiten im Jahr, weil sich innerhalb derselben die Reife am meisten
-häuft und man es nicht für lohnend hält, unausgesetzt einzelne reife
-Früchte zu ernten. Daher läßt man, soweit es angängig ist, die Früchte
-hängen, bis sie in Massen abgenommen werden können. Dies geschieht,
-wenn die äußere Schale berstet, im April (beste Qualität), Juli (größte
-Menge) und November. Zur möglichsten Schonung der tragenden Zweige
-werden die Früchte mittels langer Bambusstangen, an denen vorn ein
-Körbchen nebst Haken befestigt ist, gepflückt und zunächst ihres gelben
-Fruchtfleisches beraubt, was -- weil die Hülle geborsten ist -- leicht
-mit den Händen ausgeführt werden kann. Dieses Fruchtfleisch wird von
-den Eingeborenen gegessen und gelangt eingemacht auch nach Europa; doch
-wird es in den Plantagen meist weggeworfen. Die von der Macis umgebenen
-Nüsse werden in Tragkörben nach Hause gebracht, daselbst der rote
-Samenmantel behutsam abgestreift, an der Sonne getrocknet und dabei
-mehrfach mit den nackten Füßen platt gestampft, bis er schließlich
-dünn und gelb erscheint. Die Kerne dagegen werden ein bis zwei Monate
-lang in einem Trockenhaus, in dessen Mitte ein offenes, rauchendes
-Feuer unterhalten wird, bei schwacher Hitze getrocknet, indem man sie
-jeden zweiten oder dritten Tag vermittelst platter Holzrechen umwendet.
-Wenn sie soweit trocken sind, daß die Nuß in der Schale rasselt, wird
-letztere mit einem Holzhammer aufgeschlagen und hernach die Muskatnüsse
-ausgesiebt. Dann werden letztere mit den Händen sortiert, als Schutz
-gegen Insektenfraß mit gepulvertem Kalk eingerieben und, sorgfältig in
-Fässern verpackt, in den Handel gebracht. Früher wurden sie von den
-Holländern extra eine Zeitlang in einem Kalkwasserbad liegen gelassen,
-um in erster Linie ihre Keimfähigkeit zu zerstören und dadurch eine
-Weiterverbreitung des Baumes zu verhindern, was wegen des von ihnen
-ausgeübten Monopols sehr wichtig war. Doch weiß man jetzt, daß diese
-Maßregel vollständig überflüssig ist und das Trocknen der geschälten
-Nüsse allein schon genügt, um ihre Keimkraft zu vernichten. Die kleinen
-und schadhaften Muskatnüsse werden jetzt gleichfalls meist nach Europa
-exportiert, um in Fabriken gemahlen und, in Säcke gefüllt und in
-warmem Zustande einer kräftigen Pressung ausgesetzt, das bräunliche,
-aromatisch riechende Fett abzugeben, das als Muskatnußbutter in den
-Handel gelangt.
-
-Die alten Griechen und Römer scheinen die Muskatnüsse nicht gekannt
-zu haben. Eine angebliche Erwähnung durch den griechischen, um die
-Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Rom lebenden Arzt Dioskurides
-ist unsicher. Die erste sichere Nachricht von ihnen findet sich
-beim byzantinischen Arzte Aëtios um die Mitte des 6. Jahrhunderts.
-Die Araber dagegen kannten sie im 9. Jahrhundert sehr gut, und der
-gelehrte arabische Arzt Avicenna, eigentlich Ibn Sina aus Bochara
-(980-1037), der Leibarzt mehrerer Sultane, spricht von ihnen als einer
-gebräuchlichen indischen Droge. Die später heilig gesprochene Äbtissin
-Hildegard im Kloster Rupertsberg bei Bingen (1098-1197) berichtet, daß
-man zu ihrer Zeit die Muskatnüsse als kostbares Gewürz benutzte und
-sogar davon ins Bier rieb. Diese Sitte blieb das ganze Mittelalter
-hindurch gebräuchlich. Der byzantinische Hofarzt Joannes Aktuarius
-in Konstantinopel erwähnt die Muskatnuß zu Ende des 12. Jahrhunderts
-als ~nux unguentaria~, ~quam myristicam appellant~, d. h. die zur
-Bereitung von Salben benützte Nuß, welche man ~myristica~ (griech. zum
-Salben gehörig) nennt. Das ganze Mittelalter hindurch genoß man die
-Muskatnuß, den verschiedensten Speisen beigemischt, als magenstärkendes
-Mittel. Vielfach diente sie auch zu aromatischen Räucherungen, wie
-z. B. bei der Krönung Heinrichs VI. im April 1191 in Rom, wo als
-solche Balsama neben Weihrauch und Ambra auch die ~myristica~ genannt
-wird. Albertus Magnus (1193-1280) schildert Muscata als einen sehr
-schönen, lorbeerblätterigen Baum Indiens, dessen Blüte die Macis sein
-sollte. 1158 treffen wir ~nuces muscatarum~ aus Alexandrien unter den
-Handelsartikeln der Genuesen und 1180 befinden sich Muskatnüsse unter
-den in Akkon im südlichen Syrien eingeführten indischen Spezereien. In
-einem Festspiel zu Treviso 1214 warf man Muskatnüsse unter die Menge,
-und 1228 wurde in Marseille auf die Einfuhr derselben und der Macis
-bereits ein Zoll gelegt. Dieselbe Maßregel wurde 1380 von der Stadt
-Brügge getroffen, in welcher die Einfuhr dieser Handelsware schon
-ballenweise erfolgte.
-
-Vom 12. Jahrhundert an werden die ~nuces moschatae~, d. h. nach Moschus
-riechenden Nüsse, woraus unsere deutsche Bezeichnung Muskatnüsse
-hervorging, in jeder abendländischen Aufzählung von Heilmitteln und
-Gewürzen genannt; dabei findet sich vielfach die Bemerkung, daß sie
-aus Indien eingeführt werden. Bald nach der Entdeckung des Seeweges
-nach Ostindien um das Kap der Guten Hoffnung durch den portugiesischen
-Schiffskapitän Vasco da Gama 1498 sahen auch schon die ersten Europäer,
-und zwar Portugiesen, ums Jahr 1504 die ersten Muskatnußbäume auf
-den Bandainseln. Dort trieben die einheimischen Fürsten einen
-schwunghaften Handel mit den in den westlichen Kulturländern
-vielbegehrten Muskatnüssen. Namentlich waren die Sultane von Ternate
-und Tidor, zweier kleiner Inseln an der Westküste von Dschilolo in der
-ostmalaiischen Inselwelt, wegen ihres durch den Handel mit jenen Nüssen
-erworbenen großen Reichtums und ihrer dadurch bedingten königlichen
-Prunkentfaltung berühmt. So gibt uns der englische Seefahrer Sir
-Francis Drake (1540-1596), der bei einer Reise um die Erde 1579, also
-bereits nach der Vertreibung der Portugiesen, Ternate besuchte, eine
-eingehende Schilderung der dort entfalteten Pracht. Er schreibt. „Über
-dem König wurde ein sehr kostbarer Baldachin von getriebener Goldarbeit
-getragen, und zwölf Lanzenträger waren seine Beschützer. Vom Gürtel
-bis auf den Boden waren alle Kleider von Gold und prächtig verziert.
-In seinen Kopfputz waren verschiedene über einen Zoll breite Ringe
-geflochtenen Goldes eingewebt, was ihm ein fürstliches Aussehen gab
-und der Form nach einer Krone glich. Um den Hals trug er eine Kette
-aus gediegenem Gold mit sehr großen Gliedern, zweimal herumgelegt. An
-seiner Linken blitzten ein Diamant, ein Smaragd, ein Rubin und ein
-Türkis und an seiner Rechten in einem Ringe ein dicker tadelloser
-Türkis und in einem anderen viele Diamanten von geringerer Größe.“
-
-Mit Waffengewalt setzten sich nun die Portugiesen zu Beginn des
-16. Jahrhunderts auf den solch kostbares Gewürz hervorbringenden
-Bandainseln fest und erhoben die Erzeugung und den Handel mit dieser
-Droge zu ihrem Monopol. Fast ein Jahrhundert lang besaßen sie es
-und übermittelten ausschließlich den Völkern des Abendlandes die
-so geschätzten Muskatnüsse, Gewürznelken und den Zimt, was ihnen
-reichen Gewinn brachte. Erst 1605 vertrieben sie die nach dem blutigen
-Kampfe gegen die spanischen Habsburger als seefahrende Nation
-erstarkten Holländer von den Gewürzinseln und erhoben den Handel
-mit den obgenannten Gewürzen zu ihrem ausschließlichen Monopol,
-das sie mit äußerster Strenge handhabten. Sie beschränkten die
-Kultur des Muskatnußbaumes auf die Inseln Banda und Amboina, deren
-Bevölkerung, soweit sie nicht geflüchtet war, zu Sklaven gemacht und
-ihr Grundbesitz unter die holländischen Ansiedler verteilt wurde.
-Diese mußten ihr ganzes Gelände mit Muskatnußbäumen bepflanzen und
-die Ernten zu festgesetzten Preisen an die Regierung, d. h. an die
-niederländisch-ostindische Kompagnie verkaufen. Diese machte natürlich
-ausgezeichnete Geschäfte und geriet erst in den 1790er Jahren, als das
-Monopol durchbrochen war, in Bedrängnis, so daß der holländische Staat
-selbst jene Gewürzinseln in Regie nahm.
-
-Da nun aber die auf den Molukken zahlreich vorkommenden, teilweise
-bunt gefiederten Tauben aus der Gattung ~Myristicivora~, d. h.
-Mußkatnußfresser, sich vorzugsweise von den Früchten des Muskatnußbaums
-ernähren und dabei nicht selten die reife Frucht mit dem für sie
-allein verdaulichen Fruchtfleisch verschlucken und mit dem Kote die
-Nuß mit unverminderter Keimkraft wieder von sich geben, so konnten
-sie es nicht verhindern, daß hin und wieder auf benachbarten Inseln
-auf solche Weise verschleppte Muskatnußbäume auftauchten. Wer nun von
-Eingeborenen das Vorhandensein solcher Bäume auf unerlaubtem Gebiete
-verheimlichte und durch den Verkauf der Nüsse das von der holländischen
-Handelsgesellschaft für sich in Anspruch genommene Gewürzmonopol zu
-durchbrechen versuchte, der wurde erbarmungslos von den holländischen
-Beamten mit dem Tode bestraft.
-
-Um den Preis nicht zu drücken, sammelte man in Holland ungeheure
-Vorräte der verschiedenen Gewürze in den Vorratshäusern der
-holländisch-ostindischen Kompagnie an. Wurden diese mit der Zeit zu
-groß, so verbrannte man lieber große Mengen davon, als daß man sie
-billiger ans Volk abgab. So erzählt uns der Holländer Valmont de
-Bornare, daß er Augenzeuge davon gewesen sei, wie einmal in Amsterdam
-drei große Schuppen voll Muskatnüsse, von denen jeder hingereicht
-hätte, mit seinem Inhalt eine Kirche zu füllen, verbrannt wurden. Nach
-dem Brande habe das müßig zuschauende Volk förmlich in der durch die
-große Hitze ausgeschmolzenen Muskatnußbutter gewatet. Aber niemand
-durfte bei schwerer Strafe eine Nuß oder einen Tropfen Öl nehmen. Der
-Franzose Beaumaré sah noch am 10. Juni 1760 in Amsterdam in der Nähe
-des Admiralitätsgebäudes für 8 Millionen Livres Muskatnüsse verbrennen,
-und der Engländer Wilkocks erzählt, wie er durchgereist sei, habe man
-just bei Middelburg in Zeeland solche Mengen Gewürznelken, Zimt und
-Muskatnüsse verbrannt, daß die Luft viele Meilen im Umkreise von dem
-aromatischen Dufte erfüllt gewesen sei.
-
-Von den Bandainseln brachten die Franzosen geheimerweise den
-Muskatnußbaum zugleich mit dem Gewürznelkenbaum im Jahre 1770 nach
-Isle de France (dem heutigen Mauritius) und Bourbon und 1773 nach
-Cayenne. Auf der erstgenannten Insel wurde dann die vom französischen
-Statthalter Poivre eingeführte Kultur durch den Deutschen Josef Huber
-bedeutend gehoben. Derselbe hatte nämlich zuerst ermittelt, daß
-ein einziger männlicher Muskatnußbaum zur Befruchtung von hundert
-weiblichen vollständig ausreiche. Er ließ deshalb die überflüssigen
-männlichen Bäume stutzen und Zweige von weiblichen Bäumen auf sie
-pfropfen, ein Verfahren, an das die Holländer nie gedacht hatten.
-Im Jahre 1796 nahmen die Engländer den Holländern die für sie als
-praktische Geschäftsleute so begehrenswerten Molukken ab und siedelten
-den Baum auf dem damals ebenfalls von ihnen besetzten Sumatra und 1798
-auch in Singapur, Penang und Bengalen an. Obschon sie jene Inseln bald
-wieder ihren früheren Eigentümern zurückgeben mußten, so war doch
-damit endgültig das so lange eifrig gehütete holländische Monopol
-durchbrochen, so daß der Preis der Muskatnüsse, von denen das Pfund
-1790 noch 20 alte holländische Gulden gekostet hatte, wie auch der
-übrigen indischen Gewürze nun auf einen für jedermann erschwinglichen
-Preis sank. Infolge davon wurde ihre bis dahin mehr auf die Apotheken
-beschränkte Verwendung als Arznei eine allgemeine und fanden sie bald
-als beliebtes Gewürz selbst der ärmeren Klasse Eingang. Welche große
-Bedeutung noch vor kaum mehr als drei Menschenaltern wie den übrigen
-indischen Gewürzen, so speziell der Muskatnuß zugeschrieben wurde,
-beweist die Tatsache, daß der Arzt Paullini ein 876seitiges Buch über
-sie und ihre Wirkung auf den Menschen schrieb.
-
-Heute ist die übermäßig hohe Schätzung all dieser Gewürze auf
-ein sehr bescheidenes Maß zurückgegangen. Der Muskatnuß- wie der
-Gewürznelkenbaum dürfen zwar auf allen den Holländern gehörenden
-Inseln angepflanzt werden, aber die Früchte dürfen nur an die
-holländische Handelsgesellschaft zu einem bestimmten, sehr niedrigen
-Preise verkauft werden. Dafür stellt die Regierung den holländischen
-Pflanzern Sträflinge zur Verfügung, die den Plantagenbau und die Ernte
-besorgen. Außer in ganz Holländisch-Indien wird der Muskatnußbaum
-heute auch auf der Halbinsel von Malakka, ebenso in beschränktem
-Maße in Südindien, auf Reunion, in Brasilien, Guiana und Westindien
-kultiviert. Doch liefern heute noch die Molukken die beste Sorte und
-bringen damit den Holländern, die nach wie vor den Haupthandel mit
-diesem Gewürz in Händen haben, viel Geld ein. Zwei Fünftel der gesamten
-Weltproduktion stammen von den drei kleinen, insgesamt nur 44 qkm
-großen Inseln Groß-Banda, Neira und Ay, die Pflanzungen von 3000-30000
-Muskatnußbäumen aufweisen und jährlich von etwa 400000 tragenden
-Bäumen durchschnittlich 600000 kg Muskatnüsse und 150000 kg Macis nach
-Java bringen, von wo aus sie mit noch weiteren 100000 kg dort erzeugter
-Muskatnüsse in den Handel gelangen. England allein führt aus Malakka
-und Südindien etwa 400000 kg Muskatnüsse und rund 40000 kg Macis aus.
-Europa kauft vorzugsweise die Muskatnüsse, Nordamerika dagegen die
-Macis, die dort höher geschätzt wird.
-
-In neuerer Zeit gelangen noch einige andere Arten von Muskatnüssen
-als Ersatz der echten in den Handel. So wachsen in den nördlichen
-Molukken, auf den Inseln Batjan, Tidor und Halmahera, zwei der
-echten Muskatnuß sehr nahe verwandte Arten (~Myristica speciosa~ und
-~succedanea~) wild, deren Nüsse gleichfalls gesammelt werden und billig
-in den Handel kommen. Diese werden ebensowenig kultiviert als der
-+Onin-Muskatnußbaum+ (~Myristica schefferi~), der wild im westlichen,
-holländischen Teil von Neu-Guinea wächst und sehr wohlriechende Früchte
-liefert. Wichtiger als diese ist eine andere Muskatnußart, die in nicht
-unbedeutenden Mengen mit dem Namen +lange+ oder +Papua-Muskatnuß+ auf
-den Markt gebracht wird. Sie ist länger als die gewöhnliche Muskatnuß
-und stammt vom silberblätterigen Muskatnußbaum (~Myristica argentea~),
-einem ebenfalls im westlichen holländischen Teil von Neu-Guinea wild
-wachsenden, dem gemeinen Muskatnußbaum sehr nahe verwandten Baume.
-Dieser wird ebenfalls nicht kultiviert, sondern in wildem Zustande
-abgeerntet, weshalb es auch möglich ist, seine Früchte billig auf den
-Markt zu bringen; doch stehen sie den echten Muskatnüssen an Qualität
-durchaus nach. Leider hat man im deutschen Teile von Neu-Guinea, wo
-ebenfalls mehrere wilde Muskatnußarten vorkommen, bisher keine einzige
-dauernd aromatische und daher für den Handel brauchbare Nuß gefunden.
-
-Der Name Muskatnuß wird auch für die Früchte einiger Bäume angewandt,
-die ganz anderen Pflanzengattungen angehören, so namentlich für die
-+Kalabassen-Muskatnuß+ von Westafrika, die die Frucht eines zur
-Familie der Anonazeen gehörenden Baumes, ~Monodora myristica~, eines
-entfernten Verwandten der echten Muskatnußbäume, bildet und seit dem
-18. Jahrhundert auch auf Jamaika kultiviert wird, wohin sie durch
-westafrikanische Negersklaven gelangte. Von Lorbeergewächsarten stammen
-die +brasilianische+, +guianische+ und +madagassische Muskatnuß+,
-von Bäumen aus der Familie der Monimiazeen die +peruanische+ und
-+australische Muskatnuß+, von Nadelhölzern endlich die nach Terpentin
-riechende +kalifornische+ und +Floridamuskatnuß+. Diese teilweise in
-Form und Struktur ihrer Früchte einige Ähnlichkeit mit der echten
-Muskatnuß aufweisenden Früchte riechen wohl auch aromatisch, sind
-aber im übrigen grundverschieden von jener, so daß sie nicht mit ihr
-konkurrieren können.
-
-[Illustration: Bild 42. Blütenzweig eines Gewürznelkenbaums
-(~Caryophyllus aromaticus~).]
-
-Als Fälschungsmittel der echten Macis gelangt von Bombay aus
-der schön rote, aber durchaus nicht aromatische Samenmantel des
-Malabarmuskatnußbaums (~Myristica malabarica~) häufig in den Handel,
-während die vom silberblätterigen Muskatnußbaum Neu-Guineas stammenden
-sogenannten Macisschalen zwar wohlriechend, aber unansehnlich braun
-gefärbt sind und daher sehr niedrig im Preise stehen.
-
-Als letzte der vier von der Kulturwelt des Abendlandes während der
-vergangenen Jahrhunderte übermäßig geschätzten und infolge davon für
-die gesamte Handelspolitik jener Zeit höchst bedeutsamen indischen
-Gewürze sind außer Pfeffer, Zimt und Muskatnüsse auch noch die
-+Gewürznelken+ zu nennen. Gleich dem Muskatnußbaum ist auch der
-Gewürznelkenbaum (~Caryophyllus aromaticus~) ein 10-12 m hoher,
-immergrüner Baum der Molukken aus der Familie der Myrtengewächse.
-Sein 30-55 cm dicker Stamm mit glänzender, glatter Rinde spaltet sich
-schon in 1,3-1,6 m Höhe in einige gleichstarke Äste, die sich reich
-verzweigen und eine schöne, kegelförmige Krone bilden. Doch läßt
-man den Baum in den Pflanzungen meist nicht höher als 5 m werden,
-damit seine Blüten leichter geerntet werden können. Die länglich
-ovalen, langgestielten Blätter sind lederartig, mit zahlreichen
-kleinen Öldrüsen versehen, und laufen spitz aus. Die in Trugdolden
-stehenden Blüten sind klein, aber zahlreich, anfänglich grün, voll
-entwickelt jedoch karminrot. Auch die Blütenknospen sind rot. Die
-Früchte sind 2 cm lange und 1 cm breite Beeren von dunkelroter bis
-dunkelvioletter Farbe, die meist einen, seltener zwei länglichrundliche
-Samen umschließen. Letztere kommen getrocknet unter der Bezeichnung
-+Gewürznelkenmutter+ in den Handel. Weit aromatischer als sie sind
-jedoch die Blütenknospen, die, sobald sie sich hellrot zu färben
-beginnen, geerntet werden und, getrocknet, die Gewürznelken bilden. Sie
-bestehen aus einem etwa 1 cm langen, zylindrischen Blütenkelch, der in
-vier etwas ausgebogenen Zipfeln endet und als halbkugelige Bekrönung
-die an ihrer Spitze verwachsenen, bei der Blüte als zusammenhängende
-Kappe abgestoßenen vier Blumenblätter trägt. Nach ihrer nagelförmigen
-Gestalt nannte man sie im Mittelalter (wie die Nelken) Nägelein, woraus
-sich dann im Neuhochdeutschen die Bezeichnung Nelke ausbildete. Sie
-enthalten ein als Nelkenöl bezeichnetes ätherisches Öl, das zu allerlei
-pharmazeutischen Produkten und zum Mikroskopieren gebraucht wird.
-
-Der Gewürznelkenbaum ist weniger wählerisch in bezug auf den Boden und
-nimmt auch mit etwas weniger Luft- und Bodenfeuchtigkeit vorlieb als
-der Muskatnußbaum. Auch genügt ihm eine spärlichere Beschattung als
-jenem; in späterem Alter bedarf er einer solchen überhaupt nicht mehr.
-Nur die jungen Pflänzchen müssen vor zu ausgiebiger Sonnenbestrahlung
-geschützt werden, wozu Bananen und Rizinusstauden dienen. Wie der
-Muskatnußbaum, so verliert auch er rasch die Keimfähigkeit seines
-Samens. Daher dürfen zur Aussaat nur ganz frische Samen verwendet
-werden. An ihrem definitiven Standort werden die in Saatbeeten
-gewonnenen jungen Bäume auf sehr fruchtbarem Boden 9, auf geringem
-Boden dagegen 6 m auseinander gepflanzt. Der Boden muß namentlich
-während der Erntezeit im September von Unkraut gesäubert werden. Da die
-Nelkenbäume als Waldbäume nicht sehr widerstandsfähig gegen heftige
-Winde sind, so pflanzt man am Rande der Gewürznelkenplantagen und
-hin und wieder in Reihen quer durch die Pflanzungen als Windbrecher
-Kokospalmen und Mangobäume, die beide dieselben Ansprüche an Boden
-und Klima stellen wie die Gewürznelkenbäume. Ihre erste Ernte geben
-die Gewürznelkenbäume vom 5. Jahre an und tragen während 10 bis 15
-Jahren, wobei man von jedem Baum einen jährlichen Ertrag von 2,5-5 kg
-getrockneter Nelken rechnen darf. Die Ernte beginnt, sobald sich die
-Knospen voll entwickelt haben und sich hellrot zu färben beginnen. Die
-auf leichten Bambusleitern vor dem Aufbrechen mit der Hand gepflückten
-Blütenknospen werden, auf Matten dünn ausgebreitet, an der Sonne,
-seltener auf engmaschigen Bambushorden in einem Trockenhaus durch
-Einwirkung eines schwachen, rauchenden Feuers getrocknet, wobei sie
-wiederholt umgewendet werden. Dabei nehmen sie eine dunkelbraune Farbe
-an. Schließlich werden sie gesiebt und gelangen, in Säcke oder Kisten
-verpackt, in den Handel.
-
-Dem alten Kulturvolke der Chinesen waren die Gewürznelken schon im 3.
-Jahrhundert v. Chr. bekannt und dienten ihnen teilweise als Kaumittel.
-In die Mittelmeerländer gelangten sie erst in der römischen Kaiserzeit,
-und zwar ist Plinius der erste römische Autor, der sie erwähnt. In
-einem Zolltarif Alexandriens im 2. Jahrhundert n. Chr. werden sie
-angeführt und von Aëtios, Alexander Trallianus und Paulus Aegineta,
-griechischen Ärzten des 6. und 7. Jahrhunderts, erwähnt. Sie wurden
-damals durch malaiische Schiffer nach der von den Griechen und Römern
-Taprobane genannten Insel Ceylon gebracht und von dort durch indische
-Kauffahrteifahrer in die Häfen des Roten Meeres verfrachtet, um dann
-von Alexandrien aus als äußerst kostbare Arznei in den abendländischen
-Handel zu gelangen.
-
-Von Ceylon und dem Gewürznelkenhandel berichtet als erster Abendländer,
-der uns einen Bericht über seine Reise dorthin hinterließ, der
-griechisch-ägyptische Großkaufmann Kosmas Indikopleustes (d. h. der
-Indienfahrer) aus Alexandrien -- ein Zeitgenosse des oströmischen
-Kaisers Justinianus I. (483-565) --, der mit einem ebenfalls später
-Mönch gewordenen Genossen die weite Reise machte. Er schreibt
-darüber: „Taprobane ist eine große Insel im Ozean jenseits des
-Pfefferlandes (Malabarküste Indiens), welche die Indier Sielediva
-(richtig Sihaladipa, d. h. Löweninsel, später von den Persern und
-Arabern in Serendib verdorben), die Hellenen (älteren Griechen)
-Taprobane nennen. Dort findet man den Edelstein Hyakinthos (d. h.
-Saphir und Rubin). Diese große Insel, sagen ihre Bewohner, habe 300
-Gaudia (= 900 römische Meilen) Länge und ebensoviel Breite. Zwei
-Könige beherrschen sie, welche sich aber gegenseitig befehden. Einer
-hat das Land der Hyazinthen (das zentrale Bergland) inne, der andere
-besitzt den übrigen Teil der Insel, in welchem das ~emporion~ (der
-Handelsplatz) und der Hafen liegen. Dort an dieser Insel sammeln
-sich viele Schiffe aus ganz Indien und Äthiopien, weil sie in die
-Mitte der Länder gestellt ist und gleichfalls viele Schiffe nach
-allen Weltrichtungen entsendet; namentlich aus den dahinterliegenden
-Gewässern, so von Tzinitza (China) und anderen Stapelplätzen bringen
-sie Metaxin (Seide), Aloë (Aloëholz zum Räuchern), +Gewürznelken+ und
-Tzandana (Sandelholz) zum Austausch; auch noch andere Waren jener
-Gegenden, die sie zu den Völkern des vorderen Meeres bringen, nämlich
-nach Male (Mahe in Malabar), wo der Pfeffer wächst, und nach Kalliana
-(bei Bombay), wo Erz gewonnen wird und Sesamholz (?) und was Gewebe
-zur Kleidung gibt; denn auch diese Stadt ist ein großer Handelsplatz.
-Auch mit Sind, wo es Moschus, Bibergeil und Narden gibt, verkehrt diese
-Insel, ebenso mit Persien, dem Glücklichen Arabien und Adule (Zeila
-in Massaua in der italienischen Kolonie Erythräa am Roten Meer). Von
-diesen Handelsplätzen tauscht sie wiederum Waren ein, welche sie nach
-dem hinteren Indien führt, zugleich die Ausfuhr der eigenen Produkte
-besorgend.“
-
-In Deutschland erwähnt die Gewürznelken zuerst die heilige Hildegard,
-Äbtissin von Rupertsberg (1098-1179) als ~nelchin~. Der erste Europäer,
-der die Stammpflanze sah, war der venezianische Reisende Marco Polo,
-der sie 1272 auf den Sundainseln wachsen sah. Im Mittelalter besorgten
-die Araber den Zwischenhandel mit den Indern und lieferten die
-Gewürznelken mit Zimt und Pfeffer den Venezianern, die diese Gewürze
-ihrerseits wieder den Völkern Europas vermittelten und reichen Gewinn
-aus diesem Handel zogen. Erst als der Weg nach den Gewürzländern um
-Afrika herum von den Portugiesen erschlossen war, rissen sie das
-höchst einträgliche Gewürzmonopol an sich. Wie Spanien etwa 300 Jahre
-lang, bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts, den Handel mit ihren
-reich mit Pflanzenschätzen und teilweise auch Gold ausgestatteten
-amerikanischen Kolonien für sich beanspruchte, taten es gleicherweise
-ihre Konkurrenten, die Portugiesen, in Ostindien und der malaiischen
-Inselwelt, die sie 1524 in Beschlag nahmen. Von 1529 an mußten alle
-aus Ostindien zurückkehrenden Schiffe ihre Rückfracht ausschließlich
-in der Casa da India in Lissabon löschen und mehr wie einmal ordnete
-der König, der sich den stolzen Titel „Herr des indischen Handels“
-beilegte -- wie später sein Nachfolger, die holländisch-ostindische
-Handelskompagnie -- die Vernichtung der kostbaren indischen Gewürze
-an, wenn deren Vorräte zu sehr anschwollen und die Preise zu drücken
-drohten. Erst im Jahre 1599 sprengten die inzwischen in der Seefahrt
-erstarkten Holländer diese von den Portugiesen ausgeübte Ozeansperre.
-Nach der Eroberung der von den Portugiesen nicht mehr zu haltenden
-Molukken im Jahre 1621 übernahm die holländisch-ostindische Kompagnie
-das Gewürzmonopol, das sie bis zum Jahre 1796 zu behaupten vermochte.
-Während dieser ganzen Zeit bestimmte sie den Preis der vielbegehrten
-Gewürze. Das äußerst gewinnbringende Monopol wurde, so gut es ging,
-auch von den Engländern während deren Okkupation von Holländisch-Indien
-in den Jahren 1796-1802 und 1810-1816 aufrechterhalten. Als dann die
-Gewürzinseln im letztgenannten Jahre definitiv an Holland zurückfielen,
-nützte diesen das, wie auch die Zwangskultur, bis 1873 theoretisch
-festgehaltene Monopol für Gewürznelken und Muskatnuß nur noch wenig.
-Wie in der Sage der Lindwurm seinen Schatz in der Höhle, so hüteten die
-Holländer ihre von den zu Sklaven gemachten Eingeborenen kultivierten
-Gewürznelkenbäume auf den Inseln Amboina und Saparna, nachdem sie alle
-anderen als die von ihnen dort beaufsichtigten Gewürznelkenbäume auf
-sämtlichen Inseln der Molukken zerstört hatten. Auf ihren Streifzügen
-durch die Nachbarinseln, die zu dem Zwecke unternommen wurden, um alle
-aus durch Vögel oder Menschen verschleppten Samen hervorgegangenen
-Gewürznelkenbäume zu vernichten, vollführten die rohen von der
-holländisch-ostindischen Kompagnie dazu angestellten Soldaten die
-unerhörtesten Grausamkeiten gegen die armen Eingeborenen, die dem Baume
-fast abgöttische Verehrung erwiesen. Sie nannten ihn einen König unter
-den Gewürzpflanzen und führten Gewürznelken als wirksames Mittel gegen
-Zauberei bei sich, was bis auf den heutigen Tag der Fall ist. Ja,
-Vornehme tragen sie als auszeichnenden Schmuck in Unterlippe, Nase und
-Ohren.
-
-Das so eifrig von den Holländern gehütete Gewürzmonopol erlitt den
-ersten Stoß als es 1770 dem französischen Statthalter von Isle de
-France (dem heutigen Mauritius) Poivre gelang, ungeachtet der auf die
-Ausführung der Bäume gesetzten Todesstrafe durch eine auf zwei kleinen
-Schiffen nach deren Erlangung ausgesandte Expedition sich aus Samen
-kleine Pflänzchen des Gewürznelken- und Muskatnußbaumes zu verschaffen.
-Die schlauen Franzosen überlisteten die Holländer und vermochten auch
-mit ihren beiden Schiffen der Verfolgung des ihnen nachgesandten
-Geschwaders zu entgehen. Sie brachten den Gewürznelkenbaum zuerst nach
-Isle de France, dann auf die Seychellen, Réunion und Bourbon, von wo er
-1773 nach Cayenne und den übrigen westindischen Besitzungen Frankreichs
-gelangte, wo er gleichfalls gut gedieh. Von der Insel Isle de France,
-die die Engländer 1810 von den Franzosen eroberten, um sie nach der
-Bezeichnung der vorher die Insel innehabenden Holländer, die sie nach
-dem Statthalter der Niederlande Prinz Moritz von Oranien (1567-1625)
-benannt hatten, wiederum Mauritius zu heißen, verbrachten ihn die
-Engländer nach der Halbinsel Malakka und den von ihnen vorübergehend
-besetzten Inseln Java und Sumatra. Auch wurde er auf Sansibar und
-Pemba, wo die Kultur 1793 durch den Araber Harameh ben Saleh von
-Mauritius aus eingeführt wurde, und an anderen Orten mit solch gutem
-Erfolge verpflanzt, daß mit der Zeit die Gewürznelkenproduktion
-der Molukken ganz in den Hintergrund gedrängt zu werden vermochte.
-Gegenwärtig ist die wichtigste Bezugsquelle der Gewürznelken
-Sansibar mit der Nachbarinsel Pemba, obgleich in den 1860er Jahren
-ein gewaltiger Sturm -- eine sonst dort verhältnismäßig selten zu
-beobachtende Naturerscheinung -- fast alle Gewürznelkenbäume zerstörte
-und auch die Qualität der hier gewonnenen Gewürznelken keineswegs als
-die beste gilt. Die feinste Sorte liefert immer noch Amboina, deren
-Menge aber zu gering ist, als daß sie auf dem Weltmarkte eine große
-Rolle zu spielen vermöchte.
-
-Als +Nelkenzimt+ (~Cassia caryophyllata~) werden nelkenartig riechende
-Rinden verschiedener Bäume bezeichnet, so z. B. der indischen
-~Sizygium caryophyllatum~, der westindischen ~Pimenta acris~,
-beides Myrtengewächsen, sowie des brasilianischen ~Dicypellium
-caryophyllatum~, eines dem Zimt näher verwandten Baumes aus der Familie
-der Lorbeergewächse. Doch haben diese Rinden nur eine lokale Bedeutung
-und gelangen kaum in den Welthandel. Dafür aber liefert ein naher
-Verwandter des Gewürznelkenbaums das +Piment+ (vom mittellateinischen
-~pigmentum~ Farbstoff) oder den +Nelkenpfeffer+, dessen Geschmack und
-Geruch allerdings weniger an Pfeffer als an Gewürznelken erinnert.
-Feinschmecker wollen erkennen, daß das Piment den Geruch und Geschmack
-von Gewürznelken, Pfeffer, Zimt, kurz von allen Gewürzen in sich
-vereinige. Das gab Veranlassung zur Bezeichnung ~allspice~, d. h.
-Allgewürz, unter welchem Namen ihn die Engländer als ein äußerst
-beliebtes Gewürz ihrer westindischen Kolonie Jamaika viel verwenden.
-Die Welt ist darauf angewiesen, ihren Bedarf an Piment von dieser Insel
-zu beziehen, weshalb man ihn vielfach auch +Jamaikapfeffer+ bezeichnet.
-Nur dort in seiner engeren Heimat Jamaika und einigen Nachbarinseln
-erzeugt der Pimentbaum das volle Aroma seiner Früchte. Wild kommt er
-nur auf Kalksteinhügeln in der Nähe des Meeres vor, wird aber schon
-lange im großen angepflanzt. Er ist aber so empfindlich für Boden
-und Klima, daß es nicht einmal gelang, seine Kultur in nennenswertem
-Umfange auf den nördlichen westindischen Inseln einzuführen.
-
-Der Pimentbaum (~Pimenta officinalis~) ist ein immergrüner,
-breitästiger, im Wuchse dem Apfelbaum ähnlicher Baum, der in Westindien
-häufig zur Anpflanzung von Alleen benutzt wird. Alle Teile des Baumes,
-besonders die unreifen Früchte, besitzen einen starken, feurigen, aber
-angenehmen aromatischen Geschmack. Die nahezu weiße Rinde des 10-12 m
-hohen Baumes, deren äußerste Schicht er alljährlich abwirft, ist ebenso
-aromatisch wie die 10 cm langen tiefgrünen, glänzenden, länglich
-ovalen, etwas lederigen Blätter. Aus den Blattwinkeln und Zweigspitzen
-treten Rispen von zahlreichen, kleinen, weißen, starkduftenden
-Blüten. In Westindien blühen die Bäume gewöhnlich zweimal im Jahre;
-aber nur die Blüten, die im April und Mai erscheinen, sind fruchtbar
-und erzeugen erbsengroße, kugelige, zweisamige Früchte von bei der
-Reife purpurroter Farbe. Sie enthalten dann ein süßes, kleberiges
-Fruchtfleisch, aus welchem allerdings das feine Aroma zum größten
-Teil verschwunden ist, das während ihres unreifen Zustandes so stark
-hervortrat. Sie werden deshalb unreif grün geerntet, sobald sie die
-Größe von Pfefferkörnern erlangt haben, und dann an der Sonne oder in
-Darröfen getrocknet, wobei sie eine gelbbraune Farbe annehmen. Ein
-vollkräftiger Baum liefert bis zu 60 kg grüner oder 40 kg getrockneter
-Früchte, die ein dem Gewürznelkenöl sehr ähnliches und auch als Ersatz
-desselben verwendetes ätherisches Öl enthalten.
-
-Das allgemein als Küchengewürz verwendete Piment wird zuerst von
-Clusius (Charles de l’Ecluse, 1526 zu Arras in Nordfrankreich geboren
-und 1609 als Professor der Botanik zu Leiden in den Niederlanden
-gestorben) erwähnt. Der Pimentbaum wird vorzugsweise auf der Nordseite
-der Insel Jamaika, neuerdings aber auch in anderen Tropengebieten, so
-seit dem 17. Jahrhundert in Ostindien kultiviert, doch liefert er,
-wie gesagt, nur in seiner engeren Heimat die besten, gewürzreichsten
-Früchte.
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-
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-
-XV.
-
-Die berauschenden Getränke.
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-Es scheint dem Menschen das tiefgehende Bedürfnis inne zu wohnen, sich
-bisweilen zu berauschen. Diese eigentümliche Neigung teilt er übrigens
-mit der Tierwelt, die sich gerne, wo sie nur kann, über sich ihr
-darbietende alkoholhaltige Getränke hermacht, um sich daran in einen
-Rauschzustand zu versetzen. Wenn beispielsweise eine Eiche oder sonst
-ein Baum infolge irgendwelcher Verletzung blutet und der austretende
-Zuckersaft durch das Hinzutreten der allgegenwärtigen Hefepilze in
-alkoholische Gärung gerät, so kommen die Hirschkäfer von weit und
-breit angeflogen und feiern mit solcher Ausdauer ein Gelage, daß sie
-oft dutzendweise völlig beduselt am Fuße des Baumes herumliegen. An
-blutenden Birken mit gärendem Safte findet man stets eine Menge von
-Trauermänteln, Hornissen, Fliegen und anderen Insekten, die durch ihr
-absonderliches Benehmen erkennen lassen, daß ihnen die gefährliche
-Flüssigkeit das Unterscheidungsvermögen geraubt hat. Gleicherweise
-hat man Bienen an wässerigem und dann rasch in alkoholische Gärung
-übergegangenem Honigtau sich dermaßen berauschen gesehen, daß sie den
-Heimweg nicht mehr fanden und, betrunken, auf den betreffenden Bäumen
-übernachteten. Wie Affen kann man bekanntlich auch Pferde und Hunde
-leicht an geistige Getränke gewöhnen, so daß sie eine förmliche Sucht
-danach bekommen, und selbst an frei lebenden Säugetieren, wie z. B. an
-Eichhörnchen, die sich an gegorenem Eichensafte berauschten, lassen
-sich derartige Neigungen beobachten.
-
-Allerdings war es für den Menschen im Naturzustande äußerst schwierig,
-sich solche Stoffe zu verschaffen, die ihn in einen derartigen Zustand
-der Berauschung brachten. Beim zufälligen Genusse giftiger Pflanzen
-lernte er diesen wohl zuerst kennen und suchte ihn gelegentlich später
-freiwillig zu erneuern. So ist vielleicht die Tollkirsche einst bei
-den Steinzeitvölkern Europas in der Weise gebraucht worden, wie heute
-noch der Fliegenschwamm bei den ostsibirischen Mongolenstämmen. Wenn
-diese auf niederer Kulturstufe stehenden Menschen ein Fest zu feiern
-wünschen, so genießen sie eine Abkochung des giftigen Fliegenschwammes,
-den sie in den Wäldern sammeln und trocknen, um ihn für solche
-Gelegenheiten aufzubewahren. Dieser bringt sie in einen rauschartigen
-Zustand, so daß sie taumeln und wie betrunken hinfallen. Den Weibern,
-die nüchtern bleiben, da sie nichts von diesem Berauschungstranke
-genießen dürfen, fällt dann die Aufgabe zu, die betreffenden Ehegatten
-aufzulesen und sie unbeschädigt nach Hause zu bringen, wo sie ihren
-schweren Rausch ausschlafen können. Um nun diesen mit schweren Träumen
-und Delirien verbundenen Rauschzustand möglichst lange auszudehnen,
-trinken jene Leute, aus dem Dusel erwachend, immer wieder ihren eigenen
-Urin, in dem das Gift aus dem Körper ausgeschieden wird, bis endlich
-nach mehrtägiger Vergiftung die Ernüchterung erfolgt.
-
-Was für verschiedene Pflanzengifte die ältesten Menschen Europas zu
-solchem Rausche verwandten, das steht völlig dahin. Nur das eine
-wissen wir, daß der +berauschende Honigtrank+ mit der Zeit die anderen
-weniger angenehmen Berauschungsmittel verdrängte und sich in späterer
-vorgeschichtlicher Zeit allgemeiner Beliebtheit erfreute. Auch hier
-führte der Zufall zur Entdeckung dieses Betäubungsmittels der Urzeit.
-Überall sammelt der Mensch auf niederer Kulturstufe mit Vorliebe den
-leckeren Honig wilder Bienen, den er, weil dessen starke Süße in
-konzentrierter Form in größerer Menge seinem Geschmacke widerstand, in
-Wasser verdünnt genoß. Blieb eine solche Honiglösung in einer als Gefäß
-benützten dürren Kürbisschale oder sonst welchem Naturgefäß einige
-Tage hindurch stehen, so begann sie durch spontane alkoholische Gärung
-infolge von Hineingelangen der allgegenwärtigen Hefepilze berauschend
-zu wirken. Als man diese Erfahrung gemacht hatte, stellte man
-absichtlich in Wasser stark verdünnten Honig beiseite, um sich daraus
-das älteste alkoholische Getränk, den +Met+, als sehr geschätztes
-Berauschungsmittel zu bereiten.
-
-Diesen Honigtrank liebten schon die Indogermanen, als sie zu Ende
-der Steinzeit noch als +ein+ Volk in Norddeutschland hausten. Wie
-im Sanskrit ~mádhu~ Honig und Honigtrank bedeutet, so bedeutet im
-Griechischen ~méthy~ der berauschende Trank schlechthin und ~méthē~ die
-Trunkenheit. Im Deutschen benutzen wir dafür das Wort Met, das wie
-das altslawische ~medu~ sowohl Honig als den daraus bereiteten Trank
-bedeutet. Den ältesten nachweisbaren Germanen war der aus Wildhonig
-bereitete Met das beliebte Festgetränk, das noch in der Edda als die
-Menschen und Götter gleicherweise erfreuend häufig genannt wird.
-In einer der ältesten schriftlichen Aufzeichnungen aus Hellas, dem
-orphischen Fragment 49, gibt die personifizierte Nacht dem Zeus den
-Rat, den Vater Kronos, der seinerseits bereits seinen Vater Uranos
-(d. h. Himmel) entthront und seine sämtlichen Kinder außer Zeus
-verschlungen hatte, wenn er „honigberauscht“ unter den Eichen liege,
-zu binden und zu entmannen. Es war also auch bei den Griechen, die
-schon sehr früh mit dem Wein bekanntgemacht wurden, die Urzeit als
-mettrinkend gedacht. Und noch in der klassischen Zeit Griechenlands
-waren die in Südrußland wohnenden Skythen, wie die in Mitteleuropa
-hausenden Barbaren den Griechen als Mettrinker bekannt. Bei diesen
-letzteren, die uns später als Germanen entgegentreten, war es bis
-ins Mittelalter hinein Pflicht des Häuptlings und Fürsten, seine
-Dienstmannen, wie seine Gäste, reichlich mit diesem beliebten Getränk
-zu bewirten.
-
-Die Herstellung dieses Nationalgetränkes der Deutschen, wie Europäer
-der Urzeit überhaupt, war bis in die merowingische Zeit einfach genug.
-Man sott das Honigwasser, um die spätere Gärung zu beschleunigen,
-und stellte es dann in offenen Gefäßen zur Ausgärung hin. Von der
-Merowingerzeit an liebte man es mit würzigen Kräutern, besonders
-Salbei, zu versetzen und etwas Hefe hinzuzufügen, welch letztere
-nach erfolgter Wirkung wieder abgeschieden wurde. Erst im 12.
-Jahrhundert hat dann das höfische Leben das bis dahin noch allgemein
-herrschende Ansehen des Metes in Mitteleuropa zugunsten von Bier
-und Wein herabgedrückt, bis derselbe schließlich in ganz Süd- und
-Mitteldeutschland mit dem Ende des 15. Jahrhunderts völlig außer
-Gebrauch kam. Nur in Norddeutschland, speziell Westfalen, und in
-Rußland hat er sich als beliebtes Volksgetränk bis auf unsere Zeit
-erhalten.
-
-Etwas jüngeren Datums, wenn auch schon sehr lange im Gebrauch, ist das
-+Bier+. Wie der aus Wildhonig bereitete Met vorzugsweise das Getränk
-des Jägers und Viehzüchters war, so war das Bier das Getränk des
-seßhaften Ackerbauers, das den Besitz von Getreide zu dessen Bereitung
-voraussetzt. Nach der Ernte und zu sonstigen Festzeiten wurde dann
-das, was man davon entbehren zu können glaubte, zur Herstellung dieses
-beliebten Trankes verwendet, das damals noch, wie auch der Met, so
-schwach an Alkoholgehalt war, daß erst größere Mengen davon berauschend
-wirkten.
-
-Das Bier wurde in der Weise hergestellt, daß man das Getreide erst
-einweichte, bis die einzelnen Körner zu keimen begannen und aus dem
-Stärkemehl derselben durch Fermentwirkung Zucker entstanden war. Dann
-erst wurden die erweichten Körner auf der Handmühle zerquetscht und
-an der Sonne oder, wie das Obst, auf einer Hürde über dem Herdfeuer
-gedörrt, damit bei dem darauffolgenden Kochen kein Brei, sondern
-ein zuckerreicher Extrakt entstehe. Die durch Kochen ausgezogene
-Zuckerlösung wurde durch Hinzufügen des hefehaltigen Restes des
-letztgebrauten Bieres zum größten Teil zu Alkohol vergoren und damit
-war das Bier zum Trinken fertig.
-
-Altgermanisch nannte man das Getränk ~alu~, was zweifellos mit ~alan~
-groß, kräftig werden zusammenhängt, indem man ihm, wie dies noch in
-geschichtlicher Zeit geschah, kräftigende Eigenschaften zuschrieb.
-Daher heißt das Bier heute noch in Skandinavien und Dänemark Öl, wie
-in England aus dem angelsächsischen ~ealu~ (altsächsisch ~alo~) ~ale~.
-Bei den Engländern heißt ~alehouse~ das Bierhaus. Ein weit jüngerer
-Name ist bei den Germanenstämmen das althochdeutsche ~bior~, aus
-dem unsere Bezeichnung Bier sich ableitet, das durchaus nichts mit
-dem lateinischen ~bibere~ trinken zu tun hat, wie manche Etymologen
-fälschlicherweise heute noch annehmen.
-
-[Illustration: Bild 43. Betrunkene Herren werden nach einem Gelage von
-ihren Dienern heimgetragen.
-
-Altägyptisches Wandgemälde in Beni Hassan bei Theben. (Nach Woenig.)]
-
-Alle möglichen Getreidearten dienten und dienen heute noch den
-verschiedenen primitiven Völkern zur Herstellung von Bier, das zum Teil
-schon vor der Begründung des Ackerbaus aus wildwachsenden Getreidearten
-und vor der Erfindung der Töpferei durch Erhitzen mit darein geworfenen
-heißen Steinen bereitet wurde, wie letzteres beispielsweise bei den
-Letten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch der Fall war. Erst mit
-der Zeit traf man hierin eine Auswahl des Besseren und schließlich des
-Besten. Wie anderswo Hirsebier, so trank man noch im 12. Jahrhundert in
-Deutschland Hafer-, Weizen- und Gerstenbier. Wo aber schon frühzeitig
-vorzugsweise oder allein Gerstenbier genannt wird, so ist eben auch
-nur diese in Europa älteste Anbaufrucht die ursprünglich dazu benützte
-gewesen. Solchen Gerstentrank brauten schon die ältesten für uns
-nachweisbaren Ägypter. Sie nannten es ~haki~ und ließen zu seiner
-Herstellung, wie auch wir heute noch tun, die Gerstenkörner keimen
-und gewannen so aus dem Malz eine Zuckerlösung, die durch Hefegärung
-einen mäßigen Gehalt an Alkohol aufwies. Jedenfalls tranken sie dieses
-Erzeugnis gerne neben dem später aufgekommenen Wein. So mahnt der
-Schreiber Ani (ums Jahr 1000 v. Chr.) seinen Sohn Chunsuhotep nach
-einem auf uns gekommenen Papyrus: „Versitz nicht im Bierhaus die
-Zeit, und Übles vom Nächsten darfst du auch im Rausche nicht reden...
-Leicht fällst du zu Boden und brichst dir die Glieder, und keiner
-reicht dir die Hand zur Hilfe. Sieh deine Genossen, sie trinken und
-sagen. Geh heim, der du genug getrunken!...“ In einem in den Papyri
-Sallier und Anastasi uns erhaltenen Briefwechsel zwischen mehreren
-Schreibern rügt Kakabu das leichtsinnige Leben seines Kollegen Anana
-mit folgenden Worten: „Es ist mir gesagt worden, du verlassest das
-Schrifttum, du sehnst dich nach Lustbarkeiten, du gehest von Kneipe
-zu Kneipe. Der Biergeruch, wohin führt er? Man meide den Biergeruch,
-da er die Leute herunterbringt und ihren Geist benachteiligt.“ Trotz
-aller weiser Mahnungen muß es aber in Ägypten oft recht toll zugegangen
-sein und mancher schwere Rausch mit nachfolgendem Katzenjammer hat
-altägyptische Gelage beschlossen; denn gleich dem viel älteren Herodot,
-der ums Jahr 460 v. Chr. Ägypten bereiste, meldet uns der griechische
-Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien, der in der zweiten Hälfte des
-letzten vorchristlichen Jahrhunderts seine „Historische Bibliothek“
-in 40 Büchern schrieb, daß das von den Ägyptern aus Gerste gebraute,
-als ~zýthos~ bezeichnete Bier sie so lustig mache, als ob sie Wein
-getrunken hätten. Und wir finden auch tatsächlich in den bildlichen
-Darstellungen an den Grabwänden drastische Beispiele für die Wirkung
-dieses Gerstensaftes. In Beni Hassan sehen wir zwei Sklaven ihren Herrn
-als „Bierleiche“ davontragen, und eine zweite Leiche folgt hinterher.
-In einem Wandgemälde des Gräberfeldes von Theben ist eine ägyptische
-Dame so mit Bier gefüllt, daß sie den Überschuß des aufgenommenen
-Getränks erbricht. Besonders ausgelassen muß es nach Herodot an den
-großen Festen zugegangen sein, an denen bis tief in die Nacht zu Ehren
-der zu feiernden Gottheit getrunken wurde. Die auf uns gekommenen
-griechischen Papyrusurkunden lehren uns, daß aber auch noch in späterer
-Zeit, als schon reichlich Wein gekeltert wurde, allenthalben in Ägypten
-viel Bier gebraut und getrunken wurde. Unter den prunkliebenden
-Ptolemäerkönigen war die Bierbrauerei sogar ein königliches Monopol,
-was gewiß nicht der Fall gewesen wäre, wenn der Ertrag aus diesem
-Gewerbe nicht sehr erklecklich gewesen wäre.
-
-Ebensolche Biertrinker wie die Ägypter waren die nichtarischen
-Urbewohner Spaniens und Italiens, die Iberer und Ligurer, ebenso die
-arischen Stämme der Phrygier, Thrakier und Armenier. So sagt der um 25
-n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon: „Die Ligurer wohnen
-an der Südseite der Alpen, leben großenteils von der Milch ihrer Herden
-und trinken (bei Festlichkeiten) Gerstenbier (~kríthinon póma~).“
-Ebenso an einer anderen Stelle: „Die Lusitanier (im heutigen Portugal)
-trinken Bier und nur selten Wein; statt des Öls gebrauchen sie Butter.
-Bei Trinkgelagen tanzen sie nach dem Takt der Flöte oder Trompete und
-springen dabei in die Höhe.“ Plinius dagegen sagt: „In Spanien braut
-man sogar ein Bier, das sich lange hält.“ Viel früher, nämlich schon
-ums Jahr 700 v. Chr., berichtet uns der Grieche Archilochos, daß die
-Phrygier und Thrakier aus Gerste und dem Würzkraut ~konýzē~ ein als
-~brýton~ bezeichnetes Bier brauen und trinken. Ein anderer Grieche,
-Xenophon aus Athen, ein Schüler Platons, der im Jahre 400 v. Chr.
-als Vierzigjähriger die zehntausend Mann griechische Truppen, welche
-dem jüngeren Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon zu Hilfe
-gezogen und geschlagen worden waren, durch das gebirgige Armenien ans
-Schwarze Meer und nach Byzanz führte, um sie von da aus zu Schiff nach
-Griechenland, ihrer Heimat, befördern zu lassen, berichtet in seinem
-über jenen strapaziösen Rückzug geschriebenen Bericht, der jedem
-Griechisch lernenden Schüler bekannten Anábasis, daß seine Leute,
-vom Karduchischen Gebirge kommend, in Dörfern rasteten, wo sie außer
-anderen Vorräten auch mit „Gerstenwein“ gefüllte Gefäße fanden. In
-ihnen habe noch die Gerste herumgeschwommen; zum Trinken aus diesem
-Gemisch dienten Rohrhalme, durch die man die Flüssigkeit einsog, ohne
-die darin befindlichen Gerstenkörner in den Mund zu bekommen. Das
-Getränk sei stark und berauschend gewesen, wenn man es nicht durch
-Zusatz von Wasser verdünnte; im übrigen aber hätten alle, die sich
-daran gewöhnten, diesem den weintrinkenden Griechen sonderbaren Tranke
-Geschmack abgewonnen.
-
-Auch von den alten Illyriern wird uns gemeldet, daß sie ein als
-~sabaja~ oder ~sabajun~ bezeichnetes Bier tranken, und von den
-Pannoniern berichtet uns Priscus, als er sie im Jahre 448 n. Chr.
-gelegentlich einer Gesandtschaftsreise besuchte, daß sie aus Gerste
-ein als ~camum~ bezeichnetes Getränk bereiteten. Den weitaus ältesten
-Bericht über das Vorkommen von Bier bei den Mitteleuropäern verdanken
-wir aber dem unternehmenden griechischen Kaufmanne Pytheas aus
-Massalia, dem heutigen Marseille, der zu Ende des 4. vorchristlichen
-Jahrhunderts auf seiner Fahrt um die Ostküste Europas nach dem
-Bernstein liefernden Norddeutschland bis in die Nordsee vordrang
-und uns von den dort lebenden Stämmen berichtet, daß sie kaum
-Gartengewächse und Haustiere besäßen, sich aber, außer von Kräutern,
-Beeren und Wurzeln, von angebauter Hirse nährten, aus der sie ein
-Getränk brauten, das neben dem aus Honig erzeugten -- also dem Met --
-im Gebrauch sei.
-
-Dann berichtet der griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien
-von den Germanen, daß sie ein meist aus Gerste gebrautes Bier trinken.
-Nach ihm sagt der römische Historiker Tacitus in seiner bekannten
-Schrift über Germanien: „Das Getränk der Germanen wird aus Gerste und
-anderem Getreide gebraut und ist weinartig. Die am Rheinufer Wohnenden
-kaufen auch Wein. Sie trinken so gierig, daß man sie ebensogut durch
-Lieferung berauschender Getränke, wie durch Waffengewalt überwinden
-kann.“ Schon im Altertum muß die Freude am Bier- wie am älteren
-Metgenuß allen Germanenstämmen gemeinsam gewesen sein und kein Fest
-wurde ohne Gelage gefeiert, an welchem diese Getränke reichlich
-getrunken wurden. So erfreuen sich auch in der Edda alle Götter daran,
-und der Meergott Ägir ist zugleich auch himmlischer Braumeister in
-Walhalla. Er besitzt -- als Symbolisierung des Meeresbeckens, dessen
-Gott er ist -- einen Riesenkessel und alljährlich einmal ladet er alle
-Asen zu einer feierlichen Kneiperei ein. Aber in derselben Sammlung von
-altnordischen Volksliedern, die als ältere Edda im 12. Jahrhundert auf
-Island vorgenommen und niedergeschrieben wurde, wird doch auch schon
-vor den schädlichen Folgen des Trinkens solcher berauschender Getränke
-gewarnt. So stammt aus Odins, des Göttervaters Sprüchen, der Ausspruch,
-daß zu reichlicher Met- und Biergenuß „der Sterblichen Stamme“ nichts
-tauge. Vor allzu schlimmen Wirkungen sollte das Legen der „Bierrune“
-oder das Tragen der Wurzel des Zauberlauches (~Allium victoralis~)
-als Amulett schützen. Damals war das Trinken von Bruderschaft, das
-nicht mehr wie in der Urzeit mit Blut, sondern nur mit Met oder Bier
-vorgenommen wurde, eine heilige Handlung, die gegenseitiges Eintreten
-bis zum Tode bedeutete.
-
-Selbstverständlich war das ganze Altertum und frühe Mittelalter
-hindurch die Bereitung des Bieres, wie auch des älteren Metes, für
-die kleinen Haushaltungen der Vorzeit Sache der Hausfrau, die das
-Kochen und alle übrigen Hausgeschäfte besorgte. Wie der Met war auch
-das Bier nicht nur Gesellschafts-, sondern auch Opfertrank. Als der
-heilige Columbanus ums Jahr 600 zu den Alamannen kam, da opferten diese
-dem Wodan noch regelmäßig Met oder Bier, indem sie ihm den ersten
-Ausguß weihten und den Rest zu seinen Ehren tranken. Später wurde
-der Zins an die Kirchen und Klöster vielfach in Form von Bier -- in
-Norddeutschland Met -- bezahlt. Der römische Naturforscher Plinius der
-Ältere berichtet, daß das Bier in Spanien ~caelia~ oder ~cerea~, im
-keltischen Gallien dagegen ~cervisia~ genannt und in beiden Ländern
-aus verschiedenen Getreidearten gebraut werde. Doch scheint es den
-an den Genuß von Wein gewöhnten Römern nicht gemundet zu haben. Auch
-Kaiser Julian der Abtrünnige, der es, als er während der Mitte des 4.
-Jahrhunderts in Gallien weilte, hier versuchte, spottet darüber in
-einem uns noch erhaltenen Gedicht.
-
-Diese Kelten Galliens haben das Bier, wie auch den auch von ihnen
-daneben noch häufig getrunkenen Met, zuerst in aus meist eichenen
-Dauben hergestellten Holzbottichen bereitet und dann in aus demselben
-Material hergestellten Fässern mit einer kleinen, oberen Öffnung
-kurze Zeit aufbewahrt und transportiert. Bis dahin waren bei den
-Römern und Griechen, wie bei den übrigen Kulturvölkern der alten Welt,
-große Tonkrüge (griechisch ~píthos~, lateinisch ~dolium~) im Gebrauch
-gewesen, und diese Neuerung nahmen die umwohnenden Völker als sehr
-zweckmäßig bald an. So treten uns in den Darstellungen der römischen
-Denkmäler des 3. Jahrhunderts n. Chr. in der Moselgegend Kufe und
-Holzfaß der Kelten auch für Bereitung, Aufbewahrung und Transport von
-Wein von seiten der Römer entgegen.
-
-Jedenfalls würde das rohe „Gegorene“, das die Kelten und Germanen
-in ihren Grubenwohnungen oder sonstigen primitiven Behausungen bis
-ins Mittelalter hinein tranken, uns heutigen, so überaus verwöhnten
-Europäern sehr wenig munden; denn, abgesehen von allem anderen, ist
-die Bierbereitung mit Zusatz von +Hopfen+ als Würze erst nach der
-Zeit der Völkerwanderung aufgekommen. Zwar war es -- wie wir sahen
--- schon bei manchen der verschiedenen bierbereitenden Völker des
-Altertums gebräuchlich gewesen, dem Biere noch irgend ein würziges
-Kraut oder herbe Eichenrinde zur Verbesserung des sonst etwas süßlichen
-Geschmackes dem einfachen Malzauszuge beizufügen; aber Hopfen befand
-sich sicher nicht darunter, obschon er damals in ganz Mitteleuropa
-wildwachsend angetroffen wurde und durch seine aromatisch-bitteren
-Fruchtähren schon früh auffallen mußte und jedenfalls auch als
-Heilmittel diente.
-
-Der Zusatz von Hopfen zu Bier, um den Gerstentrank würziger und
-heilkräftiger, zugleich aber auch haltbarer zu gestalten, verdanken
-wir nach den eingehenden Untersuchungen von Kobert wohl zuerst
-finnisch-ugrischen Stämmen. Bei Finnen, Letten und Esthen finden wir
-bereits in alten Traditionen und Sagen die Kenntnis und Anwendung
-gehopften Bieres. So wird auch in ihrem Nationalepos Kalewala, das
-jahrhundertelang durch mündliche Überlieferung erhalten wurde, bis
-es Lönnrot sammelte und geordnet herausgab, der Hopfen als Bierwürze
-genannt. Von diesen Stämmen der Ostsee drang die Sitte, das Bier
-mit Hopfen zu würzen, langsam westlich vor. Zwischen der Zeit des
-Abzuges der Angeln und Sachsen von der unteren Weser und Elbe nach
-England im Jahre 449 und dem Aufkommen der Karolinger als Hausmeier
-im Frankenreiche der Merowinger im 7. Jahrhundert muß dieser Gebrauch
-nach Westeuropa gelangt sein. Zuerst tritt er uns in nordgallischen
-Klöstern um die Mitte des 8. Jahrhunderts entgegen, und es klingt
-wie eine verdunkelte Erinnerung an die Einführung einer solch
-wichtigen Neuerung, wenn seit dem Mittelalter die Sage ging, daß in
-der Landschaft Brabant ein König Gambrinus das Würzen des Bieres mit
-Hopfen erfunden habe. Nun wissen wir aus den mittelalterlichen Urkunden
-jener Gegend, daß die besonders in den Klöstern amtierenden Bierbrauer
-mittellateinisch ~cambarii~ und ihre Werkstatt, das Brauhaus, ~camba~
-hieß. Aus diesem ~cambarius~ hat die geschäftige Legende einen König
-Gambrinus gemacht; aber dieser Erfinder des gehopften Bieres trug keine
-Krone, sondern den geschorenen Scheitel und die wollene Kutte eines
-Mönchs. Und bei den engen Verbindungen der Klöster untereinander ist es
-nicht zu verwundern, daß das Hopfenbier mehr und mehr in Aufnahme kam
-und das weniger schmackhafte und haltbare ungehopfte Bier allmählich
-verdrängte.
-
-Die erste nachweisbare Erwähnung einer Hopfenpflanzung befindet sich
-unter der Bezeichnung ~humularia~ in einer Schenkung Pippins des
-Kleinen, des Sohnes Karl Martells und Vaters Karls des Großen, aus
-dem Jahre seines Todes 768; vierhundert Jahre später war die heilige
-Hildegard, Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen (1098-1197),
-der erste Autor, der den Hopfen als würzenden Zusatz zu Bier nennt. Zu
-ihrer Zeit pflanzte man schon ziemlich Hopfen in Bayern, Franken und
-Niedersachsen, aber erst im 14. Jahrhundert wurde die Kultur dieser
-Pflanze in Deutschland von größerer Bedeutung. Während des ganzen
-Mittelalters trank man in den Klöstern Europas viel Bier in mancherlei
-Sorten wie Gersten-, Weizen- und Haferbier; das letztere scheint nach
-den Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen im 10. Jahrhundert das
-gewöhnliche Alltagsgetränk der Mönche gewesen zu sein, und erstere
-müssen mehr Festgetränke gebildet haben. In den Klöstern, wohin die
-leibeigenen Bauern den Zehnten ihres Gewinnes an Vieh und Frucht
-abzugeben hatten, lernte das Volk dieses Getränk kennen und schätzen.
-So bildeten sich mit der Zeit in Dörfern und Städten öffentliche
-Bierbrauereien, deren Erzeugnisse teilweise weithin Ruf erlangten.
-
-Neben dem Hopfen dienten damals noch alle möglichen anderen
-Pflanzenstoffe als Bierwürze, so besonders die Blätter von Esche,
-Porsch, Rosmarin und Myrte. So zählt das Hausbuch von Colerus aus dem
-16. Jahrhundert an „medizinalischen Bieren“ auf: Rosen-, Wermut-,
-Salbei-, Beifuß-, Polei-, Isop-, Rosmarin-, Wolgemut-, Nelken-,
-Lavendel-, Lorbeer-, Melissen-, Kirsch-, Haselwurz-, Eichel-,
-Schlehen-, Himbeeren- und Hirschzungenbier. Auch von einem Honigbier
-melden uns bereits die Konzilienbeschlüsse von Worms aus dem Jahre 868
-und Tribur 895.
-
-Je mehr nun das Trinken des gehopften Bieres aus den Klöstern in die
-Laienkreise überging und besonders unter der Bürgerschaft der Städte
-Aufnahme fand, um so mehr suchte die Obrigkeit seine Herstellung
-zu regeln. So enthalten bereits die Königsurkunden der Merowinger
-Bestimmungen über Herstellung, Aufbewahrung und Verkauf von Bier. Nach
-ihnen erließen die Karolinger und die verschiedensten Herrscher des
-Mittelalters Verordnungen über die Fabrikation und den Ausschank dieses
-wichtigen Volksgetränkes. In den freien Reichsstädten wirkte jeweilen
-der Rat in diesem Sinne und schrieb vielfach die dazu zu verwendenden
-Rohstoffe vor. So ließ beispielsweise eine Verordnung der freien
-Reichsstadt Nürnberg vom Jahre 1290 einzig den Gebrauch der Gerste zur
-Bereitung von Bier zu und verbot Dinkel, Weizen, Roggen und Hafer dazu
-zu nehmen. Im 14. Jahrhundert taten sich die Bierbrauer in den Städten
-zu Zünften zusammen und wählten den mythischen König Gambrinus von
-Brabant zu ihrem Schutzpatron.
-
-Während des späteren Mittelalters wurde das Bier wenigstens in
-Süddeutschland mehr und mehr von dem als vornehmer geltenden Weine
-verdrängt, bis später das haltbarere, nach besseren Braumethoden
-bereitete norddeutsche Bier das verlorene Terrain wieder einigermaßen
-eroberte. So hatte im 16. Jahrhundert das Einbeckerbier, das auch
-Luther mit Vorliebe trank, einen besonderen Ruf und wurde weithin
-versandt. Nach ihm wird das heutige Bockbier genannt. Im Jahre 1591
-wurde das Münchener Hofbräuhaus eröffnet, und erst vom 17. Jahrhundert
-an wandte sich die bis dahin Rebbau treibende und Wein trinkende
-Bevölkerung Bayerns wiederum dem Biere zu. Lagerbier braut man in
-Deutschland seit dem 13. Jahrhundert. 1492 erfand Christian Mumme in
-Braunschweig das nach ihm benannte Bier, das später selbst nach Indien
-exportiert wurde, und 1738 kam die Gose, ein obergäriges Bier, aus
-dem Dessauischen nach Eutritzsch im Sächsischen. Hier erzeugte eine
-einzige Brauerei 30000 Hektoliter jährlich und versorgte mit seinem
-Erzeugnis das benachbarte Leipzig. Im Jahre 1541 wurde in Nürnberg das
-erste Weißbier gebraut. Sonst war das Weizenbier besonders in England
-beliebt, das während des ganzen 15. Jahrhunderts von dort viel nach
-Hamburg ausgeführt wurde. 1526 begann man es in Hamburg selbst zu
-brauen, ebenso seit 1572 in Berlin, wo es sich zum heutigen Weißbier
-entwickelte.
-
-In England war die Anwendung des Hopfens beim Brauen von Bier bis ins
-15. Jahrhundert verboten. Noch im 17. Jahrhundert erhob die Bevölkerung
-von London beim Parlament Beschwerde „gegen zwei der größten Übelstände
-ihrer Zeit“ -- gegen den Steinkohlengebrauch, dessen Rauch die Luft
-verpeste, und gegen den Hopfenzusatz zum Biere, weil dadurch der
-angenehm süßliche Geschmack dieses Getränkes verdorben werde. Ale und
-Porter werden in England seit kaum mehr als hundert Jahren gebraut.
-Ersteres wurde vom Braumeister Harwood erfunden und ist hell, wird
-wenig gekocht, aber stark gehopft, letzteres dagegen ist dunkel und
-wird durch langes Kochen aus stark gedörrtem, dunkelm Malz gewonnen,
-ist daher recht vollmundig. Beide enthalten bis 8 und 9 Prozent
-Alkohol, während das gewöhnliche Bier nicht mehr als 3 bis höchstens 5
-Prozent dieses Stoffes enthält.
-
-Noch heute steht Europa unter den biererzeugenden Erdteilen mit
-etwa 203 Millionen Hektolitern Jahreserzeugnis weitaus an erster
-Stelle; dann folgen die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 65
-Millionen Hektolitern, Australien mit 2,5 Millionen, Südamerika mit
-1,5 Millionen, Asien mit 0,6 Millionen und Afrika mit 0,15 Millionen
-Hektolitern. Von den europäischen Staaten überragt das Deutsche Reich
-bei einer jährlichen Produktion von annähernd 74 Millionen Hektolitern
-Bier -- also mehr als einem Drittel der Weltproduktion (!) -- die
-übrigen Staaten bedeutend. Ihm folgen Großbritannien und Irland mit
-58 Millionen Hektolitern, Österreich-Ungarn mit 22 Millionen, Belgien
-mit 16,5 Millionen, Frankreich mit 14,5 Millionen, Rußland mit 6,6
-Millionen, Schweden mit 3,3 Millionen, die Schweiz mit 2,6 Millionen,
-Dänemark und die Niederlande mit je 2,5 Millionen Hektolitern jährlich.
-Von den 74 Millionen Hektolitern Jahresproduktion des Deutschen Reiches
-entfallen auf Norddeutschland 47 Millionen, auf Süddeutschland 27
-Millionen, davon auf Bayern 18,4 Millionen Hektoliter. Wenn nun auch
-Deutschland das meiste Bier erzeugt, so konsumiert es gleichwohl
-nicht am meisten, sondern kommt darin, auf den Kopf der Bevölkerung
-berechnet, erst an dritter Stelle. Mit einem gewaltigen Vorsprung
-marschieren Belgien mit 222 Litern, dann England mit 146 Litern
-Bierverbrauch pro Kopf der Bevölkerung jährlich. Deutschland mit 119
-Litern folgen Dänemark mit 93 Litern, die Vereinigten Staaten von
-Amerika mit 76 Litern, die Schweiz mit 65 Litern, Schweden mit 52
-Litern, Österreich-Ungarn mit 41 Litern, Frankreich mit 34 Litern,
-Norwegen mit 14, Rußland mit 5, Spanien mit 1,3 und Italien mit 1 Liter.
-
-Bei den Völkern des klimatisch gesegneten Mittelmeergebietes hat von
-jeher der +Wein+ den Vorzug vor dem Biere erhalten, wenn letzteres
-überhaupt gebräuchlich war und die Bevölkerung nicht etwa noch am
-altertümlicheren Mete hing. Wie den Syrern und Kleinasiaten galt
-auch den Griechen der Wein als weitaus das edelste aller gegorenen
-Getränke. Schon in homerischer Zeit, d. h. vor dem Jahre 1000 v. Chr.,
-stand er bei den Völkern um das Ägäische Meer in allgemeinem Gebrauch
-und wird als eine natürliche Gabe des Landes vorausgesetzt. Brot,
-Wein und Kleider waren für die Menschen jener Zeit die drei ersten
-Lebensbedürfnisse. In der Ilias wird besonders Phrygien durch das
-kennzeichnende Beiwort ~ampeloéssa~, d. h. das rebenbepflanzte,
-bezeichnet, und auf dem ehernen runden Schilde des Achilleus soll unter
-anderem auch eine Weinlese dargestellt gewesen sein. In der Odyssee
-werden die Gärten des Alkinoos, des Königs der Phäaken, wie auch des
-Odysseus als durch eine Fülle von Trauben ausgezeichnet geschildert.
-In seiner Heimat auf der Insel Ithaka besaß letzterer, nach den
-Mitteilungen im Epos, selbst ausgedehnte Rebberge, von deren Ertrag
-die Hirten und selbst ihre Unterknechte den Wein tranken. Und als
-Odysseus nach seinen langen Irrfahrten in seine Heimat zurückkehrte,
-wurde er von seinem getreuen „göttlichen“ Schweinehirten Eumaios mit
-Ferkelbraten und Wein bewirtet.
-
-Eine Menge alter Landschafts- und Städtenamen des alten Griechenland
-sind vom Wein und vom Rebbau abgeleitet oder führen den kennzeichnenden
-Beinamen der rebenreichen als Beweis dafür, wie populär die Kultur
-dieser Nutzpflanze in diesem Lande schon in sehr früher Zeit war. Auch
-in späterer Zeit waren besonders reich an Rebbergen die kleinasiatische
-Küste des Ägäischen Meeres und das dahinter gelegene Land, besonders
-Mysien, von wo, wie Herodot berichtet, die Kunst der Weinbereitung
-in grauer Vorzeit zuerst zu den wilden Thrakern, den Verehrern des
-Kriegsgottes Ares, gelangte.
-
-Die edle +Weinrebe+ (~Vitis vinifera~) war ursprünglich nicht in diesen
-Gegenden heimisch, sondern sie gelangte, wie der Gott des Weines und
-des Natursegens überhaupt, Dionysos, dem der ferne Orient, ja Indien,
-die Heimat sein sollte, aus Westasien dahin, wo sie in den ausgedehnten
-Waldungen zwischen Kaukasus, Ararat und Taurus heute noch wildwachsend
-gefunden wird. Dort schlingt sie ihre aus einem bis armdick werdenden
-Stamme hervorsprossenden Zweige lianenartig von Baumkrone zu Baumkrone
-und läßt ihre im Naturzustande kleinen und etwas herben Trauben reifen,
-die der Mensch im Laufe der Jahrhunderte durch Kulturauslese größer,
-saftiger und süßer gestaltete. Dies geschah wohl zuerst irgendwo in
-ihrer Heimat im Berglande Armenien. Die Bezeichnung Wein, wie auch das
-lateinische ~vitis~ = Rebe scheint zur urindogermanischen Wurzel ~uei~
-oder ~ui~ „sich winden“ zu gehören. Nach S. Schraders einleuchtender
-Vermutung wurzelt der Name speziell im Armenischen, von wo er sich
-einerseits zu den Westsemiten, andererseits über Kleinasien zu den
-Balkanvölkern und von da zu den Griechen verbreitete. So ist aus dem
-älteren ~uainio~ einesteils das semitische ~jáin~ und arabische ~wain~,
-andernteils das phrygische ~uaina~, daraus das griechische ~oinos~
-und zuletzt das lateinische ~vinum~ entstanden, aus welchem dann die
-verschiedenen heutigen europäischen Bezeichnungen dieses Getränkes
-hervorgingen.
-
-Wenn wir nun auch offenkundig den indogermanischen Stämmen
-Vorderasiens die Verbreitung des Namens Wein verdanken, so muß doch
-die Kultur des Weinstocks älter sein als sie und ist zweifellos einem
-vorarischen Volke zu verdanken, das aber jedenfalls kein semitisches
-war. Charakteristischerweise nennt auch die biblische Überlieferung
-keinen Semiten, sondern den gemeinsamen Ahnherrn der Semiten, Hamiten
-und Japhetiten als ersten Weinbauern. Es ist dies bekanntlich Noah, der
-sich nach der großen Flut (Sintflut, d. h. allgemeine Flut) am Fuße
-des Berges Ararat, unweit des armenischen Hochlandes, niedergelassen
-haben soll. Hier nahm er den Weinstock in Pflege und trank von dessen
-vergorenem Safte. „Noah aber fing an, ward ein Bauer und pflanzte
-Weinberge. Und da er vom Wein trank, ward er trunken und lag in der
-Hütte nackt.“ Da sah nun sein jüngster Sohn Ham seines Vaters Scham
-und sprach davon zu seinen beiden Brüdern draußen. „Da nahmen Sem und
-Japhet ein Gewand, legten es auf ihre beiden Schultern und gingen
-rücklings hinzu und deckten ihres Vaters Scham zu; und ihr Gesicht
-war abgewandt, damit sie ihres Vaters Scham nicht sahen. Als nun Noah
-erwachte von seinem Wein und erfuhr, was ihm sein kleiner Sohn getan
-hatte, so verfluchte er ihn und sprach: er sei ein Knecht aller Knechte
-unter seinen Brüdern.“ 1. Mose 9, 20-23. Auch später gehörte der
-Wein bei seinen Nachkommen zu den Bedürfnissen des Lebens. Als Jakob
-Isaak segnete, sprach er: „Gott gebe dir vom Tau des Himmels und der
-Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle.“
-
-Nach ihrer eigenen Geschichtserzählung fanden die Juden den Rebstock
-als längst eingeführte Kulturpflanze in Palästina vor, als sie ums Jahr
-1250 v. Chr. dieses Land eroberten. Es sei hier nur an die Kundschafter
-erinnert, die Moses aussandte, und die dann mit Trauben von seltener
-Größe beladen aus dem Lande Kanaan zurückkehrten. Dort heißt es
-wörtlich: „Und sie kamen bis an den Bach Eskol und schnitten daselbst
-eine Rebe ab mit +einer+ Traube und ließen sie zwei an einem Stecken
-tragen, dazu auch Granatäpfel und Feigen.“ 4. Mose 13, 24. Ferner an
-die Verheißung Jahves, die er seinem Volke durch Mose kundtun ließ:
-„Denn der Herr, dein Gott, führet dich in ein gutes Land, worinnen
-Bäche, Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und durch Auen fließen,
-ein Land, da Weizen, Gerste, Weinstöcke, Öl-, Feigen- und Granatbäume
-darinnen sind, da es Öl und Honig gibt, ein Land, da du Brot genug zu
-essen hast und dir nichts mangelt.“ 5. Mose 8, 7 u. 8.
-
-Solange sie selbst noch nomadische Viehzüchter waren, hatten sie
-für Milch und Honig als die für sie begehrenswertesten Nahrungs- und
-Genußmittel geschwärmt und sich auf ihrem Zuge durch die Wüste einen
-Wohnsitz gewünscht, der ihnen solche Herrlichkeiten in Fülle böte.
-Da entdeckten sie in diesem ihnen von ihrem Gotte Jahve durch Moses
-gelobten Lande die großbeerigen Trauben und die daraus gepreßten
-Vorräte von Wein, den die älteren unter ihnen von Ägypten her kannten
-und den sie auf ihrer langen Wüstenwanderung gewiß bitter entbehrt
-hatten. Sie fuhren nun fort, die eroberten Rebberge zu kultivieren
-und wiederum selbst, wie einst im Lande Gosen, Wein zu keltern und in
-großen Tonkrügen mit Ölabschluß oder in Schläuchen aufzubewahren, wie
-solches sie und ihre Vorfahren schon in Ägypten getan hatten. Denn im
-Niltale war schon zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends neben dem
-älteren Gerstenbier auch der Wein als Genußmittel bekannt, der, wie
-die Wandmalereien in den Grüften der Vornehmen jener Zeit bekunden,
-aus im Lande selbst gezogenen Reben gekeltert wurde. Zwar berichtet
-der griechische Geschichtschreiber Herodot, der um 460 v. Chr. selbst
-in Ägypten war, Ägypten besitze keine Weinstöcke und bringe keinen
-Wein hervor; auch sollte derselbe nach demselben Gewährsmann dort
-weder getrunken, noch zum Opfer verwendet worden sein. Aber das war
-zweifellos eine unrichtige Beobachtung des Griechen, der wohl nicht
-sehr weit im Lande herumkam und dort das gemeine Volk nur Gerstenbier
-trinken sah.
-
-Die zahllosen Darstellungen an den Grabwänden der altägyptischen
-Totenstädte und das Bild der Weinrebe, ihrer Kultur und Ernte in den
-ältesten Monumenten und Papyrustexten tun uns aufs unzweideutigste
-kund, daß die Rebe bereits zu Beginn des 3. vorchristlichen
-Jahrtausends in ausgedehntem Maße in Ägypten kultiviert wurde. Die
-Rebe und die reife Traube hießen im Altägyptischen ~aruri~, der Wein
-~arp~, während die unreifen Beeren ~gangani~ und die von den Trauben
-gelesenen und an der Sonne getrockneten Beeren, die auch mit Vorliebe
-den Toten mitgegeben wurden, ~ashep~ genannt wurden. Solche getrocknete
-Weinbeeren haben sich häufig in den altägyptischen Gräbern gefunden
-und wurden auch zu Opfern verwendet. Herodot berichtet uns, daß man
-dem beim Opfer an die Isis verbrannten Stier außer Weihrauch, Myrrhen,
-Honig und Feigen auch solche getrocknete Weinbeeren in den Bauch tat.
-
-Schon durch eine der ältesten hieroglyphischen Inschriften erfahren wir
-von Amten, dem Oberjägermeister des Königs Snofru aus der 3. Dynastie
-(um 2900 v. Chr.), daß er inmitten eines großartigen Parkes einen
-Weingarten anlegte und daraus sehr viel Wein gewann. Bereits im alten
-Reiche (2980-2475 v. Chr.) werden nach den Inschriften vier Sorten Wein
-angeführt und nach Farbe und Ursprungsort als schwarzer, roter, weißer
-und nördlicher (aus dem Delta) bezeichnet. Aus dem Papyrus Harris I.
-erfahren wir, daß Ramses III. aus der 20. Dynastie (1200-1090 v. Chr.)
-nicht nur in Ober- und Unterägypten, sondern auch in den verschiedenen
-Oasen westlich vom Niltal Weingärten „ohne Zahl“ anlegen ließ, und
-namentlich dem berühmten Weinberg ~Ka-en-kêmet~, der den ausgedehnten
-Gartenanlagen des großen Ammontempels in Theben angehörte, seine
-besondere Fürsorge widmete.
-
-Bis in die Ptolemäerzeit lassen sich die Spuren einer fleißigen
-Kultur der Weinrebe in Ägypten verfolgen. Die meisten Weingärten
-lagen im arsinoitischen Nomos (Gau), dem heutigen Fajûm, und im
-Delta. So waren bei den Griechen und Römern verschiedene Weinsorten
-aus jenen Gegenden sehr berühmt, so der mareotische, plinthinische,
-taniotische, sebennitische, selonnytische, ekboladische und der von
-Koptos und Anthylla. Man zog die Rebe an Spalieren, in Lauben oder
-an Stangen. In den Wandgemälden sind die Rebstöcke rotbraun, das
-Laub grün und die Trauben meist dunkelblau, seltener blaßrot oder
-blaßviolett dargestellt. Auf einem der Gemälde in der Totenstadt
-Theben begießt einer der Winzer die Stöcke des Weingartens; zwei
-andere pflücken Trauben, noch andere tragen sie in großen Körben von
-dannen und ein Knabe verscheucht mit einer Holzklapper die daran zu
-naschen versuchenden Vögel. -- Die Trauben wurden durch Austreten
-mit den Füßen in Holzkufen gekeltert und der ausgepreßte Saft floß
-seitlich durch einen mit Hahn verschließbaren Auslauf in die daneben
-gestellten Bottiche. Um den ausgetretenen Beeren die letzten Saftreste
-zu entnehmen, tat man sie in grobe Leintücher oder Bastmatten und
-drehte an den beiden Enden, an denen zur größeren Kraftentfaltung
-Holzstäbe staken. Der dabei ausfließende Saft wurde in großen, nach
-unten spitz auslaufenden Tongefäßen aufgefangen. Auf Grabgemälden in
-Beni Hassan und an andern Orten finden wir sowohl Männer als Frauen
-mit solchem Auspressen der Beeren beschäftigt. Zuletzt wurde der Most
-filtriert und in große, oft mehr als 1,5 m hohe Tonkrüge geleert, darin
-mit Deckeln verschlossen, versiegelt, von den Schreibern notiert und
-in den Vorratskammern entweder auf besondere Holzgestelle oder den
-Wänden entlang in langen Reihen nebeneinander aufgestellt. An diesen
-umfangreichen, teilweise zweihenkeligen Tonkrügen von sehr gefälliger
-Amphorenform wurde dann zum Schluß die Aufschrift ~arp~, d. h. Wein
-angebracht. Wo verschiedene Sorten nebeneinander zur Aufbewahrung
-gelangten, war genau notiert, ob sie ~abs arp~, d. h. Weißwein, ~tesr
-arp~, d. h. Rotwein oder sonst eine Marke enthielten, damit keine
-Verwechslung möglich war. Zum täglichen Bedarfe entnahm man ihn durch
-Ansaugen vermittelst langer Heber und mischte ihn nach Belieben mit
-andern Weinsorten oder Wasser. So sehen wir auf einer Darstellung
-der Gräberstadt von Theben einen Schenken vermittelst dreier Heber
-aus Metall Wein aus drei verschiedenen kleinen Krügen, die auf einem
-Gestell von drei übereinander gereihten Lagen von je vier Krügen ruhen,
-entnehmen, um sie in einer auf einem Taburett stehenden flachen,
-zweihenkeligen Schale zu mischen und den Gästen beim Mahle als Trank zu
-reichen.
-
-Most und Wein scheinen den alten Ägyptern vortrefflich gemundet zu
-haben. An einer Wand des großen Tempels zu Edfu ist der König mit
-einem Becher in der Hand dargestellt und die erläuternde Inschrift
-lautet: „Man tat Weinbeeren in das Wasser, davon trinkend sprach der
-König...“ In manchen altägyptischen Gedichten wird der Wein als „Seife
-der Sorge“ bezeichnet, und im „Liede des Harfners“ aus dem Grabe des
-altthebanischen Königs Entufe heißt es ermahnend: „Mit strahlendem
-Gesicht feiere einen frohen Tag und ruhe nicht an ihm; denn niemand
-nimmt seine Güter mit sich und niemand kehret wieder, der dahingegangen
-ist.“ Und daß man sich trotz des so weitgehenden Totenkultes die
-Freude am vollen Lebensgenuß nicht nehmen ließ, das zeigen die häufig
-zur Darstellung gelangten Trinkgemälde an den Wänden altägyptischer
-Gräber. Andere weisen die Folgen solcher Trinkgelage auf. So tragen
-in einem Grabgemälde von Beni Hassan zwei Sklaven ihren sinnlos
-betrunkenen Herrn an Kopf und Füßen gefaßt von einem Trinkgelage heim.
-Ihnen folgen drei andere, über deren Köpfen regungslos ausgestreckt
-der Körper seines Kumpanen liegt. Der erste der Diener hält mit der
-einen Hand das schwer herabhängende Haupt des Gebieters. Neben Gelagen
-von Männern der obersten Gesellschaftskreise finden wir auch solche
-von Damen dargestellt. So führt uns ein Wandgemälde zu El kab in
-eine mit Lotosblüten geschmückte zahlreiche Damengesellschaft. Der
-Knabe, welcher die munteren Schönen bedient, reicht einer derselben
-eine flache, mit Wein gefüllte Trinkschale und spricht: „Trinke bis
-zum Rausche und feiere einen guten Tag; merke auf die Worte deiner
-Nachbarin. Werde nicht müde.“ Einer andern Dame braucht diese
-Aufforderung nicht erst gesagt zu werden. Sie ruft dem kleinen Diener
-zu: „Reiche mir 18 Becher mit Wein. Siehe, ich sehne mich nach einem
-Rausche! Die Stätte, an der ich weile, ist von Stroh!“ Aus solchen und
-andern Äußerungen des ägyptischen Volksgeistes ersieht man, daß man
-damals selbst an der Stätte des Todes den derben Humor nicht scheute.
-
-Auf einem Grabgemälde der Totenstadt Thebens werden bei einem Gelage
-mehrere Weinsorten gemischt und wir sehen zur Entnahme des Weines
-mehrere lange Heber in Funktion, deren einer vom Diener eben an den
-Mund gesetzt wird, um durch Ansaugen die Luft darin zu verdünnen und
-den Inhalt eines Kruges zum Herausfließen zu bringen. An den großen
-Festen zu Ehren der Götter floß der Wein in Strömen, so besonders
-bei der Techu(d. h. Volltrink)feier und an dem bacchanalischen
-Bubastisfeste, das man mit großen Opfern, Schwelgereien und sehr
-ausgelassenen, uns sittenlos vorkommenden Aufführungen beging und an
-welchem, wie Herodot berichtet, an einem Tage mehr Wein getrunken
-wurde, als während des ganzen übrigen Jahres zusammengenommen.
-
-In den langen an den Tempelwänden verzeichneten Geschenklisten der
-Pharaonen bilden unter den liegenden Gütern auch Weinberge und
-Baumgärten, wie auch Krüge mit Wein eine nicht unbedeutende Rolle. So
-schenkte nach dem Papyrus Harris Ramses VII. (um 1100 v. Chr.) den
-Tempeln Ober- und Unterägyptens insgesamt 514 Weinberge und Baumgärten,
-und während seiner 31jährigen Regierungszeit wurden von ihm 28080
-Krüge Wein für die Priester außer 228380 Krügen Rebensaft für die
-Opferfonds gestiftet. Gaben an Wein nebst Brot, Kuchen und Fleisch
-von Haustieren, besonders Gänsen, fehlten keinem Opfer, sei es an die
-Himmlischen, sei es an die Geister vornehmer Verstorbener. Solchen
-Totenopfern verdanken wir auch die Reste von Weintrauben, die mehrfach
-in Form von zusammengeschrumpften schwärzlichen Rosinen von holziger
-Beschaffenheit, teilweise noch mit dem bläulichen Wachsüberzug bedeckt,
-auf uns gekommen sind. In manchen derselben konnte noch der einst beim
-Trocknen ausgeschiedene Traubenzucker nachgewiesen werden.
-
-Wie der Weinbau bereits zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends aus
-dem mesopotamischen Hochlande über Mesopotamien und Syrien nach Ägypten
-gelangt war, so wanderte er etwas später durch ganz Kleinasien, und
-gelangte schließlich an die Ostküste und auf die Inseln des Ägäischen
-Meeres, wo er um die Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends bereits
-eingeführt war. Auch die Mykenäer pflanzten schon Reben, wie uns die
-Traubenkerne beweisen, die in den Ruinen der mykenischen Burgen von
-Tiryns im Peloponnes und von Troja am Hellespont aus dem 16. und 15.
-vorchristlichen Jahrhundert gefunden wurden. Immerhin beweist uns
-ihre auffallende Kleinheit, daß die damals von ihnen gepflanzte Rebe
-noch recht kleinbeerig und wenig durch Kultur veredelt war. Dasselbe
-beweisen auch die Reihen mächtiger, von den Griechen ~pithoi~ genannter
-Vorratskrüge aus gebranntem Ton in den Palästen von Knosos und anderer
-Herrensitze aus mykenischer Zeit auf der Insel Kreta, die außer für
-Getreide und Öl jedenfalls auch ganz besonders zur Aufbewahrung von
-Wein gedient haben werden.
-
-Die Kultur der Rebe scheint auf zwei verschiedenen Wegen nach
-Griechenland gelangt zu sein. Der eine, ältere ging, wie erwähnt, über
-Kleinasien und Thrakien, von woher die Griechen den Weinbau und den
-damit zusammenhängenden Dionysoskult erhalten haben wollen. Von solchen
-Reben an der thrakischen Küste bereiteten Wein tranken nach Homer die
-Griechen bei der Belagerung Trojas, die ihn nach den Angaben in der
-Ilias beim Genusse nicht weniger als zwanzigfach mit Wasser verdünnt
-genossen. Der andere, jüngere Weg führte der Südküste Kleinasiens
-entlang über die Inseln Kreta, Naxos und Chios, die ebenfalls mit dem
-Dionysoskult in engerer Verbindung standen, nach dem griechischen
-Festlande. Auf diesem letzteren scheinen die schiffahrtkundigen
-Phönikier in erster Linie die Vermittler gewesen zu sein.
-
-Besonders berühmt war im alten Griechenland der pramnische Wein
-vom Berge Pramne auf der Insel Ikaros und der maroneische von der
-thrakischen Küste, dann diejenigen der Inseln Lesbos, Kos und Thrasos.
-Doch würden sie wahrscheinlich unseren Beifall nicht ganz gefunden
-haben, da man sie nach uralter Sitte durch Zusatz von Harz der
-Aleppokiefer (~Pinus maritima~) haltbar zu machen suchte; deshalb
-bildet ein Tannenzapfen den Knauf des rebenumwundenen Thyrsosstabes,
-den die Bacchanten am Feste des Gottes Dionysos mit Weinlaub bekränzt
-schwangen.
-
-Schon bei den Griechen haben sich eine Menge Sitten und Gebräuche
-an die geselligen, mit Weingelagen einhergehenden Zusammenkünfte
-geknüpft. Das Präsidium besaß der ~symposiárchos~, der die Sitzung
-leitete und das Zutrinken bewachte. Den ersten Schluck brachte man
-dem Weingotte Dionysos selbst dar, den zweiten dem Göttervater Zeus,
-den dritten der Gesundheit und den vierten dem Götterboten Hermes,
-dem Herrn der Nacht, dem Spender des Schlafes und der süßen Träume.
-Dabei bekränzte man sich mit Weinlaub und Rosen und erfreute sich
-dabei der vollkommensten Redefreiheit, die denn auch bei dem witzigen,
-geistreichen Volke gehörig ausgenutzt wurde.
-
-Mit der ausgedehnten griechischen Koloniengründung kam der Weinstock
-und sein Anbau sehr früh auch nach Sizilien und Unteritalien und von da
-in der Folge zu den damals noch auf Mittelitalien beschränkten Römern,
-die aus dem Akkusativ des griechischen ~oínon~ den Namen ~vinum~ für
-Wein bildeten. Bevor die Römer durch die unteritalischen Griechen
-mit diesem Getränke bekannt gemacht wurden, kannten sie als Getränk
-außer Wasser nur die Milch der Herdentiere, welche auch die ältesten
-uns bekannt gewordenen Opfersatzungen dieses Volkes den Göttern zu
-opfern geboten. Wenn auch nicht besonders angeführt, wird auch Met bei
-festlichen Anlässen getrunken worden sein, Bier dagegen fehlte. Während
-aber noch Romulus den Göttern Milch als das vornehmste Getränk opferte,
-verbot schon Numa Pompilius, der zweite König von Rom, der von 715-672
-v. Chr. geherrscht haben soll, bei den Totenfeiern den Holzstoß,
-auf dem die Leichen verbrannt wurden, mit dem aus Großgriechenland
-importierten Wein zu besprengen.
-
-In Unteritalien gedieh die Rebe so üppig, daß schon Herodot im 5.
-vorchristlichen Jahrhundert diesem Lande die Bezeichnung Oinótria,
-d. h. Land der Weinpfähle gab, weil hier die Weinstöcke an Pfählen
-gezogen wurden, im Gegensatz zu den Landschaften, wo sie an Bäumen
-emporwuchsen, wie in Etrurien und Campanien, dem Gebiete des alten
-Kulturvolkes der Etrusker oder Tusker, oder ohne Stütze kurz und
-niedrig gehalten wurden, wie im südlichen Gallien und Spanien, wohin
-die Rebe vielleicht schon durch die handeltreibenden und ebenfalls
-noch vor den Griechenstämmen Kolonien gründenden Phönikier gelangte.
-In Latium, wo die Rebenkultur erst im Jahre 180 v. Chr. soll in
-Aufnahme gekommen sein, untersagten die früheren römischen Gesetze
-Frauen überhaupt und Männern vor dem 25. Jahre Wein zu genießen.
-Später aber war man darin viel nachsichtiger, wie dies bei den
-Griechen Sitte war. Zu Ende der Republik werden uns in Mittelitalien
-die Landschaften Campanien und Picenum als besonders weinreich
-geschildert. Auch in die Gegenden um die Pomündungen muß der Weinstock
-mit dem griechischen Seeverkehr schon früh gekommen sein, so weit
-der niedrige, leicht Überschwemmungen ausgesetzte Boden diese Kultur
-gestattete. Mit Recht verwundert sich der im letzten vorchristlichen
-Jahrhundert in Italien lebende griechische Geograph Strabon über das
-merkwürdige Zusammentreffen der dortigen Sümpfe mit überaus reichem
-Weinbau. Tatsächlich war der Wein zur römischen Kaiserzeit in Ravenna
-wohlfeiler als Wasser, so daß der ums Jahr 102 n. Chr. verstorbene
-bissige römische Dichter Martialis in einem bekannten Epigramm meinte,
-er möchte daselbst lieber eine Zisterne mit Wasser als einen Weinberg
-besitzen, und sich beklagt, ein betrügerischer Schankwirt jener Stadt
-habe ihm einst reinen Wein, statt den von ihm verlangten mit Wasser
-vermischten verkauft.
-
-Es galt nämlich sowohl bei den Griechen, als auch bei den Römern
-der früheren Zeit für unfein und war deshalb verpönt, den Wein,
-weil ziemlich stark, pur zu trinken. Man verdünnte ihn deshalb
-stets reichlich mit Wasser. Erst in späterer Zeit, als die Sitten
-üppiger wurden, begann man vielfach unverdünnten Wein zu trinken.
-Dabei kühlte man den Wein auf Eis, versetzte ihn gerne mit Gewürzen
-und fing an nach alten Jahrgängen zu trachten. Bei den prunkvollen
-Gastmählern der Vornehmen Roms mußte schon acht- bis zehnjähriger Wein
-aufgetischt werden, um geschätzt zu werden. Aber noch viel älteren,
-selbst zweihundertjährigen Wein gab es damals. So mundete dem im
-größten Luxus aufgewachsenen Kaiser Caligula, der von 37 bis 41
-n. Chr. regierte, vornehmlich Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten
-Jahrgange, den Italien jemals erlebt hatte. Dieser vor allen geschätzte
-Wein wurde der opimische genannt, weil damals Opimius Konsul war. Es
-war dies übrigens das verhängnisvolle Jahr, in welchem der letzte der
-Gracchen, Gajus, wegen der mit seinem Bruder Tiberius veranlaßten
-Äckerverteilungen zugunsten der ärmeren Bürger, einen gewaltsamen
-Tod fand. Selbstverständlich war das kein billiger Wein; denn nach
-dem Berichte des älteren Plinius kam eine Amphore solchen Weines auf
-mehr als 240000 Mark zu stehen. Da nun die Amphore 20 Liter faßte, so
-kostete also der Liter dieses berühmten opimischen Weines nicht weniger
-als 12000 Mark. Ein Genuß, den sich allerdings nur die Allerreichsten
-der reichen Römer leisten konnten. Daß es aber damals überhaupt so alte
-Jahrgänge gab, beweist, daß man sich also im Altertum weit besser auf
-die Konservierung von Wein verstand als im modernen Italien, dessen
-Weine kaum eine einjährige Aufbewahrung zulassen. Zu solchem Zwecke
-versetzte man ihn mit dem Harz der Strandkiefer, mit Gips oder Ton,
-auch Marmor- und Kalkstaub -- letzteres, um ihm die Säure zu nehmen
---, oder man kochte ihn ein, vielfach mit Zusatz von wohlriechenden
-Kräutern. Der ältere Plinius rühmt speziell das Anmachen des Weins mit
-Seewasser als für den Magen besonders heilsam.
-
-Hatte zunächst in der alten Kulturwelt Griechenland lange Zeit hindurch
-ein Monopol mit seinen Weinen ausgeübt, so übernahm ein solches mit
-dem Beginne der christlichen Zeitrechnung das durch die römische
-Weltherrschaft mächtig gewordene Italien. Zur Zeit des älteren
-Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. gehörten von den 80
-berühmtesten Weinlagen der damaligen Kulturwelt mehr als zwei Drittel
-der italienischen Halbinsel an, die durch diesen ihren Reichtum den
-Sieg über die Pflanzenschätze aller Länder davontrug mit alleiniger
-Ausnahme der Gewürzpflanzenländer. „Es ist aber,“ fährt Plinius fort,
-„wenn der Weinstock in Blüte steht, kein Duft lieblicher als seiner.“
-Der Dichter Horaz, den Maecenas, der Freund des Kaisers Augustus,
-protegierte und dem er ein Gütchen im Sabinerlande schenkte -- woher
-das Wort Mäcen die Bedeutung von Beschützer und Gönner der Künste und
-Wissenschaften erhielt --, hat in seinen Gedichten, die von allen
-gebildeten Römern gelesen wurden, dem Falernerwein vom ~ager Falernus~
-im nordwestlichen Campanien, dessen vorzüglichste Marke der Massiker
-war, eine Reklame gemacht, die dem wirklichen Werte des Weines durchaus
-nicht entsprach. Nach allgemeinem Urteil des Gourmets des alten Rom war
-der Cäcuber an der Küste besser; doch verschwand er zu ihrem Leidwesen,
-als Kaiser Nero zwischen Bajä und Ostia einen Kanal graben ließ. Als
-Tischwein zog Kaiser Augustus allen andern denjenigen von Setia vor,
-den auch seine Nachfolger auf dem Throne der Cäsaren begünstigten „weil
-die Erfahrung lehrte, daß man von diesem Wein keine üblen Folgen zu
-befürchten hat“. Livia dagegen, die Gattin des Augustus, schrieb ihre
-körperliche Frische, die sie bis zu ihrem 86. Lebensjahre bewahrte, dem
-Umstande zu, daß sie sich täglich an Pucinerwein erlabte. Man rühmte
-im alten Rom auch die Vorzüge des Weines von Surrentum (dem heutigen
-Sorrent bei Neapel); doch erklärte Kaiser Tiberius diesen Wein für
-einen ganz gemeinen Essig, der seinen Ruf nur der bezahlten Lobpreisung
-einer Ärzteklique verdanke. Außer dem Surrentiner und Cäcuber erklärte
-Columella den Massiker und Albaner für die edelsten Weine der damaligen
-Welt. Der erstere wuchs in der Nähe Neapels, der letztere dagegen in
-der Nähe Roms. Julius Cäsar soll der erste gewesen sein, der seinen
-Gästen zu einer Mahlzeit vier verschiedene Weine vorsetzte. Seit jener
-Zeit wollte jeder reiche Römer einen wohlassortierten Weinkeller
-besitzen und suchte einer den andern mit feinen Marken zu überbieten,
-für die teilweise, wie wir beim alten opimischen Wein sahen, fabelhafte
-Preise bezahlt wurden.
-
-Wie zu Ende der Republik Italien geradezu ein Weinland geworden
-war, das Wein ausführte, aber Getreide einführte, so gedieh die von
-kleinasiatischen Griechen schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert nach
-Spanien gebrachte Rebe auch in diesem Lande vortrefflich. Nach Plinius
-war der hispanische Wein auch in Rom sehr beliebt, ebenso der aus dem
-südlichen Gallien stammende. Um ihn haltbarer zu machen, pflegte man
-die Tonkrüge, in denen man ihn aufbewahrte, nach orientalischer und
-griechischer Sitte in Rauchkammern zu räuchern oder mit Terpentin
-oder Mastix zu versetzen. Solchem Weine würden wir heute ebenso wenig
-Geschmack abgewinnen, als solchem der mit Meerwasser versetzt war, wie
-dies besonders in Kleinasien und Griechenland geschah, ein Verfahren,
-das Plinius als für den Magen heilsam bezeichnete. Auch die uralte
-Sitte, den Wein in innen geharzten Ziegenschläuchen zu transportieren,
-würde kaum unsern Beifall gefunden haben, da er dadurch einen
-widerlichen, bockigen Beigeschmack erhielt.
-
-In Frankreich, dem heute vorzugsweise Weinbau treibenden Lande, hat um
-die altgriechische Kolonie Massalia herum, der erste Rebberg gestanden.
-Hierher brachten, wenn nicht schon die Phönikier, so jedenfalls die
-Phokäer ums Jahr 600 v. Chr. die Rebe. Jedenfalls war die Art ihres
-Anbaues, die aus der griechischen Mutterstadt in Kleinasien -- etwas
-nördlich von Smyrna gelegen -- mitgebrachte ohne Stützen und Pfähle.
-Von jener ältesten Pflanzstätte des Weinbaues in Gallien verbreitete
-sich diese Kultur längs der Küste, zunächst um die befestigten
-Ansiedelungen herum. Und bald waren die umwohnenden Ligurer auf dieses
-neue, wohlschmeckende Genußmittel erpicht, das sie im Tauschhandel
-gegen die Rohprodukte ihres Landes, hauptsächlich um Vieh, Häute und
-Getreide erstanden. Aber nur die Wohlhabenden konnten sich diesen Luxus
-gestatten, während die Ärmeren notgedrungen bei ihrem altgewohnten
-Gerstenbier verblieben.
-
-Von der Küste drang nun der Wein und seine Kultur, wie auch
-gleichzeitig diejenige des ebenfalls von den Griechen angebauten
-Ölbaumes, zunächst dem Rhonetal folgend, immer weiter ins Innere
-Galliens vor, so daß die Römer, die nicht bloß ein Krieger-, sondern
-auch ein höchst eigennütziges Kaufmannsvolk waren, bald für ihre
-Ausfuhr an Wein und Öl in jenes Land zu fürchten begannen und den
-von ihnen besiegten transalpinen Galliern die Enthaltung von Öl- und
-Weinbau als Friedensbedingung auferlegten. Die Folge davon war, daß
-immer noch eine starke Einfuhr von italischem Wein über das inzwischen
-von den Römern unterjochte Massalia stattfand, als nach den Siegen über
-die Allobroger und Arverner die Gegend zwischen Pyrenäen, Cevennen und
-Alpen zur römischen Provinz ~Gallia narbonensis~ erhoben wurde. Als
-dann Cäsar um die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts das
-ganze übrige Gallien bis zur Nordsee und zum Rhein eroberte, drang mit
-der römischen Kultur auch der Weinbau immer mehr nach Norden und Westen
-vor.
-
-So war schon zu Ende des 1. christlichen Jahrhunderts nicht nur das
-südliche Gallien im Gebiete der Rhone und Garonne, sondern auch das
-nördliche im Bereiche der Saône und Mosel ein eigentliches Weinland
-mit besonderen Trauben- und Weinsorten, welch letztere nicht nur bei
-den Germanenstämmen, sondern vielfach auch in Italien selbst Anklang
-fanden und in ziemlichen Mengen dahin exportiert wurden, obschon sie
-durch künstliche Behandlung mit Harz zur besseren Haltbarkeit einen
-nach unseren Begriffen jedenfalls nicht sehr angenehmen Geschmack
-danach besaßen. Solche anerkannt gute gallische Weine waren nach dem
-älteren Plinius diejenigen der ~Gallia narbonensis~, die schon Cäsar
-rühmte, dann diejenigen der Bituriger (die Vorläufer des heutigen
-Bordeauxweines), der arvernische (der Auvergne) und der bäternanische
-(von Frontignac).
-
-Um nun den italienischen Weinbau gegen die Konkurrenz hauptsächlich der
-gallischen Weine zu schützen, erließ Kaiser Domitian, der von 81-96
-n. Chr. regierte, eine Verordnung zur Einschränkung der Weinkultur in
-den Provinzen; zugleich ließ er die Hälfte der gallischen Weinberge
-zerstören. Erst Kaiser Probus, der von 276-282 die Herrschaft inne
-hatte, hob im Jahre 280 diese Verfügung für Gallien, Spanien und
-Britannien auf und ließ in Gallien, Pannonien und Mösien zu den alten
-zahlreiche neue Rebberge anlegen. Unter Aurelian und den Antoninen
-wurde die ~Côte d’or~ in Westfrankreich mit Reben bepflanzt, woher die
-Weine jener Gegend noch heute nach den Römern ~Romané~ heißen.
-
-Vom 2. nachchristlichen Jahrhundert an war die Moselgegend ein Zentrum
-des Weinbaus im nördlichen Gallien, das das Erzeugnis seiner Reben in
-Holzfässern, wie uns verschiedene Abbildungen aus römischen Denkmälern
-jener Zeit lehren, auf Schiffen und Wagen weithin ausführte. Es war
-dies gegenüber den sonst von den Römern gebrauchten tönernen Gefäßen,
-den Dolien und Amphoren, in denen der Wein durch eine Schicht Olivenöl,
-wie heute noch der Chianti, von der atmosphärischen Luft abgeschlossen
-wurde, eine wichtige Neuerung, die seinem Transport in entferntere
-Gegenden sehr zugute kam. Im 4. Jahrhundert entwirft uns der römische
-Dichter Ausonius von Burdigala (Bordeaux) in seinem Gedichte Mosella
-ein malerisches Bild von den rebenbepflanzten Hügeln der Moselgegend,
-die ihn an die Umgebung seiner Heimat Bordeaux erinnern; sie trugen in
-theaterartig ansteigendem Aufbau bis zum obersten Gipfel hinauf die
-grünenden Ranken und süßen Früchte. Noch Venantius Fortunatus in der
-zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts stellt dem in Wogen rauschenden
-Rhein die traubenreiche Mosel gegenüber. Von Trier bis Koblenz scheinen
-damals alle besseren, sonnigen Lagen mit Rebbergen bestanden gewesen zu
-sein.
-
-Unter den merowingischen Königen, die auf ein gutes und reichliches
-Weinlager hielten und Naturlieferung von Wein als Steuer forderten,
-wie uns der fränkische Geschichtschreiber Gregor von Tours (540-594)
-berichtet -- so setzte König Chilperich fest, daß jeder Besitzer von
-Grund und Boden eine Amphora Weines auf jede ~aripennis~ Land gebe --,
-griff der Weinbau im nördlichen Gallien immer weiter um sich. Seit dem
-6. und 7. Jahrhundert haben wir zerstreute Zeugnisse dafür, die mit den
-Zeiten der Karolinger immer häufiger werden. So meldet Gregor von Tours
-von Bischöfen, wie z. B. Nicetius von Lyon, und Herzögen, wie Chrodin
-von Dijon, daß sie mit Anlegen und Verbessern von Weinbergen dem Volke
-als leuchtendes Beispiel vorangingen. Das salische Gesetz schützte
-solche bereits durch Strafbestimmungen und setzte für die Winzer, wie
-für andere kunstfertige unfreie Diener, auch ein höheres Wergeld fest.
-
-Von der Moselgegend erhielten wohl die Germanen zuerst den römischen
-Wein und damit auch den lateinischen Namen dafür, der althochdeutsch
-~vîn~ lautet und männlich ist, wie dies hier in Gallien der Fall war,
-in dessen Sprachgebrauch das Neutrum früh verloren ging. Aber erst
-nach dem Untergange der Römerherrschaft empfingen sie auch die Rebe
-und alle Gerätschaften und Bezeichnungen, die die Römer für deren
-Kultur besessen hatten. Vor allem aber diente ihnen die aus eichenen
-Dauben hergestellte Kufe (~cupa~) und das Faß keltischen Ursprungs bei
-der Weinbereitung. Solche Behälter sind aber, wie die Erfahrung der
-Weinbauern lehrte, um so besser, je älter sie sind. Frisch hergestellt
-sind sie nicht gut zu gebrauchen; sie müssen vielmehr zur ausgiebigen
-Auslaugung der löslichen Bestandteile des Holzes, die dem Wein sehr
-schlecht bekommen, zunächst ein halbes Dutzend mal mit kaltem Wasser,
-das man geraume Zeit in ihnen stehen läßt, behandelt und dann ebenso
-oft mit heißem Wasser ausgebrüht werden. Aber auch dann wird kein
-guter Edelwein in solchen frischen Fässern aufbewahrt, sondern eine
-minderwertige Sorte, mit der sich das Holz sättigen kann, wodurch es
-erst die Fähigkeit verliert, noch irgend welche lösliche Bestandteile
-an den in ihnen lagernden Wein abzugeben.
-
-Form und Bestandteile, die das von den Kelten Galliens übernommene Faß
-beim römischen Weinbau an der Mosel besaß, sind ihm später geblieben,
-als der Weinbau und die Kunst der Weinbereitung in Gärkellern zunächst
-von den Klöstern übernommen wurde. In ihnen blühte demgemäß auch die
-Böttcherei. Der unter Abt Gozbert zwischen 816 und 832 angefertigte
-Grundriß des Klosters von St. Gallen zeigt im Bier- und Weinhaus
-große und kleine Fässer, die auf starken Balkenlagen liegen, und
-der 973 verstorbene St. Galler Mönch Ekkehard I., der Verfasser
-des auf alte deutsche Heldenlieder zurückgehenden, in lateinischen
-Hexametern geschriebenen Walthariliedes und Onkel des aus Scheffels
-Roman bekannten Ekkehard II., redet von einem Ordensbruder, der mit
-geschwungener Axt die Reifen aus Weidenholz vom Fasse lösen wollte.
-Aber unbequem waren diese alten Fässer insofern, als sie nur eine obere
-Öffnung zum Ein- und Ausfüllen besaßen. Erst allmählich sah man ein,
-daß es praktischer sei, auch dem Faßboden an seiner vorderen, unteren
-Stelle eine kleine Öffnung zum Abfüllen zu geben. Dieses Loch wurde
-mit einem Holzzapfen geschlossen. Erst im 15. Jahrhundert wurde zum
-Ablassen eine hölzerne Röhre mit drehbarem Hahn gebräuchlich, eine
-Vorrichtung, die sich ohne große Änderung bis heute erhielt. Für die
-Leistungen der Böttcherei im 16. Jahrhundert, um dies hier noch zu
-erwähnen, reden gewisse Riesenfässer, von denen das 1591 unter Kurfürst
-Johann Kasimir erbaute große Faß auf der Burg in Heidelberg den größten
-Ruhm erlangte. Der Kurfürst Karl Ludwig ließ 1664 ein neues Faß
-aufstellen, das dann Karl Theodor 1751 durch das jetzt noch vorhandene
-221726 Liter haltende berühmte Faß ersetzte.
-
-Kehren wir nach dieser kurzen Abschweifung technischer Art zur
-Einführung des Weinbaus in Deutschland zurück, so muß hier bemerkt
-werden, daß ein solcher auf deutschem Boden im Rheintal zunächst nur
-in der Umgebung der römischen Kastelle und späteren Pfalzen von Bingen
-bis Sinzig am linken Ufer des Stromes betrieben wurde. Gregor von
-Tours bezeugt uns zum Jahre 589 Weinberge bei Zabern und eine Urkunde
-von 613 Weinbau um Straßburg. Später berichtet Venantius Fortunatus
-von ausgedehnten Weinbergen bei Andernach, die auf dem rechten
-Rheinufer gelegen haben müssen. Der Mönch Regino hebt im Jahre 885
-Koblenz, Andernach und Sinzig als Stapelplätze für den einheimischen
-Wein hervor. Später waren Regensburg, Nürnberg, Bacharach und Köln
-bedeutende Weinhandelsplätze.
-
-[Illustration: Bild 44. Treten der Trauben mit den nackten Füßen und
-Weinkelter. Nach einem Baseler Holzschnitt von 1548.]
-
-Schon im letzten vorchristlichen Jahrhundert war der Weinbau nach dem
-Veltlin und Südtirol vorgedrungen. Die dort gekelterten rätischen Weine
-waren nach dem Dichter Vergil, der ihnen nur den Falerner vorzog,
-das Lieblingsgetränk des Kaisers Augustus. Kaiser Probus, der von
-276-282 regierte, ließ griechische Reben nach Pannonien, Syrmien und
-in die Südtäler der Karpathen bringen und dort anpflanzen. Von Rätien
-wanderte die Rebe nach Noricum und Pannonien. In Noricum, südlich
-der Donaulinie, erbaute sich der heilige Severin im 5. Jahrhundert
-an einem entlegenen Orte, bei den Weinbergen genannt, eine Zelle, in
-welcher er als Klausner lebte. Nördlich der Donau sind die ersten
-Weinberge im 7. Jahrhundert bezeugt. Bis zum 10. Jahrhundert hatten
-sie in Bayern eine ziemlich große Ausdehnung erlangt. Im Laufe des 8.
-Jahrhunderts bürgerte sich der Weinbau im württembergischen Unterland
-um Heilbronn ein, und im 9. Jahrhundert finden wir ihn in Franken
-um die alte Bischofsstadt Würzburg, ebenso in Böhmen und Mähren
-verbreitet. Im 10. Jahrhundert war er über Hessen nach Thüringen, wo
-ihn im Hildesheimischen besonders der kunstsinnige Bischof Bernwart
-begünstigte, und gegen Ende desselben bis in die Gebiete von Werra,
-Saale und Unstrut vorgedrungen. Urkunden vom Jahre 973 melden uns an
-letzteren Orten von Weinbergen. Im 11. Jahrhundert gelangte der Weinbau
-nach Schlesien, Brandenburg und Pommern und im 12. durch die Ritter des
-deutschen Ordens sogar nach Holstein und Ostpreußen, wo er allerdings
-bald wieder als unrentabel aufgegeben wurde.
-
-Erst im 10. und 11. Jahrhundert wurden nach den auf uns gekommenen
-Urkunden die heute so berühmte Weinsorten liefernden Steilgehänge
-am rechten Rheinufer zwischen Mainz und Bingen mit Terrassenbau für
-die Rebenkultur in Angriff genommen. Von solchen darauf gewonnenen
-Weinen wird besonders der Deidesheimer, Heppenheimer, Rüdesheimer,
-Asmannshauser und Niersteiner hervorgehoben. Von Elsässerweinen, die
-im Mittelalter sich in Deutschland besonderer Wertschätzung erfreuten,
-wird von einem St. Galler Mönche der Sigoltsheimer als stark und
-anfeuernd gerühmt. In der Förderung des Weinbaus gingen überall die
-Klöster als Haupterben der altrömischen Kultur den Laienkreisen voran;
-es geschah dies schon aus dem Grunde, weil sie den Wein zu rituellen
-Zwecken benutzten. Da sie ihn zum Abendmahle nötig hatten, ließen sie
-sich dessen Anbau überall, wo sie Fuß faßten, angelegen sein. Ihnen
-folgten dann zunächst die großen Grundherren, die es vorzogen, den
-Wein durch ihre Hörigen selbst zu erzeugen, statt ihn wie bisher zu
-teurem Preise aus Gallien zu beziehen; und erst viel später begannen
-auch Bürger der Städte wie Bauern, die sich bis dahin an Met und Bier
-erlabt hatten, sich in geeigneten Lagen eigene Rebberge anzulegen, um
-bei festlichen Anlässen wie die Vornehmen Wein trinken zu können; denn
-bis dahin hatten sie schon wegen der hohen Transportkosten nicht daran
-denken können, es hierin jenen gleich zu tun.
-
-Aber dieses deutsche Eigengewächs war in den meisten Fällen recht herb
-und sauer, im Gegensatz zum feuerigen, milden, ausländischen Weine.
-Deshalb pflegte man solches das ganze Mittelalter hindurch durch
-Zusatz von allerlei würzigen Kräutern trinkbarer zu machen. Als solche
-aromatische Zusätze nennen uns schon die altrömischen Schriftsteller,
-so Columella im ersten nachchristlichen Jahrhundert, Wermut, Isop,
-Stabwurz, Thymian, Fenchel, Polei und Myrte. Im Mittelalter dagegen
-sind Wermut, Rosmarin, Salbei, Alant, Lavendel, Pimpernell, Fenchel,
-Pfeffer- und Frauenminze die gebräuchlichsten. Im Jahre 854 rät der
-Mönch Wandalbertus, Diakon der Benediktinerabtei Prüm in der Eifel,
-ein Rheinländer von Geburt, in einem kürzlich von ihm aufgefundenen
-lateinischen Gedicht über den Kreislauf der Jahreszeiten „den herben
-Wein mit duftigen Kräutern zu versetzen, die die Fluren zu allerlei
-Arznei hervorsprießen lassen und sich damit im voraus gegen die
-Giftkräutlein der tückischen Stiefmütter zu sichern“. So hat man das
-ganze Mittelalter hindurch solchen +Kräuterwein+ als beliebten
-Gesundheitstrank getrunken. Welche Wertschätzung derselbe genoß, zeigt
-der Refrain eines einst viel gesungenen mittelalterlichen Trinkliedes,
-der folgendermaßen lautet:
-
- „Er setzt das gleslein für sein mund, krauseminte, er trank es ausz
- bisz auf den grund, salveie, poleie, die blümlein an der heiden,
- krauseminte!“
-
-Seit uralter Zeit war es im Orient, wo man Wohlgerüche auch in Speisen
-überaus hochschätzte, Sitte gewesen, den Wein mit Würzkräutern und
-duftigen Blüten zu versetzen. Die gebräuchlichsten solcher Zusätze, um
-ihn zu parfümieren, waren Mastix und Myrrhen; später fanden besonders
-Gewürznelken und Pfeffer Verwendung, die wie den römischen Zungen des
-Altertums, so auch den deutschen des Mittelalters durch ihre Stärke
-vornehmlich zusagten.
-
-Die vornehmen Römer der Kaiserzeit ließen bei ihren Gastmählern die
-von ihnen bevorzugten alten Jahrgänge des Falerners und Cäcubers
-durch Rosenfilter gießen, um ihm den von ihnen so geschätzten Duft
-nach jenen Blüten zu geben, wie im Orient mit Rosen parfümierter
-Sirup und andere Süßigkeit von alters her beliebt waren. Und wenn die
-vornehmen Römer und Griechen bei ihren Gelagen begannen berauscht zu
-werden, so entblätterten sie den ihr Haupt schmückenden Rosenkranz,
-um die wohlriechenden Rosenblätter in den Wein zu schütten. Mit den
-aus Indien bezogenen Gewürzen bereiteten sie den ~vinum pigmentatum~
-oder ~claratum~. Diese letztere Bezeichnung führte er von der Klärung
-her, die man ihm zum Schlusse angedeihen ließ, um ihm ein recht
-appetitliches Aussehen zu geben.
-
- Tafel 77.
-
-[Illustration: Hydraulische Kelter zum Pressen des Weines.
-
-Moderne Weinfässer aus Zement mit Glaswänden.
-
-(Weingut Dürkheim der Weinhandlung Heinrich Eckel & Cie. in München.)]
-
- Tafel 78.
-
-[Illustration: Faune im Geleite des Weingottes Bacchus.
-
-(Nach einem Gemälde von P. P. Rubens in der alten Pinakothek in
-München.)
-
-Degorgieren des Champagners.]
-
-Einen womöglich noch köstlicheren Blütennektar bereiteten sich die
-Muhammedaner im Scherbet (vom arabischen ~scharab~ Trank so genannt),
-den sie durch Abkochen von Rosen-, Veilchen-, Zitronen- und anderen
-wohlriechenden Blüten in mit säuerlichem Limonensaft versetztem
-Zuckerwasser bereiteten. Schon Muhammed hat einen solchen aus Honig und
-wohlriechenden Blüten hergestellten Trank über alle anderen Genüsse
-gestellt. Da er seinen Anhängern den Genuß des Weines als entnervend
-verboten hatte, so hielten sie sich gern an dergleichen aromatische
-süße Tränke, die bis heute in allen dem Islam verfallenen Ländern in
-der verschiedensten Weise bereitet werden.
-
-Überall, wo die Muhammedaner sich zu Herren des Landes aufwarfen,
-konnte naturgemäß ein Produkt nicht mehr gedeihen, dessen Genuß das
-Gesetz der Eroberer den Gesunden aufs strengste untersagte und nur
-Kranken in mäßiger Menge als Arznei gestattete. So ging nicht nur in
-Vorderasien, der Wiege der Rebenzucht und Weinkultur, sondern auch
-in Nordafrika, Spanien und Sizilien der Weinbau nach dem Eindringen
-der Araber stark zurück. Manche fanatische Kalifen duldeten seinen
-Anbau überhaupt nicht. So befahl auch in Spanien Hakim II. den größten
-Teil der Weinberge auszurotten; bloß etwa ein Drittel derselben ließ
-er stehen zum Genusse ihrer Früchte als reife Trauben, frisch oder
-getrocknet, oder zu Traubenhonig eingekocht, was zu genießen der
-Prophet erlaubt hatte.
-
-Was dem Islam in Spanien nicht ganz gelang, wie die heutigen Malaga-
-und Xeresweine beweisen, das setzte er im gegenüberliegenden Marokko
-durch. Die atlantische Küste des letztgenannten Landes war im Altertum
-ein berühmter und ergiebiger Weinbezirk, dem die Rebe schon von den
-Phönikiern zugetragen wurde. Dort lag das Vorgebirge Ampelusia, d. h.
-Rebenkap (das heutige Kap Spartel), und die uralte Stadt Lix, die auf
-ihren punischen und punisch-römischen Münzen die Traube als Wahrzeichen
-führte. Noch im frühen Mittelalter, bei der Ankunft der Araber, muß
-eine blühende Rebenkultur hier bestanden haben, da die an Stelle des
-alten Lix gegründete muhammedanische Stadt den Namen El Araisch, d. h.
-zum Weinberg, erhielt. Jetzt trägt das überaus fruchtbare Land infolge
-der arabischen Herrschaft fast keine Weinpflanzungen mehr; nur unter
-einigen unabhängig gebliebenen Stämmen der Küste konnte der altgewohnte
-Trank nicht abgeschafft werden und ist deshalb einiger Rebbau zu finden.
-
-Das heutige Griechenland, das einst vorzügliche Weine produzierte,
-erzeugt mit wenigen Ausnahmen nur schlechten Wein. Der Ruhm der
-Weine von Chios, Lesbos und Thasos ist längst dahin, und der nach
-Harz schmeckende Resinato, über den schon der langobardische
-Bischof Liutbrant von Cremona auf seiner Gesandtschaftsreise nach
-Konstantinopel im Jahre 968 klagte, ist ein sehr schlechter Ersatz
-dafür. Auch die heute daselbst angepflanzten +Korinthen+ -- so genannt,
-weil sie von Korinth aus exportiert werden -- scheinen nur eine durch
-Degeneration entstandene Varietät der Weintraube zu sein. Sie sollen
-ursprünglich von der Insel Naxos gekommen und nicht vor dem Jahre 1600
-in Morea bekannt gewesen sein. Heute sind sie wiederum gänzlich von
-Naxos verschwunden und werden ausschließlich in Patras, auf Zante und
-Kephalonia gepflanzt, von wo jährlich etwa 100 Millionen kg ausgeführt
-werden.
-
-Nur an zwei Punkten hat am Ausgang des Mittelalters die Hand des
-Menschen den Bezirk der Rebe wirklich erweitert, nämlich auf
-Madeira und den Kanarischen Inseln. Auf der ersteren Insel ließ
-schon der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer am Ende des
-15. Jahrhunderts Rebenschößlinge vom Peloponnes und von der Insel
-Kreta bringen, nach Teneriffe aber verpflanzte der Spanier Alonzo de
-Lungo gegen das Jahr 1507 Weinstöcke von Madeira. Der dort also aus
-griechischen Reben gewonnene Wein wurde in der Folge recht berühmt und
-besonders von den auf weiten Bezirken der Erde angesessenen Engländern
-gern getrunken, die auch die starken Weine der pyrenäischen Halbinsel,
-den nach dem Exporthafen Xeres benannten Sherry und den nach dem
-Einschiffungsorte Oporto geheißenen Portwein bevorzugen, wie sie auch
-die starken Schnäpse und scharfgewürzten Biere -- man denke nur an das
-Ingwerbier -- lieben.
-
-Nach Ungarn waren italienische Reben unter König Stephan im 11.
-Jahrhundert gelangt. Aus ihnen erwuchs dann der Tokayerwein, der seine
-volle Berühmtheit allerdings erst vom Ende des 15. Jahrhunderts und
-besonders seit 1560 erhielt, als man begann Ausbruch aus den dortigen
-Reben herzustellen. Von diesen ungarischen, wie auch griechischen
-und syrischen Reben brachten französische Ritter aus den Kreuzzügen
-Ableger in ihre Heimat mit, um die einheimischen Sorten damit zu
-veredeln. Denn als zu Beginn des 2. christlichen Jahrtausends das
-Abendland durch die Kreuzzüge regere Verbindungen mit dem Morgenlande
-anknüpfte, kam begreiflicherweise die Kenntnis und damit auch die
-Wertschätzung der von den Christen in Palästina gezogenen starken,
-edlen Weine nach Europa. Diese wurden bald von den Vornehmen, die
-sich solch teuren Trunk leisten konnten, bevorzugt, bis schließlich
-auch diese Gebiete wiederum von den Muhammedanern besetzt wurden,
-wodurch der morgenländische Weinbau rasch ein Ende nahm. Damit hörte
-auch der Import der palästinensischen Edelweine nach dem Abendlande
-auf. Dafür bezog man, solange die muhammedanische Invasion dahin noch
-nicht stattgefunden hatte, den griechischen Wein, der nach der Gegend
-von Malvasia auf Morea Malvasier genannt wurde, oder als ~kipper~-,
-auch ~ciperwîn~ von Zypern stammte. Besonders letzterer wurde so sehr
-geschätzt, daß Gedichte der mystischen Richtung ihn selbst die Seligen
-im Himmel trinken ließen. Den Charakter eines südlichen Weines trägt
-auch der aus Ungarn, der unter dem Namen ~osterwîn~ nach Deutschland
-verführt wurde.
-
-Als diese beliebten Süßweine nicht mehr zu bekommen waren, begann
-die Christenheit als Ersatz dafür die bis dahin üblichen +Würzweine+
-mit Honig zu süßen und an Stelle der schwachwürzenden einheimischen
-Kräuter die starken Gewürze Indiens zu verwenden, die die Venezianer
-mit ihren Schiffen aus dem Morgenlande, speziell Ägypten, holten und
-den Abendländern teuer verkauften. Von da brachten Säumer die kostbare
-Ware über die Alpen nach den reichen deutschen Städten, wo diese
-Gewürze trotz ihrer hohen Preise rasch Absatz fanden. Man benutzte
-sie zur Herstellung von allerlei „~gepîmenteten wînen~“ -- aus ~vina
-pigmentata~ verdeutscht -- wie die Würzweine damals hießen, deren Feuer
-dadurch gehoben werden sollte.
-
-Im 14. und 15. Jahrhundert erfreute sich der als ~clarêt~ bezeichnete
-Würzwein besonderer Hochschätzung. In französischen Klöstern war er
-zuerst aufgekommen und hatte mit der mittellateinischen Benennung
-~claretum~ -- aus ~vinum claratum~, d. h. geklärter Wein -- in
-deutschen Klöstern und dann auch in Laienkreisen gute Aufnahme
-gefunden. Er wurde in der Weise hergestellt, daß man Pfeffer, Zimt,
-Gewürznelken, Kardamomen und Ingwer pulverisiert in Beutelchen in den
-mit Honig versüßten und, war es Weißwein, mit Safran vielfach gefärbten
-Wein hing und bis zum völligen Ausgelaugtwerden und Abklären darin
-beließ. So gewann der Trank, wie man hervorhob, die Stärke und den Reiz
-des Weines, die Würze und den Duft der Spezereien und die Milde und
-Süße des Honigs. Eine halbe Verdeutschung ist das mittelhochdeutsche
-~clârtrank~, während das völlig deutsche Wort ~lûtertrank~ eine seit
-dem 12. Jahrhundert in Deutschland zuerst aufgekommene Art mit Honig
-gesüßten Würzweins von unbestimmter Zusammensetzung bezeichnete. Lange
-gingen die beiden Ausdrücke ~clarêt~ und ~lûtertrank~ nebeneinander
-für zwei verschiedene Begriffe, obwohl es sich dabei nur um durch die
-Verschiedenheit der verwendeten Gewürze entstandene Spielarten eines
-und desselben Stoffes handelte, bis schließlich keine Unterscheidung
-mehr bei ihnen gemacht werden konnte.
-
-Wahrscheinlich spielte die Farbe des Weines dabei keinerlei Rolle,
-und Claret wie Lautertrank konnten ebenso von rotem, wie von weißem
-Weine gemacht werden. Oft erscheint in den Schilderungen der
-mittelalterlichen Gastmähler der ~lûtertrank~ hinter dem wîn genannt,
-und gleichsam als Steigerung hervorgehoben. Jedenfalls war er oder der
-~clarêt~ der Ehrentrunk, der bei festlichen Anlässen vornehmen Gästen
-offiziell reichlich gespendet wurde. Für den gemeinen Mann und für
-einfache Verhältnisse waren solche Luxusgetränke nicht bestimmt. So
-verbot beispielsweise der Rat zu Magdeburg im Jahre 1505 bei einfachen
-Verlöbnissen, ebenso beim Kirchgange der Braut ~clarêt~ zu schenken als
-zu kostbar.
-
-Eine besondere Sorte solchen Würzweins aus Rotwein bildete der
-+Sinopel+, der bei manchen Dichtern, wenn auch nicht häufig, erwähnt
-wird; so z. B. wenn gesagt wird: (sie genossen) „den ~lûtertrank~
-und daz ~clarêt~, darzuo den roten ~sinopel~“. Im deutschen Epos
-Parzival wird dieser rote Sinopel im heiligen Gral wie sonst der das
-Blut Christi versinnbildlichende Rotwein beim Abendmahl der Christen
-reichlich gespendet. Der Name rührt vom lateinischen ~cinnabaris~,
-mittellateinisch ~cinnobris~, deutsch Zinnober her von seiner schön
-hellroten Farbe, die an das von den alten Römern ~cinnabaris~ genannte
-rote Drachenblut von der Insel Sokotra erinnerte. Das Wort hat also
-nichts mit der von uns Zinnober genannten Quecksilberverbindung zu
-tun, wie man ohne genaue Kenntnis der Drogenkunde der Völker des
-Altertums glauben könnte, sondern bezieht sich auf die rote Lösung
-von Drachenblut, mit der das Getränk Ähnlichkeit hatte. Die daneben
-angetroffene Form ~siropel~ nimmt Bezug auf die Süßigkeit und knüpft an
-~siropel~ im Sinne von Sirup an, das seinerseits vom arabischen Worte
-~scharab~ für Trank abzuleiten ist.
-
-Ein anderer ebenfalls aus Rotwein hergestellter Würzwein des
-Mittelalters war der heute noch mancherorts bei festlichen Anlässen,
-in Basel z. B. an Sylvester und Neujahr, aufgetischte +Hippokras+,
-der seiner vermeintlichen heilkräftigen Wirkung wegen nach dem
-angesehensten Arzte des Altertums, dem Vater der Heilkunde, Hippokrates
-so genannt wurde. Der englische Dichter Shakespeare erwähnt ihn
-mehrfach in seinen Dramen, und noch im 18. Jahrhundert war er auf der
-französischen Tafel allgemein verbreitet. Auch er ist als ~hypocras~
-wie der ~clarêt~ eine französische Erfindung, obschon der deutsche Arzt
-Brunfelsz in seinem 1532 erschienenen Spiegel der Arzneikunde erklärt:
-„Dieser tranck heißt Ipocras, wann Hypocras (gemeint ist natürlich
-Hippokrates) hat in seer genützt (benutzt), und auch selbst erfunden.“
-Man bereitete ihn in der Weise, daß man Rotwein in einer Terrine mit
-Zucker, Zimt, Pfeffer, Gewürznelken, Muskatblüte, Ingwer und Schnitzen
-des Reinetteapfels versetzte und diese Mischung einige Tage stehen
-ließ, dann das Ganze seihte, klärte und in Flaschen abfüllte. Als
-eine besonders feine Abart kam im 18. Jahrhundert in Frankreich der
-~hypocras parfumé~ auf, dem außer geriebenen Mandeln besonders Bisam
-(Moschus) und Ambra zugesetzt wurde. Auch dieser fand in Deutschland
-bald Aufnahme und ein märkischer Chronist des 16. Jahrhunderts findet
-ihn „recht anmutig und schleckerhaft“.
-
-Neben dem Hippokras wurden eine Menge +medizinische Weine+ getrunken,
-die meist nach ihrer Wirkung auf ein bestimmtes Organ oder einen
-kranken Körperteil benannt wurden. So empfahl ein Gemminger Arzt,
-mayster Thoman Rüsz, im Jahre 1479 der Gräfin Margarete von Württemberg
-gegen ihr Milzleiden einen wahrscheinlich von ihm selbst bereiteten
-Milzwein, dessen Zusammensetzung allerdings in dem uns erhaltenen
-Briefe nicht angegeben wird. Wir wissen nur aus den Arzneibüchern, daß
-die mannigfaltigsten Kräuter dazu verwendet wurden, so vornehmlich
-je nach der beabsichtigten Wirkung Johanniskraut oder Boretsch oder
-Augentrost, Salbei oder Isop.
-
-Solchen Würzwein trank man wie den Wein überhaupt je nach Geschmack
-und Bedürfnis warm oder kalt. Ersteren bevorzugte man in Fällen von
-Krankheit und bei Kälte. So berichtet uns Gregor von Tours vom Jahre
-590, daß sich Wächter einer Stadt Frankreichs im Winter an einem
-offenen Feuer Glühwein bereiteten und sich daran berauschten; und von
-Ludwig I., dem Frommen, dem dritten Sohne Karls des Großen von seiner
-dritten Gemahlin Hildegard, berichtet uns sein Biograph, daß er sich
-noch kurz vor seinem Tode im Jahre 840 bei Mainz einen Schluck warmen
-Weines zur Stärkung geben ließ.
-
-Die starken und kräftig schmeckenden gewürzten Weine unserer Vorfahren
-sind heute außer Mode gekommen, bis auf den +Glühwein+ und die
-verschiedenen Arten von +Bowlen+. Zu ersterem wird der Wein gewärmt,
-mit Gewürznelken, Zimt und einem Zitronschnitz versehen, getrunken;
-bei letzteren verwendet man mit Wasser oder Schwarztee verdünnte
-gezuckerte Weine, denen durch duftende Früchte wie Erdbeeren,
-Pfirsich, Ananas oder wohlriechende Kräuter wie Waldmeister mit Zusatz
-von einigen Apfelsinenscheiben (Maitrank) oder Schalen bitterer
-Pomeranzen (Bischof) ein angenehmes Aroma verliehen wird. In England
-ist von solchen Getränken besonders der ~claret cup~ beliebt, der aus
-Rotwein besteht, in den man grüne Gurkenscheiben geschnitten hat. Von
-allgemeiner Wertschätzung ist der +Wermutwein+, der dadurch gewonnen
-wird, daß man dem gärenden Moste Wermutkraut zusetzt, wodurch er einen
-etwas herben Beigeschmack erhält, den viele lieben. Am bekanntesten ist
-der norditalische ~Vermut di Torino~.
-
-Außer dem Traubenwein, der nur den Wohlhabenden zugänglich war, und
-auch von diesen nur bei festlichen Anlässen genossen wurde, trank
-man von alters her durch ganz Europa die verschiedensten +Obst+- und
-+Beerenweine+. Die Äpfel und Birnen, die man nicht frisch oder gedörrt
-aufzubewahren vermochte, wurden im überreifen, weichen Zustande
-gekeltert und +Most+ aus ihnen gewonnen, der angenehm schmeckte, durch
-seinen geringen Alkoholgehalt kaum berauschte und durch seinen Reichtum
-an Pflanzensäuren, besonders Apfelsäure, angenehm durstlöschend wirkte,
-was besonders in der Sommerhitze von Vorteil war. Im Notfalle mußten
-Holzäpfel und Holzbirnen zur Herstellung solchen Trankes dienen; selbst
-aus den sauren Schlehen gewann man einen wegen seiner heilkräftigen
-Wirkung beliebten ~slêhentranc~. Der aus Kirschen hergestellte
-~kerswîn~ und der aus Quitten gewonnene ~kütenwîn~ wurden besonders
-Kranken als Labetrunk gespendet. Reiche Leute taten sich an solchen
-Obstweinen gütlich, die mit Honig gesüßt und auf verschiedene Weise
-gewürzt waren.
-
-Schon zur Merowingerzeit war ein Getränk aus zerquetschten wilden
-Maulbeeren, worunter auch Brombeeren verstanden sind, beliebt, deren
-Saft in einem gepichten Faß mit Honig und, nach Belieben, mit würzigen
-Kräutern versetzt wurde. Ein offenbar romanischer Schreiber des 9.
-Jahrhunderts gibt uns ausführliche Vorschriften über die Zubereitung
-dieses als ~vinum moratum~ oder ~moraz~ bezeichneten Getränkes, das
-sich namentlich in den Klöstern besonderer Beliebtheit erfreute.
-Anfänglich nur aus Beerensaft bereitet, wurde er dann an den Höfen des
-Mittelalters in der Weise gewonnen, daß man Maulbeeren beziehungsweise
-Brombeeren in Wein ansetzte. Auch die Verwendung von Heidel- und
-Preiselbeeren, wie auch Johannisbeeren für einen gegorenen Haustrunk
-ist uralt. Schon das ~Capitulare de villis~ Karls des Großen aus dem
-Beginne des 9. Jahrhunderts hat eine sorgfältigere Bereitung des
-Beerenweins im Auge, wie es auch das Stampfen der Weintrauben mit
-den nackten Füßen als unappetitlich verbot, was allerdings durchaus
-fruchtlos blieb, da diese Sitte nach wie vor geübt wurde und sich
-teilweise bis in die Gegenwart erhielt.
-
-Die Erzeugung von +gebranntem Wein+ kam in Europa erst im 13.
-Jahrhundert auf, und zwar durch die Vermittlung arabischer Ärzte, die
-ein Destillat aus Wein und seinen Häuten und Trebern schon seit dem
-10. Jahrhundert kannten und als ~al kehal~, d. h. das Feine, Edle
--- woraus dann unser Wort Alkohol wurde -- zu äußerlichem Gebrauche
-bei Erkrankungen aller Art, besonders bei Gicht, verwendeten.
-Die Kunst des Brennens gehört dem Orient an, wo sie zuerst im 9.
-Jahrhundert in Persien, dann auch in Syrien, Kleinasien und den
-Inseln des griechischen Archipels zur Gewinnung des wohlriechenden
-ätherischen Rosenöles geübt wurde. Stets haben ja die Morgenländer
-eine leidenschaftliche Vorliebe für Wohlgerüche gehabt, und da kann
-es uns nicht wundern, daß sie Mittel und Wege suchten, den Blumenduft
-zu konzentrieren. Dies gelang ihnen zuerst mit den Rosen, deren
-Blumenblätter sie mit Wasser angemacht in einem geschlossenen Kessel
-mit einem schnabelförmigen, langen Abzugsrohr erhitzten, um die Dämpfe
-mit dem wohlriechenden ätherischen Rosenöl durch Abkühlung in einem
-andern damit verbundenen Gefäß sich niederschlagen zu lassen. Ein
-solches Destillat lernte man bald auch aus anderen duftenden Blumen und
-Pflanzenstoffen aller Art gewinnen, die dann alle als äußere Heilmittel
-wie auch der Weingeist zum Einreiben gegen mancherlei Krankheit sehr
-geschätzt waren.
-
-Als dann die Abendländer zur Zeit der späteren Kreuzzüge mit der
-morgenländischen Methode des Destillierens bekannt wurden und diese
-Kunst selbständig zu üben begannen, wurden aus sehr zahlreichen
-Pflanzen alkoholische Wässer für Heilzwecke gebrannt. Diese Kunst
-übten zunächst Laien, bis die später aufkommenden Apotheker sich ihrer
-bemächtigten und sie technisch weiter ausbildeten. Sie erst begannen zu
-Heilzwecken den gebrannten Wein als ~aqua vitae~, d. h. Lebenswasser,
-in größeren Mengen unter das Publikum zu bringen. Während er vorher
-nur äußerlich gebraucht wurde, begann man ihn im 14. Jahrhundert den
-Kranken auch innerlich zu geben. Erst im 15. Jahrhundert begannen ihn
-auch Gesunde angeblich „zur Erhaltung einer festen Gesundheit“ zu
-trinken, und zwar „alle Morgen einen Löffel voll“; „wer dies tue“,
-sagt uns ein Bericht des 16. Jahrhunderts, der „werde nimmer krank“.
-Leider fand diese Sitte zum Zwecke der Vorbeugung gegen Krankheit nur
-zu rasch Aufnahme bei den besser Situierten, die sich dieses teure
-~aquavit~ oder ~aqua ardens~, weil es beim Hinunterschlucken brannte,
-als Genußmittel leisten konnten. Schon zu Ende des 15. Jahrhunderts
-und mehr noch im 16. Jahrhundert erließen die Räte mancher Städte,
-wie z. B. als eine der frühesten Nürnberg 1496, die Verordnung, daß
-man ~gebrant wîn~ weder Feiertags noch Alltags auf Straßen oder vor
-Häusern feilhalten dürfe. Erst der dreißigjährige Krieg (1618-1648),
-der so namenloses Elend über Deutschland brachte und zu allgemeiner
-Sittenverwilderung führte, hat das Schnapstrinken, wie auch das
-Rauchen, in weiteren Kreisen populär gemacht. Die zügellose Soldateska
-tat sich damit groß, und in der allgemeinen Not der Zeit begannen
-Bürgersmann und Bauer diese leidige Sitte nachzuahmen. Dabei fanden sie
-bald genug Geschmack daran.
-
-Auch in der Folgezeit waren es stets die Kriege mit der sich daran
-knüpfenden Verrohung und Verwilderung der Sitten, welche wie die
-Unmäßigkeit im Genusse geistiger Getränke überhaupt, so auch speziell
-dem Schnapstrinken gewaltigen Vorschub leisteten. So waren es besonders
-der Siebenjährige Krieg (1756-1763) und danach die napoleonischen
-Feldzüge, welche diese für das Volkstum überaus verderbliche Unsitte
-in hohem Maße förderten. Zugleich damit wurden die Verfahren zur
-Herstellung konzentrierter geistiger Getränke immer mehr vervollkommnet
-und besonders auch billige Rohmaterialien wie Korn und Kartoffeln zu
-deren Gewinnung verwendet, wodurch der Preis natürlich mehr und mehr
-sank, so daß selbst die Ärmsten sich für wenige Pfennige den Genuß von
-Schnaps gestatten konnten. Die Folge davon war die „Branntweinpest“,
-die besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts eine bedenkliche
-Verbreitung fand. Sie veranlaßte die erste antialkoholische Bewegung,
-welche recht schöne Früchte zu zeitigen begann, als die Revolution von
-1848 einsetzte und ihren verdankenswerten Bestrebungen ein vorzeitiges
-Ende machte.
-
-In der Folge nahm der Mißbrauch geistiger Getränke wieder bedeutend zu
-und erreichte eine beängstigende Höhe als die moderne Temperenzbewegung
-einsetzte und den Alkohol in jeder Form als Plasmagift feststellte, das
-den Einzelnen wie auch seine Nachkommen vom Mutterleibe an zugrunde
-richtet, die größten sozialen Schäden hervorruft und geradezu den
-Kulturfortschritt bedroht. Ist es nicht eine geradezu beunruhigende
-Tatsache, zu vernehmen, daß die Bevölkerung des Deutschen Reiches
-nicht weniger als drei Milliarden Mark jährlich für den Kauf geistiger
-Getränke ausgibt. Das macht pro Kopf, selbst die keine geistigen
-Getränke zu sich nehmenden Säuglinge und Kinder mitgerechnet, +60 Mark
-jährlich+. Es ist dies ein ungeheurer Luxus, der im Begriffe ist, die
-bedenklichsten Folgen zu zeitigen! Gibt doch das deutsche Volk in
-demselben Zeitraum eines Jahres nur wenig mehr, nämlich 3060 Millionen
-Mark, für das wichtigste Lebensmittel, nämlich für Getreide, Brot, Mehl
-und Backwaren einschließlich der Kartoffeln aus.
-
-Unter diesen 3000 Millionen Mark, die das deutsche Volk jährlich für
-geistige Getränke ausgibt, fallen fast zwei Drittel auf das Bier.
-Der Bierkonsum hat durch alle Schichten der Bevölkerung eine solche
-Ausdehnung erlangt, daß er trotz seines verhältnismäßig schwachen
-Alkoholgehaltes die schlimmste Geißel des neu angetretenen Jahrhunderts
-zu werden verspricht. Sein Konsum hat sich in den letzten 40 Jahren bei
-uns geradezu vervierfacht und beträgt heute schon über 140 Liter auf
-den Kopf der Bevölkerung jährlich. Davon entfällt mehr als das Doppelte
-dieser Zahl an jeden Einwohner der eigentlichen Bierländer wie München,
-wo das Bierherz und die Biernieren sehr gewöhnliche Erscheinungen der
-Krankenhäuser sind.
-
-Es ist durch sorgfältige statistische Erhebungen nachgewiesen, daß
-heute im Deutschen Reiche nicht weniger als 1/15 des Ackerbodens
-allein für die Gewinnung der Rohprodukte zur Bereitung alkoholhaltiger
-Getränke verwendet wird, und daß jeder sechzehnte arbeitsfähige
-Deutsche für die Erzeugung und den Vertrieb geistiger Getränke
-arbeitet. Alle diese Leute erhöhen nicht im geringsten den
-Volkswohlstand, sondern untergraben ihn vielmehr direkt, indem sie
-unter vorzugsweiser Bereicherung des Großkapitals der Verarmung und
-geistigen wie körperlichen Zerrüttung der großen Massen des Volkes den
-denkbar größten Vorschub leisten, die Kranken- und Armenhäuser, die
-Gefängnisse und Irrenanstalten füllen helfen und eine Unzahl sozialer
-Übel heraufbeschwören.
-
-Heute trinkt man nicht mehr die leichten, nicht haltbaren Biere,
-wie dies unsere Vorfahren taten, die höchstens 2 Prozent Alkohol
-enthalten, sondern solches von durchschnittlich 4,5 Prozent bis zum
-schweren Exportbier mit 8 Prozent Alkohol. Diese nähern sich sehr dem
-Wein, der zwischen 9 und 15 Prozent Alkohol enthält, während die mit
-Branntweinzusatz haltbar gemachten Südweine bis 22 und 24 Prozent
-Alkoholgehalt steigen können und allmählich zu den Likören führen,
-die 30 und mehr Prozent daran enthalten. Diese +Liköre+ werden in der
-verschiedensten Stärke und Zusammensetzung aus entfuseltem Branntwein
-mit Zusatz von Zucker, der ihm den milden, öligen Charakter verleihen
-soll, aromatischen Pflanzenextrakten und Wasser in verschiedener Menge
-hergestellt und, mit den verlockendsten Phantasienamen versehen,
-zum Kaufe angeboten. Diese führen unmittelbar zu den eigentlichen
-Schnäpsen, deren schwerste bis zu 70 Prozent Alkohol enthalten und
-ätzend wie Feuerwasser den Schlund hinabgleiten.
-
-Von dem im Deutschen Reiche erzeugten Branntwein kommen abzüglich
-des exportierten durchschnittlich etwa 12 Liter auf den Kopf der
-Bevölkerung. Nicht weniger als 78 Prozent desselben werden aus
-Kartoffeln, 16 Prozent aus Getreide, 3 Prozent aus Melasse, 2 Prozent
-aus Wein, Weinhefe und Trebern und nur 1 Prozent aus Obst und
-Obsttrebern hergestellt. Für die Gewinnung des gemeinen +Spiritus+,
-der auch für die technische Verwertung große Bedeutung erlangt hat,
-ist heute die stärkemehlreiche Kartoffel das wichtigste Rohmaterial,
-wie sie auch im Speisezettel von uns Mitteleuropäern eine dominierende
-Rolle spielt.
-
-Da der muhammedanischen Welt der Genuß geistiger Getränke von ihrem
-Propheten verboten wurde, benützt sie die Trauben, soweit sie
-dieselben nicht frisch genießt, durch Einkochen von deren süßen
-Saft zur Herstellung von Sirup und verwendet sie auch getrocknet
-in Form von Rosinen. In Asien ist die Traubenkultur besonders in
-Persien verbreitet, wo die einheimische Kischmischtraube, aber auch
-die südspanische Malagatraube gezogen wird. Dort wird außer dem
-Schire genannten Traubensirup auch ein von den weniger strenge an
-den Satzungen Muhammeds hängenden Persern genossener würziger Wein
-hergestellt, der als Wein von Schiras oft genug von den Dichtern
-besungen wurde. Außerordentlich alt ist die Rebenkultur auch in
-Ostasien, wo das sehr früh zu namhafter Kultur emporgestiegene
-mongolische Volk der Chinesen außer dem jetzt dort einzig noch
-gebräuchlichen Reisbranntwein schon vor 4000 Jahren den Wein kannte
-und die heute noch in Nordchina wildwachsende Rebe mit herrlichen
-Trauben zu dessen Herstellung fleißig anpflanzte. Am Wein labten
-sich damals nicht nur die Menschen, sondern er diente wie im Orient
-und bei Griechen und Römern gleicherweise als Opfertrank für die zu
-ehrende Gottheit. Doch wurde später seine Gewinnung und Benutzung von
-einsichtsvollen Regenten verboten, und auf ihre strenge Weisung hin
-mußten die Weingärten unerbittlich ausgerodet werden. Auch als zur
-Zeit der römischen Kaiser die von Seidenhändlern aus Westasien nach
-China mitgebrachte Rebe angebaut und Wein daraus zu bereiten versucht
-wurde, untersagte die Regierung dieses Beginnen abermals. So vermochte
-der Weinbau selbst im nördlichen China, wo er sehr gute Bedingungen
-fände, bis heute nicht aufzukommen. Doch haben seit 1890 Europäer
-kalifornische und österreichische Reben in Tschifu in der Provinz
-Schan-tung eingeführt, und auch die fortschrittlich gesinnte Regierung
-von Japan hat seit 1880 sehr gut gedeihende Versuchsweinpflanzungen mit
-französischen, deutschen und österreichischen Reben eingerichtet.
-
-[Illustration: Bild 45. Die Reblaus (~Phylloxera vastatrix~).
-
-~a~ geflügelte Reblaus (Geschlechtstier), ~b~ Wurzellaus von unten,
-~c~ Wurzellaus, an der Wurzel saugend; ~d~ Eier; ~e~ durch Saugen
-der Reblaus entstandene krankhafte Anschwellungen an den Wurzeln der
-Weinrebe.]
-
-Am Kap der Guten Hoffnung, von wo heute ein vorzüglicher Wein in großen
-Mengen exportiert wird, begründeten französische Hugenotten im Jahre
-1685 den Weinbau. In Nordamerika schlug 1620 ein Versuch, aus der
-wilden Rebe Virginiens Wein zu bereiten, fehl. So mußte der Wein aus
-Europa für die Liebhaber desselben in der Neuen Welt eingeführt werden,
-bis Schweizer Kolonisten ums Jahr 1800 aus der einheimischen Fuchsrebe
-(~Vitis labrusca~) einigermaßen trinkbaren Rotwein herstellten. Festen
-Fuß faßte der Weinbau in den Vereinigten Staaten aber erst seit dem
-Jahre 1821, als Adlum die der Fuchsrebe nahe verwandte, ebenfalls
-rotbeerige +Catawbarebe+ vom Flusse Potomac nach Washington brachte.
-Heute sind sie in vielen Varietäten im Norden der Vereinigten Staaten
-zur Weinbereitung kultiviert, während im Süden der Union die mehr die
-Wärme liebende +Büffelrebe+ (~Vitis rotundifolia~) gezüchtet wird.
-Da diese amerikanischen Reben noch nicht durch Jahrtausende alte
-Kultur verzärtelt sind, erweisen sie sich viel widerstandsfähiger
-gegen die Reblaus, jene bei uns so überaus gefürchtete Wurzellaus
-des Weinstocks (~Phylloxera vastatrix~), welche in Frankreich fast
-sämtliche weinbautreibende Departements heimsuchte und seit ihrem
-Auftreten im Jahre 1869 bis heute jenem Lande einen Schaden von über 20
-Milliarden Franken brachte. In Deutschland trat dieser Schädling zuerst
-im Jahre 1874 auf, zeigte sich im Jahre 1881 im Ahrtal und hat von da
-aus dank seiner unglaublichen Fruchtbarkeit -- die Nachkommenschaft
-eines einzigen Tieres beziffert sich nämlich im Laufe eines Sommers
-nach Millionen -- in der Folge auch andere Gebiete ergriffen, so daß
-man sich zu den strengsten Gegenmaßregeln verpflichtet sah. Vor allem
-begann man in den von der Reblaus am meisten heimgesuchten Gegenden
-die dagegen bedeutend widerstandsfähigeren amerikanischen Reben als
-Unterlagen für die europäischen zu benützen.
-
-In den Vereinigten Staaten, die nun auch die besseren europäischen
-Rebensorten besitzen, entwickelte sich der Weinbau am günstigsten
-im Staate Ohio, bis in den letzten Jahren Kalifornien wie in der
-Anpflanzung sämtlicher Obstarten, so auch im Anbau von Reben den
-größten Vorsprung gewann. Endlich kam die Rebenkultur im Jahre
-1862 auch nach Australien, wo sie heute schon eine ganz erhebliche
-Ausdehnung besitzt.
-
-Was nun die Weinerzeugung in den verschiedenen Weinbauländern betrifft,
-so steht Italien mit 52 Millionen Hektolitern jährlichem Ertrag obenan,
-ihm folgt Frankreich auf dem Fuße nach, dessen Durchschnittsertrag
-der letzten zehn Jahre 49 Millionen Hektoliter betrug. Im Jahre 1908
-hat Frankreich 60 Millionen Hektoliter Wein hervorgebracht. (Außerdem
-wird in diesem Land eine Milliarde Hektoliter Kunstwein gebraut und
-konsumieren das Departement du Nord 300 Liter Bier und das Departement
-Calvados 350 Liter Apfelwein, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet.)
-An dritter Stelle steht Spanien mit einer Produktion von 21 Millionen
-Hektoliter Wein pro Jahr. In weitem Absatz folgt an vierter Stelle
-Algerien mit 8,6 Millionen Hektolitern. Nach ihm kommen Portugal mit
-4,5 Millionen, Österreich mit 3,5 Millionen, Ungarn mit 3,1 Millionen,
-Rußland und Rumänien mit je 2,6 Millionen, Bulgarien und Chile mit
-je 2,1 Millionen, Deutschland mit 1,9 Millionen, die Vereinigten
-Staaten von Nordamerika mit 1,6 Millionen, die Türkei und Cypern mit
-1,5 Millionen, Argentinien mit 1,3 Millionen, Griechenland mit 1,5
-Millionen und endlich die Schweiz mit 0,9 Millionen Hektolitern als
-durchschnittlichem Jahresertrag an Wein. Dabei beträgt der mittlere
-Weinverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung in Litern jährlich: in
-Spanien 115, Griechenland 109,5, Bulgarien 104,2 Portugal 95,6, Italien
-95,2, Frankreich 94,4, Schweiz 60,7, Rumänien 51,6, Österreich-Ungarn
-22,1, Türkei 20,3, Deutsches Reich 5,7, Rußland 3,3, Belgien 3,2,
-Holland 2,2, Vereinigte Staaten 1,9, Großbritannien 1,7, Dänemark 1,2,
-Norwegen 0,9 und Schweden 0,5.
-
-Dieselbe Rolle, die die Rebe als Lieferantin eines berauschenden
-Getränkes bei den Kulturvölkern der Alten Welt spielt, kommt bei
-denen der Neuen Welt dem in alkoholische Gärung gebrachten zuckerigen
-Saft der Agave zu. Wie die Kakteen sind die zu den Amaryllisgewächsen
-gehörenden +Agaven+ ausschließlich in Amerika zu Hause und wachsen
-dort in etwa 80 Arten in den regenarmen Steppen im südlichsten
-Teile Nordamerikas, besonders aber in Mexiko und teilweise noch
-im Andengebiet Südamerikas. Die wichtigste unter ihnen ist die in
-Mittel- und im nördlichsten Südamerika heimische ~Agave americana~,
-in Mexiko ~maguey~, weiter im Süden ~metl~ genannt. Bei uns wird
-sie fälschlicherweise wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit der
-afrikanischen Lilienart Aloë, deren bitteres Harz als Abführmittel
-vielfach bei allen Kulturvölkern der Erde Verwendung findet, auch Aloë
-genannt, und zwar im Gegensatz zu jener +hundertjährigen Aloë+, weil es
-bei uns viele Jahrzehnte gehen kann, bis sie zur Blüte gelangt und mit
-der Fruchtreife ihre Vegetationsperiode abschließt, ein Ziel, das sie
-in ihrer heißen, fast regenlosen Heimat, wo die Sonne das ganze Jahr
-hindurch mit ungeschwächter Kraft scheint, in wenigen Jahren erreicht.
-Am kurzen Stamm sitzt eine Rosette von 1-3 m langen, am Grunde oft
-über 40 cm breiten und bis 30 cm dicken, graugrünen, dorniggezähnten,
-fleischigen Blättern, deren inneres Gewebe als Nahrungs- und zugleich
-Wasserreservoir dient. Hat die Pflanze genug Reservematerial erworben
-und in ihren Blättern aufgespeichert, was in ihrer tropischen Heimat im
-Alter von 6-10 Jahren, in unsern Gewächshäusern jedoch erst nach 40-60
-Jahren der Fall ist, so treibt sie einen an der Basis über armdicken,
-bis 10 m hohen Blütenschaft, der oben kandelaberartig viele Hunderte
-von einschließlich der Staubgefäße 12-13 cm langen, gelbgrünen Blüten
-aufweist. Nach Befruchtung derselben durch bestimmte Immen reifen
-die dattelartigen Früchte heran, wonach die Pflanze, die dabei all
-ihre Vorräte erschöpft hat, abstirbt, nachdem sie noch zahlreiche
-Wurzelschößlinge hervorgetrieben hat, die man auch neben dem Samen zur
-Vermehrung verwendet.
-
-Die Magueypflanze wurde schon von den alten Mexikanern zur Gewinnung
-eines berauschenden Getränkes in Plantagen angebaut, wie dies heute
-noch in jenem Lande geschieht. Sobald sie ihren Blütenschaft zu treiben
-beginnt, schneidet man ihr die Gipfelknospe heraus und vertieft die
-Wunde zu einer schüsselförmigen Mulde von 30 bis 50 cm Durchmesser.
-Diese füllt sich 1-6 Monate lang täglich mit dem für die Blüten- und
-Fruchtbildung bestimmten zuckerreichen Saft in der Menge von 4-5, ja
-bei kräftigen Pflanzen 7 Litern im Tag, so daß eine Pflanze nach und
-nach bis 1100 Liter Zuckersaft liefert. Täglich wird dieser vermittels
-eines langen, hohlen Kürbisses durch Aufsaugen gesammelt und in lederne
-Schläuche gefüllt, in denen man ihn vergären läßt. Er liefert dann, auf
-Flaschen gezogen, ein stark moussierendes, erfrischendes, aber leicht
-berauschendes Getränk, das in Farbe und Geschmack an Berliner Weißbier
-erinnert und das Nationalgetränk der Mexikaner bildet, die unglaubliche
-Mengen davon vertilgen. Bei den alten Azteken hieß er ~oktli~, die
-heutigen Bewohner Mexikos dagegen nennen ihn +Pulque+ (sprich pulke).
-Überall im Lande gibt es sogenannte Pulquerias, d. h. Lokale, die
-ihn frisch aus den Lederschläuchen, in denen er vergor, ausschänken.
-Es sind meist nur offene Schuppen, die gleichzeitig als Tanzböden
-dienen, in denen das vom Pulque animierte Volk seine Feste feiert.
-Aus dem Pulque wird durch Destillation ein als ~tequila~ bezeichneter
-Branntwein gewonnen, während mit Wasser und Zucker vermischter
-Agavensaft nach kurzer Gärung den leichten, nur wenig berauschenden
-~tepache~ liefert.
-
-Durch Röstung des zuckerreichen Gewebes der treibenden Knospe
-und der jungen Blätter und nachherige Gärung erhält man den sehr
-alkoholreichen ~mescal~. Schon die alten Mexikaner liebten den Pulque
-leidenschaftlich, aber dessen Genuß war vorsorglich nur bei hohen
-Festen oder bei harter Arbeit den Männern vom 30. Jahre an gestattet.
-Die jüngeren Leute und Frauen mußten sich mit dem aus Maismehl mit
-Zusatz von etwas Honig und teilweise Kakao bereiteten Bier begnügen.
-Außer dem beliebten Getränk lieferte ihnen die Agave in ihren äußerst
-zugfesten Fasern, welche die fleischigen Blätter durchziehen und auf
-höchst einfache Weise gewonnen wurden, Bindfaden und Stricke, wie
-auch das Rohmaterial für Kleidungsstoffe und Papier. Die saftigen
-Blätter wurden und werden heute noch als Gemüse gegessen, dienen
-teilweise auch zum Dachdecken, während die starken Dornen als Nägel
-oder zu Pfeilspitzen und die dürren Blütenschäfte als Lanzenstangen
-benutzt wurden. Wie einst, so wird auch die Wurzel heute noch
-arzneilich verwendet, und zwar besonders gegen die Syphilis, die schon
-in vorkolumbischer Zeit stark im Lande verbreitet war, wie wir auch
-aus mexikanischen und peruanischen Gesichtsurnen mit den typischen
-Erscheinungen der tertiären Lues entnehmen können. Die Begleiter des
-Kolumbus müssen diese Krankheit nach Europa gebracht haben, wo sie
-kaum vorhanden war, jedenfalls keine nennenswerten Erscheinungen bot.
-Kolumbus landete am 15. März 1493 in Südspanien nach der Entdeckung
-des neuen Weltteils, den er aber bis zu seinem Tode nicht als solchen
-erkannte, sondern für Indien ansah. Und seine Matrosen verbreiteten
-alsbald die Krankheit, die, von den laxen Sitten und der mangelhaften
-Reinlichkeit der damaligen Zeit begünstigt, in den Jahren 1494 und
-1495 als neue Krankheit besonders in dem von Karl VIII. von Frankreich
-geführten Heere stark auftrat und durch die heimkehrende Soldateska
-eine gewaltige Ausdehnung durch ganz Europa fand, so daß sie von den
-höchsten bis zu den niedersten Schichten der Gesellschaft zahlreiche
-Opfer forderte.
-
-Erst lange nach der Lustseuche, nämlich im Jahre 1561, kam auch die
-Agave durch die Spanier aus Mexiko nach Spanien und von da nach dem
-übrigen Südeuropa, wo sie sich überall, wie auch durch ganz Nordafrika,
-so leicht verbreitete, so daß sie heute eine Charakterpflanze der
-Mittelmeerländer geworden ist. Auch in Mittel- und Nordeuropa wird
-sie vielfach in großen Kübeln zur Zierde gezogen, muß aber in
-trockenen, frostfreien Räumen überwintert werden. Aber nicht nur in
-den Mittelmeerländern, über alle tropischen und subtropischen Gegenden
-hat sich die Agave verbreitet und wird vorzugsweise als Heckenpflanze
-und zur Befestigung von Flußsand angebaut. Überall ist sie mit einer
-anderen Amerikanerin, der +Opuntie+ oder dem +Feigenkaktus+ (~Opuntia
-ficus indica~) vergesellschaftet, die beide aus demselben Lande stammen
-und infolgedessen dieselben Lebensbedürfnisse aufweisen.
-
-Die Opuntien sind wie alle Kakteen amerikanischen Ursprungs und wurden
-ihrer schmackhaften Früchte wegen schon von den Mexikanern angepflanzt.
-Mit den Agaven repräsentieren die Kakteen die Sukkulenten, d. h. mit
-den Nährstoffen auch Wasser, an Schleim gebunden, in ihren Geweben
-aufspeichernde Pflanzen, wie solche in den trockenen Gegenden der
-Alten Welt, speziell Südafrikas, die Euphorbiazeen darstellen, die
-teilweise den Kakteen sehr ähnliche Formen aufweisen.
-
-Die eigentümlichen Gestalten der Kakteen und Agaven erregten bei den
-im Gefolge des Fernando Cortez im Jahre 1549 670 Mann stark mit 15
-Geschützen zur Eroberung des Landes auf die trockene Hochebene von
-Mexiko hinaufsteigenden Spaniern um so mehr Aufsehen, als sie bis
-dahin noch keinerlei Art aus der Familie der Sukkulenten gesehen
-hatten. Schon im Berichte des Mönches Hernandez, der die Eroberung des
-alten Kulturlandes auf der Hochebene von Anahuac mit der 2282 m über
-Meer gelegenen Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlan -- dem heutigen
-Mexiko -- schildert, werden die Opuntien noch mehr als die Agaven mit
-Ausdrücken des höchsten Erstaunens erwähnt. Auf jener Hochebene, wo
-diese Kaktusart ihre Heimat hat, unterschied jener Mönch schon neun
-verschiedene, kultivierte Opuntienarten, von denen die +baumartige
-Feigendistel+, auch +indischer Feigenbaum+ genannt (~Opuntia ficus
-indica~) mit 50 cm langen und 30 cm breiten Gliedern wegen ihrer
-wohlschmeckenden Früchte wohl am häufigsten angepflanzt wurde. Sie
-war damals schon als willkommener Obstspender über ganz Mittel- und
-Südamerika verbreitet und gelangte in der Folge nach allen warmen
-Ländern der Erde.
-
-Von den 150 Opuntienarten, die in allen Ländern Amerikas heimisch
-sind, wo überhaupt Kakteen gedeihen, und zwar meist in gebirgigen
-Gegenden mit heißem, trockenem Klima vorkommen, ist bald auch die
-+gemeine Fackeldistel+ (~Opuntia vulgaris~) mit kürzeren Gliedern
-und zitronengelben Blüten von den Spaniern aus den südwestlichen
-Vereinigten Staaten nach den Ländern am Mittelmeer gebracht worden,
-wo sie jetzt neben der Agave ebenfalls als Charakterpflanze der
-Landschaft auftritt. Wie jene ist sie, sich selbst überlassen, überall
-verwildert und überzieht nun mit ihren stacheligen Stengelgliedern
-die unfruchtbarsten Felswände und Steingründe und bietet in ihren
-Früchten monatelang ein geschätztes Nahrungs- und Erfrischungsmittel
-für das Volk wie in ihrer Heimat. Weil sie im Geschmack ähnlich wie
-Feigen sind, haben sie den Opuntien, die sie erzeugen, die Bezeichnung
-Feigenkaktus oder indischer Feigenbaum eingetragen. Da sie über und
-über mit feinen Stacheln mit Widerhaken versehen sind, die sich
-ungemein leicht bei der leisesten Berührung in Finger und Lippen
-beziehungsweise Zunge einbohren, müssen sie zuvor sorgfältig geschält
-werden. Die Stengelglieder frißt das Vieh und die ganze Pflanze dient
-mit Vorliebe zu Einzäunungen. In ihrer Heimat, den trockensten
-Gegenden von Nordmexiko und Texas, sind sie als nahrhaftes Futter
-und Wasserspender für das Vieh ungemein wichtig, so daß sich die
-Verbindungswege durch die steinigen Wüsten danach richten, wo die
-meisten Exemplare dieser Pflanzenart wachsen.
-
- Tafel 79.
-
-[Illustration:
-
- (~Copyright by F. O. Koch.~)
-
-Ein beinahe ausgewachsener Kokastrauch.
-
-Indianer auf dem Hochlande von Anahuac in Mexiko bei der Gewinnung
-des Zuckersaftes einer am Blühen verhinderten Magueipflanze (~Agave
-americana~) zur Bereitung von Pulque.]
-
- Tafel 80.
-
-[Illustration:
-
- (~Copyright by Underwood & Underwood.~)
-
-Opiumrauchende Perser
-
-Fruchtbeladener Feigenkaktus (~Opuntia ficus indica~) auf dem Hochlande
-von Anahuac in Mexiko. (Nach Photogr. von ~Dr.~ H. Roß.)]
-
-In seinem lateinischen Buche über die Gärten Deutschlands vom Jahre
-1561 erwähnt der Züricher Naturforscher Konrad Gesner zum erstenmal
-die Fackeldistel als Bürgerin Europas unter der Bezeichnung ~ficus
-indica~, d. h. indische Feige. Sie muß damals in Spanien, Nordafrika
-und Süditalien schon ziemlich häufig gewesen sein und hat sich seither,
-wie die Agave, nördlich bis Bozen verbreitet. Seit etwa 50 Jahren
-ist sie besonders in Neusüdwales und Queensland, wohin sie ihrer
-Früchte wegen wie in die übrigen Länder der Tropen und Subtropen vom
-Menschen verbracht wurde, dermaßen verwildert, daß sie Tausende von
-Quadratkilometern Land für die Kulturen des Menschen entzogen und
-wertlos gemacht hat. Alle Verteidigungsmaßregeln gegen ihr Überwuchern
-blieben erfolglos.
-
-Neuerdings ist es dem berühmten kalifornischen Pflanzenzüchter Luther
-Burbank in Santa Rosa, der in seinen kostspieligen Versuchen teilweise
-durch den in Schottland niedergelassenen einstigen nordamerikanischen
-Stahlkönig Carnegie finanziell unterstützt wurde, gelungen, eine völlig
-stachellose, großstengelige und überaus saftige Abart der Opuntie
-zu züchten, die äußerst leicht durch Ableger sich fortpflanzt -- es
-genügt dazu, einfach ein Stückchen der fleischigen Stengel in den
-Boden zu stecken, wo es ohne weiteres anwächst -- und sowohl durch
-die Stengelglieder, als auch durch die sehr wohlschmeckenden und
-nahrhaften feigengroßen Früchte ein geradezu unschätzbar wertvolles
-Geschenk für alle wasserarmen, wüstenhaften Gegenden, in denen sich der
-Mensch niederläßt und durch künstliche Berieselung mit Hilfe von durch
-Dämme gestautem Wasser sich Existenzbedingungen schafft, zu werden
-verspricht. Im Jahre 1909 ist dieses einzigartige Züchtungsprodukt
-des „Zauberers von Santa Rosa“ (wie Burbank von seinen Landsleuten
-mit Vorliebe genannt wird), das so reiche Ernten wie kaum eine andere
-Pflanze liefert, zum erstenmal in den Handel gelangt. Sein Anbau soll
-sich nach dem hauptsächlichen Mitarbeiter von Burbank, ~Dr.~ Doud, auch
-im südlichen Deutschland in wärmeren Lagen rentieren. Dabei soll die
-Pflanze eine Durchschnittsernte von 50000 bis 75000 kg auf den Acre
-(= 40,5 Ar) ergeben. Die Stengelglieder bilden ein wohlschmeckendes,
-nahrhaftes Gemüse für Menschen und Tiere, das gekocht und roh, auch
-als Salat, gegessen werden kann, und die ebenfalls stachellosen,
-rötlichen Früchte sollen von unvergleichlichem Wohlgeschmack sein.
-
-Wir können die Besprechung dieser für die künftige Besiedelung von
-Wüstengegenden durch den Menschen eine geradezu unabsehbare Bedeutung
-aufweisende Opuntie nicht verlassen, ohne hier noch kurz zu erwähnen,
-daß die Opuntien zuerst unter dem mexikanischen Namen tuna in Spanien
-bekannt wurden und von da, wie De Candolle meint, von den durch
-Ferdinand V., den Katholischen, nach der Eroberung des letzten Restes
-maurischer Herrschaft, nämlich Granadas 1492, vertriebenen Arabern --
-tatsächlich aber erst später in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
-durch die Spanier selbst -- nach Nordafrika verbracht wurden, wo sie
-unter dem Namen „Feigen der Christen“ allgemeine Verbreitung fanden.
-Die Bezeichnung ~Opuntia tuna~ kommt heute einer baumartigen Verwandten
-der ~Opuntia ficus indica~ mit roten Blüten zu, die in Mexiko und
-in den Anden des nördlichen Südamerika wild wächst und neben der
-~Opuntia pseudotuna~ mit roten Stengelgliedern und gelben Blüten und
-dem Nopalkaktus (~Nopalea coccinellifera~) in Mexiko, der, nebenbei
-bemerkt, im Wappen dieses Landes figuriert, früher als Weidepflanzen
-für die einst zur Gewinnung von Karmin, das heute auf chemischem Wege
-hergestellt wird, gezüchteten Cochenilleschildläuse diente. Dabei zog
-man besonders solche Arten vor, die keine Stacheln trugen, weil man
-sich in diesen Gebüschen beim Ablesen der den vormals sehr wichtigen
-Farbstoff liefernden Tiere ungehinderter bewegen konnte. Besonders
-blühte die Cochenillekultur zuletzt auf den Kanarischen Inseln, bis ihr
-durch die Entwicklung der Teerfarbenindustrie ein jähes Ende bereitet
-wurde. Auch die Früchte der birnförmigen, fleischigen Tunaopuntien sind
-eßbar und werden in der Heimat der Pflanzen von der Bevölkerung sehr
-gern verzehrt.
-
-Zum Schluß sind hier der Vollständigkeit wegen noch zwei Arten
-berauschender Getränke kurz zu erwähnen, denen eine gewisse Bedeutung
-nicht abzusprechen ist. Das eine ist der in ganz Polynesien, besonders
-den Samoa-, Sandwich- und Freundschaftsinseln beliebte +Kawa+, der von
-der fleischigen Wurzel einer Pfefferart gewonnen wird. Es ist dies
-der +Kawapfeffer+ (~Piper methysticum~), ein 2 m hoher Strauch mit
-langgestielten, eiförmigen Blättern und dicker, fleischiger Wurzel.
-Aus dieser letzteren wird der betäubende Trank in der Weise gewonnen,
-daß Frauen und Jungfrauen in Scheiben geschnittene Stücke derselben
-gehörig zerkauen und in Gefäße spucken, worin die Masse, mit Wasser
-übergossen, eine kurze Zeit liegen bleibt, bis das Stärkemehl mit
-Hilfe des diastatischen Speichelferments in Zucker und dieser durch
-die allgegenwärtigen Hefepilze in Alkohol übergeführt worden ist. Der
-wichtigste betäubende Stoff darin ist aber ein der Wurzel innewohnender
-Stoff, der in besonderer Weise auf das Zentralnervensystem einwirkt,
-indem der Trinker bei ausgiebigem Kawagenuß bei vollem Bewußtsein
-die Herrschaft über seine Glieder verliert. Der in Polynesien wild
-wachsende Kawapfeffer wird als geschätztes Genußmittel auch von
-den Eingeborenen angepflanzt. So hat die deutsche Insel Samoa im
-vergangenen Jahr nicht bloß ihren eigenen Bedarf gedeckt, sondern
-auch noch 16900 kg im Werte von 25400 Mark nach den Nachbarinseln
-auszuführen vermocht.
-
-Wer in Samoa, der Perle der Südsee und wohl dem schönsten Stückchen
-des ganzen deutschen Kolonialbesitzes reist, der darf überall,
-wohin er kommt, bei der unbegrenzten Gastfreundschaft der Samoaner
-der besten Aufnahme gewiß sein. In jedem Dorf ist eine Taupo
-genannte Ehrenjungfrau vorhanden, der als Repräsentantin des
-Dorfes die Unterbringung und Bewirtung des Fremden obliegt. Mit
-untergeschlagenen Beinen läßt sich der Besucher auf den mit Matten
-belegten Boden der sauberen, offenen Hütte nieder. Die Dorfältesten
-folgen diesem Beispiel, und es beginnt die zeremonielle Bereitung
-des Nationalgetränkes. Die Taupo, manchmal zusammen mit anderen
-Mädchen, speit die durch längeres Kauen zerkleinerte Kawawurzel in
-eine flache, auf mehreren Füßen ruhende Holzschüssel, gießt aus einer
-hohlen Kokosnuß Wasser hinzu, läßt das Ganze etwas stehen, zieht zum
-Schluß den ausgelaugten Brei zur Entfernung der holzigen Bestandteile
-durch ein Bastsieb und die Bowle ist fertig. Lautes Klatschen des
-Hausherrn zeigt die Fertigstellung der Kawa an. Die Taupo reicht den
-Becher mit dem graugrünen, von den einen wie Pfefferminztee, von
-andern wie Seifenwasser schmeckend angegebenen Getränk dem Gaste,
-dessen Name verkündet wird und der ihn mit dem samoanischen Prosit
-„~Manuia~“ leert und der Taupo zurückgibt. Das Trinkgefäß macht dann
-die Runde bei allen Anwesenden, genau in der Reihenfolge ihrer Würde
-und ihres Alters. Während des Rundtranks werden zahlreiche Reden
-gehalten. Der Gast wird von den hervorragendsten Anwesenden begrüßt.
-Man dankt ihm in wohlgesetzter Rede für seinen Besuch und bittet um
-seine Freundschaft. Nach dem Bewillkommnungstrank werden die Speisen
-aufgetragen: Bananen, Yams, Taro, Fische, Muscheln, Kokosnüsse, Hühner
-und eventuell Schweine. Alles, auch das Obdach für die Nacht, soll der
-Gast mit dem Wirte teilen. In derselben Hütte schläft auch die Taupo;
-aber sie ist Tag und Nacht von zwei älteren Ehrendamen bewacht, die
-auf ihre Reinheit acht haben. Denn im Gegensatz zu den gewöhnlichen
-Mädchen Samoas, die sich in ihrem ledigen Stande alles erlauben dürfen,
-ohne an Ansehen zu verlieren, muß die Taupo unantastbar bleiben, um
-später die Frau irgend eines angesehenen Häuptlings zu werden. Wie zur
-Begrüßung des Gastes spielen die Taupo und die Kawa bei allen Festen,
-Versammlungen und sonstigen offiziellen Anlässen eine höchst wichtige
-Rolle im samoanischen Leben.
-
-Das andere berauschende Getränk gehört der Geschichte an und spielte
-einst beim asiatischen Zweige der Indogermanen eine große Rolle. Es
-ist dies der +Somatrank+ der alten Inder oder der +Haoma+ der alten
-Perser. Von keinem berauschenden Getränke reichen die Urkunden so
-weit zurück, keins ist durch seinen Gebrauch in ein so mystisches
-Dunkel gehüllt und keins ist je höher gepriesen worden, als dieser
-heilige, nicht nur belebende und beseligende, sondern Menschen und
-Göttern Kraft und Gesundheit spendende Trank, mit dem auch Indra --
-in der ältesten Zeit, von der wir hier sprechen, der oberste Gott der
-Inder, der Schöpfer und Erhalter der Welt, der später zum Haupt der
-niederen Götter wurde -- sich zum Kampfe gegen die Dämonen stärkte.
-Nach den geschichtlichen Überlieferungen und den Angaben des Sâma-Veda
-war dieser Somatrank eine Art Met, der aus einer in Gärung gebrachten
-Honiglösung mit Zusatz von Gersten- oder anderem Mehl und Milch oder
-Molken hergestellt wurde, wozu höchst sparsam als Würze der Saft einer
-mit großer Sorgfalt in mondhellen Nächten auf Bergeshöhen gesammelten
-Staude hinzugefügt wurde. Die blattlosen oder entblätterten Stengel
-der als ~Soma-lata~ bezeichneten Somapflanze wurden dann unter dem
-Gesange bestimmter Hymnen mit Steinen zerquetscht und ausgepreßt, um
-den so hochgeschätzten Saft dem Gemisch von Gerstenmehl und Milch in
-vergorener Honiglösung zu spenden. Sicheres über diese Pflanze wissen
-wir nur so viel, daß sie auf dem Gebirge wuchs und Milchsaft führte.
-
-Wie hoch die arischen Inder der vorgeschichtlichen Zeit ihren
-heiligen Somatrank als Labung für Menschen und Götter priesen, mögen
-folgende Stellen aus dem Sâma-Veda dartun: „Wir jauchzen dir zu, du
-ausgepreßter Soma, dir, dem gerstengemischten Somatrank! Gar köstlich
-schmeckend und von Milch strotzend, gehst du erhebend honigsüßer
-Glanzstrahl. Du gehst, o Reiniger, unaufhaltsam strömend für Indra,
-o Soma, ringsum flutbesprengt. -- Den schönen, gottersehnten Trank,
-in Flut gereinigt und von Männern gepreßt, würzen mit Milch die Kühe.
--- Wie Vögel sitzen um dich her beim milchgekochten Met, dem süßen,
-die Indra preisen. Ihm gebührt der milchgemachte Göttertrank. -- Wir
-denken dein, Falbrossiger. (Damit ist Indra gemeint.) Im Opfer gedenke
-unseres Lobgesangs in des Soma Rausch. -- Sprengt ringsum den Soma,
-das wichtigste Opfer, das wir mit Steinen gepreßt haben. Diesen haben
-wir, mit Gerste wie mit Milch ihn mischend, versüßt, o Indra, an diesem
-Feste. -- Freue dich des kuhgemischten Trankes!“
-
-Wie er im alten Indien bei keinem Opfer fehlte, so wurde bei den
-alten Persern kein Gebet gesprochen, ohne ihn genossen zu haben. Von
-ihm sollten sich die Götter ernähren. Der um 25 n. Chr. verstorbene
-griechische Geograph Strabon aus Amasia in Pontos berichtet, daß
-bei jedem Hause in Persien eine Haomapflanzung und in jedem Hause
-ein Holzmörser mit Keule zum Stampfen und Auspressen des Saftes ein
-unerläßliches, heiliges Gerät sei, welches gleich dem Feuer und dem
-Bündel von Myrtenzweigen vor Entweihung geschützt werden müsse. Wie
-in Indien so geschah auch in Persien die Bereitung des Haomatrankes
-unter Lobgesängen und liturgischen Gebeten. Der in Rom als Lehrer der
-Philosophie lebende griechische Schriftsteller Plutarchos (50-120
-n. Chr.) beschreibt die Zubereitung des von ihm als Omomi (= Haomi)
-bezeichneten Getränkes. Nach ihm wurde dazu der Saft einer in Armenien
-und Medien wachsenden, dem Weinstocke ähnlichen Pflanze mit knotigen
-Stengeln, Blättern wie Jasmin, Blüten wie Levkoje, traubenförmigen
-Samen, duftend und von bitterem Geschmack genommen. Vielleicht ist der
-auf assyrischen Bildwerken, in denen der König mit erhobener Schale
-ein Trinkopfer darbringt, dargestellte, in seltsam verschlungener
-Figur den heiligen Baum, die Dattelpalme, umrankende Gewächs, das
-uns auch anderweitig auf Skulpturen, von geflügelten, adlerköpfigen
-Gottheiten adorierend umstanden, entgegentritt, nichts anderes als
-die Haoma der Alten. Und zwar glaubte man bis in die neueste Zeit
-zwei nahe miteinander verwandte, in Indien und Persien einheimische
-milchsaftführende Calotropisarten, die noch wildwachsend angetroffen
-werden, für die heilige Somapflanze ansehen zu dürfen. Kürzlich hat
-jedoch Joseph Bornmüller festgestellt, daß die indischen Parsen, die
-die altiranischen Religionsgebräuche bis in die Gegenwart bewahrten,
-zu ihren gottesdienstlichen Handlungen die auf felsigen Standorten
-wachsende sehr ästige, blattlose und äußerlich einem Schachtelhalme
-ähnliche Strauchart ~Ephedra vulgaris~ aus Persien beziehen. Man darf
-also diese als die heilige Haomapflanze der Perser ansehen, die von
-jeher als identisch mit der Somapflanze der Inder galt. Der aus ihr
-ausgepreßte Saft, der später zum Gotte Soma erhoben wurde, erhielt
-später bei den Ariern dieselbe Bedeutung wie der Wein im christlichen
-Abendmahle.
-
-Übrigens wird noch heute der Saft gewisser Calotropisarten von manchen
-Stämmen des Sudans dem Hirsebrei zugesetzt, während andererseits manche
-Tatarenstämme ihren aus Pferde- und Kamelmilch bereiteten Getränken
-gern narkotische Säfte von Kräutern hinzufügen. Bei den alten Ariern
-wird eben jenes ältere Genußmittel mit der Zeit durch bessere, jüngere
-verdrängt worden sein, wodurch es bald in völlige Vergessenheit geriet,
-bis auf die streng an den Gebräuchen ihrer Vorfahren hängenden Parsen,
-von denen ja heute noch wie vor Tausenden von Jahren das Feuer als eine
-Gottheit verehrt wird.
-
-
-
-
-XVI.
-
-Die betäubenden Pflanzenstoffe.
-
-
-Ähnlich wie die geistigen Getränke, aber noch in weit stärkerem
-Maße die Gehirntätigkeit in besonderer, vielfach krankhafter Weise
-beeinflussend wirken andere narkotische Pflanzenstoffe, denen wir
-nunmehr unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. Bei der ungeheuer
-wichtigen Rolle, die die hierher gehörenden Drogen spielen, sind die
-sie erzeugenden Pflanzen von der größten kulturgeschichtlichen und
-wirtschaftlichen Bedeutung. Denn, wie wir bereits zu Beginn des vorigen
-Abschnitts sahen, sind die narkotischen Gifte dem Menschen vielfach
-unersetzliche Genußmittel, die er sich schon auf niedriger Kulturstufe
-unbedingt zu verschaffen sucht. Kein Volk der Erde ist so armselig
-und primitiv, daß es nicht im Besitze irgend eines Mittels wäre,
-dessen Genuß den Geist in einen Rauschzustand zu versetzen vermag. Und
-zwar ist die Erlangung eines solchen Rauschmittels den Naturvölkern
-vielfach wichtiger als der Besitz von Nahrung spendenden Pflanzen. So
-bauen manche von Viehzucht lebende Negerstämme Tabak an, pflanzen aber
-daneben keinerlei Getreide.
-
-Unter diesen „Sorgenlösern“, die den Menschengeist in künstliche
-Ekstase, d. h. in einen Zustand des Entrücktseins in andere Welten
-versetzen, spielt der +Haschisch+ eine sehr wichtige Rolle. Sind doch
-nicht weniger als etwa 250 Millionen Menschen in Asien und Afrika
-Haschischesser oder Haschischraucher. Mit Vorliebe wird er in Konfekt
-genossen, wie ja die Orientalen meist das Süße lieben. Dieser Haschisch
-besteht aus einer ein ätherisches Öl, Harze und verschiedene Glykoside
-enthaltenden Ausscheidung der in Ostindien heimischen und von dort sehr
-früh schon in Persien eingeführten +Hanfpflanze+ (~Cannabis indica~).
-Schon bei uns riecht diese mit dem Hopfen aufs engste verwandte, in
-weiblichen und männlichen Exemplaren auftretende Krautart aromatisch
-und betäubend. In noch viel höherem Maße ist dies in warmen Gegenden,
-speziell im heißen Indien der Fall, wo sie allein ein gelblichgrünes,
-aromatisch riechendes Gummiharz aus den Stengeln und namentlich den
-Blütenständen ausscheidet. Dieses wird gesammelt, indem Arbeiter, in
-der Regel nackt, nur ausnahmsweise mit einem Lederanzuge bekleidet,
-durch die Hanffelder streifen. Dabei klebt ihnen die vom Hanf
-ausgeschiedene harzige Masse an. Diese wird dann mit stumpfen Messern
-abgeschabt und zu einem dem Opium ähnlichen Teig zusammengeknetet.
-Wie dieses wird es in besonderen kleinen Pfeifen geraucht oder als
-grünliches Extrakt mit allerlei meist parfümierten Kuchen, sogenannten
-Fröhlichkeitskuchen, und in Form von Konfekt genossen. Die Wirkung des
-Haschisch ist derjenigen des Tabaks ähnlich, nur viel stärker, indem er
-rasch betäubt und Delirien erzeugt.
-
-[Illustration: Bild 46. ~a~ blühender Sproß des weiblichen Hanfs
-(~Cannabis indica~); ~b~, ~c~ einzelne Blüte, vergrößert; ~d~ Samen
-von außen; ~e~ Durchschnitt durch denselben; ~f~ Harzdrüse, sehr stark
-vergrößert. (Nach Hegi.)]
-
-Besonders reich an diesem narkotischen, harzigen Gifte sind die
-weiblichen Blütenstände, die deshalb auch getrocknet als solche
-geraucht oder zur Extraktion von Haschisch verwendet werden. Von
-der Anwendung des getrockneten Krautes, namentlich der weiblichen
-Blütenstände als den am narkotischen Stoffe reichsten Teilen, zum
-Rauchen wie Tabak, um eine beglückende Betäubung an sich hervorzurufen,
-rührt der Name der Droge her; denn ~haschîsch~ heißt persisch das
-Kraut. In Indien unterscheidet man zwei Sorten desselben: ~bhang~
-oder ~siddhi~, die zur Blütezeit entnommenen, zerkleinerten Blätter,
-die mit Wasser oder Milch, Zucker nebst schwarzem Pfeffer und anderem
-Gewürz zu einer grünen Flüssigkeit zerrieben werden, und ~gânjâ~,
-die getrockneten, jungen, weiblichen Blütentriebe, die, dem Tabak
-beigemischt, in der Wasserpfeife geraucht werden. Letzterer gilt als
-viel kräftiger und wird deshalb auch viel teuerer bezahlt. Während von
-ersterem etwa 30 g für den daran Gewöhnten genommen werden müssen,
-genügen von letzterem viel kleinere Mengen, um eine ausgiebige Wirkung
-zu erzielen. In anderen Ländern bindet man die wirksamen Bestandteile
-an Butter, mischt diese mit Gewürzen und formt aus der Masse Pillen,
-die als beliebtes ~hadschi~ eingenommen werden.
-
-Nächst Indien ist Persien das Hauptland der Erzeugung und des
-Verbrauches von Haschisch. Hier ist, wie in Indien, die Kultur des
-Hanfes als Rauschmittel uralt, und die altpersische Sprache bezeichnet
-die Trunkenheit mit einem Worte (~banga~), das im Sanskrit Hanf
-bedeutet. Von Persien drang die Hanfkultur früh schon westwärts vor
-und gelangte schon um die Mitte des 2. vorgeschichtlichen Jahrtausends
-nach Südrußland zu den Viehzucht treibenden Skythen. Der im Jahre 484
-v. Chr. geborene griechische Geschichtschreiber Herodot nennt uns
-den Hanf als Betäubungsmittel dieses Volkes. Nach ihm streuten die
-Skythen, um sich zu betäuben, Hanfkörner auf glühend gemachte Steine,
-die auf den Boden von kleinen Schwitzbadhütten gebracht worden waren,
-und atmeten den so entstehenden Qualm ein. Dadurch wurden sie in einen
-solchen Rausch versetzt, daß sie aus lauter Behagen laut brüllten.
-Auch bei den Thrakern war sein Gebrauch damals schon üblich; außerdem
-benutzten sie die Fasern des Hanfstengels, um Stoff daraus zu weben.
-Beides war den Griechen, die die Pflanze noch nicht kannten, neu.
-Ebenso bauten die Kelten bereits den Hanf an, um sich seiner sowohl als
-narkotisches Genußmittel, als auch als Gespinstpflanze zu bedienen. Als
-der König Hieron II. von Syrakus, der von 269-215 v. Chr. regierte,
-ein ungeheures Prachtschiff baute, zu dessen Herstellung er aus allen
-Ländern am Mittelmeer das Beste in seiner Art kommen ließ, wurden Hanf
-zu Tauen und Pech von den Kelten des unteren Rhonetales im südlichen
-Gallien bezogen. Also muß die Hanfkultur damals schon bei ihnen in
-hoher Blüte gestanden haben. Von den römischen Schriftstellern ist der
-ums Jahr 100 v. Chr. lebende Satiriker Lucilius der erste, der den Hanf
-als Gespinstpflanze erwähnt und Plinius der ältere (23-79 n. Chr.)
-berichtet in seiner Naturgeschichte, daß der Hanf um die Ortschaft
-Reate im Sabinerlande Baumeshöhe erreiche.
-
-Die alten Juden und Ägypter kannten den Hanf noch nicht. Erst die
-Araber, die sich seiner vorzugsweise als Berauschungsmittel bedienten,
-brachten dessen Kultur im Nilland, wie in Nordafrika in Blüte. Aber
-noch am Ende des 18. Jahrhunderts wurde diese Pflanze nur zur Gewinnung
-von Haschisch gepflanzt, der heute einen sehr großen Teil seiner
-Anhänger in Afrika zählt. Als neuartige Gespinstpflanze erwähnt den
-Hanf zum erstenmal in Palästina die jüdische Gesetzessammlung des
-Mischna.
-
-In geringen Dosen genossen bewirkt der Haschisch ein nicht
-endenwollendes Lachen, zugleich wird die Phantasie mächtig angeregt
-und entzückende Bilder ziehen am geistigen Auge vorüber. Die
-Ideenverkettung wird durch ihn beschleunigt, die Sinneseindrücke
-werden lebhafter und die Sexualsphäre wird erregt. Etwas größere Dosen
-rufen ein traumhaftes Glückseligkeitsgefühl hervor, es entsteht ein
-Gefühl der Körperlosigkeit, der für den Berauschten das Vorhandensein
-von Raum und Zeit ausschließt. Noch größere Dosen lösen berückende
-farbige Visionen aus, bewirken aber auch Delirien und Tobsuchtsanfälle.
-Der Genuß dieses Mittels ist am größten bevor dessen Gebrauch zur
-Gewohnheit wird. Sobald aber letzteres der Fall wird, stellen sich
-hochgradige Schädigungen des Nervensystems und aller Körperorgane ein,
-die eine zunehmende Melancholie mit fortschreitender Verblödung des
-Geistes und körperlichem Verfall bewirken, bis schließlich der Tod
-durch Schlaganfall oder Lähmung eintritt. Dieser durch Haschischgenuß
-hervorgerufene Zustand einer Ekstase spielt bei manchen religiösen
-Sekten des Morgenlandes eine große Rolle. Am bekanntesten unter ihnen
-ist die heute nur noch in einigen hundert Familien im Libanongebirge
-hausende Sekte der Assassinen, die von einem schiitischen Muhammedaner,
-Hassan aus Chorasan, im Jahre 1090 gegründet wurde, indem er zunächst
-eine Anzahl persischer Jünglinge um sich sammelte, die er durch
-Haschischgenuß ihm völlig ergeben und zu willenlosen Werkzeugen seiner
-fanatischen Ideen machte. Zur Zeit der Kreuzzüge waren die Assassinen
-als Meuchelmörder von den Christen sehr gefürchtet. Die Burg Kahf im
-Libanon war die Residenz ihres Häuptlings, des Scheich ul dschebel,
-d. h. Oberhaupt des Gebirges, von den Europäern nur der „Alte vom
-Berge“ genannt. In Syrien von den Machthabern namentlich im 12. und
-13. Jahrhundert mißbraucht, sanken sie nach und nach zu gewöhnlichen
-Meuchelmördern herab, die für Geld jedem dienten, so daß seither bei
-den Romanen ~assassin~ so viel als Meuchelmörder bedeutet.
-
-Bei uns sind alkoholhaltige Getränke die häufigsten, aber auch die
-ärmlichsten Erreger der künstlichen Ekstase. Dazu dient im Orient,
-dem der Alkohol nach dem Gebote des Propheten Muhammed in jeder Form
-versagt blieb, außer dem Haschisch auch das +Opium+. Es ist dies
-bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des +Schlafmohns+ (~Papaver
-somniferum~), der ein Abkömmling des in den Mittelmeerländern,
-besonders Kleinasien, heimischen ~Papaver setigerum~ ist, der sich
-durch borstig behaarte Kelchblätter und Stengel von der kultivierten
-Art unterscheidet. Dieser wilden Urform stand, nach der Beschaffenheit
-der uns erhalten gebliebenen Samenkörner zu urteilen, noch der Mohn
-sehr nahe, den die neolithischen Pfahlbauern der Schweiz in ihren wenig
-sorgsam mit der Hacke bearbeiteten kleinen Feldern an den Seeufern
-pflanzten. Wie andere vorgeschichtliche Völker werden sie sich der
-Samen vorzugsweise als Ölspender, daneben aber auch noch als Heilmittel
-zur Betäubung von Schmerzen bedient haben, wie dies heute noch bei der
-Bauernbevölkerung auf dem Lande geschieht.
-
-Bei den alten Griechen waren die jene Samenkörner bergenden
-Fruchtkapseln des Mohns die sinnbildlichen Attribute des Schlafgottes
-Morpheus. Also müssen sie schon früh die betäubende Wirkung dieser
-Samen und überhaupt der ganzen Pflanze gekannt haben. Doch bauten auch
-die Griechen der ältesten Zeit den Mohn nicht zur Opiumgewinnung,
-sondern zur Ernte seiner ölreichen Samen, wie heute noch die
-mitteleuropäische Bauernbevölkerung, an. Daneben mögen gelegentlich
-die schmerzlindernden Eigenschaften der verschiedenen Produkte der
-Pflanze benutzt worden sein; aber das waren große Ausnahmen. Der Mohn
-war ihnen eine Ölpflanze. Zu diesem Zwecke muß er schon wenigstens
-im 9. vorchristlichen Jahrhundert von Kleinasien her in Griechenland
-eingeführt worden sein; denn der im 8. vorchristlichen Jahrhundert
-in Böotien lebende Dichter Hesiod nennt uns in seiner Theogonie eine
-Ortschaft Mēkṓne, d. h. Mohnstadt, wohl von der dort besonders intensiv
-betriebenen Mohnkultur herrührend. Diese unweit von Korinth gelegene
-Ortschaft wurde dann später infolge ihrer ausgedehnten Gurkenkultur
-in Sikyon, d. h. Gurkenstadt umgetauft, als welche sie uns in
-geschichtlicher Zeit entgegentritt.
-
-Es ist bemerkenswert, daß noch Hippokrates von Kos, der von 460-364
-v. Chr. lebende größte griechische Arzt, das Opium nicht kannte,
-wenn er auch den Milchsaft opós der Blätter und Früchte als
-Linderungsmittel bei Schmerzen anwandte. Auch der Schüler des großen
-Aristoteles, Theophrastos (390-286 v. Chr.), kannte so wenig als die
-Hippokratiker das Opium, und wo er von ~mēkóneion~ spricht, meint
-er damit den betäubenden Milchsaft einer Wolfsmilchart (~Euphorbia
-peplus~). Erst im 3. vorchristlichen Jahrhundert scheint in
-Griechenland die Verwendung des durch Ritzen der unreifen Fruchtkapsel
-des Mohns gewonnenen Milchsafts als Arzneimittel aufgekommen zu sein.
-Wenigstens sind Diokles von Karystos und Herakleides von Tarent die
-ersten griechischen Ärzte, von denen berichtet wird, daß sie diese
-Droge zur Schmerzlinderung anwandten.
-
-Das von der griechischen Bezeichnung dafür, nämlich ~opós~ Milchsaft,
-abgeleitete ~ópion~ übernahmen dann die Römer mit der Droge, deren
-Kenntnis ihnen die bei ihnen ihre Tätigkeit ausübenden griechischen
-Ärzte vermittelten. Zu Beginn der römischen Kaiserzeit wurde außer
-in Kleinasien besonders auch in Ägypten, später auch in Spanien und
-Nordafrika Opium gewonnen, wie wir von den damaligen Schriftstellern
-vernehmen. Zu Beginn des Mittelalters kam dann das Opium im Abendlande
-fast ganz außer Gebrauch, während es die arabischen Ärzte noch
-teilweise anwandten. Dafür wurden Abkochungen der Mohnkapseln, die für
-weniger gefährlich galten, benutzt. Erst im späteren Mittelalter kam
-das Opium im Abendlande wieder zur Benutzung, worüber das Nähere im
-Abschnitt über die Heilpflanzen mitgeteilt werden soll.
-
-Für jetzt genüge die Feststellung der Tatsache, daß, wie schon im
-Altertum, so noch heute Kleinasien das beste Opium erzeugt. Dort wird
-die Kultur des Schlafmohns und die Gewinnung des Opiums aus dessen
-unreifen Fruchtkapseln in folgender Weise betrieben. Die einjährige
-Pflanze mit den hübschen, weiß bis violett gefärbten Blüten wird nach
-den Herbstregen in drei Perioden vom September bis März ausgesät, um
-so den Wechselfällen des Klimas zu begegnen und die Arbeitskräfte
-während einer längeren Periode auszunützen. Auf dem gut gedüngten
-Boden wächst die Pflanze rasch heran, erreicht die Höhe von 1 m und
-erzeugt durch reiche Verästelung 5-30 Blüten. Etwa 6-7 Tage nach dem
-Abfallen der Blumenblätter bekommen die jungen, grünen Fruchtkapseln
-einen bläulichweißen Anflug und sind zur Opiumernte recht. Nun muß die
-Arbeit in 8-10 Tagen vollendet werden, da sie später keinen Milchsaft
-mehr austreten lassen. Die Opiumgewinnung geschieht in der Weise, daß
-die grünen Fruchtkapseln in den Nachmittagsstunden mit einem Messer,
-dessen Klinge bis auf die Spitze mit Bindfaden umwickelt ist, mit
-mehreren wagrechten Schnitten angeritzt werden. Der dabei aus den
-Wunden austretende weiße Milchsaft gerinnt rasch an der Luft und nimmt
-eine gelbrötliche und zuletzt bräunliche Farbe an. Am folgenden Morgen
-wird er mit dem Messer vorsichtig abgelöst und auf ein Mohnblatt
-abgestrichen. Ist eine größere Masse beisammen, so knetet man daraus
-Kuchen von etwa 600 g Gewicht, die man in Mohnblätter einschlägt
-und im Schatten gut trocknen läßt, damit sie nicht später auf dem
-Transport faulen. Damit die Opiumbrote nicht zusammenkleben, werden
-sie durch dazwischen gestreute trockene Rumex- oder Sauerampferfrüchte
-getrennt. So werden sie in kleine Säcke und diese ihrerseits wieder
-in Körbe gepackt, die nach Smyrna oder Konstantinopel ausgeführt
-werden. Durchschnittlich produziert Kleinasien jährlich 400000 kg
-Opium. Doch unterliegen Erzeugung, Ausfuhr und Preis desselben starken
-Schwankungen, da der Ertrag der Fruchtkapseln an Milchsaft nach den
-Jahrgängen sehr ungleich ist. Je reifer die Frucht wird, eine um so
-geringere Saftmenge liefert sie. Doch hindert das Anschneiden der
-Milchsaftröhren in den Kapseln, die nach dem Abfallen der Blumenblätter
-prall gefüllt sind, die Früchte nicht am völligen Reifwerden; sie
-fallen nur etwas kleiner aus. Die Samen werden dann nach deren Reife
-geerntet und aus ihnen das Mohnöl als gutes Speisefett gewonnen.
-
-Nach der Frühjahrsernte wird auf demselben Felde nach abermaliger
-reichlicher Düngung eine zweite Mohnkultur angelegt und im Herbste
-geerntet, und zwar erzeugt die Herbsternte den größten Teil des
-Ertrages. Nach Flückiger liefert eine Mohnkapsel in Kleinasien in ein
-bis drei Schnitten ungefähr 0,02 g Opium. Dabei ist es von Wichtigkeit,
-die Schnitte nicht zu tief zu machen und die Kapselwandung nicht zu
-durchschneiden, da sich sonst ein Teil des Milchsaftes ins Innere der
-Kapsel ergießt und für die Opiumgewinnung verloren geht. Auch würden
-derart geschädigte Kapseln keine Samen mehr reifen lassen. Zwischen dem
-Einschneiden, wozu in Persien und Indien besondere Messer mit bis zu
-fünf Klingen benutzt werden, und dem Sammeln des gebräunten Milchsaftes
-dürfen nicht mehr als 24 Stunden verstreichen. Die getrockneten
-Opiumkuchen sehen im Bruche zimtbraun aus, riechen stark narkotisch
-und schmecken bitter. Vielfach werden sie mit Mohnkapselpulver, Mehl,
-Aprikosen- und Feigenzusätzen, auch mit verschiedenen Gummiarten
-verfälscht. Außerdem wird auch besseres mit schlechterem Opium
-gemischt, um den medizinisch geforderten Morphingehalt von 10-20
-Prozent aus dem gewöhnlich mehr davon enthaltenden Opium zu gewinnen.
-
-Auch in Persien wird viel Opium erzeugt, das zum größten Teile im Lande
-selbst verbraucht wird, und zwar in Kuchen und Konfekt gegessen, nicht
-wie in China geraucht wird. Von der jährlichen Gesamtproduktion von
-Opium im Betrage von 23 Millionen kg erzeugt China 14 Millionen kg und
-Britisch-Ostindien 5,5 Millionen kg. Das Opium und seine Verwendung als
-Mittel zur Betäubung von Schmerzen und, unabhängig davon, zur Erlangung
-eines Zustandes von Entrücktsein, gelangte im frühen Mittelalter von
-Kleinasien nach Osten, wo es die haschischrauchenden Perser und Araber
-als ~afiun~ freudig aufnahmen und im 8. Jahrhundert weiter zu den
-Hindus gelangen ließen, die diese Droge als wertvolle Bereicherung
-ihres Arzneischatzes gern entgegennahmen. Durch die Inder, die dann
-bald auch die Mohnkultur selbst bei sich einführten, gelangte das
-Opium nach Hinterindien und in die malaiische Inselwelt und von da im
-Laufe des 10. Jahrhunderts als ~o-pién~ oder ~o-fu-yung~ nach China,
-wo es später eine außerordentliche Bedeutung erlangen sollte. Die
-frühesten Nachrichten über die Versendung indischen Opiums nach China
-verdanken wir dem Portugiesen Odoardo Barbosa, der bald nach Auffinden
-des Seeweges nach Ostindien nach Kalikut an der Malabarküste fuhr, um
-dort die Produkte Indiens an der Quelle einzuhandeln. Im Jahre 1516
-berichtete er über die Erlebnisse seiner Reise und bemerkt, daß er
-außer kleinasiatischem zweierlei Arten indischen Opiums auf dem Markte
-von Kalikut vorfand. In demselben Jahre 1516 nennt der portugiesische
-Apotheker Pires Opium aus Cambaia und solches aus Cous, der heutigen
-Landschaft Kus Bahar im nordöstlichen Bengalen.
-
-Die Sitte, Opium zu rauchen, erhielten die Chinesen aus Formosa, und
-die Bewohner dieser Insel sollen ihr Opium aus Java bezogen haben.
-Schon im 11. Jahrhundert soll in China selbst Mohn zur Gewinnung
-von Opium angebaut worden sein, aber er wurde ausschließlich für
-medizinische Zwecke verwendet. Im ~Pen-tsao-kung-mu~, einem zwischen
-1552 und 1578 verfaßten chinesischen Kräuterbuche, wird die Gewinnung
-des Opiums und seine Verwendung, aber nur eine solche als Medikament,
-beschrieben. In den Jahren 1589 und 1615 wird das Opium in chinesischen
-Arzneitarifen angeführt. Erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts kam
-das Opiumrauchen in weiteren Kreisen der Bevölkerung in China auf,
-wogegen 1729 von der Regierung aus ein strenges Verbot erlassen wurde.
-Trotzdem erlosch diese Unsitte nicht, sondern blühte im geheimen
-weiter und wurde bald wieder offenkundig betrieben. Die chinesische
-Regierung, welche die unheilvolle, entnervende Wirkung dieser
-Leidenschaft sehr wohl erkannte und ihr nach Möglichkeit entgegentrat,
-verbot in den Jahren 1799 und 1800 das Opiumrauchen abermals im ganzen
-Reiche aufs strengste und untersagte im Jahre 1820 auch die Einfuhr
-des Stoffes. Diese Maßregel traf aber in erster Linie die ostindische
-Handelskompagnie, die Opium in großen Mengen nach China importierte.
-Um nun den für sie äußerst gewinnbringenden Handel nicht zu verlieren,
-organisierte sie einen lebhaften Schmuggel dorthin. Die fortgesetzten
-Reibereien zwischen China, das den Opium nicht zulassen, und England,
-das um jeden Preis sein einträgliches Geschäft fortsetzen wollte,
-führten endlich im Jahre 1841 den berüchtigten Opiumkrieg herbei,
-durch dessen für England siegreiche Beendigung im Jahre 1842 durch
-den Vertrag von Nan-king China zwar nicht offiziell der Einfuhr des
-Opiums geöffnet wurde, doch aller von Indien gelieferter Opium in den
-chinesischen Vertragshäfen zur Einfuhr zugelassen werden mußte.
-
-Infolge zunehmender Feindseligkeiten, die der üppiger als je
-emporblühende Opiumschmuggel nach China hervorrief, kam es im Jahre
-1856 zu weiteren Feindseligkeiten und zu einer Intervention, wonach
-China 1860 die Einfuhr von Opium in sein Reich völlig freigeben mußte.
-Seither machten die Engländer mit ihrer Opiumausfuhr von Indien nach
-China famose Geschäfte, obschon China selbst eine Menge davon erzeugte,
-so daß allein die Provinzen Sze-tschwan und Yün-nan die Produktion
-Indiens darin übertreffen sollen. Zu den 14 Millionen kg, die im
-Lande selbst geerntet werden, liefert Ostindien noch über 5 Millionen
-kg, dazu noch Persien und Kleinasien, dessen Produkte als ~kinni~,
-d. h. goldener Kot, besonders geschätzt werden, eine unbestimmte
-Menge. Das Hauptgebiet der indischen Opiumgewinnung ist Bengalen in
-Nordindien am Mittellaufe des Ganges um die Städte Bihar und Benares,
-wo über eine Million Bauern sich mit Mohnbau beschäftigen. Schon unter
-den muhammedanischen Herrschern Indiens war der Anbau von Mohn zur
-Gewinnung von Opium ein Monopol derselben, das diesen viel eintrug.
-Durch den Sieg des englischen Generals Clives bei Plassey im Jahre
-1757 kamen die Besitzungen des Großmoguls und damit das Opiummonopol
-in die Hände der Engländer. Mit dem Jahre 1773 begann dann der
-indisch-chinesische Opiumhandel der englisch-ostindischen Kompagnie,
-den vorher die Portugiesen von Goa und die Holländer von Java aus
-betrieben hatten. Da nun in Indien die Opiumgewinnung heute noch ein
-Monopol der englischen Regierung ist, sind im ganzen Gebiete englische
-Beamte angestellt, die sämtliche Vorgänge von der Pflanzung des Mohns
-bis zur Ablieferung des fertigen Rohprodukts aufs strengste überwachen.
-Die indischen Bauern sammeln den Milchsaft in irdenen Gefäßen, um ihn
-an die Faktoreien der Regierung abzuliefern, wo er genau geprüft,
-durchknetet und zu Kugeln von etwa 15 cm Durchmesser und 1,5 kg Gewicht
-geformt wird. Diese werden auf Hürden getrocknet und, von einer dicken
-Hülle von Mohnblumenblättern umgeben, in Kisten verpackt.
-
-Das Opiummonopol soll der Regierung des britischen Indien früher
-einen Reinertrag von 160 Millionen Mark jährlich gebracht haben.
-Doch hat diese sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung dazu
-verstehen müssen, ihre Ausfuhr nach China in letzter Zeit immer mehr
-einzuschränken. Die chinesische Regierung hat nämlich im Jahre 1906 für
-das ganze Reich ein Gesetz erlassen, wonach von 1916 an kein Opium mehr
-geraucht oder sonstwie genossen werden darf; nur Männer über 60 Jahren,
-von denen man annimmt, daß sie dieser Gewohnheit nicht mehr entsagen
-können, dürfen seinem Genusse bis zu ihrem Tode in gewohnter Weise
-frönen.
-
-Hier in China hat nämlich der Opiumgenuß allmählich ganz entsetzliche
-Dimensionen angenommen, so daß dieser kaiserliche Erlaß höchst
-notwendig war, sollte nicht die ganze Bevölkerung zugrunde gerichtet
-werden. So berichtet ~Dr.~ Thwing, Sekretär des Kongresses, der durch
-die Initiative des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten,
-Theodor Roosevelt, gegen das Laster des Opiumgenusses am 1. Februar
-1910 in Shang-hai eröffnet wurde, daß für fünf Provinzen Chinas
-genauere statistische Angaben vorliegen, wonach in ihnen auf eine
-Bevölkerung von 58 Millionen Einwohner zwischen 20 und 80 Prozent
-Opium rauchen und daß das dafür ausgegebene Geld 800 Millionen Mark
-jährlich überschreitet. Und der englische Pfarrer Gregg berichtet, daß
-in China jährlich eine halbe Million Menschen infolge Opiumvergiftung
-zugrunde gehen. In manchen Provinzen dieses gewaltigen Reiches, wie
-beispielsweise in Yün-nan, huldigt sozusagen jeder Erwachsene, vom
-Mandarinen und Gelehrten bis hinab zum einfachsten Handwerker und Bauer
-abends nach getaner Arbeit diesem Genusse. Alle Landleute pflanzen für
-ihren Bedarf einen kleinen Acker voll Schlafmohn neben ihrem Hause und
-bereiten sich den Opium selbst. Sie formen davon Kügelchen, die sie
-in einen Pfeifenkopf mit winziger Höhlung bringen, dann in liegender
-Stellung mit Hilfe einer glühenden Kohle zur Verdampfung bringen und
-den Dampf rasch einatmen. So werden die Opiumdämpfe durch die Lungen
-ins Blut gebracht.
-
-Dem energischen Vorgehen der chinesischen Regierung gegen dieses
-volkszerrüttende Laster des Opiumrauchens, dem dank dem durch den
-Opiumkrieg von 1841 China auferlegten Zwang heute noch über 120
-Millionen frönen, steht die 1842 festgelegte Klausel des Vertrages
-von Nang-king mit England entgegen, wonach die ganze von Indien
-gelieferte Opiumproduktion in den chinesischen Häfen zugelassen werden
-muß. Nun haben die chinesischen Staatsmänner sich sowohl mit der
-englisch-indischen Behörde in Kalkutta, als auch mit der englischen
-Kolonie in Hong-kong, die zumeist das von Indien nach China gelieferte
-Opium unter die Bewohner des Landes bringt, in Verbindung gesetzt, um
-eine starke Verminderung der noch immer jährlich gelieferten 46000
-Kisten mit diesem Gift gegen Konzessionen auf anderen Gebieten zu
-erzielen. Hoffentlich gelingt es den chinesischen Staatsmännern bald,
-den der Engländer unwürdigen Vertrag ganz aufzuheben und damit zu einem
-schon längst von ihnen erstrebten absoluten Einfuhrverbot zu gelangen.
-
-In neuester Zeit hat die chinesische Regierung in jeder Stadt eine
-bedeutende Zahl von Opiumkneipen geschlossen, in größeren 1000 bis 7000
-solcher. Man hat berechnet, daß auf diese Weise im ganzen Reich gegen 2
-Millionen Häusern das Recht des Opiumvertriebes genommen wurde. Ferner
-ist der Anbau des Mohns in sämtlichen Provinzen Chinas verboten worden.
-Dies hat für viel kleine Landbesitzer, für die die Opiumkultur die
-Haupteinnahme bildete, eine schwere Krise herbeigeführt und zahllose
-Existenzen sind dadurch ruiniert worden. Doch sollen die ausgedehnten,
-bisher zur Mohnproduktion benutzten Ländereien für den Getreidebau
-verwendet und damit der angerichtete ökonomische Schaden wieder gut
-gemacht werden. Endlich ist allen Persönlichkeiten, die irgend welche
-öffentliche Stellung bekleiden, der Opiumgenuß absolut verboten worden.
-Dieser Befehl betrifft in jeder Provinz mehr als tausend Funktionäre,
-die mit ihrer Enthaltsamkeit vorbildlich auf den Rest der Bevölkerung
-wirken sollen.
-
-Alle diese von jedem rechtlich denkenden Menschen nur zu billigenden
-Maßnahmen werden von der Regierung mit der größten Strenge
-durchgeführt, vor allem in der Provinz Pe-tschi-li, in der die
-Hauptstadt Pe-king liegt. Die erzielten Resultate reden schon heute
-eine deutliche Sprache; und ist erst einmal der Einfuhr indischen
-Opiums der Riegel geschoben, so dürften die Tage des Opiummißbrauchs im
-Reiche der Mitte bald gezählt sein.
-
-Bei den ganz unleugbaren schädlichen Wirkungen des gewohnheitsmäßigen
-Opiumgenusses auf den menschlichen Organismus wirkt es geradezu
-lächerlich, wenn jüngst eine von der englischen Regierung in Belang
-in Bengalen eingesetzte, aus englischen, von der Regierung selbst
-besoldeten Ärzten bestehende Kommission durch eingehende Studien zu
-dem Resultat gekommen sein will, daß dieser gewohnheitsmäßige Genuß
-vielmehr nur gute, die Leistungsfähigkeit der Betreffenden effektiv
-erhöhende Wirkungen ausübe. Was macht nicht alles dieses christlich
-sich gebärdende Krämervolk, das ja sonst unbestreitbar große Verdienste
-um die Kolonisation ausgedehnter Länder der Erde sich erworben hat, um
-ein gutes Geschäft zu machen und die außerordentlich hohen Gehälter
-seiner höheren Beamten in Indien bezahlen zu können! Wenn es nur recht
-verdienen kann, ist es skrupellos bis zum Exzeß. Auf denselben Dampfern
-bringt es die Missionare und ganze Schiffsladungen von in England
-hergestellten Götzenbildern nach Indien, und zwingt andererseits
-Hunderttausende von Eingeborenen in Bengalen das China so verhaßte,
-schädliche Opium zu erzeugen. Wenn auch Millionen der gelben Zopfträger
-schmählich daran zugrunde gehen, das läßt die fühllosen Krämerseelen
-kalt. Wenn nur ein gutes Geschäft für sie dabei abfällt.
-
-Außer in China wird zurzeit wohl in Persien am meisten Opium geraucht.
-Kaum sind es vierzig Jahre her, daß dieses Laster in jenem Lande
-Eingang fand, und schon wird es in allen Städten in Menge geraucht,
-nicht nur im geheimen in den Häusern, sondern öffentlich auf den
-Basaren und Straßen. Ebenso sehr wie die Männer sind die Frauen dem
-Opiumgenuß ergeben, dem sie daheim frönen, während ihre kleinen Kinder
-neben ihnen liegen oder in ihrer Nähe sitzen und spielen. Oft sind
-schon halbwüchsige Jungen an dieses Gift gewöhnt. Nun hat seit Beginn
-des Jahres 1910 auch hier die neue Bakhtiari-Regierung den Kampf gegen
-das Opium aufgenommen, indem Beamte unter militärischer Eskorte ohne
-vorherige Warnung in die Karawansereien, Kaufläden, Kaffeehäuser usw.
-eindrangen und die Herausgabe des Opiums erzwangen. Dieses Gift wird
-nun in allen Ortschaften in besonderen Zentralniederlagen zu einem
-höheren Preise an solche verkauft, die bis jetzt nicht ohne solches
-Stimulans sein können und den hohen Preis desselben nicht scheuen.
-Nach einigen Monaten soll der Preis dafür noch mehr erhöht werden,
-bis schließlich die Leute gezwungen sind, es als Genußmittel ganz
-aufzugeben. Allerdings umgehen viele Perser das Rauchverbot einfach
-dadurch, daß sie das Opium essen, da es so in kleineren Dosen dieselbe
-Wirkung wie das Opiumrauchen in größeren Dosen ausübt.
-
-Aber auch wir Europäer haben unsere, immer weitere Kreise der
-Gebildeten erfassende Opiumseuche. Statt dieses Gift zu rauchen,
-wie die Chinesen, treiben es die diesem Laster frönenden Europäer
-noch viel raffinierter, indem sie sich seit der Einführung der
-sogenannten Pravazspritze in die Medizin in den 1870er Jahren das
-wirksamste Alkaloid dieser Droge, das nach dem griechischen Schlafgotte
-Morpheus genannte Morphin, in wässeriger Lösung unter die Haut
-spritzen, von wo es rasch in den Kreislauf gelangt und seine den
-Betreffenden bald unentbehrliche Giftwirkung ausübt. Dieses Morphin
-war die erste Pflanzenbase, wissenschaftlich Alkaloid genannt, die
-vom deutschen Apotheker Sertürner in Hameln (Hannover) 1805 aus dem
-Opium gewonnen wurde. Zur fabrikmäßigen Morphingewinnung wird bei uns
-hauptsächlich das über Smyrna verschiffte kleinasiatische Produkt
-als das morphinreichste und daneben, als ihm sehr nahe kommend, das
-in Makedonien, wo ebenfalls ausgedehnte Mohnkulturen angelegt sind,
-gewonnene Opium verarbeitet.
-
-So unschätzbare Dienste dieses in wässeriger Lösung eingespritzte
-Morphin in der Hand des gewissenhaften Arztes der leidenden Menschheit
-leistet, so schlimm wird sein gewohnheitsmäßiger Gebrauch bei den
-an den Genuß dieses Betäubungsmittel Gewöhnten. Mit allen anderen
-gewohnheitsmäßig genossenen Giften wie Alkohol, Nikotin, Haschisch,
-Kokain usw. teilt es die verhängnisvolle Eigenschaft, daß der
-betreffende Organismus sich mit der Zeit daran gewöhnt, weshalb die
-Dosis zur Erreichung der gewollten Wirkung immer mehr gesteigert werden
-muß. Dadurch wird der Organismus des Morphin- wie des Opiumsüchtigen
-immer mehr vergiftet und die Gesundheit vollständig untergraben. Durch
-dieses Narkotikum wird man scheinbar der irdischen Schwere enthoben,
-man glaubt zu schweben. Während die Glieder wie gelähmt erscheinen,
-wird die Denktätigkeit subjektiv erleichtert und angeregt. Traumartig
-ziehen die wunderbarsten Bilder vor der Seele vorbei; besonders stellen
-sich buntwechselnde Architekturvisionen ein, bis man schließlich mit
-schwerem Kopf in elender Verfassung aus der Exstase aufwacht. Dieses
-Gefühl des Katzenjammers wird am raschesten durch die Einverleibung
-einer neuen Dose beseitigt. So gelangt man unwillkürlich in einen
-unmäßigen Gebrauch des Giftes, das schließlich den Charakter verdirbt
-und die Gesundheit vollkommen untergräbt. Die Folgen des Lasters
-sind völlige Zerrüttung der Verdauung und dadurch bedingte starke
-Abmagerung, Gliederzittern, Schlaflosigkeit und schließlich Verblödung
-des Geistes.
-
-Ein Abgehen vom Opium- beziehungsweise Morphingebrauch ist ganz
-außerordentlich schwierig und nur vermittelst Anstaltsbehandlung mit
-Erfolg durchzuführen, da bei den an das Gift Gewöhnten jegliche Energie
-gelähmt ist und die besten Vorsätze, dasselbe zu lassen, vollständig
-in die Brüche gehen. Zudem muß bei der Entwöhnung von diesem Gifte
-vor allem eine absolute Enthaltung von allen geistigen Getränken, die
-ebenfalls den Willen zur Durchführung der Morphinabstinenz lähmen,
-durchgeführt werden, sonst ist eine Heilung von diesem Laster auch
-bei der Anstaltsbehandlung nicht möglich, da die Betreffenden zu
-Hause sofort wieder rückfällig werden. Besonders ausgedehnt ist der
-Morphinismus in den Kreisen der Ärzte und Apotheker, denen das Mittel
-jederzeit zu Gebote steht und die deshalb leicht der Verführung zu
-dessen Gebrauch, der stets in Kürze einen Mißbrauch nach sich zieht,
-erliegen. Daneben sind es vor allem die Kreise der Intellektuellen in
-den großen Städten, die der Versuchung unterliegen und vielfach diesem
-für sie bald unentbehrlichen Laster frönen. Weist doch die Stadt Paris
-allein über 50000 Morphinisten auf. Da auch bei diesen die beruhigende,
-anregende und beglückende Wirkung des gewohnheitsmäßig unter die Haut
-eingespritzten Giftes nur anhält, wenn die Menge regelmäßig um etwas
-gesteigert wird, so gelangen diese Unglücklichen zu enormen Tagesdosen,
-die nicht daran Gewöhnten sicheren Tod bringen würden. Infolge ihres
-Lasters verlieren die Morphinisten alle ihre ethischen Gefühle bald
-vollständig, betrügen, lügen und stehlen, vorerst bloß, um sich das
-unentbehrliche, so heiß ersehnte Gift zu verschaffen, dann aber auch
-sonst aus dabei erworbener Perversität.
-
-Außer dem Morphinismus zieht aber auch das ostasiatische Laster des
-Opiumrauchens mehr und mehr bei den Europäern ein. Überall, wohin
-die Chinesen aus ihrer übervölkerten Heimat auswanderten, brachten
-sie die Unsitte des Opiumrauchens mit, die heute nicht bloß in
-allen malaiischen Hafenplätzen, sondern auch in Kalifornien häufig
-angetroffen wird. Aus dem Westen der Union hat sie sich bald über
-die größeren Städte, besonders die Hafenstädte, verbreitet. Schon im
-Jahre 1889 zählte Neuyork 10000 Opiumraucher. Von dort drang das
-Opiumrauchen nach England und die englischen Kolonien vor, wo ihm
-besonders in den Hafenstädten gefrönt wird. Denn überall sind es in
-erster Linie die Matrosen, die sich auf ihren Reisen nach dem Osten
-diese Unsitte in den von Chinesen bevölkerten Städten angewöhnen
-und zu Hause nicht davon lassen können. In Frankreich gehören dazu
-vielfach auch Soldaten, die in Tonking dienten. So sind nicht bloß
-die Hafenstädte, besonders Marseille und Toulon, seit über 25 Jahren
-in zunehmendem Maße vom Laster des Opiumrauchens verseucht, sondern
-auch die größeren Städte wie Bordeaux, Lyon und vornehmlich Paris. In
-Marseille allein soll nach zuverlässiger Quelle täglich für über 1000
-Franken Opium von Weißen geraucht werden. Auf diese von den Chinesen
-übernommene Unsitte hat der englische Romanschriftsteller Charles
-Dickens zuerst durch einen seiner Romane die Augen der Welt gelenkt.
-
-Neben dem Opiumrauchen ist in ganz Asien und auch in England das
-Laster des Opiumessens, der sog. Opiophagie, sehr verbreitet, wobei
-man gewöhnlich die in den Apotheken vorrätig gehaltene Opiumtinktur
-genießt. Auch von ihr müssen schließlich horrende Mengen eingenommen
-werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Während die einfache
-Dosis der Opiumtinktur für medizinische Zwecke 15 bis höchstens 20
-Tropfen beträgt, gelangt ein Opiumesser mit der Zeit bis zu 8000
-Tropfen täglich, was jeden nicht daran Gewöhnten natürlich sofort
-umbringen würde. So weit brachte es auch der begabte französische
-Schriftsteller Thomas de Quincey, der 1821 seine Memoiren als
-„Bekenntnisse eines Opiumessers“ herausgab. Höchst merkwürdig ist es,
-daß von solchen Opiophagen sehr starke Dosen des äußerst giftigen
-Sublimats nicht bloß ertragen, sondern auch dem Opium absichtlich
-zugesetzt werden, wenn dessen Wirkung zu versagen beginnt.
-
-Während die Alte Welt Haschisch und Opium als Mittel einer künstlichen
-Ekstase benutzte, wandte man in Südamerika schon lange vor der
-Entdeckung durch die Spanier zu solchem Zwecke die Blätter einer der
-Leinpflanze sehr nahe verwandten Rotholzart, des +Koka+strauches
-(~Erythroxylon coca~), an. Schon ums Jahr 1499 erfuhren die Spanier,
-daß die Indianer des Andengebiets, speziell in Peru, die Blätter dieser
-Pflanze, teils ohne Zusatz, teils mit dem aus gebrannten Muschelschalen
-gewonnenen Kalk oder der Asche des als wichtige Nährfrucht
-angepflanzten ~Chenopodium quinoa~ kauten und dadurch in bezug auf ihr
-Nervensystem angeregt und befähigt wurden, außerordentliche Strapazen
-bei den beschwerlichen Gängen über das Gebirge zu ertragen. Daß diese
-Sitte schon recht alt gewesen sein muß, erwiesen die Funde auf dem
-Gräberfelde von Ancon und anderer Orte in Peru, wo man sehr häufig
-den in Hockstellung in Säcke eingebundenen Mumien der alten Inkas als
-Totenbeigabe mitgegebene kleine Umhängetaschen mit Kokablättern findet.
-Auch berichten die spanischen Geschichtschreiber zur Zeit der Eroberung
-Perus durch Francisco Pizarro 1532-1533, daß die Inkas bei ihren
-heiligen Götterfesten sich damit berauschten und auch die Menschen, die
-sie dabei opferten, teilweise damit betäubten.
-
-Der 1,5 +m+ hoch werdende Kokastrauch wächst wild in hochgelegenen,
-milden, feuchten Bergwäldern in Peru, Ekuador und besonders Bolivia,
-wo auch heute die größten Kokagärten, ~cocales~, sich finden. Sie
-erstrecken sich vorzugsweise an den östlichen Abhängen der Anden
-in einer Höhe von 1000-2000 m über dem Meer, und reichen heute vom
-nördlichen Chile über Bolivien bis zur Sierra nevada da Santa Martha in
-Kolumbien und geben einen jährlichen Ertrag von über 30 Millionen kg,
-was bei dem geringen Gewichte der getrockneten Blätter eine ungeheure
-Menge bedeutet. Die Blätter des Kokastrauches sind wechselständig,
-5-8 cm lang, 3-4 cm breit, lanzettlich bis eiförmig, ganzrandig,
-kahl, lederartig, oberseits olivengrün, unterseits gelblich graugrün.
-Sie besitzen zuerst zarte grünliche, später hornartig und braun
-werdende Nebenblätter und einen besonders an der Unterseite stark
-hervortretenden Mittelnerv, zu dessen Seiten zwei zarte Längslinien
-als Druckmarken der bei der Knospenanlage umgeschlagenen Blattränder
-verlaufen. Sie riechen und schmecken wie Tee, besitzen aber einen
-bittern Nachgeschmack. Am höchsten wird die bolivianische Ware
-geschätzt, dann kommt die peruanische und an dritter Stelle erst
-diejenige von Ekuador.
-
-Bei der großen Bedeutung, die der Kokastrauch neuerdings für die
-Medizin erlangt hat, wird er, um so mehr, als er sehr leicht auch in
-andern Gegenden wächst, in zunehmendem Maße in den verschiedensten
-Gebieten der Tropen, besonders in einigen Teilen des englischen
-Kolonialreiches in Indien und auf Ceylon, außerdem auch auf Java
-kultiviert. Seine Fortpflanzung geschieht am besten durch Samen, die
-kurz vor der Regenzeit, dem besten Zeitpunkt für die Aussaat, geerntet
-werden. Die Samen werden auf ein humusreiches, gut durchgearbeitetes
-Beet gesät, das reichlich bewässert und durch ein Schutzdach aus Matten
-vor den grellen Sonnenstrahlen beschützt wird. Wenn die Sämlinge 15 cm
-hoch sind, wird letzteres entfernt. Bei Eintritt der nächsten
-Regenzeit werden die dann etwa 30-50 cm hohen Pflänzchen auf fetten,
-etwas trockenen Boden, der häufig durch Hacken gelockert und von
-Unkraut gereinigt werden muß, in Reihen verpflanzt und Mais dazwischen
-gesät, um ihnen den nötigen Schatten zu spenden und den Boden feucht zu
-erhalten. 1½ Jahre nach dem Verpflanzen können zum erstenmal Blätter,
-die nur etwa zu zwei Dritteln entfernt werden dürfen, geerntet werden.
-Und zwar pflückt man nur reife Blätter, die man an ihrem Stich ins
-Gelbliche erkennt. Sie müssen bei trockenem Wetter gesammelt werden,
-da sie sehr dem Verderben durch Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Kommen
-sie in den Regen, so ist die ganze Ernte verdorben. Alle 2-3 Monate
-wiederholen sich die Ernten bis zum 40. Jahre. Die geernteten Blätter
-werden auf einer wärmeaufsaugenden schwarzen Unterlage aus Wolltuch
-oder Schiefer, die zuvor gehörig von der Sonne durchwärmt wurde,
-getrocknet und dann in Säcke aus Wolltuch zu Ballen von etwa 25 kg
-Inhalt fest zusammengestopft, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu
-verhindern. Da die Blätter durch chemische Umsetzungen beim Transport
-bis zu 50 Prozent ihres Gehaltes an Kokain verlieren, so müssen sie
-möglichst schnell verschickt und verarbeitet werden. Die Indianer
-halten die Kokablätter schon nach 5 Monaten für unschmackhaft und nach
-7 Monaten für völlig wertlos. Deshalb wird ein großer Teil der Blätter
-gleich an Ort und Stelle auf Kokain, das höchstens bis zu 1 Prozent in
-ihnen enthalten ist, verarbeitet. 1 kg Blätter liefern dabei 2 g Kokain.
-
-Die europäischen Ärzte wurden auf dieses das Nervensystem hochgradig
-anregende Genußmittel, das über 8 Millionen Eingeborener Südamerikas
-regelmäßig genießen, wobei der durchschnittliche Tagesbedarf
-an Blättern 60-80 g beträgt, erst aufmerksam gemacht, als die
-österreichische Weltumseglung der „Navarra“ ansehnliche Mengen
-dieser Blätter zur Prüfung der darin enthaltenen Stoffe nach Europa
-brachte. Das darin schon 1855 von Gädicke nachgewiesene, von ihm
-Erythroxylin und erst 1860 von Nieman Kokain bezeichnete Alkaloid
-wurde erst 1884 durch Freund und Koller als unempfindlich machendes
-Mittel in den Arzneischatz eingeführt. Seither datiert auch der
-Beginn des Mißbrauchs dieses als Arznei unschätzbaren Mittels. Wie
-es äußerlich, in wässeriger Lösung auf die Schleimhäute gebracht,
-dieselben sehr bald völlig unempfindlich macht und ein Abblassen
-derselben durch Zusammenziehung der Blutgefäße bewirkt, regt es
-innerlich schon in kleinen Mengen die seelischen und motorischen
-Zentren der Großhirnrinde an und beschleunigt die Herztätigkeit.
-Als Mittel zur geistigen und körperlichen Anregung, zur Erzeugung
-einer künstlichen Ekstase, wozu es von den Europäern wie das Morphin
-mit der Pravazspritze unter die Haut gebracht wird, um rasch in die
-Blutzirkulation aufgenommen zu werden, erzeugt es wie die andern,
-vorhin besprochenen Berauschungsmittel in kurzer Zeit die Sucht nach
-dem täglichen Gebrauch und zunehmender Steigerung der Dosen. Also
-ist es völlig ungeeignet etwa als Ersatz des Morphins, wie man es
-anfangs anwenden zu können glaubte. Zudem treten die schlimmen Folgen
-noch rascher als bei jenem ein. Die Persönlichkeit des chronischen
-Kokainisten wird vollständig vernichtet. Er ist zu keiner anhaltenden
-Arbeit mehr fähig, wird mehr und mehr gedankenschwach und vergeßlich,
-seine moralischen Gefühle schwinden, Wahnideen stellen sich ein, es
-tritt Schlaflosigkeit, Abmagerung und zunehmender Verfall des Körpers
-auf, bis schließlich der Tod an Entkräftung erfolgt. Häufig sind
-dabei Kokainpsychosen mit dem Gefühle, als ob es unter der Haut von
-Ungeziefer wimmle, in Verbindung mit erschreckenden Bildern. Da in
-den letzten Jahren ein zunehmender Mißbrauch mit diesem für Augen-,
-Nasen- und Kehlkopfheilkunde, wie auch für die in der chirurgischen
-Praxis äußerst wichtige Infiltrationsanästhesie der Haut bisher
-unentbehrlichen Alkaloid stattfindet, ist davor von ärztlicher Seite
-sehr zu warnen. Ebenso vor dem Einnehmen von Äther und Chloroform, die
-an Stelle des keinen genügenden Reiz mehr auf sie ausübenden Alkohols
-von manchen Lebemenschen männlichen und weiblichen Geschlechts in den
-großen Städten eingenommen werden.
-
-
-
-
-XVII.
-
-Der Tabak.
-
-
-Der Tabak als Genußmittel ist bekanntlich amerikanischen Ursprungs.
-Die Indianer haben diese narkotische Pflanze schon lange vor der
-Entdeckung Amerikas beinahe in ihrem ganzen Kontinent angebaut, um
-die getrockneten Blätter derselben auf die verschiedenste Weise als
-Genußmittel zu gebrauchen. Auf den westindischen Inseln, auf denen
-Kolumbus zuerst landete, wurden sie fest zusammengerollt in ein dürres
-Maisblatt gewickelt und am einen Ende angezündet wie Zigarren geraucht.
-Diese Rauchrolle nannten die Indianer auf Befragen der Spanier
-~tabaco~, woher sich der Name Tabak ableitet, der aber später auf das
-Kraut selbst übertragen wurde.
-
-Die Indianer behaupteten, dieses narkotische Kraut vom großen Geist
-selbst erhalten zu haben und hielten es für heilig; deshalb kreiste
-bei ihren Zusammenkünften die Friedenspfeife als ein Symbol des
-Gottesfriedens, der dann unter ihnen herrschen sollte. Ursprünglich
-werden die dürren Blätter der Tabakstaude mit anderen getrockneten
-Kräutern zum Regenzauber gebraucht worden sein, indem man mit den in
-die Luft geblasenen Rauchwolken befruchtendes Naß für die vor Dürre
-schmachtende Vegetation, vor allem die nahrungspendenden Anpflanzungen
-des Menschen aus den dadurch vermeintlich gebildeten Regenwolken
-zaubern wollte, wie es heute noch die Primitiven in den verschiedensten
-Ländern tun.
-
-Zu solchem Regenzauber und zu ähnlichen Manipulationen haben auch
-die Völker der Alten Welt in vorgeschichtlicher und geschichtlicher
-Zeit die verschiedensten einheimischen Kräuter aus regelrechten,
-teilweise aus Metall, und zwar meist Bronze, gegossenen und uns in
-solchem dauerhaften Material erhalten gebliebenen Pfeifen geraucht.
-Dabei entdeckte man sehr bald, daß der Rauch gewisser Pflanzen eine
-narkotische Wirkung auf den Menschen ausübe. So betäubten sich bereits
-die alten Babylonier durch Verbrennen von dürrem Hanf in Becken und
-Einsaugen des dabei entstehenden Dampfes durch hohles Schilfrohr.
-Von verschiedenen Barbarenstämmen Europas wird berichtet, daß sie
-getrockneten Huflattich rauchten oder durch Rohrpfeifen den Rauch des
-Cypergrases (einer ~kýpeiros~ genannten Binsenart) einsogen. Das sollte
-ihnen nach Apollodoros (um 140 v. Chr.) Kraft und Widerstandsfähigkeit
-verleihen. Ebenso ließen sich die Priester der alten Gallier und
-Germanen durch das Einatmen von Dampf von verbranntem Hanf zum Zwecke
-der Weissagung in Ekstase bringen, wie die Pythia in Delphi durch
-das Kauen von Lorbeerblättern und das Einatmen betäubender, aus der
-Erde hervordringender Dämpfe, über die der Dreifuß, auf dem sie saß,
-gestellt war, gleichfalls in einem Zustande von narkotischer Verzückung
-den Willen der Gottheit zu ergründen suchte.
-
-Während die Völker der Alten Welt durch das Einatmen solchen Rauches
-die narkotische Wirkung mancher Kräuter entdeckten, kamen diejenigen
-der Neuen Welt auf die Entdeckung des Tabakes als Betäubungsmittel. In
-welcher Gegend Amerikas dies geschah, läßt sich nicht mehr bestimmen;
-doch scheint der Süden Nordamerikas und Mittelamerika der älteste Herd
-des Tabakgenusses gewesen zu sein. Von da verbreitete sich derselbe
-nach Süden und Norden, so daß diese der Alten Welt fehlende narkotische
-Pflanze lange vor der Ankunft der Europäer von Chile bis Kanada von den
-Indianern angebaut wurde, um als Zauber- und Genußmittel zu dienen.
-Einzig im Gebiet des La Platastromes, in Uruguay und Paraguay wurde
-der Tabak in keinerlei Weise gebraucht. Sonst bedienten sich seiner
-alle amerikanischen Völker in irgend welcher Form, und zwar meist nur
-die Männer, denen dieses Genußmittel auf ihren ausgedehnten Kriegs-
-und Jagdzügen erlaubte, Hunger und Durst längere Zeit als ohne ihn zu
-ertragen. Bei den zivilisierteren Stämmen, wie den Azteken Mexikos,
-diente er als verfeinertes Reizmittel, dem sich die Männer nach
-getaner Arbeit gerne hingaben. Alle feierlichen gottesdienstlichen
-oder politischen Handlungen gingen bei diesen Völkern stets nur unter
-dem Genusse von Tabak vor sich. Bei den nordamerikanischen Indianern
-(von denen wir die beste Kunde haben), waren die Rauchgeräte heilige
-Geräte, wie das Rauchen selbst eine Kulthandlung war, die bei keiner
-religiösen Zeremonie fehlen durfte. An die symbolische, aus den
-Indianergeschichten genugsam bekannte Friedenspfeife wurde bereits
-erinnert. Und solche heilige Tabakspfeifen oder Calumets haben schon
-die längst ausgestorbenen Vorläufer der nordamerikanischen Indianer
-besessen, die Erbauer der gewaltigen Erdwälle und Grabhügel vielfach
-in Tierform, die in den Tälern des Mississippi und seiner östlichen
-Nebenflüsse, besonders des Ohio, dann aber auch in den Golfstaaten
-in besonders dichter Menge gefunden werden und nach denen man sie in
-der Wissenschaft mit einem englischen Worte als die Moundbuilders
-bezeichnet. Sie müssen kulturell ziemlich hoch gestanden haben, da sie
-mit vereinten Kräften vermittelst der höchst primitiven ihnen zu Gebote
-stehenden Werkzeuge solche teilweise enorme Erdanhäufungen durchführen
-konnten, deren Tierform mit Sicherheit beweist, daß sie dem heute noch
-in jenem Kontinente so hoch ausgebildeten Totemismus huldigten. In
-einem solchen Mound im Ohiotale hat man neben kalt geschmiedeten, d.
-h. durch Hämmern mit Steinen gewonnenen Werkzeugen und Schmucksachen
-aus Kupfer nicht weniger als 200 Tabakspfeifen gefunden, weshalb er
-heute die Bezeichnung ~pipe-mound~ führt. Die in ihm, wie auch in
-anderen solchen Grab- und Kulthügeln gefundenen Pfeifen sind alle, wie
-auch derjenigen der späteren nordamerikanischen Indianer, aus einem
-bestimmten, nur an einer einzigen Stelle im Staate Minnesota gefundenen
-roten Pfeifenstein geschnitzt. Dieser wird nach dem amerikanischen
-Maler und Ethnographen George Catlin (1796-1874), dem die Siouxindianer
-als erstem Weißen nach Überwindung großer Schwierigkeiten den
-Besuch des betreffenden Steinbruchs im Jahre 1832 erlaubten, in der
-Wissenschaft als Catlinit bezeichnet. Dieser Stein ist dicht, aber
-nicht sehr hart, so daß er sich mit dem Feuersteinmesser schneiden
-läßt, und besteht hauptsächlich aus Kieselsäure und Tonerde mit einer
-Beimischung von Eisen, das ihm die schöne rote Farbe verleiht. Beim
-Polieren erhält er einen matten Glanz und erscheint dann blutrot.
-Diese eine Fundstelle des Pfeifensteins war ein geheiligter, neutraler
-Ort, wo sich die Indianer das nötige Material zur Herstellung ihrer
-Tabakspfeifen entweder selbst holten oder von befreundeten Stämmen
-eintauschten. Hier soll einst in grauer Vorzeit der „Große Geist“ die
-verschiedenen indianischen Völkerschaften versammelt und sie in der
-Anfertigung der Friedenspfeife unterwiesen haben, welchen Vorgang
-der amerikanische Dichter Longfellow in seinem „Sang von Hiawatha“
-beschrieb und dadurch in weiteren Kreisen bekannt machte. Erst zu
-Beginn des 19. Jahrhunderts haben sich die Sioux oder Dakotas die
-Herrschaft über den heiligen Steinbruch angemaßt, den sie noch heute
-behaupten.
-
-Wie die Moundbuilders und späteren nordamerikanischen Indianer haben
-auch manche mittelamerikanischen Völker den Tabak aus solchen aus
-weichem Stein geschnitzten Pfeifen geraucht, so unter den Mayastämmen
-die Tarasken auf der mexikanischen Halbinsel von Yucatan, in deren
-Skulpturen an den Tempeln wir diesem heiligen Gerät ebenfalls
-begegnen. Sonst wurde bei den Mayas der Tabak in die feinen Hüllen
-der Maiskolben eingewickelt unter der Bezeichnung ~zicar~, woraus
-dann unsere Bezeichnung Zigarre entstand, geraucht, daneben auch zur
-Erzielung von Rauschzuständen, in welchen man mit den Abgeschiedenen in
-Verbindung treten zu können glaubte, gekaut und der mit dem betäubenden
-Saft versetzte Speichel hinuntergeschluckt. Die südamerikanischen
-Indianer dagegen kannten die Pfeife nicht, rauchten auch kaum
-„Zigarren“, bildeten dafür aber das Schnupfen zu wahrer Virtuosität
-aus. Sie benutzten dazu vielfach überhaupt keinen Tabak, sondern ein
-wohlriechendes Pulver von unbekannter Zusammensetzung, das sie sich
-gegenseitig durch hohle Röhrenknochen von Vögeln einbliesen. Auch die
-Karaibenstämme der großen Antillen, deren Bezeichnungen für Mais,
-Tabakrolle und Hängematte (~mahiz~, ~tabaco~ und ~hamaca~, aus welch
-letzterem Wort das englische ~hammock~ und das deutsche „Hangmatte“
-hervorging) mit den betreffenden Gegenständen in den Sprachschatz der
-europäischen Völker übergingen, schnupften die zu Pulver zerriebenen
-Tabakblätter; rauchten sie aber außerdem in Maiskolbenhüllen
-eingewickelt. In solcher Weise rauchend traf der Genuese Christoforo
-Colombi, besser unter dem Namen Kolumbus bekannt, die ersten
-westindischen Indianer auf der Insel Guanahani (heute Watling-Island),
-als er am 12. Oktober 1492 mit seinen drei mit spanischen Matrosen
-bemannten Caravellen in Indien, wie er zeitlebens glaubte, landete.
-Er starb ja bekanntlich ohne die geringste Ahnung davon zu haben,
-eine neue Welt entdeckt zu haben. Und wie ihm und seinen Begleitern
-das gefundene Land das ersehnte Gewürzland Indien war, so waren deren
-Bewohner für sie Indiani, d. h. Indier, woraus die Bezeichnung Indianer
-hervorging. Diese Indianer aus dem Volke der Aruak, die dort noch
-nicht von den Karaiben verdrängt worden waren, rauchten sämtlich in
-die dürren, feinen Hüllen von Maiskolben eingewickelte getrocknete
-Tabaksblätter und nannten diese Rauchrollen ~tabaco~, eine Bezeichnung,
-die, wie gesagt, erst nachträglich auf das Rauchkraut selbst überging.
-
-Nach der zweiten Expedition, die Kolumbus nach „Indien“ unternahm,
-blieb der ihn begleitende Mönch Romano Pane auf Haiti zurück, und von
-ihm stammt aus dem Jahre 1496 die erste Beschreibung der Tabakpflanze
-und die Schilderung der Rauchsitten der Indianer. Er erzählt, daß die
-Indianer die getrockneten Blätter jenes Krautes aufgerollt in den Mund
-nahmen, an der Spitze anzündeten und den eingezogenen Rauch aus dem
-Munde bliesen, „um damit die lästigen Moskitos zu vertreiben,“ wie
-er meinte. Außerdem erfuhr er, daß das Kraut auch als Arznei gegen
-mancherlei Leiden verwendet werde. Gleich ihm schrieb der Missionar
-Petrus Martyr in einer im Jahre 1532 erschienenen Schrift der Pflanze
-auch Heilkräfte zu.
-
-Die Spanier befreundeten sich bald mit der den Indianern abgelauschten
-Sitte des Rauchens und begannen zuerst auf der Insel San Domingo Tabak
-zu bauen. Bald folgten die Portugiesen in Brasilien und die Engländer
-in Virginien ihrem Beispiel. Gonzalo Hernandes de Ovieda y Valdes,
-der Statthalter von San Domingo, gab die erste genaue Beschreibung
-der Pflanze; die ersten Samen der Pflanze aber brachte der Spanier
-Hernandez Boncalo aus Toledo, der von König Philipp II. mit einer
-Studie über die Pflanzenwelt Amerikas beauftragt war, mit in sein
-Vaterland, wo, wie Nikolaus Monardes, ein berühmter spanischer Arzt
-und Botaniker in seinem 1571 zu Sevilla gedruckten Buche über „Indien“
-schreibt, die Tabakpflanze wohl ihrer schönen roten Blüten, nicht aber
-ihrer betäubenden Eigenschaften wegen in einigen Gärten angepflanzt
-wurde. So ward sie halb als Wunderkraut, halb als Arzneipflanze zuerst
-in Spanien in Gärten gezogen. An das Rauchen ihrer getrockneten Blätter
-dachte zunächst noch niemand.
-
-Im Jahre 1560 brachte der französische Gesandte am königlichen Hofe in
-Lissabon, Jean Nicot de Viblemain aus Lyon, Tabaksamen aus dem Garten
-des portugiesischen Königs nach Frankreich mit, wo er ihn in seinem
-eigenen Garten aussäte und daraus wiederum frischen Samen gewann.
-Gleichzeitig gab er auch welchen an den Hof Franz II. ab, wobei er das
-daraus hervorwachsende Kraut als gutes Betäubungsmittel gegen Schmerzen
-aller Art rühmte. Ihm zu Ehren hat dann der französische Botaniker
-Dalechamps in seiner im Jahre 1586 erschienenen ~Historia plantarum~
-die Pflanze als ~herba Nicotiana~, d. h. Nicotsches Kraut bezeichnet,
-und dieser Name hat sich dann in der von Karl von Linné aufgestellten
-botanischen Bezeichnung ~Nicotiana tabacum~ bis auf den heutigen Tag
-erhalten.
-
-Die Sitte des Tabakrauchens kam erst ums Jahr 1570 durch spanische
-Matrosen aus Westindien nach Spanien und wurde 1586 durch englische
-Kolonisten aus Virginien auch nach England eingeführt. Als nämlich
-der englische Schiffskapitän Walter Raleigh 1584 die zu Ehren der
-jungfräulichen Königin Elisabeth Virginia genannte Kolonie gründete,
-fand er das Rauchen, wie den Tabakbau bei den dortigen Eingeborenen
-allgemein verbreitet. Während der Regierungszeiten Karls IX., Heinrichs
-III. und Heinrichs IV. (1560-1610) kam dann das Tabakrauchen auch in
-Frankreich als betäubendes Linderungsmittel besonders bei Zahnschmerzen
-auf, und zwar wurde das Kraut damals aus einer Rohrpfeife mit
-Metallknopf geraucht, wie sie Nicot aus Portugal mitgebracht hatte.
-Erst unter der Regierung Ludwigs XIII. (1610-1643) kam das Rauchen
-als Selbstzweck, auch ohne als Linderungsmittel bei Schmerzen zu
-dienen, in Aufnahme, obschon viele Ärzte und Gelehrte gegen diese
-„abscheuliche“ Unsitte mit allen Mitteln des Spottes zu Felde zogen.
-Besonders in England wurde diese neue Mode heftig bekämpft, und König
-Jakob I., Sohn der Maria Stuart, der von 1603-1625 regierte, war
-selbst ein so heftiger Gegner derselben, daß er eine Schrift unter dem
-Titel Misokapnos, d. h. Rauchfeind, dagegen verfaßte und zu beweisen
-versuchte, daß das Tabakrauchen ein wahres Höllenwerk sei: „Erstens,“
-sagt er darin, „ist es ein Rauch, und das sind nach dem Worte der
-Bibel alle Eitelkeiten der Welt. Zweitens ergötzt es die, welche es
-treiben, gleich andern Lüsten, welche den Menschen unfähig machen
-ihnen zu entsagen. Drittens macht es trunken und toll im Kopfe; so tun
-es auch die Eitelkeiten der Welt. Viertens, wer raucht, der sagt, er
-könne es nicht lassen, er sei wie behext; gerade so ist es mit allen
-weltlichen Lüsten. Fünftens, das Tabakrauchen ist der Hölle gleich
-in seinem Wesen; denn es ist ein stinkendes, ekelhaftes Ding.“ Der
-König schließt mit folgender Ermahnung an das englische Volk: „Wenn
-endlich, o Bürger, noch Scham in euch ist, so gebt jenen heillosen
-Gebrauch auf, der der Schande entsprungen, aus Irrtum aufgenommen,
-durch Torheit verbreitet worden ist, durch den Gottes Zorn gereizt,
-des Körpers Gesundheit zerstört, das Hauswesen zerrüttet, das Volk im
-Vaterlande herabgewürdigt und auswärts verächtlich gemacht wird; einen
-Gebrauch, der unangenehm in der Nase, dem Gehirn nachteilig, den Lungen
-verderblich und, wenn ich es recht sagen soll, durch die schwarzen
-Rauchwolken dem Höllendampfe vollkommen gleicht.“
-
-Der Nachfolger Jakobs I., der schließlich vom Parlament hingerichtete
-König Karl I. (1625-1649), sah die Tabakfrage nüchterner und
-praktischer an; er wollte dieses Laster, wenn es sich nicht
-ausrotten ließ, finanziell ausbeuten und machte den Handel damit zum
-Staatsmonopol. Er ließ es sich wenig kümmern, ob die Leidenschaft nach
-diesem neuen Genußmittel, die nahezu sein ganzes Volk ergriffen hatte,
-sündhaft sei oder nicht -- wenn sich nur die Staatskassen, die auch die
-seinigen waren, füllten!
-
-Gleicherweise wurde auch in Frankreich, wo diese neue Sitte von England
-aus Fuß zu fassen begann, von der Regierung dagegen agitiert. So
-scheute man sich anfänglich öffentlich zu rauchen, deshalb entstanden
-in den wichtigsten Städten Frankreichs, vor allem in Paris, besondere,
-als ~tabagies~ bezeichnete Lokale für die Freunde des Tabakrauchens.
-Ähnlich war es in den Städten Deutschlands, in denen dieser Name
-bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein für öffentliche Lokale
-gebraucht wurde. Noch bis zum Jahre 1848 wurde das Rauchen auf offener
-Straße in den meisten Ländern Europas verboten. In Frankreich fand
-das Rauchen bald solche Verbreitung, daß man sich nicht scheute,
-diesem Vergnügen auch in der Öffentlichkeit zu huldigen. Und zwar nahm
-merkwürdigerweise der Bürgerstand und die Bauersame vor dem Adel diese
-Mode an, so daß es der Staat bald für gut befand, die Einfuhr des
-Tabaks ebenfalls zu besteuern, was für ihn eine reiche Einnahmequelle
-wurde. Ludwig XIII. (1610-1643) ließ gegen den Willen seines Leibarztes
-Tabak unter das Kriegsvolk verteilen, und Ludwig XIV. (1643-1715)
-befahl sogar während seines Krieges mit Holland im Jahre 1672, daß
-sich jeder Soldat mit Rauchgerätschaften zu versehen habe. Bei den
-höheren Ständen Frankreichs konnte sich das Rauchen zunächst nicht
-recht einbürgern; dafür kam aber bei ihnen das Schnupfen auf, und der
-Besitz einer kunstvoll verzierten Schnupftabaksdose wurde bald zu einem
-wichtigen Requisit der Vornehmen, das ihnen allerdings die Bürgerlichen
-bald genug nachahmten.
-
-Die heute nur noch von manchen älteren Leuten geübte Sitte des
-Tabakschnupfens verbreitete sich im 18. Jahrhundert durch alle
-Volksschichten. Sie wurde zuerst in Frankreich unter Franz II.
-(1559-60), und zwar von Spanien her eingeführt, das zu jener Zeit
-die erste Schnupftabakfabrik in Europa erhielt, die Frankreich den
-„Spaniol“ lieferte. Im Jahre 1636 führten spanische Geistliche
-das Tabakschnupfen in Rom ein, was indessen den Papst Urban III.
-so erboste, daß er eine Bannbulle gegen diese spanische Unsitte
-erließ, die erst 1724 aufgehoben wurde. 1657 gab die Republik
-Venedig die Fabrikation und den Verschleiß des Schnupftabaks auf
-ihrem Territorialgebiete in Pacht. Das Tabakkauen indessen ist eine
-europäische Erfindung, die durch die Matrosen aufkam und heute noch
-unter diesen die meisten Anhänger zählt.
-
-Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts war das Rauchen bereits in Spanien,
-Portugal, England und Holland durchaus populär. Nach Deutschland kam
-die erste Tabakpflanze als Heilkraut 1565 aus Frankreich durch Occo
-in Augsburg, und fünf Jahre später, 1570, gelangte sie ebenfalls aus
-Frankreich nach Holland. Der holländische Arzt ~Dr.~ William van der
-Meer in Delft schrieb ums Jahr 1590, daß er damals in Leiden englische
-und französische Studenten zuerst habe rauchen gesehen. Sie rauchten
-den Tabak aus irdenen Pfeifen, trotz der Warnung der ärztlichen
-Fakultät, daß ihre Gehirne davon schwarz werden würden. Im Anfang des
-17. Jahrhunderts begann dann der Gebrauch des Tabaks in den unteren
-Ständen des holländischen Volkes allgemein zu werden. Das Kraut wurde
-zunächst in großen Mengen aus Westindien eingeführt, bis man im Jahre
-1615 es in Holland selbst zu pflanzen begann. So „trank“ bald jedermann
-Tabak aus Gipspfeifen; selbst minderjährige Kinder taten es, trotz
-immer wiederkehrender Proteste besonders der Theologen und Ärzte,
-die zum größten Teil von diesem „teuflischen Kraute“ nichts wissen
-wollten. 1617 wurde der erste Tabak in England, 1620 im Elsaß, 1625 in
-Lothringen und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts auch in Deutschland
-gebaut, und zwar zuerst in Baden, wohin er vom Elsaß her über den Rhein
-gelangt war.
-
- Tafel 81.
-
-[Illustration: Blühende Stauden und ein einzelnes Blatt des auf Sumatra
-kultivierten Tabaks (~Nicotiana tabacum~).]
-
- Tafel 82.
-
-[Illustration: Das Anlegen einer Tabakpflanzung im Urwalde Sumatras.
-Das Astholz ist verbrannt und dient als Dünger, während die Stämme zum
-Verfaulen liegenbleiben. Um die Wohnung des Plantagenbesitzers sind als
-Schattenbäume verschiedene Zuckerpalmen stehengeblieben.]
-
-Nächst Holland war es besonders England, das die Sitte des Rauchens
-rasch aufnahm. Durch englische Hilfstruppen, welche im Jahre 1620
-nach Böhmen marschierten, wurde sie nach Deutschland gebracht, dessen
-Bevölkerung sich ebenfalls verhältnismäßig rasch damit befreundete,
-obschon auch hier Staat und Kirche das neue Luxus- und Genußmittel zu
-bekämpfen suchten. Doch predigten die Moralisten umsonst gegen den
-„holländischen Rauch“. Besonders dehnte sich dessen Gebrauch in der
-Pfalz aus, wo 1622 englische und holländische Hilfstruppen sich längere
-Zeit aufhielten und das Rauchen populär machten. Seit 1659 wurde zuerst
-zu Suhl im Hennebergischen, dann seit 1679 in der Mark Brandenburg und
-seit 1697 in der Pfalz und in Hessen Tabak angepflanzt. Im Laufe des
-Dreißigjährigen Krieges, der von 1618-1648 dauerte, kam dann durch
-den Einfluß der Soldateska und der verwilderten Sitten das Rauchen
-in Deutschland allgemeiner auf. Seit jener Zeit half kein Verbot und
-keine Strafe mehr gegen die überhandnehmende Unsitte. Dabei wurde der
-Tabakbau immer weiter östlich gebracht, und zwar waren es die
-Pfälzer, die nach der auf Befehl Ludwigs XIV. durch den französischen
-General Graf von Mélac 1689 vorgenommenen Verwüstung ihrer Heimat
-auswanderten und dabei den Tabakbau nach Thüringen, Sachsen und
-Brandenburg brachten. Die Regierungen erblickten fortan im Tabakbau
-eine ergiebige Finanzquelle und belegten den Konsum dieses neuen
-Genußmittels mit hohen Steuern.
-
- Tafel 83.
-
-[Illustration: Tabakplantage auf Sumatra. Links Malaie mit flachem
-Korb zum Einsammeln der Tabakblätter, dahinter Trockenscheuer, rechts
-Transport der getrockneten Blätter in die Fermentierscheune.]
-
- Tafel 84.
-
-[Illustration: Reifer Tabak und Saatpflanzen desselben auf Sumatra.
-
-Blick in eine voll Tabakblätter hängende Trockenscheune auf Sumatra.]
-
-Manche Fürsten haben dann in der Folge diesem narkotischen Kraute
-selbst gehuldigt. So führte der sonst so zeremonielle Kurfürst
-Friedrich III., seit 1701 König Friedrich I. von Preußen (1688-1713),
-Tabaksgesellschaften bei Hofe ein und ließ sogar von einem Künstler
-das Bild einer solchen Zusammenkunft malen, bei welcher seine
-Gemahlin Sophie Charlotte selbst dem Fürsten die lange holländische
-Pfeife anzündet. Mit weniger Prunk, aber mehr Behagen widmete sich
-Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) seinem bekannten Tabakskollegium, in
-welchem beim Bierkrug und bei langen holländischen Tonpfeifen derbe
-Wachtstubenwitze und dick aufgetragene Schwänke erzählt und belacht
-wurden. Die lustige Person, eine Art Hofnarr, in diesem Tabakskollegium
-war jener vom Könige zum Freiherrn und spöttischerweise zum Präsidenten
-der Akademie der Wissenschaften erhobene gelehrte Charlatan J. P.
-von Gundling, der sich in der Trunkenheit bei Eimbecker Bier und
-holländischem Tabak zu vielen derben Späßen mißbrauchen lassen mußte.
-Sein Nachfolger Friedrich der Große (1740 bis 1786), der daran als
-Kronprinz auch teilnahm, rauchte zwar nicht, schnupfte aber dafür nach
-vornehmer französischer Sitte, der er eifrig anhing.
-
-Wie England und Deutschland nahm auch Dänemark den Tabaksgenuß rasch
-auf, während in der Schweiz die Obrigkeit denselben zunächst, wenn
-auch umsonst, bekämpfte. Im Jahre 1661 erließ die Stadt Bern strenge
-Verordnungen gegen den Gebrauch des Tabaks. Auch in der Türkei hatte
-das Tabakrauchen, das 1605 zuerst in Konstantinopel auskam, anfänglich
-große Schwierigkeiten zu überwinden, da die Muftis (Rechtsgelehrten)
-erklärten, dieser neue Gebrauch widerspreche den Vorschriften des
-Korans. Wer beim Tabakrauchen erwischt wurde, dem bohrte man als
-abschreckendes Mittel das Pfeifenrohr quer durch die Nase. Doch selbst
-diese grausame Strafe fruchtete nichts gegen die überhandnehmende
-Rauchsitte, so daß Sultan Murad IV. im Jahre 1630 bestimmte, daß jeder,
-der des Tabakrauchens überwiesen werden könne, geköpft werden solle.
-Dadurch bewirkte er allerdings, daß die geängstigte Bevölkerung sich
-notgedrungen vom Rauchen abwandte, dafür aber dem nicht verbotenen
-Schnupfen des Tabaks huldigte. Sobald aber unter seinem Nachfolger
-das Rauchverbot nicht mehr so streng gehandhabt wurde, kam auch das
-Rauchen wieder auf und hat sich seither dermaßen bei den Osmanen
-eingebürgert, daß bald der Türke mit seinem Tschibuk symbolisch auf
-den Ladenschildern der Tabakverkäufer im Abendlande sich präsentierte.
-Tabakrauchend und kaffeeschlürfend mit übereinandergeschlagenen Beinen
-auf seinem Teppich zu sitzen und sich stundenlang dem träumerischen
-Zustande des Kef hinzugeben, das ist heute das Paradies der Türken auf
-Erden.
-
-Ähnlich grausam wie in der Türkei ging man in Rußland gegen die neu
-aufkommende Sitte des Tabakrauchens vor. Zar Feodorowitsch Romanow
-bestimmte im Jahre 1641, daß, wer auch seiner Untertanen beim
-Tabakrauchen betroffen werde, ohne weiteres getötet oder ihm wenigstens
-die Nase abgeschnitten werden solle. Obschon diese strenge Maßregel
-auch oft genug in die Tat umgesetzt wurde, ließ sich das russische Volk
-so wenig als das türkische davon abbringen, schließlich doch diese
-Unsitte anzunehmen. Erst Feodorowitschs Enkel, Peter der Große, dem
-die Engländer 15000 Pfund Sterling (= 300000 Mark) anboten für die
-Erlaubnis, den Tabak in Rußland einführen zu dürfen, willigte in diesen
-wenig rühmlichen Handel ein, obwohl der Tabakverkauf vom russischen
-Patriarchen verboten war und das Rauchen noch immer von der Kirche als
-sündhaft und unrein verdammt wurde. Ja, dieser rohe Monarch versprach
-den Engländern gegen solch reiche Bezahlung, dem Patriarchen selbst
-das Rauchen beizubringen. Ob ihm solches gelang, wird allerdings nicht
-berichtet; jedenfalls aber steht die eine Tatsache fest, daß bald
-auch das heilige Rußland mit Hilfe der profitgierigen Engländer dem
-Rauchteufel erlag, und heute wird in jenem Lande so gut wie in der
-Türkei und in der Schweiz von vornehm und gering, selbst von vielen
-Frauen dieser indianischen Unsitte gehuldigt.
-
-Nach Japan brachten die Portugiesen schon im Jahre 1605 den Tabak,
-der sich von hier aus ebenso schnell über ganz Ost- und Südasien
-verbreitete. Obschon auch hier, so in Japan bereits 1612, von der
-Obrigkeit sehr strenge Gesetze dagegen erlassen wurden, fand die
-Sitte des Rauchens bald beim Volke Eingang. Ebenso war es unter den
-europäischen Kolonisten in Nordamerika der Fall, wo noch im Jahre
-1650 ein Rauchverbot, allerdings auch hier umsonst, erlassen wurde.
-Aller Warnung zum Trotz fand das giftige Kraut seine Liebhaber, die
-sich so an dasselbe gewöhnten, daß sie nicht mehr von ihm lassen
-konnten. Auch heute noch fällt es dem daran Gewöhnten leichter, den
-Genuß geistiger Getränke zu lassen, als sich das Rauchen abzugewöhnen.
-Diese Leidenschaft beherrscht eben den Menschen ganz so wie der
-gewohnheitsmäßige Genuß anderer narkotischer Mittel wie Opium, Morphin,
-Kokain und dergleichen.
-
-Es sei hier noch kurz bemerkt, daß bei allen Nationen das Rauchen
-zuerst aus Pfeifen erfolgte und größtenteils noch heute so geübt wird.
-Auch in Deutschland hat man im 18. Jahrhundert noch ausschließlich
-aus Pfeifen geraucht. Nur reiche Leute konnten sich’s leisten, als
-etwas Seltenes und Kostbares eine aus Holland, England oder Amerika
-eingeführte Zigarre zu rauchen. Als diese Ausnahmen sich mehrten,
-kam ein Hamburger, der in Spanien das Zigarrenmachen erlernt hatte,
-im Jahre 1788 auf den Gedanken, in Hamburg eine Zigarrenfabrik zu
-errichten. Doch hatte er zunächst keinerlei Erfolg. Er mußte seine
-Zigarren verschenken, um seine Landsleute auf das Fabrikat aufmerksam
-zu machen und ihnen die Überzeugung beizubringen, daß auch in
-Deutschland hergestellte Zigarren gut schmeckten. Als trotz seiner
-Bemühungen das fremdländische Fabrikat den Vorzug behielt, nahm er
-seine Zuflucht zu einem Betrug, indem er seine Zigarren nach Kuxhaven
-sandte, dort auf Schiffe verladen ließ, die aus Amerika kamen, und sie
-dann als echte amerikanische in Hamburg in Empfang nahm. Als diese nun
-zu billigen Preisen verkauft wurden, befreundete man sich mit ihnen und
-rauchte später, als die Sache an den Tag kam, auch das einheimische
-Fabrikat. So wurde nach und nach das Zigarrenrauchen in Deutschland
-eingeführt.
-
-Die +echte+ oder +gemeine Tabakstaude+ (~Nicotiana tabacum~) gehört mit
-den Petunien, dem Stechapfel, dem Bilsenkraut, der weißen, besonders
-am Abend stark duftenden Trompetenblume (~Datura suaveolens~), der
-Tollkirsche, der Paprikapflanze, der Tomate, der Eierpflanze (franz.
-~aubergine~, ~Solanum melongena~), dem Bittersüß und der Kartoffel in
-die Familie der Nachtschattengewächse, deren Mitglieder meist durch
-irgend ein Gift vor dem Gefressenwerden durch Tiere geschützt sind.
-Sie ist ein einjähriges, bis 2 m hoch werdendes, aufrechtes Kraut,
-das allseitig mit einfachen und drüsigen Haaren besetzt ist. Die
-frisch unangenehm, betäubend riechenden und scharf bitter schmeckenden
-Blätter sind länglichoval, ganzrandig und langzugespitzt. Sie sind oben
-dunkel- und unten hellgrün. Jede Pflanze hat deren etwa 10 bis 20, von
-denen die untersten bis 50 cm lang und 10-15 cm breit werden. Die
-mit trichterförmiger, rötlicher Blumenkrone und fünfzähnigem, grünem
-Kelche versehenen Blüten stehen in Rispen und erzeugen befruchtet eine
-zweiklappige Kapsel mit zahlreichen, außerordentlich kleinen, eirunden
-Samen, die außer Eiweißkörpern ziemliche Mengen eines Öles enthalten,
-das in Südrußland ausgepreßt und zu Beleuchtungszwecken verwendet wird.
-
-Der Stengel der Tabakpflanze ist während der ersten Periode des
-Wachstums mit einem klebrigen Marke gefüllt und bricht sehr
-leicht; später wird er holzig und besitzt ein ziemlich großes
-Widerstandsvermögen gegen Bruch, was für die Kultur von großer
-Wichtigkeit ist. Der runde Stengel verzweigt sich bei üppigem Wachstum
-nur oben; zuweilen bilden sich aber für die Kultur sehr lästige
-Seitenschosse in den Achseln der Blätter, die fast nicht oder nur
-mit Aufopferung des Blattes, aus dessen Achsel sie entsprangen, zu
-entfernen sind. Sobald die Pflanze sich ihrer Reife nähert, wird ihre
-Lebenskraft hauptsächlich dazu verbraucht, Wurzelschosse zu treiben,
-die alsbald entfernt werden, um die zu erntenden Blätter rascher zur
-Reife zu bringen und ihnen auch eine heilere Farbe zu verleihen.
-
-Ist die Tabakpflanze auch im wärmeren Amerika heimisch, so kann sie
-gleichwohl an den meisten Orten der Erde gezogen werden; indessen
-gibt sie nur in beschränkten Breiten bessere Produkte. Die dicken
-und schweren Blätter, die sich schon bei uns entwickeln, sind nur
-minderwertige Ware und die Pflanzen der höheren Breiten sind nicht
-mehr zum genußreichen Rauchen zu verwenden. Aber auch in viel wärmeren
-Gegenden gibt der Tabak nicht durchaus gleichwertige Blätter. Den
-berühmtesten Tabak liefert Kuba, wo indessen, wie überhaupt auf allen
-westindischen Inseln mit Ausnahme von Portoriko, die Tabakkultur
-zugunsten der Kultur des Zuckerrohrs mehr und mehr abnimmt. Der
-berühmte Havannatabak wird auf einer kleinen Strecke der Westküste, der
-~vuelta abaja~, d. h. dem „niedrigen Land“ gebaut, das sich in 110 km
-Länge und 30 km Breite als der beste Tabakboden der Welt zwischen dem
-Gebirge im Norden und dem Meere im Süden erstreckt. Aller verfügbarer
-Boden ist hier für die Tabakkultur verwendet, die in Plantagen von
-etwa 13 Hektar Ausdehnung betrieben wird, auf der 20-30 Mann, Farbige
-und Weiße, arbeiten. Der Tabak wird während des sogenannten Winters
-gebaut, da der geringere Regenfall und der verminderte Sonnenschein,
-sowie die gegen 10° C., gegenüber dem übrigen Teil des Jahres niedrigere
-Temperatur günstig auf die Entwicklung des Aromas der Tabakblätter,
-des Ruhms von Havanna, einwirken. Fast der ganze Ertrag wird in den
-Fabriken von Havanna verarbeitet, die in der Regel jedes Jahr den
-Ertrag derselben Plantage aufkaufen, wodurch sie in der Lage sind, ein
-Produkt von möglichst gleicher Qualität zu liefern. Nirgends trifft man
-so viel verschiedene Sorten Tabak wie in Havanna, wodurch natürlich
-der Einkauf der Rohtabake sehr erschwert wird. Die am meisten dort
-geschätzten werden noch ziemlich feucht geraucht, in einem solchen
-Zustande, daß sie sich um sich selbst drehen und über den Finger biegen
-lassen, ohne zu brechen. Manche Sorten haben im Fabrikationsorte
-Havanna selbst einen Preis bis zu zwei Mark und darüber das Stück.
-
-Andere berühmte Lagen sind in Brasilien, in Florida, auf Sumatra,
-hauptsächlich im Distrikt von Deli und auf Neu-Guinea. Diese Tabake
-sind besonders deshalb wertvoll, weil sie vorzügliche Deckblätter
-geben, die dünn und dennoch fest wie Handschuhleder sind. Große
-Mengen von Tabak werden auch in Mexiko, in den Staaten Maryland,
-Virginia und Kentucky gebaut, obschon die letzteren, weil zu schwer,
-nur minderklassig sind. In Europa erzeugt Ungarn große Mengen für
-den österreichischen Bedarf. Vortrefflich ist auch der auf der
-Balkanhalbinsel gezogene Tabak, an den sich die kleinasiatischen
-Sorten anschließen. Hier wird auch eine andere Art, der mit
-kleineren, runden Blättern und gelbgrünen, kürzeren Blüten versehene
-sogenannte +Bauerntabak+ (~Nicotiana rustica~) angebaut, der einen
-ganz ausgezeichneten dünnblätterigen Tabak liefert; dieser kommt als
-türkischer Tabak in den Handel und wird nur, sehr fein geschnitten,
-zu Zigarettentabaken verarbeitet. Besonders in Ägypten nimmt die
-Zigarettenindustrie in Kairo und Alexandria ständig zu.
-
-Die Tabakpflanze stellt sehr hohe Anforderungen an die Nährkraft des
-Bodens, indem ihre grünen Teile, besonders die Blätter, ungemein
-reich an mineralischen Bestandteilen sind; außerdem enthalten sie
-die starken narkotischen Gifte Nikotin und Nikotianin, auf deren
-Einverleibung im wesentlichen die Wirkung des Rauchens beruht. Durch
-jene Gifte wird wohl das Nervensystem etwas beruhigt, das Empfinden und
-Wollen angeregt, aber als ungünstige Nebenwirkung die Herztätigkeit
-beschleunigt und der Blutdruck erhöht. Das Schnupfen des Tabaks ruft
-weit weniger Allgemeinerscheinungen hervor, weil die bald eintretende
-Verdickung der Nasenschleimhaut die Aufsaugung des Nikotins verhindert.
-
-Der Tabak gehört also mit dem Alkohol zu den zweifellos schädlichen
-Genußmitteln. Je besser die Sorte, um so geringer sind die
-Giftwirkungen, da geringe Tabaksorten reicher an Nikotin zu sein
-pflegen als die feinen. Dieselbe Beschaffenheit des Bodens und Klimas,
-die die Bildung dieses Giftes begünstigt, wirkt zugleich ungünstig
-auf die Entwicklung des Aromas. Deshalb ist eine stark nikotinhaltige
-Tabakpflanze gleichzeitig weniger aromatisch, wie z. B. die Virginia
-mit gegen 6 Prozent Nikotin, während ein geringer Nikotingehalt von
-nur 2 Prozent, wie bei der Havanna, Hand in Hand mit der stärksten
-Ausbildung des Aromas geht. Je größer der Abstand der Pflanzen
-untereinander ist, je weniger Blätter ihnen gelassen werden, je höher
-die Blätter am Stengel sitzen und je später sie gepflückt werden, desto
-größer ist im allgemeinen ihr Nikotingehalt und desto geringer ihr
-Aroma. Da nun ein möglichst geringer Nikotingehalt und ein möglichst
-feines Aroma zu erstreben sind, müssen alle die Zunahme des Nikotins
-begünstigenden Faktoren vermieden werden. Die Luft soll feucht sein und
-die Pflanze soll zunächst viel Regen erhalten, bis sich die Blätter
-zu entwickeln beginnen; dann schaden allerdings starke Regengüsse,
-indem die Blätter ein geringes Aroma und unerwünscht dicke Blattnerven
-bekommen, sich auch weniger günstig beim Trocknen und Gären verhalten.
-
-Da stehendes Wasser dem Tabak sehr nachteilig ist, so muß der Boden,
-auf dem Tabak gepflanzt werden soll, leicht durchlässig sein und darf
-nicht im Überschwemmungsgebiet der Flüsse liegen. Am geeignetsten
-ist etwas welliges Terrain. Kalk darf darin nur in geringen Mengen
-enthalten sein, dagegen ist Kalireichtum günstig, da erfahrungsgemäß
-die Güte des Tabaks durch einen hohen Gehalt an diesem Alkali bedingt
-wird. Stickstoff- und Chlorreichtum vermindern die Brennbarkeit des
-Tabaks und setzen sein Aroma herab. Das Gedeihen eines guten Tabaks ist
-also unabhängig von Düngungsmitteln, im Gegensatz zu anderen Pflanzen,
-z. B. Getreide und Gemüse. Ähnlich wie beim Weinbau bedingt die
-Örtlichkeit zu einem großen Teil den Erfolg. Aber auch in der besten
-Lage sind nicht alle Blätter einer Tabakpflanze von derselben Güte,
-sondern die der Mitte des Stengels entnommenen sind, was Brennbarkeit
-und Aroma anlangt, die besten; deshalb werden sie als „Bestgut“
-bezeichnet.
-
-Der erfolgreiche Anbau des Tabaks verlangt große Sorgfalt und Pflege.
-Die Anzucht im Großbetriebe erfolgt in besonderen Saatbeeten, die
-sowohl gegen übermäßige Sonnenbestrahlung als auch gegen die heftigen
-Regengüsse, wie sie bekanntlich in den Tropen häufig sind, geschützt
-werden müssen. Deshalb bedeckt man sie mit auf Stangen von 1-1,5 m Höhe
-befestigten schrägen Dächern, die den Durchgang der nötigen Luft nicht
-behindern. Nach drei Wochen werden die Keimpflänzchen möglichst schnell
-an ihren definitiven Standort überführt und hier etwa zwei Wochen
-lang, bis sie erstarkt sind, zum Schutze gegen Witterungseinflüsse mit
-dütenförmigen Holzmützen bedeckt.
-
-Nach etwa 75 Tagen ist die Pflanze ausgewachsen und wird geerntet,
-wobei seltener die reifen Blätter, sondern meist die ganzen Pflanzen
-abgeschnitten, in Bündel gebunden und entweder an der freien Luft oder
-durch Feuerwärme in Trockenhäusern getrocknet werden. Sie verlieren
-dabei ihren Stärkegehalt und erlangen die gewünschte braune Farbe.
-Dann werden die Blätter vom Stengel abgebrochen -- wenn sie es nicht
-schon waren -- und dabei zugleich nach ihrer Qualität sortiert, um
-dann abermals zu Bündeln vereinigt und in geschlossenen Räumen zu
-großen Haufen, sogenannten Stöcken, aufeinander geschichtet zu werden,
-die 100-800 Zentner Tabakblätter umfassen. Hier machen sie eine von
-besonderen Bakterien hervorgerufene Gärung durch, wobei diejenigen
-aromatischen Verbindungen entstehen, durch welche der fertige Tabak
-beim Rauchen den angenehmen Geruch und Geschmack erhält, weicher zum
-Bearbeiten wird und gleichmäßiger gefärbt erscheint. Zugleich wird
-der Gehalt an dem äußerst giftigen Nikotin um etwa 30 Prozent der
-ursprünglich vorhandenen Menge desselben herabgesetzt. Dabei tritt
-in einem feuchten Klima ein „Schwitzen“ genanntes Austreten eines
-klebrigen Stoffes auf, was in einem trockenen dagegen unterbleibt. Den
-Beginn der Gärung (Fermentation) erkennt man an einer Wärmezunahme,
-welche im Innern des Stockes am bedeutendsten ist und daselbst bis
-50° C. und mehr steigen kann. Sobald dies eingetreten ist, nimmt man die
-Bündel auseinander und baut aus ihnen einen neuen Stock auf, in welchem
-die bisher im Innern befindlichen Bündel an die Außenseiten gelegt
-werden. Derartige Umlagerungen werden wiederholt vorgenommen, damit
-jedes Bündel in annähernd gleicher Stärke fermentiert wird.
-
-Ist dies geschehen, so werden die Stöcke je nach Sorten, Klima und
-Witterungsverhältnissen entweder ganz auseinander genommen, um
-weiter verarbeitet zu werden, oder abermals in kleineren Partien
-zusammengelegt, wobei noch eine zweite Fermentation stattfindet.
-Näheres über die Einzelheiten bei diesem Vorgang findet sich im
-Abschnitt über die Gärungserreger. Nach der Fermentation werden die
-Blätter gelüftet, getrocknet und schließlich in Fässer verpackt, um
-in die Tabakmanufakturen zu gelangen, wo die schlechteren Sorten oft
-noch zur weiteren Herabsetzung des Nikotingehaltes ausgelaugt und zur
-Verstärkung des Aromas „gesaucet“, d. h. mit verschiedenen, meist
-opiumhaltigen Brühen behandelt werden. Für Deutschland ist Bremen
-ein Haupthandelsort für Tabak. Dort gibt es die größten Tabak- und
-Zigarrenfabriken Europas.
-
-Während heute überall in den Tabak produzierenden Ländern der rötlich
-blühende echte oder gemeine Tabak gebaut wird, pflanzt man im Orient,
-sowie in Nordafrika den nur 1 m Höhe erreichenden, gelblich blühenden
-+Bauern+- oder +türkischen Tabak+ (~Nicotiana rustica~), der in Mexiko
-seine Heimat hat. Wir sahen bereits, daß er den türkischen oder
-Latakiatabak liefert. Die Kultur ist dieselbe wie beim echten Tabak,
-und an ihm werden, gleicherweise wie bei jenem, gelegentlich eine Reihe
-von durch winzige Spaltpilze hervorgerufene Krankheiten beobachtet,
-unter denen der sogenannte „Spickel“, sowie der Blattfleckenrost und
-eine dritte Blattfleckenkrankheit die wichtigsten sind.
-
-Entsprechend dem großen Verbrauch des Tabaks ist sein Anbau ein ganz
-bedeutender und beträgt auf der ganzen Erde wenigstens 550 Millionen
-kg, wovon auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika 225 Millionen
-kg, auf Britisch-Ostindien 172 Millionen kg und auf Deutschland 40
-Millionen kg entfallen. Außerdem führte Deutschland im Jahre 1906 für
-120 Millionen Mark unbearbeitete Tabakblätter ein. Auf den Kopf der
-Bevölkerung kommen daselbst jährlich fast 2 kg Tabak.
-
-Was nun endlich die Verarbeitung des Tabaks betrifft, so beginnt man
-beim Rauchtabak mit einer genauen Sortierung der Blätter nach der
-Farbe, wobei man die Blätter mischt, um die gewünschte Qualität zu
-bekommen. Darauf werden die Blätter angefeuchtet, um ihnen die nötige
-Elastizität zu erteilen, und zwischen Walzen gepreßt, auf Rollen
-gesponnen oder sofort geschnitten. Bei der Zigarrenfabrikation wird zum
-Innenblatt eine geringere Qualität, zum Deckblatt dagegen eine bessere,
-vielfach mit hellen Flecken versehene, genommen. Letztere entstehen
-in der Natur durch Tautropfen, die den Sonnenstrahlen als Brennglas
-dienen; dem Publikum zuliebe werden sie vielfach auch künstlich durch
-Einwirkung von Salpetersäure erzeugt. Das Schneiden der Deckblätter
-erfordert viel Übung und ein gutes Auge, da man trachten muß, aus einem
-Blatt so viel Deckblätter wie möglich herauszuschneiden. Das Ganze
-wird dann durch Maschinen gerollt. Danach werden die Zigarren an
-der Sonne oder am Ofen getrocknet, je nach Farbe und Sauberkeit des
-Deckblatts sortiert und in Kistchen verpackt.
-
-[Illustration:
-
- Tafel 85.
-
-Das Sortieren der Tabakblätter nach Länge und Farbe auf einer
-Tabakplantage Sumatras.]
-
- Tafel 86.
-
-[Illustration: Die zum Fermentieren in Haufen gelegten Tabakblätter auf
-einer Tabakplantage Sumatras.
-
-Blick in einen Arbeitsraum der Zigarettenfabrik Leopold Engelhardt in
-Bremen.]
-
-Die Zigarren müssen an einem trocknen Orte aufbewahrt werden, da sie
-sonst leicht schimmeln. Im allgemeinen werden sie durch das Aufbewahren
-besser, erstens, weil sie dabei vollkommen trocken werden, und
-zweitens, weil in ihnen eine leichte Nachgärung stattfindet. Nach einer
-bestimmten Zeit verliert aber die Zigarre wieder an Güte, weil sie
-brüchig wird und das Aroma sich wieder verflüchtigt.
-
-Die früher meist vom Raucher selbst gedrehten Zigaretten werden jetzt
-meist mit Maschinen hergestellt. Zur Fabrikation des Zigarettenpapiers
-werden gewöhnlich sehr feine leinene Lumpen verwendet, die sorgfältig
-gereinigt werden. Statt des Papiers werden manchmal auch die
-allerfeinsten Tabakblätter als Hülle verwendet. Diese sogenannten
-Zigarillos haben vor den übrigen Zigaretten den Vorzug, daß bei ihnen
-der unangenehme Papiergeschmack wegfällt.
-
-Bei der Herstellung von Kautabaken werden die Blätter mit Salz, Sirup,
-Zucker, Rum, Salmiak, dem Fruchtfleisch der Tamarinde, Anis, Gummi,
-Dextrin, allerlei ätherischen Ölen usw. versetzt; dem Schnupftabak
-setzt man meist nur Salmiak und Pottasche zu. Für die Fabrikation
-des letzteren wählt man die schwärzesten Tabaksorten und von diesen
-die dicksten und fleischigsten Blätter von nicht zu heller Farbe.
-Nachdem die Blätter einen Gärungsprozeß von verschieden langer Dauer
-durchgemacht und die betreffenden Zusätze erhalten haben, werden sie an
-der Luft getrocknet, geschnitten und fein gestampft oder in Mühlen fein
-gemahlen. Dann wird der Schnupftabak gesiebt, parfümiert und verpackt.
-
-Die ersten Rauch- und Schnupftabakfabriken in Deutschland entstanden
-in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ersten Zigarrenfabriken
-in Hamburg und Bremen gegen das Ende des 18. und den Beginn des 19.
-Jahrhunderts. Die Stadt Bremen besaß 1851 bereits 281 Fabriken mit
-5300 Arbeitern. In Sachsen entstand die erste Zigarrenfabrik 1825, in
-Baden 1843. Als in den Jahren 1852 und 1854 Braunschweig und Hannover
-dem Zollverein beitraten, wurden die hanseatischen Fabriken in das
-Zollinland verlegt und in Hamburg und Bremen nur noch die besten Sorten
-hergestellt. Seit der Mitte der 1860er Jahre wurden die Tabakfabriken
-mehr und mehr aus den großen Städten auf das Land und in die kleineren
-Städte verlegt.
-
-Begreiflicherweise hat der Fiskus einen so allgemein beliebten
-Luxusartikel ausgiebig besteuert. So bildet die Tabaksteuer eine
-bedeutende Einnahmequelle aller Kulturstaaten. Einige Regierungen,
-wie in Europa Österreich-Ungarn, Frankreich, Italien, Spanien,
-Portugal, Serbien und Rumänien, haben sich sogar das Monopol auf die
-Tabakindustrie und den Tabakverkauf reserviert, um auf diese Weise
-einen möglichst großen Profit aus dem Tabak zu ziehen. In England,
-Rußland und der Türkei steht der Tabak unter staatlicher Aufsicht; in
-den übrigen Ländern dagegen ist er frei.
-
-
-
-
-XVIII.
-
-Die Gärungserreger.
-
-
-Außer den größeren und kleineren Nutzgewächsen, die jeder zu sehen
-imstande ist, gibt es solche von mikroskopischer Kleinheit, über
-deren Vorhandensein, Lebensweise und Bedeutung wir erst seit wenigen
-Jahrzehnten unterrichtet sind. Schon sehr lange kannte und verwandte
-man zwar die verschiedenen Gärungen, ohne auch nur die mindeste Ahnung
-davon zu haben, daß sie durch lebende Wesen, durch dem unbewaffneten
-Auge unsichtbare winzige, einzeilige Pilze bewirkt werden. Schon im
-Jahre 1680 hatte zwar der Holländer Leeuwenhoek beim Betrachten von
-Hefe unter dem kurz vorher vom Middelburger Brillenmacher Zacharias
-Jansen erfundenen Mikroskop die Hefezellen als winzige Kügelchen
-erkannt und beschrieben, aber weder er noch andere seiner Zeitgenossen,
-die dasselbe beobachteten, wußten irgend etwas von einem Zusammenhange
-dieser winzigen Kügelchen mit der Gärung, die ihnen ein völlig
-unerklärlicher Prozeß war. Bald hernach, nämlich schon im Jahre 1697
-hat zwar als erster der deutsche Chemiker Stahl eine Erklärung des
-Wesens der Gärung zu geben versucht, indem er dabei in innerer Bewegung
-begriffene Körperchen annahm, die diese Bewegung dann auf jene Körper
-übertragen, die dadurch der Gärung unterliegen und durch sie verändert
-werden.
-
-Mit dem Aufkommen der Wissenschaft der Chemie vermutete man beim
-Gärungsprozesse einen bis dahin unbekannten chemischen Prozeß, dem man
-auf die verschiedenste Weise beizukommen versuchte. Das Rätsel ließ
-sich aber nicht lösen, so sehr man sich auch alle Mühe gab, dahinter
-zu kommen. Vor allem suchten die hervorragenden Chemiker Frankreichs,
-so Lavoisier, Dumas und Gay-Lussac, die bei der Gärung erzeugten
-Zersetzungsprodukte festzustellen, ohne sich über die für sie noch
-immer unergründliche Ursache derselben weitere Gedanken zu machen. Erst
-im Jahre 1837 gelang es ganz unabhängig voneinander dem Deutschen
-Theodor Schwann und dem Franzosen Cagniard-Latour die winzigen, nur
-bei sehr starker Vergrößerung deutlicher sichtbaren Kügelchen, die
-schon Leeuwenhoek beobachtet, aber nicht zu deuten gewußt hatte, als
-einzeilige Lebewesen aus der Pflanzengattung der Pilze festzustellen
-und in ihnen die Urheber der Gärung zu vermuten. Als dritter im Bunde
-kam dann noch der Deutsche Kützing hinzu, der seine wesentlichsten
-Feststellungen schon einige Jahre vorher gemacht hatte, aber seine
-Beobachtungen erst nach der Veröffentlichung der Arbeiten der beiden
-vorgenannten Forscher veröffentlichte.
-
-Diese überaus wichtige Entdeckung von der belebten Natur der Hefe wurde
-von den damals tonangebenden Chemikern, dem Schweden Berzelius und
-den Deutschen Liebig und Wöhler, nicht nur nicht anerkannt, sondern
-geradezu ins Lächerliche gezogen. Die Idee, daß lebende Keime und nicht
-chemische Vorgänge der Gärung zugrunde liegen, wurde von ihnen und von
-zahlreichen anderen leidenschaftlich bekämpft, bis nach zwanzigjährigem
-Zweifel an dieser Tatsache der große Louis Pasteur 1857 die Entdeckung
-Schwanns und seiner beiden Genossen mit aller Sicherheit bestätigte
-und außer Frage stellte, daß alle Gärungen durch winzige Pilze bedingt
-werden, deren Lebensprozeß jene chemisch festzustellenden Veränderungen
-der von ihnen befallenen Massen auslöst, indem die Gärungserreger
-bestimmte Fermente als chemische Produkte ausscheiden, die dann
-losgelöst von den Zellen jene Veränderungen bewirken.
-
-Dem Münchener Hygieniker Eduard Buchner gelang es als erstem nicht
-nur das Ferment der Alkoholgärung in den Hefezellen selbst zu finden,
-sondern es auch nach Zerstörung der Zellwände vermittelst Zerreibens
-mit scharfem Sande und nachherigem Auspressen unter hohem Drucke in
-einer hydraulischen Presse und Filtrieren durch Porzellanfilter, die
-keine lebende Hefezelle hindurchlassen, zu isolieren und in feste Form
-zu bringen, in der sie lange Zeit haltbar ist. Er wies auch nach, daß
-es durch gewisse Gifte, wie beispielsweise Aceton, gelingt, die Hefe
-mit Vermeidung einer vorhergehenden Schädigung der Zelle zu töten, ohne
-daß das in der Zelle befindliche Ferment seine Wirksamkeit eingebüßt
-hätte. Wie er zu zeigen vermochte, geht im allgemeinen das Ferment beim
-Absterben während des Todeskampfes zugrunde. Nur bei Anwendung von
-momentan tötenden Giften bleibt das Ferment in voller Wirksamkeit in
-der Zelle erhalten, so daß sich auch auf diese Weise eine sogenannte
-„Dauerhefe“ gewinnen läßt, die das Aussehen und die Wirksamkeit der
-lebenden hat, obschon die Zellen, die sie erzeugten, tot sind und sich
-nicht mehr wie sonst beim Gärungsprozesse weiter vermehren.
-
-[Illustration: Bild 47 und 48. Hefen.
-
-I. Gewöhnliche Bierhefe (Kulturhefe, ~Saccharomyces cerevisiae~). ~a~
-Hefezellen mit Sporen im Innern, ~b~ Hefezellen in Sprossung.
-
-II. Verschiedene sogenannte Wilde Hefen. ~a~ Hefezellen mit Sporen im
-Innern, ~b~ Sprossende Hefezellen.
-
-(Originalzeichnung von Dr. Schnegg in Weihenstephan.)]
-
-Die +Hefepilze+ gehören seit den grundlegenden Untersuchungen von
-Reeß im Jahre 1870 zu den Askomyzeten oder Schlauchpilzen, so
-genannt, weil sie ihre als Endosporen bezeichneten Fruchtkörper
-in Schläuchen bilden. Diese sind bei den einzelligen, sich für
-gewöhnlich durch Sprossung vermehrenden und, nur bei Aufhebung der
-Möglichkeit weiterzuleben, solche Sporen als äußerst widerstandsfähige
-Dauerzustände hervorbringenden Hefepilzen kurz. Von ihrer Fähigkeit,
-den Traubenzucker beispielsweise des Mostes in fast genau gleiche Teile
-von Kohlensäure und Äthylalkohol zu spalten, nennt man sie nach Meyer
-auch Saccharomyzeten oder Zuckerpilze. Von ihnen gibt es eine Unzahl
-von Rassen, Varietäten und Spielarten, die wir erst nach Entdeckung
-des Verfahrens der Reinkultur von Mikroben durch Robert Koch zu
-Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch die überaus
-mühevollen Untersuchungen des Dänen Emil Christian Hansen unterscheiden
-lernten. Diese Neuerung ist für die Industrie von der weitgehendsten
-Bedeutung, weil die verschiedenen Spielarten der Hefe durchaus nicht
-alle gleich gut und für die Technik zu gebrauchen sind. Seit langem
-weiß man, daß unter Umständen auch echte Hefen sich als unangenehme
-und schädliche Gäste beim Gärungsprozesse einfinden können und durch
-ihre Tätigkeit die Güte des Gärproduktes erheblich beeinträchtigen,
-ja geradezu verderben können. Infolgedessen hat man vor allem in der
-Bierbrauerei danach gestrebt, die einmal für gut befundenen Hefen
-in ihrer Eigenart zu erhalten und sie frei von Verunreinigung durch
-unerwünschte wilde Hefearten, wie sie sich überall in der Natur
-vorfinden, weiter zu züchten. Erst durch die Arbeiten von Hansen sind
-wir in den Stand gesetzt, aus einer einzigen Zelle der guten Hefe
-eine immer gleichbleibende gute Rasse zu züchten, die mit Sicherheit
-gute Gärprodukte liefert. Dadurch wurde die ganze Brauindustrie
-revolutioniert, und auch bei der Weinbereitung und Brennerei fangen
-Reinhefen an, eine immer größere Rolle zu spielen.
-
-Die Hefepilze, deren für die technische Verwertung beste Sorten wie die
-Bierhefepilze (~Saccharomyces cerevisiae~ und der etwas kleinere ~S.
-ellipsoideus~) kugelig bis eirund und nur ausnahmsweise wurstförmig
-langgestreckt sind wie der Pasteursche Zuckerpilz (~Saccharomyces
-pasteurianus~), siedeln sich entweder am Boden der von ihnen zu
-vergärenden Flüssigkeiten an wie die Unterhefen, oder sie verteilen
-sich in der ganzen Flüssigkeit, können sich aber auch schließlich unter
-gewissen Bedingungen als Haut auf der Oberfläche der gärenden Lösung
-sammeln. Dies geschieht bei den echten Hefen besonders bei reichlicher
-Luftzufuhr. Es gibt aber einige langgestreckte Schlauchpilze, bei denen
-diese Wuchsform die Regel ist, wie beispielsweise bei dem sich auf Bier
-und Wein ansiedelnden Kahmpilz (~Saccharomyces mycoderma~), der die
-Gärfähigkeit überhaupt eingebüßt hat und den Zucker der Nährlösung, in
-der er lebt, direkt in Kohlensäure und Wasser spaltet, wodurch er dem
-Gärgewerbe schädlich wird.
-
-Da den Hefepilzen als Schmarotzern das Chlorophyll oder Blattgrün
-fehlt, können sie ihren Körper nicht wie die Pflanzen aus unorganischen
-Stoffen aufbauen, sondern bedürfen dazu wie die Tiere komplizierter
-zusammengesetzter, von mit Chlorophyll ausgestatteten Pflanzen im
-Sonnenlichte aufgebauter „organischer“ Nährstoffe, die sich ihnen in
-den in der Natur weitverbreiteten Zuckerlösungen darbieten. Diese
-enthalten daneben stets auch etwas Eiweiß oder Abbauprodukte desselben,
-sogenannte Aminosäuren, denen sie ihren Stickstoffbedarf entnehmen,
-und Salze mit Kalium, Magnesium, Eisen, Phosphor und Schwefel, die zu
-ihrem Gedeihen durchaus erforderlich sind. Daraus folgt, wie Pasteur
-zuerst feststellte, daß die Hefe in reinen Zuckerlösungen nicht gärt,
-sondern aus Mangel an stickstoffhaltigen Nahrungsmitteln und Nährsalzen
-sehr bald zugrunde geht. In einer ihr zusagenden und für ihr Gedeihen
-erforderlichen Nährlösung müssen aber durchaus alle jene Stoffe
-enthalten sein, die zum Lebensprozesse der Zellen, zu ihrem Wachstum
-und ihrer Vermehrung notwendig sind.
-
-Eine besonders wichtige Rolle im Stoffwechsel der Hefepilze und
-infolgedessen beim Vorgang der Gärung spielt der Sauerstoff, der ja
-für den Lebensprozeß jeder Zelle und jedes Organismus überhaupt, sei
-es Pflanze oder Tier, ein völlig unentbehrlicher Stoff ist, da nur er
-die Oxydation, d. h. die Verbrennung in den Geweben ermöglicht, die die
-Quelle aller Leistungen in den lebenden Körpern bildet. So verbrennen
-auch die Hefepilze den ihnen in der Nährlösung dargebotenen Kohlenstoff
-zu Kohlensäure wie es jeder lebende Organismus tut. Es geht also immer
-ein Teil des von ihnen zersetzten Zuckers für die Umsetzung in Alkohol
-verloren und wird damit die Ausbeute der Gärung bis zu einem gewissen
-Grade beeinträchtigt. Pasteur, dem wir die grundlegenden Untersuchungen
-über den Lebensprozeß der Hefepilze verdanken, behauptete, daß die Hefe
-nur dann gäre, wenn ihr die Luft abgeschnitten werde. Bei genügender
-Zufuhr von Sauerstoff habe die Hefe einen Stoffwechsel wie andere
-Pilze, indem sie ausschließlich den dargebotenen Zucker verbrenne;
-sobald aber der Sauerstoff fehle, müsse sie den Zucker, den sie nicht
-mehr direkt verbrennen kann, durch Gärung, zu der Sauerstoff nicht
-nötig ist, umsetzen, um ihn zu einer Energiequelle zu gestalten.
-
-Über diese Pasteursche Theorie, wonach die Gärung ein Leben der Hefe
-ohne Luft sei, wurde lange Zeit hindurch aufs heftigste gestritten, bis
-man schließlich erkannte, daß diese Annahme falsch war und Hefe bei
-Anwesenheit von Sauerstoff ebensogut gärt wie bei Abschluß desselben.
-Daß andererseits der Sauerstoff zum Leben und zur Vermehrung der Hefe
-absolut nötig sei, darüber hatte schon Pasteur keinen Zweifel gehabt.
-Von seiner Theorie blieben an Tatsachen nur zwei übrig, nämlich
-erstens, daß ganz junge Hefe bei reichlichem Luftzutritt tatsächlich
-schlecht gärt, weil sie sich zu üppig entwickelt, und zweitens, daß
-auch unter günstigeren Bedingungen bei Luftzutritt die einzelnen
-Hefezellen etwas weniger Alkohol liefern als bei Abschluß der Luft.
-Aber andererseits wird die Vermehrung der Zellen durch den Zutritt von
-Luft so sehr gesteigert, daß trotz dieser verminderten Leistung der
-Einzelzelle die Gesamtausbeute bei Anwesenheit von Luft besser ist als
-bei Fehlen derselben.
-
-Nun hat besonders Stoklasa in Prag nachgewiesen, daß die Fähigkeit,
-bei Luftabschluß alkoholbildende Fermente zu erzeugen, nicht nur
-verschiedenen Pilzen, speziell Schimmelpilzen aus der Gattung Mucor,
-die ebenfalls gären, wenn auch schwächer als Hefe, zukommt, sondern
-sich auch bei Rüben, Kartoffeln usw. nachweisen läßt. Diese Fähigkeit
-scheint also eine weitverbreitete Eigenschaft der lebenden Substanz
-zu sein. Dann wäre die einzige Besonderheit der echten Hefepilze nur
-noch die, daß sie diese Tätigkeit auch bei Anwesenheit von Sauerstoff
-fortsetzen. Wir dürfen also annehmen, daß diese sich aus Pilzen
-entwickelten, die die Fähigkeit, gelegentlich auch bei Luftabschluß
-Zucker zu spalten und Alkohol und Kohlensäure daraus zu bilden, in
-weitgehendem Maße ausbildeten. Während aber diese Fähigkeit bei allen
-weniger weit in diesem Prozesse vorgeschrittenen Pilzen, z. B. den
-Mucorarten, bei Luftanwesenheit verschwand, ging die Anpassung an ein
-solches Vermögen bei den Hefepilzen so weit, daß die Fähigkeit der
-Spaltung von Zucker in Alkohol und Kohlensäure auch bei Anwesenheit von
-Luft weiterbestand.
-
-Die Bedeutung der Gärung für die Hefe selbst ist demnach die, daß
-sie ihren Energiebedarf ohne Anwesenheit von Sauerstoff decken kann.
-An Stelle der richtigen Verbrennung der Nährstoffe, wie sie sonst
-bei allen Lebewesen, besonders den nichtgärenden Pilzen und Tieren,
-herrscht, tritt hier als Energiequelle die einfache Aufspaltung ohne
-Sauerstoff. Auf diese Weise rückt Pasteurs Theorie in ein ganz anderes
-Licht. Die Gärung der Hefe ist zwar nicht an sich ein Leben ohne Luft,
-wohl aber gewährleistet die Bildung dieses Fermentes der Zelle ein
-Leben ohne Luft. Das ist zwar etwas sehr Ähnliches, aber es besteht
-doch der wichtige Unterschied, daß die Hefepilze dieses Mittel auch
-dann noch anwenden, wenn sie es nicht gerade brauchen, wenn ihnen also
-Sauerstoff zur Verfügung steht.
-
-Schließlich gehen die Hefepilze in ihrem eigenen Produkte, dem Alkohol,
-wenn er in einer bestimmten Konzentration in der von ihnen besiedelten
-Nährlösung gebildet ist, zugrunde. Ihre Empfindlichkeit dagegen ist
-eine ziemlich große; denn durchschnittlich erlischt die Gärung, sobald
-der Gehalt an Alkohol 12-15 Prozent erreicht hat. Den geringsten
-Alkoholgehalt ertragen Obstwein- und Bierhefen, einen mittleren
-Weinhefen; nur manche Südweinhefen vertragen eine Alkoholanreicherung
-bis zu 18 Prozent und Brennereihefen bis 20 Prozent; einzig die
-japanische Sakehefe, die ein starkes Reisbier mit weinigem Charakter
-erzeugt, soll sogar bei 24 Prozent Alkoholgehalt noch gären. Dieses
-wechselnde Verhalten der Hefen gegen den von ihnen gebildeten Alkohol
-zeigt ihre überaus große Veränderlichkeit gegen die verschiedensten
-Einflüsse, was ihrer technischen Verwendung in hohem Maße zugute
-kommt. Je nach dem Zwecke, den der Gärtechniker verfolgt, kann er
-die verschiedenartigsten Hefen in Anwendung bringen; und diese in
-möglichster Vollkommenheit zu züchten, ist seine vornehmste Aufgabe.
-
-Die beiden wichtigsten Funktionen der Hefe sind die +Vermehrung+, die
-mit intensivem Sauerstoffverbrauch einhergeht, und die +Gärung+. Rasch
-wachsende Hefen gären schlecht, langsam wachsende dagegen gut. Diesen
-beiden Endzuständen entsprechen zwei Typen: einerseits die sehr rasch
-wachsende, wie man sagt „geile“ +Lufthefe+, die zu Bäckereizwecken
-verwendet wird. Ihr darin nahe kommt die schnell vergärende
-Brennereihefe, die aber im Gegensatz zu jener eine hohe Temperatur
-verlangt. Und andererseits die äußerst langsam wachsende, „faule“, aber
-sehr ausgiebig vergärende bayerische untergärige Bierhefe, die aber
-dazu im Gegensatz zur vorigen einer niederen Temperatur bedarf.
-
-Auch gegen den Zuckergehalt ist die Resistenz der verschiedenen
-Hefearten eine sehr wechselnde. Die meisten können schon bei 40 bis
-50 Prozent Zucker nicht mehr vergären, andere, die schwere Süßweine
-bilden, können noch 60 Prozent und darüber vertragen.
-
-Neben der Zymase, welche die Gärkraft der einzelnen Heferassen bedingt,
-enthalten alle Hefen noch andere Fermente, die auf verschiedene
-Kohlehydrate spaltend wirken, mit dem Endziel, sie alle in vergärbaren
-Zucker zu verwandeln. Bei den meisten sind nur diejenigen Fermente in
-wirksamer Menge vorhanden, die die höheren Zuckerarten spalten, nämlich
-die Maltase, die Malzzucker in Traubenzucker, und die Invertase, die
-Rohrzucker in Traubenzucker und Fruchtzucker überführt. Spärlicher
-sind die bisher auch weniger eingehend studierten Fermente, die die
-Dextrine angreifen, und nur bei wenigen sind solche vorhanden, die den
-Milchzucker einerseits und die Stärke andererseits angreifen. Letztere
-Eigenschaft kommt besonders der tonkinesischen Hefe zu, die einen Pilz
-(~Amylomyces rouxii~) enthält.
-
-Schon lange unterscheidet man in der Praxis der Gärtechnik zwischen
-+wilden Hefen+ und den +Kulturhefen+. Solche „wilde Hefen“ sind heute
-noch in den allermeisten Fällen die Weinhefen. In der Urzeit aber,
-bevor sich der Mensch weitergehende Erfahrung in der Gärtechnik
-erworben und besondere Verfahren zur Gewinnung möglichst vollkommener
-Produkte eingeschlagen hatte, war jede Gärung durch wilde Hefen
-bedingt. Man überließ einfach die zuckerhaltigen Pflanzensäfte sich
-selbst; dabei trat dann von selbst durch Ansiedelung und rasches
-Wachstum von frei herumschwärmenden, wilden Keimen die Gärung ein,
-die der Mensch nach seinen Wünschen zu leiten und, wenn nötig, zu
-unterbrechen versuchte.
-
-Die Lebensweise dieser wilden Hefen hat Hansen zuerst an ~Sacharomyces
-apiculatus~ erforscht. Was von ihr gilt, das wird mit geringen
-Änderungen auch für die anderen Hefearten Geltung haben. Den Sommer
-hindurch sind überall Hefekeime im Staub vorhanden, die dann vom
-Wind an verletzte Früchte irgend welcher Art verweht werden, wo
-sie vortrefflich gedeihen und sich rasch vermehren. Zur Zeit der
-Fruchtreife im Herbst sind sie besonders in Obst- und Weingärten
-in ungeheurer Zahl vorhanden und gelangen mit den Früchten in den
-gekelterten Most, in welchem sie die alkoholische Gärung verursachen.
-Mit dem Regen und Wind und den herabfallenden, verderbenden Früchten
-gelangen sie in den Boden, wo man sie bis zu 40 cm Tiefe nachgewiesen
-hat. Hier überwintern sie, soweit sie als dickhäutige Dauerformen
-vor dem Eingehen infolge von Kälte und Trockenheit geschützt sind,
-um mit dem Frühjahre von neuem ihr Dasein an allerlei austretenden
-Pflanzensäften und faulenden Massen fortzusetzen und mit dem Wind und
-den zahllosen Insekten auf die sich bildenden Blattmassen und jungen
-Früchte verschleppt zu werden, wo sie sich nach Möglichkeit, soweit
-es ihnen gelingt, Nahrung zu erhalten, vermehren und immer weiter
-ausbreiten, bis sie im Herbst abermals eine Hauptverbreitung erlangt
-haben.
-
-Aus ihnen hat dann der Mensch unwillkürlich im Laufe der Zeit besondere
-Kulturrassen entwickelt, indem er mit Vorliebe gute Hefereste zur
-Fermentierung der neuen zu vergärenden Nährlösung verwandte. So
-hatten beispielsweise die Braumeister schon lange gemerkt, daß es
-zweckmäßig ist, die Hefen, die einmal ein gutes Bier geliefert hatten,
-sich nach Möglichkeit zu erhalten, und die große Geheimniskrämerei,
-die lange Zeit die Kunst edles Bier zu brauen umgab, beruhte nicht
-zum mindesten auf solchen alten Rezepten zur Erhaltung des „Zeuges“.
-Indessen war dies alles reine Empirie, und Fehlschläge blieben dabei
-nicht aus. So war trotz aller Sorgfalt das Brauen guten Bieres stets
-eine Sache des Zufalls. Erst durch die planmäßigen Arbeiten Hansens
-ist dies anders geworden, indem er zuverlässige Verfahren angab,
-um jeweilen erstklassige Kulturen von Hefe zu erlangen und nach
-Belieben weiter zu züchten. So ist man imstande, immer gleichmäßig
-gute Heferassen, ohne Beimischung unerwünschter fremder Elemente
-oder eine Degeneration befürchten zu müssen, in Anwendung zu ziehen
-und damit stets sicheren Erfolg zu haben. Und hat man auf diese
-Weise eine größere Menge einer vollkommen einheitlichen, weil aus
-einer einzigen Zelle hervorgegangenen Hefe gewonnen, so kann man mit
-dieser Gewöhnungsversuche an bestimmte, nach besonderen Richtungen
-abgeänderter Nährböden machen, um damit neue, zu speziellen Zwecken
-dienende Varietäten zu gewinnen.
-
-Neben dieser „Einzellmethode“, die stets die klassische sein wird,
-genügt für zahlreiche Zwecke auch ein anderes Verfahren, das man
-als die „natürliche Reinzucht“ bezeichnet. Es beruht auf der
-Erfahrungstatsache, daß eine Hefe, die in größerer Menge auf einen ihr
-gut zusagenden Nährboden und unter günstigen Temperaturverhältnissen
-eingesät wird, sehr bald alle anderen Organismen in solch energischer
-Weise überwuchert, daß sie beinahe allein zurückbleibt. So kann man
-beispielsweise untergärige gute Bierhefe von Beimengungen einerseits
-obergäriger, andererseits kleiner, wilder Hefen dadurch trennen, daß
-man bei 8-10° C. gären läßt, unter Bedingungen, die nur der gewünschten
-Hefe günstige Verhältnisse zum Fortkommen gewähren. So kann man durch
-Züchten auf mehrere Prozent Alkohol enthaltenden Nährböden aus einem
-Gemisch von Brennereihefe und Unterhefe die letztere herausschaffen usw.
-
-Wenden wir uns nach dieser allgemeinen Orientierung zu den wichtigsten
-Nutzanwendungen der Hefegärung, unter denen an erster Stelle die
-+Brotbereitung+ steht. In der Urzeit wurden die nahrhaften Samen der
-wilden Grasarten und später diejenigen der aus ihrer Zahl zu immer
-großkörnigeren Getreidearten gezüchteten Spezies gleich nach dem
-Sammeln, solange sie noch nicht durch Eintrocknen hart geworden waren,
-oder wenn dies wie bei den Vorräten der Fall war, nach vorhergehendem
-kurzen Einweichen in Wasser, roh, oder noch häufiger durch Rösten
-auf heißen Steinen schmackhafter gemacht, gegessen. Solch geröstetes
-Getreide hat sich mit dessen natürlicher Würze, dem Salz, im äußerst
-konservativem Kultus bei manchen Völkern, wie den Römern, als die
-älteste Art von Opferspeise pflanzlicher Natur an die Gottheit bis in
-die Spätzeit erhalten.
-
-Als man aber mit dem Aufkommen des Hackbaus in neolithischer Zeit
-Vorräte von Getreidekörnern anlegte, die stark austrockneten, war es
-geboten, die hartgewordenen Körner ohne Aufweichen in Wasser zwischen
-Steinen zu zermalmen. So kamen die immer zweckmäßiger gestaltenen
-Mahlsteine als die primitivsten Mühlen der Menschheit auf. Anfänglich
-geschah dieses Mahlen noch äußerst roh und ungenügend; so finden wir
-in den als Vorläufer des Brotes mit Zuhilfenahme von Wasser bereiteten
-Fladen der neolithischen Pfahlbauern der Schweiz ohne irgend welche
-Poren neben abgeriebenen kleinsten Steinpartikeln, die beim Kauen
-förmlich geknirscht haben müssen, noch halbe und ganze Getreidekörner
-als Zeichen der sehr lässigen, wenig sorgfältigen Arbeit der solche
-Speise bereitenden Frauen. Da man nun irdene Gefäße besaß, die man
-immer besser durch gründlicheres Brennen zu härten verstand, so zog
-man diesen unschmackhaften, trockenen Fladen bald allgemein den durch
-Einrühren des grob zerkleinerten Getreidekorns in Wasser hergestellten
-+Mehlbrei+ vor, der noch zu Anfang der christlichen Zeitrechnung
-bei unseren germanischen Vorfahren an Stelle des ihnen unbekannten
-getriebenen Brotes als Hauptnahrungsmittel gegessen wurde. Auch bei den
-Kulturvölkern des Altertums, so besonders bei den in allem konservativ
-gesinnten Römern, war er, von ihnen ~puls~ genannt, während ihn
-die Griechen als ~maza~ bezeichneten, bis in ihre Blütezeit hinein
-gebräuchlich. So sagt der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte:
-„Die Römer haben lange Zeit von Brei (~puls~) und nicht von Brot
-(~panis~) gelebt; daher nennt man auch jetzt noch dasjenige, das
-man zum Brote ißt, ~pulmentarium~. Ein Bissen solchen Breies hieß
-~offa~, wie man z. B. aus Ennius (dem von 239 bis 168 v. Chr. lebenden
-römischen Dichter) ersieht. Noch jetzt wird an Festen, die aus alter
-Zeit stammen, namentlich an Geburtstagen, solcher Brei bereitet, den
-man ~puls fritilla~ (gebackenen Mehlbrei) nennt.“ An einer anderen
-Stelle gibt er an, daß man in Kampanien aus gemeiner Hirse (~milium~)
-weißen ~puls~ und wohlschmeckendes Brot bereite. Und der unter Nero
-aus Bilbilis in Spanien nach Rom gekommene, um 120 n. Chr. gestorbene
-Epigrammendichter Martialis, ein Schmeichling und Günstling der
-Kaiser, schrieb in einem uns erhaltenen Gedichte: „Komm zu mir, lieber
-Turanius, und nimm vorlieb mit einem Würstchen (~botellus~), das auf
-schneeweißem ~puls~ (Brei) liegt.“ Auch der römische Geschichtschreiber
-im 1. Jahrhundert n. Chr. Valerius Maximus versichert: „Die alten Römer
-lebten sehr mäßig, genossen mehr Brei (~puls~) als Brot (~panis~).
-Von ihnen stammt auch der Gebrauch des Opferschrots, welches aus
-geröstetem Spelt mit Zusatz von Salz besteht und womit man die (als
-Opfer verbrannten) Eingeweide bestreut (während das Fleisch von den
-Opfernden zu Ehren der Gottheit selbst verspeist wurde). Die jungen
-Hühner (~pullus~), welche wahrsagen, werden mit ~puls~ gefüttert.“
-Sonst wurden als Opferkuchen (~libum~) aus solchem Brei mit Zusatz
-von einem Ei hergestellte und auf der heißen Herdstelle unter einer
-Schüssel, wie uns der ältere Cato berichtet, langsam gebackene
-Fladen hergestellt. Und Plutarch erzählt vom spartanischen Feldherrn
-Pausanias, der mit Aristeides die Perser bei Platää (479 v. Chr.)
-besiegte und später (467), des verräterischen Einverständnisses
-mit ihnen beschuldigt, im Tempel der Athene in Sparta, wohin er
-sich geflüchtet, durch Hunger umkam, er habe nach der Schlacht bei
-Platää, wie er die mit Leckerbissen besetzten persischen Tafeln sah,
-ausgerufen: „Wahrhaftig, die Perser sind merkwürdige Leckermäuler!
-Sie haben vielerlei und verspüren doch ein Gelüste nach unserem Brei
-(~maza~).“
-
-Aus solchem frischen, ungesäuerten Mehlbrei durch Backen auf heißen
-Steinen oder in der heißen Asche des Herdes hergestellte Fladen
-bildeten das älteste +Brot+, dessen Herstellung in das hohe Altertum
-zurückreicht. Wie bei den neolithischen Pfahlbauern war es, wohl in
-etwas verfeinerter Form, zur mykenischen Zeit und auch noch bei Homer
-gebräuchlich. So heißt es in der den homerischen Epen nachgedichteten
-Aeneis des römischen Dichters Vergilius Maro (70-19 v. Chr.), das
-Brot habe zuerst als Teller für die Zuspeise gedient und sei dann
-selbst gegessen worden. Noch heute lebt die ländliche Bevölkerung
-Vorderasiens, Ägyptens und Abessiniens von derartigem altertümlichem,
-dichtem Brot, während die in bezug auf Kultur weiter vorgeschrittene
-städtische Bevölkerung mehr modernes, gesäuertes, getriebenes Brot
-genießt.
-
-Die Erfindung des viel schmackhafteren und leichter verdaulichen
-+gesäuerten Brotes+ schreibt man gemeinhin den Ägyptern zu, doch kann
-sie ebensogut irgendwo in Vorderasien, wo die Rebe kultiviert wurde,
-gemacht worden sein. Nach den alten Autoren bediente man sich nämlich
-zum Lockern des Teiges durch Gärung dreitägigen Weinmostes, den man
-mit Mehl mischte, wodurch die Hefekolonie haltbar gemacht wurde.
-Besonders Hirse- und Weizenmehl wurde dazu verwendet, wie uns Plinius
-berichtet. Solcher Gärstoff (~fermentum~) wurde nach ihm nur zur Zeit
-der Weinlese bereitet und damit das zu backende Brot fermentiert. Und
-jedesmal wurde beim Backen ein Stück des mit Hefe versetzten Teiges
-aufbewahrt, um es das nächste Mal zum Treiben des frischen Teiges zu
-verwenden. Durch diesen Hefezusatz wird nämlich eine alkoholische
-Gärung mit Bildung von Kohlensäure bewirkt, das den sonst kleistrigen
-Kuchen porös und so leichter durchbackbar macht. Heute benutzt man
-dazu die sogenannten Bierhefen -- auch als Preßhefen bezeichnet --
-die jetzt meist in besonderen Betrieben eigens gezüchtet werden.
-Es sind schnellwachsende, möglichst gut durchlüftete Hefen, die nur
-eine geringe Gärkraft besitzen. Diese reine Hefegärung wird vor allem
-bei der Herstellung des Weißbrotes und der verschiedenen Kuchen
-verwendet. Dagegen dient zur Bereitung des bäuerlichen Schwarzbrotes
-der sogenannte Sauerteig, in welchem sich außer der Hefe noch
-Milchsäurebildner und andere Bakterien finden. Ein besonders wichtiger
-Pilz der Sauerteiggärung scheint das genauer bekannte ~Bacterium
-levans~ zu sein, das neben Kohlensäure auch Wasserstoff bildet. Auch
-Essigsäurekeime und unlösliches Eiweiß in lösliche Peptone verwandelnde
-Bakterien sind im Sauerteige vorhanden. Auch wird durch die gebildeten
-Säuren der Kleber des Mehles gelöst, wodurch letzteres die Eigenschaft
-annimmt, sich beim Backen rasch dunkel zu färben, wodurch erst das mit
-Sauerteig bereitete Brot eine dunklere Farbe als das mit Hefe bereitete
-erhält.
-
-Der Zweck, den diese Gärungserreger im Teige erfüllen, ist dreierlei
-Art. Erstens wird durch sie die Stärke zum Teil gespalten und in Zucker
-verwandelt, der von den Hefen dann teilweise zu Kohlensäure und Alkohol
-weitergespalten wird, teilweise verbleibt er aber auch unangetastet
-als solcher und verleiht dem Gebäck einen schwach süßen Geschmack.
-Zweitens wird durch die Gasbildung der Teig stark aufgelockert, so
-daß er beim Backen nicht zu einem zähen, schwerverdaulichen Kuchen
-wird. Und drittens wird speziell dem Schwarzbrote der gewünschte
-säuerliche Geschmack verliehen. Die spezifischen Erreger der Brotgärung
-werden in der Praxis immer von einem Teig auf den andern übertragen.
-Hat dann der „Vorteig“ eine Weile unter dem Einflusse der Gärung
-gestanden, so wird er mit der Gesamtmenge vermischt und dann tüchtig
-durchgeknetet. Darin, daß dies sehr sorgfältig und in der richtigen
-Mengenverteilung geschieht, liegt die Kunst des Bäckers nicht weniger,
-wie in der richtigen Leitung des Backprozesses, bei welchem die im
-Teig entstandene Kohlensäure und der Alkohol zu entweichen suchen,
-dies aber wegen der zähen Beschaffenheit desselben nur langsam und
-unvollständig tun können, wobei sie ihn stark lockern und ihm eine
-schwammige Beschaffenheit verleihen. Bei Herstellung eines Brotes von 5
-kg entstehen etwa 25 g Alkohol, und Graham hat berechnet, daß allein in
-London bei der Brotbereitung jährlich etwa 13 Millionen Liter Alkohol
-in die Luft entweichen. Versuche, denselben zu gewinnen, sind bisher
-erfolglos geblieben. Frisches Brot enthält noch immer 0,3 und altes
-noch 0,1 Prozent Alkohol. Durch dieses Treiben vor dem Backen, das bei
-einer Temperatur zwischen 250 und 300° C. vorgenommen wird, wobei nur
-die Rinde 150-180° warm wird und eine oberflächliche Karamelbildung
-erfährt, wird das Brot leichter zerkaubar, bietet den Verdauungssäften
-eine größere Oberfläche zum Angriffe dar und wird infolgedessen
-auch besser im Darme ausgenutzt als das feste, kleisterartige
-Nahrungsmittel, das früher vor der Erfindung des Treibens als Brot
-gegessen wurde.
-
-Der Verlauf der Vorgänge im Innern des Brotes ist beim Backen ungefähr
-folgender: Bei der zunächst noch immer andauernden Gärung bildet sich
-bis 42° C. Kohlensäure, welche den Teig auftreibt; dann stirbt die Hefe
-ab. Etwas längere Zeit bleiben die Bakterien am Leben; aber auch die
-widerstandsfähigsten derselben, die Milchsäurebakterien, stellen noch
-vor 75° ihre Tätigkeit ein und gehen bald zugrunde. Alle krankmachenden
-Bakterien werden nach den Untersuchungen Ballands während des Backens
-getötet, während der das Schleimigwerden des Brotes bewirkende
-~Bacillus mesentericus vulgaris~ auch die Backtemperatur überdauert.
-Durch die Backhitze verliert der Kleber seine Elastizität und die
-Fähigkeit zu quellen und gibt dadurch dem Brot seine feste Gestalt.
-Die Stärkekörnchen quellen in der heißen Flüssigkeit, verkleistern
-dann und bilden lösliche Stärke. Dies ist ungemein wichtig, da die
-Verdaulichkeit derselben eine ungleich größere ist, als die der
-rohen Stärke. Ein Teil der Stärke geht bei der Hitze in Dextrin
-beziehungsweise Gummi über, besonders in der Rinde. Einen diätetisch
-wichtigen Vorgang beim Backen bildet das Abtöten der Gärungserreger.
-Würde dies nicht geschehen, so würden sie auch nach Entfernung des
-Brotes aus dem Ofen ihre Tätigkeit fortsetzen, das Gebäck weiter
-verändern und selbst nach dessen Genuß im Verdauungskanal des Menschen
-Gärungserscheinungen hervorrufen.
-
-Um nun die beim Gären entstehenden Verluste an organischer Substanz,
-die die Mikroorganismen für sich verbrauchen, zu umgehen, hat man
-sich vielfach bemüht, die Lockerung des Mehlteiges durch Kohlensäure
-aus mineralischen Salzen zu bewirken. Justus v. Liebig berechnete
-seinerzeit, daß man bei Vermeidung der Verluste an organischer Substanz
-in Deutschland täglich allein gegen 200000 Pfund Brot gewinnen könnte.
-Deshalb schlug er vor, dem Teige kohlensaures Natron und Salzsäure
-zuzusetzen, deren Mischung Kohlensäure entwickelt. Denselben Zweck
-verfolgt die Zugabe des Horsford-Liebigschen Backpulvers, das aus
-saurem phosphorsaurem Kalk und doppeltkohlensaurem Natron mit Stärke
-vermengt besteht. Zurzeit finden sich eine ganze Reihe von Backpulvern
-im Handel, bei welchen die Kohlensäurequelle stets dieselbe ist.
-
-Großen Beifall haben diese Neuerungen allerdings nicht gefunden, zum
-Teil wohl wegen des eigentümlichen Geschmackes, den sie der Backware
-verleihen, zum Teil auch aus dem Grunde, weil es eine Neuerung war, der
-das Bäckergewerbe überhaupt recht wenig zugetan ist. Kurz sei noch das
-Treibeverfahren des englischen Arztes Dauglish erwähnt, der vorschlug,
-die Kohlensäure, der man zur Auflockerung bedarf, in einem besondern
-Apparate zu entwickeln, dann in Wasser einzupressen, letzteres in
-einem geschlossenen Behälter innig mit dem Mehle zu einem Teig zu
-mengen, diesen portionenweise austreten zu lassen und zu verbacken. Ein
-Vorzug dieser Methode ist die absolute Sauberkeit; jedoch soll auch
-die Schmackhaftigkeit eine geringere sein. Dieses ~aereted bread~ wird
-besonders in England hergestellt.
-
-Das Brot ist noch heute, wie bei den alten Kulturvölkern am Mittelmeer
-vor 2000 und mehr Jahren, bei allen Nationen der gemäßigten Zone neben
-der Kartoffel das wichtigste Nahrungsmittel für jedermann, für alt und
-jung, für reich und arm, für hoch und niedrig. Es bildet die Grundlage
-unserer ganzen Ernährung. Morgens, mittags und abends findet es sich
-auf dem Tische; es begleitet den Arbeiter bei seinem Tagewerke, das
-Kind zur Schule, den Reisenden auf seinen Wanderungen. Obgleich täglich
-genossen, ist es stets in gleichem Maße begehrt und beliebt. Nie
-entleidet es uns, obschon wir es immer wieder essen. Alle unsere Arbeit
-gipfelt in der Beschaffung des „täglichen Brotes“ als des notwendigsten
-Existenzmittels. „Gib uns heute unser tägliches Brot!“ lehrte
-Christus die Seinen zu Gott beten, und ~panem et circenses~ „Brot und
-Zirkusspiele!“ verlangte der von den Machthabern verwöhnte Pöbel in
-Rom. Schon Platon, der große Schüler des Sokrates (439-347 v. Chr.),
-legte seinem Idealstaate die Brotnahrung zugrunde, indem er sagt: „Die
-Hauptnahrung der Republikaner soll aus Gerstenschrot und Weizenmehl
-bestehen, welche mit Wasser vermengt gekocht und gebacken werden, so
-daß ein tüchtiger Brei (~máza~) und Brot (~ártos~) entsteht und beides
-in Körben oder auf reinen Blättern aufgetragen werden kann.“
-
- Tafel 87.
-
-[Illustration: Elektrisch getriebene Knetmaschinen in einer größeren,
-modern eingerichteten Bäckerei.
-
-(Eingerichtet von Werner & Pfleiderer in Cannstatt.)]
-
- Tafel 88.
-
-[Illustration: Backraum einer größeren Bäckerei mit Dampfbacköfen.
-
-(Eingerichtet von Werner & Pfleiderer in Cannstatt.)]
-
-Der jüdische Erzvater Abraham (um 2000 v. Chr.) kannte durch Gärung
-getriebenes Brot noch nicht. Seine Nachkommen scheinen es erst in
-Ägypten kennen gelernt zu haben, wo das Herstellen von Brot aus
-Hefe und Sauerteig schon lange geübt wurde und, wie uns die alten
-Grabdenkmäler lehren, vielerlei Brot und Gebäck hergestellt wurde.
-Nur fiel es den später nach Ägypten gekommenen Griechen, so Herodot
-und Strabon, auf, daß die Ägypter zwar den Lehm mit den Händen,
-den Brotteig aber mit den Füßen kneten. Tatsächlich sehen wir auch
-in einem großen Gemälde im Grabe Ramses’ III. aus der 20. Dynastie
-(1198-1167 v. Chr.) zu Theben dargestellt, wie einst in der königlichen
-Hofbäckerei das Brot auf diese Weise mit den Füßen geknetet wurde. Die
-als ~er-aeiks~, d. h. Brotmacher, bezeichneten Knechte sind eifrig
-an der Arbeit. Neben einem Korb mit gärendem Teig sind zwei junge
-Bäckerknechte eben damit beschäftigt, in einem Holztrog die schon
-gesäuerte Masse mit den Füßen zu kneten. Lustig scheinen sie dabei in
-der zähen Masse herumzuspringen und, um das Gleichgewicht zu halten,
-den Schwerpunkt ihres Körpers durch Holzstäbe zu unterstützen. Sonst
-aber ist auf den bildlichen Darstellungen das Kneten des Brotteiges
-mit den Füßen die Ausnahme und dasjenige mit den Händen die Regel.
-Meist geschieht solches in schüsselartigen Körben oder auf flachen, auf
-dem Tisch oder am Boden befindlichen Steinen. Bisweilen begegnen wir
-abgeschrägten Knetsteinen, auf denen Teigballen von den davor hockenden
-Arbeitern hin- und hergerollt werden. Auf einem weiteren Gemälde aus
-dem Grabe Ramses’ III. tragen Knaben dem Teigformer in Krügen Wasser
-und Teig herbei und dieser ist eifrig beschäftigt, einem vor ihm auf
-dem Knetstein des Tisches liegenden Teigballen Gestalt zu geben. Rechts
-davon schneidet ein Bäckerknecht den gerollten Teig in Streifen,
-ein anderer bildet Ringel daraus, welche Spiralform aufweisen und
-unserem Schneckengebäck ähneln. Hinter ihnen reinigt ein Arbeiter den
-ausgebrannten Backofen von der Asche, während ein anderer Bäckergeselle
-die garen Brote von der Außenseite eines andern Ofens abnimmt, auf
-dessen Außenseite noch ein einziger runder Fladen zum Garwerden klebt.
-
-Der altägyptische Backofen war etwa 1 m hoch, aus Lehm gebaut und
-glich einem auf den Kopf gestellten bodenlosen Steinkruge. In seinem
-Innern wurde ein Holzfeuer angezündet, dessen Flammen auf dem soeben
-erwähnten Bilde über den Rand emporschlagen. Wenn er dann hinlänglich
-erhitzt war, klebte man die flachen Brote außen hin und ließ sie
-gar backen. Die ärmere Bevölkerung buk ihre Fladenbrote einfach auf
-erhitzten Steinplatten oder in der heißen Asche. Auf der anschaulichen
-Darstellung der Hofbäckerei Ramses’ III. ist abgebildet, wie einer
-der Bäckerjungen die eben geformten runden, gelben Brote in einem
-flachen Korbe dem Ofen zuträgt und zwei andere bereit sind, ihm die
-Last abzunehmen; ein vierter bestreut das Gebäck mit einem Gewürz,
-das vermutlich aus Sesamkörnern besteht. Endlich sehen wir einen
-Bäckerknecht in einem sehr großen, flachen Korbe das fertiggestellte
-Brot wegtragen, um es vermutlich dem in Inschriften erwähnten
-„Wohnungsvorsteher“ zu bringen. Aus der Zeit des Aufenthaltes der
-Juden in Ägypten -- also um 1300 v. Chr. -- stammt der in Paris
-aufbewahrte Papyrus Rollin, in welchem des „Chefs der königlichen
-Bäckerei“ Erwähnung getan wird, durch welchen allein 114064 Brote
-in das königliche Magazin geliefert wurden. Derselbe gibt zugleich
-auch genauen Aufschluß über Ämter und Verpflichtungen der Hofbäcker,
-über die ihnen gelieferten Mehlmengen und wie sie beim Backen und
-Brotverteilen vorgehen sollen.
-
-[Illustration: Bild 49. Verschiedene Formen altägyptischer Brote. (Nach
-Woenig.)]
-
-Die altägyptischen Brote waren nicht über daumendicke, runde, ovale,
-halbkugelige, dreieckige oder stumpfkantig viereckige Fladen mit
-teilweise erhabenem Rand und mancherlei Verzierung wie Strichen,
-Punkten, Bogen und Streifen. Letztere wurden, wie aus den Reliefs
-deutlich hervorgeht, besonders aufgesetzt. Neben den fladenförmigen
-finden sich ausnahmsweise auch kegelförmige Brote. Auf den Gemälden
-sind sie weiß (mit Mehl bestreut), hellgelb oder gelbbraun gemalt.
-Feineres Gebäck wurde auch zu allerlei Figuren, wie Sternchen,
-Scheiben, Dreiecken, Triangeln, Cymbeln, Blumen, Ochsen, Kühen,
-Kälbern, Schafen, Gänsen, Fischen usw. geformt; denn Gebäck in Tierform
-wurde in Ermangelung von Opfertieren von den Armen den Göttern und
-Verstorbenen dargebracht.
-
-Nach Form und Güte unterschied man eine große Zahl verschiedener
-Brotsorten, die in den Hieroglypheninschriften gewissenhaft vermerkt
-wurden. So wird uns darin von Brotsorten das ~ak~, ~pes~, ~pesen~ und
-~pesennu~ genannt. Das ~ak~ war in späterer Zeit der vergöttlichten
-Prinzessin Berenike geweiht, führte einen besonderen Stempel und
-stand als Geschenk für die Frauen der Priester hoch in Ehren. Eine
-gewöhnliche Art hieß ~sens~, und das oben erwähnte spiralige Gebäck war
-unter dem Namen ~uten-t~ beliebt. Außer den zahlreichen einheimischen
-Brotsorten wurden dann besonders im neuen Reich (1580 bis 1205
-v. Chr.) auch allerlei Backwerke aus Syrien, Kleinasien und
-Mesopotamien importiert. So wird in den Inschriften als Speise für
-die Götter das syrische Kamhbrot genannt; auch das Keleschet- und
-Arupusabrot waren ausländische Produkte.
-
-Interessante Aufschlüsse über die Brotarten und den gewaltigen
-Brotkonsum des mit äußerst zahlreichem Gefolge reisenden Pharao liefern
-auch einige Verproviantierungslisten, die dem Reisemarschall diktiert
-wurden, wenn sich der königliche Hof auf Reisen begab. So erfahren
-wir aus dem Briefwechsel des Schreibers Eunana mit seinem früheren
-Lehrer und Vorgesetzten Kagabu, daß eine Stadt durch den Reisemarschall
-strenge Order erhielt, für die Durchreise seiner Majestät bereit zu
-halten: 16000 Stück gute Brote, und zwar in sechs Sorten, 13200 Stück
-von andern Brotsorten, 4000 Stück Kuchen von allerlei Art usw. usw.
-
-In dem aus der Zeit Ramses’ III. herrührenden großen Festkalender, der
-an der südlichen Außenwand des Tempels von Medinet-Habu die riesige
-Fläche von 62 m Länge und 4 m Breite einnimmt, wird bezüglich des
-Apetfestes ein Extrageschenk für die Priesterschaft erwähnt und genau
-berechnet, welche Mengen von Aanebnebgebäck, Hakgetränk, süßem und
-frischem Rak- und Ukgetränk an den Tempel geliefert werden sollen; denn
-Brot gehörte nicht nur zu den Hauptabgaben an die Tempel, sondern es
-bildete auch in verschiedener Form und Güte einen Hauptbestandteil der
-Opfer. Und wo wir auf den bemalten Flächen der Grab- und Tempelwände
-Gabentische abgebildet finden, sehen wir zwischen dem bunten
-Allerlei des Dargebotenen die flachen Brote oft in mehrfachen Lagen
-übereinander abgebildet. Die alten Ägypter verstanden es auch, durch
-testamentarische Verfügung in Form langer Opferlisten zur Speisung
-ihres ~ka~ (Seele) auch für kommende Zeiten zu sorgen, und es ist
-geradezu erstaunlich, was für Mengen von Brot, Kuchen, Krügen mit Wein
-und Bier, Öl, Weihrauch und „Tausenden von allen guten, reinen und
-süßen Dingen“ ein vornehmer Ägypter als stehende Totengabe für sich
-beanspruchte. So steht schon in den Gräbern des alten Reichs, während
-welcher Zeit auch die Lebenden viel bescheidener als zu derjenigen des
-seine Herrschaft bis weit nach Vorderasien und Äthiopien erstreckenden
-neuen Reichs lebten, daß sich der Tote für das Leben in den westlichen
-Gefilden 10 verschiedene Arten Fleisch, 5 Arten Geflügel, 16 Arten
-von Brot und Kuchen, 5 Arten Wein, 4 Arten Bier, 11 verschiedenerlei
-Früchte, außerdem alle Arten von Süßigkeiten und viele andere Dinge
-wünsche.
-
-Auch die alten Kulturvölker des Orients aßen die verschiedensten Sorten
-von getriebenem oder gesäuertem Brot. Nur an gewissen Festen wurde
-etwa als Erinnerung an die Vorzeit das damals übliche ungesäuerte
-Brot verspeist. So untersagte der in einem vornehmen ägyptischen
-Hause erzogene Jude Moses seinen Volksgenossen, als er sie um 1280
-v. Chr. aus Ägypten führte, den Genuß gesäuerten Brotes beim Passahfest,
-ein Gebot, das bis auf den heutigen Tag von den Angehörigen jenes
-Volkes befolgt wird. Bei dem mannigfaltigen Verkehr mit dem an Kultur
-weit älteren Orient kann es uns nicht wundern, daß das getriebene
-Brot schon sehr früh den Griechen bekannt wurde. In Athen galt der
-aus dem Morgenlande über Kleinasien und Thrakien mit der Gabe des
-Weinbaus nach Griechenland gekommene Gott des Natursegens, Dionysos,
-als der Erfinder des Brotbackens und wurde darob hochgefeiert. An
-seinem Feste, den Dionysien, wurden ihm zu Ehren große Schaubrote in
-Prozession herumgetragen. Die Griechen der späteren Zeit scheinen
-die Kunst des Backens wesentlich verfeinert zu haben. Aus den
-verschiedenen Getreidearten, besonders aber aus Weizenmehl, stellten
-sie mit Zuhilfenahme von Öl, Milch, Käse, Wein, Honig und Eiern die
-mannigfaltigsten Arten von Backwerk her.
-
-Von Griechenland kam dann die Brotbäckerei über die süditalischen
-Kolonien zu den Römern nach Mittelitalien, die den griechischen Wald-
-und Weidegott Pan als Erfinder der Kunst des Brotbackens feierten.
-Nach ihm sollen sie das Brot ~panis~ (im italienischen ~pane~ und
-französischen ~pain~ bis heute erhalten) genannt haben. Erst im Jahre
-170 v. Chr. wurde der Gebrauch des Backofens, dessen sich die Griechen
-schon lange vorher bedient hatten, in Latium bekannt, während man
-vorher das neben dem Brei gegessene Brot auf heißgemachten Steinen oder
-in der heißen Asche zu backen pflegte, und zwar jede Haushaltung für
-ihren eigenen Bedarf. Damals bildete sich in Rom das Bäckerhandwerk
-aus, und zwar wurden die Bäcker nach der Tätigkeit des Stampfens
-des gerösteten Getreides ~pistores~ genannt. So schreibt der ältere
-Plinius in seiner Naturgeschichte: „Bäcker (~pistores~) hat es in
-Rom bis zum Kriege gegen Perseus (den König von Makedonien, der 168
-von Lucius Ämilius Paullus bei Pydna geschlagen wurde und 166 als
-Gefangener in Alba in Mittelitalien starb), also bis zum Jahre 580
-nach Erbauung der Stadt nicht gegeben. Die Römer bereiteten sich ihr
-Brot selbst, und dies Geschäft lag insbesondere den Weibern ob, was
-noch jetzt bei den meisten Völkerschaften Sitte ist. Für Leckermäuler
-pflegten Köche (~coqui~), die man aus den Garküchen mietete, das
-Brot zu bereiten. Damals nannte man nur die Leute, die das Getreide
-stampften, ~pistores~, nicht die Bäcker. Von den von ihnen gebrauchten
-Werkzeugen sind die aus Pferdehaar geflochtenen Siebe (~cribra~)
-in Gallien erfunden, die Mehl- und Staubbeutel (~excussoria~ und
-~pollinaria~) aus Leinengewebe in Spanien, die aus Papyrus und Binsen
-dagegen in Ägypten.“ Weiterhin sagt er: „Es scheint mir überflüssig,
-die verschiedenen Arten von Brot (~panis~) ausführlich zu besprechen.
-Manches davon hat seinen Namen von der Fleischspeise, die man dazu
-ißt, z. B. das Austerbrot, anderes von seinem Wohlgeschmack, wie das
-Kuchenbrot, anderes von der Schnelligkeit der Zubereitung, wie das
-Schnellbrot, oder von der Art, wie es gebacken wird, wie das Ofen- oder
-Topf- oder Pfannenbrot. Vor nicht gar langer Zeit haben wir auch durch
-die Parther eine Brotsorte kennen gelernt, welche parthisches oder
-Wasserbrot genannt wird, weil seine feinen, schwammartigen Höhlungen
-Wasser einsaugen. Es gibt auch Völker, die Butter in den Brotteig
-kneten. Den Picentinern verdanken wir das Graupenbrot. Neun Tage läßt
-man die Graupen (~alica~) weichen; am zehnten knetet man die Masse mit
-dem Saft getrockneter Trauben zur Gestalt eines Kuchens und bäckt sie
-im Backofen (~furnus~) in Töpfen (~ollae~), die im Ofen platzen sollen.
-Solches Graupenbrot verzehrt man nur, nachdem es eingeweicht ist,
-was gewöhnlich in süßer Milch geschieht. -- Als noch Gerstenbrot im
-Gebrauch war, wurde es durch Zutat von Erbsen und Kichererbsen gesäuert
-und zwei Pfund davon genügten für fünf halbe Scheffel (~modius~, dieser
-war das größte römische Maß für trockene Dinge und maß 8,75 Liter).
-Jetzt gewinnt man das Gärungsmittel (~fermentum~) aus dem Brotmehl
-selbst. Man knetet es nämlich, ehe Salz hinzukommt, kocht es dann wie
-Brei (~puls~) ab und läßt es nachher stehen, bis es sauer wird. Noch
-gewöhnlicher ist es aber, vom jedesmaligen Backen Teig aufzuheben und
-ihn beim folgenden Backen als Sauerteig zu verwenden.“
-
-Unerschöpflich ist besonders der biedere ältere Cato (234-149 v.Chr.)
-in der Angabe der verschiedensten Rezepte für Brei, Fladen, Kuchen
-und Brot aus allen möglichen Ingredienzen, unter denen Eier, Käse,
-besonders Schafkäse, Honig, Anis, Kreuzkümmel, Mohnsamen und Schmalz
-oder Olivenöl eine große Rolle spielen. Es würde uns aber zu weit
-führen näher darauf einzugehen; es genüge hier zu bemerken, daß in
-Pompeji die Backöfen allemal mit den Mühlen in einem Hause gefunden
-wurden und wie die unsrigen aus einer stark ummauerten Höhlung
-bestehen, welche unten wagrecht und eben, oben aber halbkreisförmig
-gewölbt ist. Auch Brote haben sich noch darin gefunden, die kreisrund,
-1 Fuß im Durchmesser, 15 cm hoch sind. Durch vom Mittelpunkt
-ausstrahlende Schnitte sind sie in acht gleiche Teile geteilt, und
-tragen vielfach mit einem Stempel den Namen des Bäckers in erhabener
-Schrift aufgedruckt. Schon zur Zeit von Augustus gab es in Rom über
-300 öffentliche Bäckereien; doch stellten damals noch die meisten
-Haushaltungen ihr Brot selbst her.
-
-Von den nördlicheren Völkern lernten die Gallier zuerst das Brot
-kennen, das sie als erste mit Bierhefe trieben. Bei den Germanen kam
-es erst zu Beginn des Mittelalters allgemein in Gebrauch. Vorher genoß
-man statt seiner einen Brei oder eine zu einer zähen, teigartigen Masse
-gar gesottene Mischung von Mehl und Wasser oder Milch, die in Stücke
-gerupft und, in etwas Schmalz oder Butter gebraten, genossen wurde.
-In Schweden kannte das Volk noch im 16. Jahrhundert kein anderes Brot
-als ungegorene, dichte, harte Fladen, die aus Wasser und Mehl geknetet
-und gedörrt waren. Erst seit dem 18. Jahrhundert fand das Weizenbrot
-in Mitteleuropa außerordentliche Verbreitung. Teigknetmaschinen wurden
-zuerst 1787 in Wien und Holland probiert, dann kamen sie 1789 in Genua
-auf; aber weitere Verbreitung fanden sie erst seit 1810, da Lambert in
-Paris eine brauchbare Konstruktion angab, die später in verbesserter
-Gestalt durch Fontaine 1839 mit gutem Erfolg angewandt wurde.
-
-In engstem Zusammenhange mit dem Backen des Brotes stand das Brauen
-des +Bieres+, wie schon die Tatsache beweist, daß der Mehlbrei, aus
-dem einst Brot und Bier bereitet wurde, im Althochdeutschen ~brôt~
-und seine Bereitung ~briuwan~ hieß, aus welch letzterem Wort dann
-brauen wurde. Den einst innigen Zusammenhang beider Tätigkeiten
-beweist auch der Umstand, daß man heute noch in Nubien, manchen Orts
-in Ostasien und zum Teil in Rußland das Bier aus zuvor verbackenem
-Getreide, also Brot, bereitet. Dieses aus einem Brei gerösteter oder
-verbackener Getreidekörner, der einfach der Gärung durch wilde Hefen
-überlassen wurde und in dem natürlich auch zahlreiche Bakterien
-ihr Wesen trieben, gewonnene Urbier, das wir uns süßlichsauer und
-recht trübe vorzustellen haben, muß für unsere verwöhnten Zungen
-sehr fade geschmeckt haben, weshalb die verschiedensten Würzen zu
-seiner Geschmacksverbesserung zu Hilfe genommen wurden. So werden im
-Sudan und in Kordofan dem aus den Samen der ~Penicillaria hirsuta~,
-einer Verwandten der Negerhirse, hergestellten Bier Zweige einer
-scharfen Wolfsmilchart ~Callotropis procera~ zugesetzt, wie man in
-Norddeutschland, Dänemark und Skandinavien noch 1477 durch Zusatz der
-zerquetschten Beeren von Sumpfmyrte (~Myrica gale~) und Wacholder das
-Gruten- oder Gruysenbier bereitete. In Nordamerika erhielt man durch
-Zusatz der Schößlinge der Schierlingstanne das Sprossenbier. In Island
-und Irland wurden die Samen der wilden Mohrrübe als Bierwürze benutzt,
-bis schließlich der Hopfen alle solchen verdrängte und heute in der
-ganzen Kulturwelt ausschließlich zur Verwendung gelangt.
-
-Wie aus dem mit Wasser verdünnten Honig durch einfaches Stehenlassen
-mit Hilfe der hineingelangten allgegenwärtigen Hefepilze der Met als
-das älteste der berauschenden Getränke entstand, so wurden allerlei
-zuckerhaltige Pflanzensäfte wie Palm-, Agaven- und Obstsaft und
-von tierischen die Milch auf dieselbe Weise zur Herstellung von
-berauschenden Getränken, nach denen die Menschheit seit Urzeiten als
-beliebtes Genußmittel lüstern ist, verwendet. Bald lernte man auch,
-daß mehlhaltige Stoffe durch Einwirkenlassen von Speichel gärfähig
-werden und zur Bereitung von Bier dienen können. So hat man jedenfalls
-schon vor der Einführung des Hackbaus aus mehlhaltigen Samen von
-allerlei Wildgräsern und später gepflanzten Gräsern, vielfach nach
-vorhergehendem Aufkochen in Wasser, so lange man keine gebrannten Töpfe
-besaß mit Hilfe darein geworfener Steine durch sogenanntes Steinkochen,
-wie solches bei den Letten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts und in
-Kärnten zum Teil heute noch bei der Herstellung von Steinbier üblich
-ist, durch Kauen im Munde und nachheriges Ausspucken in Gefäße, worin
-die Masse eine Zeitlang zur Fermentwirkung sich selbst überlassen
-blieb, die ältesten Bierarten hergestellt. So wird heute noch die
-Kawa der Südsee aus der Wurzel des Kawapfeffers, das Reisbier auf
-Formosa, das Maisbier in Peru und Bolivia und ein in Argentinien bei
-den Eingeborenen beliebtes Bier aus den Früchten einer Leguminose
-hergestellt. Auch im nördlichen Europa muß einst ein solches Bier
-bereitet worden sein, wie wir aus der Sage des Gottes Kwasir entnehmen
-können, den die Asen und Wanen (Fruchtbarkeit spendende vergöttlichte
-Naturkräfte) bei ihrem Friedensschlusse aus ihrem gemeinsamen Speichel
-erschufen. Bei dieser recht urwüchsigen Bierbereitung verzuckerte der
-Speichel das Stärkemehl und lieferte so eine gärungsfähige Zuckerlösung.
-
-Appetitlicher nach unsern Begriffen ist es, worauf man später erst
-verfiel, das stärkemehlhaltige Getreidekorn keimen zu lassen, wobei der
-Embryo das Diastase genannte Ferment bildet, um die Stärke in löslichen
-und damit für ihn assimilierbaren Zucker zu verwandeln. Dieses jüngere
-Verfahren benützen wir bis auf den heutigen Tag in der Brautechnik.
-So läßt der Bierbrauer die Gerste, die heute fast ausschließlich zur
-Verwendung gelangt, keimen, bis sich reichlich Diastase gebildet hat
-und durch teilweise Umwandlung der Stärke in Zucker das süßschmeckende
-Malz entstanden ist. Dann wird die Keimung durch Trocknen und Erhitzen
-unterbrochen, das Malz „gedarrt“. Je nach der Temperatur, die beim
-Darren zur Anwendung gelangt, nimmt es dabei eine hellgelbe bis
-dunkelgelbe Farbe an, die nachher für die Farbe des Bieres bestimmend
-ist, und gleichzeitig bilden sich bei höherem Erhitzen aromatische
-brenzliche Stoffe, die sogenannten Karamelstoffe, die auch für den
-Biergeschmack wichtig sind. Die Darrtemperatur kann bei den ganz
-dunkeln, karamelreichen Bieren, wie z. B. beim Kulmbacher, bis gegen
-100° C. betragen.
-
- Tafel 89.
-
-[Illustration: Malztenne der Löwenbrauerei in München.
-
-Sudhaus der Löwenbrauerei in München.]
-
- Tafel 90.
-
-[Illustration: Gärkeller der Löwenbrauerei in München. Aus den
-gefüllten, oben offenen Bottichen quillt der Schaum der gärenden
-Flüssigkeit hervor.
-
-Lagerkeller der Löwenbrauerei in München.]
-
-Dann wird das Malz zerkleinert, und durch Hinzugießen von Wasser
-werden aus ihm die löslichen Bestandteile mit Einschluß der Diastase
-herausgezogen, extrahiert wie der technische Ausdruck lautet. Bei auf
-etwa 50° C. erhöhter Temperatur beginnt nun die Wirkung der Diastase
-auf die noch unverzuckerte Stärke, welche in Malzzucker und Dextrine
-übergeführt wird. Bei längerer Einwirkung werden dann auch die Dextrine
-allmählich angegriffen. Von der Leitung dieses Maischprozesses, bei dem
-die Diastasewirkung jederzeit durch Aufkochen unterbrochen werden kann,
-hängt es also ab, ob man ein „vollmundiges“ Bier mit reichlicherem
-oder ein „weinig schmeckendes“ Bier mit geringerem Dextringehalt haben
-will. Ersteres lieben wir Deutschen, während die Engländer letzteres
-bevorzugen. Dementsprechend wird in Deutschland die Maische meist nach
-dem Kochverfahren hergestellt, d. h. die Masse bald aufgekocht und dann
-wieder ungekochte neue Maische hinzugefügt, während sie in England
-überhaupt ohne Aufkochen nur bei höherer Temperatur bereitet wird. Die
-Maische wird hierauf von den festen Rückständen, den Trebern, befreit
-und dann noch mit dem Hopfen zusammen einige Stunden gekocht. Nach
-dem Absieben der Hopfenreste und der ausgeschiedenen Eiweißstoffe
-wird sie in offenen Kühlschiffen oder neuerdings auch in besonderen
-Apparaten gekühlt und dann zum Einleiten der Gärung in die Gärbottiche
-übergeführt. Dieser Prozeß interessiert uns hier hauptsächlich.
-
- Tafel 91.
-
-[Illustration: Das Hofbräuhaus in München.]
-
- Tafel 92.
-
-[Illustration: Im Hof des Hofbräuhauses in München.]
-
-Das ältere Verfahren bei der Herstellung von Bier ist die Obergärung,
-die viel schneller verläuft und keine besondere Kühlhaltung verlangt,
-dabei also bald trinkbares, billiges Bier liefert, das aber den
-Nachteil besitzt, nicht so haltbar zu sein und meist durch Infektion
-mit anderen Pilzen einen säuerlichen Geschmack aufzuweisen. Dieser
-Gärprozeß, der bei einer Temperatur zwischen 15 und 25° C. erfolgt,
-wobei die Hefe oben schwimmt und erst nach der Gärung teilweise nach
-unten sinkt, wie man vom Weißbier her weiß, ist viel schwerer vor
-Störungen zu schützen, die Qualität des Bieres also nicht leicht
-gleichmäßig zu erhalten. Die Hauptgärung dauert nur wenige Tage;
-dann wird die Nachgärung, die noch sehr lebhaft ist, auf den Fässern
-eingeleitet. Ja bisweilen wird nach alter Vätersitte die ganze Gärung
-gleich auf dem Faß eingeleitet und beendet.
-
-Da solches Bier nicht leicht gleichmäßig zu erhalten ist und sich
-außerdem nicht zum längeren Aufbewahren, also zum Lagerbier eignet, ist
-diese obergärige Methode neuerdings ganz gegenüber der Untergärung, die
-diese Nachteile nicht besitzt, in den Hintergrund getreten. Diese kann
-nur im Winter oder in künstlich gekühlten Räumen vor sich gehen, da sie
-bei einer Temperatur von 5-6° C. verläuft. Bei ihr setzt sich die Hefe,
-sobald sie nicht mehr durch die entstehende Kohlensäure aufgewirbelt
-wird, sobald also die Gärung etwas nachläßt, im Gegensatz zu der in der
-Flüssigkeit schwebend bleibenden Oberhefe fest am Boden des Gefäßes ab.
-Bei diesem Verfahren, dem alle deutschen Biere mit Ausnahme einiger
-Spezialitäten, wie beispielsweise das Berliner Weißbier, die Leipziger
-Gose und das Lichtenhainer Bier, unterworfen werden, wird die Würze,
-sobald sie auf die erforderliche niedrige Temperatur abgekühlt worden
-ist, in den Gärbottichen mit Reinzuchthefe in reichlicher Menge --
-etwa ½ Liter dickflüssiger Hefe auf einen Hektoliter Bier -- versetzt
-und mit Krücken gut durchgerührt. Bei der nun erfolgenden Hauptgärung
-bedeckt sich die Oberfläche zuerst mit einem feinen und dann mit einem
-immer dicker werdenden bräunlichen Schaum, der neben Hefezellen aus
-ausgeschiedenen eiweißartigen und schleimigen Stoffen besteht. Da durch
-die chemischen Umsetzungen während der Gärung die Temperatur stark
-steigt, so muß dauernd für gute Kühlung Sorge getragen werden, damit
-nicht eine Erwärmung über 11° bei dunklen und 9,5° bei hellen Bieren
-eintritt. Allmählich läßt die stürmische Gärung nach, die Hefe sinkt
-allmählich zu Boden und damit klärt sich die Flüssigkeit, die nun zur
-Nachgärung in die Lagerfässer übergepumpt wird. Will man die Nachgärung
-beschleunigen, so nimmt man viel Hefe mit, dann ist aber das Bier nicht
-zu langem Lagern geeignet. Im Lagerkeller, dessen Temperatur nur etwa
-1° C. betragen soll, ruht nun das „Jungbier“ 3-6 Wochen, wenn es zu
-baldigem Ausschank bestimmt ist, und mehrere Monate, wenn es als Lager-
-oder Sommerbier dienen soll. Dabei geht die Gärung langsam weiter
-ihren Gang, es bildet sich reichlich Kohlensäure, die ihm den angenehm
-prickelnden Geschmack verleiht, und der anfänglich noch scharfe
-Vorgeschmack wird in einen immer wohlschmeckenderen umgewandelt, der
-die Güte des reifen Bieres ausmacht. Mit der Vollendung der Nachgärung
-ist das Bier völlig klar geworden, indem die Hefe am Boden liegt,
-und wird, nachdem es zum Überfluß noch filtriert worden, in die
-Transportfässer gefüllt und zum Verkauf gebracht.
-
-Erst die technische Entwicklung der neuesten Zeit hat dieses
-gleichmäßig gute, äußerst haltbare untergärige Bier zu brauen
-ermöglicht, während das früher gebraute Bier sehr ungleich ausfiel,
-weniger gut schmeckte, auch schwächer alkoholhaltig war und sich nur
-kurze Zeit hielt, d. h. bald sauer wurde und in Essiggärung verfiel,
-wenn es nicht durch Kahm-, Schimmel- und Spaltpilze verdarb. So
-hat sich aus der bescheidenen Bierbrauerei der alten Ägypter, die
-diese Erfindung ihrem obersten Gott Osiris zuschrieben, meist Gerste
-zum Mälzen verwandten und an Stelle des ihnen unbekannten Hopfens
-Safran und andere Pflanzenstoffe als Würze verwandten, im Laufe der
-Jahrhunderte das kapitalkräftige moderne Braugewerbe entwickelt,
-das eine enorme Ausdehnung erlangt hat. Welche volkswirtschaftliche
-Bedeutung die Brauindustrie speziell in Deutschland besitzt kann man
-ermessen, wenn man bedenkt, daß der Kaufwert der Braumaterialien in
-diesem Lande bereits im Jahre 1900 etwa 400 Millionen Mark betrug, von
-denen als nutzbare Abfallstoffe der Landwirtschaft zirka 50 Millionen
-zurückgegeben wurden. Der Herstellungswert betrug gegen 900 Millionen
-Mark. Demgegenüber war die Steinkohlenproduktion Deutschlands nur 800
-Millionen und waren sämtliche Hüttenerzeugnisse 700 Millionen Mark
-wert. Die Rübenzuckerindustrie verbraucht sogar nur für 225 Millionen
-Mark Rüben und liefert etwa für 30 Millionen Mark Material an die
-Landwirtschaft zurück.
-
-Neben den echten Bieren, die also mit Zusatz von Hopfen gebraut
-werden, erzeugt man da und dort noch eine Menge dem Urbier nahe
-stehender säuerlicher Biere, unter denen der +Kwaß+, das russische
-Nationalgetränk, in Europa das wichtigste ist. Es wird aus
-allerlei Getreidearten, aus Mehl, Malz, aber auch aus Brot und
-Zwieback hergestellt, die zuerst gekocht und dann einer spontanen
-Milchsäuregärung überlassen werden, der sich eine geringfügige
-alkoholische Gärung hinzugesellt. Daraus resultiert ein säuerliches,
-moussierendes Getränk mit einem Alkoholgehalt von weniger als 1 Prozent
--- während unsere Biere meist etwa 4 Prozent davon enthalten --, das
-in Unmengen von allen Bevölkerungsschichten Rußlands vertilgt wird.
-Früher war es viel weiter verbreitet und wurde auch von den Arabern im
-Mittelalter hergestellt, wofür Kobert, der ihm eine ganze Monographie
-gewidmet hat, eine Menge Belege vorbringt.
-
-Ihm ähnlich sind die säuerlichen Biere, die wir als +Hirsebiere+
-nicht nur bei den Rumänen, sondern bei fast allen afrikanischen
-Stämmen finden. Häufig findet man in ihnen eine bestimmte Hefe, den
-~Schizosaccharomyces pombe~, der seinen letzteren Namen von einer
-weitverbreiteten Abart dieser Negerbiere führt. Auch an manchen
-Früchten haften bestimmte Hefearten in Gemeinschaft mit Bakterien, die
-zur Erzeugung alkoholischer Getränke benutzt werden. So stellt man
-in England vielfach aus Zuckerwasser und Ingwerwurzel mit Zusatz von
-gewissen Früchten, die den Hefenpilz ~Saccharomyces piriformis~ neben
-Bakterien enthalten, das moussierende +Ingwerbier+ her.
-
-Von großem Interesse, weil ein bedeutendes Gewerbe darstellend,
-ist die Herstellung des hellgelben, sherryähnlichen japanischen
-Nationalgetränks +Saké+, das heiß in kleinen Porzellanschälchen
-getrunken wird. Nach seiner Gewinnung aus Reis ist es zu den
-bierähnlichen Getränken zu rechnen, nach seinem schließlich erzeugten
-Charakter und seinem hohen Gehalt von 12-18 Prozent Alkohol hat es
-mehr Verwandtschaft mit den Südweinen. Die Bereitung des Saké ist eine
-uralte Kunst der Japaner, die sich in vier Teilprozesse gliedert.
-Zuerst wird die spezielle Hefe, die Koji bereitet, indem gekochter
-Reis mit sporenhaltigen Kolonien des Reisschimmelpilzes (~Aspergyllus
-oryzae~) angesetzt wird, die zu diesem Zwecke in unvollkommener
-Reinkultur immer weiter gezüchtet werden. Dieser Pilz enthält eine
-kräftige Diastase, die die Stärke des Reises in gärfähigen Zucker
-verwandelt, daneben noch andere Schimmelpilze, Bakterien und eine
-echte Hefe. Dann wird der Moto, die eigentliche Maische, wiederum aus
-gedämpftem Reis bereitet und ihm die Koji zugeführt. Es tritt nun in
-der Masse eine Milchsäure- und Alkoholgärung ein. Indem zu diesem
-Gemisch wieder gekochter Reis und Koji hinzugefügt werden, folgt die
-Hauptgärung, bis schließlich der Prozeß nach fünf Wochen abgelaufen
-ist. Nun wird die Flüssigkeit abgepreßt, geklärt und ist zum Konsum
-fertig. Die Alkoholgärung wird durch wilde Hefen vollzogen. Der ganze
-Prozeß, der rein empirisch nach alten Rezepten vorgenommen wird, ist
-noch wenig geklärt, obschon die in Europa gebildeten japanischen
-Gelehrten auch hier an der Arbeit sind.
-
-Die Bereitung des +Weines+ geht noch in der alten Weise vor sich, wie
-sie schon im alten Ägypten betrieben wurde, indem man den gekelterten
-Most durch die an den Weinbeeren selbst sitzenden wilden Hefen gären
-läßt. Nur ganz schüchtern machen sich Bestrebungen geltend, auch
-diesen Vorgang durch Hinzufügen von reingezüchteten Hefen edler
-Abstammung zielbewußt zu leiten. Da der ausgepreßte Traubensaft ein
-außerordentlich günstiger Nährboden nicht nur für diese Hefe-, sondern
-auch für die zahllosen darein geratenden Schimmelpilze und Bakterien
-ist, muß die Hauptarbeit der Weinbereitung darin bestehen, die durch
-letztere hervorgerufene abnorme Gärung zu verhindern nicht nur durch
-peinlichste Sauberkeit in allen Dingen, sondern vor allem dadurch,
-daß man für eine kräftig wachsende Hefe sorgt, die selbst der ärgste
-Feind jener mit ihr zu konkurrieren versuchender Pilze ist. Durch die
-kräftige Entwicklung der Weinhefe werden sie rasch überwuchert und in
-ihrer Entwicklung gehemmt.
-
-Mit Recht vertraut der Winzer im allgemeinen der Güte der an den
-Traubenbeeren, besonders der durch Insekten oder sonstwie verletzten
-wuchernden natürlichen Hefepilze, von denen an denselben Trauben auch
-immer dieselben Rassen vorzugsweise sitzen, so daß man von vornherein
-auf ein bestimmtes Gärungsprodukt rechnen darf. Um eine kräftige
-Entwicklung derselben zu erzielen, setzt man bei hoher Temperatur,
-etwa 28° C. an, und zwar in offenen Bottichen, die gehörig durchlüftet
-werden. Nach Ablauf der ersten, stürmischen Gärung bringt man den
-jungen Wein in die Gärfässer, die durch Ventile so verschlossen sind,
-daß zwar die sich entwickelnde Kohlensäure leicht entweichen, aber
-keine äußere Luft mit ihren Keimen hinzutreten kann. Die Gärung wird
-bei 15-20° C. so lange fortgesetzt, bis sich nur noch spärliche Blasen
-von Kohlensäure entwickeln. Nun beginnt die wichtigste Tätigkeit, die
-Kellerbehandlung, die den Wein zur Reife bringen soll. Bei ihr muß um
-so mehr auf peinlichste Sauberkeit Bedacht genommen werden, da nun
-die Hefe ihr energisches Wachstum eingestellt hat und infolgedessen
-die Spaltpilze leichter neben ihr aufkommen könnten. Um letzteres zu
-vermeiden, werden die Fässer nicht bloß gründlich gereinigt, sondern
-auch durch Verbrennen von Schwefelfäden in ihnen alle Keime zerstört.
-
-In dem in sie übergeführten Wein wird der Zucker sehr langsam weiter
-gespalten und nur eine sehr geringe Menge bleibt unversehrt. Ein
-Teil der Kohlensäure bleibt im Wein und gibt ihm seinen prickelnden
-Geschmack. Vor allem bilden sich aber jetzt langsam die für den Wein
-charakteristischen Bukettstoffe aus, die die Nase und Zunge des
-Genießenden besser würdigen können als die Analyse des Chemikers,
-für den sie infolge ihrer minimalen Menge kaum greifbar sind. So
-gehen unter dem Einfluß des durch die feinen Poren der Fässer
-hindurchdringenden Sauerstoffs diese eigentümlichen Umwandlungen vor
-sich, die den Wein edel und alt machen. Sie erstrecken sich über viele
-Jahre, bis schließlich der Höhepunkt der Reife erreicht ist; dann aber
-geht der Wein wieder zurück, er wird überreif und die Bukettstoffe
-verlieren allmählich ihre Qualität. Wie lange das dauert, hängt von
-den verschiedensten Umständen ab. Manche Weine sind schon nach wenigen
-Jahren fertig; andere vertragen die Entwicklung mehrerer Menschenalter
-und werden immer besser, wie namentlich einige zuckerreiche Südweine,
-vor allem der Tokayer, bei dessen Herstellung den frischen Trauben
-möglichst viel getrocknete Beeren derselben Sorte hinzugefügt werden,
-um ihn recht süß zu bekommen.
-
-Im Fasse senkt sich nun die Hefe nach Aufhören ihrer Vermehrung langsam
-zu Boden und reißt die noch vorhandenen festen Bestandteile wie
-Kalksalze, Farbstoffe usw. mit. Durch dieses Absitzen erst erlangt der
-Wein seine volle Klarheit. Zu diesem Zwecke wird er öfter in frische
-Fässer umgefüllt, wobei der Bodensatz zurückbleibt. Um diesen Prozeß
-zu beschleunigen, verwendet man eine Reihe von Mitteln, wie besonders
-Hausenblase oder Gelatine, die eine Fällung bewirken und so alles im
-Weine Schwebende zu Boden reißen. Nur Rotweine kann man wegen des
-Verlustes an Farbstoff nicht auf diese Weise klären; man begnügt sich
-bei ihnen mit dem Filtrieren.
-
-Ist so unter sorgsamer Pflege und bei Vermeidung der Spaltpilzinvasion
-der Wein reif geworden, so wird er, wenn er von guter Qualität ist,
-in Flaschen gezogen und entwickelt sich hier in ähnlicher Weise,
-aber äußerst langsam weiter. Dieser Prozeß kann durch Steigerung der
-Temperatur im betreffenden Keller bis auf 40° C. beschleunigt werden.
-Geringe Weine dagegen vertragen das Altern nicht.
-
-Zur Herstellung der vollmundigen, kräftigen +Südweine+ läßt man die
-Trauben am Stocke trocknen und dickt dann den daraus erhaltenen Most
-noch über dem Feuer ein. Dabei brennen sie stets etwas an, was ihnen
-den sie auszeichnenden leicht brenzlichen Geschmack verleiht, der
-besonders beim Malaga hervortritt. Beim Portwein wird die Gärung
-mitten drin durch Zusatz von Alkohol unterbrochen und zur Erhöhung der
-Farbe noch Holundermark hinzugesetzt. Ganz ähnlich werden die Weine
-von Madeira, Marsala, von den Kanaren und vom Kap der Guten Hoffnung
-hergestellt. Andere, wie der Zyperwein, erhalten noch eine Würze
-von Quittensaft und Gewürzen aller Art und werden dann noch einer
-Räucherungsprozedur unterworfen. So werden sie schließlich einem Likör
-ähnlicher als einem Wein.
-
-Die meist zu sauren +Obstweine+ werden wie die sauren Traubenweine
-gallisiert, d. h. man verzichtet auf die direkte Abstumpfung
-der überschüssigen Säure, sondern mildert sie durch Zusatz von
-Zuckerwasser, wobei das Volumen bedeutend erhöht wird. Die
-+Schaumweine+, die man fälschlicherweise Sekt nennt, da letzteres
-historisch wie dem Sinne nach gerade das Gegenteil, nämlich einen
-schweren, feurigen Südwein bedeutet, werden aus besonders geeigneten
-leichten, bukettarmen Weinen durch eine spezielle Gärung in der Flasche
-gewonnen. Zu ihrer Herstellung wird der geklärte, flaschenreife Wein
-mit reichlich Rohrzucker -- 2,5-3 kg per Hektoliter -- und bestimmten,
-sehr kräftigen Hefen zur weiteren Gärung in festverschlossenen Flaschen
-angesetzt. Sobald sich der Zuckergehalt darin erheblich vermindert
-hat und der Alkoholgehalt so hoch gestiegen ist, daß die Hefe nicht
-mehr gären kann, beginnt sie sich abzusetzen, ein Prozeß, der durch
-Rütteln an der Flasche systematisch gefördert wird, bis schließlich
-in den umgekehrt aufgestellten Flaschen sich die Hefe auf den Korken
-ansammelt und der Wein klar wird. Dann wird die Flasche geöffnet und
-die Hefe herausgeschleudert, wie man sagt „degorgiert“. Nun setzt man
-ihm den sogenannten Likör, bestehend in feinem Kognak mit Zucker und
-besonderen, von jeder Fabrik geheim gehaltenen aromatischen Zusätzen
-zu, verschließt die Flasche wieder und läßt sie noch einige Zeit
-lagern, bis der Wein völlig reif geworden ist. Die Kraft des Schäumens
-richtet sich nach der Menge Rohrzucker, und zwar erzeugen 4,5 g davon
-per Flasche 1 Atmosphäre Druck. Bei guten Schaumweinen beträgt der
-Druck gewöhnlich 4-5 Atmosphären; mehr wie 8 Atmosphären halten die
-Flaschen nicht aus.
-
-Die Herstellung der +Branntweine+ war den alten Kulturvölkern durchaus
-unbekannt. Sie kam erst etwa mit dem 8. Jahrhundert mit dem Aufblühen
-der chemischen und alchimistischen Wissenschaft unter den Arabern
-auf, und der Arzt Gabir Ibn Hajjan, in Europa Geber genannt, gilt als
-der Entdecker des Alkohols, dessen Name ja arabischen Ursprungs ist.
-Als diese Neuerung im Abendlande bekannt wurde, bemächtigten sich vor
-allem die Klöster derselben und begannen bald einen schwunghaften
-Branntweinhandel. Im 14. Jahrhundert war Italien das Hauptexportland
-des zunächst nur als Medikament verwendeten Schnapses, der aber bald
-auch als Genußmittel solchen Beifall fand, daß schon ein Jahrhundert
-später der Steuerfiskus in Deutschland das Getränk mit einer
-Verbrauchsabgabe belegte. Damals wurde von stärkemehlreichen Früchten
-fast ausschließlich das Korn zu Branntwein verarbeitet, und zwar bald
-in solchem Maße, daß die Regierung die Herstellung des Kornschnapses
-an manchen Orten ganz verbot, weil ein allzugroßer Teil der köstlichen
-Brotfrucht dadurch ihrem eigentlichen Zweck entzogen wurde. Erst im
-18. Jahrhundert kam die Verwendung der Kartoffel als Rohfrucht für die
-Schnapsbrennerei auf und 1750 soll zu Monsheim in der Pfalz die erste
-Kartoffelbrennerei errichtet worden sein. Jetzt wird vorzugsweise diese
-Nährfrucht dazu verwendet, und zwar zur Herstellung von fuselölfreiem
-Reinspiritus, der dann technisch als solcher verwendet oder mit Beigabe
-von aromatischen Essenzen zu den mannigfaltigsten Schnäpsen verarbeitet
-wird.
-
-Die Kartoffeln werden zur Überführung der Stärke in Kleister gekocht
-und, da sie nur sehr wenig Diastase zur Umwandlung des letzteren in
-Zucker haben, bei einer möglichst hohen Temperatur von 45-50° C. mit
-Malz versetzt. Nachdem die Verzuckerung der Stärke stattgefunden
-hat, setzt man die Maische, wie wir dies bei der Bierbereitung
-beschrieben haben, zur Gärung an, die bei 25° C. verläuft und nur etwa
-drei Tage dauern darf. Und zwar verwendet man dazu nicht mehr wie
-früher Bierhefen, sondern speziell die zu diesem Zwecke in besonderen
-Anstalten in großen Mengen in Reinkultur gezüchteten obergärigen,
-stark gelüfteten Brennereihefen. Ist nun durch Gärung der Zucker
-der Maische zum größten Teil in Alkohol (und Kohlensäure, welche
-entweicht) übergeführt, so wird das Gemisch im Destillierapparat mit
-Dampf erhitzt, und der mit Wasserdämpfen und einigen Beimengungen in
-gasförmigen Zustand übergehende Alkohol wird durch Kühlung wieder zu
-einer Flüssigkeit verdichtet.
-
-Meist wird in den Brennereien nur ein Rohspiritus dargestellt, der dann
-zur weiteren Reinigung in die Raffinerien wandert. In diesen wird
-durch nochmalige Destillation der Äthylalkohol mit nur 4-8 Prozent
-Wasser als rektifizierter Spiritus gewonnen, wobei die schwerer
-flüchtigen höheren Alkohole (besonders Amylalkohol), die sogenannten
-Fuselöle, in der Destillierblase zurückbleiben. Letztere haben einen
-durchdringenden Geruch und sind sehr giftig. Früher glaubte man, daß
-sie durch die Tätigkeit irgend welcher Spaltpilze entstehen, und
-beschrieb sogar einige solche Pilze, welche sie erzeugen sollten. Doch
-ist neuerdings durch die eingehenden Untersuchungen von F. Ehrlich mit
-Sicherheit erwiesen worden, daß sie Produkte der Hefen sind und durch
-Umwandlung aus den Eiweißstoffen der Maische und ihren Abbauprodukten
-entstehen. Da sie zur Herstellung schwertrocknender Öle und in der
-Fabrikation künstlicher Riechstoffe verwendet werden, so hat die
-Industrie selbst ein Interesse daran, sie möglichst vollständig aus dem
-Weingeist, dessen Wert sie herabsetzen, zu entfernen.
-
-Der reinste rektifizierte Spiritus wird als +Weinsprit+ bezeichnet
-und wird vor allem in der Likörfabrikation verwendet. Die weniger
-guten Marken, die aber auch noch so gut wie rein sind, dienen in der
-Kraftindustrie und werden, da sie einer weit geringeren Steuer als
-der zu Genußzwecken des Menschen verwendete Spiritus unterliegen,
-durch Hinzufügen von Holzgeist und Pyridin denaturiert, um ihnen einen
-widerlichen Geschmack und Geruch zu geben. Welch gewaltige Bedeutung
-die Brennerei in der Volkswirtschaft besitzt, beweist die Tatsache, daß
-in Deutschland allein aus 3 Milliarden kg Kartoffeln gegen 4 Millionen
-Hektoliter Spiritus jährlich erzeugt werden, von denen 2½ Millionen
-getrunken werden und der Rest zu gewerblichen Zwecken verbraucht
-wird. Die Branntweinsteuer bringt dem Reiche jährlich 150 Millionen
-Mark ein, und nur etwa für 6 Millionen Mark kommt zur Ausfuhr. Leider
-hat die ausgedehnte Verwendung des Weingeistes als Kraftquelle noch
-keine befriedigende Lösung gefunden, wenn er auch schon in großer
-Menge bei der Industrie als Beleuchtungsmittel und zum Treiben kleiner
-Motoren Verwendung findet. Speziell zum Treiben der Automobilmotoren
-vermag er noch nicht das Benzin zu verdrängen. Hoffentlich aber wird
-diese Neuerung nicht mehr lange auf sich warten lassen, da es aus
-volkshygienischen Gründen höchst wünschenswert wäre, wenn der in
-solchen Massen produzierte Schnaps statt vom Menschen getrunken, dem
-er ein überaus schlimmer Feind ist, als Kraftquelle eine ausgedehntere
-Verwendung finden könnte, und so dem Volke nützlich, statt wie bisher
-verderblich sein würde.
-
-In seiner Sucht nach starken Berauschungsmitteln hat der Mensch,
-seitdem ihm die Kenntnis der Alkoholdestillation zuteil wurde, aus
-allen möglichen zuckerigen oder in Zucker überzuführenden Stoffen
-vermittelst wilder Hefen Alkohol gewonnen und Schnaps daraus
-gebrannt, so nicht bloß aus Melasse, Roggen und Mais, sondern auch
-aus Wurzeln wie Enzian, Früchten wie Holunder- und Vogelbeeren,
-Kirschen und Zwetschen mit Einschluß deren ausgeklopfter Kerne, aus
-Heferückständen, Trebern, Trestern usw. Unter diesen nehmen vor allem
-die Getreideschnäpse, der +Kornbranntwein+, eine wichtige Stellung ein.
-So wird das angloamerikanische Nationalgetränk, der Whisky in seinen
-verschiedenen Spielarten bald aus Roggen-, bald aus Gerstenmalz mit
-Hinzufügung von gekeimtem Mais hergestellt, während der in Ostindien,
-besonders auf Java bereitete +Arrak+ aus Reis unter Zusatz von Melasse
-und Palmwein gebrannt wird. In Westindien, speziell Jamaika, wird
-dagegen aus den bei der Bereitung von Zucker aus Zuckerrohr abfallenden
-Produkten der +Rum+ bereitet, der seinen eigentümlichen Geschmack
-dem Vorhandensein von freien Säuren, wie Ameisen- und Buttersäure,
-und deren Estern verdankt. Als vornehmster aller Branntweine gilt
-der nach dem Zentrum seiner Bereitung, der westfranzösischen Stadt
-gleichen Namens, als +Cognac+ bezeichnete Branntwein, der ein Destillat
-aus Wein, meist Rotwein, ist und nur durch jahrelanges Lagern in
-Fässern aus bestimmtem Eichenholz seine schöne Farbe und seinen
-charakteristischen Geschmack erhält. Alle diese Schnäpse zeigen frisch
-den brennenden Spritgeschmack, der erst durch möglichst langes Liegen
-im Faß durch bisher noch nicht ganz erforschte chemische Vorgänge den
-erwünschten zartmilden Geschmack erhält. Meist handelt es sich wohl
-dabei um Oxydationsprozesse, indem Sauerstoff durch die feinen Poren
-der Fässer hindurchtritt und die scharf schmeckenden Stoffe in milde
-verändert. Dafür spricht vor allem, daß man den Vorgang des Alterns
-durch Imprägnierung mit Sauerstoff beschleunigen kann. Dies ist ein
-großes kaufmännisches Problem, da gerade durch das lange Lagern die
-edlen Branntweine sehr verteuert werden. Indessen ist ein wirklich
-gutes Mittel zum künstlichen Altmachen noch nicht gefunden worden.
-Besonders lange Zeit brauchen die Branntweine, die man in der Flasche
-alt werden läßt, weil sie wasserklar gewünscht werden, wie z. B.
-Kirschwasser; denn aus dem Holz der Fässer nehmen die Destillate stets
-Farbstoffe auf. Diese Branntweine müssen viele Jahre liegen, bis sie
-wirklich reif geworden sind.
-
-In der unüberwindlichen Sehnsucht nach berauschenden Getränken sind
-die Nomadenvölker dazu gekommen, aus der Milch, dem einzigen ihnen
-zu Gebote stehenden zuckerhaltigen Nährmittel, sich welches zu
-bereiten. Das bekannteste dieser alkoholischen Getränke aus Milch
-ist der +Kefir+, der in den Bergländern des nördlichen Kaukasus seit
-undenklicher Zeit ein Hauptgenußmittel ist. Er ist ein säuerliches,
-sehr wohlschmeckendes Getränk mit geringem Alkohol- und größerem
-Milchsäuregehalt, das wegen seiner Leichtverdaulichkeit jetzt auch in
-den Kulturländern vielfach hergestellt und als diätetisches Mittel
-verordnet wird. Die meisten wilden Hefen vermögen nun nicht aus dem
-Milchzucker die gärungsfähigen Kohlehydrate freizumachen. Nur einige
-wenige, wie z. B. ~Saccharomyces fragilis~ im Käse, sind dazu imstande,
-und solche in Kultur genommene Arten verwenden die tierzüchtenden
-Nomaden zu dieser Fermentation. Doch sind dabei stets noch Spaltpilze
-tätig, die mitgezüchtet werden und noch besser als die Hefen den für
-letztere meist unangreifbaren Milchzucker spalten und zugleich eine
-Milchsäuregärung bewirken. So haben wir in dem aus Schaf-, Ziegen-
-und Kuhmilch hergestellten Kefir, dessen Fermentorganismen in gelben
-Körnern in den Handel kommen, außer der Kefirhefe (~Saccharomyces
-kefir~) zwei Kettenkokken und einen Bazillus, die, der Milch
-beigemischt und mit derselben in geschlossenen Gefäßen aufbewahrt, in
-drei Tagen das Getränk entstehen lassen, das „Wonnetrank“ bedeutet, als
-Zeichen dafür, wie sehr ihn diese kaukasischen Bergstämme lieben.
-
-Ganz ähnlich wird seit uralter Zeit in der südrussischen Steppe von
-den dort wohnenden Nomaden aus Milch, auch Stutenmilch, der +Kumys+
-gewonnen, dessen Name von dem bereits von Xenophon (um 440 v. Chr.
-in Athen geboren und 355 in der Verbannung aus seiner Vaterstadt in
-Korinth gestorben) erwähnten Volke der Kumanen stammen soll, von denen
-es dann 1215 die Tataren bei ihrer Besitzergreifung dieser Länder
-übernahmen. Jedenfalls war es unter ihnen schon allgemein bekannt, als
-sie der Gesandte Ludwigs des Heiligen, Wilhelm Rubruck, im Jahre 1253
-besuchte. Auch der um 1459 in Nürnberg geborene und 1507 in Lissabon
-verstorbene Seefahrer und Geograph Martin Behaim, der, nach seiner
-ersten Entdeckungsreise als Begleiter des Diego Câo 1490 in seine
-Vaterstadt zurückgekehrt, den noch daselbst verwahrten großen Globus
-anfertigte, kannte ein Chumis genanntes, bei den Tataren Südrußlands
-hergestelltes Getränk, das heute gelegentlich auch in der Kulturwelt
-Verwendung findet. Die Erreger der echten Kumysgärung sind noch
-unbekannt, stecken aber in den Schläuchen, in denen Kumys gegoren hatte
-und in die stets wieder Milch zur neuen Fermentation gegossen wird. Das
-Getränk ist dem Kefir in Geschmack und Wirkung ähnlich.
-
-Die Vereinigung von Hefen mit Bakterien haben wir auch in den
-säuerlichen, schwach alkoholhaltigen Milchprodukten, der armenischen
-Nationalspeise +Mazun+, dem +Leben+ der Ägypter und dem +Yoghurt+ der
-Bulgaren, was alles „saure Milch“ heißt. Letzterer ist gleicherweise
-wie der Kefir als geschätztes diätetisches Präparat bei uns
-beliebt geworden, seitdem einer der Leiter des berühmten Instituts
-Pasteur in Paris, Prof. Elias Metschnikoff, die Aufmerksamkeit der
-wissenschaftlichen Welt auf ihn lenkte und ihn geradezu als Mittel zur
-Verlängerung des menschlichen Lebens erklärte, da die ihn vorzugsweise
-essende bulgarische Bevölkerung einen auffallend hohen Prozentsatz
-sehr alter Leute aufweist. In ihm sind nun keine Hefen, wohl aber
-ein Gemisch von drei Spaltpilzen, einem Ketten-, einem Doppelkokkus
-und einem als Majabazillus bezeichneten langen Stäbchen von geringer
-Beweglichkeit als die Gärungserreger nachgewiesen und in Kulturen
-zur Herstellung dieses die Darmfäulnis herabsetzenden diätetischen
-Präparates gezüchtet worden.
-
-Endlich haben wir bei den Kalmücken auch einen als +Arakà+
-bezeichneten, aus Milch hergestellten Branntwein, der zwar nur
-einen sehr schwachen Alkoholgehalt, dafür aber einen reichen Gehalt
-an flüchtigen Fettsäuren bei der Destillation empfängt, so daß er
-schauderhaft nach ranzigem Fette schmeckt, was aber nicht hindert, daß
-sich seine Erzeuger mit Wohlbehagen damit berauschen.
-
-Seit uralter Zeit beobachtete man, daß alkoholhaltige Flüssigkeiten
-bei längerem Stehen an der Luft ihren weinigen Geschmack verlieren und
-sauer werden. Diese Säure, von den Römern ~acetum~, von den Deutschen
-danach +Essig+ genannt, benutzte man sehr früh als Würze von Speisen,
-besonders Salaten. Über die Ursache dieser Veränderung, die man bei
-der Wein- und Bierbereitung als unliebsame Bildung fürchtete, war man
-ebenso wie über diejenige der weinigen Gärung vollkommen im unklaren,
-bis der berühmte Begründer der neueren Chemie, der 1743 in Paris
-geborene und am 8. Mai 1794 daselbst guillotinierte Lavoisier die
-Notwendigkeit der Sauerstoffzufuhr bei diesem Prozesse erkannte und
-ihn folgerichtig als Oxydation des Alkohols zu Essigsäure auffaßte.
-Erst der Jenaer Professor der Chemie Döbereiner (1780-1849) gab in den
-1830er Jahren die genauere Formel desselben an. Als man bald darauf
-erkannte, daß die Überführung von Alkohol in Essigsäure auch durch
-fein verteiltes Platin bewirkt werden kann, glaubten die Anhänger der
-chemischen Theorie der Gärung, vor allem Liebig, die Bildung von Essig
-sei dadurch als ein rein chemischer Prozeß erwiesen. Dem traten aber
-die Anhänger der biologischen Auffassung entgegen und es erhob sich
-derselbe Streit wie bei der Hefegärung. Schließlich blieben auch hier
-die letzteren Sieger. Wenn nun auch Kützing selbst vor Schwann die
-Bakterien der Essiggärung gesehen und beschrieben hatte, so verdanken
-wir doch Pasteur die grundlegenden Arbeiten über deren Eigenschaften
-und Lebensgewohnheiten und das Vermögen, sie in beinaher Reinkultur zu
-züchten. Es sind verschiedene Pilze der Gattung ~Bacterium~, die nur
-in einem Sauerstoff enthaltenden Medium gedeihen, auch organisches,
-stickstoffhaltiges Material zu ihrer Entwicklung brauchen und dann
-auf der Decke der zu vergärenden Flüssigkeit ein Geflecht von langen
-Fäden bilden. Nach der praktischen Bedeutung unterscheidet man vier
-Hauptgruppen, nämlich die Schnellessigbakterien, die vor allem
-technische Verwendung finden, dann diejenigen des Weines, des Bieres
-und der Maische. Außer bei diesen speziellen Essigkeimen finden wir die
-Fähigkeit, Essigsäure als Nebenprodukt zu bilden, bei sehr zahlreichen
-anderen Mikroben, so daß sie in geringer Menge bei fast allen Gärungen
-zu finden ist.
-
-[Illustration: Bild 50-52.
-
-I. Essigsäurebakterien: ~a~ kettenförmig angeordnete Bakterien aus
-einer Hautvegetation, ~b~ einzelne Essigbakterien (Kurzstäbchen), ~c~
-fadenförmige Essigbakterien in kettenförmige Kurzstäbchen zerfallend.
-
-II. Milchsäurebakterien: ~a~ Kurzstäbchen aus Milch, ~b~ Langstäbchen
-aus Bier.
-
-III. Buttersäurebakterien: ~a~ unbewegliche Buttersäurebakterien
-(Langstäbchen), ~b~ bewegliche Buttersäurebakterien (Spindelform). Nach
-~Dr.~ Schnegg.]
-
-Der eigentliche Vorgang der Essigbildung ist als eine Fermentwirkung
-erkannt worden. Insofern behielt Liebig in gewissem Sinne mit seiner
-chemischen Anschauung recht, wie wir dies bei der Alkoholgärung
-schilderten. Die Gärung ist nicht als ein reiner Lebensprozeß der
-Bakterien aufzufassen, sondern die lebenden Keime spielen nur eine
-indirekte Rolle als Erzeuger des Ferments. Den Beweis dafür zu liefern
-versuchte ebenfalls Buchner, der Entdecker der Zymase, der in den toten
-Leibern der Essigbakterien ein Ferment auffand, das ganz analog der
-Zymase, die die Zuckerarten in Alkohol und Kohlensäure spaltet, die
-Überführung von Alkohol in Essigsäure vollzieht.
-
-Zu einer rationellen Essigfabrikation gehört vor allem die Zufuhr von
-möglichst viel Luft, deren Sauerstoff den Essigbakterien die Oxydation
-des Alkohols ermöglicht. Früher stellte man den Essig ausschließlich
-nach dem von der Natur gegebenen Beispiele aus Bier oder noch häufiger
-aus Wein dar, wobei sich ein dicker Pelz von Essigsäurebakterien über
-der Flüssigkeit bildet. Jetzt aber verwendet man dazu den in großen
-Mengen zur Verfügung stehenden Reinsprit, den man nach dem 1823 von
-Schützenbach erfundenen Schnellessigverfahren mit Wasser verdünnt
-in hohen Fässern mit siebartig durchlöchertem Boden sehr langsam
-über mit Essig durchfeuchtete Buchenholzspäne tropfen läßt. Das oben
-einfließende Gemisch von etwa 10 Litern Alkohol, 40 Litern gewöhnlichem
-Essig und 120 Litern Wasser, dem man etwas Mehlauszug oder dergleichen
-als Nährboden für die Pilze zugesetzt hat, wird dabei oxydiert und
-fließt als essigreichere Flüssigkeit unten ab, die dann noch ein
-zweites oder drittes Faß passiert bis sie zu reinem Essig geworden
-ist. Neuerdings bestrebt man sich, nach dem Vorgange von Henneberg,
-Reinkulturen von Essigbakterien zur Imprägnierung der Holzspäne zu
-verwenden.
-
-Volkswirtschaftlich von ziemlicher Bedeutung sind auch die
-+Milchsäurebakterien+, die den Milchzucker der Milch in Milchsäure
-vergären, wobei das Kaseïn, der wichtigste Eiweißstoff der Milch, sich
-in fester Form ausscheidet. Die Gewinnung der süßen Milch kann aber
-auch durch das meist aus Kälbermagen gewonnene Labferment bewirkt
-werden, wobei sofort das Kaseïn in einer Verbindung mit Kalk ausfällt.
-Bei der sauren Gärung scheidet sich dagegen das Kaseïn in freier
-Form, nicht an Kalk gebunden, aus. Bei der Gewinnung von +Butter+
-aus dem abgeschiedenen Milchfett, dem Rahm, kann man die Vereinigung
-der Fettkügelchen durch Schütteln erzielen, wobei die sogenannte
-Süßrahmbutter entsteht, oder man läßt eine milchsaure Gärung des Rahms
-vorhergehen. Bei letzterem Prozeß, der nicht nur viel leichter als der
-erstgenannte vonstatten geht, sondern auch eine weit größere Ausbeute
-liefert und deshalb vorzugsweise angewandt wird, überließ man den
-Rahm ursprünglich einfach der Gärung durch von selbst hineingekommene
-Bakterien, wobei die Säuerung meist schon in 18-24 Stunden eintritt;
-später verwendete man dazu ganz einfach die bazillenhaltige Buttermilch
-gut geratener Butter, um in einer kleinen Menge Rahm die Gärung in Gang
-zu bringen. Falls diese gut war, infizierte man mit dieser Kultur, dem
-„Sauer“, den ganzen Rahm. Als dann aber die Reinzucht von Bakterien
-im Braugewerbe ihre Triumphe feierte, kam man bald darauf, dieselben
-Methoden auch beim Buttern zur Anwendung zu bringen und kultivierte
-eine Reihe von Bakterien aus guten Sauern in sterilisierter Milch, mit
-denen man vorzügliche Erfolge hatte. Um ein einwandfreies Material
-zu erlangen, sterilisierte man bald auch den Rahm und erzielte damit
-unter Anwendung von Reinzuchtmikroben ein hygienisch einwandfreies,
-von Zufälligkeiten unabhängiges Produkt. Natürlich machte man bei
-diesen Studien auch allerlei Erfahrungen, so diejenige, daß nicht
-alle in Reinkultur erhaltenen Milchsäurebakterien der Butter den
-gewünschten guten Geschmack verleihen, daß es darunter auch solche
-gibt, die ihr geradezu ein unangenehmes Aroma verleihen. Es sind
-dies also ganz ähnliche Verhältnisse wie bei der Weingärung, bei der
-gewisse Bukettstoffe auch auf Rechnung der betreffenden Gärungserreger
-kommen. Man züchtet nun Reinkulturen mit verschiedenen Aromastoffen,
-wie sie gerade die Konsumenten verlangen. Doch hat sich neuerdings
-herausgestellt, daß das Aroma überhaupt nicht bloß vom Ausgangsmaterial
-und der Milchsäuregärung abhängt, sondern durch die Anwesenheit von
-manchen anderen Bakterien, vielleicht auch Hefen, bedingt wird, so daß
-Mischungen solcher die besten Resultate liefern.
-
-Schon in uralter Zeit sind die viehzüchtenden Nomaden auf die Bereitung
-von Butter und Käse verfallen. So haben die Indier sicher schon um
-1500 v. Chr. die +Butter+ gekannt, nicht aber die ältesten Juden,
-deren ~chemah~ einen anderen Stoff darstellen soll. Überhaupt blieb
-dieses Produkt im ganzen Bereiche der Ölbaumzucht ein fast unbekanntes,
-nur etwa zu medizinischen Zwecken gewonnenes, das neben dem Olivenöl
-nicht aufzukommen vermochte. Die nördlich davon hausenden Völker
-aber schätzten die Butter, mit der sie sich vorzugsweise den Körper
-eingerieben zu haben scheinen, während ihnen Schmalz und Schmer als
-gebräuchlichste Beigabe zu den Mehlspeisen dienten. Wie den Römern
-die Keltiberier und Germanen durch ihre Wertschätzung der Butter
-auffielen, so waren den Griechen ihre thrakischen Nachbarn und die
-weiter nördlich als Nomaden umherstreifenden Skythen, welch letztere
-auch aus der Pferdemilch das begehrte Fett gewannen, als „Butteresser“
-merkwürdig. Der weitgereiste griechische Geschichtschreiber Herodot
-(484-424 v. Chr.) kennt noch keinen besondern Namen für Butter, sondern
-umschreibt ihn durch das „was sich absetzt“, während sein etwas
-jüngerer Landsmann, der berühmte Arzt Hippokrates (460 bis 364
-v. Chr.), der auch Skythien und Libyen bereiste, hiefür die Bezeichnung
-~bútyron~ anwendet, die als ~butyrum~ zu den Römern und schließlich
-als Butter zu den Deutschen kam, deren ursprüngliches Wort hiefür
-~anc~ (im süddeutschen ~anke~ noch erhalten) war. Im Mittelalter war
-die Buttergewinnung namentlich in der Viehzucht treibenden Schweiz
-ein wichtiges Gewerbe. Aus dem Jahre 1549 ist uns von dem Züricher
-Konrad Gesner eine ausführliche Beschreibung der schweizerischen
-Alpwirtschaft erhalten; noch genauere Aufschlüsse gibt uns 1705
-sein Landsmann Scheuchzer. Sonst spielte die Butter als Genußmittel
-noch keinerlei Rolle in Mitteleuropa, da bis ins 16. Jahrhundert
-ausschließlich Schmalz zum Kochen verwendet wurde. Erst von etwa 1560
-an wurde der „Butterschmalz“ in größerer Menge in der Küche benutzt
-und fand im Laufe des 17. Jahrhunderts im feineren Haushalt mehr und
-mehr Aufnahme. An Stelle der bis dahin üblichen Morgensuppe traten
-schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Nachahmung der
-vornehmen französischen Sitte in den reicheren Familien Kakao, Kaffee
-oder Tee mit feinem Gebäck und Butter, was dann mit der Zeit auch die
-Bürgerlichen bei sich einführten. Aber erst im 19. Jahrhundert hat
-sich die mit der Milchwirtschaft zusammenhängende Buttergewinnung über
-die ganze Erde verbreitet und ist neben der Käsebereitung eines der
-wichtigsten landwirtschaftlichen Gewerbe, das viele Millionen jährlich
-umsetzt. Führt doch England allein alle Jahre für 380 Millionen Mark
-davon ein.
-
-Noch wichtiger ist der +Käse+, dessen Bereitung die Nachahmung eines
-Naturvorgangs ist. Indem der primitive Viehzüchter die geronnene Milch,
-für die er augenblicklich keine Verwendung besaß, nicht verkommen
-lassen wollte, suchte er den aus ihr gepreßten Käsestoff durch Zugabe
-von Salz zu konservieren. So finden wir den Käse schon in sehr alten
-Urkunden erwähnt, ja er scheint im allgemeinen sogar noch älter als die
-Butter zu sein. Bei Homer spielt er schon eine große Rolle, auch die
-alten Ägypter und Juden kannten ihn, ebenso die Griechen und Römer.
-Der römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr.
-gibt uns eine ausführliche Beschreibung seiner Bereitung, die im
-wesentlichen nicht von der auch heute noch gebräuchlichen abweicht. Wie
-er, so unterschied auch der ältere Plinius bereits viele Sorten von
-Käse (~caseus~), unter denen die Schaf- und Ziegenkäse bei den Römern
-die gebräuchlichsten waren. Damals begnügten sich die vornehmen Römer,
-die „Herren der Welt“ als Feinschmecker schon lange nicht mehr mit den
-Käsearten, die ihnen die heimische Landwirtschaft bescherte, sondern
-importierten die wohlschmeckenden Sorten von überall her, besonders
-aus dem rätischen Alpenlande und aus manchen Gegenden des südlichen
-und mittleren Frankreich, die noch gegenwärtig durch ihre vorzüglichen
-Produkte bekannt sind.
-
-Heute ist die Käsebereitung über die ganze Erde verbreitet und der
-Käse ist ein Großhandelsprodukt geworden, das in manchen delikaten
-Spezialprodukten geradezu Weltruf wie gewisse Edelweine erlangt hat.
-Überall, wo viel Milch produziert wird, die infolge erschwerter Abfuhr
-wie auf den Alpen oder sonst von den Verkehrsstraßen abgelegenen
-Gegenden nicht anders verwertet werden kann, wird Käse bereitet, und
-zwar beträgt die Ausbeute von 100 kg Milch 12-15 kg weichen Fettkäses
-wie Brie oder Camembert, 9-11 kg Weichkäses, 7-9 kg Hartkäses, 5-8
-kg halbfetten und 4-6 kg mageren Hartkäses. Viel öfter als die
-Milch einfach der Säuerung zu überlassen, bringt man sie durch
-das Labferment zum Gerinnen, wobei die als Parakaseïn bezeichnete
-Verbindung des Eiweißkörpers Kaseïn mit Kalk ausfällt. Da man es bei
-der natürlichen Gerinnung der Milch durch die Milchsäurebakterien
-mit dem Kaseïn zu tun hat, so ist also schon der Grundstoff bei der
-Bereitung von Sauermilch- und von Labkäse ein verschiedener. Ferner
-hat man es bei der Käsereifung in der Hand, den Grundstoff noch in
-anderer Weise verschieden zu gestalten und dadurch nach Belieben Hart-
-oder Weichkäse zu erzeugen. Läßt man nämlich die Gerinnung durch
-das Labferment bei niedriger Temperatur langsam vor sich gehen, so
-schließt die ausfallende Masse noch eine Menge Flüssigkeit ein, wird
-davon schwammig und bleibt weich. Geschieht dagegen die Labgerinnung
-sehr rasch, unterstützt von stärkerem Erwärmen, so scheidet sich der
-Gerinnungskuchen in kompakter Form ab, enthält weniger Flüssigkeit
-und wird hart. Selbstverständlich gibt es alle Übergänge von den
-härtesten Käsen wie Parmesan über die mittelharten wie Emmentaler
-bis zu den allerweichsten wie Brie und Camembert. Ferner ergibt sich
-natürlicherweise ein Unterschied, ob man den Käse aus Magermilch oder
-Fettmilch, aus Kuh-, Ziegen- oder Schafmilch herstellt. Aber auch der
-Verlauf der Entwicklung bei der weiteren Behandlung ist von großem
-Einfluß. Denn Hartkäse reifen durchaus anders als Weichkäse. Alle diese
-Momente bringen es mit sich, daß es so viele verschiedene Arten von
-Käse als Landstriche gibt. Gerade wie beim Wein die Beschaffenheit der
-Traube den einen, und die Gärung den andern Faktor darstellt, so ist
-es auch beim Käse; den einen Faktor bildet der Rohkäse, den andern die
-Mikroben und die Behandlung bei der Reifung.
-
-Daß die Käsereifung ein Gärungsvorgang im weiteren Sinne des Wortes
-darstellt, hat zuerst der Breslauer Botaniker Ferdinand Cohn erkannt.
-Seither ist dieser Vorgang eifrig studiert worden, nicht nur aus
-wissenschaftlichem, sondern vor allem auch aus praktischem Interesse,
-um durch Reinzüchtung guter Bakterien die Käserei auf rationelle
-Grundlage zu stellen und die Produzenten vor Mißgriffen und Schäden zu
-bewahren.
-
-In jedem Käse haben wir eine äußerst komplizierte Anhäufung von
-Bakterien, die in jedem verschieden sind und sich gegenseitig fördern
-oder stören können. Sie spalten teilweise das Kaseïn, vergären den
-Milchzucker in Milchsäure und bilden aus dieser und aus dem Eiweiß
-Buttersäure und ähnliche fette Säuren. Ferner wird das Fett der Milch
-gespalten und dabei werden spezifische Geruchs- und Geschmacksstoffe
-erzeugt, die dem Käse sein spezifisches Aroma verleihen. Außer
-Bakterien finden sich aber auch noch Hefen und Schimmelpilze im Käse;
-letztere sind sogar bei der Reifung einiger Käse unentbehrlich; ja, in
-dem nach einem Dorf im französischen Departement Aveyron im westlichen
-Südfrankreich als Roquefort bezeichneten berühmten weichen Käse aus
-Milch von Kurzschwanzschafen werden sie sogar, und zwar eine „edle“
-Spielart des grünen Pinselschimmels (~Penicillium glaucum~), künstlich
-zugesetzt und vermehren sich darin zu ganzen Nestern, die an ihrer
-grünlichen Farbe zu erkennen sind.
-
-Bei den Hartkäsen beginnt nach einer unbedeutenden ersten Phase der
-Eiweißspaltung durch die Fermente zunächst eine allerdings nicht sehr
-erhebliche Milchsäuregärung. Neben ihr und nach ihrem Ablauf beginnen
-die eiweißabbauenden, sogenannten peptonisierenden Bakterien ihre
-Tätigkeit, wobei sie durch die Milchsäure etwas in Schranken gehalten
-werden, damit nicht eine übermäßige Zerspaltung des Eiweißes und
-eine richtige Fäulnis durch die echten Fäulnisbakterien eintrete.
-Diese unter Ausschluß von Sauerstoff vor sich gehende Gärung findet
-in der ganzen Käsemasse gleichmäßig statt. In den Abbaustoffen des
-Eiweißes finden wieder andere Bakterien, wie vor allem der ~Bacillus
-nobilis~, günstige Wachstumsbedingungen und bilden neben Milchsäure die
-charakteristisch riechende Buttersäure und die anderen Aromastoffe.
-Ferner siedeln sich Schimmel- und andere Pilze an. So wird durch das
-Ineinandergreifen der verschiedensten Mikroben eine Umwandlung der
-geschmacklosen Rohstoffe bewirkt, die schließlich den reifen Käse mit
-seinem spezifischen Wohlgeschmack hervorgehen lassen.
-
-Anders verläuft die Reifung bei den Weichkäsen. Zugleich mit der Molke
-enthalten sie viel mehr Milchzucker. Die infolgedessen sehr energisch
-vor sich gehende Milchsäuregärung verhindert im Innern des Rohkäses
-die Entwicklung aller anderen Keime. Alle diese Käse bleiben deshalb
-anfänglich im Innern weiß, unvergoren und sauer, wie der Rohstoff,
-aus dem sie bereitet werden. Nur von außen beginnen allmählich die
-peptonisierenden Bakterien ihr Werk; so reift der Käse von außen nach
-innen, bis er „durch“ ist. Dabei sind Pilze nötig, die die störende
-Milchsäure verzehren, und dies tun vor allem die Schimmelpilze, die
-dadurch den eiweißspaltenden und hernach wieder anderen Bakterien
-Existenzbedingungen schaffen. Schimmelpilze bedürfen aber zu ihrem
-Gedeihen unbedingt freien Sauerstoffs, und deshalb siedeln sie sich nur
-außen herum an.
-
-Ein gutes Beispiel für die Beteiligung von Schimmelpilzen an der
-Reifung von Weichkäse bietet der Briekäse aus der Landschaft Brie
-im nördlichen Frankreich zwischen Seine und Marne, der immer mit
-einer dicken Schicht davon überzogen ist. Der Pilz ist ein naher
-Verwandter des für den vorhin genannten Roquefort maßgebenden
-grünen Pinselschimmels, nämlich ~Penicillium album~. In der für die
-Herstellung des nordholländischen runden, innen schön gelben und außen
-durch Orlean hübsch rotgefärbten Edamer Käses verwandten „langen Wei“,
-einer fadenziehenden Molke, spielt ein Oidium eine wichtige Rolle.
-Es stellt diese Flüssigkeit wenn nicht eine Reinkultur, so doch eine
-sehr gute Kultur eines für die betreffende Käsereifung sehr wichtigen
-Pilzes dar und bietet eines der wenigen Beispiele einer seit langem
-geübten absichtlichen Beeinflussung des Reifungsvorganges von Käse. Ein
-anderes stellt der bereits erwähnte Zusatz von ~Penicillium glaucum~
-zum Roquefortkäse dar. Um nun dem Schimmelpilz ein von Bakterien
-ungestörtes Wachstum zu verschaffen, wird der ganze Prozeß anders, vor
-allem bei sehr niedriger Temperatur, in Felsenhöhlen, durchgeführt, und
-um dem Pilz den für ihn unentbehrlichen Sauerstoff zuzuführen, wird der
-Käse mit langen Nadeln durchbohrt und werden so Luftlöcher erzeugt.
-
-Die wissenschaftliche Heranzüchtung +reiner Pilzkulturen für die
-Käsereifung+ hat diesen alten Praktiken kaum neue an die Seite zu
-stellen gewußt. Anfänge zu einer systematischen Benutzung edler
-Käsebakterien sind allerdings bereits gemacht worden, doch begnügt man
-sich in der Regel, heute wie vor Tausenden von Jahren mit der Gärung,
-wie sie die natürliche Flora der betreffenden Käse mit sich bringt. Die
-Bakterien gelangen aus der Luft und durch Verunreinigungen in die Milch
-und wachsen dann im Käsekeller aus. Dabei bleibt vieles dem Zufall
-überlassen, so daß es kein Wunder ist, daß auch dem geübten Käser
-trotz aller aufgewandten Mühe und Sorgfalt manche Reifung mißlingt,
-wenn sich Bakterien im Käse einnisten, die unerwünschte Gärungen
-darin bewirken, so daß das Produkt bitter, fleckig, allzu faulig und
-mit Gasblasen durchsetzt usw. wird. Wenn nun auch die uralte Empirie
-meist mit überraschender Sicherheit die besten Bedingungen erkannt
-hat, die solche fast unvermeidliche Nebengärungen auf ein Mindestmaß
-beschränken, so wird auch das Käsegewerbe einmal dazu gelangen, von
-sterilen Rohstoffen auszugehen und diesen die spezifischen Keime in
-Reinkultur zuzusetzen, um stets ein mit Sicherheit tadelloses Produkt
-zu erzielen, wie wir solches in idealer Weise bei der Bierbrauerei
-verwirklicht sehen.
-
-Übrigens werden in manchen Gegenden dem Käse auch gewisse aromatisch
-riechende Kräuter beigemischt und dadurch Kräuterkäse erzeugt. Dies ist
-besonders in Griechenland und im Orient der Fall, ebenso bei uns in
-manchen Alpengegenden, so vor allem im Kanton Glarus in der Schweiz,
-wo durch Beigabe von feinpulverisiertem getrocknetem Bisamhonigklee
-(~Melilotus coerulea~), der aus Nordafrika stammt und dort angebaut
-wird, der nach ihm duftende und durch ihn grünlich gefärbte
-+Schabzieger+ hergestellt wird, der weithin exportiert wird. Diese
-Käsesorte muß schon sehr lange dort fabriziert werden; denn sie wird
-schon im 13. Jahrhundert als gebräuchliches Landesprodukt erwähnt.
-
-Wie nun verschiedene Bakterienarten bei der Reifung des Hartkäses
-und dazu noch gewisse Schimmelpilze bei derjenigen des Weichkäses
-eine wichtige Rolle spielen, so tun es andere bei der Erzielung
-anderer Nahrungsmittel. So haben wir die Kultur eines Schimmelpilzes,
-des ~Aspergillus oryzae~, bei der Bereitung des japanischen
-Nationalgetränkes Saké kennen gelernt. Dieser Pilz enthält ein sehr
-kräftiges diastatisches Ferment, die sogenannte Takadiastase, die
-Stärke energisch spaltet und in Zucker überführt. Bei der Sakébereitung
-werden dann die Zuckerstoffe durch Saccharomyceten, die der Kojihefe
-beigemengt sind, vergoren. Seit alters her aber macht man von demselben
-Schimmelpilz in Japan noch eine andere, wirtschaftlich mindestens
-ebenso wichtige Anwendung, nämlich zur Bereitung der dem Japaner
-unentbehrlichen Würzmittel des Shoju und des Miso, die beide aus den
-Sojabohnen, einer der Hauptkulturpflanzen Japans gewonnen werden. Da
-diese Hülsenfrüchte selbst in gekochtem Zustande schwer verdaulich
-sind, wird durch Beigabe solcher ebenfalls aus ihnen bereiteter Würze
-die Absonderung der Verdauungssäfte zu ihrer leichteren Bewältigung
-angeregt. Die Sojasauce Shoju wird, wie wir bereits früher mitteilten,
-aus halbgar gekochten Sojabohnen mit Beigabe von geröstetem Weizenmehl
-und Salz in der Weise gewonnen, daß man die auf gedämpftem Reis
-gezüchteten Kulturen des ~Aspergillus oryzae~ hinzufügt. Nachdem der
-Pilz drei Tage hindurch sich gründlich in dem Gemisch vermehrt und
-dasselbe ganz durchwuchert hat, wird Salzwasser hinzugegeben und
-die Masse in großen Holzkübeln bei möglichst geringer Temperatur
-viele Monate, ja bis zu fünf Jahren, einer Gärung unterworfen, bei
-der auch verschiedene andere Pilze als der vorhin genannte, so ein
-milchsäurebildendes Bakterium und ein alkoholbildender Hefepilz
-(~Saccharomyces soya~), eine wichtige Rolle spielen. Der Hauptvorgang
-dabei ist eine weitgehende Aufspaltung sowohl der Kohlehydrate der
-Samen wie ihrer Eiweißsubstanzen durch die Fermente des Schimmelpilzes.
-Es finden sich tatsächlich in der schließlich resultierenden, ziemlich
-dickflüssigen, braunen Shojusauce nur noch die Abbaustoffe der
-Eiweißkörper, in ähnlicher Weise wie sie im Liebigschen Fleischextrakt
-vorhanden sind. Sie geben ihm vorzugsweise den aromatischen Geschmack
-und die die Absonderung der Verdauungssäfte anregende Wirkung der schon
-durch den sehr hohen Kochsalzgehalt von etwa 15 Prozent sehr starken
-Würze zu der an sich reizlosen, vorzugsweise aus Reis oder Sojabohnen
-mit getrockneten Fischen bestehenden Kost der Japaner. Der Verbrauch
-dieses neuerdings in der ganzen Kulturwelt Eingang findenden und
-den wichtigsten Bestandteil der berühmten englischen Worcestersauce
-bildenden Shoju beträgt in Japan rund 6 Liter auf den Kopf der
-Bevölkerung.
-
-Ebenfalls mit Hilfe der Kojihefe wird der dem Shoju ähnliche +Miso+ aus
-einem Brei von gekochten Sojabohnen gewonnen; nur ist er ein weniger
-durchgreifend vergorenes Produkt, das mehr unveränderte Stoffe enthält
-und ebenfalls in sehr großen Mengen, etwa 30 Millionen kg jährlich,
-in Japan verbraucht wird. Die in China gleichfalls viel gebrauchte
-Sojasauce wird in etwas anderer Weise hergestellt. Man benutzt dazu
-andere Varietäten der Sojabohne, die, gekocht und mit Blättern einer
-Eibischart (~Hibiscus~) bedeckt, einige Tage sich selbst überlassen
-werden, wobei sich dann spontan der als ~Aspergillus wentii~ bekannt
-gewordene Schimmelpilz ansiedelt. Man läßt den Pilz sich nur kurze Zeit
-in der Masse entwickeln, so daß nur eine sehr oberflächliche Gärung
-eintritt, kocht dann auf und versetzt sie mit Sternanis und allerlei
-aromatischen Kräutern. Eine eigentliche Zucht dieses Pilzes findet also
-nicht statt.
-
-Bei uns und in der ganzen von Europäern beeinflußten Kulturwelt sehr
-wichtig und deshalb von volkswirtschaftlich großer Bedeutung sind die
-vornehmlich durch die +Milchsäurebakterien+ hervorgerufenen sauren
-Gärungen von Futtermitteln und Gemüsen, um sie haltbar zu machen
-und ihnen gleichzeitig einen bestimmten Wohlgeschmack und größere
-Verdaulichkeit zu verleihen. Dieses Verfahren der +Säuregärung+ als
-sehr wirksames und bequemes Konservierungsverfahren für allerlei
-sonst wenig haltbare Pflanzenprodukte ist von Osten, von den Slawen
-zu uns nach Mitteleuropa gekommen. Die Slawen ihrerseits lernten sie
-vermutlich von den Tataren kennen, welche die Milchsäuregärung von
-der beim Aufbewahren gerinnenden Milch reichlich kennen zu lernen
-Gelegenheit hatten. Noch heute spielen diese Konservierungsmethoden
-in Rußland eine ganz andere Rolle in der Wirtschaft als bei uns.
-Meist sind diese Verfahren noch Eigentum der Hausfrau und dann
-wissenschaftlich noch wenig untersucht, zum Teil aber wie die
-Sauerkraut- und Gurkengärung zu großen Industrien geworden und dann
-etwas besser erforscht.
-
-Ob es sich nun um Gras, Klee oder Rübenschnitzel zum Zwecke von
-Bereitung von „+Sauerfutter+“ oder um Einlegen von Kraut, Gurken und
-anderen Früchten zur Herstellung von +Sauerkraut+, +sauren Gurken+ usw.
-handelt, die Hauptsache bleibt immer dieselbe: die Pflanzenteile werden
-in größeren oder kleineren Stücken, mit oder ohne Wasser, mit oder ohne
-Kochsalz, gekocht oder roh, fest zusammengepreßt und einer von selbst
-einsetzenden, ganz oder fast ganz unter Luftabschluß vor sich gehenden
-Gärung überlassen. Sobald dann die Pflanzenteile, meist infolge von
-Luftmangel abgestorben sind, beginnen die daran haftenden Bakterien,
-Hefen, Schimmel- und andere Pilze unabhängig voneinander ihr Werk.
-Die mannigfaltigsten Zersetzungen, Eiweißzerfall, Gasgärung aus der
-Zellulose, Alkoholgärung, Buttersäure-, Milchsäure- und andere Gärungen
-gehen vor sich, bis schließlich wie so häufig, die Milchsäurebakterien
-in dem Gemisch von winzigen Lebewesen Sieger bleiben und durch
-zunehmende Bildung von Milchsäure, die dem ganzen Produkt den Stempel
-der Säuerung aufdrückt, die anderen Organismen zurückdrängen. An
-diese auf die vielseitige Vorgärung folgende Hauptgärung schließt sich
-als dritter Akt die Nachgärung an, bei welcher die Milchsäurebildner,
-zum Teil unter der Wirkung der von ihnen selbst gebildeten Säure
-zurückgehen und die Hefen, Schimmelpilze und Oidien aufkommen. Alle
-diese sind Säureverzehrer; als solche bringen sie die Milchsäure
-langsam zum Schwinden und verleihen außerdem dem Gärgemisch besondere,
-mehr oder weniger angenehme aromatische Stoffe, die den Geschmack
-dementsprechend verändern. Geht der Prozeß weiter, so werden durch
-das Verschwinden der Milchsäure wieder anderen Mikroben günstige
-Existenzbedingungen geschaffen, und so können eiweißzerstörende
-Fäulnispilze zur Entwicklung gelangen, die schließlich eine eigentlich
-faulige Gärung bewirken und so die Konserve völlig für Mensch und Tier
-ungenießbar machen. Dann geht das Produkt für den Konsum verloren.
-Sache des Herstellers ist es also, die Vorgänge zu geeigneter Zeit
-zu unterbrechen und es nicht zu einer eigentlichen Fäulnis kommen zu
-lassen.
-
-Diese großen Züge des Gärungsprozesses erfahren im ganzen nur
-unwesentliche Veränderungen durch die mancherlei technischen
-Abänderungen. Wurde das Leben der Pflanze durch Abkochen getötet,
-so gehen zwar dabei viele der ihr anhaftenden Keime zugrunde, stets
-aber bleiben die Sporen der die Milchsäuregärung erregenden Mikroben
-erhalten, die dann beim späteren Auswachsen rasch eine solche
-saure Gärung bewirken. Wird viel Kochsalz hinzugesetzt, das den
-Hauptzweck hat, durch Wasseranziehung den Saft aus den Pflanzenzellen
-herauszuziehen und diese zur besseren Konservierung zu durchdringen,
-so wird damit auch gleichzeitig der Erfolg erreicht, daß gewisse
-Organismen, die diesen Gehalt an Kochsalz nicht ertragen können,
-ausgeschaltet werden. Wieder andere Bedingungen schafft es, wenn man
-gar keine oder etwas Luft zuläßt, ob man die Gärung bei sehr hoher
-oder niedriger Temperatur vor sich gehen läßt, beziehungsweise ob man
-die starke Selbsterhitzung, die gewöhnlich als ein Zeichen der Gärung
-eintritt, duldet oder vielmehr für Abkühlung sorgt.
-
-Am besten ist die Gärung des Sauerkrautes studiert. Der zerschnittene
-Kohl wird roh ohne Wasser, aber mit 0,5-2 Prozent Salz und etwas
-Gewürzen eingestampft, festgepreßt und so unter Luftabschluß einige
-Wochen vergoren. Bei der sonst ähnlichen Darstellung des russischen
-Schtschi wird dagegen die Luft nicht völlig abgeschlossen. Die erste
-Zersetzung, die sogenannte Schaumgärung, erfolgt vorwiegend durch
-Hefepilze; dann folgt eine ziemlich reine Milchsäuregärung, bei der
-sich keine flüchtigen Säuren bilden und die von der Temperatur ziemlich
-unabhängig ist. Hierauf beginnt, und zwar meistens von außen her, das
-Abnehmen der Säure unter dem Einfluß der nie fehlenden Kahmpilze der
-Gattung ~Mycoderma~, die sehr viel Sauerstoff verbrauchen und hier wie
-anderswo, z. B. beim Wein, leicht eine faulige Zersetzung bewirken. Es
-muß deshalb ihr Dringen in die Tiefe durch hermetischen Luftabschluß
-verhindert werden, soll nicht das Sauerkraut ungenießbar werden.
-
-Ähnlich verhält sich der Prozeß bei den sauren Gurken; nur wirken
-hier bei der starken anfänglichen Schaumgärung auch Mitglieder der
-artenreichen Gruppe des ~Bacterium coli~ (d. h. Dickdarmbakterium,
-so genannt, weil er als Fäulniserreger im Dickdarm eine große Rolle
-spielt) mit. Wenn dann nicht bald eine kräftige Milchsäuregärung
-einsetzt, so werden die Gurken schlaff, schmecken matt und gehen leicht
-in Fäulnis über. Gegen diese gefürchteten Milchgärungen ist der Zusatz
-von etwa 4 Prozent Kochsalz ein viel angewandtes Mittel. Auch wird
-Zufuhr von Traubenzucker empfohlen, um die Milchsäurebildung durch den
-dem Colibazillus nahe verwandten Milchsäurebazillus recht kräftig in
-Gang zu bringen.
-
-Auch sonst spielen Gärungserreger bei der Gewinnung der verschiedensten
-Pflanzenprodukte eine große Rolle. So erhitzt sich nicht ganz trocken
-eingefahrenes Heu oder Emd durch solche bis zur Selbstentzündung, was
-schon sehr viele Brände und großen Schaden verursachte. Sehr wichtig
-ist ihre Tätigkeit bei der Gewinnung der Rohprodukte für die Spinnerei
-wie Flachs, Hanf, Jute, Manilahanf und ähnliche Stoffe, die gerottet
-werden müssen, um die einzelnen Bastfasern voneinander zu trennen. Die
-letztere verbindende Kittsubstanz besteht vorwiegend aus Pektinstoffen,
-d. h. komplexen Kohlehydraten, ähnlich, aber aus anderen Zuckerarten
-zusammengesetzt wie die Zellulose oder der Holzstoff der Pflanzenfasern
-und am nächsten mit den Pflanzenschleimen verwandt. Indem man diese
-bastliefernden Pflanzen zum Rotten in Bündeln in Teiche oder Gruben
-mit Wasser versenkt, und mit Steinen beschwert, werden in ihnen zuerst
-die Eiweißstoffe von den allgegenwärtigen Mikroben aufgezehrt und
-verfaulen, die Kohlehydrate gehen in Milch- und Buttersäure über usw.
-In dem Maße als das Nährmaterial für diese Pilze verschwindet, treten
-sie zurück, um denjenigen Platz zu machen, die, wie die Granulobakter-
-und Clostridiumarten die für jene unbrauchbaren Pektinstoffe durch ein
-von ihnen ausgeschiedenes Ferment, die Pektinase, in die entsprechenden
-Zuckerarten spalten und für sich verwenden. Seit dem Jahre 1852
-wurde diese Erkenntnis von einigen Technikern ausgesprochen und dann
-experimentell bestätigt. Seit einigen Jahren suchte man auch Gewinn
-daraus zu ziehen, indem man Rohzuchten aus den Abfallwässern künstlich
-den Rotten zusetzte, um die Wirkung zu beschleunigen. Indessen hat die
-Verwendung wirklicher Reinkulturen, wie solcher des Granulobakter, noch
-keine besonders günstigen Erfolge gebracht; anscheinend muß eine Art
-Symbiose mit anderen Mikroben bestehen, die erst gute Resultate beim
-Rotten erzielt. Man begnügt sich in der Praxis meist damit, die Rotte
-so zu leiten, daß die Bedingungen für den Granulobakter und die übrigen
-Pektinvergärer recht günstige werden. Dazu führt man die Gärung bei
-relativ hoher Temperatur von etwa 25 bis 35° C. durch und wechselt das
-Wasser öfter, um die Milchsäurebazillen usw. immer wieder zu entfernen.
-Indem allen anderen Keimen allmählich die Nährstoffe ausgehen, erhält
-man schließlich eine Reinkultur der +Pektinvergärer+.
-
-Viel langsamer als diese Wasserrotte geht die Land- oder Taurotte vor
-sich, bei welcher der Flachs oder andere solche Faserpflanzen auf
-Wiesen ausgebreitet und der Befeuchtung durch Regen und Tau überlassen
-bleiben. Bei diesem Vorgange sind es weniger die pektinvergärenden
-Spaltpilze als höhere Pilze, namentlich Schimmelpilze der Gattung
-~Mucor~ und Fadenpilze, welche durch Ausscheidung von Pektinase die
-Pektinstoffe in Zucker auflösen, den sie für sich verbrauchen, dabei
-aber auch die Zellulose angreifen, also die Fasern selbst beschädigen.
-Neuerdings ist die moderne Industrie bestrebt, überhaupt die Tätigkeit
-von Mikroben beim Gewinnen der Faserstoffe auszuschalten und die
-Pektinstoffe durch erhitzten Wasserdampf oder auch Alkalien zu spalten.
-
-Auch bei der Verarbeitung der Häute zu Leder spielen die
-verschiedensten Mikroorganismen eine wichtige Rolle. Damit die rohen
-Häute nicht von den die Eiweißstoffe derselben lösenden Fäulniserregern
-aufgelöst und verdorben werden, trocknet man sie oder entzieht
-ihnen das Wasser durch Kochsalz, Glaubersalz oder Gips. Neuerdings
-sterilisiert man sie auch mit Formalin. Um die solchermaßen getrocknet
-versandten Häute zu verarbeiten und die Haare aus ihnen zu entfernen,
-kommen sie in die sogenannten Weichen, wobei die äußerste Schicht
-von den gewöhnlichsten Fäulniserregern, den Proteusarten, zerstört
-wird und die Haare ausfallen. Durch Halten der Felle bei niedriger
-Temperatur, die 12° C. nicht überschreiten soll, sucht man zu verhüten,
-daß die Fäulnis nicht zu weit greife und die eigentliche Haut verdorben
-werde. Neuerdings aber ersetzt man diesen etwas gefährlichen Prozeß
-der Bakterienwirkung durch chemische Mittel, indem man die Häute der
-Einwirkung von Schwefelalkalien und ähnlichen Enthaarungsmitteln
-aussetzt.
-
-Die so enthaarten Häute werden dann gewaschen, um den Kalk aus ihnen
-zu entfernen. Dabei greifen allerlei Bakterien die Plasmasubstanz
-derselben an, was man bei manchen Häuten, die zu weichem Leder,
-wie Oberleder, verarbeitet werden sollen, nicht ungern sieht.
-Bei Kernleder, welchem solches schädlich ist, sucht man, um dem
-entgegenzuwirken, das Auswaschen durch fleißiges Bewegen der Häute zu
-beschleunigen und setzt, um den Kalk schneller zu beseitigen, etwas
-Säure hinzu.
-
-Dann folgt das Beizen, wozu man von alters her die aus Exkrementen
-von Vögeln oder Hunden bereiteten +Mistbeizen+ benutzt. Manche
-Naturvölker, wie die Eskimos, verwenden dazu faulenden Urin, den sie
-zu diesem Zwecke sorgfältig in ihren Hütten sammeln und aufbewahren,
-was allerdings den Aufenthalt in ihren Behausungen für die Europäer
-wegen des damit verbundenen üblen Geruches nicht gerade angenehm
-macht. Solche von Bakterien wimmelnden Mistbeizen dienen vor allem zur
-Bereitung von weichen und geschmeidigen Ledersorten. Die Bakterien
-dieser Beizen, unter denen Fäulnispilze und Säurebildner die Hauptrolle
-spielen, sollen die Plasmasubstanz der Häute auflockern und den
-Kalk vollständig ausziehen. Nun haben natürlich solche Beizen, ganz
-abgesehen von ihrem scheußlichen Gestank, noch den großen Übelstand,
-daß die unkontrollierbaren Bakteriengemenge unter Umständen durch
-zu weitgehende Wirkung den Häuten schweren Schaden zufügen. Man ist
-deshalb wie in anderen Gärungsindustrien, so auch in dieser dazu
-geschritten, sie durch künstlich gezüchtete Nutzbakterien zu ersetzen.
-Der erste Schritt dazu war die Züchtung der Gesamtkeime des Hundekotes
-auf künstlichen, mit Fleischbrühe versetzten Nährböden, wobei man
-wenigstens ein einigermaßen einheitliches, beständiges Mittel in die
-Hände bekam. Man hat aber weiterhin auch schon eigentliche Reinkulturen
-erhalten, so eine von einem ~Bacterium erodiens~, die als Erodin in den
-Handel gelangt und von den Fachleuten günstig beurteilt wird.
-
-Neben der Mistbeize benutzt man bei gewissen Ledersorten, z. B.
-Handschuhleder, das vornehmlich aus Häuten junger Ziegen bereitet
-wird, noch die +Kleienbeize+, in der ebenfalls ein bestimmter
-Gärungserreger, der Kleiebazillus, die Hauptrolle spielt. Er erzeugt
-eine Gasgärung, durch welche die Fasern des Leders gelockert werden.
-Auch bei dieser Art von Beizung treten oft durch Milchsäure- und
-Buttersäuregärung Schädigungen der Leder ein, oder es entsteht eine
-solche durch Fäulnis oder durch eine eigenartige Schleimbildung, die
-dem Leder dauernd den Glanz raubt und durch den großen ~Bacillus
-megatherium~ verursacht wird. Bisweilen verwendet man +kombinierte
-Beizen+, in denen Mist und Kleie gleichzeitig gären; in ihnen spielt
-der Heubazillus (~Bacillus subtilis~) eine günstige Rolle.
-
-Ist die Beizung vollendet, so kommen die Häute in die Gerbbrühen,
-in denen wiederum ausgedehnte Gärprozesse vor sich gehen, da sich
-darin trotz des reichen Gerbstoffgehaltes alle möglichen Bazillen
-in sehr lebenskräftiger Verfassung vorfinden. Dabei haben auch
-die Fäulnisbakterien ihre praktische Bedeutung, indem sie neben
-der Lockerung des Gefüges der Haut aus den Eiweißkörpern etwas
-lösliche Stickstoffsubstanzen abspalten, die nun den eigentlichen
-Gärungsorganismen zur Nahrung dienen können. Neben einer geringen
-Alkoholgärung durch Hefen bilden sich auch allerlei Säuren, besonders
-Milch- und Essigsäure, die die Hautfasern zur Schwellung bringen, wobei
-sie sich besonders reich mit Gerbstoff vollsaugen, also sehr energisch
-gegerbt werden.
-
-Auch das fertige Leder ist beim Lagern der Wirkung von allerlei
-Mikroorganismen ausgesetzt, die eine Zerstörung durch Stockflecke
-oder Vermoderung bewirken. Bei weichen Ledern kommt es zu einem
-„Dumpfwerden“ oder einer Verschleimung, einem Prozesse, der mit
-starker Erwärmung verbunden ist und in mäßigen Grenzen absichtlich
-herbeigeführt wird, weil das Leder dadurch leichter festgestampft
-werden kann und sich auch besser färben läßt. Natürlich muß dieser
-Prozeß sorgsam überwacht werden, weil er sonst zu einer weitgehenden
-Verschleimung des Leders und damit verbundener geringer Haltbarkeit
-führt.
-
-[Illustration: Bild 53-57. Sporenträger verschiedener Schimmelarten.
-
-(Originalzeichnung von ~Dr.~ Schnegg in Weihenstephan.)
-
-I. Traubenschimmel (~Botrytis~), II. Pinselschimmel (~Penicillium~),
-III. Kopfschimmel (~Mucor~), IV. Kolbenschimmel (~Aspergillus~), V.
-Tännchenschimmel (~Thamnidium~).]
-
-Auch die für die Veredelung des Tabaks unbedingt notwendige
-Fermentation der nach der Trocknung auf einen Haufen zusammengepackten
-Tabakblätter wird durch mehrere hintereinander arbeitende Bakterien,
-die man isoliert hat, bewirkt. Dabei steigt die Temperatur auf 50° C.
-und mehr und stellt sich in einem feuchten Klima das „Schwitzen“
-ein, das aber in einem trockenen unterbleibt. Dabei wird im Haufen
-zuerst der Sauerstoff verbraucht, es verschwinden der lösliche Zucker
-und einige Eiweißspaltprodukte, vor allem das Asparagin. Durch
-chemische Umsetzungen verschwindet dann bei Sauerstoffabschluß auch
-ein Teil -- etwa 30 Prozent -- des giftigen Nikotins und entwickeln
-sich außer Buttersäure (nicht aber Milchsäure) die chemisch noch
-völlig unbekannten Aromastoffe. Auf die Hauptfermentation folgt
-teils vor, teils erst nach der Verpackung des Tabaks in Fässer eine
-langsame Nachgärung, zu deren Einleitung er häufig durch Besprengen
-mit zuckerhaltigen Saucen vorbereitet wird. Auch der Schnupftabak wird
-vergoren, wobei die Temperatur so hoch steigt, daß die meisten Mikroben
-darin absterben. Die dabei stattfindenden chemischen Umsetzungen sind
-ebensowenig bekannt als diejenigen bei der Reifung des Kautabaks, bei
-welcher ebenfalls Mikroben tätig sind.
-
-Ganz ungeheuer wichtig sind die Umsetzungen zahlloser Mikroorganismen
-bei den verschiedensten Prozessen der Landwirtschaft. Der lockere
-Boden ist bis ziemlich tief hinab mit unvorstellbaren Mengen der
-verschiedensten Bakterien erfüllt, die sehr zahlreiche Umsetzungen
-bewirken, wodurch den höheren Pflanzen erst die Existenz ermöglicht
-wird. Aus Ammoniak und Ammoniumsalzen oxydieren die durch die
-Ausbildung von herumschwärmenden beweglichen Keimen charakterisierten
-Nitrosomonaden Nitrite oder salpetrigsaure Salze, die von den
-unbeweglichen Nitromonaden weiter mit Sauerstoff zu Nitraten oder
-salpetersauren Salzen verbunden werden, die dann den Pflanzen als
-Stickstoffquelle dienen. Alle in den Boden gelangenden organischen
-Substanzen, seien es Ausscheidungen oder Leichen von Tieren und
-Pflanzen, werden von den verschiedensten Bakterien immer weiter
-gespalten und schließlich in einfache Verbindungen aufgelöst, die dann
-von den Pflanzen als ihre Nahrung aufgenommen zu werden vermögen.
-Neben solchen, die die Umsetzungen des Stickstoffs besorgen, haben wir
-welche, die den Hauptanteil am Zerfall der Kohlenstoffverbindungen
-haben und dahin arbeiten, daß die Kohlensäure wieder in den Kreislauf
-der Natur zurückgegeben wird. Gleichzeitig werden bei diesen
-Zerfallprozessen die wertvollen Aschenbestandteile, die fest in der
-organischen Materie gebunden sind, herausgelöst und dadurch als
-Nährsalze für die Pflanzen verfügbar.
-
-Manche Bakterien, wie beispielsweise das mit den Buttersäurebazillen
-verwandte ~Clostridium pasteurianum~, das für gewöhnlich anaerob, d.
-h. ohne des Sauerstoffs der Luft zu bedürfen, lebt, aber auch bei
-Gegenwart von sauerstoffliebenden Bakterien bei Anwesenheit von Luft
-fortkommt, assimilieren den freien Stickstoff der Luft und führen
-ihn in lösliche Verbindungen über. Diese Eigenschaft, die für die
-Pflanzenwelt mit ihren beschränkten Stickstoffquellen von der größten
-Bedeutung ist, kommt auch den Fadenpilzen zu, die sich mit grünen
-Algenzellen zu Flechten vergesellschaften, wie auch den in den Wurzeln
-der Leguminosen oder Schmetterlingsblütler in Symbiose mit diesen
-lebenden Knöllchenbakterien. Es kann hier nicht der Ort sein, auf die
-komplizierten, sich gegenseitig in die Arme arbeitenden Vereinigungen
-der winzigsten, dem gewöhnlichen Auge vollkommen unsichtbaren Lebewesen
-miteinander und mit den höheren Pflanzen einzugehen. Ich habe dies
-an anderer Stelle getan und verweise die sich dafür Interessierenden
-auf den achten Abschnitt des früher von mir erschienenen Buches:
-+Das Leben der Erde+,[C] in welchem im achten Abschnitte, betitelt
-Pflanzengenossenschaften, von Seite 561-586 diese wichtigen Symbiosen
-und ihre Bedeutung für den Kreislauf des Stoffes in der Natur eingehend
-besprochen wurden.
-
-
-
-
-Sachregister.
-
-
- ~Abella~, 76.
-
- Acajoubaum, 214.
-
- ~Achras sapota~, 213.
-
- ~Adansonia digitata~, 205.
-
- Affenbrotbaum, 205.
-
- ~Agave americana~, 637.
-
- Aggurmelone, 336.
-
- Akeebaum, 208.
-
- ~Allium cepa etc.~, 320.
-
- ~Amygdalus communis~, 116.
-
- Ananas, 210.
-
- ~Andropogon sorghum~, 44, 439.
-
- -- ~saccharatus~, 47, 439.
-
- Anis, 551.
-
- ~Anona squamosa~, 215.
-
- Apfel, 72.
-
- Aprikose, 110.
-
- ~Araucaria imbricata~, 235.
-
- ~Areca catechu~, 178.
-
- Arekapalme, 178.
-
- ~Arenga saccharifera~, 185.
-
- Arrowroot, 355.
-
- ~Artemisia absinthium etc.~, 544.
-
- Artischocke, 330.
-
- ~Artocarpus incisa~, 201.
-
- -- ~integrifolia~, 204.
-
- ~Asparagus~, 326.
-
- Assaipalme, 187.
-
- ~Avena sativa~, 37.
-
-
- Backsteintee, 482.
-
- Bakterien, 730.
-
- Banane, 191.
-
- Batate, 360.
-
- Baum der Reisenden, 198.
-
- Baumwollöl, 417.
-
- Bergamotte, 253.
-
- ~Beta vulgaris~, 294.
-
- Betelnüsse, 179.
-
- Betelpfeffer, 532.
-
- Bier, 598, 686.
-
- Bierhefe, 686.
-
- Binkelweizen, 20.
-
- Birne, 80.
-
- Blumenkohl, 304.
-
- Bohne, 271.
-
- Bohnenkönig, 280.
-
- Bordighera, 163.
-
- Branntwein, 712.
-
- ~Brassica oleracea~, 296.
-
- Breiapfelbaum, 213.
-
- Brennessel, 304.
-
- Brotbereitung, 691.
-
- Brotfruchtbaum, 201.
-
- Buchweizen, 49.
-
- ~Butyrospermum parkii~, 404.
-
-
- ~Cannabis indica~, 647.
-
- ~Caryophyllus aromaticus~, 588.
-
- Cassave, 357.
-
- ~Castanea esculenta~, 217.
-
- ~Ceratonia siliqua~, 231.
-
- ~Ceroxylon~, 427.
-
- ~Chamaerops humilis~, 155.
-
- Champignon, 392.
-
- ~Cicer arietinum~, 263.
-
- ~Cinnamomum ceylanicum~, 565.
-
- ~Citrullus vulgaris~, 339.
-
- ~Citrus aurantium~, 251.
-
- -- ~bergamea~, 253.
-
- -- ~decumana~, 239.
-
- -- ~medica~, 246.
-
- -- ~nobilis~, 254.
-
- ~Cocos nucifera~, 167.
-
- ~Coffea arabica~, 465.
-
- Cohunepalme, 186.
-
- ~Cola acuminata~, 206.
-
- ~Colocasia~, 368.
-
- ~Copernicia cerifera~, 428.
-
- ~Cornus mas~, 100.
-
- ~Corylus avellana~, 228.
-
- ~Crocus sativus~, 537.
-
- Cubebenpfeffer, 531.
-
- ~Cucumis chate~, 336.
-
- -- ~melo~, 337.
-
- -- ~sativus~, 334.
-
- ~Cucurbita pepo~, 345.
-
- ~Curcuma longa~, 555.
-
- ~Cydonia vulgaris~, 91.
-
-
- Dattelpalme, 156.
-
- -- wilde, 166.
-
- ~Daucus carota~, 288.
-
- Demeter, 32.
-
- Dill, 550.
-
- Dinkelweizen, 21.
-
- Dioscorea, 363.
-
- Diospyros, 209.
-
- Dumpalme, 190.
-
- Durian, 205.
-
-
- Eberesche, 98.
-
- Eibisch, 285.
-
- Eichel, 216.
-
- Einkorn, 21, 24.
-
- ~Elaeis guineensis~, 172.
-
- ~Elatteria cardamomum~, 554.
-
- ~Eleusine coracana~, 48.
-
- Emmer, 26, 24.
-
- Endivie, 310.
-
- Erderbse, 414.
-
- ~Eriobotrya japonica~, 98.
-
- ~Ervum lens~, 269.
-
- Essig, 716.
-
-
- ~Fagopyrum esculentum~, 49.
-
- Fahantee, 499.
-
- Faulbrand, 15.
-
- Feigenbaum, 129.
-
- Feigenkaktus, 639.
-
- Feigenwespe, 137.
-
- Fenchel, 549.
-
- Fettbaum, 408.
-
- ~Ficus carica~, 129.
-
- -- ~sycomorus~, 140.
-
- Fisole, 279.
-
- Flaschenkürbis, 342.
-
- Flechten, 398.
-
- ~Foeniculum vulgare~, 548.
-
- Futterwicke, 267.
-
-
- Galgant, 566.
-
- ~Garcinia mangostana~, 199.
-
- Gartenerbse, 260.
-
- Gärung, 683.
-
- Gerben, 729.
-
- Gerste, 26.
-
- Getreiderost, 13.
-
- Gewürzapfel, 215.
-
- Gewürze, 516.
-
- Gewürznelken, 588.
-
- ~Glycine hispida~, 282.
-
- Götterpflaume, 209.
-
- Granatapfel, 93.
-
- Guajave, 115, 214.
-
- Guaranapaste, 513.
-
- Gurke, 334, 725.
-
-
- Hafer, 37.
-
- Hagebutten, 99.
-
- Handmühle, 16.
-
- Hanf, indischer, 647.
-
- Haschisch, 647.
-
- Haselnuß, 228.
-
- Hefepilze, 685.
-
- ~Hemileia vastatrix~, 471.
-
- Hibiscus, 285.
-
- Hirse, 40.
-
- Holunder, 100.
-
- Honig, 436, 597.
-
- Hopfen, 542, 604.
-
- ~Hordeum vulgare~, 26.
-
- ~Humulus lupulus~, 542.
-
- ~Hyphaene thebaica~, 190.
-
-
- ~Ilex paraguayensis~, 495.
-
- Ingwer, 555, 557.
-
- Icacopflaume, 213.
-
- ~Ipomaea batatas~, 360.
-
- Italien als Waldland, 85.
-
-
- ~Jambosa malaccensis~, 199.
-
- Johannisbrotbaum, 231.
-
- ~Jubaea spectabilis~, 188.
-
- ~Juglans regia~, 224.
-
-
- Kaffee, 454.
-
- Kakao, 500.
-
- Kakaobutter, 425.
-
- Kakibaum, 209.
-
- Kalabassenbaum, 344.
-
- Kalmuswurzel, 563.
-
- Kapern, 536.
-
- Kaprifikation, 138.
-
- Kardamomen, 553.
-
- Karnaubapalme, 428.
-
- Kartoffel, 372.
-
- Kartoffelkrankheiten, 380.
-
- Käse, 719.
-
- Kassia, 568.
-
- Kastanie, 216.
-
- Katappabaum, 235.
-
- Katstrauch, 474.
-
- Kawa, 642.
-
- Kelter, 125.
-
- Kerzen, 431.
-
- Kichererbse, 263.
-
- ~Kigelia africana~, 206.
-
- Kirsche, 103.
-
- Kitulpalme, 183.
-
- Knoblauch, 318.
-
- Kohl, 297.
-
- Kohlrabi, 302.
-
- Kokastrauch, 662.
-
- Kokospalme, 167.
-
- Kolabaum, 206.
-
- Kolbenhirse, 41.
-
- Koloradokäfer, 381.
-
- Korakan, 48.
-
- Körbelkraut, 314.
-
- Koriander, 550.
-
- Korinthen, 626.
-
- Kornelkirsche, 166.
-
- Kostwurz, 562.
-
- Kresse, 312.
-
- Krotonöl, 416.
-
- Kugelweizen, 20.
-
- Kümmel, 546.
-
- Kumys, 714.
-
- Kürbis, 345.
-
- Kurkuma, 556.
-
-
- ~Lagenaria vulgaris~, 342.
-
- Lampen, 434.
-
- Lattich, 308.
-
- Lauch, 316.
-
- Leberwurstbaum, 206.
-
- Liberiakaffee, 465.
-
- Linse, 268.
-
- ~Lodoicea seychellarum~, 189.
-
- Lotos, 350.
-
- Luffa, 344.
-
- Lupine, 267.
-
-
- Macahubapalme, 186.
-
- Macis, 582.
-
- Mais, 63.
-
- Mammeibaum, 213.
-
- Mandel, 116.
-
- -- indische, 200.
-
- Mandelöl, 424.
-
- Mangobaum, 200.
-
- Mangold, 296.
-
- Mangostane, 199.
-
- Manihot, 357.
-
- Mannaflechte, 398.
-
- Mannaesche, 437.
-
- Mate, 495.
-
- Maulbeerbaum, schwarzer, 126.
-
- -- weißer, 128.
-
- Maulbeerfeige, 126.
-
- ~Mauritia vinifera~, 188.
-
- Meerrettich, 293.
-
- Melone, 337.
-
- ~Mespilus germanica~, 97.
-
- Met, 597, 703.
-
- ~Metroxylon rumphii~, 181.
-
- Mirabelle, 109.
-
- Milchsäure, 717.
-
- Mispel, 97.
-
- -- japanische, 98.
-
- Mohn, 651.
-
- Mohnöl, 419.
-
- Mohrenhirse, 44, 439.
-
- Mohrrübe, 286.
-
- Morphin, 660.
-
- ~Morus nigra~, 126.
-
- -- ~alba~, 128.
-
- Moschushibiscus, 201.
-
- Mühlen, 17.
-
- Mumienweizen, 10.
-
- Mungobohne, 283.
-
- ~Musa paradisiaca~, 192.
-
- Muskatnuß, 579.
-
- ~Myristica fragrans~, 580.
-
-
- Negerhirse, 44, 48.
-
- Nelkenzimt, 593.
-
- ~Nelumbium speciosum~, 350.
-
-
- Okulieren, 87.
-
- Ölbaum, 142.
-
- Ölpalme, 172.
-
- ~Oenocarpus bacaba~, 187.
-
- ~Olea americana~, 153.
-
- -- ~europaea~, 142.
-
- Olive, 142.
-
- Olivenöl, 147.
-
- Opium, 651.
-
- Opuntie, 639.
-
- Orange, 250.
-
- ~Oryza sativa~, 52.
-
-
- Palmyrapalme, 183.
-
- Palmzucker, 183.
-
- ~Panicum italicum~, 41.
-
- -- ~miliaceum~, 40.
-
- Papai, 211.
-
- ~Papaver somniferum~, 651.
-
- Paprika, 533.
-
- Papyrus, 352.
-
- Paraguaytee, 495.
-
- Pastinak, 286.
-
- Pellagra, 66.
-
- ~Pennisetum spicatum~, 44.
-
- Petersilie, 314.
-
- Petroleum, 434.
-
- Pfefferrebe, 521.
-
- Pflaume, 107.
-
- Pfropfen, 87.
-
- ~Phaseolus vulgaris~, 279.
-
- -- ~lunatus~, 284.
-
- -- ~mungo~, 283.
-
- ~Phoenix dactylifera~, 156.
-
- ~Phylloxera vastatrix~, 636.
-
- ~Phytelephas macrocarpa~, 176.
-
- Pimentbaum, 594.
-
- ~Pimpinella anisum~, 551.
-
- Piniennüsse, 236.
-
- ~Piper betle~, 532.
-
- -- ~cubeba~, 531.
-
- -- ~nigrum~, 521.
-
- ~Pirus communis~, 80.
-
- -- ~malus~, 72.
-
- Pisang, 191.
-
- Pistazie, 229.
-
- ~Pisum arvense~, 261.
-
- -- ~sativum~, 260.
-
- Porree, 322.
-
- Prunus-Arten, 102 ff.
-
- ~Psidium guajava~, 214.
-
- ~Pulque~, 638.
-
- -- ~de mahiz~, 68.
-
- ~Punica granatum~, 93.
-
-
- Quitte, 91.
-
-
- Radieschen, 292.
-
- ~Raphanus sativus~, 290.
-
- ~Raphia vinifera~, 176.
-
- Raps, 421.
-
- Reblaus, 635.
-
- Reineclaude, 110.
-
- Reis, 52.
-
- Rettich, 290.
-
- Rispenhirse, 40.
-
- Rizinus, 415.
-
- Roggen, 35.
-
- Rosenäpfel, 199.
-
- Rosinen, 125.
-
- Rostpilz (des Kaffees), 471.
-
- Rotdorn, 99.
-
- Rübe, gelbe, 288.
-
- -- weiße, 294.
-
- Rübenzucker, 449.
-
- Runkelrübe, 449.
-
-
- ~Saccharum officinale~, 441.
-
- Safran, 537.
-
- Sagopalme, 180.
-
- ~Sambucus nigra~, 100.
-
- Saubohne, 271.
-
- Sauerkirsche, 106.
-
- Sauerkraut, 301, 725.
-
- Sawah, 61.
-
- Schalotte, 322.
-
- Scherbet, 101.
-
- Schibutter, 404.
-
- Schimmel, 722.
-
- Schlehe, 102.
-
- Schokolade, 507.
-
- ~Secale cereale~, 35.
-
- Seife, 429.
-
- Sellerie, 313.
-
- Senf, 534.
-
- Sesam, 400.
-
- Seychellenpalme, 189.
-
- Shoju, 283.
-
- Silphium, 315.
-
- ~Sinapis alba~, 534.
-
- -- ~nigra~, 534.
-
- Sojabohne, 282.
-
- ~Solanum tuberosum~, 372.
-
- Somatrank, 644.
-
- ~Sorbus aucuparia~, 98.
-
- -- ~domestica~, 98.
-
- Sorghum, 44, 439.
-
- Spargel, 326.
-
- Spelt, 20.
-
- Spierling, 98.
-
- Spinat, 306.
-
- Stearin, 432.
-
- Steinnußpalme, 176.
-
- Steinpilz, 394.
-
- Sternanis, 552.
-
- Sternapfelbaum, 214.
-
- Stinkbrand, 13.
-
- Sumach, 426.
-
- Süßkirsche, 103.
-
- Sykomore, 126, 140.
-
-
- Tabak, 665.
-
- Tahitinüsse, 178.
-
- Talipotpalme, 183.
-
- Tamarinde, 207.
-
- ~Tamarix mannifera~, 437.
-
- Tapioka, 359.
-
- Taro, 368.
-
- Tee, 475.
-
- Tef, 48.
-
- ~Theobroma cacao~, 500.
-
- Tomate, 347.
-
- Traube, 124.
-
- ~Triticum dicoccum~, 24.
-
- -- ~spelta~, 21.
-
- -- ~vulgare~, 5.
-
- Trüffel, 387.
-
- Tschakfruchtbaum, 204.
-
- Tuscarora-Reis, 53.
-
- ~Tylenchus scandens~, 14.
-
-
- Vanille, 517.
-
- Vicia, 268.
-
- ~Vitis vinifera~, 118.
-
- ~Voandzia~, 414.
-
-
- Wachspalme, 427.
-
- Wald, 85.
-
- Walnuß, 224.
-
- Wassermelone, 339.
-
- Weichselkirsche, 106.
-
- Wein, 607.
-
- Weinpalme, 176, 187.
-
- Weinbereitung, 708.
-
- Weinrebe, 118.
-
- Weißdorn, 99.
-
- Weizen, 5.
-
- Weizenälchen, 14.
-
- Wermut, 544.
-
- Würzweine, 627.
-
-
- Yams, 363.
-
-
- ~Zea mais~, 63.
-
- Zichorie, 310.
-
- Zimt, 565.
-
- Zitronatzitrone, 238.
-
- Zitrone, 245, 246.
-
- ~Zingiber officinale~, 557.
-
- Zuckerahorn, 438.
-
- Zuckerhirse, 47, 439.
-
- Zuckerpalme, 185.
-
- Zuckerrohr, 441.
-
- Zuckerwurzel, 289.
-
- Zwergpalme, 155, 198.
-
- Zwergweizen, 20.
-
- Zwetsche, 107.
-
- Zwiebel, 317, 320.
-
-
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-
-Verlag von Ernst Reinhardt in München
-
-Auf der Weltausstellung 1910 in Brüssel mit dem „Großen Preis“
-ausgezeichnet
-
- Vom Nebelfleck
- zum Menschen
-
- Eine gemeinverständliche Entwicklungsgeschichte des Naturganzen
- nach den +neuesten Forschungsergebnissen+ von
-
- =~Dr.~ Ludwig Reinhardt=
-
- 4 starke Bände in eleg. Lwd. von zusammen 3000 Seiten mit über 1600
- Illustrationen im Text und gegen 80 Tafeln und Karten
-
- Preis M. 37.50
-
- :: :: :: Jeder Band ist in sich abgeschlossen und
- einzeln käuflich :: :: ::
-
-
- Bd. I: =Die Geschichte der Erde.= Mit 194 Abbildungen im Text,
- 17 Volltafeln und 3 geologischen Profiltafeln, nebst farbigem
- Titelbild von +A. Marcks+. 600 Seiten Gr.-8^o. In elegantem
- Leinwandband =Preis M. 8.50=. (Erscheint soeben in zweiter
- verbesserter und vermehrter Auflage.)
-
- +Inhaltsverzeichnis+:
-
- I. Wie das Weltbild entstand. II. Die Sternenwelt. III. Unser
- Sonnensystem. IV. Die Erde und der Mond. V. Die Kometen und
- Meteore. VI. Die Erstarrungsgesteine der Erde. VII. Der
- Vulkanismus. VIII. Die Schichtgesteine. IX. Die Gebirgsbildung.
- X. Wasser und Land. XI. Der Kreislauf des Wassers. XII. Die
- Verwitterung der Erdoberfläche. XIII. Die Abtragung des Festlandes.
-
-
- Bd. II: =Das Leben der Erde.= Mit 380 Abbildungen, 21 Tafeln, 2
- Stammbäumen und farbigem Titelbild nach Aquarell von Prof. +Ernst
- Haeckel+. 650 Seiten Gr.-8^o. In elegantem Leinwandband =Preis M.
- 8.50=.
-
- +Inhaltsverzeichnis+:
-
- I. Das Leben und seine Entstehung. II. Die Entfaltung des Lebens.
- III. Die Erscheinungen des Lebens. IV. Die Funktionen des Lebens.
- V. Die Entwicklung des Lebens. VI. Die Ausbildung der Tiere.
- VII. Die Ausbildung der Pflanzen. VIII. Das Ende des Lebens.
- IX. Der Schutz des Lebens. X. Die Abstammungslehre. XI. Über
- Symbiose. XII. Vergesellschaftungen von Tieren und Pflanzen. XIII.
- Pflanzengenossenschaften. XIV. Schmarotzertum.
-
-
- Bd. III: =Die Geschichte des Lebens der Erde.= Mit 424
- Abbildungen, 18 Tafeln, 7 Stammbäumen und farbigem Titelbild von
- L. +Müller-Mainz+. 560 Seiten Gr.-8^o. In elegantem Leinwandband.
- =Preis M. 8.50=.
-
- +Inhaltsverzeichnis+:
-
- I. Einführung in die Palaeontologie. II. Die ältesten
- fossilführenden Ablagerungen. III. Die frühpalaeozoischen
- Organismen. IV. Die Tierentwicklung während der Silurzeit. V. Die
- Entfaltung der höchsten Weichtiere. VI. Die ersten Besiedler des
- Festlandes. VII. Das Aufkommen der Wirbeltiere. VIII. Die Devon-
- und Kohlenformation. IX. Das Zeitalter der Amphibien. X. Die
- Triasformation. XI. Die Juraformation. XII. Die Kreideformation.
- XIII. Die Tertiärformation. XIV. Das Pleistocän.
-
-
- Bd. IV: =Der Mensch zur Eiszeit in Europa und seine
- Kulturentwicklung bis zum Ende der Steinzeit.= 2. +stark
- verbesserte und vermehrte Auflage+ (3.-7. Tausend). Mit 535
- Abbildungen, 20 Volltafeln und farbigem Umschlag von +A. Thomann+.
- 950 Seiten Gr.-8^o. In elegantem Leinwandband =Preis M. 12=.--.
-
- +Inhaltsverzeichnis+:
-
- I. Der Mensch zur Tertiärzeit. II. Die Eiszeit und ihre
- geologischen Wirkungen. III. Der Mensch während der ersten
- Zwischeneiszeiten. IV. Der Mensch der letzten Zwischeneiszeit. V.
- Der Mensch der frühen Nacheiszeit. VI. Die Übergangsperiode von
- der älteren zur jüngeren Steinzeit. VII. Die jüngere Steinzeit
- und ihre materiellen Kulturerwerbungen. VIII. Die Germanen als
- Träger der megalithischen Kultur. IX. Die Entwicklung der geistigen
- Kultur am Ende der Steinzeit. X. Steinzeitmenschen der Gegenwart.
- XI. Niederschläge aus alter Zeit in Sitten und Anschauungen der
- geschichtlichen Europäer.
-
-
-Urteile der Presse:
-
- =Geologisches Zentralblatt=: „Unstreitig das Beste, was über diesen
- Gegenstand vorhanden ist.“
-
- =Frankfurter Zeitung=: „Das Buch ist das beste
- allgemeinverständliche Werk, welches unsere Erde und ihre
- Geschichte behandelt. Seit Neumayrs Zeiten ist keine so
- sympathische Behandlung des spröden Stoffes mehr erschienen.
- Besonders Volksbibliotheken werden einen großen Leserkreis mit
- den Reinhardtschen Büchern anlocken können, und wenn erst das
- dritte Buch des Verfassers erschienen sein wird, auf welches
- ich mich schon jetzt freue, dann werden wir eine populäre
- Entwicklungsgeschichte der Erde und des Lebens besitzen, die für
- jeden nachdenkenden Menschen eine Quelle des Genusses und der
- Freude sein wird.“
-
- =Die Zeit=: „Ein angenehm geschriebenes Werk... eine
- empfehlenswerte, anschauliche Darstellung, die auch die Lücken
- unseres Wissens nicht allzusehr verschließt -- bekanntlich eine
- Hauptgefahr für populäre Werke.“
-
- =Gaea=: „Die vorzügliche wissenschaftliche und doch interessante
- Form der Darstellung werden demselben zahlreiche Freunde erwerben.“
-
- =Allgemeine Zeitung=: „Ein die weitesten Kreise interessierender
- Stoff, fesselnde, leicht verständliche Schreibweise, gepaart mit
- hohem wissenschaftlichem Ernst und umfassendem Wissen sind die
- charakteristischen Merkmale des Werkes, mit dem uns ~Dr.~ L.
- Reinhardt beschert hat. Er hat es verstanden, die in zahlreichen
- Zeitschriften und Monographien zerstreuten Ergebnisse der Forschung
- zu einem überzeugenden einheitlichen Bilde streng kritisch zu
- vereinigen.“
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[A] Letztere bezeichnet der berühmte griechische Arzt Claudius Galenos
-(geb. 131 n. Chr. in Pergamon, praktizierte daselbst, dann in Rom, wo
-er ums Jahr 200 starb) als weich, saftig, süß; von ihnen wachsen die
-besten Sorten in Syrien bei Jericho.
-
-[B] Diesen Namen erklärt uns später der ums Jahr 200 n. Chr. in
-Alexandrien und Rom lebende griechische Grammatiker Athenaios aus
-Naukratis in Ägypten im 14. Buch seines Werkes, Deipnosophistai, indem
-er schreibt: „Die Datteln, welche jetzt den Namen Nikolaen tragen und
-aus Syrien kommen, haben diesen Namen dem Kaiser Augustus zu verdanken.
-Er aß sie nämlich außerordentlich gern, und sie wurden ihm von seinem
-Freunde Nikolaos, der aus Damaskus stammte, regelmäßig zugeschickt.
-Dieser Nikolaos war ein stoischer Philosoph und schrieb ein dickes
-Geschichtswerk.“
-
-[C] Es ist dies der zweite Band der in demselben Verlage erschienenen
-vierbändigen gemeinverständlichen Entwicklungsgeschichte des
-Naturganzen nach den neuesten Forschungsergebnissen: +Vom Nebelfleck
-zum Menschen+, betitelt: +Das Leben der Erde+, mit 380 Abbildungen und
-21 Vollbildern, München 1908.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Kulturgeschichte der Nutzpflanzen,
-Band IV, 1. Hälfte, by Ludwig Reinhardt
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULKTURGESCHICHTE DER NUTZPFLANZEN, 1 ***
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-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
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-violates the law of the state applicable to this agreement, the
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-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
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