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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Ein Diwan - -Author: Jehuda Halevi - -Translator: Emil Bernhard - -Release Date: February 6, 2020 [EBook #61327] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DIWAN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - JEHUDA HALEVI - - - - - EIN DIWAN - - - - - Übertragen und mit einem Lebensbild - versehen von Emil Bernhard - - ERICH REISS VERLAG / BERLIN - 1921 - - - - - DIE DICHTUNGEN - - - - I. Gott: - Du Quell des wahren Lebens 10 - Wenn die Sterne sich entzünden 10 - Du, Seele, willst ins Vaterhaus 11 - Mein Leib und Leben 12 - Um sein Antlitz alle Frommen flehen 14 - Gottes Hand wird dich beschatten 15 - Zu dir steht all mein Sehnen 15 - Hin nach meines Lebens Quelle 18 - Wenn du allein des Herren harrst 19 - Halt, o Herz! Wer darf sich wagen 20 - Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte! 22 - Tag und Nacht will ich den Herren loben! 22 - Jugend ist wie leichte Flocken 23 - Mein Gott, ich will dich ehren 24 - Bevor du mich geschaffen 27 - Ruhig, ruhig, liebe Seele! 28 - - II. Israel: - Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft 30 - Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter 30 - Sei stark und harre deiner Zeit! 31 - Seit du das Heim der Liebe bist 32 - Entfessle deine rechte Hand 32 - In deinem Lichte schläft aller Glanz 33 - In deinem Haus zu ruhen 34 - Fauler, wirst du nicht erröten? 35 - Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort 36 - - III. Liebe: - Ofra wäscht ihre Kleider 40 - Ich wiegt' auf dem Schoße 40 - Was drängt ihr mich also 40 - - Abschiedsverse: - Mein Lieb, wir müssen uns schicken 41 - Gedenke der Tage liebender Lust 42 - Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt 42 - Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen 42 - Du hast einen Mord begangen 42 - Willst du wirklich meinen Tod? 43 - All' meine Tränen blieben 43 - Zwischen Bittre, zwischen Süße 44 - Aller Reichtum dieser Welt 44 - Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun 44 - Viel tausend Garben stehen 44 - Unter deinen leichten Füßen 45 - Deine Stimme hör' ich nimmer 45 - Mein Herz wird bitter 45 - Wach doch auf aus deiner Ruh 45 - Wie die Sonne über Sphären schreitet 46 - - Zum Ruhme der Braut: - Das Silber läßt sich gründen 46 - Was wendet sie sich allerwärts 46 - Dein Gesicht voll Rosen eine Küste 47 - Wie zwei Abendwölfe fahren 47 - Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte 47 - Zeigte Liebchen mir die Wangen 48 - Liebe Sänger, singt den Trauten 48 - Was geht noch auf die Sonne 51 - Mög' des Paares holder Bund 52 - - IV. Freundschaft: - Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz 54 - Sehnt sich deine Seele noch 54 - Viele schon in meinem Herzen schufen 56 - Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen 57 - Ist's der Myrrhe zartes Düften? 61 - Dieser Schlummer möge währen 61 - Trank die Erde wie ein Kindlein 62 - - V. Leben, Leiden, Dichten: - Eine Taube schluchzt vom Zweige 68 - Sie besuchten mich im Traume 72 - Und als nun alle war mein Gold 73 - Siehe, Menschensohn, siehe 73 - Kann dich Reichtum locken, Herz? 73 - Freue dich vor deinem Nächsten 74 - Weh der Kunde, die im Ohre gellt 74 - Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? 75 - Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! 75 - Seh' ich, wie Narren 76 - Augen auf, mein Liebster traut 76 - Zwei Rätsel 76 - - VI. Zion: - Zion, willst du nimmer wieder (Zionide) 80 - Im Orient ist mein Herz, im Okzident 85 - Komm mit mir gen Zoan 85 - Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll 86 - - VII. Das Meer: - Der Sturm 88 - Holder Zephyr, deiner Lüfte 93 - Kommt die große Flut mit einem Mal? 95 - - VIII. Letzte Tage: - In Aegypten 98 - Hat die Zeit das Kleid des Leides 98 - Wollt ihr Liebes mir vergelten 99 - Dein Wunder geht durch alle Zeit 100 - - Jehuda Halevi, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen 101 - - Quellennachweis 139 - - - - - I. - GOTT - - - - Du Quell des wahren Lebens, - Wie lauf' ich nicht nach dir? - Hab' alles aufgegeben; - Das irre, wirre Leben, - Was ist es mir? - - Nur dich, nur dich zu schauen, - Sehnt meine Seele sich: - Vor dir nur will ich beben, - Kenn' keine Kraft im Leben - Als deine, Herr, als dich. - - Könnt' ich im Traum dich finden, - Wie gerne schlief ich ein: - Wollt nimmer auferstehen, - Nein, schlafen, träumen, sehen -- - Und stille sein. - - Könnt' dich im Herzen schauen - Dein armes Erdenkind: -- - Hätt' ich dich nur da drinnen, - So jauchzte all mein Sinnen - Und gerne wär' ich blind! - - - - Wenn die Sterne sich entzünden, - Spür' ich wieder Sommertage: - Gartenpracht in Waldesgründen, - Paukenschlag und Flötenklage. - - Wieder kehrt zum Arm die Spange, - Goldener Ring, er kehrt zum Ohre, - Gottes Haus, daß es empfange, - Oeffnet meinem Haus die Tore. - - Alle meine Pforten münden - Wieder ein in seine Pforte, - Und aus tiefsten Herzensgründen - Kehr' ich heim zu meinem Horte. - - Ach, da läßt denn meine Seele - Jubelnd seinen Namen klingen: -- - Und sein Ruhm in meiner Kehle, - Und mein Mund beginnt zu singen! - - - AN DIE SEELE - - Du, Seele, willst ins Vaterhaus, - Im Traume schwingst du dich zur Höhe: - Kein Traum nimmt dir dein tiefes Wehe, - Dein Heimweh aus der Brust heraus. - - Der Traum vergeht, dir bleibt die Qual, - Die Liebesqual, ihn zu erflehen - Und dennoch fern ihm zu vergehen, - Weil sich verhüllt sein heller Strahl. - - Und doch vergehst du nicht zum Tod, - Allein zum freudigen Erheben, - Denn nicht zum eitlen Wahn, -- zum Streben - Sandt' in die Welt dich sein Gebot. - - Du gingst und brachst im Lebensgang - Der Weisheit Siegel auf und Quellen, - Und tief hinab in ihre Wellen - Dein durstig heißes Auge sank. - - Und sank hinab und sog sich ein - Die Weisheit, die du dir erkoren, - Und der du hundertmal geschworen: - -- »Ich laß dich nicht! Ich bleibe dein!« - - - - All meine Gebeine sprechen: - _Herr, wer ist wie du?_ - - Mein Leib und Leben - Das stammt von dir, - Durch dich sich regen - Die Glieder mir; - Mit Herzensgaben, - Mit Lied und Sang - Sie zu dir dringen - Und opfernd bringen - Sie meinen Dank. - - Es kam die Seele - Aus deiner Hand, - Der Wimper Leuchten - Aus deinem Land; - Aus deinem Rätsel - Mein Sinnen quoll, - Vor mir als Zeichen - Stehst ohne Gleichen - Du wundervoll. - - Wenn meine Liebe - Dich ruft im Schmerz, - Dich findet sicher - Mein tiefstes Herz. - Doch jedes Sinnen - An dir sich bricht: - Der Brust Gedanken, - Der Träume Schwanken - Ermißt dich nicht. - - Für uns bereitet - Ein Banner steht, - Dem, der dich sucht - Ein Wimpel weht. - Du bist den Treuen - Nimmer versteckt, - Nur, ach, die Sünde - Mit dunkler Binde - Das Auge deckt. - - Was ich erdichtet, - Hast du erschaut - Vom Tage, da du - Meine Säulen erbaut; - Du bist's, der mir - Das Herz bezwingt: - Dunkelstes Achten, - Geheimstes Trachten - Nicht zu dir dringt. - - - - Um sein Antlitz alle Frommen flehen, - Alle wollen seine Gnade sehen, - Seiner Liebe jungen Regenguß; - Ist er selbst auch in den fernsten Weiten, - Steht uns seine Liebe doch zur Seiten, - Seiner großen Werke Ueberfluß. - - All sein Licht zu sehn, sind alle trunken; - Aber finden sie den kleinsten Funken, - Zittert schon ihr armes Herze ganz. - Müssen seinem Reiche sich ergeben, - Seinen Namen müssen sie erheben, - Und in diesem Namen selig leben, -- - Selig preisen seinen Glanz. - - - - Gottes Hand wird dich beschatten, - Wird dir Decke sein und Hülle, - Wenn in Redlichkeit und Stille - Du dich birgst in seinem Schatten. - - Nimmer wird dein Fuß ermatten, - Deine Hand bleibt stark hinieden: - Suche, Seele, nur den Frieden, - Frieden wird er dir erstatten. - - - - Zu dir steht all mein Sehnen, - Wenn auch die Lippe schweigt: - Nur einmal möcht' ich werben - Um deine Gunst und sterben, - Wenn sie sich mir geneigt. - - Nimm meinen Geist zu Händen: - Ich schliefe fröhlich ein! - Ach, ohne dich mein Leben - Ist Tod, doch du kannst geben: - Mein Tod wird Leben sein! - - Nur weiß ich nicht zu beten, - Wie ich wohl beten soll: - Lehr' mich, wie man dich findet! - Wenn mich die Torheit bindet, - Erlös' mich gnadenvoll! - - Lehr' mich, das Haupt zu beugen, - Solang mein Herz es faßt: - Verwirf mich nicht auf Erden, - Damit ich nicht muß werden - Mir selber eine Last! - - Damit der Tag nicht komme, - Wo alles auf mich drückt, - Und gegen alles Trutzen - Mein Herz sich ohne Nutzen - Nun bücken muß und bückt! - - Daß mein Gebein dann welkte - Und trüg' mich nimmer fort, - Und ich dann wandern müßte - Zu einer andern Küste, - Zu meiner Väter Ort. -- - - Ein armer Wandrer wall' ich - Hin übers Erdenrund. - Bin fremd auf allen Steigen, - Mein ganzes Erb' und Eigen - Liegt drunten in dem Grund. - - Bis jetzt sorgt meine Jugend - Noch für ihr Erdenteil: - Wann endlich kommt der Morgen, - Da meine Seele sorgen - Wird für ihr Seelenheil? - - Die irdische Beschwerde, - Die Gott ins Herz mir gab, - Mich so in Ketten brachte, - Daß nie ans Ende dachte - Mein Herz und übers Grab. - - Wie kann sein Knecht ich heißen, - Ich, aller Lüste Knecht? - Wie kann ich höher streben? - Schon morgen muß ich leben - Mit Bruder Wurms Geschlecht. - - Kann ich denn Festtags lachen? - Weiß ich, was morgen ist? - Der Tag, die Nacht, die Stunde - Verfolgen mich wie Hunde - Und fällen mich mit List. - - Mein Geist verweht im Winde, - Mein Leib fällt in den Sand: - Ich muß es schweigend tragen, - Die Triebe selber jagen - Mich ja ins Totenland! -- - - Was bleibt mir noch im Leben - Als deine Gunst allein? - Willst du mein Teil nicht bleiben, - Was soll ich hier noch treiben? - Wo wird mein Teil dann sein? - - Ich hab' nicht gute Werke, - Ganz nackt und bloß ich bin: - Nur dein gerechter Willen - Kann wie ein Mantel hüllen - Den makelvollen Sinn. - - Was soll ich noch erbitten - Von dir, mein einz'ger Hort? -- - Was soll ich noch erwähnen? - Zu dir steht all mein Sehnen: - Das ist mein letztes Wort. - - - - Hin nach meines Lebens Quelle - Immer mich mein Sehnen trage, - Bis mich an des Grabes Schwelle - Niederlegen meine Tage. - - Möcht' die Seele weise werden! - Heut noch hascht sie nach dem Winde: - Und ist doch mein All auf Erden, - Priesterteil und Angebinde. - - Möcht' mein Herz sich wach erweisen, - Fröhlich auf das Ende sehen: - Jener Tag mag Schlummer heißen, - Doch er ist ein Auferstehen; - - Jener Tag nach meinen Toden, - Wo er richtet meine Fehle, - Wo er meinen Geist und Odem - Zieht in seine ew'ge Seele. - - - - Wenn du allein des Herren harrst, - Was ängsten dich die Zeiten? - Lebt er in deiner heißen Brust, - All irdisch Leid, all irdisch Lust, - Was kann es dir bedeuten? ... - - Doch nein, du liegst im dunklen Grab - Und willst es nicht erkennen, - Du liegst in deiner Sinne Nacht - Und kannst -- kein Licht im finstern Schacht -- - Nicht Gut und Böse trennen. - - Es kommt der Tod: So wähle doch - Des wahren Weges Breite! - Ach, Seele, geh doch geradezu, - Was irrst und läufst und taumelst du - Zur recht' und linken Seite? - - Die Wahrheit wähle! Tu es, tu's! - Denk, wie die Zeiten lügen! - Laß dich nicht irren dort und hie, - Betrüge sie, betrüge sie, - Bevor sie dich betrügen. - - Ach, gute Seele, siehe zu, - Ein Künft'ges zu erwerben: - Gib alles hin mit leichtem Mut, - Gib hin den Erben all dein Gut, - Und werde selbst zum Erben! - - - - Halt, o Herz! Wer darf sich wagen - In des Herzenwägers Haus? - Hüte dich, den Blick zu tragen - In sein dunkles Reich hinaus. - Wagtest du das frevle Abenteuer, - Griffe dich ein flammenwildes Feuer. - - Lasse ab, dir zu erzwingen - Seiner Rätsel dunkle Welt, - Denn du hast kein Recht, zu dringen - In die Tiefe, die ihn hält: - Fort mit dir aus seinen ew'gen Hallen, - Denn du darfst nicht unter Engeln wallen! - - Ihm befiehl du deine Wege, - Daß er dir zur Seite bleibt, - Ihm vertraue deine Stege, - Wenn es dich ins Irre treibt! - Mag dich Lust betören, Leid berühren: - Er wird dich im rechten Gleise führen. - - Walle nicht die ird'schen Ziele, - Gottes Zielen walle zu! - Fürsten sind auf Erden viele, - Doch nur einem diene du! - Alle andern sind nur Knechtesknechte, - Ihre Launen bleiben ihre Mächte. - - Einer nur, ein Ruhmesreicher, - Nimmt dich an die ew'ge Brust, - Trägt dich, ach, in wunderweicher - Vaterhand zur höchsten Lust: - Lerne eitlem Freundesrat entsagen, - Lasse dich in seinem Lichte tragen! - - Er sei: deiner ersten Ernte - Erste Frucht, dein höchstes Fest! - Wenn die letzte sich entfernte, - Dann sei er der letzte Rest: - Deine Reue werde zum Altare, - Werde deiner Sinne Flammenbahre! - - Jedem ist er ein Berater, - Der in seiner Nähe wacht, - Aber dem auch bleibt er Vater, - Der die letzte Reise macht. - Frage nicht und lass dich nicht verführen, - Lausche still an seinen letzten Türen! - - Was er spricht, muß sich erfüllen, - Sei's zum Leben oder Tod, - So wie einst auf seinen Willen - Kam das erste Morgenrot: - Und er sprach: -- und alle Schatten scheuchten! - Und er sah: -- es war ein herrlich Leuchten! - - - - Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte! - Aber der Freie, der einzig rechte, - -- Auch ein Knecht -- dienet dem Herrn. - - Wähle sich jeder sein Teil! - Mein Teil aber und Heil - -- Spricht mein Herz -- bleibet der Herr. - - - - Tag und Nacht will ich den Herren loben! - Seiner Gnade Antlitz ließ er leuchten, - Fenster brach er aus an Himmelswänden, - Sonnen gab er, die uns Strahlen spenden, - Strahlen, die die Finsternisse scheuchten. - - Doch er gab mir mehr: Von seinem Glanze - Gab er mir, ich hab es froh genommen; - Durfte seines Geistes Regen spüren, - Ließ mich gern auf lichten Wegen führen, - Wegen, die vom Sinaï gekommen. - - So war sein Gesetz in meinem Munde, - Daß mich Honig seine Worte deuchten; - Und in seiner Lehre lichten Flammen - Jauchzte ich die ganze Welt zusammen: -- - -- Brüder, seht, wie meine Augen leuchten! - - - - Jugend ist wie leichte Flocken, - Bald verweht vom ersten Wind; - Sieh auf deine schwarzen Locken! - Hast du es noch nicht vernommen? - Weiße Boten angekommen: - Und du schläfst, mein Weltenkind? - - Vöglein schüttelt sich am Morgen - Von dem nächt'gen Silbertau; - Also schüttle ird'sche Sorgen, - Liebe Seele, dir vom Flügel, - Steige über Strom und Hügel - Lerchengleich ins Himmelblau. - - Freiheit wirst du droben finden - Von dem Brausestrom der Tage: - Liebe Seele, darum jage - Hinter Gottes Spuren dicht, - Und im stillen Kreis von allen - Seelen, die zum Herren wallen, - Walle hin zum ew'gen Licht. - - - - Mein Gott, ich will dich ehren - Und dein gerechtes Tun: - Nur einmal braucht' ich hören - Und glaube alles nun. - Nicht fragen und erproben - Will dich dein Erdensohn: - Du großer Bildner droben, - Darf meistern dich der Ton? - - Ich hab' dich manche Stunden - Gesucht an manchem Ort, - Ich habe dich gefunden - Als Burg und Felsenhort. - Du, der in klarem Feuer - Dies Erdentum erhellt - Und unverhüllt vom Schleier - Durchstrahlt die schöne Welt. - - Sieh, alle Himmel preisen - Dein Licht und deine Pracht, - Da sie in ihren Kreisen - Sich beugen deiner Macht; - Die Engel, die da schweben - Durch Feuer und durch Flut, - Sie jauchzen und erheben - Zu dir die heil'ge Glut. - - Zu dir, der alles führet, - All diese Welten trägt, - Und keinen Arm doch rühret - Und keine Hand bewegt! - Du, dessen Wunderwalten - Die Höh' und Tiefe hält - Und heiliger Gestalten - Geheimnisvolle Welt. - - Wer kündet uns das Weben, - Das alle Wolken treibt? - Das tiefverhüllte Leben, - Das ewig droben bleibt? - Und doch will er sich neigen - Dem Kinde dieser Welt - Und läßt sein Leuchten steigen - Hinab aufs Erdenzelt. - - Und läßt vor Seheraugen - Sein ganzes Bild erstehn; - Sonst mochte nie ihm taugen, - Daß Menschen ihn ersehn. - Was nie sich wollt' gestalten, - Sein Bildnis oder Maß, -- - In königlichem Walten - Prophetenauge sah's. - - Die ungezählten Werke, - Wer zählt sie alle vor? - Heil dem, der seine Stärke - Zu gründen sich erkor! - Heil dem, der all sein Hoffen - Auf ihn allein gelegt, - Ihn, der die Welt so offen - In seinen Armen trägt! - - Heil, wer mit heil'gem Bangen - Ihn fürchtet und bekennt - Und dankbar im Empfangen - Sein Recht auch Recht benennt! - Wirkt er für seines Knechtes - Glück und Gedeihen doch: - Es kommt ein Tag des Rechtes - Dem großen Gotte noch! - - O zittre du und denke - Und lerne wachsam sein: - In dein Geheimnis senke - Dein ganzes Sinnen ein! - Woher bist du gekommen? - Wo ist dein Grund gelegt! - Wer hat dich einst genommen? - Wer hegt dich und bewegt? -- - - Schau hin auf Gott und sende - Die wache Seele aus, - Doch strecke deine Hände - Du nimmer nach ihm aus! - Du kannst doch nimmer finden - Sein Ende und Beginn, - Und nie wirst du ergründen - Den rätselhaften Sinn. - - - - Bevor du mich geschaffen, - Hast du mich schon gekannt, - Ich weiß, du wirst mich halten, - Solang dein Geist wird walten - In meiner Seele Land. - - Kann gehn ich, wenn dein Winken - Mich an die Stelle zwängt? - Kann ich denn bleiben stille, - Wenn mich dein heil'ger Wille - Mit Mächten vorwärts drängt? - - Was kann ich denn noch sagen? - Mein Denken ist bei dir: - Was ist denn all mein Wandeln, - Was ist mein Tun und Handeln, - Bist du nicht über mir? - - Ich kann dich ja nur suchen; - Und du: -- Zur Gnadenzeit - Erhöre mich in Milde, - Und mach zu einem Schilde - Mir deine Huld bereit! - - Erwecke mich am Morgen - Und mache mich recht wach, - Daß ich in frohen Weisen - Hinwalle, hochzupreisen - Dich unter deinem Dach! - - - - Ruhig, ruhig, liebe Seele! - Wende dich zu Gottes Throne: - Ird'sche Throne lasse liegen; - Bist du erst emporgestiegen, - Stiegest du zu ew'gem Lohne. - - Seele, gib dem Herrn die Ehre, - Beuge dich ihm froh und gern: - Droben unter Göttersöhnen - Singe mit in Jubeltönen - Deinem hochgelobten Herrn! - - - - - II. - ISRAEL - - - - Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft - Und tief aus meines Herzens Leidenschaft. - - Dich liebt mein jubelnd aufgetaner Mund, - Dich meiner Brust geheimnisvollster Grund. - - Du bist mit mir, wie kann ich einsam sein? - Du leitest mich, wie wandle ich allein? - - Du bist mein Licht, wie könnte ich verblinken? - Und du mein Stab, wie könnt' ich niedersinken? - - Sie haben mich geschmäht, doch keiner wußte, - Daß Schmach um dich mir Ehre werden mußte. - - Quell meines Lebens du, mein Leben lang - Gilt dir mein Preis, mein Lied, mein Sang! - - - - Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter, - Tag und Nacht als ewge Wächter, - So steht ewig Jakobs Same; - Gottes Linke mag sie lassen, - Gottes Rechte wird sie fassen: - Ewges Volk, das ist und bleibt ihr Name. - - Ach, was fürchten sie und zagen - In den schlimm und schlimmern Tagen, - Daß ihr Herz am Zweifel bricht: -- - Glaubt an euer ewiges Bestehen, - Allsolang nicht Tag und Nacht vergehen, - Allsolang vergeht ihr selber nicht! - - - - Sei stark und harre deiner Zeit! - Was drängst du so, noch ist sie weit, - Was soll das wilde Bangen? - O bebe nicht und sei ein Held! - Und singe, siehst du doch mein Zelt - Bei deinen Zelten prangen! - - Und wenn sie spotten, du sei still! - Und wenn du hörest ihr Gebrüll, - Laß es dich nicht bewegen: - Führ' deine Herde sanft dahin, - Ich bin dein Gott, es ist mein Sinn, - Das Joch dir aufzulegen. - - Ich bin es auch, der dich erhört, - Und der den Balsam dir beschert, - Da deine Wunden brennen. - Auch dank ich dir, wie du mich liebst, - Daß du mir all dein Sehnen gibst, - Erlöser mich zu nennen. - - Doch eile nicht und dränge nicht, - Da du den Arm im Strafgericht - Mir siehst gewaltig werden. - Und dem, der ird'sche Herren preist, - Dem sage, was du selber weißt: - Gott ist mein Herr auf Erden! - - - - Seit du das Heim der Liebe bist, - Kehrt meine Liebe bei dir ein, - Und meiner Feinde Drang und List - Soll deinetwegen süß mir sein: - Sie mögen mich nur schrecken! - - Sie lernten deinen Grimm von dir, - Sie jagten den, den du verjagt: -- - Soll ich sie hassen denn dafür, - Der selbst sich nicht zu lieben wagt, - Da du ihn nicht mehr liebest? - - Bis einst verwunden alle Qual, - Vorüber aller Stürme Macht, - Und du dem Volke deiner Wahl, - Das du erlöst aus mancher Nacht, - Erlösung wieder sendest. - - - - Entfessle deine rechte Hand - Und sende sie hinab ins Land, - Daß sie dein Volk erfasse! - Ist sie zu kurz? Beherrscht denn dich - Das Schicksal ebenso wie mich - Und alle auf der Gasse? - - Die Sonne braust in ew'gem Kreis, - Es steht der Mond auf dein Geheiß. - Dein Wort ist ihre Klammer. - Dein Wort nur ihre Ketten bricht, - Und all ihr Gold- und Silberlicht - Es ruht in deiner Kammer. - - Da stehen sie in deinem Schein, - Die Sterne all, und harren dein, - Das sie dein Wille richte! - Und fühlen tief und fühlen ganz: - Von deinem Glanze ist ihr Glanz, - Ihr Licht von deinem Lichte. - - - - In deinem Lichte schläft aller Glanz: - Dein Volk auf finstern Wegen reist, - Und ihrem Sehnen, lang gehegt, - Der Frevel in die Ferse beißt. - Doch still: Darüber leuchtet rein - Wie Sonnenglanz im Morgenschein - Das schönste Licht. - - O Vater, um ihr wildes Haupt - Schling' einen Schleier silberklar, - Und statt des armen Bettelkleids - Reich ihnen einen Purpur dar. - Gieß aus dein Licht zum zweitenmal - Wie einst am ersten Tag den Strahl: - Es werde Licht! - - Hoch dein Panier den Wankenden! - Dein Engel schreite nun voran - Und lege den Erlösten bloß - Zum Siegeszug die freie Bahn! - O segne sie der Gnaden voll, - Doch in Verdammnis sinken soll - Des Lichtes Feind! - - So wie ein Knecht nach Schatten lechzt, - Lechzt Israel: Erlös' es nun! - Und ruf' ihm zu: Wie lange noch - Willst du im düstern Hause ruhn? - Sag' an, wie lang? Sag' an, wie weit? - Auf, leuchte! Denn es kommt die Zeit: - Dein Leuchten kommt! - - - - In deinem Haus zu ruhen, - Gibt es wohl süßre Rast - Dem Volk, in dessen Reihen - Du deine Ruhe hast? - - Du, der auf Weltenhöhen - So unermeßlich thront - Und doch im Herz des Armen - Und des Gebeugten wohnt: - - Dich faßt nicht Himmelshöhe, - Die dich zu fassen wähnt, - Und wenn sie bis zum Horeb - Die ewgen Kreise dehnt. - - Dein Weg, der ist so nahe - Und doch so fernehin: - Und alles, was du bildest, - Hat seinen Zweck und Sinn. - - Selbst meiner Seele Trachten, - Das sendet mir mein Hort, - Und wenn die Lippe redet, - So ist's ein Gotteswort. - - - - Fauler, wirst du nicht erröten? - Schläfst bis in den Tag hinein? - Hörst du nicht aus tiefsten Nöten - Fremde Völker zu ihm schrein? - - Schon mit ganzem Herzen dienen - Ihm, die nie ihn noch gekannt: - Und die ihm die Liebsten schienen, - Die verstecken sich im Land? - - Auf, schon tagt es fern im Osten, - Auf, du Schläfer, aus der Ruh! - Fremde stehen auf dem Posten, - Und da träumest du? -- - - - - Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort, - Gott Elijahus, wo ist dein Ort? - Wir hörten dein Wort, wir schrieen empor, - Schon tausend Jahre ist taub dein Ohr: -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Schloß Elijahu des Himmels Trauf', - Riß Elijahu den Himmel auf: - Wasser und Feuer fiel von den Höh'n, - Karmel und Kison haben's gesehn: - Gott Elijahus, wo bist du? - - Sprach Elijahu zum Krügelein, - Setzte er quellenden Segen darein; - Ließ er den Toten vom Bette stehn: - Wer hat es gehört? Wer hat es gesehn? -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Spritzt' Elijahu in feindliche Reih'n - Flammendes Feuer und Funken hinein, - Sechs Wochen fastet' er Tag und Nacht, -- - Dann haben die Raben ihm Brot gebracht: -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Fuhr Elijahu im Sturme auf, - Feurig raste der Räder Lauf: - »Vater, Vater!« Elisa schrie, - Elijahu war fort, man sah ihn nie: -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Elisa blieb und ging fürbaß, - Er ging durch den Jordan und wurde nicht naß. - Die Männer sahen's und staunten da: - Elisa wie Elijahu geschah. -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Elijahu ist fort, doch -- -- wir sind da, - Dulden und leiden ferne und nah; - Versprochene Zeichen neben uns stehn: -- - Wann werden wir deine Wunder sehn? - Gott Elijahus, wo bist du? - - - - - III. - LIEBE - - - - Ofra wäscht ihre Kleider - In meiner Tränen Flut, - Ofra trocknet die Kleider - An ihres Auges Glut. - - Ofra braucht keine Bronnen - Bei meines Auges Quell, - Ofra braucht keine Sonnen, - Denn ihr Auge ist hell. - - - - Ich wiegt' auf dem Schoße - Den Liebsten so schön, - Da sah er sein Bildchen - Im Auge mir stehn. - - Der Schelm! Sieh, da küßt' er - Mein Auge so wild: - Mein Auge nicht küßt' er, - Er küßte sein Bild. - - - - Das Mädchen spricht: - Was drängt ihr mich also, - Ihr Frager, ihr flinken, - Im Meere der Liebe - Da sollt' ich versinken. - - Da trat seine Sohle - Zum donnernden Strande: -- - Da ging ich im Meere, - Als ging ich im Lande. - - Der Knabe spricht: - Im Garten der Schönheit - Erwarbst du ein Land, - Das grenzenlos reicht - Bis zum ewigen Strand. - - Und wolltest die Sterne - Zum Schmucke du han, - Sie sprängen dir gerne - Von himmlischer Bahn. - - - ABSCHIEDSVERSE - - - 1 - - Mein Lieb, wir müssen uns schicken, - Nun scheid' ich aus dem Tal: - Laß dir ins Auge blicken - Zum allerletzten Mal! - - Ich fürcht', ich kann nicht zwingen - Das Herz in sein Revier: - Heraus wird es mir springen - Und laufen hinter dir. - - - 2 - - Gedenke der Tage liebender Lust, - Und ich will denken der Nächte: - Wie du mir ziehst durch die träumende Brust, - Auch ich, auch ich - Durch deine Träume möchte. - - - 3 - - Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt, - Ich kann nicht hinübereilen; - Doch wenn deine Liebe herüber wollt', - -- Die Wogen würden sich teilen. - - - 4 - - Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen - Den Ton des Glöckleins über mir erlauschte, - Das leise klingt an deinen Kleidersäumen! - - Ach, daß ich noch im Tode mich berauschte, - Wenn du mich grüßt und fragst in meinen Träumen, - Und ich dann Gruß und Frage mit dir tauschte! - - - 5 - - Du hast einen Mord begangen, - Darum verklag' ich dich: - Deine roten Lippen und Wangen - Die sollen zeugen für mich! - - Deine roten Lippen und Wangen, - Was sind sie denn so rot? -- - Nun mußt du schweigen und bangen: - Mein Blut auf deinen Wangen, - Das zeugt von meinem Tod. - - - 6 - - Willst du wirklich meinen Tod? - Ach, ich bete nur um Leben, - Um es jung und frisch und rot - Deinen Jahren zuzugeben. - - Ach, du raubtest mir die Ruh' - Meiner Nächte, süße Fraue! - Leg' sie dir auf deine Braue: - Schlummre, schlummre du! - - - 7 - - All' meine Tränen blieben - Im Feuer deiner Lust, - All' deine Tränen zerrieben - Die Steine in meiner Brust. - - Durch Feuer und Wasser zusammen - Schritt mein zitterndes Herz: - Das waren deine Flammen, - Das war mein weinender Schmerz. - - - 8 - - Zwischen Bittre, zwischen Süße - Muß mein Herz sich jetzt bequemen: - Honig sind mir deine Küsse, - Bitter ist das Abschiednehmen! - - - 9 - - Aller Reichtum dieser Welt - Ist mir eitel Trug, - Deiner Lippen rote Schnur, - Deiner Lenden Gürtel nur - Wäre mir genug. - - All mein süßer Honig fließt - Dort, wo ich dich küßte, - Meiner Narde sich ergießt, - Alle meine Myrrhe sprießt - Rund um deine Brüste. - - - 10 - - Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun, - Doch alles Tun veredelt sich durch dich. - - - 11 - - Viel tausend Garben stehen - Wohl in der Liebe Tal: - Vor deiner Garbe beugen, - Vor deiner Garbe neigen - Sich alle allzumal. - - - 12 - - Unter deinen leichten Füßen - Heimlich süße Keime sprießen, - Balsamknospe, Myrrhenblüt': - Möchte doch mein Leben glücken - Nur so lange, bis ich pflücken, - Sehen kann, wie alles blüht. - - - 13 - - Deine Stimme hör' ich nimmer, - Aber leise hör' ich immer - Klingen wie ein fernes Grüßen - In den Tiefen meiner Seele - Deine Kettchen an den Füßen. - - - 14 - - Mein Herz wird bitter, - Da es gedenkt: -- - Noch hängt ja, hängt - An den Lippen die Süße, - Noch fühl' ich die Küsse, - Die du mir geschenkt. -- - - - - Wach doch auf aus deiner Ruh; - Daß ich mich an deinem Bilde labe! - Träumest du von Küssen, süßer Knabe? -- - Ich kann Träume deuten, du! - - - - Wie die Sonne über Sphären schreitet, - Herrschst du in der Welt mit Kraft und Mut: - Deine Augen wilde Pfeile schießen, - Männerherzen Ströme Blutes fließen: - Mädchen, deine Pfeile treffen gut. - - Wilde Blumen stehn in deinem Garten, - Rote Blumen, die das Pflücken wert: - Doch du stelltest zu des Gartens Schutze, - An die Pforte stelltest du zum Trutze - Hin das zuckende, das Flammenschwert. - - - ZUM RUHME DER BRAUT - - - I - - Das Silber läßt sich gründen - Im Schachte des Gesteins, - Wer aber wollte finden - Ein Liebchen so wie meins? - - Wie Städte fest verbündet - Mit Mauern und Gestämm: - Wie Tirza hochgegründet - Und wie Jerusalem! - - - II - - Was wendet sie sich allerwärts, - Zu suchen ein Gezelt, - Da doch mein großes, weites Herz - Das Tor ihr offen hält? - - - III - - Dein Gesicht voll Rosen eine Küste: - Meine Augen knicken sie; - Aepfel der Granate deine Brüste: - Meine Hände pflücken sie. - Hoch auf deinem Lippenpaare - Lodern wilde Feuerschlangen: - Meiner Küsse Feuerzangen - Reißen sie mir vom Altare. - - - IV - - Wie zwei Abendwölfe fahren - Aus des Waldes dunklen Nächten, - Also steigen aus den Haaren - Dir zwei rabenschwarze Flechten. - - Doch da ist ein Licht, ein schnelles, - Von der Wange eingedrungen, - Und dein Antlitz steht wie helles - Morgenlicht in Dämmerungen. - - - V - - Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte, - Und ihr Licht erlöscht in keinem Dunkeln: - Leuchtet es im Tagesangesichte, - Wächst es an zu siebenfachem Funkeln. - - - - Zeigte Liebchen mir die Wangen, - -- Mitternächt'ge Stunde war's --: - Um die zarten Schläfen hangen - Tief die Schleier ihres Haars. - - Von Rubinen hell umgossen - Ihre frohe Wange war, - Und vom klarsten Licht umflossen - Schien die dunkle Locke gar. - - Wie die Sonne, wenn im holden - Morgenstrahl die Flamme loht: -- - Dunkle Wolken werden golden, - Dunkle Wolken werden rot. - - - - Liebe Sänger, singt den Trauten - Holde Lieder zu den Lauten - In dem schönsten Wechselsang! - Singet den verhüllten Blicken, - Die verstohlen schaun und nicken - Durch des Fensters Seidenhang. - - Sie, die Keuschen hinter Gittern, - Die da lernten von den Müttern - Rein zu halten Herz und Leib; - Und die doch mit Pfeilen spielen, - Kindlich mit dem Bogen zielen - Ahnungslosen Zeitvertreib. - - Weh, geschossen und getroffen! - Klaffend steht die Wunde offen: - Ach, sie ahnten keinen Harm; - Sie, die nie an Schwerter rührten - Und als einz'ge Waffe führten - Ihren Alabasterarm. - - Sie, die Schwachen, Müden, Süßen, - Die das Kettlein an den Füßen, - Allzu schwer das Ringlein drückt; - Deren Auge bei den Lasten - Ihrer seidnen Wimperquasten - Kaum ein stiller Aufschlag glückt. - - Aber wenn es einmal blicken - Und empor zur Sonne schicken - Seine heißen Flammen wollt', - Schwarz verbrennen in der Ferne - Würd' an diesem Feuersterne - All der Sonne rotes Gold. - - »Werde Licht!« so spricht die Wange, - »Werde Nacht!« die Lockenschlange - Dieser holdgeliebten Schar. - Ihre weißen Kleider hüllet - Licht der Liebe, Nacht erfüllet, - Leidesnacht ihr dunkles Haar. - - O ihr Leuchten meines Lebens, - Ist mein Herz nicht eures Schwebens - Firmamentisch Himmelszelt? - Rollt ihr nicht in ew'gen Gleisen - Und in immer neuen Kreisen - Durch dies Herze, diese Welt? - - Ach, ihr zarten, freudereichen, - Traubenschwerem Weine gleichen, - Wie er Zweig und Wurzel trägt! - Ach, ihr Lippen, Schönheitsboten, - Wie ihr eure doppelt roten - Polster um die Perlen legt! - - Zürne, Herze, nicht den Kecken, - Wenn gar ihres Auges Necken - Falsch aus falschem Fenster schaut: - Diese Aepfel, wie sie hangen, - Diese Lilien auf den Wangen - Sind ein süßes Heilekraut. - - Sieh den Wuchs gleich einer Palme, - Der gleich windbewegtem Halme - Lieblich seine Hüften wiegt! - Jedes Herze, mußt du wissen, - Kaum gefangen, schon zerrissen - Blutend ihr zu Füßen liegt. - - Soll man sie nun schuldig sprechen, - Da sie nur, um sich zu rächen, - Gegen unsre Herzen gehn? - Für die Blumen, die wir Frechen - Täglich von den Beeten brechen, - Die in Wangenblüte stehn? - - Auf, zum Richter will ich schreiten: - Seine Schwingen, seine weiten, - Sind der Weisheit Schutz und Hort. - Er, der über Tod und Leben - Richtet, soll die Antwort geben: - Still, er kündet Gottes Wort! -- -- - -- -- -- -- - - - - Was geht noch auf die Sonne, - Was leuchtet sie uns noch? - Der Mädchen Allerschönste - Verdunkelte sie doch. - - Magst, Sonne, du erröten - Vor ihrem holden Glanz, - Mag aus den Bahnen treten - Der Sterne lichter Kranz! - - Was braucht die süße Taube - Noch eure hohe Welt? -- - Sie macht die Myrtenlaube - Sich selbst zum Himmelszelt. - - - ZUR HOCHZEIT - - Mög' des Paares holder Bund - Israel zum Segen frommen! - Tu' das nächste Jahr uns kund, - Daß ein neuer Stern entglommen. - - Daß in ihren Tagen dann - Froh man meinem Volke kündet: -- - Des Erlösers Leuchte hat - Gott dir angezündet. - - - - - IV. - FREUNDSCHAFT - - - - Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz; - Zürnst du noch lang, so bricht mein Herz. - - Bist du nicht Arzt? Was willst du noch? - Unheilbar Weh, du heilst es doch! - - Trink Milch und Wein von meinem Mund, - Um Wein und Milch mach' mich gesund. - - Mein ganzes Herz ist dir bestimmt: - Greif zu, eh es ein andrer nimmt! - - - - »Sehnt sich deine Seele noch - Nach der Jugend Borden, - Da die dunkle Locke doch - Lang schon weiß geworden? - Soll das Leben für den Rest - Dich noch lachen lehren, - Da es reichlich dir entpreßt - Bitterste der Zähren? - - Täglich gibst den Scheidebrief - Du der Welt im Schmerze, - Aber täglich widerrief - Ihn dein schwaches Herze. - Ob sie dir ins Antlitz spie - Und verwarf dein Minnen, - Stets durch neue Gaben sie - Willst du dir gewinnen. - - Schon die weiße Taube küßt - Dir den müden Scheitel; - Fort der Rabe, und noch ist - Jugend dir nicht eitel? - Sag', wer soll die arme Brust - Wieder dir verjüngen, - Wird die lang verwehte Lust - Noch einmal gelingen? - - Wer soll wieder deinem Fuß - Güldne Kettlein geben, - Deine Hand zum Freudengruß - Auf die Zimbel heben?« -- -- - -- So fragt mancher, aber bloß, - Wer das Aug' nie kannte, - Das vom Westen, sonnengroß, - Mir sein Leuchten sandte. - - Diese Sonne wird mich nicht, - Nimmermehr versengen, - Wird als Schmuck ihr Strahlenlicht - Um den Hals mir hängen, - Auge, auch dem Vollmond nicht - Gleichst du, fühlt der Dichter: - Der verliert sein mattes Licht, - Du wirst immer lichter. - - Hast mir auch zurückgebracht - Helle Jugendträume, - Die ich weit und fern gedacht - Längst in alle Räume. - Und weil so dein heller Strahl - Sprach ein neues »Werde!« - Kann ich lieben noch einmal - Diese schöne Erde. - - - - Viele schon in meinem Herzen schufen - Sich ein Heim: -- Du sollst der Beste sein; - Wird mein Herz dereinst die Freunde rufen, - Sein Berufener bist du allein. - - Wenn ich über aller Sterne Schimmer - Dann das Herz erhebe zu dem Firn, - Find' ich überm hohen Himmel immer - Höher noch und stolzer deine Stirn. - - Dehnend dann, um deine Kraft zu fassen, - Dieses Herze weit und weiter dringt, - Bis es grenzenlos dahingelassen - Rauschend aus der Erdensphäre springt. - - Staune nicht, ob meines Herzens Schoße, - Daß du ihn so tief, so groß empfandst: - Mich laß staunen, daß du dieses große, - Dieses Herze so erfüllen kannst. - - - ABSCHIED - - - 1 - - Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen: - Kein Strom so alt als wie der Strom der Tränen, - Und Unrecht ist's, die Zeiten anzuklagen: -- - - Weh denen, die sie schlimm und schuldig wähnen! - Kein Falsch ist droben bei dem höchsten Wesen, - Die Sphären laufen nach gerechten Plänen. - - Auch ist schon alles einmal dagewesen, - Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben, - Und neues ist hienieden nicht zu lesen; - - Wo seines Siegelringes Spur geblieben, - Da blieb es, wie es war, und alles Neue - Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben; - - Man küßt sich nur, daß man sich wieder scheue; - Daß Völker sich aus einem Volk gebären, - Brach man in alten Zeiten sich die Treue; - - Und wenn nicht jene alten Zeiten wären, - Da sich die Menschen trennten ohne Reue, - Die Welt wär' menschenleer und öd' geblieben. - - - 2 - - Und andre Dinge gibt's in diesem Leben, - Der eine nennt sie gut, der andre schlecht, - Fülle ist hier, doch Dürre liegt daneben; - - Der eine hat dem Leben abgeschworen - Und wird zum Fluche gleich die Arme heben, - Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren. - - Demselben Tag, den andre wieder preisen, - Und dessen Stunden ewig unverloren - Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen. - - Den jungen Lippen und den lebensroten, - Zu Honig werden ihnen alle Speisen, - Den Kranken wird im Honig Gift geboten; - - Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen, - Sein Aug' schaut nie des Lichtes Wunderboten, - Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; -- - - Mein Auge auch versank in dunklen Nächten, - Aus seinem Grunde brachen heiße Bronnen, - Als heute schied der Freund von meiner Rechten. - - - 3 - - Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde, - Es ruhte Gold in seiner Seele Schächten - Und Edelstein im allertiefsten Grunde. - - Als ungezäumt noch seine Rosse standen, - Saßen wir Herz an Herz im trauten Bunde - Und froh in friedevollen Menschenlanden. - - Zwei Mütter haben uns dem Licht gegeben, - Und doch wie Brüder uns die Menschen fanden, - Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben. - - Auf grünem Hügel hat sie uns geboren, - Wir lagen an den Brüsten süßer Reben, - Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. -- - - Nun denk' ich dein auf ödem Hügelland, - Das gestern, da es dich noch nicht verloren, - In Blumenbeeten und in Düften stand; - - Nun hängen heiße Tränentropfen nieder - Von meiner Wimper schwer benetztem Rand, - Und jede Träne hängt im Blute wieder: - - Du bist dahin! -- Nun stehn auf deinen Wegen - Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder, - Doch weiß ich, wie sie Krieg im Herzen hegen. - - O fort mit ihnen! Ihre Zähne nagen - An ekler Speise, während Mannaregen - Und Süße einst auf deinen Lippen lagen. - - - 4 - - Grimm und Glut den übermüt'gen Narren, - Die sich selbst für zehnmal weise halten - All in ihres Geistes dürren Sparren; - - Ihre Götzen sind in ihren Hirnen - Reinster Glaube, doch als Zauber galten - Immer meines Glaubens klare Stirnen. - - Wie sie sä'n und ernten ihre Gaben! - Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen, - Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben! - - Hört mich, Freunde, Neues will ich künden: - Meine Perlen will ich tief vergraben, - Lichter hab ich, die sie wiederfinden. - - Aber wenn die Narren zu mir kommen: - »Zeig'uns doch den Schatz in deinen Gründen!« -- - Eine Antwort soll allein mir frommen: -- - - Vor die Säue nimmer kommt mein Gold, - In die Wüste -- habt ihr wohl vernommen? -- - Niemals meiner Wolke Regen rollt! - - Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten! - Ach, als wenn die Seele brauchen sollt' - Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten! - - _Ihr_ braucht _mich_, der Leib die Seele immer: - Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer - Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten! - - - - Ist's der Myrrhe zartes Düften? - Oder Duft vom süßen Moste? - Oder ist es in den Lüften - Myrtenduft auf leisem Oste? - - Sind es Tränen, die ich schaue, - Tränen auf verliebten Wangen? - Oder ist's im Morgentaue - Rosenkelches Silberprangen? - - Ist's die Laute im Verstecke, - Die ich leise spielen höre? - Oder hinter jener Hecke - Sind's die Nachtigallenchöre? -- - - Oder ist das alles nur, - All die Töne, all die Lichter, - Des Erinnerns süße Spur - An den weitberühmten Dichter? -- -- - -- -- -- -- -- -- -- - - - AN AARON BEN ZION ALAMANI - - Dieser Schlummer möge währen, - Diese Träume mögen glücken: - Zu dem Fürsten will ich wallen, - Dem sich meine Garben bücken. - - Dessen Gaben hochzupreisen, - Mund und Herz und Seele singen, - Und aus dessen Liederquellen - Meine eignen Lieder springen. - - Denn von seinen Lieblichkeiten - Sind die meinen nur entwendet: - Zürn' er nicht, daß all mein Sinnen - Sich in ihm erschöpft und endet. - - - - Trank die Erde wie ein Kindlein - Gestern noch an Wolkenbrüsten - Winternaß auf allen Hügeln; - - Eingeschlossen manches Stündlein - Träumte sie von Liebeslüsten - Wie ein Bräutchen hinter Riegeln. - - * * * * * - - Kühle Riegel keuschen Eises; - Doch die Träume alle flogen - Zu dem nächtlich süßen Spiele; - - Aber als mit eins ein leises - Frühlingswehen kam gezogen, - War ihr Träumen schon am Ziele. - - * * * * * - - Güldner Beete zarten Schimmer - Legt sie an und Blütendecken, - Buntgewirkt und buntgerändert -- - - Wie ein hübsches Frauenzimmer - Täglich unter Scherz und Necken - Neu sich kleidet und bebändert. - - * * * * * - - Täglich andre Farben, Blüten: - Wie ein Mädchen, ein geküßtes, - Blaß und rot im Liebeswallen. - - Farben, wie sie niemals glühten: - Wie gestohlner Schimmer ist es - Aus den ew'gen Sternenhallen. - - * * * * * - - Kommt zum Garten mit dem Weine, - Laßt uns seine Gluten nippen, - Die entflammt am Liebesglühen: - - Schneekühl in des Kelches Scheine - Läßt er hinter roten Lippen - Erst die große Flamme sprühen. - - * * * * * - - Aus der Nächte dunkler Halle - Steigt empor die goldne Sonne: - So der Wein aus seinen Krügen. -- - - Her die blitzenden Kristalle! - Schenkt ihn ein, den Saft der Wonne! - Trinken wir in vollen Zügen! -- - - * * * * * - - Wandelnd nun im kühlen Schatten - Sehen wir im Sommerregen - Tränen auf der Erde Wangen; - - Doch es freuen sich die Matten - Dieser Perlen allerwegen, - Die vom goldnen Halsband sprangen; - - * * * * * - - Freuen sich am Duft des Weines, - An der Schwalbe, an der Taube, - Die im Busche gurrt und flattert, - - Wie ein Mägdelein, ein feines, - Hinterm Vorhang in der Laube - Heimlich kichert, leise schnattert. - - * * * * * - - Aber meine Seele wittert, - Ob vielleicht in Morgenlüften - Duft vom fernen Freunde schwebe; - - Und im Wind die Myrte zittert, - Gibt dem Wind ihr zartes Düften, - Daß dem Freund er's weitergebe. - - * * * * * - - Und die Vögel singen tausend - Lieder, und die Palmen mächtig - Rauschend ihre Zweige schwingen: - - Hört mein Trauter, wie das brausend - Anhebt, und sich alles prächtig - Müht, ihm meinen Gruß zu bringen? -- -- - -- -- -- -- -- -- -- - - - - - V. - LEBEN, LEIDEN, DICHTEN - - - - Eine Taube schluchzt vom Zweige: -- - Wird mir bitter weh zumute, - Denn ich finde ihre Schmerzen - In mir selber, und mein Schicksal - Ist dem ihren zu vergleichen. - Weint sie übers Heimatnestlein, - Wein' ich meines armen Volkes; - Weint sie über Scheiden, Meiden, - Meiner Brüder in der Ferne - Muß ich stöhnen; aber wenn sie - Schluchzt um ihre jungen Tage, - Heb' ich selber an die Klage - Ueber aller Welt Vergehen. - - Abgehaun sind meine Zweige, - Meine Wurzeln ausgerissen, - Wie man ihr die Flügel stutzte; - Allenthalben böse Fallen - Drohen meines Schrittes Eile - Wie die Sprenkel ihren Füßen; - Und den Jäger muß ich fürchten, - Wie sie selbst die flinken Pfeile. - - Wahrlich, Pfeile schnellt das Leben: - Scheibe ward ich ihren Schützen, - Und sie treffen in mein Blut - Und vergießen meine Galle, - Und in meine Wunden alle - Werfen sie mir Gift und Glut. - Stützte mich der Adel nicht - Meiner unerschrocknen Seele, - Wär' ich tot in dieser Fremde, - Diesem Lande, dessen Tage - Nächte sind und Todesschatten. - - Aber sie, die edle Seele, - Steigt mir wie das helle Funkeln - Einer Sonne, die nicht wendet, - Nie sich neigt zum Abenddunkeln. - Soll ich mich vor Menschen fürchten, - Da in mir das stärkste Leben - Solcher Seele ist, vor deren - Mächten alle Mächte beben? - Soll ich vor der Sorge zagen, - Da ich aus der Weisheit Schächten - Kann mir Diamanten schlagen? - Hungre ich, sie reicht mir Früchte, - Quellen meinem Durste springen; - Einsam kann ich nimmer heißen, - Da mir ihre Harfen klingen: - Und mit Freunden Rede tauschen - Brauch' ich nicht, kann ich nur lauschen - Ihrer Worte weisem Singen. - Sieh, in meines Griffel Schreiben - Lebt mir Lautenspiel und Harfe, - Und der Weisheit Schriften bleiben - Gärtlein mir und Paradies. - - Redet nur zur Welt, zur schlimmen: - Mag sie tun, was ihr gefällt; - Härter doch als ihre Dornen, - Stärker ist mein starkes Herz. - Darf ich ihre Weine kosten, - Will ich auch die Hefen nippen, - Besseres verlang ich nicht. - Denn erprobt ist meine Seele: - Alle gift'gen Bitternisse - Werden Honig meinen Lippen. - - Mag die Welt in harte Ketten - Zehnmal alle Seelen zwingen, - Zehnmal meine Seele retten - Will ich aus den Eisenringen; - Auf zu einem neuen Leben - Will ich aus der Knechtschaft dringen, - Will mich rein und frei entheben - Ihrem trümmerreichen Sturz. - - Ihre Schönheit lockt mich nicht: - Mag sie ihre Lichter stellen - Flammend vor mein Angesicht, - Ihre Säle, ihre hellen, - Mögen andere berücken, - Mir sind's Gräber, die ersticken; - Ihren Reichtum, ihren Schimmer - Laß ich gerne, so wie immer - Gern die Seele läßt den Leib. - - Hat sie sich nicht selbst geschändet, - Und ich sollte sie erheben? - Da im Kote sie geendet, - Zögre ich, sie hinzugeben? - Schlecht geschlungen ist die Krone, - Die aus ihrer Hand entlehnte, - Und erröten unterm Hohne - Müssen alle, die sie krönte. - - Doch es lebt in mir ein Glaube, - Den ich nimmer lassen werde, - Und ein Bund, den nimmer brechen - Meine starke Seele wird. - - Auf ein Leuchten will ich blicken, - Aus der Hand voll Glanz und Schimmer: - O wer weiß, sie kann noch immer - Ihre Morgenröte schicken! - Tragen will ich, alles tragen, - Meinen Kummer unterjochen; - Denn ein einzig starkes Nu: - Und die Kette ist gebrochen! - Wecken wird mich meine Stunde, - Meines Jammers jüngstes Tagen: - Und so harre ich der Kunde, - Gönne meinen Wimpern nimmer, - Daß sich ihnen Schlummer böte, - Immer an der Morgenröte - Wimpern lasse ich sie hängen: - Seelen, die sich selbst erheben, - Seelen, die in Hoffnung leben, - Gott wird ihre Tore sprengen! - - - - Sie besuchten mich im Traume, - Wollten trösten, wollten laben; - Doch versiegelt und vergraben - Blieb ihr Trost im dunklen Raume. - - Und von allen ihren Lehren - Hatt' ich nichts als Herzensdarben, - Sah bei ihnen volle Garben - Und bei mir die dürren Aehren. - - Ich von allen meinen Lieben - Bin allein in meiner Kammer - Heimgesucht von allem Jammer - Aller Nöte Kind geblieben. -- -- - - Was noch kann die Zeit mir geben? - Such' ich, was ich nie erworben? -- - Ach, ich bin schon längst gestorben, - Und ich hab' kein Recht zu leben! - - - - Und als nun alle war mein Gold, - Hat sich der Freund davongetrollt. - Ich lief ihm nach: O hab' Geduld! - Was zürnst du mir? - Was schuld ich dir? - Da rief er lachend: Deine Schuld - Ist klar: - Bist du nicht arm? -- - - - - Siehe, Menschensohn, siehe: - Alles ist Tand! - Ziehe aus, ja, ziehe - Die bunten Kleider der Freude, - Schlag um die Schultern das Trauergewand! - Das wird zerfallen, - Und wie's zerfällt, - So du: - Das ist von allen - Den Mühn der Welt - Dein letzter Teil -- - Die Ruh'! - - - - Kann dich Reichtum locken, Herz? - Jagst du nach dem Glücke? - Kennst du nicht der Zeiten Trug, - All die falsche Tücke? - - Wer sich lange Schleppen macht, - Kürzt sich seine Schritte, - Strauchelt bei der schönsten Pracht - Auf des Weges Mitte. - - Liegt denn nicht die schlimme Zeit - Deinem Auge offen? - Und du hoffst? -- O folge mir: - Höre auf zu hoffen! - - - - Freue dich vor deinem Nächsten, - Ueble Laune lasse schwinden, - Und du wirst das Herz der Weisen - Und den Rat der Klugen finden! - - Sei nicht schlecht und sei nicht dumm, - Auch nicht allzusehr gerecht, - Und erreichen wirst du alles, - Was dein Herz sich wünschen möcht. - - - - Weh der Kunde, die im Ohre gellt: -- - Keine Wahrheit gibt's in dieser Welt, - Dieser schlimmen Welt der falschen Wagen: - - Wenn ein Mann schon mit ihr leben will, - Sie zur Gattin sich erheben will, - Muß er sich mit einer Dirne plagen! - - - - Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? -- - Lebendig faßt dein gutes Wort mich an; - Doch sag' ich: Nein! Was je mir Freude schuf, - War nur der Tropfen, der vom Eimer rann. - - Das Naschwerk nur, das ich am Herde fand, - Das liebte ich, das hab' ich mir erwählt, - Doch zu des Geistes Kränzen, die ich wand, - Hab' ich mein leichtes Dichten nie gezählt. - - Und ist die Weisheit wie ein Meer so weit, - Mein Lied ist nur der Schaum, der drüber weht: - Nicht Mauern will ich türmen als Poet, - Mein leichtes Ziel ist: Liebenswürdigkeit. - - - - Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! -- - Zur letzten Reihe stellte ihn das Leben; - Und als es endlich seine Reihe fand, - War alles Glück der Welt schon längst vergeben. - - Auch er gehört zu der Berufenen Schar, - Hat niemand seinen Namen auch geschrieben: - Und wenn er selbst der Edelste nicht war, - Er ist im Kreis der Edlen doch geblieben. - - - - Seh' ich, wie Narren - Sich glücklich preisen, - Seh' ich die Weisen - Hungern und harren: -- - Schnell möcht' ich laufen, - Den Verstand versaufen! - - - BECHERSPRUCH - - Augen auf, mein Liebster traut, - Was im Kelche blinkt: - Schaue, eh' der Nachbar schaut! - Trinke, eh' er trinkt! - - - ZWEI RÄTSEL - - - I - - Die Stirne von Eisen, - Daß Brüder sich schieden; - Die Zunge zu preisen: - Sie macht wieder Frieden. - - (_Die Wage._) - - - II - - 's ist ein Gefäß von ungemeßnen Tiefen, - Doch faßt die kleinste Hand es gut; - Und dennoch kann die Hand nicht prüfen, - So nah sie kommt, was in ihm ruht. - - (_Der Handspiegel._) - - - - - VI. - ZION - - - - Zion, willst du nimmer wieder - Die verbannten Kinder grüßen, - Sie, die letzten deiner Herde, - Die dich immer wieder grüßen? - Osten, Westen, Süden, Norden, - Alle Nähen, alle Weiten -- - Horch, von allen fernsten Borden - Grüßt es dich: - Höre sie, Zion! - Höre auch mich! - - Armer Gefangener ich, - Ich mit meinem Sehnen, - Hermonstau meine Tränen! - Hermonstau? -- O wären sie's nur, - Daß ihrer Tropfen Spur - Deine ewigen Höhen benetze! - - Ich aber, ein Tier der Wüste, - Kann nur heulen ob deinem Falle; - Nur, wenn im Traume die Zukunft mich grüßte: - Heimwallende Scharen -- zum Liedeshalle - Meine Schmerzen alle, - Zur jubelnden Harfe waren. - - Um Bethel stöhnt mein Herz, - Um Peniël muß ich weinen, - Um Machanaïm und die reinen - Stätten alter Gottesschau! - - Dort ließ der Herr sich finden - Und wohnte im lichten Flor, - Dort ließ dein Schöpfer münden - Deine Tore ins schimmernde Wolkentor - Hoch oben in ewiger Ferne: - Und war deine Fackel und Leuchte und Licht, - Und Sonne und Mond, sie leuchteten nicht, - Und ach, wie bleichten die Sterne! - Sein ewiger Geist ergoß sich dort - Auf herrliche Kinder der Wahl: - O könnte an jenem heiligen Ort - Auch meine Seele immerfort - Ergießen ihre Qual! - O Königshaus! O Gottesthron! - Wie darf ein Knecht und Knechtessohn - Auf Heldenthronen prahlen? - - Könnte ich wandern über die Stellen, - Wo der Herr sich so herrlich gezeigt, - Wo er in Flammen sich, strahlenden, hellen, - Deinen Priestern und Sehern geneigt! - Flügel, wer gibt mir mächtige Flügel, - Daß ich mich schwänge zum Lande der Lust, - In eure Risse, ihr zackigen Hügel, - Trüge die Risse der leidenden Brust. - Oh, dann stürzte ich jubelnd nieder, - Meine Arme griffen das Land, - Streicheln würd' ich die Steine, die kalten, - Schmeichelnd würd' ich dich fassen und halten -- - - Du, der Heimat glühender Sand! - Wie erst, stünd' ich dort an den Grüften, - Die mir künden der Väter Gruß, - Könnte durchwandern in Hebrons Lüften - Stolzeste Gräber mein zagender Fuß! - Oh, dann schritt' ich durch deinen Garten, - Ginge waldüber nach Gilead, - An deinen Bergen und Felsenwarten - Staunt' ich die durstige Seele mir satt. - Hor, Abarim, o ewige Wonnen! - Mose und Aaron, begrabene Sonnen, - Leuchten und Lehrer, wo finde ich euch? - - Seelenlabe sind deine Lüfte, - O du hochgesegnetes Land, - Deine Ströme sind Honigdüfte, - Myrrhe spendet dein wirbelnder Sand. - Doch das süßeste Sehnen für immer - Bleibt bei deinen Hallen stehn, - Zion, über deine Trümmer - Möchte ich nackt und barfuß gehn: - Sehen, wo die heilige Lade - Am geheimsten Orte stand, - Wo im stolzesten Flügelrade - Man die goldenen Engel fand! - - Herunter das Haar vom lockigen Haupt, - Herunter dir von der Stirne geraubt - Des Reifes goldene Bande! - - Fluch dem Geschicke, Fluch der Zeit, - Die heilige Häupter so schmählich entweiht - In schmacherfülltem Lande! - - Essen und Trinken, wie kann es mir munden? - Deine Löwen seh' ich zerbissen von Hunden, - Deine Aare zerrissen von gierigen Raben -- - Licht des Tages, wie kannst du mich laben? - - Ha, du Becher des Grams, - Fort mit dir, lasse mich los! - Angefüllt ist meines Leibes Schoß - Schon längst mit bitteren Gallen! - Um Israel hob ich den Kelch zum Mund, - Um Juda leert' ich ihn bis zum Grund, - Kein Tropfen der Hefe gefallen! - - Zion, Zion, du Krone der Zeit, - Schönheit und Liebe sind dein Kleid, - So hältst du die Kinder gefangen; - Sie lachen mit dir zur Lachenszeit, - Sie stöhnen um dein bitteres Leid, - Um dein Ende tropfen die Wangen. - - Sie schmachten aus Kerkersnöten empor, - Sie neigen sich deinem ewigen Tor, - Wenn ihre Gebete trauern. - Deine irrenden Herden allzumal, - Verjagt vom Berg ins dunkle Tal, - Ach, sehn nur deine Mauern! - Sie klammern sich fest an deinen Saum, - Und hoch in den schwankenden Wipfelraum - Deiner Palmen greifen die Hände: -- - O Sehnsucht sonder Ende! - Wohlan, wer will sich messen? - Ha, Patros, Schinear, - Wagt ihr's? - Habt ihr vergessen, - Vergessen ganz und gar - Das heilige Zionpriesterkleid? - O über eure Nichtigkeit, - Und eure morsche Größe! - - Nein, neben dich kann niemand treten, - Kein König kommt den deinen gleich: - Was sind die Allerweltspropheten - Vor deinem heil'gen Priesterreich? - Ach, alles stürzt von seinen Thronen, - Es sinkt der falschen Götter Recht, - Doch ewig bleiben deine Kronen, - Dein Schatz ins tausendste Geschlecht! - Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! -- - Wem deine Mauer wieder Heimat bot, - Heil ihm, und wer durch Sehnsuchtstränen - Erblickt dein ew'ges Morgenrot! - Dein Morgenrot, da alle Wolken fallen, - Und hundertfacher Glanz vom Himmel bricht, - Da deine Kinder jauchzend heimwärts wallen, - Und in des Jauchzens Heil und Widerhallen - Aufstrahlt dein altes königliches Licht! -- - - - - Im Orient ist mein Herz, im Okzident, - Am letzten Saum, verträume ich die Stunden. - Kann Trank und Speise, noch so süß, mir munden? - Kann ich Gelübde, kann ich Schwüre halten, - Solange Zion liegt in Roms Gewalten? - Läßt mich Arabien nicht im Kerker kümmern? - Und was ist Spaniens reichste Flur, - Was ist sie vor dem Staube nur - Auf Zions, -- Zions Trümmern? -- - - - - Komm mit mir gen Zoan, - Zum Schilfmeer und Horeb; - Wandeln will ich nach Silo, - Zu gesunkenen Tempels Trümmern. - Wo die Lade einst zog, - Da will ich ziehen, - Wo sie begraben ist, - Da will ich knien; - Küssen den Staub - Süßer als Seim, - Schauen die Auen, - Die schönen, daheim, - Schauen das öde, - Vergessene Nest; -- - Oh, wenn ihr wüßtet: - Die Täublein zerstoben, - Rabenbrut nistet - Dort oben. - - - - Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll, - Und kam mich doch ein Zittern an: - Nach Zion mir die Sehnsucht schwoll, - Da gabest du mir liebevoll - Ermutigung, Berater! - - Und gabst mir deinen Namen her, - Als Stab daran zu wallen; - Nun schreit' ich hin, doch ist es mir, - Als müßt' ich Schritt um Schritt vor dir - In meine Kniee fallen. - - - - - VII. - DAS MEER - - - DER STURM - - - 1 - - In Wolkenräumen - Dort richtet er, - Der Gnaden Säume - Wallen aufs Meer. - - Der Mensch alleine, - Wenn Gott ihm fehlt, - Dient er dem Scheine - Vom Trug beseelt. - - Aus Alltagsgrüften - Steht froh er auf, - Eilt übers Meer - Den Heldenlauf. - - Doch ach, in Banden - Der Schuld gefällt, - Muß östlich landen, - Wer westlich hält. - - Und er gesteht: - Nicht seine Kraft - Weist ihm den Weg - Der Wanderschaft. - - Dann muß verzagen - Das arme Herz - Und klagen und fragen - In Angst und Schmerz: - - Vor dir, dem Einen, - Wo soll ich ziehn? - Wohin vor deinem - Geiste fliehn? - - - 2 - - Wie donnernde Räder rasen die Wogen - In mächtigem Sturz übers brausende Meer, - Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen, - Es schäumen die Fluten dahin und daher. - - Da hebt sich der Abgrund und steigt in die Lüfte, - Sein Brüllen bis hoch an die Wolken hallt, - Es kochen die Tiefen, es schreien die Grüfte, - Und keiner bändigt die tolle Gewalt. - - Es sinken die Helden! die Stürme zerjagen - Zu Bergen und Tälern den donnernden Schlund: - Turmhoch das Schiff in die Lüfte getragen - Saust es hinab in den gähnenden Grund. - - Da suchen die Augen nach Schiffern und Knechten: -- - O schweige mir, Herz, und hoffe auf ihn, - Der einst uns an Moses gewaltiger Rechten - Durch Schlünde des Meeres ließ ruhevoll ziehn. - - So ruf' ich ihn an, den Herrn aller Herren! - Und fürchte nur eins: Meiner Sünden Gewalt. - Ach, wenn sie nur jetzt nicht den Weg mir versperren, - Nur jetzt nicht mein Jammern, mein Flehen verhallt! - - - 3 - - Ha, das Meer! Wie rast es wieder! - Ha, der Ost! Wie schmettert er nieder - Mächtig den stolzen zedernen Mast! - Schüttet herab den Sturm seiner Grimme, - Daß sich der Nacken der Stolzen krümme, - Und der Schiffsherr zitternd erblaßt. - - Kraftlos hängen dem Maste die Schwingen, - Kann sie nicht heben, weiter zu dringen, - Feuerlos siedet die Flut im Föhn. - O wie verzweifeln die Herzen und stöhnen, - Da sie die Ruderer hilflos frönen - Und die Ruder sinken sehn. - - Armer Schiffsherr, Steuermann schlechter, - Dumme Ruderer, blinde Wächter, - Wo, wo ist nun euer Mut? - Trunken tanzt das Schiff im Winde - Und verschleudert an die Gründe - Alle euch als feiles Gut. - - Seht, schon regt der Leviathan die Flossen, - Kommt durchs tosende Meer geschossen, - Ruft wie ein Bräut'gam die Gäste zum Schmaus; - Und das Weltmeer mit gierigem Munde - Schlingt seine Beute zum untersten Grunde: -- - Alles verloren, alles aus! - - - 4 - - Nun schmachtet nach den Höhen - Zu dir mein Augenpaar - Und bringet dir mein Flehen - Als ernste Gabe dar. - - Nun zittr' ich meiner Zeiten - Und bebe, wo ich bin, - Wie Jona muß ich breiten - Die Arme nach dir hin. - - Laß mich ans Schilfmeer denken - Und träumen immerzu, - Laß mich die Sehnsucht senken - Im Liede nun zur Ruh! - - Der Jordanwunderzeiten - Erfreu' sich meine Brust, - Das Herze mag sich weiten - Als wie von Edens Lust; - - Bis es zu ihm getragen, - Der Bitteres versüßt, - Und der des Grimmes Tagen - Als Tag der Hilfe grüßt. - - Ja, meine Augen hellen - Zu ihm sich himmelan: - Er legt durch Meer und Wellen - Uns eine sichre Bahn. - - Und endlich auch sein Toben - Uns Menschenkindern frommt, - Da Winter uns und Sommer - Aus seinem Odem kommt. - - - 5 - - So hat er seinen Zorn gewandt - Vom niedern Sohne seiner Magd, - Befreite aus dem Totenland - Die arme Seele, die verzagt. - - Nun eilen schon die goldnen Höhn - Hernieder auf den wilden Grund - Und bringen den erregten Seen - Hinab den schönsten Friedensbund. - - Da schweigt denn ganz der Schreckenslaut, - Es ruht wie Oel das wilde Meer, - Und keiner bebt und keinem graut, - Und Freudenstimme rings umher. - - An die verzagten Herzen dringt - Der Liebe Engelstimme schon, - Ihr Schreiten aus den Höhen klingt, - Ein tief geheimnisvoller Ton. - - So wird die Botschaft ausgesandt - Dem Volk, das lang im Joche rang, - Und das so hart des Drängers Hand, - Des Leides Faust in Ketten zwang. - - Du wildbewegtes Volk der Wahl, - Du gleichst dem Schiff in Sturmesnot, - Doch naht gewiß auch dir einmal - Das liederweckende Gebot: - - Heraus, heraus aus finstrer Nacht, - O liebes Kind, zum Sonnenfirn, - Sieh, Gottes himmelhohe Pracht - Strahlt herrlich über deiner Stirn. - - - - Holder Zephyr, deiner Lüfte - Schwingen tragen Nardendüfte, - Duft vom Apfelblütenstrauß! - Wo des Krämers Würzen liegen, - Dort begann dein frisches Fliegen, - Nimmer in des Sturmes Haus. - - Schwalbenflügel schwingst du leise, - Freiheit lautet deine Weise, - Myrrhen streust du hin und her. - Ach, wie freuen sich die Scharen, - Die auf lockrer Planke fahren - Mit dir übers weite Meer. - - Laß das Schiff nicht aus der Rechten, - Nicht am Tage, nicht in Nächten, - Brich durchs Meer ihm seine Bahn! - Banne fest die tiefen Gründe, - Bis, die Ruhstatt deiner Winde, - Gottes heil'ge Berge nahn! - - Schilt den Ost, den Meeresstürmer, - Flutenkocher, Wogentürmer: - Hab' ich denn noch freie Bahn? - Ich Gefangner von Gewalten, - Die noch jetzt im Zaum gehalten, - Losgerissen schon mir nahn? - - Das Geheimnis meiner Flehen - Bleibt bei Gottes Händen stehen, - Der es mir verborgen hält: - Er, der Höchste, schuf die Höhen, - Er hat auch der Winde Wehen - Heute gnädig mir bestellt. - - - - Kommt die große Flut mit einem Mal? - Läßt kein Land sich schauen in der Runde? - Mensch und Tier und Vogel flohn die Stunde: - Ist's das Ende? Kommt die Todesqual? - - Säh' ich einen Berg, ein Tal allein, - Würde meine Seele ruhig werden, - Und ein wüstes Fleckchen dieser Erden, - Würde jetzt mir süße Labe sein. - - Ach, die Augen gehen um im Kreise: - Nichts als Himmel, Flut, des Schiffes Knochen, - Der Leviathan macht die Tiefe kochen, - Und die Wellen schaun wie wilde Greise. - - Und das Meer verbirgt uns in den Wogen - Wie der Räuber sein gestohlenes Gut: -- -- -- - Mag es rasen! Fröhlich ist mein Mut: - Näher kommt die Heimat schon gezogen! - - - - - VIII. - LETZTE TAGE - - - IN ÄGYPTEN - - Die Städte sieh und sieh den Strand, - Wo einst ihr heimisch wart: - So ehre auch das fremde Land - Und tritt es nicht zu hart. - - Mach deine Sohle sanft und weich, - Die durch die Straßen geht, - Denn einst durch dieser Straßen Reich - Schritt Gottes Majestät. - - Er neigte sich an Tür und Tor - Nach deinem Bundesblut, - Und jeder sah's: Er schritt euch vor - In Wolke und in Glut. - - Aus dieses Landes Felsen kam - Dein Bundeshort heraus, - Und deine Quadern, alter Stamm, - Die waren hier zu Haus! - - - - Hat die Zeit das Kleid des Leides - Ausgezogen und das Kleid des - Lachens endlich angelegt? - Sieh die Welt im Byssuskleide - Hingelehnt in Gold und Seide, - Wie sie ihre Glieder regt! - - Sieh am Strome das Gefilde, - Das mit Gozens schönem Schilde - Seine bunten Ufer hüllt; - Und der Steppe Blumenbeete - Und die alten Trümmerstädte, - Die ein goldnes Leuchten füllt; - - Und am Strand die süßen Frauen, - Gleich Gazellen anzuschauen, - Nur nicht so geschwind zu Fuß: - Denn an ihren Armen hängen - Spangen, und den Schritt beengen - Güldner Ketten Klingegruß. - - Ach, schon ist das Herz gefangen, - Und des Alters bleiche Wangen - Sind vergessen auf der Flur: - In Aegyptens Paradiese, - An dem Strome, auf der Wiese, - Denk ich meiner Jugend nur! - - - TODESAHNEN - - Wollt ihr Liebes mir vergelten, - Sendet meinem Herrn mich zu! - Eh' ich unter seinem Zelte - Glücklich nicht das meine stellte, - Find' ich Armer keine Ruh'. - - Haltet mich nicht auf zu eilen, - Da mich schon die Angst erfaßt: - Unter seinem Flügel weilen - Und der Väter Ruhe teilen - Bleibt doch meine einz'ge Rast. - - - - Dein Wunder geht durch alle Zeit - Und kündet uns, was Väter sahn: - Des Stromes Wasser wurde Blut, - Da war kein Spruch, kein Zauber gut, - Dein Name hat's getan! - - Dein Name und der Wunderstab, - Den legtest du in Moses Hand: - O führ' auch meinen frommen Mut, - -- Das geht so schnell, das geht so gut -- - In deiner Wunder Land. - - - - - JEHUDA HALEVI, - seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen - - - von - Emil Bernhard - - - I - -Das Land Spanien breitet nach Süden seine Arme aus. Durch die -Geradlinigkeit des Pyrenäenrückens von Europa getrennt, vermag es keinen -regeren Verkehr mit den Völkern nördlich des Gebirges zu erzeugen, zumal -die Stämme, welche am Fuße der bergigen Mauer wohnen, jenseits und -diesseits einander zu ähnlich sind, um durch gegenseitige Bekanntschaft -angeregt und bereichert zu werden. Darum wendet Spanien dem übrigen -Europa den Rücken zu. Wie es aber im Norden verriegelt ist, so hält es -im Süden die Tore offen. Während bis zum Guadalquivir hinab sich jenes -weite zusammenhängende Hochland der iberischen Meseta erstreckt, das ein -echt kontinentales Klima extremer Sommer- und Wintertemperaturen -aufweist, beginnt nach Osten, Süden und Südwesten hin ein ganz anderes -und wundervolles Bild. Ein Armausbreiten in der Tat: Als wenn das ganze -Land in Liebe sich ergösse, treibt es die volle Herrlichkeit des Südens -hervor. Es ist die Sonne der Mittelmeerländer, die hier scheint, ihre -Blume ist es, die hier blüht, ihr Regen, der hier rauscht. Hier haben -wir die wilden Gewitter, die im Nu kommen, und im Nu vergehen, den -feinen Sonnenregen zurücklassend über der perlenbesäten Flur. Hier -wandeln wir durch die lichten Wälder, die Maquidickichte, die Huertas -und Vegas, jene herrlichen Gartenoasen, von Bächen durchrauscht hierhin -und dorthin, wo die Granate flammt, und der Apfelbaum schimmert in der -lichten Pracht seiner Blüten. Hier rauschen die Morgen- und Abendwinde -über taubedeckte Täler und künden die Nacht an, die nirgends emporsteigt -wie hier, so träumerisch erhaben, so schlummernd wach, so einsam und so -beredt. Das ist das Land Andalusien, von dem der alte arabische Dichter -einst sang: »Da es emportauchte aus des Meeres Flut, ward es wie eine -Perle aus der Muschel gehoben. Da erbebten die Wogen vor Entzücken, als -sie sich legten wie eine Kette um seinen Hals. Darum lächeln noch immer -in ihm wonneerbebende Blüten, darum schmettern in ihm die Nachtigallen -auf lauschenden Zweigen. Hier ist die Heimat meiner Lust. Weh mir, wenn -ich je sie verlassen müßte! Hier nur ist ein Garten, die ganze Welt eine -Wüste.« Und als der unglückliche Emir von Sevilla, Al Motamid, im fernen -Marokko eingekerkert saß und seine wundervollen Elegien sang, da bebte -die Schönheit Andalusiens durch sein Lied: »O wie gerne möchte ich -wissen, ob ich meinen Garten und meinen See wiedersehen werde in jenem -stolzen Lande, wo die Oliven grünen, wo die Tauben girren, wo die Vögel -ihr liebliches Gezwitscher ertönen lassen.« - - - II - -Das Land Spanien breitet seine Arme nach Süden aus. Und der Süden -stürzte in seine Arme. Nachdem die Halbinsel manche ethnische Revolution -erlebt hatte, nachdem Kelten, Karthager, Phönizier, Römer, Vandalen -schwere Erschütterungen über sie gebracht hatten, erhob sich im Anfang -des achten Jahrhunderts die ganze, junge, unberührte Gewalt der -Atlasländer und ergoß den heißen Strom ihrer Stämme übers Meer in die -herrlich blühenden Fluren Andalusiens und weiter bis in den Norden -hinein. Der Orient vermählte sich dem Okzident und brachte ihm als -Morgengabe eine neue, kaum hundertjährige Kultur mit, die, eingepflanzt -in die bunten Gärten Südspaniens, eine herrliche Blütezeit erlebte. - -Nach der machtvollen Regierung der Ommajaden, vor allem der -fünfzigjährigen des glänzenden Abderrahmân III. (912-961), der in der -Millionenstadt Cordova, ein zweiter Salomo, alle Pracht und Bildung der -Welt um sich sammelte, ward die arabische Herrschaft zwar bald durch -lange Bürgerkriege in viele kleine Staaten zerschlagen, die Kultur aber -erhielt sich in ihrer vollen, zauberhaften Schönheit. Im Gegenteil: Die -Kleinstaaterei diente noch ihrer Förderung. All die Emire von Sevilla, -Cordova, Granada, Malaga, Murcia waren zu schwach, als daß sie ihren -Ehrgeiz in großen kriegerischen Unternehmungen befriedigen konnten. So -suchten sie sich den Ruhm ihrer Vorgänger als Förderer und Pfleger der -Künste und Wissenschaften zu erhalten und zu mehren. Und nie hat in -einem Lande die Dichtkunst so geblüht wie in Andalusien. - -Es war, als hätte diese gesegnete Erde nur darauf gewartet, von den -Sohlen der freien, sangesfrohen Wüstensöhne, den Hütern der lauteren -Sprache, den Schatzmeistern des reinen Arabisch berührt zu werden, um zu -ewigen Jubeltönen zu erwachen. Da begann die Laute zu klingen vor den -Balkonen in der Nacht zu feinen arabischen Sequidillas zum Lobe der -Schönen: -- »Zum Monde blickte ich, o Geliebte, und seinen Strahlen. Da -nahm er einen Schleier und verhüllte sich: Er schämte sich, o Geliebte, -als er dein holdes Antlitz sah. Deine Schönheit überwand ihn, er mußte -sich verbergen.« -- Da tanzte und sang das Volk auf der Silberwiese von -Sevilla, am grünen Ufer des Guadalquivir; sie warfen sich freundliche -Worte in gereimter Rede zu, und hin und wider scholl das Lachen; und -verkleidet unter ihnen wandelten die Fürsten und Prinzen und -verlustierten sich im süßen Nichtstun. In der wundervollen Landschaft -Silves hatte jeder Bauer das Talent, zu improvisieren. Wie sollte er -auch nicht: Silves war die Perle in der silbernen Muschel Andalusiens. -Als der genannte Al Motamid seinen Freund Ibn Ammâr als Statthalter nach -Silves sandte, da brach er in Erinnerung an seine dort verlebten -Jugendtage aus dem Stegreif in die Verse aus: -- »Ach, wie oft haben -dort die jungen, weißen und braunen Mädchen mir das Herz mit ihren süßen -Blicken durchbohrt, als ob ihre Augen Dolche wären oder Lanzen! Und -welche Nächte habe ich in jenem Tale am Ufer des Flusses mit der schönen -Sängerin zugebracht, deren Armband dem zunehmenden Monde glich! Sie -machte mich trunken durch Blicke, trunken durch Wein, trunken durch ihre -Küsse!« - -Wer singen und dichten konnte, war im schönen Andalusien nimmer -verloren. Der Verbrecher, der zum Tode geführt wurde, konnte sich noch -am Fuße seines Galgens befreien, wenn er einige anmutige Schmeichelworte -in gereimter Rede zu sprechen vermochte. Der Bettler, der heute am -Straßenrande lag, konnte morgen Wesir sein, wenn er, vom Emir in Versen -angesprochen, in Versen antworten konnte. So wurde Ibn Ammâr von Al -Motamid aus dem Staube erhoben, so hat derselbe Fürst auf der Gasse von -Sevilla seine süße I'timâd, die Sklavin Romaikija, gefunden, das -reizende Spielzeug seines Lebens bis zum Tage, da er nach Agmât wandern -mußte in den Kerker seines Feindes. - -Hand in Hand mit dieser tiefen Liebe zur Dichtung, dem höchsten Stolz -des feingesitteten Andalusiers, ging die Pflege der Wissenschaften. -Ueberall im Lande, in Cordova, Sevilla, Toledo, Valenzia, Almeriga, -Malaga, Jaen, wuchsen islamische Akademien empor, denen umfangreiche -Bibliotheken angegliedert waren, aufgesucht von den lernbegierigen -Jünglingen der ganzen arabischen Welt. Hier wurde Philosophie, -Grammatik, Lexikographie, Medizin gelehrt, und wie die andalusischen -Jünglinge hinauszogen bis nach Bagdad, um die großen Lehrer des Islams -zu hören, so kamen sie auch aus Syrien und dem Irak nach Cordova, um -Schüler berühmter Meister genannt zu werden. - -Dieses heiße Streben nach Bildung und Gesittung erhielt aber seinen -höchsten Glanz durch die unerhörte Pracht, den maßlosen Reichtum, der -sich in Städten wie Cordova, Sevilla, Toledo entfaltete. Bis in die -dunkle Klause sächsischer Klöster drang die Kunde von diesem Reichtum: --- »O Cordova, die helle Zierde der Welt, die junge, herrliche Stadt, -stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt durch ihre Wonnen, strahlend im -Vollbesitz aller Dinge!« sang die Nonne Hroswitha von Gondersheim. In -der Tat, man kann sich heute kaum eine Vorstellung von dem Zauber -machen, der damals diese Stadt erfüllte. Wer sie besuchte, mußte erst -einen dichten Kranz marmorner Sommerpaläste durchwandern, die aus dem -von Tausenden von Olivenbäumen bekränzten Ufer des in goldgrünen Wellen -hinströmenden Guadalquivir emporragten und schon um das Jahr 950 -achtundzwanzig Vorstädte bildeten. Kam er dann in die Stadt selbst mit -ihren 113000 Häusern, 300 Bädern und 3000 Moscheen und betrat gar die -große Moschee mit ihren »1300 Riesensäulen unter der gewaltigen Kuppel«, -so mochte er sich schon dem Eindruck dieser stolzen Größe beugen, wenn -ihm nicht schon vorher die Herrlichkeit dieser Welt überkommen war, da -er die berühmte Brücke Abderrahmâns über den Guadalquivir, das Werk -seines Lebens, zagend überschritten hatte. Aehnlich wirkte das lachende -Sevilla mit seinen belebten Gassen inmitten der fruchtbaren Ebene, in -der es lag, ähnlich das nördliche Toledo, das auf der natürlichen Feste -eines hochragenden Felsens am Ufer des gelben Tajo gegründet war, -Toledo, in dem Orient und Okzident am frühesten in innige Verbindung -traten. Hier strömte das bildungsfähige Abendland zusammen, um in die -Geheimnisse arabischer Weisheit einzudringen, hier bildeten sich schon -im zwölften Jahrhundert förmliche Uebersetzungsschulen, welche die -aristotelische Philosophie im arabischen Gewande der lernbegierigen -Christenheit vermittelten. - -Der Orient war es, der hier den blühenden Baum in den Garten des -Okzidents gepflanzt hat. Er hat die Schönheit Andalusiens erst -geschaffen. Die Schönheit der natürlichen ebenso wie der geistigen -Kultur. Die Hände der Wüstensöhne hatten das ganze Land mit Kanälen und -Wasserwerken durchzogen und dem Boden seine Fruchtbarkeit abgerungen, -ihr Lied und Sang, ihr Denken und Forschen war es, was auch die Menschen -des Landes eroberte. Es war eine starke Besitzergreifung. So stark, daß -durch die Vermählung von Land und Menschen bald ein neues Volk geboren -war, eine jungfräuliche Nation mit neuem, bald im ganzen Orient -berühmtem Namen: -- El Andalus. - - - III - -An der Wende dieses glücklichen und reichen Zeitalters, in den letzten -Strahlen seiner untergehenden Sonne, wurde zu Toledo um das Jahr 1083 -Jehuda ben Samuel ben Samuel Halevi, oder, wie er arabisch hieß, Abul -Hasan Allâwi, geboren. Die Familie, der er entstammte, war unbekannt, -aber nicht arm. Wenn er auch im zartesten Alter die Belagerung Toledos -(1085) und die Judenverfolgung in derselben Stadt (1090) erlebt hat, -scheint doch seine Jugend glücklich gewesen zu sein, um so glücklicher, -als er aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Kind seiner Eltern war. -Bald aber entwöhnte ihn das rauhe Schicksal dieser »Milch der -Jugendtage«. Der Vater muß frühzeitig gestorben sein. Er ließ den Knaben -mit der Mutter zurück, welche seine ersten bitteren Enttäuschungen noch -miterleben mußte. - -Nach der Sitte der Zeit wurde der Knabe mit den schwarzen Locken und den -dunklen feurigen Augen, die über braunen, gesunden Wangen leuchteten, -früh in die Sprache und Lehre seiner Väter eingeweiht. Mit dreizehn -Jahren sprach und schrieb er ein vollendetes Hebräisch und war -gleichzeitig tief in die Kenntnis der arabischen Literatur wie der -ganzen Zeitkultur eingedrungen. Er hat also seine erste Jugend, obgleich -im christlichen Spanien, doch an der Grenze der mohammedanischen Kultur -zugebracht. Dort hat er die arabische Kasside singen gelernt, das -Preisgedicht, die poetische Epistel, sowie die kunstvollen Gürtel- und -Kettenlieder, die damals in Spanien aufkamen. - -Um jene Zeit erfüllte der Name Abû Harûn Mose ibn Esras, des religiösen -Dichters, die jüdische Welt Spaniens. Dieser kaum mehr als -fünfundzwanzig Jahre alte Dichter lebte wie die meisten Ibn Esras in -Granada, jener Stadt im Süden Spaniens, die damals so viel Juden hatte, -daß man sie schlechthin die »Stadt der Juden« nannte. Da erhielt er -eines Tages aus dem fernen Norden eine poetische Epistel. Von der Hand -eines Kindes. Und las. Und war erschüttert. Dann setzte er sich nieder -und schrieb die Antwort: - - Ein Kind noch jung, ein Knabe zart, - Will Geistesfelsen rücken? - Stößt Helden in den Staub hinab - Und läßt als rot und weißer Knab' - Schon volle Blüten blicken? - - So ist's: Vom Norden strahlt er auf - Und füllt mit Licht die Auen. - Die ganze Weite ist erhellt, - Noch höher als das Sternenzelt - Könnt seine Hand ihr schauen. - -Mose ibn Esra hat das Verdienst, Jehuda Halevi »entdeckt« zu haben. Er -tat es im guten Sinne des Wortes. Er gewann eine vollständige Herrschaft -über den jungen Dichter, der sich ihm mit ganzer überschwenglicher Seele -hingab. Der junge Jehuda war eine zarte, deutlich feminine Natur. Bei -einem ausgesprochen genialen Selbstbewußtsein war er die Demut selbst -vor seinen Freunden, die er fast immer überschätzte. Er vergötterte sie. -Er dichtete ihnen die Eigenschaften an, die ihm selber fehlten. Oft -erzürnte er sich mit ihnen, immer aber war er derjenige, der um -Verzeihung bat. Es ist rührend zu sehen, wie häufig er in seinen -Episteln an die erzürnten Freunde nach einer Schuld sucht, die nicht -vorhanden ist. Von keinem aber ließ er sich so beherrschen, wie von Mose -ibn Esra. Als er sich schon dem Gipfel seines Ruhmes nähert, fühlt er -sich noch als sein Jünger. Wenn er dem Meister seine Verse schickt, ist -es ihm, als schickte er Boten an den Gesalbten Gottes, den König. Und er -läßt sie zum Könige sprechen: - - Herr, o trage unsre Last, - Laß uns selbst nicht Sünde tragen, - Wenn in unbeholfner Hast - Wir dein Lob zu singen wagen. - - Was wir bringen, ist ja noch - Keine Blüte, Knospe eben, - Aber einstmals soll es doch - Hier auch Frucht und Blüte geben. - -Mose ibn Esra war ihm der, welcher berufen war, ihn zu läutern, »das -Gold zu scheiden von seiner Schlacke«. Er war ihm dichterisches und -menschliches Ideal, das Urbild der Demut und Selbstbeherrschung. Welch -trauriger Irrtum: Mose ibn Esra führte ein wilderes, zerfahreneres Leben -als Jehuda Halevi, dem aller Jammer, dessen sein Leben voll war, von -einem herrlichen Frohgemüt übersonnt war, während der andere an seinen -eigenen Launen zerschellte. - -Am Ende des Lebens entfremdeten sich die Freunde, wofür die Schuld wohl -eher in Mose ibn Esra zu suchen sein wird, den der strahlende Ruhm des -Jüngeren seinem Charakter nach kränken mußte. Als er 1138 starb, sang -ihm Halevi dennoch das Grablied: -- »Mose, Mose, mein Bruder, Licht -meines Mondes, meine Sonne, meine Leuchte, meines Glanzes Quell von -alten Tagen her!« -- - - - IV - -Vom Norden her sandte Jehuda Halevi seine ersten Verse nach dem schönen -Granada. Dann aber kam er selbst nach dem Süden. Warum? -- Wir wissen es -nicht. So klar uns der Lebens- und Stimmungsgehalt der nun folgenden -Epoche ist, so dunkel und tatsachenarm ist sie. Um 1100, also mit -ungefähr siebzehn Jahren, befand sich der Dichter schon im Süden -Spaniens, und zwar zunächst im Südwesten. Die allgemein verbreitete -Annahme, daß er die Hochschule des berühmtesten jüdischen Gesetzlehrers -jener Zeit, Isak Alfasi, in Lucena besucht habe, ist nichts als eine -leere Vermutung, die sich auf die Tatsache stützt, daß er beim Tode -Alfasis (1103) sechs Zeilen schrieb und die Einsetzung des jungen, ihm -befreundeten Josef ibn Migasch in den erledigten Lehrstuhl dieses -Meisters in einem Hymnus feierte. Jehuda Halevi zeigt in allen seinen -Werken keineswegs mehr, eher weniger als die talmudische -Durchschnittsbildung seiner Zeit. Vielmehr ist anzunehmen, daß dem -herangewachsenen Jüngling die einfache materielle Sorge nach dem an -Existenzmöglichkeiten reicheren Süden trieb. Mit seiner Ankunft in -Andalusien beginnt eine Zeit der Kämpfe und Irrfahrten für ihn. Von -Stadt zu Stadt wanderte er, ohne einen festen Halt zu gewinnen. Der -Kampf um den Bissen Brot jagte ihn durchs Land. Sevilla, Granada, -Guadix, Malaga, Lucena waren die Städte, in denen er sich aufhielt, doch -immer nur kurze Zeit. Den Arztberuf, dem er später oblag, scheint er -hier noch nicht ausgeübt zu haben. Vielmehr lebte er allem Anschein nach -von seiner Feder. Er dichtete Hochzeitslieder und erhielt Honorare -dafür. Er besang die Koryphäen seiner Zeit, die ihm ihrerseits -Ehrensolde übersandten, oder ihn, wie es Sitte war, in ihrem Hause -wohnen, an ihrem Tische essen ließen. Zeitweise ging es ihm so -erbärmlich, daß er an reiche Leute Bettelgedichte richten mußte, um sein -Leben zu fristen. Es war nur zu verständlich, daß sich in dieser Zeit -seiner im tiefsten Grunde heiteren und lebensfrohen Seele recht oft die -verzweifeltsten Stimmungen bemächtigten. Er fühlte sich von allen -verlassen und es war ihm, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn -verschworen. Einsam und verwaist nannte er sich. Dabei wuchs natürlich -sein Bedürfnis nach Freundschaft, noch mehr aber seine Empfindlichkeit. -So geriet er immer tiefer in eine Stimmung hinein, welche der -Kulturstimmung jener Zeit ähnlich war: Weltschmerz und Lebensverachtung. - - - V - -Auf die Epoche des Glanzes war in Andalusien eine Epoche der tiefsten -Erniedrigung gefolgt. Der Stern des Islam war im Verblassen. Vom Norden -her bohrte das Königreich Kastilien seinen Stachel den Mauren immer -tiefer ins Fleisch. Nachdem Ferdinand (1037-1067) gestorben war, bestieg -sein Sohn Alfons VI. den Thron von Kastilien. Dieser übernahm den Kampf -gegen den Islam als heiliges Vermächtnis von seinem Vater, und es gelang -ihm infolge der Zersplitterung des mohammedanischen Spaniens, die -kleinen Territorialfürsten Andalusiens zum Tribut zu zwingen. 1085 wagte -er den ersten großen Vorstoß, dem der wichtigste Verteidigungspunkt der -Mauren, der Turm am Tore Andalusiens, Toledo, zum Opfer fiel. Ganz -Südspanien erbebte unter diesem Schlage. Die Verwirrung und Angst wuchs -von Tag zu Tag. Da tat der Emir von Sevilla, der schon mehrfach genannte -Al Motamid, den verhängnisvollsten Schritt, den er überhaupt tun konnte. -Er rief den in Nordafrika regierenden Almoraviden Jussuf ibn Taschfîn -mit seinen Berberscharen zu Hilfe. Dieser kam und erfocht gegen die -Christen in der furchtbaren Schlacht von Sallaka (1086) einen vollen -Sieg. Der Süden schien gerettet. Nach der Schlacht ließ Jussuf aus den -gefallenen Christenleibern einen Riesenturm aufschichten, von dessen -Spitze der Muezzin nach allen vier Winden ausrufen mußte, daß es keinen -Gott gebe außer Allah: lâ allâh ill' allâh. Trotzdem blieb der Sieg -unausgenutzt, und als Jussuf nach Nordafrika zurückgekehrt war, stand -alles wie vorher. Wieder stieg die Not aufs Höchste. Da erschien Motamid -selbst in Nordafrika, um Jussuf persönlich zu veranlassen, noch einmal -der Retter zu sein. Jussuf kam. Aber er ging nicht wieder, ohne sich -seinen Lohn genommen zu haben. Er machte dem Zaunkönigtum in Andalusien -mit einem Schlage ein Ende, Granada und Malaga fielen, dann Cordova und -Carmona. Al Motamid mit seinen Söhnen wehrte sich tapfer. Aber es half -ihm nichts. Er mußte den schrecklichen Tod seiner Söhne erleben, um -schließlich in den Kerker zu Adschmât zu wandern, wo er nach vier Jahren -schwerer innerer Leiden, gebrochen an Leib und Herzen, seine königliche -Dichterseele aushauchte. Das war im Jahre 1095. - -Jussuf ibn Taschfîn hatte Andalusien unterworfen. Geholfen aber hatten -ihm dabei nicht nur seine wilden Berbern, sondern auch als -unversöhnlichste Truppe die orthodoxen Gelehrten des Islam, die Fakîhs. -Sie begannen jetzt das Regiment zu führen. An Stelle der früheren -Schönheit und Leichtigkeit des Lebens machte sich der bigotte Geist -dieser orthodoxen Emporkömmlinge breit. Frömmelei und Beterei -vernichteten alle Blüten der früheren Freiheit. Die graziöse Geste der -Lebensfreude wurde erstickt in dem Buchstabenknäuel des koranischen -Gesetzes. Ketzerriecherei und Angebertum schlossen den fröhlich -leichtsinnigen Mund des gebildeten Volkes. Als gar Jussuf das Zeitliche -gesegnet hatte (1106), und sein bigotter, unbedeutender Sohn Alî an -seine Stelle trat, stieg die innere Not Andalusiens auf den Gipfel. -Niemand fühlte sich im Lande wohl außer den Fakîhs und dem Pöbel. Die -Philosophen schwiegen, denn Philosophie war verpönt. Die Freigeisterei -wurde verfolgt. In den Städten spielten die brutalen, unsauberen Berbern -die Hauptrolle. Die Dichter, noch vor zwanzig Jahren die Lieblinge des -Volkes, gerieten in tiefste Armut. Sie hatten keine Beschützer mehr. Wer -von ihnen nichts auf sich hielt, lief den Fakîhs nach und sang ihr Lob, -um von ihnen Geld zu erhalten. Die Spekulation auf die Eitelkeit dieser -frommen Leute war auch richtig, aber sie bezahlten schlecht, und wer -seine Kunst in Ehren hielt, mochte sie nicht besingen. Ibn Bakî, einer -der begabtesten Dichter, welche Andalusien überhaupt hatte, irrte wie -ein Landstreicher von Stadt zu Stadt. - -Es ist kein Wunder, daß unter diesen Umständen der bessere Teil der -andalusischen Bevölkerung in dumpfe Verzweiflung geriet. Die meisten von -ihnen hatten die schönen Tage der Freiheit noch gesehen. Um so tiefer -deuchte ihnen jetzt ihr Fall. Es war alles so schnell gekommen. Was -früher unten war, war jetzt oben, die Verachtetsten waren die -Mächtigsten geworden. So wurde dem Volke damals mehr denn je das -Wechselspiel des Lebens klar. Und da der Druck immer unleidlicher wurde, -so kam es, daß im Lande die alten Lebenswerte entwertet wurden, und die -Sehnsucht nach etwas Neuem, Höherem erwachte. - - - VI - -So war in Andalusien der Boden beackert für die Saat eines neuen -Wissens, das gerade damals in Spanien seinen Einzug hielt. Es war die -Inbrunst des Persers Al Gazzâlî, welche den Samen auswarf. Dieser -wundersame Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus gehörigen -Städtchen Gazzâlah geboren ward, war nach mannigfachem Suchen und -Forschen an allem irre geworden, was seine Zeit ihm bot. Die islamische -Theologie, die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an kalten -Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, ekelte ihn an. -Die Philosophie, die im Geiste die vollkommenste Macht gefunden zu haben -glaubte, befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem Studium -zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror ihm die Seele. Die -Spekulation war ebenso kalt wie die Dogmatik. Dies wird ihm zum -schwersten Kampfe seines Lebens. Tiefe religiöse Erschütterungen machen -ihn an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein -aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, an der er ein -bedeutendes Lehramt innehatte. Er ging, um sich ganz dem beschaulich -einsamen Leben eines Sûfî[1] hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus, -die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte er der Welt seine -neue Lehre. - -Es ist eine tiefe, inbrünstige und leidenschaftliche Religion, die er -vom Menschen verlangt. Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Seele -steht. Sie ist die Macht aller Mächte. Aber diese Macht ist gebunden, -gebunden in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt es, el -mulk und el malkût, die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Zwei -Tore hat die Seele den Welten entsprechend: Das Tor nach außen und das -Tor nach innen. Glaube aber nicht, daß du das Tor nach innen wirst -öffnen können, wenn du den Riegel des Leibes nicht zu sprengen vermagst. -Befreie dich vom Leibe, vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge -schauen, was nie dein äußeres sah. So wird der Aufstieg nach el malkût -gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen den Herrn. Ewig aber wird er -dir verborgen sein, wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein -Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. Ein Kelch ist dein -Herz: Solange der noch voll Wasser ist, hat er für den Wein keinen -Platz. Laß das Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen, -deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der dich hindert, den ewig -Geliebten zu schaun. In der Stunde des Todes springt der Kerker auf, die -Fesseln fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? Erst der -Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du kannst das Erwachen vorwegnehmen. -Läutere dich durch die gute Tat. Sie ist die Brücke, die hinüberführt zu -el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht und Inbrunst, Versenkung und -Kasteiung tragen dich zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern -bedeckt ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst gibst, so -wird er einen Schleier nach dem anderen von dir nehmen, bis du ihm nahe -bist, ihn im klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. Dann -hast du den Frieden. -- - -Es war die Religion seines Lebens, die Gazzâlî lehrte. Es war nur -natürlich, daß sie wirkte wie das Leben. Als das berühmte Buch des -Philosophen über »die Belebung der Religionswissenschaften« nach -Andalusien kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Während die -ernsteren Geister, die unter dem Drucke der almoravidischen Fakîhs -seelisch zugrunde gingen, das Erlösende der Lehre nur zu tief verspürt -haben mögen, entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl das -Buch keineswegs heterodox war, fühlten diese doch, daß der Geist ihnen -im innersten fremd war. So verketzerten sie das Buch und setzten durch, -daß es nicht bloß in Cordova und allen anderen Städten des Reiches -verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars bei Todesstrafe -verboten wurde. - - - VII - -Damals lernte auch Jehuda Halevi die Schriften Gazzâlîs kennen. Das -wurde ihm Ereignis. Was alle damals bewegte, mußte auch ihn bewegen. Ja, -mußte ihn tiefer bewegen als alle, weil er Jude war und doppeltes Leid -trug. Mit dem Eindringen der Almoraviden in Spanien hatte für die Juden -eine schlimme Zeit begonnen. Während ihre Edlen früher an den heiteren -Höfen von Malaga, Sevilla und Cordova hohe Stellungen einnahmen, und das -Volk unter ihrem Schutze ein freies Leben führen durfte, so daß auch in -seiner Mitte Kunst und Wissenschaft blühten, lösten jetzt Verfolgungen, -Erpressungen und fanatische Bekehrungsversuche einander ab. Jehuda -Halevi litt entsetzlich. Der von König Jussuf an den Juden Lucenas -geübte Gewaltstreich (1107), der vielfache Frauenraub berberischer -Horden, die Ermordung seines Freundes Salomo ibn Farusal (1108), warfen -dunkle Schatten in sein Gemüt. Dazu kam sein damals auf den Gipfel -gestiegenes persönliches Elend: Hunger, vielfach erfahrener Undank, das -Bewußtsein, andere minder Befähigte erfolgreich, sich selbst aber immer -»in des Lebens letzter Reihe« zu sehen, all das wirkte zusammen, seine -Lebensanschauung bestimmend zu gestalten. Was war ihm das Leben? -- -Ewige Versagung. Was war ihm die Welt? -- Eitel Schaum. - -So kam er zu Stunden tiefster Verzweiflung, die ihn an sein Leben mit -der letzten Frage herantreten ließen. Ein ergreifendes Zeugnis solcher -Stunden blieb uns in jenem herrlichen Gedicht aufbewahrt, in dem er im -Traume die tröstenden Freunde zu sich kommen sieht. Was soll ihm ihr -Trost? Muß er nicht bei ihnen volle Garben und bei sich die ewig dürren -Halme sehen? - - Ich von allen meinen Lieben - Bin allein in meiner Kammer - Heimgesucht von allem Jammer, - Aller Nöte Kind geblieben. - - Was noch kann die Zeit mir geben? - Such' ich, was ich _nie_ erworben? -- - Ach, ich bin schon längst gestorben, - Und ich hab' kein Recht zu leben! - -Daß der junge Dichter solchen Stimmungen anheimfallen konnte, zeugt von -der tiefen seelischen Not, die ihn oftmals gedrückt haben muß. Diese Not -muß um so tiefer vorgestellt werden, als er von Natur eine glückhelle -Seele war. Der geringste Sonnenstrahl, der in sein Elend fiel, half ihm -über ewige Nächte hinweg. Wie leicht wäre er zufrieden gewesen! Er war -kein Weltfeind, und nichts war ihm fremder als Menschenmäkelei. Gern -hätte er mit der Welt in Frieden gelebt. Aber immer wieder mußte er ihr -Dirnentum erkennen: - - Wenn ein Mann schon mit ihr leben will, - Sie zur Gattin sich erheben will, - Muß er sich mit einer Dirne plagen. - -So kam er schließlich dahin, daß er sich vollständig zu verlieren drohte -und an das Glück nicht einmal zu glauben vermochte, wenn es an seinem -Halse lag. Es kamen frohe Stunden, Stunden der Liebe, der Freundschaft, -der Anerkennung, der materiellen Sicherheit. Da wußte er sie nicht zu -genießen: »Nur wenn es mir schlecht geht, bin ich stark,« so klagt er, -»und zittere, wenn mir das Glück lächelt; denn morgen wird es nicht mehr -sein.« Oft war er nahe daran, seinen Jammer zu vergessen und sich des -Heute zu freuen, das so schön war und so voll Trostes, da traf es ihn -plötzlich wie ein Stich in die Brust: Alles Lüge, alles Lüge! »Die Welt -will mich einlullen, ihr Elend zu vergessen. Fast gelingt es ihr. Aber -ich kenne ihr schlimmes Tun, ich kenne es.« Sein ursprünglich heiteres -Gemüt war verdunkelt. Seine Seele war müde geworden. - -Und doch sollte die Verzweiflung ihn nicht haben. In seiner schlimmsten -Zeit scheint es gewesen zu sein, als ihm die Persönlichkeit Gazzâlîs -entgegentrat und ihm den Rückweg zu sich selber zeigte. Hier war einer, -der all das für verachtenswert erklärte, was ihm selbst, Jehuda Halevi, -versagt war, all das für ewigen Reichtum, was er bei sich trug. Einer, -der die Eitelkeit alles Irdischen, die Hohlheit des Lebens, die -Nichtigkeit des Denkens an sich selber erlebt hatte. Und dem aus dem -Chaos der Triebe, Wünsche, Sehnsuchten, aus den Trümmern, die er, selbst -geschlagen, nur ein einziges Wertvolles sich gesondert hatte, ein -Diamant unter den Scherben seines Lebens: Die Seele. Die Seele, die aus -Gott kam, zu Gott will, in Gott ist. Jehuda Halevi fand sich in Gazzâlî -wieder. Der brachte ihm den Sieg über sich selbst, die Begründung seiner -Religion fürs ganze Leben. Der Einfluß ist unverkennbar. Jene -geheimnisvollen Lieder Jehuda Halevis an die Seele sind ein tiefgehender -Beweis. Es ist dieselbe vibrierende Stimme, die aus ihnen und dem -religiösen Bekenntnis des arabischen Meisters spricht. Das Leben ein -Traum, ein Erwachen der Tod, aber die hingegebene Seele findet den Weg -zu ihm schon vor dem Tode, vermag sich selbst die Pforten aufzubrechen, -den Kelch sich zu füllen aus dem Brunnen der Ewigkeiten. O Seele, du -liegst im Sarge deiner Sinne, du moderst bei Lebzeiten, wenn du die Welt -nicht zu verachten vermagst. Wirf hin, was du hast, so hast du ewigen -Reichtum. Laß hinter dir die Erde, steig empor zu ihm, zu seinem Throne, -siehe, er kommt dir entgegen, sein Geheimstes vermagst du zu schauen: - - Wer kündet uns das Weben, - Das alle Wolken treibt, - Das tief verhüllte Leben, - Das ewig droben bleibt? - Und doch will er sich neigen - Dem Kinde dieser Welt - Und läßt sein Leuchten steigen - Hinab aufs Erdenzelt. - - Und läßt vor Seheraugen - Sein ganzes Bild erstehn; - Sonst mochte nie ihm taugen - Daß Menschen ihn ersehn. - Was nie sich wollt' gestalten, - Sein Bildnis oder Maß, -- - In königlichem Walten - Prophetenauge sah's. - -Das ist echt Gazzâlîsche Inbrunst. Es verkennen, hieße blind sein. -Daraus folgt aber gleichzeitig, daß all diese zahlreichen Lieder aus der -Zeit nach 1108 stammen, in welchem Jahre ungefähr die Werke Gazzâlîs in -Spanien bekannt wurden. Wahrscheinlich sogar wurden sie erst nach 1120 -gedichtet. Die religiöse Reife, die aus ihnen spricht, beweist, daß -unser Dichter die Jahre seines Irrens hinter sich hat, daß er mit sich -selbst im Reinen ist, daß er weiß, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen. -Gazzâlî war Jehuda Halevis Wegführer geworden und blieb es bis an sein -Lebensende. Al Chazârî, das philosophische Werk Halevis, mit dem er sein -Leben beschloß, zeigt denselben Haß gegen die Spekulation, dieselbe -Verachtung plappernder Gottesverehrung, denselben Glauben an die -prophetische Schau des »inneren Auges«, wie Gazzâlî ihn gelehrt hatte. --- - -Aber noch eines war es, was Jehuda Halevi über Wasser hielt: Das war das -naive Selbstbewußtsein, die köstliche Gabe des Genies. Er fühlte sich -als »Siegelring seiner Zeit« berufen, ihr den Stempel aufzudrücken. Zwar -hatte sie ihn fortgeworfen, aber er blieb doch das Siegel. Er war »der -Riese, der sich unter Zwerge beugen muß«, aber doch Riese blieb. Er war -»der Löwe unter den Dichtern«, den es ekelt zu dichten, weil im Weinberg -der Poesie »sich die Füchse breit machen«. - -Und was war ihm sein Dichten? Nicht ein Beruf, aber eine Berufung. Er -dichtete nicht, wie der Schuster schustert. Er glaubte an die Intuition -alles dichterischen Schaffens. Ihm war das Höchste »der Tropfen, der vom -Eimer rann«. Der Schaum über dem Meere. Das Meer der Weisheit krönt sich -mit dem Schaum der Poesie. Es spricht durch den Schaum, und ihm war es -prophetische Sprache. Oft klagt er, »daß er keine Vision erfassen -könne«, ein anderes Mal überwältigen ihn die Verse, »ohne daß der -Gedanke sie rief«. Dann wieder redet er sie an: »Wie seid ihr müde, ihr -Verse, ihr meiner Gedanken Flügel wie so lahm? Zur falschen Stunde seid -ihr immer gekommen, jetzt zur rechten schweiget ihr.« Als er einst mit -den Freunden beim Gastmahle saß, forderten sie ihn auf, zu -improvisieren. Er aber weigerte sich. Da wurden die Freunde immer -fröhlicher, tranken und jauchzten ihm zu, bis er, vom Weine bezwungen, -begeistert aufsprang und zu deklamieren begann: -- ein echt -orientalisches Bild: Hafis in der Schenke. Jehuda Halevi dichtete, wenn -er nicht anders konnte. Die Verse waren ihm unbändige Füllen, die sich -oft »in seinen Zaum nicht schicken wollten«, manchmal aber plötzlich in -seinem Zügel waren und den Taumelnden mit sich rissen. Er war ein echter -Prophet der Dichterwelt. Und als Prophet fühlte er sich. In seinem Werke -Al Chazârî spottet er derer, welche der Dialektik bedürfen, um ins -Innere der Natur zu dringen. Sie sind ihm wie Dichter, die Silben -zählen. »Der Schwachkopf braucht Dialektik, dem von der Natur zur -Gottesschau Begnadeten fällt eines frommen Wortes Funken ins Herz, und -schon steht seine Seele im Licht.« - -Wenn Jehuda Halevi so sprach, sprach er von sich selbst. Dieses -Selbstbewußtsein aber lehrte ihn schätzen, was er hatte, und verachten, -was ihm versagt war. Sein war der bessere Teil: -- - - Und sie fragen: Kannst du leben - Ohne Bruder freudevoll? -- - Ja, ich kann's: aus eigner Seele - Stets mir meine Freude quoll! - -Und ebenso lernte er den Pöbel hassen, den gebildeten Pöbel vor allem, -lernte es, »seine Perlen zu vergraben«, zu sorgen, daß »seines Goldes -kein Ring in den Rüssel eines Schweines komme«. Dieser Haß gegen die -Welt blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hat seiner Zeit nie ganz -vergeben können, was sie an ihm gesündigt hat. Noch in seinen letzten -Tagen klagte er über die Menschen, die gerade die Besten immer leiden -lassen, über die Fürsten, die mit ihrem Golde sein Gottesgnadentum -anzutasten wagten. - -Trotzdem entwand er sich von Jahr zu Jahr mehr der Verbitterung, die -seine jungen Tage vergällt hatte. Seine frohe Religiosität blieb -Siegerin. Er hörte auf, zu hoffen auf das, was die Menschen Glück -nannten, und nichts blieb als der triumphierende Stolz des Dichters auf -sein gnadenreiches Leben. Was waren alle Schätze der Erde neben seinem -Reichtum, alle Pfeile des Neides und Hasses gegenüber seiner göttlich -gefeiten Brust: - - Sprechet nur zur Welt, zur schlimmen: - Mag sie tun, was ihr gefällt, - Härter doch als ihre Dornen, - Stärker ist mein starkes Herz. - Darf ich ihre Weine kosten, - Will ich auch die Hefen nippen, - Besseres verlang' ich nicht; - Denn erprobt ist meine Seele: - Alle gift'gen Bitternisse - Werden. Honig meinen Lippen. - -Das ist der ganze Jehuda Halevi. Was konnten Hunger, Verkennung, Neid, -Haß, Erniedrigung ihm anhaben? - - Immer an der Morgenröte - Laß ich meine Wimper hängen: - Seelen, die sich selbst erheben, - Seelen, die in Hoffnung leben, - Gott wird ihre Tore sprengen! -- - -So endete sein Selbstbewußtsein dennoch wieder dort, wo seine Demut -endete: -- In Gott. - - - VIII - -Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der Irrfahrten war -vorüber. Die Kämpfe freilich noch nicht. Noch manchen Sturm mußte seine -Seele ertragen. Um das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er -zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben scheint. Hier wird es -wohl auch gewesen sein, daß er jene Frau heiratete, von der wir nichts -wissen, als daß sie ihm eine einzige Tochter schenkte und daß sie vor -ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier schloß er auch die -Freundschaft mit dem erheblich jüngeren Abul Hasan Meîr ibn Kammiâl, der --- wahrscheinlich 1121 -- an den Hof des Almoraviden Alî als Leibarzt -berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell unterstützt zu haben. -Die Freundschaft zu ihm aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt -gewährt. Er fühlte sich nämlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er -scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um für seine religiöse -Ueberzeugung, die ja dem Judentum seiner Zeit ebenso fremd war wie -Gazzâlîs Lehre der islamischen Theologie, Anhänger zu gewinnen. Es -gelang ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe und Innigkeit -seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten weiter ihre Gebete an der -Wand stehend »wie die Ochsen an der Krippe«. Man nahm ihm sogar übel, -daß er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und sprach ihm die -Berechtigung ab, mitzureden, indem man ihn auf seine materielle Notlage -hinwies. Was unterstand der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den -Palästen Sevillas zu meistern? -- So entlud sich sein ganzer Zorn über -das dickfellige Protzentum dieser Menschen, die nur »den Baum mit den -Aepfeln aus Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten«. Damals -gewährte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten Kamniâl eine große -Beruhigung. Es war eine innige Freundschaft, welche die beiden verband, -in der allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich älter als Ibn -Kamniâl, wie immer der beherrschte Teil war. - -Viel mehr können wir aus den Tagen von Sevilla freilich nicht erzählen. -Auch dauerten sie nicht allzulange. Wir schätzen die Zeit seines -dortigen Aufenthalts auf ungefähr fünf Jahre. Danach weist uns eine -verwischte Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er den Tod -des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) erlebt zu haben scheint. -Dann finden wir den bereits grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch -dort hielt er es nicht aus, sondern verließ schließlich Andalusien ganz -und zog nach dem Norden in die Heimat zurück, von der er ausgezogen: -Toledo. - - - IX - -Was ihn zu diesem Schritte veranlaßte, ist zweifelhaft. Möglich, daß ihn -der 1126 erfolgte Regierungsantritt des Königs Alfonso VII. Raimundez -von Kastilien dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen. -Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit einem hohen -Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien für die Juden geradezu -ein Asyl. Die Zeit, in der Jehuda Halevi nach Toledo kam, würde nach -dieser Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen übrigen -Lebensverhältnissen in Einklang stehen würde. Jehuda Halevi ließ sich in -Toledo als Arzt nieder und entfaltete bald eine große Tätigkeit. Zu groß -für ihn. Er fühlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines Berufes. -Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens und Könnens, klagte über -die Wertlosigkeit seiner Kunst und über die Dummheit der Leute, die zu -jeder möglichen und unmöglichen Stunde zu ihm gelaufen kamen, um Heilung -zu verlangen, und brutal wurden, wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem -war er ein besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natürliche -Behandlung, die er anwandte, indem er das Hauptgewicht auf die Hygiene, -auf Luft und Licht, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und -Wachen legte, verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die -angestrengte Tätigkeit auch lästig war, so hat sie ihm doch aller -Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was ihm immer gefehlt hatte, die -materielle Sorglosigkeit. Als er einige Jahre später nach dem Süden -zurückkehrt, ist er ein unabhängiger Mann. - - - X - -Um 1135 wird es gewesen sein, daß Jehuda Halevi über die Brücke von -Cordova schritt, um nie wieder diese Stadt zu verlassen bis zu dem -Augenblicke, wo er seine Wallfahrt nach Palästina antrat. - -Cordova! Dieser Name bedeutet die letzte und reichste Epoche im Leben -Jehuda Halevis. Eine glückliche Epoche. Wohl war er äußerlich ein -alternder Mann geworden, als er seinen Einzug in die herrliche Stadt -Andalusiens hielt. Aber er selber wollte es nicht wahr haben. Denn er -fühlte sich jung wie am ersten Tag. Die schwarze Locke war ergraut, aber -darunter blühten frische, jugendliche Züge, und es war seine Eitelkeit, -auf den anmutigen Gegensatz zwischen dem weißen Haar und den braunen vom -Barte umrahmten Wangen hinzuweisen. Die Unstetheit seines Lebens hatte -ihn nicht beugen können. Spät war die Ruhe gekommen, aber nun war sie da -und trug herrliche Blüten und Früchte. - -Cordova! Hier lernte er kennen, was Ruhm heißt. »Ganz Israel bekennt -sich zu dir,« rief ein Freund ihm zu. Und selbst konnte er von sich -sprechen: »Jehuda Sohn Samuels! Enkel Samuels! Sein Zelt ist bekannt von -den Enden Edoms bis zum Flachlande, von Kastilien bis Andalusien.« Man -hörte auf ihn. Es sammelten sich Schüler um ihn, die er »als seines -Gartens Blumen« liebte und pflegte, und die mit Andacht am Munde des -Meisters hingen, der ihnen seine Religion predigte und den Glauben -seines Lebens. - -Von vielen umworben, gewährte er doch nur wenigen das Glück seiner -Freundschaft. 1138 wurde Joseph ibn Zadîk Dajan[2] von Cordova. Er war -es, der unserem Dichter am nächsten stand, in seinem Hause weilte er am -liebsten, ihm Ehrenlieder weihend, die auf den Gastereien Ibn Zadîks -vorgetragen wurden. Aber auch ein spätes Familienglück erblühte ihm -noch. Er konnte seine Tochter verheiraten und wiegte noch ein -Enkelsöhnlein auf den Knien, das denselben Namen trug wie er. - -Im Scheine dieses abendlichen Glückes setzte sich Jehuda Halevi noch -einmal nieder, um in einem umfangreichen Werke die letzten Schlüsse -seines Lebens zu ziehen. Das ist die philosophische Schrift Al Chazârî, -»das Buch des Argumentes und Beweises zur Verteidigung des verachteten -Glaubens«. Als er im Jahre 1140 dieses Werk begann, da sollte es eine -Streitschrift werden, eine Streitschrift gegen die Feinde von außen und -die Feinde von innen. Seine weithin hallende Stimme sollte vom Ruhme -Israels zeugen. Als er es beschloß, war es viel mehr geworden: Das -persönlichste Bekenntnis seines Lebens. Und schreibend war er selbst ein -anderer geworden. - -Al Chazârî ist ein philosophisches Werk, geschrieben von einem Verächter -der Philosophie, das sagt alles. Ein Werk des Verstandes, in -Leidenschaft begonnen und vollendet, ein Werk des Beweises, dessen -Argumente allein in seinem Pathos liegen. Dem kritischen Geiste hält es -nicht stand, aber dennoch ist es stärker als er; um so viel stärker, wie -Jeremia stärker ist als Aristoteles. Al Chazârî ist das Werk eines -Dichters. Schon die Form ist eine dichterische: Der Dialog. Der König -der Chazaren ringt um die Wahrheit. Eine Stimme war im Traume über ihn -gekommen: »Dein Wille gefällt mir, doch nicht die Tat!« Da geht er, die -Tat zu suchen. Aber er findet sie nicht. Der Philosoph, der Christ, der -Muslim lassen ihn im Dunkel. Schließlich kommt er zum Juden, den er -verachtet. Der lehrt ihn die Tat. Lehrt ihn die realste aller -Religionen, das unmittelbarste Wissen von Gott: Offenbarung. Offenbarung -ist das A und das O dieses Werkes. Und seine verschwiegene Predigt ist, -daß Offenbarung gesucht und erkämpft werden muß und -- kann. Wohl hat -die arme Zeit nichts als Ueberlieferung, die Tradition von Mund zu Mund, -die ihr die Wahrheit aller göttlichen Offenbarungen verbürgt. Aber diese -Ueberlieferung ist selbst Offenbarung, weil es die Ueberlieferung der -Adelsmenschen dieser Welt ist, die Ueberlieferung derer, die am Fuß der -Himmelsleiter stehen. Es ist das Kleinod Gottes, Israel, das die -Gottesschau der Sechsmalhunderttausend kündet. Wer redet da? Wer wagt es -zu zweifeln? Weh dem, der die Kette zerreißt, die uns mit den -Jahrtausenden rückwärts verknüpft! -- - -Werden wir noch einmal Gott schauen? Ist es möglich, zu ihm zu dringen? -Wer trägt uns zu seinem Throne? -- Der denkende Geist? Nimmermehr. -Tausendmal heiler als das Auge der Spekulation ist das Auge der -Prophetie. Wer beweisen will, geht in die Irre. -- Die Selbstkasteiung? -Allein wird sie uns niemals Gott näher bringen. Eines muß hinzukommen: -Die gute Tat. Sie ist die Kraft, die uns helfen wird. Nur durch Gottes -Wort kommt man zu Gott. Sein Gebot ist die Brücke, die zu ihm führt. -- --- - - - XI - -Das Werk Jehuda Halevis näherte sich seinem Ende. Der Dichter fühlte, -daß er seine Seele ausgeblutet hatte in dieses Werk. Es war die Predigt -seines Lebens, die er der Mitwelt bot. Der Adelsmantel, den er Israel -umhängt, trägt das Wappen seines eigenen Adels, des eigenen Wertes -Bewußtsein ließ ihn das Kleinodentum Jakobs künden. Und das Gefühl des -eigenen Prophetentums war es, was ihn als höchste Stufe die Stufe der -Prophetie predigen ließ. Er wußte, was Offenbarung war. So konnte er von -Offenbarung sprechen und sprach vom eigenen Leben. Und doch, obgleich er -sich so für einen von Gott mit der tiefsten Schau Begnadigten hielt, -doch wuchs sein Werk über ihn hinaus. Er hatte seinem Geschlecht den Weg -zu Gott zeigen wollen. Am Ende fühlte er, wie fern er selbst noch von -ihm war, wie unvollkommen sein Tun. Ein kleines Geschlecht war es, dem -seine Rede gegolten hatte, aber er selbst war dieses Geschlechtes Knecht -gewesen ein Leben lang. Um ihre Gnade hatte er geworben, ihr Lob war ihm -Lebensbedürfnis gewesen, wie süß war der sauer erkämpfte Ruhm. So -erwuchs ihm die erschütternde Gewißheit, daß seine Lehre mit seinem -Leben nicht stimmte. Und die Unruhe, die sein ganzes Leben erfüllt -hatte, kam wieder über ihn. Ein Suchen entzündete sich in seiner Seele. -Eine Zeit schwerer Kämpfe folgte, aus denen heraus sich ein Entschluß -läuterte, der alle seine Freunde in Schrecken setzte und sie fast an -seinem Verstande zweifeln ließ: Jehuda Halevi wollte Spanien für immer -verlassen und nach Palästina wandern. Er wollte sterben für seine Welt, -sterben für seine Familie, sterben für seine Freunde, um das wahre Leben -zu gewinnen. Der Gedanke, daß nur die vollkommene Tat zu Gott führe, -brannte ihm die Seele. Er mußte dorthin, wo allein die Taten vollkommen -werden konnten, ins heilige Land der Väter. Dort allein war die letzte -Erfüllung des göttlichen Wortes möglich. Dort war das Tor, »das von der -Erde in den Himmel führt«, dort die Jakobsleiter zur höchsten Schar. -Dort würde er Gott schauen Auge in Auge, dessen war er sicher. - -Vergebens waren die Warnungen der Freunde, die eine schwere Enttäuschung -für den Dichter voraussahen. Oft gelang es ihnen fast, ihn wankend zu -machen. Es kamen Augenblicke der Angst und des Zweifels für ihn. Immer -aber gewann der eine süße Gedanke in ihm die Uebermacht: »Zion, Zion, du -Krone der Zeit!« Lächelnd sah er das Ziel vor Augen. Es war ihm -unentrinnbare Selbstverständlichkeit geworden. - -Der Entschluß war gefaßt. Der Tag der Abreise kam. Da sammelten sich die -wenigen Freunde in Cordova zum letzten Male. Es bildete sich eine kleine -Gefolgschaft um ihn, die bereit war, mit ihm zu ziehen. Josef ibn Zadîk -sandte ihm eine reiche Abschiedsgabe, die er mit folgenden, die Größe -und den Charakter Jehuda Halevis tief kennzeichnenden Worten begleitete: - - Armut schließt uns unsre Rechte; - Darum, was die Seele möchte, - Reicht sie leider dir nicht dar: - Wie belohnen wir dein Künden, - Juda, der uns armen Blinden - Ein so großer Künder war? - - Liedesvater, sag' mir, zeugte - Dich der Dichterkönig? Säugte - Selig einst Deborah dich? - Seelen jagst du, nicht mit Schlingen, - Nein, in deiner Liebe fingen - All die frohen Herzen sich. - - Deine Lippen sind so süße, - Deine Reden Heldengrüße, - Klar dein Wort und mannazart; - Löwe und Gazelle scheinen - Herrlich sich in dir zu einen: - Kraft und Schwäche hold gepaart. - -Dankerfüllt sang Jehuda Halevi noch einmal den Ruhm des Freundes. Dann -umarmte er zum letzten Male die geliebten Schüler, die Tochter, den -kleinen Jehuda, um sich plötzlich loszureißen und die Tore Cordovas -durchschreitend dem Süden zuzueilen, wo das Schiff ihn erwartete, das -ihn zu den Bergen der Heimat tragen sollte. Schon zu lange hatte er -gezaudert. Deshalb konnte es ihm jetzt nicht schnell genug gehen. Wohl -wußte er, daß in Granada ihn Freunde erwarteten, die ihn das letzte Mal -sehen wollten. Aber die Angst, aufgehalten zu werden, veranlaßte ihn, -die schöne Granatenstadt gar nicht zu berühren. - - Es steht der Libanon vor mir, - Da darf ich nicht »Granaten« pflücken: - So will es meiner Sünden Zahl, - Die Frevel so, die allzumal - Auf meine Seele drücken. - - - XII - -So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. Oft hatte er an seinem -Strande gesessen und mit den Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht, -die kamen und gingen wie ein unterwürfiges Heer, die Hand des Königs zu -küssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. Zagend betrat er -die Planke des Schiffes und sah sich bald von brutalem Schiffsvolk -umgeben, das prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer -schätzt. - -Die Reise war zunächst von günstigen Winden begleitet. Dann aber kamen -stürmische Tage, an denen der Dichter unter der Seekrankheit litt. -Gleichzeitig verfolgte ihn die Angst vor Piraten, und auch die -Schiffsleute flößten ihm Mißtrauen ein. Trotz alledem aber brachten ihm -die Tage auf dem Meere Augenblicke der höchsten dichterischen -Offenbarungen. Ob der Sturm ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der -Mitternacht in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit -geöffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten zu trinken. Er hat -die Natur des Weltmeeres ausgeschöpft, wie sie sich nur ausschöpfen -läßt. Die Woge sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und -konnte nur eines sein: -- Gott. - -Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach -- es war im September des -Jahres 1141 -- eines Tages ein stürmischer Ostwind los, der das Schiff -nicht vorwärts ließ, vielmehr es zwang, rückwärts segelnd im Hafen -Alexandrias vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfaßte Jehuda Halevi. -Aber es half ihm nichts, er mußte an Land. Doch nahm er sich vor, sobald -als die Stürme nachließen, wieder in See zu gehen. - -Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias die Kunde verbreitet, -daß der gefeierte Dichter des Abendlandes in der Stadt sei, als sie -herbeiströmten, ihn zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu -überhäufen. Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi Aaron ben -Zion ibn Alamânî, zog ihn in seinen Palast. Dieser Palast allein schon -wirkte auf den überraschten Dichter überwältigend. Da ging man über -goldbedeckte Quadern, stieg in die Gärten hinab und wandelte zwischen -blühenden Narden und Cyprusblumen an duftenden Springbrunnen vorüber zu -den Myrtenlauben, in deren Zweigen die Nachtigallen sangen, während -gurrende Tauben die Wege bedeckten. Alamânî veranstaltete für den -Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm die Edelsten -Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, trinkend und singend und -ihm selbst zum Singen begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel -Liebe hatte er sich nicht träumen lassen. Er konnte nicht anders: er -mußte diese Stunde genießen und blieb. So hatte ihn das Erdentum wieder -umfangen, da er sich ihm längst enthoben wähnte. Ein später -Liebesfrühling wird dem fast Sechzigjährigen beschert. Mit -anakreontischer Freude singt er von reizenden Abenteuern unter den -Fenstern der Schönen. - -Dann aber kommt wieder die Wirrnis über ihn, und die Sehnsucht nach Zion -erwacht von neuem. Die Sabbathe verhüllen ihm ihre Weihe, er kann nicht -wahrhaft froh werden, er fühlt, daß er sich selber untreu geworden ist. -So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. Eines Tages trifft aus -Damiette ein Bote des Abû Sa'îd Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief -von dem Fürsten der ägyptischen Juden, dem Nagid Abû Mansûr Samuel ibn -Chananjah, überbringt. Jehuda Halevi wird eingeladen, nach Kairo zu -kommen, um sich im Palaste des Fürsten seiner Gastfreundschaft zu -erfreuen. Sofort sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in -Damiette für später an. Er hofft, der Fürst wird ihm helfen, bald zum -Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem er in Alexandria noch einige -Einkäufe erledigt hat, fährt er nach Kairo. Der Eindruck, den der -glänzende Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch größer als der, den -er in Alexandria gehabt hat, und übertrifft alle seine Erwartungen. Wenn -er den Fürsten in seiner Staatskarosse unter den Klängen rauschender -Musik und von Soldaten begleitet ausfahren sieht, muß er an Josef in -Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er in Spanien nie -gesehen. Samuel spielte in der Tat am Hofe des fatimidischen Sultans Al -Hafis eine bedeutsame Rolle und konnte dadurch seinen jüdischen Brüdern -eine starke Stütze sein. - -Er empfängt unseren Dichter mit den höchsten Ehren, und als Jehuda -seinen Palast betritt, fühlt er, daß er in ein Haus der Liebe und Freude -getreten ist. Hier wird das ruhebedürftige Herz zur Ruhe kommen. Ein -Fest folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten ihn -entschädigen will für die vielen Jahre der Entbehrung und Verkennung. -Aber wieder kommen die Gedanken an das letzte Ziel und trüben die -Freude. Wieder ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige -Tage vor dem Chanukafest verläßt er plötzlich Kairo, um nach der -Hafenstadt Damiette zu fahren, von wo aus er mit Hilfe des bereits -genannten Abû Sa'îd Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft. -In Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften des Monats -Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen Natur Aegyptens -ergriffen, die dem Dichter ihre ganze Blütenpracht enthüllt. Noch einmal -tritt die Jugend vor seine Augen, alte Träume steigen empor, Träume der -Liebe und Freundschaft. Abû Sa'îd versucht ihn zurückzuhalten, wie es -jeder in Aegypten versucht hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von -dem Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schön war und doch -mit Enttäuschung enden mußte. Schließlich aber muß der Freund doch -nachgeben, und am Tage nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan -Jehuda Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: stromaufwärts -oder stromabwärts? Wir wissen es nicht. Mit diesem Tage schließt für uns -das Leben Jehuda Halevis. Schließt mit einer Frage: Hat er das Ziel -seiner Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzählt, im Tore -Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen zerstampft -worden? Oder hat man ihn irgendwo im ägyptischen Sande verscharrt? -- - -Wir wissen nichts von seinem Ende. Wissen nur, daß er mitten im Jubel -der ägyptischen Tage vom Tode redete, vom Grabe, das vor ihm liege, und -vom Greisentum, das nun nicht mehr zu verheimlichen sei. Und wenn es -wahr ist, daß Todesahnen des Sterbens Anfang ist, so trug er den Keim -des Todes schon damals in sich, da er mit zitternder Hand dem Fürsten -Samuel die flehenden, von geheimer Angst erfüllten Worte schrieb, mit -denen wir sein Leben beschließen wollen: - - Wollt ihr Liebes mir vergelten, - Sendet meinem Herrn mich zu: - Eh' ich unter seinem Zelte - Glücklich nicht das meine stellte, - Find' ich keine Ruh'. - - Haltet mich nicht auf zu eilen, - Da mich schon die Angst erfaßt: - Unter seinem Flügel weilen - Und der Väter Ruhe teilen - Bleibt doch meine einz'ge Rast. - - - XIII - -Es bleibt noch übrig, ein kurzes Wort über die Dichtungen Jehuda Halevis -zu sagen. Wer sie genießen will, muß es lernen, sich auf die kurze Zeit -seines Genießens aller abendländischen Traditionen zu entschlagen. -Dieser Dichter ist ein Orientale. Der Orientale dichtet nicht wie der -Abendländer. Er weiß nicht, was das heißt: Kunstwerk. Er fängt an zu -singen, sorglos, wie er enden wird. Die orientalische Dichtung hat etwas -Sprudelndes, geheimnisvoll Bewegliches. Hier fehlt alle Konzeption und -Komposition. Nirgends spürt man die bauende Hand, nirgends die Energie -zügelhaltenden Künstlertums. Das singt und musiziert wie die Vögel im -Walde, endlos jubilierend. Daher die erstaunliche Fruchtbarkeit dieser -Poeten aus dem Lande der Morgensonne. Ihre Lieder zählen immer nach -Tausenden. - -Es ist der tiefe Unterschied zwischen Morgen- und Abendland, der sich -hier kundtut. Der Abendländer ist induktiver, der Morgenländer -intuitiver veranlagt. Dieser schaut, jener sinnt. Hier Prophet, dort -Denker. Der Orientale hängt am Einzelnen, springt über zum Anderen, -flüchtet zum Dritten, eines aber bleibt ihm ewig verhüllt: Das Ganze. -Die Dinge sind beieinander, nicht ineinander. Das ist kein Vorteil, aber -auch nicht immer ein Nachteil. Wo es so liegt, wird die Historie zwar -leicht anekdotisch, die Dichtung geistreich. Aber es bleibt dafür alles -ursprünglich, nichts erstarrt in der Form, nichts erfriert in der -Methode. - -Man kann den orientalischen Geist am besten an der Sprache studieren. Im -Semitischen wird koordiniert, nicht subordiniert. Es gibt kaum eine -Syntax. Die feinen Nüancen unserer Rede sind unmöglich, oder besser -gesagt: sie sind teils verborgener, teils umständlicher als bei uns. -Woraus die unendliche Schwierigkeit für den Uebersetzer entspringt. Der -Uebersetzer muß in den Geist der semitischen Sprachen soweit -eingedrungen sein, daß er die verborgenen Nüancen des Beieinander zu -spüren vermag. Denn seine Aufgabe ist es, das Koordinierte zu -subordinieren, ohne die zartesten Töne zu verwischen. Ist dies gelungen, -so wird der Okzidentale den Orientalen begreifen. -- - -Jehuda Halevi ist ein Kind zweier Kulturen, der arabisch-andalusischen -und der jüdischen. Obgleich all seine Dichtungen in klassischem -Hebräisch geschrieben sind, ist er doch in seinen profanen Gesängen der -echte arabische Rhapsode. So sehr, daß er als Repräsentant der -arabischen Dichtung gelten kann: Dieselbe Glut der Farben, derselbe -Strom wechselnder Bilder, dieselbe Ungebundenheit der Sprache, dieselbe -Gewagtheit sinnlichen Schauens und dieselbe Grazie hinfließender, ewig -wandelbarer Stimmungen. Man spürt das Pathos und die Deklamation. Die -Lieder der Liebe und die Episteln der Freundschaft sind es vor allem, -die Form und Inhalt nach bei Jehuda Halevi echt arabisch sind. Das -Kommen und Gehen im Traume, das geheime Wandeln der Seele auf den Pfaden -der Liebe, das Suchen nach den verwehten Spuren auf der Freundschaft -Trümmern, die Klage um Scheiden und Meiden, die in tausend Tränen -zerrinnt, der Ueberschwang der Sehnsucht, die Uebertreibung des Lobes, -alles so leicht, so bunt, so redselig ausfließend bis auf den letzten -Tropfen, so echt -- arabisch. - -Am größten aber ist Jehuda Halevi zweifellos in seiner religiösen -Dichtung. Dort treffen sich die beiden Welten in ihm. Die Ungebundenheit -des Arabers findet hier einen Zügel: Den jüdischen Geist. Dieser Geist, -obgleich ebenfalls orientalisch, hat es doch zu einer Aesthetik -gebracht. Palästina war der einzige Punkt im Morgenlande, wo echtes -Künstlertum wuchs: ein Künstlertum des Lebens. Die Harmonie des -Einheitsgedankens im All, die Akkorde der Völker in der Weltgeschichte, -die Zentralität Israels, des Kleinods, das waren mächtig ordnende und -bauende Gedanken. Und vor allem: Für Jehuda Halevi war es lebendiges -Leben. Darum offenbart sich nirgends so wie in seiner religiösen Poesie -sein Künstlertum. Hier ist er auch der Moderne am verwandtesten: -Ueberall geschlossene Reihen, abgetönte Stimmungen, harmonische -Steigerungen und Lösungen. Die Poesie der Andeutung, die ohne höchste -Einheit des künstlerischen Bewußtseins nicht zu erreichen ist, finden -wir hier in wunderbar zarter Vollendung. Die geheimsten Wirkungen -moderner Stimmungen werden hier ausgelöst. Bedenken wir, daß der Dichter -dem Zeitalter der deutschen Minnesänger angehört, so müssen wir geradezu -erstaunen über die Differenziertheit seiner Empfindungen. Sie wird -verständlich, wenn wir erwägen, daß er in seinem Lande das Kind einer -blühenden Hochkultur gewesen ist. - -So bewundern und verehren wir in ihm zweierlei zu gleicher Zeit: Die -ursprünglichste Natur einer verschwendenden Dichterseele und die höchste -Geisteszucht eines zwei Kulturen in sich vereinenden Genies. Damit hat -die Dichtergröße Jehuda Halevis ihren Namen erhalten. - -Nun aber möge er selbst zu euch sprechen, in all seiner Schwere und all -seiner Grazie. Vielleicht daß er Seelen findet, die mit seiner Seele -klingen. Dem, der ihn übersetzt hat, ist er Offenbarung geworden. Wer -ihn aber immer lesen mag, er stehe still vor ihm. Hier ist heiliger -Boden: Ecce poeta. - -[1] Eine Art von Derwischen, die ein Leben in Kontemplation führen. - -[2] Dajan ist der jüdische Gemeinderichter. - - - - - QUELLENNACHWEIS - - -Nach zwölfjähriger, immer wieder neu aufgenommener Arbeit läßt der -Uebersetzer diesen Diwan erscheinen. Die hier gebotenen Uebertragungen -sind ursprünglich mehr oder weniger freie Nachdichtungen gewesen. Erst -allmählich erwachte in dem Uebersetzer aus dem Interesse, sich von dem -mittelalterlichen Sänger Anregungen zu seinem eigenen Schaffen geben zu -lassen, das Interesse, diesem Sänger selbst zum Rechte zu verhelfen. -Dieses Interesse stieg mit der wachsenden Erkenntnis, daß alles bisher -an Uebersetzungen Gebotene ohne Ausnahme ungenügend war. Von den -Schwierigkeiten, die freilich solcher Uebersetzung von Versen aus einer -semitischen in eine indogermanische Sprache entgegenstehen, war bereits -am Ende der biographischen Darstellung die Rede. Es bleibt der -Oeffentlichkeit überlassen zu beurteilen, wieweit diesmal das -Erforderliche geleistet worden ist. - -Neben der Uebersetzung hat der Uebersetzer sich vor allem die -sorgfältige Auswahl der Gedichte angelegen sein lassen. Sein Bestreben -war, den Dichter in seinem ganzen Können zu zeigen, aber alle -Wiederholung des nach der Sitte orientalischer Barden sich nur zu oft -Wiederholenden möglichst zu vermeiden. Die Auswahl, die wir bieten, -zeigt in Wirklichkeit den ganzen Dichter. - -Das Nachwort macht zum ersten Male den Versuch, das uns fast gänzlich -unbekannte Leben Jehuda Halevis aus seinen Gedichten neu zu -konstruieren. Die Art der Veröffentlichung verbot dabei, den ganzen -wissenschaftlichen Apparat mit erscheinen zu lassen. Hier am Schluss nur -soll der Quellennachweis folgen: Die hauptsächlich von uns benutzte -Ausgabe ist die von Dr. H. Brody, Divân des Abû-l-Hasan Jehuda ha-Levi, -Berlin 1894, 1896-97, 1903 in zwei Bänden mit Anmerkungen und Kommentar. -Leider ist diese klassische Ausgabe noch immer nicht vollständig -erschienen. Wir mußten deshalb ergänzend noch folgende ältere Ausgaben -heranziehen: 1. Diwân des Rabbi Jehuda ha-Levi, herausgegeben von S. D. -Luzatto, Lyck 1864, eine ausgezeichnete, aber nur 86 Stücke lediglich -religiösen Inhalts umfassende Ausgabe. 2. Rabbi Jehuda ha-Levi von -Abraham Elia Harkavy, Warschau 1893, eine ganz unselbständige und -textlich unzureichende Arbeit. - -Wir zitieren nach den Herausgebern. - - -1. _Gott_: Du Quell des wahren Lebens ... liqrath m.qor chajê emeth -arûçâ: Brody II, S. 296, Nr. 75 (in die 2. pers. sing. übertragen). - -Wenn die Sterne sich entzünden ... j'îrûn kokhbhê nishpi: Luzatto Nr. -37, S. 15 a. - -Du Seele willst ins Vaterhaus ... nêfesh l.bêth âw thikhs.fâ gam -kâl.thâ: Brody II, S. 306, Nr. 89 (in die 2. pers. sing. übertragen). - -Mein Leib und Leben ... jiçrî wîçûrâj: Luzatto Nr. 71, S. 29 a. - -Um sein Antlitz alle Frommen flehen ... jchallu pnê êl chaj chasîdâw -w.jishalu: Luzatto Nr. 24, S. 11 a. - -Gottes Hand wird dich beschatten ... çêl j.dê êl j.hî lokh machase: -Luzatto Nr. 35, S. 14 b. - -Zu dir steht all mein Sehnen ... 'adonaj negd.kha kol ta'awâthi: Luzatto -Nr. 52, S. 18 b. - -Hin nach meines Lebens Quelle ... ligrath m.qôr chajaj 'etên m.ghamâthî: -Luzatto Nr. 56, S. 21 a. - -Wenn du allein des Herren harrst ... 'im l'elohâjikh l.bhad tochîlî: -Brody II, S. 248, Nr. 27. - -Halt, o Herz! Wer darf sich wagen ... libî 'amôd kî mî b.sôd: Brody II, -S. 218, Nr. 8. - -Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte ... 'abhdê z.mân 'abhdê -'abhâdim hêm: Brody II, S. 300, Nr. 83. - -Tag und Nacht will ich den Herren loben ... jômâm wâlailâ hallêl -la'adônay: Luzatto Nr. 34, S. 14 b. - -Jugend ist wie leichte Flocken ... j.shênâth b.chêq jaldûth l.mâtay -tishkh.bhî: Luzatto Nr. 42, S. 16 a. - -Mein Gott, ich will dich ehren ... joh shimkhâ: Luzatto Nr. 65, S. 24 a. - -Bevor du mich geschaffen ... j.dâ'tânî b.terem tiçrênî: Luzatto Nr. 30, -S. 13 a. - -Ruhig, ruhig, liebe Seele ... shûbhî j.chîdâ el m.nûchêkh: Brody II, S. -217, Nr. 5. - - -2. _Israel_: Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft ... b.khol m.ôdî: -Brody II, S. 221, Nr. 10. - -Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter ... shemesh w.jarêach l'olâm -shêr.thû: Brody II, S. 307, Nr. 90. - -Sei stark und harre deiner Zeit ... je'emaç l.bhabhêkh umô'adekh -jachali: Luzatto Nr. 27, S. 12 a. - -Seit du das Heim der Liebe bist ... mê'âz m'ôn ha'âhabha hajîtha: -Luzatto Nr. 58, S. 21 b. - -Entfessle deine rechte Hand ... j.mîn 'uzzkhâ êl w.jad ezrêkhâ: Luzatto -Nr. 17, S. 7 b. - -In deinem Licht schläft aller Glanz ... jachad b.'orkhâ êl nâ'ôr nir'ê -'ôr: Luzatto Nr. 700, S. 28 b (mit Auslassung der letzten Strophe). - -In deinem Haus zu ruhen ... jâfê w.tobh le'chôz b.bhêthâkh machanê: -Luzatto Nr. 31, S. 13 a. - -Fauler, wirst du nicht erröten ... 'âçêl halô thebhôsh w.thikâlêm: Brody -II, S. 272, Nr. 50. - -Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort ... 'ôthôthênû hithmahmâhû: -Luzatto Nr. 80, S. 36 b. - - -3. _Liebe_: Ofra wäscht ihre Kleider ... Ofra th.khabês 'et b.gâdêhâ: -Brody II, S. 12, Nr. 7. - -Ich wiegt auf dem Schoße ... jôm shishatihû 'alê bhirkhâj: Brody II, S. -16, Nr. 13. - -Was drängt ihr mich also ... shô'alîm biglâlî mâ tish'alû: Brody II, S. -24, Nr. 22, Vers 11-18. - - -_Abschiedsverse_: mâ lokh çbhija timn.î çirâjikh: Brody II, S. 7 ff. - -V. 5-8, 10-11, 13-16, 17-20, 21-24, 25-28, 29-32, 33-34, 49-52, 61-62, -63-64, 67-68 und 57-58. - -Wach doch auf aus deiner Ruh' ... ûrâ j.dîdî mitnûmâthêkha: Brody II, S. -20, Nr. 19. - -Wie die Sonne über Sphären schreitet ... hinnê kashemesh galgal -dôrêkheth: Brody II, S. 45, Nr. 45 (in die 2. pers. sing. übertragen). - - -_Zum Ruhme der Braut_: Jônâ âl 'afîqê mâjim: Brody II, S. 53, Nr. 53. - -V. 3-6, 7-10, 23-26, 27-30, 35-38. - -Zeigte Liebchen mir die Wangen ... lêl gill.thâ êlâj çbhijâ na'arâ: -Brody II, S. 20, Nr. 18. - -Liebe Sänger, singt den Trauten ... j.fê qôl qadd.mû khinnôr l. jâfôth: -Brody I, S. 99, Nr. 70, Vers 1-38: Einleitung zu einer poetischen -Epistel an R. Aaaron ben Zion Al-amâni (ca. 1141). - -Was geht noch auf die Sonne ... mâ ta'alê shemesh umâ tofî'a: Brody II, -S. 19, Nr. 16. - -Mög' des Paares holder Bund ... ubâm jisraêl jithbârakh: Brody II, S. -44, Nr. 43, Vers 17-19. - - -4. _Freundschaft_: Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz ... l'at -lî: Brody I, S. 11, Nr. 9. - -Sehnt sich deine Seele noch ... ha 'ôd l. jaldûth: Brody I, S. 129, Nr. -89. Einleitung der Epistel an Abul Hasan b. Moril. - -Viele schon in meinem Herzen schufen ... b. libbî sôd: Brody I, S. 3, -Nr. 3. - -Abschied: j.dâ'nûkhâ n.dôd: Brody I, S. 154, Nr. 101. - -Ist's der Myrrhe zartes Düften ... ha rê'ach môr: Brody I, S. 58, Nr. -43, Vers 1-8. Einleitung einer Epistel an Mose b. Esra. - -Dieser Schlummer möge währen ... 'ashraj: Brody I, S. 157, Nr. 117. - -Trank die Erde wie ein Kindlein ... 'ereç k. jaldâ: Brody I, S. 82, Nr. -60, Vers 1-38. Einleitung eines Preisgedichtes auf R. Isak Hajathôm. - - -5. _Leben, Leiden, Dichten_: Eine Taube schluchzt vom Zweige ... jônâ -th.kannên: Brody I, S. 164, Nr. 110. - -Sie besuchten mich im Traume ... j.'îdunî b.nê jâmîm chalômôth: Brody -II, S. 318, Nr. 110, Vers 1-8, 17-18. - -Und als nun alle war mein Gold ... jôm nâd z.hâbhî: Harkavy II, S. 74, -Nr. 5. - -Siehe Menschensohn, siehe ... r'ê shôkhên thêwêl r.'ê: Harkavy II, S. -74, Nr. 4. - -Kann dich Reichtum locken, Herz? ... l.bhâbhî mâ th.raddêf: Brody II, S. -289, Nr. 61. - -Freue dich vor deinem Nächsten ... s.mach bifnê chabhêrêkhâ: Brody II, -S. 311, Nr. 95. - -Weh der Kunde, die im Ohre gellt ... hoh 'al sh.mû'â çâlalâ loh ôzen: -Brody II, S. 291, Nr. 66. - -Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf ... shâlôm l. bath: Brody I, S. -18, Nr. 14, Vers 45-56. - -Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand ... hê lâkh prî shîr: Brody I, -S. 140, Nr. 94, Vers 73-78. - -Seh' ich, wie Narren ... bir'ôth libbî likhsîl jifrôç: Brody II, S. 297, -Nr. 76. - -Becherspruch ... j.fê mar'ê p.qach 'ajin: Brody II, S. 312, Nr. 98. - -Zwei Rätsel ... 1. k.lî mêkhil ... (Der Spiegel): Brody II, S. 195, Nr. -5. - -2. b.lijâ'al w.jârî.ach m.dânîm (Die Wage): Brody II, S. 199, Nr. 15. - - -6. _Zion_: Zion, willst du immer wieder ... çijôn halô thish'alî: Brody -II, S. 155, Nr. 2 (Die berühmte Zionide des Dichters). - -Im Orient ist mein Herz ... libbî b. mizrâch w. 'anôkhi b.sôf ma'arâbh: -Brody II, S. 155, Nr. 1. - -Komm' mit mir gen Zoan ... n.tê bî 'elê ço'an: Brody II, S. 183, Nr. 21. - -Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll ... jôm nikhsfâ nafshî l. bhêth -hawâ'ad: Brody II, S. 167, Nr. 7. - - -7. _Das Meer_: Der Sturm ... jô'êç umêqîm: Brody II, S. 176, Nr. 17. - -Holder Zephyr, deiner Lüfte ... zê rûchakhâ çad ma'arâbh râqûach: Brody -II, S. 171, Nr. 12. - -Kommt die große Flut mit einem Mal? ... habâ mabbul w. sâm têbhêl -charâbhâ: Brody II, S. 169, Nr. 10. - - -8. _Letzte Tage_ (1141): In Aegypten ... b. miçrâjim: Brody II, S. 180, -Nr. 18. - -Hat die Zeit das Kleid des Lebens ... hafâshat hazz.mân: Brody I, S. -112, Nr. 78, Vers 1-16 (Einleitung einer Epistel aus Damiette). - -Wollt ihr Liebes mir vergelten ... im r.çôn nafsh.khem l.mal'ôth r.çônî: -Brody I, S. 211. - -Dein Wunder geht durch alle Zeit ... 'elôhaj pil'akhâ dôr dôr j.ruchash: -Luzatto Nr. 47, S. 17 b. - - - Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere -Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 115]: - ... zu el makût. Reue und Zerknirschung, Andacht ... - ... zu el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht ... - - [S. 142]: - ... Liebe Sänger, singt den Trauten ... j. fê qôl qadd.mû ... - ... Liebe Sänger, singt den Trauten ... j.fê qôl qadd.mû ... - - [S. 143]: - ... Becherspruch ... j.fè mar'ê p.qach 'ajin: Brody II, ... - ... Becherspruch ... j.fê mar'ê p.qach 'ajin: Brody II, ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ein Diwan, by Jehuda Halevi - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DIWAN *** - -***** This file should be named 61327-8.txt or 61327-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/3/2/61327/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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