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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 22:06:41 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Ein Diwan - -Author: Jehuda Halevi - -Translator: Emil Bernhard - -Release Date: February 6, 2020 [EBook #61327] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DIWAN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - JEHUDA HALEVI - - - - - EIN DIWAN - - - - - Übertragen und mit einem Lebensbild - versehen von Emil Bernhard - - ERICH REISS VERLAG / BERLIN - 1921 - - - - - DIE DICHTUNGEN - - - - I. Gott: - Du Quell des wahren Lebens 10 - Wenn die Sterne sich entzünden 10 - Du, Seele, willst ins Vaterhaus 11 - Mein Leib und Leben 12 - Um sein Antlitz alle Frommen flehen 14 - Gottes Hand wird dich beschatten 15 - Zu dir steht all mein Sehnen 15 - Hin nach meines Lebens Quelle 18 - Wenn du allein des Herren harrst 19 - Halt, o Herz! Wer darf sich wagen 20 - Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte! 22 - Tag und Nacht will ich den Herren loben! 22 - Jugend ist wie leichte Flocken 23 - Mein Gott, ich will dich ehren 24 - Bevor du mich geschaffen 27 - Ruhig, ruhig, liebe Seele! 28 - - II. Israel: - Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft 30 - Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter 30 - Sei stark und harre deiner Zeit! 31 - Seit du das Heim der Liebe bist 32 - Entfessle deine rechte Hand 32 - In deinem Lichte schläft aller Glanz 33 - In deinem Haus zu ruhen 34 - Fauler, wirst du nicht erröten? 35 - Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort 36 - - III. Liebe: - Ofra wäscht ihre Kleider 40 - Ich wiegt' auf dem Schoße 40 - Was drängt ihr mich also 40 - - Abschiedsverse: - Mein Lieb, wir müssen uns schicken 41 - Gedenke der Tage liebender Lust 42 - Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt 42 - Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen 42 - Du hast einen Mord begangen 42 - Willst du wirklich meinen Tod? 43 - All' meine Tränen blieben 43 - Zwischen Bittre, zwischen Süße 44 - Aller Reichtum dieser Welt 44 - Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun 44 - Viel tausend Garben stehen 44 - Unter deinen leichten Füßen 45 - Deine Stimme hör' ich nimmer 45 - Mein Herz wird bitter 45 - Wach doch auf aus deiner Ruh 45 - Wie die Sonne über Sphären schreitet 46 - - Zum Ruhme der Braut: - Das Silber läßt sich gründen 46 - Was wendet sie sich allerwärts 46 - Dein Gesicht voll Rosen eine Küste 47 - Wie zwei Abendwölfe fahren 47 - Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte 47 - Zeigte Liebchen mir die Wangen 48 - Liebe Sänger, singt den Trauten 48 - Was geht noch auf die Sonne 51 - Mög' des Paares holder Bund 52 - - IV. Freundschaft: - Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz 54 - Sehnt sich deine Seele noch 54 - Viele schon in meinem Herzen schufen 56 - Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen 57 - Ist's der Myrrhe zartes Düften? 61 - Dieser Schlummer möge währen 61 - Trank die Erde wie ein Kindlein 62 - - V. Leben, Leiden, Dichten: - Eine Taube schluchzt vom Zweige 68 - Sie besuchten mich im Traume 72 - Und als nun alle war mein Gold 73 - Siehe, Menschensohn, siehe 73 - Kann dich Reichtum locken, Herz? 73 - Freue dich vor deinem Nächsten 74 - Weh der Kunde, die im Ohre gellt 74 - Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? 75 - Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! 75 - Seh' ich, wie Narren 76 - Augen auf, mein Liebster traut 76 - Zwei Rätsel 76 - - VI. Zion: - Zion, willst du nimmer wieder (Zionide) 80 - Im Orient ist mein Herz, im Okzident 85 - Komm mit mir gen Zoan 85 - Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll 86 - - VII. Das Meer: - Der Sturm 88 - Holder Zephyr, deiner Lüfte 93 - Kommt die große Flut mit einem Mal? 95 - - VIII. Letzte Tage: - In Aegypten 98 - Hat die Zeit das Kleid des Leides 98 - Wollt ihr Liebes mir vergelten 99 - Dein Wunder geht durch alle Zeit 100 - - Jehuda Halevi, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen 101 - - Quellennachweis 139 - - - - - I. - GOTT - - - - Du Quell des wahren Lebens, - Wie lauf' ich nicht nach dir? - Hab' alles aufgegeben; - Das irre, wirre Leben, - Was ist es mir? - - Nur dich, nur dich zu schauen, - Sehnt meine Seele sich: - Vor dir nur will ich beben, - Kenn' keine Kraft im Leben - Als deine, Herr, als dich. - - Könnt' ich im Traum dich finden, - Wie gerne schlief ich ein: - Wollt nimmer auferstehen, - Nein, schlafen, träumen, sehen -- - Und stille sein. - - Könnt' dich im Herzen schauen - Dein armes Erdenkind: -- - Hätt' ich dich nur da drinnen, - So jauchzte all mein Sinnen - Und gerne wär' ich blind! - - - - Wenn die Sterne sich entzünden, - Spür' ich wieder Sommertage: - Gartenpracht in Waldesgründen, - Paukenschlag und Flötenklage. - - Wieder kehrt zum Arm die Spange, - Goldener Ring, er kehrt zum Ohre, - Gottes Haus, daß es empfange, - Oeffnet meinem Haus die Tore. - - Alle meine Pforten münden - Wieder ein in seine Pforte, - Und aus tiefsten Herzensgründen - Kehr' ich heim zu meinem Horte. - - Ach, da läßt denn meine Seele - Jubelnd seinen Namen klingen: -- - Und sein Ruhm in meiner Kehle, - Und mein Mund beginnt zu singen! - - - AN DIE SEELE - - Du, Seele, willst ins Vaterhaus, - Im Traume schwingst du dich zur Höhe: - Kein Traum nimmt dir dein tiefes Wehe, - Dein Heimweh aus der Brust heraus. - - Der Traum vergeht, dir bleibt die Qual, - Die Liebesqual, ihn zu erflehen - Und dennoch fern ihm zu vergehen, - Weil sich verhüllt sein heller Strahl. - - Und doch vergehst du nicht zum Tod, - Allein zum freudigen Erheben, - Denn nicht zum eitlen Wahn, -- zum Streben - Sandt' in die Welt dich sein Gebot. - - Du gingst und brachst im Lebensgang - Der Weisheit Siegel auf und Quellen, - Und tief hinab in ihre Wellen - Dein durstig heißes Auge sank. - - Und sank hinab und sog sich ein - Die Weisheit, die du dir erkoren, - Und der du hundertmal geschworen: - -- »Ich laß dich nicht! Ich bleibe dein!« - - - - All meine Gebeine sprechen: - _Herr, wer ist wie du?_ - - Mein Leib und Leben - Das stammt von dir, - Durch dich sich regen - Die Glieder mir; - Mit Herzensgaben, - Mit Lied und Sang - Sie zu dir dringen - Und opfernd bringen - Sie meinen Dank. - - Es kam die Seele - Aus deiner Hand, - Der Wimper Leuchten - Aus deinem Land; - Aus deinem Rätsel - Mein Sinnen quoll, - Vor mir als Zeichen - Stehst ohne Gleichen - Du wundervoll. - - Wenn meine Liebe - Dich ruft im Schmerz, - Dich findet sicher - Mein tiefstes Herz. - Doch jedes Sinnen - An dir sich bricht: - Der Brust Gedanken, - Der Träume Schwanken - Ermißt dich nicht. - - Für uns bereitet - Ein Banner steht, - Dem, der dich sucht - Ein Wimpel weht. - Du bist den Treuen - Nimmer versteckt, - Nur, ach, die Sünde - Mit dunkler Binde - Das Auge deckt. - - Was ich erdichtet, - Hast du erschaut - Vom Tage, da du - Meine Säulen erbaut; - Du bist's, der mir - Das Herz bezwingt: - Dunkelstes Achten, - Geheimstes Trachten - Nicht zu dir dringt. - - - - Um sein Antlitz alle Frommen flehen, - Alle wollen seine Gnade sehen, - Seiner Liebe jungen Regenguß; - Ist er selbst auch in den fernsten Weiten, - Steht uns seine Liebe doch zur Seiten, - Seiner großen Werke Ueberfluß. - - All sein Licht zu sehn, sind alle trunken; - Aber finden sie den kleinsten Funken, - Zittert schon ihr armes Herze ganz. - Müssen seinem Reiche sich ergeben, - Seinen Namen müssen sie erheben, - Und in diesem Namen selig leben, -- - Selig preisen seinen Glanz. - - - - Gottes Hand wird dich beschatten, - Wird dir Decke sein und Hülle, - Wenn in Redlichkeit und Stille - Du dich birgst in seinem Schatten. - - Nimmer wird dein Fuß ermatten, - Deine Hand bleibt stark hinieden: - Suche, Seele, nur den Frieden, - Frieden wird er dir erstatten. - - - - Zu dir steht all mein Sehnen, - Wenn auch die Lippe schweigt: - Nur einmal möcht' ich werben - Um deine Gunst und sterben, - Wenn sie sich mir geneigt. - - Nimm meinen Geist zu Händen: - Ich schliefe fröhlich ein! - Ach, ohne dich mein Leben - Ist Tod, doch du kannst geben: - Mein Tod wird Leben sein! - - Nur weiß ich nicht zu beten, - Wie ich wohl beten soll: - Lehr' mich, wie man dich findet! - Wenn mich die Torheit bindet, - Erlös' mich gnadenvoll! - - Lehr' mich, das Haupt zu beugen, - Solang mein Herz es faßt: - Verwirf mich nicht auf Erden, - Damit ich nicht muß werden - Mir selber eine Last! - - Damit der Tag nicht komme, - Wo alles auf mich drückt, - Und gegen alles Trutzen - Mein Herz sich ohne Nutzen - Nun bücken muß und bückt! - - Daß mein Gebein dann welkte - Und trüg' mich nimmer fort, - Und ich dann wandern müßte - Zu einer andern Küste, - Zu meiner Väter Ort. -- - - Ein armer Wandrer wall' ich - Hin übers Erdenrund. - Bin fremd auf allen Steigen, - Mein ganzes Erb' und Eigen - Liegt drunten in dem Grund. - - Bis jetzt sorgt meine Jugend - Noch für ihr Erdenteil: - Wann endlich kommt der Morgen, - Da meine Seele sorgen - Wird für ihr Seelenheil? - - Die irdische Beschwerde, - Die Gott ins Herz mir gab, - Mich so in Ketten brachte, - Daß nie ans Ende dachte - Mein Herz und übers Grab. - - Wie kann sein Knecht ich heißen, - Ich, aller Lüste Knecht? - Wie kann ich höher streben? - Schon morgen muß ich leben - Mit Bruder Wurms Geschlecht. - - Kann ich denn Festtags lachen? - Weiß ich, was morgen ist? - Der Tag, die Nacht, die Stunde - Verfolgen mich wie Hunde - Und fällen mich mit List. - - Mein Geist verweht im Winde, - Mein Leib fällt in den Sand: - Ich muß es schweigend tragen, - Die Triebe selber jagen - Mich ja ins Totenland! -- - - Was bleibt mir noch im Leben - Als deine Gunst allein? - Willst du mein Teil nicht bleiben, - Was soll ich hier noch treiben? - Wo wird mein Teil dann sein? - - Ich hab' nicht gute Werke, - Ganz nackt und bloß ich bin: - Nur dein gerechter Willen - Kann wie ein Mantel hüllen - Den makelvollen Sinn. - - Was soll ich noch erbitten - Von dir, mein einz'ger Hort? -- - Was soll ich noch erwähnen? - Zu dir steht all mein Sehnen: - Das ist mein letztes Wort. - - - - Hin nach meines Lebens Quelle - Immer mich mein Sehnen trage, - Bis mich an des Grabes Schwelle - Niederlegen meine Tage. - - Möcht' die Seele weise werden! - Heut noch hascht sie nach dem Winde: - Und ist doch mein All auf Erden, - Priesterteil und Angebinde. - - Möcht' mein Herz sich wach erweisen, - Fröhlich auf das Ende sehen: - Jener Tag mag Schlummer heißen, - Doch er ist ein Auferstehen; - - Jener Tag nach meinen Toden, - Wo er richtet meine Fehle, - Wo er meinen Geist und Odem - Zieht in seine ew'ge Seele. - - - - Wenn du allein des Herren harrst, - Was ängsten dich die Zeiten? - Lebt er in deiner heißen Brust, - All irdisch Leid, all irdisch Lust, - Was kann es dir bedeuten? ... - - Doch nein, du liegst im dunklen Grab - Und willst es nicht erkennen, - Du liegst in deiner Sinne Nacht - Und kannst -- kein Licht im finstern Schacht -- - Nicht Gut und Böse trennen. - - Es kommt der Tod: So wähle doch - Des wahren Weges Breite! - Ach, Seele, geh doch geradezu, - Was irrst und läufst und taumelst du - Zur recht' und linken Seite? - - Die Wahrheit wähle! Tu es, tu's! - Denk, wie die Zeiten lügen! - Laß dich nicht irren dort und hie, - Betrüge sie, betrüge sie, - Bevor sie dich betrügen. - - Ach, gute Seele, siehe zu, - Ein Künft'ges zu erwerben: - Gib alles hin mit leichtem Mut, - Gib hin den Erben all dein Gut, - Und werde selbst zum Erben! - - - - Halt, o Herz! Wer darf sich wagen - In des Herzenwägers Haus? - Hüte dich, den Blick zu tragen - In sein dunkles Reich hinaus. - Wagtest du das frevle Abenteuer, - Griffe dich ein flammenwildes Feuer. - - Lasse ab, dir zu erzwingen - Seiner Rätsel dunkle Welt, - Denn du hast kein Recht, zu dringen - In die Tiefe, die ihn hält: - Fort mit dir aus seinen ew'gen Hallen, - Denn du darfst nicht unter Engeln wallen! - - Ihm befiehl du deine Wege, - Daß er dir zur Seite bleibt, - Ihm vertraue deine Stege, - Wenn es dich ins Irre treibt! - Mag dich Lust betören, Leid berühren: - Er wird dich im rechten Gleise führen. - - Walle nicht die ird'schen Ziele, - Gottes Zielen walle zu! - Fürsten sind auf Erden viele, - Doch nur einem diene du! - Alle andern sind nur Knechtesknechte, - Ihre Launen bleiben ihre Mächte. - - Einer nur, ein Ruhmesreicher, - Nimmt dich an die ew'ge Brust, - Trägt dich, ach, in wunderweicher - Vaterhand zur höchsten Lust: - Lerne eitlem Freundesrat entsagen, - Lasse dich in seinem Lichte tragen! - - Er sei: deiner ersten Ernte - Erste Frucht, dein höchstes Fest! - Wenn die letzte sich entfernte, - Dann sei er der letzte Rest: - Deine Reue werde zum Altare, - Werde deiner Sinne Flammenbahre! - - Jedem ist er ein Berater, - Der in seiner Nähe wacht, - Aber dem auch bleibt er Vater, - Der die letzte Reise macht. - Frage nicht und lass dich nicht verführen, - Lausche still an seinen letzten Türen! - - Was er spricht, muß sich erfüllen, - Sei's zum Leben oder Tod, - So wie einst auf seinen Willen - Kam das erste Morgenrot: - Und er sprach: -- und alle Schatten scheuchten! - Und er sah: -- es war ein herrlich Leuchten! - - - - Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte! - Aber der Freie, der einzig rechte, - -- Auch ein Knecht -- dienet dem Herrn. - - Wähle sich jeder sein Teil! - Mein Teil aber und Heil - -- Spricht mein Herz -- bleibet der Herr. - - - - Tag und Nacht will ich den Herren loben! - Seiner Gnade Antlitz ließ er leuchten, - Fenster brach er aus an Himmelswänden, - Sonnen gab er, die uns Strahlen spenden, - Strahlen, die die Finsternisse scheuchten. - - Doch er gab mir mehr: Von seinem Glanze - Gab er mir, ich hab es froh genommen; - Durfte seines Geistes Regen spüren, - Ließ mich gern auf lichten Wegen führen, - Wegen, die vom Sinaï gekommen. - - So war sein Gesetz in meinem Munde, - Daß mich Honig seine Worte deuchten; - Und in seiner Lehre lichten Flammen - Jauchzte ich die ganze Welt zusammen: -- - -- Brüder, seht, wie meine Augen leuchten! - - - - Jugend ist wie leichte Flocken, - Bald verweht vom ersten Wind; - Sieh auf deine schwarzen Locken! - Hast du es noch nicht vernommen? - Weiße Boten angekommen: - Und du schläfst, mein Weltenkind? - - Vöglein schüttelt sich am Morgen - Von dem nächt'gen Silbertau; - Also schüttle ird'sche Sorgen, - Liebe Seele, dir vom Flügel, - Steige über Strom und Hügel - Lerchengleich ins Himmelblau. - - Freiheit wirst du droben finden - Von dem Brausestrom der Tage: - Liebe Seele, darum jage - Hinter Gottes Spuren dicht, - Und im stillen Kreis von allen - Seelen, die zum Herren wallen, - Walle hin zum ew'gen Licht. - - - - Mein Gott, ich will dich ehren - Und dein gerechtes Tun: - Nur einmal braucht' ich hören - Und glaube alles nun. - Nicht fragen und erproben - Will dich dein Erdensohn: - Du großer Bildner droben, - Darf meistern dich der Ton? - - Ich hab' dich manche Stunden - Gesucht an manchem Ort, - Ich habe dich gefunden - Als Burg und Felsenhort. - Du, der in klarem Feuer - Dies Erdentum erhellt - Und unverhüllt vom Schleier - Durchstrahlt die schöne Welt. - - Sieh, alle Himmel preisen - Dein Licht und deine Pracht, - Da sie in ihren Kreisen - Sich beugen deiner Macht; - Die Engel, die da schweben - Durch Feuer und durch Flut, - Sie jauchzen und erheben - Zu dir die heil'ge Glut. - - Zu dir, der alles führet, - All diese Welten trägt, - Und keinen Arm doch rühret - Und keine Hand bewegt! - Du, dessen Wunderwalten - Die Höh' und Tiefe hält - Und heiliger Gestalten - Geheimnisvolle Welt. - - Wer kündet uns das Weben, - Das alle Wolken treibt? - Das tiefverhüllte Leben, - Das ewig droben bleibt? - Und doch will er sich neigen - Dem Kinde dieser Welt - Und läßt sein Leuchten steigen - Hinab aufs Erdenzelt. - - Und läßt vor Seheraugen - Sein ganzes Bild erstehn; - Sonst mochte nie ihm taugen, - Daß Menschen ihn ersehn. - Was nie sich wollt' gestalten, - Sein Bildnis oder Maß, -- - In königlichem Walten - Prophetenauge sah's. - - Die ungezählten Werke, - Wer zählt sie alle vor? - Heil dem, der seine Stärke - Zu gründen sich erkor! - Heil dem, der all sein Hoffen - Auf ihn allein gelegt, - Ihn, der die Welt so offen - In seinen Armen trägt! - - Heil, wer mit heil'gem Bangen - Ihn fürchtet und bekennt - Und dankbar im Empfangen - Sein Recht auch Recht benennt! - Wirkt er für seines Knechtes - Glück und Gedeihen doch: - Es kommt ein Tag des Rechtes - Dem großen Gotte noch! - - O zittre du und denke - Und lerne wachsam sein: - In dein Geheimnis senke - Dein ganzes Sinnen ein! - Woher bist du gekommen? - Wo ist dein Grund gelegt! - Wer hat dich einst genommen? - Wer hegt dich und bewegt? -- - - Schau hin auf Gott und sende - Die wache Seele aus, - Doch strecke deine Hände - Du nimmer nach ihm aus! - Du kannst doch nimmer finden - Sein Ende und Beginn, - Und nie wirst du ergründen - Den rätselhaften Sinn. - - - - Bevor du mich geschaffen, - Hast du mich schon gekannt, - Ich weiß, du wirst mich halten, - Solang dein Geist wird walten - In meiner Seele Land. - - Kann gehn ich, wenn dein Winken - Mich an die Stelle zwängt? - Kann ich denn bleiben stille, - Wenn mich dein heil'ger Wille - Mit Mächten vorwärts drängt? - - Was kann ich denn noch sagen? - Mein Denken ist bei dir: - Was ist denn all mein Wandeln, - Was ist mein Tun und Handeln, - Bist du nicht über mir? - - Ich kann dich ja nur suchen; - Und du: -- Zur Gnadenzeit - Erhöre mich in Milde, - Und mach zu einem Schilde - Mir deine Huld bereit! - - Erwecke mich am Morgen - Und mache mich recht wach, - Daß ich in frohen Weisen - Hinwalle, hochzupreisen - Dich unter deinem Dach! - - - - Ruhig, ruhig, liebe Seele! - Wende dich zu Gottes Throne: - Ird'sche Throne lasse liegen; - Bist du erst emporgestiegen, - Stiegest du zu ew'gem Lohne. - - Seele, gib dem Herrn die Ehre, - Beuge dich ihm froh und gern: - Droben unter Göttersöhnen - Singe mit in Jubeltönen - Deinem hochgelobten Herrn! - - - - - II. - ISRAEL - - - - Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft - Und tief aus meines Herzens Leidenschaft. - - Dich liebt mein jubelnd aufgetaner Mund, - Dich meiner Brust geheimnisvollster Grund. - - Du bist mit mir, wie kann ich einsam sein? - Du leitest mich, wie wandle ich allein? - - Du bist mein Licht, wie könnte ich verblinken? - Und du mein Stab, wie könnt' ich niedersinken? - - Sie haben mich geschmäht, doch keiner wußte, - Daß Schmach um dich mir Ehre werden mußte. - - Quell meines Lebens du, mein Leben lang - Gilt dir mein Preis, mein Lied, mein Sang! - - - - Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter, - Tag und Nacht als ewge Wächter, - So steht ewig Jakobs Same; - Gottes Linke mag sie lassen, - Gottes Rechte wird sie fassen: - Ewges Volk, das ist und bleibt ihr Name. - - Ach, was fürchten sie und zagen - In den schlimm und schlimmern Tagen, - Daß ihr Herz am Zweifel bricht: -- - Glaubt an euer ewiges Bestehen, - Allsolang nicht Tag und Nacht vergehen, - Allsolang vergeht ihr selber nicht! - - - - Sei stark und harre deiner Zeit! - Was drängst du so, noch ist sie weit, - Was soll das wilde Bangen? - O bebe nicht und sei ein Held! - Und singe, siehst du doch mein Zelt - Bei deinen Zelten prangen! - - Und wenn sie spotten, du sei still! - Und wenn du hörest ihr Gebrüll, - Laß es dich nicht bewegen: - Führ' deine Herde sanft dahin, - Ich bin dein Gott, es ist mein Sinn, - Das Joch dir aufzulegen. - - Ich bin es auch, der dich erhört, - Und der den Balsam dir beschert, - Da deine Wunden brennen. - Auch dank ich dir, wie du mich liebst, - Daß du mir all dein Sehnen gibst, - Erlöser mich zu nennen. - - Doch eile nicht und dränge nicht, - Da du den Arm im Strafgericht - Mir siehst gewaltig werden. - Und dem, der ird'sche Herren preist, - Dem sage, was du selber weißt: - Gott ist mein Herr auf Erden! - - - - Seit du das Heim der Liebe bist, - Kehrt meine Liebe bei dir ein, - Und meiner Feinde Drang und List - Soll deinetwegen süß mir sein: - Sie mögen mich nur schrecken! - - Sie lernten deinen Grimm von dir, - Sie jagten den, den du verjagt: -- - Soll ich sie hassen denn dafür, - Der selbst sich nicht zu lieben wagt, - Da du ihn nicht mehr liebest? - - Bis einst verwunden alle Qual, - Vorüber aller Stürme Macht, - Und du dem Volke deiner Wahl, - Das du erlöst aus mancher Nacht, - Erlösung wieder sendest. - - - - Entfessle deine rechte Hand - Und sende sie hinab ins Land, - Daß sie dein Volk erfasse! - Ist sie zu kurz? Beherrscht denn dich - Das Schicksal ebenso wie mich - Und alle auf der Gasse? - - Die Sonne braust in ew'gem Kreis, - Es steht der Mond auf dein Geheiß. - Dein Wort ist ihre Klammer. - Dein Wort nur ihre Ketten bricht, - Und all ihr Gold- und Silberlicht - Es ruht in deiner Kammer. - - Da stehen sie in deinem Schein, - Die Sterne all, und harren dein, - Das sie dein Wille richte! - Und fühlen tief und fühlen ganz: - Von deinem Glanze ist ihr Glanz, - Ihr Licht von deinem Lichte. - - - - In deinem Lichte schläft aller Glanz: - Dein Volk auf finstern Wegen reist, - Und ihrem Sehnen, lang gehegt, - Der Frevel in die Ferse beißt. - Doch still: Darüber leuchtet rein - Wie Sonnenglanz im Morgenschein - Das schönste Licht. - - O Vater, um ihr wildes Haupt - Schling' einen Schleier silberklar, - Und statt des armen Bettelkleids - Reich ihnen einen Purpur dar. - Gieß aus dein Licht zum zweitenmal - Wie einst am ersten Tag den Strahl: - Es werde Licht! - - Hoch dein Panier den Wankenden! - Dein Engel schreite nun voran - Und lege den Erlösten bloß - Zum Siegeszug die freie Bahn! - O segne sie der Gnaden voll, - Doch in Verdammnis sinken soll - Des Lichtes Feind! - - So wie ein Knecht nach Schatten lechzt, - Lechzt Israel: Erlös' es nun! - Und ruf' ihm zu: Wie lange noch - Willst du im düstern Hause ruhn? - Sag' an, wie lang? Sag' an, wie weit? - Auf, leuchte! Denn es kommt die Zeit: - Dein Leuchten kommt! - - - - In deinem Haus zu ruhen, - Gibt es wohl süßre Rast - Dem Volk, in dessen Reihen - Du deine Ruhe hast? - - Du, der auf Weltenhöhen - So unermeßlich thront - Und doch im Herz des Armen - Und des Gebeugten wohnt: - - Dich faßt nicht Himmelshöhe, - Die dich zu fassen wähnt, - Und wenn sie bis zum Horeb - Die ewgen Kreise dehnt. - - Dein Weg, der ist so nahe - Und doch so fernehin: - Und alles, was du bildest, - Hat seinen Zweck und Sinn. - - Selbst meiner Seele Trachten, - Das sendet mir mein Hort, - Und wenn die Lippe redet, - So ist's ein Gotteswort. - - - - Fauler, wirst du nicht erröten? - Schläfst bis in den Tag hinein? - Hörst du nicht aus tiefsten Nöten - Fremde Völker zu ihm schrein? - - Schon mit ganzem Herzen dienen - Ihm, die nie ihn noch gekannt: - Und die ihm die Liebsten schienen, - Die verstecken sich im Land? - - Auf, schon tagt es fern im Osten, - Auf, du Schläfer, aus der Ruh! - Fremde stehen auf dem Posten, - Und da träumest du? -- - - - - Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort, - Gott Elijahus, wo ist dein Ort? - Wir hörten dein Wort, wir schrieen empor, - Schon tausend Jahre ist taub dein Ohr: -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Schloß Elijahu des Himmels Trauf', - Riß Elijahu den Himmel auf: - Wasser und Feuer fiel von den Höh'n, - Karmel und Kison haben's gesehn: - Gott Elijahus, wo bist du? - - Sprach Elijahu zum Krügelein, - Setzte er quellenden Segen darein; - Ließ er den Toten vom Bette stehn: - Wer hat es gehört? Wer hat es gesehn? -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Spritzt' Elijahu in feindliche Reih'n - Flammendes Feuer und Funken hinein, - Sechs Wochen fastet' er Tag und Nacht, -- - Dann haben die Raben ihm Brot gebracht: -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Fuhr Elijahu im Sturme auf, - Feurig raste der Räder Lauf: - »Vater, Vater!« Elisa schrie, - Elijahu war fort, man sah ihn nie: -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Elisa blieb und ging fürbaß, - Er ging durch den Jordan und wurde nicht naß. - Die Männer sahen's und staunten da: - Elisa wie Elijahu geschah. -- - Gott Elijahus, wo bist du? - - Elijahu ist fort, doch -- -- wir sind da, - Dulden und leiden ferne und nah; - Versprochene Zeichen neben uns stehn: -- - Wann werden wir deine Wunder sehn? - Gott Elijahus, wo bist du? - - - - - III. - LIEBE - - - - Ofra wäscht ihre Kleider - In meiner Tränen Flut, - Ofra trocknet die Kleider - An ihres Auges Glut. - - Ofra braucht keine Bronnen - Bei meines Auges Quell, - Ofra braucht keine Sonnen, - Denn ihr Auge ist hell. - - - - Ich wiegt' auf dem Schoße - Den Liebsten so schön, - Da sah er sein Bildchen - Im Auge mir stehn. - - Der Schelm! Sieh, da küßt' er - Mein Auge so wild: - Mein Auge nicht küßt' er, - Er küßte sein Bild. - - - - Das Mädchen spricht: - Was drängt ihr mich also, - Ihr Frager, ihr flinken, - Im Meere der Liebe - Da sollt' ich versinken. - - Da trat seine Sohle - Zum donnernden Strande: -- - Da ging ich im Meere, - Als ging ich im Lande. - - Der Knabe spricht: - Im Garten der Schönheit - Erwarbst du ein Land, - Das grenzenlos reicht - Bis zum ewigen Strand. - - Und wolltest die Sterne - Zum Schmucke du han, - Sie sprängen dir gerne - Von himmlischer Bahn. - - - ABSCHIEDSVERSE - - - 1 - - Mein Lieb, wir müssen uns schicken, - Nun scheid' ich aus dem Tal: - Laß dir ins Auge blicken - Zum allerletzten Mal! - - Ich fürcht', ich kann nicht zwingen - Das Herz in sein Revier: - Heraus wird es mir springen - Und laufen hinter dir. - - - 2 - - Gedenke der Tage liebender Lust, - Und ich will denken der Nächte: - Wie du mir ziehst durch die träumende Brust, - Auch ich, auch ich - Durch deine Träume möchte. - - - 3 - - Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt, - Ich kann nicht hinübereilen; - Doch wenn deine Liebe herüber wollt', - -- Die Wogen würden sich teilen. - - - 4 - - Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen - Den Ton des Glöckleins über mir erlauschte, - Das leise klingt an deinen Kleidersäumen! - - Ach, daß ich noch im Tode mich berauschte, - Wenn du mich grüßt und fragst in meinen Träumen, - Und ich dann Gruß und Frage mit dir tauschte! - - - 5 - - Du hast einen Mord begangen, - Darum verklag' ich dich: - Deine roten Lippen und Wangen - Die sollen zeugen für mich! - - Deine roten Lippen und Wangen, - Was sind sie denn so rot? -- - Nun mußt du schweigen und bangen: - Mein Blut auf deinen Wangen, - Das zeugt von meinem Tod. - - - 6 - - Willst du wirklich meinen Tod? - Ach, ich bete nur um Leben, - Um es jung und frisch und rot - Deinen Jahren zuzugeben. - - Ach, du raubtest mir die Ruh' - Meiner Nächte, süße Fraue! - Leg' sie dir auf deine Braue: - Schlummre, schlummre du! - - - 7 - - All' meine Tränen blieben - Im Feuer deiner Lust, - All' deine Tränen zerrieben - Die Steine in meiner Brust. - - Durch Feuer und Wasser zusammen - Schritt mein zitterndes Herz: - Das waren deine Flammen, - Das war mein weinender Schmerz. - - - 8 - - Zwischen Bittre, zwischen Süße - Muß mein Herz sich jetzt bequemen: - Honig sind mir deine Küsse, - Bitter ist das Abschiednehmen! - - - 9 - - Aller Reichtum dieser Welt - Ist mir eitel Trug, - Deiner Lippen rote Schnur, - Deiner Lenden Gürtel nur - Wäre mir genug. - - All mein süßer Honig fließt - Dort, wo ich dich küßte, - Meiner Narde sich ergießt, - Alle meine Myrrhe sprießt - Rund um deine Brüste. - - - 10 - - Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun, - Doch alles Tun veredelt sich durch dich. - - - 11 - - Viel tausend Garben stehen - Wohl in der Liebe Tal: - Vor deiner Garbe beugen, - Vor deiner Garbe neigen - Sich alle allzumal. - - - 12 - - Unter deinen leichten Füßen - Heimlich süße Keime sprießen, - Balsamknospe, Myrrhenblüt': - Möchte doch mein Leben glücken - Nur so lange, bis ich pflücken, - Sehen kann, wie alles blüht. - - - 13 - - Deine Stimme hör' ich nimmer, - Aber leise hör' ich immer - Klingen wie ein fernes Grüßen - In den Tiefen meiner Seele - Deine Kettchen an den Füßen. - - - 14 - - Mein Herz wird bitter, - Da es gedenkt: -- - Noch hängt ja, hängt - An den Lippen die Süße, - Noch fühl' ich die Küsse, - Die du mir geschenkt. -- - - - - Wach doch auf aus deiner Ruh; - Daß ich mich an deinem Bilde labe! - Träumest du von Küssen, süßer Knabe? -- - Ich kann Träume deuten, du! - - - - Wie die Sonne über Sphären schreitet, - Herrschst du in der Welt mit Kraft und Mut: - Deine Augen wilde Pfeile schießen, - Männerherzen Ströme Blutes fließen: - Mädchen, deine Pfeile treffen gut. - - Wilde Blumen stehn in deinem Garten, - Rote Blumen, die das Pflücken wert: - Doch du stelltest zu des Gartens Schutze, - An die Pforte stelltest du zum Trutze - Hin das zuckende, das Flammenschwert. - - - ZUM RUHME DER BRAUT - - - I - - Das Silber läßt sich gründen - Im Schachte des Gesteins, - Wer aber wollte finden - Ein Liebchen so wie meins? - - Wie Städte fest verbündet - Mit Mauern und Gestämm: - Wie Tirza hochgegründet - Und wie Jerusalem! - - - II - - Was wendet sie sich allerwärts, - Zu suchen ein Gezelt, - Da doch mein großes, weites Herz - Das Tor ihr offen hält? - - - III - - Dein Gesicht voll Rosen eine Küste: - Meine Augen knicken sie; - Aepfel der Granate deine Brüste: - Meine Hände pflücken sie. - Hoch auf deinem Lippenpaare - Lodern wilde Feuerschlangen: - Meiner Küsse Feuerzangen - Reißen sie mir vom Altare. - - - IV - - Wie zwei Abendwölfe fahren - Aus des Waldes dunklen Nächten, - Also steigen aus den Haaren - Dir zwei rabenschwarze Flechten. - - Doch da ist ein Licht, ein schnelles, - Von der Wange eingedrungen, - Und dein Antlitz steht wie helles - Morgenlicht in Dämmerungen. - - - V - - Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte, - Und ihr Licht erlöscht in keinem Dunkeln: - Leuchtet es im Tagesangesichte, - Wächst es an zu siebenfachem Funkeln. - - - - Zeigte Liebchen mir die Wangen, - -- Mitternächt'ge Stunde war's --: - Um die zarten Schläfen hangen - Tief die Schleier ihres Haars. - - Von Rubinen hell umgossen - Ihre frohe Wange war, - Und vom klarsten Licht umflossen - Schien die dunkle Locke gar. - - Wie die Sonne, wenn im holden - Morgenstrahl die Flamme loht: -- - Dunkle Wolken werden golden, - Dunkle Wolken werden rot. - - - - Liebe Sänger, singt den Trauten - Holde Lieder zu den Lauten - In dem schönsten Wechselsang! - Singet den verhüllten Blicken, - Die verstohlen schaun und nicken - Durch des Fensters Seidenhang. - - Sie, die Keuschen hinter Gittern, - Die da lernten von den Müttern - Rein zu halten Herz und Leib; - Und die doch mit Pfeilen spielen, - Kindlich mit dem Bogen zielen - Ahnungslosen Zeitvertreib. - - Weh, geschossen und getroffen! - Klaffend steht die Wunde offen: - Ach, sie ahnten keinen Harm; - Sie, die nie an Schwerter rührten - Und als einz'ge Waffe führten - Ihren Alabasterarm. - - Sie, die Schwachen, Müden, Süßen, - Die das Kettlein an den Füßen, - Allzu schwer das Ringlein drückt; - Deren Auge bei den Lasten - Ihrer seidnen Wimperquasten - Kaum ein stiller Aufschlag glückt. - - Aber wenn es einmal blicken - Und empor zur Sonne schicken - Seine heißen Flammen wollt', - Schwarz verbrennen in der Ferne - Würd' an diesem Feuersterne - All der Sonne rotes Gold. - - »Werde Licht!« so spricht die Wange, - »Werde Nacht!« die Lockenschlange - Dieser holdgeliebten Schar. - Ihre weißen Kleider hüllet - Licht der Liebe, Nacht erfüllet, - Leidesnacht ihr dunkles Haar. - - O ihr Leuchten meines Lebens, - Ist mein Herz nicht eures Schwebens - Firmamentisch Himmelszelt? - Rollt ihr nicht in ew'gen Gleisen - Und in immer neuen Kreisen - Durch dies Herze, diese Welt? - - Ach, ihr zarten, freudereichen, - Traubenschwerem Weine gleichen, - Wie er Zweig und Wurzel trägt! - Ach, ihr Lippen, Schönheitsboten, - Wie ihr eure doppelt roten - Polster um die Perlen legt! - - Zürne, Herze, nicht den Kecken, - Wenn gar ihres Auges Necken - Falsch aus falschem Fenster schaut: - Diese Aepfel, wie sie hangen, - Diese Lilien auf den Wangen - Sind ein süßes Heilekraut. - - Sieh den Wuchs gleich einer Palme, - Der gleich windbewegtem Halme - Lieblich seine Hüften wiegt! - Jedes Herze, mußt du wissen, - Kaum gefangen, schon zerrissen - Blutend ihr zu Füßen liegt. - - Soll man sie nun schuldig sprechen, - Da sie nur, um sich zu rächen, - Gegen unsre Herzen gehn? - Für die Blumen, die wir Frechen - Täglich von den Beeten brechen, - Die in Wangenblüte stehn? - - Auf, zum Richter will ich schreiten: - Seine Schwingen, seine weiten, - Sind der Weisheit Schutz und Hort. - Er, der über Tod und Leben - Richtet, soll die Antwort geben: - Still, er kündet Gottes Wort! -- -- - -- -- -- -- - - - - Was geht noch auf die Sonne, - Was leuchtet sie uns noch? - Der Mädchen Allerschönste - Verdunkelte sie doch. - - Magst, Sonne, du erröten - Vor ihrem holden Glanz, - Mag aus den Bahnen treten - Der Sterne lichter Kranz! - - Was braucht die süße Taube - Noch eure hohe Welt? -- - Sie macht die Myrtenlaube - Sich selbst zum Himmelszelt. - - - ZUR HOCHZEIT - - Mög' des Paares holder Bund - Israel zum Segen frommen! - Tu' das nächste Jahr uns kund, - Daß ein neuer Stern entglommen. - - Daß in ihren Tagen dann - Froh man meinem Volke kündet: -- - Des Erlösers Leuchte hat - Gott dir angezündet. - - - - - IV. - FREUNDSCHAFT - - - - Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz; - Zürnst du noch lang, so bricht mein Herz. - - Bist du nicht Arzt? Was willst du noch? - Unheilbar Weh, du heilst es doch! - - Trink Milch und Wein von meinem Mund, - Um Wein und Milch mach' mich gesund. - - Mein ganzes Herz ist dir bestimmt: - Greif zu, eh es ein andrer nimmt! - - - - »Sehnt sich deine Seele noch - Nach der Jugend Borden, - Da die dunkle Locke doch - Lang schon weiß geworden? - Soll das Leben für den Rest - Dich noch lachen lehren, - Da es reichlich dir entpreßt - Bitterste der Zähren? - - Täglich gibst den Scheidebrief - Du der Welt im Schmerze, - Aber täglich widerrief - Ihn dein schwaches Herze. - Ob sie dir ins Antlitz spie - Und verwarf dein Minnen, - Stets durch neue Gaben sie - Willst du dir gewinnen. - - Schon die weiße Taube küßt - Dir den müden Scheitel; - Fort der Rabe, und noch ist - Jugend dir nicht eitel? - Sag', wer soll die arme Brust - Wieder dir verjüngen, - Wird die lang verwehte Lust - Noch einmal gelingen? - - Wer soll wieder deinem Fuß - Güldne Kettlein geben, - Deine Hand zum Freudengruß - Auf die Zimbel heben?« -- -- - -- So fragt mancher, aber bloß, - Wer das Aug' nie kannte, - Das vom Westen, sonnengroß, - Mir sein Leuchten sandte. - - Diese Sonne wird mich nicht, - Nimmermehr versengen, - Wird als Schmuck ihr Strahlenlicht - Um den Hals mir hängen, - Auge, auch dem Vollmond nicht - Gleichst du, fühlt der Dichter: - Der verliert sein mattes Licht, - Du wirst immer lichter. - - Hast mir auch zurückgebracht - Helle Jugendträume, - Die ich weit und fern gedacht - Längst in alle Räume. - Und weil so dein heller Strahl - Sprach ein neues »Werde!« - Kann ich lieben noch einmal - Diese schöne Erde. - - - - Viele schon in meinem Herzen schufen - Sich ein Heim: -- Du sollst der Beste sein; - Wird mein Herz dereinst die Freunde rufen, - Sein Berufener bist du allein. - - Wenn ich über aller Sterne Schimmer - Dann das Herz erhebe zu dem Firn, - Find' ich überm hohen Himmel immer - Höher noch und stolzer deine Stirn. - - Dehnend dann, um deine Kraft zu fassen, - Dieses Herze weit und weiter dringt, - Bis es grenzenlos dahingelassen - Rauschend aus der Erdensphäre springt. - - Staune nicht, ob meines Herzens Schoße, - Daß du ihn so tief, so groß empfandst: - Mich laß staunen, daß du dieses große, - Dieses Herze so erfüllen kannst. - - - ABSCHIED - - - 1 - - Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen: - Kein Strom so alt als wie der Strom der Tränen, - Und Unrecht ist's, die Zeiten anzuklagen: -- - - Weh denen, die sie schlimm und schuldig wähnen! - Kein Falsch ist droben bei dem höchsten Wesen, - Die Sphären laufen nach gerechten Plänen. - - Auch ist schon alles einmal dagewesen, - Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben, - Und neues ist hienieden nicht zu lesen; - - Wo seines Siegelringes Spur geblieben, - Da blieb es, wie es war, und alles Neue - Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben; - - Man küßt sich nur, daß man sich wieder scheue; - Daß Völker sich aus einem Volk gebären, - Brach man in alten Zeiten sich die Treue; - - Und wenn nicht jene alten Zeiten wären, - Da sich die Menschen trennten ohne Reue, - Die Welt wär' menschenleer und öd' geblieben. - - - 2 - - Und andre Dinge gibt's in diesem Leben, - Der eine nennt sie gut, der andre schlecht, - Fülle ist hier, doch Dürre liegt daneben; - - Der eine hat dem Leben abgeschworen - Und wird zum Fluche gleich die Arme heben, - Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren. - - Demselben Tag, den andre wieder preisen, - Und dessen Stunden ewig unverloren - Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen. - - Den jungen Lippen und den lebensroten, - Zu Honig werden ihnen alle Speisen, - Den Kranken wird im Honig Gift geboten; - - Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen, - Sein Aug' schaut nie des Lichtes Wunderboten, - Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; -- - - Mein Auge auch versank in dunklen Nächten, - Aus seinem Grunde brachen heiße Bronnen, - Als heute schied der Freund von meiner Rechten. - - - 3 - - Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde, - Es ruhte Gold in seiner Seele Schächten - Und Edelstein im allertiefsten Grunde. - - Als ungezäumt noch seine Rosse standen, - Saßen wir Herz an Herz im trauten Bunde - Und froh in friedevollen Menschenlanden. - - Zwei Mütter haben uns dem Licht gegeben, - Und doch wie Brüder uns die Menschen fanden, - Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben. - - Auf grünem Hügel hat sie uns geboren, - Wir lagen an den Brüsten süßer Reben, - Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. -- - - Nun denk' ich dein auf ödem Hügelland, - Das gestern, da es dich noch nicht verloren, - In Blumenbeeten und in Düften stand; - - Nun hängen heiße Tränentropfen nieder - Von meiner Wimper schwer benetztem Rand, - Und jede Träne hängt im Blute wieder: - - Du bist dahin! -- Nun stehn auf deinen Wegen - Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder, - Doch weiß ich, wie sie Krieg im Herzen hegen. - - O fort mit ihnen! Ihre Zähne nagen - An ekler Speise, während Mannaregen - Und Süße einst auf deinen Lippen lagen. - - - 4 - - Grimm und Glut den übermüt'gen Narren, - Die sich selbst für zehnmal weise halten - All in ihres Geistes dürren Sparren; - - Ihre Götzen sind in ihren Hirnen - Reinster Glaube, doch als Zauber galten - Immer meines Glaubens klare Stirnen. - - Wie sie sä'n und ernten ihre Gaben! - Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen, - Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben! - - Hört mich, Freunde, Neues will ich künden: - Meine Perlen will ich tief vergraben, - Lichter hab ich, die sie wiederfinden. - - Aber wenn die Narren zu mir kommen: - »Zeig'uns doch den Schatz in deinen Gründen!« -- - Eine Antwort soll allein mir frommen: -- - - Vor die Säue nimmer kommt mein Gold, - In die Wüste -- habt ihr wohl vernommen? -- - Niemals meiner Wolke Regen rollt! - - Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten! - Ach, als wenn die Seele brauchen sollt' - Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten! - - _Ihr_ braucht _mich_, der Leib die Seele immer: - Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer - Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten! - - - - Ist's der Myrrhe zartes Düften? - Oder Duft vom süßen Moste? - Oder ist es in den Lüften - Myrtenduft auf leisem Oste? - - Sind es Tränen, die ich schaue, - Tränen auf verliebten Wangen? - Oder ist's im Morgentaue - Rosenkelches Silberprangen? - - Ist's die Laute im Verstecke, - Die ich leise spielen höre? - Oder hinter jener Hecke - Sind's die Nachtigallenchöre? -- - - Oder ist das alles nur, - All die Töne, all die Lichter, - Des Erinnerns süße Spur - An den weitberühmten Dichter? -- -- - -- -- -- -- -- -- -- - - - AN AARON BEN ZION ALAMANI - - Dieser Schlummer möge währen, - Diese Träume mögen glücken: - Zu dem Fürsten will ich wallen, - Dem sich meine Garben bücken. - - Dessen Gaben hochzupreisen, - Mund und Herz und Seele singen, - Und aus dessen Liederquellen - Meine eignen Lieder springen. - - Denn von seinen Lieblichkeiten - Sind die meinen nur entwendet: - Zürn' er nicht, daß all mein Sinnen - Sich in ihm erschöpft und endet. - - - - Trank die Erde wie ein Kindlein - Gestern noch an Wolkenbrüsten - Winternaß auf allen Hügeln; - - Eingeschlossen manches Stündlein - Träumte sie von Liebeslüsten - Wie ein Bräutchen hinter Riegeln. - - * * * * * - - Kühle Riegel keuschen Eises; - Doch die Träume alle flogen - Zu dem nächtlich süßen Spiele; - - Aber als mit eins ein leises - Frühlingswehen kam gezogen, - War ihr Träumen schon am Ziele. - - * * * * * - - Güldner Beete zarten Schimmer - Legt sie an und Blütendecken, - Buntgewirkt und buntgerändert -- - - Wie ein hübsches Frauenzimmer - Täglich unter Scherz und Necken - Neu sich kleidet und bebändert. - - * * * * * - - Täglich andre Farben, Blüten: - Wie ein Mädchen, ein geküßtes, - Blaß und rot im Liebeswallen. - - Farben, wie sie niemals glühten: - Wie gestohlner Schimmer ist es - Aus den ew'gen Sternenhallen. - - * * * * * - - Kommt zum Garten mit dem Weine, - Laßt uns seine Gluten nippen, - Die entflammt am Liebesglühen: - - Schneekühl in des Kelches Scheine - Läßt er hinter roten Lippen - Erst die große Flamme sprühen. - - * * * * * - - Aus der Nächte dunkler Halle - Steigt empor die goldne Sonne: - So der Wein aus seinen Krügen. -- - - Her die blitzenden Kristalle! - Schenkt ihn ein, den Saft der Wonne! - Trinken wir in vollen Zügen! -- - - * * * * * - - Wandelnd nun im kühlen Schatten - Sehen wir im Sommerregen - Tränen auf der Erde Wangen; - - Doch es freuen sich die Matten - Dieser Perlen allerwegen, - Die vom goldnen Halsband sprangen; - - * * * * * - - Freuen sich am Duft des Weines, - An der Schwalbe, an der Taube, - Die im Busche gurrt und flattert, - - Wie ein Mägdelein, ein feines, - Hinterm Vorhang in der Laube - Heimlich kichert, leise schnattert. - - * * * * * - - Aber meine Seele wittert, - Ob vielleicht in Morgenlüften - Duft vom fernen Freunde schwebe; - - Und im Wind die Myrte zittert, - Gibt dem Wind ihr zartes Düften, - Daß dem Freund er's weitergebe. - - * * * * * - - Und die Vögel singen tausend - Lieder, und die Palmen mächtig - Rauschend ihre Zweige schwingen: - - Hört mein Trauter, wie das brausend - Anhebt, und sich alles prächtig - Müht, ihm meinen Gruß zu bringen? -- -- - -- -- -- -- -- -- -- - - - - - V. - LEBEN, LEIDEN, DICHTEN - - - - Eine Taube schluchzt vom Zweige: -- - Wird mir bitter weh zumute, - Denn ich finde ihre Schmerzen - In mir selber, und mein Schicksal - Ist dem ihren zu vergleichen. - Weint sie übers Heimatnestlein, - Wein' ich meines armen Volkes; - Weint sie über Scheiden, Meiden, - Meiner Brüder in der Ferne - Muß ich stöhnen; aber wenn sie - Schluchzt um ihre jungen Tage, - Heb' ich selber an die Klage - Ueber aller Welt Vergehen. - - Abgehaun sind meine Zweige, - Meine Wurzeln ausgerissen, - Wie man ihr die Flügel stutzte; - Allenthalben böse Fallen - Drohen meines Schrittes Eile - Wie die Sprenkel ihren Füßen; - Und den Jäger muß ich fürchten, - Wie sie selbst die flinken Pfeile. - - Wahrlich, Pfeile schnellt das Leben: - Scheibe ward ich ihren Schützen, - Und sie treffen in mein Blut - Und vergießen meine Galle, - Und in meine Wunden alle - Werfen sie mir Gift und Glut. - Stützte mich der Adel nicht - Meiner unerschrocknen Seele, - Wär' ich tot in dieser Fremde, - Diesem Lande, dessen Tage - Nächte sind und Todesschatten. - - Aber sie, die edle Seele, - Steigt mir wie das helle Funkeln - Einer Sonne, die nicht wendet, - Nie sich neigt zum Abenddunkeln. - Soll ich mich vor Menschen fürchten, - Da in mir das stärkste Leben - Solcher Seele ist, vor deren - Mächten alle Mächte beben? - Soll ich vor der Sorge zagen, - Da ich aus der Weisheit Schächten - Kann mir Diamanten schlagen? - Hungre ich, sie reicht mir Früchte, - Quellen meinem Durste springen; - Einsam kann ich nimmer heißen, - Da mir ihre Harfen klingen: - Und mit Freunden Rede tauschen - Brauch' ich nicht, kann ich nur lauschen - Ihrer Worte weisem Singen. - Sieh, in meines Griffel Schreiben - Lebt mir Lautenspiel und Harfe, - Und der Weisheit Schriften bleiben - Gärtlein mir und Paradies. - - Redet nur zur Welt, zur schlimmen: - Mag sie tun, was ihr gefällt; - Härter doch als ihre Dornen, - Stärker ist mein starkes Herz. - Darf ich ihre Weine kosten, - Will ich auch die Hefen nippen, - Besseres verlang ich nicht. - Denn erprobt ist meine Seele: - Alle gift'gen Bitternisse - Werden Honig meinen Lippen. - - Mag die Welt in harte Ketten - Zehnmal alle Seelen zwingen, - Zehnmal meine Seele retten - Will ich aus den Eisenringen; - Auf zu einem neuen Leben - Will ich aus der Knechtschaft dringen, - Will mich rein und frei entheben - Ihrem trümmerreichen Sturz. - - Ihre Schönheit lockt mich nicht: - Mag sie ihre Lichter stellen - Flammend vor mein Angesicht, - Ihre Säle, ihre hellen, - Mögen andere berücken, - Mir sind's Gräber, die ersticken; - Ihren Reichtum, ihren Schimmer - Laß ich gerne, so wie immer - Gern die Seele läßt den Leib. - - Hat sie sich nicht selbst geschändet, - Und ich sollte sie erheben? - Da im Kote sie geendet, - Zögre ich, sie hinzugeben? - Schlecht geschlungen ist die Krone, - Die aus ihrer Hand entlehnte, - Und erröten unterm Hohne - Müssen alle, die sie krönte. - - Doch es lebt in mir ein Glaube, - Den ich nimmer lassen werde, - Und ein Bund, den nimmer brechen - Meine starke Seele wird. - - Auf ein Leuchten will ich blicken, - Aus der Hand voll Glanz und Schimmer: - O wer weiß, sie kann noch immer - Ihre Morgenröte schicken! - Tragen will ich, alles tragen, - Meinen Kummer unterjochen; - Denn ein einzig starkes Nu: - Und die Kette ist gebrochen! - Wecken wird mich meine Stunde, - Meines Jammers jüngstes Tagen: - Und so harre ich der Kunde, - Gönne meinen Wimpern nimmer, - Daß sich ihnen Schlummer böte, - Immer an der Morgenröte - Wimpern lasse ich sie hängen: - Seelen, die sich selbst erheben, - Seelen, die in Hoffnung leben, - Gott wird ihre Tore sprengen! - - - - Sie besuchten mich im Traume, - Wollten trösten, wollten laben; - Doch versiegelt und vergraben - Blieb ihr Trost im dunklen Raume. - - Und von allen ihren Lehren - Hatt' ich nichts als Herzensdarben, - Sah bei ihnen volle Garben - Und bei mir die dürren Aehren. - - Ich von allen meinen Lieben - Bin allein in meiner Kammer - Heimgesucht von allem Jammer - Aller Nöte Kind geblieben. -- -- - - Was noch kann die Zeit mir geben? - Such' ich, was ich nie erworben? -- - Ach, ich bin schon längst gestorben, - Und ich hab' kein Recht zu leben! - - - - Und als nun alle war mein Gold, - Hat sich der Freund davongetrollt. - Ich lief ihm nach: O hab' Geduld! - Was zürnst du mir? - Was schuld ich dir? - Da rief er lachend: Deine Schuld - Ist klar: - Bist du nicht arm? -- - - - - Siehe, Menschensohn, siehe: - Alles ist Tand! - Ziehe aus, ja, ziehe - Die bunten Kleider der Freude, - Schlag um die Schultern das Trauergewand! - Das wird zerfallen, - Und wie's zerfällt, - So du: - Das ist von allen - Den Mühn der Welt - Dein letzter Teil -- - Die Ruh'! - - - - Kann dich Reichtum locken, Herz? - Jagst du nach dem Glücke? - Kennst du nicht der Zeiten Trug, - All die falsche Tücke? - - Wer sich lange Schleppen macht, - Kürzt sich seine Schritte, - Strauchelt bei der schönsten Pracht - Auf des Weges Mitte. - - Liegt denn nicht die schlimme Zeit - Deinem Auge offen? - Und du hoffst? -- O folge mir: - Höre auf zu hoffen! - - - - Freue dich vor deinem Nächsten, - Ueble Laune lasse schwinden, - Und du wirst das Herz der Weisen - Und den Rat der Klugen finden! - - Sei nicht schlecht und sei nicht dumm, - Auch nicht allzusehr gerecht, - Und erreichen wirst du alles, - Was dein Herz sich wünschen möcht. - - - - Weh der Kunde, die im Ohre gellt: -- - Keine Wahrheit gibt's in dieser Welt, - Dieser schlimmen Welt der falschen Wagen: - - Wenn ein Mann schon mit ihr leben will, - Sie zur Gattin sich erheben will, - Muß er sich mit einer Dirne plagen! - - - - Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? -- - Lebendig faßt dein gutes Wort mich an; - Doch sag' ich: Nein! Was je mir Freude schuf, - War nur der Tropfen, der vom Eimer rann. - - Das Naschwerk nur, das ich am Herde fand, - Das liebte ich, das hab' ich mir erwählt, - Doch zu des Geistes Kränzen, die ich wand, - Hab' ich mein leichtes Dichten nie gezählt. - - Und ist die Weisheit wie ein Meer so weit, - Mein Lied ist nur der Schaum, der drüber weht: - Nicht Mauern will ich türmen als Poet, - Mein leichtes Ziel ist: Liebenswürdigkeit. - - - - Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! -- - Zur letzten Reihe stellte ihn das Leben; - Und als es endlich seine Reihe fand, - War alles Glück der Welt schon längst vergeben. - - Auch er gehört zu der Berufenen Schar, - Hat niemand seinen Namen auch geschrieben: - Und wenn er selbst der Edelste nicht war, - Er ist im Kreis der Edlen doch geblieben. - - - - Seh' ich, wie Narren - Sich glücklich preisen, - Seh' ich die Weisen - Hungern und harren: -- - Schnell möcht' ich laufen, - Den Verstand versaufen! - - - BECHERSPRUCH - - Augen auf, mein Liebster traut, - Was im Kelche blinkt: - Schaue, eh' der Nachbar schaut! - Trinke, eh' er trinkt! - - - ZWEI RÄTSEL - - - I - - Die Stirne von Eisen, - Daß Brüder sich schieden; - Die Zunge zu preisen: - Sie macht wieder Frieden. - - (_Die Wage._) - - - II - - 's ist ein Gefäß von ungemeßnen Tiefen, - Doch faßt die kleinste Hand es gut; - Und dennoch kann die Hand nicht prüfen, - So nah sie kommt, was in ihm ruht. - - (_Der Handspiegel._) - - - - - VI. - ZION - - - - Zion, willst du nimmer wieder - Die verbannten Kinder grüßen, - Sie, die letzten deiner Herde, - Die dich immer wieder grüßen? - Osten, Westen, Süden, Norden, - Alle Nähen, alle Weiten -- - Horch, von allen fernsten Borden - Grüßt es dich: - Höre sie, Zion! - Höre auch mich! - - Armer Gefangener ich, - Ich mit meinem Sehnen, - Hermonstau meine Tränen! - Hermonstau? -- O wären sie's nur, - Daß ihrer Tropfen Spur - Deine ewigen Höhen benetze! - - Ich aber, ein Tier der Wüste, - Kann nur heulen ob deinem Falle; - Nur, wenn im Traume die Zukunft mich grüßte: - Heimwallende Scharen -- zum Liedeshalle - Meine Schmerzen alle, - Zur jubelnden Harfe waren. - - Um Bethel stöhnt mein Herz, - Um Peniël muß ich weinen, - Um Machanaïm und die reinen - Stätten alter Gottesschau! - - Dort ließ der Herr sich finden - Und wohnte im lichten Flor, - Dort ließ dein Schöpfer münden - Deine Tore ins schimmernde Wolkentor - Hoch oben in ewiger Ferne: - Und war deine Fackel und Leuchte und Licht, - Und Sonne und Mond, sie leuchteten nicht, - Und ach, wie bleichten die Sterne! - Sein ewiger Geist ergoß sich dort - Auf herrliche Kinder der Wahl: - O könnte an jenem heiligen Ort - Auch meine Seele immerfort - Ergießen ihre Qual! - O Königshaus! O Gottesthron! - Wie darf ein Knecht und Knechtessohn - Auf Heldenthronen prahlen? - - Könnte ich wandern über die Stellen, - Wo der Herr sich so herrlich gezeigt, - Wo er in Flammen sich, strahlenden, hellen, - Deinen Priestern und Sehern geneigt! - Flügel, wer gibt mir mächtige Flügel, - Daß ich mich schwänge zum Lande der Lust, - In eure Risse, ihr zackigen Hügel, - Trüge die Risse der leidenden Brust. - Oh, dann stürzte ich jubelnd nieder, - Meine Arme griffen das Land, - Streicheln würd' ich die Steine, die kalten, - Schmeichelnd würd' ich dich fassen und halten -- - - Du, der Heimat glühender Sand! - Wie erst, stünd' ich dort an den Grüften, - Die mir künden der Väter Gruß, - Könnte durchwandern in Hebrons Lüften - Stolzeste Gräber mein zagender Fuß! - Oh, dann schritt' ich durch deinen Garten, - Ginge waldüber nach Gilead, - An deinen Bergen und Felsenwarten - Staunt' ich die durstige Seele mir satt. - Hor, Abarim, o ewige Wonnen! - Mose und Aaron, begrabene Sonnen, - Leuchten und Lehrer, wo finde ich euch? - - Seelenlabe sind deine Lüfte, - O du hochgesegnetes Land, - Deine Ströme sind Honigdüfte, - Myrrhe spendet dein wirbelnder Sand. - Doch das süßeste Sehnen für immer - Bleibt bei deinen Hallen stehn, - Zion, über deine Trümmer - Möchte ich nackt und barfuß gehn: - Sehen, wo die heilige Lade - Am geheimsten Orte stand, - Wo im stolzesten Flügelrade - Man die goldenen Engel fand! - - Herunter das Haar vom lockigen Haupt, - Herunter dir von der Stirne geraubt - Des Reifes goldene Bande! - - Fluch dem Geschicke, Fluch der Zeit, - Die heilige Häupter so schmählich entweiht - In schmacherfülltem Lande! - - Essen und Trinken, wie kann es mir munden? - Deine Löwen seh' ich zerbissen von Hunden, - Deine Aare zerrissen von gierigen Raben -- - Licht des Tages, wie kannst du mich laben? - - Ha, du Becher des Grams, - Fort mit dir, lasse mich los! - Angefüllt ist meines Leibes Schoß - Schon längst mit bitteren Gallen! - Um Israel hob ich den Kelch zum Mund, - Um Juda leert' ich ihn bis zum Grund, - Kein Tropfen der Hefe gefallen! - - Zion, Zion, du Krone der Zeit, - Schönheit und Liebe sind dein Kleid, - So hältst du die Kinder gefangen; - Sie lachen mit dir zur Lachenszeit, - Sie stöhnen um dein bitteres Leid, - Um dein Ende tropfen die Wangen. - - Sie schmachten aus Kerkersnöten empor, - Sie neigen sich deinem ewigen Tor, - Wenn ihre Gebete trauern. - Deine irrenden Herden allzumal, - Verjagt vom Berg ins dunkle Tal, - Ach, sehn nur deine Mauern! - Sie klammern sich fest an deinen Saum, - Und hoch in den schwankenden Wipfelraum - Deiner Palmen greifen die Hände: -- - O Sehnsucht sonder Ende! - Wohlan, wer will sich messen? - Ha, Patros, Schinear, - Wagt ihr's? - Habt ihr vergessen, - Vergessen ganz und gar - Das heilige Zionpriesterkleid? - O über eure Nichtigkeit, - Und eure morsche Größe! - - Nein, neben dich kann niemand treten, - Kein König kommt den deinen gleich: - Was sind die Allerweltspropheten - Vor deinem heil'gen Priesterreich? - Ach, alles stürzt von seinen Thronen, - Es sinkt der falschen Götter Recht, - Doch ewig bleiben deine Kronen, - Dein Schatz ins tausendste Geschlecht! - Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! -- - Wem deine Mauer wieder Heimat bot, - Heil ihm, und wer durch Sehnsuchtstränen - Erblickt dein ew'ges Morgenrot! - Dein Morgenrot, da alle Wolken fallen, - Und hundertfacher Glanz vom Himmel bricht, - Da deine Kinder jauchzend heimwärts wallen, - Und in des Jauchzens Heil und Widerhallen - Aufstrahlt dein altes königliches Licht! -- - - - - Im Orient ist mein Herz, im Okzident, - Am letzten Saum, verträume ich die Stunden. - Kann Trank und Speise, noch so süß, mir munden? - Kann ich Gelübde, kann ich Schwüre halten, - Solange Zion liegt in Roms Gewalten? - Läßt mich Arabien nicht im Kerker kümmern? - Und was ist Spaniens reichste Flur, - Was ist sie vor dem Staube nur - Auf Zions, -- Zions Trümmern? -- - - - - Komm mit mir gen Zoan, - Zum Schilfmeer und Horeb; - Wandeln will ich nach Silo, - Zu gesunkenen Tempels Trümmern. - Wo die Lade einst zog, - Da will ich ziehen, - Wo sie begraben ist, - Da will ich knien; - Küssen den Staub - Süßer als Seim, - Schauen die Auen, - Die schönen, daheim, - Schauen das öde, - Vergessene Nest; -- - Oh, wenn ihr wüßtet: - Die Täublein zerstoben, - Rabenbrut nistet - Dort oben. - - - - Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll, - Und kam mich doch ein Zittern an: - Nach Zion mir die Sehnsucht schwoll, - Da gabest du mir liebevoll - Ermutigung, Berater! - - Und gabst mir deinen Namen her, - Als Stab daran zu wallen; - Nun schreit' ich hin, doch ist es mir, - Als müßt' ich Schritt um Schritt vor dir - In meine Kniee fallen. - - - - - VII. - DAS MEER - - - DER STURM - - - 1 - - In Wolkenräumen - Dort richtet er, - Der Gnaden Säume - Wallen aufs Meer. - - Der Mensch alleine, - Wenn Gott ihm fehlt, - Dient er dem Scheine - Vom Trug beseelt. - - Aus Alltagsgrüften - Steht froh er auf, - Eilt übers Meer - Den Heldenlauf. - - Doch ach, in Banden - Der Schuld gefällt, - Muß östlich landen, - Wer westlich hält. - - Und er gesteht: - Nicht seine Kraft - Weist ihm den Weg - Der Wanderschaft. - - Dann muß verzagen - Das arme Herz - Und klagen und fragen - In Angst und Schmerz: - - Vor dir, dem Einen, - Wo soll ich ziehn? - Wohin vor deinem - Geiste fliehn? - - - 2 - - Wie donnernde Räder rasen die Wogen - In mächtigem Sturz übers brausende Meer, - Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen, - Es schäumen die Fluten dahin und daher. - - Da hebt sich der Abgrund und steigt in die Lüfte, - Sein Brüllen bis hoch an die Wolken hallt, - Es kochen die Tiefen, es schreien die Grüfte, - Und keiner bändigt die tolle Gewalt. - - Es sinken die Helden! die Stürme zerjagen - Zu Bergen und Tälern den donnernden Schlund: - Turmhoch das Schiff in die Lüfte getragen - Saust es hinab in den gähnenden Grund. - - Da suchen die Augen nach Schiffern und Knechten: -- - O schweige mir, Herz, und hoffe auf ihn, - Der einst uns an Moses gewaltiger Rechten - Durch Schlünde des Meeres ließ ruhevoll ziehn. - - So ruf' ich ihn an, den Herrn aller Herren! - Und fürchte nur eins: Meiner Sünden Gewalt. - Ach, wenn sie nur jetzt nicht den Weg mir versperren, - Nur jetzt nicht mein Jammern, mein Flehen verhallt! - - - 3 - - Ha, das Meer! Wie rast es wieder! - Ha, der Ost! Wie schmettert er nieder - Mächtig den stolzen zedernen Mast! - Schüttet herab den Sturm seiner Grimme, - Daß sich der Nacken der Stolzen krümme, - Und der Schiffsherr zitternd erblaßt. - - Kraftlos hängen dem Maste die Schwingen, - Kann sie nicht heben, weiter zu dringen, - Feuerlos siedet die Flut im Föhn. - O wie verzweifeln die Herzen und stöhnen, - Da sie die Ruderer hilflos frönen - Und die Ruder sinken sehn. - - Armer Schiffsherr, Steuermann schlechter, - Dumme Ruderer, blinde Wächter, - Wo, wo ist nun euer Mut? - Trunken tanzt das Schiff im Winde - Und verschleudert an die Gründe - Alle euch als feiles Gut. - - Seht, schon regt der Leviathan die Flossen, - Kommt durchs tosende Meer geschossen, - Ruft wie ein Bräut'gam die Gäste zum Schmaus; - Und das Weltmeer mit gierigem Munde - Schlingt seine Beute zum untersten Grunde: -- - Alles verloren, alles aus! - - - 4 - - Nun schmachtet nach den Höhen - Zu dir mein Augenpaar - Und bringet dir mein Flehen - Als ernste Gabe dar. - - Nun zittr' ich meiner Zeiten - Und bebe, wo ich bin, - Wie Jona muß ich breiten - Die Arme nach dir hin. - - Laß mich ans Schilfmeer denken - Und träumen immerzu, - Laß mich die Sehnsucht senken - Im Liede nun zur Ruh! - - Der Jordanwunderzeiten - Erfreu' sich meine Brust, - Das Herze mag sich weiten - Als wie von Edens Lust; - - Bis es zu ihm getragen, - Der Bitteres versüßt, - Und der des Grimmes Tagen - Als Tag der Hilfe grüßt. - - Ja, meine Augen hellen - Zu ihm sich himmelan: - Er legt durch Meer und Wellen - Uns eine sichre Bahn. - - Und endlich auch sein Toben - Uns Menschenkindern frommt, - Da Winter uns und Sommer - Aus seinem Odem kommt. - - - 5 - - So hat er seinen Zorn gewandt - Vom niedern Sohne seiner Magd, - Befreite aus dem Totenland - Die arme Seele, die verzagt. - - Nun eilen schon die goldnen Höhn - Hernieder auf den wilden Grund - Und bringen den erregten Seen - Hinab den schönsten Friedensbund. - - Da schweigt denn ganz der Schreckenslaut, - Es ruht wie Oel das wilde Meer, - Und keiner bebt und keinem graut, - Und Freudenstimme rings umher. - - An die verzagten Herzen dringt - Der Liebe Engelstimme schon, - Ihr Schreiten aus den Höhen klingt, - Ein tief geheimnisvoller Ton. - - So wird die Botschaft ausgesandt - Dem Volk, das lang im Joche rang, - Und das so hart des Drängers Hand, - Des Leides Faust in Ketten zwang. - - Du wildbewegtes Volk der Wahl, - Du gleichst dem Schiff in Sturmesnot, - Doch naht gewiß auch dir einmal - Das liederweckende Gebot: - - Heraus, heraus aus finstrer Nacht, - O liebes Kind, zum Sonnenfirn, - Sieh, Gottes himmelhohe Pracht - Strahlt herrlich über deiner Stirn. - - - - Holder Zephyr, deiner Lüfte - Schwingen tragen Nardendüfte, - Duft vom Apfelblütenstrauß! - Wo des Krämers Würzen liegen, - Dort begann dein frisches Fliegen, - Nimmer in des Sturmes Haus. - - Schwalbenflügel schwingst du leise, - Freiheit lautet deine Weise, - Myrrhen streust du hin und her. - Ach, wie freuen sich die Scharen, - Die auf lockrer Planke fahren - Mit dir übers weite Meer. - - Laß das Schiff nicht aus der Rechten, - Nicht am Tage, nicht in Nächten, - Brich durchs Meer ihm seine Bahn! - Banne fest die tiefen Gründe, - Bis, die Ruhstatt deiner Winde, - Gottes heil'ge Berge nahn! - - Schilt den Ost, den Meeresstürmer, - Flutenkocher, Wogentürmer: - Hab' ich denn noch freie Bahn? - Ich Gefangner von Gewalten, - Die noch jetzt im Zaum gehalten, - Losgerissen schon mir nahn? - - Das Geheimnis meiner Flehen - Bleibt bei Gottes Händen stehen, - Der es mir verborgen hält: - Er, der Höchste, schuf die Höhen, - Er hat auch der Winde Wehen - Heute gnädig mir bestellt. - - - - Kommt die große Flut mit einem Mal? - Läßt kein Land sich schauen in der Runde? - Mensch und Tier und Vogel flohn die Stunde: - Ist's das Ende? Kommt die Todesqual? - - Säh' ich einen Berg, ein Tal allein, - Würde meine Seele ruhig werden, - Und ein wüstes Fleckchen dieser Erden, - Würde jetzt mir süße Labe sein. - - Ach, die Augen gehen um im Kreise: - Nichts als Himmel, Flut, des Schiffes Knochen, - Der Leviathan macht die Tiefe kochen, - Und die Wellen schaun wie wilde Greise. - - Und das Meer verbirgt uns in den Wogen - Wie der Räuber sein gestohlenes Gut: -- -- -- - Mag es rasen! Fröhlich ist mein Mut: - Näher kommt die Heimat schon gezogen! - - - - - VIII. - LETZTE TAGE - - - IN ÄGYPTEN - - Die Städte sieh und sieh den Strand, - Wo einst ihr heimisch wart: - So ehre auch das fremde Land - Und tritt es nicht zu hart. - - Mach deine Sohle sanft und weich, - Die durch die Straßen geht, - Denn einst durch dieser Straßen Reich - Schritt Gottes Majestät. - - Er neigte sich an Tür und Tor - Nach deinem Bundesblut, - Und jeder sah's: Er schritt euch vor - In Wolke und in Glut. - - Aus dieses Landes Felsen kam - Dein Bundeshort heraus, - Und deine Quadern, alter Stamm, - Die waren hier zu Haus! - - - - Hat die Zeit das Kleid des Leides - Ausgezogen und das Kleid des - Lachens endlich angelegt? - Sieh die Welt im Byssuskleide - Hingelehnt in Gold und Seide, - Wie sie ihre Glieder regt! - - Sieh am Strome das Gefilde, - Das mit Gozens schönem Schilde - Seine bunten Ufer hüllt; - Und der Steppe Blumenbeete - Und die alten Trümmerstädte, - Die ein goldnes Leuchten füllt; - - Und am Strand die süßen Frauen, - Gleich Gazellen anzuschauen, - Nur nicht so geschwind zu Fuß: - Denn an ihren Armen hängen - Spangen, und den Schritt beengen - Güldner Ketten Klingegruß. - - Ach, schon ist das Herz gefangen, - Und des Alters bleiche Wangen - Sind vergessen auf der Flur: - In Aegyptens Paradiese, - An dem Strome, auf der Wiese, - Denk ich meiner Jugend nur! - - - TODESAHNEN - - Wollt ihr Liebes mir vergelten, - Sendet meinem Herrn mich zu! - Eh' ich unter seinem Zelte - Glücklich nicht das meine stellte, - Find' ich Armer keine Ruh'. - - Haltet mich nicht auf zu eilen, - Da mich schon die Angst erfaßt: - Unter seinem Flügel weilen - Und der Väter Ruhe teilen - Bleibt doch meine einz'ge Rast. - - - - Dein Wunder geht durch alle Zeit - Und kündet uns, was Väter sahn: - Des Stromes Wasser wurde Blut, - Da war kein Spruch, kein Zauber gut, - Dein Name hat's getan! - - Dein Name und der Wunderstab, - Den legtest du in Moses Hand: - O führ' auch meinen frommen Mut, - -- Das geht so schnell, das geht so gut -- - In deiner Wunder Land. - - - - - JEHUDA HALEVI, - seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen - - - von - Emil Bernhard - - - I - -Das Land Spanien breitet nach Süden seine Arme aus. Durch die -Geradlinigkeit des Pyrenäenrückens von Europa getrennt, vermag es keinen -regeren Verkehr mit den Völkern nördlich des Gebirges zu erzeugen, zumal -die Stämme, welche am Fuße der bergigen Mauer wohnen, jenseits und -diesseits einander zu ähnlich sind, um durch gegenseitige Bekanntschaft -angeregt und bereichert zu werden. Darum wendet Spanien dem übrigen -Europa den Rücken zu. Wie es aber im Norden verriegelt ist, so hält es -im Süden die Tore offen. Während bis zum Guadalquivir hinab sich jenes -weite zusammenhängende Hochland der iberischen Meseta erstreckt, das ein -echt kontinentales Klima extremer Sommer- und Wintertemperaturen -aufweist, beginnt nach Osten, Süden und Südwesten hin ein ganz anderes -und wundervolles Bild. Ein Armausbreiten in der Tat: Als wenn das ganze -Land in Liebe sich ergösse, treibt es die volle Herrlichkeit des Südens -hervor. Es ist die Sonne der Mittelmeerländer, die hier scheint, ihre -Blume ist es, die hier blüht, ihr Regen, der hier rauscht. Hier haben -wir die wilden Gewitter, die im Nu kommen, und im Nu vergehen, den -feinen Sonnenregen zurücklassend über der perlenbesäten Flur. Hier -wandeln wir durch die lichten Wälder, die Maquidickichte, die Huertas -und Vegas, jene herrlichen Gartenoasen, von Bächen durchrauscht hierhin -und dorthin, wo die Granate flammt, und der Apfelbaum schimmert in der -lichten Pracht seiner Blüten. Hier rauschen die Morgen- und Abendwinde -über taubedeckte Täler und künden die Nacht an, die nirgends emporsteigt -wie hier, so träumerisch erhaben, so schlummernd wach, so einsam und so -beredt. Das ist das Land Andalusien, von dem der alte arabische Dichter -einst sang: »Da es emportauchte aus des Meeres Flut, ward es wie eine -Perle aus der Muschel gehoben. Da erbebten die Wogen vor Entzücken, als -sie sich legten wie eine Kette um seinen Hals. Darum lächeln noch immer -in ihm wonneerbebende Blüten, darum schmettern in ihm die Nachtigallen -auf lauschenden Zweigen. Hier ist die Heimat meiner Lust. Weh mir, wenn -ich je sie verlassen müßte! Hier nur ist ein Garten, die ganze Welt eine -Wüste.« Und als der unglückliche Emir von Sevilla, Al Motamid, im fernen -Marokko eingekerkert saß und seine wundervollen Elegien sang, da bebte -die Schönheit Andalusiens durch sein Lied: »O wie gerne möchte ich -wissen, ob ich meinen Garten und meinen See wiedersehen werde in jenem -stolzen Lande, wo die Oliven grünen, wo die Tauben girren, wo die Vögel -ihr liebliches Gezwitscher ertönen lassen.« - - - II - -Das Land Spanien breitet seine Arme nach Süden aus. Und der Süden -stürzte in seine Arme. Nachdem die Halbinsel manche ethnische Revolution -erlebt hatte, nachdem Kelten, Karthager, Phönizier, Römer, Vandalen -schwere Erschütterungen über sie gebracht hatten, erhob sich im Anfang -des achten Jahrhunderts die ganze, junge, unberührte Gewalt der -Atlasländer und ergoß den heißen Strom ihrer Stämme übers Meer in die -herrlich blühenden Fluren Andalusiens und weiter bis in den Norden -hinein. Der Orient vermählte sich dem Okzident und brachte ihm als -Morgengabe eine neue, kaum hundertjährige Kultur mit, die, eingepflanzt -in die bunten Gärten Südspaniens, eine herrliche Blütezeit erlebte. - -Nach der machtvollen Regierung der Ommajaden, vor allem der -fünfzigjährigen des glänzenden Abderrahmân III. (912-961), der in der -Millionenstadt Cordova, ein zweiter Salomo, alle Pracht und Bildung der -Welt um sich sammelte, ward die arabische Herrschaft zwar bald durch -lange Bürgerkriege in viele kleine Staaten zerschlagen, die Kultur aber -erhielt sich in ihrer vollen, zauberhaften Schönheit. Im Gegenteil: Die -Kleinstaaterei diente noch ihrer Förderung. All die Emire von Sevilla, -Cordova, Granada, Malaga, Murcia waren zu schwach, als daß sie ihren -Ehrgeiz in großen kriegerischen Unternehmungen befriedigen konnten. So -suchten sie sich den Ruhm ihrer Vorgänger als Förderer und Pfleger der -Künste und Wissenschaften zu erhalten und zu mehren. Und nie hat in -einem Lande die Dichtkunst so geblüht wie in Andalusien. - -Es war, als hätte diese gesegnete Erde nur darauf gewartet, von den -Sohlen der freien, sangesfrohen Wüstensöhne, den Hütern der lauteren -Sprache, den Schatzmeistern des reinen Arabisch berührt zu werden, um zu -ewigen Jubeltönen zu erwachen. Da begann die Laute zu klingen vor den -Balkonen in der Nacht zu feinen arabischen Sequidillas zum Lobe der -Schönen: -- »Zum Monde blickte ich, o Geliebte, und seinen Strahlen. Da -nahm er einen Schleier und verhüllte sich: Er schämte sich, o Geliebte, -als er dein holdes Antlitz sah. Deine Schönheit überwand ihn, er mußte -sich verbergen.« -- Da tanzte und sang das Volk auf der Silberwiese von -Sevilla, am grünen Ufer des Guadalquivir; sie warfen sich freundliche -Worte in gereimter Rede zu, und hin und wider scholl das Lachen; und -verkleidet unter ihnen wandelten die Fürsten und Prinzen und -verlustierten sich im süßen Nichtstun. In der wundervollen Landschaft -Silves hatte jeder Bauer das Talent, zu improvisieren. Wie sollte er -auch nicht: Silves war die Perle in der silbernen Muschel Andalusiens. -Als der genannte Al Motamid seinen Freund Ibn Ammâr als Statthalter nach -Silves sandte, da brach er in Erinnerung an seine dort verlebten -Jugendtage aus dem Stegreif in die Verse aus: -- »Ach, wie oft haben -dort die jungen, weißen und braunen Mädchen mir das Herz mit ihren süßen -Blicken durchbohrt, als ob ihre Augen Dolche wären oder Lanzen! Und -welche Nächte habe ich in jenem Tale am Ufer des Flusses mit der schönen -Sängerin zugebracht, deren Armband dem zunehmenden Monde glich! Sie -machte mich trunken durch Blicke, trunken durch Wein, trunken durch ihre -Küsse!« - -Wer singen und dichten konnte, war im schönen Andalusien nimmer -verloren. Der Verbrecher, der zum Tode geführt wurde, konnte sich noch -am Fuße seines Galgens befreien, wenn er einige anmutige Schmeichelworte -in gereimter Rede zu sprechen vermochte. Der Bettler, der heute am -Straßenrande lag, konnte morgen Wesir sein, wenn er, vom Emir in Versen -angesprochen, in Versen antworten konnte. So wurde Ibn Ammâr von Al -Motamid aus dem Staube erhoben, so hat derselbe Fürst auf der Gasse von -Sevilla seine süße I'timâd, die Sklavin Romaikija, gefunden, das -reizende Spielzeug seines Lebens bis zum Tage, da er nach Agmât wandern -mußte in den Kerker seines Feindes. - -Hand in Hand mit dieser tiefen Liebe zur Dichtung, dem höchsten Stolz -des feingesitteten Andalusiers, ging die Pflege der Wissenschaften. -Ueberall im Lande, in Cordova, Sevilla, Toledo, Valenzia, Almeriga, -Malaga, Jaen, wuchsen islamische Akademien empor, denen umfangreiche -Bibliotheken angegliedert waren, aufgesucht von den lernbegierigen -Jünglingen der ganzen arabischen Welt. Hier wurde Philosophie, -Grammatik, Lexikographie, Medizin gelehrt, und wie die andalusischen -Jünglinge hinauszogen bis nach Bagdad, um die großen Lehrer des Islams -zu hören, so kamen sie auch aus Syrien und dem Irak nach Cordova, um -Schüler berühmter Meister genannt zu werden. - -Dieses heiße Streben nach Bildung und Gesittung erhielt aber seinen -höchsten Glanz durch die unerhörte Pracht, den maßlosen Reichtum, der -sich in Städten wie Cordova, Sevilla, Toledo entfaltete. Bis in die -dunkle Klause sächsischer Klöster drang die Kunde von diesem Reichtum: --- »O Cordova, die helle Zierde der Welt, die junge, herrliche Stadt, -stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt durch ihre Wonnen, strahlend im -Vollbesitz aller Dinge!« sang die Nonne Hroswitha von Gondersheim. In -der Tat, man kann sich heute kaum eine Vorstellung von dem Zauber -machen, der damals diese Stadt erfüllte. Wer sie besuchte, mußte erst -einen dichten Kranz marmorner Sommerpaläste durchwandern, die aus dem -von Tausenden von Olivenbäumen bekränzten Ufer des in goldgrünen Wellen -hinströmenden Guadalquivir emporragten und schon um das Jahr 950 -achtundzwanzig Vorstädte bildeten. Kam er dann in die Stadt selbst mit -ihren 113000 Häusern, 300 Bädern und 3000 Moscheen und betrat gar die -große Moschee mit ihren »1300 Riesensäulen unter der gewaltigen Kuppel«, -so mochte er sich schon dem Eindruck dieser stolzen Größe beugen, wenn -ihm nicht schon vorher die Herrlichkeit dieser Welt überkommen war, da -er die berühmte Brücke Abderrahmâns über den Guadalquivir, das Werk -seines Lebens, zagend überschritten hatte. Aehnlich wirkte das lachende -Sevilla mit seinen belebten Gassen inmitten der fruchtbaren Ebene, in -der es lag, ähnlich das nördliche Toledo, das auf der natürlichen Feste -eines hochragenden Felsens am Ufer des gelben Tajo gegründet war, -Toledo, in dem Orient und Okzident am frühesten in innige Verbindung -traten. Hier strömte das bildungsfähige Abendland zusammen, um in die -Geheimnisse arabischer Weisheit einzudringen, hier bildeten sich schon -im zwölften Jahrhundert förmliche Uebersetzungsschulen, welche die -aristotelische Philosophie im arabischen Gewande der lernbegierigen -Christenheit vermittelten. - -Der Orient war es, der hier den blühenden Baum in den Garten des -Okzidents gepflanzt hat. Er hat die Schönheit Andalusiens erst -geschaffen. Die Schönheit der natürlichen ebenso wie der geistigen -Kultur. Die Hände der Wüstensöhne hatten das ganze Land mit Kanälen und -Wasserwerken durchzogen und dem Boden seine Fruchtbarkeit abgerungen, -ihr Lied und Sang, ihr Denken und Forschen war es, was auch die Menschen -des Landes eroberte. Es war eine starke Besitzergreifung. So stark, daß -durch die Vermählung von Land und Menschen bald ein neues Volk geboren -war, eine jungfräuliche Nation mit neuem, bald im ganzen Orient -berühmtem Namen: -- El Andalus. - - - III - -An der Wende dieses glücklichen und reichen Zeitalters, in den letzten -Strahlen seiner untergehenden Sonne, wurde zu Toledo um das Jahr 1083 -Jehuda ben Samuel ben Samuel Halevi, oder, wie er arabisch hieß, Abul -Hasan Allâwi, geboren. Die Familie, der er entstammte, war unbekannt, -aber nicht arm. Wenn er auch im zartesten Alter die Belagerung Toledos -(1085) und die Judenverfolgung in derselben Stadt (1090) erlebt hat, -scheint doch seine Jugend glücklich gewesen zu sein, um so glücklicher, -als er aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Kind seiner Eltern war. -Bald aber entwöhnte ihn das rauhe Schicksal dieser »Milch der -Jugendtage«. Der Vater muß frühzeitig gestorben sein. Er ließ den Knaben -mit der Mutter zurück, welche seine ersten bitteren Enttäuschungen noch -miterleben mußte. - -Nach der Sitte der Zeit wurde der Knabe mit den schwarzen Locken und den -dunklen feurigen Augen, die über braunen, gesunden Wangen leuchteten, -früh in die Sprache und Lehre seiner Väter eingeweiht. Mit dreizehn -Jahren sprach und schrieb er ein vollendetes Hebräisch und war -gleichzeitig tief in die Kenntnis der arabischen Literatur wie der -ganzen Zeitkultur eingedrungen. Er hat also seine erste Jugend, obgleich -im christlichen Spanien, doch an der Grenze der mohammedanischen Kultur -zugebracht. Dort hat er die arabische Kasside singen gelernt, das -Preisgedicht, die poetische Epistel, sowie die kunstvollen Gürtel- und -Kettenlieder, die damals in Spanien aufkamen. - -Um jene Zeit erfüllte der Name Abû Harûn Mose ibn Esras, des religiösen -Dichters, die jüdische Welt Spaniens. Dieser kaum mehr als -fünfundzwanzig Jahre alte Dichter lebte wie die meisten Ibn Esras in -Granada, jener Stadt im Süden Spaniens, die damals so viel Juden hatte, -daß man sie schlechthin die »Stadt der Juden« nannte. Da erhielt er -eines Tages aus dem fernen Norden eine poetische Epistel. Von der Hand -eines Kindes. Und las. Und war erschüttert. Dann setzte er sich nieder -und schrieb die Antwort: - - Ein Kind noch jung, ein Knabe zart, - Will Geistesfelsen rücken? - Stößt Helden in den Staub hinab - Und läßt als rot und weißer Knab' - Schon volle Blüten blicken? - - So ist's: Vom Norden strahlt er auf - Und füllt mit Licht die Auen. - Die ganze Weite ist erhellt, - Noch höher als das Sternenzelt - Könnt seine Hand ihr schauen. - -Mose ibn Esra hat das Verdienst, Jehuda Halevi »entdeckt« zu haben. Er -tat es im guten Sinne des Wortes. Er gewann eine vollständige Herrschaft -über den jungen Dichter, der sich ihm mit ganzer überschwenglicher Seele -hingab. Der junge Jehuda war eine zarte, deutlich feminine Natur. Bei -einem ausgesprochen genialen Selbstbewußtsein war er die Demut selbst -vor seinen Freunden, die er fast immer überschätzte. Er vergötterte sie. -Er dichtete ihnen die Eigenschaften an, die ihm selber fehlten. Oft -erzürnte er sich mit ihnen, immer aber war er derjenige, der um -Verzeihung bat. Es ist rührend zu sehen, wie häufig er in seinen -Episteln an die erzürnten Freunde nach einer Schuld sucht, die nicht -vorhanden ist. Von keinem aber ließ er sich so beherrschen, wie von Mose -ibn Esra. Als er sich schon dem Gipfel seines Ruhmes nähert, fühlt er -sich noch als sein Jünger. Wenn er dem Meister seine Verse schickt, ist -es ihm, als schickte er Boten an den Gesalbten Gottes, den König. Und er -läßt sie zum Könige sprechen: - - Herr, o trage unsre Last, - Laß uns selbst nicht Sünde tragen, - Wenn in unbeholfner Hast - Wir dein Lob zu singen wagen. - - Was wir bringen, ist ja noch - Keine Blüte, Knospe eben, - Aber einstmals soll es doch - Hier auch Frucht und Blüte geben. - -Mose ibn Esra war ihm der, welcher berufen war, ihn zu läutern, »das -Gold zu scheiden von seiner Schlacke«. Er war ihm dichterisches und -menschliches Ideal, das Urbild der Demut und Selbstbeherrschung. Welch -trauriger Irrtum: Mose ibn Esra führte ein wilderes, zerfahreneres Leben -als Jehuda Halevi, dem aller Jammer, dessen sein Leben voll war, von -einem herrlichen Frohgemüt übersonnt war, während der andere an seinen -eigenen Launen zerschellte. - -Am Ende des Lebens entfremdeten sich die Freunde, wofür die Schuld wohl -eher in Mose ibn Esra zu suchen sein wird, den der strahlende Ruhm des -Jüngeren seinem Charakter nach kränken mußte. Als er 1138 starb, sang -ihm Halevi dennoch das Grablied: -- »Mose, Mose, mein Bruder, Licht -meines Mondes, meine Sonne, meine Leuchte, meines Glanzes Quell von -alten Tagen her!« -- - - - IV - -Vom Norden her sandte Jehuda Halevi seine ersten Verse nach dem schönen -Granada. Dann aber kam er selbst nach dem Süden. Warum? -- Wir wissen es -nicht. So klar uns der Lebens- und Stimmungsgehalt der nun folgenden -Epoche ist, so dunkel und tatsachenarm ist sie. Um 1100, also mit -ungefähr siebzehn Jahren, befand sich der Dichter schon im Süden -Spaniens, und zwar zunächst im Südwesten. Die allgemein verbreitete -Annahme, daß er die Hochschule des berühmtesten jüdischen Gesetzlehrers -jener Zeit, Isak Alfasi, in Lucena besucht habe, ist nichts als eine -leere Vermutung, die sich auf die Tatsache stützt, daß er beim Tode -Alfasis (1103) sechs Zeilen schrieb und die Einsetzung des jungen, ihm -befreundeten Josef ibn Migasch in den erledigten Lehrstuhl dieses -Meisters in einem Hymnus feierte. Jehuda Halevi zeigt in allen seinen -Werken keineswegs mehr, eher weniger als die talmudische -Durchschnittsbildung seiner Zeit. Vielmehr ist anzunehmen, daß dem -herangewachsenen Jüngling die einfache materielle Sorge nach dem an -Existenzmöglichkeiten reicheren Süden trieb. Mit seiner Ankunft in -Andalusien beginnt eine Zeit der Kämpfe und Irrfahrten für ihn. Von -Stadt zu Stadt wanderte er, ohne einen festen Halt zu gewinnen. Der -Kampf um den Bissen Brot jagte ihn durchs Land. Sevilla, Granada, -Guadix, Malaga, Lucena waren die Städte, in denen er sich aufhielt, doch -immer nur kurze Zeit. Den Arztberuf, dem er später oblag, scheint er -hier noch nicht ausgeübt zu haben. Vielmehr lebte er allem Anschein nach -von seiner Feder. Er dichtete Hochzeitslieder und erhielt Honorare -dafür. Er besang die Koryphäen seiner Zeit, die ihm ihrerseits -Ehrensolde übersandten, oder ihn, wie es Sitte war, in ihrem Hause -wohnen, an ihrem Tische essen ließen. Zeitweise ging es ihm so -erbärmlich, daß er an reiche Leute Bettelgedichte richten mußte, um sein -Leben zu fristen. Es war nur zu verständlich, daß sich in dieser Zeit -seiner im tiefsten Grunde heiteren und lebensfrohen Seele recht oft die -verzweifeltsten Stimmungen bemächtigten. Er fühlte sich von allen -verlassen und es war ihm, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn -verschworen. Einsam und verwaist nannte er sich. Dabei wuchs natürlich -sein Bedürfnis nach Freundschaft, noch mehr aber seine Empfindlichkeit. -So geriet er immer tiefer in eine Stimmung hinein, welche der -Kulturstimmung jener Zeit ähnlich war: Weltschmerz und Lebensverachtung. - - - V - -Auf die Epoche des Glanzes war in Andalusien eine Epoche der tiefsten -Erniedrigung gefolgt. Der Stern des Islam war im Verblassen. Vom Norden -her bohrte das Königreich Kastilien seinen Stachel den Mauren immer -tiefer ins Fleisch. Nachdem Ferdinand (1037-1067) gestorben war, bestieg -sein Sohn Alfons VI. den Thron von Kastilien. Dieser übernahm den Kampf -gegen den Islam als heiliges Vermächtnis von seinem Vater, und es gelang -ihm infolge der Zersplitterung des mohammedanischen Spaniens, die -kleinen Territorialfürsten Andalusiens zum Tribut zu zwingen. 1085 wagte -er den ersten großen Vorstoß, dem der wichtigste Verteidigungspunkt der -Mauren, der Turm am Tore Andalusiens, Toledo, zum Opfer fiel. Ganz -Südspanien erbebte unter diesem Schlage. Die Verwirrung und Angst wuchs -von Tag zu Tag. Da tat der Emir von Sevilla, der schon mehrfach genannte -Al Motamid, den verhängnisvollsten Schritt, den er überhaupt tun konnte. -Er rief den in Nordafrika regierenden Almoraviden Jussuf ibn Taschfîn -mit seinen Berberscharen zu Hilfe. Dieser kam und erfocht gegen die -Christen in der furchtbaren Schlacht von Sallaka (1086) einen vollen -Sieg. Der Süden schien gerettet. Nach der Schlacht ließ Jussuf aus den -gefallenen Christenleibern einen Riesenturm aufschichten, von dessen -Spitze der Muezzin nach allen vier Winden ausrufen mußte, daß es keinen -Gott gebe außer Allah: lâ allâh ill' allâh. Trotzdem blieb der Sieg -unausgenutzt, und als Jussuf nach Nordafrika zurückgekehrt war, stand -alles wie vorher. Wieder stieg die Not aufs Höchste. Da erschien Motamid -selbst in Nordafrika, um Jussuf persönlich zu veranlassen, noch einmal -der Retter zu sein. Jussuf kam. Aber er ging nicht wieder, ohne sich -seinen Lohn genommen zu haben. Er machte dem Zaunkönigtum in Andalusien -mit einem Schlage ein Ende, Granada und Malaga fielen, dann Cordova und -Carmona. Al Motamid mit seinen Söhnen wehrte sich tapfer. Aber es half -ihm nichts. Er mußte den schrecklichen Tod seiner Söhne erleben, um -schließlich in den Kerker zu Adschmât zu wandern, wo er nach vier Jahren -schwerer innerer Leiden, gebrochen an Leib und Herzen, seine königliche -Dichterseele aushauchte. Das war im Jahre 1095. - -Jussuf ibn Taschfîn hatte Andalusien unterworfen. Geholfen aber hatten -ihm dabei nicht nur seine wilden Berbern, sondern auch als -unversöhnlichste Truppe die orthodoxen Gelehrten des Islam, die Fakîhs. -Sie begannen jetzt das Regiment zu führen. An Stelle der früheren -Schönheit und Leichtigkeit des Lebens machte sich der bigotte Geist -dieser orthodoxen Emporkömmlinge breit. Frömmelei und Beterei -vernichteten alle Blüten der früheren Freiheit. Die graziöse Geste der -Lebensfreude wurde erstickt in dem Buchstabenknäuel des koranischen -Gesetzes. Ketzerriecherei und Angebertum schlossen den fröhlich -leichtsinnigen Mund des gebildeten Volkes. Als gar Jussuf das Zeitliche -gesegnet hatte (1106), und sein bigotter, unbedeutender Sohn Alî an -seine Stelle trat, stieg die innere Not Andalusiens auf den Gipfel. -Niemand fühlte sich im Lande wohl außer den Fakîhs und dem Pöbel. Die -Philosophen schwiegen, denn Philosophie war verpönt. Die Freigeisterei -wurde verfolgt. In den Städten spielten die brutalen, unsauberen Berbern -die Hauptrolle. Die Dichter, noch vor zwanzig Jahren die Lieblinge des -Volkes, gerieten in tiefste Armut. Sie hatten keine Beschützer mehr. Wer -von ihnen nichts auf sich hielt, lief den Fakîhs nach und sang ihr Lob, -um von ihnen Geld zu erhalten. Die Spekulation auf die Eitelkeit dieser -frommen Leute war auch richtig, aber sie bezahlten schlecht, und wer -seine Kunst in Ehren hielt, mochte sie nicht besingen. Ibn Bakî, einer -der begabtesten Dichter, welche Andalusien überhaupt hatte, irrte wie -ein Landstreicher von Stadt zu Stadt. - -Es ist kein Wunder, daß unter diesen Umständen der bessere Teil der -andalusischen Bevölkerung in dumpfe Verzweiflung geriet. Die meisten von -ihnen hatten die schönen Tage der Freiheit noch gesehen. Um so tiefer -deuchte ihnen jetzt ihr Fall. Es war alles so schnell gekommen. Was -früher unten war, war jetzt oben, die Verachtetsten waren die -Mächtigsten geworden. So wurde dem Volke damals mehr denn je das -Wechselspiel des Lebens klar. Und da der Druck immer unleidlicher wurde, -so kam es, daß im Lande die alten Lebenswerte entwertet wurden, und die -Sehnsucht nach etwas Neuem, Höherem erwachte. - - - VI - -So war in Andalusien der Boden beackert für die Saat eines neuen -Wissens, das gerade damals in Spanien seinen Einzug hielt. Es war die -Inbrunst des Persers Al Gazzâlî, welche den Samen auswarf. Dieser -wundersame Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus gehörigen -Städtchen Gazzâlah geboren ward, war nach mannigfachem Suchen und -Forschen an allem irre geworden, was seine Zeit ihm bot. Die islamische -Theologie, die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an kalten -Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, ekelte ihn an. -Die Philosophie, die im Geiste die vollkommenste Macht gefunden zu haben -glaubte, befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem Studium -zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror ihm die Seele. Die -Spekulation war ebenso kalt wie die Dogmatik. Dies wird ihm zum -schwersten Kampfe seines Lebens. Tiefe religiöse Erschütterungen machen -ihn an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein -aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, an der er ein -bedeutendes Lehramt innehatte. Er ging, um sich ganz dem beschaulich -einsamen Leben eines Sûfî[1] hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus, -die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte er der Welt seine -neue Lehre. - -Es ist eine tiefe, inbrünstige und leidenschaftliche Religion, die er -vom Menschen verlangt. Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Seele -steht. Sie ist die Macht aller Mächte. Aber diese Macht ist gebunden, -gebunden in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt es, el -mulk und el malkût, die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Zwei -Tore hat die Seele den Welten entsprechend: Das Tor nach außen und das -Tor nach innen. Glaube aber nicht, daß du das Tor nach innen wirst -öffnen können, wenn du den Riegel des Leibes nicht zu sprengen vermagst. -Befreie dich vom Leibe, vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge -schauen, was nie dein äußeres sah. So wird der Aufstieg nach el malkût -gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen den Herrn. Ewig aber wird er -dir verborgen sein, wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein -Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. Ein Kelch ist dein -Herz: Solange der noch voll Wasser ist, hat er für den Wein keinen -Platz. Laß das Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen, -deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der dich hindert, den ewig -Geliebten zu schaun. In der Stunde des Todes springt der Kerker auf, die -Fesseln fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? Erst der -Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du kannst das Erwachen vorwegnehmen. -Läutere dich durch die gute Tat. Sie ist die Brücke, die hinüberführt zu -el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht und Inbrunst, Versenkung und -Kasteiung tragen dich zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern -bedeckt ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst gibst, so -wird er einen Schleier nach dem anderen von dir nehmen, bis du ihm nahe -bist, ihn im klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. Dann -hast du den Frieden. -- - -Es war die Religion seines Lebens, die Gazzâlî lehrte. Es war nur -natürlich, daß sie wirkte wie das Leben. Als das berühmte Buch des -Philosophen über »die Belebung der Religionswissenschaften« nach -Andalusien kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Während die -ernsteren Geister, die unter dem Drucke der almoravidischen Fakîhs -seelisch zugrunde gingen, das Erlösende der Lehre nur zu tief verspürt -haben mögen, entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl das -Buch keineswegs heterodox war, fühlten diese doch, daß der Geist ihnen -im innersten fremd war. So verketzerten sie das Buch und setzten durch, -daß es nicht bloß in Cordova und allen anderen Städten des Reiches -verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars bei Todesstrafe -verboten wurde. - - - VII - -Damals lernte auch Jehuda Halevi die Schriften Gazzâlîs kennen. Das -wurde ihm Ereignis. Was alle damals bewegte, mußte auch ihn bewegen. Ja, -mußte ihn tiefer bewegen als alle, weil er Jude war und doppeltes Leid -trug. Mit dem Eindringen der Almoraviden in Spanien hatte für die Juden -eine schlimme Zeit begonnen. Während ihre Edlen früher an den heiteren -Höfen von Malaga, Sevilla und Cordova hohe Stellungen einnahmen, und das -Volk unter ihrem Schutze ein freies Leben führen durfte, so daß auch in -seiner Mitte Kunst und Wissenschaft blühten, lösten jetzt Verfolgungen, -Erpressungen und fanatische Bekehrungsversuche einander ab. Jehuda -Halevi litt entsetzlich. Der von König Jussuf an den Juden Lucenas -geübte Gewaltstreich (1107), der vielfache Frauenraub berberischer -Horden, die Ermordung seines Freundes Salomo ibn Farusal (1108), warfen -dunkle Schatten in sein Gemüt. Dazu kam sein damals auf den Gipfel -gestiegenes persönliches Elend: Hunger, vielfach erfahrener Undank, das -Bewußtsein, andere minder Befähigte erfolgreich, sich selbst aber immer -»in des Lebens letzter Reihe« zu sehen, all das wirkte zusammen, seine -Lebensanschauung bestimmend zu gestalten. Was war ihm das Leben? -- -Ewige Versagung. Was war ihm die Welt? -- Eitel Schaum. - -So kam er zu Stunden tiefster Verzweiflung, die ihn an sein Leben mit -der letzten Frage herantreten ließen. Ein ergreifendes Zeugnis solcher -Stunden blieb uns in jenem herrlichen Gedicht aufbewahrt, in dem er im -Traume die tröstenden Freunde zu sich kommen sieht. Was soll ihm ihr -Trost? Muß er nicht bei ihnen volle Garben und bei sich die ewig dürren -Halme sehen? - - Ich von allen meinen Lieben - Bin allein in meiner Kammer - Heimgesucht von allem Jammer, - Aller Nöte Kind geblieben. - - Was noch kann die Zeit mir geben? - Such' ich, was ich _nie_ erworben? -- - Ach, ich bin schon längst gestorben, - Und ich hab' kein Recht zu leben! - -Daß der junge Dichter solchen Stimmungen anheimfallen konnte, zeugt von -der tiefen seelischen Not, die ihn oftmals gedrückt haben muß. Diese Not -muß um so tiefer vorgestellt werden, als er von Natur eine glückhelle -Seele war. Der geringste Sonnenstrahl, der in sein Elend fiel, half ihm -über ewige Nächte hinweg. Wie leicht wäre er zufrieden gewesen! Er war -kein Weltfeind, und nichts war ihm fremder als Menschenmäkelei. Gern -hätte er mit der Welt in Frieden gelebt. Aber immer wieder mußte er ihr -Dirnentum erkennen: - - Wenn ein Mann schon mit ihr leben will, - Sie zur Gattin sich erheben will, - Muß er sich mit einer Dirne plagen. - -So kam er schließlich dahin, daß er sich vollständig zu verlieren drohte -und an das Glück nicht einmal zu glauben vermochte, wenn es an seinem -Halse lag. Es kamen frohe Stunden, Stunden der Liebe, der Freundschaft, -der Anerkennung, der materiellen Sicherheit. Da wußte er sie nicht zu -genießen: »Nur wenn es mir schlecht geht, bin ich stark,« so klagt er, -»und zittere, wenn mir das Glück lächelt; denn morgen wird es nicht mehr -sein.« Oft war er nahe daran, seinen Jammer zu vergessen und sich des -Heute zu freuen, das so schön war und so voll Trostes, da traf es ihn -plötzlich wie ein Stich in die Brust: Alles Lüge, alles Lüge! »Die Welt -will mich einlullen, ihr Elend zu vergessen. Fast gelingt es ihr. Aber -ich kenne ihr schlimmes Tun, ich kenne es.« Sein ursprünglich heiteres -Gemüt war verdunkelt. Seine Seele war müde geworden. - -Und doch sollte die Verzweiflung ihn nicht haben. In seiner schlimmsten -Zeit scheint es gewesen zu sein, als ihm die Persönlichkeit Gazzâlîs -entgegentrat und ihm den Rückweg zu sich selber zeigte. Hier war einer, -der all das für verachtenswert erklärte, was ihm selbst, Jehuda Halevi, -versagt war, all das für ewigen Reichtum, was er bei sich trug. Einer, -der die Eitelkeit alles Irdischen, die Hohlheit des Lebens, die -Nichtigkeit des Denkens an sich selber erlebt hatte. Und dem aus dem -Chaos der Triebe, Wünsche, Sehnsuchten, aus den Trümmern, die er, selbst -geschlagen, nur ein einziges Wertvolles sich gesondert hatte, ein -Diamant unter den Scherben seines Lebens: Die Seele. Die Seele, die aus -Gott kam, zu Gott will, in Gott ist. Jehuda Halevi fand sich in Gazzâlî -wieder. Der brachte ihm den Sieg über sich selbst, die Begründung seiner -Religion fürs ganze Leben. Der Einfluß ist unverkennbar. Jene -geheimnisvollen Lieder Jehuda Halevis an die Seele sind ein tiefgehender -Beweis. Es ist dieselbe vibrierende Stimme, die aus ihnen und dem -religiösen Bekenntnis des arabischen Meisters spricht. Das Leben ein -Traum, ein Erwachen der Tod, aber die hingegebene Seele findet den Weg -zu ihm schon vor dem Tode, vermag sich selbst die Pforten aufzubrechen, -den Kelch sich zu füllen aus dem Brunnen der Ewigkeiten. O Seele, du -liegst im Sarge deiner Sinne, du moderst bei Lebzeiten, wenn du die Welt -nicht zu verachten vermagst. Wirf hin, was du hast, so hast du ewigen -Reichtum. Laß hinter dir die Erde, steig empor zu ihm, zu seinem Throne, -siehe, er kommt dir entgegen, sein Geheimstes vermagst du zu schauen: - - Wer kündet uns das Weben, - Das alle Wolken treibt, - Das tief verhüllte Leben, - Das ewig droben bleibt? - Und doch will er sich neigen - Dem Kinde dieser Welt - Und läßt sein Leuchten steigen - Hinab aufs Erdenzelt. - - Und läßt vor Seheraugen - Sein ganzes Bild erstehn; - Sonst mochte nie ihm taugen - Daß Menschen ihn ersehn. - Was nie sich wollt' gestalten, - Sein Bildnis oder Maß, -- - In königlichem Walten - Prophetenauge sah's. - -Das ist echt Gazzâlîsche Inbrunst. Es verkennen, hieße blind sein. -Daraus folgt aber gleichzeitig, daß all diese zahlreichen Lieder aus der -Zeit nach 1108 stammen, in welchem Jahre ungefähr die Werke Gazzâlîs in -Spanien bekannt wurden. Wahrscheinlich sogar wurden sie erst nach 1120 -gedichtet. Die religiöse Reife, die aus ihnen spricht, beweist, daß -unser Dichter die Jahre seines Irrens hinter sich hat, daß er mit sich -selbst im Reinen ist, daß er weiß, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen. -Gazzâlî war Jehuda Halevis Wegführer geworden und blieb es bis an sein -Lebensende. Al Chazârî, das philosophische Werk Halevis, mit dem er sein -Leben beschloß, zeigt denselben Haß gegen die Spekulation, dieselbe -Verachtung plappernder Gottesverehrung, denselben Glauben an die -prophetische Schau des »inneren Auges«, wie Gazzâlî ihn gelehrt hatte. --- - -Aber noch eines war es, was Jehuda Halevi über Wasser hielt: Das war das -naive Selbstbewußtsein, die köstliche Gabe des Genies. Er fühlte sich -als »Siegelring seiner Zeit« berufen, ihr den Stempel aufzudrücken. Zwar -hatte sie ihn fortgeworfen, aber er blieb doch das Siegel. Er war »der -Riese, der sich unter Zwerge beugen muß«, aber doch Riese blieb. Er war -»der Löwe unter den Dichtern«, den es ekelt zu dichten, weil im Weinberg -der Poesie »sich die Füchse breit machen«. - -Und was war ihm sein Dichten? Nicht ein Beruf, aber eine Berufung. Er -dichtete nicht, wie der Schuster schustert. Er glaubte an die Intuition -alles dichterischen Schaffens. Ihm war das Höchste »der Tropfen, der vom -Eimer rann«. Der Schaum über dem Meere. Das Meer der Weisheit krönt sich -mit dem Schaum der Poesie. Es spricht durch den Schaum, und ihm war es -prophetische Sprache. Oft klagt er, »daß er keine Vision erfassen -könne«, ein anderes Mal überwältigen ihn die Verse, »ohne daß der -Gedanke sie rief«. Dann wieder redet er sie an: »Wie seid ihr müde, ihr -Verse, ihr meiner Gedanken Flügel wie so lahm? Zur falschen Stunde seid -ihr immer gekommen, jetzt zur rechten schweiget ihr.« Als er einst mit -den Freunden beim Gastmahle saß, forderten sie ihn auf, zu -improvisieren. Er aber weigerte sich. Da wurden die Freunde immer -fröhlicher, tranken und jauchzten ihm zu, bis er, vom Weine bezwungen, -begeistert aufsprang und zu deklamieren begann: -- ein echt -orientalisches Bild: Hafis in der Schenke. Jehuda Halevi dichtete, wenn -er nicht anders konnte. Die Verse waren ihm unbändige Füllen, die sich -oft »in seinen Zaum nicht schicken wollten«, manchmal aber plötzlich in -seinem Zügel waren und den Taumelnden mit sich rissen. Er war ein echter -Prophet der Dichterwelt. Und als Prophet fühlte er sich. In seinem Werke -Al Chazârî spottet er derer, welche der Dialektik bedürfen, um ins -Innere der Natur zu dringen. Sie sind ihm wie Dichter, die Silben -zählen. »Der Schwachkopf braucht Dialektik, dem von der Natur zur -Gottesschau Begnadeten fällt eines frommen Wortes Funken ins Herz, und -schon steht seine Seele im Licht.« - -Wenn Jehuda Halevi so sprach, sprach er von sich selbst. Dieses -Selbstbewußtsein aber lehrte ihn schätzen, was er hatte, und verachten, -was ihm versagt war. Sein war der bessere Teil: -- - - Und sie fragen: Kannst du leben - Ohne Bruder freudevoll? -- - Ja, ich kann's: aus eigner Seele - Stets mir meine Freude quoll! - -Und ebenso lernte er den Pöbel hassen, den gebildeten Pöbel vor allem, -lernte es, »seine Perlen zu vergraben«, zu sorgen, daß »seines Goldes -kein Ring in den Rüssel eines Schweines komme«. Dieser Haß gegen die -Welt blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hat seiner Zeit nie ganz -vergeben können, was sie an ihm gesündigt hat. Noch in seinen letzten -Tagen klagte er über die Menschen, die gerade die Besten immer leiden -lassen, über die Fürsten, die mit ihrem Golde sein Gottesgnadentum -anzutasten wagten. - -Trotzdem entwand er sich von Jahr zu Jahr mehr der Verbitterung, die -seine jungen Tage vergällt hatte. Seine frohe Religiosität blieb -Siegerin. Er hörte auf, zu hoffen auf das, was die Menschen Glück -nannten, und nichts blieb als der triumphierende Stolz des Dichters auf -sein gnadenreiches Leben. Was waren alle Schätze der Erde neben seinem -Reichtum, alle Pfeile des Neides und Hasses gegenüber seiner göttlich -gefeiten Brust: - - Sprechet nur zur Welt, zur schlimmen: - Mag sie tun, was ihr gefällt, - Härter doch als ihre Dornen, - Stärker ist mein starkes Herz. - Darf ich ihre Weine kosten, - Will ich auch die Hefen nippen, - Besseres verlang' ich nicht; - Denn erprobt ist meine Seele: - Alle gift'gen Bitternisse - Werden. Honig meinen Lippen. - -Das ist der ganze Jehuda Halevi. Was konnten Hunger, Verkennung, Neid, -Haß, Erniedrigung ihm anhaben? - - Immer an der Morgenröte - Laß ich meine Wimper hängen: - Seelen, die sich selbst erheben, - Seelen, die in Hoffnung leben, - Gott wird ihre Tore sprengen! -- - -So endete sein Selbstbewußtsein dennoch wieder dort, wo seine Demut -endete: -- In Gott. - - - VIII - -Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der Irrfahrten war -vorüber. Die Kämpfe freilich noch nicht. Noch manchen Sturm mußte seine -Seele ertragen. Um das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er -zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben scheint. Hier wird es -wohl auch gewesen sein, daß er jene Frau heiratete, von der wir nichts -wissen, als daß sie ihm eine einzige Tochter schenkte und daß sie vor -ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier schloß er auch die -Freundschaft mit dem erheblich jüngeren Abul Hasan Meîr ibn Kammiâl, der --- wahrscheinlich 1121 -- an den Hof des Almoraviden Alî als Leibarzt -berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell unterstützt zu haben. -Die Freundschaft zu ihm aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt -gewährt. Er fühlte sich nämlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er -scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um für seine religiöse -Ueberzeugung, die ja dem Judentum seiner Zeit ebenso fremd war wie -Gazzâlîs Lehre der islamischen Theologie, Anhänger zu gewinnen. Es -gelang ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe und Innigkeit -seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten weiter ihre Gebete an der -Wand stehend »wie die Ochsen an der Krippe«. Man nahm ihm sogar übel, -daß er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und sprach ihm die -Berechtigung ab, mitzureden, indem man ihn auf seine materielle Notlage -hinwies. Was unterstand der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den -Palästen Sevillas zu meistern? -- So entlud sich sein ganzer Zorn über -das dickfellige Protzentum dieser Menschen, die nur »den Baum mit den -Aepfeln aus Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten«. Damals -gewährte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten Kamniâl eine große -Beruhigung. Es war eine innige Freundschaft, welche die beiden verband, -in der allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich älter als Ibn -Kamniâl, wie immer der beherrschte Teil war. - -Viel mehr können wir aus den Tagen von Sevilla freilich nicht erzählen. -Auch dauerten sie nicht allzulange. Wir schätzen die Zeit seines -dortigen Aufenthalts auf ungefähr fünf Jahre. Danach weist uns eine -verwischte Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er den Tod -des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) erlebt zu haben scheint. -Dann finden wir den bereits grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch -dort hielt er es nicht aus, sondern verließ schließlich Andalusien ganz -und zog nach dem Norden in die Heimat zurück, von der er ausgezogen: -Toledo. - - - IX - -Was ihn zu diesem Schritte veranlaßte, ist zweifelhaft. Möglich, daß ihn -der 1126 erfolgte Regierungsantritt des Königs Alfonso VII. Raimundez -von Kastilien dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen. -Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit einem hohen -Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien für die Juden geradezu -ein Asyl. Die Zeit, in der Jehuda Halevi nach Toledo kam, würde nach -dieser Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen übrigen -Lebensverhältnissen in Einklang stehen würde. Jehuda Halevi ließ sich in -Toledo als Arzt nieder und entfaltete bald eine große Tätigkeit. Zu groß -für ihn. Er fühlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines Berufes. -Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens und Könnens, klagte über -die Wertlosigkeit seiner Kunst und über die Dummheit der Leute, die zu -jeder möglichen und unmöglichen Stunde zu ihm gelaufen kamen, um Heilung -zu verlangen, und brutal wurden, wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem -war er ein besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natürliche -Behandlung, die er anwandte, indem er das Hauptgewicht auf die Hygiene, -auf Luft und Licht, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und -Wachen legte, verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die -angestrengte Tätigkeit auch lästig war, so hat sie ihm doch aller -Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was ihm immer gefehlt hatte, die -materielle Sorglosigkeit. Als er einige Jahre später nach dem Süden -zurückkehrt, ist er ein unabhängiger Mann. - - - X - -Um 1135 wird es gewesen sein, daß Jehuda Halevi über die Brücke von -Cordova schritt, um nie wieder diese Stadt zu verlassen bis zu dem -Augenblicke, wo er seine Wallfahrt nach Palästina antrat. - -Cordova! Dieser Name bedeutet die letzte und reichste Epoche im Leben -Jehuda Halevis. Eine glückliche Epoche. Wohl war er äußerlich ein -alternder Mann geworden, als er seinen Einzug in die herrliche Stadt -Andalusiens hielt. Aber er selber wollte es nicht wahr haben. Denn er -fühlte sich jung wie am ersten Tag. Die schwarze Locke war ergraut, aber -darunter blühten frische, jugendliche Züge, und es war seine Eitelkeit, -auf den anmutigen Gegensatz zwischen dem weißen Haar und den braunen vom -Barte umrahmten Wangen hinzuweisen. Die Unstetheit seines Lebens hatte -ihn nicht beugen können. Spät war die Ruhe gekommen, aber nun war sie da -und trug herrliche Blüten und Früchte. - -Cordova! Hier lernte er kennen, was Ruhm heißt. »Ganz Israel bekennt -sich zu dir,« rief ein Freund ihm zu. Und selbst konnte er von sich -sprechen: »Jehuda Sohn Samuels! Enkel Samuels! Sein Zelt ist bekannt von -den Enden Edoms bis zum Flachlande, von Kastilien bis Andalusien.« Man -hörte auf ihn. Es sammelten sich Schüler um ihn, die er »als seines -Gartens Blumen« liebte und pflegte, und die mit Andacht am Munde des -Meisters hingen, der ihnen seine Religion predigte und den Glauben -seines Lebens. - -Von vielen umworben, gewährte er doch nur wenigen das Glück seiner -Freundschaft. 1138 wurde Joseph ibn Zadîk Dajan[2] von Cordova. Er war -es, der unserem Dichter am nächsten stand, in seinem Hause weilte er am -liebsten, ihm Ehrenlieder weihend, die auf den Gastereien Ibn Zadîks -vorgetragen wurden. Aber auch ein spätes Familienglück erblühte ihm -noch. Er konnte seine Tochter verheiraten und wiegte noch ein -Enkelsöhnlein auf den Knien, das denselben Namen trug wie er. - -Im Scheine dieses abendlichen Glückes setzte sich Jehuda Halevi noch -einmal nieder, um in einem umfangreichen Werke die letzten Schlüsse -seines Lebens zu ziehen. Das ist die philosophische Schrift Al Chazârî, -»das Buch des Argumentes und Beweises zur Verteidigung des verachteten -Glaubens«. Als er im Jahre 1140 dieses Werk begann, da sollte es eine -Streitschrift werden, eine Streitschrift gegen die Feinde von außen und -die Feinde von innen. Seine weithin hallende Stimme sollte vom Ruhme -Israels zeugen. Als er es beschloß, war es viel mehr geworden: Das -persönlichste Bekenntnis seines Lebens. Und schreibend war er selbst ein -anderer geworden. - -Al Chazârî ist ein philosophisches Werk, geschrieben von einem Verächter -der Philosophie, das sagt alles. Ein Werk des Verstandes, in -Leidenschaft begonnen und vollendet, ein Werk des Beweises, dessen -Argumente allein in seinem Pathos liegen. Dem kritischen Geiste hält es -nicht stand, aber dennoch ist es stärker als er; um so viel stärker, wie -Jeremia stärker ist als Aristoteles. Al Chazârî ist das Werk eines -Dichters. Schon die Form ist eine dichterische: Der Dialog. Der König -der Chazaren ringt um die Wahrheit. Eine Stimme war im Traume über ihn -gekommen: »Dein Wille gefällt mir, doch nicht die Tat!« Da geht er, die -Tat zu suchen. Aber er findet sie nicht. Der Philosoph, der Christ, der -Muslim lassen ihn im Dunkel. Schließlich kommt er zum Juden, den er -verachtet. Der lehrt ihn die Tat. Lehrt ihn die realste aller -Religionen, das unmittelbarste Wissen von Gott: Offenbarung. Offenbarung -ist das A und das O dieses Werkes. Und seine verschwiegene Predigt ist, -daß Offenbarung gesucht und erkämpft werden muß und -- kann. Wohl hat -die arme Zeit nichts als Ueberlieferung, die Tradition von Mund zu Mund, -die ihr die Wahrheit aller göttlichen Offenbarungen verbürgt. Aber diese -Ueberlieferung ist selbst Offenbarung, weil es die Ueberlieferung der -Adelsmenschen dieser Welt ist, die Ueberlieferung derer, die am Fuß der -Himmelsleiter stehen. Es ist das Kleinod Gottes, Israel, das die -Gottesschau der Sechsmalhunderttausend kündet. Wer redet da? Wer wagt es -zu zweifeln? Weh dem, der die Kette zerreißt, die uns mit den -Jahrtausenden rückwärts verknüpft! -- - -Werden wir noch einmal Gott schauen? Ist es möglich, zu ihm zu dringen? -Wer trägt uns zu seinem Throne? -- Der denkende Geist? Nimmermehr. -Tausendmal heiler als das Auge der Spekulation ist das Auge der -Prophetie. Wer beweisen will, geht in die Irre. -- Die Selbstkasteiung? -Allein wird sie uns niemals Gott näher bringen. Eines muß hinzukommen: -Die gute Tat. Sie ist die Kraft, die uns helfen wird. Nur durch Gottes -Wort kommt man zu Gott. Sein Gebot ist die Brücke, die zu ihm führt. -- --- - - - XI - -Das Werk Jehuda Halevis näherte sich seinem Ende. Der Dichter fühlte, -daß er seine Seele ausgeblutet hatte in dieses Werk. Es war die Predigt -seines Lebens, die er der Mitwelt bot. Der Adelsmantel, den er Israel -umhängt, trägt das Wappen seines eigenen Adels, des eigenen Wertes -Bewußtsein ließ ihn das Kleinodentum Jakobs künden. Und das Gefühl des -eigenen Prophetentums war es, was ihn als höchste Stufe die Stufe der -Prophetie predigen ließ. Er wußte, was Offenbarung war. So konnte er von -Offenbarung sprechen und sprach vom eigenen Leben. Und doch, obgleich er -sich so für einen von Gott mit der tiefsten Schau Begnadigten hielt, -doch wuchs sein Werk über ihn hinaus. Er hatte seinem Geschlecht den Weg -zu Gott zeigen wollen. Am Ende fühlte er, wie fern er selbst noch von -ihm war, wie unvollkommen sein Tun. Ein kleines Geschlecht war es, dem -seine Rede gegolten hatte, aber er selbst war dieses Geschlechtes Knecht -gewesen ein Leben lang. Um ihre Gnade hatte er geworben, ihr Lob war ihm -Lebensbedürfnis gewesen, wie süß war der sauer erkämpfte Ruhm. So -erwuchs ihm die erschütternde Gewißheit, daß seine Lehre mit seinem -Leben nicht stimmte. Und die Unruhe, die sein ganzes Leben erfüllt -hatte, kam wieder über ihn. Ein Suchen entzündete sich in seiner Seele. -Eine Zeit schwerer Kämpfe folgte, aus denen heraus sich ein Entschluß -läuterte, der alle seine Freunde in Schrecken setzte und sie fast an -seinem Verstande zweifeln ließ: Jehuda Halevi wollte Spanien für immer -verlassen und nach Palästina wandern. Er wollte sterben für seine Welt, -sterben für seine Familie, sterben für seine Freunde, um das wahre Leben -zu gewinnen. Der Gedanke, daß nur die vollkommene Tat zu Gott führe, -brannte ihm die Seele. Er mußte dorthin, wo allein die Taten vollkommen -werden konnten, ins heilige Land der Väter. Dort allein war die letzte -Erfüllung des göttlichen Wortes möglich. Dort war das Tor, »das von der -Erde in den Himmel führt«, dort die Jakobsleiter zur höchsten Schar. -Dort würde er Gott schauen Auge in Auge, dessen war er sicher. - -Vergebens waren die Warnungen der Freunde, die eine schwere Enttäuschung -für den Dichter voraussahen. Oft gelang es ihnen fast, ihn wankend zu -machen. Es kamen Augenblicke der Angst und des Zweifels für ihn. Immer -aber gewann der eine süße Gedanke in ihm die Uebermacht: »Zion, Zion, du -Krone der Zeit!« Lächelnd sah er das Ziel vor Augen. Es war ihm -unentrinnbare Selbstverständlichkeit geworden. - -Der Entschluß war gefaßt. Der Tag der Abreise kam. Da sammelten sich die -wenigen Freunde in Cordova zum letzten Male. Es bildete sich eine kleine -Gefolgschaft um ihn, die bereit war, mit ihm zu ziehen. Josef ibn Zadîk -sandte ihm eine reiche Abschiedsgabe, die er mit folgenden, die Größe -und den Charakter Jehuda Halevis tief kennzeichnenden Worten begleitete: - - Armut schließt uns unsre Rechte; - Darum, was die Seele möchte, - Reicht sie leider dir nicht dar: - Wie belohnen wir dein Künden, - Juda, der uns armen Blinden - Ein so großer Künder war? - - Liedesvater, sag' mir, zeugte - Dich der Dichterkönig? Säugte - Selig einst Deborah dich? - Seelen jagst du, nicht mit Schlingen, - Nein, in deiner Liebe fingen - All die frohen Herzen sich. - - Deine Lippen sind so süße, - Deine Reden Heldengrüße, - Klar dein Wort und mannazart; - Löwe und Gazelle scheinen - Herrlich sich in dir zu einen: - Kraft und Schwäche hold gepaart. - -Dankerfüllt sang Jehuda Halevi noch einmal den Ruhm des Freundes. Dann -umarmte er zum letzten Male die geliebten Schüler, die Tochter, den -kleinen Jehuda, um sich plötzlich loszureißen und die Tore Cordovas -durchschreitend dem Süden zuzueilen, wo das Schiff ihn erwartete, das -ihn zu den Bergen der Heimat tragen sollte. Schon zu lange hatte er -gezaudert. Deshalb konnte es ihm jetzt nicht schnell genug gehen. Wohl -wußte er, daß in Granada ihn Freunde erwarteten, die ihn das letzte Mal -sehen wollten. Aber die Angst, aufgehalten zu werden, veranlaßte ihn, -die schöne Granatenstadt gar nicht zu berühren. - - Es steht der Libanon vor mir, - Da darf ich nicht »Granaten« pflücken: - So will es meiner Sünden Zahl, - Die Frevel so, die allzumal - Auf meine Seele drücken. - - - XII - -So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. Oft hatte er an seinem -Strande gesessen und mit den Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht, -die kamen und gingen wie ein unterwürfiges Heer, die Hand des Königs zu -küssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. Zagend betrat er -die Planke des Schiffes und sah sich bald von brutalem Schiffsvolk -umgeben, das prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer -schätzt. - -Die Reise war zunächst von günstigen Winden begleitet. Dann aber kamen -stürmische Tage, an denen der Dichter unter der Seekrankheit litt. -Gleichzeitig verfolgte ihn die Angst vor Piraten, und auch die -Schiffsleute flößten ihm Mißtrauen ein. Trotz alledem aber brachten ihm -die Tage auf dem Meere Augenblicke der höchsten dichterischen -Offenbarungen. Ob der Sturm ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der -Mitternacht in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit -geöffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten zu trinken. Er hat -die Natur des Weltmeeres ausgeschöpft, wie sie sich nur ausschöpfen -läßt. Die Woge sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und -konnte nur eines sein: -- Gott. - -Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach -- es war im September des -Jahres 1141 -- eines Tages ein stürmischer Ostwind los, der das Schiff -nicht vorwärts ließ, vielmehr es zwang, rückwärts segelnd im Hafen -Alexandrias vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfaßte Jehuda Halevi. -Aber es half ihm nichts, er mußte an Land. Doch nahm er sich vor, sobald -als die Stürme nachließen, wieder in See zu gehen. - -Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias die Kunde verbreitet, -daß der gefeierte Dichter des Abendlandes in der Stadt sei, als sie -herbeiströmten, ihn zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu -überhäufen. Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi Aaron ben -Zion ibn Alamânî, zog ihn in seinen Palast. Dieser Palast allein schon -wirkte auf den überraschten Dichter überwältigend. Da ging man über -goldbedeckte Quadern, stieg in die Gärten hinab und wandelte zwischen -blühenden Narden und Cyprusblumen an duftenden Springbrunnen vorüber zu -den Myrtenlauben, in deren Zweigen die Nachtigallen sangen, während -gurrende Tauben die Wege bedeckten. Alamânî veranstaltete für den -Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm die Edelsten -Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, trinkend und singend und -ihm selbst zum Singen begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel -Liebe hatte er sich nicht träumen lassen. Er konnte nicht anders: er -mußte diese Stunde genießen und blieb. So hatte ihn das Erdentum wieder -umfangen, da er sich ihm längst enthoben wähnte. Ein später -Liebesfrühling wird dem fast Sechzigjährigen beschert. Mit -anakreontischer Freude singt er von reizenden Abenteuern unter den -Fenstern der Schönen. - -Dann aber kommt wieder die Wirrnis über ihn, und die Sehnsucht nach Zion -erwacht von neuem. Die Sabbathe verhüllen ihm ihre Weihe, er kann nicht -wahrhaft froh werden, er fühlt, daß er sich selber untreu geworden ist. -So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. Eines Tages trifft aus -Damiette ein Bote des Abû Sa'îd Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief -von dem Fürsten der ägyptischen Juden, dem Nagid Abû Mansûr Samuel ibn -Chananjah, überbringt. Jehuda Halevi wird eingeladen, nach Kairo zu -kommen, um sich im Palaste des Fürsten seiner Gastfreundschaft zu -erfreuen. Sofort sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in -Damiette für später an. Er hofft, der Fürst wird ihm helfen, bald zum -Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem er in Alexandria noch einige -Einkäufe erledigt hat, fährt er nach Kairo. Der Eindruck, den der -glänzende Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch größer als der, den -er in Alexandria gehabt hat, und übertrifft alle seine Erwartungen. Wenn -er den Fürsten in seiner Staatskarosse unter den Klängen rauschender -Musik und von Soldaten begleitet ausfahren sieht, muß er an Josef in -Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er in Spanien nie -gesehen. Samuel spielte in der Tat am Hofe des fatimidischen Sultans Al -Hafis eine bedeutsame Rolle und konnte dadurch seinen jüdischen Brüdern -eine starke Stütze sein. - -Er empfängt unseren Dichter mit den höchsten Ehren, und als Jehuda -seinen Palast betritt, fühlt er, daß er in ein Haus der Liebe und Freude -getreten ist. Hier wird das ruhebedürftige Herz zur Ruhe kommen. Ein -Fest folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten ihn -entschädigen will für die vielen Jahre der Entbehrung und Verkennung. -Aber wieder kommen die Gedanken an das letzte Ziel und trüben die -Freude. Wieder ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige -Tage vor dem Chanukafest verläßt er plötzlich Kairo, um nach der -Hafenstadt Damiette zu fahren, von wo aus er mit Hilfe des bereits -genannten Abû Sa'îd Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft. -In Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften des Monats -Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen Natur Aegyptens -ergriffen, die dem Dichter ihre ganze Blütenpracht enthüllt. Noch einmal -tritt die Jugend vor seine Augen, alte Träume steigen empor, Träume der -Liebe und Freundschaft. Abû Sa'îd versucht ihn zurückzuhalten, wie es -jeder in Aegypten versucht hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von -dem Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schön war und doch -mit Enttäuschung enden mußte. Schließlich aber muß der Freund doch -nachgeben, und am Tage nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan -Jehuda Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: stromaufwärts -oder stromabwärts? Wir wissen es nicht. Mit diesem Tage schließt für uns -das Leben Jehuda Halevis. Schließt mit einer Frage: Hat er das Ziel -seiner Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzählt, im Tore -Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen zerstampft -worden? Oder hat man ihn irgendwo im ägyptischen Sande verscharrt? -- - -Wir wissen nichts von seinem Ende. Wissen nur, daß er mitten im Jubel -der ägyptischen Tage vom Tode redete, vom Grabe, das vor ihm liege, und -vom Greisentum, das nun nicht mehr zu verheimlichen sei. Und wenn es -wahr ist, daß Todesahnen des Sterbens Anfang ist, so trug er den Keim -des Todes schon damals in sich, da er mit zitternder Hand dem Fürsten -Samuel die flehenden, von geheimer Angst erfüllten Worte schrieb, mit -denen wir sein Leben beschließen wollen: - - Wollt ihr Liebes mir vergelten, - Sendet meinem Herrn mich zu: - Eh' ich unter seinem Zelte - Glücklich nicht das meine stellte, - Find' ich keine Ruh'. - - Haltet mich nicht auf zu eilen, - Da mich schon die Angst erfaßt: - Unter seinem Flügel weilen - Und der Väter Ruhe teilen - Bleibt doch meine einz'ge Rast. - - - XIII - -Es bleibt noch übrig, ein kurzes Wort über die Dichtungen Jehuda Halevis -zu sagen. Wer sie genießen will, muß es lernen, sich auf die kurze Zeit -seines Genießens aller abendländischen Traditionen zu entschlagen. -Dieser Dichter ist ein Orientale. Der Orientale dichtet nicht wie der -Abendländer. Er weiß nicht, was das heißt: Kunstwerk. Er fängt an zu -singen, sorglos, wie er enden wird. Die orientalische Dichtung hat etwas -Sprudelndes, geheimnisvoll Bewegliches. Hier fehlt alle Konzeption und -Komposition. Nirgends spürt man die bauende Hand, nirgends die Energie -zügelhaltenden Künstlertums. Das singt und musiziert wie die Vögel im -Walde, endlos jubilierend. Daher die erstaunliche Fruchtbarkeit dieser -Poeten aus dem Lande der Morgensonne. Ihre Lieder zählen immer nach -Tausenden. - -Es ist der tiefe Unterschied zwischen Morgen- und Abendland, der sich -hier kundtut. Der Abendländer ist induktiver, der Morgenländer -intuitiver veranlagt. Dieser schaut, jener sinnt. Hier Prophet, dort -Denker. Der Orientale hängt am Einzelnen, springt über zum Anderen, -flüchtet zum Dritten, eines aber bleibt ihm ewig verhüllt: Das Ganze. -Die Dinge sind beieinander, nicht ineinander. Das ist kein Vorteil, aber -auch nicht immer ein Nachteil. Wo es so liegt, wird die Historie zwar -leicht anekdotisch, die Dichtung geistreich. Aber es bleibt dafür alles -ursprünglich, nichts erstarrt in der Form, nichts erfriert in der -Methode. - -Man kann den orientalischen Geist am besten an der Sprache studieren. Im -Semitischen wird koordiniert, nicht subordiniert. Es gibt kaum eine -Syntax. Die feinen Nüancen unserer Rede sind unmöglich, oder besser -gesagt: sie sind teils verborgener, teils umständlicher als bei uns. -Woraus die unendliche Schwierigkeit für den Uebersetzer entspringt. Der -Uebersetzer muß in den Geist der semitischen Sprachen soweit -eingedrungen sein, daß er die verborgenen Nüancen des Beieinander zu -spüren vermag. Denn seine Aufgabe ist es, das Koordinierte zu -subordinieren, ohne die zartesten Töne zu verwischen. Ist dies gelungen, -so wird der Okzidentale den Orientalen begreifen. -- - -Jehuda Halevi ist ein Kind zweier Kulturen, der arabisch-andalusischen -und der jüdischen. Obgleich all seine Dichtungen in klassischem -Hebräisch geschrieben sind, ist er doch in seinen profanen Gesängen der -echte arabische Rhapsode. So sehr, daß er als Repräsentant der -arabischen Dichtung gelten kann: Dieselbe Glut der Farben, derselbe -Strom wechselnder Bilder, dieselbe Ungebundenheit der Sprache, dieselbe -Gewagtheit sinnlichen Schauens und dieselbe Grazie hinfließender, ewig -wandelbarer Stimmungen. Man spürt das Pathos und die Deklamation. Die -Lieder der Liebe und die Episteln der Freundschaft sind es vor allem, -die Form und Inhalt nach bei Jehuda Halevi echt arabisch sind. Das -Kommen und Gehen im Traume, das geheime Wandeln der Seele auf den Pfaden -der Liebe, das Suchen nach den verwehten Spuren auf der Freundschaft -Trümmern, die Klage um Scheiden und Meiden, die in tausend Tränen -zerrinnt, der Ueberschwang der Sehnsucht, die Uebertreibung des Lobes, -alles so leicht, so bunt, so redselig ausfließend bis auf den letzten -Tropfen, so echt -- arabisch. - -Am größten aber ist Jehuda Halevi zweifellos in seiner religiösen -Dichtung. Dort treffen sich die beiden Welten in ihm. Die Ungebundenheit -des Arabers findet hier einen Zügel: Den jüdischen Geist. Dieser Geist, -obgleich ebenfalls orientalisch, hat es doch zu einer Aesthetik -gebracht. Palästina war der einzige Punkt im Morgenlande, wo echtes -Künstlertum wuchs: ein Künstlertum des Lebens. Die Harmonie des -Einheitsgedankens im All, die Akkorde der Völker in der Weltgeschichte, -die Zentralität Israels, des Kleinods, das waren mächtig ordnende und -bauende Gedanken. Und vor allem: Für Jehuda Halevi war es lebendiges -Leben. Darum offenbart sich nirgends so wie in seiner religiösen Poesie -sein Künstlertum. Hier ist er auch der Moderne am verwandtesten: -Ueberall geschlossene Reihen, abgetönte Stimmungen, harmonische -Steigerungen und Lösungen. Die Poesie der Andeutung, die ohne höchste -Einheit des künstlerischen Bewußtseins nicht zu erreichen ist, finden -wir hier in wunderbar zarter Vollendung. Die geheimsten Wirkungen -moderner Stimmungen werden hier ausgelöst. Bedenken wir, daß der Dichter -dem Zeitalter der deutschen Minnesänger angehört, so müssen wir geradezu -erstaunen über die Differenziertheit seiner Empfindungen. Sie wird -verständlich, wenn wir erwägen, daß er in seinem Lande das Kind einer -blühenden Hochkultur gewesen ist. - -So bewundern und verehren wir in ihm zweierlei zu gleicher Zeit: Die -ursprünglichste Natur einer verschwendenden Dichterseele und die höchste -Geisteszucht eines zwei Kulturen in sich vereinenden Genies. Damit hat -die Dichtergröße Jehuda Halevis ihren Namen erhalten. - -Nun aber möge er selbst zu euch sprechen, in all seiner Schwere und all -seiner Grazie. Vielleicht daß er Seelen findet, die mit seiner Seele -klingen. Dem, der ihn übersetzt hat, ist er Offenbarung geworden. Wer -ihn aber immer lesen mag, er stehe still vor ihm. Hier ist heiliger -Boden: Ecce poeta. - -[1] Eine Art von Derwischen, die ein Leben in Kontemplation führen. - -[2] Dajan ist der jüdische Gemeinderichter. - - - - - QUELLENNACHWEIS - - -Nach zwölfjähriger, immer wieder neu aufgenommener Arbeit läßt der -Uebersetzer diesen Diwan erscheinen. Die hier gebotenen Uebertragungen -sind ursprünglich mehr oder weniger freie Nachdichtungen gewesen. Erst -allmählich erwachte in dem Uebersetzer aus dem Interesse, sich von dem -mittelalterlichen Sänger Anregungen zu seinem eigenen Schaffen geben zu -lassen, das Interesse, diesem Sänger selbst zum Rechte zu verhelfen. -Dieses Interesse stieg mit der wachsenden Erkenntnis, daß alles bisher -an Uebersetzungen Gebotene ohne Ausnahme ungenügend war. Von den -Schwierigkeiten, die freilich solcher Uebersetzung von Versen aus einer -semitischen in eine indogermanische Sprache entgegenstehen, war bereits -am Ende der biographischen Darstellung die Rede. Es bleibt der -Oeffentlichkeit überlassen zu beurteilen, wieweit diesmal das -Erforderliche geleistet worden ist. - -Neben der Uebersetzung hat der Uebersetzer sich vor allem die -sorgfältige Auswahl der Gedichte angelegen sein lassen. Sein Bestreben -war, den Dichter in seinem ganzen Können zu zeigen, aber alle -Wiederholung des nach der Sitte orientalischer Barden sich nur zu oft -Wiederholenden möglichst zu vermeiden. Die Auswahl, die wir bieten, -zeigt in Wirklichkeit den ganzen Dichter. - -Das Nachwort macht zum ersten Male den Versuch, das uns fast gänzlich -unbekannte Leben Jehuda Halevis aus seinen Gedichten neu zu -konstruieren. Die Art der Veröffentlichung verbot dabei, den ganzen -wissenschaftlichen Apparat mit erscheinen zu lassen. Hier am Schluss nur -soll der Quellennachweis folgen: Die hauptsächlich von uns benutzte -Ausgabe ist die von Dr. H. Brody, Divân des Abû-l-Hasan Jehuda ha-Levi, -Berlin 1894, 1896-97, 1903 in zwei Bänden mit Anmerkungen und Kommentar. -Leider ist diese klassische Ausgabe noch immer nicht vollständig -erschienen. Wir mußten deshalb ergänzend noch folgende ältere Ausgaben -heranziehen: 1. Diwân des Rabbi Jehuda ha-Levi, herausgegeben von S. D. -Luzatto, Lyck 1864, eine ausgezeichnete, aber nur 86 Stücke lediglich -religiösen Inhalts umfassende Ausgabe. 2. Rabbi Jehuda ha-Levi von -Abraham Elia Harkavy, Warschau 1893, eine ganz unselbständige und -textlich unzureichende Arbeit. - -Wir zitieren nach den Herausgebern. - - -1. _Gott_: Du Quell des wahren Lebens ... liqrath m.qor chajê emeth -arûçâ: Brody II, S. 296, Nr. 75 (in die 2. pers. sing. übertragen). - -Wenn die Sterne sich entzünden ... j'îrûn kokhbhê nishpi: Luzatto Nr. -37, S. 15 a. - -Du Seele willst ins Vaterhaus ... nêfesh l.bêth âw thikhs.fâ gam -kâl.thâ: Brody II, S. 306, Nr. 89 (in die 2. pers. sing. übertragen). - -Mein Leib und Leben ... jiçrî wîçûrâj: Luzatto Nr. 71, S. 29 a. - -Um sein Antlitz alle Frommen flehen ... jchallu pnê êl chaj chasîdâw -w.jishalu: Luzatto Nr. 24, S. 11 a. - -Gottes Hand wird dich beschatten ... çêl j.dê êl j.hî lokh machase: -Luzatto Nr. 35, S. 14 b. - -Zu dir steht all mein Sehnen ... 'adonaj negd.kha kol ta'awâthi: Luzatto -Nr. 52, S. 18 b. - -Hin nach meines Lebens Quelle ... ligrath m.qôr chajaj 'etên m.ghamâthî: -Luzatto Nr. 56, S. 21 a. - -Wenn du allein des Herren harrst ... 'im l'elohâjikh l.bhad tochîlî: -Brody II, S. 248, Nr. 27. - -Halt, o Herz! Wer darf sich wagen ... libî 'amôd kî mî b.sôd: Brody II, -S. 218, Nr. 8. - -Knechte der Zeit: -- Knechte der Knechte ... 'abhdê z.mân 'abhdê -'abhâdim hêm: Brody II, S. 300, Nr. 83. - -Tag und Nacht will ich den Herren loben ... jômâm wâlailâ hallêl -la'adônay: Luzatto Nr. 34, S. 14 b. - -Jugend ist wie leichte Flocken ... j.shênâth b.chêq jaldûth l.mâtay -tishkh.bhî: Luzatto Nr. 42, S. 16 a. - -Mein Gott, ich will dich ehren ... joh shimkhâ: Luzatto Nr. 65, S. 24 a. - -Bevor du mich geschaffen ... j.dâ'tânî b.terem tiçrênî: Luzatto Nr. 30, -S. 13 a. - -Ruhig, ruhig, liebe Seele ... shûbhî j.chîdâ el m.nûchêkh: Brody II, S. -217, Nr. 5. - - -2. _Israel_: Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft ... b.khol m.ôdî: -Brody II, S. 221, Nr. 10. - -Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter ... shemesh w.jarêach l'olâm -shêr.thû: Brody II, S. 307, Nr. 90. - -Sei stark und harre deiner Zeit ... je'emaç l.bhabhêkh umô'adekh -jachali: Luzatto Nr. 27, S. 12 a. - -Seit du das Heim der Liebe bist ... mê'âz m'ôn ha'âhabha hajîtha: -Luzatto Nr. 58, S. 21 b. - -Entfessle deine rechte Hand ... j.mîn 'uzzkhâ êl w.jad ezrêkhâ: Luzatto -Nr. 17, S. 7 b. - -In deinem Licht schläft aller Glanz ... jachad b.'orkhâ êl nâ'ôr nir'ê -'ôr: Luzatto Nr. 700, S. 28 b (mit Auslassung der letzten Strophe). - -In deinem Haus zu ruhen ... jâfê w.tobh le'chôz b.bhêthâkh machanê: -Luzatto Nr. 31, S. 13 a. - -Fauler, wirst du nicht erröten ... 'âçêl halô thebhôsh w.thikâlêm: Brody -II, S. 272, Nr. 50. - -Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort ... 'ôthôthênû hithmahmâhû: -Luzatto Nr. 80, S. 36 b. - - -3. _Liebe_: Ofra wäscht ihre Kleider ... Ofra th.khabês 'et b.gâdêhâ: -Brody II, S. 12, Nr. 7. - -Ich wiegt auf dem Schoße ... jôm shishatihû 'alê bhirkhâj: Brody II, S. -16, Nr. 13. - -Was drängt ihr mich also ... shô'alîm biglâlî mâ tish'alû: Brody II, S. -24, Nr. 22, Vers 11-18. - - -_Abschiedsverse_: mâ lokh çbhija timn.î çirâjikh: Brody II, S. 7 ff. - -V. 5-8, 10-11, 13-16, 17-20, 21-24, 25-28, 29-32, 33-34, 49-52, 61-62, -63-64, 67-68 und 57-58. - -Wach doch auf aus deiner Ruh' ... ûrâ j.dîdî mitnûmâthêkha: Brody II, S. -20, Nr. 19. - -Wie die Sonne über Sphären schreitet ... hinnê kashemesh galgal -dôrêkheth: Brody II, S. 45, Nr. 45 (in die 2. pers. sing. übertragen). - - -_Zum Ruhme der Braut_: Jônâ âl 'afîqê mâjim: Brody II, S. 53, Nr. 53. - -V. 3-6, 7-10, 23-26, 27-30, 35-38. - -Zeigte Liebchen mir die Wangen ... lêl gill.thâ êlâj çbhijâ na'arâ: -Brody II, S. 20, Nr. 18. - -Liebe Sänger, singt den Trauten ... j.fê qôl qadd.mû khinnôr l. jâfôth: -Brody I, S. 99, Nr. 70, Vers 1-38: Einleitung zu einer poetischen -Epistel an R. Aaaron ben Zion Al-amâni (ca. 1141). - -Was geht noch auf die Sonne ... mâ ta'alê shemesh umâ tofî'a: Brody II, -S. 19, Nr. 16. - -Mög' des Paares holder Bund ... ubâm jisraêl jithbârakh: Brody II, S. -44, Nr. 43, Vers 17-19. - - -4. _Freundschaft_: Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz ... l'at -lî: Brody I, S. 11, Nr. 9. - -Sehnt sich deine Seele noch ... ha 'ôd l. jaldûth: Brody I, S. 129, Nr. -89. Einleitung der Epistel an Abul Hasan b. Moril. - -Viele schon in meinem Herzen schufen ... b. libbî sôd: Brody I, S. 3, -Nr. 3. - -Abschied: j.dâ'nûkhâ n.dôd: Brody I, S. 154, Nr. 101. - -Ist's der Myrrhe zartes Düften ... ha rê'ach môr: Brody I, S. 58, Nr. -43, Vers 1-8. Einleitung einer Epistel an Mose b. Esra. - -Dieser Schlummer möge währen ... 'ashraj: Brody I, S. 157, Nr. 117. - -Trank die Erde wie ein Kindlein ... 'ereç k. jaldâ: Brody I, S. 82, Nr. -60, Vers 1-38. Einleitung eines Preisgedichtes auf R. Isak Hajathôm. - - -5. _Leben, Leiden, Dichten_: Eine Taube schluchzt vom Zweige ... jônâ -th.kannên: Brody I, S. 164, Nr. 110. - -Sie besuchten mich im Traume ... j.'îdunî b.nê jâmîm chalômôth: Brody -II, S. 318, Nr. 110, Vers 1-8, 17-18. - -Und als nun alle war mein Gold ... jôm nâd z.hâbhî: Harkavy II, S. 74, -Nr. 5. - -Siehe Menschensohn, siehe ... r'ê shôkhên thêwêl r.'ê: Harkavy II, S. -74, Nr. 4. - -Kann dich Reichtum locken, Herz? ... l.bhâbhî mâ th.raddêf: Brody II, S. -289, Nr. 61. - -Freue dich vor deinem Nächsten ... s.mach bifnê chabhêrêkhâ: Brody II, -S. 311, Nr. 95. - -Weh der Kunde, die im Ohre gellt ... hoh 'al sh.mû'â çâlalâ loh ôzen: -Brody II, S. 291, Nr. 66. - -Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf ... shâlôm l. bath: Brody I, S. -18, Nr. 14, Vers 45-56. - -Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand ... hê lâkh prî shîr: Brody I, -S. 140, Nr. 94, Vers 73-78. - -Seh' ich, wie Narren ... bir'ôth libbî likhsîl jifrôç: Brody II, S. 297, -Nr. 76. - -Becherspruch ... j.fê mar'ê p.qach 'ajin: Brody II, S. 312, Nr. 98. - -Zwei Rätsel ... 1. k.lî mêkhil ... (Der Spiegel): Brody II, S. 195, Nr. -5. - -2. b.lijâ'al w.jârî.ach m.dânîm (Die Wage): Brody II, S. 199, Nr. 15. - - -6. _Zion_: Zion, willst du immer wieder ... çijôn halô thish'alî: Brody -II, S. 155, Nr. 2 (Die berühmte Zionide des Dichters). - -Im Orient ist mein Herz ... libbî b. mizrâch w. 'anôkhi b.sôf ma'arâbh: -Brody II, S. 155, Nr. 1. - -Komm' mit mir gen Zoan ... n.tê bî 'elê ço'an: Brody II, S. 183, Nr. 21. - -Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll ... jôm nikhsfâ nafshî l. bhêth -hawâ'ad: Brody II, S. 167, Nr. 7. - - -7. _Das Meer_: Der Sturm ... jô'êç umêqîm: Brody II, S. 176, Nr. 17. - -Holder Zephyr, deiner Lüfte ... zê rûchakhâ çad ma'arâbh râqûach: Brody -II, S. 171, Nr. 12. - -Kommt die große Flut mit einem Mal? ... habâ mabbul w. sâm têbhêl -charâbhâ: Brody II, S. 169, Nr. 10. - - -8. _Letzte Tage_ (1141): In Aegypten ... b. miçrâjim: Brody II, S. 180, -Nr. 18. - -Hat die Zeit das Kleid des Lebens ... hafâshat hazz.mân: Brody I, S. -112, Nr. 78, Vers 1-16 (Einleitung einer Epistel aus Damiette). - -Wollt ihr Liebes mir vergelten ... im r.çôn nafsh.khem l.mal'ôth r.çônî: -Brody I, S. 211. - -Dein Wunder geht durch alle Zeit ... 'elôhaj pil'akhâ dôr dôr j.ruchash: -Luzatto Nr. 47, S. 17 b. - - - Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere -Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 115]: - ... zu el makût. Reue und Zerknirschung, Andacht ... - ... zu el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht ... - - [S. 142]: - ... Liebe Sänger, singt den Trauten ... j. fê qôl qadd.mû ... - ... Liebe Sänger, singt den Trauten ... j.fê qôl qadd.mû ... - - [S. 143]: - ... Becherspruch ... j.fè mar'ê p.qach 'ajin: Brody II, ... - ... Becherspruch ... j.fê mar'ê p.qach 'ajin: Brody II, ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ein Diwan, by Jehuda Halevi - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DIWAN *** - -***** This file should be named 61327-8.txt or 61327-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/3/2/61327/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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margin-left:2em; } - a.pagenum { display:none; } - a.pagenum:after { display:none; } -} - -</style> -</head> - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Ein Diwan, by Jehuda Halevi - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Ein Diwan - -Author: Jehuda Halevi - -Translator: Emil Bernhard - -Release Date: February 6, 2020 [EBook #61327] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DIWAN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="aut"> -JEHUDA HALEVI -</p> - -<h1 class="title"> -EIN DIWAN -</h1> - -<p class="trn"> -Übertragen und mit einem Lebensbild<br /> -versehen von Emil Bernhard -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">ERICH REISS VERLAG / BERLIN</span><br /> -<span class="line2">1921</span> -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="toc" id="chapter-0-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -DIE DICHTUNGEN -</h2> - -</div> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr class="p"> - <td class="col1">I.</td> - <td class="col2">Gott:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Du Quell des wahren Lebens</td> - <td class="col_page"><a href="#page-10">10</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wenn die Sterne sich entzünden</td> - <td class="col_page"><a href="#page-10">10</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Du, Seele, willst ins Vaterhaus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Mein Leib und Leben</td> - <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Um sein Antlitz alle Frommen flehen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-14">14</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Gottes Hand wird dich beschatten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Zu dir steht all mein Sehnen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Hin nach meines Lebens Quelle</td> - <td class="col_page"><a href="#page-18">18</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wenn du allein des Herren harrst</td> - <td class="col_page"><a href="#page-19">19</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Halt, o Herz! Wer darf sich wagen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-20">20</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Knechte der Zeit: – Knechte der Knechte!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-22">22</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Tag und Nacht will ich den Herren loben!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-22">22</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Jugend ist wie leichte Flocken</td> - <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Mein Gott, ich will dich ehren</td> - <td class="col_page"><a href="#page-24">24</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Bevor du mich geschaffen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Ruhig, ruhig, liebe Seele!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-28">28</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">II.</td> - <td class="col2">Israel:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft</td> - <td class="col_page"><a href="#page-30">30</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Sonn’ und Mond im Wechsel der Geschlechter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-30">30</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Sei stark und harre deiner Zeit!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-31">31</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Seit du das Heim der Liebe bist</td> - <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Entfessle deine rechte Hand</td> - <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">In deinem Lichte schläft aller Glanz</td> - <td class="col_page"><a href="#page-33">33</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">In deinem Haus zu ruhen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Fauler, wirst du nicht erröten?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-35">35</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort</td> - <td class="col_page"><a href="#page-36">36</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">III.</td> - <td class="col2">Liebe:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Ofra wäscht ihre Kleider</td> - <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Ich wiegt’ auf dem Schoße</td> - <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Was drängt ihr mich also</td> - <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1"><a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> </td> - <td class="col2">Abschiedsverse:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Mein Lieb, wir müssen uns schicken</td> - <td class="col_page"><a href="#page-41">41</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Gedenke der Tage liebender Lust</td> - <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Du hast einen Mord begangen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Willst du wirklich meinen Tod?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-43">43</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">All’ meine Tränen blieben</td> - <td class="col_page"><a href="#page-43">43</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Zwischen Bittre, zwischen Süße</td> - <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Aller Reichtum dieser Welt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun</td> - <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Viel tausend Garben stehen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Unter deinen leichten Füßen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Deine Stimme hör’ ich nimmer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Mein Herz wird bitter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wach doch auf aus deiner Ruh</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wie die Sonne über Sphären schreitet</td> - <td class="col_page"><a href="#page-46">46</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Zum Ruhme der Braut:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Das Silber läßt sich gründen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-46">46</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Was wendet sie sich allerwärts</td> - <td class="col_page"><a href="#page-46">46</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Dein Gesicht voll Rosen eine Küste</td> - <td class="col_page"><a href="#page-47">47</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wie zwei Abendwölfe fahren</td> - <td class="col_page"><a href="#page-47">47</a></td> - </tr> - <tr class="i"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte</td> - <td class="col_page"><a href="#page-47">47</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Zeigte Liebchen mir die Wangen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-48">48</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Liebe Sänger, singt den Trauten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-48">48</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Was geht noch auf die Sonne</td> - <td class="col_page"><a href="#page-51">51</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Mög’ des Paares holder Bund</td> - <td class="col_page"><a href="#page-52">52</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">IV.</td> - <td class="col2">Freundschaft:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz</td> - <td class="col_page"><a href="#page-54">54</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Sehnt sich deine Seele noch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-54">54</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Viele schon in meinem Herzen schufen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-56">56</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-57">57</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Ist’s der Myrrhe zartes Düften?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-61">61</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> </td> - <td class="col2">Dieser Schlummer möge währen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-61">61</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Trank die Erde wie ein Kindlein</td> - <td class="col_page"><a href="#page-62">62</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">V.</td> - <td class="col2">Leben, Leiden, Dichten:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Eine Taube schluchzt vom Zweige</td> - <td class="col_page"><a href="#page-68">68</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Sie besuchten mich im Traume</td> - <td class="col_page"><a href="#page-72">72</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Und als nun alle war mein Gold</td> - <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Siehe, Menschensohn, siehe</td> - <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Kann dich Reichtum locken, Herz?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Freue dich vor deinem Nächsten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-74">74</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Weh der Kunde, die im Ohre gellt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-74">74</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-75">75</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-75">75</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Seh’ ich, wie Narren</td> - <td class="col_page"><a href="#page-76">76</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Augen auf, mein Liebster traut</td> - <td class="col_page"><a href="#page-76">76</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Zwei Rätsel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-76">76</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">VI.</td> - <td class="col2">Zion:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Zion, willst du nimmer wieder (Zionide)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-80">80</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Im Orient ist mein Herz, im Okzident</td> - <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Komm mit mir gen Zoan</td> - <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll</td> - <td class="col_page"><a href="#page-86">86</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">VII.</td> - <td class="col2">Das Meer:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Der Sturm</td> - <td class="col_page"><a href="#page-88">88</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Holder Zephyr, deiner Lüfte</td> - <td class="col_page"><a href="#page-93">93</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Kommt die große Flut mit einem Mal?</td> - <td class="col_page"><a href="#page-95">95</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">VIII.</td> - <td class="col2">Letzte Tage:</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">In Aegypten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-98">98</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Hat die Zeit das Kleid des Leides</td> - <td class="col_page"><a href="#page-98">98</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Wollt ihr Liebes mir vergelten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-99">99</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Dein Wunder geht durch alle Zeit</td> - <td class="col_page"><a href="#page-100">100</a></td> - </tr> - <tr class="e"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Jehuda Halevi, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td> - </tr> - <tr class="e"> - <td class="col1"> </td> - <td class="col2">Quellennachweis</td> - <td class="col_page"><a href="#page-139">139</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-2"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -I.<br /> -GOTT -</h2> - -</div> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-1" title="Du Quell des wahren Lebens"> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du Quell des wahren Lebens,</p> - <p class="verse">Wie lauf’ ich nicht nach dir?</p> - <p class="verse">Hab’ alles aufgegeben;</p> - <p class="verse">Das irre, wirre Leben,</p> - <p class="verse">Was ist es mir?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nur dich, nur dich zu schauen,</p> - <p class="verse">Sehnt meine Seele sich:</p> - <p class="verse">Vor dir nur will ich beben,</p> - <p class="verse">Kenn’ keine Kraft im Leben</p> - <p class="verse">Als deine, Herr, als dich.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Könnt’ ich im Traum dich finden,</p> - <p class="verse">Wie gerne schlief ich ein:</p> - <p class="verse">Wollt nimmer auferstehen,</p> - <p class="verse">Nein, schlafen, träumen, sehen –</p> - <p class="verse">Und stille sein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Könnt’ dich im Herzen schauen</p> - <p class="verse">Dein armes Erdenkind: –</p> - <p class="verse">Hätt’ ich dich nur da drinnen,</p> - <p class="verse">So jauchzte all mein Sinnen</p> - <p class="verse">Und gerne wär’ ich blind!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-2" title="Wenn die Sterne sich entzünden"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn die Sterne sich entzünden,</p> - <p class="verse">Spür’ ich wieder Sommertage:</p> - <p class="verse">Gartenpracht in Waldesgründen,</p> - <p class="verse">Paukenschlag und Flötenklage.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> - <p class="verse">Wieder kehrt zum Arm die Spange,</p> - <p class="verse">Goldener Ring, er kehrt zum Ohre,</p> - <p class="verse">Gottes Haus, daß es empfange,</p> - <p class="verse">Oeffnet meinem Haus die Tore.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Alle meine Pforten münden</p> - <p class="verse">Wieder ein in seine Pforte,</p> - <p class="verse">Und aus tiefsten Herzensgründen</p> - <p class="verse">Kehr’ ich heim zu meinem Horte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, da läßt denn meine Seele</p> - <p class="verse">Jubelnd seinen Namen klingen: –</p> - <p class="verse">Und sein Ruhm in meiner Kehle,</p> - <p class="verse">Und mein Mund beginnt zu singen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-3" title="Du, Seele, willst ins Vaterhaus"> -AN DIE SEELE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du, Seele, willst ins Vaterhaus,</p> - <p class="verse">Im Traume schwingst du dich zur Höhe:</p> - <p class="verse">Kein Traum nimmt dir dein tiefes Wehe,</p> - <p class="verse">Dein Heimweh aus der Brust heraus.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Traum vergeht, dir bleibt die Qual,</p> - <p class="verse">Die Liebesqual, ihn zu erflehen</p> - <p class="verse">Und dennoch fern ihm zu vergehen,</p> - <p class="verse">Weil sich verhüllt sein heller Strahl.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> - <p class="verse">Und doch vergehst du nicht zum Tod,</p> - <p class="verse">Allein zum freudigen Erheben,</p> - <p class="verse">Denn nicht zum eitlen Wahn, – zum Streben</p> - <p class="verse">Sandt’ in die Welt dich sein Gebot.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du gingst und brachst im Lebensgang</p> - <p class="verse">Der Weisheit Siegel auf und Quellen,</p> - <p class="verse">Und tief hinab in ihre Wellen</p> - <p class="verse">Dein durstig heißes Auge sank.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und sank hinab und sog sich ein</p> - <p class="verse">Die Weisheit, die du dir erkoren,</p> - <p class="verse">Und der du hundertmal geschworen:</p> - <p class="verse">– „Ich laß dich nicht! Ich bleibe dein!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-4" title="Mein Leib und Leben"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza epi"> - <p class="verse">All meine Gebeine sprechen:</p> - <p class="verse"><i>Herr, wer ist wie du?</i></p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Leib und Leben</p> - <p class="verse">Das stammt von dir,</p> - <p class="verse">Durch dich sich regen</p> - <p class="verse">Die Glieder mir;</p> - <p class="verse">Mit Herzensgaben,</p> - <p class="verse">Mit Lied und Sang</p> - <p class="verse">Sie zu dir dringen</p> - <p class="verse">Und opfernd bringen</p> - <p class="verse">Sie meinen Dank.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> - <p class="verse">Es kam die Seele</p> - <p class="verse">Aus deiner Hand,</p> - <p class="verse">Der Wimper Leuchten</p> - <p class="verse">Aus deinem Land;</p> - <p class="verse">Aus deinem Rätsel</p> - <p class="verse">Mein Sinnen quoll,</p> - <p class="verse">Vor mir als Zeichen</p> - <p class="verse">Stehst ohne Gleichen</p> - <p class="verse">Du wundervoll.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn meine Liebe</p> - <p class="verse">Dich ruft im Schmerz,</p> - <p class="verse">Dich findet sicher</p> - <p class="verse">Mein tiefstes Herz.</p> - <p class="verse">Doch jedes Sinnen</p> - <p class="verse">An dir sich bricht:</p> - <p class="verse">Der Brust Gedanken,</p> - <p class="verse">Der Träume Schwanken</p> - <p class="verse">Ermißt dich nicht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Für uns bereitet</p> - <p class="verse">Ein Banner steht,</p> - <p class="verse">Dem, der dich sucht</p> - <p class="verse">Ein Wimpel weht.</p> - <p class="verse">Du bist den Treuen</p> - <p class="verse">Nimmer versteckt,</p> - <p class="verse">Nur, ach, die Sünde</p> - <p class="verse">Mit dunkler Binde</p> - <p class="verse">Das Auge deckt.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> - <p class="verse">Was ich erdichtet,</p> - <p class="verse">Hast du erschaut</p> - <p class="verse">Vom Tage, da du</p> - <p class="verse">Meine Säulen erbaut;</p> - <p class="verse">Du bist’s, der mir</p> - <p class="verse">Das Herz bezwingt:</p> - <p class="verse">Dunkelstes Achten,</p> - <p class="verse">Geheimstes Trachten</p> - <p class="verse">Nicht zu dir dringt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-5" title="Um sein Antlitz alle Frommen flehen"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Um sein Antlitz alle Frommen flehen,</p> - <p class="verse">Alle wollen seine Gnade sehen,</p> - <p class="verse">Seiner Liebe jungen Regenguß;</p> - <p class="verse">Ist er selbst auch in den fernsten Weiten,</p> - <p class="verse">Steht uns seine Liebe doch zur Seiten,</p> - <p class="verse">Seiner großen Werke Ueberfluß.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">All sein Licht zu sehn, sind alle trunken;</p> - <p class="verse">Aber finden sie den kleinsten Funken,</p> - <p class="verse">Zittert schon ihr armes Herze ganz.</p> - <p class="verse">Müssen seinem Reiche sich ergeben,</p> - <p class="verse">Seinen Namen müssen sie erheben,</p> - <p class="verse">Und in diesem Namen selig leben, –</p> - <p class="verse">Selig preisen seinen Glanz.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-6" title="Gottes Hand wird dich beschatten"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Gottes Hand wird dich beschatten,</p> - <p class="verse">Wird dir Decke sein und Hülle,</p> - <p class="verse">Wenn in Redlichkeit und Stille</p> - <p class="verse">Du dich birgst in seinem Schatten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nimmer wird dein Fuß ermatten,</p> - <p class="verse">Deine Hand bleibt stark hinieden:</p> - <p class="verse">Suche, Seele, nur den Frieden,</p> - <p class="verse">Frieden wird er dir erstatten.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-7" title="Zu dir steht all mein Sehnen"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zu dir steht all mein Sehnen,</p> - <p class="verse">Wenn auch die Lippe schweigt:</p> - <p class="verse">Nur einmal möcht’ ich werben</p> - <p class="verse">Um deine Gunst und sterben,</p> - <p class="verse">Wenn sie sich mir geneigt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nimm meinen Geist zu Händen:</p> - <p class="verse">Ich schliefe fröhlich ein!</p> - <p class="verse">Ach, ohne dich mein Leben</p> - <p class="verse">Ist Tod, doch du kannst geben:</p> - <p class="verse">Mein Tod wird Leben sein!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nur weiß ich nicht zu beten,</p> - <p class="verse">Wie ich wohl beten soll:</p> - <p class="verse">Lehr’ mich, wie man dich findet!</p> - <p class="verse">Wenn mich die Torheit bindet,</p> - <p class="verse">Erlös’ mich gnadenvoll!</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> - <p class="verse">Lehr’ mich, das Haupt zu beugen,</p> - <p class="verse">Solang mein Herz es faßt:</p> - <p class="verse">Verwirf mich nicht auf Erden,</p> - <p class="verse">Damit ich nicht muß werden</p> - <p class="verse">Mir selber eine Last!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Damit der Tag nicht komme,</p> - <p class="verse">Wo alles auf mich drückt,</p> - <p class="verse">Und gegen alles Trutzen</p> - <p class="verse">Mein Herz sich ohne Nutzen</p> - <p class="verse">Nun bücken muß und bückt!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Daß mein Gebein dann welkte</p> - <p class="verse">Und trüg’ mich nimmer fort,</p> - <p class="verse">Und ich dann wandern müßte</p> - <p class="verse">Zu einer andern Küste,</p> - <p class="verse">Zu meiner Väter Ort. –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein armer Wandrer wall’ ich</p> - <p class="verse">Hin übers Erdenrund.</p> - <p class="verse">Bin fremd auf allen Steigen,</p> - <p class="verse">Mein ganzes Erb’ und Eigen</p> - <p class="verse">Liegt drunten in dem Grund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bis jetzt sorgt meine Jugend</p> - <p class="verse">Noch für ihr Erdenteil:</p> - <p class="verse">Wann endlich kommt der Morgen,</p> - <p class="verse">Da meine Seele sorgen</p> - <p class="verse">Wird für ihr Seelenheil?</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> - <p class="verse">Die irdische Beschwerde,</p> - <p class="verse">Die Gott ins Herz mir gab,</p> - <p class="verse">Mich so in Ketten brachte,</p> - <p class="verse">Daß nie ans Ende dachte</p> - <p class="verse">Mein Herz und übers Grab.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie kann sein Knecht ich heißen,</p> - <p class="verse">Ich, aller Lüste Knecht?</p> - <p class="verse">Wie kann ich höher streben?</p> - <p class="verse">Schon morgen muß ich leben</p> - <p class="verse">Mit Bruder Wurms Geschlecht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kann ich denn Festtags lachen?</p> - <p class="verse">Weiß ich, was morgen ist?</p> - <p class="verse">Der Tag, die Nacht, die Stunde</p> - <p class="verse">Verfolgen mich wie Hunde</p> - <p class="verse">Und fällen mich mit List.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Geist verweht im Winde,</p> - <p class="verse">Mein Leib fällt in den Sand:</p> - <p class="verse">Ich muß es schweigend tragen,</p> - <p class="verse">Die Triebe selber jagen</p> - <p class="verse">Mich ja ins Totenland! –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was bleibt mir noch im Leben</p> - <p class="verse">Als deine Gunst allein?</p> - <p class="verse">Willst du mein Teil nicht bleiben,</p> - <p class="verse">Was soll ich hier noch treiben?</p> - <p class="verse">Wo wird mein Teil dann sein?</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> - <p class="verse">Ich hab’ nicht gute Werke,</p> - <p class="verse">Ganz nackt und bloß ich bin:</p> - <p class="verse">Nur dein gerechter Willen</p> - <p class="verse">Kann wie ein Mantel hüllen</p> - <p class="verse">Den makelvollen Sinn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was soll ich noch erbitten</p> - <p class="verse">Von dir, mein einz’ger Hort? –</p> - <p class="verse">Was soll ich noch erwähnen?</p> - <p class="verse">Zu dir steht all mein Sehnen:</p> - <p class="verse">Das ist mein letztes Wort.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-8" title="Hin nach meines Lebens Quelle"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hin nach meines Lebens Quelle</p> - <p class="verse">Immer mich mein Sehnen trage,</p> - <p class="verse">Bis mich an des Grabes Schwelle</p> - <p class="verse">Niederlegen meine Tage.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Möcht’ die Seele weise werden!</p> - <p class="verse">Heut noch hascht sie nach dem Winde:</p> - <p class="verse">Und ist doch mein All auf Erden,</p> - <p class="verse">Priesterteil und Angebinde.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Möcht’ mein Herz sich wach erweisen,</p> - <p class="verse">Fröhlich auf das Ende sehen:</p> - <p class="verse">Jener Tag mag Schlummer heißen,</p> - <p class="verse">Doch er ist ein Auferstehen;</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> - <p class="verse">Jener Tag nach meinen Toden,</p> - <p class="verse">Wo er richtet meine Fehle,</p> - <p class="verse">Wo er meinen Geist und Odem</p> - <p class="verse">Zieht in seine ew’ge Seele.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-9" title="Wenn du allein des Herren harrst"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn du allein des Herren harrst,</p> - <p class="verse">Was ängsten dich die Zeiten?</p> - <p class="verse">Lebt er in deiner heißen Brust,</p> - <p class="verse">All irdisch Leid, all irdisch Lust,</p> - <p class="verse">Was kann es dir bedeuten? ...</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch nein, du liegst im dunklen Grab</p> - <p class="verse">Und willst es nicht erkennen,</p> - <p class="verse">Du liegst in deiner Sinne Nacht</p> - <p class="verse">Und kannst – kein Licht im finstern Schacht –</p> - <p class="verse">Nicht Gut und Böse trennen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es kommt der Tod: So wähle doch</p> - <p class="verse">Des wahren Weges Breite!</p> - <p class="verse">Ach, Seele, geh doch geradezu,</p> - <p class="verse">Was irrst und läufst und taumelst du</p> - <p class="verse">Zur recht’ und linken Seite?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Wahrheit wähle! Tu es, tu’s!</p> - <p class="verse">Denk, wie die Zeiten lügen!</p> - <p class="verse">Laß dich nicht irren dort und hie,</p> - <p class="verse">Betrüge sie, betrüge sie,</p> - <p class="verse">Bevor sie dich betrügen.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> - <p class="verse">Ach, gute Seele, siehe zu,</p> - <p class="verse">Ein Künft’ges zu erwerben:</p> - <p class="verse">Gib alles hin mit leichtem Mut,</p> - <p class="verse">Gib hin den Erben all dein Gut,</p> - <p class="verse">Und werde selbst zum Erben!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-10" title="Halt, o Herz! Wer darf sich wagen"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Halt, o Herz! Wer darf sich wagen</p> - <p class="verse">In des Herzenwägers Haus?</p> - <p class="verse">Hüte dich, den Blick zu tragen</p> - <p class="verse">In sein dunkles Reich hinaus.</p> - <p class="verse">Wagtest du das frevle Abenteuer,</p> - <p class="verse">Griffe dich ein flammenwildes Feuer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Lasse ab, dir zu erzwingen</p> - <p class="verse">Seiner Rätsel dunkle Welt,</p> - <p class="verse">Denn du hast kein Recht, zu dringen</p> - <p class="verse">In die Tiefe, die ihn hält:</p> - <p class="verse">Fort mit dir aus seinen ew’gen Hallen,</p> - <p class="verse">Denn du darfst nicht unter Engeln wallen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ihm befiehl du deine Wege,</p> - <p class="verse">Daß er dir zur Seite bleibt,</p> - <p class="verse">Ihm vertraue deine Stege,</p> - <p class="verse">Wenn es dich ins Irre treibt!</p> - <p class="verse">Mag dich Lust betören, Leid berühren:</p> - <p class="verse">Er wird dich im rechten Gleise führen.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> - <p class="verse">Walle nicht die ird’schen Ziele,</p> - <p class="verse">Gottes Zielen walle zu!</p> - <p class="verse">Fürsten sind auf Erden viele,</p> - <p class="verse">Doch nur einem diene du!</p> - <p class="verse">Alle andern sind nur Knechtesknechte,</p> - <p class="verse">Ihre Launen bleiben ihre Mächte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Einer nur, ein Ruhmesreicher,</p> - <p class="verse">Nimmt dich an die ew’ge Brust,</p> - <p class="verse">Trägt dich, ach, in wunderweicher</p> - <p class="verse">Vaterhand zur höchsten Lust:</p> - <p class="verse">Lerne eitlem Freundesrat entsagen,</p> - <p class="verse">Lasse dich in seinem Lichte tragen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er sei: deiner ersten Ernte</p> - <p class="verse">Erste Frucht, dein höchstes Fest!</p> - <p class="verse">Wenn die letzte sich entfernte,</p> - <p class="verse">Dann sei er der letzte Rest:</p> - <p class="verse">Deine Reue werde zum Altare,</p> - <p class="verse">Werde deiner Sinne Flammenbahre!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Jedem ist er ein Berater,</p> - <p class="verse">Der in seiner Nähe wacht,</p> - <p class="verse">Aber dem auch bleibt er Vater,</p> - <p class="verse">Der die letzte Reise macht.</p> - <p class="verse">Frage nicht und lass dich nicht verführen,</p> - <p class="verse">Lausche still an seinen letzten Türen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was er spricht, muß sich erfüllen,</p> - <p class="verse">Sei’s zum Leben oder Tod,</p> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> - <p class="verse">So wie einst auf seinen Willen</p> - <p class="verse">Kam das erste Morgenrot:</p> - <p class="verse">Und er sprach: – und alle Schatten scheuchten!</p> - <p class="verse">Und er sah: – es war ein herrlich Leuchten!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-11" title="Knechte der Zeit: - Knechte der Knechte!"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Knechte der Zeit: – Knechte der Knechte!</p> - <p class="verse">Aber der Freie, der einzig rechte,</p> - <p class="verse">– Auch ein Knecht – dienet dem Herrn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wähle sich jeder sein Teil!</p> - <p class="verse">Mein Teil aber und Heil</p> - <p class="verse">– Spricht mein Herz – bleibet der Herr.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-12" title="Tag und Nacht will ich den Herren loben!"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Tag und Nacht will ich den Herren loben!</p> - <p class="verse">Seiner Gnade Antlitz ließ er leuchten,</p> - <p class="verse">Fenster brach er aus an Himmelswänden,</p> - <p class="verse">Sonnen gab er, die uns Strahlen spenden,</p> - <p class="verse">Strahlen, die die Finsternisse scheuchten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch er gab mir mehr: Von seinem Glanze</p> - <p class="verse">Gab er mir, ich hab es froh genommen;</p> - <p class="verse">Durfte seines Geistes Regen spüren,</p> - <p class="verse">Ließ mich gern auf lichten Wegen führen,</p> - <p class="verse">Wegen, die vom Sinaï gekommen.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> - <p class="verse">So war sein Gesetz in meinem Munde,</p> - <p class="verse">Daß mich Honig seine Worte deuchten;</p> - <p class="verse">Und in seiner Lehre lichten Flammen</p> - <p class="verse">Jauchzte ich die ganze Welt zusammen: –</p> - <p class="verse">– Brüder, seht, wie meine Augen leuchten!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-13" title="Jugend ist wie leichte Flocken"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Jugend ist wie leichte Flocken,</p> - <p class="verse">Bald verweht vom ersten Wind;</p> - <p class="verse">Sieh auf deine schwarzen Locken!</p> - <p class="verse">Hast du es noch nicht vernommen?</p> - <p class="verse">Weiße Boten angekommen:</p> - <p class="verse">Und du schläfst, mein Weltenkind?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vöglein schüttelt sich am Morgen</p> - <p class="verse">Von dem nächt’gen Silbertau;</p> - <p class="verse">Also schüttle ird’sche Sorgen,</p> - <p class="verse">Liebe Seele, dir vom Flügel,</p> - <p class="verse">Steige über Strom und Hügel</p> - <p class="verse">Lerchengleich ins Himmelblau.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Freiheit wirst du droben finden</p> - <p class="verse">Von dem Brausestrom der Tage:</p> - <p class="verse">Liebe Seele, darum jage</p> - <p class="verse">Hinter Gottes Spuren dicht,</p> - <p class="verse">Und im stillen Kreis von allen</p> - <p class="verse">Seelen, die zum Herren wallen,</p> - <p class="verse">Walle hin zum ew’gen Licht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-14" title="Mein Gott, ich will dich ehren"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Gott, ich will dich ehren</p> - <p class="verse">Und dein gerechtes Tun:</p> - <p class="verse">Nur einmal braucht’ ich hören</p> - <p class="verse">Und glaube alles nun.</p> - <p class="verse">Nicht fragen und erproben</p> - <p class="verse">Will dich dein Erdensohn:</p> - <p class="verse">Du großer Bildner droben,</p> - <p class="verse">Darf meistern dich der Ton?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich hab’ dich manche Stunden</p> - <p class="verse">Gesucht an manchem Ort,</p> - <p class="verse">Ich habe dich gefunden</p> - <p class="verse">Als Burg und Felsenhort.</p> - <p class="verse">Du, der in klarem Feuer</p> - <p class="verse">Dies Erdentum erhellt</p> - <p class="verse">Und unverhüllt vom Schleier</p> - <p class="verse">Durchstrahlt die schöne Welt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sieh, alle Himmel preisen</p> - <p class="verse">Dein Licht und deine Pracht,</p> - <p class="verse">Da sie in ihren Kreisen</p> - <p class="verse">Sich beugen deiner Macht;</p> - <p class="verse">Die Engel, die da schweben</p> - <p class="verse">Durch Feuer und durch Flut,</p> - <p class="verse">Sie jauchzen und erheben</p> - <p class="verse">Zu dir die heil’ge Glut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zu dir, der alles führet,</p> - <p class="verse">All diese Welten trägt,</p> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> - <p class="verse">Und keinen Arm doch rühret</p> - <p class="verse">Und keine Hand bewegt!</p> - <p class="verse">Du, dessen Wunderwalten</p> - <p class="verse">Die Höh’ und Tiefe hält</p> - <p class="verse">Und heiliger Gestalten</p> - <p class="verse">Geheimnisvolle Welt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wer kündet uns das Weben,</p> - <p class="verse">Das alle Wolken treibt?</p> - <p class="verse">Das tiefverhüllte Leben,</p> - <p class="verse">Das ewig droben bleibt?</p> - <p class="verse">Und doch will er sich neigen</p> - <p class="verse">Dem Kinde dieser Welt</p> - <p class="verse">Und läßt sein Leuchten steigen</p> - <p class="verse">Hinab aufs Erdenzelt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und läßt vor Seheraugen</p> - <p class="verse">Sein ganzes Bild erstehn;</p> - <p class="verse">Sonst mochte nie ihm taugen,</p> - <p class="verse">Daß Menschen ihn ersehn.</p> - <p class="verse">Was nie sich wollt’ gestalten,</p> - <p class="verse">Sein Bildnis oder Maß, –</p> - <p class="verse">In königlichem Walten</p> - <p class="verse">Prophetenauge sah’s.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die ungezählten Werke,</p> - <p class="verse">Wer zählt sie alle vor?</p> - <p class="verse">Heil dem, der seine Stärke</p> - <p class="verse">Zu gründen sich erkor!</p> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> - <p class="verse">Heil dem, der all sein Hoffen</p> - <p class="verse">Auf ihn allein gelegt,</p> - <p class="verse">Ihn, der die Welt so offen</p> - <p class="verse">In seinen Armen trägt!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Heil, wer mit heil’gem Bangen</p> - <p class="verse">Ihn fürchtet und bekennt</p> - <p class="verse">Und dankbar im Empfangen</p> - <p class="verse">Sein Recht auch Recht benennt!</p> - <p class="verse">Wirkt er für seines Knechtes</p> - <p class="verse">Glück und Gedeihen doch:</p> - <p class="verse">Es kommt ein Tag des Rechtes</p> - <p class="verse">Dem großen Gotte noch!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O zittre du und denke</p> - <p class="verse">Und lerne wachsam sein:</p> - <p class="verse">In dein Geheimnis senke</p> - <p class="verse">Dein ganzes Sinnen ein!</p> - <p class="verse">Woher bist du gekommen?</p> - <p class="verse">Wo ist dein Grund gelegt!</p> - <p class="verse">Wer hat dich einst genommen?</p> - <p class="verse">Wer hegt dich und bewegt? –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schau hin auf Gott und sende</p> - <p class="verse">Die wache Seele aus,</p> - <p class="verse">Doch strecke deine Hände</p> - <p class="verse">Du nimmer nach ihm aus!</p> - <p class="verse">Du kannst doch nimmer finden</p> - <p class="verse">Sein Ende und Beginn,</p> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> - <p class="verse">Und nie wirst du ergründen</p> - <p class="verse">Den rätselhaften Sinn.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-15" title="Bevor du mich geschaffen"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bevor du mich geschaffen,</p> - <p class="verse">Hast du mich schon gekannt,</p> - <p class="verse">Ich weiß, du wirst mich halten,</p> - <p class="verse">Solang dein Geist wird walten</p> - <p class="verse">In meiner Seele Land.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kann gehn ich, wenn dein Winken</p> - <p class="verse">Mich an die Stelle zwängt?</p> - <p class="verse">Kann ich denn bleiben stille,</p> - <p class="verse">Wenn mich dein heil’ger Wille</p> - <p class="verse">Mit Mächten vorwärts drängt?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was kann ich denn noch sagen?</p> - <p class="verse">Mein Denken ist bei dir:</p> - <p class="verse">Was ist denn all mein Wandeln,</p> - <p class="verse">Was ist mein Tun und Handeln,</p> - <p class="verse">Bist du nicht über mir?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich kann dich ja nur suchen;</p> - <p class="verse">Und du: – Zur Gnadenzeit</p> - <p class="verse">Erhöre mich in Milde,</p> - <p class="verse">Und mach zu einem Schilde</p> - <p class="verse">Mir deine Huld bereit!</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> - <p class="verse">Erwecke mich am Morgen</p> - <p class="verse">Und mache mich recht wach,</p> - <p class="verse">Daß ich in frohen Weisen</p> - <p class="verse">Hinwalle, hochzupreisen</p> - <p class="verse">Dich unter deinem Dach!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-2-16" title="Ruhig, ruhig, liebe Seele!"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ruhig, ruhig, liebe Seele!</p> - <p class="verse">Wende dich zu Gottes Throne:</p> - <p class="verse">Ird’sche Throne lasse liegen;</p> - <p class="verse">Bist du erst emporgestiegen,</p> - <p class="verse">Stiegest du zu ew’gem Lohne.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Seele, gib dem Herrn die Ehre,</p> - <p class="verse">Beuge dich ihm froh und gern:</p> - <p class="verse">Droben unter Göttersöhnen</p> - <p class="verse">Singe mit in Jubeltönen</p> - <p class="verse">Deinem hochgelobten Herrn!</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-3"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -II.<br /> -ISRAEL -</h2> - -</div> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-1" title="Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft"> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft</p> - <p class="verse">Und tief aus meines Herzens Leidenschaft.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dich liebt mein jubelnd aufgetaner Mund,</p> - <p class="verse">Dich meiner Brust geheimnisvollster Grund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du bist mit mir, wie kann ich einsam sein?</p> - <p class="verse">Du leitest mich, wie wandle ich allein?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du bist mein Licht, wie könnte ich verblinken?</p> - <p class="verse">Und du mein Stab, wie könnt’ ich niedersinken?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sie haben mich geschmäht, doch keiner wußte,</p> - <p class="verse">Daß Schmach um dich mir Ehre werden mußte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Quell meines Lebens du, mein Leben lang</p> - <p class="verse">Gilt dir mein Preis, mein Lied, mein Sang!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-2" title="Sonn' und Mond im Wechsel der Geschlechter"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sonn’ und Mond im Wechsel der Geschlechter,</p> - <p class="verse">Tag und Nacht als ewge Wächter,</p> - <p class="verse">So steht ewig Jakobs Same;</p> - <p class="verse">Gottes Linke mag sie lassen,</p> - <p class="verse">Gottes Rechte wird sie fassen:</p> - <p class="verse">Ewges Volk, das ist und bleibt ihr Name.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, was fürchten sie und zagen</p> - <p class="verse">In den schlimm und schlimmern Tagen,</p> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> - <p class="verse">Daß ihr Herz am Zweifel bricht: –</p> - <p class="verse">Glaubt an euer ewiges Bestehen,</p> - <p class="verse">Allsolang nicht Tag und Nacht vergehen,</p> - <p class="verse">Allsolang vergeht ihr selber nicht!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-3" title="Sei stark und harre deiner Zeit!"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sei stark und harre deiner Zeit!</p> - <p class="verse">Was drängst du so, noch ist sie weit,</p> - <p class="verse">Was soll das wilde Bangen?</p> - <p class="verse">O bebe nicht und sei ein Held!</p> - <p class="verse">Und singe, siehst du doch mein Zelt</p> - <p class="verse">Bei deinen Zelten prangen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wenn sie spotten, du sei still!</p> - <p class="verse">Und wenn du hörest ihr Gebrüll,</p> - <p class="verse">Laß es dich nicht bewegen:</p> - <p class="verse">Führ’ deine Herde sanft dahin,</p> - <p class="verse">Ich bin dein Gott, es ist mein Sinn,</p> - <p class="verse">Das Joch dir aufzulegen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich bin es auch, der dich erhört,</p> - <p class="verse">Und der den Balsam dir beschert,</p> - <p class="verse">Da deine Wunden brennen.</p> - <p class="verse">Auch dank ich dir, wie du mich liebst,</p> - <p class="verse">Daß du mir all dein Sehnen gibst,</p> - <p class="verse">Erlöser mich zu nennen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch eile nicht und dränge nicht,</p> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> - <p class="verse">Da du den Arm im Strafgericht</p> - <p class="verse">Mir siehst gewaltig werden.</p> - <p class="verse">Und dem, der ird’sche Herren preist,</p> - <p class="verse">Dem sage, was du selber weißt:</p> - <p class="verse">Gott ist mein Herr auf Erden!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-4" title="Seit du das Heim der Liebe bist"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Seit du das Heim der Liebe bist,</p> - <p class="verse">Kehrt meine Liebe bei dir ein,</p> - <p class="verse">Und meiner Feinde Drang und List</p> - <p class="verse">Soll deinetwegen süß mir sein:</p> - <p class="verse">Sie mögen mich nur schrecken!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sie lernten deinen Grimm von dir,</p> - <p class="verse">Sie jagten den, den du verjagt: –</p> - <p class="verse">Soll ich sie hassen denn dafür,</p> - <p class="verse">Der selbst sich nicht zu lieben wagt,</p> - <p class="verse">Da du ihn nicht mehr liebest?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bis einst verwunden alle Qual,</p> - <p class="verse">Vorüber aller Stürme Macht,</p> - <p class="verse">Und du dem Volke deiner Wahl,</p> - <p class="verse">Das du erlöst aus mancher Nacht,</p> - <p class="verse">Erlösung wieder sendest.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-5" title="Entfessle deine rechte Hand"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Entfessle deine rechte Hand</p> - <p class="verse">Und sende sie hinab ins Land,</p> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> - <p class="verse">Daß sie dein Volk erfasse!</p> - <p class="verse">Ist sie zu kurz? Beherrscht denn dich</p> - <p class="verse">Das Schicksal ebenso wie mich</p> - <p class="verse">Und alle auf der Gasse?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Sonne braust in ew’gem Kreis,</p> - <p class="verse">Es steht der Mond auf dein Geheiß.</p> - <p class="verse">Dein Wort ist ihre Klammer.</p> - <p class="verse">Dein Wort nur ihre Ketten bricht,</p> - <p class="verse">Und all ihr Gold- und Silberlicht</p> - <p class="verse">Es ruht in deiner Kammer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da stehen sie in deinem Schein,</p> - <p class="verse">Die Sterne all, und harren dein,</p> - <p class="verse">Das sie dein Wille richte!</p> - <p class="verse">Und fühlen tief und fühlen ganz:</p> - <p class="verse">Von deinem Glanze ist ihr Glanz,</p> - <p class="verse">Ihr Licht von deinem Lichte.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-6" title="In deinem Lichte schläft aller Glanz"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In deinem Lichte schläft aller Glanz:</p> - <p class="verse">Dein Volk auf finstern Wegen reist,</p> - <p class="verse">Und ihrem Sehnen, lang gehegt,</p> - <p class="verse">Der Frevel in die Ferse beißt.</p> - <p class="verse">Doch still: Darüber leuchtet rein</p> - <p class="verse">Wie Sonnenglanz im Morgenschein</p> - <p class="verse2">Das schönste Licht.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> - <p class="verse">O Vater, um ihr wildes Haupt</p> - <p class="verse">Schling’ einen Schleier silberklar,</p> - <p class="verse">Und statt des armen Bettelkleids</p> - <p class="verse">Reich ihnen einen Purpur dar.</p> - <p class="verse">Gieß aus dein Licht zum zweitenmal</p> - <p class="verse">Wie einst am ersten Tag den Strahl:</p> - <p class="verse2">Es werde Licht!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hoch dein Panier den Wankenden!</p> - <p class="verse">Dein Engel schreite nun voran</p> - <p class="verse">Und lege den Erlösten bloß</p> - <p class="verse">Zum Siegeszug die freie Bahn!</p> - <p class="verse">O segne sie der Gnaden voll,</p> - <p class="verse">Doch in Verdammnis sinken soll</p> - <p class="verse2">Des Lichtes Feind!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So wie ein Knecht nach Schatten lechzt,</p> - <p class="verse">Lechzt Israel: Erlös’ es nun!</p> - <p class="verse">Und ruf’ ihm zu: Wie lange noch</p> - <p class="verse">Willst du im düstern Hause ruhn?</p> - <p class="verse">Sag’ an, wie lang? Sag’ an, wie weit?</p> - <p class="verse">Auf, leuchte! Denn es kommt die Zeit:</p> - <p class="verse2">Dein Leuchten kommt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-7" title="In deinem Haus zu ruhen"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In deinem Haus zu ruhen,</p> - <p class="verse">Gibt es wohl süßre Rast</p> - <p class="verse">Dem Volk, in dessen Reihen</p> - <p class="verse">Du deine Ruhe hast?</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> - <p class="verse">Du, der auf Weltenhöhen</p> - <p class="verse">So unermeßlich thront</p> - <p class="verse">Und doch im Herz des Armen</p> - <p class="verse">Und des Gebeugten wohnt:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dich faßt nicht Himmelshöhe,</p> - <p class="verse">Die dich zu fassen wähnt,</p> - <p class="verse">Und wenn sie bis zum Horeb</p> - <p class="verse">Die ewgen Kreise dehnt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dein Weg, der ist so nahe</p> - <p class="verse">Und doch so fernehin:</p> - <p class="verse">Und alles, was du bildest,</p> - <p class="verse">Hat seinen Zweck und Sinn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Selbst meiner Seele Trachten,</p> - <p class="verse">Das sendet mir mein Hort,</p> - <p class="verse">Und wenn die Lippe redet,</p> - <p class="verse">So ist’s ein Gotteswort.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-8" title="Fauler, wirst du nicht erröten?"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Fauler, wirst du nicht erröten?</p> - <p class="verse">Schläfst bis in den Tag hinein?</p> - <p class="verse">Hörst du nicht aus tiefsten Nöten</p> - <p class="verse">Fremde Völker zu ihm schrein?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schon mit ganzem Herzen dienen</p> - <p class="verse">Ihm, die nie ihn noch gekannt:</p> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> - <p class="verse">Und die ihm die Liebsten schienen,</p> - <p class="verse">Die verstecken sich im Land?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auf, schon tagt es fern im Osten,</p> - <p class="verse">Auf, du Schläfer, aus der Ruh!</p> - <p class="verse">Fremde stehen auf dem Posten,</p> - <p class="verse">Und da träumest du? –</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-3-9" title="Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort,</p> - <p class="verse">Gott Elijahus, wo ist dein Ort?</p> - <p class="verse">Wir hörten dein Wort, wir schrieen empor,</p> - <p class="verse">Schon tausend Jahre ist taub dein Ohr: –</p> - <p class="verse4">Gott Elijahus, wo bist du?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schloß Elijahu des Himmels Trauf’,</p> - <p class="verse">Riß Elijahu den Himmel auf:</p> - <p class="verse">Wasser und Feuer fiel von den Höh’n,</p> - <p class="verse">Karmel und Kison haben’s gesehn:</p> - <p class="verse4">Gott Elijahus, wo bist du?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sprach Elijahu zum Krügelein,</p> - <p class="verse">Setzte er quellenden Segen darein;</p> - <p class="verse">Ließ er den Toten vom Bette stehn:</p> - <p class="verse">Wer hat es gehört? Wer hat es gesehn? –</p> - <p class="verse4">Gott Elijahus, wo bist du?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Spritzt’ Elijahu in feindliche Reih’n</p> - <p class="verse">Flammendes Feuer und Funken hinein,</p> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> - <p class="verse">Sechs Wochen fastet’ er Tag und Nacht, –</p> - <p class="verse">Dann haben die Raben ihm Brot gebracht: –</p> - <p class="verse4">Gott Elijahus, wo bist du?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Fuhr Elijahu im Sturme auf,</p> - <p class="verse">Feurig raste der Räder Lauf:</p> - <p class="verse">„Vater, Vater!“ Elisa schrie,</p> - <p class="verse">Elijahu war fort, man sah ihn nie: –</p> - <p class="verse4">Gott Elijahus, wo bist du?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Elisa blieb und ging fürbaß,</p> - <p class="verse">Er ging durch den Jordan und wurde nicht naß.</p> - <p class="verse">Die Männer sahen’s und staunten da:</p> - <p class="verse">Elisa wie Elijahu geschah. –</p> - <p class="verse4">Gott Elijahus, wo bist du?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Elijahu ist fort, doch – – wir sind da,</p> - <p class="verse">Dulden und leiden ferne und nah;</p> - <p class="verse">Versprochene Zeichen neben uns stehn: –</p> - <p class="verse">Wann werden wir deine Wunder sehn?</p> - <p class="verse4">Gott Elijahus, wo bist du?</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-4"> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -III.<br /> -LIEBE -</h2> - -</div> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-1" title="Ofra wäscht ihre Kleider"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ofra wäscht ihre Kleider</p> - <p class="verse">In meiner Tränen Flut,</p> - <p class="verse">Ofra trocknet die Kleider</p> - <p class="verse">An ihres Auges Glut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ofra braucht keine Bronnen</p> - <p class="verse">Bei meines Auges Quell,</p> - <p class="verse">Ofra braucht keine Sonnen,</p> - <p class="verse">Denn ihr Auge ist hell.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-2" title="Ich wiegt' auf dem Schoße"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich wiegt’ auf dem Schoße</p> - <p class="verse">Den Liebsten so schön,</p> - <p class="verse">Da sah er sein Bildchen</p> - <p class="verse">Im Auge mir stehn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Schelm! Sieh, da küßt’ er</p> - <p class="verse">Mein Auge so wild:</p> - <p class="verse">Mein Auge nicht küßt’ er,</p> - <p class="verse">Er küßte sein Bild.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-3" title="Was drängt ihr mich also"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse2">Das Mädchen spricht:</p> - <p class="verse">Was drängt ihr mich also,</p> - <p class="verse">Ihr Frager, ihr flinken,</p> - <p class="verse">Im Meere der Liebe</p> - <p class="verse">Da sollt’ ich versinken.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> - <p class="verse">Da trat seine Sohle</p> - <p class="verse">Zum donnernden Strande: –</p> - <p class="verse">Da ging ich im Meere,</p> - <p class="verse">Als ging ich im Lande.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse2">Der Knabe spricht:</p> - <p class="verse">Im Garten der Schönheit</p> - <p class="verse">Erwarbst du ein Land,</p> - <p class="verse">Das grenzenlos reicht</p> - <p class="verse">Bis zum ewigen Strand.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wolltest die Sterne</p> - <p class="verse">Zum Schmucke du han,</p> - <p class="verse">Sie sprängen dir gerne</p> - <p class="verse">Von himmlischer Bahn.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="cycle" id="subchap-0-4-4"> -ABSCHIEDSVERSE -</h3> - -<h4 class="lyric blank" title="Mein Lieb, wir müssen uns schicken"> -1 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Lieb, wir müssen uns schicken,</p> - <p class="verse">Nun scheid’ ich aus dem Tal:</p> - <p class="verse">Laß dir ins Auge blicken</p> - <p class="verse">Zum allerletzten Mal!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich fürcht’, ich kann nicht zwingen</p> - <p class="verse">Das Herz in sein Revier:</p> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> - <p class="verse">Heraus wird es mir springen</p> - <p class="verse">Und laufen hinter dir.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Gedenke der Tage liebender Lust"> -2 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Gedenke der Tage liebender Lust,</p> - <p class="verse">Und ich will denken der Nächte:</p> - <p class="verse">Wie du mir ziehst durch die träumende Brust,</p> - <p class="verse">Auch ich, auch ich</p> - <p class="verse">Durch deine Träume möchte.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt"> -3 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt,</p> - <p class="verse">Ich kann nicht hinübereilen;</p> - <p class="verse">Doch wenn deine Liebe herüber wollt’,</p> - <p class="verse">– Die Wogen würden sich teilen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen"> -4 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen</p> - <p class="verse">Den Ton des Glöckleins über mir erlauschte,</p> - <p class="verse">Das leise klingt an deinen Kleidersäumen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, daß ich noch im Tode mich berauschte,</p> - <p class="verse">Wenn du mich grüßt und fragst in meinen Träumen,</p> - <p class="verse">Und ich dann Gruß und Frage mit dir tauschte!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Du hast einen Mord begangen"> -5 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du hast einen Mord begangen,</p> - <p class="verse">Darum verklag’ ich dich:</p> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> - <p class="verse">Deine roten Lippen und Wangen</p> - <p class="verse">Die sollen zeugen für mich!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Deine roten Lippen und Wangen,</p> - <p class="verse">Was sind sie denn so rot? –</p> - <p class="verse">Nun mußt du schweigen und bangen:</p> - <p class="verse">Mein Blut auf deinen Wangen,</p> - <p class="verse">Das zeugt von meinem Tod.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Willst du wirklich meinen Tod?"> -6 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Willst du wirklich meinen Tod?</p> - <p class="verse">Ach, ich bete nur um Leben,</p> - <p class="verse">Um es jung und frisch und rot</p> - <p class="verse">Deinen Jahren zuzugeben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, du raubtest mir die Ruh’</p> - <p class="verse">Meiner Nächte, süße Fraue!</p> - <p class="verse">Leg’ sie dir auf deine Braue:</p> - <p class="verse">Schlummre, schlummre du!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="All' meine Tränen blieben"> -7 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">All’ meine Tränen blieben</p> - <p class="verse">Im Feuer deiner Lust,</p> - <p class="verse">All’ deine Tränen zerrieben</p> - <p class="verse">Die Steine in meiner Brust.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Durch Feuer und Wasser zusammen</p> - <p class="verse">Schritt mein zitterndes Herz:</p> - <p class="verse">Das waren deine Flammen,</p> - <p class="verse">Das war mein weinender Schmerz.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Zwischen Bittre, zwischen Süße"> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -8 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zwischen Bittre, zwischen Süße</p> - <p class="verse">Muß mein Herz sich jetzt bequemen:</p> - <p class="verse">Honig sind mir deine Küsse,</p> - <p class="verse">Bitter ist das Abschiednehmen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Aller Reichtum dieser Welt"> -9 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aller Reichtum dieser Welt</p> - <p class="verse">Ist mir eitel Trug,</p> - <p class="verse">Deiner Lippen rote Schnur,</p> - <p class="verse">Deiner Lenden Gürtel nur</p> - <p class="verse">Wäre mir genug.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">All mein süßer Honig fließt</p> - <p class="verse">Dort, wo ich dich küßte,</p> - <p class="verse">Meiner Narde sich ergießt,</p> - <p class="verse">Alle meine Myrrhe sprießt</p> - <p class="verse">Rund um deine Brüste.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun"> -10 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun,</p> - <p class="verse">Doch alles Tun veredelt sich durch dich.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Viel tausend Garben stehen"> -11 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Viel tausend Garben stehen</p> - <p class="verse">Wohl in der Liebe Tal:</p> - <p class="verse">Vor deiner Garbe beugen,</p> - <p class="verse">Vor deiner Garbe neigen</p> - <p class="verse">Sich alle allzumal.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Unter deinen leichten Füßen"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -12 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Unter deinen leichten Füßen</p> - <p class="verse">Heimlich süße Keime sprießen,</p> - <p class="verse">Balsamknospe, Myrrhenblüt’:</p> - <p class="verse">Möchte doch mein Leben glücken</p> - <p class="verse">Nur so lange, bis ich pflücken,</p> - <p class="verse">Sehen kann, wie alles blüht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Deine Stimme hör' ich nimmer"> -13 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Deine Stimme hör’ ich nimmer,</p> - <p class="verse">Aber leise hör’ ich immer</p> - <p class="verse">Klingen wie ein fernes Grüßen</p> - <p class="verse">In den Tiefen meiner Seele</p> - <p class="verse">Deine Kettchen an den Füßen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Mein Herz wird bitter"> -14 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Herz wird bitter,</p> - <p class="verse">Da es gedenkt: –</p> - <p class="verse">Noch hängt ja, hängt</p> - <p class="verse">An den Lippen die Süße,</p> - <p class="verse">Noch fühl’ ich die Küsse,</p> - <p class="verse">Die du mir geschenkt. –</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-5" title="Wach doch auf aus deiner Ruh"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wach doch auf aus deiner Ruh;</p> - <p class="verse">Daß ich mich an deinem Bilde labe!</p> - <p class="verse">Träumest du von Küssen, süßer Knabe? –</p> - <p class="verse">Ich kann Träume deuten, du!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-6" title="Wie die Sonne über Sphären schreitet"> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie die Sonne über Sphären schreitet,</p> - <p class="verse">Herrschst du in der Welt mit Kraft und Mut:</p> - <p class="verse">Deine Augen wilde Pfeile schießen,</p> - <p class="verse">Männerherzen Ströme Blutes fließen:</p> - <p class="verse">Mädchen, deine Pfeile treffen gut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wilde Blumen stehn in deinem Garten,</p> - <p class="verse">Rote Blumen, die das Pflücken wert:</p> - <p class="verse">Doch du stelltest zu des Gartens Schutze,</p> - <p class="verse">An die Pforte stelltest du zum Trutze</p> - <p class="verse">Hin das zuckende, das Flammenschwert.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="cycle" id="subchap-0-4-7"> -ZUM RUHME DER BRAUT -</h3> - -<h4 class="lyric blank" title="Das Silber läßt sich gründen"> -I -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Silber läßt sich gründen</p> - <p class="verse">Im Schachte des Gesteins,</p> - <p class="verse">Wer aber wollte finden</p> - <p class="verse">Ein Liebchen so wie meins?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie Städte fest verbündet</p> - <p class="verse">Mit Mauern und Gestämm:</p> - <p class="verse">Wie Tirza hochgegründet</p> - <p class="verse">Und wie Jerusalem!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Was wendet sie sich allerwärts"> -II -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was wendet sie sich allerwärts,</p> - <p class="verse">Zu suchen ein Gezelt,</p> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> - <p class="verse">Da doch mein großes, weites Herz</p> - <p class="verse">Das Tor ihr offen hält?</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Dein Gesicht voll Rosen eine Küste"> -III -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dein Gesicht voll Rosen eine Küste:</p> - <p class="verse">Meine Augen knicken sie;</p> - <p class="verse">Aepfel der Granate deine Brüste:</p> - <p class="verse">Meine Hände pflücken sie.</p> - <p class="verse">Hoch auf deinem Lippenpaare</p> - <p class="verse">Lodern wilde Feuerschlangen:</p> - <p class="verse">Meiner Küsse Feuerzangen</p> - <p class="verse">Reißen sie mir vom Altare.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Wie zwei Abendwölfe fahren"> -IV -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie zwei Abendwölfe fahren</p> - <p class="verse">Aus des Waldes dunklen Nächten,</p> - <p class="verse">Also steigen aus den Haaren</p> - <p class="verse">Dir zwei rabenschwarze Flechten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch da ist ein Licht, ein schnelles,</p> - <p class="verse">Von der Wange eingedrungen,</p> - <p class="verse">Und dein Antlitz steht wie helles</p> - <p class="verse">Morgenlicht in Dämmerungen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte"> -V -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte,</p> - <p class="verse">Und ihr Licht erlöscht in keinem Dunkeln:</p> - <p class="verse">Leuchtet es im Tagesangesichte,</p> - <p class="verse">Wächst es an zu siebenfachem Funkeln.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-8" title="Zeigte Liebchen mir die Wangen"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zeigte Liebchen mir die Wangen,</p> - <p class="verse">– Mitternächt’ge Stunde war’s –:</p> - <p class="verse">Um die zarten Schläfen hangen</p> - <p class="verse">Tief die Schleier ihres Haars.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Von Rubinen hell umgossen</p> - <p class="verse">Ihre frohe Wange war,</p> - <p class="verse">Und vom klarsten Licht umflossen</p> - <p class="verse">Schien die dunkle Locke gar.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie die Sonne, wenn im holden</p> - <p class="verse">Morgenstrahl die Flamme loht: –</p> - <p class="verse">Dunkle Wolken werden golden,</p> - <p class="verse">Dunkle Wolken werden rot.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-9" title="Liebe Sänger, singt den Trauten"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Liebe Sänger, singt den Trauten</p> - <p class="verse">Holde Lieder zu den Lauten</p> - <p class="verse">In dem schönsten Wechselsang!</p> - <p class="verse">Singet den verhüllten Blicken,</p> - <p class="verse">Die verstohlen schaun und nicken</p> - <p class="verse">Durch des Fensters Seidenhang.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sie, die Keuschen hinter Gittern,</p> - <p class="verse">Die da lernten von den Müttern</p> - <p class="verse">Rein zu halten Herz und Leib;</p> - <p class="verse">Und die doch mit Pfeilen spielen,</p> - <p class="verse">Kindlich mit dem Bogen zielen</p> - <p class="verse">Ahnungslosen Zeitvertreib.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> - <p class="verse">Weh, geschossen und getroffen!</p> - <p class="verse">Klaffend steht die Wunde offen:</p> - <p class="verse">Ach, sie ahnten keinen Harm;</p> - <p class="verse">Sie, die nie an Schwerter rührten</p> - <p class="verse">Und als einz’ge Waffe führten</p> - <p class="verse">Ihren Alabasterarm.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sie, die Schwachen, Müden, Süßen,</p> - <p class="verse">Die das Kettlein an den Füßen,</p> - <p class="verse">Allzu schwer das Ringlein drückt;</p> - <p class="verse">Deren Auge bei den Lasten</p> - <p class="verse">Ihrer seidnen Wimperquasten</p> - <p class="verse">Kaum ein stiller Aufschlag glückt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aber wenn es einmal blicken</p> - <p class="verse">Und empor zur Sonne schicken</p> - <p class="verse">Seine heißen Flammen wollt’,</p> - <p class="verse">Schwarz verbrennen in der Ferne</p> - <p class="verse">Würd’ an diesem Feuersterne</p> - <p class="verse">All der Sonne rotes Gold.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Werde Licht!“ so spricht die Wange,</p> - <p class="verse">„Werde Nacht!“ die Lockenschlange</p> - <p class="verse">Dieser holdgeliebten Schar.</p> - <p class="verse">Ihre weißen Kleider hüllet</p> - <p class="verse">Licht der Liebe, Nacht erfüllet,</p> - <p class="verse">Leidesnacht ihr dunkles Haar.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O ihr Leuchten meines Lebens,</p> - <p class="verse">Ist mein Herz nicht eures Schwebens</p> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> - <p class="verse">Firmamentisch Himmelszelt?</p> - <p class="verse">Rollt ihr nicht in ew’gen Gleisen</p> - <p class="verse">Und in immer neuen Kreisen</p> - <p class="verse">Durch dies Herze, diese Welt?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, ihr zarten, freudereichen,</p> - <p class="verse">Traubenschwerem Weine gleichen,</p> - <p class="verse">Wie er Zweig und Wurzel trägt!</p> - <p class="verse">Ach, ihr Lippen, Schönheitsboten,</p> - <p class="verse">Wie ihr eure doppelt roten</p> - <p class="verse">Polster um die Perlen legt!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zürne, Herze, nicht den Kecken,</p> - <p class="verse">Wenn gar ihres Auges Necken</p> - <p class="verse">Falsch aus falschem Fenster schaut:</p> - <p class="verse">Diese Aepfel, wie sie hangen,</p> - <p class="verse">Diese Lilien auf den Wangen</p> - <p class="verse">Sind ein süßes Heilekraut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sieh den Wuchs gleich einer Palme,</p> - <p class="verse">Der gleich windbewegtem Halme</p> - <p class="verse">Lieblich seine Hüften wiegt!</p> - <p class="verse">Jedes Herze, mußt du wissen,</p> - <p class="verse">Kaum gefangen, schon zerrissen</p> - <p class="verse">Blutend ihr zu Füßen liegt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Soll man sie nun schuldig sprechen,</p> - <p class="verse">Da sie nur, um sich zu rächen,</p> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> - <p class="verse">Gegen unsre Herzen gehn?</p> - <p class="verse">Für die Blumen, die wir Frechen</p> - <p class="verse">Täglich von den Beeten brechen,</p> - <p class="verse">Die in Wangenblüte stehn?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auf, zum Richter will ich schreiten:</p> - <p class="verse">Seine Schwingen, seine weiten,</p> - <p class="verse">Sind der Weisheit Schutz und Hort.</p> - <p class="verse">Er, der über Tod und Leben</p> - <p class="verse">Richtet, soll die Antwort geben:</p> - <p class="verse">Still, er kündet Gottes Wort! – –</p> - <p class="verse">– – – –</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-10" title="Was geht noch auf die Sonne"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was geht noch auf die Sonne,</p> - <p class="verse">Was leuchtet sie uns noch?</p> - <p class="verse">Der Mädchen Allerschönste</p> - <p class="verse">Verdunkelte sie doch.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Magst, Sonne, du erröten</p> - <p class="verse">Vor ihrem holden Glanz,</p> - <p class="verse">Mag aus den Bahnen treten</p> - <p class="verse">Der Sterne lichter Kranz!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was braucht die süße Taube</p> - <p class="verse">Noch eure hohe Welt? –</p> - <p class="verse">Sie macht die Myrtenlaube</p> - <p class="verse">Sich selbst zum Himmelszelt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-4-11" title="Mög' des Paares holder Bund"> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -ZUR HOCHZEIT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mög’ des Paares holder Bund</p> - <p class="verse">Israel zum Segen frommen!</p> - <p class="verse">Tu’ das nächste Jahr uns kund,</p> - <p class="verse">Daß ein neuer Stern entglommen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Daß in ihren Tagen dann</p> - <p class="verse">Froh man meinem Volke kündet: –</p> - <p class="verse">Des Erlösers Leuchte hat</p> - <p class="verse">Gott dir angezündet.</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-5"> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -IV.<br /> -FREUNDSCHAFT -</h2> - -</div> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-5-1" title="Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz"> -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz;</p> - <p class="verse">Zürnst du noch lang, so bricht mein Herz.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bist du nicht Arzt? Was willst du noch?</p> - <p class="verse">Unheilbar Weh, du heilst es doch!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Trink Milch und Wein von meinem Mund,</p> - <p class="verse">Um Wein und Milch mach’ mich gesund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein ganzes Herz ist dir bestimmt:</p> - <p class="verse">Greif zu, eh es ein andrer nimmt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-5-2" title="Sehnt sich deine Seele noch"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Sehnt sich deine Seele noch</p> - <p class="verse">Nach der Jugend Borden,</p> - <p class="verse">Da die dunkle Locke doch</p> - <p class="verse">Lang schon weiß geworden?</p> - <p class="verse">Soll das Leben für den Rest</p> - <p class="verse">Dich noch lachen lehren,</p> - <p class="verse">Da es reichlich dir entpreßt</p> - <p class="verse">Bitterste der Zähren?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Täglich gibst den Scheidebrief</p> - <p class="verse">Du der Welt im Schmerze,</p> - <p class="verse">Aber täglich widerrief</p> - <p class="verse">Ihn dein schwaches Herze.</p> - <p class="verse">Ob sie dir ins Antlitz spie</p> - <p class="verse">Und verwarf dein Minnen,</p> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> - <p class="verse">Stets durch neue Gaben sie</p> - <p class="verse">Willst du dir gewinnen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schon die weiße Taube küßt</p> - <p class="verse">Dir den müden Scheitel;</p> - <p class="verse">Fort der Rabe, und noch ist</p> - <p class="verse">Jugend dir nicht eitel?</p> - <p class="verse">Sag’, wer soll die arme Brust</p> - <p class="verse">Wieder dir verjüngen,</p> - <p class="verse">Wird die lang verwehte Lust</p> - <p class="verse">Noch einmal gelingen?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wer soll wieder deinem Fuß</p> - <p class="verse">Güldne Kettlein geben,</p> - <p class="verse">Deine Hand zum Freudengruß</p> - <p class="verse">Auf die Zimbel heben?“ – –</p> - <p class="verse">– So fragt mancher, aber bloß,</p> - <p class="verse">Wer das Aug’ nie kannte,</p> - <p class="verse">Das vom Westen, sonnengroß,</p> - <p class="verse">Mir sein Leuchten sandte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Diese Sonne wird mich nicht,</p> - <p class="verse">Nimmermehr versengen,</p> - <p class="verse">Wird als Schmuck ihr Strahlenlicht</p> - <p class="verse">Um den Hals mir hängen,</p> - <p class="verse">Auge, auch dem Vollmond nicht</p> - <p class="verse">Gleichst du, fühlt der Dichter:</p> - <p class="verse">Der verliert sein mattes Licht,</p> - <p class="verse">Du wirst immer lichter.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> - <p class="verse">Hast mir auch zurückgebracht</p> - <p class="verse">Helle Jugendträume,</p> - <p class="verse">Die ich weit und fern gedacht</p> - <p class="verse">Längst in alle Räume.</p> - <p class="verse">Und weil so dein heller Strahl</p> - <p class="verse">Sprach ein neues „Werde!“</p> - <p class="verse">Kann ich lieben noch einmal</p> - <p class="verse">Diese schöne Erde.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-5-3" title="Viele schon in meinem Herzen schufen"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Viele schon in meinem Herzen schufen</p> - <p class="verse">Sich ein Heim: – Du sollst der Beste sein;</p> - <p class="verse">Wird mein Herz dereinst die Freunde rufen,</p> - <p class="verse">Sein Berufener bist du allein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn ich über aller Sterne Schimmer</p> - <p class="verse">Dann das Herz erhebe zu dem Firn,</p> - <p class="verse">Find’ ich überm hohen Himmel immer</p> - <p class="verse">Höher noch und stolzer deine Stirn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dehnend dann, um deine Kraft zu fassen,</p> - <p class="verse">Dieses Herze weit und weiter dringt,</p> - <p class="verse">Bis es grenzenlos dahingelassen</p> - <p class="verse">Rauschend aus der Erdensphäre springt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Staune nicht, ob meines Herzens Schoße,</p> - <p class="verse">Daß du ihn so tief, so groß empfandst:</p> - <p class="verse">Mich laß staunen, daß du dieses große,</p> - <p class="verse">Dieses Herze so erfüllen kannst.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="cycle" id="subchap-0-5-4"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -ABSCHIED -</h3> - -<h4 class="lyric blank" title="Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen"> -1 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen:</p> - <p class="verse">Kein Strom so alt als wie der Strom der Tränen,</p> - <p class="verse">Und Unrecht ist’s, die Zeiten anzuklagen: –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weh denen, die sie schlimm und schuldig wähnen!</p> - <p class="verse">Kein Falsch ist droben bei dem höchsten Wesen,</p> - <p class="verse">Die Sphären laufen nach gerechten Plänen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auch ist schon alles einmal dagewesen,</p> - <p class="verse">Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben,</p> - <p class="verse">Und neues ist hienieden nicht zu lesen;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wo seines Siegelringes Spur geblieben,</p> - <p class="verse">Da blieb es, wie es war, und alles Neue</p> - <p class="verse">Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Man küßt sich nur, daß man sich wieder scheue;</p> - <p class="verse">Daß Völker sich aus einem Volk gebären,</p> - <p class="verse">Brach man in alten Zeiten sich die Treue;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wenn nicht jene alten Zeiten wären,</p> - <p class="verse">Da sich die Menschen trennten ohne Reue,</p> - <p class="verse">Die Welt wär’ menschenleer und öd’ geblieben.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Und andre Dinge gibt's in diesem Leben"> -2 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und andre Dinge gibt’s in diesem Leben,</p> - <p class="verse">Der eine nennt sie gut, der andre schlecht,</p> - <p class="verse">Fülle ist hier, doch Dürre liegt daneben;</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> - <p class="verse">Der eine hat dem Leben abgeschworen</p> - <p class="verse">Und wird zum Fluche gleich die Arme heben,</p> - <p class="verse">Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Demselben Tag, den andre wieder preisen,</p> - <p class="verse">Und dessen Stunden ewig unverloren</p> - <p class="verse">Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Den jungen Lippen und den lebensroten,</p> - <p class="verse">Zu Honig werden ihnen alle Speisen,</p> - <p class="verse">Den Kranken wird im Honig Gift geboten;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen,</p> - <p class="verse">Sein Aug’ schaut nie des Lichtes Wunderboten,</p> - <p class="verse">Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Auge auch versank in dunklen Nächten,</p> - <p class="verse">Aus seinem Grunde brachen heiße Bronnen,</p> - <p class="verse">Als heute schied der Freund von meiner Rechten.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde"> -3 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde,</p> - <p class="verse">Es ruhte Gold in seiner Seele Schächten</p> - <p class="verse">Und Edelstein im allertiefsten Grunde.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Als ungezäumt noch seine Rosse standen,</p> - <p class="verse">Saßen wir Herz an Herz im trauten Bunde</p> - <p class="verse">Und froh in friedevollen Menschenlanden.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> - <p class="verse">Zwei Mütter haben uns dem Licht gegeben,</p> - <p class="verse">Und doch wie Brüder uns die Menschen fanden,</p> - <p class="verse">Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auf grünem Hügel hat sie uns geboren,</p> - <p class="verse">Wir lagen an den Brüsten süßer Reben,</p> - <p class="verse">Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun denk’ ich dein auf ödem Hügelland,</p> - <p class="verse">Das gestern, da es dich noch nicht verloren,</p> - <p class="verse">In Blumenbeeten und in Düften stand;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun hängen heiße Tränentropfen nieder</p> - <p class="verse">Von meiner Wimper schwer benetztem Rand,</p> - <p class="verse">Und jede Träne hängt im Blute wieder:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du bist dahin! – Nun stehn auf deinen Wegen</p> - <p class="verse">Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder,</p> - <p class="verse">Doch weiß ich, wie sie Krieg im Herzen hegen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O fort mit ihnen! Ihre Zähne nagen</p> - <p class="verse">An ekler Speise, während Mannaregen</p> - <p class="verse">Und Süße einst auf deinen Lippen lagen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Grimm und Glut den übermüt'gen Narren"> -4 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Grimm und Glut den übermüt’gen Narren,</p> - <p class="verse">Die sich selbst für zehnmal weise halten</p> - <p class="verse">All in ihres Geistes dürren Sparren;</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> - <p class="verse">Ihre Götzen sind in ihren Hirnen</p> - <p class="verse">Reinster Glaube, doch als Zauber galten</p> - <p class="verse">Immer meines Glaubens klare Stirnen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie sie sä’n und ernten ihre Gaben!</p> - <p class="verse">Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen,</p> - <p class="verse">Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hört mich, Freunde, Neues will ich künden:</p> - <p class="verse">Meine Perlen will ich tief vergraben,</p> - <p class="verse">Lichter hab ich, die sie wiederfinden.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aber wenn die Narren zu mir kommen:</p> - <p class="verse">„Zeig’uns doch den Schatz in deinen Gründen!“ –</p> - <p class="verse">Eine Antwort soll allein mir frommen: –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vor die Säue nimmer kommt mein Gold,</p> - <p class="verse">In die Wüste – habt ihr wohl vernommen? –</p> - <p class="verse">Niemals meiner Wolke Regen rollt!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten!</p> - <p class="verse">Ach, als wenn die Seele brauchen sollt’</p> - <p class="verse">Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse"><em>Ihr</em> braucht <em>mich</em>, der Leib die Seele immer:</p> - <p class="verse">Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer</p> - <p class="verse">Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-5-5" title="Ist's der Myrrhe zartes Düften?"> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ist’s der Myrrhe zartes Düften?</p> - <p class="verse">Oder Duft vom süßen Moste?</p> - <p class="verse">Oder ist es in den Lüften</p> - <p class="verse">Myrtenduft auf leisem Oste?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sind es Tränen, die ich schaue,</p> - <p class="verse">Tränen auf verliebten Wangen?</p> - <p class="verse">Oder ist’s im Morgentaue</p> - <p class="verse">Rosenkelches Silberprangen?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ist’s die Laute im Verstecke,</p> - <p class="verse">Die ich leise spielen höre?</p> - <p class="verse">Oder hinter jener Hecke</p> - <p class="verse">Sind’s die Nachtigallenchöre? –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Oder ist das alles nur,</p> - <p class="verse">All die Töne, all die Lichter,</p> - <p class="verse">Des Erinnerns süße Spur</p> - <p class="verse">An den weitberühmten Dichter? – –</p> - <p class="verse">– – – – – – –</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-5-6" title="Dieser Schlummer möge währen"> -AN AARON BEN ZION ALAMANI -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dieser Schlummer möge währen,</p> - <p class="verse">Diese Träume mögen glücken:</p> - <p class="verse">Zu dem Fürsten will ich wallen,</p> - <p class="verse">Dem sich meine Garben bücken.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> - <p class="verse">Dessen Gaben hochzupreisen,</p> - <p class="verse">Mund und Herz und Seele singen,</p> - <p class="verse">Und aus dessen Liederquellen</p> - <p class="verse">Meine eignen Lieder springen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Denn von seinen Lieblichkeiten</p> - <p class="verse">Sind die meinen nur entwendet:</p> - <p class="verse">Zürn’ er nicht, daß all mein Sinnen</p> - <p class="verse">Sich in ihm erschöpft und endet.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-5-7" title="Trank die Erde wie ein Kindlein"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Trank die Erde wie ein Kindlein</p> - <p class="verse">Gestern noch an Wolkenbrüsten</p> - <p class="verse">Winternaß auf allen Hügeln;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Eingeschlossen manches Stündlein</p> - <p class="verse">Träumte sie von Liebeslüsten</p> - <p class="verse">Wie ein Bräutchen hinter Riegeln.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kühle Riegel keuschen Eises;</p> - <p class="verse">Doch die Träume alle flogen</p> - <p class="verse">Zu dem nächtlich süßen Spiele;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aber als mit eins ein leises</p> - <p class="verse">Frühlingswehen kam gezogen,</p> - <p class="verse">War ihr Träumen schon am Ziele.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> - <p class="verse">Güldner Beete zarten Schimmer</p> - <p class="verse">Legt sie an und Blütendecken,</p> - <p class="verse">Buntgewirkt und buntgerändert –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie ein hübsches Frauenzimmer</p> - <p class="verse">Täglich unter Scherz und Necken</p> - <p class="verse">Neu sich kleidet und bebändert.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Täglich andre Farben, Blüten:</p> - <p class="verse">Wie ein Mädchen, ein geküßtes,</p> - <p class="verse">Blaß und rot im Liebeswallen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Farben, wie sie niemals glühten:</p> - <p class="verse">Wie gestohlner Schimmer ist es</p> - <p class="verse">Aus den ew’gen Sternenhallen.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kommt zum Garten mit dem Weine,</p> - <p class="verse">Laßt uns seine Gluten nippen,</p> - <p class="verse">Die entflammt am Liebesglühen:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schneekühl in des Kelches Scheine</p> - <p class="verse">Läßt er hinter roten Lippen</p> - <p class="verse">Erst die große Flamme sprühen.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> - <p class="verse">Aus der Nächte dunkler Halle</p> - <p class="verse">Steigt empor die goldne Sonne:</p> - <p class="verse">So der Wein aus seinen Krügen. –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Her die blitzenden Kristalle!</p> - <p class="verse">Schenkt ihn ein, den Saft der Wonne!</p> - <p class="verse">Trinken wir in vollen Zügen! –</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wandelnd nun im kühlen Schatten</p> - <p class="verse">Sehen wir im Sommerregen</p> - <p class="verse">Tränen auf der Erde Wangen;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch es freuen sich die Matten</p> - <p class="verse">Dieser Perlen allerwegen,</p> - <p class="verse">Die vom goldnen Halsband sprangen;</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Freuen sich am Duft des Weines,</p> - <p class="verse">An der Schwalbe, an der Taube,</p> - <p class="verse">Die im Busche gurrt und flattert,</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie ein Mägdelein, ein feines,</p> - <p class="verse">Hinterm Vorhang in der Laube</p> - <p class="verse">Heimlich kichert, leise schnattert.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> - <p class="verse">Aber meine Seele wittert,</p> - <p class="verse">Ob vielleicht in Morgenlüften</p> - <p class="verse">Duft vom fernen Freunde schwebe;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und im Wind die Myrte zittert,</p> - <p class="verse">Gibt dem Wind ihr zartes Düften,</p> - <p class="verse">Daß dem Freund er’s weitergebe.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">*</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und die Vögel singen tausend</p> - <p class="verse">Lieder, und die Palmen mächtig</p> - <p class="verse">Rauschend ihre Zweige schwingen:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hört mein Trauter, wie das brausend</p> - <p class="verse">Anhebt, und sich alles prächtig</p> - <p class="verse">Müht, ihm meinen Gruß zu bringen? – –</p> - <p class="verse">– – – – – – –</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-6"> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -V.<br /> -LEBEN, LEIDEN, DICHTEN -</h2> - -</div> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-1" title="Eine Taube schluchzt vom Zweige"> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Eine Taube schluchzt vom Zweige: –</p> - <p class="verse">Wird mir bitter weh zumute,</p> - <p class="verse">Denn ich finde ihre Schmerzen</p> - <p class="verse">In mir selber, und mein Schicksal</p> - <p class="verse">Ist dem ihren zu vergleichen.</p> - <p class="verse">Weint sie übers Heimatnestlein,</p> - <p class="verse">Wein’ ich meines armen Volkes;</p> - <p class="verse">Weint sie über Scheiden, Meiden,</p> - <p class="verse">Meiner Brüder in der Ferne</p> - <p class="verse">Muß ich stöhnen; aber wenn sie</p> - <p class="verse">Schluchzt um ihre jungen Tage,</p> - <p class="verse">Heb’ ich selber an die Klage</p> - <p class="verse">Ueber aller Welt Vergehen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Abgehaun sind meine Zweige,</p> - <p class="verse">Meine Wurzeln ausgerissen,</p> - <p class="verse">Wie man ihr die Flügel stutzte;</p> - <p class="verse">Allenthalben böse Fallen</p> - <p class="verse">Drohen meines Schrittes Eile</p> - <p class="verse">Wie die Sprenkel ihren Füßen;</p> - <p class="verse">Und den Jäger muß ich fürchten,</p> - <p class="verse">Wie sie selbst die flinken Pfeile.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wahrlich, Pfeile schnellt das Leben:</p> - <p class="verse">Scheibe ward ich ihren Schützen,</p> - <p class="verse">Und sie treffen in mein Blut</p> - <p class="verse">Und vergießen meine Galle,</p> - <p class="verse">Und in meine Wunden alle</p> - <p class="verse">Werfen sie mir Gift und Glut.</p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> - <p class="verse">Stützte mich der Adel nicht</p> - <p class="verse">Meiner unerschrocknen Seele,</p> - <p class="verse">Wär’ ich tot in dieser Fremde,</p> - <p class="verse">Diesem Lande, dessen Tage</p> - <p class="verse">Nächte sind und Todesschatten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aber sie, die edle Seele,</p> - <p class="verse">Steigt mir wie das helle Funkeln</p> - <p class="verse">Einer Sonne, die nicht wendet,</p> - <p class="verse">Nie sich neigt zum Abenddunkeln.</p> - <p class="verse">Soll ich mich vor Menschen fürchten,</p> - <p class="verse">Da in mir das stärkste Leben</p> - <p class="verse">Solcher Seele ist, vor deren</p> - <p class="verse">Mächten alle Mächte beben?</p> - <p class="verse">Soll ich vor der Sorge zagen,</p> - <p class="verse">Da ich aus der Weisheit Schächten</p> - <p class="verse">Kann mir Diamanten schlagen?</p> - <p class="verse">Hungre ich, sie reicht mir Früchte,</p> - <p class="verse">Quellen meinem Durste springen;</p> - <p class="verse">Einsam kann ich nimmer heißen,</p> - <p class="verse">Da mir ihre Harfen klingen:</p> - <p class="verse">Und mit Freunden Rede tauschen</p> - <p class="verse">Brauch’ ich nicht, kann ich nur lauschen</p> - <p class="verse">Ihrer Worte weisem Singen.</p> - <p class="verse">Sieh, in meines Griffel Schreiben</p> - <p class="verse">Lebt mir Lautenspiel und Harfe,</p> - <p class="verse">Und der Weisheit Schriften bleiben</p> - <p class="verse">Gärtlein mir und Paradies.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> - <p class="verse">Redet nur zur Welt, zur schlimmen:</p> - <p class="verse">Mag sie tun, was ihr gefällt;</p> - <p class="verse">Härter doch als ihre Dornen,</p> - <p class="verse">Stärker ist mein starkes Herz.</p> - <p class="verse">Darf ich ihre Weine kosten,</p> - <p class="verse">Will ich auch die Hefen nippen,</p> - <p class="verse">Besseres verlang ich nicht.</p> - <p class="verse">Denn erprobt ist meine Seele:</p> - <p class="verse">Alle gift’gen Bitternisse</p> - <p class="verse">Werden Honig meinen Lippen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mag die Welt in harte Ketten</p> - <p class="verse">Zehnmal alle Seelen zwingen,</p> - <p class="verse">Zehnmal meine Seele retten</p> - <p class="verse">Will ich aus den Eisenringen;</p> - <p class="verse">Auf zu einem neuen Leben</p> - <p class="verse">Will ich aus der Knechtschaft dringen,</p> - <p class="verse">Will mich rein und frei entheben</p> - <p class="verse">Ihrem trümmerreichen Sturz.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ihre Schönheit lockt mich nicht:</p> - <p class="verse">Mag sie ihre Lichter stellen</p> - <p class="verse">Flammend vor mein Angesicht,</p> - <p class="verse">Ihre Säle, ihre hellen,</p> - <p class="verse">Mögen andere berücken,</p> - <p class="verse">Mir sind’s Gräber, die ersticken;</p> - <p class="verse">Ihren Reichtum, ihren Schimmer</p> - <p class="verse">Laß ich gerne, so wie immer</p> - <p class="verse">Gern die Seele läßt den Leib.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> - <p class="verse">Hat sie sich nicht selbst geschändet,</p> - <p class="verse">Und ich sollte sie erheben?</p> - <p class="verse">Da im Kote sie geendet,</p> - <p class="verse">Zögre ich, sie hinzugeben?</p> - <p class="verse">Schlecht geschlungen ist die Krone,</p> - <p class="verse">Die aus ihrer Hand entlehnte,</p> - <p class="verse">Und erröten unterm Hohne</p> - <p class="verse">Müssen alle, die sie krönte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch es lebt in mir ein Glaube,</p> - <p class="verse">Den ich nimmer lassen werde,</p> - <p class="verse">Und ein Bund, den nimmer brechen</p> - <p class="verse">Meine starke Seele wird.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auf ein Leuchten will ich blicken,</p> - <p class="verse">Aus der Hand voll Glanz und Schimmer:</p> - <p class="verse">O wer weiß, sie kann noch immer</p> - <p class="verse">Ihre Morgenröte schicken!</p> - <p class="verse">Tragen will ich, alles tragen,</p> - <p class="verse">Meinen Kummer unterjochen;</p> - <p class="verse">Denn ein einzig starkes Nu:</p> - <p class="verse">Und die Kette ist gebrochen!</p> - <p class="verse">Wecken wird mich meine Stunde,</p> - <p class="verse">Meines Jammers jüngstes Tagen:</p> - <p class="verse">Und so harre ich der Kunde,</p> - <p class="verse">Gönne meinen Wimpern nimmer,</p> - <p class="verse">Daß sich ihnen Schlummer böte,</p> - <p class="verse">Immer an der Morgenröte</p> - <p class="verse">Wimpern lasse ich sie hängen:</p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> - <p class="verse">Seelen, die sich selbst erheben,</p> - <p class="verse">Seelen, die in Hoffnung leben,</p> - <p class="verse">Gott wird ihre Tore sprengen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-2" title="Sie besuchten mich im Traume"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sie besuchten mich im Traume,</p> - <p class="verse">Wollten trösten, wollten laben;</p> - <p class="verse">Doch versiegelt und vergraben</p> - <p class="verse">Blieb ihr Trost im dunklen Raume.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und von allen ihren Lehren</p> - <p class="verse">Hatt’ ich nichts als Herzensdarben,</p> - <p class="verse">Sah bei ihnen volle Garben</p> - <p class="verse">Und bei mir die dürren Aehren.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich von allen meinen Lieben</p> - <p class="verse">Bin allein in meiner Kammer</p> - <p class="verse">Heimgesucht von allem Jammer</p> - <p class="verse">Aller Nöte Kind geblieben. – –</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was noch kann die Zeit mir geben?</p> - <p class="verse">Such’ ich, was ich nie erworben? –</p> - <p class="verse">Ach, ich bin schon längst gestorben,</p> - <p class="verse">Und ich hab’ kein Recht zu leben!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-3" title="Und als nun alle war mein Gold"> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und als nun alle war mein Gold,</p> - <p class="verse">Hat sich der Freund davongetrollt.</p> - <p class="verse">Ich lief ihm nach: O hab’ Geduld!</p> - <p class="verse">Was zürnst du mir?</p> - <p class="verse">Was schuld ich dir?</p> - <p class="verse">Da rief er lachend: Deine Schuld</p> - <p class="verse">Ist klar:</p> - <p class="verse">Bist du nicht arm? –</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-4" title="Siehe, Menschensohn, siehe"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Siehe, Menschensohn, siehe:</p> - <p class="verse">Alles ist Tand!</p> - <p class="verse">Ziehe aus, ja, ziehe</p> - <p class="verse">Die bunten Kleider der Freude,</p> - <p class="verse">Schlag um die Schultern das Trauergewand!</p> - <p class="verse">Das wird zerfallen,</p> - <p class="verse">Und wie’s zerfällt,</p> - <p class="verse">So du:</p> - <p class="verse">Das ist von allen</p> - <p class="verse">Den Mühn der Welt</p> - <p class="verse">Dein letzter Teil –</p> - <p class="verse">Die Ruh’!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-5" title="Kann dich Reichtum locken, Herz?"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kann dich Reichtum locken, Herz?</p> - <p class="verse">Jagst du nach dem Glücke?</p> - <p class="verse">Kennst du nicht der Zeiten Trug,</p> - <p class="verse">All die falsche Tücke?</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> - <p class="verse">Wer sich lange Schleppen macht,</p> - <p class="verse">Kürzt sich seine Schritte,</p> - <p class="verse">Strauchelt bei der schönsten Pracht</p> - <p class="verse">Auf des Weges Mitte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Liegt denn nicht die schlimme Zeit</p> - <p class="verse">Deinem Auge offen?</p> - <p class="verse">Und du hoffst? – O folge mir:</p> - <p class="verse">Höre auf zu hoffen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-6" title="Freue dich vor deinem Nächsten"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Freue dich vor deinem Nächsten,</p> - <p class="verse">Ueble Laune lasse schwinden,</p> - <p class="verse">Und du wirst das Herz der Weisen</p> - <p class="verse">Und den Rat der Klugen finden!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sei nicht schlecht und sei nicht dumm,</p> - <p class="verse">Auch nicht allzusehr gerecht,</p> - <p class="verse">Und erreichen wirst du alles,</p> - <p class="verse">Was dein Herz sich wünschen möcht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-7" title="Weh der Kunde, die im Ohre gellt"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weh der Kunde, die im Ohre gellt: –</p> - <p class="verse">Keine Wahrheit gibt’s in dieser Welt,</p> - <p class="verse">Dieser schlimmen Welt der falschen Wagen:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn ein Mann schon mit ihr leben will,</p> - <p class="verse">Sie zur Gattin sich erheben will,</p> - <p class="verse">Muß er sich mit einer Dirne plagen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-8" title="Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf?"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? –</p> - <p class="verse">Lebendig faßt dein gutes Wort mich an;</p> - <p class="verse">Doch sag’ ich: Nein! Was je mir Freude schuf,</p> - <p class="verse">War nur der Tropfen, der vom Eimer rann.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Naschwerk nur, das ich am Herde fand,</p> - <p class="verse">Das liebte ich, das hab’ ich mir erwählt,</p> - <p class="verse">Doch zu des Geistes Kränzen, die ich wand,</p> - <p class="verse">Hab’ ich mein leichtes Dichten nie gezählt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und ist die Weisheit wie ein Meer so weit,</p> - <p class="verse">Mein Lied ist nur der Schaum, der drüber weht:</p> - <p class="verse">Nicht Mauern will ich türmen als Poet,</p> - <p class="verse">Mein leichtes Ziel ist: Liebenswürdigkeit.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-9" title="Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand!"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! –</p> - <p class="verse">Zur letzten Reihe stellte ihn das Leben;</p> - <p class="verse">Und als es endlich seine Reihe fand,</p> - <p class="verse">War alles Glück der Welt schon längst vergeben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auch er gehört zu der Berufenen Schar,</p> - <p class="verse">Hat niemand seinen Namen auch geschrieben:</p> - <p class="verse">Und wenn er selbst der Edelste nicht war,</p> - <p class="verse">Er ist im Kreis der Edlen doch geblieben.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-10" title="Seh' ich, wie Narren"> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Seh’ ich, wie Narren</p> - <p class="verse">Sich glücklich preisen,</p> - <p class="verse">Seh’ ich die Weisen</p> - <p class="verse">Hungern und harren: –</p> - <p class="verse">Schnell möcht’ ich laufen,</p> - <p class="verse">Den Verstand versaufen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-6-11" title="Augen auf, mein Liebster traut"> -BECHERSPRUCH -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Augen auf, mein Liebster traut,</p> - <p class="verse">Was im Kelche blinkt:</p> - <p class="verse">Schaue, eh’ der Nachbar schaut!</p> - <p class="verse">Trinke, eh’ er trinkt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="cycle" id="subchap-0-6-12"> -ZWEI RÄTSEL -</h3> - -<h4 class="lyric blank" title="Die Stirne von Eisen"> -I -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Stirne von Eisen,</p> - <p class="verse">Daß Brüder sich schieden;</p> - <p class="verse">Die Zunge zu preisen:</p> - <p class="verse">Sie macht wieder Frieden.</p> - </div> - <div class="stanza attr"> - <p class="verse">(<i>Die Wage.</i>)</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="'s ist ein Gefäß von ungemeßnen Tiefen"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -II -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">’s ist ein Gefäß von ungemeßnen Tiefen,</p> - <p class="verse">Doch faßt die kleinste Hand es gut;</p> - <p class="verse">Und dennoch kann die Hand nicht prüfen,</p> - <p class="verse">So nah sie kommt, was in ihm ruht.</p> - </div> - <div class="stanza attr"> - <p class="verse">(<i>Der Handspiegel.</i>)</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-7"> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -VI.<br /> -ZION -</h2> - -</div> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-7-1" title="Zion, willst du nimmer wieder"> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zion, willst du nimmer wieder</p> - <p class="verse">Die verbannten Kinder grüßen,</p> - <p class="verse">Sie, die letzten deiner Herde,</p> - <p class="verse">Die dich immer wieder grüßen?</p> - <p class="verse">Osten, Westen, Süden, Norden,</p> - <p class="verse">Alle Nähen, alle Weiten –</p> - <p class="verse">Horch, von allen fernsten Borden</p> - <p class="verse">Grüßt es dich:</p> - <p class="verse">Höre sie, Zion!</p> - <p class="verse">Höre auch mich!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Armer Gefangener ich,</p> - <p class="verse">Ich mit meinem Sehnen,</p> - <p class="verse">Hermonstau meine Tränen!</p> - <p class="verse">Hermonstau? – O wären sie’s nur,</p> - <p class="verse">Daß ihrer Tropfen Spur</p> - <p class="verse">Deine ewigen Höhen benetze!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich aber, ein Tier der Wüste,</p> - <p class="verse">Kann nur heulen ob deinem Falle;</p> - <p class="verse">Nur, wenn im Traume die Zukunft mich grüßte:</p> - <p class="verse">Heimwallende Scharen – zum Liedeshalle</p> - <p class="verse">Meine Schmerzen alle,</p> - <p class="verse">Zur jubelnden Harfe waren.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Um Bethel stöhnt mein Herz,</p> - <p class="verse">Um Peniël muß ich weinen,</p> - <p class="verse">Um Machanaïm und die reinen</p> - <p class="verse">Stätten alter Gottesschau!</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> - <p class="verse">Dort ließ der Herr sich finden</p> - <p class="verse">Und wohnte im lichten Flor,</p> - <p class="verse">Dort ließ dein Schöpfer münden</p> - <p class="verse">Deine Tore ins schimmernde Wolkentor</p> - <p class="verse">Hoch oben in ewiger Ferne:</p> - <p class="verse">Und war deine Fackel und Leuchte und Licht,</p> - <p class="verse">Und Sonne und Mond, sie leuchteten nicht,</p> - <p class="verse">Und ach, wie bleichten die Sterne!</p> - <p class="verse">Sein ewiger Geist ergoß sich dort</p> - <p class="verse">Auf herrliche Kinder der Wahl:</p> - <p class="verse">O könnte an jenem heiligen Ort</p> - <p class="verse">Auch meine Seele immerfort</p> - <p class="verse">Ergießen ihre Qual!</p> - <p class="verse">O Königshaus! O Gottesthron!</p> - <p class="verse">Wie darf ein Knecht und Knechtessohn</p> - <p class="verse">Auf Heldenthronen prahlen?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Könnte ich wandern über die Stellen,</p> - <p class="verse">Wo der Herr sich so herrlich gezeigt,</p> - <p class="verse">Wo er in Flammen sich, strahlenden, hellen,</p> - <p class="verse">Deinen Priestern und Sehern geneigt!</p> - <p class="verse">Flügel, wer gibt mir mächtige Flügel,</p> - <p class="verse">Daß ich mich schwänge zum Lande der Lust,</p> - <p class="verse">In eure Risse, ihr zackigen Hügel,</p> - <p class="verse">Trüge die Risse der leidenden Brust.</p> - <p class="verse">Oh, dann stürzte ich jubelnd nieder,</p> - <p class="verse">Meine Arme griffen das Land,</p> - <p class="verse">Streicheln würd’ ich die Steine, die kalten,</p> - <p class="verse">Schmeichelnd würd’ ich dich fassen und halten –</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> - <p class="verse">Du, der Heimat glühender Sand!</p> - <p class="verse">Wie erst, stünd’ ich dort an den Grüften,</p> - <p class="verse">Die mir künden der Väter Gruß,</p> - <p class="verse">Könnte durchwandern in Hebrons Lüften</p> - <p class="verse">Stolzeste Gräber mein zagender Fuß!</p> - <p class="verse">Oh, dann schritt’ ich durch deinen Garten,</p> - <p class="verse">Ginge waldüber nach Gilead,</p> - <p class="verse">An deinen Bergen und Felsenwarten</p> - <p class="verse">Staunt’ ich die durstige Seele mir satt.</p> - <p class="verse">Hor, Abarim, o ewige Wonnen!</p> - <p class="verse">Mose und Aaron, begrabene Sonnen,</p> - <p class="verse">Leuchten und Lehrer, wo finde ich euch?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Seelenlabe sind deine Lüfte,</p> - <p class="verse">O du hochgesegnetes Land,</p> - <p class="verse">Deine Ströme sind Honigdüfte,</p> - <p class="verse">Myrrhe spendet dein wirbelnder Sand.</p> - <p class="verse">Doch das süßeste Sehnen für immer</p> - <p class="verse">Bleibt bei deinen Hallen stehn,</p> - <p class="verse">Zion, über deine Trümmer</p> - <p class="verse">Möchte ich nackt und barfuß gehn:</p> - <p class="verse">Sehen, wo die heilige Lade</p> - <p class="verse">Am geheimsten Orte stand,</p> - <p class="verse">Wo im stolzesten Flügelrade</p> - <p class="verse">Man die goldenen Engel fand!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Herunter das Haar vom lockigen Haupt,</p> - <p class="verse">Herunter dir von der Stirne geraubt</p> - <p class="verse">Des Reifes goldene Bande!</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> - <p class="verse">Fluch dem Geschicke, Fluch der Zeit,</p> - <p class="verse">Die heilige Häupter so schmählich entweiht</p> - <p class="verse">In schmacherfülltem Lande!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Essen und Trinken, wie kann es mir munden?</p> - <p class="verse">Deine Löwen seh’ ich zerbissen von Hunden,</p> - <p class="verse">Deine Aare zerrissen von gierigen Raben –</p> - <p class="verse">Licht des Tages, wie kannst du mich laben?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ha, du Becher des Grams,</p> - <p class="verse">Fort mit dir, lasse mich los!</p> - <p class="verse">Angefüllt ist meines Leibes Schoß</p> - <p class="verse">Schon längst mit bitteren Gallen!</p> - <p class="verse">Um Israel hob ich den Kelch zum Mund,</p> - <p class="verse">Um Juda leert’ ich ihn bis zum Grund,</p> - <p class="verse">Kein Tropfen der Hefe gefallen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zion, Zion, du Krone der Zeit,</p> - <p class="verse">Schönheit und Liebe sind dein Kleid,</p> - <p class="verse">So hältst du die Kinder gefangen;</p> - <p class="verse">Sie lachen mit dir zur Lachenszeit,</p> - <p class="verse">Sie stöhnen um dein bitteres Leid,</p> - <p class="verse">Um dein Ende tropfen die Wangen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sie schmachten aus Kerkersnöten empor,</p> - <p class="verse">Sie neigen sich deinem ewigen Tor,</p> - <p class="verse">Wenn ihre Gebete trauern.</p> - <p class="verse">Deine irrenden Herden allzumal,</p> - <p class="verse">Verjagt vom Berg ins dunkle Tal,</p> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> - <p class="verse">Ach, sehn nur deine Mauern!</p> - <p class="verse">Sie klammern sich fest an deinen Saum,</p> - <p class="verse">Und hoch in den schwankenden Wipfelraum</p> - <p class="verse">Deiner Palmen greifen die Hände: –</p> - <p class="verse">O Sehnsucht sonder Ende!</p> - <p class="verse">Wohlan, wer will sich messen?</p> - <p class="verse">Ha, Patros, Schinear,</p> - <p class="verse">Wagt ihr’s?</p> - <p class="verse">Habt ihr vergessen,</p> - <p class="verse">Vergessen ganz und gar</p> - <p class="verse">Das heilige Zionpriesterkleid?</p> - <p class="verse">O über eure Nichtigkeit,</p> - <p class="verse">Und eure morsche Größe!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nein, neben dich kann niemand treten,</p> - <p class="verse">Kein König kommt den deinen gleich:</p> - <p class="verse">Was sind die Allerweltspropheten</p> - <p class="verse">Vor deinem heil’gen Priesterreich?</p> - <p class="verse">Ach, alles stürzt von seinen Thronen,</p> - <p class="verse">Es sinkt der falschen Götter Recht,</p> - <p class="verse">Doch ewig bleiben deine Kronen,</p> - <p class="verse">Dein Schatz ins tausendste Geschlecht!</p> - <p class="verse">Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! –</p> - <p class="verse">Wem deine Mauer wieder Heimat bot,</p> - <p class="verse">Heil ihm, und wer durch Sehnsuchtstränen</p> - <p class="verse">Erblickt dein ew’ges Morgenrot!</p> - <p class="verse">Dein Morgenrot, da alle Wolken fallen,</p> - <p class="verse">Und hundertfacher Glanz vom Himmel bricht,</p> - <p class="verse">Da deine Kinder jauchzend heimwärts wallen,</p> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> - <p class="verse">Und in des Jauchzens Heil und Widerhallen</p> - <p class="verse">Aufstrahlt dein altes königliches Licht! –</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-7-2" title="Im Orient ist mein Herz, im Okzident"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Im Orient ist mein Herz, im Okzident,</p> - <p class="verse">Am letzten Saum, verträume ich die Stunden.</p> - <p class="verse">Kann Trank und Speise, noch so süß, mir munden?</p> - <p class="verse">Kann ich Gelübde, kann ich Schwüre halten,</p> - <p class="verse">Solange Zion liegt in Roms Gewalten?</p> - <p class="verse">Läßt mich Arabien nicht im Kerker kümmern?</p> - <p class="verse">Und was ist Spaniens reichste Flur,</p> - <p class="verse">Was ist sie vor dem Staube nur</p> - <p class="verse">Auf Zions, – Zions Trümmern? –</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-7-3" title="Komm mit mir gen Zoan"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Komm mit mir gen Zoan,</p> - <p class="verse">Zum Schilfmeer und Horeb;</p> - <p class="verse">Wandeln will ich nach Silo,</p> - <p class="verse">Zu gesunkenen Tempels Trümmern.</p> - <p class="verse">Wo die Lade einst zog,</p> - <p class="verse">Da will ich ziehen,</p> - <p class="verse">Wo sie begraben ist,</p> - <p class="verse">Da will ich knien;</p> - <p class="verse">Küssen den Staub</p> - <p class="verse">Süßer als Seim,</p> - <p class="verse">Schauen die Auen,</p> - <p class="verse">Die schönen, daheim,</p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> - <p class="verse">Schauen das öde,</p> - <p class="verse">Vergessene Nest; –</p> - <p class="verse">Oh, wenn ihr wüßtet:</p> - <p class="verse">Die Täublein zerstoben,</p> - <p class="verse">Rabenbrut nistet</p> - <p class="verse">Dort oben.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-7-4" title="Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll,</p> - <p class="verse">Und kam mich doch ein Zittern an:</p> - <p class="verse">Nach Zion mir die Sehnsucht schwoll,</p> - <p class="verse">Da gabest du mir liebevoll</p> - <p class="verse">Ermutigung, Berater!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und gabst mir deinen Namen her,</p> - <p class="verse">Als Stab daran zu wallen;</p> - <p class="verse">Nun schreit’ ich hin, doch ist es mir,</p> - <p class="verse">Als müßt’ ich Schritt um Schritt vor dir</p> - <p class="verse">In meine Kniee fallen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-8"> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -VII.<br /> -DAS MEER -</h2> - -</div> - -<h3 class="cycle" id="subchap-0-8-1"> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -DER STURM -</h3> - -<h4 class="lyric blank" title="In Wolkenräumen"> -1 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In Wolkenräumen</p> - <p class="verse">Dort richtet er,</p> - <p class="verse">Der Gnaden Säume</p> - <p class="verse">Wallen aufs Meer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Mensch alleine,</p> - <p class="verse">Wenn Gott ihm fehlt,</p> - <p class="verse">Dient er dem Scheine</p> - <p class="verse">Vom Trug beseelt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aus Alltagsgrüften</p> - <p class="verse">Steht froh er auf,</p> - <p class="verse">Eilt übers Meer</p> - <p class="verse">Den Heldenlauf.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch ach, in Banden</p> - <p class="verse">Der Schuld gefällt,</p> - <p class="verse">Muß östlich landen,</p> - <p class="verse">Wer westlich hält.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und er gesteht:</p> - <p class="verse">Nicht seine Kraft</p> - <p class="verse">Weist ihm den Weg</p> - <p class="verse">Der Wanderschaft.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dann muß verzagen</p> - <p class="verse">Das arme Herz</p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> - <p class="verse">Und klagen und fragen</p> - <p class="verse">In Angst und Schmerz:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vor dir, dem Einen,</p> - <p class="verse">Wo soll ich ziehn?</p> - <p class="verse">Wohin vor deinem</p> - <p class="verse">Geiste fliehn?</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Wie donnernde Räder rasen die Wogen"> -2 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie donnernde Räder rasen die Wogen</p> - <p class="verse">In mächtigem Sturz übers brausende Meer,</p> - <p class="verse">Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen,</p> - <p class="verse">Es schäumen die Fluten dahin und daher.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da hebt sich der Abgrund und steigt in die Lüfte,</p> - <p class="verse">Sein Brüllen bis hoch an die Wolken hallt,</p> - <p class="verse">Es kochen die Tiefen, es schreien die Grüfte,</p> - <p class="verse">Und keiner bändigt die tolle Gewalt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es sinken die Helden! die Stürme zerjagen</p> - <p class="verse">Zu Bergen und Tälern den donnernden Schlund:</p> - <p class="verse">Turmhoch das Schiff in die Lüfte getragen</p> - <p class="verse">Saust es hinab in den gähnenden Grund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da suchen die Augen nach Schiffern und Knechten: –</p> - <p class="verse">O schweige mir, Herz, und hoffe auf ihn,</p> - <p class="verse">Der einst uns an Moses gewaltiger Rechten</p> - <p class="verse">Durch Schlünde des Meeres ließ ruhevoll ziehn.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> - <p class="verse">So ruf’ ich ihn an, den Herrn aller Herren!</p> - <p class="verse">Und fürchte nur eins: Meiner Sünden Gewalt.</p> - <p class="verse">Ach, wenn sie nur jetzt nicht den Weg mir versperren,</p> - <p class="verse">Nur jetzt nicht mein Jammern, mein Flehen verhallt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Ha, das Meer! Wie rast es wieder!"> -3 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ha, das Meer! Wie rast es wieder!</p> - <p class="verse">Ha, der Ost! Wie schmettert er nieder</p> - <p class="verse">Mächtig den stolzen zedernen Mast!</p> - <p class="verse">Schüttet herab den Sturm seiner Grimme,</p> - <p class="verse">Daß sich der Nacken der Stolzen krümme,</p> - <p class="verse">Und der Schiffsherr zitternd erblaßt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kraftlos hängen dem Maste die Schwingen,</p> - <p class="verse">Kann sie nicht heben, weiter zu dringen,</p> - <p class="verse">Feuerlos siedet die Flut im Föhn.</p> - <p class="verse">O wie verzweifeln die Herzen und stöhnen,</p> - <p class="verse">Da sie die Ruderer hilflos frönen</p> - <p class="verse">Und die Ruder sinken sehn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Armer Schiffsherr, Steuermann schlechter,</p> - <p class="verse">Dumme Ruderer, blinde Wächter,</p> - <p class="verse">Wo, wo ist nun euer Mut?</p> - <p class="verse">Trunken tanzt das Schiff im Winde</p> - <p class="verse">Und verschleudert an die Gründe</p> - <p class="verse">Alle euch als feiles Gut.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> - <p class="verse">Seht, schon regt der Leviathan die Flossen,</p> - <p class="verse">Kommt durchs tosende Meer geschossen,</p> - <p class="verse">Ruft wie ein Bräut’gam die Gäste zum Schmaus;</p> - <p class="verse">Und das Weltmeer mit gierigem Munde</p> - <p class="verse">Schlingt seine Beute zum untersten Grunde: –</p> - <p class="verse">Alles verloren, alles aus!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="Nun schmachtet nach den Höhen"> -4 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun schmachtet nach den Höhen</p> - <p class="verse">Zu dir mein Augenpaar</p> - <p class="verse">Und bringet dir mein Flehen</p> - <p class="verse">Als ernste Gabe dar.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun zittr’ ich meiner Zeiten</p> - <p class="verse">Und bebe, wo ich bin,</p> - <p class="verse">Wie Jona muß ich breiten</p> - <p class="verse">Die Arme nach dir hin.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Laß mich ans Schilfmeer denken</p> - <p class="verse">Und träumen immerzu,</p> - <p class="verse">Laß mich die Sehnsucht senken</p> - <p class="verse">Im Liede nun zur Ruh!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Jordanwunderzeiten</p> - <p class="verse">Erfreu’ sich meine Brust,</p> - <p class="verse">Das Herze mag sich weiten</p> - <p class="verse">Als wie von Edens Lust;</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> - <p class="verse">Bis es zu ihm getragen,</p> - <p class="verse">Der Bitteres versüßt,</p> - <p class="verse">Und der des Grimmes Tagen</p> - <p class="verse">Als Tag der Hilfe grüßt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ja, meine Augen hellen</p> - <p class="verse">Zu ihm sich himmelan:</p> - <p class="verse">Er legt durch Meer und Wellen</p> - <p class="verse">Uns eine sichre Bahn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und endlich auch sein Toben</p> - <p class="verse">Uns Menschenkindern frommt,</p> - <p class="verse">Da Winter uns und Sommer</p> - <p class="verse">Aus seinem Odem kommt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="lyric blank" title="So hat er seinen Zorn gewandt"> -5 -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So hat er seinen Zorn gewandt</p> - <p class="verse">Vom niedern Sohne seiner Magd,</p> - <p class="verse">Befreite aus dem Totenland</p> - <p class="verse">Die arme Seele, die verzagt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun eilen schon die goldnen Höhn</p> - <p class="verse">Hernieder auf den wilden Grund</p> - <p class="verse">Und bringen den erregten Seen</p> - <p class="verse">Hinab den schönsten Friedensbund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da schweigt denn ganz der Schreckenslaut,</p> - <p class="verse">Es ruht wie Oel das wilde Meer,</p> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> - <p class="verse">Und keiner bebt und keinem graut,</p> - <p class="verse">Und Freudenstimme rings umher.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">An die verzagten Herzen dringt</p> - <p class="verse">Der Liebe Engelstimme schon,</p> - <p class="verse">Ihr Schreiten aus den Höhen klingt,</p> - <p class="verse">Ein tief geheimnisvoller Ton.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So wird die Botschaft ausgesandt</p> - <p class="verse">Dem Volk, das lang im Joche rang,</p> - <p class="verse">Und das so hart des Drängers Hand,</p> - <p class="verse">Des Leides Faust in Ketten zwang.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du wildbewegtes Volk der Wahl,</p> - <p class="verse">Du gleichst dem Schiff in Sturmesnot,</p> - <p class="verse">Doch naht gewiß auch dir einmal</p> - <p class="verse">Das liederweckende Gebot:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Heraus, heraus aus finstrer Nacht,</p> - <p class="verse">O liebes Kind, zum Sonnenfirn,</p> - <p class="verse">Sieh, Gottes himmelhohe Pracht</p> - <p class="verse">Strahlt herrlich über deiner Stirn.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-8-2" title="Holder Zephyr, deiner Lüfte"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Holder Zephyr, deiner Lüfte</p> - <p class="verse">Schwingen tragen Nardendüfte,</p> - <p class="verse">Duft vom Apfelblütenstrauß!</p> - <p class="verse">Wo des Krämers Würzen liegen,</p> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> - <p class="verse">Dort begann dein frisches Fliegen,</p> - <p class="verse">Nimmer in des Sturmes Haus.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schwalbenflügel schwingst du leise,</p> - <p class="verse">Freiheit lautet deine Weise,</p> - <p class="verse">Myrrhen streust du hin und her.</p> - <p class="verse">Ach, wie freuen sich die Scharen,</p> - <p class="verse">Die auf lockrer Planke fahren</p> - <p class="verse">Mit dir übers weite Meer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Laß das Schiff nicht aus der Rechten,</p> - <p class="verse">Nicht am Tage, nicht in Nächten,</p> - <p class="verse">Brich durchs Meer ihm seine Bahn!</p> - <p class="verse">Banne fest die tiefen Gründe,</p> - <p class="verse">Bis, die Ruhstatt deiner Winde,</p> - <p class="verse">Gottes heil’ge Berge nahn!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schilt den Ost, den Meeresstürmer,</p> - <p class="verse">Flutenkocher, Wogentürmer:</p> - <p class="verse">Hab’ ich denn noch freie Bahn?</p> - <p class="verse">Ich Gefangner von Gewalten,</p> - <p class="verse">Die noch jetzt im Zaum gehalten,</p> - <p class="verse">Losgerissen schon mir nahn?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Geheimnis meiner Flehen</p> - <p class="verse">Bleibt bei Gottes Händen stehen,</p> - <p class="verse">Der es mir verborgen hält:</p> - <p class="verse">Er, der Höchste, schuf die Höhen,</p> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> - <p class="verse">Er hat auch der Winde Wehen</p> - <p class="verse">Heute gnädig mir bestellt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-8-3" title="Kommt die große Flut mit einem Mal?"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kommt die große Flut mit einem Mal?</p> - <p class="verse">Läßt kein Land sich schauen in der Runde?</p> - <p class="verse">Mensch und Tier und Vogel flohn die Stunde:</p> - <p class="verse">Ist’s das Ende? Kommt die Todesqual?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Säh’ ich einen Berg, ein Tal allein,</p> - <p class="verse">Würde meine Seele ruhig werden,</p> - <p class="verse">Und ein wüstes Fleckchen dieser Erden,</p> - <p class="verse">Würde jetzt mir süße Labe sein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, die Augen gehen um im Kreise:</p> - <p class="verse">Nichts als Himmel, Flut, des Schiffes Knochen,</p> - <p class="verse">Der Leviathan macht die Tiefe kochen,</p> - <p class="verse">Und die Wellen schaun wie wilde Greise.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und das Meer verbirgt uns in den Wogen</p> - <p class="verse">Wie der Räuber sein gestohlenes Gut: – – –</p> - <p class="verse">Mag es rasen! Fröhlich ist mein Mut:</p> - <p class="verse">Näher kommt die Heimat schon gezogen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="part" id="chapter-0-9"> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -VIII.<br /> -LETZTE TAGE -</h2> - -</div> - -<h3 class="lyric" id="subchap-0-9-1"> -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -IN ÄGYPTEN -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Städte sieh und sieh den Strand,</p> - <p class="verse">Wo einst ihr heimisch wart:</p> - <p class="verse">So ehre auch das fremde Land</p> - <p class="verse">Und tritt es nicht zu hart.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mach deine Sohle sanft und weich,</p> - <p class="verse">Die durch die Straßen geht,</p> - <p class="verse">Denn einst durch dieser Straßen Reich</p> - <p class="verse">Schritt Gottes Majestät.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er neigte sich an Tür und Tor</p> - <p class="verse">Nach deinem Bundesblut,</p> - <p class="verse">Und jeder sah’s: Er schritt euch vor</p> - <p class="verse">In Wolke und in Glut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aus dieses Landes Felsen kam</p> - <p class="verse">Dein Bundeshort heraus,</p> - <p class="verse">Und deine Quadern, alter Stamm,</p> - <p class="verse">Die waren hier zu Haus!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-9-2" title="Hat die Zeit das Kleid des Leides"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hat die Zeit das Kleid des Leides</p> - <p class="verse">Ausgezogen und das Kleid des</p> - <p class="verse">Lachens endlich angelegt?</p> - <p class="verse">Sieh die Welt im Byssuskleide</p> - <p class="verse">Hingelehnt in Gold und Seide,</p> - <p class="verse">Wie sie ihre Glieder regt!</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> - <p class="verse">Sieh am Strome das Gefilde,</p> - <p class="verse">Das mit Gozens schönem Schilde</p> - <p class="verse">Seine bunten Ufer hüllt;</p> - <p class="verse">Und der Steppe Blumenbeete</p> - <p class="verse">Und die alten Trümmerstädte,</p> - <p class="verse">Die ein goldnes Leuchten füllt;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und am Strand die süßen Frauen,</p> - <p class="verse">Gleich Gazellen anzuschauen,</p> - <p class="verse">Nur nicht so geschwind zu Fuß:</p> - <p class="verse">Denn an ihren Armen hängen</p> - <p class="verse">Spangen, und den Schritt beengen</p> - <p class="verse">Güldner Ketten Klingegruß.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, schon ist das Herz gefangen,</p> - <p class="verse">Und des Alters bleiche Wangen</p> - <p class="verse">Sind vergessen auf der Flur:</p> - <p class="verse">In Aegyptens Paradiese,</p> - <p class="verse">An dem Strome, auf der Wiese,</p> - <p class="verse">Denk ich meiner Jugend nur!</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-9-3" title="Wollt ihr Liebes mir vergelten"> -TODESAHNEN -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wollt ihr Liebes mir vergelten,</p> - <p class="verse">Sendet meinem Herrn mich zu!</p> - <p class="verse">Eh’ ich unter seinem Zelte</p> - <p class="verse">Glücklich nicht das meine stellte,</p> - <p class="verse">Find’ ich Armer keine Ruh’.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> - <p class="verse">Haltet mich nicht auf zu eilen,</p> - <p class="verse">Da mich schon die Angst erfaßt:</p> - <p class="verse">Unter seinem Flügel weilen</p> - <p class="verse">Und der Väter Ruhe teilen</p> - <p class="verse">Bleibt doch meine einz’ge Rast.</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="delim" /> - -<h3 class="lyric blank" id="subchap-0-9-4" title="Dein Wunder geht durch alle Zeit"> -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dein Wunder geht durch alle Zeit</p> - <p class="verse">Und kündet uns, was Väter sahn:</p> - <p class="verse">Des Stromes Wasser wurde Blut,</p> - <p class="verse">Da war kein Spruch, kein Zauber gut,</p> - <p class="verse">Dein Name hat’s getan!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dein Name und der Wunderstab,</p> - <p class="verse">Den legtest du in Moses Hand:</p> - <p class="verse">O führ’ auch meinen frommen Mut,</p> - <p class="verse">– Das geht so schnell, das geht so gut –</p> - <p class="verse">In deiner Wunder Land.</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="afterword" id="chapter-0-10"> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -<span class="line1">JEHUDA HALEVI,</span><br /> -<span class="line2">seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen</span> -</h2> - -</div> - -<p class="aut"> -von<br /> -Emil Bernhard -</p> - -<h3 class="section pbb" id="subchap-0-10-1"> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -I -</h3> - -<p class="first"> -Das Land Spanien breitet nach Süden seine Arme aus. -Durch die Geradlinigkeit des Pyrenäenrückens von Europa -getrennt, vermag es keinen regeren Verkehr mit -den Völkern nördlich des Gebirges zu erzeugen, zumal -die Stämme, welche am Fuße der bergigen Mauer wohnen, -jenseits und diesseits einander zu ähnlich sind, um -durch gegenseitige Bekanntschaft angeregt und bereichert -zu werden. Darum wendet Spanien dem übrigen -Europa den Rücken zu. Wie es aber im Norden verriegelt -ist, so hält es im Süden die Tore offen. Während bis -zum Guadalquivir hinab sich jenes weite zusammenhängende -Hochland der iberischen Meseta erstreckt, das ein -echt kontinentales Klima extremer Sommer- und Wintertemperaturen -aufweist, beginnt nach Osten, Süden -und Südwesten hin ein ganz anderes und wundervolles -Bild. Ein Armausbreiten in der Tat: Als wenn das ganze -Land in Liebe sich ergösse, treibt es die volle Herrlichkeit -des Südens hervor. Es ist die Sonne der Mittelmeerländer, -die hier scheint, ihre Blume ist es, die hier -blüht, ihr Regen, der hier rauscht. Hier haben wir die -wilden Gewitter, die im Nu kommen, und im Nu vergehen, -den feinen Sonnenregen zurücklassend über der -perlenbesäten Flur. Hier wandeln wir durch die lichten -Wälder, die Maquidickichte, die Huertas und Vegas, jene -herrlichen Gartenoasen, von Bächen durchrauscht hierhin -und dorthin, wo die Granate flammt, und der Apfelbaum -schimmert in der lichten Pracht seiner Blüten. Hier -rauschen die Morgen- und Abendwinde über taubedeckte -Täler und künden die Nacht an, die nirgends emporsteigt -wie hier, so träumerisch erhaben, so schlummernd wach, -so einsam und so beredt. Das ist das Land Andalusien, -von dem der alte arabische Dichter einst sang: „Da es -emportauchte aus des Meeres Flut, ward es wie eine -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -Perle aus der Muschel gehoben. Da erbebten die Wogen -vor Entzücken, als sie sich legten wie eine Kette um seinen -Hals. Darum lächeln noch immer in ihm wonneerbebende -Blüten, darum schmettern in ihm die Nachtigallen -auf lauschenden Zweigen. Hier ist die Heimat meiner -Lust. Weh mir, wenn ich je sie verlassen müßte! -Hier nur ist ein Garten, die ganze Welt eine Wüste.“ -Und als der unglückliche Emir von Sevilla, Al Motamid, -im fernen Marokko eingekerkert saß und seine wundervollen -Elegien sang, da bebte die Schönheit Andalusiens -durch sein Lied: „O wie gerne möchte ich wissen, ob ich -meinen Garten und meinen See wiedersehen werde in -jenem stolzen Lande, wo die Oliven grünen, wo die Tauben -girren, wo die Vögel ihr liebliches Gezwitscher ertönen -lassen.“ -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-2"> -II -</h3> - -<p class="first"> -Das Land Spanien breitet seine Arme nach Süden -aus. Und der Süden stürzte in seine Arme. Nachdem die -Halbinsel manche ethnische Revolution erlebt hatte, -nachdem Kelten, Karthager, Phönizier, Römer, Vandalen -schwere Erschütterungen über sie gebracht hatten, -erhob sich im Anfang des achten Jahrhunderts die ganze, -junge, unberührte Gewalt der Atlasländer und ergoß den -heißen Strom ihrer Stämme übers Meer in die herrlich -blühenden Fluren Andalusiens und weiter bis in den -Norden hinein. Der Orient vermählte sich dem Okzident -und brachte ihm als Morgengabe eine neue, kaum hundertjährige -Kultur mit, die, eingepflanzt in die bunten -Gärten Südspaniens, eine herrliche Blütezeit erlebte. -</p> - -<p> -Nach der machtvollen Regierung der Ommajaden, vor -allem der fünfzigjährigen des glänzenden Abderrahmân -III. (912-961), der in der Millionenstadt Cordova, -ein zweiter Salomo, alle Pracht und Bildung der -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Welt um sich sammelte, ward die arabische Herrschaft -zwar bald durch lange Bürgerkriege in viele kleine Staaten -zerschlagen, die Kultur aber erhielt sich in ihrer vollen, -zauberhaften Schönheit. Im Gegenteil: Die Kleinstaaterei -diente noch ihrer Förderung. All die Emire von -Sevilla, Cordova, Granada, Malaga, Murcia waren zu -schwach, als daß sie ihren Ehrgeiz in großen kriegerischen -Unternehmungen befriedigen konnten. So suchten -sie sich den Ruhm ihrer Vorgänger als Förderer und -Pfleger der Künste und Wissenschaften zu erhalten und -zu mehren. Und nie hat in einem Lande die Dichtkunst -so geblüht wie in Andalusien. -</p> - -<p> -Es war, als hätte diese gesegnete Erde nur darauf gewartet, -von den Sohlen der freien, sangesfrohen Wüstensöhne, -den Hütern der lauteren Sprache, den Schatzmeistern -des reinen Arabisch berührt zu werden, um zu -ewigen Jubeltönen zu erwachen. Da begann die Laute zu -klingen vor den Balkonen in der Nacht zu feinen arabischen -Sequidillas zum Lobe der Schönen: – „Zum -Monde blickte ich, o Geliebte, und seinen Strahlen. Da -nahm er einen Schleier und verhüllte sich: Er schämte -sich, o Geliebte, als er dein holdes Antlitz sah. Deine -Schönheit überwand ihn, er mußte sich verbergen.“ – -Da tanzte und sang das Volk auf der Silberwiese von -Sevilla, am grünen Ufer des Guadalquivir; sie warfen -sich freundliche Worte in gereimter Rede zu, und hin -und wider scholl das Lachen; und verkleidet unter ihnen -wandelten die Fürsten und Prinzen und verlustierten sich -im süßen Nichtstun. In der wundervollen Landschaft Silves -hatte jeder Bauer das Talent, zu improvisieren. Wie -sollte er auch nicht: Silves war die Perle in der silbernen -Muschel Andalusiens. Als der genannte Al Motamid seinen -Freund Ibn Ammâr als Statthalter nach Silves -sandte, da brach er in Erinnerung an seine dort verlebten -Jugendtage aus dem Stegreif in die Verse aus: – „Ach, -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -wie oft haben dort die jungen, weißen und braunen Mädchen -mir das Herz mit ihren süßen Blicken durchbohrt, -als ob ihre Augen Dolche wären oder Lanzen! Und welche -Nächte habe ich in jenem Tale am Ufer des Flusses -mit der schönen Sängerin zugebracht, deren Armband -dem zunehmenden Monde glich! Sie machte mich trunken -durch Blicke, trunken durch Wein, trunken durch -ihre Küsse!“ -</p> - -<p> -Wer singen und dichten konnte, war im schönen Andalusien -nimmer verloren. Der Verbrecher, der zum -Tode geführt wurde, konnte sich noch am Fuße seines -Galgens befreien, wenn er einige anmutige Schmeichelworte -in gereimter Rede zu sprechen vermochte. Der -Bettler, der heute am Straßenrande lag, konnte morgen -Wesir sein, wenn er, vom Emir in Versen angesprochen, -in Versen antworten konnte. So wurde Ibn Ammâr von -Al Motamid aus dem Staube erhoben, so hat derselbe -Fürst auf der Gasse von Sevilla seine süße I’timâd, die -Sklavin Romaikija, gefunden, das reizende Spielzeug seines -Lebens bis zum Tage, da er nach Agmât wandern -mußte in den Kerker seines Feindes. -</p> - -<p> -Hand in Hand mit dieser tiefen Liebe zur Dichtung, -dem höchsten Stolz des feingesitteten Andalusiers, ging -die Pflege der Wissenschaften. Ueberall im Lande, in -Cordova, Sevilla, Toledo, Valenzia, Almeriga, Malaga, -Jaen, wuchsen islamische Akademien empor, denen umfangreiche -Bibliotheken angegliedert waren, aufgesucht -von den lernbegierigen Jünglingen der ganzen arabischen -Welt. Hier wurde Philosophie, Grammatik, Lexikographie, -Medizin gelehrt, und wie die andalusischen Jünglinge -hinauszogen bis nach Bagdad, um die großen Lehrer -des Islams zu hören, so kamen sie auch aus Syrien -und dem Irak nach Cordova, um Schüler berühmter Meister -genannt zu werden. -</p> - -<p> -Dieses heiße Streben nach Bildung und Gesittung erhielt -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -aber seinen höchsten Glanz durch die unerhörte -Pracht, den maßlosen Reichtum, der sich in Städten wie -Cordova, Sevilla, Toledo entfaltete. Bis in die dunkle -Klause sächsischer Klöster drang die Kunde von diesem -Reichtum: – „O Cordova, die helle Zierde der Welt, -die junge, herrliche Stadt, stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt -durch ihre Wonnen, strahlend im Vollbesitz aller -Dinge!“ sang die Nonne Hroswitha von Gondersheim. -In der Tat, man kann sich heute kaum eine Vorstellung -von dem Zauber machen, der damals diese Stadt erfüllte. -Wer sie besuchte, mußte erst einen dichten Kranz marmorner -Sommerpaläste durchwandern, die aus dem von -Tausenden von Olivenbäumen bekränzten Ufer des in -goldgrünen Wellen hinströmenden Guadalquivir emporragten -und schon um das Jahr 950 achtundzwanzig Vorstädte -bildeten. Kam er dann in die Stadt selbst mit -ihren 113000 Häusern, 300 Bädern und 3000 Moscheen -und betrat gar die große Moschee mit ihren „1300 Riesensäulen -unter der gewaltigen Kuppel“, so mochte er -sich schon dem Eindruck dieser stolzen Größe beugen, -wenn ihm nicht schon vorher die Herrlichkeit dieser Welt -überkommen war, da er die berühmte Brücke Abderrahmâns -über den Guadalquivir, das Werk seines Lebens, -zagend überschritten hatte. Aehnlich wirkte das -lachende Sevilla mit seinen belebten Gassen inmitten der -fruchtbaren Ebene, in der es lag, ähnlich das nördliche -Toledo, das auf der natürlichen Feste eines hochragenden -Felsens am Ufer des gelben Tajo gegründet war, Toledo, -in dem Orient und Okzident am frühesten in innige Verbindung -traten. Hier strömte das bildungsfähige Abendland -zusammen, um in die Geheimnisse arabischer Weisheit -einzudringen, hier bildeten sich schon im zwölften -Jahrhundert förmliche Uebersetzungsschulen, welche die -aristotelische Philosophie im arabischen Gewande der -lernbegierigen Christenheit vermittelten. -</p> - -<p> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Der Orient war es, der hier den blühenden Baum in -den Garten des Okzidents gepflanzt hat. Er hat die -Schönheit Andalusiens erst geschaffen. Die Schönheit -der natürlichen ebenso wie der geistigen Kultur. Die -Hände der Wüstensöhne hatten das ganze Land mit Kanälen -und Wasserwerken durchzogen und dem Boden -seine Fruchtbarkeit abgerungen, ihr Lied und Sang, ihr -Denken und Forschen war es, was auch die Menschen -des Landes eroberte. Es war eine starke Besitzergreifung. -So stark, daß durch die Vermählung von Land und -Menschen bald ein neues Volk geboren war, eine jungfräuliche -Nation mit neuem, bald im ganzen Orient berühmtem -Namen: – El Andalus. -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-3"> -III -</h3> - -<p class="first"> -An der Wende dieses glücklichen und reichen Zeitalters, -in den letzten Strahlen seiner untergehenden Sonne, -wurde zu Toledo um das Jahr 1083 Jehuda ben Samuel ben -Samuel Halevi, oder, wie er arabisch hieß, Abul Hasan -Allâwi, geboren. Die Familie, der er entstammte, war unbekannt, -aber nicht arm. Wenn er auch im zartesten Alter -die Belagerung Toledos (1085) und die Judenverfolgung -in derselben Stadt (1090) erlebt hat, scheint doch seine -Jugend glücklich gewesen zu sein, um so glücklicher, als -er aller Wahrscheinlichkeit nach das einzige Kind seiner -Eltern war. Bald aber entwöhnte ihn das rauhe Schicksal -dieser „Milch der Jugendtage“. Der Vater muß frühzeitig -gestorben sein. Er ließ den Knaben mit der Mutter -zurück, welche seine ersten bitteren Enttäuschungen -noch miterleben mußte. -</p> - -<p> -Nach der Sitte der Zeit wurde der Knabe mit den -schwarzen Locken und den dunklen feurigen Augen, die -über braunen, gesunden Wangen leuchteten, früh in die -Sprache und Lehre seiner Väter eingeweiht. Mit dreizehn -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -Jahren sprach und schrieb er ein vollendetes Hebräisch -und war gleichzeitig tief in die Kenntnis der arabischen -Literatur wie der ganzen Zeitkultur eingedrungen. Er -hat also seine erste Jugend, obgleich im christlichen Spanien, -doch an der Grenze der mohammedanischen Kultur -zugebracht. Dort hat er die arabische Kasside singen -gelernt, das Preisgedicht, die poetische Epistel, sowie -die kunstvollen Gürtel- und Kettenlieder, die damals in -Spanien aufkamen. -</p> - -<p> -Um jene Zeit erfüllte der Name Abû Harûn Mose -ibn Esras, des religiösen Dichters, die jüdische Welt -Spaniens. Dieser kaum mehr als fünfundzwanzig Jahre -alte Dichter lebte wie die meisten Ibn Esras in Granada, -jener Stadt im Süden Spaniens, die damals so viel Juden -hatte, daß man sie schlechthin die „Stadt der Juden“ -nannte. Da erhielt er eines Tages aus dem fernen Norden -eine poetische Epistel. Von der Hand eines Kindes. -Und las. Und war erschüttert. Dann setzte er sich nieder -und schrieb die Antwort: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein Kind noch jung, ein Knabe zart,</p> - <p class="verse">Will Geistesfelsen rücken?</p> - <p class="verse">Stößt Helden in den Staub hinab</p> - <p class="verse">Und läßt als rot und weißer Knab’</p> - <p class="verse">Schon volle Blüten blicken?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So ist’s: Vom Norden strahlt er auf</p> - <p class="verse">Und füllt mit Licht die Auen.</p> - <p class="verse">Die ganze Weite ist erhellt,</p> - <p class="verse">Noch höher als das Sternenzelt</p> - <p class="verse">Könnt seine Hand ihr schauen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Mose ibn Esra hat das Verdienst, Jehuda Halevi „entdeckt“ -zu haben. Er tat es im guten Sinne des Wortes. -Er gewann eine vollständige Herrschaft über den jungen -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Dichter, der sich ihm mit ganzer überschwenglicher -Seele hingab. Der junge Jehuda war eine zarte, deutlich -feminine Natur. Bei einem ausgesprochen genialen -Selbstbewußtsein war er die Demut selbst vor seinen -Freunden, die er fast immer überschätzte. Er vergötterte -sie. Er dichtete ihnen die Eigenschaften an, die ihm selber -fehlten. Oft erzürnte er sich mit ihnen, immer aber -war er derjenige, der um Verzeihung bat. Es ist rührend -zu sehen, wie häufig er in seinen Episteln an die erzürnten -Freunde nach einer Schuld sucht, die nicht vorhanden -ist. Von keinem aber ließ er sich so beherrschen, wie von -Mose ibn Esra. Als er sich schon dem Gipfel seines Ruhmes -nähert, fühlt er sich noch als sein Jünger. Wenn er -dem Meister seine Verse schickt, ist es ihm, als schickte -er Boten an den Gesalbten Gottes, den König. Und er -läßt sie zum Könige sprechen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Herr, o trage unsre Last,</p> - <p class="verse">Laß uns selbst nicht Sünde tragen,</p> - <p class="verse">Wenn in unbeholfner Hast</p> - <p class="verse">Wir dein Lob zu singen wagen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was wir bringen, ist ja noch</p> - <p class="verse">Keine Blüte, Knospe eben,</p> - <p class="verse">Aber einstmals soll es doch</p> - <p class="verse">Hier auch Frucht und Blüte geben.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Mose ibn Esra war ihm der, welcher berufen war, ihn -zu läutern, „das Gold zu scheiden von seiner Schlacke“. -Er war ihm dichterisches und menschliches Ideal, das -Urbild der Demut und Selbstbeherrschung. Welch trauriger -Irrtum: Mose ibn Esra führte ein wilderes, zerfahreneres -Leben als Jehuda Halevi, dem aller Jammer, -dessen sein Leben voll war, von einem herrlichen Frohgemüt -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -übersonnt war, während der andere an seinen eigenen -Launen zerschellte. -</p> - -<p> -Am Ende des Lebens entfremdeten sich die Freunde, -wofür die Schuld wohl eher in Mose ibn Esra zu suchen -sein wird, den der strahlende Ruhm des Jüngeren seinem -Charakter nach kränken mußte. Als er 1138 starb, sang -ihm Halevi dennoch das Grablied: – „Mose, Mose, mein -Bruder, Licht meines Mondes, meine Sonne, meine -Leuchte, meines Glanzes Quell von alten Tagen her!“ – -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-4"> -IV -</h3> - -<p class="first"> -Vom Norden her sandte Jehuda Halevi seine ersten -Verse nach dem schönen Granada. Dann aber kam er -selbst nach dem Süden. Warum? – Wir wissen es nicht. -So klar uns der Lebens- und Stimmungsgehalt der nun -folgenden Epoche ist, so dunkel und tatsachenarm ist sie. -Um 1100, also mit ungefähr siebzehn Jahren, befand sich -der Dichter schon im Süden Spaniens, und zwar zunächst -im Südwesten. Die allgemein verbreitete Annahme, daß -er die Hochschule des berühmtesten jüdischen Gesetzlehrers -jener Zeit, Isak Alfasi, in Lucena besucht habe, ist -nichts als eine leere Vermutung, die sich auf die Tatsache -stützt, daß er beim Tode Alfasis (1103) sechs Zeilen -schrieb und die Einsetzung des jungen, ihm befreundeten -Josef ibn Migasch in den erledigten Lehrstuhl dieses -Meisters in einem Hymnus feierte. Jehuda Halevi -zeigt in allen seinen Werken keineswegs mehr, eher weniger -als die talmudische Durchschnittsbildung seiner -Zeit. Vielmehr ist anzunehmen, daß dem herangewachsenen -Jüngling die einfache materielle Sorge nach dem an -Existenzmöglichkeiten reicheren Süden trieb. Mit seiner -Ankunft in Andalusien beginnt eine Zeit der Kämpfe -und Irrfahrten für ihn. Von Stadt zu Stadt wanderte er, -ohne einen festen Halt zu gewinnen. Der Kampf um den -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Bissen Brot jagte ihn durchs Land. Sevilla, Granada, -Guadix, Malaga, Lucena waren die Städte, in denen er -sich aufhielt, doch immer nur kurze Zeit. Den Arztberuf, -dem er später oblag, scheint er hier noch nicht ausgeübt -zu haben. Vielmehr lebte er allem Anschein nach -von seiner Feder. Er dichtete Hochzeitslieder und erhielt -Honorare dafür. Er besang die Koryphäen seiner -Zeit, die ihm ihrerseits Ehrensolde übersandten, oder -ihn, wie es Sitte war, in ihrem Hause wohnen, an ihrem -Tische essen ließen. Zeitweise ging es ihm so erbärmlich, -daß er an reiche Leute Bettelgedichte richten mußte, -um sein Leben zu fristen. Es war nur zu verständlich, -daß sich in dieser Zeit seiner im tiefsten Grunde heiteren -und lebensfrohen Seele recht oft die verzweifeltsten -Stimmungen bemächtigten. Er fühlte sich von allen -verlassen und es war ihm, als hätte sich die ganze Welt -gegen ihn verschworen. Einsam und verwaist nannte er -sich. Dabei wuchs natürlich sein Bedürfnis nach Freundschaft, -noch mehr aber seine Empfindlichkeit. So geriet -er immer tiefer in eine Stimmung hinein, welche -der Kulturstimmung jener Zeit ähnlich war: Weltschmerz -und Lebensverachtung. -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-5"> -V -</h3> - -<p class="first"> -Auf die Epoche des Glanzes war in Andalusien eine -Epoche der tiefsten Erniedrigung gefolgt. Der Stern -des Islam war im Verblassen. Vom Norden her bohrte -das Königreich Kastilien seinen Stachel den Mauren -immer tiefer ins Fleisch. Nachdem Ferdinand (1037-1067) -gestorben war, bestieg sein Sohn Alfons VI. den -Thron von Kastilien. Dieser übernahm den Kampf gegen -den Islam als heiliges Vermächtnis von seinem Vater, -und es gelang ihm infolge der Zersplitterung des -mohammedanischen Spaniens, die kleinen Territorialfürsten -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Andalusiens zum Tribut zu zwingen. 1085 wagte er -den ersten großen Vorstoß, dem der wichtigste Verteidigungspunkt -der Mauren, der Turm am Tore Andalusiens, -Toledo, zum Opfer fiel. Ganz Südspanien erbebte -unter diesem Schlage. Die Verwirrung und Angst -wuchs von Tag zu Tag. Da tat der Emir von Sevilla, -der schon mehrfach genannte Al Motamid, den verhängnisvollsten -Schritt, den er überhaupt tun konnte. Er rief -den in Nordafrika regierenden Almoraviden Jussuf ibn -Taschfîn mit seinen Berberscharen zu Hilfe. Dieser kam -und erfocht gegen die Christen in der furchtbaren -Schlacht von Sallaka (1086) einen vollen Sieg. Der Süden -schien gerettet. Nach der Schlacht ließ Jussuf aus -den gefallenen Christenleibern einen Riesenturm aufschichten, -von dessen Spitze der Muezzin nach allen vier -Winden ausrufen mußte, daß es keinen Gott gebe außer -Allah: lâ allâh ill’ allâh. Trotzdem blieb der Sieg unausgenutzt, -und als Jussuf nach Nordafrika zurückgekehrt -war, stand alles wie vorher. Wieder stieg die Not -aufs Höchste. Da erschien Motamid selbst in Nordafrika, -um Jussuf persönlich zu veranlassen, noch einmal der -Retter zu sein. Jussuf kam. Aber er ging nicht wieder, -ohne sich seinen Lohn genommen zu haben. Er machte -dem Zaunkönigtum in Andalusien mit einem Schlage -ein Ende, Granada und Malaga fielen, dann Cordova und -Carmona. Al Motamid mit seinen Söhnen wehrte sich -tapfer. Aber es half ihm nichts. Er mußte den schrecklichen -Tod seiner Söhne erleben, um schließlich in den -Kerker zu Adschmât zu wandern, wo er nach vier Jahren -schwerer innerer Leiden, gebrochen an Leib und Herzen, -seine königliche Dichterseele aushauchte. Das war -im Jahre 1095. -</p> - -<p> -Jussuf ibn Taschfîn hatte Andalusien unterworfen. Geholfen -aber hatten ihm dabei nicht nur seine wilden Berbern, -sondern auch als unversöhnlichste Truppe die orthodoxen -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Gelehrten des Islam, die Fakîhs. Sie begannen -jetzt das Regiment zu führen. An Stelle der früheren -Schönheit und Leichtigkeit des Lebens machte sich -der bigotte Geist dieser orthodoxen Emporkömmlinge -breit. Frömmelei und Beterei vernichteten alle Blüten -der früheren Freiheit. Die graziöse Geste der Lebensfreude -wurde erstickt in dem Buchstabenknäuel des koranischen -Gesetzes. Ketzerriecherei und Angebertum -schlossen den fröhlich leichtsinnigen Mund des gebildeten -Volkes. Als gar Jussuf das Zeitliche gesegnet hatte -(1106), und sein bigotter, unbedeutender Sohn Alî an -seine Stelle trat, stieg die innere Not Andalusiens auf -den Gipfel. Niemand fühlte sich im Lande wohl außer -den Fakîhs und dem Pöbel. Die Philosophen schwiegen, -denn Philosophie war verpönt. Die Freigeisterei wurde -verfolgt. In den Städten spielten die brutalen, unsauberen -Berbern die Hauptrolle. Die Dichter, noch vor zwanzig -Jahren die Lieblinge des Volkes, gerieten in tiefste -Armut. Sie hatten keine Beschützer mehr. Wer von -ihnen nichts auf sich hielt, lief den Fakîhs nach und -sang ihr Lob, um von ihnen Geld zu erhalten. Die Spekulation -auf die Eitelkeit dieser frommen Leute war -auch richtig, aber sie bezahlten schlecht, und wer seine -Kunst in Ehren hielt, mochte sie nicht besingen. Ibn -Bakî, einer der begabtesten Dichter, welche Andalusien -überhaupt hatte, irrte wie ein Landstreicher von Stadt -zu Stadt. -</p> - -<p> -Es ist kein Wunder, daß unter diesen Umständen der -bessere Teil der andalusischen Bevölkerung in dumpfe -Verzweiflung geriet. Die meisten von ihnen hatten die -schönen Tage der Freiheit noch gesehen. Um so tiefer -deuchte ihnen jetzt ihr Fall. Es war alles so schnell gekommen. -Was früher unten war, war jetzt oben, die -Verachtetsten waren die Mächtigsten geworden. So -wurde dem Volke damals mehr denn je das Wechselspiel -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -des Lebens klar. Und da der Druck immer unleidlicher -wurde, so kam es, daß im Lande die alten -Lebenswerte entwertet wurden, und die Sehnsucht nach -etwas Neuem, Höherem erwachte. -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-6"> -VI -</h3> - -<p class="first"> -So war in Andalusien der Boden beackert für die -Saat eines neuen Wissens, das gerade damals in Spanien -seinen Einzug hielt. Es war die Inbrunst des Persers -Al Gazzâlî, welche den Samen auswarf. Dieser wundersame -Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus -gehörigen Städtchen Gazzâlah geboren ward, war nach -mannigfachem Suchen und Forschen an allem irre geworden, -was seine Zeit ihm bot. Die islamische Theologie, -die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an -kalten Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, -ekelte ihn an. Die Philosophie, die im Geiste -die vollkommenste Macht gefunden zu haben glaubte, -befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem -Studium zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror -ihm die Seele. Die Spekulation war ebenso kalt wie die -Dogmatik. Dies wird ihm zum schwersten Kampfe seines -Lebens. Tiefe religiöse Erschütterungen machen ihn -an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein -aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, -an der er ein bedeutendes Lehramt innehatte. Er -ging, um sich ganz dem beschaulich einsamen Leben -eines Sûfî<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus, -die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte -er der Welt seine neue Lehre. -</p> - -<p> -Es ist eine tiefe, inbrünstige und leidenschaftliche -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -Religion, die er vom Menschen verlangt. Eine Religion, -in deren Mittelpunkt die Seele steht. Sie ist die Macht -aller Mächte. Aber diese Macht ist gebunden, gebunden -in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt -es, el mulk und el malkût, die Welt des Sichtbaren und -des Unsichtbaren. Zwei Tore hat die Seele den Welten -entsprechend: Das Tor nach außen und das Tor nach -innen. Glaube aber nicht, daß du das Tor nach innen -wirst öffnen können, wenn du den Riegel des Leibes -nicht zu sprengen vermagst. Befreie dich vom Leibe, -vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge schauen, -was nie dein äußeres sah. So wird der Aufstieg nach -el malkût gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen -den Herrn. Ewig aber wird er dir verborgen sein, -wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein -Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. -Ein Kelch ist dein Herz: Solange der noch voll Wasser -ist, hat er für den Wein keinen Platz. Laß das -Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen, -deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der -dich hindert, den ewig Geliebten zu schaun. In der -Stunde des Todes springt der Kerker auf, die Fesseln -fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? -Erst der Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du -kannst das Erwachen vorwegnehmen. Läutere dich -durch die gute Tat. Sie ist die Brücke, die hinüberführt -zu el <a id="corr-0"></a>malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht -und Inbrunst, Versenkung und Kasteiung tragen dich -zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern bedeckt -ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst -gibst, so wird er einen Schleier nach dem anderen -von dir nehmen, bis du ihm nahe bist, ihn im -klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. -Dann hast du den Frieden. – -</p> - -<p> -Es war die Religion seines Lebens, die Gazzâlî lehrte. -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Es war nur natürlich, daß sie wirkte wie das Leben. Als -das berühmte Buch des Philosophen über „die Belebung -der Religionswissenschaften“ nach Andalusien -kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Während -die ernsteren Geister, die unter dem Drucke der -almoravidischen Fakîhs seelisch zugrunde gingen, das -Erlösende der Lehre nur zu tief verspürt haben mögen, -entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl -das Buch keineswegs heterodox war, fühlten diese doch, -daß der Geist ihnen im innersten fremd war. So verketzerten -sie das Buch und setzten durch, daß es nicht -bloß in Cordova und allen anderen Städten des Reiches -verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars -bei Todesstrafe verboten wurde. -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-7"> -VII -</h3> - -<p class="first"> -Damals lernte auch Jehuda Halevi die Schriften Gazzâlîs -kennen. Das wurde ihm Ereignis. Was alle damals -bewegte, mußte auch ihn bewegen. Ja, mußte ihn tiefer -bewegen als alle, weil er Jude war und doppeltes -Leid trug. Mit dem Eindringen der Almoraviden in -Spanien hatte für die Juden eine schlimme Zeit begonnen. -Während ihre Edlen früher an den heiteren Höfen -von Malaga, Sevilla und Cordova hohe Stellungen einnahmen, -und das Volk unter ihrem Schutze ein freies -Leben führen durfte, so daß auch in seiner Mitte Kunst -und Wissenschaft blühten, lösten jetzt Verfolgungen, Erpressungen -und fanatische Bekehrungsversuche einander -ab. Jehuda Halevi litt entsetzlich. Der von König Jussuf -an den Juden Lucenas geübte Gewaltstreich (1107), -der vielfache Frauenraub berberischer Horden, die Ermordung -seines Freundes Salomo ibn Farusal (1108), -warfen dunkle Schatten in sein Gemüt. Dazu kam sein -damals auf den Gipfel gestiegenes persönliches Elend: -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Hunger, vielfach erfahrener Undank, das Bewußtsein, -andere minder Befähigte erfolgreich, sich selbst aber -immer „in des Lebens letzter Reihe“ zu sehen, all das -wirkte zusammen, seine Lebensanschauung bestimmend -zu gestalten. Was war ihm das Leben? – Ewige Versagung. -Was war ihm die Welt? – Eitel Schaum. -</p> - -<p> -So kam er zu Stunden tiefster Verzweiflung, die ihn -an sein Leben mit der letzten Frage herantreten ließen. -Ein ergreifendes Zeugnis solcher Stunden blieb uns in -jenem herrlichen Gedicht aufbewahrt, in dem er im -Traume die tröstenden Freunde zu sich kommen sieht. -Was soll ihm ihr Trost? Muß er nicht bei ihnen volle -Garben und bei sich die ewig dürren Halme sehen? -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich von allen meinen Lieben</p> - <p class="verse">Bin allein in meiner Kammer</p> - <p class="verse">Heimgesucht von allem Jammer,</p> - <p class="verse">Aller Nöte Kind geblieben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was noch kann die Zeit mir geben?</p> - <p class="verse">Such’ ich, was ich <em>nie</em> erworben? –</p> - <p class="verse">Ach, ich bin schon längst gestorben,</p> - <p class="verse">Und ich hab’ kein Recht zu leben!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Daß der junge Dichter solchen Stimmungen anheimfallen -konnte, zeugt von der tiefen seelischen Not, die -ihn oftmals gedrückt haben muß. Diese Not muß um so -tiefer vorgestellt werden, als er von Natur eine glückhelle -Seele war. Der geringste Sonnenstrahl, der in sein -Elend fiel, half ihm über ewige Nächte hinweg. Wie -leicht wäre er zufrieden gewesen! Er war kein Weltfeind, -und nichts war ihm fremder als Menschenmäkelei. -Gern hätte er mit der Welt in Frieden gelebt. Aber -immer wieder mußte er ihr Dirnentum erkennen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> - <p class="verse">Wenn ein Mann schon mit ihr leben will,</p> - <p class="verse">Sie zur Gattin sich erheben will,</p> - <p class="verse">Muß er sich mit einer Dirne plagen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -So kam er schließlich dahin, daß er sich vollständig -zu verlieren drohte und an das Glück nicht einmal zu -glauben vermochte, wenn es an seinem Halse lag. Es -kamen frohe Stunden, Stunden der Liebe, der Freundschaft, -der Anerkennung, der materiellen Sicherheit. Da -wußte er sie nicht zu genießen: „Nur wenn es mir -schlecht geht, bin ich stark,“ so klagt er, „und zittere, -wenn mir das Glück lächelt; denn morgen wird es nicht -mehr sein.“ Oft war er nahe daran, seinen Jammer zu -vergessen und sich des Heute zu freuen, das so schön -war und so voll Trostes, da traf es ihn plötzlich wie -ein Stich in die Brust: Alles Lüge, alles Lüge! „Die -Welt will mich einlullen, ihr Elend zu vergessen. Fast -gelingt es ihr. Aber ich kenne ihr schlimmes Tun, ich -kenne es.“ Sein ursprünglich heiteres Gemüt war verdunkelt. -Seine Seele war müde geworden. -</p> - -<p> -Und doch sollte die Verzweiflung ihn nicht haben. In -seiner schlimmsten Zeit scheint es gewesen zu sein, als -ihm die Persönlichkeit Gazzâlîs entgegentrat und ihm -den Rückweg zu sich selber zeigte. Hier war einer, der -all das für verachtenswert erklärte, was ihm selbst, Jehuda -Halevi, versagt war, all das für ewigen Reichtum, -was er bei sich trug. Einer, der die Eitelkeit alles Irdischen, -die Hohlheit des Lebens, die Nichtigkeit des -Denkens an sich selber erlebt hatte. Und dem aus dem -Chaos der Triebe, Wünsche, Sehnsuchten, aus den -Trümmern, die er, selbst geschlagen, nur ein einziges -Wertvolles sich gesondert hatte, ein Diamant unter den -Scherben seines Lebens: Die Seele. Die Seele, die aus -Gott kam, zu Gott will, in Gott ist. Jehuda Halevi fand -sich in Gazzâlî wieder. Der brachte ihm den Sieg über -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -sich selbst, die Begründung seiner Religion fürs ganze -Leben. Der Einfluß ist unverkennbar. Jene geheimnisvollen -Lieder Jehuda Halevis an die Seele sind ein tiefgehender -Beweis. Es ist dieselbe vibrierende Stimme, -die aus ihnen und dem religiösen Bekenntnis des arabischen -Meisters spricht. Das Leben ein Traum, ein Erwachen -der Tod, aber die hingegebene Seele findet den -Weg zu ihm schon vor dem Tode, vermag sich selbst -die Pforten aufzubrechen, den Kelch sich zu füllen aus -dem Brunnen der Ewigkeiten. O Seele, du liegst im -Sarge deiner Sinne, du moderst bei Lebzeiten, wenn -du die Welt nicht zu verachten vermagst. Wirf hin, -was du hast, so hast du ewigen Reichtum. Laß hinter -dir die Erde, steig empor zu ihm, zu seinem Throne, -siehe, er kommt dir entgegen, sein Geheimstes vermagst -du zu schauen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wer kündet uns das Weben,</p> - <p class="verse">Das alle Wolken treibt,</p> - <p class="verse">Das tief verhüllte Leben,</p> - <p class="verse">Das ewig droben bleibt?</p> - <p class="verse">Und doch will er sich neigen</p> - <p class="verse">Dem Kinde dieser Welt</p> - <p class="verse">Und läßt sein Leuchten steigen</p> - <p class="verse">Hinab aufs Erdenzelt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und läßt vor Seheraugen</p> - <p class="verse">Sein ganzes Bild erstehn;</p> - <p class="verse">Sonst mochte nie ihm taugen</p> - <p class="verse">Daß Menschen ihn ersehn.</p> - <p class="verse">Was nie sich wollt’ gestalten,</p> - <p class="verse">Sein Bildnis oder Maß, –</p> - <p class="verse">In königlichem Walten</p> - <p class="verse">Prophetenauge sah’s.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Das ist echt Gazzâlîsche Inbrunst. Es verkennen, hieße -blind sein. Daraus folgt aber gleichzeitig, daß all diese -zahlreichen Lieder aus der Zeit nach 1108 stammen, in -welchem Jahre ungefähr die Werke Gazzâlîs in Spanien -bekannt wurden. Wahrscheinlich sogar wurden sie erst -nach 1120 gedichtet. Die religiöse Reife, die aus ihnen -spricht, beweist, daß unser Dichter die Jahre seines Irrens -hinter sich hat, daß er mit sich selbst im Reinen -ist, daß er weiß, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen. -Gazzâlî war Jehuda Halevis Wegführer geworden und -blieb es bis an sein Lebensende. Al Chazârî, das philosophische -Werk Halevis, mit dem er sein Leben beschloß, -zeigt denselben Haß gegen die Spekulation, dieselbe -Verachtung plappernder Gottesverehrung, denselben -Glauben an die prophetische Schau des „inneren -Auges“, wie Gazzâlî ihn gelehrt hatte. – -</p> - -<p> -Aber noch eines war es, was Jehuda Halevi über -Wasser hielt: Das war das naive Selbstbewußtsein, die -köstliche Gabe des Genies. Er fühlte sich als „Siegelring -seiner Zeit“ berufen, ihr den Stempel aufzudrücken. -Zwar hatte sie ihn fortgeworfen, aber er blieb -doch das Siegel. Er war „der Riese, der sich unter -Zwerge beugen muß“, aber doch Riese blieb. Er war -„der Löwe unter den Dichtern“, den es ekelt zu dichten, -weil im Weinberg der Poesie „sich die Füchse breit -machen“. -</p> - -<p> -Und was war ihm sein Dichten? Nicht ein Beruf, -aber eine Berufung. Er dichtete nicht, wie der Schuster -schustert. Er glaubte an die Intuition alles dichterischen -Schaffens. Ihm war das Höchste „der Tropfen, der vom -Eimer rann“. Der Schaum über dem Meere. Das Meer -der Weisheit krönt sich mit dem Schaum der Poesie. -Es spricht durch den Schaum, und ihm war es prophetische -Sprache. Oft klagt er, „daß er keine Vision erfassen -könne“, ein anderes Mal überwältigen ihn die -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Verse, „ohne daß der Gedanke sie rief“. Dann wieder -redet er sie an: „Wie seid ihr müde, ihr Verse, ihr meiner -Gedanken Flügel wie so lahm? Zur falschen Stunde -seid ihr immer gekommen, jetzt zur rechten schweiget -ihr.“ Als er einst mit den Freunden beim Gastmahle -saß, forderten sie ihn auf, zu improvisieren. Er aber -weigerte sich. Da wurden die Freunde immer fröhlicher, -tranken und jauchzten ihm zu, bis er, vom Weine bezwungen, -begeistert aufsprang und zu deklamieren begann: -– ein echt orientalisches Bild: Hafis in der -Schenke. Jehuda Halevi dichtete, wenn er nicht anders -konnte. Die Verse waren ihm unbändige Füllen, die -sich oft „in seinen Zaum nicht schicken wollten“, -manchmal aber plötzlich in seinem Zügel waren und -den Taumelnden mit sich rissen. Er war ein echter Prophet -der Dichterwelt. Und als Prophet fühlte er sich. -In seinem Werke Al Chazârî spottet er derer, welche -der Dialektik bedürfen, um ins Innere der Natur zu -dringen. Sie sind ihm wie Dichter, die Silben zählen. -„Der Schwachkopf braucht Dialektik, dem von der Natur -zur Gottesschau Begnadeten fällt eines frommen -Wortes Funken ins Herz, und schon steht seine Seele -im Licht.“ -</p> - -<p> -Wenn Jehuda Halevi so sprach, sprach er von sich -selbst. Dieses Selbstbewußtsein aber lehrte ihn schätzen, -was er hatte, und verachten, was ihm versagt war. -Sein war der bessere Teil: – -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und sie fragen: Kannst du leben</p> - <p class="verse">Ohne Bruder freudevoll? –</p> - <p class="verse">Ja, ich kann’s: aus eigner Seele</p> - <p class="verse">Stets mir meine Freude quoll!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und ebenso lernte er den Pöbel hassen, den gebildeten -Pöbel vor allem, lernte es, „seine Perlen zu vergraben“, -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -zu sorgen, daß „seines Goldes kein Ring in -den Rüssel eines Schweines komme“. Dieser Haß gegen -die Welt blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hat seiner -Zeit nie ganz vergeben können, was sie an ihm gesündigt -hat. Noch in seinen letzten Tagen klagte er -über die Menschen, die gerade die Besten immer leiden -lassen, über die Fürsten, die mit ihrem Golde sein Gottesgnadentum -anzutasten wagten. -</p> - -<p> -Trotzdem entwand er sich von Jahr zu Jahr mehr der -Verbitterung, die seine jungen Tage vergällt hatte. -Seine frohe Religiosität blieb Siegerin. Er hörte auf, zu -hoffen auf das, was die Menschen Glück nannten, und -nichts blieb als der triumphierende Stolz des Dichters -auf sein gnadenreiches Leben. Was waren alle Schätze -der Erde neben seinem Reichtum, alle Pfeile des Neides -und Hasses gegenüber seiner göttlich gefeiten -Brust: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sprechet nur zur Welt, zur schlimmen:</p> - <p class="verse">Mag sie tun, was ihr gefällt,</p> - <p class="verse">Härter doch als ihre Dornen,</p> - <p class="verse">Stärker ist mein starkes Herz.</p> - <p class="verse">Darf ich ihre Weine kosten,</p> - <p class="verse">Will ich auch die Hefen nippen,</p> - <p class="verse">Besseres verlang’ ich nicht;</p> - <p class="verse">Denn erprobt ist meine Seele:</p> - <p class="verse">Alle gift’gen Bitternisse</p> - <p class="verse">Werden. Honig meinen Lippen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Das ist der ganze Jehuda Halevi. Was konnten Hunger, -Verkennung, Neid, Haß, Erniedrigung ihm anhaben? -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Immer an der Morgenröte</p> - <p class="verse">Laß ich meine Wimper hängen:</p> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> - <p class="verse">Seelen, die sich selbst erheben,</p> - <p class="verse">Seelen, die in Hoffnung leben,</p> - <p class="verse">Gott wird ihre Tore sprengen! –</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -So endete sein Selbstbewußtsein dennoch wieder dort, -wo seine Demut endete: – In Gott. -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-8"> -VIII -</h3> - -<p class="first"> -Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der -Irrfahrten war vorüber. Die Kämpfe freilich noch nicht. -Noch manchen Sturm mußte seine Seele ertragen. Um -das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er -zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben -scheint. Hier wird es wohl auch gewesen sein, daß er -jene Frau heiratete, von der wir nichts wissen, als daß -sie ihm eine einzige Tochter schenkte und daß sie vor -ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier -schloß er auch die Freundschaft mit dem erheblich jüngeren -Abul Hasan Meîr ibn Kammiâl, der – wahrscheinlich -1121 – an den Hof des Almoraviden Alî als -Leibarzt berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell -unterstützt zu haben. Die Freundschaft zu ihm -aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt gewährt. -Er fühlte sich nämlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er -scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um für -seine religiöse Ueberzeugung, die ja dem Judentum -seiner Zeit ebenso fremd war wie Gazzâlîs Lehre der -islamischen Theologie, Anhänger zu gewinnen. Es gelang -ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe -und Innigkeit seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten -weiter ihre Gebete an der Wand stehend „wie -die Ochsen an der Krippe“. Man nahm ihm sogar übel, -daß er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und -sprach ihm die Berechtigung ab, mitzureden, indem man -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -ihn auf seine materielle Notlage hinwies. Was unterstand -der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den -Palästen Sevillas zu meistern? – So entlud sich sein -ganzer Zorn über das dickfellige Protzentum dieser -Menschen, die nur „den Baum mit den Aepfeln aus -Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten“. Damals -gewährte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten -Kamniâl eine große Beruhigung. Es war eine -innige Freundschaft, welche die beiden verband, in der -allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich älter als -Ibn Kamniâl, wie immer der beherrschte Teil war. -</p> - -<p> -Viel mehr können wir aus den Tagen von Sevilla freilich -nicht erzählen. Auch dauerten sie nicht allzulange. -Wir schätzen die Zeit seines dortigen Aufenthalts auf -ungefähr fünf Jahre. Danach weist uns eine verwischte -Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er -den Tod des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) -erlebt zu haben scheint. Dann finden wir den bereits -grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch dort -hielt er es nicht aus, sondern verließ schließlich Andalusien -ganz und zog nach dem Norden in die Heimat -zurück, von der er ausgezogen: Toledo. -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-9"> -IX -</h3> - -<p class="first"> -Was ihn zu diesem Schritte veranlaßte, ist zweifelhaft. -Möglich, daß ihn der 1126 erfolgte Regierungsantritt -des Königs Alfonso VII. Raimundez von Kastilien -dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen. -Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit -einem hohen Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien -für die Juden geradezu ein Asyl. Die Zeit, in der -Jehuda Halevi nach Toledo kam, würde nach dieser -Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen -übrigen Lebensverhältnissen in Einklang stehen würde. -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Jehuda Halevi ließ sich in Toledo als Arzt nieder und -entfaltete bald eine große Tätigkeit. Zu groß für ihn. -Er fühlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines -Berufes. Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens -und Könnens, klagte über die Wertlosigkeit seiner -Kunst und über die Dummheit der Leute, die zu jeder -möglichen und unmöglichen Stunde zu ihm gelaufen -kamen, um Heilung zu verlangen, und brutal wurden, -wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem war er ein -besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natürliche Behandlung, -die er anwandte, indem er das Hauptgewicht -auf die Hygiene, auf Luft und Licht, Essen und Trinken, -Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen legte, -verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die angestrengte -Tätigkeit auch lästig war, so hat sie ihm -doch aller Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was -ihm immer gefehlt hatte, die materielle Sorglosigkeit. -Als er einige Jahre später nach dem Süden zurückkehrt, -ist er ein unabhängiger Mann. -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-10"> -X -</h3> - -<p class="first"> -Um 1135 wird es gewesen sein, daß Jehuda Halevi -über die Brücke von Cordova schritt, um nie wieder -diese Stadt zu verlassen bis zu dem Augenblicke, wo er -seine Wallfahrt nach Palästina antrat. -</p> - -<p> -Cordova! Dieser Name bedeutet die letzte und reichste -Epoche im Leben Jehuda Halevis. Eine glückliche -Epoche. Wohl war er äußerlich ein alternder Mann geworden, -als er seinen Einzug in die herrliche Stadt Andalusiens -hielt. Aber er selber wollte es nicht wahr -haben. Denn er fühlte sich jung wie am ersten Tag. Die -schwarze Locke war ergraut, aber darunter blühten -frische, jugendliche Züge, und es war seine Eitelkeit, -auf den anmutigen Gegensatz zwischen dem weißen -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Haar und den braunen vom Barte umrahmten Wangen -hinzuweisen. Die Unstetheit seines Lebens hatte ihn -nicht beugen können. Spät war die Ruhe gekommen, -aber nun war sie da und trug herrliche Blüten und -Früchte. -</p> - -<p> -Cordova! Hier lernte er kennen, was Ruhm heißt. -„Ganz Israel bekennt sich zu dir,“ rief ein Freund ihm -zu. Und selbst konnte er von sich sprechen: „Jehuda -Sohn Samuels! Enkel Samuels! Sein Zelt ist bekannt -von den Enden Edoms bis zum Flachlande, von Kastilien -bis Andalusien.“ Man hörte auf ihn. Es sammelten -sich Schüler um ihn, die er „als seines Gartens -Blumen“ liebte und pflegte, und die mit Andacht am -Munde des Meisters hingen, der ihnen seine Religion -predigte und den Glauben seines Lebens. -</p> - -<p> -Von vielen umworben, gewährte er doch nur wenigen -das Glück seiner Freundschaft. 1138 wurde Joseph ibn -Zadîk Dajan<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> von Cordova. Er war es, der unserem -Dichter am nächsten stand, in seinem Hause weilte er -am liebsten, ihm Ehrenlieder weihend, die auf den Gastereien -Ibn Zadîks vorgetragen wurden. Aber auch ein -spätes Familienglück erblühte ihm noch. Er konnte seine -Tochter verheiraten und wiegte noch ein Enkelsöhnlein -auf den Knien, das denselben Namen trug wie er. -</p> - -<p> -Im Scheine dieses abendlichen Glückes setzte sich -Jehuda Halevi noch einmal nieder, um in einem umfangreichen -Werke die letzten Schlüsse seines Lebens -zu ziehen. Das ist die philosophische Schrift Al Chazârî, -„das Buch des Argumentes und Beweises zur Verteidigung -des verachteten Glaubens“. Als er im Jahre 1140 -dieses Werk begann, da sollte es eine Streitschrift werden, -eine Streitschrift gegen die Feinde von außen und -die Feinde von innen. Seine weithin hallende Stimme -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -sollte vom Ruhme Israels zeugen. Als er es beschloß, -war es viel mehr geworden: Das persönlichste Bekenntnis -seines Lebens. Und schreibend war er selbst ein -anderer geworden. -</p> - -<p> -Al Chazârî ist ein philosophisches Werk, geschrieben -von einem Verächter der Philosophie, das sagt alles. -Ein Werk des Verstandes, in Leidenschaft begonnen -und vollendet, ein Werk des Beweises, dessen Argumente -allein in seinem Pathos liegen. Dem kritischen -Geiste hält es nicht stand, aber dennoch ist es stärker -als er; um so viel stärker, wie Jeremia stärker ist als -Aristoteles. Al Chazârî ist das Werk eines Dichters. -Schon die Form ist eine dichterische: Der Dialog. Der -König der Chazaren ringt um die Wahrheit. Eine Stimme -war im Traume über ihn gekommen: „Dein Wille -gefällt mir, doch nicht die Tat!“ Da geht er, die Tat zu -suchen. Aber er findet sie nicht. Der Philosoph, der -Christ, der Muslim lassen ihn im Dunkel. Schließlich -kommt er zum Juden, den er verachtet. Der lehrt ihn -die Tat. Lehrt ihn die realste aller Religionen, das unmittelbarste -Wissen von Gott: Offenbarung. Offenbarung -ist das A und das O dieses Werkes. Und seine verschwiegene -Predigt ist, daß Offenbarung gesucht und erkämpft -werden muß und – kann. Wohl hat die arme -Zeit nichts als Ueberlieferung, die Tradition von Mund -zu Mund, die ihr die Wahrheit aller göttlichen Offenbarungen -verbürgt. Aber diese Ueberlieferung ist selbst -Offenbarung, weil es die Ueberlieferung der Adelsmenschen -dieser Welt ist, die Ueberlieferung derer, die am -Fuß der Himmelsleiter stehen. Es ist das Kleinod Gottes, -Israel, das die Gottesschau der Sechsmalhunderttausend -kündet. Wer redet da? Wer wagt es zu zweifeln? -Weh dem, der die Kette zerreißt, die uns mit den -Jahrtausenden rückwärts verknüpft! – -</p> - -<p> -Werden wir noch einmal Gott schauen? Ist es möglich, -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -zu ihm zu dringen? Wer trägt uns zu seinem -Throne? – Der denkende Geist? Nimmermehr. Tausendmal -heiler als das Auge der Spekulation ist das -Auge der Prophetie. Wer beweisen will, geht in die Irre. -– Die Selbstkasteiung? Allein wird sie uns niemals -Gott näher bringen. Eines muß hinzukommen: Die gute -Tat. Sie ist die Kraft, die uns helfen wird. Nur durch -Gottes Wort kommt man zu Gott. Sein Gebot ist die -Brücke, die zu ihm führt. – – -</p> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-11"> -XI -</h3> - -<p class="first"> -Das Werk Jehuda Halevis näherte sich seinem Ende. -Der Dichter fühlte, daß er seine Seele ausgeblutet -hatte in dieses Werk. Es war die Predigt seines Lebens, -die er der Mitwelt bot. Der Adelsmantel, den -er Israel umhängt, trägt das Wappen seines eigenen -Adels, des eigenen Wertes Bewußtsein ließ ihn das -Kleinodentum Jakobs künden. Und das Gefühl des -eigenen Prophetentums war es, was ihn als höchste -Stufe die Stufe der Prophetie predigen ließ. Er wußte, -was Offenbarung war. So konnte er von Offenbarung -sprechen und sprach vom eigenen Leben. Und doch, -obgleich er sich so für einen von Gott mit der tiefsten -Schau Begnadigten hielt, doch wuchs sein Werk über ihn -hinaus. Er hatte seinem Geschlecht den Weg zu Gott -zeigen wollen. Am Ende fühlte er, wie fern er selbst -noch von ihm war, wie unvollkommen sein Tun. Ein -kleines Geschlecht war es, dem seine Rede gegolten -hatte, aber er selbst war dieses Geschlechtes Knecht gewesen -ein Leben lang. Um ihre Gnade hatte er geworben, -ihr Lob war ihm Lebensbedürfnis gewesen, wie süß -war der sauer erkämpfte Ruhm. So erwuchs ihm die -erschütternde Gewißheit, daß seine Lehre mit seinem -Leben nicht stimmte. Und die Unruhe, die sein ganzes -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Leben erfüllt hatte, kam wieder über ihn. Ein Suchen -entzündete sich in seiner Seele. Eine Zeit schwerer -Kämpfe folgte, aus denen heraus sich ein Entschluß läuterte, -der alle seine Freunde in Schrecken setzte und -sie fast an seinem Verstande zweifeln ließ: Jehuda Halevi -wollte Spanien für immer verlassen und nach Palästina -wandern. Er wollte sterben für seine Welt, sterben -für seine Familie, sterben für seine Freunde, um das -wahre Leben zu gewinnen. Der Gedanke, daß nur die -vollkommene Tat zu Gott führe, brannte ihm die Seele. -Er mußte dorthin, wo allein die Taten vollkommen werden -konnten, ins heilige Land der Väter. Dort allein war -die letzte Erfüllung des göttlichen Wortes möglich. Dort -war das Tor, „das von der Erde in den Himmel führt“, -dort die Jakobsleiter zur höchsten Schar. Dort würde er -Gott schauen Auge in Auge, dessen war er sicher. -</p> - -<p> -Vergebens waren die Warnungen der Freunde, die -eine schwere Enttäuschung für den Dichter voraussahen. -Oft gelang es ihnen fast, ihn wankend zu machen. Es -kamen Augenblicke der Angst und des Zweifels für ihn. -Immer aber gewann der eine süße Gedanke in ihm die -Uebermacht: „Zion, Zion, du Krone der Zeit!“ Lächelnd -sah er das Ziel vor Augen. Es war ihm unentrinnbare -Selbstverständlichkeit geworden. -</p> - -<p> -Der Entschluß war gefaßt. Der Tag der Abreise kam. -Da sammelten sich die wenigen Freunde in Cordova -zum letzten Male. Es bildete sich eine kleine Gefolgschaft -um ihn, die bereit war, mit ihm zu ziehen. Josef -ibn Zadîk sandte ihm eine reiche Abschiedsgabe, die er -mit folgenden, die Größe und den Charakter Jehuda -Halevis tief kennzeichnenden Worten begleitete: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Armut schließt uns unsre Rechte;</p> - <p class="verse">Darum, was die Seele möchte,</p> - <p class="verse">Reicht sie leider dir nicht dar:</p> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> - <p class="verse">Wie belohnen wir dein Künden,</p> - <p class="verse">Juda, der uns armen Blinden</p> - <p class="verse">Ein so großer Künder war?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Liedesvater, sag’ mir, zeugte</p> - <p class="verse">Dich der Dichterkönig? Säugte</p> - <p class="verse">Selig einst Deborah dich?</p> - <p class="verse">Seelen jagst du, nicht mit Schlingen,</p> - <p class="verse">Nein, in deiner Liebe fingen</p> - <p class="verse">All die frohen Herzen sich.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Deine Lippen sind so süße,</p> - <p class="verse">Deine Reden Heldengrüße,</p> - <p class="verse">Klar dein Wort und mannazart;</p> - <p class="verse">Löwe und Gazelle scheinen</p> - <p class="verse">Herrlich sich in dir zu einen:</p> - <p class="verse">Kraft und Schwäche hold gepaart.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Dankerfüllt sang Jehuda Halevi noch einmal den -Ruhm des Freundes. Dann umarmte er zum letzten Male -die geliebten Schüler, die Tochter, den kleinen Jehuda, -um sich plötzlich loszureißen und die Tore Cordovas -durchschreitend dem Süden zuzueilen, wo das Schiff ihn -erwartete, das ihn zu den Bergen der Heimat tragen -sollte. Schon zu lange hatte er gezaudert. Deshalb konnte -es ihm jetzt nicht schnell genug gehen. Wohl wußte er, -daß in Granada ihn Freunde erwarteten, die ihn das -letzte Mal sehen wollten. Aber die Angst, aufgehalten -zu werden, veranlaßte ihn, die schöne Granatenstadt gar -nicht zu berühren. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es steht der Libanon vor mir,</p> - <p class="verse">Da darf ich nicht „Granaten“ pflücken:</p> - <p class="verse">So will es meiner Sünden Zahl,</p> - <p class="verse">Die Frevel so, die allzumal</p> - <p class="verse">Auf meine Seele drücken.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-12"> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -XII -</h3> - -<p class="first"> -So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. -Oft hatte er an seinem Strande gesessen und mit den -Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht, die kamen -und gingen wie ein unterwürfiges Heer, die Hand des -Königs zu küssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. -Zagend betrat er die Planke des Schiffes und -sah sich bald von brutalem Schiffsvolk umgeben, das -prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer -schätzt. -</p> - -<p> -Die Reise war zunächst von günstigen Winden begleitet. -Dann aber kamen stürmische Tage, an denen der -Dichter unter der Seekrankheit litt. Gleichzeitig verfolgte -ihn die Angst vor Piraten, und auch die Schiffsleute -flößten ihm Mißtrauen ein. Trotz alledem aber -brachten ihm die Tage auf dem Meere Augenblicke der -höchsten dichterischen Offenbarungen. Ob der Sturm -ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der Mitternacht -in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit -geöffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten -zu trinken. Er hat die Natur des Weltmeeres ausgeschöpft, -wie sie sich nur ausschöpfen läßt. Die Woge -sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und -konnte nur eines sein: – Gott. -</p> - -<p> -Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach – es war -im September des Jahres 1141 – eines Tages ein stürmischer -Ostwind los, der das Schiff nicht vorwärts ließ, -vielmehr es zwang, rückwärts segelnd im Hafen Alexandrias -vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfaßte Jehuda -Halevi. Aber es half ihm nichts, er mußte an Land. -Doch nahm er sich vor, sobald als die Stürme nachließen, -wieder in See zu gehen. -</p> - -<p> -Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias -die Kunde verbreitet, daß der gefeierte Dichter des -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -Abendlandes in der Stadt sei, als sie herbeiströmten, ihn -zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu überhäufen. -Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi -Aaron ben Zion ibn Alamânî, zog ihn in seinen Palast. -Dieser Palast allein schon wirkte auf den überraschten -Dichter überwältigend. Da ging man über goldbedeckte -Quadern, stieg in die Gärten hinab und wandelte zwischen -blühenden Narden und Cyprusblumen an duftenden -Springbrunnen vorüber zu den Myrtenlauben, in deren -Zweigen die Nachtigallen sangen, während gurrende -Tauben die Wege bedeckten. Alamânî veranstaltete für -den Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm -die Edelsten Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, -trinkend und singend und ihm selbst zum Singen -begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel Liebe -hatte er sich nicht träumen lassen. Er konnte nicht -anders: er mußte diese Stunde genießen und blieb. So -hatte ihn das Erdentum wieder umfangen, da er sich -ihm längst enthoben wähnte. Ein später Liebesfrühling -wird dem fast Sechzigjährigen beschert. Mit anakreontischer -Freude singt er von reizenden Abenteuern unter -den Fenstern der Schönen. -</p> - -<p> -Dann aber kommt wieder die Wirrnis über ihn, und -die Sehnsucht nach Zion erwacht von neuem. Die Sabbathe -verhüllen ihm ihre Weihe, er kann nicht wahrhaft -froh werden, er fühlt, daß er sich selber untreu geworden -ist. So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. -Eines Tages trifft aus Damiette ein Bote des Abû Sa’îd -Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief von dem Fürsten -der ägyptischen Juden, dem Nagid Abû Mansûr -Samuel ibn Chananjah, überbringt. Jehuda Halevi wird -eingeladen, nach Kairo zu kommen, um sich im Palaste -des Fürsten seiner Gastfreundschaft zu erfreuen. Sofort -sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in -Damiette für später an. Er hofft, der Fürst wird ihm helfen, -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -bald zum Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem -er in Alexandria noch einige Einkäufe erledigt hat, -fährt er nach Kairo. Der Eindruck, den der glänzende -Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch größer als -der, den er in Alexandria gehabt hat, und übertrifft alle -seine Erwartungen. Wenn er den Fürsten in seiner -Staatskarosse unter den Klängen rauschender Musik und -von Soldaten begleitet ausfahren sieht, muß er an Josef -in Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er -in Spanien nie gesehen. Samuel spielte in der Tat am -Hofe des fatimidischen Sultans Al Hafis eine bedeutsame -Rolle und konnte dadurch seinen jüdischen Brüdern eine -starke Stütze sein. -</p> - -<p> -Er empfängt unseren Dichter mit den höchsten Ehren, -und als Jehuda seinen Palast betritt, fühlt er, daß er in -ein Haus der Liebe und Freude getreten ist. Hier wird -das ruhebedürftige Herz zur Ruhe kommen. Ein Fest -folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten -ihn entschädigen will für die vielen Jahre der Entbehrung -und Verkennung. Aber wieder kommen die -Gedanken an das letzte Ziel und trüben die Freude. Wieder -ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige -Tage vor dem Chanukafest verläßt er plötzlich -Kairo, um nach der Hafenstadt Damiette zu fahren, von -wo aus er mit Hilfe des bereits genannten Abû Sa’îd -Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft. In -Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften -des Monats Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen -Natur Aegyptens ergriffen, die dem Dichter -ihre ganze Blütenpracht enthüllt. Noch einmal tritt die -Jugend vor seine Augen, alte Träume steigen empor, -Träume der Liebe und Freundschaft. Abû Sa’îd versucht -ihn zurückzuhalten, wie es jeder in Aegypten versucht -hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von dem -Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schön -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -war und doch mit Enttäuschung enden mußte. Schließlich -aber muß der Freund doch nachgeben, und am Tage -nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan Jehuda -Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: -stromaufwärts oder stromabwärts? Wir wissen es nicht. -Mit diesem Tage schließt für uns das Leben Jehuda Halevis. -Schließt mit einer Frage: Hat er das Ziel seiner -Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzählt, im Tore -Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen -zerstampft worden? Oder hat man ihn irgendwo im -ägyptischen Sande verscharrt? – -</p> - -<p> -Wir wissen nichts von seinem Ende. Wissen nur, daß -er mitten im Jubel der ägyptischen Tage vom Tode redete, -vom Grabe, das vor ihm liege, und vom Greisentum, -das nun nicht mehr zu verheimlichen sei. Und -wenn es wahr ist, daß Todesahnen des Sterbens Anfang -ist, so trug er den Keim des Todes schon damals in -sich, da er mit zitternder Hand dem Fürsten Samuel die -flehenden, von geheimer Angst erfüllten Worte schrieb, -mit denen wir sein Leben beschließen wollen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wollt ihr Liebes mir vergelten,</p> - <p class="verse">Sendet meinem Herrn mich zu:</p> - <p class="verse">Eh’ ich unter seinem Zelte</p> - <p class="verse">Glücklich nicht das meine stellte,</p> - <p class="verse">Find’ ich keine Ruh’.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Haltet mich nicht auf zu eilen,</p> - <p class="verse">Da mich schon die Angst erfaßt:</p> - <p class="verse">Unter seinem Flügel weilen</p> - <p class="verse">Und der Väter Ruhe teilen</p> - <p class="verse">Bleibt doch meine einz’ge Rast.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="section" id="subchap-0-10-13"> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -XIII -</h3> - -<p class="first"> -Es bleibt noch übrig, ein kurzes Wort über die Dichtungen -Jehuda Halevis zu sagen. Wer sie genießen will, -muß es lernen, sich auf die kurze Zeit seines Genießens -aller abendländischen Traditionen zu entschlagen. Dieser -Dichter ist ein Orientale. Der Orientale dichtet nicht -wie der Abendländer. Er weiß nicht, was das heißt: -Kunstwerk. Er fängt an zu singen, sorglos, wie er enden -wird. Die orientalische Dichtung hat etwas Sprudelndes, -geheimnisvoll Bewegliches. Hier fehlt alle Konzeption -und Komposition. Nirgends spürt man die bauende -Hand, nirgends die Energie zügelhaltenden Künstlertums. -Das singt und musiziert wie die Vögel im Walde, -endlos jubilierend. Daher die erstaunliche Fruchtbarkeit -dieser Poeten aus dem Lande der Morgensonne. Ihre -Lieder zählen immer nach Tausenden. -</p> - -<p> -Es ist der tiefe Unterschied zwischen Morgen- und -Abendland, der sich hier kundtut. Der Abendländer ist -induktiver, der Morgenländer intuitiver veranlagt. Dieser -schaut, jener sinnt. Hier Prophet, dort Denker. Der -Orientale hängt am Einzelnen, springt über zum Anderen, -flüchtet zum Dritten, eines aber bleibt ihm ewig -verhüllt: Das Ganze. Die Dinge sind beieinander, nicht -ineinander. Das ist kein Vorteil, aber auch nicht immer -ein Nachteil. Wo es so liegt, wird die Historie zwar -leicht anekdotisch, die Dichtung geistreich. Aber es bleibt -dafür alles ursprünglich, nichts erstarrt in der Form, -nichts erfriert in der Methode. -</p> - -<p> -Man kann den orientalischen Geist am besten an der -Sprache studieren. Im Semitischen wird koordiniert, -nicht subordiniert. Es gibt kaum eine Syntax. Die feinen -Nüancen unserer Rede sind unmöglich, oder besser gesagt: -sie sind teils verborgener, teils umständlicher als -bei uns. Woraus die unendliche Schwierigkeit für den -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Uebersetzer entspringt. Der Uebersetzer muß in den -Geist der semitischen Sprachen soweit eingedrungen -sein, daß er die verborgenen Nüancen des Beieinander -zu spüren vermag. Denn seine Aufgabe ist es, das -Koordinierte zu subordinieren, ohne die zartesten Töne -zu verwischen. Ist dies gelungen, so wird der Okzidentale -den Orientalen begreifen. – -</p> - -<p> -Jehuda Halevi ist ein Kind zweier Kulturen, der arabisch-andalusischen -und der jüdischen. Obgleich all seine -Dichtungen in klassischem Hebräisch geschrieben sind, -ist er doch in seinen profanen Gesängen der echte arabische -Rhapsode. So sehr, daß er als Repräsentant der -arabischen Dichtung gelten kann: Dieselbe Glut der Farben, -derselbe Strom wechselnder Bilder, dieselbe Ungebundenheit -der Sprache, dieselbe Gewagtheit sinnlichen -Schauens und dieselbe Grazie hinfließender, ewig wandelbarer -Stimmungen. Man spürt das Pathos und die Deklamation. -Die Lieder der Liebe und die Episteln der -Freundschaft sind es vor allem, die Form und Inhalt -nach bei Jehuda Halevi echt arabisch sind. Das Kommen -und Gehen im Traume, das geheime Wandeln der -Seele auf den Pfaden der Liebe, das Suchen nach den -verwehten Spuren auf der Freundschaft Trümmern, die -Klage um Scheiden und Meiden, die in tausend Tränen -zerrinnt, der Ueberschwang der Sehnsucht, die Uebertreibung -des Lobes, alles so leicht, so bunt, so redselig -ausfließend bis auf den letzten Tropfen, so echt – arabisch. -</p> - -<p> -Am größten aber ist Jehuda Halevi zweifellos in seiner -religiösen Dichtung. Dort treffen sich die beiden -Welten in ihm. Die Ungebundenheit des Arabers findet -hier einen Zügel: Den jüdischen Geist. Dieser Geist, obgleich -ebenfalls orientalisch, hat es doch zu einer Aesthetik -gebracht. Palästina war der einzige Punkt im Morgenlande, -wo echtes Künstlertum wuchs: ein Künstlertum -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -des Lebens. Die Harmonie des Einheitsgedankens -im All, die Akkorde der Völker in der Weltgeschichte, -die Zentralität Israels, des Kleinods, das waren mächtig -ordnende und bauende Gedanken. Und vor allem: Für -Jehuda Halevi war es lebendiges Leben. Darum offenbart -sich nirgends so wie in seiner religiösen Poesie sein -Künstlertum. Hier ist er auch der Moderne am verwandtesten: -Ueberall geschlossene Reihen, abgetönte -Stimmungen, harmonische Steigerungen und Lösungen. -Die Poesie der Andeutung, die ohne höchste Einheit des -künstlerischen Bewußtseins nicht zu erreichen ist, finden -wir hier in wunderbar zarter Vollendung. Die geheimsten -Wirkungen moderner Stimmungen werden hier -ausgelöst. Bedenken wir, daß der Dichter dem Zeitalter -der deutschen Minnesänger angehört, so müssen wir geradezu -erstaunen über die Differenziertheit seiner Empfindungen. -Sie wird verständlich, wenn wir erwägen, daß -er in seinem Lande das Kind einer blühenden Hochkultur -gewesen ist. -</p> - -<p> -So bewundern und verehren wir in ihm zweierlei zu -gleicher Zeit: Die ursprünglichste Natur einer verschwendenden -Dichterseele und die höchste Geisteszucht -eines zwei Kulturen in sich vereinenden Genies. Damit -hat die Dichtergröße Jehuda Halevis ihren Namen erhalten. -</p> - -<p> -Nun aber möge er selbst zu euch sprechen, in all seiner -Schwere und all seiner Grazie. Vielleicht daß er Seelen -findet, die mit seiner Seele klingen. Dem, der ihn -übersetzt hat, ist er Offenbarung geworden. Wer ihn -aber immer lesen mag, er stehe still vor ihm. Hier ist -heiliger Boden: Ecce poeta. -</p> - -<hr class="footnotes" /> - - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Eine Art von Derwischen, die ein Leben in Kontemplation -führen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Dajan ist der jüdische Gemeinderichter. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="sources" id="chapter-0-11"> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -QUELLENNACHWEIS -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -Nach zwölfjähriger, immer wieder neu aufgenommener -Arbeit läßt der Uebersetzer diesen Diwan erscheinen. -Die hier gebotenen Uebertragungen sind ursprünglich -mehr oder weniger freie Nachdichtungen gewesen. Erst -allmählich erwachte in dem Uebersetzer aus dem Interesse, -sich von dem mittelalterlichen Sänger Anregungen -zu seinem eigenen Schaffen geben zu lassen, das Interesse, -diesem Sänger selbst zum Rechte zu verhelfen. Dieses -Interesse stieg mit der wachsenden Erkenntnis, daß -alles bisher an Uebersetzungen Gebotene ohne Ausnahme -ungenügend war. Von den Schwierigkeiten, die freilich -solcher Uebersetzung von Versen aus einer semitischen -in eine indogermanische Sprache entgegenstehen, war -bereits am Ende der biographischen Darstellung die -Rede. Es bleibt der Oeffentlichkeit überlassen zu beurteilen, -wieweit diesmal das Erforderliche geleistet worden -ist. -</p> - -<p> -Neben der Uebersetzung hat der Uebersetzer sich vor -allem die sorgfältige Auswahl der Gedichte angelegen -sein lassen. Sein Bestreben war, den Dichter in seinem -ganzen Können zu zeigen, aber alle Wiederholung des -nach der Sitte orientalischer Barden sich nur zu oft Wiederholenden -möglichst zu vermeiden. Die Auswahl, die -wir bieten, zeigt in Wirklichkeit den ganzen Dichter. -</p> - -<p> -Das Nachwort macht zum ersten Male den Versuch, -das uns fast gänzlich unbekannte Leben Jehuda Halevis -aus seinen Gedichten neu zu konstruieren. Die Art der -Veröffentlichung verbot dabei, den ganzen wissenschaftlichen -Apparat mit erscheinen zu lassen. Hier am Schluss -nur soll der Quellennachweis folgen: Die hauptsächlich -von uns benutzte Ausgabe ist die von Dr. H. Brody, -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Divân des Abû-l-Hasan Jehuda ha-Levi, Berlin 1894, -1896-97, 1903 in zwei Bänden mit Anmerkungen und -Kommentar. Leider ist diese klassische Ausgabe noch -immer nicht vollständig erschienen. Wir mußten deshalb -ergänzend noch folgende ältere Ausgaben heranziehen: -1. Diwân des Rabbi Jehuda ha-Levi, herausgegeben von -S. D. Luzatto, Lyck 1864, eine ausgezeichnete, aber nur -86 Stücke lediglich religiösen Inhalts umfassende Ausgabe. -2. Rabbi Jehuda ha-Levi von Abraham Elia Harkavy, -Warschau 1893, eine ganz unselbständige und textlich -unzureichende Arbeit. -</p> - -<p> -Wir zitieren nach den Herausgebern. -</p> - -<div class="sources"> -<p class="sect"> -1. <em>Gott</em>: Du Quell des wahren Lebens ... liqrath -m.qor chajê emeth arûçâ: Brody II, S. 296, Nr. 75 -(in die 2. pers. sing. übertragen). -</p> - -<p> -Wenn die Sterne sich entzünden ... j’îrûn kokhbhê -nishpi: Luzatto Nr. 37, S. 15 a. -</p> - -<p> -Du Seele willst ins Vaterhaus ... nêfesh l.bêth âw -thikhs.fâ gam kâl.thâ: Brody II, S. 306, Nr. 89 (in -die 2. pers. sing. übertragen). -</p> - -<p> -Mein Leib und Leben ... jiçrî wîçûrâj: Luzatto Nr. -71, S. 29 a. -</p> - -<p> -Um sein Antlitz alle Frommen flehen ... jchallu -pnê êl chaj chasîdâw w.jishalu: Luzatto Nr. 24, -S. 11 a. -</p> - -<p> -Gottes Hand wird dich beschatten ... çêl j.dê êl -j.hî lokh machase: Luzatto Nr. 35, S. 14 b. -</p> - -<p> -Zu dir steht all mein Sehnen ... ’adonaj negd.kha -kol ta’awâthi: Luzatto Nr. 52, S. 18 b. -</p> - -<p> -Hin nach meines Lebens Quelle ... ligrath m.qôr -chajaj ’etên m.ghamâthî: Luzatto Nr. 56, S. 21 a. -</p> - -<p> -Wenn du allein des Herren harrst ... ’im l’elohâjikh -l.bhad tochîlî: Brody II, S. 248, Nr. 27. -</p> - -<p> -Halt, o Herz! Wer darf sich wagen ... libî ‘amôd -kî mî b.sôd: Brody II, S. 218, Nr. 8. -</p> - -<p> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Knechte der Zeit: – Knechte der Knechte ... ‘abhdê -z.mân ‘abhdê ‘abhâdim hêm: Brody II, S. 300, -Nr. 83. -</p> - -<p> -Tag und Nacht will ich den Herren loben ... jômâm -wâlailâ hallêl la’adônay: Luzatto Nr. 34, S. 14 b. -</p> - -<p> -Jugend ist wie leichte Flocken ... j.shênâth b.chêq -jaldûth l.mâtay tishkh.bhî: Luzatto Nr. 42, S. 16 a. -</p> - -<p> -Mein Gott, ich will dich ehren ... joh shimkhâ: Luzatto -Nr. 65, S. 24 a. -</p> - -<p> -Bevor du mich geschaffen ... j.dâ‘tânî b.terem -tiçrênî: Luzatto Nr. 30, S. 13 a. -</p> - -<p> -Ruhig, ruhig, liebe Seele ... shûbhî j.chîdâ el -m.nûchêkh: Brody II, S. 217, Nr. 5. -</p> - -<p class="sect"> -2. <em>Israel</em>: Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft ... -b.khol m.ôdî: Brody II, S. 221, Nr. 10. -</p> - -<p> -Sonn’ und Mond im Wechsel der Geschlechter ... -shemesh w.jarêach l’olâm shêr.thû: Brody II, S. 307, -Nr. 90. -</p> - -<p> -Sei stark und harre deiner Zeit ... je’emaç -l.bhabhêkh umô‘adekh jachali: Luzatto Nr. 27, S. 12 a. -</p> - -<p> -Seit du das Heim der Liebe bist ... mê’âz m’ôn -ha’âhabha hajîtha: Luzatto Nr. 58, S. 21 b. -</p> - -<p> -Entfessle deine rechte Hand ... j.mîn ’uzzkhâ êl -w.jad ezrêkhâ: Luzatto Nr. 17, S. 7 b. -</p> - -<p> -In deinem Licht schläft aller Glanz ... jachad -b.’orkhâ êl nâ’ôr nir’ê ’ôr: Luzatto Nr. 700, S. 28 b -(mit Auslassung der letzten Strophe). -</p> - -<p> -In deinem Haus zu ruhen ... jâfê w.tobh le’chôz -b.bhêthâkh machanê: Luzatto Nr. 31, S. 13 a. -</p> - -<p> -Fauler, wirst du nicht erröten ... ’âçêl halô thebhôsh -w.thikâlêm: Brody II, S. 272, Nr. 50. -</p> - -<p> -Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort ... -’ôthôthênû hithmahmâhû: Luzatto Nr. 80, S. 36 b. -</p> - -<p class="sect"> -3. <em>Liebe</em>: Ofra wäscht ihre Kleider ... Ofra th.khabês -’et b.gâdêhâ: Brody II, S. 12, Nr. 7. -</p> - -<p> -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -Ich wiegt auf dem Schoße ... jôm shishatihû ‘alê -bhirkhâj: Brody II, S. 16, Nr. 13. -</p> - -<p> -Was drängt ihr mich also ... shô’alîm biglâlî mâ -tish’alû: Brody II, S. 24, Nr. 22, Vers 11-18. -</p> - -<p class="sect2"> -<em>Abschiedsverse</em>: mâ lokh çbhija timn.î çirâjikh: -Brody II, S. 7 ff. -</p> - -<p> -V. 5-8, 10-11, 13-16, 17-20, 21-24, 25-28, -29-32, 33-34, 49-52, 61-62, 63-64, 67-68 und -57-58. -</p> - -<p> -Wach doch auf aus deiner Ruh’ ... ûrâ j.dîdî mitnûmâthêkha: -Brody II, S. 20, Nr. 19. -</p> - -<p> -Wie die Sonne über Sphären schreitet ... hinnê -kashemesh galgal dôrêkheth: Brody II, S. 45, Nr. 45 -(in die 2. pers. sing. übertragen). -</p> - -<p class="sect2"> -<em>Zum Ruhme der Braut</em>: Jônâ âl ’afîqê mâjim: -Brody II, S. 53, Nr. 53. -</p> - -<p> -V. 3-6, 7-10, 23-26, 27-30, 35-38. -</p> - -<p> -Zeigte Liebchen mir die Wangen ... lêl gill.thâ êlâj -çbhijâ na’arâ: Brody II, S. 20, Nr. 18. -</p> - -<p> -Liebe Sänger, singt den Trauten ... <a id="corr-1"></a>j.fê qôl qadd.mû -khinnôr l. jâfôth: Brody I, S. 99, Nr. 70, Vers 1-38: -Einleitung zu einer poetischen Epistel an R. Aaaron -ben Zion Al-amâni (ca. 1141). -</p> - -<p> -Was geht noch auf die Sonne ... mâ ta‘alê shemesh -umâ tofî’a: Brody II, S. 19, Nr. 16. -</p> - -<p> -Mög’ des Paares holder Bund ... ubâm jisraêl -jithbârakh: Brody II, S. 44, Nr. 43, Vers 17-19. -</p> - -<p class="sect"> -4. <em>Freundschaft</em>: Fein sänftlich, Freund, bin nicht -von Erz ... l’at lî: Brody I, S. 11, Nr. 9. -</p> - -<p> -Sehnt sich deine Seele noch ... ha ‘ôd l. jaldûth: -Brody I, S. 129, Nr. 89. Einleitung der Epistel an -Abul Hasan b. Moril. -</p> - -<p> -Viele schon in meinem Herzen schufen ... b. libbî -sôd: Brody I, S. 3, Nr. 3. -</p> - -<p> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Abschied: j.dâ‘nûkhâ n.dôd: Brody I, S. 154, Nr. 101. -</p> - -<p> -Ist’s der Myrrhe zartes Düften ... ha rê’ach môr: -Brody I, S. 58, Nr. 43, Vers 1-8. Einleitung einer -Epistel an Mose b. Esra. -</p> - -<p> -Dieser Schlummer möge währen ... ’ashraj: Brody -I, S. 157, Nr. 117. -</p> - -<p> -Trank die Erde wie ein Kindlein ... ’ereç k. jaldâ: -Brody I, S. 82, Nr. 60, Vers 1-38. Einleitung eines -Preisgedichtes auf R. Isak Hajathôm. -</p> - -<p class="sect"> -5. <em>Leben, Leiden, Dichten</em>: Eine Taube -schluchzt vom Zweige ... jônâ th.kannên: Brody I, -S. 164, Nr. 110. -</p> - -<p> -Sie besuchten mich im Traume ... j.‘îdunî b.nê jâmîm -chalômôth: Brody II, S. 318, Nr. 110, Vers -1-8, 17-18. -</p> - -<p> -Und als nun alle war mein Gold ... jôm nâd -z.hâbhî: Harkavy II, S. 74, Nr. 5. -</p> - -<p> -Siehe Menschensohn, siehe ... r’ê shôkhên thêwêl -r.’ê: Harkavy II, S. 74, Nr. 4. -</p> - -<p> -Kann dich Reichtum locken, Herz? ... l.bhâbhî mâ -th.raddêf: Brody II, S. 289, Nr. 61. -</p> - -<p> -Freue dich vor deinem Nächsten ... s.mach bifnê -chabhêrêkhâ: Brody II, S. 311, Nr. 95. -</p> - -<p> -Weh der Kunde, die im Ohre gellt ... hoh ‘al sh.mû’â -çâlalâ loh ôzen: Brody II, S. 291, Nr. 66. -</p> - -<p> -Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf ... shâlôm -l. bath: Brody I, S. 18, Nr. 14, Vers 45-56. -</p> - -<p> -Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand ... -hê lâkh prî shîr: Brody I, S. 140, Nr. 94, Vers 73-78. -</p> - -<p> -Seh’ ich, wie Narren ... bir’ôth libbî likhsîl jifrôç: -Brody II, S. 297, Nr. 76. -</p> - -<p> -Becherspruch ... j.<a id="corr-2"></a>fê mar’ê p.qach ‘ajin: Brody II, -S. 312, Nr. 98. -</p> - -<p> -Zwei Rätsel ... 1. k.lî mêkhil ... (Der Spiegel): -Brody II, S. 195, Nr. 5. -</p> - -<p> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -2. b.lijâ’al w.jârî.ach m.dânîm (Die Wage): Brody II, -S. 199, Nr. 15. -</p> - -<p class="sect"> -6. <em>Zion</em>: Zion, willst du immer wieder ... çijôn halô -thish’alî: Brody II, S. 155, Nr. 2 (Die berühmte Zionide -des Dichters). -</p> - -<p> -Im Orient ist mein Herz ... libbî b. mizrâch w. -’anôkhi b.sôf ma’arâbh: Brody II, S. 155, Nr. 1. -</p> - -<p> -Komm’ mit mir gen Zoan ... n.tê bî ’elê ço‘an: -Brody II, S. 183, Nr. 21. -</p> - -<p> -Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll ... jôm nikhsfâ -nafshî l. bhêth hawâ‘ad: Brody II, S. 167, Nr. 7. -</p> - -<p class="sect"> -7. <em>Das Meer</em>: Der Sturm ... jô‘êç umêqîm: Brody II, -S. 176, Nr. 17. -</p> - -<p> -Holder Zephyr, deiner Lüfte ... zê rûchakhâ çad -ma‘arâbh râqûach: Brody II, S. 171, Nr. 12. -</p> - -<p> -Kommt die große Flut mit einem Mal? ... habâ -mabbul w. sâm têbhêl charâbhâ: Brody II, S. 169, -Nr. 10. -</p> - -<p class="sect"> -8. <em>Letzte Tage</em> (1141): In Aegypten ... b. -miçrâjim: Brody II, S. 180, Nr. 18. -</p> - -<p> -Hat die Zeit das Kleid des Lebens ... hafâshat -hazz.mân: Brody I, S. 112, Nr. 78, Vers 1-16 (Einleitung -einer Epistel aus Damiette). -</p> - -<p> -Wollt ihr Liebes mir vergelten ... im r.çôn -nafsh.khem l.mal’ôth r.çônî: Brody I, S. 211. -</p> - -<p> -Dein Wunder geht durch alle Zeit ... ’elôhaj pil’akhâ -dôr dôr j.ruchash: Luzatto Nr. 47, S. 17 b. -</p> - -</div> - -<p class="printer"> -Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt -</p> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. -Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - - - -<ul> - -<li> -... zu el <span class="underline">makût</span>. Reue und Zerknirschung, Andacht ...<br /> -... zu el <a href="#corr-0"><span class="underline">malkût</span></a>. Reue und Zerknirschung, Andacht ...<br /> -</li> - -<li> -... Liebe Sänger, singt den Trauten ... <span class="underline">j. fê</span> qôl qadd.mû ...<br /> -... Liebe Sänger, singt den Trauten ... <a href="#corr-1"><span class="underline">j.fê</span></a> qôl qadd.mû ...<br /> -</li> - -<li> -... Becherspruch ... j.<span class="underline">fè</span> mar’ê p.qach ‘ajin: Brody II, ...<br /> -... Becherspruch ... j.<a href="#corr-2"><span class="underline">fê</span></a> mar’ê p.qach ‘ajin: Brody II, ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ein Diwan, by Jehuda Halevi - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DIWAN *** - -***** This file should be named 61327-h.htm or 61327-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/1/3/2/61327/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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