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-Project Gutenberg's Die Starken, by Dolorosa [pseud.] Maria Eichhorn
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Die Starken
- Ein Athleten-Roman
-
-Author: Dolorosa [pseud.]
- Maria Eichhorn
-
-Release Date: December 27, 2019 [EBook #61032]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STARKEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
- dem Original unverändert.
-
- In der gedruckten Ausgabe befindet sich zwischen den Kapiteln
- IV. und V. auf S. 44 ein weiteres Kapitel, welches mit ‚VI.‘
- bezeichnet wurde, aber nicht identisch mit dem ebenfalls mit
- ‚VI.‘ nummerierten Kapitel auf S. 95 ist. Die Kapitelnummern
- wurden in der vorliegenden Fassung dahingehend neu geordnet,
- dass das Kapitel auf S. 44 nun mit V. bezeichnet wurde; alle
- folgenden Kapitelnummern verschieben sich entsprechend und bilden
- nun die Kapitel VI-XIV, wie aus dem vom Bearbeiter erstellten
- Inhaltsverzeichnis ersehen werden kann.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- unterstrichen: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Herren des Lebens.
-
- Roman-Kranz in drei Büchern
-
- von
-
- Dolorosa.
-
- I.
-
- Die Starken.
-
- Ein Athleten-Roman.
-
- [Illustration]
-
- Leipzig, 38.
-
- Leipziger Verlag, G. m. b. H.
-
-
-
-
- Die Starken.
-
- Ein Athleten-Roman
-
- von
-
- Dolorosa.
-
- Ein Ruck tut mir die Dienste des sorglichsten Denkens,
- ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab.
-
- +M. Stirner.+
-
-
- [Illustration]
-
- Leipzig, 38.
-
- Leipziger Verlag, G. m. b. H.
-
-
-
-
- Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
-
-
-
-
- Jacob Koch,
-
- dem Ringkämpfer.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
- Seite
- Kapitel I. 1
- „ II. 7
- „ III. 17
- „ IV. 26
- „ V. 44
- „ VI. 58
- „ VII. 95
- „ VIII. 115
- „ IX. 137
- „ X. 150
- „ XI. 170
- „ XII. 187
- „ XIII. 198
- „ XIV. 221
-
-
-
-
-I.
-
-
-Lange nach Mitternacht schloß Eberhard Freidank die Augen zu jenem
-kurzen, leichten und fieberigen Schlummer, der nach anhaltender,
-angespannter Anstrengung aller Geisteskräfte nicht eigentliche
-Erquickung bringt, sondern nur das Bewußtsein trübt, indes alle Glieder
-regungslos und wie zerschlagen daliegen. Als er nach einer Zeit, die
-ihm unglaublich kurz gewesen zu sein schien, erwachte, war schon der
-weißgraue Spätoktobermorgen am Himmel heraufgezogen und blickte matt
-hinein in das bescheidene Studentenstübchen, in dem Schlaf und Wachsein
-um Eberhard Freidank kämpften. Dieser Streit wurde aber alsbald
-entschieden durch den Briefträger, der eben die Treppen hinaufstieg und
-für Eberhard ein Briefchen brachte.
-
-Der junge Mann wurde ganz wach, betrachtete das längliche Briefchen
-mit überaus freundlichen Augen und übersah durchaus, daß die Adresse
-von flüchtiger, ungeübter Hand geschrieben und daß die Marke schräg
-über Eck geklebt war; denn er liebte Fritzi l’Alouette, die den Brief
-gesandt hatte, und sie schrieb ihm nur in seltenen Fällen. Er öffnete
-den Brief mit liebevoller Hand und las:
-
-„Liebster Ebi! Warum hast Du mich heute abend nicht vom Theater
-abgeholt? Ich hatte Dir gerade etwas Eiliges zu sagen. Ich bin nämlich
-in eine schreckliche Klemme geraten, und Du mußt mich unbedingt
-herausreißen. Bis morgen nachmittag muß ich unter allen Umständen
-zwanzig Mark haben. Ich brauche sie furchtbar notwendig, und Du mußt
-sie mir ganz bestimmt beschaffen, aber hörst Du, ganz bestimmt. Jetzt,
-wo Du Dein Stück fertig hast, ist Dir das ja eine Kleinigkeit. Lieber,
-süßer Ebi, lasse mich keinesfalls im Stich. Du hast mich doch so lieb
-und wirst Deiner kleinen Fritzi die Bitte nicht abschlagen. Komme um
-drei Uhr ins Café Prätorius und bringe mir das Geld mit. Es grüßt und
-küßt Dich Deine treue Fritzi.“
-
-Du lieber Gott, sprach Eberhard erschrocken zu sich selbst, du lieber
-Gott, woher, in aller Welt, nehme ich bis heute nachmittag zwanzig
-Mark, um sie Fritzi zu bringen? Denn bringen muß ich sie; das eine ist
-ganz klar. Aber woher?
-
-Er nahm das magere Portemonnaie aus der Hosentasche, öffnete es, obwohl
-er genau wußte, wie viel, oder richtiger, wie wenig darin war, und
-zählte melancholisch: eins, zwei, -- sieben Groschen; und hier, in dem
-Extrafache, noch eine Mark; fehlten achtzehn Mark und dreißig Pfennige.
-Ein erheiterndes Rechenexempel!
-
-„Deine treue Fritzi“, las er noch einmal und dachte betrübt: Das liebe
-Kind! sie hat auf mich gewartet, um mir ihre Verlegenheit zu klagen!
-sie hat endlich eingesehen, daß ich nicht gekommen war, und ist traurig
-allein nach Hause gegangen, während ich Barbar an diesem Tischchen saß,
-um mein Stück zu beenden! Das gute, ahnungslose Kind: mein Stück, so
-denkt sie in ihrem herzigen Vertrauen, wird uns beide sofort, da es
-kaum fertig ist, mit Reichtümern überschütten!
-
-Eberhard griff halb schüchtern, halb stolz nach dem dicken Schreibbuche
-in schwarzem Wachstucheinband und betrachtete es mit der lächelnden,
-freudenvollen Befangenheit des jungen Autors, der ein Erstlingswerk
-vollendet und viel fröhliche Pläne und hochfliegende Hoffnungen, viel
-jugendliche Zaghaftigkeit, viel Jünglingssehnsucht und Träume von Ruhm
-und Glück in die sorgsam beschriebenen Linien eingeschlossen hat. Er
-schlug das Manuskript auf und lächelte mit seinem frischen, gesunden
-und naiven Lächeln wohlgefällig den Titel an, welcher also lautete: Ein
-Kind der Straße. Volksschauspiel in vier Akten von Eberhard Freidank.
-
-Das „Kind der Straße“ hatte auch schon eine kleine Tragödie hinter
-sich, die Tragödie der Ungedruckten und Unaufgeführten, die kein Mensch
-bedauert. Als es in Eberhard Freidanks Kopfe geboren wurde, stand es
-schon in seinen Umrissen fix und fertig da, und es sollte ein feines,
-nachdenkliches Drama voller Geist und Psychologie werden. So wollte es
-der junge Freidank. Als aber das Manuskript fertig vor ihm lag, glich
-es dann doch nicht der Lichtgestalt seiner Träume; die Glut seiner
-Gedanken war auf dem weißen, empfindungslosen Schreibpapier verblaßt,
-und die Worte standen so steif und leblos da. Immerhin sandte er
-sein Werk voll Zweifel und Hoffen an die Intendantur der königlichen
-Schauspiele. Nach einer langen Zeit, während deren er sich vergeblich
-einzureden versuchte, daß ihn das Schicksal seines Manuskriptes
-nicht im geringsten interessiere, bekam er es zurück. Da hatte er es
-umgearbeitet, hatte moderne, übermoderne Züge hineinverwebt und es
-einem intelligenten Theaterdirektor eingereicht, der gern Talente
-entdeckte. Nach vierzehn Tagen ließ der Direktor den Mann kommen,
-dessen unbrauchbare Arbeit den gewissen, ahnungsvollen Bühneninstinkt
-verriet. Als Eberhard das Bureau betrat, sah ihn der Bühnengewaltige
-von oben bis unten an und lachte dann hell auf: „So sehen Sie aus?
-So kerngesund, so unwahrscheinlich gesund, ein rotbäckiger Germane,
-direkt Athlet, und schreiben diffizile, pathologische Stücke? -- Junger
-Dichter, wenn Sie den Rat eines alten Praktikers nicht übel nehmen,
-so lassen Sie sich sagen: Besinnen Sie sich erst auf sich selbst, auf
-Ihre eigne Kraft, und dann schreiben Sie ein neues Stück und bringen es
-mir.“ -- Da hatte der junge Mann pikante Verwickelungen hineingebracht
-und es einem Theater eingereicht, welches französische Ehebruchsdramen
-aufführte. Aber der biedere, fröhliche, von Herzensgrund reine und
-gesunde Jüngling hatte keine Pikanterie schaffen können, und wieder
-kehrte das Stück zu ihm zurück.
-
-Nun zürnte Eberhard sich selbst, wollte niemals wieder schreiben
-und tat sich selber leid, daß er in langen Winternächten mühsam die
-schwarzen Buchstaben aneinander gereiht hatte, anstatt sich von des
-Tages Arbeit auszuschlafen; denn er hatte einen Tag wie den andern am
-Morgen Kollegs gehört und nachmittags Privatstunden gegeben, um seine
-bescheidenen Einkünfte zu vermehren. Die Enttäuschung bewirkte nun,
-daß er die ganze Arbeit, das Studieren und Schreiben, aus tiefster
-Seele haßte. Zehnmal des Tages reckte er seine langen, starken Glieder,
-deren Kraft zu nichts gebraucht wurde, sehnte sich, schwere Arbeit zu
-verrichten, und wenn er einen Steinträger unter seiner Bürde keuchen
-sah, hätte er ihm am liebsten die Last abgenommen. Um jene Zeit ging
-er wieder zum Turnen und Fechten, machte weite Spaziergänge und ging
-oftmals zu Fuß nach Potsdam, statt in das Kolleg. Privatstunden hörten
-auf: er suchte keine neuen. Sie hätten ihm zu viel Zeit geraubt, denn
-inzwischen hatte er Fritzi kennen gelernt, Fritzi, die Chansonette.
-
-Sie war kein großer Stern, sondern nur eines von den ganz kleinen
-Sternchen. Als Eberhard sie kennen lernte, machte sie gerade den
-unsicheren Sprung aus der Variétéschule ins erste Engagement. Er sah
-sie bei ihrem ersten Debüt, und wie sie mit ihrem muntern Stimmchen
-sang, mit zierlich schlanken, rotbestrumpften Beinchen tanzte und mit
-lieblichem Munde und blitzenden Augen lachte, sang, tanzte und lächelte
-sie sich geradenwegs in das ehrliche Herz des großen, starken Studenten
-hinein.
-
-Da fing ein fröhlicher Frühling leichtlebiger junger Liebe an, die
-das Heute genießt, ohne der grauen Zukunft zu gedenken. Für ihre Gage
-hätte Fritzi sich nicht einmal die bunten, flatternden Kleidchen kaufen
-können, in denen sie abends über die Bühne hüpfte. Eberhard sorgte für
-alles, und Fritzi war ihm dafür gut. Der Jüngling dachte nie daran, daß
-sein kleines Erbe einmal aufgezehrt sein könnte, und ein wunderlicher
-Schreck, mehr Staunen als Entsetzen, durchzuckte ihn an jenem Tage, an
-dem der Bankier ihm die letzten zweihundert Mark seines Kapitals nebst
-einer Schlußabrechnung sandte. --
-
-Er mußte nun in kurzer Zeit Geld verdienen, um für sich und Fritzi
-sorgen zu können. Zufällig fanden sich nicht sogleich Privatstunden.
-Was tun, um schnell zu verdienen? Man schreibt etwas; ein Buch, ein
-Stück... Da wurde triumphierend das alte, verstaubte und vergilbte
-Manuskript hervorgesucht und kritisch, mit der naiven Überlegenheit des
-Menschen, der inzwischen zwei Jahre älter geworden, von neuem studiert.
-
-Gerade in diesen Tagen machte Eberhard die Bekanntschaft des Direktors
-vom Odeontheater. Den hat der Himmel mir geschickt, dachte Eberhard.
-Dem fröhlichen, jovialen Manne, der abends am Artistentische ein
-so angenehmer Kneipgenosse war, würde er sein Stück anbieten und
-sicher keine Ablehnung erfahren. Das Drama, welches schon so viele
-Metamorphosen erlebt hatte, sollte aus dieser letzten Häutung als
-Volksschauspiel in vier Akten erstehen, grausig und rührend, pomphaft
-und populär, wie das Publikum des Odeontheaters es liebte. Ohne Furcht
-sah nun der junge Freidank seine Barschaft auf die Neige gehen und war
-nur traurig, daß er Fritzi ein wenig knapper halten mußte. Aber nur
-erst fertig sein, dann würde schnell der Umschwung zum Guten kommen! Er
-arbeitete fieberhaft, mit fliegender Feder, und gerade am Abende, ehe
-Fritzis Brief ankam, hatte Eberhard, bebend vor Stolz und Hoffnung, den
-Schlußstrich unter dem „Kind der Straße“ gezogen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-II.
-
-
-Eberhard heuchelte vor sich selbst Gleichgültigkeit, als er das
-umfangreiche Manuskript zu sich nahm und sich auf den Weg zu
-Direktor Immermann vom Odeontheater begab. Immermann! sagte er mit
-zuversichtlichem Lächeln zu sich selbst, der teure Name soll mir ein
-gutes Omen sein! -- freilich, außer dem Namen ist nichts Immermannsches
-weder an diesem Direktor noch an seinem Theater. --
-
-Man gelangte zu dem Bureau des Direktors Immermann durch einen
-schmalen, finsteren Korridor, der auf einen freien Vorraum führte, wo
-allerlei Kulissengerümpel lag und stand. Eberhard durchschritt diesen
-Raum, klopfte an und trat in das Bureau.
-
-Direktor Immermann war nicht darin; ein blasser, verkümmerter Schreiber
-präsentierte dem Besucher einen Sessel und vertiefte sich dann wieder
-in die Unterhaltung mit einem temperamentvollen Juden, der Herr Markus
-genannt wurde. Herr Markus hatte viele Photographien und farbige
-Plakate auf einem Zähltisch ausgebreitet und redete lebhaft und unter
-Anwendung unverständlicher Fachausdrücke auf den Theaterschreiber ein.
-Er führte ein großes Wort, und der blasse junge Mann hörte ihm voller
-Interesse zu.
-
-Eberhard sah sich ein wenig neugierig um. Alle Wände und überhaupt
-alle vorhandenen Flächen waren mit bunten Artistenplakaten tapeziert;
-dazwischen fanden sich hier und da verstaubte Schleifen und ein alter
-Lorbeerkranz. Die meisten dieser großen, bunten Blätter hingen schon
-lange an den Wänden und hatten keine Beziehung zu dem gegenwärtigen
-Repertoire des Theaters. Aber nun fiel Eberhards Blick auf ein
-schreiend gelbes, mit Riesenlettern bedrucktes Plakat, welches besagte:
-Am 1. Dezember beginnt im Odeontheater eine große internationale
-Ringkampf-Konkurrenz um die Meisterschaft von Deutschland und den
-großen Preis von Berlin im Betrage von achttausend Mark. 24 Ringkämpfer
-ersten Ranges haben sich bis jetzt gemeldet. -- Um dieses auffällige
-Plakat, welches die Mitte der Wand einnahm, waren die prächtigen,
-überlebensgroßen Reklamebilder berühmter Athleten gruppiert. Jetzt
-verstand Eberhard mit einem Male die Unterhaltung der beiden Männer
-am Zähltische. Immer noch erzählte Herr Markus voll Leidenschaft, mit
-orientalischem Temperamente, von „unserer Konkurrenz“ und setzte dem
-aufhorchenden Schreiber auseinander:
-
-„Dies Bild? -- Ein Schwarzer natürlich, ein pechschwarzer Sudanneger;
-er heißt Mansur! -- Sie sagen, er hat auf der Photographie einen
-Trauring auf? -- Ja, den hat er wohl abzunehmen vergessen.“
-
-„Trägt er ihn denn sonst?“ fragte der Schreiber mit neugierigem Lachen.
-„Seine Frau sitzt doch wahrscheinlich in Afrika, im Harem, und sieht
-ihn nicht!“
-
-„In Afrika? Im Harem?“ schrie der Manager und schüttelte sich vor
-Lachen, während er mit seinen übermäßig beringten Händen heftige Gesten
-machte, „da kennen Sie Mansurs Frau schlecht! O nein! Sie läßt ihn
-nicht einmal allein ausgehen. Abends sitzt sie im Theater und hält
-beide Augen offen, daß er nicht etwa mit einer Verehrerin spricht. O
-Himmel, ja, die Frau Mansur hat Schneid! -- Eine Wienerin, wissen Sie,
-so eine richtige mollige, aber sie steckt ihren Mansur, so groß und
-dick er ist, zehnmal in den Sack, obwohl sie ihm gerade bis an den
-Ellenbogen reicht!“
-
-Eberhard fing eben an, sich für die Unterhaltung zu interessieren, als
-man schwere Schritte die Treppe, die zur Bühne führte, herunterkommen
-hörte. Sofort änderte sich das Bild im Bureau; der Schreiber ging
-langsam, mit müder Geschäftsmiene, an sein Pult zurück, während Herr
-Markus, der bis jetzt, nach jüdischer Gewohnheit, mit bedecktem Kopfe
-gestanden hatte, schnell den Zylinder abnahm und auf einen Stuhl
-setzte. Mit dieser einzigen Bewegung hatte er eine devote, beflissene
-Haltung eingenommen, und eifrig lief er den Ankommenden entgegen. Es
-war Direktor Immermann, der einem andern Herrn höflich den Vortritt
-ließ.
-
-Der Direktor ging auf Eberhard zu, der sich beim Eintritt der Herren
-erhoben hatte, und begrüßte ihn in seiner munteren, kordialen Weise:
-
-„Ah, junger Freund, das ist aber hübsch, daß Sie einmal kommen! --
-Gleich stehe ich zu Ihrer Verfügung! Nur wenige Minuten noch habe ich
-mit Herrn Thyssen zu sprechen! -- Die Herren gestatten: Herr Freidank;
-Herr Thyssen, unser berühmter Weltmeister... Sie entschuldigen mich ein
-Weilchen, mein junger Freund; nehmen Sie Platz indessen...“
-
-Eberhard verbeugte sich tief vor dem berühmten Athleten und setzte
-sich wieder. Hermann Thyssen aber nahm den angebotenen Platz nicht an
-und ging langsam, mit schweren Schritten, an den Tisch, auf dem die
-Photographien ausgebreitet lagen, während er Direktor Immermann mit
-einer kaum merklichen Kopfbewegung zu sich winkte.
-
-Es konnte kaum ein größerer Unterschied zwischen zwei Männern gedacht
-werden, als zwischen dem Theaterdirektor und dem Ringkämpfer, wie sie
-jetzt nebeneinander standen. Immermann war ein kleiner, blonder,
-fröhlicher Mann, dessen rundes Bäuchlein ihm nichts von einer
-angeborenen heiteren Behendigkeit geraubt hatte. Er hatte hellblondes
-Haar und einen lustigen, goldblonden Spitzbart. Seine lebhaft gefärbte
-Kravatte war mit einem großen Brillanten geschmückt, und auf seinem
-Bäuchlein schaukelte eine dicke Uhrkette mit zahlreichen Berlocken.
-Herr Thyssen überragte den Direktor fast um einen Kopf. An ihm war
-alles von unaufdringlicher Gediegenheit und Eleganz. Seine Kleider
-verrieten den ersten Londoner Schneider, seine Knopfstiefel den
-feinsten englischen Schuster. -- Auf einem starken Halse erhob sich
-selbstbewußt, fast hochmütig, der interessante, prachtvolle Kopf. In
-den dunklen Augen blitzte ein ernstes, schönes Feuer, die kühne Stirn
-war hoch und überaus edel geformt, die schwarzen, nicht allzu kurz
-geschnittenen Haare waren über der linken Schläfe in einen Scheitel
-gekämmt. Den starken, schwarzen Schnurrbart trug Herr Thyssen nach
-preußischer Mode gerade nach oben gebürstet. Aber in diesem stolzen,
-herrischen Gesichte frappierte der weiche, feine, köstlich geformte
-Mund. Dieser Mund war hellrot und schwellend, wie der zarte Mund
-eines Kindes, und von jener klassisch edlen Form der Lippen, die der
-hellenische Phidias seinen unsterblichen Jünglingsangesichtern lieh.
-Darunter wölbte sich dann ein festes, willensstarkes Kinn. Die breiten
-Schultern, die ganze hohe und breite Gestalt des Weltmeisters waren von
-jener ruhigen, gleichmäßigen Schwerfälligkeit, die aus dem Bewußtsein
-einer sicheren, überlegenen, ungeheuren Kraft entspringt.
-
-Eberhard freute sich, den berühmten Athleten, den Sieger in allen
-Wettkämpfen der Welt, mit bürgerlichen Kleidern angetan, von Angesicht
-zu Angesicht betrachten zu können. -- Herr Thyssen sah ruhig die
-Photographien durch und ließ alle Fragen, die Immermann zu stellen
-hatte, durch sein Faktotum Markus, welcher als der Manager vorgestellt
-wurde, beantworten. Doch nun wendete sich Immermann direkt an Thyssen:
-
-„Sie aber wissen allein, Herr Thyssen, auf welche Teilnehmer wir mit
-Sicherheit rechnen können? Ich muß die Namen vorher haben, wegen der
-Reklame...“
-
-Thyssen war kein Freund vom vielen Reden. Er schob dem Direktor einige
-Bilder zu und sprach langsam und bedächtig:
-
-„Bernhard Meinken aus Hamburg; Paul Kiesling aus Westfalen; vielleicht
-den Münchner Binder. -- Raymond Poing de fer; Pierre le Forgeron,
-genannt Oeillet rouge, die rote Nelke; Champion von Paris! -- Jan van
-Muyden; Ola Carstensen; Frank Argyll aus Texas; Manuel Gomez, el Toro
-de Granada; Giacomo Petrocchi und Vittorino Cardo, sein Bruder; Sergej
-Roditscheff aus Rußland; Jimmy Holyhead, ein Schwarzer; Mansur, the
-Lion of the Sudan, auch ’n Schwarzer; haben Sie?... William H. Lanfrey;
-Karl van dem Domhoff...“
-
-„Kenn’ ich nicht,“ sagte Immermann dazwischen.
-
-„Ob Sie ihn kennen oder nicht, ist doch ejal,“ sagte der Athlet
-gleichmütig in seinem wohllautenden niederrheinischen, etwas
-schleppenden Dialekte. „Hauptsache ist doch, daß ich ihn kenne.
-Kann Ihnen aber zu Ihrer Beruhigung sagen: seriöse Meisterschaft im
-Schwergewicht, 1904 in Lüttich. Jenüjend, allright? -- Überhaupt, was
-soll Ihnen die Aufzählung? Ich versteh’ nicht, wozu Sie die heut’
-brauchen. Das schreibt Ihnen Markus alles... Wichtiger ist mir: Ich
-brauche dann noch ’n paar Berliner, die ’n bischen hermachen. Müssen
-immer ’n paar Einheimische ’bei sein.... Die könnten Sie mir besorjen,
-Immermann. Da hätt’ ich ’n’ jroße Arbeit weniger...“
-
-„Professionals?“ fragte Immermann.
-
-„Ach nee!“ erwiderte der Athlet, ärgerlich, daß er Erklärungen
-geben mußte. „Die kann ich doch allein krieje, nicht? -- Auch keine
-Klubleute. Wird mir sonst zu jroße Klubmeierei; ’n paar jute Amateure.
-Werden sich schon denken können, was ich brauche. Im Notfall ist einer
-jenug...“
-
-Der Direktor behauptete, daß er nun genau wüßte, was Herr Thyssen
-wünschte, und er würde einen solchen jungen Mann besorgen. Inzwischen
-hatte der Manager Markus sämtliche Photographien eilfertig
-zusammengerafft und erinnerte Thyssen respektvoll, daß es hohe
-Zeit sei, wenn man den Hamburger Zug noch erreichen wollte. Darauf
-reichte Hermann Thyssen dem Theaterdirektor die große, starke Hand
-und verabschiedete sich, ohne viele Worte zu machen. Beim Hinausgehen
-streifte er Eberhard mit einem scharfen, prüfenden Blicke. Eberhard sah
-eine Sekunde lang in die stolzen, flammenden Augen, während ein warmes,
-eigentümlich wohltuendes Gefühl eigener junger Kraft und Gesundheit
-durch seinen Körper zog...
-
-„Das sind Kerls!“ rief Immermann, der seinen berühmten Gast bis ans Tor
-begleitet hatte und nun aufgeregt zurückkehrte, in heller Begeisterung.
-„Donnerwetter, das sind Kerls! Dieser Thyssen! Dagegen kommt sich
-unsereins wie ’ne Mücke vor... Diese Tatzen, was? Damit eins kriegen,
-muß ’n Vergnügen sein, was? -- -- Aber womit kann ich Ihnen dienen,
-junger Freund?“
-
-„Ich bringe Ihnen ein Stück,“ sagte Eberhard hoffnungsvoll, indem er
-das Manuskript hervorholte. „Ein Stück für Ihr Theater, extra für
-Sie geschrieben. Können Sie es nicht gleich lesen? Es würde Ihnen
-sicherlich gefallen... Das ist etwas für Ihr Publikum, glauben Sie mir!
-Vier kurze Akte...“
-
-Eberhard brach ab, da der Theaterdirektor keine Miene machte, nach
-dem Hefte zu greifen, sondern es mit jovialem Lächeln ein wenig
-zurückschob. Er blickte Eberhard mit seinen freundlichen, hellen Augen
-an und sagte munter:
-
-„Dichter sind Sie auch? -- Wußte ich gar nicht. -- Haben Sie nicht die
-kleine Fritzi aus dem ‚Goldsalon‘! Nicht wahr? Ja, wußte ich doch noch.
-Und die läßt Ihnen Zeit zum Dichten? Komisch. Solche lebenslustigen,
-kleinen Käfer lassen den jungen Herren gewöhnlich gar keine Zeit! Wohl
-eine feurige, kleine Kröte, was? Ja, ja, diese schwarzen Augen!“
-
-Eberhard ärgerte sich. Er mochte keine Diskussion über das Temperament
-seiner Fritzi, hier, vor den Ohren des Schreibers. Er begann von neuem:
-
-„Wollen Sie nicht mein Stück lesen? Es paßt wirklich großartig für Sie.
-Es heißt: „Das Kind der Straße“. Nun, gefällt Ihnen das? Das wird bei
-Ihnen ziehen, passen Sie auf!“
-
-Immermann nahm das Manuskript, blätterte darin, lachte behaglich und
-sagte mit vergnügtem Schmunzeln:
-
-„Ein richtiges Theaterstück, wahrhaftig! Hätte wirklich nicht gedacht,
-daß Sie auch dichten können. Ist sicherlich ein sehr hübsches Stück!
-Warum sollte es nicht hübsch sein? -- Aber für mich? Nein, lieber Herr
-Freidank! Ich kann doch keine Stücke von den Herren Dichtern brauchen!“
-
-„Aber Sie führen doch fortwährend neue Stücke auf!“ sagte Eberhard
-aufgeregt. „Die muß doch irgend jemand schreiben! Also warum sollten
-Sie nicht ein Schauspiel von mir bringen?“
-
-„Ich beziehe doch meine Stücke fix und fertig von meinem Agenten,“
-erwiderte Immermann freundlich beschwichtigend. „Gleich mit allen
-Regiebemerkungen, mit der notwendigen Musik -- wie gesagt, die Mimen
-können gleich losspielen! -- Jeden Gefallen tue ich Ihnen gern, junger
-Freund, aber ein Stück von Ihnen spielen? Es ist unmöglich, so gerne
-ich’s täte, es ist wahrhaftig unmöglich!“
-
-Freidank geriet angesichts dieser lächelnden, jovialen Ablehnung in
-Verzweiflung. Er versuchte einen letzten Ansturm:
-
-„Aber nehmen Sie es doch, Herr Immermann! Die Regie richte ich Ihnen
-sehr gern ein. Das ist das wenigste! Sie bekommen es billig... Es ist
-doch direkt für Sie geschrieben...“
-
-Endlich hörte der Direktor den bangen, flehenden Ton der Sorge aus
-Eberhards Worten.
-
-„Ah so!“ sagte er freundlich, „das ist’s, darum liegt Ihnen so viel an
-Ihrem Stück... Nun, das passiert Jedem ’mal! Das kenne ich! Das hätten
-Sie doch gleich sagen können! Hier, Herr Freidank!“
-
-Er griff in seine Westentasche und holte ein Zehnmarkstück heraus,
-welches er Eberhard in die Hand drückte, indem er bemerkte:
-
-„Können mir’s ja wiedergeben, wenn es Ihnen paßt. -- Nein, nein, nehmen
-Sie nur, keine Widerrede, junger Freund! -- Weiß ja, junge Leute
-brauchen immer Geld, ja, ja!“
-
-Eberhard sah alle seine Hoffnungen zerschellen. Eine wilde, finstere
-Verzweiflung tat sich vor ihm auf. Jetzt entschloß er sich, dem
-behäbigen, gutmütigen Direktor sein Leid rücksichtslos anzuvertrauen,
-trotz der Anwesenheit des Schreibers, die ihn unendlich genierte. Aber
-der Schreiber, der viel wechselvolle Schicksale und Artistenelend
-alltäglich sah, interessierte sich gar nicht für diesen dichtenden
-„Herrn Doktor“; übrigens nahm er jetzt Hut und Überzieher und ging zu
-Tisch. Da faßte Eberhard sich ein Herz und sagte dem Theaterdirektor
-ehrlich, aber in schamhaft abgerissenen Worten, wie es um ihn stand
-und wie er auf diese Arbeit seine letzte, ja, seine einzige Hoffnung
-gesetzt habe. In einiger Zeit werde er ja wieder Beschäftigung finden,
-aber jetzt... kurz vor Weihnachten...
-
-Fritzi fiel ihm ein; die Ratlosigkeit übermannte ihn. Er zuckte die
-starken, breiten Schultern und starrte finster die bunten Bilder der
-phantastisch gekleideten Tänzerinnen und der stereotyp lächelnden
-Komiker an.
-
-„Ja, das ist sehr schlimm!“ sagte Immermann bedächtig, „da ist schwer
-raten... Ein junger Herr Doktor, nun, das ist eine schrecklich
-brotlose Arbeit... Das ist doch nichts, wenn man bloß dichten kann,
-und Lateinisch und Griechisch, und so Kram, was kein Mensch brauchen
-kann... Ja, wenn Sie irgend etwas Reelles könnten! Komiker, oder
-Gymnastik, oder Athlet, oder so... Das ist was! Dafür habe ich immer
-Verwendung! Zum Athleten paßten Sie zum Beispiel brillant, mit Ihrem
-Wuchs!“
-
-Eberhard lachte ärgerlich, aber Immermann nahm sein Lachen für
-Zustimmung:
-
-„Was sagen Sie nun? -- Nicht, das gefällt Ihnen? Sehen Sie, das ist
-was Rentableres, als Stücke schreiben! -- Dichten kann jeder, aber
-nicht jeder is ’n Athlet! -- Ziehn Sie ’mal Ihren Rock aus und zeigen
-Sie Ihre Muskeln! -- Was wollen Sie eigentlich mehr? Zum Donnerwetter,
-ja, das nenne ich ’n Biceps! Sie sind wohl ’n heimlicher Ringkämpfer,
-Sie...?“
-
-Und er klopfte dem jungen Manne, dem er kaum bis an die Schultern
-reichte, derb auf die Arme und Schenkel.
-
-Der junge Freidank wußte nicht recht, ob Immermann im Scherz oder im
-Ernst redete. „Nein!“ sagte er zögernd, „nein, Ringkämpfer bin ich,
-weiß Gott, nicht!“
-
-„Können Sie werden, können Sie werden,“ antwortete Immermann
-rasch, „das läßt sich lernen! Wer die Kraft hat, lernt schon die
-Technik! -- Nun, nicht wahr, Sie haben Lust? -- Da könnte ich Sie
-nämlich sofort engagieren, ja! -- Zwar -- erst für den Dezember;
-bei der Meisterschafts-Konkurrenz mit Thyssen! -- Bis dahin... Sie
-brauchen Geld... Darüber ließ sich reden... Man könnte Ihnen eine
-Vorschußzahlung geben. Mit Ihnen würde ich die Ausnahme machen...“
-
-Der junge Freidank war so überrascht, daß er weder zustimmende, noch
-ablehnende Worte fand. Etwas in ihm sprach dagegen. Und dann schrie
-doch auch etwas in ihm auf, das war dafür, und das reckte sich in den
-jungen Muskeln, das sprang heftig durch alle Adern, das war wie ein
-heißes Verlangen, die Kräfte an fremder Kraft zu messen...
-
-„Also, ist gut!“ sprach Immermann inzwischen mit seinem gutmütigen
-Lächeln, „Sie lassen den gelehrten Kram und die Dichterei schießen
-und kriegen bei uns Kontrakt... Bin ich ein anständiger Mensch, ja?
--- Helfe ich Ihnen vernünftig aus der Patsche oder nicht? -- Gut. Sie
-lernen bis zum 1. Dezember gut ringen. Es ist ein Stück Arbeit, aber
-es geht. Nehmen Sie einen Trainer, der was versteht, und arbeiten Sie
-fleißig. Ich schreibe Ihnen eine Anweisung auf fünfzig Mark aus, damit
-Sie den Trainer bezahlen können... Nein, Sie brauchen sich nicht zu
-bedanken!“ rief der kleine, blonde Herr freundlich, „Sie geben mir
-ja eine Quittung dafür!... Wollte, ich hätte ’mal ’n Jungen wie Sie.
-Meiner ist mir mit zwölf Jahren ertrunken... Ja, was ich sagen wollte:
-wissen Sie ’n guten Trainer? Ich wüßte einen. Hier ist die Adresse,
-notieren Sie: André Leroux... Also, abgemacht, junger Freund! Montag
-holen Sie sich den Kontrakt!“...
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-III.
-
-
-Es schwirrte Eberhard vor den Augen, als er auf die Straße trat, und in
-seinen Gedanken war eine sonderbare Leere. Er hatte dieses Haus mit gar
-so anderen Hoffnungen und Wünschen betreten und wußte nun nicht, ob er
-besser oder schlechter dran war, als zuvor.
-
-Im Hauseingange, nahe dem Tore, hing wieder das gelbe Plakat aus dem
-Theaterbureau. Vorher war es dem jungen Manne nicht aufgefallen, jetzt
-blieb er davor stehen. Zwei ganz junge Mädchen, die leichtfüßig durch
-den Torweg geschritten kamen, blieben ebenfalls stehen, lasen von den
-vierundzwanzig Ringkämpfern und lachten. Dann sagte die eine, sie habe
-noch nie Ringkämpfer gesehen; was das wohl für Leute sein möchten? Das
-andere Mädchen, welches Annette genannt wurde, machte bewundernde und
-schwärmerische Augen und erwiderte: „Natürlich sind sie schrecklich
-stark; furchtbar groß und breit; ungefähr zwei Meter groß oder so...“
-„Ich bin ein Meter fünfundfünfzig,“ sagte die erste leise.
-
-Eberhard fiel es ein, daß er zweihundertfünf Zentimeter hoch war, und
-er richtete sich unwillkürlich straff auf. Die jungen Mädchen aber
-hinter ihm mußten plötzlich auch seine Größe und Stärke bemerkt haben,
-denn ihr Lachen und Zwitschern brach jäh ab und sie gingen stumm von
-dannen.
-
-Der junge Mann unterdrückte ein stolzes Lächeln und schritt festen,
-langsamen Ganges weiter. Ein merkwürdiges Gefühl lag schwer und
-beruhigend in seinem Körper; er fühlte die Glieder so sonderbar fest
-und sicher in den Gelenken ruhen, er preßte die Fäuste zusammen und
-dachte: so viel Kraft, so viel Kraft, mit der man nichts beginnt...
-
-Durch das grauweiße Gewölk des spätherbstlichen Himmels war die
-Sonne durchgebrochen und ihr warmes, gelbes Mittagsleuchten zauberte
-einen künstlichen Sommer auf der Straße hervor. Studenten kamen
-ihm entgegen, die ihre bunten Mützen und dreifarbigen Bänder im
-Sonnenschein spazieren führten, und andere, die Bücher unter dem Arme
-trugen. Eberhard Freidank mußte fortsehen und dann wieder gewaltsam
-hinsehen. Er gehörte ja doch zu ihnen, noch... und immer... Ihr Reich,
-das Reich des Geistes, der Pläne, Hoffnungen und Ideale, war auch
-sein Reich, ihr Streben war sein Streben, und die Schätze des Wissens
-waren der unversieglich reiche, ewig frische Born, aus dem auch er den
-Lebenstrank schöpfen wollte...
-
-Er blieb an dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in der er
-seine Bücher zu kaufen pflegte. Bis heute hatte er nur Augen für
-jene dickleibigen, schlichten Bände gehabt, die er zu seinem Studium
-brauchte, und für die modernen, farbenfrohen Umschläge der schönen
-Literatur. Jetzt eben sah er zum ersten Male die Bücher, die von
-Sport und Körperkultur handelten. Es waren ihrer allein in diesem
-Schaufenster fünf oder sechs. „Was ist das?“ fragte sich Eberhard
-mit flüchtigem, innerlichem Erschauern, „was ist das, daß in so
-vielen dieser Bücher die Lehre von der alleinseligmachenden Kraft
-ausgesprochen wird? Der Geist ist doch mehr, die Weisheit ist doch
-höher...“ Und er wendete sich dem Schaukasten an dem seitlichen Pfeiler
-zu. Dort waren Bilder und Reproduktionen auf Ansichtspostkarten
-ausgestellt. Eberhards Blick ging die Reihe der Karten entlang; es
-waren Nachbildungen antiker Marmorwerke auf schwarzem Grunde. Da stand
-der borghesische Fechter, da standen die florentinischen Ringer, der
-Apoxyomenos, die laufende Atalante....
-
-„Höre doch endlich, Freidank!“ sagte eine helle junge Männerstimme
-dicht neben ihm, daß Eberhard sich schnell umwendete. „Ich rufe dich
-schon zum dritten Male an! Wer steht denn am lichten Mittage so
-versunken da? Zu einer Zeit, wo jeder Mensch den Fleischtöpfen Egyptens
-zustrebt, wenn er den Mammon dazu hat?“
-
-„Du bist es, Tönnies,“ sagte Eberhard. „Warum bist du also auch hier,
-anstatt nach den Fleischtöpfen zu eilen?“
-
-„Ich sagte es ja,“ antwortete Tönnies mit verdrießlichem Lachen, „kein
-Geld... Und ich habe noch keinen Menschen gefunden, der mir etwas
-pumpen kann... Ich bitte dich, am Dreiundzwanzigsten noch Geld... Nein,
-das ist zu viel verlangt! Dir wird es nicht besser gehen! Oder...?“
-
-„Komm mit,“ sagte Eberhard mit seinem ruhigen, fröhlichen Lachen, indem
-er den Arm des Kommilitonen unter den seinen zog. Der junge Tönnies sah
-mit seinen hellen, runden Augen erstaunt auf.
-
-„Du hast?... Am Dreiundzwanzigsten?... Ja, wo schleppst du mich denn
-hin? Heut’, am Dreiundzwanzigsten?“ --
-
-Gemeinsam betraten die jungen Männer eines jener Bierhäuser, in denen
-die akademische Jugend verkehrt. In diesem Augenblicke drängte es
-Eberhard förmlich, die Gemeinschaft anderer Studenten aufzusuchen, mit
-ihnen am Tische zu sitzen, mit ihnen zu essen und zu trinken! Er mußte
-sich selbst überzeugen, daß er einer der Ihren war; kein Ringkämpfer,
-sondern ein Strebender, ein Suchender, ein Werdender, einer vom jungen
-Deutschland....
-
-Hin und her flog die Rede der jugendlichen Wissenssucher. Es wurde von
-den höchsten und den kleinlichsten Dingen gesprochen, von Goethe, von
-Gott und Vaterland, von jungen Mädchen und Mensuren, von einer fremden
-Burschenschaft und Kneipen. Man speiste mit gesundem Appetit, man
-schlug die zinnernen Deckel von den Seideln zurück und sprach dem Biere
-zu, man plauderte, philosophierte und urteilte....
-
-„Du mußt eine Erbschaft gemacht haben,“ sagte Tönnies tiefsinnig zu
-Eberhard, „oder einen Einbruch begangen...“
-
-„So ähnlich,“ sprach Freidank mit ruhigem Lächeln, „du mußt es ja
-wissen, Tönnies!“
-
-Und er ließ seine Augen auf der Tischrunde der Kommilitonen ruhen und
-dachte mit einer stillen, starken Zufriedenheit im Herzen: „Hier bin
-ich -- ich; unter meinesgleichen; an meinem Platze...“
-
-„Du lieber Gott, halb drei!“ rief Tönnies plötzlich und sprang auf,
-„und um halb vier habe ich in Charlottenburg eine griechische Stunde zu
-geben... Bis zum Ersten -- indessen nur vielen Dank, Eberhard! -- -- Du
-mußt doch eine Erbschaft gemacht haben, sonst hättest du nicht...“
-
-„Am Dreiundzwanzigsten -- ja,“ sagte Freidank und sah dem Freunde, der
-ihm lustig und dankbar derb die Hand schüttelte, lachend ins Gesicht.
-„Nun, auf Wiedersehen, Adolf!“
-
-„Auf Wiedersehen!“ rief Tönnies, schon unterwegs.
-
-Es war auch für Eberhard mittlerweile Zeit geworden, ins Café Prätorius
-zu Fritzi zu gehen. Er winkte den Kellner herbei, bezahlte -- wieder
-gab es ihm einen Stich ins Herz -- mit dem Gelde des Theaterdirektors,
-und ging davon.
-
-Er ging mit langen, schnellen Schritten dorthin, wo seine Freundin
-Fritzi ihn wohl schon erwartete; denn Eberhard hatte sich gegen seine
-Gewohnheit um einige Minuten verspätet. Hastig trat er in das kleine,
-um diese Stunde wenig besuchte Caféhaus ein und sprang die schmale
-Wendeltreppe ins obere Stockwerk empor, wo er die zierliche Gestalt der
-Freundin in eins der kleinen Ecksofas geschmiegt zu sehen erwartete.
-Aber Fritzi war noch nicht da, und der junge Mann hatte noch länger als
-eine Viertelstunde in Sehnsucht und Ungeduld an seinem Fensterplatze
-auszuharren, ehe er seine Freundin mit keck hochgehobenen Röcken
-über den Straßendamm hüpfen sah. Er wollte sich ein wenig über ihre
-Unpünktlichkeit ärgern, aber als er ihre flüchtigen Tritte auf der
-Stiege hörte, verging sein Herz vor Liebe und vor Freude, die Geliebte
-zu sehen...
-
-„Liebe Fritzi!“ sagte er alsbald, „sage mir, wozu du das Geld so
-notwendig brauchst, und... ich werde es beschaffen, wahrhaftig, ich
-werde es beschaffen... Zwanzig Mark wolltest du... Ich habe sie nicht,
-Fritzi... Oder vielmehr, ich habe sie, aber sie sind, sozusagen,
-nicht mein... sie sind fremdes Geld... für einen bestimmten Zweck mir
-übergeben...“
-
-Fritzi lächelte kindlich: „Wieviel kannst du mir geben, Ebi?“
-
-„... Fünf Mark,“ sagte Freidank nach einem kurzen, heftigen Kampfe mit
-sich selbst. Er hatte das Geld aus der Tasche reißen, hatte es Fritzi
-geben wollen; aber dann hatte doch die Anstandspflicht gesiegt, die ihm
-befahl, das Geld entweder zu dem Zwecke zu gebrauchen, zu dem er es von
-Immermann erhalten hatte, oder es zurückzugeben.
-
-„... Fünf Mark, Fritzi,“ wiederholte Eberhard. „Aber, wenn es durchaus
-sein muß, so...“
-
-„Ach Gott, nein!“ sagte das junge Mädchen, indem es drollig die
-Lippen verzog, „wenn es nicht geht, Ebi.... Gieb mir inzwischen die
-fünf Mark.... danke.... Sage mir, wann verkaufst du das Theaterstück?
-Bekommst du sehr viel Geld dafür?“
-
-Der Student besann sich einen Augenblick, trank aus dem dünnen, hohen
-Bierkelche, blickte auf die Straße hinaus und wieder auf Fritzi hin:
-er wollte ihr alles mit einem Male sagen, denn er liebte nicht das
-Versteckenspielen und die halben Erzählungen. Er sagte ihr also in den
-einfachsten Worten das, was sich heute zugetragen hatte und fragte
-sie, was sie dazu meinte, wenn er nun in der Zukunft ein Ringkämpfer
-sein würde. Aber er sagte nur die Tatsachen und verschwieg seine
-heimliche Angst vor einem Schritte, der ihn für immer aus den Reihen
-der Werdenden, der akademischen Jugend hinausziehen würde.
-
-Fritzi, die in die Sofaecke gedrückt dagesessen hatte, bog sich vor
-Erstaunen und Vergnügen weit vor, sie schob ihre Kaffeetasse mit
-energischer Bewegung fort, legte beide Arme auf den Tisch und fragte
-leise und fröhlich:
-
-„Das ist wahr? -- Ein Ringkämpfer? -- So stark bist du?“
-
-„Ich weiß nicht, Fritzi! Ich denke wohl! So stark, -- o ja! -- Und
-sonst -- sonst hättest du nichts dagegen einzuwenden, gar nichts? --
-Schließlich ist es doch ein ganz -- ganz anderer Beruf...“
-
-„Beruf! Beruf!“ schrie Fritzi entzückt, „ein himmlischer Beruf ist
-es! -- Aber natürlich, Eberhard, du wirst Ringkämpfer! Ist doch ein
-besserer Beruf als Student?“
-
-Es lag in ihrem fröhlichen, strahlenden Gesichtchen etwas Primitives,
-die Unfähigkeit, zu unterscheiden, Differenzen zu fühlen... Wie jung
-ist sie! dachte Eberhard, sie kennt nichts, sie weiß noch nichts, sie
-sieht kaum die Unterschiede im Leben... Er fragte, von ihrer Munterkeit
-ergriffen, selbst etwas heiterer und sicherer:
-
-„Das ist alles, was du darüber zu sagen hast? -- Du bist also
-eigentlich ganz einverstanden?“ --
-
-„Aber, Eberhard!“ sagte die kleine Brünette, „warum sollte ich wohl
-nicht einverstanden sein? -- Bedenke doch: du verdienst viel Geld...
-sehr viel Geld wahrscheinlich... du kannst auftreten... du hast
-Erfolg... O, und nun kann ich auch außerhalb Berlins ins Engagement
-gehen! Wir können natürlich immer zusammen bleiben! Ich lasse mich
-einfach immer in derselben Stadt engagieren, wo du sein wirst! Wir
-bleiben zusammen, und du verdienst sehr viel Geld!“
-
-So weit waren seine Zukunftsträume noch gar nicht geflogen. Er sah ein,
-daß sie darin recht hatte. Gewiß, sie konnten zusammen bleiben, und er
-würde dem süßen, schwarzhaarigen Kinde wieder jeden Wunsch erfüllen
-können. Jetzt, da sie um seinetwillen nur in Berlin Engagements annahm,
-war er ihr ja sogar im Wege... er versperrte ihr die Karriere... Wenn
-er über alle anderen Bedenken hinwegkommen könnte...
-
-„Setz’ dich einmal neben mich,“ sagte Fritzi mit einer Zärtlichkeit,
-die er sonst nicht an ihr gewohnt war. Und als er an ihrer Seite saß,
-fühlte er mit innigem Erschauern den jungen, zierlichen Mädchenkörper,
-der sich herzhaft an ihn preßte; warme Hände suchten die seinen, und
-eine zärtliche Stimme sagte flüsternd:
-
-„Athlet wirst du sein, nicht wahr? Stärker als alle andern... Ach, wie
-werde ich dich lieb haben, wenn du die andern besiegst!“
-
-Er sah ein Flackern in ihren Augen, jenen Glanz, der bei dem Anblick
-brutaler männlicher Kraft in Frauenaugen aufleuchtet. Sie wollte ihn
-betören, ihn entzücken mit ihrer weichen, schmeichelnden Bewegung, und
-doch wurde Eberhard ein wenig verstimmt und fragte:
-
-„Du wirst mich mehr lieben, Fritzi? Kann das sein?“
-
-„Was stellst du für Fragen!“ erwiderte das junge Mädchen lachend,
-„mehr... weniger... Ich bin dir gut, das ist doch genug... du fragst
-immer so komisch, Eberhard!“
-
-Eberhard war erregt; seine Gedanken flatterten hierhin und dorthin:
-
-„Gute Fritzi! -- hast gar nichts mehr von dem Gelde gesagt; brauchst du
-es sehr notwendig, Fritzi? Vielleicht ... in einigen Tagen... könnte
-ich...“
-
-„Ach, laß!“ sagte Fritzi leichthin, „im Augenblick, na ... Ich habe
-mir... von einer Kollegin zwanzig Mark geborgt, ja...“
-
-Der junge Mann hob überrascht den Kopf: „Von einer Kollegin? Aber, du
--- das mußt du doch so schnell wie möglich wiedergeben!“
-
-„Es eilt nicht so,“ antwortete Fritzi schnell, und dann, als sie
-sein erstauntes Gesicht sah, fuhr sie fort: „Sie braucht es nicht so
-notwendig... Es ist die Liane Fanchon ... Die hat immer! Die ist nie in
-Verlegenheit!“ Dabei seufzte Fritzi leise.
-
-Eberhard sah das junge Mädchen an; sein Blick blieb, ohne daß er selbst
-es wußte, auf der schmalen, modernen Nadel haften, mit der ihr Kleid am
-Halse geschlossen war. Ohne daß er etwas dabei dachte, wurde sein Auge
-durch das vielfarbige Glitzern mehrerer wasserheller Steine gefangen.
-Aber er sah das Schmuckstück erst, als Fritzi in einiger Verlegenheit
-mit der Hand danach griff und hastig fragte:
-
-„Ach -- du siehst die Brosche an? Ich habe sie gekauft ... vorhin...
-als ich mit Liane aus der Probe kam... Sie ist niedlich und glänzt
-beinahe wie echt...“
-
-Jetzt erst wurde Eberhard aufmerksam. Es war eine schöne Nadel, auf
-der drei klare Steine funkelten. „Das ist unecht, Fritzi?“ fragte er
-langsam, zögernd, indes ein feiner Strahl des Mißtrauens spitz und
-scharf aus den blitzenden Steinen fuhr und sich in sein Herz bohrte.
-Die Chansonette fühlte seinen unausgesprochenen Zweifel... „Etwa echt?“
-fragte sie heftig, „etwa echt? Woher sollte ich denn das haben? Von
-dir etwa?“ Und dann, schnell und lustig: „Du, ob echt oder unecht,
-ist mir doch ganz gleich! Wenn ich irgendeine Brosche habe, bin ich
-zufrieden... Ich hatte keine... Liane war dabei...“
-
-Eberhard wußte nichts darauf zu sagen. Er dachte, es sei verwunderlich,
-aber doch... Fritzi log nicht... Wer übrigens hätte ihr eine so
-kostbare Nadel schenken sollen? Untreu... nein, Fritzi war ihm nicht
-untreu...
-
-„Ich muß nun gehen, Liebste,“ sagte er sehr sanft. „Da du auch meinst,
-daß ich... Ja, da muß ich zu einem Trainer gehen. Je eher ich anfange,
-desto mehr Hoffnung hab’ ich, in den wenigen Wochen ringen zu lernen.
-Ich hole dich heute abend aus der Vorstellung ab, Fritzi. Bis dahin,
-Geliebte...“
-
-Er schlang den Arm um ihren Leib’ und wollte sie küssen, sie aber
-wehrte lachend: „Aber Ebi! Wenn das die Leute sehen!“
-
-„Sollen sie doch,“ sagte Eberhard. „Mir soll nur einer kommen... Ich
-werde ihn schon... Liebe Fritzi, auf Wiedersehn!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Der Trainer wohnte in der Linienstraße, in jener Gegend von Berlin,
-die allen nivellierenden Einflüssen der Hauptstadt zum Trotz noch
-immer etwas von der Ungebundenheit des Quartier latin bewahrt hat.
-Dort hausen neben Geschäftsleuten und ehrsamen Bürgern Studenten,
-Artisten, Künstler, Modelle und Dirnen, dort finden sich originelle
-Artistenkneipen, Dirnenlokale und Verbrecherkeller, und typische
-Persönlichkeiten fallen hier weniger auf, als in anderen Stadtteilen.
-
-Eberhard durchschritt die Einfahrt des Hauses, ging über den ersten
-Hof und durch ein Fabrikgebäude und kam auf den zweiten Hof, wo er
-den Trainer finden sollte. Dieser Hof inmitten der Stadt hatte einen
-ländlichen Charakter. Er war nicht durchweg mit Steinen gepflastert und
-mehrere Bäume standen darin. Eine Anzahl Hühner scharrten die Erde, ein
-Hofhund lag vor seiner Hütte und hinter einem Drahtgitter spielten ein
-halbes Dutzend Kaninchen. Aus dem Pferdestall zur rechten Seite kam
-eine Katze geschlichen und ging langsam an der Mauer entlang, während
-sie die Augen auf die Hühner gerichtet hielt. An der linken Hofseite
-stand aber ein vierstöckiges Wohnhaus. Dort wohnte zu ebener Erde der
-Trainer André Leroux.
-
-Als Eberhard klingelte, rief eine laute Stimme: herein! Der junge
-Mann öffnete die Tür, trat ein und sah den Trainer mit eisernen
-Gewichtkugeln hantieren. Der Athlet legte seine Gewichte nicht fort;
-er sah nur flüchtig auf den Besucher hin und sagte: „Setzen Sie sich
-inzwischen, bitte; ich muß meine Übungen beenden.“ Eberhard setzte
-sich auf das alte, grüne Ripssofa und der Athlet fuhr mit seinen
-Übungen fort.
-
-Eberhard sah sich ein wenig um. Er befand sich in einer großen
-Küche, die augenscheinlich als Wohngemach und auch zum Kochen
-benutzt wurde. Obwohl alles praktisch hergerichtet und ordentlich
-aufgeräumt war, trug der Raum doch das charakteristische Gepräge einer
-Junggesellenwirtschaft, welches das Fehlen einer Hausfrau verrät.
-
-Die Wände waren sämtlich mit Bildern bedeckt. Plakate mit bunten
-Abbildungen von Ringern und Kraftmenschen waren mit Reißnägeln
-befestigt, über dem Sofa hingen gerahmte Photographien einzelner
-Athleten und ganzer Klubs; ein Kranz aus künstlichen Eichenblättern
-hing über einem Diplom, und zwischen den Athleten lächelten auch hier
-und da die Bildnisse von Damen, die dem Trainer mit ihrer Neigung
-auch ihr Bild geschenkt hatten... Trotz der späten Jahreszeit stand
-das Fenster weit offen. Ein breites Blumenbrett vor dem Fenster war
-ganz mit Blumentöpfen besetzt, in denen immergrüne Gewächse standen,
-dazwischen blühte noch ein rotes Geranium.
-
-„Noch ’n Momang,“ sagte der Athlet zwischen seinen Übungen. „Bin jleich
-fertig.“ Und wieder hob er die Kugelgewichte bis zur Schulterhöhe und
-stieß die Arme abwechselnd kraftvoll hoch.
-
-Er trug ein schwarzes, ärmelloses Trikot, welches auf der Brust mit
-einem gelben Stern benäht war. Die schwarzen Trikothosen reichten nur
-bis an die Knie, unter denen die festen, braunen Beine, die nackt in
-Sandalen steckten, hervorsahen. Die Mitte des Leibes war mit einem
-breiten Lederriemen eng umgürtet. Der Athlet hatte hübsch gewelltes,
-blondes Haar, muntere, graue Augen und einen überaus fröhlichen,
-herzförmigen, sehr roten Mund. In seinem Gesichte wäre sonst nichts
-Auffälliges gewesen. Merkwürdig war allein die braune Tönung seiner
-Haut. Der ganze Körper des Athleten war tief dunkel, er hatte die
-eigentümliche, durchsichtige Farbe des braunen Bernsteins. Das Genick,
-die Oberarme, der Rücken und die Brust waren noch dunkler, als die
-übrige Haut. Dazu bildete das helle Haar einen seltsamen Kontrast.
-
-Der Trainer stieß seine Gewichte noch zwanzigmal in die Höhe, legte sie
-dann auf den Boden und rieb sich die kleinen Schweißperlen von Hals und
-Armen mit einem groben Tuche ab. Dann reichte er Eberhard mit starkem
-Druck die Hand und sagte lächelnd:
-
-„Sie müssen entschuldjen; Training is Training; darin lass’ ick mir
-nich störn! -- Womit kann ick Ihn’ denn dien’?“
-
-Eberhard nannte sein Begehren: in etwa einem Monate als Ringkämpfer
-ausgebildet zu werden. Der Trainer schwieg eine Weile und sagte dann:
-
-„Also längstens fünf Wochen... Das is vadammt wenig ... Ringen will ich
-Ihn’ schon beibring’ in die Zeit. Aba die Kraft, die Se nich haben,
-kann ick Sie nich jeben... Wie schwer stemm’ Sie denn?“
-
-Das wußte der junge Freidank nicht. „Was, Sie wissen nich mal, wieviel
-Sie stemmen könn’?“ fragte der Athlet mißbilligend, „na, denn ziehn Sie
-’mal ’s Jackett aus und probiern Sie! Das is ’ne 30 Kilostange!“
-
-Aber es ergab sich, daß die Stange viel zu leicht gewählt war. Nun
-brachte der Trainer eine verstellbare Stange, die er beschwerte, bis
-sie hundertdreißig Pfund wog. Er lächelte ironisch:
-
-„Na, versuchen Se noch mal... Jetzt wird se Ihn’ woll schwer jenuch
-sind...“
-
-Er dachte nicht anders, als daß Eberhard nicht imstande sein würde, das
-Gewicht aufzuheben. Eberhard faßte die Stange fest und drückte sie
-langsam, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Arme, hoch...
-
-Mit dieser Leistung hatte Eberhard sofort die Hochachtung des Trainers,
-der ihn bis dahin ein wenig von oben herab behandelt hatte, gewonnen.
-Nun setzte der Athlet sich gemütlich zu seinem Besucher, verabredete
-mit ihm die täglichen Übungsstunden und erzählte ihm allerhand von
-seinem Privatleben. -- Er tat sich viel auf seine Abstammung aus einer
-französischen Emigrantenfamilie zugute und behauptete mit sichtbarem
-Vergnügen, er sei ein halber Franzos. Später fand sich aber, daß er
-trotz der gallischen Abstammung kein Wort Französisch verstand und
-selbst die technischen Bezeichnungen des Ringkampfs unglaublich falsch
-aussprach. Außerdem prunkte André Leroux mit seiner Bildung. Er hatte
-bei berühmten Bildhauern Modell gestanden und von ihnen allerhand
-Redebrocken aufgeschnappt, und der große Virchow hatte an seinem
-geradgewachsenen, schön ausgebildeten Körper oftmals seinem Auditorium
-die Anatomie demonstriert. Der Trainer zitierte nun Virchow jeden
-Augenblick und explizierte dem jungen Freidank mit einiger Fachkenntnis
-die Anatomie des Armes, wobei er ihm zeigte, welche Übungen den Biceps
-stärkten, und welche zur Ausbildung des Deltamuskels dienten... Er
-selbst hatte über seinen Körper eine solche Herrschaft erlangt, daß er
-willkürlich jede Muskelgruppe seines Armes nach Belieben spielen lassen
-konnte.
-
-Alles dieses sagte der Halbfranzos im unverfälschten Berliner Dialekt;
-nur wenn er Virchow und andere Größen zitierte, sprach er hochdeutsch.
-Dabei kam es ihm auf die Echtheit der Zitate nicht so unbedingt an...
-
-„Nich?“ sagte er, „det wundat Ihn’, det ick so braun bin, wie ’n
-leibhaftja Indjana? Det kommt allens von die Sonne... von die freie
-Natur... ‘Imma naturell!‘ sagte der sel’je Virchow. ‚Meine Herren!‘
-sagte er, ‚an diesem Modell könn’ Sie sehen, was das naturelle Leben
-ausmacht...‘ Ja, ick lebe aba auch naturell!! In Somma, jeden Sonntach
-un jeden Nachmittach, wenn ’ck jrade nischt zu dun habe, raus in
-Wald... in Jottes freie Natua! Un denn Jacke aus, Hosen aus, Hemde
-aus... Hut ab... un nu Luftbeda! Un Sonn’beda! Un zwee Steine jesucht,
-oda zwee Holzkletza, un denn los mit meine Jebung’n! Det macht aba
-ooch jesund! Det jibbt Kraft, sowat! Kraft muß da Mensch haben, un
-jesund sind, allet andre kommt denn beinah von alleene! -- ‚Wissen
-Se, Leroux,‘ hat Bejas mich schon manchmal jesacht, ‚det ha’m schon
-die ollen Jriechen jesacht, un da ha’m se Recht: die Kraft jeheert
-den Manne!‘ Un wat meen’ Se, ob ick jetzt in de Kälte meine Jebung’
-vabummle? Nischt zu machen. Imma noch raus in Wald... Luftbeda...“
-
-Er schwätzte abwechselnd vernünftiges und sinnloses Zeug. Eberhard
-hörte ihm höchst amüsiert und interessiert zu. Das war nun der
-erste, der ihm begegnete, aus jener Berufsklasse, der er selbst sich
-anschließen wollte. Der Trainer hätte noch lange weiter geredet, wenn
-ihm nicht eingefallen wäre, daß er heute abend die athletischen Übungen
-des Kraftsportklubs „Hermes“ zu leiten hatte. „Ein äußerst feiner
-Klub,“ erklärte er seinem zukünftigen Schüler, „lauter feine Herren!
-Alles Kaufleute un Buchhalters und so --! Ja, ein sehr nobler Klub!“ --
-
-Das Trainierlokal befand sich auf einem schmalen, tiefen Grundstück
-der Fennstraße, welches nur mit Schuppen bebaut war. In den gegen die
-Straße hin gelegenen Schuppen lagerten Hölzer und Preßkohlen. Einen
-dieser Schuppen, der ganz am hinteren Ende des Grundstückes lag, hatte
-der Unternehmer als Übungsraum für Sportsleute eingerichtet und ihm
-den stolzen Namen „Training-Hall“ gegeben. Vormittags war er meist an
-Variété- und Zirkusartisten vermietet, die in dem hohen, weiten Raume
-genügend Platz hatten, um ungestört neue Tricks probieren zu können.
-Um die Mittagsstunde erschienen dann Berufs- und Amateurathleten, die
-unter Leitung André Leroux’ ihr Krafttraining vornahmen.
-
-Eberhard war des Morgens noch schnell zu Fritzi hinaufgeeilt, um ihr
-zu sagen, wo er seine Übungen beginnen werde. Fritzi hatte ihn im
-Wohnzimmer der Wirtin empfangen. Sie war eben aus dem Bette gesprungen
-und hatte über das Nachthemd nur einen weichen, wolligen Morgenrock
-gezogen; über die nackten Füßchen hatte sie nur kleine Pantoffel
-gestreift. Sie hüpfte ihm nach ihrer Gewohnheit mit leichtsinniger
-Wildheit entgegen, so daß sie einen Pantoffel verlor, warf sich
-ungestüm eine Sekunde lang an Eberhards Brust und sprang sofort zurück,
-ihren Pantoffel zu suchen. Und wieder kam sie ihm unbeschreiblich naiv
-und reizend vor, hold und prickelnd zugleich mit dem vom Schlaf noch
-rosigen Gesichte und den wirren, dunklen Haaren. Das junge Mädchen
-fing sofort an zu betteln: „Ich darf doch hinkommen? Ich darf mir das
-doch ansehen?“ Er wußte nicht, was er ihr erwidern sollte. Er hätte es
-lieber gesehen, wenn sie nicht gekommen wäre. Aber da rief sie schon
-fröhlich: „O ja! o ja, ich komme! Sage, wann es anfängt, eine Stunde
-später bin ich da!“ Und sie hob, unwillkürlich, beide Arme, um ihren
-Zopf festzustecken, dessen Pfeilnadel sich gelöst hatte. Die weißen
-Ärmel glitten ihr über den Ellenbogen zurück, Eberhard sah die lieblich
-weiche, rosige Haut der Arme reizend aufleuchten und hatte nicht den
-Mut, ihr den Wunsch zu versagen... „Komme, Fritzi, und sieh dir alles
-an,“ sagte er, „es wird dir wohl nicht sehr gut gefallen!“ --
-
-In der Trainierhalle waren mehrere kräftige junge Leute damit
-beschäftigt, ärmellose Trikotjacken über den Oberkörper zu ziehen.
-Eberhard nahm den Hut ab und sagte guten Morgen. Die jungen Leute
-dankten ziemlich kollegialisch für den Gruß, einige musterten ihn mit
-spähenden Blicken und alle nahmen dann ihre Unterhaltung wieder auf,
-ohne sich um den Neuankömmling weiter zu kümmern. Sie sprachen von
-den geschäftlichen Erfolgen, die einer von ihnen den Sommer über im
-Zirkus Blumenfeld gehabt hatte. Dieser junge Mensch war ziemlich klein,
-hatte eine gelbbraune Haut und schwarze, widerspenstige Haare, die
-dem Versuche, sie in der Mitte zu scheiteln, trotzten. Er hatte sehr
-kurze Hände und plumpe Beine und Arme; sein Hals war überaus dick,
-fast ebenso dick wie der Kopf, was ihm den Anschein ungewöhnlicher
-Stärke gab. Man konnte nicht leicht auf den Gedanken kommen, daß dieser
-starke und dicke Zirkusathlet ein besonderer Liebling der Frauen sein
-könne; darum war Eberhard ein wenig überrascht, den jungen Mann von
-seinen Erfolgen erzählen zu hören. Der Athlet renommierte nicht einmal,
-sondern plauderte leichthin:
-
-„Wirklich komisch, die Weiber; draußen in der Provinz sind sie toller
-als in Berlin! -- In Posen hatte ich auch herausgefordert; da meldeten
-sich ein paar Leute zum Ringen, richt’ge Ochsen... Na, unter uns,
-regulär hätt’ ich sie nicht gekriegt... Ekelhaft starke Kerls! --
-Aber da habe ich ihnen unversehens eins mit der Handkante auf den
-Hals gegeben, auf die Schlagader... so ’n bisken Dschiu-Dschitsu!
-Da flogen sie ja gleich... Ach, die Briefchens alle, die da kamen!
-Rosarote, blaue, lila... alle Farben... Rochen so jut, wie ’ne janze
-Parfümfabrik. ... Ick hatte die Auswahl!!“
-
-Er lachte leise in der Erinnerung an seine galanten Abenteuer mit
-Provinzdamen....
-
-„Na, jehste denn jetzt nich ’mal bei deine Adele...?“ fragte einer
-der herumstehenden jungen Leute den Zirkusathleten, „weißt doch, die
-Jelbseidne, Willi?“
-
-„Bei so eene wer’ ick jehen!“ erwiderte der Ringer grob, „bei die
-jelbseidne Adele! -- Nee, laßt mir mit die Berliner Mechens in Ruh! --
-Ja, wenn se allens abliefan wollten, wat se vadien’! Aba nee, is nich,
-wird imma Schmuh jemacht! Keile könn’ se kriejen, soviel man will,
-da jeben se ein’ doch nich allens ab! Imma ha’m se dann zu schlecht
-vadient! -- Nee, laßt ma in Ruh, sach’ ick!“
-
-Der ehemalige Zuhälter hatte sich in Eifer und damit in seinen
-ordinärsten Jargon hineingeredet. In dem Grade, wie er sich nun
-beruhigte, fing er wieder an, hochdeutsch zu sprechen und erklärte:
-
-„Vom Zirkus aus, da kriegt man janz was andres... anständ’je Frauen,
-sage ich euch, Damen... Damen, die mitunter noch nie in’ Leben uff
-Seitenweje jegang’ sind. Aba wenn se unsaeen’ sehen, sind se futsch...
-Wenn se ’n Athleten vor sich haben, jeht die janze Anständigkeit zum
-Teufel! Offiziersdamen hab’ ich gehabt, jawohl... In Breslau hatt’
-ich ne richtige Jräfin... Ach, Gott, wie hat mir die jeliebt! In ’ner
-Equipage ist sie immer mit mir ’rausgefahren nach einem Nest, was,
-glaub’ ich, Trebnitz heißt. Da sind wir spazierenjegang’ und sie hat
-lauter verliebte Wörter jered’t... Ach, ich bete dir an, hat sie immer
-jesacht, weil du mir vernichten könntest, wenn du wolltest! -- I, wo
-wer’ ick denn sowas machen, mein Puppchen, hab’ ich ihr dann gesagt.
-Wer sollte mir denn seidne Taschentücher und seidne Strümpfe und Wäsche
-und die juten Zigaretten und alles schenken, wenn ich mein Puppchen
-vernichtete! -- Dann hat sie gelacht und mir mit ihren weißen Pfötchen
-den Mund zugehalten und gesagt: ach, Willi, du sollst nicht immer so
-materiell reden! Du mußt mich doch um meiner selbst willen lieben und
-nicht an die törichten Kleinigkeiten denken, die ich meinem starken
-Helden zu Füßen lege. -- Sowas Komisches hat sie aller Augenblicke
-jeredet! -- Und nicht nur die, sondern alle die feinen Damen! -- Nee,
-das ist was andres als das Mädchenspack hier in Berlin! Dabei hat man
-von den feinen Weibern noch mehr, wie von die Mächens! Die jeben,
-was man verlangt! -- Ich hab’ mir nun mal uff die anständ’jen Damen
-jeschmissen, und dabei bleib ich!“
-
-Die jungen Leute belachten die harmlos gesagte Äußerung als einen
-rohen Witz. Während sie noch lachten und sich freuten, betrat André
-Leroux die Halle. Er war schlechter Laune und schimpfte; es waren ihm
-im „noblen Klub“ die Ringstiefel gestohlen worden. Der Zirkusathlet
-klopfte ihm so stark auf die Schulter, daß ein normaler Mensch davon
-zusammengebrochen wäre, und sagte tröstend: „Na, laß dir man von deine
-Lowise neue koofen... Ach so, du hast ja keene... Na, is ooch bessa!
--- Is aber zum Schreien, daß die Leute in diesen Sportklub ooch schon
-sonne Dinger machen un’ klauen... Sind doch bloß Amateure!“
-
-Das ließ der Trainer nicht auf den Athleten sitzen.
-
-„Na, Willi!“ sagte er, indem seine starken, blonden Augenbrauen sich
-zornig zusammenzogen, „du willst doch nicht etwa behaupten, det alle
-Athleten klauen? Nee, det sind jrade bloß die dreckijen Amateure! Bei
-uns jibbt et sowat nich! Oda willst du etwa...?“
-
-Während er dieses sagte, hatte er die Jacke ausgezogen, unter der er
-bereits das Trikot trug. Er streckte die muskulösen, kaffeebraunen
-Arme mit einer heftigen Bewegung von sich, als wollte er seine Kraft
-erproben... Dabei funkelten seine grauen, energischen Augen den
-Zirkusathleten eigentümlich an. Willi verglich flüchtig die braunen,
-gewaltigen Glieder des Trainers mit seinen eignen Armen, und der
-Vergleich mußte wohl zugunsten André Leroux’ ausfallen; denn er
-entschuldigte sich mit den Worten:
-
-„Na, ’n jeder einzige klaut da nich un da nich --! Ick meente
-man!“ und wendete sich dem eisernen Gestell zu, von dem er eine
-Fünfundzwanzigkilostange herabnahm und seine Übungen begann. --
-
-André Leroux trat zu Eberhard und schüttelte ihm mit fürchterlicher
-Gewalt die Hand:
-
-„Na, ooch schon uff’n Posten? Un schon in Dreß? -- Na, denn woll’n wa
-mal anfang’!“ --
-
-Und nun fing er an, dem neuen Athleten die Griffe des Ringkampfs zu
-demonstrieren: Armfallgriff aus dem Stand, bei dem der Ringer seinen
-Gegner am Handgelenk und Unterarm mit einem Ruck zu Boden reißt, indem
-er selbst auf die Kniee fällt; Hüftschwung mit Kopfgriff oder mit
-Untergriff... Kopfschwung, bei dem der Gegner rücklings um den Hals
-gefaßt und in großem Bogen nach vorn geschleudert wird... Ausheber,
-Untergriff... Paraden... „Bei Ihre Jröße,“ sagte der Trainer mit einer
-Art von Bewunderung, „bei Ihre Jröße kenn’ Se se amende alle uff’n
-Ausheber kriejen... Et jibbt keen’ scheenan Jriff, als ’n Ausheber...
-Aber er ist bloß wat for jroße Ringer... Da is zum Beispiel Jankowsky
--- Se kenn’ doch Jankowsky’n? -- na, der hat ne feine Spezialität von
-’n Ausheber ausjeknobelt. Er tut, als wenn er Krawatte jreifen wollte,
-ja, -- schiebt seine Arme aber plötzlich bis unter den Oberkörper
-des Jejners und drückt mit sein’ janzen Jewicht nach... So kriegt
-er erst ’mal jeden parterre... Finden Sie det scheen? Ich finde det
-jeistvoll... raffiniert... Dafor heißt der Jriff ooch mit Recht
-Krawattenausheber à la Jankowsky...“
-
-Eberhard begann der Kopf von Fachausdrücken zu schwirren; er war froh,
-als das praktische Training begann. Von der Grenze der Ringmatte aus
-ging er auf den Trainer los, so daß sie sich in der Mitte trafen,
-reichte ihm flüchtig die Hand, wie er in der Arena von Ringern gesehen
-hatte und neigte sich ein wenig nach vorn, indem er mit beiden Händen
-nach den Handgelenken des Trainers griff...
-
-„Ach, du hast schon Ringkampf trainiert,“ sagte einer der jungen
-Athleten, die zur Seite standen und dem Kampfe zusahen. „Du jehst jar
-nich erst in tiefe Jarde, bloß hohe... Mit deine Jröße aber auch...
-Mensch, du bist wohl ’n Zweemetermann?“ --
-
-Es fand sich, daß Eberhard Freidank sich überaus schnell an die
-Technik des Kampfes gewöhnte. Ihm lag das ruhige Zuwarten und das
-blitzschnelle Einspringen im Blute. Seine Stärke machte ihn mutig,
-der Beifall der jungen Leute ermunterte ihn, und als Fritzi kam,
-merkte er es nicht einmal. Er hatte den Trainer zu Boden gerissen und
-bemühte sich, ihn mit einem der neuerlernten Griffe auf die Schultern
-zu drehen. Er kniete am Boden, einen Fuß aufgestellt, und überlegte
-mit leidenschaftlichem Eifer, innerlich glühend, wie er den kräftigen,
-braunen Menschen, der fest auf den Knieen und Händen hockte, umdrehen
-könnte. --
-
-Fritzi trat heran, von den Kämpfenden nicht bemerkt, und reckte sich
-ein wenig auf den Fußspitzen auf, um den vor ihr stehenden Männern über
-die Schultern sehen zu können. Der Zirkusathlet wich einen Schritt
-zurück, um dem jungen Mädchen Platz zu machen, und sah ihr dabei
-mit Interesse ins Gesicht; seine Erfolge in der Provinz hatten ihn
-noch nicht so blasiert gemacht, daß er einem hübschen Mädchen keine
-Aufmerksamkeit mehr geschenkt hätte. Sie gefiel ihm; er stellte sich
-dicht hinter sie und legte den Arm um ihre Taille. Fritzi bog den
-Körper zur Seite, aber Willi ließ nicht los und faßte sie nur noch
-fester. Sie drehte sich ärgerlich um; sie wollte dem jungen Menschen,
-der sie so keck umfaßte, sagen, daß er frech wäre. Aber als sie in sein
-gelbes, grob geschnittenes, rohes, dabei einigermaßen hübsches Gesicht
-blickte, fand sie seine Frechheit plötzlich amüsant und lachte ihn mit
-blitzenden Zähnchen an. Doch alsbald wurde ihr Blick wieder durch die
-Ringer gefesselt.
-
-Eberhard, dem in diesem Training die Rolle des Angreifers zufiel,
-während Leroux seine Griffe nur durch regelrechte Gegengriffe parierte,
-schob seinen rechten Arm unter der Schulter des Trainers durch und
-faßte das Genick fest mit der flachen Hand. -- Fritzi wendete sich
-unwillkürlich wieder nach dem Zirkusathleten um, der ihr zuflüsterte:
-„Det ’s Halbnelson, Fräulein.“ -- Eberhard zog mit seiner großen Kraft
-den Trainer am Genick; da gelang es Leroux, erst mit einem und dann
-mit dem andern Bein langsam aufzustehen. Es war ein spannender Moment;
-ohne daß Fritzi sich dessen bewußt wurde, schmiegte sie sich, wie
-schutzsuchend, in den nackten, braunen Arm des Athleten, der sie immer
-noch halb scherzhaft, halb verliebt umschlang. -- Leroux stand auf,
-während Eberhard, mit der ungeschickten Kraft des Neulings, seinen
-Griff zu behaupten suchte. Plötzlich sprang der Trainer mit einem Ruck
-um, faßte Eberhard von der Seite um den Leib, hob ihn hoch und warf ihn
-auf den Rücken... Fritzi sank zurück, als sie ihren Freund fallen sah;
-und Willi, mit schneller, stürmischer Gewalt, riß das zarte Mädchen mit
-beiden Armen an seine breite Brust und küßte sie zweimal, dreimal voll
-Heftigkeit auf den blühenden Rosenmund. --
-
-Er vergaß einige Sekunden lang in der Tat seine Umgebung, seine Augen
-waren geschlossen und seine Lippen bebten noch auf ihren, als sie schon
-einen schnellen Blick auf Eberhard warf, ob er auch nichts gesehen
-hätte... Nein, er hatte nichts bemerkt. Er hatte an nichts, als an
-seinen Kampf gedacht. Nach der Wucht des Falles stand er eben wieder
-jugendlich elastisch vom Boden auf und sah nun erst sein kleines
-Mädchen, das lächelnd und rosig auf ihn zuging und ihm die Hand reichte.
-
-„Na, sind Sie gekommen, ’mal nachsehen, wie weit er schon is?“ fragte
-André Leroux, indem er dem jungen Mädchen die Wange streichelte, „na,
-das is recht! -- Komm’ Se man öfta! -- Junge Mechens sehn wa hier imma
-jern, überhaupt sonne nette, wie Sie!“ --
-
-Fritzi lächelte verlegen und geschmeichelt. Eberhard aber runzelte
-die Stirne; er bereute, daß er Fritzi erlaubt hatte, an diesen Ort zu
-kommen, wo die neugierigen, zudringlichen Blicke, die naiven, rohen
-Vertraulichkeiten der Athleten die Geliebte beleidigten! Er sah sich
-um, ob es nirgends einen Platz gäbe, von dem aus Fritzi unbehelligt dem
-Training zusehen konnte. „Setze dich, bitte, auf jene Bank, Fritzi,“
-sagte er so laut, daß die Athleten es hören mußten. „Du bist dort
-allein, und du siehst den Ringkampf ebensogut.“ Und er blickte mit
-zornigen Augen über die Athleten hin, die gleichgültig herumstanden.
-Fritzi setzte sich, und das Training begann von neuem.
-
-Diesesmal rang Eberhard mit einem der Athleten, die vorher zugesehen
-hatten. Es war ein Budenringer, der an mehreren Abenden der Woche in
-einer Schaubude auf einem Volksvergnügungsplatze seine Kraftleistungen
-zeigte. Aber dieser Beruf befriedigte ihn nicht; er strebte nach
-Höherem. Er wollte sich an Ringkampfkonkurrenzen beteiligen. Er war
-ziemlich stark, aber mit seiner Ringkunst war es nicht weit her.
-Trotzdem hätte er leicht Engagements gefunden, da er hübsch und kräftig
-war, aber durch seine Budenringerei war er zu stark kompromittiert;
-kein Manager mochte ihn engagieren. Nun trainierte er jeden Tag, um
-seine technische Fertigkeit bis zur Vollendung auszubilden. Einem
-technisch vollkommenen Ringer gegenüber konnten nicht mehr jene
-Standesvorurteile gelten, die wie eine weite Kluft die Budenringer von
-der vornehmeren Klasse der Konkurrenzringer trennten...
-
-Fritzi langweilte sich; der Kampf Eberhards mit dem „schönen Adolf“
-war ihr weniger interessant, als der Zirkusathlet, der sie vorhin
-so selbstverständlich umarmt und geküßt hatte. Sie fand ihn frech,
-natürlich; aber doch so interessant frech.... Ob er wohl auch nach ihr
-hin sah? Sie drehte das Köpfchen, wendete sich aber schnell wieder
-voll Verlegenheit ab, denn Willi sah sie ungeniert an und hatte sie
-gewiß schon eine ganze Weile beobachtet. Und, als ob er nur auf ihren
-Blick gewartet hätte, legte er ruhig seine Hanteln nieder, kam zu
-ihr und setzte sich neben sie. Und während der schöne Adolf sich die
-allergrößte Mühe gab, seinen großen und starken Gegner durch seine
-überlegene Technik zu werfen, hielt der Zirkusathlet Fritzi wieder mit
-seinem nackten Arm umfaßt und sagte ihr allerhand plumpe Liebesworte
-ins Ohr....
-
-„Nein,“ sagte Fritzi lachend, „nein, sowas dürfen Sie nicht sagen...
-Das kann ich mir nicht gefallen lassen... Ich habe doch meinen
-Bräut’jam!“
-
-„Den da?“ fragte der Athlet mit einem etwas unbehaglichen Gefühle, „den
-Großen, der heut das erstemal hier is? -- Was is er denn? Ringt er
-professionell?“
-
-„Natürlich,“ erwiderte Fritzi schnell, mit einem stolzen Blick auf
-ihren Freund.
-
-„So!“ -- fragte Willi, „Sonntags auch? -- Sonst könnten wa doch ma’
-zusamm’ ausjehn? -- Er paßt doch nich imma uff Ihn’ uff!“
-
-Ihre lachenden Augen sagten: o ja, das möchte ich wohl! -- ihr Mund
-aber sprach zögernd, zweifelnd:
-
-„Wohin denn?“...
-
-„Na, ’n Sonntach, uff’n Rummel,“ erwiderte der Zirkusathlet, „da könn’
-Se doch ma’ mitkomm’?“
-
-„Ach nein,“ sagte Fritzi betrübt. „Da hab’ ich ja
-Nachmittagsvorstellung... Nein, das geht nicht! -- Außerdem geh ich
-nicht ohne mein’ Bräut’jam aus.“
-
-„Na, du bist ’n süßes Schaf,“ sagte Willi. „Wir wer’n uns schon noch
-bessa vastehn... Einstweilen jibb ma mal ’n Küßchen!“
-
-Aber er hielt es für geraten, das Küßchen nicht zu geben, denn
-Eberhards Ringkampf mit dem schönen Adolf war soeben zu Ende und der
-junge Freidank sprang auf wie ein gereiztes Tier, als er seine Freundin
-wieder mit dem Athleten schäkern sah.
-
-„Was tust du, Fritzi?“ fragte er, indem er dem Athleten empört ins
-Gesicht sah, „was tust du hier?“
-
-„Du hast mich ja selbst hierher geschickt,“ antwortete sie kindlich.
-„Der Herr hat mir die Griffe erklärt...“
-
-Der Zirkusathlet war selbst überrascht von ihrer schnellen Ausrede.
-Eberhards Gesicht aber wurde sofort freundlicher. Er wußte nicht, ob er
-nicht einen künftigen Kollegen vor sich hatte, gegen den er nicht ohne
-Grund grob sein durfte. „Das ist ’was andres,“ sagte er ruhiger.
-
-Willi nahm seinen Vorteil wahr: „Sie jehn aba jut los! -- Det ’s
-natierlich nich det erste Mal, heute?“ --
-
-Eberhard war noch ein wenig mißtrauisch. Er gab dem Athleten eine
-unverständliche, mürrische Antwort und kehrte verdrießlich an sein
-Training zurück, indem er beschloß, Fritzi ein für allemal das Betreten
-dieses Ortes zu verbieten. --
-
-Eberhard war sehr erschöpft, als André Leroux ihm endlich erklärte, daß
-es für heute genug sei. In der Tat war der junge Mann blaß und seine
-Gesichtszüge waren erschlafft, wie nach einem starken, körperlichen
-Schmerz. Leroux hieß ihn sich auf eine Bank legen und massierte ihm
-noch den ganzen Körper; indessen war Fritzi mit Willi und dem schönen
-Adolf in der großen Halle allein... Der Trainer rieb ihm mit einer
-starken Spirituslösung die heftig schmerzenden Muskeln ein, dann mußte
-Eberhard sich schnell ankleiden. In seinen Kleidern merkte er erst, wie
-steif ihm alle Gelenke waren. -- Fritzi war ganz allein, als Eberhard
-die Halle wieder betrat. Ehe er etwas sagen konnte, rief sie ihm
-entgegen:
-
-„Komm schnell mit mir fort! -- Ich friere so sehr!“
-
-Er faßte sie bei der Hand; ihre Hand war weich und warm, und sie fror
-gar nicht... Warum also log sie? Um ihn abzulenken?... Er sah sich um;
-die beiden Athleten, mit denen er sie zuletzt hatte stehen sehen, waren
-nicht mehr da. „Nach wem siehst du dich um?“ fragte Fritzi schnell,
-„nach den Herren? Die sind schon längst fortgegangen!“
-
-Er suchte voll Verdruß und Mißtrauen in ihrem Gesichte etwas, irgend
-etwas... und fand nicht... Sie lächelte ihn mit ihrem hübschen,
-kindlichen Lächeln an, wie immer. Nein, ihr konnte er keinen Vorwurf
-machen! „Gehen wir, Fritzi,“ sagte er, indem er den Arm des jungen
-Mädchens unter den seinen schob. Im Hinausgehen sagte er dann
-leichthin: „.... Das sind übrigens keine Herren, Fritzi....“
-
-„Nicht?“ fragte sie erstaunt, „was denn sonst? Das sind doch
-+auch+ Ringkämpfer?“
-
-„Auch Ringkämpfer,“ erwiderte er bitter, „wie ich, nicht wahr? Das
-meinst du doch wohl? Nun, ich bin es aber noch nicht, und ich kann noch
-immer etwas anderes werden.... irgend etwas.... Privatsekretär... oder
-sonst etwas... Es ist alles einerlei....“
-
-Er schwieg; die Gedanken drängten sich in seinem Kopfe. Schweigend
-gingen sie fünfzig, hundert Schritte weiter Arm in Arm der Stadt zu.
-Dann kam ihm mit einem Male die liebliche Wärme, das leichte Gewicht
-ihres schlanken Körpers, der an seinem Arme hing, zum Bewußtsein; er
-sah sie voller Liebe an. Sie machte ein verdrießliches Gesicht, als
-sich aber ihre Augen trafen, lächelte sie und sagte:
-
-„Das wirst du doch nicht tun?.... Ich hatte mich schon so sehr gefreut!“
-
-„Auf was, Fritzi?“
-
-„Dich als Ringkämpfer zu sehen,“ sagte sie verliebt und schmeichelnd.
-„O, wie hübsch wirst du aussehen!... Versprich mir, daß du nichts
-anderes werden willst!“
-
-Da drückte er ihren Arm und neigte sich tief herab zu ihr und sagte mit
-dunkler Leidenschaft in der Stimme:
-
-„Aber ich will dich allein haben, Fritzi, begreif das doch, begreif
-das doch... Sie sollen dich mir nicht wegnehmen. Nein, Fritzi, verzeih
-mir, ich rede ja Wahnsinn! Du läßt dich ja nicht mir wegnehmen, du
-bist mir ja gut... Aber schon um ihrer Blicke willen könnte ich sie
-niederschlagen, ich könnte sie ohrfeigen um ihrer frechen Worte
-willen... O Fritzi, das kannst du nicht verstehen... Ich will dich doch
-nur ganz allein haben...“
-
-Fritzi verstand ihn nicht. Er sagte ihr öfter solche Worte, die
-erfüllt waren von einer exklusiven, eifersüchtigen Zärtlichkeit. Sie
-wußte, daß er sie am liebsten eingesperrt, vor aller Welt verschlossen
-gehalten hätte, damit kein fremder Blick ihr huldigte. Sie konnte es
-nicht begreifen, aber ein weiblicher Instinkt sagte dem unerfahrenen,
-leichtfertigen Mädchen, daß sie dieses tiefe Empfinden nicht
-zurückstoßen dürfe.
-
-„Ich verstehe dich nicht, Ebi,“ sagte sie langsam. „Ich weiß nicht, was
-du willst... Du hast mich allein... Konnte ich dafür, daß der freche
-Athlet mich ansah? Ich habe es nicht gewollt, ich habe ihm zu verstehen
-gegeben, daß ich nichts von ihm wissen wollte... Ich finde, er ist ein
-Ekel!“
-
-„So, findest du?“ erwiderte Eberhard erheitert. Er hatte noch nicht die
-Erfahrung gemacht, daß junge Mädchen in den stärksten Ausdrücken über
-die Männer schimpfen, welche ihnen gefallen, und fuhr vergnügt fort:
-„Das freut mich! -- Nun, hast du es ja nicht nötig, wieder hinzugehen!“
-
-„Warum nicht?“ fragte sie harmlos. „Wegen dieses Menschen? Ach, dann
-glaubte er am Ende, daß ich mich vor ihm fürchte... Nein, Eberhard, das
-sollen sie nicht denken!.... Ich komme doch wieder hin!.... Ich will
-dich doch sehen! -- Ich bin ja so froh, daß du Ringkämpfer wirst!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-V.
-
-
-Es war am Vorabende des ersten Dezembers, an dem Eberhard zum ersten
-Male als einer der „vierundzwanzig Ringkämpfer“ vor die Öffentlichkeit
-treten sollte.
-
-Eberhard ging des Nachmittages um die fünfte Stunde zu seiner Freundin.
-Fritzi hatte ihr Ausgehjäckchen an und setzte soeben vor dem Spiegel
-ihren Hut auf. „Ach, du bist’s,“ sagte sie und winkte grüßend mit der
-Hand, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen, „ich gehe
-eben fort, wie du siehst.“ „So begleite ich dich,“ sagte der junge
-Mann. „O,“ erwiderte das junge Mädchen, wie es ihm schien, in einiger
-Verlegenheit, „so wirst du nicht weit mitkommen können, denn ich gehe
-ins Theater.“ „In die Garderobe? Jetzt schon?“ fragte er, „es ist kaum
-fünf Uhr!“ „Es muß schon später sein,“ antwortete sie schnell, „und
-ich muß heute mindestens eine Stunde früher dort sein, da ich an einem
-Kostüme zu nähen habe.“
-
-Dagegen war nichts einzuwenden. Trotzdem fragte Eberhard noch:
-
-„Kannst du kein anderes Kostüm anziehen, Fritzi? Ich wäre so gerne noch
-ein Stündchen mit dir zusammen!“
-
-„Gerade heute?“ lachte sie. „Aber es ist unmöglich! Es ist gerade mein
-schönstes Kostüm, das grüne, du weißt.. Der Agent kommt heute abend
-ins Theater, nur meinetwegen! -- Aber hübsch wäre es, wenn du mir ein
-paar Mark auf Handschuhe geben wolltest; nach der Vorstellung bekomme
-ich erst Gage, und ich kann mich vor dem Agenten nur in eleganten
-Handschuhen sehen lassen!“
-
-„Hast du auch dem Agenten zuliebe den neuen Hut gekauft?“ fragte
-Eberhard.
-
-Sie zögerte einige Sekunden und sah sich nach ihm um, dann lachte sie
-hell: „Neuen Hut? Ein ganz, ganz alter, Eberhard!“
-
-„Nun,“ sagte der junge Mann, „ich habe doch auch Augen im Kopfe...
-Soviel ich sehen kann, ist dies ein Hut nach der neuesten Mode, und ein
-sehr eleganter dazu!“
-
-Da machte Fritzi ein böses Gesicht und erwiderte verstimmt:
-
-„Nun gut, du hast recht, und ich lüge.... Du hast ja immer recht,
-natürlich.... Ist es so weit gekommen, daß du mir nicht mehr glaubst?
-Vielleicht schenkst du Frau Krichelmann, meiner Wirtin, mehr Glauben,
-als mir! Ihre Nichte ist in einem Putzgeschäft Verkäuferin und hat
-mir diese alte, vorjährige Hutfasson wieder aufgeputzt! Gehe doch
-hin und frage sie! Sie ist ja viel glaubwürdiger, als ich... O, du
-bist schlecht, Eberhard! Du verdächtigst mich wegen meines armseligen
-Hutes... Als wenn du mir Hüte kauftest! Liane hat seit Anfang des
-Winters schon mindestens acht Hüte bekommen... O, du bist geizig und
-schlecht! Du behauptest mich zu lieben und kaufst mir keine Hüte... O
-Gott, wie bin ich unglücklich!...“
-
-Sie hatte sich so in Eifer hineingeredet, daß ihr nun wirklich einige
-Zornestränen in den Augen blinkten. Hastig wischte sie die Tropfen mit
-dem Tüchlein fort und fuhr mit der Puderquaste über Augenlider und
-Wangen. Eberhard aber, obwohl noch immer zweifelnd, war besiegt. Er
-fühlte sich im Unrecht und sagte gequält:
-
-„Du weißt doch, Fritzi, ich konnte dir nichts kaufen in dieser Zeit...
-Wie gern hätte ich dir alles gegeben, wenn ich’s gehabt hätte! Aber
-du, du hast dich ja mit der Garderobe vom vorigen Winter behelfen
-können... Ich habe mich oft gewundert! Alles verstehst du so geschickt
-herzurichten, wie neu... Meine Fritzi sieht immer aus, wie nach der
-neuesten Mode gekleidet... Warte nur noch ein Weilchen, geliebtes Kind,
-so sollst du wieder alles haben!“
-
-Das junge Weib lachte triumphierend. Wieder einmal war es ihr geglückt,
-seine Zweifel zu zerstreuen und den schönen, starken Menschen zu
-beruhigen! O, sie fand ihn so hübsch, so kräftig, so männlich, und
-dachte gar nicht daran, auf ihn zu verzichten! -- Sie lief an den
-Tisch, steckte rasch das Fünfmarkstück, welches er für ihre Handschuhe
-gegeben hatte, in das silberne Kettentäschchen und hüpfte dann auf
-Eberhard zu, stellte sich auf die Fußspitzen und sah ihm lachend in die
-Augen:
-
-„Nun, wollen wir uns zanken oder vertragen?“
-
-Ihre dunklen Augensterne funkelten unter dem schmalen Strich der
-Brauen, die mit dem schwarzen Stifte noch schärfer und feiner
-nachgezogen waren. Gelblicher Puder lag auf der zarten Haut, der rosige
-Mund war noch röter, lockender geschminkt und glühte wie frische
-Erdbeeren... Er wollte sie küssen, sie aber sprang neckend fort:
-
-„O, das gibt’s jetzt nicht! -- Ein andermal! -- Jetzt würdest du mir
-nur die Schminke verwischen! Und nun schnell, schnell, komm hinaus, ich
-muß in die Garderobe!“
-
-Sie trippelte eilig auf der Straße neben ihm her. Bald war das Theater
-erreicht; Eberhard reichte ihr die Hand und ging fort. An der nächsten
-Straßenecke verglich er seine Taschenuhr mit dem großen Chronometer
-vor dem Laden eines Uhrmachers. Es fehlten in der Tat noch mehrere
-Minuten an fünf Uhr. Er schalt sich selbst aus. Nun hätte er noch lange
-Zeit gehabt, mit Fritzi zu plaudern! Am liebsten hätte er das junge
-Mädchen zurückgerufen. Er zauderte kurz, besann sich, ob er sie aus der
-Theatergarderobe noch einmal zu sich bitten sollte, wendete sich dann
-aber dennoch um und ging nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Fritzi an
-der Kassiererin des Variététheaters, die bereits in ihrem Verschlage
-saß, wieder vorbeistürmte, dem betreßten Portier, der ihr schnell eine
-Droschke besorgt hatte, ein Geldstück in die Hand drückte und eilends
-in den Wagen stieg, um ihr Rendezvous um fünf Uhr nicht zu versäumen...
-Der Portier schloß den Wagenschlag und das Gefährt rollte davon. Der
-Türhüter aber trat in seiner bunten Uniform wieder in den Hauseingang
-zurück und blinzelte die Kassiererin verständnisinnig an. Das Fräulein
-am Kassentische lächelte maliziös:
-
-„Ja, die avanciert rasch! -- Komisch, daß ihr Mensch nichts davon
-merkt, den großen Blonden meine ich! Den macht sie doch alle Tage zum
-Nulpen!“
-
-„Er is ihr eben jut,“ sagte der Portier. „Amende meent er’s reell mit
-se und will ihr heiraten!“
-
-Das belachten sie aber beide wie einen gelungenen Witz. --
-
-Eberhard bog langsam in die Straße ein, in der er wohnte. Er hatte
-noch das bescheidene Studentenquartier inne, in dem er gelernt und
-gearbeitet, gedichtet, gehofft und gelitten hatte. Er dachte an
-den Abend des kommenden Tages und ein leichtes, nur von ihm selbst
-gefühltes Lächeln zog fröhlich, abenteuerlustig und verlegen um seine
-Lippen. Er ging langsam, den Kopf sehr gerade aufgerichtet, die Hände
-in den Manteltaschen. Es fiel ihm selber auf, wie schwer sein Schritt
-geworden war. Der ehemalige Turner, der seit Jahren gewöhnt war, die
-Zehen zuerst auf den Boden zu setzen, fing nun an, schwer und wuchtig
-mit der ganzen Fußsohle gleichzeitig aufzutreten. Sein Gang war breit,
-langsam und schwerfällig geworden, der Gang des Athleten, der gleichsam
-bei jedem Schritte seine Kraft und sein schweres Gewicht empfindet
-und beisammenhält. -- Donnerwetter! sagte er zu sich selbst, bin ich
-wirklich nur noch im Trikot elastisch? -- Und er ging durch die kühle
-Frische des Abends eilig den kurzen Rest des Weges nach Hause und
-sprang absichtlich behend die Treppen hinauf.
-
-Er brauchte die Korridortür nicht aufzuschließen, sie war nur
-angelehnt. Er drückte die Tür hinter sich zu und trat rasch in seine
-Stube.
-
-Es war darin schon dunkel; nur das Fenster schimmerte noch weißlichgrau
-im letzten, matten Lichte des scheidenden kurzen Wintertages. Aber
-auf dem Tische brannte eine Kerze, und davor war, tief über ein Buch
-gebeugt, ein Mädchenkopf, der bei Eberhards Eintritt erschrocken
-auffuhr. Gleich darauf aber lächelte Fräulein Therese Ambrosius, die
-Tochter der Zimmerwirtin, und sagte in einiger Verlegenheit:
-
-„Sie werden doch nicht böse sein, Herr Freidank, daß ich in Ihren
-Büchern gelesen habe? -- Es war das erste Mal, wirklich!“ --
-
-„Aber ich denke nicht daran, böse zu sein,“ erwiderte der junge Mann
-mit seinem ruhigen Lächeln, „warum sollte ich? -- In der Tat, ich habe
-nie bemerkt, daß Sie hier gelesen haben... Ich bitte Sie, Fräulein
-Ambrosius, lesen Sie alles, was Ihnen Spaß macht! -- Ich schlage diese
-Bücher nicht mehr auf, darum werden sie sich doppelt freuen, wenn sie
-in zarte Damenhände kommen,“ fügte er mit einem linkischen Versuche, zu
-scherzen, hinzu.
-
-Er war es nicht gewöhnt, mit Frauen umzugehen; darum fühlte er, in
-Gegenwart von Frauen, eine sonderbare Bedrückung. Er wurde nicht
-verlegen und nicht verwirrt. Aber wenn er einem dieser zarten und
-empfindsamen Geschöpfe, als welche die Frauen ihm erschienen,
-gegenüberstand, war es ihm, als ob etwas Weiches, Schweres auf ihm
-lastete, welches ihn zwang, mit diesen andersgearteten Wesen überaus
-sanft, fein und behutsam zu verkehren. Über die Frauen, welche einen
-Beruf ausüben, hatte er sich noch keine dauernde Meinung bilden können,
-weil er keine kannte. Mitunter hatte er ein lebhaftes, peinliches
-Bedauern empfunden, wenn er Fräulein Ambrosius zu später Abendstunde
-vom Telephondienste nach Hause kommen hörte. Sie erschien ihm zugleich
-unweiblich und beklagenswert. --
-
-Fräulein Therese klappte das Buch zu, legte es nieder, machte sich
-irgend etwas zu schaffen; dann blickte sie auf und sagte schnell:
-
-„Ihr Schneider war hier, mit der Rechnung; er behauptete, daß er nicht
-länger warten könnte.“
-
-Eberhard fragte: „Nun, und dennoch ist er fortgegangen?“
-
-„Er mußte wohl,“ sagte Therese heiter. „Mutter ist nicht zuhause; ich
-fertigte ihn ab... In zwei Wochen, bestimmt aber in drei Wochen bekäme
-er, was ihm zusteht, versicherte ich ihm... O, ich habe noch hernach
-lachen müssen, wie mißtrauisch der Mann mich betrachtete! -- Ist das
-aber auch gewiß wahr? fragte er immer wieder. Ei freilich! sagte ich
-ihm, wenn ich es Ihnen sage, so ist es ganz gewiß!“
-
-Ihre geringe Befangenheit, die leichte Verlegenheit, weil er sie bei
-seinen Büchern überrascht hatte, war dahin.
-
-Eberhard sah über das Mädchen weg und sagte, mehr zu sich selbst, als
-zu Therese:
-
-„Das ist ja nun auch gewiß -- endlich. O, vorher hatte ich fast niemals
-Gewißheit. Endlich wird die Misere ein Ende haben.“
-
-Das Fenster war nun schon ganz dunkel. Eberhards Blick glitt von dem
-Himmel, der in den Finsternissen der Nacht verschwamm, hernieder zu
-dem Kopfe des jungen Mädchens, der gerade von dem gelben Kerzenlichte
-bestrahlt war. Er hatte sie vorher eigentlich nie genau betrachtet.
-Der Dienst hielt sie meistens gerade in den Stunden fern, wenn er
-zuhause war. Nun sah er zum ersten Male mit Bewußtsein, daß die „filia
-hospitalis“ ein schönes, stolzes Gesicht hatte, welches von sanften,
-braunen Haarwellen umgeben war. Die beiden kräftigen Zöpfe waren in
-einen griechischen Knoten gesteckt. Tat es die Haartracht oder die edle
-Art, wie der schlanke Hals die Bürde des Hauptes trug, oder tat es
-das kühne Profil Thereses, daß sie ihm wie eine junge Diana erschien?
-Jedenfalls war sie hübsch und stolz, und ihr Kleid saß schmuck beim
-einfachsten Schnitt. Dies sah er mit natürlichem Wohlgefallen,
-plötzlich aber bemerkte er, daß das Fräulein ihn lächelnd und, wie er
-meinte, spöttisch ansah. Da sagte er, nun wirklich verwirrt:
-
-„Pardon. O --, pardon. Ich bin ein schlechter Gesellschafter. Und dann,
-verzeihen Sie -- ich kannte Sie ja eigentlich nicht, obwohl ich schon
-sieben Monate bei Ihnen wohne. Ich -- hatte -- Sie mir -- ganz anders
-vorgestellt.“
-
-Nun lachte Therese hell:
-
-„Wie denn?“
-
-„Sie werden mir auch sicherlich nicht zürnen? Nein? -- Ich hatte Sie
-für emanzipiert gehalten.“
-
-Sie bog den Kopf zur Seite, nach dem dunklen Fenster hin. Der junge
-Mann, der sie unverwandt beobachtete, sah einen leichten Schatten über
-ihre Stirn und ihre klaren Augen fliegen. Aber er wußte nicht, ob eine
-Verstimmung ihr die Augen verdunkelte und ihre weiße Stirne faltete,
-oder ob nur der Kerzenschein flackernd über ihr Gesicht hingehüpft war.
-Dann erwiderte sie gelassen:
-
-„Nein! Emanzipiert bin ich nicht. Ich lasse mir keine Rechte
-schenken... Ich habe sie, oder ich habe sie nicht .... Ich bin gesund,
-ich bin stark, ich kann arbeiten: das genügt mir... Das ist mir
-alles...“
-
-Es war ein kurzes Schweigen zwischen den jungen Leuten. Eberhard drehte
-gedankenlos an dem Leuchter, so daß die Flamme unruhig an dem Dochte
-auf und nieder sprang. Therese fuhr fort:
-
-„Aber Sie sind noch immer im Dunkeln; ich hole die Lampe!“
-
-Sie lief hinaus und kam sehr schnell mit der brennenden Lampe in der
-Hand zurück. Nun schien das Licht durch die Glocke aus weißem Milchglas
-hell in alle Ecken. Therese zog geschäftig den Fenstervorhang zu; dann
-zögerte sie, faßte aber plötzlich einen Entschluß und sagte:
-
-„Morgen also wird man Sie auf der Bühne sehen können?“
-
-Er sah sie an, ungewiß, wie sie es meinte, und fing an zu spotten:
-
-„Sagen Sie lieber gleich: bewundern, Fräulein Ambrosius!“
-
-„Auch bewundern, gewiß,“ erwiderte sie freundlich. „Ich hätte Sie in
-der Tat gern gesehen...“
-
-„O, wenn es das ist --!“ antwortete der junge Mann, „ich gebe Ihnen
-Karten... Wenn es Ihnen Spaß macht, Ringkämpfe zu sehen...“
-
-Er zog die Brieftasche und nahm zwei Karten heraus. Die Theaterbilletts
-steckten neben Photographien. Er zog auch diese Photographien aus dem
-Fache, betrachtete sie einen Augenblick und legte sie dann auf den
-Tisch vor Fräulein Therese.
-
-„Ach!“ sagte Therese fröhlich, „das sind Sie... Das sind Sie... O,
-hübsch, Herr Freidank!“
-
-Mit naivem Vergnügen sah sie die beiden Bilder an, ohne ihr Interesse
-zu verhehlen. Sie stellten beide Eberhard im Sportanzuge dar. Im engen,
-dunklen Trikot mit bloßem Hals und nackten, gekreuzten Armen stand er
-gegen einen dunklen Hintergrund, von dem der kraftvolle Körper sich
-stark und plastisch abhob. Therese schaute auf die Photographien, dann
-auf den jungen Mann. Es war ein Zufall, daß Eberhard auch jetzt gerade
-mit verschränkten Armen dastand, genau wie auf einem der Bilder. Das
-weiße Lampenlicht fiel voll auf sein ruhiges, kluges Gesicht und seine
-schöne, hohe Gestalt. Die Blicke der jungen Leute begegneten sich,
-und voll Überraschung sah Eberhard über die ausdruckvollen Züge des
-Fräuleins ein Spiel lebhafter Empfindungen gehen, und dann ein starkes
-Erröten... Unfähig, ihren Eindruck zu verbergen, sagte sie mit einiger
-Heftigkeit:
-
-„Ach, wie schade... wie schade...“
-
-„Was ist schade, Fräulein Ambrosius?“ fragte er, während seine Brauen
-sich zusammenzogen.
-
-Sie bereute ihren Ausruf, stockte und wollte ihn zurückziehen, aber es
-war zu spät; nun war sie ihm eine Antwort schuldig.
-
-Das fremde, junge Mädchen hatte eine Wunde in ihm berührt, die er
-sich selbst noch nicht einmal eingestanden hatte. Wer war sie, daß
-sie gedankenlos den Schleier von seinen tiefsten, unausgesprochensten
-Heimlichkeiten ziehen durfte? Und heftig wiederholte er seine Frage:
-
-„Um was ist es schade? -- Um mich vielleicht?“
-
-Es war zu spät; sie konnte nicht mehr zurück...
-
-„Um Sie!“ sagte sie mit einem entschlossenen Blick in seine zornigen
-Augen, „jawohl, um Sie!“
-
-„Ach, sehr freundlich!“ antwortete Eberhard, dessen Gesicht den
-Zornesausdruck verlor, verdrießlich und höhnisch. „Warum denn schade?
--- Vor einer Minute fanden Sie das Bild hübsch... Ich bin nicht eitel
-genug, dieses Lob anzunehmen; aber warum die plötzliche Sinnesänderung?“
-
-Da sagte Therese Ambrosius schnell:
-
-„Ich kenne Sie ja nicht... Ich kenne Sie ja gar nicht näher... Und
-meine Meinung ist Ihnen auch ganz gleichgültig ... Aber mir scheint, es
-ist schade, daß Sie in Zukunft nichts tun wollen, als sich anschauen
-lassen... Von fremden, neugierigen Leuten... Daß Sie alle anderen
-Zukunftspläne so ohne Bedauern über Bord geworfen haben .... Das finde
-ich traurig...“
-
-„Finden Sie? --“ fragte er, immer noch spöttisch. „Nun, wenn Sie
-meinen, daß ich mich einfach ausstellen lasse, wie eine Bestie im
-Käfig... Und der Sport, Fräulein Ambrosius? Den Sport rechnen Sie für
-gar nichts?“
-
-Therese sah ihn unsicher an und sagte:
-
-„Es war unrecht von mir, etwas zu sagen, da ich doch wohl nicht
-ausdrücken kann, was ich meine... Ich zähle den Sport schon mit! Ich
-habe ehrliche Freude an der Kraft und am Sport! -- Nur, wenn die Kraft
-allein das Ziel des Lebens sein soll, das finde ich traurig... Ich
-hielt den Sport immer nur für ein Mittel zum Zweck... Zu dem Zwecke
-nämlich, gesund und arbeitsfreudig zu bleiben oder zu werden...“
-
-„Ich nicht,“ sprach Eberhard Freidank trotzig, „ich nicht, Fräulein
-Ambrosius! Wer keine Kräfte hat, kann sie nicht anwenden... Ich habe
-sie, und ich gebrauche sie... Der Teufel hole die Arbeitsfreudigkeit!
-Ich habe sie nicht mehr. Ich bin von diesem Irrtume genesen. Ja,
-genesen.“
-
-Er hatte es laut und fest und schnell gesagt, in einem starken,
-jugendlichen Trotze, mit dem er sich selbst überreden und das jähe
-Zagen und Schwanken seiner Seele beschwichtigen wollte. Und da er nun
-schwieg, vergaß er die Gegenwart des Mädchens und wußte nicht mehr,
-daß er nicht allein war. In seiner Haltung drückten sich Energie und
-Entschlossenheit aus; sein Haupt, das helle, blonde Niedersachsenhaupt,
-war zurückgebogen, die ernsthaften Lippen schmal zusammengepreßt. Ich
-bin von dem Irrtum genesen, sagte er noch einmal in Gedanken, während
-sein Mund fest geschlossen blieb. Und dann flog sein Geist doch
-nachdenklich zurück zu früherer stiller Arbeit in demselben Zimmer, aus
-dem er jetzt ausziehen wollte, um als ein neuer Siegfried, ein Held der
-Gliederkraft, die Welt zu erobern. Wie hatte es dem ruhig fröhlichen
-Norddeutschen so fern gelegen, mit der Schönheit und Stärke seiner
-Muskeln zu prunken! Das Gottesgeschenk seiner Kraft hatte er als eine
-selbstverständliche Gabe angenommen und sich ihrer erfreut, als eines
-unveräußerlichen Besitztums, so sicher, wie die Luft, die man atmet! --
-O, andere Ideale hatten sein Herz schneller und höher schlagen lassen;
-aus dieser stillen Stube hatten Werke des Geistes ausziehen sollen, die
-der Jüngling, über diesen Tisch gebeugt, in dem starken, wohlgebauten
-Schädel ersonnen und mit der großen kräftigen Rechten niedergeschrieben
-hatte! -- Seine Blicke wurden dunkel, wie der Himmel, über den eine
-schwarze Wetterwand dahingezogen ist. Nun sah er sich um und entdeckte
-das Mädchen Therese, die kein Auge von ihm verwandt hatte.
-
-Er mußte sich einen Augenblick besinnen, was sie in seinem Zimmer
-wollte; dann sagte er finster:
-
-„Wie sehen Sie mich an? Bin ich ein Meerwunder? -- Ach, Sie brauchen
-nicht rot zu werden... Genieren Sie sich nur nicht, mein Fräulein! Ich
-weiß nun Ihre Ansicht, sie ist nicht sehr schmeichelhaft... Sie finden
-den Sport verächtlich, allright... Bureaumenschen gefallen Ihnen
-wahrscheinlich besser... Nun, nichts für ungut, Fräulein Ambrosius! Ein
-jeder hat seinen besonderen Geschmack. Bei den modernen Damen ist er
-sogar sehr ausgesprochen..“
-
-Er lachte sein gutes, verlegenes, jugendliches Lachen. Er schämte sich,
-das fremde Fräulein mit einiger Heftigkeit aufgezogen zu haben. Wie kam
-man auch dazu, mit einem dieser gebrechlichen Wesen über ernsthafte
-Dinge zu reden? Wie dieses Mädchen jetzt vor ihm stand... Gewiß, er
-hatte sie beleidigt...
-
-Therese Ambrosius sah betrübt und ernsthaft aus. Die dunklen Augen
-standen groß und verwundert in dem weißen Gesicht.
-
-„O,“ sagte sie langsam, „o, Sie haben mich mit Absicht falsch
-verstanden. Sie wissen das auch... Gute Nacht, Herr Freidank.“
-
-Sie neigte leicht den Kopf und wollte an ihm vorüber zur Tür. Im
-nämlichen Momente flog ein schriller Klingelton durch die Wohnung.
-Frau Ambrosius kehrte von ihrem Ausgange zurück. Als Eberhard das
-Glockenzeichen hörte, war er mit einem Sprunge neben dem Mädchen. Nein,
-zornig brauchte sie nicht von ihm zu gehen! Er reichte ihr impulsiv die
-große Hand und flüsterte schnell:
-
-„Fräulein -- Fräulein Therese -- habe ich Ihnen weh getan?“
-
-Da schlug das Mädchen die Augen auf und erwiderte, gegen ihren Willen
-lächelnd:
-
-„Mir -- nein. O nein, mir nicht. -- Doch nun, gute Nacht! Ich muß der
-Mutter öffnen...“
-
-Während sie eilends hinausschlüpfte, sah sie Eberhard noch einmal
-bedeutungsvoll an, indem sie den Zeigefinger auf den Mund legte. Dann
-hatte sich die Tür geschlossen und Eberhard war allein.
-
-Er trat an den Tisch zurück, nahm die Photographien auf und barg
-sie, ohne sie anzusehen, wieder in der Brieftasche. Das Werk, in
-dem Fräulein Therese Ambrosius gelesen hatte, lag auch noch auf dem
-Tische, gerade in dem gelben Lichtkreise der Lampe. Er stellte das
-Buch an seinen Platz auf dem bescheidenen Regal zurück. Dabei fiel ihm
-etwas ein: er sah sich um, ob nicht eine Kiste im Zimmer stände, oder
-sein Koffer, worin er alle Bücher, die ihm vordem zum Studium gedient
-hatten, verschließen konnte. Der Anblick dieser schlichtgebundenen
-Werke im schwarzen Kalikorücken war ihm plötzlich zuwider. Morgen,
-dachte er, morgen, oder in den nächsten Tagen, werde ich eine Kiste
-kommen lassen. --
-
-Er ging noch einmal an das Fenster, öffnete es und sah hinaus in die
-Novembernacht. Draußen hatte ein leichter Schneefall begonnen. Der
-Schneehauch kühlte Eberhards Gesicht und strich ihm angenehm über die
-Haare hin. Eberhard fühlte plötzlich ein Verlangen nach dieser Kälte;
-er zog die Jacke aus, tat den steifleinenen Halskragen ab und stand
-in Hemdsärmeln mit bloßem Halse am Fenster. Der Schnee fiel dichter,
-wie ein flimmernder, beweglicher Vorhang vor einem unergründlichen
-Hintergründe....
-
-Er stand lange, und dunkle, fragende, ahnungsvolle Gedanken, denen er
-keine Worte hätte leihen können, tauchten aus dem Grunde seiner Seele
-auf. Aber der leise, ununterbrochene Schneefall lenkte ihn immer wieder
-ab, zog seine Blicke hernieder, hernieder in den Tanz der wirbelnden
-Flocken.
-
-Die leichte Kälte wehte an seine heiße Brust, er knöpfte das Hemd über
-der Brust auf und bot seinen warmen Leib der winterlichen Nachtluft,
-indes er langsam den Körper wohlig ausreckte....
-
-Dann schloß er das Fenster, ging in das Zimmer zurück, löschte die
-Lampe aus und ging im Finstern schlafen, während er ohne große
-Verdrießlichkeit, aber ein wenig unsicher dachte:
-
-„Was versteht sie davon, sie ist ein törichtes Ding, -- jawohl, ein
-törichtes Ding, -- und außerdem, was geht sie mich an...“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Tagsüber ruht das Odeontheater stumm, grau, unschön und unzugänglich,
-wie ein ungastlicher, schlafender Koloß. Der Torweg, rechts und links
-von Sandsteinsäulen flankiert, ist mit einem schwarzen, gußeisernen
-Gitter verschlossen. Aber wenn die Dämmerung alle Konturen verwischt
-hat, beginnt hier und dort ein Licht aufzublitzen, dem bald ein
-anderes folgt. Es werden immer mehr der Lichter. An allen Enden
-des großen Eckhauses steht abendwaches Leben auf. Nun erscheint
-über dem gemeißelten Sandsteinportale inmitten eines blendendweißen
-Flammenkranzes elektrischer Lampen der Name „Odeon“ in hohen goldenen
-Buchstaben. Jetzt ist an dem großen Gebäude nichts mehr grau und trist.
-Alle Konturen, alle Linien, alle Ecken treten klar, scharf und glänzend
-aus dem hellen, freudigen Lichte hervor; alle Fenster spiegeln heiter
-und einladend den Glanz der Bogenlampen wieder. Das Leben blitzt und
-lacht und funkelt aus dem erleuchteten Hause heraus, und darüber
-breitet die Freude ihre starken, sieggewohnten Schwingen. --
-
-Die ersten Theaterbesucher erscheinen an der Abendkasse und lösen ihre
-Karten. Sie kennen die guten Plätze, sie verhandeln mit dem Kassierer
-und erhalten, da sie zeitig genug erschienen sind, ihre Lieblingssitze.
-Dann wenden sie sich zur Rechten und treten mit ihrem galantesten
-Lächeln in das elegante Theaterrestaurant ein, wo Fräulein Krömer,
-die Schwester der Frau Direktor Immermann, in ihrer üppigen, reifen
-Brünettenschönheit selbst an dem Büfette thront und mit stolzem,
-nachsichtigem Lächeln die Huldigungen ihrer Verehrer entgegennimmt.
-Welcher Theaterbesucher verehrt sie nicht? Kein Herr aber darf sich
-rühmen, jemals von Fräulein Leonie Krömer mehr empfangen zu haben,
-als ein freundliches Wort und ihr berühmtes, zugleich pikantes und
-selbstbewußtes Lächeln, das Lächeln, welches sich niemals das geringste
-vergibt, das Lächeln, welches rot und stolz wie Julirosen blüht. --
-
-Im Theater brannten, da es noch zeitig war, nur erst die Wandleuchter
-und die Öllämpchen in den Gängen. Im Orchester war noch alles finster.
-Zwei Theaterarbeiter kamen durch den Spalt im Vorhange auf die Bühne
-hinaus, bis nahe an die Rampe, und schraubten ein Loch in den Fußboden;
-dann krochen sie durch denselben Spalt wieder zurück.
-
-Auf der Galerie am hinteren Ende des Saales, wo die Sitze nicht
-numeriert sind, erschienen die ersten Besucher, wurde halblaut
-geflüstert, raschelten Programme.
-
-Die Zeit war da; die unerklärliche, erwartungsvolle, aufreizende
-Theaterstimmung kam, als die bronzenen Riesengirandolen, die an starken
-Ketten von der hellen, hohen Decke des Saales herniederhingen, mit
-einem Schlage im Lichte ihrer elektrischen Kerzen erglänzten.
-
-Im Orchester wurde hinter den dunkelgrünen Schirmchen hier und da eins
-der Pultlichtchen angezündet; dann schwirrten leise, nervöse Töne auf
-beim Stimmen einer Violine.
-
-Die hohen Flügeltüren des großen, weiten, schönen Theatersaales
-standen weit offen, bereit, die Gäste aufzunehmen, die vorerst noch
-vor den Garderobespiegeln lächelnd ihr eigenes Bild bewunderten und
-heitere Blicke aufeinander warfen. Stets ist das Publikum der großen
-Variétés seltsam gemischt; heute aber hätte die Verschiedenheit
-dieser Gäste auch dem Unkundigsten auffallen müssen. Es gab da viele
-große, vierschrötige Männer mit herkulischem Körperbau und groben
-Gesichtszügen, Amateurathleten und Freunde des Kraftsports. Sie hätten,
-in so großer Zahl an einem Orte versammelt, zu jeder anderen Zeit
-Aufsehen erregt. Aber heute glitten die Blicke interesselos über sie
-hin, denn alles wartete auf die Starken, die erprobten, gefeierten
-Athleten.... In den Augen der Frauen glühte ein eigentümliches,
-heimliches Feuer. Es waren auffallend viele, schöne und elegante Frauen
-erschienen. Sie alle waren von einer Nervosität beherrscht, die sich
-hinter belanglosem Lächeln und kokett gesenkten Augenlidern verbergen
-wollte, und die heimlich fiebernde Unruhe zog ihre Blicke doch
-immer wieder auf die drei Meter hohen Plakate mit dem Bilde Hermann
-Thyssens, des Matadors, die den ganzen Raum dominierten. Auf blutrotem
-Grunde stand der Ringkämpfer, kampferbittert und siegessicher, und
-hielt seinen schwarzen Gegner kopfunter mit fürchterlichem Griffe
-hoch empor, bereit, ihn zu Boden zu werfen. Man sah die verzweifelte
-Gegenwehr des Negers, man sah die Anstrengung der starken Muskeln, den
-eisernen Griff der unwiderstehlichen Hände, die Energie der blauen
-Augen und des zusammengepreßten Mundes.... Sie lasen die Unterschrift:
-Hermann Thyssen, Champion of the World in Graeco-Roman Style -- und
-ihre verschleierten Blicke sagten lautlos und bebend: Champion...
-Herrscher... Herr... Herr....
-
-„Was siehst du an dem Bilde?“ fragte Frau Ambrosius ihre Tochter, die
-nachdenklich vor dem Plakate stand. „Komme auf den Platz, Therese! Es
-hat schon geschellt.“
-
-„Ja, gewiß,“ erwiderte Therese, „nur noch einen Augenblick, Mama!“
-
-Das junge Mädchen konnte sich nicht versagen, noch einen eitlen Blick
-in den Spiegel zu werfen. Therese konnte zufrieden sein; die rosige
-Farbe der Erregung stand gut auf ihrem Gesichte, und die zierliche,
-weiße Bluse umhüllte eine anmutige und kräftige Mädchenbüste. Im
-nächsten Augenblicke aber schreckte sie leicht zusammen und wendete
-sich unwillkürlich um. Im Spiegel hatte sie Fritzi erblickt, Fritzi,
-deren Bilder in graziösen, lockenden Posen auf der Kommode in
-Eberhards Zimmer standen. Sie erkannte sie gleich so bestimmt, daß
-ihr kein Zweifel blieb. Das kecke, zierliche Geschöpf zupfte an ihrem
-Lockenscheitel, strich den prallsitzenden Rock noch glätter und hing
-sich dann wieder an den Arm ihres Begleiters, mit dem sie stolz durch
-das Vestibül in den Theatersaal hineinschritt.
-
-Therese blickte dem Paare finster nach. Eine dumpfe, zornige Eifersucht
-stieg plötzlich in ihr auf. Diese kecke Chansonette mit dem schwarzen
-Haar und dem tänzelnden, spielerischen Schritte liebte Freidank...
-diese schmale, geschnürte Taille hatten seine starken Arme umfangen...
-Was war ihr Freidank, was konnte er ihr sein? Sie hätte es in dieser
-Stunde nicht sagen können; aber mit hellsehendem, weiblichem Instinkte
-faßte sie eine tiefe Abneigung gegen die andere...
-
-„Kommst du nicht?“ fragte Frau Ambrosius ungeduldig, und dann, indem
-sie dem finstern Blick ihrer Tochter mit den Augen folgte:
-
-„Wem siehst du dort nach? -- Wer ist denn das? -- Ach, ist das nicht
-Herrn Freidanks Dame?“
-
-„Es scheint so,“ erwiderte Therese kühl.
-
-„Bestimmt!“ sagte Frau Ambrosius lebhaft. „Aber mit wem geht sie da,
-Therese? -- Man kann von diesem Manne doch nur sagen: ein Kerl! -- Ist
-das vielleicht ’n Bruder von ihr? Oder ’n Vetter? Ich habe ja immer
-gesagt, sie ist ’n ganz gewöhnliches Frauenzimmer!“
-
-„Ich habe es nie bezweifelt. Übrigens geht sie uns gar nichts an,
-Muttchen,“ sagte Therese mit absichtlicher Gleichgültigkeit. Doch
-ihr Zorn gegen Fritzi verstärkte sich, da sie nun ihren Begleiter
-ins Auge faßte. Es war ein kräftiger, grobknochiger junger Mann mit
-ordinären, hübschen Gesichtszügen, aus denen Energie und Sinnlichkeit
-sprach. Fritzi lehnte sich kokett an ihn an, verschwendete ihr süßestes
-Lächeln an den Athleten und grüßte dazwischen mit blitzenden Augen ihre
-anderen Bekannten aus André Leroux’ Training-Hall, welche den hübschen
-Budenringer sämtlich um diese Eroberung hinter dem Rücken Freidanks
-beneideten....
-
-„Ekelhaft,“ sprach Mama Ambrosius halb neugierig, halb entrüstet. Und
-dann eilten beide Damen, ihre Plätze zu erreichen; denn das dritte
-Klingelzeichen war soeben ertönt, und die Musik setzte mit einem
-schmetternden Marsche ein. --
-
-Auf der Bühne zogen in farbigem Wechsel eine Sängerin, ein
-Akrobatenpaar, ein Hundedresseur vorüber; andere Artisten folgten;
-dann eine Pause... Und wieder Musik, und neue Menschen auf der Bühne.
-Man spielte eine Posse voll derber Komik. Aber je weiter der Abend
-vorschritt, desto mehr erlahmte das Interesse der Männer und Frauen,
-die den Zuschauerraum füllten und die tollen Witze da oben mit müder
-Gleichgültigkeit anhörten. -- Nur zu Ende, zu Ende, daß die Ringkämpfer
-erscheinen konnten, die Ringkämpfer.
-
-O, die Ringkämpfer --!
-
-Blaß und schweigsam saßen die Frauen da. Sie wagten nicht, ihren
-Gatten, ihren Bräutigamen, ihren Vätern, ihren Brüdern, die sie ins
-Theater geführt hatten, ins Angesicht zu sehen, aus Furcht, ihre
-Ungeduld zu verraten, die grausame, schmerzhafte Erwartung, die ihre
-Nerven auf die Folter spannte. Auf mancher Mädchenstirn perlten
-Schweißtropfen, bleiche Lippen wurden nervös zernagt und hungerige
-Blicke irrten immer wieder von der Bühne auf knisternde Programme,
-dahin, wo die stolzen Namen der vierundzwanzig Ringkämpfer verzeichnet
-standen. Und mit wollüstigem Grauen studierten die Frauen und Mädchen
-die Kampfregeln, deren technische Ausdrücke so unverständlich und doch
-süß brutal klangen....
-
-Wie mit bleibeschwerten Flügeln zogen die Minuten der Erwartung über
-den menschengefüllten Saal hin. Als endlich das letzte Wort der Komödie
-gesprochen war, brach ein jubelnder, exzentrischer Beifall los, ein
-hysterisches Toben und Händeklatschen... O -- es war zu Ende, o... die
-Ringkämpfer.... Könnte man die Minuten peitschen!
-
-Noch eine Pause...
-
-Aber als man sich nun auf die Plätze zurückbegab, gingen die Mädchen
-und die Frauen wie mit federnden Schritten; auf ihren Stirnen thronte
-die heitere Weihe naher Seligkeit, ihre Lippen, in welche die Farbe
-zurückgekehrt war, waren im Lächeln geöffnet, aus ihren Augen
-leuchteten Sterne der Liebe... Ja, nun war die Zeit gekommen!
-
-Aus dem Orchester sprang mit aufreizenden, feurigen Trompetenklängen
-der Ringkämpfermarsch, der überall gespielt wurde, wo Hermann Thyssen,
-der Matador, im Trikot zum Kampfe trat, und dann schwebte langsam der
-Vorhang empor.
-
-Im Halbkreis standen sie da, die Vierundzwanzig, die Erwählten, die
-Halbgötter, die Starken!
-
-Die Musik schwieg; -- ohne Ende hätte man schwelgen mögen im Anblick
-der riesigen, kraftvollen Gestalten, die so ruhig und massig
-nebeneinander auf der Bühne standen, die starken Arme auf den Rücken
-gelegt, die breite Brust mit der Schärpe in den Landesfarben eines
-jeden geschmückt. Ihre Gesichter blickten ernst und unbewegt, wie
-Gladiatoren. Nur wenige suchten mit den Augen irgend jemanden im
-Zuschauerraume, und unter denen, die ein vertrautes Antlitz suchten,
-war Freidank. Wen suchte er, wen? -- Therese erbleichte, Therese
-schlug zitternd die Augen nieder, -- aber Eberhard hatte nicht Therese
-gesucht, sondern Fritzi...
-
-Fritzi, die vorn in der Loge saß, sprang entzückt auf, setzte sich
-sofort wieder nieder und wendete das pikante, gemalte Gesichtchen ihrem
-Begleiter zu:
-
-„So sehen Sie doch nur! -- Sieht er nicht famos aus?“
-
-„Warum sollte er nicht,“ sagte der junge Mensch, der Budenringer
-Gustav, verdrießlich, bemüht, seinen Neid nicht zu zeigen. „Hat mehr
-Jlück wie Vastand jehabt... Er kann jenau so ville wie wa alle kenn’,
-nich mehr und nich weniga... Jott weeß, mit was for Zicken er sich an
-Thyssen ranjeschlängelt hat...“
-
-„Na, quatsch’ nicht, Justav!“ flüsterte die Chansonette ungeduldig und
-aufgeregt, „hör’ zu...“
-
-Die Musik schwieg; Herr Markus, Thyssens Sekretär und Faktotum,
-durchbrach den geschlossenen Halbkreis der Athleten. Er war im
-Frack und in weißer Weste; seine Augen, die vor Hitze, Erregung und
-Bewußtsein seiner Wichtigkeit funkelten, wetteiferten an Glanz mit dem
-dicken, echten Solitär auf seiner Krawatte. Er machte, so gut es ihm
-gelang, eine Reverenz und begann in das atemlose Schweigen hinein mit
-lauter Stimme die Namen der Vierundzwanzig auszurufen:
-
-„Jan van Muyden, Meisterringer von Holland...“
-
-Ein dicker, hübscher Ringkämpfer mit rosigem Teint und kurzgeschorenem,
-ganz hellblondem Haar, ein echter Holländer, trat vor, ließ aus seinen
-grauen, stahlharten Augen einen großen Blick über die Menge schweifen
-und verbeugte sich kurz. Als er in den Halbkreis zurücktrat, sah man
-ein brutales Lächeln um seinen hübschen Mund spielen....
-
-„... Pierre le Forgeron, genannt Oeillet rouge, die rote Nelke;
-Champion von Paris!“
-
-Es hatte noch niemand Beifall geklatscht. Le Forgeron, der ehemalige
-Schmied, der sich ernsthaft, mit pariserischer Höflichkeit, verneigte,
-war nicht größer als hundertundachtzig Zentimeter, aber die cyklopische
-Gedrungenheit seines Körpers, die Riesenkraft seiner breiten
-Schmiedehände mochten ihn zu einem furchtbaren Gegner machen...
-
-„Paul Kiesling, Meisterringer von Rheinland und Westfalen ...“
-
-Paul Kiesling hatte einen ungemein proportionierten, sehnigen,
-schlanken und edelgebauten Körper. Einzig seine breite Brust und die
-stark ausgebildeten Muskeln der schönen Arme verrieten den Athleten.
-Seine Hände und Füße aber waren verhältnismäßig klein, und seine
-Gelenke nicht im mindesten plump. Er war stolz auf seinen schlanken
-Leib, und Tausende von Frauen in aller Welt hatten die herrliche Linie
-seiner schlanken Hüften angebetet...
-
-„... Sergej Roditscheff, Rußland...“
-
-Kiesling und Roditscheff wurden immer zusammen genannt. Seit zwei
-Jahren waren diese beiden Ringkämpfer unzertrennlich. Roditscheff galt
-als der Mann von morgen und übermorgen. Zwei Meter hoch, stark und
-ruhig, ein fairer Sportsmann, ein guter Kamerad, gleichmäßig verehrt
-von Männern und Frauen, hatte der junge, blonde Riese die Sicherheit
-einer glänzenden Zukunft in seinen starken Händen. Sergej Roditscheff
-begnügte sich nicht mit einer kurzen Verbeugung. Er trat mit gekreuzten
-Armen bis nah vor die Rampe, lächelte stolz und ließ seine schönen,
-fröhlichen Augen siegesbewußt auf der Menge ruhen. Ein stürmischer
-Beifall brach laut und jubelnd aus. Der große, schöne Jüngling lächelte
-noch stolzer, noch strahlender und trat mit zwei gewaltigen Schritten
-in die Reihe zurück....
-
-„... Aloys Binder, München, Meisterringer von Bayern....“
-
-Aloys Binder war der Meistgeliebte. Ihm flogen die Frauen zu, und er
-verhöhnte sie, spielte mit ihnen, trat sie buchstäblich mit Füßen.
-In jeder Stadt, wohin er kam, hatte er bereits am zweiten Tage eine
-Schar demütiger Verehrerinnen, die er alle insgesamt wie Sklavinnen
-traktierte, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Baroninnen und
-Cocotten, Kellnerinnen, Bürgerdamen und jungen, feinen Mädchen. Sein
-Äußeres war nicht einmal verführerisch. Die Roheit stand ihm auf der
-niedrigen Stirn geschrieben. Er trug die starken, braunen Haare steil
-hochgekämmt. Seine kleinen, meist halbgeschlossenen Augen funkelten
-böse und mißtrauisch. Am unsympathischsten aber war die untere Hälfte
-seines Gesichts, das spitze und doch starke Kinn, das auffällig weit
-vorgeschoben war und seinem Ausdruck etwas Tierisches gab. Tierisch
-waren auch seine Bewegungen, sprunghaft und raubtiergleich. Er warf
-einen hochmütigen Blick in das Parkett, wo in der ersten Reihe eine
-zarte, liebliche Dame im feinen, weißseidenen Gewande saß und anbetend
-zu ihm emporblickte. Unter seinem frechen Besitzerblicke errötete die
-junge Frau bis unter die schwarzen Scheitel...
-
-„... Giacomo Petrocchi, Matador von Sizilien...“
-
-Petrocchi lächelte selig, wie ein gutes, dickes Kind. Er war ganz
-ungeheuerlich dick und stark. In aller seiner dicken Gutmütigkeit
-aber war er ein fürchterlicher, fast unbesieglicher Gegner. Lächelnd,
-gleichmütig, ohne aus der Ruhe zu geraten, ließ er seinen Partner sich
-müde arbeiten, ohne andern als passiven Widerstand zu leisten. Mitunter
-glaubte man ihn verloren, wenn man ihn fallen sah. Aber er fiel nie,
-wenn er nicht wollte, denn er fiel immer in die Brücke. Sein gewaltiger
-Hals von mehr als fünfzig Zentimeter Umfang hielt jeden Druck aus; er
-hätte eine halbe Stunde unerschüttert in der Brücke bleiben können.
-Dann stand er plötzlich auf und machte seinen ermatteten Gegner rasch
-nieder, ohne daß das glückselige Kinderlächeln einen Augenblick von
-seinem dicken Gesichte gewichen war....
-
-„... Vittorino Cardo, Messina...“
-
-Das war der Bruder des dicken, hübschen Giacomo. Vittorino war
-von ganz anderer Art, ein schlanker, rassiger Italiener. Er war
-Ingenieur gewesen und hatte eine hohe Bildung genossen. Dann hatte
-er der sterbenden Mutter der beiden versprochen, über ihren Liebling
-Giacomo zu wachen. Von demselben Tage an verließ er alles, wurde ein
-Ringkämpfer und pflegte und hätschelte den um zehn Jahre jüngeren
-Bruder mit Mutterliebe und Muttertreue. Giacomo hing wie ein zärtliches
-Kind an seinem Vittorino... Es war ein unendlich inniges Verhältnis
-zwischen den Brüdern, ein zartes, rührendes Idyll unter den rauhen und
-brutalen Athleten. Vittorino hatte dem Jüngeren alles geopfert, alles,
-sogar seinen Ehrgeiz; denn er, der erst im Alter von siebenundzwanzig
-Jahren ringen gelernt hatte, war nur ein mittelmäßiger Ringkämpfer
-geworden und hatte jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, keine Chancen
-und keine Wünsche mehr, als den ihm anvertrauten Liebling seiner
-schwärmerisch geliebten toten Mutter reich und glücklich werden zu
-sehen...
-
-„... Karl van dem Domhoff, Champion der Normandie; -- William H.
-Lanfrey, Irland....“
-
-Das Publikum nahm die Ankündigung der beiden ruhig hin, ohne zu
-applaudieren. Sie waren beide unschön und erweckten keine Sympathie,
-der fuchshaarige Holländer und der lange, hagere englische Boxer mit
-dem unnatürlich kleinen Kopfe und den großen, knochigen Boxerhänden.
-Herr Markus war ein gewandter Sprecher; er witterte es sofort, wenn
-ein Ringkämpfer dem Publikum gefiel, und wußte mit Geschicklichkeit
-Beifallspausen zu machen oder weiterzugehen. Jetzt ließ er ein
-prachtvolles Dekorationsstück unter den Athleten vortreten:
-
-„... Mansur, the Lion of the Sudan, der sudanesische Löwe!“
-
-Mansur, der große, dicke Sudanneger mit den lachenden Wulstlippen,
-der platten Nase und den kleinen Ohren, an denen massive Ringe
-baumelten, erregte leidenschaftlichen Beifall. Sein mächtiger,
-tiefschwarzer Körper war in ein zartrosa Trikot gepreßt, welches die
-verschwenderische Fülle seiner Muskeln in herausfordernder Weise
-markierte. Die breiten Lenden, die enormen Schenkel des Schwarzen
-mußten die Wünsche der Weiber bis zur heulenden Gier aufstacheln ...
-
-„... Kasimir Zabolotny, der Riese von Polen! -- Mikita Zirkovitsch,
-Serbien! -- Bernhard Meinken, Hamburg, Champion der drei Freien
-Reichsstädte, Meisterringer von Europa!“
-
-Bernhard Meinkens Name war einer der gefeiertsten in der Sportwelt.
-Stark, ruhig, klug, schön und proportioniert, hatte er sich schon als
-Jüngling dem großen Abs als Freund und Schüler angeschlossen und von
-ihm, dem die Athletik Kunst und Lebensinhalt war, die große Ringkunst
-der antiken Welt, der Griechen und Römer, mit allen ihren Feinheiten
-erlernt. Dann kam das tragische Ende des großen Abs, dem seine Kraft
-eines Übermenschen zum Schicksal wurde. Bernhard Meinken hatte den
-schmerzlichen Verlust seines Freundes und Meisters nie ganz überwinden
-können. Eine ruhige Melancholie war in ihm geblieben, die selbst in
-den heitersten Stunden dunkel in seinen Augen stand. Seine Berühmtheit
-und seine fürstlichen Einnahmen hatten ihn niemals berauscht. Er hatte
-ein zartes, feines, blondes Fräulein, die Tochter eines dänischen
-Etatsrats, geheiratet, hatte ihr eine Villa in Uhlenhorst erbaut und
-die vier Monate des Jahres, die er bei seiner holden, kindlichen
-Gattin und seiner immer noch schönen Schwiegermutter, der Etatsrätin,
-die sich längst mit der Ringkämpferheirat ihrer Tochter ausgesöhnt
-hatte, zubrachte, waren eine Zeit voll des reinsten, intimsten
-Familienglückes.
-
-„... Jimmy Holyhead, Australien! -- Frank Argyll, Texas! Sala ben
-Brahim, Champion der Türkei! -- François à la Crinière, der Herkules
-von Frankreich! -- Raymond Poing de Fer, Lutteur-Matador der Provence!
--- Willi Lehmann, Berlin!....“
-
-Der Lokalpatriotismus brach in helle Begeisterung aus. Das heftigste
-Klatschen aber drang aus einer Loge zur Rechten, in der elegante
-Demimondänen in hochmodernen Roben und auffälligen Hüten saßen. Sie
-kannten ihn alle, den einstigen Freund der „gelbseidnen Adele“, den
-Matador sämtlicher Berliner Athletenklubs, den gefürchtetsten Zuhälter
-Berlins. Wie hatten sie die gelbseidene Adele um den gelbbraunen
-Athleten mit den schwarzen, borstigen, widerspenstigen Haaren beneidet!
-Er war Adelen ein strenger, furchtbarer Herr gewesen, aber er hatte
-sie gezwungen, Karriere zu machen. In einem Jahre war sie von einer
-gewöhnlichen Tanzbodendirne zu einer der gesuchtesten Demimondänen
-avanciert. Als er sie so weit gebracht hatte, war sie ihm plötzlich
-langweilig. Er wollte sogar wieder arbeiten, um sie los zu werden. Da
-wurde er als Zirkusathlet engagiert, reiste kurze Zeit mit Zirkussen,
-die ihn wegen seiner entsetzlichen Roheit immer gern wieder entließen,
-kam im Herbst auf gut Glück nach Berlin und beabsichtigte nichts,
-als seine Einnahmen aus dem Zirkus hier durchzubringen. Da traf
-ihn plötzlich das unerhörte Glück, in eine angesehene Konkurrenz
-eintreten zu können. Am Tage vor Beginn der Berliner Konkurrenz hatte
-Ola Carstensen telegraphisch abgesagt. Hermann Thyssen empfing das
-Telegramm in einer Athletenkneipe des Nordens, dessen Wirt er aus
-den Anfängen seiner Laufbahn kannte. Der Wirt, ein ehemaliger Ringer,
-winkte Willi Lehmann, der zufällig in der Nähe stand, herbei, und
-fragte Thyssen ohne Besinnen:
-
-„Kannste nich den da statt dein’ ollen Schweden jebrauchen?“
-
-Thyssen mußte über den „ollen Schweden“ lächeln, und fünf Minuten
-später war der Zirkusathlet für die bedeutendste und geachtetste
-Ringkampfkonkurrenz engagiert...
-
-Nun folgte ein Schlager dem andern; jeder Name, der genannt wurde,
-entfesselte rasenden Enthusiasmus:
-
-„.... Manuel Gomez, el Toro de Granada!“
-
-Der „Stier von Granada“ hatte den olivenfarbigen Teint der Südspanier,
-einen häßlichen Gorillakopf mit wilden, schwarzen Locken, einen
-unwahrscheinlich breiten Brustkasten, unmäßig breite Schultern und die
-größten Hände, die man je gesehen hatte. Das waren wahrhaftig keine
-Hände, sondern die Tatzen eines großen, wilden Tieres. Dazu war sein
-Gesicht über alle Maßen häßlich, von einer Häßlichkeit, die fast schon
-wieder imponieren konnte. Der Toro de Granada klappte plump und grob
-zusammen, anstatt sich zu verbeugen... Jeder fühlte, daß man diesem
-olivegrünen menschlichen Stier gegenüber nicht würde unparteiisch
-bleiben können. Man würde wohl gegen ihn Partei nehmen, aber Partei
-nehmen in jedem Falle....
-
-„... August Bluhm, der Apollo von Berlin --! -- Roland, Berlin!“
-
-Das war Eberhard Freidank. Er hatte den Athletennamen „Roland“ gewählt.
-Fritzi schrie Hurra, Therese Ambrosius, von den widersprechendsten
-Gefühlen bewegt, fühlte sich einer Ohnmacht nahe....
-
-Es gab noch eine Sehenswürdigkeit. Triumphierend verkündete Markus:
-
-„Ingvar Mô, Meisterringer von Lappland!“
-
-Und dann machte er eine Pause. Es war wie der Augenblick allerhöchster
-Spannung, wenn ein Todesmutiger im Zirkus die steile Fahrt durch den
-Todesring antritt, es war ein atembeklemmendes Schweigen, als wenn die
-Natur in Gewitterschwüle den ersten Donnerschlag erwartet....
-
-„.... Hermann Thyssen, Weltmeisterringer.“
-
-Und in den Jubel der Menge hinein bliesen die Trompeten, jauchzten alle
-diese leblosen Instrumente mit beseelten Stimmen....
-
-Die Menge hatte sie gesehen, die Starken, die Spannung war gelöst;
-man konnte wieder atmen, wieder um sich blicken, wieder lachen! Die
-Ringkämpfer hatten die Bühne verlassen. Nun bekam man nur noch jene
-sechs zu sehen, die paarweise gegeneinander ringen sollten. Jan van
-Muyden, der blonde Holländer, gegen den Apollo von Berlin, der braune
-Argyll gegen den langen Irländer Lanfrey und zum Schluß der Türke gegen
-Thyssen.
-
-Die Ringkämpfer verließen die Bühne, um sich in den Garderoben
-umzukleiden. Nur die sechs Ringer des Abends blieben auf der Bühne. Van
-Muyden und der Berliner mußten sofort zum Kampfe antreten, die übrigen
-vier hüllten sich in Laken und Bademäntel. Sie standen plaudernd
-beisammen und schimpften auf Englisch über die Kälte. Sala ben Brahim
-verstand nicht viel Englisch, aber er schimpfte mit. Thyssen, dem
-Mikita Zirkovitsch den hellen Mantel um die Schultern gelegt hatte,
-sprach noch einige Worte mit dem Serben und verabschiedete ihn dann
-durch eine einfache Kopfbewegung. Er stand nun allein, fest in seinen
-Mantel gewickelt, und sah schweigend hinter der ersten Kulisse dem
-Ringkampfe zwischen van Muyden und August Bluhm zu. Niemand sprach
-ihn an, und er schien niemanden zu sehen. Doch als Eberhard an ihm
-vorbeiging, fühlte er wieder, wie vor einigen Wochen im Theaterbureau,
-jenen ruhigen und dabei flammengleichen, unergründlichen Blick des
-Matadors auf sich gerichtet. Er spürte ihn noch, als er in die
-Garderobe trat, in der ein Teil der Athleten schon mit dem Umkleiden
-beschäftigt war, während andere noch plaudernd umherstanden.
-
-Vittorino Cardo war seinem Bruder behilflich, das Obertrikot über den
-Kopf zu ziehen. Inzwischen fragte Giacomo mit knabenhaftem Lächeln:
-
-„La réprésentation finie, où irons-nous?“
-
-„Nach Hause,“ erwiderte der Ältere freundlich. Auf jede
-Bildungsmöglichkeit bedacht, sprach er mit Giacomo gern in der Sprache
-des Landes, wo sie jeweilig auftraten.
-
-Giacomo sah ihn unglücklich und erschrocken an, und der Ausdruck seines
-Gesichtes war so entsetzt, so kindlich betrübt, daß Vittorino rasch
-sagte:
-
-„Va, nous irons souper quelque part.... ou au café... ou même ce que tu
-voudras....“
-
-Da war Giacomo wieder fröhlich und lachte wie ein zufriedengestelltes
-Kind. --
-
-Manuel Gomez, der immer ungeduldig war, hatte sich eben durch seine
-rohen, heftigen Bewegungen das Trikotbeinkleid zerrissen. Nun besah
-er den Schaden und stieß auf Spanisch die gotteslästerlichsten Flüche
-aus, in denen allen Heiligen übel mitgespielt wurde und besonders
-„el culo de la Madona“ in unehrerbietiger Weise erwähnt wurde. Willi
-Lehmann sah dem Spanier zu, wie er über ein kleines Mißgeschick wütete,
-und mußte über Gomez’ Zorn und seine unanständigen Flüche so sehr
-lachen, daß er die Schnürbänder seiner Ringstiefel nicht aufknüpfen
-konnte. Immerfort lachend reichte er Eberhard, seinem Bekannten aus der
-Traininghalle André Leroux’, die Hand und erkundigte sich nach Fritzi.
-Eberhard erwiderte wortkarg, daß es ihr gut gehe, und brach sofort die
-Unterhaltung mit dem Zirkusathleten ab.
-
-Eben kam ein Kellner in die Garderobe und fragte nach Herrn Binder.
-„Das bin ich,“ sagte Aloys Binder, „was willst du denn von mir?“ Er
-saß in Unterhosen auf einem Koffer und sah den hübschen Kellner frech
-und neugierig an. „Ich bringe Briefe,“ erwiderte der Kellner, „fünf
-Briefe -- bitte.“ „Weiter nichts?“ sagte der Ringkämpfer verdrießlich,
-„Briefe? -- Richtig, vier Briefe und ein Zettel! -- Natürlich von
-Weibern... Hat einer von euch vielleicht Verwendung für die Weiber?“
-fragte er mit zynischem Lachen, indem er die Briefe in der Luft
-schwenkte.
-
-„Wenn du se nich brauchen kannst --,“ sagte Willi Lehmann gierig, „denn
-zeig ma’ her... Ick könnte ja vielleicht eena oda zwee’n den Jefallen
-tun... Ick bin for die Weiber, aber ick jenieße se sehre mit Vorsicht!“
-
-Und er griff nach den Briefen, die Aloys Binder ihm ohne weiteres zum
-Öffnen überließ. Eberhard staunte, wie gut der Zirkusringer sich dem
-Verkehrston der Champion-Athleten anpaßte. Jetzt riß er die Briefe auf;
-Binder, der immer noch in Unterhosen herumlief, und Lehmann lasen sie
-unter Gelächter durch und verkündeten ungeniert ihren Inhalt...
-
-Diese Briefe, stammelnde, sinnlose Beteuerungen und Bitten voll
-Bewunderung und Leidenschaft, stammten seltener von jungen Mädchen,
-als von Frauen. Nur sehr blasierte junge Mädchen, die schon mancherlei
-Liebe genossen hatten, erlagen dem Zauber der athletischen Muskeln.
-Aber die jungen Frauen, jene, die an einen ungeliebten oder älteren
-Mann gekettet waren, jene, die in ihren Kreisen für keusch und unnahbar
-galten, sie brachen zusammen beim Anblick soviel starker, gesunder,
-muskulöser, wohltrainierter Männlichkeit. Die Flammen, die sie daheim
-unter Schweigen und Tränen, im verborgenen geweint, zu ersticken
-suchten, sie schlugen plötzlich auf und fraßen die natürliche Scham der
-Weiber auf, jene Scheu, die dem Weibe verwehrt, ihren Leib dem Manne
-selbst anzubieten. Dann verlangten sie, gleich im Theater, errötend,
-mit niedergeschlagenen Augen, Schreibzeug, spendeten dem Kellner, der
-ihr Liebesbote sein sollte, üppige Trinkgelder und warteten zitternd
-und verlangend auf den Starken, ob es ihm gefallen möchte, ihre Liebe
-anzunehmen...
-
-Diesmal hatten die Schreiberinnen Glück. Willi Lehmann übernahm zwei
-der Briefe. An eine Dame wollte er schreiben, die andere hatte gleich
-einen Rendezvousort unweit des Theaters angegeben. Aloys Binder
-interessierte sich nur für eine Journalistin, die ihre Visitenkarte
-mit voller Adresse gesandt hatte. „Sowas habe ich gern,“ sagte
-er, „Malerinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, die machen
-Spaß... Die machen alles mit, kennen alles, sind nicht zimperlich und
-trotzdem nicht gerade gemein... Das einzige ist, sie zahlen nichts!
-Künstlerinnen zahlen nichts, und schenken auch nichts! Höchstens
-Bücher und solches Zeug! -- Aber diese kleine Zeitungsschreiberin,
-oder Dichterin, oder was sie ist, werde ich mir morgen mal ansehen.
-Schreibt, daß sie dreiundzwanzig Jahre alt ist. Wenn’s wahr ist....“
-Dazwischen kam ihm ein Gedanke: „Hast du denn Geld genug bei dir?“
-fragte er lauernd.
-
-Willi Lehmann, der gerade vor einem halbblinden Spiegel seine
-grellfarbige Krawatte umband, drehte sich schnell um, als ob er
-schlecht gehört hätte:
-
-„Jeld? -- Mensch, ist das dein Ernst? -- Wenn man von ’ne Donna
-injeladen wird, ooch noch wat bezahlen? -- Ach nee, Willi Lehmann nich!
-Da müss’n se de Zeche zahlen un außerdem noch orntlich blechen, die
-Weiber, wenn ick mir for ihr Vajniejen bemüh’n soll!“
-
-Er setzte den runden, steifen Hut auf und verschwand. Gleich hinter ihm
-verließen Sergej Roditscheff und Paul Kiesling die Garderobe. An der
-Tür kehrte Kiesling noch einmal um. Er hatte bemerkt, das Roditscheff
-seinen Koffer nicht abgeschlossen hatte, ging zurück und steckte den
-Schlüssel zu sich.
-
-„Immer die Ordnung!“ sagte der Russe in seinem harten Deutsch halb
-anerkennend, halb spöttisch. Kiesling begnügte sich damit, die Achseln
-zu zucken, und Roditscheff fuhr fort:
-
-„Wohin schleppst du mich jetzt, Paul? Ins Theaterrestaurant?“
-
-„Höchstens, um dort zu essen,“ versetzte der Westfale, „hernach gehen
-wir zu Jolly!“
-
-„Kennst du das?“ fragte Sergej, „gibt es dort nette Pummels?“
-
-„Das nicht,“ erwiderte Paul lächelnd, „mußt du gleich am ersten Abend
-wieder Mädels haben? -- Aber ’n kleines Spielchen gibt es bei Jolly.“ --
-
-Das war dem Russen auch recht, und sie gingen zusammen fort.
-
-Aloys Binder wollte auch zu Jolly gehen; er verabredete sich mit
-Eberhard, daß man sich später dort treffen wollte. Manuel Gomez hatte
-sich mittlerweile unter schrecklichem Fluchen angekleidet. Er verstand
-Französisch und ließ sich ebenfalls die Adresse des Restaurants Jolly
-geben. Dann setzte er seine großkarrierte Schirmmütze auf den wilden,
-eckigen Lockenkopf und stampfte ohne Gruß hinaus.
-
-Binder war endlich mit seiner Toilette fertig geworden. Er stand von
-seinem Koffer auf, reckte seine nervigen Arme aus und sagte mit einem
-tiefen Seufzer:
-
-„Jetzt fängt mein Nachtdienst wieder an. Mein Drachen hat Ordre, vor
-dem Theater zu warten... Will mal sehen, vielleicht schicke ich sie
-direkt nach Hause... Ich kann Ihnen sagen, Roland, so’n Reisedrachen
-ist das schlimmste, was man sich auf den Hals laden kann!“
-
-Eberhard wußte nicht, von wem der Athlet sprach, und fragte darum
-vorsichtig: „Wieso?“
-
-„Wieso --?“ fragte Binder gedehnt, „das fragen Sie? Ein Frauenzimmer,
-das einem Tag und Nacht nicht vom Halse geht? Das einen wie ’n Schatten
-verfolgt? -- Und nimmt man sich mal irgend ’n andern hübschen Balg mit
-nach Hause, ist gleich der Teufel los mit Heulen und Vorwürfen ....
-Na, mein Drachen ist ja kusch! Die hat’s ja endlich gelernt.... Die
-ist so zahm geworden... Wenn ich mir ’n andres nettes Ding zum Besuch
-mitbringe, zieht sie ihr Schuhe und Strümpfe aus, wenn ich’s verlange,
-und bringt uns morgens den Kaffee ans Bett!.... Ja, das hat aber genug
-Hiebe gekostet!“
-
-Eberhard Freidank war entsetzt. Wie zynisch renommierte dieser
-häßliche, rohe Münchener mit seiner perversen Verworfenheit! Zum
-Überflusse zog er jetzt die Brieftasche und nahm eine Photographie
-heraus, die er mit den Worten: „Da sehen Sie meinen Drachen!“ vor
-Eberhard auf den Tisch warf. Trotz seines Widerwillens konnte Freidank
-nicht anders, als das Bild ansehen.
-
-Es war das Porträt einer unbeschreiblich lieblichen Dame, die acht-
-oder neunundzwanzig Jahre alt sein mochte. Das zarte, vornehme Gesicht
-hatte einen kindlichen, rührenden Reiz, die schmale Aristokratennase
-und die großen, zugleich unschuldigen und sehnsüchtigen Augen waren
-auffällig schön. Unter diesem Bilde stand: In Ewigkeit. Celeste.
-
-Eberhard gab schweigend die Photographie zurück. Er wußte nicht, wie er
-die zynischen Reden des Athleten mit diesem Porträt des lieblichsten
-Engels in Einklang bringen sollte. Übrigens kamen eben Jan van
-Muyden und August Bluhm von der Bühne zurück, wo sie eine halbe
-Stunde miteinander gerungen hatten, ohne daß einer von ihnen gesiegt
-hatte. Von einer Gegnerschaft der Beiden war nichts zu bemerken.
-Sie trockneten sich den Schweiß ab und rieben sich dann gegenseitig
-den Oberkörper mit wollenen Frottiertüchern. Wenige Minuten später
-erschienen auch Lanfrey und Frank Argyll. Der kleine, braune Neger war
-von dem langen Irländer zwei Minuten nach Beginn des Kampfes besiegt
-worden. Er schüttelte wehmütig sein häßliches, braunes Köpfchen und
-erklärte melancholisch, daß Lanfrey nicht nötig gehabt hätte, ihn mit
-so viel Wucht über die Schulter zu werfen; er hätte ihn doch besiegt,
-no doubt... Und er schüttelte fortwährend den Kopf. Lanfrey hörte gar
-nicht auf die Vorwürfe Argylls in dem schlechten Neger-Englisch. Er war
-Temperenzler, hielt alle übrigen Menschen für Säufer und verachtete sie
-wegen ihrer Trunksucht tief. --
-
-„Guten Abend!“ sagte Eberhard energisch. Er sehnte sich, ins Freie
-zu kommen. Das kindische und sinnlose Treiben seiner Kollegen in der
-Garderobe widerte ihn an. Die Bühne war augenblicklich ganz leer, da
-Thyssen vorne mit Sala ben Brahim rang. Dabei duldete der Weltmeister
-niemanden in den Kulissen. Eberhard trat aus dem Bühnenraum durch eine
-kleine Tür, die auf den schmalen Gang hinter den Logen führte. Er
-suchte seine Freundin Fritzi. Zu seiner Überraschung war Fritzi nicht
-mehr da. Sollte sie schon nach Hause gegangen sein? Er fragte den
-Schließer, der nur wußte, daß eine kleine brünette Dame mit einem Herrn
-fortgegangen war... Eberhard dankte; das konnte also Fritzi nicht sein.
-Wo aber war sie dann? --
-
-Er stieg die Treppe hinunter und gelangte in den Theatersaal. Dort war
-das Fieber der Sportleidenschaft aufs Höchste gestiegen. Auf der Bühne
-rangen, balgten und wälzten sich die ineinander verschlungenen Leiber
-Thyssens und des Türken. Eben gab der Manager dem Orchesterdirigenten
-einen Wink; die Musik mußte schweigen. Bisher hatte der laute Marsch
-das Geräusch des Ringkampfes übertönt und immer noch ein wenig die
-Aufmerksamkeit abgelenkt. Nun breitete sich herzbeklemmend eine
-aufregende Stille aus und nur von der Bühne drang das heftige,
-animalische Stöhnen des Türken. Der mattbraune Leib Sala ben Brahims
-war schon ganz mit Schweiß bedeckt. Der Schiedsrichter pfiff und
-unterbrach die Ringer auf eine Minute, während welcher die Gegner
-abgetrocknet werden sollten. Der Türke verschwand; Hermann Thyssen
-blieb mit ruhigem, hochmütigem Gesicht nahe an der Kulisse stehen, fing
-ein ihm zugeworfenes Handtuch auf und trocknete flüchtig über Arme und
-Hände. Seine zähe Germanenkraft war noch lange nicht erschöpft.
-
-Dann trat Sala wieder auf, eine Hand an dem Amulett, welches er selbst
-beim Ringkampfe nicht vom Halse ließ. Ein Pfiff, und wieder gingen die
-Ringer hart aufeinander los. Thyssen machte jetzt Ernst. Der Türke, in
-seiner blinden Wut, stieß heulende, gurgelnde Töne aus; schon wieder
-war er in Schweiß gebadet, und man meinte das Dampfen seiner Flanken
-zu sehen und den bitteren Duft seines erhitzten braunen Leibes zu
-spüren. Da warf ihn Thyssen zu Boden; und ehe der Türke sich von der
-Matte erheben konnte, war sein Gegner blitzschnell neben ihn getreten,
-hatte den langen, dampfenden, widerstrebenden Körper um den Gürtel
-hochgehoben, so daß die Beine über seinem Kopf zappelten, und ließ den
-gänzlich Wehrlosen kopfunter zu Boden gleiten...
-
-Es war der vollkommene Triumph der intelligenten, gebändigten Technik
-über die tierische Naturkraft. Und, durch einen Zufall, bot dieser
-Ausgang des Kampfes genau dasselbe Bild, wie das Plakat, welches noch
-in den Gedanken aller war. Ein wahnsinniger Beifallstaumel erhob
-sich; Männer und Jünglinge klatschten hingerissen dröhnend in die
-Hände, sprangen von den Sitzen auf, stürmten auf die Bühne, falteten
-die Hände und riefen in exaltierter Verzückung Thyssens Namen...
-Eine Demimondäne, eine allerliebste Blondine, die keine Blume zu
-werfen hatte, löste ihr Brillantarmband und schleuderte es nach dem
-Gefeierten; eine reife, schöne Frau von vielleicht vierzig Jahren sank
-ohnmächtig in die Arme ihres korrekten Gatten. Es war ein tosender
-Jubel, wie das Branden und Wogen eines großen Meeres, das zu Füßen des
-Athleten rauschte und tobte und über alle Ufer strömte. Es fehlte nur
-der Raum, daß alle die verzückten, außer sich geratenen Menschen vor
-ihrem Idol auf die Kniee gestürzt wären, um ihm göttliche Ehren zu
-erweisen.
-
-So also wurden die Starken geehrt...
-
--- Eberhard ging schnell aus dem Theater. Er war doch bewegt von der
-imponierenden Szene, gewaltig durch die Einmütigkeit der Massen, der
-er soeben beigewohnt hatte. Als er in den Vorraum trat, wo die kalte
-Nachtluft ihm entgegenschlug, fiel ihm wieder ein, daß er Fritzi suchen
-wollte.
-
-Er ging durch das Theaterrestaurant. Fritzi war nicht da. Er bestellte
-ein Glas Bier, um den Kellner unauffällig fragen zu können. Indessen
-besann er sich anders und fragte nicht. --
-
-Am Nebentische saß Paul Kiesling und verzehrte ohne Hast sein
-Abendbrot. Sergej Roditscheffs Suppe stand auch auf dem Tische und
-wurde kalt. Denn der Russe lehnte an dem Büfette und plauderte mit der
-schönen Leonie. War es ohnehin ein Wunder, daß Fräulein Krömer sich so
-lange mit einem Herrn unterhielt, so verlangte der Ringkämpfer erst
-recht Unmögliches von ihr. Sie sollte von ihrem Thron an dem Büfette
-hinabsteigen und sich mit Roditscheff und Kiesling an den Tisch
-setzen. Die schöne Brünette konnte vor Lachen kaum zu Worte kommen.
-Mein Gott, hatte schon jemals ein Mensch ein solches Ansinnen an sie
-gestellt? Sie war doch keine Kellnerin? Dieser Athlet war wirklich
-unglaublich!
-
-„Schade,“ sagte der Russe halb lachend, halb bedauernd. „Ein anderes
-Mal werden Sie bei uns sitzen, das weiß ich heute schon... Sie sind nur
-heute so stolz, Fräulein... Wie heißen Sie übrigens, Täubchen!“
-
-„Leonie Krömer,“ sagte die Schwägerin des Direktors.
-
-„Lona also,“ versetzte Roditscheff lächelnd und zeigte seine schönen,
-breiten Zähne. „Ich sage Lona zu dir... Das erlaubst du doch? -- Jetzt
-merke dir, Lona: ich kann nicht leiden, wenn die Mädel zu stolz sein
-wollen! -- Also vielleicht morgen, Lona!“
-
-Er reichte ihr die Hand, in die sie zögernd einschlug, und ging mit
-seinem hohen, charakteristischen Gange zu seinem Freunde Kiesling
-an den Tisch. Fräulein Krömer sah ihm sprachlos nach mit merkwürdig
-brennenden Augen, Siegerin und doch besiegt...
-
-Ein Schwarm der Gäste drang in das Restaurant. Eberhard ging hinaus.
-Eine fieberhafte Unruhe um Fritzi hatte ihn ergriffen. Er rief eine
-Droschke an und fuhr nach Fritzis Wohnung.
-
-In dem Wagen, bei dem gleichgültigen Rollen der Räder, stieg all das
-Dumpfe, Zweifelvolle in ihm langsam empor, welches er in den letzten
-Wochen beständig unterdrückt hatte. Es war das: er vertraute ihr
-nicht mehr. Das ist ein schreckliches Ding, das Mißtrauen. Das bohrt
-und wühlt -- und dann wird es wieder beschwichtigt. Man schließt die
-Augen, man tröstet sich selbst, man belügt sich selbst. Man glaubt, das
-schreckliche Ding ist tot und hat nie gelebt und hatte überhaupt kein
-Recht, zu leben. Und dann ist es mit einem Male wieder da, ganz groß
-und lebendig und wild, und bohrt und wühlt und wütet weiter...
-
-Und die Liebe? -- --
-
--- Fritzi war nicht in ihrer Wohnung. Er hatte es sich gedacht. Und
-da kam ihm jählings ein süßer, liebreicher Gedanke: sollte Fritzi
-heimlich, gegen die Verabredung, in seine Wohnung geeilt sein, um ihn
-traulich zu empfangen? Sein Kopf sagte: nein. Aber die Liebe sprach:
-das törichte Kind, -- möglich wäre es... Die Droschke jagte nach seiner
-Wohnung. Er schloß leise, leise auf, daß Frau Ambrosius und Therese
-ihn nicht hörten. Es war alles dunkel und unverändert, wie bei seinem
-Fortgehen.
-
-In sein Hirn bohrte sich der Gedanke ein: Ich muß sie finden. Durch die
-nächtlichen Straßen führte der eilende Wagen ihn in das Café Prätorius,
-wo er wohl hundertmal mit Fritzi gesessen hatte. Lauter fremde
-Gesichter; die Geliebte war nicht unter ihnen.
-
-Und weiter fuhr er und blickte interesselos aus dem Wagenfenster.
-Draußen begann in linden Flocken der Schnee zu fallen. Die weichen,
-feinen Sternchen rieselten hernieder, tanzend, taumelnd, und glitten
-lautlos auf die Erde hinab. Eberhards Seele aber blieb dem sanften,
-beruhigenden Schauspiele des friedlichen, schimmernden Flockenfalles
-verschlossen. Seine Gedanken flogen dem dahineilenden Wagen voraus,...
-vielleicht, daß er Fritzi doch in dem Theaterrestaurant traf...
-
-Direktor Immermann saß mit einer kleinen Gesellschaft um einen Tisch
-in der Nähe des Büfetts, wo er den ganzen Raum übersehen konnte. Als
-er Eberhard bemerkte, sprang er auf und lud ihn fröhlich und jovial
-an seinen Tisch ein. Eberhard, mit seinem Herzen voll Unruhe und
-Verzweiflung, konnte nicht anders, als der Einladung nachkommen.
-Immermann, behende und munter wie immer, zog den jungen Mann am
-Rockärmel heran und stellte ihn seiner Gesellschaft vor: „Herr
-Ringkämpfer Roland....“ Und er nannte die Namen der um den Tisch
-versammelten Personen. Es waren seine Gattin Adelheid, eine üppige,
-schönfrisierte Dame, ein Variétéagent, Fräulein Coeur de Rose, die
-Soubrette, ferner Thyssens Manager Herr Markus und Leonie Krömer.
-Roland mußte zwischen dem Direktor und seiner Frau sitzen. Er sagte der
-hübschen Dame einige Artigkeiten, über die sie höchst geschmeichelt
-mit charmantem Lächeln quittierte. Sie interessierte sich lebhaft für
-den jungen Riesen, von dessen romantischem Berufswechsel ihr Mann ihr
-erzählt hatte. Immermann selbst strahlte förmlich vor Bonhommie und vor
-Stolz, den neuen Athleten, der heute abend auf der Bühne eine äußerst
-stattliche Figur gemacht hatte, entdeckt zu haben. Auch Markus war
-von seiner Erscheinung eingenommen, obwohl er ihn noch nicht hatte
-ringen sehen. Auf viele Fragen mußte Eberhard aufmerksam Bescheid
-tun. Zum Überflusse fing jetzt auch noch Coeur de Rose an, mit ihm zu
-kokettieren. Da war seine ohnehin aufs höchste gespannte Geduld zu
-Ende. Er sagte hastig und überstürzt, daß er noch eine Verabredung
-habe, dankte für die Einladung Immermanns, noch ein Stündchen mit
-ihnen zu verbringen und stand auf, ohne den schmachtenden Blicken
-der galanten Soubrette Beachtung zu schenken. Während er mit Hilfe
-des Kellners in den Mantel fuhr, hörte er, wie Markus zu Immermann
-bemerkte: „Die Ringer sind einer wie der andere. Nein, es ist nicht
-leicht, mit ihnen auszukommen.“ Eberhard lachte grimmig; gut, mochte
-an diesem Abende, wo all sein Glück auf dem Spiele stand, nicht mit
-ihm auszukommen sein! Er verabschiedete sich vom Direktor und seiner
-Gattin, grüßte die übrige Gesellschaft durch eine rasche Verbeugung und
-eilte von dannen.
-
-Wohin aber nun? --
-
-Vor dem Theater war es dunkler geworden. Ein Teil der elektrischen
-Lampen war ausgelöscht. Der Schnee fiel immer noch, gleichmäßig, sanft
-und leise, und senkte sich auf die Erde nieder, wie große Flügel weißer
-Gottesengel. Nur die Seele des Mannes hatte keinen Frieden und war voll
-Bitterkeit und wilder Gefühle. Ihm war, als gleite er ins Bodenlose.
-Plötzlich fiel ihm die Verabredung bei Jolly ein. Also gut: gehen wir
-zu den Athleten! Und schließlich: wäre es denn so ganz unmöglich, daß
-Fritzi....
-
-Eberhard schlug den Mantelkragen hoch, schob, mit einem Male
-unternehmend geworden, den Hut ziemlich weit auf den Hinterkopf, so daß
-ihm die Flocken auf Stirn und Schädel fielen, und schritt, beide Hände
-in den Taschen, zu Jolly. Er ging über die Spreebrücke und noch durch
-eine ganze Anzahl Straßen; er hatte die Straße, in der das Lokal sich
-befand, früher nie betreten. Es war eine alte Straße im Zentrum der
-Stadt, nicht weit von der Gertraudtenbrücke.
-
-Das Restaurant Jolly sah äußerlich genau so aus, wie die meisten
-Berliner Wirtshäuser, in denen Kleinbürger und bessere Handwerker
-verkehren und abends ihre Partie Billard oder ihren Pfennigskat
-spielen. Das Wort „Sportrestaurant,“ welches sich auf dem Schilde
-zur Rechten der Tür befand, tat sich nicht besonders hervor. Es hieß
-Sportrestaurant, weil der Inhaber, ein ehemaliger Amateurathlet
-von gutem Rufe, es verstanden hatte, eine ganze Anzahl jüngerer
-Sportkollegen als Stammgäste seiner Wirtschaft heranzuziehen. Er
-hatte sie dann in einer Art Klub vereinigt und ihnen aus einem alten
-Lagerraum ein kleines, primitives Trainierlokal hergerichtet.
-
-Heute, da die große Konkurrenz im Odeon eröffnet worden war und zwei
-Dutzend berühmter internationaler Champions der Kraft ihren Einzug in
-Berlin gehalten hatten, hatte das Restaurant Emil Jollys seinen großen
-Tag. Die Mitglieder des Amateurklubs Herkules, die sonst in diesen
-Räumen das Wort führten, sahen sich heute auf die Rolle der stummen,
-bewundernden, fast nur geduldeten Zuschauer angewiesen. Zu dieser
-späten Stunde -- es war ein Uhr des Nachts -- waren sie überhaupt schon
-fast sämtlich verschwunden; nur wenige der jugendlichen Herkulesse
-saßen und standen hier und dort schweigsam herum.
-
-Eberhard schloß langsam die Türe und blickte sich um, indem er den Hut
-auf dem Kopfe behielt. Zur Linken des Einganges befand sich das Büfett,
-das von blankem Zinn und Messing glänzte. Aus kleinen, messingenen
-Brunnen sprudelte durch einen Hebeldruck das Bier. Auf hölzernen Zapfen
-standen viele Gläser, wie man sie für verschiedene Getränke braucht;
-ein hoher Likörschrank mit vier langen Reihen bunter, geschliffener
-Flaschen war in die Wand eingelassen. Dieses lustige Flaschenbataillon
-und die blanken, gelben Bierbrünnchen wurden von der Hausfrau selbst
-verwaltet. Frau Jolly, ein kräftiges, appetitliches junges Weib mit
-vollem, hochgeschnürtem Busen war sehr adrett und stattlich anzusehen
-im schwarzen, prallen Damastkleide mit der weißen Halsrüsche und dem
-weißen Tändelschürzchen, das chic und hausfraulich den runden Leib
-bedeckte. Und heute abend wurde ihrem frischen, rotbäckigen Charme
-die denkbar höchste Anerkennung zuteil, denn Hermann Thyssen, der
-Weltmeister, stand schön und würdevoll vor dem Büfette und beliebte
-mit der Hausfrau zu scherzen. Er, um dessen Huld sich die schönsten
-und elegantesten Frauen aller Länder bewarben, dem Prinzessinnen von
-Geburt und amerikanische Dollarladies zu Füßen lagen und an dessen
-breiter Brust, wie alle Welt wußte, eine leibhafte junge, anmutige,
-lebenslustige Königin geruht hatte!
-
-Hermann Thyssen wendete sich nach dem eintretenden Eberhard um, noch
-mit dem heiteren Licht in seinen sonst so hochmütigen Augen, den
-reizenden, klassischen Mund vom liebenswürdigsten Lächeln verschönt.
-Eberhard begriff plötzlich die wilden Leidenschaften, die der schöne
-Champion diesseits und jenseits des Ozeans entfesselt hatte, und
-die Geste, mit der er den Hut zog, war mehr als ein einfacher Gruß.
-„Ah, Roland!“ sagte Thyssen kollegial, „Sie finden die andern im
-Klavierzimmer!“
-
-Das Klavierzimmer war sehr klein für die Menge von Menschen, die darin
-Platz gefunden hatten. Man hatte mehrere der weißgescheuerten Tische
-zusammengerückt und sich rundum gesetzt. Hermann Thyssens Platz war
-leer. Am Tische saßen Mansur mit seiner Frau, der molligen Wienerin,
-Bernhard Meinken, Emil Jolly, Jan van Muyden, Giacomo Petrocchi
-und Vittorio Cardo, Aloys Binder mit seiner Freundin Celeste, der
-dickköpfige Pierre le Forgeron mit einem hübschen, jungen Dinge,
-welches er vorhin im Hausflur entdeckt und gleich mit hineingenommen
-hatte, Paul Kiesling, Sergej Roditscheff, August Bluhm und Zirkovitsch.
-An einem Extratisch beim Fenster saßen zwei schweigsame Zecher, die
-sich von den andern abgesondert hatten, Sala ben Brahim und der Stier
-von Granada. Der Türke, in einem phantastischen Gewande, in grobem
-Hemd, besticktem Jäckchen, Pluderhosen und breitem Gürtel, in dem ein
-Dolch steckte, den Fez auf dem schwarzen, spärlichen Haar, soff trotz
-dem Koran und starrte gleichgültig in sein Glas. Manuel Gomez saß
-faul hintenübergelehnt, in einer unglaublich nachlässigen Stellung,
-die großen Füße weit von sich gestreckt. Er war zum ersten Male in
-Berlin, hatte aber als findiger Zecher, der sich an allen berauschenden
-Getränken, die auf Erden erzeugt werden, schon betrunken hatte, sofort
-den Landwehrtopf entdeckt und handhabte ihn geschickt, wie ein
-geborener Berliner. Sein häßliches, olivenfarbiges Gesicht mit der
-breiten Nase und den finster beschatteten Augen drückte die äußerste
-Indolenz aus. Er verriet durch kein Zeichen Teilnahme an dem, was um
-ihn vorging, und bewegte sich nur, um mit seiner enormen Tatze den
-Landwehrtopf zum Munde zu führen oder um von Zeit zu Zeit eine neue
-Zigarette zu entzünden.
-
-Am Tische war man guter Dinge. Frau Anna, die Gattin des schwarzen
-Mansur, war in der besten Laune und sprudelte in ihrer allerliebsten
-Mundart die drolligsten Einfälle heraus. Die kleine, runde Frau
-hatte einen losen, kecken Mund und ein vorzügliches Gedächtnis und
-hatte sich, wie es schien, alle Schnurren und Anekdoten gemerkt, die
-sie jemals hatte erzählen hören. Die erzählte sie nun, eine nach
-der andern, in unerschöpflicher Folge. Ihr Mann verstand nicht viel
-davon; er sprach fast nur Englisch und begnügte sich damit, verklärten
-Gesichtes dazusitzen. Sobald er aber den Mund auftat, schlug sie ihm
-mit der kleinen, fetten Hand auf die wulstigen Negerlippen und forderte:
-
-„Still bist, Mansurl! Nöt an anzig’smal läßt dein rechtmäßig’s Weiberl
-zu an Wort kommen! -- Da fallt mir noch a G’schichten ein -- -- --“
-
-Das junge Ding an Pierre le Forgerons Seite, eine kleine Näherin,
-war fast außer Atem vor Lachen. Sie kümmerte sich gar nicht um den
-„Champion von Paris,“ der sie hereingeführt hatte und nicht mit ihr
-sprach, weil er kein Deutsch konnte; sie hörte nur der lustigen
-Wienerin zu. Jan van Muyden, der Frau Annas Anekdoten längst kannte,
-begann unterdessen ein verliebtes Spiel mit der niedlichen Schneiderin.
-Er saß ihr gerade gegenüber, trat ihr unter dem Tisch auf die Füße und
-versuchte, seine Kniee ihren schmächtigen Mädchenknieen zu nähern. Aber
-er hatte keinen Erfolg. Endlich fühlte sie das Knie des Holländers und
-blickte überrascht zu ihm hinüber. Jan van Muyden hatte die Zigarre aus
-dem Munde genommen und gähnte eben in ungenierter Weise. „Ach!“ rief
-das kleine Fräulein ihn an, „ach Sie!! -- Sie sollten schlafen gehen,
-wenn Sie so müde sind!“ Van Muyden fuhr polternd auf: „Halte dein Maul,
-du freches Ding! Was denkst du denn, wen du vor dir hast?“ „Die Fräul’n
-denkt, s’ ist besser dran mit aan’, der wo scho’ müd’ ist!“ rief die
-zungenfertige Anna spitzig. „Fräul’n, der Forgeron geht auch bald
-z’Haus!“ -- Pierre le Forgeron hatte nichts verstanden; er hatte nur
-begriffen, daß seine Dame beleidigt war. Sein Kopf wurde dunkelrot bis
-unter die pomadeglänzenden Locken, er sprang mit solcher Vehemenz auf,
-daß mehrere Biergläser ihren Inhalt über den Tisch und die Umsitzenden
-ergossen und wollte dem Holländer durchaus zu Leibe gehen. Paul
-Kiesling gab sich Mühe, zu vermitteln. Er wollte keinen Streit. Sein
-schmales, hartes Gesicht sah indigniert aus; er war gekommen, um Karten
-zu spielen und mußte nun ohnehin die allgemeine Unterhaltung über sich
-ergehen lassen. Er riß den wütenden Franzosen mit einer Hand, die
-tödlich erschrockene Näherin mit der andern Hand vom Tische weg, zur
-Türe hinaus in das Billardzimmer hinein. Jan van Muyden wollte nach. Da
-schlug der friedliebende Westfale kurz entschlossen die Verbindungstüre
-zu, gab dem jungen Mädchen ihren Schal, dem Franzosen Mütze und Paletot
-in die Hand und drängte alle beide ruhig und energisch zum Restaurant
-hinaus, indem er abwechselnd auf beide einredete:
-
-„Tu t’en vas, Pierre, avec ta petite dame, c’est entendu! -- Allons
-marsch, du dummes Ding, nimm ihn mit oder macht, was ihr wollt, aber
-schert euch fort! -- --“ Wenige Sekunden später war der Champion von
-Paris, die „rote Nelke,“ samt seiner Schönen ins Freie befördert.
-Paul Kiesling wendete sich um; seine schmalen Lippen umspielte ein
-flüchtiges Lächeln.
-
-„Was war denn das, Paul?“ fragte Thyssen, der immer noch bei der
-hübschen Frau Jolly an dem Schenktische stand.
-
-„Nichts,“ versetzte der Westfale ruhig, „du weißt, ich kann Radau
-absolut nicht leiden... Ein Spielchen wäre mir lieber...“
-
-„O Gott!“ schrie die Wirtin unter Lachen, „Sie sind mir einer.... Wie
-Sie das Mädchen am Arm hatten, grade wie eine junge Katze...“
-
-„Genau so,“ sagte Kiesling ernsthaft. „Die Mädchen müssen ihren Herrn
-spüren, dann sind sie leichter zu behandeln, wie junge Katzen.“
-
-Er blieb noch einige Minuten am Büfett stehen und trank einen Schnaps,
-den er sich aus Wermut und Sherrybrandy selber mischte. Dann ging er in
-das Klavierzimmer zurück.
-
-Jan van Muyden hatte schon zu viel getrunken. Er kokettierte jetzt
-mit der Geliebten Aloys Binders, Madame Celeste. Er hatte den
-leergewordenen Platz des Franzosen eingenommen und redete leise auf
-die schlanke, schöne Frau ein. Celeste saß in ihrer weißseidenen
-Theaterrobe stumm da, hatte die wunderschönen, feinen Hände im Schoße
-gefaltet und blickte mit weitoffenen, sehnsüchtigen Kinderaugen vor
-sich hin. Sie hatte noch kein Wort gesprochen und lehnte Jan van
-Muydens Reden nur mit traurigem, stillem Kopfschütteln ab. Zum Glück
-hatte Binder, der mit Eberhard in ein eifriges Gespräch gekommen war,
-noch nichts bemerkt, denn wenn seine Eifersucht einmal erregt gewesen
-wäre, hätte niemand mehr eine furchtbare Szene aufhalten können. Paul
-Kiesling übersah mit einem Blick die Situation. Er legte dem Münchener
-die Hand auf die Schulter und sagte:
-
-„Es ist nicht richtig, Aloys, daß Madame sich den ganzen Abend
-langweilen muß... Sieh her, sie schläft fast ein... Du, Jan, ich mache
-dir einen Vorschlag: mache mit mir und dem Sergej ein Spielchen! Wir
-haben noch genug Zeit....“
-
-Das war dem Holländer recht. Auch Roditscheff stand auf, und die drei
-Athleten gingen ins Büfettzimmer, wo sie nahe dem Ofen sich um den
-runden Tisch setzten. Roditscheff zog ein neues Spiel aus der Tasche
-und begann die Karten zu mischen. Inzwischen öffneten Kiesling und
-van Muyden ihre Geldbörsen und legten jeder ein Häufchen Gold- und
-Silbermünzen vor sich auf den Tisch. Der harte Zug um Kieslings Mund
-vertiefte sich, seine stahlfarbigen Augen blitzten. Liebe und Karten
-gingen ihm über alles in der Welt; aber noch lieber als die reizendsten
-Frauen waren ihm diese bunten Blättchen....
-
-An den Tisch war der Friede zurückgekehrt. Man unterhielt sich
-freundschaftlich in fünf verschiedenen Sprachen, trank helles Bier
-aus geeichten Gläsern, und einige rauchten. Hermann Thyssen stand
-immer noch bei der appetitlichen Wirtin am Schenktische und zählte
-die Knöpfe an Frau Jollys schwarzseidener Taille, indem er mit dem
-Finger auf die Knöpfe tupfte, die in enger Reihe vom Halse über die
-volle Brust gingen. Plötzlich hielt draußen mit großem Lärm ein
-Automobil, und dann hörte man den Tritt von flinken Frauenfüßen und
-ausgelassenes Mädchenlachen; die Türe wurde aufgerissen, und herein
-wirbelten und flogen fünf lachende Geschöpfe in eleganten Toiletten und
-prächtigen Hüten, die den frischen Hauch der nächtlichen Schneeluft
-und teure, starkduftende Parfüms in ihren Röcken mitbrachten. Hinter
-ihnen erschien Willi Lehmann, der heute abend seinem Prinzip, sich
-in Zukunft nur noch von anständigen Damen verehren zu lassen, untreu
-geworden war. Die gelbseidne Adele, seine Freundin aus früherer Zeit,
-stieß einen lauten Freudenschrei aus, als sie die vielen Athleten im
-Nebenzimmer erblickte, warf Hut und Pelzcape in eine Ecke, raffte ihre
-Röcke mit einem sichern Griffe bis über die Kniee hoch und sprang
-Eberhard Freidank ohne weiteres auf den Schoß.
-
-„Heißt du nicht Roland?“ rief sie unter Küssen, „ja, siehst du, Dicker,
-ich habe mir sogar deinen Namen gemerkt!“
-
-Nun kamen die andern Mädchen auch herbei. Es war ein allgemeiner großer
-Aufstand, mit dem jeder einverstanden war. Im Klavierzimmer stand ein
-altväterisches Ledersofa, mit altmodischen, weißen Porzellanknöpfen
-genagelt. Auf dieses Möbel ließen sich zwei der lustigen Frauenzimmer
-kreischend niederfallen, die Tische wurden herangerückt, die Athleten
-mit den beiden Damen rückten nach; ein Mädchen setzte sich neben
-Petrocchi, die kleine Blondine, die das Brillantarmband nach Thyssen
-geworfen hatte, nahm zwischen dem „Apollo von Berlin“, den sie früher
-als Modell gekannt hatte, und Mikita Zirkovitsch Platz, und die
-gelbseidne Adele blieb auf Freidanks Schoße sitzen. Die Mädchen schrien
-und lachten durcheinander und ließen einander nicht zu Worte kommen;
-Willi Lehmann erzählte gleichfalls schreiend von seinem Rendezvous,
-welches nur sehr kurze Zeit gedauert hatte, denn seine Dame, eine
-Rechtsanwaltsfrau, hatte ihn nur auf morgen in ihre Wohnung bestellen
-wollen; glücklicherweise kam gerade, als er der Dame die Hand zum
-Abschied reichte, die gelbe Adele mit ihren Freundinnen daher, die
-Mädchen umringten den alten Bekannten mit lärmendem Entzücken, Adele
-hängte sich in seinen rechten Arm ein, ihre Busenfreundin Magdalene
-Leblanc in den linken, und so waren seine Grundsätze kraftlos
-geworden... Alle fünf Mädchen hatten heute abend ihre Verehrer und ihr
-Gewerbe im Stich gelassen um des ordinären, häßlichen Athleten willen;
-die tolle Schar war mit ihm durch eine ganze Anzahl von Halbweltlokalen
-gestürmt, um den plumpen Menschen mit der Mongolenfarbe und den
-struppigen, schwarzen Borstenhaaren im Triumphe zu zeigen. Endlich war
-es Adele plötzlich in den Sinn gekommen, zu Jolly zu gehen; sofort
-waren alle sechs in ein Automobil gesprungen, und da waren sie...
-
-Hermann Thyssen bequemte sich jetzt auch, seinen Platz am Tische
-wieder aufzusuchen. Er hatte die kokette Sprödigkeit der Wirtin
-lange genug genossen, und der schwüle Chypreduft der Demimondänen
-stieg ihm freundlich und verheißungsvoll in die Nase. Langsam, mit
-stolzem, liebenswürdigem Lächeln, den Hohenzollernschnurrbart steil
-aufgerichtet, kam er näher. Magdalene Leblanc, die auf dem Kanapee
-saß, flog auf, wie der Pfeil vom Bogen, und zog den Weltmeister mit
-verliebter Gewalt zu sich heran. Er mußte zwischen ihr und der roten
-Alli sitzen. Er sah sich nun seine beiden Nachbarinnen an. Magdalene
-war eine blasse Brünette mit lilienschlankem Körper und einem perversen
-lüsternen Gesicht, aus dem die dunkeln, schwarzumränderten Augen wie
-meerestiefe Fragen blickten. Der schlanke, lasterhafte Leib trug mit
-aparter Grazie ein feuerrotes Prinzeßkleid, das bis unter die Hüften
-eng wie eine Schlangenhaut anlag und erst bei den Knieen in weichen
-Falten auseinanderfloß. Die rote Alli war ein bequemes, üppiges
-Frauenzimmer mit phlegmatischen Gesten und gutbürgerlichen Manieren,
-deren Spezialität darin bestand, ganz unsäglich gemeine Geschichten
-zu erzählen, über die selbst Lebemänner erröten konnten. Alli besann
-sich nicht lange und begann sofort voll Behaglichkeit ihre gepfefferten
-Gemeinheiten vorzutragen. Hermann Thyssen saß zurückgelehnt, von den
-schlanken Armen der lasterhaften Magdalene zärtlich umrankt, und war
-fast außer sich vor Vergnügen. Im Leben hatte er noch nicht so gemeine
-Redensarten aus dem Munde eines weiblichen Wesens, selbst wenn es
-eine Dirne war, vernommen. Und diese hier erzählte ihre schamlosen
-Eindeutigkeiten mit freundlicher Seelenruhe, als ob sie aus der Zeitung
-vorläse....
-
-„Jolly!“ rief Hermann Thyssen schallend durch das Zimmer, „Jolly, was
-hast du für Wein? -- Ihr seid alle meine Gäste -- --!“
-
-Der Wein wurde gebracht; wie Hochwasser stieg die Fröhlichkeit und
-schwoll zu immer lauterem Jubel an. Einmal ärgerte sich Roditscheff,
-der noch mit Kiesling und van Muyden am Spieltisch war, daß er nichts
-von der Gesellschaft der Weiber haben sollte, und während Paul die
-Karten mischte, ging er an den Tisch hinüber und bändelte mit der roten
-Alli an:
-
-„Na, Pummel, wie ist’s? Kommst du mit mir?“
-
-Das Mädchen fühlte sich beleidigt; sie hielt die Anrede des
-Ringkämpfers für eine Anspielung auf ihre phlegmatische
-Wohlbeleibtheit, und gerade die haßte sie; denn sie wollte durchaus als
-schlank gelten. Sie erwiderte giftig:
-
-„Ich denke nicht daran! -- dein Genre liegt mir nicht! Ich bleibe bei
-Thyssen... Wenn du mit Thyssen zum Ringen kommst, fliegst du doch auf
-den Hintern!“ --
-
-„Du bist gut unterrichtet, mir scheint! --“ rief Kiesling, der die
-Karten ausgegeben hatte, hinüber. „Komm her, Sergej, und laß die
-freche, rote Wanze sitzen!“
-
-Sergej ging zum Spiele zurück. --
-
-Längst hatte Emil Jolly die Außentür des Lokals geschlossen.
-
-Die gelbseidene Adele saß frech und verführerisch auf Eberhard
-Freidanks Knieen und trank mit ihm aus einem Glase. Die gesuchte
-Demimondäne trug eine tiefausgeschnittene Robe von schwarzen Spitzen
-über gelbem Atlas. Ihr heißer Körper lehnte sich an seine Schultern,
-und mit jedem Atemzuge trank er den üppigen Duft des eleganten
-Frauenzimmers, fortwährend sah er den weißen, gepuderten Hals dicht
-vor sich. „Dir scheint ja furchtbar warm zu sein, Roland!“ sagte
-Adele, „macht das meine Nähe? -- Warte, ich knöpfe dir den Kragen ab!“
-Mit großer Geschwindigkeit befreite sie ihn von der Krawatte und dem
-Halskragen, legte ihren Arm um seinen nackten Hals, suchte mit der Hand
-seine breiten Schultern...
-
-Frau Anna, die energische Wienerin, stand auf und nahm ihren Mann mit,
-der sehr ungern ging. Da herrschte Aloys Binder seine Freundin an: „Du
-ziehst dich an, Celeste, und gehst mit Frau Helu nach Hause! -- Mußt
-ohnedies bei unserer Wohnung vorbei! Schnell, marsch, nach Hause mit
-Dir!“ Celeste gehorchte ohne Widerrede, und alle drei entfernten sich...
-
-Die rote Alli hatte Appetit bekommen; Emil Jolly mußte herbeischaffen,
-was das Lokal um diese Stunde bot. Unter Freudengeschrei verzehrte die
-ganze Gesellschaft eine Dose Rollmöpse, kalte Schweinskoteletts, einige
-Endchen Wurst, eine Büchse Sardinen und eingemachte Pfeffergurken. Alle
-speisten ohne Messer und Gabeln, ohne Teller und Tischtuch von dem
-rohen, reichlich mit Bier und Wein begossenen Tische.
-
-Die Gegenwart der wohlgepflegten, eleganten Dirnen entflammte in allen
-diesen berauschten, starken Männern die wildesten Triebe. Ihre Wünsche
-wurden immer rückhaltloser, ihre Zärtlichkeiten immer verwegener.
-Aber die Frauenzimmer hatten sich mit dem eigensinnigen Wohlgefallen
-der Freudenmädchen, die einmal selbst wählen konnten, bestimmte
-Ringkämpfer herausgesucht. Die Polenkascha, eine starke, sinnliche
-Slavin, küßte fortwährend den dicken Giacomo Petrocchi ab, ohne für
-einen andern ein Auge zu haben; die kleine, blonde Brillantenfrieda
-hatte ihr Herz für diese Nacht an August Bluhm, den Apollo von Berlin,
-verloren, und Hermann Thyssen hatte sich längst mit Magdalene und
-Alli verständigt; er wollte die originelle Lasterhaftigkeit von allen
-beiden genießen... Und die gelbseidene Adele, die Willi Lehmann
-endgültig untreu geworden war, herzte Eberhard ohne Pause. Sie sprang
-hinter seinen Stuhl und legte ihm ihre vollen, weichen Arme um den
-Hals, hüpfte wieder auf seinen Schoß und ließ sich von ihm füttern.
-Sie neigte ihren Mund zu seinem Ohre und flüsterte verlockende Worte
-hinein... „Ja -- --,“ flüsterte Eberhard mit heiserer, erstickter
-Stimme zurück. Er ging in den Korridor hinaus, um seinen Mantel zu
-holen; als er zurückkehrte, stand Adele schon in Hut und Pelzcape
-da. Jetzt erst bemerkten die anderen ihren Aufbruch; man wollte sie
-zurückhalten, man rief ihnen rohe Zweideutigkeiten zu, aber nicht
-einmal die neuerwachte Passion Willi Lehmanns, ihres ehemaligen
-Zuhälters, der an seine alten Rechte erinnern wollte, vermochte sie zu
-halten. Eberhard Freidank rief mit starker Stimme: „Gute Nacht!“ und
-ging schnell davon; ihm nach, mit pikant hochgehobenen Röcken, unter
-denen die duftenden Jupons knisternd rauschten, flog die gelbseidene
-Adele. -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Es war anderthalb Wochen später, des Vormittags um elf. Fritzi war
-gerade aufgewacht. Sie lag auf der Seite, mit dem Kopf auf ihrem
-rechten Arm, und betrachtete blinzelnd die Tapete an der Wand.
-Sie überlegte, ob sie endgültig aufwachen oder versuchen sollte,
-noch einmal einzuschlafen. Da ging die Türe auf und wurde wieder
-geschlossen. Die Chansonette sah sich gar nicht erst um, denn das
-Klirren der Kaffeetasse auf einem Tablett verriet ihr, daß die Wirtin
-ins Zimmer getreten war. Und Fritzi war so faul!
-
-„Fräulein!“ sagte die Witwe strengen Tones, „Fräulein, sind Sie schon
-munter?“
-
-Das junge Mädchen zog vor, abzuwarten, ob sie für die Hausfrau schon
-aufgewacht sein sollte oder nicht und blieb unbeweglich liegen. Die
-Wirtin wartete den Erfolg ihrer Anrede ab und begann wieder:
-
-„Ich meine Ihnen, Fräulein! Geben Sie doch Antwort, wenn man mit Sie
-redet! -- Ich wollte Ihnen nur sagen: ich dulde es nicht länger, und es
-ist mir mit Sie schon längst zu dumm geworden! Nein, es paßt mir nicht
-mehr!“
-
-Die Frau hätte noch lange weiterreden können, aber jetzt konnte die
-Chansonette zu ihrem Leidwesen das Lachen nicht mehr verhalten. Langsam
-und behaglich schob sie sich im Bette herum, dehnte sich und fragte,
-während sie sich mit beiden Fäustchen den Schlaf aus den Augen rieb,
-vergnügt:
-
-„Was denn, Frau Krichelmann?“
-
-„Was?“ versetzte entrüstet die Hausfrau, „das fragen Sie noch? Na,
-wenn Sie es durchaus hören wollen: Ihr Lebenswandel ist mir zu bunt!
--- Als der Herr Freidank die Stube für Ihn’ mietete, sagte er: „Meine
-Braut ist ein sehr anständiges junges Mädchen.“ Gut, sagte ich, soll
-mir lieb sein. Wenn ’n junges Mädchen ihren Bräutigam hat, dagegen ist
-nichts einzuwenden. Ich sage nichts gegen den Herrn Freidank, o nein!
-Der ist sehr anständig! Er hat mir Ihre Miete immer pünktlich bezahlt!
--- Aber mit Ihnen, Fräulein... Finden Sie das anständig, so oft Besuch
-zu kriegen und mitzubringen? -- Und was bringen Sie sich alles mit! Ich
-habe gestern abend aufgepaßt... Einen Menschen, wie ’n Steinträger,
-anders nicht... Das müßte Ihr Bräut’jam wissen! -- Ich sage Ihnen, es
-ist mir zu dumm, Fräulein. Ich will mein Haus rein halten! -- Ich sage
-es Herrn Freidank, und Sie müssen ziehen! Für dreißig Mark werde ich
-meine Stube jeden Tag mit Kußhand los!“ --
-
-Fritzi hatte den Redestrom nicht unterbrochen. Jetzt hörte sie endlich
-auf, in ihren Augen zu reiben, schüttelte die Locken, die sich wie
-lustige schwarze Schlangen um ihre Stirn ringelten, zurück und sagte
-mit strahlendem Lächeln nichts als:
-
-„Ach nee?!“
-
-„Das sagen Sie!“ erwiderte Frau Krichelmann empört, „aber ich sage:
-ach ja! -- Was denken Sie von mich und meinem Haus? Ich habe eine
-anständige Pension und keinen Taubenschlag! Und darum bleibt es dabei,
-Sie ziehen!“
-
-„Nun seien Sie mal gemütlich, Olleken!“ sagte die Chansonette mit ihrem
-niedlichen Kinderlächeln, indem sie die spitzigen Mäusezähnchen zeigte.
-„Ich gehe ohnehin bald fort, wenn Eberhard nach auswärts ins Engagement
-geht!... Aber bis dahin nicht! Ich habe Sie grade fragen wollen, ob Sie
-mir nicht lieber das Vorderzimmer vermieten wollen. Das ist ja leer
-geworden. Ich habe heute grade Zeit, meine Sachen umzuräumen!“
-
-„Die Stube mit dem Flureingang?“ fragte die Hausfrau milder, „ja, die
-kostet aber sechszig Mark ins Monat! Das wird Herr Freidank wohl nicht
-bezahlen wollen!“
-
-„Bisher kostete die Stube fünfzig Mark,“ konstatierte Fritzi, „aber es
-ist mir einerlei, ich zahle auch sechszig... Nein, Freidank braucht
-das nicht zu wissen, sonst wird er am Ende neugierig, wozu ich einen
-eigenen Eingang brauche ... Na, seien Sie vernünftig, Olleken! Wer wird
-denn gleich am frühen Morgen ’n Krach machen?“
-
-„Das ist also abgemacht,“ sagte die vorsichtige Hausfrau nun ganz
-besänftigt, „Sie nehmen von heute ab das Flurzimmer! Ist mir schon
-recht, wer über’n Flur geht, geht mich nichts an... Na, Sie verstehen
-mich, Fräulein Fritzichen! Von Krach ist nicht die Rede... Übrigens
-trinken Sie jetzt mal Kaffee, Kindchen! Warten Sie einen Augenblick,
-ich habe noch ’n Stückchen Napfkuchen von gestern; das hole ich Ihnen
-schnell!“
-
-Sie war jetzt ganz Sorgfalt und mütterliche Fürsorge, brachte
-den Kuchen, goß Fritzi Kaffee ein, zog sich einen Stuhl ans Bett
-und während das junge Mädchen zu frühstücken begann, fragte Frau
-Krichelmann, den Oberkörper vorgebeugt, die Ellbogen auf die Knie
-gestüzt, vertraulich mit neugierigen Augen:
-
-„Wer war denn nun der Herr von gestern Abend, Fräuleinchen?“
-
-„Ach, Sie!“ sagte Fritzi mit ärgerlichem Lachen, indem sie den Kuchen
-in den Kaffee tauchte, „erst erzählen Sie mir was von Lebenswandel und
-so, und dann wollen Sie wieder alles wissen! --“
-
-„Fritzichen!“ erwiderte die Wirtin, „mich kennen Sie doch! Ich nehme es
-doch einem hübschen, jungen Mädchen nicht übel, wenn sie sich amüsiert!
-Aber in meiner Wohnung .... Was nicht über meinen Korridor geht, sehe
-ich nicht! Davon weiß ich nichts! Sie wissen nicht, wie es mich freut,
-daß Sie das Zimmer zu sechszig genommen haben --! Na, nun erzählen Sie
-mal!“
-
-„’n Ringkämpfer,“ sagte Fritzi einsilbig.
-
-„Einer von Herrn Freidanks Bekannten aus’m Theater? Da nehmen Sie sich
-man in acht, Kindchen, daß Ihrer nicht dahinter kommt!“
-
-„Nee, bloß aus der Ringkampfschule,“ vertraute das junge Mädchen nun
-der Wirtin an. „Er ringt in ’ner Bude, auf’m Rummel! Freidank kennt
-ihn aber! -- Ich kann gar nicht begreifen, Frau Krichelmann, daß
-mein Bräutigam nichts von allem bemerkt hat! -- Gestern war es ja
-ungefährlich; da ist er gleich nach der Vorstellung zu seinen Studenten
-auf die Kneipe gegangen. Seine Bekannten haben keine Ahnung, daß er
-jetzt Ringkämpfer ist! -- Ja, sonst müssen wir schlauer sein, Justav
-und ich! Denn am ersten Abend waren wir zu unvorsichtig... Da hat er
-mir im Theater so viel zugesetzt, bis ich mit ihm losgegangen bin, ehe
-die Vorstellung zu Ende war. Freidank wollte mich aus der Loge abholen,
-aber als er mich suchen kam, bin ich längst mit Justav’n auf und davon
-gewesen! -- Daß er davon nie ein Wort gesagt hat, nicht einmal gefragt,
-wo ich hingegangen war, das versteh’ ich nicht, Frau Krichelmann.
-Eberhard war an dem Abende zum ersten Male auf der Bühne, und das
-wollten wir doch zusammen feiern!“
-
-„Vielleicht hat er sich selber an dem Abend etwas vorgenommen, was
-er Ihnen auch nicht sagen durfte!“ meinte die welterfahrene Wirtin
-nachdenklich. „Aber wie ist es denn mit Herrn Justav’n, bekommen Sie
-von dem auch was Reelles geschenkt?“
-
-„Ach nein!“ lachte Fritzi belustigt. „Der tut so, als ob ich noch
-froh sein könnte, daß ich ihn überhaupt habe! -- Da ist mein Bankier
-freilich anders... Wenn ich den nicht hätte, Frau Krichelmann! Gestern
-hat er mir wieder drei seidne Blusen und einen Hut gekauft --!“
-
-Die Hausfrau packte neugierig die Kartons aus, bewunderte mit
-neidischem Staunen die Geschenke von Fritzis Kavalier und erkundigte
-sich:
-
-„Nun, und Er? Merkt er das nicht?“
-
-„Keine Spur,“ sagte Fritzi. „Sie wissen ja, Männer... Mitunter wird er
-mißtrauisch und fragt. Nun, ich gebe ihm immer die richtige Antwort,
-und sofort ist er wieder zufrieden... Jetzt zumal, Frau Krichelmann!
-Könnte er nicht froh sein, daß er eine gute Stelle hat, wo er so schön
-verdient? Nein, er grübelt fortwährend. Seine Stückeschreiberei steckt
-ihm im Kopfe und sein Studieren... Er redet fast nichts anderes! --“
-
-„Komisch! -- Und dabei ringt er so großartig, der Herr Freidank! Ich
-habe ihn doch nun schon dreimal gesehen! -- Vorgestern, als er den
-dicken Menschen, der sich Herkules von Frankreich nennt...“
-
-„François à la Crinière....“
-
-„Na ja! -- als er den herumwirbelte und auf die Matte schmiß, daß
-es ordentlich krachte, das war doch wirklich ’n Ding! -- Mein
-Schwestersohn, aus dem Amateurklub „Jugendkraft“, sagte, das wäre ’n
-wunderbarer Armfallgriff mit Mühle gewesen! Das Herumwirbeln, bis einem
-schwindlig werden kann, nennen sie ’ne Mühle! -- Und außerdem verdient
-er doch ordentlich --,“ sagte Frau Krichelmann und fuhr brutal fort:
-„Sonst, wenn es Ihnen nicht mehr paßt, lassen Sie ihn doch einfach
-laufen! Sie finden doch alle Tage ’n andern! Überhaupt, Fräulein
-Fritzi, ’n Ringkämpfer ... Nein, ich weiß nicht!“
-
-Sie wiegte den Kopf mit dem graublonden Scheitel hin und her. Fritzi
-erwiderte:
-
-„Grade das finde ich aber schön! Er hat doch zuerst durchaus nicht
-gewollt, aber ich habe ihm immer zugeredet! Nein, das ist zu hübsch,
-Athlet! Und so interessant! Und er verdient wirklich sehr schön! --
-Außerdem bin ich ihm doch auch gut,“ fügte sie hinzu.
-
-Sie plauderten noch eine Weile. Die Chansonette erzählte, daß mehrere
-Ringer von der Konkurrenz ihr den Hof machten: Casimir Zabolotny, der
-dicke Pole, der Provençale Raymond Poing de Fer, schließlich Aloys
-Binder, der Münchener...
-
-„Na, welcher ist es denn davon?“ erkundigte sich die Hausfrau, welche
-die Athleten schon mehrmals im Theater gesehen hatte, teilnehmend,
-„der Pole? nein? Also der stramme Franzose! Auch nicht? -- Was, grade
-den frechen Bayer mit dem spitzen Kinn mögen Sie leiden? -- Fräulein
-Fritzi, der könnte mir nicht gefallen! An dem werden Sie nicht viel
-Gutes erleben! Die Augen von dem Kerl... Nein, der hat keinen guten
-Blick! Da guckt der Herr Freidank aber ganz anders!“ --
-
-„Da haben Sie recht,“ sagte die Chansonette und fügte leichtfertig
-hinzu: „Gott, ich habe ihn ja auch am allerliebsten --! Aber es ist
-doch nichts dabei, wenn man sich auch mal mit ’nem andern amüsiert!
-Zu gern, Frau Krichelmann, zu gern ginge ich mal zu Justav’n auf den
-Rummel! Da ringt er nämlich.“
-
-„Wann ist das immer?“ fragte die Alte.
-
-„Heute, am Sonntag, den ganzen Nachmittag,“ sagte Fritzi, „und an
-einigen andern Tagen des Abends. Glauben Sie, daß Freidank mit mir
-hingehen würde? Bewahre! Ich habe ihn gebeten, aber er hat es mir
-einfach abgeschlagen.“
-
-„Da hat er ganz Recht,“ erwiderte die Hausfrau phlegmatisch, „aber Sie
-haben ebenso recht, wenn Sie einfach allein hingehen! Heut ist ja
-Sonntag, warum tun Sie es nicht, Fritzichen? Falls Herr Freidank kommen
-sollte, werde ich ihm sagen, daß Sie mit Fräulein Liane ausgegangen
-sind!“ --
-
-Der Rat der alten Kupplerin ging Fritzi nicht aus dem Kopfe. Der
-Wunsch, die Budenringer zu sehen, brannte sich förmlich in ihre Sinne
-ein, während sie gemächlich Toilette machte. Der allabendliche Anblick
-der vierundzwanzig trefflichen Athleten genügte ihr nicht; sie wollte
-die unberühmten, ordinären Ringer, an denen sich das gewöhnliche Volk
-ergötzt, in ihrer Umgebung sehen. Diesen fühlte sie sich näher... Die
-großen Champions mit dem abweisenden Auftreten und den fürstlichen
-Einnahmen waren ihr fremd und unsympathisch. -- Sie beschloß, zeitig zu
-speisen und Eberhard im Vorübergehen einen kurzen Besuch zu machen, um
-ihn ganz in Sicherheit zu wiegen. Dann wollte sie auf den Rummel gehen,
-von dem sie sich großes Vergnügen versprach. --
-
-Eberhard Freidank hatte am Sonnabend die Kneipe wieder einmal
-aufgesucht, die er lange vernachlässigt hatte. Er gehörte einem
-literarischen Verein von Hochschülern an, dessen Mitglieder den schönen
-Künsten Interesse entgegenbrachten, ohne darum auf das ritterliche
-Dekorum der strengsten Vorschriften studentischer Ehre zu verzichten.
-Die Freunde hatten ihm über sein seltenes Erscheinen Vorwürfe gemacht
-und damit wieder den Zwiespalt in seiner Seele vermehrt. Er war sehr
-lustig gewesen, hatte viel getrunken und war erst als einer der letzten
-nach Hause gegangen. Als er in seinem Zimmer war, hatte er keine Lust,
-zu Bette zu gehen. Er wusch sich sehr ausgiebig, um sich nach der
-durchkneipten Nacht gründlich zu erfrischen, zog Trikot, eine Hausjoppe
-und Pantoffeln an und erwartete den Morgen, während er auf dem kleinen
-Kanapee saß und die Zeitung las, die schon so früh ins Haus gebracht
-worden war. -- Der sportliche Tagesbericht lobte ihn über alle Maßen,
-obwohl er am Sonnabend im Kampfe gegen Aloys Binder unterlegen war. Der
-Artikel rühmte die sympathische, kühne, germanische Draufgängerart,
-mit der er auf den berühmten und technisch immerhin weit überlegenen
-Münchner losgegangen war. Eberhard freute sich der Anerkennung nicht
-recht. Er fühlte den Riß in seiner Seele brennen, wie eine offene
-Wunde. --
-
-Dann wurde es Morgen. Eberhard stand gähnend vom Sofa auf, ließ die
-frostige Morgenluft zum Fenster herein und spazierte pfeifend langsam
-im Zimmer herum, bis Frau Ambrosius ihm den dampfenden Kaffee brachte.
-Die Hausfrau schalt ihn gutmütig aus, daß sein Bett unberührt stand.
-Dann blieb sie noch ein wenig bei ihm stehen, unterhielt sich mit ihm
-und sah zu, wie dem jungen Manne, den sie fast mütterlich in ihr Herz
-geschlossen hatte, der Kaffee, die Butterbrötchen und die frischen Eier
-schmeckten. Eberhard erzählte lachend von den Brüdern Petrocchi-Cardo.
-Kürzlich war er zu ihnen gekommen und hatte sie beim ersten Frühstück
-gefunden. Zu dieser Mahlzeit hatten sie eine ganze Mandel Eier,
-fünfzehn Stück! über einem Spirituskocher selbst gekocht und sich,
-der eine sieben, der andere acht Eier in ein großes Bierseidel
-eingeschlagen! Er mußte noch in der Erinnerung an den Anblick dieses
-ungeheuren Appetits lachen.
-
-„Die Zeitung!“ rief Therese, die eben die Post abgenommen hatte, auf
-dem Korridor. „Komm ruhig herein,“ sagte Frau Ambrosius. Therese kam
-und brachte die Athleten-Fachzeitung für Eberhard. Sie war schon in
-Toilette. Sie sah sehr groß und vornehm aus in dem knappen, blauen
-Kleide, und er hatte wieder die Empfindung: eine Diana in modernem
-Gewande.
-
-„Wie groß sind Sie eigentlich, Fräulein Ambrosius?“ fragte er
-unvermittelt.
-
-Therese sagte lachend: „Ach, viel zu groß für eine Frau. Ein Meter
-siebzig! -- Kein Vergleich mit Ihnen, aber doch zu groß...“
-
-„Auf der Bühne müßten Sie schön aussehen,“ sagte Eberhard.
-
-„Nun hören Sie auf, sonst werde ich böse!“ rief das Fräulein. „Ich habe
-aber keine Zeit, ärgerlich zu werden!“
-
-„Müssen Sie wieder zum Dienst, Fräulein?“
-
-„Nein,“ sagte Therese, „zur Kirche.“
-
-Eberhard sah sie an und sagte lächelnd: „Bitte, Fräulein Ambrosius,
-beten Sie auch für mich!“
-
-Das Mädchen richtete ihre braunen Augen auf ihn und sagte ernsthaft:
-„Ja, das werde ich tun. Das werde ich ganz gewiß tun.“
-
-Tönnies kam um die Mittagsstunde zu Eberhard. Er fand ihn, nur mit
-Hosen, Schuhen und Strümpfen bekleidet, beim Hanteltraining.
-
-„Ach, bist du wieder einmal beim Turnen?“ begrüßte er ihn gutmütig
-spöttisch, „ich glaube, du tust überhaupt nichts anderes mehr,
-Freidank! Mein Himmel -- dort liegt ja sogar ein Kraftmenschenjournal!“
-
-„Ich tue auch noch anderes,“ sagte Eberhard und schüttelte dem Freunde
-die Hand. „Aber alle Vormittage trainiere ich eine Stunde oder eine
-halbe... Du weißt, ich gehe nicht mehr auf den Paukboden.“
-
-„Ja so,“ sprach Tönnies. „Du weißt, Eberhard, daß ich für alle diese
-Dinge wenig übrig habe.“
-
-„Aber du schlägst gut, Adolf!“
-
-„Das tut nichts dazu,“ erwiderte Tönnies. „Ich pauke, wie jeder andere,
-aber nicht gern... Ich habe auch für den Sport wenig Interesse... Denke
-dir ein Radrennen, Eberhard! Du siehst einige Fahrräder rund um die
-Bahn fliegen, darauf junge Leute in Trikot, so weit vornübergebeugt,
-daß sie fast schon liegen, in einer unmöglichen, unwahrscheinlichen,
-unhygienischen Stellung... Und der Endeffekt? Die Sieger mit Schweiß
-und Staub bedeckt, die Gesichter verzerrt wie von fürchterlichen
-Schmerzen... Ist das ein Ziel? Ist das eine Aufgabe? -- Ich möchte mir
-nicht die Ringkämpfer im Odeon ansehen, Freidank! Alle Welt spricht
-von ihnen, ganz Berlin ist voll davon.... Alle Welt ist begeistert von
-einfacher, gewöhnlicher Roheit! -- Brutale Kraft hat aber auch der
-Ochse.“
-
-„Und die Ringer im Stadium zu Athen, Adolf? Und die Gladiatoren? -- Die
-ausgedehnte antike Sportbetätigung?“
-
-„Geschah unter ganz anderen Voraussetzungen, Eberhard! Damals hatten
-die Völker ein Interesse daran, daß jeder Mann im Einzelkampfe die
-möglichst höchste Leistungsfähigkeit besaß. Darum pflegten die Griechen
-den Sport! Es kam ihnen auf Erzielung der größten Kraft, des größten
-persönlichen Mutes an.“
-
-„Tout comme chez nous!“ sagte Eberhard lächelnd.
-
-„Nein, bei uns ist es leider anders,“ antwortete der Student Tönnies.
-„Bei uns kommt es allein auf Rekordleistungen an, mag die eigentliche
-Kraft dabei zum Teufel gehen oder nicht! Ich mag gar nicht daran
-denken, Freidank. Ich bezweifle, daß so ein Rekordathlet, oder
-Rennfahrer, oder was sonst für ein Sportsmann, zu einer wirklichen,
-ausdauernden Arbeit fähig ist. Dazu reicht die gefeierte Kraft nicht
-aus!“
-
-Er rollte zornig die runden, grauen Augen. Eberhard hatte immerfort
-Einwendungen machen wollen, hatte seinen Freund unterbrechen wollen;
-aber er brachte die Lippen nicht auseinander in der starrköpfigen
-Verschlossenheit des Norddeutschen, die nicht aus Furcht, sondern
-einfach aus Trotz manche Dinge für sich behalten muß. Als aber Tönnies
-noch einmal anfangen wollte, sagte er mit zerstreutem Lächeln:
-
-„Was geht das nun dich und mich an, Tönnies? Wir sind ganz einer
-Meinung... Und du bist wahrhaftig auf dem besten Wege, dich über des
-Kaisers Bart aufzuregen!“
-
-„Hast recht, Eberhard,“ sagte der junge Mann vergnügt, „sprechen wir
-von vernünftigeren Dingen... Ich kam heut eigentlich zu dir wegen...
-ich wollte... Nun, frei heraus! Ich habe deine filia hospitalis kennen
-gelernt! Auf einem Vereinsballe! Sie ist ein schönes Mädchen, Freidank,
-das schönste Mädchen, welches ich kenne!“
-
-„Und dir das liebste Mädchen!“ vollendete Eberhard und fühlte, er wußte
-selbst nicht warum, einen Stich im Herzen.
-
-„So schnell geht es nicht!“ rief Adolf Tönnies. „Aber denke dir, es
-hat sich herausgestellt, daß wir ein wenig verwandt sind... Sie ist
-so etwas, wie eine Cousine zweiten Grades... Soll ich, unter solchen
-Umständen, die Bekanntschaft wieder in Vergessenheit geraten lassen,
-Freidank? Ein Narr, der ich wäre!“
-
-„Ich rate dir, den Damen jetzt deine Aufwartung zu machen,“ sagte
-Eberhard mißvergnügt. Er hätte am liebsten etwas ganz anderes gesagt,
-aber Therese ging ihn doch wirklich, wirklich nichts an...! Zumal, da
-sie seine Fritzi nicht leiden konnte. Sie hatte sich neulich gegen
-seine Freundin ausgesprochen. Nicht mit direkten Worten, o nein! Dazu
-war dieses „törichte Ding“ doch zu klug. Die Mißachtung hatte mehr im
-Ton der Stimme gelegen, in ganz flüchtigen Andeutungen, in einem und
-dem andern Wort, gleich als ob sie etwas Ungünstiges von Fritzi wußte
-und so verschwieg. Er hatte nicht gefragt, dazu war er zu stolz. Aber
-er hatte aus dieser Unterhaltung ein peinliches Gefühl davongetragen.
-Denn -- eigentlich -- war diese Therese Ambrosius... doch kein
-törichtes Ding, und ganz bestimmt nicht das Mädchen, welches ins Blaue
-hineinschwatzte ...
-
-Als hätte Tönnies nur auf Eberhards Anregung gewartet, lief er davon
-und machte Mama Ambrosius und ihrer Tochter eine Visite. Eberhard
-kleidete sich, als sein Freund das Zimmer verlassen hatte, schnell
-an. Er war eben damit fertig, als er draußen in der hastigen Art
-schellen hörte, wie Fritzi bei ihren seltenen Besuchen anzuläuten
-pflegte. Er ging schnell hinaus, es war die Kleine; gerade trat auch
-Therese Ambrosius, die ebenfalls das Läuten vernommen hatte, aus ihrem
-Wohnzimmer und wollte öffnen. Doch als sie Fritzi bemerkte, zog sie
-sich sofort wieder zurück, mit beleidigender Eile, wie es Freidank
-schien...
-
-Fritzi warf den Muff aufs Bett, die Handschuhe auf den Tisch, stellte
-sich auf den Zehenspitzen hoch, gab Eberhard mit gespitztem Mäulchen
-einen Kuß und fragte gleich, ob er nichts zu naschen für sie hätte. Ja,
-er hatte Konfekt für sie gekauft; sie sollte suchen! Sie stürzte sich
-auf ganz unmögliche Verstecke, zog den Kasten des Waschtisches auf,
-kramte in seiner Kragenschachtel und riß sogar das Stiefelschränkchen
-auf. „Aber Fritzi!“ sagte er, von ihrer Unvernunft entzückt, „welcher
-Mensch auf der ganzen Welt würde Konfekt an solche Orte stecken?“ Dann
-holte er aus der Manteltasche die kleine Schachtel, und Fritzi grub
-ihre niedlichen Zähne mit kindlicher Gier in die braune Schokolade ein.
-
-„Gut, daß du kommst,“ sagte Eberhard, „wir hatten nichts für diesen
-Nachmittag verabredet.“
-
-„Ich kam nur, um dir zu sagen, daß ich heute zu Liane Fanchon zum
-Kaffeeklatsch gehe! Sie hat den Geburtstag, mußt du wissen.“
-
-Eberhard wollte ihr die Absicht ausreden. „Ich liebe nun Fräulein
-Fanchon durchaus nicht,“ sagte er.
-
-„Um so besser, mein süßer Bär, sonst müßte ich eifersüchtig sein! Aber
-ich habe es so bestimmt versprochen,“ plauderte sie. „Es sind noch
-mehrere Kolleginnen aus der Variétéschule da, und kein einziger Herr!
--- Und du gibst mir auch Geld zu einem Geburtstagsgeschenk, bitte!
-bitte!“ bettelte sie in einem plötzlichen Anfall von Habgier.
-
-Freidank seufzte. Er wußte, er würde ihr wieder einmal nachgeben. „Aber
-du wirst wenigstens mit mir zusammen speisen?“ fragte er verdrießlich.
-„Gewiß!“ sagte Fritzi. „Zieh nur gleich deinen Mantel an und komme
-mit! Du weißt, ich muß vorher noch ein Geschenk für Liane kaufen. Gib
-mir schnell Geld!“ Sie überlegte blitzschnell, daß sie einen eleganten
-Toilettegegenstand kaufen würde, den sie selber brauchen konnte...
-
-„Ja, du mußt vorausgehen, Fritzi,“ sagte Freidank. „Tönnies ist bei mir
-und ist eben nur im Zimmer drinnen bei Frau Ambrosius. Er wird wohl
-bald wiederkommen, aber vielleicht machst du inzwischen deinen Einkauf.
-Ich kann dir doch nicht kaufen helfen, weil ich nichts davon verstehe!“
--- Sie ging mit einem Kusse.
-
-Adolf Tönnies kehrte zurück und sagte, daß Frau Ambrosius die beiden
-Freunde, Freidank und Tönnies, auf den Nachmittag zum Kaffee eingeladen
-habe. Eberhard kam diese Aufforderung sehr gelegen, da seine Freundin
-zu Fräulein Liane gehen wollte, und er sagte gerne zu. Dann gingen die
-beiden jungen Männer miteinander fort. Fritzi erwartete Eberhard auf
-der Straße, sie gingen zum Diner und Adolf schloß sich ihnen an.
-
-Fritzi hatte während des Mittagsmahles kleine Gewissensbisse. Sollte
-sie doch nicht zu dem Budenringer gehen? Sie überlegte noch, als
-Eberhard erzählte, daß er mit Adolf bei Frau Ambrosius den Kaffee
-nehmen würde. Da schwanden Fritzis letzte Bedenken. Um so besser, dort
-war er gut aufgehoben! Nun war eine Entdeckung ausgeschlossen! --
-
-Nach Tisch begleiteten die jungen Männer Fritzi bis an Fräulein Lianes
-Wohnung. Unterwegs mußte Fritzi noch mit ihnen einkaufen gehen. Die
-Freunde hatten Frau Ambrosius um Erlaubnis gebeten, den Kuchen zum
-Kaffee mitbringen zu dürfen. -- Eberhard raunte seiner Freundin noch
-ein „auf Wiedersehen im Theater“ zu.
-
-Fritzi sprang die Treppen hinauf, um Freidank zu täuschen, blieb mit
-pochendem Herzen auf dem Flure stehen und stieg nach etlichen Minuten
-leise, wie eine Katze, wieder hinunter. Dann wagte sie es, vor die
-Haustüre zu treten. Die Freunde waren schon um die nächste Ecke
-verschwunden. Sie atmete auf, ging schnell in der entgegengesetzten
-Richtung davon und stieg in eine Straßenbahn.
-
-Jetzt, kurz vor dem Tage der winterlichen Sonnenwende, brach schon
-um die vierte Stunde die frühe Dämmerung herein. Fritzi sah aus dem
-Fenster und erblickte durch die angelaufenen Scheiben in der Ferne
-einen Stern, der aus bunten Lampen gebildet war. Sie zog die Uhr; sie
-war bereits eine halbe Stunde gefahren. Kein Zweifel, das war ihr Ziel,
-der „Volksvergnügungspark Nordstern“.
-
-Der Eingang dieses Jahrmarktsplatzes war durch ein weitoffenes,
-rohes Lattentor gebildet, durch welches eine große Menschenmenge
-hineinströmte: Soldaten, Arbeiter mit Frau und Kindern, sogar mit
-Säuglingen und Kleinen, die im Wagen gefahren wurden, junge Burschen
-und Mädchen. Die Chansonette blickte sich entzückt um. Sie vergaß
-ganz, daß sie in ihrer flotten Toilette, dem eleganten, pelzbesetzten
-Kostüm, unter den einfachen Leuten Aufsehen erregen mußte. Ach, hier
-mit einem Begleiter die Jahrmarktsherrlichkeiten genießen dürfen, wie
-schön mußte das sein! Fritzi dachte nicht mehr daran, daß sie äußerlich
-eine Dame geworden war; sie fühlte sich wieder ganz als das einfache
-Mädchen aus dem Volke, welches an Lärm, primitiven Schaustellungen
-und großen Menschenansammlungen seine Freude hat. Am Eingang des
-Platzes war eine ganze Wagenburg der grünen Wohnwagen aufgestellt.
-Inmitten des Platzes wogte und drängte sich das Volk; ringsum waren
-die Buden und die Stätten des Vergnügens. Jede einzelne Schaustellung
-war von entsetzlichem Lärm begleitet; alle Gassenhauer, Trompeten,
-Karussellmusik, Klappern und Pfeifen schollen wüst durcheinander.
-Fritzi blieb mit freudeglänzenden Augen vor dem elektrischen Karussell
-stehen und sah dem Kreistanz der bunten, hölzernen Tiere, auf denen
-junge Mädchen und Burschen saßen, zu. „Ist das nicht ’n Roland seine
-Braut?“ hörte sie plötzlich Roditscheff in seinem harten Russendeutsch
-fragen, „Servus, Pummel!“ „Sind Sie allein, Fräulein?“ erkundigte sich
-sein vorsichtiger Begleiter. „Ja? Ist das eine Freud’! Wir sind auf gut
-Glück hergekommen und finden gleich ein nettes Mad’l mit Lokalkenntnis
-... Sie kennen doch den Dult dahier?“
-
-Sie hatte in der Tat durch Zufall Roditscheff und Aloys Binder
-getroffen. Die Ringkämpfer nahmen sie sofort in die Mitte. Sie sagte,
-es wäre kein Dult, sondern ein Rummel, und sie möchte würfeln gehen.
-Arm in Arm zogen alle drei nach der Würfelbude, würfelten und gewannen
-nichts. Dann setzten sie sich in ein großes Schiff, welches an einem
-hohen Gerüst hin und her schaukelte, und trieben darin Allotria. Dann
-zog ein unartikuliertes Geheul, wie von Wilden, Fritzis Aufmerksamkeit
-an, und die Athleten waren gleich bereit, mit ihr in die Bretterbude,
-welche die Aufschrift „Wildafrika“ trug, hineinzugehen. In der
-jammervollen, halbdunklen Bude, die über der bloßen Erde stand, war ein
-dicker Dunst von Holzkohlen und Petroleumqualm; ein einziger magerer,
-frierender Neger sprang unter eintönigem Geschrei von einem Fuß auf
-den andern, und ein heiserer junger Bursche behauptete, daß der Wilde
-Kriegstänze aufführte. Fritzi war in ihrem Elemente. Sie schrie und
-lachte und klatschte in die Hände, während Binder und Roditscheff ihr
-die Wangen streichelten und sie verliebt in die Arme zwickten. Endlich
-war sie der Schaubuden müde und wollte nun zu den Ringkämpfern. Lachend
-kamen die Athleten auch diesem Wunsche der Chansonette nach.
-
-Ein rundes Leinwandzelt bildete den Zirkus, in dem die Kraftmenschen zu
-sehen waren. Gartenstühle, die von Lehrlingen und Burschen eingenommen
-waren, schlossen die Arena ab. Das Zelt war nur durch Petroleumlampen
-erhellt, und statt der Ringmatte gab es nur ein wenig Lohe. Als die
-drei das Zelt betraten, waren die in schmutzige, geflickte Trikots
-gekleideten Kraftkünstler gerade damit beschäftigt, Gewichtstangen
-mit übermäßig großen hohlen Kugeln zu stemmen. Das dankbare Publikum,
-welches die Gewichte für echt hielt, jauchzte den vermeintlichen
-enormen Leistungen leidenschaftlich zu... Dann kam der zweite Teil der
-Vorführung. Gustav, Fritzis Freund, ließ die Stangen und Gewichte aus
-dem Wege räumen und hielt eine kleine Ansprache an das Publikum. Er
-war bei weitem der hübscheste, stärkste und ansehnlichste Athlet unter
-seinen vier Kollegen, die mit ihm in dieser primitiven Arena standen.
-Anstatt aber die wirklichen Namen der jungen Leute, die sämtlich
-dem Athletenklub „Deutsche Eiche“ angehörten, zu nennen, rief er
-hochklingende und berühmte Namen auf:
-
-„Winzer, Hamburg! -- Franz Sauerer, München! -- Albert Sturm, Berlin!
--- Lassartesse, Frankreich! --“
-
-Er kam nicht weiter; Binder und Roditscheff waren in dröhnendes
-Gelächter ausgebrochen, und Roditscheff schrie, stoßweise, unter Lachen:
-
-„Ach, du freches Tier! -- Der Sauerer! -- Der Sturm! -- Der
-Lassartesse! -- Die müßten dich auf den Hintern setzen, hier, auf
-deinem Rummel! --“
-
-Das Publikum, welches nicht wußte, um was es sich handelte und in den
-laut lachenden Herren nur Störenfriede sah, begann zu murren. Der
-Ringer Gustav aber, der mit einem Blicke die Situation übersehen hatte,
-war mit einem Sprunge, wie ein Tiger, außerhalb des Zuschauerringes
-bei den Champions und flehte sie leise und hastig an, ihn nicht zu
-kompromittieren. „Nein, nein! ist allright!“ versicherten Roditscheff
-und Binder. Gustav schleuderte einen wuterfüllten Blick auf Fritzi,
-raunte ihr aber zu, daß sie sofort nach dem Ringkampfe hinter dem Zelt
-sein sollte; er müßte ihr etwas sagen. Fritzi nickte, und schon war er
-wieder in seiner Arena. Das Publikum applaudierte in der Meinung, daß
-er die Störenfriede beruhigt hätte. Nun konnte der Ringkampf endlich
-anfangen!
-
-Gustav verkündete laut die hier geltenden Kampfregeln: jeder Kampf
-sollte drei Minuten dauern. Seine Stimme klang rauh und heiser vor
-Wut. Wer anders, als Fritzi, hatte die beiden Athleten, vor denen er
-sich mit der von ihm geleiteten kleinen Truppe lächerlich gemacht
-hatte, indem er die Namenlosen mit klangvollen Namen schmückte,
-hierher auf den Rummel geschleppt? -- Mit heiserer Stimme, Zorn und
-Rache im Herzen, erklärte er nach Ablauf der drei Minuten, daß der
-Kampf als unentschieden abgebrochen sei. Nun führten zwei der jungen
-Budenringer eine offenbar vorbereitete Komödie auf. Derjenige, der hier
-unter dem Namen des Hamburger Athleten Winzer figurierte, nannte den
-schwarzlockigen, jungen Menschen, dem der Name Lassartesse beigelegt
-wurde, einen „Schieber“ und forderte ihn zu einem Match heraus. Einen
-Taler sollte der Einsatz von beiden Seiten betragen! Der junge Mensch,
-der das Deutsche übertrieben radebrechte, erklärte sich dazu bereit. In
-unternehmender Haltung traten sie zum Kampfe an und ehe zwei Minuten
-um waren, lag der echte oder scheinbare Franzose auf dem Rücken. Nach
-Ansicht des Publikums hatte der Deutsche einen schwerwiegenden Sieg
-errungen und einen Taler dazu! --
-
-Gustav kündigte an, daß nach einer Pause von fünf Minuten die nächste
-Vorstellung stattfinden werde, und ging, ehe die Zuschauer das Zelt
-verließen, noch mit dem Teller sammeln. Roditscheff und Binder warfen
-zwischen die Nickelstücke jeder einen Taler, für die Gustav, innerlich
-fast erstickend vor Wut, noch eine Verbeugung machen mußte... Als die
-Champions das Zelt verließen, blickten sie sich nach ihrer kleinen
-Begleiterin um. Fritzi war verschwunden. „Ach, der Pummel wird schon
-wiederkommen!“ meinte Sergej, „wir gehen langsam weiter, Aloys.“
-
-Fritzi war geschwind, wie eine Eidechse, hinter das Zelt geschlüpft.
-Auch sie ahnte nichts von der Ursache des Intermezzos. Gustav
-stand schon da, eine Jacke über das apfelgrüne Trikot gezogen. Die
-Chansonette sprang flüchtigen Fußes zu ihm hin, aber ehe sie ein Wort,
-eine Frage aussprechen konnte, trat Gustav mit verzerrtem Gesicht
-einen Schritt vor und hieb ihr rechts und links mit den großen Tatzen
-fürchterliche Ohrfeigen, während er ihr heiser zuflüsterte:
-
-„Du Dirne! -- du! -- mußtest auch noch mit diesen Kerlen anfangen --!
-mir zum Possen, du Bestie! -- Lasse dich nie wieder vor mir blicken,
-sonst schlag’ ich dich tot! --“
-
-Sie wollte eine Erklärung haben, aber er ließ sie nicht zu Worte
-kommen, und als er eine Sekunde von ihr abließ, lief sie heulend, wie
-gehetzt, davon. Gustav tat einige Schritte hinter ihr her, kehrte aber
-alsbald wieder um. Wenigstens hatte er seine Rache an ihr gekühlt!
-„Gemeines, schamloses Frauenzimmer,“ murmelte er zwischen den Zähnen
-und kehrte in sein Zelt zurück. --
-
-Binder hatte Fritzi inzwischen erspäht; sie stand schluchzend abseits
-und hielt das Taschentuch vors Gesicht.
-
-„Was hast du denn?“ fragten die Athleten.
-
-Fritzi antwortete nichts und weinte nur noch stärker. Roditscheff, mit
-seiner starken, lächelnden Gutmütigkeit, zog ihr die Hände weg. Sie
-sahen das niedliche Mädchengesicht von Tränen des Zornes und Schmerzes
-überströmt und die zarten Wangen geschwollen und brennend gerötet.
-Beide wußten sofort, was geschehen war und ahnten den Zusammenhang.
-„Na, Mäderl --!“ tröstete Aloys, „mach’ dir nichts aus dem frechen Kerl
-und höre auf zu weinen... Wenn ich ihn wieder treffe, spreche ich noch
-ein Wörtchen mit ihm; dann kann er sich die Ecke aussuchen, in die er
-fliegen will --! komm her, mein Kätzchen, sei wieder lustig! wir lassen
-uns zusammen photographieren! --“
-
-Langsam beruhigte sie sich. Alle drei spazierten nach der Bude des
-Momentphotographen. Vorher machten sie an einer Würstelbude Station,
-und während sie mit Appetit mehrere Paar Würstchen verzehrte, fand die
-kleine, eitle Person noch Zeit, ein Pudernecessaire herauszuziehen
-und das Gesichtchen weiß zu pudern. Noch ein Strich mit dem roten
-Taschenstift über die zitternden Lippen; nun trug ihr Antlitz fast
-keine Spuren der Ohrfeigen und der hastig geweinten Tränen mehr. Sie
-lächelte schon wieder, als sie die Photographenbude betraten.
-
-Sie stellten sich nebeneinander auf, Fritzi in der Mitte. Während
-der Photograph seinen Apparat einstellte, griff Aloys Binder der
-Chansonette von hinten um die Taille, suchte ihren Busen mit der
-Hand... In diesem Augenblicke flammte das Blitzlicht des Photographen
-auf. -- --
-
-Es war für die Athleten Zeit geworden, sich zur Vorstellung in
-die Stadt zu begeben. Sie fuhren im geschlossenen Wagen, eng
-aneinandergedrängt. Schwül hing die Glut der Sinnlichkeit zwischen
-dem Athleten und dem jungen, lebensgierigen Weibe. Fritzi saß auf
-Binders Schoß. Er hatte ihr den Kopf mit dem zierlichen Pelzbarett
-weit hintenübergebeugt und drückte wilde Küsse auf ihren schmachtend
-geöffneten Mund. Fritzi hatte eine seltsame Empfindung, als ob sie in
-ein weiches, lauwarmes Meer hinabgleite. Immer tiefer, immer tiefer....
-Jetzt gab es schon gar keinen Widerstand mehr...
-
-Roditscheff pfiff leise die melancholische Melodie eines russischen
-Volksliedes durch die Zähne. Er hatte den Kopf von dem Paare abgewendet
-und betrachtete beim wechselnden Scheine der am Wagenfenster
-vorüberfliegenden Straßenlaternen nachdenklich das verräterische
-photographische Momentbild.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Der akademische Verein Gryphius feierte Weihnachten. Es fehlten zwar
-noch drei Tage bis zum Feste, aber die jungen Herzen waren schon längst
-in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung. Am nächsten Morgen wollten dann
-mehrere der Mitglieder in die Heimat reisen.
-
-Tönnies kam nachmittags zu Eberhard und hätte ihn am liebsten gleich
-mitgenommen.
-
-„Sonst schwänzest du womöglich die Weihnachtskneipe,“ sagte er und sah
-seinen Freund forschend an.
-
-„Das traust du mir hoffentlich nicht zu,“ lächelte Eberhard. Er mußte
-sich abwenden, um die aufsteigende Röte zu verbergen. Der gutmütige,
-heitere Adolf aber, der Eberhard als weit überlegen empfand, hatte
-schon wieder das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen:
-
-„Du wirst mir das doch nicht übelnehmen, Eberhard! -- Aber leider
-fehlst du jetzt so oft... Läßt die Kleine dich gar nicht von ihrer
-Seite?“
-
-„Ach Gott -- das ist’s auch,“ sagte Freidank mit innerer Qual. „Man hat
-Zeiten, Tönnies, in denen man keinen Menschen sehen möchte... Keinen...
-Das geht wieder vorüber...“
-
-„Hoffentlich,“ sprach Tönnies herzlich. „Du wirst kein Pessimist
-werden, Freidank. Das wäre nicht richtig, glaube mir... Nun, du wirst
-selbst wissen, was du zu tun hast! Ich weiß, du gehst deinen geraden
-Weg...“ „Ja,“ antwortete Eberhard fest, während sich in seinen Kopf
-der Gedanke einschlich, ob Tönnies sein Tun wohl für den geraden Weg
-halten würde....
-
-„Also das ist sicher, du lässest uns nicht sitzen!“ mahnte Tönnies noch
-einmal beim Abschiednehmen. „Auf Wiedersehen!“ --
-
-Im Theater war Eberhard heute der Held einer Sensation. Im Vestibül
-klebten riesige, rote Plakate und dem Programm waren gleichlautende
-Zettel beigegeben, welche besagten, daß Roland den Münchener Binder
-zu einem freien Revanchekampfe herausgefordert habe. Das Publikum
-versprach sich von diesem Kampfe einen besonderen Genuß; sollte doch
-ohne Pause bis zur Niederlage einer der beiden Athleten gerungen werden.
-
-Eberhard runzelte die Stirne, als er die schreiend grellen Plakate
-erblickte. Das war wieder so ein Trick der Kampfleitung, das! Er selbst
-hatte nicht daran gedacht, Aloys Binder herauszufordern. Aber es
-mußte um jeden Preis eine Sensation in die Ringkämpfe hineingetragen
-werden. Jetzt, um die Weihnachtszeit, erwiesen sich nicht einmal die
-Entscheidungskämpfe, die gegen Mitte des Monats begonnen hatten,
-als genügend wirksamer Kassenmagnet. Darum wurden Extrakämpfe
-eingeschaltet, die, wie das Publikum glauben mußte, lediglich aus
-Ehrgeiz, außerhalb der Konkurrenz, zwischen einzelnen Ringern
-ausgetragen wurden.
-
-Im Foyer blühte heute das Geschäft der Buchmacher. Bereits wurden
-allabendlich hohe Summen auf die endgültigen Sieger der Ringkämpfe
-gewettet. Aber die letzten Entscheidungen lagen noch in weitem Felde.
-Inzwischen wurde lustig auf die Extra-Kämpfe gewettet und verloren...
-
-Als Eberhard das Vestibül durchschritt, hörte er hinter sich und zu
-beiden Seiten flüsternde Stimmen, die seinen Namen nannten. Er wendete
-sich nach niemand um und blickte finster gradeaus. Er hatte sich
-bereits jene düstere, abwehrende Haltung angewöhnt, mit der die großen
-Champions sich die unerwünschten Verehrer fern halten. Er wußte es
-selbst, es war eine theatralische Pose, aber dennoch hatte er nicht die
-Absicht, sie aufzugeben. Es war ein Leben des Scheins, ein Leben voller
-Scheinerfolge, welche aber ebenso bejubelt und so glänzend honoriert
-wurden, wie echte Erfolge. Die Kraft allein war echt....
-
-Es war noch so zeitig, daß Eberhard hoffen konnte, in der Garderobe
-keinen Kollegen zu treffen. Aber Binder saß doch schon am Tische und
-versteckte bei Eberhards Eintritt einen Zettel.
-
-„’n Abend,“ sagte Freidank, wider Willen unangenehm berührt. „Ach, ich
-habe Sie nicht stören wollen!“
-
-„Sie stören mich nicht,“ sagte Aloys. „Ich schreibe nur ’ner
-Chansonette... einem hübschen, brünetten Pussel.... Sie sind auch für
-so was, Roland...!“
-
-Hatte Eberhard recht gehört? Lag ein Unterton des Hohnes in Binders
-Worten oder witterte nur seine Abneigung gegen den Münchener Böses?
-
-„Pardon -- --,“ sagte er hart. „Ich möchte nicht... Sie verstehen...“
-
-„Ach, Sie sind eifersüchtig!“ erwiderte der Münchener unvermittelt mit
-einem frechen Aufblick.
-
-„O nein! Ich habe keine Ursache dazu!“ entgegnete Eberhard bestimmt und
-ging wieder hinaus. Im Artistenfoyer, einem langen, breiten Korridor,
-blieb er noch einmal lauschend stehen: war nicht ein höhnisches Lachen
-hinter ihm hergeklungen? Aber alles blieb still. Nur die Soubrette,
-Fräulein Coeur de Rose, strich wie eine verliebte Katze im Foyer
-herum. Sie war schon zur Vorstellung angekleidet und hatte ihren
-dekolletierten Busen mit einem durchsichtigen Schleiergewebe bedeckt,
-um den ärgsten Anschein der Koketterie zu vermeiden. Er wendete sich
-brüsk von dem geschminkten Weibe ab und ging durch das ganze Haus
-hindurch in das Theaterrestaurant.
-
-Unwillkürlich suchten seine Blicke beim Eintritt Fräulein Leonie
-Krömer. Doch die schöne Brünette thronte nicht auf dem gewohnten Platz.
-Sie hatte endlich kapituliert und saß neben Sergej Roditscheff an einem
-der kleinen Tischchen von gelblichem Marmor. Das Bild prägte sich fest
-in Freidanks Gedächtnis ein: Leonie war verwirrt, rot und schön in
-ihrer Leidenschaft und ihrem Schuldbewußtsein. Roditscheff hatte sich
-ihrer Hand bemächtigt und spielte mit den Ringen an ihren schlanken
-Fingern. Er war blaß, lächelnd, ruhig und siegesbewußt, wie immer...
-Nur ein sehr geübtes Auge hätte ihm den letzten Zweifel an seinem Siege
-über diese Spröde vom Gesicht ablesen können. Denn Leonie schwankte
-noch, während Roditscheff sie zuversichtlich fragte:
-
-„Gleich nach der Vorstellung kann ich dich abholen, Lona?“
-
-„Um Gotteswillen, nein!“ erwiderte Leonie hastig flüsternd, „mein
-Schwager... und überhaupt...“
-
-„Um zwei Uhr wird das Restaurant geschlossen,“ sagte Sergej, „also um
-zwei Uhr, Lona, um zwei Uhr, Lona...“
-
-Unter seinen hellen, hypnotisierenden Blicken senkte Leonie Krömer den
-schwarzen Kopf....
-
-Eberhard verbarg sich hinter der größten Zeitung, die er finden
-konnte. --
-
-Von einem Tisch, an dem ziemlich viele lebhaft redende Männer saßen,
-löste sich jetzt ein Mann und begann ein Gespräch mit Freidank. Er war
-ein Buchmacher namens Goldschmidt, der mit großer Geschicklichkeit das
-Gespräch auf den Revanchekampf des heutigen Abends zu lenken wußte. Er
-redete in einem seltsamen Fachjargon, der aus jüdischen und sportlichen
-Redensarten bestand, allerlei krausen Unsinn, welcher schließlich in
-der vorsichtig umschriebenen Frage gipfelte, ob Roland oder Binder bei
-dem Ringkampfe Sieger bleiben würde?
-
-„Zum Teufel, kann ich das wissen?“ fragte Freidank über die Zeitung
-hinweg.
-
-„O, Herr Roland -- --! -- sagen Sie mir nicht so was! -- Ich bin nicht
-einer von ’s dumme Publikum... Ich wollte Ihnen vorschlagen ein gutes
-Geschäft, ein sicheres Geschäft ....“
-
-Eberhard legte die Zeitung hin:
-
-„Ich bitte, Herr Goldschmidt, sagen Sie klipp und klar, was Sie von mir
-wollen!“
-
-Er wollte.... nun, Herr Roland sollte es nicht übel nehmen... Gegen
-seine Ehre ginge es ja nicht, -- und außerhalb der Konkurrenz... und
-ein glattes Geschäft wäre es...
-
-Und als Freidank gelangweilt die Stirne furchte, erklärte er ihm das
-beabsichtigte Geschäft. Von den Wettenden -- und es wurden sehr hohe
-Wetten heute abend abgeschlossen -- hielten die meisten auf Roland,
-obwohl er schon von Binder besiegt worden war. Es waren Gerüchte
-von „Schiebungen“ durchgesickert, die das Publikum lebhaft erregt
-hatten. Den heutigen „Revanchekampf“ hielten die Leute aber für echt.
-Hohe Summen waren auf den Sieg Rolands gesetzt worden, die im Falle
-von Rolands Niederlage dem Buchmacher zufielen. Mit der Kunst der
-Überredung und mit der Zusicherung eines hohen Gewinnanteils suchte
-Herr Goldschmidt Eberhard nun zu bewegen, Aloys Binder den Sieg zu
-lassen. --
-
-Eberhard mußte über die Unverfrorenheit lachen, mit welcher der
-Buchmacher ihm dieses Geschäft anbot. Aber Goldschmidt verlor keine
-Zeit; er zog schnell einen Hundertmarkschein aus der Tasche, den er
-unauffällig in Eberhards Rocktasche beförderte.
-
-„Schön! Herr Roland!“ sagte er dabei mit vergnügtem Lächeln, „wir sind
-einig, nicht wahr? Das ist die Anzahlung ... Den Rest zahle ich Ihnen
-nach der Vorstellung ... Es bleibt dabei... Ein gutes Geschäft für Sie,
-ein ausgezeichnetes Geschäft!“
-
-Strahlend vor Vergnügen kehrte er zu seiner Gesellschaft zurück und
-versicherte seinen Wettlustigen, daß sie unbedingt gewinnen würden,
-denn Roland würde natürlich Sieger!
-
-Eberhard trank sein Bier aus und dachte kaum mehr an den Zwischenfall,
-als er die Ringkämpfergarderobe betrat. Alsbald brachte ihm der Kellner
-ein Briefchen, in dem Fritzi ihm in ihren kindlichen, ungeübten
-Schriftzügen mitteilte, daß sie nicht ganz wohl sei und darum’ früh
-nach Hause gehen würde, um auszuschlafen. Während er den Zettel las,
-fühlte er Binders höhnisch funkelnde Blicke auf seinem Gesichte.
-Aufblickend, gewahrte er auch ein fatales Lächeln des Müncheners, der
-in seiner Lieblingsstellung in Unterhosen auf einem Koffer hockte.
-
-„Was haben Sie?“ fragte Eberhard, indem er sich mühsam beherrschte.
-
-„Ich? -- Zehn Rendezvous, zwanzig Liebesanträge!“ lächelte Binder, „und
-Sie haben wahrscheinlich einen Brief von Ihrer Dulcinea... Ich kenne
-das... Na, lassen Sie sie schießen! Ich trete Ihnen als Ersatz gern
-meinen Reisedrachen ab... Celeste, die Sie im stillen anschmachtet..“
-
-Eberhard sagte zornig: „Ich danke.“ Er ging mit schweren Tritten an
-seinen Koffer und kleidete sich an, während er ohne Unterlaß an Fritzi
-dachte, an Fritzi, die krank war, während er auf die Weihnachtskneipe
-mußte. In dieser Stunde verfluchte er sich selbst, sein Leben,
-seinen neuen Beruf und seine Zukunft. Er verfluchte seine Kollegen,
-die unter läppischen Gesprächen herumstanden und sich zur Vorstellung
-ankleideten. Er wußte selbst nicht recht, was er heute abend gegen die
-Ringkämpfer hatte. Sie kamen ihm sämtlich so ordinär vor, so brutal, so
-gemein... Oder war daran nur dieser Kerl, der Binder, schuld? Binder
-erzählte laut und schamlos von seiner Freundin Celeste, während er mit
-ruckweisen Bewegungen die Trikots anlegte:
-
-„Sollte man es denken, Kiesling? -- Vorgestern wurde sie frech. Ich
-kam abends mit ’nem Weib nach Hause; Celeste saß am Tisch und wartete
-auf mich. Das Weib war ’ne Dame, müßt ihr wissen, darum ließ ich
-sie erst im Korridor warten, schob meine Celeste in die Wohnstube
-und sperrte die Tür zu. Dann holte ich meine Dame herein. Kaum wird
-die Dame etwas warm, kriegt der Drachen nebenan einen Weinkrampf...
-heult... schreit... poltert gegen die Türe... Die Dame bekommt
-einen Mordsschreck und will wissen, wer da lärmt. Ach, eine dumme
-Chansonette, die ich mir aus dem vorigen Engagement mitgenommen habe,
-weiter nichts, sage ich. Aber trotzdem ließ die Dame sich nicht mehr
-beruhigen und lief mitten in der Nacht davon!“
-
-„Und?“ fragte Kiesling ohne besonderes Interesse.
-
-„Und? --“ erwiderte Binder höhnisch lächelnd, „und Celeste hat zwei
-Tage nicht ausgehen können, so viel Schläge hat sie bekommen. Ich habe
-sie gehauen, bis sie freiwillig versprochen hat, zukünftig die Damen,
-die mich besuchen, wie eine Magd zu bedienen, wie eine Sklavin... auf
-den Knieen, wenn ich’s verlange...“
-
-„Deine Sache...“ sagte Kiesling gelassen, und Binder fuhr fort:
-
-„Ihr Geld reicht ohnehin nur noch ein paar Monate... Ihre Mitgift kann
-sie nicht angreifen; ich hab’ nur ihr persönliches Vermögen in den
-Händen... Wenn ihr Geld zu Ende ist, kann sie meinethalben zu ihrem
-Ehemann zurückkehren, dem sie mit mir davongelaufen ist!“
-
-Mehrere Athleten lachten, andere, welche diese unnoble Handlungsweise
-nicht billigten, zuckten die Achseln. Niemand aber fand, daß diese
-Liebesaffäre des Ereiferns wert gewesen wäre. Mein Gott.... jeder nahm,
-was er bekommen konnte....
-
-Als die Ringkämpfer die Bühne betraten, bemerkte Eberhard, daß
-Madame Celeste doch im Theater war. Sie hatte sich also von ihrem
-Schmerzenslager aufgerafft, nur um ihren Peiniger ringen zu sehen...
-Sie sah sehr blaß aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Freidank
-war es auch, als ob Celeste heute nicht anbetend, wie sonst, sondern
-mit einem eigentümlich entschlossenen, harten Ausdruck im Gesicht zu
-Binder hinaufsah. Er konnte nicht zum zweitenmal hinsehen, weil er nun
-seine ganze Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Aloys richten mußte.
-
-Ein Pfiff gellte durch das stille Theater. Die beiden Athleten gingen
-schnell aufeinander los, Binder, nach seiner heimtückischen Art, mit
-gesenktem, vorgestrecktem Kopfe, Freidank mit äußerer Ruhe. Jeder hielt
-die Augen fest auf die Hände des andern gerichtet, jeder griff nach des
-Gegners Handgelenken und suchte den andern von Zeit zu Zeit durch einen
-schnellen, listig angebrachten Griff zu überrumpeln. Aber keiner bekam
-ein Übergewicht über den andern.
-
-Das Theater lag in atemlosem Schweigen. Mit Herzklopfen verfolgten
-die Hunderte im Saal und in den Logen den Kampf, in dem die Kämpfer
-ihre besten Kräfte noch zurückhielten. Die Sekunden dehnten sich
-endlos lang, die Minuten wuchsen in die Ewigkeit hinein. Plötzlich,
-mit einem gewaltigen Schritt, waren beide Ringer dicht aneinander
-und umschlangen sich gegenseitig mit einem Griffe, der jedem gleiche
-Chancen bot und welchen die Ringer Zwiegriff nennen.
-
-Und wieder ein herzbeklemmendes Zuwarten! welcher wird seine Chance
-ausnützen? -- Der Münchener! Er hob Roland wild, zornig, ruckweise
-auf und schleuderte ihn zu Boden. Beide wälzten sich übereinander,
-Roland hockte auf dem Teppich, und Binder bemühte sich mit aller Kraft
-vergebens, den unbeweglich Dasitzenden aus seiner Stellung zu bringen.
-
-Der erste Gang war vorüber; die Ringer traten schweißbedeckt, mit
-verwirrten Haaren, von der Bühne ab und wurden mit rauhen Handtüchern
-abgetrocknet. Währenddessen trat Markus auf Freidank zu und flüsterte:
-
-„Wie lange wollt Ihr ringen? Länger als dreißig Minuten?“
-
-„Möglich --,“ sagte Eberhard mit einer unbestimmten Geste.
-
-„Zum Teufel, Roland, das muß doch abgemacht sein!“ sagte der Manager
-ärgerlich, „hab’ ich ’ne Ahnung, wann ich abpfeifen soll?“
-
-„Werden es schon merken,“ erwiderte Freidank kurz und ging wieder aus
-der Kulisse heraus, um weitere Fragen abzuschneiden.
-
-Wer von den Zuschauern den Ringkampf für ein Spiel gehalten hatte, der
-wurde an diesem Abende inne, daß es auch Kämpfe von blutigem Ernst
-gibt. Die Spannung und Erbitterung der beiden Athleten, die einander
-lauernd gegenüberstanden, teilte sich langsam dem Theater mit. Die
-verhaltene Kraft, die scharfe Anspannung aller Sinne trieb den Kämpfern
-den Schweiß aus allen Poren, jagte ihr Blut in rotem Wirbel durch die
-Adern. Wenn sie einander gewaltsam anpackten, schallte das Klatschen
-der grob gefaßten Griffe bis in die hintersten Winkel des weitläufigen
-Theaters.
-
-Wieder einmal waren beide blitzschnell vom Boden aufgesprungen und
-standen sich gegenüber; da packte Binder Freidanks rechten Daumen
-mit der Linken und schlug ihm mit der Rechten gegen den Ellenbogen.
-Freidank aber hatte die tückische Absicht gemerkt, sprang wie ein Löwe
-herum und riß den Bayer zu Boden. Er hielt ihn fest und flüsterte ihm
-zähneknirschend zu:
-
-„Was fällt dir ein? Willst du disqualifiziert werden?“
-
-„Nein!“ flüsterte Binder frech zurück, „aber heute geht’s im Ernst....
-Um die kleine Katze, die Fritzi....“
-
-Eine Sekunde lang sah Freidank alles rot, dann faßte er sich:
-
-„Also um Tod oder Leben.... um dein oder mein Leben....“ „Immer
-tragisch!“ höhnte der Münchener, der unter Eberhard lag, ein wenig
-keuchend. „Ums Leben ja gerade nicht, aber meinethalben um die
-Fritzi... die Fritzi ist mir ja doch sicher...“
-
-Eberhard hörte nichts mehr. In Berserkerwut stürzte er sich über den
-Gegner. Das, was ihn ergriffen hatte, war nicht mehr bloße Kampflust.
-Es war Mordlust...
-
-Und mit dieser Mordgier in dem fiebernden Blute stand er vor Hunderten
-von Zuschauern und war gezwungen, den Kampf nach seinen Regeln, mit
-allen Finessen, die das Publikum entzücken, zu Ende zu führen...
-
-Die Zuschauer waren von jenem leidenschaftlichen Taumel ergriffen, der
-sich seit Jahrtausenden gewaltigen Menschenmassen mitteilt, sobald zwei
-feindliche Kräfte sich vor ihren Augen messen. Genau so verfolgten
-einst die Griechen die Kämpfe ihrer Ringer im Stadion, so und nicht
-anders saß das alte Rom rund um die Arena und blickte gebannt und
-gespannt, mit fieberndem Parteinehmen und grausamer, zitternder Lust,
-auf Siegen oder Unterliegen.
-
-Die ersten drei Gänge, jeder zehn Minuten lang, waren längst vorüber.
-Jetzt ging es weiter ohne Pause, bis einer von beiden am Ende seiner
-Kräfte war. Das pfeifende Keuchen harter Atemzüge rang sich mühsam von
-den Lippen der Ringer; es kam aus den schwer arbeitenden Tiefen ihrer
-Brust, es erfüllte mit leisem, aber deutlichem, aufreizendem Geräusch
-das ganze Theater. Keine Wollust ist so groß, als die Wollust des
-Zuschauers beim mörderischen Kampfe..
-
-Eberhard spannte seine letzten Kräfte an, und Binder ließ alle
-Rücksichten fallen. Er stieß und schlug, wo die Gelegenheit sich bot,
-sinnlos auf seinen Gegner ein. Bereits war er zweimal verwarnt worden,
-versuchte aber zum drittenmal, Roland mit einem rohen Halsgriffe die
-Luft abzuschneiden. Er stand tiefgebeugt, den Rücken gebogen, den Kopf
-gesenkt, heimtückisch, wie ein Raubtier vor dem Sprunge. Da, als er
-sich noch tiefer duckte, griff Eberhard zu, langte mit den starken,
-weißen Armen über Binders Kopf hinweg, umschlang den Feind an den
-Hüften und hob ihn rücklings auf. Binder, der kopfüber in der Luft
-hing, merkte, daß er verloren war. In den Armen des Starken zappelnd,
-blickte er Freidank haßerfüllt an und flüsterte mit erlöschender Kraft:
-
-„Die Fritzi ist mir doch sicher...“
-
-Eberhard hob ihn noch höher und schleuderte ihn von bedeutender Höhe
-herab mit brutaler Wucht auf den Boden.
-
-Er vernahm nicht mehr das ausbrechende Beifallsgeheul der
-leidenschaftlichen Menge, die seinem Siege zujubelte, er wollte in die
-Garderobe stürzen. Markus lief ihm nach, zerrte ihn am Trikot auf die
-Bühne, stieß ihn hinaus; er mußte sich verbeugen, zweimal, dreimal,
-während das wilde Rauschen des Beifalls ihn umtobte, wie ein Meer im
-Sturme.
-
-Seit dem Augenblicke, wo sie sich als Abschiedsgruß auf der Bühne die
-Hände gereicht hatten, kümmerte sich keiner der Kämpfer mehr um den
-andern. In der Garderobe halfen Kameraden den zu Tode Erschöpften aus
-den Trikots und rieben ihnen die zuckenden Glieder mit Branntwein
-ein. Dann lagen sie beide blaß, mit geschlossenen Augen, auf harten
-Matratzen und kehrten langsam zum normalen Atmen zurück. Ihre Lungen
-waren bis zum letzten Atemzuge ausgepumpt. Sie hatten nahezu zwei
-Stunden gerungen.
-
-Thyssen erschien unter der offenen Türe, beide Hände in den Taschen,
-und blickte schweigend die ermatteten Ringer an. Sein heller, scharfer
-Geist hatte in dem grauenvollen Kampf des Abends eine Tragödie gespürt,
-für die es vorher nicht einmal die leiseste Andeutung gegeben hatte. Er
-ließ seine dunklen, zwingenden Augen auf Eberhard ruhen und fragte:
-
-„Warum habt Ihr nicht aufgehört, als Markus euch das Zeichen gab? Was
-habt ihr miteinander vor?“
-
-Eberhard richtete sich halb auf. Das Unausgesprochene, es sollte
-niemals ausgesprochen werden, Fritzis Name sollte unversehrt bleiben,
-die Tragödie sollte in Schweigen erstickt werden. Vielleicht war sie
-zurückzuhalten... vielleicht war die rollende Lawine in ihrem Laufe zu
-hemmen....
-
-Er blickte Binder, der möglicherweise eine hämische Bemerkung auf den
-Lippen hatte, stahlhart an und erwiderte, ohne die Augen von seinem
-besiegten Gegner zu lassen:
-
-„Sie irren sich, Herr Thyssen. Es ist nichts.“
-
-„Dann ist es gut,“ sagte der Weltmeister langsam...
-
-Eberhard stand auf. Seine Glieder schmerzten, seine Gelenke brannten.
-Nur schlafen -- schlafen! Aber er mußte ja auf die Weihnachtskneipe....
-
-Im Vestibül, welches Eberhard durchschreiten mußte, wartete Herr
-Goldschmidt, der Buchmacher. Als er den Ringkämpfer kommen sah, sprang
-er mit rotem Kopf auf ihn los und fauchte ihn zornig an:
-
-„Was haben Sie gemacht? War das nach unserer Verabredung gehandelt? Was
-stellen Sie sich vor unter einem Geschäft? Und meine Anzahlung?“
-
-„Verabredung! Geschäft! Anzahlung!“ sagte Freidank erbittert, „was
-wollen Sie eigentlich von mir, Sie....? Sie....?“
-
-„Sie behaupten, daß Sie das nicht mehr wissen?“ zischte der Buchmacher,
-„Sie leugnen, daß ich Ihnen hundert Mark auf Ihre Niederlage angezahlt
-habe? Das leugnen Sie, Herr....?“
-
-„Reden Sie keinen Blödsinn!“ sprach Eberhard zornmütig von oben
-herab, „ich habe den Kerl geschmissen... Der Kerl hat es nicht besser
-verdient... Lassen Sie mich in Ruhe! Ein anständiger Mensch bietet
-nicht solche Geschäfte an... Ihre sogenannte Anzahlung, Herr...
-Goldschmidt,“ Eberhard lachte den bebenden Hebräer hochmütig und
-höhnisch an, „um Ihre Anzahlung wiederzubekommen, dürfen Sie mich
-verklagen... Ich schmeiße, wen ich will, und nicht, wen Sie wollen!“
-
-Er ging mit schweren Schritten an dem Buchmacher, der ihm in
-ohnmächtiger Wut nachblickte, vorüber und trank am Büfett des
-Theaterrestaurants hastig mehrere Gläser Kognak aus, welche seiner
-Gedanken Qual so weit zerstreuten, daß er Binders Reden über Fritzi
-vergaß. Das Kind lag längst zu Hause im Schlafe, das war gewiß. Er
-hatte Fritzis Hausschlüssel in der Tasche. Aber warum die Geliebte im
-Schlafe stören? Besser, auf die Kneipe zu gehen....
-
-Die Nacht war mild und dunkel. Warme Lüfte strichen über den Schnee
-hin und von den Dächern rieselten dünne Bächlein. Eberhards Schritte
-knirschten leise in dem tauenden Schnee, als er in die Linienstraße
-einbog, wo die Kneipe des Vereins Gryphius im ersten Stock eines
-Hinterhauses lag. Im zweiten Stock desselben Gebäudes hauste die
-„Munichia“, deren Angehörige den Gryphianern nicht besonders freundlich
-gesinnt waren. Man hielt offizielle Freundschaft, während man
-einander insgeheim nachspürte, um eine Veranlassung zum Abbrechen der
-freundschaftlichen Beziehungen zu finden.
-
-Eberhard kam spät, aber die Freunde hatten fest auf sein Erscheinen
-gezählt. Der kleine, lustige Tönnies sprang sofort auf, drückte
-Eberhard herzlich beide Hände und zog ihn auf den Platz neben
-sich, den ein Fuchs alsbald räumen mußte. Es war kurz vor Beginn
-der Fidelitas. Frohe Gemeinsamkeit strahlte allen diesen jungen,
-enthusiastischen jungen Männern aus den Augen, gemeinschaftliche
-Interessen, gemeinschaftliche Hoffnungen zogen ihren Zauberring um den
-Jünglingskreis. Eberhard beantwortete heiter ein paar Fragen, tat den
-Freunden mit dem kühlen, schäumenden Bier Bescheid und lehnte sich
-dann, das Kneipcerevis auf dem Kopfe, behaglich hintenüber mit dem
-vollen Frohgefühl: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! --
-
-In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum, der von den Füchsen scherzhaft
-und phantastisch herausgeputzt war. Zur Beleuchtung des Baumes
-hatte man zufällig starke, gelbe Wachskerzen gekauft, die ihren
-süßen, edlen Duft in feinen Wogen durch das Kneipzimmer sandten. Die
-Lichter knisterten leise; man hatte ein mechanisches Musikinstrument
-eingestellt, welches nun einen großen Kinderchor erklingen ließ. Wie
-aus weiter Ferne, aber dennoch deutlich, zogen die glücklich-naiven
-Worte dahin:
-
- „O, du fröhliche,
- O, du selige,
- Gnadenbringende Weihnachtszeit!“
-
-Von den Wänden grüßten die vertrauten Bilder alter Kommilitonen; das
-Bild Andreas Gryphius’ war von einer jungen, pietätvollen Hand mit
-grünen Tannenzweigen bekränzt worden. Die jungen Männer, der holden
-Kinderzeit noch nah und nicht entfremdet, wollten sämtlich unter Lachen
-und Necken ihre mildgerührte Stimmung verbergen und vermochten es
-nicht....
-
- „Christ ist erschienen,
- Uns zu entsühnen.
- Freue dich, freue dich, o Christenheit!“
-
-Der Kinderchor sang’s aus der Walze des leblosen Musikinstrumentes
-heraus. Und wieder einmal, wie so oft, träumte Eberhard von ernster
-Geistesarbeit und ehrlichen Erfolgen, von stillem Schaffen und Freude
-an erreichten Zielen....
-
--- Die Kneipe der Munichen im oberen Stockwerk war schon zu Ende.
-
-Man hatte sie ihr Kneipzimmer verlassen und die Treppe hinabsteigen
-hören. Dann trat Tönnies einmal zufällig auf den Treppenflur hinaus und
-lief gegen einen Munichen an, der gerade die dunkle Treppe herabkam. Er
-entschuldigte sich höflich und bat den Munichen, ein Weilchen Gast der
-Gryphianer zu sein. Gemeinsam traten beide junge Männer ein. Die Türe
-blieb offen stehen. Ein kalter Luftzug fuhr Freidank ins Gesicht; er
-drehte sich um:
-
-„Tönnies, bitte, schließe die Tür!“
-
-Der Muniche sah Freidank ins Gesicht, fragend, erschrocken, unsicher...
-Aber er hatte keine Zeit, irgendwelche Zweifel oder Vermutungen
-auszusprechen, da er von dem Kneippräsiden begrüßt und gastfrei
-aufgenommen wurde. Eine halbe Stunde flog dahin in munterem Gespräch.
-Und dann, jäh, zwingend, wie das Grauen sich immer zu nahen pflegt,
-trat plötzlich ein unsichtbarer, eisiger Gast in den Kreis der jungen
-Männer, lähmte die plaudernden Lippen, hielt den Schlag der Herzen
-zurück. Das Schweigen breitete sich aus, jeder fühlte es, obwohl
-es keiner sah, ohne Grund richteten alle Augen sich auf Eberhard
-Freidank....
-
-Aber der Präside sprang auf; mit einem Schwerthieb wollte er das Grauen
-töten, entzweischneiden, in Nichts auflösen:
-
-„Freidank! Kommilitone Freidank! von Herrn Höpfner-Munichiae ist soeben
-eine -- ganz -- erstaunliche -- Beschuldigung gegen dich erhoben
-worden....“
-
-Die Stimme des jungen Mannes bebte, die jungen, zuckenden Lippen
-wollten den Dienst versagen. Zu ungeheuerlich erschien ihm die
-Behauptung des Munichen, zu phantastisch die Idee.... Er rang nach
-Haltung und fuhr fort:
-
-„Du sollst -- im Odeontheater -- einer der Konkurrenzathleten sein,
-du sollst -- heute abend -- mit einem -- gerungen haben.... Freidank,
-sage, daß es nicht wahr ist......“
-
-Unser Leben ist ein Würfelspiel; wir heben die Würfelbecher, betrachten
-die Würfel, zählen die Augen, wägen unsere Chancen.... Aber manchmal
-nimmt uns Einer den Becher aus der Hand, schüttelt ihn und schleudert
-den Inhalt heraus, daß wir das Aufklirren der beinernen Würfel hören.
-Ich habe es in schrecklichen Stunden gehört, und vielleicht auch du,
-und du kennst vielleicht das Grauen jener Sekunden, in denen die
-Schicksalswürfel dröhnend niederfallen. --
-
-Eberhard Freidank stand auf und sagte leise und ernsthaft:
-
-„Ja, das ist wahr.“
-
-In schweigender Erschütterung blickten die jungen Männer vor sich
-nieder. Alle hatten sich erhoben. Der Muniche stand blaß und
-abgewendet, selbst ergriffen von der Wirkung seiner Anklage.
-
-Freidank machte eine unwillkürliche Bewegung, um das Zimmer zu
-verlassen. Da faßte sich der Präside und sagte, ohne seinen Schmerz zu
-verhehlen:
-
-„Freidank, das tut mir weh, -- bei Gott, -- als ob’s mein eigener
-Bruder wäre... Du warst uns wie ein Bruder, Freidank.... Aber... daß
-man das sagen muß! -- Freidank, so leid es uns allen tut... aber....
-Mit der blanken Waffe.... ist das nicht auszutragen....“
-
-„Ich weiß schon,“ sagte Freidank erschöpft. „Lebt wohl! Und es soll
-euch im Leben gut gehn, und ihr sollt erreichen, was ihr erstrebt.“
-
-Und er wendete sich zur Türe. Keiner hielt ihn zurück. Im Flur gab der
-Vereinsdiener ihm den Mantel um und reichte ihm die Pelzmütze. Da kam
-ihm einer nach: das war Tönnies.
-
-„Verzeih,“ sagte Adolf Tönnies gedrückt, „ich schuldete dir noch fünf
-Mark, Freidank... Erlaube, daß ich diese Schuld berichtige....“
-
-Alles, was vorhergegangen war, war nichts gegen diesen Schmerz. Adolf
-brachte ihm fünf Mark zurück, die er wohl von dem Studenten hatte
-leihen können, von dem Ringkämpfer aber nicht...
-
-„Deshalb bist du mir nachgegangen, Tönnies?.....“
-
-„Pardon --, ja, deshalb! Denn ich fürchte, daß ich in Zukunft dazu
-keine Gelegenheit mehr haben Werde, in Anbetracht deiner neuen
-Karriere....“
-
-Freidank ließ das Silberstück fallen, daß es klirrend fortrollte. --
-
-Die meisten Straßenlaternen waren ausgelöscht; die Straße war noch
-finsterer. Tauwind flog über die Stadt, fraß die letzten Schneereste
-und glitt weich durch die Haare des Ausgestoßenen. Eberhard hatte
-keinen Gedanken....
-
-Ein einsames Mädchen strich langsam vorbei; da fiel ihm Fritzi ein. „Zu
-Fritzi!“ sagte er sehr sanft vor sich hin, und ein liebeseliger Frieden
-zog in sein Herz ein, „zu Fritzi!“
-
-Er kam an das Haus, wo Fritzi wohnte, stieg vorsichtig die Treppen
-hinauf und schloß die Türe auf. Er wollte das kranke Mädchen nur sehen,
-einen Kuß auf ihre weiße Stirn drücken und wieder von dannen gehen.
-Aber das Zimmer war leer, und Fritzi war nicht darin.
-
-Er sah sich um, er griff an seine Stirn. Wahrhaftig, es war Fritzis
-Zimmer.... Das Bett war unberührt, das Mädchen war nicht heimgekommen.
-Er stand eine Weile am Fenster und sah zwecklos hinaus, dann fing
-er an, zu toben und zu fluchen. Das Dröhnen seiner Stimme lockte
-Frau Krichelmann, die Wirtin, herbei. Sie erschien in Nachtjacke und
-Unterrock und fragte entsetzt, was geschehen sei?
-
-„Sie wissen es besser als ich!“ stöhnte Freidank, „wo ist Fritzi?“
-
-„Das Fräulein Fritzi?“ Die Wirtin besann sich nach einer Lüge, „das
-Fräulein Fritzi ist, so viel ich weiß, zu Fräulein Liane gegangen....“
-
-„Liane!“ sagte Eberhard bebend, „aber Liane ist nicht in Berlin...
-Fritzi ist anderswo... Wenn Sie keine Wahrheit wissen, so sagen Sie
-wenigstens keine offne Lüge....“
-
-„Das dürfen Sie mir nicht ins Gesicht sagen!“ erwiderte Frau
-Krichelmann, „ich habe Fräulein Fritzi nicht zu hüten! Ich weiß nur,
-daß sie bei Fräulein Liane schlafen wollte! -- Sie zahlen pünktlich
-die Miete für Fräulein Fritzi, Sie sind mir ein lieber Mieter, Herr
-Freidank! aber ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm hier.... mitten in
-der Nacht....“
-
-Freidank warf die Türe zu und jagte die Treppen hinunter. Er dachte
-daran, wie er sie vor drei Wochen unter tausend Zweifelschmerzen
-gesucht und nicht gefunden hatte und ihr dann selber untreu geworden
-war.... Er hatte nie den Mut gefunden, Fritzi zu fragen, wo sie jenen
-Abend verlebt hatte. Und heute? -- Ganz flüchtig kamen ihm Aloys
-Binders Reden in den Sinn. Aber das war nichts, konnte nichts sein, als
-haltlose Prahlerei. Seine Fritzi... und dieser rohe, tierische Mensch
-mit der niedrigen Stirn und dem steilen, borstigen Haar... Und dann --
-bei dem Kampfe des heutigen Abends mochten Binder die Liebesgedanken
-für diese Nacht wohl gründlich vergangen sein. --
-
-Eberhard lief durch die Straßen; ohne daß er eigentlich die Absicht
-hatte, gelangte er zu dem Hause, in dem Aloys Binder mit Madame Celeste
-wohnte. Die drei Fenster im ersten Stock, die dicht verhängt waren,
-gehörten zu Binders Zimmern. Schmale Lichtstreifen schimmerten durch
-die Ritzen. Jetzt wurde an einem Fenster der Vorhang aufgezogen und das
-Fenster geöffnet. Eine weibliche Gestalt beugte sich hinaus, sah den
-Himmel an, trat wieder zurück und schloß die Fenster. Eberhard hatte
-sie genau erkannt; es war Madame Celestes zarte, schlanke Silhouette. --
-
-Die Nacht ging schon auf den Morgen zu. Ein dünner, warmer Regen
-floß grau aus schweren Wolken. Eberhard ging mit matter Seele und
-erschlafften Sinnen in das Kaffeehaus, in dem die Ringkämpfer den
-größten Teil ihrer Nächte zuzubringen pflegten. Jetzt erst gehörte er
-ganz zu ihnen....
-
-Aber die Kollegen waren zum größten Teil schon fortgegangen; nur Manuel
-Gomez und der stille Türke waren noch anwesend. Der unverträgliche
-Spanier fand keinen Zechgenossen mehr außer dem Türken, mit dem er sich
-in keiner Sprache verständigen konnte. Faul, fast unbeweglich, lagen
-sie auf den Stühlen und betranken sich schweigend.
-
-Eberhard ging aufs Geratewohl in ein anderes Kaffeehaus hinein. Dort
-saßen, vor neugierigen Blicken durch einen Vorhang ein wenig geschützt,
-Kiesling, Roditscheff und Leonie Krömer. Leonie erschrak, als sie
-Freidank erblickte, aber Kiesling beruhigte sie:
-
-„Der spricht nicht, Fräulein, er ist ein honetter Kerl! ... Am besten,
-wir holen ihn an unsern Tisch und lassen ihn merken, daß er zu
-schweigen hat....“
-
-Eberhard kam. Er hatte die Situation schnell begriffen. Leonie saß mit
-dem Russen auf dem kleinen, roten Ecksofa und hielt die schönen Augen
-auf den Maiglöckchenstrauß gesenkt, den Roditscheff ihr gebracht hatte.
-Ihre letzte Widerstandskraft war zerbrochen. Von Zeit zu Zeit zuckte es
-leise um ihren Mund, ein Lächeln schamvoller Verlegenheit. Aber ihre
-Seele hatte sich dem riesigen, helläugigen Ringkämpfer schon ergeben.
-Leonie wartete in Scham und Sehnsucht, bis Sergej sie an der Hand
-nehmen und im Triumphe als sein Eigentum und sein Liebchen nach Hause
-führen würde....
-
-„Hatten Sie ein Stelldichein hier, Roland?“ fragte Kiesling mit seinem
-flüchtigen, schmalen Lächeln. „Alsdann ist Ihnen die Dame ausgerückt,
-wie mir scheint.“
-
-Freidank kämpfte mit sich. Sollte er sprechen und Fritzi
-kompromittieren? Aber die beiden, die von ihm Verschwiegenheit über
-Fräulein Krömer erwarteten, konnten ihn vielleicht aufklären, konnten
-vielleicht die zermalmende Ungewißheit lösen.
-
-„Kein Stelldichein,“ sagte er, und seine Stimme klang rauh. „Ich suchte
-meine -- Freundin... Fräulein Fritzi .... Sie ist nicht zu Hause....“
-
-Freidank sah den Blick des Einverständnisses, den Kiesling und
-Roditscheff wechselten. Also sie wußten... wußten mehr, wie er selber
-wußte....
-
-Kiesling war ein verschwiegener Mensch und konnte Skandalgeschichten
-nicht leiden. Aber in diesem Augenblicke hielt er es für eine
-natürliche Anstandspflicht, Freidank zu warnen:
-
-„Hören Sie, Roland --! Meine Affaire ist es nicht.... Aber, wenn Sie
-klug sind, so ziehen Sie Ihre Hände zurück ..... Wir sprechen doch,
-nicht wahr, von Fräulein Fritzi l’Alouette, der Chansonette. Fräulein
-Fritzi l’Alouette ist heute abend beim Binder.“
-
-Und er nickte ernsthaft mit dem Kopfe. --
-
-Freidank ließ die Faust auf den Tisch fallen. Das Blut war aus seinen
-Lippen gewichen, seine Augen wurden starr:
-
-„Das wissen Sie? -- das ist sicher und wahrhaftig, und nicht nur eine
-von den vielen Klatschgeschichten aus der Garderobe, daß es der Binder
-mit meiner Fritzi hat?“ --
-
-„.... Also zeig’s ihm, Sergej,“ sagte Kiesling.
-
-Der Russe zog ein juchtenes Portefeuille und sah mit nachdenklichem
-Gesicht eine Anzahl Bilder durch. Einen Augenblick hielt er das
-Momentbild aus der Photographenbude vom Rummelplatze zwischen den
-Fingern und legte es dann schweigend vor Eberhard auf den Tisch.
-
-Das Bild stellte Fritzi inmitten ihrer beiden Begleiter dar. Sie war
-gar nicht zu verkennen. Den Lockenkopf mit dem kecken Pelzmützchen
-hatte sie zärtlich an Binders Schulter gelehnt, und Binder hielt sie
-fest im Arm, die Hand auf ihre zierliche Taille gepreßt....
-
-„Ich danke Ihnen,“ sagte Freidank heiser. „Ich danke Ihnen vielmals.
-Ja, das ist Fritzi.“ --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Eine halbe Stunde vor Mitternacht kam Aloys Binder aus dem Odeontheater
-und traf an der nächsten Straßenecke Fräulein Fritzi l’Alouette.
-Fritzi ging bereits seit einer vollen Stunde an dem Platze auf und
-ab und dachte daran, daß Eberhard sie niemals hatte warten lassen.
-Nur flüchtig kam ihr indessen der Gedanke, heim zu gehen und den
-Ringkämpfer im Stiche zu lassen. Sie fürchtete sich vor diesem
-Menschen, der doch gegen sie bisher nur sanft und freundlich gewesen
-war. So wartete sie mit einem seltsamen Gemisch von Zorn und Demut
-im Herzen. Als Binder endlich kam, machte Fritzi ihm nachträglich
-Vorwürfe. Er hörte sie schweigend an und sagte nach mehreren Minuten:
-
-„Es wird Tauwetter, du kleine Katze!“
-
-„Was hat das mit meinem Warten zu tun?“ fragte Fritzi verblüfft.
-
-„Nichts!“ erwiderte Binder lächelnd, indem er die Zähne zeigte, „wie
-lange du gewartet hast, ist mir höchst gleichgültig, du schwarzes
-Kätzchen! Du mußt auf mich fünf Stunden warten, wenn es mir paßt, zehn
-Stunden, die ganze Nacht! -- Oder würdest du nicht warten?“ fügte er
-drohend hinzu.
-
-„Ja....“ sagte sie eingeschüchtert und blieb nahe an seiner Seite,
-während er weiterging. Sie trippelte schlank und zierlich neben ihm,
-dann hängte sie sich an seinen Arm:
-
-„Sag’, wohin führst du mich, Aloys?“
-
-„Zu mir, nach Hause!“ sagte der Mann inniger, als er sonst sprach, und
-preßte die kleine Mädchengestalt fest und inbrünstig an seinen starken
-Körper.
-
-„In kein Lokal? In kein Café?“
-
-Sie zwitscherte, wie ein zutrauliches Vöglein, sie war so
-kindlich-schlau, so naiv-kokett, daß der Athlet nicht imstande war, sie
-grob zu behandeln.
-
-„Mein Kind,“ sagte er freundlich, „wir würden von Roland gesehen
-werden, darum mußt du mit mir kommen!“
-
-„O, Aloys! -- bist du ihm böse wegen deiner Niederlage? Ich habe das
-Publikum darüber sprechen hören, als es das Theater verließ! -- Aber
-dein Fall war doch vorher ausgemacht?“
-
-„Laß das, Fritzi,“ sagte der Ringkämpfer finster. „Natürlich war es
-ausgemacht... Meinst du, Roland wirft mich im Ernst?“
-
-„Dich nicht,“ erwiderte Fritzi eifrig, „so viel verstehe ich auch schon
-davon!“
-
-„Gar nichts verstehst du, du kleine Katze,“ beschloß Binder die
-Unterhaltung und gab seiner Begleiterin einen Kuß.
-
-Sie standen vor der Haustür. Binder führte das Mädchen ins Haus. Fritzi
-überwand eine letzte Bangigkeit und flüsterte:
-
-„Ist niemand oben? Werden wir ganz allein sein?“
-
-Der Ringkämpfer würdigte sie einer Antwort:
-
-„Celeste ist natürlich oben. Du kennst sie ja, Fritzi!“
-
-Madame Celeste? Sie, die doch nur Binders Geliebte war, sie war Fritzi
-immerhin als ein Bild alles Reinen und Hohen erschienen. Die kleine,
-leichtfertige Chansonette, welche das zermalmende, brutale Leben noch
-nicht in all seiner Raffiniertheit und Roheit kennen gelernt hatte,
-zitterte unwillkürlich bei dem Gedanken, als eine Sünderin vor den
-ernsthaften, reinen Augen Madame Celestes zu stehen. Binder aber, in
-dem alle niedrigen Instinkte wieder munter geworden waren, als er mit
-Fritzi durch das dunkle Treppenhaus schritt, verstand ihr Zittern
-falsch:
-
-„Sie tut dir nichts, mein schwarzes Kätzchen! O nein!“ er lachte
-höhnisch, „im Gegenteil! -- Bedienen wird sie dich, Fritzi, sie wird
-tun, was du verlangst....“
-
-Zwar war er seiner Sache nicht ganz sicher, betrat aber doch mit
-herrischer, siegesgewisser Miene an Fritzis Seite den kleinen Ecksalon.
-Er war leer, aber das Glühlicht der mehrarmigen Lampe leuchtete über
-einem weißgedeckten Tische mit freundlich angerichteten Erfrischungen.
-
-Binder selbst war bei diesem Anblicke betroffen. Celeste war also
-seinem kaum ernstgemeinten, frechen Befehle, ein kleines Abendessen für
-ihn und eine Dame herzurichten, nachgekommen? Und ihre Unterwerfung
-rührte ihn nicht, sondern machte ihn nur übermütiger. Er zog ein
-Pfeifchen, um Celeste wie einen Hund herbeizupfeifen. Ehe er aber den
-Pfiff ausgestoßen hatte, trat Celeste selbst über die Schwelle des
-Schlafzimmers und begrüßte Binder mit seiner Begleiterin, ohne daß das
-Lächeln von ihren Lippen wich...
-
-Wahrhaftig, Madame Celeste lächelte! Das Lächeln hielt ihre schönen
-Lippen geöffnet, so daß die blanken, schmalen Zähne sichtbar wurden.
-Sie hatte die dunkeln Ringe unter ihren Augen mit Schminke überdeckt.
-Wie der weiße Hauch auf üppig reifen Früchten lag ein zarter
-Puderschleier über ihrer Haut. Sie hatte das schwarze Haar zu einer
-hohen Frisur anmutig aufgebaut. Ihr hoher, schlanker Leib war heute
-in ein rotseidenes Kleid gehüllt, halb Hauskleid und halb Festgewand.
-Jung, schön, bizarr und phantastisch sah Madame Celeste aus, eine
-reizende, geschmückte Sklavin...
-
-Binder starrte ihr mit unverschämter Siegermiene ins Gesicht und
-sah ihr unveränderliches, seltsames Lächeln. Sie lächelte, so meinte
-er, aus Verlegenheit... aus Scham .... O, sie sollte noch verlegener
-werden! Sie sollte noch tiefer gedemütigt werden! Jetzt war er über
-ihre Seele Herr geworden, nachdem er längst ihres Leibes Herr geworden
-war. Jetzt hatte er die Macht, die feine, stolze Seele bis zur letzten
-Erniedrigung zu zertreten! --
-
-„Wir setzen uns auf das Ecksofa, Fritzi,“ sagte Binder. „Du, Celeste,
-darfst dich mit uns zu Tisch setzen... vorausgesetzt, daß du uns dabei
-alles nett servieren kannst...“
-
-„O, du wirst zufrieden sein!“ erwiderte Celeste und hörte nicht auf,
-zu lächeln. „Der Tee, Aloys, ist frisch und heiß, der Sekt steht auf
-Eis.... Was befiehlst du?“
-
-„Erst Tee, später Sekt,“ sagte Binder. „Liebe Fritzi, greife zu, meine
-kleine Katze! Nimm von diesen Kaviarbrötchen, die Celeste uns bereitet
-hat....“
-
-Er geriet in vortreffliche Stimmung. Den Arm um Fritzis Taille gelegt,
-wurde er fröhlich und begann, über seinen Kampf und seine Niederlage
-gegen Roland zu scherzen. Celeste, der ein natürliches Rot die Wangen
-färbte, hielt mit. Fritzi allein konnte sich von einem rätselhaften
-Grauen nicht frei machen. Denn Madame Celeste -- sie war schmiegsam
-und unterwürfig, lieblich ohne Koketterie, freundlich ohne Hohn, und
-sie lächelte, sie lächelte.... Ihr Lächeln war ein wenig starr, ein
-wenig seltsam, wie das Lächeln schöner Wachsköpfe. Aber immerhin: sie
-lächelte! --
-
-Sie hatte längst den Teetisch abgeräumt. Nun goß sie den gelblichen,
-schäumenden Wein in die flachen Schalen.
-
-„Ziehe doch den Kühler heran, Celeste!“ sagte der Ringkämpfer, „und
-fülle die Gläser auf dem Tische!“
-
-„Verzeih!“ sagte Celeste lächelnd, „er ist zu schwer ... Ich kann ihn
-nicht allein heranschieben!“
-
-„Auch gut,“ bemerkte Binder und wendete sich Fritzi wieder zu. Fritzi
-taute endlich auf; sie fing an zu schäkern, ließ die kleinen Künste
-ihrer Gefallsucht spielen und schlang die Arme mit allerliebster
-Zärtlichkeit um Binders Hals.
-
-„O, der Sekt macht dich mobil, du kleine Katze!“ rief Aloys, „wir
-hätten zum Essen schon Sekt trinken sollen .... Holla, mein Kind, das
-geht ins Blut! Celeste, stoß’ mit uns an!“
-
-Er sprang auf und riß Fritzi mit sich in die Höhe. Er hielt die Schale
-in zitternder Hand, er schwang sie über den Tisch und lachte brutal:
-
-„Stoß’ an, Celeste, auf die Liebe! Und auf ein langes, lustiges Leben!“
-
-„Auf ein langes, lustiges Leben!“ sprach ihm Celeste nach, setzte das
-Glas an die Lippen und trank. Und als sie ausgetrunken hatte, setzte
-sie das Glas zurück, so daß der schlanke Stiel zerbrach und der Trank
-über den Tisch hinfloß.
-
-„Ungeschicktes Ding!“ rief Binder grob, aber Celeste hatte von dem
-Mißgeschick nichts bemerkt. Ihre Leidenschaft, ihre Verzweiflung
-brachen eine Minute lang durch die lächelnde Maske; sie riß Binders
-Kopf in ihre Hände und küßte ihn wütend und fassungslos zwischen die
-dunklen, starken Augenbrauen....
-
-„Nein, heute nicht! heute nicht, Celeste!“ rief Aloys, „siehst du
-nicht diese kleine Katze hier, die schon müde wird? Meinst du, ich
-habe mir die Fritzi nur zum Soupieren mitgebracht? O nein... Sie wird
-müde... Das eine Glas Sekt, komisch! Aber ich werde auch schon müde...
-Merkwürdig, Celeste!.... Schenk’ uns ein, Celeste, schenk’ ein!“
-
-Und die junge Frau mußte wieder und abermals die Schalen füllen. --
-
-Aber ein Geier mit grauen Flügeln breitete seine weiten Schwingen
-über dem Zimmer aus, bis sich das Licht vor den Augen des zechenden
-Liebespaares verdunkelte. Wie? brannte das Glühlicht so trübe oder
-sanken den Verliebten die Lider immer wieder über die Augen? Wer wird
-so müde nach einigen Gläsern Champagner? Celeste trank doch auch! Aber
-ihre Augen wurden immer heller; ihre schwarzen Augen brannten, wie von
-einem inneren Licht verklärt. Sie lächelte noch immer, das Lächeln war
-um ihre Lippen geschmiedet ....
-
-„Hol’s der Teufel, ich kann nicht länger wachen!“ rief Binder und
-schlug mit der Faust auf den Tisch. „Der Halunke, der Roland, ist
-schuld daran. Anders kann ich mir’s nicht erklären! -- Aber wir wollen
-es wettmachen, wir wollen es ausgleichen.... wir wollen in seinem
-Revier pürschen... Wie, meine kleine Katze! mein kleiner Hase! bist du
-auch so müde wie ich? -- Celeste, kleide die Kleine aus!“
-
-Celeste stand langsam auf. O, sie tat auch das noch. Viel war es ja
-nicht mehr....
-
-„Wird’s bald?“ schrie der Ringkämpfer grob, „oder willst du mir erst
-die Peitsche bringen?“
-
-„Aber, Liebling!“ erwiderte Celeste lächelnd, „aber, Liebling! Warum
-sollte ich dir nicht den Gefallen tun?“
-
-„Recht so, Celeste! O, ich habe immer gewußt, daß du gehorchen lernst!
--- Du bringst den kleinen Hasen auch zu Bett, Celeste!“
-
-„Ja, ich bringe den kleinen Hasen auch zu Bett,“ wiederholte Celeste,
-„und dich bringe ich auch zu Bett, Aloys, dich auch!“
-
-Diese Müdigkeit! Sie warf den starken Menschen einfach um. Aber ihm
-war pudelwohl dabei, so wohl! Blinzelnd sah er zu, wie Madame Celestes
-schlanke, gepflegte Hände die Chansonette auskleideten. Die schöne
-Aristokratin kniete ohne Zögern nieder, um Fritzis Knopfstiefel zu
-lösen, ihr die Strümpfe auszuziehen.... Sie holte eins von ihren
-eigenen Nachthemden aus mattweißer Waschseide herbei und zog es Fritzi
-l’Alouette an. Sie führte die Buhlerin ihres Geliebten selbst ins
-Schlafgemach ...
-
-Fritzi blickte sich schlaftrunken, mit lüstern geöffnetem Mündchen, um:
-
-„Und du, Aloys?“
-
-„Ich komme,“ sagte Binder, „Celeste muß mir auch helfen... mich auch
-bedienen... Ich bin zu müde...“
-
-Fritzi sank auf die Kissen und schlief sofort. Celeste kehrte zu Binder
-zurück. Und da sie ihn nun allein sah, um den sie ihren Gatten, ihre
-Ehre, ihr Vermögen und alles geopfert hatte, wurde sie eine Sekunde
-lang weich. Wie vom Blitz getroffen, stürzte sie Binder zu Füßen,
-preßte ihre Lippen auf seine muskulösen Hände, beugte den Kopf auf
-seine Kniee...
-
-„Was treibst du für Firlefanz!“ schrie Binder erbost. „Dummes Weib, was
-willst du von mir! Zieh’ mir die Stiefel aus, schnell...! Du bist meine
-Magd, du bist meine Sklavin... vergiß das doch nur nicht.... Zieh’ mir
-die Socken ab, Celeste....!“
-
-Ihre Weichheit war erstarrt, wie glühendes Eisen, wenn es in kaltes
-Wasser fällt. Er wollte es nicht anders ... er wollte es nicht anders!
-
-Er schlief schon fast, als er, auf ihren Arm gestüzt, ins Schlafzimmer
-trat. Die rosa Ampel erhellte das Gemach mit mildem Schein. Fritzi
-schlief sanft und unbeweglich. Celeste bettete Aloys an ihrer Seite und
-deckte beide Schläfer mit der seidenen Steppdecke zu.
-
-Aloys Binder lag regungslos im Schlafe. Kein Zug des unschönen
-Gesichts bewegte sich. Madame Celeste hatte einst die starke,
-urwüchsige Raubtierähnlichkeit dieses Antlitzes geliebt. Jetzt
-betrachtete sie mit dem tiefsten Haß die schmale Stirn unter der
-kräftigen, braunen Haartolle, die groben Backenknochen, die spitze
-Nase, das spitze und doch starke Kinn, welches abnorm weit vorgeschoben
-war. Sie prägte das häßliche, hochmütige Gesicht in ihr Gedächtnis ein,
-wie man das spitze Eisen in die wächserne Schreibtafel drückt, und ihr
-tödlicher Haß grub unauslöschliche Linien in das Gedächtnis.....
-
-Celestes Lächeln war nun erstorben. Die junge Frau ging in den
-Ecksalon, wo die schalen Reste des Weins in den Gläsern standen. Sie
-wollte einen Schluck trinken, aber sie vermochte es nicht. Sie ging ans
-Fenster, zog den Vorhang zurück, öffnete das Fenster und sah hinaus.
-Sie wußte nicht, daß Eberhard Freidank unten stand und mit heißen
-Blicken hinaufspähte.
-
-Der Kopf war ihr schwer, die Haare lasteten ihr mit unnatürlicher
-Wucht auf dem Schädel. Celeste schloß das Fenster und ihre Ruhe
-kehrte zurück, als sie sich dem Zimmer wieder zuwendete. Dort im
-Champagnerkühler lagen die weißen Papierhüllen, aus denen sie Trional
-in den Wein geschüttet hatte. Sie kannte die unfehlbare Wirkung des
-Schlafmittels, welches den stärksten Menschen mit tödlicher Sicherheit
-in Morpheus’ Arme zwingt. Der Arzt hatte es ihr gegen Schlaflosigkeit
-verschrieben. Ach, ihre Schlaflosigkeit hatte Gründe gehabt, gegen
-die man nicht mit Trional ankämpft. In diesen langen, schlummerlosen
-Nächten voll Sehnsucht, Scham und Reue war Celestes Seele, die von
-sinnlicher Lust eingeschläfert war, grauenvoll erwacht. Sie war nun
-wach, so furchtbar wach, daß sie wußte, sie würde niemals mehr Ruhe
-finden. Nun sollte der Genosse ihrer Schuld schlafen, schlafen.
-
-Die junge Frau zog die Haarnadeln aus ihrer Frisur und ließ die Haare
-lose niederhängen. Dann spürte sie die leise Reibung des Haares an
-ihrer bloßen Haut. Sie dachte daran, wie einst ihr Gatte, den sie
-verlassen hatte, und nach ihm Aloys Binder, das volle, schwarze
-Haar geliebt hatten. Wie hatte sie Aloys in heimlichen Stunden
-süßer, ehebrecherischer Zärtlichkeit in ihre Haare eingehüllt und
-eingesponnen, wie hatte sie ihm die schönen Strähnen um Hals und Arme
-gewickelt und die dunkle Woge ihres Haares als einen Schleier über ihn
-gebreitet! Jetzt war ihre Liebe zertreten und ihr Herz ausgebrannt.
-Celeste warf einen unwillkürlich flehenden Blick rund um sich her,
-sie bog die Kniee, sie lag auf den Knieen, rang die weißen Hände und
-schluchzte lautlos:
-
-„O Gott, o Gott, ich kann nicht anders, ich darf nicht anders, nun hilf
-mir, Herr Gott!“
-
-Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie Gott lästerte. Ihr war es,
-als wäre von dem lästerlichen Gebete Kraft von oben zum schweren
-Vollbringen in ihr Herz geflossen. Mit finsterem Entschlusse stand sie
-auf.
-
-Im Schlafzimmer goß die Ampel ihr sanftes Rosenlicht auf Aloys und
-Fritzi l’Alouette. Fritzi hielt noch im Schlafe kokett den Arm erhoben,
-auf dem ihr zierliches Haupt ruhte. Binder schlief nach seiner
-Gewohnheit auf dem Bauche liegend.
-
-Celeste griff -- sie hatte es so lange überlegt! -- nach einem der
-damastenen Handtücher und legte es mit Händen, die nicht zitterten, um
-Aloys Binders Hals. Dann knüpfte sie die Enden zusammen. Sie wollte ihn
-in der Handtuchschlinge erwürgen. Sie fing an zu drehen. Binder schlief
-so fest, todesähnlich... Er spürte nicht, daß sie ihn würgte....
-Dann ließ die Kraft ihrer Hände nach, sie suchte nach einem Knebel.
-Ein buchener Kleiderbügel, der zufällig auf dem Nachttische lag,
-war ein passender Knebel zum Drehen der Schlinge. Celeste drehte mit
-wilder Kraft, denn jetzt -- jetzt zuckte Aloys Binder, jetzt erwachte
-er unter dem mörderischen Drucke der Schlinge, jetzt setzte seine
-Gegenwehr ein..... Oder waren es nur die konvulsivischen Zuckungen des
-Todeskampfes?
-
-Die kleinen, tückischen Augen! sie quollen groß aus den Höhlen, sie
-schauten auf Celeste mit einem gräßlichen Blick; Schaum trat aus dem
-Munde, und unter einem fürchterlichen, knarrenden Gurgeln ging die
-bläuliche Zunge des Erwürgten aus dem Halse hervor. Celeste wendete
-sich ab und drehte, drehte.... drehte die Schlinge.... drehte.....
-
- * *
- *
-
-In der Morgenfrühe wurde wild an Aloys Binders Wohnungstür geklingelt.
-Eberhard stand draußen und riß fast die Schelle ab. Niemand öffnete
-ihm. Der helle Ton sprang von dem Korridor in die Zimmer, hüpfte auf
-das breite Doppelbett im Schlafzimmer und weckte Fritzi aus törichten,
-lüsternen Träumen. Schon Morgen? -- Und wo -- wo war denn Aloys Binder?
-Hier war er, neben ihr... Er hatte geschlafen, wie sie....
-
-Fritzi rieb sich die Augen, richtete sich auf und sah mit ihrem
-ersten klaren Blick gerade in die erstarrten, offenen Totenaugen des
-Erwürgten. Sie stieß einen entsetzlichen, gellenden Schrei aus und
-sank, von allen Schauern des Todes gepackt, auf das Bett zurück. Sie
-wagte nicht einmal, sich von der Leiche fort zu rühren. Sie hatte die
-Beine an den Leib gezogen und lag halb kauernd auf dem Spitzenkissen,
-während ein mörderisches Grauen ihre Glieder und ihre Zunge lähmte.
-Käme doch nur noch einmal der Klingelton, so würde sie wagen, sich
-aufzuraffen! Alles blieb still...
-
-Dann wurde draußen die Tür vom Schlosser geöffnet. Eberhard hatte die
-Wirtin, welche den gräßlichen Schrei vernommen hatte, herbeigerufen,
-und man hatte die nahe Polizei alarmiert. Ein Polizeiwachtmeister kam
-mit zwei Schutzleuten. Ihre harten Schritte schallten über den Flur und
-stampften in den Ecksalon hinein.
-
-„Im Namen des Königs!“ rief der Polizeiwachtmeister laut und drang mit
-seinen Untergebenen in das Schlafzimmer ein. Eberhard und die Wirtsfrau
-folgten ihnen.
-
-Auf dem Bette kauerte Fritzi wie erstarrt, mit glühenden Augen, und
-neben ihr lag, wie ein verendetes Tier, die Leiche Aloys Binders. Das
-Gesicht des Ringkämpfers war mit blauen Flecken bedeckt, sein Haar
-stand borstig in die Höhe und zwischen den blauen Lippen hing die
-Zunge, zerbissen und blutig.
-
-Auf dem Teppich vor dem Bette hockte Madame Celeste. Sie hatte ihrem
-Opfer die Totenwache gehalten. Die Nacht lang, bis der Morgen graute,
-hatte sie sich an dem Anblick des entstellten Gesichts geweidet.
-Merkwürdig, wie dieses Antlitz sich verändert hatte, als gegen
-Morgen die Ampel blasser brannte und der graue Tag auf die scharfen,
-unschönen Züge fiel! Celeste hatte kein Auge von Binders Angesichte
-abgewendet. Sie spürte nichts, als die gewaltige, satte Befriedigung
-des Raubtieres, welches seine Gier in Blut gestillt hat.
-
-Ein höherer Polizeibeamter trat ein, er brachte den kleinen
-Pendelschlag des Alltags in die große Tragödie. Er kam, um
-festzustellen, zu vernehmen....
-
-Fritzi hatte eine Bettdecke um ihren schlanken Leib gezogen: sie
-zitterte vor Frost, blickte aus entsetzten Augen auf die fremden
-Menschen, konnte all das Grauen noch kaum fassen und schluchzte wie ein
-Kind. Sie schämte sich... vor Eberhard... vor den Beamten... vor den
-fremden Männern.... aber am allermeisten vor Eberhard ....
-
-Madame Celeste allein saß ruhig mit untergeschlagenen Beinen auf dem
-geblümten Bettvorleger. Ihr Kleid floß weich und unzerzaust um ihre
-Gestalt. Die Haare hingen wie dünne Schlangen um ihre Schultern. In dem
-schmerzverwüsteten Gesicht lebten nur noch die Augen, die trauerten,
-daß ihnen ein großes Unrecht geschehen war.
-
-Sie sprach auch nicht anders, als daß ihr Unrecht angetan war:
-
-„Meinen Namen? Den wissen Sie ja. -- Ob ich....? Ja. Ich habe ihn...
-ihn... Aloys Binder... erdrosselt. Ja. Warum? Was geht das Sie an? Es
-war nur Revanche ... Revanche.... Erst hat er mich erdrosselt.... dann
-habe ich ihn erdrosselt. Sie glauben das wieder nicht, weil ich mit
-Ihnen rede. Aber er hat mich erdrosselt, seit Jahren schon.... Mehr
-als das. Zertreten hat er mich, in Stücke gerissen... Was wollen Sie
-wissen? --.... Streit?... Wir haben keinen Streit gehabt, nein. Ich
-habe ihn mit seiner Geliebten zu Bett gebracht.... erst die Geliebte,
-dann ihn... und dann... habe ich ihn erwürgt, ja. -- Ich? Reue?....“
-
-Celeste lachte, ein schreckliches, klirrendes Lachen.
-
-Sie hatte den Verstand verloren.
-
-Dann waren sie alle fort. Man hatte Fritzi l’Alouette gestattet, sich
-anzukleiden und in ihre Wohnung zu gehen. Selbst schwankend, wie ein
-Trunkener, ergriff Eberhard Freidank Fritzis Arm und führte sie fort.
-
-„Eberhard!“ begann sie schüchtern, indem sie sich wie ein Kätzchen an
-seinem Ärmel rieb, „Ebi... lasse dir erklären ...“
-
-„Spare deine Erklärungen,“ sagte er langsam. „Dazu ist es zu spät. Ich
-bin dir nicht böse. Du bist eben eine Dirne... Du hast eben einen ganz
-erbärmlichen, jämmerlichen Charakter... Darüber ist nichts zu heulen,
-Fritzi! Ich nehm’ dich, wie du bist.... Es wäre dumm, dir aus deiner
-Niederträchtigkeit einen Vorwurf zu machen....“
-
-„Der Aloys....,“ sprach Fritzi weinend, „der Binder....“
-
-„Hör’ auf!“ unterbrach der Ringkämpfer sie brutal. „Der Binder.... er
-ist tot.... Verstehst du, Fritzi, er ist tot für mich! Ich will ihn
-nie mehr in deinem Munde hören.... Du erbärmliches, niedriges Ding! Du
-Nichts! Du Dirne!! --“ er rüttelte mit seinen Eisenfäusten an ihrer
-schlanken Schulter, „versteh’ mich, der Binder ist tot!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-X.
-
-
-„Hören Sie, Roland!“ sagte Thyssen zu Eberhard Freidank, „ich habe mir
-da von Immermann allerhand über Sie erzählen lassen. Sie sind Student
-oder Schriftsteller, oder?!“
-
-Eberhard sah einen Augenblick finster vor sich hin und erwiderte:
-
-„Ich war. Das ist endgültig abgetan.“
-
-„Das ist ein Wort!“ sprach Thyssen. „Ihre Gründe gehen mich natürlich
-nichts an.... nein, ich frage nicht danach. Sie wollen also Ringkämpfer
-bleiben. Sie sind zwar noch neu... das schadet aber nichts...“
-
-Die Athleten wußten untereinander nicht genug Gehässiges von Thyssens
-Geiz und Eigennutz zu erzählen. Alle paar Tage kursierte eine neue
-Anekdote, wie Thyssen versucht haben sollte, die von ihm engagierten
-Ringkämpfer zu übervorteilen. Darum horchte Freidank auf, was Thyssen
-ihm für Vorschläge machen würde.
-
-„Der Binder ist aus der Konkurrenz heraus,“ fuhr Thyssen fort. „Schade
-um ihn! Er schlug eine meisterhafte Pirouette... Auch der Skandal um
-seine Ermordung war ja übel... Aber.... Was wollen Sie, dergleichen
-bringt das Geschäft so mit sich! Die kleine, schwarze Chansonette, der
-Sie wohl inzwischen den Laufpaß gegeben haben, war nicht daran schuld,
-wenn sie auch eine sehr verliebte kleine Krabbe ist... Nun, das sind
-alles Privatangelegenheiten! Das interessiert mich nicht! Hauptsache:
-Binder ist heraus. Er war als voraussichtlicher dritter Preisträger
-engagiert...“
-
-Thyssen brach ab und spielte mit seinem Portefeuille. Er ordnete die
-Reichskassenscheine darin nach Farben und Jahrgängen. Dazwischen sagte
-er unvermittelt:
-
-„Sollte man es glauben? -- Ihre Freundin, die kleine Fritzi, behauptete
-neulich, noch keinen Tausendmarkschein zu kennen. Ein so hübsches
-Mädchen... keinen Tausendmarkschein ....“
-
-Eberhard blickte abwartend vor sich hin auf das dunkelgraue, polierte
-Tischchen des Kaffeehauses. In drei und einer halben Woche unter den
-Ringkämpfern hatte er gelernt, sich nicht mehr aufzuregen, wenn seine
-Geliebte in die Unterhaltung gezogen wurde. Thyssen begann wieder:
-
-„Ich Erster, nicht wahr. Meinken Zweiter. Binder Dritter. -- Nun
-brauche ich doch einen andern Dritten, nicht wahr...“
-
-Eberhard sah den Weltmeister an; das Blut schoß ihm ins Gesicht bis
-über die hohe Stirn, seine Augen strahlten:
-
-„Und das sollt’ ich sein? Ich?“
-
-„Warum denn nicht,“ sagte Thyssen. „Wer denn sonst?“
-
-„O....,“ Eberhard errötete abermals vor Stolz und froher Überraschung,
-„Muyden..., Roditscheff..., Gomez..., Forgeron..., Petrocchi...,
-Kiesling...“
-
-„Sie werden alle zweiundzwanzig aufzählen,“ sprach Thyssen ironisch.
-„Aber Sie sind neu... Sie wissen auch noch nicht recht Bescheid unter
-unsern Leuten. Darum werde ich Ihnen mal explizieren, warum die alle
-nicht in Betracht kommen. Muyden ist nie Dritter, verstehn Sie, nie...
-Entweder Erster oder gar nicht... Kurz, Muyden zieht sich heute abend,
-beim Ringen mit dem ohnehin unbeliebten Spanier, eine Muskelzerreißung
-zu, wird von der Bühne getragen und reist ab. -- Gomez... der grobe
-Patron? Das Publikum würde ihn mit Bierseideln werfen... Forgeron,
-einen Franzosen? Ausgeschlossen. Wir sind doch Patrioten, nicht? --
-Petrocchi, Preisträger? Er hat ohnedies den Größenwahn, weil sein Hals
-52 Zentimeter dick ist und geht mit dem Plane um, eine eigene Tournee
-zu begründen... Kiesling aber ist in meinen Augen ein Lump. Ich kann
-den Kerl nicht leiden. Und Roditscheff ist sein Freund, verstehen Sie.
-Ich kann die beiden Kerle nicht leiden...“
-
-Das sagte er ohne Begründung, Haß in Augen und Stimme.
-
-„Bleiben +Sie+,“ fuhr Thyssen fort. „Sie wissen, daß auch ein
-seriöser Geldpreis damit verbunden ist. Aber das ist nicht die
-Hauptsache. Es ist wegen der Reklame. In meiner Konkurrenz Dritter, als
-Neuling -- das leuchtet Ihnen ein, was Sie dadurch für Ihre Karriere
-profitieren...“
-
-„Das würden Sie...?“ sagte Freidank stammelnd, „das wollten Sie...?“
-
-Er griff nach Thyssens Hand, die schön und fest auf dem Tische lag, und
-preßte sie in ehrgeiziger Leidenschaft:
-
-„Herr Thyssen! -- und wodurch könnte ich das wettmachen? Was könnte ich
-Ihnen denn dafür...?“
-
-Thyssen zögerte. Leicht wurde ihm die Antwort nicht, diesem anständigen
-und freudestrahlenden Jüngling gegenüber. Aber dann -- weshalb hätte
-er sonst das Gespräch bis auf diesen Punkt gebracht? Er handelte doch
-schließlich auch sehr anständig, er bot Freidank einen Vorteil, der des
-Preises wert war...
-
-„Ihre verflossene... oder halbverflossene Fritzi...,“ sagte er.
-
-Eberhard war betroffen, nicht beleidigt. Wie? Fritzi, welche durch
-ihre Beteiligung an dem großen Skandal so stark kompromittiert war,
-daß sie kaum unbehelligt durch die Straße gehen konnte, sie gerade
-hatte das Wohlgefallen des wählerischen, exklusiven Champions erregt?
-Er wunderte sich selbst, daß sich keine Eifersucht noch Zorn über die
-Zumutung, eine Geliebte um den dritten Preis zu verschachern, in seinem
-Herzen regte. Er freute sich nur, daß er sie los wurde! --
-
-Er verbarg sein spöttisches Lächeln und sagte:
-
-„Abgemacht! -- ich werde Dritter und Sie nehmen Fritzi l’Alouette -- zu
-Deutsch die Lerche. Hoffentlich singt sie Ihnen ein netteres Lied vor,
-als mir... und dem Binder...“
-
-„Ach, Sie verekeln sie mir nicht --!“ erwiderte Thyssen, „ich
-bin ein wenig resigniert... Vorgänger stören mich nicht mehr...
-Kein Mensch findet, was er sucht. Ich, wissen Sie, ich liebe die
-Kleinen, Schlanken, Zarten... Ich liebe sechzehnjährige Jugend...
-Und gerade diese Kleinen... es gehört Zeit dazu, in ihnen die Liebe
-zu erwecken. Diese Zeit habe ich nicht, nirgends... Da helfe ich mir
-mit Surrogaten... Fritzi l’Alouette -- sie hat so schmale Schultern,
-so kindliche Hüften... so naive Händchen... sie tanzt so rührend
-ungeschickt...“
-
-So war Fritzi l’Alouette Thyssens Freundin und Begleiterin geworden,
-zwei Tage vor Beginn des neuen Jahres, eine Woche nach Aloys
-Binders elendem Sterben. Die „fröhliche, selige“ Weihnachtszeit lag
-dazwischen. Eberhard hatte es nicht über sich gewonnen, die festlichen
-Tage mit Fritzi zu verleben. Am Weihnachtsabende, als das Theater
-geschlossen war, hatte er allein zu Hause gesessen und trüben Gedanken
-nachgehangen, bis Frau Ambrosius an seine Tür geklopft und ihn gebeten
-hatte, an ihrer Weihnachtsfeier teilzunehmen.
-
-Die Damen Ambrosius hatten einen kleinen, hübschen Tannenbaum nur mit
-wächsernen Engelchen und Kerzen aus weißem Wachsstock aufgeputzt. Als
-die Lichter freundlich brannten, kam Freidank dazu und schämte sich,
-daß er mit leeren Händen kam. Aber das Beschenken war nicht Mode bei
-Mama Ambrosius. Man freute sich einfach an einem gut zubereiteten,
-hübsch servierten Mahle, am Glanz der Flammen, dem herben Waldduft der
-Tanne und dem süßen Honigduft des heißen Wachses. Schließlich hatte
-Therese doch, ein wenig verschämt, ein Monogramm herbeigeholt, welches
-sie in ihren Freistunden mit Goldfäden auf schwarze Seide gestickt
-hatte. Es war sehr nett, sehr gemütlich und festlich gewesen, und
-Eberhard hatte sich in dieser Atmosphäre von bürgerlicher Behaglichkeit
-und Wohlanständigkeit den ganzen Abend lang sehr wohl gefühlt, bis Mama
-Ambrosius den Fehler beging, von Adolf Tönnies zu sprechen.
-
-Tönnies hatte sich natürlich nie mehr blicken lassen, zum großen
-Schmerze von Mama Ambrosius, die ihn als einen annehmbaren Verehrer
-Thereses estimierte. Als Therese auf einige Minuten in die Küche
-gegangen war, scheute sich Frau Ambrosius nicht, offen mit Eberhard
-über diese Idee zu sprechen:
-
-„Er ist noch jung, Herr Freidank! Genau so alt, wie Therese. Aber
-immerhin... sie könnten warten... Therese hat inzwischen ihr sicheres
-Brot! Ein studierter Mann, Herr Freidank, ist ein studierter Mann....
-Was sagen Sie dazu?“
-
-„Sie haben recht, Frau Ambrosius,“ sagte der Ringkämpfer kalt. „Nur
-hoffe ich von Fräulein Thereses gutem Geschmack, daß sie nach der
-Zuneigung wählen wird und nicht nach dem Studium.“
-
-„Begeben Sie sich an das Studium meiner selbstgebackenen
-Weihnachtskringel!“ rief Therese, die beim Eintreten das letzte Wort
-gehört hatte, und stellte mit dem Erscheinen ihrer frischen, gesunden
-und heiteren Persönlichkeit die gute Laune wieder her. Aber Eberhard
-war nicht mehr recht froh geworden. Er gönnte Therese keinem jener
-falschen Freunde, die ihn ausgeschlossen und verstoßen hatten. Mit
-bitterem Gefühl bedachte er, daß Mama Ambrosius Lust hatte, ihre
-Tochter für diesen Tönnies aufzusparen, für diesen engherzigen Menschen
-das blühende, lebenslustige Mädchen zu reservieren und einzusperren...
-
-In den Feiertagen hatte er alle früheren Bekannten gemieden und
-nur einige Zechgelage der Ringkämpfer mitgemacht. Es war aber kein
-Vergnügen. Sobald es ans Trinken kam, gaben sie sich sämtlich der
-ärgsten Ausschweifung hin. Am schlimmsten trieben es jeweils Sala ben
-Brahim, der Mohammedaner, und der „Stier von Granada.“ In der näheren
-und weiteren Umgebung des Odeontheaters war Manuel Gomez wegen seiner
-Trinksitten in allen Bierlokalen und Kaffeehäusern gefürchtet, seit er
-aus Wut über einen Kellner, der ihn nicht schnell genug bedient hatte,
-mit einem einzigen Fausthiebe eine starke, marmorne Tischplatte in drei
-Stücke geschlagen hatte. In einem andern Lokal hatte er ein Stuhlbein
-abgerissen und sämtliche Gäste hinausgejagt, weil der Wirt dem bis zur
-Sinnlosigkeit Berauschten nichts mehr verabreichen wollte. Den Wirt
-und die Kellner hatte er bis unter das Büfett gejagt, wo sie zitternd
-hockten und um ihr Leben baten. Als endlich ein Schutzmann erschien,
-trieb Manuel auch diesen mit dem drohend geschwungenen Stuhlbein in die
-Flucht und ging dann, die Jockeimütze auf dem schwarzen Lockenkopf,
-die riesigen Tatzen in den Taschen der großkarrierten Hose, als Sieger
-unbehelligt nach Hause.
-
-Mit diesen Kameraden wollte Freidank nicht Silvester feiern und ließ
-sich von Mama Ambrosius einladen. Nachmittags ging er aus und schickte
-einen dicken Karpfen, braune, verzuckerte Silvesterpfannkuchen, Konfekt
-und alle Zutaten zu einem kräftigen Punsch ins Haus. Abends hatte
-er nicht zu ringen und kam zeitig aus dem Theater. Man hatte seine
-Sendung vergnügt und ohne Ziererei angenommen und eine appetitliche
-Festmahlzeit zubereitet. Als um Mitternacht der Punsch in einer
-porzellanenen Suppenterrine brennend auf den Tisch kam, als die Gläser
-gefüllt waren und die Frauen mit ihrem Gaste auf alles Gute im neuen
-Jahre anstießen, meinte Eberhard, seit undenklicher Zeit nicht so
-glücklich gewesen zu sein. Vielleicht bestand auch sein Glück nur in
-dem Hauche von Gesundheit und Jugendfülle, der von Therese Ambrosius
-ausging und sich wohltätig an Freidanks überreizte Nerven anschmiegte.
-
-Sie hatte eine helle Bluse an, die den Hals frei ließ, und ihre
-braunen Zöpfe waren als einfacher Kranz rund um den Kopf gesteckt.
-Sie sah heute nicht wie eine Diana aus, sondern wie ein hübsches,
-lustiges junges Mädchen. Eberhard vergaß die Schatten des Todes,
-unter denen seine Liebe zu Fritzi in Asche zusammengesunken war,
-und gab sich ohne Nebengedanken dem Reize dieser ungefälschten
-Behaglichkeit hin. Zum Überflusse tat ihnen Mama Ambrosius, die an
-starke Getränke nicht gewöhnt war, absichtslos den Gefallen, in ihrer
-Sofaecke einzuschlummern. Sie hatte die verarbeiteten Hände über dem
-altmodischen Grünseidenen gefaltet und lächelte im Schlaf.
-
-Dann wollte Eberhard frisch eingeschenkt haben und hielt Therese sein
-Glas hin. Lachend griff sie nach der Suppenkelle, die als Schöpflöffel
-diente, und füllte das Glas. Als sie es zurückreichte, hielt er ihre
-Hand fest und bat sie, den ersten Schluck zu trinken. Er trank an
-derselben Stelle, wo ihre Lippen geruht hatten, und als sich ihre Augen
-dabei trafen und Eberhard ihre natürliche Verlegenheit sah, nahm er die
-liebliche Stunde wahr und küßte Fräulein Therese Ambrosius.
-
-Therese war zweiundzwanzig Jahre alt, und sie hatte bis zu dieser
-Silvesternacht nie geküßt. Von ihren Lippen ging ein reizender,
-frischer Hauch aus, der Hauch naiver, jungfräulicher Sinnlichkeit. Der
-junge Mann konnte sich an diesem blühenden Munde mit den gesunden,
-klaren Zähnen nicht sattküssen, er legte den Arm um Thereses Schulter
-und zog sie nah, noch näher, er bog den wohlgestalteten Hals zurück
-und fand kein Ende des fröhlichen Kusses, und da endlich spürte er den
-sanften Gegendruck von ihren Lippen.
-
-Aber im nämlichen Augenblicke löste sie sich schnell und kraftvoll aus
-seinen Armen, trat einen Schritt zurück, streckte die Hände zur Abwehr
-vor und sprach bestürzt:
-
-„O, was tun Sie da? -- Was haben wir getan?“
-
-„Fräulein Therese --,“ sagte er, „liebe Therese!“ Und er wollte sie
-wieder an sich ziehen. Aber Therese schaute ihm mit Schrecken und
-Abwehr ins Gesicht und stammelte:
-
-„O -- nein! Tun Sie das niemals mehr! O Gott, das ist eine Sünde!“
-
-„Liebe Therese!“ sagte er milde, „gegen wen wäre das Sünde, daß Sie gut
-zu mir sind?“
-
-Das junge Mädchen zögerte, sah ihn zweifelnd an, und Tränen stiegen in
-ihre Augen; dann deckte sie die Augen mit der Hand und flüsterte:
-
-„Es wäre Sünde gegen Ihre Braut.“
-
-„Ich habe keine Braut mehr, Therese,“ sprach er und seine Stimme
-zitterte, „und die Sie meinen, Therese, verdient nicht, von Ihnen
-genannt zu werden. Fragen Sie nicht, wenn Sie es nicht wissen, und
-bemitleiden Sie niemanden, Therese... Schenken Sie Ihr Mitleid dem
-armen Wandersmann, der vor Ihnen steht und um Ihre Güte bittet...“
-
-Therese wollte sagen: so schnell machen Sie sich von Banden und von
-Treue los? Aber sie brachte das harte Wort nicht über die Lippen,
-als sie ihm in die aufrichtigen Augen sah. In denen stand Schmerz und
-Erschütterung über die jüngste Vergangenheit, und neue, freundliche
-Hoffnung. Und ein Lächeln schwebte um seinen Mund, das war so rein und
-liebevoll, daß Therese vertrauensvoll ihre Arme freiwillig um seinen
-Hals schlang und ihm im Sturme heißer Jugend seine Küsse wiedergab.
-
-Dann kamen freundliche Tage und Abende voll Liebe und Heimlichkeit.
-Wenn Freidank und Therese sich in der Wohnung begegneten, sahen
-sie einander nur an und lächelten, ein liebes Lächeln des
-Einverständnisses. Zum ersten Male in ihrem Leben hatte Therese
-vor ihrer Mutter ein verliebtes Geheimnis. Zum ersten Male kam sie
-unregelmäßig aus dem Telephondienste nach Hause. Er holte sie aus dem
-Bureau ab und sie ging mit ihm spazieren, stolz von ihm am Arme geführt.
-
-Einmal fragte sie ihn nach seinen Kollegen. In übermütiger Laune
-ging er mit ihr in das Kaffeehaus, wo die Athleten nachmittags saßen
-und Karten spielten. Einige spielten mit fremden Herren, reichen
-Kaufleuten, Offizieren in Zivil und Bankiers, die sich eine Ehre daraus
-machten, an die berühmten Champions Geld zu verlieren. Denn die Fremden
-verloren immer. Die Athleten spielten mit ihren Partnern Hazard mit
-zwei Spielen französischer Karten. Die Spielregeln waren, wie es den
-Anschein hatte, merkwürdig primitiv. Die Anfänger lachten darüber und
-behaupteten, das Spiel wäre harmloser wie Sechsundsechzig. Aber wenn
-sie einige Stunden gespielt hatten, waren sie auf die primitivste Weise
-ein kleines Vermögen losgeworden.
-
-Thyssen spielte mit Kiesling. Sie haßten einander, aber die
-Leidenschaft für die Karten trieb sie immer wieder zusammen. Heute
-hatte Kiesling beharrlich Unglück. Seine schmalen Lippen waren fest
-aufeinander gepreßt, seine Augen waren ganz klein und von den Lidern
-fast bedeckt. Die Passion des Spiels hatte in das hübsche Gesicht des
-jungen Mannes tiefe, häßliche Furchen gezogen.
-
-Roditscheff, der nur selten spielte, ging an Kiesling heran und sagte
-halblaut:
-
-„Höre auf, Paul! Du weißt, daß du von ihm nichts erbst.“
-
-Kiesling erwiderte mit einem schmalen, bitteren Lächeln:
-
-„Deine Warnung kommt schon wieder zu spät. Ich bin bereits blank.“
-
-In allen andern Dingen vernünftig und besonnen, konnte Kiesling der
-Spielwut nicht widerstehen. Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich
-selbst und fragte mit gezwungenem Lächeln:
-
-„Würdest du mir Geld zu ein paar Revanchepartien bergen, Thyssen?“
-
-Thyssen schob seinem Spielgegner wortlos, scheinbar ohne zu zählen, ein
-Häufchen Goldstücke zu, und das Spiel begann von neuem.
-
-„Mit Verlaub!“ sagte Roditscheff, der seinen Freund willenlos in die
-Krallen des Spielteufels zurücksinken sah, und nahm an Eberhards Tische
-Platz.
-
-„Sie spielen nicht?“ fragte Therese Ambrosius freundlich, nur um etwas
-zu sagen, als Eberhard den Tisch einmal verließ, um mit einem Herrn zu
-reden.
-
-„Ich denke nicht daran,“ erwiderte Sergej verächtlich. „Ich nehme
-den Brüdern, die sich auf die Bekanntschaft mit Ringkämpfern etwas
-einbilden, ohne die bunten Blättchen und ohne alle Aufregung das Geld
-ab...“
-
-„Das können Sie?“ fragte Therese naiv.
-
-„Natürlich!“ lachte Sergej, „und wenn du es heute noch nicht kannst, so
-lernst du es noch, Thres’!“
-
-Fräulein Ambrosius sah erstaunt auf. Sie glaubte nicht recht gehört
-zu haben. Da kehrte Freidank zurück und brach wenig später mit seiner
-Freundin auf. Draußen hängte sie sich fest an seinen Arm und sagte:
-
-„Sie sind nicht wie du, du gehörst nicht zu ihnen...“
-
-„Wer denn?“ fragte er lachend, „meine Kollegen? Sie sind nicht schlimm,
-Therese! Sie sind nur rauh... Sie sind so stark und glauben darum, sich
-über manches hinwegsetzen zu dürfen. Sie dürfen es auch. Man rechnet es
-ihnen nicht schwer an...“
-
-Therese sprach von etwas anderem, aber der kleine Zwischenfall hatte
-sie doch nachdenklich gemacht. --
-
-Zu schnell vergingen die Tage; die Scheidestunde rückte näher.
-Sie versuchten beide, sich den nahen Abschied aus dem Sinne zu
-schlagen, aber alle Sorglosigkeit konnte nichts daran ändern, daß
-am zehnten Januar die letzte Entscheidung fallen sollte. Thyssen,
-Roland, Kiesling, Roditscheff, Meinken und Gomez waren als die sechs
-Besten übriggeblieben; die Kämpfe des letzten Abends mußten die drei
-endgültigen Sieger ergeben.
-
-Im Theater war heute eine festlich gehobene Stimmung. Im Vestibül
-prangten drei große, breite Lorbeerkränze mit seidenen Schleifen in
-den Landesfarben, welche Direktor Immermann den Siegern spendete.
-Sportsleute und vornehme Freunde der Athleten hatten ebenfalls
-Kränze und silberne Geräte zur Ehrung der Sieger gesandt. Der herbe
-Lorbeerduft zog kräftig durch das ganze Haus.
-
-Die Zuschauer fieberten auf die endgültige Entscheidung. Mancherlei
-Bande, sündige und ehrbare, verknüpften heute die Starken auf der
-Bühne mit ihren Bewunderern im Saal und in den Logen. Thyssen konnte
-seine Verehrer, Herren und Damen, nach Dutzenden zählen. Ihm, der
-unbesiegt war, sprach die allgemeine Erwartung den ersten Preis zu. --
-Um Roditscheff zu sehen, waren viele vornehme Russen und Sportsleute
-der höheren Stände erschienen. Junge Männer aus den ersten Familien,
-darunter ein junger Erzherzog, hatten sich diese sechs Wochen lang
-um seine Gunst bemüht. Aber eine unberechenbare Laune hatte ihn, den
-Ungetreuen, diesmal an Fräulein Krömer gefesselt, welche ihm überdies
-freiwillig so kostbare Geschenke gemacht hatte, daß sein ausgeprägter
-Erwerbssinn völlig zufriedengestellt war.
-
-Mama Ambrosius und ihre Tochter hatten Parkettplätze inne. Therese
-freute sich jetzt leidenschaftlich an der unverhüllten Schönheit ihres
-starken Freundes, während die Mama jedesmal von neuem indigniert war,
-ihren Mieter im prallsitzenden Trikot zu erblicken.
-
-Er war heute in Grün gekleidet, die Kniee von grauem Gummistoff
-geschützt, die Füße mit hohen, weichen Lederstiefeln bekleidet.
-Sein blondes Haar war kurz geschoren, seine norddeutsche helle Haut
-leuchtete in Jugend und Gesundheit.
-
-Er bildete mit Manuel Gomez das erste Paar. Seltsam stach seine blonde
-Schönheit von der düsteren Erscheinung des „Stiers von Granada“ ab, der
-mit seinem olivefarbigen Teint, dem schwarzen, häßlichen Lockenkopf und
-den einfarbig schwarzen Trikots wie ein Sohn der Nacht gegen ein Kind
-des Lichtes stand. Wer war unter den Tausenden von Zuschauern, welcher
-dem lichten Roland den Triumph mißgönnt hätte? Der „Stier von Granada“
-wehrte sich erbittert, er geriet, wie es den Zuschauern schien, in
-tolle Kampfeswut. In Wahrheit wurde Manuel Gomez bei den großen
-Konkurrenzen nur engagiert, um durch die Geschicklichkeit, mit welcher
-er beim Ringkampf den wilden Mann spielte, Farbe in die Kämpfe zu
-bringen. Seine natürliche Roheit kam ihm bei diesen Mätzchen zustatten.
-
-Heute, beim Entscheidungskampfe, versuchte er Roland in das Orchester
-hinabzuwerfen. Als ihm dies nicht gelang und die empörten Zuschauer
-heulend und stürmisch protestierten, überrannte der temperamentvolle
-Spanier den Preisrichtertisch im Hintergrunde der Bühne, so daß die
-entsetzten Unparteiischen sich am Boden überschlagen und von der Szene
-flüchten mußten, bis der „Toro de Granada,“ der in diesem Zustande
-wirklich einem wütenden Kampfstiere glich, sich beruhigt hatte und nun
-von Roland mit einem kunstgerechten Doppelnelson besiegt werden konnte.
-
-In der Garderobe gab es inzwischen eine peinliche Auseinandersetzung
-zwischen Kiesling und Thyssen. Kiesling verlangte seinen Schuldschein
-über die Spielschulden von Thyssen zurück. Thyssen behauptete, daß er
-den Schein nicht bei sich trage. Aber Kiesling blieb fest:
-
-„Wenn du einen glatten Sieg haben willst, wie er dem ersten Preisträger
-zukommt, so rat’ ich dir, Hermann, schaffe den Schuldschein und
-vernichte ihn hier vor meinen Augen!“
-
-„Findest du dein Verhalten fair?“ fragte der Champion erbost, „und
-meinst du übrigens, daß Roditscheff mir den Sieg sehr erschweren kann?“
-
-„Fair oder unfair in deinen Augen ist mir einerlei!“ sagte Kiesling
-kühl, „und wenn du nicht glaubst, daß Roditscheff sich im Endkampfe
-mindestens zwei Stunden gegen dich behaupten kann, so riskier’ es doch.
-Riskier’ es doch!“ wiederholte er mit schwachem, aufreizendem Lächeln
-und ging auf die offene Bühne hinaus, um mit Bernhard Meinken zu ringen.
-
-Thyssen sah ihm von der Kulisse aus zornig zu. Der Teufel steckte in
-diesem Kiesling, machte seinen gestählten Körper elastisch und biegsam,
-wie einen Schlangenleib! Keiner flog aus beliebiger Höhe so exakt in
-die Brücke, wie er, keiner schlug zum Entzücken der Zuschauer so
-elastische Pirouetten, keiner bot in jeder erdenklichen Stellung ein so
-vollendet schönes Bild. Er ließ auch Bernhard Meinken keinen regulären
-Sieg. Nachdem der Kampf eine volle Stunde gedauert hatte, warf er
-sich so geschickt hintenüber, daß er sich selbst den Fuß verstauchte.
-Durch diese Verletzung wurde er kampfunfähig. Meinken wurde als Sieger
-erklärt, aber die Zuschauer waren verstimmt, daß einer ihrer Favoriten
-Schaden genommen hatte.
-
-„Wie denkst du über die Spielschuld?“ fragte Kiesling Thyssen, sobald
-er hinkend in die Garderobe zurückkehrte. „Roditscheff hält mit mir
-zusammen....“
-
-„Ist das wahr? Du bist ebenso unfair, Sergej?“ fragte Thyssen zornig.
-
-Roditscheff schnitt sich gerade die Fingernägel und zuckte nur die
-Achseln, ohne sich umzusehen.
-
-„.... Eure Gage....,“ murmelte Thyssen, aber Kiesling unterbrach ihn:
-
-„Spielschulden dürfen von der Gage nicht gekürzt werden .... Überdies
-waren wir so vorsichtig, uns unsere Gage vor zwei Stunden von Immermann
-auszahlen zu lassen. Halt’ dich damit an unsern Direktor....“
-
-Thyssen sah ein, daß die beiden starrköpfigen, unbedenklichen Freunde
-ihm alle Waffen aus der Hand genommen hatten. Wortlos zog er den
-Schuldschein aus seinem Portefeuille und reichte ihn Kiesling, der ihn
-schweigend durchlas und ihn dann auf den kleinen, rotglühenden eisernen
-Ofen legte, wo er zu Asche verschwelte.
-
-Kaum zehn Minuten später wurde Thyssen auf der Bühne als Sieger mit
-unendlichem Enthusiasmus bejubelt. Er hatte den langen, starken Russen
-mit einem herrlichen Untergriff hingelegt....
-
-Da oben standen die Starken, groß und herrlich, wie Halbgötter, und
-nahmen ihre Lorbeerkränze in Empfang und die versiegelten Hüllen,
-in welchen die Geldpreise verschlossen waren; die silbernen Geräte
-wurden Roland, Meinken, Kiesling, Roditscheff und Gomez überreicht, und
-Thyssen bekam einen feuervergoldeten Pokal. Und die Musik blies Tusch,
-und schmetternde Fanfaren feierten die Starken...
-
-In der Garderobe sagten die Ringkämpfer einander Lebewohl und Auf
-Wiedersehen. Ein Teil reiste nach Holland zu einer Konkurrenz ab, die
-Jan van Muyden unterdessen arrangiert hatte.
-
-„Das war ’n jutes Debüt, allright?“ sprach Thyssen liebenswürdig zu
-Roland, indem er die kornblumenblauen, wollenen Trikotbeinkleider
-abstreifte. Einen Augenblick nur stand er nackt in seiner reifen
-Schönheit da, denn schon kam Mikita Zirkovitch, der dem Champion
-fanatisch ergeben war, um ihm den Mantel aus Kräuselstoff umzugoben.
-
-Freidank konnte sich nicht mehr zurückhalten. Das kühle, reservierte
-Benehmen des Weltmeisters ließ nur selten eine Annäherung zu. Jetzt
-war er mit Thyssen allein; nur Zirkovitch, der wenig Deutsch verstand,
-befand sich mit ihnen in der Garderobe. Eberhard streckte dem
-Rheinländer erschüttert beide Hände hin und sagte mit schwerer Zunge:
-
-„Das kann ich Ihnen nie danken... das werde ich Ihnen nie vergessen....“
-
-„Auf gute Freundschaft!“ sagte Hermann Thyssen mit einem Lächeln,
-welches sein schönes, ernstes Gesicht unvergleichlich erhellte, „und
-auf’s Du, Roland!.... Von Dank kann keine Rede sein. Aber Gott weiß,
-daß du an mir immer einen guten Kameraden finden wirst, wenn du nicht
-mein Feind wirst... wie die andern... wie die meisten....“
-
- * *
- *
-
-Auf gute Freundschaft! Das sagte auch Therese dem Ringkämpfer, als sie
-ihn weinend beim Abschiednehmen umarmte.
-
-Eberhard hatte sich von dem schönen Mädchen nicht trennen mögen, ohne
-vorher ein gutes, bindendes Wort gesprochen und gehört zu haben. Darum
-hatte er am Morgen nach Beendigung der Konkurrenz Besuchstoilette
-angelegt, Frau Ambrosius eine offizielle Visite gemacht und um Thereses
-Hand gebeten.
-
-Wider alle Erwartung hatte Frau Ambrosius ihre mütterliche Einwilligung
-versagt.
-
-„Es tut mir herzlich leid, Herr Freidank, daß eine solche Erörterung
-zwischen uns stattfinden muß! Aber es sind schwerwiegende Gründe, die
-mich zwingen, Ihren Antrag nicht anzunehmen. Und Therese ist eine viel
-zu gute Tochter, um gegen meinen Willen...“
-
-Freidank gab das Mädchen nicht kampflos auf; er bat um Gründe, wollte
-sein Einkommen darlegen, seine sportlichen Chancen...
-
-„Ich glaube Ihnen, Herr Freidank,“ hatte Frau Ambrosius geantwortet,
-„daß Sie nicht um eine Dame anhalten würden, wenn Sie nicht wüßten, daß
-Sie sie ernähren können. Aber -- wie peinlich mir das ist! -- ich kann
-nicht Ja sagen, weil Sie durch Ihren jetzigen Beruf doch gewissermaßen
--- aus Ihren Kreisen herausgetreten sind. Mein verstorbener Gatte, Herr
-Freidank, war Amtsrichter. Wenn er lebte, er würde niemals zugeben,
-daß...“
-
-„Daß seine Tochter einen Ringkämpfer liebt,“ sagte Freidank bitter.
-
-„Sie sagen es selbst,“ erwiderte Frau Ambrosius verlegen. „Wer, wie Sie
-in Zukunft tun wollen, von Ort zu Ort reist... sich auf der Bühne oder
-im Zirkus mehr oder minder -- preisgibt, kann -- nach meinem Ermessen
--- eine Frau nicht dauernd glücklich machen... Nehmen Sie mir dieses
-Wort nicht übel, Herr Freidank! und versuchen Sie, meine Gefühle als
-Mutter zu verstehen....“
-
-Thereses Neigung war noch nicht stark und unbedenklich genug, um der
-Mutter mit Überzeugung gegenüber zu treten. Erziehung und Gewohnheit
-stritten noch mit ihrer Liebe. Liebte sie ihn denn wirklich? fragte
-Eberhard sich in Zorn und Schmerz. Oder hatte ein Rausch der Sinne sie
-umgarnt, wie so viele Frauen, die den bejubelten Athleten ihre Ehre und
-ihre Leidenschaft ohne Besinnen hinwarfen, die aber niemals mit ihnen
-vor den Altar treten würden? Nein, Therese Ambrosius war nicht so!
-
-An dem Nachmittage, ehe Freidank nach Amsterdam abreisen wollte, ging
-Frau Ambrosius aus. Sie fühlte dunkel, daß sie die Verpflichtung hatte,
-den beiden jungen Leuten eine ungestörte Abschiedsstunde zu gewähren.
-
-„Wir wollen Freunde bleiben!“ schluchzte Therese Ambrosius, an
-Eberhards Halse hängend.
-
-„Du hattest mir mehr sein sollen, meine Geliebte! meine Süße,“ sagte er
-flüsternd und küßte ihr braunes Haar. „O! die Achtung vor den Frauen,
-die ich verloren habe, du solltest sie mir wiedergeben, du stolzes
-Weib. Ein Vorurteil trennt uns, eine Marotte... Ich werde darüber
-hinwegkommen!“ fügte er mit einem Anfluge von Hochmut hinzu.
-
-„Aber ich nicht! Niemals!“ weinte das junge Mädchen. „Du wirst
-fortgehen, Eberhard; du wirst andere Frauen lieben, die dir den Hof
-machen... die dich verehren... nur weil Du als Athlet vor ihnen
-stehst... Und ich werde hier bleiben, einsam... O, wie ich dich liebe!
--- Wie ich mich nach dir gesehnt habe... Tage lang -- Nächte lang...!“
-
-Nächtelang! hatte sie gesagt, nächtelang! -- Das halblaut gesprochene
-Wort drang in seine Seele, wie Trompetenstöße. Nächtelang! Es
-brauste mit hellem Klang in seinen Ohren. Das war der Ruf der
-Leidenschaft, der ihm noch niemals erklungen war, das war das brünstige
-Locken des Weibchens, welches nach dem Gatten schrie. Und das war
-nicht spielerisch gesagt und nicht unkeusch. Das war in reiner,
-überwältigender Sinnlichkeit herausgestoßen, wie der naive Naturlaut
-eines Tieres. Nie hatte Fritzi l’Alouette, die mit der Liebe spielte,
-ihm gesagt, daß sie sich nach ihm gesehnt hatte -- Nächte lang. --
-
-Er sprang auf, er packte sie an beiden Schultern:
-
-„Was hast du damit gesagt, Therese? Was -- hast du -- damit -- gemeint?“
-
-Seine Blicke bohrten sich in ihre Augen, wie Schwerter. Klar war es
-zwischen ihnen, als sei ein Blitz niedergefallen. Und der junge Mann
-warf sich auf die Kniee nieder, schlang die Arme um ihre Hüften, preßte
-sie wild und stöhnte zu ihr hinauf, wie zu einem Heiligenbild:
-
-„Um Gottes willen, Therese, sag: was hast du damit gemeint?“
-
-Sein heißer Atem schlug ihr ins Gesicht, seine lodernde Leidenschaft
-fuhr wie der Samum über ihre jungfräuliche Seele. Sie wollte sagen „gar
-nichts hab’ ich gemeint --“ aber ihre verdorrten Lippen blieben hilflos
-offen stehen und ihr Kopf bog sich nach hinten über, wie das Haupt
-einer welkenden Blume.
-
-Er sprang von den Knieen auf, er küßte ihre trockenen Lippen mit
-wilden, rücksichtslosen Küssen, er riß sie in die Höhe und stöhnte,
-während er sie fest umklammert hatte, unter den heftigsten Küssen:
-
-„Was hast du gemeint, Therese?“
-
-Sie wußte, er hatte sie recht verstanden. Oh -- nein! schrie ihre
-Sittsamkeit -- um Gotteswillen, ja! schrie das Verlangen ihrer Jugend.
-Und da flog in ihre Herzensangst und Leidenschaft hinein eine jähe,
-wahnsinnige Hoffnung: Wenn er bliebe? Wenn es möglich wäre, den
-Starken, den Geliebten zu halten?
-
-„Liebst du mich, Therese?“ stammelte Eberhard, „Therese, liebst du
-mich?“
-
-Feuer schien aus seinen Augen zu springen. Er rang mit Therese, sie
-wehrte sich. Seine Kraft war groß, aber ihre Geschmeidigkeit, die noch
-einen Rest von Besonnenheit bewahrt hatte, war noch größer.
-
-„Therese, liebst du mich?“ --
-
-Sie riß sich plötzlich von ihm los, kreuzte die Arme über der jungen,
-vollen Brust und flüsterte lockend und geheimnisvoll:
-
-„Wenn du nicht abreist... wenn du bei mir bleibst...“
-
-„Dann tust du mir alles zu Liebe?“
-
-„.... Ja,“ sagte sie und schlug die Augen nieder.
-
-„Aber Therese, ach Therese! das ist ja unmöglich....“
-
-„Das ist schon möglich....“
-
-Und wieder rang er mit ihr, versuchte, die schöne Beute mit Gewalt zu
-nehmen. Sie sprühte vor Leidenschaft, Trotz und Abwehr, sie entwand
-sich ihm mit ungeahnter Kraft...
-
-„Und wenn ich bleibe, Therese, dann.....?“
-
-„Dann....“
-
-„Jetzt, Therese, in dieser Stunde, in dieser Minute...?“
-
-„Jetzt.......“
-
-„Therese, ich bleibe -- -- -- -- --!“
-
--- -- O du uralte, lockende Eva-Macht! O du schillernde Schlange
-des Paradieses! -- O du Apfel in der Hand des Weibes, welcher den
-Hungernden, den Dürstenden reizt und den Leidenschafterschöpften im
-seligsten Rausche erquickt! -- -- -- --
-
-In dieser Stunde wurde Therese Eberhards Geliebte und seine verlobte
-Braut. --
-
-Als Mama Ambrosius nach Hause zurückkehrte, fand sie die Liebenden Hand
-in Hand am Fenster des Wohnzimmers sitzen. Sie hatten schon von der
-Zukunft gesprochen, und beide strahlten von jugendlicher Zuversicht.
-
-„Ich liebe ihn, Mutter!“ sagte Therese fröhlich, „und er bleibt hier,
-er geht nicht fort... Er ist so begabt! Er wird sein Drama schreiben,
-er wird Erfolg haben...“
-
-Frau Ambrosius lächelte mütterlich:
-
-„Ja, so -- so ist es etwas anderes, lieber -- Schwiegersohn! -- Sie
-sind beide jung, Sie können warten, bis Sie... Die Geistesarbeit
-wird Ihnen eine andere Karriere gewähren, als diese, diese....,“ sie
-schüttelte sich ein wenig, „als diese Kraftmeierei!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Als Eberhard der Kraft untreu wurde und sich dem Geiste zuwendete, war
-er auf einige Monate hinaus vor quälenden Nahrungssorgen geschützt.
-Während der letzten drei Wochen der Konkurrenz, seit Beginn der
-Entscheidungskämpfe, hatte er täglich fünfzig Mark verdient, seine
-einfache Lebensweise aber nicht geändert, so daß er an siebenhundert
-Mark Ersparnisse besaß.
-
-Als Thereses Bräutigam hatte er von Mama Ambrosius fortziehen müssen
-und nicht gar zu weit ein neues Logis gefunden. Nun gehörten seine
-Tage, wie vordem, der Arbeit und der Liebe. Die sechs Wochen voll
-von Triumphen, Erfahrungen und Leidenschaften lagen hinter ihm wie
-ein Traum. Er wollte auch nicht mehr denken an den Traum. Jedesmal,
-wenn sein Blick auf seine Hanteln traf, oder auf ein Stück seiner
-Bühnenkleidung, oder auf ein Bild, das ihn im Dreß darstellte, furchte
-sich seine Stirne und er hatte ein leise schmerzendes, bitteres Gefühl,
-als ob er einem guten Engel aus dem Wege gegangen sei. Wenn aber
-Therese ihm zur Seite war, ihre Augen ihn klug und freundlich ansahen
-und ihr Mund gescheit und lieblich plauderte, zerstob der kleine
-Schmerz.
-
-Er schrieb ein Drama, und er stürzte sich mit temperamentvollem Eifer
-auf die Arbeit, als gelte es, das Werk in der allerkürzesten Zeit zu
-schaffen. Nach einigen Tagen besann er sich, daß sein Werk nicht vor
-dem Ende des Sommers aufgeführt werden könnte. Nun teilte er die
-Arbeit ein, schrieb ruhig und planmäßig. Tagelang arbeitete er in
-Bibliotheken, um seinem Werke das richtige Kolorit und die lebendigen
-Züge des Zeitalters geben zu können.
-
-War seine Kraft gewachsen? Hatte die Liebe ihn umgewandelt, daß alles,
-was er schrieb, unter seinen schaffenden Händen feste Formen annahm?
-
-„Besinnen Sie sich auf Ihre Kraft!“ hatte ihm -- es war ungefähr ein
-Jahr her! -- ein erfahrener Theaterdirektor gesagt.
-
-In der Zeit, die zwischen damals und heute lag, hatte der ungelenke und
-zähe Niedersachse sich auf seine ganze Kraft besonnen. Jetzt wurden
-seine Gedanken präzis und logisch, jetzt rundeten sich seine Sätze
-zu Fülle und Wohlklang, jetzt blühten kräftige, energische Bilder
-unter den Händen auf, die starke Gegner mit kühnen Griffen erfaßt und
-niedergeschleudert hatten.
-
-Ein Bild vor allem war ihm im Gedächtnisse geblieben und hatte seine
-Gedanken also durchdrungen, daß er es auch in seine Arbeit verwob: das
-Bild jener Mordnacht bei Aloys Binder. Jetzt, da er still am Tische
-saß, um sein Werk zu schaffen, trat der Anblick des Ermordeten greifbar
-aus den Schatten der Erinnerung hervor:
-
-Der Mann, der tot und starr auf dem buhlerischen Lager ruhte und
-das Mädchen, welches mit schwarzen, entsetzten Augen auf die Leiche
-stierte -- und sich mit gedankenloser Lebenslust schon auf der Treppe
-wieder dem Lebendigen zuwendete, während der Tote oben allein in dem
-verschlossenen Zimmer schlief.
-
-Und es stiegen Personen und Ereignisse aus der stolzen Zeit der
-italienischen Renaissance vor seinem Geiste auf. Welche Zeit war ein
-einziges Loblied auf die Kraft, wie diese? Wann hatten die Starken so
-selbstherrlich Gebrauch von ihrer Kraft gemacht, wie die Mächtigen zur
-Zeit der Borgia und der Colonna?
-
-Die Kraft wollte er verherrlichen, die Starken wollte er preisen, die
-über Leichen in ihre Freudengemächer eingehen! -- Mit Therese besprach
-er Szene für Szene seines Stückes. Er arbeitete mit Fleiß und Inbrunst.
-Und als er dieses Mal das letzte Wort schrieb und nach ordentlicher
-Gewohnheit einen geraden Schlußstrich darunter zog, tat er es ohne
-Fieber und ohne Wildheit in dem ruhigen Bewußtsein, etwas Tüchtiges
-vollendet zu haben. --
-
-Die Arbeit hatte ihm kaum Zeit gelassen, an die Unterbringung seines
-Stückes zu denken. Jetzt, da das Manuskript vollendet vor ihm lag,
-befiel ihn Schrecken über seine Sorglosigkeit, und sein Mut erschlaffte
-jählings. Wie? sollte auch dieses Werk nur geschrieben sein, um nach
-jedem Schritte vorwärts denselben Schritt nach rückwärts zu tun?
-
-Therese war wieder die heitere, ermutigende Trösterin. Des Abends holte
-er sie vom Bureau ab und beide gingen Arm in Arm nach Hause, wo Mama
-Ambrosius sie mit dem bürgerlich bestellten Abendbrottische erwartete.
-Oft fühlte er sich müde, während ihre Augen trotz dem anstrengenden
-Dienst des ganzen Tages glänzten. Mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrer
-immer gleich bleibenden Zuversicht gewann sie langsam ein Übergewicht
-über den Mann, welches er lächelnd anerkannte.
-
-„Ich bitte dich, Lieber,“ sagte sie, „geh selbst zu dem
-Theaterdirektor, der dich damals ermutigt hat, ihm später einmal ein
-neues Stück zu bringen.“
-
-„Therese! Ich habe wenig Hoffnung. Anerkannte Größen arbeiten für seine
-Bühne. Wie käme er dazu, einen Neuen, Unbekannten einzuführen?“
-
-„Hast du nicht auch bei Immermann Glück gehabt? Warst du als Athlet
-nicht ebenso unbekannt? Habe Mut, Eberhard! Wer soll denn das Glück
-zwingen, wenn es den Starken nicht gelingt!“
-
-Therese behielt Recht mit ihrer hoffnungsvollen Zuversicht, daß dem
-Starken das Glück hold ist. Mit unruhigem Herzen kam Eberhard in die
-Theaterkanzlei und bat, zu dem Direktor vorgelassen zu werden.
-
-„In welcher Angelegenheit?“ fragte der Sekretär gleichgültig und
-mechanisch.
-
-„Um mein neues Drama vorzulegen,“ erwiderte der junge Mann und sagte
-seinen Namen.
-
-Kurz darauf erschien der Sekretär unter den höflichsten Verbeugungen
-wieder und bat Eberhard, ihm zu dem Bühnenleiter zu folgen. --
-
-Ein schlimmer Winter lag hinter dem Direktor. Mißerfolge über
-Mißerfolge hatte es gegeben. Stücke, an deren Erfolg der erfahrene
-Theatermann kaum leise gezweifelt hatte, hatten dem Publikum mißfallen.
-Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen hatte er dann mit dem lauten
-Getön einer geschickten Reklame das Lustspiel eines gefeierten
-Dramatikers angekündigt. Dieser Dichter war einer von denen, deren
-Ruhm so anerkannt und festbegründet scheint, daß ein völliges Versagen
-ihrer Werke niemandem glaublich oder möglich vorkommt. -- Kaum war
-die Ankündigung erlassen, so setzte eine eigentümliche, feindliche
-Bewegung gegen den Dichter ein. Ruhm ist wie die Wogen des Meeres,
-unberechenbar, neidisch, tückisch und treulos. Das treulose Meer
-seines Ruhmes wurde gegen den Dichter von Grund aus aufgewühlt.
-Jeder, der konnte, half mit, und am Abende der ersten Aufführung war
-die Atmosphäre im Theater wie vor einer Explosion. Noch eher, als
-man es hatte befürchten können, brach dann auch die große Woge der
-Feindschaft und Mißgunst über des Dichters Werk herein. Es wurde ein
-Theaterskandal, wie die Mauern des Theaters ihn noch nicht gesehen
-hatten.
-
-Nach diesen Erlebnissen hatte Direktor Holderbaum Lust, einen homo
-novus zu entdecken, der ohne Feinde und ohne Freunde als ein Freier auf
-den Schlachtplan des Geistes trat, und es war ihm nicht unangenehm, als
-in dieser Vormittagsstunde der junge Freidank sich bei ihm melden ließ.
--- O, vielleicht brachte er es schon mit, das hoffnungsvolle Werk,
-welches die kommende Saison mit einem glücklichen Erfolge einleiten und
-einweihen sollte!
-
-Nie hätte Eberhard auf einen so freundlichen Empfang gehofft, wie er
-ihn bei dem Leiter der berühmten Schaubühne fand.
-
-„Also: was bringen Sie mir heute? Ein Trauerspiel? Ein Lustspiel?“
-
-„Ein Schauspiel,“ sagte Eberhard mit erheucheltem Mute.
-
-„Hoffentlich kein ultramodernes Stück, wie das letzte?“
-
-„Gar nicht modern! -- Aus der Renaissancezeit.“
-
-„Renaissance? -- Hm, vielleicht ganz gut.... Ist nicht zu oft da...
-Gibt eine prächtige Dekoration...,“ erwiderte der kleine, energische
-Bühnenmann, der in Gedanken blitzgeschwind die ganze Ausstattung des
-Dramas entwarf.
-
-„Packen Sie aus, packen Sie aus, junger Dichter,“ fuhr der Direktor
-lebhaft fort, „geben Sie mir das Manuskript... setzen Sie sich mir
-gegenüber... und geben Sie mir so kurz wie möglich den Inhalt der
-einzelnen Akte an. Ich habe nur wenig Zeit... muß zur Probe. -- Aber
-Ihr Stück interessiert mich... also sprechen Sie....“
-
-Er warf einen Haufen Papiere, die vor ihm auf dem Schreibtische lagen,
-beiseite, legte das Manuskript an ihre Stelle und begann darin zu
-blättern, während er das scharfgeschnittene, geistvolle Gesicht dem
-Autor zuwendete, der den Inhalt der drei Akte zu erzählen begann. --
-
-Astorre Braglione, der Sohn und Erbe der herrschenden Familie in
-Perugia, ist ein gütiger, nachdenklicher und schwacher Mensch. Wird
-er dereinst der rechte Mann sein, um das Erbe der Väter gegen alle
-Gewalt und List der feindlichen Nachbarn zu schützen? Ach, daß er
-dem jungen Filippo gliche, dem unehelichen Kinde seiner schönen,
-lasterhaften, herrschsüchtigen Tante Atalanta Braglione, von der
-Filippo die unbändige Stärke, die verführerische Schönheit und die
-kraftvolle Schändlichkeit geerbt hat! Nicht einmal gegen seinen Vetter
-Carlo Braglione kommt er auf, dem Bosheit und Scheelsucht aus den
-tiefliegenden, schwarzen Augen funkeln. Astorre kommt noch zu Lebzeiten
-seines greisen Vaters zur Herrschaft; die Feindseligkeiten Filippos,
-des Bastards, und Carlos, verbittern sein Leben, bis die eine, die
-ewige Liebe in sein Herz einzieht und mit ihrem Scheine alle Schatten
-vertreibt. Die schöne Lilie Roms, Lavinia Colonna, ist Astorres Braut
-geworden. Nun mögen Filippo und Carlo an sich reißen, wonach ihr
-böses Herz steht! Was tut ihm das, wenn erst die edle römische Lilie
-mit ihrer Pracht und ihrem Duft an seinem Herzen ruht. -- Der alte
-Fürst Colonna gibt den Verlobten zu Ehren ein prunkvolles Maskenfest;
-Lavinia, nur mit kostbaren, flimmernden, rosenfarbenen Schleiern und
-mit dem wallenden Mantel ihres Haares geschmückt, lehnt als Venus an
-einer Marmorsäule. Da plötzlich -- was erbleicht Lavinia, die herrliche
-Jungfrau? Warum greift sie mit der Hand zum Herzen, warum werden ihre
-Lippen blaß wie Narzissen? Filippo hat in der Tracht des Orpheus den
-Festsaal betreten. Sein Haupt ragt über die ganze Schar der Gäste
-hinaus, obwohl zahlreiche stattliche Edelleute sich auf dem glatten
-Fußboden bewegen. Sein Arm hält die bekränzte Leier, Rosen krönen sein
-Haar. Er ist so groß, stark und brutal, seine Augen blicken so hart ...
-Seine Blicke treffen gerade in Lavinias Augen, werden weich und flammen
-dann begehrlich auf... Ihr ist, als ob ihre Seele versinkt in den
-Flammen dieser Augen.... Aber Astorre, der beglückte Bräutigam, tritt
-galant zu seiner Verlobten hin und legt die Hand auf ihren Arm. Lavinia
-zuckt zusammen, wie unter der Berührung eines eklen Gewürms, doch sie
-besinnt sich: immerhin -- ihr Bräutigam ist der Herr von Perugia.
-Jener -- er ist ihr ein Fremder; -- sie wird ihn vielleicht niemals
-wiedersehen....
-
-Und dann ist die Hochzeit in Perugia. Die Kavaliere und die edlen
-Damen, sie alle schwelgen in Lust und Übermut. Im schönsten Saale des
-Palastes Broglione ist dem jungen Paare das Hochzeitsbett bereitet,
-dessen hohes, geschnitztes Gestell ganz mit purem Golde überzogen
-ist. Die Neuvermählten werden unter Fackelglanz und Rosenregen ins
-Brautgemach geführt. Wer sieht den Stahl des Todes, der unter den Rosen
-der Liebe blitzt?
-
-Filippo hat seinen Hass und Neid nicht länger bändigen können. Es wird
-ihm nicht gelingen, in das hochzeitliche Gemach Astorres und Lavinias
-allein einzudringen. Aber wozu fremde Meuchelmörder dingen? Feinde
-genug hat Astorre in der eignen Familie: einer der ärgsten ist Carlo
-Braglione, der immer zurückgesetzte, ärmere Vetter des Bräutigams.
-Carlo zieht noch einen Todfeind der Braglione, Herrn Girolamo della
-Penna, in die Verschwörung. In der Nacht, als Amor das hochzeitliche
-Zimmer mit seinen höchsten Fröhlichkeiten erfüllt, dringen die drei
-ins Gemach, nachdem sie die Wächter, erprobte Diener der Braglione,
-niedergemetzelt haben. Astorre springt vom Lager auf, er sucht
-sein Schwert; da durchbohrt ihn von vorn der Damascener Dolch des
-furchtbaren Filippo, während Carlo ihm seinen Degen durch den Rücken
-rennt. Ein gewaltiges Getümmel entsteht; der greise Vater und der
-junge Bruder Astorres kommen zu Hilfe: Carlo und Girolamo schlachten
-beide in wilder Mordlust, sie schlachten und durchbohren, was vor ihre
-Klinge kommt. Filippo allein hat an dem einen Opfer genug. Heulend,
-wie ein wildes Tier, wirft er sich über Astorre, der im letzten Kampfe
-röchelt, reißt ihm die Brust auf, zerrt das blutende Herz hervor und
-beißt mit seinen Tigerzähnen in das blutende Herz. -- Da ist seine Gier
-gestillt, nun kann er an die lebendige, blühende Beute denken. Es wird
-noch einen heißen Kampf kosten, Lavinia Braglione zu erobern! -- Und
-das Unfaßliche geschieht, selbst dem Mörder unerwartet: Lavinia stürzt
-freiwillig in die Arme des Starken.... Mitten in dem Hochzeitsgemach,
-das mit Leichen angefüllt ist, steht die Jungvermählte und reicht
-Filippo die geöffneten Lippen zum Kuß....
-
-„Ich werde es mir überlegen --,“ sagte Direktor Holderbaum, innerlich
-freudenvoll, „ich werde es mir überlegen ... Immerhin eine Idee darin.
-Der Triumph des Starken...“
-
-„Über die Schwachen, ja,“ sagte Eberhard.
-
-„Von Ihrem Stück abgesehen: glauben Sie, daß die Starken ein
-moralisches Recht haben, die Schwächern einfach niederzutreten?“
-
-„Sie tun es doch....,“ erwiderte der junge Mann nachdenklich. „Wer
-fragt den Sieger nach Recht oder Unrecht?“
-
-„Und unsere Religion, Herr Freidank, welche die Hilflosen schützt? Und
-unsere moderne Staatskunst?“
-
-„Sie haben uns beide keinen Gefallen damit getan, Herr Holderbaum, daß
-sie die Minderwertigen protegieren. Diese Schwachen nehmen den Starken
-Platz weg.... Licht und Luft weg....“
-
--- -- Zwei Tage später wurde Eberhard wieder zu dem Theaterdirektor
-beschieden. Der kleine Mann tat heute ganz vertraut und familiär und
-zog Eberhard in sein Privatkabinett. Bei Wein und Zigarren plauderte er:
-
-„Hören Sie an, mein lieber junger Dichter, was ich Ihnen sage! Ihr
-Stück ist gut. Es ist sogar sehr gut. Aber .... Nun gut, kommen wir
-zur Sache! -- Ich selbst habe eine Idee! Eine brillante Idee! Für ein
-Theaterstück. Es soll, gewissermaßen, ein Sensationsstück werden.
-Ein Kassenstück! Die Kunst ist schön und erhaben, gewiß. Ich lebe
-nur für die Kunst! -- -- Aber was nutzt die beste Kunst, wenn mir
-mein Kassierer nicht bestätigen kann: Es ist eine gute, es ist eine
-einträgliche Kunst --!“
-
-Auf solchen Umwegen kam er endlich zu dem Kern seiner Rede. Er
-hatte eine Lustspielidee. Es war eine banale, dabei aber tolle und
-verwickelte Handlung. Er brannte darauf, dieses Stück auf seine Bühne
-zu bringen. Dabei hatte er nicht den mindesten Autoren-Ehrgeiz, o nein!
-Er hätte das Stück nicht selbst schreiben können. Er wollte auch gar
-nicht als Verfasser gelten. Freidank sollte -- o gewiß, das könnte er!
--- seiner Idee Worte und Ausdruck leihen. Schließlich rückte er mit
-seinem Vorschlage heraus:
-
-Freidanks Renaissance-Schauspiel sollte zu Beginn der kommenden Saison
-aufgeführt werden. Als erste Winterneuheit, jawohl! -- Er steckte
-nicht im Publikum und in der Kritik drin. Aber so viel glaubte er
-als erfahrener Bühnenmann heute schon sagen zu können? es würde ein
-literarischer Erfolg werden. Dadurch wären eine Reihe von Aufführungen
-gesichert.... Als nächste Neuheit sollte dann das Lustspiel nach
-Holderbaums Idee folgen. Wenn Freidank einverstanden wäre, dann wäre
-sein Drama angenommen. Jawohl, angenommen!
-
-Freidank war einverstanden. Ach, es war ja alles so viel mehr Glück,
-als er hatte hoffen dürfen! -- Als er auf die Straße hinaustrat, kamen
-ihm alle Menschen geputzt vor. Ein kleines, armes Mädchen, welches ihm
-Blumen anbot, schien eine lächelnde, verschwenderische Fee zu sein. War
-keiner da, mit dem man reden konnte? Keiner, in dessen Gesellschaft
-man sein Glück feiern konnte? Freidank sah unwillkürlich die Straße
-entlang. Dort unten -- oder täuschten ihn seine Augen? -- dort kam
-Hermann Thyssen, die Hände in den Taschen, die schönen Augen über alle
-Menschen, die den großen, auffälligen Mann neugierig anstarrten, hinweg
-in die helle, sonnenscheindurchleuchtete Frühlingsluft gerichtet.
-Thyssen wollte ihn indessen vielleicht nicht mehr kennen, nachdem
-er seiner Laufbahn als Ringkämpfer so schnell den Rücken gekehrt
-hatte, ohne viele Gründe anzugeben? -- Aber er irrte sich. Thyssen
-erblickte ihn einen Moment später. Seine dunkeln, hochmütigen Augen
-leuchteten flüchtig auf, als er lächelnd den „Dritten“ seiner großen
-Dezemberkonkurrenz begrüßte:
-
-„Tag, Roland! Ausreißer müßt’ ich eigentlich sagen. Du bist also doch
-lieber bei deinem jeistigen Jeschäft jeblieben? Schade um dich. Du bist
-jute Klasse... wärst erste Klasse jeworden...“
-
-Nachdenklich sah er Eberhard an.
-
-„Na, du bist wohl jetzt unter den Berliner Amateurringern Hecht im
-Karpfenteich?“ fragte Thyssen.
-
-„Auch das nicht,“ sagte Eberhard betrübt. Es war plötzlich eine Freude
-in ihm klirrend zersprungen, wie eine Geigensaite. Beim Anblick des
-stolzen Champions, der die kleinen Menschen auf der Straße überragte,
-wie die Tanne das Unterholz, schien ihm mit einem Male, daß er einen
-schlechten Tausch gemacht hätte. Die große Freude, die ihn kurz vorher
-erfüllt hatte, war seltsam matt geworden...
-
-„Wollen ’mal ’n lütten Frühschoppen machen, allright?“ schlug Thyssen
-vor. „Hast doch Zeit, Roland?“
-
-Er hatte Zeit. In der farbigen Dämmerung der alten Weinstube saßen sie
-bei den Römern und redeten über leichte und ernste Dinge.
-
-„Von Nizza komm’ ich. Gott, da unten haben sie einen Enthusiasmus
--- --! Obwohl es den Französ’chen nicht gerade gefiel, daß ich alle
-ihre Landsleute aufs Kreuz legte, waren sie doch... Nein, das ist
-unbeschreiblich! Das muß man gesehen haben! -- Hernach ist man dann
-doch froh, wenn man zu Hause in Deutschland gerade in den herben
-Frühling hineinkommt.“
-
-„Und wohin reist du jetzt, Thyssen?“
-
-„Nach Kölle --!“ sagte der Champion lächelnd im wohlklingenden,
-schleppenden Dialekt seiner Heimat. „Da unten bin ich doch am liebsten.
-Ich hab’ überall gerungen, nicht wahr. In London, in Paris -- in
-Rußland -- in Persien -- in der Türkei -- nun überall... Ich hab’ über
-hundert Meisterschaften. Aber in Köln -- --! Wenn ich nach Kölle komm’,
-sagt jeder köll’sche Jung’: verdammt, dat Hermännche ist wieder
-da -- --!“
-
-Er schlug lachend und ein wenig verlegen mit der starken Faust auf den
-Tisch. Gewiß, er war stolz auf seine Kraft und seine Volkstümlichkeit.
-Aber wie liebenswürdig war er in diesem natürlichen Selbstbewußtsein!
-Wahrlich, er hatte Grund, stolz auf sich zu halten!
-
-„Und du?“ fragte Thyssen jetzt, die Augen fest auf Freidank gerichtet.
-„Examen gemacht? -- Schulmeister in spe?“
-
-„Ich hab’ ein Stück geschrieben,“ sagte Freidank.
-
-„Ach?! Wann wird es denn aufgeführt?“
-
-„Ende August, hoff’ ich.“
-
-„Laß’ mal sehen,“ überlegte Thyssen. „Ich werde vielleicht zu dieser
-Zeit hier sein. Im Juli bin ich in Ostende... im Dezember in Wien...
-Ich werde also bei der Premiere klatschen helfen können...“
-
-„Wenn mein Stück nicht durchfällt!“ scherzte Eberhard.
-
-„Das wär’ auch kein besond’res Malheur,“ sagte der Champion, der schon
-viel Glück und Leid hatte aufblühen und vergehen sehen, freundlich. Er,
-der so stark und ruhig war, nahm die Widerwärtigkeiten des Lebens, die
-zu jeder Zeit auch an ihn herantraten, nicht recht ernst. Mit seinen
-starken Händen und seinem ausgeglichenen Charakter schob er Menschen
-und Schicksale, die sich ihm hindernd in den Weg stellten, mit ruhiger
-Rücksichtslosigkeit beiseite. „Kein besond’res Malheur,“ wiederholte
-er gleichmütig. „Dann wirst du einfach wieder Ringkämpfer. Ich kenn’
-kein Malheur außer Krankheit -- -- Alles andre läßt sich schieben...
-entweder, oder...“
-
-Da war er, der harte, hochmütige Zug in dem schönen Gesichte, der
-Hermann Thyssen manchen Feind gemacht hatte. Jetzt wußte Freidank,
-weshalb man ihn anfeindete. Die Schwachen, die dem Schicksal und seinen
-Launen hilflos unterworfen waren, sie beneideten den Starken, der ein
-Meister nicht nur im Ringkampf war, sondern auch ein Herr und Meister
-im Leben...
-
-„Ich wette,“ sagte Thyssen jetzt mit klugem Lächeln, „ich wette, daß
-ein Mädchen dich damals festgehalten hat?“
-
-„Ein Mädchen,“ sprach der junge Mann.
-
-„Sie sind schlimm, die Mädchen! Man muß sich vor ihnen in Acht nehmen,“
-scherzte Thyssen. „Fräulein Fritzi l’Alouette zum Beispiel -- mein
-Gott, schlank, niedlich und kindlich war sie +doch+! -- hab’ ich
-leider schon in Amsterdam nach vierzehn Tagen verloren. Sie bevorzugte
-meinen schwarzen Diener und Masseur gar zu auffällig... Vierzehn Tage
-treu zu bleiben ist eine harte Aufgabe für ein hübsches Mädchen!“ fügte
-er mit heiterem Spott hinzu.
-
-Auch nachdem Eberhard sich von Thyssen getrennt hatte, hielt die
-Freude über die Begegnung an. Eine merkwürdige Heiterkeit, die sein
-Lebensgefühl aufs Angenehmste erhöhte, verklärte ihm heute selbst
-gleichgültige Handlungen. Am abend, als er Therese abholte, war ihm
-dann mit einem Male, als ob er dem Mädchen durch diese Freudigkeit ein
-kleines Unrecht zugefügt hätte. Da versuchte er sich selbst glauben zu
-machen, daß die Annahme seines Schauspiels ihm die glückliche Stimmung
-gegeben habe und stellte durch diesen bescheidenen Selbstbetrug sein
-Gleichgewicht wieder her.
-
-An diesem Abende überschüttete er Theresen mit dem Reichtume seines
-Gefühls und trug diesen Überschwang auch in die nächsten Monate hinein.
-Er behandelte nun seine Braut mit um so größerer Güte, als er sich
-selbst im stillen fortwährend Vorwürfe machte. Der plötzliche Übergang
-aus einer Periode lebhafter Denk-Arbeit in eine fast beschäftigungslose
-Zeit hatte seinen Geist erregt und beunruhigt. Dazu kam, daß er nach
-der Begegnung mit Thyssen an seine Ringkämpferlaufbahn mit dem süßen
-und bitteren Schmerz einer unglücklichen Liebe zu denken begann. Der
-süße und bittere Schmerz steigerte sich nicht bis zu ernsten Leiden,
-nicht einmal bis zur Sehnsucht; aber er war immerfort da und brannte,
-als wäre seine Haut mit glühendem Eisen in Berührung gekommen. Um zu
-vergessen, übernahm er ab und zu kleine Arbeiten, die eine Spanne Zeit
-ausfüllten und ihm ein wenig Geld einbrachten.
-
-Seine Liebe zu Therese gewann durch den Aufschwung seiner Gefühle
-an Inbrunst und Tiefe. Die zeitweilige Trennung und die keuschen
-abendlichen Zusammenkünfte unter den Augen der Mutter, bei denen
-niemals mehr etwas geschah, was den Brautleuten nicht erlaubt war,
-hielten seine Sehnsucht beständig wach. Dennoch trug er aus diesen
-Wochen keinen Gewinn davon, da eine Spannung, die niemals nachließ, ihn
-quälte und in Ruhelosigkeit versetzte.
-
-Es war für ihn eine Erlösung aus müder, unfruchtbarer Zeit, als die
-Proben zu seinem Schauspiel auf der Höhe des Sommers einsetzten.
-Direktor Holderbaum hatte die Proben frühzeitig begonnen, um durch
-einen moralischen Druck zu erreichen, was seinem Drängen bisher nicht
-gelungen war, nämlich die Ausarbeitung seiner eigenen Lustspiel-Idee.
-In der Tat ging Eberhard sofort an dieses Werk mit einem gewissen
-Ungestüm, welches so kräftig war, daß es alle seine Unlust und seine
-Bedenken gegen die Arbeit überwand. In kaum drei Wochen vollendete er
-das Stück. In diesen drei Wochen war es seinem Herzen nicht um einen
-Schritt näher gekommen, wiewohl es in seinen Gedanken fortwährend
-gelebt hatte. Herr Holderbaum war von dem Gewande, welches Freidank
-seinem Geisteskindlein gegeben hatte, so entzückt, daß er nichts lieber
-getan hätte, als das Lustspiel zuerst aufzuführen und das Schauspiel
-später folgen zu lassen. Aber diesmal bestand Freidank starrköpfig auf
-seinem Kontrakte. Nun begann Holderbaum, an einzelnen Szenen des Dramas
-zu mäkeln. Wie? Filippo reißt dem Astorre das Herz aus der Brust und
-zerfleischt es mit seinen Zähnen? Und Lippen, die rot vom Herzensblut
-des jungen Gatten sind, soll Lavinia küssen? Welchem Publikum könne man
-so entsetzliche, bluttriefende Szenen zumuten?
-
-Eberhard bestand weder auf seiner wörtlichen Fassung, noch auf der
-historischen Treue. Er gab nach, wo nachzugeben war, er ließ streichen,
-was gestrichen werden sollte. Aber in der Hauptsache blieb er zäh. Sein
-Schauspiel sollte die Reihe der Neuheiten einleiten. Dann konnte man
-das Lustspiel aufführen... oder was man sonst wollte...
-
-Er hatte früher nie gedacht, daß die Aufführung eines Schauspieles
-so viele unerfreuliche Stunden, so kleinliche Verdrießlichkeiten
-und langwierige Verhandlungen mit sich bringt. Oft kam er verärgert
-von der Probe nach Hause, und eines Abends erklärte er Theresen
-leidenschaftlich, daß er nun vor der öffentlichen Aufführung keinen Fuß
-mehr in das Theater setzen werde. Irgend jemand hatte irgend etwas von
-seiner kurzen Athletenkarriere aufgeschnappt und kolportiert. Nun gab
-es hier und dort törichte Anspielungen und hinterhältige Bemerkungen,
-die dem ehrlichen, schweigsamen Menschen das Blut in den Kopf trieben.
-Mit der Feder, ja, und mit der Faust wollte er jeden Halunken bedienen,
-der ihm übel wollte. Aber wer kam gegen die verschleierten Stachelreden
-dieser Zwergenzunft auf?
-
-Therese lachte über seinen Zorn:
-
-„Ist das möglich, daß mein lieber großer Roland so viel Ärger
-aufbringt, so lang und stark wie er ist? Du hast keine Ursache,
-beleidigt zu sein, Eberhard! Wenn dich jemand verletzen will, so höre
-nicht darauf... Oder noch besser: bleibe den Verdrießlichkeiten fern.
-Tu’ irgend etwas anderes...“
-
-Er sah über sie hin und sagte, wie beiläufig:
-
-„Wäre ich Ringkämpfer geblieben, auch du wärest besser d’ran...“
-
-Sie blickte ihm ernsthaft ins Gesicht, welches seit einigen Wochen oft
-müde und verdrießlich aussah. Ein Gedanke kam ihr:
-
-„Was hindert dich, Eberhard, zu deinem Vergnügen zu trainieren? du hast
-Zeit genug. Es wird dir gut tun. Trainiere bei André Leroux,
-Eberhard!“ --
-
-André Leroux war stolz, daß Roland, der sich damals mit einem Schlage
-in den Sportkreisen einen Namen gemacht hatte, wieder zu ihm kam. Er
-hatte sich inzwischen mit einem jungen, vermögenden Mädchen verheiratet
-und konnte nun der Sportleidenschaft, die sein Herz fast ganz
-ausfüllte, in größerem Maßstabe huldigen. Er hatte sich den sehnlichen
-Wunsch erfüllt, die Trainierhalle auf längere Zeit zu pachten und mit
-modernen hygienischen Einrichtungen nach englischem Muster und eigenen
-Ideen auszustatten.
-
-Mit wahrer Schöpferfreude führte er Freidank herum. Es gab jetzt
-in André Leroux’ Trainierhalle warme und kalte Bäder und Douchen,
-Feldbettstellen mit wollenen Decken und einen elektrischen
-Massage-Apparat. Herren und Damen konnten jetzt jede sportliche
-Bequemlichkeit bei ihm haben!
-
-„Damen?“ fragte Freidank, „Artistinnen haben doch schon immer hier
-geübt?“
-
-„Nee, Damens! Feine Damens! ’n janzer Damen-Ringkampfklub!“ versicherte
-Leroux, freudestrahlend, daß er auch das weibliche Geschlecht für den
-athletischen Sport zu interessieren gewußt hatte. „Meine Frau, Lina
-heißt sie, trainiert die jung’ Damens. Eine Freude, sach’ ick Ihn’!
-Eine Lust, wie die junge Meechens ringen! Ringen und stemmen besser wie
-die Kerls, wahrhaftig... Es ist ’ne Schande für die junge Kerls, aba
-et is wahr! Meine Frau is aba ooch ’n Trainer, der sich jewaschen hat!
-Ooch naturell... Imma liejt se in de liebe Sonne, wie ick... Na, Sie
-müssen ihr seh’n! Braunjebrannt is se... dajejen sehe ick weiß wie’n
-Eisbär aus... Se is direkt schwarz... wie ’n Neja..., wie so ’n kleena
-Affe... Na, ick hab’ et jut jetroffen mit se, det muß wahr sind!... Aba
-nu woll’n wa ma’ ranjehn, Herr Roland --!“
-
-Der Trainer sah übrigens, als er seine Jacke auszog und sich im
-ausgeschnittenen Trikot präsentierte, durchaus nicht „weiß wie ein
-Eisbär“ aus, sondern seine Haut glänzte in einem tiefen, natürlichen
-Braun. Er brauchte seit seiner Verheiratung nicht mehr Modell zu stehen
-und da er seine ganze Zeit auf die Pflege seines Körpers verwendete,
-war er noch kräftiger und elastischer geworden. Mit seiner glühenden
-Sportbegeisterung, seiner Munterkeit und seinen im Grunde vernünftigen
-Ansichten, die er drastisch und unter allerhand drolligen, sinnlosen
-Redensarten vortrug, war er ein idealer Trainer, der jeden, der
-sich ihm anvertraute, bis zur denkbar größten Höhe körperlicher und
-sportlicher Entwickelung führte.
-
-Er ging mit Freidank äußerst scharf ins Training und erreichte damit,
-daß der junge Mann sich schon nach wenigen Tagen wieder frisch und
-lebhaft zu fühlen begann. Die Verdrießlichkeiten der jüngsten Zeit
-traten in den Hintergrund; er sprach nicht mehr davon und lachte
-sorglos, wenn Therese das Gespräch auf die nahe Aufführung brachte.
-
-In dem Maße, in welchem der junge Mann sich der wiedergewonnenen
-Lebenslust überließ, wurde indessen Therese nachdenklicher und wohl
-auch sorgenvoller. Sie wußte, daß die nächste und auch die fernere
-Zukunft von der Aufnahme des Schauspieles abhing. Diese Verschiedenheit
-ihrer Sorgen und ihrer Auffassung von dem, was eine Entscheidung und
-Wendung in ihrem Leben bezeichnen sollte, führte eine unausgesprochene,
-stille und bittere Entfremdung zwischen den Brautleuten herbei,
-die Theresen tagsüber mitten unter dem Lärm und Klappern ihres
-Telephondienstes schmerzhaft quälte und ihren Nächten den Schlummer
-nahm und dafür die einsamen, heimlichen Tränen gab.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Therese saß mit klopfendem Herzen vor dem Vorhange, der sich in wenigen
-Minuten heben sollte, um das Werk ihres Bräutigams zu enthüllen. Es
-war ein kurioser und absonderlicher Gedanke für sie: diese Menschen,
-die ringsum die Reihen füllten, waren gekommen, um über seines Geistes
-Frucht Richter zu sein. Frau Ambrosius hieß das junge Mädchen aufstehen
-und nach irgendwelchen Bekannten ausschauen. Therese sah sich um.
-Sie überragte die meisten dieser Männer und Frauen. Sie kam sich
-in ihrer schlanken Höhe plötzlich einsam vor. Eberhard fehlte ihr.
-Sie dachte daran, daß er und sie in den letzten Wochen verschiedene
-Gedankenwege gegangen waren und sie empfand ein heißes Verlangen, in
-dieser Stunde, ach, in dieser Minute! alles, was sich störend fremd
-zwischen sie gestellt hatte, mit einem brennenden Kusse zu vernichten.
-Sie war doch da, die Liebe! sie lebte doch wie an jenem dämmernd grauen
-Januarabende, da ihre Lippen sich mit seinen aufs innigste vereinten,
-da die Macht ihrer Liebe so stark und sieghaft gewesen war, um den
-Losgelösten, Enteilenden zu fesseln und zu halten. Was hätte sie darum
-gegeben, hätte sie ihren Bräutigam jetzt, ehe die Aufführung begann,
-noch einmal umarmen und ihm mit einem Kusse ins Ohr flüstern können,
-daß sie eins mit ihm sei und daß sie fröhlich zu ihm halten wolle, was
-beiden auch der Zufall brächte! Aber sie mußte sich damit begnügen, nur
-ein zärtliches Gedenken dorthin zu senden, wo Eberhard weilte. --
-
-Über einem fremdartig glanzvollen Bilde ging der Vorhang auf. Die
-Zuhörer waren sichtbarlich gefesselt von der Kraft einer Sprache,
-die mit vielem Glück die südliche Glut der Renaissancestimmung
-wiedergab. Die reichen Kleidertrachten, die den Augen von den Bildern
-der italienischen Meister her bekannt waren, erschienen seltsam und
-doch vertraut. Man kannte die Fabel des Stückes nicht; die Geschichte
-des Hauses Braglione war nicht genügend bekannt, um den Ausgang
-vorherwissen oder auch nur ahnen zu lassen. Darum nahm man den ersten
-Akt mit einem Wohlgefallen auf, der Thereses Herz in hellen Jubel
-versetzte.
-
-Der zweite Akt brachte den Konflikt zwischen den feindlichen
-Verwandten. Da stand auf einer Seite das Paar, dem die Sympathie
-gehörte, Astorre mit der ihm angetrauten Lavinia. Die Bösewichter, die
-feindliche Partei, schmieden im Garten ihre finstern Pläne, während der
-Freudenlärm des Hochzeitsbanketts die Säle durchrauscht. Ein Engel wird
-mit den Guten sein, wird die Schwachen stützen, die feindlichen Mächte
-zunichte machen! -- Der Akt ging zu Ende, die Jungvermählten wurden
-in strahlender Fackelprozession ins Hochzeitsgemach geführt. Dieses
-reizende Bild entzückte und riß hin; der Name des Dichters erklang von
-hundert Lippen, und wieder einmal, wie vor acht Monaten, stand Freidank
-vor einer Menge, die ihm Beifall klatschte... Irgendwo pfiff einer; der
-wurde niedergeklatscht ...
-
-Hinter dem Vorhang beglückwünschten sie den Dichter, umarmten ihn in
-auflodernder Begeisterung. Holderbaum schüttelte ihm wild die Hände,
-gratulierte ihm und sich:
-
-„Himmel, Mensch! Herr Freidank! freuen Sie sich denn gar nicht?“
-
-In ihm war etwas... wie eine große Enttäuschung ... Wie anders hatte
-der Beifall einst im Odeontheater geklungen, da Tausende seinem
-schlanken Leibe, seiner Kraft und Schönheit freiwillig huldigten! Das
-war gewesen wie ein Meer, das dröhnend und schmeichelnd zu seinen Füßen
-rauschte....
-
-„Einer hat gepfiffen!“ erwiderte er und lachte, „einer hat gepfiffen,
-Herr Holderbaum!“ --
-
-„Sie sind nicht recht gescheit! Und die andern, die Bravo klatschten?“
-
-„Immerhin!“ sagte Freidank eigensinnig, „es hat doch einer gepfiffen!“
-
-Nein, sie huldigten nicht einem Geiste, der ihnen etwas zu sagen
-hatte, der sein Herzensblut und die Arbeit langer Tage und Nächte in
-sichtbare und hörbare Formen gepreßt hatte, um ihnen Geist von seinem
-Geiste darzubringen. Sie waren alle, fast alle! nur gekommen, um an
-dieser Stätte ihre eigenen Ideen nachgebetet, ihre privaten Meinungen
-bestätigt zu hören. Sie wollten gar nicht, daß der starke Überwinder
-Sieger bleibe und die Braut heimführe. Sie gönnten Astorre, dem
-guten, schwachen, friedliebenden Astorre Triumph über den kraftvollen
-Schurken. Ein Schrei des Mitgefühls, der Entrüstung bebte auf allen
-Lippen, als Astorre unter dem Mordstahl seines Feindes fiel... O,
-dennoch wird der Mörder unterliegen! niemals wird er Lavinia, die
-wunderschöne Lavinia, sein eigen nennen! -- Da... wer sollte es
-glauben? -- Lavinia, von der gesagt ist, daß sie „schön und stark
-ist, wie ein Tier der Wildnis,“ -- sie wendet sich, wie ein Tier der
-Wildnis, dem siegreichen Nebenbuhler zu... Ohne Scham und ohne Mitleid,
-wie eine Löwin, die ohne Besinnen dem stärksten Männchen nachgeht,
-reicht sie dem Mörder die Lippen zum Kusse, die noch von den Küssen des
-ermordeten Gatten brennen...
-
-Ein Sturm der Empörung brach los. Wie? so sollte ein Mensch, einfach
-weil er physisch größer und stärker war, über Moral und Recht
-triumphieren? Der Legitime, auf dessen Seite das Recht und die
-Ehre waren, mußte der brutalen Übermacht der Körperkraft weichen?
-Und das zuchtlose Weib dort oben, auch sie warf sich in tierischer
-Wahl dem kräftigen Mörder in die Arme? Ein Dichter wagte also,
-aller Gerechtigkeit zum Hohne, die rohe Faust zu verherrlichen,
-den Friedliebenden ein solches Entsetzen einzuflößen, den Frauen
-ein solches Beispiel aufzustellen? An allen Enden des Hauses brach
-der Tumult aus. Jeder einzelne fühlte sich ins Gesicht geschlagen.
-Jeder einzelne wollte dazu beitragen, diese Moral der Kraft
-niederzuschreien... niederzutreten... totzupfeifen... Einige Hände
-klatschten zum Hohn Applaus, einige Stimmen schrien aus Freude am
-Skandal nach dem Dichter. Da erschien Eberhard, der bei dem Übermaß
-von Wut und Mißfallen plötzlich befreit und wie erlöst sich selbst
-wiedergefunden hatte. Mit Entrüstung sahen es die Tobenden: er stand
-selber da, als der Stärkste von Allen, und er war nicht blaß, und er
-war nicht verlegen, sondern er lachte und machte in den Spektakel
-hinein eine ironische Verbeugung. Damit noch nicht genug, begann er
-als Antwort auf das Pfeifen und Heulen seinem eigenen hoffnungslos
-verlorenen Drama Beifall zu klatschen. --
-
-Dann, als der Vorhang gefallen war, stand Direktor Holderbaum vor dem
-ausgepfiffenen Dichter. Er gestikulierte wild mit den Händen, schrie
-Eberhard an und weinte fast:
-
-„Ich habe es Ihnen gesagt: hätten Sie auf mich gehört! Aber Sie mußten
--- ach, dieses Unglück! -- Ihr Stück herauskriegen, statt meiner
-Idee...“
-
-„Ihre Idee ist ebenfalls Dreck!“ sagte Freidank grob, „gehen Sie zum
-Teufel mit Ihrer Idee! Ich habe genug von den Ideen...“
-
-Mama Ambrosius war nach Hause vorausgefahren; Therese stand vor dem
-Theater und hatte das Spitzentuch, das den Kopf verhüllte, bis übers
-Gesicht gezogen, um die unwillkürlich rinnenden Tränen zu verbergen.
-Als Eberhard kam, tupfte sie schnell mit dem Taschentuche die Augen
-trocken, aber er hatte ihre Tränen schon gesehen und rief mit hellem,
-echtem Lachen:
-
-„Mein Liebling! Du weinst?! Aber lache doch, Therese! Aber freu’ dich
-doch, mein Herz, daß nun alles klar ist und klarer, als es früher war!“
-
-Er sandte eine Botschaft nach Hause an Mama Ambrosius, daß er mit
-Therese noch eine Flasche Wein trinken wollte und daß er seine Braut
-später wohlbehalten heimbringen werde. Dann fuhren sie, fest aneinander
-geschmiegt, Hand in Hand, im offenen Wagen fort. Er schlug ihr mit der
-freien Hand die Kopfmantille zurück und sah ihr fröhlich in die Augen:
-
-„Gott sei Dank, Therese, nun lachst du doch wieder!“
-
-Sie fuhren durch stillere Straßen, in denen der Tageslärm schon
-verhallt war, durch die warme, dunkle Sommernacht dahin. Sie waren
-allein, erregt von den wilden Ereignissen des Abends und erfüllt von
-der Freude, einander so nahe zu sein.
-
-„Ich bin so froh, Therese!“ sagte er immer wieder. „Was kann uns
-anfechten, Therese, da wir jung und stark und gesund sind? Heute abend
-wollen wir nicht von der Zukunft sprechen, mein Liebes. Heute wollen
-wir uns allein unserer Liebe freuen! Aber wenn du mit mir einig bist,
-Therese, so weiß ich, was ich tu’!“
-
-„Ich auch!“ sagte Therese, nun ganz getröstet, „ich auch!“
-
-Am andern Tage kam er gegen Mittag zu seiner Braut, hübsch, energisch
-und aufgeräumt. Mama Ambrosius tat pikiert, weil Therese viel später,
-als es sich nach Ansicht der Mutter geziemt hätte, nach Hause gekommen
-war. Sie machte Freidank darüber Vorwürfe und sagte, daß er zu allem
-Unrecht, was er ihrer Tochter bereits angetan habe, nun noch die
-schlimmste Sünde füge, ihren ehrbaren Ruf zu rauben.
-
-„Ich will gar nicht von der entsetzlichen Blamage des gestrigen Abends
-reden,“ fuhr sie bitter fort. „Sie wollten den Erfolg mit aller Gewalt
-erzwingen... Da haben Sie das, was man mit Gewalt ausrichtet! -- Hätten
-Sie Ihr Staatsexamen gemacht... nachher, wenn es Sie schon dazu zog,
-für Zeitungen geschrieben... kleine Artikel...“
-
-„Wie Adolf Tönnies, nicht wahr?“ fuhr er dazwischen.
-
-„Allerdings! -- Er hat bescheiden angefangen... er wird sich
-hinaufarbeiten...“
-
-„Erlauben Sie, liebe Schwiegermama,“ sagte Freidank höflich, „daß
-Therese und ich es anders anfangen! Nämlich, daß wir es doch mit der
-Gewalt erzwingen. Ich bin doch kräftig genug... nicht wahr?“
-
-Er lächelte gutmütig und streckte seine großen, starken Hände aus.
-
-Ehe indessen der Sinn seiner Rede der zornigen Dame ganz klar geworden
-war, schellte es und es kam Besuch; Therese, die durch einen Spalt in
-der Türe hinausgelugt hatte, kam zurückgesprungen, flog Eberhard um den
-Hals und flüsterte lachend:
-
-„Es ist Adolf Tönnies!“
-
-Tönnies wußte nicht, daß Eberhard und Therese Verlobte waren und war
-darum ein wenig erstaunt, Freidank bei den Damen zu finden. Er hätte
-viel darum gegeben, wenn er sich in diesem Augenblicke hätte unsichtbar
-machen können; aber er war nicht nur gezwungen, zu bleiben, sondern
-er mußte sogar höflich mit dem Manne reden, mit dem er vor Monaten so
-auseinandergegangen war! Denn Eberhard, der den Damen offenbar nichts
-von den Ereignissen auf jener Weihnachtskneipe der Gryphianer erzählt
-hatte, hielt die hellen Augen so befehlend, so zwingend auf den kleinen
-Tönnies gerichtet, daß Adolf die schreckliche Empfindung hatte, unter
-den herrischen Blicken des andern gleichsam zusammenzuschrumpfen.....
-
-„Nun, Tönnies,“ sagte Eberhard in einer Aufwallung von Mitleid, um dem
-unglücklichen Kleinen über die Situation hinzuwegzuhelfen, „hast du die
-Zeitungskritiken über meinen ergötzlichen Skandal gelesen? Ich habe sie
-nämlich nicht gelesen!“ setzte er lachend hinzu.
-
-„Ich bin wirklich -- wirklich entzückt, Freidank, dich trotz dem
-ärgerlichen Ereignisse bei so gutem Humor zu finden! -- Ja, ich habe
-die Kritiken gelesen... Wie? du hast in der Tat noch keine Zeitung zur
-Hand genommen!“
-
-„Warum sollte ich?“ fragte er munter, „kann ein Zeitungsbericht an den
-Tatsachen etwas ändern?... Nun also! -- Damit soll keineswegs gesagt
-sein, daß ich mich jetzt nicht noch dafür interessiere... Hast du
-zufällig Morgenblätter bei dir?“
-
-Tönnies zog dienstbeflissen mehrere Zeitungen heraus. Da fand sich,
-daß die Kritiker der Zeitungen das vernichtende Urteil der Zuschauer
-nicht bestätigten. Sie rühmten die Fabel, sie lobten den Dialog, aber
-sie verwarfen eines: das, was sie die Tendenz des Stückes nannten. Die
-Zuschauer, so behaupteten sie, hätten ein richtiges, gesundes Gefühl
-bewiesen, indem sie eine Dichtung ablehnten, in der die verwerflichen
-Instinkte des Menschen: Mißbrauch seiner Stärke, verbunden mit Roheit
-und Grausamkeit, auf den Thron gehoben würden...
-
-„Nebenbei...,“ sagte Eberhard mit freundlichem Ernste, „nebenbei
-hatte mein Stück keine Tendenz. Böswilligkeit hat eine Absicht
-hineingelegt... Das ist aber nun gleichgültig. Mich treffen keine
-Pfeile mehr. Die fliegen daneben. In die Luft!“
-
-Er lachte, sein gutes, gesundes Knabenlachen, welches dem jungen Manne,
-der schon einige frohe und schmerzliche Erfahrungen hatte, ebenso schön
-anstand, wie es ihn in der sorgenlosen, unschuldigen Jünglingszeit
-geschmückt hatte. Tönnies sah es und fühlte, daß dieser jungen Kraft
-nicht durch Verrat der Freunde, nicht durch Verachtung, noch durch
-Mißerfolge und Widerwärtigkeiten beizukommen war. Der war aus dem
-Eichenholze seiner Niedersachsenheimat, der stand auf starken Wurzeln,
-freute sich in naiver Selbstsucht der eignen Kraft und verspottete, die
-ihm feind waren!
-
-Als Tönnies sich empfahl, reichte er dem ehemaligen Freunde die Hand.
-Es war fast, wie eine Abbitte, und er tat es nicht ohne Überwindung.
-Aber Eberhard nahm sie nicht. Heut’ stand er, obwohl er dazu gar keinen
-Grund zu haben schien, wie ein Sieger da und rächte sich an Tönnies,
-der seine runden Augen auch jetzt noch in heller Bewunderung auf
-Thereses Dianengestalt ruhen ließ:
-
-„Ja -- du kannst mir auch gratulieren, Tönnies! Therese und ich, wir
-haben uns lieb! Und wir heiraten in der allernächsten Zeit... Du
-siehst, ich habe mehr wie gewöhnliches Glück gehabt!“
-
--- „Wie stellen Sie sich das ‚Heiraten in der allernächsten Zeit‘, von
-dem Sie soeben Herrn Tönnies Mitteilung gemacht haben, vor, Eberhard?“
-fragte Mama Ambrosius giftig, als kaum die Schritte des Besuchers auf
-der Treppe verhallt waren.
-
-„Sehr einfach, liebe Schwiegermama! -- Sie glauben doch selbst
-nicht, daß ich mich nach dem negativen Erfolg meines Stückes auf
-diesem Gebiete noch öfter auslachen lassen möchte? -- Ich hätte auch
-nicht die Mittel zu solchem Luxus. -- Und soll ich mich in irgendeine
-Schreibstube setzen? Vielleicht Bureaubeamter werden? -- Ach nein! Dazu
-hat mir der liebe Gott die gesunden Glieder nicht gegeben. Auch will
-ich meiner Frau eine bessere Zukunft bieten, als die, die sie an der
-Seite eines schlechtbezahlten Beamten erwarten würde!“
-
-„Was haben Sie also vor?“ fragte Frau Ambrosius beunruhigt.
-
-„Erraten Sie es nicht? Ich werde sofort wieder Ringkämpfer!“ sagte
-Eberhard gelassen. „Die Gage, die ich dabei verdiene, erlaubt mir,
-mich in wirklich sehr kurzer Zeit zu verheiraten... Und das ist unser
-sehnlichster Wunsch!“ setzte er hinzu und blickte Therese innig an.
-
-Frau Ambrosius war außer sich. Wie? das wagte er ihr zu sagen? Hatte
-er denn vergessen, was sie ihm vor acht Monaten deutlich genug
-gesagt hatte? Wäre es noch nicht genug des Unerfreulichen, ja, des
-Skandalösen! das er über sie gebracht hätte? -- Niemals würde ihre
-Tochter Therese....
-
-„Das traf vielleicht damals zu,“ sagte Eberhard sanft. „Heute, verehrte
-Schwiegermama, ist Therese wohl anderer Meinung geworden. Liebe ich
-Therese, weil sie das Telephon bedient? Nein! ich liebe sie selbst,
-ihren Leib und ihre Seele. Nun, darum glaube ich auch und weiß, daß
-Therese mich liebt, mich, und nicht meinen Beruf...“
-
-Frau Ambrosius geriet in unendlichen Zorn. Mit ihrer Einwilligung, das
-schwor sie, sollte Therese nicht die Frau eines Ringkämpfers werden,
-der herumreiste, wie ein Zigeuner, der sich auf öffentlicher Bühne
-preisgab, ja, allen Blicken preisgab!
-
-Freidank antwortete auf ihre überstürzten Reden, auf ihre Vorwürfe und
-ihre Tränen mit großer Sanftmut. Er wollte keine bindenden Zusagen
-haben, nicht heute, nicht in dieser Stunde! In einigen Wochen würde
-Frau Ambrosius ruhiger über diese Dinge denken.
-
-„Nie werde ich darüber anders denken!“ rief Madame Ambrosius empört,
-„nimmer werde ich dazu meine Einwilligung geben! -- Therese bleibt bei
-mir..! Gar nichts gilt die Verlobung in meinen Augen! -- Oh! hätten
-Sie nicht Ihren Ruf aufs Spiel gesetzt! hätten Sie meine Tochter nicht
-kompromittiert -- --! Was Sie tun, geht mich und meine Tochter in
-Zukunft nichts mehr an! Gehen Sie hin, werden Sie Ringkämpfer! Werden
-Sie unserthalben Clown! Tun Sie, was Sie mögen, nur verlassen Sie mich
-jetzt!“
-
-„Leben Sie wohl, verehrte Schwiegermama!“ sagte Eberhard gelassen. „Sie
-werden gestatten, daß ich mich von Therese verabschiede... Therese,
-mein Lieb!“ -- -- --
-
-Frau Ambrosius verließ das Zimmer, Eberhard und Therese waren allein.
-Der junge Mann reichte dem Mädchen die Hand und sagte, während seine
-Augen hell lächelten:
-
-„Ob das nun sein mußte?“
-
-„Laß es gut sein,“ lächelte Therese vertrauensvoll zurück. „Sie meint
-es zuletzt doch herzensgut, die Mutter!“
-
-„Auf Wiedersehen, Liebe!“
-
-„Auf Wiedersehen, mein Freund!“
-
-Unter so wenig tragischen Worten gingen sie auseinander, während sie
-sich warm die Hände schüttelten.
-
- * *
- *
-
-„Liebe Therese!“ schrieb er ihr einige Tage später, „Thyssen war
-gestern hier. Er kam zu spät nach Berlin, um bei der Première klatschen
-zu helfen. Nun, er wäre ja nicht dazu gekommen! -- Liebe Therese,
-morgen abend geht’s mit dem Nachtschnellzuge davon, nach Wien, zu
-Thyssens Konkurrenz! Herzinnig Dein E.“
-
-Es war der erste Brief, den er ihr seit dem Auseinandergehen schrieb;
-sie hatten sich inzwischen nicht gesehen und nichts verabredet. Er
-erwartete auch keine Antwort auf den Brief und stand am Abende des
-folgenden Tages im Vorraume des Bahnhofes, immerfort zwischen Gewißheit
-und halben Zweifeln schwankend, ob sie wohl kommen würde. Nun trat er
-an den Billettschalter -- sie war noch nicht erschienen -- und warf
-noch einen Blick auf den Eingang. Da trat sie gerade ein, und ihre
-Augenpaare trafen sich über die Schar der Reisenden hinweg mit dem
-Gruße des Einverständnisses.
-
-„Zwei Billetts nach Wien!“ forderte er, ohne sich erst überzeugt zu
-haben, ob sie mit ihm fahren wollte. Kaum hatte er die grünen Kärtchen
-in der Hand, so war auch schon Therese bei ihm und sagte lächelnd:
-
-„Du hast doch beide Karten, nicht wahr!“
-
-„Aber gewiß, Therese! Wie könnte es anders sein?“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-XIII.
-
-
-Sie lebten gemeinsam in jenem morgenfrischen Glück, das allein denen
-zuteil wird, die zum ersten Male in aller Reinheit und ohne Zagen den
-Kelch der Liebe an unentweihte Lippen führen. Der Mutter sandte Therese
-jeden Monat eine Summe Geldes, welche der gleichkam, die sie vorher im
-Amte verdient hatte. Sie schrieb auch Briefe. Wenn sie nun nichts von
-dem, was sie sandte, zurück erhielt, so bekam sie von der Mutter auch
-keine Antwort. Zu tief waren die mütterlichen Begriffe von dem, was man
-seinem Stande schuldig war, verletzt worden, als daß Frau Ambrosius in
-kurzer Zeit über die Flucht ihrer Tochter hinweggekommen wäre.
-
-Die künftigen Wochen und Monate fanden Eberhard und Theresen fast immer
-beisammen in einer glücklichen Intimität, die sie beide noch nirgends
-kennen gelernt hatten. Therese ging an jedem Abend mit ihrem Geliebten
-in den Zirkus, in dem die Schar der Athleten ihre Kraft erprobte. Nach
-der Vorstellung verbrachten sie zuweilen Stunden und halbe Nächte
-mit den Freunden, mit denen Therese harmlos, wie eine Schwester,
-umging. Eine vertrauensvolle Einfalt ließ in Eberhard nicht einmal den
-Gedanken aufkommen, Therese von den Kollegen fernzuhalten. Ihre Gefühle
-waren viel zu einfach, ihre Liebe viel zu kräftig, um in Eifersucht
-auszuarten. Tagsüber waren sie lachend, scherzend und plaudernd
-beieinander, wie zärtliche und manchmal gar unvernünftige Geschwister.
-In der Nacht aber, wenn Eberhards Haupt auf dem blühenden Busen seiner
-Freundin ruhte und er durch das Nachtgewand hindurch das gleichmäßige
-Pochen ihres Herzens hörte, wurde seine Liebe so tief und groß, daß es
-ihnen beiden täglich von neuem schien, als sei dieses Heute der erste
-Tag ihres Lebens und der erste Tag der Schöpfung überhaupt, und als sei
-die ganze schöne, selige Welt nur geschaffen worden, um Eberhard und
-Therese zur Lust und Freude zu dienen.
-
-Thereses Heiterkeit wurde sanfter, wandelte sich in Weichheit und
-Süßigkeit um. Es trat in die Reihe ihrer Empfindungen eine zarte,
-frische und naive Sinnlichkeit ein, die ihr ganzes Wesen durchdrang,
-untrennbar von der Summe ihres Daseins, doch nach einiger Zeit auch
-untrennbar selbst von der geringsten ihrer Gesten. Sie wußten in
-unschuldiger, verliebter Genügsamkeit beide nicht, daß Thereses
-sinnenfesselnde Schönheit einer reizend erblühten Rose Aufsehen und
-Bewunderung erregte.
-
-Vier Wochen waren sie in Wien gewesen, dann einen Monat in Lemberg und
-einen und einen halben Monat in Warschau. Hier trennte sich Freidank
-von Thyssen, der auf Weihnachten in seine Heimat reiste, und trat
-alsbald in die Konkurrenz Gregor Kaufmanns ein, der zu Sankt Petersburg
-dreißig der größten Champions zum Kampfe um die Meisterschaft von
-Rußland vereinigt hatte. Im Laufe der Konkurrenz sollte zwischen
-einigen ausgewählten Ringern der Kaufmannschen Konkurrenz und einer
-anderen, die ein französischer Champion zusammengestellt hatte, ein
-Wettbewerb um das Championat von St. Petersburg ausgetragen werden.
-
-Gregor Pawlowitsch Kaufmann selbst kam zu Roland ins Hotel, um
-die Gagebedingungen und die besonderen Abmachungen innerhalb der
-Konkurrenz mit ihm durch einen geschriebenen Kontrakt festzulegen.
-Er fand Eberhard und Therese am Frühstückstische, als er sehr
-ungeniert eintrat; Therese erhob sich alsbald in einer Verwirrung,
-die ihr ungemein anmutig stand; denn sie befand sich in einem lichten
-Morgenkleide, welches nur für den häuslichen Gebrauch bestimmt und
-mit seinem legeren Schnitte, der manche Reize des jungen Mädchens
-enthüllte, keineswegs für fremde Augen berechnet war.
-
-„Bleiben Sie, Madame, bleiben Sie!“ rief Gregor Kaufmann in seinem
-harten Russendeutsch, „sonst, bei Gott, laufe ich Ihnen nach und
-schließe mit Ihnen den Kontrakt ab...“
-
-„Bleibe, Therese!“ lächelte Freidank. Sie sah ihren Geliebten
-freundlich an und ließ sich leise wieder nieder, indem sie mit einer
-lieblich schamhaften Bewegung ein weißes Tüchlein, das ihr von den
-Schultern geglitten war, um den Hals zog und seine Enden vorne
-kreuzweise übereinander legte.
-
-Der fremde Ringkämpfer sah ihr interessiert zu. Gewöhnt, daß die
-Frauen ihm zufielen, wie reife Äpfel beim Schütteln, fand er die
-wenigen Frauen, die sich nicht um ihn kümmerten, originell und
-begehrenswert. Ihm fiel übrigens soeben der Handel ein, der sich unter
-den Ringkämpfern herumgesprochen hatte, jene unbedenkliche Vereinbarung
-zwischen Freidank und Thyssen, bei der Freidank den dritten Platz in
-der Konkurrenz gegen Abtretung seiner Freundschaftsrechte auf Fräulein
-Fritzi l’Alouette erhalten hatte ... Eine sonderbare Gedankenverbindung
-durchkreuzte sein Hirn:
-
-„Madame, wollen Sie, daß Roland Zweiter wird?“
-
-„Habe ich das zu wollen?“
-
-„Würde ich Sie sonst fragen, Madame?“
-
-Sie sah ihn an, zweifelnd, ob er scherze. Aber er sah gar nicht
-scherzhaft aus. Er lehnte nachlässig an dem Kamine und rauchte eine
-dünne, parfümierte Zigarette. Seinen kurzgeschorenen Kopf mit dem
-scharfen Profil, dessen Züge gleichzeitig Begehrlichkeit, Übersättigung
-und gesunde Roheit verrieten, hatte er weit nach hinten auf das grüne
-Kachelsims gelegt. Er trug keine weiße Wäsche. Sein Hals ragte aus
-einem gleichgültig umgeschlungenen, baumwollenen Tuche empor, und seine
-Kleider sahen aus, als wenn sie nicht für ihn gemacht wären.
-
-„Also bitte, Madame,“ sagte er zwischen zwei Zügen, ohne die Zigarette
-aus dem Munde zu nehmen.
-
-„Gewiß,“ sagte Therese verlegen, „natürlich, Herr Kaufmann!“
-
-„Sie hören es, Roland,“ sagte Gregor nonchalant, „ce que femme veut,
-Dieu le veut, Sie wissen...! Also ich engagier’ Sie als Zweiter.
-Championat von Sankt Petersburg gehört dazu. Unterschreiben Sie doch
-diesen Wisch da... Madame, sind Sie die junge Frau, die Roditscheff die
-„Thres’ Roland“ nennt?“
-
-„Wenn Herr Roditscheff sich so ausdrückt,“ sagte Therese nun tief
-errötend, „so bin ich dieselbe....“
-
-„Aha,“ sagte Kaufmann, ohne etwas hinzuzufügen, stülpte seine
-Kosakenmütze auf den kahlgeschorenen Schädel, fuhr in seinen dicken
-Pelz und verabschiedete sich, ohne ein weiteres Zeichen irgendwelcher
-Teilnahme zu geben.
-
--- -- Frühling wird zu Sommer, Tulpen, Narzissen und Hyazinthen müssen
-abblühen und die Flamme auch der höchsten Leidenschaft muß nach einer
-gewissen Zeit auf eine Weile kleiner und matter brennen: so will es ein
-ewiges Naturgesetz.
-
-Die glühenden Tulpen, die fremdartig holden Narzissen und die
-duftgefüllten Hyazinthen in Eberhards und Thereses Liebesfrühling
-waren nun abgeblüht, ihres Sommers Rosen setzten noch kaum Knospen
-an und bis die Rosen ihrer Liebe sich vollblätterig öffnen sollten,
-mußte noch eine Spanne Zeit verfließen... Diese Zeit zwischen ihrem
-Lenz und ihrem Sommer war jetzt gekommen. Es geschah ohne Verabredung
-und ohne die geringste Abkehr der Liebenden voneinander, daß Eberhard
-ab und zu ohne seine Freundin mit Kollegen oder fremden Herren einen
-Abend oder einen Teil der Nacht verbrachte. Therese ihrerseits schloß
-sich mit einiger Zuneigung an eine wunderschöne Tänzerin an, die den
-süßen und geheimnisvollen Namen führte: Nuit d’étoiles, das ist:
-Sternennacht. Sie war ein apartes Geschöpf, in Griechenland von einer
-französischen Mutter geboren und als Tänzerin erzogen. Die Tanzszene,
-die sie jeden Abend auf der Bühne als die letzte Programmnummer vor den
-Ringkämpfen aufführte, war von einer zarten, hinreißenden Schönheit.
-Sie tanzte einen phantastischen, von ihr selbst erfundenen Tanz, bei
-dem sie ganz in tiefblaue Schleier gehüllt erschien. Ihre Füße waren
-nackend. Sie schwang die Schleier mit wilder Grazie um ihren Kopf und
-ihren Körper, dann machte sie ergreifend feierliche, priesterliche
-Tanzschritte, während hinter ihrem Haupte eine große Mondesscheibe
-silbern aufzublühen begann, die Lichter des Theaters eins nach dem
-andern verlöscht wurden und endlich nichts mehr sichtbar war, als
-Nuit d’étoiles, von deren Schleiergewändern, erst langsam, dann immer
-schneller, ein silberner, blitzender Funkenregen niederzurieseln
-schien. Wie Kometen schossen einige stärkere Strahlen dazwischen. Und
-Nuit d’étoiles tanzte ihren himmlischen, märchenhaften Sternentanz,
-während hinter ihr die große Mondesscheibe silbern glühte und auch die
-Musikanten einer nach dem andern zu spielen aufhörten, bis es ganz
-stille war -- und bis dann plötzlich wieder alle Lichter im Theater
-aufflammten und die süße, geheimnisvolle Sternennacht hinter dem
-Vorhange verschwunden war. Mit dieser jungen Frau, die im gewöhnlichen
-Leben Madame Chrysée genannt wurde, brachte Therese manche Tagesstunde
-zu und sah nie etwas anderes von ihr, als demütige Ehrbarkeit.
-
-Aber niemals war Chrysée zu bewegen, mit der übrigen
-Künstlergesellschaft nach Schluß des Theaters in eines jener großen
-Vergnügungsetablissements zu fahren, in denen die Künstler und ihre
-reichen, vornehmen Freunde manche Nacht in Lust und lautem Jubel bei
-Liebe, Wein und Karten verbrachten.
-
-War Chrysée in ihrer langen Theaterlaufbahn, die sie schon als halbes
-Kind begonnen hatte, so rein geblieben, daß ihr die Teilnahme an diesen
-Vergnügungen so tief zuwider war? Therese wußte es nicht. Aber wenn
-Chrysée ruhig und entschieden ablehnte, mit den andern im Schlitten
-fortzufahren, leuchtete so ein eigener, stiller und tiefer Glanz in
-ihren Augen... als ob Altarkerzen daraus hervorsahen ... Therese konnte
-dann nie auf ihrer Bitte, Chrysée möchte mitfahren, bestehen, und es
-war ihr, als müßte sie sich vor der Tänzerin schämen.
-
-Immerhin gab es in der Gesellschaft von Sportsleuten und Sportverehrern
-angeregte, lustige Stunden, die Theresen, welche nie über die
-bescheidenen Grenzen ihres kleinen Heims hinausgekommen war, mit
-verlockender Macht in ihre bunten Kreise zogen. An Bewunderern fehlte
-es nicht. Das schöne, große „Mädchen aus der Fremde“, wie sie sie
-nannten, das aus einer ganz andern Sphäre kam und dennoch jedem die
-Gaben ihrer Fröhlichkeit und Anmut lieblich auszuteilen wußte, reizte
-manchen Kavalier zu mehr oder minder verhüllten Anträgen. Thereses
-Staunen, als sie zum erstenmal den Sinn eines solchen Antrages begriff,
-war unbeschreiblich; voll Schrecken teilte sie Freidank ihr Erlebnis
-mit. „Aber, Närrchen!“ lachte Eberhard, „was ficht dich dabei an? Laß
-die Schwätzer reden! Du bleibst meine schöne, stolze Liebe, du kehrst
-dich nicht an das Geschwätz und wirst selbst am besten verstehen, die
-Zudringlichen in ihre Schranken zu weisen...“
-
-„Das sagst du?“ fragte Therese, „das sagst du? -- Du bist ein Anderer
-geworden, als der du warst, o Eberhard!“
-
-„Ich bin nicht anders geworden,“ sagte er und zog ihren Kopf an
-seine Brust. „Nur -- ich nehme diese Kleinigkeiten nicht mehr recht
-ernst... Was liegt daran, ob einer, der weiß, was schön ist, sich für
-mein unerreichbares liebes Weib interessiert? Das nehm’ ich ihm nicht
-übel. Im Gegenteil: ich freue mich. Denn ich sehe daraus, der Mann
-hat Geschmack. Gregor Kaufmann, zum Beispiel. Ich wette, daß er dich
-reizend findet!“
-
-Sie wußte es längst, aber sie bestritt es:
-
-„Nun, Eberhard! Er wäre töricht, dieser Vielgeliebte, wenn er einen
-Funken Gefühl an mich verschwenden wollte! Andere bringen ihm entgegen,
-was er bei mir nie finden würde...“
-
-„Unter anderen deine Freundin Nuit d’étoiles...“
-
-„Ich bitte dich, Eberhard, wo denkst du hin? Chrysée lebt wie eine
-Lilie unter uns. Ihr Leben gehört allein ihren beiden Kindern, für die
-sie arbeitet, und dem Andenken ihres toten Gatten...“
-
-„Bei Tage, ja, wenn du bei ihr bist, meine liebe Therese. Aber des
-Nachts nur so lange, wie es Gregor Pawlowitsch gefällt...“
-
-„Das sagst du von Chrysée?“ fragte sie erschrocken.
-
-„Nun, was wäre dabei?“
-
-„Gregor Pawlowitsch ist verheiratet...“
-
-„Wenn schon,“ sagte Freidank kurz. „Chrysée ist eine hübsche Frau. Es
-lohnt sich immerhin, sie einmal ans Herz zu drücken...“
-
-„Solche Dinge sprichst du aus?“
-
-„Warum nicht,“ sagte Eberhard und lachte. „Ich sage: Nuit d’étoiles ist
-eine hübsche, sogar eine interessante Person. Nun, vielleicht findest
-du Gregor Pawlowitsch hübsch und interessant... Was könnte ich dagegen
-einzuwenden haben?“ --
-
-Sie hatte dergleichen leichtfertige Reden noch nie aus seinem Munde
-vernommen und war davon so betroffen, daß sie ihren Freund am Abende
-dringend bat, nach dem Theater mit ihr nach Hause zu gehen und nicht
-nach Strelna hinauszufahren. Aber er lachte ihr ins Gesicht:
-
-„Warum denn gerade heute, mein Kind? Wenn wir zurückkehren, haben wir
-noch genug Zeit, einander in den Armen zu liegen... Gerade heute,
-Therese, müssen wir unbedingt hinausfahren. Die Schlitten stehen
-schon vor dem Hause. Iwan Lejkin, der Generaldirektor der Kurskschen
-Elektrizitätswerke, gibt sein Abschiedssouper... Du sollst in Leikins
-Troika fahren, du --! Der gute Iwan Iwanowitsch scheint ein Auge auf
-dich geworfen zu haben... Sei freundlich mit ihm, Therese! Ich hoffe,
-ein sehr gutes Geschäft mit Iwan Lejkin abschließen zu können... heute
-abend...“
-
-Therese fragte nicht nach dem Geschäft. Zorn und Trotz übermannten sie.
-Um irgendwelcher Geschäfte willen sollte sie einem fremden Finanzmanne
-freundlich entgegenkommen!
-
-„Tue, was du willst,“ sagte sie kühl. „Ich -- ich werde nur mitfahren,
-wenn Chrysée mitfährt..!“
-
-Chrysée war in ihrer Garderobe. Sie hatte schon das dunkelblaue
-Sternengewand an. Ihre Augen waren verweint, und sie deckte die
-Tränenspuren immer wieder mit Puder und Schminke zu. Therese trat
-hastig ein und sagte:
-
-„Ach, ich wollte Sie nur etwas fragen.. Aber Sie weinen, Chrysée! O,
-warum weinen Sie, Chrysée?“
-
-„Sie würden es nicht begreifen, Liebe! Es ist auch nur eine große
-Torheit... Was wollen Sie fragen?“
-
-„Nun habe ich eigentlich gar keine Lust mehr zu fragen... Würden Sie
-heut’ abend mit uns nach Strelna fahren? Wir feiern Iwan Lejkins
-Abschied... Er reist morgen nach Italien...“
-
-„Wer ist sonst von der Partie?“
-
-„Alle!... Der Fürst Nemetzki... die Radewskaja ... Roditscheff...
-Gregor Pawlowitsch....“
-
-„So?...“ unterbrach Nuit d’étoiles mit Ungestüm, „nun, ich werde heute
-abend mitfahren, Liebe!“
-
-Iwan Lejkins Troika stand vor dem Eingange. Der Generaldirektor
-wartete voll Ungeduld auf Therese Ambrosius, mit der er seinen
-Schlitten besteigen und nach Strelna davonfahren wollte. Ein Teil der
-Schlittengesellschaft war schon vorausgefahren. Auf der Bühne hatten
-Roland und Gregor Kaufmann als letztes Kämpferpaar unentschieden
-miteinander gerungen. Nun wartete Chrysée mit Theresen, Chrysée ganz
-von der leidenschaftlichen Hoffnung erfüllt, daß es ihr gelingen
-werde, einen Schlitten mit Gregor Pawlowitsch zu erhalten. Lejkin,
-in seinem kostbaren Zobelpelz, stand und fluchte, daß Therese nicht
-kam. Nun würde er sie schließlich trotz aller Mühe nicht auf der Fahrt
-allein für sich haben! Endlich kam die Gesellschaft herbei. Kaufmann
-und Freidank waren in lebhaftem Gespräch. Mit jedem Moment sah Nuit
-d’étoiles ihre Hoffnung auf ein ungestörtes Beisammensein mit dem
-Champion mehr schwinden ... Es gab noch zwei Schlitten. Die Troika bot
-ausreichend Platz für drei Menschen, der andere Schlitten nur für zwei.
-Chrysée gelang es, Gregor Pawlowitsch unbemerkt zuzuflüstern:
-
-„Fahr’ mit mir, ich bitt’ dich, Gregor, ich bitte dich...“
-
-„Sei nicht so zudringlich!“ sagte er halblaut über seine Schulter hin,
-und laut:
-
-„Väterchen Iwan Iwanowitsch hat den Vortritt! Wir überlassen ihm
-unsere Damen... la belle Nuit d’étoiles und die allerschönste
-Thres’.... Wir verzichten beide...“
-
-Innerlich fluchend, mußte Generaldirektor Lejkin mit beiden Damen
-seinen Schlitten besteigen. Die beiden Ringkämpfer stiegen in den
-Mietsschlitten. Die Pferde zogen an, die abgestimmten Schellen
-erklangen, und sausend jagten die Schlitten über den schimmernden
-Schnee der nächtlichen Straßen dahin. Dann blieben die belebten Straßen
-hinter ihnen. Die Troika fuhr wie der Sturm dahin und überholte eine
-Menge anderer Schlitten, die dasselbe Ziel hatten. Die drei Insassen
-saßen dicht nebeneinander, Chrysée in der Mitte. Noch hatte keiner ein
-Wort gesprochen. Da griff Lejkin, ärgerlich, daß er Theresen nicht
-neben sich hatte, unter der Pelzdecke nach Madame Chrysées Hand, um
-sich an ihr einigermaßen schadlos zu halten. Bei seiner Berührung
-zuckte Chrysée zusammen, brach jäh in bittere Tränen aus und weinte
-haltlos:
-
-„O, mein Gott, er hat mich verraten! Der Entsetzliche, der Treulose
--- er will nichts mehr von mir wissen! -- So lange er mich brauchte,
-früher, in Südrußland, zu Anfang seiner Karriere, da tat er, als ob er
-mich liebte! -- Alles, was ich hatte, habe ich ihm gegeben! Alles! --
-Aber es ist nicht um das... Es ist nur um seine Liebe...“
-
-Der kalte Wind fuhr Nuit d’étoiles ins Gesicht und ließ die Tränen auf
-ihren Wangen zu Eis erstarren...
-
-„Wer denn? Von wem reden Sie denn?“ fragte Therese mitleidig und
-erschrocken, während Lejkin, der schon viele stürmische Szenen mit
-Theaterprinzessinnen erlebt hatte, ziemlich gleichmütig zuhörte.
-
-„... Gregor Pawlowitsch!“ weinte Chrysée herzbrechend.
-
-„Ja, weshalb denn!“ sagte Therese und fuhr in der Absicht, zu trösten,
-ahnungslos fort: „Warum läßt sich das nicht wieder ändern? nicht
-gutmachen?“
-
-Chrysée stieß unter Tränen hervor: „Um Ihretwillen! -- um Ihretwillen
-kann er mich nicht mehr leiden... stößt er mich weg...“
-
-„Um meinetwillen? -- O Gott, welch’ ein Irrtum!“
-
-Therese konnte kein Wort hervorbringen; sie konnte nichts gegen Nuit
-d’étoiles Behauptung sagen. Sie hielt die kleine, zerbrechliche
-Hand der Griechin in ihren warmen Händen, während Chrysée in ihren
-schluchzenden Bekenntnissen fortfuhr:
-
-„Um Sie näher kennen zu lernen, verkehrte ich mit Ihnen... Sie taten
-nichts Schlechtes, Thres’; Sie sind gut... O, Thres’, aber ich liebe
-Gregor Pawlowitsch! Nehmen Sie mir Gregor Pawlowitsch nicht weg!“ --
-
-Der Schlitten hielt an, das Vergnügungsetablissement war erreicht.
-Diener in altrussischer Tracht nahmen den Herrschaften die Pelze
-ab; alle begaben sich in den kleinen Palmensaal, der für Lejkins
-Gesellschaft reserviert war. Lejkin selbst führte Therese zur Tafel,
-stolz, wie ein König seine Königin. Er war sterblich in das schöne
-Mädchen verliebt. Jeder einzelne mußte es bemerken. Auch Nuit
-d’étoiles, die die Tränenspuren nach Möglichkeit verwischt hatte, hätte
-blind sein müssen, wenn sie seine offenkundigen Huldigungen nicht
-gesehen hätte. Diese Beobachtung tröstete sie ein wenig, zumal als sie
-bemerkte, daß Therese die Bewunderung des reichen Generaldirektors
-Lejkin nicht ungern zu sehen schien....
-
-Eine kleine Kapelle geputzter Zigeunerinnen spielte pikante, ins Ohr
-fallende Melodien. Die Primgeigerin, eine prächtige Ungarin, war in
-Sergej Roditscheff verschossen. Sie wollte durchaus mit ihm nach Hause
-fahren.
-
-„Wenn ich dir doch sage: ich mag nicht, Mütterchen Ilonka!“ rief
-Roditscheff lachend, „ich werde dir aber einen anderen Verehrer
-besorgen, tiens!“
-
-Er ging hinaus. Im großen Kameliensaale des Etablissements wurde
-an einzelnen Tischen soupiert. Herren aus der Aristokratie und der
-reichen Börsenwelt suchten lustige Gesellschaft oder hatten sie bereits
-gefunden. Ein hübscher, bartloser junger Offizier und sein Vetter, ein
-hoher Ministerialbeamter, stürzten auf den Ringkämpfer zu und flehten
-ihn an, an ihren Tisch zu kommen. Der Ministerialbeamte, der von der
-leidenschaftlichen Schwärmerei seines Vetters für Sergej Roditscheff
-wußte, versuchte, ihn durch ein Kleinod, welches er von seiner Uhrkette
-abhängte und an Roditscheffs Berlockenring befestigte, umzustimmen.
-Aber er erreichte nur, daß Sergej die beiden Herren bat, zu seiner
-Gesellschaft in den Palmensaal zu kommen.
-
-Nun mischte sich die Gesellschaft Lejkins allmählich mit anderen
-Gästen. Der junge Offizier trank mit der Primgeigerin aus einem Glase,
-die Radewskaja, eine Sängerin, saß einem reichen, lustigen sibirischen
-Fellhändler, einem Mann mit schneeweißem Apostelkopfe, auf dem Schoße
-und ließ sich unaufhörlich Goldstücke in den Kleiderausschnitt werfen,
-Chrysée wollte Gregor Kaufmann eifersüchtig machen und verschwendete
-darum ihre Liebenswürdigkeit an Freidank, und Lejkin stand ganz in
-Flammen für Therese. Er führte sie hinter eine Palmengruppe und wollte
-sie zum Trinken aufmuntern:
-
-„Auf Ihr Wohl, gnädiges Fräulein! Ihr Wohl und meines zusammen...“
-
-Therese lachte und schlug ihn mit dem Handschuh. Ihr kühngeschnittenes,
-stolzes Dianengesicht hob sich wie eine Gemme von dem dunklen
-Hintergrunde der samtenen Wandbekleidung ab.
-
-„Ich liebe Sie, gnädiges Fräulein,“ sagte Lejkin, der sich nicht länger
-beherrschen konnte, indem er einen Kniefall tat.
-
-„Mein Gott, was denken Sie, Iwan Iwanowitsch? Wissen Sie nicht, daß
-Roland mein Bräutigam ist?“
-
-„Nun, Fräulein, lassen Sie uns ein offenes Wort miteinander reden!“
-sprach der Generaldirektor und erhob sich von den Knieen. „Sehen
-Sie: ich kenne das Leben. Junges Blut ist entzückt von Ringkämpfern,
-Athleten -- kurz: Kraftmenschen. Sie mögen mir glauben oder nicht, das
-ist nichts für die Dauer... nicht fürs Leben...“
-
-„Auf wie lange das ist...,“ sagte Therese stolz, „das müßte doch wohl
-meine Sorge sein!“
-
-„.... Nein, laufen Sie nicht fort!“ rief Lejkin, als sie Miene machte,
-aufzustehen, „bleiben Sie, ich bitte Sie! Und lassen Sie uns ein
-verständiges Wort miteinander reden! -- Ihr Freund tröstet inzwischen
-die verlassene Nuit d’étoiles... Gnädiges Fräulein! liebe Therese! --
-ich würde Ihnen einen annehmbaren Vorschlag machen. Für die Zukunft
-... fürs ganze Leben... Ich würde Sie auf Händen tragen, Therese! Ich
-reise... morgen... ab... Ich reise nach der Riviera, dann weiter...
-Liebe, schöne Therese, kommen Sie mit mir! O Therese, Sie würden es
-nicht bereuen!“
-
-Therese war von einer humoristischen Stimmung erfaßt. Sie wollte diesen
-Mann mit seinen ungeheuerlichen Wünschen, gegen den sie nach Eberhards
-Wunsch recht freundlich sein sollte, wenigstens bis zu Ende anhören.
-
-„Und mein Freund?“ sagte sie.
-
-„Ihr Freund, Therese!... Glauben Sie mir, Nuit d’étoiles ist schon
-bereit, seinen Trennungsschmerz zu lindern. Halten Sie Ihren
-Ringkämpfer im Ernst für einen guten Menschen?“
-
-„Ach -- gut!“ sagte sie geringschätzig. „Er ist einfach zu stolz, um
-schlecht zu sein. Er ist zu stark, um kleinlich und miserabel zu sein!“
-
-„Weiter haben Sie nichts vom Leben erhofft, Therese? Sie haben nicht
-einen Gefährten gesucht zur gemeinsamen Weiterbildung, zu gemeinsamem
-Genießen idealer Herrlichkeiten? O, Therese!“ --
-
-„Hören Sie auf, Iwan Iwanowitsch,“ sprach Therese bebend. „Ich hätte
-Ihnen nie gestattet, dies alles zu sagen, wenn ich Sie nicht für einen
-braven Menschen hielte... neben Ihrem Gelde... Denn Ihr Geld imponiert
-mir nicht. Mir nicht, Herr Lejkin!“
-
-„Ihrem Freunde desto mehr!“ rief Lejkin nicht ohne Schadenfreude.
-„Ihr Freund hat mit mir -- eine Art Geschäft vor. Ich will ihm die
-Mittel geben, ein eignes Ringkampfwettstreit-Unternehmen zu begründen.
-Nun, Therese, ich wollte nicht wie ein Räuber sein, der im Dunkeln in
-Nachbars Haus einbricht. Herr Roland hat mir gewissermaßen erlaubt,
-Ihnen... so etwas... wie die Cour zu machen. Ich gebe ihm achttausend
-Rubel für seine Ringkampfkonkurrenz. Und Sie... Sie reisen... morgen...
-mit mir, Therese... liebe, schöne Therese...“
-
-Sie hörte ihn nicht mehr. Sie war aufgesprungen, um von der Stimme
-des Versuchers weg zu ihrem Freunde zu eilen. Roland saß auf einem
-niedrigen Bänkchen. Chrysée saß an seiner Seite. Sie saß kaum mehr;
-halb lag sie auf der Erde, hielt seine große, feste Hand in ihren
-schmächtigen Fingern und drückte heiße Küsse auf die Hand des
-Ringkämpfers. Gregor Kaufmann ging gerade allein vorbei, die Hände in
-den Hosentaschen, das wollene Halstuch noch nachlässiger wie gewöhnlich
-umgeschlungen.
-
-„Chrysée!“ rief er laut, „es ist ein Vergnügen für mich, dich so gut
-versorgt zu sehen!“
-
-Chrysée geriet bei dem Klang seiner Stimme in wahre Raserei. „O, nicht
-ihn meinte ich! Dich lieb’ ich, dich! Wer kann mir dich ersetzen?“
-
-„Rege dich nicht auf, meine Liebe,“ sagte er zynisch. „Wenn du sie
-haben willst, Roland, so kannst du sie behalten!“
-
-Mit harten Schritten ging er in ein Nebengemach. Nuit d’étoiles sprang
-auf und flog ihm nach. Sie wollte ihn um jeden Preis zurückgewinnen...
-
-„Nette Familienszene, nicht?“ sagte Eberhard lachend zu Theresen, die
-blaß vor Zorn zu ihm trat. Aber Therese war viel zu sehr erregt, um
-sich jetzt um Chrysée zu kümmern. Sie sah auch nicht, daß Freidank zu
-viel des schweren Weins genossen hatte; sie flüsterte hastig:
-
-„Komme fort von hier... gleich... Wenn du wüßtest! Er... Lejkin hat
-mir....“
-
-Sie erzählte alles, verschwieg kein Wort, welches gesprochen worden
-war. Eberhard hörte ihr zu. Er gab kein Zeichen von Entrüstung, zog die
-Augenbrauen hoch und sagte:
-
-„Was tut das? -- Gewiß, er ist unverschämt... Aber ich muß das Geld
-von ihm haben! Ich muß! -- Therese, versteh das doch: mit diesem Gelde
-werde ich mein eigner Herr sein! Gehe scheinbar auf seine Vorschläge
-ein.... sage zu allem Ja... bis ich das Geld habe...“
-
-„Und zu einer so schmachvollen Komödie soll ich mich herleihen?“
-
-„Therese, welche exaltierten Worte! Tu’ es um meinetwillen ... tu’ es
-mir zu Liebe!“
-
-Therese wollte hinausgehen, um sich zu verstecken... irgendwo... Aber
-sie lief dem Generaldirektor grade in die Hände.
-
-„Therese! Meine Diana! O, ich wußte, daß Sie mich nicht fliehen werden!
-O Therese, sagen Sie ein Wort, daß Sie mit mir kommen werden!“
-
-„Ja,“ sagte Therese tonlos und mit niedergeschlagenen Augen, „ja, Iwan
-Iwanowitsch, ich werde mit Ihnen gehen.“
-
-„Therese,“ sagte er, ergriff ihre Hand und seine Stimme klang
-feierlich, „Gott weiß, Therese, daß ich alles tun werde, um Ihren
-Lebensweg süß und freundlich zu machen. Was Kunst und Wissenschaft
-bieten... was auf der schönen Erde zu sehen ist... was in meinen
-Kräften steht, soll Ihr eigen sein...“
-
-Seine Worte erstickten in echter Bewegung. Therese sagte flüsternd:
-
-„Ja, Iwan Iwanowitsch... morgen... aber jetzt... lassen Sie mich
-allein... Ich denke, Sie haben noch mit Roland über ein Geschäft zu
-reden...“
-
-Sie mußte an sich halten, sie entlief, um nicht laut aufzuweinen. O,
-welche Komödie war das, welch ein doppelter Betrug!
-
-Freidank, der Lejkin allein stehen sah, kam mit den schwankenden
-Schritten des Trunkenen auf ihn zu.
-
-„Sie haben sich mit meiner Freundin unterhalten,“ sagte er lachend,
-„hoffentlich haben Sie sich gut unterhalten...“
-
-„Ausgezeichnet!“ sagte der Generaldirektor. Er war voll bebender
-Freude, das schöne Mädchen überredet zu haben. „Ausgezeichnet, Herr
-Roland! -- Und wir haben uns auch noch zu unterhalten, nicht wahr? Es
-ist eine Kleinigkeit... Ein Geschäft... etwas der Art... Also rund
-heraus, Herr Roland! Nicht wahr, Sie brauchen achttausend Rubel?“
-
-Sie sprachen flüsternd an einem der kostbar gedeckten Tischchen,
-während rings um sie her der Lärm der lustigen Gesellschaft tobte.
-Iwan Lejkin legte sein Notizbuch offen auf den Tisch und ein langes,
-schmales Buch, welches Scheckformulare enthielt, daneben. Eberhards
-Gesicht glühte vom Weine und vor Erregung. So schnell schüttete ihm das
-Schicksal ein Glück in den Schoß, welches andere nur nach jahrelanger
-Mühe erreichen! -- Lejkins kleines, kluges Gesicht war sehr bleich. Er
-wollte den Ringkämpfer jetzt beschwichtigen, ihn taub, blind und stumm
-machen... um jeden Preis...
-
-„Achttausend Rubel...,“ sagte Freidank mit ein wenig schwerer Zunge.
-„Wenn es zehntausend sein könnten, Iwan Iwanowitsch! Ich zahle sie
-Ihnen zurück... gewiß zahle ich sie Ihnen zurück...“
-
-„Zehntausend Rubel,“ schrieb Lejkin auf das Scheckformular und sprach
-die Worte, die er schrieb, laut nach. Er, setzte in zierlicher, feiner
-Kaufmannschrift seinen Namen darunter, riß das gewichtige Blatt aus dem
-Buche und reichte es dem Athleten.
-
-„Einen Schuldschein --,“ sagte Roland, trotz seinem Rausche,
-erschüttert durch den Anblick der Geldanweisung, welche ihm
-Selbständigkeit und vielleicht Ruhm und Reichtum sicherte. „Schreiben
-Sie mir, Iwan Iwanowitsch, einen Schuldschein in der gesetzlichen Form
-vor, daß ich meinen Namen darunter setze.“
-
-Der Generaldirektor schrieb den Schuldschein aus, während ein
-unmerkliches Lächeln um seine Lippen zuckte. Eberhard unterschrieb mit
-Feierlichkeit und sagte:
-
-„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Iwan Iwanowitsch! Sie werden sehen,
-daß...“
-
-„Ach, es ist ein Geschäft, wie jedes andere!“ wehrte der
-Generaldirektor ab und beschrieb mit der rechten Hand einen weiten,
-leichten Bogen. „Ich erhalte ja auch das Meinige... ich auch, Roland
-Alexandrowitsch...“
-
-Er hatte jetzt die ganze Überlegenheit des großen Finanzmannes
-wiedergefunden, die auf der Überzeugung ruht, daß alles käuflich ist
-und daß niemand den Willen hat, der gewaltigen Sprache des Goldes
-zu widersetzen. Therese allein war unter all’ diesen Habgierigen am
-schwersten zu durchschauen. Denn warum sie mit ihm ging, die bei dem
-Ringkämpfer kaum etwas entbehrt hatte... das wußte er nicht... Aber sie
-ging... sie hatte es versprochen... O, diese Diana! --
-
-Chrysée war Gregor Kaufmann, der in ein kleines, zufällig leerstehendes
-Souperzimmer hineingegangen war, nachgeeilt. Der Ringkämpfer wollte
-sich gerade lang auf dem Sofa ausstrecken, als er die Frau bemerkte.
-
-„Zum Teufel, was willst du von mir!“ rief er grob und richtete sich mit
-einer brüsken Bewegung auf, „siehst du nicht, daß ich ein wenig ruhen
-will?“
-
-„Das ist mir einerlei!“ rief die Tänzerin hitzig. Sie hatte zu viel
-Champagner getrunken, war berauscht und überlegte nicht mehr, was sie
-redete. „Du bist schlecht zu mir... du vernachlässigst mich... du
-läufst andern nach...“
-
-Gregor Kaufmann hob den Kopf und sah das zornige, kleine Geschöpf aus
-halbgeschlossenen Augen hohnlächelnd an: „Hab’ ich dazu ein Recht, mein
-Kind, oder nicht?“
-
-Sofort schlug ihre Stimmung um; sie lief zu ihm hin, stürzte ihm zu
-Füßen und weinte wie ein Kind:
-
-„Ach, liebe mich doch! Gregor Pawlowitsch, liebe mich doch! Ich werde
-alles ertragen, auch daß du mich betrügst ... Du tust es ja ohnehin...
-Ich werde dir alles geben, was ich verdiene...“
-
-Sie umschlang seine Kniee mit ihren hübschen, zarten Armen, ihr
-schmächtiger Körper zitterte vor Leidenschaft und unter heißen Tränen
-rief sie wild und fast schreiend immer wieder:
-
-„Ach, liebe mich doch, liebe mich doch, Gregor -- --!“
-
-„Oh --,“ sagte der Champion kaltblütig und stand auf, „jetzt wird es
-mir zu bunt, meine liebe Chrysée. Versuche einmal, dich ein halbes Jahr
-ohne mich zu behelfen. Es wird vorzüglich gehen, tu verras... Du bist
-mir so entsetzlich langweilig geworden...!“
-
-Sie ließ seine Kniee nicht los und wiederholte nur:
-
-„Liebe mich doch, du...!“
-
-Gregor Kaufmann, halb ärgerlich, halb amüsiert, löste mit einer
-schroffen Bewegung die Umklammerung ihrer Hände und stieß die Tänzerin
-mit dem Fuße fort:
-
-„Nein, Chrysée! Mein letztes Wort! -- Laß mich allein!“
-
-Lejkin war in den kleinen Palmensaal zurückgekehrt. Es war Zeit zum
-Aufbruch nach der Stadt geworden. Aber vorher hatte der Generaldirektor
-noch das Bedürfnis, mit allen denen, die hier seine Gäste gewesen
-waren, auf ein Glück anzustoßen, welches doch sein innerstes Geheimnis
-war... Er ließ neuen Champagner kommen. Alle sollten ihre Gläser an
-seines klingen lassen, auch Therese, mit der er sich im Einverständnis
-glaubte, auch Roland, den er mit den zehntausend Rubeln erkauft zu
-haben meinte, auch Gregor Pawlowitsch, der Nuit d’étoiles nicht mehr
-ansah und der schönen Therese ungeniert ins Gesicht starrte.
-
-„Keinen Trunk mehr aus den Gläsern nach diesem Trunk!“ schrie Lejkin
-in die Schar seiner Gäste hinein und schmetterte den kristallenen
-Kelch zu Boden. Die berauschten Gäste taten ihm jubelnd nach. Chrysée
-griff unsinnig nach den Scherben von Gregor Kaufmanns zerbrochenem
-Glase, zerschnitt sich die Finger und ein dünner, heller Blutstrom lief
-über ihre kleine Hand. Freidank griff sofort zu und drückte ihr die
-Schnittwunde fest zusammen. Chrysée, in wilder Erregung, wußte nicht
-mehr, was sie tat. Unter trunkenen, hysterischen Tränen warf sie sich
-Roland an den Hals und rief:
-
-„O Roland, du bist gut zu mir! Ich liebe dich! Fahr’ mich nach Hause,
-Roland... fahr’ mit mir im Schlitten... Ich fürchte mich so sehr!“
-
-„Tun Sie es ohne Sorge!“ rief Lejkin fröhlich. „Das gnädige Fräulein
-fährt gut und sicher in meinem Schlitten!“
-
-Die ganze Gesellschaft fuhr unter großem Lärm und Jubel ab. Die
-Peitschen knallten, die vielen Schellen läuteten, und heim ging es
-unter Geschrei und Jauchzen durch die totenstille Wintersnacht. Nur
-das dumpfe Aufschlagen der Pferdehufe scholl matt durch die frostklare
-Luft, die den Schall nicht trug, nur der Klang der Schellen und das
-Kreischen der betrunkenen Zigeunerinnen.
-
-Allen Schlitten vorauf flog Lejkins Prachtgespann. Jetzt saß der
-Generaldirektor allein neben der schönen Freundin des Ringkämpfers,
-aber er hatte sich diese erste Fahrt anders vorgestellt. Nicht einen
-Schritt kam sie seinem verliebten Begehren entgegen. Die süße, helle
-Sinnlichkeit, die wie Mittagssonnenschein auf ihrem Wesen und ihren
-Zügen geruht hatte, war ausgelöscht, und Therese schien wieder kühl und
-jungfräulich, wie eine Landschaft im Frühlicht. Lejkin versuchte sie
-um die Taille zu fassen und nahm mehrmals ihre Hand. Aber mit sanfter
-Entschiedenheit machte Therese sich jedesmal wieder frei:
-
-„Heute nicht, Iwan Iwanowitsch. Wenn Sie es wirklich gut mit mir
-meinen, so wird es Ihnen ein Leichtes sein, bis morgen zu warten....“
-
-Und dann schwieg sie wieder weite Strecken lang. Sie fühlte sich wie
-die erbärmlichste Kreatur, schlechter wie eine Verbrecherin, weil sie
-ihn belog, weil sie ihn in dem Glauben ließ, daß sie mit ihm nach
-Italien fahren würde, während sie fest entschlossen war, ihrem Freunde
-treu zu bleiben... obwohl sie Freidank bitter zürnte, daß er sie um
-schnöden Geldes willen zu dieser Komödie veranlaßt hatte... obwohl er
-vor allen Leuten Madame Chrysée in die Arme genommen hatte... Therese
-schlug den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, zurück und Lejkin
-blickte fortwährend mit Begeisterung auf ihr klares, kühnes Profil. War
-keine Hoffnung, sie schon heute abend zu entführen?
-
-„Heute abend? O nein!“ sagte Therese und ihre Augen blitzten zornig
-auf. „Wir haben von morgen gesprochen, nicht von heute...“
-
-Lejkin mußte sich fügen. Sie waren nicht mehr fern vom Hotel. Der
-Generaldirektor sah das Mädchen, das ihm kaum einen Blick schenkte, mit
-sehr herzlichen Gefühlen an und sprach ernsthaft:
-
-„Ich begreife, daß Sie ihm noch diese Stunden schenken wollen...
-wenn er kommt, Therese. Wenn er nicht bei der trostbedürftigen Nuit
-d’étoiles....“
-
-„Nein! o nein! das kann er nicht! das darf er nicht!“ rief Therese zum
-erstenmal in heller Verzweiflung. Was sie selbst gefürchtet hatte,
-hatte sie dennoch nicht einmal vor sich selbst in Worte kleiden mögen...
-
-Lejkin sprach über diese Sache kein Wort mehr und fuhr fort:
-
-„Wann Sie kommen, Therese, sind Sie erwartet und willkommen. Sie sollen
-nichts haben, Sie sollen nichts mitbringen. Am Nachmittage fahren
-wir aus und kaufen alles, was Sie zur Reise brauchen... Und haben
-Sie Vertrauen zu mir, Therese!“ sagte er beschwörend. „Ich werde Sie
-glücklich machen, soweit es in der Macht eines Menschen, dem Manches
-zugänglich ist, liegt...“
-
-„Auf Wiedersehen, Iwan Iwanowitsch...“ flüsterte Therese, sprang
-aus dem Schlitten und eilte die Treppe des Hotels hinauf, ohne sich
-umzusehen...
-
-Dann brannten in dem Hotelzimmer die elektrischen Birnen und
-verbreiteten Tageshelle, aber in Thereses Seele war schwarze Nacht.
-Eberhard kam nicht. --
-
-Er kam nicht! -- Er hatte sich nicht von der Tänzerin trennen können,
-die schmachtend und girrend an seinem Halse gehangen und um seine Liebe
-gebettelt hatte. Und das hatte er gerade an dem Abende getan, wo sie
-ihrer Liebe das größte Opfer gebracht hatte. --
-
-Er kam nicht. -- Sie ging nicht zu Bett. Sie wartete, bis die Nacht
-grau und blaß wurde und der Morgen zu dämmern begann. Da verblaßte
-allmählich auch ihre nächtliche Verzweiflung und wurde zu spöttischer
-Abkehr von dem Freunde ihres Herzens.
-
-Zur gewohnten Stunde brachte man das Frühstück. Sie fror und trank eine
-Tasse Tee, aber sie konnte keinen Bissen von dem Brote genießen. Sie
-wettete zornig und stolz mit sich selber: „Eine halbe Stunde werde ich
-noch auf ihn warten. Wenn er dann nicht hier ist.....“ Als er dann noch
-nicht da war, gab sie wieder Zeit zu....
-
-Um zwölf Uhr wurde sie von unsäglicher Wut gepackt. Sie schellte nach
-Schreibzeug und schrieb hastig auf den Bogen:
-
-„Du hast mir keine Enttäuschung bereitet. Nachdem Du mir gestern abend
-im Ernst eine so unwürdige Verstellung zugemutet hast, mache ich nun
-Ernst -- ganz ohne Verstellung. Du darfst nicht denken, daß ich Dir
-zürne, o nein. Ich wundere mich nicht einmal. Du hast dein Geld, ich
-habe einen reichen Verehrer gewonnen: wir haben beide von dem Handel
-profitiert. Viel Vergnügen, mein teurer Freund! Th. A.“
-
-Sie kleidete sich zum Ausfahren an, bestieg einen der vor dem Hotel
-haltenden Mietsschlitten und fuhr in die Wohnung des Generaldirektors
-Lejkin. Er war in aller Frühe noch einmal in seinem Bureau gewesen und
-sehr bald zurückgekehrt, um Therese nicht eine Minute warten zu lassen.
-Nun wartete er, das kleine, intelligente Gesicht in finstere Falten
-gelegt, voll Unruhe und einer Sehnsucht, die ihm bisher fremd gewesen
-war. Er hatte in seinem Leben schon auf viele Frauen gewartet, aber so
-unruhig, mit soviel Zweifeln und Wünschen auf keine...
-
-Wieder blickte er auf seine Taschenuhr; sie zeigte halb Eins....
-
-Sein Diener Alexander klopfte an, trat ein:
-
-„Gnädiger Herr... die Dame, welche der gnädige Herr erwarten, ist
-soeben gekommen. Sie beliebt im Bibliothekzimmer zu sein...“
-
-Der Generaldirektor schritt an dem ehrfurchtsvoll dastehenden Bedienten
-so hastig vorbei, daß der Diener ihm nicht einmal mehr die Zimmertür
-öffnen konnte. In der Bibliothek stand Therese, das stolze Profil hell
-beleuchtet.
-
-„Therese --!“ sagte er und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
-
-Von einem der großen Magazine aus gelang es ihr, unbemerkt von Lejkin,
-der nicht mehr von ihrer Seite wich, noch einmal in das Hotel zu
-telephonieren, wo sie mit Freidank logierte. -- Herr Roland sei noch
-nicht gekommen, wohl aber habe er vom Hotel de Suède aus telephonisch
-sagen lassen, daß er mit Geschäftsfreunden zusammengetroffen sei und
-daß Madame ihn nicht zum Diner erwarten möge...
-
-Um acht Uhr trug der Luxus-Expreß Therese und Lejkin in die sonnige
-Ferne.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-XIV.
-
-
-Möchten dir und mir die Schmerzen erspart bleiben, die Freidanks Brust
-durchwühlten, als er müde, reuevoll und wie zerschlagen gegen Anbruch
-der Dämmerung heimkehrte und Theresen nicht fand! Im Rausche, in jenem
-wunderlichen Taumel, den Wein und Habgier im Verein erzeugt hatten, war
-er, wie mancher Samson vor ihm, dem süßen Girren einer buhlerischen
-Dalila erlegen. Therese war von ihm gegangen und hatte ihm nicht einmal
-ein Abschiedswort, aus dem Schmerz oder Empörung schrie, hinterlassen.
-Mit Verachtung hatte sie sich von dem Treulosen gewendet! --
-
-Im ersten Schmerze kehrte sich seine Wut gegen Nuit d’étoiles. Ach,
-hätte er sie gegenwärtig gehabt! Er hätte sie niedergeschlagen! Dann
-fiel dem Reuevollen ein, daß er, der hätte stark sein sollen, dem
-schwächlichen, zärtlichen Geschöpfe mit seinen naiv animalischen
-Trieben keinen Vorwurf machen durfte.
-
-Aber die Natur in ihrem milden, weisen Walten läßt nicht eines ihrer
-starken Kinder an einem unmäßigen Kummer zugrunde gehen. Sie sänftigt,
-sie lindert und heilt zuletzt, bis von der heißen Verzweiflung nur die
-ernste, reuige Trauer bleibt.
-
-Roland war, mit dem Ehrennamen des „Champions von Sankt Petersburg“
-geschmückt, nach Deutschland zurückgekehrt und hatte selbst eine
-Ringkampfkonkurrenz veranstaltet. Mit der Größe und der Kraft seines
-jungen, unverbrauchten Körpers riß er ohne Mühe den Ruhm an sich und
-dazu den silbernen Eichenkranz, der dem Sieger als Ehrenpreis winkte.
-
-Jedes weitere Auftreten band den Ruhm fester an seinen Namen.
-Materielle Erfolge blieben nicht aus. In seinem Portefeuille häuften
-sich die bunten Scheine, deren jeder eine Handvoll Goldstücke wert
-ist, und es kam ein Tag, da er bei einem großen Bankhause einen
-nennenswerten Kredit besaß. Roland, der Ringkämpfer, schien plötzlich
-in der Lotterie des Lebens das große Los gezogen zu haben...
-
-Er fragte nicht viel danach. Er rang nicht nur um des Ruhmes willen und
-nicht allein dem Reichtum zuliebe. Er liebte nur noch seinen eigenen
-Körper, seine Kraft, seine Frische, seine Gesundheit. Seine Lebensweise
-fing an, für die Ringkämpfer vorbildlich zu werden. Wer mied, wie
-er, den Alkohol, das unnütze Durchwachen der Nächte, das entnervende
-Glücksspiel und den leichtfertigen Umgang mit Frauen? Wer stand, wie
-Roland, jeden Morgen frisch beim Training? Er füllte fast den ganzen
-Tag mit der Pflege seiner Gesundheit aus. Dies alles heilte seine Seele
-nicht, aber es brachte ihre Schmerzen und ihre Vorwürfe zum Schweigen.
-
-Im Anfange seiner Laufbahn hatte es ihn über die Maßen gekränkt, bei
-seinen Kollegen so wenig von dem zu finden, was er als Student geistige
-Regsamkeit genannt hatte. Jetzt wußte er, daß die meisten Menschen
-sich um kleine, unbedeutende Bruchstücke des Wissens abmühen und
-ihnen unruhevoll nachjagen, wie ein Knabe, der einem Schmetterlinge
-nacheilt und dabei die blühenden Beete zertritt. Rolands Leben war
-reich, einfach und kräftig geworden. Er spürte nicht mehr in heißer,
-nächtlicher Denkarbeit den Goldadern des Geistes nach, die mühselig
-aufzugraben sind und sich oft genug, wie oft! in taubem Gestein
-verlieren. Ihm war, als wäre er einst mit seinem schmerzlichen
-Ehrgeiz und aller Sehnsucht, aus toten Steinen Gold der Gedanken zu
-graben, in finsterer Nacht gewandelt. Er hatte an die Tore der Kunst
-geklopft, aber sie hatten sich ihm nicht auftun wollen; er hatte die
-Wissenschaften gefragt, aber auch was der Gelehrteste weiß, ist nur
-Stückwerk und nur ein Teil des Wissens, also daß keiner die Tiefen des
-Wissens je durchdringen kann. Da hatte er sich der guten, einfachen
-Natur ergeben; und da wuchs er nun, wie eine große, schöne, unschuldige
-Pflanze Gottes, sog die frischen Lüfte und den Sonnenschein der Erde in
-sich ein und strahlte sie in Kraft und Gesundheit wieder aus.
-
- * *
- *
-
-Die Fédération des Sociétés françaises de lutte hatte die
-Weltmeisterschaft im Ringkampfe ausgeschrieben. Von jeher pflegte
-Lutetia, die Stadt des Lichtes, die Hauptstadt aller Freude und
-Schönheit, auch die Helden der Kraft in ihren Mauern zu versammeln. Im
-Theater Folies-Bergère sollte der Wettstreit ausgetragen werden. Auch
-Roland mit einem Teil seiner Ringer war eingeladen, an den Kämpfen
-teilzunehmen. Er kam, und der Ruf, der ihm vorausgeeilt war, wurde
-durch den Eindruck seiner Persönlichkeit noch übertroffen. Er war so
-blond, sein Gesicht war so jung, sein Wuchs so schlank, seine Muskeln
-so stark, und er stand im Kampfe so ruhig! Paris war entzückt und
-vergab ihm seine deutsche Herkunft. Und ... wahrhaftig! es gab sogar
-Pariser und Pariserinnen, die dem blonden deutschen Riesen lieber den
-Sieg gegönnt hätten als ihrem eigenen Landsmanne Claude le Titan, der
-unter allen französischen Ringkämpfern die meisten Aussichten auf den
-Endsieg hatte.
-
-Die Kämpfe sollten einen ganzen Monat lang dauern. In den Sportklubs,
-in Kaffeehäusern und Werkstätten, besonders aber im Theater
-Folies-Bergère, wurden schon nach dem Ablaufen der zweiten Woche
-Wetten abgeschlossen. Da stellte es sich heraus, daß die Mehrzahl
-der Wettenden doch lieber auf ihren französischen Champion halten
-wollte, als auf Roland. Nach einem ungeschriebenen Gesetze gewann fast
-niemals ein Fremder das „Championat du Monde“ zu Paris. Warum also
-sollte es diesem Deutschen, so groß und schön er war, gelingen, die
-heißumstrittene Weltmeisterschaft an sich zu reißen?
-
-In diesem Jahre waren die exotischen Ringkämpfer in der Mode. Aus der
-Türkei, aus Afrika, aus Amerika, aus Persien und Japan waren Athleten
-gekommen, die indessen außer ihrer fremdartigen Erscheinung nicht viel
-an geschulter Kraft und Gewandtheit in die Wagschale zu werfen hatten.
-Jeder Ringer, der viermal besiegt worden war, schied aus der Reihe der
-Teilnehmer aus. So waren die Fremdlinge, die nur der Schaulust dienten,
-bald ausgeschieden und die ernsten Entscheidungskämpfe begannen. --
-
-Schon nach den Gesängen Homers erhielten die Sieger im Ringkampf
-blühende Mädchen als Siegespreis und Lohn. Süß ist es für den Sieger,
-in weichen, zärtlichen Armen auszuruhen. Aber geschwächt und entnervt
-wird der Kämpfer, der auch mitten im Kampf nicht dem Locken der Sirenen
-widerstehen kann...
-
-Claude le Titan widerstand nicht. Zu viele weiche, kleine Hände
-streckten sich lockend nach ihm aus, zu viele Frauenlippen dürsteten
-nach seinem Munde. Warum sollte er die Rosen nicht pflücken, die so
-nahe an seinem Wege blühten? Er fühlte sich ja ganz sicher. Mit den
-bedeutenden Teilnehmern der Konkurrenz hatte Claude le Titan geheime
-Abmachungen getroffen, nach denen er, der populärste Champion
-Frankreichs, der endgültige Sieger bleiben mußte. Und da Roland, der
-Deutsche, übrigens der einzige unter den Ringern war, der ihm ernstlich
-gefährlich werden konnte, so sollte Roland der zweite Sieger sein.
-
-Freidank hatte bis zum letzten Abende nicht an die Möglichkeit gedacht,
-daß es anders sein könnte. Er wußte sich frei von dem Verlangen,
-den goldenen Gürtel von Frankreich, die berühmte „Ceinture d’or“,
-um seine Hüften zu legen. Am Morgen des Entscheidungskampfes kam
-ein großer Buchmacher zu ihm ins Hotel. Er zeigte dem deutschen
-Champion Zeitungsartikel und Briefe, die sich mit den Aussichten der
-beiden Favoriten, Claude Titan und Roland, beschäftigten. Mehrere
-Zeitungen empfahlen ihren wettenden Lesern, auf den Franzosen zu
-halten. Die Eingeweihten wußten doch genau, daß Claude le Titan sich
-mit der Ceinture d’or umgürten würde.... Nun kam der Buchmacher und
-stellte Roland vor, daß es für ihn vielleicht möglich sein würde, den
-französischen Champion im Endkampfe zu werfen. Freilich: das Publikum
-würde wüten, wenn der Franzose fiel. Aber was lag daran? Die Hauptsache
-war doch, daß man bei dem gerechten und doch illoyalen eventuellen
-Siege das Geld aus den Wetten einstrich. Der Totalisator war nicht
-öffentlich, sondern geheim, und dieses allbekannte Geheimnis reizte
-auch Leute zum Wetten, die sich an einem öffentlichen Totalisator
-vielleicht nie beteiligt hätten. Natürlich sollte Roland einen
-erheblichen Teil des Gewinnes einstreichen!
-
-Als der Buchmacher vertraulich und geheimnisvoll seine Vorschläge
-gemacht hatte, mußte Roland herzlich lachen. In aller Welt erlebte man
-Ähnliches! Just so, fast mit denselben Worten, hatte ihn damals ein
-Buchmacher überreden wollen, sich von Aloys Binder im Revanchekampfe
-besiegen zu lassen. Und dann war es recht wunderlich gekommen, also
-daß er über Binder im bittersten Ernst Sieger geworden war... als
-es um Fritzi l’Alouette ging.... Er wurde in der Erinnerung einen
-Augenblick lang ernst und dann doch wieder heiter, und halb im Scherz
-sagte er dem Buchmacher zu, er würde Claude le Titan werfen... Der
-Buchmacher wollte einen schriftlichen Kontrakt machen und ihm schwarz
-auf weiß eine hohe Summe für seinen Sieg zusichern. Da wurde Roland
-verdrießlich. Er sagte, was vereinbart wäre, gelte auch ohne Papier und
-Tinte, nahm Hut und Überzieher und ging ins Theater, um seine Briefe in
-Empfang zu nehmen.
-
-Es war ein Brief aus Deutschland dabei, der viele Stempel trug und der
-ihm an alle Orte nachgereist war, die er besucht hatte, seit er Berlin
-verlassen hatte. Der Brief aber lautete:
-
-„Lieber Herr Freidank! Es ist nun über den ärgerlichen Abend, da unser
-armes Paar Filippo und Lavinia so energisch ausgepfiffen wurden,
-schönes, dichtes Gras gewachsen und ich kann es zuversichtlich wagen,
-meinen Gästen das wunderhübsche Lustspiel vorzusetzen, welches Sie
-damals nach meiner Idee geschrieben hatten. In der ersten Aufwallung
-über unser gemeinsames Mißgeschick wollte ich Ihnen das Lustspiel
-zurückschicken; aber Sie waren plötzlich verschwunden. Dann habe ich es
-nochmals durchstudiert, und nun hoffe ich, daß es einen Erfolg bringen
-soll. Kommen Sie, lieber Freidank, zur Première am 29. Oktober! Wenn
-es an irgend etwas mangeln sollte -- Sie verstehen mich schon -- so
-schreiben Sie es ruhig. Diesmal wird es kein Mißerfolg, das ist mir
-ganz klar. Meine Idee damals war doch brillant....“
-
-Eberhard griff an seinen Kopf. Niemals mehr hatte er sich an dieses
-Stück erinnert, welches er einst in Unlust und Eile nach einem
-fremden Plane zurechtgezimmert hatte. Unwillkürlich sah er auf den
-Abreißkalender, der an der Wand hing. Es war der Einunddreißigste. Zwei
-Tage zuvor war in Berlin ein Lustspiel mit seinem Namen aufgeführt
-worden... Natürlich, es mußte noch schlimmer aufgenommen worden sein,
-als das Drama. Doch, was ging es ihn heute an? Er hatte sein Leben auf
-eine andere Grundlage gestellt, als auf das Spiel der Worte, das Spiel
-der Gedanken, das heute gefeiert und morgen verhöhnt werden kann. Zum
-Teufel, was ging ihn das Lustspiel an? -- Und doch -- dennoch weckte
-der Brief schlummernde Gefühle und schlummernde Schmerzen. Denn es
-war eine Erinnerung und ein Zeichen aus jener toten, holden Zeit voll
-Hoffnungen und voll Liebe...
-
-Er lief in das Café de la Paix, wo deutsche Zeitungen liegen und
-las mit unendlichem Staunen, daß das schlechte Lustspiel vor den
-Zuschauern Gnade gefunden, ja: daß es einen großen, lärmenden Erfolg
-errungen habe! Er verlor ein wenig seine Fassung. Sollte er nach
-Berlin telegraphieren, sollte er... ja, was sollte er? Jedenfalls doch
-durfte er heute nichts tun, sich nicht aufregen, da ihm am Abende ein
-anstrengender Kampf mit Claude le Titan bevorstand. Zuerst kamen doch
-Beruf und Pflicht! Er hatte ohnehin das Morgentraining versäumt. Er gab
-sich Mühe, sich das schlechte Lustspiel aus dem Sinne zu schlagen und
-fuhr zum Speisen. Dann machte er einen kurzen Spaziergang und kehrte in
-das Hotel zurück, um einige Stunden zu schlafen. Vor dem Ringkampfe tat
-die Ruhe gut.
-
-Als er aufwachte, fühlte er sich frisch und gestärkt. Alle Zweifel
-waren verflogen, alle Bedenken besiegt. Was zog ihn zurück in das
-Ägypten, das er verlassen hatte? Hier war Klarheit, hier war Gesundheit
-und Natur, hier konnte jeder nach seiner Kraft sich durchsetzen und
-behaupten. Jeder galt hier so viel, wie er wert war. Hier war die
-Kraft...
-
-Er wanderte langsam durch die hellerleuchteten Straßen dem Theater
-zu. Alle Plätze waren ausverkauft. Roland trat in das Theater ein und
-hörte eine Weile den Künstlern auf der Bühne zu. Ein berühmter Tenor,
-ein Kind der Provence, sang schöne französische Liebeslieder. Gerade
-beendete er ein heiteres Liedchen mit dem Schlußrefrain:
-
-„A nos dames donnez le prix!“
-
-Die Zuhörer jubelten; die hübschen, koketten Pariserinnen klatschten
-entzückt in die Hände und ihre schwarzen Augen in den gepuderten
-Gesichtchen funkelten vor Vergnügen ...
-
-„A nos dames donnez le prix...,“ wiederholte Roland heimlich für sich.
-„Ach, ich weiß eine Dame, eine schlanke Diana mit blondbraunem Haar,
-der ich viel lieber den Preis gäbe, als euch, ihr dunkelhaarigen,
-sprühenden Geschöpfchen ....“
-
-Der Sänger sang ein neues Lied. Er spielte die Laute dazu, er stand wie
-ein Minstrel und sang herzlich rührend und innig den letzten Vers:
-
- „Vous êtes si jolie, oh mon bel ange blond,
- Que mon amour pour vous est un amour profond,
- Que jamais l’on oublie.
- Pour vous plaire, la mort ne me serait qu’un jeu,
- Je deviendrais infâme et je renierais Dieu --
- Vous êtes si jolie ....“
-
-„Vous êtes si joli--e!“ klang die Melodie in ihm nach, als er die
-Ringkämpfergarderobe betrat, um sich umzukleiden. Er war ergriffen; er
-dachte rein und sehnsüchtig an Theresen.... „Pour vous plaire, la mort
-ne me serait qu’un jeu! Je deviendrais infâme.....“
-
-Claude le Titan, der Champion, saß im Trikot an einem Tische und war
-vor einem Spiegel eifrig damit beschäftigt, sich zu schminken. Dabei
-erzählte er ein galantes Abenteuer, welches er gestern erlebt haben
-wollte und welches erst an dem eben verflossenen Nachmittage ein Ende
-gefunden hatte....
-
-„Zu was schminkst du dich, Claude?“ fragte Pierre le Forgeron, die
-„rote Nelke“.
-
-„Ich muß doch den Damen gefallen,“ erwiderte Titan mit ordinärem Lachen.
-
-„Ach, heute abend gefällst du ihnen doch!“ meinte Oeillet rouge, „und
-wenn du noch so häßlich wärst... Dem Sieger laufen sie in jedem Falle
-nach....“
-
-Ein Marsch erklang, und ein Pfiff; die wenigen übrig gebliebenen
-Ringkämpfer marschierten auf. Zum letzten Male wurden sie vorgestellt,
-und Beifallsgebrüll grüßte jeden einzelnen. Und noch einmal wurde das
-Ringkampfreglement verlesen.
-
-Breitspurig, selbstbewußt und selbstgefällig standen die Ringkämpfer
-auf der Bühne, Claude Titan mit seinem eitlen Lächeln, Pierre le
-Forgeron in seiner ganzen, stumpfen Vierschrötigkeit, Syrin mit seiner
-lächelnden Frechheit eines frühreifen Knaben.
-
-Roland ließ seine Blicke gleichgültig über das Theater schweifen,
-dann durch den Kranz der Logen, in denen geputzte Damen saßen, um die
-Starken zu bewundern und anzubeten.
-
-Aber dort in der ersten Loge, ganz nahe der Bühne, saß eine Schlanke
-im hyazinthenblauen Kleide. Zwischen den weißen Spitzen, die den
-Ausschnitt umsäumten, blühte ein Strauß weißer Camelien. Das
-lichtbraune Haar ihres Hauptes lag wie ein Krönlein über dem stolzen
-Gesicht, die Hände hatte sie, ohne es zu wissen, auf ihre bebende
-Brust gepreßt....
-
-Das war Therese Ambrosius.
-
- * *
- *
-
-Während auf der Bühne Pierre le Forgeron, die „rote Nelke,“ mit dem
-Kosaken Syrin rang, trat Freidank zu Claude le Titan und sprach
-gelassen:
-
-„Dites-donc, Claude! -- bist du in Form?“
-
-„Qu’importe?“ erwiderte der Champion nachlässig. Aber etwas im Tone
-seines deutschen Gegners, was wie verhaltenes Ungewitter klang, ließ
-ihn aufblicken, und er fügte hinzu:
-
-„Ich bin immer in Form!“
-
-„Dein Glück!“ sagte Eberhard mit ungewöhnlicher Ruhe. „Denn sonst
-könnte heute abend vielleicht etwas passieren, was viele Leute nicht
-voraussehen. Enfin -- es wäre kein übergroßes Unglück! Unter Kollegen
-gibt es bekanntlich nur ehrliche Rivalität. -- Wir haben ungefähr
-gleiches Hüftmaß. Die Ceinture d’or würde mir so gut passen, wie dir...“
-
-Der dumme, ungebildete Mensch wußte noch nicht ganz genau, wo Freidank
-hinaus wollte; aber er hörte den Hohn aus seiner Stimme und begann sich
-plötzlich so unbehaglich zu fühlen, wie nie zuvor in seinem Leben:
-
-„Du sagst doch nicht......?“ fragte er dumpf.
-
-„Ich sage!“ antwortete Freidank scharf.
-
-Die blanken Blicke der beiden Ringkämpfer kreuzten sich, wie Klingen.
-Claude le Titan duckte sich wie ein Tiger, als ob er Roland an den Hals
-springen wollte, richtete sich aber wieder auf:
-
-„Fichtre....! -- -- du willst seriös ringen!“
-
-„Ja!“ sagte Freidank achselzuckend.
-
-„Sacré nom de Dieu! -- -- Roland, bist du wahnsinnig geworden!“
-
-„Entschuldige.....“ sprach Roland gelassen, „ist es mein Recht, seriös
-zu ringen, oder nicht? Willst du, daß ich das Schiedsgericht anrufe,
-ob ich Falle machen muß oder nicht? Da draußen sitzen sechs, acht
-Sportjournalisten im Schiedsgericht...... Ich bin Sportsmann, cher ami!
-Ich ringe im Ernst -- wenn du erlaubst! -- Bei uns in Deutschland wird
-ernsthaft gerungen! Bei uns ist, was du noch nicht zu wissen scheinst,
-der Sieger wirklich -- der Stärkste!“
-
-Er kreuzte die Arme, stand breitbeinig da und sah dem Franzosen in das
-tiefgerötete Gesicht, welches von Wut und Haß verzerrt war.
-
-„C’est raide!“ sagte der Franzose und atmete tief auf. „Und du weißt,
-Carogne! daß ich die ganze Nacht und den ganzen Tag gelumpt habe...
-Wenn ich es wenigstens vorher gewußt hätte! -- Ah, du Judas, das ist
-ein verfluchtes Stück! -- Tu es infâme, toi.....! Infâme! Infâme! --
-Mais je m’en fiche pas mal! -- Also gut, ringen wir seriös!“
-
-Roland trat neben die Kulisse. Der Kampf zwischen dem Kosaken Syrin und
-Pierre Forgeron ging zu Ende. Man hörte in der aufgeregten Stille das
-derbe Klatschen der Griffe und das schwere Schnaufen des Russen. Aber
-Roland dachte mit seinem frohen Lächeln allein an sein schönes Mädchen,
-der zu Ehren er den langen, dicken Franzosen trotz aller Abrede, wie
-ein Ritter im Turnier, niederschmettern wollte, wenn das Schicksal ihm
-nur ein wenig günstig war, und in seiner Seele sang und klang es:
-
-„Pour te plaire, la mort ne me serait qu’un jeu....! Je deviendrais
-infâme.......! Pour te plaire, Therese, meine Therese!“
-
-„Vainqueur Pierre le Forgeron, 27 minutes!“ schrie der Obmann des
-Schiedsgerichtes in das Beifallsrasen der Zuschauer hinein, und:
-
-„Match dernier: Roland, Allemand, Champion de St. Petersbourg, avec
-Claude le Titan, Paris, Champion de France!“
-
-Claude le Titan sprang auf Roland mit jenem wilden Tigersprunge, den er
-eine Viertelstunde vorher in der Garderobe unterdrückt hatte.
-
-So hatte Claude le Titan noch nie gerungen, so wild und voller
-Leidenschaft hatten die Pariser den allezeit Ruhigen noch nie gesehen.
-Er schlug Roland ins Genick, er versuchte ihm einen betäubenden Schlag
-mit der äußeren Kante der Hand gegen die Halsschlagader zu versetzen,
-welcher in den rohen Ringkämpfen der Ecole Bordelaise und der Ecole
-Marseillaise als „Colbac“ eine gefährliche Rolle spielt.
-
-Die Pariser heulten vor Wut. Wie? Ihr Favorit, ihr Champion ließ
-sich derartig plumpe Reglementswidrigkeiten gegen diesen Prussien zu
-Schulden kommen? Wo blieb denn die Nationalehre, wenn ein Pariser sich
-im freien, öffentlichen Sport unfair gegen einen Allemand benahm? --
-
-Dann besann sich Claude, daß er seine Kräfte nicht vorzeitig ausgeben
-durfte. Jetzt stand er ruhiger im Kampfe. Die Pariser wurden ihres
-Champions wieder froh. Parbleu, ja: man wußte doch, was man an Claude
-le Titan hatte, auch wenn sein Temperament ihm einmal durchgegangen war!
-
-Und die Viertelstunden dehnten sich.
-
-Die beiden bleichen Körper glänzten schweißbedeckt, reckten sich
-aus und zogen sich wieder zusammen, schnellten sich herum, wie von
-ungeheurer Federkraft getrieben, und ruhten wieder unbeweglich, wie
-Steinklumpen, am Boden.
-
-Claude le Titan hockte seit einiger Zeit wieder einmal auf dem
-blutroten Teppich. Roland kniete neben ihm und versuchte, den rechten
-Arm des Franzosen unter seinem Körper durchzuziehen. Die Kenner lachten
-höhnisch. Ramassement de bras! Ach nein, so plump ließ Claude le Titan,
-der alte Fuchs, sich nun doch nicht fangen. Er stützte sein mächtiges
-Bein auf und war mit einem starken Schwunge seines Körpers wieder auf
-den Füßen.
-
-Da war Roland mit einem gedankenschnellen Sprunge hinter ihm, faßte ihn
-um beide Hüften, hob den schweren Körper hoch auf,... noch höher.....
-bog sich weit zurück und warf sich selbst rücklings nieder:
-
-In weitem Bogen flog Claude le Titan nach rückwärts über Rolands
-Schulter hinweg und lag gerade, wie ein gefällter Baum, auf beiden
-Schultern platt am Boden! -- -- -- Ceinture en souplesse.....
-
-„Vainqueur Roland, Allemand, -- -- une heure dix minutes! ....“
-
-Und die Musikanten bliesen Tusch, Lorbeerkränze häuften sich ringsum,
--- dann wurde Roland der goldene Gürtel von Frankreich um die Hüften
-gelegt. In einem Blumenregen stand er, mit der berühmten Ceinture
-d’or de France und mit der Meisterschaft der Welt geschmückt, aber
-in all seiner Siegerherrlichkeit sah er nichts, als das Mädchen im
-hyazinthenblauen Kleide mit dem Strauß von weißen Camelien vor der
-Brust......
-
-Dann wartete sie auf ihn, und er kleidete sich mit fiebernden Händen
-an und eilte hinaus. Sie hätten einander in die Arme fliegen mögen,
-um sich festzuhalten für Zeit und Ewigkeit, sie hätten vor Liebe und
-Freude sterben mögen, aber sie hielten ihre Gefühle stolz zurück,
-reichten einander nur die Hände und flüsterten mit bebenden Lippen:
-
-„Grüß’ dich Gott, Eberhard -- Therese, grüß’ dich Gott!“
-
- * *
- *
-
-Und als nach vielen Stunden der ganze Siegestrubel verrauscht, das
-Festmahl zu Ende war und die glänzenden Augen der Festteilnehmer matt
-geworden waren, waren allein zwei Augenpaare noch kerzenhell, und der
-neue „Champion du Monde“ flüsterte in Liebe und Seligkeit:
-
-„Therese, hast du mir vergeben?“
-
-„Ach, wirst du mir je verzeihen können, du Lieber?“
-
-„Therese, wir sprechen heute davon und dann niemals mehr! Alles muß
-klar sein zwischen uns. Dann aber soll die Vergangenheit schlafen. Und
-wir wollen eine fröhliche Zukunft an uns reißen!“
-
-„Sage, mein Freund, wie siehst du die Zukunft?“
-
-„Sage zuerst, Therese, wie du sie siehst!“
-
-„Du bleibst, was du heute geworden bist!“ sprach Therese mit freudigem,
-tiefem Erröten. „Obwohl.... Eberhard, ich habe in Berlin dein zweites
-Stück aufführen sehen....“
-
-„Therese, was denkst du über das Stück?“
-
-Sie zögerte einen Augenblick, denn sie wollte ihm nicht weh tun,
-erwiderte dann aber tapfer:
-
-„Ich mag’s nicht leiden! Obwohl die Leute klatschten ... Du hättest
-sie applaudieren hören müssen! -- -- Aber was war das für ein Gefühl,
-dieselben Menschen jubeln zu hören, die damals gepfiffen haben! Sie
-sind so gemein... so launenhaft... so gedankenlos.....“
-
-„Gedanken!“ sprach der Ringkämpfer mit leuchtender Stirn, „Gedanken! --
-Sie sind ein Wahn, sie sind eine Qual! -- Ein Ruck tut mir die Dienste
-des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual
-der Gedanken ab! -- Ich habe den Gedanken Valet gesagt, Therese! Mein
-Training ist meine Denkkunst, mein Ringkampf ist meine Philosophie. Im
-Reiche der Kraft bin ich vorläufig der Herr! --“
-
-„Ich habe auch gelitten unter schlimmen Gedanken,“ sagte sie leise.
-„Meine Sinne haben genossen, mein Geist hat geschwelgt, aber mein Herz
-blieb leer. Was hat er....“ sie sprach den Namen nicht aus, „was hat
-er nicht alles getan, um mich zu erfreuen! Bücher und Kunstwerke hat
-er gebracht, eine ganze Bibliothek... Und er war so zart, Eberhard, so
-zart -- -- --! Seitdem wir aus Italien zurück waren, besaß er nur noch
-das Bewußtsein meiner Treue... sonst nichts..... nichts... Und doch kam
-der Tag, an dem die Sehnsucht mir bis an den Hals stieg und ich darin
-untergegangen wäre, wenn ich nicht fortgereist wäre... zu dir... ob du
-mich wieder haben willst.....“
-
-Er ging auf ihren demütigen Zweifel nicht einmal ein und blickte ihr
-strahlend in die Augen:
-
-„Wie gut, Therese, daß du nun ganz eines Sinnes mit mir bist! -- Denn
-nun hält uns ja nichts mehr ab, den Bund unserer Liebe durch berufene,
-geweihte Hände segnen und heiligen zu lassen..... Du lächelst, meine
-Geliebte?“
-
-„Nur vor Glück,“ erwiderte sie und wischte sich eine klare Träne von
-der Wange.
-
-„Das mein’ ich auch, mein liebes Weib. Wir können uns vor Gottes Altar
-in allen Ehren finden und binden. Da geh’ ich mit Goethe, welcher es so
-frei und edel aussprach, daß die Trauung zwar nur eine Formel ist, aber
-eine so schöne: der Segen des Himmels zu dem Segen der Erde.“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.
-
-
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-
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- G. m. b. H.
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-Roman von =DOLOROSA=.
-
- Mit künstlerischem bunten Umschlagbild
- von =RAPHAEL KIRCHNER-PARIS=.
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-Umfang ca. 300 Seiten.
-
-Preis Mk. 3.--.
-
-Das =Tiroler Tagblatt= schreibt u. a.:
-
-„Dolorosa’s neuester Roman „Unfruchtbarkeit“ ist ein Gegenstück zu
-Zolas „Fruchtbarkeit“. Ein Grosstadtroman, der die Schattenseiten
-der menschlichen Fortpflanzung bis ins kleinste Detail schildert und
-schliesslich in dem Axiom ausklingt: „Die Fruchtbarkeit ist das grösste
-Verbrechen.....“
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-KORSETTGESCHICHTEN
-
-von
-
-DOLOROSA
-
-Mit farbigem Umschlag von Raphael Kirchner, Paris.
-
-Preis Mark 3.--
-
-Gibt es ein Thema, welches des Interesses so sicher ist, wie Schönheit
-und Liebe, wie die zarten Geheimnisse des Toilettenzimmers und des
-Damenboudoirs?
-
-Wenn aber das Thema mit so entzückenden Variationen und mit so pikantem
-Charme vorgetragen wird, wie in der vorliegenden liebenswürdigen
-Novellensammlung der beliebten Autorin, so ist der Erfolg besiegelt.
-Die Grazien haben Pate gestanden bei dieser anmutigen Schöpfung, die
-von einem heitern, leichtlebigen, pariserischen Geiste durchweht ist.
-Wie bunte Falter um duftende Rosen, so gaukeln diese leichtbeschwingten
-Erzählungen um die entzückten Sinne des Lesers. Ist der fröhlich
-galante Geist Boccaccios wieder lebendig geworden? Sind all’ die Rosen
-und Kränzchen, die flatternden Schleifen und weissen Täubchen, die
-brennenden Herzen und verliebten Sentiments der Rokokozeit vom langen
-Schlafe erwacht? Man sollte es meinen, wenn man die gefühlvollen Helden
-dieser graziösen Novellen neckisch und zärtlich mit den Korsetts ihrer
-Herzensdamen schäkern und karessieren sieht.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Tagebuch einer Erzieherin
-
-von
-
-DOLOROSA
-
-Mit farbigem Umschlag von Raphael Kirchner, Paris.
-
- 12. Auflage. Preis Mark 3.--
-
-Dieses Buch ist das zweite Romanwerk der jungen, um der unerhörten
-erotischen Kühnheit ihrer Dichtungen willen so schnell berühmt
-gewordenen und so viel gelästerten Dolorosa. Diese jugendliche
-Dichterin liebt es, merkwürdige und nicht alltägliche Schicksale zu
-schildern. Von dem „Tagebuche einer Erzieherin“ sagt sie selbst in der
-Einleitung:
-
- „Ich will euch, meine Freunde, eine Geschichte von einem trüben
- Leben sagen; dieses Leben gehörte zu den Dingen, die so niedrig
- und alltäglich und gemein erscheinen, dass man nicht davon singen
- kann. Keine grosse, herrliche Tragödie, wie ein Gewitter. Kann
- einer davon singen, dass ein edles Purpurgewand durch den Staub der
- Strasse geschleift wurde?
-
- „Einige ausgeschriebene Tagebücher kamen mir in die Hände, Briefe
- und sonst Blätter, und ein eichener Kasten mit allerlei Tand:
- eine kostbare Reitpeitsche, und seltsame Bilder und Gedichte und
- Kindersächelchen, und..
-
- „Aber was liegt daran? -- Ich will euch die schlimme, trübe
- Geschichte sagen; nur vergesst mir nicht, ihr Freunde, dass aus all
- dem bizarren Lärm doch immer Harfenakkorde der Liebe hervorklingen.“
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Schuhgeschichten
-
-von
-
-Restif de la Bretonne
-
-übersetzt von E. LAFIÈRE
-
-Mit künstlerischem Umschlagbild von
-
-RAPHAEL KIRCHNER-PARIS
-
-Preis Mark 2.--
-
-In seinen Schuhgeschichten erzählt uns Restif de la Bretonne von den
-Liebeswonnen und Qualen zweier „=Schuhfetischisten=“. Er malt
-das Erwachen ihrer Leidenschaft, die Zuckungen ihrer krankhaften
-Sinnlichkeit mit einer Kraft, einer Anschaulichkeit, die erschreckend
-wäre ohne Restifs Meisterschaft, ohne die vollendete Kunst seiner
-Schilderung, die selbst die krassesten und gewagtesten Situationen zur
-Schönheit verklärt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Venus im Pelz
-
-Novelle von
-
-Leopold von Sacher-Masoch
-
-Reich illustriert
-
-☛ Preis Mark 5.-- ☚
-
-Von allen Werken Sacher-Masochs erfreut sich keines so ausgedehnter
-Popularität wie „+Venus im Pelz+“. Sie ist die typischeste
-Schöpfung ihres Meisters bezüglich alles den tiefsten Wesenskern seiner
-Individualität Betreffenden, und verdient überhaupt die klassische
-masochistische Novelle der Weltliteratur genannt zu werden. Besitzt
-sie schon darum Leben, Reiz und Wert, übertrifft sie durch blendenden
-Stil und glänzendes Kolorit an sich schon das meiste, was der eminente
-Sprachkünstler geschaffen, erweckt sie noch aus einem anderen Grunde
-besonderes Interesse, weil sie eine Episode aus dem Leben ihres
-Schöpfers erzählt und darum als ein Stück seiner Selbstbiographie
-gelten darf. -- Severin ist Sacher, Wanda -- nicht etwa seine spätere
-Gattin, sondern eine seiner vielen, der österreichischen Aristokratie
-angehörenden Herzensköniginnen, die er in einem Ischler Hotel kennen
-lernte, und mit der er später jene wunderliche phantastische Reise nach
-Florenz unternahm, während welcher er halb gezüchtigter Sklave, halb
-der in allen Himmeln schwelgende Liebhaber einer strengen Herrin war.
-
-„Habent sua fata libelli“ sagt eine oft zitierte Sentenz. Da sich in
-keiner der Schriften ihres Verfassers Sachersche Individualität und
-masochistische Eigenart so rein wiederspiegelt wie in der „Venus im
-Pelz“, ist es als ein glücklicher Umstand anzusehen, dass gerade dieses
-Buch Sachers Namen lebendig erhalten hat und erhalten wird.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-DÄMONE
-
-Roman in 2 Bänden
-
-von
-
-R. BRÖHMEK
-
-Mit buntem Umschlagbild von Raphael Kirchner-Paris.
-
-Preis Mark 5.--
-
-In vorliegendem Roman zeichnet der bekannte Verfasser mit gewandtem
-Griffel das Treiben zweier dämonischer Menschen, die Triebfedern
-ihrer absonderlichen Leidenschaften und Gelüste. Im Vordergrunde
-steht das Weib, eine jener herzlosen, raffinierten Koketten, welche
-zu den Teufelinnen gehören, hinter deren Schönheit und Majestät Härte
-und Grausamkeit, Tod und Verderben lauern. Sie weiss das traurige
-Geschick eines adeligen Hauses zu benutzen, um das junge, männliche
-Haupt der Familie, welches schon als Knabe ihre strenge Behandlung
-mit pathologischer Hingebung ertragen hat, in ihr gefährliches Garn
-locken. Sie demütigt ihre Nebenbuhlerin, deren Liebreiz die Sinne ihres
-adeligen Seladons von ihr abgewandt hat, verfolgt die Unschuldige mit
-ihrem Hass und facht die extremen Neigungen der Knabenseele zu wildem
-Sinnestaumel an. Und wie sich bekanntlich tausend Männerköpfe unter
-den Fuss eines schönen, grausamen Weibes beugen, so verliert auch der
-junge Baron den moralischen Halt, die Herrschaft über sich selbst, und
-erliegt der tödlichen Gewalt der dämonischen Messaline.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Der Hass der Polin
-
-[Illustration]
-
-Roman von
-
-KURT FELSINGEN
-
-[Illustration]
-
-Mit buntem Umschlagbild von
-
-RAPHAEL KIRCHNER-PARIS
-
-Preis Mark 3.--
-
-Der Roman schildert die Geschichte eines vornehmen, stolzen und
-herrschgewohnten Weibes, das, erfüllt von fast fanatischer Menschen-
-und Mannesverachtung, dem Drange diese ihrer Gelüste zu befriedigen
-freien Lauf lässt.
-
-Doch diese Frau selbst schafft sich die Sühne.
-
-Ein stolzer selbstbewusster Mann ist von ihr aufs Ungeheuerlichste
-gedemütigt worden in brutaler Vergewaltigung, und nun nimmt dieser
-Mann Rache. Die Schilderung dieser Vergeltung, die erst nach Jahren
-und unter den romantischsten Umständen eintritt, ist von wunderbarer
-Feinheit und packendster Wirkung, der Aufbau der Handlung derart
-spannend, dass der Leser bis zum Ende vollständig im Banne der
-Darstellung bleibt.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Die Venuspeitsche
-
-von
-
-Carl Felix von Schlichtegroll.
-
-
-Band I:
-
-Die Hexe von Klewan
-
-Novelle.
-
-Preis Mk. 3.--
-
-Ungewöhnlich wie der Titel dieses Buches dürfte auch der Inhalt
-erscheinen. Der Verfasser hat es unternommen, in ihm ein
-sexual-pathologisches Problem, nämlich das der Algolagnie (Masochismus)
-in verschiedenen Einzeldarstellungen dichterisch zu behandeln. Er
-zeichnet in seiner Titelheldin eines jener dämonischen Weiber, deren
-schrankenloser Gewalt fast jeder ihr nahende Mann willenlos unterworfen
-ist. Durch seine Kenntnis der Völker des Ostens und die Schilderung
-des an religiösen Wahnsinn grenzenden Kultus einer der zahlreichen
-russischen Geheimsekten weiss er den Leser durch eine Reihe teils
-grausiger, teils ergreifender Bilder in gleicher Weise zu fesseln, wie
-zu erschüttern.
-
-Sacher-Masoch urteilte über von Schlichtegroll in bezug auf die vor
-mehreren Jahren erschienenen „Totentänze“:
-
- „Schlichtegroll ist ein bedeutendes Talent, auch besitzt er jene
- Eigenart, welche heute unerlässlich ist, wenn man im Gewühl der
- literarischen Menge nicht unbemerkt bleiben soll. Seine Sprache ist
- lebendig und bildlich. Stoff und Kolorit werden ungleich bunter
- bei ihm durch die Vertrautheit mit der Welt des Ostens, der er
- verschiedene gelungene Bilder entlehnt; er trifft ebenso sicher
- den Ton für rumänische oder serbische oder galizische Stimmungen
- und Vorgänge. Alles in allem eine jener wenigen Sammlungen, die
- beachtet und vor allem gelesen zu werden verdienen.
-
- Man braucht nicht gerade ein Prophet zu sein, um voraussehen zu
- können, dass wir von dem Dichter, der seines Zeichens eigentlich
- ein Maler ist, noch manches Schöne zu erwarten haben.
-
- Man sieht es seinem starken Talent an, dass er noch lange nicht
- sein letztes Wort gesprochen hat.“
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Die Venuspeitsche
-
-von
-
-Carl Felix von Schlichtegroll
-
-
-Band II:
-
-Ulrich von Liechtenstein
-
-Novelle.
-
-Preis Mk. 4.--
-
-Der Autor führt auch in diesem Bande den sexualpathologischen
-Grundgedanken des ganzen Werkes konsequent weiter. Freilich bietet
-er diesmal kein Bild aus der Gegenwart, noch ein solches aus dem
-reizvollen Milieu Halbasiens, sondern er hat jetzt einen weiten Ritt
-in die Vergangenheit, in die Minnesängerzeit unternommen, aus welcher
-schöpfend er ein farbenreiches und zum Teil drastisches Gemälde vor
-unseren Augen aufrollt.
-
-Die Seltsamkeiten, welche das Leben des Helden charakterisieren,
-schliessen sich, so ungeheuerlich sie erscheinen mögen, der
-historischen Überlieferung auf das Engste an. Ebenso kann für jeden
-Zug des monströsen Charakters der Pfannenbergerin, der Geliebten des
-berühmten Ritters, mehr als ein historisches Beispiel geliefert werden.
-
-von Schlichtegrolls Werk liefert somit einen höchst interessanten
-Beitrag zur Charakterisierung jener fälschlich als sentimental
-angesehenen, in Wahrheit jedoch sinnlich-derben, ja brutalen Epoche
-unserer Vergangenheit.
-
-Die Freunde, die der Autor sich durch seine „Hexe von Klewan“ erworben,
-werden auch in diesem seinem neuesten Buche die Kraft rücksichtsloser
-Schilderung wiederfinden, die jenes Werk auszeichnet.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Die Venuspeitsche
-
-von
-
-Carl Felix von Schlichtegroll
-
-
-Band III:
-
-Satans Töchter
-
-Roman.
-
-Mit künstlerischem bunten Umschlagsbild.
-
-Preis Mk. 4.--
-
-In ruhigem Flusse setzt die dem modernen Leben entnommene Erzählung
-ein. Alltägliche Vorgänge, nur ganz leise von Tönen der Leidenschaft
-durchzittert, spielen sich zunächst vor den Augen des Lesers ab,
-bis plötzlich ein Orkan wilder Gewalten, in den Gang der Handlung
-hereinbrechend, den Helden des Buches in tollem Wirbel und
-atembeklemmender Hast durch alle Höhen des Himmels und die Abgründe der
-Hölle hindurchjagt.
-
-Je mehr der Gang der Ereignisse fortschreitet, desto verwirrender,
-grausiger und farbenglühender offenbaren sich die in kühnen Zügen
-entworfenen Bilder, bis endlich unerwartet hereinbrechendes Licht alle
-nächtlichen Wolken verscheucht und den Leser erlöst aufatmen lässt.
-
-Die beiden Frauengestalten, denen das Buch seinen Titel verdankt,
-sind in ihrer skrupellosen Energie, in der Leidenschaftlichkeit und
-der Zügellosigkeit ihrer Natur mit Fug und Recht dem Dämonenreiche
-entstammende Geschöpfe zu nennen. Aber nicht nur ihre bis zu äusserster
-Konsequenz durchgeführte Charakteristik verleiht dem Werke Reiz und
-Glanz, auch die prachtvollen Schilderungen des landschaftlichen Milieus
-verdienen ausdrückliche Betonung und werden mit dazu beitragen, dem
-Autor als eigenartigen Schilderer absonderlicher Verhältnisse und
-Situationen neue Freunde zu gewinnen.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Die Venuspeitsche
-
-von
-
-Carl Felix von Schlichtegroll.
-
-
-Band IV.
-
-Die Wölfin.
-
-ROMAN
-
-Mit künstlerischem bunten Umschlagbild
-
-Preis Mk. 4.--
-
- Der Verfasser führt den Leser in die wildbewegte Epoche der
- französischen Revolution.
-
-In jenen blutbesudelten und nach Umgestaltung alles Bestehenden
-ringenden Zeiten trat eine Anzahl politischer Amazonen auf, und eine
-dieser ist es, deren Werden und Vergehen Schlichtegroll in der Gestalt
-„Der Wölfin“ gezeichnet hat.
-
-Théroigne de Méricourt ist ihr Name. Ein Geschöpf von brennendem
-Ehrgeiz und rasenden Leidenschaften; eine durch und durch Verworfene
-ihrem Wandel wie ihren Taten nach, und dennoch ein Weib, dessen starkem
-Geiste, dessen unerschrockenem Mute schaudernde Bewunderung gezollt
-werden muss, selbst von denen, die in ihr nichts als die Verkörperung
-weiblicher Bestialität zu erblicken vermögen. Eine Jeanne d’Arc d’impur
-hat Limartine sie genannt und mit diesem Ausdruck ihr Bild auf das
-schärfste und treffendste gekennzeichnet.
-
-Doppelt interessant für die Gegenwart dürfte dies geniale Ungeheuer
-schon darum sein, weil sie ähnlichen Wünschen und Bestrebungen, wie
-unsere Frauenrechtlerinnen solche verfechten, bereits in ihren Tagen
-energischen Ausdruck verlieh. Sie wollte den Mann entthronen und die
-Herrschaft des Weibes begründen, da sie sich als berufene Rächerin
-ihres Geschlechts an dem anderen, dem stärkeren, fühlte.
-
-In diesem Kampfe und an der Unmöglichkeit, ihre ehrgeizigen
-Phantastereien verwirklichen zu können, wie an der Unmässigkeit ihrer
-eigenen Natur ging sie unter -- und aus diesem tritt ihr Schicksal uns
-als ein tief tragisches entgegen.
-
-So leidenschaftlich, erschütternd, grausig und ungewöhnlich die Taten
-und Schicksale „der Wölfin“ auch erscheinen mögen, so gilt doch auch
-von ihnen das Wort Shakespeares:
-
- „Alles ist wahr.“
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig_
-
-
-In Servitute Felicitas
-
-von =Irene Brug=
-
-Preis Mk. 2.--
-
-Eine neue Romandichterin tritt mit dem vorliegenden Buche zum
-erstenmale vor die Öffentlichkeit. Sie erzählt uns keine süßliche
-und sentimentale Liebesgeschichte von zwei Menschen, die sich nach
-Überwindung von allerlei Hindernissen glücklich „kriegen“, sondern sie
-greift mit anerkennenswertem Freimut ein Problem an, das mit gleicher
-Geradheit und Ehrlichkeit wohl noch nie von einer Frau behandelt
-worden ist: Das Problem der Herrin Weib, des Weibes, welches in
-maßlosem Geschlechtsstolz sich selbst zur Königin des Mannes ernennt
-und hochmütig, rücksichtslos und ränkevoll genug ist, um den liebenden
-Mann ihrer Herrschaft zu unterwerfen. In jeder Frauenseele liegt, mehr
-oder weniger bewußt, dieser herrschsüchtige Weibstolz, aber schwer
-und ungern entschließt sich das Weib, diese innere Triebfeder ihres
-Handelns einzugestehen.
-
-Die Geschichte eines merkwürdigen Seelenlebens ist von der Autorin
-mit schlichter Einfachheit, ohne viel Ausschmückungen und Rankenwerk,
-erzählt, und diese große Natürlichkeit der Sprache und Schilderung
-bildet nicht den geringsten Charme dieser reizvollen Geständnisse einer
-Frau.
-
-
-Sinnen und Lauschen
-
-Briefe an einen Freund
-
-Ein Beitrag zur Psychologie der Homosexualität
-
-von
-
-Hanns Fuchs
-
-Preis Mk. 5.-- ord., eleg. geb. Mk. 6.--
-
-Ein homosexueller Briefwechsel! Über Homosexualität und Homosexuelle
-ist bis jetzt so viel geredet und geschrieben worden, daß es an der
-Zeit erscheint, die Homosexuellen selbst über sich und ihre Frage, über
-ihre Stellung in Welt und Gesellschaft, über ihre Psyche zu hören.
-
-In fesselnden Briefen, die auf Rat eines weltbekannten Arztes und
-Psychologen der Öffentlichkeit übergeben werden, erhält der Leser
-interessante Einblicke in das Innenleben, in den Vorstellungskreis
-eines Homosexuellen. Dieses Werk dürfte eines der interessantesten
-Bücher der Gegenwart sein.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig._
-
-
-Ein neuer Roman von Hanns Fuchs
-
-Verfasser von
-
-„Claire“ und „Auf Dornenpfaden“
-
-In purpurnen Schmerzen
-
-Stationen von einer Lebensreise
-
-Roman von HANNS FUCHS
-
-Mit Umschlagbild von Raphael Kirchner, Paris
-
-Preis Mk. 3.--
-
-Der Verfasser ist zu dem Problem seines ersten grossen Romans, zu dem
-des Masochismus, zurückgekehrt. Er selbst nennt diesen Roman eine neue
-Studie über den masochistischen Mann, und er schildert uns mit seinen
-bekannten leisen und eindringlichen Mitteln einen Mann, der zwischen
-Arbeit und Genuss als willenloser Spielball seiner Leidenschaften hin-
-und hergeworfen wird. Alles Äusserliche dieses ergreifenden Problems
-hat sich Hanns Fuchs in früheren Romanen von der Seele geschrieben, und
-so ist hier alles nur innerlich und seelisch.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig._
-
-
-Im Erscheinen begriffen:
-
-Dominatrix
-
-Roman-Zyklus von =R. Bröhmek=.
-
-
-Band I
-
-Der Sklave der schönen Despotin
-
-Mit künstlerischem Umschlagbild von Raphael Kirchner, Paris
-
-Preis Mk. 3.--
-
-
-Band II
-
-Fräulein Lehrerin
-
-Mit künstlerischem Umschlagbild von Raphael Kirchner, Paris
-
-Preis Mk. 3.--
-
-Ein altes deutsches Sprichwort sagt: „In jedem Weibe steckt ein
-Teufel“, und ein französisches Sprichwort lautet: „Tout homme diable et
-la femme surtout“.
-
-Nun, das Dämonische mag der Natur des schönen Geschlechtes besonders
-eigen sein, doch bedarf es stets genügender Momente, um die
-schlummernde Leidenschaft des teuflisch Bösen im Herzen der Frauenseele
-zu erwecken. Wir stehen hier vor keinem Rätsel mehr, längst sind die
-Verschmelzungen von weicher Sinnlichkeit und harter Strenge, von
-Wollust und Grausamkeit bekannt, und die Bemerkung, die man oft beim
-Anblick eines weiblichen Wesens hört „das Weib ist schön wie ein
-Teufel“ entbehrt nicht ihrer Berechtigung. Und ist ein Weib schön,
-so findet es feurige Verehrer und Anbeter ihrer die Sinnlichkeit
-berauschenden Reize.
-
-Jugend und Schönheit sind keine Bürgen gegen Grausamkeit, und gerade
-in jungen, schönen Weibern wächst die Sucht nach Herrschaft, weil das
-eigene Bewusstsein die Stärke hierzu verleiht. Die Grausamkeit liebt
-aber auch die Schwäche, und je haltloser sich ein Mann zu den Füssen
-einer grausamen Schönen zeigt, um so straffer wird diese die Zügel der
-Herrschaft spannen, um so herzloser mit ihrem Besiegten verfahren. Mit
-der Hilflosigkeit des Unterlegenen nimmt die Grausamkeit des Siegers
-zu, bis dieselbe in Verachtung übergeht. Wer ist grausamer als die
-schöne Frau, welche kokett vom Scheitel bis zur Sohle ihrer Schönheit
-huldigen lässt, die sich daran ergötzt, Männer zu ihren Sklaven zu
-machen, die Vergnügen und teuflische Freude daran findet, ihr Opfer bis
-zum Wahnsinn zu quälen und die Wirkung ihrer despotischen Gelüste mit
-katzenartigen Augen beobachtet, bis sie glaubt, weit genug gegangen
-zu sein. Frauen lieben die Macht mehr als die Männer, und das meist
-unterdrückte Verlangen nach Macht ist die Quelle von vielem Bösen,
-wenn sich einem Weibe die Gelegenheit bietet, ihre schlummernden
-Herrschgelüste zu entfalten.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig._
-
-
-Den Fuss im Nacken
-
-Roman von =R. Bröhmek=.
-
-Mit künstlerischem bunten Umschlagbild v. Raphael Kirchner, Paris.
-
-Preis Mk. 3.--.
-
-(Der Romanserie „Dominatrix“ dritter Band.)
-
-Die Natur treibt mit dem Menschen oft ein lächerliches Spiel.
-Sie stattet den einen trotz seiner körperlichen Schwäche und
-Unansehnlichkeit mit eminenter Willens- und Charakterstärke aus,
-während sie umgekehrt dem anderen kraftstrotzenden Hünen die
-Anwandlungen eines Schwärmers verleiht. Solch letztere Extreme weist
-der Held des vorliegenden Romanes auf. Er ist von Statur ein Riese,
-ein Urgermane mit lockigem Blondhaar und stahlblauem Auge, er besitzt
-die elementare Kraft seiner Urväter und mag auch stolz gewesen sein
-auf seine Mannesstärke, sich im Bewusstsein dieser Männlichkeit
-erhaben gefühlt haben bis zu jenem Momente, wo sich das Weib mit all
-ihren bestrickenden Reizen zum ersten Male voll und ganz seiner Sinne
-bemächtigt.
-
-Das junge liebreizende Mädchen, welches er im Herzen Brasiliens kennen
-lernt, und welches tatsächlich von faszinierender Schönheit ist, lässt
-alle Gluten verhaltener Leidenschaft hell in ihm auflodern, reisst
-ihn zu rasendem Liebesparoxysmus fort. Und seine Leidenschaft wird
-noch mächtiger, als sich das schöne angebetete Mädchen, das junge
-königliche Weib als stolze herrische Dame zeigt, die gewohnt ist, ihre
-Negersklaven zu züchtigen, deren Mund sich zu grausam spöttischem
-Lächeln verzieht, wenn der Sklave ihr zu Füssen kniet. -- -- --
-
-Auch in diesem Roman zeigt sich der Verfasser als meisterhafter
-Schilderer der menschlichen Psyche, er beweist, wie schnell die
-Leidenschaft alle Würde, alles Selbstbewusstsein abstreift, wie die
-stärkste Natur sich sklavisch demütigt, wenn die Sinnenlust sie treibt,
-und wie fest und energisch sich auch ein weiblicher Fuss auf den Nacken
-eines Mannes setzen kann, dessen Sinnenrausch ihn unter die Peitsche
-eines angebeteten Weibes zwingt.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig, 38._
-
-
-Grausame Frauen
-
-von
-
-Leopold von Sacher-Masoch.
-
-Preis jeden Bandes Mk. 1.--.
-
-
-Bd. I. (Sphinxe)
-
-Inhalt:
-
- 1. Irola
-
- 2. Theodora
-
- 3. Rote Haare
-
- 4. Ein dämon. Weib
-
- 5. Asma
-
- 6. Zweite Jugend
-
- 7. Die Freundinnen
-
-
-Bd. II. (Starke Herzen)
-
-Inhalt:
-
- 1. Wjera Baranoff
-
- 2. Die rote Nacht zu Dragal
-
- 3. Drama-Dschenti
-
- 4. Sicilianische Briganten
-
- 5. Wlasta
-
- 6. Das Recht des Starken
-
- 7. Trauerspiel auf Helgoland
-
- 8. Die Tochter des Totengräbers
-
-
-Bd. III. (Sieger u. Besiegte)
-
-Inhalt:
-
- 1. Der Sklave seiner Sklavin
-
- 2. Der Kosak
-
- 3. Die lebende Bank
-
- 4. Seltsame Strafen
-
- 5. Vassa
-
- 6. Die Teufelsfelsen
-
-
-Bd. IV. (Amazonen)
-
-Inhalt:
-
- 1. Die Bären der Fürstin Solomirska
-
- 2. Die Schwestern aus Saida
-
- 3. Die Raben
-
- 4. Despotin v. Hatron
-
- 5. Die Prinzessin Rajemska
-
- 6. Das Weib des Kosaken
-
- 7. 2 Schwestern
-
- 8. Daumschrauben
-
-
-Bd. V. (Richter und Henker)
-
-Inhalt:
-
- 1. Die schöne Witwe Kapitanowitsch
-
- 2. Vedremo
-
- 3. Ein weiblicher Richter
-
- 4. Charlotte Corday
-
- 5. Bajka
-
- 6. Richter und Henker
-
-
-Bd. VI. (Weiberrache)
-
-Inhalt:
-
- 1. Matrena
-
- 2. Der verkaufte Ehemann
-
- 3. Die Sklavenhändlerin
-
- 4. Don Juans Ende
-
- 5. Menschenware
-
- 6. Der rote Edelhof
-
- 7. Madame Brutus
-
-
-Jeder Band ist einzeln abgeschlossen und einzeln käuflich.
-
-Preis für jeden Band Mark 1.--.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig_
-
-
-Memoiren
-
-der
-
-Schwester Angelika
-
-einer entlaufenen Nonne des Klosters zu Cork
-
- _Dritte Auflage._ _Mit Illustrationen._
-
-Nach dem Englischen von
-
-J. Johnson
-
-Preis Mk. 2.--
-
-
-Afrika’s Semiramis
-
-Roman
-
-von
-
-Leopold von Sacher-Masoch
-
-herausgegeben von
-
-C. F. von Schlichtegroll
-
-Preis Mk. 3.--
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig_
-
-
-Unter dem Bakel
-
-Erzählungen
-
-von =W. Reinhard=.
-
-Preis Mk. 3.--
-
-_Inhalt_: I. Die Folgen einer Fahnenweihe. II. Bruchstücke aus dem
-Tagebuche eines Russen. III. Der Student auf der Strafbank. IV. Die
-Brautfahrt nach Surinam. V. Plauderei mit einem Zuchthausaufseher. VI.
-Die Lederhose als Ehestifterin.
-
-
-Der Kaibenturm
-
-Eine Hexengeschichte
-
-Nach Schweizer Prozessakten der dreissiger Jahre des achtzehnten
-Jahrhunderts erzählt von =Heinrich Schmidt von Kirchberg=.
-
-Preis Mk. 3.--
-
-Inhalt der einzelnen Kapitel:
-
- 1. Die Fallsüchtige.
-
- 2. Geistliche Tücke.
-
- 3. Die harte Stiefmutter.
-
- 4. Waldesfriede.
-
- 5. Geheimnisse d. Folterkammer.
-
- 6. Der lüsterne Altlandammann.
-
- 7. Schreckliches Wiedersehen.
-
- 8. Das letzte Peinverhör.
-
- 9. Hinrichtungen.
-
- 10. Nachwehen.
-
- 11. Die entschlossene Jungfrau.
-
- 12. Gerechte Rache.
-
-
-
-
-_Leipziger Verlag G. m. b. H. in Leipzig._
-
-
-Im Lande der Souldrivers
-
-Geschichten aus den Sklavenstaaten Nordamerikas
-
-von =William Taylor=.
-
- Band I. =Als Quarteronen verkauft.= Illustriert =Preis Mk.
- 2.--.=
-
- „ II. =Unter der Peitsche Donna Isabellas.= Illustr. =Preis
- Mk. 2.--.=
-
- „ III. =Am Abgrund der Schande.= Illustriert =Preis Mk.
- 2.--.=
-
- „ IV. =Sklavenliebe.= Illustriert =Preis Mk. 2.--.=
-
- „ V. =Im Hause des Sklaven-Reverend.= Illustriert =Mk.
- 2.--.=
-
- „ VI. =Unter Maronnegern.= Illustriert =Mk. 2.--.=
-
-Soeben erschien ein neues Werk aus der Feder des bekannten
-Schriftstellers =William Taylor=, dessen Werke „Auf Hearneshouse“
-und „Quenqueza“ so schnell die weiteste Verbreitung fanden und sich die
-Gunst der Leser im Fluge eroberten.
-
-Unter dem Gesamttitel:
-
-
-Im Lande der „Souldrivers“
-
-Geschichten aus den Sklavenstaaten Nordamerikas
-
-schildert der Verfasser, gestützt auf authentische Quellen und
-Zeugnisse von Sklavenhaltern, Sklavenhändlern und von Personen,
-die jahrelang in den Pflanzerstaaten des südlichen Nordamerikas
-lebten, in einer Reihe in sich abgeschlossener, aber untereinander
-zusammenhängender Erzählungen, das Elend und die Leiden, denen dort
-die Sklaven beiderlei Geschlechts unterworfen waren. Die entsetzlichen
-raffinierten Martern, die von grausamen Herren und Herrinnen mit
-geradezu teuflischer Phantasie ersonnen, über sie verhängt wurden,
-die schmachvollen Demütigungen und schändlichen Zumutungen, denen
-namentlich heranwachsende Mädchen und junge Frauen von Seiten der
-Sklavenhalter ausgesetzt waren, die systematische Vernichtung jeglichen
-Selbstbewusstseins im männlichen Quarteronesklaven durch die Gattinnen
-und Töchter der Sklavenhalter, alle diese Greuel führt der Verfasser in
-plastischer Weise dem Leser vor Augen -- kurz, William Taylor reisst
-hier mit mutiger Hand den Schleier von den Greueln, die einst unter
-dem Schutze und mit Zustimmung der Regierung in den Sklavenstaaten
-Nordamerikas verübt wurden.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Starken, by
-Dolorosa [pseud.] Maria Eichhorn
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STARKEN ***
-
-***** This file should be named 61032-0.txt or 61032-0.zip *****
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-official page at www.gutenberg.org/contact
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-
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die Starken, by Dolorosa [pseud.] Maria Eichhorn
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Die Starken
- Ein Athleten-Roman
-
-Author: Dolorosa [pseud.]
- Maria Eichhorn
-
-Release Date: December 27, 2019 [EBook #61032]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STARKEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem
-Original unverändert.</p>
-
-<p class="p0">In der gedruckten Ausgabe befindet sich zwischen den
-Kapiteln IV. und V. auf S. 44 ein weiteres Kapitel, welches mit ‚VI.‘
-bezeichnet wurde, aber nicht identisch mit dem ebenfalls mit ‚VI.‘
-nummerierten Kapitel auf S. 95 ist. Die Kapitelnummern wurden in der
-vorliegenden Fassung dahingehend neu geordnet, dass das Kapitel auf
-S. 44 nun mit V. bezeichnet wurde; alle folgenden Kapitelnummern
-verschieben sich entsprechend und bilden nun die Kapitel VI-XIV, wie aus
-dem vom Bearbeiter erstellten <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a>
-ersehen werden kann.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center">Herren des Lebens.</p>
-
-<p class="s4 center">Roman-Kranz in drei Büchern</p>
-
-<p class="s5 center">von</p>
-
-<p class="s3 center">Dolorosa.</p>
-
-<p class="s5 center mtop3"><b>I.</b></p>
-
-<p class="s2 center"><b>Die Starken.</b></p>
-
-<p class="s3 center">Ein Athleten-Roman.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet1" name="signet1">
- <img class="w6em mtop2 mbot2" src="images/a001.jpg" alt="Verlagssignet 1" /></a>
-</div>
-
-<p class="center">Leipzig, 38.<br />
-Leipziger Verlag, G. m. b. H.</p>
-
-<h1>Die Starken.</h1>
-
-<p class="s2 center">Ein Athleten-Roman</p>
-
-<p class="s5 center">von</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Dolorosa.</b></p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ein Ruck tut mir die Dienste des sorglichsten Denkens,</div>
- <div class="verse">ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft15"><em class="gesperrt">M. Stirner.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet2" name="signet2">
- <img class="w6em mtop2 mbot2" src="images/a002.jpg" alt="Verlagssignet 2" /></a>
-</div>
-
-<p class="center">Leipzig, 38.<br />
-Leipziger Verlag, G. m. b. H.</p>
-
-</div>
-
-<div class="s4 padtop5 break-before">
-
-<div class="figcenter">
- <a id="a003a" name="a003a">
- <img class="w15em mtop2" src="images/a003a.jpg" alt="Verzierung oben" /></a>
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-
-<p class="center mbot0_75">Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="a003b" name="a003b">
- <img class="w15em mbot2" src="images/a003b.jpg" alt="Verzierung unten" /></a>
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center padtop5 break-before">
-<span class="mright1">Jacob Koch,</span></p>
-
-<p class="s4 center"><span class="mleft6">dem Ringkämpfer.</span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5" colspan="3">
- <div class="right mleft6">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">Kapitel</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">I.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#I">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">II.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#II">7</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">III.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#III">17</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="center">„</div>
- </td>
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- <div class="right">IV.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#IV">26</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="right">V.</div>
- </td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="right">VI.</div>
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- <div class="right mleft6"><a href="#VI">58</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="right">VII.</div>
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- <div class="right mleft6"><a href="#VII">95</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">VIII.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#VIII">115</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">IX.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#IX">137</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="center">„</div>
- </td>
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- <div class="right">X.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#X">150</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="right">XI.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#XI">170</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">XII.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#XII">187</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIII.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#XIII">198</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIV.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right mleft6"><a href="#XIV">221</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Lange nach Mitternacht schloß Eberhard Freidank die Augen zu jenem
-kurzen, leichten und fieberigen Schlummer, der nach anhaltender,
-angespannter Anstrengung aller Geisteskräfte nicht eigentliche
-Erquickung bringt, sondern nur das Bewußtsein trübt, indes alle Glieder
-regungslos und wie zerschlagen daliegen. Als er nach einer Zeit, die
-ihm unglaublich kurz gewesen zu sein schien, erwachte, war schon der
-weißgraue Spätoktobermorgen am Himmel heraufgezogen und blickte matt
-hinein in das bescheidene Studentenstübchen, in dem Schlaf und Wachsein
-um Eberhard Freidank kämpften. Dieser Streit wurde aber alsbald
-entschieden durch den Briefträger, der eben die Treppen hinaufstieg und
-für Eberhard ein Briefchen brachte.</p>
-
-<p>Der junge Mann wurde ganz wach, betrachtete das längliche Briefchen
-mit überaus freundlichen Augen und übersah durchaus, daß die Adresse
-von flüchtiger, ungeübter Hand geschrieben und daß die Marke schräg
-über Eck geklebt war; denn er liebte Fritzi l’Alouette, die den Brief
-gesandt hatte, und sie schrieb ihm nur in seltenen Fällen. Er öffnete
-den Brief mit liebevoller Hand und las:</p>
-
-<p>„Liebster Ebi! Warum hast Du mich heute abend nicht vom Theater
-abgeholt? Ich hatte Dir gerade etwas Eiliges zu sagen. Ich bin nämlich
-in eine schreckliche Klemme geraten, und Du mußt mich unbedingt
-herausreißen. Bis morgen nachmittag muß ich unter allen Umständen
-zwanzig<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> Mark haben. Ich brauche sie furchtbar notwendig, und Du mußt
-sie mir ganz bestimmt beschaffen, aber hörst Du, ganz bestimmt. Jetzt,
-wo Du Dein Stück fertig hast, ist Dir das ja eine Kleinigkeit. Lieber,
-süßer Ebi, lasse mich keinesfalls im Stich. Du hast mich doch so lieb
-und wirst Deiner kleinen Fritzi die Bitte nicht abschlagen. Komme um
-drei Uhr ins Café Prätorius und bringe mir das Geld mit. Es grüßt und
-küßt Dich Deine treue Fritzi.“</p>
-
-<p>Du lieber Gott, sprach Eberhard erschrocken zu sich selbst, du lieber
-Gott, woher, in aller Welt, nehme ich bis heute nachmittag zwanzig
-Mark, um sie Fritzi zu bringen? Denn bringen muß ich sie; das eine ist
-ganz klar. Aber woher?</p>
-
-<p>Er nahm das magere Portemonnaie aus der Hosentasche, öffnete es, obwohl
-er genau wußte, wie viel, oder richtiger, wie wenig darin war, und
-zählte melancholisch: eins, zwei, &mdash; sieben Groschen; und hier, in dem
-Extrafache, noch eine Mark; fehlten achtzehn Mark und dreißig Pfennige.
-Ein erheiterndes Rechenexempel!</p>
-
-<p>„Deine treue Fritzi“, las er noch einmal und dachte betrübt: Das liebe
-Kind! sie hat auf mich gewartet, um mir ihre Verlegenheit zu klagen!
-sie hat endlich eingesehen, daß ich nicht gekommen war, und ist traurig
-allein nach Hause gegangen, während ich Barbar an diesem Tischchen saß,
-um mein Stück zu beenden! Das gute, ahnungslose Kind: mein Stück, so
-denkt sie in ihrem herzigen Vertrauen, wird uns beide sofort, da es
-kaum fertig ist, mit Reichtümern überschütten!</p>
-
-<p>Eberhard griff halb schüchtern, halb stolz nach dem dicken Schreibbuche
-in schwarzem Wachstucheinband und betrachtete es mit der lächelnden,
-freudenvollen Befangenheit des jungen Autors, der ein Erstlingswerk
-vollendet und viel fröhliche Pläne und hochfliegende Hoffnungen, viel
-ju<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span>gendliche Zaghaftigkeit, viel Jünglingssehnsucht und Träume von Ruhm
-und Glück in die sorgsam beschriebenen Linien eingeschlossen hat. Er
-schlug das Manuskript auf und lächelte mit seinem frischen, gesunden
-und naiven Lächeln wohlgefällig den Titel an, welcher also lautete: Ein
-Kind der Straße. Volksschauspiel in vier Akten von Eberhard Freidank.</p>
-
-<p>Das „Kind der Straße“ hatte auch schon eine kleine Tragödie hinter
-sich, die Tragödie der Ungedruckten und Unaufgeführten, die kein Mensch
-bedauert. Als es in Eberhard Freidanks Kopfe geboren wurde, stand es
-schon in seinen Umrissen fix und fertig da, und es sollte ein feines,
-nachdenkliches Drama voller Geist und Psychologie werden. So wollte es
-der junge Freidank. Als aber das Manuskript fertig vor ihm lag, glich
-es dann doch nicht der Lichtgestalt seiner Träume; die Glut seiner
-Gedanken war auf dem weißen, empfindungslosen Schreibpapier verblaßt,
-und die Worte standen so steif und leblos da. Immerhin sandte er
-sein Werk voll Zweifel und Hoffen an die Intendantur der königlichen
-Schauspiele. Nach einer langen Zeit, während deren er sich vergeblich
-einzureden versuchte, daß ihn das Schicksal seines Manuskriptes
-nicht im geringsten interessiere, bekam er es zurück. Da hatte er es
-umgearbeitet, hatte moderne, übermoderne Züge hineinverwebt und es
-einem intelligenten Theaterdirektor eingereicht, der gern Talente
-entdeckte. Nach vierzehn Tagen ließ der Direktor den Mann kommen,
-dessen unbrauchbare Arbeit den gewissen, ahnungsvollen Bühneninstinkt
-verriet. Als Eberhard das Bureau betrat, sah ihn der Bühnengewaltige
-von oben bis unten an und lachte dann hell auf: „So sehen Sie aus?
-So kerngesund, so unwahrscheinlich gesund, ein rotbäckiger Germane,
-direkt Athlet, und schreiben diffizile, pathologische Stücke? &mdash; Junger
-Dichter, wenn Sie den<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Rat eines alten Praktikers nicht übel nehmen,
-so lassen Sie sich sagen: Besinnen Sie sich erst auf sich selbst, auf
-Ihre eigne Kraft, und dann schreiben Sie ein neues Stück und bringen es
-mir.“ &mdash; Da hatte der junge Mann pikante Verwickelungen hineingebracht
-und es einem Theater eingereicht, welches französische Ehebruchsdramen
-aufführte. Aber der biedere, fröhliche, von Herzensgrund reine und
-gesunde Jüngling hatte keine Pikanterie schaffen können, und wieder
-kehrte das Stück zu ihm zurück.</p>
-
-<p>Nun zürnte Eberhard sich selbst, wollte niemals wieder schreiben
-und tat sich selber leid, daß er in langen Winternächten mühsam die
-schwarzen Buchstaben aneinander gereiht hatte, anstatt sich von des
-Tages Arbeit auszuschlafen; denn er hatte einen Tag wie den andern am
-Morgen Kollegs gehört und nachmittags Privatstunden gegeben, um seine
-bescheidenen Einkünfte zu vermehren. Die Enttäuschung bewirkte nun,
-daß er die ganze Arbeit, das Studieren und Schreiben, aus tiefster
-Seele haßte. Zehnmal des Tages reckte er seine langen, starken Glieder,
-deren Kraft zu nichts gebraucht wurde, sehnte sich, schwere Arbeit zu
-verrichten, und wenn er einen Steinträger unter seiner Bürde keuchen
-sah, hätte er ihm am liebsten die Last abgenommen. Um jene Zeit ging
-er wieder zum Turnen und Fechten, machte weite Spaziergänge und ging
-oftmals zu Fuß nach Potsdam, statt in das Kolleg. Privatstunden hörten
-auf: er suchte keine neuen. Sie hätten ihm zu viel Zeit geraubt, denn
-inzwischen hatte er Fritzi kennen gelernt, Fritzi, die Chansonette.</p>
-
-<p>Sie war kein großer Stern, sondern nur eines von den ganz kleinen
-Sternchen. Als Eberhard sie kennen lernte, machte sie gerade den
-unsicheren Sprung aus der Variétéschule ins erste Engagement. Er sah
-sie bei ihrem ersten Debüt, und wie sie mit ihrem muntern Stimmchen
-sang,<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> mit zierlich schlanken, rotbestrumpften Beinchen tanzte und mit
-lieblichem Munde und blitzenden Augen lachte, sang, tanzte und lächelte
-sie sich geradenwegs in das ehrliche Herz des großen, starken Studenten
-hinein.</p>
-
-<p>Da fing ein fröhlicher Frühling leichtlebiger junger Liebe an, die
-das Heute genießt, ohne der grauen Zukunft zu gedenken. Für ihre Gage
-hätte Fritzi sich nicht einmal die bunten, flatternden Kleidchen kaufen
-können, in denen sie abends über die Bühne hüpfte. Eberhard sorgte für
-alles, und Fritzi war ihm dafür gut. Der Jüngling dachte nie daran, daß
-sein kleines Erbe einmal aufgezehrt sein könnte, und ein wunderlicher
-Schreck, mehr Staunen als Entsetzen, durchzuckte ihn an jenem Tage, an
-dem der Bankier ihm die letzten zweihundert Mark seines Kapitals nebst
-einer Schlußabrechnung sandte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er mußte nun in kurzer Zeit Geld verdienen, um für sich und Fritzi
-sorgen zu können. Zufällig fanden sich nicht sogleich Privatstunden.
-Was tun, um schnell zu verdienen? Man schreibt etwas; ein Buch, ein
-Stück... Da wurde triumphierend das alte, verstaubte und vergilbte
-Manuskript hervorgesucht und kritisch, mit der naiven Überlegenheit des
-Menschen, der inzwischen zwei Jahre älter geworden, von neuem studiert.</p>
-
-<p>Gerade in diesen Tagen machte Eberhard die Bekanntschaft des Direktors
-vom Odeontheater. Den hat der Himmel mir geschickt, dachte Eberhard.
-Dem fröhlichen, jovialen Manne, der abends am Artistentische ein
-so angenehmer Kneipgenosse war, würde er sein Stück anbieten und
-sicher keine Ablehnung erfahren. Das Drama, welches schon so viele
-Metamorphosen erlebt hatte, sollte aus dieser letzten Häutung als
-Volksschauspiel in vier Akten erstehen, grausig und rührend, pomphaft
-und populär, wie das Publikum des Odeontheaters es liebte. Ohne Furcht
-sah nun der junge<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> Freidank seine Barschaft auf die Neige gehen und war
-nur traurig, daß er Fritzi ein wenig knapper halten mußte. Aber nur
-erst fertig sein, dann würde schnell der Umschwung zum Guten kommen! Er
-arbeitete fieberhaft, mit fliegender Feder, und gerade am Abende, ehe
-Fritzis Brief ankam, hatte Eberhard, bebend vor Stolz und Hoffnung, den
-Schlußstrich unter dem „Kind der Straße“ gezogen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i006" name="i006">
- <img class="w12em mbot2 mtop2" src="images/i006.jpg" alt="Ende Kapitel I" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eberhard heuchelte vor sich selbst Gleichgültigkeit, als er das
-umfangreiche Manuskript zu sich nahm und sich auf den Weg zu
-Direktor Immermann vom Odeontheater begab. Immermann! sagte er mit
-zuversichtlichem Lächeln zu sich selbst, der teure Name soll mir ein
-gutes Omen sein! &mdash; freilich, außer dem Namen ist nichts Immermannsches
-weder an diesem Direktor noch an seinem Theater.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Man gelangte zu dem Bureau des Direktors Immermann durch einen
-schmalen, finsteren Korridor, der auf einen freien Vorraum führte, wo
-allerlei Kulissengerümpel lag und stand. Eberhard durchschritt diesen
-Raum, klopfte an und trat in das Bureau.</p>
-
-<p>Direktor Immermann war nicht darin; ein blasser, verkümmerter Schreiber
-präsentierte dem Besucher einen Sessel und vertiefte sich dann wieder
-in die Unterhaltung mit einem temperamentvollen Juden, der Herr Markus
-genannt wurde. Herr Markus hatte viele Photographien und farbige
-Plakate auf einem Zähltisch ausgebreitet und redete lebhaft und unter
-Anwendung unverständlicher Fachausdrücke auf den Theaterschreiber ein.
-Er führte ein großes Wort, und der blasse junge Mann hörte ihm voller
-Interesse zu.</p>
-
-<p>Eberhard sah sich ein wenig neugierig um. Alle Wände und überhaupt
-alle vorhandenen Flächen waren mit bunten Artistenplakaten tapeziert;
-dazwischen fanden sich hier und da verstaubte Schleifen und ein alter
-Lorbeerkranz. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> meisten dieser großen, bunten Blätter hingen schon
-lange an den Wänden und hatten keine Beziehung zu dem gegenwärtigen
-Repertoire des Theaters. Aber nun fiel Eberhards Blick auf ein
-schreiend gelbes, mit Riesenlettern bedrucktes Plakat, welches besagte:
-Am 1. Dezember beginnt im Odeontheater eine große internationale
-Ringkampf-Konkurrenz um die Meisterschaft von Deutschland und den
-großen Preis von Berlin im Betrage von achttausend Mark. 24 Ringkämpfer
-ersten Ranges haben sich bis jetzt gemeldet. &mdash; Um dieses auffällige
-Plakat, welches die Mitte der Wand einnahm, waren die prächtigen,
-überlebensgroßen Reklamebilder berühmter Athleten gruppiert. Jetzt
-verstand Eberhard mit einem Male die Unterhaltung der beiden Männer
-am Zähltische. Immer noch erzählte Herr Markus voll Leidenschaft, mit
-orientalischem Temperamente, von „unserer Konkurrenz“ und setzte dem
-aufhorchenden Schreiber auseinander:</p>
-
-<p>„Dies Bild? &mdash; Ein Schwarzer natürlich, ein pechschwarzer Sudanneger;
-er heißt Mansur! &mdash; Sie sagen, er hat auf der Photographie einen
-Trauring auf? &mdash; Ja, den hat er wohl abzunehmen vergessen.“</p>
-
-<p>„Trägt er ihn denn sonst?“ fragte der Schreiber mit neugierigem Lachen.
-„Seine Frau sitzt doch wahrscheinlich in Afrika, im Harem, und sieht
-ihn nicht!“</p>
-
-<p>„In Afrika? Im Harem?“ schrie der Manager und schüttelte sich vor
-Lachen, während er mit seinen übermäßig beringten Händen heftige Gesten
-machte, „da kennen Sie Mansurs Frau schlecht! O nein! Sie läßt ihn
-nicht einmal allein ausgehen. Abends sitzt sie im Theater und hält
-beide Augen offen, daß er nicht etwa mit einer Verehrerin spricht. O
-Himmel, ja, die Frau Mansur hat Schneid! &mdash; Eine Wienerin, wissen Sie,
-so eine richtige mollige, aber sie steckt ihren Mansur, so groß und
-dick er ist, zehnmal<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> in den Sack, obwohl sie ihm gerade bis an den
-Ellenbogen reicht!“</p>
-
-<p>Eberhard fing eben an, sich für die Unterhaltung zu interessieren, als
-man schwere Schritte die Treppe, die zur Bühne führte, herunterkommen
-hörte. Sofort änderte sich das Bild im Bureau; der Schreiber ging
-langsam, mit müder Geschäftsmiene, an sein Pult zurück, während Herr
-Markus, der bis jetzt, nach jüdischer Gewohnheit, mit bedecktem Kopfe
-gestanden hatte, schnell den Zylinder abnahm und auf einen Stuhl
-setzte. Mit dieser einzigen Bewegung hatte er eine devote, beflissene
-Haltung eingenommen, und eifrig lief er den Ankommenden entgegen. Es
-war Direktor Immermann, der einem andern Herrn höflich den Vortritt
-ließ.</p>
-
-<p>Der Direktor ging auf Eberhard zu, der sich beim Eintritt der Herren
-erhoben hatte, und begrüßte ihn in seiner munteren, kordialen Weise:</p>
-
-<p>„Ah, junger Freund, das ist aber hübsch, daß Sie einmal kommen! &mdash;
-Gleich stehe ich zu Ihrer Verfügung! Nur wenige Minuten noch habe ich
-mit Herrn Thyssen zu sprechen! &mdash; Die Herren gestatten: Herr Freidank;
-Herr Thyssen, unser berühmter Weltmeister... Sie entschuldigen mich ein
-Weilchen, mein junger Freund; nehmen Sie Platz indessen...“</p>
-
-<p>Eberhard verbeugte sich tief vor dem berühmten Athleten und setzte
-sich wieder. Hermann Thyssen aber nahm den angebotenen Platz nicht an
-und ging langsam, mit schweren Schritten, an den Tisch, auf dem die
-Photographien ausgebreitet lagen, während er Direktor Immermann mit
-einer kaum merklichen Kopfbewegung zu sich winkte.</p>
-
-<p>Es konnte kaum ein größerer Unterschied zwischen zwei Männern gedacht
-werden, als zwischen dem Theaterdirektor und dem Ringkämpfer, wie sie
-jetzt nebeneinander<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> standen. Immermann war ein kleiner, blonder,
-fröhlicher Mann, dessen rundes Bäuchlein ihm nichts von einer
-angeborenen heiteren Behendigkeit geraubt hatte. Er hatte hellblondes
-Haar und einen lustigen, goldblonden Spitzbart. Seine lebhaft gefärbte
-Kravatte war mit einem großen Brillanten geschmückt, und auf seinem
-Bäuchlein schaukelte eine dicke Uhrkette mit zahlreichen Berlocken.
-Herr Thyssen überragte den Direktor fast um einen Kopf. An ihm war
-alles von unaufdringlicher Gediegenheit und Eleganz. Seine Kleider
-verrieten den ersten Londoner Schneider, seine Knopfstiefel den
-feinsten englischen Schuster. &mdash; Auf einem starken Halse erhob sich
-selbstbewußt, fast hochmütig, der interessante, prachtvolle Kopf. In
-den dunklen Augen blitzte ein ernstes, schönes Feuer, die kühne Stirn
-war hoch und überaus edel geformt, die schwarzen, nicht allzu kurz
-geschnittenen Haare waren über der linken Schläfe in einen Scheitel
-gekämmt. Den starken, schwarzen Schnurrbart trug Herr Thyssen nach
-preußischer Mode gerade nach oben gebürstet. Aber in diesem stolzen,
-herrischen Gesichte frappierte der weiche, feine, köstlich geformte
-Mund. Dieser Mund war hellrot und schwellend, wie der zarte Mund
-eines Kindes, und von jener klassisch edlen Form der Lippen, die der
-hellenische Phidias seinen unsterblichen Jünglingsangesichtern lieh.
-Darunter wölbte sich dann ein festes, willensstarkes Kinn. Die breiten
-Schultern, die ganze hohe und breite Gestalt des Weltmeisters waren von
-jener ruhigen, gleichmäßigen Schwerfälligkeit, die aus dem Bewußtsein
-einer sicheren, überlegenen, ungeheuren Kraft entspringt.</p>
-
-<p>Eberhard freute sich, den berühmten Athleten, den Sieger in allen
-Wettkämpfen der Welt, mit bürgerlichen Kleidern angetan, von Angesicht
-zu Angesicht betrachten zu können. &mdash; Herr Thyssen sah ruhig die
-Photographien durch und ließ alle Fragen, die Immermann zu stellen
-hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> durch sein Faktotum Markus, welcher als der Manager vorgestellt
-wurde, beantworten. Doch nun wendete sich Immermann direkt an Thyssen:</p>
-
-<p>„Sie aber wissen allein, Herr Thyssen, auf welche Teilnehmer wir mit
-Sicherheit rechnen können? Ich muß die Namen vorher haben, wegen der
-Reklame...“</p>
-
-<p>Thyssen war kein Freund vom vielen Reden. Er schob dem Direktor einige
-Bilder zu und sprach langsam und bedächtig:</p>
-
-<p>„Bernhard Meinken aus Hamburg; Paul Kiesling aus Westfalen; vielleicht
-den Münchner Binder. &mdash; Raymond Poing de fer; Pierre le Forgeron,
-genannt Oeillet rouge, die rote Nelke; Champion von Paris! &mdash; Jan van
-Muyden; Ola Carstensen; Frank Argyll aus Texas; Manuel Gomez, el Toro
-de Granada; Giacomo Petrocchi und Vittorino Cardo, sein Bruder; Sergej
-Roditscheff aus Rußland; Jimmy Holyhead, ein Schwarzer; Mansur, the
-Lion of the Sudan, auch ’n Schwarzer; haben Sie?... William H. Lanfrey;
-Karl van dem Domhoff...“</p>
-
-<p>„Kenn’ ich nicht,“ sagte Immermann dazwischen.</p>
-
-<p>„Ob Sie ihn kennen oder nicht, ist doch ejal,“ sagte der Athlet
-gleichmütig in seinem wohllautenden niederrheinischen, etwas
-schleppenden Dialekte. „Hauptsache ist doch, daß ich ihn kenne.
-Kann Ihnen aber zu Ihrer Beruhigung sagen: seriöse Meisterschaft im
-Schwergewicht, 1904 in Lüttich. Jenüjend, allright? &mdash; Überhaupt, was
-soll Ihnen die Aufzählung? Ich versteh’ nicht, wozu Sie die heut’
-brauchen. Das schreibt Ihnen Markus alles... Wichtiger ist mir: Ich
-brauche dann noch ’n paar Berliner, die ’n bischen hermachen. Müssen
-immer ’n paar Einheimische ’bei sein.... Die könnten Sie mir besorjen,
-Immermann. Da hätt’ ich ’n’ jroße Arbeit weniger...“</p>
-
-<p>„Professionals?“ fragte Immermann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>„Ach nee!“ erwiderte der Athlet, ärgerlich, daß er Erklärungen
-geben mußte. „Die kann ich doch allein krieje, nicht? &mdash; Auch keine
-Klubleute. Wird mir sonst zu jroße Klubmeierei; ’n paar jute Amateure.
-Werden sich schon denken können, was ich brauche. Im Notfall ist einer
-jenug...“</p>
-
-<p>Der Direktor behauptete, daß er nun genau wüßte, was Herr Thyssen
-wünschte, und er würde einen solchen jungen Mann besorgen. Inzwischen
-hatte der Manager Markus sämtliche Photographien eilfertig
-zusammengerafft und erinnerte Thyssen respektvoll, daß es hohe
-Zeit sei, wenn man den Hamburger Zug noch erreichen wollte. Darauf
-reichte Hermann Thyssen dem Theaterdirektor die große, starke Hand
-und verabschiedete sich, ohne viele Worte zu machen. Beim Hinausgehen
-streifte er Eberhard mit einem scharfen, prüfenden Blicke. Eberhard sah
-eine Sekunde lang in die stolzen, flammenden Augen, während ein warmes,
-eigentümlich wohltuendes Gefühl eigener junger Kraft und Gesundheit
-durch seinen Körper zog...</p>
-
-<p>„Das sind Kerls!“ rief Immermann, der seinen berühmten Gast bis ans Tor
-begleitet hatte und nun aufgeregt zurückkehrte, in heller Begeisterung.
-„Donnerwetter, das sind Kerls! Dieser Thyssen! Dagegen kommt sich
-unsereins wie ’ne Mücke vor... Diese Tatzen, was? Damit eins kriegen,
-muß ’n Vergnügen sein, was? &mdash; &mdash; Aber womit kann ich Ihnen dienen,
-junger Freund?“</p>
-
-<p>„Ich bringe Ihnen ein Stück,“ sagte Eberhard hoffnungsvoll, indem er
-das Manuskript hervorholte. „Ein Stück für Ihr Theater, extra für
-Sie geschrieben. Können Sie es nicht gleich lesen? Es würde Ihnen
-sicherlich gefallen... Das ist etwas für Ihr Publikum, glauben Sie mir!
-Vier kurze Akte...“</p>
-
-<p>Eberhard brach ab, da der Theaterdirektor keine Miene<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> machte, nach
-dem Hefte zu greifen, sondern es mit jovialem Lächeln ein wenig
-zurückschob. Er blickte Eberhard mit seinen freundlichen, hellen Augen
-an und sagte munter:</p>
-
-<p>„Dichter sind Sie auch? &mdash; Wußte ich gar nicht. &mdash; Haben Sie nicht die
-kleine Fritzi aus dem ‚Goldsalon‘! Nicht wahr? Ja, wußte ich doch noch.
-Und die läßt Ihnen Zeit zum Dichten? Komisch. Solche lebenslustigen,
-kleinen Käfer lassen den jungen Herren gewöhnlich gar keine Zeit! Wohl
-eine feurige, kleine Kröte, was? Ja, ja, diese schwarzen Augen!“</p>
-
-<p>Eberhard ärgerte sich. Er mochte keine Diskussion über das Temperament
-seiner Fritzi, hier, vor den Ohren des Schreibers. Er begann von neuem:</p>
-
-<p>„Wollen Sie nicht mein Stück lesen? Es paßt wirklich großartig für Sie.
-Es heißt: „Das Kind der Straße“. Nun, gefällt Ihnen das? Das wird bei
-Ihnen ziehen, passen Sie auf!“</p>
-
-<p>Immermann nahm das Manuskript, blätterte darin, lachte behaglich und
-sagte mit vergnügtem Schmunzeln:</p>
-
-<p>„Ein richtiges Theaterstück, wahrhaftig! Hätte wirklich nicht gedacht,
-daß Sie auch dichten können. Ist sicherlich ein sehr hübsches Stück!
-Warum sollte es nicht hübsch sein? &mdash; Aber für mich? Nein, lieber Herr
-Freidank! Ich kann doch keine Stücke von den Herren Dichtern brauchen!“</p>
-
-<p>„Aber Sie führen doch fortwährend neue Stücke auf!“ sagte Eberhard
-aufgeregt. „Die muß doch irgend jemand schreiben! Also warum sollten
-Sie nicht ein Schauspiel von mir bringen?“</p>
-
-<p>„Ich beziehe doch meine Stücke fix und fertig von meinem Agenten,“
-erwiderte Immermann freundlich beschwichtigend. „Gleich mit allen
-Regiebemerkungen, mit der notwendigen Musik &mdash; wie gesagt, die Mimen
-können gleich losspielen! &mdash; Jeden Gefallen tue ich Ihnen gern,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> junger
-Freund, aber ein Stück von Ihnen spielen? Es ist unmöglich, so gerne
-ich’s täte, es ist wahrhaftig unmöglich!“</p>
-
-<p>Freidank geriet angesichts dieser lächelnden, jovialen Ablehnung in
-Verzweiflung. Er versuchte einen letzten Ansturm:</p>
-
-<p>„Aber nehmen Sie es doch, Herr Immermann! Die Regie richte ich Ihnen
-sehr gern ein. Das ist das wenigste! Sie bekommen es billig... Es ist
-doch direkt für Sie geschrieben...“</p>
-
-<p>Endlich hörte der Direktor den bangen, flehenden Ton der Sorge aus
-Eberhards Worten.</p>
-
-<p>„Ah so!“ sagte er freundlich, „das ist’s, darum liegt Ihnen so viel an
-Ihrem Stück... Nun, das passiert Jedem ’mal! Das kenne ich! Das hätten
-Sie doch gleich sagen können! Hier, Herr Freidank!“</p>
-
-<p>Er griff in seine Westentasche und holte ein Zehnmarkstück heraus,
-welches er Eberhard in die Hand drückte, indem er bemerkte:</p>
-
-<p>„Können mir’s ja wiedergeben, wenn es Ihnen paßt. &mdash; Nein, nein, nehmen
-Sie nur, keine Widerrede, junger Freund! &mdash; Weiß ja, junge Leute
-brauchen immer Geld, ja, ja!“</p>
-
-<p>Eberhard sah alle seine Hoffnungen zerschellen. Eine wilde, finstere
-Verzweiflung tat sich vor ihm auf. Jetzt entschloß er sich, dem
-behäbigen, gutmütigen Direktor sein Leid rücksichtslos anzuvertrauen,
-trotz der Anwesenheit des Schreibers, die ihn unendlich genierte. Aber
-der Schreiber, der viel wechselvolle Schicksale und Artistenelend
-alltäglich sah, interessierte sich gar nicht für diesen dichtenden
-„Herrn Doktor“; übrigens nahm er jetzt Hut und Überzieher und ging zu
-Tisch. Da faßte Eberhard sich ein Herz und sagte dem Theaterdirektor
-ehrlich, aber in schamhaft abgerissenen Worten, wie es um ihn stand
-und wie er auf diese Arbeit seine letzte, ja, seine einzige Hoffnung
-gesetzt habe. In<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> einiger Zeit werde er ja wieder Beschäftigung finden,
-aber jetzt... kurz vor Weihnachten...</p>
-
-<p>Fritzi fiel ihm ein; die Ratlosigkeit übermannte ihn. Er zuckte die
-starken, breiten Schultern und starrte finster die bunten Bilder der
-phantastisch gekleideten Tänzerinnen und der stereotyp lächelnden
-Komiker an.</p>
-
-<p>„Ja, das ist sehr schlimm!“ sagte Immermann bedächtig, „da ist schwer
-raten... Ein junger Herr Doktor, nun, das ist eine schrecklich
-brotlose Arbeit... Das ist doch nichts, wenn man bloß dichten kann,
-und Lateinisch und Griechisch, und so Kram, was kein Mensch brauchen
-kann... Ja, wenn Sie irgend etwas Reelles könnten! Komiker, oder
-Gymnastik, oder Athlet, oder so... Das ist was! Dafür habe ich immer
-Verwendung! Zum Athleten paßten Sie zum Beispiel brillant, mit Ihrem
-Wuchs!“</p>
-
-<p>Eberhard lachte ärgerlich, aber Immermann nahm sein Lachen für
-Zustimmung:</p>
-
-<p>„Was sagen Sie nun? &mdash; Nicht, das gefällt Ihnen? Sehen Sie, das ist
-was Rentableres, als Stücke schreiben! &mdash; Dichten kann jeder, aber
-nicht jeder is ’n Athlet! &mdash; Ziehn Sie ’mal Ihren Rock aus und zeigen
-Sie Ihre Muskeln! &mdash; Was wollen Sie eigentlich mehr? Zum Donnerwetter,
-ja, das nenne ich ’n Biceps! Sie sind wohl ’n heimlicher Ringkämpfer,
-Sie...?“</p>
-
-<p>Und er klopfte dem jungen Manne, dem er kaum bis an die Schultern
-reichte, derb auf die Arme und Schenkel.</p>
-
-<p>Der junge Freidank wußte nicht recht, ob Immermann im Scherz oder im
-Ernst redete. „Nein!“ sagte er zögernd, „nein, Ringkämpfer bin ich,
-weiß Gott, nicht!“</p>
-
-<p>„Können Sie werden, können Sie werden,“ antwortete Immermann
-rasch, „das läßt sich lernen! Wer die Kraft hat, lernt schon die
-Technik! &mdash; Nun, nicht wahr, Sie haben Lust? &mdash; Da könnte ich Sie
-nämlich sofort engagieren, ja!<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> &mdash; Zwar &mdash; erst für den Dezember;
-bei der Meisterschafts-Konkurrenz mit Thyssen! &mdash; Bis dahin... Sie
-brauchen Geld... Darüber ließ sich reden... Man könnte Ihnen eine
-Vorschußzahlung geben. Mit Ihnen würde ich die Ausnahme machen...“</p>
-
-<p>Der junge Freidank war so überrascht, daß er weder zustimmende, noch
-ablehnende Worte fand. Etwas in ihm sprach dagegen. Und dann schrie
-doch auch etwas in ihm auf, das war dafür, und das reckte sich in den
-jungen Muskeln, das sprang heftig durch alle Adern, das war wie ein
-heißes Verlangen, die Kräfte an fremder Kraft zu messen...</p>
-
-<p>„Also, ist gut!“ sprach Immermann inzwischen mit seinem gutmütigen
-Lächeln, „Sie lassen den gelehrten Kram und die Dichterei schießen
-und kriegen bei uns Kontrakt... Bin ich ein anständiger Mensch, ja?
-&mdash; Helfe ich Ihnen vernünftig aus der Patsche oder nicht? &mdash; Gut. Sie
-lernen bis zum 1. Dezember gut ringen. Es ist ein Stück Arbeit, aber
-es geht. Nehmen Sie einen Trainer, der was versteht, und arbeiten Sie
-fleißig. Ich schreibe Ihnen eine Anweisung auf fünfzig Mark aus, damit
-Sie den Trainer bezahlen können... Nein, Sie brauchen sich nicht zu
-bedanken!“ rief der kleine, blonde Herr freundlich, „Sie geben mir
-ja eine Quittung dafür!... Wollte, ich hätte ’mal ’n Jungen wie Sie.
-Meiner ist mir mit zwölf Jahren ertrunken... Ja, was ich sagen wollte:
-wissen Sie ’n guten Trainer? Ich wüßte einen. Hier ist die Adresse,
-notieren Sie: André Leroux... Also, abgemacht, junger Freund! Montag
-holen Sie sich den Kontrakt!“...</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i016" name="i016">
- <img class="w12em mbot2 mtop2" src="images/i016.jpg" alt="Ende Kapitel II" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es schwirrte Eberhard vor den Augen, als er auf die Straße trat, und in
-seinen Gedanken war eine sonderbare Leere. Er hatte dieses Haus mit gar
-so anderen Hoffnungen und Wünschen betreten und wußte nun nicht, ob er
-besser oder schlechter dran war, als zuvor.</p>
-
-<p>Im Hauseingange, nahe dem Tore, hing wieder das gelbe Plakat aus dem
-Theaterbureau. Vorher war es dem jungen Manne nicht aufgefallen, jetzt
-blieb er davor stehen. Zwei ganz junge Mädchen, die leichtfüßig durch
-den Torweg geschritten kamen, blieben ebenfalls stehen, lasen von den
-vierundzwanzig Ringkämpfern und lachten. Dann sagte die eine, sie habe
-noch nie Ringkämpfer gesehen; was das wohl für Leute sein möchten? Das
-andere Mädchen, welches Annette genannt wurde, machte bewundernde und
-schwärmerische Augen und erwiderte: „Natürlich sind sie schrecklich
-stark; furchtbar groß und breit; ungefähr zwei Meter groß oder so...“
-„Ich bin ein Meter fünfundfünfzig,“ sagte die erste leise.</p>
-
-<p>Eberhard fiel es ein, daß er zweihundertfünf Zentimeter hoch war, und
-er richtete sich unwillkürlich straff auf. Die jungen Mädchen aber
-hinter ihm mußten plötzlich auch seine Größe und Stärke bemerkt haben,
-denn ihr Lachen und Zwitschern brach jäh ab und sie gingen stumm von
-dannen.</p>
-
-<p>Der junge Mann unterdrückte ein stolzes Lächeln und schritt festen,
-langsamen Ganges weiter. Ein merkwürdiges<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Gefühl lag schwer und
-beruhigend in seinem Körper; er fühlte die Glieder so sonderbar fest
-und sicher in den Gelenken ruhen, er preßte die Fäuste zusammen und
-dachte: so viel Kraft, so viel Kraft, mit der man nichts beginnt...</p>
-
-<p>Durch das grauweiße Gewölk des spätherbstlichen Himmels war die
-Sonne durchgebrochen und ihr warmes, gelbes Mittagsleuchten zauberte
-einen künstlichen Sommer auf der Straße hervor. Studenten kamen
-ihm entgegen, die ihre bunten Mützen und dreifarbigen Bänder im
-Sonnenschein spazieren führten, und andere, die Bücher unter dem Arme
-trugen. Eberhard Freidank mußte fortsehen und dann wieder gewaltsam
-hinsehen. Er gehörte ja doch zu ihnen, noch... und immer... Ihr Reich,
-das Reich des Geistes, der Pläne, Hoffnungen und Ideale, war auch
-sein Reich, ihr Streben war sein Streben, und die Schätze des Wissens
-waren der unversieglich reiche, ewig frische Born, aus dem auch er den
-Lebenstrank schöpfen wollte...</p>
-
-<p>Er blieb an dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen, in der er
-seine Bücher zu kaufen pflegte. Bis heute hatte er nur Augen für
-jene dickleibigen, schlichten Bände gehabt, die er zu seinem Studium
-brauchte, und für die modernen, farbenfrohen Umschläge der schönen
-Literatur. Jetzt eben sah er zum ersten Male die Bücher, die von
-Sport und Körperkultur handelten. Es waren ihrer allein in diesem
-Schaufenster fünf oder sechs. „Was ist das?“ fragte sich Eberhard
-mit flüchtigem, innerlichem Erschauern, „was ist das, daß in so
-vielen dieser Bücher die Lehre von der alleinseligmachenden Kraft
-ausgesprochen wird? Der Geist ist doch mehr, die Weisheit ist doch
-höher...“ Und er wendete sich dem Schaukasten an dem seitlichen Pfeiler
-zu. Dort waren Bilder und Reproduktionen auf Ansichtspostkarten
-ausgestellt. Eberhards Blick ging die Reihe der Karten entlang; es
-waren Nachbildungen antiker Marmor<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>werke auf schwarzem Grunde. Da stand
-der borghesische Fechter, da standen die florentinischen Ringer, der
-Apoxyomenos, die laufende Atalante....</p>
-
-<p>„Höre doch endlich, Freidank!“ sagte eine helle junge Männerstimme
-dicht neben ihm, daß Eberhard sich schnell umwendete. „Ich rufe dich
-schon zum dritten Male an! Wer steht denn am lichten Mittage so
-versunken da? Zu einer Zeit, wo jeder Mensch den Fleischtöpfen Egyptens
-zustrebt, wenn er den Mammon dazu hat?“</p>
-
-<p>„Du bist es, Tönnies,“ sagte Eberhard. „Warum bist du also auch hier,
-anstatt nach den Fleischtöpfen zu eilen?“</p>
-
-<p>„Ich sagte es ja,“ antwortete Tönnies mit verdrießlichem Lachen, „kein
-Geld... Und ich habe noch keinen Menschen gefunden, der mir etwas
-pumpen kann... Ich bitte dich, am Dreiundzwanzigsten noch Geld... Nein,
-das ist zu viel verlangt! Dir wird es nicht besser gehen! Oder...?“</p>
-
-<p>„Komm mit,“ sagte Eberhard mit seinem ruhigen, fröhlichen Lachen, indem
-er den Arm des Kommilitonen unter den seinen zog. Der junge Tönnies sah
-mit seinen hellen, runden Augen erstaunt auf.</p>
-
-<p>„Du hast?... Am Dreiundzwanzigsten?... Ja, wo schleppst du mich denn
-hin? Heut’, am Dreiundzwanzigsten?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gemeinsam betraten die jungen Männer eines jener Bierhäuser, in denen
-die akademische Jugend verkehrt. In diesem Augenblicke drängte es
-Eberhard förmlich, die Gemeinschaft anderer Studenten aufzusuchen, mit
-ihnen am Tische zu sitzen, mit ihnen zu essen und zu trinken! Er mußte
-sich selbst überzeugen, daß er einer der Ihren war; kein Ringkämpfer,
-sondern ein Strebender, ein Suchender, ein Werdender, einer vom jungen
-Deutschland....</p>
-
-<p>Hin und her flog die Rede der jugendlichen Wissens<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>sucher. Es wurde von
-den höchsten und den kleinlichsten Dingen gesprochen, von Goethe, von
-Gott und Vaterland, von jungen Mädchen und Mensuren, von einer fremden
-Burschenschaft und Kneipen. Man speiste mit gesundem Appetit, man
-schlug die zinnernen Deckel von den Seideln zurück und sprach dem Biere
-zu, man plauderte, philosophierte und urteilte....</p>
-
-<p>„Du mußt eine Erbschaft gemacht haben,“ sagte Tönnies tiefsinnig zu
-Eberhard, „oder einen Einbruch begangen...“</p>
-
-<p>„So ähnlich,“ sprach Freidank mit ruhigem Lächeln, „du mußt es ja
-wissen, Tönnies!“</p>
-
-<p>Und er ließ seine Augen auf der Tischrunde der Kommilitonen ruhen und
-dachte mit einer stillen, starken Zufriedenheit im Herzen: „Hier bin
-ich &mdash; ich; unter meinesgleichen; an meinem Platze...“</p>
-
-<p>„Du lieber Gott, halb drei!“ rief Tönnies plötzlich und sprang auf,
-„und um halb vier habe ich in Charlottenburg eine griechische Stunde zu
-geben... Bis zum Ersten &mdash; indessen nur vielen Dank, Eberhard! &mdash; &mdash; Du
-mußt doch eine Erbschaft gemacht haben, sonst hättest du nicht...“</p>
-
-<p>„Am Dreiundzwanzigsten &mdash; ja,“ sagte Freidank und sah dem Freunde, der
-ihm lustig und dankbar derb die Hand schüttelte, lachend ins Gesicht.
-„Nun, auf Wiedersehen, Adolf!“</p>
-
-<p>„Auf Wiedersehen!“ rief Tönnies, schon unterwegs.</p>
-
-<p>Es war auch für Eberhard mittlerweile Zeit geworden, ins Café Prätorius
-zu Fritzi zu gehen. Er winkte den Kellner herbei, bezahlte &mdash; wieder
-gab es ihm einen Stich ins Herz &mdash; mit dem Gelde des Theaterdirektors,
-und ging davon.</p>
-
-<p>Er ging mit langen, schnellen Schritten dorthin, wo seine Freundin
-Fritzi ihn wohl schon erwartete; denn Eberhard hatte sich gegen seine
-Gewohnheit um einige Minuten verspätet. Hastig trat er in das kleine,
-um diese Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> wenig besuchte Caféhaus ein und sprang die schmale
-Wendeltreppe ins obere Stockwerk empor, wo er die zierliche Gestalt der
-Freundin in eins der kleinen Ecksofas geschmiegt zu sehen erwartete.
-Aber Fritzi war noch nicht da, und der junge Mann hatte noch länger als
-eine Viertelstunde in Sehnsucht und Ungeduld an seinem Fensterplatze
-auszuharren, ehe er seine Freundin mit keck hochgehobenen Röcken
-über den Straßendamm hüpfen sah. Er wollte sich ein wenig über ihre
-Unpünktlichkeit ärgern, aber als er ihre flüchtigen Tritte auf der
-Stiege hörte, verging sein Herz vor Liebe und vor Freude, die Geliebte
-zu sehen...</p>
-
-<p>„Liebe Fritzi!“ sagte er alsbald, „sage mir, wozu du das Geld so
-notwendig brauchst, und... ich werde es beschaffen, wahrhaftig, ich
-werde es beschaffen... Zwanzig Mark wolltest du... Ich habe sie nicht,
-Fritzi... Oder vielmehr, ich habe sie, aber sie sind, sozusagen,
-nicht mein... sie sind fremdes Geld... für einen bestimmten Zweck mir
-übergeben...“</p>
-
-<p>Fritzi lächelte kindlich: „Wieviel kannst du mir geben, Ebi?“</p>
-
-<p>„... Fünf Mark,“ sagte Freidank nach einem kurzen, heftigen Kampfe mit
-sich selbst. Er hatte das Geld aus der Tasche reißen, hatte es Fritzi
-geben wollen; aber dann hatte doch die Anstandspflicht gesiegt, die ihm
-befahl, das Geld entweder zu dem Zwecke zu gebrauchen, zu dem er es von
-Immermann erhalten hatte, oder es zurückzugeben.</p>
-
-<p>„... Fünf Mark, Fritzi,“ wiederholte Eberhard. „Aber, wenn es durchaus
-sein muß, so...“</p>
-
-<p>„Ach Gott, nein!“ sagte das junge Mädchen, indem es drollig die
-Lippen verzog, „wenn es nicht geht, Ebi.... Gieb mir inzwischen die
-fünf Mark.... danke.... Sage mir, wann verkaufst du das Theaterstück?
-Bekommst du sehr viel Geld dafür?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
-
-<p>Der Student besann sich einen Augenblick, trank aus dem dünnen, hohen
-Bierkelche, blickte auf die Straße hinaus und wieder auf Fritzi hin:
-er wollte ihr alles mit einem Male sagen, denn er liebte nicht das
-Versteckenspielen und die halben Erzählungen. Er sagte ihr also in den
-einfachsten Worten das, was sich heute zugetragen hatte und fragte
-sie, was sie dazu meinte, wenn er nun in der Zukunft ein Ringkämpfer
-sein würde. Aber er sagte nur die Tatsachen und verschwieg seine
-heimliche Angst vor einem Schritte, der ihn für immer aus den Reihen
-der Werdenden, der akademischen Jugend hinausziehen würde.</p>
-
-<p>Fritzi, die in die Sofaecke gedrückt dagesessen hatte, bog sich vor
-Erstaunen und Vergnügen weit vor, sie schob ihre Kaffeetasse mit
-energischer Bewegung fort, legte beide Arme auf den Tisch und fragte
-leise und fröhlich:</p>
-
-<p>„Das ist wahr? &mdash; Ein Ringkämpfer? &mdash; So stark bist du?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, Fritzi! Ich denke wohl! So stark, &mdash; o ja! &mdash; Und
-sonst &mdash; sonst hättest du nichts dagegen einzuwenden, gar nichts? &mdash;
-Schließlich ist es doch ein ganz &mdash; ganz anderer Beruf...“</p>
-
-<p>„Beruf! Beruf!“ schrie Fritzi entzückt, „ein himmlischer Beruf ist
-es! &mdash; Aber natürlich, Eberhard, du wirst Ringkämpfer! Ist doch ein
-besserer Beruf als Student?“</p>
-
-<p>Es lag in ihrem fröhlichen, strahlenden Gesichtchen etwas Primitives,
-die Unfähigkeit, zu unterscheiden, Differenzen zu fühlen... Wie jung
-ist sie! dachte Eberhard, sie kennt nichts, sie weiß noch nichts, sie
-sieht kaum die Unterschiede im Leben... Er fragte, von ihrer Munterkeit
-ergriffen, selbst etwas heiterer und sicherer:</p>
-
-<p>„Das ist alles, was du darüber zu sagen hast? &mdash; Du bist also
-eigentlich ganz einverstanden?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Aber, Eberhard!“ sagte die kleine Brünette, „warum<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> sollte ich wohl
-nicht einverstanden sein? &mdash; Bedenke doch: du verdienst viel Geld...
-sehr viel Geld wahrscheinlich... du kannst auftreten... du hast
-Erfolg... O, und nun kann ich auch außerhalb Berlins ins Engagement
-gehen! Wir können natürlich immer zusammen bleiben! Ich lasse mich
-einfach immer in derselben Stadt engagieren, wo du sein wirst! Wir
-bleiben zusammen, und du verdienst sehr viel Geld!“</p>
-
-<p>So weit waren seine Zukunftsträume noch gar nicht geflogen. Er sah ein,
-daß sie darin recht hatte. Gewiß, sie konnten zusammen bleiben, und er
-würde dem süßen, schwarzhaarigen Kinde wieder jeden Wunsch erfüllen
-können. Jetzt, da sie um seinetwillen nur in Berlin Engagements annahm,
-war er ihr ja sogar im Wege... er versperrte ihr die Karriere... Wenn
-er über alle anderen Bedenken hinwegkommen könnte...</p>
-
-<p>„Setz’ dich einmal neben mich,“ sagte Fritzi mit einer Zärtlichkeit,
-die er sonst nicht an ihr gewohnt war. Und als er an ihrer Seite saß,
-fühlte er mit innigem Erschauern den jungen, zierlichen Mädchenkörper,
-der sich herzhaft an ihn preßte; warme Hände suchten die seinen, und
-eine zärtliche Stimme sagte flüsternd:</p>
-
-<p>„Athlet wirst du sein, nicht wahr? Stärker als alle andern... Ach, wie
-werde ich dich lieb haben, wenn du die andern besiegst!“</p>
-
-<p>Er sah ein Flackern in ihren Augen, jenen Glanz, der bei dem Anblick
-brutaler männlicher Kraft in Frauenaugen aufleuchtet. Sie wollte ihn
-betören, ihn entzücken mit ihrer weichen, schmeichelnden Bewegung, und
-doch wurde Eberhard ein wenig verstimmt und fragte:</p>
-
-<p>„Du wirst mich mehr lieben, Fritzi? Kann das sein?“</p>
-
-<p>„Was stellst du für Fragen!“ erwiderte das junge Mädchen lachend,
-„mehr... weniger... Ich bin dir gut, das<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> ist doch genug... du fragst
-immer so komisch, Eberhard!“</p>
-
-<p>Eberhard war erregt; seine Gedanken flatterten hierhin und dorthin:</p>
-
-<p>„Gute Fritzi! &mdash; hast gar nichts mehr von dem Gelde gesagt; brauchst du
-es sehr notwendig, Fritzi? Vielleicht ... in einigen Tagen... könnte
-ich...“</p>
-
-<p>„Ach, laß!“ sagte Fritzi leichthin, „im Augenblick, na ... Ich habe
-mir... von einer Kollegin zwanzig Mark geborgt, ja...“</p>
-
-<p>Der junge Mann hob überrascht den Kopf: „Von einer Kollegin? Aber, du
-&mdash; das mußt du doch so schnell wie möglich wiedergeben!“</p>
-
-<p>„Es eilt nicht so,“ antwortete Fritzi schnell, und dann, als sie
-sein erstauntes Gesicht sah, fuhr sie fort: „Sie braucht es nicht so
-notwendig... Es ist die Liane Fanchon ... Die hat immer! Die ist nie in
-Verlegenheit!“ Dabei seufzte Fritzi leise.</p>
-
-<p>Eberhard sah das junge Mädchen an; sein Blick blieb, ohne daß er selbst
-es wußte, auf der schmalen, modernen Nadel haften, mit der ihr Kleid am
-Halse geschlossen war. Ohne daß er etwas dabei dachte, wurde sein Auge
-durch das vielfarbige Glitzern mehrerer wasserheller Steine gefangen.
-Aber er sah das Schmuckstück erst, als Fritzi in einiger Verlegenheit
-mit der Hand danach griff und hastig fragte:</p>
-
-<p>„Ach &mdash; du siehst die Brosche an? Ich habe sie gekauft ... vorhin...
-als ich mit Liane aus der Probe kam... Sie ist niedlich und glänzt
-beinahe wie echt...“</p>
-
-<p>Jetzt erst wurde Eberhard aufmerksam. Es war eine schöne Nadel, auf
-der drei klare Steine funkelten. „Das ist unecht, Fritzi?“ fragte er
-langsam, zögernd, indes ein feiner Strahl des Mißtrauens spitz und
-scharf aus den blitzen<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>den Steinen fuhr und sich in sein Herz bohrte.
-Die Chansonette fühlte seinen unausgesprochenen Zweifel... „Etwa echt?“
-fragte sie heftig, „etwa echt? Woher sollte ich denn das haben? Von
-dir etwa?“ Und dann, schnell und lustig: „Du, ob echt oder unecht,
-ist mir doch ganz gleich! Wenn ich irgendeine Brosche habe, bin ich
-zufrieden... Ich hatte keine... Liane war dabei...“</p>
-
-<p>Eberhard wußte nichts darauf zu sagen. Er dachte, es sei verwunderlich,
-aber doch... Fritzi log nicht... Wer übrigens hätte ihr eine so
-kostbare Nadel schenken sollen? Untreu... nein, Fritzi war ihm nicht
-untreu...</p>
-
-<p>„Ich muß nun gehen, Liebste,“ sagte er sehr sanft. „Da du auch meinst,
-daß ich... Ja, da muß ich zu einem Trainer gehen. Je eher ich anfange,
-desto mehr Hoffnung hab’ ich, in den wenigen Wochen ringen zu lernen.
-Ich hole dich heute abend aus der Vorstellung ab, Fritzi. Bis dahin,
-Geliebte...“</p>
-
-<p>Er schlang den Arm um ihren Leib’ und wollte sie küssen, sie aber
-wehrte lachend: „Aber Ebi! Wenn das die Leute sehen!“</p>
-
-<p>„Sollen sie doch,“ sagte Eberhard. „Mir soll nur einer kommen... Ich
-werde ihn schon... Liebe Fritzi, auf Wiedersehn!“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i025" name="i025">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i025.jpg" alt="Ende Kapitel III" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="IV">IV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Trainer wohnte in der Linienstraße, in jener Gegend von Berlin,
-die allen nivellierenden Einflüssen der Hauptstadt zum Trotz noch
-immer etwas von der Ungebundenheit des Quartier latin bewahrt hat.
-Dort hausen neben Geschäftsleuten und ehrsamen Bürgern Studenten,
-Artisten, Künstler, Modelle und Dirnen, dort finden sich originelle
-Artistenkneipen, Dirnenlokale und Verbrecherkeller, und typische
-Persönlichkeiten fallen hier weniger auf, als in anderen Stadtteilen.</p>
-
-<p>Eberhard durchschritt die Einfahrt des Hauses, ging über den ersten
-Hof und durch ein Fabrikgebäude und kam auf den zweiten Hof, wo er
-den Trainer finden sollte. Dieser Hof inmitten der Stadt hatte einen
-ländlichen Charakter. Er war nicht durchweg mit Steinen gepflastert und
-mehrere Bäume standen darin. Eine Anzahl Hühner scharrten die Erde, ein
-Hofhund lag vor seiner Hütte und hinter einem Drahtgitter spielten ein
-halbes Dutzend Kaninchen. Aus dem Pferdestall zur rechten Seite kam
-eine Katze geschlichen und ging langsam an der Mauer entlang, während
-sie die Augen auf die Hühner gerichtet hielt. An der linken Hofseite
-stand aber ein vierstöckiges Wohnhaus. Dort wohnte zu ebener Erde der
-Trainer André Leroux.</p>
-
-<p>Als Eberhard klingelte, rief eine laute Stimme: herein! Der junge
-Mann öffnete die Tür, trat ein und sah den Trainer mit eisernen
-Gewichtkugeln hantieren. Der Athlet legte seine Gewichte nicht fort;
-er sah nur flüchtig auf den Besucher hin und sagte: „Setzen Sie sich
-inzwischen,<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> bitte; ich muß meine Übungen beenden.“ Eberhard setzte
-sich auf das alte, grüne Ripssofa und der Athlet fuhr mit seinen
-Übungen fort.</p>
-
-<p>Eberhard sah sich ein wenig um. Er befand sich in einer großen
-Küche, die augenscheinlich als Wohngemach und auch zum Kochen
-benutzt wurde. Obwohl alles praktisch hergerichtet und ordentlich
-aufgeräumt war, trug der Raum doch das charakteristische Gepräge einer
-Junggesellenwirtschaft, welches das Fehlen einer Hausfrau verrät.</p>
-
-<p>Die Wände waren sämtlich mit Bildern bedeckt. Plakate mit bunten
-Abbildungen von Ringern und Kraftmenschen waren mit Reißnägeln
-befestigt, über dem Sofa hingen gerahmte Photographien einzelner
-Athleten und ganzer Klubs; ein Kranz aus künstlichen Eichenblättern
-hing über einem Diplom, und zwischen den Athleten lächelten auch hier
-und da die Bildnisse von Damen, die dem Trainer mit ihrer Neigung
-auch ihr Bild geschenkt hatten... Trotz der späten Jahreszeit stand
-das Fenster weit offen. Ein breites Blumenbrett vor dem Fenster war
-ganz mit Blumentöpfen besetzt, in denen immergrüne Gewächse standen,
-dazwischen blühte noch ein rotes Geranium.</p>
-
-<p>„Noch ’n Momang,“ sagte der Athlet zwischen seinen Übungen. „Bin jleich
-fertig.“ Und wieder hob er die Kugelgewichte bis zur Schulterhöhe und
-stieß die Arme abwechselnd kraftvoll hoch.</p>
-
-<p>Er trug ein schwarzes, ärmelloses Trikot, welches auf der Brust mit
-einem gelben Stern benäht war. Die schwarzen Trikothosen reichten nur
-bis an die Knie, unter denen die festen, braunen Beine, die nackt in
-Sandalen steckten, hervorsahen. Die Mitte des Leibes war mit einem
-breiten Lederriemen eng umgürtet. Der Athlet hatte hübsch gewelltes,
-blondes Haar, muntere, graue Augen und einen überaus fröhlichen,
-herzförmigen, sehr roten Mund. In<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> seinem Gesichte wäre sonst nichts
-Auffälliges gewesen. Merkwürdig war allein die braune Tönung seiner
-Haut. Der ganze Körper des Athleten war tief dunkel, er hatte die
-eigentümliche, durchsichtige Farbe des braunen Bernsteins. Das Genick,
-die Oberarme, der Rücken und die Brust waren noch dunkler, als die
-übrige Haut. Dazu bildete das helle Haar einen seltsamen Kontrast.</p>
-
-<p>Der Trainer stieß seine Gewichte noch zwanzigmal in die Höhe, legte sie
-dann auf den Boden und rieb sich die kleinen Schweißperlen von Hals und
-Armen mit einem groben Tuche ab. Dann reichte er Eberhard mit starkem
-Druck die Hand und sagte lächelnd:</p>
-
-<p>„Sie müssen entschuldjen; Training is Training; darin lass’ ick mir
-nich störn! &mdash; Womit kann ick Ihn’ denn dien’?“</p>
-
-<p>Eberhard nannte sein Begehren: in etwa einem Monate als Ringkämpfer
-ausgebildet zu werden. Der Trainer schwieg eine Weile und sagte dann:</p>
-
-<p>„Also längstens fünf Wochen... Das is vadammt wenig ... Ringen will ich
-Ihn’ schon beibring’ in die Zeit. Aba die Kraft, die Se nich haben,
-kann ick Sie nich jeben... Wie schwer stemm’ Sie denn?“</p>
-
-<p>Das wußte der junge Freidank nicht. „Was, Sie wissen nich mal, wieviel
-Sie stemmen könn’?“ fragte der Athlet mißbilligend, „na, denn ziehn Sie
-’mal ’s Jackett aus und probiern Sie! Das is ’ne 30 Kilostange!“</p>
-
-<p>Aber es ergab sich, daß die Stange viel zu leicht gewählt war. Nun
-brachte der Trainer eine verstellbare Stange, die er beschwerte, bis
-sie hundertdreißig Pfund wog. Er lächelte ironisch:</p>
-
-<p>„Na, versuchen Se noch mal... Jetzt wird se Ihn’ woll schwer jenuch
-sind...“</p>
-
-<p>Er dachte nicht anders, als daß Eberhard nicht imstande sein würde, das
-Gewicht aufzuheben. Eberhard faßte die<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Stange fest und drückte sie
-langsam, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Arme, hoch...</p>
-
-<p>Mit dieser Leistung hatte Eberhard sofort die Hochachtung des Trainers,
-der ihn bis dahin ein wenig von oben herab behandelt hatte, gewonnen.
-Nun setzte der Athlet sich gemütlich zu seinem Besucher, verabredete
-mit ihm die täglichen Übungsstunden und erzählte ihm allerhand von
-seinem Privatleben. &mdash; Er tat sich viel auf seine Abstammung aus einer
-französischen Emigrantenfamilie zugute und behauptete mit sichtbarem
-Vergnügen, er sei ein halber Franzos. Später fand sich aber, daß er
-trotz der gallischen Abstammung kein Wort Französisch verstand und
-selbst die technischen Bezeichnungen des Ringkampfs unglaublich falsch
-aussprach. Außerdem prunkte André Leroux mit seiner Bildung. Er hatte
-bei berühmten Bildhauern Modell gestanden und von ihnen allerhand
-Redebrocken aufgeschnappt, und der große Virchow hatte an seinem
-geradgewachsenen, schön ausgebildeten Körper oftmals seinem Auditorium
-die Anatomie demonstriert. Der Trainer zitierte nun Virchow jeden
-Augenblick und explizierte dem jungen Freidank mit einiger Fachkenntnis
-die Anatomie des Armes, wobei er ihm zeigte, welche Übungen den Biceps
-stärkten, und welche zur Ausbildung des Deltamuskels dienten... Er
-selbst hatte über seinen Körper eine solche Herrschaft erlangt, daß er
-willkürlich jede Muskelgruppe seines Armes nach Belieben spielen lassen
-konnte.</p>
-
-<p>Alles dieses sagte der Halbfranzos im unverfälschten Berliner Dialekt;
-nur wenn er Virchow und andere Größen zitierte, sprach er hochdeutsch.
-Dabei kam es ihm auf die Echtheit der Zitate nicht so unbedingt an...</p>
-
-<p>„Nich?“ sagte er, „det wundat Ihn’, det ick so braun bin, wie ’n
-leibhaftja Indjana? Det kommt allens von die Sonne... von die freie
-Natur... ‘Imma naturell!‘ sagte<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> der sel’je Virchow. ‚Meine Herren!‘
-sagte er, ‚an diesem Modell könn’ Sie sehen, was das naturelle Leben
-ausmacht...‘ Ja, ick lebe aba auch naturell!! In Somma, jeden Sonntach
-un jeden Nachmittach, wenn ’ck jrade nischt zu dun habe, raus in
-Wald... in Jottes freie Natua! Un denn Jacke aus, Hosen aus, Hemde
-aus... Hut ab... un nu Luftbeda! Un Sonn’beda! Un zwee Steine jesucht,
-oda zwee Holzkletza, un denn los mit meine Jebung’n! Det macht aba
-ooch jesund! Det jibbt Kraft, sowat! Kraft muß da Mensch haben, un
-jesund sind, allet andre kommt denn beinah von alleene! &mdash; ‚Wissen
-Se, Leroux,‘ hat Bejas mich schon manchmal jesacht, ‚det ha’m schon
-die ollen Jriechen jesacht, un da ha’m se Recht: die Kraft jeheert
-den Manne!‘ Un wat meen’ Se, ob ick jetzt in de Kälte meine Jebung’
-vabummle? Nischt zu machen. Imma noch raus in Wald... Luftbeda...“</p>
-
-<p>Er schwätzte abwechselnd vernünftiges und sinnloses Zeug. Eberhard
-hörte ihm höchst amüsiert und interessiert zu. Das war nun der
-erste, der ihm begegnete, aus jener Berufsklasse, der er selbst sich
-anschließen wollte. Der Trainer hätte noch lange weiter geredet, wenn
-ihm nicht eingefallen wäre, daß er heute abend die athletischen Übungen
-des Kraftsportklubs „Hermes“ zu leiten hatte. „Ein äußerst feiner
-Klub,“ erklärte er seinem zukünftigen Schüler, „lauter feine Herren!
-Alles Kaufleute un Buchhalters und so &mdash;! Ja, ein sehr nobler Klub!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das Trainierlokal befand sich auf einem schmalen, tiefen Grundstück
-der Fennstraße, welches nur mit Schuppen bebaut war. In den gegen die
-Straße hin gelegenen Schuppen lagerten Hölzer und Preßkohlen. Einen
-dieser Schuppen, der ganz am hinteren Ende des Grundstückes lag, hatte
-der Unternehmer als Übungsraum für Sportsleute eingerichtet und ihm
-den stolzen Namen „Training-Hall“ gegeben. Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>mittags war er meist an
-Variété- und Zirkusartisten vermietet, die in dem hohen, weiten Raume
-genügend Platz hatten, um ungestört neue Tricks probieren zu können.
-Um die Mittagsstunde erschienen dann Berufs- und Amateurathleten, die
-unter Leitung André Leroux’ ihr Krafttraining vornahmen.</p>
-
-<p>Eberhard war des Morgens noch schnell zu Fritzi hinaufgeeilt, um ihr
-zu sagen, wo er seine Übungen beginnen werde. Fritzi hatte ihn im
-Wohnzimmer der Wirtin empfangen. Sie war eben aus dem Bette gesprungen
-und hatte über das Nachthemd nur einen weichen, wolligen Morgenrock
-gezogen; über die nackten Füßchen hatte sie nur kleine Pantoffel
-gestreift. Sie hüpfte ihm nach ihrer Gewohnheit mit leichtsinniger
-Wildheit entgegen, so daß sie einen Pantoffel verlor, warf sich
-ungestüm eine Sekunde lang an Eberhards Brust und sprang sofort zurück,
-ihren Pantoffel zu suchen. Und wieder kam sie ihm unbeschreiblich naiv
-und reizend vor, hold und prickelnd zugleich mit dem vom Schlaf noch
-rosigen Gesichte und den wirren, dunklen Haaren. Das junge Mädchen
-fing sofort an zu betteln: „Ich darf doch hinkommen? Ich darf mir das
-doch ansehen?“ Er wußte nicht, was er ihr erwidern sollte. Er hätte es
-lieber gesehen, wenn sie nicht gekommen wäre. Aber da rief sie schon
-fröhlich: „O ja! o ja, ich komme! Sage, wann es anfängt, eine Stunde
-später bin ich da!“ Und sie hob, unwillkürlich, beide Arme, um ihren
-Zopf festzustecken, dessen Pfeilnadel sich gelöst hatte. Die weißen
-Ärmel glitten ihr über den Ellenbogen zurück, Eberhard sah die lieblich
-weiche, rosige Haut der Arme reizend aufleuchten und hatte nicht den
-Mut, ihr den Wunsch zu versagen... „Komme, Fritzi, und sieh dir alles
-an,“ sagte er, „es wird dir wohl nicht sehr gut gefallen!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In der Trainierhalle waren mehrere kräftige junge Leute<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> damit
-beschäftigt, ärmellose Trikotjacken über den Oberkörper zu ziehen.
-Eberhard nahm den Hut ab und sagte guten Morgen. Die jungen Leute
-dankten ziemlich kollegialisch für den Gruß, einige musterten ihn mit
-spähenden Blicken und alle nahmen dann ihre Unterhaltung wieder auf,
-ohne sich um den Neuankömmling weiter zu kümmern. Sie sprachen von
-den geschäftlichen Erfolgen, die einer von ihnen den Sommer über im
-Zirkus Blumenfeld gehabt hatte. Dieser junge Mensch war ziemlich klein,
-hatte eine gelbbraune Haut und schwarze, widerspenstige Haare, die
-dem Versuche, sie in der Mitte zu scheiteln, trotzten. Er hatte sehr
-kurze Hände und plumpe Beine und Arme; sein Hals war überaus dick,
-fast ebenso dick wie der Kopf, was ihm den Anschein ungewöhnlicher
-Stärke gab. Man konnte nicht leicht auf den Gedanken kommen, daß dieser
-starke und dicke Zirkusathlet ein besonderer Liebling der Frauen sein
-könne; darum war Eberhard ein wenig überrascht, den jungen Mann von
-seinen Erfolgen erzählen zu hören. Der Athlet renommierte nicht einmal,
-sondern plauderte leichthin:</p>
-
-<p>„Wirklich komisch, die Weiber; draußen in der Provinz sind sie toller
-als in Berlin! &mdash; In Posen hatte ich auch herausgefordert; da meldeten
-sich ein paar Leute zum Ringen, richt’ge Ochsen... Na, unter uns,
-regulär hätt’ ich sie nicht gekriegt... Ekelhaft starke Kerls! &mdash;
-Aber da habe ich ihnen unversehens eins mit der Handkante auf den
-Hals gegeben, auf die Schlagader... so ’n bisken Dschiu-Dschitsu!
-Da flogen sie ja gleich... Ach, die Briefchens alle, die da kamen!
-Rosarote, blaue, lila... alle Farben... Rochen so jut, wie ’ne janze
-Parfümfabrik. ... Ick hatte die Auswahl!!“</p>
-
-<p>Er lachte leise in der Erinnerung an seine galanten Abenteuer mit
-Provinzdamen....</p>
-
-<p>„Na, jehste denn jetzt nich ’mal bei deine Adele...?<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>“ fragte einer
-der herumstehenden jungen Leute den Zirkusathleten, „weißt doch, die
-Jelbseidne, Willi?“</p>
-
-<p>„Bei so eene wer’ ick jehen!“ erwiderte der Ringer grob, „bei die
-jelbseidne Adele! &mdash; Nee, laßt mir mit die Berliner Mechens in Ruh! &mdash;
-Ja, wenn se allens abliefan wollten, wat se vadien’! Aba nee, is nich,
-wird imma Schmuh jemacht! Keile könn’ se kriejen, soviel man will,
-da jeben se ein’ doch nich allens ab! Imma ha’m se dann zu schlecht
-vadient! &mdash; Nee, laßt ma in Ruh, sach’ ick!“</p>
-
-<p>Der ehemalige Zuhälter hatte sich in Eifer und damit in seinen
-ordinärsten Jargon hineingeredet. In dem Grade, wie er sich nun
-beruhigte, fing er wieder an, hochdeutsch zu sprechen und erklärte:</p>
-
-<p>„Vom Zirkus aus, da kriegt man janz was andres... anständ’je Frauen,
-sage ich euch, Damen... Damen, die mitunter noch nie in’ Leben uff
-Seitenweje jegang’ sind. Aba wenn se unsaeen’ sehen, sind se futsch...
-Wenn se ’n Athleten vor sich haben, jeht die janze Anständigkeit zum
-Teufel! Offiziersdamen hab’ ich gehabt, jawohl... In Breslau hatt’
-ich ne richtige Jräfin... Ach, Gott, wie hat mir die jeliebt! In ’ner
-Equipage ist sie immer mit mir ’rausgefahren nach einem Nest, was,
-glaub’ ich, Trebnitz heißt. Da sind wir spazierenjegang’ und sie hat
-lauter verliebte Wörter jered’t... Ach, ich bete dir an, hat sie immer
-jesacht, weil du mir vernichten könntest, wenn du wolltest! &mdash; I, wo
-wer’ ick denn sowas machen, mein Puppchen, hab’ ich ihr dann gesagt.
-Wer sollte mir denn seidne Taschentücher und seidne Strümpfe und Wäsche
-und die juten Zigaretten und alles schenken, wenn ich mein Puppchen
-vernichtete! &mdash; Dann hat sie gelacht und mir mit ihren weißen Pfötchen
-den Mund zugehalten und gesagt: ach, Willi, du sollst nicht immer so
-materiell reden! Du mußt mich doch um meiner selbst willen lieben und
-nicht an die<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> törichten Kleinigkeiten denken, die ich meinem starken
-Helden zu Füßen lege. &mdash; Sowas Komisches hat sie aller Augenblicke
-jeredet! &mdash; Und nicht nur die, sondern alle die feinen Damen! &mdash; Nee,
-das ist was andres als das Mädchenspack hier in Berlin! Dabei hat man
-von den feinen Weibern noch mehr, wie von die Mächens! Die jeben,
-was man verlangt! &mdash; Ich hab’ mir nun mal uff die anständ’jen Damen
-jeschmissen, und dabei bleib ich!“</p>
-
-<p>Die jungen Leute belachten die harmlos gesagte Äußerung als einen
-rohen Witz. Während sie noch lachten und sich freuten, betrat André
-Leroux die Halle. Er war schlechter Laune und schimpfte; es waren ihm
-im „noblen Klub“ die Ringstiefel gestohlen worden. Der Zirkusathlet
-klopfte ihm so stark auf die Schulter, daß ein normaler Mensch davon
-zusammengebrochen wäre, und sagte tröstend: „Na, laß dir man von deine
-Lowise neue koofen... Ach so, du hast ja keene... Na, is ooch bessa!
-&mdash; Is aber zum Schreien, daß die Leute in diesen Sportklub ooch schon
-sonne Dinger machen un’ klauen... Sind doch bloß Amateure!“</p>
-
-<p>Das ließ der Trainer nicht auf den Athleten sitzen.</p>
-
-<p>„Na, Willi!“ sagte er, indem seine starken, blonden Augenbrauen sich
-zornig zusammenzogen, „du willst doch nicht etwa behaupten, det alle
-Athleten klauen? Nee, det sind jrade bloß die dreckijen Amateure! Bei
-uns jibbt et sowat nich! Oda willst du etwa...?“</p>
-
-<p>Während er dieses sagte, hatte er die Jacke ausgezogen, unter der er
-bereits das Trikot trug. Er streckte die muskulösen, kaffeebraunen
-Arme mit einer heftigen Bewegung von sich, als wollte er seine Kraft
-erproben... Dabei funkelten seine grauen, energischen Augen den
-Zirkusathleten eigentümlich an. Willi verglich flüchtig die braunen,
-gewaltigen Glieder des Trainers mit seinen eignen Armen, und der
-Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>gleich mußte wohl zugunsten André Leroux’ ausfallen; denn er
-entschuldigte sich mit den Worten:</p>
-
-<p>„Na, ’n jeder einzige klaut da nich un da nich &mdash;! Ick meente
-man!“ und wendete sich dem eisernen Gestell zu, von dem er eine
-Fünfundzwanzigkilostange herabnahm und seine Übungen begann.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>André Leroux trat zu Eberhard und schüttelte ihm mit fürchterlicher
-Gewalt die Hand:</p>
-
-<p>„Na, ooch schon uff’n Posten? Un schon in Dreß? &mdash; Na, denn woll’n wa
-mal anfang’!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und nun fing er an, dem neuen Athleten die Griffe des Ringkampfs zu
-demonstrieren: Armfallgriff aus dem Stand, bei dem der Ringer seinen
-Gegner am Handgelenk und Unterarm mit einem Ruck zu Boden reißt, indem
-er selbst auf die Kniee fällt; Hüftschwung mit Kopfgriff oder mit
-Untergriff... Kopfschwung, bei dem der Gegner rücklings um den Hals
-gefaßt und in großem Bogen nach vorn geschleudert wird... Ausheber,
-Untergriff... Paraden... „Bei Ihre Jröße,“ sagte der Trainer mit einer
-Art von Bewunderung, „bei Ihre Jröße kenn’ Se se amende alle uff’n
-Ausheber kriejen... Et jibbt keen’ scheenan Jriff, als ’n Ausheber...
-Aber er ist bloß wat for jroße Ringer... Da is zum Beispiel Jankowsky
-&mdash; Se kenn’ doch Jankowsky’n? &mdash; na, der hat ne feine Spezialität von
-’n Ausheber ausjeknobelt. Er tut, als wenn er Krawatte jreifen wollte,
-ja, &mdash; schiebt seine Arme aber plötzlich bis unter den Oberkörper
-des Jejners und drückt mit sein’ janzen Jewicht nach... So kriegt
-er erst ’mal jeden parterre... Finden Sie det scheen? Ich finde det
-jeistvoll... raffiniert... Dafor heißt der Jriff ooch mit Recht
-Krawattenausheber à la Jankowsky...“</p>
-
-<p>Eberhard begann der Kopf von Fachausdrücken zu schwirren; er war froh,
-als das praktische Training begann.<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> Von der Grenze der Ringmatte aus
-ging er auf den Trainer los, so daß sie sich in der Mitte trafen,
-reichte ihm flüchtig die Hand, wie er in der Arena von Ringern gesehen
-hatte und neigte sich ein wenig nach vorn, indem er mit beiden Händen
-nach den Handgelenken des Trainers griff...</p>
-
-<p>„Ach, du hast schon Ringkampf trainiert,“ sagte einer der jungen
-Athleten, die zur Seite standen und dem Kampfe zusahen. „Du jehst jar
-nich erst in tiefe Jarde, bloß hohe... Mit deine Jröße aber auch...
-Mensch, du bist wohl ’n Zweemetermann?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es fand sich, daß Eberhard Freidank sich überaus schnell an die
-Technik des Kampfes gewöhnte. Ihm lag das ruhige Zuwarten und das
-blitzschnelle Einspringen im Blute. Seine Stärke machte ihn mutig,
-der Beifall der jungen Leute ermunterte ihn, und als Fritzi kam,
-merkte er es nicht einmal. Er hatte den Trainer zu Boden gerissen und
-bemühte sich, ihn mit einem der neuerlernten Griffe auf die Schultern
-zu drehen. Er kniete am Boden, einen Fuß aufgestellt, und überlegte
-mit leidenschaftlichem Eifer, innerlich glühend, wie er den kräftigen,
-braunen Menschen, der fest auf den Knieen und Händen hockte, umdrehen
-könnte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Fritzi trat heran, von den Kämpfenden nicht bemerkt, und reckte sich
-ein wenig auf den Fußspitzen auf, um den vor ihr stehenden Männern über
-die Schultern sehen zu können. Der Zirkusathlet wich einen Schritt
-zurück, um dem jungen Mädchen Platz zu machen, und sah ihr dabei
-mit Interesse ins Gesicht; seine Erfolge in der Provinz hatten ihn
-noch nicht so blasiert gemacht, daß er einem hübschen Mädchen keine
-Aufmerksamkeit mehr geschenkt hätte. Sie gefiel ihm; er stellte sich
-dicht hinter sie und legte den Arm um ihre Taille. Fritzi bog den
-Körper zur Seite, aber Willi ließ nicht los und faßte sie nur noch
-fester. Sie drehte sich ärgerlich um; sie wollte dem jungen Menschen,<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-der sie so keck umfaßte, sagen, daß er frech wäre. Aber als sie in sein
-gelbes, grob geschnittenes, rohes, dabei einigermaßen hübsches Gesicht
-blickte, fand sie seine Frechheit plötzlich amüsant und lachte ihn mit
-blitzenden Zähnchen an. Doch alsbald wurde ihr Blick wieder durch die
-Ringer gefesselt.</p>
-
-<p>Eberhard, dem in diesem Training die Rolle des Angreifers zufiel,
-während Leroux seine Griffe nur durch regelrechte Gegengriffe parierte,
-schob seinen rechten Arm unter der Schulter des Trainers durch und
-faßte das Genick fest mit der flachen Hand. &mdash; Fritzi wendete sich
-unwillkürlich wieder nach dem Zirkusathleten um, der ihr zuflüsterte:
-„Det ’s Halbnelson, Fräulein.“ &mdash; Eberhard zog mit seiner großen Kraft
-den Trainer am Genick; da gelang es Leroux, erst mit einem und dann
-mit dem andern Bein langsam aufzustehen. Es war ein spannender Moment;
-ohne daß Fritzi sich dessen bewußt wurde, schmiegte sie sich, wie
-schutzsuchend, in den nackten, braunen Arm des Athleten, der sie immer
-noch halb scherzhaft, halb verliebt umschlang. &mdash; Leroux stand auf,
-während Eberhard, mit der ungeschickten Kraft des Neulings, seinen
-Griff zu behaupten suchte. Plötzlich sprang der Trainer mit einem Ruck
-um, faßte Eberhard von der Seite um den Leib, hob ihn hoch und warf ihn
-auf den Rücken... Fritzi sank zurück, als sie ihren Freund fallen sah;
-und Willi, mit schneller, stürmischer Gewalt, riß das zarte Mädchen mit
-beiden Armen an seine breite Brust und küßte sie zweimal, dreimal voll
-Heftigkeit auf den blühenden Rosenmund.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er vergaß einige Sekunden lang in der Tat seine Umgebung, seine Augen
-waren geschlossen und seine Lippen bebten noch auf ihren, als sie schon
-einen schnellen Blick auf Eberhard warf, ob er auch nichts gesehen
-hätte... Nein, er hatte nichts bemerkt. Er hatte an nichts, als an<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
-seinen Kampf gedacht. Nach der Wucht des Falles stand er eben wieder
-jugendlich elastisch vom Boden auf und sah nun erst sein kleines
-Mädchen, das lächelnd und rosig auf ihn zuging und ihm die Hand reichte.</p>
-
-<p>„Na, sind Sie gekommen, ’mal nachsehen, wie weit er schon is?“ fragte
-André Leroux, indem er dem jungen Mädchen die Wange streichelte, „na,
-das is recht! &mdash; Komm’ Se man öfta! &mdash; Junge Mechens sehn wa hier imma
-jern, überhaupt sonne nette, wie Sie!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Fritzi lächelte verlegen und geschmeichelt. Eberhard aber runzelte
-die Stirne; er bereute, daß er Fritzi erlaubt hatte, an diesen Ort zu
-kommen, wo die neugierigen, zudringlichen Blicke, die naiven, rohen
-Vertraulichkeiten der Athleten die Geliebte beleidigten! Er sah sich
-um, ob es nirgends einen Platz gäbe, von dem aus Fritzi unbehelligt dem
-Training zusehen konnte. „Setze dich, bitte, auf jene Bank, Fritzi,“
-sagte er so laut, daß die Athleten es hören mußten. „Du bist dort
-allein, und du siehst den Ringkampf ebensogut.“ Und er blickte mit
-zornigen Augen über die Athleten hin, die gleichgültig herumstanden.
-Fritzi setzte sich, und das Training begann von neuem.</p>
-
-<p>Diesesmal rang Eberhard mit einem der Athleten, die vorher zugesehen
-hatten. Es war ein Budenringer, der an mehreren Abenden der Woche in
-einer Schaubude auf einem Volksvergnügungsplatze seine Kraftleistungen
-zeigte. Aber dieser Beruf befriedigte ihn nicht; er strebte nach
-Höherem. Er wollte sich an Ringkampfkonkurrenzen beteiligen. Er war
-ziemlich stark, aber mit seiner Ringkunst war es nicht weit her.
-Trotzdem hätte er leicht Engagements gefunden, da er hübsch und kräftig
-war, aber durch seine Budenringerei war er zu stark kompromittiert;
-kein Manager mochte ihn engagieren. Nun trainierte er jeden Tag, um
-seine technische Fertigkeit bis zur Vollendung auszubilden.<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Einem
-technisch vollkommenen Ringer gegenüber konnten nicht mehr jene
-Standesvorurteile gelten, die wie eine weite Kluft die Budenringer von
-der vornehmeren Klasse der Konkurrenzringer trennten...</p>
-
-<p>Fritzi langweilte sich; der Kampf Eberhards mit dem „schönen Adolf“
-war ihr weniger interessant, als der Zirkusathlet, der sie vorhin
-so selbstverständlich umarmt und geküßt hatte. Sie fand ihn frech,
-natürlich; aber doch so interessant frech.... Ob er wohl auch nach ihr
-hin sah? Sie drehte das Köpfchen, wendete sich aber schnell wieder
-voll Verlegenheit ab, denn Willi sah sie ungeniert an und hatte sie
-gewiß schon eine ganze Weile beobachtet. Und, als ob er nur auf ihren
-Blick gewartet hätte, legte er ruhig seine Hanteln nieder, kam zu
-ihr und setzte sich neben sie. Und während der schöne Adolf sich die
-allergrößte Mühe gab, seinen großen und starken Gegner durch seine
-überlegene Technik zu werfen, hielt der Zirkusathlet Fritzi wieder mit
-seinem nackten Arm umfaßt und sagte ihr allerhand plumpe Liebesworte
-ins Ohr....</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte Fritzi lachend, „nein, sowas dürfen Sie nicht sagen...
-Das kann ich mir nicht gefallen lassen... Ich habe doch meinen
-Bräut’jam!“</p>
-
-<p>„Den da?“ fragte der Athlet mit einem etwas unbehaglichen Gefühle, „den
-Großen, der heut das erstemal hier is? &mdash; Was is er denn? Ringt er
-professionell?“</p>
-
-<p>„Natürlich,“ erwiderte Fritzi schnell, mit einem stolzen Blick auf
-ihren Freund.</p>
-
-<p>„So!“ &mdash; fragte Willi, „Sonntags auch? &mdash; Sonst könnten wa doch ma’
-zusamm’ ausjehn? &mdash; Er paßt doch nich imma uff Ihn’ uff!“</p>
-
-<p>Ihre lachenden Augen sagten: o ja, das möchte ich wohl! &mdash; ihr Mund
-aber sprach zögernd, zweifelnd:</p>
-
-<p>„Wohin denn?“...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
-
-<p>„Na, ’n Sonntach, uff’n Rummel,“ erwiderte der Zirkusathlet, „da könn’
-Se doch ma’ mitkomm’?“</p>
-
-<p>„Ach nein,“ sagte Fritzi betrübt. „Da hab’ ich ja
-Nachmittagsvorstellung... Nein, das geht nicht! &mdash; Außerdem geh ich
-nicht ohne mein’ Bräut’jam aus.“</p>
-
-<p>„Na, du bist ’n süßes Schaf,“ sagte Willi. „Wir wer’n uns schon noch
-bessa vastehn... Einstweilen jibb ma mal ’n Küßchen!“</p>
-
-<p>Aber er hielt es für geraten, das Küßchen nicht zu geben, denn
-Eberhards Ringkampf mit dem schönen Adolf war soeben zu Ende und der
-junge Freidank sprang auf wie ein gereiztes Tier, als er seine Freundin
-wieder mit dem Athleten schäkern sah.</p>
-
-<p>„Was tust du, Fritzi?“ fragte er, indem er dem Athleten empört ins
-Gesicht sah, „was tust du hier?“</p>
-
-<p>„Du hast mich ja selbst hierher geschickt,“ antwortete sie kindlich.
-„Der Herr hat mir die Griffe erklärt...“</p>
-
-<p>Der Zirkusathlet war selbst überrascht von ihrer schnellen Ausrede.
-Eberhards Gesicht aber wurde sofort freundlicher. Er wußte nicht, ob er
-nicht einen künftigen Kollegen vor sich hatte, gegen den er nicht ohne
-Grund grob sein durfte. „Das ist ’was andres,“ sagte er ruhiger.</p>
-
-<p>Willi nahm seinen Vorteil wahr: „Sie jehn aba jut los! &mdash; Det ’s
-natierlich nich det erste Mal, heute?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eberhard war noch ein wenig mißtrauisch. Er gab dem Athleten eine
-unverständliche, mürrische Antwort und kehrte verdrießlich an sein
-Training zurück, indem er beschloß, Fritzi ein für allemal das Betreten
-dieses Ortes zu verbieten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eberhard war sehr erschöpft, als André Leroux ihm endlich erklärte, daß
-es für heute genug sei. In der Tat war der junge Mann blaß und seine
-Gesichtszüge waren erschlafft, wie nach einem starken, körperlichen
-Schmerz.<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> Leroux hieß ihn sich auf eine Bank legen und massierte ihm
-noch den ganzen Körper; indessen war Fritzi mit Willi und dem schönen
-Adolf in der großen Halle allein... Der Trainer rieb ihm mit einer
-starken Spirituslösung die heftig schmerzenden Muskeln ein, dann mußte
-Eberhard sich schnell ankleiden. In seinen Kleidern merkte er erst, wie
-steif ihm alle Gelenke waren. &mdash; Fritzi war ganz allein, als Eberhard
-die Halle wieder betrat. Ehe er etwas sagen konnte, rief sie ihm
-entgegen:</p>
-
-<p>„Komm schnell mit mir fort! &mdash; Ich friere so sehr!“</p>
-
-<p>Er faßte sie bei der Hand; ihre Hand war weich und warm, und sie fror
-gar nicht... Warum also log sie? Um ihn abzulenken?... Er sah sich um;
-die beiden Athleten, mit denen er sie zuletzt hatte stehen sehen, waren
-nicht mehr da. „Nach wem siehst du dich um?“ fragte Fritzi schnell,
-„nach den Herren? Die sind schon längst fortgegangen!“</p>
-
-<p>Er suchte voll Verdruß und Mißtrauen in ihrem Gesichte etwas, irgend
-etwas... und fand nicht... Sie lächelte ihn mit ihrem hübschen,
-kindlichen Lächeln an, wie immer. Nein, ihr konnte er keinen Vorwurf
-machen! „Gehen wir, Fritzi,“ sagte er, indem er den Arm des jungen
-Mädchens unter den seinen schob. Im Hinausgehen sagte er dann
-leichthin: „.... Das sind übrigens keine Herren, Fritzi....“</p>
-
-<p>„Nicht?“ fragte sie erstaunt, „was denn sonst? Das sind doch
-<em class="gesperrt">auch</em> Ringkämpfer?“</p>
-
-<p>„Auch Ringkämpfer,“ erwiderte er bitter, „wie ich, nicht wahr? Das
-meinst du doch wohl? Nun, ich bin es aber noch nicht, und ich kann noch
-immer etwas anderes werden.... irgend etwas.... Privatsekretär... oder
-sonst etwas... Es ist alles einerlei....“</p>
-
-<p>Er schwieg; die Gedanken drängten sich in seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> Kopfe. Schweigend
-gingen sie fünfzig, hundert Schritte weiter Arm in Arm der Stadt zu.
-Dann kam ihm mit einem Male die liebliche Wärme, das leichte Gewicht
-ihres schlanken Körpers, der an seinem Arme hing, zum Bewußtsein; er
-sah sie voller Liebe an. Sie machte ein verdrießliches Gesicht, als
-sich aber ihre Augen trafen, lächelte sie und sagte:</p>
-
-<p>„Das wirst du doch nicht tun?.... Ich hatte mich schon so sehr gefreut!“</p>
-
-<p>„Auf was, Fritzi?“</p>
-
-<p>„Dich als Ringkämpfer zu sehen,“ sagte sie verliebt und schmeichelnd.
-„O, wie hübsch wirst du aussehen!... Versprich mir, daß du nichts
-anderes werden willst!“</p>
-
-<p>Da drückte er ihren Arm und neigte sich tief herab zu ihr und sagte mit
-dunkler Leidenschaft in der Stimme:</p>
-
-<p>„Aber ich will dich allein haben, Fritzi, begreif das doch, begreif
-das doch... Sie sollen dich mir nicht wegnehmen. Nein, Fritzi, verzeih
-mir, ich rede ja Wahnsinn! Du läßt dich ja nicht mir wegnehmen, du
-bist mir ja gut... Aber schon um ihrer Blicke willen könnte ich sie
-niederschlagen, ich könnte sie ohrfeigen um ihrer frechen Worte
-willen... O Fritzi, das kannst du nicht verstehen... Ich will dich doch
-nur ganz allein haben...“</p>
-
-<p>Fritzi verstand ihn nicht. Er sagte ihr öfter solche Worte, die
-erfüllt waren von einer exklusiven, eifersüchtigen Zärtlichkeit. Sie
-wußte, daß er sie am liebsten eingesperrt, vor aller Welt verschlossen
-gehalten hätte, damit kein fremder Blick ihr huldigte. Sie konnte es
-nicht begreifen, aber ein weiblicher Instinkt sagte dem unerfahrenen,
-leichtfertigen Mädchen, daß sie dieses tiefe Empfinden nicht
-zurückstoßen dürfe.</p>
-
-<p>„Ich verstehe dich nicht, Ebi,“ sagte sie langsam. „Ich weiß nicht, was
-du willst... Du hast mich allein...<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> Konnte ich dafür, daß der freche
-Athlet mich ansah? Ich habe es nicht gewollt, ich habe ihm zu verstehen
-gegeben, daß ich nichts von ihm wissen wollte... Ich finde, er ist ein
-Ekel!“</p>
-
-<p>„So, findest du?“ erwiderte Eberhard erheitert. Er hatte noch nicht die
-Erfahrung gemacht, daß junge Mädchen in den stärksten Ausdrücken über
-die Männer schimpfen, welche ihnen gefallen, und fuhr vergnügt fort:
-„Das freut mich! &mdash; Nun, hast du es ja nicht nötig, wieder hinzugehen!“</p>
-
-<p>„Warum nicht?“ fragte sie harmlos. „Wegen dieses Menschen? Ach, dann
-glaubte er am Ende, daß ich mich vor ihm fürchte... Nein, Eberhard, das
-sollen sie nicht denken!.... Ich komme doch wieder hin!.... Ich will
-dich doch sehen! &mdash; Ich bin ja so froh, daß du Ringkämpfer wirst!“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i043" name="i043">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i043.jpg" alt="Ende Kapitel IV" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="V">V.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es war am Vorabende des ersten Dezembers, an dem Eberhard zum ersten
-Male als einer der „vierundzwanzig Ringkämpfer“ vor die Öffentlichkeit
-treten sollte.</p>
-
-<p>Eberhard ging des Nachmittages um die fünfte Stunde zu seiner Freundin.
-Fritzi hatte ihr Ausgehjäckchen an und setzte soeben vor dem Spiegel
-ihren Hut auf. „Ach, du bist’s,“ sagte sie und winkte grüßend mit der
-Hand, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen, „ich gehe
-eben fort, wie du siehst.“ „So begleite ich dich,“ sagte der junge
-Mann. „O,“ erwiderte das junge Mädchen, wie es ihm schien, in einiger
-Verlegenheit, „so wirst du nicht weit mitkommen können, denn ich gehe
-ins Theater.“ „In die Garderobe? Jetzt schon?“ fragte er, „es ist kaum
-fünf Uhr!“ „Es muß schon später sein,“ antwortete sie schnell, „und
-ich muß heute mindestens eine Stunde früher dort sein, da ich an einem
-Kostüme zu nähen habe.“</p>
-
-<p>Dagegen war nichts einzuwenden. Trotzdem fragte Eberhard noch:</p>
-
-<p>„Kannst du kein anderes Kostüm anziehen, Fritzi? Ich wäre so gerne noch
-ein Stündchen mit dir zusammen!“</p>
-
-<p>„Gerade heute?“ lachte sie. „Aber es ist unmöglich! Es ist gerade mein
-schönstes Kostüm, das grüne, du weißt.. Der Agent kommt heute abend
-ins Theater, nur meinetwegen! &mdash; Aber hübsch wäre es, wenn du mir ein
-paar Mark auf Handschuhe geben wolltest; nach der Vorstellung bekomme
-ich erst Gage, und ich kann mich vor dem Agenten nur in eleganten
-Handschuhen sehen lassen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p>
-
-<p>„Hast du auch dem Agenten zuliebe den neuen Hut gekauft?“ fragte
-Eberhard.</p>
-
-<p>Sie zögerte einige Sekunden und sah sich nach ihm um, dann lachte sie
-hell: „Neuen Hut? Ein ganz, ganz alter, Eberhard!“</p>
-
-<p>„Nun,“ sagte der junge Mann, „ich habe doch auch Augen im Kopfe...
-Soviel ich sehen kann, ist dies ein Hut nach der neuesten Mode, und ein
-sehr eleganter dazu!“</p>
-
-<p>Da machte Fritzi ein böses Gesicht und erwiderte verstimmt:</p>
-
-<p>„Nun gut, du hast recht, und ich lüge.... Du hast ja immer recht,
-natürlich.... Ist es so weit gekommen, daß du mir nicht mehr glaubst?
-Vielleicht schenkst du Frau Krichelmann, meiner Wirtin, mehr Glauben,
-als mir! Ihre Nichte ist in einem Putzgeschäft Verkäuferin und hat
-mir diese alte, vorjährige Hutfasson wieder aufgeputzt! Gehe doch
-hin und frage sie! Sie ist ja viel glaubwürdiger, als ich... O, du
-bist schlecht, Eberhard! Du verdächtigst mich wegen meines armseligen
-Hutes... Als wenn du mir Hüte kauftest! Liane hat seit Anfang des
-Winters schon mindestens acht Hüte bekommen... O, du bist geizig und
-schlecht! Du behauptest mich zu lieben und kaufst mir keine Hüte... O
-Gott, wie bin ich unglücklich!...“</p>
-
-<p>Sie hatte sich so in Eifer hineingeredet, daß ihr nun wirklich einige
-Zornestränen in den Augen blinkten. Hastig wischte sie die Tropfen mit
-dem Tüchlein fort und fuhr mit der Puderquaste über Augenlider und
-Wangen. Eberhard aber, obwohl noch immer zweifelnd, war besiegt. Er
-fühlte sich im Unrecht und sagte gequält:</p>
-
-<p>„Du weißt doch, Fritzi, ich konnte dir nichts kaufen in dieser Zeit...
-Wie gern hätte ich dir alles gegeben, wenn ich’s gehabt hätte! Aber
-du, du hast dich ja mit der Garderobe vom vorigen Winter behelfen
-können...<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Ich habe mich oft gewundert! Alles verstehst du so geschickt
-herzurichten, wie neu... Meine Fritzi sieht immer aus, wie nach der
-neuesten Mode gekleidet... Warte nur noch ein Weilchen, geliebtes Kind,
-so sollst du wieder alles haben!“</p>
-
-<p>Das junge Weib lachte triumphierend. Wieder einmal war es ihr geglückt,
-seine Zweifel zu zerstreuen und den schönen, starken Menschen zu
-beruhigen! O, sie fand ihn so hübsch, so kräftig, so männlich, und
-dachte gar nicht daran, auf ihn zu verzichten! &mdash; Sie lief an den
-Tisch, steckte rasch das Fünfmarkstück, welches er für ihre Handschuhe
-gegeben hatte, in das silberne Kettentäschchen und hüpfte dann auf
-Eberhard zu, stellte sich auf die Fußspitzen und sah ihm lachend in die
-Augen:</p>
-
-<p>„Nun, wollen wir uns zanken oder vertragen?“</p>
-
-<p>Ihre dunklen Augensterne funkelten unter dem schmalen Strich der
-Brauen, die mit dem schwarzen Stifte noch schärfer und feiner
-nachgezogen waren. Gelblicher Puder lag auf der zarten Haut, der rosige
-Mund war noch röter, lockender geschminkt und glühte wie frische
-Erdbeeren... Er wollte sie küssen, sie aber sprang neckend fort:</p>
-
-<p>„O, das gibt’s jetzt nicht! &mdash; Ein andermal! &mdash; Jetzt würdest du mir
-nur die Schminke verwischen! Und nun schnell, schnell, komm hinaus, ich
-muß in die Garderobe!“</p>
-
-<p>Sie trippelte eilig auf der Straße neben ihm her. Bald war das Theater
-erreicht; Eberhard reichte ihr die Hand und ging fort. An der nächsten
-Straßenecke verglich er seine Taschenuhr mit dem großen Chronometer
-vor dem Laden eines Uhrmachers. Es fehlten in der Tat noch mehrere
-Minuten an fünf Uhr. Er schalt sich selbst aus. Nun hätte er noch lange
-Zeit gehabt, mit Fritzi zu plaudern! Am liebsten hätte er das junge
-Mädchen zurückgerufen. Er zauderte kurz, besann sich, ob er sie aus der
-Theatergarde<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>robe noch einmal zu sich bitten sollte, wendete sich dann
-aber dennoch um und ging nach Hause. Er sah nicht mehr, daß Fritzi an
-der Kassiererin des Variététheaters, die bereits in ihrem Verschlage
-saß, wieder vorbeistürmte, dem betreßten Portier, der ihr schnell eine
-Droschke besorgt hatte, ein Geldstück in die Hand drückte und eilends
-in den Wagen stieg, um ihr Rendezvous um fünf Uhr nicht zu versäumen...
-Der Portier schloß den Wagenschlag und das Gefährt rollte davon. Der
-Türhüter aber trat in seiner bunten Uniform wieder in den Hauseingang
-zurück und blinzelte die Kassiererin verständnisinnig an. Das Fräulein
-am Kassentische lächelte maliziös:</p>
-
-<p>„Ja, die avanciert rasch! &mdash; Komisch, daß ihr Mensch nichts davon
-merkt, den großen Blonden meine ich! Den macht sie doch alle Tage zum
-Nulpen!“</p>
-
-<p>„Er is ihr eben jut,“ sagte der Portier. „Amende meent er’s reell mit
-se und will ihr heiraten!“</p>
-
-<p>Das belachten sie aber beide wie einen gelungenen Witz.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eberhard bog langsam in die Straße ein, in der er wohnte. Er hatte
-noch das bescheidene Studentenquartier inne, in dem er gelernt und
-gearbeitet, gedichtet, gehofft und gelitten hatte. Er dachte an
-den Abend des kommenden Tages und ein leichtes, nur von ihm selbst
-gefühltes Lächeln zog fröhlich, abenteuerlustig und verlegen um seine
-Lippen. Er ging langsam, den Kopf sehr gerade aufgerichtet, die Hände
-in den Manteltaschen. Es fiel ihm selber auf, wie schwer sein Schritt
-geworden war. Der ehemalige Turner, der seit Jahren gewöhnt war, die
-Zehen zuerst auf den Boden zu setzen, fing nun an, schwer und wuchtig
-mit der ganzen Fußsohle gleichzeitig aufzutreten. Sein Gang war breit,
-langsam und schwerfällig geworden, der Gang des Athleten, der gleichsam
-bei jedem Schritte seine Kraft<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> und sein schweres Gewicht empfindet
-und beisammenhält. &mdash; Donnerwetter! sagte er zu sich selbst, bin ich
-wirklich nur noch im Trikot elastisch? &mdash; Und er ging durch die kühle
-Frische des Abends eilig den kurzen Rest des Weges nach Hause und
-sprang absichtlich behend die Treppen hinauf.</p>
-
-<p>Er brauchte die Korridortür nicht aufzuschließen, sie war nur
-angelehnt. Er drückte die Tür hinter sich zu und trat rasch in seine
-Stube.</p>
-
-<p>Es war darin schon dunkel; nur das Fenster schimmerte noch weißlichgrau
-im letzten, matten Lichte des scheidenden kurzen Wintertages. Aber
-auf dem Tische brannte eine Kerze, und davor war, tief über ein Buch
-gebeugt, ein Mädchenkopf, der bei Eberhards Eintritt erschrocken
-auffuhr. Gleich darauf aber lächelte Fräulein Therese Ambrosius, die
-Tochter der Zimmerwirtin, und sagte in einiger Verlegenheit:</p>
-
-<p>„Sie werden doch nicht böse sein, Herr Freidank, daß ich in Ihren
-Büchern gelesen habe? &mdash; Es war das erste Mal, wirklich!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Aber ich denke nicht daran, böse zu sein,“ erwiderte der junge Mann
-mit seinem ruhigen Lächeln, „warum sollte ich? &mdash; In der Tat, ich habe
-nie bemerkt, daß Sie hier gelesen haben... Ich bitte Sie, Fräulein
-Ambrosius, lesen Sie alles, was Ihnen Spaß macht! &mdash; Ich schlage diese
-Bücher nicht mehr auf, darum werden sie sich doppelt freuen, wenn sie
-in zarte Damenhände kommen,“ fügte er mit einem linkischen Versuche, zu
-scherzen, hinzu.</p>
-
-<p>Er war es nicht gewöhnt, mit Frauen umzugehen; darum fühlte er, in
-Gegenwart von Frauen, eine sonderbare Bedrückung. Er wurde nicht
-verlegen und nicht verwirrt. Aber wenn er einem dieser zarten und
-empfindsamen Geschöpfe, als welche die Frauen ihm erschienen,
-gegenüberstand, war es ihm, als ob etwas Weiches, Schweres auf ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-lastete, welches ihn zwang, mit diesen andersgearteten Wesen überaus
-sanft, fein und behutsam zu verkehren. Über die Frauen, welche einen
-Beruf ausüben, hatte er sich noch keine dauernde Meinung bilden können,
-weil er keine kannte. Mitunter hatte er ein lebhaftes, peinliches
-Bedauern empfunden, wenn er Fräulein Ambrosius zu später Abendstunde
-vom Telephondienste nach Hause kommen hörte. Sie erschien ihm zugleich
-unweiblich und beklagenswert.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Fräulein Therese klappte das Buch zu, legte es nieder, machte sich
-irgend etwas zu schaffen; dann blickte sie auf und sagte schnell:</p>
-
-<p>„Ihr Schneider war hier, mit der Rechnung; er behauptete, daß er nicht
-länger warten könnte.“</p>
-
-<p>Eberhard fragte: „Nun, und dennoch ist er fortgegangen?“</p>
-
-<p>„Er mußte wohl,“ sagte Therese heiter. „Mutter ist nicht zuhause; ich
-fertigte ihn ab... In zwei Wochen, bestimmt aber in drei Wochen bekäme
-er, was ihm zusteht, versicherte ich ihm... O, ich habe noch hernach
-lachen müssen, wie mißtrauisch der Mann mich betrachtete! &mdash; Ist das
-aber auch gewiß wahr? fragte er immer wieder. Ei freilich! sagte ich
-ihm, wenn ich es Ihnen sage, so ist es ganz gewiß!“</p>
-
-<p>Ihre geringe Befangenheit, die leichte Verlegenheit, weil er sie bei
-seinen Büchern überrascht hatte, war dahin.</p>
-
-<p>Eberhard sah über das Mädchen weg und sagte, mehr zu sich selbst, als
-zu Therese:</p>
-
-<p>„Das ist ja nun auch gewiß &mdash; endlich. O, vorher hatte ich fast niemals
-Gewißheit. Endlich wird die Misere ein Ende haben.“</p>
-
-<p>Das Fenster war nun schon ganz dunkel. Eberhards Blick glitt von dem
-Himmel, der in den Finsternissen der Nacht verschwamm, hernieder zu
-dem Kopfe des jungen<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Mädchens, der gerade von dem gelben Kerzenlichte
-bestrahlt war. Er hatte sie vorher eigentlich nie genau betrachtet.
-Der Dienst hielt sie meistens gerade in den Stunden fern, wenn er
-zuhause war. Nun sah er zum ersten Male mit Bewußtsein, daß die „filia
-hospitalis“ ein schönes, stolzes Gesicht hatte, welches von sanften,
-braunen Haarwellen umgeben war. Die beiden kräftigen Zöpfe waren in
-einen griechischen Knoten gesteckt. Tat es die Haartracht oder die edle
-Art, wie der schlanke Hals die Bürde des Hauptes trug, oder tat es
-das kühne Profil Thereses, daß sie ihm wie eine junge Diana erschien?
-Jedenfalls war sie hübsch und stolz, und ihr Kleid saß schmuck beim
-einfachsten Schnitt. Dies sah er mit natürlichem Wohlgefallen,
-plötzlich aber bemerkte er, daß das Fräulein ihn lächelnd und, wie er
-meinte, spöttisch ansah. Da sagte er, nun wirklich verwirrt:</p>
-
-<p>„Pardon. O &mdash;, pardon. Ich bin ein schlechter Gesellschafter. Und dann,
-verzeihen Sie &mdash; ich kannte Sie ja eigentlich nicht, obwohl ich schon
-sieben Monate bei Ihnen wohne. Ich &mdash; hatte &mdash; Sie mir &mdash; ganz anders
-vorgestellt.“</p>
-
-<p>Nun lachte Therese hell:</p>
-
-<p>„Wie denn?“</p>
-
-<p>„Sie werden mir auch sicherlich nicht zürnen? Nein? &mdash; Ich hatte Sie
-für emanzipiert gehalten.“</p>
-
-<p>Sie bog den Kopf zur Seite, nach dem dunklen Fenster hin. Der junge
-Mann, der sie unverwandt beobachtete, sah einen leichten Schatten über
-ihre Stirn und ihre klaren Augen fliegen. Aber er wußte nicht, ob eine
-Verstimmung ihr die Augen verdunkelte und ihre weiße Stirne faltete,
-oder ob nur der Kerzenschein flackernd über ihr Gesicht hingehüpft war.
-Dann erwiderte sie gelassen:</p>
-
-<p>„Nein! Emanzipiert bin ich nicht. Ich lasse mir keine<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Rechte
-schenken... Ich habe sie, oder ich habe sie nicht .... Ich bin gesund,
-ich bin stark, ich kann arbeiten: das genügt mir... Das ist mir
-alles...“</p>
-
-<p>Es war ein kurzes Schweigen zwischen den jungen Leuten. Eberhard drehte
-gedankenlos an dem Leuchter, so daß die Flamme unruhig an dem Dochte
-auf und nieder sprang. Therese fuhr fort:</p>
-
-<p>„Aber Sie sind noch immer im Dunkeln; ich hole die Lampe!“</p>
-
-<p>Sie lief hinaus und kam sehr schnell mit der brennenden Lampe in der
-Hand zurück. Nun schien das Licht durch die Glocke aus weißem Milchglas
-hell in alle Ecken. Therese zog geschäftig den Fenstervorhang zu; dann
-zögerte sie, faßte aber plötzlich einen Entschluß und sagte:</p>
-
-<p>„Morgen also wird man Sie auf der Bühne sehen können?“</p>
-
-<p>Er sah sie an, ungewiß, wie sie es meinte, und fing an zu spotten:</p>
-
-<p>„Sagen Sie lieber gleich: bewundern, Fräulein Ambrosius!“</p>
-
-<p>„Auch bewundern, gewiß,“ erwiderte sie freundlich. „Ich hätte Sie in
-der Tat gern gesehen...“</p>
-
-<p>„O, wenn es das ist &mdash;!“ antwortete der junge Mann, „ich gebe Ihnen
-Karten... Wenn es Ihnen Spaß macht, Ringkämpfe zu sehen...“</p>
-
-<p>Er zog die Brieftasche und nahm zwei Karten heraus. Die Theaterbilletts
-steckten neben Photographien. Er zog auch diese Photographien aus dem
-Fache, betrachtete sie einen Augenblick und legte sie dann auf den
-Tisch vor Fräulein Therese.</p>
-
-<p>„Ach!“ sagte Therese fröhlich, „das sind Sie... Das sind Sie... O,
-hübsch, Herr Freidank!“</p>
-
-<p>Mit naivem Vergnügen sah sie die beiden Bilder an,<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> ohne ihr Interesse
-zu verhehlen. Sie stellten beide Eberhard im Sportanzuge dar. Im engen,
-dunklen Trikot mit bloßem Hals und nackten, gekreuzten Armen stand er
-gegen einen dunklen Hintergrund, von dem der kraftvolle Körper sich
-stark und plastisch abhob. Therese schaute auf die Photographien, dann
-auf den jungen Mann. Es war ein Zufall, daß Eberhard auch jetzt gerade
-mit verschränkten Armen dastand, genau wie auf einem der Bilder. Das
-weiße Lampenlicht fiel voll auf sein ruhiges, kluges Gesicht und seine
-schöne, hohe Gestalt. Die Blicke der jungen Leute begegneten sich,
-und voll Überraschung sah Eberhard über die ausdruckvollen Züge des
-Fräuleins ein Spiel lebhafter Empfindungen gehen, und dann ein starkes
-Erröten... Unfähig, ihren Eindruck zu verbergen, sagte sie mit einiger
-Heftigkeit:</p>
-
-<p>„Ach, wie schade... wie schade...“</p>
-
-<p>„Was ist schade, Fräulein Ambrosius?“ fragte er, während seine Brauen
-sich zusammenzogen.</p>
-
-<p>Sie bereute ihren Ausruf, stockte und wollte ihn zurückziehen, aber es
-war zu spät; nun war sie ihm eine Antwort schuldig.</p>
-
-<p>Das fremde, junge Mädchen hatte eine Wunde in ihm berührt, die er
-sich selbst noch nicht einmal eingestanden hatte. Wer war sie, daß
-sie gedankenlos den Schleier von seinen tiefsten, unausgesprochensten
-Heimlichkeiten ziehen durfte? Und heftig wiederholte er seine Frage:</p>
-
-<p>„Um was ist es schade? &mdash; Um mich vielleicht?“</p>
-
-<p>Es war zu spät; sie konnte nicht mehr zurück...</p>
-
-<p>„Um Sie!“ sagte sie mit einem entschlossenen Blick in seine zornigen
-Augen, „jawohl, um Sie!“</p>
-
-<p>„Ach, sehr freundlich!“ antwortete Eberhard, dessen Gesicht den
-Zornesausdruck verlor, verdrießlich und höhnisch. „Warum denn schade?
-&mdash; Vor einer Minute fanden<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> Sie das Bild hübsch... Ich bin nicht eitel
-genug, dieses Lob anzunehmen; aber warum die plötzliche Sinnesänderung?“</p>
-
-<p>Da sagte Therese Ambrosius schnell:</p>
-
-<p>„Ich kenne Sie ja nicht... Ich kenne Sie ja gar nicht näher... Und
-meine Meinung ist Ihnen auch ganz gleichgültig ... Aber mir scheint, es
-ist schade, daß Sie in Zukunft nichts tun wollen, als sich anschauen
-lassen... Von fremden, neugierigen Leuten... Daß Sie alle anderen
-Zukunftspläne so ohne Bedauern über Bord geworfen haben .... Das finde
-ich traurig...“</p>
-
-<p>„Finden Sie? &mdash;“ fragte er, immer noch spöttisch. „Nun, wenn Sie
-meinen, daß ich mich einfach ausstellen lasse, wie eine Bestie im
-Käfig... Und der Sport, Fräulein Ambrosius? Den Sport rechnen Sie für
-gar nichts?“</p>
-
-<p>Therese sah ihn unsicher an und sagte:</p>
-
-<p>„Es war unrecht von mir, etwas zu sagen, da ich doch wohl nicht
-ausdrücken kann, was ich meine... Ich zähle den Sport schon mit! Ich
-habe ehrliche Freude an der Kraft und am Sport! &mdash; Nur, wenn die Kraft
-allein das Ziel des Lebens sein soll, das finde ich traurig... Ich
-hielt den Sport immer nur für ein Mittel zum Zweck... Zu dem Zwecke
-nämlich, gesund und arbeitsfreudig zu bleiben oder zu werden...“</p>
-
-<p>„Ich nicht,“ sprach Eberhard Freidank trotzig, „ich nicht, Fräulein
-Ambrosius! Wer keine Kräfte hat, kann sie nicht anwenden... Ich habe
-sie, und ich gebrauche sie... Der Teufel hole die Arbeitsfreudigkeit!
-Ich habe sie nicht mehr. Ich bin von diesem Irrtume genesen. Ja,
-genesen.“</p>
-
-<p>Er hatte es laut und fest und schnell gesagt, in einem starken,
-jugendlichen Trotze, mit dem er sich selbst überreden und das jähe
-Zagen und Schwanken seiner Seele be<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>schwichtigen wollte. Und da er nun
-schwieg, vergaß er die Gegenwart des Mädchens und wußte nicht mehr,
-daß er nicht allein war. In seiner Haltung drückten sich Energie und
-Entschlossenheit aus; sein Haupt, das helle, blonde Niedersachsenhaupt,
-war zurückgebogen, die ernsthaften Lippen schmal zusammengepreßt. Ich
-bin von dem Irrtum genesen, sagte er noch einmal in Gedanken, während
-sein Mund fest geschlossen blieb. Und dann flog sein Geist doch
-nachdenklich zurück zu früherer stiller Arbeit in demselben Zimmer, aus
-dem er jetzt ausziehen wollte, um als ein neuer Siegfried, ein Held der
-Gliederkraft, die Welt zu erobern. Wie hatte es dem ruhig fröhlichen
-Norddeutschen so fern gelegen, mit der Schönheit und Stärke seiner
-Muskeln zu prunken! Das Gottesgeschenk seiner Kraft hatte er als eine
-selbstverständliche Gabe angenommen und sich ihrer erfreut, als eines
-unveräußerlichen Besitztums, so sicher, wie die Luft, die man atmet! &mdash;
-O, andere Ideale hatten sein Herz schneller und höher schlagen lassen;
-aus dieser stillen Stube hatten Werke des Geistes ausziehen sollen, die
-der Jüngling, über diesen Tisch gebeugt, in dem starken, wohlgebauten
-Schädel ersonnen und mit der großen kräftigen Rechten niedergeschrieben
-hatte! &mdash; Seine Blicke wurden dunkel, wie der Himmel, über den eine
-schwarze Wetterwand dahingezogen ist. Nun sah er sich um und entdeckte
-das Mädchen Therese, die kein Auge von ihm verwandt hatte.</p>
-
-<p>Er mußte sich einen Augenblick besinnen, was sie in seinem Zimmer
-wollte; dann sagte er finster:</p>
-
-<p>„Wie sehen Sie mich an? Bin ich ein Meerwunder? &mdash; Ach, Sie brauchen
-nicht rot zu werden... Genieren Sie sich nur nicht, mein Fräulein! Ich
-weiß nun Ihre Ansicht, sie ist nicht sehr schmeichelhaft... Sie finden
-den Sport verächtlich, allright... Bureaumenschen gefallen Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-wahrscheinlich besser... Nun, nichts für ungut, Fräulein Ambrosius! Ein
-jeder hat seinen besonderen Geschmack. Bei den modernen Damen ist er
-sogar sehr ausgesprochen..“</p>
-
-<p>Er lachte sein gutes, verlegenes, jugendliches Lachen. Er schämte sich,
-das fremde Fräulein mit einiger Heftigkeit aufgezogen zu haben. Wie kam
-man auch dazu, mit einem dieser gebrechlichen Wesen über ernsthafte
-Dinge zu reden? Wie dieses Mädchen jetzt vor ihm stand... Gewiß, er
-hatte sie beleidigt...</p>
-
-<p>Therese Ambrosius sah betrübt und ernsthaft aus. Die dunklen Augen
-standen groß und verwundert in dem weißen Gesicht.</p>
-
-<p>„O,“ sagte sie langsam, „o, Sie haben mich mit Absicht falsch
-verstanden. Sie wissen das auch... Gute Nacht, Herr Freidank.“</p>
-
-<p>Sie neigte leicht den Kopf und wollte an ihm vorüber zur Tür. Im
-nämlichen Momente flog ein schriller Klingelton durch die Wohnung.
-Frau Ambrosius kehrte von ihrem Ausgange zurück. Als Eberhard das
-Glockenzeichen hörte, war er mit einem Sprunge neben dem Mädchen. Nein,
-zornig brauchte sie nicht von ihm zu gehen! Er reichte ihr impulsiv die
-große Hand und flüsterte schnell:</p>
-
-<p>„Fräulein &mdash; Fräulein Therese &mdash; habe ich Ihnen weh getan?“</p>
-
-<p>Da schlug das Mädchen die Augen auf und erwiderte, gegen ihren Willen
-lächelnd:</p>
-
-<p>„Mir &mdash; nein. O nein, mir nicht. &mdash; Doch nun, gute Nacht! Ich muß der
-Mutter öffnen...“</p>
-
-<p>Während sie eilends hinausschlüpfte, sah sie Eberhard noch einmal
-bedeutungsvoll an, indem sie den Zeigefinger auf den Mund legte. Dann
-hatte sich die Tür geschlossen und Eberhard war allein.</p>
-
-<p>Er trat an den Tisch zurück, nahm die Photographien<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> auf und barg
-sie, ohne sie anzusehen, wieder in der Brieftasche. Das Werk, in
-dem Fräulein Therese Ambrosius gelesen hatte, lag auch noch auf dem
-Tische, gerade in dem gelben Lichtkreise der Lampe. Er stellte das
-Buch an seinen Platz auf dem bescheidenen Regal zurück. Dabei fiel ihm
-etwas ein: er sah sich um, ob nicht eine Kiste im Zimmer stände, oder
-sein Koffer, worin er alle Bücher, die ihm vordem zum Studium gedient
-hatten, verschließen konnte. Der Anblick dieser schlichtgebundenen
-Werke im schwarzen Kalikorücken war ihm plötzlich zuwider. Morgen,
-dachte er, morgen, oder in den nächsten Tagen, werde ich eine Kiste
-kommen lassen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er ging noch einmal an das Fenster, öffnete es und sah hinaus in die
-Novembernacht. Draußen hatte ein leichter Schneefall begonnen. Der
-Schneehauch kühlte Eberhards Gesicht und strich ihm angenehm über die
-Haare hin. Eberhard fühlte plötzlich ein Verlangen nach dieser Kälte;
-er zog die Jacke aus, tat den steifleinenen Halskragen ab und stand
-in Hemdsärmeln mit bloßem Halse am Fenster. Der Schnee fiel dichter,
-wie ein flimmernder, beweglicher Vorhang vor einem unergründlichen
-Hintergründe....</p>
-
-<p>Er stand lange, und dunkle, fragende, ahnungsvolle Gedanken, denen er
-keine Worte hätte leihen können, tauchten aus dem Grunde seiner Seele
-auf. Aber der leise, ununterbrochene Schneefall lenkte ihn immer wieder
-ab, zog seine Blicke hernieder, hernieder in den Tanz der wirbelnden
-Flocken.</p>
-
-<p>Die leichte Kälte wehte an seine heiße Brust, er knöpfte das Hemd über
-der Brust auf und bot seinen warmen Leib der winterlichen Nachtluft,
-indes er langsam den Körper wohlig ausreckte....</p>
-
-<p>Dann schloß er das Fenster, ging in das Zimmer zurück, löschte die
-Lampe aus und ging im Finstern schlafen, wäh<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>rend er ohne große
-Verdrießlichkeit, aber ein wenig unsicher dachte:</p>
-
-<p>„Was versteht sie davon, sie ist ein törichtes Ding, &mdash; jawohl, ein
-törichtes Ding, &mdash; und außerdem, was geht sie mich an...“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i057" name="i057">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i057.jpg" alt="Ende Kapitel V" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VI">VI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Tagsüber ruht das Odeontheater stumm, grau, unschön und unzugänglich,
-wie ein ungastlicher, schlafender Koloß. Der Torweg, rechts und links
-von Sandsteinsäulen flankiert, ist mit einem schwarzen, gußeisernen
-Gitter verschlossen. Aber wenn die Dämmerung alle Konturen verwischt
-hat, beginnt hier und dort ein Licht aufzublitzen, dem bald ein
-anderes folgt. Es werden immer mehr der Lichter. An allen Enden
-des großen Eckhauses steht abendwaches Leben auf. Nun erscheint
-über dem gemeißelten Sandsteinportale inmitten eines blendendweißen
-Flammenkranzes elektrischer Lampen der Name „Odeon“ in hohen goldenen
-Buchstaben. Jetzt ist an dem großen Gebäude nichts mehr grau und trist.
-Alle Konturen, alle Linien, alle Ecken treten klar, scharf und glänzend
-aus dem hellen, freudigen Lichte hervor; alle Fenster spiegeln heiter
-und einladend den Glanz der Bogenlampen wieder. Das Leben blitzt und
-lacht und funkelt aus dem erleuchteten Hause heraus, und darüber
-breitet die Freude ihre starken, sieggewohnten Schwingen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die ersten Theaterbesucher erscheinen an der Abendkasse und lösen ihre
-Karten. Sie kennen die guten Plätze, sie verhandeln mit dem Kassierer
-und erhalten, da sie zeitig genug erschienen sind, ihre Lieblingssitze.
-Dann wenden sie sich zur Rechten und treten mit ihrem galantesten
-Lächeln in das elegante Theaterrestaurant ein, wo Fräulein Krömer,
-die Schwester der Frau Direktor Immermann, in ihrer üppigen, reifen
-Brünettenschönheit selbst an dem<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> Büfette thront und mit stolzem,
-nachsichtigem Lächeln die Huldigungen ihrer Verehrer entgegennimmt.
-Welcher Theaterbesucher verehrt sie nicht? Kein Herr aber darf sich
-rühmen, jemals von Fräulein Leonie Krömer mehr empfangen zu haben,
-als ein freundliches Wort und ihr berühmtes, zugleich pikantes und
-selbstbewußtes Lächeln, das Lächeln, welches sich niemals das geringste
-vergibt, das Lächeln, welches rot und stolz wie Julirosen blüht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Im Theater brannten, da es noch zeitig war, nur erst die Wandleuchter
-und die Öllämpchen in den Gängen. Im Orchester war noch alles finster.
-Zwei Theaterarbeiter kamen durch den Spalt im Vorhange auf die Bühne
-hinaus, bis nahe an die Rampe, und schraubten ein Loch in den Fußboden;
-dann krochen sie durch denselben Spalt wieder zurück.</p>
-
-<p>Auf der Galerie am hinteren Ende des Saales, wo die Sitze nicht
-numeriert sind, erschienen die ersten Besucher, wurde halblaut
-geflüstert, raschelten Programme.</p>
-
-<p>Die Zeit war da; die unerklärliche, erwartungsvolle, aufreizende
-Theaterstimmung kam, als die bronzenen Riesengirandolen, die an starken
-Ketten von der hellen, hohen Decke des Saales herniederhingen, mit
-einem Schlage im Lichte ihrer elektrischen Kerzen erglänzten.</p>
-
-<p>Im Orchester wurde hinter den dunkelgrünen Schirmchen hier und da eins
-der Pultlichtchen angezündet; dann schwirrten leise, nervöse Töne auf
-beim Stimmen einer Violine.</p>
-
-<p>Die hohen Flügeltüren des großen, weiten, schönen Theatersaales
-standen weit offen, bereit, die Gäste aufzunehmen, die vorerst noch
-vor den Garderobespiegeln lächelnd ihr eigenes Bild bewunderten und
-heitere Blicke aufeinander warfen. Stets ist das Publikum der großen
-Variétés seltsam gemischt; heute aber hätte die Verschiedenheit
-dieser Gäste auch dem Unkundigsten auffallen müssen. Es gab da viele<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-große, vierschrötige Männer mit herkulischem Körperbau und groben
-Gesichtszügen, Amateurathleten und Freunde des Kraftsports. Sie hätten,
-in so großer Zahl an einem Orte versammelt, zu jeder anderen Zeit
-Aufsehen erregt. Aber heute glitten die Blicke interesselos über sie
-hin, denn alles wartete auf die Starken, die erprobten, gefeierten
-Athleten.... In den Augen der Frauen glühte ein eigentümliches,
-heimliches Feuer. Es waren auffallend viele, schöne und elegante Frauen
-erschienen. Sie alle waren von einer Nervosität beherrscht, die sich
-hinter belanglosem Lächeln und kokett gesenkten Augenlidern verbergen
-wollte, und die heimlich fiebernde Unruhe zog ihre Blicke doch
-immer wieder auf die drei Meter hohen Plakate mit dem Bilde Hermann
-Thyssens, des Matadors, die den ganzen Raum dominierten. Auf blutrotem
-Grunde stand der Ringkämpfer, kampferbittert und siegessicher, und
-hielt seinen schwarzen Gegner kopfunter mit fürchterlichem Griffe
-hoch empor, bereit, ihn zu Boden zu werfen. Man sah die verzweifelte
-Gegenwehr des Negers, man sah die Anstrengung der starken Muskeln, den
-eisernen Griff der unwiderstehlichen Hände, die Energie der blauen
-Augen und des zusammengepreßten Mundes.... Sie lasen die Unterschrift:
-Hermann Thyssen, Champion of the World in Graeco-Roman Style &mdash; und
-ihre verschleierten Blicke sagten lautlos und bebend: Champion...
-Herrscher... Herr... Herr....</p>
-
-<p>„Was siehst du an dem Bilde?“ fragte Frau Ambrosius ihre Tochter, die
-nachdenklich vor dem Plakate stand. „Komme auf den Platz, Therese! Es
-hat schon geschellt.“</p>
-
-<p>„Ja, gewiß,“ erwiderte Therese, „nur noch einen Augenblick, Mama!“</p>
-
-<p>Das junge Mädchen konnte sich nicht versagen, noch einen eitlen Blick
-in den Spiegel zu werfen. Therese konnte zufrieden sein; die rosige
-Farbe der Erregung stand gut<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> auf ihrem Gesichte, und die zierliche,
-weiße Bluse umhüllte eine anmutige und kräftige Mädchenbüste. Im
-nächsten Augenblicke aber schreckte sie leicht zusammen und wendete
-sich unwillkürlich um. Im Spiegel hatte sie Fritzi erblickt, Fritzi,
-deren Bilder in graziösen, lockenden Posen auf der Kommode in
-Eberhards Zimmer standen. Sie erkannte sie gleich so bestimmt, daß
-ihr kein Zweifel blieb. Das kecke, zierliche Geschöpf zupfte an ihrem
-Lockenscheitel, strich den prallsitzenden Rock noch glätter und hing
-sich dann wieder an den Arm ihres Begleiters, mit dem sie stolz durch
-das Vestibül in den Theatersaal hineinschritt.</p>
-
-<p>Therese blickte dem Paare finster nach. Eine dumpfe, zornige Eifersucht
-stieg plötzlich in ihr auf. Diese kecke Chansonette mit dem schwarzen
-Haar und dem tänzelnden, spielerischen Schritte liebte Freidank...
-diese schmale, geschnürte Taille hatten seine starken Arme umfangen...
-Was war ihr Freidank, was konnte er ihr sein? Sie hätte es in dieser
-Stunde nicht sagen können; aber mit hellsehendem, weiblichem Instinkte
-faßte sie eine tiefe Abneigung gegen die andere...</p>
-
-<p>„Kommst du nicht?“ fragte Frau Ambrosius ungeduldig, und dann, indem
-sie dem finstern Blick ihrer Tochter mit den Augen folgte:</p>
-
-<p>„Wem siehst du dort nach? &mdash; Wer ist denn das? &mdash; Ach, ist das nicht
-Herrn Freidanks Dame?“</p>
-
-<p>„Es scheint so,“ erwiderte Therese kühl.</p>
-
-<p>„Bestimmt!“ sagte Frau Ambrosius lebhaft. „Aber mit wem geht sie da,
-Therese? &mdash; Man kann von diesem Manne doch nur sagen: ein Kerl! &mdash; Ist
-das vielleicht ’n Bruder von ihr? Oder ’n Vetter? Ich habe ja immer
-gesagt, sie ist ’n ganz gewöhnliches Frauenzimmer!“</p>
-
-<p>„Ich habe es nie bezweifelt. Übrigens geht sie uns gar nichts an,
-Muttchen,“ sagte Therese mit absichtlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Gleichgültigkeit. Doch
-ihr Zorn gegen Fritzi verstärkte sich, da sie nun ihren Begleiter
-ins Auge faßte. Es war ein kräftiger, grobknochiger junger Mann mit
-ordinären, hübschen Gesichtszügen, aus denen Energie und Sinnlichkeit
-sprach. Fritzi lehnte sich kokett an ihn an, verschwendete ihr süßestes
-Lächeln an den Athleten und grüßte dazwischen mit blitzenden Augen ihre
-anderen Bekannten aus André Leroux’ Training-Hall, welche den hübschen
-Budenringer sämtlich um diese Eroberung hinter dem Rücken Freidanks
-beneideten....</p>
-
-<p>„Ekelhaft,“ sprach Mama Ambrosius halb neugierig, halb entrüstet. Und
-dann eilten beide Damen, ihre Plätze zu erreichen; denn das dritte
-Klingelzeichen war soeben ertönt, und die Musik setzte mit einem
-schmetternden Marsche ein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Auf der Bühne zogen in farbigem Wechsel eine Sängerin, ein
-Akrobatenpaar, ein Hundedresseur vorüber; andere Artisten folgten;
-dann eine Pause... Und wieder Musik, und neue Menschen auf der Bühne.
-Man spielte eine Posse voll derber Komik. Aber je weiter der Abend
-vorschritt, desto mehr erlahmte das Interesse der Männer und Frauen,
-die den Zuschauerraum füllten und die tollen Witze da oben mit müder
-Gleichgültigkeit anhörten. &mdash; Nur zu Ende, zu Ende, daß die Ringkämpfer
-erscheinen konnten, die Ringkämpfer.</p>
-
-<p>O, die Ringkämpfer &mdash;!</p>
-
-<p>Blaß und schweigsam saßen die Frauen da. Sie wagten nicht, ihren
-Gatten, ihren Bräutigamen, ihren Vätern, ihren Brüdern, die sie ins
-Theater geführt hatten, ins Angesicht zu sehen, aus Furcht, ihre
-Ungeduld zu verraten, die grausame, schmerzhafte Erwartung, die ihre
-Nerven auf die Folter spannte. Auf mancher Mädchenstirn perlten
-Schweißtropfen, bleiche Lippen wurden nervös zernagt und hungerige
-Blicke irrten immer wieder von der Bühne auf knisternde<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Programme,
-dahin, wo die stolzen Namen der vierundzwanzig Ringkämpfer verzeichnet
-standen. Und mit wollüstigem Grauen studierten die Frauen und Mädchen
-die Kampfregeln, deren technische Ausdrücke so unverständlich und doch
-süß brutal klangen....</p>
-
-<p>Wie mit bleibeschwerten Flügeln zogen die Minuten der Erwartung über
-den menschengefüllten Saal hin. Als endlich das letzte Wort der Komödie
-gesprochen war, brach ein jubelnder, exzentrischer Beifall los, ein
-hysterisches Toben und Händeklatschen... O &mdash; es war zu Ende, o... die
-Ringkämpfer.... Könnte man die Minuten peitschen!</p>
-
-<p>Noch eine Pause...</p>
-
-<p>Aber als man sich nun auf die Plätze zurückbegab, gingen die Mädchen
-und die Frauen wie mit federnden Schritten; auf ihren Stirnen thronte
-die heitere Weihe naher Seligkeit, ihre Lippen, in welche die Farbe
-zurückgekehrt war, waren im Lächeln geöffnet, aus ihren Augen
-leuchteten Sterne der Liebe... Ja, nun war die Zeit gekommen!</p>
-
-<p>Aus dem Orchester sprang mit aufreizenden, feurigen Trompetenklängen
-der Ringkämpfermarsch, der überall gespielt wurde, wo Hermann Thyssen,
-der Matador, im Trikot zum Kampfe trat, und dann schwebte langsam der
-Vorhang empor.</p>
-
-<p>Im Halbkreis standen sie da, die Vierundzwanzig, die Erwählten, die
-Halbgötter, die Starken!</p>
-
-<p>Die Musik schwieg; &mdash; ohne Ende hätte man schwelgen mögen im Anblick
-der riesigen, kraftvollen Gestalten, die so ruhig und massig
-nebeneinander auf der Bühne standen, die starken Arme auf den Rücken
-gelegt, die breite Brust mit der Schärpe in den Landesfarben eines
-jeden geschmückt. Ihre Gesichter blickten ernst und unbewegt, wie
-Gladiatoren. Nur wenige suchten mit den Augen irgend jemanden im<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-Zuschauerraume, und unter denen, die ein vertrautes Antlitz suchten,
-war Freidank. Wen suchte er, wen? &mdash; Therese erbleichte, Therese
-schlug zitternd die Augen nieder, &mdash; aber Eberhard hatte nicht Therese
-gesucht, sondern Fritzi...</p>
-
-<p>Fritzi, die vorn in der Loge saß, sprang entzückt auf, setzte sich
-sofort wieder nieder und wendete das pikante, gemalte Gesichtchen ihrem
-Begleiter zu:</p>
-
-<p>„So sehen Sie doch nur! &mdash; Sieht er nicht famos aus?“</p>
-
-<p>„Warum sollte er nicht,“ sagte der junge Mensch, der Budenringer
-Gustav, verdrießlich, bemüht, seinen Neid nicht zu zeigen. „Hat mehr
-Jlück wie Vastand jehabt... Er kann jenau so ville wie wa alle kenn’,
-nich mehr und nich weniga... Jott weeß, mit was for Zicken er sich an
-Thyssen ranjeschlängelt hat...“</p>
-
-<p>„Na, quatsch’ nicht, Justav!“ flüsterte die Chansonette ungeduldig und
-aufgeregt, „hör’ zu...“</p>
-
-<p>Die Musik schwieg; Herr Markus, Thyssens Sekretär und Faktotum,
-durchbrach den geschlossenen Halbkreis der Athleten. Er war im
-Frack und in weißer Weste; seine Augen, die vor Hitze, Erregung und
-Bewußtsein seiner Wichtigkeit funkelten, wetteiferten an Glanz mit dem
-dicken, echten Solitär auf seiner Krawatte. Er machte, so gut es ihm
-gelang, eine Reverenz und begann in das atemlose Schweigen hinein mit
-lauter Stimme die Namen der Vierundzwanzig auszurufen:</p>
-
-<p>„Jan van Muyden, Meisterringer von Holland...“</p>
-
-<p>Ein dicker, hübscher Ringkämpfer mit rosigem Teint und kurzgeschorenem,
-ganz hellblondem Haar, ein echter Holländer, trat vor, ließ aus seinen
-grauen, stahlharten Augen einen großen Blick über die Menge schweifen
-und verbeugte sich kurz. Als er in den Halbkreis zurücktrat, sah man
-ein brutales Lächeln um seinen hübschen Mund spielen....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>„... Pierre le Forgeron, genannt Oeillet rouge, die rote Nelke;
-Champion von Paris!“</p>
-
-<p>Es hatte noch niemand Beifall geklatscht. Le Forgeron, der ehemalige
-Schmied, der sich ernsthaft, mit pariserischer Höflichkeit, verneigte,
-war nicht größer als hundertundachtzig Zentimeter, aber die cyklopische
-Gedrungenheit seines Körpers, die Riesenkraft seiner breiten
-Schmiedehände mochten ihn zu einem furchtbaren Gegner machen...</p>
-
-<p>„Paul Kiesling, Meisterringer von Rheinland und Westfalen ...“</p>
-
-<p>Paul Kiesling hatte einen ungemein proportionierten, sehnigen,
-schlanken und edelgebauten Körper. Einzig seine breite Brust und die
-stark ausgebildeten Muskeln der schönen Arme verrieten den Athleten.
-Seine Hände und Füße aber waren verhältnismäßig klein, und seine
-Gelenke nicht im mindesten plump. Er war stolz auf seinen schlanken
-Leib, und Tausende von Frauen in aller Welt hatten die herrliche Linie
-seiner schlanken Hüften angebetet...</p>
-
-<p>„... Sergej Roditscheff, Rußland...“</p>
-
-<p>Kiesling und Roditscheff wurden immer zusammen genannt. Seit zwei
-Jahren waren diese beiden Ringkämpfer unzertrennlich. Roditscheff galt
-als der Mann von morgen und übermorgen. Zwei Meter hoch, stark und
-ruhig, ein fairer Sportsmann, ein guter Kamerad, gleichmäßig verehrt
-von Männern und Frauen, hatte der junge, blonde Riese die Sicherheit
-einer glänzenden Zukunft in seinen starken Händen. Sergej Roditscheff
-begnügte sich nicht mit einer kurzen Verbeugung. Er trat mit gekreuzten
-Armen bis nah vor die Rampe, lächelte stolz und ließ seine schönen,
-fröhlichen Augen siegesbewußt auf der Menge ruhen. Ein stürmischer
-Beifall brach laut und jubelnd aus. Der große, schöne Jüngling lächelte
-noch stolzer, noch strahlender und trat mit zwei gewaltigen Schritten
-in die Reihe zurück....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-<p>„... Aloys Binder, München, Meisterringer von Bayern....“</p>
-
-<p>Aloys Binder war der Meistgeliebte. Ihm flogen die Frauen zu, und er
-verhöhnte sie, spielte mit ihnen, trat sie buchstäblich mit Füßen.
-In jeder Stadt, wohin er kam, hatte er bereits am zweiten Tage eine
-Schar demütiger Verehrerinnen, die er alle insgesamt wie Sklavinnen
-traktierte, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Baroninnen und
-Cocotten, Kellnerinnen, Bürgerdamen und jungen, feinen Mädchen. Sein
-Äußeres war nicht einmal verführerisch. Die Roheit stand ihm auf der
-niedrigen Stirn geschrieben. Er trug die starken, braunen Haare steil
-hochgekämmt. Seine kleinen, meist halbgeschlossenen Augen funkelten
-böse und mißtrauisch. Am unsympathischsten aber war die untere Hälfte
-seines Gesichts, das spitze und doch starke Kinn, das auffällig weit
-vorgeschoben war und seinem Ausdruck etwas Tierisches gab. Tierisch
-waren auch seine Bewegungen, sprunghaft und raubtiergleich. Er warf
-einen hochmütigen Blick in das Parkett, wo in der ersten Reihe eine
-zarte, liebliche Dame im feinen, weißseidenen Gewande saß und anbetend
-zu ihm emporblickte. Unter seinem frechen Besitzerblicke errötete die
-junge Frau bis unter die schwarzen Scheitel...</p>
-
-<p>„... Giacomo Petrocchi, Matador von Sizilien...“</p>
-
-<p>Petrocchi lächelte selig, wie ein gutes, dickes Kind. Er war ganz
-ungeheuerlich dick und stark. In aller seiner dicken Gutmütigkeit
-aber war er ein fürchterlicher, fast unbesieglicher Gegner. Lächelnd,
-gleichmütig, ohne aus der Ruhe zu geraten, ließ er seinen Partner sich
-müde arbeiten, ohne andern als passiven Widerstand zu leisten. Mitunter
-glaubte man ihn verloren, wenn man ihn fallen sah. Aber er fiel nie,
-wenn er nicht wollte, denn er fiel immer in die Brücke. Sein gewaltiger
-Hals von mehr als fünfzig Zenti<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>meter Umfang hielt jeden Druck aus; er
-hätte eine halbe Stunde unerschüttert in der Brücke bleiben können.
-Dann stand er plötzlich auf und machte seinen ermatteten Gegner rasch
-nieder, ohne daß das glückselige Kinderlächeln einen Augenblick von
-seinem dicken Gesichte gewichen war....</p>
-
-<p>„... Vittorino Cardo, Messina...“</p>
-
-<p>Das war der Bruder des dicken, hübschen Giacomo. Vittorino war
-von ganz anderer Art, ein schlanker, rassiger Italiener. Er war
-Ingenieur gewesen und hatte eine hohe Bildung genossen. Dann hatte
-er der sterbenden Mutter der beiden versprochen, über ihren Liebling
-Giacomo zu wachen. Von demselben Tage an verließ er alles, wurde ein
-Ringkämpfer und pflegte und hätschelte den um zehn Jahre jüngeren
-Bruder mit Mutterliebe und Muttertreue. Giacomo hing wie ein zärtliches
-Kind an seinem Vittorino... Es war ein unendlich inniges Verhältnis
-zwischen den Brüdern, ein zartes, rührendes Idyll unter den rauhen und
-brutalen Athleten. Vittorino hatte dem Jüngeren alles geopfert, alles,
-sogar seinen Ehrgeiz; denn er, der erst im Alter von siebenundzwanzig
-Jahren ringen gelernt hatte, war nur ein mittelmäßiger Ringkämpfer
-geworden und hatte jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, keine Chancen
-und keine Wünsche mehr, als den ihm anvertrauten Liebling seiner
-schwärmerisch geliebten toten Mutter reich und glücklich werden zu
-sehen...</p>
-
-<p>„... Karl van dem Domhoff, Champion der Normandie; &mdash; William H.
-Lanfrey, Irland....“</p>
-
-<p>Das Publikum nahm die Ankündigung der beiden ruhig hin, ohne zu
-applaudieren. Sie waren beide unschön und erweckten keine Sympathie,
-der fuchshaarige Holländer und der lange, hagere englische Boxer mit
-dem unnatürlich kleinen Kopfe und den großen, knochigen Boxerhänden.
-Herr Markus war ein gewandter Sprecher; er witterte es sofort, wenn
-ein Ringkämpfer dem Publikum gefiel, und wußte<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> mit Geschicklichkeit
-Beifallspausen zu machen oder weiterzugehen. Jetzt ließ er ein
-prachtvolles Dekorationsstück unter den Athleten vortreten:</p>
-
-<p>„... Mansur, the Lion of the Sudan, der sudanesische Löwe!“</p>
-
-<p>Mansur, der große, dicke Sudanneger mit den lachenden Wulstlippen,
-der platten Nase und den kleinen Ohren, an denen massive Ringe
-baumelten, erregte leidenschaftlichen Beifall. Sein mächtiger,
-tiefschwarzer Körper war in ein zartrosa Trikot gepreßt, welches die
-verschwenderische Fülle seiner Muskeln in herausfordernder Weise
-markierte. Die breiten Lenden, die enormen Schenkel des Schwarzen
-mußten die Wünsche der Weiber bis zur heulenden Gier aufstacheln&nbsp;...</p>
-
-<p>„... Kasimir Zabolotny, der Riese von Polen! &mdash; Mikita Zirkovitsch,
-Serbien! &mdash; Bernhard Meinken, Hamburg, Champion der drei Freien
-Reichsstädte, Meisterringer von Europa!“</p>
-
-<p>Bernhard Meinkens Name war einer der gefeiertsten in der Sportwelt.
-Stark, ruhig, klug, schön und proportioniert, hatte er sich schon als
-Jüngling dem großen Abs als Freund und Schüler angeschlossen und von
-ihm, dem die Athletik Kunst und Lebensinhalt war, die große Ringkunst
-der antiken Welt, der Griechen und Römer, mit allen ihren Feinheiten
-erlernt. Dann kam das tragische Ende des großen Abs, dem seine Kraft
-eines Übermenschen zum Schicksal wurde. Bernhard Meinken hatte den
-schmerzlichen Verlust seines Freundes und Meisters nie ganz überwinden
-können. Eine ruhige Melancholie war in ihm geblieben, die selbst in
-den heitersten Stunden dunkel in seinen Augen stand. Seine Berühmtheit
-und seine fürstlichen Einnahmen hatten ihn niemals berauscht. Er hatte
-ein zartes, feines, blondes Fräulein, die Tochter eines dänischen
-Etatsrats, geheiratet, hatte ihr eine Villa in Uhlenhorst erbaut und
-die vier Monate des<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> Jahres, die er bei seiner holden, kindlichen
-Gattin und seiner immer noch schönen Schwiegermutter, der Etatsrätin,
-die sich längst mit der Ringkämpferheirat ihrer Tochter ausgesöhnt
-hatte, zubrachte, waren eine Zeit voll des reinsten, intimsten
-Familienglückes.</p>
-
-<p>„... Jimmy Holyhead, Australien! &mdash; Frank Argyll, Texas! Sala ben
-Brahim, Champion der Türkei! &mdash; François à la Crinière, der Herkules
-von Frankreich! &mdash; Raymond Poing de Fer, Lutteur-Matador der Provence!
-&mdash; Willi Lehmann, Berlin!....“</p>
-
-<p>Der Lokalpatriotismus brach in helle Begeisterung aus. Das heftigste
-Klatschen aber drang aus einer Loge zur Rechten, in der elegante
-Demimondänen in hochmodernen Roben und auffälligen Hüten saßen. Sie
-kannten ihn alle, den einstigen Freund der „gelbseidnen Adele“, den
-Matador sämtlicher Berliner Athletenklubs, den gefürchtetsten Zuhälter
-Berlins. Wie hatten sie die gelbseidene Adele um den gelbbraunen
-Athleten mit den schwarzen, borstigen, widerspenstigen Haaren beneidet!
-Er war Adelen ein strenger, furchtbarer Herr gewesen, aber er hatte
-sie gezwungen, Karriere zu machen. In einem Jahre war sie von einer
-gewöhnlichen Tanzbodendirne zu einer der gesuchtesten Demimondänen
-avanciert. Als er sie so weit gebracht hatte, war sie ihm plötzlich
-langweilig. Er wollte sogar wieder arbeiten, um sie los zu werden. Da
-wurde er als Zirkusathlet engagiert, reiste kurze Zeit mit Zirkussen,
-die ihn wegen seiner entsetzlichen Roheit immer gern wieder entließen,
-kam im Herbst auf gut Glück nach Berlin und beabsichtigte nichts,
-als seine Einnahmen aus dem Zirkus hier durchzubringen. Da traf
-ihn plötzlich das unerhörte Glück, in eine angesehene Konkurrenz
-eintreten zu können. Am Tage vor Beginn der Berliner Konkurrenz hatte
-Ola Carstensen telegraphisch abgesagt. Hermann Thyssen empfing das
-Tele<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>gramm in einer Athletenkneipe des Nordens, dessen Wirt er aus
-den Anfängen seiner Laufbahn kannte. Der Wirt, ein ehemaliger Ringer,
-winkte Willi Lehmann, der zufällig in der Nähe stand, herbei, und
-fragte Thyssen ohne Besinnen:</p>
-
-<p>„Kannste nich den da statt dein’ ollen Schweden jebrauchen?“</p>
-
-<p>Thyssen mußte über den „ollen Schweden“ lächeln, und fünf Minuten
-später war der Zirkusathlet für die bedeutendste und geachtetste
-Ringkampfkonkurrenz engagiert...</p>
-
-<p>Nun folgte ein Schlager dem andern; jeder Name, der genannt wurde,
-entfesselte rasenden Enthusiasmus:</p>
-
-<p>„.... Manuel Gomez, el Toro de Granada!“</p>
-
-<p>Der „Stier von Granada“ hatte den olivenfarbigen Teint der Südspanier,
-einen häßlichen Gorillakopf mit wilden, schwarzen Locken, einen
-unwahrscheinlich breiten Brustkasten, unmäßig breite Schultern und die
-größten Hände, die man je gesehen hatte. Das waren wahrhaftig keine
-Hände, sondern die Tatzen eines großen, wilden Tieres. Dazu war sein
-Gesicht über alle Maßen häßlich, von einer Häßlichkeit, die fast schon
-wieder imponieren konnte. Der Toro de Granada klappte plump und grob
-zusammen, anstatt sich zu verbeugen... Jeder fühlte, daß man diesem
-olivegrünen menschlichen Stier gegenüber nicht würde unparteiisch
-bleiben können. Man würde wohl gegen ihn Partei nehmen, aber Partei
-nehmen in jedem Falle....</p>
-
-<p>„... August Bluhm, der Apollo von Berlin &mdash;! &mdash; Roland, Berlin!“</p>
-
-<p>Das war Eberhard Freidank. Er hatte den Athletennamen „Roland“ gewählt.
-Fritzi schrie Hurra, Therese Ambrosius, von den widersprechendsten
-Gefühlen bewegt, fühlte sich einer Ohnmacht nahe....</p>
-
-<p>Es gab noch eine Sehenswürdigkeit. Triumphierend verkündete Markus:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-<p>„Ingvar Mô, Meisterringer von Lappland!“</p>
-
-<p>Und dann machte er eine Pause. Es war wie der Augenblick allerhöchster
-Spannung, wenn ein Todesmutiger im Zirkus die steile Fahrt durch den
-Todesring antritt, es war ein atembeklemmendes Schweigen, als wenn die
-Natur in Gewitterschwüle den ersten Donnerschlag erwartet....</p>
-
-<p>„.... Hermann Thyssen, Weltmeisterringer.“</p>
-
-<p>Und in den Jubel der Menge hinein bliesen die Trompeten, jauchzten alle
-diese leblosen Instrumente mit beseelten Stimmen....</p>
-
-<p>Die Menge hatte sie gesehen, die Starken, die Spannung war gelöst;
-man konnte wieder atmen, wieder um sich blicken, wieder lachen! Die
-Ringkämpfer hatten die Bühne verlassen. Nun bekam man nur noch jene
-sechs zu sehen, die paarweise gegeneinander ringen sollten. Jan van
-Muyden, der blonde Holländer, gegen den Apollo von Berlin, der braune
-Argyll gegen den langen Irländer Lanfrey und zum Schluß der Türke gegen
-Thyssen.</p>
-
-<p>Die Ringkämpfer verließen die Bühne, um sich in den Garderoben
-umzukleiden. Nur die sechs Ringer des Abends blieben auf der Bühne. Van
-Muyden und der Berliner mußten sofort zum Kampfe antreten, die übrigen
-vier hüllten sich in Laken und Bademäntel. Sie standen plaudernd
-beisammen und schimpften auf Englisch über die Kälte. Sala ben Brahim
-verstand nicht viel Englisch, aber er schimpfte mit. Thyssen, dem
-Mikita Zirkovitsch den hellen Mantel um die Schultern gelegt hatte,
-sprach noch einige Worte mit dem Serben und verabschiedete ihn dann
-durch eine einfache Kopfbewegung. Er stand nun allein, fest in seinen
-Mantel gewickelt, und sah schweigend hinter der ersten Kulisse dem
-Ringkampfe zwischen van Muyden und August Bluhm zu. Niemand sprach
-ihn an, und er schien niemanden zu sehen. Doch als Eberhard an ihm
-vorbeiging, fühlte er wieder, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> vor einigen Wochen im Theaterbureau,
-jenen ruhigen und dabei flammengleichen, unergründlichen Blick des
-Matadors auf sich gerichtet. Er spürte ihn noch, als er in die
-Garderobe trat, in der ein Teil der Athleten schon mit dem Umkleiden
-beschäftigt war, während andere noch plaudernd umherstanden.</p>
-
-<p>Vittorino Cardo war seinem Bruder behilflich, das Obertrikot über den
-Kopf zu ziehen. Inzwischen fragte Giacomo mit knabenhaftem Lächeln:</p>
-
-<p>„La réprésentation finie, où irons-nous?“</p>
-
-<p>„Nach Hause,“ erwiderte der Ältere freundlich. Auf jede
-Bildungsmöglichkeit bedacht, sprach er mit Giacomo gern in der Sprache
-des Landes, wo sie jeweilig auftraten.</p>
-
-<p>Giacomo sah ihn unglücklich und erschrocken an, und der Ausdruck seines
-Gesichtes war so entsetzt, so kindlich betrübt, daß Vittorino rasch
-sagte:</p>
-
-<p>„Va, nous irons souper quelque part.... ou au café... ou même ce que tu
-voudras....“</p>
-
-<p>Da war Giacomo wieder fröhlich und lachte wie ein zufriedengestelltes
-Kind.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Manuel Gomez, der immer ungeduldig war, hatte sich eben durch seine
-rohen, heftigen Bewegungen das Trikotbeinkleid zerrissen. Nun besah
-er den Schaden und stieß auf Spanisch die gotteslästerlichsten Flüche
-aus, in denen allen Heiligen übel mitgespielt wurde und besonders
-„el culo de la Madona“ in unehrerbietiger Weise erwähnt wurde. Willi
-Lehmann sah dem Spanier zu, wie er über ein kleines Mißgeschick wütete,
-und mußte über Gomez’ Zorn und seine unanständigen Flüche so sehr
-lachen, daß er die Schnürbänder seiner Ringstiefel nicht aufknüpfen
-konnte. Immerfort lachend reichte er Eberhard, seinem Bekannten aus der
-Traininghalle André Leroux’, die Hand und erkundigte sich nach Fritzi.
-Eberhard erwiderte wortkarg, daß es ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> gut gehe, und brach sofort die
-Unterhaltung mit dem Zirkusathleten ab.</p>
-
-<p>Eben kam ein Kellner in die Garderobe und fragte nach Herrn Binder.
-„Das bin ich,“ sagte Aloys Binder, „was willst du denn von mir?“ Er
-saß in Unterhosen auf einem Koffer und sah den hübschen Kellner frech
-und neugierig an. „Ich bringe Briefe,“ erwiderte der Kellner, „fünf
-Briefe &mdash; bitte.“ „Weiter nichts?“ sagte der Ringkämpfer verdrießlich,
-„Briefe? &mdash; Richtig, vier Briefe und ein Zettel! &mdash; Natürlich von
-Weibern... Hat einer von euch vielleicht Verwendung für die Weiber?“
-fragte er mit zynischem Lachen, indem er die Briefe in der Luft
-schwenkte.</p>
-
-<p>„Wenn du se nich brauchen kannst &mdash;,“ sagte Willi Lehmann gierig, „denn
-zeig ma’ her... Ick könnte ja vielleicht eena oda zwee’n den Jefallen
-tun... Ick bin for die Weiber, aber ick jenieße se sehre mit Vorsicht!“</p>
-
-<p>Und er griff nach den Briefen, die Aloys Binder ihm ohne weiteres zum
-Öffnen überließ. Eberhard staunte, wie gut der Zirkusringer sich dem
-Verkehrston der Champion-Athleten anpaßte. Jetzt riß er die Briefe auf;
-Binder, der immer noch in Unterhosen herumlief, und Lehmann lasen sie
-unter Gelächter durch und verkündeten ungeniert ihren Inhalt...</p>
-
-<p>Diese Briefe, stammelnde, sinnlose Beteuerungen und Bitten voll
-Bewunderung und Leidenschaft, stammten seltener von jungen Mädchen,
-als von Frauen. Nur sehr blasierte junge Mädchen, die schon mancherlei
-Liebe genossen hatten, erlagen dem Zauber der athletischen Muskeln.
-Aber die jungen Frauen, jene, die an einen ungeliebten oder älteren
-Mann gekettet waren, jene, die in ihren Kreisen für keusch und unnahbar
-galten, sie brachen zusammen beim Anblick soviel starker, gesunder,
-muskulöser, wohltrainierter Männlichkeit. Die Flammen, die sie daheim
-unter<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> Schweigen und Tränen, im verborgenen geweint, zu ersticken
-suchten, sie schlugen plötzlich auf und fraßen die natürliche Scham der
-Weiber auf, jene Scheu, die dem Weibe verwehrt, ihren Leib dem Manne
-selbst anzubieten. Dann verlangten sie, gleich im Theater, errötend,
-mit niedergeschlagenen Augen, Schreibzeug, spendeten dem Kellner, der
-ihr Liebesbote sein sollte, üppige Trinkgelder und warteten zitternd
-und verlangend auf den Starken, ob es ihm gefallen möchte, ihre Liebe
-anzunehmen...</p>
-
-<p>Diesmal hatten die Schreiberinnen Glück. Willi Lehmann übernahm zwei
-der Briefe. An eine Dame wollte er schreiben, die andere hatte gleich
-einen Rendezvousort unweit des Theaters angegeben. Aloys Binder
-interessierte sich nur für eine Journalistin, die ihre Visitenkarte
-mit voller Adresse gesandt hatte. „Sowas habe ich gern,“ sagte
-er, „Malerinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, die machen
-Spaß... Die machen alles mit, kennen alles, sind nicht zimperlich und
-trotzdem nicht gerade gemein... Das einzige ist, sie zahlen nichts!
-Künstlerinnen zahlen nichts, und schenken auch nichts! Höchstens
-Bücher und solches Zeug! &mdash; Aber diese kleine Zeitungsschreiberin,
-oder Dichterin, oder was sie ist, werde ich mir morgen mal ansehen.
-Schreibt, daß sie dreiundzwanzig Jahre alt ist. Wenn’s wahr ist....“
-Dazwischen kam ihm ein Gedanke: „Hast du denn Geld genug bei dir?“
-fragte er lauernd.</p>
-
-<p>Willi Lehmann, der gerade vor einem halbblinden Spiegel seine
-grellfarbige Krawatte umband, drehte sich schnell um, als ob er
-schlecht gehört hätte:</p>
-
-<p>„Jeld? &mdash; Mensch, ist das dein Ernst? &mdash; Wenn man von ’ne Donna
-injeladen wird, ooch noch wat bezahlen? &mdash; Ach nee, Willi Lehmann nich!
-Da müss’n se de Zeche zahlen un außerdem noch orntlich blechen, die
-Weiber, wenn ick mir for ihr Vajniejen bemüh’n soll!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p>Er setzte den runden, steifen Hut auf und verschwand. Gleich hinter ihm
-verließen Sergej Roditscheff und Paul Kiesling die Garderobe. An der
-Tür kehrte Kiesling noch einmal um. Er hatte bemerkt, das Roditscheff
-seinen Koffer nicht abgeschlossen hatte, ging zurück und steckte den
-Schlüssel zu sich.</p>
-
-<p>„Immer die Ordnung!“ sagte der Russe in seinem harten Deutsch halb
-anerkennend, halb spöttisch. Kiesling begnügte sich damit, die Achseln
-zu zucken, und Roditscheff fuhr fort:</p>
-
-<p>„Wohin schleppst du mich jetzt, Paul? Ins Theaterrestaurant?“</p>
-
-<p>„Höchstens, um dort zu essen,“ versetzte der Westfale, „hernach gehen
-wir zu Jolly!“</p>
-
-<p>„Kennst du das?“ fragte Sergej, „gibt es dort nette Pummels?“</p>
-
-<p>„Das nicht,“ erwiderte Paul lächelnd, „mußt du gleich am ersten Abend
-wieder Mädels haben? &mdash; Aber ’n kleines Spielchen gibt es bei Jolly.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das war dem Russen auch recht, und sie gingen zusammen fort.</p>
-
-<p>Aloys Binder wollte auch zu Jolly gehen; er verabredete sich mit
-Eberhard, daß man sich später dort treffen wollte. Manuel Gomez hatte
-sich mittlerweile unter schrecklichem Fluchen angekleidet. Er verstand
-Französisch und ließ sich ebenfalls die Adresse des Restaurants Jolly
-geben. Dann setzte er seine großkarrierte Schirmmütze auf den wilden,
-eckigen Lockenkopf und stampfte ohne Gruß hinaus.</p>
-
-<p>Binder war endlich mit seiner Toilette fertig geworden. Er stand von
-seinem Koffer auf, reckte seine nervigen Arme aus und sagte mit einem
-tiefen Seufzer:</p>
-
-<p>„Jetzt fängt mein Nachtdienst wieder an. Mein Drachen hat Ordre, vor
-dem Theater zu warten... Will mal sehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> vielleicht schicke ich sie
-direkt nach Hause... Ich kann Ihnen sagen, Roland, so’n Reisedrachen
-ist das schlimmste, was man sich auf den Hals laden kann!“</p>
-
-<p>Eberhard wußte nicht, von wem der Athlet sprach, und fragte darum
-vorsichtig: „Wieso?“</p>
-
-<p>„Wieso &mdash;?“ fragte Binder gedehnt, „das fragen Sie? Ein Frauenzimmer,
-das einem Tag und Nacht nicht vom Halse geht? Das einen wie ’n Schatten
-verfolgt? &mdash; Und nimmt man sich mal irgend ’n andern hübschen Balg mit
-nach Hause, ist gleich der Teufel los mit Heulen und Vorwürfen ....
-Na, mein Drachen ist ja kusch! Die hat’s ja endlich gelernt.... Die
-ist so zahm geworden... Wenn ich mir ’n andres nettes Ding zum Besuch
-mitbringe, zieht sie ihr Schuhe und Strümpfe aus, wenn ich’s verlange,
-und bringt uns morgens den Kaffee ans Bett!.... Ja, das hat aber genug
-Hiebe gekostet!“</p>
-
-<p>Eberhard Freidank war entsetzt. Wie zynisch renommierte dieser
-häßliche, rohe Münchener mit seiner perversen Verworfenheit! Zum
-Überflusse zog er jetzt die Brieftasche und nahm eine Photographie
-heraus, die er mit den Worten: „Da sehen Sie meinen Drachen!“ vor
-Eberhard auf den Tisch warf. Trotz seines Widerwillens konnte Freidank
-nicht anders, als das Bild ansehen.</p>
-
-<p>Es war das Porträt einer unbeschreiblich lieblichen Dame, die acht-
-oder neunundzwanzig Jahre alt sein mochte. Das zarte, vornehme Gesicht
-hatte einen kindlichen, rührenden Reiz, die schmale Aristokratennase
-und die großen, zugleich unschuldigen und sehnsüchtigen Augen waren
-auffällig schön. Unter diesem Bilde stand: In Ewigkeit. Celeste.</p>
-
-<p>Eberhard gab schweigend die Photographie zurück. Er wußte nicht, wie er
-die zynischen Reden des Athleten mit diesem Porträt des lieblichsten
-Engels in Einklang bringen sollte. Übrigens kamen eben Jan van
-Muyden und August<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> Bluhm von der Bühne zurück, wo sie eine halbe
-Stunde miteinander gerungen hatten, ohne daß einer von ihnen gesiegt
-hatte. Von einer Gegnerschaft der Beiden war nichts zu bemerken.
-Sie trockneten sich den Schweiß ab und rieben sich dann gegenseitig
-den Oberkörper mit wollenen Frottiertüchern. Wenige Minuten später
-erschienen auch Lanfrey und Frank Argyll. Der kleine, braune Neger war
-von dem langen Irländer zwei Minuten nach Beginn des Kampfes besiegt
-worden. Er schüttelte wehmütig sein häßliches, braunes Köpfchen und
-erklärte melancholisch, daß Lanfrey nicht nötig gehabt hätte, ihn mit
-so viel Wucht über die Schulter zu werfen; er hätte ihn doch besiegt,
-no doubt... Und er schüttelte fortwährend den Kopf. Lanfrey hörte gar
-nicht auf die Vorwürfe Argylls in dem schlechten Neger-Englisch. Er war
-Temperenzler, hielt alle übrigen Menschen für Säufer und verachtete sie
-wegen ihrer Trunksucht tief.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Guten Abend!“ sagte Eberhard energisch. Er sehnte sich, ins Freie
-zu kommen. Das kindische und sinnlose Treiben seiner Kollegen in der
-Garderobe widerte ihn an. Die Bühne war augenblicklich ganz leer, da
-Thyssen vorne mit Sala ben Brahim rang. Dabei duldete der Weltmeister
-niemanden in den Kulissen. Eberhard trat aus dem Bühnenraum durch eine
-kleine Tür, die auf den schmalen Gang hinter den Logen führte. Er
-suchte seine Freundin Fritzi. Zu seiner Überraschung war Fritzi nicht
-mehr da. Sollte sie schon nach Hause gegangen sein? Er fragte den
-Schließer, der nur wußte, daß eine kleine brünette Dame mit einem Herrn
-fortgegangen war... Eberhard dankte; das konnte also Fritzi nicht sein.
-Wo aber war sie dann?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er stieg die Treppe hinunter und gelangte in den Theatersaal. Dort war
-das Fieber der Sportleidenschaft aufs Höchste gestiegen. Auf der Bühne
-rangen, balgten und wälzten sich die ineinander verschlungenen Leiber
-Thyssens<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> und des Türken. Eben gab der Manager dem Orchesterdirigenten
-einen Wink; die Musik mußte schweigen. Bisher hatte der laute Marsch
-das Geräusch des Ringkampfes übertönt und immer noch ein wenig die
-Aufmerksamkeit abgelenkt. Nun breitete sich herzbeklemmend eine
-aufregende Stille aus und nur von der Bühne drang das heftige,
-animalische Stöhnen des Türken. Der mattbraune Leib Sala ben Brahims
-war schon ganz mit Schweiß bedeckt. Der Schiedsrichter pfiff und
-unterbrach die Ringer auf eine Minute, während welcher die Gegner
-abgetrocknet werden sollten. Der Türke verschwand; Hermann Thyssen
-blieb mit ruhigem, hochmütigem Gesicht nahe an der Kulisse stehen, fing
-ein ihm zugeworfenes Handtuch auf und trocknete flüchtig über Arme und
-Hände. Seine zähe Germanenkraft war noch lange nicht erschöpft.</p>
-
-<p>Dann trat Sala wieder auf, eine Hand an dem Amulett, welches er selbst
-beim Ringkampfe nicht vom Halse ließ. Ein Pfiff, und wieder gingen die
-Ringer hart aufeinander los. Thyssen machte jetzt Ernst. Der Türke, in
-seiner blinden Wut, stieß heulende, gurgelnde Töne aus; schon wieder
-war er in Schweiß gebadet, und man meinte das Dampfen seiner Flanken
-zu sehen und den bitteren Duft seines erhitzten braunen Leibes zu
-spüren. Da warf ihn Thyssen zu Boden; und ehe der Türke sich von der
-Matte erheben konnte, war sein Gegner blitzschnell neben ihn getreten,
-hatte den langen, dampfenden, widerstrebenden Körper um den Gürtel
-hochgehoben, so daß die Beine über seinem Kopf zappelten, und ließ den
-gänzlich Wehrlosen kopfunter zu Boden gleiten...</p>
-
-<p>Es war der vollkommene Triumph der intelligenten, gebändigten Technik
-über die tierische Naturkraft. Und, durch einen Zufall, bot dieser
-Ausgang des Kampfes genau dasselbe Bild, wie das Plakat, welches noch
-in den Gedanken aller war. Ein wahnsinniger Beifallstaumel erhob<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>
-sich; Männer und Jünglinge klatschten hingerissen dröhnend in die
-Hände, sprangen von den Sitzen auf, stürmten auf die Bühne, falteten
-die Hände und riefen in exaltierter Verzückung Thyssens Namen...
-Eine Demimondäne, eine allerliebste Blondine, die keine Blume zu
-werfen hatte, löste ihr Brillantarmband und schleuderte es nach dem
-Gefeierten; eine reife, schöne Frau von vielleicht vierzig Jahren sank
-ohnmächtig in die Arme ihres korrekten Gatten. Es war ein tosender
-Jubel, wie das Branden und Wogen eines großen Meeres, das zu Füßen des
-Athleten rauschte und tobte und über alle Ufer strömte. Es fehlte nur
-der Raum, daß alle die verzückten, außer sich geratenen Menschen vor
-ihrem Idol auf die Kniee gestürzt wären, um ihm göttliche Ehren zu
-erweisen.</p>
-
-<p>So also wurden die Starken geehrt...</p>
-
-<p>&mdash; Eberhard ging schnell aus dem Theater. Er war doch bewegt von der
-imponierenden Szene, gewaltig durch die Einmütigkeit der Massen, der
-er soeben beigewohnt hatte. Als er in den Vorraum trat, wo die kalte
-Nachtluft ihm entgegenschlug, fiel ihm wieder ein, daß er Fritzi suchen
-wollte.</p>
-
-<p>Er ging durch das Theaterrestaurant. Fritzi war nicht da. Er bestellte
-ein Glas Bier, um den Kellner unauffällig fragen zu können. Indessen
-besann er sich anders und fragte nicht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Am Nebentische saß Paul Kiesling und verzehrte ohne Hast sein
-Abendbrot. Sergej Roditscheffs Suppe stand auch auf dem Tische und
-wurde kalt. Denn der Russe lehnte an dem Büfette und plauderte mit der
-schönen Leonie. War es ohnehin ein Wunder, daß Fräulein Krömer sich so
-lange mit einem Herrn unterhielt, so verlangte der Ringkämpfer erst
-recht Unmögliches von ihr. Sie sollte von ihrem Thron an dem Büfette
-hinabsteigen und sich mit Roditscheff und<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Kiesling an den Tisch
-setzen. Die schöne Brünette konnte vor Lachen kaum zu Worte kommen.
-Mein Gott, hatte schon jemals ein Mensch ein solches Ansinnen an sie
-gestellt? Sie war doch keine Kellnerin? Dieser Athlet war wirklich
-unglaublich!</p>
-
-<p>„Schade,“ sagte der Russe halb lachend, halb bedauernd. „Ein anderes
-Mal werden Sie bei uns sitzen, das weiß ich heute schon... Sie sind nur
-heute so stolz, Fräulein... Wie heißen Sie übrigens, Täubchen!“</p>
-
-<p>„Leonie Krömer,“ sagte die Schwägerin des Direktors.</p>
-
-<p>„Lona also,“ versetzte Roditscheff lächelnd und zeigte seine schönen,
-breiten Zähne. „Ich sage Lona zu dir... Das erlaubst du doch? &mdash; Jetzt
-merke dir, Lona: ich kann nicht leiden, wenn die Mädel zu stolz sein
-wollen! &mdash; Also vielleicht morgen, Lona!“</p>
-
-<p>Er reichte ihr die Hand, in die sie zögernd einschlug, und ging mit
-seinem hohen, charakteristischen Gange zu seinem Freunde Kiesling
-an den Tisch. Fräulein Krömer sah ihm sprachlos nach mit merkwürdig
-brennenden Augen, Siegerin und doch besiegt...</p>
-
-<p>Ein Schwarm der Gäste drang in das Restaurant. Eberhard ging hinaus.
-Eine fieberhafte Unruhe um Fritzi hatte ihn ergriffen. Er rief eine
-Droschke an und fuhr nach Fritzis Wohnung.</p>
-
-<p>In dem Wagen, bei dem gleichgültigen Rollen der Räder, stieg all das
-Dumpfe, Zweifelvolle in ihm langsam empor, welches er in den letzten
-Wochen beständig unterdrückt hatte. Es war das: er vertraute ihr
-nicht mehr. Das ist ein schreckliches Ding, das Mißtrauen. Das bohrt
-und wühlt &mdash; und dann wird es wieder beschwichtigt. Man schließt die
-Augen, man tröstet sich selbst, man belügt sich selbst. Man glaubt, das
-schreckliche Ding ist tot und hat nie gelebt und hatte überhaupt kein
-Recht, zu leben. Und dann ist<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> es mit einem Male wieder da, ganz groß
-und lebendig und wild, und bohrt und wühlt und wütet weiter...</p>
-
-<p>Und die Liebe? &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>&mdash; Fritzi war nicht in ihrer Wohnung. Er hatte es sich gedacht. Und
-da kam ihm jählings ein süßer, liebreicher Gedanke: sollte Fritzi
-heimlich, gegen die Verabredung, in seine Wohnung geeilt sein, um ihn
-traulich zu empfangen? Sein Kopf sagte: nein. Aber die Liebe sprach:
-das törichte Kind, &mdash; möglich wäre es... Die Droschke jagte nach seiner
-Wohnung. Er schloß leise, leise auf, daß Frau Ambrosius und Therese
-ihn nicht hörten. Es war alles dunkel und unverändert, wie bei seinem
-Fortgehen.</p>
-
-<p>In sein Hirn bohrte sich der Gedanke ein: Ich muß sie finden. Durch die
-nächtlichen Straßen führte der eilende Wagen ihn in das Café Prätorius,
-wo er wohl hundertmal mit Fritzi gesessen hatte. Lauter fremde
-Gesichter; die Geliebte war nicht unter ihnen.</p>
-
-<p>Und weiter fuhr er und blickte interesselos aus dem Wagenfenster.
-Draußen begann in linden Flocken der Schnee zu fallen. Die weichen,
-feinen Sternchen rieselten hernieder, tanzend, taumelnd, und glitten
-lautlos auf die Erde hinab. Eberhards Seele aber blieb dem sanften,
-beruhigenden Schauspiele des friedlichen, schimmernden Flockenfalles
-verschlossen. Seine Gedanken flogen dem dahineilenden Wagen voraus,...
-vielleicht, daß er Fritzi doch in dem Theaterrestaurant traf...</p>
-
-<p>Direktor Immermann saß mit einer kleinen Gesellschaft um einen Tisch
-in der Nähe des Büfetts, wo er den ganzen Raum übersehen konnte. Als
-er Eberhard bemerkte, sprang er auf und lud ihn fröhlich und jovial
-an seinen Tisch ein. Eberhard, mit seinem Herzen voll Unruhe und
-Verzweiflung, konnte nicht anders, als der Einladung nachkommen.
-Immermann, behende und munter wie immer, zog den jungen<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> Mann am
-Rockärmel heran und stellte ihn seiner Gesellschaft vor: „Herr
-Ringkämpfer Roland....“ Und er nannte die Namen der um den Tisch
-versammelten Personen. Es waren seine Gattin Adelheid, eine üppige,
-schönfrisierte Dame, ein Variétéagent, Fräulein Coeur de Rose, die
-Soubrette, ferner Thyssens Manager Herr Markus und Leonie Krömer.
-Roland mußte zwischen dem Direktor und seiner Frau sitzen. Er sagte der
-hübschen Dame einige Artigkeiten, über die sie höchst geschmeichelt
-mit charmantem Lächeln quittierte. Sie interessierte sich lebhaft für
-den jungen Riesen, von dessen romantischem Berufswechsel ihr Mann ihr
-erzählt hatte. Immermann selbst strahlte förmlich vor Bonhommie und vor
-Stolz, den neuen Athleten, der heute abend auf der Bühne eine äußerst
-stattliche Figur gemacht hatte, entdeckt zu haben. Auch Markus war
-von seiner Erscheinung eingenommen, obwohl er ihn noch nicht hatte
-ringen sehen. Auf viele Fragen mußte Eberhard aufmerksam Bescheid
-tun. Zum Überflusse fing jetzt auch noch Coeur de Rose an, mit ihm zu
-kokettieren. Da war seine ohnehin aufs höchste gespannte Geduld zu
-Ende. Er sagte hastig und überstürzt, daß er noch eine Verabredung
-habe, dankte für die Einladung Immermanns, noch ein Stündchen mit
-ihnen zu verbringen und stand auf, ohne den schmachtenden Blicken
-der galanten Soubrette Beachtung zu schenken. Während er mit Hilfe
-des Kellners in den Mantel fuhr, hörte er, wie Markus zu Immermann
-bemerkte: „Die Ringer sind einer wie der andere. Nein, es ist nicht
-leicht, mit ihnen auszukommen.“ Eberhard lachte grimmig; gut, mochte
-an diesem Abende, wo all sein Glück auf dem Spiele stand, nicht mit
-ihm auszukommen sein! Er verabschiedete sich vom Direktor und seiner
-Gattin, grüßte die übrige Gesellschaft durch eine rasche Verbeugung und
-eilte von dannen.</p>
-
-<p>Wohin aber nun?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<p>Vor dem Theater war es dunkler geworden. Ein Teil der elektrischen
-Lampen war ausgelöscht. Der Schnee fiel immer noch, gleichmäßig, sanft
-und leise, und senkte sich auf die Erde nieder, wie große Flügel weißer
-Gottesengel. Nur die Seele des Mannes hatte keinen Frieden und war voll
-Bitterkeit und wilder Gefühle. Ihm war, als gleite er ins Bodenlose.
-Plötzlich fiel ihm die Verabredung bei Jolly ein. Also gut: gehen wir
-zu den Athleten! Und schließlich: wäre es denn so ganz unmöglich, daß
-Fritzi....</p>
-
-<p>Eberhard schlug den Mantelkragen hoch, schob, mit einem Male
-unternehmend geworden, den Hut ziemlich weit auf den Hinterkopf, so daß
-ihm die Flocken auf Stirn und Schädel fielen, und schritt, beide Hände
-in den Taschen, zu Jolly. Er ging über die Spreebrücke und noch durch
-eine ganze Anzahl Straßen; er hatte die Straße, in der das Lokal sich
-befand, früher nie betreten. Es war eine alte Straße im Zentrum der
-Stadt, nicht weit von der Gertraudtenbrücke.</p>
-
-<p>Das Restaurant Jolly sah äußerlich genau so aus, wie die meisten
-Berliner Wirtshäuser, in denen Kleinbürger und bessere Handwerker
-verkehren und abends ihre Partie Billard oder ihren Pfennigskat
-spielen. Das Wort „Sportrestaurant,“ welches sich auf dem Schilde
-zur Rechten der Tür befand, tat sich nicht besonders hervor. Es hieß
-Sportrestaurant, weil der Inhaber, ein ehemaliger Amateurathlet
-von gutem Rufe, es verstanden hatte, eine ganze Anzahl jüngerer
-Sportkollegen als Stammgäste seiner Wirtschaft heranzuziehen. Er
-hatte sie dann in einer Art Klub vereinigt und ihnen aus einem alten
-Lagerraum ein kleines, primitives Trainierlokal hergerichtet.</p>
-
-<p>Heute, da die große Konkurrenz im Odeon eröffnet worden war und zwei
-Dutzend berühmter internationaler Champions der Kraft ihren Einzug in
-Berlin gehalten hatten,<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> hatte das Restaurant Emil Jollys seinen großen
-Tag. Die Mitglieder des Amateurklubs Herkules, die sonst in diesen
-Räumen das Wort führten, sahen sich heute auf die Rolle der stummen,
-bewundernden, fast nur geduldeten Zuschauer angewiesen. Zu dieser
-späten Stunde &mdash; es war ein Uhr des Nachts &mdash; waren sie überhaupt schon
-fast sämtlich verschwunden; nur wenige der jugendlichen Herkulesse
-saßen und standen hier und dort schweigsam herum.</p>
-
-<p>Eberhard schloß langsam die Türe und blickte sich um, indem er den Hut
-auf dem Kopfe behielt. Zur Linken des Einganges befand sich das Büfett,
-das von blankem Zinn und Messing glänzte. Aus kleinen, messingenen
-Brunnen sprudelte durch einen Hebeldruck das Bier. Auf hölzernen Zapfen
-standen viele Gläser, wie man sie für verschiedene Getränke braucht;
-ein hoher Likörschrank mit vier langen Reihen bunter, geschliffener
-Flaschen war in die Wand eingelassen. Dieses lustige Flaschenbataillon
-und die blanken, gelben Bierbrünnchen wurden von der Hausfrau selbst
-verwaltet. Frau Jolly, ein kräftiges, appetitliches junges Weib mit
-vollem, hochgeschnürtem Busen war sehr adrett und stattlich anzusehen
-im schwarzen, prallen Damastkleide mit der weißen Halsrüsche und dem
-weißen Tändelschürzchen, das chic und hausfraulich den runden Leib
-bedeckte. Und heute abend wurde ihrem frischen, rotbäckigen Charme
-die denkbar höchste Anerkennung zuteil, denn Hermann Thyssen, der
-Weltmeister, stand schön und würdevoll vor dem Büfette und beliebte
-mit der Hausfrau zu scherzen. Er, um dessen Huld sich die schönsten
-und elegantesten Frauen aller Länder bewarben, dem Prinzessinnen von
-Geburt und amerikanische Dollarladies zu Füßen lagen und an dessen
-breiter Brust, wie alle Welt wußte, eine leibhafte junge, anmutige,
-lebenslustige Königin geruht hatte!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
-
-<p>Hermann Thyssen wendete sich nach dem eintretenden Eberhard um, noch
-mit dem heiteren Licht in seinen sonst so hochmütigen Augen, den
-reizenden, klassischen Mund vom liebenswürdigsten Lächeln verschönt.
-Eberhard begriff plötzlich die wilden Leidenschaften, die der schöne
-Champion diesseits und jenseits des Ozeans entfesselt hatte, und
-die Geste, mit der er den Hut zog, war mehr als ein einfacher Gruß.
-„Ah, Roland!“ sagte Thyssen kollegial, „Sie finden die andern im
-Klavierzimmer!“</p>
-
-<p>Das Klavierzimmer war sehr klein für die Menge von Menschen, die darin
-Platz gefunden hatten. Man hatte mehrere der weißgescheuerten Tische
-zusammengerückt und sich rundum gesetzt. Hermann Thyssens Platz war
-leer. Am Tische saßen Mansur mit seiner Frau, der molligen Wienerin,
-Bernhard Meinken, Emil Jolly, Jan van Muyden, Giacomo Petrocchi
-und Vittorio Cardo, Aloys Binder mit seiner Freundin Celeste, der
-dickköpfige Pierre le Forgeron mit einem hübschen, jungen Dinge,
-welches er vorhin im Hausflur entdeckt und gleich mit hineingenommen
-hatte, Paul Kiesling, Sergej Roditscheff, August Bluhm und Zirkovitsch.
-An einem Extratisch beim Fenster saßen zwei schweigsame Zecher, die
-sich von den andern abgesondert hatten, Sala ben Brahim und der Stier
-von Granada. Der Türke, in einem phantastischen Gewande, in grobem
-Hemd, besticktem Jäckchen, Pluderhosen und breitem Gürtel, in dem ein
-Dolch steckte, den Fez auf dem schwarzen, spärlichen Haar, soff trotz
-dem Koran und starrte gleichgültig in sein Glas. Manuel Gomez saß
-faul hintenübergelehnt, in einer unglaublich nachlässigen Stellung,
-die großen Füße weit von sich gestreckt. Er war zum ersten Male in
-Berlin, hatte aber als findiger Zecher, der sich an allen berauschenden
-Getränken, die auf Erden erzeugt werden, schon betrunken hatte, sofort
-den Landwehrtopf entdeckt und<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> handhabte ihn geschickt, wie ein
-geborener Berliner. Sein häßliches, olivenfarbiges Gesicht mit der
-breiten Nase und den finster beschatteten Augen drückte die äußerste
-Indolenz aus. Er verriet durch kein Zeichen Teilnahme an dem, was um
-ihn vorging, und bewegte sich nur, um mit seiner enormen Tatze den
-Landwehrtopf zum Munde zu führen oder um von Zeit zu Zeit eine neue
-Zigarette zu entzünden.</p>
-
-<p>Am Tische war man guter Dinge. Frau Anna, die Gattin des schwarzen
-Mansur, war in der besten Laune und sprudelte in ihrer allerliebsten
-Mundart die drolligsten Einfälle heraus. Die kleine, runde Frau
-hatte einen losen, kecken Mund und ein vorzügliches Gedächtnis und
-hatte sich, wie es schien, alle Schnurren und Anekdoten gemerkt, die
-sie jemals hatte erzählen hören. Die erzählte sie nun, eine nach
-der andern, in unerschöpflicher Folge. Ihr Mann verstand nicht viel
-davon; er sprach fast nur Englisch und begnügte sich damit, verklärten
-Gesichtes dazusitzen. Sobald er aber den Mund auftat, schlug sie ihm
-mit der kleinen, fetten Hand auf die wulstigen Negerlippen und forderte:</p>
-
-<p>„Still bist, Mansurl! Nöt an anzig’smal läßt dein rechtmäßig’s Weiberl
-zu an Wort kommen! &mdash; Da fallt mir noch a G’schichten ein &mdash; &mdash; &mdash;“</p>
-
-<p>Das junge Ding an Pierre le Forgerons Seite, eine kleine Näherin,
-war fast außer Atem vor Lachen. Sie kümmerte sich gar nicht um den
-„Champion von Paris,“ der sie hereingeführt hatte und nicht mit ihr
-sprach, weil er kein Deutsch konnte; sie hörte nur der lustigen
-Wienerin zu. Jan van Muyden, der Frau Annas Anekdoten längst kannte,
-begann unterdessen ein verliebtes Spiel mit der niedlichen Schneiderin.
-Er saß ihr gerade gegenüber, trat ihr unter dem Tisch auf die Füße und
-versuchte, seine Kniee ihren schmächtigen Mädchenknieen zu nähern. Aber
-er hatte keinen Erfolg. Endlich fühlte sie das Knie des Holländers und<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-blickte überrascht zu ihm hinüber. Jan van Muyden hatte die Zigarre aus
-dem Munde genommen und gähnte eben in ungenierter Weise. „Ach!“ rief
-das kleine Fräulein ihn an, „ach Sie!! &mdash; Sie sollten schlafen gehen,
-wenn Sie so müde sind!“ Van Muyden fuhr polternd auf: „Halte dein Maul,
-du freches Ding! Was denkst du denn, wen du vor dir hast?“ „Die Fräul’n
-denkt, s’ ist besser dran mit aan’, der wo scho’ müd’ ist!“ rief die
-zungenfertige Anna spitzig. „Fräul’n, der Forgeron geht auch bald
-z’Haus!“ &mdash; Pierre le Forgeron hatte nichts verstanden; er hatte nur
-begriffen, daß seine Dame beleidigt war. Sein Kopf wurde dunkelrot bis
-unter die pomadeglänzenden Locken, er sprang mit solcher Vehemenz auf,
-daß mehrere Biergläser ihren Inhalt über den Tisch und die Umsitzenden
-ergossen und wollte dem Holländer durchaus zu Leibe gehen. Paul
-Kiesling gab sich Mühe, zu vermitteln. Er wollte keinen Streit. Sein
-schmales, hartes Gesicht sah indigniert aus; er war gekommen, um Karten
-zu spielen und mußte nun ohnehin die allgemeine Unterhaltung über sich
-ergehen lassen. Er riß den wütenden Franzosen mit einer Hand, die
-tödlich erschrockene Näherin mit der andern Hand vom Tische weg, zur
-Türe hinaus in das Billardzimmer hinein. Jan van Muyden wollte nach. Da
-schlug der friedliebende Westfale kurz entschlossen die Verbindungstüre
-zu, gab dem jungen Mädchen ihren Schal, dem Franzosen Mütze und Paletot
-in die Hand und drängte alle beide ruhig und energisch zum Restaurant
-hinaus, indem er abwechselnd auf beide einredete:</p>
-
-<p>„Tu t’en vas, Pierre, avec ta petite dame, c’est entendu! &mdash; Allons
-marsch, du dummes Ding, nimm ihn mit oder macht, was ihr wollt, aber
-schert euch fort! &mdash; &mdash;“ Wenige Sekunden später war der Champion von
-Paris, die „rote Nelke,“ samt seiner Schönen ins Freie befördert.
-Paul<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Kiesling wendete sich um; seine schmalen Lippen umspielte ein
-flüchtiges Lächeln.</p>
-
-<p>„Was war denn das, Paul?“ fragte Thyssen, der immer noch bei der
-hübschen Frau Jolly an dem Schenktische stand.</p>
-
-<p>„Nichts,“ versetzte der Westfale ruhig, „du weißt, ich kann Radau
-absolut nicht leiden... Ein Spielchen wäre mir lieber...“</p>
-
-<p>„O Gott!“ schrie die Wirtin unter Lachen, „Sie sind mir einer.... Wie
-Sie das Mädchen am Arm hatten, grade wie eine junge Katze...“</p>
-
-<p>„Genau so,“ sagte Kiesling ernsthaft. „Die Mädchen müssen ihren Herrn
-spüren, dann sind sie leichter zu behandeln, wie junge Katzen.“</p>
-
-<p>Er blieb noch einige Minuten am Büfett stehen und trank einen Schnaps,
-den er sich aus Wermut und Sherrybrandy selber mischte. Dann ging er in
-das Klavierzimmer zurück.</p>
-
-<p>Jan van Muyden hatte schon zu viel getrunken. Er kokettierte jetzt
-mit der Geliebten Aloys Binders, Madame Celeste. Er hatte den
-leergewordenen Platz des Franzosen eingenommen und redete leise auf
-die schlanke, schöne Frau ein. Celeste saß in ihrer weißseidenen
-Theaterrobe stumm da, hatte die wunderschönen, feinen Hände im Schoße
-gefaltet und blickte mit weitoffenen, sehnsüchtigen Kinderaugen vor
-sich hin. Sie hatte noch kein Wort gesprochen und lehnte Jan van
-Muydens Reden nur mit traurigem, stillem Kopfschütteln ab. Zum Glück
-hatte Binder, der mit Eberhard in ein eifriges Gespräch gekommen war,
-noch nichts bemerkt, denn wenn seine Eifersucht einmal erregt gewesen
-wäre, hätte niemand mehr eine furchtbare Szene aufhalten können. Paul
-Kiesling übersah mit einem Blick<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> die Situation. Er legte dem Münchener
-die Hand auf die Schulter und sagte:</p>
-
-<p>„Es ist nicht richtig, Aloys, daß Madame sich den ganzen Abend
-langweilen muß... Sieh her, sie schläft fast ein... Du, Jan, ich mache
-dir einen Vorschlag: mache mit mir und dem Sergej ein Spielchen! Wir
-haben noch genug Zeit....“</p>
-
-<p>Das war dem Holländer recht. Auch Roditscheff stand auf, und die drei
-Athleten gingen ins Büfettzimmer, wo sie nahe dem Ofen sich um den
-runden Tisch setzten. Roditscheff zog ein neues Spiel aus der Tasche
-und begann die Karten zu mischen. Inzwischen öffneten Kiesling und
-van Muyden ihre Geldbörsen und legten jeder ein Häufchen Gold- und
-Silbermünzen vor sich auf den Tisch. Der harte Zug um Kieslings Mund
-vertiefte sich, seine stahlfarbigen Augen blitzten. Liebe und Karten
-gingen ihm über alles in der Welt; aber noch lieber als die reizendsten
-Frauen waren ihm diese bunten Blättchen....</p>
-
-<p>An den Tisch war der Friede zurückgekehrt. Man unterhielt sich
-freundschaftlich in fünf verschiedenen Sprachen, trank helles Bier
-aus geeichten Gläsern, und einige rauchten. Hermann Thyssen stand
-immer noch bei der appetitlichen Wirtin am Schenktische und zählte
-die Knöpfe an Frau Jollys schwarzseidener Taille, indem er mit dem
-Finger auf die Knöpfe tupfte, die in enger Reihe vom Halse über die
-volle Brust gingen. Plötzlich hielt draußen mit großem Lärm ein
-Automobil, und dann hörte man den Tritt von flinken Frauenfüßen und
-ausgelassenes Mädchenlachen; die Türe wurde aufgerissen, und herein
-wirbelten und flogen fünf lachende Geschöpfe in eleganten Toiletten und
-prächtigen Hüten, die den frischen Hauch der nächtlichen Schneeluft
-und teure, starkduftende Parfüms in ihren Röcken mitbrachten. Hinter
-ihnen erschien<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> Willi Lehmann, der heute abend seinem Prinzip, sich
-in Zukunft nur noch von anständigen Damen verehren zu lassen, untreu
-geworden war. Die gelbseidne Adele, seine Freundin aus früherer Zeit,
-stieß einen lauten Freudenschrei aus, als sie die vielen Athleten im
-Nebenzimmer erblickte, warf Hut und Pelzcape in eine Ecke, raffte ihre
-Röcke mit einem sichern Griffe bis über die Kniee hoch und sprang
-Eberhard Freidank ohne weiteres auf den Schoß.</p>
-
-<p>„Heißt du nicht Roland?“ rief sie unter Küssen, „ja, siehst du, Dicker,
-ich habe mir sogar deinen Namen gemerkt!“</p>
-
-<p>Nun kamen die andern Mädchen auch herbei. Es war ein allgemeiner großer
-Aufstand, mit dem jeder einverstanden war. Im Klavierzimmer stand ein
-altväterisches Ledersofa, mit altmodischen, weißen Porzellanknöpfen
-genagelt. Auf dieses Möbel ließen sich zwei der lustigen Frauenzimmer
-kreischend niederfallen, die Tische wurden herangerückt, die Athleten
-mit den beiden Damen rückten nach; ein Mädchen setzte sich neben
-Petrocchi, die kleine Blondine, die das Brillantarmband nach Thyssen
-geworfen hatte, nahm zwischen dem „Apollo von Berlin“, den sie früher
-als Modell gekannt hatte, und Mikita Zirkovitsch Platz, und die
-gelbseidne Adele blieb auf Freidanks Schoße sitzen. Die Mädchen schrien
-und lachten durcheinander und ließen einander nicht zu Worte kommen;
-Willi Lehmann erzählte gleichfalls schreiend von seinem Rendezvous,
-welches nur sehr kurze Zeit gedauert hatte, denn seine Dame, eine
-Rechtsanwaltsfrau, hatte ihn nur auf morgen in ihre Wohnung bestellen
-wollen; glücklicherweise kam gerade, als er der Dame die Hand zum
-Abschied reichte, die gelbe Adele mit ihren Freundinnen daher, die
-Mädchen umringten den alten Bekannten mit lärmendem Entzücken, Adele
-hängte sich in seinen rechten Arm ein, ihre Busenfreundin Magdalene<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
-Leblanc in den linken, und so waren seine Grundsätze kraftlos
-geworden... Alle fünf Mädchen hatten heute abend ihre Verehrer und ihr
-Gewerbe im Stich gelassen um des ordinären, häßlichen Athleten willen;
-die tolle Schar war mit ihm durch eine ganze Anzahl von Halbweltlokalen
-gestürmt, um den plumpen Menschen mit der Mongolenfarbe und den
-struppigen, schwarzen Borstenhaaren im Triumphe zu zeigen. Endlich war
-es Adele plötzlich in den Sinn gekommen, zu Jolly zu gehen; sofort
-waren alle sechs in ein Automobil gesprungen, und da waren sie...</p>
-
-<p>Hermann Thyssen bequemte sich jetzt auch, seinen Platz am Tische
-wieder aufzusuchen. Er hatte die kokette Sprödigkeit der Wirtin
-lange genug genossen, und der schwüle Chypreduft der Demimondänen
-stieg ihm freundlich und verheißungsvoll in die Nase. Langsam, mit
-stolzem, liebenswürdigem Lächeln, den Hohenzollernschnurrbart steil
-aufgerichtet, kam er näher. Magdalene Leblanc, die auf dem Kanapee
-saß, flog auf, wie der Pfeil vom Bogen, und zog den Weltmeister mit
-verliebter Gewalt zu sich heran. Er mußte zwischen ihr und der roten
-Alli sitzen. Er sah sich nun seine beiden Nachbarinnen an. Magdalene
-war eine blasse Brünette mit lilienschlankem Körper und einem perversen
-lüsternen Gesicht, aus dem die dunkeln, schwarzumränderten Augen wie
-meerestiefe Fragen blickten. Der schlanke, lasterhafte Leib trug mit
-aparter Grazie ein feuerrotes Prinzeßkleid, das bis unter die Hüften
-eng wie eine Schlangenhaut anlag und erst bei den Knieen in weichen
-Falten auseinanderfloß. Die rote Alli war ein bequemes, üppiges
-Frauenzimmer mit phlegmatischen Gesten und gutbürgerlichen Manieren,
-deren Spezialität darin bestand, ganz unsäglich gemeine Geschichten
-zu erzählen, über die selbst Lebemänner erröten konnten. Alli besann
-sich nicht lange und begann sofort voll Behaglichkeit ihre gepfefferten
-Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>meinheiten vorzutragen. Hermann Thyssen saß zurückgelehnt, von den
-schlanken Armen der lasterhaften Magdalene zärtlich umrankt, und war
-fast außer sich vor Vergnügen. Im Leben hatte er noch nicht so gemeine
-Redensarten aus dem Munde eines weiblichen Wesens, selbst wenn es
-eine Dirne war, vernommen. Und diese hier erzählte ihre schamlosen
-Eindeutigkeiten mit freundlicher Seelenruhe, als ob sie aus der Zeitung
-vorläse....</p>
-
-<p>„Jolly!“ rief Hermann Thyssen schallend durch das Zimmer, „Jolly, was
-hast du für Wein? &mdash; Ihr seid alle meine Gäste &mdash; &mdash;!“</p>
-
-<p>Der Wein wurde gebracht; wie Hochwasser stieg die Fröhlichkeit und
-schwoll zu immer lauterem Jubel an. Einmal ärgerte sich Roditscheff,
-der noch mit Kiesling und van Muyden am Spieltisch war, daß er nichts
-von der Gesellschaft der Weiber haben sollte, und während Paul die
-Karten mischte, ging er an den Tisch hinüber und bändelte mit der roten
-Alli an:</p>
-
-<p>„Na, Pummel, wie ist’s? Kommst du mit mir?“</p>
-
-<p>Das Mädchen fühlte sich beleidigt; sie hielt die Anrede des
-Ringkämpfers für eine Anspielung auf ihre phlegmatische
-Wohlbeleibtheit, und gerade die haßte sie; denn sie wollte durchaus als
-schlank gelten. Sie erwiderte giftig:</p>
-
-<p>„Ich denke nicht daran! &mdash; dein Genre liegt mir nicht! Ich bleibe bei
-Thyssen... Wenn du mit Thyssen zum Ringen kommst, fliegst du doch auf
-den Hintern!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Du bist gut unterrichtet, mir scheint! &mdash;“ rief Kiesling, der die
-Karten ausgegeben hatte, hinüber. „Komm her, Sergej, und laß die
-freche, rote Wanze sitzen!“</p>
-
-<p>Sergej ging zum Spiele zurück.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Längst hatte Emil Jolly die Außentür des Lokals geschlossen.</p>
-
-<p>Die gelbseidene Adele saß frech und verführerisch auf<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> Eberhard
-Freidanks Knieen und trank mit ihm aus einem Glase. Die gesuchte
-Demimondäne trug eine tiefausgeschnittene Robe von schwarzen Spitzen
-über gelbem Atlas. Ihr heißer Körper lehnte sich an seine Schultern,
-und mit jedem Atemzuge trank er den üppigen Duft des eleganten
-Frauenzimmers, fortwährend sah er den weißen, gepuderten Hals dicht
-vor sich. „Dir scheint ja furchtbar warm zu sein, Roland!“ sagte
-Adele, „macht das meine Nähe? &mdash; Warte, ich knöpfe dir den Kragen ab!“
-Mit großer Geschwindigkeit befreite sie ihn von der Krawatte und dem
-Halskragen, legte ihren Arm um seinen nackten Hals, suchte mit der Hand
-seine breiten Schultern...</p>
-
-<p>Frau Anna, die energische Wienerin, stand auf und nahm ihren Mann mit,
-der sehr ungern ging. Da herrschte Aloys Binder seine Freundin an: „Du
-ziehst dich an, Celeste, und gehst mit Frau Helu nach Hause! &mdash; Mußt
-ohnedies bei unserer Wohnung vorbei! Schnell, marsch, nach Hause mit
-Dir!“ Celeste gehorchte ohne Widerrede, und alle drei entfernten sich...</p>
-
-<p>Die rote Alli hatte Appetit bekommen; Emil Jolly mußte herbeischaffen,
-was das Lokal um diese Stunde bot. Unter Freudengeschrei verzehrte die
-ganze Gesellschaft eine Dose Rollmöpse, kalte Schweinskoteletts, einige
-Endchen Wurst, eine Büchse Sardinen und eingemachte Pfeffergurken. Alle
-speisten ohne Messer und Gabeln, ohne Teller und Tischtuch von dem
-rohen, reichlich mit Bier und Wein begossenen Tische.</p>
-
-<p>Die Gegenwart der wohlgepflegten, eleganten Dirnen entflammte in allen
-diesen berauschten, starken Männern die wildesten Triebe. Ihre Wünsche
-wurden immer rückhaltloser, ihre Zärtlichkeiten immer verwegener.
-Aber die Frauenzimmer hatten sich mit dem eigensinnigen Wohlgefallen
-der Freudenmädchen, die einmal selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> wählen konnten, bestimmte
-Ringkämpfer herausgesucht. Die Polenkascha, eine starke, sinnliche
-Slavin, küßte fortwährend den dicken Giacomo Petrocchi ab, ohne für
-einen andern ein Auge zu haben; die kleine, blonde Brillantenfrieda
-hatte ihr Herz für diese Nacht an August Bluhm, den Apollo von Berlin,
-verloren, und Hermann Thyssen hatte sich längst mit Magdalene und
-Alli verständigt; er wollte die originelle Lasterhaftigkeit von allen
-beiden genießen... Und die gelbseidene Adele, die Willi Lehmann
-endgültig untreu geworden war, herzte Eberhard ohne Pause. Sie sprang
-hinter seinen Stuhl und legte ihm ihre vollen, weichen Arme um den
-Hals, hüpfte wieder auf seinen Schoß und ließ sich von ihm füttern.
-Sie neigte ihren Mund zu seinem Ohre und flüsterte verlockende Worte
-hinein... „Ja &mdash; &mdash;,“ flüsterte Eberhard mit heiserer, erstickter
-Stimme zurück. Er ging in den Korridor hinaus, um seinen Mantel zu
-holen; als er zurückkehrte, stand Adele schon in Hut und Pelzcape
-da. Jetzt erst bemerkten die anderen ihren Aufbruch; man wollte sie
-zurückhalten, man rief ihnen rohe Zweideutigkeiten zu, aber nicht
-einmal die neuerwachte Passion Willi Lehmanns, ihres ehemaligen
-Zuhälters, der an seine alten Rechte erinnern wollte, vermochte sie zu
-halten. Eberhard Freidank rief mit starker Stimme: „Gute Nacht!“ und
-ging schnell davon; ihm nach, mit pikant hochgehobenen Röcken, unter
-denen die duftenden Jupons knisternd rauschten, flog die gelbseidene
-Adele. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i043b" name="i043b">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i043.jpg" alt="Ende Kapitel VI" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VII">VII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es war anderthalb Wochen später, des Vormittags um elf. Fritzi war
-gerade aufgewacht. Sie lag auf der Seite, mit dem Kopf auf ihrem
-rechten Arm, und betrachtete blinzelnd die Tapete an der Wand.
-Sie überlegte, ob sie endgültig aufwachen oder versuchen sollte,
-noch einmal einzuschlafen. Da ging die Türe auf und wurde wieder
-geschlossen. Die Chansonette sah sich gar nicht erst um, denn das
-Klirren der Kaffeetasse auf einem Tablett verriet ihr, daß die Wirtin
-ins Zimmer getreten war. Und Fritzi war so faul!</p>
-
-<p>„Fräulein!“ sagte die Witwe strengen Tones, „Fräulein, sind Sie schon
-munter?“</p>
-
-<p>Das junge Mädchen zog vor, abzuwarten, ob sie für die Hausfrau schon
-aufgewacht sein sollte oder nicht und blieb unbeweglich liegen. Die
-Wirtin wartete den Erfolg ihrer Anrede ab und begann wieder:</p>
-
-<p>„Ich meine Ihnen, Fräulein! Geben Sie doch Antwort, wenn man mit Sie
-redet! &mdash; Ich wollte Ihnen nur sagen: ich dulde es nicht länger, und es
-ist mir mit Sie schon längst zu dumm geworden! Nein, es paßt mir nicht
-mehr!“</p>
-
-<p>Die Frau hätte noch lange weiterreden können, aber jetzt konnte die
-Chansonette zu ihrem Leidwesen das Lachen nicht mehr verhalten. Langsam
-und behaglich schob sie sich im Bette herum, dehnte sich und fragte,
-während sie sich mit beiden Fäustchen den Schlaf aus den Augen rieb,
-vergnügt:</p>
-
-<p>„Was denn, Frau Krichelmann?“</p>
-
-<p>„Was?“ versetzte entrüstet die Hausfrau, „das fragen Sie noch? Na,
-wenn Sie es durchaus hören wollen: Ihr Lebens<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>wandel ist mir zu bunt!
-&mdash; Als der Herr Freidank die Stube für Ihn’ mietete, sagte er: „Meine
-Braut ist ein sehr anständiges junges Mädchen.“ Gut, sagte ich, soll
-mir lieb sein. Wenn ’n junges Mädchen ihren Bräutigam hat, dagegen ist
-nichts einzuwenden. Ich sage nichts gegen den Herrn Freidank, o nein!
-Der ist sehr anständig! Er hat mir Ihre Miete immer pünktlich bezahlt!
-&mdash; Aber mit Ihnen, Fräulein... Finden Sie das anständig, so oft Besuch
-zu kriegen und mitzubringen? &mdash; Und was bringen Sie sich alles mit! Ich
-habe gestern abend aufgepaßt... Einen Menschen, wie ’n Steinträger,
-anders nicht... Das müßte Ihr Bräut’jam wissen! &mdash; Ich sage Ihnen, es
-ist mir zu dumm, Fräulein. Ich will mein Haus rein halten! &mdash; Ich sage
-es Herrn Freidank, und Sie müssen ziehen! Für dreißig Mark werde ich
-meine Stube jeden Tag mit Kußhand los!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Fritzi hatte den Redestrom nicht unterbrochen. Jetzt hörte sie endlich
-auf, in ihren Augen zu reiben, schüttelte die Locken, die sich wie
-lustige schwarze Schlangen um ihre Stirn ringelten, zurück und sagte
-mit strahlendem Lächeln nichts als:</p>
-
-<p>„Ach nee?!“</p>
-
-<p>„Das sagen Sie!“ erwiderte Frau Krichelmann empört, „aber ich sage:
-ach ja! &mdash; Was denken Sie von mich und meinem Haus? Ich habe eine
-anständige Pension und keinen Taubenschlag! Und darum bleibt es dabei,
-Sie ziehen!“</p>
-
-<p>„Nun seien Sie mal gemütlich, Olleken!“ sagte die Chansonette mit ihrem
-niedlichen Kinderlächeln, indem sie die spitzigen Mäusezähnchen zeigte.
-„Ich gehe ohnehin bald fort, wenn Eberhard nach auswärts ins Engagement
-geht!... Aber bis dahin nicht! Ich habe Sie grade fragen wollen, ob Sie
-mir nicht lieber das Vorderzimmer vermieten wollen. Das ist ja leer
-geworden. Ich habe heute grade Zeit, meine Sachen umzuräumen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>„Die Stube mit dem Flureingang?“ fragte die Hausfrau milder, „ja, die
-kostet aber sechszig Mark ins Monat! Das wird Herr Freidank wohl nicht
-bezahlen wollen!“</p>
-
-<p>„Bisher kostete die Stube fünfzig Mark,“ konstatierte Fritzi, „aber es
-ist mir einerlei, ich zahle auch sechszig... Nein, Freidank braucht
-das nicht zu wissen, sonst wird er am Ende neugierig, wozu ich einen
-eigenen Eingang brauche ... Na, seien Sie vernünftig, Olleken! Wer wird
-denn gleich am frühen Morgen ’n Krach machen?“</p>
-
-<p>„Das ist also abgemacht,“ sagte die vorsichtige Hausfrau nun ganz
-besänftigt, „Sie nehmen von heute ab das Flurzimmer! Ist mir schon
-recht, wer über’n Flur geht, geht mich nichts an... Na, Sie verstehen
-mich, Fräulein Fritzichen! Von Krach ist nicht die Rede... Übrigens
-trinken Sie jetzt mal Kaffee, Kindchen! Warten Sie einen Augenblick,
-ich habe noch ’n Stückchen Napfkuchen von gestern; das hole ich Ihnen
-schnell!“</p>
-
-<p>Sie war jetzt ganz Sorgfalt und mütterliche Fürsorge, brachte
-den Kuchen, goß Fritzi Kaffee ein, zog sich einen Stuhl ans Bett
-und während das junge Mädchen zu frühstücken begann, fragte Frau
-Krichelmann, den Oberkörper vorgebeugt, die Ellbogen auf die Knie
-gestüzt, vertraulich mit neugierigen Augen:</p>
-
-<p>„Wer war denn nun der Herr von gestern Abend, Fräuleinchen?“</p>
-
-<p>„Ach, Sie!“ sagte Fritzi mit ärgerlichem Lachen, indem sie den Kuchen
-in den Kaffee tauchte, „erst erzählen Sie mir was von Lebenswandel und
-so, und dann wollen Sie wieder alles wissen! &mdash;“</p>
-
-<p>„Fritzichen!“ erwiderte die Wirtin, „mich kennen Sie doch! Ich nehme es
-doch einem hübschen, jungen Mädchen nicht übel, wenn sie sich amüsiert!
-Aber in meiner Wohnung .... Was nicht über meinen Korridor geht, sehe
-ich nicht!<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> Davon weiß ich nichts! Sie wissen nicht, wie es mich freut,
-daß Sie das Zimmer zu sechszig genommen haben &mdash;! Na, nun erzählen Sie
-mal!“</p>
-
-<p>„’n Ringkämpfer,“ sagte Fritzi einsilbig.</p>
-
-<p>„Einer von Herrn Freidanks Bekannten aus’m Theater? Da nehmen Sie sich
-man in acht, Kindchen, daß Ihrer nicht dahinter kommt!“</p>
-
-<p>„Nee, bloß aus der Ringkampfschule,“ vertraute das junge Mädchen nun
-der Wirtin an. „Er ringt in ’ner Bude, auf’m Rummel! Freidank kennt
-ihn aber! &mdash; Ich kann gar nicht begreifen, Frau Krichelmann, daß
-mein Bräutigam nichts von allem bemerkt hat! &mdash; Gestern war es ja
-ungefährlich; da ist er gleich nach der Vorstellung zu seinen Studenten
-auf die Kneipe gegangen. Seine Bekannten haben keine Ahnung, daß er
-jetzt Ringkämpfer ist! &mdash; Ja, sonst müssen wir schlauer sein, Justav
-und ich! Denn am ersten Abend waren wir zu unvorsichtig... Da hat er
-mir im Theater so viel zugesetzt, bis ich mit ihm losgegangen bin, ehe
-die Vorstellung zu Ende war. Freidank wollte mich aus der Loge abholen,
-aber als er mich suchen kam, bin ich längst mit Justav’n auf und davon
-gewesen! &mdash; Daß er davon nie ein Wort gesagt hat, nicht einmal gefragt,
-wo ich hingegangen war, das versteh’ ich nicht, Frau Krichelmann.
-Eberhard war an dem Abende zum ersten Male auf der Bühne, und das
-wollten wir doch zusammen feiern!“</p>
-
-<p>„Vielleicht hat er sich selber an dem Abend etwas vorgenommen, was
-er Ihnen auch nicht sagen durfte!“ meinte die welterfahrene Wirtin
-nachdenklich. „Aber wie ist es denn mit Herrn Justav’n, bekommen Sie
-von dem auch was Reelles geschenkt?“</p>
-
-<p>„Ach nein!“ lachte Fritzi belustigt. „Der tut so, als ob ich noch
-froh sein könnte, daß ich ihn überhaupt habe! &mdash; Da ist mein Bankier
-freilich anders... Wenn ich den<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> nicht hätte, Frau Krichelmann! Gestern
-hat er mir wieder drei seidne Blusen und einen Hut gekauft &mdash;!“</p>
-
-<p>Die Hausfrau packte neugierig die Kartons aus, bewunderte mit
-neidischem Staunen die Geschenke von Fritzis Kavalier und erkundigte
-sich:</p>
-
-<p>„Nun, und Er? Merkt er das nicht?“</p>
-
-<p>„Keine Spur,“ sagte Fritzi. „Sie wissen ja, Männer... Mitunter wird er
-mißtrauisch und fragt. Nun, ich gebe ihm immer die richtige Antwort,
-und sofort ist er wieder zufrieden... Jetzt zumal, Frau Krichelmann!
-Könnte er nicht froh sein, daß er eine gute Stelle hat, wo er so schön
-verdient? Nein, er grübelt fortwährend. Seine Stückeschreiberei steckt
-ihm im Kopfe und sein Studieren... Er redet fast nichts anderes! &mdash;“</p>
-
-<p>„Komisch! &mdash; Und dabei ringt er so großartig, der Herr Freidank! Ich
-habe ihn doch nun schon dreimal gesehen! &mdash; Vorgestern, als er den
-dicken Menschen, der sich Herkules von Frankreich nennt...“</p>
-
-<p>„François à la Crinière....“</p>
-
-<p>„Na ja! &mdash; als er den herumwirbelte und auf die Matte schmiß, daß
-es ordentlich krachte, das war doch wirklich ’n Ding! &mdash; Mein
-Schwestersohn, aus dem Amateurklub „Jugendkraft“, sagte, das wäre ’n
-wunderbarer Armfallgriff mit Mühle gewesen! Das Herumwirbeln, bis einem
-schwindlig werden kann, nennen sie ’ne Mühle! &mdash; Und außerdem verdient
-er doch ordentlich &mdash;,“ sagte Frau Krichelmann und fuhr brutal fort:
-„Sonst, wenn es Ihnen nicht mehr paßt, lassen Sie ihn doch einfach
-laufen! Sie finden doch alle Tage ’n andern! Überhaupt, Fräulein
-Fritzi, ’n Ringkämpfer ... Nein, ich weiß nicht!“</p>
-
-<p>Sie wiegte den Kopf mit dem graublonden Scheitel hin und her. Fritzi
-erwiderte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
-
-<p>„Grade das finde ich aber schön! Er hat doch zuerst durchaus nicht
-gewollt, aber ich habe ihm immer zugeredet! Nein, das ist zu hübsch,
-Athlet! Und so interessant! Und er verdient wirklich sehr schön! &mdash;
-Außerdem bin ich ihm doch auch gut,“ fügte sie hinzu.</p>
-
-<p>Sie plauderten noch eine Weile. Die Chansonette erzählte, daß mehrere
-Ringer von der Konkurrenz ihr den Hof machten: Casimir Zabolotny, der
-dicke Pole, der Provençale Raymond Poing de Fer, schließlich Aloys
-Binder, der Münchener...</p>
-
-<p>„Na, welcher ist es denn davon?“ erkundigte sich die Hausfrau, welche
-die Athleten schon mehrmals im Theater gesehen hatte, teilnehmend,
-„der Pole? nein? Also der stramme Franzose! Auch nicht? &mdash; Was, grade
-den frechen Bayer mit dem spitzen Kinn mögen Sie leiden? &mdash; Fräulein
-Fritzi, der könnte mir nicht gefallen! An dem werden Sie nicht viel
-Gutes erleben! Die Augen von dem Kerl... Nein, der hat keinen guten
-Blick! Da guckt der Herr Freidank aber ganz anders!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Da haben Sie recht,“ sagte die Chansonette und fügte leichtfertig
-hinzu: „Gott, ich habe ihn ja auch am allerliebsten &mdash;! Aber es ist
-doch nichts dabei, wenn man sich auch mal mit ’nem andern amüsiert!
-Zu gern, Frau Krichelmann, zu gern ginge ich mal zu Justav’n auf den
-Rummel! Da ringt er nämlich.“</p>
-
-<p>„Wann ist das immer?“ fragte die Alte.</p>
-
-<p>„Heute, am Sonntag, den ganzen Nachmittag,“ sagte Fritzi, „und an
-einigen andern Tagen des Abends. Glauben Sie, daß Freidank mit mir
-hingehen würde? Bewahre! Ich habe ihn gebeten, aber er hat es mir
-einfach abgeschlagen.“</p>
-
-<p>„Da hat er ganz Recht,“ erwiderte die Hausfrau phlegmatisch, „aber Sie
-haben ebenso recht, wenn Sie einfach<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> allein hingehen! Heut ist ja
-Sonntag, warum tun Sie es nicht, Fritzichen? Falls Herr Freidank kommen
-sollte, werde ich ihm sagen, daß Sie mit Fräulein Liane ausgegangen
-sind!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Rat der alten Kupplerin ging Fritzi nicht aus dem Kopfe. Der
-Wunsch, die Budenringer zu sehen, brannte sich förmlich in ihre Sinne
-ein, während sie gemächlich Toilette machte. Der allabendliche Anblick
-der vierundzwanzig trefflichen Athleten genügte ihr nicht; sie wollte
-die unberühmten, ordinären Ringer, an denen sich das gewöhnliche Volk
-ergötzt, in ihrer Umgebung sehen. Diesen fühlte sie sich näher... Die
-großen Champions mit dem abweisenden Auftreten und den fürstlichen
-Einnahmen waren ihr fremd und unsympathisch. &mdash; Sie beschloß, zeitig zu
-speisen und Eberhard im Vorübergehen einen kurzen Besuch zu machen, um
-ihn ganz in Sicherheit zu wiegen. Dann wollte sie auf den Rummel gehen,
-von dem sie sich großes Vergnügen versprach.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eberhard Freidank hatte am Sonnabend die Kneipe wieder einmal
-aufgesucht, die er lange vernachlässigt hatte. Er gehörte einem
-literarischen Verein von Hochschülern an, dessen Mitglieder den schönen
-Künsten Interesse entgegenbrachten, ohne darum auf das ritterliche
-Dekorum der strengsten Vorschriften studentischer Ehre zu verzichten.
-Die Freunde hatten ihm über sein seltenes Erscheinen Vorwürfe gemacht
-und damit wieder den Zwiespalt in seiner Seele vermehrt. Er war sehr
-lustig gewesen, hatte viel getrunken und war erst als einer der letzten
-nach Hause gegangen. Als er in seinem Zimmer war, hatte er keine Lust,
-zu Bette zu gehen. Er wusch sich sehr ausgiebig, um sich nach der
-durchkneipten Nacht gründlich zu erfrischen, zog Trikot, eine Hausjoppe
-und Pantoffeln an und erwartete den Morgen, während er auf dem kleinen
-Kanapee saß und<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> die Zeitung las, die schon so früh ins Haus gebracht
-worden war. &mdash; Der sportliche Tagesbericht lobte ihn über alle Maßen,
-obwohl er am Sonnabend im Kampfe gegen Aloys Binder unterlegen war. Der
-Artikel rühmte die sympathische, kühne, germanische Draufgängerart,
-mit der er auf den berühmten und technisch immerhin weit überlegenen
-Münchner losgegangen war. Eberhard freute sich der Anerkennung nicht
-recht. Er fühlte den Riß in seiner Seele brennen, wie eine offene
-Wunde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dann wurde es Morgen. Eberhard stand gähnend vom Sofa auf, ließ die
-frostige Morgenluft zum Fenster herein und spazierte pfeifend langsam
-im Zimmer herum, bis Frau Ambrosius ihm den dampfenden Kaffee brachte.
-Die Hausfrau schalt ihn gutmütig aus, daß sein Bett unberührt stand.
-Dann blieb sie noch ein wenig bei ihm stehen, unterhielt sich mit ihm
-und sah zu, wie dem jungen Manne, den sie fast mütterlich in ihr Herz
-geschlossen hatte, der Kaffee, die Butterbrötchen und die frischen Eier
-schmeckten. Eberhard erzählte lachend von den Brüdern Petrocchi-Cardo.
-Kürzlich war er zu ihnen gekommen und hatte sie beim ersten Frühstück
-gefunden. Zu dieser Mahlzeit hatten sie eine ganze Mandel Eier,
-fünfzehn Stück! über einem Spirituskocher selbst gekocht und sich,
-der eine sieben, der andere acht Eier in ein großes Bierseidel
-eingeschlagen! Er mußte noch in der Erinnerung an den Anblick dieses
-ungeheuren Appetits lachen.</p>
-
-<p>„Die Zeitung!“ rief Therese, die eben die Post abgenommen hatte, auf
-dem Korridor. „Komm ruhig herein,“ sagte Frau Ambrosius. Therese kam
-und brachte die Athleten-Fachzeitung für Eberhard. Sie war schon in
-Toilette. Sie sah sehr groß und vornehm aus in dem knappen, blauen
-Kleide, und er hatte wieder die Empfindung: eine Diana in modernem
-Gewande.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
-
-<p>„Wie groß sind Sie eigentlich, Fräulein Ambrosius?“ fragte er
-unvermittelt.</p>
-
-<p>Therese sagte lachend: „Ach, viel zu groß für eine Frau. Ein Meter
-siebzig! &mdash; Kein Vergleich mit Ihnen, aber doch zu groß...“</p>
-
-<p>„Auf der Bühne müßten Sie schön aussehen,“ sagte Eberhard.</p>
-
-<p>„Nun hören Sie auf, sonst werde ich böse!“ rief das Fräulein. „Ich habe
-aber keine Zeit, ärgerlich zu werden!“</p>
-
-<p>„Müssen Sie wieder zum Dienst, Fräulein?“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte Therese, „zur Kirche.“</p>
-
-<p>Eberhard sah sie an und sagte lächelnd: „Bitte, Fräulein Ambrosius,
-beten Sie auch für mich!“</p>
-
-<p>Das Mädchen richtete ihre braunen Augen auf ihn und sagte ernsthaft:
-„Ja, das werde ich tun. Das werde ich ganz gewiß tun.“</p>
-
-<p>Tönnies kam um die Mittagsstunde zu Eberhard. Er fand ihn, nur mit
-Hosen, Schuhen und Strümpfen bekleidet, beim Hanteltraining.</p>
-
-<p>„Ach, bist du wieder einmal beim Turnen?“ begrüßte er ihn gutmütig
-spöttisch, „ich glaube, du tust überhaupt nichts anderes mehr,
-Freidank! Mein Himmel &mdash; dort liegt ja sogar ein Kraftmenschenjournal!“</p>
-
-<p>„Ich tue auch noch anderes,“ sagte Eberhard und schüttelte dem Freunde
-die Hand. „Aber alle Vormittage trainiere ich eine Stunde oder eine
-halbe... Du weißt, ich gehe nicht mehr auf den Paukboden.“</p>
-
-<p>„Ja so,“ sprach Tönnies. „Du weißt, Eberhard, daß ich für alle diese
-Dinge wenig übrig habe.“</p>
-
-<p>„Aber du schlägst gut, Adolf!“</p>
-
-<p>„Das tut nichts dazu,“ erwiderte Tönnies. „Ich pauke, wie jeder andere,
-aber nicht gern... Ich habe auch für den Sport wenig Interesse... Denke
-dir ein Radrennen,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Eberhard! Du siehst einige Fahrräder rund um die
-Bahn fliegen, darauf junge Leute in Trikot, so weit vornübergebeugt,
-daß sie fast schon liegen, in einer unmöglichen, unwahrscheinlichen,
-unhygienischen Stellung... Und der Endeffekt? Die Sieger mit Schweiß
-und Staub bedeckt, die Gesichter verzerrt wie von fürchterlichen
-Schmerzen... Ist das ein Ziel? Ist das eine Aufgabe? &mdash; Ich möchte mir
-nicht die Ringkämpfer im Odeon ansehen, Freidank! Alle Welt spricht
-von ihnen, ganz Berlin ist voll davon.... Alle Welt ist begeistert von
-einfacher, gewöhnlicher Roheit! &mdash; Brutale Kraft hat aber auch der
-Ochse.“</p>
-
-<p>„Und die Ringer im Stadium zu Athen, Adolf? Und die Gladiatoren? &mdash; Die
-ausgedehnte antike Sportbetätigung?“</p>
-
-<p>„Geschah unter ganz anderen Voraussetzungen, Eberhard! Damals hatten
-die Völker ein Interesse daran, daß jeder Mann im Einzelkampfe die
-möglichst höchste Leistungsfähigkeit besaß. Darum pflegten die Griechen
-den Sport! Es kam ihnen auf Erzielung der größten Kraft, des größten
-persönlichen Mutes an.“</p>
-
-<p>„Tout comme chez nous!“ sagte Eberhard lächelnd.</p>
-
-<p>„Nein, bei uns ist es leider anders,“ antwortete der Student Tönnies.
-„Bei uns kommt es allein auf Rekordleistungen an, mag die eigentliche
-Kraft dabei zum Teufel gehen oder nicht! Ich mag gar nicht daran
-denken, Freidank. Ich bezweifle, daß so ein Rekordathlet, oder
-Rennfahrer, oder was sonst für ein Sportsmann, zu einer wirklichen,
-ausdauernden Arbeit fähig ist. Dazu reicht die gefeierte Kraft nicht
-aus!“</p>
-
-<p>Er rollte zornig die runden, grauen Augen. Eberhard hatte immerfort
-Einwendungen machen wollen, hatte seinen Freund unterbrechen wollen;
-aber er brachte die Lippen nicht auseinander in der starrköpfigen
-Verschlossenheit des Norddeutschen, die nicht aus Furcht, sondern
-einfach aus<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> Trotz manche Dinge für sich behalten muß. Als aber Tönnies
-noch einmal anfangen wollte, sagte er mit zerstreutem Lächeln:</p>
-
-<p>„Was geht das nun dich und mich an, Tönnies? Wir sind ganz einer
-Meinung... Und du bist wahrhaftig auf dem besten Wege, dich über des
-Kaisers Bart aufzuregen!“</p>
-
-<p>„Hast recht, Eberhard,“ sagte der junge Mann vergnügt, „sprechen wir
-von vernünftigeren Dingen... Ich kam heut eigentlich zu dir wegen...
-ich wollte... Nun, frei heraus! Ich habe deine filia hospitalis kennen
-gelernt! Auf einem Vereinsballe! Sie ist ein schönes Mädchen, Freidank,
-das schönste Mädchen, welches ich kenne!“</p>
-
-<p>„Und dir das liebste Mädchen!“ vollendete Eberhard und fühlte, er wußte
-selbst nicht warum, einen Stich im Herzen.</p>
-
-<p>„So schnell geht es nicht!“ rief Adolf Tönnies. „Aber denke dir, es
-hat sich herausgestellt, daß wir ein wenig verwandt sind... Sie ist
-so etwas, wie eine Cousine zweiten Grades... Soll ich, unter solchen
-Umständen, die Bekanntschaft wieder in Vergessenheit geraten lassen,
-Freidank? Ein Narr, der ich wäre!“</p>
-
-<p>„Ich rate dir, den Damen jetzt deine Aufwartung zu machen,“ sagte
-Eberhard mißvergnügt. Er hätte am liebsten etwas ganz anderes gesagt,
-aber Therese ging ihn doch wirklich, wirklich nichts an...! Zumal, da
-sie seine Fritzi nicht leiden konnte. Sie hatte sich neulich gegen
-seine Freundin ausgesprochen. Nicht mit direkten Worten, o nein! Dazu
-war dieses „törichte Ding“ doch zu klug. Die Mißachtung hatte mehr im
-Ton der Stimme gelegen, in ganz flüchtigen Andeutungen, in einem und
-dem andern Wort, gleich als ob sie etwas Ungünstiges von Fritzi wußte
-und so verschwieg. Er hatte nicht gefragt, dazu war er zu stolz. Aber
-er hatte aus dieser Unterhaltung ein peinliches<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> Gefühl davongetragen.
-Denn &mdash; eigentlich &mdash; war diese Therese Ambrosius... doch kein
-törichtes Ding, und ganz bestimmt nicht das Mädchen, welches ins Blaue
-hineinschwatzte&nbsp;...</p>
-
-<p>Als hätte Tönnies nur auf Eberhards Anregung gewartet, lief er davon
-und machte Mama Ambrosius und ihrer Tochter eine Visite. Eberhard
-kleidete sich, als sein Freund das Zimmer verlassen hatte, schnell
-an. Er war eben damit fertig, als er draußen in der hastigen Art
-schellen hörte, wie Fritzi bei ihren seltenen Besuchen anzuläuten
-pflegte. Er ging schnell hinaus, es war die Kleine; gerade trat auch
-Therese Ambrosius, die ebenfalls das Läuten vernommen hatte, aus ihrem
-Wohnzimmer und wollte öffnen. Doch als sie Fritzi bemerkte, zog sie
-sich sofort wieder zurück, mit beleidigender Eile, wie es Freidank
-schien...</p>
-
-<p>Fritzi warf den Muff aufs Bett, die Handschuhe auf den Tisch, stellte
-sich auf den Zehenspitzen hoch, gab Eberhard mit gespitztem Mäulchen
-einen Kuß und fragte gleich, ob er nichts zu naschen für sie hätte. Ja,
-er hatte Konfekt für sie gekauft; sie sollte suchen! Sie stürzte sich
-auf ganz unmögliche Verstecke, zog den Kasten des Waschtisches auf,
-kramte in seiner Kragenschachtel und riß sogar das Stiefelschränkchen
-auf. „Aber Fritzi!“ sagte er, von ihrer Unvernunft entzückt, „welcher
-Mensch auf der ganzen Welt würde Konfekt an solche Orte stecken?“ Dann
-holte er aus der Manteltasche die kleine Schachtel, und Fritzi grub
-ihre niedlichen Zähne mit kindlicher Gier in die braune Schokolade ein.</p>
-
-<p>„Gut, daß du kommst,“ sagte Eberhard, „wir hatten nichts für diesen
-Nachmittag verabredet.“</p>
-
-<p>„Ich kam nur, um dir zu sagen, daß ich heute zu Liane Fanchon zum
-Kaffeeklatsch gehe! Sie hat den Geburtstag, mußt du wissen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
-
-<p>Eberhard wollte ihr die Absicht ausreden. „Ich liebe nun Fräulein
-Fanchon durchaus nicht,“ sagte er.</p>
-
-<p>„Um so besser, mein süßer Bär, sonst müßte ich eifersüchtig sein! Aber
-ich habe es so bestimmt versprochen,“ plauderte sie. „Es sind noch
-mehrere Kolleginnen aus der Variétéschule da, und kein einziger Herr!
-&mdash; Und du gibst mir auch Geld zu einem Geburtstagsgeschenk, bitte!
-bitte!“ bettelte sie in einem plötzlichen Anfall von Habgier.</p>
-
-<p>Freidank seufzte. Er wußte, er würde ihr wieder einmal nachgeben. „Aber
-du wirst wenigstens mit mir zusammen speisen?“ fragte er verdrießlich.
-„Gewiß!“ sagte Fritzi. „Zieh nur gleich deinen Mantel an und komme
-mit! Du weißt, ich muß vorher noch ein Geschenk für Liane kaufen. Gib
-mir schnell Geld!“ Sie überlegte blitzschnell, daß sie einen eleganten
-Toilettegegenstand kaufen würde, den sie selber brauchen konnte...</p>
-
-<p>„Ja, du mußt vorausgehen, Fritzi,“ sagte Freidank. „Tönnies ist bei mir
-und ist eben nur im Zimmer drinnen bei Frau Ambrosius. Er wird wohl
-bald wiederkommen, aber vielleicht machst du inzwischen deinen Einkauf.
-Ich kann dir doch nicht kaufen helfen, weil ich nichts davon verstehe!“
-&mdash; Sie ging mit einem Kusse.</p>
-
-<p>Adolf Tönnies kehrte zurück und sagte, daß Frau Ambrosius die beiden
-Freunde, Freidank und Tönnies, auf den Nachmittag zum Kaffee eingeladen
-habe. Eberhard kam diese Aufforderung sehr gelegen, da seine Freundin
-zu Fräulein Liane gehen wollte, und er sagte gerne zu. Dann gingen die
-beiden jungen Männer miteinander fort. Fritzi erwartete Eberhard auf
-der Straße, sie gingen zum Diner und Adolf schloß sich ihnen an.</p>
-
-<p>Fritzi hatte während des Mittagsmahles kleine Gewissensbisse. Sollte
-sie doch nicht zu dem Budenringer gehen? Sie überlegte noch, als
-Eberhard erzählte, daß er<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> mit Adolf bei Frau Ambrosius den Kaffee
-nehmen würde. Da schwanden Fritzis letzte Bedenken. Um so besser, dort
-war er gut aufgehoben! Nun war eine Entdeckung ausgeschlossen!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nach Tisch begleiteten die jungen Männer Fritzi bis an Fräulein Lianes
-Wohnung. Unterwegs mußte Fritzi noch mit ihnen einkaufen gehen. Die
-Freunde hatten Frau Ambrosius um Erlaubnis gebeten, den Kuchen zum
-Kaffee mitbringen zu dürfen. &mdash; Eberhard raunte seiner Freundin noch
-ein „auf Wiedersehen im Theater“ zu.</p>
-
-<p>Fritzi sprang die Treppen hinauf, um Freidank zu täuschen, blieb mit
-pochendem Herzen auf dem Flure stehen und stieg nach etlichen Minuten
-leise, wie eine Katze, wieder hinunter. Dann wagte sie es, vor die
-Haustüre zu treten. Die Freunde waren schon um die nächste Ecke
-verschwunden. Sie atmete auf, ging schnell in der entgegengesetzten
-Richtung davon und stieg in eine Straßenbahn.</p>
-
-<p>Jetzt, kurz vor dem Tage der winterlichen Sonnenwende, brach schon
-um die vierte Stunde die frühe Dämmerung herein. Fritzi sah aus dem
-Fenster und erblickte durch die angelaufenen Scheiben in der Ferne
-einen Stern, der aus bunten Lampen gebildet war. Sie zog die Uhr; sie
-war bereits eine halbe Stunde gefahren. Kein Zweifel, das war ihr Ziel,
-der „Volksvergnügungspark Nordstern“.</p>
-
-<p>Der Eingang dieses Jahrmarktsplatzes war durch ein weitoffenes,
-rohes Lattentor gebildet, durch welches eine große Menschenmenge
-hineinströmte: Soldaten, Arbeiter mit Frau und Kindern, sogar mit
-Säuglingen und Kleinen, die im Wagen gefahren wurden, junge Burschen
-und Mädchen. Die Chansonette blickte sich entzückt um. Sie vergaß
-ganz, daß sie in ihrer flotten Toilette, dem eleganten, pelzbesetzten
-Kostüm, unter den einfachen Leuten Aufsehen erregen mußte. Ach, hier
-mit einem Begleiter die Jahrmarktsherr<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>lichkeiten genießen dürfen, wie
-schön mußte das sein! Fritzi dachte nicht mehr daran, daß sie äußerlich
-eine Dame geworden war; sie fühlte sich wieder ganz als das einfache
-Mädchen aus dem Volke, welches an Lärm, primitiven Schaustellungen
-und großen Menschenansammlungen seine Freude hat. Am Eingang des
-Platzes war eine ganze Wagenburg der grünen Wohnwagen aufgestellt.
-Inmitten des Platzes wogte und drängte sich das Volk; ringsum waren
-die Buden und die Stätten des Vergnügens. Jede einzelne Schaustellung
-war von entsetzlichem Lärm begleitet; alle Gassenhauer, Trompeten,
-Karussellmusik, Klappern und Pfeifen schollen wüst durcheinander.
-Fritzi blieb mit freudeglänzenden Augen vor dem elektrischen Karussell
-stehen und sah dem Kreistanz der bunten, hölzernen Tiere, auf denen
-junge Mädchen und Burschen saßen, zu. „Ist das nicht ’n Roland seine
-Braut?“ hörte sie plötzlich Roditscheff in seinem harten Russendeutsch
-fragen, „Servus, Pummel!“ „Sind Sie allein, Fräulein?“ erkundigte sich
-sein vorsichtiger Begleiter. „Ja? Ist das eine Freud’! Wir sind auf gut
-Glück hergekommen und finden gleich ein nettes Mad’l mit Lokalkenntnis
-... Sie kennen doch den Dult dahier?“</p>
-
-<p>Sie hatte in der Tat durch Zufall Roditscheff und Aloys Binder
-getroffen. Die Ringkämpfer nahmen sie sofort in die Mitte. Sie sagte,
-es wäre kein Dult, sondern ein Rummel, und sie möchte würfeln gehen.
-Arm in Arm zogen alle drei nach der Würfelbude, würfelten und gewannen
-nichts. Dann setzten sie sich in ein großes Schiff, welches an einem
-hohen Gerüst hin und her schaukelte, und trieben darin Allotria. Dann
-zog ein unartikuliertes Geheul, wie von Wilden, Fritzis Aufmerksamkeit
-an, und die Athleten waren gleich bereit, mit ihr in die Bretterbude,
-welche die Aufschrift „Wildafrika“ trug, hineinzugehen. In der
-jammervollen, halbdunklen Bude, die über der bloßen Erde stand, war ein
-dicker<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Dunst von Holzkohlen und Petroleumqualm; ein einziger magerer,
-frierender Neger sprang unter eintönigem Geschrei von einem Fuß auf
-den andern, und ein heiserer junger Bursche behauptete, daß der Wilde
-Kriegstänze aufführte. Fritzi war in ihrem Elemente. Sie schrie und
-lachte und klatschte in die Hände, während Binder und Roditscheff ihr
-die Wangen streichelten und sie verliebt in die Arme zwickten. Endlich
-war sie der Schaubuden müde und wollte nun zu den Ringkämpfern. Lachend
-kamen die Athleten auch diesem Wunsche der Chansonette nach.</p>
-
-<p>Ein rundes Leinwandzelt bildete den Zirkus, in dem die Kraftmenschen zu
-sehen waren. Gartenstühle, die von Lehrlingen und Burschen eingenommen
-waren, schlossen die Arena ab. Das Zelt war nur durch Petroleumlampen
-erhellt, und statt der Ringmatte gab es nur ein wenig Lohe. Als die
-drei das Zelt betraten, waren die in schmutzige, geflickte Trikots
-gekleideten Kraftkünstler gerade damit beschäftigt, Gewichtstangen
-mit übermäßig großen hohlen Kugeln zu stemmen. Das dankbare Publikum,
-welches die Gewichte für echt hielt, jauchzte den vermeintlichen
-enormen Leistungen leidenschaftlich zu... Dann kam der zweite Teil der
-Vorführung. Gustav, Fritzis Freund, ließ die Stangen und Gewichte aus
-dem Wege räumen und hielt eine kleine Ansprache an das Publikum. Er
-war bei weitem der hübscheste, stärkste und ansehnlichste Athlet unter
-seinen vier Kollegen, die mit ihm in dieser primitiven Arena standen.
-Anstatt aber die wirklichen Namen der jungen Leute, die sämtlich
-dem Athletenklub „Deutsche Eiche“ angehörten, zu nennen, rief er
-hochklingende und berühmte Namen auf:</p>
-
-<p>„Winzer, Hamburg! &mdash; Franz Sauerer, München! &mdash; Albert Sturm, Berlin!
-&mdash; Lassartesse, Frankreich! &mdash;“</p>
-
-<p>Er kam nicht weiter; Binder und Roditscheff waren<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> in dröhnendes
-Gelächter ausgebrochen, und Roditscheff schrie, stoßweise, unter Lachen:</p>
-
-<p>„Ach, du freches Tier! &mdash; Der Sauerer! &mdash; Der Sturm! &mdash; Der
-Lassartesse! &mdash; Die müßten dich auf den Hintern setzen, hier, auf
-deinem Rummel! &mdash;“</p>
-
-<p>Das Publikum, welches nicht wußte, um was es sich handelte und in den
-laut lachenden Herren nur Störenfriede sah, begann zu murren. Der
-Ringer Gustav aber, der mit einem Blicke die Situation übersehen hatte,
-war mit einem Sprunge, wie ein Tiger, außerhalb des Zuschauerringes
-bei den Champions und flehte sie leise und hastig an, ihn nicht zu
-kompromittieren. „Nein, nein! ist allright!“ versicherten Roditscheff
-und Binder. Gustav schleuderte einen wuterfüllten Blick auf Fritzi,
-raunte ihr aber zu, daß sie sofort nach dem Ringkampfe hinter dem Zelt
-sein sollte; er müßte ihr etwas sagen. Fritzi nickte, und schon war er
-wieder in seiner Arena. Das Publikum applaudierte in der Meinung, daß
-er die Störenfriede beruhigt hätte. Nun konnte der Ringkampf endlich
-anfangen!</p>
-
-<p>Gustav verkündete laut die hier geltenden Kampfregeln: jeder Kampf
-sollte drei Minuten dauern. Seine Stimme klang rauh und heiser vor
-Wut. Wer anders, als Fritzi, hatte die beiden Athleten, vor denen er
-sich mit der von ihm geleiteten kleinen Truppe lächerlich gemacht
-hatte, indem er die Namenlosen mit klangvollen Namen schmückte,
-hierher auf den Rummel geschleppt? &mdash; Mit heiserer Stimme, Zorn und
-Rache im Herzen, erklärte er nach Ablauf der drei Minuten, daß der
-Kampf als unentschieden abgebrochen sei. Nun führten zwei der jungen
-Budenringer eine offenbar vorbereitete Komödie auf. Derjenige, der hier
-unter dem Namen des Hamburger Athleten Winzer figurierte, nannte den
-schwarzlockigen, jungen Menschen, dem der Name Lassartesse beigelegt
-wurde, einen „Schieber“ und forderte<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> ihn zu einem Match heraus. Einen
-Taler sollte der Einsatz von beiden Seiten betragen! Der junge Mensch,
-der das Deutsche übertrieben radebrechte, erklärte sich dazu bereit. In
-unternehmender Haltung traten sie zum Kampfe an und ehe zwei Minuten
-um waren, lag der echte oder scheinbare Franzose auf dem Rücken. Nach
-Ansicht des Publikums hatte der Deutsche einen schwerwiegenden Sieg
-errungen und einen Taler dazu!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gustav kündigte an, daß nach einer Pause von fünf Minuten die nächste
-Vorstellung stattfinden werde, und ging, ehe die Zuschauer das Zelt
-verließen, noch mit dem Teller sammeln. Roditscheff und Binder warfen
-zwischen die Nickelstücke jeder einen Taler, für die Gustav, innerlich
-fast erstickend vor Wut, noch eine Verbeugung machen mußte... Als die
-Champions das Zelt verließen, blickten sie sich nach ihrer kleinen
-Begleiterin um. Fritzi war verschwunden. „Ach, der Pummel wird schon
-wiederkommen!“ meinte Sergej, „wir gehen langsam weiter, Aloys.“</p>
-
-<p>Fritzi war geschwind, wie eine Eidechse, hinter das Zelt geschlüpft.
-Auch sie ahnte nichts von der Ursache des Intermezzos. Gustav
-stand schon da, eine Jacke über das apfelgrüne Trikot gezogen. Die
-Chansonette sprang flüchtigen Fußes zu ihm hin, aber ehe sie ein Wort,
-eine Frage aussprechen konnte, trat Gustav mit verzerrtem Gesicht
-einen Schritt vor und hieb ihr rechts und links mit den großen Tatzen
-fürchterliche Ohrfeigen, während er ihr heiser zuflüsterte:</p>
-
-<p>„Du Dirne! &mdash; du! &mdash; mußtest auch noch mit diesen Kerlen anfangen &mdash;!
-mir zum Possen, du Bestie! &mdash; Lasse dich nie wieder vor mir blicken,
-sonst schlag’ ich dich tot! &mdash;“</p>
-
-<p>Sie wollte eine Erklärung haben, aber er ließ sie nicht zu Worte
-kommen, und als er eine Sekunde von ihr abließ,<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> lief sie heulend, wie
-gehetzt, davon. Gustav tat einige Schritte hinter ihr her, kehrte aber
-alsbald wieder um. Wenigstens hatte er seine Rache an ihr gekühlt!
-„Gemeines, schamloses Frauenzimmer,“ murmelte er zwischen den Zähnen
-und kehrte in sein Zelt zurück.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Binder hatte Fritzi inzwischen erspäht; sie stand schluchzend abseits
-und hielt das Taschentuch vors Gesicht.</p>
-
-<p>„Was hast du denn?“ fragten die Athleten.</p>
-
-<p>Fritzi antwortete nichts und weinte nur noch stärker. Roditscheff, mit
-seiner starken, lächelnden Gutmütigkeit, zog ihr die Hände weg. Sie
-sahen das niedliche Mädchengesicht von Tränen des Zornes und Schmerzes
-überströmt und die zarten Wangen geschwollen und brennend gerötet.
-Beide wußten sofort, was geschehen war und ahnten den Zusammenhang.
-„Na, Mäderl &mdash;!“ tröstete Aloys, „mach’ dir nichts aus dem frechen Kerl
-und höre auf zu weinen... Wenn ich ihn wieder treffe, spreche ich noch
-ein Wörtchen mit ihm; dann kann er sich die Ecke aussuchen, in die er
-fliegen will &mdash;! komm her, mein Kätzchen, sei wieder lustig! wir lassen
-uns zusammen photographieren! &mdash;“</p>
-
-<p>Langsam beruhigte sie sich. Alle drei spazierten nach der Bude des
-Momentphotographen. Vorher machten sie an einer Würstelbude Station,
-und während sie mit Appetit mehrere Paar Würstchen verzehrte, fand die
-kleine, eitle Person noch Zeit, ein Pudernecessaire herauszuziehen
-und das Gesichtchen weiß zu pudern. Noch ein Strich mit dem roten
-Taschenstift über die zitternden Lippen; nun trug ihr Antlitz fast
-keine Spuren der Ohrfeigen und der hastig geweinten Tränen mehr. Sie
-lächelte schon wieder, als sie die Photographenbude betraten.</p>
-
-<p>Sie stellten sich nebeneinander auf, Fritzi in der Mitte. Während
-der Photograph seinen Apparat einstellte, griff Aloys Binder der
-Chansonette von hinten um die Taille,<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> suchte ihren Busen mit der
-Hand... In diesem Augenblicke flammte das Blitzlicht des Photographen
-auf. &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es war für die Athleten Zeit geworden, sich zur Vorstellung in
-die Stadt zu begeben. Sie fuhren im geschlossenen Wagen, eng
-aneinandergedrängt. Schwül hing die Glut der Sinnlichkeit zwischen
-dem Athleten und dem jungen, lebensgierigen Weibe. Fritzi saß auf
-Binders Schoß. Er hatte ihr den Kopf mit dem zierlichen Pelzbarett
-weit hintenübergebeugt und drückte wilde Küsse auf ihren schmachtend
-geöffneten Mund. Fritzi hatte eine seltsame Empfindung, als ob sie in
-ein weiches, lauwarmes Meer hinabgleite. Immer tiefer, immer tiefer....
-Jetzt gab es schon gar keinen Widerstand mehr...</p>
-
-<p>Roditscheff pfiff leise die melancholische Melodie eines russischen
-Volksliedes durch die Zähne. Er hatte den Kopf von dem Paare abgewendet
-und betrachtete beim wechselnden Scheine der am Wagenfenster
-vorüberfliegenden Straßenlaternen nachdenklich das verräterische
-photographische Momentbild.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i025b" name="i025b">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i025.jpg" alt="Ende Kapitel VII" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der akademische Verein Gryphius feierte Weihnachten. Es fehlten zwar
-noch drei Tage bis zum Feste, aber die jungen Herzen waren schon längst
-in der fröhlichsten Weihnachtsstimmung. Am nächsten Morgen wollten dann
-mehrere der Mitglieder in die Heimat reisen.</p>
-
-<p>Tönnies kam nachmittags zu Eberhard und hätte ihn am liebsten gleich
-mitgenommen.</p>
-
-<p>„Sonst schwänzest du womöglich die Weihnachtskneipe,“ sagte er und sah
-seinen Freund forschend an.</p>
-
-<p>„Das traust du mir hoffentlich nicht zu,“ lächelte Eberhard. Er mußte
-sich abwenden, um die aufsteigende Röte zu verbergen. Der gutmütige,
-heitere Adolf aber, der Eberhard als weit überlegen empfand, hatte
-schon wieder das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen:</p>
-
-<p>„Du wirst mir das doch nicht übelnehmen, Eberhard! &mdash; Aber leider
-fehlst du jetzt so oft... Läßt die Kleine dich gar nicht von ihrer
-Seite?“</p>
-
-<p>„Ach Gott &mdash; das ist’s auch,“ sagte Freidank mit innerer Qual. „Man hat
-Zeiten, Tönnies, in denen man keinen Menschen sehen möchte... Keinen...
-Das geht wieder vorüber...“</p>
-
-<p>„Hoffentlich,“ sprach Tönnies herzlich. „Du wirst kein Pessimist
-werden, Freidank. Das wäre nicht richtig, glaube mir... Nun, du wirst
-selbst wissen, was du zu tun hast! Ich weiß, du gehst deinen geraden
-Weg...<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>“ „Ja,“ antwortete Eberhard fest, während sich in seinen Kopf
-der Gedanke einschlich, ob Tönnies sein Tun wohl für den geraden Weg
-halten würde....</p>
-
-<p>„Also das ist sicher, du lässest uns nicht sitzen!“ mahnte Tönnies noch
-einmal beim Abschiednehmen. „Auf Wiedersehen!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Im Theater war Eberhard heute der Held einer Sensation. Im Vestibül
-klebten riesige, rote Plakate und dem Programm waren gleichlautende
-Zettel beigegeben, welche besagten, daß Roland den Münchener Binder
-zu einem freien Revanchekampfe herausgefordert habe. Das Publikum
-versprach sich von diesem Kampfe einen besonderen Genuß; sollte doch
-ohne Pause bis zur Niederlage einer der beiden Athleten gerungen werden.</p>
-
-<p>Eberhard runzelte die Stirne, als er die schreiend grellen Plakate
-erblickte. Das war wieder so ein Trick der Kampfleitung, das! Er selbst
-hatte nicht daran gedacht, Aloys Binder herauszufordern. Aber es
-mußte um jeden Preis eine Sensation in die Ringkämpfe hineingetragen
-werden. Jetzt, um die Weihnachtszeit, erwiesen sich nicht einmal die
-Entscheidungskämpfe, die gegen Mitte des Monats begonnen hatten,
-als genügend wirksamer Kassenmagnet. Darum wurden Extrakämpfe
-eingeschaltet, die, wie das Publikum glauben mußte, lediglich aus
-Ehrgeiz, außerhalb der Konkurrenz, zwischen einzelnen Ringern
-ausgetragen wurden.</p>
-
-<p>Im Foyer blühte heute das Geschäft der Buchmacher. Bereits wurden
-allabendlich hohe Summen auf die endgültigen Sieger der Ringkämpfe
-gewettet. Aber die letzten Entscheidungen lagen noch in weitem Felde.
-Inzwischen wurde lustig auf die Extra-Kämpfe gewettet und verloren...</p>
-
-<p>Als Eberhard das Vestibül durchschritt, hörte er hinter sich und zu
-beiden Seiten flüsternde Stimmen, die seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Namen nannten. Er wendete
-sich nach niemand um und blickte finster gradeaus. Er hatte sich
-bereits jene düstere, abwehrende Haltung angewöhnt, mit der die großen
-Champions sich die unerwünschten Verehrer fern halten. Er wußte es
-selbst, es war eine theatralische Pose, aber dennoch hatte er nicht die
-Absicht, sie aufzugeben. Es war ein Leben des Scheins, ein Leben voller
-Scheinerfolge, welche aber ebenso bejubelt und so glänzend honoriert
-wurden, wie echte Erfolge. Die Kraft allein war echt....</p>
-
-<p>Es war noch so zeitig, daß Eberhard hoffen konnte, in der Garderobe
-keinen Kollegen zu treffen. Aber Binder saß doch schon am Tische und
-versteckte bei Eberhards Eintritt einen Zettel.</p>
-
-<p>„’n Abend,“ sagte Freidank, wider Willen unangenehm berührt. „Ach, ich
-habe Sie nicht stören wollen!“</p>
-
-<p>„Sie stören mich nicht,“ sagte Aloys. „Ich schreibe nur ’ner
-Chansonette... einem hübschen, brünetten Pussel.... Sie sind auch für
-so was, Roland...!“</p>
-
-<p>Hatte Eberhard recht gehört? Lag ein Unterton des Hohnes in Binders
-Worten oder witterte nur seine Abneigung gegen den Münchener Böses?</p>
-
-<p>„Pardon &mdash; &mdash;,“ sagte er hart. „Ich möchte nicht... Sie verstehen...“</p>
-
-<p>„Ach, Sie sind eifersüchtig!“ erwiderte der Münchener unvermittelt mit
-einem frechen Aufblick.</p>
-
-<p>„O nein! Ich habe keine Ursache dazu!“ entgegnete Eberhard bestimmt und
-ging wieder hinaus. Im Artistenfoyer, einem langen, breiten Korridor,
-blieb er noch einmal lauschend stehen: war nicht ein höhnisches Lachen
-hinter ihm hergeklungen? Aber alles blieb still. Nur die Soubrette,
-Fräulein Coeur de Rose, strich wie eine verliebte Katze im Foyer
-herum. Sie war schon zur Vorstellung angekleidet und hatte ihren
-dekolletierten Busen mit einem durchsich<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>tigen Schleiergewebe bedeckt,
-um den ärgsten Anschein der Koketterie zu vermeiden. Er wendete sich
-brüsk von dem geschminkten Weibe ab und ging durch das ganze Haus
-hindurch in das Theaterrestaurant.</p>
-
-<p>Unwillkürlich suchten seine Blicke beim Eintritt Fräulein Leonie
-Krömer. Doch die schöne Brünette thronte nicht auf dem gewohnten Platz.
-Sie hatte endlich kapituliert und saß neben Sergej Roditscheff an einem
-der kleinen Tischchen von gelblichem Marmor. Das Bild prägte sich fest
-in Freidanks Gedächtnis ein: Leonie war verwirrt, rot und schön in
-ihrer Leidenschaft und ihrem Schuldbewußtsein. Roditscheff hatte sich
-ihrer Hand bemächtigt und spielte mit den Ringen an ihren schlanken
-Fingern. Er war blaß, lächelnd, ruhig und siegesbewußt, wie immer...
-Nur ein sehr geübtes Auge hätte ihm den letzten Zweifel an seinem Siege
-über diese Spröde vom Gesicht ablesen können. Denn Leonie schwankte
-noch, während Roditscheff sie zuversichtlich fragte:</p>
-
-<p>„Gleich nach der Vorstellung kann ich dich abholen, Lona?“</p>
-
-<p>„Um Gotteswillen, nein!“ erwiderte Leonie hastig flüsternd, „mein
-Schwager... und überhaupt...“</p>
-
-<p>„Um zwei Uhr wird das Restaurant geschlossen,“ sagte Sergej, „also um
-zwei Uhr, Lona, um zwei Uhr, Lona...“</p>
-
-<p>Unter seinen hellen, hypnotisierenden Blicken senkte Leonie Krömer den
-schwarzen Kopf....</p>
-
-<p>Eberhard verbarg sich hinter der größten Zeitung, die er finden
-konnte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Von einem Tisch, an dem ziemlich viele lebhaft redende Männer saßen,
-löste sich jetzt ein Mann und begann ein Gespräch mit Freidank. Er war
-ein Buchmacher namens Goldschmidt, der mit großer Geschicklichkeit das
-Gespräch auf den Revanchekampf des heutigen Abends zu lenken<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> wußte. Er
-redete in einem seltsamen Fachjargon, der aus jüdischen und sportlichen
-Redensarten bestand, allerlei krausen Unsinn, welcher schließlich in
-der vorsichtig umschriebenen Frage gipfelte, ob Roland oder Binder bei
-dem Ringkampfe Sieger bleiben würde?</p>
-
-<p>„Zum Teufel, kann ich das wissen?“ fragte Freidank über die Zeitung
-hinweg.</p>
-
-<p>„O, Herr Roland &mdash; &mdash;! &mdash; sagen Sie mir nicht so was! &mdash; Ich bin nicht
-einer von ’s dumme Publikum... Ich wollte Ihnen vorschlagen ein gutes
-Geschäft, ein sicheres Geschäft ....“</p>
-
-<p>Eberhard legte die Zeitung hin:</p>
-
-<p>„Ich bitte, Herr Goldschmidt, sagen Sie klipp und klar, was Sie von mir
-wollen!“</p>
-
-<p>Er wollte.... nun, Herr Roland sollte es nicht übel nehmen... Gegen
-seine Ehre ginge es ja nicht, &mdash; und außerhalb der Konkurrenz... und
-ein glattes Geschäft wäre es...</p>
-
-<p>Und als Freidank gelangweilt die Stirne furchte, erklärte er ihm das
-beabsichtigte Geschäft. Von den Wettenden &mdash; und es wurden sehr hohe
-Wetten heute abend abgeschlossen &mdash; hielten die meisten auf Roland,
-obwohl er schon von Binder besiegt worden war. Es waren Gerüchte
-von „Schiebungen“ durchgesickert, die das Publikum lebhaft erregt
-hatten. Den heutigen „Revanchekampf“ hielten die Leute aber für echt.
-Hohe Summen waren auf den Sieg Rolands gesetzt worden, die im Falle
-von Rolands Niederlage dem Buchmacher zufielen. Mit der Kunst der
-Überredung und mit der Zusicherung eines hohen Gewinnanteils suchte
-Herr Goldschmidt Eberhard nun zu bewegen, Aloys Binder den Sieg zu
-lassen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eberhard mußte über die Unverfrorenheit lachen, mit welcher der
-Buchmacher ihm dieses Geschäft anbot. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> Goldschmidt verlor keine
-Zeit; er zog schnell einen Hundertmarkschein aus der Tasche, den er
-unauffällig in Eberhards Rocktasche beförderte.</p>
-
-<p>„Schön! Herr Roland!“ sagte er dabei mit vergnügtem Lächeln, „wir sind
-einig, nicht wahr? Das ist die Anzahlung ... Den Rest zahle ich Ihnen
-nach der Vorstellung ... Es bleibt dabei... Ein gutes Geschäft für Sie,
-ein ausgezeichnetes Geschäft!“</p>
-
-<p>Strahlend vor Vergnügen kehrte er zu seiner Gesellschaft zurück und
-versicherte seinen Wettlustigen, daß sie unbedingt gewinnen würden,
-denn Roland würde natürlich Sieger!</p>
-
-<p>Eberhard trank sein Bier aus und dachte kaum mehr an den Zwischenfall,
-als er die Ringkämpfergarderobe betrat. Alsbald brachte ihm der Kellner
-ein Briefchen, in dem Fritzi ihm in ihren kindlichen, ungeübten
-Schriftzügen mitteilte, daß sie nicht ganz wohl sei und darum’ früh
-nach Hause gehen würde, um auszuschlafen. Während er den Zettel las,
-fühlte er Binders höhnisch funkelnde Blicke auf seinem Gesichte.
-Aufblickend, gewahrte er auch ein fatales Lächeln des Müncheners, der
-in seiner Lieblingsstellung in Unterhosen auf einem Koffer hockte.</p>
-
-<p>„Was haben Sie?“ fragte Eberhard, indem er sich mühsam beherrschte.</p>
-
-<p>„Ich? &mdash; Zehn Rendezvous, zwanzig Liebesanträge!“ lächelte Binder, „und
-Sie haben wahrscheinlich einen Brief von Ihrer Dulcinea... Ich kenne
-das... Na, lassen Sie sie schießen! Ich trete Ihnen als Ersatz gern
-meinen Reisedrachen ab... Celeste, die Sie im stillen anschmachtet..“</p>
-
-<p>Eberhard sagte zornig: „Ich danke.“ Er ging mit schweren Tritten an
-seinen Koffer und kleidete sich an, während er ohne Unterlaß an Fritzi
-dachte, an Fritzi, die krank war, während er auf die Weihnachtskneipe
-mußte.<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> In dieser Stunde verfluchte er sich selbst, sein Leben,
-seinen neuen Beruf und seine Zukunft. Er verfluchte seine Kollegen,
-die unter läppischen Gesprächen herumstanden und sich zur Vorstellung
-ankleideten. Er wußte selbst nicht recht, was er heute abend gegen die
-Ringkämpfer hatte. Sie kamen ihm sämtlich so ordinär vor, so brutal, so
-gemein... Oder war daran nur dieser Kerl, der Binder, schuld? Binder
-erzählte laut und schamlos von seiner Freundin Celeste, während er mit
-ruckweisen Bewegungen die Trikots anlegte:</p>
-
-<p>„Sollte man es denken, Kiesling? &mdash; Vorgestern wurde sie frech. Ich
-kam abends mit ’nem Weib nach Hause; Celeste saß am Tisch und wartete
-auf mich. Das Weib war ’ne Dame, müßt ihr wissen, darum ließ ich
-sie erst im Korridor warten, schob meine Celeste in die Wohnstube
-und sperrte die Tür zu. Dann holte ich meine Dame herein. Kaum wird
-die Dame etwas warm, kriegt der Drachen nebenan einen Weinkrampf...
-heult... schreit... poltert gegen die Türe... Die Dame bekommt
-einen Mordsschreck und will wissen, wer da lärmt. Ach, eine dumme
-Chansonette, die ich mir aus dem vorigen Engagement mitgenommen habe,
-weiter nichts, sage ich. Aber trotzdem ließ die Dame sich nicht mehr
-beruhigen und lief mitten in der Nacht davon!“</p>
-
-<p>„Und?“ fragte Kiesling ohne besonderes Interesse.</p>
-
-<p>„Und? &mdash;“ erwiderte Binder höhnisch lächelnd, „und Celeste hat zwei
-Tage nicht ausgehen können, so viel Schläge hat sie bekommen. Ich habe
-sie gehauen, bis sie freiwillig versprochen hat, zukünftig die Damen,
-die mich besuchen, wie eine Magd zu bedienen, wie eine Sklavin... auf
-den Knieen, wenn ich’s verlange...“</p>
-
-<p>„Deine Sache...“ sagte Kiesling gelassen, und Binder fuhr fort:</p>
-
-<p>„Ihr Geld reicht ohnehin nur noch ein paar Monate... Ihre Mitgift kann
-sie nicht angreifen; ich hab’ nur ihr per<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>sönliches Vermögen in den
-Händen... Wenn ihr Geld zu Ende ist, kann sie meinethalben zu ihrem
-Ehemann zurückkehren, dem sie mit mir davongelaufen ist!“</p>
-
-<p>Mehrere Athleten lachten, andere, welche diese unnoble Handlungsweise
-nicht billigten, zuckten die Achseln. Niemand aber fand, daß diese
-Liebesaffäre des Ereiferns wert gewesen wäre. Mein Gott.... jeder nahm,
-was er bekommen konnte....</p>
-
-<p>Als die Ringkämpfer die Bühne betraten, bemerkte Eberhard, daß
-Madame Celeste doch im Theater war. Sie hatte sich also von ihrem
-Schmerzenslager aufgerafft, nur um ihren Peiniger ringen zu sehen...
-Sie sah sehr blaß aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Freidank
-war es auch, als ob Celeste heute nicht anbetend, wie sonst, sondern
-mit einem eigentümlich entschlossenen, harten Ausdruck im Gesicht zu
-Binder hinaufsah. Er konnte nicht zum zweitenmal hinsehen, weil er nun
-seine ganze Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Aloys richten mußte.</p>
-
-<p>Ein Pfiff gellte durch das stille Theater. Die beiden Athleten gingen
-schnell aufeinander los, Binder, nach seiner heimtückischen Art, mit
-gesenktem, vorgestrecktem Kopfe, Freidank mit äußerer Ruhe. Jeder hielt
-die Augen fest auf die Hände des andern gerichtet, jeder griff nach des
-Gegners Handgelenken und suchte den andern von Zeit zu Zeit durch einen
-schnellen, listig angebrachten Griff zu überrumpeln. Aber keiner bekam
-ein Übergewicht über den andern.</p>
-
-<p>Das Theater lag in atemlosem Schweigen. Mit Herzklopfen verfolgten
-die Hunderte im Saal und in den Logen den Kampf, in dem die Kämpfer
-ihre besten Kräfte noch zurückhielten. Die Sekunden dehnten sich
-endlos lang, die Minuten wuchsen in die Ewigkeit hinein. Plötzlich,
-mit einem gewaltigen Schritt, waren beide Ringer dicht anein<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>ander
-und umschlangen sich gegenseitig mit einem Griffe, der jedem gleiche
-Chancen bot und welchen die Ringer Zwiegriff nennen.</p>
-
-<p>Und wieder ein herzbeklemmendes Zuwarten! welcher wird seine Chance
-ausnützen? &mdash; Der Münchener! Er hob Roland wild, zornig, ruckweise
-auf und schleuderte ihn zu Boden. Beide wälzten sich übereinander,
-Roland hockte auf dem Teppich, und Binder bemühte sich mit aller Kraft
-vergebens, den unbeweglich Dasitzenden aus seiner Stellung zu bringen.</p>
-
-<p>Der erste Gang war vorüber; die Ringer traten schweißbedeckt, mit
-verwirrten Haaren, von der Bühne ab und wurden mit rauhen Handtüchern
-abgetrocknet. Währenddessen trat Markus auf Freidank zu und flüsterte:</p>
-
-<p>„Wie lange wollt Ihr ringen? Länger als dreißig Minuten?“</p>
-
-<p>„Möglich &mdash;,“ sagte Eberhard mit einer unbestimmten Geste.</p>
-
-<p>„Zum Teufel, Roland, das muß doch abgemacht sein!“ sagte der Manager
-ärgerlich, „hab’ ich ’ne Ahnung, wann ich abpfeifen soll?“</p>
-
-<p>„Werden es schon merken,“ erwiderte Freidank kurz und ging wieder aus
-der Kulisse heraus, um weitere Fragen abzuschneiden.</p>
-
-<p>Wer von den Zuschauern den Ringkampf für ein Spiel gehalten hatte, der
-wurde an diesem Abende inne, daß es auch Kämpfe von blutigem Ernst
-gibt. Die Spannung und Erbitterung der beiden Athleten, die einander
-lauernd gegenüberstanden, teilte sich langsam dem Theater mit. Die
-verhaltene Kraft, die scharfe Anspannung aller Sinne trieb den Kämpfern
-den Schweiß aus allen Poren, jagte ihr Blut in rotem Wirbel durch die
-Adern. Wenn sie einander gewaltsam anpackten, schallte das Klatschen
-der grob ge<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>faßten Griffe bis in die hintersten Winkel des weitläufigen
-Theaters.</p>
-
-<p>Wieder einmal waren beide blitzschnell vom Boden aufgesprungen und
-standen sich gegenüber; da packte Binder Freidanks rechten Daumen
-mit der Linken und schlug ihm mit der Rechten gegen den Ellenbogen.
-Freidank aber hatte die tückische Absicht gemerkt, sprang wie ein Löwe
-herum und riß den Bayer zu Boden. Er hielt ihn fest und flüsterte ihm
-zähneknirschend zu:</p>
-
-<p>„Was fällt dir ein? Willst du disqualifiziert werden?“</p>
-
-<p>„Nein!“ flüsterte Binder frech zurück, „aber heute geht’s im Ernst....
-Um die kleine Katze, die Fritzi....“</p>
-
-<p>Eine Sekunde lang sah Freidank alles rot, dann faßte er sich:</p>
-
-<p>„Also um Tod oder Leben.... um dein oder mein Leben....“ „Immer
-tragisch!“ höhnte der Münchener, der unter Eberhard lag, ein wenig
-keuchend. „Ums Leben ja gerade nicht, aber meinethalben um die
-Fritzi... die Fritzi ist mir ja doch sicher...“</p>
-
-<p>Eberhard hörte nichts mehr. In Berserkerwut stürzte er sich über den
-Gegner. Das, was ihn ergriffen hatte, war nicht mehr bloße Kampflust.
-Es war Mordlust...</p>
-
-<p>Und mit dieser Mordgier in dem fiebernden Blute stand er vor Hunderten
-von Zuschauern und war gezwungen, den Kampf nach seinen Regeln, mit
-allen Finessen, die das Publikum entzücken, zu Ende zu führen...</p>
-
-<p>Die Zuschauer waren von jenem leidenschaftlichen Taumel ergriffen, der
-sich seit Jahrtausenden gewaltigen Menschenmassen mitteilt, sobald zwei
-feindliche Kräfte sich vor ihren Augen messen. Genau so verfolgten
-einst die Griechen die Kämpfe ihrer Ringer im Stadion, so und nicht
-anders saß das alte Rom rund um die Arena und blickte<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> gebannt und
-gespannt, mit fieberndem Parteinehmen und grausamer, zitternder Lust,
-auf Siegen oder Unterliegen.</p>
-
-<p>Die ersten drei Gänge, jeder zehn Minuten lang, waren längst vorüber.
-Jetzt ging es weiter ohne Pause, bis einer von beiden am Ende seiner
-Kräfte war. Das pfeifende Keuchen harter Atemzüge rang sich mühsam von
-den Lippen der Ringer; es kam aus den schwer arbeitenden Tiefen ihrer
-Brust, es erfüllte mit leisem, aber deutlichem, aufreizendem Geräusch
-das ganze Theater. Keine Wollust ist so groß, als die Wollust des
-Zuschauers beim mörderischen Kampfe..</p>
-
-<p>Eberhard spannte seine letzten Kräfte an, und Binder ließ alle
-Rücksichten fallen. Er stieß und schlug, wo die Gelegenheit sich bot,
-sinnlos auf seinen Gegner ein. Bereits war er zweimal verwarnt worden,
-versuchte aber zum drittenmal, Roland mit einem rohen Halsgriffe die
-Luft abzuschneiden. Er stand tiefgebeugt, den Rücken gebogen, den Kopf
-gesenkt, heimtückisch, wie ein Raubtier vor dem Sprunge. Da, als er
-sich noch tiefer duckte, griff Eberhard zu, langte mit den starken,
-weißen Armen über Binders Kopf hinweg, umschlang den Feind an den
-Hüften und hob ihn rücklings auf. Binder, der kopfüber in der Luft
-hing, merkte, daß er verloren war. In den Armen des Starken zappelnd,
-blickte er Freidank haßerfüllt an und flüsterte mit erlöschender Kraft:</p>
-
-<p>„Die Fritzi ist mir doch sicher...“</p>
-
-<p>Eberhard hob ihn noch höher und schleuderte ihn von bedeutender Höhe
-herab mit brutaler Wucht auf den Boden.</p>
-
-<p>Er vernahm nicht mehr das ausbrechende Beifallsgeheul der
-leidenschaftlichen Menge, die seinem Siege zujubelte, er wollte in die
-Garderobe stürzen. Markus lief ihm nach, zerrte ihn am Trikot auf die
-Bühne, stieß ihn hinaus; er mußte sich verbeugen, zweimal, dreimal,
-während das wilde Rauschen des Beifalls ihn umtobte, wie ein Meer im
-Sturme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
-
-<p>Seit dem Augenblicke, wo sie sich als Abschiedsgruß auf der Bühne die
-Hände gereicht hatten, kümmerte sich keiner der Kämpfer mehr um den
-andern. In der Garderobe halfen Kameraden den zu Tode Erschöpften aus
-den Trikots und rieben ihnen die zuckenden Glieder mit Branntwein
-ein. Dann lagen sie beide blaß, mit geschlossenen Augen, auf harten
-Matratzen und kehrten langsam zum normalen Atmen zurück. Ihre Lungen
-waren bis zum letzten Atemzuge ausgepumpt. Sie hatten nahezu zwei
-Stunden gerungen.</p>
-
-<p>Thyssen erschien unter der offenen Türe, beide Hände in den Taschen,
-und blickte schweigend die ermatteten Ringer an. Sein heller, scharfer
-Geist hatte in dem grauenvollen Kampf des Abends eine Tragödie gespürt,
-für die es vorher nicht einmal die leiseste Andeutung gegeben hatte. Er
-ließ seine dunklen, zwingenden Augen auf Eberhard ruhen und fragte:</p>
-
-<p>„Warum habt Ihr nicht aufgehört, als Markus euch das Zeichen gab? Was
-habt ihr miteinander vor?“</p>
-
-<p>Eberhard richtete sich halb auf. Das Unausgesprochene, es sollte
-niemals ausgesprochen werden, Fritzis Name sollte unversehrt bleiben,
-die Tragödie sollte in Schweigen erstickt werden. Vielleicht war sie
-zurückzuhalten... vielleicht war die rollende Lawine in ihrem Laufe zu
-hemmen....</p>
-
-<p>Er blickte Binder, der möglicherweise eine hämische Bemerkung auf den
-Lippen hatte, stahlhart an und erwiderte, ohne die Augen von seinem
-besiegten Gegner zu lassen:</p>
-
-<p>„Sie irren sich, Herr Thyssen. Es ist nichts.“</p>
-
-<p>„Dann ist es gut,“ sagte der Weltmeister langsam...</p>
-
-<p>Eberhard stand auf. Seine Glieder schmerzten, seine Gelenke brannten.
-Nur schlafen &mdash; schlafen! Aber er mußte ja auf die Weihnachtskneipe....</p>
-
-<p>Im Vestibül, welches Eberhard durchschreiten mußte, wartete Herr
-Goldschmidt, der Buchmacher. Als er den<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Ringkämpfer kommen sah, sprang
-er mit rotem Kopf auf ihn los und fauchte ihn zornig an:</p>
-
-<p>„Was haben Sie gemacht? War das nach unserer Verabredung gehandelt? Was
-stellen Sie sich vor unter einem Geschäft? Und meine Anzahlung?“</p>
-
-<p>„Verabredung! Geschäft! Anzahlung!“ sagte Freidank erbittert, „was
-wollen Sie eigentlich von mir, Sie....? Sie....?“</p>
-
-<p>„Sie behaupten, daß Sie das nicht mehr wissen?“ zischte der Buchmacher,
-„Sie leugnen, daß ich Ihnen hundert Mark auf Ihre Niederlage angezahlt
-habe? Das leugnen Sie, Herr....?“</p>
-
-<p>„Reden Sie keinen Blödsinn!“ sprach Eberhard zornmütig von oben
-herab, „ich habe den Kerl geschmissen... Der Kerl hat es nicht besser
-verdient... Lassen Sie mich in Ruhe! Ein anständiger Mensch bietet
-nicht solche Geschäfte an... Ihre sogenannte Anzahlung, Herr...
-Goldschmidt,“ Eberhard lachte den bebenden Hebräer hochmütig und
-höhnisch an, „um Ihre Anzahlung wiederzubekommen, dürfen Sie mich
-verklagen... Ich schmeiße, wen ich will, und nicht, wen Sie wollen!“</p>
-
-<p>Er ging mit schweren Schritten an dem Buchmacher, der ihm in
-ohnmächtiger Wut nachblickte, vorüber und trank am Büfett des
-Theaterrestaurants hastig mehrere Gläser Kognak aus, welche seiner
-Gedanken Qual so weit zerstreuten, daß er Binders Reden über Fritzi
-vergaß. Das Kind lag längst zu Hause im Schlafe, das war gewiß. Er
-hatte Fritzis Hausschlüssel in der Tasche. Aber warum die Geliebte im
-Schlafe stören? Besser, auf die Kneipe zu gehen....</p>
-
-<p>Die Nacht war mild und dunkel. Warme Lüfte strichen über den Schnee
-hin und von den Dächern rieselten dünne Bächlein. Eberhards Schritte
-knirschten leise in dem tauenden<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> Schnee, als er in die Linienstraße
-einbog, wo die Kneipe des Vereins Gryphius im ersten Stock eines
-Hinterhauses lag. Im zweiten Stock desselben Gebäudes hauste die
-„Munichia“, deren Angehörige den Gryphianern nicht besonders freundlich
-gesinnt waren. Man hielt offizielle Freundschaft, während man
-einander insgeheim nachspürte, um eine Veranlassung zum Abbrechen der
-freundschaftlichen Beziehungen zu finden.</p>
-
-<p>Eberhard kam spät, aber die Freunde hatten fest auf sein Erscheinen
-gezählt. Der kleine, lustige Tönnies sprang sofort auf, drückte
-Eberhard herzlich beide Hände und zog ihn auf den Platz neben
-sich, den ein Fuchs alsbald räumen mußte. Es war kurz vor Beginn
-der Fidelitas. Frohe Gemeinsamkeit strahlte allen diesen jungen,
-enthusiastischen jungen Männern aus den Augen, gemeinschaftliche
-Interessen, gemeinschaftliche Hoffnungen zogen ihren Zauberring um den
-Jünglingskreis. Eberhard beantwortete heiter ein paar Fragen, tat den
-Freunden mit dem kühlen, schäumenden Bier Bescheid und lehnte sich
-dann, das Kneipcerevis auf dem Kopfe, behaglich hintenüber mit dem
-vollen Frohgefühl: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum, der von den Füchsen scherzhaft
-und phantastisch herausgeputzt war. Zur Beleuchtung des Baumes
-hatte man zufällig starke, gelbe Wachskerzen gekauft, die ihren
-süßen, edlen Duft in feinen Wogen durch das Kneipzimmer sandten. Die
-Lichter knisterten leise; man hatte ein mechanisches Musikinstrument
-eingestellt, welches nun einen großen Kinderchor erklingen ließ. Wie
-aus weiter Ferne, aber dennoch deutlich, zogen die glücklich-naiven
-Worte dahin:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„O, du fröhliche,</div>
- <div class="verse">O, du selige,</div>
- <div class="verse">Gnadenbringende Weihnachtszeit!“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p>Von den Wänden grüßten die vertrauten Bilder alter Kommilitonen; das
-Bild Andreas Gryphius’ war von einer jungen, pietätvollen Hand mit
-grünen Tannenzweigen bekränzt worden. Die jungen Männer, der holden
-Kinderzeit noch nah und nicht entfremdet, wollten sämtlich unter Lachen
-und Necken ihre mildgerührte Stimmung verbergen und vermochten es
-nicht....</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Christ ist erschienen,</div>
- <div class="verse">Uns zu entsühnen.</div>
- <div class="verse">Freue dich, freue dich, o Christenheit!“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Der Kinderchor sang’s aus der Walze des leblosen Musikinstrumentes
-heraus. Und wieder einmal, wie so oft, träumte Eberhard von ernster
-Geistesarbeit und ehrlichen Erfolgen, von stillem Schaffen und Freude
-an erreichten Zielen....</p>
-
-<p>&mdash; Die Kneipe der Munichen im oberen Stockwerk war schon zu Ende.</p>
-
-<p>Man hatte sie ihr Kneipzimmer verlassen und die Treppe hinabsteigen
-hören. Dann trat Tönnies einmal zufällig auf den Treppenflur hinaus und
-lief gegen einen Munichen an, der gerade die dunkle Treppe herabkam. Er
-entschuldigte sich höflich und bat den Munichen, ein Weilchen Gast der
-Gryphianer zu sein. Gemeinsam traten beide junge Männer ein. Die Türe
-blieb offen stehen. Ein kalter Luftzug fuhr Freidank ins Gesicht; er
-drehte sich um:</p>
-
-<p>„Tönnies, bitte, schließe die Tür!“</p>
-
-<p>Der Muniche sah Freidank ins Gesicht, fragend, erschrocken, unsicher...
-Aber er hatte keine Zeit, irgendwelche Zweifel oder Vermutungen
-auszusprechen, da er von dem Kneippräsiden begrüßt und gastfrei
-aufgenommen wurde. Eine halbe Stunde flog dahin in munterem Gespräch.
-Und dann, jäh, zwingend, wie das Grauen sich immer zu nahen pflegt,
-trat plötzlich ein unsichtbarer, eisiger Gast<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> in den Kreis der jungen
-Männer, lähmte die plaudernden Lippen, hielt den Schlag der Herzen
-zurück. Das Schweigen breitete sich aus, jeder fühlte es, obwohl
-es keiner sah, ohne Grund richteten alle Augen sich auf Eberhard
-Freidank....</p>
-
-<p>Aber der Präside sprang auf; mit einem Schwerthieb wollte er das Grauen
-töten, entzweischneiden, in Nichts auflösen:</p>
-
-<p>„Freidank! Kommilitone Freidank! von Herrn Höpfner-Munichiae ist soeben
-eine &mdash; ganz &mdash; erstaunliche &mdash; Beschuldigung gegen dich erhoben
-worden....“</p>
-
-<p>Die Stimme des jungen Mannes bebte, die jungen, zuckenden Lippen
-wollten den Dienst versagen. Zu ungeheuerlich erschien ihm die
-Behauptung des Munichen, zu phantastisch die Idee.... Er rang nach
-Haltung und fuhr fort:</p>
-
-<p>„Du sollst &mdash; im Odeontheater &mdash; einer der Konkurrenzathleten sein,
-du sollst &mdash; heute abend &mdash; mit einem &mdash; gerungen haben.... Freidank,
-sage, daß es nicht wahr ist......“</p>
-
-<p>Unser Leben ist ein Würfelspiel; wir heben die Würfelbecher, betrachten
-die Würfel, zählen die Augen, wägen unsere Chancen.... Aber manchmal
-nimmt uns Einer den Becher aus der Hand, schüttelt ihn und schleudert
-den Inhalt heraus, daß wir das Aufklirren der beinernen Würfel hören.
-Ich habe es in schrecklichen Stunden gehört, und vielleicht auch du,
-und du kennst vielleicht das Grauen jener Sekunden, in denen die
-Schicksalswürfel dröhnend niederfallen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eberhard Freidank stand auf und sagte leise und ernsthaft:</p>
-
-<p>„Ja, das ist wahr.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<p>In schweigender Erschütterung blickten die jungen Männer vor sich
-nieder. Alle hatten sich erhoben. Der Muniche stand blaß und
-abgewendet, selbst ergriffen von der Wirkung seiner Anklage.</p>
-
-<p>Freidank machte eine unwillkürliche Bewegung, um das Zimmer zu
-verlassen. Da faßte sich der Präside und sagte, ohne seinen Schmerz zu
-verhehlen:</p>
-
-<p>„Freidank, das tut mir weh, &mdash; bei Gott, &mdash; als ob’s mein eigener
-Bruder wäre... Du warst uns wie ein Bruder, Freidank.... Aber... daß
-man das sagen muß! &mdash; Freidank, so leid es uns allen tut... aber....
-Mit der blanken Waffe.... ist das nicht auszutragen....“</p>
-
-<p>„Ich weiß schon,“ sagte Freidank erschöpft. „Lebt wohl! Und es soll
-euch im Leben gut gehn, und ihr sollt erreichen, was ihr erstrebt.“</p>
-
-<p>Und er wendete sich zur Türe. Keiner hielt ihn zurück. Im Flur gab der
-Vereinsdiener ihm den Mantel um und reichte ihm die Pelzmütze. Da kam
-ihm einer nach: das war Tönnies.</p>
-
-<p>„Verzeih,“ sagte Adolf Tönnies gedrückt, „ich schuldete dir noch fünf
-Mark, Freidank... Erlaube, daß ich diese Schuld berichtige....“</p>
-
-<p>Alles, was vorhergegangen war, war nichts gegen diesen Schmerz. Adolf
-brachte ihm fünf Mark zurück, die er wohl von dem Studenten hatte
-leihen können, von dem Ringkämpfer aber nicht...</p>
-
-<p>„Deshalb bist du mir nachgegangen, Tönnies?.....“</p>
-
-<p>„Pardon &mdash;, ja, deshalb! Denn ich fürchte, daß ich in Zukunft dazu
-keine Gelegenheit mehr haben Werde, in Anbetracht deiner neuen
-Karriere....“</p>
-
-<p>Freidank ließ das Silberstück fallen, daß es klirrend fortrollte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
-
-<p>Die meisten Straßenlaternen waren ausgelöscht; die Straße war noch
-finsterer. Tauwind flog über die Stadt, fraß die letzten Schneereste
-und glitt weich durch die Haare des Ausgestoßenen. Eberhard hatte
-keinen Gedanken....</p>
-
-<p>Ein einsames Mädchen strich langsam vorbei; da fiel ihm Fritzi ein. „Zu
-Fritzi!“ sagte er sehr sanft vor sich hin, und ein liebeseliger Frieden
-zog in sein Herz ein, „zu Fritzi!“</p>
-
-<p>Er kam an das Haus, wo Fritzi wohnte, stieg vorsichtig die Treppen
-hinauf und schloß die Türe auf. Er wollte das kranke Mädchen nur sehen,
-einen Kuß auf ihre weiße Stirn drücken und wieder von dannen gehen.
-Aber das Zimmer war leer, und Fritzi war nicht darin.</p>
-
-<p>Er sah sich um, er griff an seine Stirn. Wahrhaftig, es war Fritzis
-Zimmer.... Das Bett war unberührt, das Mädchen war nicht heimgekommen.
-Er stand eine Weile am Fenster und sah zwecklos hinaus, dann fing
-er an, zu toben und zu fluchen. Das Dröhnen seiner Stimme lockte
-Frau Krichelmann, die Wirtin, herbei. Sie erschien in Nachtjacke und
-Unterrock und fragte entsetzt, was geschehen sei?</p>
-
-<p>„Sie wissen es besser als ich!“ stöhnte Freidank, „wo ist Fritzi?“</p>
-
-<p>„Das Fräulein Fritzi?“ Die Wirtin besann sich nach einer Lüge, „das
-Fräulein Fritzi ist, so viel ich weiß, zu Fräulein Liane gegangen....“</p>
-
-<p>„Liane!“ sagte Eberhard bebend, „aber Liane ist nicht in Berlin...
-Fritzi ist anderswo... Wenn Sie keine Wahrheit wissen, so sagen Sie
-wenigstens keine offne Lüge....“</p>
-
-<p>„Das dürfen Sie mir nicht ins Gesicht sagen!“ erwiderte Frau
-Krichelmann, „ich habe Fräulein Fritzi nicht zu hüten!<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> Ich weiß nur,
-daß sie bei Fräulein Liane schlafen wollte! &mdash; Sie zahlen pünktlich
-die Miete für Fräulein Fritzi, Sie sind mir ein lieber Mieter, Herr
-Freidank! aber ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm hier.... mitten in
-der Nacht....“</p>
-
-<p>Freidank warf die Türe zu und jagte die Treppen hinunter. Er dachte
-daran, wie er sie vor drei Wochen unter tausend Zweifelschmerzen
-gesucht und nicht gefunden hatte und ihr dann selber untreu geworden
-war.... Er hatte nie den Mut gefunden, Fritzi zu fragen, wo sie jenen
-Abend verlebt hatte. Und heute? &mdash; Ganz flüchtig kamen ihm Aloys
-Binders Reden in den Sinn. Aber das war nichts, konnte nichts sein, als
-haltlose Prahlerei. Seine Fritzi... und dieser rohe, tierische Mensch
-mit der niedrigen Stirn und dem steilen, borstigen Haar... Und dann &mdash;
-bei dem Kampfe des heutigen Abends mochten Binder die Liebesgedanken
-für diese Nacht wohl gründlich vergangen sein.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eberhard lief durch die Straßen; ohne daß er eigentlich die Absicht
-hatte, gelangte er zu dem Hause, in dem Aloys Binder mit Madame Celeste
-wohnte. Die drei Fenster im ersten Stock, die dicht verhängt waren,
-gehörten zu Binders Zimmern. Schmale Lichtstreifen schimmerten durch
-die Ritzen. Jetzt wurde an einem Fenster der Vorhang aufgezogen und das
-Fenster geöffnet. Eine weibliche Gestalt beugte sich hinaus, sah den
-Himmel an, trat wieder zurück und schloß die Fenster. Eberhard hatte
-sie genau erkannt; es war Madame Celestes zarte, schlanke Silhouette.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Nacht ging schon auf den Morgen zu. Ein dünner, warmer Regen
-floß grau aus schweren Wolken. Eberhard ging mit matter Seele und
-erschlafften Sinnen in das Kaffeehaus, in dem die Ringkämpfer den
-größten Teil ihrer Nächte<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> zuzubringen pflegten. Jetzt erst gehörte er
-ganz zu ihnen....</p>
-
-<p>Aber die Kollegen waren zum größten Teil schon fortgegangen; nur Manuel
-Gomez und der stille Türke waren noch anwesend. Der unverträgliche
-Spanier fand keinen Zechgenossen mehr außer dem Türken, mit dem er sich
-in keiner Sprache verständigen konnte. Faul, fast unbeweglich, lagen
-sie auf den Stühlen und betranken sich schweigend.</p>
-
-<p>Eberhard ging aufs Geratewohl in ein anderes Kaffeehaus hinein. Dort
-saßen, vor neugierigen Blicken durch einen Vorhang ein wenig geschützt,
-Kiesling, Roditscheff und Leonie Krömer. Leonie erschrak, als sie
-Freidank erblickte, aber Kiesling beruhigte sie:</p>
-
-<p>„Der spricht nicht, Fräulein, er ist ein honetter Kerl! ... Am besten,
-wir holen ihn an unsern Tisch und lassen ihn merken, daß er zu
-schweigen hat....“</p>
-
-<p>Eberhard kam. Er hatte die Situation schnell begriffen. Leonie saß mit
-dem Russen auf dem kleinen, roten Ecksofa und hielt die schönen Augen
-auf den Maiglöckchenstrauß gesenkt, den Roditscheff ihr gebracht hatte.
-Ihre letzte Widerstandskraft war zerbrochen. Von Zeit zu Zeit zuckte es
-leise um ihren Mund, ein Lächeln schamvoller Verlegenheit. Aber ihre
-Seele hatte sich dem riesigen, helläugigen Ringkämpfer schon ergeben.
-Leonie wartete in Scham und Sehnsucht, bis Sergej sie an der Hand
-nehmen und im Triumphe als sein Eigentum und sein Liebchen nach Hause
-führen würde....</p>
-
-<p>„Hatten Sie ein Stelldichein hier, Roland?“ fragte Kiesling mit seinem
-flüchtigen, schmalen Lächeln. „Alsdann ist Ihnen die Dame ausgerückt,
-wie mir scheint.“</p>
-
-<p>Freidank kämpfte mit sich. Sollte er sprechen und Fritzi<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>
-kompromittieren? Aber die beiden, die von ihm Verschwiegenheit über
-Fräulein Krömer erwarteten, konnten ihn vielleicht aufklären, konnten
-vielleicht die zermalmende Ungewißheit lösen.</p>
-
-<p>„Kein Stelldichein,“ sagte er, und seine Stimme klang rauh. „Ich suchte
-meine &mdash; Freundin... Fräulein Fritzi .... Sie ist nicht zu Hause....“</p>
-
-<p>Freidank sah den Blick des Einverständnisses, den Kiesling und
-Roditscheff wechselten. Also sie wußten... wußten mehr, wie er selber
-wußte....</p>
-
-<p>Kiesling war ein verschwiegener Mensch und konnte Skandalgeschichten
-nicht leiden. Aber in diesem Augenblicke hielt er es für eine
-natürliche Anstandspflicht, Freidank zu warnen:</p>
-
-<p>„Hören Sie, Roland &mdash;! Meine Affaire ist es nicht.... Aber, wenn Sie
-klug sind, so ziehen Sie Ihre Hände zurück ..... Wir sprechen doch,
-nicht wahr, von Fräulein Fritzi l’Alouette, der Chansonette. Fräulein
-Fritzi l’Alouette ist heute abend beim Binder.“</p>
-
-<p>Und er nickte ernsthaft mit dem Kopfe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Freidank ließ die Faust auf den Tisch fallen. Das Blut war aus seinen
-Lippen gewichen, seine Augen wurden starr:</p>
-
-<p>„Das wissen Sie? &mdash; das ist sicher und wahrhaftig, und nicht nur eine
-von den vielen Klatschgeschichten aus der Garderobe, daß es der Binder
-mit meiner Fritzi hat?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„.... Also zeig’s ihm, Sergej,“ sagte Kiesling.</p>
-
-<p>Der Russe zog ein juchtenes Portefeuille und sah mit nachdenklichem
-Gesicht eine Anzahl Bilder durch. Einen Augenblick hielt er das
-Momentbild aus der Photographenbude vom Rummelplatze zwischen den
-Fingern und legte es dann schweigend vor Eberhard auf den Tisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<p>Das Bild stellte Fritzi inmitten ihrer beiden Begleiter dar. Sie war
-gar nicht zu verkennen. Den Lockenkopf mit dem kecken Pelzmützchen
-hatte sie zärtlich an Binders Schulter gelehnt, und Binder hielt sie
-fest im Arm, die Hand auf ihre zierliche Taille gepreßt....</p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen,“ sagte Freidank heiser. „Ich danke Ihnen vielmals.
-Ja, das ist Fritzi.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i136" name="i136">
- <img class="w5em mbot2 mtop2" src="images/i136.jpg" alt="Ende Kapitel VIII" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="IX">IX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eine halbe Stunde vor Mitternacht kam Aloys Binder aus dem Odeontheater
-und traf an der nächsten Straßenecke Fräulein Fritzi l’Alouette.
-Fritzi ging bereits seit einer vollen Stunde an dem Platze auf und
-ab und dachte daran, daß Eberhard sie niemals hatte warten lassen.
-Nur flüchtig kam ihr indessen der Gedanke, heim zu gehen und den
-Ringkämpfer im Stiche zu lassen. Sie fürchtete sich vor diesem
-Menschen, der doch gegen sie bisher nur sanft und freundlich gewesen
-war. So wartete sie mit einem seltsamen Gemisch von Zorn und Demut
-im Herzen. Als Binder endlich kam, machte Fritzi ihm nachträglich
-Vorwürfe. Er hörte sie schweigend an und sagte nach mehreren Minuten:</p>
-
-<p>„Es wird Tauwetter, du kleine Katze!“</p>
-
-<p>„Was hat das mit meinem Warten zu tun?“ fragte Fritzi verblüfft.</p>
-
-<p>„Nichts!“ erwiderte Binder lächelnd, indem er die Zähne zeigte, „wie
-lange du gewartet hast, ist mir höchst gleichgültig, du schwarzes
-Kätzchen! Du mußt auf mich fünf Stunden warten, wenn es mir paßt, zehn
-Stunden, die ganze Nacht! &mdash; Oder würdest du nicht warten?“ fügte er
-drohend hinzu.</p>
-
-<p>„Ja....“ sagte sie eingeschüchtert und blieb nahe an seiner Seite,
-während er weiterging. Sie trippelte schlank und zierlich neben ihm,
-dann hängte sie sich an seinen Arm:</p>
-
-<p>„Sag’, wohin führst du mich, Aloys?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span></p>
-
-<p>„Zu mir, nach Hause!“ sagte der Mann inniger, als er sonst sprach, und
-preßte die kleine Mädchengestalt fest und inbrünstig an seinen starken
-Körper.</p>
-
-<p>„In kein Lokal? In kein Café?“</p>
-
-<p>Sie zwitscherte, wie ein zutrauliches Vöglein, sie war so
-kindlich-schlau, so naiv-kokett, daß der Athlet nicht imstande war, sie
-grob zu behandeln.</p>
-
-<p>„Mein Kind,“ sagte er freundlich, „wir würden von Roland gesehen
-werden, darum mußt du mit mir kommen!“</p>
-
-<p>„O, Aloys! &mdash; bist du ihm böse wegen deiner Niederlage? Ich habe das
-Publikum darüber sprechen hören, als es das Theater verließ! &mdash; Aber
-dein Fall war doch vorher ausgemacht?“</p>
-
-<p>„Laß das, Fritzi,“ sagte der Ringkämpfer finster. „Natürlich war es
-ausgemacht... Meinst du, Roland wirft mich im Ernst?“</p>
-
-<p>„Dich nicht,“ erwiderte Fritzi eifrig, „so viel verstehe ich auch schon
-davon!“</p>
-
-<p>„Gar nichts verstehst du, du kleine Katze,“ beschloß Binder die
-Unterhaltung und gab seiner Begleiterin einen Kuß.</p>
-
-<p>Sie standen vor der Haustür. Binder führte das Mädchen ins Haus. Fritzi
-überwand eine letzte Bangigkeit und flüsterte:</p>
-
-<p>„Ist niemand oben? Werden wir ganz allein sein?“</p>
-
-<p>Der Ringkämpfer würdigte sie einer Antwort:</p>
-
-<p>„Celeste ist natürlich oben. Du kennst sie ja, Fritzi!“</p>
-
-<p>Madame Celeste? Sie, die doch nur Binders Geliebte war, sie war Fritzi
-immerhin als ein Bild alles Reinen und Hohen erschienen. Die kleine,
-leichtfertige Chansonette, welche das zermalmende, brutale Leben noch
-nicht in all seiner Raffiniertheit und Roheit kennen gelernt hatte,
-zitterte unwillkürlich bei dem Gedanken, als eine Sünderin<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> vor den
-ernsthaften, reinen Augen Madame Celestes zu stehen. Binder aber, in
-dem alle niedrigen Instinkte wieder munter geworden waren, als er mit
-Fritzi durch das dunkle Treppenhaus schritt, verstand ihr Zittern
-falsch:</p>
-
-<p>„Sie tut dir nichts, mein schwarzes Kätzchen! O nein!“ er lachte
-höhnisch, „im Gegenteil! &mdash; Bedienen wird sie dich, Fritzi, sie wird
-tun, was du verlangst....“</p>
-
-<p>Zwar war er seiner Sache nicht ganz sicher, betrat aber doch mit
-herrischer, siegesgewisser Miene an Fritzis Seite den kleinen Ecksalon.
-Er war leer, aber das Glühlicht der mehrarmigen Lampe leuchtete über
-einem weißgedeckten Tische mit freundlich angerichteten Erfrischungen.</p>
-
-<p>Binder selbst war bei diesem Anblicke betroffen. Celeste war also
-seinem kaum ernstgemeinten, frechen Befehle, ein kleines Abendessen für
-ihn und eine Dame herzurichten, nachgekommen? Und ihre Unterwerfung
-rührte ihn nicht, sondern machte ihn nur übermütiger. Er zog ein
-Pfeifchen, um Celeste wie einen Hund herbeizupfeifen. Ehe er aber den
-Pfiff ausgestoßen hatte, trat Celeste selbst über die Schwelle des
-Schlafzimmers und begrüßte Binder mit seiner Begleiterin, ohne daß das
-Lächeln von ihren Lippen wich...</p>
-
-<p>Wahrhaftig, Madame Celeste lächelte! Das Lächeln hielt ihre schönen
-Lippen geöffnet, so daß die blanken, schmalen Zähne sichtbar wurden.
-Sie hatte die dunkeln Ringe unter ihren Augen mit Schminke überdeckt.
-Wie der weiße Hauch auf üppig reifen Früchten lag ein zarter
-Puderschleier über ihrer Haut. Sie hatte das schwarze Haar zu einer
-hohen Frisur anmutig aufgebaut. Ihr hoher, schlanker Leib war heute
-in ein rotseidenes Kleid gehüllt, halb Hauskleid und halb Festgewand.
-Jung, schön, bizarr und phantastisch sah Madame Celeste aus, eine
-reizende, geschmückte Sklavin...</p>
-
-<p>Binder starrte ihr mit unverschämter Siegermiene ins<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> Gesicht und
-sah ihr unveränderliches, seltsames Lächeln. Sie lächelte, so meinte
-er, aus Verlegenheit... aus Scham .... O, sie sollte noch verlegener
-werden! Sie sollte noch tiefer gedemütigt werden! Jetzt war er über
-ihre Seele Herr geworden, nachdem er längst ihres Leibes Herr geworden
-war. Jetzt hatte er die Macht, die feine, stolze Seele bis zur letzten
-Erniedrigung zu zertreten!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Wir setzen uns auf das Ecksofa, Fritzi,“ sagte Binder. „Du, Celeste,
-darfst dich mit uns zu Tisch setzen... vorausgesetzt, daß du uns dabei
-alles nett servieren kannst...“</p>
-
-<p>„O, du wirst zufrieden sein!“ erwiderte Celeste und hörte nicht auf,
-zu lächeln. „Der Tee, Aloys, ist frisch und heiß, der Sekt steht auf
-Eis.... Was befiehlst du?“</p>
-
-<p>„Erst Tee, später Sekt,“ sagte Binder. „Liebe Fritzi, greife zu, meine
-kleine Katze! Nimm von diesen Kaviarbrötchen, die Celeste uns bereitet
-hat....“</p>
-
-<p>Er geriet in vortreffliche Stimmung. Den Arm um Fritzis Taille gelegt,
-wurde er fröhlich und begann, über seinen Kampf und seine Niederlage
-gegen Roland zu scherzen. Celeste, der ein natürliches Rot die Wangen
-färbte, hielt mit. Fritzi allein konnte sich von einem rätselhaften
-Grauen nicht frei machen. Denn Madame Celeste &mdash; sie war schmiegsam
-und unterwürfig, lieblich ohne Koketterie, freundlich ohne Hohn, und
-sie lächelte, sie lächelte.... Ihr Lächeln war ein wenig starr, ein
-wenig seltsam, wie das Lächeln schöner Wachsköpfe. Aber immerhin: sie
-lächelte!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie hatte längst den Teetisch abgeräumt. Nun goß sie den gelblichen,
-schäumenden Wein in die flachen Schalen.</p>
-
-<p>„Ziehe doch den Kühler heran, Celeste!“ sagte der Ringkämpfer, „und
-fülle die Gläser auf dem Tische!“</p>
-
-<p>„Verzeih!“ sagte Celeste lächelnd, „er ist zu schwer ... Ich kann ihn
-nicht allein heranschieben!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span></p>
-
-<p>„Auch gut,“ bemerkte Binder und wendete sich Fritzi wieder zu. Fritzi
-taute endlich auf; sie fing an zu schäkern, ließ die kleinen Künste
-ihrer Gefallsucht spielen und schlang die Arme mit allerliebster
-Zärtlichkeit um Binders Hals.</p>
-
-<p>„O, der Sekt macht dich mobil, du kleine Katze!“ rief Aloys, „wir
-hätten zum Essen schon Sekt trinken sollen .... Holla, mein Kind, das
-geht ins Blut! Celeste, stoß’ mit uns an!“</p>
-
-<p>Er sprang auf und riß Fritzi mit sich in die Höhe. Er hielt die Schale
-in zitternder Hand, er schwang sie über den Tisch und lachte brutal:</p>
-
-<p>„Stoß’ an, Celeste, auf die Liebe! Und auf ein langes, lustiges Leben!“</p>
-
-<p>„Auf ein langes, lustiges Leben!“ sprach ihm Celeste nach, setzte das
-Glas an die Lippen und trank. Und als sie ausgetrunken hatte, setzte
-sie das Glas zurück, so daß der schlanke Stiel zerbrach und der Trank
-über den Tisch hinfloß.</p>
-
-<p>„Ungeschicktes Ding!“ rief Binder grob, aber Celeste hatte von dem
-Mißgeschick nichts bemerkt. Ihre Leidenschaft, ihre Verzweiflung
-brachen eine Minute lang durch die lächelnde Maske; sie riß Binders
-Kopf in ihre Hände und küßte ihn wütend und fassungslos zwischen die
-dunklen, starken Augenbrauen....</p>
-
-<p>„Nein, heute nicht! heute nicht, Celeste!“ rief Aloys, „siehst du
-nicht diese kleine Katze hier, die schon müde wird? Meinst du, ich
-habe mir die Fritzi nur zum Soupieren mitgebracht? O nein... Sie wird
-müde... Das eine Glas Sekt, komisch! Aber ich werde auch schon müde...
-Merkwürdig, Celeste!.... Schenk’ uns ein, Celeste, schenk’ ein!“</p>
-
-<p>Und die junge Frau mußte wieder und abermals die Schalen füllen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p>
-
-<p>Aber ein Geier mit grauen Flügeln breitete seine weiten Schwingen
-über dem Zimmer aus, bis sich das Licht vor den Augen des zechenden
-Liebespaares verdunkelte. Wie? brannte das Glühlicht so trübe oder
-sanken den Verliebten die Lider immer wieder über die Augen? Wer wird
-so müde nach einigen Gläsern Champagner? Celeste trank doch auch! Aber
-ihre Augen wurden immer heller; ihre schwarzen Augen brannten, wie von
-einem inneren Licht verklärt. Sie lächelte noch immer, das Lächeln war
-um ihre Lippen geschmiedet&nbsp;....</p>
-
-<p>„Hol’s der Teufel, ich kann nicht länger wachen!“ rief Binder und
-schlug mit der Faust auf den Tisch. „Der Halunke, der Roland, ist
-schuld daran. Anders kann ich mir’s nicht erklären! &mdash; Aber wir wollen
-es wettmachen, wir wollen es ausgleichen.... wir wollen in seinem
-Revier pürschen... Wie, meine kleine Katze! mein kleiner Hase! bist du
-auch so müde wie ich? &mdash; Celeste, kleide die Kleine aus!“</p>
-
-<p>Celeste stand langsam auf. O, sie tat auch das noch. Viel war es ja
-nicht mehr....</p>
-
-<p>„Wird’s bald?“ schrie der Ringkämpfer grob, „oder willst du mir erst
-die Peitsche bringen?“</p>
-
-<p>„Aber, Liebling!“ erwiderte Celeste lächelnd, „aber, Liebling! Warum
-sollte ich dir nicht den Gefallen tun?“</p>
-
-<p>„Recht so, Celeste! O, ich habe immer gewußt, daß du gehorchen lernst!
-&mdash; Du bringst den kleinen Hasen auch zu Bett, Celeste!“</p>
-
-<p>„Ja, ich bringe den kleinen Hasen auch zu Bett,“ wiederholte Celeste,
-„und dich bringe ich auch zu Bett, Aloys, dich auch!“</p>
-
-<p>Diese Müdigkeit! Sie warf den starken Menschen einfach um. Aber ihm
-war pudelwohl dabei, so wohl! Blinzelnd sah er zu, wie Madame Celestes
-schlanke, ge<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>pflegte Hände die Chansonette auskleideten. Die schöne
-Aristokratin kniete ohne Zögern nieder, um Fritzis Knopfstiefel zu
-lösen, ihr die Strümpfe auszuziehen.... Sie holte eins von ihren
-eigenen Nachthemden aus mattweißer Waschseide herbei und zog es Fritzi
-l’Alouette an. Sie führte die Buhlerin ihres Geliebten selbst ins
-Schlafgemach&nbsp;...</p>
-
-<p>Fritzi blickte sich schlaftrunken, mit lüstern geöffnetem Mündchen, um:</p>
-
-<p>„Und du, Aloys?“</p>
-
-<p>„Ich komme,“ sagte Binder, „Celeste muß mir auch helfen... mich auch
-bedienen... Ich bin zu müde...“</p>
-
-<p>Fritzi sank auf die Kissen und schlief sofort. Celeste kehrte zu Binder
-zurück. Und da sie ihn nun allein sah, um den sie ihren Gatten, ihre
-Ehre, ihr Vermögen und alles geopfert hatte, wurde sie eine Sekunde
-lang weich. Wie vom Blitz getroffen, stürzte sie Binder zu Füßen,
-preßte ihre Lippen auf seine muskulösen Hände, beugte den Kopf auf
-seine Kniee...</p>
-
-<p>„Was treibst du für Firlefanz!“ schrie Binder erbost. „Dummes Weib, was
-willst du von mir! Zieh’ mir die Stiefel aus, schnell...! Du bist meine
-Magd, du bist meine Sklavin... vergiß das doch nur nicht.... Zieh’ mir
-die Socken ab, Celeste....!“</p>
-
-<p>Ihre Weichheit war erstarrt, wie glühendes Eisen, wenn es in kaltes
-Wasser fällt. Er wollte es nicht anders ... er wollte es nicht anders!</p>
-
-<p>Er schlief schon fast, als er, auf ihren Arm gestüzt, ins Schlafzimmer
-trat. Die rosa Ampel erhellte das Gemach mit mildem Schein. Fritzi
-schlief sanft und unbeweglich. Celeste bettete Aloys an ihrer Seite und
-deckte beide Schläfer mit der seidenen Steppdecke zu.</p>
-
-<p>Aloys Binder lag regungslos im Schlafe. Kein Zug des<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> unschönen
-Gesichts bewegte sich. Madame Celeste hatte einst die starke,
-urwüchsige Raubtierähnlichkeit dieses Antlitzes geliebt. Jetzt
-betrachtete sie mit dem tiefsten Haß die schmale Stirn unter der
-kräftigen, braunen Haartolle, die groben Backenknochen, die spitze
-Nase, das spitze und doch starke Kinn, welches abnorm weit vorgeschoben
-war. Sie prägte das häßliche, hochmütige Gesicht in ihr Gedächtnis ein,
-wie man das spitze Eisen in die wächserne Schreibtafel drückt, und ihr
-tödlicher Haß grub unauslöschliche Linien in das Gedächtnis.....</p>
-
-<p>Celestes Lächeln war nun erstorben. Die junge Frau ging in den
-Ecksalon, wo die schalen Reste des Weins in den Gläsern standen. Sie
-wollte einen Schluck trinken, aber sie vermochte es nicht. Sie ging ans
-Fenster, zog den Vorhang zurück, öffnete das Fenster und sah hinaus.
-Sie wußte nicht, daß Eberhard Freidank unten stand und mit heißen
-Blicken hinaufspähte.</p>
-
-<p>Der Kopf war ihr schwer, die Haare lasteten ihr mit unnatürlicher
-Wucht auf dem Schädel. Celeste schloß das Fenster und ihre Ruhe
-kehrte zurück, als sie sich dem Zimmer wieder zuwendete. Dort im
-Champagnerkühler lagen die weißen Papierhüllen, aus denen sie Trional
-in den Wein geschüttet hatte. Sie kannte die unfehlbare Wirkung des
-Schlafmittels, welches den stärksten Menschen mit tödlicher Sicherheit
-in Morpheus’ Arme zwingt. Der Arzt hatte es ihr gegen Schlaflosigkeit
-verschrieben. Ach, ihre Schlaflosigkeit hatte Gründe gehabt, gegen
-die man nicht mit Trional ankämpft. In diesen langen, schlummerlosen
-Nächten voll Sehnsucht, Scham und Reue war Celestes Seele, die von
-sinnlicher Lust eingeschläfert war, grauenvoll erwacht. Sie war nun
-wach, so furchtbar wach, daß sie wußte, sie würde niemals mehr Ruhe
-finden. Nun sollte der Genosse ihrer Schuld schlafen, schlafen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>Die junge Frau zog die Haarnadeln aus ihrer Frisur und ließ die Haare
-lose niederhängen. Dann spürte sie die leise Reibung des Haares an
-ihrer bloßen Haut. Sie dachte daran, wie einst ihr Gatte, den sie
-verlassen hatte, und nach ihm Aloys Binder, das volle, schwarze
-Haar geliebt hatten. Wie hatte sie Aloys in heimlichen Stunden
-süßer, ehebrecherischer Zärtlichkeit in ihre Haare eingehüllt und
-eingesponnen, wie hatte sie ihm die schönen Strähnen um Hals und Arme
-gewickelt und die dunkle Woge ihres Haares als einen Schleier über ihn
-gebreitet! Jetzt war ihre Liebe zertreten und ihr Herz ausgebrannt.
-Celeste warf einen unwillkürlich flehenden Blick rund um sich her,
-sie bog die Kniee, sie lag auf den Knieen, rang die weißen Hände und
-schluchzte lautlos:</p>
-
-<p>„O Gott, o Gott, ich kann nicht anders, ich darf nicht anders, nun hilf
-mir, Herr Gott!“</p>
-
-<p>Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie Gott lästerte. Ihr war es,
-als wäre von dem lästerlichen Gebete Kraft von oben zum schweren
-Vollbringen in ihr Herz geflossen. Mit finsterem Entschlusse stand sie
-auf.</p>
-
-<p>Im Schlafzimmer goß die Ampel ihr sanftes Rosenlicht auf Aloys und
-Fritzi l’Alouette. Fritzi hielt noch im Schlafe kokett den Arm erhoben,
-auf dem ihr zierliches Haupt ruhte. Binder schlief nach seiner
-Gewohnheit auf dem Bauche liegend.</p>
-
-<p>Celeste griff &mdash; sie hatte es so lange überlegt! &mdash; nach einem der
-damastenen Handtücher und legte es mit Händen, die nicht zitterten, um
-Aloys Binders Hals. Dann knüpfte sie die Enden zusammen. Sie wollte ihn
-in der Handtuchschlinge erwürgen. Sie fing an zu drehen. Binder schlief
-so fest, todesähnlich... Er spürte nicht, daß sie ihn würgte....
-Dann ließ die Kraft ihrer Hände nach, sie suchte nach einem Knebel.
-Ein buchener Kleiderbügel, der<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> zufällig auf dem Nachttische lag,
-war ein passender Knebel zum Drehen der Schlinge. Celeste drehte mit
-wilder Kraft, denn jetzt &mdash; jetzt zuckte Aloys Binder, jetzt erwachte
-er unter dem mörderischen Drucke der Schlinge, jetzt setzte seine
-Gegenwehr ein..... Oder waren es nur die konvulsivischen Zuckungen des
-Todeskampfes?</p>
-
-<p>Die kleinen, tückischen Augen! sie quollen groß aus den Höhlen, sie
-schauten auf Celeste mit einem gräßlichen Blick; Schaum trat aus dem
-Munde, und unter einem fürchterlichen, knarrenden Gurgeln ging die
-bläuliche Zunge des Erwürgten aus dem Halse hervor. Celeste wendete
-sich ab und drehte, drehte.... drehte die Schlinge.... drehte.....</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>In der Morgenfrühe wurde wild an Aloys Binders Wohnungstür geklingelt.
-Eberhard stand draußen und riß fast die Schelle ab. Niemand öffnete
-ihm. Der helle Ton sprang von dem Korridor in die Zimmer, hüpfte auf
-das breite Doppelbett im Schlafzimmer und weckte Fritzi aus törichten,
-lüsternen Träumen. Schon Morgen? &mdash; Und wo &mdash; wo war denn Aloys Binder?
-Hier war er, neben ihr... Er hatte geschlafen, wie sie....</p>
-
-<p>Fritzi rieb sich die Augen, richtete sich auf und sah mit ihrem
-ersten klaren Blick gerade in die erstarrten, offenen Totenaugen des
-Erwürgten. Sie stieß einen entsetzlichen, gellenden Schrei aus und
-sank, von allen Schauern des Todes gepackt, auf das Bett zurück. Sie
-wagte nicht einmal, sich von der Leiche fort zu rühren. Sie hatte die
-Beine an den Leib gezogen und lag halb kauernd auf dem Spitzenkissen,
-während ein mörderisches Grauen ihre Glieder und ihre Zunge lähmte.
-Käme doch nur noch einmal der Klingelton, so würde sie wagen, sich
-aufzuraffen! Alles blieb still...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<p>Dann wurde draußen die Tür vom Schlosser geöffnet. Eberhard hatte die
-Wirtin, welche den gräßlichen Schrei vernommen hatte, herbeigerufen,
-und man hatte die nahe Polizei alarmiert. Ein Polizeiwachtmeister kam
-mit zwei Schutzleuten. Ihre harten Schritte schallten über den Flur und
-stampften in den Ecksalon hinein.</p>
-
-<p>„Im Namen des Königs!“ rief der Polizeiwachtmeister laut und drang mit
-seinen Untergebenen in das Schlafzimmer ein. Eberhard und die Wirtsfrau
-folgten ihnen.</p>
-
-<p>Auf dem Bette kauerte Fritzi wie erstarrt, mit glühenden Augen, und
-neben ihr lag, wie ein verendetes Tier, die Leiche Aloys Binders. Das
-Gesicht des Ringkämpfers war mit blauen Flecken bedeckt, sein Haar
-stand borstig in die Höhe und zwischen den blauen Lippen hing die
-Zunge, zerbissen und blutig.</p>
-
-<p>Auf dem Teppich vor dem Bette hockte Madame Celeste. Sie hatte ihrem
-Opfer die Totenwache gehalten. Die Nacht lang, bis der Morgen graute,
-hatte sie sich an dem Anblick des entstellten Gesichts geweidet.
-Merkwürdig, wie dieses Antlitz sich verändert hatte, als gegen
-Morgen die Ampel blasser brannte und der graue Tag auf die scharfen,
-unschönen Züge fiel! Celeste hatte kein Auge von Binders Angesichte
-abgewendet. Sie spürte nichts, als die gewaltige, satte Befriedigung
-des Raubtieres, welches seine Gier in Blut gestillt hat.</p>
-
-<p>Ein höherer Polizeibeamter trat ein, er brachte den kleinen
-Pendelschlag des Alltags in die große Tragödie. Er kam, um
-festzustellen, zu vernehmen....</p>
-
-<p>Fritzi hatte eine Bettdecke um ihren schlanken Leib gezogen: sie
-zitterte vor Frost, blickte aus entsetzten Augen auf die fremden
-Menschen, konnte all das Grauen noch kaum fassen und schluchzte wie ein
-Kind. Sie schämte sich... vor Eberhard... vor den Beamten... vor den<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>
-fremden Männern.... aber am allermeisten vor Eberhard&nbsp;....</p>
-
-<p>Madame Celeste allein saß ruhig mit untergeschlagenen Beinen auf dem
-geblümten Bettvorleger. Ihr Kleid floß weich und unzerzaust um ihre
-Gestalt. Die Haare hingen wie dünne Schlangen um ihre Schultern. In dem
-schmerzverwüsteten Gesicht lebten nur noch die Augen, die trauerten,
-daß ihnen ein großes Unrecht geschehen war.</p>
-
-<p>Sie sprach auch nicht anders, als daß ihr Unrecht angetan war:</p>
-
-<p>„Meinen Namen? Den wissen Sie ja. &mdash; Ob ich....? Ja. Ich habe ihn...
-ihn... Aloys Binder... erdrosselt. Ja. Warum? Was geht das Sie an? Es
-war nur Revanche ... Revanche.... Erst hat er mich erdrosselt.... dann
-habe ich ihn erdrosselt. Sie glauben das wieder nicht, weil ich mit
-Ihnen rede. Aber er hat mich erdrosselt, seit Jahren schon.... Mehr
-als das. Zertreten hat er mich, in Stücke gerissen... Was wollen Sie
-wissen? &mdash;.... Streit?... Wir haben keinen Streit gehabt, nein. Ich
-habe ihn mit seiner Geliebten zu Bett gebracht.... erst die Geliebte,
-dann ihn... und dann... habe ich ihn erwürgt, ja. &mdash; Ich? Reue?....“</p>
-
-<p>Celeste lachte, ein schreckliches, klirrendes Lachen.</p>
-
-<p>Sie hatte den Verstand verloren.</p>
-
-<p>Dann waren sie alle fort. Man hatte Fritzi l’Alouette gestattet, sich
-anzukleiden und in ihre Wohnung zu gehen. Selbst schwankend, wie ein
-Trunkener, ergriff Eberhard Freidank Fritzis Arm und führte sie fort.</p>
-
-<p>„Eberhard!“ begann sie schüchtern, indem sie sich wie ein Kätzchen an
-seinem Ärmel rieb, „Ebi... lasse dir erklären ...“</p>
-
-<p>„Spare deine Erklärungen,“ sagte er langsam. „Dazu ist es zu spät. Ich
-bin dir nicht böse. Du bist eben eine<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Dirne... Du hast eben einen ganz
-erbärmlichen, jämmerlichen Charakter... Darüber ist nichts zu heulen,
-Fritzi! Ich nehm’ dich, wie du bist.... Es wäre dumm, dir aus deiner
-Niederträchtigkeit einen Vorwurf zu machen....“</p>
-
-<p>„Der Aloys....,“ sprach Fritzi weinend, „der Binder....“</p>
-
-<p>„Hör’ auf!“ unterbrach der Ringkämpfer sie brutal. „Der Binder.... er
-ist tot.... Verstehst du, Fritzi, er ist tot für mich! Ich will ihn
-nie mehr in deinem Munde hören.... Du erbärmliches, niedriges Ding! Du
-Nichts! Du Dirne!! &mdash;“ er rüttelte mit seinen Eisenfäusten an ihrer
-schlanken Schulter, „versteh’ mich, der Binder ist tot!“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i149" name="i149">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i149.jpg" alt="Ende Kapitel IX" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="X">X.</h2>
-
-</div>
-
-<p>„Hören Sie, Roland!“ sagte Thyssen zu Eberhard Freidank, „ich habe mir
-da von Immermann allerhand über Sie erzählen lassen. Sie sind Student
-oder Schriftsteller, oder?!“</p>
-
-<p>Eberhard sah einen Augenblick finster vor sich hin und erwiderte:</p>
-
-<p>„Ich war. Das ist endgültig abgetan.“</p>
-
-<p>„Das ist ein Wort!“ sprach Thyssen. „Ihre Gründe gehen mich natürlich
-nichts an.... nein, ich frage nicht danach. Sie wollen also Ringkämpfer
-bleiben. Sie sind zwar noch neu... das schadet aber nichts...“</p>
-
-<p>Die Athleten wußten untereinander nicht genug Gehässiges von Thyssens
-Geiz und Eigennutz zu erzählen. Alle paar Tage kursierte eine neue
-Anekdote, wie Thyssen versucht haben sollte, die von ihm engagierten
-Ringkämpfer zu übervorteilen. Darum horchte Freidank auf, was Thyssen
-ihm für Vorschläge machen würde.</p>
-
-<p>„Der Binder ist aus der Konkurrenz heraus,“ fuhr Thyssen fort. „Schade
-um ihn! Er schlug eine meisterhafte Pirouette... Auch der Skandal um
-seine Ermordung war ja übel... Aber.... Was wollen Sie, dergleichen
-bringt das Geschäft so mit sich! Die kleine, schwarze Chansonette, der
-Sie wohl inzwischen den Laufpaß gegeben haben, war nicht daran schuld,
-wenn sie auch eine sehr verliebte kleine Krabbe ist... Nun, das sind
-alles Privatangelegenheiten!<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Das interessiert mich nicht! Hauptsache:
-Binder ist heraus. Er war als voraussichtlicher dritter Preisträger
-engagiert...“</p>
-
-<p>Thyssen brach ab und spielte mit seinem Portefeuille. Er ordnete die
-Reichskassenscheine darin nach Farben und Jahrgängen. Dazwischen sagte
-er unvermittelt:</p>
-
-<p>„Sollte man es glauben? &mdash; Ihre Freundin, die kleine Fritzi, behauptete
-neulich, noch keinen Tausendmarkschein zu kennen. Ein so hübsches
-Mädchen... keinen Tausendmarkschein ....“</p>
-
-<p>Eberhard blickte abwartend vor sich hin auf das dunkelgraue, polierte
-Tischchen des Kaffeehauses. In drei und einer halben Woche unter den
-Ringkämpfern hatte er gelernt, sich nicht mehr aufzuregen, wenn seine
-Geliebte in die Unterhaltung gezogen wurde. Thyssen begann wieder:</p>
-
-<p>„Ich Erster, nicht wahr. Meinken Zweiter. Binder Dritter. &mdash; Nun
-brauche ich doch einen andern Dritten, nicht wahr...“</p>
-
-<p>Eberhard sah den Weltmeister an; das Blut schoß ihm ins Gesicht bis
-über die hohe Stirn, seine Augen strahlten:</p>
-
-<p>„Und das sollt’ ich sein? Ich?“</p>
-
-<p>„Warum denn nicht,“ sagte Thyssen. „Wer denn sonst?“</p>
-
-<p>„O....,“ Eberhard errötete abermals vor Stolz und froher Überraschung,
-„Muyden..., Roditscheff..., Gomez..., Forgeron..., Petrocchi...,
-Kiesling...“</p>
-
-<p>„Sie werden alle zweiundzwanzig aufzählen,“ sprach Thyssen ironisch.
-„Aber Sie sind neu... Sie wissen auch noch nicht recht Bescheid unter
-unsern Leuten. Darum werde ich Ihnen mal explizieren, warum die alle
-nicht in Betracht kommen. Muyden ist nie Dritter, verstehn Sie, nie...
-Entweder Erster oder gar nicht... Kurz, Muyden zieht sich heute abend,
-beim Ringen mit dem ohnehin unbeliebten Spanier, eine Muskelzerreißung
-zu, wird von der Bühne getragen und reist ab. &mdash; Gomez... der grobe<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-Patron? Das Publikum würde ihn mit Bierseideln werfen... Forgeron,
-einen Franzosen? Ausgeschlossen. Wir sind doch Patrioten, nicht? &mdash;
-Petrocchi, Preisträger? Er hat ohnedies den Größenwahn, weil sein Hals
-52 Zentimeter dick ist und geht mit dem Plane um, eine eigene Tournee
-zu begründen... Kiesling aber ist in meinen Augen ein Lump. Ich kann
-den Kerl nicht leiden. Und Roditscheff ist sein Freund, verstehen Sie.
-Ich kann die beiden Kerle nicht leiden...“</p>
-
-<p>Das sagte er ohne Begründung, Haß in Augen und Stimme.</p>
-
-<p>„Bleiben <em class="gesperrt">Sie</em>,“ fuhr Thyssen fort. „Sie wissen, daß auch ein
-seriöser Geldpreis damit verbunden ist. Aber das ist nicht die
-Hauptsache. Es ist wegen der Reklame. In meiner Konkurrenz Dritter, als
-Neuling &mdash; das leuchtet Ihnen ein, was Sie dadurch für Ihre Karriere
-profitieren...“</p>
-
-<p>„Das würden Sie...?“ sagte Freidank stammelnd, „das wollten Sie...?“</p>
-
-<p>Er griff nach Thyssens Hand, die schön und fest auf dem Tische lag, und
-preßte sie in ehrgeiziger Leidenschaft:</p>
-
-<p>„Herr Thyssen! &mdash; und wodurch könnte ich das wettmachen? Was könnte ich
-Ihnen denn dafür...?“</p>
-
-<p>Thyssen zögerte. Leicht wurde ihm die Antwort nicht, diesem anständigen
-und freudestrahlenden Jüngling gegenüber. Aber dann &mdash; weshalb hätte
-er sonst das Gespräch bis auf diesen Punkt gebracht? Er handelte doch
-schließlich auch sehr anständig, er bot Freidank einen Vorteil, der des
-Preises wert war...</p>
-
-<p>„Ihre verflossene... oder halbverflossene Fritzi...,“ sagte er.</p>
-
-<p>Eberhard war betroffen, nicht beleidigt. Wie? Fritzi, welche durch
-ihre Beteiligung an dem großen Skandal so stark kompromittiert war,
-daß sie kaum unbehelligt durch die Straße gehen konnte, sie gerade
-hatte das Wohlgefallen<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> des wählerischen, exklusiven Champions erregt?
-Er wunderte sich selbst, daß sich keine Eifersucht noch Zorn über die
-Zumutung, eine Geliebte um den dritten Preis zu verschachern, in seinem
-Herzen regte. Er freute sich nur, daß er sie los wurde!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er verbarg sein spöttisches Lächeln und sagte:</p>
-
-<p>„Abgemacht! &mdash; ich werde Dritter und Sie nehmen Fritzi l’Alouette &mdash; zu
-Deutsch die Lerche. Hoffentlich singt sie Ihnen ein netteres Lied vor,
-als mir... und dem Binder...“</p>
-
-<p>„Ach, Sie verekeln sie mir nicht &mdash;!“ erwiderte Thyssen, „ich
-bin ein wenig resigniert... Vorgänger stören mich nicht mehr...
-Kein Mensch findet, was er sucht. Ich, wissen Sie, ich liebe die
-Kleinen, Schlanken, Zarten... Ich liebe sechzehnjährige Jugend...
-Und gerade diese Kleinen... es gehört Zeit dazu, in ihnen die Liebe
-zu erwecken. Diese Zeit habe ich nicht, nirgends... Da helfe ich mir
-mit Surrogaten... Fritzi l’Alouette &mdash; sie hat so schmale Schultern,
-so kindliche Hüften... so naive Händchen... sie tanzt so rührend
-ungeschickt...“</p>
-
-<p>So war Fritzi l’Alouette Thyssens Freundin und Begleiterin geworden,
-zwei Tage vor Beginn des neuen Jahres, eine Woche nach Aloys
-Binders elendem Sterben. Die „fröhliche, selige“ Weihnachtszeit lag
-dazwischen. Eberhard hatte es nicht über sich gewonnen, die festlichen
-Tage mit Fritzi zu verleben. Am Weihnachtsabende, als das Theater
-geschlossen war, hatte er allein zu Hause gesessen und trüben Gedanken
-nachgehangen, bis Frau Ambrosius an seine Tür geklopft und ihn gebeten
-hatte, an ihrer Weihnachtsfeier teilzunehmen.</p>
-
-<p>Die Damen Ambrosius hatten einen kleinen, hübschen Tannenbaum nur mit
-wächsernen Engelchen und Kerzen aus weißem Wachsstock aufgeputzt. Als
-die Lichter freundlich<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> brannten, kam Freidank dazu und schämte sich,
-daß er mit leeren Händen kam. Aber das Beschenken war nicht Mode bei
-Mama Ambrosius. Man freute sich einfach an einem gut zubereiteten,
-hübsch servierten Mahle, am Glanz der Flammen, dem herben Waldduft der
-Tanne und dem süßen Honigduft des heißen Wachses. Schließlich hatte
-Therese doch, ein wenig verschämt, ein Monogramm herbeigeholt, welches
-sie in ihren Freistunden mit Goldfäden auf schwarze Seide gestickt
-hatte. Es war sehr nett, sehr gemütlich und festlich gewesen, und
-Eberhard hatte sich in dieser Atmosphäre von bürgerlicher Behaglichkeit
-und Wohlanständigkeit den ganzen Abend lang sehr wohl gefühlt, bis Mama
-Ambrosius den Fehler beging, von Adolf Tönnies zu sprechen.</p>
-
-<p>Tönnies hatte sich natürlich nie mehr blicken lassen, zum großen
-Schmerze von Mama Ambrosius, die ihn als einen annehmbaren Verehrer
-Thereses estimierte. Als Therese auf einige Minuten in die Küche
-gegangen war, scheute sich Frau Ambrosius nicht, offen mit Eberhard
-über diese Idee zu sprechen:</p>
-
-<p>„Er ist noch jung, Herr Freidank! Genau so alt, wie Therese. Aber
-immerhin... sie könnten warten... Therese hat inzwischen ihr sicheres
-Brot! Ein studierter Mann, Herr Freidank, ist ein studierter Mann....
-Was sagen Sie dazu?“</p>
-
-<p>„Sie haben recht, Frau Ambrosius,“ sagte der Ringkämpfer kalt. „Nur
-hoffe ich von Fräulein Thereses gutem Geschmack, daß sie nach der
-Zuneigung wählen wird und nicht nach dem Studium.“</p>
-
-<p>„Begeben Sie sich an das Studium meiner selbstgebackenen
-Weihnachtskringel!“ rief Therese, die beim Eintreten das letzte Wort
-gehört hatte, und stellte mit dem Erscheinen ihrer frischen, gesunden
-und heiteren Persön<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>lichkeit die gute Laune wieder her. Aber Eberhard
-war nicht mehr recht froh geworden. Er gönnte Therese keinem jener
-falschen Freunde, die ihn ausgeschlossen und verstoßen hatten. Mit
-bitterem Gefühl bedachte er, daß Mama Ambrosius Lust hatte, ihre
-Tochter für diesen Tönnies aufzusparen, für diesen engherzigen Menschen
-das blühende, lebenslustige Mädchen zu reservieren und einzusperren...</p>
-
-<p>In den Feiertagen hatte er alle früheren Bekannten gemieden und
-nur einige Zechgelage der Ringkämpfer mitgemacht. Es war aber kein
-Vergnügen. Sobald es ans Trinken kam, gaben sie sich sämtlich der
-ärgsten Ausschweifung hin. Am schlimmsten trieben es jeweils Sala ben
-Brahim, der Mohammedaner, und der „Stier von Granada.“ In der näheren
-und weiteren Umgebung des Odeontheaters war Manuel Gomez wegen seiner
-Trinksitten in allen Bierlokalen und Kaffeehäusern gefürchtet, seit er
-aus Wut über einen Kellner, der ihn nicht schnell genug bedient hatte,
-mit einem einzigen Fausthiebe eine starke, marmorne Tischplatte in drei
-Stücke geschlagen hatte. In einem andern Lokal hatte er ein Stuhlbein
-abgerissen und sämtliche Gäste hinausgejagt, weil der Wirt dem bis zur
-Sinnlosigkeit Berauschten nichts mehr verabreichen wollte. Den Wirt
-und die Kellner hatte er bis unter das Büfett gejagt, wo sie zitternd
-hockten und um ihr Leben baten. Als endlich ein Schutzmann erschien,
-trieb Manuel auch diesen mit dem drohend geschwungenen Stuhlbein in die
-Flucht und ging dann, die Jockeimütze auf dem schwarzen Lockenkopf,
-die riesigen Tatzen in den Taschen der großkarrierten Hose, als Sieger
-unbehelligt nach Hause.</p>
-
-<p>Mit diesen Kameraden wollte Freidank nicht Silvester feiern und ließ
-sich von Mama Ambrosius einladen. Nachmittags ging er aus und schickte
-einen dicken Karpfen, braune, verzuckerte Silvesterpfannkuchen, Konfekt
-und alle<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Zutaten zu einem kräftigen Punsch ins Haus. Abends hatte
-er nicht zu ringen und kam zeitig aus dem Theater. Man hatte seine
-Sendung vergnügt und ohne Ziererei angenommen und eine appetitliche
-Festmahlzeit zubereitet. Als um Mitternacht der Punsch in einer
-porzellanenen Suppenterrine brennend auf den Tisch kam, als die Gläser
-gefüllt waren und die Frauen mit ihrem Gaste auf alles Gute im neuen
-Jahre anstießen, meinte Eberhard, seit undenklicher Zeit nicht so
-glücklich gewesen zu sein. Vielleicht bestand auch sein Glück nur in
-dem Hauche von Gesundheit und Jugendfülle, der von Therese Ambrosius
-ausging und sich wohltätig an Freidanks überreizte Nerven anschmiegte.</p>
-
-<p>Sie hatte eine helle Bluse an, die den Hals frei ließ, und ihre
-braunen Zöpfe waren als einfacher Kranz rund um den Kopf gesteckt.
-Sie sah heute nicht wie eine Diana aus, sondern wie ein hübsches,
-lustiges junges Mädchen. Eberhard vergaß die Schatten des Todes,
-unter denen seine Liebe zu Fritzi in Asche zusammengesunken war,
-und gab sich ohne Nebengedanken dem Reize dieser ungefälschten
-Behaglichkeit hin. Zum Überflusse tat ihnen Mama Ambrosius, die an
-starke Getränke nicht gewöhnt war, absichtslos den Gefallen, in ihrer
-Sofaecke einzuschlummern. Sie hatte die verarbeiteten Hände über dem
-altmodischen Grünseidenen gefaltet und lächelte im Schlaf.</p>
-
-<p>Dann wollte Eberhard frisch eingeschenkt haben und hielt Therese sein
-Glas hin. Lachend griff sie nach der Suppenkelle, die als Schöpflöffel
-diente, und füllte das Glas. Als sie es zurückreichte, hielt er ihre
-Hand fest und bat sie, den ersten Schluck zu trinken. Er trank an
-derselben Stelle, wo ihre Lippen geruht hatten, und als sich ihre Augen
-dabei trafen und Eberhard ihre natürliche Verlegenheit sah, nahm er die
-liebliche Stunde wahr und küßte Fräulein Therese Ambrosius.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p>
-
-<p>Therese war zweiundzwanzig Jahre alt, und sie hatte bis zu dieser
-Silvesternacht nie geküßt. Von ihren Lippen ging ein reizender,
-frischer Hauch aus, der Hauch naiver, jungfräulicher Sinnlichkeit. Der
-junge Mann konnte sich an diesem blühenden Munde mit den gesunden,
-klaren Zähnen nicht sattküssen, er legte den Arm um Thereses Schulter
-und zog sie nah, noch näher, er bog den wohlgestalteten Hals zurück
-und fand kein Ende des fröhlichen Kusses, und da endlich spürte er den
-sanften Gegendruck von ihren Lippen.</p>
-
-<p>Aber im nämlichen Augenblicke löste sie sich schnell und kraftvoll aus
-seinen Armen, trat einen Schritt zurück, streckte die Hände zur Abwehr
-vor und sprach bestürzt:</p>
-
-<p>„O, was tun Sie da? &mdash; Was haben wir getan?“</p>
-
-<p>„Fräulein Therese &mdash;,“ sagte er, „liebe Therese!“ Und er wollte sie
-wieder an sich ziehen. Aber Therese schaute ihm mit Schrecken und
-Abwehr ins Gesicht und stammelte:</p>
-
-<p>„O &mdash; nein! Tun Sie das niemals mehr! O Gott, das ist eine Sünde!“</p>
-
-<p>„Liebe Therese!“ sagte er milde, „gegen wen wäre das Sünde, daß Sie gut
-zu mir sind?“</p>
-
-<p>Das junge Mädchen zögerte, sah ihn zweifelnd an, und Tränen stiegen in
-ihre Augen; dann deckte sie die Augen mit der Hand und flüsterte:</p>
-
-<p>„Es wäre Sünde gegen Ihre Braut.“</p>
-
-<p>„Ich habe keine Braut mehr, Therese,“ sprach er und seine Stimme
-zitterte, „und die Sie meinen, Therese, verdient nicht, von Ihnen
-genannt zu werden. Fragen Sie nicht, wenn Sie es nicht wissen, und
-bemitleiden Sie niemanden, Therese... Schenken Sie Ihr Mitleid dem
-armen Wandersmann, der vor Ihnen steht und um Ihre Güte bittet...“</p>
-
-<p>Therese wollte sagen: so schnell machen Sie sich von Banden und von
-Treue los? Aber sie brachte das harte<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> Wort nicht über die Lippen,
-als sie ihm in die aufrichtigen Augen sah. In denen stand Schmerz und
-Erschütterung über die jüngste Vergangenheit, und neue, freundliche
-Hoffnung. Und ein Lächeln schwebte um seinen Mund, das war so rein und
-liebevoll, daß Therese vertrauensvoll ihre Arme freiwillig um seinen
-Hals schlang und ihm im Sturme heißer Jugend seine Küsse wiedergab.</p>
-
-<p>Dann kamen freundliche Tage und Abende voll Liebe und Heimlichkeit.
-Wenn Freidank und Therese sich in der Wohnung begegneten, sahen
-sie einander nur an und lächelten, ein liebes Lächeln des
-Einverständnisses. Zum ersten Male in ihrem Leben hatte Therese
-vor ihrer Mutter ein verliebtes Geheimnis. Zum ersten Male kam sie
-unregelmäßig aus dem Telephondienste nach Hause. Er holte sie aus dem
-Bureau ab und sie ging mit ihm spazieren, stolz von ihm am Arme geführt.</p>
-
-<p>Einmal fragte sie ihn nach seinen Kollegen. In übermütiger Laune
-ging er mit ihr in das Kaffeehaus, wo die Athleten nachmittags saßen
-und Karten spielten. Einige spielten mit fremden Herren, reichen
-Kaufleuten, Offizieren in Zivil und Bankiers, die sich eine Ehre daraus
-machten, an die berühmten Champions Geld zu verlieren. Denn die Fremden
-verloren immer. Die Athleten spielten mit ihren Partnern Hazard mit
-zwei Spielen französischer Karten. Die Spielregeln waren, wie es den
-Anschein hatte, merkwürdig primitiv. Die Anfänger lachten darüber und
-behaupteten, das Spiel wäre harmloser wie Sechsundsechzig. Aber wenn
-sie einige Stunden gespielt hatten, waren sie auf die primitivste Weise
-ein kleines Vermögen losgeworden.</p>
-
-<p>Thyssen spielte mit Kiesling. Sie haßten einander, aber die
-Leidenschaft für die Karten trieb sie immer wieder zusammen. Heute
-hatte Kiesling beharrlich Unglück. Seine schmalen Lippen waren fest
-aufeinander gepreßt, seine Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> waren ganz klein und von den Lidern
-fast bedeckt. Die Passion des Spiels hatte in das hübsche Gesicht des
-jungen Mannes tiefe, häßliche Furchen gezogen.</p>
-
-<p>Roditscheff, der nur selten spielte, ging an Kiesling heran und sagte
-halblaut:</p>
-
-<p>„Höre auf, Paul! Du weißt, daß du von ihm nichts erbst.“</p>
-
-<p>Kiesling erwiderte mit einem schmalen, bitteren Lächeln:</p>
-
-<p>„Deine Warnung kommt schon wieder zu spät. Ich bin bereits blank.“</p>
-
-<p>In allen andern Dingen vernünftig und besonnen, konnte Kiesling der
-Spielwut nicht widerstehen. Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich
-selbst und fragte mit gezwungenem Lächeln:</p>
-
-<p>„Würdest du mir Geld zu ein paar Revanchepartien bergen, Thyssen?“</p>
-
-<p>Thyssen schob seinem Spielgegner wortlos, scheinbar ohne zu zählen, ein
-Häufchen Goldstücke zu, und das Spiel begann von neuem.</p>
-
-<p>„Mit Verlaub!“ sagte Roditscheff, der seinen Freund willenlos in die
-Krallen des Spielteufels zurücksinken sah, und nahm an Eberhards Tische
-Platz.</p>
-
-<p>„Sie spielen nicht?“ fragte Therese Ambrosius freundlich, nur um etwas
-zu sagen, als Eberhard den Tisch einmal verließ, um mit einem Herrn zu
-reden.</p>
-
-<p>„Ich denke nicht daran,“ erwiderte Sergej verächtlich. „Ich nehme
-den Brüdern, die sich auf die Bekanntschaft mit Ringkämpfern etwas
-einbilden, ohne die bunten Blättchen und ohne alle Aufregung das Geld
-ab...“</p>
-
-<p>„Das können Sie?“ fragte Therese naiv.</p>
-
-<p>„Natürlich!“ lachte Sergej, „und wenn du es heute noch nicht kannst, so
-lernst du es noch, Thres’!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p>
-
-<p>Fräulein Ambrosius sah erstaunt auf. Sie glaubte nicht recht gehört
-zu haben. Da kehrte Freidank zurück und brach wenig später mit seiner
-Freundin auf. Draußen hängte sie sich fest an seinen Arm und sagte:</p>
-
-<p>„Sie sind nicht wie du, du gehörst nicht zu ihnen...“</p>
-
-<p>„Wer denn?“ fragte er lachend, „meine Kollegen? Sie sind nicht schlimm,
-Therese! Sie sind nur rauh... Sie sind so stark und glauben darum, sich
-über manches hinwegsetzen zu dürfen. Sie dürfen es auch. Man rechnet es
-ihnen nicht schwer an...“</p>
-
-<p>Therese sprach von etwas anderem, aber der kleine Zwischenfall hatte
-sie doch nachdenklich gemacht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Zu schnell vergingen die Tage; die Scheidestunde rückte näher.
-Sie versuchten beide, sich den nahen Abschied aus dem Sinne zu
-schlagen, aber alle Sorglosigkeit konnte nichts daran ändern, daß
-am zehnten Januar die letzte Entscheidung fallen sollte. Thyssen,
-Roland, Kiesling, Roditscheff, Meinken und Gomez waren als die sechs
-Besten übriggeblieben; die Kämpfe des letzten Abends mußten die drei
-endgültigen Sieger ergeben.</p>
-
-<p>Im Theater war heute eine festlich gehobene Stimmung. Im Vestibül
-prangten drei große, breite Lorbeerkränze mit seidenen Schleifen in
-den Landesfarben, welche Direktor Immermann den Siegern spendete.
-Sportsleute und vornehme Freunde der Athleten hatten ebenfalls
-Kränze und silberne Geräte zur Ehrung der Sieger gesandt. Der herbe
-Lorbeerduft zog kräftig durch das ganze Haus.</p>
-
-<p>Die Zuschauer fieberten auf die endgültige Entscheidung. Mancherlei
-Bande, sündige und ehrbare, verknüpften heute die Starken auf der
-Bühne mit ihren Bewunderern im Saal und in den Logen. Thyssen konnte
-seine Verehrer, Herren und Damen, nach Dutzenden zählen. Ihm, der
-unbesiegt war, sprach die allgemeine Erwartung den ersten Preis zu. &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span>
-Um Roditscheff zu sehen, waren viele vornehme Russen und Sportsleute
-der höheren Stände erschienen. Junge Männer aus den ersten Familien,
-darunter ein junger Erzherzog, hatten sich diese sechs Wochen lang
-um seine Gunst bemüht. Aber eine unberechenbare Laune hatte ihn, den
-Ungetreuen, diesmal an Fräulein Krömer gefesselt, welche ihm überdies
-freiwillig so kostbare Geschenke gemacht hatte, daß sein ausgeprägter
-Erwerbssinn völlig zufriedengestellt war.</p>
-
-<p>Mama Ambrosius und ihre Tochter hatten Parkettplätze inne. Therese
-freute sich jetzt leidenschaftlich an der unverhüllten Schönheit ihres
-starken Freundes, während die Mama jedesmal von neuem indigniert war,
-ihren Mieter im prallsitzenden Trikot zu erblicken.</p>
-
-<p>Er war heute in Grün gekleidet, die Kniee von grauem Gummistoff
-geschützt, die Füße mit hohen, weichen Lederstiefeln bekleidet.
-Sein blondes Haar war kurz geschoren, seine norddeutsche helle Haut
-leuchtete in Jugend und Gesundheit.</p>
-
-<p>Er bildete mit Manuel Gomez das erste Paar. Seltsam stach seine blonde
-Schönheit von der düsteren Erscheinung des „Stiers von Granada“ ab, der
-mit seinem olivefarbigen Teint, dem schwarzen, häßlichen Lockenkopf und
-den einfarbig schwarzen Trikots wie ein Sohn der Nacht gegen ein Kind
-des Lichtes stand. Wer war unter den Tausenden von Zuschauern, welcher
-dem lichten Roland den Triumph mißgönnt hätte? Der „Stier von Granada“
-wehrte sich erbittert, er geriet, wie es den Zuschauern schien, in
-tolle Kampfeswut. In Wahrheit wurde Manuel Gomez bei den großen
-Konkurrenzen nur engagiert, um durch die Geschicklichkeit, mit welcher
-er beim Ringkampf den wilden Mann spielte, Farbe in die Kämpfe zu
-bringen. Seine natürliche Roheit kam ihm bei diesen Mätzchen zustatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>Heute, beim Entscheidungskampfe, versuchte er Roland in das Orchester
-hinabzuwerfen. Als ihm dies nicht gelang und die empörten Zuschauer
-heulend und stürmisch protestierten, überrannte der temperamentvolle
-Spanier den Preisrichtertisch im Hintergrunde der Bühne, so daß die
-entsetzten Unparteiischen sich am Boden überschlagen und von der Szene
-flüchten mußten, bis der „Toro de Granada,“ der in diesem Zustande
-wirklich einem wütenden Kampfstiere glich, sich beruhigt hatte und nun
-von Roland mit einem kunstgerechten Doppelnelson besiegt werden konnte.</p>
-
-<p>In der Garderobe gab es inzwischen eine peinliche Auseinandersetzung
-zwischen Kiesling und Thyssen. Kiesling verlangte seinen Schuldschein
-über die Spielschulden von Thyssen zurück. Thyssen behauptete, daß er
-den Schein nicht bei sich trage. Aber Kiesling blieb fest:</p>
-
-<p>„Wenn du einen glatten Sieg haben willst, wie er dem ersten Preisträger
-zukommt, so rat’ ich dir, Hermann, schaffe den Schuldschein und
-vernichte ihn hier vor meinen Augen!“</p>
-
-<p>„Findest du dein Verhalten fair?“ fragte der Champion erbost, „und
-meinst du übrigens, daß Roditscheff mir den Sieg sehr erschweren kann?“</p>
-
-<p>„Fair oder unfair in deinen Augen ist mir einerlei!“ sagte Kiesling
-kühl, „und wenn du nicht glaubst, daß Roditscheff sich im Endkampfe
-mindestens zwei Stunden gegen dich behaupten kann, so riskier’ es doch.
-Riskier’ es doch!“ wiederholte er mit schwachem, aufreizendem Lächeln
-und ging auf die offene Bühne hinaus, um mit Bernhard Meinken zu ringen.</p>
-
-<p>Thyssen sah ihm von der Kulisse aus zornig zu. Der Teufel steckte in
-diesem Kiesling, machte seinen gestählten Körper elastisch und biegsam,
-wie einen Schlangenleib! Keiner flog aus beliebiger Höhe so exakt in
-die Brücke, wie er, keiner schlug zum Entzücken der Zuschauer so<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>
-elastische Pirouetten, keiner bot in jeder erdenklichen Stellung ein so
-vollendet schönes Bild. Er ließ auch Bernhard Meinken keinen regulären
-Sieg. Nachdem der Kampf eine volle Stunde gedauert hatte, warf er
-sich so geschickt hintenüber, daß er sich selbst den Fuß verstauchte.
-Durch diese Verletzung wurde er kampfunfähig. Meinken wurde als Sieger
-erklärt, aber die Zuschauer waren verstimmt, daß einer ihrer Favoriten
-Schaden genommen hatte.</p>
-
-<p>„Wie denkst du über die Spielschuld?“ fragte Kiesling Thyssen, sobald
-er hinkend in die Garderobe zurückkehrte. „Roditscheff hält mit mir
-zusammen....“</p>
-
-<p>„Ist das wahr? Du bist ebenso unfair, Sergej?“ fragte Thyssen zornig.</p>
-
-<p>Roditscheff schnitt sich gerade die Fingernägel und zuckte nur die
-Achseln, ohne sich umzusehen.</p>
-
-<p>„.... Eure Gage....,“ murmelte Thyssen, aber Kiesling unterbrach ihn:</p>
-
-<p>„Spielschulden dürfen von der Gage nicht gekürzt werden .... Überdies
-waren wir so vorsichtig, uns unsere Gage vor zwei Stunden von Immermann
-auszahlen zu lassen. Halt’ dich damit an unsern Direktor....“</p>
-
-<p>Thyssen sah ein, daß die beiden starrköpfigen, unbedenklichen Freunde
-ihm alle Waffen aus der Hand genommen hatten. Wortlos zog er den
-Schuldschein aus seinem Portefeuille und reichte ihn Kiesling, der ihn
-schweigend durchlas und ihn dann auf den kleinen, rotglühenden eisernen
-Ofen legte, wo er zu Asche verschwelte.</p>
-
-<p>Kaum zehn Minuten später wurde Thyssen auf der Bühne als Sieger mit
-unendlichem Enthusiasmus bejubelt. Er hatte den langen, starken Russen
-mit einem herrlichen Untergriff hingelegt....</p>
-
-<p>Da oben standen die Starken, groß und herrlich, wie Halbgötter, und
-nahmen ihre Lorbeerkränze in Empfang<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> und die versiegelten Hüllen,
-in welchen die Geldpreise verschlossen waren; die silbernen Geräte
-wurden Roland, Meinken, Kiesling, Roditscheff und Gomez überreicht, und
-Thyssen bekam einen feuervergoldeten Pokal. Und die Musik blies Tusch,
-und schmetternde Fanfaren feierten die Starken...</p>
-
-<p>In der Garderobe sagten die Ringkämpfer einander Lebewohl und Auf
-Wiedersehen. Ein Teil reiste nach Holland zu einer Konkurrenz ab, die
-Jan van Muyden unterdessen arrangiert hatte.</p>
-
-<p>„Das war ’n jutes Debüt, allright?“ sprach Thyssen liebenswürdig zu
-Roland, indem er die kornblumenblauen, wollenen Trikotbeinkleider
-abstreifte. Einen Augenblick nur stand er nackt in seiner reifen
-Schönheit da, denn schon kam Mikita Zirkovitch, der dem Champion
-fanatisch ergeben war, um ihm den Mantel aus Kräuselstoff umzugoben.</p>
-
-<p>Freidank konnte sich nicht mehr zurückhalten. Das kühle, reservierte
-Benehmen des Weltmeisters ließ nur selten eine Annäherung zu. Jetzt
-war er mit Thyssen allein; nur Zirkovitch, der wenig Deutsch verstand,
-befand sich mit ihnen in der Garderobe. Eberhard streckte dem
-Rheinländer erschüttert beide Hände hin und sagte mit schwerer Zunge:</p>
-
-<p>„Das kann ich Ihnen nie danken... das werde ich Ihnen nie vergessen....“</p>
-
-<p>„Auf gute Freundschaft!“ sagte Hermann Thyssen mit einem Lächeln,
-welches sein schönes, ernstes Gesicht unvergleichlich erhellte, „und
-auf’s Du, Roland!.... Von Dank kann keine Rede sein. Aber Gott weiß,
-daß du an mir immer einen guten Kameraden finden wirst, wenn du nicht
-mein Feind wirst... wie die andern... wie die meisten....“</p>
-
-<p class="center">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p>
-
-<p>Auf gute Freundschaft! Das sagte auch Therese dem Ringkämpfer, als sie
-ihn weinend beim Abschiednehmen umarmte.</p>
-
-<p>Eberhard hatte sich von dem schönen Mädchen nicht trennen mögen, ohne
-vorher ein gutes, bindendes Wort gesprochen und gehört zu haben. Darum
-hatte er am Morgen nach Beendigung der Konkurrenz Besuchstoilette
-angelegt, Frau Ambrosius eine offizielle Visite gemacht und um Thereses
-Hand gebeten.</p>
-
-<p>Wider alle Erwartung hatte Frau Ambrosius ihre mütterliche Einwilligung
-versagt.</p>
-
-<p>„Es tut mir herzlich leid, Herr Freidank, daß eine solche Erörterung
-zwischen uns stattfinden muß! Aber es sind schwerwiegende Gründe, die
-mich zwingen, Ihren Antrag nicht anzunehmen. Und Therese ist eine viel
-zu gute Tochter, um gegen meinen Willen...“</p>
-
-<p>Freidank gab das Mädchen nicht kampflos auf; er bat um Gründe, wollte
-sein Einkommen darlegen, seine sportlichen Chancen...</p>
-
-<p>„Ich glaube Ihnen, Herr Freidank,“ hatte Frau Ambrosius geantwortet,
-„daß Sie nicht um eine Dame anhalten würden, wenn Sie nicht wüßten, daß
-Sie sie ernähren können. Aber &mdash; wie peinlich mir das ist! &mdash; ich kann
-nicht Ja sagen, weil Sie durch Ihren jetzigen Beruf doch gewissermaßen
-&mdash; aus Ihren Kreisen herausgetreten sind. Mein verstorbener Gatte, Herr
-Freidank, war Amtsrichter. Wenn er lebte, er würde niemals zugeben,
-daß...“</p>
-
-<p>„Daß seine Tochter einen Ringkämpfer liebt,“ sagte Freidank bitter.</p>
-
-<p>„Sie sagen es selbst,“ erwiderte Frau Ambrosius verlegen. „Wer, wie Sie
-in Zukunft tun wollen, von Ort zu Ort reist... sich auf der Bühne oder
-im Zirkus mehr oder minder &mdash; preisgibt, kann &mdash; nach meinem Ermessen<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>
-&mdash; eine Frau nicht dauernd glücklich machen... Nehmen Sie mir dieses
-Wort nicht übel, Herr Freidank! und versuchen Sie, meine Gefühle als
-Mutter zu verstehen....“</p>
-
-<p>Thereses Neigung war noch nicht stark und unbedenklich genug, um der
-Mutter mit Überzeugung gegenüber zu treten. Erziehung und Gewohnheit
-stritten noch mit ihrer Liebe. Liebte sie ihn denn wirklich? fragte
-Eberhard sich in Zorn und Schmerz. Oder hatte ein Rausch der Sinne sie
-umgarnt, wie so viele Frauen, die den bejubelten Athleten ihre Ehre und
-ihre Leidenschaft ohne Besinnen hinwarfen, die aber niemals mit ihnen
-vor den Altar treten würden? Nein, Therese Ambrosius war nicht so!</p>
-
-<p>An dem Nachmittage, ehe Freidank nach Amsterdam abreisen wollte, ging
-Frau Ambrosius aus. Sie fühlte dunkel, daß sie die Verpflichtung hatte,
-den beiden jungen Leuten eine ungestörte Abschiedsstunde zu gewähren.</p>
-
-<p>„Wir wollen Freunde bleiben!“ schluchzte Therese Ambrosius, an
-Eberhards Halse hängend.</p>
-
-<p>„Du hattest mir mehr sein sollen, meine Geliebte! meine Süße,“ sagte er
-flüsternd und küßte ihr braunes Haar. „O! die Achtung vor den Frauen,
-die ich verloren habe, du solltest sie mir wiedergeben, du stolzes
-Weib. Ein Vorurteil trennt uns, eine Marotte... Ich werde darüber
-hinwegkommen!“ fügte er mit einem Anfluge von Hochmut hinzu.</p>
-
-<p>„Aber ich nicht! Niemals!“ weinte das junge Mädchen. „Du wirst
-fortgehen, Eberhard; du wirst andere Frauen lieben, die dir den Hof
-machen... die dich verehren... nur weil Du als Athlet vor ihnen
-stehst... Und ich werde hier bleiben, einsam... O, wie ich dich liebe!
-&mdash; Wie ich mich nach dir gesehnt habe... Tage lang &mdash; Nächte lang...!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p>
-
-<p>Nächtelang! hatte sie gesagt, nächtelang! &mdash; Das halblaut gesprochene
-Wort drang in seine Seele, wie Trompetenstöße. Nächtelang! Es
-brauste mit hellem Klang in seinen Ohren. Das war der Ruf der
-Leidenschaft, der ihm noch niemals erklungen war, das war das brünstige
-Locken des Weibchens, welches nach dem Gatten schrie. Und das war
-nicht spielerisch gesagt und nicht unkeusch. Das war in reiner,
-überwältigender Sinnlichkeit herausgestoßen, wie der naive Naturlaut
-eines Tieres. Nie hatte Fritzi l’Alouette, die mit der Liebe spielte,
-ihm gesagt, daß sie sich nach ihm gesehnt hatte &mdash; Nächte lang.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er sprang auf, er packte sie an beiden Schultern:</p>
-
-<p>„Was hast du damit gesagt, Therese? Was &mdash; hast du &mdash; damit &mdash; gemeint?“</p>
-
-<p>Seine Blicke bohrten sich in ihre Augen, wie Schwerter. Klar war es
-zwischen ihnen, als sei ein Blitz niedergefallen. Und der junge Mann
-warf sich auf die Kniee nieder, schlang die Arme um ihre Hüften, preßte
-sie wild und stöhnte zu ihr hinauf, wie zu einem Heiligenbild:</p>
-
-<p>„Um Gottes willen, Therese, sag: was hast du damit gemeint?“</p>
-
-<p>Sein heißer Atem schlug ihr ins Gesicht, seine lodernde Leidenschaft
-fuhr wie der Samum über ihre jungfräuliche Seele. Sie wollte sagen „gar
-nichts hab’ ich gemeint &mdash;“ aber ihre verdorrten Lippen blieben hilflos
-offen stehen und ihr Kopf bog sich nach hinten über, wie das Haupt
-einer welkenden Blume.</p>
-
-<p>Er sprang von den Knieen auf, er küßte ihre trockenen Lippen mit
-wilden, rücksichtslosen Küssen, er riß sie in die Höhe und stöhnte,
-während er sie fest umklammert hatte, unter den heftigsten Küssen:</p>
-
-<p>„Was hast du gemeint, Therese?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-<p>Sie wußte, er hatte sie recht verstanden. Oh &mdash; nein! schrie ihre
-Sittsamkeit &mdash; um Gotteswillen, ja! schrie das Verlangen ihrer Jugend.
-Und da flog in ihre Herzensangst und Leidenschaft hinein eine jähe,
-wahnsinnige Hoffnung: Wenn er bliebe? Wenn es möglich wäre, den
-Starken, den Geliebten zu halten?</p>
-
-<p>„Liebst du mich, Therese?“ stammelte Eberhard, „Therese, liebst du
-mich?“</p>
-
-<p>Feuer schien aus seinen Augen zu springen. Er rang mit Therese, sie
-wehrte sich. Seine Kraft war groß, aber ihre Geschmeidigkeit, die noch
-einen Rest von Besonnenheit bewahrt hatte, war noch größer.</p>
-
-<p>„Therese, liebst du mich?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie riß sich plötzlich von ihm los, kreuzte die Arme über der jungen,
-vollen Brust und flüsterte lockend und geheimnisvoll:</p>
-
-<p>„Wenn du nicht abreist... wenn du bei mir bleibst...“</p>
-
-<p>„Dann tust du mir alles zu Liebe?“</p>
-
-<p>„.... Ja,“ sagte sie und schlug die Augen nieder.</p>
-
-<p>„Aber Therese, ach Therese! das ist ja unmöglich....“</p>
-
-<p>„Das ist schon möglich....“</p>
-
-<p>Und wieder rang er mit ihr, versuchte, die schöne Beute mit Gewalt zu
-nehmen. Sie sprühte vor Leidenschaft, Trotz und Abwehr, sie entwand
-sich ihm mit ungeahnter Kraft...</p>
-
-<p>„Und wenn ich bleibe, Therese, dann.....?“</p>
-
-<p>„Dann....“</p>
-
-<p>„Jetzt, Therese, in dieser Stunde, in dieser Minute...?“</p>
-
-<p>„Jetzt.......“</p>
-
-<p>„Therese, ich bleibe &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;!“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; O du uralte, lockende Eva-Macht! O du schillernde Schlange
-des Paradieses! &mdash; O du Apfel in der Hand des Weibes, welcher den
-Hungernden, den Dürstenden reizt und<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> den Leidenschafterschöpften im
-seligsten Rausche erquickt! &mdash; &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In dieser Stunde wurde Therese Eberhards Geliebte und seine verlobte
-Braut.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Als Mama Ambrosius nach Hause zurückkehrte, fand sie die Liebenden Hand
-in Hand am Fenster des Wohnzimmers sitzen. Sie hatten schon von der
-Zukunft gesprochen, und beide strahlten von jugendlicher Zuversicht.</p>
-
-<p>„Ich liebe ihn, Mutter!“ sagte Therese fröhlich, „und er bleibt hier,
-er geht nicht fort... Er ist so begabt! Er wird sein Drama schreiben,
-er wird Erfolg haben...“</p>
-
-<p>Frau Ambrosius lächelte mütterlich:</p>
-
-<p>„Ja, so &mdash; so ist es etwas anderes, lieber &mdash; Schwiegersohn! &mdash; Sie
-sind beide jung, Sie können warten, bis Sie... Die Geistesarbeit
-wird Ihnen eine andere Karriere gewähren, als diese, diese....,“ sie
-schüttelte sich ein wenig, „als diese Kraftmeierei!“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i169" name="i169">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i169.jpg" alt="Ende Kapitel X" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XI">XI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Als Eberhard der Kraft untreu wurde und sich dem Geiste zuwendete, war
-er auf einige Monate hinaus vor quälenden Nahrungssorgen geschützt.
-Während der letzten drei Wochen der Konkurrenz, seit Beginn der
-Entscheidungskämpfe, hatte er täglich fünfzig Mark verdient, seine
-einfache Lebensweise aber nicht geändert, so daß er an siebenhundert
-Mark Ersparnisse besaß.</p>
-
-<p>Als Thereses Bräutigam hatte er von Mama Ambrosius fortziehen müssen
-und nicht gar zu weit ein neues Logis gefunden. Nun gehörten seine
-Tage, wie vordem, der Arbeit und der Liebe. Die sechs Wochen voll
-von Triumphen, Erfahrungen und Leidenschaften lagen hinter ihm wie
-ein Traum. Er wollte auch nicht mehr denken an den Traum. Jedesmal,
-wenn sein Blick auf seine Hanteln traf, oder auf ein Stück seiner
-Bühnenkleidung, oder auf ein Bild, das ihn im Dreß darstellte, furchte
-sich seine Stirne und er hatte ein leise schmerzendes, bitteres Gefühl,
-als ob er einem guten Engel aus dem Wege gegangen sei. Wenn aber
-Therese ihm zur Seite war, ihre Augen ihn klug und freundlich ansahen
-und ihr Mund gescheit und lieblich plauderte, zerstob der kleine
-Schmerz.</p>
-
-<p>Er schrieb ein Drama, und er stürzte sich mit temperamentvollem Eifer
-auf die Arbeit, als gelte es, das Werk in der allerkürzesten Zeit zu
-schaffen. Nach einigen Tagen besann er sich, daß sein Werk nicht vor
-dem Ende des<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Sommers aufgeführt werden könnte. Nun teilte er die
-Arbeit ein, schrieb ruhig und planmäßig. Tagelang arbeitete er in
-Bibliotheken, um seinem Werke das richtige Kolorit und die lebendigen
-Züge des Zeitalters geben zu können.</p>
-
-<p>War seine Kraft gewachsen? Hatte die Liebe ihn umgewandelt, daß alles,
-was er schrieb, unter seinen schaffenden Händen feste Formen annahm?</p>
-
-<p>„Besinnen Sie sich auf Ihre Kraft!“ hatte ihm &mdash; es war ungefähr ein
-Jahr her! &mdash; ein erfahrener Theaterdirektor gesagt.</p>
-
-<p>In der Zeit, die zwischen damals und heute lag, hatte der ungelenke und
-zähe Niedersachse sich auf seine ganze Kraft besonnen. Jetzt wurden
-seine Gedanken präzis und logisch, jetzt rundeten sich seine Sätze
-zu Fülle und Wohlklang, jetzt blühten kräftige, energische Bilder
-unter den Händen auf, die starke Gegner mit kühnen Griffen erfaßt und
-niedergeschleudert hatten.</p>
-
-<p>Ein Bild vor allem war ihm im Gedächtnisse geblieben und hatte seine
-Gedanken also durchdrungen, daß er es auch in seine Arbeit verwob: das
-Bild jener Mordnacht bei Aloys Binder. Jetzt, da er still am Tische
-saß, um sein Werk zu schaffen, trat der Anblick des Ermordeten greifbar
-aus den Schatten der Erinnerung hervor:</p>
-
-<p>Der Mann, der tot und starr auf dem buhlerischen Lager ruhte und
-das Mädchen, welches mit schwarzen, entsetzten Augen auf die Leiche
-stierte &mdash; und sich mit gedankenloser Lebenslust schon auf der Treppe
-wieder dem Lebendigen zuwendete, während der Tote oben allein in dem
-verschlossenen Zimmer schlief.</p>
-
-<p>Und es stiegen Personen und Ereignisse aus der stolzen Zeit der
-italienischen Renaissance vor seinem Geiste auf. Welche Zeit war ein
-einziges Loblied auf die Kraft, wie diese? Wann hatten die Starken so
-selbstherrlich Gebrauch<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> von ihrer Kraft gemacht, wie die Mächtigen zur
-Zeit der Borgia und der Colonna?</p>
-
-<p>Die Kraft wollte er verherrlichen, die Starken wollte er preisen, die
-über Leichen in ihre Freudengemächer eingehen! &mdash; Mit Therese besprach
-er Szene für Szene seines Stückes. Er arbeitete mit Fleiß und Inbrunst.
-Und als er dieses Mal das letzte Wort schrieb und nach ordentlicher
-Gewohnheit einen geraden Schlußstrich darunter zog, tat er es ohne
-Fieber und ohne Wildheit in dem ruhigen Bewußtsein, etwas Tüchtiges
-vollendet zu haben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Die Arbeit hatte ihm kaum Zeit gelassen, an die Unterbringung seines
-Stückes zu denken. Jetzt, da das Manuskript vollendet vor ihm lag,
-befiel ihn Schrecken über seine Sorglosigkeit, und sein Mut erschlaffte
-jählings. Wie? sollte auch dieses Werk nur geschrieben sein, um nach
-jedem Schritte vorwärts denselben Schritt nach rückwärts zu tun?</p>
-
-<p>Therese war wieder die heitere, ermutigende Trösterin. Des Abends holte
-er sie vom Bureau ab und beide gingen Arm in Arm nach Hause, wo Mama
-Ambrosius sie mit dem bürgerlich bestellten Abendbrottische erwartete.
-Oft fühlte er sich müde, während ihre Augen trotz dem anstrengenden
-Dienst des ganzen Tages glänzten. Mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrer
-immer gleich bleibenden Zuversicht gewann sie langsam ein Übergewicht
-über den Mann, welches er lächelnd anerkannte.</p>
-
-<p>„Ich bitte dich, Lieber,“ sagte sie, „geh selbst zu dem
-Theaterdirektor, der dich damals ermutigt hat, ihm später einmal ein
-neues Stück zu bringen.“</p>
-
-<p>„Therese! Ich habe wenig Hoffnung. Anerkannte Größen arbeiten für seine
-Bühne. Wie käme er dazu, einen Neuen, Unbekannten einzuführen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-<p>„Hast du nicht auch bei Immermann Glück gehabt? Warst du als Athlet
-nicht ebenso unbekannt? Habe Mut, Eberhard! Wer soll denn das Glück
-zwingen, wenn es den Starken nicht gelingt!“</p>
-
-<p>Therese behielt Recht mit ihrer hoffnungsvollen Zuversicht, daß dem
-Starken das Glück hold ist. Mit unruhigem Herzen kam Eberhard in die
-Theaterkanzlei und bat, zu dem Direktor vorgelassen zu werden.</p>
-
-<p>„In welcher Angelegenheit?“ fragte der Sekretär gleichgültig und
-mechanisch.</p>
-
-<p>„Um mein neues Drama vorzulegen,“ erwiderte der junge Mann und sagte
-seinen Namen.</p>
-
-<p>Kurz darauf erschien der Sekretär unter den höflichsten Verbeugungen
-wieder und bat Eberhard, ihm zu dem Bühnenleiter zu folgen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein schlimmer Winter lag hinter dem Direktor. Mißerfolge über
-Mißerfolge hatte es gegeben. Stücke, an deren Erfolg der erfahrene
-Theatermann kaum leise gezweifelt hatte, hatten dem Publikum mißfallen.
-Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen hatte er dann mit dem lauten
-Getön einer geschickten Reklame das Lustspiel eines gefeierten
-Dramatikers angekündigt. Dieser Dichter war einer von denen, deren
-Ruhm so anerkannt und festbegründet scheint, daß ein völliges Versagen
-ihrer Werke niemandem glaublich oder möglich vorkommt. &mdash; Kaum war
-die Ankündigung erlassen, so setzte eine eigentümliche, feindliche
-Bewegung gegen den Dichter ein. Ruhm ist wie die Wogen des Meeres,
-unberechenbar, neidisch, tückisch und treulos. Das treulose Meer
-seines Ruhmes wurde gegen den Dichter von Grund aus aufgewühlt.
-Jeder, der konnte, half mit, und am Abende der ersten Aufführung war
-die Atmosphäre im Theater wie vor einer Explosion. Noch eher, als
-man es hatte befürchten können, brach dann auch die große Woge der
-Feindschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> und Mißgunst über des Dichters Werk herein. Es wurde ein
-Theaterskandal, wie die Mauern des Theaters ihn noch nicht gesehen
-hatten.</p>
-
-<p>Nach diesen Erlebnissen hatte Direktor Holderbaum Lust, einen homo
-novus zu entdecken, der ohne Feinde und ohne Freunde als ein Freier auf
-den Schlachtplan des Geistes trat, und es war ihm nicht unangenehm, als
-in dieser Vormittagsstunde der junge Freidank sich bei ihm melden ließ.
-&mdash; O, vielleicht brachte er es schon mit, das hoffnungsvolle Werk,
-welches die kommende Saison mit einem glücklichen Erfolge einleiten und
-einweihen sollte!</p>
-
-<p>Nie hätte Eberhard auf einen so freundlichen Empfang gehofft, wie er
-ihn bei dem Leiter der berühmten Schaubühne fand.</p>
-
-<p>„Also: was bringen Sie mir heute? Ein Trauerspiel? Ein Lustspiel?“</p>
-
-<p>„Ein Schauspiel,“ sagte Eberhard mit erheucheltem Mute.</p>
-
-<p>„Hoffentlich kein ultramodernes Stück, wie das letzte?“</p>
-
-<p>„Gar nicht modern! &mdash; Aus der Renaissancezeit.“</p>
-
-<p>„Renaissance? &mdash; Hm, vielleicht ganz gut.... Ist nicht zu oft da...
-Gibt eine prächtige Dekoration...,“ erwiderte der kleine, energische
-Bühnenmann, der in Gedanken blitzgeschwind die ganze Ausstattung des
-Dramas entwarf.</p>
-
-<p>„Packen Sie aus, packen Sie aus, junger Dichter,“ fuhr der Direktor
-lebhaft fort, „geben Sie mir das Manuskript... setzen Sie sich mir
-gegenüber... und geben Sie mir so kurz wie möglich den Inhalt der
-einzelnen Akte an. Ich habe nur wenig Zeit... muß zur Probe. &mdash; Aber
-Ihr Stück interessiert mich... also sprechen Sie....“</p>
-
-<p>Er warf einen Haufen Papiere, die vor ihm auf dem Schreibtische lagen,
-beiseite, legte das Manuskript an ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> Stelle und begann darin zu
-blättern, während er das scharfgeschnittene, geistvolle Gesicht dem
-Autor zuwendete, der den Inhalt der drei Akte zu erzählen begann.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Astorre Braglione, der Sohn und Erbe der herrschenden Familie in
-Perugia, ist ein gütiger, nachdenklicher und schwacher Mensch. Wird
-er dereinst der rechte Mann sein, um das Erbe der Väter gegen alle
-Gewalt und List der feindlichen Nachbarn zu schützen? Ach, daß er
-dem jungen Filippo gliche, dem unehelichen Kinde seiner schönen,
-lasterhaften, herrschsüchtigen Tante Atalanta Braglione, von der
-Filippo die unbändige Stärke, die verführerische Schönheit und die
-kraftvolle Schändlichkeit geerbt hat! Nicht einmal gegen seinen Vetter
-Carlo Braglione kommt er auf, dem Bosheit und Scheelsucht aus den
-tiefliegenden, schwarzen Augen funkeln. Astorre kommt noch zu Lebzeiten
-seines greisen Vaters zur Herrschaft; die Feindseligkeiten Filippos,
-des Bastards, und Carlos, verbittern sein Leben, bis die eine, die
-ewige Liebe in sein Herz einzieht und mit ihrem Scheine alle Schatten
-vertreibt. Die schöne Lilie Roms, Lavinia Colonna, ist Astorres Braut
-geworden. Nun mögen Filippo und Carlo an sich reißen, wonach ihr
-böses Herz steht! Was tut ihm das, wenn erst die edle römische Lilie
-mit ihrer Pracht und ihrem Duft an seinem Herzen ruht. &mdash; Der alte
-Fürst Colonna gibt den Verlobten zu Ehren ein prunkvolles Maskenfest;
-Lavinia, nur mit kostbaren, flimmernden, rosenfarbenen Schleiern und
-mit dem wallenden Mantel ihres Haares geschmückt, lehnt als Venus an
-einer Marmorsäule. Da plötzlich &mdash; was erbleicht Lavinia, die herrliche
-Jungfrau? Warum greift sie mit der Hand zum Herzen, warum werden ihre
-Lippen blaß wie Narzissen? Filippo hat in der Tracht des Orpheus den
-Festsaal betreten. Sein Haupt ragt über die ganze Schar der Gäste
-hinaus, obwohl zahlreiche stattliche Edelleute sich auf dem glatten
-Fußboden bewegen. Sein<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> Arm hält die bekränzte Leier, Rosen krönen sein
-Haar. Er ist so groß, stark und brutal, seine Augen blicken so hart ...
-Seine Blicke treffen gerade in Lavinias Augen, werden weich und flammen
-dann begehrlich auf... Ihr ist, als ob ihre Seele versinkt in den
-Flammen dieser Augen.... Aber Astorre, der beglückte Bräutigam, tritt
-galant zu seiner Verlobten hin und legt die Hand auf ihren Arm. Lavinia
-zuckt zusammen, wie unter der Berührung eines eklen Gewürms, doch sie
-besinnt sich: immerhin &mdash; ihr Bräutigam ist der Herr von Perugia.
-Jener &mdash; er ist ihr ein Fremder; &mdash; sie wird ihn vielleicht niemals
-wiedersehen....</p>
-
-<p>Und dann ist die Hochzeit in Perugia. Die Kavaliere und die edlen
-Damen, sie alle schwelgen in Lust und Übermut. Im schönsten Saale des
-Palastes Broglione ist dem jungen Paare das Hochzeitsbett bereitet,
-dessen hohes, geschnitztes Gestell ganz mit purem Golde überzogen
-ist. Die Neuvermählten werden unter Fackelglanz und Rosenregen ins
-Brautgemach geführt. Wer sieht den Stahl des Todes, der unter den Rosen
-der Liebe blitzt?</p>
-
-<p>Filippo hat seinen Hass und Neid nicht länger bändigen können. Es wird
-ihm nicht gelingen, in das hochzeitliche Gemach Astorres und Lavinias
-allein einzudringen. Aber wozu fremde Meuchelmörder dingen? Feinde
-genug hat Astorre in der eignen Familie: einer der ärgsten ist Carlo
-Braglione, der immer zurückgesetzte, ärmere Vetter des Bräutigams.
-Carlo zieht noch einen Todfeind der Braglione, Herrn Girolamo della
-Penna, in die Verschwörung. In der Nacht, als Amor das hochzeitliche
-Zimmer mit seinen höchsten Fröhlichkeiten erfüllt, dringen die drei
-ins Gemach, nachdem sie die Wächter, erprobte Diener der Braglione,
-niedergemetzelt haben. Astorre springt vom Lager auf, er sucht
-sein Schwert; da durchbohrt ihn von vorn der Damascener Dolch des
-furchtbaren Filippo, während Carlo<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> ihm seinen Degen durch den Rücken
-rennt. Ein gewaltiges Getümmel entsteht; der greise Vater und der
-junge Bruder Astorres kommen zu Hilfe: Carlo und Girolamo schlachten
-beide in wilder Mordlust, sie schlachten und durchbohren, was vor ihre
-Klinge kommt. Filippo allein hat an dem einen Opfer genug. Heulend,
-wie ein wildes Tier, wirft er sich über Astorre, der im letzten Kampfe
-röchelt, reißt ihm die Brust auf, zerrt das blutende Herz hervor und
-beißt mit seinen Tigerzähnen in das blutende Herz. &mdash; Da ist seine Gier
-gestillt, nun kann er an die lebendige, blühende Beute denken. Es wird
-noch einen heißen Kampf kosten, Lavinia Braglione zu erobern! &mdash; Und
-das Unfaßliche geschieht, selbst dem Mörder unerwartet: Lavinia stürzt
-freiwillig in die Arme des Starken.... Mitten in dem Hochzeitsgemach,
-das mit Leichen angefüllt ist, steht die Jungvermählte und reicht
-Filippo die geöffneten Lippen zum Kuß....</p>
-
-<p>„Ich werde es mir überlegen &mdash;,“ sagte Direktor Holderbaum, innerlich
-freudenvoll, „ich werde es mir überlegen ... Immerhin eine Idee darin.
-Der Triumph des Starken...“</p>
-
-<p>„Über die Schwachen, ja,“ sagte Eberhard.</p>
-
-<p>„Von Ihrem Stück abgesehen: glauben Sie, daß die Starken ein
-moralisches Recht haben, die Schwächern einfach niederzutreten?“</p>
-
-<p>„Sie tun es doch....,“ erwiderte der junge Mann nachdenklich. „Wer
-fragt den Sieger nach Recht oder Unrecht?“</p>
-
-<p>„Und unsere Religion, Herr Freidank, welche die Hilflosen schützt? Und
-unsere moderne Staatskunst?“</p>
-
-<p>„Sie haben uns beide keinen Gefallen damit getan, Herr Holderbaum, daß
-sie die Minderwertigen protegieren. Diese Schwachen nehmen den Starken
-Platz weg.... Licht und Luft weg....“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Zwei Tage später wurde Eberhard wieder zu dem Theaterdirektor
-beschieden. Der kleine Mann tat heute ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> vertraut und familiär und
-zog Eberhard in sein Privatkabinett. Bei Wein und Zigarren plauderte er:</p>
-
-<p>„Hören Sie an, mein lieber junger Dichter, was ich Ihnen sage! Ihr
-Stück ist gut. Es ist sogar sehr gut. Aber .... Nun gut, kommen wir
-zur Sache! &mdash; Ich selbst habe eine Idee! Eine brillante Idee! Für ein
-Theaterstück. Es soll, gewissermaßen, ein Sensationsstück werden.
-Ein Kassenstück! Die Kunst ist schön und erhaben, gewiß. Ich lebe
-nur für die Kunst! &mdash; &mdash; Aber was nutzt die beste Kunst, wenn mir
-mein Kassierer nicht bestätigen kann: Es ist eine gute, es ist eine
-einträgliche Kunst &mdash;!“</p>
-
-<p>Auf solchen Umwegen kam er endlich zu dem Kern seiner Rede. Er
-hatte eine Lustspielidee. Es war eine banale, dabei aber tolle und
-verwickelte Handlung. Er brannte darauf, dieses Stück auf seine Bühne
-zu bringen. Dabei hatte er nicht den mindesten Autoren-Ehrgeiz, o nein!
-Er hätte das Stück nicht selbst schreiben können. Er wollte auch gar
-nicht als Verfasser gelten. Freidank sollte &mdash; o gewiß, das könnte er!
-&mdash; seiner Idee Worte und Ausdruck leihen. Schließlich rückte er mit
-seinem Vorschlage heraus:</p>
-
-<p>Freidanks Renaissance-Schauspiel sollte zu Beginn der kommenden Saison
-aufgeführt werden. Als erste Winterneuheit, jawohl! &mdash; Er steckte
-nicht im Publikum und in der Kritik drin. Aber so viel glaubte er
-als erfahrener Bühnenmann heute schon sagen zu können? es würde ein
-literarischer Erfolg werden. Dadurch wären eine Reihe von Aufführungen
-gesichert.... Als nächste Neuheit sollte dann das Lustspiel nach
-Holderbaums Idee folgen. Wenn Freidank einverstanden wäre, dann wäre
-sein Drama angenommen. Jawohl, angenommen!</p>
-
-<p>Freidank war einverstanden. Ach, es war ja alles so viel mehr Glück,
-als er hatte hoffen dürfen! &mdash; Als er auf die Straße hinaustrat, kamen
-ihm alle Menschen geputzt<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> vor. Ein kleines, armes Mädchen, welches ihm
-Blumen anbot, schien eine lächelnde, verschwenderische Fee zu sein. War
-keiner da, mit dem man reden konnte? Keiner, in dessen Gesellschaft
-man sein Glück feiern konnte? Freidank sah unwillkürlich die Straße
-entlang. Dort unten &mdash; oder täuschten ihn seine Augen? &mdash; dort kam
-Hermann Thyssen, die Hände in den Taschen, die schönen Augen über alle
-Menschen, die den großen, auffälligen Mann neugierig anstarrten, hinweg
-in die helle, sonnenscheindurchleuchtete Frühlingsluft gerichtet.
-Thyssen wollte ihn indessen vielleicht nicht mehr kennen, nachdem
-er seiner Laufbahn als Ringkämpfer so schnell den Rücken gekehrt
-hatte, ohne viele Gründe anzugeben? &mdash; Aber er irrte sich. Thyssen
-erblickte ihn einen Moment später. Seine dunkeln, hochmütigen Augen
-leuchteten flüchtig auf, als er lächelnd den „Dritten“ seiner großen
-Dezemberkonkurrenz begrüßte:</p>
-
-<p>„Tag, Roland! Ausreißer müßt’ ich eigentlich sagen. Du bist also doch
-lieber bei deinem jeistigen Jeschäft jeblieben? Schade um dich. Du bist
-jute Klasse... wärst erste Klasse jeworden...“</p>
-
-<p>Nachdenklich sah er Eberhard an.</p>
-
-<p>„Na, du bist wohl jetzt unter den Berliner Amateurringern Hecht im
-Karpfenteich?“ fragte Thyssen.</p>
-
-<p>„Auch das nicht,“ sagte Eberhard betrübt. Es war plötzlich eine Freude
-in ihm klirrend zersprungen, wie eine Geigensaite. Beim Anblick des
-stolzen Champions, der die kleinen Menschen auf der Straße überragte,
-wie die Tanne das Unterholz, schien ihm mit einem Male, daß er einen
-schlechten Tausch gemacht hätte. Die große Freude, die ihn kurz vorher
-erfüllt hatte, war seltsam matt geworden...</p>
-
-<p>„Wollen ’mal ’n lütten Frühschoppen machen, allright?“ schlug Thyssen
-vor. „Hast doch Zeit, Roland?“</p>
-
-<p>Er hatte Zeit. In der farbigen Dämmerung der alten<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> Weinstube saßen sie
-bei den Römern und redeten über leichte und ernste Dinge.</p>
-
-<p>„Von Nizza komm’ ich. Gott, da unten haben sie einen Enthusiasmus
-&mdash; &mdash;! Obwohl es den Französ’chen nicht gerade gefiel, daß ich alle
-ihre Landsleute aufs Kreuz legte, waren sie doch... Nein, das ist
-unbeschreiblich! Das muß man gesehen haben! &mdash; Hernach ist man dann
-doch froh, wenn man zu Hause in Deutschland gerade in den herben
-Frühling hineinkommt.“</p>
-
-<p>„Und wohin reist du jetzt, Thyssen?“</p>
-
-<p>„Nach Kölle &mdash;!“ sagte der Champion lächelnd im wohlklingenden,
-schleppenden Dialekt seiner Heimat. „Da unten bin ich doch am liebsten.
-Ich hab’ überall gerungen, nicht wahr. In London, in Paris &mdash; in
-Rußland &mdash; in Persien &mdash; in der Türkei &mdash; nun überall... Ich hab’ über
-hundert Meisterschaften. Aber in Köln &mdash; &mdash;! Wenn ich nach Kölle komm’,
-sagt jeder köll’sche Jung’: verdammt, dat Hermännche ist wieder
-da &mdash; &mdash;!“</p>
-
-<p>Er schlug lachend und ein wenig verlegen mit der starken Faust auf den
-Tisch. Gewiß, er war stolz auf seine Kraft und seine Volkstümlichkeit.
-Aber wie liebenswürdig war er in diesem natürlichen Selbstbewußtsein!
-Wahrlich, er hatte Grund, stolz auf sich zu halten!</p>
-
-<p>„Und du?“ fragte Thyssen jetzt, die Augen fest auf Freidank gerichtet.
-„Examen gemacht? &mdash; Schulmeister in spe?“</p>
-
-<p>„Ich hab’ ein Stück geschrieben,“ sagte Freidank.</p>
-
-<p>„Ach?! Wann wird es denn aufgeführt?“</p>
-
-<p>„Ende August, hoff’ ich.“</p>
-
-<p>„Laß’ mal sehen,“ überlegte Thyssen. „Ich werde vielleicht zu dieser
-Zeit hier sein. Im Juli bin ich in Ostende... im Dezember in Wien...
-Ich werde also bei der Premiere klatschen helfen können...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span></p>
-
-<p>„Wenn mein Stück nicht durchfällt!“ scherzte Eberhard.</p>
-
-<p>„Das wär’ auch kein besond’res Malheur,“ sagte der Champion, der schon
-viel Glück und Leid hatte aufblühen und vergehen sehen, freundlich. Er,
-der so stark und ruhig war, nahm die Widerwärtigkeiten des Lebens, die
-zu jeder Zeit auch an ihn herantraten, nicht recht ernst. Mit seinen
-starken Händen und seinem ausgeglichenen Charakter schob er Menschen
-und Schicksale, die sich ihm hindernd in den Weg stellten, mit ruhiger
-Rücksichtslosigkeit beiseite. „Kein besond’res Malheur,“ wiederholte
-er gleichmütig. „Dann wirst du einfach wieder Ringkämpfer. Ich kenn’
-kein Malheur außer Krankheit &mdash; &mdash; Alles andre läßt sich schieben...
-entweder, oder...“</p>
-
-<p>Da war er, der harte, hochmütige Zug in dem schönen Gesichte, der
-Hermann Thyssen manchen Feind gemacht hatte. Jetzt wußte Freidank,
-weshalb man ihn anfeindete. Die Schwachen, die dem Schicksal und seinen
-Launen hilflos unterworfen waren, sie beneideten den Starken, der ein
-Meister nicht nur im Ringkampf war, sondern auch ein Herr und Meister
-im Leben...</p>
-
-<p>„Ich wette,“ sagte Thyssen jetzt mit klugem Lächeln, „ich wette, daß
-ein Mädchen dich damals festgehalten hat?“</p>
-
-<p>„Ein Mädchen,“ sprach der junge Mann.</p>
-
-<p>„Sie sind schlimm, die Mädchen! Man muß sich vor ihnen in Acht nehmen,“
-scherzte Thyssen. „Fräulein Fritzi l’Alouette zum Beispiel &mdash; mein
-Gott, schlank, niedlich und kindlich war sie <em class="gesperrt">doch</em>! &mdash; hab’ ich
-leider schon in Amsterdam nach vierzehn Tagen verloren. Sie bevorzugte
-meinen schwarzen Diener und Masseur gar zu auffällig... Vierzehn Tage
-treu zu bleiben ist eine harte Aufgabe für ein hübsches Mädchen!“ fügte
-er mit heiterem Spott hinzu.</p>
-
-<p>Auch nachdem Eberhard sich von Thyssen getrennt hatte, hielt die
-Freude über die Begegnung an. Eine merk<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>würdige Heiterkeit, die sein
-Lebensgefühl aufs Angenehmste erhöhte, verklärte ihm heute selbst
-gleichgültige Handlungen. Am abend, als er Therese abholte, war ihm
-dann mit einem Male, als ob er dem Mädchen durch diese Freudigkeit ein
-kleines Unrecht zugefügt hätte. Da versuchte er sich selbst glauben zu
-machen, daß die Annahme seines Schauspiels ihm die glückliche Stimmung
-gegeben habe und stellte durch diesen bescheidenen Selbstbetrug sein
-Gleichgewicht wieder her.</p>
-
-<p>An diesem Abende überschüttete er Theresen mit dem Reichtume seines
-Gefühls und trug diesen Überschwang auch in die nächsten Monate hinein.
-Er behandelte nun seine Braut mit um so größerer Güte, als er sich
-selbst im stillen fortwährend Vorwürfe machte. Der plötzliche Übergang
-aus einer Periode lebhafter Denk-Arbeit in eine fast beschäftigungslose
-Zeit hatte seinen Geist erregt und beunruhigt. Dazu kam, daß er nach
-der Begegnung mit Thyssen an seine Ringkämpferlaufbahn mit dem süßen
-und bitteren Schmerz einer unglücklichen Liebe zu denken begann. Der
-süße und bittere Schmerz steigerte sich nicht bis zu ernsten Leiden,
-nicht einmal bis zur Sehnsucht; aber er war immerfort da und brannte,
-als wäre seine Haut mit glühendem Eisen in Berührung gekommen. Um zu
-vergessen, übernahm er ab und zu kleine Arbeiten, die eine Spanne Zeit
-ausfüllten und ihm ein wenig Geld einbrachten.</p>
-
-<p>Seine Liebe zu Therese gewann durch den Aufschwung seiner Gefühle
-an Inbrunst und Tiefe. Die zeitweilige Trennung und die keuschen
-abendlichen Zusammenkünfte unter den Augen der Mutter, bei denen
-niemals mehr etwas geschah, was den Brautleuten nicht erlaubt war,
-hielten seine Sehnsucht beständig wach. Dennoch trug er aus diesen
-Wochen keinen Gewinn davon, da eine Spannung, die niemals nachließ, ihn
-quälte und in Ruhelosigkeit versetzte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p>
-
-<p>Es war für ihn eine Erlösung aus müder, unfruchtbarer Zeit, als die
-Proben zu seinem Schauspiel auf der Höhe des Sommers einsetzten.
-Direktor Holderbaum hatte die Proben frühzeitig begonnen, um durch
-einen moralischen Druck zu erreichen, was seinem Drängen bisher nicht
-gelungen war, nämlich die Ausarbeitung seiner eigenen Lustspiel-Idee.
-In der Tat ging Eberhard sofort an dieses Werk mit einem gewissen
-Ungestüm, welches so kräftig war, daß es alle seine Unlust und seine
-Bedenken gegen die Arbeit überwand. In kaum drei Wochen vollendete er
-das Stück. In diesen drei Wochen war es seinem Herzen nicht um einen
-Schritt näher gekommen, wiewohl es in seinen Gedanken fortwährend
-gelebt hatte. Herr Holderbaum war von dem Gewande, welches Freidank
-seinem Geisteskindlein gegeben hatte, so entzückt, daß er nichts lieber
-getan hätte, als das Lustspiel zuerst aufzuführen und das Schauspiel
-später folgen zu lassen. Aber diesmal bestand Freidank starrköpfig auf
-seinem Kontrakte. Nun begann Holderbaum, an einzelnen Szenen des Dramas
-zu mäkeln. Wie? Filippo reißt dem Astorre das Herz aus der Brust und
-zerfleischt es mit seinen Zähnen? Und Lippen, die rot vom Herzensblut
-des jungen Gatten sind, soll Lavinia küssen? Welchem Publikum könne man
-so entsetzliche, bluttriefende Szenen zumuten?</p>
-
-<p>Eberhard bestand weder auf seiner wörtlichen Fassung, noch auf der
-historischen Treue. Er gab nach, wo nachzugeben war, er ließ streichen,
-was gestrichen werden sollte. Aber in der Hauptsache blieb er zäh. Sein
-Schauspiel sollte die Reihe der Neuheiten einleiten. Dann konnte man
-das Lustspiel aufführen... oder was man sonst wollte...</p>
-
-<p>Er hatte früher nie gedacht, daß die Aufführung eines Schauspieles
-so viele unerfreuliche Stunden, so kleinliche<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> Verdrießlichkeiten
-und langwierige Verhandlungen mit sich bringt. Oft kam er verärgert
-von der Probe nach Hause, und eines Abends erklärte er Theresen
-leidenschaftlich, daß er nun vor der öffentlichen Aufführung keinen Fuß
-mehr in das Theater setzen werde. Irgend jemand hatte irgend etwas von
-seiner kurzen Athletenkarriere aufgeschnappt und kolportiert. Nun gab
-es hier und dort törichte Anspielungen und hinterhältige Bemerkungen,
-die dem ehrlichen, schweigsamen Menschen das Blut in den Kopf trieben.
-Mit der Feder, ja, und mit der Faust wollte er jeden Halunken bedienen,
-der ihm übel wollte. Aber wer kam gegen die verschleierten Stachelreden
-dieser Zwergenzunft auf?</p>
-
-<p>Therese lachte über seinen Zorn:</p>
-
-<p>„Ist das möglich, daß mein lieber großer Roland so viel Ärger
-aufbringt, so lang und stark wie er ist? Du hast keine Ursache,
-beleidigt zu sein, Eberhard! Wenn dich jemand verletzen will, so höre
-nicht darauf... Oder noch besser: bleibe den Verdrießlichkeiten fern.
-Tu’ irgend etwas anderes...“</p>
-
-<p>Er sah über sie hin und sagte, wie beiläufig:</p>
-
-<p>„Wäre ich Ringkämpfer geblieben, auch du wärest besser d’ran...“</p>
-
-<p>Sie blickte ihm ernsthaft ins Gesicht, welches seit einigen Wochen oft
-müde und verdrießlich aussah. Ein Gedanke kam ihr:</p>
-
-<p>„Was hindert dich, Eberhard, zu deinem Vergnügen zu trainieren? du hast
-Zeit genug. Es wird dir gut tun. Trainiere bei André Leroux,
-Eberhard!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>André Leroux war stolz, daß Roland, der sich damals mit einem Schlage
-in den Sportkreisen einen Namen gemacht hatte, wieder zu ihm kam. Er
-hatte sich inzwischen mit einem jungen, vermögenden Mädchen verheiratet
-und konnte nun der Sportleidenschaft, die sein Herz fast ganz
-aus<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span>füllte, in größerem Maßstabe huldigen. Er hatte sich den sehnlichen
-Wunsch erfüllt, die Trainierhalle auf längere Zeit zu pachten und mit
-modernen hygienischen Einrichtungen nach englischem Muster und eigenen
-Ideen auszustatten.</p>
-
-<p>Mit wahrer Schöpferfreude führte er Freidank herum. Es gab jetzt
-in André Leroux’ Trainierhalle warme und kalte Bäder und Douchen,
-Feldbettstellen mit wollenen Decken und einen elektrischen
-Massage-Apparat. Herren und Damen konnten jetzt jede sportliche
-Bequemlichkeit bei ihm haben!</p>
-
-<p>„Damen?“ fragte Freidank, „Artistinnen haben doch schon immer hier
-geübt?“</p>
-
-<p>„Nee, Damens! Feine Damens! ’n janzer Damen-Ringkampfklub!“ versicherte
-Leroux, freudestrahlend, daß er auch das weibliche Geschlecht für den
-athletischen Sport zu interessieren gewußt hatte. „Meine Frau, Lina
-heißt sie, trainiert die jung’ Damens. Eine Freude, sach’ ick Ihn’!
-Eine Lust, wie die junge Meechens ringen! Ringen und stemmen besser wie
-die Kerls, wahrhaftig... Es ist ’ne Schande für die junge Kerls, aba
-et is wahr! Meine Frau is aba ooch ’n Trainer, der sich jewaschen hat!
-Ooch naturell... Imma liejt se in de liebe Sonne, wie ick... Na, Sie
-müssen ihr seh’n! Braunjebrannt is se... dajejen sehe ick weiß wie’n
-Eisbär aus... Se is direkt schwarz... wie ’n Neja..., wie so ’n kleena
-Affe... Na, ick hab’ et jut jetroffen mit se, det muß wahr sind!... Aba
-nu woll’n wa ma’ ranjehn, Herr Roland &mdash;!“</p>
-
-<p>Der Trainer sah übrigens, als er seine Jacke auszog und sich im
-ausgeschnittenen Trikot präsentierte, durchaus nicht „weiß wie ein
-Eisbär“ aus, sondern seine Haut glänzte in einem tiefen, natürlichen
-Braun. Er brauchte seit seiner Verheiratung nicht mehr Modell zu stehen
-und da er seine<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> ganze Zeit auf die Pflege seines Körpers verwendete,
-war er noch kräftiger und elastischer geworden. Mit seiner glühenden
-Sportbegeisterung, seiner Munterkeit und seinen im Grunde vernünftigen
-Ansichten, die er drastisch und unter allerhand drolligen, sinnlosen
-Redensarten vortrug, war er ein idealer Trainer, der jeden, der
-sich ihm anvertraute, bis zur denkbar größten Höhe körperlicher und
-sportlicher Entwickelung führte.</p>
-
-<p>Er ging mit Freidank äußerst scharf ins Training und erreichte damit,
-daß der junge Mann sich schon nach wenigen Tagen wieder frisch und
-lebhaft zu fühlen begann. Die Verdrießlichkeiten der jüngsten Zeit
-traten in den Hintergrund; er sprach nicht mehr davon und lachte
-sorglos, wenn Therese das Gespräch auf die nahe Aufführung brachte.</p>
-
-<p>In dem Maße, in welchem der junge Mann sich der wiedergewonnenen
-Lebenslust überließ, wurde indessen Therese nachdenklicher und wohl
-auch sorgenvoller. Sie wußte, daß die nächste und auch die fernere
-Zukunft von der Aufnahme des Schauspieles abhing. Diese Verschiedenheit
-ihrer Sorgen und ihrer Auffassung von dem, was eine Entscheidung und
-Wendung in ihrem Leben bezeichnen sollte, führte eine unausgesprochene,
-stille und bittere Entfremdung zwischen den Brautleuten herbei,
-die Theresen tagsüber mitten unter dem Lärm und Klappern ihres
-Telephondienstes schmerzhaft quälte und ihren Nächten den Schlummer
-nahm und dafür die einsamen, heimlichen Tränen gab.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i186" name="i186">
- <img class="w3em mbot2 mtop2" src="images/i186.jpg" alt="Ende Kapitel XI" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XII">XII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Therese saß mit klopfendem Herzen vor dem Vorhange, der sich in wenigen
-Minuten heben sollte, um das Werk ihres Bräutigams zu enthüllen. Es
-war ein kurioser und absonderlicher Gedanke für sie: diese Menschen,
-die ringsum die Reihen füllten, waren gekommen, um über seines Geistes
-Frucht Richter zu sein. Frau Ambrosius hieß das junge Mädchen aufstehen
-und nach irgendwelchen Bekannten ausschauen. Therese sah sich um.
-Sie überragte die meisten dieser Männer und Frauen. Sie kam sich
-in ihrer schlanken Höhe plötzlich einsam vor. Eberhard fehlte ihr.
-Sie dachte daran, daß er und sie in den letzten Wochen verschiedene
-Gedankenwege gegangen waren und sie empfand ein heißes Verlangen, in
-dieser Stunde, ach, in dieser Minute! alles, was sich störend fremd
-zwischen sie gestellt hatte, mit einem brennenden Kusse zu vernichten.
-Sie war doch da, die Liebe! sie lebte doch wie an jenem dämmernd grauen
-Januarabende, da ihre Lippen sich mit seinen aufs innigste vereinten,
-da die Macht ihrer Liebe so stark und sieghaft gewesen war, um den
-Losgelösten, Enteilenden zu fesseln und zu halten. Was hätte sie darum
-gegeben, hätte sie ihren Bräutigam jetzt, ehe die Aufführung begann,
-noch einmal umarmen und ihm mit einem Kusse ins Ohr flüstern können,
-daß sie eins mit ihm sei und daß sie fröhlich zu ihm halten wolle, was
-beiden auch der Zufall brächte! Aber sie mußte sich damit begnügen, nur
-ein zärtliches Gedenken dorthin zu senden, wo Eberhard weilte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-<p>Über einem fremdartig glanzvollen Bilde ging der Vorhang auf. Die
-Zuhörer waren sichtbarlich gefesselt von der Kraft einer Sprache,
-die mit vielem Glück die südliche Glut der Renaissancestimmung
-wiedergab. Die reichen Kleidertrachten, die den Augen von den Bildern
-der italienischen Meister her bekannt waren, erschienen seltsam und
-doch vertraut. Man kannte die Fabel des Stückes nicht; die Geschichte
-des Hauses Braglione war nicht genügend bekannt, um den Ausgang
-vorherwissen oder auch nur ahnen zu lassen. Darum nahm man den ersten
-Akt mit einem Wohlgefallen auf, der Thereses Herz in hellen Jubel
-versetzte.</p>
-
-<p>Der zweite Akt brachte den Konflikt zwischen den feindlichen
-Verwandten. Da stand auf einer Seite das Paar, dem die Sympathie
-gehörte, Astorre mit der ihm angetrauten Lavinia. Die Bösewichter, die
-feindliche Partei, schmieden im Garten ihre finstern Pläne, während der
-Freudenlärm des Hochzeitsbanketts die Säle durchrauscht. Ein Engel wird
-mit den Guten sein, wird die Schwachen stützen, die feindlichen Mächte
-zunichte machen! &mdash; Der Akt ging zu Ende, die Jungvermählten wurden
-in strahlender Fackelprozession ins Hochzeitsgemach geführt. Dieses
-reizende Bild entzückte und riß hin; der Name des Dichters erklang von
-hundert Lippen, und wieder einmal, wie vor acht Monaten, stand Freidank
-vor einer Menge, die ihm Beifall klatschte... Irgendwo pfiff einer; der
-wurde niedergeklatscht&nbsp;...</p>
-
-<p>Hinter dem Vorhang beglückwünschten sie den Dichter, umarmten ihn in
-auflodernder Begeisterung. Holderbaum schüttelte ihm wild die Hände,
-gratulierte ihm und sich:</p>
-
-<p>„Himmel, Mensch! Herr Freidank! freuen Sie sich denn gar nicht?“</p>
-
-<p>In ihm war etwas... wie eine große Enttäuschung<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> ... Wie anders hatte
-der Beifall einst im Odeontheater geklungen, da Tausende seinem
-schlanken Leibe, seiner Kraft und Schönheit freiwillig huldigten! Das
-war gewesen wie ein Meer, das dröhnend und schmeichelnd zu seinen Füßen
-rauschte....</p>
-
-<p>„Einer hat gepfiffen!“ erwiderte er und lachte, „einer hat gepfiffen,
-Herr Holderbaum!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Sie sind nicht recht gescheit! Und die andern, die Bravo klatschten?“</p>
-
-<p>„Immerhin!“ sagte Freidank eigensinnig, „es hat doch einer gepfiffen!“</p>
-
-<p>Nein, sie huldigten nicht einem Geiste, der ihnen etwas zu sagen
-hatte, der sein Herzensblut und die Arbeit langer Tage und Nächte in
-sichtbare und hörbare Formen gepreßt hatte, um ihnen Geist von seinem
-Geiste darzubringen. Sie waren alle, fast alle! nur gekommen, um an
-dieser Stätte ihre eigenen Ideen nachgebetet, ihre privaten Meinungen
-bestätigt zu hören. Sie wollten gar nicht, daß der starke Überwinder
-Sieger bleibe und die Braut heimführe. Sie gönnten Astorre, dem
-guten, schwachen, friedliebenden Astorre Triumph über den kraftvollen
-Schurken. Ein Schrei des Mitgefühls, der Entrüstung bebte auf allen
-Lippen, als Astorre unter dem Mordstahl seines Feindes fiel... O,
-dennoch wird der Mörder unterliegen! niemals wird er Lavinia, die
-wunderschöne Lavinia, sein eigen nennen! &mdash; Da... wer sollte es
-glauben? &mdash; Lavinia, von der gesagt ist, daß sie „schön und stark
-ist, wie ein Tier der Wildnis,“ &mdash; sie wendet sich, wie ein Tier der
-Wildnis, dem siegreichen Nebenbuhler zu... Ohne Scham und ohne Mitleid,
-wie eine Löwin, die ohne Besinnen dem stärksten Männchen nachgeht,
-reicht sie dem Mörder die Lippen zum Kusse, die noch von den Küssen des
-ermordeten Gatten brennen...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p>
-
-<p>Ein Sturm der Empörung brach los. Wie? so sollte ein Mensch, einfach
-weil er physisch größer und stärker war, über Moral und Recht
-triumphieren? Der Legitime, auf dessen Seite das Recht und die
-Ehre waren, mußte der brutalen Übermacht der Körperkraft weichen?
-Und das zuchtlose Weib dort oben, auch sie warf sich in tierischer
-Wahl dem kräftigen Mörder in die Arme? Ein Dichter wagte also,
-aller Gerechtigkeit zum Hohne, die rohe Faust zu verherrlichen,
-den Friedliebenden ein solches Entsetzen einzuflößen, den Frauen
-ein solches Beispiel aufzustellen? An allen Enden des Hauses brach
-der Tumult aus. Jeder einzelne fühlte sich ins Gesicht geschlagen.
-Jeder einzelne wollte dazu beitragen, diese Moral der Kraft
-niederzuschreien... niederzutreten... totzupfeifen... Einige Hände
-klatschten zum Hohn Applaus, einige Stimmen schrien aus Freude am
-Skandal nach dem Dichter. Da erschien Eberhard, der bei dem Übermaß
-von Wut und Mißfallen plötzlich befreit und wie erlöst sich selbst
-wiedergefunden hatte. Mit Entrüstung sahen es die Tobenden: er stand
-selber da, als der Stärkste von Allen, und er war nicht blaß, und er
-war nicht verlegen, sondern er lachte und machte in den Spektakel
-hinein eine ironische Verbeugung. Damit noch nicht genug, begann er
-als Antwort auf das Pfeifen und Heulen seinem eigenen hoffnungslos
-verlorenen Drama Beifall zu klatschen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dann, als der Vorhang gefallen war, stand Direktor Holderbaum vor dem
-ausgepfiffenen Dichter. Er gestikulierte wild mit den Händen, schrie
-Eberhard an und weinte fast:</p>
-
-<p>„Ich habe es Ihnen gesagt: hätten Sie auf mich gehört! Aber Sie mußten
-&mdash; ach, dieses Unglück! &mdash; Ihr Stück herauskriegen, statt meiner
-Idee...“</p>
-
-<p>„Ihre Idee ist ebenfalls Dreck!“ sagte Freidank grob,<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> „gehen Sie zum
-Teufel mit Ihrer Idee! Ich habe genug von den Ideen...“</p>
-
-<p>Mama Ambrosius war nach Hause vorausgefahren; Therese stand vor dem
-Theater und hatte das Spitzentuch, das den Kopf verhüllte, bis übers
-Gesicht gezogen, um die unwillkürlich rinnenden Tränen zu verbergen.
-Als Eberhard kam, tupfte sie schnell mit dem Taschentuche die Augen
-trocken, aber er hatte ihre Tränen schon gesehen und rief mit hellem,
-echtem Lachen:</p>
-
-<p>„Mein Liebling! Du weinst?! Aber lache doch, Therese! Aber freu’ dich
-doch, mein Herz, daß nun alles klar ist und klarer, als es früher war!“</p>
-
-<p>Er sandte eine Botschaft nach Hause an Mama Ambrosius, daß er mit
-Therese noch eine Flasche Wein trinken wollte und daß er seine Braut
-später wohlbehalten heimbringen werde. Dann fuhren sie, fest aneinander
-geschmiegt, Hand in Hand, im offenen Wagen fort. Er schlug ihr mit der
-freien Hand die Kopfmantille zurück und sah ihr fröhlich in die Augen:</p>
-
-<p>„Gott sei Dank, Therese, nun lachst du doch wieder!“</p>
-
-<p>Sie fuhren durch stillere Straßen, in denen der Tageslärm schon
-verhallt war, durch die warme, dunkle Sommernacht dahin. Sie waren
-allein, erregt von den wilden Ereignissen des Abends und erfüllt von
-der Freude, einander so nahe zu sein.</p>
-
-<p>„Ich bin so froh, Therese!“ sagte er immer wieder. „Was kann uns
-anfechten, Therese, da wir jung und stark und gesund sind? Heute abend
-wollen wir nicht von der Zukunft sprechen, mein Liebes. Heute wollen
-wir uns allein unserer Liebe freuen! Aber wenn du mit mir einig bist,
-Therese, so weiß ich, was ich tu’!“</p>
-
-<p>„Ich auch!“ sagte Therese, nun ganz getröstet, „ich auch!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span></p>
-
-<p>Am andern Tage kam er gegen Mittag zu seiner Braut, hübsch, energisch
-und aufgeräumt. Mama Ambrosius tat pikiert, weil Therese viel später,
-als es sich nach Ansicht der Mutter geziemt hätte, nach Hause gekommen
-war. Sie machte Freidank darüber Vorwürfe und sagte, daß er zu allem
-Unrecht, was er ihrer Tochter bereits angetan habe, nun noch die
-schlimmste Sünde füge, ihren ehrbaren Ruf zu rauben.</p>
-
-<p>„Ich will gar nicht von der entsetzlichen Blamage des gestrigen Abends
-reden,“ fuhr sie bitter fort. „Sie wollten den Erfolg mit aller Gewalt
-erzwingen... Da haben Sie das, was man mit Gewalt ausrichtet! &mdash; Hätten
-Sie Ihr Staatsexamen gemacht... nachher, wenn es Sie schon dazu zog,
-für Zeitungen geschrieben... kleine Artikel...“</p>
-
-<p>„Wie Adolf Tönnies, nicht wahr?“ fuhr er dazwischen.</p>
-
-<p>„Allerdings! &mdash; Er hat bescheiden angefangen... er wird sich
-hinaufarbeiten...“</p>
-
-<p>„Erlauben Sie, liebe Schwiegermama,“ sagte Freidank höflich, „daß
-Therese und ich es anders anfangen! Nämlich, daß wir es doch mit der
-Gewalt erzwingen. Ich bin doch kräftig genug... nicht wahr?“</p>
-
-<p>Er lächelte gutmütig und streckte seine großen, starken Hände aus.</p>
-
-<p>Ehe indessen der Sinn seiner Rede der zornigen Dame ganz klar geworden
-war, schellte es und es kam Besuch; Therese, die durch einen Spalt in
-der Türe hinausgelugt hatte, kam zurückgesprungen, flog Eberhard um den
-Hals und flüsterte lachend:</p>
-
-<p>„Es ist Adolf Tönnies!“</p>
-
-<p>Tönnies wußte nicht, daß Eberhard und Therese Verlobte waren und war
-darum ein wenig erstaunt, Freidank bei den Damen zu finden. Er hätte
-viel darum gegeben, wenn er sich in diesem Augenblicke hätte unsichtbar
-machen<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> können; aber er war nicht nur gezwungen, zu bleiben, sondern
-er mußte sogar höflich mit dem Manne reden, mit dem er vor Monaten so
-auseinandergegangen war! Denn Eberhard, der den Damen offenbar nichts
-von den Ereignissen auf jener Weihnachtskneipe der Gryphianer erzählt
-hatte, hielt die hellen Augen so befehlend, so zwingend auf den kleinen
-Tönnies gerichtet, daß Adolf die schreckliche Empfindung hatte, unter
-den herrischen Blicken des andern gleichsam zusammenzuschrumpfen.....</p>
-
-<p>„Nun, Tönnies,“ sagte Eberhard in einer Aufwallung von Mitleid, um dem
-unglücklichen Kleinen über die Situation hinzuwegzuhelfen, „hast du die
-Zeitungskritiken über meinen ergötzlichen Skandal gelesen? Ich habe sie
-nämlich nicht gelesen!“ setzte er lachend hinzu.</p>
-
-<p>„Ich bin wirklich &mdash; wirklich entzückt, Freidank, dich trotz dem
-ärgerlichen Ereignisse bei so gutem Humor zu finden! &mdash; Ja, ich habe
-die Kritiken gelesen... Wie? du hast in der Tat noch keine Zeitung zur
-Hand genommen!“</p>
-
-<p>„Warum sollte ich?“ fragte er munter, „kann ein Zeitungsbericht an den
-Tatsachen etwas ändern?... Nun also! &mdash; Damit soll keineswegs gesagt
-sein, daß ich mich jetzt nicht noch dafür interessiere... Hast du
-zufällig Morgenblätter bei dir?“</p>
-
-<p>Tönnies zog dienstbeflissen mehrere Zeitungen heraus. Da fand sich,
-daß die Kritiker der Zeitungen das vernichtende Urteil der Zuschauer
-nicht bestätigten. Sie rühmten die Fabel, sie lobten den Dialog, aber
-sie verwarfen eines: das, was sie die Tendenz des Stückes nannten. Die
-Zuschauer, so behaupteten sie, hätten ein richtiges, gesundes Gefühl
-bewiesen, indem sie eine Dichtung ablehnten, in der die verwerflichen
-Instinkte des Menschen: Mißbrauch seiner Stärke, verbunden mit Roheit
-und Grausamkeit, auf den Thron gehoben würden...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p>
-
-<p>„Nebenbei...,“ sagte Eberhard mit freundlichem Ernste, „nebenbei
-hatte mein Stück keine Tendenz. Böswilligkeit hat eine Absicht
-hineingelegt... Das ist aber nun gleichgültig. Mich treffen keine
-Pfeile mehr. Die fliegen daneben. In die Luft!“</p>
-
-<p>Er lachte, sein gutes, gesundes Knabenlachen, welches dem jungen Manne,
-der schon einige frohe und schmerzliche Erfahrungen hatte, ebenso schön
-anstand, wie es ihn in der sorgenlosen, unschuldigen Jünglingszeit
-geschmückt hatte. Tönnies sah es und fühlte, daß dieser jungen Kraft
-nicht durch Verrat der Freunde, nicht durch Verachtung, noch durch
-Mißerfolge und Widerwärtigkeiten beizukommen war. Der war aus dem
-Eichenholze seiner Niedersachsenheimat, der stand auf starken Wurzeln,
-freute sich in naiver Selbstsucht der eignen Kraft und verspottete, die
-ihm feind waren!</p>
-
-<p>Als Tönnies sich empfahl, reichte er dem ehemaligen Freunde die Hand.
-Es war fast, wie eine Abbitte, und er tat es nicht ohne Überwindung.
-Aber Eberhard nahm sie nicht. Heut’ stand er, obwohl er dazu gar keinen
-Grund zu haben schien, wie ein Sieger da und rächte sich an Tönnies,
-der seine runden Augen auch jetzt noch in heller Bewunderung auf
-Thereses Dianengestalt ruhen ließ:</p>
-
-<p>„Ja &mdash; du kannst mir auch gratulieren, Tönnies! Therese und ich, wir
-haben uns lieb! Und wir heiraten in der allernächsten Zeit... Du
-siehst, ich habe mehr wie gewöhnliches Glück gehabt!“</p>
-
-<p>&mdash; „Wie stellen Sie sich das ‚Heiraten in der allernächsten Zeit‘, von
-dem Sie soeben Herrn Tönnies Mitteilung gemacht haben, vor, Eberhard?“
-fragte Mama Ambrosius giftig, als kaum die Schritte des Besuchers auf
-der Treppe verhallt waren.</p>
-
-<p>„Sehr einfach, liebe Schwiegermama! &mdash; Sie glauben<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> doch selbst
-nicht, daß ich mich nach dem negativen Erfolg meines Stückes auf
-diesem Gebiete noch öfter auslachen lassen möchte? &mdash; Ich hätte auch
-nicht die Mittel zu solchem Luxus. &mdash; Und soll ich mich in irgendeine
-Schreibstube setzen? Vielleicht Bureaubeamter werden? &mdash; Ach nein! Dazu
-hat mir der liebe Gott die gesunden Glieder nicht gegeben. Auch will
-ich meiner Frau eine bessere Zukunft bieten, als die, die sie an der
-Seite eines schlechtbezahlten Beamten erwarten würde!“</p>
-
-<p>„Was haben Sie also vor?“ fragte Frau Ambrosius beunruhigt.</p>
-
-<p>„Erraten Sie es nicht? Ich werde sofort wieder Ringkämpfer!“ sagte
-Eberhard gelassen. „Die Gage, die ich dabei verdiene, erlaubt mir,
-mich in wirklich sehr kurzer Zeit zu verheiraten... Und das ist unser
-sehnlichster Wunsch!“ setzte er hinzu und blickte Therese innig an.</p>
-
-<p>Frau Ambrosius war außer sich. Wie? das wagte er ihr zu sagen? Hatte
-er denn vergessen, was sie ihm vor acht Monaten deutlich genug
-gesagt hatte? Wäre es noch nicht genug des Unerfreulichen, ja, des
-Skandalösen! das er über sie gebracht hätte? &mdash; Niemals würde ihre
-Tochter Therese....</p>
-
-<p>„Das traf vielleicht damals zu,“ sagte Eberhard sanft. „Heute, verehrte
-Schwiegermama, ist Therese wohl anderer Meinung geworden. Liebe ich
-Therese, weil sie das Telephon bedient? Nein! ich liebe sie selbst,
-ihren Leib und ihre Seele. Nun, darum glaube ich auch und weiß, daß
-Therese mich liebt, mich, und nicht meinen Beruf...“</p>
-
-<p>Frau Ambrosius geriet in unendlichen Zorn. Mit ihrer Einwilligung, das
-schwor sie, sollte Therese nicht die Frau eines Ringkämpfers werden,
-der herumreiste, wie ein Zigeuner, der sich auf öffentlicher Bühne
-preisgab, ja, allen Blicken preisgab!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<p>Freidank antwortete auf ihre überstürzten Reden, auf ihre Vorwürfe und
-ihre Tränen mit großer Sanftmut. Er wollte keine bindenden Zusagen
-haben, nicht heute, nicht in dieser Stunde! In einigen Wochen würde
-Frau Ambrosius ruhiger über diese Dinge denken.</p>
-
-<p>„Nie werde ich darüber anders denken!“ rief Madame Ambrosius empört,
-„nimmer werde ich dazu meine Einwilligung geben! &mdash; Therese bleibt bei
-mir..! Gar nichts gilt die Verlobung in meinen Augen! &mdash; Oh! hätten
-Sie nicht Ihren Ruf aufs Spiel gesetzt! hätten Sie meine Tochter nicht
-kompromittiert &mdash; &mdash;! Was Sie tun, geht mich und meine Tochter in
-Zukunft nichts mehr an! Gehen Sie hin, werden Sie Ringkämpfer! Werden
-Sie unserthalben Clown! Tun Sie, was Sie mögen, nur verlassen Sie mich
-jetzt!“</p>
-
-<p>„Leben Sie wohl, verehrte Schwiegermama!“ sagte Eberhard gelassen. „Sie
-werden gestatten, daß ich mich von Therese verabschiede... Therese,
-mein Lieb!“ &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Frau Ambrosius verließ das Zimmer, Eberhard und Therese waren allein.
-Der junge Mann reichte dem Mädchen die Hand und sagte, während seine
-Augen hell lächelten:</p>
-
-<p>„Ob das nun sein mußte?“</p>
-
-<p>„Laß es gut sein,“ lächelte Therese vertrauensvoll zurück. „Sie meint
-es zuletzt doch herzensgut, die Mutter!“</p>
-
-<p>„Auf Wiedersehen, Liebe!“</p>
-
-<p>„Auf Wiedersehen, mein Freund!“</p>
-
-<p>Unter so wenig tragischen Worten gingen sie auseinander, während sie
-sich warm die Hände schüttelten.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Liebe Therese!“ schrieb er ihr einige Tage später, „Thyssen war
-gestern hier. Er kam zu spät nach Berlin, um bei der Première klatschen
-zu helfen. Nun, er wäre ja nicht dazu gekommen! &mdash; Liebe Therese,
-morgen abend<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> geht’s mit dem Nachtschnellzuge davon, nach Wien, zu
-Thyssens Konkurrenz! Herzinnig Dein E.“</p>
-
-<p>Es war der erste Brief, den er ihr seit dem Auseinandergehen schrieb;
-sie hatten sich inzwischen nicht gesehen und nichts verabredet. Er
-erwartete auch keine Antwort auf den Brief und stand am Abende des
-folgenden Tages im Vorraume des Bahnhofes, immerfort zwischen Gewißheit
-und halben Zweifeln schwankend, ob sie wohl kommen würde. Nun trat er
-an den Billettschalter &mdash; sie war noch nicht erschienen &mdash; und warf
-noch einen Blick auf den Eingang. Da trat sie gerade ein, und ihre
-Augenpaare trafen sich über die Schar der Reisenden hinweg mit dem
-Gruße des Einverständnisses.</p>
-
-<p>„Zwei Billetts nach Wien!“ forderte er, ohne sich erst überzeugt zu
-haben, ob sie mit ihm fahren wollte. Kaum hatte er die grünen Kärtchen
-in der Hand, so war auch schon Therese bei ihm und sagte lächelnd:</p>
-
-<p>„Du hast doch beide Karten, nicht wahr!“</p>
-
-<p>„Aber gewiß, Therese! Wie könnte es anders sein?“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i197" name="i197">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i197.jpg" alt="Ende Kapitel XII" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XIII">XIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Sie lebten gemeinsam in jenem morgenfrischen Glück, das allein denen
-zuteil wird, die zum ersten Male in aller Reinheit und ohne Zagen den
-Kelch der Liebe an unentweihte Lippen führen. Der Mutter sandte Therese
-jeden Monat eine Summe Geldes, welche der gleichkam, die sie vorher im
-Amte verdient hatte. Sie schrieb auch Briefe. Wenn sie nun nichts von
-dem, was sie sandte, zurück erhielt, so bekam sie von der Mutter auch
-keine Antwort. Zu tief waren die mütterlichen Begriffe von dem, was man
-seinem Stande schuldig war, verletzt worden, als daß Frau Ambrosius in
-kurzer Zeit über die Flucht ihrer Tochter hinweggekommen wäre.</p>
-
-<p>Die künftigen Wochen und Monate fanden Eberhard und Theresen fast immer
-beisammen in einer glücklichen Intimität, die sie beide noch nirgends
-kennen gelernt hatten. Therese ging an jedem Abend mit ihrem Geliebten
-in den Zirkus, in dem die Schar der Athleten ihre Kraft erprobte. Nach
-der Vorstellung verbrachten sie zuweilen Stunden und halbe Nächte
-mit den Freunden, mit denen Therese harmlos, wie eine Schwester,
-umging. Eine vertrauensvolle Einfalt ließ in Eberhard nicht einmal den
-Gedanken aufkommen, Therese von den Kollegen fernzuhalten. Ihre Gefühle
-waren viel zu einfach, ihre Liebe viel zu kräftig, um in Eifersucht
-auszuarten. Tagsüber waren sie lachend, scherzend und plaudernd
-beieinander, wie zärtliche und manchmal gar unvernünftige Geschwister.
-In der Nacht aber, wenn Eberhards Haupt auf dem blühenden Busen seiner
-Freundin ruhte<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> und er durch das Nachtgewand hindurch das gleichmäßige
-Pochen ihres Herzens hörte, wurde seine Liebe so tief und groß, daß es
-ihnen beiden täglich von neuem schien, als sei dieses Heute der erste
-Tag ihres Lebens und der erste Tag der Schöpfung überhaupt, und als sei
-die ganze schöne, selige Welt nur geschaffen worden, um Eberhard und
-Therese zur Lust und Freude zu dienen.</p>
-
-<p>Thereses Heiterkeit wurde sanfter, wandelte sich in Weichheit und
-Süßigkeit um. Es trat in die Reihe ihrer Empfindungen eine zarte,
-frische und naive Sinnlichkeit ein, die ihr ganzes Wesen durchdrang,
-untrennbar von der Summe ihres Daseins, doch nach einiger Zeit auch
-untrennbar selbst von der geringsten ihrer Gesten. Sie wußten in
-unschuldiger, verliebter Genügsamkeit beide nicht, daß Thereses
-sinnenfesselnde Schönheit einer reizend erblühten Rose Aufsehen und
-Bewunderung erregte.</p>
-
-<p>Vier Wochen waren sie in Wien gewesen, dann einen Monat in Lemberg und
-einen und einen halben Monat in Warschau. Hier trennte sich Freidank
-von Thyssen, der auf Weihnachten in seine Heimat reiste, und trat
-alsbald in die Konkurrenz Gregor Kaufmanns ein, der zu Sankt Petersburg
-dreißig der größten Champions zum Kampfe um die Meisterschaft von
-Rußland vereinigt hatte. Im Laufe der Konkurrenz sollte zwischen
-einigen ausgewählten Ringern der Kaufmannschen Konkurrenz und einer
-anderen, die ein französischer Champion zusammengestellt hatte, ein
-Wettbewerb um das Championat von St. Petersburg ausgetragen werden.</p>
-
-<p>Gregor Pawlowitsch Kaufmann selbst kam zu Roland ins Hotel, um
-die Gagebedingungen und die besonderen Abmachungen innerhalb der
-Konkurrenz mit ihm durch einen geschriebenen Kontrakt festzulegen.
-Er fand Eberhard und Therese am Frühstückstische, als er sehr
-ungeniert ein<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>trat; Therese erhob sich alsbald in einer Verwirrung,
-die ihr ungemein anmutig stand; denn sie befand sich in einem lichten
-Morgenkleide, welches nur für den häuslichen Gebrauch bestimmt und
-mit seinem legeren Schnitte, der manche Reize des jungen Mädchens
-enthüllte, keineswegs für fremde Augen berechnet war.</p>
-
-<p>„Bleiben Sie, Madame, bleiben Sie!“ rief Gregor Kaufmann in seinem
-harten Russendeutsch, „sonst, bei Gott, laufe ich Ihnen nach und
-schließe mit Ihnen den Kontrakt ab...“</p>
-
-<p>„Bleibe, Therese!“ lächelte Freidank. Sie sah ihren Geliebten
-freundlich an und ließ sich leise wieder nieder, indem sie mit einer
-lieblich schamhaften Bewegung ein weißes Tüchlein, das ihr von den
-Schultern geglitten war, um den Hals zog und seine Enden vorne
-kreuzweise übereinander legte.</p>
-
-<p>Der fremde Ringkämpfer sah ihr interessiert zu. Gewöhnt, daß die
-Frauen ihm zufielen, wie reife Äpfel beim Schütteln, fand er die
-wenigen Frauen, die sich nicht um ihn kümmerten, originell und
-begehrenswert. Ihm fiel übrigens soeben der Handel ein, der sich unter
-den Ringkämpfern herumgesprochen hatte, jene unbedenkliche Vereinbarung
-zwischen Freidank und Thyssen, bei der Freidank den dritten Platz in
-der Konkurrenz gegen Abtretung seiner Freundschaftsrechte auf Fräulein
-Fritzi l’Alouette erhalten hatte ... Eine sonderbare Gedankenverbindung
-durchkreuzte sein Hirn:</p>
-
-<p>„Madame, wollen Sie, daß Roland Zweiter wird?“</p>
-
-<p>„Habe ich das zu wollen?“</p>
-
-<p>„Würde ich Sie sonst fragen, Madame?“</p>
-
-<p>Sie sah ihn an, zweifelnd, ob er scherze. Aber er sah gar nicht
-scherzhaft aus. Er lehnte nachlässig an dem Kamine und rauchte eine
-dünne, parfümierte Zigarette.<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> Seinen kurzgeschorenen Kopf mit dem
-scharfen Profil, dessen Züge gleichzeitig Begehrlichkeit, Übersättigung
-und gesunde Roheit verrieten, hatte er weit nach hinten auf das grüne
-Kachelsims gelegt. Er trug keine weiße Wäsche. Sein Hals ragte aus
-einem gleichgültig umgeschlungenen, baumwollenen Tuche empor, und seine
-Kleider sahen aus, als wenn sie nicht für ihn gemacht wären.</p>
-
-<p>„Also bitte, Madame,“ sagte er zwischen zwei Zügen, ohne die Zigarette
-aus dem Munde zu nehmen.</p>
-
-<p>„Gewiß,“ sagte Therese verlegen, „natürlich, Herr Kaufmann!“</p>
-
-<p>„Sie hören es, Roland,“ sagte Gregor nonchalant, „ce que femme veut,
-Dieu le veut, Sie wissen...! Also ich engagier’ Sie als Zweiter.
-Championat von Sankt Petersburg gehört dazu. Unterschreiben Sie doch
-diesen Wisch da... Madame, sind Sie die junge Frau, die Roditscheff die
-„Thres’ Roland“ nennt?“</p>
-
-<p>„Wenn Herr Roditscheff sich so ausdrückt,“ sagte Therese nun tief
-errötend, „so bin ich dieselbe....“</p>
-
-<p>„Aha,“ sagte Kaufmann, ohne etwas hinzuzufügen, stülpte seine
-Kosakenmütze auf den kahlgeschorenen Schädel, fuhr in seinen dicken
-Pelz und verabschiedete sich, ohne ein weiteres Zeichen irgendwelcher
-Teilnahme zu geben.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Frühling wird zu Sommer, Tulpen, Narzissen und Hyazinthen müssen
-abblühen und die Flamme auch der höchsten Leidenschaft muß nach einer
-gewissen Zeit auf eine Weile kleiner und matter brennen: so will es ein
-ewiges Naturgesetz.</p>
-
-<p>Die glühenden Tulpen, die fremdartig holden Narzissen und die
-duftgefüllten Hyazinthen in Eberhards und Thereses Liebesfrühling
-waren nun abgeblüht, ihres Sommers Rosen setzten noch kaum Knospen
-an und bis die Rosen ihrer Liebe sich vollblätterig öffnen sollten,
-mußte noch eine Spanne<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> Zeit verfließen... Diese Zeit zwischen ihrem
-Lenz und ihrem Sommer war jetzt gekommen. Es geschah ohne Verabredung
-und ohne die geringste Abkehr der Liebenden voneinander, daß Eberhard
-ab und zu ohne seine Freundin mit Kollegen oder fremden Herren einen
-Abend oder einen Teil der Nacht verbrachte. Therese ihrerseits schloß
-sich mit einiger Zuneigung an eine wunderschöne Tänzerin an, die den
-süßen und geheimnisvollen Namen führte: Nuit d’étoiles, das ist:
-Sternennacht. Sie war ein apartes Geschöpf, in Griechenland von einer
-französischen Mutter geboren und als Tänzerin erzogen. Die Tanzszene,
-die sie jeden Abend auf der Bühne als die letzte Programmnummer vor den
-Ringkämpfen aufführte, war von einer zarten, hinreißenden Schönheit.
-Sie tanzte einen phantastischen, von ihr selbst erfundenen Tanz, bei
-dem sie ganz in tiefblaue Schleier gehüllt erschien. Ihre Füße waren
-nackend. Sie schwang die Schleier mit wilder Grazie um ihren Kopf und
-ihren Körper, dann machte sie ergreifend feierliche, priesterliche
-Tanzschritte, während hinter ihrem Haupte eine große Mondesscheibe
-silbern aufzublühen begann, die Lichter des Theaters eins nach dem
-andern verlöscht wurden und endlich nichts mehr sichtbar war, als
-Nuit d’étoiles, von deren Schleiergewändern, erst langsam, dann immer
-schneller, ein silberner, blitzender Funkenregen niederzurieseln
-schien. Wie Kometen schossen einige stärkere Strahlen dazwischen. Und
-Nuit d’étoiles tanzte ihren himmlischen, märchenhaften Sternentanz,
-während hinter ihr die große Mondesscheibe silbern glühte und auch die
-Musikanten einer nach dem andern zu spielen aufhörten, bis es ganz
-stille war &mdash; und bis dann plötzlich wieder alle Lichter im Theater
-aufflammten und die süße, geheimnisvolle Sternennacht hinter dem
-Vorhange verschwunden war. Mit dieser jungen Frau, die im gewöhnlichen
-Leben Madame Chrysée genannt wurde, brachte<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> Therese manche Tagesstunde
-zu und sah nie etwas anderes von ihr, als demütige Ehrbarkeit.</p>
-
-<p>Aber niemals war Chrysée zu bewegen, mit der übrigen
-Künstlergesellschaft nach Schluß des Theaters in eines jener großen
-Vergnügungsetablissements zu fahren, in denen die Künstler und ihre
-reichen, vornehmen Freunde manche Nacht in Lust und lautem Jubel bei
-Liebe, Wein und Karten verbrachten.</p>
-
-<p>War Chrysée in ihrer langen Theaterlaufbahn, die sie schon als halbes
-Kind begonnen hatte, so rein geblieben, daß ihr die Teilnahme an diesen
-Vergnügungen so tief zuwider war? Therese wußte es nicht. Aber wenn
-Chrysée ruhig und entschieden ablehnte, mit den andern im Schlitten
-fortzufahren, leuchtete so ein eigener, stiller und tiefer Glanz in
-ihren Augen... als ob Altarkerzen daraus hervorsahen ... Therese konnte
-dann nie auf ihrer Bitte, Chrysée möchte mitfahren, bestehen, und es
-war ihr, als müßte sie sich vor der Tänzerin schämen.</p>
-
-<p>Immerhin gab es in der Gesellschaft von Sportsleuten und Sportverehrern
-angeregte, lustige Stunden, die Theresen, welche nie über die
-bescheidenen Grenzen ihres kleinen Heims hinausgekommen war, mit
-verlockender Macht in ihre bunten Kreise zogen. An Bewunderern fehlte
-es nicht. Das schöne, große „Mädchen aus der Fremde“, wie sie sie
-nannten, das aus einer ganz andern Sphäre kam und dennoch jedem die
-Gaben ihrer Fröhlichkeit und Anmut lieblich auszuteilen wußte, reizte
-manchen Kavalier zu mehr oder minder verhüllten Anträgen. Thereses
-Staunen, als sie zum erstenmal den Sinn eines solchen Antrages begriff,
-war unbeschreiblich; voll Schrecken teilte sie Freidank ihr Erlebnis
-mit. „Aber, Närrchen!“ lachte Eberhard, „was ficht dich dabei an? Laß
-die Schwätzer reden! Du bleibst meine schöne, stolze Liebe, du kehrst
-dich nicht an das Geschwätz und<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> wirst selbst am besten verstehen, die
-Zudringlichen in ihre Schranken zu weisen...“</p>
-
-<p>„Das sagst du?“ fragte Therese, „das sagst du? &mdash; Du bist ein Anderer
-geworden, als der du warst, o Eberhard!“</p>
-
-<p>„Ich bin nicht anders geworden,“ sagte er und zog ihren Kopf an
-seine Brust. „Nur &mdash; ich nehme diese Kleinigkeiten nicht mehr recht
-ernst... Was liegt daran, ob einer, der weiß, was schön ist, sich für
-mein unerreichbares liebes Weib interessiert? Das nehm’ ich ihm nicht
-übel. Im Gegenteil: ich freue mich. Denn ich sehe daraus, der Mann
-hat Geschmack. Gregor Kaufmann, zum Beispiel. Ich wette, daß er dich
-reizend findet!“</p>
-
-<p>Sie wußte es längst, aber sie bestritt es:</p>
-
-<p>„Nun, Eberhard! Er wäre töricht, dieser Vielgeliebte, wenn er einen
-Funken Gefühl an mich verschwenden wollte! Andere bringen ihm entgegen,
-was er bei mir nie finden würde...“</p>
-
-<p>„Unter anderen deine Freundin Nuit d’étoiles...“</p>
-
-<p>„Ich bitte dich, Eberhard, wo denkst du hin? Chrysée lebt wie eine
-Lilie unter uns. Ihr Leben gehört allein ihren beiden Kindern, für die
-sie arbeitet, und dem Andenken ihres toten Gatten...“</p>
-
-<p>„Bei Tage, ja, wenn du bei ihr bist, meine liebe Therese. Aber des
-Nachts nur so lange, wie es Gregor Pawlowitsch gefällt...“</p>
-
-<p>„Das sagst du von Chrysée?“ fragte sie erschrocken.</p>
-
-<p>„Nun, was wäre dabei?“</p>
-
-<p>„Gregor Pawlowitsch ist verheiratet...“</p>
-
-<p>„Wenn schon,“ sagte Freidank kurz. „Chrysée ist eine hübsche Frau. Es
-lohnt sich immerhin, sie einmal ans Herz zu drücken...“</p>
-
-<p>„Solche Dinge sprichst du aus?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span></p>
-
-<p>„Warum nicht,“ sagte Eberhard und lachte. „Ich sage: Nuit d’étoiles ist
-eine hübsche, sogar eine interessante Person. Nun, vielleicht findest
-du Gregor Pawlowitsch hübsch und interessant... Was könnte ich dagegen
-einzuwenden haben?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie hatte dergleichen leichtfertige Reden noch nie aus seinem Munde
-vernommen und war davon so betroffen, daß sie ihren Freund am Abende
-dringend bat, nach dem Theater mit ihr nach Hause zu gehen und nicht
-nach Strelna hinauszufahren. Aber er lachte ihr ins Gesicht:</p>
-
-<p>„Warum denn gerade heute, mein Kind? Wenn wir zurückkehren, haben wir
-noch genug Zeit, einander in den Armen zu liegen... Gerade heute,
-Therese, müssen wir unbedingt hinausfahren. Die Schlitten stehen
-schon vor dem Hause. Iwan Lejkin, der Generaldirektor der Kurskschen
-Elektrizitätswerke, gibt sein Abschiedssouper... Du sollst in Leikins
-Troika fahren, du &mdash;! Der gute Iwan Iwanowitsch scheint ein Auge auf
-dich geworfen zu haben... Sei freundlich mit ihm, Therese! Ich hoffe,
-ein sehr gutes Geschäft mit Iwan Lejkin abschließen zu können... heute
-abend...“</p>
-
-<p>Therese fragte nicht nach dem Geschäft. Zorn und Trotz übermannten sie.
-Um irgendwelcher Geschäfte willen sollte sie einem fremden Finanzmanne
-freundlich entgegenkommen!</p>
-
-<p>„Tue, was du willst,“ sagte sie kühl. „Ich &mdash; ich werde nur mitfahren,
-wenn Chrysée mitfährt..!“</p>
-
-<p>Chrysée war in ihrer Garderobe. Sie hatte schon das dunkelblaue
-Sternengewand an. Ihre Augen waren verweint, und sie deckte die
-Tränenspuren immer wieder mit Puder und Schminke zu. Therese trat
-hastig ein und sagte:</p>
-
-<p>„Ach, ich wollte Sie nur etwas fragen.. Aber Sie weinen, Chrysée! O,
-warum weinen Sie, Chrysée?“</p>
-
-<p>„Sie würden es nicht begreifen, Liebe! Es ist auch nur eine große
-Torheit... Was wollen Sie fragen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p>
-
-<p>„Nun habe ich eigentlich gar keine Lust mehr zu fragen... Würden Sie
-heut’ abend mit uns nach Strelna fahren? Wir feiern Iwan Lejkins
-Abschied... Er reist morgen nach Italien...“</p>
-
-<p>„Wer ist sonst von der Partie?“</p>
-
-<p>„Alle!... Der Fürst Nemetzki... die Radewskaja ... Roditscheff...
-Gregor Pawlowitsch....“</p>
-
-<p>„So?...“ unterbrach Nuit d’étoiles mit Ungestüm, „nun, ich werde heute
-abend mitfahren, Liebe!“</p>
-
-<p>Iwan Lejkins Troika stand vor dem Eingange. Der Generaldirektor
-wartete voll Ungeduld auf Therese Ambrosius, mit der er seinen
-Schlitten besteigen und nach Strelna davonfahren wollte. Ein Teil der
-Schlittengesellschaft war schon vorausgefahren. Auf der Bühne hatten
-Roland und Gregor Kaufmann als letztes Kämpferpaar unentschieden
-miteinander gerungen. Nun wartete Chrysée mit Theresen, Chrysée ganz
-von der leidenschaftlichen Hoffnung erfüllt, daß es ihr gelingen
-werde, einen Schlitten mit Gregor Pawlowitsch zu erhalten. Lejkin,
-in seinem kostbaren Zobelpelz, stand und fluchte, daß Therese nicht
-kam. Nun würde er sie schließlich trotz aller Mühe nicht auf der Fahrt
-allein für sich haben! Endlich kam die Gesellschaft herbei. Kaufmann
-und Freidank waren in lebhaftem Gespräch. Mit jedem Moment sah Nuit
-d’étoiles ihre Hoffnung auf ein ungestörtes Beisammensein mit dem
-Champion mehr schwinden ... Es gab noch zwei Schlitten. Die Troika bot
-ausreichend Platz für drei Menschen, der andere Schlitten nur für zwei.
-Chrysée gelang es, Gregor Pawlowitsch unbemerkt zuzuflüstern:</p>
-
-<p>„Fahr’ mit mir, ich bitt’ dich, Gregor, ich bitte dich...“</p>
-
-<p>„Sei nicht so zudringlich!“ sagte er halblaut über seine Schulter hin,
-und laut:</p>
-
-<p>„Väterchen Iwan Iwanowitsch hat den Vortritt! Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> überlassen ihm
-unsere Damen... la belle Nuit d’étoiles und die allerschönste
-Thres’.... Wir verzichten beide...“</p>
-
-<p>Innerlich fluchend, mußte Generaldirektor Lejkin mit beiden Damen
-seinen Schlitten besteigen. Die beiden Ringkämpfer stiegen in den
-Mietsschlitten. Die Pferde zogen an, die abgestimmten Schellen
-erklangen, und sausend jagten die Schlitten über den schimmernden
-Schnee der nächtlichen Straßen dahin. Dann blieben die belebten Straßen
-hinter ihnen. Die Troika fuhr wie der Sturm dahin und überholte eine
-Menge anderer Schlitten, die dasselbe Ziel hatten. Die drei Insassen
-saßen dicht nebeneinander, Chrysée in der Mitte. Noch hatte keiner ein
-Wort gesprochen. Da griff Lejkin, ärgerlich, daß er Theresen nicht
-neben sich hatte, unter der Pelzdecke nach Madame Chrysées Hand, um
-sich an ihr einigermaßen schadlos zu halten. Bei seiner Berührung
-zuckte Chrysée zusammen, brach jäh in bittere Tränen aus und weinte
-haltlos:</p>
-
-<p>„O, mein Gott, er hat mich verraten! Der Entsetzliche, der Treulose
-&mdash; er will nichts mehr von mir wissen! &mdash; So lange er mich brauchte,
-früher, in Südrußland, zu Anfang seiner Karriere, da tat er, als ob er
-mich liebte! &mdash; Alles, was ich hatte, habe ich ihm gegeben! Alles! &mdash;
-Aber es ist nicht um das... Es ist nur um seine Liebe...“</p>
-
-<p>Der kalte Wind fuhr Nuit d’étoiles ins Gesicht und ließ die Tränen auf
-ihren Wangen zu Eis erstarren...</p>
-
-<p>„Wer denn? Von wem reden Sie denn?“ fragte Therese mitleidig und
-erschrocken, während Lejkin, der schon viele stürmische Szenen mit
-Theaterprinzessinnen erlebt hatte, ziemlich gleichmütig zuhörte.</p>
-
-<p>„... Gregor Pawlowitsch!“ weinte Chrysée herzbrechend.</p>
-
-<p>„Ja, weshalb denn!“ sagte Therese und fuhr in der Absicht, zu trösten,
-ahnungslos fort: „Warum läßt sich das nicht wieder ändern? nicht
-gutmachen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p>
-
-<p>Chrysée stieß unter Tränen hervor: „Um Ihretwillen! &mdash; um Ihretwillen
-kann er mich nicht mehr leiden... stößt er mich weg...“</p>
-
-<p>„Um meinetwillen? &mdash; O Gott, welch’ ein Irrtum!“</p>
-
-<p>Therese konnte kein Wort hervorbringen; sie konnte nichts gegen Nuit
-d’étoiles Behauptung sagen. Sie hielt die kleine, zerbrechliche
-Hand der Griechin in ihren warmen Händen, während Chrysée in ihren
-schluchzenden Bekenntnissen fortfuhr:</p>
-
-<p>„Um Sie näher kennen zu lernen, verkehrte ich mit Ihnen... Sie taten
-nichts Schlechtes, Thres’; Sie sind gut... O, Thres’, aber ich liebe
-Gregor Pawlowitsch! Nehmen Sie mir Gregor Pawlowitsch nicht weg!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Schlitten hielt an, das Vergnügungsetablissement war erreicht.
-Diener in altrussischer Tracht nahmen den Herrschaften die Pelze
-ab; alle begaben sich in den kleinen Palmensaal, der für Lejkins
-Gesellschaft reserviert war. Lejkin selbst führte Therese zur Tafel,
-stolz, wie ein König seine Königin. Er war sterblich in das schöne
-Mädchen verliebt. Jeder einzelne mußte es bemerken. Auch Nuit
-d’étoiles, die die Tränenspuren nach Möglichkeit verwischt hatte, hätte
-blind sein müssen, wenn sie seine offenkundigen Huldigungen nicht
-gesehen hätte. Diese Beobachtung tröstete sie ein wenig, zumal als sie
-bemerkte, daß Therese die Bewunderung des reichen Generaldirektors
-Lejkin nicht ungern zu sehen schien....</p>
-
-<p>Eine kleine Kapelle geputzter Zigeunerinnen spielte pikante, ins Ohr
-fallende Melodien. Die Primgeigerin, eine prächtige Ungarin, war in
-Sergej Roditscheff verschossen. Sie wollte durchaus mit ihm nach Hause
-fahren.</p>
-
-<p>„Wenn ich dir doch sage: ich mag nicht, Mütterchen Ilonka!“ rief
-Roditscheff lachend, „ich werde dir aber einen anderen Verehrer
-besorgen, tiens!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span></p>
-
-<p>Er ging hinaus. Im großen Kameliensaale des Etablissements wurde
-an einzelnen Tischen soupiert. Herren aus der Aristokratie und der
-reichen Börsenwelt suchten lustige Gesellschaft oder hatten sie bereits
-gefunden. Ein hübscher, bartloser junger Offizier und sein Vetter, ein
-hoher Ministerialbeamter, stürzten auf den Ringkämpfer zu und flehten
-ihn an, an ihren Tisch zu kommen. Der Ministerialbeamte, der von der
-leidenschaftlichen Schwärmerei seines Vetters für Sergej Roditscheff
-wußte, versuchte, ihn durch ein Kleinod, welches er von seiner Uhrkette
-abhängte und an Roditscheffs Berlockenring befestigte, umzustimmen.
-Aber er erreichte nur, daß Sergej die beiden Herren bat, zu seiner
-Gesellschaft in den Palmensaal zu kommen.</p>
-
-<p>Nun mischte sich die Gesellschaft Lejkins allmählich mit anderen
-Gästen. Der junge Offizier trank mit der Primgeigerin aus einem Glase,
-die Radewskaja, eine Sängerin, saß einem reichen, lustigen sibirischen
-Fellhändler, einem Mann mit schneeweißem Apostelkopfe, auf dem Schoße
-und ließ sich unaufhörlich Goldstücke in den Kleiderausschnitt werfen,
-Chrysée wollte Gregor Kaufmann eifersüchtig machen und verschwendete
-darum ihre Liebenswürdigkeit an Freidank, und Lejkin stand ganz in
-Flammen für Therese. Er führte sie hinter eine Palmengruppe und wollte
-sie zum Trinken aufmuntern:</p>
-
-<p>„Auf Ihr Wohl, gnädiges Fräulein! Ihr Wohl und meines zusammen...“</p>
-
-<p>Therese lachte und schlug ihn mit dem Handschuh. Ihr kühngeschnittenes,
-stolzes Dianengesicht hob sich wie eine Gemme von dem dunklen
-Hintergrunde der samtenen Wandbekleidung ab.</p>
-
-<p>„Ich liebe Sie, gnädiges Fräulein,“ sagte Lejkin, der sich nicht länger
-beherrschen konnte, indem er einen Kniefall tat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p>
-
-<p>„Mein Gott, was denken Sie, Iwan Iwanowitsch? Wissen Sie nicht, daß
-Roland mein Bräutigam ist?“</p>
-
-<p>„Nun, Fräulein, lassen Sie uns ein offenes Wort miteinander reden!“
-sprach der Generaldirektor und erhob sich von den Knieen. „Sehen
-Sie: ich kenne das Leben. Junges Blut ist entzückt von Ringkämpfern,
-Athleten &mdash; kurz: Kraftmenschen. Sie mögen mir glauben oder nicht, das
-ist nichts für die Dauer... nicht fürs Leben...“</p>
-
-<p>„Auf wie lange das ist...,“ sagte Therese stolz, „das müßte doch wohl
-meine Sorge sein!“</p>
-
-<p>„.... Nein, laufen Sie nicht fort!“ rief Lejkin, als sie Miene machte,
-aufzustehen, „bleiben Sie, ich bitte Sie! Und lassen Sie uns ein
-verständiges Wort miteinander reden! &mdash; Ihr Freund tröstet inzwischen
-die verlassene Nuit d’étoiles... Gnädiges Fräulein! liebe Therese! &mdash;
-ich würde Ihnen einen annehmbaren Vorschlag machen. Für die Zukunft
-... fürs ganze Leben... Ich würde Sie auf Händen tragen, Therese! Ich
-reise... morgen... ab... Ich reise nach der Riviera, dann weiter...
-Liebe, schöne Therese, kommen Sie mit mir! O Therese, Sie würden es
-nicht bereuen!“</p>
-
-<p>Therese war von einer humoristischen Stimmung erfaßt. Sie wollte diesen
-Mann mit seinen ungeheuerlichen Wünschen, gegen den sie nach Eberhards
-Wunsch recht freundlich sein sollte, wenigstens bis zu Ende anhören.</p>
-
-<p>„Und mein Freund?“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Ihr Freund, Therese!... Glauben Sie mir, Nuit d’étoiles ist schon
-bereit, seinen Trennungsschmerz zu lindern. Halten Sie Ihren
-Ringkämpfer im Ernst für einen guten Menschen?“</p>
-
-<p>„Ach &mdash; gut!“ sagte sie geringschätzig. „Er ist einfach zu stolz, um
-schlecht zu sein. Er ist zu stark, um kleinlich und miserabel zu sein!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p>„Weiter haben Sie nichts vom Leben erhofft, Therese? Sie haben nicht
-einen Gefährten gesucht zur gemeinsamen Weiterbildung, zu gemeinsamem
-Genießen idealer Herrlichkeiten? O, Therese!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Hören Sie auf, Iwan Iwanowitsch,“ sprach Therese bebend. „Ich hätte
-Ihnen nie gestattet, dies alles zu sagen, wenn ich Sie nicht für einen
-braven Menschen hielte... neben Ihrem Gelde... Denn Ihr Geld imponiert
-mir nicht. Mir nicht, Herr Lejkin!“</p>
-
-<p>„Ihrem Freunde desto mehr!“ rief Lejkin nicht ohne Schadenfreude.
-„Ihr Freund hat mit mir &mdash; eine Art Geschäft vor. Ich will ihm die
-Mittel geben, ein eignes Ringkampfwettstreit-Unternehmen zu begründen.
-Nun, Therese, ich wollte nicht wie ein Räuber sein, der im Dunkeln in
-Nachbars Haus einbricht. Herr Roland hat mir gewissermaßen erlaubt,
-Ihnen... so etwas... wie die Cour zu machen. Ich gebe ihm achttausend
-Rubel für seine Ringkampfkonkurrenz. Und Sie... Sie reisen... morgen...
-mit mir, Therese... liebe, schöne Therese...“</p>
-
-<p>Sie hörte ihn nicht mehr. Sie war aufgesprungen, um von der Stimme
-des Versuchers weg zu ihrem Freunde zu eilen. Roland saß auf einem
-niedrigen Bänkchen. Chrysée saß an seiner Seite. Sie saß kaum mehr;
-halb lag sie auf der Erde, hielt seine große, feste Hand in ihren
-schmächtigen Fingern und drückte heiße Küsse auf die Hand des
-Ringkämpfers. Gregor Kaufmann ging gerade allein vorbei, die Hände in
-den Hosentaschen, das wollene Halstuch noch nachlässiger wie gewöhnlich
-umgeschlungen.</p>
-
-<p>„Chrysée!“ rief er laut, „es ist ein Vergnügen für mich, dich so gut
-versorgt zu sehen!“</p>
-
-<p>Chrysée geriet bei dem Klang seiner Stimme in wahre Raserei. „O, nicht
-ihn meinte ich! Dich lieb’ ich, dich! Wer kann mir dich ersetzen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span></p>
-
-<p>„Rege dich nicht auf, meine Liebe,“ sagte er zynisch. „Wenn du sie
-haben willst, Roland, so kannst du sie behalten!“</p>
-
-<p>Mit harten Schritten ging er in ein Nebengemach. Nuit d’étoiles sprang
-auf und flog ihm nach. Sie wollte ihn um jeden Preis zurückgewinnen...</p>
-
-<p>„Nette Familienszene, nicht?“ sagte Eberhard lachend zu Theresen, die
-blaß vor Zorn zu ihm trat. Aber Therese war viel zu sehr erregt, um
-sich jetzt um Chrysée zu kümmern. Sie sah auch nicht, daß Freidank zu
-viel des schweren Weins genossen hatte; sie flüsterte hastig:</p>
-
-<p>„Komme fort von hier... gleich... Wenn du wüßtest! Er... Lejkin hat
-mir....“</p>
-
-<p>Sie erzählte alles, verschwieg kein Wort, welches gesprochen worden
-war. Eberhard hörte ihr zu. Er gab kein Zeichen von Entrüstung, zog die
-Augenbrauen hoch und sagte:</p>
-
-<p>„Was tut das? &mdash; Gewiß, er ist unverschämt... Aber ich muß das Geld
-von ihm haben! Ich muß! &mdash; Therese, versteh das doch: mit diesem Gelde
-werde ich mein eigner Herr sein! Gehe scheinbar auf seine Vorschläge
-ein.... sage zu allem Ja... bis ich das Geld habe...“</p>
-
-<p>„Und zu einer so schmachvollen Komödie soll ich mich herleihen?“</p>
-
-<p>„Therese, welche exaltierten Worte! Tu’ es um meinetwillen ... tu’ es
-mir zu Liebe!“</p>
-
-<p>Therese wollte hinausgehen, um sich zu verstecken... irgendwo... Aber
-sie lief dem Generaldirektor grade in die Hände.</p>
-
-<p>„Therese! Meine Diana! O, ich wußte, daß Sie mich nicht fliehen werden!
-O Therese, sagen Sie ein Wort, daß Sie mit mir kommen werden!“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Therese tonlos und mit niedergeschlagenen Augen, „ja, Iwan
-Iwanowitsch, ich werde mit Ihnen gehen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p>
-
-<p>„Therese,“ sagte er, ergriff ihre Hand und seine Stimme klang
-feierlich, „Gott weiß, Therese, daß ich alles tun werde, um Ihren
-Lebensweg süß und freundlich zu machen. Was Kunst und Wissenschaft
-bieten... was auf der schönen Erde zu sehen ist... was in meinen
-Kräften steht, soll Ihr eigen sein...“</p>
-
-<p>Seine Worte erstickten in echter Bewegung. Therese sagte flüsternd:</p>
-
-<p>„Ja, Iwan Iwanowitsch... morgen... aber jetzt... lassen Sie mich
-allein... Ich denke, Sie haben noch mit Roland über ein Geschäft zu
-reden...“</p>
-
-<p>Sie mußte an sich halten, sie entlief, um nicht laut aufzuweinen. O,
-welche Komödie war das, welch ein doppelter Betrug!</p>
-
-<p>Freidank, der Lejkin allein stehen sah, kam mit den schwankenden
-Schritten des Trunkenen auf ihn zu.</p>
-
-<p>„Sie haben sich mit meiner Freundin unterhalten,“ sagte er lachend,
-„hoffentlich haben Sie sich gut unterhalten...“</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet!“ sagte der Generaldirektor. Er war voll bebender
-Freude, das schöne Mädchen überredet zu haben. „Ausgezeichnet, Herr
-Roland! &mdash; Und wir haben uns auch noch zu unterhalten, nicht wahr? Es
-ist eine Kleinigkeit... Ein Geschäft... etwas der Art... Also rund
-heraus, Herr Roland! Nicht wahr, Sie brauchen achttausend Rubel?“</p>
-
-<p>Sie sprachen flüsternd an einem der kostbar gedeckten Tischchen,
-während rings um sie her der Lärm der lustigen Gesellschaft tobte.
-Iwan Lejkin legte sein Notizbuch offen auf den Tisch und ein langes,
-schmales Buch, welches Scheckformulare enthielt, daneben. Eberhards
-Gesicht glühte vom Weine und vor Erregung. So schnell schüttete ihm das
-Schicksal ein Glück in den Schoß, welches andere nur nach jahrelanger
-Mühe erreichen! &mdash; Lejkins kleines, kluges<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> Gesicht war sehr bleich. Er
-wollte den Ringkämpfer jetzt beschwichtigen, ihn taub, blind und stumm
-machen... um jeden Preis...</p>
-
-<p>„Achttausend Rubel...,“ sagte Freidank mit ein wenig schwerer Zunge.
-„Wenn es zehntausend sein könnten, Iwan Iwanowitsch! Ich zahle sie
-Ihnen zurück... gewiß zahle ich sie Ihnen zurück...“</p>
-
-<p>„Zehntausend Rubel,“ schrieb Lejkin auf das Scheckformular und sprach
-die Worte, die er schrieb, laut nach. Er, setzte in zierlicher, feiner
-Kaufmannschrift seinen Namen darunter, riß das gewichtige Blatt aus dem
-Buche und reichte es dem Athleten.</p>
-
-<p>„Einen Schuldschein &mdash;,“ sagte Roland, trotz seinem Rausche,
-erschüttert durch den Anblick der Geldanweisung, welche ihm
-Selbständigkeit und vielleicht Ruhm und Reichtum sicherte. „Schreiben
-Sie mir, Iwan Iwanowitsch, einen Schuldschein in der gesetzlichen Form
-vor, daß ich meinen Namen darunter setze.“</p>
-
-<p>Der Generaldirektor schrieb den Schuldschein aus, während ein
-unmerkliches Lächeln um seine Lippen zuckte. Eberhard unterschrieb mit
-Feierlichkeit und sagte:</p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Iwan Iwanowitsch! Sie werden sehen,
-daß...“</p>
-
-<p>„Ach, es ist ein Geschäft, wie jedes andere!“ wehrte der
-Generaldirektor ab und beschrieb mit der rechten Hand einen weiten,
-leichten Bogen. „Ich erhalte ja auch das Meinige... ich auch, Roland
-Alexandrowitsch...“</p>
-
-<p>Er hatte jetzt die ganze Überlegenheit des großen Finanzmannes
-wiedergefunden, die auf der Überzeugung ruht, daß alles käuflich ist
-und daß niemand den Willen hat, der gewaltigen Sprache des Goldes
-zu widersetzen. Therese allein war unter all’ diesen Habgierigen am
-schwersten zu durchschauen. Denn warum sie mit ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> ging, die bei dem
-Ringkämpfer kaum etwas entbehrt hatte... das wußte er nicht... Aber sie
-ging... sie hatte es versprochen... O, diese Diana!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Chrysée war Gregor Kaufmann, der in ein kleines, zufällig leerstehendes
-Souperzimmer hineingegangen war, nachgeeilt. Der Ringkämpfer wollte
-sich gerade lang auf dem Sofa ausstrecken, als er die Frau bemerkte.</p>
-
-<p>„Zum Teufel, was willst du von mir!“ rief er grob und richtete sich mit
-einer brüsken Bewegung auf, „siehst du nicht, daß ich ein wenig ruhen
-will?“</p>
-
-<p>„Das ist mir einerlei!“ rief die Tänzerin hitzig. Sie hatte zu viel
-Champagner getrunken, war berauscht und überlegte nicht mehr, was sie
-redete. „Du bist schlecht zu mir... du vernachlässigst mich... du
-läufst andern nach...“</p>
-
-<p>Gregor Kaufmann hob den Kopf und sah das zornige, kleine Geschöpf aus
-halbgeschlossenen Augen hohnlächelnd an: „Hab’ ich dazu ein Recht, mein
-Kind, oder nicht?“</p>
-
-<p>Sofort schlug ihre Stimmung um; sie lief zu ihm hin, stürzte ihm zu
-Füßen und weinte wie ein Kind:</p>
-
-<p>„Ach, liebe mich doch! Gregor Pawlowitsch, liebe mich doch! Ich werde
-alles ertragen, auch daß du mich betrügst ... Du tust es ja ohnehin...
-Ich werde dir alles geben, was ich verdiene...“</p>
-
-<p>Sie umschlang seine Kniee mit ihren hübschen, zarten Armen, ihr
-schmächtiger Körper zitterte vor Leidenschaft und unter heißen Tränen
-rief sie wild und fast schreiend immer wieder:</p>
-
-<p>„Ach, liebe mich doch, liebe mich doch, Gregor &mdash; &mdash;!“</p>
-
-<p>„Oh &mdash;,“ sagte der Champion kaltblütig und stand auf, „jetzt wird es
-mir zu bunt, meine liebe Chrysée. Versuche einmal, dich ein halbes Jahr
-ohne mich zu behelfen. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> wird vorzüglich gehen, tu verras... Du bist
-mir so entsetzlich langweilig geworden...!“</p>
-
-<p>Sie ließ seine Kniee nicht los und wiederholte nur:</p>
-
-<p>„Liebe mich doch, du...!“</p>
-
-<p>Gregor Kaufmann, halb ärgerlich, halb amüsiert, löste mit einer
-schroffen Bewegung die Umklammerung ihrer Hände und stieß die Tänzerin
-mit dem Fuße fort:</p>
-
-<p>„Nein, Chrysée! Mein letztes Wort! &mdash; Laß mich allein!“</p>
-
-<p>Lejkin war in den kleinen Palmensaal zurückgekehrt. Es war Zeit zum
-Aufbruch nach der Stadt geworden. Aber vorher hatte der Generaldirektor
-noch das Bedürfnis, mit allen denen, die hier seine Gäste gewesen
-waren, auf ein Glück anzustoßen, welches doch sein innerstes Geheimnis
-war... Er ließ neuen Champagner kommen. Alle sollten ihre Gläser an
-seines klingen lassen, auch Therese, mit der er sich im Einverständnis
-glaubte, auch Roland, den er mit den zehntausend Rubeln erkauft zu
-haben meinte, auch Gregor Pawlowitsch, der Nuit d’étoiles nicht mehr
-ansah und der schönen Therese ungeniert ins Gesicht starrte.</p>
-
-<p>„Keinen Trunk mehr aus den Gläsern nach diesem Trunk!“ schrie Lejkin
-in die Schar seiner Gäste hinein und schmetterte den kristallenen
-Kelch zu Boden. Die berauschten Gäste taten ihm jubelnd nach. Chrysée
-griff unsinnig nach den Scherben von Gregor Kaufmanns zerbrochenem
-Glase, zerschnitt sich die Finger und ein dünner, heller Blutstrom lief
-über ihre kleine Hand. Freidank griff sofort zu und drückte ihr die
-Schnittwunde fest zusammen. Chrysée, in wilder Erregung, wußte nicht
-mehr, was sie tat. Unter trunkenen, hysterischen Tränen warf sie sich
-Roland an den Hals und rief:</p>
-
-<p>„O Roland, du bist gut zu mir! Ich liebe dich! Fahr<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>’ mich nach Hause,
-Roland... fahr’ mit mir im Schlitten... Ich fürchte mich so sehr!“</p>
-
-<p>„Tun Sie es ohne Sorge!“ rief Lejkin fröhlich. „Das gnädige Fräulein
-fährt gut und sicher in meinem Schlitten!“</p>
-
-<p>Die ganze Gesellschaft fuhr unter großem Lärm und Jubel ab. Die
-Peitschen knallten, die vielen Schellen läuteten, und heim ging es
-unter Geschrei und Jauchzen durch die totenstille Wintersnacht. Nur
-das dumpfe Aufschlagen der Pferdehufe scholl matt durch die frostklare
-Luft, die den Schall nicht trug, nur der Klang der Schellen und das
-Kreischen der betrunkenen Zigeunerinnen.</p>
-
-<p>Allen Schlitten vorauf flog Lejkins Prachtgespann. Jetzt saß der
-Generaldirektor allein neben der schönen Freundin des Ringkämpfers,
-aber er hatte sich diese erste Fahrt anders vorgestellt. Nicht einen
-Schritt kam sie seinem verliebten Begehren entgegen. Die süße, helle
-Sinnlichkeit, die wie Mittagssonnenschein auf ihrem Wesen und ihren
-Zügen geruht hatte, war ausgelöscht, und Therese schien wieder kühl und
-jungfräulich, wie eine Landschaft im Frühlicht. Lejkin versuchte sie
-um die Taille zu fassen und nahm mehrmals ihre Hand. Aber mit sanfter
-Entschiedenheit machte Therese sich jedesmal wieder frei:</p>
-
-<p>„Heute nicht, Iwan Iwanowitsch. Wenn Sie es wirklich gut mit mir
-meinen, so wird es Ihnen ein Leichtes sein, bis morgen zu warten....“</p>
-
-<p>Und dann schwieg sie wieder weite Strecken lang. Sie fühlte sich wie
-die erbärmlichste Kreatur, schlechter wie eine Verbrecherin, weil sie
-ihn belog, weil sie ihn in dem Glauben ließ, daß sie mit ihm nach
-Italien fahren würde, während sie fest entschlossen war, ihrem Freunde
-treu zu bleiben... obwohl sie Freidank bitter zürnte, daß er sie um
-schnöden Geldes willen zu dieser Komödie veranlaßt hatte... obwohl er
-vor allen Leuten Madame Chrysée<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> in die Arme genommen hatte... Therese
-schlug den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, zurück und Lejkin
-blickte fortwährend mit Begeisterung auf ihr klares, kühnes Profil. War
-keine Hoffnung, sie schon heute abend zu entführen?</p>
-
-<p>„Heute abend? O nein!“ sagte Therese und ihre Augen blitzten zornig
-auf. „Wir haben von morgen gesprochen, nicht von heute...“</p>
-
-<p>Lejkin mußte sich fügen. Sie waren nicht mehr fern vom Hotel. Der
-Generaldirektor sah das Mädchen, das ihm kaum einen Blick schenkte, mit
-sehr herzlichen Gefühlen an und sprach ernsthaft:</p>
-
-<p>„Ich begreife, daß Sie ihm noch diese Stunden schenken wollen...
-wenn er kommt, Therese. Wenn er nicht bei der trostbedürftigen Nuit
-d’étoiles....“</p>
-
-<p>„Nein! o nein! das kann er nicht! das darf er nicht!“ rief Therese zum
-erstenmal in heller Verzweiflung. Was sie selbst gefürchtet hatte,
-hatte sie dennoch nicht einmal vor sich selbst in Worte kleiden mögen...</p>
-
-<p>Lejkin sprach über diese Sache kein Wort mehr und fuhr fort:</p>
-
-<p>„Wann Sie kommen, Therese, sind Sie erwartet und willkommen. Sie sollen
-nichts haben, Sie sollen nichts mitbringen. Am Nachmittage fahren
-wir aus und kaufen alles, was Sie zur Reise brauchen... Und haben
-Sie Vertrauen zu mir, Therese!“ sagte er beschwörend. „Ich werde Sie
-glücklich machen, soweit es in der Macht eines Menschen, dem Manches
-zugänglich ist, liegt...“</p>
-
-<p>„Auf Wiedersehen, Iwan Iwanowitsch...“ flüsterte Therese, sprang
-aus dem Schlitten und eilte die Treppe des Hotels hinauf, ohne sich
-umzusehen...</p>
-
-<p>Dann brannten in dem Hotelzimmer die elektrischen Birnen und
-verbreiteten Tageshelle, aber in Thereses Seele war schwarze Nacht.
-Eberhard kam nicht.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span></p>
-
-<p>Er kam nicht! &mdash; Er hatte sich nicht von der Tänzerin trennen können,
-die schmachtend und girrend an seinem Halse gehangen und um seine Liebe
-gebettelt hatte. Und das hatte er gerade an dem Abende getan, wo sie
-ihrer Liebe das größte Opfer gebracht hatte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er kam nicht. &mdash; Sie ging nicht zu Bett. Sie wartete, bis die Nacht
-grau und blaß wurde und der Morgen zu dämmern begann. Da verblaßte
-allmählich auch ihre nächtliche Verzweiflung und wurde zu spöttischer
-Abkehr von dem Freunde ihres Herzens.</p>
-
-<p>Zur gewohnten Stunde brachte man das Frühstück. Sie fror und trank eine
-Tasse Tee, aber sie konnte keinen Bissen von dem Brote genießen. Sie
-wettete zornig und stolz mit sich selber: „Eine halbe Stunde werde ich
-noch auf ihn warten. Wenn er dann nicht hier ist.....“ Als er dann noch
-nicht da war, gab sie wieder Zeit zu....</p>
-
-<p>Um zwölf Uhr wurde sie von unsäglicher Wut gepackt. Sie schellte nach
-Schreibzeug und schrieb hastig auf den Bogen:</p>
-
-<p>„Du hast mir keine Enttäuschung bereitet. Nachdem Du mir gestern abend
-im Ernst eine so unwürdige Verstellung zugemutet hast, mache ich nun
-Ernst &mdash; ganz ohne Verstellung. Du darfst nicht denken, daß ich Dir
-zürne, o nein. Ich wundere mich nicht einmal. Du hast dein Geld, ich
-habe einen reichen Verehrer gewonnen: wir haben beide von dem Handel
-profitiert. Viel Vergnügen, mein teurer Freund! Th. A.“</p>
-
-<p>Sie kleidete sich zum Ausfahren an, bestieg einen der vor dem Hotel
-haltenden Mietsschlitten und fuhr in die Wohnung des Generaldirektors
-Lejkin. Er war in aller Frühe noch einmal in seinem Bureau gewesen und
-sehr bald zurückgekehrt, um Therese nicht eine Minute warten zu lassen.
-Nun wartete er, das kleine, intelligente Gesicht in finstere<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> Falten
-gelegt, voll Unruhe und einer Sehnsucht, die ihm bisher fremd gewesen
-war. Er hatte in seinem Leben schon auf viele Frauen gewartet, aber so
-unruhig, mit soviel Zweifeln und Wünschen auf keine...</p>
-
-<p>Wieder blickte er auf seine Taschenuhr; sie zeigte halb Eins....</p>
-
-<p>Sein Diener Alexander klopfte an, trat ein:</p>
-
-<p>„Gnädiger Herr... die Dame, welche der gnädige Herr erwarten, ist
-soeben gekommen. Sie beliebt im Bibliothekzimmer zu sein...“</p>
-
-<p>Der Generaldirektor schritt an dem ehrfurchtsvoll dastehenden Bedienten
-so hastig vorbei, daß der Diener ihm nicht einmal mehr die Zimmertür
-öffnen konnte. In der Bibliothek stand Therese, das stolze Profil hell
-beleuchtet.</p>
-
-<p>„Therese &mdash;!“ sagte er und bedeckte ihre Hände mit Küssen.</p>
-
-<p>Von einem der großen Magazine aus gelang es ihr, unbemerkt von Lejkin,
-der nicht mehr von ihrer Seite wich, noch einmal in das Hotel zu
-telephonieren, wo sie mit Freidank logierte. &mdash; Herr Roland sei noch
-nicht gekommen, wohl aber habe er vom Hotel de Suède aus telephonisch
-sagen lassen, daß er mit Geschäftsfreunden zusammengetroffen sei und
-daß Madame ihn nicht zum Diner erwarten möge...</p>
-
-<p>Um acht Uhr trug der Luxus-Expreß Therese und Lejkin in die sonnige
-Ferne.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i220" name="i220">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i220.jpg" alt="Ende Kapitel XIII" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XIV">XIV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Möchten dir und mir die Schmerzen erspart bleiben, die Freidanks Brust
-durchwühlten, als er müde, reuevoll und wie zerschlagen gegen Anbruch
-der Dämmerung heimkehrte und Theresen nicht fand! Im Rausche, in jenem
-wunderlichen Taumel, den Wein und Habgier im Verein erzeugt hatten, war
-er, wie mancher Samson vor ihm, dem süßen Girren einer buhlerischen
-Dalila erlegen. Therese war von ihm gegangen und hatte ihm nicht einmal
-ein Abschiedswort, aus dem Schmerz oder Empörung schrie, hinterlassen.
-Mit Verachtung hatte sie sich von dem Treulosen gewendet!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Im ersten Schmerze kehrte sich seine Wut gegen Nuit d’étoiles. Ach,
-hätte er sie gegenwärtig gehabt! Er hätte sie niedergeschlagen! Dann
-fiel dem Reuevollen ein, daß er, der hätte stark sein sollen, dem
-schwächlichen, zärtlichen Geschöpfe mit seinen naiv animalischen
-Trieben keinen Vorwurf machen durfte.</p>
-
-<p>Aber die Natur in ihrem milden, weisen Walten läßt nicht eines ihrer
-starken Kinder an einem unmäßigen Kummer zugrunde gehen. Sie sänftigt,
-sie lindert und heilt zuletzt, bis von der heißen Verzweiflung nur die
-ernste, reuige Trauer bleibt.</p>
-
-<p>Roland war, mit dem Ehrennamen des „Champions von Sankt Petersburg“
-geschmückt, nach Deutschland zurückgekehrt und hatte selbst eine
-Ringkampfkonkurrenz veranstaltet. Mit der Größe und der Kraft seines
-jungen,<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> unverbrauchten Körpers riß er ohne Mühe den Ruhm an sich und
-dazu den silbernen Eichenkranz, der dem Sieger als Ehrenpreis winkte.</p>
-
-<p>Jedes weitere Auftreten band den Ruhm fester an seinen Namen.
-Materielle Erfolge blieben nicht aus. In seinem Portefeuille häuften
-sich die bunten Scheine, deren jeder eine Handvoll Goldstücke wert
-ist, und es kam ein Tag, da er bei einem großen Bankhause einen
-nennenswerten Kredit besaß. Roland, der Ringkämpfer, schien plötzlich
-in der Lotterie des Lebens das große Los gezogen zu haben...</p>
-
-<p>Er fragte nicht viel danach. Er rang nicht nur um des Ruhmes willen und
-nicht allein dem Reichtum zuliebe. Er liebte nur noch seinen eigenen
-Körper, seine Kraft, seine Frische, seine Gesundheit. Seine Lebensweise
-fing an, für die Ringkämpfer vorbildlich zu werden. Wer mied, wie
-er, den Alkohol, das unnütze Durchwachen der Nächte, das entnervende
-Glücksspiel und den leichtfertigen Umgang mit Frauen? Wer stand, wie
-Roland, jeden Morgen frisch beim Training? Er füllte fast den ganzen
-Tag mit der Pflege seiner Gesundheit aus. Dies alles heilte seine Seele
-nicht, aber es brachte ihre Schmerzen und ihre Vorwürfe zum Schweigen.</p>
-
-<p>Im Anfange seiner Laufbahn hatte es ihn über die Maßen gekränkt, bei
-seinen Kollegen so wenig von dem zu finden, was er als Student geistige
-Regsamkeit genannt hatte. Jetzt wußte er, daß die meisten Menschen
-sich um kleine, unbedeutende Bruchstücke des Wissens abmühen und
-ihnen unruhevoll nachjagen, wie ein Knabe, der einem Schmetterlinge
-nacheilt und dabei die blühenden Beete zertritt. Rolands Leben war
-reich, einfach und kräftig geworden. Er spürte nicht mehr in heißer,
-nächtlicher Denkarbeit den Goldadern des Geistes nach, die mühselig
-auf<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>zugraben sind und sich oft genug, wie oft! in taubem Gestein
-verlieren. Ihm war, als wäre er einst mit seinem schmerzlichen
-Ehrgeiz und aller Sehnsucht, aus toten Steinen Gold der Gedanken zu
-graben, in finsterer Nacht gewandelt. Er hatte an die Tore der Kunst
-geklopft, aber sie hatten sich ihm nicht auftun wollen; er hatte die
-Wissenschaften gefragt, aber auch was der Gelehrteste weiß, ist nur
-Stückwerk und nur ein Teil des Wissens, also daß keiner die Tiefen des
-Wissens je durchdringen kann. Da hatte er sich der guten, einfachen
-Natur ergeben; und da wuchs er nun, wie eine große, schöne, unschuldige
-Pflanze Gottes, sog die frischen Lüfte und den Sonnenschein der Erde in
-sich ein und strahlte sie in Kraft und Gesundheit wieder aus.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Die Fédération des Sociétés françaises de lutte hatte die
-Weltmeisterschaft im Ringkampfe ausgeschrieben. Von jeher pflegte
-Lutetia, die Stadt des Lichtes, die Hauptstadt aller Freude und
-Schönheit, auch die Helden der Kraft in ihren Mauern zu versammeln. Im
-Theater Folies-Bergère sollte der Wettstreit ausgetragen werden. Auch
-Roland mit einem Teil seiner Ringer war eingeladen, an den Kämpfen
-teilzunehmen. Er kam, und der Ruf, der ihm vorausgeeilt war, wurde
-durch den Eindruck seiner Persönlichkeit noch übertroffen. Er war so
-blond, sein Gesicht war so jung, sein Wuchs so schlank, seine Muskeln
-so stark, und er stand im Kampfe so ruhig! Paris war entzückt und
-vergab ihm seine deutsche Herkunft. Und ... wahrhaftig! es gab sogar
-Pariser und Pariserinnen, die dem blonden deutschen Riesen lieber den
-Sieg gegönnt hätten als ihrem eigenen Landsmanne Claude le Titan, der
-unter allen französischen Ringkämpfern die meisten Aussichten auf den
-Endsieg hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p>
-
-<p>Die Kämpfe sollten einen ganzen Monat lang dauern. In den Sportklubs,
-in Kaffeehäusern und Werkstätten, besonders aber im Theater
-Folies-Bergère, wurden schon nach dem Ablaufen der zweiten Woche
-Wetten abgeschlossen. Da stellte es sich heraus, daß die Mehrzahl
-der Wettenden doch lieber auf ihren französischen Champion halten
-wollte, als auf Roland. Nach einem ungeschriebenen Gesetze gewann fast
-niemals ein Fremder das „Championat du Monde“ zu Paris. Warum also
-sollte es diesem Deutschen, so groß und schön er war, gelingen, die
-heißumstrittene Weltmeisterschaft an sich zu reißen?</p>
-
-<p>In diesem Jahre waren die exotischen Ringkämpfer in der Mode. Aus der
-Türkei, aus Afrika, aus Amerika, aus Persien und Japan waren Athleten
-gekommen, die indessen außer ihrer fremdartigen Erscheinung nicht viel
-an geschulter Kraft und Gewandtheit in die Wagschale zu werfen hatten.
-Jeder Ringer, der viermal besiegt worden war, schied aus der Reihe der
-Teilnehmer aus. So waren die Fremdlinge, die nur der Schaulust dienten,
-bald ausgeschieden und die ernsten Entscheidungskämpfe begannen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Schon nach den Gesängen Homers erhielten die Sieger im Ringkampf
-blühende Mädchen als Siegespreis und Lohn. Süß ist es für den Sieger,
-in weichen, zärtlichen Armen auszuruhen. Aber geschwächt und entnervt
-wird der Kämpfer, der auch mitten im Kampf nicht dem Locken der Sirenen
-widerstehen kann...</p>
-
-<p>Claude le Titan widerstand nicht. Zu viele weiche, kleine Hände
-streckten sich lockend nach ihm aus, zu viele Frauenlippen dürsteten
-nach seinem Munde. Warum sollte er die Rosen nicht pflücken, die so
-nahe an seinem Wege blühten? Er fühlte sich ja ganz sicher. Mit den
-bedeutenden Teilnehmern der Konkurrenz hatte Claude le Titan geheime
-Abmachungen getroffen, nach denen er, der populärste Cham<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span>pion
-Frankreichs, der endgültige Sieger bleiben mußte. Und da Roland, der
-Deutsche, übrigens der einzige unter den Ringern war, der ihm ernstlich
-gefährlich werden konnte, so sollte Roland der zweite Sieger sein.</p>
-
-<p>Freidank hatte bis zum letzten Abende nicht an die Möglichkeit gedacht,
-daß es anders sein könnte. Er wußte sich frei von dem Verlangen,
-den goldenen Gürtel von Frankreich, die berühmte „Ceinture d’or“,
-um seine Hüften zu legen. Am Morgen des Entscheidungskampfes kam
-ein großer Buchmacher zu ihm ins Hotel. Er zeigte dem deutschen
-Champion Zeitungsartikel und Briefe, die sich mit den Aussichten der
-beiden Favoriten, Claude Titan und Roland, beschäftigten. Mehrere
-Zeitungen empfahlen ihren wettenden Lesern, auf den Franzosen zu
-halten. Die Eingeweihten wußten doch genau, daß Claude le Titan sich
-mit der Ceinture d’or umgürten würde.... Nun kam der Buchmacher und
-stellte Roland vor, daß es für ihn vielleicht möglich sein würde, den
-französischen Champion im Endkampfe zu werfen. Freilich: das Publikum
-würde wüten, wenn der Franzose fiel. Aber was lag daran? Die Hauptsache
-war doch, daß man bei dem gerechten und doch illoyalen eventuellen
-Siege das Geld aus den Wetten einstrich. Der Totalisator war nicht
-öffentlich, sondern geheim, und dieses allbekannte Geheimnis reizte
-auch Leute zum Wetten, die sich an einem öffentlichen Totalisator
-vielleicht nie beteiligt hätten. Natürlich sollte Roland einen
-erheblichen Teil des Gewinnes einstreichen!</p>
-
-<p>Als der Buchmacher vertraulich und geheimnisvoll seine Vorschläge
-gemacht hatte, mußte Roland herzlich lachen. In aller Welt erlebte man
-Ähnliches! Just so, fast mit denselben Worten, hatte ihn damals ein
-Buchmacher überreden wollen, sich von Aloys Binder im Revanchekampfe
-besiegen zu lassen. Und dann war es recht wunderlich gekommen, also
-daß<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> er über Binder im bittersten Ernst Sieger geworden war... als
-es um Fritzi l’Alouette ging.... Er wurde in der Erinnerung einen
-Augenblick lang ernst und dann doch wieder heiter, und halb im Scherz
-sagte er dem Buchmacher zu, er würde Claude le Titan werfen... Der
-Buchmacher wollte einen schriftlichen Kontrakt machen und ihm schwarz
-auf weiß eine hohe Summe für seinen Sieg zusichern. Da wurde Roland
-verdrießlich. Er sagte, was vereinbart wäre, gelte auch ohne Papier und
-Tinte, nahm Hut und Überzieher und ging ins Theater, um seine Briefe in
-Empfang zu nehmen.</p>
-
-<p>Es war ein Brief aus Deutschland dabei, der viele Stempel trug und der
-ihm an alle Orte nachgereist war, die er besucht hatte, seit er Berlin
-verlassen hatte. Der Brief aber lautete:</p>
-
-<p>„Lieber Herr Freidank! Es ist nun über den ärgerlichen Abend, da unser
-armes Paar Filippo und Lavinia so energisch ausgepfiffen wurden,
-schönes, dichtes Gras gewachsen und ich kann es zuversichtlich wagen,
-meinen Gästen das wunderhübsche Lustspiel vorzusetzen, welches Sie
-damals nach meiner Idee geschrieben hatten. In der ersten Aufwallung
-über unser gemeinsames Mißgeschick wollte ich Ihnen das Lustspiel
-zurückschicken; aber Sie waren plötzlich verschwunden. Dann habe ich es
-nochmals durchstudiert, und nun hoffe ich, daß es einen Erfolg bringen
-soll. Kommen Sie, lieber Freidank, zur Première am 29. Oktober! Wenn
-es an irgend etwas mangeln sollte &mdash; Sie verstehen mich schon &mdash; so
-schreiben Sie es ruhig. Diesmal wird es kein Mißerfolg, das ist mir
-ganz klar. Meine Idee damals war doch brillant....“</p>
-
-<p>Eberhard griff an seinen Kopf. Niemals mehr hatte er sich an dieses
-Stück erinnert, welches er einst in Un<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span>lust und Eile nach einem
-fremden Plane zurechtgezimmert hatte. Unwillkürlich sah er auf den
-Abreißkalender, der an der Wand hing. Es war der Einunddreißigste. Zwei
-Tage zuvor war in Berlin ein Lustspiel mit seinem Namen aufgeführt
-worden... Natürlich, es mußte noch schlimmer aufgenommen worden sein,
-als das Drama. Doch, was ging es ihn heute an? Er hatte sein Leben auf
-eine andere Grundlage gestellt, als auf das Spiel der Worte, das Spiel
-der Gedanken, das heute gefeiert und morgen verhöhnt werden kann. Zum
-Teufel, was ging ihn das Lustspiel an? &mdash; Und doch &mdash; dennoch weckte
-der Brief schlummernde Gefühle und schlummernde Schmerzen. Denn es
-war eine Erinnerung und ein Zeichen aus jener toten, holden Zeit voll
-Hoffnungen und voll Liebe...</p>
-
-<p>Er lief in das Café de la Paix, wo deutsche Zeitungen liegen und
-las mit unendlichem Staunen, daß das schlechte Lustspiel vor den
-Zuschauern Gnade gefunden, ja: daß es einen großen, lärmenden Erfolg
-errungen habe! Er verlor ein wenig seine Fassung. Sollte er nach
-Berlin telegraphieren, sollte er... ja, was sollte er? Jedenfalls doch
-durfte er heute nichts tun, sich nicht aufregen, da ihm am Abende ein
-anstrengender Kampf mit Claude le Titan bevorstand. Zuerst kamen doch
-Beruf und Pflicht! Er hatte ohnehin das Morgentraining versäumt. Er gab
-sich Mühe, sich das schlechte Lustspiel aus dem Sinne zu schlagen und
-fuhr zum Speisen. Dann machte er einen kurzen Spaziergang und kehrte in
-das Hotel zurück, um einige Stunden zu schlafen. Vor dem Ringkampfe tat
-die Ruhe gut.</p>
-
-<p>Als er aufwachte, fühlte er sich frisch und gestärkt. Alle Zweifel
-waren verflogen, alle Bedenken besiegt. Was zog ihn zurück in das
-Ägypten, das er verlassen hatte? Hier war Klarheit, hier war Gesundheit
-und Natur, hier konnte jeder nach seiner Kraft sich durchsetzen und
-behaupten.<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> Jeder galt hier so viel, wie er wert war. Hier war die
-Kraft...</p>
-
-<p>Er wanderte langsam durch die hellerleuchteten Straßen dem Theater
-zu. Alle Plätze waren ausverkauft. Roland trat in das Theater ein und
-hörte eine Weile den Künstlern auf der Bühne zu. Ein berühmter Tenor,
-ein Kind der Provence, sang schöne französische Liebeslieder. Gerade
-beendete er ein heiteres Liedchen mit dem Schlußrefrain:</p>
-
-<p>„A nos dames donnez le prix!“</p>
-
-<p>Die Zuhörer jubelten; die hübschen, koketten Pariserinnen klatschten
-entzückt in die Hände und ihre schwarzen Augen in den gepuderten
-Gesichtchen funkelten vor Vergnügen&nbsp;...</p>
-
-<p>„A nos dames donnez le prix...,“ wiederholte Roland heimlich für sich.
-„Ach, ich weiß eine Dame, eine schlanke Diana mit blondbraunem Haar,
-der ich viel lieber den Preis gäbe, als euch, ihr dunkelhaarigen,
-sprühenden Geschöpfchen ....“</p>
-
-<p>Der Sänger sang ein neues Lied. Er spielte die Laute dazu, er stand wie
-ein Minstrel und sang herzlich rührend und innig den letzten Vers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Vous êtes si jolie, oh mon bel ange blond,</div>
- <div class="verse">Que mon amour pour vous est un amour profond,</div>
- <div class="verse mleft3">Que jamais l’on oublie.</div>
- <div class="verse">Pour vous plaire, la mort ne me serait qu’un jeu,</div>
- <div class="verse">Je deviendrais infâme et je renierais Dieu &mdash;</div>
- <div class="verse mleft3">Vous êtes si jolie ....“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Vous êtes si joli&mdash;e!“ klang die Melodie in ihm nach, als er die
-Ringkämpfergarderobe betrat, um sich umzukleiden. Er war ergriffen; er
-dachte rein und sehnsüchtig an Theresen.... „Pour vous plaire, la mort
-ne me serait qu’un jeu! Je deviendrais infâme.....“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span></p>
-
-<p>Claude le Titan, der Champion, saß im Trikot an einem Tische und war
-vor einem Spiegel eifrig damit beschäftigt, sich zu schminken. Dabei
-erzählte er ein galantes Abenteuer, welches er gestern erlebt haben
-wollte und welches erst an dem eben verflossenen Nachmittage ein Ende
-gefunden hatte....</p>
-
-<p>„Zu was schminkst du dich, Claude?“ fragte Pierre le Forgeron, die
-„rote Nelke“.</p>
-
-<p>„Ich muß doch den Damen gefallen,“ erwiderte Titan mit ordinärem Lachen.</p>
-
-<p>„Ach, heute abend gefällst du ihnen doch!“ meinte Oeillet rouge, „und
-wenn du noch so häßlich wärst... Dem Sieger laufen sie in jedem Falle
-nach....“</p>
-
-<p>Ein Marsch erklang, und ein Pfiff; die wenigen übrig gebliebenen
-Ringkämpfer marschierten auf. Zum letzten Male wurden sie vorgestellt,
-und Beifallsgebrüll grüßte jeden einzelnen. Und noch einmal wurde das
-Ringkampfreglement verlesen.</p>
-
-<p>Breitspurig, selbstbewußt und selbstgefällig standen die Ringkämpfer
-auf der Bühne, Claude Titan mit seinem eitlen Lächeln, Pierre le
-Forgeron in seiner ganzen, stumpfen Vierschrötigkeit, Syrin mit seiner
-lächelnden Frechheit eines frühreifen Knaben.</p>
-
-<p>Roland ließ seine Blicke gleichgültig über das Theater schweifen,
-dann durch den Kranz der Logen, in denen geputzte Damen saßen, um die
-Starken zu bewundern und anzubeten.</p>
-
-<p>Aber dort in der ersten Loge, ganz nahe der Bühne, saß eine Schlanke
-im hyazinthenblauen Kleide. Zwischen den weißen Spitzen, die den
-Ausschnitt umsäumten, blühte ein Strauß weißer Camelien. Das
-lichtbraune Haar ihres Hauptes lag wie ein Krönlein über dem stolzen
-Gesicht, die<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> Hände hatte sie, ohne es zu wissen, auf ihre bebende
-Brust gepreßt....</p>
-
-<p>Das war Therese Ambrosius.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Während auf der Bühne Pierre le Forgeron, die „rote Nelke,“ mit dem
-Kosaken Syrin rang, trat Freidank zu Claude le Titan und sprach
-gelassen:</p>
-
-<p>„Dites-donc, Claude! &mdash; bist du in Form?“</p>
-
-<p>„Qu’importe?“ erwiderte der Champion nachlässig. Aber etwas im Tone
-seines deutschen Gegners, was wie verhaltenes Ungewitter klang, ließ
-ihn aufblicken, und er fügte hinzu:</p>
-
-<p>„Ich bin immer in Form!“</p>
-
-<p>„Dein Glück!“ sagte Eberhard mit ungewöhnlicher Ruhe. „Denn sonst
-könnte heute abend vielleicht etwas passieren, was viele Leute nicht
-voraussehen. Enfin &mdash; es wäre kein übergroßes Unglück! Unter Kollegen
-gibt es bekanntlich nur ehrliche Rivalität. &mdash; Wir haben ungefähr
-gleiches Hüftmaß. Die Ceinture d’or würde mir so gut passen, wie dir...“</p>
-
-<p>Der dumme, ungebildete Mensch wußte noch nicht ganz genau, wo Freidank
-hinaus wollte; aber er hörte den Hohn aus seiner Stimme und begann sich
-plötzlich so unbehaglich zu fühlen, wie nie zuvor in seinem Leben:</p>
-
-<p>„Du sagst doch nicht......?“ fragte er dumpf.</p>
-
-<p>„Ich sage!“ antwortete Freidank scharf.</p>
-
-<p>Die blanken Blicke der beiden Ringkämpfer kreuzten sich, wie Klingen.
-Claude le Titan duckte sich wie ein Tiger, als ob er Roland an den Hals
-springen wollte, richtete sich aber wieder auf:</p>
-
-<p>„Fichtre....! &mdash; &mdash; du willst seriös ringen!“</p>
-
-<p>„Ja!“ sagte Freidank achselzuckend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span></p>
-
-<p>„Sacré nom de Dieu! &mdash; &mdash; Roland, bist du wahnsinnig geworden!“</p>
-
-<p>„Entschuldige.....“ sprach Roland gelassen, „ist es mein Recht, seriös
-zu ringen, oder nicht? Willst du, daß ich das Schiedsgericht anrufe,
-ob ich Falle machen muß oder nicht? Da draußen sitzen sechs, acht
-Sportjournalisten im Schiedsgericht...... Ich bin Sportsmann, cher ami!
-Ich ringe im Ernst &mdash; wenn du erlaubst! &mdash; Bei uns in Deutschland wird
-ernsthaft gerungen! Bei uns ist, was du noch nicht zu wissen scheinst,
-der Sieger wirklich &mdash; der Stärkste!“</p>
-
-<p>Er kreuzte die Arme, stand breitbeinig da und sah dem Franzosen in das
-tiefgerötete Gesicht, welches von Wut und Haß verzerrt war.</p>
-
-<p>„C’est raide!“ sagte der Franzose und atmete tief auf. „Und du weißt,
-Carogne! daß ich die ganze Nacht und den ganzen Tag gelumpt habe...
-Wenn ich es wenigstens vorher gewußt hätte! &mdash; Ah, du Judas, das ist
-ein verfluchtes Stück! &mdash; Tu es infâme, toi.....! Infâme! Infâme! &mdash;
-Mais je m’en fiche pas mal! &mdash; Also gut, ringen wir seriös!“</p>
-
-<p>Roland trat neben die Kulisse. Der Kampf zwischen dem Kosaken Syrin und
-Pierre Forgeron ging zu Ende. Man hörte in der aufgeregten Stille das
-derbe Klatschen der Griffe und das schwere Schnaufen des Russen. Aber
-Roland dachte mit seinem frohen Lächeln allein an sein schönes Mädchen,
-der zu Ehren er den langen, dicken Franzosen trotz aller Abrede, wie
-ein Ritter im Turnier, niederschmettern wollte, wenn das Schicksal ihm
-nur ein wenig günstig war, und in seiner Seele sang und klang es:</p>
-
-<p>„Pour te plaire, la mort ne me serait qu’un jeu....! Je deviendrais
-infâme.......! Pour te plaire, Therese, meine Therese!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span></p>
-
-<p>„Vainqueur Pierre le Forgeron, 27 minutes!“ schrie der Obmann des
-Schiedsgerichtes in das Beifallsrasen der Zuschauer hinein, und:</p>
-
-<p>„Match dernier: Roland, Allemand, Champion de St. Petersbourg, avec
-Claude le Titan, Paris, Champion de France!“</p>
-
-<p>Claude le Titan sprang auf Roland mit jenem wilden Tigersprunge, den er
-eine Viertelstunde vorher in der Garderobe unterdrückt hatte.</p>
-
-<p>So hatte Claude le Titan noch nie gerungen, so wild und voller
-Leidenschaft hatten die Pariser den allezeit Ruhigen noch nie gesehen.
-Er schlug Roland ins Genick, er versuchte ihm einen betäubenden Schlag
-mit der äußeren Kante der Hand gegen die Halsschlagader zu versetzen,
-welcher in den rohen Ringkämpfen der Ecole Bordelaise und der Ecole
-Marseillaise als „Colbac“ eine gefährliche Rolle spielt.</p>
-
-<p>Die Pariser heulten vor Wut. Wie? Ihr Favorit, ihr Champion ließ
-sich derartig plumpe Reglementswidrigkeiten gegen diesen Prussien zu
-Schulden kommen? Wo blieb denn die Nationalehre, wenn ein Pariser sich
-im freien, öffentlichen Sport unfair gegen einen Allemand benahm?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dann besann sich Claude, daß er seine Kräfte nicht vorzeitig ausgeben
-durfte. Jetzt stand er ruhiger im Kampfe. Die Pariser wurden ihres
-Champions wieder froh. Parbleu, ja: man wußte doch, was man an Claude
-le Titan hatte, auch wenn sein Temperament ihm einmal durchgegangen war!</p>
-
-<p>Und die Viertelstunden dehnten sich.</p>
-
-<p>Die beiden bleichen Körper glänzten schweißbedeckt, reckten sich
-aus und zogen sich wieder zusammen, schnellten sich herum, wie von
-ungeheurer Federkraft getrieben, und ruhten wieder unbeweglich, wie
-Steinklumpen, am Boden.</p>
-
-<p>Claude le Titan hockte seit einiger Zeit wieder einmal<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> auf dem
-blutroten Teppich. Roland kniete neben ihm und versuchte, den rechten
-Arm des Franzosen unter seinem Körper durchzuziehen. Die Kenner lachten
-höhnisch. Ramassement de bras! Ach nein, so plump ließ Claude le Titan,
-der alte Fuchs, sich nun doch nicht fangen. Er stützte sein mächtiges
-Bein auf und war mit einem starken Schwunge seines Körpers wieder auf
-den Füßen.</p>
-
-<p>Da war Roland mit einem gedankenschnellen Sprunge hinter ihm, faßte ihn
-um beide Hüften, hob den schweren Körper hoch auf,... noch höher.....
-bog sich weit zurück und warf sich selbst rücklings nieder:</p>
-
-<p>In weitem Bogen flog Claude le Titan nach rückwärts über Rolands
-Schulter hinweg und lag gerade, wie ein gefällter Baum, auf beiden
-Schultern platt am Boden! &mdash; &mdash; &mdash; Ceinture en souplesse.....</p>
-
-<p>„Vainqueur Roland, Allemand, &mdash; &mdash; une heure dix minutes! ....“</p>
-
-<p>Und die Musikanten bliesen Tusch, Lorbeerkränze häuften sich ringsum,
-&mdash; dann wurde Roland der goldene Gürtel von Frankreich um die Hüften
-gelegt. In einem Blumenregen stand er, mit der berühmten Ceinture
-d’or de France und mit der Meisterschaft der Welt geschmückt, aber
-in all seiner Siegerherrlichkeit sah er nichts, als das Mädchen im
-hyazinthenblauen Kleide mit dem Strauß von weißen Camelien vor der
-Brust......</p>
-
-<p>Dann wartete sie auf ihn, und er kleidete sich mit fiebernden Händen
-an und eilte hinaus. Sie hätten einander in die Arme fliegen mögen,
-um sich festzuhalten für Zeit und Ewigkeit, sie hätten vor Liebe und
-Freude sterben mögen, aber sie hielten ihre Gefühle stolz zurück,
-reichten einander nur die Hände und flüsterten mit bebenden Lippen:</p>
-
-<p>„Grüß’ dich Gott, Eberhard &mdash; Therese, grüß’ dich Gott!“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span></p>
-
-<p>Und als nach vielen Stunden der ganze Siegestrubel verrauscht, das
-Festmahl zu Ende war und die glänzenden Augen der Festteilnehmer matt
-geworden waren, waren allein zwei Augenpaare noch kerzenhell, und der
-neue „Champion du Monde“ flüsterte in Liebe und Seligkeit:</p>
-
-<p>„Therese, hast du mir vergeben?“</p>
-
-<p>„Ach, wirst du mir je verzeihen können, du Lieber?“</p>
-
-<p>„Therese, wir sprechen heute davon und dann niemals mehr! Alles muß
-klar sein zwischen uns. Dann aber soll die Vergangenheit schlafen. Und
-wir wollen eine fröhliche Zukunft an uns reißen!“</p>
-
-<p>„Sage, mein Freund, wie siehst du die Zukunft?“</p>
-
-<p>„Sage zuerst, Therese, wie du sie siehst!“</p>
-
-<p>„Du bleibst, was du heute geworden bist!“ sprach Therese mit freudigem,
-tiefem Erröten. „Obwohl.... Eberhard, ich habe in Berlin dein zweites
-Stück aufführen sehen....“</p>
-
-<p>„Therese, was denkst du über das Stück?“</p>
-
-<p>Sie zögerte einen Augenblick, denn sie wollte ihm nicht weh tun,
-erwiderte dann aber tapfer:</p>
-
-<p>„Ich mag’s nicht leiden! Obwohl die Leute klatschten ... Du hättest
-sie applaudieren hören müssen! &mdash; &mdash; Aber was war das für ein Gefühl,
-dieselben Menschen jubeln zu hören, die damals gepfiffen haben! Sie
-sind so gemein... so launenhaft... so gedankenlos.....“</p>
-
-<p>„Gedanken!“ sprach der Ringkämpfer mit leuchtender Stirn, „Gedanken! &mdash;
-Sie sind ein Wahn, sie sind eine Qual! &mdash; Ein Ruck tut mir die Dienste
-des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual
-der Gedanken ab! &mdash; Ich habe den Gedanken Valet gesagt, Therese! Mein
-Training ist meine Denkkunst, mein Ringkampf ist meine Philosophie. Im
-Reiche der Kraft bin ich vorläufig der Herr! &mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span></p>
-
-<p>„Ich habe auch gelitten unter schlimmen Gedanken,“ sagte sie leise.
-„Meine Sinne haben genossen, mein Geist hat geschwelgt, aber mein Herz
-blieb leer. Was hat er....“ sie sprach den Namen nicht aus, „was hat
-er nicht alles getan, um mich zu erfreuen! Bücher und Kunstwerke hat
-er gebracht, eine ganze Bibliothek... Und er war so zart, Eberhard, so
-zart &mdash; &mdash; &mdash;! Seitdem wir aus Italien zurück waren, besaß er nur noch
-das Bewußtsein meiner Treue... sonst nichts..... nichts... Und doch kam
-der Tag, an dem die Sehnsucht mir bis an den Hals stieg und ich darin
-untergegangen wäre, wenn ich nicht fortgereist wäre... zu dir... ob du
-mich wieder haben willst.....“</p>
-
-<p>Er ging auf ihren demütigen Zweifel nicht einmal ein und blickte ihr
-strahlend in die Augen:</p>
-
-<p>„Wie gut, Therese, daß du nun ganz eines Sinnes mit mir bist! &mdash; Denn
-nun hält uns ja nichts mehr ab, den Bund unserer Liebe durch berufene,
-geweihte Hände segnen und heiligen zu lassen..... Du lächelst, meine
-Geliebte?“</p>
-
-<p>„Nur vor Glück,“ erwiderte sie und wischte sich eine klare Träne von
-der Wange.</p>
-
-<p>„Das mein’ ich auch, mein liebes Weib. Wir können uns vor Gottes Altar
-in allen Ehren finden und binden. Da geh’ ich mit Goethe, welcher es so
-frei und edel aussprach, daß die Trauung zwar nur eine Formel ist, aber
-eine so schöne: der Segen des Himmels zu dem Segen der Erde.“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i235" name="i235">
- <img class="w6em mbot2 mtop2" src="images/i235.jpg" alt="Ende Kapitel XIV" /></a>
-</div>
-
-<div class="druck">
-
-<span class="border-double">Druck von Hallberg &amp; Büchting, Leipzig.</span>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
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-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
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-<p class="s1 center"><b>Unfruchtbarkeit</b></p>
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-<p class="s3 center"><b>Preis Mk. 3.&mdash;.</b></p>
-
-<p class="center">Das <b class="s4">Tiroler Tagblatt</b> schreibt u. a.:</p>
-
-<p class="p0">„Dolorosa’s neuester Roman „Unfruchtbarkeit“ ist ein Gegenstück zu
-Zolas „Fruchtbarkeit“. Ein Grosstadtroman, der die Schattenseiten
-der menschlichen Fortpflanzung bis ins kleinste Detail schildert und
-schliesslich in dem Axiom ausklingt: „Die Fruchtbarkeit ist das grösste
-Verbrechen .....“</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i238" name="i238">
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-<p class="s4 center">Mit farbigem Umschlag von Raphael Kirchner, Paris.</p>
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-<p class="s3 center"><b>Preis Mark 3.&mdash;</b></p>
-
-<p>Gibt es ein Thema, welches des Interesses so sicher ist, wie Schönheit
-und Liebe, wie die zarten Geheimnisse des Toilettenzimmers und des
-Damenboudoirs?</p>
-
-<p>Wenn aber das Thema mit so entzückenden Variationen und mit so pikantem
-Charme vorgetragen wird, wie in der vorliegenden liebenswürdigen
-Novellensammlung der beliebten Autorin, so ist der Erfolg besiegelt.
-Die Grazien haben Pate gestanden bei dieser anmutigen Schöpfung, die
-von einem heitern, leichtlebigen, pariserischen Geiste durchweht ist.
-Wie bunte Falter um duftende Rosen, so gaukeln diese leichtbeschwingten
-Erzählungen um die entzückten Sinne des Lesers. Ist der fröhlich
-galante Geist Boccaccios wieder lebendig geworden? Sind all’ die Rosen
-und Kränzchen, die flatternden Schleifen und weissen Täubchen, die
-brennenden Herzen und verliebten Sentiments der Rokokozeit vom langen
-Schlafe erwacht? Man sollte es meinen, wenn man die gefühlvollen Helden
-dieser graziösen Novellen neckisch und zärtlich mit den Korsetts ihrer
-Herzensdamen schäkern und karessieren sieht.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s2 center"><b>Tagebuch einer Erzieherin</b></p>
-
-<p class="s5 center">von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>DOLOROSA</b></p>
-
-<p class="center">Mit farbigem Umschlag von Raphael Kirchner, Paris.</p>
-
-<p class="s3 center"><b>12. Auflage. <span class="mleft3">Preis Mark 3.&mdash;</span></b></p>
-
-<p>Dieses Buch ist das zweite Romanwerk der jungen, um der unerhörten
-erotischen Kühnheit ihrer Dichtungen willen so schnell berühmt
-gewordenen und so viel gelästerten Dolorosa. Diese jugendliche
-Dichterin liebt es, merkwürdige und nicht alltägliche Schicksale zu
-schildern. Von dem „Tagebuche einer Erzieherin“ sagt sie selbst in der
-Einleitung:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Ich will euch, meine Freunde, eine Geschichte von einem trüben
-Leben sagen; dieses Leben gehörte zu den Dingen, die so niedrig
-und alltäglich und gemein erscheinen, dass man nicht davon singen
-kann. Keine grosse, herrliche Tragödie, wie ein Gewitter. Kann
-einer davon singen, dass ein edles Purpurgewand durch den Staub der
-Strasse geschleift wurde?</p>
-
-<p>„Einige ausgeschriebene Tagebücher kamen mir in die Hände, Briefe
-und sonst Blätter, und ein eichener Kasten mit allerlei Tand:
-eine kostbare Reitpeitsche, und seltsame Bilder und Gedichte und
-Kindersächelchen, und..</p>
-
-<p>„Aber was liegt daran? &mdash; Ich will euch die schlimme, trübe
-Geschichte sagen; nur vergesst mir nicht, ihr Freunde, dass aus all
-dem bizarren Lärm doch immer Harfenakkorde der Liebe hervorklingen.“</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i240" name="i240">
- <img class="mtop3" src="images/i240.jpg" alt="" /></a>
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-
-<p class="s1 center"><b>Schuhgeschichten</b></p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1">von</p>
-
-<p class="s3 center sans">Restif de la Bretonne</p>
-
-<p class="center">übersetzt von E. LAFIÈRE</p>
-
-<p class="s4 center">Mit künstlerischem Umschlagbild von<br />
-RAPHAEL KIRCHNER-PARIS</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s2 center"><b>Preis Mark 2.&mdash;</b></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p><span class="initial">I</span>n seinen Schuhgeschichten erzählt uns Restif de la Bretonne von den
-Liebeswonnen und Qualen zweier <b>„Schuhfetischisten“</b>. Er malt
-das Erwachen ihrer Leidenschaft, die Zuckungen ihrer krankhaften
-Sinnlichkeit mit einer Kraft, einer Anschaulichkeit, die erschreckend
-wäre ohne Restifs Meisterschaft, ohne die vollendete Kunst seiner
-Schilderung, die selbst die krassesten und gewagtesten Situationen zur
-Schönheit verklärt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i241" name="i241">
- <img class="mtop3" src="images/i241.jpg" alt="" /></a>
- <p class="s5 center u mbot3 no-break-before">Original-Anzeige</p>
-</div>
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-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
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-<p class="s1 center"><b>Venus im Pelz</b></p>
-
-<p class="center">Novelle von</p>
-
-<p class="s4 center"><b>Leopold von Sacher-Masoch</b></p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Reich illustriert</em></p>
-
-<p class="s3 center"><img class="h0_8em" src="images/hand_rechts.jpg" alt="Hand, nach rechts zeigend" />
-&ensp;<b>Preis Mark 5.&mdash;</b>&ensp;
-<img class="h0_8em" src="images/hand_links.jpg" alt="Hand, nach links zeigend" /></p>
-
-<p class="s5">Von allen Werken Sacher-Masochs erfreut sich keines so ausgedehnter
-Popularität wie „<em class="gesperrt">Venus im Pelz</em>“. Sie ist die typischeste
-Schöpfung ihres Meisters bezüglich alles den tiefsten Wesenskern seiner
-Individualität Betreffenden, und verdient überhaupt die klassische
-masochistische Novelle der Weltliteratur genannt zu werden. Besitzt
-sie schon darum Leben, Reiz und Wert, übertrifft sie durch blendenden
-Stil und glänzendes Kolorit an sich schon das meiste, was der eminente
-Sprachkünstler geschaffen, erweckt sie noch aus einem anderen Grunde
-besonderes Interesse, weil sie eine Episode aus dem Leben ihres
-Schöpfers erzählt und darum als ein Stück seiner Selbstbiographie
-gelten darf. &mdash; Severin ist Sacher, Wanda &mdash; nicht etwa seine spätere
-Gattin, sondern eine seiner vielen, der österreichischen Aristokratie
-angehörenden Herzensköniginnen, die er in einem Ischler Hotel kennen
-lernte, und mit der er später jene wunderliche phantastische Reise nach
-Florenz unternahm, während welcher er halb gezüchtigter Sklave, halb
-der in allen Himmeln schwelgende Liebhaber einer strengen Herrin war.</p>
-
-<p class="s5">„Habent sua fata libelli“ sagt eine oft zitierte Sentenz. Da sich in
-keiner der Schriften ihres Verfassers Sachersche Individualität und
-masochistische Eigenart so rein wiederspiegelt wie in der „Venus im
-Pelz“, ist es als ein glücklicher Umstand anzusehen, dass gerade dieses
-Buch Sachers Namen lebendig erhalten hat und erhalten wird.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center sans"><span class="s2">DÄMONE</span></p>
-
-<p class="s4 center"><b>Roman in 2 Bänden</b></p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center sans">R. BRÖHMEK</p>
-
-<p class="center">Mit buntem Umschlagbild von Raphael Kirchner-Paris.</p>
-
-<p class="s3 center sans"><b>Preis Mark 5.&mdash;</b></p>
-
-<p>In vorliegendem Roman zeichnet der bekannte Verfasser mit gewandtem
-Griffel das Treiben zweier dämonischer Menschen, die Triebfedern
-ihrer absonderlichen Leidenschaften und Gelüste. Im Vordergrunde
-steht das Weib, eine jener herzlosen, raffinierten Koketten, welche
-zu den Teufelinnen gehören, hinter deren Schönheit und Majestät Härte
-und Grausamkeit, Tod und Verderben lauern. Sie weiss das traurige
-Geschick eines adeligen Hauses zu benutzen, um das junge, männliche
-Haupt der Familie, welches schon als Knabe ihre strenge Behandlung
-mit pathologischer Hingebung ertragen hat, in ihr gefährliches Garn
-locken. Sie demütigt ihre Nebenbuhlerin, deren Liebreiz die Sinne ihres
-adeligen Seladons von ihr abgewandt hat, verfolgt die Unschuldige mit
-ihrem Hass und facht die extremen Neigungen der Knabenseele zu wildem
-Sinnestaumel an. Und wie sich bekanntlich tausend Männerköpfe unter
-den Fuss eines schönen, grausamen Weibes beugen, so verliert auch der
-junge Baron den moralischen Halt, die Herrschaft über sich selbst, und
-erliegt der tödlichen Gewalt der dämonischen Messaline.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b><span class="s3">Der Hass</span> der <span class="s3">Polin</span></b></p>
-
-<p class="center">Roman von</p>
-
-<p class="s3 center">KURT FELSINGEN</p>
-
-<p class="s4 center">Mit buntem Umschlagbild von<br />
-RAPHAEL KIRCHNER-PARIS</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s3 center"><b>Preis Mark 3.&mdash;</b></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p>Der Roman schildert die Geschichte eines vornehmen, stolzen und
-herrschgewohnten Weibes, das, erfüllt von fast fanatischer Menschen-
-und Mannesverachtung, dem Drange diese ihrer Gelüste zu befriedigen
-freien Lauf lässt.</p>
-
-<p>Doch diese Frau selbst schafft sich die Sühne.</p>
-
-<p>Ein stolzer selbstbewusster Mann ist von ihr aufs Ungeheuerlichste
-gedemütigt worden in brutaler Vergewaltigung, und nun nimmt dieser
-Mann Rache. Die Schilderung dieser Vergeltung, die erst nach Jahren
-und unter den romantischsten Umständen eintritt, ist von wunderbarer
-Feinheit und packendster Wirkung, der Aufbau der Handlung derart
-spannend, dass der Leser bis zum Ende vollständig im Banne der
-Darstellung bleibt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i244" name="i244">
- <img class="mtop3" src="images/i244.jpg" alt="" /></a>
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-
-<p class="s4 center mtop3"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Die Venuspeitsche</b></p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center">Carl Felix von Schlichtegroll.</p>
-
-<p class="center">Band I:</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Die Hexe von Klewan</b></p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Novelle</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">Preis Mk. 3.&mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i245" name="i245">
- <img class="w3em" src="images/i245.jpg" alt="Verzierung" /></a>
-</div>
-
-<p>Ungewöhnlich wie der Titel dieses Buches dürfte auch der Inhalt
-erscheinen. Der Verfasser hat es unternommen, in ihm ein
-sexual-pathologisches Problem, nämlich das der Algolagnie (Masochismus)
-in verschiedenen Einzeldarstellungen dichterisch zu behandeln. Er
-zeichnet in seiner Titelheldin eines jener dämonischen Weiber, deren
-schrankenloser Gewalt fast jeder ihr nahende Mann willenlos unterworfen
-ist. Durch seine Kenntnis der Völker des Ostens und die Schilderung
-des an religiösen Wahnsinn grenzenden Kultus einer der zahlreichen
-russischen Geheimsekten weiss er den Leser durch eine Reihe teils
-grausiger, teils ergreifender Bilder in gleicher Weise zu fesseln, wie
-zu erschüttern.</p>
-
-<p>Sacher-Masoch urteilte über von Schlichtegroll in bezug auf die vor
-mehreren Jahren erschienenen „Totentänze“:</p>
-
-<p class="mleft1_5">„Schlichtegroll ist ein bedeutendes Talent, auch besitzt er jene
-Eigenart, welche heute unerlässlich ist, wenn man im Gewühl der
-literarischen Menge nicht unbemerkt bleiben soll. Seine Sprache ist
-lebendig und bildlich. Stoff und Kolorit werden ungleich bunter
-bei ihm durch die Vertrautheit mit der Welt des Ostens, der er
-verschiedene gelungene Bilder entlehnt; er trifft ebenso sicher
-den Ton für rumänische oder serbische oder galizische Stimmungen
-und Vorgänge. Alles in allem eine jener wenigen Sammlungen, die
-beachtet und vor allem gelesen zu werden verdienen.</p>
-
-<p class="mleft1_5">Man braucht nicht gerade ein Prophet zu sein, um voraussehen zu
-können, dass wir von dem Dichter, der seines Zeichens eigentlich
-ein Maler ist, noch manches Schöne zu erwarten haben.</p>
-
-<p class="mleft1_5">Man sieht es seinem starken Talent an, dass er noch lange nicht
-sein letztes Wort gesprochen hat.“</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Die Venuspeitsche</b></p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center">Carl Felix von Schlichtegroll</p>
-
-<p class="s4 center">Band II:</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Ulrich von Liechtenstein</b></p>
-
-<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Novelle</em>.</p>
-
-<p class="s4 center">Preis Mk. 4.&mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i246" name="i246">
- <img class="w5em" src="images/i246.jpg" alt="Verzierung" /></a>
-</div>
-
-<p>Der Autor führt auch in diesem Bande den sexualpathologischen
-Grundgedanken des ganzen Werkes konsequent weiter. Freilich bietet
-er diesmal kein Bild aus der Gegenwart, noch ein solches aus dem
-reizvollen Milieu Halbasiens, sondern er hat jetzt einen weiten Ritt
-in die Vergangenheit, in die Minnesängerzeit unternommen, aus welcher
-schöpfend er ein farbenreiches und zum Teil drastisches Gemälde vor
-unseren Augen aufrollt.</p>
-
-<p>Die Seltsamkeiten, welche das Leben des Helden charakterisieren,
-schliessen sich, so ungeheuerlich sie erscheinen mögen, der
-historischen Überlieferung auf das Engste an. Ebenso kann für jeden
-Zug des monströsen Charakters der Pfannenbergerin, der Geliebten des
-berühmten Ritters, mehr als ein historisches Beispiel geliefert werden.</p>
-
-<p>von Schlichtegrolls Werk liefert somit einen höchst interessanten
-Beitrag zur Charakterisierung jener fälschlich als sentimental
-angesehenen, in Wahrheit jedoch sinnlich-derben, ja brutalen Epoche
-unserer Vergangenheit.</p>
-
-<p>Die Freunde, die der Autor sich durch seine „Hexe von Klewan“ erworben,
-werden auch in diesem seinem neuesten Buche die Kraft rücksichtsloser
-Schilderung wiederfinden, die jenes Werk auszeichnet.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center sans"><b>Die Venuspeitsche</b></p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center">Carl Felix von Schlichtegroll</p>
-
-<p class="s4 center">Band III:</p>
-
-<p class="s2 center"><b class="s2">Satans Töchter</b></p>
-
-<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Roman</em>.</p>
-
-<p class="s4 center">Mit künstlerischem bunten Umschlagsbild.</p>
-
-<p class="s4 center">Preis Mk. 4.&mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i247" name="i247">
- <img class="w5em" src="images/i246.jpg" alt="Verzierung" /></a>
-</div>
-
-<p>In ruhigem Flusse setzt die dem modernen Leben entnommene Erzählung
-ein. Alltägliche Vorgänge, nur ganz leise von Tönen der Leidenschaft
-durchzittert, spielen sich zunächst vor den Augen des Lesers ab,
-bis plötzlich ein Orkan wilder Gewalten, in den Gang der Handlung
-hereinbrechend, den Helden des Buches in tollem Wirbel und
-atembeklemmender Hast durch alle Höhen des Himmels und die Abgründe der
-Hölle hindurchjagt.</p>
-
-<p>Je mehr der Gang der Ereignisse fortschreitet, desto verwirrender,
-grausiger und farbenglühender offenbaren sich die in kühnen Zügen
-entworfenen Bilder, bis endlich unerwartet hereinbrechendes Licht alle
-nächtlichen Wolken verscheucht und den Leser erlöst aufatmen lässt.</p>
-
-<p>Die beiden Frauengestalten, denen das Buch seinen Titel verdankt,
-sind in ihrer skrupellosen Energie, in der Leidenschaftlichkeit und
-der Zügellosigkeit ihrer Natur mit Fug und Recht dem Dämonenreiche
-entstammende Geschöpfe zu nennen. Aber nicht nur ihre bis zu äusserster
-Konsequenz durchgeführte Charakteristik verleiht dem Werke Reiz und
-Glanz, auch die prachtvollen Schilderungen des landschaftlichen Milieus
-verdienen ausdrückliche Betonung und werden mit dazu beitragen, dem
-Autor als eigenartigen Schilderer absonderlicher Verhältnisse und
-Situationen neue Freunde zu gewinnen.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s2 center sans"><b>Die Venuspeitsche</b></p>
-
-<p class="s5 center">von</p>
-
-<p class="s3 center">Carl Felix von Schlichtegroll.</p>
-
-<p class="s4 center"><b>Band IV.</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b class="s2">Die Wölfin.</b></p>
-
-<p class="s4 center"><em class="gesperrt">ROMAN</em></p>
-
-<p class="s5 center">Mit künstlerischem bunten Umschlagbild</p>
-
-<p class="s4 center"><b>Preis Mk. 4.&mdash;</b></p>
-
-<p class="s4 center">Der Verfasser führt den Leser in die wildbewegte Epoche der
-französischen Revolution.</p>
-
-<p>In jenen blutbesudelten und nach Umgestaltung alles Bestehenden
-ringenden Zeiten trat eine Anzahl politischer Amazonen auf, und eine
-dieser ist es, deren Werden und Vergehen Schlichtegroll in der Gestalt
-„Der Wölfin“ gezeichnet hat.</p>
-
-<p>Théroigne de Méricourt ist ihr Name. Ein Geschöpf von brennendem
-Ehrgeiz und rasenden Leidenschaften; eine durch und durch Verworfene
-ihrem Wandel wie ihren Taten nach, und dennoch ein Weib, dessen starkem
-Geiste, dessen unerschrockenem Mute schaudernde Bewunderung gezollt
-werden muss, selbst von denen, die in ihr nichts als die Verkörperung
-weiblicher Bestialität zu erblicken vermögen. Eine Jeanne d’Arc d’impur
-hat Limartine sie genannt und mit diesem Ausdruck ihr Bild auf das
-schärfste und treffendste gekennzeichnet.</p>
-
-<p>Doppelt interessant für die Gegenwart dürfte dies geniale Ungeheuer
-schon darum sein, weil sie ähnlichen Wünschen und Bestrebungen, wie
-unsere Frauenrechtlerinnen solche verfechten, bereits in ihren Tagen
-energischen Ausdruck verlieh. Sie wollte den Mann entthronen und die
-Herrschaft des Weibes begründen, da sie sich als berufene Rächerin
-ihres Geschlechts an dem anderen, dem stärkeren, fühlte.</p>
-
-<p>In diesem Kampfe und an der Unmöglichkeit, ihre ehrgeizigen
-Phantastereien verwirklichen zu können, wie an der Unmässigkeit ihrer
-eigenen Natur ging sie unter &mdash; und aus diesem tritt ihr Schicksal uns
-als ein tief tragisches entgegen.</p>
-
-<p>So leidenschaftlich, erschütternd, grausig und ungewöhnlich die Taten
-und Schicksale „der Wölfin“ auch erscheinen mögen, so gilt doch auch
-von ihnen das Wort Shakespeares:</p>
-
-<p class="center"><b>„Alles ist wahr.“</b></p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i248" name="i248">
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-<p class="s4 center mtop3"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center sans"><b>In Servitute Felicitas</b></p>
-
-<p class="s3 center">von <b class="sans">Irene Brug</b></p>
-
-<p class="s3 center"><img class="w4em" src="images/i249.jpg" alt="" />&nbsp;<b>Preis
-Mk. 2.&mdash;&nbsp;</b><img class="w4em" src="images/i249.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="p0 s5 drop">E</p>
-
-<p class="p0 s5"><span class="invis">E</span>ine neue Romandichterin tritt mit dem vorliegenden Buche zum
-erstenmale vor die Öffentlichkeit. Sie erzählt uns keine süßliche
-und sentimentale Liebesgeschichte von zwei Menschen, die sich nach
-Überwindung von allerlei Hindernissen glücklich „kriegen“, sondern sie
-greift mit anerkennenswertem Freimut ein Problem an, das mit gleicher
-Geradheit und Ehrlichkeit wohl noch nie von einer Frau behandelt
-worden ist: Das Problem der Herrin Weib, des Weibes, welches in
-maßlosem Geschlechtsstolz sich selbst zur Königin des Mannes ernennt
-und hochmütig, rücksichtslos und ränkevoll genug ist, um den liebenden
-Mann ihrer Herrschaft zu unterwerfen. In jeder Frauenseele liegt, mehr
-oder weniger bewußt, dieser herrschsüchtige Weibstolz, aber schwer
-und ungern entschließt sich das Weib, diese innere Triebfeder ihres
-Handelns einzugestehen.</p>
-
-<p class="s5">Die Geschichte eines merkwürdigen Seelenlebens ist von der Autorin
-mit schlichter Einfachheit, ohne viel Ausschmückungen und Rankenwerk,
-erzählt, und diese große Natürlichkeit der Sprache und Schilderung
-bildet nicht den geringsten Charme dieser reizvollen Geständnisse einer
-Frau.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<p class="s1 center break-before"><b>Sinnen und Lauschen</b></p>
-
-<p class="s2 center">Briefe an einen Freund</p>
-
-<p class="s3 center">Ein Beitrag zur Psychologie der Homosexualität</p>
-
-<p class="s4 center">von</p>
-
-<p class="s3 center"><b class="sans">Hanns Fuchs</b></p>
-
-<p class="s3 center">Preis Mk. 5.&mdash; ord., eleg. geb. Mk. 6.&mdash;</p>
-
-<p class="p0 s5 drop">E</p>
-
-<p class="p0 s5"><span class="invis">E</span>in homosexueller Briefwechsel! Über Homosexualität und Homosexuelle
-ist bis jetzt so viel geredet und geschrieben worden, daß es an der
-Zeit erscheint, die Homosexuellen selbst über sich und ihre Frage, über
-ihre Stellung in Welt und Gesellschaft, über ihre Psyche zu hören.</p>
-
-<p class="s5">In fesselnden Briefen, die auf Rat eines weltbekannten Arztes und
-Psychologen der Öffentlichkeit übergeben werden, erhält der Leser
-interessante Einblicke in das Innenleben, in den Vorstellungskreis
-eines Homosexuellen. Dieses Werk dürfte eines der interessantesten
-Bücher der Gegenwart sein.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s3 center">Ein neuer Roman von Hanns Fuchs</p>
-
-<p class="center">Verfasser von</p>
-
-<p class="s4 center">„Claire“ und „Auf Dornenpfaden“</p>
-
-<p class="s1 center">In purpurnen Schmerzen</p>
-
-<p class="s4 center">Stationen von einer Lebensreise</p>
-
-<p class="s3 center">Roman von HANNS FUCHS</p>
-
-<p class="center">Mit Umschlagbild von Raphael Kirchner, Paris</p>
-
-<p class="s3 center mbot2"><img class="w4em" src="images/i250a.jpg" alt="" />&nbsp;<b>Preis
-Mk. 3.&mdash;&nbsp;</b><img class="w4em" src="images/i250b.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="p0 drop_m">D</p>
-
-<p class="p0"><span class="invis">D</span>er Verfasser ist zu dem Problem seines ersten grossen Romans, zu dem
-des Masochismus, zurückgekehrt. Er selbst nennt diesen Roman eine neue
-Studie über den masochistischen Mann, und er schildert uns mit seinen
-bekannten leisen und eindringlichen Mitteln einen Mann, der zwischen
-Arbeit und Genuss als willenloser Spielball seiner Leidenschaften hin-
-und hergeworfen wird. Alles Äusserliche dieses ergreifenden Problems
-hat sich Hanns Fuchs in früheren Romanen von der Seele geschrieben, und
-so ist hier alles nur innerlich und seelisch.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig.&emsp;</b></p>
-
-<p class="center mtop1 mright3"><span class="mright3">Im Erscheinen begriffen:</span></p>
-
-<p class="s1 center sans"><b class="s2">Dominatrix</b></p>
-
-<p class="center">Roman-Zyklus von <b class="s3">R. Bröhmek</b>.</p>
-
-<p class="center mtop2"><b>Band I</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Der Sklave der schönen Despotin</b></p>
-
-<p class="center">Mit künstlerischem Umschlagbild von Raphael Kirchner,
-Paris</p>
-
-<p class="s4 center">Preis Mk. 3.&mdash;</p>
-
-<p class="center mtop2"><b>Band II</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Fräulein Lehrerin</b></p>
-
-<p class="center">Mit künstlerischem Umschlagbild von Raphael Kirchner,
-Paris</p>
-
-<p class="s4 center">Preis Mk. 3.&mdash;</p>
-
-<p class="s5"><span class="initial">E</span>in altes deutsches Sprichwort sagt: „In jedem Weibe steckt ein
-Teufel“, und ein französisches Sprichwort lautet: „Tout homme diable et
-la femme surtout“.</p>
-
-<p class="s5">Nun, das Dämonische mag der Natur des schönen Geschlechtes besonders
-eigen sein, doch bedarf es stets genügender Momente, um die
-schlummernde Leidenschaft des teuflisch Bösen im Herzen der Frauenseele
-zu erwecken. Wir stehen hier vor keinem Rätsel mehr, längst sind die
-Verschmelzungen von weicher Sinnlichkeit und harter Strenge, von
-Wollust und Grausamkeit bekannt, und die Bemerkung, die man oft beim
-Anblick eines weiblichen Wesens hört „das Weib ist schön wie ein
-Teufel“ entbehrt nicht ihrer Berechtigung. Und ist ein Weib schön,
-so findet es feurige Verehrer und Anbeter ihrer die Sinnlichkeit
-berauschenden Reize.</p>
-
-<p class="s5">Jugend und Schönheit sind keine Bürgen gegen Grausamkeit, und gerade
-in jungen, schönen Weibern wächst die Sucht nach Herrschaft, weil das
-eigene Bewusstsein die Stärke hierzu verleiht. Die Grausamkeit liebt
-aber auch die Schwäche, und je haltloser sich ein Mann zu den Füssen
-einer grausamen Schönen zeigt, um so straffer wird diese die Zügel der
-Herrschaft spannen, um so herzloser mit ihrem Besiegten verfahren. Mit
-der Hilflosigkeit des Unterlegenen nimmt die Grausamkeit des Siegers
-zu, bis dieselbe in Verachtung übergeht. Wer ist grausamer als die
-schöne Frau, welche kokett vom Scheitel bis zur Sohle ihrer Schönheit
-huldigen lässt, die sich daran ergötzt, Männer zu ihren Sklaven zu
-machen, die Vergnügen und teuflische Freude daran findet, ihr Opfer bis
-zum Wahnsinn zu quälen und die Wirkung ihrer despotischen Gelüste mit
-katzenartigen Augen beobachtet, bis sie glaubt, weit genug gegangen
-zu sein. Frauen lieben die Macht mehr als die Männer, und das meist
-unterdrückte Verlangen nach Macht ist die Quelle von vielem Bösen,
-wenn sich einem Weibe die Gelegenheit bietet, ihre schlummernden
-Herrschgelüste zu entfalten.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Den Fuss im Nacken</b></p>
-
-<p class="s4 center">Roman von <b class="s3">R. Bröhmek</b>.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i252a" name="i252a">
- <img class="h0_8em" src="images/i252.jpg" alt="" /></a>
-</div>
-
-<p class="center">Mit künstlerischem bunten Umschlagbild v. Raphael
-Kirchner, Paris.</p>
-
-<p class="s4 center">Preis Mk. 3.&mdash;.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i252b" name="i252b">
- <img class="h0_8em" src="images/i252.jpg" alt="" /></a>
-</div>
-
-<p class="center">(Der Romanserie „Dominatrix“ dritter Band.)</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i252c" name="i252c">
- <img class="h0_8em" src="images/i252.jpg" alt="" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="initial">D</span>ie Natur treibt mit dem Menschen oft ein lächerliches Spiel.
-Sie stattet den einen trotz seiner körperlichen Schwäche und
-Unansehnlichkeit mit eminenter Willens- und Charakterstärke aus,
-während sie umgekehrt dem anderen kraftstrotzenden Hünen die
-Anwandlungen eines Schwärmers verleiht. Solch letztere Extreme weist
-der Held des vorliegenden Romanes auf. Er ist von Statur ein Riese,
-ein Urgermane mit lockigem Blondhaar und stahlblauem Auge, er besitzt
-die elementare Kraft seiner Urväter und mag auch stolz gewesen sein
-auf seine Mannesstärke, sich im Bewusstsein dieser Männlichkeit
-erhaben gefühlt haben bis zu jenem Momente, wo sich das Weib mit all
-ihren bestrickenden Reizen zum ersten Male voll und ganz seiner Sinne
-bemächtigt.</p>
-
-<p>Das junge liebreizende Mädchen, welches er im Herzen Brasiliens kennen
-lernt, und welches tatsächlich von faszinierender Schönheit ist, lässt
-alle Gluten verhaltener Leidenschaft hell in ihm auflodern, reisst
-ihn zu rasendem Liebesparoxysmus fort. Und seine Leidenschaft wird
-noch mächtiger, als sich das schöne angebetete Mädchen, das junge
-königliche Weib als stolze herrische Dame zeigt, die gewohnt ist, ihre
-Negersklaven zu züchtigen, deren Mund sich zu grausam spöttischem
-Lächeln verzieht, wenn der Sklave ihr zu Füssen
-kniet.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Auch in diesem Roman zeigt sich der Verfasser als meisterhafter
-Schilderer der menschlichen Psyche, er beweist, wie schnell die
-Leidenschaft alle Würde, alles Selbstbewusstsein abstreift, wie die
-stärkste Natur sich sklavisch demütigt, wenn die Sinnenlust sie treibt,
-und wie fest und energisch sich auch ein weiblicher Fuss auf den Nacken
-eines Mannes setzen kann, dessen Sinnenrausch ihn unter die Peitsche
-eines angebeteten Weibes zwingt.</p>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig, 38.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Grausame Frauen</b></p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s4 center">Leopold von Sacher-Masoch.</p>
-
-<p class="s4 center">Preis jeden Bandes Mk. 1.&mdash;.</p>
-
-<p class="s3 center mtop2">Bd. I. (Sphinxe)</p>
-
-<p class="center mright8">Inhalt:</p>
-
-<div class="centre-container s5">
- <div class="centred">
- <div class="line">1. Irola</div>
- <div class="line">2. Theodora</div>
- <div class="line">3. Rote Haare</div>
- <div class="line">4. Ein dämon. Weib</div>
- <div class="line">5. Asma</div>
- <div class="line">6. Zweite Jugend</div>
- <div class="line">7. Die Freundinnen</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2">Bd. II. (Starke Herzen)</p>
-
-<p class="center mright8">Inhalt:</p>
-
-<div class="centre-container s5">
- <div class="centred">
- <div class="line">1. Wjera Baranoff</div>
- <div class="line">2. Die rote Nacht zu Dragal</div>
- <div class="line">3. Drama-Dschenti</div>
- <div class="line">4. Sicilianische Briganten</div>
- <div class="line">5. Wlasta</div>
- <div class="line">6. Das Recht des Starken</div>
- <div class="line">7. Trauerspiel auf Helgoland</div>
- <div class="line">8. Die Tochter des Totengräbers</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2">Bd. III. (Sieger u. Besiegte)</p>
-
-<p class="center mright8">Inhalt:</p>
-
-<div class="centre-container s5">
- <div class="centred">
- <div class="line">1. Der Sklave seiner Sklavin</div>
- <div class="line">2. Der Kosak</div>
- <div class="line">3. Die lebende Bank</div>
- <div class="line">4. Seltsame Strafen</div>
- <div class="line">5. Vassa</div>
- <div class="line">6. Die Teufelsfelsen</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2">Bd. IV. (Amazonen)</p>
-
-<p class="center mright8">Inhalt:</p>
-
-<div class="centre-container s5">
- <div class="centred">
- <div class="line">1. Die Bären der Fürstin Solomirska</div>
- <div class="line">2. Die Schwestern aus Saida</div>
- <div class="line">3. Die Raben</div>
- <div class="line">4. Despotin v. Hatron</div>
- <div class="line">5. Die Prinzessin Rajemska</div>
- <div class="line">6. Das Weib des Kosaken</div>
- <div class="line">7. 2 Schwestern</div>
- <div class="line">8. Daumschrauben</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2">Bd. V. (Richter und Henker)</p>
-
-<p class="center mright8">Inhalt:</p>
-
-<div class="centre-container s5">
- <div class="centred">
- <div class="line">1. Die schöne Witwe Kapitanowitsch</div>
- <div class="line">2. Vedremo</div>
- <div class="line">3. Ein weiblicher Richter</div>
- <div class="line">4. Charlotte Corday</div>
- <div class="line">5. Bajka</div>
- <div class="line">6. Richter und Henker</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2">Bd. VI. (Weiberrache)</p>
-
-<p class="center mright8">Inhalt:</p>
-
-<div class="centre-container s5">
- <div class="centred">
- <div class="line">1. Matrena</div>
- <div class="line">2. Der verkaufte Ehemann</div>
- <div class="line">3. Die Sklavenhändlerin</div>
- <div class="line">4. Don Juans Ende</div>
- <div class="line">5. Menschenware</div>
- <div class="line">6. Der rote Edelhof</div>
- <div class="line">7. Madame Brutus</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s4 center">Jeder Band ist einzeln abgeschlossen und
-einzeln käuflich.</p>
-
-<p class="s4 center">Preis für jeden Band Mark 1.&mdash;.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i253" name="i253">
- <img class="mtop3" src="images/i253.jpg" alt="" /></a>
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-</div>
-
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-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center sans"><b>Memoiren</b><br />
-<span class="s7"><b>der</b></span><br />
-<b>Schwester Angelika</b></p>
-
-<p class="s3 center sans"><b>einer entlaufenen Nonne des Klosters zu Cork</b></p>
-
-<p class="s4 center"><b class="u">Dritte Auflage.</b>
-<img class="mleft2 h0_8em" src="images/i254_a.jpg" alt="Verzierung" />
-<img class="mleft2 mright2 h0_8em" src="images/i254_b.jpg" alt="Verzierung" />
-<b class="u">Mit Illustrationen.</b></p>
-
-<p class="center">Nach dem Englischen von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>J. Johnson</b></p>
-
-<p class="center"><img class="h0_6em" src="images/i254c.jpg" alt="Verzierung" />
-<b>Preis Mk. 2.&mdash;</b>
-<img class="h0_6em" src="images/i254c.jpg" alt="Verzierung" /></p>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="i254d" name="i254d">
- <img class="w25em mtop3" src="images/i254d.jpg" alt="Dekoration" /></a>
-</div>
-
-<p class="s1 center"><b class="s3 u">Afrika’s</b> <b class="s3 u">Semiramis</b></p>
-
-<p class="s4 center">Roman von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Leopold von Sacher-Masoch</b></p>
-
-<p class="s4 center">herausgegeben von</p>
-
-<p class="s4 center sans"><b>C. F. von Schlichtegroll</b></p>
-
-<p class="center"><img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" />
-<b>Preis Mk. 3.&mdash;</b>
-<img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" /></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="i254e" name="i254e">
- <img class="w25em mtop1" src="images/i254e.jpg" alt="Dekoration" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b class="s3">Unter dem Bakel</b></p>
-
-<p class="s4 center">Erzählungen</p>
-
-<p class="s4 center">von <b class="sans">W. Reinhard</b>.</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1"><img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" />
-<b>Preis Mk. 3.&mdash;</b>
-<img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" /></p>
-
-<p class="p0 s5 sans"><b><span class="s3 u2">Inhalt</span>: I. Die Folgen einer Fahnenweihe. II. Bruchstücke aus dem
-Tagebuche eines Russen. III. Der Student auf der Strafbank. IV. Die
-Brautfahrt nach Surinam. V. Plauderei mit einem Zuchthausaufseher. VI.
-Die Lederhose als Ehestifterin.</b></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<p class="s1 center break-before"><b class="s3">Der Kaibenturm</b></p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1"><img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" />
-<b class="s4">Eine Hexengeschichte</b>
-<img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" /></p>
-
-<p class="s5">Nach Schweizer Prozessakten der dreissiger Jahre des achtzehnten
-Jahrhunderts erzählt von <b class="sans">Heinrich Schmidt von Kirchberg</b>.</p>
-
-<p class="s4 center"><b>Preis Mk. 3.&mdash;</b></p>
-
-<p class="center sans"><b>Inhalt der einzelnen Kapitel:</b></p>
-
-<div class="centre-container s5">
- <div class="centred">
- <div class="line">&#8199;1. <b class="sans">Die Fallsüchtige.</b></div>
- <div class="line">&#8199;2. <b class="sans">Geistliche Tücke.</b></div>
- <div class="line">&#8199;3. <b class="sans">Die harte Stiefmutter.</b></div>
- <div class="line">&#8199;4. <b class="sans">Waldesfriede.</b></div>
- <div class="line">&#8199;5. <b class="sans">Geheimnisse d. Folterkammer.</b></div>
- <div class="line">&#8199;6. <b class="sans">Der lüsterne Altlandammann.</b></div>
- <div class="line">&#8199;7. <b class="sans">Schreckliches Wiedersehen.</b></div>
- <div class="line">&#8199;8. <b class="sans">Das letzte Peinverhör.</b></div>
- <div class="line">&#8199;9. <b class="sans">Hinrichtungen.</b></div>
- <div class="line">10. <b class="sans">Nachwehen.</b></div>
- <div class="line">11. <b class="sans">Die entschlossene Jungfrau.</b></div>
- <div class="line">12. <b class="sans">Gerechte Rache.</b></div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="i255" name="i255">
- <img class="mtop3" src="images/i255.jpg" alt="" /></a>
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-<p class="s4 center mtop3 break-before"><b class="bb">&emsp;Leipziger Verlag G. m. b. H.
-in Leipzig.&emsp;</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b class="s4">Im Lande der Souldrivers</b></p>
-
-<p class="s4 center">Geschichten aus den Sklavenstaaten Nordamerikas</p>
-
-<p class="s4 center">von <b class="s3">William Taylor</b>.</p>
-
-<table class="s5" summary="Souldrivers">
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">Band</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">I.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <b>Als Quarteronen verkauft.</b> Illustriert <b>Preis Mk.
- 2.&mdash;.</b>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">II.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <b>Unter der Peitsche Donna Isabellas.</b> Illustr. <b>Preis Mk.
- 2.&mdash;.</b>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">III.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <b>Am Abgrund der Schande.</b> Illustriert <b>Preis Mk.
- 2.&mdash;.</b>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">IV.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <b>Sklavenliebe.</b> Illustriert <b>Preis Mk.
- 2.&mdash;.</b>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">V.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <b>Im Hause des Sklaven-Reverend.</b> Illustriert <b>Mk.
- 2.&mdash;.</b>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="right">VI.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <b>Unter Maronnegern.</b> Illustriert <b>Mk. 2.&mdash;.</b>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Soeben erschien ein neues Werk aus der Feder des bekannten
-Schriftstellers <b>William Taylor</b>, dessen Werke „Auf Hearneshouse“
-und „Quenqueza“ so schnell die weiteste Verbreitung fanden und sich die
-Gunst der Leser im Fluge eroberten.</p>
-
-<p>Unter dem Gesamttitel:</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1"><img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" />
-<b class="s3">Im Lande der „Souldrivers“</b>
-<img class="h0_6em" src="images/i249.jpg" alt="Verzierung" /></p>
-
-<p class="center"><b>Geschichten aus den Sklavenstaaten Nordamerikas</b></p>
-
-<p class="p0">schildert der Verfasser, gestützt auf authentische Quellen und
-Zeugnisse von Sklavenhaltern, Sklavenhändlern und von Personen,
-die jahrelang in den Pflanzerstaaten des südlichen Nordamerikas
-lebten, in einer Reihe in sich abgeschlossener, aber untereinander
-zusammenhängender Erzählungen, das Elend und die Leiden, denen dort
-die Sklaven beiderlei Geschlechts unterworfen waren. Die entsetzlichen
-raffinierten Martern, die von grausamen Herren und Herrinnen mit
-geradezu teuflischer Phantasie ersonnen, über sie verhängt wurden,
-die schmachvollen Demütigungen und schändlichen Zumutungen, denen
-namentlich heranwachsende Mädchen und junge Frauen von Seiten der
-Sklavenhalter ausgesetzt waren, die systematische Vernichtung jeglichen
-Selbstbewusstseins im männlichen Quarteronesklaven durch die Gattinnen
-und Töchter der Sklavenhalter, alle diese Greuel führt der Verfasser in
-plastischer Weise dem Leser vor Augen &mdash; kurz, William Taylor reisst
-hier mit mutiger Hand den Schleier von den Greueln, die einst unter
-dem Schutze und mit Zustimmung der Regierung in den Sklavenstaaten
-Nordamerikas verübt wurden.</p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Starken, by
-Dolorosa [pseud.] Maria Eichhorn
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STARKEN ***
-
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-
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