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-The Project Gutenberg EBook of Ma, by Lou Andreas-Salomé
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Ma
- Ein Porträt
-
-Author: Lou Andreas-Salomé
-
-Release Date: December 24, 2019 [EBook #61010]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
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- Ma
-
- Ein Porträt
-
-
- Von
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- Lou Andreas-Salomé
-
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- [Illustration]
-
- Stuttgart 1901
-
- J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
- G. m. b. H.
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
-
-
-
-
-=I.=
-
-
-Die Iberische Mutter Gottes fuhr spazieren.
-
-Aus der Tiefe ihres kerzenerhellten blaugoldschimmernden Tempelchens vor
-dem Eingang zum Schönen Platz am Kreml war sie von ehrfürchtigen Händen
-in den Wagen gehoben worden.
-
-Da saß sie nun im prächtigen Vierspänner, ihrer ständigen Equipage,
-breit auf dem Vordersitz, ihr gegenüber zwei Priester in reichen
-scharlachroten Gewändern, Kreuz und Weihrauchgefäß vor sich hinhaltend.
-
-Irgend eine der kleinern Glocken im Kreml bimmelte und bimmelte. Hin
-und wieder nur unterbrach ein vereinzelter tiefer Glockenton, lang
-nachdröhnend und wie verträumt, dies helle Geläute. Hoch über den
-verschneiten Straßen klang es unermüdlich, mit dringlicher Monotonie, in
-den Winterwind hinein.
-
-Die Menge umringte den Wagen so nahe, als sie es vermochte, junge Gesichter
-und alte, bärtige bückten sich in gleich demutvollem Eifer, um einen Kuß
-auf das wunderthätige Bild zu erhaschen oder wenigstens auf den Rahmen
-daneben.
-
-Ein paar elegante Offiziere, die über den Woßkreßenskiplatz herkamen,
-machten mitten auf dem Fahrdamm Halt, beugten das Knie in den Schnee und
-bekreuzigten sich feierlich mit bis zur Strenge ernsten Mienen.
-
-Täglich fuhr die Iberische Mutter aus, um allen Besuchsanforderungen zu
-genügen, dennoch mußte oft ihre Gegenwart in einem Haus wochenlang vorher
-erfleht werden, damit sie noch Zeit dafür fand.
-
-Langsam lenkte der imposante Kutscher, trotz der empfindlichen Kälte
-entblößten Hauptes, seine vier Rappen aus dem Menschenhaufen heraus.
-
-Viele blieben noch stehn, um ihm nachzuschauen. Auf den Stufen zum
-Tempelchen lagerten Pilger, Bastschuhe an den tücherumwickelten Füßen,
-den Stab in der Hand. Mit ihren Anliegen wandten sie sich jetzt an die
-Kopie des Bildes, die stellvertretend im Heiligtum hing, und steckten
-betend brennende Wachskerzen davor auf.
-
-So mehrte sich drinnen immer noch Licht um Licht zu erhöhtem Glanze, --
-von außen anzusehen wie eine mächtige gelbflimmernde Sonne, die mitten
-im nüchternen Alltag des Straßenlebens gleich einem leuchtenden Geheimnis
-dastand und winkte und winkte --.
-
-Die Mutter Gottes im Vierspänner hatte mit nicht gar vielen Equipagen
-zu konkurrieren. Wer sie fahren sah, konnte sie gut für die große Dame
-Moskaus halten und für den Inbegriff des heiligen Mütterchens Moskau
-selbst.
-
-Was da auf dem hartgefrorenen Schnee an Fuhrwerken vorüberglitt, waren
-fast nur kleine, niedrige Schlittchen, wie sie für wenige Kopeken sogar
-dem Volk zugänglich sind. Weiber mit Sack und Pack befanden sich häufig
-drin, Bauern in hoch um die Ohren geschlagenen Schafpelzen. Seltener
-schon flog eine Troika des Weges dahin, und, zugleich mit dem lustigen
-schellenläutenden Dreigespann, vielleicht irgend ein Lied, angestimmt von
-den Insassen, -- ein Lied, wie es in den Theebuden zur Harfe gesungen wird
-oder in Sommernächten vor der Thür der Dorfhütten.
-
-Das zitterte dann mit dem nachschwingenden Glockenton wundersam in eins
-zusammen, -- selbst dann wundersam in eins, wenns zufällig ein Tanzlied
-war. Auch dann mußte es der Iberischen Mutter heimisch entgegenklingen.
-
-Und auch unter den Fußgängern begegneten ihr vorherrschend ihre
-ureigensten Kinder, Kinder des Volks. Nicht das Proletariat großer
-Städte, wie es gern die entlegeneren Gassen füllt, sondern Volk, --
-das Volk zu Hause auf seinen breiten Straßen und Plätzen. In der ihm
-zugehörigen Tracht schritt es einher, nicht in abgelegten Almosenkleidern
-Reicherer oder deren Nachahmung, und diese Tracht überwog so sehr, daß
-sich die Andersgekleideten, die Allerweltstypen, fast darunter verloren.
-
-Das alte Moskau, -- zumal in der winterlichen Frühdämmerung einer solchen
-Nachmittagsstunde, -- nahm sich beinahe aus, als sei es im Grunde
-seines Herzens ein Riesendorf, zutraulich herumgebaut um die allwaltende
-Herrlichkeit und Heiligkeit der Kremlhöhe.
-
-Rot und grün und blau an Dächern oder Mauerwerk, in Farben, wie sie
-Kinder am liebsten auf ihren Bilderbogen anbringen, schauten die Häuser
-zum großen Kreml empor. Und in Rot und Grün und Blau antwortete er ihnen
-von der Höhe seiner Kuppeln und Paläste, väterlich ihnen angepaßt, mit
-ihnen verschmelzend, und malte noch bunte Sternchen oder Streifen mitten
-hinein in sein Gold.
-
-Mit dem Golde aber übertrumpfte er sie, überstrahlte er sie, mit dem
-Golde übertönte er alles wie mit einem lauten Lobgesang, sodaß sie
-gleich darauf doch wieder ganz klein unter ihm dalagen und ganz verstummt
-trotz ihrer beredten Farben. Und ein andres Gold war es zu jeglicher
-Stunde, zu jeder jedoch ein königliches, vom ersten Tagesgrauen an, das
-über Moskau aufging, bis tief in die tiefste Nacht, denn keine gab es,
-tief genug, um das Gold ganz auszulöschen.
-
-Immer war es da, ob breit entfaltet in seinem selbstverständlichen Glanze
-oder geheinmisvoll gesammelt wie eine Leuchte von innen her, die sich
-nur verstohlen verrät. Immer war es da, allen gegenwärtig, von den
-äußersten Kreuzspitzen der Kathedralen an bis hinein in das verborgenste
-Dunkel der Kirchenräume und selbst bis hinab in den geschlossnen Wagen,
-worin die Iberierin durch die Straßen fuhr, feierlich umblitzt von
-Goldfunken und dem vielfarbigen Schimmer ihres köstlichen Geschmeides. --
-
-Sie machte nur eine kurze Fahrt, schon in einer Seitenstraße der Twerskaja
-schien ihr Ziel erreicht. Unter einem erneuten Auflauf von Menschen, die
-leise beteten, sich bekreuzigten und einen Kuß anzubringen suchten, wurde
-sie hinausgehoben, um den inbrünstig Harrenden entgegengetragen zu werden,
-denen ihr Besuch galt, und deren Thränen sie trocknen, deren Qual sie
-bannen, oder deren Jubel über eine Glücksfügung sie Weihe und Segen
-erteilen sollte.
-
-Am Fenster eines hölzernen Miethauses schräg gegenüber standen zwei
-junge Mädchen und sahen, aneinander gelehnt, der Scene auf der Straße zu.
-
-»Ach Rußland -- Rußland! Mir ist doch wieder, als ob ich nach Asien
-zurückgekehrt wäre,« sagte die Aeltere kopfschüttelnd, »traurig ist
-es! Ich wundre mich, daß du nur dazu lachst, Sophie.«
-
-Sophie kehrte sich vom Fenster ab, weil es nichts mehr zu sehen gab. Sie
-entgegnete mit einem sanften, begütigenden Stimmchen: »Es ist nicht so
-schlimm. Vielleicht noch ein bißchen Mittelalter, aber es kann auch etwas
-ganz Feierliches bekommen, mitunter. Dann lache ich auch nicht. -- Man muß
-nur nicht grade als Studentin frisch aus dem Auslande angereist sein!«
-
-»Wir haben keinerlei Grund, uns für dies Mittelalter zu begeistern,
-Sophie. Sind wir etwa Russen? Und selbst wenn wirs wären --«
-
-Sophie war nach dem andern Fenster gegangen, wo neben einer Gruppe
-wohlgepflegter hoher Blattpflanzen ein Schaukelstuhl stand.
-
-»Sind wir auch nicht gradezu Russen, so sind wir doch hier zu Hause,«
-meinte sie zögernd. »Und eigentlich möchte ich manchmal, wir wärens
-noch mehr! Wären zum Beispiel in einem stockrussischen Gymnasium erzogen
-worden, -- wenigstens ich, Schwesterchen.«
-
-»-- Warum --?!«
-
-Sophie blieb die Antwort auf diese erstaunte Frage schuldig.
-
-Ihre zartgliedrige Gestalt dehnte sich lang aus im Schaukelstuhl, und
-sie legte den blonden Kopf mit seinen zwei schimmernden Flechten, die ihn
-kranzförmig umwanden, so weit zurück an die Stuhllehne, daß ihr Blick
-zur Zimmerdecke emporsah, anstatt auf die Schwester.
-
-Erst nach einer kleinen Pause bemerkte sie ablenkend: »Uebrigens: diese
-niedrigen Decken abgerechnet, -- findest du nicht auch, Cita, daß unsre
-jetzige Wohnung ganz ungeheuer behaglich ist? Ich freute mich so, als wir
-wegen Mas vieler Lehrstunden in dies gute Viertel ziehen mußten.«
-
-Cita hatte sich auf den Fenstersims gehockt und strich sich in einer ihr
-eigentümlichen hastigen Bewegung mit der Hand durch ihr kurzverschnittenes
-welliges ganz dunkelblondes Haar.
-
-»Gewiß, -- sehr behaglich habt ihr es,« gab sie zerstreut zu, »aber es
-sollte wohl selbst der vertracktesten Wohnung schwer fallen, unbehaglich zu
-wirken, wenn unsre Mama sie bewohnt und einrichtet. -- Aber daß sie dies
-Viertel gewählt hat, ist auch abgesehen von den Lehrstunden gut. Die
-meisten ihr bekannten Häuser liegen nicht weit von hier. Ich meine: das
-ist gut -- besonders für später.«
-
-»Wie denn: für später?«
-
-Cita hob ihren hübschen Bubenkopf und blickte auf die Schwester.
-
-»Verstehst du mich nicht? -- -- Für später, wenn sie hier allein ist,
-weil auch du irgendwo im Auslande studierst, -- Medizin --«
-
-Sophie lachte hell auf, wie über einen Scherz. »Was dir nicht alles
-einfällt! Daran denkt doch niemand im Traum!« bemerkte sie und wippte
-leise mit dem Schaukelstuhle.
-
-Cita zog unwillig die dunkeln feinen Augenbrauen zusammen. »Ach Sophie,
-laß doch die Flausen, hinter denen du dich versteckst. Gewiß denkt jemand
-daran, im Traum und im Wachen: nämlich du selbst. Und aus diesem einzigen
-Grunde bedauertest du offenbar plötzlich, nicht ein stockrussisches
-Gymnasium hinter dir zu haben. Du erwägst in deiner Ratlosigkeit: könnt
-ich wenigstens hier --, wenn nicht schon im Auslande --«
-
-»Ja, -- Ma verlassen --: das thu ich eben nicht!« fiel Sophie erregt ein.
-
-Cita entgegnete sehr ruhig: »Zeit wärs, zu wissen, was du selbst willst.
-Du bist neunzehn, hast seit Ostern dein Diplom. In dem Alter war ich schon
-fort. Und in anderthalb Jahren werd ich promoviert haben, -- wenn nicht
-eher.«
-
-»Mein Gott, damit brauchst du nicht zu protzen!« sagte Sophie
-empfindlich, »-- so, wie Ma dir alle Wege geebnet hat. Sogar noch
-ehe Vaters Lieblingsschwester starb und jeder von uns das kleine Legat
-vermachte --«
-
-»Ich protze nicht. Ma war reizend, in jeder Beziehung. Es spornt mich nur
-an, um so energischer ans Ziel zu gelangen.«
-
-»Nun -- und was weiter? Ich glaube durchaus nicht, daß weibliche Juristen
-heutzutage die geringsten Aussichten haben,« erklärte Sophie im Ton einer
-gezwungenen Bewunderungslosigkeit und wippte heftiger.
-
-»Vielleicht heute noch nicht. Aber morgen. Uebermorgen meinetwegen. Wir
-Frauen arbeiten eben an einem Stück Zukunft. -- -- Und inzwischen, da
-will ich mir schon durchhelfen. Du mußt nicht glauben, daß ich nicht mehr
-vermag, als juristisch fachzusimpeln.«
-
-»Ach nein, hoffentlich nicht. Denn _das_ würde unsrer Ma auch ganz
-schrecklich sein.«
-
-Sie schwiegen beide.
-
-Cita trat vom Fenster fort und fing an, langsam auf und ab zu gehn, wobei
-sie die Arme auf dem Rücken verschränkte und den Kopf ein wenig gesenkt
-hielt, wie ein grübelnder Feldherr.
-
-Vor dem Schreibtisch ihrer Mutter, der, quergestellt, ein Drittel des
-Zimmers durchschnitt, blieb sie einige Augenblicke stehn.
-
-Er war mit Büchern und Schulheften bedeckt; aus der Mitte all dieser
-Tagesarbeit erhob sich ein italienischer Olivenholzrahmen mit durchbrochen
-gearbeiteten verschließbaren Thüren. Dahinter verbarg sich des jung
-verstorbenen Gatten Bild.
-
-An der einen Wand dahinter hingen mehrere Radierungen von seiner Hand,
-in schlichte dunkle Holzstreifen eingefaßt: sie stammten aus den
-Jahren seiner kurzen Ehe, aus der Zeit vollen Glückes und voller
-Künstlerhoffnungen, -- unten in Italien verlebt.
-
-An der andern Wand hinter dem Schreibtisch eine ganze Gruppe
-Familienporträts, darunter sehr alte, die mit sichtlicher Pietät hier
-zusammengestellt waren. Zwei davon blasse Pastellbildchen: der Großvater
-mütterlicherseits, Martin, mit mächtiger schwarzer Halsbinde und nach
-vorn gebürstetem grauem Haar, ein kluger, fast bedeutender Kopf. Daneben
-die reizende alte Großmutter, von der Cita und Sophie ein gut Teil Anmut
-als Erbe erhalten hatten.
-
-»Für Ma wär es auch tausendmal besser gewesen, nicht hier stecken zu
-bleiben,« entfuhr es Cita.
-
-Sie stand und betrachtete die Bilder. »Mit ihrer Begabung, ihren Talenten
-hätte sie etwas werden müssen. Aber freilich, hier in Rußland, wo sie
-einfach den reichen Kaufleuten die Rangen unterrichten muß --«
-
-Sophie hatte die Augen geschlossen.
-
-»Arme liebe Ma!« sagte sie leise, »du lieber Gott, die konnte eben nicht
-Juristerei studieren. Dabei wären wir zwei armen kleinen Würmer geschwind
-genug verhungert. -- -- Und hier in Rußland gab es doch wenigstens
-Lebensmöglichkeiten, und die guten Anknüpfungen von unserm
-Großvater-Gymnasialdirektor her, und schließlich doch auch Tante
-Ottilie -- --. Aber schwer und schrecklich muß es gewesen sein --«
-
-Sophie unterbrach sich, dann fügte sie in gequältem Ton hinzu: »Du und
-ich, wir sind undankbare Scheusale! Wir, mit unserm dummen Ehrgeiz -- --«
-
-Cita ging schon wieder mit verschränkten Armen auf und ab. Es entfuhr ihr
-ungeduldig: »Deine Logik ist einfach schauderhaft. Grade das Gegenteil
-muß daraus gefolgert werden: in uns beiden lebt ja doch Ma weiter, in
-uns muß sie also etwas über sich selbst hinaus erreichen. Das ist doch
-wahrhaftig die einzige rationelle Art von Kindesliebe.«
-
-»Ach, ich weiß nicht, ob das Kindesliebe ist. -- -- Und ob Kindesliebe
-rationell zu sein hat,« murmelte Sophie.
-
-Cita bemerkte seufzend: »Du redest wirklich oft wie ein ganz
-unentwickelter Mensch. Wenn ich nur nicht so gut wüßte, woher das kommt:
-es ist ganz einfach Bangigkeit, du wehrst dich gegen deine eigne bessere
-Erkenntnis. Die reinste Feigheit.«
-
-»Das verbitt ich mir denn doch!« rief Sophie aufgebracht.
-
-Der Schaukelstuhl flog. Sie fing an zu husten.
-
-Die Schwester lenkte ein. »Verzeih. Beleidigen wollt ich dich nicht.
-Du hast recht: das darf man nicht. Fest zusammenstehn müssen wir Frauen
-vielmehr. Uns gegenseitig unsre besten Freunde sein. Ich schelte dich als
-dein Freund, Schwesterchen, -- zu deinem Besten. Bin voll Sehnsucht und
-Ehrgeiz für dich, -- -- möchte dir helfen, -- und nicht nur mit Worten.
-Nein, nein, bauen sollst du auf mich dürfen von Grund aus.«
-
-Sophie schwieg. Sie hatte die Augen voll Thränen, und aus Furcht, in der
-Stimme Thränen zu verraten, blieb sie wieder die Antwort schuldig.
-
-Cita drängte auch nicht in sie. Sie trat langsam an das breite
-Büchergestell aus kunstvoll zurecht getischlertem, braun angestrichenem
-Birkenholz, das in Mannshöhe die ganze Hinterwand einnahm, und zog irgend
-ein Buch heraus.
-
-Schon war es längst nicht mehr hell genug im Zimmer, um zu lesen, doch
-nahm sie Band um Band und blätterte zerstreut darin.
-
-Hier fand sich allerlei noch von Großvaters, des Schulmanns, Zeiten her
-zusammen. Und manches wohl auch, was der Mutter nur ihr Beruf als
-Lehrerin praktisch aufgenötigt hatte. Aber der Mehrzahl nach standen die
-Bücherreihen gedrängt voll von den höchsten Schätzen, die Menschengeist
-gehoben hatte. Und all das war, Band für Band mühselig angeschafft, --
-Band für Band benutzt, abgegriffen, genossen --.
-
-Das Mädchen kam herein und brachte die Lampe.
-
-Sie war eine noch sehr junge und ein wenig blöd dreinschauende Person, die
-unschlüssig stehn blieb und Sophie fragend anblickte.
-
-Diese erhob sich schweigend aus ihrem bequemen Stuhl und ging mit ihr
-hinaus. Das späte Mittagessen konnte man Stanjka nicht allein anrichten
-lassen. Denn so oft man das, nach allen guten Belehrungen, probeweise
-gethan hatte, wurde Stanjka düster und fing an zu weinen. Sie setzte sich
-dann auf die kleine Bank am Herd und klagte und betete unter Thränen zur
-Mutter Gottes, die sie laut als Zeugin dafür anrief, daß es ihr sicher
-nicht gegeben sei, ein Mittagessen wohlbekömmlich herzustellen.
-
-Das kleine Heiligenbild, braun und unkenntlich hinter seiner blanken
-Zinnbekleidung, hing vorschriftsmäßig in der Küchenecke, sah immer zu
-und mußte es folglich genau wissen.
-
-Daß es zufällig gar keine Muttergottes war, vielmehr ein heiliger
-Nikolaus, das hatte sich Stanjka nicht klar gemacht, jedenfalls focht es
-sie nicht weiter an. Wenn sie nicht grade »höhere« Arbeit verrichten
-sollte, sondern sich im Gröbern tummeln durfte, blieb sie strahlender
-Laune und bewältigte alles mit Herzenslust.
-
-Während Sophie noch mit ihr in der Küche herumwirtschaftete, schellte es
-laut und dringlich.
-
-Cita war schon gegangen, um die Wohnungsthür zu öffnen. Ihre Mutter stand
-davor, noch etwas atemlos vom raschen Gange.
-
-»Da hab ich richtig vergessen meinen Schlüssel mitzunehmen, -- mußte
-schellen,« sagte sie und trat hastig ein, »-- ein Wind draußen, Kind, --
-Sophie ist doch nicht etwa unnütz an die Luft gegangen?«
-
-»Aber nein, Ma. Wie müde mußt du heute sein, du Arme.«
-
-Cita nahm ihr sorglich den leichten Grauwerkpelz ab und küßte sie.
-
-»Ich danke dir, Kind. Gewiß habt ihr schon einen Wolfshunger, was?
-Ich lief, was ich konnte,« bemerkte die Mutter, indem sie sich die
-Fellüberschuhe von den Füßen streifte.
-
-»So! Und nun bin ich wieder Mensch! Feierabend läutets, und die Arbeit
-ist gethan,« sagte sie froh, »-- und für heute ganz gethan: am
-Abend brauche ich nicht mehr fortzugehn. Wir wollens aber auch herzhaft
-genießen, ihr Kinder.«
-
-Wer ihre Stimme so aus dem noch unerleuchteten Vorflur vernahm, konnte
-dahinter leicht ein junges Geschöpf vermuten. Alle Ueberanstrengung, aller
-Mißbrauch dieser Stimme hatten nicht vermocht, ihr den eigentümlichen
-Schmelz zu nehmen. Den Gesichtszügen selbst sah man die vierzig Jahre eher
-an. Sogar schon einzelne graue Haare mischten sich an den Schläfen in das
-volle weiche Braun, das Cita in lichterer Schattierung besaß, und das sich
-auch bei der Mutter hier und da übermütig zu locken versuchte, soweit der
-schlichte Knoten tief im Nacken das zuließ.
-
-Die Mutter erreichte ihre Aelteste nicht ganz an Größe, und ihre
-geschmeidige Gestalt hatte ehemals entschiedene Neigung zur Fülle gezeigt;
-jetzt jedoch vereitelte das anstrengende Tagewerk gründlich jeden
-Ansatz dazu. So blieb sie schlank, nahezu mager, und konnte dadurch auf
-Augenblicke fast mädchenhaft wirken.
-
-Als die Mutter in ihrem Schlafgemach verschwunden war, um sich ein wenig
-menschlich herzurichten, wie sie es nannte, machte sich Cita dran, in der
-kleinen schmalen Eßstube neben dem Wohnzimmer den Tisch zu decken. Doch
-war sie noch voll Nachdenklichkeit, und es ging ihr langsam von der Hand.
-
-Dies schmale Eßstübchen, nicht ohne Grund »der Spalt« geheißen, war
-bei der Wohnungseinrichtung an Möbeln zu kurz gekommen. Die Mutter
-hatte ein paar Bauerntruhen hineingestellt und rund um den Tisch einfache
-Sitzschemel von gleich ländlicher Abstammung. Dann erhandelte sie jedoch
-auf dem großen Trödelmarkt, den das Moskauer Volk in der Sonntagsfrühe
-abhält, noch hier und da ein Stück volkstümlichen Kunstgewerbes, wodurch
-der arme Spalt einen gewissen Glanz erhielt, -- so durch ein Wandbort
-aus dunkelm in Spitzenmuster geschnitztem Holz mit grellen Malereien auf
-Goldgrund, und durch einen originellen Stuhl, dessen ganzes Hintergestell
-aus einem rotlackierten Krummholz hergestellt war, wie es die Pferde im
-russischen Gespann tragen.
-
-Am einzigen Fenster, an dem der rote Stuhl stand und repräsentierte,
-hingen buntbestickte kleinrussische Tücher als Vorhänge nieder, und auch
-das grobleinene Tischtuch wies eine solche bunte Bauernstickerei an der
-Kante auf.
-
-Als die Mutter wieder eintrat, trug sie statt des dunkeln knappen
-Straßenkleides einen bequemen Hausanzug von tiefrotem Flanell. Sie kam an
-den Tisch zur Tochter, und, ohne daß diese es bemerkte, schob sie jedes
-Gerät auf dem Tisch ein wenig anders und gefälliger zurecht.
-
-Als sie aber dann einen Teller mit allerlei Obst hernahm, den Cita in die
-Mitte gestellt hatte, und sorgfältig begann, die Orangen und die blassen,
-länglichen Krimäpfel von ihren dünnen Papierhülsen zu befreien und
-sie in einer Krystallschale zu ordnen, da meinte die Tochter mit einem
-Lächeln: »So viel Mühe um das bißchen Aeußerlichkeit, Ma, müde, wie
-du doch bist. Schmecken nun etwa die Früchte besser?«
-
-Die Mutter nickte, indem sie das Lächeln erwiderte. Ueber die Schale
-geneigt, sog sie den kühlen Duft des Obstes in sich ein.
-
-»Auf alle Fälle schmecken sie besser,« sagte sie, »und außerdem machen
-sie, daß man auf Augenblicke das ganze Leben besser genießt, während man
-sie verspeist. Man genießt sie ja nicht nur um des lieben Futters willen
-als bloße Magenfreude, nicht wahr?«
-
-Als Cita nichts antwortete, richtete sie sich auf und faßte ihre Aelteste
-zärtlich um die Schulter.
-
-»Aber du sollst dich hier keineswegs mit Hausarbeit plagen, mein lieber
-kleiner Professor du. Hast nun einmal eine Sybaritin zur Mutter. Bist aber
-rechtschaffen zerarbeitet angekommen und sollst nichts thun, als es dir
-wohl sein lassen, -- faulenzen. Wenigstens einstweilen, -- bis über
-Weihnachten hinaus.«
-
-Und mit einem unterdrückten Seufzer fügte sie leiser hinzu: »Schnell
-genug verlier ich dich ja wieder.«
-
-Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, wie um den störenden Gedanken
-zu verscheuchen. Als nun Sophie, etwas erhitzt und eilig, von Stanjka
-gefolgt, hereinkam, nickte sie der jüngern Tochter schon wieder wohlgemut
-zu.
-
-»Also zu Tisch, Kinder! Wir wollen es uns schmecken lassen,« sagte sie
-und hob den Deckel von der dampfenden Terrine mit roter Beetensuppe, in der
-Saucischen und Schinkenschnitten schwammen.
-
-Sophie küßte die Mutter, ehe sie sich ihr gegenüber setzte.
-
-»Ich bin nicht in den Mädchenkursen gewesen, weil du es des Wetters wegen
-nicht wolltest. Dafür hab ich ziemlich lange Geige geübt, und später
-habe ich über den Büchern gesessen, die Doktor Tomasow neulich brachte,«
-berichtete sie über ihren Tag, »er hat gewiß noch herrliche Dinge in
-seiner Bibliothek, aber er sagt, ich möchte mich erst an diese Werke
-halten.«
-
-»Thu blind, was er sagt,« bemerkte die Mutter, »aber warum ißt du
-mir so wenig, Kind? Nimmst du nicht von der sauren Sahne zur Suppe? Ich
-fürchte, das Herumstehn in der heißen Küche ist nichts für dich; -- es
-raubt dir den Appetit.«
-
-»O nein! Ich esse schon noch.«
-
-Cita hatte auf den Lippen, zu äußern: »Die berühmte Haushaltungsarbeit
-ist eben lange nicht so gesund, wie ausposaunt wird.«
-
-Aber sie schwieg noch immer. Es war so entsetzlich schwer, in Mas
-Gegenwart ein spöttisch gefärbtes Wort mit dem nötigen Selbstbewußtsein
-herauszubringen.
-
-Wie ein Unrecht wurde es gleich, denn die Mutter hätte den Spott darin
-nicht bemerkt. Für Spott fehlte ihr das aufnehmende Organ. Sie wäre ihm
-gleichsam mit offnen Armen entgegen gegangen und hätte erwidert: »Meinst
-du wirklich, Kind?« und dann hätte sie versucht, mit vereinten Kräften,
-mit Citas eigner Hilfe, ausfindig zu machen, was zu thun sei, -- -- und ob
-nicht lieber Ma selber beim Heimkehren von den vielen Stunden jedesmal erst
-noch kochen solle --.
-
-Die Mutter unterbrach ihren Gedankengang. Als das Fischgericht auf den
-Tisch kam und sie davon austeilte, sagte sie: »Allernächstens, wenn ich
-nach Hause komme, sorge ich für einen großen Weihnachtsbaum. Es ist Zeit,
-sich nach einem umzusehen. In den letzten paar Tagen vor dem Festabend
-steigen sie im Preise. -- Diesmal müssen wir das Allerschönste haben, was
-es überhaupt gibt.«
-
-Beide Mädchen sahen einander unwillkürlich, wie auf Verabredung, an.
-
-»Einen Baum --?« fragte Sophie und stocherte im Fisch auf ihrem Teller.
-
-»Ja, sicherlich. Etwa nicht? Warum denn nicht, ihr Kinder?«
-
-»Wir haben doch voriges Jahr auch keinen gehabt.«
-
-»Nein. Das lag jedoch an Zufällen. Wir konnten nicht gut anders, als
-bei Tante Ottilie sein. Und dann waren wir ja auch so traurig getrennt und
-verwaist, ohne unsre Cita.«
-
-Cita warf einen dankbaren Blick auf die Mutter.
-
-»Natürlich können wir gern einen Baum haben, -- warum denn nicht,
-Sophie?« bemerkte sie; »wenn Ma es doch gern sieht, wollen wir jedenfalls
-einen haben, -- den allerschönsten. -- Aber -- -- was werden wir mit dem
-Baum nur anfangen, Ma? Eigentlich gehören Kinder mit dazu.«
-
-Die Mutter lächelte fein.
-
-»Laß uns einen Abend lang Kinder sein, Liebste. Da wir zusammen sind,
-haben wir reichen Grund dazu, -- haben wir reich beschert bekommen.«
-
-Cita schwieg. Sophie sagte für sie: »Ich weiß schon, wie es Cita meint.
-Alle Welt will ja gern sich wie ein Kind fühlen. So ganz unbefangen
-fröhlich sein. Aber, wenn man es absichtlich versucht, so gelingt es nie
-recht. Man _ist_ eben doch kein Kind. Man kann nicht ungezwungen so thun,
--- es wird so gezwungen --«
-
-»Das ist auch ganz natürlich,« fiel Cita, mit Fischessen beschäftigt,
-ein, »denn man kann doch eben nicht ganz den schweren, den wirklichen
-Ernst des Lebens vergessen. Man drängt ihn nur für einen Abend lang in
-den Hintergrund. Ja, _das_ kann man, künstlich. Aber dahinter, -- da steht
-er doch immer da --.« Sie war voll Eifer, mehr darüber zu sagen, indessen
-eine Gräte kam ihr dazwischen.
-
-Beinah entschlüpfte es der Mutter: »-- Huh --! ihr Kinder! Macht ihr euch
-denn wirklich schon das Leben zum ›bösen Mann‹ im Hintergrunde von
-allem? Ist euch denn wirklich stets so schaudererregend ernsthaft zu
-Mute --?«
-
-Aber sie sprach das nicht aus. Sie fürchtete, die Mädchen könnten
-argwöhnen, sie habe dabei insgeheim auf dem Grunde der Seele ein Lächeln
-über sie beide.
-
-Und sie fürchtete auch, die Mädchen könnten sie für entsetzlich
-oberflächlich halten. Das letztere war sogar das Wahrscheinlichere --.
-
-Sie sah ihre beiden Ernsthaften mit einem tiefen Blick voll Güte an.
-
-»Aber nun wollen wir dennoch, während wir vor unsern Tellern sitzen, uns
-bemühen, so zu thun, als ob das Leben ganz annehmbar wäre, -- was meint
-ihr? Aus hygienischen Rücksichten!« schlug sie munter vor, und das
-Lächeln vom verborgenen Seelengrunde kam ganz leise herauf und spielte
-verhalten um ihren Mund.
-
-Das Fischgericht war hinausgetragen worden, und sie saßen beim Obst, als
-ein unerwarteter Besuch hereinkam.
-
-»Ach, Ottilie, du! Wie lieb von dir. Du bekommst auch gleich dein
-Schälchen Kaffee, -- starken,« sagte die Mutter.
-
-»Nur auf einen Sprung! Ich war grade in eurer Nähe,« entgegnete ihre
-Schwester und begrüßte sie, »-- weißt du, man trifft dich ja eigentlich
-nie, sonst käm ich nicht so selten.«
-
-Ein ganzer Strom von Winterluft wehte mit ihr ins Zimmer. Hut und
-Handschuhe hatte sie garnicht abgelegt.
-
-Sophie schob den Stuhl aus der Fensterecke, der als Lehne das Joch besaß,
-an den Tisch heran, denn auf den kurzbeinigen Schemeln saß ihre Tante
-höchst ungern.
-
-»Danke,« bemerkte diese und nickte ihr zu, während sie Platz nahm,
-»-- es ist wirklich euer einziger Stuhl, -- wenigstens hat er einen
-Rücken, wenn man sich auch halb wie ein Pferd dabei vorkommt. -- Nun, das
-macht nichts. Traulich ist es doch bei euch, wie jedesmal.«
-
-Sie sagte es mit einer Art von liebevollem Neid. Traulich war es wirklich,
-und eine solche heitre Wärme, von irgend woher, über allem --.
-
-Saß doch Marianne, in ihrem tiefroten Hausanzug, der sie nirgends beengte,
-und doch seltsam schmückte, da wie ein Bild der Ruhe und des Genusses. Die
-feierte in Wahrheit Feierabend. Sie saß da und atmete mit jedem Atemzuge
-Ruhe und Genuß aus, wie den Duft unsichtbarer Blumen.
-
-»Gott, ja, du hast es gut! Wenn ich jetzt nach Hause komme, muß ich den
-Andrjuscha erst noch zu Bett bringen. Wobei er neuerdings schreit.«
-
-»Besorgt denn nicht das alles eure Kindsfrau, Tante Ottilie?« fragte Cita
-und schälte der Tante eine Orange.
-
-»Ich verlasse mich nicht gern auf sie, -- ich muß immer alles selbst
-thun. Aber übrigens wär es zu undankbar, wenn ich klagen wollte. Nein,
-das sind ja so süße Pflichten. Man reibt sich gern für sie auf. Man ist
-für sie auf der Welt.«
-
-»Du bist auch eine der gewissenhaftesten Mütter, die es gibt,«
-bestätigte die Mutter. »Und solche haben stets zu thun, selbst bei
-ausgiebigster Hilfe, -- können eigentlich nie sagen: nun ruh ich mich
-aus.«
-
-»Ja, siehst du: so, ganz so ist es, das behaupte ich immer!« rief ihre
-Schwester, ordentlich lebhaft, und lockerte ihre Hutbänder.
-
-Bis unter den Hut lag ihr dunkelblondes Haar glatt von der Stirn
-zurückgestrichen, volles weiches Haar wie Mariannens, jedoch stärker
-ergraut als bei dieser, obwohl Ottilie um ein Jahr jünger war.
-
-Marianne löschte zerstreut die kleine Spiritusflamme unter dem
-Kaffeekocher aus und füllte die flachen Täßchen. Ihre Gedanken
-schweiften unwillkürlich weit zurück in eine Zeit, wo auch sie noch ihre
-Kleinen zu Bett zu bringen, zu baden, zu füttern, zu besorgen hatte --.
-
-Solch kleiner Nachwuchs, wie ihn Ottilie zu eigen besaß, das war doch
-etwas Köstliches. Köstlich das Heranwachsen, aber köstlich auch die
-Kleinen -- --.
-
-»Mein Mann reist nächstens nach Petersburg,« sagte die Schwester,
-»-- natürlich kein Gedanke, daß ich ihn begleiten kann. Nun, damit find
-ich mich schon ab. Bis meine Inotschka ganz erwachsen ist, ist es für mich
-überhaupt nichts mit geselligen Freuden. Aber ihr wünschte ich wohl, daß
-sie nicht nur Moskauer Kaufmannskreise kennen lernt.«
-
-Sophie rief: »Ach, inwiefern soll es dort besser sein? Ich habe
-Moskau gern. In Petersburg ist man weder im Auslande, noch in Rußland.
-Schrecklich lange Straßen, und was für ein Nebel --!«
-
-»Tante Ottilie hat ganz recht,« bemerkte Cita, »dort ist man wenigstens
-in Europa! Man weiß wenigstens ungefähr, welches Jahrhundert man
-eigentlich schreibt, während hier --«
-
-Tante Ottilie nickte.
-
-»Ja, man merkt es an allem: nicht nur, wenn man geistige Bedürfnisse hat,
-sondern auch wenn man einen modernen Kleiderstoff kauft,« bestätigte sie,
-»dort ist alles: die Newa, der Hof, alles Offizielle und überhaupt alles,
-was gilt. Wir sind hier wie zurückgeblieben. Die Russen haben überhaupt
-was Zurückgebliebenes.«
-
-»Gar nicht alle. Etwa Tomasow?« meinte Sophie.
-
-Cita mußte lachen.
-
-»Nein, der ist aber auch wirklich der einzige!« gab sie zu. »Wirklich
-der einzige, auf den ich mich freute. Ein Glück, daß der unser liebster,
-nächster Freund ist.«
-
-»Nun, nun! Von Haus aus doch einfach euer Arzt,« dämpfte die Tante, aber
-Sophie unterbrach sie lebhaft: »Ach, da bist du aber schief gewickelt!
-Wenn wir gesund sind, brauchen wir ihn noch viel mehr, nicht wahr, Ma?«
-
-Die Mutter blickte auf.
-
-»Sprecht ihr von Tomasow? Ja, lieber Himmel, was sollten wir ohne ihn wohl
-anstellen?«
-
-Ihre Schwester warf ihr einen zurückhaltenden Blick zu.
-
-»Aber, liebste Marianne! Das heißt doch wohl ein wenig übertreiben.«
-
-Ma sagte sanft: »Nein, es ist kaum übertrieben. Das kann nur ich allein
-beurteilen. Es ist ja so alte, uralt gefestete Freundschaft. Sie stammt aus
-der allerersten Zeit meines Zurückkehrens hierher. Die Kinder waren damals
-sechs und sieben Jahr alt. Zähl selbst.«
-
-»Ach ja, Marianne, das weiß ich. Aber das Wichtigste ist ja doch gewesen,
-daß er dir als Arzt aushalf. Daß er dir half, dein Leben genau zu regeln.
-Damals, als du dich gleich so schrecklich überanstrengtest. Und wenn er
-dir dann vielleicht auch noch manche gute Beziehungen verschafft hat --«
-
-Ma machte eine leise abwehrende Handbewegung.
-
-»Laß das,« bat sie, »was du da nennst, ist das ganz Aeußerliche. Und
-über das andre kann ich nicht sprechen. Nicht, ohne es zu profanieren.«
-
-Tante Ottilie hatte ihr allerverschlossenstes Gesicht.
-
-»Wirklich, Marianne, ich begreife manchmal gar nicht, wie du nur sprichst!
-Du, die so ungeheuer selbständig ihr Leben in die Hand genommen hat, --
-die sich mit solcher Energie und aus eigner Kraft behauptet hat, -- wie
-sprichst du mitunter nur? Ganz wie irgend eine kleine unselbständige Frau,
-die andern alles verdankt, und der andre zu allem verhalfen. Nun, weißt
-du, _wenn_ das so ist --«
-
-»-- Es ist so,« sagte Ma lächelnd.
-
-»Ja, dann muß ich dir sagen: dann braucht sich auch unsereins neben dir
-gar nicht so gering vorzukommen, denn schließlich: unser Stück Arbeit
-thun wir auch im Leben.«
-
-»Ja gewiß, du Liebe!« meinte Marianne, und sie lachte.
-
-»Aber wir schwärmen nun einmal für Doktor Tomasow,« erklärte Sophie,
-im Drang, ihre Tante zu bekehren, »er ist ganz außerordentlich gescheit,
-mußt du wissen.«
-
-»Ja, das ist er,« bestätigte Cita nachdrücklich.
-
-»Das ist noch eine recht zweifelhafte Tugend,« meinte die Tante etwas
-kühl, »aber für euch Kindsköpfe, die ihr es in dem Punkt noch seid,
-braucht ja wohl ein Mensch nur gelehrt oder gescheit zu sein, damit ihr ihn
-in einer Weise anbetet -- --!« Sie hob die Augen ironisch zur Zimmerdecke.
-
-Cita stand brüsk auf.
-
-»Du kannst mir einfach leid thun, Tante Ottilie!« äußerte sie mit
-einem vielsagenden Achselzucken, das nicht eben artig ausfiel. Und sich
-demonstrativ abwendend, horchte sie hinaus, wo es grade geschellt hatte.
-
-Ihre Tante war dunkelrot geworden, doch hielt sie an sich, nur ihre Augen
-zeigten einen erhöhten, stählernen Glanz.
-
-Sie sah über Cita hinweg auffordernd auf deren Mutter.
-
-»-- Ja, -- ich weiß wirklich nicht, Marianne, -- gestatten deine
-Erziehungsgrundsätze diesen Ton --?« bemerkte sie fragend, und ihre
-Haltung wurde gemessner.
-
-Aber in diesem Augenblick hatte auch Marianne nach dem Vorflur
-hingelauscht.
-
-Man hörte, daß die Wohnungsthür wieder geschlossen wurde, eine halblaute
-Frage, ein Räuspern --
-
-»Das ist Doktor Tomasow!« rief Sophie.
-
-Sie lief hinaus.
-
-Tante Ottilie hatte sich bereits von ihrem Pferdejochstuhl erhoben.
-
-»Aber liebe Ottilie! Du wirst doch nicht deshalb fortgehn --?«
-
-»Gewiß nicht, meine gute Marianne; du vergißt nur, daß ich bloß auf
-einen Sprung kam und eilig bin, -- auf ein andermal also,« sagte die
-Schwester etwas gezwungen und verabschiedete sich kaum merklich von Cita.
-
-»Nun, wie du willst. Komm, laß uns durchs Wohnzimmer hinausgehn, --
-sieh, da könnten wir so gut plaudern, denn die Kinder, die schleppen jetzt
-unsern Doktor in den ›Spalt‹ hinein; ich wette, sie gießen ihm noch
-den kalten Kaffeerest ein.«
-
-Den Arm um Ottiliens Schulter, ging Marianne langsam durch das Wohnzimmer,
-das nur durch eine Lampe mit dunkelgrüner Glaskuppel vom Schreibtisch her
-erhellt war. Die Thür zum »Spalt« hatte sie zugedrückt.
-
-»-- Nun --? Stört dich der Doktor hier nicht mehr?«
-
-»Ach, an den dachte ich eben wahrhaftig nicht! Was mich drückt und
-erstaunt, ist etwas ganz andres --;« Ottilie blieb mitten im Zimmer stehn,
-und die Schwester groß anblickend, fügte sie mit betonter Langsamkeit
-hinzu: »Du läßt dir deine Töchter über den Kopf wachsen, meine arme
-Marianne.«
-
-Marianne lachte leise und schelmisch, sie ergriff die Schwester am Arm und
-schüttelte sie in heiterm Zorn: »O du Böse, -- du Böse! Kannst du denn
-nicht dem Mädel ein unachtsames Wort vergessen? Gewiß, sie hätt es nicht
-so sagen sollen. Aber treffen und verwunden kann unsereinen doch nicht
-dieser kleine schwache Pfeil --? Ein Pfeil aus solchen jugendlich heftigen,
-jugendlich übereifrigen Händen?«
-
-»Du hättest es aber rügen müssen. Darum allein handelt es sich nur.«
-
-»Rügen -- sofort? Vor dir? Meine einundzwanzigjährige Tochter um einer
-Bagatelle willen vor euch demütigen? Nein, wie magst du das nur sagen,
-Ottilie! Du mußt auch nicht vergessen, daß Cita längst --«
-
-»Längst im Auslande studiert! Ja ja, das weiß ich! Das ist grade das
-Unglück. Und ist sie erst ›Doktor‹, -- mein Himmel, dann darf sie wohl
-vollends thun, was ihr beliebt,« fiel ihr Ottilie nervös ins Wort.
-
-Marianne schüttelte verneinend den Kopf.
-
-»Ich meinte jetzt eben nicht grade: weil sie im Auslande studiert. Ich
-meinte nur: weil sie in so vielen Beziehungen schon fest und tüchtig
-dasteht und jedes Vertrauens würdig, wie ein reifer Mensch,« sagte sie
-warm und mit ruhigem Stolz.
-
-Ihre Schwester seufzte. Sie band die Hutbänder zu und wandte sich zum
-Gehn.
-
-»Fruchtlos, mit dir zu streiten, Marianne. Wir einigen uns doch nicht.
-Ich sehe den Fehler zu deutlich: du gehst immer zu weit in allem, -- das
-thatest du immer. Alles packst du mit solch innrer Leidenschaft an, gibst
-dich so ganz dran! Es war auch mit deiner Ehe nicht anders, glaub ich, --«
-
-»Da glaubst du recht!« antwortete Marianne sehr leise, und in ihre Augen
-trat ein dunkles Leuchten.
-
-»Und die Folge?! Nun, ich will nicht drüber sprechen. Aber daß du so
-ganz zerbrochen am Boden lagst, -- diese gräßliche Zeit. Man kann das
-doch nicht einfach Witwentrauer nennen --. Und jetzt mit deinen Töchtern.
-Sie gehn dir buchstäblich über alles. Sind dir dein ganzes Mark und
-Blut.«
-
-»Ja, Ottilie. So ist es. Soll es denn nicht so sein?«
-
-Ottilie hatte schon den Griff der Thür nach dem Vorflur gefaßt. Sie ließ
-ihn noch einmal los, wandte sich der Schwester voll zu und sagte halblaut:
-»Nein! Nein, -- siehst du, das ist es eben: es soll nicht so sein.
-Man muß die Dinge nicht so bis auf den Grund auskosten. Man muß sich
-zurückhalten, sonst ist man verloren. Sonst verliert man jeden Halt.«
-
-»O du! Das wäre eine traurige Lehre! Man lebt ja nicht, es sei denn, um
-sich hinzugeben. Man lebt ja nur soviel, als man liebt.«
-
-Marianne sagte es inbrünstig.
-
-Hinter der Thür zum Spalt hörte man Scherzen und Lachen. Ein
-Durcheinanderreden von Russisch und Deutsch.
-
-Ottilie entgegnete mit gesenkter Stimme und einem Anflug von Bitterkeit:
-»Das ist kein Ding wert. -- -- Und wer sich dermaßen ausgibt, verflacht
-mit der Zeit. Was behält er dann noch Unangetastetes, Eignes? -- -- Aber
-geh jetzt, bitte, zu den andern hinein. Sie warten drinnen auf dich.«
-
-»Sie warten nicht. Ich gebe dir deinen Pelz um,« bemerkte Marianne und
-geleitete die Schwester hinaus. In ihren Gedanken weilte sie jedoch noch
-beim Gespräch. Sie hätte rufen mögen: »Ein Ding ists wert: die
-Kinder! Warum sie nur erziehen? Warum nicht von Grund aus sich freuen und
-jubilieren über sie? Frage deine Tochter! -- sie hätt es bei mir seliger
-als bei dir --.«
-
-»Grüße mir Inotschka!« sagte sie nur.
-
-»Die wird nur rot, wenn ich ihr das bestelle. Ueber alles wird sie rot.
-Es ist wirklich schon fast ihre einzige Sprache, -- und dabei kann sie drei
-Sprachen so gut. -- -- Willst du nicht vielleicht morgen abend den Thee
-bei uns nehmen, wenn du vom Unterricht kommst? Du hast es schon lange nicht
-gethan. Wir sehen uns wahrhaftig fast nur, weil du Montag Nachmittags mit
-Nikolai lernst.«
-
-»Ja, ich will kommen,« meinte Marianne. »Am Sonntag kann ich ja
-ausschlafen.«
-
-Sie küßten sich, und Ottilie ging.
-
-Nachdenklich blieb Marianne im Vorflur stehn. Sie blickte zu Boden, als
-suche sie etwas. Sie suchte, sich in ihrem Innern auf etwas zu besinnen.
-
-Wie sagte doch Ottilie? »Sonst verflacht man mit der Zeit.« Es gab Leute,
-die hielten Ottilie für »tief«. Das war es also. Sie gab sich nicht aus,
-lebte einfach mit Dreivierteln ihrer selbst, -- vielleicht nicht einmal
-damit --.
-
-Aber war es denn immer so gewesen? Nein, sicher nicht. Einst, als Kinder,
-hatten sie einander viel stärker geglichen als jetzt, hatten gemeinsam und
-gleich empfunden. Erst viel später mußte die Schwester ihr Temperament
-außer Gebrauch gesetzt haben, -- es beiseite gelassen, -- es
-»reserviert« haben --, wofür? Und wie, in aller Welt, machte man
-das? -- --
-
-Marianne war ins Wohnzimmer zurückgegangen und setzte sich vor das
-geöffnete Pianino, worauf Sophiens Geige lag.
-
-Zerstreut, ganz leise schlug sie ein paar Töne an.
-
-Sie dachte an Inotschka. Ach, der würde sie sich auch gern hingegeben
-haben. Die würde sie gern zu ihren Schülerinnen gezählt haben.
-
-Aber sie fühlte selbst, daß es nicht anging. Auch wider Wissen und
-Wollen hätte sie jeden Augenblick ihren Einfluß dem der Eltern
-entgegengerichtet.
-
-Inotschka, halberwachsen, noch mager, mit ihren allzu ernsthaften Augen und
-einem so weichen Munde, einem so kußbedürftigen weichen Munde, blieb
-vor ihrer Phantasie stehn, während sie die leisen, dunkeln Töne
-anschlug -- --.
-
-Darüber merkte sie gar nicht, daß sich die Thür zum Spalt öffnete.
-
-Beide Mädchen und Doktor Tomasow drängten sich geräuschlos in den Rahmen
-der Thür.
-
-Und da weckte ein fröhliches Gelächter Marianne aus ihrem Sinnen. Sie
-schaute sich um. Alle drei standen sie da und lachten sie aus.
-
-Sie lachte ohne weiteres mit.
-
-»Kommt nur herein. Tante Ottilie ist fort,« sagte sie.
-
-Vor Tomasow sprach sie stets deutsch, wie mit den Kindern untereinander.
-
-»Ja freilich! Die ist lange fort. Aber was verstecktest du dich denn vor
-uns, Ma? Dürfen wir deine geheimen Gedanken gar nicht wissen, aus denen
-wir dich herausgelacht haben?« fragte Sophie neckend.
-
-»Jawohl. Ich dachte darüber nach, warum ich euch gutwillig mir dermaßen
-über den Kopf wachsen lasse, ihr Kinder,« entgegnete Marianne, und sie
-reichte dem Freunde die Hand zum Willkommen.
-
-Sophie schlug entrüstet die Hände über dem Kopf zusammen, Cita aber
-erkundigte sich interessiert: »-- Nun, -- und das Ergebnis war, Ma --?«
-
-»Es war: Wachset nur, -- wachset!« sagte Marianne lachenden Mundes, und
-ihre Augen strahlten gütig.
-
-Doktor Tomasow blickte unter halb gesenkten Lidern nach ihr hin. Sein
-bartloses Gesicht, das so offen jede Falte und Furche in den Zügen des
-hohen Vierzigers zur Schau trug, war in Bezug auf seine stummen Gedanken
-nicht plauderhaft. Hager, mit slavisch kurzer Nase und energischen
-Kinnlinien, -- dem Grundriß nach ein russisches Barbarengesicht, war
-es vom Leben verarbeitet, vergeistigt, aber im Ausdruck wie verschlossen
-worden. Kurz, dicht und früh ergraut, wellte sich das Haar über der
-freien Stirn fast ganz grade empor.
-
-Die beiden jungen Mädchen mußten ihn gut kennen. Als er sich nicht in ihr
-Scherzgespräch mit der Mutter mischte, blickten sie einander flüchtig
-an und zogen sich dann einmütig in ihr Zimmer zurück, -- in Sophiens
-eigenstes Reich, das, über den Gang hinaus, nach dem Hofe zu lag, und wo
-jetzt Cita wohlgelittener Gast war.
-
-Die Mutter sah ihnen nach, wie sie, nach einigen heiter gewechselten
-Worten, fortgingen: Cita mit ihrem festen, gleichmäßigen Schritt voran,
-und hinter ihr Sophie, die sich noch einmal mit einer graziösen Wendung
-umsah und lächelte.
-
-Als sich die Thür hinter ihnen schloß, hob Marianne ihre Augen zu Doktor
-Tomasow.
-
-»Nicht wahr, die Sophie ist schmal in den Schultern? Sie hustet.«
-
-Er antwortete ruhig: »Das thun wir hier alle mehr oder minder zu dieser
-Jahreszeit. Sie sind mit dem Kinde etwas zu ängstlich, Marianne.«
-
-»Ja, sie erinnert mich so an -- --, auch er war zart.«
-
-Und da sie einen zaudernden Ausdruck in Tomasows Gesicht wahrzunehmen
-wähnte, trat sie ganz dicht auf ihn zu.
-
-»Tomasow! Wenn -- nein, wenn --, Sie dürfen mir nie etwas verschweigen,
-nie --.«
-
-Und sie erblaßte plötzlich.
-
-»Aber! Aber!« sagte er mit seiner überredenden eindringlichen Stimme und
-nahm ihre Hände, wie die eines Kindes, in die seinen. »Verbieten Sie
-ganz harmlosen Dingen, mit Ihnen gleich so durchzugehn, wie wildgewordene
-Pferde. -- -- Ganz kalte Hände haben Sie auf einmal bekommen. Kälteres
-Blut wäre besser. -- -- Also: Sophie ist absolut gesund. Ich bürge Ihnen
-dafür. Die Aehnlichkeit, die Sie da eben andeuteten, beschränkt sich auf
-die zarte Hautpigmentierung, die mit so blondem Typus zusammengeht, --
-sie garantiert Sophie auf lange hinaus einen blendenden Teint, bei etwas
-Pflege. Nun, hübsch genug ist sie schon jetzt, dächt ich. Ein liebes,
-gutes, schönes Kind haben Sie an ihr, Marianne.«
-
-Sie hörte ihm aufmerksam zu, unendlichen Glauben in den Augen.
-
-Seine Gestalt, obwohl in den breiten Schultern unmerklich geneigt,
-überragte sie um ein gutes Stück. Sie erschien nicht mehr mittelgroß,
-sondern fast klein, und wenn sie beim Sprechen die Augen so zu ihm
-heben mußte, konnte man den Altersunterschied zwischen ihnen für
-beträchtlicher nehmen, als er in Wirklichkeit war.
-
-»Aber gut ist es für Sophie, daß sie bei mir ist, und ich für sie
-sorgen kann, bis in jede Geringfügigkeit, -- das finden Sie auch? Cita ist
-ja so vortrefflich aufgehoben in der Familie, bei der sie in Berlin wohnt,
--- ich korrespondiere ja auch mit den Leuten, -- und doch, -- für Sophie
-wäre das nichts --.«
-
-Sie sah ihn dabei fragend an.
-
-Tomasow zuckte die Achseln.
-
-»Natürlich würde sie es nirgends in der Welt auch nur annähernd so gut
-haben, wie bei ihrer Mutter. Indessen, das ist doch selbstverständlich.
-Warum fragen Sie erst danach?«
-
-»Ich weiß es nicht,« murmelte Marianne; »ich weiß nicht, warum sie
-mein Angstkind ist. In meiner Liebe zu ihr ist so viel Angst --. Darum muß
-ich manchmal von Ihnen hören, daß sie Ihnen keine Sorge macht.«
-
-»Nein. Die machen höchstens Sie mir von Zeit zu Zeit, kleine Ma,« sagte
-er mit leisem, fast nachsichtigem Lächeln und gab ihre Hand frei.
-
-Er nannte sie gar zu gern mit diesem Namensstummel, der daraus entstanden
-war, daß sich die Kinder in der Kindheit bisweilen herausgenommen hatten,
-die Mutter wie einen guten Kameraden »Marianne« zu titulieren, was
-Tomasow schon damals äußerst bezeichnend fand. Hin und wieder ließ
-jedoch das Erstaunen andrer sie mitten in diesem Unternehmen stecken
-bleiben. Zuletzt blieb von Mariannens Namen nur das übrig, was ein guter
-Wille auch als Anlauf zu dem Wort »Mama« nehmen konnte.
-
-»Und die Einzigkeit der Silbe paßt zu ihr,« dachte Tomasow bei sich,
-»-- dieser einzige Ton als Name, -- es ist, wie wenn man etwas nur eben
-intonierte, was man nicht ganz nennen will, noch auch äußern kann. Weit,
-weit hinter dem einzelnen Ton ruht und klingt das Ganze --.«
-
-Marianne war zum Schreibtisch getreten und schraubte die Lampe höher.
-
-»Stehn Sie mir da noch immer im Rücken? Das ist ja unheimlich,« sagte
-sie, den Kopf nach Tomasow zurückwendend, und dann ließ sie sich müde
-vor dem Schreibtisch in dem alten Luthersessel nieder, der noch von ihrem
-Vater, dem Schuldirektor, stammte.
-
-Tomasow zog sich den langen Schaukelstuhl neben der Blattpflanzengruppe ein
-wenig näher zu ihr heran.
-
-Er nahm von den Zigaretten, die Marianne ihm anbot, und zündete sich
-schweigend eine an.
-
-»Ich glaube, speziell dafür bin ich am Ende auch das letzte Mal vom
-Auslande wieder heimgekehrt, ein so schauderhafter Kosmopolit ich auch
-schon zu werden drohte,« bemerkte er dann.
-
-»Wofür? Für die Plauderecke?«
-
-»Es ist nicht einmal eine Plauderecke, streng genommen, denn wir sind
-oft ziemlich wenig redselig, besonders wenn Sie abends müde sind oder gar
-anfangen, Notizen in Ihre schrecklichen blauen Schulhefte zu machen.«
-
-Marianne lehnte sich zurück und kehrte ihm das Gesicht zu. Sie sagte
-lächelnd: »Nun, dann sitzen Sie eben und freuen sich drüber, wie
-unendlich brav und artig ich bin. Denn das muß ja doch eine Freude für
-Sie sein! Wer hat mich denn gelehrt, diese Schulheftexistenz auszuhalten.«
-
-»Ich etwa?!« Tomasow machte eine ungläubige Miene. »Ich habe Ihnen
-wohl im Gegenteil alle Schwierigkeiten und Schrecknisse einer solchen
-klarzumachen gesucht, als Sie sich in den greulichen Kampf stürzten.«
-
-»Ja. Und mich dadurch für ihn gewappnet, -- mich dadurch gelehrt, nicht
-gleich beim ersten Ermatten zu erliegen. Ich wußte so bestimmt: Sie stehn
-da und helfen mir immer wieder auf, -- ach, das war ein gutes Gefühl,
-glauben Sie mir.«
-
-Tomasow rauchte schweigend.
-
-Ganz so war es wohl nicht. Er hatte in Wirklichkeit ihren Kräften nicht
-den Existenzkampf zugetraut, den sie so löwenmutig für sich und ihre
-Kleinen vollbracht hatte. Nein, ursprünglich hatte er ganz und gar nicht
-annehmen können, daß sie einem derartigen Leben gewachsen sei.
-
-Er half ihr damals mit seinem Rat und Beistand gleichsam nur so vorläufig.
-Er half ihr, um ihr nah bleiben zu können.
-
-Jedoch dann -- später -- wenn sie doch am Ende ihrer Kräfte sein würde,
-die sie bis zum Zersprengtwerden anspannte, -- ja, damals dachte er sich
-dann ein ganz andres Ende. Ein völlig andres --.
-
-Fast ohne daß er es wußte, fixierte Tomasows Blick bei dieser Erinnerung
-den geschlossnen Olivenholzrahmen, der in der Mitte des Schreibtisches
-stand.
-
-Marianne war der Richtung seines Blickes gefolgt.
-
-»Darf ich?« fragte er.
-
-Sie streckte, ohne zu antworten, die Hand aus, nahm den Rahmen vom Tisch
-und reichte das ihm wohlbekannte Bild herüber.
-
-Er schaute aufmerksam auf das junge beseelte Gesicht im Rahmen, -- ein
-bartloses Jünglingsgesicht. Eine Aehnlichkeit mit Sophie war in der That
-unverkennbar, nur nicht in der Kühnheit der Stirn und des Kinnes.
-
-Aber etwas so Zartes lag über dem Ganzen --.
-
-Tomasow bückte sich tiefer über das Bild und bemerkte: »Wenn ich mir
-vorstelle, wie Sie damals ausgesehen haben müssen, -- und wie dieses hier
-aussieht, -- so kommt mir leicht das Gefühl: sieh da, zwei Kinder, die man
-schützen möchte.«
-
-Sie lächelte unmerklich.
-
-»Wir brauchten keinen Schutz. Gegen nichts. Wir hatten ja einander.«
-
-»Zugegeben. Aber wer von Ihnen schützte wen?«
-
-»Jeder den andern. -- Ach, es ist nur eins nicht zu fassen: daß der eine
-zurückbleibt, wenn der andre geht. Wie mag denn das nur möglich sein?
--- -- Arme Menschen, daß es so ist.«
-
-Er erhob sich, um das Bild auf den Schreibtisch zurückzustellen.
-
-»Keine solchen Worte, Marianne! Keine solchen Aufwallungen, auch nicht
-für Sekunden! Sie haben an sich selbst erfahren, daß das Leben immer
-wieder neu keimt.«
-
-»Ja, das Leben: das heißt meine Kinder.«
-
-Tomasow nahm wieder Platz im Schaukelstuhl. Nach einer Pause, in der er
-schweigend vor sich hinrauchte, sagte er langsam: »Mir hat es doch immer
-scheinen wollen, als ob in Ihnen ein starkes Bedürfnis ist nach einer
-Ueberlegenheit neben Ihnen, -- nach jemand, zu dem Sie aufblicken. Sie
-haben so viel vom Kinde irgendwo in sich, Marianne. -- Daher kann ich
-Sie mir vielleicht so schwer an der Seite -- an ›seiner‹ Seite
-vorstellen.«
-
-Sie lehnte in ihren Stuhl tief hineingeschmiegt und starrte wie gebannt auf
-den Rahmen. Auf ihren Wangen lag ein leichtes Rot.
-
-»O über uns beiden war ja so viel -- über uns beiden!« sagte sie
-mit halber Stimme. »Wozu noch eine andre Ueberlegenheit? Wir wandelten,
-ineinander geschlungen, gemeinsam unter so hohen Träumen, so hohen Zielen
-entgegen. Und ich meine immer: was wir da lebten, nur das ist Leben. Von
-allen Seiten wölbte es sich um uns wie ein Himmel, dem gaben wir uns
-anheim. Und so war uns jede Krume Erde eine Heimat.«
-
-Tomasow dachte wieder: »Wie zwei Kinder.« Doch erwiderte er nichts.
-
-Aber Marianne wendete ihm den Kopf zu, und plötzlich streckte sie ihm
-die Hand entgegen: »Sie urteilen nach später,« bemerkte sie, »ja, da
-brauchte ich allerdings jemand über mir, brauchte Rat und Hilfe und Halt.
--- Einen Halt in der vollkommnen Heimatlosigkeit, eine Orientierung in der
-vollkommnen Fremde. -- -- Da brauchte ich _Sie_. Ich konnte nicht allein
-sein, so ganz allein im Finstern. -- Und ich denke auch jetzt oft:
-meinetwegen das Allerbitterste überwinden, wenn nur eine warme menschliche
-Stimme dazu überredet, es befiehlt, anbefiehlt. -- Ich weiß nicht, ob
-alle Frauenherzen so schwach sind. Ich bin es.«
-
-Er hatte ihre Hand entgegengenommen und hielt sie, darauf niederblickend,
-einen Augenblick in der seinen. Ganz leicht strich er mit den Fingern über
-ihren Handrücken hin, der ein wenig rauh geworden war vom Wind und der
-Kälte dieser Wochen, die Marianne unausgesetzt auf die Straße trieben.
-
-Er wußte, daß sie einen nervösen Widerwillen gegen rauhe, gerötete
-Hände oder aufgesprungene Lippen besaß. Als sie jung und glücklich war,
-da mußte sie sich gewiß, selbst unter schmalen äußern Verhältnissen,
-mit Entzücken gepflegt haben, wie ein schöner Mensch vor einem Fest.
-
-Tomasow ließ Mariannens Hand sinken und stand auf.
-
-»Was ist Ihnen denn? Sie wollen doch nicht schon gehn? Warten Sie noch ein
-wenig, und am besten: bleiben Sie zum Thee,« schlug Marianne vor, »Sophie
-wollte Ihnen so gern ihre Fortschritte im Geigenspiel vorführen, -- mögen
-Sie? Dann machen Sie ihr die kleine Freude.«
-
-»Ja, warum nicht?«
-
-Tomasow war ans Fenster getreten und schaute vor sich hin.
-
-Marianne öffnete die Thür nach dem Gang, rief dem Mädchen etwas zu und
-kam dann wieder zu ihm.
-
-»Was schauen Sie denn so unverwandt an?« fragte sie und trat dicht an ihn
-heran.
-
-Er zuckte die Achseln.
-
-»Ich betrachte mir nur, was da in Reih und Glied zwischen den
-Doppelscheiben im Fenster aufgestellt ist,« entgegnete er und deutete auf
-eine Anzahl verdeckter Glasbehälter, »wie Soldaten mit Papierhelmen auf
-dem Kopf. Finden Sie diese Dinger nicht häßlich?«
-
-»Sie sind nur häßlich, bis sie blühen. Dann kommen sie ins Zimmer,
-und die Papierkappen kommen fort. Und dann sind es Hyazinthen!« sagte sie
-tröstend, mit einem Lächeln.
-
-Aber Tomasow war verstimmt.
-
-»Hyazinthen? Wozu denn? Mögen Sie etwa diesen allzusüßen Duft? Es sind
-doch nicht am Ende gar Ihre Lieblingsblumen, Marianne?«
-
-»Lieblingsblumen? -- Rosen hab ich schon lieber, -- und am liebsten,
-wissen Sie was? -- am liebsten besäße ich ein ganzes Treibhaus und einen
-Wintergarten dazu!« meinte sie schelmisch. »Solche Hyazinthe unter ihrer
-Papierkappe ist nun eben mein Treibhaus. Man muß sie nicht allzudicht
-unter die Nase halten, sondern die Gläser im Zimmer gut verteilen, dann
-geht es schon. -- Frühling und Duft ist es ja doch! Und ganz ohne die
-beiden mag ich so wenig sein, wie ganz ohne Musik.«
-
-»Wegen der Hyazinthen werden ja hier die Doppelscheiben im Winter nicht
-eingeklebt, wie die übrigen,« bemerkte Sophie, die hereingekommen war und
-nach ihrer Geige suchte.
-
-Tomasow zündete sich eine frische Zigarette an und setzte sich in der
-Nähe des Fensters nieder. Er betrachtete Marianne.
-
-»Wie viel Genußfreudigkeit ist doch in ihr. Selbst jetzt noch!« dachte
-er. »Unausgegeben, aufgestaut! Köstlich müßte es sein, das zu lösen,
-zu befreien. Selbst jetzt noch.«
-
-Sie saß wieder auf ihrem frühern Platz, den Kopf ein wenig geneigt.
-Während sie darauf wartete, daß Sophie die Kerzen am Notenpult anzünden
-und beginnen sollte, schien sie vor sich hinzuträumen, -- vielleicht in
-Gedanken, die das kurze Gespräch mit Tomasow über ihr Eheglück vorhin in
-ihr geweckt haben mochte. So kam es ihm vor.
-
-Etwas sehr Sanftes lag über ihren Zügen, ein Abglanz, wie aus der Jugend.
-Für die Mutter der beiden großen Mädchen hätte man sie in diesem
-Augenblick kaum gehalten.
-
-Cita war leise eingetreten und stand noch an der Gangthür, um die ersten
-Geigentöne nicht zu stören. Auch sie schaute zu Marianne hinüber, und
-dabei kam auch ihr in den Sinn, wie schön ihre Mutter sei, -- wie so sanft
-und schön sie doch jetzt eben aussehe.
-
-Es berührte sie mit einem warmen kindlichen Stolz. Ihre dunkeln Augen
-erglänzten vor Freude.
-
-In einer Pause des Spiels trat sie von hinten an Mariannens Stuhl heran.
-Und mit einer ihrer spontanen, unvermittelten Bewegungen umschlang sie die
-Mutter und küßte sie in den geneigten Nacken.
-
-Dabei kehrte sich Cita halb gegen Tomasow, dessen Blick unverwandt auf
-ihrer Mutter ruhte. Cita sah unwillkürlich, mit einem hübschen Ausdruck,
-zu ihm hinüber, als wollte sie, an Marianne geschmiegt, entzückt sagen:
-»Wie lieb und schön sie ist, nicht wahr? Möchte man sie nicht auf dem
-Fleck totküssen?!«
-
-Da verdüsterten sich plötzlich ihre Augen.
-
-Irgend eine unerklärliche Befangenheit überfiel sie. Sie bückte ihren
-Kopf, wie abwehrend, gegen den Kopf der Mutter, und errötete langsam über
-das ganze Gesicht.
-
-Tomasow hörte inzwischen zerstreut dem Geigenspiel zu. Er liebte und
-verstand Musik, musikalisch von Natur, wie fast alle Russen, aber heute war
-ihm nicht nach Sophiens Musik, die noch Nachsicht verlangte.
-
-Ja ja! Daß die Kinder da waren, das hatte Marianne so unzugänglich
-erhalten und so vorzeitig ernst gemacht. Es machte sie bisweilen ergreifend
-schön, dies Ernstsein tief unter aller Heiterkeit, jedoch zu ernst, --
-allzu ernst für ihn --.
-
-Tomasow begegnete bei dieser Erwägung Citas Augen, die ihn forschend
-anzusehen schienen. Sie stand noch an den Stuhl der Mutter gelehnt, als
-schütze sie ihn.
-
-»Wie ein kleiner Polizist!« dachte Tomasow bei sich.
-
-Aber zugleich gestand er sich, daß diese Kinder es allein gewesen waren,
-die einst Marianne die Fähigkeit zum Leben wiedergegeben hatten.
-
-Ursprünglich schien der gewaltsame Schmerz um den toten Gatten auch die
-Mutter in ihr getötet zu haben. Als man sie nach Rußland brachte, --
-mit ihren beiden allerliebsten kleinen Dingern, -- da war sie nicht
-bereitwillig, weiterzuleben. Sie konnte nicht leben. Und in der
-Verwandtschaft begann man, von Geistesstörung zu sprechen und von
-Ueberführung in eine Heilanstalt.
-
-Damals, während dieser ersten furchtbaren Verzweiflungszeit ihres
-Schmerzes, sah Tomasow Marianne zum erstenmal.
-
-Er selbst kam grade verstimmt aus dem Auslande. Nach Jahren anregenden
-Genusses und interessanter Arbeit in Wien und Paris, erschien ihm zu Hause
-alles so schal und abgestanden, so gänzlich regungslos. Und am wenigsten
-spürte er Lust, sich hier wieder dauernd in seine ärztliche Praxis
-einzugewöhnen.
-
-An einem dieser Tage wurde er zu Marianne hineingeführt.
-
-Auf dem Boden ihres Zimmers kauernd, das braune Haar dicht und wirr um ihr
-armes Gesicht, -- das Gesicht eines fassungslos leidenden Kindes, -- ganz
-stumm und sehr abgemagert, denn sie weigerte sich, Nahrung zu sich zu
-nehmen: so sah er sie zum erstenmal.
-
-Was ihn betroffen machte und fesselte, von allem Anfang an, das war die
-Stärke dieses Temperaments, das gegen den Tod anstürmte, ihm innerlich
-fortwährend seine Beute abzujagen schien. Nie, meinte Tomasow, ein
-Gleiches an Seelenkampf geschaut zu haben, -- an Kampf gegen das
-Unentrinnbare, -- wie er jetzt Tag um Tag vor sich sah, seitdem er begonnen
-hatte, Marianne seine ärztliche Pflege zu widmen.
-
-Ihre Verwandten bedauerten sie aufrichtig, aber ihnen war von Beginn an die
-Ehe verrückt vorgekommen. Beide Gatten so blutjung, beide noch kaum reif
-für den großen Jubel und den großen Ernst, den sie vom gemeinsamen Leben
-erwarteten, -- und der junge Künstler noch keineswegs genügend zu Geld
-oder zu Ruhm gelangt, als er um Marianne warb. Daß er auch dazu, wie zu
-allem, eben ihrer Nähe bedurfte, verstanden die vernünftigen Leute
-nicht. Und er durfte sie auch keines Bessern belehren, denn als es ihm eben
-gelingen wollte, mußte er schon sterben.
-
-Das jedoch war wiederum Marianne unfähig zu verstehn, -- nein, nie und
-niemals vermochte sie es zu fassen, daß das Leben wider ihren liebsten
-Menschen sein konnte, daß es ihn sterben lassen, -- ihn im Stich lassen
-konnte.
-
-Auf Tomasows Rat kam Marianne aufs Land. In einem Dorf bei Moskau bezog
-eine alte Verwandte mit ihr ein kleines Landhaus, dicht neben einem
-verwilderten Park gelegen, der zu einer ehemaligen Privatbesitzung
-gehörte.
-
-Es wurde grade Frühling, -- später nordischer Frühling. Unendliche
-Ebenen im ersten Ergrünen, weite knospende Birkenwälder, ein stiller
-baumumstandener See --.
-
-Dort in der Einsamkeit, dort im Frühling, dessen sanfte Schönheit ihr
-bis zu Tode wehe that, und der ihr mit seinem Zauber die Seele blutig riß,
-tobte sich für Marianne das Schwerste rückhaltlos aus.
-
-Sie gesundete vielleicht aus der nämlichen Kraft heraus, aus der sie
-gelitten hatte, -- sie durchkostete ihren Schmerz viel zu stark und
-inbrünstig, um sich nicht eines Tages auch selbst von ihm zu heilen.
-
-Von der Veranda des Landhauses führte ein primitives Holzbrückchen, über
-etwas morastiges Wassergerinsel geschlagen, direkt auf die grasbewachsenen
-Wege des alten Parks. Unzählige Mückenschwärme durchsummten ihn im
-Sommer und hielten beständig einen feinen dunkeln Ton in der Luft fest;
-warm und feucht stieg von den schattigen Wiesen der Duft über üppig
-verwilderten Blumen auf, und hier und da stand eine zusammengebrochene,
-bemooste Steinbank an lichte Birkenstämme gebaut. Hier hinaus fuhr Tomasow
-jeden Tag. Wenn er kam, pflegten ihm die beiden kleinen Mädchen schon
-entgegenzulaufen, Annunciata, die Aeltere, mit muntern großen Sprüngen,
-und die jüngere, Sophie, die immer zu hastig lief und oft über ihre
-eignen kleinen Beine stolperte, bis sie endlich der Länge nach und mit
-bitterm Geschrei bei ihrem Freunde angelangt war.
-
-In der Stadt und in seinen eignen Angelegenheiten beschäftigten Tomasow
-allerlei komplizierte Sorgen: wie er sich zur Heimat stellen, sich in
-ihr einleben werde, und warum ihr noch so vieles abgehe, was in den
-kulturreifern Ländern des Auslandes längst auf der Tagesordnung stand?
-Aber hier in diesem sommerdunkeln Park, bei Marianne und ihren
-Kindern, verblaßte ihm regelmäßig die Wichtigkeit aller Kultur- und
-Geistesfragen. In den Vordergrund trat das Leben in seiner elementarsten,
-seiner einfachsten Bedeutung, -- das Leben angesichts des Todes und die
-Frage, ob es zu ertragen sei. Es kam ihm vor, als müsse das Leben etwas
-Schönes sein, weil er Marianne leise dazu zurückkehren sah, -- ganz leise
-anfangs, indem sie mit den Kindern zu spielen begann.
-
-Noch ehe sie wieder für sie zu sorgen und zu denken wußte, spielte sie
-mit ihnen, als sei sie selbst noch nicht viel mehr, als ein schwaches Kind.
-Und doch hatte sie damit schon die große Frage für sich beantwortet.
-
-Der erste Gedanke, der später ganz von ihr Besitz nahm, war ebenfalls
-naheliegend und primitiv: der Drang, für das tägliche Brot zu arbeiten.
-Für den Augenblick war diese Sorge ihr von andern abgenommen worden, --
-und im Fall der Not versprach man, ihr auch die Kinder abzunehmen.
-
-Sie wollte mit ihnen zusammenbleiben können, sie selbst ernähren können.
-Daran erstarkte sie.
-
-Tomasow erinnerte sich gut des entscheidenden Gespräches darüber, an
-einem unerträglich heißen Sommernachmittag voll Gewitterdrohungen, auf
-einer Bank im Park. Er ging auf alles ein, was Marianne wünschte, froh,
-sie überhaupt schon so weit zu haben, daß ihr starke Wünsche und Sorgen
-kamen. Er erbot sich auch, alle ersten notwendigen Schritte in der Sache zu
-thun.
-
-Da hob Marianne die kleine Sophie auf ihren Schoß und sich zu Cita
-niederbeugend, die sich neugierig horchend an ihr Knie drückte, rief sie
-leise: »Jetzt wird Ma für ihre lieben Kinder schrecklich viel zu thun
-bekommen! Und je mehr sie thut, desto schöner und größer sollen sie ihr
-werden, von Tag zu Tage! Ist das nicht herrlich, ihr Kinder?«
-
-Citas kleine Ohren mochten aus den Worten nur den Klang aufgefaßt haben,
--- einen so ungewohnt freudigen Klang, daß er an etwas ganz Fernes,
-Süßes, schon halb Vergessnes mahnen mußte, was einst durch alle Worte
-der Mutter hindurchgejauchzt hatte, als seien es ebensoviel liebkosende
-Verheißungen.
-
-So klatschte sie stürmisch in die Hände und sprach der Mutter nach:
-»Herrlich, ihr Kinder!«
-
-Und in der schwülen Gewitterluft unter den reglosen Bäumen saß Marianne
-zum erstenmal mit einem Anflug von Lächeln da, wie am Vorabend von
-bessern, festlichern Tagen.
-
-Tomasow aber dachte fast mit Abscheu an das lähmende, entnervende
-Arbeitsleben, das nun vor ihr liegen sollte. Und angesichts dieses
-Lächelns stiegen andre, schönere Möglichkeiten für die Zukunft vor
-seinen Gedanken auf -- --.
-
-»Unterschätzen Sie nur die Schwierigkeiten der Sache auch nicht
-allzusehr!« bemerkte er nach einer Pause mit zögerndem Warnen. »Es ist
-noch nicht sicher, ob Sie so brutalen Anforderungen an Ihre Spannkraft
-gewachsen sind.«
-
-Marianne hob den Kopf und sah ihm mit zversichtlichem Vertrauen ins
-Gesicht. Ihre Hand lag auf Citas Haar.
-
-»Daß ich ihnen nicht gewachsen bin, weiß ich wohl!« sagte sie ruhig.
-»Aber Sie werden mir helfen, über mein bißchen Können hinauszugelangen.
--- -- Wollen Sie mir nicht dazu helfen --?«
-
-»Ich will es gewiß, wenn Sie nicht bei näherm Zusehen selbst davor
-zurückschrecken!«
-
-In Mariannens Augen trat ein Ausdruck wie qualvolle Erinnerung an die
-überstandenen Seelenkämpfe.
-
-Sie murmelte: »Ich schreckte vor allem zurück, -- vor jeder Minute,
-weil sie durchlebt sein wollte, -- und war nicht auch das eine brutale
-Anforderung: -- leben zu sollen --? Ich weiß, daß es mich noch manchmal
-überkommen wird, -- daß ich dann nicht will, nicht kann, -- ich werde
-mich gewiß noch oft vor dem Leben fürchten --.« Sie brach ab, ein
-Schauer ging über sie hin. Dann setzte sie jedoch langsam hinzu: »Deshalb
-muß jemand mir helfen, der meine Furcht und meinen Widerstand bricht, um
-der beiden Kleinen willen.«
-
--- In diesem Augenblick begriff er, wie nah er ihr in der schweren Zeit
-getreten war als der Unbeteiligte, Unbeeinflußte, der sich ihr ärztlich
-und menschlich mit strenger Sachlichkeit gewidmet hatte. Er begriff, wie
-viel sie seiner Hilfe zuschrieb, was zu einem großen Teil die Hilfe ihrer
-eignen Natur gewesen war.
-
-Ihr sollte er helfen, fortan dem Leben gewachsen zu sein, -- dabei aber
-lebte er noch sein eignes Leben in unschlüssigem Zwiespalt --.
-
-Und dennoch: er fing an, daran zu glauben, daß es ihm ihr gegenüber
-gelingen werde. Ein so starker Appell an seine eingreifende, planvolle
-Kraft ging von diesen ruhig vertrauenden Augen aus, -- eine so starke
-Freude an der ihm auferlegten Verantwortung weckten sie in ihm, als
-spannten sich alle Fähigkeiten seiner Seele auf ein Ziel hin.
-
-Und seltsam: gleichzeitig empfand er es noch nie so bitter wie in der
-Stunde, nicht selber zwiespaltlos und einheitlich, mit voller Thatkraft, im
-Boden seiner Heimat zu wurzeln. Hätte er nicht schon als Jüngling, -- in
-jugendlicher Begeisterung zu allem bereit, -- immer nur an die harte, hohe
-Mauer der bestehenden Zustände stoßen müssen; hätte er nicht erst im
-Auslande draußen seine volle Entwicklung finden müssen; hätte er, vom
-Heimweh zurückgezerrt, nicht davon absehen müssen, in seiner Heimat grade
-diejenigen Einsichten und Fortschritte zur Wirksamkeit zu bringen, deren
-sie ganz augenscheinlich am dringendsten bedurfte, -- -- wie ganz anders
-würde sich dann für ihn als Mann, als Mensch, sein Leben zusammengefaßt
-haben! Wie oft würde es einen ähnlich starken, -- und stärkern Appell an
-seine Leistungskraft enthalten haben!
-
-Aber davon sprach er nie zu jemand; in der Fremde sprach er von der Heimat
-nur leise, und dann zärtlich, wie von einem leidenden Kinde, das auch nur
-anzurühren man Fremden schon verwehrt; und daheim konnte er von seinen
-Jahren im Auslande nicht mit dem Accent reden, den sie für ihn besaßen,
-weil hier alle seine Worte unwillkürlich so ausfielen, als sei ihm bloß
-egoistisches Genußleben gewesen, was ihm dort mindestens ebensosehr als
-eifriges und ernstliches Arbeitsdasein vorgekommen war.
-
-Er schwieg deshalb, mißtraute den Menschen, und sie vertrauten ihm nicht
-mehr recht.
-
--- -- Während er im alten, dichten Park auf der Steinbank unter den Birken
-saß, schaute er, in solche Gedanken versunken, auf Marianne hin.
-
-Sie blickte gradeaus über die Wiesengründe in die Ferne, den Kopf
-ein wenig vorgeneigt, die Hände leicht im Schoß gefaltet. Der lose
-aufgesteckte Haarknoten ließ die sanfte Wölbung der Nackenlinie
-wundervoll frei.
-
-Kein einziger Zug bewußter Selbständigkeit in der gesammelten Haltung,
-und doch etwas wie Getrostes --
-
-Es erfüllte ihn mit Erstaunen!
-
-Was ihm auch geschähe: zu allerletzt würde er doch im stande sein, zu
-einem zweiten Menschen so vertrauensvoll aufzublicken, daß er dessen
-seelischer Hilfe sich gläubig anheimgab!
-
-Und bei ihr war das im Wiedererwachen zum Leben das erste, -- das
-Unwillkürliche --.
-
-Das allererste, was sie wiederfand, war eine ruhige, vertrauende
-Gebärde. -- -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-=II.=
-
-
-Draußen herrschte das lustigste Schneetreiben von der Welt.
-
-Den Kutschern und vielleicht auch ihren Gäulen lachte das Herz im Leibe
-drüber, wie leicht heute die Schlitten über den weißblendenden Boden
-dahinflogen, der seit etlichen Tagen einer erneuten Schneelage entbehrt
-hatte, sodaß hier und da bereits das holperige Steinpflaster der
-unebenen Moskauer Straßen durch den zerstampften und vergrauten Schnee
-durchzuscheinen begann.
-
-Auch Marianne freute sich, schnell vom Fleck zu kommen. Seit dem frühen
-Morgen war sie schon so viel herumgetrieben worden, in verschiedene
-Privatstunden und eine Schule.
-
-Noch ein paar Tage lang! Dann gab es Ferien. Schlossen auch die Anstalten
-erst kurz vor Weihnachtsabend, so hörte doch der Unterricht in den
-Häusern meistens schon früher auf.
-
-Marianne kam von weit außerhalb gefahren, wo sich an den Grenzen der
-Stadt ein großes Mädchenstift befand, nicht allzufern von dem berühmten
-Jungfernkloster, dessen phantastische Türme herüberwinkten. Auf dem
-Rückwege von dort ließ sie ihren Schlitten in einer unbelebten, fast
-ländlichen Vorstadtgegend vor einem einstöckigen, rot angestrichenen
-Holzhause halten.
-
-Sie stieg aus, bezahlte und ging über den weiten, hellen Hof, den ein
-einfacher Lattenzaun umschloß, auf eine Wohnung im Erdgeschoß eines
-Hauses zu, an der sie mit beinah ungeduldiger Freude läutete.
-
-Dies Erdgeschoß war himbeerfarben. Mit rührendem Vertrauen in die
-Schönheit des Farbigen überhaupt, war hier ein bunter Ton neben den
-andern gesetzt. Aber das gedämpfte Winterlicht ward zum Künstler an all
-dem Grellen: es stufte es wunderseltsam ab, bis es aussah, als stünden die
-bunten Farben da, wie Blumen in einem Strauß.
-
-Hier pflegte Marianne jeden Sonnabend vorzusprechen, wenn sie der Weg
-vom Stift vorüberführte, mochte die Zeit auch noch so knapp sein.
-Denn jedesmal bedeutete das für sie inmitten der Arbeitswoche eine
-sonntägliche Stunde.
-
-Eine ihrer ehemaligen Lieblingsschülerinnen, seit Jahresfrist verheiratet,
-wohnte hier; eine, die ihr innig zugethan blieb, auch nachdem sie,
-längst der Schule entwachsen, mit Energie und verblüffender Leichtigkeit
-Mathematik studiert und es darin zu etwas gebracht hatte.
-
-Die junge Frau öffnete selbst die Thür und bewillkommnete ihren
-Besuch mit drei schallenden Küssen, einen auf den Mund und je einen auf
-Mariannens schneenasse Wangen. Dann nahm sie ihr den weiß überschneiten
-Pelz von den Schultern und schüttelte ihn aus, wobei sie aber sorglich
-jedes Geräusch vermied.
-
-»Dadrinnen steckt Taraß tief bis über die Ohren in einer Arbeit über
-das Vogelgetier,« flüsterte sie in ihrem weichen Russisch, das an sich
-schon zärtlich klang, und wies auf das Hauptzimmer der kleinen Wohnung.
-
-Erst jetzt bemerkte Marianne die breite buntgestreifte Küchenschürze an
-ihr, und daß sie die Aermel hochgezogen hatte. Eine Messerbank, nach der
-sie griff, mußte sie eben erst hastig aus der Hand gestellt haben.
-
-Im Hintergrunde des engen dämmerigen Vorflurs stand die Thür zur Küche
-noch offen; man sah die Holzscheite im Herdfeuer rot glimmen.
-
-»Ja, unser Mädchen ist nämlich schon wieder krank. Sie ist wirklich
-ewig krank, diese Aermste,« sagte die junge Frau und zog Marianne in die
-Wohnstube.
-
-Die Wohnstube war ziemlich groß, niedrig und so dicht über dem Hof, daß
-der gegenüberliegende Schneehaufen sie schon verfinstern konnte. Auf dem
-Hof flogen weiße und graue wohlgemästete Tauben umher, flatterten auf
-den Fenstersims und schlugen mit ihren Flügeln an die Scheiben, an denen
-drinnen blühende Azaleen standen.
-
-Ein Teil des Zimmers wurde durch zwei mitten hineingebaute mannshohe
-Scheinwände isoliert, hier befand sich der Schlafraum. Die
-zurückgeschobene Portière ließ das Ehebett unter einem Baldachin von
-geblümtem Stoff sehen, sowie die Ecke mit den Heiligenbildern. Ein paar
-davon besaßen schwere Silberverkleidung; unter ihnen hingen gestickte
-Handtücher und lagen auf einem Wandbort geweihte Brötchen.
-
-Im Wohnraum am Fenster stand breit und bequem ein Tisch, worauf sich in
-friedlichem Nebeneinander Schreibereien und Hausarbeiten, nicht grade
-zierlich geordnet, befanden. Auf einem Seitentisch zeigte der nie fehlende
-blitzende Samowar, daß hier auch gespeist wurde.
-
-Marianne hatte es sich wunderschön behaglich gemacht in einem
-Großvaterstuhl, der dicht bei einem wärmeausstrahlenden Kachelofen von
-anerkennenswerten Dimensionen stand. Neben dem Ofen hing am Bande eine
-altertümliche kleinrussische Guitarre, eine Gusli. Fröstelnd vergrub
-Marianne ihre durchkälteten Füße im Bärenfell, das sich vor dem Stuhl
-ausbreitete.
-
-»Das ist unser Diwan, dort sitzen wir immer beide drin,« sagte die junge
-Frau.
-
-»Ist es jetzt nicht sehr schlimm für euch mit dem kranken Mädchen,
-Tamara?« fragte Marianne bedauernd. »Da werdet ihr kündigen müssen.
-Wie treibt ihr es nur überhaupt --? Du alle Morgen in deinem statistischen
-Bureau, dein Mann über seiner ornithologischen Gelehrsamkeit? Was fangt
-ihr denn jetzt an?«
-
-Tamara lachte leise auf, ihr ganzes freundliches Gesicht lachte mit.
-
-»Wir treibens, wie es eben geht; -- es wird ja auch wieder besser. Alles
-wechselt unter dem Mond. Kündigen wollen wir nicht; darauf vertraut die
-Arme so fest.«
-
-»Russische Sorglosigkeit!« dachte Marianne bei sich. Aber sie mochte
-nichts Tadelndes äußern, sie wiegte sich darin wie in etwas Wohlthuendem.
-
-Vielleicht wäre es anderswo tadelnswerter gewesen, doch ihr schien immer:
-wo man unter russischen Menschen war, wo diese Sprache klang, da wurde
-das Leben in der That in allen Dingen gleichsam simpler und weiter, --
-vertrauender. Obschon sie selber kein russischer Mensch war, so zählte sie
-doch nicht zufällig unter diesen ihre besten Freunde.
-
-»Aber überanstrengt es dich auch nicht, Tamara?« meinte sie besorgt.
-»Noch kann es ja eine ganze Weile dauern, ehe dein Mann die verdiente
-Berufung bekommt, und ehe du also dem statistischen Bureau ein Schnippchen
-schlagen kannst.«
-
-Tamara schüttelte belustigt den Kopf, von dem zwei starke Zöpfe
-unaufgesteckt niederhingen.
-
-»Bis dahin hilft mir eben mein Mann. Wenn ich nicht mal _das_ von Ihnen
-gelernt hätte, Marianne Martinowna: gute Laune am Alltag bewahren, -- die
-schönste Lektion, die Sie unbewußt allen Ihren Schülern mitgeben,
--- gratis neben all dem Schulkram.« Tamara fuhr ungeniert mit dem
-Messerputzen fort, worin sie der Besuch unterbrochen hatte. »Und im
-Sommer,« bemerkte sie mit aufleuchtendem Blick, »da erholen wir uns
-schon! Da schlepp ich den Taraß zu den Eltern aufs Gut, oben hinauf nach
-Wologda, in meine lieben großen Wälder. Da erholen wir uns schon! Ach,
-warum sind wir da nicht zwei Einsiedler! Sie können mir glauben: ich bin
-doch gewiß glücklich, aber Heimweh nach den Wäldern und dem Norden hab
-ich doch. -- -- Aber nun erzählen Sie doch mal von sich? Also die Cita ist
-heimgekommen?«
-
-Marianne nickte.
-
-»Mit Beginn der deutschen Weihnachtsferien und bleibt bis über die
-russischen da. Aber ich habe noch so wenig von ihr, -- es war eine so
-gehetzte Arbeitszeit. Drum wird Weihnachten diesmal so strahlend schön!
-Mir kommt vor, als ob ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr so darauf
-gefreut hätte, wie dieses Mal. -- -- Immer möcht ich die Cita jetzt nahe
-um mich haben, -- so ganz nah bei mir, -- -- sie so recht tief anschauen:
-»»Bist du noch dieselbe? Ist auch nichts an dir verändert? Hat mir die
-Trennung nichts gestohlen? Zeig mir all dein Schönes: -- das und das und
-das, -- weißt du noch?«« Ach, Tamara, du hast noch kein Kind, -- kannst
-du das wohl begreifen?«
-
-Tamara nickte schweigend.
-
-In der Küche hörte man es bedrohlich brodeln und zischen. Sie setzte die
-Messerbank nieder, lief hinaus, klapperte ein Weilchen draußen zwischen
-den Tiegeln und Töpfen und kehrte dann in die Stube zurück.
-
-»Ja,« sagte sie, »nun ist also Cita auf dem Wege, etwas Erkleckliches zu
-werden. Aber, Hand aufs Herz, liebe Marianne Martinowna: wären Sie nicht
-doch seelenfroh, wenn -- ja wenn sich die Cita ordentlich verliebte und
-heiratete?«
-
-Marianne blieb einen Augenblick lang stumm. Dann sagte sie fast andächtig:
-»Wenn über meine Kinder _mein_ Glück käme, -- ein so unfaßbares
-Frauenglück, das reicher und weiser macht, als alle Reichtümer und
-Weisheiten der ganzen Welt zusammengenommen, -- wenn ihnen das geschenkt
-würde! -- -- Und wären es auch nur acht kurze Jahre, wie bei mir,
-gleichviel. Und käme auch selbst dahinter -- wie bei mir --«
-
-Sie konnte nicht weitersprechen.
-
-Tamara sammelte schweigend ihre Messer zusammen. Nach einer Pause bemerkte
-sie dabei: »Kenne ja auch die Freude am Lernen. Aber mein heimlichster
-Traum war doch immer nur der aus dem Märchen von Puschkin, dem Zar Saltan:
-möchte Gott mir geben, einen Helden, einen Bogatyr, zu gebären! Ja ja,
-dafür kann man nichts thun. Sonst wär es ja auch nur wieder armseliges
-Menschenwerk. So ist es: Studium ist Verdienst, aber Liebe ist Gnade. --
-Aber ganz jammerschade scheint es mir, daß Sie nicht mit Ihren beiden
-Kindern zusammenleben können wegen des Studiums, -- gradezu eine Missethat
-scheint es mir manchmal.«
-
-Marianne fiel rasch ein: »Darüber muß man nicht nachdenken. Es ist nicht
-anders. Ich muß Sophie doppelt geben, doppelt --«
-
-»Aber ich hätte Ihnen einen kuriosen Vorschlag zu machen,« meinte
-Tamara, »wenn nur Cita nicht grade in Berlin studierte.«
-
-»Einen Vorschlag --?«
-
-»Ja, von meiner Tante bin ich dazu autorisiert, -- wissen Sie, von der,
-die in Bern das Mädchenpensionat leitet und voriges Jahr hier war.«
-
-»Ach, thut sie das noch immer? Sie klagte doch schon so über ihr Alter
-und ihre Gebrechlichkeit. -- -- Will sie es etwa abtreten?« fragte
-Marianne mit unverhohlener Spannung.
-
-»Sie möchte gern einer Hilfe die Leitung übergeben. Sie wissen: es sind
-lauter unerwachsne Mädchen, vielfach Russinnen, die dort den sogenannten
-letzten Schliff bekommen. -- -- Und auf Sie hält sie so große Stücke,
-sie wäre entzückt. Aber es wäre doch wohl nichts?«
-
-Marianne schüttelte zögernd den Kopf. Im stillen rechnete sie nach. Es
-war ihr klar, daß sie hier mehr verdienen konnte. Und schließlich blieb
-Cita auch dann weit von ihr.
-
-Aber wenn es doch möglich wäre, -- mit Cita? Sie wurde ganz still und
-hörte nicht auf, zu rechnen.
-
-An der Thür, die das Wohnzimmer mit der größern Hauptstube verband,
-wurden rasche, ungeregelte Schläge hörbar, wie ein Geprassel von
-Kleingewehrfeuer.
-
-Tamara sagte mit befriedigtem Lachen: »Das ist Taraß' Triumphgeschrei:
-er hat für heute glücklich sein Ei gelegt. Es ist auch hohe Zeit, daß er
-frei wird. Ich muß schnell den Tisch decken.«
-
-»Und ich muß leider weiter wandern,« äußerte Marianne mit einem
-Seufzer; sie erhob sich ungern aus ihrer weichen, behaglichen Ecke.
-
-Tamara nickte betrübt.
-
-»Wir armen Arbeitsgäule,« meinte sie lächelnd und stieß die Thür
-nach dem Vorflur auf, laut rufend: »Taraß, bist du da? Komm doch mal her,
-Marianne Martinowna muß schon fortgehn.«
-
-»Jawohl!« schrie es aus der Küche zurück, »aber dann mußt du
-herkommen, -- das Zeug brennt an!«
-
-Der Ton der Verzweiflung, worin das verkündet wurde, erheiterte Marianne.
-Sie trat auf den Vorflur hinaus und schaute nach der Küche. Tamara war,
-die Hände ringend, schon an ihr vorbei vorausgeschlüpft.
-
-Zwischen seinem Studierzimmer, das weit offen war, und der Küche mitten
-drin stand auf dem Vorflur Tamaras Mann mit lebhaft vorgerecktem Hals und
-richtete seine Augen angsterfüllt auf eine Pfanne, die auf dem Herde stand
-und furchtbar zischte. Die Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben.
-
-Seine Frau stürzte zur Pfanne.
-
-»Geh nicht so nah heran, geh ihr nicht nah!« rief er beängstigt,
-»-- das Zeug spritzt! Man darf sie nur von hier aus ansehen. Es spritzt!
-Paß auf, es spritzt in die Augen!«
-
-Als das Zischen und Prasseln gelinder wurde, wandte er sich aufatmend der
-lachenden Marianne zu. Auch er lachte nun. Aus seinem hübschen dunkeln
-Bart, der tief über das gestickte russische Hemd fiel, das er zu Hause
-trug, schimmerten die Zähne.
-
-»Ja, ich war nun grade fertig, -- und angerührt hatte sie die Geschichte
-ja, ich sollte nur Wache halten, -- aber aufregend ist die Sache ungeheuer,
--- uff!« und er fuhr sich über die Stirn und die etwas wildgewordenen
-krausen Haarringel.
-
-Tamara, die am Herde herumwirtschaftete, rief: »Ja, darin ist er gut,
-wirklich! Sie sollten nur wissen, was wir uns beide alles zusammenkochen.
-Aber ohne Herzklopfen geht es eigentlich nie ab. -- -- Die reine Nervenkur.
--- -- Er thut es auch nur, um wenigstens gelegentlich zu beweisen, daß ich
-ihm neben seinen Vögeln doch auch was gelte.«
-
-Sie kam aus der Küche, streifte die Aermel herunter und trat zu Marianne,
-die sich grade an den Vögeln ergötzte, die man im offenstehenden
-Arbeitszimmer sah. Jeder Platz, den die Bücher übrig gelassen hatten,
-gehörte den Vögeln, -- toten, ausgestopften Bälgen -- und lebendigen in
-zwei Riesenkäfigen, aus denen es zwitscherte, piepte und sang.
-
-»Ja, denken Sie nur,« behauptete Tamara, »sein Getier konnte er sogar
-auf der Hochzeitsreise nicht vergessen. Ich konnte nicht gefühlvoll gegen
-ihn werden, ohne daß er mir sofort auseinandersetzte, wie es zum Beispiel
-die Enten und Gänse in ihren Liebesspielen untereinander halten. Damals
-schrieb er nämlich grade über die. Zuletzt war ich ganz beschämt, keine
-Gans zu sein.«
-
-Ihr Mann wurde verlegen, aus seinen träumerischen dunkeln Augen sah er
-Marianne hilflos an.
-
-»So war es gar nicht, -- nein, so war es nicht,« bestritt er lebhaft.
-»Ich habe nur gesagt: ein Gelehrter zu sein, das ist nichts ohne Liebe.
-Man muß die Tiere lieben, dann versteht man sie gut. Und dann habe ich ihr
-erzählt, die Enten wären --«
-
-Aber seine Frau fiel ihm ins Wort. Vom nächststehenden Tisch in seinem
-Zimmer hatte sie geschwind ein dickes Buch aufgegriffen, ein Werk von ihm,
-schlug es fachkundig auf und las mit heller Stimme:
-
-»Beispielsweise -- =pagina= 136: ›Alle Männchen ziehen sich nahe
-zusammen. Dann schwimmt je ein Weibchen zwischen ihren Reihen schnell
-hindurch. Hierauf schnellen die Männchen im Takt in die Höhe, biegen dann
-den Schnabel gegen die Bauchmitte und pfeifen =a tempo=. Verpaßt einer der
-Enteriche dabei den genauen Anschluß, so scheint das etwas Uebles zu sein:
-er muß alsdann seine Kräuselfedern in die Höhe richten und vernehmlich:
-›Räp!‹ rufen --‹«
-
-»Schäme dich! schäme dich!« rief Taraß laut, »ich habe dir nicht so
-was vorgelesen, -- ich habe dir Lieder zur Gusli gesungen!«
-
-»Ja, wissen Sie warum?« Tamara legte das Buch aus der Hand, »um mir
-mit kleinrussischen Klängen mein Nordrußland zu verleiden! Ist denn
-Kleinrußland noch Rußland?! Ach, wir zanken uns darüber noch bis zu
-Tode!«
-
-»Nicht wahr! nicht wahr!« rief Taraß dazwischen, »die schönsten Lieder
-und die schönsten Sagen sind im Norden und Süden gleich! Der blinde
-Sänger unten bei uns singt dir, was bei euch gesungen wird. Aber vom
-Süden hinauf ist es gekommen!«
-
-»Vom Norden zu Euch ist es gekommen!« ereiferte sich Tamara, »von da
-oben, wo alles rein russisch blieb. Wo auch später nicht einmal der Tatar
-hindrang --.«
-
-Marianne verließ sie zwischen Küche und Stubenthür im vollsten Streit.
-Sie lachte noch, als sie auf den Hof hinaustrat zwischen die gurrenden
-Tauben. Beschämt sah sie nach ihrer Uhr. Noch konnte sie rechtzeitig zur
-Unterrichtsstunde kommen, doch mußte sie sich tüchtig beeilen.
-
-Eine Weile später durfte sie endlich für kurze Zeit heimgehn. --
-
-Obgleich Marianne müde war, machte sie den Heimweg zu Fuß. Das
-Schneetreiben hatte nachgelassen, hier und da schaute schon die Wintersonne
-freundlich zwischen zerrissnem Gewölk hervor.
-
-Marianne liebte es, durch diese Straßen zu wandern, die ihr bei ihren
-Gängen tagein, tagaus, jahrein, jahraus vertraut geworden waren wie ein
-Heimatort. Das Ungeordnete und Halbasiatische auf vielen von ihnen störte
-sie nicht mehr, -- nicht die Bettler oder Betrunkenen, die ihr begegneten,
-nicht die grellbemalten Schenkenschilder mitten zwischen dem bizarren Glanz
-der zahllosen Kirchen und Kapellchen.
-
-Und sie mußte lächeln, wenn sie schmale, hügelige Gassen sich plötzlich
-auf einen jener Riesenplätze öffnen sah, die wie weite Ebenen sein
-konnten, und an deren Rande mitunter kleine Häuser kindlich dastanden wie
-Spielzeug neben den ungeheuren Raumverhältnissen mancher Nachbarbauten.
-
-Denn der Raum hatte hier keine Bedeutung, keinen Hochmut; keine Pracht
-schien sich ihrer Größe zu rühmen, und keine Bescheidenheit möglichst
-eng zusammenzukriechen. Größe und Kleinheit warfen friedlich ihren
-Wert in eins, nachlässig zu einander gesellt, wie Baum und Grashalm in
-derselben Landschaft.
-
-Sogar der Kreml, der von jedem Punkt Allgegenwärtige, erschien fast
-nur zufällig groß: als im Grunde wesensgleich irgend einem der kleinen
-heiligen Altarschreine in Kapellenform, wie sie Fürst und Bauer zu eigen
-besitzen, -- aber von der Inbrunst einer gewaltigen Andacht irgend wann
-einmal in solchen Dimensionen geschaut und fixiert, daß er fortan immer
-allen sichtbar blieb, immer allen gemeinsam gehörte --.
-
-Mitten in der Stadt sah sie, wie dort so oft, ein kleines mageres Füllen
-neben dem Mutterpferd traben, das einen Lastwagen zog. Das glückliche
-Pferd! es brauchte nicht von seinem Kinde fort, wenn es auf Arbeit ging.
-
-Marianne fand: alle Arbeit, die Frauen thun, müßte so weise eingerichtet
-sein.
-
-Sie seufzte und ging rascher.
-
-Beim Ueberschreiten eines Fahrdammes mußte Marianne innehalten, weil zwei
-Gefährte ineinander geraten waren, was beim wahllosen Durcheinanderjagen
-leicht genug geschah.
-
-Die Fuhrleute schrieen sich an und fluchten sich gegenseitig in die Hölle;
-der eine Schlitten wurde frei und flog weiter, am andern war der Gaul
-ausgeglitten und gestürzt.
-
-Ein Mann, der den Schnee vom Fußsteig schaufelte, trat heran, um zu
-helfen, doch keine Neugierigen blieben gaffend stehn. Nur ein kleines
-Mädchen mit rotem Kopftuch schaute auf das daliegende Pferd und kraute es
-im Vorübergehn mitleidig, mit ganz schüchterner Liebkosung, am Stirnhaar,
-wie um es zu trösten. Ein Schlitten kam an der Gruppe vorbei und hielt
-jählings an.
-
-Tomasow saß darin. Er warf dem Kutscher ein Geldstück zu, sprang heraus
-und ging auf Marianne zu.
-
-»=Quelle chance, madame!=« sagte er lächelnd, und streckte die Hand aus.
-
-»Und nun begleiten Sie mich nach Hause!« meinte sie gleich.
-
-»Aber selbstverständlich.«
-
-»Das heißt, -- falls Sie nicht etwas Wichtigeres vorhaben --?«
-
-Tomasow machte ein etwas spöttisches Gesicht.
-
-»Was sollte ein Tagedieb wie ich besonders Wichtiges vorhaben?«
-
-»Tagedieb! O pfui!« Sie war entrüstet; -- »Sie sind ja doch Arzt!«
-
-»Nicht allzusehr. Mir würde es vielleicht bald genügen, Ihrer Gnaden,
-Frau Mas, Leibarzt zu sein.«
-
-Aber sie ging auf den scherzenden Ton nicht ein.
-
-»Dafür sind Sie noch zu jung, um sich zurückzuziehen. Das wäre sehr,
-sehr schade. Für viele!« antwortete sie ernst.
-
-»Aber ganz und gar nicht! Hier gibt es genug Aerzte für Moskau, -- viel
-zu viele, -- sie treten einander auf die Füße. Es ist gradezu eine gute
-That, Raum für sie zu schaffen. -- Sie werden sagen: in der Provinz? Ja,
-das ist schon etwas andres. Aber Sie wissen, dafür bin ich verdorben. Es
-fehlt mir durchaus an der nötigen Aufopferungslust, um in irgend einem
-Winkel zu versimpeln, -- als Menschheitsheros oder als stiller Säufer.«
-
-»Sie sind heute entsetzlich garstig!« rief Marianne und hielt ihren Muff
-ans Ohr. Sie lief förmlich von ihm fort. »Warum machen Sie sich schlecht
-vor mir? Warum nur? Ich weiß schon selbst, ob Sie was taugen oder nicht.«
-
-Tomasow suchte nach seinem Kneifer, den er selten trug, und setzte ihn auf,
-was seinen Gesichtsausdruck ganz verwandelte, als setze er eine Maske auf.
-
-»Laufen Sie nicht so schrecklich geschwind,« sagte er; »wollen wir nicht
-überhaupt fahren?«
-
-Marianne schüttelte abwehrend den Kopf.
-
-»Nein, ich muß ohnehin so viel sitzen. Und die Luft thut jetzt gut. Ich
-gehe so gern durch all die Buntheit und Herzlichkeit des Straßenlebens
-hier; wenns die Zeit nur öfter erlaubte! Sie nicht?«
-
-Tomasow zuckte mit einer Gewohnheitsgebärde die Achseln.
-
-»Wie mans nimmt. Meistens ärgere ich mich dabei, weil ich mich frage,
-warum in aller Welt einen das Heimweh immer wieder auf den alten Fleck
-zurückzieht? So oft ich versuche, auf längere Zeit fortzugehn, -- ich
-komme doch wieder. Was soll man aber hier? Ja, wäre man noch ein richtiger
-dem Grabe entstiegener Altrusse von vor Peters Zeiten, so einer mit langem
-Bart und langem Kaftan --! Denn sonst würgt man hier ja nur an alledem,
-wozu man sich eventuell im europäischen Geistestreiben mit entwickelt
-hat. -- -- Ich will mich nicht entschuldigen, aber das macht so merkwürdig
-indolent.«
-
-»Sobald Sie Ihre Russen von Herzen lieben, haben Sie auch einen
-Wirkungskreis unter ihnen,« meinte Marianne.
-
-»O nein! Das ist ein Irrtum. Sehen Sie sich nur einmal das Volk an mit
-seinem breiten Gleichmut gegen die ganze eigentliche Welt der Kultur, --
-wie es alle seine wirklich tiefen Interessen anderswo hat, -- was
-weiß ich, wo: bei Wind, Wetter, Tod, Musik, Ammenmärchen,
-Heiligenbildern -- --. Mit seinen Aufklärern war es noch nie eins.
-Gegen sie lehnt es sich auf. Und dies Naturell, dies seelische Tempo,
-ist mindestens ebenso oft schuld an seinem Zurückbleiben, wie unsere oft
-verrufenen Zustände.«
-
-»Ich weiß schon! Fangen Sie nur nicht an zu politisieren!« sagte
-Marianne. -- »Lieber will ich es sein, die Ihnen von diesem Volk erzählt:
-zum Beispiel könnte ich Ihnen davon erzählen, warum ich hier, in dieser
-russischen Stadt, so gern grade an Sonntagen eine Gemäldegalerie besuche,
-wo auch das Volk vor den Bildern steht --. Es tritt leise auf mit seinen
-schweren Stiefeln und ist voll von Andacht. Haben Sie eine solche Andacht
-schon anderswo häufig beobachtet? Man muß nur in des Volkes seelische Art
-eingehn, um seine Seele zu fassen.«
-
-»Das mag alles sein. Indessen für den einzelnen bleibt das geistige
-Unbehagen, hier zu leben, weil das Volk in seiner Aufklärung noch nicht
-weiter ist.«
-
-»-- Oder weil wir nicht tiefer sind, mit all unserm Geist,« meinte
-Marianne nachdenklich. »Jedes Menschenleben sollte doch von jedem Punkt
-aus, durch die aufrichtige Macht seines Erlebens, bis in alle Tiefen
-gelangen können, -- nicht nur da, wo der Verstand es so herrlich weit
-gebracht hat. Könnten wir uns nicht durch unsre einseitige Geistigkeit um
-dieses Kostbarste bringen? -- -- Was Ihnen hier auf die Nerven fällt, mein
-lieber Freund, das thut mir so unendlich wohl bis in alle Nerven. Es ist
-wie ein Trost, wenigstens für den, der, wie ich, nicht mehr mit kann in
-der großen Kulturhetze, in den immer rastlosern Fortschritten, in der
-ganzen nimmersatten Selbstentwicklung --«
-
-Marianne sprach lebhaft, fast übereifrig.
-
-Tomasow warf ihr einen aufmerksamen Blick zu. Es war selten, daß sie etwas
-äußerte, was wie Resignation über ihren Tagesberuf klang, der sie zu
-nichts anderm kommen ließ.
-
-»Ein Trost, den Sie aber doch am allerwenigsten brauchen,« bemerkte er,
-»so frisch und angeregt wie Sie --«
-
-»-- Von Stunde zu Stunde laufen!« ergänzte sie mit gutmütiger Ironie.
-»Ja, so ist es nun einmal: Zeit und Schwung läßt das nicht übrig.
-Und ich würde jetzt eine traurige Rolle spielen in euren glänzenden
-Geisteszirkeln, unter euren entwickelten Menschen, von denen Cita und auch
-Sie so gern aus eurem ausländischen Leben erzählen --«
-
-»Unsinn, Ma!« fiel er ein. »Niemand in der Welt eignet sich so herrlich
-dazu, wie Sie, zwischen solchen Menschen zu leben. Sie würden dort
-strahlen --«
-
-Marianne schüttelte den Kopf.
-
-»Nein, das würd ich wohl nicht, und das will ich ja auch gar nicht. Aber
-es ist doch gut für mich, daß ich nicht so ganz nah dabei stehn muß --.
-Ich würde die Liebe zu meinem Alltagsdasein nicht festzuhalten
-vermögen und fühle doch: sie ist das allein Wichtige, das allein
-Ausschlaggebende -- --. Hier gibt es ja genug Hochstehende, Schaffende,
-Menschen über den Alltag hinaus. Aber sie leben einsam, und leben
-insgeheim doch nur für das Volk. Schon der Lärm der offiziellen
-Hauptstadt ist ihnen zu viel, deshalb ziehen sie hierher, -- und am
-liebsten weit hinaus, bis an die Grenzen der Stadt, wo schon die Gärten
-beginnen.«
-
-Marianne nahm Tomasows Arm und fuhr leiser fort: »Ihnen will ich gestehn,
-daß ich manchmal, aus tiefer Sehnsucht nach Erquickung heraus, hier und
-da ein Künstleratelier besucht habe -- --. Aber auch die, zu denen ich
-nie gekommen bin, meine ich zu kennen, als hätte ich heimliche Zugänge zu
-ihnen in allen müden Stunden. -- Für mich gibt es noch ein zweites Moskau
-in Moskau, -- mit stillern Straßen, als die ich Tag für Tag betrete, und
-mit Häusern, wo große Menschen wohnen, die ich verehre. Und manchmal,
-wenn ich so von Stunde zu Stunde haste, belebe ich meine eigne Ermüdung
-damit, daß ich mir einbilde, ich ginge gar nicht zu meiner Lehrstunde,
-sondern zu einem von ihnen --.«
-
-»Und immer noch wieder leben Sie ein Leben, wovon man nichts weiß!«
-entfuhr es Tomasow. -- »Wie können Sie nur von Schwunglosigkeit sprechen?
-Wer so viel Trost wie Sie schöpft aus --«
-
-»Warten Sie einen Augenblick!« unterbrach Marianne ihn unvermittelt und
-zwang ihn, mitten auf der Straße stillzustehn, während sie sehnsüchtig
-nach den ausgelegten Waren eines Straßenobsthändlers hinsah.
-
-Der junge Bursche hatte sein Fruchtbrett vom Kopf gehoben und hielt, sich
-vor Marianne und Tomasow auf ein Knie niederlassend, ihnen erwartungsvoll
-seine Zitronen, Aepfel und prachtvollen Südtrauben entgegen.
-
-»Ach, wer kann an so etwas vorübergehn!« bemerkte Marianne seufzend und
-wählte mit entzückten Augen unter den großen tiefblauen Trauben. Tomasow
-sah zu, wie eifrig sie bei der Sache waren, der junge Händler und sie.
-Beide lachten vor Vergnügen.
-
-»Eben wollte ich damit anfangen, Sie über allerlei zu trösten; aber ich
-sehe, es ist gar nicht mehr nötig,« sagte er, als Marianne fertig war;
-»Sie sehen aus wie ein beschenktes Kind.«
-
-»Diese sind auch extra schön! Ich freu mich auf das Erstaunen der
-Kinder,« entgegnete sie, schneller ausschreitend, und steckte die Düte
-hinter ihren Muff; »beide essen sie gern. -- Aber wir sind wirklich gleich
-zu Hause! Wollen Sie nicht ein wenig mit hinaufkommen? Die Kinder würden
-so froh sein --«
-
-»O nein, die haben ja schon die Trauben!« sagte er spitz und schüttelte
-den Kopf. »Aber ich würde für mein Leben gern einmal so ein Obstbrett
-vor Ihnen ausbreiten, Marianne, -- die schönsten Früchte, -- ganz
-unwahrscheinlich schöne, -- damit Sie dann so aussehen, wie jetzt eben.«
-
-»Dummes Zeug!« meinte sie ärgerlich, »übrigens habe ich ja fast alles
-Schöne, was ich besitze, von Ihnen mal geschenkt bekommen. Ist Ihnen das
-nicht genug?«
-
-»Geschenkt? Von mir? Ich wüßte nicht. Es ist nur Ihre eigenste
-Spezialität, die Dinge so aufzufassen, als kämen sie Ihnen von andern.
-Wenn ich Ihnen wirklich schenken wollte, wär es ganz anders --«
-
-Marianne blieb stehn. Sie waren am Hause angelangt.
-
-»Danke für Ihre Begleitung!« sagte sie und gab ihm die Hand. »Sie sind
-zwar mitunter garstig gewesen, aber im ganzen doch gut, wie immer.«
-
-Er antwortete langsam: »Ein klein wenig garstig waren auch Sie. -- -- Daß
-Sie mich Ihren Kindern mitbringen wollten, -- gleichsam eine zweite
-Düte, neben den Trauben. -- -- Nun, irgendwann werden Sie das schon noch
-einsehen.«
-
-»Auf Wiedersehen!« rief sie heiter und öffnete die Hausthür.
-
-»Auf Wiedersehen, Ma! So bald als möglich auf Wiedersehen!«
-
-Marianne lief rasch wie ein Mädchen die zwei Treppen hinauf, oben mußte
-sie Atem schöpfen, als sie den Schlüssel in die Thür steckte. Aber alle
-ihre Ermüdung war verflogen, das Sprechen und Scherzen mit dem Freunde
-hatten sie von ihr fortgenommen.
-
-Oben schien Besuch zu sein.
-
-Sie trat vom Vorflur in ihr Wohnzimmer. Ja, da saß ein junger, ganz junger
-blonder Mann mit ihren beiden Töchtern und erhob sich ehrfurchtsvoll, als
-er ihrer ansichtig wurde.
-
-»Dies ist Herr Hugo Lanz, Ma,« sagte Sophie vorstellend, »-- du weißt,
-wir trafen uns neulich in der Gesellschaft --«
-
-»Ich komme nur als Abgesandter meiner Verwandten, gnädige Frau,«
-erklärte Hugo Lanz mit einer weichen sympathischen Stimme, »es handelt
-sich um eine Schlittenfahrt für heute abend. Vor zehn Uhr sind alle wieder
-heimgeleitet.«
-
-»Das ist freundlich von Ihnen,« entgegnete Ma und reichte ihm die Hand,
-»ja, fahrt nur, ihr Kinder.«
-
-»Und du, Ma?« fragte Cita.
-
-»Ich bin ja heute abend zum Thee bei Tante Ottilie und werde euch dort
-entschuldigen, ihr Nichtsnutze.«
-
-»Aber du wirst heute zu müde sein, Ma,« meinte Sophie bedenklich und
-küßte die Mutter.
-
-»Nein, Kind, ich bin jetzt so frisch. Und morgen ist Sonntag. -- -- Aber
-wer fliegt jetzt wie ein Pfeil und zaubert mir geschwind eine heiße,
-starke Tasse Thee oder Kakao herbei?«
-
-Die Mädchen stürzten zur Thür.
-
-Hugo Lanz sah so heftig diensteifrig aus, als wollte auch er stürzen, aber
-er besann sich rechtzeitig auf das Zwecklose eines solchen Unternehmens.
-
-»Thee also!« rief Sophie.
-
-»Nein, besser Kakao!« rief Cita.
-
-Sie verschwanden, und Hugo Lanz blickte ihnen ernsthaft nach -- mit einem
-Gesicht, als hätte eine jede von ihnen etwas Geistreiches ausgesprochen,
-was lange dunkel in ihm gelegen habe.
-
-Marianne sah den Blick und sah ihn selbst an und war ihm gut. Daß ihm die
-Gesellschaft dieser jungen, hübschen und geweckten Mädchen ausnehmend
-gefiel, begriff sie vollkommen und fand es in der Ordnung. Auch fürchtete
-sie nie, daß ihre Töchter je zu »gelehrt« werden könnten, um zu
-gefallen. Ihr war zu gut bekannt, wie sehr dabei nicht der Kopf, sondern
-das Temperament entscheidet.
-
-»Sie sind noch nicht lange hier?« bemerkte sie freundlich, um dem Gast
-die Zwischenzeit füllen zu helfen.
-
-»Nein. Ueberhaupt nur für einige Monate zu Besuch bei hiesigen
-Verwandten. Dann soll ich nach Deutschland zurück, um Kaufmann zu
-werden.«
-
-Er sagte das trübe. Sie fragte nicht, doch traf ihn ihr Blick so warm
-und mütterlich, daß er spontan fortfuhr: »Mein Traum war, Künstler zu
-werden.«
-
-Sie fragte auch nicht: in welcher Kunst? Sie sagte nur sehr weich:
-
-»Der höchste Traum. Und die schwerste Erfüllung.«
-
-Er hob die Augen bescheiden zu ihr.
-
-»Aber man soll doch nicht gleich anfangs verzagen, nicht wahr? Ich fühle
-so bestimmt: ich könnte mich dazu durchringen, wenn man mich nicht so
-ganz in die Familie einengen wollte. Ein Künstler und jeder, der es werden
-will, braucht Freiheit.«
-
-Marianne nickte.
-
-»Mehr als Freiheit: Heimat,« sagte sie unwillkürlich.
-
-Hugo Lanz sah sie fragend und wie erwartend an. Ihre Art und Weise nahm ihn
-leise gefangen.
-
-»Ich meine,« versuchte Marianne zu erklären, »niemand braucht so sehr
-als er breitesten Spielraum, weil alle seine Bewegungen unberechenbarer,
-unbezwingbarer sind, als die irgend welcher andern Entwicklung. Aber
-in seiner angebornen Sensitivität, in seiner fast hilflosen
-Eindrucksfähigkeit hat er zugleich, wie niemand anders, Furcht vor der
-Fremde. Seine Freiheit mag sich noch so breit strecken wollen, aber an den
-äußersten Grenzen seiner Freiheit, da muß er Heimat um sich fühlen, --
-eine Welt, der er vertraut.«
-
-Aus dem Klang ihrer Stimme vibrierte etwas, als wenn sie jedes ihrer Worte
-aus tiefen, warmen Glückserfahrungen hebe. Weniger in den Worten selbst,
-als in diesem Stimmklang lag etwas Suggestives, was Hugo Lanz ergriff.
-
-»Das ist so nur in einem Paradies!« rief er. -- »In Wirklichkeit gibt es
-das nicht,« setzte er traurig hinzu.
-
-Marianne widersprach nicht.
-
-Sie schwieg, doch ihre Augen widersprachen. Sie leuchteten in so ruhigem
-Glanz und wendeten sich unwillkürlich dem verschlossnen Rahmen auf dem
-Schreibtisch zu.
-
-Da vernahm man von der Thür her Gelächter.
-
-Die Mädchen kehrten zurück, jede mit einer vollgefüllten Tasse in
-der Hand. Den Blick starr auf ihre Tassen geheftet, deren Inhalt
-überzuschlagen drohte, näherten sie sich langsam und feierlich dem
-Schreibtisch, neben dem die Mutter auf ihrem gewohnten Lieblingsstuhle
-saß.
-
-»Thee schmeckt bei weitem schöner und regt an, hat Ma stets gesagt,«
-behauptete Sophie.
-
-»Kakao ist ihr bei weitem gesunder, hat Doktor Tomasow stets gesagt,«
-behauptete Cita, »-- und zwischen dem Schönen und dem Guten, Nützlichen,
-wirst du doch nicht lange zaudern, Ma! Bedenke auch, welche schlechte
-Einwirkung ein böses Beispiel auf uns haben, könnte.«
-
-»O du überredest, das ist gegen alle Abmachung!« rief Sophie voll
-Unwillen.
-
-»Ein Jurist überredet nie genügend, Sophie! -- Also: erst jedenfalls das
-Schöne, -- und dann auch noch das Gute, Nützliche,« entschied die Mutter
-sofort und zog lachend alle beiden Tassen zu sich heran.
-
-Cita hockte sich auf die Seitenlehne ihres Lutherstuhles.
-
-»Du unmoralische Mutter!« sagte sie.
-
-Hugo Lanz hatte sich beim Eintritt der Mädchen erhoben. Er sah ganz
-zerstreut aus. Ihm erschienen mit einemmal alle beide doch noch recht
-kindisch, ohne daß er ahnte, wie außerordentlich damit sein Urteil in der
-Richtung fehlging.
-
-Wohl empfand er den heitern Reiz der kleinen harmlosen Familienscene,
-aber ihm schien, daß alles Intime dieses Reizes doch ganz und gar nur von
-dieser köstlichen Frau mit der jungen Stimme und den mütterlichen Augen
-ausginge.
-
-»Wollen Sie wirklich schon gehn?« fragte Marianne freundlich, als er sich
-jetzt ehrerbietig von ihr verabschiedete. »Nun, ich danke Ihnen noch für
-die überbrachte Einladung. Und seien Sie uns hier zwanglos willkommen,
-falls einmal Weg und Stimmung Sie bei uns vorüberführen.«
-
-»-- Ja, gnädige Frau, wenn ich das dürfte, -- dann danke ich Ihnen von
-ganzem Herzen dafür, aber --« er stockte, »-- dann lassen Sie mich nicht
-als einen Fremden kommen und gehn, denn das -- das würde ich nach diesem
-kurzen Gespräch schon nicht mehr ertragen,« fügte er leiser, sehr rasch
-und, im sichtlichen Kampf gegen seine eigne Schüchternheit, fast heftig
-hinzu.
-
-Die Bitte, wiederkommen zu dürfen, hatte er vor einer Stunde erst der
-Töchter wegen an sie richten wollen --.
-
-Marianne gab keinen Bescheid in Worten, aber er empfand ihr ganzes Wesen
-als eine Antwort. Mit Bestimmtheit fühlte er, daß er von heute an hier
-nur noch einkehren würde, wie man bei einer Mutter einkehrt, und nur
-allein ihretwegen.
-
-Als er sich beim Abschied über ihre Hand beugte, gab ihm Marianne
-unwillkürlich jenen Stirnkuß, auf den nach russischer Haussitte der
-Gast Anspruch hat. Und als er sein Gesicht erhob, lag eine so dankbare
-Kindlichkeit auf seinen jungen Zügen, daß sie Marianne rührte.
-
-Sobald sich die Zimmerthür hinter ihm geschlossen hatte, bemerkte Cita mit
-einem Lächeln: »_Der_ sah dich ja aber mal eben kurios an, Ma. Weißt du,
-wie? Ungefähr so, wie wenns ihm schlecht ginge, und er dir gleich den Kopf
-in den Schoß wühlen möchte, um dir zu beichten und von dir getröstet zu
-werden.«
-
-Sophie mußte lachen.
-
-Cita fuhr, nicht ganz frei von Spott, fort: »Ja, sind Männer nicht
-eigentlich höchst wunderliche Pflanzen? So etwas Unmännliches sind sie,
-scheint mir. Es klingt gewiß dumm, aber sag selbst, Ma! Könntest du dir
-leicht vorstellen, daß ich irgend jemand so -- so hilfsbedürftig ansähe?
-Nein, im Gegenteil: kerzengrade würd ich mich grade dann recken. -- --
-Alles andre ist eben Schwäche.«
-
-Marianne lächelte fein.
-
-»Nicht notwendig Schwäche. -- -- Schwere Aehren stehn auch nicht
-kerzengrade,« sagte sie.
-
-Aber in ihrem Innern empfand sie bei Citas Worten einen heimlichen Stich.
-Cita, ihr tüchtiges, kernfestes Mädchen! Sie konnte ihr vertrauen und mit
-ihr reden über alle Sorgen und Nöte, fast wie mit einem klugen Freunde,
-ja fast wie mit einem Mann --.
-
-Ja, das alles konnte sie. Aber -- den Kopf noch einmal
-anschmiegungsbedürftig in Mas Schoß wühlen, das würde Cita doch wohl
-nie mehr --.
-
-Sophie hatte sich ans Fenster gestellt. Sie sah Hugo Lanz, der aus dem
-Hause herausgetreten war, unten über den Fahrdamm gehn. Er sah schlank und
-fein aus in der dunkeln Pelzmütze und trotz des Pelzes, der alle Konturen
-vermischte. Eigentlich gefiel er ihr doch sehr gut, viel besser, als sie es
-Citas Spottlust einzugestehn wagte.
-
-Jetzt äußerte sie aber doch:
-
-»Du, -- den mag ich trotzdem gern. Warum soll er auch Ma nicht angucken,
-wie er will? -- -- Ich habe mich mit ihm schon prachtvoll unterhalten,
-neulich in der Gesellschaft, ehe du hier warst, Cita. Ich erzählte ihm von
-den höhern Mädchenkursen, und dann, daß mich die Naturwissenschaften so
-sehr interessieren, -- daß ich aber noch weit lieber ein Arzt würde, --
-grade wie Doktor Tomasow.«
-
-»Aber das alles sind ja dem jungen Dichter völlig gleichgültige
-Beschäftigungen, Sophie,« meinte Cita und trug die Tassen der Mutter
-hinaus.
-
-»Die Beschäftigungen an sich: ja!« gab Sophie kleinlaut zu und schaute
-noch immer angestrengt einem dunkeln Punkt in weiter Entfernung -- einer
-Pelzmütze -- nach, obschon sie nicht mehr ganz sicher war, ob es nicht
-längst eine andre Mütze auf dem Kopfe eines andern sei. »Aber,« fuhr
-sie eifrig fort, »auf die Art der Beschäftigung kommt es auch nicht
-an, sondern darauf, daß er _auch_ hinausstrebt, -- fort, hinaus! Mit dem
-einzigen Unterschied, daß er das infolge von Gedichten thut. Das schadet
-aber doch nichts. Die Hauptsache haben wir doch gemeinsam. Auch ihm ist
-eng, auch er hat allerlei Träume, die er kaum zu Hause zu nennen wagt, --
-auch seine Pläne lassen sich nun einmal nicht zu Hause verwirklichen. Und
-seine Familie, -- die hält ihn. Wie sollten wir da nicht sympathisieren?!
-Wie sehr kann ich ihm doch das alles nachfüh--.«
-
-Sie stockte jäh.
-
-Die Nase an die Scheibe gedrückt, hatte sie ganz vergessen, wo sie sich
-eigentlich befand. Ihr ward plötzlich erst bewußt, was sie da sagte.
-
-Cita konnte es überhaupt nicht mehr hören, die war ja eben mit den beiden
-Tassen hinausgegangen.
-
-Aber da, im Luthersessel vor dem Schreibtisch, mit dem Gesicht grade zum
-Fenster, da saß, Sophie im Rücken, ganz schweigsam -- Ma --
-
-Einen Augenblick lang, einen Augenblick nur, war ihr Ma wirklich ganz und
-gar aus dem Gedächtnis entschwunden gewesen.
-
-Wohl eine volle Minute stand Sophie wie erstarrt. Sie bekam ein Gefühl,
-als wär es noch besser, sich mit ihrer kleinen Nase ganz durch das
-Fensterglas durchzubohren, um nie, nie wieder die Augen zurückwenden zu
-müssen.
-
-Ihr Herz schlug heftig, sprunghaft, die Lippen wurden ihr trocken. »Arme,
-süße, liebe Ma!« dachte sie außer sich, voller Wut.
-
-Plötzlich drehte sich Sophie gewaltsam um, zu ihrem eignen Schreck. Sie
-sah das Zimmer vor sich wie im Nebel. Sie lief auf die Mutter zu, fiel vor
-ihr auf die Kniee und umhalste sie wortlos, stürmisch.
-
-»Ach Ma, -- dummes Zeug -- solch dummes, -- ich benutzte unwillkürlich
-seine Worte, -- weißt du: einfach seine Worte -- sie passen ja auch einzig
-und allein für ihn, alle, alle diese Worte!« stammelte sie endlich, ganz
-in Thränen, und dann lachte sie fast ein wenig, verlegen und sonderbar.
-
-Marianne herzte sie ganz leise.
-
-»Aber -- du wildes Mädchen, -- wie kann man sich dermaßen erregen!
-Viel zu leicht erregt bist du, weißt du das? Du mußt dich besser
-zusammennehmen. -- Komm, sei nun wieder ruhig und mein liebes altes heitres
-Kind, -- ja?«
-
-Sophie hob den Kopf. Bei diesen sanften Worten verflog langsam ihr Schreck,
-sänftigte sich auch ihre Reue. -- Vielleicht hatte Ma gar nicht so genau
-hingehört vorhin -- --.
-
-Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde blonde Haar. Ihre Augen
-aber schauten großgeöffnet über ihr Kind hinweg.
-
-Dann stand sie auf.
-
-»Man braucht nur ein wenig wieder ›daheim‹ zu sein, um gleich wieder
-zu vergessen, daß es auch noch ein ›Draußen‹ mit allerlei Pflichten
-gibt, -- ich muß ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen
-heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte, gerötete Gesicht der
-Schwester warf.
-
-»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht zu früh?« Cita holte schnell
-den Pelz und die Ueberschuhe vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir! Du
-wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause kommen, als wir.«
-
-»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne, »und ihr wißt: wer zuerst
-kommt, geht schlafen, ohne zu warten, -- nach unsrer alten Verabredung.«
-
-»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde fängt viel später
-an,« murmelte Sophie, die der Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der
-Hand gezogen hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der Mutter, um sie ihr
-anzuziehen.
-
-Marianne ließ es schweigend geschehen.
-
-»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so gut wie möglich! Der Himmel
-ist jetzt klar, und ich denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu
-eurer Ausfahrt.«
-
-Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art, wie sie beide noch einmal
-küßte, war voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort.
-
-Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl. Ihr war das Herz
-plötzlich so schwer geworden, so bange und schwer.
-
-Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich, -- so deutlich wie in
-einer grellen höhnischen Beleuchtung, die sie blendete und verwirrte, --
-ihre beiden Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde fertig,
-nur noch ein Gast im Mutterheim, und die andre -- ja, die andre sich
-sehnend, -- sich von ihr hinwegsehnend.
-
-Es war in der That noch nicht die Zeit für die beiden Privatstunden,
-die sie, ganz in der Nähe von Ottiliens Wohnung, in einem reichen
-Kaufmannshause zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger gelitten, mit
-ihrer wehen Angst, unter den Augen der Kinder.
-
-Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung auf ihr Ziel, dann blieb
-sie unterwegs vor einem Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern
-Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter einem grün
-angestrichenen hölzernen Zaun.
-
-Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten wolle, war sie bereits
-aus einem Fenster des Erdgeschosses von derjenigen bemerkt worden, der ihr
-Besuch galt.
-
-Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die ganze Mitte des Hauses
-durchschnitt, als sich auch schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen
-beiden Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische Stimme auf
-russisch erfreut herausrief: »Willkommen! Willkommen! Frau Marinka!«
-
-Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in ziemlich dunkle Küchenräume
-zu münden schien, quoll starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd,
-mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen, schlürfte vorüber.
-
-Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat, war es, trotz seiner rohen
-grellbunten Tapete und den ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer
-hier eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht ganz eines
-gewissen Komforts.
-
-Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große, starkknochige
-Sechzigerin erhoben und ging Marianne belebt entgegen, wobei sie sich auf
-einen Stock stützte.
-
-»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd von Ihnen, -- ich wäre
-Ihnen auch längst auf dem zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie
-wissen: die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! -- Setzen Sie sich,
-meine Einzige; was kann ich Ihnen anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt
-oder etwa kaltes Rebhuhn?« -- fragte sie, in rascher, lebhafter Rede, mit
-der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet; zugleich hob sie den Krückstock
-und deutete damit auf die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die
-angebotenen Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten.
-
-Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja, da standen in der That
-allerlei Leckereien, -- die guten Bekannten hatten sie gebracht.
-
-»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber daß Sie hier wohnen müssen!
-Sie sollten es jetzt besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen billigen
-Pension erzählt?«
-
-Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte dabei ihre starken,
-gelblichen, wohlerhaltenen Zähne.
-
-»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und zog Marianne neben sich
-auf das große, mit verblichener geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von
-meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten Pension nicht leben.
-Armenstift, -- das ist Vorurteil. -- Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja
-recht schön, aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich dadurch
-ködern und willfährig machen können, -- daß ich deshalb bei ihnen
-irgendwie als gute Tante unterkriechen würde! -- Ich esse einfach die
-guten Sachen, und komme doch nicht.«
-
-Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein des Anstoßes ihren
-ansehnlichen Verwandten ihr »Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte.
-
-Sie nahm bedächtig eine Prise.
-
-»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum Frühstück?« fragte
-Marianne. »Heute habe ich knapp Zeit, aber dann könnten wir von den
-Weihnachtseinkäufen plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut sind,
-mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, -- ich komme ja erst dicht vor
-Thorschluß dazu.«
-
-Wera Petrowna nickte.
-
-»Ja, so gut bin ich, -- sehr gern, thu ich sehr gern. Sie wissen ja, wie
-für mein Leben gern ich in den schönen Läden herumflankiere. -- Mit
-einigen blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter gute
-Dinge ansehen und bestellen, -- nun, und die Verkäufer, die haben auch
-höllischen Respekt vor meinen scharfen Augen und müssen herzeigen,
-worauf ich mit dem Stock weise, -- und sollten sie sich selbst beim
-Hinundherklettern den Hals verrenken.«
-
-»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte Marianne.
-
-»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden wiederzusehen. Sah die
-Cita ja lange nicht. Und sie sind beide so recht hübsch zum Ansehen, --
-nun, auch zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu denken, daß so
-was bald weggeheiratet wird. Schade, schade.«
-
-»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht, ein solches Fortgehn
-ist nicht das schlimmste Fortgehn,« sagte Marianne leise.
-
-»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke, wie es mir erging.
-Verschlagen ins ärgste Gutsleben in entlegenster russischer Provinz --
-vom ersten Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus der feinsten
-städtischen Erziehung, -- ja, alles, was wahr ist: mitten aus den feinsten
-Pensionaten und voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem --
-was meinen Sie wohl? -- trotzdem hab ich doch diesen Menschen bis an seinen
-Tod angebetet, diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte er etwa mehr
-als Gutsarbeit, Trinken, Spielen --? Nein, keine Spur! Und brutal war er
-auch, wenn er nicht grade zärtlich war. Was that mir das alles? Tottreten
-hätt er mich dürfen! -- -- Nun ja, Leidenschaft ist blind und taub, das
-weiß man ja, -- und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft dabei,
--- das muß wahr sein. -- -- Die längste Zeit des Lebens ist man einfach
-verrückt.«
-
-Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen Ton. Aber auch das kannte
-sie: daß Wera Petrowna dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend
-etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil sie merkte, wie wenig
-Marianne, ihrer lieben »Marinka«, nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was
-merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten hatten
-diese hellgrauen fast ironisch blickenden Augen alles, was sie wollten,
-gesehen.
-
-Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen Zigarettenkästchen und
-machte Feuer.
-
-»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz. »Und Sie rauchen noch
-immer nicht? -- -- Wird auch noch kommen, meine Einzige, wird auch noch
-kommen. Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen im Alter, -- und
-so weit sind Sie eben noch immer nicht, Sie Aermste. -- Da hat man nämlich
-erst die Ruhe dazu, -- ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat
-kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig
-persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. --
-Nun, ich will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht vorweg
-erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. -- Es ist wirklich zu schön,
-sagte der Bauer, und da ließ er sich zur Ader, so lange, bis er
-starb --.«
-
-Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein.
-
-Marianne sah nach der Uhr.
-
-»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd, »also auf morgen. Wie
-gut und ruhig sitzt es sich bei Ihnen, man ruht aus.«
-
-»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben, -- ich würde gern das
-Maul halten; übrigens, ich begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der
-Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der Schmiedebrücke. Ich habe,
-weiß Gott, hier nichts zu thun. -- Für gestern abend bekam ich richtig
-noch ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben führt
-die Alte, was?«
-
-Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne liebkosend die Wange.
-
-»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der Jüngste Sie beneiden
-muß,« versetzte Marianne, »wer von uns würd es an Ihrer Stelle wohl
-ohne Trübsal aushalten -- bei diesem Mangel an dem Ihnen gewohnten Behagen
-und Ueberfluß?«
-
-Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz dünnen grauen Haar
-heruntergenommen und band sich umständlich einen wattierten Kapottehut,
-mit Ohrenklappen für den Wind, auf dem Kopf fest.
-
-»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie derb, und es wetterleuchtete
-von Spott über ihren scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn
-das bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan, fette Braten und
-Dienerschaft rechts und links, bis man sich nicht mehr rührt noch regt,
-sondern irgendwo einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns da hinten
-auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das Behagen quoll uns direkt zum
-Halse heraus. Aber das Leben stand mir still, -- all mein Leben, bis auf
-das eine verliebter Leute. Nun bin ich als Mastgans alt geworden, aber vom
-Leben will ich noch schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans noch
-begreift.«
-
-Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen, versorgte sich reichlich
-mit Zigaretten und klapperte mit ihrem Stock auf den steinernen Flur
-hinaus.
-
-Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis zu der Pferdebahn.
-
-»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera Petrowna mit
-innigem Vergnügen und wies mit ihrem Stock auf den herannahenden
-Straßenbahnwagen: »Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten
-hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und Ausstellungen -- und
-sogar in die Unglücksfälle -- meinetwegen, wenn das Genick doch schon
-gebrochen sein muß.«
-
-Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte im Inneren des Wagens gut
-placiert sah, dann schritt sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde.
-
-Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause traten dabei langsam in
-den Hintergrund, und die Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie
-nicht in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie so oft, heilsam
-befreiend für ihre Stimmung. Als sie vom Unterricht zu ihrer Schwester
-ging, hatte ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder den Sieg
-über die Traurigkeit gewonnen.
-
-Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie grade noch zum Abendthee
-zurecht. Neben dem Tisch im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar
-auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und dazwischen
-flache Schüsseln mit eingekochten Früchten und mit winzigen belegten
-Brotschnittchen, -- jedes grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie
-Konfekt hergerichtet.
-
-»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte Marianne beunruhigt, als
-sie diese kunstvollen Zuthaten zum Abendthee wahrnahm und die hübschen
-gestickten Tellerservietten, -- Ottiliens eigne mühsame Handarbeit.
-
-»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der sie empfangen und
-hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt nur noch drinnen mit einem Fräulein
--- eine ausländische Konzertsängerin, glaub ich --. Jedenfalls schwärmt
-Tilie für das Fräulein Clarissa.«
-
-Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges, behagliches Gesicht. Ihm
-gefiel, wenn schon nicht die Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen
-so schön bestellte Theetisch sehr gut.
-
-Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen gebeugt, steckte er
-eins davon, mit geräuchertem zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade
-wollte er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung hinzugeben,
-als seine Frau mit dem fremden Fräulein bereits eintrat.
-
-Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm geräuschvoll Platz und
-tauschte die üblichen Redensarten. Inotschka, die dreizehnjährige
-Tochter, erschien schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden
-ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die sie linkisch aussehen
-ließ und die schlanke Grazie ihrer feinen Bewegungen ganz verwischte.
-
-Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer Stirn, setzte sie sich
-in ängstlicher Haltung neben ihre Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon
-bemerkt hatte. Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu Marianne
-hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit nicht einmal begrüßt worden
-war. Dafür grüßten sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch
-ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen, rötlichen Händen
-umgestoßen zu werden.
-
-Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in der kleidsamen
-Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne, mit der er sich ebenfalls
-besonders gut stand. An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr
-Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische und französische
-Konversationsstudien, und bei diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen
-grammatikalischen Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen
-Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf gut russisch seinen eignen
-Eltern. Heute klagte er Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen,
-sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er wollte zu bestimmter
-Stunde einen Kameraden treffen, und nun konnte »die Geschichte schrecklich
-lange dauern hier bei Tisch«.
-
-Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren breiten Milchtassen nur
-ganz verstohlen auf den fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee
-etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie waren beide
-beängstigend artig, -- so artig, wie, nach Mariannens in diesem Punkt
-ziemlich trüben Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind, wenn
-sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet.
-
-Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch der wachsame Blick ihrer
-Mutter mit unmerklicher Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war
-schon zu Bett.
-
-Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender
-Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung wie für das Betragen der
-Kinder zu sorgen. Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf seine ganz
-spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte, blieb sie doch ganz Ohr und
-fiel bei jeder heitern Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen,
-klingenden Lachen ein.
-
-»Sie ist darin einfach bewunderungswürdig!« dachte Marianne aufrichtig,
-die inzwischen ganz still geworden war. Sie hatte genug damit zu thun,
-gegen ihre Abspannung anzukämpfen, von der sie an solchen Tagen, beim
-ersten Nachlassen von Pflicht oder Freude, überfallen werden konnte.
-
-Hin und wieder verschwammen ihr die Worte der andern in einem eintönigen
-Gesumm. Sie wußte sich sogar ganz gut im stande -- zu ihrer eignen
-Beschämung --, auf diesem bequemen Stuhl mitten unter ihnen allen recht
-tief und süß einzunicken, um dann zu einer gegebenen Zeit frisch und
-heiter zu erwachen, von neuem aller ihrer Kräfte Meister --.
-
-Erschrocken bemühte sie sich, besser zuzuhören. Fräulein Clarissa
-schwärmte soeben von Oesterreich.
-
-»Das ist ganz Wasser auf die Mühle meiner Frau!« sagte der Schwager.
--- »Die ist ganz versessen drauf, und nun gar Wien! -- Hier ist nur das
-Diesseits, dort das schönere Jenseits: so etwa denkt sie sichs. Und die
-Praterfahrten, und die feschen Offiziere, -- nicht wahr, Tilie?«
-
-Er sprach mit gutmütigem Spott, Stockrusse, wie er durch und durch war,
-kaum je über die Landesgrenze gekommen, und vielleicht zu seiner eignen
-Verwunderung mit einer halben Nichtrussin verheiratet. Sein naiver
-Chauvinismus kam seiner Karriere als höherer Beamter sehr zu statten, war
-indessen intensiv ehrlich gemeint.
-
-Ottilie erwiderte gar nichts. Doch hatten sich alle Züge ihres Gesichtes
-während seiner Worte verändert, strafften sich plötzlich, -- es sah aus,
-wie wenn sie sich auf Eis legte. Die Theekanne zitterte leicht in ihrer
-Hand.
-
-Nur Marianne bemerkte es. Ganz erstaunt sah sie die Schwester an. Ach so,
--- der fesche Offizier?! -- Nein, das konnt es doch wohl nicht sein? Ein
-österreichisch-ungarischer schmucker Husar, Leichtfuß und nichtssagend,
-hatte Ottilie einst einen Heiratsantrag gemacht -- in gänzlicher
-Verkennung der materiellen Verhältnisse. Eine belanglose Schwärmerei
-Ottiliens. Wie belanglos, das empfand Marianne damals doppelt deutlich
-gegenüber ihrem eignen Bündnis, das sie kurz zuvor eingegangen war.
-
-Sie erinnerte sich noch ganz gut, wie heftig der zigeunerische Teint und
-die Husarentracht die Schwester bestachen. Und um wie viel älter sie
-sich selbst urplötzlich daneben vorkam. Um so viel älter wie erglühende
-inbrünstige Jugend neben den Gefühlswallungen der Backfischentwicklung.
-
-Ottiliens Mann hatte die Bedeutung dieses ominösen Husaren offenbar rein
-vergessen. Ottilie hatte sie jedoch sonderbarerweise hinter ihrer ruhigen,
-liebenswürdigen Verschlossenheit ganz und gar nicht vergessen. Der
-Schwager schien nicht allzuviel Ahnung von den geheimen »Tiefen« in
-seiner Frau zu haben.
-
-Nikolai rückte immer unruhiger auf seinem Stuhl herum und schielte nach
-der großen Wanduhr gegenüber. Er wagte aber nicht, aufzustehn. Der Blick
-seiner Mutter, der jetzt um eine Nuance schärfer und gereizter schien
-als vorher, mahnte ihn wiederholt daran, daß auch er einen, wenn auch nur
-bescheidenen Beitrag zur Unterhaltung zu liefern habe, weil es sich für
-seine Jahre schicke, die Umgangsformen zu üben.
-
-Nikolai zermarterte sein Gehirn. Ihm kam eine entsetzliche Menge von
-Gedanken und Vorstellungen, aber sie waren alle so merkwürdig unpassend.
-
-Schon war er nahe daran, bei Tante Marianne einen kleinen Gedanken zu
-borgen. Da fiel ihm grade noch etwas ein, und er sagte ganz verzweifelt, --
-viel zu laut mitten hinein ins Gespräch der übrigen: »In unsrer Schule
-ist ein Junge für immer abhanden gekommen.«
-
-»Wie denn abhanden gekommen?« fragte Marianne befremdet.
-
-»Ja so, ganz abhanden. Er war dort Pensionär, lief fort und hinterließ
-einen Zettel, daß er sich töten wolle. Niemand weiß, wo und was. Seine
-Eltern leben in Südrußland. Man hat ihn noch nicht aufgefunden.«
-
-Ein kleiner Alarm entstand am Theetisch. Nikolai war ganz stolz. Alle
-redeten durcheinander.
-
-»Mein Himmel, daß du das auch nicht gleich erzählt hast!« rief sein
-Vater.
-
-Nikolai nahm sich das heimlich bereits für das nächste Mal vor, wenn
-wieder ein Junge abhanden kommen sollte. Er hatte gefürchtet, es sei im
-Hinblick auf einen Gast ein zu bescheidener Beitrag.
-
-Ottilie seufzte. Sie sah streng und bitter aus.
-
-»Das sind Zustände!« bemerkte sie empört. -- »Ja, wenn schon die
-Kinder so anfangen! Dann ist es freilich nicht zu verwundern, wenn sie sich
-ohne alle Zucht und Sitte erst recht töten, nachdem man sie glücklich
-bis zum Erwachsensein durchgebracht hat. Was für ein Kind muß das gewesen
-sein, das so etwas Schändliches thut.«
-
-»Und welch eine Behandlung, die so etwas ermöglicht!« setzte Marianne im
-stillen hinzu. Sie erschauerte. Konnte man sich wohl je genügend tief in
-eine Kinderseele hineindenken, die zu solchen Entschlüssen gelangt war?
-Vielleicht bezwungen vom Heimweh, -- von irgend einer unverstandenen Angst,
--- Angst vor dem ganzen Leben selbst vielleicht, -- wer weiß es denn?
-
-Und ihr wurde das Herz ganz weit und groß, als müßte sichs über eine
-Welt ausdehnen und alle Kinder darin umfassen, -- mit solcher Wärme und
-Inbrunst umfassen, daß keins davon ausgeschlossen bliebe.
-
-Ganz verträumt und zerstreut stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn
-sie jetzt hingehn könnte und suchen und finden, und wie das ratlose Kind,
-anstatt in irgend eine letzte Dunkelheit, sich hinein verfangen würde in
-helfende, starke, mutterzärtliche Hände --.
-
-Endlich erhob man sich.
-
-Nikolai entfloh. Die kleinen Brüder machten ihre Runde mit einem
-schläfrigen, etwas schwankenden Kratzfuß und wünschten gute Nacht. Im
-Nebenzimmer wurde der schöne Flügel geöffnet, und Fräulein Clarissa
-setzte sich davor, um ein Arie aus Figaros Hochzeit vorzutragen.
-
-Marianne griff der Gesang an. Die Stimme, ein prachtvoller Alt, erwies
-sich als zu groß für das nicht sehr geräumige Zimmer. Ottilie ließ sich
-augenscheinlich nicht weiter davon anfechten, übrigens war sie auch nicht
-sonderlich musikalisch.
-
-Der Schwager setzte sich zu Marianne. Er schob ihr ein bequemes Kissen in
-das Sofa, dessen Polsterlehne im Rücken unbequem einfiel, und warf seine
-Zigarette fort. Etwas so Sorgliches besaß er.
-
-»Findest du nicht: Tilie sieht schön und vorteilhaft aus, sogar neben der
-viel Jüngern, -- ihr seid eine dauerhafte Rasse, ihr beide!« bemerkte er
-mit einem freudigen Blick auf seine Frau, die am Flügel stand.
-
-»Ja. Ich bewunderte sie heute wiederholt,« gestand Marianne.
-
-Er nickte eifrig.
-
-»Einfach famos!« Und er versank in Gedanken über die Vorzüge seiner
-Frau, die er aufrichtig liebte.
-
-Inotschka hatte sich hinter das Sofa geschlichen, gegen das sie sich
-lehnte, indem sie ihre Arme auf seiner Rückseite verschränkte, sodaß sie
-Mariannes Haar berührten.
-
-Marianne gab leise nach und legte den Kopf zurück an die magern
-zärtlichen Mädchenarme, von denen sie wußte, wie viel lieber sie sie
-herzhaft umhalsen würden.
-
-Immer hatte sie an sich gehalten, wenn sie spürte, daß ihr Inotschkas
-Vertrauen entgegenflog, denn sie durfte sie nicht der Mutter wissentlich
-entfremden.
-
-Dadurch wurde der Wortaustausch zwischen ihnen wunderlich einsilbig und
-karg. Doch beredter als Worte schlich sich eine feine leise Zärtlichkeit
-ergänzend in ihren Verkehr, kaum wahrnehmbar andern, kaum merklich ihnen
-selbst --.
-
-Marianne dachte: »-- Wenn Inotschka erst älter und reifer ist, dann
-wird sie mir auch mehr zugehören dürfen. Ueber diese paar Jahre muß sie
-hinweg, wie so viele --.«
-
-Und sie dachte dankbar daran, daß in diesem Alter nicht viele so ganz eins
-im Sinn und Sein mit der eignen Mutter sind, wie es Cita und Sophie mit ihr
-gewesen waren.
-
-Darüber fiel ihr der heutige Nachmittag wieder ein --.
-
-Aber sie wollte nicht wieder zaghaft werden: diese Zeit der innigsten
-Zueinandergehörigkeit konnte nicht vorbei sein. Wußte doch sie am
-allerbesten, wie viel, wie unendlich viel sie ihren Kindern noch gar nicht
-gegeben, noch gar nicht mit ihnen geteilt hatte, weil sie auch jetzt
-noch zu jung und unerfahren waren, um alles zu empfangen. Voll Freude
-und Ungeduld ersehnte sie die Zukunft, wo ihnen einmal alles, ihr ganzer
-tiefster Lebensgewinn, zu eigen werden durfte. Wo sie einander ganz
-verstanden und durchdrangen, wie drei Freunde, -- um miteinander eine
-unzertrennliche seelische Einheit zu bilden. Dann erst würden alle ihre
-Schmerzen und Erfahrungen, alle ihre Kämpfe und Siege kostbare Ernte
-tragen, -- eine Ernte auf den Feldern ihrer Kinder --.
-
-Marianne bekam Heimweh nach ihren beiden Mädchen, es trieb sie aus dem
-heißen Zimmer nach Haus.
-
-Als sie endlich mit gutem Anstand fortgehn konnte, war es über dem Singen
-elf Uhr geworden.
-
-Die Begleitung des Schwagers schlug Marianne aus. Sie schlich sich nur noch
-für einen Augenblick in die große Schlafstube, um das jüngste Bübchen
-in seinem Gitterbett schlummern zu sehen, was sie nie zu thun unterließ.
-
-Dann gab ihr Inotschka das Geleit bis auf die Treppe hinaus.
-
-»Wann kommst du denn wieder zu uns, Tante Marianne?« fragte sie ganz zum
-Schluß und lehnte sich über das Treppengeländer.
-
-»Sehr bald, mein liebes Kind, -- ich komme ja schon übermorgen wieder, zu
-Nikolais Konversationsstunde,« antwortete Marianne.
-
-Inotschka schwieg eine Weile, aber als Marianne schon hinunterging,
-bemerkte sie zögernd: »Weißt du, -- ich sticke Pantoffeln für Mama zu
-Weihnachten.«
-
-»So? Bist du noch nicht mit den Weihnachtsarbeiten fertig?« fragte
-Marianne.
-
-»Nein, nicht ganz. Da dachte ich, -- mit dem Pantoffel könnte ich mich
-gut in unsre Lernstube setzen, während du bei Nikolai bist --. Meinst du
-nicht auch?«
-
-Marianne sah zu ihr hinauf.
-
-»Gewiß, wenn Mama nichts dagegen hat? Aber du mußt sie lieber erst
-fragen.«
-
-Inotschka nickte schweigend.
-
-»Gute Nacht, meine kleine Ina!« rief Marianne ihr noch zu, während sie
-schon die letzte Treppe hinabstieg.
-
-Indessen Inotschka antwortete noch nicht gleich, sie bückte sich nur
-tiefer über die Brüstung, und erst als sie nicht mehr wissen konnte,
-ob ihre Worte von unten her noch vernehmbar wären, rief sie zaghaft, mit
-gedämpfter Stimme, und ganz hastig hinunter: »Gute Nacht! Gute Nacht! Ich
-muß dir doch noch schnell sagen, daß ich dich ganz schrecklich lieb habe,
-und daß du mich fortnehmen sollst zu dir, und daß ich immer bei dir sein
-will und nirgends sonst. Und daß du mich nicht so stehn lassen sollst --
-nicht so allein --.«
-
-Sie brach ab. Schon während der ersten Worte schloß der Portier unten
-geräuschvoll die Hausthür auf, die dann mit einem mächtigen Knall
-zuklappte.
-
-Im Treppenhause wurde es plötzlich so beängstigend still.
-
-»Sie hat nichts gehört, -- gar nichts hat sie gehört. Das ist mal gut.
-Unsinn, -- wozu auch!« sagte Inotschka wesentlich lauter als vorhin.
-
-Aber obwohl sie es gut fand, daß Marianne nichts mehr vernommen hatte,
-verfinsterte sich ihr schmales Gesichtchen mit dem weichen Munde. Sie
-drückte die Zähne auf die Lippen und rieb sich mit blinzelnden Augen, um
-nicht loszuweinen, am Geländer, bis die Stimme der Mutter von drinnen in
-erstauntem Ton nach ihr rief.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-=III.=
-
-
-Seit zehn Uhr waren die jungen Mädchen von ihrer Schlittenfahrt im
-Sternschein zurück.
-
-Cita saß schon eine Weile auf dem Rande ihres weißlackierten Eisenbettes
-und zog sich bedächtig die Strümpfe von den hübschen Füßen.
-
-Sophie ging noch unausgekleidet umher, sie machte sich bei ihren Büchern
-zu schaffen, die sie auf ihrem Tisch am Fenster aufzustapeln pflegte, und
-etliche von ihnen trug sie ins Wohnzimmer auf den Schreibtisch der Mutter
-hinüber.
-
-Dabei sprach sie kein Wort. Sie war schon den ganzen Abend gegen ihre
-Gewohnheit still gewesen und behielt auch jetzt die Miene einer düster
-Versonnenen.
-
-Cita legte gähnend ihre Strümpfe auf den Stuhl am Bett.
-
-»Schlittenfahren ist ganz schön,« entschied sie, »aber dies gesellige
-Vergnügtsein von Männlein und Weiblein, die nichts Besseres zu thun
-wissen, -- wie bin ich froh, daß ich mich davon gründlich entwöhnt habe!
-Kindisch ist es einfach. Es gibt doch wahrhaftig ernstere Aufgaben in der
-Welt.«
-
-»Meinetwegen kann es auch aufhören,« versetzte Sophie apathisch, mit
-einer bekümmerten kleinen Stimme, »und auch das Schlittenfahren, und
-überhaupt alles.«
-
-Sie kam eben wieder aus dem Wohnzimmer zurück. Cita fragte gar nicht, was
-sie dort eigentlich treibe, sie wußte gar nicht, daß Sophie soeben ihre
-Studienbücher und Lieblingswerke auf Mas Schreibtisch aufgeschichtet
-hatte, wie man sündhafte Kostbarkeiten auf einen Scheiterhaufen trägt.
-
-Sie wollte Ma so gern nach der heutigen Kränkung ihre rückhaltlose
-Ergebenheit beweisen. So gern ihr zeigen: »Siehst du, ich entsage allem,
-was mich von hier fort zu locken anfing! Schließe es für immer vor mir
-zu.«
-
-Aber Cita brauchte das einstweilen noch nicht zu wissen. Denn Sophie
-fürchtete sich entsetzlich davor, ihr eignes Thun klar und endgültig
-aussprechen zu hören.
-
-Sonst hätte sie es noch am liebsten heute abend Hugo Lanz anvertraut. Ja,
-dem am ehesten! Sie meinte: wenn er zum Beispiel, davon erschüttert, nun
-auch seinerseits alle ehrgeizigen Pläne fahren ließe, dann hätten sie
-gemeinsam trauern, sich gemeinsam trösten und ermannen können.
-
-Er würde dann kein Dichter werden, sondern ein Kaufmann, und sie kein
-Arzt, sondern -- sondern vielleicht irgend wann einmal die Frau eines
-Arztes, Dichters oder Kaufmanns in der Welt.
-
-»Geh doch endlich schlafen!« rief Cita in ihre schwermütigen
-Betrachtungen hinein. Sie selbst lag bereits im Bett, grade auf dem Rücken
-ausgestreckt, die Arme über dem Kopf verschränkt.
-
-Sophie setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
-
-»Glaubst du, daß es glückliche Ehen gibt?« fragte sie langsam und
-ernst.
-
-Cita gähnte gleichmütig.
-
-»Ja,« versetzte sie nach kurzer Ueberlegung, »aber entschieden nur
-unter den Frauen, die sich unsrer Frauenbewegung anschließen. Das ist
-sonnenklar: denn die setzen sich in den Stand, sich selbst zu versorgen,
-den Mann nicht zu brauchen. Also kann es die schlimmste Eheschließung
-überhaupt nicht mehr geben: nämlich die wegen Geld und ohne Liebe. Dafür
-sind andre, schönere nun erst möglich, --«
-
-»Zum Beispiel sogar ohne Geld und mit Liebe!« fiel Sophie hoffnungsvoll
-ein. Wie schön war das eigentlich! Aber davon schloß sie sich auch
-aus, wenn sie nicht Arzt wurde, -- kein selbständiger, erwerbender
-Berufsmensch.
-
-Cita sagte plötzlich leise: »An die ganze Heiraterei mag ich aber
-einstweilen weniger als je denken. -- -- Weißt du, es hat etwas so
-Schreckliches: man ist keines Menschen sicher, -- jedem kann noch
-einfallen, das Verrückte zu thun und zu heiraten. -- -- Stell dir zum
-Beispiel vor, daß unsre Ma -- --«
-
-Sophie stellte es sich nicht vor. Sie schüttelte den Kopf und lachte.
-
-»Schäm dich,« sagte sie kurz.
-
-Cita richtete sich im Bett auf. Ihre dunkeln Augen hefteten sich erregt und
-finster auf die Schwester.
-
-»Nein, nein, glaube mir! Ich behaupte nur, daß so etwas möglich ist, --
-nichts weiter. Aber möglich ist es. Es ist möglich, es ist möglich.«
-
-Der Ton, in dem sie es wiederholte, wurde immer härter und kälter. Nach
-einer Pause fuhr sie fort: »Und wer könnte auch was dagegen thun, dagegen
-sagen? Schließlich ist es doch das Recht eines jeden Menschen -- --.
-Auch Mas Recht also, -- -- jawohl, unsrer Ma auch, die bis jetzt so ganz
-ausschließlich uns gehörte, -- ganz allein _unsre_ Ma war, an die niemand
-sonst den geringsten Anspruch machen darf. Niemand, niemand --«
-
-»Nein, niemand!« bestätigte Sophie gedehnt. »Niemand außer uns --«
-
-»Es ist aber ihr gutes Recht! Vergiß nicht: ihr gutes Recht!« fiel Cita
-nachdrücklich ein. »Von uns ist es ganz unberechtigt, so zu sprechen.
-Ja, vollständig. Mama kann jeden Tag heiraten, wenn sie will, -- und
-überhaupt thun und lassen, was sie will --«
-
-Sie brach ab. Ihre Stimme vibrierte von verhaltener Erregung.
-
-Sophie stand auf und küßte die Schwester flüchtig auf die Stirn.
-
-»Gute Nacht. Schlaf lieber. Du bist einfach verrückt geworden. Ich
-glaube, du träumst schon!« erklärte sie. »Ebensogut könnte ich mir
-vorstellen, daß Ma überhaupt gar kein Mensch, sondern ein Walfisch ist.«
-
-Mit diesem Bescheid kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an
-den Schreibtisch vor die aufgeopferten Bücher. Oben drauf hatte sie das
-Mikroskop gestellt, das sie erst vorigen Weihnachten zum Geschenk erhalten
-hatte. Nun war es eine ganze Pyramide von Sachen.
-
-Eigentlich wollte sie Ma hier erwarten. Es sollte keine Nacht drüber
-hingehn und sie wankend machen und auf andre Gedanken bringen --.
-
-Seltsamerweise fiel ihr wieder Hugo Lanz ein. Ja, wer weiß: indem sie dem
-erwählten Beruf entsagte, entsagte sie vielleicht sogar einer jener allein
-glücklichen Eheschließungen, die Cita noch gelten ließ. -- -- Denn Hugo
-Lanz besaß kein Geld -- --.
-
-Also war es wirklich ein Totalverzicht. Ein Opfer der Kindesliebe, wie es
-nicht bald ein zweites gab.
-
-Sophie saß beim Schreibtisch mit gefalteten Händen und den gemischten
-Gefühlen einer über ihre eigne Größe fast bis zur Verlegenheit
-erstaunten Märtyrerin.
-
-Cita hatte inzwischen ihren Rat befolgt und war in gesunder Müdigkeit nach
-der langen Fahrt durch die Winterkälte fest eingeschlafen. Aber sie lag da
-mit finster zusammengerückten Augenbrauen und einem bösen Ausdruck um den
-Mund.
-
-Die zurückgedrängte Bitterkeit in ihrem Herzen hatte noch ihre Schrift
-auf ihr Gesicht geschrieben. Ihr letzter klarer Gedanke war das Gelübde
-gewesen, mehr als je ganz allein auf sich selbst stehn zu wollen.
-
-Doch als sie in das Land der Träume hinüberglitt, senkte sich dichter
-und dichter eine große Finsternis um sie. Sie schaute vergebens nach den
-Dingen aus, die ihr vertraut gewesen waren, nach den Stätten, an denen
-sie sich heimisch fühlte. Eine schwarze Wand wehrte ihr Durchgang und
-Ausblick.
-
-Und da überfiel sie Angst, wie sie nur als kleines Kind Angst gekannt
-hatte.
-
-Beide Hände legte sie vor die Augen, um wenigstens das Dunkel nicht zu
-sehen. Doch was sie nicht sah, das fühlte sie: wie alle Gegenstände und
-alle Fernen über sie her kamen, wie sie sich zusammenrotteten und ballten,
-um sie zu ersticken --
-
-Da entrang sich ihr in dumpfem Entsetzen Mas Name. Mit leiser, furchtsamer
-Stimme rief sie nach Ma. War denn nicht auch Ma irgendwo unter all dem
-da draußen, was sie umdrohte und gefährdete? Dann würde sie alles
-entwirren, alles Böse abhalten --.
-
-Aber Ma war nicht da.
-
-Und plötzlich wußte sie, daß Ma nicht mehr da war, -- das allein, nur
-das war die Finsternis ringsum -- --.
-
- * * * * *
-
-Gegen Mitternacht fuhr ein Schlitten vor.
-
-Marianne stieg die Treppe hinauf und öffnete so geräuschlos wie möglich
-die Thür zur Wohnung.
-
-Alles blieb still. Also schliefen die Kinder bereits. So ging sie leise
-hinüber in ihr nach dem Hofe gelegenes Schlafzimmer neben Sophiens und
-Citas Stübchen.
-
-Hier hatten zärtliche Hände schon für alles gesorgt. Die Lampe
-angezündet, die warmen Vorhänge vor dem Fenster zugezogen, jedes Ding
-bequem bereit gestellt, von der Wasserkaraffe auf dem niedrigen Tischchen
-bis zu den tiefroten, kleinen Tuchpantoffeln vor dem aufgeschlagenen
-weißen Bett.
-
-Neben der Karaffe stand am Bett ein schmales Kelchglas mit einer Handvoll
-italienischer Anemonen darin, -- blaßrote, violette, gelbe --, -- ein
-wenig angewelkt noch von dem Weg hierher.
-
-Die Blumen mußten die Mädchen heute abend bei den Bekannten geschenkt
-bekommen haben. Und sie wußten, warum die Mutter diese Erinnerungen an
-Italien und seine Sonne so leidenschaftlich liebte --.
-
-Marianne hob die angewelkten Stengel behutsam einzeln aus dem Wasser und
-beschnitt sie unten etwas, damit sie besser saugen möchten. Dann ordnete
-sie sie neu, mit Bewegungen, die sie fast liebkosten.
-
-Die feine kleine Freude machte sie warm und wach. Ach, daß die beiden
-schon schliefen, die Langschläfer! Jetzt hätte sie sich gern noch auf
-einen Augenblick an ihre Betten gesetzt und sie geherzt.
-
-Ihr war so kindfroh und bewegt zu Mut.
-
-Als sie das Licht angezündet hatte und die Lampe herausstellen und
-auslöschen wollte, bemerkte sie einen hellen Schein in der Thürritze des
-Wohnzimmers.
-
-Hatten sie die grüne Studierlampe brennen lassen? War doch noch eine von
-ihnen wach?
-
-Sie glitt in die Tuchpantöffelchen und ging leise über den Gang zurück.
-Die Thür war nur angelehnt, sie stieß sie auf, um einzutreten.
-
-Aber jählings hielt sie inne. Sie sah Sophie am Schreibtisch sitzen,
-die Arme auf den Büchern verschränkt, den Kopf mit den halb offen
-niederhängenden Flechten darauf, -- fest schlummernd.
-
-Sie sah die Bücher, das Mikroskop, -- und das Gesicht sah sie, das ihr im
-Profil zugekehrt lag, hell bestrahlt vom Schein der Lampe.
-
-Es war naß von Thränen. Die Mundwinkel wie im Weinen herabgezogen, die
-Augenbrauen so rührend im Ausdruck, so hilflos --. Ein so bekümmertes,
-schmerzliches, -- ein fast gramvolles kleines Gesicht!
-
-Ja, hier mußte Sophie auf die Mutter gewartet haben, aus irgend einem
-Grunde. Gewartet mitsamt allen ihren Büchern, die sie hier aufeinander
-getragen hatte. Vielleicht um etwas zu erbitten? Vielleicht um zu sagen:
-»Sieh doch, wie lieb mir das alles geworden ist, wie gern ich frei sein
-möchte und mich dem widmen!«
-
-Vielleicht auch, um etwas abzubitten. Um zu sagen: »Nimm es alles fort
-von mir, ich gebe dirs zurück, denn es weckt in mir die Sehnsucht, von dir
-hinwegzugehn.«
-
-Und nun war sie unter Thränen hier eingeschlafen, wie ein müdes Kind, und
-nur dies traurige, kleine Gesicht erzählte der Mutter von ihren Nöten --.
-
-Marianne stand noch in der halboffnen Thür, den Kopf gegen den Thürrahmen
-zurückgelehnt. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herunter.
-
-Was half es, daß sie fortgewesen, daß sie getroster und freudiger
-heimgekehrt war. Zu Hause trat es ihr wieder entgegen, das Gefürchtete, --
-wie ein Gespenst.
-
-Und mit diesem Gespenst trat ihr die liebste Gestalt entgegen, sie, von der
-sie es nicht ertrug.
-
-Konnte die Mutter denn gewähren, was ihr Liebling von ihr heischte?
-Konnte sie denn wirklich auch die letzte fortlassen? Ganz, ganz allein
-nachbleiben? Mußte das sein?
-
-»Nein! Nein!« schrie es in ihr.
-
-Und mit Blitzesklarheit nahm die Erkenntnis ihr Herz ein: »Wenn du jetzt
--- jetzt gleich sie wecktest, wenn du vor dein Kind hintreten würdest
-wie vor eine Ertappte, die du heimlich belauscht, -- wenn du ihre kleine
-schmiegsame Mädchenseele jetzt in die Hand nehmen und nach deinem
-stärkeren Willen prägen würdest: ja, dann wäre es vielleicht möglich,
-deinem Einfluß in ihr Gewalt zu verleihen. Nimm den Augenblick wahr, wo
-sie, sich selbst verratend, daliegt, als sei sie dir ausgeliefert. Mache
-sie zu deinesgleichen, hauche ihr dein Wesen und deine Wünsche ein. Sie
-ist ja dein. Sie vertraut dir grenzenlos, und ihr höchster Maßstab bist
-du. Nutze deine Macht über dein Kind --.«
-
-Aber noch während Marianne deutlich ein jedes dieser Worte in ihrem Innern
-vernahm, als raune irgend wer sie unablässig ihr zu, machte sie eine
-übermenschliche Anstrengung, sich ebenso unbemerkt zu entfernen, wie sie
-hergekommen war.
-
-Nur jetzt keinen Laut! Nur jetzt leise, leise hinweg, ehe sie erwacht,
-ehe sie ahnt, wer hier gestanden und mehr, als sie sagen wollte, von ihr
-erfahren hat --.
-
-Es gelang Marianne, die Thür wieder anzulehnen und geräuschlos ihr
-Schlafzimmer zu erreichen.
-
-Mechanisch begann sie, sich zu entkleiden.
-
-Da standen noch die Anemonen.
-
-Marianne blickte mit heißen Augen auf sie.
-
-Dann löschte sie die Kerze aus.
-
-Unerwartet, dicht, ohne den kleinsten Lichtfleck von draußen, den die
-zugezogenen Vorhänge am Fenster aussperrten, umhüllte sie das Dunkel wie
-eine Gruft.
-
-Sie stürzte vor dem Bett in die Kniee und verbarg ihren Kopf in den
-Kissen --.
-
- * * * * *
-
-Dieser Sonntag war kein Sonntag zum Ausschlafen gewesen. Sowohl Marianne
-als die Kinder erschienen am Morgen übernächtig und mit übermüdeten
-Augen.
-
-Keines von ihnen dreien wußte indessen etwas von dem eigentlichen Grunde
-der Traurigkeit in der Seele des andern. Cita schwieg, ihr war wunderlich
-weich, als ob ihr allerlei nächtliche Träume nachgingen, aber auch ihre
-Befürchtungen waren noch in ihr und stimmten sie reizbar, obgleich sie
-sichs auszureden suchte.
-
-Marianne bemühte sich, vor den Augen der Kinder wohlgemut zu erscheinen.
-Als Sophie hereinkam, sagte sie freundlich: »Ich sehe, du hast gestern
-meinen Schreibtisch für deine Beschäftigungen auserkoren. Das ist recht
-so, ich gebrauche ihn jetzt in der Weihnachtszeit ja nicht. Und Cita wird
-vielleicht etwas stark Anspruch an den deinigen machen.«
-
-Sophie errötete lebhaft, ohne zu antworten. Sie wußte nur noch dunkel,
-auf welche Weise sie gestern schließlich zu Bett gekommen war. Und es
-kam ihr im nüchternen Morgenlicht unmöglich vor, der Mutter die großen
-Eröffnungen zu machen. Jedenfalls lag es an der Nacht, daß diese Dinge
-ihr wesentlich leichter und natürlicher erschienen waren.
-
-Das Dienstmädchen Stanjka, das sich zum Kirchgang rüstete, war die
-einzige, die sonntäglich und unbeschwert zwischen ihnen herumging. Sie
-trug ein neues grellrot gemustertes Kattuntuch um den Hals und hatte ihr
-aschblondes Haar mit Kwas glänzend gemacht; der Sonntag gehörte ihr fast
-immer, und sie freute sich auf ihn während der ganzen Woche.
-
-Alles Gute war augenscheinlich immer auf einen Sonntag gefallen: in den
-Kirchen, in den Häusern, in den Vergnügungslokalen und Theebuden feierte
-man nur ihn! Die Glocken, die mit mächtigen Klängen die Luft erfüllten
-und in die Stuben hineintönten, redeten Stanjkas frommer Naivetät ganz
-unterschiedslos von himmlischen wie von irdischen Herrlichkeiten, von
-Kniebeugungen bei Orgelklang und Kirchengesang, wie vom Tanz zur Balalaika.
-
-Nach dem Gottesdienst brauchte sie nur noch um zwölf Uhr den
-Frühstückstisch zu richten und den Samowar aufzustellen.
-
-Kurz vorher erschien Wera Petrowna zur festgesetzten Stunde.
-
-Sie hatte ein altmodisches und durch langen Gebrauch reichlich leuchtend
-gewordenes schwarzes Seidenkleid angezogen und trug auf dem Kopf eine
-komplizierte Haube mit lila Tolle, die sich im wattierten Kapottehut auf
-keine Weise unterbringen ließ, und die sie daher stets in einem besondern
-Beutel mit sich führte.
-
-»Um ein Haar wär ich nicht gekommen, ich sollte nämlich heute vormittag
-in das Dawydowkonzert,« erklärte sie, als sie sich zu Tisch setzten.
-»Das Billet war noch nicht da, ich wartete drauf bis halb zwölf, es kam
-jedoch nicht. Es sollte nämlich nur dann kommen, wenn die Frau meines
-Neffen, die sich gestern abend schon unwohl fühlte, über Nacht krank
-würde. Sie ist aber nicht krank geworden.«
-
-Sophie mußte lachen.
-
-»Dafür ist es freilich kein Ersatz, wenn wir Ihnen später etwas
-vorspielen und vorsingen wollen,« meinte sie und legte Wera Petrowna von
-den kleinen Pasteten mit gehacktem Fleisch und Kohl vor.
-
-»Nein, meine liebe, schöne, kleine Sophie. Auch muß ich später ohnehin
-fortgehn, denn ich habe noch andre Billete. Die habe ich mir eben geholt.
-Später drängen sich die Menschen so an der Kasse. Es ist weit besser, man
-ist versorgt.«
-
-»Wohin denn?« fragte Cita ohne Neugier. Sie kannte die Ausgehewut und
-Belustigungssucht der Alten.
-
-»Diesmal nur zur behaarten Riesin und zum zweiköpfigen Kind,« sagte Wera
-Petrowna gelassen und nahm sich Citrone zum Thee.
-
-»Sie sind doch immer kreuzfidel, -- aber wirklich immer!« bemerkte Cita
-nachsichtig.
-
-»Kreuzfidel? Nein, ihr junges Volk, das bin ich gar nicht. Ich muß mich
-nur beeilen, die Augen aufzureißen, ich habe viel nachzuholen. Wie lange
-dauert es, dann heißt es: Mund zu und Erde auf die Augen. -- -- Nun,
-hoffentlich dauert es noch ein Weilchen,« ergänzte sie.
-
-»Nachholen? Ja, -- aber -- die behaarte Riesin --?«
-
-»Nun, wenn auch nur eine Riesin. Was meinen Sie denn, ob bei uns dahinten
-auf dem Gut auch nur so eine gewesen wäre?! Nein, keine Spur! Das wäre ja
-Sensation genug für lange hinaus gewesen. -- Natürlich gibt es auch noch
-was Besseres als das. Natürlich. Man muß aber zufrieden sein, wie es sich
-trifft; die besseren Treffer kommen auch noch.«
-
-Sie konnte es den jungen Mädchen gut anmerken, daß sie nicht mehr recht
-wußten, ob sie sich selbst ironisiere, oder ob sie von ihr zum Narren
-gemacht würden. Wera Petrowna gefiel das ausnehmend; sie betrachtete aus
-ihren klugen Augen die beiden Schwestern mit Wohlgefallen.
-
-»Ja, ja, wenn ich auch noch so jung wäre. Herr du mein Gott!« sagte sie
-und schob den Teller zurück.
-
-»Dann würden Sie sich ohne Zweifel noch weit besser und viel mehr
-amüsieren, nicht wahr?« äußerte Cita und zuckte bedauernd die Achseln.
-»Nun sehen Sie, daran liegt uns trotz aller Jugend gar nichts.«
-
-»Nein, meine lieben dummen Unschuldstäubchen, -- ich würde ins Kloster
-gehen, ja, das würde ich!« behauptete die Alte, und ihr ganzes Gesicht
-lächelte fein und spitzbübisch aus allen seinen Fältchen. »Ja, davon
-habt ihr noch keinen Begriff,« fuhr sie auf der Mädchen erstaunten Blicke
-fort und nickte ihnen zu, »so eine Jugend, die geht ins Zeug! Nun, wohl
-bekomm's! Prosit Mahlzeit also!«
-
-Sie stand auf, noch ehe Marianne, die geduldig dasaß und wartete, das
-Zeichen dazu gegeben hatte.
-
-Marianne wollte ja mit ihr noch allerhand Weihnachtsbesorgungen besprechen.
-Und so viel sah sie recht wohl mit ihren beiden guten Augen: daß ihre
-liebe Marinka auch heute ein bedrücktes Herz haben mochte. Aus irgend
-einem Grunde, gleichviel aus welchem. Jedenfalls schienen heute selbst die
-Kinder dagegen machtlos zu sein, deren Geplauder die Mutter sonst heiter zu
-stimmen pflegte.
-
-Ihr schien, daß sich Marianne nach Ruhe sehne, -- vielleicht nach einem
-Alleinsein, das die jungen Mädchen grade in ihrer zärtlichen Sorge
-vereitelten.
-
-Als alles erledigt war, was zu besprechen gewesen, zog sie ihre Staatshaube
-vom Kopf und bestand darauf, fortzugehen. Aber schon im Mantel und
-Kapottehut mit zugebundenen Ohrenwärmern, klapperte sie noch einmal an
-ihrem Stock in den »Spalt« hinein, wo die Schwestern soeben an Stanjkas
-Statt den Tisch abgeräumt hatten.
-
-»Also auf Wiedersehen, meine zwei Täubchen,« sagte sie, -- »wie ist
-es nun? Ich bin eine alte Frau, die am Stock humpelt -- in meiner Jugend
-würde man so eine nicht allein ins Menschengedränge haben gehn lassen, --
-aber die junge Welt von heute --«
-
-Cita und Sophie sahen sich verdutzt an. Sie blieben vor ihr stehn und
-machten verlegene Gesichter.
-
-»Ja, warten kann ich nicht!« entschied die Alte und schwenkte aufmunternd
-ihren Beutel, »-- also, eins, zwei, drei: geht jemand mit mir ins
-Sonntagsvergnügen bei der behaarten Riesin und dem zweiköpfigen Kinde, --
-und wer?«
-
-Im edlen Wetteifer, nicht der andern die lästige Pflicht aufzubürden,
-riefen sie alle beide kleinlaut: »Ich!«
-
-»Bravo! Bravo! Also alle beide!« lobte Wera Petrowna, und es zuckte dabei
-ganz wunderlich um ihre Mundwinkel, in Güte und Bosheit zugleich; »-- nun
-freilich! junges Volk ist eben junges Volk, wie ernsthaft es auch thut, da
-sieht man wieder: es will sich amüsieren.«
-
-Marianne that es leid, als sie die beiden Mädchen betreten hinter der
-Alten fortgehn sah, indessen mochte sie ihr die so dringend provozierte
-Begleitung nicht mißgönnen. Ihr Kopf schmerzte heftig, sie hätte sich am
-liebsten mutterseelenallein in ein Zimmer mit verhängten Fenstern gelegt.
-
-Aber eine innere Unruhe ließ es nicht zu. Mehr noch als nach Stille und
-Vergessen sehnte sie sich nach einem Beistand.
-
-Langsam ging sie durch die Wohnstube. Bei den hohen Blattpflanzen, ihren
-gepflegten und geschonten Lieblingen, blieb sie einen Augenblick stehn.
-Sie las ein welkes Blatt ab und schaute nach den harten, knollenförmigen
-Knospen am Gummibaum.
-
-Der Schreibtisch stand schön aufgeräumt. Neben den Schulheften lagen ein
-paar kleine dünne Bücher, -- Kindergeschichten, mit neuem Buchschmuck
-herausgegeben. Sie kosteten nur wenige Kopeken, und Marianne hatte sie voll
-Entzücken gekauft. Fast immer lag hier dergleichen, als warteten immer
-allerlei Kinderhände auf sie --.
-
-So totenstill war es. Man war wie allein auf der Welt. Nichts von der
-hastigen Geschäftigkeit der Wochentage in der Wohnung.
-
-Es wollte ihr vorkommen wie ein Atemanhalten um sie her. Alle Dinge wurden
-darin beredter, belauschbarer --.
-
-Die Stille machte bange, sie war so selten allein.
-
-Alle Dinge in dieser kleinen Wohnung liebte sie, ein jedes Stück darin
-hatte sie mit zärtlichem Bedacht gewählt, -- nur was sie lieb haben
-konnte, das hatte sie allmählich zusammengetragen.
-
-Sie hatte gewünscht, diese Räume sollten mehr als wohnlich wirken, -- wie
-Arme, die sich weit und warm erschließen.
-
-Aber sie wirkten nur so, weil geliebte Menschen sie erwärmten. Weil immer
-noch Sophie in ihnen ging und stand, lebte und lachte, -- weil Sophie in
-ihnen die Mutter erwartete, wenn sie abends müde von der Tagespflicht
-heimkam.
-
-Wenn alle diese Liebesfülle keine Bethätigung mehr fand, dann konnte auch
-keine Liebe mehr auf die Dinge überströmen. Sie blieben nicht länger
-beseelt, -- sie entseelten sich, -- -- starben --.
-
-Marianne fröstelte. Und plötzlich richtete sie sich entschlossen auf,
-schritt in den Vorflur hinaus und nahm ihren Mantel.
-
-Sie wußte wohl, was sie thun mußte. Einen Beistand brauchte sie. Sie
-mußte, wie mit allem, so auch hiermit zu Tomasow. Mit ihm sich beraten,
-ihn hören. Daß er da war, das war eine Zuflucht.
-
-Aber in all ihrem Verlangen danach fürchtete sie sich zugleich, und mit
-schwerer Hand machte sie sich fertig, zu ihm zu gehn. Sie wußte: zu den
-weichen Tröstern gehörte er nicht. Ihm eingestehn, was sie heute quälte,
-das hieß sich entscheiden --.
-
-Draußen ruhte frostige Winterdämmerung, obschon es noch früh am
-Nachmittag war. Der Wind machte es bitterlich kalt. Marianne durchquerte
-einen Teil des Kreml; in dampfenden Wölkchen stieg ihr Atem und gefror zu
-Tausenden winziger Eisperlchen an ihrem Pelzkragen fest.
-
-Stumpf und leblos wölbte sich der dicke Schnee um alles ringsum, rundete
-jeden Umriß, verwischte jede scharfe Linie. Hier und da klang ein
-Glockenton an, -- wie im Traum, -- leise verhallend. Es war, als raune eine
-Glocke der andern schlaftrunken etwas zu.
-
-An manchen Kirchenthüren auf dem großen Kremlplatz lagerten Pilger oder
-lehnten an den Mauern, auf ihren Pilgerstab gestützt. Marianne war
-nicht in der Stimmung, um irgend etwas von der Außenwelt mit Interesse
-aufzufassen, aber auf diesem Bilde blieb ihr Blick mit einer dunkeln,
-unverstandenen Sehnsucht ruhen; über den zerlumpten Pilgern, --
-über ihnen, die sich bis an die Thore der Gotteshäuser in vielleicht
-wochenlanger mühseliger Wanderung durchgefroren und durchgehungert
-hatten, lag eine solche kindliche Zufriedenheit. Man sah ihnen allen an, --
-Greisen, Weibern, jungen Menschen: sie standen am Ziel -- da, wo sich alle
-Wünsche erfüllen, und man alle Bürden abwirft, -- _zu Hause_ --.
-
-Gern hätte auch sie ihre Füße wund gelaufen, um Frieden zu finden und
-sich alles Schweren zu entlasten. Würde sie das erreichen, unter Tomasows
-klugen und guten Worten? würde sie es bei ihm erreichen? In diesem
-Augenblick glaubte sie es.
-
-Bald war Marianne an seinem Haus angelangt. In einer ruhigen Straße stand
-es, einstöckig und unscheinbar, hinter einem hofartigen Vorgärtchen.
-
-An den Vorflur stieß ein großes Schrankzimmer, wo der Diener, Andrian,
-sich aufzuhalten hatte, der, aus Tomasows Heimatsdorf gebürtig, ihm seit
-vielen Jahren anhing, und auch alle Reisen ins Ausland mitmachte. Dies
-Schrankzimmer erschien Marianne stets als der weitaus behaglichste
-Raum zwischen den konventionell eingerichteten Empfangsgemächern im
-Erdgeschoß. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit mochte Andrian hier alles
-zusammengehäuft haben, was seiner speziellen Pflege oblag: eine stattliche
-Reihe hoher Blattpflanzen, besonders mehrere prachtvolle Palmen, an denen
-er unermüdlich herumspritzte und putzte; daneben hing am Fenster ein Bauer
-mit einem singfrohen Kanarienvögelchen, Batjuschka »Väterchen« genannt,
-mit dem Andrian sich den ganzen Tag über alles, was geschah, unterhielt.
-
-Marianne ertappte sich auf dem Gefühl, das manchen von Tomasows Patienten
-beschleichen mochte: lieber in diesem friedlichen Idyll von Palmenlaub
-und Vogelgezwitscher verweilen zu wollen, als sich weiter zu wagen in die
-Zimmer des Arztes.
-
-Indessen noch hatte Andrian ihren Besuch nicht melden können, als bereits
-Tomasow selbst erschien, sichtlich beunruhigt über ihr unerwartetes
-Kommen. In Anwesenheit des Dieners that er keine Frage, sondern führte sie
-gleich durch seine Bibliothek in die Studierstube.
-
-Marianne ließ sich in den ersten besten Sessel sinken, hilflos zu ihm
-aufschauend.
-
-»-- Sophie will fort!« sagte sie unvermittelt, wie man mit geschlossnen
-Augen blind losschießt.
-
-»-- Hat sie es Ihnen gestanden?«
-
-Sie schüttelte den Kopf.
-
-»Das nicht -- --. Aber untereinander werden beide gewiß schon davon
-geredet haben. So direkt sagt sie es nicht. -- -- Aber jetzt weiß ich:
-erst neulich brachen beide ganz verlegen ein Gespräch ab, weil ich
-unvermutet eintrat. Und ich -- meinte, es handle sich vielleicht nur um
-Weihnachten --. -- -- Haben die Mädchen am Ende auch Ihnen -- --?«
-
-»Nein,« entgegnete Tomasow.
-
-Er war vor ihr stehn geblieben, gespannte Aufmerksamkeit im Gesicht,
-während sie rasch und mit trockenen Lippen sprach.
-
-»Nun, das ist gut,« fügte er jetzt hinzu.
-
-»-- Gut --?!«
-
-»Ja. Es mußte einmal zur Sprache kommen und zum Ausbruch, -- es war hohe
-Zeit!« sagte er ruhig, »denn vorher ließ sich nichts machen, weil Sie
-es nicht zuließen, Marianne. Obschon Sie es vor sich selbst verheimlicht
-haben, nagte die Furcht davor doch schon unablässig leise an Ihren Nerven.
-Das mißfiel mir längst. Aber nun ist es gut, daß es durchgekämpft
-wird.«
-
-Marianne hob ihren Blick angstvoll zu ihm auf.
-
-»-- Ich kann aber Sophie nicht hergeben! -- -- Nein, nicht auch Sophie
-noch -- --. Sie ist ja auch zart, sie bedarf meiner fortwährend -- -- Gott
-sei Lob und Dank, daß sie meiner noch bedarf!«
-
-Tomasow zog einen Stuhl heran.
-
-»Nun lassen Sie einmal sehen, Marianne! Jetzt bitte ohne alle Hinterhalte.
-Wie ist es denn mit Sophie? Sie machen doch ihrer Freude am Studium die
-weitgehendsten Konzessionen. Sie veranlaßten mich noch selbst, ihrem
-Verlangen nach ganz bestimmten Fachbüchern nachzugeben --«
-
-»Ja,« sagte Marianne hastig, »so ist es ja auch. Weil doch ihr Interesse
-grade hierfür alle übrigen Interessen so entschieden überwuchs. Und wenn
-ich nun bedenke, daß Sophie die höhern Kurse besucht, und daß sie Sie
-zum Berater hat und vorwärts lernt, so viel sie nur will, -- ist es damit
-nicht genug? Muß sie durchaus auf den praktischen Arzt studieren, -- muß
-sie von mir fortgehn --?«
-
-Tomasow zuckte scheinbar erstaunt die Achseln.
-
-»Nein, selbstverständlich muß sie das keineswegs. Sie beruft sich dabei
-einfach auf ihr Reifezeugnis zum Universitätsbesuch und auf ihre Neigung,
-so zu handeln. Beides braucht ganz und gar nicht den Ausschlag zu geben.
--- Indessen: ob ich sie für genügend befähigt dafür halte, ob mir die
-Sache aussichtsvoll erscheint, -- auch das haben Sie doch schon nebenher
-von mir zu erfahren gesucht, Ma.«
-
-Marianne entgegnete heiser: »Ja, aber umsonst. -- -- -- Verstehn Sie
-denn nicht, Tomasow: ich wollte wissen, wie Sie sich selbst insgeheim dazu
-stellen, -- wie Sie selbst -- eventuell -- in meiner Lage handeln würden.
-Aber Sie antworteten stets nur auf ganz bestimmte praktische Fragen,
-eingehend und gewissenhaft. Dabei erfuhr ich das mir Wesentliche nicht.«
-
-Tomasow erhob sich. Er antwortete zurückhaltend: »Nein, natürlich nicht.
-Denn abgesehen von den möglichen praktischen Ueberlegungen, gibt es da
-eben keine letzte, objektiv gültige Entscheidung. Was ich thäte, wenn
-ich Töchter hätte, kann ich nicht so abstrakt von vornherein feststellen,
-vielleicht -- möglicherweise -- wäre meine Erziehung der Ihrigen sogar
-entgegengesetzt von allem Anfang an. Vielleicht wäre sie weltlich, oder
-philiströs, oder gleichviel wie! Ganz genau aber kann ich feststellen, was
-_Sie_ thun werden, -- Ihrem ganzen Sein und Wesen nach, und das hätt
-ich Ihnen längst sagen können, wenn Sie es hätten hören wollen. Und
-offenbar, wenn ich nicht völlig irre, kamen Sie jetzt auch nur dazu
-hierher: nicht um meine Meinung zu erfahren, sondern um -- nun, um eine
-letzte kleine Feigheit zu überwinden, die Sie bisher noch hinderte, sich
-selbst anzuhören.«
-
-Marianne sprang nervös auf.
-
-»Wie reden Sie denn nur! Sie quälen mich!« murmelte sie gereizt, die
-Stimme voll Thränen.
-
-Seine Augen richteten sich mit einem eindringlich forschenden Blick auf
-sie.
-
-»Ich weiß, daß ich das thue!« sagte er ernst. »Und ich weiß auch,
-daß Ihre Nerven grade heute um Schonung schreien. -- Und nun hören Sie
-mich an, Marianne, und zwar ganz getrost, denn ich kann Ihnen wirklich
-helfen, wenn Sie nur wollen. Ich schlage vor: überlassen Sie die ganze
-Sache mir. Ueberlassen Sie es mir, Sophie von ihren hochfliegenden
-Wünschen zu kurieren. So gänzlich zu kurieren, daß sie nie wieder Lust
-nach dem ärztlichen Studium und Beruf verspürt. Wollen Sie?«
-
-Marianne sah ihm ungläubig in die Augen.
-
-»Wie sollte das wohl möglich sein? Womit könnten selbst Sie das
-erreichen?«
-
-»Das ist meine Sache. Für das Gelingen steh ich ein.«
-
-Ein seliger Hoffnungsschimmer überflog ihr Gesicht, aber so zaghaft noch,
-daß es ihn rührte.
-
-»Aber -- warum hätten Sie das dann nicht längst gethan?!«
-
-»Warum? Nun offenbar darum, weil Sie ja für die Pläne und Interessen
-Ihrer Kinder nicht nur Nachsicht zeigen, sondern sie gradezu -- in Ihrer
-unnachahmlichen Art, Ma, -- heilig halten, ängstlich bemüht um die
-geistige Eigenart jedes einzelnen.«
-
-Marianne sah sehr unruhig aus.
-
-»Ja, das ist doch aber auch das einzig Richtige? -- Sie sprechen ja
-jetzt doch wohl nur davon, Sophie rechtzeitig in wirklich bestehende und
-unausweichliche Schattenseiten Ihres Berufes einzuweihen --?«
-
-Tomasow schwieg einen Augenblick.
-
-»Meine liebe Ma!« versetzte er dann. »Die Dinge sind nun einmal, als was
-sie uns erscheinen. Suggestion ist schließlich alles. Ich halte mich für
-sehr wohl im stande, stärkern Wesen als ein Mädelchen wie Sophie ihr
-Studium für alle Ewigkeit hinaus zu verekeln, unerträglich zu machen,
--- und ebenso bürge ich dafür, daß ich ein viel zarteres kleines
-Menschenkind, als sie ist, mit etwas Kraftaufwand durch alle
-Schwierigkeiten und Fährlichkeiten derselben Sache mit Erfolg
-hindurchbringen würde.«
-
-Marianne machte eine hilflose Bewegung. Sie suchte nach Worten, --
-lehnte sich innerlich auf gegen die Worte, die ihr kamen, -- und endlich
-entschlüpfte es ihr leidenschaftlich: »-- Nein -- o nicht! Sophie nichts
-anthun! Nichts Hemmendes, nichts Arges --. Nichts gegen ihr Wachstum,
-nichts gegen ihre Kraft und Freudigkeit --,« sie unterbrach sich und hielt
-erschrocken inne.
-
-»... nichts gegen ihren Wunsch, fortzugehn --?« ergänzte Tomasow.
-
-»Also doch!« murmelte er, als sie darauf nichts antwortete.
-
-Er nahm ihre Hand in die seine, küßte sie fast unwillkürlich und hielt
-sie fest, während er sich dicht über Marianne neigte: »Kind! Jetzt
-haben Sie sich richtig selbst in die Entscheidung hineingestoßen, -- jetzt
-besiegen Sie auch die Angst, die Sie haben, weiter zu sprechen. Sehen Sie
-nun ein, wie wenig es hilft, Ihnen helfen zu wollen? Sie laufen ja doch
-gradeswegs in das hinein, was Ihnen das Schwerste ist und Sie ängstigt.
-Und eben deshalb muß es entschieden sein! Dieser hingezogene Kampf ist ein
-Wahnsinn. Verwerfen Sie meinen Vorschlag von vorhin, so siegt Sophie. Soll
-sie das --? Soll sie gehn dürfen, oder soll sie bei Ihnen bleiben --?«
-
-»-- Gehn!« sagte sie und brach in ein bitterliches Weinen aus.
-
-Tomasow ließ sie mehrere Minuten gewähren.
-
-Er atmete tief auf und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht
-behielt dabei den gespannten, aufmerksamen Ausdruck.
-
-Dann kam er wieder zu Marianne. Er zog ihr leise, mit sanftem Zwange die
-Hand von den Augen, die sie verdeckt hielt.
-
-»Nun ist es aber genug!« äußerte er lächelnd, »zeigen Sie Ihren
-Nerven den Herrn. -- Wollen Sie nicht eine Tasse Thee nehmen? Sehen Sie,
-dort steht das ganze Geschirr noch, -- ich war grade dabei, als Sie kamen.
-Zur Strafe trinken Sie ihn nun kalt, natürlich.«
-
-Sie gehorchte mechanisch und ließ sich ein wenig Thee eingießen, in den
-Tomasow aus einem Arzneifläschchen ein paar Tropfen mengte.
-
-Dann überließ er sie wieder sich selbst und nahm den Spaziergang im
-Zimmer von neuem auf.
-
-Aber Marianne erhob sich vom Eisbärfell.
-
-»Es ist spät geworden. Ich will nach Hause gehen,« sagte sie mit einer
-leisen Stimme, »die Kinder sind gewiß schon zurück und warten erstaunt.
-Sie waren nur für kurze Zeit mit Wera Petrowna ausgegangen.«
-
-Tomasow blickte auf die Uhr.
-
-»Wie Sie wollen, Ma. Vielleicht ist es so am besten. Indessen -- sind Sie
-jetzt auch schon dazu im stande? Sind Sie Ihrer selbst ganz sicher? Ich
-lasse Sie nicht fort, ehe ich das genau weiß.«
-
-Und als Marianne ihn müde fragend ansah, fügte er hinzu: »Ihrer Töchter
-halber ist es notwendig, daß sie ihre Mutter in dieser Angelegenheit
-fest und sicher auftreten sehen. Als eine Autorität -- nicht wie ein
-hingeschlachtetes Opferlamm. -- Darum müssen Sie es sein, Marianne, die
-entschlossen die Initiative ergreift.«
-
-»-- Ich soll selbst --?« murmelte Marianne.
-
-»Ja. Das ist notwendig, und zwar sofort. Lassen Sie die Ungewißheit keine
-Stunde länger anstehen. Lassen Sie sich keinen Raum zu Beängstigungen und
-Traurigkeiten dazwischen. Bringen Sie noch heute -- heute noch! die Sache
-zur Sprache und Entscheidung.«
-
-»-- Heute?!« wiederholte sie erschreckt.
-
-Sie war tief erblaßt.
-
-Tomasow ergriff ihre Hand und nahm sie in seine beiden Hände. Er sagte
-ermutigend: »Versuchen Sie es nur! Bleiben Sie nicht mitten im Kampf
-stecken, der Ihren Nerven stündlich härter zusetzen wird -- überstehen
-Sie es schnell ganz. Hinterher kommt die allheilende Ruhe. -- Glauben Sie,
-daß Sie es mir versprechen können?«
-
-»Ja. Ich will es thun,« sagte sie traurig.
-
-»Dann lasse ich Sie ruhigen Herzens fort. -- Wenn Sie erlauben, geleite
-ich Sie selbst an einen Schlitten,« bemerkte Tomasow und führte Marianne
-durch die Bibliothek hinaus.
-
-Er schellte nicht dem Diener, sondern gab ihr selbst den Mantel um.
-Marianne that seine Art so wohl, wie einem leise umsorgten Kinde.
-
-»Ich bin ganz zerschlagen und wund,« meinte sie mit einem mühsamen
-Lächeln, »aber ich danke Ihnen, Tomasow.«
-
-»Ach, Ma --« er stockte und murmelte: »Wenn Sie nur -- wenn Sie
-wenigstens ohne Groll herdenken. Es ist eine schändliche Aufgabe, die
-mir wiederholt zufällt, Ihnen weh thun zu müssen, Sie zu etwas Hartem
-ermannen zu müssen. -- Die Erleichterung wird auch diesmal nachkommen, ich
-hoffe es mit Bestimmtheit. Aber die Ueberwindung ist deshalb nicht minder
-schwer.«
-
-Marianne schwieg. Sie stand, fest an ihn gelehnt und schloß die Augen.
-
-Nein, so feige würde sie doch nie sein, sich nicht immer diesem
-unbestechlichsten aller Freunde mit ihren Nöten und Schwächen
-anzuvertrauen, weil er streng gegen sie war! Ein großer Dank gegen ihn
-stieg in ihr auf. Wenn nur er ihr blieb --!
-
-Tomasow verstand die stumme Antwort vollkommen.
-
-Er öffnete die Thür und rief Andrian zu, einen Schlitten vor das
-Gitterthor zu winken.
-
-Dann geleitete er Marianne durch den verschneiten Vorgarten, half ihr
-einsteigen und knüpfte ihr die Felldecke um die Kniee.
-
-»Ich bin heute viel aus,« bemerkte er dabei, -- »darf ich gegen Abend
-für einen einzigen Augenblick bei Ihnen vorsprechen? Mich überzeugen, wie
-alles steht --?«
-
-Marianne nickte. Sie wußte, wovon er sich überzeugen wollte --. Dann also
-mußte es schon geschehen sein --. Ihr schlug das Herz stärker bei dem
-Gedanken.
-
-Als der Schlitten fortfuhr, ging Tomasow langsam ins Haus zurück.
-
-Andrians Gesicht strahlte, er freute sich immer, wenn er Marianne sah, denn
-es kam vor, daß sie sich von ihm Geschichten aus dem Dorfleben erzählen
-ließ, und das war ihm das Höchste. So erfuhr sie manche Einzelheit aus
-Tomasows Kindheit, der als kleiner Bursche, zu Besuch beim Großvater, --
-einem echten alten Bauern, -- mit Andrian noch barfuß umhergelaufen war.
-
-»So ein Mütterchen, -- wirklich, so ein prächtiges!« entschied
-Andrian, und sah seinen Herrn lächelnd an, während er seine schwachen
-kurzsichtigen Augen zukniff, die der Schnee blendete. Ganz wie sein Herr
-trug er einen Kneifer, wenn auch keinen goldnen, und nur einen mit dunkelm
-Schutzglas. Er fühlte sich sehr stolz auf diesen Kneifer, und kam sich
-darin ganz wie ein Ausländer vor.
-
-Tomasow würdigte Andrian keiner Antwort. Er ging schweigend in sein Zimmer
-hinüber und ließ den Thee forträumen.
-
-Nachdenklich schritt er dabei auf und ab.
-
-»So ein Mütterchen!« In seinen eignen Erinnerungen spielte Elterntreue
-eine große Rolle. Den Vater hatte er wenig gesehen: der hatte sich zum
-Kaufmann und Reeder heraufgearbeitet, ungeheuer erwerbstüchtig, ungeheuer
-strebsam, bewußt einseitig, ohne Zeit sich Bildung anzueignen: alles
-das für die Kinder. Die sollten dann alles haben: Bildung, Macht,
-Geld, Glück. Zwei Schwestern von Tomasow verheirateten sich früh und
-ansehnlich. Und er, als Student der Medizin, in jugendlichem Enthusiasmus
-fast in nihilistische Umtriebe verwickelt, voll drängender, unruhiger
-Energie, kam immer wieder ins Dorf zurück, zum Großvater. Wenn er den
-Alten vor sich sah, eisgrau, mit den klugen, beredten Augen unter den
-buschigen Brauen, dann erschien er ihm in seinem Schafspelz wie ein ganz
-Großer, wie ein Fürst oder Gewaltherr. Herr in seiner Hütte, auf seinem
-Felde, Ahnherr eines starken Geschlechts. Dies Dorfbild behielt für
-Tomasow eine sonderbare Poesie --.
-
-Plötzlich blieb er mitten im Hin- und Herschreiten stehn. Er horchte.
-Drüben im Dienerzimmer unterhielt sich Andrian mit Batjuschka. Er pfiff
-ihm russische Weisen vor und erzählte --.
-
-Tomasow beschlich ein leiser Neid. Wenn Andrian seinen Kneifer fallen
-ließ, so war er wieder der Bauer von einst, aller europäische Firniß
-fiel einfach von ihm ab. Wer das ebenso machen könnte, oder aber sich eine
-neue Welt bauen --. Ja, der wäre erst des »Mütterchens« wert --.
-
-Er stand auf und horchte auf das Geplauder und Gezwitscher in der
-Dienerstube.
-
- * * * * *
-
-Ma erwartete zu Hause eine Ueberraschung.
-
-Ihre beiden Mädchen waren soeben heimgekommen. Noch stand die
-Wohnungsthür weit offen, und ein Bauersmann mühte sich eben damit ab,
-einen hohen herrlichen Weihnachtsbaum in der Stube unterzubringen.
-
-Sophie sah die Mutter glückstrahlend an. Es war doch eine gute Idee,
-das mit dem Baum! Es war _ihre_ Idee. Ma hatte ihn sich doch so
-sehr gewünscht, und wenn sie ihr auch erst gestern abend etwas weit
-Großartigeres darbringen wollte, so erleichterte sie dies doch für den
-Augenblick.
-
-Cita stand noch in Mütze und Pelzjacke und lohnte den Mann ab; mitten im
-Wohnzimmer erhob sich jetzt die Tanne und duftete wirklich wie ein ganzer
-Wald. Oben stieß sie sogar ein wenig an die geweißte Decke an, sodaß
-sie ihre höchste Spitze krümmen mußte, von der Seite jedoch breitete sie
-ihre Aeste ebenmäßig und tiefgrün, wie ein schirmendes Dach, über Mas
-Schreibtisch aus.
-
-Sophie hatte sich an das geöffnete Pianino gestellt, das der Baum von der
-andern Seite überschattete, und unter seine Zweige gebückt, suchte sie
-ein paar Accorde eines alten Weihnachtsliedes.
-
-Die Mutter äußerte nichts, bis der Mann hinausgegangen war. Sie sah blaß
-aus, und ihre Augen besaßen etwas so Stilles, so nach innen Gekehrtes im
-Blick.
-
-Endlich sagte sie mit ihrer warmen Stimme: »Dank euch! Ja, dies
-Weihnachtsfest soll uns schön werden, wie nie eins gewesen ist! Wir wollen
-froh sein, wir drei zusammen! Denn es wird hier am Ort unser letztes sein.
-Uebers Jahr feiert auch Sophie es nicht mehr hier. -- Ich dank euch, ihr
-Kinder.«
-
-Sophie, die eine leise Melodie angeschlagen hatte, brach mit einem
-gräßlichen Mißton ab.
-
-Cita, eben im Begriff, ihre Sachen abzulegen, hielt erwartungsvoll inne und
-blickte die Mutter an.
-
-Da ging Marianne zu ihrer Jüngsten hin und nahm sie in die Arme.
-
-»Aber nicht getrennt!« sagte sie bewegt, »-- ich werde mein
-Weihnachtsfest da haben, wo du grade studieren wirst.«
-
-»-- Ach -- Ma!« schrie Sophie auf.
-
-Sie glaubte es noch nicht recht. Mit dunkel gerötetem Gesicht schaute sie
-angstvoll und zugleich strahlend zur Mutter auf und umklammerte ihren Hals.
-
-»-- Ach, Ma --! Ist es denn wirklich wahr --?«
-
-Dieser Augenblick that Marianne doch bitterer weh, als sie jetzt eben beim
-Heimkehren geglaubt hatte. Sie drückte Sophiens leuchtendes Gesicht an
-sich, um nicht den Ausdruck der Freude darin zu sehen.
-
-»Ja, es ist wahr, Herzenskind. Alles Nähere besprechen wir noch ein
-anderes Mal. Auch mit Cita muß ich noch vieles besprechen. So ganz einfach
-ist es nicht. -- Aber die Sache selbst ist entschieden. Nun sollst also
-auch du hinaus, -- gebe Gott, einst zu deinem und deiner Mitmenschen
-Segen.«
-
-Sophie drückte sich fester an sie.
-
-Sie schämte sich schrecklich vor Cita, aber sie weinte dennoch Ströme
-von Thränen in Mas Hals hinein, als ob sie nichts in der Welt je von da
-fortreißen sollte --.
-
-Cita stand mit großen ernsten Augen beiseite. Das Wort, das ihr innerlich
-kam, lautete ganz spontan: »Donnerwetter!« Aber glücklicherweise behielt
-sie es bei sich.
-
-Ein tiefer Respekt prägte sich auf ihrem jungen Gesicht aus.
-
-Plötzlich kam sie auf die Mutter zu, ergriff deren Hand und küßte sie.
-
-»Du bist wahrhaftig der famoseste Kerl unter der Sonne, du herrliche Ma!«
-versicherte sie ganz begeistert.
-
-Marianne lächelte nicht über diese Ehrfurchtsbezeugung; sie überlegte
-auch nicht, ob sie nun nicht gradezu glänzend ihre Autorität behauptet
-und die Initiative ergriffen habe.
-
-Sie hielt ihr weinendes Kind im Arm und bückte ihr Gesicht tief zu ihm
-herab, als lausche sie fast gierig diesen Thränen, -- als redeten
-diese Thränen artikuliert zu ihr -- Süßes, Versöhnendes,
-Beschwichtigendes --.
-
-Dann trocknete sie Sophie, wie einem kleinen Kinde, das nasse Gesicht mit
-ihrem eignen Taschentuch ab.
-
-»Komm,« sagte sie sanft, »es ist doch ein großer Entschluß und daher
-ein großer Tag für dich. Geh hinaus und bring uns eine Flasche Wein. Wir
-wollen auf dein Wohl anstoßen.«
-
-Sophie ging, der Mutter Taschentuch vor die Augen gepreßt, langsam, als
-sei dieser Tag mehr ein schwerer als ein großer für sie.
-
-Cita sah ihr unwillig nach.
-
-Sie bemerkte zur Mutter: »Sophie ist doch noch sehr ein Kind. Hiernach
-muß doch nun ein jeder denken, es ginge zur Schlachtbank. Aber du kannst
-mir glauben, daß sie darauf brennt, zu studieren. Man muß nur erst in ihr
-alles das klären und ordnen.«
-
-Marianne schwieg einen Augenblick.
-
-»-- Bist du es, die diesen Entschluß in ihr zu klären versucht hat?«
-fragte sie dann ruhig.
-
-Cita begegnete ihrem Blick fest und offen.
-
-»Ja, Ma. Sobald mir das selbst klar geworden war. Sie konnte nur nicht den
-Mut finden, dich zu fragen --. Sieh, ich stehe ja so dazu: es ist etwas,
-wofür ich jederzeit kämpfe und eintrete, -- wie denn also nicht, wo es
-die eigne Schwester gilt? Nur mit einem Unterschiede freilich: daß ich in
-diesem Fall nicht nur für die allgemeine Sache einstehe, sondern auch mit
-jedem Blutstropfen für Sophie selbst. Daß ich mich ihrem Leben verbinde,
-ihr helfen, zu ihr halten will jederzeit, -- was auch geschehe.«
-
-Marianne zauderte nur noch einen letzten Augenblick. Dann reichte sie ihrer
-Aeltesten schweigend die Hand.
-
-Sie schauten einander dabei voll in die Augen, wie zwei Freunde, die, wenn
-sie auch nicht auf ganz gleichem Boden kämpfen, es doch in gleichem Sinn
-und für dasselbe höchste Ziel thun.
-
-»Ich stelle Sophie in deine Obhut, -- ich baue auf deine Treue: Höheres
-hab ich dir nicht anzuvertrauen,« sprach Marianne leise; »-- Sophie war
-›sein‹ Liebling -- und ›seinen‹ Blick hat Sophie. Mir ist, als
-ginge noch einmal ›er‹ von mir hinweg, indem sie geht --.«
-
-Cita war sehr blaß.
-
-Ihre Schwester kam mit Rheinwein und Gläsern zurück, entkorkte die
-Flasche und goß ein.
-
-Keiner von den dreien sprach ein Wort, als Marianne ihr Glas erhob und mit
-ihnen anstieß.
-
-Sie küßte ihre blonde Tochter, ihr zarteres Herzenskind, doch that sie es
-heiter und herzhaft, um keinesfalls mehr Thränen aufkommen zu lassen.
-
-Cita unterstützte sie in dieser Absicht nach Möglichkeit, denn es
-verletzte sie fast, daß Sophie heute weinen konnte.
-
-»Eigentlich ist das ja ein Weihnachtsgeschenk, das allergrößte, und
-gleich unter den noch ungeschmückten Baum gelegt!« sagte sie scherzend,
-»-- wie kann man nur seine Gaben so vorweg verschwenden, Ma! Jetzt sollte
-ich von Rechts wegen alle übrigen Geschenke bekommen, denn Sophie hat nun
-an diesem einen vollauf genug.«
-
-»Bis zum Weihnachtsabend hab ich vielleicht noch ein andres Geschenk
-für euch, -- und dann für euch beide!« erwiderte Marianne mit leisem
-Lächeln, und man hörte ihr an, daß sie von einer noch zaghaften, aber
-goldnen Hoffnung sprach.
-
-»Noch ein andres? Noch ein schöneres? Nein, denn das gibt es ja gar nicht
-mehr auf der Welt. Nicht wahr, Sophie?«
-
-Sophie schüttelte energisch den Kopf, ihre geröteten Augen strahlten
-jetzt doch.
-
-»Also dies einzig ist das Schönste für sie, Besseres gibt es nicht!«
-dachte Marianne still, einen Augenblick lang weh berührt, doch an der
-verschwiegnen Hoffnung, die sie hegte, hob sich ihr Mut wieder. Diese
-Stunde sollte eine freudige sein, und sie wurde es. So vieles drängte
-sich zur Aussprache, den beiden Mädchen wurde es in diesen Minuten erst
-bewußt, daß sie in mancherlei Heimlichkeiten gelebt hätten die Zeit
-über, -- und daß es köstlich sei und an sich schon ein Fest, keinerlei
-Heimlichkeiten mehr zu kennen, Mas Blick und Lächeln gegenüber.
-
-Und allgemach lenkte Marianne das Gespräch in immer ruhigere Bahnen. Sie
-saßen eng zusammengerückt bei der halbgeleerten Flasche, und während
-sie die praktische Seite der Frage näher erörterten, scherzten sie schon
-wieder.
-
-Endlich stand Marianne auf. Es war fast halb sechs geworden.
-
-»Jetzt möchte ich hineingehn und ein wenig ruhen, ihr beiden
-Taugenichtse. Diese Nacht war nicht gut für mich. Und morgen ist kein
-Sonntag mehr --. Aber von da an nehmen die Stunden endlich reißend ab. --
-Bis wir um halb sieben essen, bin ich wieder da. Sollte nun noch inzwischen
-ein Sonntagsgast kommen, so bestrickt ihn mit so viel Liebenswürdigkeit,
-als ihr wollt, mich jedoch soll er auf alle Fälle in Frieden lassen.«
-
-An der Thür wendete sie sich noch einmal nach den Mädchen um und nickte
-ihnen zu. Sie sah ihre leuchtenden zutraulichen Augen, und ein warmes
-Dankgefühl kam über sie, als fiele langsam von ihren Schultern eine Last,
-unter der gebückt sie gegangen war: -- wieder lagen jetzt die Herzen ihrer
-Kinder offen und ihr zu eigen vor ihr da, wie ihre blühenden Gärten. --
-
-Nur ein Sonntagsgast schellte ein wenig später. Es war Tomasow.
-
-Marianne hatte gewußt, daß er noch kurz vorsprechen wollte, indessen
-hatte sie selbst ihn in diesen Stunden vollständig vergessen.
-
-Die beiden Mädchen erzählten ihm wörtlich den Auftrag der Mutter, falls
-jemand zu Besuch käme. Er mußte lachen --, nun wußte er genug.
-
-Was etwa noch fehlte, ergänzte ihm ein einziger Blick auf die Schwestern.
-Sophies Gesicht war noch voll roter Thränenspuren. Cita war blaß und die
-dunkeln Augen brannten ihr.
-
-»Nun, das hier scheint mir ja schon mehr ein Bacchanal gewesen zu sein!«
-bemerkte Tomasow, als er ins Wohnzimmer kam, wo noch die leeren Gläser
-standen.
-
-Sophie fuhr es heraus: »Ja --! Denn ich soll nun Cita ins Ausland folgen
-und von Ostern ab Medizin studieren!«
-
-Sie kam aus der Küche, die weiße Schürze schief umgebunden; heute konnte
-man wohl einige Bedenken wegen ihrer Beaufsichtigung des Mittagmahles
-hegen.
-
-Tomasow sprach das nicht aus; er sagte nur: »-- So, so. -- Nun, und Ma, --
-was sagt denn die dazu?«
-
-»Ma ist es ja grade, die es selbst vorgeschlagen hat,« erklärte Cita.
-
-»So. -- Nun, und wo wird denn Sophie diese große That thun?«
-
-Sophie rief: »Aber natürlich in Berlin!«
-
-»Natürlich da, wo ich mit ihr zusammen sein kann,« meinte Cita.
-
-»Nein, Cita, das kannst du so doch nicht sagen. Deshalb allein doch wohl
-nicht,« verbesserte Sophie einschränkend.
-
-Tomasow hatte sich im Schaukelstuhl niedergelassen.
-
-Er nahm seinen Kneifer aus der Seitentasche, rieb ihn mit einer Ecke des
-bastseidenen Taschentuches klar und setzte ihn auf seine etwas stumpfe
-Nase. Dann blickte er den beiden sichtlich noch ganz aufgeregten Mädchen
-nacheinander prüfend ins Gesicht.
-
-»Eine kleinere Universitätsstadt, -- eine solche natürlich mit gut
-bestellter medizinischer Fakultät, -- wäre für den Beginn ebenfalls
-nicht übel!« bemerkte er langsam.
-
-»Ach nein!« rief Sophie unwillig und ergriff ihn am Aermel, »-- daß
-Sie sich nicht etwa unterstehn, Doktor Tomasow, unsrer Ma dergleichen
-einzublasen!«
-
-»Aber Sophie, du benimmst dich rein wie ein Kind!« tadelte Cita, von der
-zwanglosen Intimität dieser Worte unangenehm berührt.
-
-»Mir scheint hiernach aber doch,« nahm Tomasow sehr gelassen das Wort,
-»daß Sophie nur mit löblicher Offenherzigkeit ihres Herzens Meinung, --
-und auch Ihres Herzens Meinung, Cita! -- kundgibt. Mir scheint, daß bei
-Ihnen die Wahl des Ortes fast eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die
-soeben erst eingeholte Erlaubnis zum Studium selbst, -- hab ich nicht
-recht?«
-
-Sophie errötete und wollte widersprechen. Aber Cita setzte sich Tomasow
-gegenüber seitwärts auf einen Stuhl, schlang den Arm um die Lehne und
-bemerkte eifrig: »So kindisch ist es nicht zu nehmen, wie es bei Sophie
-leicht aussieht. Allerdings freut sie sich darauf, -- und ich für sie!
--- daß sie auch außerhalb des Studiums am Leben teilnehmen wird. Aber
-selbstverständlich nicht etwa an seichten Vergnügungen! Nicht um irgend
-welcher Genüsse willen, die eine große Stadt naturgemäß reicher
-bietet, --.« Citas Lippen kräuselten sich bei dieser Erwähnung fast so
-verächtlich, wie die einer jungen Nonne, die im Kloster vom Weltverzicht
-spricht.
-
-Im »Spalt« nebenan, wohin Sophie eben verschwunden war, um einiges
-Geschirr für die Küche zurechtzustellen, hörte man es beängstigend laut
-klirren.
-
-»-- Sondern --?« forderte Tomasow Cita zum Weitersprechen auf. Der
-Kneifer saß ihm noch immer auf der Nase. Eigentlich hatte sie wenig Lust,
-weiterzusprechen. Sie fand ihn heute ganz merkwürdig arrogant aussehend.
-
-»-- Sondern um teilzunehmen am Leben der heutigen strebenden Frauenwelt,
--- an dieser ganzen Bewegung,« sagte sie dennoch. »Sophie wird sich bald,
-so wie ich es thue, innerlich eins damit fühlen, daran emporwachsen --«
-
-»-- Jedenfalls hat es etwas Begeisterndes!« fiel Sophie ein, die es
-doch nicht aushielt, im Hintergrunde zu bleiben. Sie hatte das Geschirr
-niedergesetzt und trat wieder zu ihnen. Sie fand, daß man ganz über sie
-hinwegspräche, während es sich doch ausschließlich um ihre eigenste
-Angelegenheit handelte. Auch sie wollte sich Luft machen und mit ihrer
-Ueberzeugung herausrücken.
-
-So fuhr sie lebhaft fort: »Es ist doch etwas ganz andres, ob man so vor
-sich hin studiert und nur ganz egoistisch an die eigne Zukunft denkt, --
-oder ob man mit allen zusammen diesen neuen großen Zielen entgegengeht.
--- -- Es hat etwas Begeisterndes!« wiederholte sie mit einer inbrünstigen
-Betonung, die darüber hinweghelfen sollte, daß ihr gar nichts weiter
-einfiel.
-
-Sie stand neben Tomasows Stuhl, sodaß er zu ihr hinaufsehen mußte. Wie
-sie diese Worte mit so viel Wärme sprach und dabei so zart und lieblich
-dastand, flog ein Ausdruck durch seine Augen, der Cita frappierte, obwohl
-sie ihn nicht verstand. Arrogant nahm er sich jedenfalls nicht mehr aus.
-
-Tomasow nickte vor sich hin und bemerkte, indem er den Kneifer fallen
-ließ: »Ja ja, es ist schon so. Studieren oder nicht, -- das ist gar nicht
-mehr allein die Frage. Sondern damit bildet sich zugleich ein neuer Typus
-der Frauen heraus, -- ja, gewissermaßen ein neuer Typus, man muß es wohl
-so nennen. Damit, daß eine studiert hat, ist es nicht mehr abgethan.«
-
-»Sehr richtig! Man muß das nur erst allerseits einsehen lernen!«
-bestätigte Cita billigend, während ihre Schwester mit einem
-unterdrückten Seufzer in die Küche abging, obwohl sie sich weit lieber an
-dieser interessanten Diskussion beteiligt hätte.
-
-»Sind Sie nun eigentlich für oder gegen den neuen Typus -- so im Grunde
-Ihrer Seele, Doktor Tomasow? Farbe bekennen!« fügte Cita lächelnd hinzu.
-
-Jetzt waren seine Augen wieder voller Spott.
-
-Er verneigte sich, das Lächeln zurückgebend, ironisch vor dem jungen
-Mädchen.
-
-»Werde die Ehre haben, mich zu entscheiden, sobald Sie mir das erste
-vollzählige Regiment neuer Musterexemplare vorführen! -- -- Einstweilen,
--- Sie wissen: wer neue Wege sucht, muß sich drauf gefaßt machen, unter
-Umständen mit zerfetzten Kleidern und einigen dicken Beulen und Schrammen
-aus dem Dickicht wieder aufzutauchen, -- -- was einem Frauengesicht --«
-
-»-- Davor fürchten wir uns nicht, Doktor Tomasow!« unterbrach ihn Cita
-etwas scharf, einen feinen Hochmut um die Lippen.
-
-»Nein, -- wie ich sehe!« versetzte er, und wieder glitt der Ausdruck von
-vorhin durch seine Augen, »-- auch befürchte ich selbst für euch beide
-jetzt noch kaum sehr viel. Nein, für euch beide minder als für manche
-andre. Denn möglicherweise seid ihr bis zu gewissem Grade -- gefeit. --
-Obschon keinesfalls durch euer eignes Verdienst,« fügte Tomasow hinzu,
-indem er sich aus dem Schaukelstuhl erhob. »Ich muß nun gehn. Meinen
-Gruß eurer Mutter und der kleinen zukünftigen Kollegin.«
-
-»Gefeit, und nicht durch eignes Verdienst?!« wiederholte Cita erstaunt
-und entrüstet. Auch sie stand auf und trat mit ihm hinaus auf den Vorflur;
-»-- das wäre wirklich das Aeußerste. Wenn wir einmal durch eigne Kraft
-etwas Tüchtiges geworden sind, werden Sie uns auch noch das Verdienst
-daran abstreiten --! Ich möchte wissen, wer dies Verdienst -- --«
-
-Sie vollendete nicht, weil sich grade die Thür zu Mariannens Schlafzimmer
-öffnete, und diese in den Gang hinaustrat, wo ihr Sophie von der Küche
-her entgegenlief.
-
-»Das Essen ist gleich fertig!« rief Sophie erhitzt.
-
-Marianne kam auf den Gast zu.
-
-Tomasow, der schon im Pelz, zum Fortgehn bereit, dastand, blickte Cita
-schweigend an.
-
-Und plötzlich verstand sie, was er meinte, -- wen er meinte --. Ihre
-Entrüstung hielt nicht stand, fast gegen ihren Willen kam Demut in ihre
-Augen, als sie dem Ehrfurchtheischenden in seinen Augen begegnete.
-Denn dieser Blick hatte fast etwas Gebieterisches, etwas, was sich ihr
-eindrücken, einprägen wollte, wie eine Stimme, die deutlich sprach: »Ihr
-seid die Kleinen, die eine Große großmütig auf ihre Schultern hebt.
-Eine, die ihre Schultern beugt, damit sie euch tragen kann. Ich weiß das:
-ich habe geholfen, euch da hinaufzuheben. Nun seht ihr euch die Welt von da
-oben an!«
-
-»Was, Sie wollen schon gehn?!« fragte Marianne und gab ihm die Hand.
-
-»Ja, ich muß gehn. Und Sie, lassen Sie gefälligst die Suppe auf dem
-Tisch nicht kalt werden, -- nach meiner Berechnung hat sie heute dem
-jüngsten Fräulein Tochter arge Mühe gekostet. -- -- Froh bin ich, Sie
-noch zu sehen. Sie sind aber auch eine entsetzliche Langschläferin, meine
-Gnädige.«
-
-»Ja, ich habe wirklich geschlafen!« sagte Marianne.
-
-Sie stand lächelnd, mit schlafroten Wangen, wie ein eben aufgewachtes
-Kind, und mit blinzelnden Augen da, denen das Lampenlicht noch weh that.
-
-An jeder Seite hing ihr jetzt eine Tochter. Sophie hatte ihr einen Arm
-um die Hüfte geschlungen und sich an sie geschmiegt, sodaß sie nicht
-vorwärts gehn konnte. Cita schob ihre Hand leise in den Arm der Mutter.
-
-Marianne stand da und strahlte in einer so warmen und innigen Schönheit,
-daß Tomasow ganz betroffen davon war.
-
-»-- Sie ist ja doch die tausendmal Jüngste von allen dreien, -- die
-tausendmal Anfänglichere --; sie ist wie das Leben an der Wurzel selbst
-und am unversieglichen Anfang --!« dachte er wie berauscht, als er die
-Treppe hinabstieg.
-
-Ganz langsam trat er den Heimweg an.
-
-Ein eigenartiges Triumphgefühl mischte sich in sein Entzücken über
-Marianne, -- eine feine Sensation, wie sie ihm nur durch ihr Wesen
-vermittelt wurde. Das kam von dem ausschlaggebenden Anteil, den seine
-Bestimmungen an allen ihren wichtigen Entschlüssen zu haben pflegten. Was
-sie so schön und sieghaft aussehen ließ, führte stets irgendwo auf einen
-Einfluß, ein Zureden, einen Rat von ihm zurück: und bei ihrer ganzen Art,
-so tief und inbrünstig zu leben, lag in dieser Mitarbeit daran etwas, was
-seinen Ehrgeiz wunderlich erregte.
-
-Mochte er auch in seinem persönlichen Dasein enttäuscht oder
-gleichgültig geworden sein in hundert Punkten, -- in diesem einen Punkt
-fühlte er um viele Jahre jünger, in diesem einen Punkt bekam seine
-Energie wertvollen Spielraum und großen Stil.
-
-Als sich Tomasow schon seinem Hause näherte, blieb er zögernd stehn. Er
-bog in eine hügelige Seitenstraße und schritt sie langsam hinauf, bis
-ihm die kleinen erhellten Fenster des Stifts für unbemittelte Frauen
-entgegenblinkten.
-
-An den Zaun gelehnt, schaute er nach dem Erdgeschoß hinüber, dann trat
-er an das Mittelgebäude heran und klopfte mit seinem Stock leicht an das
-Fenster von Wera Petrownas Stube, wo kein Licht brannte.
-
-Das Klopfen wurde sofort von innen erwidert, und als er dann durch den
-Hausflur ging, wurde auch schon die Zimmerthür geöffnet.
-
-Wera Petrowna war eifrig damit beschäftigt, die Lampe anzuzünden, sie
-sagte vor aller Begrüßung, indem sie eilig ein Streichholz anstrich,
-abwehrend: »-- Ja, ich weiß, -- ich weiß schon: ich soll nicht abends
-im Dunkeln dasitzen, um den Tropfen Petroleum zu sparen, und vorzeitig
-einzunicken auf dem alten Sofa, und dann nachts nicht zu schlafen --.
--- -- Aber ich bin wirklich eben erst nach Hause gekommen, -- und, der
-Abwechslung halber, -- -- es denkt sich so gut im Dunkeln.«
-
-Sie setzte die Glaskuppel auf die Lampe, deren schwerer Fuß und
-vorzügliches Brennwerk aus bessern Zeiten stammten, und schob sie in die
-Mitte des Tisches vor das geblümte Sofa.
-
-»Unverbesserlich!« bemerkte Tomasow.
-
-»Herrlich, daß Sie mal kommen! Seit einer Woche freu ich mich schon von
-Tag zu Tag, --« lenkte sie ab und ging geschäftig zu der Kommode, wo das
-Schachbrett nebst Figurenkasten immer bereit stand.
-
-Sie griff nach dem Brett und schaute Tomasow fragend und bittend an.
-
-»-- Sie mögen doch --?«
-
-Er nahm ihr Brett und Kasten ab, trug beides auf den Tisch und rückte
-einen Stuhl heran.
-
-Aber anstatt die Figuren aufzustellen, setzte er sich nur hin, stützte
-den Kopf in die Hand und blickte zerstreut in das geöffnete Kästchen, als
-müsse er raten, was darin sei.
-
-Wera Petrowna hatte sich ihm gegenüber auf das Sofa niedergelassen und sah
-erwartungsvoll zu. Als nichts weiter kam, schüttelte sie den Kopf.
-
-»Schlechter Laune!« konstatierte sie erbarmungslos.
-
-Dabei schob sie ihm aufmunternd die Zigarettenschachtel hin. Die Zigaretten
-ihres Neffen waren gar nicht zu verachten.
-
-»Von wo kommen Sie denn? Hat vielleicht irgend ein Patient Ihnen den Kopf
-beschwert?«
-
-»Nein. Ich komme jetzt eben von Frau Marianne.«
-
-»Ach so -- --, am Ende -- -- selbst Patient --?«
-
-Tomasow schaute zu ihr hinüber und runzelte merklich die Stirn.
-
-Die Alte setzte ihr allerharmlosestes Gesicht auf.
-
-»Nun, nichts für ungut. Mit bejahrten schwatzhaften Personen muß man
-Nachsicht üben, lieber Tomasow. -- -- Und wir Frauen sind nun mal so
-veranlagt, daß es uns immer nur von der Liebe zu singen und zu sagen
-drängt.«
-
-Er mußte unwillkürlich lächeln, Wera Petrownas Worte und ihr Aeußeres
-bildeten einen zu heitern Kontrast. Mit ihrem alten energischen Gesicht
-und im fadenscheinigen weiten schwarzen Gewande, -- dem ziemlich traurigen
-Produkt eigner Schneiderkunst, -- in dem sie zu Hause umherging wie in
-einem Talar, sah sie einem herabgekommenen russischen Popen um vieles
-ähnlicher als einer Frau.
-
-Vorhin, in der Eile, von seinem Besuch überrascht, hatte sie vergessen,
-ihre Alltagshaube aufzustülpen; der Ofenhitze wegen, die nichts zu
-wünschen übrig ließ, bedeckte sie ihr dünnes Haar am liebsten gar
-nicht, das, wie unter einem durchsichtigen Schleier, überall schon die
-Kopfhaut hell durchscheinen ließ und ihr jetzt hinten in traurigen kleinen
-Strähnen lose in den starken Nacken hing.
-
-»Warum haben Sie eigentlich nicht geheiratet?« fragte Wera Petrowna
-plötzlich. Sie war aufgestanden, langte sich mit ausgestrecktem Arm ihre
-alte Tüllhaube von einem Nebentisch und that sie auf ihren Kopf wie eine
-Krone; »-- schon längst hätten Sie das vollbringen können, -- selbst im
-Auslande --«
-
-»Einer Ausländerin würde es hier nicht behagt haben,« bemerkte Tomasow,
-eine Zigarette anzündend.
-
-»Aha, -- also gegeben hat es dort doch eine!« bemerkte sie mit weiblicher
-Logik und ließ sich auf ihren vorigen Platz nieder, -- »nun, und hier --?
--- Auch hier wüßte ich mehr als ein Genre, das ganz gut für Sie gepaßt
-hätte.«
-
-Wera Petrowna musterte dabei ihr Gegenüber mit hellen, etwas ironischen
-Augen sorgfältig prüfend, während sie den Rauch ihrer Zigarette in
-langen Ringeln von sich stieß. »-- Ein Mann wie Sie --? Was wird denn
-den am heftigsten angezogen haben --,« sagte sie nachdenklich; »-- nichts
-Naives natürlich, -- etwas Pikantes. Möglicherweise irgend ein Typus
-der Frauen mit den Verführungskünsten --, die Frau als die große
-Verführerin und Lehrmeisterin auf schweres Lehrgeld, -- möglicherweise
-überhaupt ein Leben, das mehr verführt als befriedigt -- --. Wenn ich Sie
-mir so anschaue --«
-
-»Ach, lieber Himmel, vor hundert Jahren vielleicht?« unterbrach er sie
-halb ärgerlich, halb belustigt.
-
-Wera Petrowna griff resolut in das Kästchen und begann an Tomasows Statt,
-die Figuren auf dem Brett aufzustellen.
-
-»Nun ja, das ist wahr: jetzt sind Sie bequem geworden,« gab sie zu,
-»-- und ich will auch nichts Indiskretes ausplaudern über das, was mir
-allerlei kleine Fältchen um Ihren Mund da und um Ihre Augen bereitwillig
-zu verstehn geben. -- -- Aber: nun zum Beispiel eine Ehe mit einer
-Mustergattin, -- dafür ist mitunter grade das russische Mädchen ein
-Prachtexemplar: liebevoll, heiter, nachgiebig, voll Tüchtigkeit und
-Tapferkeit --«
-
-Tomasow nickte anerkennend.
-
-»Schätze ich auch ungemein,« bestätigte er kurz.
-
-»Und man sollte doch meinen, jemand wie Sie, der ganz gern herrscht, der
-müßte doch auch gern endlich sein eignes Haus um sich bauen, -- sein
-Leben breit ausbauen mit so einer russischen Frau -- von jener Sorte, der
-noch der Mann das Schicksal ist, das sie liebt, und dem sie gehorcht --«
-
-»Ein schönes Glück!« bemerkte Tomasow spöttisch, »sein eignes Leben
-mit allen Unzulänglichkeiten und Defekten so festgenagelt zu sehen rund
-um sich, -- ein Wesen darin mit einer Miene umhergehn zu sehen, als sei das
-nun wirklich das Paradies --. Nein, für den Reiz danke ich. Ich danke für
-die kleine Art der Männertyrannei. Leicht genug zu herrschen, wo nichts zu
-beherrschen ist. Wozu?«
-
-»Sieh da! Sie können sich sogar selbst verspotten,« entgegnete die Alte
-beifällig. »Das wirft mir ein ganz neues Licht auf Sie. Da begreif ich
-zum Beispiel schon besser, daß Sie mal, in Ihrer Jugend Blüte, für eins
-von den kleinen heldenmütigen Mädchen geschwärmt haben, die hier und
-da aus lauter edelm Fanatismus in unsre entlegensten und verarmtesten
-Provinzen als Lehrerinnen abgehn. Wie sah die aus? Mager, sehr mager,
-blaß, mit großen enthusiastischen Augen --? -- -- Aber geheiratet haben
-Sie das kleine Mädchen doch nicht --.«
-
-»Möchten Sie nicht vielleicht Ihre diesbezüglichen Meinungen lieber für
-sich behalten?« meinte Tomasow grob, aber er lächelte.
-
-»Wenn es Ihnen besser behagt, -- warum denn nicht?« sagte die Alte
-seelenruhig, »-- ich spiele ja viel lieber Schach. -- -- Aber das
-reine Wohlwollen treibt mich -- --, -- es ist wirklich merkwürdig, wie
-reichhaltig Sie sind, ich kann mir so ganz verschiedenartige Frauen recht
-gut neben Ihnen vorstellen --. Ist das nun Reichtum, oder -- oder ist
-irgend etwas nicht recht zum einheitlichen Ende gekommen --? -- -- Also
-spielen wir?«
-
-Sie fingen endlich damit an, wie jedesmal, wenn Tomasow herkam. Erst mußte
-die Redelust der Alten ein wenig ausschäumen.
-
-Wera Petrowna blieb indessen zerstreut. Sie machte Fehler auf Fehler.
-Zuletzt lachte sie kurz auf, sodaß sich die Oberlippe von den
-Vorderzähnen fast höhnisch hob, und äußerte ohne rechten Grund: »Die
-Zeiten ändern sich. Der Heldenmut auch. Jetzt ziehen es die kleinen
-Mädchen manchmal vor, ihre Mutter zu verlassen, um irgendwo in allem
-Behagen und mit viel männlichem Selbstbewußtsein zu studieren. So wie
-Marianne ihre -- --. Ein Glück noch, daß Sophie --«
-
-»-- Sophie geht ebenfalls. Um Ostern. Heute hat Frau Marianne
-eingewilligt,« sagte Tomasow.
-
-Wera Petrowna starrte ihn erst ungläubig an. Wie mit einem Schlage
-verschwand aus ihren Zügen alles Ironische und der spielende Spott und das
-versteckte Lachen. Schrecken und ein fast ehrfürchtiges Erstaunen stritten
-in ihrem lebhaften alten Gesicht um die Herrschaft.
-
-Sie schlug laut die Hände ineinander.
-
-»O du grundgütiges Seelentäubchen, meine einzige Marinka --! Was das sie
-kostet --! Und das sagen Sie mir erst jetzt, Sie Eisbär, Sie Feuerländer,
-Sie -- Sie -- --. Was das sie kostet --!« Sie hielt inne und starrte ihn
-wieder an. Man konnte deutlich sehen, wie angestrengt und durchdringend
-hinter ihrer Stirn und ihrem sich sammelnden Blick hundert Gedanken
-auftauchten. »Die Kinder fort!« sagte sie langsam, »-- beide Kinder, --
-das ist ein ganz neues Leben, ein ganz zerbrochenes Weitervegetieren
-für sie oder -- --. Es ist eine vollkommne Einsamkeit, Vereinsamung, --
-oder -- --? -- Marianne ist noch jung, -- sie ist noch immer jung --«
-
-Tomasow, der unwillkürlich niedergeblickt und mechanisch mit dem Deckel
-der Zigarettenschachtel gespielt hatte, hob den Blick.
-
-Eine kurze Pause lang schauten sie einander schweigend in die Augen, einer
-des andern Gedanken enträtselnd --.
-
-Wera Petrowna rief plötzlich in fast klagendem Ton: »-- Ach Tomasow, wer
-verdient denn das aber, so viel Glück, wie diese Frau noch geben könnte,
--- was für ein Mannsbild verdient denn das --?«
-
-Er wollte etwas erwidern, aber sie unterbrach ihn gereizt: »Nein,
-schweigen Sie nur! Es ist schon so, -- ich weiß, ich weiß!« beharrte sie
-fast giftig.
-
-Und plötzlich stand sie auf und fuhr mit der Hand durch die Figuren, daß
-sie alle umfielen.
-
-»Es muß schon so sein! Die Jugend muß wohl immer erst heraus aus einem
-Menschen, -- da hilft nichts!« murmelte sie ergrimmt, und sie fing an, an
-ihrem Stock auf und ab zu gehn. Das Sitzen hielt sie nicht mehr aus.
-
-Tomasow schob das Brett zurück und rauchte schweigend. Gegen die
-Sonderbarkeiten der Alten war er nachsichtig. Und viel lieber, als zu
-spielen, hing er jetzt seinen Gedanken nach.
-
-Da hörte er sie sagen, ganz in Zorn: »-- Ist es nicht wie eine
-Löwengrube, -- so ein Menschenleben --? Man muß doch immer wieder hinein,
--- immer wieder hinein --. Und was hat diese Frau nicht angesammelt in
-all den langen Jahren, -- all die unausgegebene Fülle -- --. Es ist sogar
-einerlei im Grunde: ob sie noch einmal neu anfängt mit dem Leben, oder ob
-sie einsam bleibt, -- diese ganze Fülle, die ganze Inbrunst reißt sie
-ja doch notwendig in die tausend Lebenskämpfe, wie unter brüllende
-Tiere --«
-
-Nach einer Weile fuhr sie grollend fort: -- »Da ist nun Sophie, -- nun
-viel ist sie noch gar nicht, -- aber was bedeutet so ein Mensch mitunter
-nicht alles für seinen Mitmenschen! Daß sie bei ihr war, glich für
-Marianne alles aus, -- sänftigte das ganze Leben --. Manchmal genügt so
-wenig, -- so ein bißchen Menschennähe, um gar nicht zu merken, wie
-viel man noch in sich herumträgt, -- wie vieles man noch unter Schmerzen
-entladen soll. -- Erst wenn diese sänftigende Schutzdecke davon abgerissen
-wird, -- plötzlich steht man da wieder hart am Rande, -- ganz hart
-am Absturz -- mitten in alle Untiefen von neuem hinein -- unerbittlich
-hinein!« Wera Petrowna holte sich in ihrer Erregung die Haube vom Kopf
-herunter und lief fast auf und ab. »Gott meint es erst gut mit denen, die
-es hinter sich haben, -- hinter sich. -- -- Arme Marinka!«
-
-Tomasow saß zurückgelehnt, mit dem Rücken nach ihr. Er vernahm wohl
-ihre Worte, aber gleichzeitig umfingen ihn andre, weit weniger düstere
-Bilder --. Und auch sie scharten sich um dieselbe Erwägung, wie um ein
-Leitmotiv dazu: »-- Marianne ist noch immer jung --«
-
-Die Alte hinter ihm im Zimmer war still geworden. Auch ihr Stock berührte
-nicht mehr, im Takt aufschlagend, den Fußboden.
-
-Tomasow empfand spontan, wie starkes Erleben und Erkennen hinter ihrer
-gewohnten Alltagsironie stehn, -- wie tief sie selbst in die Löwengrube
-hinabgestiegen sein mochte, -- und daß sie von dort herausgekommen war mit
-einem Herzen, das ganz wund war von zartem Mitleid und verstehender Furcht
-für andre --.
-
-Er wandte sich zu ihr um. Sie saß im Stuhl am Fenster. Die Haube hielt sie
-noch wie einen wunderlichen dunkeln Knäuel in der Hand.
-
-Und sonderbar hob sich dieser nackte Kopf von der hellen unfeinen Tapete
-des Zimmers ab, -- wie durchaus nicht hergehörig in diese banale Stube,
--- wie nicht einem Mann und nicht einer Frau zugehörig, -- vielmehr einem
-geheimnisvollen Wesen oder Unwesen, das nun dasitzt in den Wohnungen der
-Menschen, um dunkle Dinge zu weissagen --.
-
-Ganz unbeweglich saß sie da. Und ihm wurde es fast unheimlich, so auf
-sie hinzuschauen. -- -- Als müßte er schnell, jetzt gleich, irgend einen
-Bannspruch, irgend einen Wahrspruch finden, -- der ihre finstern Gedanken,
--- der den Lebensgedanken selbst -- in Freude löste. -- -- Oder als würde
-sie sich selbst langsam erheben, unmenschlich groß, und etwas Unerhörtes,
-Unüberwindliches sagen --.
-
--- In solcher Stimmung hört man als Kind Märchen erzählen -- --.
-
-Tomasow erhob sich und trat zu ihr hin ans Fenster.
-
-Da blickte Wera Petrowna auf. Sie sah auf mit dem welken, freundlichen
-Antlitz einer alten Frau, die sich Sorgen macht.
-
-»-- Arme Marinka --!« sagte sie nur mit einer schwachen, bekümmerten
-Stimme.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-=IV.=
-
-
-»-- Also: Schluß für vierzehn Tage. Junge, klapp die Bücher zu und freu
-dich!« sagte Marianne zu ihrem Neffen nach Beendigung der französischen
-Montagskonversation.
-
-Sie saßen schon bei der Lampe im Lernzimmer der ältern Kinder. Nikolai
-hatte beide Ellbogen aufgestützt und schob trübselig seine etwas breit
-geratene Unterlippe vor.
-
-»Freu mich gar nicht. Aber auch nicht die Spur!« versicherte er; »worauf
-denn? Eine Menge Familientage, schrecklich lange Mittagessen, -- und zu
-Hause sitzen --. Ob man sich schließlich in der Schule ducken muß oder zu
-Hause -- --. Mußt du denn schon gehn?«
-
-Marianne war heute so besonders angenehm gewesen, fast so lustig wie ein
-guter Schulkamerad, daher paßte es ihm nicht, daß sie schon ging.
-
-»Du hast doch eine Menge Vergnügen in deinen Ferien! Ein undankbarer
-Junge, nicht wahr, Inotschka?« meinte Marianne.
-
-Inotschka beugte sich über ihre Weihnachtsstickerei, die ihr heute
-wirklich Eingang zu der Montagsstunde verschafft hatte. An diesen Tagen
-heimlicher Arbeit ging vieles ungerügt durch.
-
-»Ach, was weiß denn Ina! Ein Mädchen! Gut ist es doch nicht eher, als
-bis man groß ist und ein selbständiger Mann,« konstatierte Nikolai,
-griff verdrießlich nach seinen Büchern und verließ das Zimmer.
-
-Inotschka antwortete ganz still: »Nein, so darf man nicht sprechen. Die
-Eltern bereiten uns so viel Freude, wie sie nur können. Wir müssen ihnen
-sehr dankbar sein.«
-
-Dann sah sie jedoch sehnsüchtig zu Marianne hin und fügte in ganz anderm,
-drängendem Tone hinzu: »Warum ist es nur so, daß ihr diesmal nicht
-mit uns Weihnachten feiert? Ach, thus doch! Weißt du noch: voriges
-Jahr -- --!«
-
-Marianne, die schon aufgestanden war, strich mit der Hand Inotschka über
-das weiche Haar, dessen feinen seidigen Strähnen man die Fülle, die sie
-enthielten, kaum ansah. Es lockte sie immer heimlich, dies feine Haar zu
-lösen und ganz anders zu ordnen.
-
-»Das war ja nur ein Zufall voriges Jahr! Du mußt dich nicht so danach
-sehnen,« sagte sie sanft. »Sieh mal: ist es denn nicht überhaupt ein
-Zufall, daß ich hier in eurer Nähe lebe? Wie leicht hätte es so kommen
-können, daß ich im Auslande blieb. -- -- Und vielleicht -- -- vielleicht
-kommt es noch dazu, Inotschka.«
-
-Die Kleine hatte ihre Stickerei auf den Tisch geworfen. Sie schaute mit
-erschrockenen Augen empor.
-
-»Das -- das hab ich gefühlt --!« entfuhr es ihr heftig.
-
-»Aber nein! Sei nur ruhig, meine kleine Ina, -- heute und morgen ist noch
-alles beim alten. -- -- Und übermorgen, im Handumdrehen, -- da ist aus der
-Ina schon ein großes, vernünftiges Mädchen geworden!« beschwichtigte
-Marianne sie tröstend.
-
-Aber Ina war aufgesprungen. Sie hing sich Marianne an den Hals und brach
-hilflos in Thränen aus.
-
-»Ich werde nicht groß! Ich werde nicht vernünftig! Alle Vernünftigen
-sind so gräßlich. Laß mich doch klein bleiben! Laß mich bei dir
-bleiben!«
-
-Marianne blieb ganz stumm. Sie schlang nur ihre Arme um sie und küßte sie
-auf das Haar und auf die weinenden Augen. Dann, nach Minuten schweigender
-Liebkosung, beugte sie den Kopf tief zu Inotschka nieder und flüsterte ihr
-ins kleine heiße Ohr: »Sei still, mein Herz, ich komme jetzt oft und oft
-zu dir, -- so oft du mich nur wirst haben wollen --.«
-
-Ina ließ sie los und blickte ungläubig auf. »Wirklich?! Sagst du es auch
-nicht nur so?«
-
-»Nein. Ich sage es nicht nur so. Ich werde Mama um die Erlaubnis bitten,
-recht oft kommen zu dürfen, um mit dir zusammen zu sein.«
-
-»Und glaubst du, daß -- --, meinst du, Mama wird erlauben, daß du
-so wirklich zu mir kommst -- --? Denn wenn ich mit den Großen dabei
-zusammensitzen soll -- --«
-
-Marianne setzte sich auf Inas Stuhl und zog sie wie ein kleines Kind zu
-sich auf die Kniee.
-
-»Mama erlaubt alles, was geeignet ist, dich froh und glücklich zu
-machen,« entgegnete sie zuversichtlich, und als sie Inas schüchterne
-Augen voll Zweifel auf sich gerichtet sah, fügte sie ernst hinzu: »Du
-denkst mit Unrecht, deine Mama enthielte dir dies oder jenes vor, und du
-wirst scheu, weil du meinst, vor verschlossnen Thüren zu stehn. Aber sie
-gehn noch alle auf, mein Liebling. -- -- Siehst du, davon und von vielem
-andern will ich dir erzählen, wenn wir so bei einander sind, wie jetzt.«
-
-»Willst du mir von Mama erzählen, wenn du bei mir bist?« fragte Ina
-stockend und sah sie unsicher an.
-
-Marianne streichelte sie mit einem feinen Lächeln voll Güte.
-
-»Von uns Mamas überhaupt. Denn, weißt du wohl, wer das ist? Eine Mama,
-das ist jemand, der gewaltig reich geworden ist durch das Verlangen, recht
-viel zum Verschenken an seine Kinder zu haben. Aber die Kinder sind erst
-ganz klein, und dann jedes Jahr nur ein bißchen größer, und es dauert
-lange, bis sie ganz groß sind, sodaß sie wirklich alle die reichen
-Geschenke benutzen können. Daher muß Stück für Stück in festen Truhen
-verwahrt bleiben, und wenn die Mama aufschließt und nachschaut, was sich
-für ihre Lieblinge wohl schon eignet, dann darf sie sich doch nichts
-merken lassen von der Bescherung, für die es noch zu früh ist. Und dann
-sieht es den Kindern fast so aus, als hätte sie nichts übrig für sie.
--- -- Aber alle ihre Truhen sind grade dann voll Gold. -- -- Jemand, der
-ungeduldig und sehnsüchtig zwischen lauter Truhen voll Kostbarkeiten
-umhergeht: das ist eine Mama. -- -- Weißt du es nun?«
-
-Ina schmiegte sich fester an Marianne an.
-
-»Und du hast auch solche Truhen, die du nicht aufmachst?« fragte sie,
-»-- du auch?«
-
-»Ja, ich auch. Viele -- viele.«
-
-»Aber einmal -- da springen sie alle auf! Alle?« Ina richtete sich mit
-verlangenden Augen auf Mariannens Schoß hoch.
-
-»Alle -- alle!« versicherte Marianne mit unterdrücktem Jubel in der
-Stimme und legte ihre Arme um das kleine Mädchen. Man fühlte, daß irgend
-eine eigne große Freude oder Erwartung aus allen ihren Worten herausklang
-wie eine überströmende Wärme.
-
-Inotschka lächelte, sie hatte leicht gerötete Wangen und sah unendlich
-zufrieden aus. »Was für wunderschöne Geschichten du aber auch weißt,
-Tante Marianne! Wirst du mir noch viele erzählen?«
-
-»Ich werde dir gewiß noch schönere erzählen. Denn nun mache ich bald
-die allerschönste Truhe auf --«
-
-»Für mich auch!« rief Ina vergnügt und klatschte in die Hände.
-
-Plötzlich hielt sie jedoch inne. Sie ließ Marianne los und glitt von
-ihren Knieen hinunter.
-
-»Da kommt Mama!« murmelte sie, »-- vorhin fuhr ein Schlitten vor --.
-Die Wohlthätigkeitsvorstellung muß jetzt auch schon längst vorüber
-sein --.«
-
-Man vernahm etwas hastige Schritte und das Rascheln eines seidenen Kleides.
-Die Thür wurde nur ein ganz klein wenig geöffnet, Ottilie schob den
-frisierten Kopf an die Spalte.
-
-»Bist du noch da, Marianne? Hast du Zeit --? Nein, Inotschka, mein Kind,
-laß dich nicht stören, du brauchst nicht zu erschrecken, Mama hat
-nichts gesehen, -- du sollst sehen, wie überrascht ich sein werde zu
-Weihnachten --.«
-
-Marianne trat zu ihr heraus, in das Schlafzimmer der Schwester.
-
-»Ich höre, du kommst aus der Oper, Otti?! Du und in die Oper, mitten am
-Tage? Du wirst ja noch ganz musikalisch auf deine alten Jahre,« bemerkte
-Marianne erstaunt.
-
-»-- Der ›Troubadour‹ -- zu wohlthätigen Zwecken -- und mit dem
-durchreisenden Star als Gast. -- -- Fräulein Clarissa überredete mich.
-Herrgott, es passiert ja auch selten genug!« entgegnete Ottilie, noch in
-voller Theatererregung, und begann sich in aller Hast umzukleiden.
-
-In einer Ecke am Tisch fütterte die Wärterin den Jüngsten, dem sie
-in russischem Kinderkauderwelsch zusprach, in der Nebenstube sah man die
-beiden ältern kleinen Brüder sitzen und artig Flittergold auf Nüsse
-kleben, als Schmuck für den Weihnachtsbaum.
-
-Ottilie warf ihre geschnürte Seidentaille ab und ergriff Marianne am Arm.
-
-»-- Ich sage dir: schön ist so was! Siehst du: in dem Augenblick, da lebt
-man! Wenn sie so füreinander sterben -- --« Ottiliens Augen strahlten.
-
-Marianne lachte.
-
-»Aber du, seit wann hast du so romantische Anwandlungen --? Du bist doch
-sonst die Nüchternheit selbst?«
-
-»-- Sonst --? Ja, du lieber Gott, im wirklichen Leben ist doch kein Raum
-dafür. Da heißt es seine Pflicht thun, und damit basta. Das muß jeder
-anständige Mensch. -- -- Aber deshalb bewahrt man sich doch einen Winkel
-für das Ideale innerlich. Einen Winkel, wo das Leben anders wäre, wenn es
-nach uns ginge --: edel, höher, -- noch unbefleckt schön, -- kurz --«
-
-»-- Romantisch?« fragte Marianne zweifelnd, mit einem gutmütigen
-Lächeln. Sie wußte selbst nicht, woher ihr Ottilie plötzlich so viel
-jünger geworden vorkam, ja fast unerwachsen jung, wie vor langen Jahren.
-
-»-- Romantisch --!« wiederholte die Schwester etwas gereizt, während
-sie sich von Marianne in ihr Hauskleid hineinhelfen ließ, »-- meinetwegen
-nenn es so. Name ist bekanntlich Schall und Rauch. Aber du willst wohl
-andeuten: davon verstünde ich nichts, -- davon verstündest nur du was,
--- einfach, weil du zufällig so blitzjung und so kopfüber eine Liebesehe
-geschlossen hast --. Aber was ist am Ende mit solcher Ehe los --?! Ich kann
-dir nur sagen, wovon ich nicht oft spreche: mein erstes Liebeserwachen war
-zwar lauter Verzicht, -- aber was ich hier innen besitze, --«
-
-Sie sagte nicht, was sie innen besaß, sondern ließ ihre Worte unvollendet
-und knüpfte sich mit aufgeregter Hand das Kleid zu, wobei sie Mühe hatte,
-die richtigen Knöpfe zu finden.
-
-»-- Du meinst doch nicht etwa den Husaren --?« wollte Marianne schon
-fragen, unterdrückte es jedoch.
-
-Sie setzte sich neben den Toilettenspiegel, vor dem sich Ottilie
-ankleidete, und schaute die Schwester mit im Schoß gefalteten Händen
-gedankenvoll an.
-
-Der harmlose Husar konnte so wenig dafür! Der mußte, wie es schien, nur
-ritterlich stillhalten bei allem, was ihm Ottilie so allmählich auf sein
-armes kleines Konto hinzuschrieb --. Vielleicht war es grade das Fehlen
-jeglichen starken Seelenaufruhrs in Ottiliens geordnetem Leben gewesen, das
-in ihr so allerlei emotionelle Restbestände aufgestapelt hatte -- --.
-
-Ottilie mißverstand Mariannens Verstummen. Sie nickte ihr zu, wie von
-einer verborgenen Höhe.
-
-»Ich glaube, du hast auch nur wenig Anlage dazu: du hast dich ja stets so
-ganz im Thatsächlichen ausgegeben und es überschätzt,« bemerkte sie
-und steckte sich ihr Häubchen fest. Auf ihren Wangen blühten noch zwei
-blaßrote Flecke.
-
-Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung, irgend eine
-kleine Gebärde, -- fast wie unbewußte Koketterie einer Ungeübten, --
-die mit einemmal Marianne wie eine lebendig gewordene Erinnerung aus beider
-frühester Jugendzeit durchfuhr.
-
-Es paßte gar nicht recht hinein in das Wesen der jetzigen Ottilie,
-der musterhaft Fertigen, Korrekten! Aber dafür waren es nicht
-mühsam erworbene, sondern ihre eigensten einstigen kleinen Mienen und
-Gebärden --.
-
-Sie besaßen etwas wunderlich Halbes, Verlorenes, -- wie wenn künstlich
-gestutzte Vögelchen zu fliegen unternehmen, -- dachte Marianne bei sich.
-
-Und plötzlich umfaßte sie Ottilie von hinten und stand auf und küßte
-sie innig mitten ins erstaunte Gesicht. Ja, das war wirklich die Otti von
-ehemals, mit der sie so vieles geteilt, so kindisch geschwärmt hatte! Dann
-kam das ganze Leben dazwischen: das war von Marianne mit zitterndem Herzen,
-selig und schmerzlich, durchlebt worden, -- von Ottilie nicht --.
-
-Und da ging sie nun in irgend eine alte Oper, und mit einemmal kamen
-allerlei hinuntergedrängte Sensationen herauf, -- unbegründet, etwas
-hysterisch, alle durcheinander: der Husar und die Ideale, Backfischhaftes
-und Erhabenes, Pathos und Koketterie --.
-
-»-- Was fällt dir ein? Nein, aber Marianne, was fällt dir denn ein?!
-Man küßt sich doch nicht derartig mitten am Tage, ich muß jetzt an den
-Speiseschrank,« sagte Ottilie und wehrte sich.
-
-»Und ich nach Hause. Aber, weißt du, Schwesterlein: ich komme nun oft,
-viel öfter --. Gib mir recht viel Raum. Laß mich viel mit euch sein, auch
-mit Inotschka --. Wer weiß, ob ich noch lange hier --« Marianne brach ab
-und wandte sich dem Kleinsten zu, sie hob ihn von den Knieen der Wärterin
-auf ihrem Arm hoch und liebkoste ihn, während er sie vergnügt ankrähte.
-
-»Das ist schon recht, falls wir hier wirklich etwas haben, was dich,
--- die viel Anspruchsvollere, -- fesseln kann,« erwiderte Ottilie;
-sie vermochte nicht den Uebergang ins Tagesleben ganz ohne Gereiztheit
-zurückzufinden.
-
-»O! Ihr habt ja so vieles, was sich noch willig lieben läßt!« meinte
-Marianne leise und herzte noch immer das Kind.
-
-»Ja, wie du das auch gleich sagst! Ich glaube wahrhaftig, Marianne, trotz
-deiner vielen Kenntnisse und Fähigkeiten, -- nimm mirs nicht übel: aber
-es ist im Grunde das einzige, was du zu thun weißt. -- Du sprachst von
-Inotschka: sag, glaubst du, daß sie den Pantoffel noch fertig stickt?«
-
-»Der ist ja für dich, -- weißt du?« rief Marianne.
-
-»Eben darum, weil er für mich ist, kann ich mich nicht gut drum kümmern.
-Wenn sie ihn vertrödelt, -- du verstehst, es ist mir nicht um den
-Pantoffel. Aber es wäre von übler Wirkung auf das Kind. Es gibt einem
-Kinde Selbstbewußtsein, seinerseits was zum Verschenken bereit zu haben.
--- Von solchen Dingen hängt mitunter der moralische Halt im spätern Leben
-ab.«
-
-Marianne seufzte. Sie setzte den Kleinen auf den Schoß seiner Wärterin
-nieder und ging mit der Schwester hinaus.
-
-Sollte sie nun Ottilie erzählen: »Sophie geht Ostern auch zum Studium
-ins Ausland?« -- Würde Ottilie nicht fragen: »Was schenkt sie dir aber
-dafür wieder?« -- Ja, -- etwas Aehnliches würde sie fragen.
-
-Wie konnte sie ihr das deutlich machen! Dieses Einssein mit den Kindern,
-dieses Mutterglück und diese drängende Hingebung in allen Fasern. Dieses
-Auskosten der vollen Liebe bis auf den letzten Tropfen. Denn jetzt waren
-sie zu Hause alle drei doch nur noch wie ein Mensch, -- nun erst ganz
-unzertrennlich.
-
-Marianne ging fort, ohne etwas von der großen Neuigkeit mitgeteilt zu
-haben.
-
-Trotz ihrer Ungeduld, heimzukehren, entschloß sie sich noch zu einem
-weiten Umweg.
-
-Sie benutzte eine Pferdebahn, die nahe bis zu Tamaras kleiner Wohnung im
-Vorstadtviertel heranfuhr. Tamaras Mann öffnete ihr, mit einem listigen
-und erwartungsvollen Gesicht, -- er hatte seine Frau erwartet.
-
-»Was, sie ist aus?« fragte Marianne stark enttäuscht, »ich muß sie so
-notwendig sprechen, und dachte sie zu dieser Stunde sicher zu treffen.«
-
-»Ja, glücklicherweise ist sie fort, ich kann sie nämlich momentan gar
-nicht brauchen.«
-
-Marianne bemerkte erst jetzt, wie er aussah. Im dicken Paletot, den Kragen
-hochgeschlagen, sogar warme Ueberschuhe an den Füßen, stand er da und
-rieb sich die Hände. In der That schien es kalt da drinnen zu sein.
-
-»Was machen Sie eigentlich?! Frieren Sie vielleicht Ihre Vögel aus?«
-
-»Ach nein, bei mir ist es warm. Wir müssen jetzt dort sitzen, zwischen
-den Vögeln, leider. Wir schlafen die paar Tage auch drin. Denn im
-Wohnzimmer, da wird jetzt nicht geheizt. Das ist wegen Weihnachten. Es soll
-nämlich wie ein Wald werden, -- Tamara stammt doch aus dem Walde. Sie darf
-jetzt nicht herein.«
-
-Er öffnete die Thür zur Wohnstube, und Marianne erblickte in drei von
-ihren Ecken je einen großen Tannenbaum. Eine Küchenlampe stand am Boden.
-In dem ungewissen Schein, den das Lämpchen von unten her verbreitete, nahm
-sich die Bescherung seltsam genug aus, die zwischen den Tannen im Aufbau
-begriffen war.
-
-Da näherten sich, fast lebensgroß in bemalter Pappe ausgeführt, die
-heiligen drei Könige einer kleinen Korbwiege, deren blaue Vorhänge dicht
-geschlossen waren. Was die Weisen des Morgenlandes darbrachten, bestand
-aber nicht in Gold oder Juwelen, sondern in den winzigsten Hemdchen,
-Jäckchen und Strümpfchen, die man sich denken konnte.
-
-Die Bäume waren nicht geschmückt. Nur an dem schönsten, der sich über
-der Wiege erhob, hing Kinderspielzeug, -- Hampelmänner, Glöckchen an
-Knochengriffen -- und, wie ein Hinweis auf die Zukunft, schon ein erstes,
-zartes Paar Schuhe, lächerlich klein, aus rotem weichem Saffian, mit
-silberner Stickerei bedeckt.
-
-In der Anordnung des Ganzen drückte sich ein unbeholfener jubelnder
-Ueberschwang aus, der Marianne ergriff.
-
-Sie wandte sich zu Taraß und sagte leise: »Ich wußte gar nicht -- --
-Aber es ist noch lange hin --«
-
-Er nickte.
-
-»Lange noch bis dahin,« bestätigte er, »aber, wissen Sie, ich kenne
-ja Tamara. In diesen Monaten wird sie schon ungeduldig sein: wann sie das
-alles arbeiten soll, -- ich bitte Sie, eine solche Menge! Und sie hat doch
-gar keine Zeit! Es mag ja schön sein, selbst daran zu nähen, nun aber,
-sie soll sehen: es geht auch so. Eine große Näherin ist sie überhaupt
-gar nicht. Sie sticht sich dreimal nacheinander in jeden Finger. Und
-allzufest näht sie auch nicht. -- Aber eine Mutter wird das sein! Ja, das
-ist noch eine Mutter!«
-
-Er sah strahlend aus und trat frierend von einem kalten Fuß auf den
-andern.
-
-»Darf ich Tamara nichts ausrichten? Soll sie zu Ihnen kommen?«
-
-»Nein nein,« wehrte Marianne hastig ab, »ich komme lieber selbst wieder.
-Sagen Sie ihr nur: ich sei wegen des Vorschlages gekommen, den sie mir
-neulich im Auftrag des Berner Mädchenpensionates gemacht habe. Sagen Sie
-ihr: den wollte ich annehmen. Auf alle Fälle annehmen. Sie möchte mir
-helfen, die Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen.«
-
-Taraß schlürfte in den Ueberschuhen ihr voran zur Hausthür.
-
-»Dann wird Tamara gleich alle Hebel in Bewegung setzen. Ich weiß, sie
-sprach davon. Und wir sind so froh, wenn wir Ihnen zeigen können, wie lieb
-wir Sie haben.«
-
-Er küßte Marianne die Hand, und sie beugte sich auf seine Stirn. Ihr kam
-es vor, als sei alles bereits erledigt. Sie zweifelte nicht am Gelingen. Es
-mußte gelingen. Und sie war zu jedem Opfer bereit, zu jedem Nebenverdienst
-durch Stunden --.
-
-Nur mit ihrem Kind zusammenbleiben mußte sie. Dann wollten sie auch schon
-Cita näher bekommen, -- mindestens näher als jetzt --.
-
-Als sie sich wieder in die Pferdebahn setzte, schien es ihr, als führe sie
-schon weit, weit fort aus ihrem bisherigen, hiesigen Wirkungskreis.
-
-Fast abschiednehmend spähte ihr Blick nach den einzelnen Häusern, die sie
-kannte. Da -- und da, -- und dort war sie zum Unterricht hingegangen. Nun
-aber wollte sie weit, weit fort, so weit wie ihre Kinder wollten.
-
-All dies wurde Vergangenheit. Die Kinder allein, das war ja Heimat.
-
-Kurz ehe sie den Bahnwagen verließ, stieg ein armer Krüppel ein, ein
-Stelzfuß in zerlumpter Kleidung.
-
-Mit ehrerbietigem Blick bekreuzigte sich der Schaffner vor ihm und nahm
-kein Geld von ihm an. Diese Handlungsweise war allgemein üblich, solche
-Unglückliche durften fest darauf rechnen.
-
-Als sich Marianne erhob, um auszusteigen, sah sie, daß jemand dem lahmen
-Mann ein Kupferstück zusteckte.
-
-Da fuhr sie in die Tasche, faßte nach dem gehäkelten Seidenbeutelchen mit
-dem Tagesbedarf an Silberlingen, das sie grade frisch gefüllt hatte, und
-schob es im Vorübergehn dem Krüppel in die Hände.
-
-Das gewährte ihr eine momentane Erleichterung. Sie wäre gern in irgend
-einer Weise aktiv geworden, aus ihrer weichen, warmen Stimmung heraus,
--- wäre gern mütterlich geworden an irgend einem armen Wesen, aus ihrem
-Ueberfluß heraus --.
-
-Und nun konnte sie nicht einmal für ihre nächsten Pläne etwas thun,
-weil sie Tamara verfehlt hatte. Aber ihr wollte es scheinen, als schade das
-alles nichts, wenn man ihr nur ringsum von der warmen Liebeslast abnahm --.
-
-Oben öffnete ihr Stanjka. Doch im Wohnzimmer lief ihr Sophie entgegen.
-
-»Cita ist nur für eine kurze Besorgung fortgegangen, Ma, sie kommt gleich
-wieder. -- -- Aber du bliebst so lange fort, -- ach, ganz schrecklich
-lange, wo warst du nur noch?«
-
-Marianne drückte sie an sich.
-
-»War das so schlimm? Du bist wohl ungeduldig geworden?«
-
-»Ja, Ma. Jetzt möchte ich jede Minute bei dir sein. Das ist doch ganz
-natürlich, -- immer, immer.«
-
-»Und wenn wir uns nun nicht trennten, -- wenn wir beisammen blieben, du
-mein Herzenskind!« murmelte Marianne.
-
-Es kam ihr fast gegen ihren Willen auf die Lippen. Sollte sich Sophie
-unnütz quälen, -- und wären es auch nur Tage --, um der Trennung willen,
-die nach ihrer Ansicht bevorstand?
-
-»Ach ja, Ma!« rief Sophie innig, jedoch gleich darauf schien sie ein
-plötzlicher Schreck zu durchfahren. »-- -- Du meinst doch nicht, -- ich
-soll doch nicht --«
-
-Sie war ganz blaß geworden.
-
-»Nein, o nein!« sagte Marianne schnell, »wie kannst du das glauben!
-Nichts wird rückgängig gemacht. Aber denke dir, mein Liebling, denke
-dirs nur als eine noch nicht gewisse Möglichkeit: wir blieben trotzdem
-beisammen, -- in einem kleinen Städtchen zum Beispiel, -- etwa in den
-Schweizer Bergen --«
-
-Sophie machte sich sichtlich beunruhigt frei.
-
-»-- Warum denn ein so ganz kleines Städtchen, Ma --?«
-
-»Ich meine natürlich ein Universitätsstädtchen.«
-
-»Ja ja, aber wenn auch --. Daß es so gar klein sein soll --? Warum denn
-eigentlich nur?«
-
-»Stell dir zum Beispiel vor, dort wäre eine Mädchenpension, die ich zu
-leiten hätte, -- eine solche ist nämlich in Bern, -- lauter halberwachsne
-Mädchen --«
-
-»-- Aber -- das wäre ja gräßlich, Ma!« fiel ihr Sophie ängstlich ins
-Wort.
-
-Marianne hielt einen Augenblick inne.
-
-Sie suchte mit plötzlicher Bangigkeit Sophiens Blick.
-
-»-- Wäre das so gräßlich, -- Sophie?«
-
-»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön natürlich, -- aber, -- ach
-nein, Ma! das kann ja doch gar nicht dein Ernst sein?«
-
-Marianne versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihr mitten in diesem
-schwachen Lächeln die Lippen kalt wurden.
-
-»-- Nur so eine Idee, Kind,« sagte sie mühsam.
-
-»Siehst du, das dachte ich.« Sophie küßte sie heftig und lachte
-beruhigt: »Das wäre ja auch gar nichts, nicht wahr? Denke nur: so eine
-Mädchenpension, -- Hammelherde, -- huh! Da müßten wir uns ja immer
-nach den Zimperliesen richten. Wenn du da Stunden gäbst und von allen
-möglichen Leuten abhingest, wäre alles gleich so gebunden, -- so wie
-hier --. -- -- Und übrigens, solches Kleinstädtchen doch auch für dich
-im Grunde recht öde, -- nicht?«
-
-Marianne nickte, ohne Sophie aus den Augen zu lassen, die ihr unleidlich
-brannten und stachen von den bemeisterten Thränen.
-
-»Ja ja, Sophie. Daran, ob es öde wäre, hab ich so gar nicht gedacht --.
-Wenn ich mir das überlege, ist es also wohl nichts damit.«
-
-Sophie wurde wieder ganz heiter.
-
-»Nein, was du aber auch für eine Phantasie hast, Ma?« meinte sie
-neckend und setzte sich der Mutter auf den Schoß. Sie war voll kleiner
-Zärtlichkeiten.
-
-Nun wollte sie Ma auch ordentlich erzählen, wie sie sich das Leben
-dächte, mit Cita zusammen, in Berlin, wo Cita ja so vortrefflich
-aufgehoben sei und schon Beziehungen habe, und wo sie es nun ebenso gut
-haben werde. Beziehungen nämlich, das ist wichtig --! -- -- Eine Menge
-interessanter Einzelheiten plauderte ihr Sophie redselig vor.
-
-Marianne saß müde in ihrem alten Lutherstuhl.
-
-Sie hörte immer mit dem gleichen Anflug von Lächeln zu, es war wie
-erstarrt auf ihrem Gesicht.
-
-Das also war das weitaus Schönere, wovon Sophie träumte. Und das hatte
-sie ja nun endgültig den Kindern gegeben, ihnen erlaubt. Mehr zu geben
-hatte sie nun überhaupt nicht. Nein: nur sich selbst noch hinzugeben hatte
-sie wollen. Sie selbst jedoch, -- ja sie selbst -- lehnten sie leise ab --.
-
--- Marianne überfiel plötzlich, mitten in Sophiens Hinplaudern,
-eine jähe Furcht, sie könnte mit einemmal -- jetzt gleich -- etwas
-Gräßliches, Grelles thun müssen, entweder laut schreien oder gar
-lachen --.
-
-Besonders das letztere: jawohl, grell und gell lachen --.
-
-In der Furcht davor brachte sie kein Wort heraus.
-
-Zum Glück kam Cita nach Haus, eh es Sophie auffiel.
-
-Als sie zu ihnen ins Wohnzimmer trat, sprang Sophie vom Schoß der Mutter
-heiter auf.
-
-»Denke nur!« rief sie der Schwester ganz unbefangen entgegen, »Ma und
-ich sitzen hier gemütlich und malen es uns eben aus, wie das sein würde,
-wenn wir in ein ganz kleines Universitätsstädtchen zögen, anstatt
-nach Berlin. Und wenn Ma dort gar eine Pension leitete, -- und -- und
-wir Sonntags nachmittags mit im Zuge der Mädchen vor dem Thor spazieren
-gingen --«
-
-Sie erzählte es ganz wie einen Scherz. Und ganz wie über einen Scherz
-lachte Cita mit ihr.
-
-»Uff!« sagte diese dann, die Handschuhe abstreifend, und warf sich in den
-Schaukelstuhl, -- »wie gut ist es hier bei dir, Ma. Ja, das wird Sophie
-schon noch vermissen! Sie muß sich eben erst gewöhnen, man lernt es
-aber. Bis jetzt redet sie nur so hin. Wenn sie nur erst ordentlich in ihrem
-Studium drin ist --«
-
-Marianne richtete ihre Augen müde und groß auf ihre Aelteste.
-
-»Wenn es nur so ist, Cita, daß man dann nichts mehr vermißt,« sagte sie
-leise, mit matter Stimme, »-- denn das meint ihr doch wohl nicht, -- das
-kannst du doch selber nicht wollen: so ein Fachstudium, und nichts mehr
-dahinter und darüber --. Etwas so Spezielles, etwas so Hartes --. Du mußt
-nicht vergessen, wie sehr Sophie, -- und früher auch du, -- euch in einem
-allseitigern, harmonischern Ganzen geistig angeregt habt. Es schloß ein
-Studium nicht aus, aber das beseelte Leben ging doch noch drüber --.«
-
-»Es war einfach dilettantischer,« bemerkte Cita ruhig. Sie hatte
-ernsthaft zugehört, während sie leise schaukelte und ihre Handschuhe bald
-zurollte, bald in alle einzelnen Finger auseinanderbreitete.
-
-Marianne lehnte sich erschöpft zurück. Sie hatte sich gewundert,
-woher ihr nur so viele Worte kamen. Als ob sich ihre Zunge löste und
-selbständig spräche --. Aber als sie einsah, daß diese Worte ohne
-Wirkung waren, gab sie es auf, zu widersprechen.
-
-Cita nahm ihr Schweigen wie ein leises Gekränktsein und fuhr rasch fort:
-»Ja, süße Ma, du hast sicherlich recht. Aber, siehst du, was du so das
-›beseelte Leben‹ und ›das Allseitigere‹ in der geistigen Anregung
-nennst, das werden wir ebenfalls haben. Das Fachstudium wird bei
-weitem nicht alles sein, sondern der ganze Kreis der Interessen in der
-Frauenbewegung. Das wird uns frisch und kampflustig erhalten. Sieg der
-modernen Frau! Das soll die Losung sein. -- -- Hier konnte Sophie diesen
-belebenden Geist unmöglich aufnehmen. Uns fehlte hier ja auch der laufende
-Zusammenhang mit allem Modernen. Wenn man aus dem Auslande kommt, spürt
-man das arg, du kannst es glauben! Nun, aber es schadet weiter nichts: wir
-holens schon nach.«
-
-Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl, kam zur Mutter, bückte sich, küßte
-sie auf den Scheitel und sagte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit im Ton:
-»Du unsre süße Ma! hier ist es einzig und allein schön, weil du hier
-bist. Vielleicht würdest du dich in einem andern Rahmen nicht mehr wohl
-fühlen. Und du machst alles schön rings um dich her. Aber wir können
-jetzt nicht nur auf das Schöne achten.«
-
-Dann richtete sie sich auf, verschränkte die Arme auf dem Rücken und
-stellte sich nachdenklich musternd vor das Bücherregal.
-
-»Siehst du, Sophie, -- dort hinein schaffen wir dann auch Ma neue Bücher,
--- nicht an Stelle der alten, aber mindestens zwischen die alten. -- -- Man
-kann auch nicht immer nur Dante und Homer und Shakespeare und Goethe und
-ähnliche Herren lesen. Nicht wahr, Ma?«
-
-Marianne saß ganz still und lauschte. Sie lauschte noch, als gar keine
-Rede mehr kam, und die Schwestern miteinander in den Büchern zu kramen
-anfingen, wobei Sophie auf dem Boden saß und Unsinn trieb.
-
-Sie lauschte in alle geredeten Worte tief hinein --. Denn daraus klang ja
-nicht nur die naive Ablehnung Sophiens, nein, etwas viel Tieferliegendes
-hörte sie immer deutlicher heraus, -- etwas auf dem verborgenen Grund
-aller dieser Worte --.
-
-Sophiens Gefühl war so ganz unwillkürlich gewesen. Aber es verriet, daß
-Mutter und Kinder ganz und gar nicht eins waren, eines Wesens, -- daß das
-ein bloßes Trugbild war, ein Traum. Die arme Sophie konnte nichts für
-ihren naiven Egoismus, -- Cita, die sagte es ja: sie waren etwas andres,
-wollten etwas andres, strebten anderm zu, als die Mutter --.
-
-Der Mutter gehörten sozusagen nur noch Wesensreste aus der Kindheit, --
-nicht mehr der entwickelte Mensch. Dem wurde sie leise fremd -- fremd --
-fremd. Von dem wurde sie mit dankbarer Nachsicht geliebt. Notwendig blieb
-sie ihm nicht mehr.
-
-Wahrscheinlich ging das immer so zu. Auch dann, wenn das Muttersein das
-gesamte Wesen eines Menschen aufgesogen und ausgemacht hatte --? Auch
-dann, wenn er sich mit seiner ganzen tragenden, nährenden Lebensfülle
-den Kindern einverleibt hatte --? Ja, auch dann. Auch dann blieb er wie ein
-blutendes, losgerissnes Stück am Boden liegen, allein liegen, -- ohne es
-ändern zu können -- --.
-
-Cita hatte ja im Grunde recht: während die Mutter hier umherging und
-Stunden gab, vermochte sie nicht zugleich die Wege weiterzugehn, die sich
-nun den beiden öffnen sollten, -- die Wege neuer Zeiten, einer
-neuen Generation --. Und wohin die führen würden? Ob nicht zum
-entgegengesetzten Ende dessen, was sie mit heißester Inbrunst für ihre
-Kinder erfleht und selbst in ihrem ganzen Leben demütig zu verwirklichen
-gestrebt hatte?
-
-Ja, vielleicht, -- wer konnte es wissen --? Ihr Urteil und das der Kinder
-würde sich in diesem Punkt wahrscheinlich entgegenstehn. Welche Instanz
-wollte über sie richten?
-
-Mariannens Gedanken verschwammen, schmerzgefoltert, undeutlich ineinander.
-Noch hörte sie die beiden plaudern und lachen und sich gegenseitig Stellen
-aus Büchern vorlesen.
-
-Ihre Arme waren wie gelähmt. Die Stimmen schienen ihr von weit, weit her
-zu kommen. Konnte sie die Arme nicht mehr ausbreiten, ihre Mädchen darin
-zu umfangen? Konnte sie ihnen denn nichts, gar nichts zum kostbaren Besitz
-und zum Leitstern mit auf den Weg geben von alledem, was zu gewinnen ihres
-Lebens Inhalt gewesen war --?
-
-Weit, weit gingen sie fort --. Und plötzlich kamen Marianne, -- seltsam
-und leise, wie ein Raunen von Wind zwischen Blättern in der Nacht,
--- Klänge aus einem Lied, -- aus einem Wiegenlied, der Dichtung eines
-Dichters von heute mit dem klaren Erkennen von heute. Es waren nur einzelne
-abgerissne Klänge, und während sie ihnen lauschte, wußte sie schon nicht
-mehr, ob sie sie nicht nur weinte --.
-
- * * * * *
-
- »-- Blinde, so gehn wir, und gehen allein,
- Keiner kann keinem Gefährte hier sein.
-
- Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich!
- Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich!
-
- Schall nur, wie Windesweh'n, Wassergerinn,
- Worte -- vielleicht eines Lebens Gewinn.
- Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein:
- Keiner kann keinem ein Erbe hier sein --.« *)
-
- *) Aus Richard Beer-Hofmann, Pan 1899.
-
- * * * * *
-
-Die jungen Mädchen bemerkten gar nicht den Augenblick, wo Marianne das
-Zimmer verließ.
-
-Erst als es hastig im Vorflur schellte, und gleich darauf Stanjka hereinkam
-und Tamaras Besuch meldete, blickten sie sich erstaunt nach Ma um.
-
-»Eben war sie noch hier,« versicherte Cita, während Sophie den Gast
-hereinzog und unterhielt; »-- Ma, hör doch! Tamara ist gekommen!«
-
-Marianne öffnete die Thür des Schlafzimmers, wo sie allein gesessen
-hatte. Sie ließ Tamara dort eintreten.
-
-Diese fiel ihr um den Hals.
-
-»Liebste Marianne Martinowna! Eben komm ich nach Hause, und Taraß
-erzählt mir --. Mein erster Gedanke: gleich hierher! Ich habe gar nicht
-erst abgelegt. -- -- Es ist allzu wichtig: natürlich muß die Sache gleich
-ins reine gebracht werden --.«
-
-»Wie gut bist du!« murmelte Marianne. »-- Du weißt, daß Sophie zu
-Ostern --«
-
-Tamara nickte.
-
-»Sie sagte es mir soeben. Ja, ich dachte mir, daß so etwas der Grund sein
-würde. Wie könnten Sie sich von den Mädchen trennen, -- wie können die
-Mädchen Sie entbehren! -- -- So muß es denn sein, daß wir Sie aus unsrer
-Mitte verlieren.«
-
-Marianne erwiderte nichts darauf. Sie saß neben einem kleinen Tisch,
-worauf eine einzelne Kerze brannte, und blickte an Tamara vorüber.
-
-Tamara wurde sich erst jetzt dessen bewußt, daß irgend etwas an Marianne
-anders sei als sonst. Etwas so wunderlich Eingefrornes, Steifes.
-
-Sie hatte sich nahe zu ihr gesetzt und faßte jetzt unwillkürlich besorgt
-nach Mariannens Händen, die ruhig im Schoß lagen.
-
-Da sagte Marianne: »Weißt du, -- halte mich nicht für die
-wetterwendischeste Person, die es gibt. Aber seit meinem Gespräch mit
-deinem Mann hab ich mirs anders überlegt. Ich halt es für unmöglich,
-fortzugehn.«
-
-Tamara sah sie erstaunt und ungläubig an.
-
-»Aber warum?!«
-
-»-- Diese ganze ungeheure Veränderung! Das schwierige Einleben dort. Wer
-weiß, ob wir alle drei es nicht später bereuen würden --. Es war eine
-erste Aufwallung, weißt du, aber -- -- die ist ganz vorüber.«
-
-Tamara schwieg. Wie sie Marianne so dasitzen sah, bei dieser einzelnen
-Kerze, auf dem Rohrstuhl, -- da erschien sie ihr plötzlich wie eine
-Gefangene zwischen den Wänden des eignen Zimmers -- --.
-
-Hinter Ma, über dem Bett, hing die Totenmaske ihres Gatten, daneben,
-wie ein Schmerzensschrei, Vogelers Radierung: das greise Paar, das in den
-Frühling hinausblickt.
-
-Tamara sagte halblaut, tief betroffen: »Ach, Liebste, ich kann es
-nicht glauben. Wie -- ja wie wollen Sie alle drei denn so ohne einander
-auskommen? Ist das nicht das Wichtigste --?«
-
-Ma lächelte.
-
-»Ich denke, ganz gut. Weißt du, Tamara, eins muß man durchaus lernen, --
-merke du dirs auch: die Dinge nicht zu weit zu treiben. Die Gefühle sich
-nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Alles muß schließlich eine Grenze
-haben. Wenn man das gelernt hat, geht wirklich alles ganz leicht, -- viel
-leichter.«
-
-Tamara stand auf.
-
-»-- Also ist es wirklich entschieden. Nun, ich weiß nicht, ob ich mich
-freuen darf. -- -- Ich muß jetzt nach Hause eilen, Taraß wartet auf mich.
--- Aber -- sagten _Sie_ diese Worte, Marianne Martinowna? Sie, die
-doch immer so ganz innig in ihrem Gefühl lebte, wie in einer großen
-unteilbaren Freude --.«
-
-Marianne entgegnete rasch, mit plötzlicher Bitterkeit: »-- Kein
-Freudenbecher, der nicht zum Leidenskelch wird, wenn man ihn bis zur Neige
-leert! Nein nein, kein einziger, -- und vielleicht am wenigsten von allen
-das vielgepriesene Mutterglück.«
-
-Sie erhob sich, um Tamara hinauszugeleiten. Da begegnete sie deren still
-und ernst auf sie gerichteten Augen, und sie gedachte mit einemmal dessen,
-daß diese Augen ja eben jetzt in grenzenloser seliger Erwartung dem
-zukünftigen Mutterglück entgegenschauten --.
-
-Sie dachte an Taraß und seine strahlende Freude und an das kalte Zimmer
-mit den Tannen, der Korbwiege und dem Kinderspielzeug --.
-
-Marianne umarmte die junge Frau plötzlich, aber ganz zaghaft, wie eine
-heimlich Geweihte, sie nahm ihre Hände zwischen die ihren, drückte sie
-an ihr Gesicht und murmelte hilflos: »-- Verzeih mir, -- ach verzeih! Hör
-nicht auf mich. -- -- Wie gut bist du doch. Hast da den weiten Weg in der
-Kälte gemacht --. Deck dich im Schlitten gut zu, hörst du --? -- -- Du
-mußt jetzt solche Wege vermeiden, -- dich in acht nehmen --.«
-
-Tamara wurde dunkelrot. Sie küßte Marianne herzhaft, mitten auf den Mund.
-
-»Ach,« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz hell von viel Glück, »ich
-weiß es ja, -- ich wußt es ja: Sie sind doch noch ganz dieselbe, --
-unverändert dieselbe und werden es immer bleiben. -- -- Es genügte nicht,
-daß Sie mir Schulunterricht gaben und noch manchen andern, schönern
-Unterricht: ich hab es ja Ihnen allein abgeguckt, wie man eine gute Mutter
-wird, -- so eine von Herrgotts Gnaden --. -- -- Und mein kleines Kind, das
-bring ich zu Ihnen, daß es hier heimisch werde von Anfang an, und es soll
-Großmutter sagen lernen von Anfang an --.«
-
-Marianne geleitete sie hinaus und ging nicht mehr ins Schlafzimmer zurück.
-Der Theetisch wurde schon gedeckt; wie immer saß sie beim Abendthee mit
-ihren beiden Mädchen zusammen und plauderte mit ihnen.
-
-Aber eine undenkliche Mühe kostete sie ein jedes Wort, das harmlos und
-heiter klingen sollte wie immer --. Und während sie gleichgültige Dinge
-sprach, dachte sie immer denselben Gedanken: »Ist es im Grunde nicht wahr?
-Haben sie denn nicht recht? Sie lassen sich erfüllen von allem, was sie
-vorwärts bringen mag, ich aber, -- habe ich nicht jahraus, jahrein nur
-ein paar immer gleiche Sorgen mit mir herumgetragen: tägliches Brot
-beschaffen, -- Lektionen vorbereiten, -- und wieder das tägliche Brot, und
-wieder die Lektionen --. Ich habe mich bemüht, es so gut zu machen, wie
-ich nur konnte: und da hat das Wenige genügt, -- da haben diese anderthalb
-Gedanken schon genügt, -- um alle Kraft aufzuzehren --. Oder hatte ich
-nicht genug Kraft -- --?«
-
-Und langsam sank die Bitterkeit von ihrer Seele, um nur einer tiefen,
-demütigenden Entmutigung den Platz zu lassen. Bitterkeit vermochte ihre
-Seele nicht lange zu ertragen: die Entmutigung nahm sie schweigend auf.
-
-Als die Mädchen sahen, daß die Mutter nicht recht heiter gestimmt
-war, schoben sie es auf die Ermüdung durch den anstrengenden Tag, und
-unwillkürlich suchten sie ihre eigne Fröhlichkeit etwas zu dämpfen, die
-sich mitunter allzuhell Luft machte.
-
-Marianne merkte es, und das Herz zog sich ihr zusammen. »Sie wagen nicht
-mehr, mir zu zeigen, wie glücklich sie über die Wendung der Dinge sind,
--- sie fürchten mich damit zu kränken, -- sie verhalten es lieber vor
-mir, bis sie unter sich sind,« dachte sie.
-
-Und die kleinen Zärtlichkeiten ihrer Kinder thaten ihr nur weh. Sie
-fühlte etwas Nachsichtiges aus allem heraus, -- etwas Absichtliches. Nein,
-lieber noch wollte sie es sein, die sich vor ihnen verstellte, und mit
-ihnen froh sein.
-
-Aber sie konnte es nicht.
-
-Am nächsten Morgen beim Frühstückstisch wurde Cita doch trotz Mariannens
-Bemühungen stutzig. Sie meinte so genau zu wissen, daß die Mutter heute
-fast keine Lehrstunden mehr zu geben habe, und dabei schien sie sich doch
-so zu beeilen, um nur fortzukommen.
-
-Marianne behauptete sogar, sie könne noch nicht zum zweiten Frühstück
-zurück sein, sondern erst spät am Nachmittag, sie möchten nicht auf sie
-warten.
-
-Sophie machte ein pfiffiges Gesicht, offenbar hatte Ma heimliche
-Weihnachtsbesorgungen vor. Aber Cita blickte stumm und mit einem
-zweifelnden, besorgten Ausdruck vor sich nieder. Wohin ging die Mutter?
-Und warum sah sie dabei so gequält und müde aus? Ging sie vielleicht, um
-wieder mit Tomasow etwas zu besprechen? Und diesmal vielleicht etwas, womit
-sie ihren Kindern Leid anthat --? Ach, ginge sie doch nicht zu ihm! -- --
-
-Marianne atmete tief auf, als sie endlich auf der Straße stand.
-
-Langsam machte sie einen weiten Gang im klaren Winterwetter, dann raffte
-sie sich zu einem Besuch bei einer aus dem Schuldienst scheidenden Kollegin
-auf, von der sie sich erst in den Feiertagen hatte verabschieden wollen. So
-kam allmählich die Zeit für die einzige Stunde heran, die sie heute geben
-mußte.
-
-Dabei weilten ihre Gedanken zu Hause. Alle Räume ihrer kleinen Wohnung
-durchschritt sie, aber, als sei ihr Blick verhext, erschienen sie ihr alle
-schon öde und leer. Sie erwog schon, wo, -- in welchem Raum, an welchem
-Platz -- sie wohl sitzen würde, so ganz allein --. Kleinigkeiten erwog
-sie angestrengt: ob man die hohen Blattpflanzen, ihre Lieblinge, nicht
-fortgeben sollte, da sie nicht auf ihre Pflege achten konnte, wenn sie so
-von Stunde zu Stunde lief -- --.
-
-Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne fast aus Zerstreutheit
-nach Hause gegangen. Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein,
-der sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer erhob, -- als
-erwarte er sie da förmlich mit herausforderndem Hohn. -- -- Morgen war
-schon heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken müssen.
-Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen gern thun, obschon es ihnen
-ein bißchen lästig war, -- sie selbst hielten nichts auf solche
-Kindereien --.
-
-Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt gewesen über ein sang- und
-klangloses Weihnachten!
-
-Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich an den gedeckten
-Frühstückstisch zwischen ihre beiden Kinder hinzusetzen --.
-
-Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand Marianne auf der Straße im
-Winterwinde.
-
-Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die es so haßte, sich
-Tag für Tag draußen herumtreiben zu müssen, sie stand jetzt da, um den
-Ihrigen Lehrstunden vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte --.
-
-Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben auf. Irgend ein
-Straßenflaneur beugte sich vor, um sie deutlicher zu sehen --. Es war
-mitten im Menschengetriebe unweit der Schmiedebrücke; Marianne durchquerte
-den Fahrdamm, um in eine der stillern Seitenstraßen einzubiegen, als sie
-zwischen den dahinhastenden Menschen Tomasows Gestalt erkannte.
-
-Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten. Als er Marianne auf sich
-zukommen sah, verabschiedete er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut
-entgegen.
-
-Leise schob sie ihren Arm in den seinen.
-
-»Danke!« sagte er lächelnd. »-- Offenbar auf Weihnachtswegen?«
-
-Sie schüttelte den Kopf.
-
-»Nein. Ich bin todmüde. Ich möchte irgendwo eintreten, wo ich etwas
-essen könnte.«
-
-»Sie wollen nicht erst den langen Weg nach Haus?« Er besann sich. »Gehen
-wir zu Philippow? Oder ziehen Sie ein Restaurant vor?«
-
-»Keins von beiden. Ueberall könnten Bekannte sein. Ich möchte dort in
-der Seitenstraße in eine der kleinen billigen Theebuden, wo kein Mensch
-hinkommt.«
-
-Sie suchte ihn die paar Schritt weit hinzulenken.
-
-»Aber, Ma! Da geht man mit einer Dame nicht hin.«
-
-Marianne ließ geschwind seinen Arm los.
-
-»-- Dann lassen Sie mich allein hingehen -- Ich nahm wirklich zu dem Zweck
-Ihre Begleitung an,« sagte sie und blickte aus so sonderbar müden Augen
-auf ihn, daß er sofort nachgab.
-
-Er zuckte die Achseln.
-
-»Nun es sei, also wie Sie wünschen,« meinte er zögernd und führte sie
-dem kleinen Lokal zu, das mit einem breiten grellblauen Schild zum Eintritt
-lud. »Schließlich ist es eine warme Ecke, wie eine andre, wenn sie auch
-ein bißchen tief im Erdgeschoß drin liegt.«
-
-Im Innern der Theestube hingen blendend saubere Leinwandvorhänge an den
-niedrigen, fast quadratischen Fensterchen, und auch das weiße Holz der
-simpeln Einrichtung sah so weiß und sauber aus, als müsse es
-Seifengeruch ausströmen. Im ersten Raum dampften ein paar mächtige blanke
-Kupfersamoware auf dem Schenktisch, und an den Wänden lagen bis hoch
-hinauf unendlich viele Schwarzbrote aufgestapelt.
-
-Doch gab es auf Wunsch auch helles Gebäck, sowie die volkstümlichen
-Pastetchen mit Grützfüllung, und Tomasow bestellte davon, dessen sicher,
-sie vorzüglich bereitet zu finden. Der bedienende Gehilfe im weißen
-Leinwandkittel und hohen, dermaßen glänzend gewichsten Kniestiefeln, daß
-man sich in ihnen beinahe hätte spiegeln können, brachte das Verlangte
-in den schmalen Nebenraum, wo Marianne schon im Hintergrunde an einem der
-länglichen ungestrichenen Holztische saß.
-
-Nur zwei Frauen aus dem Kleinbürgerstande, mit bunten Kopftüchern und
-kurzen Schaffellpelzen, tranken beim Fenster ihren Thee, wobei sie
-die gefüllte Untertasse auf den gespreizten Fingern der rechten Hand
-balancierten; schweigend, mit einer gewissen Feierlichkeit und ohne um sich
-zu sehen, nahmen sie einen heißen Schluck um den andern.
-
-»Hier ist es gut!« sagte Marianne.
-
-Sie sah abgespannt aus, und dabei brannte ihr das Gesicht vom Winde. Die
-Hitze, die der mächtige Kachelofen im geschlossnen Zimmerchen ausströmte,
-machte es noch fühlbarer.
-
-Marianne empfand wirklichen Hunger, er war ganz plötzlich und fast mit
-Gier erwacht, als sie beim Eintreten das viele ringsum an den Wandborten
-aufgeschichtete Brot sah. Aber wie nun ihr Frühstück vor ihr stand,
-vermochte sie ebenso plötzlich nichts mehr zu essen.
-
-Sie bückte sich über ihr Theeglas, aus dem dicht vor ihrem Gesicht der
-Dampf in die Höhe stieg, und folgte mit dem Blick gedankenlos seinen
-Windungen. Dieses Gefühl von sich nachgebender Schwäche war merkwürdig
-angenehm.
-
-Tomasow betrachtete sie aufmerksam.
-
-»Sie gefallen mir ganz und gar nicht!« äußerte er; »aber eigentlich
-hätt ich mir das ja schon vorgestern selbst voraussagen können --«
-
-Marianne hob verwundert den Kopf.
-
-»Was denn --?« fragte sie zerstreut.
-
-»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten, -- daß die Stimmung
-zunächst sinken würde --. Sie haben sich seelisch bis zum äußersten
-anspannen müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.«
-
-Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum. Ihr fiel ein, daß
-Tomasow ja so gar nichts vom gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts
-von der heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte erscheinen
-lassen, -- noch auch von der großen Bitterkeit hinterher.
-
-Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er nicht vollen Bescheid
-wußte und dementsprechend urteilte. Aber nur nicht davon erzählen! Sogar
-ihm nichts! Was konnt es denn helfen?
-
-Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher zu Marianne hinwendend, mit
-dem Rücken gegen das Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne,
-jetzt ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit geben --.
-Vollmacht, Sie ganz anders als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen,
-abzulenken, zu beaufsichtigen, -- kurz: um Sie zu sein --«
-
-Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre Kümmernisse klangen sie
-aus solcher Ferne herein, daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen
-vermutete.
-
-»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur freundlich.
-
-»-- Gut --?! Nein, Marianne, mit meinem Gutsein hört es nun auf. Glauben
-Sie nur, es ist mir nicht immer leicht gefallen ›gut‹ gegen Sie zu
-sein, Ihr guter Freund zu sein -- alle die Jahre. Jetzt aber, wo Sie allein
-bleiben, wo sich Ihre Töchter ihr eignes Leben bauen, da will ich ein
-andres Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben aufzubauen --
-Ihnen und mir.«
-
-Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und bestimmt, und in seiner
-Stimme vibrierte tief gedämpft ein Ton, den er Marianne gegenüber noch
-nie angeschlagen hatte.
-
-Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick streifte Tomasow wie
-erwachend und noch verständnislos erstaunt; als sie jedoch dabei seinen
-fest auf sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung.
-
-Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von mir, daß ich Sie so
-überfalle, Ma --. Aber es hilft nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin
-ich mit Ihnen tausendmal weniger allein als hier, -- und im nächsten
-Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und gewappnet da, -- in jeden
-Arm hineingeschmiegt eins Ihrer Kinder. -- -- Sie sollen mir auch nicht
-antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst morgen nicht, wenn Sie
-wollen. Nur wissen, -- wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich
-allein dastehn werden, wie Sie wohl glauben, -- -- weil ich Sie mir nunmehr
-nehme --«
-
-Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren Wangen hatte sich vertieft,
-als ob sie wieder den Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich
-innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos sagen mußte, --
-sie nahm sich vor, den Kopf zu heben und ihn einfach zu bitten, -- ja,
-zu bitten, er möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie »gut«
-sein --.
-
-Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort erwarte, beugte sie
-den Kopf nur noch tiefer, und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung
-erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte.
-
-Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam, unvermutet und betäubend
-eine wunderseltsame Gemütswallung in ihr auf -- --. Und machte sie
-zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows meiden, wie wenn eine
-geheime Sehnsucht etwas ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt
-gewordenen Gedanken in ihr.
-
--- -- Es war grade, als risse Tomasow mit ein paar gewaltsamen Griffen den
-Vorhang von irgend einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich
-bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie davon --.
-
-Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt zu sein und wußte
-doch auf einmal: nur ganz durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen,
-und immer da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell, zu neuem,
-verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich plötzlich vor ihrem Auge Bild
-auf Bild daraus. Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow sah sie
-vor sich, -- oft unterbrochen durch Monate und weit länger, oft einander
-rascher folgend in feinen, unmerklichen Sensationen, -- auf die sie mit
-dem Finger hätte weisen können: da -- und da -- und da, -- ja, war sie
-da seinen Wünschen nicht, ohne es zu wissen, ganz nah gewesen, -- ganz nah
-einem weiblichen, eignen Glücksverlangen --?
-
-Marianne saß regungslos und noch immer im Bann der leichten Mattigkeit,
-die sie heute umfing. Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu
-sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung, die Macht
-über sie gewann. Sie fühlte sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt
-wird und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen kommt. -- --
-
-Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein Blick ruhte immer wieder auf
-Marianne und mochte ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging.
-
-Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie einander auch
-nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen eine Verwandlung ihres
-gegenseitigen Verhältnisses ein: das nahm er mit allen Nerven wahr.
-Und auch er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort
-entführte -- --.
-
-Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine Augen bekamen einen
-eigentümlichen starken Glanz.
-
-Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein einziges Mal ging
-draußen im Vorraum kreischend die Außenthür, ein paar schwere Tritte,
-kurze Frage und Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still.
-
-Die beiden Frauen am Fenster hatten sich erhoben, rückten ihre Kopftücher
-zurecht und gingen auf knarrenden Schuhen mit wortlosem Gruß hinaus.
-
-Da blickte Marianne auf, fast verstört. Unmittelbar darauf erhob sie sich
-schon. Die dumpfe, schwere Ofenluft benahm ihr den Atem.
-
-»-- Sie wollen gehn?« fragte Tomasow und half ihr in den Pelz.
-»-- Wollen Sie nichts weiter genießen?«
-
-Marianne schüttelte stumm den Kopf. Sie schien zu meinen: jetzt an die
-freie Luft draußen gelangen, das hieße zugleich, den ganzen Bann und
-Druck abschütteln. Diese heiße Stubenschwüle war allein schuld --.
-
-Tomasow zahlte, und sie entfernten sich. Der Ostwind blies ihnen auf der
-Straße scharf, förmlich wehethuend entgegen, er weckte fast ein Gefühl
-unwillkürlichen Sichbergenwollens.
-
-»Wohin nun?« fragte Tomasow, »muß es schon heimwärts gehn?«
-
-Marianne nickte zögernd.
-
-»Den Kreml durchqueren,« meinte sie, »das ist wohl der nächste Weg.«
-
-»-- Und wärs auch nicht der nächste! Denn allzu kurz darf er nicht
-geraten,« bemerkte er lächelnd.
-
-Beim Ueberschreiten des Fahrdamms, zwischen den durcheinander sausenden
-Schlittengespannen, hatte er Marianne den Arm gegeben und führte sie mit
-der sichern Haltung dessen, bei dem sie sich von nun an bergen sollte. Oder
-empfand nur sie es so, als ob alles um eine Nuance verändert sei, als
-ob in allem schon eine stillschweigend anerkannte Zueinandergehörigkeit
-betont liege --.
-
-Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe zu reden, da traten sie
-schon in das Erlöserthor ein, das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke
-mäßigten den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und Tomasow,
-der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in der um sie eingetretenen Stille
-nicht recht weitersprechen.
-
-Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus, vorüber an den Kathedralen
-und dem alten Facettenpalast. Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine
-Zeichnung von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl« ein, -- ja, so
-hätte er um Ma freien mögen: inmitten der Pracht der alten Palasträume,
-der niedrigen Wölbungen russischer Terems, als der alten Fürsten
-einer --. Und er dachte zurück: noch sein Großvater hatte sich
-seine Bäuerin vom Feld in die Hütte geführt, und die geschmückten
-Dorfmädchen tanzten zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast das
-gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der Fürst, der Herr vor seinem
-Weibe, das von ihm sein Leben empfing.
-
-Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob sich der Uspenski-Dom in
-der energischen Schlichtheit seiner männlich gedrungenen Architektur,
-die grauen Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne andern
-Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten Bilder unter dem dunkeln
-Bleidach über dem Thor. Und davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt,
-in festlicher Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die Vielkuppelige,
-die aussieht, als bildete die Gliederung ihrer Mauern nur eben soviele
-Vorwände, um eine stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich
-emporzuhalten. Wie Weib und Mann standen die beiden in Tomasows Phantasie
-zusammen, die überall Symbole dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt
-war.
-
-Den Kopf gesenkt, ging Marianne neben ihm, ihren Blick immer auf den
-flimmernden Schnee am Boden gerichtet, wie wenn sie mit geblendeten Augen
-was ablese von dem weißen Geglitzer mit seinen bläulichen huschenden
-Schatten und Lichtern.
-
-Ihre Hand ruhte im Arm Tomasows; ein wenig zu ihr vorgebeugt, unterhielt er
-nun Marianne mit halber Stimme. Unruhevoll schweiften ihre Gedanken um das,
-was er zu ihr sprach. Kaum vermochte sie es aufzunehmen in den
-einzelnen Sätzen, in den verhaltenen Worten, so stark wirkte es seiner
-Grundbedeutung nach auf sie --. Ihr ward beklommen wie in der kleinen
-dumpfen Gaststube vorhin; die Schwüle blieb -- --.
-
-Führte er sie nicht hinauf auf einen Berg und zeigte ihr der Welt
-Herrlichkeit, -- jene Herrlichkeit, die man zu eignem Genießen haben kann,
-in der man sich selbst leben kann, sich sättigen in allem Angenehmen
-und Erfreulichen des Daseins? Führte er sie nicht hinweg aus der
-Alltagsniederung mit ihrer einseitigen, bittern Mühsal, mit den armseligen
-paar Aufgaben, die ihre Kraft aufgesaugt, sie gedemütigt und unfähig
-gemacht hatten zu eigner, breiterer Entfaltung? -- -- Und wieder schaute
-sie bei Tomasows Worten wie in lockende Weiten, in eine Landschaft hinein,
-seltsam fremd, seltsam vertraut, in der sie sollte ausruhen dürfen an
-labendem Glück, sich gehn lassen in süßer Ermattung, -- und seine Stimme
-verhieß ihr fort und fort: wolle nur, und all dies ist dein --.
-
-Sie überschritten grade den Platz, als ein erster tiefer Glockenklang mit
-überwältigender Gewalt die Luft durchhallte. Unmittelbar darauf setzte
-das Geläute von mehreren großen Glocken ein. Es that den Menschen kund,
-daß die Feierzeit nahe, daß sie das Werkzeug niederlegen möchten und die
-Seele öffnen, auf daß auch sie feiere.
-
-Und in Mariannens Seele wiederhallte es in einer lauten Bejahung: sie
-sehnte sich, zu feiern --.
-
-Aber gleichzeitig klangen mit den Glockenklängen ganz andre Stimmungen als
-zuvor in ihr an, sie kam heim von ihren ungewiß schweifenden Träumereien,
-zurück in die Gegenwart ihres wirklichen Lebens, und -- wie zwei, die
-sie gewaltsam hatte vergessen wollen, -- schauten ihr die Gesichter ihrer
-beiden Kinder fragend daraus entgegen --.
-
-Fragend, -- so wie heute morgen: Sophiens Gesicht dabei ein wenig
-verschmitzt, voll pfiffiger Erwartung, beinahe wie sie auch als kleines
-Kind ausgesehen hatte, wenn die Heimlichkeiten um Weihnachten begannen.
-Citas Augen fragten nicht mehr kindlich: bringst du mir auch was Schönes
-mit? Sie hatte sorgenvoll vor sich hingeblickt, -- zweifelnd fast, -- sie
-war beunruhigt durch das Benehmen der Mutter. Und wenn sie jetzt erfuhr, --
-Cita --
-
-Mariannens Herz that plötzlich einen starken, harten Schlag. Sie blieb
-stehn, wie atemlos: wenn Cita erfuhr -- und auch Sophie -- --, sie sah mit
-einem Schlage die beiden Gesichter verwandelt, bestürzt, ungläubig --,
-sie fühlte mit unwiderleglicher Deutlichkeit: dann erst entfremdeten sich
-ihr die Kinder ganz --.
-
-Alles Entfremden bisher bedeutete, dagegen gehalten, noch wenig, -- wie weh
-es auch thun mochte, es mußte machtlos bleiben, solange die Mutter selbst
-nur ihren Mädchen dieselbe blieb. Auch wenn sie Tausende von Meilen weit
-fort von ihr gingen: sie entfernten sich weniger weit, als durch einen
-einzigen Schritt, den sie selber fort von ihnen that.
-
-»-- Die Kinder --!« sagte Marianne unwillkürlich, mitten in Tomasows
-Worte hinein, und sie hob zum erstenmal den Blick zu ihm, -- ratlos,
-hilfeheischend. War er doch da, ging er doch neben ihr, -- er, der immer
-alles entschieden, bei allem helfend eingegriffen hatte.
-
-Voll Zuversicht schaute sie zu ihm auf.
-
-»Was ist denn mit den Kindern?« fragte er etwas brüsk, aus der Stimmung
-gerissen; seine Augen begegneten den ihren mit eigentümlichem, flackerndem
-Leuchten, »-- es handelt sich jetzt doch gar nicht um die Kinder.«
-
-Mariannens Blick glitt rasch, betroffen von ihm ab. Wer half ihr von nun an
-in allen Fragen und Kämpfen? Er nicht mehr! Er half ihr nicht mehr gegen
-ihre eignen Schwächen. Bisher konnte er sich ihr so geben, wie sie ihn
-brauchte, um sich als Mensch hoch und höher emporzuringen. Jetzt, ohne
-alle Zurückhaltung, brauchte er sie selbst, brauchte sie ohne die Kinder.
-Wie weit, -- weit standen ihm da ihre Herzenssorgen --!
-
-Irgend etwas in Marianne, irgend ein eben erst entfachtes, eben erst
-wiedererwachtes Sehnen des Weibes in ihr verschüttete sich wieder und
-wollte zagend erlöschen --.
-
-Tomasow fühlte sofort, daß er einen Fehler begangen habe.
-
-»Alles hat seine Zeit!« sagte er schnell und bestimmt. »Auch die Kinder
-haben ihre Zeit gehabt, wo Sie sich ihnen ausschließlich widmeten. Nun
-ist es endlich Zeit geworden, in diesem Punkt vernünftig umzulernen.
-Schließlich muß man eben wählen, ob man einander leben will und dem
-Glück, oder ob man von ihrem unreifen Willen abhängen will.«
-
-Und mit größerer Dringlichkeit als vorher sprach er auf sie ein, indessen
-sie weitergingen im hallenden Glockengeläut, vorbei an den weißgoldenen
-Mauern der zahllosen Kirchen und Kathedralen. Und je länger er redete,
-desto mehr wurde es eine Apotheose des sorglosen Feierns und Genießens,
-wozu er sie einlud. Er suchte alles hervor, was er ihr schenken könnte,
-und alles ward immer wieder Genuß und Fest. Aber Mariannens Hand lag nur
-ganz leicht in seinem Arm, sie stützte sich nicht mehr auf ihn, sie
-sah unruhig aus, und aus ihrem Gesicht war die gläubige Zuversicht
-geschwunden.
-
-Und Tomasow überfiel plötzlich eine zornige, bittere Ungeduld wider
-alles, was er da selbst zu Marianne sprach. Alle die Worte von Glück und
-Freude erschienen ihm unwahr und schal. Er begriff plötzlich, daß er,
-an Mariannens Seite, doch immer nach einem suchen würde, nach eben dieser
-emporschauenden Zuversicht, nach eben dieser gläubigen Anlehnung an ihn,
-als an einen Stärkern, Ueberlegenen, -- an den Herrn. Glück mit ihr
-genießen, das konnte nur heißen: ihr im Leben selber so hoch und stark
-als Mensch überlegen sein, wie er ihrs in einzelnen Stunden durch Verstand
-und Rat gewesen war --.
-
-Tomasow verstummte.
-
-Und Marianne merkte es kaum. Wie sie so an seinem Arm hinging, schienen ihr
-jetzt die Glocken über ihr mit den weithin hallenden Feierklängen nicht
-mehr dieselbe Sprache zu sprechen, wie die dringliche Stimme dicht an ihrem
-Ohr, -- aus einer andern Welt schienen sie zu reden, als dies halblaute
-überredende Raunen von Feiertagsglück und abgeworfenen Sorgen --. Und
-immer mächtiger wurden die Glockenklänge und immer verhaltener die
-zuredende Stimme, und endlich vernahm sie nur noch Glocken, -- Glocken
-allein -- --.
-
-»-- Leben Sie wohl, Ma!« hörte sie unvermittelt Tomasow sagen, der stehn
-blieb. »Ich habe Ihre Antwort schon, noch ehe Sie eine Antwort in Worten
-gefunden haben. Und lassen Sie mich bekennen: Sie haben recht --«
-
-»Tomasow,« fiel Marianne tief bewegt ein, »-- warum wollen Sie so -- --!
--- Sie sind immer und immer mein bester, einziger, liebster Freund --«
-
-»-- Gewesen!« ergänzte er rasch mit einem unmerklichen Lächeln, und
-dann, sich umsehend, trat er zur Seite. Es kam jemand von hinten her an
-ihnen vorbei und zog grüßend den Hut.
-
-Hugo Lanz war es, der desselben Weges ging und Marianne hocherfreut
-begrüßte. Marianne mußte ihn Tomasow vorstellen.
-
-»Ich eilte grade zu Ihnen, gnädige Frau,« bemerkte Hugo Lanz, »um Ihnen
-eine für mich freudige Nachricht mitzuteilen --«
-
-»Das trifft sich in der That gut,« meinte Tomasow etwas heiser, »daß
-ich mithin die gnädige Frau in Ihrer Begleitung lassen kann. Mein Weg
-führt hier leider nach andrer Richtung.«
-
-Marianne reichte Tomasow die Hand, zögernd, fast zitternd.
-
-»-- Aber doch auf Wiedersehen sehr bald --?« fragte sie mit nicht ganz
-beherrschter Stimme.
-
-»Gewiß, gnädige Frau: sobald sich einmal gute Bekannte bei Ihnen
-versammeln, dann gestatten Sie mir vielleicht, auch dabei zu sein,«
-entgegnete er mit leichter Betonung dieser Antwort, beugte sich über
-ihre Hand, grüßte Hugo Lanz und entfernte sich, in die nächste Straße
-einbiegend.
-
-Marianne ging statt vorwärts wieder zurück, ohne recht zu wissen und
-zu sehen, wo sie ging. Ein Angstgefühl umklammerte sie dumpf: sie konnte
-nicht fassen, daß das ein Abschied für das Leben gewesen war.
-
-Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, um sich Hugo Lanz zuzuwenden,
-dessen offnes Gesicht von Freude geleuchtet hatte, der aber jetzt ernst und
-still aussah, weil er sie so seltsam ernst vor sich hin gehn sah.
-
-Er erzählte dennoch froh: »Soeben erst hab ich die Erlaubnis ausgewirkt,
-den nächsten Winter noch ganz frei zu bleiben, -- und ich werde ihn hier
-zubringen. Meine Verwandten haben mich aufgefordert, bei ihnen zu wohnen.
-Und schon die Aussicht, Sie und Ihre Familie besuchen zu dürfen --«
-
-»Das freut mich innig,« bemerkte Marianne leise, »doch werden Sie im
-nächsten Winter nur noch mich wiederfinden, -- nicht mehr meine Töchter.
-Auch Sophie geht fort, folgt der Schwester ins Ausland.«
-
-Hugo Lanz blickte Marianne mit aufrichtigem Schreck ins Gesicht. Die
-kleine Familienscene, der er beigewohnt hatte, stand vor ihm, Mariannens
-strahlendes Glück zwischen ihren Kindern, -- auch dessen, was ihm Sophie
-mitgeteilt hatte, entsann er sich.
-
-»-- Ganz allein bleiben Sie --?« entfuhr es ihm voll Mitleid und in
-unwillkürlichem Unwillen.
-
-Marianne wiederholte mechanisch: »-- Allein --,« und sie nickte bejahend.
-Aber das dumpfe Angstgefühl in ihr verstärkte sich dabei, als risse es
-sie mit jedem Schritt gewaltsamer hinein in etwas Endloses, Grenzenloses,
--- wie in eine leere, gähnende Unermeßlichkeit, wo ihre Kinder und der
-Freund und alles, was ihr lieb gewesen war, alles Warme, alles Trostvolle,
-alles Hilfreiche, weiter und immer weiter zurückwich, -- unerkenntlich
-geworden schon, -- unaufhaltsam, unerreichbar -- --.
-
-Und mit dunkelm Grauen stieg in ihrer Seele eine Erinnerung auf an
-abgrundtiefe Einsamkeit, aus der sie doch nur die Hand des Freundes und
-der Blick ihrer Kinder gerettet hatte, -- und sie fühlte, daß das dunkle
-Grauen nahe und näher über ihrer Seele zusammenschlug, -- als würde sie
-unbarmherzig dahinein gestoßen von derselben Hand, von denselben Blicken,
-die sie einst rettend festhielten, -- und als fände sie diesmal nie mehr,
--- nie mehr hinaus --.
-
-Marianne nahm nichts mehr deutlich wahr, die Dinge ringsum schienen ihr
-langsam zu entschwinden, sich in sich selbst aufzutrinken, unterzugehn in
-einem chaotischen Nebel. Einförmig nur und erschütternd laut hallten fort
-und fort die Glocken über ihr, -- hallten um sie, -- hallten in ihr, --
-begruben sie wie unter einem Mantel von dröhnenden, besinnungraubenden
-Tonwellen, -- ließen alles an ihr erbeben unter der Gewalt des einen
-unerbittlichen Klanges, -- drangen auf ihre zitternde Schwäche ein, wie
-mit läutenden Unendlichkeiten -- --
-
-Marianne war, einer Ohnmacht nahe, stehn geblieben und rang nach Atem.
-
-Sie standen wieder dicht vor der Verkündigungskirche, an den Stufen, über
-denen sich die Eingangspforte erhebt. Hugo Lanz hatte einen Arm um Marianne
-gelegt und führte sie, sie vorsichtig stützend, hinauf bis in den
-Seitengang, wo längs den Fensterchen von gewelltem Glas eine Bank stand.
-
-Dort ließ er Marianne niedersitzen und neigte sich, neben ihr stehn
-bleibend, mit besorgter Frage zu ihr.
-
-Aber sie achtete nicht auf das, was er flüsternd fragte. Dicht vor ihr
-öffnete sich das blausilberne Portal in den innern Kirchenraum, auf der
-Seite, wo sie eben hereingetreten waren, blickte von der Thür ein großes
-dunkles Christusbild zu ihr nieder, die Züge kaum kenntlich, ein schwarzer
-Fleck, umhüllt und umkleidet von unendlichem Goldglanz. Sie starrte darauf
-hin, bis sie vor Thränen nichts mehr sah. Rätsel hinter Gold --.
-
-Aber leise und wohlthuend legte sich die Dämmerung dieser Kirchenwände
-wie schützend um sie. Kaum glichen sie Wänden, bedeckt mit alten
-nachgedunkelten Malereien wie reiche alte Stoffe, sich niedrig wölbend und
-wellend, wie ein ungeheurer Mantel, der sich in schweren weichen Falten um
-den Betenden legt, ihn sanft bergend vor der Außenwelt --.
-
-Sie hob beide Hände vor das Gesicht und beugte sich tief vor, ohne ein
-Wort zu sprechen. Schweigend verharrte sie lange so.
-
-Hier und da kamen von draußen Menschen vorüber, meistens Leute aus dem
-Volk; leise auftretend mit ihrem groben Schuhwerk, schritten sie tiefer
-hinein in das Schiff der Kirche, das in feierlicher Dämmerung vor ihnen
-dalag, nur an wenigen Punkten schwach erhellt von vereinzelten Wachskerzen,
-die daraus hervorblinkten.
-
-Hugo Lanz stand neben Marianne, an ihre Bank gelehnt, und blickte auf sie
-nieder. Er wußte nicht, was in ihr vorgehn mochte, aber daß in dieser
-Stille etwas Erschütterndes in ihrer Seele zum Austrag kam, das mußte er
-wohl fühlen -- --. Und wenn er einst zu ihr gekommen war im drängenden
-Verlangen, an ihrer warmen Mütterlichkeit getrost und froh zu werden wie
-ein Kind, so wuchs jetzt eine Sehnsucht in ihm empor, -- groß, wie er
-sie nie gekannt hatte, -- stark zu werden und kraftvoll, ein Mann, um
-beschützen und behüten zu dürfen --.
-
-Er stand da und horchte stumm auf das Geläute der Glocken, -- auf den
-seltsam packenden Klang dieser russischen Glocken, die sich weigern, sich
-mit ihren Klängen mitzuwiegen, und ehern feststehn, daß der Klöppel in
-ihnen anschlägt wie ein weithin tönender Befehl -- --.
-
-Da ließ Marianne die Hände von ihrem Gesicht sinken und erhob sich ganz
-langsam. Hugo Lanz machte eine Bewegung zu ihr hin, aber die Andacht
-in ihren Augen und in ihrer ganzen Haltung bannte ihn. Es war wie eine
-unsichtbare Einsamkeit und Hoheit um sie, die er nicht zu entweihen wagte.
-Und unwillkürlich trat er zur Seite.
-
-Einen Augenblick lang stand Marianne da, sich besinnend, fast schüchtern,
-mit einer sanften Neigung des Kopfes, die etwas Rührendes für ihn hatte,
-etwas von unaussprechlicher Ergebung. Aber auf ihren Zügen lag ein ruhiger
-Glanz, alle Angst war von ihnen gewichen.
-
-Sie machte eine Wendung, um aus dem Portal hinauszutreten, ohne ihren
-Begleiter zu bemerken. In diesen Minuten hatte sie auch ihn vergessen. Er
-schaute ihr nach, und unwiderleglich kam ihm das Gefühl: -- als ginge sie
-gar nicht allein -- --.
-
-Ein paar Schritte hinter ihr trat er hinaus auf den Platz.
-
-Unten in der Stadt, die dem Kreml zu Füßen lag, blinkten eben die ersten
-Lichter auf. Schon war es nicht mehr ganz hell. Weißlicher Winternebel zog
-sich in der Ferne über die Ufer des Flusses. Fest um den Kreml geschmiegt,
-standen die Häuser da, rot und blau und grün an Dächern oder Mauerwerk,
-und erwarteten nach des Tages Treiben das Dunkel, durch das das siegende
-Gold der zahllosen Kuppeln hindurchschien wie eine ewige Leuchte, die nicht
-mit dem Tage erlischt.
-
-Ein unerhörtes Abendrot stand über Moskau. Und die Buntheit der Farben
-ringsum nahm auch noch den schwächsten Abglanz davon, nahm auch den
-leisesten Funken so innig auf, hielt sich ihm an der Oberfläche aller
-Dinge als ein so williges Gefäß entgegen, daß es fast wirkte wie ein
-Lobgesang, der emporstieg von der Erde zum erglühenden Himmel. Eine
-Stimmung wie ein Ausgleich zwischen Freude und Gebet lag über dem Ganzen.
-Die paar Wolken, die inmitten der Bläue des Himmels zögernd dunkelten,
-zogen sich, lichtdurchschossen, langsam zu breitschimmernden Goldbändern
-auseinander -- --.
-
-Da ging ein flüchtiger Regenschauer nieder, warm und ganz kurz, wie ein
-Thränensturz.
-
-Hugo Lanz blieb stehn und schaute hinab, dorthin wo Mas feine ruhige
-Gestalt im Abstieg zu den Anlagen sichtbar blieb.
-
-Wie klein und unscheinbar verschwand sie dort zwischen den Bäumen. Und ihm
-schien doch alles ringsum sie allein zu feiern und zu umstrahlen --.
-
-Denn in ihm arbeitete sich irgend ein Bild mit mächtiger Gewalt zu
-künstlerischer Klarheit hindurch, -- ein Bild, in dem er Ma vor sich sah,
--- ein Bild, in dem ihr Glück lebte und ihr Vereinsamen, und ihr Weh, und
-ihr Sieg, -- ein Bild, in dem geheimnisvoll lebte, was in diesem Augenblick
-in ihr selbst wohl nur in dunkeln Ahnungen rang -- --.
-
-Und es kam ihm vor, als stünde er angesichts eines großen Schauspiels,
-um deswillen man das Leben fürchten und lieben lernen mag. Und das den
-Schauenden, dem es seine Heimlichkeit enthüllt, zum Kinde werden lassen
-mag, und zum Manne, -- und zum Dichter.
-
--- Ganz benommen und wie sich selbst entrückt, blickte er hinab von der
-Kremlhöhe in die Tiefe der Stadt.
-
-So sah er Ma schweigend, still niedersteigen unter dem verhallenden
-Geläute der Glocken, -- einen von oben in die Wohnungen der Menschen
-entsendeten guten Geist.
-
-[Illustration]
-
-
-
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- _Worms_, Carl, Du bist mein. Zeitroman. " M. 4.--
-
- --"-- Thoms friert. Roman. " M. 4.--
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten:
-
-  _gesperrt_ : =Antiqua=
-
-Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 23:
- "nichs" geändert in "nichts"
- (Nun, das macht nichts.)
-
- Seite 49:
- "leiebkosende" geändert in "liebkosende"
- (als seien es ebensoviel liebkosende Verheißungen)
-
- Seite 63:
- "»" eingefügt
- (»die schönsten Lieder und die schönsten Sagen)
-
- Seite 109:
- "auch" geändert in "nach"
- (in die Hand nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen)
-
- Seite 112:
- "«" eingefügt
- (Sie ist aber nicht krank geworden.«)
-
- Seite 160:
- "halbmäd henhafte" geändert in "halbmädchenhafte"
- (Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung)
-
- Seite 168:
- "Das" geändert in "das"
- (»Nein, -- das heißt: es wäre ja wunderschön)
-
- Seite 179:
- "." eingefügt
- (um alle Kraft aufzuzehren --.)
-
- Seite 185:
- "«" hinter "helfen?" entfernt
- (Was konnt es denn helfen?) ]
-
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-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ma, by Lou Andreas-Salomé
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Ma, by Lou Andreas-Salomé
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Ma
- Ein Porträt
-
-Author: Lou Andreas-Salomé
-
-Release Date: December 24, 2019 [EBook #61010]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-
-
-<h1>Ma</h1>
-
-<p class="ce fsl"><b>Ein Porträt</b></p>
-
-<p class="ce mt2 lh2"><b>Von</b><br />
-<span class="fsl"><b>Lou Andreas-Salomé</b></span></p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/p003i.jpg" alt="" /><br />
-Stuttgart 1901<br />
-J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br />
-<span class="fss">G. m. b. H.</span></p>
-
-
-<p class="ce mt2 fss lh2"><span class="ge">Alle Rechte vorbehalten</span><br />
-Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-<i>I.</i></h2>
-
-
-<p>Die Iberische Mutter Gottes fuhr spazieren.</p>
-
-<p>Aus der Tiefe ihres kerzenerhellten blaugoldschimmernden
-Tempelchens vor dem Eingang
-zum Schönen Platz am Kreml war sie von ehrfürchtigen
-Händen in den Wagen gehoben worden.</p>
-
-<p>Da saß sie nun im prächtigen Vierspänner, ihrer
-ständigen Equipage, breit auf dem Vordersitz, ihr
-gegenüber zwei Priester in reichen scharlachroten
-Gewändern, Kreuz und Weihrauchgefäß vor sich hinhaltend.</p>
-
-<p>Irgend eine der kleinern Glocken im Kreml bimmelte
-und bimmelte. Hin und wieder nur unterbrach
-ein vereinzelter tiefer Glockenton, lang nachdröhnend
-und wie verträumt, dies helle Geläute. Hoch über
-den verschneiten Straßen klang es unermüdlich, mit
-dringlicher Monotonie, in den Winterwind hinein.</p>
-
-<p>Die Menge umringte den Wagen so nahe, als
-sie es vermochte, junge Gesichter und alte, bärtige
-bückten sich in gleich demutvollem Eifer, um einen
-Kuß auf das wunderthätige Bild zu erhaschen oder
-wenigstens auf den Rahmen daneben.</p>
-
-<p>Ein paar elegante Offiziere, die über den Woßkreßenskiplatz
-herkamen, machten mitten auf dem Fahrdamm
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Halt, beugten das Knie in den Schnee und bekreuzigten
-sich feierlich mit bis zur Strenge ernsten
-Mienen.</p>
-
-<p>Täglich fuhr die Iberische Mutter aus, um allen
-Besuchsanforderungen zu genügen, dennoch mußte oft
-ihre Gegenwart in einem Haus wochenlang vorher
-erfleht werden, damit sie noch Zeit dafür fand.</p>
-
-<p>Langsam lenkte der imposante Kutscher, trotz der
-empfindlichen Kälte entblößten Hauptes, seine vier
-Rappen aus dem Menschenhaufen heraus.</p>
-
-<p>Viele blieben noch stehn, um ihm nachzuschauen.
-Auf den Stufen zum Tempelchen lagerten Pilger,
-Bastschuhe an den tücherumwickelten Füßen, den Stab
-in der Hand. Mit ihren Anliegen wandten sie sich
-jetzt an die Kopie des Bildes, die stellvertretend im
-Heiligtum hing, und steckten betend brennende Wachskerzen
-davor auf.</p>
-
-<p>So mehrte sich drinnen immer noch Licht um Licht
-zu erhöhtem Glanze, &mdash; von außen anzusehen wie eine
-mächtige gelbflimmernde Sonne, die mitten im nüchternen
-Alltag des Straßenlebens gleich einem leuchtenden
-Geheimnis dastand und winkte und winkte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Die Mutter Gottes im Vierspänner hatte mit
-nicht gar vielen Equipagen zu konkurrieren. Wer sie
-fahren sah, konnte sie gut für die große Dame Moskaus
-halten und für den Inbegriff des heiligen Mütterchens
-Moskau selbst.</p>
-
-<p>Was da auf dem hartgefrorenen Schnee an Fuhrwerken
-vorüberglitt, waren fast nur kleine, niedrige
-Schlittchen, wie sie für wenige Kopeken sogar dem
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Volk zugänglich sind. Weiber mit Sack und Pack befanden
-sich häufig drin, Bauern in hoch um die Ohren
-geschlagenen Schafpelzen. Seltener schon flog eine
-Troika des Weges dahin, und, zugleich mit dem lustigen
-schellenläutenden Dreigespann, vielleicht irgend ein
-Lied, angestimmt von den Insassen, &mdash; ein Lied, wie
-es in den Theebuden zur Harfe gesungen wird oder
-in Sommernächten vor der Thür der Dorfhütten.</p>
-
-<p>Das zitterte dann mit dem nachschwingenden
-Glockenton wundersam in eins zusammen, &mdash; selbst
-dann wundersam in eins, wenns zufällig ein Tanzlied
-war. Auch dann mußte es der Iberischen Mutter
-heimisch entgegenklingen.</p>
-
-<p>Und auch unter den Fußgängern begegneten ihr
-vorherrschend ihre ureigensten Kinder, Kinder des
-Volks. Nicht das Proletariat großer Städte, wie es
-gern die entlegeneren Gassen füllt, sondern Volk, &mdash;
-das Volk zu Hause auf seinen breiten Straßen und
-Plätzen. In der ihm zugehörigen Tracht schritt es
-einher, nicht in abgelegten Almosenkleidern Reicherer
-oder deren Nachahmung, und diese Tracht überwog
-so sehr, daß sich die Andersgekleideten, die Allerweltstypen,
-fast darunter verloren.</p>
-
-<p>Das alte Moskau, &mdash; zumal in der winterlichen
-Frühdämmerung einer solchen Nachmittagsstunde, &mdash;
-nahm sich beinahe aus, als sei es im Grunde seines
-Herzens ein Riesendorf, zutraulich herumgebaut um die
-allwaltende Herrlichkeit und Heiligkeit der Kremlhöhe.</p>
-
-<p>Rot und grün und blau an Dächern oder Mauerwerk,
-in Farben, wie sie Kinder am liebsten auf ihren
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Bilderbogen anbringen, schauten die Häuser zum
-großen Kreml empor. Und in Rot und Grün und
-Blau antwortete er ihnen von der Höhe seiner Kuppeln
-und Paläste, väterlich ihnen angepaßt, mit ihnen
-verschmelzend, und malte noch bunte Sternchen oder
-Streifen mitten hinein in sein Gold.</p>
-
-<p>Mit dem Golde aber übertrumpfte er sie, überstrahlte
-er sie, mit dem Golde übertönte er alles wie
-mit einem lauten Lobgesang, sodaß sie gleich darauf
-doch wieder ganz klein unter ihm dalagen und ganz
-verstummt trotz ihrer beredten Farben. Und ein andres
-Gold war es zu jeglicher Stunde, zu jeder jedoch ein
-königliches, vom ersten Tagesgrauen an, das über
-Moskau aufging, bis tief in die tiefste Nacht, denn
-keine gab es, tief genug, um das Gold ganz auszulöschen.</p>
-
-<p>Immer war es da, ob breit entfaltet in seinem
-selbstverständlichen Glanze oder geheinmisvoll gesammelt
-wie eine Leuchte von innen her, die sich nur
-verstohlen verrät. Immer war es da, allen gegenwärtig,
-von den äußersten Kreuzspitzen der Kathedralen
-an bis hinein in das verborgenste Dunkel der
-Kirchenräume und selbst bis hinab in den geschlossnen
-Wagen, worin die Iberierin durch die Straßen fuhr,
-feierlich umblitzt von Goldfunken und dem vielfarbigen
-Schimmer ihres köstlichen Geschmeides.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie machte nur eine kurze Fahrt, schon in einer
-Seitenstraße der Twerskaja schien ihr Ziel erreicht.
-Unter einem erneuten Auflauf von Menschen, die leise
-beteten, sich bekreuzigten und einen Kuß anzubringen
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-suchten, wurde sie hinausgehoben, um den inbrünstig
-Harrenden entgegengetragen zu werden, denen ihr
-Besuch galt, und deren Thränen sie trocknen, deren
-Qual sie bannen, oder deren Jubel über eine Glücksfügung
-sie Weihe und Segen erteilen sollte.</p>
-
-<p>Am Fenster eines hölzernen Miethauses schräg
-gegenüber standen zwei junge Mädchen und sahen,
-aneinander gelehnt, der Scene auf der Straße zu.</p>
-
-<p>»Ach Rußland &mdash; Rußland! Mir ist doch wieder,
-als ob ich nach Asien zurückgekehrt wäre,« sagte die
-Aeltere kopfschüttelnd, »traurig ist es! Ich wundre
-mich, daß du nur dazu lachst, Sophie.«</p>
-
-<p>Sophie kehrte sich vom Fenster ab, weil es nichts
-mehr zu sehen gab. Sie entgegnete mit einem sanften,
-begütigenden Stimmchen: »Es ist nicht so schlimm.
-Vielleicht noch ein bißchen Mittelalter, aber es kann
-auch etwas ganz Feierliches bekommen, mitunter. Dann
-lache ich auch nicht. &mdash; Man muß nur nicht grade als
-Studentin frisch aus dem Auslande angereist sein!«</p>
-
-<p>»Wir haben keinerlei Grund, uns für dies Mittelalter
-zu begeistern, Sophie. Sind wir etwa Russen?
-Und selbst wenn wirs wären&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sophie war nach dem andern Fenster gegangen,
-wo neben einer Gruppe wohlgepflegter hoher Blattpflanzen
-ein Schaukelstuhl stand.</p>
-
-<p>»Sind wir auch nicht gradezu Russen, so sind wir
-doch hier zu Hause,« meinte sie zögernd. »Und eigentlich
-möchte ich manchmal, wir wärens noch mehr! Wären
-zum Beispiel in einem stockrussischen Gymnasium erzogen
-worden, &mdash; wenigstens ich, Schwesterchen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-»&mdash;&nbsp;Warum&nbsp;&mdash;?!«</p>
-
-<p>Sophie blieb die Antwort auf diese erstaunte
-Frage schuldig.</p>
-
-<p>Ihre zartgliedrige Gestalt dehnte sich lang aus
-im Schaukelstuhl, und sie legte den blonden Kopf mit
-seinen zwei schimmernden Flechten, die ihn kranzförmig
-umwanden, so weit zurück an die Stuhllehne, daß
-ihr Blick zur Zimmerdecke emporsah, anstatt auf die
-Schwester.</p>
-
-<p>Erst nach einer kleinen Pause bemerkte sie ablenkend:
-»Uebrigens: diese niedrigen Decken abgerechnet,
-&mdash; findest du nicht auch, Cita, daß unsre
-jetzige Wohnung ganz ungeheuer behaglich ist? Ich
-freute mich so, als wir wegen Mas vieler Lehrstunden
-in dies gute Viertel ziehen mußten.«</p>
-
-<p>Cita hatte sich auf den Fenstersims gehockt und
-strich sich in einer ihr eigentümlichen hastigen Bewegung
-mit der Hand durch ihr kurzverschnittenes
-welliges ganz dunkelblondes Haar.</p>
-
-<p>»Gewiß, &mdash; sehr behaglich habt ihr es,« gab sie
-zerstreut zu, »aber es sollte wohl selbst der vertracktesten
-Wohnung schwer fallen, unbehaglich zu wirken,
-wenn unsre Mama sie bewohnt und einrichtet. &mdash;
-Aber daß sie dies Viertel gewählt hat, ist auch abgesehen
-von den Lehrstunden gut. Die meisten ihr
-bekannten Häuser liegen nicht weit von hier. Ich
-meine: das ist gut &mdash; besonders für später.«</p>
-
-<p>»Wie denn: für später?«</p>
-
-<p>Cita hob ihren hübschen Bubenkopf und blickte
-auf die Schwester.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-»Verstehst du mich nicht? &mdash;&nbsp;&mdash; Für später, wenn
-sie hier allein ist, weil auch du irgendwo im Auslande
-studierst, &mdash; Medizin&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sophie lachte hell auf, wie über einen Scherz.
-»Was dir nicht alles einfällt! Daran denkt doch
-niemand im Traum!« bemerkte sie und wippte leise
-mit dem Schaukelstuhle.</p>
-
-<p>Cita zog unwillig die dunkeln feinen Augenbrauen
-zusammen. »Ach Sophie, laß doch die Flausen, hinter
-denen du dich versteckst. Gewiß denkt jemand daran,
-im Traum und im Wachen: nämlich du selbst. Und aus
-diesem einzigen Grunde bedauertest du offenbar plötzlich,
-nicht ein stockrussisches Gymnasium hinter dir zu
-haben. Du erwägst in deiner Ratlosigkeit: könnt ich
-wenigstens hier&nbsp;&mdash;, wenn nicht schon im Auslande&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Ja, &mdash; Ma verlassen&nbsp;&mdash;: das thu ich eben
-nicht!« fiel Sophie erregt ein.</p>
-
-<p>Cita entgegnete sehr ruhig: »Zeit wärs, zu wissen,
-was du selbst willst. Du bist neunzehn, hast seit
-Ostern dein Diplom. In dem Alter war ich schon
-fort. Und in anderthalb Jahren werd ich promoviert
-haben, &mdash; wenn nicht eher.«</p>
-
-<p>»Mein Gott, damit brauchst du nicht zu protzen!«
-sagte Sophie empfindlich, »&mdash;&nbsp;so, wie Ma dir alle
-Wege geebnet hat. Sogar noch ehe Vaters Lieblingsschwester
-starb und jeder von uns das kleine Legat
-vermachte&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Ich protze nicht. Ma war reizend, in jeder
-Beziehung. Es spornt mich nur an, um so energischer
-ans Ziel zu gelangen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-»Nun &mdash; und was weiter? Ich glaube durchaus
-nicht, daß weibliche Juristen heutzutage die geringsten
-Aussichten haben,« erklärte Sophie im Ton einer gezwungenen
-Bewunderungslosigkeit und wippte heftiger.</p>
-
-<p>»Vielleicht heute noch nicht. Aber morgen. Uebermorgen
-meinetwegen. Wir Frauen arbeiten eben an
-einem Stück Zukunft. &mdash;&nbsp;&mdash; Und inzwischen, da will
-ich mir schon durchhelfen. Du mußt nicht glauben,
-daß ich nicht mehr vermag, als juristisch fachzusimpeln.«</p>
-
-<p>»Ach nein, hoffentlich nicht. Denn <em class="ge">das</em> würde
-unsrer Ma auch ganz schrecklich sein.«</p>
-
-<p>Sie schwiegen beide.</p>
-
-<p>Cita trat vom Fenster fort und fing an, langsam
-auf und ab zu gehn, wobei sie die Arme auf dem
-Rücken verschränkte und den Kopf ein wenig gesenkt
-hielt, wie ein grübelnder Feldherr.</p>
-
-<p>Vor dem Schreibtisch ihrer Mutter, der, quergestellt,
-ein Drittel des Zimmers durchschnitt, blieb
-sie einige Augenblicke stehn.</p>
-
-<p>Er war mit Büchern und Schulheften bedeckt;
-aus der Mitte all dieser Tagesarbeit erhob sich ein
-italienischer Olivenholzrahmen mit durchbrochen gearbeiteten
-verschließbaren Thüren. Dahinter verbarg
-sich des jung verstorbenen Gatten Bild.</p>
-
-<p>An der einen Wand dahinter hingen mehrere
-Radierungen von seiner Hand, in schlichte dunkle Holzstreifen
-eingefaßt: sie stammten aus den Jahren seiner
-kurzen Ehe, aus der Zeit vollen Glückes und voller
-Künstlerhoffnungen, &mdash; unten in Italien verlebt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-An der andern Wand hinter dem Schreibtisch
-eine ganze Gruppe Familienporträts, darunter sehr
-alte, die mit sichtlicher Pietät hier zusammengestellt
-waren. Zwei davon blasse Pastellbildchen: der Großvater
-mütterlicherseits, Martin, mit mächtiger schwarzer
-Halsbinde und nach vorn gebürstetem grauem Haar,
-ein kluger, fast bedeutender Kopf. Daneben die reizende
-alte Großmutter, von der Cita und Sophie
-ein gut Teil Anmut als Erbe erhalten hatten.</p>
-
-<p>»Für Ma wär es auch tausendmal besser gewesen,
-nicht hier stecken zu bleiben,« entfuhr es Cita.</p>
-
-<p>Sie stand und betrachtete die Bilder. »Mit ihrer
-Begabung, ihren Talenten hätte sie etwas werden
-müssen. Aber freilich, hier in Rußland, wo sie einfach
-den reichen Kaufleuten die Rangen unterrichten
-muß&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sophie hatte die Augen geschlossen.</p>
-
-<p>»Arme liebe Ma!« sagte sie leise, »du lieber Gott,
-die konnte eben nicht Juristerei studieren. Dabei
-wären wir zwei armen kleinen Würmer geschwind
-genug verhungert. &mdash;&nbsp;&mdash; Und hier in Rußland gab es
-doch wenigstens Lebensmöglichkeiten, und die guten
-Anknüpfungen von unserm Großvater-Gymnasialdirektor
-her, und schließlich doch auch Tante Ottilie&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.
-Aber schwer und schrecklich muß es gewesen sein&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sophie unterbrach sich, dann fügte sie in gequältem
-Ton hinzu: »Du und ich, wir sind undankbare
-Scheusale! Wir, mit unserm dummen Ehrgeiz&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Cita ging schon wieder mit verschränkten Armen
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-auf und ab. Es entfuhr ihr ungeduldig: »Deine
-Logik ist einfach schauderhaft. Grade das Gegenteil
-muß daraus gefolgert werden: in uns beiden lebt
-ja doch Ma weiter, in uns muß sie also etwas über
-sich selbst hinaus erreichen. Das ist doch wahrhaftig
-die einzige rationelle Art von Kindesliebe.«</p>
-
-<p>»Ach, ich weiß nicht, ob das Kindesliebe ist. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Und ob Kindesliebe rationell zu sein hat,« murmelte
-Sophie.</p>
-
-<p>Cita bemerkte seufzend: »Du redest wirklich oft
-wie ein ganz unentwickelter Mensch. Wenn ich nur
-nicht so gut wüßte, woher das kommt: es ist ganz
-einfach Bangigkeit, du wehrst dich gegen deine eigne
-bessere Erkenntnis. Die reinste Feigheit.«</p>
-
-<p>»Das verbitt ich mir denn doch!« rief Sophie
-aufgebracht.</p>
-
-<p>Der Schaukelstuhl flog. Sie fing an zu husten.</p>
-
-<p>Die Schwester lenkte ein. »Verzeih. Beleidigen
-wollt ich dich nicht. Du hast recht: das darf man
-nicht. Fest zusammenstehn müssen wir Frauen vielmehr.
-Uns gegenseitig unsre besten Freunde sein.
-Ich schelte dich als dein Freund, Schwesterchen, &mdash;
-zu deinem Besten. Bin voll Sehnsucht und Ehrgeiz
-für dich, &mdash;&nbsp;&mdash; möchte dir helfen, &mdash; und nicht
-nur mit Worten. Nein, nein, bauen sollst du auf
-mich dürfen von Grund aus.«</p>
-
-<p>Sophie schwieg. Sie hatte die Augen voll Thränen,
-und aus Furcht, in der Stimme Thränen zu verraten,
-blieb sie wieder die Antwort schuldig.</p>
-
-<p>Cita drängte auch nicht in sie. Sie trat langsam
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-an das breite Büchergestell aus kunstvoll zurecht getischlertem,
-braun angestrichenem Birkenholz, das in
-Mannshöhe die ganze Hinterwand einnahm, und zog
-irgend ein Buch heraus.</p>
-
-<p>Schon war es längst nicht mehr hell genug im
-Zimmer, um zu lesen, doch nahm sie Band um Band
-und blätterte zerstreut darin.</p>
-
-<p>Hier fand sich allerlei noch von Großvaters, des
-Schulmanns, Zeiten her zusammen. Und manches
-wohl auch, was der Mutter nur ihr Beruf als Lehrerin
-praktisch aufgenötigt hatte. Aber der Mehrzahl nach
-standen die Bücherreihen gedrängt voll von den höchsten
-Schätzen, die Menschengeist gehoben hatte. Und all
-das war, Band für Band mühselig angeschafft, &mdash;
-Band für Band benutzt, abgegriffen, genossen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Das Mädchen kam herein und brachte die Lampe.</p>
-
-<p>Sie war eine noch sehr junge und ein wenig blöd
-dreinschauende Person, die unschlüssig stehn blieb und
-Sophie fragend anblickte.</p>
-
-<p>Diese erhob sich schweigend aus ihrem bequemen
-Stuhl und ging mit ihr hinaus. Das späte Mittagessen
-konnte man Stanjka nicht allein anrichten lassen.
-Denn so oft man das, nach allen guten Belehrungen,
-probeweise gethan hatte, wurde Stanjka düster und
-fing an zu weinen. Sie setzte sich dann auf die kleine
-Bank am Herd und klagte und betete unter Thränen
-zur Mutter Gottes, die sie laut als Zeugin dafür
-anrief, daß es ihr sicher nicht gegeben sei, ein Mittagessen
-wohlbekömmlich herzustellen.</p>
-
-<p>Das kleine Heiligenbild, braun und unkenntlich
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-hinter seiner blanken Zinnbekleidung, hing vorschriftsmäßig
-in der Küchenecke, sah immer zu und mußte
-es folglich genau wissen.</p>
-
-<p>Daß es zufällig gar keine Muttergottes war, vielmehr
-ein heiliger Nikolaus, das hatte sich Stanjka
-nicht klar gemacht, jedenfalls focht es sie nicht weiter
-an. Wenn sie nicht grade »höhere« Arbeit verrichten
-sollte, sondern sich im Gröbern tummeln durfte, blieb
-sie strahlender Laune und bewältigte alles mit Herzenslust.</p>
-
-<p>Während Sophie noch mit ihr in der Küche herumwirtschaftete,
-schellte es laut und dringlich.</p>
-
-<p>Cita war schon gegangen, um die Wohnungsthür
-zu öffnen. Ihre Mutter stand davor, noch etwas
-atemlos vom raschen Gange.</p>
-
-<p>»Da hab ich richtig vergessen meinen Schlüssel mitzunehmen,
-&mdash; mußte schellen,« sagte sie und trat hastig
-ein, »&mdash;&nbsp;ein Wind draußen, Kind, &mdash; Sophie ist doch
-nicht etwa unnütz an die Luft gegangen?«</p>
-
-<p>»Aber nein, Ma. Wie müde mußt du heute sein,
-du Arme.«</p>
-
-<p>Cita nahm ihr sorglich den leichten Grauwerkpelz
-ab und küßte sie.</p>
-
-<p>»Ich danke dir, Kind. Gewiß habt ihr schon einen
-Wolfshunger, was? Ich lief, was ich konnte,« bemerkte
-die Mutter, indem sie sich die Fellüberschuhe
-von den Füßen streifte.</p>
-
-<p>»So! Und nun bin ich wieder Mensch! Feierabend
-läutets, und die Arbeit ist gethan,« sagte sie
-froh, »&mdash;&nbsp;und für heute ganz gethan: am Abend
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-brauche ich nicht mehr fortzugehn. Wir wollens
-aber auch herzhaft genießen, ihr Kinder.«</p>
-
-<p>Wer ihre Stimme so aus dem noch unerleuchteten
-Vorflur vernahm, konnte dahinter leicht ein junges
-Geschöpf vermuten. Alle Ueberanstrengung, aller Mißbrauch
-dieser Stimme hatten nicht vermocht, ihr den
-eigentümlichen Schmelz zu nehmen. Den Gesichtszügen
-selbst sah man die vierzig Jahre eher an. Sogar
-schon einzelne graue Haare mischten sich an den Schläfen
-in das volle weiche Braun, das Cita in lichterer Schattierung
-besaß, und das sich auch bei der Mutter hier
-und da übermütig zu locken versuchte, soweit der
-schlichte Knoten tief im Nacken das zuließ.</p>
-
-<p>Die Mutter erreichte ihre Aelteste nicht ganz an
-Größe, und ihre geschmeidige Gestalt hatte ehemals
-entschiedene Neigung zur Fülle gezeigt; jetzt jedoch
-vereitelte das anstrengende Tagewerk gründlich jeden
-Ansatz dazu. So blieb sie schlank, nahezu mager,
-und konnte dadurch auf Augenblicke fast mädchenhaft
-wirken.</p>
-
-<p>Als die Mutter in ihrem Schlafgemach verschwunden
-war, um sich ein wenig menschlich herzurichten, wie sie
-es nannte, machte sich Cita dran, in der kleinen schmalen
-Eßstube neben dem Wohnzimmer den Tisch zu decken.
-Doch war sie noch voll Nachdenklichkeit, und es ging
-ihr langsam von der Hand.</p>
-
-<p>Dies schmale Eßstübchen, nicht ohne Grund »der
-Spalt« geheißen, war bei der Wohnungseinrichtung
-an Möbeln zu kurz gekommen. Die Mutter hatte
-ein paar Bauerntruhen hineingestellt und rund um
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-den Tisch einfache Sitzschemel von gleich ländlicher
-Abstammung. Dann erhandelte sie jedoch auf dem
-großen Trödelmarkt, den das Moskauer Volk in der
-Sonntagsfrühe abhält, noch hier und da ein Stück
-volkstümlichen Kunstgewerbes, wodurch der arme Spalt
-einen gewissen Glanz erhielt, &mdash; so durch ein Wandbort
-aus dunkelm in Spitzenmuster geschnitztem Holz
-mit grellen Malereien auf Goldgrund, und durch einen
-originellen Stuhl, dessen ganzes Hintergestell aus
-einem rotlackierten Krummholz hergestellt war, wie
-es die Pferde im russischen Gespann tragen.</p>
-
-<p>Am einzigen Fenster, an dem der rote Stuhl
-stand und repräsentierte, hingen buntbestickte kleinrussische
-Tücher als Vorhänge nieder, und auch das
-grobleinene Tischtuch wies eine solche bunte Bauernstickerei
-an der Kante auf.</p>
-
-<p>Als die Mutter wieder eintrat, trug sie statt des
-dunkeln knappen Straßenkleides einen bequemen Hausanzug
-von tiefrotem Flanell. Sie kam an den Tisch
-zur Tochter, und, ohne daß diese es bemerkte, schob
-sie jedes Gerät auf dem Tisch ein wenig anders und
-gefälliger zurecht.</p>
-
-<p>Als sie aber dann einen Teller mit allerlei Obst
-hernahm, den Cita in die Mitte gestellt hatte, und
-sorgfältig begann, die Orangen und die blassen, länglichen
-Krimäpfel von ihren dünnen Papierhülsen zu
-befreien und sie in einer Krystallschale zu ordnen, da
-meinte die Tochter mit einem Lächeln: »So viel Mühe
-um das bißchen Aeußerlichkeit, Ma, müde, wie du
-doch bist. Schmecken nun etwa die Früchte besser?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Die Mutter nickte, indem sie das Lächeln erwiderte.
-Ueber die Schale geneigt, sog sie den kühlen Duft
-des Obstes in sich ein.</p>
-
-<p>»Auf alle Fälle schmecken sie besser,« sagte sie,
-»und außerdem machen sie, daß man auf Augenblicke
-das ganze Leben besser genießt, während man sie verspeist.
-Man genießt sie ja nicht nur um des lieben
-Futters willen als bloße Magenfreude, nicht wahr?«</p>
-
-<p>Als Cita nichts antwortete, richtete sie sich auf
-und faßte ihre Aelteste zärtlich um die Schulter.</p>
-
-<p>»Aber du sollst dich hier keineswegs mit Hausarbeit
-plagen, mein lieber kleiner Professor du. Hast
-nun einmal eine Sybaritin zur Mutter. Bist aber
-rechtschaffen zerarbeitet angekommen und sollst nichts
-thun, als es dir wohl sein lassen, &mdash; faulenzen. Wenigstens
-einstweilen, &mdash; bis über Weihnachten hinaus.«</p>
-
-<p>Und mit einem unterdrückten Seufzer fügte sie
-leiser hinzu: »Schnell genug verlier ich dich ja wieder.«</p>
-
-<p>Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, wie
-um den störenden Gedanken zu verscheuchen. Als
-nun Sophie, etwas erhitzt und eilig, von Stanjka gefolgt,
-hereinkam, nickte sie der jüngern Tochter schon
-wieder wohlgemut zu.</p>
-
-<p>»Also zu Tisch, Kinder! Wir wollen es uns
-schmecken lassen,« sagte sie und hob den Deckel von
-der dampfenden Terrine mit roter Beetensuppe, in
-der Saucischen und Schinkenschnitten schwammen.</p>
-
-<p>Sophie küßte die Mutter, ehe sie sich ihr gegenüber
-setzte.</p>
-
-<p>»Ich bin nicht in den Mädchenkursen gewesen,
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-weil du es des Wetters wegen nicht wolltest. Dafür
-hab ich ziemlich lange Geige geübt, und später habe
-ich über den Büchern gesessen, die Doktor Tomasow
-neulich brachte,« berichtete sie über ihren Tag, »er hat
-gewiß noch herrliche Dinge in seiner Bibliothek, aber
-er sagt, ich möchte mich erst an diese Werke halten.«</p>
-
-<p>»Thu blind, was er sagt,« bemerkte die Mutter,
-»aber warum ißt du mir so wenig, Kind? Nimmst
-du nicht von der sauren Sahne zur Suppe? Ich
-fürchte, das Herumstehn in der heißen Küche ist nichts
-für dich; &mdash; es raubt dir den Appetit.«</p>
-
-<p>»O nein! Ich esse schon noch.«</p>
-
-<p>Cita hatte auf den Lippen, zu äußern: »Die berühmte
-Haushaltungsarbeit ist eben lange nicht so
-gesund, wie ausposaunt wird.«</p>
-
-<p>Aber sie schwieg noch immer. Es war so entsetzlich
-schwer, in Mas Gegenwart ein spöttisch gefärbtes
-Wort mit dem nötigen Selbstbewußtsein herauszubringen.</p>
-
-<p>Wie ein Unrecht wurde es gleich, denn die Mutter
-hätte den Spott darin nicht bemerkt. Für Spott
-fehlte ihr das aufnehmende Organ. Sie wäre ihm
-gleichsam mit offnen Armen entgegen gegangen und
-hätte erwidert: »Meinst du wirklich, Kind?« und dann
-hätte sie versucht, mit vereinten Kräften, mit Citas
-eigner Hilfe, ausfindig zu machen, was zu thun sei,
-&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;und ob nicht lieber Ma selber beim Heimkehren
-von den vielen Stunden jedesmal erst noch kochen
-solle&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Die Mutter unterbrach ihren Gedankengang. Als
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-das Fischgericht auf den Tisch kam und sie davon
-austeilte, sagte sie: »Allernächstens, wenn ich nach
-Hause komme, sorge ich für einen großen Weihnachtsbaum.
-Es ist Zeit, sich nach einem umzusehen. In
-den letzten paar Tagen vor dem Festabend steigen sie
-im Preise. &mdash; Diesmal müssen wir das Allerschönste
-haben, was es überhaupt gibt.«</p>
-
-<p>Beide Mädchen sahen einander unwillkürlich, wie
-auf Verabredung, an.</p>
-
-<p>»Einen Baum&nbsp;&mdash;?« fragte Sophie und stocherte
-im Fisch auf ihrem Teller.</p>
-
-<p>»Ja, sicherlich. Etwa nicht? Warum denn nicht,
-ihr Kinder?«</p>
-
-<p>»Wir haben doch voriges Jahr auch keinen gehabt.«</p>
-
-<p>»Nein. Das lag jedoch an Zufällen. Wir konnten
-nicht gut anders, als bei Tante Ottilie sein. Und
-dann waren wir ja auch so traurig getrennt und verwaist,
-ohne unsre Cita.«</p>
-
-<p>Cita warf einen dankbaren Blick auf die Mutter.</p>
-
-<p>»Natürlich können wir gern einen Baum haben, &mdash;
-warum denn nicht, Sophie?« bemerkte sie; »wenn Ma
-es doch gern sieht, wollen wir jedenfalls einen haben, &mdash;
-den allerschönsten. &mdash; Aber &mdash;&nbsp;&mdash; was werden wir
-mit dem Baum nur anfangen, Ma? Eigentlich gehören
-Kinder mit dazu.«</p>
-
-<p>Die Mutter lächelte fein.</p>
-
-<p>»Laß uns einen Abend lang Kinder sein, Liebste.
-Da wir zusammen sind, haben wir reichen Grund
-dazu, &mdash; haben wir reich beschert bekommen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Cita schwieg. Sophie sagte für sie: »Ich weiß
-schon, wie es Cita meint. Alle Welt will ja gern
-sich wie ein Kind fühlen. So ganz unbefangen fröhlich
-sein. Aber, wenn man es absichtlich versucht, so
-gelingt es nie recht. Man <em class="ge">ist</em> eben doch kein Kind.
-Man kann nicht ungezwungen so thun, &mdash; es wird
-so gezwungen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Das ist auch ganz natürlich,« fiel Cita, mit Fischessen
-beschäftigt, ein, »denn man kann doch eben nicht
-ganz den schweren, den wirklichen Ernst des Lebens
-vergessen. Man drängt ihn nur für einen Abend lang
-in den Hintergrund. Ja, <em class="ge">das</em> kann man, künstlich.
-Aber dahinter, &mdash; da steht er doch immer da&nbsp;&mdash;.«
-Sie war voll Eifer, mehr darüber zu sagen, indessen
-eine Gräte kam ihr dazwischen.</p>
-
-<p>Beinah entschlüpfte es der Mutter: »&mdash;&nbsp;Huh&nbsp;&mdash;!
-ihr Kinder! Macht ihr euch denn wirklich schon das
-Leben zum &rsaquo;bösen Mann&lsaquo; im Hintergrunde von allem?
-Ist euch denn wirklich stets so schaudererregend ernsthaft
-zu Mute&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Aber sie sprach das nicht aus. Sie fürchtete, die
-Mädchen könnten argwöhnen, sie habe dabei insgeheim
-auf dem Grunde der Seele ein Lächeln über sie beide.</p>
-
-<p>Und sie fürchtete auch, die Mädchen könnten sie
-für entsetzlich oberflächlich halten. Das letztere war
-sogar das Wahrscheinlichere&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sie sah ihre beiden Ernsthaften mit einem tiefen
-Blick voll Güte an.</p>
-
-<p>»Aber nun wollen wir dennoch, während wir vor
-unsern Tellern sitzen, uns bemühen, so zu thun, als ob
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-das Leben ganz annehmbar wäre, &mdash; was meint ihr?
-Aus hygienischen Rücksichten!« schlug sie munter vor,
-und das Lächeln vom verborgenen Seelengrunde kam
-ganz leise herauf und spielte verhalten um ihren Mund.</p>
-
-<p>Das Fischgericht war hinausgetragen worden, und
-sie saßen beim Obst, als ein unerwarteter Besuch
-hereinkam.</p>
-
-<p>»Ach, Ottilie, du! Wie lieb von dir. Du bekommst
-auch gleich dein Schälchen Kaffee, &mdash; starken,«
-sagte die Mutter.</p>
-
-<p>»Nur auf einen Sprung! Ich war grade in eurer
-Nähe,« entgegnete ihre Schwester und begrüßte sie,
-»&mdash;&nbsp;weißt du, man trifft dich ja eigentlich nie, sonst
-käm ich nicht so selten.«</p>
-
-<p>Ein ganzer Strom von Winterluft wehte mit ihr
-ins Zimmer. Hut und Handschuhe hatte sie garnicht
-abgelegt.</p>
-
-<p>Sophie schob den Stuhl aus der Fensterecke, der
-als Lehne das Joch besaß, an den Tisch heran, denn
-auf den kurzbeinigen Schemeln saß ihre Tante höchst
-ungern.</p>
-
-<p>»Danke,« bemerkte diese und nickte ihr zu, während
-sie Platz nahm, »&mdash;&nbsp;es ist wirklich euer einziger
-Stuhl, &mdash; wenigstens hat er einen Rücken, wenn man
-sich auch halb wie ein Pferd dabei vorkommt. &mdash;
-Nun, das macht nichts. Traulich ist es doch bei euch,
-wie jedesmal.«</p>
-
-<p>Sie sagte es mit einer Art von liebevollem Neid.
-Traulich war es wirklich, und eine solche heitre
-Wärme, von irgend woher, über allem&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Saß doch Marianne, in ihrem tiefroten Hausanzug,
-der sie nirgends beengte, und doch seltsam
-schmückte, da wie ein Bild der Ruhe und des Genusses.
-Die feierte in Wahrheit Feierabend. Sie saß da und
-atmete mit jedem Atemzuge Ruhe und Genuß aus,
-wie den Duft unsichtbarer Blumen.</p>
-
-<p>»Gott, ja, du hast es gut! Wenn ich jetzt nach
-Hause komme, muß ich den Andrjuscha erst noch zu
-Bett bringen. Wobei er neuerdings schreit.«</p>
-
-<p>»Besorgt denn nicht das alles eure Kindsfrau,
-Tante Ottilie?« fragte Cita und schälte der Tante eine
-Orange.</p>
-
-<p>»Ich verlasse mich nicht gern auf sie, &mdash; ich muß
-immer alles selbst thun. Aber übrigens wär es zu
-undankbar, wenn ich klagen wollte. Nein, das sind
-ja so süße Pflichten. Man reibt sich gern für sie
-auf. Man ist für sie auf der Welt.«</p>
-
-<p>»Du bist auch eine der gewissenhaftesten Mütter,
-die es gibt,« bestätigte die Mutter. »Und solche haben
-stets zu thun, selbst bei ausgiebigster Hilfe, &mdash; können
-eigentlich nie sagen: nun ruh ich mich aus.«</p>
-
-<p>»Ja, siehst du: so, ganz so ist es, das behaupte
-ich immer!« rief ihre Schwester, ordentlich lebhaft,
-und lockerte ihre Hutbänder.</p>
-
-<p>Bis unter den Hut lag ihr dunkelblondes Haar
-glatt von der Stirn zurückgestrichen, volles weiches
-Haar wie Mariannens, jedoch stärker ergraut als bei
-dieser, obwohl Ottilie um ein Jahr jünger war.</p>
-
-<p>Marianne löschte zerstreut die kleine Spiritusflamme
-unter dem Kaffeekocher aus und füllte die
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-flachen Täßchen. Ihre Gedanken schweiften unwillkürlich
-weit zurück in eine Zeit, wo auch sie noch ihre
-Kleinen zu Bett zu bringen, zu baden, zu füttern, zu
-besorgen hatte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Solch kleiner Nachwuchs, wie ihn Ottilie zu eigen
-besaß, das war doch etwas Köstliches. Köstlich das
-Heranwachsen, aber köstlich auch die Kleinen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>»Mein Mann reist nächstens nach Petersburg,«
-sagte die Schwester, »&mdash;&nbsp;natürlich kein Gedanke, daß
-ich ihn begleiten kann. Nun, damit find ich mich
-schon ab. Bis meine Inotschka ganz erwachsen ist,
-ist es für mich überhaupt nichts mit geselligen Freuden.
-Aber ihr wünschte ich wohl, daß sie nicht nur Moskauer
-Kaufmannskreise kennen lernt.«</p>
-
-<p>Sophie rief: »Ach, inwiefern soll es dort besser
-sein? Ich habe Moskau gern. In Petersburg ist
-man weder im Auslande, noch in Rußland. Schrecklich
-lange Straßen, und was für ein Nebel&nbsp;&mdash;!«</p>
-
-<p>»Tante Ottilie hat ganz recht,« bemerkte Cita,
-»dort ist man wenigstens in Europa! Man weiß
-wenigstens ungefähr, welches Jahrhundert man eigentlich
-schreibt, während hier&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Tante Ottilie nickte.</p>
-
-<p>»Ja, man merkt es an allem: nicht nur, wenn
-man geistige Bedürfnisse hat, sondern auch wenn man
-einen modernen Kleiderstoff kauft,« bestätigte sie, »dort
-ist alles: die Newa, der Hof, alles Offizielle und
-überhaupt alles, was gilt. Wir sind hier wie zurückgeblieben.
-Die Russen haben überhaupt was Zurückgebliebenes.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-»Gar nicht alle. Etwa Tomasow?« meinte Sophie.</p>
-
-<p>Cita mußte lachen.</p>
-
-<p>»Nein, der ist aber auch wirklich der einzige!«
-gab sie zu. »Wirklich der einzige, auf den ich mich
-freute. Ein Glück, daß der unser liebster, nächster
-Freund ist.«</p>
-
-<p>»Nun, nun! Von Haus aus doch einfach euer
-Arzt,« dämpfte die Tante, aber Sophie unterbrach
-sie lebhaft: »Ach, da bist du aber schief gewickelt!
-Wenn wir gesund sind, brauchen wir ihn noch viel
-mehr, nicht wahr, Ma?«</p>
-
-<p>Die Mutter blickte auf.</p>
-
-<p>»Sprecht ihr von Tomasow? Ja, lieber Himmel,
-was sollten wir ohne ihn wohl anstellen?«</p>
-
-<p>Ihre Schwester warf ihr einen zurückhaltenden
-Blick zu.</p>
-
-<p>»Aber, liebste Marianne! Das heißt doch wohl
-ein wenig übertreiben.«</p>
-
-<p>Ma sagte sanft: »Nein, es ist kaum übertrieben.
-Das kann nur ich allein beurteilen. Es ist ja so
-alte, uralt gefestete Freundschaft. Sie stammt aus
-der allerersten Zeit meines Zurückkehrens hierher.
-Die Kinder waren damals sechs und sieben Jahr
-alt. Zähl selbst.«</p>
-
-<p>»Ach ja, Marianne, das weiß ich. Aber das Wichtigste
-ist ja doch gewesen, daß er dir als Arzt aushalf.
-Daß er dir half, dein Leben genau zu regeln.
-Damals, als du dich gleich so schrecklich überanstrengtest.
-Und wenn er dir dann vielleicht auch noch
-manche gute Beziehungen verschafft hat&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Ma machte eine leise abwehrende Handbewegung.</p>
-
-<p>»Laß das,« bat sie, »was du da nennst, ist das
-ganz Aeußerliche. Und über das andre kann ich nicht
-sprechen. Nicht, ohne es zu profanieren.«</p>
-
-<p>Tante Ottilie hatte ihr allerverschlossenstes Gesicht.</p>
-
-<p>»Wirklich, Marianne, ich begreife manchmal gar
-nicht, wie du nur sprichst! Du, die so ungeheuer
-selbständig ihr Leben in die Hand genommen hat, &mdash;
-die sich mit solcher Energie und aus eigner Kraft
-behauptet hat, &mdash; wie sprichst du mitunter nur? Ganz
-wie irgend eine kleine unselbständige Frau, die andern
-alles verdankt, und der andre zu allem verhalfen.
-Nun, weißt du, <em class="ge">wenn</em> das so ist&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Es ist so,« sagte Ma lächelnd.</p>
-
-<p>»Ja, dann muß ich dir sagen: dann braucht sich
-auch unsereins neben dir gar nicht so gering vorzukommen,
-denn schließlich: unser Stück Arbeit thun
-wir auch im Leben.«</p>
-
-<p>»Ja gewiß, du Liebe!« meinte Marianne, und
-sie lachte.</p>
-
-<p>»Aber wir schwärmen nun einmal für Doktor Tomasow,«
-erklärte Sophie, im Drang, ihre Tante zu bekehren,
-»er ist ganz außerordentlich gescheit, mußt du wissen.«</p>
-
-<p>»Ja, das ist er,« bestätigte Cita nachdrücklich.</p>
-
-<p>»Das ist noch eine recht zweifelhafte Tugend,«
-meinte die Tante etwas kühl, »aber für euch Kindsköpfe,
-die ihr es in dem Punkt noch seid, braucht ja
-wohl ein Mensch nur gelehrt oder gescheit zu sein,
-damit ihr ihn in einer Weise anbetet&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;!« Sie
-hob die Augen ironisch zur Zimmerdecke.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Cita stand brüsk auf.</p>
-
-<p>»Du kannst mir einfach leid thun, Tante Ottilie!«
-äußerte sie mit einem vielsagenden Achselzucken, das
-nicht eben artig ausfiel. Und sich demonstrativ abwendend,
-horchte sie hinaus, wo es grade geschellt hatte.</p>
-
-<p>Ihre Tante war dunkelrot geworden, doch hielt
-sie an sich, nur ihre Augen zeigten einen erhöhten,
-stählernen Glanz.</p>
-
-<p>Sie sah über Cita hinweg auffordernd auf deren
-Mutter.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ja, &mdash; ich weiß wirklich nicht, Marianne, &mdash;
-gestatten deine Erziehungsgrundsätze diesen Ton&nbsp;&mdash;?«
-bemerkte sie fragend, und ihre Haltung wurde gemessner.</p>
-
-<p>Aber in diesem Augenblick hatte auch Marianne
-nach dem Vorflur hingelauscht.</p>
-
-<p>Man hörte, daß die Wohnungsthür wieder geschlossen
-wurde, eine halblaute Frage, ein Räuspern&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>»Das ist Doktor Tomasow!« rief Sophie.</p>
-
-<p>Sie lief hinaus.</p>
-
-<p>Tante Ottilie hatte sich bereits von ihrem Pferdejochstuhl
-erhoben.</p>
-
-<p>»Aber liebe Ottilie! Du wirst doch nicht deshalb
-fortgehn&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht, meine gute Marianne; du vergißt
-nur, daß ich bloß auf einen Sprung kam und eilig
-bin, &mdash; auf ein andermal also,« sagte die Schwester
-etwas gezwungen und verabschiedete sich kaum merklich
-von Cita.</p>
-
-<p>»Nun, wie du willst. Komm, laß uns durchs
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Wohnzimmer hinausgehn, &mdash; sieh, da könnten wir
-so gut plaudern, denn die Kinder, die schleppen jetzt
-unsern Doktor in den &rsaquo;Spalt&lsaquo; hinein; ich wette, sie
-gießen ihm noch den kalten Kaffeerest ein.«</p>
-
-<p>Den Arm um Ottiliens Schulter, ging Marianne
-langsam durch das Wohnzimmer, das nur durch eine
-Lampe mit dunkelgrüner Glaskuppel vom Schreibtisch
-her erhellt war. Die Thür zum »Spalt« hatte sie zugedrückt.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Nun&nbsp;&mdash;? Stört dich der Doktor hier nicht
-mehr?«</p>
-
-<p>»Ach, an den dachte ich eben wahrhaftig nicht! Was
-mich drückt und erstaunt, ist etwas ganz andres&nbsp;&mdash;;«
-Ottilie blieb mitten im Zimmer stehn, und die
-Schwester groß anblickend, fügte sie mit betonter Langsamkeit
-hinzu: »Du läßt dir deine Töchter über den
-Kopf wachsen, meine arme Marianne.«</p>
-
-<p>Marianne lachte leise und schelmisch, sie ergriff
-die Schwester am Arm und schüttelte sie in heiterm
-Zorn: »O du Böse, &mdash; du Böse! Kannst du denn
-nicht dem Mädel ein unachtsames Wort vergessen?
-Gewiß, sie hätt es nicht so sagen sollen. Aber treffen
-und verwunden kann unsereinen doch nicht dieser kleine
-schwache Pfeil&nbsp;&mdash;? Ein Pfeil aus solchen jugendlich
-heftigen, jugendlich übereifrigen Händen?«</p>
-
-<p>»Du hättest es aber rügen müssen. Darum allein
-handelt es sich nur.«</p>
-
-<p>»Rügen &mdash; sofort? Vor dir? Meine einundzwanzigjährige
-Tochter um einer Bagatelle willen vor
-euch demütigen? Nein, wie magst du das nur sagen,
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Ottilie! Du mußt auch nicht vergessen, daß Cita
-längst&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Längst im Auslande studiert! Ja ja, das weiß
-ich! Das ist grade das Unglück. Und ist sie erst
-&rsaquo;Doktor&lsaquo;, &mdash; mein Himmel, dann darf sie wohl vollends
-thun, was ihr beliebt,« fiel ihr Ottilie nervös ins Wort.</p>
-
-<p>Marianne schüttelte verneinend den Kopf.</p>
-
-<p>»Ich meinte jetzt eben nicht grade: weil sie im
-Auslande studiert. Ich meinte nur: weil sie in so
-vielen Beziehungen schon fest und tüchtig dasteht und
-jedes Vertrauens würdig, wie ein reifer Mensch,«
-sagte sie warm und mit ruhigem Stolz.</p>
-
-<p>Ihre Schwester seufzte. Sie band die Hutbänder
-zu und wandte sich zum Gehn.</p>
-
-<p>»Fruchtlos, mit dir zu streiten, Marianne. Wir
-einigen uns doch nicht. Ich sehe den Fehler zu deutlich:
-du gehst immer zu weit in allem, &mdash; das thatest
-du immer. Alles packst du mit solch innrer Leidenschaft
-an, gibst dich so ganz dran! Es war auch mit
-deiner Ehe nicht anders, glaub ich,&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Da glaubst du recht!« antwortete Marianne sehr
-leise, und in ihre Augen trat ein dunkles Leuchten.</p>
-
-<p>»Und die Folge?! Nun, ich will nicht drüber
-sprechen. Aber daß du so ganz zerbrochen am Boden
-lagst, &mdash; diese gräßliche Zeit. Man kann das doch
-nicht einfach Witwentrauer nennen&nbsp;&mdash;. Und jetzt mit
-deinen Töchtern. Sie gehn dir buchstäblich über alles.
-Sind dir dein ganzes Mark und Blut.«</p>
-
-<p>»Ja, Ottilie. So ist es. Soll es denn nicht so
-sein?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Ottilie hatte schon den Griff der Thür nach dem
-Vorflur gefaßt. Sie ließ ihn noch einmal los, wandte
-sich der Schwester voll zu und sagte halblaut: »Nein!
-Nein, &mdash; siehst du, das ist es eben: es soll nicht so
-sein. Man muß die Dinge nicht so bis auf den
-Grund auskosten. Man muß sich zurückhalten, sonst
-ist man verloren. Sonst verliert man jeden Halt.«</p>
-
-<p>»O du! Das wäre eine traurige Lehre! Man
-lebt ja nicht, es sei denn, um sich hinzugeben. Man
-lebt ja nur soviel, als man liebt.«</p>
-
-<p>Marianne sagte es inbrünstig.</p>
-
-<p>Hinter der Thür zum Spalt hörte man Scherzen
-und Lachen. Ein Durcheinanderreden von Russisch
-und Deutsch.</p>
-
-<p>Ottilie entgegnete mit gesenkter Stimme und einem
-Anflug von Bitterkeit: »Das ist kein Ding wert. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Und wer sich dermaßen ausgibt, verflacht mit der
-Zeit. Was behält er dann noch Unangetastetes,
-Eignes? &mdash;&nbsp;&mdash; Aber geh jetzt, bitte, zu den andern
-hinein. Sie warten drinnen auf dich.«</p>
-
-<p>»Sie warten nicht. Ich gebe dir deinen Pelz
-um,« bemerkte Marianne und geleitete die Schwester
-hinaus. In ihren Gedanken weilte sie jedoch noch
-beim Gespräch. Sie hätte rufen mögen: »Ein Ding
-ists wert: die Kinder! Warum sie nur erziehen?
-Warum nicht von Grund aus sich freuen und jubilieren
-über sie? Frage deine Tochter! &mdash; sie hätt
-es bei mir seliger als bei dir&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>»Grüße mir Inotschka!« sagte sie nur.</p>
-
-<p>»Die wird nur rot, wenn ich ihr das bestelle.
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Ueber alles wird sie rot. Es ist wirklich schon fast
-ihre einzige Sprache, &mdash; und dabei kann sie drei
-Sprachen so gut. &mdash;&nbsp;&mdash; Willst du nicht vielleicht
-morgen abend den Thee bei uns nehmen, wenn du
-vom Unterricht kommst? Du hast es schon lange
-nicht gethan. Wir sehen uns wahrhaftig fast nur,
-weil du Montag Nachmittags mit Nikolai lernst.«</p>
-
-<p>»Ja, ich will kommen,« meinte Marianne. »Am
-Sonntag kann ich ja ausschlafen.«</p>
-
-<p>Sie küßten sich, und Ottilie ging.</p>
-
-<p>Nachdenklich blieb Marianne im Vorflur stehn.
-Sie blickte zu Boden, als suche sie etwas. Sie suchte,
-sich in ihrem Innern auf etwas zu besinnen.</p>
-
-<p>Wie sagte doch Ottilie? »Sonst verflacht man
-mit der Zeit.« Es gab Leute, die hielten Ottilie für
-»tief«. Das war es also. Sie gab sich nicht aus,
-lebte einfach mit Dreivierteln ihrer selbst, &mdash; vielleicht
-nicht einmal damit&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Aber war es denn immer so gewesen? Nein, sicher
-nicht. Einst, als Kinder, hatten sie einander viel
-stärker geglichen als jetzt, hatten gemeinsam und gleich
-empfunden. Erst viel später mußte die Schwester ihr
-Temperament außer Gebrauch gesetzt haben, &mdash; es
-beiseite gelassen, &mdash; es »reserviert« haben&nbsp;&mdash;, wofür?
-Und wie, in aller Welt, machte man das?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Marianne war ins Wohnzimmer zurückgegangen
-und setzte sich vor das geöffnete Pianino, worauf
-Sophiens Geige lag.</p>
-
-<p>Zerstreut, ganz leise schlug sie ein paar Töne an.</p>
-
-<p>Sie dachte an Inotschka. Ach, der würde sie sich
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-auch gern hingegeben haben. Die würde sie gern zu
-ihren Schülerinnen gezählt haben.</p>
-
-<p>Aber sie fühlte selbst, daß es nicht anging. Auch
-wider Wissen und Wollen hätte sie jeden Augenblick
-ihren Einfluß dem der Eltern entgegengerichtet.</p>
-
-<p>Inotschka, halberwachsen, noch mager, mit ihren
-allzu ernsthaften Augen und einem so weichen Munde,
-einem so kußbedürftigen weichen Munde, blieb vor
-ihrer Phantasie stehn, während sie die leisen, dunkeln
-Töne anschlug&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Darüber merkte sie gar nicht, daß sich die Thür
-zum Spalt öffnete.</p>
-
-<p>Beide Mädchen und Doktor Tomasow drängten
-sich geräuschlos in den Rahmen der Thür.</p>
-
-<p>Und da weckte ein fröhliches Gelächter Marianne
-aus ihrem Sinnen. Sie schaute sich um. Alle drei
-standen sie da und lachten sie aus.</p>
-
-<p>Sie lachte ohne weiteres mit.</p>
-
-<p>»Kommt nur herein. Tante Ottilie ist fort,«
-sagte sie.</p>
-
-<p>Vor Tomasow sprach sie stets deutsch, wie mit
-den Kindern untereinander.</p>
-
-<p>»Ja freilich! Die ist lange fort. Aber was verstecktest
-du dich denn vor uns, Ma? Dürfen wir
-deine geheimen Gedanken gar nicht wissen, aus denen
-wir dich herausgelacht haben?« fragte Sophie neckend.</p>
-
-<p>»Jawohl. Ich dachte darüber nach, warum ich
-euch gutwillig mir dermaßen über den Kopf wachsen
-lasse, ihr Kinder,« entgegnete Marianne, und sie
-reichte dem Freunde die Hand zum Willkommen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Sophie schlug entrüstet die Hände über dem Kopf
-zusammen, Cita aber erkundigte sich interessiert:
-»&mdash;&nbsp;Nun, &mdash; und das Ergebnis war, Ma&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»Es war: Wachset nur, &mdash; wachset!« sagte Marianne
-lachenden Mundes, und ihre Augen strahlten
-gütig.</p>
-
-<p>Doktor Tomasow blickte unter halb gesenkten Lidern
-nach ihr hin. Sein bartloses Gesicht, das so offen
-jede Falte und Furche in den Zügen des hohen Vierzigers
-zur Schau trug, war in Bezug auf seine stummen
-Gedanken nicht plauderhaft. Hager, mit slavisch kurzer
-Nase und energischen Kinnlinien, &mdash; dem Grundriß nach
-ein russisches Barbarengesicht, war es vom Leben verarbeitet,
-vergeistigt, aber im Ausdruck wie verschlossen
-worden. Kurz, dicht und früh ergraut, wellte sich das
-Haar über der freien Stirn fast ganz grade empor.</p>
-
-<p>Die beiden jungen Mädchen mußten ihn gut kennen.
-Als er sich nicht in ihr Scherzgespräch mit der Mutter
-mischte, blickten sie einander flüchtig an und zogen
-sich dann einmütig in ihr Zimmer zurück, &mdash; in
-Sophiens eigenstes Reich, das, über den Gang hinaus,
-nach dem Hofe zu lag, und wo jetzt Cita wohlgelittener
-Gast war.</p>
-
-<p>Die Mutter sah ihnen nach, wie sie, nach einigen
-heiter gewechselten Worten, fortgingen: Cita mit ihrem
-festen, gleichmäßigen Schritt voran, und hinter ihr
-Sophie, die sich noch einmal mit einer graziösen
-Wendung umsah und lächelte.</p>
-
-<p>Als sich die Thür hinter ihnen schloß, hob Marianne
-ihre Augen zu Doktor Tomasow.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-»Nicht wahr, die Sophie ist schmal in den Schultern?
-Sie hustet.«</p>
-
-<p>Er antwortete ruhig: »Das thun wir hier alle
-mehr oder minder zu dieser Jahreszeit. Sie sind
-mit dem Kinde etwas zu ängstlich, Marianne.«</p>
-
-<p>»Ja, sie erinnert mich so an&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;, auch er war
-zart.«</p>
-
-<p>Und da sie einen zaudernden Ausdruck in Tomasows
-Gesicht wahrzunehmen wähnte, trat sie ganz
-dicht auf ihn zu.</p>
-
-<p>»Tomasow! Wenn &mdash; nein, wenn&nbsp;&mdash;, Sie dürfen
-mir nie etwas verschweigen, nie&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Und sie erblaßte plötzlich.</p>
-
-<p>»Aber! Aber!« sagte er mit seiner überredenden
-eindringlichen Stimme und nahm ihre Hände, wie
-die eines Kindes, in die seinen. »Verbieten Sie
-ganz harmlosen Dingen, mit Ihnen gleich so durchzugehn,
-wie wildgewordene Pferde. &mdash;&nbsp;&mdash; Ganz kalte
-Hände haben Sie auf einmal bekommen. Kälteres
-Blut wäre besser. &mdash;&nbsp;&mdash; Also: Sophie ist absolut
-gesund. Ich bürge Ihnen dafür. Die Aehnlichkeit,
-die Sie da eben andeuteten, beschränkt sich auf die
-zarte Hautpigmentierung, die mit so blondem Typus
-zusammengeht, &mdash; sie garantiert Sophie auf lange
-hinaus einen blendenden Teint, bei etwas Pflege. Nun,
-hübsch genug ist sie schon jetzt, dächt ich. Ein liebes,
-gutes, schönes Kind haben Sie an ihr, Marianne.«</p>
-
-<p>Sie hörte ihm aufmerksam zu, unendlichen Glauben
-in den Augen.</p>
-
-<p>Seine Gestalt, obwohl in den breiten Schultern
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-unmerklich geneigt, überragte sie um ein gutes Stück.
-Sie erschien nicht mehr mittelgroß, sondern fast klein,
-und wenn sie beim Sprechen die Augen so zu ihm
-heben mußte, konnte man den Altersunterschied zwischen
-ihnen für beträchtlicher nehmen, als er in Wirklichkeit
-war.</p>
-
-<p>»Aber gut ist es für Sophie, daß sie bei mir ist,
-und ich für sie sorgen kann, bis in jede Geringfügigkeit,
-&mdash; das finden Sie auch? Cita ist ja so vortrefflich
-aufgehoben in der Familie, bei der sie in Berlin
-wohnt, &mdash; ich korrespondiere ja auch mit den Leuten,
-&mdash; und doch, &mdash; für Sophie wäre das nichts&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn dabei fragend an.</p>
-
-<p>Tomasow zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Natürlich würde sie es nirgends in der Welt
-auch nur annähernd so gut haben, wie bei ihrer
-Mutter. Indessen, das ist doch selbstverständlich.
-Warum fragen Sie erst danach?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht,« murmelte Marianne; »ich
-weiß nicht, warum sie mein Angstkind ist. In meiner
-Liebe zu ihr ist so viel Angst&nbsp;&mdash;. Darum muß ich
-manchmal von Ihnen hören, daß sie Ihnen keine
-Sorge macht.«</p>
-
-<p>»Nein. Die machen höchstens Sie mir von Zeit
-zu Zeit, kleine Ma,« sagte er mit leisem, fast nachsichtigem
-Lächeln und gab ihre Hand frei.</p>
-
-<p>Er nannte sie gar zu gern mit diesem Namensstummel,
-der daraus entstanden war, daß sich die Kinder
-in der Kindheit bisweilen herausgenommen hatten, die
-Mutter wie einen guten Kameraden »Marianne« zu
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-titulieren, was Tomasow schon damals äußerst bezeichnend
-fand. Hin und wieder ließ jedoch das Erstaunen
-andrer sie mitten in diesem Unternehmen
-stecken bleiben. Zuletzt blieb von Mariannens Namen
-nur das übrig, was ein guter Wille auch als Anlauf
-zu dem Wort »Mama« nehmen konnte.</p>
-
-<p>»Und die Einzigkeit der Silbe paßt zu ihr,« dachte
-Tomasow bei sich, »&mdash;&nbsp;dieser einzige Ton als Name, &mdash;
-es ist, wie wenn man etwas nur eben intonierte, was
-man nicht ganz nennen will, noch auch äußern kann.
-Weit, weit hinter dem einzelnen Ton ruht und klingt
-das Ganze&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Marianne war zum Schreibtisch getreten und
-schraubte die Lampe höher.</p>
-
-<p>»Stehn Sie mir da noch immer im Rücken? Das
-ist ja unheimlich,« sagte sie, den Kopf nach Tomasow
-zurückwendend, und dann ließ sie sich müde vor
-dem Schreibtisch in dem alten Luthersessel nieder, der
-noch von ihrem Vater, dem Schuldirektor, stammte.</p>
-
-<p>Tomasow zog sich den langen Schaukelstuhl neben
-der Blattpflanzengruppe ein wenig näher zu ihr heran.</p>
-
-<p>Er nahm von den Zigaretten, die Marianne ihm
-anbot, und zündete sich schweigend eine an.</p>
-
-<p>»Ich glaube, speziell dafür bin ich am Ende auch
-das letzte Mal vom Auslande wieder heimgekehrt,
-ein so schauderhafter Kosmopolit ich auch schon zu
-werden drohte,« bemerkte er dann.</p>
-
-<p>»Wofür? Für die Plauderecke?«</p>
-
-<p>»Es ist nicht einmal eine Plauderecke, streng genommen,
-denn wir sind oft ziemlich wenig redselig,
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-besonders wenn Sie abends müde sind oder gar anfangen,
-Notizen in Ihre schrecklichen blauen Schulhefte
-zu machen.«</p>
-
-<p>Marianne lehnte sich zurück und kehrte ihm das
-Gesicht zu. Sie sagte lächelnd: »Nun, dann sitzen
-Sie eben und freuen sich drüber, wie unendlich brav
-und artig ich bin. Denn das muß ja doch eine Freude
-für Sie sein! Wer hat mich denn gelehrt, diese Schulheftexistenz
-auszuhalten.«</p>
-
-<p>»Ich etwa?!« Tomasow machte eine ungläubige
-Miene. »Ich habe Ihnen wohl im Gegenteil alle
-Schwierigkeiten und Schrecknisse einer solchen klarzumachen
-gesucht, als Sie sich in den greulichen Kampf
-stürzten.«</p>
-
-<p>»Ja. Und mich dadurch für ihn gewappnet, &mdash;
-mich dadurch gelehrt, nicht gleich beim ersten Ermatten
-zu erliegen. Ich wußte so bestimmt: Sie
-stehn da und helfen mir immer wieder auf, &mdash; ach,
-das war ein gutes Gefühl, glauben Sie mir.«</p>
-
-<p>Tomasow rauchte schweigend.</p>
-
-<p>Ganz so war es wohl nicht. Er hatte in Wirklichkeit
-ihren Kräften nicht den Existenzkampf zugetraut,
-den sie so löwenmutig für sich und ihre Kleinen vollbracht
-hatte. Nein, ursprünglich hatte er ganz und
-gar nicht annehmen können, daß sie einem derartigen
-Leben gewachsen sei.</p>
-
-<p>Er half ihr damals mit seinem Rat und Beistand
-gleichsam nur so vorläufig. Er half ihr, um ihr nah
-bleiben zu können.</p>
-
-<p>Jedoch dann &mdash; später &mdash; wenn sie doch am Ende
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-ihrer Kräfte sein würde, die sie bis zum Zersprengtwerden
-anspannte, &mdash; ja, damals dachte er sich dann
-ein ganz andres Ende. Ein völlig andres&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Fast ohne daß er es wußte, fixierte Tomasows
-Blick bei dieser Erinnerung den geschlossnen Olivenholzrahmen,
-der in der Mitte des Schreibtisches stand.</p>
-
-<p>Marianne war der Richtung seines Blickes gefolgt.</p>
-
-<p>»Darf ich?« fragte er.</p>
-
-<p>Sie streckte, ohne zu antworten, die Hand aus,
-nahm den Rahmen vom Tisch und reichte das ihm
-wohlbekannte Bild herüber.</p>
-
-<p>Er schaute aufmerksam auf das junge beseelte
-Gesicht im Rahmen, &mdash; ein bartloses Jünglingsgesicht.
-Eine Aehnlichkeit mit Sophie war in der
-That unverkennbar, nur nicht in der Kühnheit der
-Stirn und des Kinnes.</p>
-
-<p>Aber etwas so Zartes lag über dem Ganzen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Tomasow bückte sich tiefer über das Bild und bemerkte:
-»Wenn ich mir vorstelle, wie Sie damals
-ausgesehen haben müssen, &mdash; und wie dieses hier aussieht,
-&mdash; so kommt mir leicht das Gefühl: sieh da, zwei
-Kinder, die man schützen möchte.«</p>
-
-<p>Sie lächelte unmerklich.</p>
-
-<p>»Wir brauchten keinen Schutz. Gegen nichts. Wir
-hatten ja einander.«</p>
-
-<p>»Zugegeben. Aber wer von Ihnen schützte wen?«</p>
-
-<p>»Jeder den andern. &mdash; Ach, es ist nur eins nicht
-zu fassen: daß der eine zurückbleibt, wenn der andre
-geht. Wie mag denn das nur möglich sein? &mdash;&nbsp;&mdash;
-Arme Menschen, daß es so ist.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Er erhob sich, um das Bild auf den Schreibtisch
-zurückzustellen.</p>
-
-<p>»Keine solchen Worte, Marianne! Keine solchen
-Aufwallungen, auch nicht für Sekunden! Sie haben
-an sich selbst erfahren, daß das Leben immer wieder
-neu keimt.«</p>
-
-<p>»Ja, das Leben: das heißt meine Kinder.«</p>
-
-<p>Tomasow nahm wieder Platz im Schaukelstuhl.
-Nach einer Pause, in der er schweigend vor sich hinrauchte,
-sagte er langsam: »Mir hat es doch immer
-scheinen wollen, als ob in Ihnen ein starkes Bedürfnis
-ist nach einer Ueberlegenheit neben Ihnen, &mdash;
-nach jemand, zu dem Sie aufblicken. Sie haben
-so viel vom Kinde irgendwo in sich, Marianne. &mdash;
-Daher kann ich Sie mir vielleicht so schwer an der
-Seite &mdash; an &rsaquo;seiner&lsaquo; Seite vorstellen.«</p>
-
-<p>Sie lehnte in ihren Stuhl tief hineingeschmiegt
-und starrte wie gebannt auf den Rahmen. Auf ihren
-Wangen lag ein leichtes Rot.</p>
-
-<p>»O über uns beiden war ja so viel &mdash; über uns
-beiden!« sagte sie mit halber Stimme. »Wozu noch
-eine andre Ueberlegenheit? Wir wandelten, ineinander
-geschlungen, gemeinsam unter so hohen Träumen,
-so hohen Zielen entgegen. Und ich meine immer:
-was wir da lebten, nur das ist Leben. Von allen Seiten
-wölbte es sich um uns wie ein Himmel, dem gaben
-wir uns anheim. Und so war uns jede Krume Erde
-eine Heimat.«</p>
-
-<p>Tomasow dachte wieder: »Wie zwei Kinder.«
-Doch erwiderte er nichts.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Aber Marianne wendete ihm den Kopf zu, und
-plötzlich streckte sie ihm die Hand entgegen: »Sie
-urteilen nach später,« bemerkte sie, »ja, da brauchte
-ich allerdings jemand über mir, brauchte Rat und
-Hilfe und Halt. &mdash; Einen Halt in der vollkommnen
-Heimatlosigkeit, eine Orientierung in der vollkommnen
-Fremde. &mdash;&nbsp;&mdash; Da brauchte ich <em class="ge">Sie</em>. Ich konnte
-nicht allein sein, so ganz allein im Finstern. &mdash; Und
-ich denke auch jetzt oft: meinetwegen das Allerbitterste
-überwinden, wenn nur eine warme menschliche
-Stimme dazu überredet, es befiehlt, anbefiehlt.
-&mdash; Ich weiß nicht, ob alle Frauenherzen so schwach
-sind. Ich bin es.«</p>
-
-<p>Er hatte ihre Hand entgegengenommen und hielt
-sie, darauf niederblickend, einen Augenblick in der
-seinen. Ganz leicht strich er mit den Fingern über
-ihren Handrücken hin, der ein wenig rauh geworden
-war vom Wind und der Kälte dieser Wochen, die
-Marianne unausgesetzt auf die Straße trieben.</p>
-
-<p>Er wußte, daß sie einen nervösen Widerwillen
-gegen rauhe, gerötete Hände oder aufgesprungene Lippen
-besaß. Als sie jung und glücklich war, da mußte
-sie sich gewiß, selbst unter schmalen äußern Verhältnissen,
-mit Entzücken gepflegt haben, wie ein schöner
-Mensch vor einem Fest.</p>
-
-<p>Tomasow ließ Mariannens Hand sinken und
-stand auf.</p>
-
-<p>»Was ist Ihnen denn? Sie wollen doch nicht
-schon gehn? Warten Sie noch ein wenig, und am
-besten: bleiben Sie zum Thee,« schlug Marianne vor,
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-»Sophie wollte Ihnen so gern ihre Fortschritte im
-Geigenspiel vorführen, &mdash; mögen Sie? Dann machen
-Sie ihr die kleine Freude.«</p>
-
-<p>»Ja, warum nicht?«</p>
-
-<p>Tomasow war ans Fenster getreten und schaute
-vor sich hin.</p>
-
-<p>Marianne öffnete die Thür nach dem Gang, rief
-dem Mädchen etwas zu und kam dann wieder zu ihm.</p>
-
-<p>»Was schauen Sie denn so unverwandt an?«
-fragte sie und trat dicht an ihn heran.</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Ich betrachte mir nur, was da in Reih und
-Glied zwischen den Doppelscheiben im Fenster aufgestellt
-ist,« entgegnete er und deutete auf eine Anzahl
-verdeckter Glasbehälter, »wie Soldaten mit Papierhelmen
-auf dem Kopf. Finden Sie diese Dinger nicht
-häßlich?«</p>
-
-<p>»Sie sind nur häßlich, bis sie blühen. Dann
-kommen sie ins Zimmer, und die Papierkappen kommen
-fort. Und dann sind es Hyazinthen!« sagte sie
-tröstend, mit einem Lächeln.</p>
-
-<p>Aber Tomasow war verstimmt.</p>
-
-<p>»Hyazinthen? Wozu denn? Mögen Sie etwa
-diesen allzusüßen Duft? Es sind doch nicht am Ende
-gar Ihre Lieblingsblumen, Marianne?«</p>
-
-<p>»Lieblingsblumen? &mdash; Rosen hab ich schon lieber,
-&mdash; und am liebsten, wissen Sie was? &mdash; am liebsten
-besäße ich ein ganzes Treibhaus und einen Wintergarten
-dazu!« meinte sie schelmisch. »Solche Hyazinthe
-unter ihrer Papierkappe ist nun eben mein
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Treibhaus. Man muß sie nicht allzudicht unter die
-Nase halten, sondern die Gläser im Zimmer gut verteilen,
-dann geht es schon. &mdash; Frühling und Duft
-ist es ja doch! Und ganz ohne die beiden mag ich
-so wenig sein, wie ganz ohne Musik.«</p>
-
-<p>»Wegen der Hyazinthen werden ja hier die Doppelscheiben
-im Winter nicht eingeklebt, wie die übrigen,«
-bemerkte Sophie, die hereingekommen war und nach
-ihrer Geige suchte.</p>
-
-<p>Tomasow zündete sich eine frische Zigarette an
-und setzte sich in der Nähe des Fensters nieder. Er
-betrachtete Marianne.</p>
-
-<p>»Wie viel Genußfreudigkeit ist doch in ihr. Selbst
-jetzt noch!« dachte er. »Unausgegeben, aufgestaut!
-Köstlich müßte es sein, das zu lösen, zu befreien.
-Selbst jetzt noch.«</p>
-
-<p>Sie saß wieder auf ihrem frühern Platz, den
-Kopf ein wenig geneigt. Während sie darauf wartete,
-daß Sophie die Kerzen am Notenpult anzünden
-und beginnen sollte, schien sie vor sich hinzuträumen,
-&mdash; vielleicht in Gedanken, die das kurze Gespräch mit
-Tomasow über ihr Eheglück vorhin in ihr geweckt
-haben mochte. So kam es ihm vor.</p>
-
-<p>Etwas sehr Sanftes lag über ihren Zügen, ein
-Abglanz, wie aus der Jugend. Für die Mutter der
-beiden großen Mädchen hätte man sie in diesem Augenblick
-kaum gehalten.</p>
-
-<p>Cita war leise eingetreten und stand noch an der
-Gangthür, um die ersten Geigentöne nicht zu stören.
-Auch sie schaute zu Marianne hinüber, und dabei kam
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-auch ihr in den Sinn, wie schön ihre Mutter sei, &mdash;
-wie so sanft und schön sie doch jetzt eben aussehe.</p>
-
-<p>Es berührte sie mit einem warmen kindlichen
-Stolz. Ihre dunkeln Augen erglänzten vor Freude.</p>
-
-<p>In einer Pause des Spiels trat sie von hinten
-an Mariannens Stuhl heran. Und mit einer ihrer
-spontanen, unvermittelten Bewegungen umschlang sie
-die Mutter und küßte sie in den geneigten Nacken.</p>
-
-<p>Dabei kehrte sich Cita halb gegen Tomasow, dessen
-Blick unverwandt auf ihrer Mutter ruhte. Cita sah
-unwillkürlich, mit einem hübschen Ausdruck, zu ihm
-hinüber, als wollte sie, an Marianne geschmiegt, entzückt
-sagen: »Wie lieb und schön sie ist, nicht wahr?
-Möchte man sie nicht auf dem Fleck totküssen?!«</p>
-
-<p>Da verdüsterten sich plötzlich ihre Augen.</p>
-
-<p>Irgend eine unerklärliche Befangenheit überfiel
-sie. Sie bückte ihren Kopf, wie abwehrend, gegen
-den Kopf der Mutter, und errötete langsam über das
-ganze Gesicht.</p>
-
-<p>Tomasow hörte inzwischen zerstreut dem Geigenspiel
-zu. Er liebte und verstand Musik, musikalisch von
-Natur, wie fast alle Russen, aber heute war ihm nicht
-nach Sophiens Musik, die noch Nachsicht verlangte.</p>
-
-<p>Ja ja! Daß die Kinder da waren, das hatte
-Marianne so unzugänglich erhalten und so vorzeitig
-ernst gemacht. Es machte sie bisweilen ergreifend
-schön, dies Ernstsein tief unter aller Heiterkeit, jedoch
-zu ernst, &mdash; allzu ernst für ihn&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Tomasow begegnete bei dieser Erwägung Citas
-Augen, die ihn forschend anzusehen schienen. Sie
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-stand noch an den Stuhl der Mutter gelehnt, als
-schütze sie ihn.</p>
-
-<p>»Wie ein kleiner Polizist!« dachte Tomasow bei sich.</p>
-
-<p>Aber zugleich gestand er sich, daß diese Kinder
-es allein gewesen waren, die einst Marianne die Fähigkeit
-zum Leben wiedergegeben hatten.</p>
-
-<p>Ursprünglich schien der gewaltsame Schmerz um
-den toten Gatten auch die Mutter in ihr getötet zu
-haben. Als man sie nach Rußland brachte, &mdash; mit
-ihren beiden allerliebsten kleinen Dingern, &mdash; da war
-sie nicht bereitwillig, weiterzuleben. Sie konnte nicht
-leben. Und in der Verwandtschaft begann man, von
-Geistesstörung zu sprechen und von Ueberführung in
-eine Heilanstalt.</p>
-
-<p>Damals, während dieser ersten furchtbaren Verzweiflungszeit
-ihres Schmerzes, sah Tomasow Marianne
-zum erstenmal.</p>
-
-<p>Er selbst kam grade verstimmt aus dem Auslande.
-Nach Jahren anregenden Genusses und interessanter
-Arbeit in Wien und Paris, erschien ihm zu Hause
-alles so schal und abgestanden, so gänzlich regungslos.
-Und am wenigsten spürte er Lust, sich hier wieder
-dauernd in seine ärztliche Praxis einzugewöhnen.</p>
-
-<p>An einem dieser Tage wurde er zu Marianne
-hineingeführt.</p>
-
-<p>Auf dem Boden ihres Zimmers kauernd, das
-braune Haar dicht und wirr um ihr armes Gesicht, &mdash;
-das Gesicht eines fassungslos leidenden Kindes, &mdash;
-ganz stumm und sehr abgemagert, denn sie weigerte sich,
-Nahrung zu sich zu nehmen: so sah er sie zum erstenmal.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Was ihn betroffen machte und fesselte, von allem
-Anfang an, das war die Stärke dieses Temperaments,
-das gegen den Tod anstürmte, ihm innerlich fortwährend
-seine Beute abzujagen schien. Nie, meinte Tomasow,
-ein Gleiches an Seelenkampf geschaut zu haben, &mdash;
-an Kampf gegen das Unentrinnbare, &mdash; wie er jetzt
-Tag um Tag vor sich sah, seitdem er begonnen hatte,
-Marianne seine ärztliche Pflege zu widmen.</p>
-
-<p>Ihre Verwandten bedauerten sie aufrichtig, aber
-ihnen war von Beginn an die Ehe verrückt vorgekommen.
-Beide Gatten so blutjung, beide noch kaum
-reif für den großen Jubel und den großen Ernst,
-den sie vom gemeinsamen Leben erwarteten, &mdash; und
-der junge Künstler noch keineswegs genügend zu Geld
-oder zu Ruhm gelangt, als er um Marianne warb.
-Daß er auch dazu, wie zu allem, eben ihrer Nähe
-bedurfte, verstanden die vernünftigen Leute nicht. Und
-er durfte sie auch keines Bessern belehren, denn als
-es ihm eben gelingen wollte, mußte er schon sterben.</p>
-
-<p>Das jedoch war wiederum Marianne unfähig zu
-verstehn, &mdash; nein, nie und niemals vermochte sie
-es zu fassen, daß das Leben wider ihren liebsten
-Menschen sein konnte, daß es ihn sterben lassen, &mdash;
-ihn im Stich lassen konnte.</p>
-
-<p>Auf Tomasows Rat kam Marianne aufs Land.
-In einem Dorf bei Moskau bezog eine alte Verwandte
-mit ihr ein kleines Landhaus, dicht neben
-einem verwilderten Park gelegen, der zu einer ehemaligen
-Privatbesitzung gehörte.</p>
-
-<p>Es wurde grade Frühling, &mdash; später nordischer
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Frühling. Unendliche Ebenen im ersten Ergrünen,
-weite knospende Birkenwälder, ein stiller baumumstandener
-See&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Dort in der Einsamkeit, dort im Frühling,
-dessen sanfte Schönheit ihr bis zu Tode wehe that,
-und der ihr mit seinem Zauber die Seele blutig riß,
-tobte sich für Marianne das Schwerste rückhaltlos aus.</p>
-
-<p>Sie gesundete vielleicht aus der nämlichen Kraft
-heraus, aus der sie gelitten hatte, &mdash; sie durchkostete
-ihren Schmerz viel zu stark und inbrünstig, um sich
-nicht eines Tages auch selbst von ihm zu heilen.</p>
-
-<p>Von der Veranda des Landhauses führte ein primitives
-Holzbrückchen, über etwas morastiges Wassergerinsel
-geschlagen, direkt auf die grasbewachsenen
-Wege des alten Parks. Unzählige Mückenschwärme
-durchsummten ihn im Sommer und hielten beständig
-einen feinen dunkeln Ton in der Luft fest; warm und
-feucht stieg von den schattigen Wiesen der Duft über
-üppig verwilderten Blumen auf, und hier und da
-stand eine zusammengebrochene, bemooste Steinbank
-an lichte Birkenstämme gebaut. Hier hinaus fuhr
-Tomasow jeden Tag. Wenn er kam, pflegten ihm die
-beiden kleinen Mädchen schon entgegenzulaufen, Annunciata,
-die Aeltere, mit muntern großen Sprüngen,
-und die jüngere, Sophie, die immer zu hastig lief und
-oft über ihre eignen kleinen Beine stolperte, bis sie
-endlich der Länge nach und mit bitterm Geschrei bei
-ihrem Freunde angelangt war.</p>
-
-<p>In der Stadt und in seinen eignen Angelegenheiten
-beschäftigten Tomasow allerlei komplizierte
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Sorgen: wie er sich zur Heimat stellen, sich in ihr
-einleben werde, und warum ihr noch so vieles abgehe,
-was in den kulturreifern Ländern des Auslandes
-längst auf der Tagesordnung stand? Aber
-hier in diesem sommerdunkeln Park, bei Marianne
-und ihren Kindern, verblaßte ihm regelmäßig die
-Wichtigkeit aller Kultur- und Geistesfragen. In den
-Vordergrund trat das Leben in seiner elementarsten,
-seiner einfachsten Bedeutung, &mdash; das Leben angesichts
-des Todes und die Frage, ob es zu ertragen sei. Es
-kam ihm vor, als müsse das Leben etwas Schönes
-sein, weil er Marianne leise dazu zurückkehren sah, &mdash;
-ganz leise anfangs, indem sie mit den Kindern zu
-spielen begann.</p>
-
-<p>Noch ehe sie wieder für sie zu sorgen und zu denken
-wußte, spielte sie mit ihnen, als sei sie selbst noch
-nicht viel mehr, als ein schwaches Kind. Und doch
-hatte sie damit schon die große Frage für sich beantwortet.</p>
-
-<p>Der erste Gedanke, der später ganz von ihr Besitz
-nahm, war ebenfalls naheliegend und primitiv:
-der Drang, für das tägliche Brot zu arbeiten. Für
-den Augenblick war diese Sorge ihr von andern abgenommen
-worden, &mdash; und im Fall der Not versprach
-man, ihr auch die Kinder abzunehmen.</p>
-
-<p>Sie wollte mit ihnen zusammenbleiben können, sie
-selbst ernähren können. Daran erstarkte sie.</p>
-
-<p>Tomasow erinnerte sich gut des entscheidenden Gespräches
-darüber, an einem unerträglich heißen Sommernachmittag
-voll Gewitterdrohungen, auf einer Bank
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-im Park. Er ging auf alles ein, was Marianne
-wünschte, froh, sie überhaupt schon so weit zu haben,
-daß ihr starke Wünsche und Sorgen kamen. Er erbot
-sich auch, alle ersten notwendigen Schritte in der
-Sache zu thun.</p>
-
-<p>Da hob Marianne die kleine Sophie auf ihren
-Schoß und sich zu Cita niederbeugend, die sich neugierig
-horchend an ihr Knie drückte, rief sie leise: »Jetzt
-wird Ma für ihre lieben Kinder schrecklich viel zu
-thun bekommen! Und je mehr sie thut, desto schöner
-und größer sollen sie ihr werden, von Tag zu Tage!
-Ist das nicht herrlich, ihr Kinder?«</p>
-
-<p>Citas kleine Ohren mochten aus den Worten nur
-den Klang aufgefaßt haben, &mdash; einen so ungewohnt
-freudigen Klang, daß er an etwas ganz Fernes,
-Süßes, schon halb Vergessnes mahnen mußte, was
-einst durch alle Worte der Mutter hindurchgejauchzt
-hatte, als seien es ebensoviel liebkosende Verheißungen.</p>
-
-<p>So klatschte sie stürmisch in die Hände und sprach
-der Mutter nach: »Herrlich, ihr Kinder!«</p>
-
-<p>Und in der schwülen Gewitterluft unter den reglosen
-Bäumen saß Marianne zum erstenmal mit einem
-Anflug von Lächeln da, wie am Vorabend von bessern,
-festlichern Tagen.</p>
-
-<p>Tomasow aber dachte fast mit Abscheu an das
-lähmende, entnervende Arbeitsleben, das nun vor ihr
-liegen sollte. Und angesichts dieses Lächelns stiegen
-andre, schönere Möglichkeiten für die Zukunft vor
-seinen Gedanken auf&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>»Unterschätzen Sie nur die Schwierigkeiten der
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-Sache auch nicht allzusehr!« bemerkte er nach einer
-Pause mit zögerndem Warnen. »Es ist noch nicht
-sicher, ob Sie so brutalen Anforderungen an Ihre
-Spannkraft gewachsen sind.«</p>
-
-<p>Marianne hob den Kopf und sah ihm mit zversichtlichem
-Vertrauen ins Gesicht. Ihre Hand lag
-auf Citas Haar.</p>
-
-<p>»Daß ich ihnen nicht gewachsen bin, weiß ich
-wohl!« sagte sie ruhig. »Aber Sie werden mir helfen,
-über mein bißchen Können hinauszugelangen. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Wollen Sie mir nicht dazu helfen&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»Ich will es gewiß, wenn Sie nicht bei näherm
-Zusehen selbst davor zurückschrecken!«</p>
-
-<p>In Mariannens Augen trat ein Ausdruck wie qualvolle
-Erinnerung an die überstandenen Seelenkämpfe.</p>
-
-<p>Sie murmelte: »Ich schreckte vor allem zurück, &mdash;
-vor jeder Minute, weil sie durchlebt sein wollte, &mdash;
-und war nicht auch das eine brutale Anforderung: &mdash;
-leben zu sollen&nbsp;&mdash;? Ich weiß, daß es mich noch
-manchmal überkommen wird, &mdash; daß ich dann nicht
-will, nicht kann, &mdash; ich werde mich gewiß noch oft
-vor dem Leben fürchten&nbsp;&mdash;.« Sie brach ab, ein
-Schauer ging über sie hin. Dann setzte sie jedoch
-langsam hinzu: »Deshalb muß jemand mir helfen,
-der meine Furcht und meinen Widerstand bricht, um
-der beiden Kleinen willen.«</p>
-
-<p>&mdash; In diesem Augenblick begriff er, wie nah er ihr
-in der schweren Zeit getreten war als der Unbeteiligte,
-Unbeeinflußte, der sich ihr ärztlich und menschlich mit
-strenger Sachlichkeit gewidmet hatte. Er begriff, wie
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-viel sie seiner Hilfe zuschrieb, was zu einem großen
-Teil die Hilfe ihrer eignen Natur gewesen war.</p>
-
-<p>Ihr sollte er helfen, fortan dem Leben gewachsen
-zu sein, &mdash; dabei aber lebte er noch sein eignes Leben
-in unschlüssigem Zwiespalt&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Und dennoch: er fing an, daran zu glauben, daß
-es ihm ihr gegenüber gelingen werde. Ein so starker
-Appell an seine eingreifende, planvolle Kraft ging von
-diesen ruhig vertrauenden Augen aus, &mdash; eine so
-starke Freude an der ihm auferlegten Verantwortung
-weckten sie in ihm, als spannten sich alle Fähigkeiten
-seiner Seele auf ein Ziel hin.</p>
-
-<p>Und seltsam: gleichzeitig empfand er es noch nie
-so bitter wie in der Stunde, nicht selber zwiespaltlos
-und einheitlich, mit voller Thatkraft, im Boden seiner
-Heimat zu wurzeln. Hätte er nicht schon als Jüngling,
-&mdash; in jugendlicher Begeisterung zu allem bereit,
-&mdash; immer nur an die harte, hohe Mauer der bestehenden
-Zustände stoßen müssen; hätte er nicht erst
-im Auslande draußen seine volle Entwicklung finden
-müssen; hätte er, vom Heimweh zurückgezerrt, nicht
-davon absehen müssen, in seiner Heimat grade diejenigen
-Einsichten und Fortschritte zur Wirksamkeit
-zu bringen, deren sie ganz augenscheinlich am dringendsten
-bedurfte, &mdash;&nbsp;&mdash; wie ganz anders würde sich
-dann für ihn als Mann, als Mensch, sein Leben zusammengefaßt
-haben! Wie oft würde es einen ähnlich
-starken, &mdash; und stärkern Appell an seine Leistungskraft
-enthalten haben!</p>
-
-<p>Aber davon sprach er nie zu jemand; in der Fremde
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-sprach er von der Heimat nur leise, und dann zärtlich,
-wie von einem leidenden Kinde, das auch nur
-anzurühren man Fremden schon verwehrt; und daheim
-konnte er von seinen Jahren im Auslande nicht
-mit dem Accent reden, den sie für ihn besaßen, weil
-hier alle seine Worte unwillkürlich so ausfielen, als
-sei ihm bloß egoistisches Genußleben gewesen, was
-ihm dort mindestens ebensosehr als eifriges und ernstliches
-Arbeitsdasein vorgekommen war.</p>
-
-<p>Er schwieg deshalb, mißtraute den Menschen, und
-sie vertrauten ihm nicht mehr recht.</p>
-
-<p>&mdash;&nbsp;&mdash; Während er im alten, dichten Park auf
-der Steinbank unter den Birken saß, schaute er, in
-solche Gedanken versunken, auf Marianne hin.</p>
-
-<p>Sie blickte gradeaus über die Wiesengründe in die
-Ferne, den Kopf ein wenig vorgeneigt, die Hände leicht
-im Schoß gefaltet. Der lose aufgesteckte Haarknoten ließ
-die sanfte Wölbung der Nackenlinie wundervoll frei.</p>
-
-<p>Kein einziger Zug bewußter Selbständigkeit in der
-gesammelten Haltung, und doch etwas wie Getrostes&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es erfüllte ihn mit Erstaunen!</p>
-
-<p>Was ihm auch geschähe: zu allerletzt würde er
-doch im stande sein, zu einem zweiten Menschen so
-vertrauensvoll aufzublicken, daß er dessen seelischer
-Hilfe sich gläubig anheimgab!</p>
-
-<p>Und bei ihr war das im Wiedererwachen zum
-Leben das erste, &mdash; das Unwillkürliche&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Das allererste, was sie wiederfand, war eine ruhige,
-vertrauende Gebärde.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p052i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-<i>II.</i></h2>
-
-
-<p>Draußen herrschte das lustigste Schneetreiben von
-der Welt.</p>
-
-<p>Den Kutschern und vielleicht auch ihren Gäulen
-lachte das Herz im Leibe drüber, wie leicht heute
-die Schlitten über den weißblendenden Boden dahinflogen,
-der seit etlichen Tagen einer erneuten Schneelage
-entbehrt hatte, sodaß hier und da bereits das
-holperige Steinpflaster der unebenen Moskauer Straßen
-durch den zerstampften und vergrauten Schnee durchzuscheinen
-begann.</p>
-
-<p>Auch Marianne freute sich, schnell vom Fleck zu
-kommen. Seit dem frühen Morgen war sie schon so
-viel herumgetrieben worden, in verschiedene Privatstunden
-und eine Schule.</p>
-
-<p>Noch ein paar Tage lang! Dann gab es Ferien.
-Schlossen auch die Anstalten erst kurz vor Weihnachtsabend,
-so hörte doch der Unterricht in den Häusern
-meistens schon früher auf.</p>
-
-<p>Marianne kam von weit außerhalb gefahren, wo
-sich an den Grenzen der Stadt ein großes Mädchenstift
-befand, nicht allzufern von dem berühmten Jungfernkloster,
-dessen phantastische Türme herüberwinkten.
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-Auf dem Rückwege von dort ließ sie ihren Schlitten
-in einer unbelebten, fast ländlichen Vorstadtgegend vor
-einem einstöckigen, rot angestrichenen Holzhause halten.</p>
-
-<p>Sie stieg aus, bezahlte und ging über den weiten,
-hellen Hof, den ein einfacher Lattenzaun umschloß,
-auf eine Wohnung im Erdgeschoß eines Hauses zu,
-an der sie mit beinah ungeduldiger Freude läutete.</p>
-
-<p>Dies Erdgeschoß war himbeerfarben. Mit rührendem
-Vertrauen in die Schönheit des Farbigen
-überhaupt, war hier ein bunter Ton neben den andern
-gesetzt. Aber das gedämpfte Winterlicht ward zum
-Künstler an all dem Grellen: es stufte es wunderseltsam
-ab, bis es aussah, als stünden die bunten
-Farben da, wie Blumen in einem Strauß.</p>
-
-<p>Hier pflegte Marianne jeden Sonnabend vorzusprechen,
-wenn sie der Weg vom Stift vorüberführte,
-mochte die Zeit auch noch so knapp sein. Denn jedesmal
-bedeutete das für sie inmitten der Arbeitswoche
-eine sonntägliche Stunde.</p>
-
-<p>Eine ihrer ehemaligen Lieblingsschülerinnen, seit
-Jahresfrist verheiratet, wohnte hier; eine, die ihr innig
-zugethan blieb, auch nachdem sie, längst der Schule
-entwachsen, mit Energie und verblüffender Leichtigkeit
-Mathematik studiert und es darin zu etwas gebracht
-hatte.</p>
-
-<p>Die junge Frau öffnete selbst die Thür und bewillkommnete
-ihren Besuch mit drei schallenden Küssen,
-einen auf den Mund und je einen auf Mariannens
-schneenasse Wangen. Dann nahm sie ihr den weiß
-überschneiten Pelz von den Schultern und schüttelte
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-ihn aus, wobei sie aber sorglich jedes Geräusch
-vermied.</p>
-
-<p>»Dadrinnen steckt Taraß tief bis über die Ohren
-in einer Arbeit über das Vogelgetier,« flüsterte sie in
-ihrem weichen Russisch, das an sich schon zärtlich
-klang, und wies auf das Hauptzimmer der kleinen
-Wohnung.</p>
-
-<p>Erst jetzt bemerkte Marianne die breite buntgestreifte
-Küchenschürze an ihr, und daß sie die Aermel
-hochgezogen hatte. Eine Messerbank, nach der sie
-griff, mußte sie eben erst hastig aus der Hand gestellt
-haben.</p>
-
-<p>Im Hintergrunde des engen dämmerigen Vorflurs
-stand die Thür zur Küche noch offen; man sah
-die Holzscheite im Herdfeuer rot glimmen.</p>
-
-<p>»Ja, unser Mädchen ist nämlich schon wieder krank.
-Sie ist wirklich ewig krank, diese Aermste,« sagte die
-junge Frau und zog Marianne in die Wohnstube.</p>
-
-<p>Die Wohnstube war ziemlich groß, niedrig und
-so dicht über dem Hof, daß der gegenüberliegende
-Schneehaufen sie schon verfinstern konnte. Auf dem
-Hof flogen weiße und graue wohlgemästete Tauben
-umher, flatterten auf den Fenstersims und schlugen
-mit ihren Flügeln an die Scheiben, an denen drinnen
-blühende Azaleen standen.</p>
-
-<p>Ein Teil des Zimmers wurde durch zwei mitten
-hineingebaute mannshohe Scheinwände isoliert, hier
-befand sich der Schlafraum. Die zurückgeschobene
-Portière ließ das Ehebett unter einem Baldachin von
-geblümtem Stoff sehen, sowie die Ecke mit den Heiligenbildern.
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Ein paar davon besaßen schwere Silberverkleidung;
-unter ihnen hingen gestickte Handtücher und
-lagen auf einem Wandbort geweihte Brötchen.</p>
-
-<p>Im Wohnraum am Fenster stand breit und bequem
-ein Tisch, worauf sich in friedlichem Nebeneinander
-Schreibereien und Hausarbeiten, nicht grade
-zierlich geordnet, befanden. Auf einem Seitentisch
-zeigte der nie fehlende blitzende Samowar, daß hier
-auch gespeist wurde.</p>
-
-<p>Marianne hatte es sich wunderschön behaglich gemacht
-in einem Großvaterstuhl, der dicht bei einem
-wärmeausstrahlenden Kachelofen von anerkennenswerten
-Dimensionen stand. Neben dem Ofen hing am
-Bande eine altertümliche kleinrussische Guitarre, eine
-Gusli. Fröstelnd vergrub Marianne ihre durchkälteten
-Füße im Bärenfell, das sich vor dem Stuhl ausbreitete.</p>
-
-<p>»Das ist unser Diwan, dort sitzen wir immer
-beide drin,« sagte die junge Frau.</p>
-
-<p>»Ist es jetzt nicht sehr schlimm für euch mit dem
-kranken Mädchen, Tamara?« fragte Marianne bedauernd.
-»Da werdet ihr kündigen müssen. Wie treibt
-ihr es nur überhaupt&nbsp;&mdash;? Du alle Morgen in deinem
-statistischen Bureau, dein Mann über seiner ornithologischen
-Gelehrsamkeit? Was fangt ihr denn jetzt an?«</p>
-
-<p>Tamara lachte leise auf, ihr ganzes freundliches
-Gesicht lachte mit.</p>
-
-<p>»Wir treibens, wie es eben geht; &mdash; es wird ja
-auch wieder besser. Alles wechselt unter dem Mond.
-Kündigen wollen wir nicht; darauf vertraut die Arme
-so fest.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-»Russische Sorglosigkeit!« dachte Marianne bei
-sich. Aber sie mochte nichts Tadelndes äußern, sie
-wiegte sich darin wie in etwas Wohlthuendem.</p>
-
-<p>Vielleicht wäre es anderswo tadelnswerter gewesen,
-doch ihr schien immer: wo man unter russischen
-Menschen war, wo diese Sprache klang, da wurde
-das Leben in der That in allen Dingen gleichsam
-simpler und weiter, &mdash; vertrauender. Obschon sie
-selber kein russischer Mensch war, so zählte sie doch
-nicht zufällig unter diesen ihre besten Freunde.</p>
-
-<p>»Aber überanstrengt es dich auch nicht, Tamara?«
-meinte sie besorgt. »Noch kann es ja eine ganze Weile
-dauern, ehe dein Mann die verdiente Berufung bekommt,
-und ehe du also dem statistischen Bureau ein
-Schnippchen schlagen kannst.«</p>
-
-<p>Tamara schüttelte belustigt den Kopf, von dem
-zwei starke Zöpfe unaufgesteckt niederhingen.</p>
-
-<p>»Bis dahin hilft mir eben mein Mann. Wenn ich
-nicht mal <em class="ge">das</em> von Ihnen gelernt hätte, Marianne
-Martinowna: gute Laune am Alltag bewahren, &mdash; die
-schönste Lektion, die Sie unbewußt allen Ihren Schülern
-mitgeben, &mdash; gratis neben all dem Schulkram.« Tamara
-fuhr ungeniert mit dem Messerputzen fort, worin
-sie der Besuch unterbrochen hatte. »Und im Sommer,«
-bemerkte sie mit aufleuchtendem Blick, »da erholen
-wir uns schon! Da schlepp ich den Taraß zu
-den Eltern aufs Gut, oben hinauf nach Wologda,
-in meine lieben großen Wälder. Da erholen wir uns
-schon! Ach, warum sind wir da nicht zwei Einsiedler!
-Sie können mir glauben: ich bin doch gewiß glücklich,
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-aber Heimweh nach den Wäldern und dem Norden
-hab ich doch. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber nun erzählen Sie
-doch mal von sich? Also die Cita ist heimgekommen?«</p>
-
-<p>Marianne nickte.</p>
-
-<p>»Mit Beginn der deutschen Weihnachtsferien und
-bleibt bis über die russischen da. Aber ich habe noch
-so wenig von ihr, &mdash; es war eine so gehetzte Arbeitszeit.
-Drum wird Weihnachten diesmal so strahlend
-schön! Mir kommt vor, als ob ich mich seit meiner
-Kindheit nicht mehr so darauf gefreut hätte, wie dieses
-Mal. &mdash;&nbsp;&mdash; Immer möcht ich die Cita jetzt nahe
-um mich haben, &mdash; so ganz nah bei mir, &mdash;&nbsp;&mdash; sie
-so recht tief anschauen: »»Bist du noch dieselbe? Ist
-auch nichts an dir verändert? Hat mir die Trennung
-nichts gestohlen? Zeig mir all dein Schönes: &mdash;
-das und das und das, &mdash; weißt du noch?«« Ach,
-Tamara, du hast noch kein Kind, &mdash; kannst du das
-wohl begreifen?«</p>
-
-<p>Tamara nickte schweigend.</p>
-
-<p>In der Küche hörte man es bedrohlich brodeln
-und zischen. Sie setzte die Messerbank nieder, lief
-hinaus, klapperte ein Weilchen draußen zwischen den
-Tiegeln und Töpfen und kehrte dann in die Stube
-zurück.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie, »nun ist also Cita auf dem Wege,
-etwas Erkleckliches zu werden. Aber, Hand aufs
-Herz, liebe Marianne Martinowna: wären Sie nicht
-doch seelenfroh, wenn &mdash; ja wenn sich die Cita ordentlich
-verliebte und heiratete?«</p>
-
-<p>Marianne blieb einen Augenblick lang stumm.
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Dann sagte sie fast andächtig: »Wenn über meine
-Kinder <em class="ge">mein</em> Glück käme, &mdash; ein so unfaßbares
-Frauenglück, das reicher und weiser macht, als alle
-Reichtümer und Weisheiten der ganzen Welt zusammengenommen,
-&mdash; wenn ihnen das geschenkt würde!
-&mdash;&nbsp;&mdash; Und wären es auch nur acht kurze Jahre, wie
-bei mir, gleichviel. Und käme auch selbst dahinter &mdash;
-wie bei mir&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sie konnte nicht weitersprechen.</p>
-
-<p>Tamara sammelte schweigend ihre Messer zusammen.
-Nach einer Pause bemerkte sie dabei: »Kenne
-ja auch die Freude am Lernen. Aber mein heimlichster
-Traum war doch immer nur der aus dem
-Märchen von Puschkin, dem Zar Saltan: möchte Gott
-mir geben, einen Helden, einen Bogatyr, zu gebären!
-Ja ja, dafür kann man nichts thun. Sonst wär es ja
-auch nur wieder armseliges Menschenwerk. So ist es:
-Studium ist Verdienst, aber Liebe ist Gnade. &mdash; Aber
-ganz jammerschade scheint es mir, daß Sie nicht mit
-Ihren beiden Kindern zusammenleben können wegen
-des Studiums, &mdash; gradezu eine Missethat scheint es
-mir manchmal.«</p>
-
-<p>Marianne fiel rasch ein: »Darüber muß man nicht
-nachdenken. Es ist nicht anders. Ich muß Sophie
-doppelt geben, doppelt&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Aber ich hätte Ihnen einen kuriosen Vorschlag
-zu machen,« meinte Tamara, »wenn nur Cita nicht
-grade in Berlin studierte.«</p>
-
-<p>»Einen Vorschlag&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»Ja, von meiner Tante bin ich dazu autorisiert, &mdash;
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-wissen Sie, von der, die in Bern das Mädchenpensionat
-leitet und voriges Jahr hier war.«</p>
-
-<p>»Ach, thut sie das noch immer? Sie klagte doch
-schon so über ihr Alter und ihre Gebrechlichkeit. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Will sie es etwa abtreten?« fragte Marianne mit unverhohlener
-Spannung.</p>
-
-<p>»Sie möchte gern einer Hilfe die Leitung übergeben.
-Sie wissen: es sind lauter unerwachsne Mädchen,
-vielfach Russinnen, die dort den sogenannten
-letzten Schliff bekommen. &mdash;&nbsp;&mdash; Und auf Sie hält
-sie so große Stücke, sie wäre entzückt. Aber es wäre
-doch wohl nichts?«</p>
-
-<p>Marianne schüttelte zögernd den Kopf. Im stillen
-rechnete sie nach. Es war ihr klar, daß sie hier mehr
-verdienen konnte. Und schließlich blieb Cita auch
-dann weit von ihr.</p>
-
-<p>Aber wenn es doch möglich wäre, &mdash; mit Cita?
-Sie wurde ganz still und hörte nicht auf, zu rechnen.</p>
-
-<p>An der Thür, die das Wohnzimmer mit der
-größern Hauptstube verband, wurden rasche, ungeregelte
-Schläge hörbar, wie ein Geprassel von Kleingewehrfeuer.</p>
-
-<p>Tamara sagte mit befriedigtem Lachen: »Das ist
-Taraß' Triumphgeschrei: er hat für heute glücklich
-sein Ei gelegt. Es ist auch hohe Zeit, daß er frei
-wird. Ich muß schnell den Tisch decken.«</p>
-
-<p>»Und ich muß leider weiter wandern,« äußerte
-Marianne mit einem Seufzer; sie erhob sich ungern
-aus ihrer weichen, behaglichen Ecke.</p>
-
-<p>Tamara nickte betrübt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-»Wir armen Arbeitsgäule,« meinte sie lächelnd
-und stieß die Thür nach dem Vorflur auf, laut rufend:
-»Taraß, bist du da? Komm doch mal her, Marianne
-Martinowna muß schon fortgehn.«</p>
-
-<p>»Jawohl!« schrie es aus der Küche zurück, »aber
-dann mußt du herkommen, &mdash; das Zeug brennt
-an!«</p>
-
-<p>Der Ton der Verzweiflung, worin das verkündet
-wurde, erheiterte Marianne. Sie trat auf den Vorflur
-hinaus und schaute nach der Küche. Tamara
-war, die Hände ringend, schon an ihr vorbei vorausgeschlüpft.</p>
-
-<p>Zwischen seinem Studierzimmer, das weit offen
-war, und der Küche mitten drin stand auf dem Vorflur
-Tamaras Mann mit lebhaft vorgerecktem Hals
-und richtete seine Augen angsterfüllt auf eine Pfanne,
-die auf dem Herde stand und furchtbar zischte. Die
-Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben.</p>
-
-<p>Seine Frau stürzte zur Pfanne.</p>
-
-<p>»Geh nicht so nah heran, geh ihr nicht nah!«
-rief er beängstigt, »&mdash;&nbsp;das Zeug spritzt! Man darf
-sie nur von hier aus ansehen. Es spritzt! Paß auf,
-es spritzt in die Augen!«</p>
-
-<p>Als das Zischen und Prasseln gelinder wurde,
-wandte er sich aufatmend der lachenden Marianne zu.
-Auch er lachte nun. Aus seinem hübschen dunkeln
-Bart, der tief über das gestickte russische Hemd fiel,
-das er zu Hause trug, schimmerten die Zähne.</p>
-
-<p>»Ja, ich war nun grade fertig, &mdash; und angerührt
-hatte sie die Geschichte ja, ich sollte nur
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Wache halten, &mdash; aber aufregend ist die Sache ungeheuer,
-&mdash; uff!« und er fuhr sich über die Stirn
-und die etwas wildgewordenen krausen Haarringel.</p>
-
-<p>Tamara, die am Herde herumwirtschaftete, rief:
-»Ja, darin ist er gut, wirklich! Sie sollten nur wissen,
-was wir uns beide alles zusammenkochen. Aber ohne
-Herzklopfen geht es eigentlich nie ab. &mdash;&nbsp;&mdash; Die reine
-Nervenkur. &mdash;&nbsp;&mdash; Er thut es auch nur, um wenigstens
-gelegentlich zu beweisen, daß ich ihm neben seinen
-Vögeln doch auch was gelte.«</p>
-
-<p>Sie kam aus der Küche, streifte die Aermel herunter
-und trat zu Marianne, die sich grade an den
-Vögeln ergötzte, die man im offenstehenden Arbeitszimmer
-sah. Jeder Platz, den die Bücher übrig gelassen
-hatten, gehörte den Vögeln, &mdash; toten, ausgestopften
-Bälgen &mdash; und lebendigen in zwei Riesenkäfigen,
-aus denen es zwitscherte, piepte und sang.</p>
-
-<p>»Ja, denken Sie nur,« behauptete Tamara, »sein
-Getier konnte er sogar auf der Hochzeitsreise nicht
-vergessen. Ich konnte nicht gefühlvoll gegen ihn werden,
-ohne daß er mir sofort auseinandersetzte, wie
-es zum Beispiel die Enten und Gänse in ihren Liebesspielen
-untereinander halten. Damals schrieb er nämlich
-grade über die. Zuletzt war ich ganz beschämt,
-keine Gans zu sein.«</p>
-
-<p>Ihr Mann wurde verlegen, aus seinen träumerischen
-dunkeln Augen sah er Marianne hilflos an.</p>
-
-<p>»So war es gar nicht, &mdash; nein, so war es nicht,«
-bestritt er lebhaft. »Ich habe nur gesagt: ein Gelehrter
-zu sein, das ist nichts ohne Liebe. Man muß
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-die Tiere lieben, dann versteht man sie gut. Und
-dann habe ich ihr erzählt, die Enten wären&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Aber seine Frau fiel ihm ins Wort. Vom nächststehenden
-Tisch in seinem Zimmer hatte sie geschwind
-ein dickes Buch aufgegriffen, ein Werk von ihm, schlug
-es fachkundig auf und las mit heller Stimme:</p>
-
-<p>»Beispielsweise &mdash; <i>pagina</i> 136: &rsaquo;Alle Männchen
-ziehen sich nahe zusammen. Dann schwimmt je ein
-Weibchen zwischen ihren Reihen schnell hindurch.
-Hierauf schnellen die Männchen im Takt in die Höhe,
-biegen dann den Schnabel gegen die Bauchmitte und
-pfeifen <i>a tempo</i>. Verpaßt einer der Enteriche dabei
-den genauen Anschluß, so scheint das etwas Uebles
-zu sein: er muß alsdann seine Kräuselfedern in die
-Höhe richten und vernehmlich: &rsaquo;Räp!&lsaquo; rufen&nbsp;&mdash;&lsaquo;«</p>
-
-<p>»Schäme dich! schäme dich!« rief Taraß laut, »ich
-habe dir nicht so was vorgelesen, &mdash; ich habe dir
-Lieder zur Gusli gesungen!«</p>
-
-<p>»Ja, wissen Sie warum?« Tamara legte das
-Buch aus der Hand, »um mir mit kleinrussischen
-Klängen mein Nordrußland zu verleiden! Ist denn
-Kleinrußland noch Rußland?! Ach, wir zanken uns
-darüber noch bis zu Tode!«</p>
-
-<p>»Nicht wahr! nicht wahr!« rief Taraß dazwischen,
-»die schönsten Lieder und die schönsten Sagen sind
-im Norden und Süden gleich! Der blinde Sänger
-unten bei uns singt dir, was bei euch gesungen wird.
-Aber vom Süden hinauf ist es gekommen!«</p>
-
-<p>»Vom Norden zu Euch ist es gekommen!« ereiferte
-sich Tamara, »von da oben, wo alles rein
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-russisch blieb. Wo auch später nicht einmal der Tatar
-hindrang&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Marianne verließ sie zwischen Küche und Stubenthür
-im vollsten Streit. Sie lachte noch, als sie auf
-den Hof hinaustrat zwischen die gurrenden Tauben.
-Beschämt sah sie nach ihrer Uhr. Noch konnte sie
-rechtzeitig zur Unterrichtsstunde kommen, doch mußte
-sie sich tüchtig beeilen.</p>
-
-<p>Eine Weile später durfte sie endlich für kurze Zeit
-heimgehn.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Obgleich Marianne müde war, machte sie den
-Heimweg zu Fuß. Das Schneetreiben hatte nachgelassen,
-hier und da schaute schon die Wintersonne
-freundlich zwischen zerrissnem Gewölk hervor.</p>
-
-<p>Marianne liebte es, durch diese Straßen zu wandern,
-die ihr bei ihren Gängen tagein, tagaus, jahrein,
-jahraus vertraut geworden waren wie ein Heimatort.
-Das Ungeordnete und Halbasiatische auf vielen
-von ihnen störte sie nicht mehr, &mdash; nicht die Bettler
-oder Betrunkenen, die ihr begegneten, nicht die grellbemalten
-Schenkenschilder mitten zwischen dem bizarren
-Glanz der zahllosen Kirchen und Kapellchen.</p>
-
-<p>Und sie mußte lächeln, wenn sie schmale, hügelige
-Gassen sich plötzlich auf einen jener Riesenplätze öffnen
-sah, die wie weite Ebenen sein konnten, und an deren
-Rande mitunter kleine Häuser kindlich dastanden wie
-Spielzeug neben den ungeheuren Raumverhältnissen
-mancher Nachbarbauten.</p>
-
-<p>Denn der Raum hatte hier keine Bedeutung, keinen
-Hochmut; keine Pracht schien sich ihrer Größe zu
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-rühmen, und keine Bescheidenheit möglichst eng zusammenzukriechen.
-Größe und Kleinheit warfen friedlich
-ihren Wert in eins, nachlässig zu einander gesellt,
-wie Baum und Grashalm in derselben Landschaft.</p>
-
-<p>Sogar der Kreml, der von jedem Punkt Allgegenwärtige,
-erschien fast nur zufällig groß: als im Grunde
-wesensgleich irgend einem der kleinen heiligen Altarschreine
-in Kapellenform, wie sie Fürst und Bauer
-zu eigen besitzen, &mdash; aber von der Inbrunst einer
-gewaltigen Andacht irgend wann einmal in solchen
-Dimensionen geschaut und fixiert, daß er fortan immer
-allen sichtbar blieb, immer allen gemeinsam gehörte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Mitten in der Stadt sah sie, wie dort so oft,
-ein kleines mageres Füllen neben dem Mutterpferd
-traben, das einen Lastwagen zog. Das glückliche Pferd!
-es brauchte nicht von seinem Kinde fort, wenn es auf
-Arbeit ging.</p>
-
-<p>Marianne fand: alle Arbeit, die Frauen thun,
-müßte so weise eingerichtet sein.</p>
-
-<p>Sie seufzte und ging rascher.</p>
-
-<p>Beim Ueberschreiten eines Fahrdammes mußte
-Marianne innehalten, weil zwei Gefährte ineinander
-geraten waren, was beim wahllosen Durcheinanderjagen
-leicht genug geschah.</p>
-
-<p>Die Fuhrleute schrieen sich an und fluchten sich
-gegenseitig in die Hölle; der eine Schlitten wurde frei
-und flog weiter, am andern war der Gaul ausgeglitten
-und gestürzt.</p>
-
-<p>Ein Mann, der den Schnee vom Fußsteig schaufelte,
-trat heran, um zu helfen, doch keine Neugierigen
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-blieben gaffend stehn. Nur ein kleines Mädchen mit
-rotem Kopftuch schaute auf das daliegende Pferd und
-kraute es im Vorübergehn mitleidig, mit ganz schüchterner
-Liebkosung, am Stirnhaar, wie um es zu trösten.
-Ein Schlitten kam an der Gruppe vorbei und hielt
-jählings an.</p>
-
-<p>Tomasow saß darin. Er warf dem Kutscher
-ein Geldstück zu, sprang heraus und ging auf Marianne
-zu.</p>
-
-<p>»<i>Quelle chance, madame!</i>« sagte er lächelnd, und
-streckte die Hand aus.</p>
-
-<p>»Und nun begleiten Sie mich nach Hause!« meinte
-sie gleich.</p>
-
-<p>»Aber selbstverständlich.«</p>
-
-<p>»Das heißt, &mdash; falls Sie nicht etwas Wichtigeres
-vorhaben&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Tomasow machte ein etwas spöttisches Gesicht.</p>
-
-<p>»Was sollte ein Tagedieb wie ich besonders Wichtiges
-vorhaben?«</p>
-
-<p>»Tagedieb! O pfui!« Sie war entrüstet; &mdash;
-»Sie sind ja doch Arzt!«</p>
-
-<p>»Nicht allzusehr. Mir würde es vielleicht bald
-genügen, Ihrer Gnaden, Frau Mas, Leibarzt zu sein.«</p>
-
-<p>Aber sie ging auf den scherzenden Ton nicht ein.</p>
-
-<p>»Dafür sind Sie noch zu jung, um sich zurückzuziehen.
-Das wäre sehr, sehr schade. Für viele!«
-antwortete sie ernst.</p>
-
-<p>»Aber ganz und gar nicht! Hier gibt es genug
-Aerzte für Moskau, &mdash; viel zu viele, &mdash; sie treten einander
-auf die Füße. Es ist gradezu eine gute That,
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Raum für sie zu schaffen. &mdash; Sie werden sagen: in
-der Provinz? Ja, das ist schon etwas andres. Aber
-Sie wissen, dafür bin ich verdorben. Es fehlt mir
-durchaus an der nötigen Aufopferungslust, um in
-irgend einem Winkel zu versimpeln, &mdash; als Menschheitsheros
-oder als stiller Säufer.«</p>
-
-<p>»Sie sind heute entsetzlich garstig!« rief Marianne
-und hielt ihren Muff ans Ohr. Sie lief förmlich von
-ihm fort. »Warum machen Sie sich schlecht vor mir?
-Warum nur? Ich weiß schon selbst, ob Sie was
-taugen oder nicht.«</p>
-
-<p>Tomasow suchte nach seinem Kneifer, den er selten
-trug, und setzte ihn auf, was seinen Gesichtsausdruck
-ganz verwandelte, als setze er eine Maske auf.</p>
-
-<p>»Laufen Sie nicht so schrecklich geschwind,« sagte
-er; »wollen wir nicht überhaupt fahren?«</p>
-
-<p>Marianne schüttelte abwehrend den Kopf.</p>
-
-<p>»Nein, ich muß ohnehin so viel sitzen. Und die
-Luft thut jetzt gut. Ich gehe so gern durch all die
-Buntheit und Herzlichkeit des Straßenlebens hier;
-wenns die Zeit nur öfter erlaubte! Sie nicht?«</p>
-
-<p>Tomasow zuckte mit einer Gewohnheitsgebärde die
-Achseln.</p>
-
-<p>»Wie mans nimmt. Meistens ärgere ich mich
-dabei, weil ich mich frage, warum in aller Welt
-einen das Heimweh immer wieder auf den alten Fleck
-zurückzieht? So oft ich versuche, auf längere Zeit
-fortzugehn, &mdash; ich komme doch wieder. Was soll man
-aber hier? Ja, wäre man noch ein richtiger dem
-Grabe entstiegener Altrusse von vor Peters Zeiten,
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-so einer mit langem Bart und langem Kaftan&nbsp;&mdash;!
-Denn sonst würgt man hier ja nur an alledem, wozu
-man sich eventuell im europäischen Geistestreiben
-mit entwickelt hat. &mdash;&nbsp;&mdash; Ich will mich nicht entschuldigen,
-aber das macht so merkwürdig indolent.«</p>
-
-<p>»Sobald Sie Ihre Russen von Herzen lieben,
-haben Sie auch einen Wirkungskreis unter ihnen,«
-meinte Marianne.</p>
-
-<p>»O nein! Das ist ein Irrtum. Sehen Sie sich
-nur einmal das Volk an mit seinem breiten Gleichmut
-gegen die ganze eigentliche Welt der Kultur, &mdash;
-wie es alle seine wirklich tiefen Interessen anderswo
-hat, &mdash; was weiß ich, wo: bei Wind, Wetter, Tod,
-Musik, Ammenmärchen, Heiligenbildern&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Mit
-seinen Aufklärern war es noch nie eins. Gegen sie
-lehnt es sich auf. Und dies Naturell, dies seelische
-Tempo, ist mindestens ebenso oft schuld an seinem
-Zurückbleiben, wie unsere oft verrufenen Zustände.«</p>
-
-<p>»Ich weiß schon! Fangen Sie nur nicht an zu
-politisieren!« sagte Marianne. &mdash; »Lieber will ich
-es sein, die Ihnen von diesem Volk erzählt: zum Beispiel
-könnte ich Ihnen davon erzählen, warum ich
-hier, in dieser russischen Stadt, so gern grade an
-Sonntagen eine Gemäldegalerie besuche, wo auch
-das Volk vor den Bildern steht&nbsp;&mdash;. Es tritt leise
-auf mit seinen schweren Stiefeln und ist voll von
-Andacht. Haben Sie eine solche Andacht schon anderswo
-häufig beobachtet? Man muß nur in des
-Volkes seelische Art eingehn, um seine Seele zu
-fassen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-»Das mag alles sein. Indessen für den einzelnen
-bleibt das geistige Unbehagen, hier zu leben, weil das
-Volk in seiner Aufklärung noch nicht weiter ist.«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Oder weil wir nicht tiefer sind, mit all unserm
-Geist,« meinte Marianne nachdenklich. »Jedes Menschenleben
-sollte doch von jedem Punkt aus, durch die
-aufrichtige Macht seines Erlebens, bis in alle Tiefen
-gelangen können, &mdash; nicht nur da, wo der Verstand
-es so herrlich weit gebracht hat. Könnten wir uns
-nicht durch unsre einseitige Geistigkeit um dieses Kostbarste
-bringen? &mdash;&nbsp;&mdash; Was Ihnen hier auf die
-Nerven fällt, mein lieber Freund, das thut mir so
-unendlich wohl bis in alle Nerven. Es ist wie ein
-Trost, wenigstens für den, der, wie ich, nicht mehr
-mit kann in der großen Kulturhetze, in den immer
-rastlosern Fortschritten, in der ganzen nimmersatten
-Selbstentwicklung&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Marianne sprach lebhaft, fast übereifrig.</p>
-
-<p>Tomasow warf ihr einen aufmerksamen Blick zu.
-Es war selten, daß sie etwas äußerte, was wie Resignation
-über ihren Tagesberuf klang, der sie zu
-nichts anderm kommen ließ.</p>
-
-<p>»Ein Trost, den Sie aber doch am allerwenigsten
-brauchen,« bemerkte er, »so frisch und angeregt wie
-Sie&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Von Stunde zu Stunde laufen!« ergänzte
-sie mit gutmütiger Ironie. »Ja, so ist es nun einmal:
-Zeit und Schwung läßt das nicht übrig. Und ich
-würde jetzt eine traurige Rolle spielen in euren glänzenden
-Geisteszirkeln, unter euren entwickelten Menschen,
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-von denen Cita und auch Sie so gern aus
-eurem ausländischen Leben erzählen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Unsinn, Ma!« fiel er ein. »Niemand in der Welt
-eignet sich so herrlich dazu, wie Sie, zwischen solchen
-Menschen zu leben. Sie würden dort strahlen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Marianne schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Nein, das würd ich wohl nicht, und das will
-ich ja auch gar nicht. Aber es ist doch gut für mich,
-daß ich nicht so ganz nah dabei stehn muß&nbsp;&mdash;. Ich
-würde die Liebe zu meinem Alltagsdasein nicht festzuhalten
-vermögen und fühle doch: sie ist das allein
-Wichtige, das allein Ausschlaggebende&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Hier
-gibt es ja genug Hochstehende, Schaffende, Menschen
-über den Alltag hinaus. Aber sie leben einsam, und
-leben insgeheim doch nur für das Volk. Schon der
-Lärm der offiziellen Hauptstadt ist ihnen zu viel, deshalb
-ziehen sie hierher, &mdash; und am liebsten weit hinaus,
-bis an die Grenzen der Stadt, wo schon die Gärten
-beginnen.«</p>
-
-<p>Marianne nahm Tomasows Arm und fuhr leiser
-fort: »Ihnen will ich gestehn, daß ich manchmal,
-aus tiefer Sehnsucht nach Erquickung heraus, hier
-und da ein Künstleratelier besucht habe&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Aber
-auch die, zu denen ich nie gekommen bin, meine ich
-zu kennen, als hätte ich heimliche Zugänge zu ihnen
-in allen müden Stunden. &mdash; Für mich gibt es noch
-ein zweites Moskau in Moskau, &mdash; mit stillern
-Straßen, als die ich Tag für Tag betrete, und mit
-Häusern, wo große Menschen wohnen, die ich verehre.
-Und manchmal, wenn ich so von Stunde zu Stunde
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-haste, belebe ich meine eigne Ermüdung damit, daß
-ich mir einbilde, ich ginge gar nicht zu meiner
-Lehrstunde, sondern zu einem von ihnen&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>»Und immer noch wieder leben Sie ein Leben,
-wovon man nichts weiß!« entfuhr es Tomasow. &mdash;
-»Wie können Sie nur von Schwunglosigkeit sprechen?
-Wer so viel Trost wie Sie schöpft aus&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Warten Sie einen Augenblick!« unterbrach Marianne
-ihn unvermittelt und zwang ihn, mitten auf
-der Straße stillzustehn, während sie sehnsüchtig nach
-den ausgelegten Waren eines Straßenobsthändlers
-hinsah.</p>
-
-<p>Der junge Bursche hatte sein Fruchtbrett vom Kopf
-gehoben und hielt, sich vor Marianne und Tomasow
-auf ein Knie niederlassend, ihnen erwartungsvoll seine
-Zitronen, Aepfel und prachtvollen Südtrauben entgegen.</p>
-
-<p>»Ach, wer kann an so etwas vorübergehn!« bemerkte
-Marianne seufzend und wählte mit entzückten
-Augen unter den großen tiefblauen Trauben. Tomasow
-sah zu, wie eifrig sie bei der Sache waren, der junge
-Händler und sie. Beide lachten vor Vergnügen.</p>
-
-<p>»Eben wollte ich damit anfangen, Sie über allerlei
-zu trösten; aber ich sehe, es ist gar nicht mehr
-nötig,« sagte er, als Marianne fertig war; »Sie
-sehen aus wie ein beschenktes Kind.«</p>
-
-<p>»Diese sind auch extra schön! Ich freu mich auf
-das Erstaunen der Kinder,« entgegnete sie, schneller
-ausschreitend, und steckte die Düte hinter ihren Muff;
-»beide essen sie gern. &mdash; Aber wir sind wirklich gleich
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-zu Hause! Wollen Sie nicht ein wenig mit hinaufkommen?
-Die Kinder würden so froh sein&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»O nein, die haben ja schon die Trauben!« sagte
-er spitz und schüttelte den Kopf. »Aber ich würde
-für mein Leben gern einmal so ein Obstbrett vor
-Ihnen ausbreiten, Marianne, &mdash; die schönsten Früchte,
-&mdash; ganz unwahrscheinlich schöne, &mdash; damit Sie dann
-so aussehen, wie jetzt eben.«</p>
-
-<p>»Dummes Zeug!« meinte sie ärgerlich, »übrigens
-habe ich ja fast alles Schöne, was ich besitze, von
-Ihnen mal geschenkt bekommen. Ist Ihnen das nicht
-genug?«</p>
-
-<p>»Geschenkt? Von mir? Ich wüßte nicht. Es ist
-nur Ihre eigenste Spezialität, die Dinge so aufzufassen,
-als kämen sie Ihnen von andern. Wenn ich
-Ihnen wirklich schenken wollte, wär es ganz anders&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Marianne blieb stehn. Sie waren am Hause angelangt.</p>
-
-<p>»Danke für Ihre Begleitung!« sagte sie und gab
-ihm die Hand. »Sie sind zwar mitunter garstig gewesen,
-aber im ganzen doch gut, wie immer.«</p>
-
-<p>Er antwortete langsam: »Ein klein wenig garstig
-waren auch Sie. &mdash;&nbsp;&mdash; Daß Sie mich Ihren Kindern
-mitbringen wollten, &mdash; gleichsam eine zweite
-Düte, neben den Trauben. &mdash;&nbsp;&mdash; Nun, irgendwann
-werden Sie das schon noch einsehen.«</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen!« rief sie heiter und öffnete die
-Hausthür.</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen, Ma! So bald als möglich
-auf Wiedersehen!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Marianne lief rasch wie ein Mädchen die zwei
-Treppen hinauf, oben mußte sie Atem schöpfen, als
-sie den Schlüssel in die Thür steckte. Aber alle ihre
-Ermüdung war verflogen, das Sprechen und Scherzen
-mit dem Freunde hatten sie von ihr fortgenommen.</p>
-
-<p>Oben schien Besuch zu sein.</p>
-
-<p>Sie trat vom Vorflur in ihr Wohnzimmer. Ja,
-da saß ein junger, ganz junger blonder Mann mit
-ihren beiden Töchtern und erhob sich ehrfurchtsvoll,
-als er ihrer ansichtig wurde.</p>
-
-<p>»Dies ist Herr Hugo Lanz, Ma,« sagte Sophie
-vorstellend, »&mdash;&nbsp;du weißt, wir trafen uns neulich in
-der Gesellschaft&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Ich komme nur als Abgesandter meiner Verwandten,
-gnädige Frau,« erklärte Hugo Lanz mit einer
-weichen sympathischen Stimme, »es handelt sich um
-eine Schlittenfahrt für heute abend. Vor zehn Uhr
-sind alle wieder heimgeleitet.«</p>
-
-<p>»Das ist freundlich von Ihnen,« entgegnete Ma
-und reichte ihm die Hand, »ja, fahrt nur, ihr Kinder.«</p>
-
-<p>»Und du, Ma?« fragte Cita.</p>
-
-<p>»Ich bin ja heute abend zum Thee bei Tante
-Ottilie und werde euch dort entschuldigen, ihr Nichtsnutze.«</p>
-
-<p>»Aber du wirst heute zu müde sein, Ma,« meinte
-Sophie bedenklich und küßte die Mutter.</p>
-
-<p>»Nein, Kind, ich bin jetzt so frisch. Und morgen
-ist Sonntag. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber wer fliegt jetzt wie ein Pfeil
-und zaubert mir geschwind eine heiße, starke Tasse
-Thee oder Kakao herbei?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Die Mädchen stürzten zur Thür.</p>
-
-<p>Hugo Lanz sah so heftig diensteifrig aus, als
-wollte auch er stürzen, aber er besann sich rechtzeitig
-auf das Zwecklose eines solchen Unternehmens.</p>
-
-<p>»Thee also!« rief Sophie.</p>
-
-<p>»Nein, besser Kakao!« rief Cita.</p>
-
-<p>Sie verschwanden, und Hugo Lanz blickte ihnen
-ernsthaft nach &mdash; mit einem Gesicht, als hätte eine
-jede von ihnen etwas Geistreiches ausgesprochen, was
-lange dunkel in ihm gelegen habe.</p>
-
-<p>Marianne sah den Blick und sah ihn selbst an
-und war ihm gut. Daß ihm die Gesellschaft dieser
-jungen, hübschen und geweckten Mädchen ausnehmend
-gefiel, begriff sie vollkommen und fand es in der Ordnung.
-Auch fürchtete sie nie, daß ihre Töchter je zu
-»gelehrt« werden könnten, um zu gefallen. Ihr war
-zu gut bekannt, wie sehr dabei nicht der Kopf, sondern
-das Temperament entscheidet.</p>
-
-<p>»Sie sind noch nicht lange hier?« bemerkte sie
-freundlich, um dem Gast die Zwischenzeit füllen zu
-helfen.</p>
-
-<p>»Nein. Ueberhaupt nur für einige Monate zu
-Besuch bei hiesigen Verwandten. Dann soll ich nach
-Deutschland zurück, um Kaufmann zu werden.«</p>
-
-<p>Er sagte das trübe. Sie fragte nicht, doch traf
-ihn ihr Blick so warm und mütterlich, daß er spontan
-fortfuhr: »Mein Traum war, Künstler zu werden.«</p>
-
-<p>Sie fragte auch nicht: in welcher Kunst? Sie
-sagte nur sehr weich:</p>
-
-<p>»Der höchste Traum. Und die schwerste Erfüllung.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-Er hob die Augen bescheiden zu ihr.</p>
-
-<p>»Aber man soll doch nicht gleich anfangs verzagen,
-nicht wahr? Ich fühle so bestimmt: ich könnte
-mich dazu durchringen, wenn man mich nicht so ganz
-in die Familie einengen wollte. Ein Künstler und
-jeder, der es werden will, braucht Freiheit.«</p>
-
-<p>Marianne nickte.</p>
-
-<p>»Mehr als Freiheit: Heimat,« sagte sie unwillkürlich.</p>
-
-<p>Hugo Lanz sah sie fragend und wie erwartend an.
-Ihre Art und Weise nahm ihn leise gefangen.</p>
-
-<p>»Ich meine,« versuchte Marianne zu erklären,
-»niemand braucht so sehr als er breitesten Spielraum,
-weil alle seine Bewegungen unberechenbarer, unbezwingbarer
-sind, als die irgend welcher andern Entwicklung.
-Aber in seiner angebornen Sensitivität,
-in seiner fast hilflosen Eindrucksfähigkeit hat er zugleich,
-wie niemand anders, Furcht vor der Fremde.
-Seine Freiheit mag sich noch so breit strecken wollen,
-aber an den äußersten Grenzen seiner Freiheit, da
-muß er Heimat um sich fühlen, &mdash; eine Welt, der er
-vertraut.«</p>
-
-<p>Aus dem Klang ihrer Stimme vibrierte etwas,
-als wenn sie jedes ihrer Worte aus tiefen, warmen
-Glückserfahrungen hebe. Weniger in den Worten
-selbst, als in diesem Stimmklang lag etwas Suggestives,
-was Hugo Lanz ergriff.</p>
-
-<p>»Das ist so nur in einem Paradies!« rief er.
-&mdash; »In Wirklichkeit gibt es das nicht,« setzte er
-traurig hinzu.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Marianne widersprach nicht.</p>
-
-<p>Sie schwieg, doch ihre Augen widersprachen. Sie
-leuchteten in so ruhigem Glanz und wendeten sich unwillkürlich
-dem verschlossnen Rahmen auf dem Schreibtisch
-zu.</p>
-
-<p>Da vernahm man von der Thür her Gelächter.</p>
-
-<p>Die Mädchen kehrten zurück, jede mit einer vollgefüllten
-Tasse in der Hand. Den Blick starr auf
-ihre Tassen geheftet, deren Inhalt überzuschlagen
-drohte, näherten sie sich langsam und feierlich dem
-Schreibtisch, neben dem die Mutter auf ihrem gewohnten
-Lieblingsstuhle saß.</p>
-
-<p>»Thee schmeckt bei weitem schöner und regt an,
-hat Ma stets gesagt,« behauptete Sophie.</p>
-
-<p>»Kakao ist ihr bei weitem gesunder, hat Doktor
-Tomasow stets gesagt,« behauptete Cita, »&mdash;&nbsp;und
-zwischen dem Schönen und dem Guten, Nützlichen,
-wirst du doch nicht lange zaudern, Ma! Bedenke
-auch, welche schlechte Einwirkung ein böses Beispiel
-auf uns haben, könnte.«</p>
-
-<p>»O du überredest, das ist gegen alle Abmachung!«
-rief Sophie voll Unwillen.</p>
-
-<p>»Ein Jurist überredet nie genügend, Sophie! &mdash;
-Also: erst jedenfalls das Schöne, &mdash; und dann auch
-noch das Gute, Nützliche,« entschied die Mutter
-sofort und zog lachend alle beiden Tassen zu sich
-heran.</p>
-
-<p>Cita hockte sich auf die Seitenlehne ihres Lutherstuhles.</p>
-
-<p>»Du unmoralische Mutter!« sagte sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Hugo Lanz hatte sich beim Eintritt der Mädchen
-erhoben. Er sah ganz zerstreut aus. Ihm erschienen
-mit einemmal alle beide doch noch recht kindisch, ohne
-daß er ahnte, wie außerordentlich damit sein Urteil
-in der Richtung fehlging.</p>
-
-<p>Wohl empfand er den heitern Reiz der kleinen
-harmlosen Familienscene, aber ihm schien, daß alles
-Intime dieses Reizes doch ganz und gar nur von
-dieser köstlichen Frau mit der jungen Stimme und
-den mütterlichen Augen ausginge.</p>
-
-<p>»Wollen Sie wirklich schon gehn?« fragte Marianne
-freundlich, als er sich jetzt ehrerbietig von ihr
-verabschiedete. »Nun, ich danke Ihnen noch für die
-überbrachte Einladung. Und seien Sie uns hier zwanglos
-willkommen, falls einmal Weg und Stimmung
-Sie bei uns vorüberführen.«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ja, gnädige Frau, wenn ich das dürfte, &mdash;
-dann danke ich Ihnen von ganzem Herzen dafür,
-aber&nbsp;&mdash;« er stockte, »&mdash;&nbsp;dann lassen Sie mich nicht
-als einen Fremden kommen und gehn, denn das &mdash;
-das würde ich nach diesem kurzen Gespräch schon nicht
-mehr ertragen,« fügte er leiser, sehr rasch und, im
-sichtlichen Kampf gegen seine eigne Schüchternheit,
-fast heftig hinzu.</p>
-
-<p>Die Bitte, wiederkommen zu dürfen, hatte er vor
-einer Stunde erst der Töchter wegen an sie richten
-wollen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne gab keinen Bescheid in Worten, aber
-er empfand ihr ganzes Wesen als eine Antwort. Mit
-Bestimmtheit fühlte er, daß er von heute an hier nur
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-noch einkehren würde, wie man bei einer Mutter einkehrt,
-und nur allein ihretwegen.</p>
-
-<p>Als er sich beim Abschied über ihre Hand beugte,
-gab ihm Marianne unwillkürlich jenen Stirnkuß, auf
-den nach russischer Haussitte der Gast Anspruch hat.
-Und als er sein Gesicht erhob, lag eine so dankbare
-Kindlichkeit auf seinen jungen Zügen, daß sie Marianne
-rührte.</p>
-
-<p>Sobald sich die Zimmerthür hinter ihm geschlossen
-hatte, bemerkte Cita mit einem Lächeln: »<em class="ge">Der</em> sah
-dich ja aber mal eben kurios an, Ma. Weißt du,
-wie? Ungefähr so, wie wenns ihm schlecht ginge,
-und er dir gleich den Kopf in den Schoß wühlen
-möchte, um dir zu beichten und von dir getröstet zu
-werden.«</p>
-
-<p>Sophie mußte lachen.</p>
-
-<p>Cita fuhr, nicht ganz frei von Spott, fort:
-»Ja, sind Männer nicht eigentlich höchst wunderliche
-Pflanzen? So etwas Unmännliches sind sie, scheint
-mir. Es klingt gewiß dumm, aber sag selbst, Ma!
-Könntest du dir leicht vorstellen, daß ich irgend
-jemand so &mdash; so hilfsbedürftig ansähe? Nein, im
-Gegenteil: kerzengrade würd ich mich grade dann
-recken. &mdash;&nbsp;&mdash; Alles andre ist eben Schwäche.«</p>
-
-<p>Marianne lächelte fein.</p>
-
-<p>»Nicht notwendig Schwäche. &mdash;&nbsp;&mdash; Schwere Aehren
-stehn auch nicht kerzengrade,« sagte sie.</p>
-
-<p>Aber in ihrem Innern empfand sie bei Citas
-Worten einen heimlichen Stich. Cita, ihr tüchtiges,
-kernfestes Mädchen! Sie konnte ihr vertrauen und
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-mit ihr reden über alle Sorgen und Nöte, fast wie
-mit einem klugen Freunde, ja fast wie mit einem
-Mann&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Ja, das alles konnte sie. Aber &mdash; den Kopf noch
-einmal anschmiegungsbedürftig in Mas Schoß wühlen,
-das würde Cita doch wohl nie mehr&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sophie hatte sich ans Fenster gestellt. Sie sah
-Hugo Lanz, der aus dem Hause herausgetreten war,
-unten über den Fahrdamm gehn. Er sah schlank und
-fein aus in der dunkeln Pelzmütze und trotz des
-Pelzes, der alle Konturen vermischte. Eigentlich gefiel
-er ihr doch sehr gut, viel besser, als sie es Citas
-Spottlust einzugestehn wagte.</p>
-
-<p>Jetzt äußerte sie aber doch:</p>
-
-<p>»Du, &mdash; den mag ich trotzdem gern. Warum soll
-er auch Ma nicht angucken, wie er will? &mdash;&nbsp;&mdash; Ich
-habe mich mit ihm schon prachtvoll unterhalten, neulich
-in der Gesellschaft, ehe du hier warst, Cita.
-Ich erzählte ihm von den höhern Mädchenkursen,
-und dann, daß mich die Naturwissenschaften so sehr
-interessieren, &mdash; daß ich aber noch weit lieber ein
-Arzt würde, &mdash; grade wie Doktor Tomasow.«</p>
-
-<p>»Aber das alles sind ja dem jungen Dichter völlig
-gleichgültige Beschäftigungen, Sophie,« meinte Cita
-und trug die Tassen der Mutter hinaus.</p>
-
-<p>»Die Beschäftigungen an sich: ja!« gab Sophie
-kleinlaut zu und schaute noch immer angestrengt einem
-dunkeln Punkt in weiter Entfernung &mdash; einer Pelzmütze
-&mdash; nach, obschon sie nicht mehr ganz sicher war,
-ob es nicht längst eine andre Mütze auf dem Kopfe
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-eines andern sei. »Aber,« fuhr sie eifrig fort, »auf
-die Art der Beschäftigung kommt es auch nicht an,
-sondern darauf, daß er <em class="ge">auch</em> hinausstrebt, &mdash; fort,
-hinaus! Mit dem einzigen Unterschied, daß er das
-infolge von Gedichten thut. Das schadet aber doch
-nichts. Die Hauptsache haben wir doch gemeinsam.
-Auch ihm ist eng, auch er hat allerlei Träume, die
-er kaum zu Hause zu nennen wagt, &mdash; auch seine
-Pläne lassen sich nun einmal nicht zu Hause verwirklichen.
-Und seine Familie, &mdash; die hält ihn. Wie
-sollten wir da nicht sympathisieren?! Wie sehr kann
-ich ihm doch das alles nachfüh&mdash;.«</p>
-
-<p>Sie stockte jäh.</p>
-
-<p>Die Nase an die Scheibe gedrückt, hatte sie ganz
-vergessen, wo sie sich eigentlich befand. Ihr ward
-plötzlich erst bewußt, was sie da sagte.</p>
-
-<p>Cita konnte es überhaupt nicht mehr hören, die
-war ja eben mit den beiden Tassen hinausgegangen.</p>
-
-<p>Aber da, im Luthersessel vor dem Schreibtisch,
-mit dem Gesicht grade zum Fenster, da saß, Sophie
-im Rücken, ganz schweigsam &mdash; Ma&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Einen Augenblick lang, einen Augenblick nur, war
-ihr Ma wirklich ganz und gar aus dem Gedächtnis
-entschwunden gewesen.</p>
-
-<p>Wohl eine volle Minute stand Sophie wie erstarrt.
-Sie bekam ein Gefühl, als wär es noch
-besser, sich mit ihrer kleinen Nase ganz durch das
-Fensterglas durchzubohren, um nie, nie wieder die
-Augen zurückwenden zu müssen.</p>
-
-<p>Ihr Herz schlug heftig, sprunghaft, die Lippen
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-wurden ihr trocken. »Arme, süße, liebe Ma!« dachte
-sie außer sich, voller Wut.</p>
-
-<p>Plötzlich drehte sich Sophie gewaltsam um, zu
-ihrem eignen Schreck. Sie sah das Zimmer vor sich
-wie im Nebel. Sie lief auf die Mutter zu, fiel vor
-ihr auf die Kniee und umhalste sie wortlos, stürmisch.</p>
-
-<p>»Ach Ma, &mdash; dummes Zeug &mdash; solch dummes,
-&mdash; ich benutzte unwillkürlich seine Worte, &mdash; weißt du:
-einfach seine Worte &mdash; sie passen ja auch einzig und
-allein für ihn, alle, alle diese Worte!« stammelte sie
-endlich, ganz in Thränen, und dann lachte sie fast ein
-wenig, verlegen und sonderbar.</p>
-
-<p>Marianne herzte sie ganz leise.</p>
-
-<p>»Aber &mdash; du wildes Mädchen, &mdash; wie kann man
-sich dermaßen erregen! Viel zu leicht erregt bist du,
-weißt du das? Du mußt dich besser zusammennehmen.
-&mdash; Komm, sei nun wieder ruhig und mein liebes
-altes heitres Kind, &mdash; ja?«</p>
-
-<p>Sophie hob den Kopf. Bei diesen sanften Worten
-verflog langsam ihr Schreck, sänftigte sich auch ihre
-Reue. &mdash; Vielleicht hatte Ma gar nicht so genau hingehört
-vorhin&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde
-blonde Haar. Ihre Augen aber schauten großgeöffnet
-über ihr Kind hinweg.</p>
-
-<p>Dann stand sie auf.</p>
-
-<p>»Man braucht nur ein wenig wieder &rsaquo;daheim&lsaquo; zu
-sein, um gleich wieder zu vergessen, daß es auch noch
-ein &rsaquo;Draußen&lsaquo; mit allerlei Pflichten gibt, &mdash; ich muß
-ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte,
-gerötete Gesicht der Schwester warf.</p>
-
-<p>»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht
-zu früh?« Cita holte schnell den Pelz und die Ueberschuhe
-vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir!
-Du wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause
-kommen, als wir.«</p>
-
-<p>»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne,
-»und ihr wißt: wer zuerst kommt, geht schlafen, ohne
-zu warten, &mdash; nach unsrer alten Verabredung.«</p>
-
-<p>»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde
-fängt viel später an,« murmelte Sophie, die der
-Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der Hand gezogen
-hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der
-Mutter, um sie ihr anzuziehen.</p>
-
-<p>Marianne ließ es schweigend geschehen.</p>
-
-<p>»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so
-gut wie möglich! Der Himmel ist jetzt klar, und ich
-denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu eurer
-Ausfahrt.«</p>
-
-<p>Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art,
-wie sie beide noch einmal küßte, war voll unterdrückter
-Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort.</p>
-
-<p>Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl.
-Ihr war das Herz plötzlich so schwer geworden, so
-bange und schwer.</p>
-
-<p>Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich,
-&mdash; so deutlich wie in einer grellen höhnischen Beleuchtung,
-die sie blendete und verwirrte, &mdash; ihre beiden
-Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-fertig, nur noch ein Gast im Mutterheim, und die
-andre &mdash; ja, die andre sich sehnend, &mdash; sich von ihr
-hinwegsehnend.</p>
-
-<p>Es war in der That noch nicht die Zeit für die
-beiden Privatstunden, die sie, ganz in der Nähe von
-Ottiliens Wohnung, in einem reichen Kaufmannshause
-zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger
-gelitten, mit ihrer wehen Angst, unter den Augen
-der Kinder.</p>
-
-<p>Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung
-auf ihr Ziel, dann blieb sie unterwegs vor einem
-Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern
-Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter
-einem grün angestrichenen hölzernen Zaun.</p>
-
-<p>Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten
-wolle, war sie bereits aus einem Fenster des Erdgeschosses
-von derjenigen bemerkt worden, der ihr
-Besuch galt.</p>
-
-<p>Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die
-ganze Mitte des Hauses durchschnitt, als sich auch
-schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen beiden
-Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische
-Stimme auf russisch erfreut herausrief: »Willkommen!
-Willkommen! Frau Marinka!«</p>
-
-<p>Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in
-ziemlich dunkle Küchenräume zu münden schien, quoll
-starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd,
-mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen,
-schlürfte vorüber.</p>
-
-<p>Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat,
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-war es, trotz seiner rohen grellbunten Tapete und den
-ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer hier
-eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht
-ganz eines gewissen Komforts.</p>
-
-<p>Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große,
-starkknochige Sechzigerin erhoben und ging Marianne
-belebt entgegen, wobei sie sich auf einen Stock stützte.</p>
-
-<p>»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd
-von Ihnen, &mdash; ich wäre Ihnen auch längst auf dem
-zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie wissen:
-die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! &mdash;
-Setzen Sie sich, meine Einzige; was kann ich Ihnen
-anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt oder etwa
-kaltes Rebhuhn?« &mdash; fragte sie, in rascher, lebhafter
-Rede, mit der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet;
-zugleich hob sie den Krückstock und deutete damit auf
-die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die angebotenen
-Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten.</p>
-
-<p>Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja,
-da standen in der That allerlei Leckereien, &mdash; die
-guten Bekannten hatten sie gebracht.</p>
-
-<p>»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber
-daß Sie hier wohnen müssen! Sie sollten es jetzt
-besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen
-billigen Pension erzählt?«</p>
-
-<p>Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte
-dabei ihre starken, gelblichen, wohlerhaltenen Zähne.</p>
-
-<p>»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und
-zog Marianne neben sich auf das große, mit verblichener
-geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten
-Pension nicht leben. Armenstift, &mdash; das ist Vorurteil.
-&mdash; Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja recht schön,
-aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich
-dadurch ködern und willfährig machen können, &mdash;
-daß ich deshalb bei ihnen irgendwie als gute Tante
-unterkriechen würde! &mdash; Ich esse einfach die guten
-Sachen, und komme doch nicht.«</p>
-
-<p>Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein
-des Anstoßes ihren ansehnlichen Verwandten ihr
-»Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte.</p>
-
-<p>Sie nahm bedächtig eine Prise.</p>
-
-<p>»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum
-Frühstück?« fragte Marianne. »Heute habe ich knapp
-Zeit, aber dann könnten wir von den Weihnachtseinkäufen
-plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut
-sind, mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, &mdash;
-ich komme ja erst dicht vor Thorschluß dazu.«</p>
-
-<p>Wera Petrowna nickte.</p>
-
-<p>»Ja, so gut bin ich, &mdash; sehr gern, thu ich sehr
-gern. Sie wissen ja, wie für mein Leben gern ich
-in den schönen Läden herumflankiere. &mdash; Mit einigen
-blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter
-gute Dinge ansehen und bestellen, &mdash; nun, und die
-Verkäufer, die haben auch höllischen Respekt vor meinen
-scharfen Augen und müssen herzeigen, worauf ich
-mit dem Stock weise, &mdash; und sollten sie sich selbst
-beim Hinundherklettern den Hals verrenken.«</p>
-
-<p>»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte
-Marianne.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden
-wiederzusehen. Sah die Cita ja lange nicht. Und sie
-sind beide so recht hübsch zum Ansehen, &mdash; nun, auch
-zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu
-denken, daß so was bald weggeheiratet wird. Schade,
-schade.«</p>
-
-<p>»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht,
-ein solches Fortgehn ist nicht das schlimmste Fortgehn,«
-sagte Marianne leise.</p>
-
-<p>»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke,
-wie es mir erging. Verschlagen ins ärgste Gutsleben
-in entlegenster russischer Provinz &mdash; vom ersten
-Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus
-der feinsten städtischen Erziehung, &mdash; ja, alles, was
-wahr ist: mitten aus den feinsten Pensionaten und
-voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem
-&mdash; was meinen Sie wohl? &mdash; trotzdem hab ich
-doch diesen Menschen bis an seinen Tod angebetet,
-diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte
-er etwa mehr als Gutsarbeit, Trinken, Spielen&nbsp;&mdash;?
-Nein, keine Spur! Und brutal war er auch, wenn
-er nicht grade zärtlich war. Was that mir das
-alles? Tottreten hätt er mich dürfen! &mdash;&nbsp;&mdash; Nun
-ja, Leidenschaft ist blind und taub, das weiß man
-ja, &mdash; und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft
-dabei, &mdash; das muß wahr sein. &mdash;&nbsp;&mdash; Die längste
-Zeit des Lebens ist man einfach verrückt.«</p>
-
-<p>Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen
-Ton. Aber auch das kannte sie: daß Wera Petrowna
-dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil
-sie merkte, wie wenig Marianne, ihrer lieben »Marinka«,
-nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was
-merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten
-hatten diese hellgrauen fast ironisch
-blickenden Augen alles, was sie wollten, gesehen.</p>
-
-<p>Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen
-Zigarettenkästchen und machte Feuer.</p>
-
-<p>»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz.
-»Und Sie rauchen noch immer nicht? &mdash;&nbsp;&mdash; Wird auch
-noch kommen, meine Einzige, wird auch noch kommen.
-Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen
-im Alter, &mdash; und so weit sind Sie eben noch immer
-nicht, Sie Aermste. &mdash; Da hat man nämlich erst die
-Ruhe dazu, &mdash; ich meine: so die inwendige Ruhe. Man
-hat kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt
-nicht alles so wahnsinnig persönlich, woraus ja doch
-allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. &mdash; Nun, ich
-will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht
-vorweg erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. &mdash;
-Es ist wirklich zu schön, sagte der Bauer, und da
-ließ er sich zur Ader, so lange, bis er starb&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein.</p>
-
-<p>Marianne sah nach der Uhr.</p>
-
-<p>»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd,
-»also auf morgen. Wie gut und ruhig sitzt es sich
-bei Ihnen, man ruht aus.«</p>
-
-<p>»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben,
-&mdash; ich würde gern das Maul halten; übrigens, ich
-begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der
-Schmiedebrücke. Ich habe, weiß Gott, hier nichts
-zu thun. &mdash; Für gestern abend bekam ich richtig noch
-ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben
-führt die Alte, was?«</p>
-
-<p>Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne
-liebkosend die Wange.</p>
-
-<p>»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der
-Jüngste Sie beneiden muß,« versetzte Marianne, »wer
-von uns würd es an Ihrer Stelle wohl ohne Trübsal
-aushalten &mdash; bei diesem Mangel an dem Ihnen
-gewohnten Behagen und Ueberfluß?«</p>
-
-<p>Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz
-dünnen grauen Haar heruntergenommen und band sich
-umständlich einen wattierten Kapottehut, mit Ohrenklappen
-für den Wind, auf dem Kopf fest.</p>
-
-<p>»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie
-derb, und es wetterleuchtete von Spott über ihren
-scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn das
-bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan,
-fette Braten und Dienerschaft rechts und links, bis
-man sich nicht mehr rührt noch regt, sondern irgendwo
-einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns
-da hinten auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das
-Behagen quoll uns direkt zum Halse heraus. Aber
-das Leben stand mir still, &mdash; all mein Leben, bis
-auf das eine verliebter Leute. Nun bin ich als
-Mastgans alt geworden, aber vom Leben will ich noch
-schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans
-noch begreift.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen,
-versorgte sich reichlich mit Zigaretten und klapperte
-mit ihrem Stock auf den steinernen Flur hinaus.</p>
-
-<p>Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis
-zu der Pferdebahn.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera
-Petrowna mit innigem Vergnügen und wies mit ihrem
-Stock auf den herannahenden Straßenbahnwagen:
-»Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten
-hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und
-Ausstellungen &mdash; und sogar in die Unglücksfälle &mdash;
-meinetwegen, wenn das Genick doch schon gebrochen
-sein muß.«</p>
-
-<p>Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte
-im Inneren des Wagens gut placiert sah, dann schritt
-sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde.</p>
-
-<p>Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause
-traten dabei langsam in den Hintergrund, und die
-Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie nicht
-in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie
-so oft, heilsam befreiend für ihre Stimmung. Als
-sie vom Unterricht zu ihrer Schwester ging, hatte
-ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder
-den Sieg über die Traurigkeit gewonnen.</p>
-
-<p>Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie
-grade noch zum Abendthee zurecht. Neben dem Tisch
-im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar
-auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und
-dazwischen flache Schüsseln mit eingekochten Früchten
-und mit winzigen belegten Brotschnittchen, &mdash; jedes
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie Konfekt
-hergerichtet.</p>
-
-<p>»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte
-Marianne beunruhigt, als sie diese kunstvollen Zuthaten
-zum Abendthee wahrnahm und die hübschen
-gestickten Tellerservietten, &mdash; Ottiliens eigne mühsame
-Handarbeit.</p>
-
-<p>»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der
-sie empfangen und hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt
-nur noch drinnen mit einem Fräulein &mdash; eine ausländische
-Konzertsängerin, glaub ich&nbsp;&mdash;. Jedenfalls
-schwärmt Tilie für das Fräulein Clarissa.«</p>
-
-<p>Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges,
-behagliches Gesicht. Ihm gefiel, wenn schon nicht die
-Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen so schön
-bestellte Theetisch sehr gut.</p>
-
-<p>Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen
-gebeugt, steckte er eins davon, mit geräuchertem
-zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade wollte
-er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung
-hinzugeben, als seine Frau mit dem fremden Fräulein
-bereits eintrat.</p>
-
-<p>Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm
-geräuschvoll Platz und tauschte die üblichen Redensarten.
-Inotschka, die dreizehnjährige Tochter, erschien
-schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden
-ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die
-sie linkisch aussehen ließ und die schlanke Grazie ihrer
-feinen Bewegungen ganz verwischte.</p>
-
-<p>Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Stirn, setzte sie sich in ängstlicher Haltung neben ihre
-Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon bemerkt hatte.
-Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu
-Marianne hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit
-nicht einmal begrüßt worden war. Dafür grüßten
-sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch
-ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen,
-rötlichen Händen umgestoßen zu werden.</p>
-
-<p>Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in
-der kleidsamen Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne,
-mit der er sich ebenfalls besonders gut stand.
-An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr
-Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische
-und französische Konversationsstudien, und bei
-diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen grammatikalischen
-Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen
-Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf
-gut russisch seinen eignen Eltern. Heute klagte er
-Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen,
-sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er
-wollte zu bestimmter Stunde einen Kameraden treffen,
-und nun konnte »die Geschichte schrecklich lange dauern
-hier bei Tisch«.</p>
-
-<p>Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren
-breiten Milchtassen nur ganz verstohlen auf den
-fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee
-etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie
-waren beide beängstigend artig, &mdash; so artig, wie,
-nach Mariannens in diesem Punkt ziemlich trüben
-Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind,
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-wenn sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet.</p>
-
-<p>Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch
-der wachsame Blick ihrer Mutter mit unmerklicher
-Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war
-schon zu Bett.</p>
-
-<p>Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender
-Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung
-wie für das Betragen der Kinder zu sorgen.
-Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf
-seine ganz spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte,
-blieb sie doch ganz Ohr und fiel bei jeder heitern
-Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen,
-klingenden Lachen ein.</p>
-
-<p>»Sie ist darin einfach bewunderungswürdig!«
-dachte Marianne aufrichtig, die inzwischen ganz still
-geworden war. Sie hatte genug damit zu thun,
-gegen ihre Abspannung anzukämpfen, von der sie an
-solchen Tagen, beim ersten Nachlassen von Pflicht oder
-Freude, überfallen werden konnte.</p>
-
-<p>Hin und wieder verschwammen ihr die Worte der
-andern in einem eintönigen Gesumm. Sie wußte sich
-sogar ganz gut im stande &mdash; zu ihrer eignen Beschämung&nbsp;&mdash;,
-auf diesem bequemen Stuhl mitten unter
-ihnen allen recht tief und süß einzunicken, um dann
-zu einer gegebenen Zeit frisch und heiter zu erwachen,
-von neuem aller ihrer Kräfte Meister&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Erschrocken bemühte sie sich, besser zuzuhören. Fräulein
-Clarissa schwärmte soeben von Oesterreich.</p>
-
-<p>»Das ist ganz Wasser auf die Mühle meiner
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-Frau!« sagte der Schwager. &mdash; »Die ist ganz versessen
-drauf, und nun gar Wien! &mdash; Hier ist nur
-das Diesseits, dort das schönere Jenseits: so etwa
-denkt sie sichs. Und die Praterfahrten, und die
-feschen Offiziere, &mdash; nicht wahr, Tilie?«</p>
-
-<p>Er sprach mit gutmütigem Spott, Stockrusse, wie
-er durch und durch war, kaum je über die Landesgrenze
-gekommen, und vielleicht zu seiner eignen Verwunderung
-mit einer halben Nichtrussin verheiratet.
-Sein naiver Chauvinismus kam seiner Karriere als
-höherer Beamter sehr zu statten, war indessen intensiv
-ehrlich gemeint.</p>
-
-<p>Ottilie erwiderte gar nichts. Doch hatten sich alle
-Züge ihres Gesichtes während seiner Worte verändert,
-strafften sich plötzlich, &mdash; es sah aus, wie wenn sie
-sich auf Eis legte. Die Theekanne zitterte leicht in
-ihrer Hand.</p>
-
-<p>Nur Marianne bemerkte es. Ganz erstaunt sah
-sie die Schwester an. Ach so, &mdash; der fesche Offizier?!
-&mdash; Nein, das konnt es doch wohl nicht sein? Ein
-österreichisch-ungarischer schmucker Husar, Leichtfuß
-und nichtssagend, hatte Ottilie einst einen Heiratsantrag
-gemacht &mdash; in gänzlicher Verkennung der materiellen
-Verhältnisse. Eine belanglose Schwärmerei
-Ottiliens. Wie belanglos, das empfand Marianne
-damals doppelt deutlich gegenüber ihrem eignen Bündnis,
-das sie kurz zuvor eingegangen war.</p>
-
-<p>Sie erinnerte sich noch ganz gut, wie heftig der
-zigeunerische Teint und die Husarentracht die Schwester
-bestachen. Und um wie viel älter sie sich selbst
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-urplötzlich daneben vorkam. Um so viel älter wie
-erglühende inbrünstige Jugend neben den Gefühlswallungen
-der Backfischentwicklung.</p>
-
-<p>Ottiliens Mann hatte die Bedeutung dieses ominösen
-Husaren offenbar rein vergessen. Ottilie hatte
-sie jedoch sonderbarerweise hinter ihrer ruhigen,
-liebenswürdigen Verschlossenheit ganz und gar nicht
-vergessen. Der Schwager schien nicht allzuviel Ahnung
-von den geheimen »Tiefen« in seiner Frau zu haben.</p>
-
-<p>Nikolai rückte immer unruhiger auf seinem Stuhl
-herum und schielte nach der großen Wanduhr gegenüber.
-Er wagte aber nicht, aufzustehn. Der Blick
-seiner Mutter, der jetzt um eine Nuance schärfer und
-gereizter schien als vorher, mahnte ihn wiederholt
-daran, daß auch er einen, wenn auch nur bescheidenen
-Beitrag zur Unterhaltung zu liefern habe, weil es
-sich für seine Jahre schicke, die Umgangsformen zu
-üben.</p>
-
-<p>Nikolai zermarterte sein Gehirn. Ihm kam eine
-entsetzliche Menge von Gedanken und Vorstellungen,
-aber sie waren alle so merkwürdig unpassend.</p>
-
-<p>Schon war er nahe daran, bei Tante Marianne
-einen kleinen Gedanken zu borgen. Da fiel ihm grade
-noch etwas ein, und er sagte ganz verzweifelt, &mdash; viel
-zu laut mitten hinein ins Gespräch der übrigen: »In
-unsrer Schule ist ein Junge für immer abhanden
-gekommen.«</p>
-
-<p>»Wie denn abhanden gekommen?« fragte Marianne
-befremdet.</p>
-
-<p>»Ja so, ganz abhanden. Er war dort Pensionär,
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-lief fort und hinterließ einen Zettel, daß er sich töten
-wolle. Niemand weiß, wo und was. Seine Eltern
-leben in Südrußland. Man hat ihn noch nicht aufgefunden.«</p>
-
-<p>Ein kleiner Alarm entstand am Theetisch. Nikolai
-war ganz stolz. Alle redeten durcheinander.</p>
-
-<p>»Mein Himmel, daß du das auch nicht gleich erzählt
-hast!« rief sein Vater.</p>
-
-<p>Nikolai nahm sich das heimlich bereits für das
-nächste Mal vor, wenn wieder ein Junge abhanden
-kommen sollte. Er hatte gefürchtet, es sei im Hinblick
-auf einen Gast ein zu bescheidener Beitrag.</p>
-
-<p>Ottilie seufzte. Sie sah streng und bitter aus.</p>
-
-<p>»Das sind Zustände!« bemerkte sie empört. &mdash; »Ja,
-wenn schon die Kinder so anfangen! Dann ist es
-freilich nicht zu verwundern, wenn sie sich ohne alle
-Zucht und Sitte erst recht töten, nachdem man sie
-glücklich bis zum Erwachsensein durchgebracht hat.
-Was für ein Kind muß das gewesen sein, das so
-etwas Schändliches thut.«</p>
-
-<p>»Und welch eine Behandlung, die so etwas ermöglicht!«
-setzte Marianne im stillen hinzu. Sie erschauerte.
-Konnte man sich wohl je genügend tief in
-eine Kinderseele hineindenken, die zu solchen Entschlüssen
-gelangt war? Vielleicht bezwungen vom Heimweh,
-&mdash; von irgend einer unverstandenen Angst, &mdash;
-Angst vor dem ganzen Leben selbst vielleicht, &mdash; wer
-weiß es denn?</p>
-
-<p>Und ihr wurde das Herz ganz weit und groß, als
-müßte sichs über eine Welt ausdehnen und alle
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Kinder darin umfassen, &mdash; mit solcher Wärme und
-Inbrunst umfassen, daß keins davon ausgeschlossen
-bliebe.</p>
-
-<p>Ganz verträumt und zerstreut stellte sie sich vor,
-wie es wäre, wenn sie jetzt hingehn könnte und
-suchen und finden, und wie das ratlose Kind, anstatt
-in irgend eine letzte Dunkelheit, sich hinein verfangen
-würde in helfende, starke, mutterzärtliche Hände&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Endlich erhob man sich.</p>
-
-<p>Nikolai entfloh. Die kleinen Brüder machten ihre
-Runde mit einem schläfrigen, etwas schwankenden
-Kratzfuß und wünschten gute Nacht. Im Nebenzimmer
-wurde der schöne Flügel geöffnet, und Fräulein Clarissa
-setzte sich davor, um ein Arie aus Figaros Hochzeit
-vorzutragen.</p>
-
-<p>Marianne griff der Gesang an. Die Stimme,
-ein prachtvoller Alt, erwies sich als zu groß für das
-nicht sehr geräumige Zimmer. Ottilie ließ sich augenscheinlich
-nicht weiter davon anfechten, übrigens war
-sie auch nicht sonderlich musikalisch.</p>
-
-<p>Der Schwager setzte sich zu Marianne. Er schob
-ihr ein bequemes Kissen in das Sofa, dessen Polsterlehne
-im Rücken unbequem einfiel, und warf seine
-Zigarette fort. Etwas so Sorgliches besaß er.</p>
-
-<p>»Findest du nicht: Tilie sieht schön und vorteilhaft
-aus, sogar neben der viel Jüngern, &mdash; ihr seid eine
-dauerhafte Rasse, ihr beide!« bemerkte er mit einem
-freudigen Blick auf seine Frau, die am Flügel stand.</p>
-
-<p>»Ja. Ich bewunderte sie heute wiederholt,« gestand
-Marianne.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-Er nickte eifrig.</p>
-
-<p>»Einfach famos!« Und er versank in Gedanken
-über die Vorzüge seiner Frau, die er aufrichtig liebte.</p>
-
-<p>Inotschka hatte sich hinter das Sofa geschlichen,
-gegen das sie sich lehnte, indem sie ihre Arme auf
-seiner Rückseite verschränkte, sodaß sie Mariannes Haar
-berührten.</p>
-
-<p>Marianne gab leise nach und legte den Kopf zurück
-an die magern zärtlichen Mädchenarme, von denen
-sie wußte, wie viel lieber sie sie herzhaft umhalsen
-würden.</p>
-
-<p>Immer hatte sie an sich gehalten, wenn sie spürte,
-daß ihr Inotschkas Vertrauen entgegenflog, denn sie
-durfte sie nicht der Mutter wissentlich entfremden.</p>
-
-<p>Dadurch wurde der Wortaustausch zwischen ihnen
-wunderlich einsilbig und karg. Doch beredter als
-Worte schlich sich eine feine leise Zärtlichkeit ergänzend
-in ihren Verkehr, kaum wahrnehmbar andern, kaum
-merklich ihnen selbst&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne dachte: »&mdash;&nbsp;Wenn Inotschka erst älter
-und reifer ist, dann wird sie mir auch mehr zugehören
-dürfen. Ueber diese paar Jahre muß sie hinweg, wie
-so viele&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Und sie dachte dankbar daran, daß in diesem
-Alter nicht viele so ganz eins im Sinn und Sein mit
-der eignen Mutter sind, wie es Cita und Sophie
-mit ihr gewesen waren.</p>
-
-<p>Darüber fiel ihr der heutige Nachmittag wieder
-ein&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Aber sie wollte nicht wieder zaghaft werden: diese
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Zeit der innigsten Zueinandergehörigkeit konnte nicht
-vorbei sein. Wußte doch sie am allerbesten, wie viel,
-wie unendlich viel sie ihren Kindern noch gar nicht
-gegeben, noch gar nicht mit ihnen geteilt hatte, weil
-sie auch jetzt noch zu jung und unerfahren waren,
-um alles zu empfangen. Voll Freude und Ungeduld
-ersehnte sie die Zukunft, wo ihnen einmal alles, ihr
-ganzer tiefster Lebensgewinn, zu eigen werden durfte.
-Wo sie einander ganz verstanden und durchdrangen,
-wie drei Freunde, &mdash; um miteinander eine unzertrennliche
-seelische Einheit zu bilden. Dann erst würden
-alle ihre Schmerzen und Erfahrungen, alle ihre Kämpfe
-und Siege kostbare Ernte tragen, &mdash; eine Ernte auf
-den Feldern ihrer Kinder&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne bekam Heimweh nach ihren beiden
-Mädchen, es trieb sie aus dem heißen Zimmer nach
-Haus.</p>
-
-<p>Als sie endlich mit gutem Anstand fortgehn konnte,
-war es über dem Singen elf Uhr geworden.</p>
-
-<p>Die Begleitung des Schwagers schlug Marianne
-aus. Sie schlich sich nur noch für einen Augenblick
-in die große Schlafstube, um das jüngste Bübchen
-in seinem Gitterbett schlummern zu sehen, was sie nie
-zu thun unterließ.</p>
-
-<p>Dann gab ihr Inotschka das Geleit bis auf die
-Treppe hinaus.</p>
-
-<p>»Wann kommst du denn wieder zu uns, Tante
-Marianne?« fragte sie ganz zum Schluß und lehnte
-sich über das Treppengeländer.</p>
-
-<p>»Sehr bald, mein liebes Kind, &mdash; ich komme ja
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-schon übermorgen wieder, zu Nikolais Konversationsstunde,«
-antwortete Marianne.</p>
-
-<p>Inotschka schwieg eine Weile, aber als Marianne
-schon hinunterging, bemerkte sie zögernd: »Weißt du,
-&mdash; ich sticke Pantoffeln für Mama zu Weihnachten.«</p>
-
-<p>»So? Bist du noch nicht mit den Weihnachtsarbeiten
-fertig?« fragte Marianne.</p>
-
-<p>»Nein, nicht ganz. Da dachte ich, &mdash; mit dem
-Pantoffel könnte ich mich gut in unsre Lernstube setzen,
-während du bei Nikolai bist&nbsp;&mdash;. Meinst du nicht
-auch?«</p>
-
-<p>Marianne sah zu ihr hinauf.</p>
-
-<p>»Gewiß, wenn Mama nichts dagegen hat? Aber
-du mußt sie lieber erst fragen.«</p>
-
-<p>Inotschka nickte schweigend.</p>
-
-<p>»Gute Nacht, meine kleine Ina!« rief Marianne
-ihr noch zu, während sie schon die letzte Treppe hinabstieg.</p>
-
-<p>Indessen Inotschka antwortete noch nicht gleich,
-sie bückte sich nur tiefer über die Brüstung, und erst
-als sie nicht mehr wissen konnte, ob ihre Worte von
-unten her noch vernehmbar wären, rief sie zaghaft,
-mit gedämpfter Stimme, und ganz hastig hinunter:
-»Gute Nacht! Gute Nacht! Ich muß dir doch noch
-schnell sagen, daß ich dich ganz schrecklich lieb habe,
-und daß du mich fortnehmen sollst zu dir, und daß
-ich immer bei dir sein will und nirgends sonst. Und
-daß du mich nicht so stehn lassen sollst &mdash; nicht so
-allein&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Sie brach ab. Schon während der ersten Worte
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-schloß der Portier unten geräuschvoll die Hausthür
-auf, die dann mit einem mächtigen Knall zuklappte.</p>
-
-<p>Im Treppenhause wurde es plötzlich so beängstigend
-still.</p>
-
-<p>»Sie hat nichts gehört, &mdash; gar nichts hat sie gehört.
-Das ist mal gut. Unsinn, &mdash; wozu auch!« sagte
-Inotschka wesentlich lauter als vorhin.</p>
-
-<p>Aber obwohl sie es gut fand, daß Marianne
-nichts mehr vernommen hatte, verfinsterte sich ihr
-schmales Gesichtchen mit dem weichen Munde. Sie
-drückte die Zähne auf die Lippen und rieb sich mit
-blinzelnden Augen, um nicht loszuweinen, am Geländer,
-bis die Stimme der Mutter von drinnen in erstauntem
-Ton nach ihr rief.</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p100i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-<i>III.</i></h2>
-
-
-<p>Seit zehn Uhr waren die jungen Mädchen von
-ihrer Schlittenfahrt im Sternschein zurück.</p>
-
-<p>Cita saß schon eine Weile auf dem Rande ihres
-weißlackierten Eisenbettes und zog sich bedächtig die
-Strümpfe von den hübschen Füßen.</p>
-
-<p>Sophie ging noch unausgekleidet umher, sie machte
-sich bei ihren Büchern zu schaffen, die sie auf ihrem
-Tisch am Fenster aufzustapeln pflegte, und etliche von
-ihnen trug sie ins Wohnzimmer auf den Schreibtisch
-der Mutter hinüber.</p>
-
-<p>Dabei sprach sie kein Wort. Sie war schon den
-ganzen Abend gegen ihre Gewohnheit still gewesen
-und behielt auch jetzt die Miene einer düster Versonnenen.</p>
-
-<p>Cita legte gähnend ihre Strümpfe auf den Stuhl
-am Bett.</p>
-
-<p>»Schlittenfahren ist ganz schön,« entschied sie, »aber
-dies gesellige Vergnügtsein von Männlein und Weiblein,
-die nichts Besseres zu thun wissen, &mdash; wie bin
-ich froh, daß ich mich davon gründlich entwöhnt habe!
-Kindisch ist es einfach. Es gibt doch wahrhaftig ernstere
-Aufgaben in der Welt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-»Meinetwegen kann es auch aufhören,« versetzte
-Sophie apathisch, mit einer bekümmerten kleinen
-Stimme, »und auch das Schlittenfahren, und überhaupt
-alles.«</p>
-
-<p>Sie kam eben wieder aus dem Wohnzimmer zurück.
-Cita fragte gar nicht, was sie dort eigentlich treibe,
-sie wußte gar nicht, daß Sophie soeben ihre Studienbücher
-und Lieblingswerke auf Mas Schreibtisch aufgeschichtet
-hatte, wie man sündhafte Kostbarkeiten auf
-einen Scheiterhaufen trägt.</p>
-
-<p>Sie wollte Ma so gern nach der heutigen Kränkung
-ihre rückhaltlose Ergebenheit beweisen. So gern
-ihr zeigen: »Siehst du, ich entsage allem, was mich
-von hier fort zu locken anfing! Schließe es für immer
-vor mir zu.«</p>
-
-<p>Aber Cita brauchte das einstweilen noch nicht zu
-wissen. Denn Sophie fürchtete sich entsetzlich davor, ihr
-eignes Thun klar und endgültig aussprechen zu hören.</p>
-
-<p>Sonst hätte sie es noch am liebsten heute abend
-Hugo Lanz anvertraut. Ja, dem am ehesten! Sie
-meinte: wenn er zum Beispiel, davon erschüttert, nun
-auch seinerseits alle ehrgeizigen Pläne fahren ließe,
-dann hätten sie gemeinsam trauern, sich gemeinsam
-trösten und ermannen können.</p>
-
-<p>Er würde dann kein Dichter werden, sondern ein
-Kaufmann, und sie kein Arzt, sondern &mdash; sondern
-vielleicht irgend wann einmal die Frau eines Arztes,
-Dichters oder Kaufmanns in der Welt.</p>
-
-<p>»Geh doch endlich schlafen!« rief Cita in ihre
-schwermütigen Betrachtungen hinein. Sie selbst lag
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-bereits im Bett, grade auf dem Rücken ausgestreckt,
-die Arme über dem Kopf verschränkt.</p>
-
-<p>Sophie setzte sich zu ihr auf die Bettkante.</p>
-
-<p>»Glaubst du, daß es glückliche Ehen gibt?« fragte
-sie langsam und ernst.</p>
-
-<p>Cita gähnte gleichmütig.</p>
-
-<p>»Ja,« versetzte sie nach kurzer Ueberlegung, »aber
-entschieden nur unter den Frauen, die sich unsrer
-Frauenbewegung anschließen. Das ist sonnenklar: denn
-die setzen sich in den Stand, sich selbst zu versorgen,
-den Mann nicht zu brauchen. Also kann es die
-schlimmste Eheschließung überhaupt nicht mehr geben:
-nämlich die wegen Geld und ohne Liebe. Dafür sind
-andre, schönere nun erst möglich,&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Zum Beispiel sogar ohne Geld und mit Liebe!«
-fiel Sophie hoffnungsvoll ein. Wie schön war das
-eigentlich! Aber davon schloß sie sich auch aus, wenn
-sie nicht Arzt wurde, &mdash; kein selbständiger, erwerbender
-Berufsmensch.</p>
-
-<p>Cita sagte plötzlich leise: »An die ganze Heiraterei
-mag ich aber einstweilen weniger als je denken. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Weißt du, es hat etwas so Schreckliches: man ist
-keines Menschen sicher, &mdash; jedem kann noch einfallen,
-das Verrückte zu thun und zu heiraten. &mdash;&nbsp;&mdash; Stell
-dir zum Beispiel vor, daß unsre Ma&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sophie stellte es sich nicht vor. Sie schüttelte
-den Kopf und lachte.</p>
-
-<p>»Schäm dich,« sagte sie kurz.</p>
-
-<p>Cita richtete sich im Bett auf. Ihre dunkeln Augen
-hefteten sich erregt und finster auf die Schwester.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-»Nein, nein, glaube mir! Ich behaupte nur, daß
-so etwas möglich ist, &mdash; nichts weiter. Aber möglich
-ist es. Es ist möglich, es ist möglich.«</p>
-
-<p>Der Ton, in dem sie es wiederholte, wurde immer
-härter und kälter. Nach einer Pause fuhr sie fort:
-»Und wer könnte auch was dagegen thun, dagegen
-sagen? Schließlich ist es doch das Recht eines jeden
-Menschen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Auch Mas Recht also, &mdash;&nbsp;&mdash; jawohl,
-unsrer Ma auch, die bis jetzt so ganz ausschließlich
-uns gehörte, &mdash; ganz allein <em class="ge">unsre</em> Ma
-war, an die niemand sonst den geringsten Anspruch
-machen darf. Niemand, niemand&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Nein, niemand!« bestätigte Sophie gedehnt. »Niemand
-außer uns&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Es ist aber ihr gutes Recht! Vergiß nicht: ihr
-gutes Recht!« fiel Cita nachdrücklich ein. »Von uns
-ist es ganz unberechtigt, so zu sprechen. Ja, vollständig.
-Mama kann jeden Tag heiraten, wenn sie
-will, &mdash; und überhaupt thun und lassen, was sie
-will&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sie brach ab. Ihre Stimme vibrierte von verhaltener
-Erregung.</p>
-
-<p>Sophie stand auf und küßte die Schwester flüchtig
-auf die Stirn.</p>
-
-<p>»Gute Nacht. Schlaf lieber. Du bist einfach verrückt
-geworden. Ich glaube, du träumst schon!« erklärte
-sie. »Ebensogut könnte ich mir vorstellen, daß
-Ma überhaupt gar kein Mensch, sondern ein Walfisch
-ist.«</p>
-
-<p>Mit diesem Bescheid kehrte sie ins Wohnzimmer
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-zurück und setzte sich an den Schreibtisch vor die aufgeopferten
-Bücher. Oben drauf hatte sie das Mikroskop
-gestellt, das sie erst vorigen Weihnachten zum
-Geschenk erhalten hatte. Nun war es eine ganze
-Pyramide von Sachen.</p>
-
-<p>Eigentlich wollte sie Ma hier erwarten. Es sollte
-keine Nacht drüber hingehn und sie wankend machen
-und auf andre Gedanken bringen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Seltsamerweise fiel ihr wieder Hugo Lanz ein.
-Ja, wer weiß: indem sie dem erwählten Beruf entsagte,
-entsagte sie vielleicht sogar einer jener allein
-glücklichen Eheschließungen, die Cita noch gelten ließ.
-&mdash;&nbsp;&mdash; Denn Hugo Lanz besaß kein Geld&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Also war es wirklich ein Totalverzicht. Ein Opfer
-der Kindesliebe, wie es nicht bald ein zweites gab.</p>
-
-<p>Sophie saß beim Schreibtisch mit gefalteten Händen
-und den gemischten Gefühlen einer über ihre eigne
-Größe fast bis zur Verlegenheit erstaunten Märtyrerin.</p>
-
-<p>Cita hatte inzwischen ihren Rat befolgt und war
-in gesunder Müdigkeit nach der langen Fahrt durch
-die Winterkälte fest eingeschlafen. Aber sie lag da
-mit finster zusammengerückten Augenbrauen und einem
-bösen Ausdruck um den Mund.</p>
-
-<p>Die zurückgedrängte Bitterkeit in ihrem Herzen
-hatte noch ihre Schrift auf ihr Gesicht geschrieben.
-Ihr letzter klarer Gedanke war das Gelübde gewesen,
-mehr als je ganz allein auf sich selbst stehn zu
-wollen.</p>
-
-<p>Doch als sie in das Land der Träume hinüberglitt,
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-senkte sich dichter und dichter eine große Finsternis
-um sie. Sie schaute vergebens nach den Dingen
-aus, die ihr vertraut gewesen waren, nach den
-Stätten, an denen sie sich heimisch fühlte. Eine
-schwarze Wand wehrte ihr Durchgang und Ausblick.</p>
-
-<p>Und da überfiel sie Angst, wie sie nur als kleines
-Kind Angst gekannt hatte.</p>
-
-<p>Beide Hände legte sie vor die Augen, um wenigstens
-das Dunkel nicht zu sehen. Doch was sie nicht
-sah, das fühlte sie: wie alle Gegenstände und alle
-Fernen über sie her kamen, wie sie sich zusammenrotteten
-und ballten, um sie zu ersticken&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Da entrang sich ihr in dumpfem Entsetzen Mas
-Name. Mit leiser, furchtsamer Stimme rief sie nach
-Ma. War denn nicht auch Ma irgendwo unter all
-dem da draußen, was sie umdrohte und gefährdete?
-Dann würde sie alles entwirren, alles Böse abhalten&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Aber Ma war nicht da.</p>
-
-<p>Und plötzlich wußte sie, daß Ma nicht mehr da
-war, &mdash; das allein, nur das war die Finsternis
-ringsum&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Gegen Mitternacht fuhr ein Schlitten vor.</p>
-
-<p>Marianne stieg die Treppe hinauf und öffnete so
-geräuschlos wie möglich die Thür zur Wohnung.</p>
-
-<p>Alles blieb still. Also schliefen die Kinder bereits.
-So ging sie leise hinüber in ihr nach dem Hofe gelegenes
-Schlafzimmer neben Sophiens und Citas Stübchen.</p>
-
-<p>Hier hatten zärtliche Hände schon für alles gesorgt.
-Die Lampe angezündet, die warmen Vorhänge
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-vor dem Fenster zugezogen, jedes Ding bequem bereit
-gestellt, von der Wasserkaraffe auf dem niedrigen
-Tischchen bis zu den tiefroten, kleinen Tuchpantoffeln
-vor dem aufgeschlagenen weißen Bett.</p>
-
-<p>Neben der Karaffe stand am Bett ein schmales
-Kelchglas mit einer Handvoll italienischer Anemonen
-darin, &mdash; blaßrote, violette, gelbe&nbsp;&mdash;, &mdash;&nbsp;ein wenig
-angewelkt noch von dem Weg hierher.</p>
-
-<p>Die Blumen mußten die Mädchen heute abend bei
-den Bekannten geschenkt bekommen haben. Und sie
-wußten, warum die Mutter diese Erinnerungen an
-Italien und seine Sonne so leidenschaftlich liebte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne hob die angewelkten Stengel behutsam
-einzeln aus dem Wasser und beschnitt sie unten etwas,
-damit sie besser saugen möchten. Dann ordnete sie
-sie neu, mit Bewegungen, die sie fast liebkosten.</p>
-
-<p>Die feine kleine Freude machte sie warm und wach.
-Ach, daß die beiden schon schliefen, die Langschläfer!
-Jetzt hätte sie sich gern noch auf einen Augenblick an
-ihre Betten gesetzt und sie geherzt.</p>
-
-<p>Ihr war so kindfroh und bewegt zu Mut.</p>
-
-<p>Als sie das Licht angezündet hatte und die Lampe
-herausstellen und auslöschen wollte, bemerkte sie einen
-hellen Schein in der Thürritze des Wohnzimmers.</p>
-
-<p>Hatten sie die grüne Studierlampe brennen lassen?
-War doch noch eine von ihnen wach?</p>
-
-<p>Sie glitt in die Tuchpantöffelchen und ging leise
-über den Gang zurück. Die Thür war nur angelehnt,
-sie stieß sie auf, um einzutreten.</p>
-
-<p>Aber jählings hielt sie inne. Sie sah Sophie am
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-Schreibtisch sitzen, die Arme auf den Büchern verschränkt,
-den Kopf mit den halb offen niederhängenden
-Flechten darauf, &mdash; fest schlummernd.</p>
-
-<p>Sie sah die Bücher, das Mikroskop, &mdash; und das
-Gesicht sah sie, das ihr im Profil zugekehrt lag, hell
-bestrahlt vom Schein der Lampe.</p>
-
-<p>Es war naß von Thränen. Die Mundwinkel wie
-im Weinen herabgezogen, die Augenbrauen so rührend
-im Ausdruck, so hilflos&nbsp;&mdash;. Ein so bekümmertes,
-schmerzliches, &mdash; ein fast gramvolles kleines Gesicht!</p>
-
-<p>Ja, hier mußte Sophie auf die Mutter gewartet
-haben, aus irgend einem Grunde. Gewartet mitsamt
-allen ihren Büchern, die sie hier aufeinander getragen
-hatte. Vielleicht um etwas zu erbitten? Vielleicht um zu
-sagen: »Sieh doch, wie lieb mir das alles geworden ist,
-wie gern ich frei sein möchte und mich dem widmen!«</p>
-
-<p>Vielleicht auch, um etwas abzubitten. Um zu
-sagen: »Nimm es alles fort von mir, ich gebe dirs
-zurück, denn es weckt in mir die Sehnsucht, von dir
-hinwegzugehn.«</p>
-
-<p>Und nun war sie unter Thränen hier eingeschlafen,
-wie ein müdes Kind, und nur dies traurige, kleine
-Gesicht erzählte der Mutter von ihren Nöten&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne stand noch in der halboffnen Thür,
-den Kopf gegen den Thürrahmen zurückgelehnt. Ihre
-Hände hingen schlaff an ihr herunter.</p>
-
-<p>Was half es, daß sie fortgewesen, daß sie getroster
-und freudiger heimgekehrt war. Zu Hause trat
-es ihr wieder entgegen, das Gefürchtete, &mdash; wie ein
-Gespenst.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Und mit diesem Gespenst trat ihr die liebste Gestalt
-entgegen, sie, von der sie es nicht ertrug.</p>
-
-<p>Konnte die Mutter denn gewähren, was ihr Liebling
-von ihr heischte? Konnte sie denn wirklich auch
-die letzte fortlassen? Ganz, ganz allein nachbleiben?
-Mußte das sein?</p>
-
-<p>»Nein! Nein!« schrie es in ihr.</p>
-
-<p>Und mit Blitzesklarheit nahm die Erkenntnis ihr
-Herz ein: »Wenn du jetzt &mdash; jetzt gleich sie wecktest,
-wenn du vor dein Kind hintreten würdest wie vor
-eine Ertappte, die du heimlich belauscht, &mdash; wenn du
-ihre kleine schmiegsame Mädchenseele jetzt in die Hand
-nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen
-würdest: ja, dann wäre es vielleicht möglich, deinem
-Einfluß in ihr Gewalt zu verleihen. Nimm den
-Augenblick wahr, wo sie, sich selbst verratend, daliegt,
-als sei sie dir ausgeliefert. Mache sie zu deinesgleichen,
-hauche ihr dein Wesen und deine Wünsche ein. Sie
-ist ja dein. Sie vertraut dir grenzenlos, und ihr
-höchster Maßstab bist du. Nutze deine Macht über
-dein Kind&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Aber noch während Marianne deutlich ein jedes
-dieser Worte in ihrem Innern vernahm, als raune
-irgend wer sie unablässig ihr zu, machte sie eine übermenschliche
-Anstrengung, sich ebenso unbemerkt zu
-entfernen, wie sie hergekommen war.</p>
-
-<p>Nur jetzt keinen Laut! Nur jetzt leise, leise hinweg,
-ehe sie erwacht, ehe sie ahnt, wer hier gestanden
-und mehr, als sie sagen wollte, von ihr erfahren
-hat&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-Es gelang Marianne, die Thür wieder anzulehnen
-und geräuschlos ihr Schlafzimmer zu erreichen.</p>
-
-<p>Mechanisch begann sie, sich zu entkleiden.</p>
-
-<p>Da standen noch die Anemonen.</p>
-
-<p>Marianne blickte mit heißen Augen auf sie.</p>
-
-<p>Dann löschte sie die Kerze aus.</p>
-
-<p>Unerwartet, dicht, ohne den kleinsten Lichtfleck von
-draußen, den die zugezogenen Vorhänge am Fenster
-aussperrten, umhüllte sie das Dunkel wie eine Gruft.</p>
-
-<p>Sie stürzte vor dem Bett in die Kniee und verbarg
-ihren Kopf in den Kissen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dieser Sonntag war kein Sonntag zum Ausschlafen
-gewesen. Sowohl Marianne als die Kinder erschienen
-am Morgen übernächtig und mit übermüdeten Augen.</p>
-
-<p>Keines von ihnen dreien wußte indessen etwas von
-dem eigentlichen Grunde der Traurigkeit in der Seele
-des andern. Cita schwieg, ihr war wunderlich weich,
-als ob ihr allerlei nächtliche Träume nachgingen, aber
-auch ihre Befürchtungen waren noch in ihr und stimmten
-sie reizbar, obgleich sie sichs auszureden suchte.</p>
-
-<p>Marianne bemühte sich, vor den Augen der Kinder
-wohlgemut zu erscheinen. Als Sophie hereinkam,
-sagte sie freundlich: »Ich sehe, du hast gestern meinen
-Schreibtisch für deine Beschäftigungen auserkoren. Das
-ist recht so, ich gebrauche ihn jetzt in der Weihnachtszeit
-ja nicht. Und Cita wird vielleicht etwas stark
-Anspruch an den deinigen machen.«</p>
-
-<p>Sophie errötete lebhaft, ohne zu antworten. Sie
-wußte nur noch dunkel, auf welche Weise sie gestern
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-schließlich zu Bett gekommen war. Und es kam ihr
-im nüchternen Morgenlicht unmöglich vor, der Mutter
-die großen Eröffnungen zu machen. Jedenfalls lag
-es an der Nacht, daß diese Dinge ihr wesentlich
-leichter und natürlicher erschienen waren.</p>
-
-<p>Das Dienstmädchen Stanjka, das sich zum Kirchgang
-rüstete, war die einzige, die sonntäglich und unbeschwert
-zwischen ihnen herumging. Sie trug ein
-neues grellrot gemustertes Kattuntuch um den Hals
-und hatte ihr aschblondes Haar mit Kwas glänzend
-gemacht; der Sonntag gehörte ihr fast immer, und
-sie freute sich auf ihn während der ganzen Woche.</p>
-
-<p>Alles Gute war augenscheinlich immer auf einen
-Sonntag gefallen: in den Kirchen, in den Häusern,
-in den Vergnügungslokalen und Theebuden feierte
-man nur ihn! Die Glocken, die mit mächtigen Klängen
-die Luft erfüllten und in die Stuben hineintönten,
-redeten Stanjkas frommer Naivetät ganz unterschiedslos
-von himmlischen wie von irdischen Herrlichkeiten,
-von Kniebeugungen bei Orgelklang und Kirchengesang,
-wie vom Tanz zur Balalaika.</p>
-
-<p>Nach dem Gottesdienst brauchte sie nur noch um
-zwölf Uhr den Frühstückstisch zu richten und den
-Samowar aufzustellen.</p>
-
-<p>Kurz vorher erschien Wera Petrowna zur festgesetzten
-Stunde.</p>
-
-<p>Sie hatte ein altmodisches und durch langen Gebrauch
-reichlich leuchtend gewordenes schwarzes Seidenkleid
-angezogen und trug auf dem Kopf eine komplizierte
-Haube mit lila Tolle, die sich im wattierten
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-Kapottehut auf keine Weise unterbringen ließ, und die
-sie daher stets in einem besondern Beutel mit sich
-führte.</p>
-
-<p>»Um ein Haar wär ich nicht gekommen, ich sollte
-nämlich heute vormittag in das Dawydowkonzert,«
-erklärte sie, als sie sich zu Tisch setzten. »Das Billet
-war noch nicht da, ich wartete drauf bis halb zwölf,
-es kam jedoch nicht. Es sollte nämlich nur dann
-kommen, wenn die Frau meines Neffen, die sich gestern
-abend schon unwohl fühlte, über Nacht krank würde.
-Sie ist aber nicht krank geworden.«</p>
-
-<p>Sophie mußte lachen.</p>
-
-<p>»Dafür ist es freilich kein Ersatz, wenn wir Ihnen
-später etwas vorspielen und vorsingen wollen,« meinte
-sie und legte Wera Petrowna von den kleinen Pasteten
-mit gehacktem Fleisch und Kohl vor.</p>
-
-<p>»Nein, meine liebe, schöne, kleine Sophie. Auch
-muß ich später ohnehin fortgehn, denn ich habe noch
-andre Billete. Die habe ich mir eben geholt. Später
-drängen sich die Menschen so an der Kasse. Es ist
-weit besser, man ist versorgt.«</p>
-
-<p>»Wohin denn?« fragte Cita ohne Neugier. Sie
-kannte die Ausgehewut und Belustigungssucht der
-Alten.</p>
-
-<p>»Diesmal nur zur behaarten Riesin und zum
-zweiköpfigen Kind,« sagte Wera Petrowna gelassen
-und nahm sich Citrone zum Thee.</p>
-
-<p>»Sie sind doch immer kreuzfidel, &mdash; aber wirklich
-immer!« bemerkte Cita nachsichtig.</p>
-
-<p>»Kreuzfidel? Nein, ihr junges Volk, das bin ich
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-gar nicht. Ich muß mich nur beeilen, die Augen
-aufzureißen, ich habe viel nachzuholen. Wie lange
-dauert es, dann heißt es: Mund zu und Erde auf
-die Augen. &mdash;&nbsp;&mdash; Nun, hoffentlich dauert es noch
-ein Weilchen,« ergänzte sie.</p>
-
-<p>»Nachholen? Ja, &mdash; aber &mdash; die behaarte Riesin&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»Nun, wenn auch nur eine Riesin. Was meinen
-Sie denn, ob bei uns dahinten auf dem Gut auch
-nur so eine gewesen wäre?! Nein, keine Spur! Das
-wäre ja Sensation genug für lange hinaus gewesen. &mdash;
-Natürlich gibt es auch noch was Besseres als das.
-Natürlich. Man muß aber zufrieden sein, wie es sich
-trifft; die besseren Treffer kommen auch noch.«</p>
-
-<p>Sie konnte es den jungen Mädchen gut anmerken,
-daß sie nicht mehr recht wußten, ob sie sich selbst
-ironisiere, oder ob sie von ihr zum Narren gemacht
-würden. Wera Petrowna gefiel das ausnehmend;
-sie betrachtete aus ihren klugen Augen die beiden
-Schwestern mit Wohlgefallen.</p>
-
-<p>»Ja, ja, wenn ich auch noch so jung wäre. Herr
-du mein Gott!« sagte sie und schob den Teller zurück.</p>
-
-<p>»Dann würden Sie sich ohne Zweifel noch weit
-besser und viel mehr amüsieren, nicht wahr?« äußerte
-Cita und zuckte bedauernd die Achseln. »Nun sehen
-Sie, daran liegt uns trotz aller Jugend gar nichts.«</p>
-
-<p>»Nein, meine lieben dummen Unschuldstäubchen,
-&mdash; ich würde ins Kloster gehen, ja, das würde ich!«
-behauptete die Alte, und ihr ganzes Gesicht lächelte
-fein und spitzbübisch aus allen seinen Fältchen. »Ja,
-davon habt ihr noch keinen Begriff,« fuhr sie auf der
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-Mädchen erstaunten Blicke fort und nickte ihnen zu,
-»so eine Jugend, die geht ins Zeug! Nun, wohl bekomm's!
-Prosit Mahlzeit also!«</p>
-
-<p>Sie stand auf, noch ehe Marianne, die geduldig
-dasaß und wartete, das Zeichen dazu gegeben hatte.</p>
-
-<p>Marianne wollte ja mit ihr noch allerhand Weihnachtsbesorgungen
-besprechen. Und so viel sah sie
-recht wohl mit ihren beiden guten Augen: daß ihre
-liebe Marinka auch heute ein bedrücktes Herz haben
-mochte. Aus irgend einem Grunde, gleichviel aus
-welchem. Jedenfalls schienen heute selbst die Kinder
-dagegen machtlos zu sein, deren Geplauder die Mutter
-sonst heiter zu stimmen pflegte.</p>
-
-<p>Ihr schien, daß sich Marianne nach Ruhe sehne,
-&mdash; vielleicht nach einem Alleinsein, das die jungen
-Mädchen grade in ihrer zärtlichen Sorge vereitelten.</p>
-
-<p>Als alles erledigt war, was zu besprechen gewesen,
-zog sie ihre Staatshaube vom Kopf und bestand darauf,
-fortzugehen. Aber schon im Mantel und Kapottehut
-mit zugebundenen Ohrenwärmern, klapperte sie
-noch einmal an ihrem Stock in den »Spalt« hinein,
-wo die Schwestern soeben an Stanjkas Statt den Tisch
-abgeräumt hatten.</p>
-
-<p>»Also auf Wiedersehen, meine zwei Täubchen,«
-sagte sie, &mdash; »wie ist es nun? Ich bin eine alte
-Frau, die am Stock humpelt &mdash; in meiner Jugend
-würde man so eine nicht allein ins Menschengedränge
-haben gehn lassen, &mdash; aber die junge Welt von
-heute&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Cita und Sophie sahen sich verdutzt an. Sie
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-blieben vor ihr stehn und machten verlegene Gesichter.</p>
-
-<p>»Ja, warten kann ich nicht!« entschied die Alte
-und schwenkte aufmunternd ihren Beutel, »&mdash;&nbsp;also,
-eins, zwei, drei: geht jemand mit mir ins Sonntagsvergnügen
-bei der behaarten Riesin und dem zweiköpfigen
-Kinde, &mdash; und wer?«</p>
-
-<p>Im edlen Wetteifer, nicht der andern die lästige
-Pflicht aufzubürden, riefen sie alle beide kleinlaut:
-»Ich!«</p>
-
-<p>»Bravo! Bravo! Also alle beide!« lobte Wera
-Petrowna, und es zuckte dabei ganz wunderlich um
-ihre Mundwinkel, in Güte und Bosheit zugleich;
-»&mdash;&nbsp;nun freilich! junges Volk ist eben junges Volk,
-wie ernsthaft es auch thut, da sieht man wieder: es
-will sich amüsieren.«</p>
-
-<p>Marianne that es leid, als sie die beiden Mädchen
-betreten hinter der Alten fortgehn sah, indessen mochte
-sie ihr die so dringend provozierte Begleitung nicht
-mißgönnen. Ihr Kopf schmerzte heftig, sie hätte sich
-am liebsten mutterseelenallein in ein Zimmer mit verhängten
-Fenstern gelegt.</p>
-
-<p>Aber eine innere Unruhe ließ es nicht zu. Mehr
-noch als nach Stille und Vergessen sehnte sie sich nach
-einem Beistand.</p>
-
-<p>Langsam ging sie durch die Wohnstube. Bei den
-hohen Blattpflanzen, ihren gepflegten und geschonten
-Lieblingen, blieb sie einen Augenblick stehn. Sie las
-ein welkes Blatt ab und schaute nach den harten,
-knollenförmigen Knospen am Gummibaum.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Der Schreibtisch stand schön aufgeräumt. Neben
-den Schulheften lagen ein paar kleine dünne Bücher,
-&mdash; Kindergeschichten, mit neuem Buchschmuck herausgegeben.
-Sie kosteten nur wenige Kopeken, und
-Marianne hatte sie voll Entzücken gekauft. Fast immer
-lag hier dergleichen, als warteten immer allerlei Kinderhände
-auf sie&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>So totenstill war es. Man war wie allein auf
-der Welt. Nichts von der hastigen Geschäftigkeit der
-Wochentage in der Wohnung.</p>
-
-<p>Es wollte ihr vorkommen wie ein Atemanhalten
-um sie her. Alle Dinge wurden darin beredter, belauschbarer&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Die Stille machte bange, sie war so selten allein.</p>
-
-<p>Alle Dinge in dieser kleinen Wohnung liebte sie,
-ein jedes Stück darin hatte sie mit zärtlichem Bedacht
-gewählt, &mdash; nur was sie lieb haben konnte, das hatte
-sie allmählich zusammengetragen.</p>
-
-<p>Sie hatte gewünscht, diese Räume sollten mehr als
-wohnlich wirken, &mdash; wie Arme, die sich weit und
-warm erschließen.</p>
-
-<p>Aber sie wirkten nur so, weil geliebte Menschen
-sie erwärmten. Weil immer noch Sophie in ihnen
-ging und stand, lebte und lachte, &mdash; weil Sophie in
-ihnen die Mutter erwartete, wenn sie abends müde
-von der Tagespflicht heimkam.</p>
-
-<p>Wenn alle diese Liebesfülle keine Bethätigung mehr
-fand, dann konnte auch keine Liebe mehr auf die
-Dinge überströmen. Sie blieben nicht länger beseelt,
-&mdash; sie entseelten sich, &mdash;&nbsp;&mdash; starben&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Marianne fröstelte. Und plötzlich richtete sie sich
-entschlossen auf, schritt in den Vorflur hinaus und
-nahm ihren Mantel.</p>
-
-<p>Sie wußte wohl, was sie thun mußte. Einen Beistand
-brauchte sie. Sie mußte, wie mit allem, so
-auch hiermit zu Tomasow. Mit ihm sich beraten,
-ihn hören. Daß er da war, das war eine Zuflucht.</p>
-
-<p>Aber in all ihrem Verlangen danach fürchtete sie
-sich zugleich, und mit schwerer Hand machte sie sich
-fertig, zu ihm zu gehn. Sie wußte: zu den weichen
-Tröstern gehörte er nicht. Ihm eingestehn, was sie
-heute quälte, das hieß sich entscheiden&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Draußen ruhte frostige Winterdämmerung, obschon
-es noch früh am Nachmittag war. Der Wind machte
-es bitterlich kalt. Marianne durchquerte einen Teil
-des Kreml; in dampfenden Wölkchen stieg ihr Atem
-und gefror zu Tausenden winziger Eisperlchen an
-ihrem Pelzkragen fest.</p>
-
-<p>Stumpf und leblos wölbte sich der dicke Schnee
-um alles ringsum, rundete jeden Umriß, verwischte
-jede scharfe Linie. Hier und da klang ein Glockenton
-an, &mdash; wie im Traum, &mdash; leise verhallend. Es
-war, als raune eine Glocke der andern schlaftrunken
-etwas zu.</p>
-
-<p>An manchen Kirchenthüren auf dem großen Kremlplatz
-lagerten Pilger oder lehnten an den Mauern,
-auf ihren Pilgerstab gestützt. Marianne war nicht
-in der Stimmung, um irgend etwas von der Außenwelt
-mit Interesse aufzufassen, aber auf diesem Bilde
-blieb ihr Blick mit einer dunkeln, unverstandenen Sehnsucht
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-ruhen; über den zerlumpten Pilgern, &mdash; über
-ihnen, die sich bis an die Thore der Gotteshäuser in
-vielleicht wochenlanger mühseliger Wanderung durchgefroren
-und durchgehungert hatten, lag eine solche
-kindliche Zufriedenheit. Man sah ihnen allen an, &mdash;
-Greisen, Weibern, jungen Menschen: sie standen am
-Ziel &mdash; da, wo sich alle Wünsche erfüllen, und man
-alle Bürden abwirft, &mdash; <em class="ge">zu Hause</em>&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Gern hätte auch sie ihre Füße wund gelaufen,
-um Frieden zu finden und sich alles Schweren zu
-entlasten. Würde sie das erreichen, unter Tomasows
-klugen und guten Worten? würde sie es bei ihm erreichen?
-In diesem Augenblick glaubte sie es.</p>
-
-<p>Bald war Marianne an seinem Haus angelangt.
-In einer ruhigen Straße stand es, einstöckig und unscheinbar,
-hinter einem hofartigen Vorgärtchen.</p>
-
-<p>An den Vorflur stieß ein großes Schrankzimmer,
-wo der Diener, Andrian, sich aufzuhalten hatte, der,
-aus Tomasows Heimatsdorf gebürtig, ihm seit vielen
-Jahren anhing, und auch alle Reisen ins Ausland
-mitmachte. Dies Schrankzimmer erschien Marianne
-stets als der weitaus behaglichste Raum zwischen den
-konventionell eingerichteten Empfangsgemächern im
-Erdgeschoß. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit mochte
-Andrian hier alles zusammengehäuft haben, was seiner
-speziellen Pflege oblag: eine stattliche Reihe hoher
-Blattpflanzen, besonders mehrere prachtvolle Palmen,
-an denen er unermüdlich herumspritzte und putzte;
-daneben hing am Fenster ein Bauer mit einem singfrohen
-Kanarienvögelchen, Batjuschka »Väterchen«
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-genannt, mit dem Andrian sich den ganzen Tag
-über alles, was geschah, unterhielt.</p>
-
-<p>Marianne ertappte sich auf dem Gefühl, das manchen
-von Tomasows Patienten beschleichen mochte:
-lieber in diesem friedlichen Idyll von Palmenlaub
-und Vogelgezwitscher verweilen zu wollen, als sich
-weiter zu wagen in die Zimmer des Arztes.</p>
-
-<p>Indessen noch hatte Andrian ihren Besuch nicht
-melden können, als bereits Tomasow selbst erschien,
-sichtlich beunruhigt über ihr unerwartetes Kommen.
-In Anwesenheit des Dieners that er keine Frage,
-sondern führte sie gleich durch seine Bibliothek in die
-Studierstube.</p>
-
-<p>Marianne ließ sich in den ersten besten Sessel
-sinken, hilflos zu ihm aufschauend.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sophie will fort!« sagte sie unvermittelt, wie
-man mit geschlossnen Augen blind losschießt.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Hat sie es Ihnen gestanden?«</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Das nicht&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Aber untereinander werden
-beide gewiß schon davon geredet haben. So direkt
-sagt sie es nicht. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber jetzt weiß ich: erst neulich
-brachen beide ganz verlegen ein Gespräch ab, weil
-ich unvermutet eintrat. Und ich &mdash; meinte, es handle
-sich vielleicht nur um Weihnachten&nbsp;&mdash;. &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Haben
-die Mädchen am Ende auch Ihnen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»Nein,« entgegnete Tomasow.</p>
-
-<p>Er war vor ihr stehn geblieben, gespannte Aufmerksamkeit
-im Gesicht, während sie rasch und mit
-trockenen Lippen sprach.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-»Nun, das ist gut,« fügte er jetzt hinzu.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Gut&nbsp;&mdash;?!«</p>
-
-<p>»Ja. Es mußte einmal zur Sprache kommen und
-zum Ausbruch, &mdash; es war hohe Zeit!« sagte er
-ruhig, »denn vorher ließ sich nichts machen, weil Sie
-es nicht zuließen, Marianne. Obschon Sie es vor
-sich selbst verheimlicht haben, nagte die Furcht davor
-doch schon unablässig leise an Ihren Nerven. Das
-mißfiel mir längst. Aber nun ist es gut, daß es durchgekämpft
-wird.«</p>
-
-<p>Marianne hob ihren Blick angstvoll zu ihm auf.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ich kann aber Sophie nicht hergeben! &mdash;&nbsp;&mdash;
-Nein, nicht auch Sophie noch&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Sie ist ja auch
-zart, sie bedarf meiner fortwährend &mdash;&nbsp;&mdash; Gott sei
-Lob und Dank, daß sie meiner noch bedarf!«</p>
-
-<p>Tomasow zog einen Stuhl heran.</p>
-
-<p>»Nun lassen Sie einmal sehen, Marianne! Jetzt
-bitte ohne alle Hinterhalte. Wie ist es denn mit
-Sophie? Sie machen doch ihrer Freude am Studium
-die weitgehendsten Konzessionen. Sie veranlaßten mich
-noch selbst, ihrem Verlangen nach ganz bestimmten
-Fachbüchern nachzugeben&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Marianne hastig, »so ist es ja auch.
-Weil doch ihr Interesse grade hierfür alle übrigen
-Interessen so entschieden überwuchs. Und wenn ich
-nun bedenke, daß Sophie die höhern Kurse besucht,
-und daß sie Sie zum Berater hat und vorwärts lernt,
-so viel sie nur will, &mdash; ist es damit nicht genug?
-Muß sie durchaus auf den praktischen Arzt studieren,
-&mdash; muß sie von mir fortgehn&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-Tomasow zuckte scheinbar erstaunt die Achseln.</p>
-
-<p>»Nein, selbstverständlich muß sie das keineswegs.
-Sie beruft sich dabei einfach auf ihr Reifezeugnis zum
-Universitätsbesuch und auf ihre Neigung, so zu handeln.
-Beides braucht ganz und gar nicht den Ausschlag
-zu geben. &mdash; Indessen: ob ich sie für genügend
-befähigt dafür halte, ob mir die Sache aussichtsvoll
-erscheint, &mdash; auch das haben Sie doch schon nebenher
-von mir zu erfahren gesucht, Ma.«</p>
-
-<p>Marianne entgegnete heiser: »Ja, aber umsonst.
-&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Verstehn Sie denn nicht, Tomasow: ich
-wollte wissen, wie Sie sich selbst insgeheim dazu stellen,
-&mdash; wie Sie selbst &mdash; eventuell &mdash; in meiner Lage
-handeln würden. Aber Sie antworteten stets nur auf
-ganz bestimmte praktische Fragen, eingehend und gewissenhaft.
-Dabei erfuhr ich das mir Wesentliche
-nicht.«</p>
-
-<p>Tomasow erhob sich. Er antwortete zurückhaltend:
-»Nein, natürlich nicht. Denn abgesehen von den möglichen
-praktischen Ueberlegungen, gibt es da eben keine
-letzte, objektiv gültige Entscheidung. Was ich thäte,
-wenn ich Töchter hätte, kann ich nicht so abstrakt von
-vornherein feststellen, vielleicht &mdash; möglicherweise &mdash;
-wäre meine Erziehung der Ihrigen sogar entgegengesetzt
-von allem Anfang an. Vielleicht wäre sie
-weltlich, oder philiströs, oder gleichviel wie! Ganz
-genau aber kann ich feststellen, was <em class="ge">Sie</em> thun werden,
-&mdash; Ihrem ganzen Sein und Wesen nach, und
-das hätt ich Ihnen längst sagen können, wenn Sie
-es hätten hören wollen. Und offenbar, wenn ich nicht
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-völlig irre, kamen Sie jetzt auch nur dazu hierher:
-nicht um meine Meinung zu erfahren, sondern um &mdash;
-nun, um eine letzte kleine Feigheit zu überwinden, die
-Sie bisher noch hinderte, sich selbst anzuhören.«</p>
-
-<p>Marianne sprang nervös auf.</p>
-
-<p>»Wie reden Sie denn nur! Sie quälen mich!«
-murmelte sie gereizt, die Stimme voll Thränen.</p>
-
-<p>Seine Augen richteten sich mit einem eindringlich
-forschenden Blick auf sie.</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß ich das thue!« sagte er ernst.
-»Und ich weiß auch, daß Ihre Nerven grade heute
-um Schonung schreien. &mdash; Und nun hören Sie mich
-an, Marianne, und zwar ganz getrost, denn ich kann
-Ihnen wirklich helfen, wenn Sie nur wollen. Ich
-schlage vor: überlassen Sie die ganze Sache mir.
-Ueberlassen Sie es mir, Sophie von ihren hochfliegenden
-Wünschen zu kurieren. So gänzlich zu kurieren,
-daß sie nie wieder Lust nach dem ärztlichen Studium
-und Beruf verspürt. Wollen Sie?«</p>
-
-<p>Marianne sah ihm ungläubig in die Augen.</p>
-
-<p>»Wie sollte das wohl möglich sein? Womit könnten
-selbst Sie das erreichen?«</p>
-
-<p>»Das ist meine Sache. Für das Gelingen steh
-ich ein.«</p>
-
-<p>Ein seliger Hoffnungsschimmer überflog ihr Gesicht,
-aber so zaghaft noch, daß es ihn rührte.</p>
-
-<p>»Aber &mdash; warum hätten Sie das dann nicht längst
-gethan?!«</p>
-
-<p>»Warum? Nun offenbar darum, weil Sie ja
-für die Pläne und Interessen Ihrer Kinder nicht nur
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Nachsicht zeigen, sondern sie gradezu &mdash; in Ihrer
-unnachahmlichen Art, Ma, &mdash; heilig halten, ängstlich
-bemüht um die geistige Eigenart jedes einzelnen.«</p>
-
-<p>Marianne sah sehr unruhig aus.</p>
-
-<p>»Ja, das ist doch aber auch das einzig Richtige?
-&mdash; Sie sprechen ja jetzt doch wohl nur davon, Sophie
-rechtzeitig in wirklich bestehende und unausweichliche
-Schattenseiten Ihres Berufes einzuweihen&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Tomasow schwieg einen Augenblick.</p>
-
-<p>»Meine liebe Ma!« versetzte er dann. »Die Dinge
-sind nun einmal, als was sie uns erscheinen. Suggestion
-ist schließlich alles. Ich halte mich für sehr
-wohl im stande, stärkern Wesen als ein Mädelchen
-wie Sophie ihr Studium für alle Ewigkeit hinaus
-zu verekeln, unerträglich zu machen, &mdash; und ebenso
-bürge ich dafür, daß ich ein viel zarteres kleines
-Menschenkind, als sie ist, mit etwas Kraftaufwand
-durch alle Schwierigkeiten und Fährlichkeiten derselben
-Sache mit Erfolg hindurchbringen würde.«</p>
-
-<p>Marianne machte eine hilflose Bewegung. Sie
-suchte nach Worten, &mdash; lehnte sich innerlich auf gegen
-die Worte, die ihr kamen, &mdash; und endlich entschlüpfte
-es ihr leidenschaftlich: »&mdash;&nbsp;Nein &mdash; o nicht! Sophie
-nichts anthun! Nichts Hemmendes, nichts Arges&nbsp;&mdash;.
-Nichts gegen ihr Wachstum, nichts gegen ihre Kraft
-und Freudigkeit&nbsp;&mdash;,« sie unterbrach sich und hielt erschrocken
-inne.</p>
-
-<p>»...&nbsp;nichts gegen ihren Wunsch, fortzugehn&nbsp;&mdash;?«
-ergänzte Tomasow.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-»Also doch!« murmelte er, als sie darauf nichts
-antwortete.</p>
-
-<p>Er nahm ihre Hand in die seine, küßte sie fast
-unwillkürlich und hielt sie fest, während er sich dicht
-über Marianne neigte: »Kind! Jetzt haben Sie sich
-richtig selbst in die Entscheidung hineingestoßen, &mdash;
-jetzt besiegen Sie auch die Angst, die Sie haben,
-weiter zu sprechen. Sehen Sie nun ein, wie wenig
-es hilft, Ihnen helfen zu wollen? Sie laufen ja doch
-gradeswegs in das hinein, was Ihnen das Schwerste
-ist und Sie ängstigt. Und eben deshalb muß es entschieden
-sein! Dieser hingezogene Kampf ist ein Wahnsinn.
-Verwerfen Sie meinen Vorschlag von vorhin,
-so siegt Sophie. Soll sie das&nbsp;&mdash;? Soll sie gehn
-dürfen, oder soll sie bei Ihnen bleiben&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Gehn!« sagte sie und brach in ein bitterliches
-Weinen aus.</p>
-
-<p>Tomasow ließ sie mehrere Minuten gewähren.</p>
-
-<p>Er atmete tief auf und ging einigemal im Zimmer
-auf und ab. Sein Gesicht behielt dabei den gespannten,
-aufmerksamen Ausdruck.</p>
-
-<p>Dann kam er wieder zu Marianne. Er zog ihr
-leise, mit sanftem Zwange die Hand von den Augen,
-die sie verdeckt hielt.</p>
-
-<p>»Nun ist es aber genug!« äußerte er lächelnd,
-»zeigen Sie Ihren Nerven den Herrn. &mdash; Wollen
-Sie nicht eine Tasse Thee nehmen? Sehen Sie, dort
-steht das ganze Geschirr noch, &mdash; ich war grade dabei,
-als Sie kamen. Zur Strafe trinken Sie ihn
-nun kalt, natürlich.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Sie gehorchte mechanisch und ließ sich ein wenig
-Thee eingießen, in den Tomasow aus einem Arzneifläschchen
-ein paar Tropfen mengte.</p>
-
-<p>Dann überließ er sie wieder sich selbst und nahm
-den Spaziergang im Zimmer von neuem auf.</p>
-
-<p>Aber Marianne erhob sich vom Eisbärfell.</p>
-
-<p>»Es ist spät geworden. Ich will nach Hause
-gehen,« sagte sie mit einer leisen Stimme, »die Kinder
-sind gewiß schon zurück und warten erstaunt. Sie
-waren nur für kurze Zeit mit Wera Petrowna ausgegangen.«</p>
-
-<p>Tomasow blickte auf die Uhr.</p>
-
-<p>»Wie Sie wollen, Ma. Vielleicht ist es so am
-besten. Indessen &mdash; sind Sie jetzt auch schon dazu
-im stande? Sind Sie Ihrer selbst ganz sicher? Ich
-lasse Sie nicht fort, ehe ich das genau weiß.«</p>
-
-<p>Und als Marianne ihn müde fragend ansah, fügte
-er hinzu: »Ihrer Töchter halber ist es notwendig, daß
-sie ihre Mutter in dieser Angelegenheit fest und sicher
-auftreten sehen. Als eine Autorität &mdash; nicht wie ein
-hingeschlachtetes Opferlamm. &mdash; Darum müssen Sie
-es sein, Marianne, die entschlossen die Initiative ergreift.«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ich soll selbst&nbsp;&mdash;?« murmelte Marianne.</p>
-
-<p>»Ja. Das ist notwendig, und zwar sofort. Lassen
-Sie die Ungewißheit keine Stunde länger anstehen.
-Lassen Sie sich keinen Raum zu Beängstigungen und
-Traurigkeiten dazwischen. Bringen Sie noch heute &mdash;
-heute noch! die Sache zur Sprache und Entscheidung.«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Heute?!« wiederholte sie erschreckt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Sie war tief erblaßt.</p>
-
-<p>Tomasow ergriff ihre Hand und nahm sie in seine
-beiden Hände. Er sagte ermutigend: »Versuchen Sie
-es nur! Bleiben Sie nicht mitten im Kampf stecken,
-der Ihren Nerven stündlich härter zusetzen wird &mdash;
-überstehen Sie es schnell ganz. Hinterher kommt die
-allheilende Ruhe. &mdash; Glauben Sie, daß Sie es mir
-versprechen können?«</p>
-
-<p>»Ja. Ich will es thun,« sagte sie traurig.</p>
-
-<p>»Dann lasse ich Sie ruhigen Herzens fort. &mdash;
-Wenn Sie erlauben, geleite ich Sie selbst an einen
-Schlitten,« bemerkte Tomasow und führte Marianne
-durch die Bibliothek hinaus.</p>
-
-<p>Er schellte nicht dem Diener, sondern gab ihr selbst
-den Mantel um. Marianne that seine Art so wohl,
-wie einem leise umsorgten Kinde.</p>
-
-<p>»Ich bin ganz zerschlagen und wund,« meinte sie
-mit einem mühsamen Lächeln, »aber ich danke Ihnen,
-Tomasow.«</p>
-
-<p>»Ach, Ma&nbsp;&mdash;« er stockte und murmelte: »Wenn
-Sie nur &mdash; wenn Sie wenigstens ohne Groll herdenken.
-Es ist eine schändliche Aufgabe, die mir
-wiederholt zufällt, Ihnen weh thun zu müssen, Sie
-zu etwas Hartem ermannen zu müssen. &mdash; Die Erleichterung
-wird auch diesmal nachkommen, ich hoffe
-es mit Bestimmtheit. Aber die Ueberwindung ist deshalb
-nicht minder schwer.«</p>
-
-<p>Marianne schwieg. Sie stand, fest an ihn gelehnt
-und schloß die Augen.</p>
-
-<p>Nein, so feige würde sie doch nie sein, sich nicht
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-immer diesem unbestechlichsten aller Freunde mit ihren
-Nöten und Schwächen anzuvertrauen, weil er streng
-gegen sie war! Ein großer Dank gegen ihn stieg
-in ihr auf. Wenn nur er ihr blieb&nbsp;&mdash;!</p>
-
-<p>Tomasow verstand die stumme Antwort vollkommen.</p>
-
-<p>Er öffnete die Thür und rief Andrian zu, einen
-Schlitten vor das Gitterthor zu winken.</p>
-
-<p>Dann geleitete er Marianne durch den verschneiten
-Vorgarten, half ihr einsteigen und knüpfte ihr die
-Felldecke um die Kniee.</p>
-
-<p>»Ich bin heute viel aus,« bemerkte er dabei, &mdash;
-»darf ich gegen Abend für einen einzigen Augenblick
-bei Ihnen vorsprechen? Mich überzeugen, wie alles
-steht&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Marianne nickte. Sie wußte, wovon er sich überzeugen
-wollte&nbsp;&mdash;. Dann also mußte es schon geschehen
-sein&nbsp;&mdash;. Ihr schlug das Herz stärker bei dem Gedanken.</p>
-
-<p>Als der Schlitten fortfuhr, ging Tomasow langsam
-ins Haus zurück.</p>
-
-<p>Andrians Gesicht strahlte, er freute sich immer,
-wenn er Marianne sah, denn es kam vor, daß sie
-sich von ihm Geschichten aus dem Dorfleben erzählen
-ließ, und das war ihm das Höchste. So erfuhr sie
-manche Einzelheit aus Tomasows Kindheit, der als
-kleiner Bursche, zu Besuch beim Großvater, &mdash; einem
-echten alten Bauern, &mdash; mit Andrian noch barfuß
-umhergelaufen war.</p>
-
-<p>»So ein Mütterchen, &mdash; wirklich, so ein prächtiges!«
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-entschied Andrian, und sah seinen Herrn lächelnd
-an, während er seine schwachen kurzsichtigen Augen
-zukniff, die der Schnee blendete. Ganz wie sein Herr
-trug er einen Kneifer, wenn auch keinen goldnen,
-und nur einen mit dunkelm Schutzglas. Er fühlte
-sich sehr stolz auf diesen Kneifer, und kam sich darin
-ganz wie ein Ausländer vor.</p>
-
-<p>Tomasow würdigte Andrian keiner Antwort. Er
-ging schweigend in sein Zimmer hinüber und ließ
-den Thee forträumen.</p>
-
-<p>Nachdenklich schritt er dabei auf und ab.</p>
-
-<p>»So ein Mütterchen!« In seinen eignen Erinnerungen
-spielte Elterntreue eine große Rolle. Den
-Vater hatte er wenig gesehen: der hatte sich zum
-Kaufmann und Reeder heraufgearbeitet, ungeheuer
-erwerbstüchtig, ungeheuer strebsam, bewußt einseitig,
-ohne Zeit sich Bildung anzueignen: alles das für die
-Kinder. Die sollten dann alles haben: Bildung, Macht,
-Geld, Glück. Zwei Schwestern von Tomasow verheirateten
-sich früh und ansehnlich. Und er, als Student
-der Medizin, in jugendlichem Enthusiasmus fast
-in nihilistische Umtriebe verwickelt, voll drängender,
-unruhiger Energie, kam immer wieder ins Dorf zurück,
-zum Großvater. Wenn er den Alten vor sich sah,
-eisgrau, mit den klugen, beredten Augen unter den
-buschigen Brauen, dann erschien er ihm in seinem
-Schafspelz wie ein ganz Großer, wie ein Fürst oder
-Gewaltherr. Herr in seiner Hütte, auf seinem Felde,
-Ahnherr eines starken Geschlechts. Dies Dorfbild
-behielt für Tomasow eine sonderbare Poesie&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Plötzlich blieb er mitten im Hin- und Herschreiten
-stehn. Er horchte. Drüben im Dienerzimmer unterhielt
-sich Andrian mit Batjuschka. Er pfiff ihm
-russische Weisen vor und erzählte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Tomasow beschlich ein leiser Neid. Wenn Andrian
-seinen Kneifer fallen ließ, so war er wieder der Bauer
-von einst, aller europäische Firniß fiel einfach von
-ihm ab. Wer das ebenso machen könnte, oder aber
-sich eine neue Welt bauen&nbsp;&mdash;. Ja, der wäre erst
-des »Mütterchens« wert&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Er stand auf und horchte auf das Geplauder
-und Gezwitscher in der Dienerstube.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ma erwartete zu Hause eine Ueberraschung.</p>
-
-<p>Ihre beiden Mädchen waren soeben heimgekommen.
-Noch stand die Wohnungsthür weit offen, und ein
-Bauersmann mühte sich eben damit ab, einen hohen
-herrlichen Weihnachtsbaum in der Stube unterzubringen.</p>
-
-<p>Sophie sah die Mutter glückstrahlend an. Es
-war doch eine gute Idee, das mit dem Baum! Es
-war <em class="ge">ihre</em> Idee. Ma hatte ihn sich doch so sehr gewünscht,
-und wenn sie ihr auch erst gestern abend etwas
-weit Großartigeres darbringen wollte, so erleichterte
-sie dies doch für den Augenblick.</p>
-
-<p>Cita stand noch in Mütze und Pelzjacke und lohnte
-den Mann ab; mitten im Wohnzimmer erhob sich
-jetzt die Tanne und duftete wirklich wie ein ganzer
-Wald. Oben stieß sie sogar ein wenig an die geweißte
-Decke an, sodaß sie ihre höchste Spitze krümmen
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-mußte, von der Seite jedoch breitete sie ihre
-Aeste ebenmäßig und tiefgrün, wie ein schirmendes
-Dach, über Mas Schreibtisch aus.</p>
-
-<p>Sophie hatte sich an das geöffnete Pianino gestellt,
-das der Baum von der andern Seite überschattete,
-und unter seine Zweige gebückt, suchte sie
-ein paar Accorde eines alten Weihnachtsliedes.</p>
-
-<p>Die Mutter äußerte nichts, bis der Mann hinausgegangen
-war. Sie sah blaß aus, und ihre Augen besaßen
-etwas so Stilles, so nach innen Gekehrtes im Blick.</p>
-
-<p>Endlich sagte sie mit ihrer warmen Stimme:
-»Dank euch! Ja, dies Weihnachtsfest soll uns schön
-werden, wie nie eins gewesen ist! Wir wollen froh
-sein, wir drei zusammen! Denn es wird hier am
-Ort unser letztes sein. Uebers Jahr feiert auch Sophie
-es nicht mehr hier. &mdash; Ich dank euch, ihr Kinder.«</p>
-
-<p>Sophie, die eine leise Melodie angeschlagen hatte,
-brach mit einem gräßlichen Mißton ab.</p>
-
-<p>Cita, eben im Begriff, ihre Sachen abzulegen,
-hielt erwartungsvoll inne und blickte die Mutter an.</p>
-
-<p>Da ging Marianne zu ihrer Jüngsten hin und
-nahm sie in die Arme.</p>
-
-<p>»Aber nicht getrennt!« sagte sie bewegt, »&mdash;&nbsp;ich
-werde mein Weihnachtsfest da haben, wo du grade
-studieren wirst.«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ach &mdash; Ma!« schrie Sophie auf.</p>
-
-<p>Sie glaubte es noch nicht recht. Mit dunkel gerötetem
-Gesicht schaute sie angstvoll und zugleich strahlend
-zur Mutter auf und umklammerte ihren Hals.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ach, Ma&nbsp;&mdash;! Ist es denn wirklich wahr&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Dieser Augenblick that Marianne doch bitterer
-weh, als sie jetzt eben beim Heimkehren geglaubt hatte.
-Sie drückte Sophiens leuchtendes Gesicht an sich, um
-nicht den Ausdruck der Freude darin zu sehen.</p>
-
-<p>»Ja, es ist wahr, Herzenskind. Alles Nähere besprechen
-wir noch ein anderes Mal. Auch mit Cita
-muß ich noch vieles besprechen. So ganz einfach ist
-es nicht. &mdash; Aber die Sache selbst ist entschieden.
-Nun sollst also auch du hinaus, &mdash; gebe Gott, einst
-zu deinem und deiner Mitmenschen Segen.«</p>
-
-<p>Sophie drückte sich fester an sie.</p>
-
-<p>Sie schämte sich schrecklich vor Cita, aber sie weinte
-dennoch Ströme von Thränen in Mas Hals hinein,
-als ob sie nichts in der Welt je von da fortreißen
-sollte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Cita stand mit großen ernsten Augen beiseite.
-Das Wort, das ihr innerlich kam, lautete ganz spontan:
-»Donnerwetter!« Aber glücklicherweise behielt
-sie es bei sich.</p>
-
-<p>Ein tiefer Respekt prägte sich auf ihrem jungen
-Gesicht aus.</p>
-
-<p>Plötzlich kam sie auf die Mutter zu, ergriff deren
-Hand und küßte sie.</p>
-
-<p>»Du bist wahrhaftig der famoseste Kerl unter der
-Sonne, du herrliche Ma!« versicherte sie ganz begeistert.</p>
-
-<p>Marianne lächelte nicht über diese Ehrfurchtsbezeugung;
-sie überlegte auch nicht, ob sie nun nicht
-gradezu glänzend ihre Autorität behauptet und die
-Initiative ergriffen habe.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Sie hielt ihr weinendes Kind im Arm und bückte
-ihr Gesicht tief zu ihm herab, als lausche sie fast
-gierig diesen Thränen, &mdash; als redeten diese Thränen
-artikuliert zu ihr &mdash; Süßes, Versöhnendes, Beschwichtigendes&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Dann trocknete sie Sophie, wie einem kleinen
-Kinde, das nasse Gesicht mit ihrem eignen Taschentuch
-ab.</p>
-
-<p>»Komm,« sagte sie sanft, »es ist doch ein großer
-Entschluß und daher ein großer Tag für dich. Geh
-hinaus und bring uns eine Flasche Wein. Wir wollen
-auf dein Wohl anstoßen.«</p>
-
-<p>Sophie ging, der Mutter Taschentuch vor die
-Augen gepreßt, langsam, als sei dieser Tag mehr ein
-schwerer als ein großer für sie.</p>
-
-<p>Cita sah ihr unwillig nach.</p>
-
-<p>Sie bemerkte zur Mutter: »Sophie ist doch noch
-sehr ein Kind. Hiernach muß doch nun ein jeder
-denken, es ginge zur Schlachtbank. Aber du kannst
-mir glauben, daß sie darauf brennt, zu studieren.
-Man muß nur erst in ihr alles das klären und
-ordnen.«</p>
-
-<p>Marianne schwieg einen Augenblick.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Bist du es, die diesen Entschluß in ihr zu
-klären versucht hat?« fragte sie dann ruhig.</p>
-
-<p>Cita begegnete ihrem Blick fest und offen.</p>
-
-<p>»Ja, Ma. Sobald mir das selbst klar geworden
-war. Sie konnte nur nicht den Mut finden, dich zu
-fragen&nbsp;&mdash;. Sieh, ich stehe ja so dazu: es ist etwas,
-wofür ich jederzeit kämpfe und eintrete, &mdash; wie denn
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-also nicht, wo es die eigne Schwester gilt? Nur
-mit einem Unterschiede freilich: daß ich in diesem Fall
-nicht nur für die allgemeine Sache einstehe, sondern
-auch mit jedem Blutstropfen für Sophie selbst. Daß
-ich mich ihrem Leben verbinde, ihr helfen, zu ihr
-halten will jederzeit, &mdash; was auch geschehe.«</p>
-
-<p>Marianne zauderte nur noch einen letzten Augenblick.
-Dann reichte sie ihrer Aeltesten schweigend die
-Hand.</p>
-
-<p>Sie schauten einander dabei voll in die Augen,
-wie zwei Freunde, die, wenn sie auch nicht auf ganz
-gleichem Boden kämpfen, es doch in gleichem Sinn
-und für dasselbe höchste Ziel thun.</p>
-
-<p>»Ich stelle Sophie in deine Obhut, &mdash; ich baue
-auf deine Treue: Höheres hab ich dir nicht anzuvertrauen,«
-sprach Marianne leise; »&mdash;&nbsp;Sophie war
-&rsaquo;sein&lsaquo; Liebling &mdash; und &rsaquo;seinen&lsaquo; Blick hat Sophie. Mir
-ist, als ginge noch einmal &rsaquo;er&lsaquo; von mir hinweg, indem
-sie geht&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Cita war sehr blaß.</p>
-
-<p>Ihre Schwester kam mit Rheinwein und Gläsern
-zurück, entkorkte die Flasche und goß ein.</p>
-
-<p>Keiner von den dreien sprach ein Wort, als
-Marianne ihr Glas erhob und mit ihnen anstieß.</p>
-
-<p>Sie küßte ihre blonde Tochter, ihr zarteres Herzenskind,
-doch that sie es heiter und herzhaft, um keinesfalls
-mehr Thränen aufkommen zu lassen.</p>
-
-<p>Cita unterstützte sie in dieser Absicht nach Möglichkeit,
-denn es verletzte sie fast, daß Sophie heute
-weinen konnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-»Eigentlich ist das ja ein Weihnachtsgeschenk, das
-allergrößte, und gleich unter den noch ungeschmückten
-Baum gelegt!« sagte sie scherzend, »&mdash;&nbsp;wie kann man
-nur seine Gaben so vorweg verschwenden, Ma! Jetzt
-sollte ich von Rechts wegen alle übrigen Geschenke
-bekommen, denn Sophie hat nun an diesem einen
-vollauf genug.«</p>
-
-<p>»Bis zum Weihnachtsabend hab ich vielleicht noch
-ein andres Geschenk für euch, &mdash; und dann für euch
-beide!« erwiderte Marianne mit leisem Lächeln, und
-man hörte ihr an, daß sie von einer noch zaghaften,
-aber goldnen Hoffnung sprach.</p>
-
-<p>»Noch ein andres? Noch ein schöneres? Nein,
-denn das gibt es ja gar nicht mehr auf der Welt.
-Nicht wahr, Sophie?«</p>
-
-<p>Sophie schüttelte energisch den Kopf, ihre geröteten
-Augen strahlten jetzt doch.</p>
-
-<p>»Also dies einzig ist das Schönste für sie, Besseres
-gibt es nicht!« dachte Marianne still, einen Augenblick
-lang weh berührt, doch an der verschwiegnen Hoffnung,
-die sie hegte, hob sich ihr Mut wieder. Diese
-Stunde sollte eine freudige sein, und sie wurde es.
-So vieles drängte sich zur Aussprache, den beiden
-Mädchen wurde es in diesen Minuten erst bewußt, daß
-sie in mancherlei Heimlichkeiten gelebt hätten die Zeit
-über, &mdash; und daß es köstlich sei und an sich schon ein
-Fest, keinerlei Heimlichkeiten mehr zu kennen, Mas
-Blick und Lächeln gegenüber.</p>
-
-<p>Und allgemach lenkte Marianne das Gespräch in
-immer ruhigere Bahnen. Sie saßen eng zusammengerückt
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-bei der halbgeleerten Flasche, und während sie
-die praktische Seite der Frage näher erörterten, scherzten
-sie schon wieder.</p>
-
-<p>Endlich stand Marianne auf. Es war fast halb
-sechs geworden.</p>
-
-<p>»Jetzt möchte ich hineingehn und ein wenig ruhen,
-ihr beiden Taugenichtse. Diese Nacht war nicht gut
-für mich. Und morgen ist kein Sonntag mehr&nbsp;&mdash;.
-Aber von da an nehmen die Stunden endlich reißend
-ab. &mdash; Bis wir um halb sieben essen, bin ich wieder
-da. Sollte nun noch inzwischen ein Sonntagsgast
-kommen, so bestrickt ihn mit so viel Liebenswürdigkeit,
-als ihr wollt, mich jedoch soll er auf alle Fälle in
-Frieden lassen.«</p>
-
-<p>An der Thür wendete sie sich noch einmal nach
-den Mädchen um und nickte ihnen zu. Sie sah ihre
-leuchtenden zutraulichen Augen, und ein warmes
-Dankgefühl kam über sie, als fiele langsam von ihren
-Schultern eine Last, unter der gebückt sie gegangen war:
-&mdash; wieder lagen jetzt die Herzen ihrer Kinder offen
-und ihr zu eigen vor ihr da, wie ihre blühenden
-Gärten.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nur ein Sonntagsgast schellte ein wenig später.
-Es war Tomasow.</p>
-
-<p>Marianne hatte gewußt, daß er noch kurz vorsprechen
-wollte, indessen hatte sie selbst ihn in diesen
-Stunden vollständig vergessen.</p>
-
-<p>Die beiden Mädchen erzählten ihm wörtlich den
-Auftrag der Mutter, falls jemand zu Besuch käme.
-Er mußte lachen&nbsp;&mdash;, nun wußte er genug.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Was etwa noch fehlte, ergänzte ihm ein einziger
-Blick auf die Schwestern. Sophies Gesicht war noch
-voll roter Thränenspuren. Cita war blaß und die
-dunkeln Augen brannten ihr.</p>
-
-<p>»Nun, das hier scheint mir ja schon mehr ein
-Bacchanal gewesen zu sein!« bemerkte Tomasow, als
-er ins Wohnzimmer kam, wo noch die leeren Gläser
-standen.</p>
-
-<p>Sophie fuhr es heraus: »Ja&nbsp;&mdash;! Denn ich soll
-nun Cita ins Ausland folgen und von Ostern ab
-Medizin studieren!«</p>
-
-<p>Sie kam aus der Küche, die weiße Schürze schief
-umgebunden; heute konnte man wohl einige Bedenken
-wegen ihrer Beaufsichtigung des Mittagmahles hegen.</p>
-
-<p>Tomasow sprach das nicht aus; er sagte nur:
-»&mdash;&nbsp;So, so. &mdash; Nun, und Ma, &mdash; was sagt denn
-die dazu?«</p>
-
-<p>»Ma ist es ja grade, die es selbst vorgeschlagen
-hat,« erklärte Cita.</p>
-
-<p>»So. &mdash; Nun, und wo wird denn Sophie diese
-große That thun?«</p>
-
-<p>Sophie rief: »Aber natürlich in Berlin!«</p>
-
-<p>»Natürlich da, wo ich mit ihr zusammen sein
-kann,« meinte Cita.</p>
-
-<p>»Nein, Cita, das kannst du so doch nicht sagen.
-Deshalb allein doch wohl nicht,« verbesserte Sophie
-einschränkend.</p>
-
-<p>Tomasow hatte sich im Schaukelstuhl niedergelassen.</p>
-
-<p>Er nahm seinen Kneifer aus der Seitentasche,
-rieb ihn mit einer Ecke des bastseidenen Taschentuches
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-klar und setzte ihn auf seine etwas stumpfe Nase.
-Dann blickte er den beiden sichtlich noch ganz aufgeregten
-Mädchen nacheinander prüfend ins Gesicht.</p>
-
-<p>»Eine kleinere Universitätsstadt, &mdash; eine solche
-natürlich mit gut bestellter medizinischer Fakultät, &mdash;
-wäre für den Beginn ebenfalls nicht übel!« bemerkte
-er langsam.</p>
-
-<p>»Ach nein!« rief Sophie unwillig und ergriff
-ihn am Aermel, »&mdash;&nbsp;daß Sie sich nicht etwa unterstehn,
-Doktor Tomasow, unsrer Ma dergleichen einzublasen!«</p>
-
-<p>»Aber Sophie, du benimmst dich rein wie ein
-Kind!« tadelte Cita, von der zwanglosen Intimität
-dieser Worte unangenehm berührt.</p>
-
-<p>»Mir scheint hiernach aber doch,« nahm Tomasow
-sehr gelassen das Wort, »daß Sophie nur mit löblicher
-Offenherzigkeit ihres Herzens Meinung, &mdash; und
-auch Ihres Herzens Meinung, Cita! &mdash; kundgibt.
-Mir scheint, daß bei Ihnen die Wahl des Ortes fast
-eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die soeben erst
-eingeholte Erlaubnis zum Studium selbst, &mdash; hab ich
-nicht recht?«</p>
-
-<p>Sophie errötete und wollte widersprechen. Aber
-Cita setzte sich Tomasow gegenüber seitwärts auf einen
-Stuhl, schlang den Arm um die Lehne und bemerkte
-eifrig: »So kindisch ist es nicht zu nehmen, wie es
-bei Sophie leicht aussieht. Allerdings freut sie sich
-darauf, &mdash; und ich für sie! &mdash; daß sie auch außerhalb
-des Studiums am Leben teilnehmen wird. Aber selbstverständlich
-nicht etwa an seichten Vergnügungen!
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-Nicht um irgend welcher Genüsse willen, die eine
-große Stadt naturgemäß reicher bietet,&nbsp;&mdash;.« Citas
-Lippen kräuselten sich bei dieser Erwähnung fast so
-verächtlich, wie die einer jungen Nonne, die im Kloster
-vom Weltverzicht spricht.</p>
-
-<p>Im »Spalt« nebenan, wohin Sophie eben verschwunden
-war, um einiges Geschirr für die Küche
-zurechtzustellen, hörte man es beängstigend laut klirren.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sondern&nbsp;&mdash;?« forderte Tomasow Cita zum
-Weitersprechen auf. Der Kneifer saß ihm noch immer
-auf der Nase. Eigentlich hatte sie wenig Lust, weiterzusprechen.
-Sie fand ihn heute ganz merkwürdig
-arrogant aussehend.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sondern um teilzunehmen am Leben der
-heutigen strebenden Frauenwelt, &mdash; an dieser ganzen
-Bewegung,« sagte sie dennoch. »Sophie wird sich
-bald, so wie ich es thue, innerlich eins damit fühlen,
-daran emporwachsen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Jedenfalls hat es etwas Begeisterndes!« fiel
-Sophie ein, die es doch nicht aushielt, im Hintergrunde
-zu bleiben. Sie hatte das Geschirr niedergesetzt
-und trat wieder zu ihnen. Sie fand, daß man
-ganz über sie hinwegspräche, während es sich doch
-ausschließlich um ihre eigenste Angelegenheit handelte.
-Auch sie wollte sich Luft machen und mit ihrer Ueberzeugung
-herausrücken.</p>
-
-<p>So fuhr sie lebhaft fort: »Es ist doch etwas ganz
-andres, ob man so vor sich hin studiert und nur
-ganz egoistisch an die eigne Zukunft denkt, &mdash; oder
-ob man mit allen zusammen diesen neuen großen
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Zielen entgegengeht. &mdash;&nbsp;&mdash; Es hat etwas Begeisterndes!«
-wiederholte sie mit einer inbrünstigen Betonung,
-die darüber hinweghelfen sollte, daß ihr gar
-nichts weiter einfiel.</p>
-
-<p>Sie stand neben Tomasows Stuhl, sodaß er
-zu ihr hinaufsehen mußte. Wie sie diese Worte mit
-so viel Wärme sprach und dabei so zart und lieblich
-dastand, flog ein Ausdruck durch seine Augen, der
-Cita frappierte, obwohl sie ihn nicht verstand. Arrogant
-nahm er sich jedenfalls nicht mehr aus.</p>
-
-<p>Tomasow nickte vor sich hin und bemerkte, indem
-er den Kneifer fallen ließ: »Ja ja, es ist schon so.
-Studieren oder nicht, &mdash; das ist gar nicht mehr allein
-die Frage. Sondern damit bildet sich zugleich ein
-neuer Typus der Frauen heraus, &mdash; ja, gewissermaßen
-ein neuer Typus, man muß es wohl so nennen.
-Damit, daß eine studiert hat, ist es nicht mehr abgethan.«</p>
-
-<p>»Sehr richtig! Man muß das nur erst allerseits
-einsehen lernen!« bestätigte Cita billigend, während
-ihre Schwester mit einem unterdrückten Seufzer in
-die Küche abging, obwohl sie sich weit lieber an dieser
-interessanten Diskussion beteiligt hätte.</p>
-
-<p>»Sind Sie nun eigentlich für oder gegen den
-neuen Typus &mdash; so im Grunde Ihrer Seele, Doktor
-Tomasow? Farbe bekennen!« fügte Cita lächelnd
-hinzu.</p>
-
-<p>Jetzt waren seine Augen wieder voller Spott.</p>
-
-<p>Er verneigte sich, das Lächeln zurückgebend, ironisch
-vor dem jungen Mädchen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-»Werde die Ehre haben, mich zu entscheiden, sobald
-Sie mir das erste vollzählige Regiment neuer
-Musterexemplare vorführen! &mdash;&nbsp;&mdash; Einstweilen, &mdash;
-Sie wissen: wer neue Wege sucht, muß sich drauf
-gefaßt machen, unter Umständen mit zerfetzten Kleidern
-und einigen dicken Beulen und Schrammen aus dem
-Dickicht wieder aufzutauchen, &mdash;&nbsp;&mdash; was einem Frauengesicht&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Davor fürchten wir uns nicht, Doktor Tomasow!«
-unterbrach ihn Cita etwas scharf, einen feinen
-Hochmut um die Lippen.</p>
-
-<p>»Nein, &mdash; wie ich sehe!« versetzte er, und wieder
-glitt der Ausdruck von vorhin durch seine Augen,
-»&mdash;&nbsp;auch befürchte ich selbst für euch beide jetzt noch
-kaum sehr viel. Nein, für euch beide minder als für
-manche andre. Denn möglicherweise seid ihr bis zu
-gewissem Grade &mdash; gefeit. &mdash; Obschon keinesfalls
-durch euer eignes Verdienst,« fügte Tomasow hinzu,
-indem er sich aus dem Schaukelstuhl erhob. »Ich
-muß nun gehn. Meinen Gruß eurer Mutter und
-der kleinen zukünftigen Kollegin.«</p>
-
-<p>»Gefeit, und nicht durch eignes Verdienst?!«
-wiederholte Cita erstaunt und entrüstet. Auch sie
-stand auf und trat mit ihm hinaus auf den Vorflur;
-»&mdash;&nbsp;das wäre wirklich das Aeußerste. Wenn wir
-einmal durch eigne Kraft etwas Tüchtiges geworden
-sind, werden Sie uns auch noch das Verdienst daran
-abstreiten&nbsp;&mdash;! Ich möchte wissen, wer dies Verdienst&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sie vollendete nicht, weil sich grade die Thür zu
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Mariannens Schlafzimmer öffnete, und diese in den
-Gang hinaustrat, wo ihr Sophie von der Küche her
-entgegenlief.</p>
-
-<p>»Das Essen ist gleich fertig!« rief Sophie erhitzt.</p>
-
-<p>Marianne kam auf den Gast zu.</p>
-
-<p>Tomasow, der schon im Pelz, zum Fortgehn bereit,
-dastand, blickte Cita schweigend an.</p>
-
-<p>Und plötzlich verstand sie, was er meinte, &mdash; wen
-er meinte&nbsp;&mdash;. Ihre Entrüstung hielt nicht stand, fast
-gegen ihren Willen kam Demut in ihre Augen, als
-sie dem Ehrfurchtheischenden in seinen Augen begegnete.
-Denn dieser Blick hatte fast etwas Gebieterisches,
-etwas, was sich ihr eindrücken, einprägen
-wollte, wie eine Stimme, die deutlich sprach: »Ihr
-seid die Kleinen, die eine Große großmütig auf ihre
-Schultern hebt. Eine, die ihre Schultern beugt, damit
-sie euch tragen kann. Ich weiß das: ich habe
-geholfen, euch da hinaufzuheben. Nun seht ihr euch
-die Welt von da oben an!«</p>
-
-<p>»Was, Sie wollen schon gehn?!« fragte Marianne
-und gab ihm die Hand.</p>
-
-<p>»Ja, ich muß gehn. Und Sie, lassen Sie gefälligst
-die Suppe auf dem Tisch nicht kalt werden, &mdash;
-nach meiner Berechnung hat sie heute dem jüngsten
-Fräulein Tochter arge Mühe gekostet. &mdash;&nbsp;&mdash; Froh
-bin ich, Sie noch zu sehen. Sie sind aber auch eine
-entsetzliche Langschläferin, meine Gnädige.«</p>
-
-<p>»Ja, ich habe wirklich geschlafen!« sagte Marianne.</p>
-
-<p>Sie stand lächelnd, mit schlafroten Wangen, wie
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-ein eben aufgewachtes Kind, und mit blinzelnden Augen
-da, denen das Lampenlicht noch weh that.</p>
-
-<p>An jeder Seite hing ihr jetzt eine Tochter. Sophie
-hatte ihr einen Arm um die Hüfte geschlungen und
-sich an sie geschmiegt, sodaß sie nicht vorwärts gehn
-konnte. Cita schob ihre Hand leise in den Arm der
-Mutter.</p>
-
-<p>Marianne stand da und strahlte in einer so warmen
-und innigen Schönheit, daß Tomasow ganz
-betroffen davon war.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sie ist ja doch die tausendmal Jüngste von
-allen dreien, &mdash; die tausendmal Anfänglichere&nbsp;&mdash;; sie
-ist wie das Leben an der Wurzel selbst und am unversieglichen
-Anfang&nbsp;&mdash;!« dachte er wie berauscht, als
-er die Treppe hinabstieg.</p>
-
-<p>Ganz langsam trat er den Heimweg an.</p>
-
-<p>Ein eigenartiges Triumphgefühl mischte sich in
-sein Entzücken über Marianne, &mdash; eine feine Sensation,
-wie sie ihm nur durch ihr Wesen vermittelt
-wurde. Das kam von dem ausschlaggebenden Anteil,
-den seine Bestimmungen an allen ihren wichtigen
-Entschlüssen zu haben pflegten. Was sie so schön und
-sieghaft aussehen ließ, führte stets irgendwo auf einen
-Einfluß, ein Zureden, einen Rat von ihm zurück:
-und bei ihrer ganzen Art, so tief und inbrünstig zu
-leben, lag in dieser Mitarbeit daran etwas, was
-seinen Ehrgeiz wunderlich erregte.</p>
-
-<p>Mochte er auch in seinem persönlichen Dasein enttäuscht
-oder gleichgültig geworden sein in hundert
-Punkten, &mdash; in diesem einen Punkt fühlte er um viele
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Jahre jünger, in diesem einen Punkt bekam seine
-Energie wertvollen Spielraum und großen Stil.</p>
-
-<p>Als sich Tomasow schon seinem Hause näherte,
-blieb er zögernd stehn. Er bog in eine hügelige
-Seitenstraße und schritt sie langsam hinauf, bis ihm
-die kleinen erhellten Fenster des Stifts für unbemittelte
-Frauen entgegenblinkten.</p>
-
-<p>An den Zaun gelehnt, schaute er nach dem Erdgeschoß
-hinüber, dann trat er an das Mittelgebäude
-heran und klopfte mit seinem Stock leicht an das
-Fenster von Wera Petrownas Stube, wo kein Licht
-brannte.</p>
-
-<p>Das Klopfen wurde sofort von innen erwidert,
-und als er dann durch den Hausflur ging, wurde
-auch schon die Zimmerthür geöffnet.</p>
-
-<p>Wera Petrowna war eifrig damit beschäftigt, die
-Lampe anzuzünden, sie sagte vor aller Begrüßung,
-indem sie eilig ein Streichholz anstrich, abwehrend:
-»&mdash;&nbsp;Ja, ich weiß, &mdash; ich weiß schon: ich soll nicht
-abends im Dunkeln dasitzen, um den Tropfen Petroleum
-zu sparen, und vorzeitig einzunicken auf dem
-alten Sofa, und dann nachts nicht zu schlafen&nbsp;&mdash;.
-&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber ich bin wirklich eben erst nach Hause gekommen,
-&mdash; und, der Abwechslung halber, &mdash;&nbsp;&mdash;
-es denkt sich so gut im Dunkeln.«</p>
-
-<p>Sie setzte die Glaskuppel auf die Lampe, deren
-schwerer Fuß und vorzügliches Brennwerk aus bessern
-Zeiten stammten, und schob sie in die Mitte des
-Tisches vor das geblümte Sofa.</p>
-
-<p>»Unverbesserlich!« bemerkte Tomasow.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-»Herrlich, daß Sie mal kommen! Seit einer
-Woche freu ich mich schon von Tag zu Tag,&nbsp;&mdash;«
-lenkte sie ab und ging geschäftig zu der Kommode, wo
-das Schachbrett nebst Figurenkasten immer bereit
-stand.</p>
-
-<p>Sie griff nach dem Brett und schaute Tomasow
-fragend und bittend an.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sie mögen doch&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Er nahm ihr Brett und Kasten ab, trug beides
-auf den Tisch und rückte einen Stuhl heran.</p>
-
-<p>Aber anstatt die Figuren aufzustellen, setzte er sich
-nur hin, stützte den Kopf in die Hand und blickte
-zerstreut in das geöffnete Kästchen, als müsse er raten,
-was darin sei.</p>
-
-<p>Wera Petrowna hatte sich ihm gegenüber auf das
-Sofa niedergelassen und sah erwartungsvoll zu. Als
-nichts weiter kam, schüttelte sie den Kopf.</p>
-
-<p>»Schlechter Laune!« konstatierte sie erbarmungslos.</p>
-
-<p>Dabei schob sie ihm aufmunternd die Zigarettenschachtel
-hin. Die Zigaretten ihres Neffen waren gar
-nicht zu verachten.</p>
-
-<p>»Von wo kommen Sie denn? Hat vielleicht irgend
-ein Patient Ihnen den Kopf beschwert?«</p>
-
-<p>»Nein. Ich komme jetzt eben von Frau Marianne.«</p>
-
-<p>»Ach so&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;, am Ende &mdash;&nbsp;&mdash; selbst Patient&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Tomasow schaute zu ihr hinüber und runzelte
-merklich die Stirn.</p>
-
-<p>Die Alte setzte ihr allerharmlosestes Gesicht auf.</p>
-
-<p>»Nun, nichts für ungut. Mit bejahrten schwatzhaften
-Personen muß man Nachsicht üben, lieber
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-Tomasow. &mdash;&nbsp;&mdash; Und wir Frauen sind nun mal so
-veranlagt, daß es uns immer nur von der Liebe zu
-singen und zu sagen drängt.«</p>
-
-<p>Er mußte unwillkürlich lächeln, Wera Petrownas
-Worte und ihr Aeußeres bildeten einen zu heitern
-Kontrast. Mit ihrem alten energischen Gesicht und
-im fadenscheinigen weiten schwarzen Gewande, &mdash; dem
-ziemlich traurigen Produkt eigner Schneiderkunst, &mdash;
-in dem sie zu Hause umherging wie in einem Talar,
-sah sie einem herabgekommenen russischen Popen um
-vieles ähnlicher als einer Frau.</p>
-
-<p>Vorhin, in der Eile, von seinem Besuch überrascht,
-hatte sie vergessen, ihre Alltagshaube aufzustülpen;
-der Ofenhitze wegen, die nichts zu wünschen übrig
-ließ, bedeckte sie ihr dünnes Haar am liebsten gar
-nicht, das, wie unter einem durchsichtigen Schleier,
-überall schon die Kopfhaut hell durchscheinen ließ
-und ihr jetzt hinten in traurigen kleinen Strähnen
-lose in den starken Nacken hing.</p>
-
-<p>»Warum haben Sie eigentlich nicht geheiratet?«
-fragte Wera Petrowna plötzlich. Sie war aufgestanden,
-langte sich mit ausgestrecktem Arm ihre
-alte Tüllhaube von einem Nebentisch und that sie auf
-ihren Kopf wie eine Krone; »&mdash;&nbsp;schon längst hätten
-Sie das vollbringen können, &mdash; selbst im Auslande&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Einer Ausländerin würde es hier nicht behagt
-haben,« bemerkte Tomasow, eine Zigarette anzündend.</p>
-
-<p>»Aha, &mdash; also gegeben hat es dort doch eine!«
-bemerkte sie mit weiblicher Logik und ließ sich auf
-ihren vorigen Platz nieder, &mdash; »nun, und hier&nbsp;&mdash;?
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-&mdash;&nbsp;Auch hier wüßte ich mehr als ein Genre, das ganz
-gut für Sie gepaßt hätte.«</p>
-
-<p>Wera Petrowna musterte dabei ihr Gegenüber
-mit hellen, etwas ironischen Augen sorgfältig prüfend,
-während sie den Rauch ihrer Zigarette in langen
-Ringeln von sich stieß. »&mdash;&nbsp;Ein Mann wie Sie&nbsp;&mdash;?
-Was wird denn den am heftigsten angezogen haben&nbsp;&mdash;,«
-sagte sie nachdenklich; »&mdash;&nbsp;nichts Naives natürlich, &mdash;
-etwas Pikantes. Möglicherweise irgend ein Typus
-der Frauen mit den Verführungskünsten&nbsp;&mdash;, die Frau
-als die große Verführerin und Lehrmeisterin auf
-schweres Lehrgeld, &mdash; möglicherweise überhaupt ein
-Leben, das mehr verführt als befriedigt&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Wenn
-ich Sie mir so anschaue&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Ach, lieber Himmel, vor hundert Jahren vielleicht?«
-unterbrach er sie halb ärgerlich, halb belustigt.</p>
-
-<p>Wera Petrowna griff resolut in das Kästchen
-und begann an Tomasows Statt, die Figuren auf
-dem Brett aufzustellen.</p>
-
-<p>»Nun ja, das ist wahr: jetzt sind Sie bequem
-geworden,« gab sie zu, »&mdash;&nbsp;und ich will auch nichts
-Indiskretes ausplaudern über das, was mir allerlei
-kleine Fältchen um Ihren Mund da und um Ihre
-Augen bereitwillig zu verstehn geben. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber:
-nun zum Beispiel eine Ehe mit einer Mustergattin, &mdash;
-dafür ist mitunter grade das russische Mädchen ein
-Prachtexemplar: liebevoll, heiter, nachgiebig, voll
-Tüchtigkeit und Tapferkeit&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Tomasow nickte anerkennend.</p>
-
-<p>»Schätze ich auch ungemein,« bestätigte er kurz.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-»Und man sollte doch meinen, jemand wie Sie,
-der ganz gern herrscht, der müßte doch auch gern endlich
-sein eignes Haus um sich bauen, &mdash; sein Leben
-breit ausbauen mit so einer russischen Frau &mdash; von
-jener Sorte, der noch der Mann das Schicksal ist,
-das sie liebt, und dem sie gehorcht&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Ein schönes Glück!« bemerkte Tomasow spöttisch,
-»sein eignes Leben mit allen Unzulänglichkeiten und
-Defekten so festgenagelt zu sehen rund um sich, &mdash;
-ein Wesen darin mit einer Miene umhergehn zu
-sehen, als sei das nun wirklich das Paradies&nbsp;&mdash;.
-Nein, für den Reiz danke ich. Ich danke für die
-kleine Art der Männertyrannei. Leicht genug zu
-herrschen, wo nichts zu beherrschen ist. Wozu?«</p>
-
-<p>»Sieh da! Sie können sich sogar selbst verspotten,«
-entgegnete die Alte beifällig. »Das wirft mir ein
-ganz neues Licht auf Sie. Da begreif ich zum Beispiel
-schon besser, daß Sie mal, in Ihrer Jugend
-Blüte, für eins von den kleinen heldenmütigen Mädchen
-geschwärmt haben, die hier und da aus lauter
-edelm Fanatismus in unsre entlegensten und verarmtesten
-Provinzen als Lehrerinnen abgehn. Wie
-sah die aus? Mager, sehr mager, blaß, mit großen
-enthusiastischen Augen&nbsp;&mdash;? &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber geheiratet
-haben Sie das kleine Mädchen doch nicht&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>»Möchten Sie nicht vielleicht Ihre diesbezüglichen
-Meinungen lieber für sich behalten?« meinte Tomasow
-grob, aber er lächelte.</p>
-
-<p>»Wenn es Ihnen besser behagt, &mdash; warum denn
-nicht?« sagte die Alte seelenruhig, »&mdash;&nbsp;ich spiele ja
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-viel lieber Schach. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber das reine Wohlwollen
-treibt mich&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;, &mdash;&nbsp;es ist wirklich merkwürdig, wie
-reichhaltig Sie sind, ich kann mir so ganz verschiedenartige
-Frauen recht gut neben Ihnen vorstellen&nbsp;&mdash;.
-Ist das nun Reichtum, oder &mdash; oder ist irgend etwas
-nicht recht zum einheitlichen Ende gekommen&nbsp;&mdash;?
-&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Also spielen wir?«</p>
-
-<p>Sie fingen endlich damit an, wie jedesmal, wenn
-Tomasow herkam. Erst mußte die Redelust der Alten
-ein wenig ausschäumen.</p>
-
-<p>Wera Petrowna blieb indessen zerstreut. Sie
-machte Fehler auf Fehler. Zuletzt lachte sie kurz auf,
-sodaß sich die Oberlippe von den Vorderzähnen fast
-höhnisch hob, und äußerte ohne rechten Grund: »Die
-Zeiten ändern sich. Der Heldenmut auch. Jetzt ziehen
-es die kleinen Mädchen manchmal vor, ihre Mutter
-zu verlassen, um irgendwo in allem Behagen und mit
-viel männlichem Selbstbewußtsein zu studieren. So
-wie Marianne ihre&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Ein Glück noch, daß
-Sophie&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sophie geht ebenfalls. Um Ostern. Heute
-hat Frau Marianne eingewilligt,« sagte Tomasow.</p>
-
-<p>Wera Petrowna starrte ihn erst ungläubig an.
-Wie mit einem Schlage verschwand aus ihren Zügen
-alles Ironische und der spielende Spott und das versteckte
-Lachen. Schrecken und ein fast ehrfürchtiges
-Erstaunen stritten in ihrem lebhaften alten Gesicht
-um die Herrschaft.</p>
-
-<p>Sie schlug laut die Hände ineinander.</p>
-
-<p>»O du grundgütiges Seelentäubchen, meine einzige
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Marinka&nbsp;&mdash;! Was das sie kostet&nbsp;&mdash;! Und das sagen
-Sie mir erst jetzt, Sie Eisbär, Sie Feuerländer, Sie
-&mdash; Sie&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Was das sie kostet&nbsp;&mdash;!« Sie hielt
-inne und starrte ihn wieder an. Man konnte deutlich
-sehen, wie angestrengt und durchdringend hinter
-ihrer Stirn und ihrem sich sammelnden Blick hundert
-Gedanken auftauchten. »Die Kinder fort!« sagte sie
-langsam, »&mdash;&nbsp;beide Kinder, &mdash; das ist ein ganz neues
-Leben, ein ganz zerbrochenes Weitervegetieren für sie
-oder&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Es ist eine vollkommne Einsamkeit,
-Vereinsamung, &mdash; oder&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;? &mdash;&nbsp;Marianne ist noch
-jung, &mdash; sie ist noch immer jung&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Tomasow, der unwillkürlich niedergeblickt und
-mechanisch mit dem Deckel der Zigarettenschachtel gespielt
-hatte, hob den Blick.</p>
-
-<p>Eine kurze Pause lang schauten sie einander schweigend
-in die Augen, einer des andern Gedanken enträtselnd&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Wera Petrowna rief plötzlich in fast klagendem
-Ton: »&mdash;&nbsp;Ach Tomasow, wer verdient denn das
-aber, so viel Glück, wie diese Frau noch geben könnte,
-&mdash; was für ein Mannsbild verdient denn das&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Er wollte etwas erwidern, aber sie unterbrach ihn
-gereizt: »Nein, schweigen Sie nur! Es ist schon so,
-&mdash; ich weiß, ich weiß!« beharrte sie fast giftig.</p>
-
-<p>Und plötzlich stand sie auf und fuhr mit der Hand
-durch die Figuren, daß sie alle umfielen.</p>
-
-<p>»Es muß schon so sein! Die Jugend muß wohl
-immer erst heraus aus einem Menschen, &mdash; da hilft
-nichts!« murmelte sie ergrimmt, und sie fing an, an
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-ihrem Stock auf und ab zu gehn. Das Sitzen hielt
-sie nicht mehr aus.</p>
-
-<p>Tomasow schob das Brett zurück und rauchte
-schweigend. Gegen die Sonderbarkeiten der Alten
-war er nachsichtig. Und viel lieber, als zu spielen,
-hing er jetzt seinen Gedanken nach.</p>
-
-<p>Da hörte er sie sagen, ganz in Zorn: »&mdash;&nbsp;Ist
-es nicht wie eine Löwengrube, &mdash; so ein Menschenleben&nbsp;&mdash;?
-Man muß doch immer wieder hinein, &mdash;
-immer wieder hinein&nbsp;&mdash;. Und was hat diese Frau
-nicht angesammelt in all den langen Jahren, &mdash; all
-die unausgegebene Fülle&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Es ist sogar einerlei
-im Grunde: ob sie noch einmal neu anfängt
-mit dem Leben, oder ob sie einsam bleibt, &mdash; diese
-ganze Fülle, die ganze Inbrunst reißt sie ja doch
-notwendig in die tausend Lebenskämpfe, wie unter
-brüllende Tiere&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Nach einer Weile fuhr sie grollend fort: &mdash; »Da
-ist nun Sophie, &mdash; nun viel ist sie noch gar nicht, &mdash;
-aber was bedeutet so ein Mensch mitunter nicht
-alles für seinen Mitmenschen! Daß sie bei ihr war,
-glich für Marianne alles aus, &mdash; sänftigte das ganze
-Leben&nbsp;&mdash;. Manchmal genügt so wenig, &mdash; so ein
-bißchen Menschennähe, um gar nicht zu merken, wie
-viel man noch in sich herumträgt, &mdash; wie vieles man
-noch unter Schmerzen entladen soll. &mdash; Erst wenn
-diese sänftigende Schutzdecke davon abgerissen wird,
-&mdash; plötzlich steht man da wieder hart am Rande, &mdash;
-ganz hart am Absturz &mdash; mitten in alle Untiefen von
-neuem hinein &mdash; unerbittlich hinein!« Wera Petrowna
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-holte sich in ihrer Erregung die Haube vom Kopf
-herunter und lief fast auf und ab. »Gott meint es
-erst gut mit denen, die es hinter sich haben, &mdash; hinter
-sich. &mdash;&nbsp;&mdash; Arme Marinka!«</p>
-
-<p>Tomasow saß zurückgelehnt, mit dem Rücken nach
-ihr. Er vernahm wohl ihre Worte, aber gleichzeitig
-umfingen ihn andre, weit weniger düstere Bilder&nbsp;&mdash;.
-Und auch sie scharten sich um dieselbe Erwägung,
-wie um ein Leitmotiv dazu: »&mdash;&nbsp;Marianne ist noch
-immer jung&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Die Alte hinter ihm im Zimmer war still geworden.
-Auch ihr Stock berührte nicht mehr, im
-Takt aufschlagend, den Fußboden.</p>
-
-<p>Tomasow empfand spontan, wie starkes Erleben
-und Erkennen hinter ihrer gewohnten Alltagsironie
-stehn, &mdash; wie tief sie selbst in die Löwengrube
-hinabgestiegen sein mochte, &mdash; und daß sie von dort
-herausgekommen war mit einem Herzen, das ganz wund
-war von zartem Mitleid und verstehender Furcht für
-andre&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Er wandte sich zu ihr um. Sie saß im Stuhl
-am Fenster. Die Haube hielt sie noch wie einen wunderlichen
-dunkeln Knäuel in der Hand.</p>
-
-<p>Und sonderbar hob sich dieser nackte Kopf von
-der hellen unfeinen Tapete des Zimmers ab, &mdash; wie
-durchaus nicht hergehörig in diese banale Stube, &mdash;
-wie nicht einem Mann und nicht einer Frau zugehörig,
-&mdash; vielmehr einem geheimnisvollen Wesen oder Unwesen,
-das nun dasitzt in den Wohnungen der Menschen,
-um dunkle Dinge zu weissagen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-Ganz unbeweglich saß sie da. Und ihm wurde
-es fast unheimlich, so auf sie hinzuschauen. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Als müßte er schnell, jetzt gleich, irgend einen Bannspruch,
-irgend einen Wahrspruch finden, &mdash; der ihre
-finstern Gedanken, &mdash; der den Lebensgedanken selbst
-&mdash; in Freude löste. &mdash;&nbsp;&mdash; Oder als würde sie sich
-selbst langsam erheben, unmenschlich groß, und etwas
-Unerhörtes, Unüberwindliches sagen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>&mdash; In solcher Stimmung hört man als Kind
-Märchen erzählen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Tomasow erhob sich und trat zu ihr hin ans
-Fenster.</p>
-
-<p>Da blickte Wera Petrowna auf. Sie sah auf mit
-dem welken, freundlichen Antlitz einer alten Frau, die
-sich Sorgen macht.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Arme Marinka&nbsp;&mdash;!« sagte sie nur mit einer
-schwachen, bekümmerten Stimme.</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p152i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-<i>IV.</i></h2>
-
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Also: Schluß für vierzehn Tage. Junge, klapp
-die Bücher zu und freu dich!« sagte Marianne zu ihrem
-Neffen nach Beendigung der französischen Montagskonversation.</p>
-
-<p>Sie saßen schon bei der Lampe im Lernzimmer
-der ältern Kinder. Nikolai hatte beide Ellbogen
-aufgestützt und schob trübselig seine etwas breit geratene
-Unterlippe vor.</p>
-
-<p>»Freu mich gar nicht. Aber auch nicht die Spur!«
-versicherte er; »worauf denn? Eine Menge Familientage,
-schrecklich lange Mittagessen, &mdash; und zu Hause
-sitzen&nbsp;&mdash;. Ob man sich schließlich in der Schule ducken
-muß oder zu Hause&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Mußt du denn schon
-gehn?«</p>
-
-<p>Marianne war heute so besonders angenehm gewesen,
-fast so lustig wie ein guter Schulkamerad,
-daher paßte es ihm nicht, daß sie schon ging.</p>
-
-<p>»Du hast doch eine Menge Vergnügen in deinen
-Ferien! Ein undankbarer Junge, nicht wahr,
-Inotschka?« meinte Marianne.</p>
-
-<p>Inotschka beugte sich über ihre Weihnachtsstickerei,
-die ihr heute wirklich Eingang zu der Montagsstunde
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-verschafft hatte. An diesen Tagen heimlicher
-Arbeit ging vieles ungerügt durch.</p>
-
-<p>»Ach, was weiß denn Ina! Ein Mädchen!
-Gut ist es doch nicht eher, als bis man groß ist und
-ein selbständiger Mann,« konstatierte Nikolai, griff
-verdrießlich nach seinen Büchern und verließ das
-Zimmer.</p>
-
-<p>Inotschka antwortete ganz still: »Nein, so darf
-man nicht sprechen. Die Eltern bereiten uns so viel
-Freude, wie sie nur können. Wir müssen ihnen sehr
-dankbar sein.«</p>
-
-<p>Dann sah sie jedoch sehnsüchtig zu Marianne hin
-und fügte in ganz anderm, drängendem Tone hinzu:
-»Warum ist es nur so, daß ihr diesmal nicht mit uns
-Weihnachten feiert? Ach, thus doch! Weißt du noch:
-voriges Jahr&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;!«</p>
-
-<p>Marianne, die schon aufgestanden war, strich mit
-der Hand Inotschka über das weiche Haar, dessen
-feinen seidigen Strähnen man die Fülle, die sie enthielten,
-kaum ansah. Es lockte sie immer heimlich,
-dies feine Haar zu lösen und ganz anders zu ordnen.</p>
-
-<p>»Das war ja nur ein Zufall voriges Jahr! Du
-mußt dich nicht so danach sehnen,« sagte sie sanft.
-»Sieh mal: ist es denn nicht überhaupt ein Zufall,
-daß ich hier in eurer Nähe lebe? Wie leicht hätte
-es so kommen können, daß ich im Auslande blieb.
-&mdash;&nbsp;&mdash; Und vielleicht &mdash;&nbsp;&mdash; vielleicht kommt es noch
-dazu, Inotschka.«</p>
-
-<p>Die Kleine hatte ihre Stickerei auf den Tisch geworfen.
-Sie schaute mit erschrockenen Augen empor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-»Das &mdash; das hab ich gefühlt&nbsp;&mdash;!« entfuhr es
-ihr heftig.</p>
-
-<p>»Aber nein! Sei nur ruhig, meine kleine Ina,
-&mdash; heute und morgen ist noch alles beim alten. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Und übermorgen, im Handumdrehen, &mdash; da ist aus
-der Ina schon ein großes, vernünftiges Mädchen geworden!«
-beschwichtigte Marianne sie tröstend.</p>
-
-<p>Aber Ina war aufgesprungen. Sie hing sich Marianne
-an den Hals und brach hilflos in Thränen aus.</p>
-
-<p>»Ich werde nicht groß! Ich werde nicht vernünftig!
-Alle Vernünftigen sind so gräßlich. Laß
-mich doch klein bleiben! Laß mich bei dir bleiben!«</p>
-
-<p>Marianne blieb ganz stumm. Sie schlang nur
-ihre Arme um sie und küßte sie auf das Haar und
-auf die weinenden Augen. Dann, nach Minuten
-schweigender Liebkosung, beugte sie den Kopf tief zu
-Inotschka nieder und flüsterte ihr ins kleine heiße
-Ohr: »Sei still, mein Herz, ich komme jetzt oft und oft
-zu dir, &mdash; so oft du mich nur wirst haben wollen&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Ina ließ sie los und blickte ungläubig auf. »Wirklich?!
-Sagst du es auch nicht nur so?«</p>
-
-<p>»Nein. Ich sage es nicht nur so. Ich werde
-Mama um die Erlaubnis bitten, recht oft kommen zu
-dürfen, um mit dir zusammen zu sein.«</p>
-
-<p>»Und glaubst du, daß&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;, meinst du, Mama
-wird erlauben, daß du so wirklich zu mir kommst&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;?
-Denn wenn ich mit den Großen dabei zusammensitzen
-soll&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Marianne setzte sich auf Inas Stuhl und zog sie
-wie ein kleines Kind zu sich auf die Kniee.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-»Mama erlaubt alles, was geeignet ist, dich
-froh und glücklich zu machen,« entgegnete sie zuversichtlich,
-und als sie Inas schüchterne Augen voll
-Zweifel auf sich gerichtet sah, fügte sie ernst hinzu:
-»Du denkst mit Unrecht, deine Mama enthielte dir
-dies oder jenes vor, und du wirst scheu, weil du
-meinst, vor verschlossnen Thüren zu stehn. Aber
-sie gehn noch alle auf, mein Liebling. &mdash;&nbsp;&mdash; Siehst
-du, davon und von vielem andern will ich dir erzählen,
-wenn wir so bei einander sind, wie jetzt.«</p>
-
-<p>»Willst du mir von Mama erzählen, wenn du
-bei mir bist?« fragte Ina stockend und sah sie unsicher
-an.</p>
-
-<p>Marianne streichelte sie mit einem feinen Lächeln
-voll Güte.</p>
-
-<p>»Von uns Mamas überhaupt. Denn, weißt du
-wohl, wer das ist? Eine Mama, das ist jemand,
-der gewaltig reich geworden ist durch das Verlangen,
-recht viel zum Verschenken an seine Kinder zu haben.
-Aber die Kinder sind erst ganz klein, und dann jedes
-Jahr nur ein bißchen größer, und es dauert lange,
-bis sie ganz groß sind, sodaß sie wirklich alle die
-reichen Geschenke benutzen können. Daher muß Stück
-für Stück in festen Truhen verwahrt bleiben, und
-wenn die Mama aufschließt und nachschaut, was sich
-für ihre Lieblinge wohl schon eignet, dann darf sie
-sich doch nichts merken lassen von der Bescherung,
-für die es noch zu früh ist. Und dann sieht es den
-Kindern fast so aus, als hätte sie nichts übrig für
-sie. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber alle ihre Truhen sind grade dann
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-voll Gold. &mdash;&nbsp;&mdash; Jemand, der ungeduldig und sehnsüchtig
-zwischen lauter Truhen voll Kostbarkeiten umhergeht:
-das ist eine Mama. &mdash;&nbsp;&mdash; Weißt du es nun?«</p>
-
-<p>Ina schmiegte sich fester an Marianne an.</p>
-
-<p>»Und du hast auch solche Truhen, die du nicht
-aufmachst?« fragte sie, »&mdash;&nbsp;du auch?«</p>
-
-<p>»Ja, ich auch. Viele &mdash; viele.«</p>
-
-<p>»Aber einmal &mdash; da springen sie alle auf! Alle?«
-Ina richtete sich mit verlangenden Augen auf Mariannens
-Schoß hoch.</p>
-
-<p>»Alle &mdash; alle!« versicherte Marianne mit unterdrücktem
-Jubel in der Stimme und legte ihre
-Arme um das kleine Mädchen. Man fühlte, daß
-irgend eine eigne große Freude oder Erwartung aus
-allen ihren Worten herausklang wie eine überströmende
-Wärme.</p>
-
-<p>Inotschka lächelte, sie hatte leicht gerötete Wangen
-und sah unendlich zufrieden aus. »Was für wunderschöne
-Geschichten du aber auch weißt, Tante Marianne!
-Wirst du mir noch viele erzählen?«</p>
-
-<p>»Ich werde dir gewiß noch schönere erzählen. Denn
-nun mache ich bald die allerschönste Truhe auf&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Für mich auch!« rief Ina vergnügt und klatschte
-in die Hände.</p>
-
-<p>Plötzlich hielt sie jedoch inne. Sie ließ Marianne
-los und glitt von ihren Knieen hinunter.</p>
-
-<p>»Da kommt Mama!« murmelte sie, »&mdash;&nbsp;vorhin
-fuhr ein Schlitten vor&nbsp;&mdash;. Die Wohlthätigkeitsvorstellung
-muß jetzt auch schon längst vorüber sein&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Man vernahm etwas hastige Schritte und das
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Rascheln eines seidenen Kleides. Die Thür wurde
-nur ein ganz klein wenig geöffnet, Ottilie schob den
-frisierten Kopf an die Spalte.</p>
-
-<p>»Bist du noch da, Marianne? Hast du Zeit&nbsp;&mdash;?
-Nein, Inotschka, mein Kind, laß dich nicht stören,
-du brauchst nicht zu erschrecken, Mama hat nichts
-gesehen, &mdash; du sollst sehen, wie überrascht ich sein
-werde zu Weihnachten&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Marianne trat zu ihr heraus, in das Schlafzimmer
-der Schwester.</p>
-
-<p>»Ich höre, du kommst aus der Oper, Otti?! Du
-und in die Oper, mitten am Tage? Du wirst ja
-noch ganz musikalisch auf deine alten Jahre,« bemerkte
-Marianne erstaunt.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Der &rsaquo;Troubadour&lsaquo; &mdash; zu wohlthätigen Zwecken
-&mdash; und mit dem durchreisenden Star als Gast. &mdash;&nbsp;&mdash;
-Fräulein Clarissa überredete mich. Herrgott, es passiert
-ja auch selten genug!« entgegnete Ottilie, noch
-in voller Theatererregung, und begann sich in aller
-Hast umzukleiden.</p>
-
-<p>In einer Ecke am Tisch fütterte die Wärterin den
-Jüngsten, dem sie in russischem Kinderkauderwelsch
-zusprach, in der Nebenstube sah man die beiden ältern
-kleinen Brüder sitzen und artig Flittergold auf Nüsse
-kleben, als Schmuck für den Weihnachtsbaum.</p>
-
-<p>Ottilie warf ihre geschnürte Seidentaille ab und
-ergriff Marianne am Arm.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ich sage dir: schön ist so was! Siehst du:
-in dem Augenblick, da lebt man! Wenn sie so füreinander
-sterben&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;« Ottiliens Augen strahlten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-Marianne lachte.</p>
-
-<p>»Aber du, seit wann hast du so romantische Anwandlungen&nbsp;&mdash;?
-Du bist doch sonst die Nüchternheit
-selbst?«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sonst&nbsp;&mdash;? Ja, du lieber Gott, im wirklichen
-Leben ist doch kein Raum dafür. Da heißt es seine
-Pflicht thun, und damit basta. Das muß jeder anständige
-Mensch. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber deshalb bewahrt man
-sich doch einen Winkel für das Ideale innerlich. Einen
-Winkel, wo das Leben anders wäre, wenn es nach
-uns ginge&nbsp;&mdash;: edel, höher, &mdash; noch unbefleckt schön,
-&mdash; kurz&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Romantisch?« fragte Marianne zweifelnd,
-mit einem gutmütigen Lächeln. Sie wußte selbst nicht,
-woher ihr Ottilie plötzlich so viel jünger geworden
-vorkam, ja fast unerwachsen jung, wie vor langen
-Jahren.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Romantisch&nbsp;&mdash;!« wiederholte die Schwester
-etwas gereizt, während sie sich von Marianne in ihr
-Hauskleid hineinhelfen ließ, »&mdash;&nbsp;meinetwegen nenn
-es so. Name ist bekanntlich Schall und Rauch. Aber
-du willst wohl andeuten: davon verstünde ich nichts,
-&mdash; davon verstündest nur du was, &mdash; einfach, weil
-du zufällig so blitzjung und so kopfüber eine Liebesehe
-geschlossen hast&nbsp;&mdash;. Aber was ist am Ende mit
-solcher Ehe los&nbsp;&mdash;?! Ich kann dir nur sagen, wovon
-ich nicht oft spreche: mein erstes Liebeserwachen
-war zwar lauter Verzicht, &mdash; aber was ich hier innen
-besitze,&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sie sagte nicht, was sie innen besaß, sondern ließ
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-ihre Worte unvollendet und knüpfte sich mit aufgeregter
-Hand das Kleid zu, wobei sie Mühe hatte,
-die richtigen Knöpfe zu finden.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Du meinst doch nicht etwa den Husaren&nbsp;&mdash;?«
-wollte Marianne schon fragen, unterdrückte es jedoch.</p>
-
-<p>Sie setzte sich neben den Toilettenspiegel, vor dem
-sich Ottilie ankleidete, und schaute die Schwester mit
-im Schoß gefalteten Händen gedankenvoll an.</p>
-
-<p>Der harmlose Husar konnte so wenig dafür! Der
-mußte, wie es schien, nur ritterlich stillhalten bei allem,
-was ihm Ottilie so allmählich auf sein armes kleines
-Konto hinzuschrieb&nbsp;&mdash;. Vielleicht war es grade das
-Fehlen jeglichen starken Seelenaufruhrs in Ottiliens
-geordnetem Leben gewesen, das in ihr so allerlei
-emotionelle Restbestände aufgestapelt hatte&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Ottilie mißverstand Mariannens Verstummen. Sie
-nickte ihr zu, wie von einer verborgenen Höhe.</p>
-
-<p>»Ich glaube, du hast auch nur wenig Anlage
-dazu: du hast dich ja stets so ganz im Thatsächlichen
-ausgegeben und es überschätzt,« bemerkte sie und
-steckte sich ihr Häubchen fest. Auf ihren Wangen
-blühten noch zwei blaßrote Flecke.</p>
-
-<p>Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung,
-irgend eine kleine Gebärde, &mdash; fast wie unbewußte
-Koketterie einer Ungeübten, &mdash; die mit einemmal
-Marianne wie eine lebendig gewordene Erinnerung
-aus beider frühester Jugendzeit durchfuhr.</p>
-
-<p>Es paßte gar nicht recht hinein in das Wesen
-der jetzigen Ottilie, der musterhaft Fertigen, Korrekten!
-Aber dafür waren es nicht mühsam erworbene, sondern
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-ihre eigensten einstigen kleinen Mienen und Gebärden&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sie besaßen etwas wunderlich Halbes, Verlorenes,
-&mdash; wie wenn künstlich gestutzte Vögelchen zu fliegen
-unternehmen, &mdash; dachte Marianne bei sich.</p>
-
-<p>Und plötzlich umfaßte sie Ottilie von hinten und
-stand auf und küßte sie innig mitten ins erstaunte
-Gesicht. Ja, das war wirklich die Otti von ehemals,
-mit der sie so vieles geteilt, so kindisch geschwärmt
-hatte! Dann kam das ganze Leben dazwischen: das
-war von Marianne mit zitterndem Herzen, selig und
-schmerzlich, durchlebt worden, &mdash; von Ottilie nicht&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Und da ging sie nun in irgend eine alte Oper,
-und mit einemmal kamen allerlei hinuntergedrängte
-Sensationen herauf, &mdash; unbegründet, etwas hysterisch,
-alle durcheinander: der Husar und die Ideale, Backfischhaftes
-und Erhabenes, Pathos und Koketterie&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Was fällt dir ein? Nein, aber Marianne,
-was fällt dir denn ein?! Man küßt sich doch nicht
-derartig mitten am Tage, ich muß jetzt an den Speiseschrank,«
-sagte Ottilie und wehrte sich.</p>
-
-<p>»Und ich nach Hause. Aber, weißt du, Schwesterlein:
-ich komme nun oft, viel öfter&nbsp;&mdash;. Gib mir
-recht viel Raum. Laß mich viel mit euch sein, auch
-mit Inotschka&nbsp;&mdash;. Wer weiß, ob ich noch lange
-hier&nbsp;&mdash;« Marianne brach ab und wandte sich dem
-Kleinsten zu, sie hob ihn von den Knieen der Wärterin
-auf ihrem Arm hoch und liebkoste ihn, während
-er sie vergnügt ankrähte.</p>
-
-<p>»Das ist schon recht, falls wir hier wirklich etwas
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-haben, was dich, &mdash; die viel Anspruchsvollere, &mdash;
-fesseln kann,« erwiderte Ottilie; sie vermochte nicht
-den Uebergang ins Tagesleben ganz ohne Gereiztheit
-zurückzufinden.</p>
-
-<p>»O! Ihr habt ja so vieles, was sich noch willig
-lieben läßt!« meinte Marianne leise und herzte noch
-immer das Kind.</p>
-
-<p>»Ja, wie du das auch gleich sagst! Ich glaube
-wahrhaftig, Marianne, trotz deiner vielen Kenntnisse
-und Fähigkeiten, &mdash; nimm mirs nicht übel: aber es
-ist im Grunde das einzige, was du zu thun weißt. &mdash;
-Du sprachst von Inotschka: sag, glaubst du, daß sie
-den Pantoffel noch fertig stickt?«</p>
-
-<p>»Der ist ja für dich, &mdash; weißt du?« rief Marianne.</p>
-
-<p>»Eben darum, weil er für mich ist, kann ich mich
-nicht gut drum kümmern. Wenn sie ihn vertrödelt,
-&mdash; du verstehst, es ist mir nicht um den Pantoffel.
-Aber es wäre von übler Wirkung auf das Kind.
-Es gibt einem Kinde Selbstbewußtsein, seinerseits
-was zum Verschenken bereit zu haben. &mdash; Von solchen
-Dingen hängt mitunter der moralische Halt im spätern
-Leben ab.«</p>
-
-<p>Marianne seufzte. Sie setzte den Kleinen auf den
-Schoß seiner Wärterin nieder und ging mit der
-Schwester hinaus.</p>
-
-<p>Sollte sie nun Ottilie erzählen: »Sophie geht
-Ostern auch zum Studium ins Ausland?« &mdash; Würde
-Ottilie nicht fragen: »Was schenkt sie dir aber dafür
-wieder?« &mdash; Ja, &mdash; etwas Aehnliches würde sie fragen.</p>
-
-<p>Wie konnte sie ihr das deutlich machen! Dieses
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Einssein mit den Kindern, dieses Mutterglück und
-diese drängende Hingebung in allen Fasern. Dieses
-Auskosten der vollen Liebe bis auf den letzten Tropfen.
-Denn jetzt waren sie zu Hause alle drei doch nur noch
-wie ein Mensch, &mdash; nun erst ganz unzertrennlich.</p>
-
-<p>Marianne ging fort, ohne etwas von der großen
-Neuigkeit mitgeteilt zu haben.</p>
-
-<p>Trotz ihrer Ungeduld, heimzukehren, entschloß sie
-sich noch zu einem weiten Umweg.</p>
-
-<p>Sie benutzte eine Pferdebahn, die nahe bis zu
-Tamaras kleiner Wohnung im Vorstadtviertel heranfuhr.
-Tamaras Mann öffnete ihr, mit einem listigen
-und erwartungsvollen Gesicht, &mdash; er hatte seine
-Frau erwartet.</p>
-
-<p>»Was, sie ist aus?« fragte Marianne stark enttäuscht,
-»ich muß sie so notwendig sprechen, und dachte
-sie zu dieser Stunde sicher zu treffen.«</p>
-
-<p>»Ja, glücklicherweise ist sie fort, ich kann sie nämlich
-momentan gar nicht brauchen.«</p>
-
-<p>Marianne bemerkte erst jetzt, wie er aussah. Im
-dicken Paletot, den Kragen hochgeschlagen, sogar warme
-Ueberschuhe an den Füßen, stand er da und rieb sich
-die Hände. In der That schien es kalt da drinnen
-zu sein.</p>
-
-<p>»Was machen Sie eigentlich?! Frieren Sie vielleicht
-Ihre Vögel aus?«</p>
-
-<p>»Ach nein, bei mir ist es warm. Wir müssen jetzt
-dort sitzen, zwischen den Vögeln, leider. Wir schlafen
-die paar Tage auch drin. Denn im Wohnzimmer, da
-wird jetzt nicht geheizt. Das ist wegen Weihnachten.
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-Es soll nämlich wie ein Wald werden, &mdash; Tamara
-stammt doch aus dem Walde. Sie darf jetzt nicht herein.«</p>
-
-<p>Er öffnete die Thür zur Wohnstube, und Marianne
-erblickte in drei von ihren Ecken je einen großen Tannenbaum.
-Eine Küchenlampe stand am Boden. In dem
-ungewissen Schein, den das Lämpchen von unten her
-verbreitete, nahm sich die Bescherung seltsam genug
-aus, die zwischen den Tannen im Aufbau begriffen war.</p>
-
-<p>Da näherten sich, fast lebensgroß in bemalter
-Pappe ausgeführt, die heiligen drei Könige einer
-kleinen Korbwiege, deren blaue Vorhänge dicht geschlossen
-waren. Was die Weisen des Morgenlandes
-darbrachten, bestand aber nicht in Gold oder Juwelen,
-sondern in den winzigsten Hemdchen, Jäckchen und
-Strümpfchen, die man sich denken konnte.</p>
-
-<p>Die Bäume waren nicht geschmückt. Nur an dem
-schönsten, der sich über der Wiege erhob, hing Kinderspielzeug,
-&mdash; Hampelmänner, Glöckchen an Knochengriffen
-&mdash; und, wie ein Hinweis auf die Zukunft, schon
-ein erstes, zartes Paar Schuhe, lächerlich klein, aus
-rotem weichem Saffian, mit silberner Stickerei bedeckt.</p>
-
-<p>In der Anordnung des Ganzen drückte sich ein
-unbeholfener jubelnder Ueberschwang aus, der Marianne
-ergriff.</p>
-
-<p>Sie wandte sich zu Taraß und sagte leise: »Ich
-wußte gar nicht &mdash;&nbsp;&mdash; Aber es ist noch lange hin&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Er nickte.</p>
-
-<p>»Lange noch bis dahin,« bestätigte er, »aber,
-wissen Sie, ich kenne ja Tamara. In diesen Monaten
-wird sie schon ungeduldig sein: wann sie das
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-alles arbeiten soll, &mdash; ich bitte Sie, eine solche Menge!
-Und sie hat doch gar keine Zeit! Es mag ja schön
-sein, selbst daran zu nähen, nun aber, sie soll sehen:
-es geht auch so. Eine große Näherin ist sie überhaupt
-gar nicht. Sie sticht sich dreimal nacheinander
-in jeden Finger. Und allzufest näht sie auch nicht. &mdash;
-Aber eine Mutter wird das sein! Ja, das ist noch
-eine Mutter!«</p>
-
-<p>Er sah strahlend aus und trat frierend von einem
-kalten Fuß auf den andern.</p>
-
-<p>»Darf ich Tamara nichts ausrichten? Soll sie
-zu Ihnen kommen?«</p>
-
-<p>»Nein nein,« wehrte Marianne hastig ab, »ich
-komme lieber selbst wieder. Sagen Sie ihr nur: ich
-sei wegen des Vorschlages gekommen, den sie mir
-neulich im Auftrag des Berner Mädchenpensionates gemacht
-habe. Sagen Sie ihr: den wollte ich annehmen.
-Auf alle Fälle annehmen. Sie möchte mir helfen, die
-Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen.«</p>
-
-<p>Taraß schlürfte in den Ueberschuhen ihr voran zur
-Hausthür.</p>
-
-<p>»Dann wird Tamara gleich alle Hebel in Bewegung
-setzen. Ich weiß, sie sprach davon. Und
-wir sind so froh, wenn wir Ihnen zeigen können,
-wie lieb wir Sie haben.«</p>
-
-<p>Er küßte Marianne die Hand, und sie beugte sich
-auf seine Stirn. Ihr kam es vor, als sei alles bereits
-erledigt. Sie zweifelte nicht am Gelingen. Es
-mußte gelingen. Und sie war zu jedem Opfer bereit,
-zu jedem Nebenverdienst durch Stunden&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-Nur mit ihrem Kind zusammenbleiben mußte sie.
-Dann wollten sie auch schon Cita näher bekommen,
-&mdash; mindestens näher als jetzt&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Als sie sich wieder in die Pferdebahn setzte, schien
-es ihr, als führe sie schon weit, weit fort aus ihrem
-bisherigen, hiesigen Wirkungskreis.</p>
-
-<p>Fast abschiednehmend spähte ihr Blick nach den
-einzelnen Häusern, die sie kannte. Da &mdash; und da, &mdash;
-und dort war sie zum Unterricht hingegangen. Nun
-aber wollte sie weit, weit fort, so weit wie ihre Kinder
-wollten.</p>
-
-<p>All dies wurde Vergangenheit. Die Kinder allein,
-das war ja Heimat.</p>
-
-<p>Kurz ehe sie den Bahnwagen verließ, stieg ein
-armer Krüppel ein, ein Stelzfuß in zerlumpter Kleidung.</p>
-
-<p>Mit ehrerbietigem Blick bekreuzigte sich der
-Schaffner vor ihm und nahm kein Geld von ihm
-an. Diese Handlungsweise war allgemein üblich,
-solche Unglückliche durften fest darauf rechnen.</p>
-
-<p>Als sich Marianne erhob, um auszusteigen, sah
-sie, daß jemand dem lahmen Mann ein Kupferstück
-zusteckte.</p>
-
-<p>Da fuhr sie in die Tasche, faßte nach dem gehäkelten
-Seidenbeutelchen mit dem Tagesbedarf an
-Silberlingen, das sie grade frisch gefüllt hatte, und
-schob es im Vorübergehn dem Krüppel in die Hände.</p>
-
-<p>Das gewährte ihr eine momentane Erleichterung.
-Sie wäre gern in irgend einer Weise aktiv geworden,
-aus ihrer weichen, warmen Stimmung heraus, &mdash;
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-wäre gern mütterlich geworden an irgend einem armen
-Wesen, aus ihrem Ueberfluß heraus&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Und nun konnte sie nicht einmal für ihre nächsten
-Pläne etwas thun, weil sie Tamara verfehlt hatte.
-Aber ihr wollte es scheinen, als schade das alles
-nichts, wenn man ihr nur ringsum von der warmen
-Liebeslast abnahm&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Oben öffnete ihr Stanjka. Doch im Wohnzimmer
-lief ihr Sophie entgegen.</p>
-
-<p>»Cita ist nur für eine kurze Besorgung fortgegangen,
-Ma, sie kommt gleich wieder. &mdash;&nbsp;&mdash; Aber
-du bliebst so lange fort, &mdash; ach, ganz schrecklich lange,
-wo warst du nur noch?«</p>
-
-<p>Marianne drückte sie an sich.</p>
-
-<p>»War das so schlimm? Du bist wohl ungeduldig
-geworden?«</p>
-
-<p>»Ja, Ma. Jetzt möchte ich jede Minute bei dir
-sein. Das ist doch ganz natürlich, &mdash; immer, immer.«</p>
-
-<p>»Und wenn wir uns nun nicht trennten, &mdash; wenn
-wir beisammen blieben, du mein Herzenskind!« murmelte
-Marianne.</p>
-
-<p>Es kam ihr fast gegen ihren Willen auf die Lippen.
-Sollte sich Sophie unnütz quälen, &mdash; und wären es
-auch nur Tage&nbsp;&mdash;, um der Trennung willen, die
-nach ihrer Ansicht bevorstand?</p>
-
-<p>»Ach ja, Ma!« rief Sophie innig, jedoch gleich
-darauf schien sie ein plötzlicher Schreck zu durchfahren.
-»&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Du meinst doch nicht, &mdash; ich soll doch nicht&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sie war ganz blaß geworden.</p>
-
-<p>»Nein, o nein!« sagte Marianne schnell, »wie
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-kannst du das glauben! Nichts wird rückgängig gemacht.
-Aber denke dir, mein Liebling, denke dirs
-nur als eine noch nicht gewisse Möglichkeit: wir
-blieben trotzdem beisammen, &mdash; in einem kleinen
-Städtchen zum Beispiel, &mdash; etwa in den Schweizer
-Bergen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sophie machte sich sichtlich beunruhigt frei.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Warum denn ein so ganz kleines Städtchen,
-Ma&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>»Ich meine natürlich ein Universitätsstädtchen.«</p>
-
-<p>»Ja ja, aber wenn auch&nbsp;&mdash;. Daß es so gar
-klein sein soll&nbsp;&mdash;? Warum denn eigentlich nur?«</p>
-
-<p>»Stell dir zum Beispiel vor, dort wäre eine Mädchenpension,
-die ich zu leiten hätte, &mdash; eine solche ist
-nämlich in Bern, &mdash; lauter halberwachsne Mädchen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Aber &mdash; das wäre ja gräßlich, Ma!« fiel
-ihr Sophie ängstlich ins Wort.</p>
-
-<p>Marianne hielt einen Augenblick inne.</p>
-
-<p>Sie suchte mit plötzlicher Bangigkeit Sophiens Blick.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Wäre das so gräßlich, &mdash; Sophie?«</p>
-
-<p>»Nein, &mdash; das heißt: es wäre ja wunderschön
-natürlich, &mdash; aber, &mdash; ach nein, Ma! das kann ja
-doch gar nicht dein Ernst sein?«</p>
-
-<p>Marianne versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß
-ihr mitten in diesem schwachen Lächeln die Lippen
-kalt wurden.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Nur so eine Idee, Kind,« sagte sie mühsam.</p>
-
-<p>»Siehst du, das dachte ich.« Sophie küßte sie
-heftig und lachte beruhigt: »Das wäre ja auch gar
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-nichts, nicht wahr? Denke nur: so eine Mädchenpension,
-&mdash; Hammelherde, &mdash; huh! Da müßten wir
-uns ja immer nach den Zimperliesen richten. Wenn
-du da Stunden gäbst und von allen möglichen Leuten
-abhingest, wäre alles gleich so gebunden, &mdash; so wie
-hier&nbsp;&mdash;. &mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Und übrigens, solches Kleinstädtchen
-doch auch für dich im Grunde recht öde, &mdash; nicht?«</p>
-
-<p>Marianne nickte, ohne Sophie aus den Augen zu
-lassen, die ihr unleidlich brannten und stachen von
-den bemeisterten Thränen.</p>
-
-<p>»Ja ja, Sophie. Daran, ob es öde wäre, hab
-ich so gar nicht gedacht&nbsp;&mdash;. Wenn ich mir das überlege,
-ist es also wohl nichts damit.«</p>
-
-<p>Sophie wurde wieder ganz heiter.</p>
-
-<p>»Nein, was du aber auch für eine Phantasie hast,
-Ma?« meinte sie neckend und setzte sich der Mutter
-auf den Schoß. Sie war voll kleiner Zärtlichkeiten.</p>
-
-<p>Nun wollte sie Ma auch ordentlich erzählen, wie
-sie sich das Leben dächte, mit Cita zusammen, in Berlin,
-wo Cita ja so vortrefflich aufgehoben sei und schon
-Beziehungen habe, und wo sie es nun ebenso gut
-haben werde. Beziehungen nämlich, das ist wichtig&nbsp;&mdash;!
-&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Eine Menge interessanter Einzelheiten plauderte
-ihr Sophie redselig vor.</p>
-
-<p>Marianne saß müde in ihrem alten Lutherstuhl.</p>
-
-<p>Sie hörte immer mit dem gleichen Anflug von
-Lächeln zu, es war wie erstarrt auf ihrem Gesicht.</p>
-
-<p>Das also war das weitaus Schönere, wovon
-Sophie träumte. Und das hatte sie ja nun endgültig
-den Kindern gegeben, ihnen erlaubt. Mehr zu geben
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-hatte sie nun überhaupt nicht. Nein: nur sich selbst
-noch hinzugeben hatte sie wollen. Sie selbst jedoch,
-&mdash; ja sie selbst &mdash; lehnten sie leise ab&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>&mdash; Marianne überfiel plötzlich, mitten in Sophiens
-Hinplaudern, eine jähe Furcht, sie könnte mit einemmal
-&mdash; jetzt gleich &mdash; etwas Gräßliches, Grelles thun
-müssen, entweder laut schreien oder gar lachen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Besonders das letztere: jawohl, grell und gell
-lachen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>In der Furcht davor brachte sie kein Wort heraus.</p>
-
-<p>Zum Glück kam Cita nach Haus, eh es Sophie
-auffiel.</p>
-
-<p>Als sie zu ihnen ins Wohnzimmer trat, sprang
-Sophie vom Schoß der Mutter heiter auf.</p>
-
-<p>»Denke nur!« rief sie der Schwester ganz unbefangen
-entgegen, »Ma und ich sitzen hier gemütlich
-und malen es uns eben aus, wie das sein würde,
-wenn wir in ein ganz kleines Universitätsstädtchen
-zögen, anstatt nach Berlin. Und wenn Ma dort gar
-eine Pension leitete, &mdash; und &mdash; und wir Sonntags
-nachmittags mit im Zuge der Mädchen vor dem Thor
-spazieren gingen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sie erzählte es ganz wie einen Scherz. Und ganz
-wie über einen Scherz lachte Cita mit ihr.</p>
-
-<p>»Uff!« sagte diese dann, die Handschuhe abstreifend,
-und warf sich in den Schaukelstuhl, &mdash; »wie gut ist
-es hier bei dir, Ma. Ja, das wird Sophie schon noch
-vermissen! Sie muß sich eben erst gewöhnen, man
-lernt es aber. Bis jetzt redet sie nur so hin. Wenn
-sie nur erst ordentlich in ihrem Studium drin ist&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-Marianne richtete ihre Augen müde und groß auf
-ihre Aelteste.</p>
-
-<p>»Wenn es nur so ist, Cita, daß man dann nichts
-mehr vermißt,« sagte sie leise, mit matter Stimme,
-»&mdash;&nbsp;denn das meint ihr doch wohl nicht, &mdash; das
-kannst du doch selber nicht wollen: so ein Fachstudium,
-und nichts mehr dahinter und darüber&nbsp;&mdash;.
-Etwas so Spezielles, etwas so Hartes&nbsp;&mdash;. Du mußt
-nicht vergessen, wie sehr Sophie, &mdash; und früher auch
-du, &mdash; euch in einem allseitigern, harmonischern
-Ganzen geistig angeregt habt. Es schloß ein Studium
-nicht aus, aber das beseelte Leben ging doch noch
-drüber&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>»Es war einfach dilettantischer,« bemerkte Cita
-ruhig. Sie hatte ernsthaft zugehört, während sie leise
-schaukelte und ihre Handschuhe bald zurollte, bald
-in alle einzelnen Finger auseinanderbreitete.</p>
-
-<p>Marianne lehnte sich erschöpft zurück. Sie hatte
-sich gewundert, woher ihr nur so viele Worte kamen.
-Als ob sich ihre Zunge löste und selbständig spräche&nbsp;&mdash;.
-Aber als sie einsah, daß diese Worte ohne Wirkung
-waren, gab sie es auf, zu widersprechen.</p>
-
-<p>Cita nahm ihr Schweigen wie ein leises Gekränktsein
-und fuhr rasch fort: »Ja, süße Ma, du hast
-sicherlich recht. Aber, siehst du, was du so das &rsaquo;beseelte
-Leben&lsaquo; und &rsaquo;das Allseitigere&lsaquo; in der geistigen
-Anregung nennst, das werden wir ebenfalls haben.
-Das Fachstudium wird bei weitem nicht alles sein,
-sondern der ganze Kreis der Interessen in der Frauenbewegung.
-Das wird uns frisch und kampflustig erhalten.
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Sieg der modernen Frau! Das soll die
-Losung sein. &mdash;&nbsp;&mdash; Hier konnte Sophie diesen belebenden
-Geist unmöglich aufnehmen. Uns fehlte hier
-ja auch der laufende Zusammenhang mit allem
-Modernen. Wenn man aus dem Auslande kommt,
-spürt man das arg, du kannst es glauben! Nun, aber
-es schadet weiter nichts: wir holens schon nach.«</p>
-
-<p>Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl, kam zur
-Mutter, bückte sich, küßte sie auf den Scheitel und
-sagte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit im Ton: »Du
-unsre süße Ma! hier ist es einzig und allein schön,
-weil du hier bist. Vielleicht würdest du dich in einem
-andern Rahmen nicht mehr wohl fühlen. Und du
-machst alles schön rings um dich her. Aber wir
-können jetzt nicht nur auf das Schöne achten.«</p>
-
-<p>Dann richtete sie sich auf, verschränkte die Arme
-auf dem Rücken und stellte sich nachdenklich musternd
-vor das Bücherregal.</p>
-
-<p>»Siehst du, Sophie, &mdash; dort hinein schaffen wir
-dann auch Ma neue Bücher, &mdash; nicht an Stelle der
-alten, aber mindestens zwischen die alten. &mdash;&nbsp;&mdash; Man
-kann auch nicht immer nur Dante und Homer und
-Shakespeare und Goethe und ähnliche Herren lesen.
-Nicht wahr, Ma?«</p>
-
-<p>Marianne saß ganz still und lauschte. Sie lauschte
-noch, als gar keine Rede mehr kam, und die Schwestern
-miteinander in den Büchern zu kramen anfingen, wobei
-Sophie auf dem Boden saß und Unsinn trieb.</p>
-
-<p>Sie lauschte in alle geredeten Worte tief hinein&nbsp;&mdash;.
-Denn daraus klang ja nicht nur die naive Ablehnung
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Sophiens, nein, etwas viel Tieferliegendes hörte sie
-immer deutlicher heraus, &mdash; etwas auf dem verborgenen
-Grund aller dieser Worte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sophiens Gefühl war so ganz unwillkürlich gewesen.
-Aber es verriet, daß Mutter und Kinder ganz und
-gar nicht eins waren, eines Wesens, &mdash; daß das ein
-bloßes Trugbild war, ein Traum. Die arme Sophie
-konnte nichts für ihren naiven Egoismus, &mdash; Cita,
-die sagte es ja: sie waren etwas andres, wollten
-etwas andres, strebten anderm zu, als die Mutter&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Der Mutter gehörten sozusagen nur noch Wesensreste
-aus der Kindheit, &mdash; nicht mehr der entwickelte
-Mensch. Dem wurde sie leise fremd &mdash; fremd &mdash;
-fremd. Von dem wurde sie mit dankbarer Nachsicht
-geliebt. Notwendig blieb sie ihm nicht mehr.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich ging das immer so zu. Auch dann,
-wenn das Muttersein das gesamte Wesen eines Menschen
-aufgesogen und ausgemacht hatte&nbsp;&mdash;? Auch dann,
-wenn er sich mit seiner ganzen tragenden, nährenden
-Lebensfülle den Kindern einverleibt hatte&nbsp;&mdash;? Ja,
-auch dann. Auch dann blieb er wie ein blutendes,
-losgerissnes Stück am Boden liegen, allein liegen, &mdash;
-ohne es ändern zu können&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Cita hatte ja im Grunde recht: während die
-Mutter hier umherging und Stunden gab, vermochte
-sie nicht zugleich die Wege weiterzugehn, die sich nun
-den beiden öffnen sollten, &mdash; die Wege neuer Zeiten,
-einer neuen Generation&nbsp;&mdash;. Und wohin die führen
-würden? Ob nicht zum entgegengesetzten Ende dessen,
-was sie mit heißester Inbrunst für ihre Kinder erfleht
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-und selbst in ihrem ganzen Leben demütig zu
-verwirklichen gestrebt hatte?</p>
-
-<p>Ja, vielleicht, &mdash; wer konnte es wissen&nbsp;&mdash;? Ihr
-Urteil und das der Kinder würde sich in diesem Punkt
-wahrscheinlich entgegenstehn. Welche Instanz wollte
-über sie richten?</p>
-
-<p>Mariannens Gedanken verschwammen, schmerzgefoltert,
-undeutlich ineinander. Noch hörte sie die
-beiden plaudern und lachen und sich gegenseitig Stellen
-aus Büchern vorlesen.</p>
-
-<p>Ihre Arme waren wie gelähmt. Die Stimmen
-schienen ihr von weit, weit her zu kommen. Konnte
-sie die Arme nicht mehr ausbreiten, ihre Mädchen
-darin zu umfangen? Konnte sie ihnen denn nichts,
-gar nichts zum kostbaren Besitz und zum Leitstern
-mit auf den Weg geben von alledem, was zu gewinnen
-ihres Lebens Inhalt gewesen war&nbsp;&mdash;?</p>
-
-<p>Weit, weit gingen sie fort&nbsp;&mdash;. Und plötzlich kamen
-Marianne, &mdash; seltsam und leise, wie ein Raunen von
-Wind zwischen Blättern in der Nacht, &mdash; Klänge aus
-einem Lied, &mdash; aus einem Wiegenlied, der Dichtung
-eines Dichters von heute mit dem klaren Erkennen
-von heute. Es waren nur einzelne abgerissne
-Klänge, und während sie ihnen lauschte, wußte sie
-schon nicht mehr, ob sie sie nicht nur weinte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<hr />
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»&mdash;&nbsp;Blinde, so gehn wir, und gehen allein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Keiner kann keinem Gefährte hier sein.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
- Schall nur, wie Windesweh'n, Wassergerinn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Worte &mdash; vielleicht eines Lebens Gewinn.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Keiner kann keinem ein Erbe hier sein&nbsp;&mdash;.«&nbsp;<span class="fss">*)</span></td></tr>
-</table>
-
-<p class="ci fss">*) Aus Richard Beer-Hofmann, Pan 1899.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die jungen Mädchen bemerkten gar nicht den
-Augenblick, wo Marianne das Zimmer verließ.</p>
-
-<p>Erst als es hastig im Vorflur schellte, und gleich
-darauf Stanjka hereinkam und Tamaras Besuch meldete,
-blickten sie sich erstaunt nach Ma um.</p>
-
-<p>»Eben war sie noch hier,« versicherte Cita, während
-Sophie den Gast hereinzog und unterhielt;
-»&mdash;&nbsp;Ma, hör doch! Tamara ist gekommen!«</p>
-
-<p>Marianne öffnete die Thür des Schlafzimmers,
-wo sie allein gesessen hatte. Sie ließ Tamara dort
-eintreten.</p>
-
-<p>Diese fiel ihr um den Hals.</p>
-
-<p>»Liebste Marianne Martinowna! Eben komm ich
-nach Hause, und Taraß erzählt mir&nbsp;&mdash;. Mein erster
-Gedanke: gleich hierher! Ich habe gar nicht erst
-abgelegt. &mdash;&nbsp;&mdash; Es ist allzu wichtig: natürlich muß
-die Sache gleich ins reine gebracht werden&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>»Wie gut bist du!« murmelte Marianne. »&mdash;&nbsp;Du
-weißt, daß Sophie zu Ostern&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Tamara nickte.</p>
-
-<p>»Sie sagte es mir soeben. Ja, ich dachte mir,
-daß so etwas der Grund sein würde. Wie könnten
-Sie sich von den Mädchen trennen, &mdash; wie können
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-die Mädchen Sie entbehren! &mdash;&nbsp;&mdash; So muß es denn
-sein, daß wir Sie aus unsrer Mitte verlieren.«</p>
-
-<p>Marianne erwiderte nichts darauf. Sie saß neben
-einem kleinen Tisch, worauf eine einzelne Kerze brannte,
-und blickte an Tamara vorüber.</p>
-
-<p>Tamara wurde sich erst jetzt dessen bewußt, daß
-irgend etwas an Marianne anders sei als sonst.
-Etwas so wunderlich Eingefrornes, Steifes.</p>
-
-<p>Sie hatte sich nahe zu ihr gesetzt und faßte jetzt
-unwillkürlich besorgt nach Mariannens Händen, die
-ruhig im Schoß lagen.</p>
-
-<p>Da sagte Marianne: »Weißt du, &mdash; halte mich
-nicht für die wetterwendischeste Person, die es gibt.
-Aber seit meinem Gespräch mit deinem Mann hab
-ich mirs anders überlegt. Ich halt es für unmöglich,
-fortzugehn.«</p>
-
-<p>Tamara sah sie erstaunt und ungläubig an.</p>
-
-<p>»Aber warum?!«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Diese ganze ungeheure Veränderung! Das
-schwierige Einleben dort. Wer weiß, ob wir alle drei
-es nicht später bereuen würden&nbsp;&mdash;. Es war eine erste
-Aufwallung, weißt du, aber &mdash;&nbsp;&mdash; die ist ganz vorüber.«</p>
-
-<p>Tamara schwieg. Wie sie Marianne so dasitzen
-sah, bei dieser einzelnen Kerze, auf dem Rohrstuhl,
-&mdash; da erschien sie ihr plötzlich wie eine Gefangene
-zwischen den Wänden des eignen Zimmers&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Hinter Ma, über dem Bett, hing die Totenmaske
-ihres Gatten, daneben, wie ein Schmerzensschrei,
-Vogelers Radierung: das greise Paar, das in den
-Frühling hinausblickt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Tamara sagte halblaut, tief betroffen: »Ach, Liebste,
-ich kann es nicht glauben. Wie &mdash; ja wie wollen
-Sie alle drei denn so ohne einander auskommen?
-Ist das nicht das Wichtigste&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Ma lächelte.</p>
-
-<p>»Ich denke, ganz gut. Weißt du, Tamara, eins
-muß man durchaus lernen, &mdash; merke du dirs auch:
-die Dinge nicht zu weit zu treiben. Die Gefühle sich
-nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Alles muß
-schließlich eine Grenze haben. Wenn man das gelernt
-hat, geht wirklich alles ganz leicht, &mdash; viel leichter.«</p>
-
-<p>Tamara stand auf.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Also ist es wirklich entschieden. Nun, ich weiß
-nicht, ob ich mich freuen darf. &mdash;&nbsp;&mdash; Ich muß jetzt
-nach Hause eilen, Taraß wartet auf mich. &mdash; Aber &mdash;
-sagten <em class="ge">Sie</em> diese Worte, Marianne Martinowna?
-Sie, die doch immer so ganz innig in ihrem Gefühl
-lebte, wie in einer großen unteilbaren Freude&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Marianne entgegnete rasch, mit plötzlicher Bitterkeit:
-»&mdash;&nbsp;Kein Freudenbecher, der nicht zum Leidenskelch
-wird, wenn man ihn bis zur Neige leert! Nein
-nein, kein einziger, &mdash; und vielleicht am wenigsten
-von allen das vielgepriesene Mutterglück.«</p>
-
-<p>Sie erhob sich, um Tamara hinauszugeleiten. Da
-begegnete sie deren still und ernst auf sie gerichteten
-Augen, und sie gedachte mit einemmal dessen, daß
-diese Augen ja eben jetzt in grenzenloser seliger Erwartung
-dem zukünftigen Mutterglück entgegenschauten&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sie dachte an Taraß und seine strahlende Freude
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-und an das kalte Zimmer mit den Tannen, der Korbwiege
-und dem Kinderspielzeug&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne umarmte die junge Frau plötzlich, aber
-ganz zaghaft, wie eine heimlich Geweihte, sie nahm
-ihre Hände zwischen die ihren, drückte sie an ihr Gesicht
-und murmelte hilflos: »&mdash;&nbsp;Verzeih mir, &mdash; ach
-verzeih! Hör nicht auf mich. &mdash;&nbsp;&mdash; Wie gut bist
-du doch. Hast da den weiten Weg in der Kälte gemacht&nbsp;&mdash;.
-Deck dich im Schlitten gut zu, hörst du&nbsp;&mdash;?
-&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Du mußt jetzt solche Wege vermeiden, &mdash; dich
-in acht nehmen&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Tamara wurde dunkelrot. Sie küßte Marianne
-herzhaft, mitten auf den Mund.</p>
-
-<p>»Ach,« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz
-hell von viel Glück, »ich weiß es ja, &mdash; ich wußt
-es ja: Sie sind doch noch ganz dieselbe, &mdash; unverändert
-dieselbe und werden es immer bleiben. &mdash;&nbsp;&mdash; Es
-genügte nicht, daß Sie mir Schulunterricht gaben und
-noch manchen andern, schönern Unterricht: ich hab
-es ja Ihnen allein abgeguckt, wie man eine gute
-Mutter wird, &mdash; so eine von Herrgotts Gnaden&nbsp;&mdash;.
-&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Und mein kleines Kind, das bring ich zu Ihnen,
-daß es hier heimisch werde von Anfang an, und es
-soll Großmutter sagen lernen von Anfang an&nbsp;&mdash;.«</p>
-
-<p>Marianne geleitete sie hinaus und ging nicht mehr
-ins Schlafzimmer zurück. Der Theetisch wurde schon
-gedeckt; wie immer saß sie beim Abendthee mit ihren
-beiden Mädchen zusammen und plauderte mit ihnen.</p>
-
-<p>Aber eine undenkliche Mühe kostete sie ein jedes
-Wort, das harmlos und heiter klingen sollte wie
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-immer&nbsp;&mdash;. Und während sie gleichgültige Dinge
-sprach, dachte sie immer denselben Gedanken: »Ist es
-im Grunde nicht wahr? Haben sie denn nicht recht?
-Sie lassen sich erfüllen von allem, was sie vorwärts
-bringen mag, ich aber, &mdash; habe ich nicht jahraus,
-jahrein nur ein paar immer gleiche Sorgen mit mir
-herumgetragen: tägliches Brot beschaffen, &mdash; Lektionen
-vorbereiten, &mdash; und wieder das tägliche Brot, und
-wieder die Lektionen&nbsp;&mdash;. Ich habe mich bemüht, es
-so gut zu machen, wie ich nur konnte: und da hat
-das Wenige genügt, &mdash; da haben diese anderthalb
-Gedanken schon genügt, &mdash; um alle Kraft aufzuzehren&nbsp;&mdash;.
-Oder hatte ich nicht genug Kraft&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;?«</p>
-
-<p>Und langsam sank die Bitterkeit von ihrer Seele,
-um nur einer tiefen, demütigenden Entmutigung den
-Platz zu lassen. Bitterkeit vermochte ihre Seele nicht
-lange zu ertragen: die Entmutigung nahm sie schweigend
-auf.</p>
-
-<p>Als die Mädchen sahen, daß die Mutter nicht
-recht heiter gestimmt war, schoben sie es auf die Ermüdung
-durch den anstrengenden Tag, und unwillkürlich
-suchten sie ihre eigne Fröhlichkeit etwas zu
-dämpfen, die sich mitunter allzuhell Luft machte.</p>
-
-<p>Marianne merkte es, und das Herz zog sich ihr
-zusammen. »Sie wagen nicht mehr, mir zu zeigen,
-wie glücklich sie über die Wendung der Dinge sind, &mdash;
-sie fürchten mich damit zu kränken, &mdash; sie verhalten
-es lieber vor mir, bis sie unter sich sind,« dachte sie.</p>
-
-<p>Und die kleinen Zärtlichkeiten ihrer Kinder thaten
-ihr nur weh. Sie fühlte etwas Nachsichtiges aus
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-allem heraus, &mdash; etwas Absichtliches. Nein, lieber
-noch wollte sie es sein, die sich vor ihnen verstellte,
-und mit ihnen froh sein.</p>
-
-<p>Aber sie konnte es nicht.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen beim Frühstückstisch wurde
-Cita doch trotz Mariannens Bemühungen stutzig. Sie
-meinte so genau zu wissen, daß die Mutter heute fast
-keine Lehrstunden mehr zu geben habe, und dabei
-schien sie sich doch so zu beeilen, um nur fortzukommen.</p>
-
-<p>Marianne behauptete sogar, sie könne noch nicht
-zum zweiten Frühstück zurück sein, sondern erst spät
-am Nachmittag, sie möchten nicht auf sie warten.</p>
-
-<p>Sophie machte ein pfiffiges Gesicht, offenbar hatte
-Ma heimliche Weihnachtsbesorgungen vor. Aber Cita
-blickte stumm und mit einem zweifelnden, besorgten
-Ausdruck vor sich nieder. Wohin ging die Mutter?
-Und warum sah sie dabei so gequält und müde aus?
-Ging sie vielleicht, um wieder mit Tomasow etwas
-zu besprechen? Und diesmal vielleicht etwas, womit
-sie ihren Kindern Leid anthat&nbsp;&mdash;? Ach, ginge sie
-doch nicht zu ihm!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Marianne atmete tief auf, als sie endlich auf der
-Straße stand.</p>
-
-<p>Langsam machte sie einen weiten Gang im klaren
-Winterwetter, dann raffte sie sich zu einem Besuch
-bei einer aus dem Schuldienst scheidenden Kollegin
-auf, von der sie sich erst in den Feiertagen hatte verabschieden
-wollen. So kam allmählich die Zeit für die
-einzige Stunde heran, die sie heute geben mußte.</p>
-
-<p>Dabei weilten ihre Gedanken zu Hause. Alle Räume
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-ihrer kleinen Wohnung durchschritt sie, aber, als sei
-ihr Blick verhext, erschienen sie ihr alle schon öde und
-leer. Sie erwog schon, wo, &mdash; in welchem Raum,
-an welchem Platz &mdash; sie wohl sitzen würde, so ganz
-allein&nbsp;&mdash;. Kleinigkeiten erwog sie angestrengt: ob man
-die hohen Blattpflanzen, ihre Lieblinge, nicht fortgeben
-sollte, da sie nicht auf ihre Pflege achten konnte,
-wenn sie so von Stunde zu Stunde lief&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne
-fast aus Zerstreutheit nach Hause gegangen.
-Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein, der
-sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer
-erhob, &mdash; als erwarte er sie da förmlich mit
-herausforderndem Hohn. &mdash;&nbsp;&mdash; Morgen war schon
-heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken
-müssen. Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen
-gern thun, obschon es ihnen ein bißchen lästig war,
-&mdash; sie selbst hielten nichts auf solche Kindereien&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt
-gewesen über ein sang- und klangloses Weihnachten!</p>
-
-<p>Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich
-an den gedeckten Frühstückstisch zwischen ihre beiden
-Kinder hinzusetzen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand
-Marianne auf der Straße im Winterwinde.</p>
-
-<p>Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die
-es so haßte, sich Tag für Tag draußen herumtreiben zu
-müssen, sie stand jetzt da, um den Ihrigen Lehrstunden
-vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-auf. Irgend ein Straßenflaneur beugte sich vor, um
-sie deutlicher zu sehen&nbsp;&mdash;. Es war mitten im Menschengetriebe
-unweit der Schmiedebrücke; Marianne
-durchquerte den Fahrdamm, um in eine der stillern
-Seitenstraßen einzubiegen, als sie zwischen den dahinhastenden
-Menschen Tomasows Gestalt erkannte.</p>
-
-<p>Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten.
-Als er Marianne auf sich zukommen sah, verabschiedete
-er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut entgegen.</p>
-
-<p>Leise schob sie ihren Arm in den seinen.</p>
-
-<p>»Danke!« sagte er lächelnd. »&mdash;&nbsp;Offenbar auf
-Weihnachtswegen?«</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Nein. Ich bin todmüde. Ich möchte irgendwo
-eintreten, wo ich etwas essen könnte.«</p>
-
-<p>»Sie wollen nicht erst den langen Weg nach Haus?«
-Er besann sich. »Gehen wir zu Philippow? Oder
-ziehen Sie ein Restaurant vor?«</p>
-
-<p>»Keins von beiden. Ueberall könnten Bekannte
-sein. Ich möchte dort in der Seitenstraße in eine
-der kleinen billigen Theebuden, wo kein Mensch hinkommt.«</p>
-
-<p>Sie suchte ihn die paar Schritt weit hinzulenken.</p>
-
-<p>»Aber, Ma! Da geht man mit einer Dame
-nicht hin.«</p>
-
-<p>Marianne ließ geschwind seinen Arm los.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Dann lassen Sie mich allein hingehen &mdash;
-Ich nahm wirklich zu dem Zweck Ihre Begleitung
-an,« sagte sie und blickte aus so sonderbar müden
-Augen auf ihn, daß er sofort nachgab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-Er zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Nun es sei, also wie Sie wünschen,« meinte er
-zögernd und führte sie dem kleinen Lokal zu, das mit
-einem breiten grellblauen Schild zum Eintritt lud.
-»Schließlich ist es eine warme Ecke, wie eine andre,
-wenn sie auch ein bißchen tief im Erdgeschoß drin
-liegt.«</p>
-
-<p>Im Innern der Theestube hingen blendend saubere
-Leinwandvorhänge an den niedrigen, fast quadratischen
-Fensterchen, und auch das weiße Holz der
-simpeln Einrichtung sah so weiß und sauber aus, als
-müsse es Seifengeruch ausströmen. Im ersten Raum
-dampften ein paar mächtige blanke Kupfersamoware
-auf dem Schenktisch, und an den Wänden lagen bis
-hoch hinauf unendlich viele Schwarzbrote aufgestapelt.</p>
-
-<p>Doch gab es auf Wunsch auch helles Gebäck, sowie
-die volkstümlichen Pastetchen mit Grützfüllung,
-und Tomasow bestellte davon, dessen sicher, sie vorzüglich
-bereitet zu finden. Der bedienende Gehilfe im
-weißen Leinwandkittel und hohen, dermaßen glänzend
-gewichsten Kniestiefeln, daß man sich in ihnen beinahe
-hätte spiegeln können, brachte das Verlangte in
-den schmalen Nebenraum, wo Marianne schon im
-Hintergrunde an einem der länglichen ungestrichenen
-Holztische saß.</p>
-
-<p>Nur zwei Frauen aus dem Kleinbürgerstande, mit
-bunten Kopftüchern und kurzen Schaffellpelzen, tranken
-beim Fenster ihren Thee, wobei sie die gefüllte Untertasse
-auf den gespreizten Fingern der rechten Hand
-balancierten; schweigend, mit einer gewissen Feierlichkeit
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-und ohne um sich zu sehen, nahmen sie einen
-heißen Schluck um den andern.</p>
-
-<p>»Hier ist es gut!« sagte Marianne.</p>
-
-<p>Sie sah abgespannt aus, und dabei brannte ihr
-das Gesicht vom Winde. Die Hitze, die der mächtige
-Kachelofen im geschlossnen Zimmerchen ausströmte,
-machte es noch fühlbarer.</p>
-
-<p>Marianne empfand wirklichen Hunger, er war
-ganz plötzlich und fast mit Gier erwacht, als sie beim
-Eintreten das viele ringsum an den Wandborten aufgeschichtete
-Brot sah. Aber wie nun ihr Frühstück
-vor ihr stand, vermochte sie ebenso plötzlich nichts mehr
-zu essen.</p>
-
-<p>Sie bückte sich über ihr Theeglas, aus dem dicht
-vor ihrem Gesicht der Dampf in die Höhe stieg, und
-folgte mit dem Blick gedankenlos seinen Windungen.
-Dieses Gefühl von sich nachgebender Schwäche war
-merkwürdig angenehm.</p>
-
-<p>Tomasow betrachtete sie aufmerksam.</p>
-
-<p>»Sie gefallen mir ganz und gar nicht!« äußerte
-er; »aber eigentlich hätt ich mir das ja schon vorgestern
-selbst voraussagen können&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Marianne hob verwundert den Kopf.</p>
-
-<p>»Was denn&nbsp;&mdash;?« fragte sie zerstreut.</p>
-
-<p>»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten,
-&mdash; daß die Stimmung zunächst sinken würde&nbsp;&mdash;.
-Sie haben sich seelisch bis zum äußersten anspannen
-müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.«</p>
-
-<p>Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum.
-Ihr fiel ein, daß Tomasow ja so gar nichts vom
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts von der
-heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte
-erscheinen lassen, &mdash; noch auch von der großen Bitterkeit
-hinterher.</p>
-
-<p>Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er
-nicht vollen Bescheid wußte und dementsprechend urteilte.
-Aber nur nicht davon erzählen! Sogar ihm
-nichts! Was konnt es denn helfen?</p>
-
-<p>Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher
-zu Marianne hinwendend, mit dem Rücken gegen das
-Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne, jetzt
-ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit
-geben&nbsp;&mdash;. Vollmacht, Sie ganz anders
-als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen, abzulenken,
-zu beaufsichtigen, &mdash; kurz: um Sie zu sein&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre
-Kümmernisse klangen sie aus solcher Ferne herein,
-daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen vermutete.</p>
-
-<p>»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur
-freundlich.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Gut&nbsp;&mdash;?! Nein, Marianne, mit meinem
-Gutsein hört es nun auf. Glauben Sie nur, es ist
-mir nicht immer leicht gefallen &rsaquo;gut&lsaquo; gegen Sie zu
-sein, Ihr guter Freund zu sein &mdash; alle die Jahre.
-Jetzt aber, wo Sie allein bleiben, wo sich Ihre Töchter
-ihr eignes Leben bauen, da will ich ein andres
-Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben
-aufzubauen &mdash; Ihnen und mir.«</p>
-
-<p>Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-bestimmt, und in seiner Stimme vibrierte tief gedämpft
-ein Ton, den er Marianne gegenüber noch nie angeschlagen
-hatte.</p>
-
-<p>Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick
-streifte Tomasow wie erwachend und noch verständnislos
-erstaunt; als sie jedoch dabei seinen fest auf
-sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung.</p>
-
-<p>Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von
-mir, daß ich Sie so überfalle, Ma&nbsp;&mdash;. Aber es hilft
-nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin ich mit
-Ihnen tausendmal weniger allein als hier, &mdash; und im
-nächsten Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und
-gewappnet da, &mdash; in jeden Arm hineingeschmiegt
-eins Ihrer Kinder. &mdash;&nbsp;&mdash; Sie sollen mir auch nicht
-antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst
-morgen nicht, wenn Sie wollen. Nur wissen, &mdash;
-wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich allein
-dastehn werden, wie Sie wohl glauben, &mdash;&nbsp;&mdash; weil
-ich Sie mir nunmehr nehme&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren
-Wangen hatte sich vertieft, als ob sie wieder den
-Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich
-innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos
-sagen mußte, &mdash; sie nahm sich vor, den Kopf zu
-heben und ihn einfach zu bitten, &mdash; ja, zu bitten, er
-möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie
-»gut« sein&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort
-erwarte, beugte sie den Kopf nur noch tiefer,
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung
-erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte.</p>
-
-<p>Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam,
-unvermutet und betäubend eine wunderseltsame
-Gemütswallung in ihr auf&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Und machte sie
-zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows
-meiden, wie wenn eine geheime Sehnsucht etwas
-ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt
-gewordenen Gedanken in ihr.</p>
-
-<p>&mdash;&nbsp;&mdash; Es war grade, als risse Tomasow mit
-ein paar gewaltsamen Griffen den Vorhang von irgend
-einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich
-bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie
-davon&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt
-zu sein und wußte doch auf einmal: nur ganz
-durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen, und immer
-da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell,
-zu neuem, verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich
-plötzlich vor ihrem Auge Bild auf Bild daraus.
-Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow
-sah sie vor sich, &mdash; oft unterbrochen durch Monate
-und weit länger, oft einander rascher folgend in feinen,
-unmerklichen Sensationen, &mdash; auf die sie mit dem
-Finger hätte weisen können: da &mdash; und da &mdash; und da,
-&mdash; ja, war sie da seinen Wünschen nicht, ohne es zu
-wissen, ganz nah gewesen, &mdash; ganz nah einem weiblichen,
-eignen Glücksverlangen&nbsp;&mdash;?</p>
-
-<p>Marianne saß regungslos und noch immer im
-Bann der leichten Mattigkeit, die sie heute umfing.
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu
-sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung,
-die Macht über sie gewann. Sie fühlte
-sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt wird
-und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen
-kommt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein
-Blick ruhte immer wieder auf Marianne und mochte
-ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging.</p>
-
-<p>Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie
-einander auch nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen
-eine Verwandlung ihres gegenseitigen Verhältnisses
-ein: das nahm er mit allen Nerven wahr. Und auch
-er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort
-entführte&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine
-Augen bekamen einen eigentümlichen starken Glanz.</p>
-
-<p>Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein
-einziges Mal ging draußen im Vorraum kreischend die
-Außenthür, ein paar schwere Tritte, kurze Frage und
-Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still.</p>
-
-<p>Die beiden Frauen am Fenster hatten sich erhoben,
-rückten ihre Kopftücher zurecht und gingen auf knarrenden
-Schuhen mit wortlosem Gruß hinaus.</p>
-
-<p>Da blickte Marianne auf, fast verstört. Unmittelbar
-darauf erhob sie sich schon. Die dumpfe, schwere
-Ofenluft benahm ihr den Atem.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Sie wollen gehn?« fragte Tomasow und
-half ihr in den Pelz. »&mdash;&nbsp;Wollen Sie nichts weiter
-genießen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-Marianne schüttelte stumm den Kopf. Sie schien
-zu meinen: jetzt an die freie Luft draußen gelangen,
-das hieße zugleich, den ganzen Bann und Druck
-abschütteln. Diese heiße Stubenschwüle war allein
-schuld&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Tomasow zahlte, und sie entfernten sich. Der
-Ostwind blies ihnen auf der Straße scharf, förmlich
-wehethuend entgegen, er weckte fast ein Gefühl unwillkürlichen
-Sichbergenwollens.</p>
-
-<p>»Wohin nun?« fragte Tomasow, »muß es schon
-heimwärts gehn?«</p>
-
-<p>Marianne nickte zögernd.</p>
-
-<p>»Den Kreml durchqueren,« meinte sie, »das ist
-wohl der nächste Weg.«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Und wärs auch nicht der nächste! Denn
-allzu kurz darf er nicht geraten,« bemerkte er lächelnd.</p>
-
-<p>Beim Ueberschreiten des Fahrdamms, zwischen den
-durcheinander sausenden Schlittengespannen, hatte er
-Marianne den Arm gegeben und führte sie mit
-der sichern Haltung dessen, bei dem sie sich von nun
-an bergen sollte. Oder empfand nur sie es so, als
-ob alles um eine Nuance verändert sei, als ob in
-allem schon eine stillschweigend anerkannte Zueinandergehörigkeit
-betont liege&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe
-zu reden, da traten sie schon in das Erlöserthor ein,
-das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke mäßigten
-den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und
-Tomasow, der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in
-der um sie eingetretenen Stille nicht recht weitersprechen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus,
-vorüber an den Kathedralen und dem alten Facettenpalast.
-Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine Zeichnung
-von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl«
-ein, &mdash; ja, so hätte er um Ma freien mögen:
-inmitten der Pracht der alten Palasträume, der niedrigen
-Wölbungen russischer Terems, als der alten
-Fürsten einer&nbsp;&mdash;. Und er dachte zurück: noch sein
-Großvater hatte sich seine Bäuerin vom Feld in die
-Hütte geführt, und die geschmückten Dorfmädchen tanzten
-zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast
-das gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der
-Fürst, der Herr vor seinem Weibe, das von ihm sein
-Leben empfing.</p>
-
-<p>Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob
-sich der Uspenski-Dom in der energischen Schlichtheit
-seiner männlich gedrungenen Architektur, die grauen
-Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne
-andern Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten
-Bilder unter dem dunkeln Bleidach über dem Thor. Und
-davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt, in festlicher
-Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die
-Vielkuppelige, die aussieht, als bildete die Gliederung
-ihrer Mauern nur eben soviele Vorwände, um eine
-stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich emporzuhalten.
-Wie Weib und Mann standen die beiden
-in Tomasows Phantasie zusammen, die überall Symbole
-dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt war.</p>
-
-<p>Den Kopf gesenkt, ging Marianne neben ihm, ihren
-Blick immer auf den flimmernden Schnee am Boden
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-gerichtet, wie wenn sie mit geblendeten Augen was
-ablese von dem weißen Geglitzer mit seinen bläulichen
-huschenden Schatten und Lichtern.</p>
-
-<p>Ihre Hand ruhte im Arm Tomasows; ein wenig
-zu ihr vorgebeugt, unterhielt er nun Marianne mit
-halber Stimme. Unruhevoll schweiften ihre Gedanken
-um das, was er zu ihr sprach. Kaum vermochte sie
-es aufzunehmen in den einzelnen Sätzen, in den verhaltenen
-Worten, so stark wirkte es seiner Grundbedeutung
-nach auf sie&nbsp;&mdash;. Ihr ward beklommen
-wie in der kleinen dumpfen Gaststube vorhin; die
-Schwüle blieb&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Führte er sie nicht hinauf auf einen Berg und
-zeigte ihr der Welt Herrlichkeit, &mdash; jene Herrlichkeit,
-die man zu eignem Genießen haben kann, in der
-man sich selbst leben kann, sich sättigen in allem Angenehmen
-und Erfreulichen des Daseins? Führte er
-sie nicht hinweg aus der Alltagsniederung mit ihrer
-einseitigen, bittern Mühsal, mit den armseligen paar
-Aufgaben, die ihre Kraft aufgesaugt, sie gedemütigt
-und unfähig gemacht hatten zu eigner, breiterer
-Entfaltung? &mdash;&nbsp;&mdash; Und wieder schaute sie bei Tomasows
-Worten wie in lockende Weiten, in eine Landschaft
-hinein, seltsam fremd, seltsam vertraut, in der
-sie sollte ausruhen dürfen an labendem Glück, sich
-gehn lassen in süßer Ermattung, &mdash; und seine Stimme
-verhieß ihr fort und fort: wolle nur, und all dies
-ist dein&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sie überschritten grade den Platz, als ein erster
-tiefer Glockenklang mit überwältigender Gewalt die
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Luft durchhallte. Unmittelbar darauf setzte das Geläute
-von mehreren großen Glocken ein. Es that den
-Menschen kund, daß die Feierzeit nahe, daß sie das
-Werkzeug niederlegen möchten und die Seele öffnen,
-auf daß auch sie feiere.</p>
-
-<p>Und in Mariannens Seele wiederhallte es in einer
-lauten Bejahung: sie sehnte sich, zu feiern&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Aber gleichzeitig klangen mit den Glockenklängen
-ganz andre Stimmungen als zuvor in ihr an, sie
-kam heim von ihren ungewiß schweifenden Träumereien,
-zurück in die Gegenwart ihres wirklichen
-Lebens, und &mdash; wie zwei, die sie gewaltsam hatte
-vergessen wollen, &mdash; schauten ihr die Gesichter ihrer
-beiden Kinder fragend daraus entgegen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Fragend, &mdash; so wie heute morgen: Sophiens Gesicht
-dabei ein wenig verschmitzt, voll pfiffiger Erwartung,
-beinahe wie sie auch als kleines Kind ausgesehen
-hatte, wenn die Heimlichkeiten um Weihnachten
-begannen. Citas Augen fragten nicht mehr kindlich:
-bringst du mir auch was Schönes mit? Sie hatte
-sorgenvoll vor sich hingeblickt, &mdash; zweifelnd fast, &mdash;
-sie war beunruhigt durch das Benehmen der Mutter.
-Und wenn sie jetzt erfuhr, &mdash; Cita&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mariannens Herz that plötzlich einen starken,
-harten Schlag. Sie blieb stehn, wie atemlos: wenn
-Cita erfuhr &mdash; und auch Sophie&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;, sie sah mit
-einem Schlage die beiden Gesichter verwandelt, bestürzt,
-ungläubig&nbsp;&mdash;, sie fühlte mit unwiderleglicher
-Deutlichkeit: dann erst entfremdeten sich ihr die
-Kinder ganz&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-Alles Entfremden bisher bedeutete, dagegen gehalten,
-noch wenig, &mdash; wie weh es auch thun mochte,
-es mußte machtlos bleiben, solange die Mutter selbst
-nur ihren Mädchen dieselbe blieb. Auch wenn sie
-Tausende von Meilen weit fort von ihr gingen: sie
-entfernten sich weniger weit, als durch einen einzigen
-Schritt, den sie selber fort von ihnen that.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Die Kinder&nbsp;&mdash;!« sagte Marianne unwillkürlich,
-mitten in Tomasows Worte hinein, und sie
-hob zum erstenmal den Blick zu ihm, &mdash; ratlos, hilfeheischend.
-War er doch da, ging er doch neben ihr, &mdash;
-er, der immer alles entschieden, bei allem helfend eingegriffen
-hatte.</p>
-
-<p>Voll Zuversicht schaute sie zu ihm auf.</p>
-
-<p>»Was ist denn mit den Kindern?« fragte er
-etwas brüsk, aus der Stimmung gerissen; seine Augen
-begegneten den ihren mit eigentümlichem, flackerndem
-Leuchten, »&mdash;&nbsp;es handelt sich jetzt doch gar nicht um
-die Kinder.«</p>
-
-<p>Mariannens Blick glitt rasch, betroffen von ihm
-ab. Wer half ihr von nun an in allen Fragen und
-Kämpfen? Er nicht mehr! Er half ihr nicht mehr
-gegen ihre eignen Schwächen. Bisher konnte er sich
-ihr so geben, wie sie ihn brauchte, um sich als Mensch
-hoch und höher emporzuringen. Jetzt, ohne alle
-Zurückhaltung, brauchte er sie selbst, brauchte sie ohne
-die Kinder. Wie weit, &mdash; weit standen ihm da ihre
-Herzenssorgen&nbsp;&mdash;!</p>
-
-<p>Irgend etwas in Marianne, irgend ein eben erst
-entfachtes, eben erst wiedererwachtes Sehnen des
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-Weibes in ihr verschüttete sich wieder und wollte
-zagend erlöschen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Tomasow fühlte sofort, daß er einen Fehler begangen
-habe.</p>
-
-<p>»Alles hat seine Zeit!« sagte er schnell und bestimmt.
-»Auch die Kinder haben ihre Zeit gehabt,
-wo Sie sich ihnen ausschließlich widmeten. Nun ist
-es endlich Zeit geworden, in diesem Punkt vernünftig
-umzulernen. Schließlich muß man eben wählen, ob
-man einander leben will und dem Glück, oder ob
-man von ihrem unreifen Willen abhängen will.«</p>
-
-<p>Und mit größerer Dringlichkeit als vorher sprach
-er auf sie ein, indessen sie weitergingen im hallenden
-Glockengeläut, vorbei an den weißgoldenen Mauern
-der zahllosen Kirchen und Kathedralen. Und je länger
-er redete, desto mehr wurde es eine Apotheose des
-sorglosen Feierns und Genießens, wozu er sie einlud.
-Er suchte alles hervor, was er ihr schenken könnte,
-und alles ward immer wieder Genuß und Fest. Aber
-Mariannens Hand lag nur ganz leicht in seinem Arm,
-sie stützte sich nicht mehr auf ihn, sie sah unruhig
-aus, und aus ihrem Gesicht war die gläubige Zuversicht
-geschwunden.</p>
-
-<p>Und Tomasow überfiel plötzlich eine zornige, bittere
-Ungeduld wider alles, was er da selbst zu Marianne
-sprach. Alle die Worte von Glück und Freude erschienen
-ihm unwahr und schal. Er begriff plötzlich,
-daß er, an Mariannens Seite, doch immer nach einem
-suchen würde, nach eben dieser emporschauenden Zuversicht,
-nach eben dieser gläubigen Anlehnung an ihn,
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-als an einen Stärkern, Ueberlegenen, &mdash; an den
-Herrn. Glück mit ihr genießen, das konnte nur heißen:
-ihr im Leben selber so hoch und stark als Mensch
-überlegen sein, wie er ihrs in einzelnen Stunden
-durch Verstand und Rat gewesen war&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Tomasow verstummte.</p>
-
-<p>Und Marianne merkte es kaum. Wie sie so an
-seinem Arm hinging, schienen ihr jetzt die Glocken
-über ihr mit den weithin hallenden Feierklängen nicht
-mehr dieselbe Sprache zu sprechen, wie die dringliche
-Stimme dicht an ihrem Ohr, &mdash; aus einer andern
-Welt schienen sie zu reden, als dies halblaute überredende
-Raunen von Feiertagsglück und abgeworfenen
-Sorgen&nbsp;&mdash;. Und immer mächtiger wurden die Glockenklänge
-und immer verhaltener die zuredende Stimme,
-und endlich vernahm sie nur noch Glocken, &mdash; Glocken
-allein&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Leben Sie wohl, Ma!« hörte sie unvermittelt
-Tomasow sagen, der stehn blieb. »Ich habe Ihre
-Antwort schon, noch ehe Sie eine Antwort in Worten
-gefunden haben. Und lassen Sie mich bekennen: Sie
-haben recht&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Tomasow,« fiel Marianne tief bewegt ein,
-»&mdash;&nbsp;warum wollen Sie so&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;! &mdash;&nbsp;Sie sind immer
-und immer mein bester, einziger, liebster Freund&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Gewesen!« ergänzte er rasch mit einem unmerklichen
-Lächeln, und dann, sich umsehend, trat er zur
-Seite. Es kam jemand von hinten her an ihnen vorbei
-und zog grüßend den Hut.</p>
-
-<p>Hugo Lanz war es, der desselben Weges ging
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-und Marianne hocherfreut begrüßte. Marianne mußte
-ihn Tomasow vorstellen.</p>
-
-<p>»Ich eilte grade zu Ihnen, gnädige Frau,« bemerkte
-Hugo Lanz, »um Ihnen eine für mich freudige
-Nachricht mitzuteilen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Das trifft sich in der That gut,« meinte Tomasow
-etwas heiser, »daß ich mithin die gnädige Frau
-in Ihrer Begleitung lassen kann. Mein Weg führt
-hier leider nach andrer Richtung.«</p>
-
-<p>Marianne reichte Tomasow die Hand, zögernd,
-fast zitternd.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Aber doch auf Wiedersehen sehr bald&nbsp;&mdash;?«
-fragte sie mit nicht ganz beherrschter Stimme.</p>
-
-<p>»Gewiß, gnädige Frau: sobald sich einmal gute
-Bekannte bei Ihnen versammeln, dann gestatten Sie
-mir vielleicht, auch dabei zu sein,« entgegnete er mit
-leichter Betonung dieser Antwort, beugte sich über
-ihre Hand, grüßte Hugo Lanz und entfernte sich, in
-die nächste Straße einbiegend.</p>
-
-<p>Marianne ging statt vorwärts wieder zurück,
-ohne recht zu wissen und zu sehen, wo sie ging. Ein
-Angstgefühl umklammerte sie dumpf: sie konnte nicht
-fassen, daß das ein Abschied für das Leben gewesen
-war.</p>
-
-<p>Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, um sich
-Hugo Lanz zuzuwenden, dessen offnes Gesicht von
-Freude geleuchtet hatte, der aber jetzt ernst und still
-aussah, weil er sie so seltsam ernst vor sich hin
-gehn sah.</p>
-
-<p>Er erzählte dennoch froh: »Soeben erst hab ich
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-die Erlaubnis ausgewirkt, den nächsten Winter noch
-ganz frei zu bleiben, &mdash; und ich werde ihn hier zubringen.
-Meine Verwandten haben mich aufgefordert,
-bei ihnen zu wohnen. Und schon die Aussicht, Sie
-und Ihre Familie besuchen zu dürfen&nbsp;&mdash;«</p>
-
-<p>»Das freut mich innig,« bemerkte Marianne leise,
-»doch werden Sie im nächsten Winter nur noch mich
-wiederfinden, &mdash; nicht mehr meine Töchter. Auch
-Sophie geht fort, folgt der Schwester ins Ausland.«</p>
-
-<p>Hugo Lanz blickte Marianne mit aufrichtigem
-Schreck ins Gesicht. Die kleine Familienscene, der er
-beigewohnt hatte, stand vor ihm, Mariannens strahlendes
-Glück zwischen ihren Kindern, &mdash; auch dessen,
-was ihm Sophie mitgeteilt hatte, entsann er sich.</p>
-
-<p>»&mdash;&nbsp;Ganz allein bleiben Sie&nbsp;&mdash;?« entfuhr es
-ihm voll Mitleid und in unwillkürlichem Unwillen.</p>
-
-<p>Marianne wiederholte mechanisch: »&mdash;&nbsp;Allein&nbsp;&mdash;,«
-und sie nickte bejahend. Aber das dumpfe Angstgefühl
-in ihr verstärkte sich dabei, als risse es sie
-mit jedem Schritt gewaltsamer hinein in etwas Endloses,
-Grenzenloses, &mdash; wie in eine leere, gähnende
-Unermeßlichkeit, wo ihre Kinder und der Freund und
-alles, was ihr lieb gewesen war, alles Warme, alles
-Trostvolle, alles Hilfreiche, weiter und immer weiter
-zurückwich, &mdash; unerkenntlich geworden schon, &mdash; unaufhaltsam,
-unerreichbar&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Und mit dunkelm Grauen stieg in ihrer Seele
-eine Erinnerung auf an abgrundtiefe Einsamkeit, aus
-der sie doch nur die Hand des Freundes und der Blick
-ihrer Kinder gerettet hatte, &mdash; und sie fühlte, daß
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-das dunkle Grauen nahe und näher über ihrer Seele
-zusammenschlug, &mdash; als würde sie unbarmherzig dahinein
-gestoßen von derselben Hand, von denselben
-Blicken, die sie einst rettend festhielten, &mdash; und als
-fände sie diesmal nie mehr, &mdash; nie mehr hinaus&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Marianne nahm nichts mehr deutlich wahr, die
-Dinge ringsum schienen ihr langsam zu entschwinden,
-sich in sich selbst aufzutrinken, unterzugehn in einem
-chaotischen Nebel. Einförmig nur und erschütternd
-laut hallten fort und fort die Glocken über ihr, &mdash;
-hallten um sie, &mdash; hallten in ihr, &mdash; begruben sie
-wie unter einem Mantel von dröhnenden, besinnungraubenden
-Tonwellen, &mdash; ließen alles an ihr erbeben
-unter der Gewalt des einen unerbittlichen Klanges, &mdash;
-drangen auf ihre zitternde Schwäche ein, wie mit
-läutenden Unendlichkeiten&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Marianne war, einer Ohnmacht nahe, stehn geblieben
-und rang nach Atem.</p>
-
-<p>Sie standen wieder dicht vor der Verkündigungskirche,
-an den Stufen, über denen sich die Eingangspforte
-erhebt. Hugo Lanz hatte einen Arm um Marianne
-gelegt und führte sie, sie vorsichtig stützend,
-hinauf bis in den Seitengang, wo längs den Fensterchen
-von gewelltem Glas eine Bank stand.</p>
-
-<p>Dort ließ er Marianne niedersitzen und neigte
-sich, neben ihr stehn bleibend, mit besorgter Frage
-zu ihr.</p>
-
-<p>Aber sie achtete nicht auf das, was er flüsternd
-fragte. Dicht vor ihr öffnete sich das blausilberne
-Portal in den innern Kirchenraum, auf der Seite, wo
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-sie eben hereingetreten waren, blickte von der Thür ein
-großes dunkles Christusbild zu ihr nieder, die Züge
-kaum kenntlich, ein schwarzer Fleck, umhüllt und umkleidet
-von unendlichem Goldglanz. Sie starrte darauf
-hin, bis sie vor Thränen nichts mehr sah. Rätsel
-hinter Gold&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Aber leise und wohlthuend legte sich die Dämmerung
-dieser Kirchenwände wie schützend um sie.
-Kaum glichen sie Wänden, bedeckt mit alten nachgedunkelten
-Malereien wie reiche alte Stoffe, sich
-niedrig wölbend und wellend, wie ein ungeheurer
-Mantel, der sich in schweren weichen Falten um den
-Betenden legt, ihn sanft bergend vor der Außenwelt&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Sie hob beide Hände vor das Gesicht und beugte
-sich tief vor, ohne ein Wort zu sprechen. Schweigend
-verharrte sie lange so.</p>
-
-<p>Hier und da kamen von draußen Menschen vorüber,
-meistens Leute aus dem Volk; leise auftretend
-mit ihrem groben Schuhwerk, schritten sie tiefer hinein
-in das Schiff der Kirche, das in feierlicher Dämmerung
-vor ihnen dalag, nur an wenigen Punkten
-schwach erhellt von vereinzelten Wachskerzen, die daraus
-hervorblinkten.</p>
-
-<p>Hugo Lanz stand neben Marianne, an ihre Bank
-gelehnt, und blickte auf sie nieder. Er wußte nicht,
-was in ihr vorgehn mochte, aber daß in dieser Stille
-etwas Erschütterndes in ihrer Seele zum Austrag
-kam, das mußte er wohl fühlen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;. Und wenn
-er einst zu ihr gekommen war im drängenden Verlangen,
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-an ihrer warmen Mütterlichkeit getrost und
-froh zu werden wie ein Kind, so wuchs jetzt eine
-Sehnsucht in ihm empor, &mdash; groß, wie er sie nie gekannt
-hatte, &mdash; stark zu werden und kraftvoll, ein
-Mann, um beschützen und behüten zu dürfen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Er stand da und horchte stumm auf das Geläute
-der Glocken, &mdash; auf den seltsam packenden Klang
-dieser russischen Glocken, die sich weigern, sich mit ihren
-Klängen mitzuwiegen, und ehern feststehn, daß der
-Klöppel in ihnen anschlägt wie ein weithin tönender
-Befehl&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Da ließ Marianne die Hände von ihrem Gesicht
-sinken und erhob sich ganz langsam. Hugo Lanz
-machte eine Bewegung zu ihr hin, aber die Andacht
-in ihren Augen und in ihrer ganzen Haltung bannte
-ihn. Es war wie eine unsichtbare Einsamkeit und
-Hoheit um sie, die er nicht zu entweihen wagte. Und
-unwillkürlich trat er zur Seite.</p>
-
-<p>Einen Augenblick lang stand Marianne da, sich besinnend,
-fast schüchtern, mit einer sanften Neigung des
-Kopfes, die etwas Rührendes für ihn hatte, etwas von
-unaussprechlicher Ergebung. Aber auf ihren Zügen lag
-ein ruhiger Glanz, alle Angst war von ihnen gewichen.</p>
-
-<p>Sie machte eine Wendung, um aus dem Portal
-hinauszutreten, ohne ihren Begleiter zu bemerken. In
-diesen Minuten hatte sie auch ihn vergessen. Er
-schaute ihr nach, und unwiderleglich kam ihm das
-Gefühl: &mdash; als ginge sie gar nicht allein&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Ein paar Schritte hinter ihr trat er hinaus auf
-den Platz.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Unten in der Stadt, die dem Kreml zu Füßen
-lag, blinkten eben die ersten Lichter auf. Schon war
-es nicht mehr ganz hell. Weißlicher Winternebel zog
-sich in der Ferne über die Ufer des Flusses. Fest
-um den Kreml geschmiegt, standen die Häuser da, rot
-und blau und grün an Dächern oder Mauerwerk,
-und erwarteten nach des Tages Treiben das Dunkel,
-durch das das siegende Gold der zahllosen Kuppeln
-hindurchschien wie eine ewige Leuchte, die nicht mit
-dem Tage erlischt.</p>
-
-<p>Ein unerhörtes Abendrot stand über Moskau. Und
-die Buntheit der Farben ringsum nahm auch noch
-den schwächsten Abglanz davon, nahm auch den leisesten
-Funken so innig auf, hielt sich ihm an der Oberfläche
-aller Dinge als ein so williges Gefäß entgegen,
-daß es fast wirkte wie ein Lobgesang, der emporstieg
-von der Erde zum erglühenden Himmel. Eine
-Stimmung wie ein Ausgleich zwischen Freude und
-Gebet lag über dem Ganzen. Die paar Wolken, die
-inmitten der Bläue des Himmels zögernd dunkelten,
-zogen sich, lichtdurchschossen, langsam zu breitschimmernden
-Goldbändern auseinander&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Da ging ein flüchtiger Regenschauer nieder, warm
-und ganz kurz, wie ein Thränensturz.</p>
-
-<p>Hugo Lanz blieb stehn und schaute hinab, dorthin
-wo Mas feine ruhige Gestalt im Abstieg zu den Anlagen
-sichtbar blieb.</p>
-
-<p>Wie klein und unscheinbar verschwand sie dort
-zwischen den Bäumen. Und ihm schien doch alles
-ringsum sie allein zu feiern und zu umstrahlen&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Denn in ihm arbeitete sich irgend ein Bild mit
-mächtiger Gewalt zu künstlerischer Klarheit hindurch,
-&mdash; ein Bild, in dem er Ma vor sich sah, &mdash; ein
-Bild, in dem ihr Glück lebte und ihr Vereinsamen,
-und ihr Weh, und ihr Sieg, &mdash; ein Bild, in dem
-geheimnisvoll lebte, was in diesem Augenblick in ihr
-selbst wohl nur in dunkeln Ahnungen rang&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;.</p>
-
-<p>Und es kam ihm vor, als stünde er angesichts
-eines großen Schauspiels, um deswillen man das
-Leben fürchten und lieben lernen mag. Und das den
-Schauenden, dem es seine Heimlichkeit enthüllt, zum
-Kinde werden lassen mag, und zum Manne, &mdash; und
-zum Dichter.</p>
-
-<p>&mdash; Ganz benommen und wie sich selbst entrückt,
-blickte er hinab von der Kremlhöhe in die Tiefe der
-Stadt.</p>
-
-<p>So sah er Ma schweigend, still niedersteigen unter
-dem verhallenden Geläute der Glocken, &mdash; einen von
-oben in die Wohnungen der Menschen entsendeten
-guten Geist.</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p202i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2>J.&nbsp;G.&nbsp;Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G.&nbsp;m.&nbsp;b.&nbsp;H. in Stuttgart.</h2>
-
-
-<p class="ce">Die nachstehend verzeichneten Romane und Novellen sind auch
-elegant in Leinwand gebunden zu beziehen.</p>
-
-<p class="ce fsl">Preis für den Einband 1&nbsp;Mark.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Andreas-Salomé</em>, Lou, Ruth. <span class="fss">Erzählung. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">&nbsp;Geheftet&nbsp;</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Aus fremder Seele. <span class="fss">Eine Spätherbstgeschichte. 2.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Fenitschka. Eine Ausschweifung. <span class="fss">Zwei Erzählungen.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Menschenkinder. <span class="fss">Novellencyklus.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Ma. <span class="fss">Ein Porträt.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Anzengruber</em>, Ludw., Wolken und Sunn'schein. <span class="fss">2.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Arminius</em>, Wilhelm, Der Weg zur Erkenntnis. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Yorks Offiziere. <span class="fss">Historischer Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Bobertag</em>, Bianca, Moderne Jugend. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Bourget</em>, Paul, Das gelobte Land. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Boy-Ed</em>, Ida, Die Lampe der Psyche. <span class="fss">Roman. 2.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Um Helena. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Bülow</em>, Frieda&nbsp;v., Kara. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Burckhard</em>, Max, Simon Thums. <span class="fss">2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Busse</em>, Carl, Die Schüler von Polajewo. <span class="fss">Novellen.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Ebner-Eschenbach</em>, Marie&nbsp;v., Erzählungen. <span class="fss">3.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Bo&#382;ena. <span class="fss">Erzählung. 5.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Margarete. <span class="fss">4.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash; Moriz&nbsp;v., <i>Hypnosis perennis</i>. Ein Wunder des heiligen<br />Sebastian. <span class="fss">Zwei Wiener Geschichten.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Eckstein</em>, Ernst, Nero. <span class="fss">Roman. 6.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;5.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Ertl</em>, Emil, Mistral. <span class="fss">Novellen.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Fulda</em>, L., Lebensfragmente. <span class="fss">Zwei Novellen. 7.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Haushofer</em>, Max, Planetenfeuer. <span class="fss">Ein Zukunftsroman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Heer</em>, J.&nbsp;C., An heiligen Wassern. <span class="fss">Roman. 6.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Der König der Bernina. <span class="fss">Roman. 9.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Heilborn</em>, Ernst, Kleefeld. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Heyse</em>, Paul, Neue Novellen. <span class="fss">7.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Marthas Briefe an Maria. <span class="fss">2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;1.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Hillern</em>, Wilhelmine&nbsp;v., 's&nbsp;Reis am Weg. <span class="fss">2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;1.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Ein alter Streit. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Höcker</em>, Paul Oskar, Väterchen. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Hopfen</em>, H., Der letzte Hieb. <span class="fss">Eine Studentengeschichte. 3.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Junghans</em>, Sophie, Schwertlilie. <span class="fss">Roman. 2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Kirchbach</em>, Wolfgang, Miniaturen. <span class="fss">Fünf Novellen.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Langmann</em>, Philipp, Verflogene Rufe. <span class="fss">Novellen.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Lindau</em>, Paul, Der Zug nach d.&nbsp;Westen. <span class="fss">Roman. 9.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Loti</em>, Pierre, Japanische Herbsteindrücke.</td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Mauthner</em>, Fritz, Hypatia. <span class="fss">Roman. 2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Meyer-Förster</em>, Wilhelm, Eldena. <span class="fss">Roman. 2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Muellenbach</em>, E. <span class="fss">(E.&nbsp;Lenbach)</span>, Abseits. <span class="fss">Erzählungen.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Vom heißen Stein. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Petri</em>, Julius, Pater peccavi! <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Prel</em>, Karl&nbsp;du, Das Kreuz am Ferner. <span class="fss">Roman. 2.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;5.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Proelß</em>, Johannes, Bilderstürmer! <span class="fss">Roman. 2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Riehl</em>, W.&nbsp;H., Aus der Ecke. <span class="fss">Sieben Novellen. 4.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Neues Novellenbuch. <span class="fss">3.&nbsp;Aufl. (6. Abdruck.)</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Saitschick</em>, Robert, Aus der Tiefe. <span class="fss">Ein Lebensbuch.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Schunsui</em>, Tamenaga, Treu bis in den Tod. <span class="fss">Hist. Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Seidel</em>, Heinrich, Leberecht Hühnchen. <span class="fss">Gesamtausgabe.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Stegemann</em>, Hermann, Stille Wasser. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Stratz</em>, Rudolph, Der weiße Tod. <span class="fss">Roman. 5.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Buch der Liebe. <span class="fss">Sechs Novellen. 2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Der arme Konrad. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Die letzte Wahl. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Montblanc. <span class="fss">Roman. 5.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Die ewige Burg. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Die thörichte Jungfrau. <span class="fss">Roman. 5.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Sudermann</em>, Herm., Frau Sorge. <span class="fss">Roman. 57.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Geschwister. <span class="fss">Zwei Novellen. 22.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Der Katzensteg. <span class="fss">Roman. 44.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Im Zwielicht. <span class="fss">Zwanglose Geschichten. 26.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Jolanthes Hochzeit. <span class="fss">Erzählung. 23.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Es war. <span class="fss">Roman. 30.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;5.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Telmann</em>, Konrad, Trinacria. <span class="fss">Sizilische Geschichten.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Voß</em>, Richard, Römische Dorfgeschichten. <span class="fss">4.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Wereschagin</em>, W.&nbsp;W., Der Kriegskorrespondent.</td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Widmann</em>, J.&nbsp;V., Touristennovellen.</td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Wilbrand</em>, Adolf, Fridolins heimliche Ehe. <span class="fss">3.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;2.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Meister Amor. <span class="fss">Roman. 2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Novellen aus der Heimat. <span class="fss">2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Hermann Isinger. <span class="fss">Roman. 5.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Der Dornenweg. <span class="fss">Roman. 4.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Die Osterinsel. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Die Rothenburger. <span class="fss">Roman. 5.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Vater und Sohn <span class="fss">und andere Geschichten. 2.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Hildegard Mahlmann. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Schleichendes Gift. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Die glückliche Frau. <span class="fss">Roman. 4.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Vater Robinson. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Der Sänger. <span class="fss">Roman. 4.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Erika. Das Kind. <span class="fss">Erzählungen. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Feuerblumen. <span class="fss">Roman. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Franz. Roman. <span class="fss">3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.50.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Das lebende Bild <span class="fss">und andere Geschichten. 3.&nbsp;Auflage.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;3.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Wildenbruch</em>, E.&nbsp;v., Schwester-Seele. <span class="fss">Roman. 11.&nbsp;Aufl.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl"><em class="ge">Worms</em>, Carl, Du bist mein. <span class="fss">Zeitroman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&mdash;"&mdash; Thoms friert. <span class="fss">Roman.</span></td>
- <td class="tdc fss">"</td>
- <td class="tdr fss">M.&nbsp;4.&mdash;</td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="ce"><img src="images/p002i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <span class="ge">gesperrt</span>, <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="in0">Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_023">23</a>:<br />
-"nichs" geändert in "nichts"<br />
-(Nun, das macht nichts.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br />
-"leiebkosende" geändert in "liebkosende"<br />
-(als seien es ebensoviel liebkosende Verheißungen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_063">63</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»die schönsten Lieder und die schönsten Sagen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_109">109</a>:<br />
-"auch" geändert in "nach"<br />
-(in die Hand nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_112">112</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Sie ist aber nicht krank geworden.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_160">160</a>:<br />
-"halbmäd&nbsp;henhafte" geändert in "halbmädchenhafte"<br />
-(Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_168">168</a>:<br />
-"Das" geändert in "das"<br />
-(»Nein, &mdash; das heißt: es wäre ja wunderschön)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_179">179</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(um alle Kraft aufzuzehren&nbsp;&mdash;.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_185">185</a>:<br />
-"«" hinter "helfen?" entfernt<br />
-(Was konnt es denn helfen?)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ma, by Lou Andreas-Salomé
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MA ***
-
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-
-
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-
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