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-The Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-
-Title: Die Kammerjungfer
- Eine Stadtgeschichte
-
-Author: Marie Nathusius
-
-Release Date: December 18, 2019 [EBook #60954]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- Die Kammerjungfer.
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- Eine Stadtgeschichte
-
- von
-
- Maria Nathusius,
-
- Verfasserin der Dorfgeschichten: _Martha die Stiefmutter,
- Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel_ u. s. w.
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-
- Halle,
- Verlag von Richard Mühlmann.
- 1851.
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-Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klärchen zu ihrer Mutter. Eine
-Schneiderin führt ein trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einförmig
-hin wie der andere, keinen vernünftigen Menschen kriegt man zu sehen,
-sitzen muß man vom Morgen bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte
-Jungfer werden ist das Ende vom Liede.
-
-Du weißt selbst nicht was Du willst, sagte ihre Mutter. Weißt Du noch,
-was Du sagtest vorigen Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du
-solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei gesprochen und die
-Nase gerümpft, und ich war's auch zufrieden: es wäre doch eine Sünde und
-Schande, wenn eine alte Frau allein wohnen müßte ohne Hülfe und Pflege.
-Aber ich sage: Du weißt nicht was du willst. Kannst Du's besser haben,
-wie Du's jetzt hast? Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst, und
-brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren zu lassen. Ach, wenn ich
-an _meine_ Jugend denke!
-
-Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klärchen schnippisch in das Wort;
-so dumm wie Du werde ich nicht sein, Du hättest den Rechtsgelehrten nur
-festhalten sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, wie
-Deine Schönheit Dein Unglück gewesen; da hätte sie nur aufrichtig sagen
-sollen: Dein Ungeschick. Ich sage Dir aber, _meine_ Schönheit soll
-glücklicher sein. -- Hierbei lachte sie, hüpfte an den Spiegel und ordnete
-noch einmal zum Ueberfluß ihren Sonntagsstaat.
-
-So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete die Mutter, und
-das Unglück ist doch über mich gekommen, ich weiß nicht wie.
-
-Das ist's eben, fiel ihr Klärchen wieder in die Rede: Du weißt nicht wie.
-Gerade das nicht Wissen das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und nun
-um alles in der Welt, höre auf zu jammern. Heute ist Sonntag. Ursach dazu
-hast Du nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich zuhören sollte. Mir steht
-die ganze Welt offen, und die Welt ist schön, wunderschön! Ich vermiethe
-mich, oder ich vermiethe mich nicht, es muß immer gehen. Für jetzt ziehe
-ich zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld im Ueberfluß.
-
-Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem Ton.
-
-Dafür wird Tante Rieke sorgen müssen, die hat das Geld im Kasten liegen.
-Es ist schändlich genug, daß sie mich hat schneidern und sticheln lassen,
-damit ich ihre einzige Schwester ernähre. Das hört nun auf. Ich muß für
-meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird gespart; wenn man das Geld in
-großen Partieen einnimmt, kann man's besser festhalten, die einzelnen
-Viergroschenstücke trudeln unter den Händen fort. Tante Rieke, die die
-christliche Barmherzigkeit immerfort im Munde führt, mag sich auch mal mit
-den Händen regen. Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, ist sie die
-Nächste. Und Mutterchen (setzte Klärchen schmeichelnd hinzu), Du hast nur
-den Vortheil davon, wenn die Tante gepreßt wird; denn ich werde auch für
-Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage nur hübsch, und rühre ihr
-Herz; aber gegen mich höre auf damit (schloß sie lachend), ich kenne Deine
-Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. -- Bei diesen Worten zog sie
-eine schwarze seidene Mantille aus einer Schublade, und einige Geldstücke
-klapperten daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstück in den Schooß
-und rief lachend: Hier, kaufe Dir Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke
-Kleist's Dortchen, dann denkt der Becker, es ist für die Herrn Studenten.
-Du verstehst mich doch?
-
-Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache Mutter. Ihr Töchterchen
-hatte sie völlig beruhigt. Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel;
-und auch die Bemerkung über die Tante Rieke war ganz richtig, diese mußte
-mehr geben, wenn Klärchen den Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es
-auch, sie war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; und wenn
-Klärchen dann im Stillen doch noch mit sorgte, wie es sich für eine gute
-Tochter geziemt, so stand die Mutter sich bei weitem besser.
-
-Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. Sie war in ihrer Jugend
-schön und leichtsinnig gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den Mann
-geheirathet, der schon damals innerlich und äußerlich ziemlich verkommen
-war. Es ward aber von Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb,
-nachdem er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwährendem Jammer und in Noth
-erhalten hatte. Zum Glück blieb Klärchen ihr einziges Kind, und zum Glück
-hatte sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine Stütze war.
-Noth und Jammer aber hatten keinen Einfluß auf Frau Krauter geübt; sie war
-leichtsinnig geblieben, war faul, unordentlich und genußsüchtig, und wenn
-sie auch reichlich Thränen über sich und ihre Schicksale vergießen konnte,
-die Thränen kamen nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee und
-einem leichtfertigen Geschwätz war bald Alles vergessen. Klärchen war das
-Ebenbild der Mutter, nur daß sie noch schöner und zugleich schlauer war,
-und so der Welt und dem Verderben noch mehr Preiß gegeben.
-
-Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr wohlhabende Wittwe des seligen
-Seifensiedermeisters Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester.
-Sie war eine gottesfürchtige, achtbare, schlichte Bürgersfrau. Sie hatte
-vergeblich ihren Einfluß auf Mutter und Tochter zu üben gesucht; sie
-erlangte nur das eine, daß beide sich vor ihr scheuten und sich soviel als
-möglich von der besten Seite zeigten; und das war freilich schlimmer, als
-wenn sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt hätten.
-
-Nachdem Klärchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte Zwiegespräch gehabt,
-rüstete sie sich singend zu ihrem Sonntagsvergnügen. Die seidene Mantille
-ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, in die Tasche
-gesteckt. Darauf suchte sie aus einem Wust anderer Sachen ein gesticktes
-baumwollenes Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn ein langes
-Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie griff nach einem zweiten, da waren
-einige Risse in der Mitte.
-
-Die infamen baumwollenen Tücher halten für gar nichts! sagte sie ärgerlich.
-
-Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bißchen zu! tröstete die Mutter,
-fädelte eine Nadel ein und zog mit langen Stichen die Risse zu. Während
-dessen suchte Klärchen aus einem Häufchen heller Glaceehandschuh das
-leidlichste Paar heraus.
-
-Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh bleiben! klagte Klärchen
-wieder. Linke habe ich wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm
-genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen aus wie die
-Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen hinzu: ich hole ein Paar neue.
-Sechs Groschen mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen Musselin-Kleide
-gehören reine Handschuh.
-
-Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest lieber
-waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. Denke mal an, die hat ihre
-Confirmationshandschuh noch.
-
-Wahrhaftig? staunte Klärchen; nein, das Mirakel muß ich meinen Freundinnen
-erzählen, es sieht aber akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und
-höchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld werden die Handschuh
-angezogen, aber eine Hand hat Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbär.
-Nun gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo er bleibe, sagt
-Göthe. Auch sind die Gaben der Menschen verschieden. -- Bei diesen Worten
-hatte sie die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte Taschentuch
-geschickt über die schmutzigen Handschuh gelegt, und wollte nun mit einem
-leichten Adieu zur Thür hinaus.
-
-Warte, Klärchen! rief die Mutter, da kömmt Dein Hemd an der Schulter zum
-Vorschein und gerade ein rechter Ratsch darin.
-
-Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klärchen gleichgültig, und nachdem
-das geschehen, ging sie fort.
-
-Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, weil sie immer mit
-der Nadel für Andere beschäftigt, nie Zeit für ihre eigne Arbeit finden.
-Klärchen war es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu als
-unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, und als über ihren Stand
-hinaus verwöhnte und verbildete Jungfrau. Daß die Kleider sechs Ellen weit
-sein mußten und wo möglich den Staub auf der Straße kehren, war ihr von
-höchster Wichtigkeit; auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen,
-Kragen, gestickte Taschentücher und Unterröcke mit Frisuren. Ob ihr Hemd
-zerrissen, war ihr gleichgültig, ja, außerordentlich gleichgültig! Das sah
-ja Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der Hacken im Strumpf, oder
-die Sohle am Schuh, aber auch das machte ihr nicht großes Bedenken, es
-wurde geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier von Nutzen.
-Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich erst einen derben Strauß gehabt;
-denn war Gretchen auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und derb
-und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock mit den breiten Frisuren, und
-sagte, das wäre ganz verrückt nun, gar an einem Unterrock den überflüssigen
-Staat. Klärchen aber erklärte sachverständig, daß eine ordentliche Toilette
--- bei diesem Worte hob Gretchen etwas höhnend Klärchens Arm in die Höhe
-und zeigte wie der Aermel halb aus den Nähten war; Klärchen fuhr nach
-einer kurzen Entschuldigung aber ärgerlich fort: daß zu einer ordentlichen
-Toilette solch ein Rock nothwendig sei, um die Kleider unten gehörig breit
-zu erhalten. Besonders, fügte sie schnippisch hinzu, paßt das für schlanke
-Leute; für Biertonnen ist's nun mal nicht nöthig. Gretchen wußte darauf
-keine verblümte Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schäme Dich was mit
-Deinen Grobheiten, dafür setz' Dich hin und flicke und stopfe wo's Noth
-thut, und verthu' Dein Geld nicht unnütz; mit den Frisuren am Rock lockst
-Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, Du wirst es noch mal
-bitterlich bereuen, daß Du so eine Thörin warest. Du hältst es so sehr mit
-der Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein X für ein U machen;
-und Du denkst, da ist Dein Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo
-anders. -- Ach Gott! jetzt kriegt' es Klärchen mit dem Schreck, gewiß
-wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande kommen, denn von dem sprach
-sie, als ob die Sache ganz ihre Richtigkeit hätte. Gretchen war überhaupt
-so sehr in der Zeit und Bildung zurück, sie kannte keine Romane, wußte
-nichts von Eugen Sue, von der George Sand und von keinem Musen- und
-Liebes-Almanach, kannte nur nothdürftig die Classiker ihres Vaterlandes dem
-Namen nach, und auch darüber spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen
-nur in der Bibel, in Andachtsbüchern, oder in andern Büchern, die ihnen vom
-Pastor an der Stephans-Kirche zugestellt wurden. Der Pastor an derselben
-war nämlich ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom Heiland und
-machte den Leuten Himmel und Hölle heiß. Klärchen aber, als sie merkte,
-wo hinaus ihre Muhme jetzt wollte, schnitt das Gespräch ab und gab gütlich
-nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso wenig als mit Tante Rieke
-verderben, und beide hingen aneinander wie die Kletten. Klärchen dachte
-hochmüthig: Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt sich nicht
-für Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes Mädchen; sie mag sich
-drum gern ihre Hemden selber spinnen, dunkelblaue Strümpfe, hohe lederne
-Schnürschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie macht auch keine
-Ansprüche für die Zukunft und gehört so recht in den Handwerkerstand
-hinein. Dagegen Klärchen? Sie seufzt, -- ihr Herz schlägt gewaltig, -- was
-wird aus ihr wohl werden? jedenfalls etwas ganz Besonderes. O süße Zukunft:
-lachende Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! Jetzt zog sie
-zur Frau Generalin: Da kam sie in feine Kreise, vornehme Personen gehen aus
-und ein, es ist so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, daß
-sie ihr Glück macht. Es kann? nein, es muß, es wird, sie hat eine selige
-Ahnung davon in ihrem Herzen. Die nächste Seligkeit, die zu erringen, ist
-ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unächter Shawl und ein Sammethut --
-dann aber kann es ihr ganz gewiß nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren
-Begebenheiten! Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen geht, sollte
-sich mit stopfen und flicken abgeben? ein jeder begreift die Richtigkeit,
-nur das hausbackene Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken,
-sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen Herrn und Heiland, und
-sagt, sie könne keine Stunde ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klärchen hat
-den Heiland nicht nöthig, sie wüßte wahrlich in aller Welt nicht, wozu sie
-ihn nöthig hätte. Die Tante Rieke sagt zwar, er müßte uns von unserer Sünde
-erlösen, und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wüsten, in Unverstand und wie
-sie weiter sagt; aber das konnte Klärchen nicht fassen, sie wußte nichts
-von Sünde, von Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine Christin
-wollte sie auch sein; sie hatte, was nöthig war, gelernt, aber wozu, das
-sah sie noch nicht ein, es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden,
-um Gebrauch davon zu machen. Nur vom Einfachsten und Verständlichsten zu
-reden, von den zehn Geboten, wozu war das siebente für sie da: »Du sollst
-nicht stehlen?« Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: »Du sollst nicht andere
-Götter haben neben mir?« Sie war doch keine Heidin, die an Jupiter und Mars
-glaubte. Oder: »Du sollst Vater und Mutter ehren?« Ei, sie that mehr als
-ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen quälte sie sich, um ihre Mutter zu
-ernähren. Nein, sie hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum war
-Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlöser. An den lieben
-Gott glaubte sie wohl, sie verließ sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr
-Schicksal leiten und lenken könne, -- das verlangte sie gar nicht, sie
-wollte das allein thun; sie war schön und jung und klug und gebildet, ihr
-Glück verstand sich von selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht über sie.
-Vor nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer Straße, ein
-großer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie ließ sich aber schnell impfen und
-meinte nun wieder ruhig sein zu können. Als bald darauf die Cholera kam und
-in ihrer Nähe Jung und Alt dahinraffte, da ging das Bangen wieder an.
-So gut wie die sterben, kannst Du auch sterben, -- das sah sie ein, und
-sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird dann aus ihr? ja was? Tante
-Rieke unterließ es nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der
-Strafe und vom ewigen Verderben. Klärchen hörte solche Worte nicht gern,
-sie ward bänger und bänger, und war doch wieder wie gebannt zu lauschen.
-Sie konnt' es nicht fassen, daß die Tante und Gretchen so ruhig waren
-und vom Tode redeten als von gar nichts Fürchterlichem; denn wenn sie des
-Nachts aufwachte und so allein mit ihren Gedanken war, da befiel sie oft
-eine Angst, daß ihre Glieder bebten. Ob du wohl sterben mußt? dachte sie.
-Und was dann? Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorüber, das Leben wieder
-rosenroth, Klärchen dachte nicht mehr an Tod und Gericht, und wenn die
-Tante jetzt von solchen Dingen redete, da hörte sie mit offenen Ohren
-nicht, sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken gingen mit
-ihren tollsten Fantasien durch.
-
-Als sie heut das Stübchen ihrer Mutter verlassen, ging sie einige Häuser
-weiter um eine Freundin abzuholen. Sie klopfte an ein niedriges Fenster
-parterre. Der Briefträger Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung
-dazu. Als er Klärchen sah, machte er das Fenster auf.
-
-Nun Ihr Jüngferchens -- wieder schwitisiren? sagte er spaßend.
-
-Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete Klärchen lustig.
-
-Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte auch, ich wäre noch jung.
-
-Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren, sagte Klärchen schmeichelnd.
-
-Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich denn meine Alte ansehe, wird
-mir schwarz vor den Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die ihm
-gegenüber blaß und elend im Lehnstuhl saß.
-
-Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete diese bitter und holte
-dann schwerfällig Athem.
-
-Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen, fügte Vogler wieder scherzend
-hinzu.
-
-Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klärchen; wie kann ein Mann
-die Frau so roh behandeln! So aber hat es der Vater mit der Mutter auch
-gemacht. Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme mir einen
-vornehmen Mann, -- und nun hinaus in den lachenden Kaffeegarten!
-
-Auguste Vogler hatte sich während der Zeit fertig gemacht und ging nun
-etwas schwerfällig neben der leichtfüßigen Freundin her. Auguste war weder
-schön, noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht ihres
-Vaters, grobe Manieren und sprach dabei unglaublich albern. Aber das war
-gerade eine Freundin für Klärchen. Sie war fügsam und folgsam, durchschaute
-nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden mit der Nebenrolle, und hatte
-dabei immer als verzogenes Kind ihres Vaters die Börse voll Geld.
-
-Beide Mädchen verließen die Stadt und gingen auf der Chaussee entlang dem
-Orte ihres Vergnügens zu. Klärchen bemerkte, daß sie ein Gegenstand der
-Aufmerksamkeit für Vorübergehende war: aber die Leute waren ihr noch nicht
-die rechten, es waren meistens Gesellen, oder Soldaten, oder höchstens
-ein Handlungsdiener; sie gedachte höher hinaus. Bald kam ihnen eine Reihe
-Studenten entgegen, mitten darunter eine orangegelbe Mütze. Das war der
-rechte; sie nahm ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gruß mit
-vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die Entdeckung, daß die Studenten
-umgekehrt waren und ihnen auf dem Fuße folgten. Klärchen zweifelte nicht,
-daß es um ihretwillen war, und Auguste gönnte der Freundin den Triumph; sie
-war zufrieden, an der augenblicklichen Lust theilnehmen zu können; feine
-Pläne für die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten kam ihnen
-wieder ein junger Mann entgegen, der sie grüßte, aber sehr bescheidentlich
-mit nur halb hingewandten Augen. Wer war das nur? fragte Klärchen.
-
-Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern aus der Fremde
-zurück, den mußt Du doch kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke.
-
-Daß es ein Geselle war, sah ich an seinen großen rothen Händen, lachte
-Klärchen, sonst ist's aber ein hübscher Mensch.
-
-Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten geht er auch, ich habe ihn
-selbst heute Morgen herauskommen sehen.
-
-Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klärchen, das paßt ja wie die Butter
-aufs Brod, der nimmt die Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten
-sie immer, er möchte auf der Wanderschaft seinem Glauben untreu werden, und
-wenn er dann einen salbungsvollen Brief geschrieben, kam der alte Buchstein
-mit der großen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit Thränen und Seufzen
-genossen. Nun, ich gönne ihr den Burschen, obgleich er eigentlich zu
-hübsch für die Grete ist; die müßte so was Kurzes, Handfestes haben, denn
-Schönheit hält sie mehr für ein Uebel als ein Glück, =nota bene= weil sie
-selber nicht schön ist.
-
-Die Mädchen traten jetzt in den Garten. An einem Tisch fanden sie schon
-eine Bekannte, eine von den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Häuser
-der Damen gehen und Hüte und Hauben in Ordnung bringen, -- und sie setzten
-sich zu ihr. Die Studenten nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nähe, wurden
-beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen Blicke und Späße herüber
-zu senden. Doch der Orangegelbe blieb nicht dabei, er machte es sich
-bequemer und siedelte ganz und gar zu den Mädchen über. Klärchen wunderte
-sich nicht darüber, sie hatte schon längst mit ihm auf der Straße
-koquettirt, sie wußte auch, daß er in einem Hause mit der Frau Generalin,
-ihrer künftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich die heimliche
-Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich zu vermiethen, gewesen. Er war ein
-Mediziner und dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute Wechsel, hielt
-sich einen großen Neufundländer Hund, ritt spaziren, oder fuhr auch seine
-Freunde in einem Zweispänner. Er war Senior seiner Verbindung und überall
-zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel war. Seine Gestalt
-war groß und klobig, sein gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht
-herunter, das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck hatte. So wie
-seine Gestalt war auch sein Wesen und waren seine Reden. Er saß jetzt den
-Mädchen gegenüber; beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die blauen
-Dampfwolken aus seiner Cigarre blasend, machte er höchst unmanierliche
-Späße. Klärchen fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus angesehener
-Familie war (sein Vater war Präsident), fand sie es nur pikant, und hielt
-sich nicht für zu gut, ihn zu amüsiren. Sie ward immer lebendiger und
-liebenswürdiger, und es war unverkennbar, daß ihre Schönheit auf ihn
-Eindruck machte, und sie in seinen Augen höher stieg, denn er nahm die
-Ellenbogen von dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr zusammen. Für
-Klärchen war das ein neuer Triumph und die beiden Freundinnen bemerkten es
-mit Verwunderung. Die Putzmacherin kannte den Studenten längst, sie ging
-bei der Generalin aus und ein, und das war Gelegenheit genug, um eine
-Studenten-Bekanntschaft zu machen. Sie hätte ihm ihr leichtsinniges Herz
-gern selbst zu Füßen gelegt und beneidete jetzt die Gefährtin um diese
-bedeutende Eroberung, und Klärchen ward immer stolzer und glücklicher. Nur
-eines störte sie. Ihr gerade gegenüber in einer einsamen Laube saß Fritz
-Buchstein. Ja, unbegreiflicher Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den
-Kaffeegarten gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? Sie erinnerte sich
-aus ihrer Jugend, daß, wenn sie mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam,
-um Spielsachen zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst gemacht
-hatte und Grete oft darüber böse gewesen war. Also: damals hatte er sie
-bevorzugt, heute war er erstaunt über ihre Schönheit, -- so kalkulirte
-sie, -- und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit nicht ganz
-ungerührt von diesem Gedankengange blieb, so war ihr diesmal die Eroberung
-doch unangenehm. Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit werth, und ihr
-Herz würde sich nie zu einem so gewöhnlichen Menschen herablassen; und dann
-fürchtete sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er möchte den Spion
-spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. Sie hatte sich so viel
-als möglich so gesetzt, daß er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: aber
-wenn sie unwillkürlich hinsah, begegnete sie jedesmal demselben bekümmerten
-und theilnehmenden Blicke, der ihr wie ein Stich durch das Herz ging.
-
-Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte sich heftig nach der
-anderen Seite. Der Student und die Freundinnen sahen sie verwundert an, und
-sie erklärte die Ursache ihres Aergers.
-
-Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen ganz natürlich, einem
-hübschen Mädchen in das Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine
-breite Gestalt so dazwischen, daß Klärchen vor den lästigen Blicken sicher
-war; und kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen war.
-Jetzt fühlte sich Klärchen freier, und das Vergnügen ward immer lebhafter.
-Die Tanzmusik lockte, Alle gingen in den Saal, um in dem wilden Getümmel
-sich zu erhitzen und zu betäuben.
-
- * * * * *
-
-Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in dem schönen Mädchen das
-kleine Klärchen Krauter wieder erkannt, und die schönsten und süßesten
-Jugenderinnerungen gingen an seiner Seele vorüber. Jetzt noch dachte er
-mit inniger Bewegung daran, wie sie damals zu ihm in die Werkstatt kam,
-um irgend eine Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem
-achtzehnjährigen Jüngling, ganz wunderbar ward, wenn er dem zwölfjährigen
-Mädchen in die dunkelblauen Augen sah. Er wollte es sich selbst nicht
-gestehen, aber es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete ihn auf
-der Wanderschaft, er schloß sie in sein Abend- und Morgengebet: der Herr
-möchte dies Blümlein schön und rein bewahren, es behüten vor dem Schmutze
-der Welt. Ob dies Blümlein einst für ihn blühen werde? das stand in Gottes
-Hand. Sein Herz war gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing
-nicht mit kränklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch und fröhlich ging
-er durch die schöne Gottes-Welt, er sah Berge und Thäler und Flüsse und
-Fluren, manch große Stadt, manch lieblich Dörflein, schöne Kirchen und
-Schlösser und Burgen, schöne Bilder und Kunstwerke, und Alles nahm er
-mit Aufmerksamkeit in sich auf. Das war eine schöne Wanderung, die nicht
-getrübt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein böses Gewissen, durch
-Armuth und Noth. Er hatte das Gelübde gethan, nie einen Schluck Brantwein
-zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe seines Heilandes
-gehalten. Das bewahrte ihn vor manchem Elend und manchem Unheil des
-Wanderlebens. Es führte ihn nie dahin, wo wilde Gelage und Raufereien
-waren, er suchte nie seine Freunde unter dergleichen Gesellen; so blieb er
-an Leib und Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn weil er ein
-braver Geselle war, fand er auch immer gute Meister. Und auch Freunde fand
-er, die mit ihm dieselbe Straße zogen, die mit ihm den Herrn lieb hatten;
-selten verließ er eine Stadt, daß er nicht mit Wehmuth darauf zurück sah,
-weil er Freunde für sein Herz und seine Fürbitte darin gewonnen. Und kam er
-zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner spotteten, ihn zu verführen
-suchten, so waren auch das heilsame Tage für ihn, Tage des Kummers und der
-Prüfung, in denen er noch mehr die Nähe des Trösters, seine Liebe und Gnade
-fühlte. So ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer reicher,
-seine Hände immer geschickter. Und wie war es mit seinem Herzen? Das durfte
-sich auch zuweilen regen. Wenn er an einem schönen Sommerabend auf der Höhe
-am Rand des Waldes saß, die Sonne legte ihr Gold über die Gegend hin, Duft
-zog über Städte und Dörfer, die Abendluft wehte weich in den Zweigen und
-in den Blumen rund um, am Grasrain dort zog der Schäfer langsam mit der
-Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen Himmel: -- da ward es
-ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll zu Sinne, und durch Abendgold und Duft
-und Schönheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen Augen des kleinen
-Mädchens aus der Heimath an. So hatte er noch ganz kürzlich vor einer Höhe
-am Thüringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath so nahe, jetzt
-war aus dem Jüngling ein Mann geworden und er durfte an eine Gestaltung
-seiner Zukunft denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem Winter plagte
-ihn dazu ein Brustübel, er konnte dem Handwerk nicht mehr vorstehen, es
-fehlte an allen Enden, und Fritz mußte des Vaters dringenden Aufforderungen
-zur Rückkehr folgen. Er that es auch gern, er war nun 25 Jahr alt, nach
-dem langen Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm zu Hause
-wohl behagen. Er sollte nun Meister werden und dem Haus, dem Acker und der
-Kundschaft allein vorstehen. Dazu gehörte auch nothwendig eine Hausfrau,
-und _der_ Gedanke war es, der ihm besonders an das Herz ging. Und als er
-sich diese Hausfrau dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar und
-dunkelblauen Augen. Mit so schönen Ahnungen verließ er den Thüringer Wald
-und wanderte einige Tage später durch die Thore seiner Vaterstadt. Es war
-spät des Sonnabends Abends; sein Vater saß schwach und krank im Lehnstuhl,
-aber Dank- und Freudenthränen glänzten in seinen Augen, als der Sohn nach
-so langer Abwesenheit wieder in die Thür trat, und Fritz mußte ihm am
-selbigen Abend noch das Buch Hiob und den 136. Psalm vorlesen.
-
-Der alte Vater war trotz der Brustschwäche sehr gesprächig, und in seiner
-Gesprächigkeit konnte er es nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler
-liebsten Hoffnung zu reden, nämlich daß Gretchen möchte hier im Haus Frau
-Meisterin werden. Frau Bendler hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und
-mit Ausnahme einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin sein.
-
-Fritz ward es gar eng um das Herz als er das hörte, und hatte er schon
-vorher wenig Muth gehabt, nach Klärchen Krauter zu fragen, so wagte er es
-jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinüber zur Frau Nachbarin gehen,
-aber er bat den Vater, gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht wisse,
-wie er dem Gretchen gefallen möchte. Der Vater schmunzelte. Das sei nicht
-gefährlich, meinte er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schönsten
-Thränen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz ward immer schwerer;
-denn wenn Gretchen auch ein braves Mädchen war, so hatte sie doch nicht
-dunkelblaue Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte ihn nicht auf
-seiner ganzen Wanderschaft begleitet. Als er am Sonntag Morgen aus der
-Kirche kam und unter den Kirchgängern Frau Bendler in Begleitung einer
-jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmöglich anreden; er schlich
-sich von der Seite, er hatte dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend
-seine Bekanntschaft drüben zu erneuern. Am Nachmittag aber trieb ihn seine
-Unruhe und Sehnsucht vor Klärchens Fenster vorüber. Er konnte sie nicht
-entdecken, nur ihre Mutter saß am Fenster, und zum Glück schaute sie nicht
-auf, sonst hätte sie wohl seine Gedanken auf seiner Stirn lesen müssen. Er
-ging zum Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf der Chaussee
-entlang gegangen war, wieder um. Da kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen.
-Es war ja noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen
-und hatte sich jungfräulich entfaltet. Er grüßte sie und sein Herz schlug
-vor Glück, aber nur wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten hinter
-ihr umkehren, er hörte ihre Witze und sah sie den Mädchen nachfolgen. Es
-würde ihm nie eingefallen sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung und
-Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mädchen schützen, er ahnete
-nicht, daß sie durch das Nachfolgen der Studenten mehr erfreut als
-geängstigt würden. Doch bald sollte er sich von der Wahrheit überzeugen.
-Er saß ihnen gegenüber und beobachtete der Mädchen leichtfertiges Spiel.
-Klärchen spielte die Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre
-verächtlichen und erzürnten Blicke forttrieb. Mit welchen Gefühlen ging er
-nun nach Hause! Das Geschehene zerstörte zu hart seines Herzens Pläne.
-Die Freude an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und Hof war
-zertrümmert; er hätte am liebsten den Wanderstab wieder in die Hand
-genommen. In dieser Stimmung konnte er unmöglich zu Frau Bendler gehen,
-nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging leise an dem Dienstmädchen,
-die feiernd in der Hausthür saß, vorüber nach dem Garten und setzte sich
-in die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, der nur durch ein
-Stacket getrennt, war leer. Das war ihm gerade recht, und ungestört konnte
-er seinen Gedanken nachhängen. Wie war die Welt heut ganz anders als
-gestern! Die verwilderten Rosen und Goldveiglein hatten ihn gestern
-so traulich und heimlich angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst
-Frauenhände hier walten, werdet ihr noch schöner blühen. Die düstere
-Weinlaube erschien ihm gar nicht düster, er dachte: bald wirst du nicht
-mehr allein hier sitzen. Heut war ihm Alles wüst und leer, und es lag ihm
-auch gar nichts daran, daß es anders sei. Er schaute durch die Weinranken
-hindurch zum blauen Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird ja
-wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz meinem jungen Herzen
-schwer, und nun bitte ich Dich doch wieder und immer wieder: erlöse sie vom
-Uebel; wenn ich sie auch für mich aufgeben muß, laß Du sie nicht. Aufgeben?
-ja das ist wohl schwer, und daß es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum
-Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen Herzen so schwer ward,
-mußte es ja dem Erlöser droben noch schwerer werden, eine geliebte
-Seele aufzugeben; und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, je
-zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lösete sich in feuchten
-Augen auf. Da hörte er plötzlich eine Stimme im Nachbarsgarten singen;
-hell und lieblich, und doch weich und wehmüthig drangen die Töne, und ganz
-deutlich die Worte zu ihm herüber:
-
-   Will ich nicht, so muß ich weinen,
- Wenn ich mir es recht betracht,
- Weil verlassen mich die Meinen,
- G'nommen eine gute Nacht.
- Ach, wo ist mein Vater und Mutter?
- Ach, sie liegen schon im Grab.
- Ach, wo sind mein' Brüder und Schwestern?
- Keinen Freund ich nirgends hab.
-
-   O, mein allerliebster Jesu,
- Schau mich armes Waislein an,
- Du bist ja mein liebster Vater,
- Sonst mir Niemand helfen kann.
- Weil mein' Eltern sein gestorben,
- Leben nicht auf dieser Welt,
- So hab ich Dich, liebster Jesu,
- Für mein'n Vater auserwählt.
-
-Fritz lugte durch die Weinblätter hindurch und sah drüben auf dem alten
-schrägen Birnbaum Gretchen sitzen. Es war ihm, als ob er nur geträumt hätte
-von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn Jahr, und Gretchen
-ein Kind sei. Damals war der alte Birnbaum den lieben Sommer über fast ihr
-alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit dem Strickzeug hinauf,
-und jedesmal wenn sie eine Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten
-Benjamin zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon fast dreißig
-Jahr bei Buchsteins im Hinterhäuschen über der Werkstatt wohnte. Er war der
-Kinderfreund der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer Liebling.
-Für sie war ihm keine Mühe zu groß, und jedesmal, wenn sie ihm die Tour
-zurief, machte er einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer
-zählte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn es so weit war, rief
-er: nun Gretchen mach Schicht! Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden
-ein Körbchen mit dem Vesperbrod in die Höhe und meinte, da oben stricke und
-esse es sich besser. Benjamin legte auch den Pfriemen für ein Weilchen aus
-der Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz schnarrte »Gretchen,
-so recht, so recht,« und sein Dompfaffe sang »Lobe den Herrn o meine
-Seele«. Wenn dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin:
-»Gretchen, so recht,« und der Staarmatz schnarrte: »Gretchen, so recht.«
-
-Auch jetzt sah Benjamins weißer Kopf zum Fenster hinaus; der Staarmatz
-aber rief: »Jungfer Gretchen,« und Fritz ward dadurch erinnert, daß es doch
-andere Zeiten seien.
-
-Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem heut ordentlich das Herze
-weich; was ist Dir denn?
-
-Wenn ich wußte, daß Du heim warst, hätte ich nicht gesungen, sagte
-Gretchen; ich glaubte, ich wäre ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm
-aber herüber und bring die große Bilderbibel mit, ich weiß nicht recht, was
-ich so mutterseelen allein mit dem Sonntag-Nachmittag beginnen soll.
-
-Gretchen war nämlich von ihrer Pflegemutter, die einige Krankenbesuche
-machen wollte, als sie Nachmittags aus der Kirche kamen, allein nach Hause
-geschickt; und weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten
-Gärtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war ihr das zu Hause bleiben gar
-nicht recht. In der Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in die
-Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, -- nichts behagte ihr. Der Nachmittag
-wollte nicht kürzer werden, und sie begriff nicht, warum sie so unruhig
-war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum Abend angemeldet hat?
-Sie ward feuerroth bei dem Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn
-wieder zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen was aus ihm geworden,
-und ob er so aussähe wie sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging
-in den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestört ging sie in
-dem geraden Stachelbeerwege auf und ab. Hinter den Büschen hatte sie
-als Kind mit Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf und Wolf
-gespielt; Luischen Buchstein war todt, die anderen Freundinnen zerstreut,
-und sie mußte zum Sonntag-Nachmittag so allein hier wandeln. Auf der Bank
-unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergnügt gesessen, noch
-lieber aber oben auf dem Baum: da konnte sie doch ein Bischen weiter in
-die Welt schauen, in die Nachbarsgärten, einem Böttcher auf den Hof, dem
-Benjamin in die Stube. Nach der andern Seite hin war der Garten zwar durch
-eine hohe Mauer begränzt, aber sie sah doch die blühenden Flieder- und
-Goldregen-Wipfel, auch zuweilen die weiße Spitzenhaube der Frau Stadträthin
-und die bebänderten Strohhüte der Fräulein. Gretchen konnte nicht
-widerstehen; sie stieg auf den Baum. Heut war aber gar nichts zu sehen,
-an den Goldregen hing trockner Samen, die Fliederbüsche sahen dunkel und
-glanzlos aus, weder Haube noch Strohhüte ließen sich sehen, Stadtraths
-waren in ein Bad und die Fräulein längst verheirathet. In den anderen
-Nachbarsgärten war es auch still, nicht einmal Benjamin war am Fenster. Da
-ward es dem Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnsüchtiger schaute
-sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn der Herr uns die Welt einsam und öde
-macht, so zieht er uns desto mächtiger zum Himmel hinauf. Und der Himmel
-war heute so licht, die Wolken daran von der sinkenden Sonne mit Gold
-umsäumt. Gretchen schaute, wie sie über den dunkelen Dächern am blauen
-Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt und Farbe wechselten. Da zog
-ein Schwan, bald eine Rose, ein Schloß, bald Engelsflügel, bald gar eines
-Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Brüderlein, deren
-sie sich noch ganz leise aus frühester Jugend erinnern konnte, und mit
-sehnsuchtsvollem Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an das Fenster
-lockte.
-
-Benjamin kam mit der großen Bilderbibel herunter, schwang sich unten an der
-Scheuer und am alten Hollunderstamm noch ganz rüstig über das Stacket, und
-war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz aus der Laube, er wollte nicht
-schuldiger Weise den Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie
-ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hören; er aber reichte ihr
-freundlich die Hand über das Stacket hinüber. Das war nun Gretchen mit dem
-blonden Haar, den Sommerflecken, den runden braunen Augen und dem runden
-rothen Mund. Sie war nicht groß nicht klein, nicht schlank nicht stark, und
-stand mit dem braunen Kattunkleide und weißen Kragenstrich gar sittig vor
-ihm. Er sprach einige verlegene Worte des Willkommens, sie merkte seine
-Verlegenheit nicht, sie hörte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr
-Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; und als er fragte, ob er
-auch hinüber kommen dürfe, nickte sie ein freundliches Ja und machte einen
-höflichen Knix.
-
-Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, scherzte Benjamin; jungen
-Burschen muß man solche Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthür,
-wie es sich gehört.
-
-Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn er auch ganz stattlich
-in der schwarzseidenen Weste, dem seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock
-aussah, so hatte er doch die Mütze und die Handschuh im Hause liegen, und
-überhaupt mußte der erste Besuch etwas feierlich gemacht werden. Er kam
-aber nicht so bald als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen großen
-Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, als es an der Hausthür
-klopfte. Sie ging zu öffnen und fand außer Fritz auch noch die Mutter vor
-der Thür. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwünscht. Gretchen hätte gar
-nicht gewußt wie sie als Wirthin thun sollte, und Fritz mochte mit seinem
-schweren Herzen dem Gretchen am wenigsten allein gegenüber sein. Frau
-Bendler übernahm nun das Sprecheramt, aber auch das Frageamt, und Fritz
-mußte wohl oder übel gesprächig werden. Daß es ihm schwer ward, merkte Frau
-Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe Ausdruck der Trauer, der ihm
-zuweilen unbewußt über die Züge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das
-Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder daheim zu sein? zieht
-es ihn zurück in die Ferne? Wenn er nur nicht unglücklich ist! dachte sie
-bange, und wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so fröhlich war?
-Als sie spät am Abend allein in ihrem Kämmerlein war, schaute sie hinauf
-zu den Sternen mit gefalteten Händen; hinein in ihr Abendgebet mischte sich
-Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, der da Freud und Leid
-auf die Herzen der Menschen legt.
-
- * * * * *
-
-Die Frau Generalin von Trautstein saß mit einer jüngeren Dame in eifrigem
-Gespräch.
-
-Ich versichere Sie, sagte die jüngere, das Mädchen passt ganz besonders für
-Sie, und ich kann sie Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren
-näht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich die Liebe des ganzen
-Hauses, immer freundlich, gefällig, sehr gewandt und fleißig, und aus
-einer sehr rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, die dem
-Wöchnerinnenverein an der Spitze steht, eine außerordentlich geachtete
-Frau. Von der ist Klärchen eigentlich erzogen, die hat sie auch das
-Schneidern lehren lassen, denn Klärchens Mutter ist kränklich.
-
-Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die Generalin.
-
-Um einmal unter andern Leuten zu sein, war die Antwort. Ich finde es recht
-vernünftig. Die Mutter nämlich soll das Mädchen sehr beherrschen und
-ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. Sie deutete es mir neulich mit
-Thränen an, daß sie sehr schlecht mit der Wäsche bestellt sei, weil sie
-dazu kein Geld habe erübrigen können und nur immer froh gewesen sei, der
-Kundschaft wegen für das Aeußere zu sorgen.
-
-Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter soll unordentlich sein und gern
-jeden Groschen durch den Mund spediren; zweitens ist das Mädchen zu
-jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hübsch sein, -- entgegnete die
-Generalin.
-
-Die Jüngere lachte. Gerade darum wünsche ich sie Ihnen, weil sie so
-liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein wird sie Ihnen die angenehmste
-Gesellschaft sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr hübsch;
-aber vor allen Dingen -- Sie müssen sie sehen, theuerste Frau!
-
-Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, Klärchens besondere Gönnerin.
-Sie suchte ihr jetzt den Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte
-Klärchen deßhalb hinbestellt; vorher aber bemühte sie sich sie in das beste
-Licht zu stellen. Es währte nicht lange, so wurde Klärchen gemeldet. Sehr
-nett angezogen, zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos stand sie
-vor den Damen. Die Generalin war wirklich erstaunt über die Schönheit
-des Mädchens, aber die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken
-verstummen -- und sie schloß den Miethsvertrag. Vierzig Thaler Gehalt, ein
-Louisd'or zu Weihnachten, außerdem Geschenke, das war für Klärchen sehr
-erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt der Frau Generalin
-entzückte sie, ja so sehr, daß der Mediziner fast darüber vergessen
-ward. Die großen Zimmer, prächtigen Teppiche und Meubeln, Equipage und
-Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft beisammen. In diesem Haus war sie
-als Kammerjungfer engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn eigentlich
--- redete sie sich vor -- sollte sie doch Gesellschafterin der Dame sein,
-sie sollte ihr des Abends vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee
-serviren. Sie unterließ auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache so
-vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte die ein ernsthaftes
-Gesicht. Du hast nun meinen Wunsch erfüllt und Dich vermiethet, sagte sie,
-der Herr mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den Du Dir nicht zu
-leicht denken mußt. -- Klärchen, die voll der schönsten Hoffnungen und sehr
-guter Laune war, versprach alles Mögliche, und die Tante war zu gutmüthig,
-um das nicht glauben zu müssen. Auf die Fragen über den Zustand ihrer
-Wäsche, hatte sie geschickte Antworten; sie hätte unmöglich die Wahrheit
-sagen können, und ihre Angst war schon längst gewesen, die Tante möchte
-sich einmal selbst davon überzeugen wollen. Für das Nöthigste sei gesorgt,
-sagte sie, und sie freue sich, von dem schönen Lohn ganz besonders Wäsche
-anzuschaffen. Die Mutter muß sich einschränken lernen, fügte sie hinzu;
-Du weißt, wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht abschlagen;
-wenn ich keines habe, kann ich keines geben; und bekomme ich mein
-Lohn, gebe ich ihr ein Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich
-anschaffen. -- Das klang vernünftig, und die Tante war damit einverstanden.
-Gretchen ging vor die Schublade und holte ein halbes Dutzend leinene
-Taschentücher und zwei Paar Strümpfe.
-
-Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken hast Du nicht viel Zeit
-gehabt, und die Taschentücher sind gesäumt und für Dich gezeichnet. Wenn Du
-zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die leinenen, scherzte Gretchen: Du
-weißt, wir können die baumwollenen nicht leiden.
-
-Klärchen war gerührt von dieser Güte. Du meinst es doch wirklich gut! sagte
-sie herzlich.
-
-Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, und beide Cousinen
-waren jetzt sehr freundlich auf einander gesonnen.
-
-Am Michaelis-Tage zog Klärchen an. In ihrer Stube stand eine Kommode und
-ein Kleiderschrank, dahinein wurden ihre Sachen so weitläuftig als möglich
-geordnet. Einige Sommerkleider und dünne wollene Kleider, Mantillen,
-Mäntelchen, ein Frisuren-Unterrock in den Schrank; in die Kommode, außer
-der wenigen Wäsche, Bänder, Schleifen, Kragen, Handschuh, Taschentücher;
-die sechs leinenen Taschentücher und zwei Paar ganzen Strümpfe von Gretchen
-bildeten den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Außerdem aber
-stellte sie einige Blumentöpfe in das Fenster, hing ein Porzelan-Bildchen
-an die Scheiben, ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase auf
-die Kommode. Der Bediente hatte in die Stube gesehen und gegen die Köchin
-bemerkt: man sähe dem Geschmacke des Mädchens an, daß sie von guter
-Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, daß das Stübchen im Nebenhaus, und
-der Mediziner gerade hineinsehen könne, da möcht' es am Ende eine Liebelei
-im Hause geben. Die Köchin aber nahm Klärchens Partie. Ihre Küche lag
-gerade gegenüber im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klärchen das
-Rouleau niederließ, als der Mediziner mit der langen Pfeife aus dem Fenster
-sah. Klärchen aber hatte die Köchin gesehen und gedacht: Du mußt dich
-in Respekt setzen, und etwas Sprödigkeit gegen den Mediziner kann nicht
-schaden.
-
-Es kamen nun für sie unterhaltende Tage. Das Haus der Generalin war
-vielfach belebt, die verheirathete Tochter mit den Kindern 4 Wochen dort,
-und dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Außerdem ward Klärchen in
-die eleganten Läden der Stadt geschickt, um Besorgungen zu machen, und das
-war ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen Commis befreundet
-und hatte ihre leichte Commodengesellschaft um manches bereichert. Freilich
-waren ihre wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, auch
-ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten kaum der Mühe zum Sparen.
-Daneben ward das Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die
-Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von _der_ Seite war also für
-ihre Zukunft nichts zu hoffen. Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer
-und Flammen und ein recht demüthiger Liebhaber. Wenn sie das Rouleau einen
-Tag nicht aufzog, sang er die schwermüthigsten Lieder; oder wenn sie sonst
-spröde gegen ihn war, nahmen seine rohen großen Züge einen gar sanften
-Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, denn ehe er nicht in die rechte
-Höhe der Leidenschaft kam, würde er nicht Ernst aus der Sache machen. Sie
-berechnete freilich nicht, daß sie auch mit der Zeit warm wurde, und ein
-verliebtes Herz ist ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne
-Erfahrung, das zu wissen und zu merken.
-
-So war Weihnachten herangekommen, der Besuch der Generalin war abgereist
-und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen
-gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin versicherte ihre
-Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern
-geglaubt wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig zeigte.
-Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wäre und oft
-nicht ganz unbefangen aus den Augen sähe; doch tröstete sich die Generalin
-mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und ließ sich nichts
-merken, und Weihnachten ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das
-war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei
-den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte
-sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß vom Lohn und vom
-Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber
-bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird ein andermal
-gesorgt; hatte sie doch den unächten Shawl, die Brosche und den Sammethut
-sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie
-nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am
-Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine
-wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie
-hatte hier öfters mit ihm flüchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit
-hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der
-Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu, drückte ihr einen Brief in die
-Hand und eilte die Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug ihr
-Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen
-geschrieben werden, um thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu
-machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem
-andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mädchen
-eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die Empfängerin aber meint,
-das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie
-ist vor vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen von heißer
-Liebe, von unerträglichen Qualen und ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr
-glaubwürdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte aber ein
-Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man muß ihn wieder
-lieben. Schmerz oder Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle
-sind ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese Ewigkeit der
-Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man
-hat zwar schon oft davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese
-Schilderungen müssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klärchen, als sie ihren
-Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte
-sie es so weit gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht
-länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie hätte gern gleich
-geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte
-versprochen um 6 Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine
-Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn
-auch in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natürlich auf dem
-Herzen.
-
-Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es
-Punsch und Kuchen, und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und sang,
-ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für die jungen Leute gab es
-mancherlei Spaß, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr
-heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute
-nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als
-ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken,
-schmunzelte aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter müsse etwas
-stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gästen war, sah sie scharf an
-bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man
-lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte Klärchens Schweigsamkeit
-nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr
-unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das
-er sagte: selbst Klärchen mußte gestehen, daß er ein ausgezeichneter
-Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine
-Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet, sie wußte selbst nicht
-wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie
-beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und männlich.
-Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gönnen, obgleich sie selbst
-himmelhoch über ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und
-solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen
-trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben:
-er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mädchen den
-Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane
-zu finden ist, für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell
-vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen.
-
-Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend;
-es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner
-guten Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl
-die Neugierigste bin.
-
-Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte
-einen großen Napf mit Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte
-sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte
-dafür kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden
-Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die
-anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und
-Gretchen und Klärchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der
-Hauptspaß war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben
-sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich
-drückten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler
-scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise
-Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu schoß und nicht wieder von ihr
-ließ, was auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das Schütteln
-aber hatte zur Folge, daß die anderen vier Schiffe sich zu einem Häufchen
-gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber
-stand.
-
-Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der
-die Herzen seiner Freunde prüft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar
-nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen;
-doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen es, den Schiffchen Namen zu
-geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie
-besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn
-das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere
-junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten:
-das passe sich gar nicht, wenn er da großartig in der Mitte stehe, und sie
-sollten sich um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur für Mädchen.
-Klärchen aber war ganz erhoben über diesen Spaß, ihre Gedanken waren
-längst nicht mehr hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe und
-Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen
-nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog
-hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen
-auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klärchen warf
-die Lippen auf und warf einen verächtlichen Seitenblick auf den
-Tischlergesellen, so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden
-mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort
-auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es
-sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mädchen stießen sich an, Klärchen
-hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau
-Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen,
-bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst
-gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht muß ein jedes Mädchen
-stolz und spröde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden.
-Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert, und die Sache war
-abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch längst
-Klärchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere
-Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein
-guter bald ein böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten
-und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen
-so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner
-Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben
-und Treiben -- die Augen der Liebe sehen scharf --, auch wußte er daß der
-Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten
-Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz
-ward von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt.
-
-Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde
-ernsthafter. Die Alten erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war
-das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er übernahm
-es auch später gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem
-90. Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller,
-die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre
-uns bedenken daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, -- schaute
-er auf und sah Klärchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klärchen konnte den
-Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam.
-Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschluß passend, und dann das
-schöne Lied:
-
-   Jahre gehn und fliehen,
- Blumen, die da blühen,
- Welken traurig ab!
- Was da grünend stehet,
- Wandelt und vergehet
- In ein düstres Grab!
- Bleiben _wir_ wohl ewig hier? --
- Was genommen ist von Erden,
- Muß zur Erde werden.
-
-   Eines unter Allen
- Kann nicht fliehn und fallen,
- Wenn auch Alles fällt:
- Was aus Gott geboren,
- Gehet nicht verloren
- In dem Grab der Welt;
- Seine Zeit heißt Ewigkeit --
- Selig, wer in guten Stunden
- Dieses Eine funden.
-
-   Der für uns gestorben,
- Hat es uns erworben
- Einst mit seinem Blut;
- Jesus, unser Leben,
- Kann dem Sünder geben
- Dieses Eine Gut;
- Seine Kraft bewirkt und schafft,
- Daß geweihet sei die Seele
- Mit dem Lebensöle.
-
-   Weichet, Lust und Sünde!
- Einem Gotteskinde
- Habt ihr nichts mehr an.
- Denn dem Gott der Ehren
- Muß mein Herz gehören,
- Ihm dem Schmerzensmann.
- Ihm erkauft, auf ihn getauft,
- Steh ich in dem Grund der Gnaden.
- Was kann da mir schaden?
-
-   Tage, Jahre, fliehet!
- Lust und Glanz, verblühet!
- Gräber, öffnet euch!
- Wenn die Glieder sterben,
- Werd ich ja ererben
- Meines Heiland's Reich!
- Wär sie nah', ach wär sie da,
- Jene Zeit, da ich erstritten
- Gottes ew'ge Hütten!
-
-Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht hinzuhören und sich mit
-anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme
-klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so ernst, sie mußte hören,
-und je länger er las, desto aufmerksamer hören. Von Sterben -- Grab -- und
-Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr abergläubig Herz
-nahm die Bangigkeit für böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der
-Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht
-und nicht die ewigen Hütten; nein, über den Tod hinaus geht keine Hoffnung.
-O, so häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben, und gerade heute
-das anzuhören ist sehr störend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig
-aus, als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein
-Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demüthig zu ihm aufschaut -- solche
-Blicke müssen sein Herz rühren.
-
-Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten sich zum Gebet. Auch
-Klärchen mußte so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der
-Teufel hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der
-Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die
-Lust und Unruhe der Welt.
-
-Beim Heimgehen fand es sich, daß Frau Krauter mit den Andern einen Weg
-hatte, und nur Klärchen allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite
-mußte; es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause führen. Sie aber
-sträubte sich, denn nichts wäre ihr drückender gewesen, als ein einsamer
-Weg mit diesem sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der
-Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige auf den Straßen zu finden
-sind, darf kein junges Mädchen allein gehen, hieß es, und Klärchen mußte
-sich fügen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich eben zu sehr in
-eine Gottes-Welt vertieft, als daß ihn die kleinen Bewegungen der irdischen
-Welt hätten berühren können. Er sah Klärchen ruhig und fest in die Augen
-und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: doch wehten außen Sturm und
-Regen so sehr, und Klärchen ging so rasch, daß er schweigen mußte. Jetzt
-standen sie vor der Hausthür. Klärchen nahm den Schlüssel und schloß auf.
-Der Mond brach eben durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz und
-Klärchen, sie sah unwillkürlich auf zu ihm: da ruheten seine dunklen Augen
-so traurig auf ihrem frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mußte
-ihre hineinlegen. Klärchen, sagte er mit bewegter Stimme, wir stehen jetzt
-am Anfang eines neuen Jahres. Der Herr wolle uns segnen, daß wir am Ende
-desselben mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter Ehre
-mögen darauf zurückschauen. Der Herr behüte Sie!
-
-Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das Haus, aber mußte erst
-einige Augenblicke sich vom Schrecken erholen.
-
-Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da will ich selbst für sorgen.
-Und das Gewissen? ich werde doch kein Verbrechen begehen? -- Sie suchte mit
-Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschütteln, und das sollte ihr
-leider nicht schwer werden. Als sie die erste Treppe hinauf war und eben
-den Zugang, der zur Etage bei Generalin führte, öffnen wollte, kam Jemand
-von oben herunter. Sie zögerte, -- ja es war der Mediziner. Er hatte den
-Sylvester-Abend etwas lauter und wilder gefeiert als Klärchen, sein Gesicht
-glühte von Wein und Punsch, und seit geraumer Zeit hatte er mit Ungeduld
-auf Klärchens Rückkehr gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer
-von den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, diese Ausdrücke von
-erhabenen Gefühlen -- Klärchen konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte
-flüsternd süße Liebesphrasen, duldete, daß er sie küßte, und als sie sich
-endlich losriß, mußte sie ihm das Versprechen geben, für eine recht baldige
-ungestörte Zusammenkunft zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer
-Mutter konnten sie das haben; denn die wird dem Glück der Tochter nichts
-entgegensetzen. Und, fügte Klärchen hinzu, es ist auch nöthig daß wir
-besprechen, wie es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da
-manches zu thun. --
-
-Närrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird denn an so alberne Dinge
-denken? Wir leben in der Gegenwart, das andere fügen die Götter. -- Dann
-fügte er einige zärtliche Worte hinzu und ging die Treppe hinauf.
-
-Diese letzten Worte gingen Klärchen eisig über die grünen Auen ihres
-Glückes, doch dachte sie nicht weiter darüber nach und legte sich in süßer
-Betäubung zur Ruhe.
-
-Am anderen Morgen wachte sie später auf als gewöhnlich. Ihre gütige
-Dame hatte sie nicht zur gewöhnlichen Zeit wecken lassen, damit sie den
-versäumten Schlaf nachholen möge. Und dennoch konnte sie sich nicht zurecht
-finden. Es war ihr so wüst im Kopfe und so nüchtern im Herzen, sie mußte
-sich ordentlich erst klar machen, daß sie sehr glücklich sei, und trotz des
-Vorredens blieb sie unruhig. Wird er Ernst machen? Wird er sich öffentlich
-verloben? Wird er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie thöricht
-genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer Seite immer noch große
-Vorsicht, das Alles zu erreichen. So dumm wie ihre Mutter, der der
-Rechtsgelehrte unter den Händen entwischt ist, wollte sie nicht sein,
-dachte Klärchen; und so denken alle thörichten Mädchen, die leichsinnige
-Liebschaften anknüpfen. Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen
-meistens ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu Ende bringen, bis
-ihnen dann das reine Herz, Ehre, und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber
-unter den Händen entschlüpft sind.
-
-Als Klärchen zur Frau Generalin ging, um ihr wie gewöhnlich bei der
-Toilette behülflich zu sein, fand sie dieselbe schon fertig angekleidet
-beim Frühstück, und neben ihr saß bei demselben ein junger schöner
-schlanker Mann in Gardeuniform. Klärchen entschuldigte sich wegen des
-späten Kommens; die Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei:
-Ich habe gestern Abend auch eine große Ueberraschung gehabt, mein Sohn kam
-unerwartet an. -- Der junge Mann war bei Klärchens Eintreten aufgestanden,
-ihre Schönheit und ihr feines Wesen bestimmten ihn, höflicher zu
-grüßen, als er es gethan haben würde, hätte er gewußt daß seiner Mutter
-Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas verlegen, Klärchen merkte
-Alles, -- ein koquettes Mädchen ist sehr feinfühlend in solchen Dingen --
-und ihr ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen Manne angepaßt. Sie
-ging ordnend im Zimmer hin und her, that, was in der Schlafstube nebenan
-zu thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu machen. Sie wußte selbst
-nicht recht wie sie dazu kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen
-dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner war wirklich häßlich
-dagegen zu nennen, und wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen!
-Freilich, tröstete sie sich, er ist ein Student, und die meinen, sie müssen
-burschikos sein; wenn er bei seiner Mutter, der Frau Präsidentin sitzt,
-wird er auch anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders sein, dachte
-sie weiter, er soll fein und nobel werden wie der Gardelieutenant!
-
-Das Haus war durch die Neujahrs-Glückwünschenden so belebt, daß es dem
-Mediziner unmöglich ward, Klärchen zu sehen. Auch den Abend war große
-Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort Bewegung auf der
-Treppe. Er war sehr ungeduldig und wußte kaum wie er die Zeit hinbringen
-sollte. Klärchen ging es nicht so, sie war heut so beschäftigt und
-hingenommen, daß sie kaum Zeit hatte an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt
-hatte sie fast nur alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge
-Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. Klärchen, im
-hellblauen Musselin-Kleide mit freiem Hals und freien Armen, stand vor der
-singenden Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten und wohl
-durchdufteten Zimmern hin und her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie
-geworden: die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie ging, bis
-leider die Generalin sehr ernste Blicke auf sie warf und ihr huldreich
-sagte, sie möchte sich nicht weiter bemühen, der Bediente solle allein
-aufwarten. Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. Kaum
-hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als er sein Fenster öffnete und
-leise mit den Händen klappte. Klärchen hatte eigentlich nicht große Lust
-ihn jetzt zu sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand sich gar
-zu schön, der Mediziner mußte sie sehen, mußte sich überzeugen, daß sie mit
-ihrer Erscheinung in die Salons einer Präsidentin passe, ja ihr Hochmuth
-und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, daß sie meinte, er müsse
-sich glücklich schätzen sie zu gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr
-nicht noch ein größeres Glück bestimmt gewesen. Der junge Graf, der heut
-mit in der Gesellschaft war, hatte sie nicht aus den Augen gelassen, und
-der Generalin Sohn, der außer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut in
-Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewiß schon sterblich in sie
-verliebt. Klärchen hatte viel Romane gelesen, sie wußte, daß nicht selten
-arme Mädchen vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte Ahnung
-einer großen Zukunft. Mit solchen Gedanken trat sie auf den Flur,
-der Mediziner stand schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes,
-herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schönheit, verschluckte er die groben
-ungeduldigen Liebesvorwürfe, die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich
-nur, daß er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klärchen entgegnete,
-dies sei ein unschicklicher Platz sich zu sprechen, und beschied ihn zum
-nächsten Abend zu ihrer Mutter. Daß er sie küßte und zärtlich ward, litt
-sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schützen nicht vor bösen Herzensgelüsten,
-nein, es sind gerade sehr verträgliche Schwestern, die sich gegenseitig
-hegen und pflegen.
-
-Am andern Morgen saß Klärchen, wie gewöhnlich, nähend im Vorzimmer. Der
-Lieutenant trat ein und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbörse wieder
-zu befestigen. Während sie es mit den feinen geschickten Händen that, stand
-er schweigend vor ihr. Auch Klärchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete.
-Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, wie sie aufschaute,
-ihm dann die Börse gab -- es mußte das Alles das Herz des Lieutenants
-bestürmen. Klärchen merkte, daß er gern eine Unterhaltung mit ihr
-angeknüpft hätte, doch die Schritte der Generalin waren im Nebenzimmer
-hörbar, und er verließ sie mit einem kurzen verbindlichen Danke.
-
-Der Tag verging mit Plänen für heut Abend; und wenn auch das Bild des
-Lieutenants sich zuweilen dazwischen drängte, so schob sie es mit Gewalt
-zurück. Der Mediziner muß sich heut Abend feierlich mit dir verloben, wo
-möglich müssen wir heut Abend noch Brautvisite bei Tante Rieke machen.
-Was wird die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen vor der
-Schwiegertochter einer Frau Präsidentin. Der Mediziner mußte morgen früh
-selbst die Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens ihr
-eine andere Stellung geben; die Hälfte des Wechsels mußte er ihr gleich
-überlassen, um für Toilette und Wäsche zu sorgen; sie war nun aus aller
-Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig kaufen und so alle Sachen.
-In dieser Weise flogen ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten,
-und es war ihr recht unangenehm, daß sie ihrer Herrin noch von 6 bis 7 Uhr
-vorlesen sollte. Die Frau Generalin aber war ganz allein, erwartete den
-Sohn erst zum Abend zurück, und Klärchen mußte wie gewöhnlich ihr auf
-diese Weise die Zeit vertreiben. Sie las heut besonders schlecht, und die
-Generalin war eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thür sich öffnete
-und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich in eine dunkle Ecke, und
-die Mutter bemerkte: sie wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In
-Klärchen schien plötzlich eine andere Kraft gefahren, sie las besonders
-schön und mit ganz anderer, bewegter Stimme. Der Lieutenant wandte keinen
-Blick von ihr, und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das Zimmer
-verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne.
-
-Lieber Alfred, sagte sie lächelnd, ich glaube, so lange Ihr jungen,
-leichtfertigen Leute hier bei mir ein- und ausgeht, muß ich das Mädchen aus
-dem Haus thun.
-
-Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du fürchtest
-doch nicht --
-
-Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug wärest, ein Mädchen
-thörichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich
-nicht.
-
-Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese Schönheit, und Graf
-Bründel, glaube ich, früge allerdings nicht viel danach, ob er ein thöricht
-Mädchen thörichter mache.
-
-So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht, -- entgegnete die Mutter
-besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, -- fügte sie zögernd
-hinzu.
-
-Gewiß, sagte Alfred treuherzig und reichte der Mutter die Hand; und sollte
-es wirklich gefährlich werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, --
-schloß er scherzend.
-
-Diese Unterredung hatte Klärchen durch das Schlüsselloch mit angehört, denn
-Horchen war in den zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in dich
-verliebt, und Alfred ist doch der Schönste und Edelste. Seinen Spaß würde
-er nie mit dir treiben: zeigt der dir Liebe, so wäre es Ernst. Sie seufzte.
-Ja, hätte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, sie hätte es
-wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich küssen lassen, hatte eine
-Liebschaft an der Treppe gehabt; Frau von Trautstein konnte sie nicht
-werden. Also nur kühn den Mediziner festgehalten, er ist auch ein Mann von
-Bedeutung und so sehr verliebt, es läßt sich Alles mit ihm machen.
-
-Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter Stube die Vorbereitungen
-zur Verlobung. Zwei Lichter brannten außer der kleinen Lampe, Tassen und
-Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der Röhre, die Mutter saß im
-Lehnstuhl am Ofen, und Klärchen mit der Guitarre am Arm saß im Sopha. Der
-Student kam, die Thür ward verschlossen und nun ward geplaudert, gescherzt,
-gekoset. Die Mutter war ganz glücklich. Der Mediziner hatte schon eine
-volle Börse deponirt zu Sachen, die für Klärchen nothwendig angeschafft
-werden sollten. Sie mußte sich gestehen, daß Klärchen es weit klüger
-angefangen als sie: Klärchen that spröder und vornehmer und kommandirte
-mehr. Sie bedachte nur nicht, daß das Ende einer klugen Sünderin ein
-gleiches ist, als das einer dummen. Klärchen kam zuletzt mit Vorschlägen
-zur Veröffentlichung ihrer Verlobung heraus, die für heute darin bestanden,
-noch zu Tante Rieke zu gehen. Der Mediziner sah sie erst verblüfft an
-und brach dann in ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften
-gehabt, das aber war ihm noch nie passirt.
-
-Närrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher Philister sein! Bei uns
-ist wohl von Lieben die Rede, aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst
-zusieht, hört aller Spaß auf.
-
-Klärchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. Wenn es so gemeint ist,
-sind wir geschiedene Leute, sagte sie in höchster Erregung.
-
-Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte,
-daß er mit dem Mädchen anders verfahren müsse, als er es bisher gewohnt
-gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu
-kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute
-seine gleißenden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie
-dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja,
-mit einemmal war es ihr, als müsse sie sich von dem Studenten losreißen,
-um einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt
-die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schönsten Reden; selbst als
-er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin
-müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, -- und als er sie
-bestürmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglück, verschloß sie sich
-in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war
-weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen gern glücklich
-gemacht, -- dazu die schöne volle Börse auf dem Tisch, -- und versuchte ihn
-zu beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entließ ihn so nicht
-ganz ohne Hoffnung. Klärchen aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du,
-sagte sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen lasse ich nicht mit
-mir! Und weil sie doch im Inneren eine große Demüthigung fühlte, daß ihr
-der Mediziner entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit
-Worten besonders groß, ließ ihr Glück bei den adeligen Herren ahnen, und
-um die Mutter vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete sie
-es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners in Verwahrung nahm.
-
-Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen aus, nicht Thränen der Reue
-über ihren Leichtsinn, nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem
-rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es
-der Lieutenant wüßte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren,
-war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen
-einlassen. Um sich vollständig zu trösten, wiederholte sie sich die
-Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, --
-sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt
-ein.
-
-Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Höhe, und die Köchin,
-die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu
-werfen, ward wieder ganz ruhig.
-
-Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes
-fortwährend auf Klärchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und
-holdselig. Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz verteufelt stolz
-und spröde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzählt und dabei
-fallen lassen, daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens
-hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise wieder erlauscht, denn
-wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom
-Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll
-der tollsten Pläne und Träumereien.
-
-Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant
-war eines Morgens abgereist, ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie
-war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge, erst der Generalin
-ernste Blicke mußten sie wieder etwas zu sich bringen.
-
-Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch
-mit Schreiben beschäftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und
-ab. Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles
-in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht
-fortgeschickt wird, so ist's möglich, dachte sie. Und wirklich ward
-er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die
-Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit
-klopfendem Herzen hörte Klärchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte
-sie begleiten müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszuführen.
-Was sie an kleinen Schlüsseln finden konnte, suchte sie zusammen und
-versuchte das Schloß zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohl lief
-sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch Niemand komme. Sie fühlte zum
-erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie
-von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum
-Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen
-Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen.
-
-Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurück,
-Klärchen verließ hastig und scheu das Zimmer.
-
-In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich
-Vorwürfe über ihre Angst, beredete sich, daß es gar nichts Großes
-sei, einen fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre Versuche
-wiederholt. Sie mußte aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine
-Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei
-solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es: Hüte dich vor dem ersten
-Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan!
-Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß nicht auf, und Klärchen
-mußte die auf's Höchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett
-nehmen.
-
-Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im Schlafzimmer der Generalin
-einzuheizen. Wie gewöhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der
-Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer dort liegen
-sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlüssel, verließ
-das Schlafzimmer, schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal,
-obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas zu thun hatte, und
-nun schloß sie mit Leichtigkeit das Schlößchen auf. Da stand ein volles
-Geldkästchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber
-der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte
-den Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor einer Liebe bewahren,
-die ihn, wenn auch nicht für Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne.
-Darauf schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit,
-daß Klärchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge
-Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten
-Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleißig,«
-schloß die Generalin diese Schilderung, »darum werde ich sie jetzt nicht
-gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu
-überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden
-soll.«
-
-Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe
-Stelle, schloß den Kasten und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz.
-Die Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus
-dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte
-sie, die Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt an, die
-Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster Aufmerksamkeit kontrollirte
-sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich
-entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die
-Generalin nahm den Brief in höchster Spannung aus Klärchens Hand und
-erbrach ihn schnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab, ordnete
-hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die
-Leserin, deren Züge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden
-und sich endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies Lächeln war ein
-Dolchstoß in Klärchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden
-als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststück mit der
-Eröffnung des Tisches nicht wiederholen.
-
-Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe Stunde früher als
-gewöhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm
-den Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie öffnete schnell
-und las:
-
-»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich
-leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, daß es unnöthig war.
-Ich leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen interessirte und
-ich neugierig war, ob wirklich hinter der schönen Hülle das verborgen
-sei, was man wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber ganz mit Dir im
-Urtheil über ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke
-in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn
-überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu
-überwachen. Graf Bründel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und
-Mühe sparen, ein Verhältniß anzuknüpfen,« --
-
-Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie
-lauschte, es schien ihr wieder still; aber ihre Angst war groß und sie sah
-nur noch nach dem Ende des Briefes:
-
-»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschäftigt, ehe ich zu Dir
-kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich
-hoffe Dir bald eine würdige Tochter« --
-
-Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klärchen legte
-den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und
-schloß eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!
-
-Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz. Hier war also nichts zu
-machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas
-Ungewöhnliches der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen unglücklicher Liebe,
-die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück
-nicht für sehr lange.
-
- * * * * *
-
-Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal
-mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte
-hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an einander vorüber,
-konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an
-den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab.
-
-Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie saß ihrer Mutter
-gegenüber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein
-Fensterchen in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die Sonne golden
-war, dachte an den Frühling, an Blüthen, Bäume und Vögelgesang und andere
-schöne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen.
-Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines
-Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe;
-oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krümlein hin.
-Aber auch die Vögel im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war ja
-immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus
-kam, rief Benjamin einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder sonst
-ein gutes fröhliches Wort.
-
-Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geöffnet, und
-die Eisblumen regten und rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter,
-es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mußte sich
-nach ihm erkundigen. -- Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen
-Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, daß Fritz
-Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nähern wollte. Ihr Zartgefühl
-erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben;
-aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte
-Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt
-verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er
-dem Jungen nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit
-der er früher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. -- Heute
-aber war von all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte gepflegt
-werden und Gretchen sich auf den Weg zu ihm machen. Sie that es so gern,
-und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die Werkstatt.
-Während dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die
-Straße, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich es glückte,
-die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen.
-
-Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mürrische Magd, er verlange
-aber gar nichts, er wolle die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht
-ab, sich zu rüsten. Das Näpfchen mit der warmen Suppe unter dem Mantel
-ging sie hinüber zu dem alten Freunde. Die Sonne schien so hell in die
-Werkstatt, die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, Fritz
-in weißen Hemdsärmeln und schwarzer Tuchweste stand mit Gesellen und
-Lehrburschen rüstig bei der Arbeit. Als die Thür sich öffnete und Gretchen
-mit dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmütze hineinschaute,
-erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen und reichte ihr freundlich die
-Hand.
-
-Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen etwas scheu.
-
-Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und seufzte: ja er ist krank, und
-es ist recht schlecht von mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das
-Näpfchen tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu.
-
-Gretchen ließ es sich gefallen und folgte ihm nun die Treppe hinan. Aus der
-warmen Werkstatt traten sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief
-in den Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem Bett mit trauriger
-Miene, der Dompfaff pickte eben vergebens am zugefrorenen Trinknäpfchen.
-
-Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die Thür sich öffnete, -- armer
-Schuster!
-
-Benjamin's Nachtmütze bewegte sich jetzt, und sein freundlich Gesicht kam
-zum Vorschein.
-
-Dacht' ich's doch, daß Du kommen würdest, sagte er zu Gretchen, und nun
-gieb erst den Vögeln Futter. Dorthe ist schlechter Laune und ist seit
-gestern Abend nicht herauf gekommen.
-
-Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, aber vergebens; Fritz
-merkte, was sie suchte, und verließ das Zimmer. Eilig kam er wieder mit
-einem Töpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe Kohlen. Schweigend
-reichte er ihr das Wasser, schweigend machte er Feuer in den Ofen und
-sah dann, wie Gretchen die Trinknäpfe der Vögel aufthaute, wie sie ihnen
-frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin die Kissen zurechtlegte, ihm den
-Tisch vor dem Bette deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend
-und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet sprach und Gretchen
-mit gefalteten Händen dabei stand, faltete auch er die Hände und betete
-mit. Nachdem sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die Hand und
-sagte mit bewegter Stimme:
-
-Benjamin, verzeihe mir, daß ich Dich so vergessen konnte, ich bin recht
-traurig darüber.
-
-Benjamin nahm seine Hand in beide Hände und drückte sie herzlich. Dann
-wandte sich Fritz zu Gretchen:
-
-Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme mich vor Euch und vor Gott, daß
-ich so lieblos sein konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen.
-
-Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und
-auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. -- Herr, dein Wille geschehe!
--- Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so versöhnlichem
-Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden, er fühlte, wohin der Herr
-ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken
-seines Herzens mußte er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte
-wuchern lassen!
-
-Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mußte aber das Versprechen
-geben, wieder zu kommen.
-
-Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um
-Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen
-Fehler gut gemacht habe.
-
-Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen
-Leute verließen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile,
-um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal zu Euch kommen wollen,
--- aber das böse Wetter, -- man ist so eingeschneit.
-
-Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen.
-
-Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im
-Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten
-Geranientopf legte, ward er noch verlegener. -- Den armen Topf habe ich
-auch vergessen, aber ich will ihn doch begießen. -- Gretchens Hand fuhr
-erschrocken zurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In
-diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen,
-obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der
-geringste Anstoß mußte es hinunter stoßen.
-
-Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei kamen, nöthigte Gretchen,
-den Vater zu begrüßen. Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl
-mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen
-Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich
-stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein
-Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide
-Hände entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja
-schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie viele Tage er noch
-zu zählen hat! Aber er soll glücklich sein, Gretchens Hand soll seines
-Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem
-Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus
-seinem Herzen verschwunden.
-
-Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig
-gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der
-Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein
-Buchladen, und als Fritz oben sein Geschäft beendet, trat er unten in den
-Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen
-es gern, wenn er sich hin und wieder hübsche Bücher ansah, denn nicht
-selten kaufte er auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert
-und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung, als er den Laden
-verließ. Sein Weg führte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der
-Kälte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte
-er zwischen den Leuten Klärchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht
-widerstehen, er mußte erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und
-Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und
-schön mit dunkelblondem Haar und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging
-das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte sich, aber er
-konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer
-halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb
-nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen
-Zettelträger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Bründel,
-war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er
-wohl gehört: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison,
--- Klärchen seine Geliebte! -- Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen
-beschäftigt, als Benjamin krank war; darüber hatte er Alles um sich her
-vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf
-Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei.
-
-Klärchen aber fühlte sich nicht arm, nein, unendlich reich, sie liebte und
-ward wieder geliebt -- und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt.
-Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; er hing an ihren Blicken, sie
-hatte nur über ihn zu bestimmen! -- Als der Sohn der Generalin sie damals
-so plötzlich aufgegeben, war sie -- wie schon erzählt -- sehr unglücklich,
-doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des
-leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe
-bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Bründel.
-Mit Entzücken ward die Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht so
-spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise
-versuchen zu müssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal
-nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel vergangen. Frau Krauter
-machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu
-begünstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Börse, und sie führte ein
-herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klärchen trauen
-zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens Klugheit
-war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie
-wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im Theater
-war sie öfters gewesen, und in künftiger Woche wollte der Graf sie auf eine
-Redoute im Theaterlokale führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens.
-Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen Modeblättern und
-durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge verliehen wurden. Endlich hatte sie
-sich für eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu ein grüner
-Sammetüberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt
-angemessen war. Woher aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in
-allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschüssen
-geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade
-selbst nichts hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in allen Läden
-fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei
-Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es längst
-bezahlen können und würde auch bald wieder Geld die Fülle haben, es war
-nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte
-sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter zu sein, und dazu
-gehörten kaum einige Thaler. Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer
-den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein!
-sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen würde freilich die Generalin
-eine so kleine Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen
-gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen
-vergessen hätte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden
-konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die Zeit der
-Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens könntest du das Geld nehmen
-und legst es wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand
-nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige
-Waffe, mit der sie sich vor Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr
-gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte
-diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand, und das grüne Sammetgewand ist
-nothwendig zu deinem Glücke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte
-Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände zitterten, als sie in den Kasten
-griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter
-war und vor dem Spiegel den grünen Sammet probirte, zitterte sie nicht
-mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen
-flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit gepriesen ward, da
-schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges
-Geld, denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und Gustchen Vogler war
-schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch
-der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern
-Morgen später als gewöhnlich aufstand, mußte sie es bis zum nächsten
-verschieben. Den Tag aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die
-Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gütig, von
-_der_ Seite war Klärchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die
-kleinen Schulden in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster Gelegenheit
-wieder borgen zu können. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden
-stand, bemerkte sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche. Noch
-dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen gesprochen, und der älteste Diener
-gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber doch ernsten
-Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung
-solche Vorschüsse zu machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die
-Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die künftige Gemahlin eines
-Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung
-und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler
-ging ihr Weg. Gustchen mußte das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr
-am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben. Gustchen war gutmüthig;
-sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht
-wieder bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte
-Klärchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen
-ihrer Stellung ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich bei der
-Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mußte. Es
-war das erste Mal, daß Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen,
-und dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen. Mit klopfendem
-Herzen wartete sie auf der Mutter Rückkehr; diese aber brachte den
-traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so
-oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen früh um zehn das Geld
-anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht.
-Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spät Abends nach
-Haus gekommen, aber heut früh verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen
-kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertröstet.
-Noth bricht Eisen, dachte Klärchen, morgen früh hole ich Geld aus dem
-Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal
-auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter noch einmal nach dem Grafen
-aussehen. Er war noch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen mit
-großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie kühner. Sie nahm nahe an
-drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die Thür
-hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat. Klärchen schrie laut
-auf. -- Also doch! sagte die Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das
-Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden.
-
-Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, daß
-Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß und
-besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie der Dieb seien.
-
-Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld
-wieder hineinlegen.
-
-Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen,
-haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann
-Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir
-ganz der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggründe
-dazu. Ueberhaupt muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von
-dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerüchte verbreitet haben.
-
-Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war
-dahin. Die Sünde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es,
-die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen,
-freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber
-an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre
-erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, hätte sie das zweite
-Geld nicht genommen, ja sie würde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt
-haben. Seine Liebe war so großmüthig gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war
-auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.
-
-Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, getäuschtes Mädchen
-sei, daß es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie würde ein achtbares
-Offiziercorps es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, wie sie!
-
-Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie
-leise.
-
-Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der
-Straße umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige
-Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.
-
-Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte
-sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde sie
-geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg
-zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers,
-wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten.
-
-Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines
-solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klärchens
-Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame,
-von der Sache nicht zu reden und Klärchen bis Ostern ruhig im Dienst zu
-behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie diese
-Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen aufzulösen, soll das von seiner
-Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes
-unglückliches Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, daß er Sie zur
-Diebin machte.
-
-Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, --
-aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte
-endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu
-schreiben; sie schilderte ihr Unglück, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn
-er sie verließe. Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift kaum
-zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein.
-
-Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klärchen, Du mußt schnell den
-Brief zum Grafen tragen.
-
-Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon.
-
-O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar nicht nöthig gewesen! Sie
-bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch
-nur noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht über sie gekommen!
-Die Mutter war außer sich über den Schmerz der Tochter, sie forschte,
-sie tröstete, sie erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen
-gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut früh
-im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrücken müssen. Er brummte
-freilich ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge über
-seine Kräfte.
-
-Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin,
-und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe,
-und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich
-wieder.
-
-Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte den Kopf, sie wußte
-nur: Guste Vogler würde kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht
-wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie redete also der Tochter zu.
-Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig
-Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut
-Abend zu uns bestellen, da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich
-die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir noch wie mein
-Rechtsgelehrter.
-
-Klärchen wollte eben auffahren, als es an der Thür klopfte. Guste! sagte
-sie leise und sah dabei unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.
-
-Soll ich? fragte diese.
-
-Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thür,
-sag', ich sei krank.
-
-Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mußte sie die
-Besorgung des Briefes an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß nicht
-ohne Antwort wieder zu kommen.
-
-Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und
-Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle
-Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht
-sehen zu müssen. Hier lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie
-machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein
-Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück nicht ertragen können, er wird
-selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird
-sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. -- Aber wie
-ward ihr, als die Mutter in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten
-Bescheid: Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe von einem zweiten
-Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden
-Unannehmlichkeiten, er müsse sich die Sache überlegen und wolle morgen
-Bescheid schicken.
-
-Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte sich in einer solchen Nacht
-des Unglücks, daß sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die
-Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett
-liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand
-sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne doch noch einen
-tröstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurück, wie seine Liebe
-da so heiß, seine Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen;
-aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind,
-die wie Seifenblasen verwehen; sie gehörte zu den Tausenden von thörichten
-Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten.
-
-Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die Mutter kam mit dem Briefe,
-und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden
-geschrieben werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber man muß der
-Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darüber
-bricht. -- Klärchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb
-den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den größeren Theil
-der Goldstücke, die der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der
-Mutter nur den kleineren zu geben.
-
- * * * * *
-
-Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frühlingssonne
-schien auf die belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei
-krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber fürchtete sie
-sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter
-hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu
-angeben müssen: Klärchen könne das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich
-darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung hätte.
-
-Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen für die Frau Generalin
-zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Straße,
-vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klärchens Ohren. Klärchen
-aber war betrübt und verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das
-lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber
-war es ihr, daß Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht,
-sie mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt machen. Die Tante
-war aber nicht so schlimm, als sie gefürchtet.
-
-Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, mußt doch recht krank
-gewesen sein.
-
-Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte hinzu, daß der neue Dienst
-im Hotel Reinhard gewiß passender für sie sein würde.
-
-Aber ein Gasthof! sagte die Tante.
-
-Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klärchen, ich
-bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe
-das Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche unter mir. Dazu
-bekomme ich 60 Thaler Gehalt und viele Geschenke.
-
-Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der
-Tante Haus erreicht. Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der
-Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm
-in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber
-es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. -- Bei den
-Worten beugte sie sich über einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als
-ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.
-
-Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen her? fragte Klärchen.
-
-Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wußte, daß
-Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das
-Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner
-Stube zur Blüthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die
-weißen Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Köpfchen so
-still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglöckchen,
-und Benjamin hätte mich durch nichts mehr erfreuen können.
-
-Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich
-nicht über Blumen freuen.
-
-Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun hilf mir, Klärchen,
-Erbsen legen und Salat säen. Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle
-recht früh zu haben. -- Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit
-stehenden Samen und ging der Tante und Klärchen voran.
-
-Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen zogen daran, der
-Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen
-auseinander, die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen Schimmer, der
-Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben girrten auf den Dächern, und in
-den Nachbarsgärten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin
-schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß ihm auf der Schulter und rief:
-»Jungfer Gretchen, so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine
-häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin aber flüsterte dem Vogel
-etwas zu, und der schnarrte sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer,
-daß selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe
-gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah über das Staket hinüber,
-Gretchen bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn wohl auch
-hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine
-Gebete erhört und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme für das
-arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. Er wußte ihr Schicksal mit dem
-Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre
-Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.
-
-Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch
-und fröhlich, sein Herz freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte
-wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten
-Fliederbaume über das Staket und übernahm selbst das Amt des Reihenziehens.
-Frau Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock
-gestützt, sich von der Frühlingssonne wärmen ließ, schien sich noch mehr zu
-erwärmen am Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.
-
-Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glücklichen Menschen.
-Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut
-ordentlich hübsch vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die Grete
-gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den
-Fritz so schnöde behandelt zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu
-bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen Welt gescheitert, konnte
-sie sich das Leben in einem stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz
-schon möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes, fleißiges,
-ordentliches Mädchen wie Gretchen sein, flüsterte eine Stimme in ihrem
-Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen
-Wangen.
-
- * * * * *
-
-Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen
-freute sich erst an den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz
-hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und gesäet, daß Alles lustig
-durch einander blühte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte
-sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn nach einem schönen,
-warmen Sommerregen brach plötzlich ein F. und G. aus der braunen Erde
-heraus und war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu lesen.
-Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang
-lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele.
-
-Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder
-aufgeblüht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden
-bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Daß dies keinen
-weiteren Einfluß auf ihr künftiges Leben haben würde, wußte sie, es waren
-Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren
-wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und wollte überhaupt mit
-vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem
-Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes Herz und
-Bildung mußte der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stübchen
-leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der
-Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch
-und französisch, ging immer in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und
-hatte in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß sie gerade mit ihrer
-Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er
-ihrer Liebe gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse klar
-auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte
-200 Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber
-sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine
-Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war
-schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte
-Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte
-ein Leben wie eine Prinzessin führen, und schalten und walten nach
-Wohlgefallen. Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward wieder kühn
-in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig und mit sich zufrieden.
-Zum 10. August, Klärchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die
-Verlobung zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im Voraus einen rosa
-Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem
-Sopha in ihrem Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh
-daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spät dämmerig,
-ihre Stubenthür war nur angelehnt, -- da hörte sie zwei flüsternde Stimmen
-auf dem Korridor.
-
-Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so
-viel Verstand, daß er weiß, was ihm noth thut.
-
-Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher
-Mensch wäre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.
-
-Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat
-hundert Thaler schlägt er gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und
-hat den Narren an ihm gefressen.
-
-Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war in besonderer Aufregung.
-Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche
-Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte
-er so nach Wein geduftet, daß sie ihn darauf angeredet; er aber hatte
-gelacht und gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht
-probiren wolle, auch wäre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden
-Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß der Wein
-aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn geübt, hatte Klärchen noch nie
-gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar
-der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er
-sprach so schön. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden,
-und näher kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner Moral
-beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch
-eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es die Leute
-wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste
-bei der Sache. Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie mußte aus
-ihrer Ungewißheit kommen, und verließ deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen
-faßte sie an ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf sah sie
-in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Küche und erkundigte
-sich, für wen der Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin
-unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand,
-grinsete bei diesen Worten die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen
-mußte sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen;
-sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich,
-wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die
-Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende
-Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen
-ließ, wie es wollte, -- wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke
-Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlägen sicher. Und wie
-mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen
-wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward
-ihr ganz bange, und -- wunderlich genug, -- Fritz Buchstein und Tante Rieke
-standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor
-ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch für dein
-leichtsinniges Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht hätte mit ihrem
-Sprüchwort: Wie man's treibt, so geht's? -- Aber was sollte sie machen?
-Jetzt wieder zurücktreten -- das war unmöglich, ihr Ruf würde darunter noch
-mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht
-lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist
-ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben,
-bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend,
-sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie
-wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon
-manche Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn
-ändern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat
-noch keinen Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie dieser
-Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer geben sie sich wieder
-den alten Sünden hin. Einen Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht,
-gehört die Kraft von oben.
-
-Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen
-Morgen Eduard mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit vor
-ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mußte sie ihm von
-dem Gespräch -- zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es
-ihr eine Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine Fehler wußte. Sie
-erzählte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher
-Dinge glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten hören.
-Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte mußten die
-Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen
-den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber
-war er recht froh, daß ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine
-genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung
-des Betrinkens erklärte er damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und
-daß die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, ihm nicht wohl
-gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig geworden. O, er that so erzürnt
-und erboßt, daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, um ihn wieder
-zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, und Beide unterdrückten durch
-süße Worte ihre gegenseitigen beängstigenden Gefühle.
-
-Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klärchen hatte die Freude, daß
-man ihnen überall nachsah, -- wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens
-aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene
-Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen
-Manne gegenüber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix.
-
-Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klärchen am
-Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn
-als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht.
-Gretchen aber sah dem Bräutigam erst forschend und dann ganz erzürnt in die
-Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klärchen
-bemerkte das und wußte gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach
-zuerst die peinliche Pause.
-
-Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht so sehr überrascht mit
-einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.
-
-Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell gekommen, und mit
-Aehnlichem. Der Bräutigam hatte während dessen seine Fassung vollständig
-wieder gewonnen und spielte den Beleidigten.
-
-Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, -- sagte
-er gereizt, -- und daß ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine
-Verhältnisse sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost als solcher nahen
-darf.
-
-Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die Tante sanft, ich wünschte
-nur, Klärchen hätte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz
-unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns ganz unbekannt sind;
-weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehört.
-
-Ich kenne den Herrn wohl, -- sagte Gretchen jetzt leise, aber mit
-unverkennbarem scharfem Ausdruck.
-
-Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorübergehend, vielleicht
-im Theater oder in einem Kaffeegarten.
-
-Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darüber
-hin und knüpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb
-ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen auch, bis zu aller
-Erleichterung der Besuch ein Ende hatte.
-
-Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mußt Du
-versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst
-Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde behandelt, und
-was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht.
-
-Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet
-hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, -- eher
-bemitleidet; und dahinter mußte etwas stecken. Und daß auch die Tante
-so wenig Freude über den vornehm aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr
-entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich vor dem
-zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.
-
-Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß Beide wenig Gelegenheit
-fanden, sich zu sprechen. Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete
-nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu können und den Grund
-von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr
-zahlreichen Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben aus. Sie
-fand die Tante und Gretchen in der dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht
-recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit
-etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem
-Bräutigam wüßten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder.
-
-Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen möchten wir es Dir recht
-begreiflich machen, daß wir es gut mit Dir meinen. -- Bei diesen Worten
-nahm sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht
-herzlich an. Klärchens Herz war leichtfertig, aber für die Stimme der
-Wahrheit hatte sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie und
-erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:
-
-Kennst Du Deinen Bräutigam genau?
-
-Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klärchen. Ich weiß, daß
-er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze
-Geschäft führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen wird. Er hat
-Konnexionen, Vermögen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe
-aus- und eingehen, geachtet und geliebt.
-
-Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur äußere Dinge, und
-Du könntest bei alle dem kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein
-rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr
-fürchtet, als die Menschen?
-
-Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine
-Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's
-Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.
-
-Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klärchen liege ihres
-Bräutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es
-nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz war
-gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte mit der ganzen Welt hadern
-mögen.
-
-Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem Bräutigam wissen, begann die
-Tante, Du kannst dann überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten
-Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte Gretchen für mich manche
-Krankenbesuche übernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein
-Mädchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an
-der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, daß es ihr am
-Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was
-sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber auch innerlichen
-Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr
-vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer
-umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen über den Menschen mit anhören
-müssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als
-das Mädchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr größtes
-Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden
-noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon früher die
-Unterhändlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen
-abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt
-und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme
-zuspricht, ist diese untröstlich und sagt nur immer, sie müsse Günthern
-noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehört und auch
-nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie
-ihr Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so schmählich verlassen
-und verstoßen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem
-Heilande, der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und so Aehnliches,
-um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt die Frau herein, die immer an Günther
-abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen,
-aber der Mann steht in der Thür, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an
-das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, --
-und dazu weint sie bitterlich. -- Das ist meine Schuld nicht! entgegnet
-er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende
-hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. -- Du hast
-mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. -- Ich? ruft
-er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es
-nicht, daß sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr hätten als
-er, die sollten sich nur um sie bekümmern. -- Die Kranke kann vor Weinen
-nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurück. Da
-kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und
-legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unnütze Reden, die
-Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht
-so harte Worte von Ihnen hören. -- Er ist ganz erschrocken, denn er hat
-Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und führt nun eine andere Sprache
-und läßt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mädchen todt.
-
-Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster Aufregung. Sprechen konnte sie
-nicht; sie reichte der Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. Die
-Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, sie lief mit eilenden
-Schritten über die Straße und verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier
-brach sie in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhältniß
-vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte
-einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der
-besonders weit über Tante Rieke und über Greten stand. -- So gingen ihre
-Gedanken anfänglich durch einander. -- Als sie aber eine halbe Stunde
-geweint, und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze
-Geschichte wahr wäre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Daß ich
-seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch
-deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von
-allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die
-eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern entschuldigen und
-so die Last beider tragen. Daß das Mädchen so dumm war, sich verführen zu
-lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, die Arme
-so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie ein ganz unbedeutendes Wesen,
-die ihn nicht fesseln konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das
-einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen blieb, und daß gerade
-ihre Verwandten so tief hinein blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die
-Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst
-Herrin eines großen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von
-dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so
-fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mußte doch überlegt
-werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so
-schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so
-strengen Blicken an; in den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten
-sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, und um so demüthiger
-werden und ergebener. Als er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften
-zu ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen flossen von Neuem
-bei seinem Anblick. Er, mit dem bösen Gewissen, war besonders weichherzig,
-forschte nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien
-sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste
-Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die
-absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm Klärchen abspenstig zu
-machen. Wer weiß, in welchen Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern
-sich, sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken
-erzählte er: sie sei Hausmädchen hier gewesen, und er habe allerdings ein
-kleines Liebesverhältniß mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, sei
-liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu
-ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich
-durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die
-Person ihm keine Ruhe gelassen. -- Und das ist die Geschichte, die Deine
-vortreffliche Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du mußt mir
-jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar
-zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet
-und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, daß sie die
-Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach
-dem, wie sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, daß ich je
-wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. -- Hierauf begann er seine
-Pläne für die nächste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glänzend,
-so herrlich, daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle seine
-Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie
-noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels
-gar nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade
-gegenüber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen
-möglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klärchen sollte da allein
-ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jährlich bekommen,
-außer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen.
-Als Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren
-Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Günther
-von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr
-schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre Verleumdungen, als für ihre
-Hochzeitsgeschenke, ich könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde
-sie nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein
-Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. -- Klärchen
-machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr
-gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht
-beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach
-den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir
-sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben
-plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ sich bereden,
-und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit
-sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen,
-ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief mitgegeben, den Günther
-heut Morgen an die Tante geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen
-dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther gestern Abend sich
-vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden
-Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das Unglück und über
-den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese
-Verheirathung der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher
-Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein
-herrliches Leben geführt, sie erwartete nun den Himmel von Klärchens
-eigenem Hotel. Als sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete sie
-gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht
-ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre doch
-nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und
-Du mußt es mit Deinem Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter
-doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hieß es jetzt, und da sie den
-Bräutigam nicht fallen lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die
-Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen,
-wie unglücklich sie über ihres Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn
-zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse sie sich in
-seinen Willen fügen und den Umgang mit der Tante für jetzt abbrechen, --
-doch nicht für lange, denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und
-die Tante um Verzeihung bitten.
-
- * * * * *
-
-Es war der 25. September. Klärchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa
-Schürze um den weißen Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war nun
-bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. Gestern hatte sie
-Hochzeit gehabt, war stolz im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren
-und war als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem
-Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine
-Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair
-mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen
-Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der
-Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese Leute nicht zu ihren
-eleganten Zimmern paßten, aber auch Günther war in dieser Gesellschaft
-ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er
-sprach anders und ließ sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme
-Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und das
-ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, tröstete
-sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrühstück
-nehmen. Klärchen hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen Tassen
-standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und
-sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre
-Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen
-und Chokolade, setzte sich wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:
-
-Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es Dir noch so glücken würde,
-Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging
-Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß wir nun eingelaufen sind
-in den Hafen!
-
-Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem
-Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu
-bequemen wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, aber guter
-Laune ein. Die Gäste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau
-Krauter ließ es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte
-der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. Mir ist heut mehr wie
-Weintrinken, sagte er scherzend, verließ das Zimmer und kam bald mit einem
-Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten
-auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen sah ängstlich auf ihren Mann.
-Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, denn sie
-sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm die Hände zitterten. Sie hätte
-gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute
-sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte sie, daß Günther in
-solchen Dingen sich nichts sagen ließ. Die Herrengesellschaft ward immer
-lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß ihr Mann
-schon seit einigen Tagen unwohl sei und daß ihm der Wein sehr schlecht
-bekommen würde. Er ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten
-auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der
-Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen
-Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf
-die Auflösung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Männern nicht
-leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klärchen war
-mit dem Mann und der Mutter allein.
-
-Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen
-konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu
-Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und
-Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten
-Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich
-erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster
-und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein
-lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr
-lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das
-anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer,
-ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer
-Wünsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen.
-Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die
-Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere
-Wohnung träumen können, -- und doch war sie nicht befriedigt und das war
-ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der
-ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus
-ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens
-zu zerstreuen.
-
-Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er
-etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte
-er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte,
-im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn
-schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.
-
- * * * * *
-
-Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten
-Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber
-herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der
-Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch
-allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel-
-und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen,
-auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und
-Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer
-Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen
-seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war
-seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu
-bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.
-
-Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen
-Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch
-einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann
-neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz
-konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch
-nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir
-nicht.
-
-Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen,
-und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen.
-Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen
-Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen
-werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel
-bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie
-führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues,
-starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte
-er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo
-Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute
-er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der
-Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß
-die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket.
-Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen
-mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz
-Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt
-schon längst die Gedanken meines Herzens. -- Gretchen nickte.
-
-Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft
-geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so
-gern möchte.
-
-Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches
-Glückes.
-
-Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm
-in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den
-Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das
-Brett und schnarrte: Jungfer Braut! -- Ja, Du alter Benjamin steckst Deine
-Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem
-Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze
-mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr
-segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem
-Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« -- ja
-da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten
-sie ein und Benjamin ebenfalls:
-
-   Ich will ihn loben bis in Tod!
- Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
- Will ich lobsingen meinem Gott;
- Der Leib und Seel' gegeben hat,
- Werde gepriesen früh und spat.
- Halleluja, Halleluja.
-
-   Selig, ja selig ist der zu nennen,
- Deß Hülfe der Gott Jacob ist,
- Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen
- Und hofft getrost auf Jesum Christ.
- Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
- Am besten findet Rath und That.
- Halleluja, Halleluja.
-
-Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit
-zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen
-weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien,
-ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und
-eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam
-flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit
-fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit.
-Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um
-den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und
-Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.
-
- * * * * *
-
-Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther
-suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in
-Kaffeegärten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar
-nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die
-übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken
-und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit
-Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger
-nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem
-Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken
-und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen,
-meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie
-zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später,
-sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen,
-jetzt könnten sie sich behelfen.
-
-Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam,
-wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther
-sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm
-die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen.
-Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich
-beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen
-fuhr, die Klärchen wieder beruhigte.
-
-Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen
-Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen,
-den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch
-ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im
-Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals
-das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten.
-
-Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.
-
-In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch.
-
-Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie
-sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden
-Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, -- fünf tausend Thaler,
--- das soll gehen, -- das muß gehen. -- Klärchen schloß schnell die Thür
-hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!
-
-Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter
-Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte
-wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen
-fragte, wer da sei.
-
-Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn
-Eduard sprechen.
-
-Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte
-mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu
-glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um,
-setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand
-auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung
-aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte
-sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und
-verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu
-führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß
-und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich
-raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! -- Klärchen stand erschrocken,
-aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben
-können. -- Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich
-gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und
-schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie
-laut auf. -- Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und
-streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen
-Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und
-entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen
-Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch.
-Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, -- zehntausend Thaler -- und dann
-links um kehrt! -- Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt;
-er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer
-unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.
-
-Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht
-zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm
-allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen ihr einziger Trost.
-Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief.
-
-Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete,
-regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher.
-Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine
-Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und
-Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer
-überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen
-Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße
-Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich
-werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm.
-Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu
-reden.
-
-Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?
-
-Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist?
-fragte sie mit zitternder Stimme.
-
-Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn
-der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu
-behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie
-es einer ordentlichen Frau zukommt.
-
-Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von
-Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß
-die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur
-heimlich fortgebracht habe?
-
-Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du
-hättest nur hier so fortfahren sollen.
-
-Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu.
-Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte _sie_ an. Das war
-das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte
-sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu
-Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels
-abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen.
-Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer
-Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.
-
-Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich
-fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast
-nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu
-werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht
-Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht
-einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu
-sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel
-saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch
-leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.
-
-Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens
-leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch
-prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn
-nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern
-Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen.
-Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen
-hübschen Sachen bedacht, -- so gab es nur fröhliche Gesichter.
-
-Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu
-zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung
-sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu
-zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen
-ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie
-mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war
-ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der
-letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu
-denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante
-Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war
-sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können.
-
-Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen,
-daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr
-besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine
-entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tönen die Kirche erfüllte, als
-viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm'
-ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß
-Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu
-lesen und zu singen:
-
-   Es ist der Herre Christ unser Gott,
- Der will euch führ'n aus aller Noth,
- Er will eu'r Heiland selber sein,
- Von allen Sünden machen rein.
-
-   Er bringt euch alle Seligkeit,
- Die Gott der Vater hat bereit't,
- Daß ihr mit uns im Himmelreich
- Sollt mit uns leben ewiglich.
-
-Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte
-Klärchen. -- O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller
-und lustiger als der andere, die Welt so lachend, -- warum bin ich nur in
-mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe
-keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen
-haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht
-kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder
-von ihren Gedanken ab.
-
-»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich
-darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete
-er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von
-seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange,
-daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. -- »Wie groß und
-unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so
-bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht,
--- unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen,
-daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der
-Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt
-uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die
-Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie
-müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du
-kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen,
-stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst
-mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu
-nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein
-sein auf ewig!« --
-
-Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie
-nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt
-weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und
-aus Gnaden sollen wir selig werden. -- Doch bestürmten heut auch heiße
-Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen
-erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht.
-Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet
-flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen.
-
-Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie
-schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und
-demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den
-Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und
-Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im
-Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim
-Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es
-erlaubt, komme ich bald. -- Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen
-in die Augen und sie eilte hinweg.
-
- * * * * *
-
-Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen,
-Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens
-vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt
-und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und
-gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete.
-
-Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz
-besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu
-Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester
-sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl
-in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu
-holen. Aber heut hole ihn nur! -- Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf
-den Tisch. -- Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig
-ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, -- wenn
-ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein
-Vergnügen haben. -- Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar
-Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht,
-wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen
-und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum
-kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein
-erfreuen, ist wohl erlaubt.
-
-Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte
-sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen.
-Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des
-Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie
-weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle
-Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. -- Günther
-stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.
-
-Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch
-Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das
-neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.
-
-Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und
-gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich
-schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu
-edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger
-Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen
-gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die
-Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben,
-konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch
-war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang
-am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe
-ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt,
-daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und
-Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.
-
-Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem
-Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die
-Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich
-ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen
-Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte,
-demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und
-wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und
-so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der
-zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder
-mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz
-Buchstein -- welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre
-Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene
-Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes
-in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen
-könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste
-Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt
-noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben
-sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so,
-sie mußte sehen, wie es abliefe.
-
-Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin,
-sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des
-Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das
-einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr
-Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben.
-Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand,
-öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen
-Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft
-ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte
-Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden.
-Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr,
-um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen
-Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie
-hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war
-abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum
-redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn
-und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte
-Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine
-Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen
-war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben,
-und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild
-hergehen würde, war vorauszusehen.
-
-Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward
-angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und
-die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein
-bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und
-das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes.
-Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der
-Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los.
-Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut
-über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich
-aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt
-aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter;
-blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die
-Schlafstube flüchten. Dem Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und
-er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube
-auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, -- dahin
-gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend
-das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu
-entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit
-Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben.
-Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von
-dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie
-wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und
-so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu
-legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig
-sein.
-
-Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter
-aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für
-Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine
-Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er
-nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu
-schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie
-nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine
-Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht
-lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche
-Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber ließ sich auf nichts ein, er war
-grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen.
-Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte
-brechen. Mit _dem_ Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von
-ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen
-konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr
-Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte
-sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche
-aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es
-verboten, sich dabei beruhigt.
-
-Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei
-ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen,
-selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem
-Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück
-war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie
-wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders
-als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine
-Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter
-behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du
-kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu
-rühren. -- Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen,
-ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben
-führen. -- Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne
-das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich
-schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -- Ja, das Kind!
-seufzte Klärchen. -- Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin
-sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können,
-wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte
-darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil
-sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er
-oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich
-gefallen lassen.
-
-In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald
-nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare
-Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. -- Aber der
-Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn
-und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom
-ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von
-seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte
-der Zukunft. -- Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie
-sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den
-Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche
-gewesen.
-
-Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft
-lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen.
-Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur
-zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten
-führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und
-ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders,
-als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes
-gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen
-getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den
-wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.
-
-Eines Sonnabends Abends --, es war Anfangs Mai --, da saß Klärchen am
-offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem
-fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien
-von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn,
-Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward
-bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte
-sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm
-Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das
-Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie
-unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. -- Doch
-spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne
-Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und
-wanderte zum Thore hinaus.
-
-Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den
-sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der
-Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl,
-wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden
-Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen
-jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! -- Sie trat
-in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem
-Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den
-blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und
-sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug
-eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des
-lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er
-doch auch _dein_ lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen,
-trat aber erschrocken zurück, -- in einer Fliederlaube saßen Fritz und
-Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen
-geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß
-blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut
-aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag
-war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen
-Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein,
-aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen
-sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit
-geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen
-und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich
-es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich
-weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt
-denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir
-doch auch nicht helfen. -- Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich
-einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und
-feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die
-Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben
-sollte --, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen --, sie wollte doch
-gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.
-
-Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein.
-Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm
-die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und
-knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht
-und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet.
-Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist
-sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich
-auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben
-ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber
-wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen?
--- Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie
-fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein
-ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie
-Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen
-konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte
-ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich
-geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm
-anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht,
-die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen
-hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen;
-_der_ ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine
-unüberwindliche Scheu.
-
-Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor
-sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen.
-Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal
-veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken.
-Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann!
-Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen,
-aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens
-Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich,
-mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in
-die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung
-aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und
-brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet
-vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen,
-theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz,
-und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war
-es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse.
-Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.
-
-Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen
-könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine
-Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe
-ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich
-sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch
-seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit
-trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen
-Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.
-
-Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr
-erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar
-schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und
-zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude
-an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind
-hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war
-aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten
-seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja,
-in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der
-Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an,
-daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl
-ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen.
-Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten
-Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren
-Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie
-Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in
-der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum
-hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter
-stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun
-haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam.
-
-Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag
-süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der
-Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen
-geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem
-geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch
-davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört,
-und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen
-geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft
-in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser,
-es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie
-war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt,
--- sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war
-dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen
-zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des
-Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren
-Dingen.
-
-Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern
-aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen
-entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.
-
-Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden
-Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den
-Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.
-
-Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen.
-Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und
-sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk.
-
-Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen,
-und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn
-wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein
-Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt,
-falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen
-sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd
-neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die
-Verwirrung. -- Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther
-vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe.
-Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des
-Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt,
-laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für
-Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las:
-
-Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest,
-bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein
-Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt.
-Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig
-machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der
-Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich
-aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach
-Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht
-leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen
-Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben
-und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. -- Du
-kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.
-
-Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief
-nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm
-entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu
-dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde
-verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen
-ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er
-etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und
-die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte
-nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen
-Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst
-einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.
-
- * * * * *
-
-Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre
-ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und
-Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage
-war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die
-Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr
-Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen
-gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte,
-wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte
-den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen
-hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am
-Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden
-Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen,
-dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth;
-was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht
-und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die
-ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben.
-Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen,
-hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und
-daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die
-Stephani-Kirche! -- dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts
-geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die
-Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott.
-Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging
-jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein
-langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam,
-als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte.
-Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß
-rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den
-Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne
-Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz
-an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der
-Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor
-das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den
-Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in
-den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie
-vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem
-Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte
-gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante
-Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn
-es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und
-trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze
-Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr
-ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt:
-Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und
-Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege
-schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse
-ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost
-sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine
-Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen
-Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue
-Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie
-sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten
-gebräche.
-
-Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den
-letzten Stürmen so erschüttert, daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht
-verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges
-Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn
-Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte,
-sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette
-saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer
-Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr
-Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig;
-Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte
-ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und
-fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie
-kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren.
-
-Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft
-eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute
-Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und
-Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre
-Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch
-der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht
-nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und
-Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf
-Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein
-gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß
-sie trotz ihrer vielen Sünden sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß
-alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den
-er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die
-Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie
-die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit
-Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung
-vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja,
-der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie
-Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen
-Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie
-nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen
-und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz
-gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten.
-Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte:
-Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie
-kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben.
-
-Bald darauf, -- Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, -- öffnete
-sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den
-letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde,
-als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er
-aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend.
-Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz
-über, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und
-weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat
-schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er
-auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich
-dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres
-Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung
-kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte
-ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der
-Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen
-sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die
-Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die
-Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens
-Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich
-zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte.
-Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle
-und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen
-Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie
-der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus
-dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit
-hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige
-fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem
-gefährlichen Zustande.
-
-Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war
-voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher
-Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden
-nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des
-treuen Herrn.
-
-Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war
-ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin.
-Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und
-Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um
-Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog
-sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund
-gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth.
-Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten
-Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an
-demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort
-im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und
-wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre
-Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die
-Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten
-der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!
-
-Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte
-oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient
-und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen
-hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so
-theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie
-vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.
-
-Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin
-Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem
-Unglück gehört, und bedaure Sie.
-
-Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen
-schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. -- Die
-Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich
-bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders
-werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme
-zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen,
-vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu
-schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. -- -- Klärchen konnte nicht
-weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser
-unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie
-die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung
-versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren
-Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern
-wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft
-zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als
-eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut Morgen in der
-Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme
-und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu
-schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei
-der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit
-verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre
-Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.
-
-Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen
-schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr
-wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu
-suchen, und führte sie noch schwere Wege.
-
-Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm,
-und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie
-andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie
-nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände
-und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das
-könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen
-Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten.
-
-Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten
-nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie
-schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke
-und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten,
-und der liebe Gott wird das segnen.
-
-Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter
-überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu
-Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre
-hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer,
-sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie
-nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich
-darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war
-aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig
-hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die
-Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege
-ihres Kindes. Von _einer_ Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung
-von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem
-Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte
-den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich
-in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können,
-wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr
-wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um
-willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.
-
-Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen
-und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der
-sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie saß allein
-in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken
-fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie
-durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie
-fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie
-sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater,
-halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an
-Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie
-sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da
-schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß
-an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach,
-sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz
-konnte sich beugen.
-
-Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu
-zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen
-sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging
-deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn
-wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten
-sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen
-mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen.
-Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte
-noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden
-Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel machte sich bitter fühlbar. Tante
-Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in
-diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu,
-weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward
-denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um
-Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war
-sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie,
-länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt
-fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der
-Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für
-die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden
-mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge
-zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor,
-und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren
-Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich
-eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler
-dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den
-Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch
-war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter
-ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und
-konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr
-warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen,
-um nicht zu frieren, und Klärchen ging in den Holzstall, um noch
-einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau
-eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee
-und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte
-nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind
-durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen
-wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm
-hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas
-unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen
-Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber
-dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag.
-Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu
-Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an
-einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu
-groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie
-selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt
-hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug
-all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.
-
-Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat
-sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb
-mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt.
-Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für
-Klärchens Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte,
-verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist
-in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie
-vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das
-Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater
-Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der
-sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in
-Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen
-als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat.
-Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch
-flogen ihre Glieder vor Frost.
-
-Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.
-
-Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen -- hier stockte Klärchens
-Stimme.
-
-Warum hast Du keinen Mantel um? -- fuhr die Tante fort -- was hast Du
-denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten
-Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken,
-warum denn keinen wollenen Rock?
-
-Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie,
-und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen
-nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für
-Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend:
-
-O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind.
-
-Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche
-aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens
-Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die
-Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte
-Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die
-Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah
-ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein
-Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein
-Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege
-hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.
-
-Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, --
-denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von
-den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, -- da gingen seine Gedanken
-zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die
-warnenden Worte gesprochen, -- wie hatte sich seitdem alles geändert!
-Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines
-treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch
-die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte
-das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem
-Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären
-möge, daß er sie _einen_ Weg führe zum himmlischen Jerusalem und dort oben
-ewig selig vereinigt halte.
-
-Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der
-Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt
-schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr
-einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott
-nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll,
-und du hast es verdient! -- Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter
-ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche
-war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht
-gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich
-und äußerlich welkte sie dahin.
-
-Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf,
-sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm,
-schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe.
-Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an
-Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam
-zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine
-verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles,
-was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie
-im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand
-der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des
-Kindes immer bedenklicher. Klärchen empfand große Qualen; je mehr sie das
-Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes.
-Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das
-Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie
-wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen,
-vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins
-war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen
-im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen
-Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es
-aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte
-Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte
-Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward
-es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße,
-als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.
-
-Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.
-
-Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt
-ewiglich, -- sagte die Tante bewegt.
-
-Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes
-Lippen.
-
-Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide
-kinderlos, -- Thränen erstickten ihre Stimme, -- auch mein Gretchen ist
-hinübergegangen.
-
-Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn
-im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.
-
-Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich,
-die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten
-sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr
-Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es
-dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr
-half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte
-sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der
-Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen.
-
-Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres
-Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.
-
- * * * * *
-
-Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum
-Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte
-sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch
-äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre
-Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den
-Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden,
-seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter,
-ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie
-mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen
-sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte,
-da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott,
-sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.
-
- * * * * *
-
-Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen
-Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und
-fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz,
-obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit
-hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter
-schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine
-Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand
-zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des
-Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und
-Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in
-seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet
-eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen.
-
-Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt
-und immer gekränkelt hatte, mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen
-durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal
-erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende.
-
-Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, -- die Tante nahm sie nicht
-allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter.
-Als der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens Fenster neben
-blühenden Schneeglöckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja,
-seine Liebe zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und Klärchen hatte
-mit ihm wieder scherzen und plaudern und fröhlich singen gelernt. Der
-Staarmatz rief: »Klärchen, so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie:
-Lobe den Herrn, o meine Seele! -- Fritz arbeitete rüstig in der Werkstatt,
-lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er
-Klärchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, wie sie ihm
-auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frühling immer schöner
-hervorbrach, Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz
-nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe
-schauen.
-
-Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trägt nur
-dunkle Strümpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu
-und schöner erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres
-Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes
-Enkelchen auf den Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen zur
-Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und
-singt mit schöner Stimme:
-
-   Lobe den Herrn, o meine Seele,
- Ich will ihn loben bis in Tod!
- Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
- Will ich lobsingen meinem Gott;
- Der Leib und Seel gegeben hat,
- Werde gepriesen früh und spat.
- Halleluja, Halleluja.
-
-   Selig, ja selig ist der zu nennen,
- Deß Hülfe der Gott Jacob ist,
- Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen
- Und hofft getrost auf Jesum Christ.
- Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
- Am besten findet Rath und That.
- Halleluja, Hallelujah.
-
-
-Druck von Ed. _Heynemann_ in Halle.
-
-
-
-
-Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen
-zu erhalten:
-
-
- #Gutzkow# (Karl), #Die Ritter vom Geiste#. Roman in neun Büchern.
- _Zweite Auflage._ Neun Bände. 8. 11 Thlr.
-
-Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's
-großartiges Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen
-Deutschlands gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch
-nöthiggewordene _zweite unveränderte Auflage_ desselben, um auch diejenigen
-zur Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen
-Genuß noch nicht verschafften.
-
-
-Levin Schücking's neueste Romane.
-
-Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen
-zu erhalten:
-
- #Der Bauernfürst.# Zwei Bände. 8. 4 Thlr.
-
- #Die Königin der Nacht.# Roman. 8. 1 Thlr. 24 Ngr.
-
-Die beiden neuesten Romane _Levin Schücking's_, eines unserer beliebtesten
-Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes«
-(1849), »Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß
-am Meer« (1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen.
-
-
-Erschienen ist bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# und durch alle
-Buchhandlungen zu beziehen:
-
- #Italienischer Novellenschatz.# Ausgewählt und übersetzt von
- #A. Keller#. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1 Thlr. 10 Ngr.
-
-Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem
-rühmlichst bekannten Professor #A. Keller# in Tübingen übersetzt, als
-eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen
-Erzählungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in
-Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der anerkannten
-Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beiträge
-zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen
-Publicum die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen
-Erzählers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem
-Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der »ausgezeichneten«
-Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel führt:
-
- #Boccaccio# (Giovanni), #Das Dekameron#. Aus dem Italienischen
- übersetzt von #K. Witte#. _Zweite_ verbesserte Auflage. Drei Theile.
- 12. 1843. 2 Thlr. 15 Ngr.
-
-
-Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
-
-
-
-
-Bei #Richard Mühlmann# in Halle ist erschienen und in allen soliden
-Buchhandlungen zu haben:
-
- #Die Kammerjungfer#, eine Stadtgeschichte, von _Maria Nathusius_,
- Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der
- Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9 Bogen. 9 ~Sgr.~
-
-Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jener unglücklichen Mädchen, wie
-sie zu tausenden in großen und kleinen Städten, ohne häusliche Zucht und
-Wurzel in dem göttlichen Worte, von schwankenden Eltern er- und verzogen,
-aufwachsen, von Ansprüchen einer weniger als halben Bildung gestachelt, und
-von Romanlectüre und leichter Gesellschaft getragen, in allerlei schöne
-und hohe Gedanken hinauswuchern, hinter deren Gefühl sich doch die
-bloße Sinnlichkeit und hinter deren Phantasien sich die gewöhnlichsten
-Spekulationen verbergen, daß wenn dann die gar losen Blumenblätter im
-ersten Windstoße abfallen, die innere Armuth und Hülflosigkeit in ihrer
-Blöße dasteht. Die Heldin dieser Erzählung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe
-der Sünde, in welchem schließlich unzählige ihres gleichen für ein ganzes
-Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer weiblichen
-Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen Gefühlen nur bis zum
-gewöhnlichen Hausdiebstahl, und auch der wird ihr verziehen. Sie empfängt
-aber ihren Lohn dadurch, daß sie »ihr Glück macht« durch eine »gar nicht
-üble Partie«, von deren Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes
-befreit. Durch das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und
-widerstrebendes Herz aber immer stärker und stärker an sich gezogen, bis
-sie zu einer rechtschaffenen Buße und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht
-daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin,
-eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen
-Bürgermädchens. Durch die psychologische Wahrheit, und die gefällige
-Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach anerkannten Talente der
-Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzählung auch das Interesse von
-Leserkreisen aller Stände zu fesseln. Vorzüglich aber wäre es zu wünschen,
-daß Freunde der inneren Mission Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht
-zahlreich in jenen Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie
-als eine Warnungs- und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu
-verbreiten. --
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Symbole für abweichende Schriftarten:
-
-  _gesperrt_ : =Antiqua= : ~kursiv~ : #fett#.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidert" -- "erwiedert",
-"heitzte" -- "geheizt", "Spatziergang" -- "Spaziergang",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 9:
- "deinen" geändert in "Deinen"
- (Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten)
-
- Seite 17:
- "bemerke" geändert in "bemerkte"
- (kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen)
-
- Seite 24:
- "Ihr" geändert in "ihr"
- (den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz)
-
- Seite 34:
- "Louisdo'r" geändert in "Louisd'or"
- (vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb)
-
- Seite 39:
- "." eingefügt
- (Er begann mit dem 90. Psalm)
-
- Seite 49:
- "ihn" geändert in "ihr"
- (ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben)
-
- Seite 68:
- "ihren" geändert in "Ihren"
- (der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen)
-
- Seite 85:
- "gedehmüthigt" geändert in "gedemüthigt"
- (ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt)
-
- Seite 98:
- In Zeile 6 "," geändert in "."
- (Halleluja, Halleluja.)
-
- Seite 119:
- "hinzugegehen" geändert in "hinzugehen"
- (geradezu hinzugehen war ihr unmöglich)
-
- Seite 131:
- "," eingefügt
- (Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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